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+*.txt text
+*.md text
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77891 ***
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1895 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
+
+ Das ‚durchgestrichene kleine d‘ (đ) und der Buchstabe ‚eth‘ (ð)
+ werden in diesem Text gleichberechtigt zur Symbolisierung des
+ stimmhaften dentalen Frikativlauts verwendet, wie das ‚th' im
+ englischen Wort ‚there‘. Erstere Form wird dabei im Kursivtext
+ eingesetzt, die letztere in Normalschrift.
+
+ Unterschiedliche Schreibweisen, insbesondere bei der Akzentuierung,
+ rühren zum einen von den verschiedenen Quellen her, die der Autor
+ zitiert; zum anderen wird eine ganze Reihe nordischer und anderer
+ germanischer Sprachen zum Vergleich herangezogen, bei denen Wörter
+ unterschiedlich geschrieben werden.
+
+ Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+
+ kursiv: _Unterstriche_
+ fett: =Gleichheitszeichen=
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+ HANDBUCH
+
+ DER
+
+ GERMANISCHEN MYTHOLOGIE
+
+ VON
+
+ WOLFGANG GOLTHER
+
+ ORD. PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT ROSTOCK.
+
+ LEIPZIG
+
+ VERLAG VON S. HIRZEL
+
+ 1895.
+
+
+
+
+ Das Recht der Übersetzung ist vorbehalten.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Dieses Handbuch der germanischen Mythologie wurde auf Veranlassung
+des Herrn Verlegers geschrieben. Mit Freuden folgte ich der an mich
+ergangenen Aufforderung. Das Hauptgewicht meiner Arbeit beruht auf der
+Darstellung der von den Quellen gebotenen Überlieferung. Es sollte mit
+möglichster Klarheit erzählt werden, was wir aus verlässigen Berichten
+wissen, dagegen schied ich aus, was allein auf kühne Vermutungen hin
+aufgebaut werden kann. Meine Schilderung beschränkt sich aufs erste
+Jahrtausend unsrer Zeitrechnung. Was vorher war, ist uns verhüllt;
+kein Versuch, ins unbekannte Land vorzudringen, ist geglückt. Die
+Ergebnisse, zu denen die Forschung bereits gelangt zu sein glaubte,
+erwiesen sich als trügerisch. Weit wichtiger und wol auch erfolgreicher
+ist es, innerhalb der Überlieferung die Entwicklungsgeschichte
+aufzuspüren. Die Anordnung des Stoffes sucht diese Entwicklung zu
+veranschaulichen. Die Begründung meines Verfahrens findet der Leser
+in der Einleitung. Der neuesten Forschung, soweit sie mir zugänglich
+war, ist überall Rechnung getragen, die wichtigsten Schriften sind
+in den Anmerkungen immer genannt. Neben der Darstellung kam es mir
+auch besonders darauf an, die Quellen der germanischen Mythologie und
+die Belege für die vorgetragenen Ansichten so zu verzeichnen, dass
+das Handbuch zum Nachschlagen taugt und auch demjenigen, der meinen
+Behauptungen und Aufstellungen nicht beipflichtet, zum schnellen
+Überblick dienlich ist. Da das Buch nicht ausschliesslich Fachleuten
+gewidmet ist, wurden die nordischen Quellen stets verdeutscht; bei
+der Edda folge ich meist Gerings Übersetzung, auf welche auch die
+Verweise, wenn nicht anders vermerkt, sich beziehen. Wo jedoch der
+Wortlaut im einzelnen von Belang ist, wurden die nordischen Textstellen
+ausgehoben. Grimms Mythologie ist für Band 1 und 2 nach der Ausgabe
+von 1844 angeführt; in der vierten Ausgabe von 1878 ist nur der 3.
+Nachtragsband citiert. In den Anmerkungen sind mit Zfd. ZfdA. AfdA. die
+Zeitschriften für deutsche Philologie und für deutsches Altertum, sowie
+der Anzeiger für deutsches Altertum, mit Beiträgen die Beiträge zur
+Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur von Paul, Braune und
+Sievers gemeint.
+
+Möge das Buch dazu beitragen, die Vorstellungen von den altgermanischen
+Göttergestalten zu klären und zu vertiefen, möge es freundliche
+Aufnahme und nachsichtige Beurteilung finden.
+
+ Rostock, Nov. 1895.
+
+ W. Golther.
+
+
+
+
+Erläuterungen.
+
+
+ahd. = althochdeutsch.
+
+mhd. = mittelhochdeutsch.
+
+nhd. = neuhochdeutsch.
+as. = altsächsisch.
+
+ags. = angelsächsisch.
+
+an. = altnordisch.
+
+nds. = niederdeutsch.
+
+mnds. = mittelniederdeutsch.
+
+ndl. = niederländisch.
+
+´ ^ über dem Vokalzeichen bedeutet Länge, also _á â é ê í î ó ô ú û_.
+
+_æ œ_ zu sprechen wie langes ä ö.
+
+_ø_ = ö.
+
+_ǫ_ ein Laut zwischen a und o, etwa wie engl. aw. zu sprechen.
+
+_þ đ_ = engl. th.
+
+_ȥ_ bedeutet ein weiches gelispeltes s, etwa wie im franz. s zwischen
+Vokalen klingt.
+
+_h_ vor _r l n w_ klingt wie ein weiches ch.
+
+_v_ in altnordischen Wörtern ist wie nhd. _w_ zu sprechen.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichniss.
+
+
+ =Einleitung.=
+
+ Seite
+
+ I. +Schriften zur germanischen Mythologie+ 1-53
+
+ 1. Die mythologische Forschung vor J. Grimm 1
+
+ 2. Die wissenschaftliche Bearbeitung der Mythologie: Uhland und
+ J. Grimm 15
+
+ 3. Die mythologische Forschung nach J. Grimm 22
+
+ 4. Volkssage und Heldensage in ihrem Verhältniss zur Mythologie 23
+
+ 5. Die Lehre vom Ursprung der Mythen und die vergleichende
+ Mythologie 26
+
+ 6. Die Lehre vom Dämonenglauben 30
+
+ 7. Die Wanderung der Mythen 35
+
+ 8. Die Verschiedenheit der einzelnen germanischen Kulte 38
+
+ 9. Die nordische Mythologie, ihr Verhältniss zur deutschen und
+ gemeingermanischen 39
+
+ 10. Die neuesten Darstellungen germanischer Mythologie 48
+
+ 11. Das Ziel des vorliegenden Handbuches 49
+
+ II. +Die Quellen der Mythologie+ 54-71
+
+ 1. Die germanischen Stämme im Heidentum und zur Zeit der
+ Bekehrung 54
+
+ 2. Die Quellen der germanischen Mythologie 61
+
+ 3. Deutsch-englische Quellen 61
+
+ 4. Nordische Quellen 66
+
+
+ =Erstes Hauptstück.=
+
+ =Die Gestalten des Volksaberglaubens (die niedere Mythologie)= 72-191
+
+ 1. Der Geisterglauben und seine nächsten Ursachen 72
+
+ 2. Maren 75
+
+ 3. Seelen und ihre Erscheinungsformen 80
+
+ 4. Das Seelenheim 87
+
+ 5. Seelenkult 90
+
+ 6. Ahnenkult 92
+
+ 7. Glauben an eine Wiedergeburt 96
+
+ +Übermenschliche Wesen, die aus Maren und Seelen
+ hervorgingen.+ 98-122
+
+ 1. Die nordischen Fylgjur 98
+
+ 2. Verwandlungsfähigkeit: Werwölfe und Berserker 100
+
+ 3. Schicksalsfrauen 104
+
+ 4. Walküren 109
+
+ 5. Hexen 116
+
+ +Elbe und Wichte+ 122-158
+
+ 1. Zwerge 134
+
+ 2. Kobolde 141
+
+ 3. Nixe 145
+
+ 4. Wald-und Feldgeister 152
+
+ +Riesen+ 159-191
+
+ 1. Die Benennungen der Riesen 161
+
+ 2. Gestalt, Aussehen und Art der Riesen 162
+
+ 3. Wasserriesen 172
+
+ 4. Wind-und Wetterriesen 180
+
+ 5. Berg-und Waldriesen 185
+
+ 6. Spuren vom Riesenkult 190
+
+
+ =Zweites Hauptstück.=
+
+ =Der Götterglauben= 192-500
+
+ Namen und Art der Götter 192
+
+ +Die einzelnen Götter+ 200-428
+
+ I. Tiuȥ 200-217
+
+ 1. Des Gottes Art und sein Kult 200
+
+ 2. Spuren von Mythen 214
+
+ II. Freyr 218-242
+
+ 1. Des Gottes Art und sein Kult 218
+
+ 2. Sagen 235
+
+ III. Der Himmelsgott als Donnerer 242-283
+
+ 1. Donar bei den Deutschen 242
+
+ 2. Thor als Hauptgott des norwegischen Volkes 247
+
+ 3. Thor in der Skaldendichtung 261
+
+ 4. Sagen von Thor 265-283
+ Thor und Thrym 266
+ Thor und Hrungnir 267
+ Thor und Hymir 270
+ Thor und der Riesenbaumeister 273
+ Thor und Geirröd 274
+ Thor belebt die Böcke 276
+ Thor in Utgard 276
+ Thor und die Riesinnen 281
+ Thor und Alwis 282
+
+ 5. Thor im neueren Volksglauben 283
+
+ IV. Wodan-Odin 283-359
+
+ 1. Wode und das wütende Heer 283
+
+ 2. Wode und Wodan 292
+
+ 3. Wodan bei den Deutschen 295
+
+ 4. Odin im Norden 303-359
+ Odins Wanderungen und Kämpfe mit Nebenbuhlern 304
+ Odin in nordischer Sage 309
+ Walhall und die Walküren Odins 313
+ Odin fordert Opfer 325
+ Odin als Heldenvater 328
+ Odin gewährt Fahrwind und Reichtümer 336
+ Odins Liebesabenteuer 336
+ Odin der Gott der Weisheit 338
+ Wie Odin sein Wissen gewann 345
+ Odrerir 350
+ Odins Verwandtschaft und Odins Namen 354
+
+ V. Heimdall 359
+
+ VI. Balder 366-386
+ 1. Seine Art und Erscheinung 366
+ 2. Die norwegisch-isländische Baldersage 368
+ 3. Die Baldersage bei Saxo 373
+ 4. Vergleichung der beiden Baldersagen 378
+ 5. Ursprung der Baldersage 380
+ 6. Baldrdienst 381
+ 7. Balder ausserhalb des Nordens 382
+ 8. Phol 384
+ 9. Angebliche Baldersagen 385
+
+ VII. Forseti 386
+
+ VIII. Ullr 390
+
+ IX. Widar 394
+
+ X. Wali 395
+
+ XI. Hönir 397
+
+ XII. Bragi der Dichtergott 400
+
+ XIII. Requalivahanus 405
+
+ XIV. Loki 406-428
+ 1. Lokis Wesen und Namen 406
+ 2. Die Sagen von Loki 411
+ 3. Loki als Verderber Baldrs 420
+ 4. Die Teufelsbrut 425
+ 5. Loki beim Weltende 427
+
+ +Die Göttinnen+ 428-500
+
+ I. Frija und ihr Kreis 429-453
+
+ 1. Frija 429
+
+ 2. Frigg 430
+
+ 3. Die aus Frigg abgezweigten Göttinnen 434
+
+ 4. Freyja 437
+
+ 5. Freyja und Brisingamen 441
+
+ 6. Freyja und die Riesen 442
+
+ 7. Freyja als Venus vulgivaga 443
+
+ 8. Freyja und Odr 444
+
+ 9. Freyjakult 445
+
+ 10. Gefjon 446
+
+ 11. Idun 448
+
+ 12. Menglod 451
+
+ 13. Schlussbemerkungen 452
+
+ II. Die Erdgöttin 454-458
+
+ Nerthus 456
+
+ III. Germanische Göttinnen auf römischen Inschriften und bei
+ antiken Autoren 458-470
+
+ 1. Tanfana 458
+
+ 2. Baduhenna 459
+
+ 3. Die Alaisiagae 460
+
+ 4. Hlodyn und Hludana 461
+
+ 5. Isis-Nebalennia 463
+
+ 6. Die Mütter 468
+
+ 7. Dea Sandraudiga und Vercana 470
+
+ IV. Totengöttinnen 471-480
+
+ 1. Die Hel 471
+
+ 2. Die Ran 478
+
+ V. Nordisch-finnische Göttinnen 480-486
+
+ 1. Skadi 480
+
+ 2. Thorgerd Hölgabrud 482
+
+ VI. Die Sonnengöttin 486-488
+
+ VII. Angebliche Göttinnen 488-500
+
+ 1. Eostre und Hrede 488
+
+ 2. Frau Holle, Berchte und andre weise Frauen 489
+
+
+ =Drittes Hauptstück.=
+
+ =Von der Weltschöpfung und vom Weltende= 501-543
+
+ I. Deutsche Sagen über den Ursprung der Götter und Menschen 502-509
+
+ II. Die nordische Schöpfungslehre 509-531
+
+ 1. Das Chaos, der Urzustand und die Urwesen 511
+
+ 2. Die Schöpfung der Erde und des Himmels 517
+
+ 3. Die Schöpfung der Zwerge und Menschen 525
+
+ 4. Der Weltbaum 527
+
+ III. Weltuntergang 531-543
+
+
+ =Viertes Hauptstück.=
+
+ =Die gottesdienstlichen Formen= 544-660
+
+ I. Der Götterdienst im allgemeinen und das Opferwesen 544-590
+
+ 1. Der Götterdienst in der Rechtsordnung 545
+
+ 2. Der Götterdienst im Kriege 550
+
+ 3. Der Götterdienst im alltäglichen Leben 555
+
+ 4. Gebet und Opfer 559
+
+ 5. Opfer bei Ackerbau und Viehzucht 569
+
+ 6. Festliche Umzüge 578
+
+ 7. Ständige Jahresfeste 580
+
+ II. Das Tempelwesen 590-612
+
+ 1. Heilige Haine 590
+
+ 2. Tempelbauten 593
+
+ 3. Götterbilder 602
+
+ 4. Tempelfrieden 607
+
+ 5. Tempelgut 608
+
+ 6. Staats-und Privattempel 610
+
+ III. Das Priesterwesen 612-660
+
+ 1. Die ältesten Nachrichten von germanischen Priestern 612
+
+ 2. Germanische Benennungen des Priesters 614
+
+ 3. Adelige Herkunft und Tracht 617
+
+ 4. Im Norden leiten die weltlichen Herrscher das Opfer 619
+
+ 5. Priesterinnen 620
+
+ 6. Die Wissenschaft der Priester 622
+
+ 7. Der Priester als Erforscher der Zukunft 631
+
+ 8. Zauberlieder 641
+
+ 9. Wahrsager und Zauberer 646
+
+
+ Nachträge 660
+
+
+ Namenverzeichniss 661-668
+
+
+
+
+EINLEITUNG.
+
+
+I. Schriften zur germanischen Mythologie.
+
+1. Die mythologische Forschung vor J. Grimm.
+
+Die Wiedererweckung der Schriften des klassischen Altertums förderte
+die Geschichtschreibung in Deutschland. Die heidnische Zeit der
+Germanen trat, freilich oft noch arg entstellt, nebelhaft verschwommen
+und phantastisch ausgeschmückt den Forschern vor Augen. Ebenso begannen
+die lateinischen Geschichtsquellen des Mittelalters auf die Chronisten
+einzuwirken. Die Altertumsforscher und Historiker hatten häufig
+Veranlassung, über heidnischen Götterdienst zu berichten. Es dauerte
+aber geraume Zeit, bis den weitverstreuten Nachrichten Sammler und
+damit die ersten Verfasser germanischer Mythologien erstanden. Die
+Aufgabe ist zwar klar vorgezeichnet, aber sehr schwer zu lösen. Bis
+auf +J. Grimm+ herrschte nicht einmal für die einfachsten Grundfragen
+sicheres Verständniss, und noch heute schwanken die Anschauungen über
+wichtige Einzelheiten. Die nächste Aufgabe besteht aber in einer
+erschöpfenden Sammlung aller Quellenzeugnisse. Damit ist der Baustoff
+gegeben, aus dem die Geschichte des germanischen Götterglaubens
+aufzuführen ist. Schon die Sammlung und Sichtung, die Erklärung des
+Einzelnen und der Anschluss ans Ganze setzen eine hochentwickelte
+Geschichts-und Sprachwissenschaft voraus. So lange Kelten, Germanen,
+Skythen, Slaven durcheinander geworfen werden, solange das historische
+Urteil über echt und unecht, alt und jung fehlt, ist der Begriff
+einer reinen unverfälschten germanischen Mythologie undenkbar. Das
+völlig unzuverlässige Material verstattet keine darauf begründete,
+befriedigende Darstellung.
+
+Des Geographen +Philip Clüver+ _Germania antiqua_, Leyden 1616, ist
+eine ausführliche Altertumskunde auf Grund der Nachrichten der
+klassischen Autoren, natürlich mit dem bekannten Irrtum, dass Illyrier,
+Germanen, Gallier, Hispanier und Britannier einer Sprache und eines
+Stammes, nämlich Kelten gewesen seien. Darin ist auch, besonders
+im Anschluss an Tacitus, vom Götterglauben und Kulte der Germanen
+ausführlich gehandelt. Diese Abschnitte mochten sich leicht zu eigenen
+Schriften über deutsche Mythologie auswachsen.
+
+Die erste deutsche Mythologie ist von +Elias Schedius+[1] geschrieben
+und erschien nach seinem Tode 1648 zu Amsterdam. Der Titel lautet
+_de diis Germanis sive veteri Germanorum, Gallorum, Britannorum,
+Vandalorum religione_. Das Buch besteht aus einer Anhäufung von Citaten
+aus den klassischen Autoren und mittelalterlichen Chronisten, wo
+diese von den Göttern der nordischen Völker, von ihren Priestern und
+heiligen Bräuchen, von ihrem Heroen- und Dämonenkult berichten. Trotz
+des beträchtlichen Umfangs von 505 Seiten steht von echtgermanischem
+Götterglauben fast nichts in dem Buche. Wir begegnen nur _Tuisco_ und
+der _Irminsäule_; zu _dies Mercurii_ wird bemerkt, die Niedersachsen
+und Westfalen würden dafür Wodentag sagen. Natürlich ist der Verfasser
+nicht im Stande, hinter die interpretatio romana zu schauen. Umsomehr
+gallische und wendische Götternamen tauchen auf. Ebenso sind die
+gelehrten meist harsträubender Etymologie entstammenden Götzen der
+Chronikschreiber des 16. Jahrhunderts berücksichtigt. Unter dem
+Wuste unbrauchbarer undeutscher oder ungeschichtlicher Materialien
+verschwinden die wenigen den klassischen Autoren entnommenen
+Nachrichten vom wirklichen germanischen Glauben. Das Vorbild der
+Chronisten wie des Aventinus musste den Mythologen noch mehr in
+Phantastereien verleiten; Olaus Maguus, von dem Saxo eifrig benutzt
+wurde, ist von Schede zu wenig herangezogen.
+
+Fürs 17. Jahrhundert sind noch zu nennen +Sebastian Kirchmaier+, _de
+Germanorum antiquorum idolatria, ad loca quaedam Taciti_, Viteb. 1663
+und +Magn. Dan. Omeis+, _dissertatio de Germanorum veterum theologia et
+religione pagana_, Altdorf 1693.
+
+Im Norden fand die Forschung übers Heidentum reichlichere Nahrung,
+indem dort viele unmittelbare Quellen zu Gebot stehen, aus denen ohne
+Weiteres ein Teil der Göttersage und des Kultes entnommen werden
+kann.[2] In Dänemark und Schweden knüpfte sich die Beschäftigung mit
+der heimischen Vorzeit zunächst an die _historia danica_ des Saxo
+Grammaticus. Der erste Druck erschien 1514 zu Paris. Neben einer Fülle
+von Sagen finden sich bei Saxo Nachrichten über Glauben und Kultus
+der heidnischen Zeit. Ein schwedischer Erzbischof, +Olaus Magnus+,
+entwarf zuerst in einem geographisch-kulturgeschichtlichen Werk über
+die nordischen Länder und die Sitten ihrer Bewohner einen Abriss
+des heidnischen Götterglaubens. Seine grosse _historia de gentibus
+septentrionalibus_, Rom 1555, handelt im 3. Buch _de superstitiosa
+cultura daemonum populorum aquilonarium_. Besonders Saxo, aber auch
+Adam von Bremen ist benützt; so erscheinen Thor, Odhen und Frigga, und
+wird der prächtige Upsalatempel geschildert. Ausserdem ist Einiges
+aus dem Gebiete des Volksglaubens mitgeteilt. Was geboten wird, ist
+freilich wenig, aber doch klar und einheitlich. In der mit reichlichen
+Anmerkungen versehenen Saxoausgabe des Dänen +Stephanius+ vom Jahre
+1644 wurde der Altertumskunde ein bequemes Hilfsmittel zurecht gelegt.
+
+Am wichtigsten aber ist die um 1600 neu erstandene isländische
+Altertumsforschung.[3] Fast die gesamte norwegisch-isländische
+Überlieferung war in isländischen Handschriften aufbewahrt. Männer,
+wie +Arngrímr Jónsson+, +Björn Jónsson+, +Magnus Ólafsson+, +Brynjulfr
+Sveinsson+, durch sie angeregt der Däne +Ole Worm+ widmeten sich
+der Sammlung und Verarbeitung der altisländischen Quellen. In Bälde
+kamen die wertvollsten Denkmäler zum Vorschein und wurden auch binnen
+Kurzem im Drucke zugänglich gemacht. Die isländischen und norwegischen
+Geschichtsquellen sind voll von ausführlichen und lebendigen
+Beschreibungen des Heidenglaubens. Eine förmliche Mythologie hatte
++Snorri Sturluson+ in seiner _Edda_ um 1230 verfasst; eine Sammlung
+von Götterliedern, die teilweise noch im 10. Jahrhundert gedichtet
+worden waren, fand Bischof +Brynjulfr+ im Jahre 1643, die sogenannte
+_ältere Edda_, die der Bischof fälschlich nach Snorris Edda benannte
+und dem weisen _Saemund_, einem gelehrten Isländer († 1133), zuschrieb.
+Damit war die Grundlage der nordischen Mythologie gegeben. 1665
+beförderte der Däne _Petrus Resenius_ die Snorra Edda zum Druck und
+gab dem isländischen Urtext eine von den Isländern Magnus Ólafsson,
+Stephan Ólafsson und Thormóðr Torfason herrührende lateinische, sowie
+eine von Stephanius verfasste dänische Übersetzung bei. Im selben
+Jahre veröffentlichte er aus der Liedersammlung die Vǫlospǫ́ und die
+Hǫ́vamǫ́l, ebenfalls mit lateinischen Paraphrasen des Stephan Ólafsson
+und Gudmund Andersen; 1673 wurde der Druck wiederholt. Die den Ausgaben
+Resens beigefügten lateinischen Übertragungen verschafften ihnen weite
+Verbreitung auch ausserhalb der nordischen Lande. Auf lange hinaus
+bildeten sie die Hauptquelle für alle, die über deutsche und nordische
+Mythologie schrieben.
+
+Des +Johannes Schefferus+ _Upsalia_ 1666 ist grösstenteils
+mythologischen Inhalts. Ausführlich wird der heidnische Tempel von
+Upsala beschrieben und in besonderen Abschnitten über die dort
+verehrten Gottheiten Thor, Odin und Frigga gehandelt. Auch Freyr und
+Njord und andere Gottheiten werden besprochen. Es ist eine fleissige
+Darstellung des nordisch-germanischen Götterglaubens, namentlich sofern
+er mit schwedischem Kult in Verbindung gebracht werden kann. Nun
+begannen diese nordischen Arbeiten auch auf die deutschen Verfasser zu
+wirken.
+
++J. G. Eccard+, _historia studii etymologici linguae Germanicae_ 1711,
+S. 10, verspricht dem Leser eine deutsche Mythologie (_exspectandum a
+me habes librum de diis veterum Germanorum_), die aber nicht zu stande
+kam.
+
+Die zweite deutsche oder besser germanische Mythologie schrieb
+der Schleswiger +Trogillus Arnkiel+ im Jahr 1690 unter dem
+Titel _Cimbrische Heydenreligion_. 1703 erschien die cimbrische
+Heydenreligion unverändert, aber vermehrt mit drei Abhandlungen
+über das goldene Horn von Tondern, über die Bestattungsbräuche der
+cimbrischen Völker, über ihre Bekehrung. Unter Cimbern versteht
+Arnkiel die Goten, Guten und Jüten, d. h. Schweden und Dänen, die
+Sachsen, die Friesen, die Wenden, die er wie üblich für Nachkommen der
+Wandalen nimmt. Arnkiel übertrifft an Gehalt Schedes Versuch weit. Die
+nordischen Denkmäler, Resens Ausgaben, Stephanius’ Saxo, Scheffers
+Upsalia, Worms monumenta Danica u. a. sind gründlich verwertet, so
+dass seine „gotische“ d. h. nordische Mythologie sich schon recht
+stattlich ausnimmt. Für die Sachsen beruft er sich auf eine Schrift
+von +Christof Arnold+, _de diis Saxonum_; ihre „sieben Götzen“ leitet
+er aus den Wochentagen als Sonne und Mond, Tuisco, Woden, Thor, Freya
+und Sater (d. i. Saturnus) ab. Für die Friesen wird Hertha, die
+berüchtigte Lesart für Nerthus, in Anspruch genommen. Die wendischen
+Götter, hauptsächlich aus des Chronisten +Crantz+ _Wandalia_ entlehnt,
+berühren uns hier nicht. Fürs germanische Priestertum sind die
+Druiden und Barden maassgebend. Als Theologe geht Arnkiel sehr in die
+Breite und berücksichtigt fortwährend auch das übrige Heidentum, das
+gleichwie das germanische als klägliche Entartung ursprünglicher reiner
+Gottesoffenbarung gefasst wird. Zudem ist er, wie fast alle Mythologen
+seit Snorri und Saxo, Euhemerist: „die heyden haben die verstorbene
+helden und die böse geister vergötzet und als götter angebeten.“ Aber
+trotz allem ist doch vieles mit sachlichem gesundem Urteil geboten,
+und zuerst die nordische Mythologie zum Aufbau der deutschen Trümmer
+eingeführt.
+
++J.G. Keyslers+ _antiquitales selectae septentrionales et celticae_,
+Hannover 1720 bekunden wiederum einen bedeutenden Fortschritt, schon
+weil allein die Absicht des wissenschaftlichen Altertumsforschers
+vorherrscht. Das Buch gewährt zwar keine Gesamtdarstellung der
+germanischen Mythologie, aber behandelt einzelne Abschnitte z. B. den
+Walhallglauben. Die Inschriften aus der Römerzeit, welche deutsche
+Götternamen enthalten, werden erörtert. So hören wir von _Hercules
+Magusanus_, von _Nehalennia_, von den _Matronen_. Auch werden
+Erscheinungen des Volksglaubens, Seelen, Maren, Elbe besprochen. Man
+merkt, der Stoff erweitert und klärt sich; allmälig tauchen bestimmtere
+Ziele auf. Sehr verständig urteilt Keysler S. 126, dass die Sage vom
+Weltuntergang ebenso wie die von der Menschenschöpfung und Sinflut aus
+der christlichen Lehre entlehnt sei.
+
+Um die Mitte des Jahrhunderts trat +M.G. Schütze+ mit mythologischen
+Arbeiten hervor. Er schrieb 1743 _de cruentis germanorum gentilium
+victimis humanis_, 1748 _exercitationum ad Germanium sacram gentilem
+facientium sylloge_, worin von Hludana, Weleda, dem Namen Allvater,
+dem Minnetrinken und dem Marenglauben die Rede ist, endlich 1750
+_Lehrbegriff der alten deutschen und nordischen Völker von dem Zustande
+der Seelen nach dem Tode überhaupt und von dem Himmel und der Hölle
+insbesondere_. +Siebrand Meyers+ _kurtze Erörterung des ehemaligen
+Religionswesens der Teutschen_ Leipzig 1756 konnte ich nicht einsehen.
+
+Der Genfer +Mallet+, der eine Zeit lang in Kopenhagen lebte, verstand
+es, dem Ausland den Hauptinhalt der nordischen Mythologie auf Grund
+von Resens und Göranssons Ausgaben sowie Bartholins _antiquitatum
+danicarum libri tres_ (1689) in übersichtlicher gefälliger Form
+darzubieten. Seine _introduction à l’histoire de Danemarc_ Kopenhagen
+1755 mit den _monumens de la mythologie et de la poësie des Celtes et
+particulièrement des anciens Scandinaves_, ebenda 1756, verdeutscht
+1765 als _Geschichte von Dänemark erster Teil_, gibt eine gefällige
+Schilderung ohne Weitschweifigkeit und gelehrten Ballast. Die
+nordischen Denkmäler besonders die Snorra-Edda werden einfach
+übersetzt, in erklärenden Anmerkungen ist der Zusammenhang mit den
+deutschen und anderen _„celtischen“_ Überlieferungen nachgewiesen. Die
+_celtische Religion_, die _Glaubenslehre der Druiden_, habe sich am
+reinsten in Skandinavien erhalten. Von anderen Phantastereien bleibt
+Mallet fern. Treffend hält er denen, die Snorri der Erfindung der
+nordischen Mythologie zeihen, die Thatsache entgegen, dass bereits
+die älteren Skalden dieselbe Glaubenslehre voraussetzen. Mallets Buch
+ist nicht gründlich gearbeitet, aber dafür auch nicht schwerfällig.
+Keine gröberen Verstösse haften ihm an, geschickt sind die vorhandenen
+Hilfsmittel benützt. Es erfüllte trefflich seinen Zweck, weitere Kreise
+mit der nordgermanischen Mythologie bekannt zu machen. Die Zeit aber
+war solchem Unterfangen günstig.
+
+1766 erschien +Gerstenbergs+ _Gedicht eines Skalden_, worin nach
+dem Vorgang eines dänischen Dichters namens _Tullin_ die nordische
+Mythologie ebenso zum äussern Schmuck und Aufputz verwendet wurde wie
+bisher die antike. Aus dieser Anregung ging die Bardenpoesie hervor,
+welche vorwiegend nordische, dann aber auch deutsche Mythologie und
+keltische Bestandteile in die deutsche Dichtung einführte. Was bisher
+nur auf gelehrte Kreise beschränkt geblieben war, gewann nunmehr
+die Teilnahme der literarisch gebildeten Welt. Rasch verflog zwar
+der eigentliche Bardengesang, aber länger hielt das einmal erregte
+Interesse für nordisch-deutsche Mythologie an. 1787 erschien der erste
+Band der älteren Edda zu Kopenhagen; darin standen die wichtigsten
+Götterlieder, von denen bisher nur wenige durch Resen und Bartholin
+zugänglich gewesen waren. Dem isländischen Texte waren lateinische
+Übersetzungen und ausführliche Einleitungen und Erläuterungen,
+ebenfalls lateinisch, beigefügt. Natürlich erwuchs hieraus der
+Erforschung des nordischen Götterglaubens eine kräftige Förderung, die
+auch in Deutschland lebendigen Widerhall fand. Man begann sehr bald,
+die Edda bei uns einzubürgern.[4] Der schwäbische Schulrektor +David
+Gräter+ (1768-1830) entfaltete eine rege Thätigkeit, die Ergebnisse und
+Errungenschaften der nordischen Altertumskunde in Deutschland weiteren
+Kreisen zu vermitteln. Populäre Handbücher der deutschen und nordischen
+Mythologie, meist unselbständig, dürftig und höchst verschroben, von
+ungründlicher handwerksmässiger Mache, tauchten in grösserer Anzahl auf.
+
+Auch im Norden nahm unter dem Einfluss dichterischer, auf die Vorzeit
+gerichteter Bestrebungen die Beschäftigung mit dem Götterglauben neuen
+Aufschwung.
+
+Im Jahre 1801 löste +Oehlenschläger+ die Preisfrage der Kopenhagener
+Universität, ob die Einführung der nordischen Mythologie an Stelle
+der antiken in die Dichtung der Gegenwart rätlich sei. In epischen
+und dramatischen Werken brachte nachmals Oehlenschläger selbst die
+Sagenwelt der Vorzeit seinem Volke wieder nahe. 1819 erschienen _die
+Götter Nordens_ (verdeutscht von Legis 1829), ein Versuch, in freier
+poetischer Nachbildung den Gesamtinhalt der Eddamythen als einheitliche
+Dichtung zu erweisen. +N. F. S. Grundtvig+ _Nordens Mytologi_ 1808
+sucht dem Volke mit überschwänglicher Bewunderung die tiefsinnige
+nordische Götterlehre in subjectiver moderner Empfindung wieder
+vorzuführen. Denselben Zweck verfolgt +Hauchs+ _nordische Mythenlehre_,
+Leipzig 1847.
+
+ * * * * *
+
+Um die mythologische Überlieferung richtig zu verstehen, bedarf es
+eingehender Quellenkritik, um den Ursprung der Mythen zu ergründen,
+ihrer Auslegung. Erst spät kam die erste Frage zum Bewusstsein, heute
+ist der Streit darüber heftiger denn je. Voreilig aber drängte sich
+allezeit die Deutung mangelhaft verstandener Thatsachen vor. Man nahm
+das Überlieferte einfach hin, wie es war, und ergoss die wunderlichsten
+Erklärungen darüber. Heute fällt das Schwergewicht auf Quellenkritik,
+von deren Entscheidung die Auslegung ganz und gar abhängt.
+
+Von schwedischen Gelehrten ging die Ansicht aus, die nordische Sagen-
+und Mythenwelt sei uralt.
+
+In Schweden machte +Olof Rudbecks+ berüchtigtes Werk _Atlantica_,
+1675-1702 in 4 Teilen erschienen, grosses Aufsehen. Sein Grundgedanke
+ist, dass Schweden die Insel Atlantis, die Urheimat aller Völker,
+aller Kultur und Religion sei. Die schwedischen Sagen, die nordische
+Mythologie überragen an Altehrwürdigkeit weit die griechisch-römische
+Überlieferung. +J. Göranson+, der 1746 die Snorra-Edda nach der
+Upsalahandschrift mit schwedischer und lateinischer Übertragung
+herausgab, 1750 die Völnspa als die _„patriarchalische Lehre der
+uralten Atlantiskinder“_ folgen liess, wandelt mit seinem Urteil in
+Rudbecks Spuren. Die Edda ist von Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert
+aus alten Runen abgeschrieben, sie war aber, wie Herodot und Plato
+beweisen, schon 300 Jahre vor Trojas Erbauung auf Messingtafeln
+aufgezeichnet und wanderte damals nach Griechenland. Trotzdem wird
+flachem Euhemerismus gehuldigt, Odin gilt als menschlicher nachmals
+vergötterter König. Solch wüste Phantasterei suchte +J. Schimmelmann+
+_„isländische Edda d. i. die geheime Gotteslehre des ganzen allen
+Kaltiens oder des europäischen Skytiens“_ Stettin 1777 und in der
+_„Abhandlung von der alten isländischen Edda“_ Halle und Leipzig o. J.
+in Deutschland zur Geltung zu bringen, doch glücklicherweise ohne
+Erfolg. Für Schimmelmann ist die Edda das älteste Götterbuch, das
+dem europäisch-celtischen Urvolk bei dessen erstem Auszug aus Asien
+mitgegeben wurde.
+
+Solchem Überschwang trat die besonnene Frage nach Alter und Herkunft
+der Snorra Edda, nach ihrem Verhältniss zur Liedersammlung (der
+sogenannten älteren Edda), nach Alter und Herkunft der darin
+enthaltenen Mythen entgegen, aber freilich mit unzureichenden
+Mitteln und mit arger Verkennung der wahren Sachlage. +F. Adelung+
+in _Beckers Erholungen_ 1797, II hielt die Götterlehre der Edda für
+eine blosse Erdichtung, für eine Nachbildung christlicher Ideen.
+Am entschiedensten erklärte sich +Fr. Rühs+ in seiner _Geschichte
+der Religion, Staatsverfassung und Kultur der alten Scandinavier_
+1801, in seiner Übersetzung der Snorra-Edda 1812, S. 120 ff., in
+seiner Abhandlung _über den Ursprung der isländischen Poesie aus
+der angelsächsischen_ 1813 gegen die Echtheit der Edda-Mythen.
+Seine Beweise sind freilich schwach, seine Behauptungen aber finden
+neuerdings mehrfach Bestätigung. Peinlich berührt die hässliche
+Schimpferei gegen die Brüder Grimm in Rühs letzter Abhandlung. Aber
+man muss zu seiner Rechtfertigung berücksichtigen, dass er gereizt
+worden war. Rühs behauptet mit gutem Fug, die nordische Mythologie,
+wie sie in der Kunstdichtung der Skalden und in der Edda vorliege,
+sei nie Glaube des Volkes gewesen, nur in unbedeutenden Einzelheiten
+darauf begründet. Die Meinungen des Volkes hätten den ersten Keim
+hergegeben, der aufs freieste und mannigfaltigste mit christlichen,
+jüdischen, griechisch-römischen Ideen weitergebildet worden sei.
+Vermischung von Christlichem und Heidnischem habe schon vor der
+Bekehrung stattgefunden. Weil jene Mythen von Anfang an nur zum Zwecke
+der Unterhaltung als poetischer Stoff dienten, konnten sie auch nach
+Annahme des Christentums noch ungeschwächt fortwirken. Oft spielten
+Angelsachsen Vermittler fremder Kultureinflüsse. Gedichte, in denen
+Fremdwörter wie _töflur_ d. i. Tafeln (Vol.) oder _hrimkalkr_ (Kelch)
+vorkommen, können nicht uralt sein. Dem Einwurf, der ihm seinerzeit
+von P. E. Müller ebenso wie neuerdings einem Bugge von Finnur Jónsson
+gemacht wurde, dass schon die Skaldengedichte des 9. Jahrhunderts
+die nordische Mythologie voraussetzen, stellte er den Satz entgegen,
+die betreffenden Strophen seien jünger und jenen alten Skalden nur
+unterschoben worden. Rühs hatte freilich keine klare Vorstellung
+darüber, wie der echte nordische Volksglauben, den wir namentlich aus
+den Geschichtsquellen kennen lernen, zu den Erdichtungen der Skalden
+sich verhielt. Er ging zu weit, indem er alles leugnete, und gab damit
+seinen Gegnern selber die Waffen zu seiner Bekämpfung.
+
++J. Grimm+ wandte sich in der Leipziger Literaturzeitung 1812, Nr.
+287 u. 288 scharf und heftig gegen Rühs. +P. E. Müller+ hatte 1811 in
+einer besondern Schrift _„die Ächtheit der Asalehre und den Wert der
+Snorronischen Edda“_ verfochten. Der Beweis der Echtheit wird in der
+Hauptsache aus den Skaldengedichten und aus der dichterischen Sprache
+erbracht, die vom 9. bis zum 13. Jahrhundert immer die Mythologie zur
+Voraussetzung haben. Somit könne von einer Fälschung keine Rede sein.
+Müller fasst die Angelegenheit nicht ganz richtig auf. Es wird ja
+eine besondere Skaldenmythologie, gepflegt und ausgebaut zum Zwecke
+der Dichtung, aber unterschieden vom eigentlichen Volksglauben,
+eben behauptet. Dass die Skalden sich insgesamt dieser Mythologie
+bedienen, beweist doch nichts für ihre _„Echtheit“_, insofern etwa
+Volkstümlichkeit damit gesagt sein soll. Aber das Ansehen und
+überlegene Wissen des dänischen und der beiden deutschen Gelehrten
+schlug den ersten kritischen Zweifler nieder. Leidenschaftliche
+Vorliebe verblendete schon damals gerecht abwägendes Urteil. Man
+glaubte, einen Zerstörer und Schänder altheiliger Überlieferung zu
+sehen, während in Wirklichkeit doch nur die Quellen aufgezeigt werden
+sollen, aus denen nordische Dichter für ihre grossartigen Schöpfungen
+Anregungen und Motive entnahmen. Den erhabenen Einheitsgedanken in
+der nordischen Mythologie suchten Dichter und Gelehrte recht deutlich
+hervorzuheben, um zu beweisen, dass nicht etwa genial veranlagte
+Skalden des 10. Jahrhunderts eben das, was wir an der nordischen
+Göttersage bewundern, geschaffen haben, sondern um den allgemeinen
+Schluss daraus zu folgern, dass es so längst vor ihnen gewesen sei.
+
+Die Deutungsversuche sind _geschichtlich_, euhemeristisch, wonach
+geschichtliche Vorkommnisse der Urzeit den Mythen zu Grunde liegen
+sollen, _philosophisch und physikalisch_. Mit starken Einschränkungen
+liegt in allen diesen Erklärungen ein Körnchen Wahrheit, doch wurden
+sie einseitig übertrieben und verallgemeinert, und keine trifft den
+Kern der Urreligion.
+
+Der _Euhemerismus_, der neben der Theologie von Anfang an die
+germanische Mythologie durchzieht, wurde am stärksten in des Dänen
++Suhm+ Buch _om Odin_ 1771 vertreten. Mit nüchternem Verstande soll die
+alte Überlieferung aufgefasst und ausgelegt werden; in Wirklichkeit
+aber bildet sich eine Lehre auf Grund der irrtümlichen und verkehrten
+Meinungen der alten Geschichtschreiber. In den angelsächsischen
+Stammtafeln, bei Ari und Snorri ist die altgermanische Vorstellung
+von der göttlichen Herkunft des Adels und Königtums dahin verderbt,
+dass Woden-Odin, Njord, Freyr als sterbliche menschliche Vorfahren der
+geschichtlichen Könige betrachtet werden. Von den Asen, den nordischen
+Göttern, wird Abstammung aus Asien behauptet und von ihrer Einwanderung
+aus dem Ursitz am Tanais über Sachsen nach Dänemark und Skandinavien
+gefabelt. Die Einwanderung geschah unter der Führung Odins. Diese
+Geschichten nimmt Suhm wörtlich, er sucht drei geschichtliche
+Persönlichkeiten mit Namen Odin festzustellen. Diese hätten sich den
+Namen der ursprünglichen Gottheit Odin beigelegt. Dass auf solche
+Art ein Zerrbild der nordischen Göttersage entstehen muss, ist klar.
+Nur die Namen und das ursprüngliche Wesen bleiben den Göttern,
+alle Überlieferung im Einzelnen den Menschen, die sich ihre Namen
+anmaassten. Eine seichtere und flachere Auffassung ist kaum denkbar.
+Die Übereinstimmung der nordgermanischen Religion mit andern wird auf
+die gemeinsame Urheimat der gesamten Menschheit in Asien zurückgeführt.
+Der Glaube an einen einigen Gott liegt allen heidnischen Religionen
+und mithin auch der nordischen zu Grunde, wie aus dem Namen Allvater
+erwiesen wird. Hatten die früheren theologisch gesinnten Verfasser
+diesen Gedanken folgerichtig aus der biblischen Geschichte entwickelt
+und die heidnische Vielgötterei, den Abfall vom Monotheismus, auf den
+Teufel zurückgeführt, so bricht sich allmälig eine _philosophische_
+Erklärung Bahn. Der wahre einige Gott stand als geistiges Wesen über
+der Natur, aber bald wurde er als Weltseele in der Natur, in den
+Naturerscheinungen, z. B. in der Sonne, im Winde, im Donner gesucht.
+Hiermit melden sich die Anfänge der natursymbolischen Mythendeutung.
+
+Von Deutschland ging die philosophisch-physikalische Mythendeutung aus,
+die wenigstens insoweit Gutes wirkte, dass sie den flachen Euhemerismus
+wegfegte. Positive Ergebnisse von bleibendem Werte hat sie freilich
+wenig zu verzeichnen.
+
++Creutzers+ _Symbolik und Mythologie_ 1810-1812, +Görres+
+_Mythengeschichte der asiatischen Welt_ 1810, +Kannes+ _Pantheum der
+Naturphilosophie_ 1811 riefen diese Richtung ins Leben.
+
+Den alten Religionen liegt nach Creutzer der Kern einer reineren
+monotheistischen Urreligion zu Grunde, der von priesterlichen
+Lehrern in der Form von Zeichen (Symbolen) und Erzählungen (Mythen)
+mitgeteilt, durch die Einmischung volkstümlicher Sagen, durch die
+poetisch gestaltende Kraft und durch die Empfindung der belebten
+Natur zu einer polytheistischen Gliederung auswuchs, aber in den
+Mysterien am reinsten erhalten war. Den Kern durch Vergleichung
+aller überlieferten Mythologien ans Licht zu ziehen ist Aufgabe der
+Wissenschaft. Die Urreligion entstand im Morgenland. Zugleich ist die
+Aufgabe gestellt, die Mythen, die ja nur Allegorien sind, auf ihren
+eigentlichen Grund zurückzuführen, und das Göttliche überall, auch in
+den Naturerscheinungen zu suchen.
+
+Den Fachgelehrten fiel die Aufgabe zu, die allgemeinen philosophischen
+Sätze am mythologischen Stoffe anzuwenden. Das that in Deutschland
++Mone+ in der _Geschichte des Heidentums im nördlichen Europa_ 1822-24.
+In der Einleitung bekennt er sich zur Anschauung, dass man durch
+Vergleichung stammverwandter Glaubenslehren die Stammreligion, durch
+Vergleichung der Stammreligionen die Religion der Menschheit und
+die Art und Weise ihrer Verzweigung und Teilung in die unendliche
+Vielheit der Völker lerne. Bei der Darstellung beschränkt er sich aber
+mehr auf Verarbeitung der Überlieferung, die nur beiläufig ausgelegt
+wird, und schildert so das nordische und deutsche, d. i. sächsische,
+fränkische, gotische Heidentum je für sich allein. Viel neues Material
+wird zielbewusst in grösserem Rahmen bearbeitet. Den landläufigen
+mythologischen Handbüchern der damaligen Zeit ist Mone an Wissen und
+Urteil weit überlegen. Bemerkenswert ist, dass Mone auch die Heldensage
+ihrer mythischen Bestandteile halber in grösserem Maassstabe zur
+Mythologie heranzieht.
+
+In Dänemark wirkte der sehr verdienstreiche Isländer +Finn Magnusen+
+in diesem Sinne. Seine vierteilige _Eddalehre_, Kopenhagen 1824-26,
+handelt ausführlich vom Ursprung der nordischen Mythen, welche
+„sowohl mit dem grossen Buche der Natur, als auch mit den mythischen
+Systemen der Griechen, Perser, Inder und mehrerer anderer alter
+Völker“ verglichen werden. Auch ihm schwebt die Urreligion und ihre
+Entstehung aus Naturerscheinungen als letzter Grund aller Mythologien
+vor. Ebenso ist sein _priscae veterum Borealium mythologiae lexicon_
+1827 eingerichtet. Darin ist mit erstaunlicher Vollständigkeit die
+gesamte nordische Götterlehre nicht bloss der Edda, sondern auch der
+übrigen altnordischen Quellen in Form eines ausführlichen Wörterbuches
+geordnet. In +Nyerups+ _Wörterbuch der skandinavischen Mythologie_,
+Kopenhagen 1816 hatte er eine brauchbare Vorarbeit. Finn führte auch
+in den einzelnen Abhandlungen seines Wörterbuches die Vergleichung und
+Auslegung der einzelnen nordischen Mythen durch. Die Deutungen sind
+freilich grösstenteils verfehlt, schon weil die Sternkunde allzu sehr
+hervortritt. Darnach wären die Germanen vorwiegend Sternanbeter gewesen
+und hatten überaus genaue astronomische Kenntnisse sehr künstlich zu
+Mythen verwandelt. Trotz den verfehlten allgemeinen mythologischen
+Anschauungen bilden Mones und Finn Magnusens Schriften aber doch den
+Höhepunkt der mythologischen Forschungen vor Uhland und J. Grimm. Es
+war unendlich viel Thatsächliches geboten, dessen Wert noch heute
+andauert und durch die verkehrten Meinungen, welche die Verfasser über
+die Erklärung des fleissig zusammengetragenen Stoffes hegten, nicht
+beeinträchtigt wird.
+
+ * * * * *
+
+Zum Schlusse des Abschnittes möge ein kleines Verzeichniss solcher
+Schriften stehen, die das Studium der deutschen Mythologie zu
+popularisieren suchten. Darin kommen die allgemeinen Anschauungen,
+die man bisher mit Hilfe der Forschung erreicht hatte, deutlich
+zum Ausdruck. Abgesehen von einigen unverbesserlichen rückfälligen
+Nachzüglern stehen die populären Mythologien nach J. Grimm auf einem
+unvergleichlich höheren Standpunkt.
+
+Kleinere Abhandlungen verzeichnet in grösserer Anzahl +B. F. Hummel+,
+_Bibliothek der deutschen Altertümer_, Nürnberg 1787, S. 201 ff., und
+im Zusatzbande, Nürnberg 1791, S. 56 ff.; ferner +G. Klemm+, _Handbuch
+der deutschen Altertumskunde_, Dresden 1836, S. 261 ff. Von besondern
+Schriften seien folgende erwähnt:
+
++Siebenkees+, _Von der Religion der alten Deutschen_, Altdorf 1781.
+
++Ch. L. Reinhold+, _Beitrag einer Mythologie der alten deutschen
+Götter_, Münster 1791.
+
++F. X. Boos+, _Die Götterlehre der alten Deutschen_, Köln 1804.
+
++F. J. Scheller+, _Mythologie der nordischen und andern deutschen
+Völker_, Neuburg 1804; Regensburg 1816. _Kleines Handbuch der
+nordischen Mythologie_, Leipzig 1816.
+
++G. C. Braun+, _Die Religion der alten Deutschen_, Mainz 1819.
+
++H. A. M. Bergner+, _Nordische Götterlehre aus den Quellen geschöpft
+und zusammengetragen_, Leipzig 1826.
+
++F. D. Gräter+, _Versuch einer Einleitung in die nordische
+Altertumskunde_, Dresden 1829.
+
++J. G. Bönisch+, _Die Götter Deutschlands, vorzüglich Sachsens und der
+Lausitz_, Camenz 1830.
+
++G. Th. Legis+, _Handbuch der altdeutschen und nordischen Götterlehre_,
+Leipzig 1831; 2. Aufl. 1833.
+
++G. Th. Legis+, _Alkuna, nordische und nordslawische Mythologie_,
+Leipzig 1831.
+
++C. E. Hachmeister+, _Nordische Mythologie nach den Quellen bearbeitet
+und zusammengetragen_, Hannover 1835.
+
+In Gestalt eines mythologischen Wörterbuches boten den Stoff:
+
++Ch. A. Vulpius+, _Handbuch der Mythologie der deutschen, verwandten,
+benachbarten und nordischen Völker_, Leipzig 1826.
+
++A. Tkány+, _Mythologie der alten Teutschen und Slaven in Verbindung
+mit dem Wissenswürdigsten aus dem Gebiete der Sage und des
+Aberglaubens_, 2. Bde., Znaim 1829.
+
+Von Abhandlungen über einzelne Gottheiten sind zu nennen:
+
++Büsching+, _Das Bild des Gottes Tyr_, Breslau 1819.
+
++C. H. Grupen+, _Abhandlung vom sächsischen Gott Irmin_ in den
+_observationes rerum et antiquitatum Germ_., Halle 1763, S. 165 ff.
+
++J. Grimm+, _Irmenstrasse und Irmensäule_, Wien 1815.
+
++v. d. Hagen+, _Irmin, seine Säule, seine Strasse, sein Wagen_, Breslau
+1817.
+
++C. Niemeyer+, _Sagen betreffend Othin, dessen Geschlecht und Asentum
+überhaupt. Nach den Überlieferungen Saxos des Grammatikers_, Erfurt
+1821.
+
++H. Leo+, _Über Othins Verehrung in Deutschland_, Erlangen 1822.
+
++Joach. Wieland+, _De Thoro, principe veterum Septentrionalium idolo
+diss._ Hafniae 1709.
+
++J. G. S. Schwabe+, _De deo Thoro commentatio_, Jena 1767.
+
++J. P. Anchersen+, _Vallis Herthae Deae_, Hafniae 1747.
+
++C. K. Barth+, _Hertha und über die Religion der Weltmutter_, Augsburg
+1828.
+
++Sculo Thorlacius+, _De Hludana Germanorum gentilium dea_, Hafniae 1782.
+
+Die physikalische Auslegung der Eddamythen erreicht den Höhepunkt des
+Unsinns in den Schriften von +Trautvetter+, _Der Schlüssel zur Edda_,
+Berlin 1816, wo die nordische Mythologie als eine in Gleichnissen
+vorgetragene Chemie erscheint, und bei +K. Henneberg+, _Hvad er Edda_,
+Aalborg 1812, wo die Bilder des goldenen Horns von Tondern mit der
+Baldrsage zusammengebracht und astronomisch gedeutet werden.
+
+ * * * * *
+
+Wie sich vor J. Grimms grundlegendem Werke die deutsche Götterlehre
+ausnahm, lernt man am besten aus der Übersicht, die G. Klemm im
+_Handbuch der germanischen Altertumskunde_, Dresden 1836, S. 273 ff.
+gewährt. Dort sind die Ergebnisse der älteren deutschen Mythologie mit
+thunlichstem Ausschluss der nordischen zusammengestellt.
+
+Wir hören von Tuisto, Mannus, Irmin, Wodan, Freia, Fro, Thunar, Hertha,
+Alces; dann aber wird, namentlich auf Caesars Gewähr, ein Sonnen- und
+Monddienst behauptet, von Eostar, Ostar berichtet und herauf von den
+thüringischen und hessischen Götzen Namens Krodo, Jecha, Püstrich,
+Stuffo, Reto, Lahra, von den sächsisch-friesischen Hammon (zu Hamburg),
+Fosete (weiblich), Nehalennia und Hludana gemeldet. Dazu gesellt
+sich noch der sächsische Jodute, in Süddeutschland Lullus, Strifa,
+Krutzmann, Epona. Endlich verführte die bekannte interpretatio romana,
+die Gottheiten fremder Völker mit römischen Götternamen bezeichnete,
+zur Meinung, römische Gottheiten wie Mars, Mercur, Hercules, Isis,
+Diana, Venus seien von den Germanen angenommen und verehrt worden.
+Von allen diesen merkwürdigen Gestalten, die auf Erfindungen und
+Etymologien der Gelehrten des 16. und 17. Jahrhunderts beruhen, gab
+es ernstgemeinte umfangreiche Abhandlungen, die bei Klemm und in
+Hummels Bibliothek der deutschen Altertümer besonders im 11. Kap.
+_„von den topischen Göttern“_ verzeichnet stehen. Die Zufuhr der
+nordischen Mythologie hatte den Stoff nur erweitert, nicht gereinigt
+und vertieft. In den Wörterbüchern von Vulpius und Tkány treibt diese
+Götzenschar noch ihr ganzes Unwesen. Auch das muss erwogen werden,
+um J. Grimms That zu würdigen. Er hatte nicht nur alles ganz neu
+aufzubauen, sondern mit unglaublich vielem Schutte aufzuräumen. Die
+bisherigen mythologischen Forschungen hatten trotz allem guten Willen
+der Verfasser den Ausblick eher verbaut, den Blick getrübt.
+
+
+2. Die wissenschaftliche Bearbeitung der Mythologie: Uhland und J.
+Grimm.
+
+Mit bewundernswertem Scharfblick hat +Uhland+ in seinen _Vorlesungen_
+1830-1832 und in _Abhandlungen_ deutsche und nordische Mythologie
+erforscht. _Der Mythus von Thor_ erschien 1836, das Übrige erst
+nach seinem Tode in den _Schriften Bd. 6 über Odin_ und _Bd. 7,
+S. 16-85 Umriss der nordischen Göttersage, ebda. S. 473 bis 514,
+älteste Spuren der deutschen Göttersage_. Mithin konnten seine
+Studien zunächst nur zum kleinen Teil auf die Entwicklung der
+Mythenforschung wirken. In der Schrift über Thor ist am gründlichsten
+und geistvollsten die physikalische Mythendeutung durchgeführt, und
+die Entstehung der Thorssagen aus der norwegischen Naturumgebung
+nachgewiesen. Die germanische Gestalt des Donnerers ist sicher der
+nordischen Natur angepasst worden. Aber selbst bei Uhland zeigt sich
+die natursymbolische Auslegung als verfehlt, sobald sie ins Einzelne
+geht. Die Ergebnisse halten nach dieser Seite nicht stand. In der
+Abhandlung über Odin finden sich vortreffliche Abschnitte, Ansätze zur
+Entwicklungsgeschichte, wie wir sie bei J. Grimm vergeblich suchen.
+Dahin gehört u. a. der Nachweis, dass Freyr in Schweden, Thor in
+Norwegen, Odin in Dänemark und Sachsen ursprünglich verehrt wurde.
+Das Verhältniss Bragis zu Odin wird ebenso einleuchtend erklärt. Man
+bedauert, dass Uhland keine umfassende Darstellung der Mythologie
+unternahm. Was sich in der klaren Seele dieses unvergleichlichen
+Mannes gespiegelt, wurde allein schon dadurch geläutert und strahlt
+uns reiner und heller entgegen, als aus der vielfach getrübten und
+verderbten Überlieferung. Band 7, 382 steht eine Bemerkung, welche
+gelegentlich später errungene Ergebnisse vorweg nimmt. „Es ist
+allen bekanntern Naturreligionen gemein, dass in ihnen eine Menge
+untergeordneter Geister lebt und webt, welche bald unsichtbar und
+leise geahnt die Natur erfüllen, bald in heftigen Erscheinungen
+hervortreten, dem Menschen in freundlicher oder feindlicher Gesinnung
+sich nahend. Man fasst dieses Geisterwesen bei den neueren Völkern am
+besten unter dem, ihrer vielen gemeinsamen Namen der Elfen zusammen.
+Wenn man erwägt, wie dieses Geisterreich in übereinstimmenden
+Hauptzügen bei Völkern verschiedenen Stammes und sonst auch bedeutend
+verschiedener Glaubenslehre sich ausgebreitet hat, so erkennt man
+in ihm das ursprünglichste und allgemeinste Element der mythischen
+Naturanschauung, aus dem dann erst die eigentümlichen Göttergestalten
+jeder besonderen Mythologie aufgetaucht sind. Wurden diese durch die
+Herrschaft einer neuen Lehre zerstört, so trat die Auflösung in jenes
+freiere Element wieder ein.“
+
+So weit nur irgend möglich, schliesst sich dieses Handbuch an Uhland
+an, besonders auch bei Erzählung nordischer Sagen, denen der herrliche
+Mann eine wahrhaft klassische Form verlieh.
+
+1811 hatte +J. Grimm+ über _Irmenstrasse und Irmensäule_ geschrieben,
+1813 Gedanken über _Mythus, Epos und Geschichte_. Er wandelt noch
+in den Spuren von Görres und Kanne. 1812 kamen _die Märchen_, 1816
+die _deutschen Sagen_ heraus. Da kam zunächst die thatsächliche
+Überlieferung in reicher, schöner Fülle zu Wort, vor ihr verstummten
+Vorurteile und grundlose Lehrsätze zur Behandlung der Mythologie.
+Der Romantik entwanden sich die Brüder in den gewaltigen Werken, mit
+denen sie die germanische Altertumsforschung zum Range einer echten
+Wissenschaft erhoben. _Die deutsche_ (d. h. germanische) _Grammatik_
+1819, 1822 u. ff., _die Rechtsaltertümer_ 1828 sind auf festen Grund
+gebaut. Nach Möglichkeit ist die gesamte germanische Überlieferung aus
+alter und neuer Zeit ausgeschöpft und dabei die ursprüngliche Einheit
+in der späteren Vielheit und Verschiedenheit erwiesen.
+
+Schon 1832 schreibt J. Grimm an Lachmann, dass er etwas über deutsche
+Mythologie vor habe, „diesmal aber im Gegensatz zur nordischen und
+diese ausschliessend“. Nur als Hilfsmittel zur Bestätigung oder
+Ergänzung deutscher Nachrichten soll die nordische Mythologie verwendet
+werden. Mit denselben Mitteln, mit demselben Weit- und Tiefblick
+unternahm J. Grimm _Die deutsche Mythologie_, die 1835 in erster
+Auflage erschien. Schon 1844 kam eine zweite stark vermehrte aber
+gleich angelegte Ausgabe in zwei Bänden, die 1854 und 1875 neu gedruckt
+wurden. Der dritte Band, 1878 von +E. H. Meyer+ besorgt, bringt eine
+reiche Nachlese von Belegen, die J. Grimm stetig nachsammelte und
+nachtrug. Mit der deutschen Mythologie erstand eine versunkene Welt.
+Mit wunderbarem Fleisse aus einer schier unermesslichen Belesenheit
+ist alles zusammengetragen und sauber eingeordnet, was zur Mythologie
+zu gehören schien. Unerreicht und nie zu übertreffen besteht Grimms
+Werk in seiner Haupteigenschaft einer Sammlung als die Grundlage
+aller späteren mythologischen Forschung. Der unvergängliche Wert
+des Buches beruht namentlich darin, dass kein System den Stoff
+meistert, dass die nächste und wichtigste Aufgabe in der Sammlung
+und Sichtung des weit zerstreuten, nur vereinzelt und trümmerhaft
+überkommenen Stoffes gesucht wird. Wol hegt auch Grimm eigene
+Gedanken über die Grundfragen der Mythengeschichte, über Ursprung
+der Mythen überhaupt, über Verhältniss der nordischen zur deutschen,
+der germanischen zur Mythologie andrer Völker. Aus seinen Anregungen
+erwuchsen die meisten der späteren Schulideen. Aber Grimm spricht
+nur gelegentlich, anhangsweise seine Ansicht aus, Hauptsache bleibt
+immer Eröffnung der verschütteten und versandeten Quellen. Was aus
+der Sprache, zum Teil auch aus dem Recht, zu lernen war, Ureinheit
+hinter den jüngeren Überlieferungen, scheint auch die Mythologie
+zu bestätigen. Wenn möglich soll der altgermanische Glaube, aber
+vorwiegend auf Grund deutscher Quellen bei nur vorsichtiger Benutzung
+nordischer, in den Grundzügen hergestellt werden. Was die Einführung
+der Sprachwissenschaft in die Mythologie bedeutet, sieht man deutlich,
+wenn man die früheren tastenden Erklärungsversuche von Götternamen
+betrachtet. Beispiele für solch fruchtloses geistloses Raten gewährt
+Suhms Schrift _om Odin_ z. B. S. 3 ff., wo eine Blütenlese von älteren
+und neueren Etymologien des Namens Odin gesammelt ist. Zwar traf auch
+J. Grimm keineswegs immer das Richtige und die neueste etymologische
+Forschung führt eher wieder in neue Wirren. Aber die Deutung strebt
+doch zielbewusst vorwärts, kennt die einzuschlagenden Pfade und
+verwirft unbrauchbare Mittel. War schon die gewöhnliche Wortforschung
+vor der germanischen und indogermanischen Sprachwissenschaft nur ein
+sinnloses Raten, so war die Verwilderung bei Eigennamen vollends ganz
+toll gewesen.
+
+Besonders in der Vorrede zur ersten Ausgabe, ebenso in der zur
+zweiten setzt Grimm sein Verfahren auseinander, das ohnehin schon
+aus jedem einzelnen Abschnitt ersichtlich wird. Immer wird mit
+sprachlichen Beweisen angehoben und damit jeder Begriff womöglich
+als nordisch-deutsch, also auch urgermanisch aufgezeigt. Zweifelhaft
+bleibt freilich stets, inwieweit die Entwicklung aus einem gemeinsamen
+Grundbegriffe bei den verschiedenen Stämmen besondere Bahnen einschlug.
+Fast völlig ausser Ansatz ist die Möglichkeit späteren Austausches
+gelassen. Die Vorrede erörtert Hauptfragen, wie Verhältniss von
+deutschem und nordischem Glauben, Beziehungen zu nicht germanischen
+Mythologien, Verwendung der Volkssage zum Aufbau des Heidentums, Wesen
+des germanischen Gottesbegriffs (Mono = Poly = Pantheismus), Deutung
+der Mythen u. a. m. „Für den heidnischen Glauben hat man eine andre
+Meinung gefasst (nemlich als bei der Sprache), weil seine Quelle in
+Scandinavien reichlich, in Deutschland sparsam fliesst: diese sehr
+begreifliche Verschiedenheit ist zu der doppelten Folgerung missbraucht
+worden, um den Ursprung der nordischen Mythologie stehe es verdächtig,
+und das übrige Deutschland sei götterlos gewesen. Aus dem Mangel
+des einen Bruders schloss man nicht etwa, dass er sein Gut verthan,
+sondern dass der reiche Bruder sein Vermögen unrecht erworben habe,
+aus der Wohlhäbigkeit des Begüterten entnahm man, dass der Dürftige
+gar nicht reich gewesen sein könne. Niemals hat eine falsche Kritik
+ärger gefrevelt, indem sie wichtigen, unabwendbaren Zeugnissen trotzte,
+und die naturgemässe Entwicklung nahverwandter Volksstämme leugnete.
+Um sie aber auszurotten, habe ich wol eingesehen, dass ich nicht von
+einer Darstellung der nordischen Fülle, vielmehr der deutschen Armut
+ausgehend, Ähren lesen musste, keine Garben schneiden durfte. Erst
+aus solchen Ähren und ihren Körnern habe ich Nahrung zu gewinnen und
+Schlüsse zu ziehen gewagt; es ist dadurch aller Besonderheit, wie ich
+hoffe, das Recht gewahrt worden. Denn Eigentümliches und Abweichendes
+tritt hier nicht anders wie in der Sprache ein, und seiner habhaft
+zu werden hat den höchsten Reiz. Grösser aber als die Abweichung
+ist die Übereinkunft, und das früher bekehrte, früher gelehrte
+Deutschland kann die unschätzbaren Aufschlüsse über den Zusammenhang
+seiner Mythentrümmer dadurch dem reicheren Norden vergelten, dass es
+ihm ältere historische Zeugen für die jüngere Niederschreibung an die
+Hand liefert.“ Die Zeugnisse für die gleiche Grundlage nordischer
+und deutscher Götterlehre werden S. VI ff. zusammengestellt, dabei
+aber Urverwandtschaft und späterer Austausch nicht geschieden. In der
+zweiten Ausgabe S. VIII heisst es: „die Lage der Dinge scheint also die
+zu sein, dass bei fortschreitendem Betrieb wir der nordischen Grenze
+entgegen rücken und endlich der Punkt erscheinen wird, auf dem der Wall
+zu durchstechen ist und beide Mythologien zusammen rinnen können in ein
+grösseres Ganzes.“
+
+„Die bedeutsamen Beziehungen zum ferneren alten Morgenland“ (S.
+XVI ff.), welche für sich allein schon die Meinung eines späteren
+Ursprungs deutscher Mythologie abwehren müssen, werfen den Gedanken
+eines urindogermanischen Götterglaubens auf, der auch im einzelnen,
+namentlich wo sprachliche Gleichungen das Recht zu geben schienen wie
+z. B. bei Tiuȥ-Zeus-Dyaus, hervorgehoben wird. Aber der Gedanke ist
+nicht zum Dogma erhoben und beeinflusst nirgends die quellentreue
+Darstellung.
+
+Auf die erst aus später Zeit überlieferten Volkssagen ist „überall
+kein kleines Gewicht gelegt und lohnende Ausbeute aus ihnen gewonnen
+worden.“ „Ihren Wert bezeichnet das Verhältniss heutiger Volksmundarten
+ganz genau, in welchen sich uralter Wortstoff, den die gebildete
+längst ausgeschieden hat, in Menge findet.“ Also namentlich wegen
+vermeintlicher Erinnerungen an die heidnische Göttersage wird die
+Volkssage herangezogen. „Soll ich in der Kürze den der Mythologie aus
+der Volkssage hervorgegangnen Gewinn bezeichnen, so leuchtet ein,
+dass nur aus dieser wir Auskunft über die Göttinnen Holda, Berhta
+und Fricka, sowie über den unmittelbar auf Wuotan leitenden Mythus
+von der wilden Jagd verdanken. Der weissen Frauen, Schwanfrauen und
+bergentrückten Könige würden wir aus den geschriebenen Denkmälern
+wenig habhaft geworden sein, verbreitete nicht die Volkssage ihr Licht
+darüber. Selbst die Mythen von Sintflut und Weltuntergang lässt sie
+noch nicht ausser Acht. Was in ihr aber vorzugsweise gehegt und mit dem
+buntesten Gewirk gewoben wird, das sind die traulichen Erzählungen von
+Riesen, Zwergen, Elben, Wichteln, Nixen, Schraten und Hausgeistern.“
+Die Göttergestalten sollen sich in Teufel und Hexen, der Gottesdienst
+in abergläubische Bräuche verwandelt haben. Oft aber leben auch in
+Legenden heidnische Erinnerungen nach.
+
+„Elementen, Naturerscheinungen und Gestirnen lege ich grossen Einfluss
+auf mythologische Vorstellungen bei, lange keinen solchen, dass alle
+und jede aus ihrer Grundlage abgeleitet werden dürften, da ausser
+den physischen auch noch sittliche und andere menschliche Motive
+obwalten und erst in der Durchdringung aller zusammen die Götter des
+Heidentums entsprungen scheinen. Die Natur lässt uns ihre erhabene und
+wohlthätige Wirksamkeit gewahren in dem leuchtenden, wärmenden Feuer,
+dem reinigenden, kühlenden Wasser, der allbeweglichen, erquickenden
+Luft, der nährenden, stärkenden Erde. Hier gesellt sich ein sittlicher
+Eindruck zu dem natürlichen. Der Mensch hat aber auch Gottheiten nötig
+für die Begriffe von Güte, Milde, Allgewalt, Sieg, Friede, Liebe,
+Gerechtigkeit, die mehr aus seinem Gemüt als aus der Natur aufsteigen.“
+
+In der Einleitung der ersten Auflage S. 9 heisst es: „Von der
+Verwirrung, die so häufig dem Studium der nordischen und griechischen
+Mythologie Eintrag gethan, ich meine die Sucht, über halbaufgedeckte
+historische Daten philosophische oder astronomische Deutungen zu
+ergiessen, schützt mich schon die Unvollständigkeit und der lose
+Zusammenhang des Rettbaren. Ich gehe darauf aus, getreu und einfach zu
+sammeln, was die frühe Verwilderung der Völker selbst, dann der Hohn
+und die Scheu der Christen vor dem Heidentum übrig gelassen haben,
+und wünsche nichts als dass meine Arbeit für einen Anfang weiterer
+Forschungen in diesem Sinne gelten könne.“
+
+Ein Hauptfehler der deutschen Mythologie besteht darin, dass die
+Möglichkeit, den verlorenen deutschen Götterglauben wieder zu erlangen,
+stark überschätzt ist. Eine Reihe von Quellen sind für die deutsche
+Mythologie verwendet, deren Berechtigung anzufechten ist. Märchen und
+Sagen enthalten viel Auswärtiges und dürfen nicht in dem Umfange, wie
+es hier geschieht, zum Wiederaufbau deutschen Götterglaubens verwandt
+werden. Die Dichtung des 13. Jahrhunderts ist in ihrer Brauchbarkeit
+überschätzt. Die Allegorien der mittelhochdeutschen Dichter, der
+Wunsch und Frau Aventiure dürfen nicht mit Odins Beiname Oskr
+(Wunsch) und Saga verglichen und aus gemeinschaftlicher altmythischer
+Überlieferung abgeleitet werden. Vieles entstammt christlicher Sage
+und geht zuletzt auf die Bibel zurück, was von Grimm als heidnische
+Erinnerung erachtet wird. Allzuwenig rechnet Grimm mit jüngerem
+Ursprung, mit individuellen Erfindungen der Dichter, mit Entlehnung
+aus der Fremde, und trägt manches Ungehörige ins Heidentum zurück.
+Obwol Myth.² S. XXX gesagt wird: „Ich leugne keinen Augenblick, dass
+neben solcher geheimnissvollen Ausbreitung der Mythen (d. h. von einem
+idg. Urbestand) äussere Entlehnung stattfand, ja dass sie mit Absicht
+ersonnen und übertragen werden konnten, wiewol dieser letzten Art es
+schwerer hält als man wähnt unter dem Volk Wurzel zu greifen. Die
+römische Literatur hat von frühauf über andere europäische Länder sich
+ergossen, es wird in einzelnen Fällen sogar unmöglich sein, zwischen
+ihrem Einfluss und jenem inneren Wachstum der Sage den Ausschlag zu
+thun. Nirgends aber ist Einwirkung von aussen weniger zu bezweifeln als
+da, wo durch Zusammenstoss der christlichen Lehre mit dem Heidentum
+unter den bekehrten Völkern unvermeidlich ward, der hergebrachten zu
+entsagen und an deren Stelle, was der neue Glaube herbeiführte oder
+ertrug, aufzunehmen oder abzuändern“ -- so wird doch viel mehr der Satz
+auf S. XXI befolgt: „Jedwedem Volke scheint es von Natur eingeflösst,
+sich abzuschliessen und von fremden Bestandteilen unangerührt zu
+erhalten. Der Sprache, dem Epos behagt es nur im heimischen Kreis,
+nicht länger als er zwischen seinem Ufer wallt, hält der Strom seine
+Farbe lauter. Aller eignen Kraft und innersten Triebe ungestörte
+Ausbildung ergeht aus dieser Mitte, und unsre älteste Sprache,
+Poesie und Sage sehen wir keinen andern Zug einschlagen.“ Finden
+sich Einstimmungen zwischen fremder, romanischer oder christlicher
+Überlieferung und deutscher Volkssage, so wird fast nie Entlehnung,
+sondern Herkunft aus gemeinsamer germanisch-heidnischer Urquelle
+angenommen. Aus der stattlichen, überreichen Sammlung ist daher sehr
+viel zu streichen, was weder altgermanisch noch überhaupt mythisch ist.
+
+Im Vergleich zu seinen Vorgängern hat J. Grimm allerdings mit den
+angeblichen germanischen Götzen gründlich aufgeräumt, aber ganz fertig
+ist er mit ihnen noch nicht geworden. Krodo und Sater (aus ags.
+_Sæteresdæg_) spuken noch neben einer Göttin Zisa, die von Chronisten
+im 8. und 9. Jahrhundert zu Ciesburg erfunden wurde. Eine ags. Göttin
+Ricen wird vermutet. Holda, Berhta und andere sind aus der Volkssage
+gefolgert und fürs deutsche Heidentum kanonisiert worden.
+
+
+3. Die mythologische Forschung nach J. Grimm.
+
+Die zahlreichen populären Darstellungen der deutschen und nordischen
+Mythologie, die nach J. Grimm erschienen, ebenso die vielen
+Einzeluntersuchungen, in denen neues Material beigebracht oder eine
+bestimmte Erscheinung für sich allein behandelt wurde, kann ich
+hier nicht aufzählen und charakterisieren. Einiges Hierhergehörige
+verzeichnet v. Bahder, die deutsche Philologie im Grundriss, S. 234
+ff. Nur _die_ Schriften sollen genannt werden, welche neue fruchtbare
+Gedanken vertraten und damit auf die Entwicklung der mythologischen
+Forschung nachhaltig einwirkten.
+
++Wilhelm Müllers+ _Geschichte und System der altdeutschen Religion_,
+1844, von J. Grimm in den Berliner Jahrbüchern für wissenschaftliche
+Kritik 1844, Nr. 91-2 ungerecht verurteilt, sucht die von Grimm
+gewonnene deutsche Mythologie nach geschichtlichen Erwägungen zu
+sichten und die Einzelheiten mit einander zu verbinden. Mit Recht
+scheidet Müller einen grossen Teil des von J. Grimm gesammelten
+Materials als unbrauchbar aus. Insbesondere Volkssage und Volksbrauch,
+sofern erst die christliche Zeit davon meldet, werden nur bei
+zwingenden Gründen zum Aufbau des altdeutschen Heidentums benutzt.
+Kritik der Quellen betont Müller als vor allem nötig. Vorschnelle
+Verallgemeinerung von örtlich und zeitlich bestimmten Nachrichten soll
+nicht gelten. Freilich wird die nordische Mythologie trotzdem zuviel
+zur Erklärung der deutschen Trümmer benutzt. Immerhin bleibt Müllers
+Buch ein achtbarer Versuch, den geschichtlichen Maassstab an Grimms
+Sammlung zu legen.
+
+Aus der deutschen Mythologie Grimms erhuben sich mehrere eifrig
+behandelte Fragen, deren Beantwortung die Darstellung wesentlich
+umgestalten musste. Zunächst blieb noch eine Zeitlang die Mehrung des
+mythologischen Stoffes eine wichtige Hauptaufgabe der Mythologen.
+Weniger aus den Denkmälern der Vergangenheit als vielmehr aus der
+mündlichen Überlieferung der Gegenwart erstanden unzählige wertvolle
+und wertlose Sammlungen von Märchen, Sagen und abergläubischen
+Bräuchen.[5] Hatten doch die Brüder Grimm in ihren Sammlungen
+musterhafte Vorbilder aufgestellt, denen in allen Ländern allmälig
+nachgeeifert wurde. Nachdem J. Grimm den mythologischen Wert der
+Volkssagen betont hatte, sammelten die deutschen Gelehrten besonders
+unter diesem Gesichtspunkte. Wie verhält sich die aus dem Mittelalter
+und der Gegenwart uns bekannte Volkssage zum Heidentum, enthält sie
+verblasste Spuren alter Göttersage, diese Frage beschäftigte die
+Forscher und wurde zunächst im Sinne Grimms entschieden. Was ist aus
+der Heldensage, insofern sie geschichtliche und mythische Bestandteile
+enthält, für die Mythologie zu lernen? Wie verhält sich die deutsche
+Mythologie zur nordischen, wieviel gilt von letzterer für Deutschland?
+Was hat der germanische Götterglaube mit dem andrer, insbesondere
+indogermanischer Völker gemein, wieviel davon entstammt aus
+ursprünglicher Gemeinschaft, wieviel aus etwaiger Entlehnung, wieviel
+aus zufälliger gleicher Entwicklung? Wie entstanden Mythen? Die letzte
+Frage hat die meisten und widersprechendsten Antworten gefunden. Da sie
+aber weniger auf germanischem Gebiete zum Austrag kommt, so soll sie
+auch hier mehr nur beiläufig berücksichtigt werden.[6]
+
+
+4. Volkssage und Heldensage in ihrem Verhältniss zur Mythologie.
+
+Im Norden erkennen wir eine reich entfaltete Göttersage, deutlich
+ausgeprägte Göttergestalten und eine grosse Menge von Volkssagen
+und Bräuchen, die schon ins Heidentum zurückreichen. In Deutschland
+finden wir einige Götternamen, die mit den nordischen zusammenstimmen,
+aber nur ganz vereinzelte Spuren von Göttersagen, endlich dieselbe
+Masse von Volkssagen. Es ist nicht denkbar, dass die Deutschen keine
+_Göttersage_, nur einen _Götterkult_ besassen. Dagegen zeugen
+die wenigen erhaltenen Überreste. Kann eine deutsche Göttersage
+wiedererlangt werden? Auf zwiefache Art ist es versucht worden. Das
+oberflächliche rohe Verfahren nimmt einfach die nordische Sage der Edda
+auch für Deutschland in Anspruch. Der Beweis wird aus der Gleichheit
+der deutschen und nordischen Götternamen, die ja unleugbar auf
+gemeinschaftlichen Hintergrund deuten, geführt; ferner mussten Märchen
+und Sagen, die aus allen deutschen Gauen in überraschender Anzahl
+zu Tage gefördert wurden, herhalten. Sie galten im allgemeinen als
+verblasste Mythen. Eifrig spürte man nach zufälligen Übereinstimmungen
+zwischen ihnen und der nordischen Göttersage. Wurde einem Jäger von
+einem Löwen die Faust abgebissen, so erinnerte man sich des nordischen
+Tyr, dem der Fenriswolf die Hand abbeisst. Wurden Riesen erschlagen,
+so musste es Donar gethan haben. Was rote Farbe trug, erinnerte
+überhaupt an den Rotbart. Entführungssagen und gefährliche Werbungen
+wurden zu Freys Werbung um Gerd gestellt. So gelang der Scheinbeweis,
+dass dieselben Sagen, wie im Norden, so auch in Deutschland von den
+Göttern gegolten hätten, dass der Inhalt der Edda ohne Bedenken
+nach Deutschland überführt werden dürfe. In diesem Sinne wirkte
+der verdienstvolle Sagensammler +J. W. Wolf+ namentlich in seinen
+Schriften: _Beiträge zur deutschen Mythologie_ 1, 1852, 2, 1857 und
+_Die deutsche Götterlehre_ 1852, 2. Aufl. 1874. In der _Zeitschrift für
+deutsche Mythologie_, welche J. W. Wolf 1853 begründete, die Mannhardt
+mit dem 3. und 4. Bande (1859) fortsetzte, fanden diese Bestrebungen
+für kurze Zeit einen Mittelpunkt. So gewiss vieles aus unserem ältesten
+Heidentum noch in heutiger Sage und Sitte unverändert lebt, ebenso
+sicher treiben aus dem natürlichen volkstümlichen Keime fortwährend
+frische Sprossen, die anders als jene beurteilt werden müssen, weil
+Luft und Licht ihnen andre Beimischung gaben. Von der Wolfschen Schule
+wurde aber fast die gesamte Volkssage für uralt oder wenigstens als
+unmittelbarer Abkömmling des Heidentums erklärt. +Simrocks+ _Handbuch
+der deutschen Mythologie mit Einschluss der nordischen_, Bonn 1853, 6.
+Aufl. 1887 hat trotz seiner unübersichtlichen verschrobenen Darstellung
+dieser Richtung zu unverdientem Ruhme verholfen. Anknüpfend an J.
+Grimms Bild vom Wall, der die nordische und deutsche Mythologie
+trenne, erklärt Simrock den Zeitpunkt zum Durchstich erschienen:
+„Wir haben den Wall durchstochen und den Guss einer allgemeinen
+deutschen Mythologie unternommen“. Abgesehen von der durch Schwartz
+und Mannhardt begründeten neuen Auffassung der Volkssagen waren es
+namentlich auch die Untersuchungen Benfeys über das Pantschatantra
+1859, die zur Vorsicht bei Benutzung der Sagen und Märchen mahnten.
+Zumal die letzteren, bei denen auch manche Fälschungen mitunterliefen,
+verschwanden bald aus der Mythologie und wurden der vergleichenden
+Litteraturgeschichte überwiesen.
+
+Ein zweiter Versuch ist ebenfalls von J. Grimm ins Leben gerufen, aber
+von ihm selbst nicht weiter geführt worden. Die 1812 geschriebene
+Abhandlung _„Gedanken über Mythos, Epos und Geschichte“_ hebt hervor,
+dass in der Heldensage vielfach Mythisches und Historisches, göttliche
+und menschliche Geschichte in eins gewachsen seien. Gelingt es beide
+Teile zu sondern, so erwächst der Mythologie reicher Gewinn. Zuerst
+hat +Lachmann+ 1829 die Nibelungensage daraufhin untersucht. Der
+bedeutendste Vertreter dieser Richtung ist aber +Müllenhoff+, der
+diesen Gedanken in der Vorrede zu den _Schleswig-holsteinischen Sagen_
+1845, in den _Untersuchungen zur Geschichte der Nibelungensage_, ZfdA.
+10, 146 ff.; 23, 185 ff., _Über Irmin und seine Brüder_, ZfdA. 23, 1
+ff., _Über die austrasische Dietrich- und Hartungensage_, ZfdA. 6, 435;
+12, 346; 13, 185, _Über Skeaf und seine Nachkommen_, ZfdA. 7, 410 ff.,
+_Über Beowulf_, ebda. 419 ff., _Über Frija und den Halsbandmythus_,
+ZfdA. 30, 217 ff. zur Anwendung brachte. Die Denkmäler der Heldensage
+entstanden zum Teil noch unter der Herrschaft des Heidentums. Wirkt die
+Göttersage in ihnen nach, so ist allerdings weit grössere Gewähr, von
+hier aus die verlorene Göttersage wiederherzustellen, als aus einem
+beliebigen späten Märchen. Doch der Ausführung dieser Gedanken stehen
+unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Es ist schon schwer, aus
+einer Heldensage den geschichtlichen Kern, die mythischen Bestandteile,
+die Zuthaten und eigenen Erfindungen der Dichter sauber von einander zu
+lösen. Die Bestimmung des in einer Heldensage etwa vorhandenen Mythus
+auf seine Herkunft ist nur zu sehr vom subjectiven Urteil des Forschers
+abhängig. Man unterliegt allzu stark der Verführung, den Mythus so zu
+gestalten, wie man ihn braucht. Das Ergebniss, zumal wenn es noch von
+der vergleichenden Mythologie beeinflusst ist wie Müllenhoffs letzter
+Aufsatz von Frija und dem Halsband, kann als sichere wissenschaftliche
+Thatsache nicht gelten. Die Mythologie kann mit derlei Hypothesen nicht
+rechnen, ohne vollends ins Grundlose zu geraten.
+
+
+5. Die Lehre vom Ursprung der Mythen und die vergleichende Mythologie.
+
+Wie man unmittelbaren mythologischen Gewinn aus den Sagen schöpfen
+könne, lehren Müllenhoff, _Sagen, Märchen und Lieder aus Schleswig,
+Holstein und Lauenburg_ 1845 S. XLIV ff. und +A. Kuhn+ und +W.
+Schwartz+, _norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche_ 1848 S. XX
+ff. Mit den beiden letztgenannten Gelehrten hebt ein neuer Abschnitt
+der mythologischen Forschung an. Schwartz in seinen Schriften _„der
+heutige Volksglaube und das alte Heidentum“_ 1849, _„Ursprung der
+Mythologie“_ 1860, _„die poetischen Naturanschauungen der Griechen,
+Römer und Deutschen in ihrer Beziehung zur Mythologie“_ 1864 und 1879,
+_„indogermanischer Volksglaube“_ 1885 war nach zwei Richtungen hin
+thätig, er bestimmte das Verhältniss von Volkssage und Kunstmythus, er
+suchte den Ursprung der Volkssage aus der Naturanschauung zu erklären.
+
++Schwartz+ fand in den unter dem Volke noch lebenden Sagenmassen eine
+_„niedere Mythologie“_, die einen früheren Zustand, eine embryonale
+Entwicklungsform der späteren Götter- und Dämonenwelt festhalte,
+möge die letztere auch in weit älteren geschichtlichen Zeugnissen
+überliefert werden. Nicht also bloss Abschwächungen, Niederschläge
+der in der Edda u. s. w. vorliegenden ausgebildeten Mythologie des
+Heidentums, der Kunstschöpfungen der Dichter, treten uns hier entgegen,
+wie +Grimm+ und +J. W. Wolf+ meinten, sondern vielmehr die Keime und
+Grundlagen, aus denen die _„höhere Mythologie“_ sich entwickelte.
+Wode und das wütende Heer dürfen nicht als verblasste Erinnerung
+an Wodan und die Einherjer erklärt werden, sondern als der uralte
+und unvergängliche Volksglaube, aus dem zur Zeit des germanischen
+Heidentums Wodans Gestalt sich emporhub. Mit +Theodor Waitz+[7]
+begründete Schwartz die _ethnographisch-anthropologische_ Betrachtung
+von Sitte und Sage, die von +Bastian+[8], +Tylor+[9] u. A. auf Grund
+eines umfangreichen Materiales weiter ausgedehnt wurde, und die
+darauf ausgeht, an Thatsachen bei den verschiedensten Naturvölkern
+den gleichmässigen Verlauf der ältesten Sitten-, Religions- und
+Mythenbildung zu veranschaulichen. Sie führt zur Einsicht, dass fast
+sämtliche Entwicklungsstufen und Lebensformen, die der geistige
+Zustand der Menschheit, der Kulturvölker allmälig durchlaufen hat, in
+den heutigen wilden Völkern der Erde noch lebende Vertreter zählen. Die
+Beobachtung dieser wilden Völker gewährt ein Hilfsmittel, den Zustand
+der civilisierten in seiner Ursprünglichkeit kennen zu lernen, viele
+Überbleibsel der niederen Stufen leben in den höheren noch fort. So ist
+auch der religiöse Glaube auf niederer Stufe bei den Indogermanen, ja
+überhaupt bei allen Völkern ziemlich gleichartig. Er erzeugt sich auch
+stets von neuem, da die Voraussetzungen, die kindliche unentwickelte
+Vorstellung der Menschen und die Naturerscheinungen, immer dieselben
+bleiben. Damit war eine völlige Verschiebung der Thatsachen erreicht.
+Das Aufspüren alter Götter im Volksglauben wurde wesentlich beschränkt.
+Nur durch zufällige und verhältnissmässig seltene Rückwirkung
+konnten einzelne Züge aus der höheren in die niedere Mythologie
+übergehen. Selbst die jüngste Volkssage konnte unter Umständen
+dieselbe Keimbildung enthalten, aus der in Urzeiten irgend ein Mythus
+sich entwickelt hatte. Weniger glücklich ist Schwartz mit seiner
+Mythendeutung aus Wetter, Wind und Wolken. Allzu willkürlich wird die
+Überlieferung zugestutzt, allzu einseitig und künstlich eine einzige
+Entstehungsart behauptet.
+
++Kuhn+ aber liess sich vom Veda leiten, in welchem eine der
+urindogermanischen sehr nahe stehende Mythologie enthalten zu sein
+schien, die zugleich den Satz vom physikalischen Ursprung der Mythen
+aufs beste bestätigte. In zahlreichen Abhandlungen der _Zeitschrift
+für vergleichende Sprachforschung_, in der _Herabkunft des Feuers
+und des Göttertranks_ 1859 wurde die Lehre von der vergleichenden
+Mythologie begründet. Der Vedaforscher +Max Müller+ war neben Kuhn
+am Ausbau der Hypothese beteiligt (vgl. _Oxford essays_). Die
+vergleichende Mythologie überträgt die Ergebnisse der vergleichenden
+Sprachwissenschaft aufs Gebiet des Götterglaubens und der Göttersage.
+Möglichst viele griechische und indische Götternamen wurden
+zusammengestellt und aus einer gemeinsamen indogermanischen Form
+abgeleitet. Damit ergab sich eine erstaunlich reiche indogermanische
+Sagenwelt, eine unwahrscheinlich hoch entwickelte geistige Kultur
+des Urvolkes. Die mit grosser Zuversicht auftretende vergleichende
+Mythologie hat mit völliger Entsagung geendet. Die Etymologien hielten
+nicht Stich und damit schon fällt die eigentliche Grundlage. Bis auf
+ganz vereinzelte Gleichungen, wie Dyaus-Zeus-Tiuȥ, deren sachliche
+Berechtigung selbst noch bestritten wird, sind heute die meisten
+Resultate der vergleichenden Mythologie ebenso verschollen wie die
+von den Symbolikern dereinst unter den Hauptreligionen aufgestellten
+Ähnlichkeiten. Die Methode der vergleichenden Sprachwissenschaft schien
+die sicherste Gewähr zu bieten, aber die Hoffnung täuschte. Wenn die
+Vedamythologie[10] nicht als reinster Vertreter der indogermanischen
+gelten darf, wenn sie nicht die arische Theogonie ist, so kann ihr
+Inhalt auch nichts für die andern indogermanischen Völker Bindendes
+lehren. Die Vedamythen sind für sich allein aus ihrer eigenartigen
+Umgebung heraus zu erklären. Aber Kuhn und M. Müller entnahmen aus dem
+Veda eine allgemein giltige Mythendeutung. Die vedischen Mythen hängen
+aufs engste mit Naturerscheinungen zusammen, ja sie scheinen geradewegs
+aus der Naturanschauung hervorgegangen zu sein. Kuhn entwickelte die
+eine Seite der Natursymbolik, das Gewitter; Müller die andere, die
+Sonne vom Aufgang zum Niedergang. M. Müllers Sonnenlehre ist von
+Müllenhoff auf Tiuȥ, Frija und die Alkîȥ angewandt worden. Im Abschnitt
+über Tiuȥ ist sie auch in diesem Handbuch trotz mancher Zweifel
+berücksichtigt.
+
+Die Entstehung der Vedamythologie bezeichnet M. Müller so, dass blosse
+Namen von Naturerscheinungen meteorischer Art allmälig verdunkelt,
+personificiert und vergöttert worden seien. Der Satz: „der Himmel
+regnet, donnert, blitzt“, endigt schliesslich mit dem Glauben an Zeus,
+an einen persönlich gedachten Gott des lichten Himmels, in dessen
+Hand die Elemente liegen. Die Sprache beruht auf Vergleichungen,
+auf Bildern. Allmälig tritt die Metapher dem Bewusstsein zurück, so
+entsteht eine Sage, kein blosser Vergleich. „Die Sonne folgt der
+Morgenröte“ entwickelt den Mythus: der Sonnengott folgt liebend der
+Morgenröte; es entsteht eine Werbungssage. „Die Sonne geht unter“
+= der Sonnengott altert oder stirbt. „Aus dem Schoose der Nacht
+enttaucht die Sonne“ = die Nacht gebiert ein strahlendes Kind. Die
+poetische Sprache gibt oft zweien mit nur einer gleichen Eigenschaft
+ausgestatteten Gegenständen die Bezeichnung, die ursprünglich nur
+einem derselben zukam. Sie sagt z. B. Sonnenstrahlen sind wie Zügel,
+Finger, Hände, roten Kühen gleichen die roten Wolken der Abend- und
+Morgenröte. Später heisst es: sie sind es wirklich, und dann entsteht
+der Mythus von Ross und Reiter, von der rosenfingrigen Eos, von den
+Kühen, die der Dämon des Dunkels raubt, die aber morgens wieder
+ausgetrieben werden. Müller räumt der Sprache einen grossen, aber auch
+gesuchten Einfluss bei Schöpfung der Mythen zu. Die Götter des Lichts,
+welche das Grauen der Nacht verscheuchen, sind die Beschützer und
+Freunde des Menschen. Zu dieser Glaubensidee erhub sich bereits das
+indogermanische Urvolk. Bei der Mythenbildung ist auch die sogenannte
+„Hypostase“ von Belang, dass aus einer Urgestalt mehrere hervorgehen
+als einzelne Verkörperungen ihrer Eigenschaften und Beinamen. Der
+Himmel ist der helle (Zeus), der blitzende, donnernde, welche Namen und
+Eigenschaften in vielen Mythologien die Vorstellung eines besonderen
+Gewittergottes neben dem Lichtgott hervorriefen. So ergeben sich
+zahllose Möglichkeiten von Mythendeutungen. Zwei Grundsätze wurden
+von den Vertretern der vergleichenden Mythologie als unumstösslich
+erwiesene Thatsachen betrachtet: dass die Hauptgöttergestalten und eine
+Anzahl von Mythen in der Urzeit und Gemeinschaft des arischen Stammes
+entstanden seien, dass die Mythen aus meteorischen Erscheinungen
+hervorgingen. Der Grundgedanke der vedischen und damit indogermanischen
+Mythologie ist ein Kampf der Lichtgötter mit den Dämonen der
+Finsterniss, zwischen Tag und Nacht, Sonne und Gewitterwolke. Wenn
+auch schwer bedrängt und fast besiegt ringt sich doch das Licht
+immer wieder empor. Die allgemeine Anschauung von himmlischen
+Lichtgöttern mag allerdings sehr wahrscheinlich als indogermanisch
+gelten. +Mannhardt+, der eine Zeit lang ein eifriger Anhänger der
+vergleichenden Schule war, unternahm es, in Einzeluntersuchungen
+(_germanische Mythen_ 1858) und in zusammenhängender Betrachtung (_die
+Götterwelt der deutschen und nordischen Völker_ 1860) die germanische
+Mythologie von diesem Standpunkte aus zu bearbeiten. Sein Buch blieb
+der einzige wissenschaftlich begründete Versuch, es rief keine neue
+Bewegung hervor, es bildet im Gegentheil den Abschluss der eigentlich
+vergleichenden Mythologie in ihrer Anwendung auf die germanische
+Überlieferung. Man erkennt klar daraus, wie viel oder wie wenig mit
+dieser Methode zu erreichen war.
+
+
+6. Die Lehre vom Dämonenglauben.
+
++Wilhelm Mannhardt+[11], der aus einem einstigen Anhänger J.W.
+Wolfs zur vergleichenden Schule übergetreten war, verleugnete
+schliesslich auch diese und begründete eine selbständige Lehre, die
+_Volksglauben und Volksbrauch_, namentlich soweit er mit dem Ackerbau
+zusammenhängt, obenan stellt. Auf Grund umfassender Sammlungen, auf
+Grund sorgsamer Erforschung alter und neuer Überlieferung bekennt er
+sich zur Anschauung, dass Wald-, Feld- und Hausgeister der Einbildung
+des Volkes zuerst lebendig wurden, dass diese Gestalten dem niedere
+Volke auch stets lebendig blieben, gleichviel welche Mythen die
+fortschreitende Kultur unter den höheren Kreisen zeitigte. Diese
+im Kerne sich gleichbleibende Volksmythologie war der gemeinsame
+Besitz der ungeteilten Indogermanen. Die Annahme einer ausgebildeten
+indogermanischen Götter- und Heldensage gibt Mannhardt zuletzt fast
+ganz auf. Nur einige wenige gemeinsame Götternamen und Vorstellungen
+wie Dyaus-Zeus lässt er gelten.
+
+Die Untersuchung der Wald- und Feldkulte zeigt, dass diese einen
+gemeinsamen Grundstock von Anschauungen und darauf beruhenden
+Gebräuchen enthalten, der sich bei allen europäischen Völkern
+findet, welch verschiedene Religions- und Göttersysteme sie auch
+haben mögen. Die Dämonen des Erntefeldes, des Waldes, des Baumes,
+die „Vegetationsgeister“ machen die Grundvorstellung aus in den
+Glaubensüberlieferungen der alten und neuen Kulturvölker Europas. Nur
+wenig ist von dem Mythenkreis der Dichter und Priester, der wie der
+Glaube der Gebildeten über dem der Ungebildeten, d. h. der geistig und
+gesellschaftlich Niedrigeren sich erhebt, in diese Überlieferungen
+eingedrungen. Am meisten noch hat das katholische Christentum sich mit
+ihnen vermischt, sie teilweise umgeformt oder verhüllt.
+
+Die modernen Volkssagen und Volksbräuche sind die unmittelbaren
+Abkömmlinge jener urzeitlichen, wennschon auch viele spätere
+Neubildungen oft erst aus der christlichen Zeit darunter begegnen.
+Der Volksglaube wird zwar immer neu geboren, aber jedesmal auch
+in veränderter Gestalt, den Verhältnissen angepasst. Aus dem
+Volksglauben wachsen dann oft höhere Mythen hervor. So wird der
+Sturmgeist Wode zum Gott der Helden und Dichter, zu Wodan. Besteht
+einmal der Glaube an lichte, himmlische Götter, so mögen sie manche
+Gestalt aus der Dämonenschar zu sich hinauf ziehen. Entkleidet man
+einzelne Götter ihres herrlichen Aufputzes, so kommen wieder die
+altbekannten Spukgestalten zum Vorschein. Im allgemeinen Gedanken
+berührt sich also Mannhardt mit Schwartz, dass der Kunstmythus aus
+dem Volksglauben und nicht umgekehrt dieser aus jenem hervorging.
+Die Möglichkeit, dass beide unabhängig seit Alters neben einander
+her liefen und nur zeitweilig auf einander einwirkten, wird nicht
+erörtert. Im _Roggenwolf_ 1865 erklärt Mannhardt die Elementargeister
+für Windgeister. Die Windfurchen im Korn waren die Spuren der in Tier-
+und Menschengestalt hindurchlaufenden Geister. In den _Korndämonen_
+denkt er daneben an Seelengeister. Im _Baumkult der Germanen_ 1875,
+in den _antiken Wald- und Feldkulten_ 1877, in den _mythologischen
+Forschungen_ wird dagegen die Pflanzenseele als Ursprung mythologischer
+Vorstellungen hingestellt. Aus der Beobachtung des Wachstums in der
+Pflanzenwelt habe der Mensch auf Wesensgleichheit geschlossen und
+einen Pflanzengeist erdacht. Die Pflanzenseele entwickelte weiterhin
+den Glauben an dämonische Wesen überhaupt. Mit seiner Mythenerklärung
+irrt Mannhardt sicher; diese Gedankenreihe ist viel zu künstlich
+und abstract. In seinen früheren Arbeiten stand er in diesem Punkte
+der Wahrheit näher. Ferner erregt die Behauptung indogermanischer
+Korndämonen Bedenken, da sie sehr entwickelten Ackerbau voraussetzt,
+während wir die Indogermanen als ein schweifendes Hirtenvolk zu denken
+haben.
+
+Die vergleichende Schule zumal bei Kühn und Müller nahm die kunstvollen
+Göttermythen zum Ausgang, deren Ursprung aus Wind und Wolken und
+Himmelslicht abgelesen wurde. Schwartz hatte mit richtigem Gefühl
+die Volkssage in den Vordergrund gestellt, blieb aber in der rein
+meteorischen Auslegung befangen. Mit Mannhardt tritt immer mehr
+der Volksglaube als die ursprüngliche Religion in den Mittelpunkt,
+dem gegenüber zumal bei den Griechen der Götterglauben wie eine
+künstlerisch stilisierte Neugestaltung desselben Grundgedankens
+erscheint. +Elard Hugo Meyer+ baute diese Ansicht aus. Er nimmt
+verschiedene Entwicklungsstufen der mythischen Gestalten an nach dem
+Grundsatze, dass das menschliche Denkvermögen vom Einfachen bis zum
+künstlerisch höher Ausgebildeten aufsteige.
+
+Die erste Stufe des Volksglaubens ist die Vorstellung von
+Seelengeistern, von Gespenstern. Der Geisterglaube wurzelt tief und
+unausrottbar im Menschen, Vorgänge im Leben, Traum, Alpdruck, Tod
+wirken zusammen, um überall bei wilden und gebildeten Völkern zumal
+unter dem Eindruck der Furcht den ziemlich gleichmässig gestalteten
+Geisterglauben hervorzurufen. Auf der zweiten Stufe stehen die
+Naturdämonen. Die Natur wird beseelt, wo Leben und Bewegung herrschen,
+im Gewitter, im Wind und Wolkenzug weben vielgestaltige Dämonen. Auf
+erster Stufe enttauchen also die Geister unmittelbar aus dem Innern des
+Menschen, auf zweiter Stufe tritt die Phantasie mehr in Thätigkeit.
+Die physikalische Erklärung kommt wieder vollauf zur Geltung, nur
+mit dem Fortschritt gegenüber der früheren Verwendung, dass nicht
+einfach eine Verkörperung der Elemente stattfindet, sondern eine
+Übertragung des bereits bestehenden Geisterglaubens in die bewegte
+Natur. Das geheimnissvolle Leben und Weben, das der Mensch in der
+Natur wahrnimmt, das mittelbaren und unmittelbaren Einfluss auf sein
+Wol und Weh hat, wird dem Walten unsichtbarer Mächte zugeschrieben.
+Und solche Wesen sind ja im Seelenglauben bereits vorhanden. Besonders
+Windgeister wirken überall in Wald und Feld, in Wolken und Wassern.
+Die Anthropologie hat einen fördersamen Beitrag zur Einsicht in
+die Entstehung mythischer Gebilde geliefert mit dem Nachweis der
+Seele und der Naturbeseelung, worin die gesamte niedere Mythologie
+eigentlich beschlossen ist. Ihr Ursprung ist damit auch notwendig
+überall aus der Wechselwirkung zwischen menschlicher Empfindung und
+der Natur erfolgt. Bei den meteorischen Auslegungen verliert sich
+Meyer freilich bald in die unwahrscheinlichen Künsteleien der älteren
+Schule. Nur die allgemeine Grundlage eines Volksglaubens oder einer
+Sage vermag die physikalische Deutung befriedigend nachzuweisen;
+sobald Einzelheiten ausgelegt werden, verlieren wir festen Boden.
+Vom niederen Dämonenglauben unterscheidet Meyer einen höheren,
+den die höheren Stände aus dem gewöhnlichen Volksglauben dadurch
+erschufen, dass sie geistige und sittliche Motive einwoben. Wir
+treffen demnach hier nicht mehr auf Vorstellungen, die mit zwingender
+Notwendigkeit aus überall gegebenen Voraussetzungen gleichmässig
+erwuchsen, vielmehr auf wesentlich willkürlich erzeugte individuelle,
+dichterische Schöpfungen. Der höhere Dämonenglauben, der noch unter
+den ungetrennten Indogermanen im wesentlichen entstand, entfaltete
+die dritte Stufe: Götter-und Heroenglauben. Aus derselben Grundlage
+erwuchs unter der Pflege der Priester der Göttermythus, beim Adel
+und beim weltlichen Sänger der Heldenmythus. Daher erklären sich
+die längst erkannten Berührungspunkte zwischen der Göttersage
+und den mythischen Bestandteilen der Heldensage, nicht aus einem
+Abhängigkeitsverhältniss, das die Helden zu „Hypostasen“ von Göttern
+macht, sondern aus beiderseitigem gemeinsamem Hintergrund. In den
+_Indogermanischen Mythen_ 1883 und 1887 wird ein stark ausgeprägter
+idg. Dämonenmythus angenommen, Sagen von Donner-und Blitzwesen,
+vom Sturmdämon, von Wolkenfrauen. Ebenso in der _Germanischen
+Mythologie_ 1891. Der Dreiklang der Lufterscheinung, Gewölk, Wind
+und Gewitter, regt die Einbildungskraft zur Schöpfung bestimmter
+typischer Gestalten an, welche dann bei den einzelnen indogermanischen
+Völkern weiterhin zu Göttern und Helden individualisiert werden. Wie
+Müllenhoff räumt also auch Meyer der Heldensage eine wichtige Stelle
+in der mythologischen Überlieferung ein. Er erkennt aber, zumal in
+der germanischen Mythologie, die kaum lösbare Schwierigkeit ihrer
+Verwertung an. Weder auf die eine noch auf die andre Art ist je zu
+hoffen, dass Einigung darüber erzielt werde, was aus der Heldensage
+als mythisch auszuscheiden, wie es mit der übrigen mythologischen
+Überlieferung zu verknüpfen sei. Bedenken erregt ferner die Art, wie
+Meyer die einzelnen Götter aus den höheren Dämonen ableitet. Gewiss
+bestehen Berührungen zwischen Göttern und Dämonen. Namentlich Wodan
+ist aus der Gespensterschar zu den Himmlischen entrückt worden.
+Aber einzelne Erscheinungen dürfen nicht verallgemeinert werden.
+Die höhere Mythologie steht immer über der unvertilgbaren niederen,
+Wechselwirkungen nach oben und unten sind unvermeidlich, aber der
+Beweis, dass die höhere Mythologie in allen Teilen gleichsam organisch
+aus der niederen hervorging, ist nicht erbracht.
+
+Die mythologischen Deutungsversuche hefteten sich von jetzt ab
+an die niedere Mythologie, da hier entschieden mehr Aussicht auf
+befriedigende Lösung der Fragen besteht. +Julius Lippert+ wies in
+mehreren Schriften nachdrücklich auf Seelenglauben und Seelenkult als
+das eigentliche mythenerzeugende Element in allen Religionen hin;
+so in seinen _Religionen der europäischen Kulturvölker_ 1881, in
+_Christentum, Volksglaube und Volksbrauch_ 1882, in der _Allgemeinen
+Geschichte des Priestertums_ 1883/4. Die Thatsache, dass überall
+der Seelenglaube eine grosse Rolle spielt, tritt klar hervor. Aber
+Lippert irrt, wenn er im Seelenglauben die einzige Grundlage der
+Mythen annimmt und alle Religionen und Mythologien unmittelbar daraus
+ableitet. Nur unter Missachtung historischer und philologischer
+Ergebnisse, die sich dagegen auflehnen, vermag er seine Behauptung
+durchzuführen. Ungleich wertvoller ist +Erwin Rohdes+ _Psyche
+Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen_ 1890. Rohde erweist
+das Vorhandensein des Seelenglaubens bereits in den ältesten Zeiten
+des Griechentums. Selbst hinter diesen geistig und künstlerisch hoch
+entwickelten Lebensformen lagert der finstere Gespensterglaube, der
+einmal dem Menschen eingepflanzt und nur zeitweilig unter dem Einfluss
+höherer Bildung zurückzudämmen ist.
+
++Ludwig Laistner+ behandelte mit feinstem poetischem Empfinden
+und gründlichster Gelehrsamkeit Vorstellungsgruppen der niederen
+Mythologie. _In den Nebelsagen_ 1879 nimmt er die Naturerscheinung zu
+Hilfe, der noch in einer uralten Zeit bereits einige Typen erwuchsen,
+z. B. die Anschauung des Nebels als Wolf, des Sturmes als Ross. Aber
+nur ein paar Typen sind alt, deren Individualisierung den einzelnen
+Völkern zumal unter Einwirkung der Naturverhältnisse zufällt. Das
+Vermögen, aus Nebelerscheinungen Sagen zu bilden, hielt lange an. Die
+deutschen Nebelsagen sind nicht sehr alt; sie können erst entstanden
+sein, als unsre Vorväter, ins Bergland einrückend, die mannigfachen
+Gestalten des Nebels kennen lernten. Im _Rätsel der Sphinx_ 1889
+wird der Ursprung des Geisterglaubens an den Alptraum angeknüpft,
+der Alptraum als die Grundlage und der Ausgangspunkt zahlloser
+abergläubischer Vorstellungen und Sagen erwiesen. Laistner hat die
+psychologische Erklärung von der Mythenentstehung sehr gefördert,
+freilich auch zu einseitig angewandt. Höchst beachtenswert sind die
+Etymologien, die Laistners Schriften auch dem Sprachforscher überaus
+anziehend machen. Die Namen sollen von Anfang an mit den Sagen
+verknüpft sein; ihre richtige Etymologie, die ursprünglich durchsichtig
+und allgemein verständlich war, weist auf denselben Vorstellungskreis
+des Alptraumes hin, dem Sage und Glaube entstammen. Im Verlauf der Zeit
+kam der wahre Sinn abhanden. Die Forschung muss ihn wieder herstellen.
+Natürlich müssen auch die Etymologien manchen sachlichen und formalen
+Widerspruch hervorrufen. Aus dem Kreise der Alptraumgeister entwickeln
+sich allmälig auch nach Laistner die übrigen mythologischen Gebilde.
+Der Alptraum ist Keim und Kern aller Mythologie.
+
+
+7. Die Wanderung der Mythen.
+
+Die Symboliker hatten aus allgemeinen Ähnlichkeiten eine Urreligion
+erschlossen, welche mit der Menschheit von der Urheimat aus über den
+Erdball verbreitet worden war. Die Anhänger der vergleichenden Richtung
+vertraten eine ähnliche Anschauung, nur mit Beschränkung auf den
+indogermanischen Stamm. Auch sie glaubten an eine ziemlich ausgebildete
+indogermanische Mythologie, die mit den einzelnen Völkern wanderte und
+nach der Trennung allerdings sich auch verschiedenartig entfaltete.
+Kulte und Mythen aller Zeiten und Völker stehen in geheimnissvoller
+Wechselwirkung, Ähnlichkeiten sind nicht zu verkennen. Wenn sie nicht
+auf Zufall und gleichmässiger Entwicklung aus den überall gegebenen
+Voraussetzungen der Wechselwirkung zwischen menschlichem Geiste
+und Naturumgebung beruhen, wenn ebenso die urmenschliche wie die
+urindogermanische Religion als ein Irrtum bezeichnet werden muss,
+bleibt nur eine Erklärung: Entstehung an einer bestimmten Stelle
+und Ausbreitung von dort aus. +O. Gruppe+, _Die griechischen Kulte
+und Mythen in ihren Beziehungen zu den orientalischen Religionen_ I
+1887 gelangt nach Verurteilung aller bisherigen Erklärungsversuche
+zur Lehre vom „Adaptationismus“, von der Entlehnung und Aufnahme
+der irgendwo und irgendwie gestifteten Religionsformen. Die übrige
+Menschheit war anfänglich durchaus religionslos. Gruppe sagt S. 151:
+„Wir glauben hinsichtlich der auch von uns zugegebenen sachlichen
+Übereinstimmungen zwischen den Kulten und Mythen der einzelnen
+indogermanischen Völker den Nachweis geführt zu haben, dass sie
+erstens nicht in die proethnische Urzeit hinaufreichen können, weil
+sie mit dem allgemeinen Kulturzustande jener Periode in unlöslichem
+Widerspruch stehen, dass sie aber ferner nicht einmal in die Periode
+der einzelnen Völkergruppen zurückgeführt werden dürfen, ja dass
+selbst die Anfänge der ethnischen Zeit wenigstens bei den Griechen
+ohne einigermaassen ausgebildete Religionsformen gewesen sein müssen.
+Damit ist nun negativ erwiesen, dass der von Müller eingeschlagene
+Weg, jene sachlichen Übereinstimmungen zu erklären, unrichtig war.
+Es kommt nun nur noch darauf an, dass eine andre Art der Erklärung
+als die Vererbungshypothese möglich ist, d. h. dass auch nach ihrer
+Trennung Inder, Griechen und Germanen zu denselben Religionsformen
+gelangen konnten, indem sie sich dieselben von aussen her aneigneten.
+Da als die gemeinschaftliche ausserindogermanische Quelle der bei den
+indogermanischen Völkern übereinstimmenden Mythen und Kulte nur Ägypten
+und das grösstenteils semitische Vorder-Asien in Betracht kommt, so
+handelt es sich darum, ob wol Wege denkbar sind, auf denen ursprünglich
+vorderasiatische oder ägyptische Religionsformen in grossem Umfange
+nach Griechenland, nach Indien und nach Mittel- und Nordeuropa
+importiert wurden.“ Also die Semiten haben die übrige Menschheit
+überhaupt erst mit Religion beglückt! Was Gruppe S. 180 ff. vom
+Entstehen der germanischen Religion sagt, ist höchst unwahrscheinlich.
+Er glaubt dem Caesar aufs Wort, dass die Germanen damals nur Sonne,
+Mond und Feuer anbeteten. „Wie hat sich das schon in der Zeit geändert,
+von der uns die Germania des Tacitus berichtet! Und von dort aus
+wieder welcher Abstand zu dem Zustand der germanischen Mythen und
+Kulte im Zeitalter der Völkerwanderung! Fast Schritt für Schritt
+können wir an der Hand äusserer glaubwürdiger Zeugnisse das Eindringen
+südeuropäischer Vorstellungen in Germanien verfolgen.“
+
+Gruppes Anschauungen an und für sich verdienen alle Beachtung. Er macht
+einen Unterschied zwischen dem Volksglauben und den priesterlichen
+hieratischen Mythen samt den damit verknüpften Kulten. Von diesen,
+also von der sogenannten höheren Mythologie gilt die Hypothese der
+Wanderung. Wenn auch nicht im vollen Umfang, wie Gruppe es meint, und
+einzig von dem Punkte aus, den er bestimmt, so hat doch die Annahme
+von Entlehnung gerade auf religiösem Gebiet ungemein viel für sich.
+Die Völker waren nicht so abgeschlossen, wie man gewöhnlich für den
+ältesten geschichtlich überlieferten Kulturstand anzunehmen pflegt.
+Auch steht fest, dass die religiösen Anschauungen der Germanen
+im ersten Jahrhundert sich mannigfach veränderten und zwar durch
+Anregung von aussen her. Tempelbau, Götterbilder, Altäre entstehen
+unter römischem Einfluss. Wodan als Kulturgott ist auch nicht unter
+gänzlich abgeschlossenen, fremden Einflüssen unzugänglichen Stämmen
+aufgekommen. Die nordische Mythologie enthält fremde Bestandteile in
+Menge, ihr ganzer Aufbau ist unmöglich aus bloss urgermanischem Gute zu
+verstehen. Aber es wird noch weitreichender und langwieriger Studien
+bedürfen, bis die Wanderungslehre sich festigt. Oft lagern auch in
+der höheren Mythologie ältere und jüngere Schichten über einander;
+diese zu scheiden, ihre Herkunft zu bestimmen, dünkt uns eine schier
+unmögliche Aufgabe. Die sprachlichen Grenzen fallen natürlich bei der
+Wanderungslehre, wieder wie zur Zeit der Symboliker muss der Mythologe
+die Religion der ganzen Welt übersehen, aber nicht auf allgemeine
+Ähnlichkeiten, sondern auf Einzelheiten und immer mit strengster
+Quellenkritik. Das Ziel ist noch sehr ferne und wird vielleicht nie
+erreicht.
+
+In seiner geistvollen Schrift: _Sæledyrkelse og naturdyrkelse_, 1.
+Band, Kopenhagen 1890, gelangt der Däne +Vodskov+[12] zu ganz andern,
+Gruppe schnurstracks entgegengesetzten Ergebnissen. Wir übergehen hier
+die höchst anziehenden ethnographischen Abschnitte des Werkes, wo die
+Lehre von der allmäligen Ausbreitung des Menschengeschlechtes über die
+Erde, von der örtlichen Gebundenheit aller Kultur derjenigen von der
+Wanderung der einzelnen oft sehr hoch kultivierten Völker gegenüber
+gestellt wird, und weisen nur kurz auf die mythologischen Anschauungen
+des Verfassers hin. Er unterscheidet drei Hauptrassen, Arier,
+Mongolen, Semiten. Wie ihre ganze Anlage, so ist auch ihre Religion
+grundverschieden. Die Mongolen und Semiten haben es nicht über den
+Seelenkult gebracht (vgl. S. CII die Abfertigung des jüdischen Jehova,
+dieses „ächten Semiten“). Der Seelenkult ist des reinen, erhabenen
+Gottesbegriffes unfähig, er bleibt immer in dumpfer Beschränkung,
+indem der Mensch der alleinige Maassstab des Göttlichen ist. Wol
+schreitet der Seelendienst zum Ahnendienst, zur Naturbeseelung.
+Die Naturgegenstände sind die Äusserungen der Seelengeister. Aber
+der Begriff der Seele bleibt stets ein niedriger, erbärmlicher.
+Demgegenüber schwingt sich arischer Idealismus zum Gottesbegriff auf.
+Wol kennen die Indogermanen auch alle Abstufungen des Seelenglaubens,
+aber neben und über ihm den Götterglauben. Die Natur ist das Göttliche
+und alles Sein dem göttlichen Walten unterworfen. Gewiss ist ein
+grosser Unterschied, ob geglaubt wird, in der Natur wirken Gespenster
+oder lichte mächtige Götter. Die Seelenverehrung geht natürlich als
+die niederere Glaubensform der Naturverehrung voraus. Ansätze zur
+Vergötterung der Natur zeigen zwar auch die andern Rassen, zur vollen
+Entwicklung gedieh sie nur bei den Indogermanen. Vodskov hat bis jetzt
+seine Lehre nur allgemein ausgesprochen, prüfen lässt sie sich erst,
+wenn sie im einzelnen am Stoffe nachgewiesen sein wird.
+
+So ist kein Mangel an Lehren, aber so vielseitig auch die Fragen
+beleuchtet wurden, befriedigend gelöst sind sie noch nicht. Für unsern
+nächsten Zweck ist aber auch die Entscheidung über Vorgänge, welche
+der Überlieferung zum Teil weit vorausliegen, nicht unentbehrlich.
+Wir haben es zu thun _mit dem germanischen, deutschen und nordischen
+Heidentum vom Beginn der Quellenzeugnisse bis zur Bekehrung, also
+etwa mit dem ersten Jahrtausend_. Es soll annähernd bestimmt werden,
+welche niedere und höhere Mythologie in diesem Zeitraume vorhanden
+war. Soweit auf dem Gebiete der höheren Mythologie Einwanderung und
+Entlehnung fremder, antiker oder christlicher Bestandteile, also
+„Adaptationismus“ damals stattfand, soll diese Thatsache thunlichst in
+den Vordergrund treten. Dagegen haben wir auch mit einem Bestand von
+hieratischen Kulten und Mythen zu rechnen, mit einem Grundstock höherer
+Mythologie, in dessen Besitz die germanischen Stämme um Christi Geburt
+sich befanden, den sie mit andern Indogermanen gemein hatten. Denn man
+darf die Germanen Caesars doch nicht götterlos, nur als Anbeter von
+Sonne, Mond und Feuer denken, während zur Zeit des Tacitus bereits
+ein ausgedehnter Götterglaube aus dem reinen Nichts entstanden wäre.
+Wie die Germanen zu ihren vorgeschichtlichen Göttern kamen, braucht
+nicht entschieden zu werden. Immerhin ist es noch wahrscheinlich,
+dass die Germanen mit den übrigen Indogermanen von Urzeiten her
+die Vorstellungen von lichten, himmlischen, waltenden Göttern
+gemein hatten, dass diese Götterbegriffe an den Naturerscheinungen
+insbesondere von Licht, Sonne, Gewitter sich entfaltet hatten.[13] Die
+Persönlichkeiten der Göttergestalten, die wir erblicken, gehören aber
+gerade in ihren besten und schönsten Zügen den Germanen eigentümlich zu.
+
+
+8. Die Verschiedenheit der einzelnen germanischen Kulte.
+
+Über einzelne verschiedene Kulte in der heidnisch-germanischen Zeit
+ist bei der Mangelhaftigkeit der Überlieferung wenig zu erfahren.
+Doch haben einige Gelehrte besonders darauf geachtet und Ergebnisse
+gewonnen, welche für die Entwicklungsgeschichte der germanischen
+Religion von Wichtigkeit sind. +Müllenhoff+ suchte nachzuweisen,
+dass Tiuȥ ursprünglich Hauptgott der Germanen war, jedoch in
+Niederdeutschland bald vor Wodan zurückwich. +Uhland+ hatte den
+Unterschied des norwegischen Thorskultes und des schwedischen
+Freyskultes, endlich auch das Eindringen Odins im Norden hervorgehoben.
++Weinhold+ (_Berliner Sitzungsberichte_ 29, 611 ff.) wies nach, dass
+diese verschiedenen Kulte zwischen ihren Anhängern zu Kämpfen führten,
+die mit einem Vergleiche endigten. Die mit dem Ackerbau verknüpften
+Bräuche wurden sorgsam gesammelt, um daraus verlorene germanische
+Kultformen zu erschliessen. Solche Untersuchungen lieferten H.
+Pfannenschmid, Germanische Erntefeste im heidnischen und christlichen
+Kultus 1878, worin Mannhardts mythologische Anschauungen gelten, und
+Ulrich Jahn, Die deutschen Opferbräuche 1884, worin die erschlossenen
+Kultformen nicht nur auf die Wald-, Feld- und Wachstumsgeister, sondern
+auch auf die Hauptgottheiten des Heidentums, deren Spuren übereifrig
+aufgesucht wurden, zurückgeführt sind.
+
+
+9. Die nordische Mythologie, ihr Verhältniss zur deutschen und
+gemeingermanischen.
+
+Eine der schwierigsten Fragen betrifft das Verhältniss zwischen
+deutscher und nordischer Mythologie. Voreilig wurde eine Lösung
+versucht, ehe nur die einfachsten und nötigsten Vorfragen aufgeworfen,
+geschweige denn erledigt waren. Derselbe Trugschluss, dieselbe
+unbewusste Geschichtsfälschung, die auf ein paar Ähnlichkeiten hin
+eine hochentwickelte urindogermanische oder urmenschliche Religion
+ausbauten, haben lange Zeit ebenso das wirkliche Verhältniss deutschen
+und nordischen Götterglaubens entstellt. Die nordische Mythologie
+muss zunächst für sich allein gründlich erforscht werden, es gilt,
+die älteren und jüngeren Bestandteile aus einander zu lösen, die
+Entwicklung innerhalb der nordischen Mythologie selber festzustellen,
+vor allem aber die Quellen auf ihr Alter, auf ihre Zuverlässigkeit
+zu prüfen, ihren Inhalt mit Hilfe der nordischen Kulturgeschichte zu
+untersuchen, ehe man die Überlieferung auf Treu und Glauben hinnimmt
+und zu den kühnsten Kombinationen missbraucht. Im Zusammenhang mit der
+nordischen Altertumskunde betrachtet muss die nordische Mythologie
+richtiger beurteilt werden, als wenn frischweg nach Lust und Laune ihr
+Inhalt ausgedeutet und mit fernliegenden Dingen zusammengestellt wird.
+
+Angeregt von Grimms Deutscher Mythologie unternahmen nordische Gelehrte
+zusammenfassende Darstellungen der nordischen. +N. M. Petersen’s+
+_nordisk mythologi_ 1849 sucht den grossartigen, einheitlichen Aufbau
+der Eddaüberlieferung vorzuführen; gelegentlich wird nach verschiedenen
+Arten ausgelegt. In +R. Keyser’s+ _nordmændenes religionsforfatning
+i hedendomen_ 1847 (vgl. auch _samlede skrifter_ 1, 249 ff.), +P. A.
+Munch’s+ _nordmændenes ældste gude- og heltesagn_ 1853, +K. Maurer’s+
+_Bekehrung des norwegischen Stammes zum Christentum_ 1855/6 treten
+die reichlichen Nachrichten der Geschichtsquellen dem Inhalt der Edda
+ergänzend zur Seite, ohne dass jedoch der grosse Unterschied vollauf
+gewürdigt und richtig erklärt worden wäre.
+
+Schon vorher war ein beachtenswerter Versuch gemacht worden, die
+Entwicklungsgeschichte im überlieferten Stoffe nachzuweisen.
++Martin Hammerich+ legte 1836 in seiner trefflichen Schrift „_om
+ragnaroksmythen_“ zuerst den kritischen Maassstab an die bisher nur
+bewunderte und mystisch ausgedeutete nordische Mythologie. Er hebt
+den Widerspruch zwischen der lebensfreudigen Götterwelt Odins und
+dem zukünftigen Friedensreiche des ungenannten Gottes, der in der
+neuen Welt herrschen wird, hervor. Unmöglich könne von Anfang an
+die Götterwelt dem Untergang durch Feuer geweiht gewesen sein. Es
+gab eine Zeit, da die Asen ewig und unsterblich waren. Erst spät,
+als der Heidenglaube sich innerlich überlebt hatte, erhub sich das
+zukünftige Reich des ewigen Gottes über dem endlichen Reiche Odins.
+Die „Götterdämmerung“ wird als letzte Entwicklungsstufe der Mythologie
+aufgefasst, ausschliesslich den Nordleuten und den letzten Zeiten
+des Heidentums zugewiesen. Der Schluss, die Götterdämmerung und das
+Friedensreich aus den Strömungen des 9./10. Jahrhunderts, d. h. aus
+fremden Einflüssen zu erklären, wird aber noch nicht gewagt.
+
+Jedoch aus der blossen Betrachtung des Inhaltes der nordischen
+Mythologie waren keine festen Ergebnisse zu gewinnen, dazu bedurfte es
+eingehender Prüfung der einzelnen Quellen. Die nordischen Denkmäler
+erschienen in stetig sich verbessernden Ausgaben. Auf der Grundlage
+guter Texte nahm die nordische Geschichte und Literaturgeschichte
+einen gewaltigen Aufschwung. Für die sog. ältere Edda, die Sammlung
+altnordischer Lieder sehr verschiedenartigen Ursprungs, Inhalts
+und Alters bildet die Ausgabe Bugges 1867 den Beginn erneuten,
+gründlicheren Studiums. Die wachsende Kenntniss der nordischen Sprache
+und Verskunst ergab Anhaltspunkte zur genaueren Altersbestimmung der
+überkommenen Lieder, der erweiterte und vertiefte Einblick in die
+geschichtlichen Zustände zeigte den Hintergrund, auf dem die Gedichte
+sich abheben. Auf ganz allgemeine Erwägungen hin wurde anfangs das
+Alter der Lieder überschätzt.
+
+So rechnet z. B. +W. Müller+, _Altdeutsche Religion_, S. 26, den
+Hauptbestandteil der Eddalieder mit Sicherheit dem 8. Jahrhundert
+oder Anfang des 9. Jahrhunderts zu. Die Form und Färbung dieser
+Dichtungen lässt erkennen, dass sie wegen ihrer grösseren Einfachheit
+und Natürlichkeit noch vor die künstlichere Skaldendichtung des 9.
+Jahrhunderts zu stellen sind. Zwar einige Heldenlieder wurden schon
+früher richtig ins 10./11. Jahrhundert gesetzt. Im allgemeinen aber
+galt die bereits von P. E. Müller vertretene Ansicht, dass der
+Grundstock der Sammlung, insbesondere die meisten Götterlieder, ins
+8. Jahrhundert fallen. Lüning in seiner Eddaausgabe 1859, S. 7 f.
+erachtet die Lieder für noch älter, vor dem 8. Jahrh. entstanden. Die
+dänischen Altertumsforscher erklärten die Eddalieder für urnordisch,
+aber meist in Dänemark gedichtet und verlegten sie ins „mittlere“
+(450-700) oder gar ins „ältere Eisenalter“ (250-450). Gegen diese
+leeren Meinungen wandte sich +E. Jessens+ vortreffliche Abhandlung über
+die Eddalieder (ZfdPh. 3, 1871, 1-84), welche den Beginn der wahrhaft
+kritischen Eddaforschung bildet und auch in ihren kühnen Behauptungen
+(christlicher Einfluss in der Vǫlospǫ́, Unechtheit der Bragilieder)
+immer mehr Bestätigung findet. Nach Jessen gehören die Götterlieder
+dem norrönen Stamm, den Norwegern und Isländern, und sind im 10. Jh.,
+ja noch später, doch mit Verwendung älterer Bestandteile gedichtet.
+Die Mythologie steht auf spätester norröner Entwicklungsstufe. Die
+Geschichte der nordischen Sprachen hat dieses Ergebniss vollauf
+bekräftigt. Urnordisch können die Lieder nicht sein, ihre metrische und
+sprachliche Form erlaubt frühestens den Ausgang des 9. Jahrhunderts
+anzunehmen.
+
+Die neueste, gründlichste Darstellung der altnordischen Litteratur,
+_den oldnorske og oldislandske litteraturs historie_ von +Finnur
+Jónsson+ Bd. 1, 1893, S. 65 ff., wo sicherlich immer lieber zu alt als
+zu jung geschätzt wird, stellt 875 als äusserste Grenze fürs älteste
+Eddalied, die Hǫ́vamǫ́l, auf, während die hochberühmte Vǫlospǫ́, die
+Hauptquelle nordischer Mythologie, auf 935/40 angesetzt wird. Nur also
+wer den Inhalt völlig von den Denkmälern trennt und den nordischen
+Dichtern des 10. Jahrhunderts ein zähes Festhalten an uralter
+Sagenüberlieferung beimisst, mag ein weit höheres Alter des Stoffes
+behaupten, wie es Finnur Jónsson auch thut.
+
++Henry Petersen+, _om Nordboernes gudedyrkelse og gudetro i
+hedenold_ 1876 suchte die längst erkannten und namentlich von Uhland
+hervorgehobenen Unterschiede des nordischen Thors-, Freys- und
+Odinskultes zu erklären. Er kam auf Grund umfassender Betrachtung der
+Skaldendichtung, der geschichtlichen und archäologischen Quellen zum
+Schluss, dass Thor der Volks- und Landesgott der Norweger sei, während
+Odin bei den Skalden und am Fürstenhofe als oberster der Götter verehrt
+wurde. Die nordische Kunstdichtung folgt auch in der Göttersage wie
+in der Heldensage ihrem Hange, fremden, aus Deutschland zugewanderten
+Stoff dem altheimischen, also Wodan-Odin dem Thor vorzuziehen. Odin ist
+von der Skaldendichtung des 9./10. Jahrhunderts nicht zu trennen, dort
+ist sein Reich. Im Volke leben Thor und Freyr, die nur selten und wol
+immer unter höfischem, skaldischem Einfluss Odin neben sich dulden.
+Die nordische Litteraturgeschichte hatte allmählig zur Erkenntniss
+geführt, dass die sogen. Eddalieder den Erzeugnissen der Skaldenpoesie
+zuzurechnen seien, nicht als uralte schlichte Volksballaden gelten
+dürfen. Die Skaldenkunst trägt aber in Form und Gehalt ein durchaus
+eigenartiges, subjektives Gepräge. Wol schöpft sie aus dem Horte
+altheimischer Sagenüberlieferung, doch manches steht und fällt
+mit den Skaldengedichten und reicht nicht über sie zurück. In der
+Skaldenkunst kommt keineswegs der norwegische Volksglaube unmittelbar
+zu Tage, eine Mythologie, die hier ihr Dasein fristet, ist nicht der
+echte, eigentümlich nordische Götterglaube. Die Eddamythologie ist in
+wesentlichen Stücken als Erdichtung der Skalden zu erachten, sie ist in
+ihrer Gesamtheit kein getreues unverfälschtes Abbild der mit dem Kulte
+des nordischen Volkes verwachsenen Mythologie, noch weniger natürlich
+ein Abbild urgermanischer Mythologie. Im Thors- und Freyskult mag man
+vereinzelte urzeitliche Spuren antreffen, in der Odindichtung gelangt
+man zunächst auf die unmittelbare Quelle, den deutschen Wodanglauben,
+der jedoch nicht unverändert, sondern im Gegenteil mit selbständigen
+Zusätzen der nordischen Skalden reichlich ausgeschmückt erscheint.
+Thor und Freyr entwickelten sich wol selbständig bei Norwegern und
+Schweden aus urgermanischen Göttergestalten, aus Donar und Tiuȥ. Wodan
+aber wanderte als Fremdling aus Deutschland in den Norden, worauf die
+Überlieferung selber hinweist. Die Skalden des 9./10. Jahrhunderts
+haben zwar nicht selber Odins Gestalt sich aus Niederdeutschland und
+Dänemark geholt, sondern bereits in Skandinavien vorgefunden; aber
+sie haben sich seiner bemächtigt und in ihren Liedern ihn zu höchstem
+Rang und Ansehen erhoben, dem Gotte, dem das Volk widerstand, zu
+unumschränkter Vorherrschaft das Reich der Dichtung erschlossen.
+
+Ist einmal erwiesen, dass die wichtigsten Denkmäler der nordischen
+Mythologie frühestens dem 9. Jahrhundert, meistens sogar erst dem 10.
+angehören, so darf die von den geschichtlichen Verhältnissen notwendig
+verlangte Folgerung nicht ausser Acht bleiben. Die vorhergehenden
+Jahrhunderte sind die der Wikingerzeit, da die Drachenschiffe
+der Nordländer anfangs zu Heerung und Beute, später zu dauernder
+Niederlassung die umliegenden Lande aufsuchten[14]. Nach Russland, an
+die pommersche, friesische, fränkische Küste, nach England, Irland, den
+Färöern, Island (von 874) liefen die Schiffe aus. Schon im Anfang des
+7. Jahrhunderts ist von einem Seezug der Dänen nach Frankreich, von
+einer Landung nordischer Schiffe auf Tory Island in Irland die Rede.
+Aber es währte lange, bis die Fahrten regelmässiger und zahlreicher
+wurden. Um 800 hatten die Wikinger-Einfälle in England und Irland
+bereits bedrohlich zugenommen, 852 wurde eine förmliche Herrschaft
+in Dublin aufgerichtet. Die Berührung mit fremden, christlichen, an
+Kultur hochentwickelten Völkern musste zu wechselseitigen Einwirkungen
+führen. Wol erschienen die Nordleute zuerst sengend und brennend und
+verschwanden schnell wieder mit der gewonnenen Beute, aber es wurde
+mitunter auch mit dem fremden Volke verhandelt. Entführte Frauen,
+Kinder, die solchen Raubehen entsprangen, trugen zur Vermischung
+der verschiedenartigsten Elemente bei. Nach erfolgter dauernder
+Niederlassung ergaben sich engste Beziehungen zwischen den Einwohnern
+und den Nordleuten. Mit den Stammlanden wurde der Verkehr lebhaft
+unterhalten. So kam es, dass einzelne Nordleute lange vor der Bekehrung
+der Heimatlande auswärts Christen wurden. Sie lernten christlichen
+Brauch kennen, sie hörten und sahen viel Neues, ihr geistiges Leben
+empfing mannigfache Anregung. Wie die Deutschen nach den Berührungen
+mit den Römern, nach der Wanderungszeit anders geworden waren als
+zuvor, so ist auch die nordische Kultur nach der Wikingerzeit eine
+neue, und aus der neuen Zeit heraus empfängt die nordische Mythologie
+ihre Erklärung. Längst war die Ähnlichkeit antiker und christlicher
+Sagen und Vorstellungen mit einzelnen Zügen nordischer Mythologie
+erkannt, aber nicht erklärt worden. Der norwegische Altertumsforscher
++Sofus Bugge+ begründete in seinen _Studien über die Entstehung der
+nordischen Götter- und Heldensagen_ 1889 eine neue sachlich und
+geschichtlich durchaus gerechtfertigte Auffassung dieser Thatsachen,
+fand aber mehr Widerspruch als Anerkennung. In Deutschland that sich
+Müllenhoff mit groben, polternden Ausfällen gegen die historische
+Erklärung hervor. Die Gegner warfen sich auf zweifelhafte Einzelheiten,
+auf die freilich arg willkürlichen und anfechtbaren Etymologien, um
+dadurch die ganze Lehre zu stürzen. Die Aufmerksamkeit wurde von der
+Hauptsache abgelenkt. Nachdem der Streit ruhiger geworden, erheben sich
+immer mehr schüchterne und kühnere Zustimmungen. Die einleuchtende
+Wahrheit von Bugges Grundgedanken ist einmal nicht wegzuleugnen.
+Die Frage dreht sich eigentlich gar nimmer ernstlich darum, ob die
+nordische Mythologie überhaupt fremde Bestandteile aufnahm, sondern
+nur, wie viele und auf welche Art. Die Baldrsage, Odin am Galgen, den
+Weltbaum, diese Mythenkreise erklärt Bugge entstanden unter Einwirkung
+antiker und christlicher Vorstellungen, welche die nordischen Wikinger
+in England und Irland kennen lernten. Die Mythologie der nordischen
+Skalden ist ein Erzeugniss der Wikingerzeit; es kann daher nicht Wunder
+nehmen, wenn die vielen fremden Strömungen, denen damals die Nordleute
+unterworfen waren, auch in ihren Sagen sich abspiegeln. Einen kräftigen
+Stoss gegen Bugge gedachte der Isländer Finnur Jónsson im _arkiv for
+nordisk filologi_ 6, 121 ff.; 9, 1 ff. zu thun. In seiner _oldnorske og
+oldislandske litteraturs historie_ führt er den Gedanken weiter aus.
+Jiriczek berichtete in der _Beilage zur allgemeinen Zeitung_ 1894 Nr.
+79 in gedrängter Kürze darüber. Solange man den Götterliedern der Edda
+ein unmöglich hohes Alter zuschrieb, solange die kulturgeschichtliche
+Bedeutung der Wikingerzeit noch nicht erkannt und gewürdigt war, lag
+die Annahme fremder Bestandteile in der nordischen Mythologie völlig
+fern. Jetzt aber fallen diese Lieder nach dem einstimmigen Urteil der
+Kenner in eine Zeit, in welcher Einwirkungen aus England und Irland
+sehr wahrscheinlich sind. Aber neben den Eddaliedern besitzen wir die
+eigentlichen Skaldenlieder. Bragi, der älteste norwegische Skald,
+dichtete vor 840, die Skalden König Haralds zum Teil vor 875. Die
+unter ihrem Namen überlieferten Preislieder auf Könige und Fürsten
+setzen dieselbe Mythologie voraus, der wir in der Edda begegnen.
+Die Skaldengedichte sind teils unmittelbar mythischen Inhalts. Die
+Skalden beschreiben Schilde, die sie zum Geschenk erhielten, auf denen
+Mythen abgebildet waren, oder sie bedienen sich der höchst künstlichen
+Bildersprache, deren ewige schwierige Anspielungen genauste Kenntniss
+der Mythen beim Hörerkreise, also wenn auch nicht beim Volke, so doch
+bei den Königsleuten, bei der höfischen Gesellschaft voraussetzen.
+Nun sagt Finnur Jónsson, die Wikingerzüge seien in der ersten Hälfte
+des 9. Jahrhunderts nur Sommerstreifzüge gewesen, überwintert wurde
+in Irland erst 835, in England 851. Gegenseitige Einwirkungen der
+Nordleute, Iren und Angelsachsen seien doch erst infolge längeren
+freundlichen Verkehres möglich. Da nun in Bragis Gedichten in der
+ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts die nordische Mythologie vorliegt,
+so kann sie nicht unter westlichen Einflüssen stehen, sondern
+sie muss sich in Norwegen selber unberührt von der Wikingerzeit
+entwickelt haben. Der Hypothese Bugges ist der Boden entzogen, die
+Übereinstimmungen nordischer Mythen mit antiken und christlichen
+Vorstellungen dürfen nicht in seinem Sinne als Entlehnungen erklärt
+werden. Finnur Jónsson hat mit Recht die geschichtliche Vorfrage
+beleuchtet, die vor allem beleuchtet werden muss. Das Vergleichen
+der Überlieferung selber führt zu keiner sicheren Entscheidung, wenn
+nicht zuvor erwiesen ist, ob fremde Einflüsse überhaupt möglich waren
+oder nicht. War die nordische Mythologie, die wir aus den Eddaliedern
+des 10. Jahrhunderts kennen, bereits im 9. Jahrhundert, ja schon um
+800 vorhanden, geht sie ursprünglich allein aus Norwegen hervor, dann
+ist allerdings englisch-irischer Einfluss weniger wahrscheinlich,
+immerhin aber nicht ganz ausgeschlossen. Schon im 7./8. Jahrhundert
+holten sich die Nordleute die Nibelungensage und den Wodanglauben
+aus Deutschland. Beginnen auch erst am Ende des 8. Jahrhunderts
+Westfahrten in grösserem Maassstabe, so sind doch einzelne Züge weit
+älter. In seinem _bidrag til den ældste skaldedigtnings historie_ 1894
+widmete Bugge der Sache eingehende Untersuchung. Unter Hinweis auf
+mehrere Abhandlungen Zimmers, welcher nordische Einflüsse im Irischen
+aufdeckte, erklärt Bugge die Behauptung, vor 840 sei keine Einwirkung
+aus dem Westen auf Norwegen möglich, für hinfällig. Schon die erste
+Hälfte des 9. Jahrhunderts kann sehr wol die nordische Mythologie
+der Skalden gezeitigt haben. Aber weit schwerer wiegt der Umstand,
+dass die dem Skald Bragi zugeschriebenen und daher ins 9. Jahrhundert
+verlegten Strophen erst in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts und
+vermutlich auf den westlichen Inseln gedichtet wurden. Also wird die
+nordische Mythologie durch überlieferte Denkmäler gar nicht für den
+Anfang des 9. Jahrhunderts, sondern frühestens fürs Ende erwiesen. Die
+Skaldendichtung entstand unter Einwirkung einer reichen Kulturströmung
+aus England und Irland. Sie ist in Wirklichkeit nicht älter als die
+Eddadichtung, mithin kann sie so wenig wie diese ohne Rücksicht auf
+die Zustände der Wikingerzeit beurteilt werden. Finnur Jónsson sucht
+die Entstehung der Eddalieder und älteren Skaldengedichte möglichst
+nach Norwegen zu verlegen, weil die norwegische Urheimat weniger den
+Verdacht fremder Einflüsse aufkommen lässt. Gudbrand Vigfusson hatte
+den Gedanken hingeworfen, viele dieser Gedichte seien in den nordischen
+Neusiedelungen auf den Inseln des Westmeeres verfasst worden. Diese
+Behauptung wurde freilich stark angefochten. Jedoch dürfte sich
+immerhin westlicher Ursprung und damit höchste Wahrscheinlichkeit der
+Entlehnung fremder Züge für dieses oder jenes Gedicht noch nachweisen
+lassen. Bugges Gründe sind sehr zahlreich, sachlich und formal. Alle
+halten zwar nicht Stand, aber doch genug, um die blosse Behauptung
+und den unbedingten Glauben der Gegner, dass die unter dem Namen der
+ältesten Skalden laufenden Gedichte wirklich von ihnen herstammen,
+stark zu erschüttern. Die Frage nach der Ächtheit der Asalehre ist
+somit in ein neues Stadium gerückt, indem die Berechtigung ihrer
+Aufstellung überhaupt bestritten wird. Aber auch hier wird der
+Bescheid schliesslich günstig ausfallen, obschon sich noch manche
+neue Anfechtung erheben wird. Der poetische Wert, die erhabene Grösse
+der nordischen Mythologie erleidet nicht die geringste Einbusse mit
+dem Nachweis, dass sie weder urnordisch noch urgermanisch, vielmehr
+norwegisch ist, ein Erzeugniss der Wikingerzeit, erwachsen unter
+fremden Einflüssen, vielfach durch antike und christliche Vorbilder
+angeregt, aber erfüllt von nordischem Geist, als Ganzes eine echt
+nordische Schöpfung. Die nordische Mythologie ist der krönende
+Abschluss der Entwicklungsgeschichte germanischer Mythologie.
+
+In meinem Handbuch habe ich die Skaldengedichte, wo es nötig erschien,
+neben den Eddaliedern angeführt und zwar nach dem Zeitansatz der
+Litteraturgeschichten Mogks und Finnur Jónssons. Ich wagte nicht, die
+neuen Ansätze Bugges für Bragi und Thjodolf aufzunehmen. Noch wäre
+es verfrüht, auch muss die ganze ältere Skaldendichtung sorgfältig
+daraufhin durchgearbeitet werden. Aber es sei ein für allemal hier
+bemerkt, dass wir trotz den scheinbar alten Zeugnissen die Mythologie
+der Skalden schwerlich auf 800, vielmehr auf etwa 900 anzusetzen haben.
+
+ * * * * *
+
+Eine selbständige Weiterführung der Lehre Bugges bieten +E. H.
+Meyers+ Schriften _Völuspá_ 1889 und _Die eddische Kosmogonie_ 1891.
+Aus reicher Belesenheit in theologischen Schriften des Mittelalters
+zählt Meyer viele ähnliche Züge der christlichen und nordischen
+Mythologie auf. Mancher trifft zu, mancher ist gesucht; von neuem
+tritt die Thatsache durchgreifender Übereinstimmungen zu Tage. Die
+zwei Hauptfragen, die Entstehungszeit der nordischen Mythologie
+und die unmittelbaren Vorlagen, aus denen die fremden Bestandteile
+übernommen wurden, Fragen, über die volle Gewissheit nie zu erhoffen
+ist, sucht Meyer bestimmt zu beantworten. Ein isländischer Theolog,
+der Gelehrte Sämund († 1133), verfasste die Vǫlospǫ́, die inhaltlich
+überhaupt kein heidnisches, sondern ein rein christliches Werk sei.
+Ein beliebtes Thema jener Zeit, die Dichtung von der Weltschöpfung,
+vom Sündenfall, von der Erlösung und vom jüngsten Gericht ward in die
+nordische Gedankenwelt umgesetzt. Die nordischen Götternamen spielen
+darin eine ähnliche Rolle, wie die antiken bei den christlichen
+Dichtern des Mittelalters, die in lateinischer Sprache und mit antikem
+mythologischem Aufputz Abschnitte aus der Heilsgeschichte vortrugen.
+Snorri führte dann etwa hundert Jahre später Sämunds Arbeit in seiner
+Edda vollends aus. Der eigentliche Inhalt der Vǫlospǫ́ gehört also gar
+nicht der nordischen Mythologie an. Die isländische Litteratur- und
+Kulturgeschichte, ebenso allgemeine Erwägungen sprechen entschieden
+gegen diese Auffassung. Der Inhalt der Vǫlospǫ́ ist nordische
+Mythologie des 10. Jhs.; wir haben es mit einer Dichtung des
+ausgehenden Heidentums zu thun unbeschadet der fremden Elemente.
+
+Gegen Bugge ist des Schweden +V. Rydbergs+ geistvolles Buch
+_„undersökningar i germanisk mythologi“_, 2 Bde. Stockholm 1886/9,
+gerichtet. Zwar finden sich manche brauchbare Einfälle, aber im
+Grundgedanken ist das Buch vollkommen verfehlt, indem es noch einmal
+die wissenschaftlich überwundene vergleichende Mythologie in der
+kühnsten Weise aufleben lässt. Die Edda wird frischweg mit dem
+Veda, der Veda mit der Edda verglichen, beide auseinander ergänzt,
+berichtigt, kombiniert und aus einer unmöglichen und unglaublichen
+Urquelle geleitet. Wie die Edda oder der Veda samt der darin
+enthaltenen Mythologie je für sich entstand, diese erste und wichtigste
+Frage verschwindet völlig beim luftigen Brückenbau, den der dichterisch
+hochbegabte Verfasser ohne Bedenken zwischen beiden herstellt.
+
+
+10. Die neuesten Darstellungen germanischer Mythologie.
+
+Auf Grund der aufgezählten Werke wurden neuerdings zusammenfassende
+Darstellungen der germanischen Mythologie im grösseren Maassstab
+unternommen von +E. H. Meyer+ (_Germanische Mythologie_ 1891) und
++Mogk+ (_im Grundriss der germanischen Philologie_ 1, 982 ff.).
+Wir erhalten daraus einen Überblick, wie sich die germanische
+Mythologie im Lichte der heute geltenden Anschauungen ausnimmt.
+Meyer teilt nach seinen Grundsätzen die mythologische Überlieferung
+in Seelen- und Marenglauben, endlich in den Dämonenglauben ein,
+woraus er die Götter hervorgehen lässt. Die Eddamythologie musste
+er als theologische Dichtung ausschliessen. Bei den Dämonen drängt
+sich noch zu sehr die meteorische Deutung hervor. Aber trotz
+solchen tief eingreifenden Irrtümern ist seine Mythologie eine
+hochbedeutende Leistung. Mit bewundernswertem Fleisse ist das gesamte
+wissenschaftliche Material bis in die entlegensten Einzelheiten
+herangezogen und verzeichnet. Sein Buch ist eine wahre Fundgrube und
+leistet neben der Mythologie J. Grimms, deren vierte Ausgabe mit
+dem Nachtragsbande wir ja ebenfalls Meyer verdanken, dem Mythologen
+die wichtigsten Dienste. Bei Mogk ist der klare, vorsichtige Aufbau
+zu rühmen. Auch er beginnt mit der niederen Mythologie, sucht aber
+kein unmittelbares Abhängigkeitsverhältniss zwischen ihr und dem
+Götterglauben herzustellen. Hauptgewicht liegt auf der Quellenkritik,
+die vor übereilten Behauptungen und vorschnellen Deutungen bewahrt.
+Entlehnung wird in gewissen Grenzen zugegeben. +Kauffmanns+ kleine
+deutsche Mythologie (_Sammlung Göschen_ Nr. 15) 1. Auflage 1890, 2.
+Auflage 1893 schliesst die niedere Mythologie völlig aus und strebt
+nur eine Übersicht über das an, was die alten Quellen unmittelbar vom
+Götterglauben berichten. Die germanischen Götternamen der römischen
+Inschriften werden nach Gebühr berücksichtigt. Die Baldrsage erklärt
+Kauffmann euhemeristisch, Sagenhelden seien zu Göttern erhoben worden.
+Ein grosser Waldesgott der Germanen wird aus Namenetymologien, aus
+Widar, Hönir, Wali, Mitothin, Heimdall, Requalivahanus erschlossen.
+Aus jugendlicher Blödigkeit habe er sich plötzlich zu Heldenschaft,
+zum erhabenen Richteramt erhoben, die verborgene Kraft bewährend, aus
+dem Dunkel hervorleuchtend. +Mein eignes Büchlein+ _„Götterglaube
+und Göttersagen der Germanen“_ Dresden 1894 verhält sich zu diesem
+Handbuche wie ein Entwurf zur Ausführung, die aber zugleich auch vieles
+zu berichtigen hat.
+
+
+11. Das Ziel des vorliegenden Handbuches.
+
+Hiermit erübrigt noch die Bestimmung der Ziele des gegenwärtigen
+Handbuchs. Mythologie ist eigentlich nur Göttersage, ein Handbuch
+der Mythologie hat demnach möglichst vollständig und übersichtlich
+die Göttersage darzustellen, wobei zwei Hauptpunkte in Betracht
+kommen: richtige Auslegung und wenn nötig Ergänzung der mangelhaften
+Überlieferung, richtige Anordnung des also gewonnenen Stoffes, womit
+Fragen über Ursprung, Alter, gegenseitiges Verhältniss verschiedener
+Berichte erledigt werden. Es wird Vorführung der erhaltenen oder
+erschlossenen Göttersage nach ihrer Entwicklungsgeschichte angestrebt,
+aber Mythendeutung, überhaupt Hinausgreifen über die Zeit der Denkmäler
+möglichst vermieden. Wir müssen uns zunächst in den Grenzen unsrer
+thatsächlichen Kenntnisse zurechtfinden, ehe wir mit haltlosen
+Vermutungen darüber hinausschweifen.
+
+„Unter Mythologie verstehen wir die Summe der Bilder und Dichtungen,
+in denen ein Volk seine religiös-poetischen Anschauungen von der
+es umgebenden Natur und den in ihr wirkenden Kräften, die es als
+persönliche Wesen auffasste, ausgeprägt hat; wir verstehen darunter
+auch die Wissenschaft, die bestrebt ist, den Gehalt, Gang und Umfang
+der in diesen Dichtungen enthaltenen, inneren geistigen Entwicklung
+darzulegen und deren Aufgabe daher notwendig eine historische ist.“[15]
+Diese Begriffsbestimmung sieht vom niederen Volksglauben ab, sie
+betrifft hauptsächlich die Helden-und Göttersage, allenfalls noch die
+Naturdämonen, die wichtigen Seelengeister schliesst sie aus. Zu den
+religiös-poetischen Anschauungen von der umgebenden Natur ergänzt E.
+H. Meyer mit Recht die aus Vorgängen des Menschenlebens entstandenen
+Vorstellungen des niederen Volksglaubens.
+
+Es wird überhaupt rätlich sein, die Begriffe _Mythologie und Religion,
+Sage und Glauben_ aus einander zu halten.[16] Ein Handbuch der
+Mythologie muss auch die Religion enthalten, denn meistens erwächst
+doch die Sage aus dem Glauben. Mit dem Glauben ist der Kult unlöslich
+verknüpft. Wer an Geister und Götter glaubt, wird ihnen auch mit Opfer
+und Gebet dienen, um ihren Grimm zu sühnen, ihre hilfreiche Gunst zu
+gewinnen. Häufige Irrtümer scheinen daraus entstanden zu sein, dass
+Religion und Mythologie nicht scharf aus einander gehalten wurden.
+Die Geister und Götter, an die man glaubt, können zum Teil aus dem
+psychologischen Leben des Menschen und aus den Einwirkungen der Natur
+erklärt werden. Aber die _Sage_, die _Mythologie_ ist bereits eine
+weitere, höhere Stufe. Die Mythologie erwächst nicht unmittelbar
+aus poetischer Naturanschauung, die Naturerscheinungen setzten sich
+nicht unmittelbar in dichterische Bilder und Gleichnisse um, deren
+Reihenfolge zu einer fortschreitenden Handlung ward. Man darf einen
+Mythus, eine Sage nicht ohne weiteres in Naturvorgänge auflösen wollen.
+Zwischen den letzten Ursachen und der Mythologie liegt Glaube und Kult
+inmitten. Die Religion mag allenfalls als das notwendige Ergebniss
+unbewussten, unwillkürlichen Denkens gelten, in der Mythologie darf
+die bewusste willkürliche, individuelle und subjective Dichtung nicht
+unterschätzt werden. Die Mythologie ist das geistige Erzeugniss
+der Priester und Dichter, eine Poesie, die sich auf den gegebenen
+religiösen Thatsachen aufbaut. Manchmal mag ein Zusammenhang zwischen
+den Ursachen des Glaubens und der Mythologie unverloren sein. Im
+bewusst festgehaltenen Verein mit den Ursachen der Religion kann
+eine Mythologie bleiben, z. B. die des Veda. Im allgemeinen aber
+entschwindet das Verständniss der letzten Ursachen des Glaubens dem
+Bewusstsein sehr bald, und dann fällt die Sage der freigestaltenden
+Phantasie der Dichter anheim. Demnach scheint Mythendeutung nur dann
+berechtigt, wenn sie zunächst auf Feststellung des religiösen Kernes
+ausgeht und diesen allenfalls unter günstigen Umständen auslegt.
+Gleicher Glaube setzt somit keineswegs gleiche, höchstens ähnliche
+Sage voraus. Deutsche und Nordleute haben im Grunde einen ähnlichen,
+im einzelnen vielleicht gleichen Glauben besessen, aber darum ist
+die nordische Mythologie nicht mit der deutschen gleich, sie muss im
+Zusammenhang mit nordischer Kultur und Dichtung beurteilt werden.
+
+Aus dem Götterglauben erwächst die Göttersage, aus dem Volksaberglauben
+die Volkssage. Hier liegen die Verhältnisse einfacher. Aus den
+vielen Wendungen, die aus neuer und alter Zeit, aus Nord und Süd
+vorliegen, tritt fast immer der Typus, die gemeinsame Grundlage der
+überall besonders erzählten Sage, klar zu Tag, sein Zusammenhang mit
+dem Volksaberglauben ist beinah überall ersichtlich. Diese Typen
+und ihren abergläubischen Kern, also Volkssage und Volksglauben hat
+unser Handbuch ebenfalls darzustellen, sofern ihr Vorhandensein im
+Heidentum wahrscheinlich ist. Die Göttersage, die höhere Mythologie,
+ist natürlich ebenso verwickelter und schwieriger als die Volkssage,
+die niedere Mythologie, wie die Kunstdichtung mit andern Maassen zu
+messen ist als die kunstlose Volksdichtung. In einem Fall sind die
+Verhältnisse einfach und durchsichtig, im anderen entziehen sie sich
+als individuelle Vorgänge der Dichterseele unsrem Blick. Dazu kommt
+der Umstand, dass bereits die beiderseitigen Voraussetzungen, die
+religiösen Thatsachen, im Götterglauben willkürlicher gestaltet und
+höher entwickelt sind als im Volksglauben. Die Wissenschaft muss oft
+Entsagung üben. Es ist besser und nützlicher, bei der Göttersage
+einzuhalten, wo die Erklärung versagt, als eine Erklärung zu erzwingen.
+Denn nur zu schnell verliert man Grund und Boden. Der Forschung wird
+besser gedient, wenn die Lösung einer Frage nur so weit geführt wird,
+als sie wahrscheinlich ist, wenn die Grenzen unseres Wissens, seis auch
+nur vorläufig, nicht überschritten werden, als wenn man sich und andern
+Ergebnisse vortäuscht, deren Haltlosigkeit bald genug erhellt.
+
+Werden Glaube und Sage in eine förmliche Lehre gebracht, so entsteht
+Theologie. Nur bei Vorherrschaft des Priestertums wird eine
+dogmatische Lehre, die zugleich Eigentum eines besonderen Standes
+bleibt, sich entfalten. Brahmanen und Druiden haben die Religion und
+Mythologie ihrer Völker zur Theologie ausgebildet, bei den Germanen
+geschah dieser Schritt nicht. Eine Götterlehre brachte das Heidentum
+nicht hervor. Aber in andrer Weise fand die nordische Mythologie in der
+ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine systematische Bearbeitung durch
+Snorri Sturluson. Zwar leiten ihn nicht theologisch-dogmatische, wol
+aber gelehrte Absichten, die auf ein einheitliches System hinauslaufen,
+wonach die nordische Mythologie darzustellen sei. Allzulange hat der
+geschichtlichen Erkenntniss nordischen Glaubens und nordischer Sage der
+Umstand geschadet, dass man Snorris Auffassung nicht vom Stoffe selber
+schied.
+
+ * * * * *
+
+J. Grimms Deutsche Mythologie will den Glauben der Deutschen
+wiederherstellen, wobei die nordische nur als Hilfswissenschaft dient,
+Simrocks Handbuch der deutschen Mythologie nimmt den Inhalt der
+nordischen Quellen einfach für Deutschland herüber. Die neueren Werke
+von E. H. Meyer, Mogk, Kauffmann erweitern den Begriff deutsch zu
+germanisch. So will auch dieses Handbuch verstanden sein. So gut als
+möglich soll auf dem Hintergrund germanischer Glaubensvorstellungen
+die deutsche und nordische Mythologie gleichermaassen zu ihrem Rechte
+kommen, aber mit starker Betonung beiderseitiger Selbständigkeit. Wird
+das Verhältniss zwischen germanisch, deutsch und nordisch auch nur
+einigermaassen richtig erfasst, so ergibt sich von selber ein Einblick
+in die Entwicklungsgeschichte im ersten Jahrtausend.
+
+ * * * * *
+
+Urgermanisch, aus vorgermanischer Zeit stammend, ist nur ein kleiner
+Teil religiöser Vorstellungen. So der Götterbegriff, Tiuȥ und eine
+Schar von Lichtgöttern (_tîwôȥ_ an. _tívar_) um ihn. Seine Beinamen
+mögen sich schon frühzeitig zu besondern Gestalten entwickelt haben,
+wie z. B. Donar. Ausserdem ist der allgemeine, typische Grundstock der
+niederen Religion und Mythologie gemeingermanisch. Rituelle Formen,
+Opferbräuche, Besprechungen u. drgl.;machten den Kultus aus. Im übrigen
+aber löst sich die germanische Mythologie in eine grosse Anzahl von
+örtlichen Kulten auf, die mehr oder weniger Ausbreitung und Lebensdauer
+gewannen. Am kräftigsten gedieh der istväische Wodansdienst. Die
+Eigenart der germanischen Stämme und Völker zeigt sich auch darin, wie
+sie einigen wenigen gemeinsamen Typen besondere Gestalt und Bildung
+verliehen.
+
+Man darf die mythologische Überlieferung nicht aus den örtlichen
+und zeitlichen Verhältnissen, worin sie uns entgegentritt, loslösen
+und verallgemeinern. Diesen Satz sprach Müllenhoff aus, und doch
+verstiess er selber dagegen, wenn er aus den verschiedensten örtlich
+und zeitlich bestimmten Mythen Schlüsse zog, die an Kühnheit denen der
+vergleichenden Mythologen nicht nachstanden, nur dass sie mühsamer und
+mit Aufwand grosser Gelehrsamkeit gewonnen waren. Hält man wirklich
+daran fest, so ergibt sich von selber eine Entwicklungsgeschichte,
+die jeder Zeit und jedem Stamme das Eigentum belässt, das gemeinsame
+Uralte oder Entlehnte aber nur dort hervorhebt, wo es wirklich bezeugt
+ist. Anders waren Glaube und Sage zur Zeit des Tacitus, anders zur
+Zeit der Bekehrung, anders im Norden als im Süden, nie waren alle
+diese verschiedenen Züge in einer urdeutschen, urnordischen oder gar
+urgermanischen Mythologie vereinigt.
+
+
+
+
+II. Die Quellen der Mythologie.
+
+
+1. Die germanischen Stämme im Heidentum und zur Zeit der Bekehrung.
+
+Unter dem Namen Germanen versteht man seit Caesar eine Reihe von
+Völkerstämmen, die seit vorgeschichtlicher Zeit, nachweisbar seit dem
+Zeitalter Alexanders des Grossen, in dem norddeutschen Tieflande,
+zwischen der Weichsel und dem Rhein, auf den Inseln der Ostsee und im
+südlichen Skandinavien ansässig waren. Durch gemeinsame körperliche
+und geistige Eigenschaften, durch Spracheinheit und durch die gleiche
+Grundlage ihres politisch-wirtschaftlichen und sittlich-religiösen
+Lebens heben sich die Germanen deutlich von allen andern Völkern
+als eine eigentümliche Volkseinheit ab. Die Germanen zählen zum
+indogermanischen Volksstamm, dessen Ursitze die heutige Wissenschaft,
+sofern überhaupt noch die Lehre von der Wanderung gilt, an den
+mittleren Lauf der Wolga verlegt. Die Westindogermanen breiteten
+sich westwärts aus in das Mündungsgebiet des Dnjepr, Dnjestr und
+der Donau, in die waldbedeckte Tiefebene, welche durchs Schwarze
+Meer im Osten, den Balkan im Süden, die transsylvanischen Alpen im
+Nordwesten, die Karpathen im Norden, umgrenzt ist. Die Indogermanen
+waren schweifende Hirten mit niedriger Kultur und wenig entwickelten
+Götterbegriffen. Die Westindogermanen wurden zu sesshaften, Ackerbau
+treibenden Viehzüchtern. Aus der europäischen Urheimat gelangten die
+Griechen über den Balkan, die Italer der Save, die Kelten der Donau
+entlang in ihre späteren Sitze, Slaven und Germanen rückten nordöstlich
+der Karpathen den Dnjepr und Dnjestr aufwärts in ihre nördlichen,
+zum Teil bis heute behaupteten Länder. Die Germanen waren zur Zeit,
+da die Geschichte zuerst ihrer gedenkt, im Osten von den Slaven und
+Balten, im Norden Skandinaviens von den Finnen, im Westen und Süden
+von den Kelten, welche bis zum 3. Jahrh. vor Chr. das deutsche
+Mittelgebirge inne hatten, umgeben. Sie zerfallen in die West-, Ost-
+und Nordgermanen, aus denen die spätern deutschen und englischen, die
+gotischen und wandalischen, die nordischen (schwedischen, dänischen
+und norwegischen) Völker hervorgingen. Zur Zeit der ersten Römerkriege
+scheinen unter den Westgermanen drei grosse Kultgenossenschaften mit
+gemeinsamem Heiligtum und gemeinschaftlicher Stammsage bestanden
+zu haben, die Ingwaeonen an der Nordsee mit dem Nerthustempel, die
+Istwaeonen am Rhein mit dem Tamfanatempel und späteren Wodankult,
+die Erminonen im Binnenland mit dem Haine des allwaltenden Tiuȥ. Die
+zahlreichen Stämme können hier nicht aufgezählt, ebensowenig kann ihre
+spätere Entfaltung zu den grösseren Bünden der Franken und Alamannen
+geschildert werden. Die Geschichte der Germanen im Westen und Süden
+wird bestimmt durch das Zurückweichen der Kelten und das Vordringen
+der Römer. Die Germanen breiteten sich nach Süden Rheinaufwärts und
+zur Donau hin aus. Die Ostgermanen verliessen in der zweiten Hälfte
+des 2. Jahrhunderts nach Chr. ihre Sitze zwischen Oder und Weichsel
+und wanderten wieder südwärts zum Schwarzen Meer, wo von 214 ab ihre
+Kämpfe mit Ostrom anheben. Von ihrem Heidentum ist wenig bekannt, denn
+die römischen Geschichtschreiber des 1. Jahrhunderts wissen mehr von
+den ihnen naheliegenden Westgermanen als von den fernen Ostgermanen.
+Und als die Goten am Schwarzen Meere auftauchten, wandten sie sich bald
+dem Christentum zu. Übers Heidentum der Westgermanen hören wir auch nur
+vereinzelte gelegentliche Bemerkungen der antiken Geschichtschreiber,
+später berichten christliche Quellen davon. Also kein unmittelbares,
+unverfälschtes Zeugniss, keine selbständige zusammenhängende Mitteilung
+steht zur Verfügung. Am besten sind wir immerhin vom Heidentum der
+westlichen und nordwestlichen deutschen sowie der englischen Stämme
+unterrichtet. Reichlich und unmittelbar fliesst die nordische,
+norwegisch-isländische Überlieferung. Die Völkerwanderung, der
+Untergang des römischen, der Aufgang des fränkischen Reiches bewirken
+die Anordnung der deutschen Stämme, die in der Hauptsache noch heute
+besteht. Um 500 rückten die Franken vom untern Rhein ins Maingebiet
+und drängten die Alemannen südwärts bis zu den Vogesen und Alpen, zur
+selben Zeit ergossen sich die Markomannen aus Böhmen, dem Laufe der
+Donau folgend, über die Hochebene und tief in die Alpen hinein in
+ihre neue Heimat, welche sie unter dem Namen Bajuwaren (Bewohner des
+Landes Baja, d. i. Bojohemum, Böhmen) behaupteten. Vom Frankenreiche
+gelangte das Christentum allmälig zu den übrigen Westgermanen und
+wurde unter mehr oder weniger harten Kämpfen früher oder später, je
+nachdem das einzelne Volk dem Frankenreiche unterworfen war oder
+nicht, befestigt.[17] Das Reich der Merowinger erhub sich um 500 als
+ein katholisch-christliches, wodurch der Untergang des germanischen
+Heidentums in allen Reichslanden besiegelt war. In den südlichen
+Ländern war ohnedem schon durch die Berührung mit Italien dem Übertritt
+zum Christentum in zahlreichen Einzelfällen vorgearbeitet. Aber die
+völlige Ausrottung des Heidentums ging nur sehr langsam von statten,
+die niedere Mythologie ist sowieso dem Wechsel der priesterlichen und
+staatlichen Religion verhältnissmässig wenig unterworfen, so dass die
+altheidnischen Grundzüge, wenn schon vielfach vermehrt und verändert,
+auch unter dem neuen Glauben bis zur Gegenwart sich erhielten oder sich
+immer neu erzeugten.
+
+Die fränkische Kirche that zunächst für die Ausbreitung des
+Christentums fast nichts, wesshalb die dem fränkischen Reiche
+unterworfenen deutschen Stämme noch lange am Heidentum festhielten.
+Erst die Wirksamkeit der ins Frankenreich eingewanderten
+iroschottischen Mönche belebte die kirchlichen Verhältnisse und
+erstreckte sich auch auf die Mission. So erschien der hl. Fridolin
+um 530 am Oberrhein, aber um die Mitte des 6. Jahrhunderts waren die
+Alemannen noch Heiden. Erst Kolumba und Gallus richteten von 610 ab
+mehr unter ihnen aus. In Baiern überwog das Heidentum bis zum Ende des
+7. Jahrhunderts. Erst der Herzog Theodo machte 696 mit der Bekehrung
+Ernst, indem er den Bischof Ruprecht von Worms ins Land rief. Nur in
+Friesland nahm die fränkische Kirche selber die Missionsthätigkeit
+auf, wobei freilich auch Rücksichten des Handels und der Politik
+mitwirkten. Wichtiger, auch für die Bekehrung der Deutschen, war die
+Christianisierung der Angelsachsen, die sich von Anfang an ernstlicher
+und innerlicher als bei den Franken und in unmittelbarer Abhängigkeit
+von Rom vollzog. Im Auftrag Gregors I. ging 597 Augustinus nach
+England. An König Edelbert von Kent fand der päpstliche Sendbote
+einen treuen und verlässigen Helfer. Zwar ging das Bekehrungswerk der
+angelsächsischen Königreiche nicht ohne Kämpfe von statten. Neben
+dem Heidentum machten den römischen Geistlichen auch die zum Teil
+andersgläubigen irischen Mönche, die auf eigene Faust bekehrten, zu
+schaffen. Aber schon um die Mitte des 7. Jahrhunderts war England
+christlich geworden. Kaum waren die heimatlichen Verhältnisse geregelt,
+so machten sich englische Sendboten zu den Friesen, Franken, Alemannen,
+Baiern und Sachsen auf. Die fränkische Kirche war zu selbständig und
+zu weltlich, hatte auch das Bekehrungsgeschäft zu lässig betrieben.
+Die iroschottischen Mönche lehrten ketzerische Ansichten. Der Papst
+aber strebte eine zielbewusste, einheitliche und gründliche Bekehrung
+aller Deutschen an. Dazu bot sich die englische Geistlichkeit als
+geeignetes Werkzeug dar. Winfrid-Bonifatius, der von 716 bis zu
+seinem 755 erfolgten Märtyrertod unter Friesen, Franken, Hessen,
+Thüringern, Sachsen, Baiern eifrig und wiederholt auftrat, brachte die
+Christianisierung des fränkischen Reiches zum Abschluss auf der festen
+Grundlage der römisch-katholischen Kirche. Im 8. Jahrhundert wird das
+bereits stark erschütterte deutsche Heidentum vollends gebrochen.
+
+Am längsten bewahrten die Sachsen ihre Freiheit und ihr Heidentum.
+Missionsversuche, auch der des Bonifatius, hatten nichts gefruchtet.
+Karls des Grossen Sachsenkriege von 772 bis 804 fügten das Sachsenvolk
+dem Reichsverbande ein. Mit strengen Gesetzen wurde die Kirchenordnung
+befestigt und das Heidentum bekämpft. Um 800 waren somit die
+westgermanischen Stämme dem Christentum unterworfen, das Heidentum war
+als öffentlicher, staatlicher Glaube gebrochen und fristete nur noch
+im Volksaberglauben ein elendes Dasein. Mit dem Untergang der freien
+heidnischen Sachsen war auch die letzte Widerstandskraft der Friesen
+vollends dahin.
+
+Unter Ludwig dem Frommen wurde die Bekehrung des Nordens in Angriff
+genommen. Das Erzbistum Hamburg ward 831 errichtet und dem Anskar, dem
+Apostel des Nordens, verliehen. Anskar und nach seinem 865 erfolgten
+Tode Rimbert verbreiteten das Christentum nach Schleswig und Jütland,
+ja sogar in einigen Küstenplätzen Schwedens. Aber im 10. Jahrhundert
+ging die Bekehrung Dänemarks und Schwedens wieder stark zurück. Erst
+als die Monarchie in Dänemark erstarkt war und König Svein (995-1014)
+England eroberte, König Knut (1014-1035) die Herrschaft dort zu
+behaupten wusste, trat ein entschiedener und dauernder Umschwung zu
+Gunsten des Christentums ein. Denn ein rein christliches Reich war mit
+Dänemark vereinigt worden. Schon die Staatsklugheit erforderte, das
+Christentum in Dänemark zur ausschliessliehen Herrschaft zu bringen.
+König Knut suchte das Ideal eines christlichen Herrschers, wie solches
+die Kirche aufstellte, in sich zu verwirklichen. Die englische und die
+deutsche Kirche wetteiferten mit einander, in Dänemark die Mission
+vollends durchzuführen und das Heidentum auszurotten. Die Schweden
+sind am Ende des 10. Jahrhunderts noch entschieden Heiden. Noch in der
+ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts war die grosse Masse des Volkes
+heidnisch, nur wenige Christen waren vorhanden. Einzelne Könige waren
+der neuen Lehre geneigt, wodurch der Mission Vorschub geleistet wurde.
+Die Lage des Landes brachte es mit sich, dass länger als in Norwegen
+und Dänemark, teilweise bis ins 13. Jahrhundert herab das Heidentum
+Bestand hatte. Leider fehlen aber genaue und ausführliche Nachrichten
+vom schwedischen Heidentum.
+
+Um so reichlicher fliessen die Quellen für Norwegen und Island. Im
+9. Jahrhundert hatten sich viele Norweger in England und Irland
+angesiedelt und freiwillig das Christentum angenommen. Der Übertritt
+war meistens wol ein äusserlicher, um unbehindert mit der christlichen
+Bevölkerung verkehren zu können. Aufgabe des Heidentums war nicht
+notwendig. Viele waren Christen unter Christen, Heiden unter Heiden,
+manche verleugneten überhaupt jeden religiösen Glauben, sowol den
+neuen wie den alten, und verliessen sich nur noch auf sich selber.
+Wenn bei solchen Leuten heidnische und christliche Vorstellungen
+sich vermischen, wenn sie ihre Mythologie nur als Dichtung, nicht
+als Gegenstand gläubiger Verehrung betrachten, kann das nicht Wunder
+nehmen. Die Eindrücke, welche die Wikinger in der Fremde empfingen,
+wirkten auch aufs Heimatland zurück, aber äusserten sich natürlich
+am meisten im geistigen Leben derer, die ständig draussen blieben.
+Im Jahre 872 hatte König Harald Hárfagri im Hafrsfjord gesiegt und
+die Alleinherrschaft in Norwegen aufgerichtet. Viele Edle und freie
+Bauern, die sich in den neuen Verhältnissen nicht zurecht finden
+konnten, verliessen Norwegen und suchten auf den britischen Inseln und
+auf Island, das kurz zuvor erst von Wikingern entdeckt worden war,
+eine neue Heimat. Binnen kurzem erhielt Island seine Bevölkerung,
+die teils aus unmittelbar hinüber gefahrenen Norwegern, teils aus
+Leuten, die eine Zeit lang auf den britischen Inseln gewohnt hatten,
+bestand. König Harald suchte nemlich auch die nordischen Bewohner
+jener Inseln sich zu unterwerfen und wagte kriegerische Seezüge gegen
+sie. Darum suchten viele auf dem fernen Island sichere Zuflucht
+gegen die Übergriffe des norwegischen Königs und fanden sie auch für
+Jahrhunderte. Unter den isländischen Ansiedlern waren auch einzelne
+Christen, Nordleute, die in England oder Irland den Glauben gewechselt
+hatten. Aber sie verschwanden bald unter der überwiegenden Masse
+der Heiden. In Norwegen setzte die Bekehrung ein, welche, einmal im
+Stammlande siegreich, auch die Neusiedelungen dem Kreuze beugte. Hakon
+der Gute, ein Sohn Haralds, der von ca. 935-961 regierte, war in
+England erzogen und getauft worden. Er war ein überzeugter Christ und
+suchte sein Land zu bekehren. Aber der Erfolg blieb ihm versagt. Olaf
+Tryggwason, der 993 ebenfalls in England getauft worden war, zwang
+Norwegen von 995 an zum Christentum. Er bekämpfte das Heidentum mit
+aller Macht, und mancher tapfere Held büsste seine Treue an den alten
+Göttern mit dem Leben. Als Olaf im Jahr 1000 den Tod fand, erfolgte
+alsbald ein Rückfall ins Heidentum. Aber Olaf Haraldsson (1014-1031),
+nach seinem Fall heilig gesprochen, nahm die Arbeit von neuem auf
+und setzte das Christentum mit rücksichtsloser Strenge durch. Die
+Isländer, welche seit 981 von mehreren Sendboten heimgesucht worden
+waren, entschlossen sich am Allding des Jahres 1000 zur Annahme des
+Christentums als Staatsreligion. Die heidnische und christliche
+Partei war nahe daran, in offenen Kampf einzutreten. Da gelang es der
+Weisheit des Gesetzsprechers Thorgeir, das drohende Unheil abzuwenden,
+indem er, um die Einheit des Freistaates und die Unabhängigkeit des
+Volkes zu retten, lieber den Heidenglauben dran gab. Eine Trennung
+hätte sicherlich Islands Selbständigkeit gefährdet, der norwegischen
+Krone willkommenen Anlass gegeben, in die isländischen Verhältnisse
+einzugreifen. So ging Islands Übertritt zum Christentum ohne jede
+Gewaltthat vor sich, auf kühle Erwägung und kluge Entschliessung der
+Führer im Volke. Das Heidentum wurde abgeschafft, aber nicht grausam
+verfolgt. Erst viel später mit dem Erstarken der kirchlichen Zucht
+machen sich strengere Verbote gegen heidnischen Brauch geltend. Die
+nordische Mythologie, die mit der Skaldenkunst aufs innigste verknüpft
+war, wurde vom Glaubenswechsel wenig berührt. Nach wie vor fand sie
+Pflege. Überhaupt hat die Überlieferung der Heidenzeit durch die
+Bekehrung auf Island nicht Not gelitten. Die Annahme des Christentums
+hatte keine Verachtung und Feindschaft gegen die alten Sagen im
+Gefolge. So konnten noch im 12./13. Jahrhundert genug heidnische Lieder
+des 10. Jahrhunderts und Erzählungen aus der Heidenzeit gesammelt,
+aufgeschrieben und litterarisch bearbeitet werden.
+
+Die Bekehrung der deutschen Stämme zum Christentum geschah nicht
+überall nach denselben Grundsätzen. Wo sich gar noch Eroberungs- und
+Unterwerfungsgelüste hinzugesellten, wie bei den Franken gegen Sachsen
+und Friesen, wurde alles, was den alten Göttern und deren Dienst
+angehörte, mit Feuer und Schwert ausgerottet. Besser stand es dort,
+wo die Bekehrung ohne politische Zugabe nur durch die Glaubensboten
+stattfand. Diese mussten sich zu milderem Vorgehen bequemen, durften
+nicht allzu schroff auftreten und mussten nach einer Bekehrung von
+innen heraus trachten. Das war für die Erhaltung alter Bräuche
+günstiger. Die berühmte Weisung Gregors an Augustinus, den Bekehrer der
+Angelsachsen, zeugt dafür, wie weit die Duldung gehen konnte. Statt
+alles Alte zu vernichten und auf den Trümmern Neues zu bauen, zielt
+die andre Lehre dahin, das Bestehende möglichst zu schonen und daran
+anzuknüpfen.
+
+Von der Mitte des 4. Jahrhunderts, da die Westgoten Christen
+wurden, bis gegen das Jahr 1000 währt die Bekehrungsgeschichte
+der germanischen Völker. Sehr verschiedenartig gestaltet sich der
+Kampf des neuen und alten Glaubens, sehr verschiedenartig aber sind
+wir auch davon unterrichtet. Meist stehen uns nur mangelhafte,
+feindselige Schilderungen zu Gebot, aus denen nur schwer ein
+einigermaassen zusammenhängendes Bild zu gewinnen ist. Wir vernehmen
+mehr von Kultbräuchen und vom Glauben als von Sagen. Eher eine
+Religionsgeschichte als eine Mythologie ist daraus zu gewinnen. Umso
+wertvoller sind die unvergleichlichen nordischen Denkmäler, die in
+heimischer Sprache und heimischer Gesinnung abgefasst unmittelbar
+das nordische Heidentum uns erstehen lassen. Aber alle Anerkennung,
+alle Freude an diesem Horte erhabener Poesie darf nicht zu
+ungerechtfertigter Verwendung verführen.
+
+
+2. Die Quellen der germanischen Mythologie.
+
+Die Quellen germanischer Religion und Mythologie[18] bestehen aus
+_mittelbaren Zeugnissen_ und aus _unmittelbarer Überlieferung_. Sie
+reichen von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, insofern auch aus
+dem heutigen Volksglauben manches für den der heidnischen Zeit zu
+lernen ist. Aber von grösster Wichtigkeit sind doch die Quellen der
+heidnischen Zeit selber, nur dass wir für die Westgermanen leider
+fast immer aus zweiter Hand schöpfen. Die Zeugnisse der römischen
+Schriftsteller entbehren der Genauigkeit. Auch stört die oberflächliche
+interpretatio romana, welche auf Äusserlichkeiten hin eine römische
+Gottheit an Stelle der germanischen nennt. Der Berichterstatter
+entgeht dabei kaum der Versuchung, die ihm geläufigen Vorstellungen
+auf die völlig verschiedenen germanischen Verhältnisse zu übertragen.
+Beobachter, die einem fremden Volke angehören, sind ausser Stand,
+objektiv, zuverlässig und erschöpfend zu berichten. Was sie wissen,
+hängt von allerlei äussern Zufälligkeiten ab. Ebenso schlechte
+Gewährsleute aber sind die späteren christlichen Schriftsteller, die
+dem Heidentum feindselig gegenüberstehen, denen alles Verständniss
+abgeht und die gerne absichtlich verschweigen. Da wir aber fast allein
+auf solche Zeugen angewiesen sind, denen der Geist germanischer
+Religion und Mythologie durchaus fremd und unverständlich ist, die es
+nicht einmal mit Angabe der Thatsachen genau nehmen, so ist unsere
+Kenntniss leider sehr beschränkt und unzuverlässig. Stets muss man
+auf genaue Prüfung der einzelnen Zeugen bedacht sein, um darnach die
+ihren Mitteilungen zu Grunde liegenden wirklichen Thatsachen möglichst
+unverfälscht heraus zu schälen. Solche Kritik ist übrigens ebenso der
+unmittelbaren Überlieferung gegenüber von Nöten, besonders wenn es sich
+um Verallgemeinerung handelt.
+
+
+3. Deutsch-englische Quellen.
+
+Von antiken Autoren äussern sich über die germanische Religion +Caesar+
+(_Bell. gall._ 6, 21), +Plutarch+ (_Vita Caesaris_ c. 19), +Appian+
+(_Roman. hist._ 1, 4, 3), +Strabo+ (_Geographicorum_ lib. 7, 2),
++Plinius+ (in den verlorenen _Bellis Germaniae_), +Tacitus+ (_Germ._
+9, 39, 40, 43; _Ann._ I, 51; II, 12; XIII, 55, 57; _Hist._ IV, 14, 22,
+61, 65, 73; V, 22 ff.), +Sueton+ (_Vitellius_ c. 14, _Domitian_ c. 16),
++Sozomenus+ (_Hist. eccl._ 6, 37), +Claudianus+ (_Consul. Stilichonis_
+1, 288; _Bell. get._ 528, 542), +Orosius+ (_Hist._ 5, 16), +Ammianus
+Marcellinus+ (_Hist._ 14, 9; 25, 5, 17), +Agathias+ (2, 6; 28, 5),
++Procopius+ (_Bell. got._ 2, 4 ff.; 15, 25).
+
+Aus der heidnischen Zeit, da die Germanen im Verkehr mit den Römern
+standen, bieten sich auch einige wenige unmittelbare Denkmäler.
+Germanische Söldner im römischen Heerdienst ahmten die Sitte der
+_Weihsteine mit Inschriften_ ihren römischen Kameraden nach. Sie
+errichteten ihren heimischen Göttern Altäre, oft sogar mit Bildern
+geschmückt. Meist wurde die interpretatio romana angewandt, aber durch
+Zusatz eines germanischen Beiwortes die deutsche Gottheit bezeichnet
+z. B. Mars Thingsus, Hercules Magusanus; manchmal stand der deutsche
+Name allein, wobei aber die Skulptur die interpretatio romana zum
+Ausdruck bringen konnte, z. B. Nehalennia (mit Isisbildern), Hludana,
+Deus Requalivahanus. Die Altäre sind bis zum letzten Meisselstich
+römische Arbeit, die Bilder gehören dem Gedankenkreise der römischen
+Mythologie an. Man darf sie nicht auf germanische Mythen auslegen. Der
+Gewinn, den uns die germanischen Weihaltäre gewähren, ist sehr gering.
+Die Schlussfolgerungen sind ganz unsicher, mehr nur ein glückliches
+Raten. Denn der einzige Anhaltspunkt bleibt stets das mutmaassliche
+germanische Wort. Aber dessen Sinn ist allein mit Hilfe der
+Etymologie zu bestimmen, und wenn auch die Etymologie mit annähernder
+Sicherheit erschlossen ist, so bleiben doch immer noch viele Zweifel,
+welche Bedeutung der Name oder Beiname für die Mythologie hat. So
+ist allerdings im Hercules Magusanus der starke Donar unschwer
+erkennbar, aber die Formel Mars Thingsus bleibt unerklärt, obschon
+die Etymologie von Thingsus keine Schwierigkeit macht. Nehalennia,
+Hludana, Requalivahanus lassen mit Aufwand grosser Gelehrsamkeit die
+widersprechendsten Auslegungen zu.
+
+In lateinischer Sprache von christlichen Verfassern geschriebene
+Werke kommen fürs spätere Heidentum der Westgermanen in Betracht.
+Obenan stehen die _Lebensbeschreibungen der Bekehrer_, worin häufig
+auf das besiegte Heidentum eingegangen wird. Die _Vita Columbani_ und
+die _Vita St. Galli_ wissen Einiges von den heidnischen Bräuchen der
+Alemannen. Die _Vita Bonifatii_ und die _Bonifatiusbriefe_ geben über
+Mitteldeutschland und Friesland Aufschluss. Von Friesland erzählen die
+_Vita Liudgeri_ und die _Vita Willehadi_. Die heidnischen Zustände
+der nordischen Völker berührt mehrfach die _Vita Anskarii_. Über
+die Skandinavier berichtet _Adam von Bremen_. Die angelsächsische
+Bekehrung schildert des Bäda _Historia ecclesiastica_. Reichhaltig,
+da sie fortwährend Heidnisches bekämpfen, sind die _kirchlichen
+Gesetze, Bussordnungen, Concilsbeschlüsse, Papstbriefe, Predigten,
+Taufgelöbnisse_ u. drgl. Sie sind zwar oft nach einem allgemeinen
+Schema entworfen und dürfen nicht in allen Einzelheiten fürs
+germanische Heidentum in Anspruch genommen werden. Aber sie sind
+andererseits auch häufig gerade im Hinblick auf ein bestimmtes Land
+und mit Einfügung der landesüblichen Ausdrücke abgefasst. So die
+_Sächsische Abschwörungsformel_, die Wodan, Donar und Saxnot nennt,
+und das alte Verzeichniss sächsischen Aberglaubens (_Indiculus
+superstitionum et paganiarum_), welche aus der Zeit der Sachsenmission
+stammen. Hefeles _Konciliengeschichte_, Wasserschlebens _Bussordnungen
+der abendländischen Kirche_, Cruels _Geschichte der deutschen Predigt_
+gewähren einen guten Überblick über das, was aus solchen Akten für die
+Mythologie zu lernen ist.
+
+Die _Geschichtschreiber der germanischen Stämme_ kommen, wo sie von
+der Urzeit berichten, häufig auf Mythen zu sprechen; so Jordanes in
+der _gotischen Geschichte_, Gregor von Tours in der _fränkischen_,
+Paulus Diaconus in der _langobardischen_, Bäda in der _englischen_,
+Widukind in der _sächsischen_, Dietmar von Merseburg in seiner
+_Chronik_ und andere mehr. Am ergiebigsten sind auch hier die
+_nordischen Geschichtsquellen_. Wie die kirchlichen, so haben auch die
+_weltlichen Rechtsquellen_ oft Veranlassung, heidnische Zustände zu
+erwähnen. So Karls des Grossen _Capitulatio de partibus Saxoniae_ und
+viele _angelsächsische Gesetze_. Viele _Orts- und Personennamen_ sind
+mit mythischen Bestandteilen gebildet, z. B. mit Wodan, Donar, Fro,
+Ans, Alb u. ä. zusammengesetzt, und verstatten dadurch einen Schluss
+auf den Vorstellungskreis, dem sie entstammen. _Wochentagsnamen_ und
+_Pflanzennamen_ gehören ebenfalls hierher. Die _ältere Sprache_, die
+namentlich in den ahd. Glossen uns aufbewahrt ist, in Einzelheiten
+auch die Sprache der erst in der christlichen Zeit abgefassten
+epischen Gedichte, z. B. der altsächsische Heliand und die zahlreichen
+angelsächsischen Stabreimgedichte, enthalten viele Ausdrücke aus
+dem Heidentum. Manche Vorstellungen, z. B. die der Schicksalsfrau
+Wurd, Bezeichnungen von Göttern und Geistern, viele Thatsachen des
+Götterdienstes, des Priester-, Opfer- und Tempelwesens werden mit
+Hilfe der Sprache als gemeingermanisch erwiesen. In den ältesten,
+dem Heidentum zunächst stehenden Denkmälern halten sich viele uralte
+Ausdrücke, deren echter heidnischer Begriff so gut als möglich ins
+Christliche umgesetzt ist, die später grossenteils verschwanden.
+
+Die unmittelbare Überlieferung in deutscher Sprache ist sehr dürftig
+und auch nicht vollkommen verständlich. Die _Runeninschrift auf der
+Nordendorfer Spange_ ruft Wodan und Donar zu irgend einer Weihhandlung
+an. Am meisten bieten immerhin die Zaubersprüche, in Deutschland die
+beiden berühmten _Merseburger Sprüche_, in denen Götter und Göttinnen
+genannt sind, ferner einige jüngere Sagen, in welchen heidnische und
+christliche Bestandteile durch einander laufen[19]. Aus England bieten
+sich mehrere ebenso wertvolle _Zauberformeln_ dar, die auf Woden, die
+Erdgöttin und die Kampfjungfrauen Bezug nehmen. Die Auslegung dieser
+rein heidnischen oder christlich-heidnischen Segen ist aber in vielen
+Einzelheiten sehr unsicher. Lachmann, Müllenhoff, E.H. Meyer und
+andere suchen die Heldensage in grösserem Umfang für die Göttersage
+zu verwerten. Aber noch ist keine allseitig befriedigende Lösung der
+Frage gefunden, wieviel und was die Mythologie, d. h. die Geschichte
+der Göttersage und des Heidenglaubens, aus der Heldensage für sich in
+Anspruch nehmen darf.
+
+_Volkssage und Volksaberglaube des Mittelalters und der Neuzeit_
+bilden eine wichtige Quelle für die Mythologie. Ihre Verwertung ist
+aber mit bedeutenden Schwierigkeiten verknüpft. Zunächst muss das
+Verhältniss zwischen höherer und niederer Mythologie richtig gestellt
+werden. Hierauf muss die Volksüberlieferung für sich allein auf
+ihre Verwendbarkeit sorgsam geprüft werden. Vieles, was wir nur aus
+Volkssagen der Gegenwart wissen, _kann_ bereits germanisch-heidnisch
+gewesen sein, aber nicht alles _muss_ aus der Urzeit herstammen. Die
+Volksüberlieferung ist in ständigem Flusse begriffen, Neubildungen
+und Entlehnungen sind an der Tagesordnung. Unsre nächste Aufgabe
+geht dahin, zu bestimmen, welche niedere Mythologie im Heidentum
+neben der höheren herlief. Sofern sie mit der altheidnischen in
+den Grundzügen übereinstimmt, muss die spätere Volkssage ergänzend
+herangezogen werden. Um festzustellen, wieviel alt und heidnisch
+ist, dient wieder an erster Stelle die Sprache, welche lehrt, ob ein
+Begriff gemeingermanisch ist. Ferner ist Gewicht darauf zu legen,
+eine Sage oder Vorstellung in möglichst alten Quellen nachzuweisen.
+Je näher die Überlieferung der heidnischen Zeit gerückt wird, desto
+grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie bereits im Heidentum
+vorhanden war. Besonders wertvoll sind die Parallelen, welche sich
+aus den altnordischen Quellen in reicher Fülle ergeben. Viele Sagen
+erscheinen überhaupt mit dem nordischen Götterglauben gleichzeitig.
+Begegnen sie, selbst in jüngerer Fassung, in Deutschland und England
+wieder, so ist die Annahme gemeinsamer Herkunft aus dem Heidentum
+erlaubt, zumal wenn die Sprache den Grundbegriff als urgermanisch
+erweist. Gleichheit von Märchen und eigenartigen Sagen deutet zwar auf
+Wanderung und Entlehnung, aber anders ist die Übereinstimmung typischer
+und abergläubischer Vorstellungen wie der Seelengeister, Maren, Elbe
+und Riesen zu beurteilen. Ältere Sammlungen zur Volkskunde sind des
+Gervasius von Tilbury _otia imperialia_ um 1211, des Caesarius von
+Heisterbach († 1240) _dialogus miraculorum_, des Hans Vintler _Blumen
+der Tugend_[20] um 1411, die _Zimmerische Chronik_ 1566, die Werke des
+Prätorius im 17. Jahrhundert, die _gestriegelte Rockenphilosophie_
+1706. Die methodische Sammlung aus den älteren Aufzeichnungen und aus
+der mündlichen Überlieferung der Gegenwart unternahmen die Brüder
+Grimm in den _Kinder- und Hausmärchen_ 1812-14, in den _deutschen
+Sagen_ 1816-18, J. Grimm im _Aberglauben_ (in der ersten Ausgabe der
+Mythologie 1835; wiederholt im 3. Bande 1878 S. 401-508). An dem
+in diesen Arbeiten gegebenen unübertrefflichen Muster erstand die
+wissenschaftliche Sammlung und Sichtung der Volksüberlieferung, eine
+Aufgabe, die jetzt von Vereinen besorgt wird[21].
+
+
+4. Nordische Quellen.[22]
+
+Der Wert der nordischen Überlieferung beruht vor allem darauf, dass
+sie unmittelbar in heimischer Form geboten wird. Zwei Hauptströmungen
+sind zu unterscheiden: die Nachrichten der Skalden, die teilweise dem
+ausgehenden 9. und dem 10. Jahrhundert angehören, obschon sie erst am
+Ende des 12. Jahrhunderts und im 13. Jahrhundert zur Niederschrift
+kamen, und die Nachrichten der in Prosa verfassten Geschichtsquellen,
+der _Sögur_. Aus letzteren gewinnen wir ein Bild des _Glaubens_, bei
+den Skalden erfahren wir die _Sagen_. Religion und Mythologie sind aber
+teilweise verschieden, die nordische Mythologie in ihrer Gesamtheit ist
+nicht unmittelbar aus dem lebendigen Kult und Glauben des norwegischen
+Volkes hervorgegangen. Die nordische Mythologie, die im Kreise der
+Skalden, der höfischen Kunstdichter, entstand, enthält mehr fremde
+Bestandteile, stellt die aus Deutschland zugewanderte Gestalt Odins
+in den Mittelpunkt, während die Religion des nordischen Volkes die
+altheimischen Götter nicht zurückdrängen lässt, Fremdes eher ablehnt.
+Der Gegensatz des abenteuernden Wikings und des sesshaften Mannes,
+des Edelings und des Bauern gelangt in der nordischen Mythologie und
+Religion zum Ausdruck.
+
+Von den Skalden sind diejenigen am wichtigsten, welche noch dem
+Heidentum angehören. Zur Kunstdichtung sind auch die sog. _Eddalieder_
+zu zählen, die allerdings einfachere Formen anwenden, aber aus dem
+Anschauungskreise der Skalden nicht heraustreten, jedenfalls nicht als
+blosse Volksdichtung betrachtet werden dürfen. Die Skaldengedichte sind
+in doppelter Weise für die nordische Mythologie von Belang, ihrer Form
+und ihres Inhalts willen. Das eigentliche Thema der Skaldengesänge
+ist Fürstenlob, aber das Hauptgewicht fällt neben allerlei metrischen
+Künsteleien auf die sprachliche Einkleidung. Der Skald gefällt sich in
+der Umschreibung einfacher Begriffe, im Ungewöhnlichen. Synonymik ist
+sehr beliebt, Odin wird lieber mit einem seiner Beinamen genannt als
+mit seinem gewöhnlichen Namen. Daher sind die Skalden auf möglichst
+reichhaltige Sammlung von synonymen Ausdrücken, bei den Göttern auf
+vollständige Verzeichnisse aller ihrer Beinamen bedacht. Solche
+Beinamen entstammen aber besondern Eigenschaften oder Handlungen der
+Götter. Ferner befleissigen sich die Skalden verwickelter Bilder und
+Umschreibungen, die mit Vorliebe aus der Götter- und Heldensage geholt
+sind. Die Auflösung der _„kenning“_, d. h. der Umschreibung, in die zu
+Grunde liegende Sagenvorstellung ist oft sehr schwierig. Jedenfalls
+setzt eine solche Verwendung der Göttersage, dass jede Anspielung
+sofort verstanden wird, deren genaue Kenntniss bei Dichter und Zuhörer
+voraus; um 900 muss die nordische Mythologie in den Kreisen, für welche
+die Skalden dichteten, mit allen ihren Feinheiten ganz geläufig gewesen
+sein. Endlich haben die Skalden auch geradewegs Mythen dargestellt,
+berühren sich also auch im Inhalt unmittelbar mit den sog. Eddaliedern.
+Ohne diese aber und ohne Snorri wäre uns die nordische Mythologie
+nur mangelhaft bekannt. Denn die dunkeln Anspielungen der Skalden
+versteht nur der, welcher in der Mythologie bereits bewandert ist. Um
+1240, nach andern schon am Ende des 12. Jahrhunderts, veranstaltete
+ein Isländer eine _Sammlung von Götter- und Heldenliedern_[23],
+worin alles Aufnahme fand, dessen er habhaft werden konnte. Gedichte
+der gleichen Art sind auch sonst vereinzelt auf uns gekommen, ein
+Beweis, dass im 12./13. Jahrhundert auf Island noch eine grosse Anzahl
+von solchen Gedichten vorhanden war, dass jene Sammlung keineswegs
+erschöpfend war. Eine Pergamenthandschrift der Sammlung entdeckte 1643
+der isländische Bischof +Brynjolf Sveinsson+; sie wird jetzt auf der
+kgl. Bibliothek zu Kopenhagen aufbewahrt und bildet die Hauptquelle
+unsres mythologischen Wissens. Brynjolf gab einer Abschrift, die er
+vom Codex nehmen liess, ohne jede Gewähr als reine Vermutung den Titel
+_Edda_ und schrieb sie dem 1133 verstorbenen isländischen Gelehrten
+_Saemund_ zu. Als _„Saemunds Edda“_ wurde eine Sammlung bezeichnet,
+die lange nach Saemunds Tod erst zu Stande gekommen war, ein Titel
+wurde ihr beigelegt, den sie nie geführt hat. Aber Brynjolfs irrige
+Meinung erfreute sich lange Zeit allgemeiner Anerkennung und rief
+allerlei neue Irrtümer hervor. Man machte sich Gedanken über Saemunds
+Anteil, galt er doch zuweilen sogar als Verfasser. Brynjolfs Hypothese
+hat nicht zum wenigsten verschuldet, dass man so lange über die
+Bedeutung und die wirkliche Beschaffenheit der Sammlung im Unklaren
+blieb. Heutzutage herrscht kein Zweifel mehr über die Ungehörigkeit
+der Bezeichnung _„Saemunds Edda“_. Nur in veralteten Lehrbüchern und
+in oberflächlichen populären Schriften wird sie angewandt. Von den
+Liedern der Sammlung ist jedes für sich allein auf Alter und Herkunft
+zu prüfen, sie bilden keinerlei Einheit. Zwar erheben sich alle
+Götterlieder auf der gemeinsamen Grundlage der nordischen Mythologie,
+im wesentlichen derselben, die hinter den Skaldengedichten steht. Aber
+sonst zeigt sich kein engerer Zusammenhang. Nach neuester Schätzung
+reicht kein Götterlied über 875 hinauf, die Mehrzahl gehört erst
+dem 10. Jahrhundert, also dem letzten heidnischen an. Man kann eine
+Anzahl von Odinsliedern neben Thors- und Freysliedern erkennen. Zu den
+Odinsliedern zählt die Vǫlospǫ́, die den Anfang der Welt, die letzten
+Schicksale der Götter, die Erneuerung der Welt enthält. Im Lied von
+Baldrs Träumen erkundet Odin die Zukunft von der Seherin, die er aus
+dem Todesschlafe weckt. Das Grimnirlied, das Wafthrudnirlied, die
+Hǫ́vamǫ́l zeigen Odin im Besitz aller Weisheit. Die Thorslieder führen
+uns den starken Gott im Kampf mit Riesen (Lied von Thrym, von Hymir),
+in der Wissenswette mit dem unholden Zwerg Alwis vor. Das Harbardslied
+lässt den Gegensatz des Thors- und Odinsglaubens hervortreten. Vom
+Himmelsgott, wie er um die schöne Gerd werben lässt, berichtet das
+Skirnirlied. In der Rigsþula erscheint der Gott unter dem Namen Rig
+als Erzeuger der menschlichen Stände. In der Lokasenna tritt der
+schmähsüchtige Loki mit argen Vorwürfen den Asen gegenüber, bis ihn
+Thor verstummen macht. So bietet uns die Sammlung schöne und lebendige
+Schildereien der Asenwelt, wir erblicken die einzelnen Göttergestalten
+in voller Thätigkeit, in allen erdenklichen Beziehungen.
+
+Unsre Kenntniss der nordischen Mythologie beruht somit auf der
+Liedersammlung, auf den Anspielungen der Skalden, welche den Inhalt
+der erzählenden Götterlieder teils bestätigen, teils auch ergänzen
+und erweitern. Sie wird aber noch besonders befestigt und vermehrt
+durch des isländischen Staatsmannes, Geschichtschreibers und Skalden
++Snorri Sturluson+ (1178-1241) Arbeiten. Snorri schrieb um 1230 eine
+_„Edda“_, d. h. Poetik. Von Snorris Werk, das diesen Titel mit Recht
+führt, übertrug ihn Brynjolf irrig auf die Sammlung von Liedern,
+weil zwischen beiden Werken allerdings Beziehungen bestehen, die
+aber natürlich mit dem Titel gar nichts zu schaffen haben. Snorri
+verfasste ein skaldisches Lehrbuch, worin er auf Grund ausgebreiteter
+Kenntniss der älteren Skaldengedichte die Regeln der Skaldenkunst
+erörterte. Die Mythologie ist aber dem Skalden zunächst nötig. Daher
+entwirft Snorri einen leicht fasslichen, fliessend geschriebenen
+Abriss der nordischen Göttersage, die der Skald beherrschen muss.
+Er schöpft dabei aus denselben Liedern, die uns in der Sammlung
+(in _„Saemunds Edda“_) erhalten sind, und führt zum Belege seiner
+Erzählungen einzelne Strophen daraus an. Er schöpft aber auch
+unmittelbar aus Skaldengedichten, deren mythische Unterlage er in
+kurzen Zügen uns wiederherstellt. Endlich waren ihm manche Quellen
+zugänglich, die wir nicht mehr besitzen. Snorris Edda ist also ein
+nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel der mythologischen Forschung.
+Aber man darf sie auch nicht überschätzen. Snorri stellt die nordische
+Mythologie nach seinem eignen Ermessen, nach seiner eignen gelehrten
+Auffassung dar. Wenn möglich müssen wir auf die Urquellen selber
+zurückgreifen, nicht unbedingt auf Snorri uns verlassen. Schon dadurch
+ergibt sich manche Berichtigung. Snorri hat einiges missverstanden,
+einiges zugefügt. Er schildert die Göttersage im erhabenen Rahmen
+der Weltschöpfung und des Weltbrandes, über denen der ewige Allvater
+steht. Darin folgt er gewiss den Anschauungen der Skalden des 10.
+Jahrhunderts, wenn er auch noch einige neue christliche Gedanken
+einfügte. Nie darf ausser Acht bleiben, dass die nordische Mythologie
+der Snorra Edda die systematische Bearbeitung eines isländischen
+Gelehrten des 13. Jahrhunderts ist, die mit der Mythologie der
+Skalden des 10. Jahrhunderts nicht in allen Stücken für gleichwertig
+genommen, die unter keinen Umständen in eine germanische Mythologie
+zurückgetragen werden darf.
+
+Neben den Skaldengedichten gewähren die _Sögur_, besonders die
+Geschichtsquellen, reiche Belehrung über Religion und Mythologie. Die
+Geschichte der Besiedelung Islands liegt vor in Aris _Íslendingabók_
+(verfasst um 1134) und in der _Landnámabók_. Darin ist häufig
+vom Glauben und Kult der Ansiedler Islands die Rede, Thors- und
+Freysdienst stehen obenan, Odin wird kaum erwähnt. Ebenso schildern
+die isländischen _Familiensögur_, die im 9./10. Jahrhundert spielen,
+viele heidnische Bräuche. Diese Sagen sind allerdings erst im 13.
+Jahrhundert in litterarische feste Form gebracht worden, manches mag
+auf Rechnung der Sagaschreiber kommen. Aber zu Grunde liegt eine alte
+mündliche Überlieferung, die in gewissen Kunstformen seit dem Heidentum
+jene Geschichten bewahrt hatte. Darum verdienen die Nachrichten,
+welche uns die Sögur vom 10. Jahrhundert geben, in der Hauptsache
+Glauben. Die _norwegische Königsgeschichte_ wurde im 13. Jahrhundert
+ebenso zu schönen Prosadarstellungen verarbeitet auf Grund von alten
+Skaldengedichten, die meistens als Beleg auch mitgeteilt werden,
+und aus mündlicher Überlieferung. Snorris _Heimskringla_ ist das
+bedeutendste Werk. Die Geschichte der heidnischen Könige, namentlich
+aber die der beiden Bekehrer Olaf Tryggwason und Olaf Haraldsson gibt
+genugsam Anlass, heidnischen Glauben und heidnische Sage zu schildern.
+In den Königssagen, soweit sie auf Skaldenliedern beruhen, tritt auch
+Odin hervor; am Königshofe ward ja von Odin gesungen und gesagt. Jedoch
+im norwegischen Volke selber zeigt sich auch hier Thorsdienst als
+eigentlicher Feind des Christentums. Den Thorsdienst der norwegischen
+Bauern müssen die Bekehrer mit weit stärkeren Mitteln bekämpfen,
+als die Odindichtung der Skalden. Die _nordischen Rechtsquellen_
+befassen sich mehrfach mit dem Heidenglauben, aber mehr mit dem
+niedern Volksglauben, wie es auch die südgermanischen Gesetze thun.
+Im Heidentum war mit besondern Satzungen auf den Schutz des Glaubens
+Bezug genommen, in der christlichen Zeit eifern die Gesetze gegen
+Überbleibsel heidnischer Bräuche.
+
+Endlich gibt es auch rein mythische Sagen wie z. B. die _Ynglingasaga_,
+die _Volsungasaga_, worin wie in den Skaldengedichten Götter- und
+Heldensage unmittelbar behandelt sind. Mit solchen mythischen
+Geschichten ist auch des Dänen +Saxo Grammaticus+ um 1200 verfasste
+_historia danica_ erfüllt. Saxo schreibt in 16 Büchern eine bis 1187
+reichende Geschichte Dänemarks, die 9 ersten Bücher beruhen auf Sagen,
+zum Teil auf nordischer Göttersage. Saxo schreibt einen schwülstigen
+Stil und hat sich der Überlieferung gegenüber manche Freiheit erlaubt.
+Aber trotzdem sind seine Nachrichten für einige mythologische Dinge von
+grossem Wert. Saxo schöpfte aus dänischer und norwegisch-isländischer
+Sage, öfters beide mit einander vermischend[24]. Wie Snorri huldigt
+auch Saxo dem Euhemerismus, die Götter sind als Menschen aufgefasst.
+Soweit Saxo mit nordischer Göttersage sich beschäftigt, stützt er sich
+vorwiegend auf isländisch-norwegische Quellen. Darum stimmen seine
+Mitteilungen wesentlich zu denen der nordischen Skaldengedichte und
+Sögur, nur selten begegnen selbständige Züge dänischer Herkunft.
+
+Auch aus dem späteren Mittelalter und aus der Neuzeit bietet sich
+im Norden reiche Überlieferung dar. Wir haben einen grossen Schatz
+nordischer Volkslieder und isländischer Reimereien, in denen die
+Gestalten des Aberglaubens, Trolle, Riesen, Zwerge, Elfen, Nixen und
+Meerweiber ihr Wesen treiben. Die eigentliche Göttersage wird selten
+und unselbständig in diesen Poesien behandelt. Zwar erscheint die
+_þrymskviþa_ sowol als isländische Reimerei in den _þrymlur_, als auch
+als norwegisch-dänische Volksweise _„Tord af Hafsgaard“_; Thors Fahrt
+nach Utgard behandeln die _Lokarímur_. Im färöischen _Lokkatáttur_
+finden wir Odin, Hönir und Loki in ein Märchen verflochten. Aber es
+handelt sich hier stets um ein künstliches litterarisch vermitteltes
+Fortleben der Heidengötter. An Volkssagen, die im 19. Jahrhundert
+gesammelt wurden, gewährten die nordischen Länder höchst ergiebige
+Ausbeute[25].
+
+
+
+
+ERSTES HAUPTSTÜCK.
+
+
+
+
+Die Gestalten des Volksaberglaubens (die niedere Mythologie).
+
+
+1. Der Geisterglaube und seine nächsten Ursachen.
+
+Volksaberglaube und Volkssage verhalten sich ähnlich wie Götterglaube
+und Göttersage. Aus allgemeinen weitverbreiteten Grundtypen erwachsen
+örtlich und zeitlich sehr verschiedenartige Sagen, die natürlich
+bei aller Abweichung im einzelnen im Kerne doch übereinstimmen. Wo
+Geschichten mit verwickelter Handlung und merkwürdigen Einzelheiten
+an getrennten Orten auftauchen, ist Entlehnung und Wanderung mehr
+wahrscheinlich als selbständige unabhängige Entstehung. Der Volksglaube
+scheint unwillkürlich aus der Veranlagung des menschlichen Gemütes
+zu entstehen. Wol beruht auch er auf einer Anzahl überlieferter
+Thatsachen, er vererbt sich mündlich in den Geschlechtern und vermehrt
+sich somit allmälig ungeheuer. Aber er wird gewissermaassen mit jedem
+Menschen auch neu geboren, dieselbe Anlage, aus der die Urbilder
+entkeimten, schafft immer neue Vorstellungen ähnlicher Art. Der
+Volksglaube bleibt nicht unverändert bestehen, er formt sich immer neu.
+Die Volkssage der heidnischen Germanen ist nicht unmittelbar auf uns
+gelangt. Zwar die nordischen Quellen bieten auch hier sehr vieles, in
+Deutschland wird manches mittelbar durch gelegentliche Anspielungen und
+durch das Vorhandensein der entsprechenden sprachlichen Bezeichnungen
+bezeugt. Jedoch der Volksglaube der Heidenzeit lebt vielfach im
+Mittelalter und in der Neuzeit fort. Wie die einfachen Gebilde der
+neueren Volkssage waren nach Ausweis der nordischen Denkmäler auch
+die der altheidnischen beschaffen, so dass es wol erlaubt scheint,
+zur Aufhellung verschwundener Zeiten die Gegenwart heranzuziehen.
+Nur muss Vorsicht walten. Eine neue Volkssage kann nur als Vertreter
+einer altheidnischen gelten, wenn der typische Volksglaube, dem sie
+entstammt, auch fürs Heidentum wahrscheinlich ist. Damit ist nicht
+gesagt, dass sie genau so, wie sie jetzt uns vorliegt, auch damals
+lautete. Der heutige Volksglaube und noch weit mehr die Sage enthalten
+neben uralten Typen aber auch unzählige Neubildungen, die erst im
+Mittelalter und in der Neuzeit, häufig auch aus dem Verkehr mit andern
+Völkern aufkamen. Altheidnischer Glaube kann dem Christentum angepasst
+worden sein, viele Bräuche sind aber auch erst vom Christentum
+veranlasst. Die Hauptaufgabe, Altes und Neues aus einander los zu
+lösen, hat die Volkskunde noch kaum in Angriff genommen. Der Aberglaube
+und die daraus entwickelte Sage sind überaus einfach in Form und
+Gehalt, ohne besondere Wartung und Pflege entspringt der Glaube den
+Vorgängen im Leben des Menschen und in der Naturumgebung. Die einfachen
+Grundvorstellungen können sich mitunter verwickelter gestalten, jedoch
+kaum ohne Einwirkung bewusst schaffender Kunstdichtung. Wenn man
+eine wolgeordnete, vollständige Sagensammlung betrachtet, so treten
+besonders vier Gruppen von übermenschlichen Wesen hervor, _Maren_,
+_Seelen_, _Elbe und Riesen_, wovon die beiden ersten mit dem Menschen
+in unmittelbarem Verkehre stehen, während die letztgenannten in der
+Natur wirken. Weil Begriff und Benennung dieser Wesen gemeingermanisch
+ist, weil sie in den nordischen Sagen des Heidentums ebenso weben und
+leben wie in der deutschen und nordischen Überlieferung der Gegenwart,
+so ist ihre Zugehörigkeit zum Bestand des heidnischen Volksglaubens
+zweifellos. Die Anthropologie lehrt, dass sie überhaupt allgemein
+menschlich sind. Soweit ihr Ursprung zu erklären ist, werden wir auch
+auf allgemein menschliche Anlagen, die überall gleichmässig vorhanden
+sind und gleichartig wirken müssen, hingeführt.
+
+Der Gespensterglauben drängt sich dem Menschen durch Wahrnehmungen
+auf, die er an sich selber und an seinen Mitmenschen macht. Die
+subjektiven Vorgänge des Traumschlafes, die objektiven des Todes wirken
+zusammen zur Vorstellung eines geisterhaften Wesens, das plötzlich
+aus der Unsichtbarkeit hervortritt und auf geheimnissvolle Weise
+sich fühlbar macht. Im Schlafe erscheinen die Gestalten Lebender und
+Toter, sie verkehren wie im wirklichen Dasein, nur häufig freier und
+ungebundener. Besonders die Erscheinung längst Verstorbener erregt
+und beunruhigt das Gemüt. Im Alptraum wird dem Schlafenden aber
+unmittelbar die beängstigende Macht solcher Traumgestalten fühlbar.
+Das Traumbild an sich hätte schwerlich den Glauben an die Wirklichkeit
+des Erschauten hervorgerufen, wol aber der Alptraum, der die
+geheimnissvolle Einwirkung übermenschlicher Wesen immer von Neuem dem
+Bewusstsein aufdrängte.[26] Der Alpdruck ruft die verschiedenartigsten
+Vorstellungen hervor, je nachdem der Schlafende von einem Tier oder
+Menschen, der mitunter bekannte Züge anzunehmen pflegt, sich gequält
+wähnt. Die bange Furcht steht an der Schwelle urmenschlichen Glaubens,
+Kultes und Mythus. Die Druckgeister mit ihrer merkwürdigen Vielgestalt
+schienen verwandlungsfähige schädigende Wesen, die jeder verspürt
+hatte, von denen jeder zu erzählen wusste, deren objektive Wirklichkeit
+der kindlichen Einbildungskraft zweifellos sein musste. Die Furcht
+vor dem Alp legte den Gedanken an Maassregeln zu seiner Abwehr nahe,
+aus dem Glauben an seine Macht entsprangen Bräuche, die ihn schadlos
+machen sollten, also ein wesentlich auf Abwehr gerichteter Kult. Die
+Alpsage aber erging sich in Schilderungen besonderer Traumerlebnisse,
+wie dieser oder jener den Unhold gesehen, wie er sich seiner erwehrt
+hatte. Auch musste die Sage seine Herkunft zu ergründen trachten.
+Denn der Traum zeigte das Gespenst ja nur, wie es plötzlich über den
+Schlafenden herfiel, ohne zu erklären, woher es kam und wohin es wieder
+entschwand. Zur Erklärung boten sich von selber andere Wahrnehmungen.
+Der Alp trug häufig bekannte Züge lebender oder toter Mitmenschen.
+Diese selber in ihrer gewöhnlichen Gestalt konnten aber nicht den
+Träumenden heimsuchen, und doch war auch die Erscheinung nicht von
+ihnen völlig zu trennen. Der Traum ist nicht nur leidend, indem der
+Schlafende die Besuche Andrer empfängt, sondern auch thätig, indem
+der Schlafende auf wunderbare Weise im Augenblick die weitesten
+Entfernungen zurücklegt. War einmal durch den Alptraum die Einbildung
+aufgeregt, so mochte auch der gewöhnliche Traum zum Nachdenken Anlass
+geben. In sich selber trug der Mensch ein Rätsel, die Fähigkeit,
+zeitweilig im Schlafe die leiblichen Fesseln abzustreifen und los und
+ledig frei umher zu schweifen. Endlich schien der Tod eine gewisse
+Deutung zu gewähren. Aus dem toten Leib ist der belebende Hauch, der
+Atem, die Seele entwichen. Der Leib zerfällt in Staub und Asche.
+Kehrt ein Verstorbener, wie er leibte und lebte, wieder, so muss
+es sein Geist sein, jene entwichene Seele, die beim Tode nicht zu
+Grunde ging, die fort besteht und leiblich umgehen, erscheinen kann.
+Der Tod belehrt den Menschen über den Unterschied zwischen Leib und
+Seele. Dem Schlummernden mag die Seele für kurze Frist entschweben,
+dem Toten entfloh sie für immer. Aber ihre wunderbaren Eigenschaften
+sind dieselben, sobald sie einmal den Leib verlässt. Aus ähnlichem
+Gedankengang haben die Naturvölker den Begriff der Seele als eines
+geisterhaften Wesens entwickelt. Überall findet sich Seelen- und
+Marenglaube. Eine strenge Scheidung zwischen Seelen und Maren lässt
+sich nirgends durchführen. Aus demselben Vorstellungskreise erwachsen
+sind beide Erscheinungen einander sehr ähnlich, häufig unzertrennlich.
+Maren sind ja eigentlich Seelen als Druckgeister, und andererseits ist
+der Begriff des Seelengeistes namentlich auf den Alptraum begründet.
+Der Marenglaube mag ursprünglicher und älter sein als der Seelenglaube,
+bei den heidnischen Germanen sind jedenfalls beide gleichzeitig
+nebeneinander reich entfaltet gewesen.
+
+
+2. Maren.
+
+Die Gespenster, welche den Menschen im Alptraum heimsuchen, spielen
+in der niederen Mythologie eine grosse Rolle, sie sind wahrscheinlich
+wegen ihrer handgreiflichen Fühlbarkeit überhaupt die ersten
+übermenschlichen Wesen, deren Dasein der Mensch glaubte und fürchtete.
+Der Seelenglauben beruht zum grossen Teil auf der Vorstellung von
+quälenden Druckgeistern. Erst allmälig entstand weiterhin der Glaube
+an Geister, die nicht nur den Menschen quälten und drückten. Zunächst
+aber ging der Gespensterglaube aus dem Alptraum hervor. Die älteste
+gemeingermanische Bezeichnung des Druckgeistes ist an. _mara_, dän.
+_mare_, _nattemare_, holl. _nagtmerrie_, engl. _nightmare_. Im frz.
+ist _cauche-mar_, die tretende _mare_, aus fränk, _mara_ gebildet. Mhd.
+begegnet _mar_ und _mare_ männlich und weiblich. In Norddeutschland
+ist noch heute das Wort _mar_, _mart_, _mahrte_, _nachtmare_ u. a.
+üblich. Bei den Oberdeutschen ist das Wort ausgestorben; dafür werden
+andere Benennungen im selben Sinn und mit denselben Sagen wie bei
+der nds. _mare_ verwendet. So wird das quälende Traumgespenst als
+_Alp_ bezeichnet. Der allgemeine Begriff Alp wurde verengert und auf
+eine besondere Erscheinung eingeschränkt. Oder man spricht von der
+drückenden _trut_, _trude_. _Truden_ sind eigentlich Hexen, zu deren
+Beschäftigung das Alpdrücken aber vornehmlich gehört. Bei den Alemannen
+wird der Nachtgeist auch als _schrettele_, _schrat_, _schretzlein_
+u. s. f. bezeichnet, aus dem altgermanischen Wort für Geist, Gespenst,
+das im an. _skrati_, _skratti_, ahd. _scrato_, _scraz_ vorliegt.
+Endlich heisst der Druckgeist im Elsass und in einem Teil der Schweiz
+_doggele_, ein Deminutivum zu *_dogo_, das zum Verbum *_diuhan_,
+drücken gehört (Laistner, Nebelsagen 341). Ohne Weiteres erklären sich
+die Namen _druckerle_, _nachtmännle_. So zahlreich und wechselvoll
+die Namen sind, die Erscheinung und Wirkung des Gespenstes bleibt
+immer dieselbe. Im Heidentum hiess es aber allgemein die _mare_,
+offenbar mit besonderer Hervorhebung des weiblichen Geschlechts des
+Gespenstes. Ältere Marensagen sind nur wenige vorhanden, aber sie waren
+von den späteren in sehr grosser Zahl bekannten kaum verschieden,
+denn die stets gleichmässig wiederkehrende Ursache musste auch immer
+die gleichen Wirkungen erzielen. Besonders deutlich ist hier das
+Verhältniss zwischen Aberglauben und Sage, wie Laistner schön und
+treffend hervorhob. Die Traumbegebenheit drängte sich dem Menschen mit
+voller Leibhaftigkeit immer wieder auf, des Alps und der Mare war er
+sicher, denn er spürte sie. Der Bericht vom Alptraum ruft die Alpsage
+ins Leben. Da mischt sich alsbald poetische Erfindung und Ausschmückung
+ein, wie um jeden religiösen Kern ein mehr oder weniger freier Mythus
+anwächst. Schwierig ist auch hier, zu bestimmen, wo dem Bewusstsein der
+Zusammenhang der Sage mit der zu Grunde liegenden Alptraumsituation
+entschwindet.
+
+Nach der Ynglingasaga Kap. 13 wird der König Wanlandi von Schweden
+von der Mare getötet. Sie tritt dem Schlafenden dermaassen auf die
+Beine, dass sie fast zerbrachen, und drückt ihm darauf den Schädel
+ein. Die Thätigkeit der Mara wird als ein Quälen (_mara kvalđi_)
+oder Treten (_mara trađ_) geschildert. Ebenso ist die fränkische
+_cauche-mar_ (zu _calcare_) eine tretende Mare. Der Alptraum bietet
+den denkbar reichsten Stoff zu einer ganzen Dämonologie dar[27]. Der
+Alp erscheint in den verschiedensten Gestalten, bald menschlich, bald
+tierisch, bald als Ungeheuer, dessen Aussehen in der Wirklichkeit
+nichts Entsprechendes hat. Um Mitternacht als Nachtalp, aber auch um
+Mittag als Tagalp, als _daemon meridianus_, überfallen die Gespenster
+den Menschen, der sich zum Schlafen nieder gelegt, quälen und ängstigen
+ihn oft so arg, dass er darüber krank wird und stirbt. Durch Astlöcher,
+Ritzen oder Schlüssellöcher schlüpfen die Maren in die Stuben, werfen
+sich dem Schlafenden auf den Leib und drücken ihm Brust und Kehle
+zusammen, dass er weder Luft bekommt noch schreien kann. Sie kriechen
+dabei dem Menschen von unten herauf bis an den Hals oder sie stecken
+ihm ihre Zunge in den Hals, dass er nicht mehr schreien kann. Auch
+Pferde und andres Vieh werden vom Alp geplagt; sie schwitzen und
+schnauben dann stark und sind ganz zerzaust; ihre Haare sind verknotet
+und verfilzt, zu Weichselzöpfen gedreht. Die nds. _walriderske_
+benützt die Pferde zum Reiten. Selbst Menschen werden von den Maren
+geritten, zum Teil indem sie dabei in Rossgestalt verwandelt werden.
+Die Sagen von plötzlich aufhockenden Gespenstern, die den Wanderer
+bis zur Erschöpfung peinigen, gehören in den Kreis des Marenglaubens.
+Auch leblose Dinge, Steine und Bäume, werden gedrückt. Bei den Bäumen
+zeigen zitterndes Laub und verwachsene Zweige den Alpdruck an. Der Alp
+kann nur auf demselben Wege wieder hinaus, auf dem er hereingekommen
+ist. Wenn man daher das Loch verstopft, durch welches er einschlüpfte,
+so ist er gefangen; ebenso wenn man ihn anruft oder beim Namen nennt.
+Dann erscheint er morgens in seiner wahren Gestalt, meist als nacktes
+Weib, in der Gestalt des Menschen, der den Alpdruck bewirkt hatte.
+Man kann den Alp oder die Mare solange gefangen halten, bis der
+verstopfte Ausweg sich wieder aufthut, worauf das gespenstische Wesen
+sofort verschwindet. Die deutsche Volkssage lässt die Maren aus dem
+„Engelland“, d. h. aus dem Seelen- und Geisterreich stammen, sofern sie
+nicht aus der nächsten Umgebung, aus der Zahl der Mitmenschen herkommen.
+
+Die Vorstellung von der Vielgestaltigkeit des Alps ist in der Art des
+Alptraums begründet. Der eine fühlt und sieht den Traumgast als Tier,
+als Hund oder Katze, als Wurm, als furchtbares Scheusal, der andere
+als einen Menschen, der die Züge von lebenden oder toten Bekannten
+annimmt, als altes Weib oder blühendes Mädchen. Wem er heute Entsetzen
+einflösst, dem naht er morgen in lieblicher Erscheinung, sogar ein und
+derselbe Traum kann einen Wechsel der Gestalten zeigen. Von besonderer
+Bedeutung für die Sagenbildung ist die Form des Traumes, welche den Alp
+als Buhlgeist, als _Incubus_ und _Succubus_, zeigt; daraus begreift
+man leicht, wie die Sage dazu kam, die elbischen Wesen überhaupt als
+lüstern und minnegierig darzustellen, vom geschlechtlichen Verkehr
+zwischen Elben und Menschen zu erzählen. Dieses Traumerlebniss braucht
+dann nur in eine höhere Auffassung gerückt zu werden, um den wüsten
+Buhlteufel, der schlafende Weiber überfällt, oder die teuflische
+Buhlerin, die sich im Traume mit Männern vermischt, zu Alb und Albin zu
+wandeln, die in Liebessehnsucht aus ihrer fernen Heimat herabsteigen,
+um mit Sterblichen einen Bund einzugehen. Hierin hat die Phantasie wol
+den dankbarsten Stoff erhalten, der in reichster Fülle und in zahllosen
+Umbildungen nach den verschiedensten Richtungen hin ausgesponnen
+werden kann. Sage und Dichtung können sich hier zu den herrlichsten
+Schöpfungen erheben, denen ihr einfacher Ursprung kaum mehr anzusehen
+ist. Zeus und Semele, Lohengrin und Elsa, des Albkönigs Tochter, die
+im Mondenschein mit dem zu seiner Menschenbraut verlangenden Jüngling
+tanzt und ihm den Tod gibt, die weisse Jungfrau, die auf alten Burgen
+oder sonst an Orten, die nicht geheuer sind, auf den menschlichen
+Befreier und Geliebten harrt, die verwunschene Königstochter, die sich
+in den Armen des Märchenhelden in Schreckgestalten verwandelt, aber
+endlich entzaubert den Mutigen mit ihrer Hingabe beglückt, kurz jene
+unzähligen Liebespaare aus Sage und Mythus, in denen das Göttliche
+und Menschliche sich vereinigt, können schliesslich als Blüten
+betrachtet werden, die aus jenem unscheinbaren Keim aufsprossten, als
+verschiedenartige Wendungen der Albenehe. Der vom Alp Heimgesuchte
+befreit sich endlich von der unheimlichen, drückenden Macht auf irgend
+eine Weise, indem das Erwachen herbeigeführt und damit der Bangigkeit
+des Schläfers, die sich zum höchsten Grade der Spannung gesteigert
+hatte, ein Ende bereitet wird. Ebenso vielgestaltig wie der Alp
+selber ist der Gegenzauber, der ihn zum Weichen bringt. Es kann ein
+von aussenher kommendes Geräusch, der Weckruf eines Genossen, der
+Hahnenschrei, ein greller Lichtschein, die anbrechende Morgenröte,
+kurz überhaupt jedes Mittel sein, das den Menschen aufweckt. Daher
+scheuen die Maren und alle Elbe meistens das Licht und den Tag und
+räumen bei Dazwischenkunft eines Dritten das Feld. Die Traumgestalten,
+die _Draugen_, halten der Wirklichkeit nicht Stand, alle Gespenster
+verwehen gewöhnlich wie die Träume und aus denselben Ursachen. Den
+Alptraum im besonderen scheucht namentlich der Aufschrei, an dem der
+Geängstigte erwacht. Oft kommt es vor, dass er dabei ein Kissen oder
+Bettstroh krampfhaft umklammert hält, woraus der Glaube entstand,
+der Alp könne gefangen werden, verwandle sich jedoch dabei in einen
+Strohhalm, eine Bettfeder oder sonst einen unscheinbaren Gegenstand.
+Wird er in dieser Verwandlung gefangen gehalten, so muss er sich aber
+schliesslich wieder in seiner richtigen Gestalt zeigen und mag dann
+gestraft, verbannt, unschädlich gemacht werden. Aus dem bannenden
+Schrei entwickelte sich die Sage, der Alp müsse beim Anruf oder
+bei Namensnennung entweichen. Daher das Verbot, nach Nam und Art
+zu fragen, das in der Albenehe gestellt wird, dessen Nichtachtung
+den Alben verschwinden macht. Aus der Albenehe können verschiedene
+Sagentypen von Buhlschaft, Ehe, Haft und Erlösung erwachsen. Auch die
+Geschichten von den Wechselbälgen, den unterschobenen Albenkindern
+lassen sich teilweise auf den Alptraum zurückführen. Der Alptraum der
+Wöchnerinnen spiegelt oft Gefahr fürs Kind vor, sie sehen das Kindlein
+von geisterhaften Wesen bedroht, die nur auf dieselbe Art wie der Alp
+verscheucht werden können. Der pathologische Zustand des Alptraumes
+scheint allem nach den Menschen zuerst zum Gespensterglauben gebracht
+zu haben, aus der Erinnerung an den oft wiederholten Zustand erwuchs
+der Aberglaube, aus diesem ging eine reiche Sagenbildung hervor. Lebten
+einmal Gespenster in der Vorstellung des Menschen, so bemächtigte
+sich ihrer alsbald die Phantasie, die nach weiteren Beziehungen,
+insbesondere nach der Herkunft der Maren suchte. Trug der Alp Züge
+lebender oder toter Bekannter, so erschien er als deren Geist, deren
+Seele. War er unbekannt, so trat er doch von aussen her in die Hütte
+des Schlafenden, seine Heimat musste daher auch draussen in der weiten
+Natur, in Wald und Feld, in Wasser, Wind, Nebel und Wolke sein. Darum
+können auch alle Geister drücken und quälen, denn sie sind ursprünglich
+Maren.
+
+
+3. Seelen und ihre Erscheinungsformen.
+
+Einen gemeingermanischen Ausdruck für den Begriff der seelischen
+Geister im allgemeinen finden wir nicht vor. Das Wort Seele ist zwar
+west- und ostgermanisch (got. _saiwala_), während die Nordleute
+dafür _ǫnd_ gebrauchen. Aber damit ist zunächst nur die geistige,
+belebende Kraft, die dem menschlichen Leibe inne wohnt, gemeint.
+Die Seelengeister benennt der Volksglaube alter und neuer Zeit nach
+ihren einzelnen Erscheinungsformen, in denen die Seele offenbar wird.
+Sie äussert sich aber zunächst als Hauch und Atem, als ein luftiges
+Gebilde, das völlig unsichtbar ist, oder als Rauch, Dunst, Nebel dem
+Auge sich zeigt.[28] Dieser Hauch verweht beim Tode in den Wind,
+entschwebt aus dem toten Körper und geht in die Luft auf. Im lat.
+_anima_ (gr. ἄνεμος) hält die Sprache unmittelbar den Zusammenhang
+zwischen Seele und Wind fest; die Seelen der Abgeschiedenen sind die
+Winde, im Winde leben die Geister der Toten fort. Im Windesrauschen
+machen sich die Seelengeister, auch wenn sie unsichtbar bleiben,
+fühlbar. Die deutsche Volkssage schildert die Seele häufig als
+Lufterscheinung.
+
+Die Seele als dunstiges Rauchgebilde kennt die Sage, die Prätorius
+in der _Weltbeschreibung_ 2, 161 anführt. Die Sage belehrt auch über
+die enge Verknüpfung des Seelen- und Marenglaubens.[29] Zu Hersfeld
+dienten zwei Mägde in einem Haus, die pflegten jeden Abend, eh sie zu
+Bette schlafen gingen, eine Zeitlang in der Stube stillzusitzen. Den
+Hausherrn nahm das Wunder, er blieb daher einmal auf, verbarg sich im
+Zimmer und wollte die Sache ablauern. Wie die Mägde nun sich beim Tisch
+allein sitzen sahen, hob die eine an und sagte:
+
+ Geist thue dich entzücken
+ Und thue jenen Knecht drücken!
+
+Darauf stieg ihr und der andern Magd gleichsam ein schwarzer Rauch aus
+dem Halse und kroch zum Fenster hinaus; die Mägde fielen zugleich in
+tiefen Schlaf. Da ging der Hausvater zu der einen, rief sie mit Namen
+und schüttelte sie, aber vergebens, sie blieb unbeweglich. Endlich ging
+er davon und liess sie. Des Morgens darauf war diejenige Magd tot, die
+er gerüttelt hatte, die andere aber, die er nicht angerührt, blieb
+lebendig.
+
+Eine isländische Volkssage (bei Jón Árnason 1, 356) erzählt, wie
+die Seele eines schlafenden Mannes als dunkles Wölkchen entschwebt,
+über die Wiesen eilt, auf einem Stabe ein Bächlein überschreitet und
+endlich in einen Hügel einkehrt. Hernach nimmt das Wölkchen denselben
+Weg zurück in den Körper des Schlummernden, der erwacht einen Traum
+erzählt, welcher der Wanderung des Wölkchens genau entspricht.
+
+Beim Todesfall pflegte man Fenster, Thür oder Lucke zu öffnen, damit
+die Seele ungehemmt entweichen könne. Nach allgemeinem Aberglauben
+entsteht Sturm, wenn sich jemand erhängt. Das wilde Heer fährt durch
+die Lüfte und erscheint in stürmischen Nächten. Zwar hat die Volkssage
+der Geisterschar meistens bestimmte Gestalt verliehen, Gespenster
+ziehen dahin, aber zu Grunde liegt doch der Glaube, dass im Sturme
+die Seelen übers Land brausen, dass die wütenden Winde eben die dahin
+rasenden Seelen seien. Dass man die Seelen in die Winde verwies, beruht
+auf ihrer elementaren Gleichheit.
+
+Die Seelen erscheinen auch als Flämmchen, die vielnamigen Irrlichter
+sind ruhelose Geister, die nach christlicher Auffassung wegen eines
+ungesühnten Vergehens spuken.
+
+ * * * * *
+
+Tiergestalt der Seele ist überaus häufig. Die Seelen entschweben als
+Vögel, Raben, Krähen, in christlicher Zeit als weisse Tauben, sie
+erscheinen als Schwäne. Käfer, Fliegen, Schmetterlinge entschlüpfen dem
+Munde Schlafender. Als Schlange, Wiesel, Maus kriecht die Seele aus
+dem Leibe hervor. Auch Kröten und Unken gelten als Seelen und müssen
+geschont werden. Schlangen wurden in manchen Bauernhöfen gehegt als
+eine Art von Hausgeistern, weil sich die Seelen der Ahnen und früheren
+Besitzer darin offenbarten. Der richtige Dienst dieser Geschöpfe hielt
+das Glück am Hause fest. Bei Vögeln und kriechenden Tieren erblicken
+wir die Seele, wie sie unmittelbar entfliegt oder entschlüpft. Der
+Leib des Menschen liegt indessen in todähnlichem Schlafe oder er
+geht überhaupt ganz zu Grunde, wenn aus dem Holzstoss der Hexe eine
+Krähe, aus dem der Heiligen eine weisse Taube entschwirrt. Zu diesem
+Aberglauben von der Tierverwandlung der Seele bieten sich aus alter und
+neuer Zeit zahlreiche Beispiele von Volkssagen dar.
+
+Die Seele, die zugleich Mare ist, zeigt des Prätorius
+_Weltbeschreibung_ 1, 40; 2, 161 in Tiergestalt. In Thüringen bei
+Saalfeld auf einem vornehmen Edelsitze zu Wirbach hat sich Anfangs
+des 17. Jahrhunderts Folgendes begeben. Das Gesinde schälte Obst in
+der Stube, einer Magd kam der Schlaf an, sie ging von den Andern weg
+und legte sich abseits, doch nicht weit davon, auf eine Bank nieder,
+um zu ruhen. Wie sie eine Weile still gelegen, kroch ihr zum offnen
+Maule heraus ein rotes Mäuslein. Die Leute sahen es meistenteils und
+zeigten es sich unter einander. Das Mäuslein lief eilig nach dem gerade
+geklefften Fenster, schlich hinaus und blieb eine Zeitlang aus. Dadurch
+wurde eine vorwitzige Zofe neugierig gemacht, so sehr es ihr die Andern
+verboten, ging hin zu der entseelten Magd, rüttelte und schüttelte an
+ihr, bewegte sie auch an eine andre Stelle etwas fürder, ging dann
+wieder davon. Bald darnach kam das Mäuslein wieder, lief nach der
+vorigen bekannten Stelle, da es aus der Magd Mund gekrochen war, lief
+hin und her und wie es nicht ankommen konnte, noch sich zurecht finden,
+verschwand es. Die Magd aber war tot und blieb tot. Jene Vorwitzige
+bereute vergebens. Im Übrigen war auf demselben Hof ein Knecht
+vorhermals oft von der Trud gedrückt worden und konnte keinen Frieden
+haben, dies hörte mit dem Tod der Magd auf.[30]
+
+Die Sage vom Binger Mäuseturm (nach Grimm, _Deutsche Sagen_ 1 Nr. 242)
+zeigt Mäuse als Seelen verbrannter Menschen. Zu Bingen ragt mitten aus
+dem Rhein ein hoher Turm, von dem nachstehende Sage umgeht. Im Jahr
+974 ward grosse Teurung in Deutschland, so dass die Menschen aus Not
+Katzen und Hunde assen und doch viele Leute Hungers starben. Da war
+ein Bischof zu Mainz, der hiess Hatto der Andere, ein Geizhals, dachte
+nur daran, seinen Schatz zu mehren und sah zu, wie die armen Leute auf
+der Gasse niederfielen und bei Haufen zu den Brotbänken liefen und das
+Brot nahmen mit Gewalt. Aber kein Erbarmen kam in den Bischof und er
+sprach: „Lasset alle Arme und Dürftige sammeln in einer Scheune vor
+der Stadt, ich will sie speisen“. Und wie sie in die Scheune gegangen
+waren, schloss er die Thüre zu, steckte mit Feuer an und verbrannte die
+Scheune samt den armen Leuten, Jung und Alt, Mann und Weib. Als nun die
+Menschen unter den Flammen wimmerten und jammerten, rief Bischof Hatto:
+„Hört, hört, wie die Mäuse pfeifen“. Allein Gott der Herr plagte ihn
+bald, dass die Mäuse Tag und Nacht über ihn liefen und an ihm frassen,
+und vermochte sich mit aller seiner Gewalt nicht wider sie zu behalten
+und bewahren. Da wusste er endlich keinen andern Rat, als er liess
+einen Turm bei Bingen mitten im Rhein bauen, der noch heutigen Tags zu
+sehen ist, und meinte sich darin zu fristen, aber die Mäuse schwammen
+durch den Strom heran, erklommen den Turm und frassen den Bischof
+lebendig auf.[31]
+
+ * * * * *
+
+Eine alte Sage dieser Art bietet Paulus Diaconus 3, 34: Der fränkische
+König Guntram war eines gar guten, friedliebenden Herzens. Einmal war
+er auf die Jagd gegangen, und seine Diener hatten sich hierhin und
+dahin zerstreut; bloss ein einziger, sein liebster und getreuster,
+blieb noch bei ihm. Da befiel den König grosse Müdigkeit; er setzte
+sich unter einen Baum, neigte das Haupt in des Freundes Schoos und
+schloss die Augenlieder zum Schlummer. Als er nun entschlafen war,
+schlich aus Guntrams Munde ein Tierlein hervor in Schlangenweise, lief
+fort bis zu einem nahe fliessenden Bach, an dessen Rand stand es still
+und wollte gern hinüber. Das hatte alles des Königs Gesell, in dessen
+Schoos er ruhte, mit angesehen, zog sein Schwert aus der Scheide und
+legte es über den Bach hin. Auf dem Schwerte schritt nun das Tierlein
+hinüber und ging hin zum Loch eines Berges, da hinein schloff es.
+Nach einigen Stunden kehrte es zurück, und lief über die nämliche
+Schwertbrücke wieder in den Mund des Königs. Der König erwachte und
+sagte zu seinem Gesellen: Ich muss dir meinen Traum erzählen und das
+wunderbare Gesicht, das ich gehabt. Ich erblickte einen grossen,
+grossen Fluss, darüber war eine eiserne Brücke gebaut; auf der Brücke
+gelangte ich hinüber und ging in die Höhle eines hohen Berges; in
+der Höhle lag ein unsäglicher Schatz und Hort der alten Vorfahren.
+Da erzählte der Gesell ihm alles, was er unter der Zeit des Schlafes
+gesehen hatte, und wie der Traum mit der wirklichen Erscheinung
+übereinstimmte. Darauf ward an jenem Ort nachgegraben und in dem Berg
+eine grosse Menge Goldes und Silbers gefunden, das vor Zeiten dahin
+verborgen war.[32]
+
+Wenn Tote in Tiergestalt als schwarze oder feurige Hunde, als Schweine,
+als schnaubende und tobende Pferde und Stiere oder sonst irgendwie
+spuken, so haben wir bereits eine Weiterbildung der ursprünglichen
+Vorstellung, welche die Seele als fliegendes oder kriechendes
+Tierlein aus dem Munde entweichen lässt. Der Seele wird überhaupt
+jede erdenkliche Verwandlungsfähigkeit zugeschrieben. Dadurch haftet
+an allen Tieren aber auch etwas Gespenstisches, Unheimliches, denn
+sie können verwandelte, verzauberte Seelen sein. So erzählt die
+_Ynglingasaga_ Kap. 7 von Odin: „Odin wechselte die Gestalt; da lag der
+Körper wie schlafend oder tot, er aber war da Vogel oder Tier, Fisch
+oder Wurm, und fuhr in einem Augenblick in fern gelegene Lande, in
+seinen Geschäften oder in denen Anderer.“
+
+ * * * * *
+
+In den nordischen Quellen heisst der Geist, die Seele des Menschen
+_hugr_. Solche _mannahugir_, Menschenseelen, erscheinen aber in eigner
+Gestalt. Odins Raben Huginn und Muninn, Denkkraft und Erinnerung,
+durchfliegen Tag für Tag die ganze Welt, um dem Gotte Bericht zu
+erstatten von allem, was geschieht. Ursprünglich war wol Odins in
+Rabengestalt verzückte Seele, sein hugr, gemeint. Die Tiergestalt der
+Seele scheint im einzelnen Fall oft mit Rücksicht auf die Eigenschaften
+und Stimmungen des betreffenden Menschen gewählt zu sein. Die hugir
+angesehener und tapferer Männer treten in der Gestalt eines Bären,
+Adlers oder Wolfes, eines starken Stieres, in romantischen Sagen als
+Löwen und Leoparden auf, die Seelen listiger Leute in der Gestalt
+von Füchsen, die Seelen schöner Frauen als Schwäne. Ein Isländer
+träumte von Wölfen, welche ihn und sein Gefolge anfielen. „Das sind
+_mannahugir_“, so wird der Traum gedeutet (_þorđar saga hređu_ 37).
+Die germanische Sage berichtet von vielen Träumen, in denen das
+zukünftige Schicksal sich enthüllt. Die handelnden Personen oder besser
+ihre Seelen erscheinen darin gewöhnlich in Tiergestalt. Kriemhild
+träumt noch mitten in den Ehren und dem Glanz ihrer Jugend, bevor noch
+Siegfried auf dem Hofe zu Worms erschienen, ihr künftiges Geschick,
+wie sie einen schönen Falken gezogen, den ihr zween Aare mörderisch
+ergreifen; und ihre Mutter, der sie den Traum vertraut, gibt ihm die
+rechte, traurige Deutung.[33]
+
+ * * * * *
+
+Die Seele geht auch in menschlicher Gestalt um, als „zweites Gesicht“
+oder als Gespenst, der Volksglaube erblickt leibliche Erscheinungen
+Lebender und Toter. Die nordische Sprache bezeichnet Totenerscheinungen
+als Wiedergänger (an. _aptrganga_, neuisl. _aptur-gaungur_, dän.
+_gjenganger_, schwed. _återgăngare_), als Geister, die aus dem Reich
+des Todes zu den Lebenden zurückkehren. Die altisländischen Sagen sind
+voll von Gespenstergeschichten. Die nhd. Sprache gebraucht die Worte
+Gespenst und Spuk; die gemeingermanische Bezeichnung, welche noch im
+Norden fortlebt, war _draugaȥ_ (an. _draugr_, neunord. _draug_, as.
+_gidrôg_, ahd. _gitroc_). Die neuisländischen Ausdrücke _uppvakníngar_
+(Aufweckungen) und _sendíngar_ (Sendungen) beziehen sich auf solche
+Gespenster, die mit Zauber aufgeweckt und Andern zum Schaden zugesandt
+werden. Für gewöhnlich spuken die Draugen in eigner Sache. Die Lebenden
+müssen trachten, sie zur Ruhe zu bringen.
+
+Das Wort „Traum“ geht auf eine urgermanische Form _„draugwmós“_,
+_„draumas“_ zurück.[34] Zu Grunde liegt die idg. Wurzel _dhreugh_, skr.
+_druh_ schädigen, woraus ags. _bedreogan_, ahd. _triugan_, trügen sich
+entwickelt haben. Weiter gehört an. _draugr_, ahd. _troc_, _gitroc_,
+as. _gidrôg_ Totenerscheinung, Gespenst hierher. Die Gespenster gehen
+ja in den meisten Sagen feindselig und schädigend um, so sind sie
+auch mit ihrem altgermanischen Namen als böse Unholde bezeichnet.
+Der Begriff „Traum“ ist aus etymologischen und sachlichen Erwägungen
+von den „Draugen“ nicht zu trennen. Traum bedeutet die Thätigkeit
+und Erscheinung der Draugen. Die Gestalten, welche der Träumende
+erblickt, besonders sofern sie Züge Verstorbener tragen, gelten der
+menschlichen Einbildungskraft als Besuche gespenstischer Wesen,
+als Draugenerscheinungen, Traum ist ursprünglich Gespenstertraum.
+Den Zusammenhang zwischen Seelenglauben und Traum bestätigt diese
+Etymologie aufs beste. Auch die ursprüngliche Konstruktion des
+Zeitwortes träumen deutet darauf hin, dass der Traum auf die
+unmittelbare Thätigkeit der Gespenster, der Seelengeister zurückgeführt
+wurde. Es heisst früher stets: mir träumte, nie subjektiv ich träumte,
+im Altnordischen noch deutlicher „_mik dreymđi_“, z. B. _mađr hefir
+mik dreymt_, ein Mann ist mir im Traum erschienen. Die Erklärung
+des Wortes Traum weist somit auf die vielen wilden Völkern ganz
+geläufige Vorstellung hin, dass Seelengeister von aussen kommen, um
+den Schlafenden, der sie als Traumbilder sieht, heimzusuchen und zwar
+häufig als quälende Druckgeister in feindseliger Absicht.
+
+Der Gespensterglaube entwickelt zahllose Sagen, je nachdem die
+Erscheinung gedeutet wird. Die Draugen sind oft nur ohne besondern
+Grund auf Schaden aus, meist aber weiss die Sage anzugeben, warum sie
+umgehen. Ungesühnte Schuld, Rachsucht, Liebe rauben dem Toten die
+Ruhe und nötigen ihn zur Wiederkehr. Auch übermässige Sehnsucht der
+Überlebenden ruft Draugen herbei. So in der Lenorensage[35], deren
+ältester germanischer Typus in der schönen nordischen Dichtung von
+Helgi und Sigrun begegnet. In den Kreis der Gespenstersagen ist auch
+das wilde Heer[36] hereingezogen, mit dem die verschiedenartigsten
+Vorstellungen verflochten sind. Die eines gewaltsamen Todes verstarben,
+Kampftote, Gerichtete, nach christlichem Glauben die Seelen
+Ungetaufter, ziehen im wilden Heer. Wenn zur Nachtzeit der brausende
+Sturm den Umzug der Geisterschar anzeigt, erblickt die Phantasie die
+eigenen Schreckgestalten leibhaftig vor sich. Dem Heere wird gern ein
+besonderer Führer gesetzt, in der Heidenzeit der Sturmdämon Wode,
+in der christlichen Zeit irgend eine geschichtliche oder sagenhafte
+Persönlichkeit wie Dietrich von Bern, Karl der Grosse, Karl V., König
+Abel, König Waldemar. Das Heer wird auch als Jagdzug gedacht, ein
+gespenstischer Jäger mit und ohne Gefolge, von kläffender Meute
+umbellt, jagt durch die Lüfte dahin. Der Reiter ist eine beliebig
+ausgemalte Spukgestalt, in manchen Sagen kopflos, den Kopf unterm
+Arm, auf kopflosem Pferde sitzend. Aus der Erscheinung wird wie aus
+allem Spuk geweissagt. Die vielen aus dem wütenden Heer entwickelten
+Sagenformen alter und neuer Zeit zeigen, wie leicht aus einer
+Vermischung mehrerer Vorstellungen, hier des Gespensterglaubens und
+des Glaubens an Elementargeister, im Verein mit der unerschöpflichen,
+wechselvollen Volkssage, welche immer neue Beziehungen zur Gegenwart
+aufsucht und altüberkommene Überlieferung mit seltsamen Neubildungen
+vermehrt, unzählige Geschichten entstehen können. Die grösste
+Mannigfaltigkeit im Einzelnen, in der Hervorhebung bald dieser, bald
+jener Grundzüge in der jeweiligen dichterischen Ausschmückung, lässt
+doch immer die in allem Wechsel gleichmässig bestehenden Grundlagen
+deutlich erkennen.
+
+
+4. Das Seelenheim.
+
+Der Glaube an Gespenstererscheinungen führt notwendig allmälig zur
+Annahme bestimmter Aufenthaltsorte der Geister. Die Erscheinungen
+Lebender erklären sich dadurch, dass der Seele zeitweilige Trennung vom
+Körper zugeschrieben wird. Totenerscheinungen rufen andere Meinungen
+hervor. Die Seele ist entschwebt, sie lebt und webt im wehenden Winde.
+Aber sie wird nicht nur in stetiger Bewegung, sondern auch in Ruhe
+gedacht. Wo weilt dann die Seele? Zunächst haftet sie auch dann noch
+immer am Leichnam. Wo der tote Körper begraben liegt, zeigt sich das
+Gespenst am häufigsten. So weit geht die Einbildung, dass sie geradezu
+den toten Leib wieder aufstehen lässt, dass das Gespenst die volle
+Leiblichkeit des lebenden Menschen besitzt. Die Wiedergänger der
+nordischen Sagen sind so gedacht, sie müssen gewöhnlich noch einmal
+umgebracht und zu Asche verbrannt werden, dass sie nicht mehr Schaden
+anrichten. In den Grabhügeln der nordischen Sagen sieht man oft die
+Draugen der darin beigesetzten Kämpen sitzen. Eine besondere Heldenthat
+war es, einzudringen, das Gespenst zu bestehen und ihm seine Schätze,
+die im Hügel aufgespeichert waren, oder seine kostbaren Waffen zu
+entreissen. Aber solche rohe Vorstellungen sind im Vergleich zu andern
+selten. Der Leib verwest zu Staub, beim Verbrennen der Leichen wird
+er sofort vernichtet und die Seele geht mit Flammen und Rauch in die
+Lüfte. Finden trotzdem spukhafte Erscheinungen statt, so muss die
+sichtbar werdende leibliche Hülle eine überirdische, geisterhafte
+sein. Die bewegliche Seele ist auch nicht immer ins enge Grab gebannt.
+Eine höher entwickelte Religion kennt ein Seelenreich, einen Hades,
+die heidnischen Germanen glaubten an eine Schattenwelt, an die Hölle,
+in der die Seelen der Abgeschiedenen weilten. Tapfere Edelinge gingen
+in die Gemeinschaft der Götter ein. Auch zu Elben und Riesen, zu
+den unheimlichen Geistern des Waldes und der Wildniss mochten die
+Seelen sich gesellen, nachdem einmal Naturbeseelung eingetreten war.
+Aber trotz allem, gleichwie im Christentum trotz Himmel und Hölle,
+haften im Aberglauben noch Überbleibsel älterer Vorstellungen, wonach
+den Seelen bestimmte Plätze auf Erden angewiesen sind, oft mit der
+Auffassung, dass die Seelen zu Zeiten aus dem Totenlande dahin
+zurückkehren. Zunächst weilt die Seele am Grabe oder am Wohnort des
+Verstorbenen. Ein altbezeugter Glaube der Germanen liess die Toten in
+Berge eingehen, vielleicht weil auch der Wind in Bergen ruhend und aus
+ihnen hervorbrechend gedacht wurde. Die Njálssaga Kap. 139 erzählt
+einen Traum, den Flosi hatte. Er sah wie ein Berg sich aufthat und
+ein Mann mit einem Ziegenfell angethan, einen Eisenstab in der Hand,
+herauskam. Der rief Flosis Leute bei Namen an und ging hierauf in den
+Berg zurück. Diejenigen, deren Namen der Mann angerufen hatte, waren
+dem Tod verfallen und kamen bald darauf im Kampfe um. Die Eyrbyggjasaga
+Kap. 11 berichtet: Im Herbste fuhr Thorstein nach Hoskuldsey zum
+Fischen. Es geschah eines Abends im Herbste, dass ein Schafknecht
+Thorsteins nach seinem Vieh ging nördlich von Helgafell. Er sah, wie
+sich der Berg im Norden öffnete; er sah im Berge drinnen grosse Feuer
+und hörte von dorther grossen Lärm und Hörnerklang, und als er horchte,
+ob er nicht einige Worte verstehen könnte, hörte er, dass da Thorstein
+begrüsst wurde mit seinen Begleitern, und dass gesagt wurde, er solle
+im Hochsitze seinem Vater gegenüber sitzen. Diese Erscheinung erzählte
+der Schafknecht der Thora, der Frau des Thorstein, am Abend. Sie
+sprach wenig darüber und sagte, es könne dies ein Vorzeichen grösserer
+Ereignisse sein. Des folgenden Morgens kamen Leute von Hoskuldsey und
+brachten die Botschaft, dass Thorstein beim Fischen ertrunken sei.
+Die Njálssaga Kap. 14 berichtet von einem zauberkundigen Mann namens
+Svan, der beim Fischfang umkam. Fischerleute, die zu Kallbakr waren,
+meinten, den Svan in den Berg Kallbakshorn eingehen zu sehen, und er
+wurde da wol begrüsst. Auf Island glaubte die Nachkommenschaft der Aud
+in die Krossholar zu versterben (Landnáma 2, 16), die Verwandtschaft
+des Selthorir in die Thorisbjorg (ebenda 2, 5), die Thorsnesingar
+glaubten nach Helgafell entrückt zu werden (Eyrbyggja Kap. 4),
+Kraku-Hreidar verstarb in das Mälifell (Landnáma 3, 7). Die deutsche
+Volkssage bietet Entsprechendes in den Venus- und Hollenbergen, wohin
+die Menschen gelockt werden. Zu den „Unterirdischen“ wird mancher auf
+Nimmerwiederkehr entrückt. Wenn der Rattenfänger die Kinder in den bei
+Hameln gelegenen Köppelberg entführt, so meint die Sage gleichfalls ein
+Versterben in den Berg. In der Chronik von Ursberg (MG. 8, 261) wird
+zum Jahre 1223 folgende Sage erzählt: Bei Worms sah man einige Tage
+hinter einander eine grosse Schar bewaffneter Krieger aus einem Berg
+hervor kommen und nach einigen Stunden darin wieder verschwinden. Ein
+Mann fasste sich endlich ein Herz und redete einen aus jener Heerschar
+an, worauf er den Bescheid erhält, sie seien Geister gefallener Ritter
+(_animae militum interfectorum_). Man erkannte auch einen vor kurzem
+getöteten Grafen Emicho unter den Gespenstern. Für gewöhnlich bleiben
+die Geister gefallener Kämpfer an die Walstatt gebannt, an die Gräber,
+aus denen sie bei Nacht zu neuen Kämpfen sich erheben. Das älteste
+Beispiel der Gespensterschlachten bietet der Hedeningenkampf, der bis
+zum Weltende dauern soll. Der Seelenglaube ist hier wie so häufig
+mit Zauberei verknüpft. Hilde geht allnächtlich zum Schlachtfeld und
+weckt die Toten wieder auf, dass sie zu den Waffen greifen. In den
+Volkssagen der Gegenwart wird oft geschildert, wie im Innern der Berge,
+zumal im Schoosse alter Schlossberge, Gespenster mit den versunkenen
+Schätzen hausen. Bergentrückte Kaiser, Könige und Helden begegnen auf
+dem gesamten germanischen Gebiet. Im Kyffhäuser sitzt Friedrich II.,
+später Friedrich Barbarossa, derselbe Friedrich in einer Felsenhöhle
+bei Kaiserslautern, Wedekind in einem Hügel beim westfälischen Dorfe
+Mehnen, Siegfried im Bergschloss Geroldseck, Heinrich der Vogler im
+Sudemerberge bei Goslar, Karl im Untersberg bei Salzburg, Holger
+Danske unter dem Fels von Kronborg bei Kopenhagen, Olaf in Schweden
+u. s. w. Die einzelnen geschichtlichen Gestalten sind meist spät und
+auf gelehrtem Wege in die Volkssage gelangt. Wann, wie und warum
+müssen Quellenuntersuchungen im einzelnen Falle feststellen. Die
+Mythologie hat nur den allgemeinen Grundgedanken aller dieser Sagen
+für sich in Anspruch zu nehmen, dass die Geister der Abgeschiedenen in
+Bergen fortleben. Der schwedische Bergname _walhall_ lässt, wie später
+ausgeführt wird, vermuten, dass ursprünglich die Totenhalle der im
+Berge weilenden Heldengeister (_animae militum interfectorum_ wie im
+Wormser Berge) darunter zu verstehen sei. Das wilde Heer, der Sturm,
+wird im Berge ruhend gedacht. Von dort bricht dann der Geisterzug
+hervor. So zieht der Rodensteiner von einer Burg zur andern und sagt
+Krieg und Frieden mit seiner Erscheinung an.
+
+Ob Seelen auch im Gewässer weilend gedacht wurden, scheint zweifelhaft.
+Zwar wird es von Mannhardt, _German. Mythen_ 95, 271 ff., behauptet,
+aber wesentlich auf die Ammenrede hin, die kleinen Kinder kämen
+aus Brunnen und Teichen. Ob wirklicher alter Volksglaube dahinter
+steckt, ist nicht auszumachen. Dass die Seelen Ertrunkener im Wasser
+festgehalten werden, versteht sich von selber. Aber in den Sagen tritt
+bei den Wasserelben die elementare, keineswegs die seelische Natur
+hervor. Der Grund ist wol einzusehen. Das Erdbegräbniss führte zur
+Vorstellung, die Seele sei zu den Unterirdischen eingegangen. An die
+Wasserelben bot sich nur selten Anknüpfung.
+
+Zusammenhang von Pflanzen- und Menschenseele ist in einem
+weitverbreiteten Sagenzuge ersichtlich. Aus den Gräbern spriessen
+Blumen, Sträucher und Bäume hervor, worin die Seelen der im Grabe
+Ruhenden offenbar werden. Über den Gräbern Unschuldiger, Verkannter
+leuchten Lilien, über denen Liebender verschlingen sich Rose und
+Rebe. So erzählen zahllose Volkslieder und die Sage von Tristan und
+Isolde[37].
+
+
+5. Seelenkult.
+
+Der Kultus, der den Seelengeistern gewidmet wird, dient zur Abwehr und
+zur Pflege. Beim Tode eines Menschen wird seit Alters auf bestimmte
+Bräuche geachtet, welche das Wiedergehen verhindern sollen.[38] Dem
+Toten werden Mund und Augen geschlossen, damit der böse Blick nicht
+schade, damit die ausgehauchte Seele nicht wieder zurückkehre. Schon
+in der heidnischen Zeit des Nordens war es Sitte, den Kopf des Toten
+zu verhüllen und den Leib mit einem Tuche zu bedecken. Zuvor waren
+Lippen und Augen geschlossen worden und zwar von rückwärts; niemand
+wagte der Leiche von vorne zu nahen, ehe diese Teile geschlossen waren.
+Der Tote durfte nicht zu der Thüre hinaus, zu welcher die Lebenden
+ein- und ausgingen. Man legte daher in der Wand, die hinter dem Kopfe
+war, ein Stück nieder und trug ihn hier rückwärts hinaus. Oder man
+grub unter dem Grunde der südlichen Wand ein Loch, durch welches der
+Leichnam gezogen ward. In Deutschland wurde derselbe Brauch bei den
+Leichen von Missethätern und Selbstmördern beobachtet, die nicht zur
+Thür, sondern unter der Schwelle oder der Wand hinausgeschleppt wurden.
+Das Lager des Leichnams wird vernichtet, das Stroh verbrannt, das
+„_rêbrett_“ (ahd. _hrêo_, Leiche), worauf der Tote bis zum völligen
+Erkalten gelegt worden war, im baierischen Wald aufs Feld oder in den
+Wald gestellt. Nichts soll zurückbleiben, was das leibliche Erscheinen
+des Totengespenstes hervorrufen könnte. Auch der entschwebenden Seele
+wird der Ausgang möglichst erleichtert, indem beim Tode Fenster und
+Thüren geöffnet wurden. Liegt ein Toter trotzdem nicht ruhig im
+Grabe, so muss der Leichnam mit einem Pfahl durchbohrt, der Kopf
+abgestossen oder der ganze Leib verbrannt werden. Im Norden waren
+„_bautasteine_“, Stosssteine, üblich, vielleicht um den Leichnam im
+Grabe festzubannen. Die sächsischen _dâdsisas_, Totenlieder, hatten
+nach Kögel, _Geschichte der deutschen Litteratur_ I, 1, 52 den Zweck,
+den Geist des Verstorbenen mit Zaubersang an der Rückkehr auf die
+Erde zu hindern. Diesem Bannen steht das Beschwören und Aufwecken
+der Gespenster gegenüber, das aber nur mit schlimmer Zauberei und
+in besonderen Fällen, um die Zukunft zu erforschen, um Feinden zu
+schaden, ausgeübt wurde. Dass der Mensch die Geisterwelt um Rat und
+Beistand anrief, wo sein beschränkter gebundener Geist versagte, ist
+begreiflich. Auf Gräbern und überall, wo Geister hausten, war dazu
+der rechte Ort. Bei den heidnischen Sachsen wurde nach dem _indiculus
+superstitionum_ das _sacrilegium ad sepulchra mortuorum_ verboten,
+noch ums Jahr 1000 eifert Burkhard von Worms gegen die _oblationes
+quae in quibusdam locis ad sepulchra mortuorum fiunt_. Diese Opfer
+und sonstigen Totenfeiern können ebenso gut dem Gedächtniss der
+Abgeschiedenen wie einer Beschwörung gelten. Eine Anzahl andrer
+Bräuche ist freundlicher. Da herrscht die Absicht vor, dem Toten Gutes
+zu erweisen, sein Loos zu erleichtern. Aus der Anschauung, dass der
+tote Leib eine weite Reise ins Totenreich anzutreten habe, entspringen
+Begräbnissbräuche, die von den Urzeiten bis herab zur Neuzeit reichen.
+Die ältesten Gräberfunde lehren, dass man dem Toten Waffen, Werkzeuge,
+Schmucksachen, Trinkhörner mitgab, damit er sie gebrauche. Frauen,
+Sklaven, Tiere folgten dem Herrn auf dem Totenweg. Namentlich wurde ein
+eigener Totenschuh (an. _helskór_) mit ins Grab gegeben, damit der Tote
+über Dornicht und Steinicht ungefährdet schreiten könne.[39] Wikinger
+wurden in ihren Schiffen am Lande begraben oder aufs Meer hinausgeführt
+und verbrannt. Vielleicht liegt der Gedanke einer Seelenüberfahrt zu
+Grunde. Denn die germanische Hölle ist von der bewohnten Menschenerde
+durch einen breiten Grenzstrom geschieden. Solchen Bräuchen schwebt
+ein bestimmter Ort vor, an welchen die Seele feierlich verwiesen wird.
+Auch den beruhigten Seelen ist zuweilen Wiederkehr an den Ort ihres
+einstigen Lebens verstattet. Freundlich, ohne zu schädigen, erscheinen
+die Seelen, freundlich werden sie mit Opferspenden empfangen. Das
+_erfiǫl_, das Erbbier, der Leichenschmaus war ursprünglich auch zu
+Ehren des Toten, den man dabei gegenwärtig glaubte, gemeint. Zu
+bestimmten Zeiten, in stürmischen Nächten, im Herbst, Mittwinter und
+Frühling, wenn die Winde heulen und toben, waren Totenfeste, die auch
+im Christentum fortleben und im Allerseelentag geregelt erscheinen. Da
+wurde den Seelen auf den Gräbern geopfert, ja sogar in den Häusern, die
+ihnen für die Nacht von den Lebenden eingeräumt wurden, richtete man
+ihnen ein Gastmahl zurecht.
+
+
+6. Ahnenkult.
+
+Aus Seelenglauben und Seelenkult entsteht leicht ein förmlicher
+Ahnenkult[40], wie der der römischen _manes divi_. In manchen
+Religionen steht der Ahnenkult obenan. Die Seelen der abgeschiedenen
+Ahnen wachen als Schutzgeister oder Schutzgötter über ihrer Sippe.
+Im Kultus der Sippe und des Hauses mögen neben den Naturgeistern
+namentlich an den Gedächtnisstagen der Toten, am „Allerseelenfest“
+auch die Ahnen besonders verehrt worden sein. Nachweisen lassen
+sich aber nur einzelne wenige Erscheinungen des Ahnendienstes. Wer
+die Heldensage im Sinne von E.H. Meyer erklärt, muss eigentlich für
+die Urzeit auch einen bedeutungsvollen Ahnenkult annehmen. Aber die
+Heldensage knüpft meistens an die geschichtlichen Gestalten an, deren
+Thaten im Gedächtniss der Sänger und Dichter haften, schwerlich an
+ihre Apotheose. In vereinzelten Fällen freilich scheint eine solche
+wirklich erfolgt zu sein. Nach Jordanes wurden die Ahnen der gotischen
+Königsgeschlechter als höhere Wesen betrachtet, ja geradezu als Götter
+(_ansîz_, wie lat. _dîvi_) bezeichnet.[41] Damit vergleicht sich eine
+schwedische Sage. Adam von Bremen sagt von den Schweden: sie verehren
+auch vergötterte Menschen, die sie wegen ausserordentlicher Thaten mit
+der Unsterblichkeit beschenken, wie sie das nach dem Leben des heiligen
+Anskar (Kap. 26) mit dem Könige Erich gemacht haben.[42] Im Leben
+Anskars[43] wird erzählt, dass ein Mann auftrat und König und Volk der
+Schweden verkündigte, er habe einer Versammlung der Götter, die man für
+die Besitzer des Landes dort hielt, beigewohnt und sei abgesandt, um
+König und Volk folgendes anzuzeigen: „Ihr habt euch lange unsrer Gunst
+erfreut, ihr habt lange Zeit unter unserem Schutze das Land eurer
+Väter, eurer Heimat in Glück, Frieden und Überfluss inne gehabt, habt
+uns auch nach Gebühr Opfer und Gelübde dargebracht, und euer Dienst
+war uns lieb. Jetzt aber lasset ihr die gewohnten Opfer eingehen,
+bringt freiwillige, aber nur lässig dar, und erhebet -- was uns noch
+mehr missfällt -- einen fremden Gott neben uns. Wollet ihr also unsere
+Gunst wieder erlangen, so vermehret die unterlassenen Opfer, bringet
+grössere Gelübde dar, lasset auch nicht den Dienst eines andern Gottes,
+dessen Lehre der unsrigen entgegengesetzt ist, bei euch zu und zollet
+ihm keine Verehrung. Verlanget ihr aber mehr Götter, und sind wir euch
+nicht genug, so nehmen wir hiemit nach einstimmigem Beschluss euren
+einstigen König Erich in unsre Gemeinschaft auf, so dass er fortan
+einer der Götter ist.“ Da erbauten sie dem König Erich, der unlängst
+verstorben war, einen Tempel und begannen ihm als einem Gotte Gelübde
+und Opfer darzubringen.
+
+Die nordischen Denkmäler bieten noch einige weitere Beispiele eines
+Ahnenkultes dar, welcher vom ganzen Volk der Person des Fürsten, von
+der einzelnen Sippe den abgeschiedenen Familiengliedern förmlich und
+feierlich geweiht wurde, und eben hierdurch vom allgemeinen Seelenkult
+sich merklich unterscheidet. Von einem norwegischen Manne namens
+Thorolf, Thorsteins Sohn, heisst es in der Landnáma 1, 14, er sei der
+Enkel Grims gewesen, der wegen seiner Beliebtheit nach seinem Tode mit
+Opfer verehrt wurde (_er blótinn vas dauđr fyrir þokkasæld_). In der
+Herwararsaga Kap. 1 ehren die Männer den toten Gudmund mit Opfern und
+bezeichneten ihn als ihren Gott. In der Ynglingasaga gilt Freyr als ein
+sterblicher König, dem erst nach seinem Tode göttliche Ehren erwiesen
+wurden. Lehrreich ist die Geschichte von König Olaf Geirstada-alf
+(Flatcyjarbók 2, 6 ff.). Im Lande herrschte einmal grosse Hungersnot;
+König Olaf weissagte, sie werde nicht eher endigen, als bis er selber
+gestorben und in einem umhegten Hügel beigesetzt sei. Nach seinem Tode
+wurde er im Hügel mit vielen Schätzen bestattet. Man opferte ihm um
+Fruchtbarkeit und nannte ihn den Alb von Geirstad (_þeir blótođo Ólaf
+konung til árs sér ok kǫllođo hann Geirstađa-alf_). Der verstorbene
+König wird also schon mit seinem Namen unter die Landgeister versetzt,
+seine Grabstätte ist sein Heiligtum. Unter diesem Gesichtspunkte
+gewinnt auch der isländische Glaube vom Versterben in die Berge neue
+Bedeutung. Thorolf und seine Nachkommen gingen nach Helgafell, die
+Nachkommen der Aud in die Krosshólar. Diese Berge aber waren geheiligte
+Opferstätten. Mithin scheinen Könige und Helden vergöttert und in
+ihren Hügeln durch Opfer und Gebet verehrt worden zu sein; innerhalb
+einzelner Sippen erhielt sich aber auch ein Ahnenkultus, dessen Stätte
+die Familiengräber (im Schwedischen _ätthögar_ genannt) oder nahe
+gelegene Berge und Hügel waren, worin die Seelen der abgeschiedenen
+Sippen sich aufhielten. Elbe und Wichte, die Naturgeister, welche
+ursprünglich überhaupt von den Seelengeistern abstammen, hingen früher
+vielleicht noch enger mit dem Ahnenkult der einzelnen Sippen zusammen,
+als es aus der Überlieferung den Anschein hat.
+
+Berggeister von Riesenart werden in isländischen Quellen des 13.
+Jahrhunderts als Asen bezeichnet. So Barðr, der Sohn des Riesen Dumbr
+und Zögling des Riesen Dofri, von dem eine eigene Sage geht, wie er in
+den Tagen Haralds aus Norwegen nach Island gefahren sei. „Die Leute
+meinen, dass er in den fernen Snæfell eingegangen sei, und dort eine
+grosse Höhle bezogen habe; denn das war mehr seine Art, in Höhlen zu
+sein als in Häusern, weil er in den Höhlen des Dofri auferzogen war; er
+war auch an Wuchs und Stärke den Unholden ähnlicher als den Menschen.“
+„Er wurde darum Barðr _Snæfellsass_ genannt, weil sie dort auf dem
+Gebirge an ihn glaubten und ihn für einen anzurufenden Gott (_heitguđ_)
+hielten; er zeigte sich auch manchem Manne als ein sehr kräftiger
+Schutzgeist (_bjargvættr_).“ In der Njálssaga Kap. 124 begegnet ein
+_Svínfellsáss_, der mit Flosi Thordarson unkeuschen Umgang hatte.
+Gudbrand Vigfusson (_corpus_ 1, 418) geht zu weit, wenn er diese Wesen
+für Ahnengeister erklärt und schliesst, die in Bergen hausenden Toten
+seien ursprünglich als Asen bezeichnet worden. Der vergötterte Ahnherr
+des nahe wohnhaften Geschlechtes sei als áss im Snæfell und Svínfell
+verehrt worden; Asen und Elben (wegen dem Geirstaða-alf) seien die
+ältesten Benennungen der Ahnengeister. Die Beispiele stehen vereinzelt,
+die Quellen sind zu wenig verlässig, um so kühne Schlüsse zu
+verstatten. Richtiger urteilt Maurer (_Bekehrung_ 2, 246), wenn er eine
+späte Verwirrung annimmt, welche zwischen dem Kultus der eigentlichen
+Götter und der niederen Dämonen nicht mehr genau zu unterscheiden
+vermochte und daher auch den Asennamen auf riesische Berggeister
+anwandte.
+
+
+7. Glauben an eine Wiedergeburt.
+
+Der Seelenglaube führt die Menschen zum Unsterblichkeitsglauben, zum
+Glauben an die Seelenwanderung und zu ähnlichen Vorstellungen, die
+freilich im niederen Volksglauben der Reinheit, Erhabenheit und Tiefe
+entbehren. In der Hölle oder bei den Göttern leben die Seelen ewig
+fort, im Übrigen wird über die Zeit, welche einzelnen Gespenstern
+zugemessen ist, nichts Bestimmtes gesagt. Die meisten Spukgestalten
+gehen nur so lange um, bis sie beruhigt, erlöst sind. In den ältesten
+Zeiten, ehe man an Himmel und Hölle glaubte, dauerte das Leben der
+Seelengeister, solange sie im Gedächtniss der Menschen hafteten.
+Der Begriff der Ewigkeit und Unsterblichkeit setzt eine ziemlich
+hohe Stufe des Denkvermögens voraus. Die Gespenster waren oft so roh
+sinnlich gedacht, dass man von ihrer völligen Vernichtung zu erzählen
+wusste. Nach Asinius Pollio waren die Germanen des Ariovist deshalb
+so mutig und verwegen und solche Todesverächter, weil sie wieder
+aufzuleben hofften (θανάτου χαταφρονηταὶ δι’ ἐλπίδα ἀναβιώσεως).[44]
+Ob das Wiederaufleben für eine andere Welt, für ein Walhall, oder für
+diese Welt galt, wird nicht gesagt. An eine Wiedergeburt im Sinne der
+Seelenwanderung, dass die Seele eines Toten im Leibe eines neugeborenen
+Kindes wieder erscheint, glaubten die Germanen.[45] So heisst es am
+Ende des Liedes von Helgi dem Hjorwardsson, Helgi und Swawa seien
+wiedergeboren worden; ausführlicher am Ende des zweiten Liedes von
+Helgi dem Hundingstöter: „Das war in alter Zeit Glaube, dass Menschen
+wiedergeboren werden könnten; jetzt aber heisst das Altweiberwahn.
+Von Helgi und Sigrun erzählt man, dass sie wiedergeboren seien, er
+hiess da Helgi Haddingjaskati und sie Kara.“ Im kurzen Sigurdliede 45
+wünscht Hogni von Brynhild: verwehrt sei ihr ewig die Wiedergeburt.
+In der Gautrekssaga Kap. 7 wird Starkad ein wiedergeborener Riese
+(_endrborinn jǫtunn_) genannt. In der Sturlungasaga IX, 42 wird
+Thorgils von den Leuten für den wiedergeborenen Kolbeinn gehalten.
+Besondere Beachtung verdient, was sich die Zeitgenossen einst von
+König Olaf dem Heiligen erzählten. Vor Olafs Geburt erschien der
+längst verstorbene König Olaf Geirstada-alf einem Manne im Traum
+und befahl diesem, aus seinem Grabhügel Waffen und einen Gürtel zu
+nehmen und letzteren der schwangeren Fürstin Asta in den Wehstunden
+umzuspannen, dafür aber die Namengebung sich auszubedingen. Der Mann
+that so und nannte das Kind, den künftigen Bekehrer Norwegens, nach der
+Traumerscheinung Olaf. Man glaubte, Olaf Geirstada-alf sei in seinem
+Namensvetter wiedergeboren. Als König Olaf auf seiner Fahrt einmal zu
+dem Hügelgrabe des alten Olaf gekommen war, fragte ihn einer seiner
+Mannen: Bist du hier begraben gewesen? Olaf antwortete: Nie hatte meine
+Seele zwei Körper. Er leugnet auch, früher gesagt zu haben: Es war eine
+Zeit, da wir hier waren und von hier wegkamen. Der christliche, heilig
+gesprochene König muss natürlich den heidnischen Aberglauben, der an
+seinem Ursprung haftet, von sich abzuwälzen suchen. Der Erzählung
+liegt ein noch fortlebender norwegischer Aberglaube zu Grunde. Man
+wählte Namen Verstorbener, um die Toten wieder aufleben zu lassen.
+Wenn eine schwangere Frau von einem Verstorbenen träumt, so hält man
+dafür, dass dieser nach einem Namen umgeht -- _gaaer efter navnet_ --,
+dass er einen Namensvetter sucht und dass das Kind nach ihm getauft
+werden muss. So erscheint dem Thorstein uxafót ein Grabhügelbewohner
+im Traum, sagt ihm seinen Übertritt zum Christentum voraus und bittet
+ihn, einen Sohn mit seinem, des Toten Namen zu taufen --, offenbar
+um als Wiedergeborener der christlichen Seligkeit teilhaftig zu
+werden. Der sterbende Asbjorn bittet, nach ihm zu taufen -- _at láta
+heita eptir honum_ -- d. h. ihm durch Benützung seines Namens zur
+Wiedergeburt zu verhelfen. Der sterbende Jokull schenkt seinem Mörder
+das Leben und bittet ihn, zum Danke dafür einst seinen künftigen Sohn
+oder einen seiner Enkel Jokull zu nennen. Die alte und neue nordische
+Sage enthält viele Beispiele dieses mit der Wiedergeburt verknüpften
+Namensaberglaubens.
+
+ * * * * *
+
+Der Seelenglauben dauerte unter dem Christentum ungeschwächt fort,
+allzu tief wurzelt die Gespensterfurcht im Herzen des Menschen.
+Ruhelose Seelen, die man zur eignen Sicherheit bannen muss, die aber
+trotz allem nach Ruhe verlangen, kannte schon das Heidentum. Eine
+gewisse sittliche Auffassung mag auch darin bestanden haben, dass
+unholde Geister namentlich aus den Seelen böser Menschen hervorgingen,
+während die guten in die Gemeinschaft der Götter und guten Geister,
+ins allgemeine Totenland oder sonst an einen stillen Ort gelangten.
+Unter dem Christentum bildete sich aber neu die Vorstellung der „armen“
+Seele, die zur Strafe spuken muss und vom Höllenfeuer angeglüht ist.
+Wie für alles Unholde ergab sich auch für die Gespenster unmittelbarer
+Zusammenhang mit Hölle und Teufel.
+
+
+Übermenschliche Wesen, die aus Maren und Seelen hervorgingen.
+
+1. Die nordischen Fylgjur.
+
+Die alte und neue nordische Sage berichtet viel von der _fylgja_,
+_forynja_, _fyreferd_, _hamingja_, von Erscheinungen, in welchen der
+Seelenglauben am deutlichsten zum Ausdruck gelangt. _fylgja_ bedeutet
+Folgerin; gemeint ist ein jedem Menschen beiwohnendes geisterhaftes
+Wesen, die Seele, welche zuweilen sichtbar wird. Die Fylgja zeigt sich
+ihrem Besitzer und andern Menschen meistens vor wichtigen Ereignissen,
+namentlich vor dem Tode. Sie erscheint in der vollen eignen Gestalt
+ihres Inhabers als Doppelgänger, zweites Gesicht, oder in beliebiger
+Tiergestalt. Die Fylgja offenbart sich gerne im Traum, geistersichtige
+Leute vermögen sie aber auch im Wachen zu sehen. So gleicht die
+Fylgja einerseits völlig den _hugir_, den Seelen, andererseits ist
+sie aber auch als _fylgjukona_, als _dís_, als ein übernatürliches
+Wesen weiblichen Geschlechtes gedacht. Wie ein Schutzengel ist
+sie dem einzelnen Menschen (_mannsfylgja_) oder auch einer ganzen
+Sippe (_kynfylgja_, _æltarfylgja_) gesellt, manchmal sind sogar
+mehrere Fylgjur einem Menschen oder einem Geschlechte beigegeben. So
+vollzieht sich also die Ablösung eines selbständigen Geisterwesens
+aus dem Seelenglauben, eine spätere Neubildung auf allgemeinem
+Hintergrund. Die Seele wird zu einem Schutzgeiste in Frauengestalt,
+zu einer Schicksalsgöttin. Manche Leute haben stärkere Fylgjur,
+stärkere Schutzgeister und darum mehr Glück als andre. In den Fylgjur
+verkörpern sich gewissermaassen die eignen Seelen der einzelnen
+Menschen und zugleich die Seelen der abgeschiedenen Ahnen, aber als
+selbständige Wesen gedacht. Zusammenhang mit dem Seelenglauben bricht
+aber immer noch hervor. Von Olaf Tryggwason heisst es, seine Fylgjen
+seien besonders schön und glänzend gewesen (Olafssaga des Oddr Kap. 5).
+In der jüngeren Olafssaga Tryggvasonar Kap. 215 steht eine merkwürdige
+Geschichte von einem Isländer namens Thidrandi. Dieser hörte einmal
+in einer mondhellen Nacht an die Thüre seines Hauses anklopfen und
+trat, obwol gewarnt, mit einem Schwerte bewaffnet hinaus. Da sah
+er von Norden her neun Weiber in schwarzen Gewändern mit gezogenen
+Schwertern in den Händen heranreiten; von Süden her kamen auch neun
+Weiber geritten, alle in lichten Gewändern und auf weissen Rossen.
+Thidrandi wollte wieder ins Haus zurück, wurde aber von den schwarzen
+Frauen angegriffen und auf den Tod verwundet. Morgens fand man ihn,
+und er erzählte alles, ehe er starb. Thorhall aber erklärte die Frauen
+für die Schutzgeister des Geschlechtes (_fylgjur yđrar frænda_). Die
+schwarzen Frauen (_dísir_) seien die dem Heidentum, die weissen die dem
+Christentum geneigten Geister. Die heidnisch gesinnten verlangten noch
+vor der Bekehrung ein Opfer und holten darum den Thidrandi zu sich.
+_fylgjur_ und _dísir_ werden also einander gleichgestellt und gelten
+als die aus den Seelengeistern hervorgegangenen Schutzgeister einer
+Sippe. Die Scheidung in schwarze und weisse, unholde und holde dürfte
+der christlichen Absicht der Erzählung zuzuschreiben sein. Ähnlich
+sagt Gisli in der Gislasaga Súrssonar 41: „Ich habe zwei Traumweiber
+(_draumkonur_); die eine ist gut gegen mich, die andre aber sagt mir
+immer das vorher, was mir eine Verschlechterung meines Geschickes zu
+sein scheint und prophezeit mir Böses.“ Die Fylgjur zeigen sich hier,
+wol auch unter christlichem Einfluss, als guter und böser Engel eines
+Menschen. Die Fylgjur erscheinen auch sonst als bewaffnete Frauen. Der
+Skald Hallfred sah einmal ein Weib in einer Brünne über die Wogen hin
+zum Schiffe schreiten. Es war seine _fylgjukona_ (Fornsögur hrsg. von
+Gudbrand Vigfusson S. 114). Dem Asmund erscheinen im Traume bewaffnete
+Frauen, seine Schutzgöttinnen (_spádísir_), die ihm Hilfe im Kampfe
+verheissen (Fornaldarsögur 2, 483). Dem Wigaglum tritt die Schutzgöttin
+(_hamingja_) des Wigfuss behelmt entgegen und bietet ihm ihre Nachfolge
+an (Vigaglúmssaga Kap. 9). Den Zusammenhang der Fylgjen mit den
+Seelengeistern lehren deutlich die Atlamól 27, wo die dísir zugleich
+als tote Weiber (_konor dauđar_) bezeichnet sind. Glaumwor warnt den
+Gunnar vor der Fahrt zu Atli durch Erzählung ihrer Träume:
+
+ Mir schiens, als träten bei Nacht tote Frauen hier ein,
+ In dürftige Kleider gehüllt, die dich entführen wollten;
+ Es luden zu ihren Bänken die leidigen Weiber dich ein;
+ Die Schicksalsjungfrauen, glaub ich, haben den Schutz dir aufgesagt.
+
+Die Fylgjur in ihrer Eigenschaft als selbständige Schutzgeister gingen
+beim herannahenden oder eingetretenen Tode eines Mannes auf einen
+beliebigen Verwandten, dem sie sich antrugen, über. So übernimmt
+Wigaglum die Fylgja des Wigfuss, dem Hedin bot sich die Fylgja seines
+Bruders Helgi Hjorwardsson an, welcher darin ein Zeichen seines nahen
+Todes sieht. Bei Gunnar und Thidrandi herrscht die Vorstellung, dass
+die Fylgjur den Todgeweihten zu sich holen, d. h. seine Seele geht zu
+den Toten ein. In der Njálssaga Kap. 41 erblickt Njál die Fylgja des
+Thord in Gestalt eines getöteten Bockes; also vollzieht sich hiernach
+an der Fylgja das Schicksal ihres Besitzers.
+
+
+2. Verwandlungsfähigkeit: Werwölfe, Berserker.
+
+Statt Fylgja begegnet auch der Ausdruck _hamingja_, im Sinne von
+Schutzgeist, Glück. _Hamingja_ ist abgeleitet von _hamr_, Hülle,
+Gestalt. Mit _hamr_ wird aber namentlich die Gestalt bezeichnet, in
+welcher die verwandelte Seele sich zeigt. So heisst in den Atlamǫ́l 18
+der Adler, von welchem Kostbera, Hognis Frau, träumt, des Atli _hamr_,
+wie ebenda 19 des Atli _hugr_. Fylgja wird also die Seele genannt, weil
+sie dem Menschen, so lang er lebt, überallhin folgt, Hamingja ihrer
+vielgestaltigen Verwandlungsfähigkeit halber. Bereits im nordischen
+Heidentum bestand nun der Glaube, dass einzelne Leute fähig wären,
+beliebig ihre Gestalt zu wechseln. Verwandlungssagen entstammen dem
+Seelenglauben. Was hier unwillkürlich, im Traume oder unter besonderen
+Umständen, sich ereignete, geschieht nun auch willkürlich, meist
+mit Hilfe von Zauberkünsten, wodurch die Verwandlungsfähigkeit der
+Seele nach Belieben benutzt werden kann. Solche Leute heissen _eigi
+einhamir_, nicht eingestaltig; ihre Fähigkeit ist _at skipta hǫmum_,
+die Gestalten zu tauschen, _at hamast_ sich zu häuten, die Hülle zu
+wechseln. Sie sind _hamramr_ oder _hamhleypa_, gestaltenläufig, sie
+sind der _hamfar_, der Fahrt in Verwandlungen mächtig. Die Annahme der
+fremden Gestalt geschieht nicht nur in der Art des Seelenglaubens,
+dass die Seele aus dem Leibe ausschlüpft und eine beliebige Hülle
+umthut, vielmehr auch so, dass das Umwerfen eines äusserlichen Gewandes
+den Wechsel der Gestalt hervorbringt. So hat Freyja ein Federgewand
+(_fjađrhamr_), das sie dem Loki borgt, so haben die Valkyrjen
+Schwan-und Krähenhemden. Odin hat ein Adlergewand (_arnarhamr_).
+Besondere Bedeutung aber haben die Wolfsgewänder, die _úlfahamir_,
+deren Anlegen den Menschen zum Wolfe verwandelt. Der Werwolfsglaube[46]
+ist seit Alters den westarischen Völkern, namentlich den Slaven und
+Germanen vertraut. Er beruht auf den allgemeinen Vorstellungen der
+vielgestaltigen Seelen, wie die Fylgjur, die Mannahugir gar oft als
+Wölfe auftreten[47]. zum Teil vielleicht auch auf dem epidemischen
+Wolfswahnsinn[48], der pathologischen Lykanthropie. Werwolf bedeutet
+Mannwolf, λυκάνθρωπος[49]. Das Wort begegnet im ags. _werewulf_,
+in Deutschland zuerst bei Burkhard von Worms (_credidisti, ut
+quandocunque homo ille voluerit, in lupum transformari possit, quod
+vulgaris stultitia werwolf vocat_). Das frz. _loup-garou_ ging aus
+altfränkischem _werewulf_ hervor[50]. Die nordische Sprache gebraucht
+dafür _vargr_ oder _vargulf_, neunord. _varulf_. _verulfr_ begegnet
+als Schwertname in der Snorra Edda 1, 565, vermutlich als deutsches
+oder englisches Lehnwort. In der Vǫlsungasaga Kap. 8 wird erzählt,
+wie Sigmund und Sinfjotli einmal in einem Waldhause zwei Männer mit
+dicken Goldringen schlafend fanden. Die waren ins Missgeschick geraten;
+denn Wolfshemden (_úlfahamir_) hingen über ihnen. Jeden zehnten Tag
+vermochten sie aus den Wolfshemden zu kommen. Es waren Königssöhne.
+Sigmund und Sinfjotli fuhren in die Gewänder und konnten nimmer
+heraus. Es folgte ihnen dieselbe Eigenschaft wie zuvor. Sie liessen
+Wolfsstimmen hören, verstunden aber beide ihre Stimmen. Sie fielen
+nun wie rechte Wölfe Menschen an und zerrissen sie. Sigmund biss den
+Sinfjotli fast zu Tode. Nachmals aber fuhren sie wieder zu dem Hause
+und warteten, bis sie aus den Wolfsgewändern kamen, die sie dann zu
+Asche verbrannten. Die Sage mag auf einem alten Missverständniss
+beruhen. Warg, Wolf hiess der Geächtete in der germanischen
+Rechtssprache. Warg wurde wörtlich als Wolf verstanden, und so bildete
+sich die Werwolfsgeschichte. Jedenfalls aber wird der Werwolfsglaube
+dadurch als altgermanisch erwiesen. Nach der neueren Volkssage
+verwandeln sich Menschen, sowol Männer als Frauen, zeitweilig in Wölfe,
+indem sie sich einen Gürtel, aus Wolfsleder oder Menschenhaut gemacht,
+um den blossen Leib schnallen. Wird der Gürtel gelöst, so nehmen sie
+wieder Menschengestalt an. Das Wolfshemd ist also zu einem Wolfsgürtel
+zusammengeschrumpft. Der Werwolf fällt dann in Herden und greift auch
+Menschen an. Der Zauber reicht aber nicht übers Leben hinaus. Wird ein
+Werwolf verwundet oder getötet, so findet man einen wunden oder toten
+Menschen. Wie alle Seelen und Maren hält er dem Namensanruf nicht
+stand, der Zauber weicht sofort, und statt des Wolfes sieht man einen
+nackten Menschen vor sich. Der „Böxenwolf“ in Westfalen und Hessen
+hockt auf wie die Mare, d. h. er springt den Leuten auf den Rücken und
+lässt sich tragen.
+
+Zu den Werwölfen scheinen ursprünglich die _Berserker_ der nordischen
+Sagen gehört zu haben, obwol der rechte Sinn den Quellen abhanden
+kam[51]. Berserker sind Menschen, die plötzliche Wutanfälle haben.
+In diesem Zustande gebärden sie sich wie wilde Tiere, sie heulen,
+sperren den Rachen auf und recken die Zunge heraus, stossen Schaum
+aus dem Munde, knirschen mit den Zähnen und beissen in die Schilde.
+Zugleich werden sie übernatürlich stark und meinen für Feuer und Eisen
+unverwundbar zu sein; in ihrer Wut verschonen sie nichts, was ihnen in
+den Weg kommt, nach überstandenem Anfall aber sind sie um so schwächer
+und nahezu völlig kraftlos; durch Anrufen bei ihrem Namen wird der
+Zustand beseitigt, wie das Beschreien auch sonst zauberische oder
+übernatürliche Vorgänge und Verrichtungen stört. Von Verwandlungen
+in fremde Gestalten ist zwar bei den Berserkern nicht mehr die
+Rede, trotzdem heissen sie _eigi einhamr_, _hamramr_. Ihr Wutanfall
+wird als ein leiblich und seelisch ganz verschiedenartiger Zustand
+aufgefasst. Ursprünglich war diese tierische Wut eben mit Verwandlung
+in tierische, Wolfs- oder Bärengestalt verbunden. Darauf deuten noch
+einige Spuren. König Harald Hárfagr hatte in seiner Umgebung eine
+Schar von Berserkern, die _úlfheđnar_, die Wolfsgewandigen, hiessen.
+Ulfheðinn und Ulfhamr kommen als Mannsnamen vor. Die Überlieferung
+deutet diese Bezeichnung der Berserker allerdings dahin, dass die
+Kämpen Wolfspelze über den Brünnen getragen hätten. Indessen ist dies
+ein Missverständniss. Einst waren Leute in _úlfahamir_, in Wolfshäuten,
+also Werwölfe gemeint. Sveinbjörn Egilsson im Lexicon poeticum S. 51
+erklärt Berserkr als der Bärengewandige (aus _berr_, Bär und _serkr_,
+das Gewand). _Berserkir_ und _úlfheđnar_ sind also Menschen in Bären-
+und Wolfsgestalt. Daher die tierische Wut, die ihnen anhaftet. Dem
+Namen Ulfheðinn entspricht der Name Bjarnheðinn. Einen solchen
+„Berserkr“ im wahren Sinn führt uns die Sage von Hrolf Kraki leibhaftig
+vor. Hrolf wird von seinen Feinden überfallen. Mutig tritt er mit
+seinen Helden in den Kampf gegen Hjorward ein; alle seine Recken mit
+Ausnahme des Bodwar Bjarki begleiten den König Hrolf. In diesem Kampfe
+sahen Hjorward und seine Mannen, dass ein grosser und starker Bär dicht
+vor König Hrolf herging. Hieb- und Schusswaffen glitten ohne Wirkung
+an ihm ab, er stürzte Männer und Rosse nieder und zermalmte die Leute
+mit Klauen und Zähnen, so dass sich klägliches Geheul in Hjorwards
+Heer erhob. Hjalti, ein Recke Hrolfs und Freund Bodwars, sah sich um
+und vermisste noch immer seinen Freund Bodwar. Da lief er zurück zur
+Königshalle und hier sah er Bodwar ganz müssig sitzen. Hjalti schalt
+den Bodwar, dass er ruhig in der Halle bleibe, während der König
+Hrolf in Not sei, und bedrohte ihn. Da erhub sich Bodwar seufzend
+und ging mit hinaus zum Kampfe. Alsbald verschwand der Bär. Der
+Kampf aber endigte mit Hrolfs und seiner Recken Fall. In dieser Sage
+kämpft also die Seele, die Fylgja oder Hamingja eines tapferen Helden
+in Bärengestalt, während sein Leib in der Halle zurückbleibt. Die
+Geschichte mag als Grundtypus der Berserkersagen gelten, sie erwächst
+aber unmittelbar aus dem Seelenglauben.
+
+
+3. Schicksalsfrauen.
+
+Die nordischen Fylgjur waren zugleich Schutzgeister, gute und böse
+Engel, die den Menschen umschwebten. Von hier aus ist nur ein kleiner
+Schritt zum Glauben an Schicksalsgeister, den wir bei den heidnischen
+Germanen vorfinden. Überall begegnen wir den Schicksalsfrauen, die
+das Leben des Menschen von der Geburt bis zum Tode lenken. Aus ihrer
+Vielheit erhebt sich auch eine einzige Schicksalsfrau, das persönlich
+gewordene Verhängniss. Die ältere und jüngere Vorstellung laufen
+neben einander her wie etwa auch das wilde Heer und der wilde Jäger,
+der allgemeine und der besondere Begriff. Über die Fylgjen reichen
+die Schicksalsfrauen zu den seelischen Geistern. Einzelne Spuren,
+namentlich das Erscheinen der Frauen bei Geburt eines Kindes, weisen
+auf den Kreis der Maren.[52] Namen und Thätigkeit dieser Wesen sind
+hier zu erörtern. Als weise Frauen (ahd. _idisi_ an. _dísir_) wurden
+sie bezeichnet.[53] In ahd. Glossen wird parca mit _scephenta_, die
+Schaffende, gegeben. Vintler nennt _gâchschepfen_, die den Menschen
+das Leben geben. Im Zusammenhang mit andern Ausdrücken ist ersichtlich
+damit die Thätigkeit eines Schöffen, der ein Urteil schöpft, gemeint.
+Im Norden ist von _urđir_ (Sigurvþarkviþa in skamma 5), in England
+von _the thre weirdsisters, the weird lady of the woods_ die Rede. Im
+Heliand ist das Schicksal _reganogiskapu_, Schöpfung ratender Mächte,
+_metodogiskapu_, Schöpfung der messenden, zumessenden, _wurdigiskapu_,
+Schöpfung der _wurd_. Im Norden heissen die Schicksalsfrauen
+Nornen.[54] Durch alle germanischen Sprachen geht die Bezeichnung
++wurd+ (as. _wurd_, ahd. _wurt_, ags. _wyrd_, an. _urđr_) durch. Die
+Bedeutung ist Geschick, Verhängniss, Tod. Häufig ist Wurd persönlich
+gedacht und eine entsprechende Wendung gebraucht. Wurd gehört zur idg.
+Wurzel _u̯ert_ (_vertere_), woraus ahd. _wirt_, _wirtel_, die Spindel.
+Vielleicht ist Wurd die Spinnerin. Im Ags. heisst es: _Wyrd me þæt
+gewæf_, mir wob das Wyrd. Als ein Gewebe wird das Schlachtgeschick
+(_wíg spéda gewiofu_) bezeichnet. Von einem Nornenspruch (_kvidr_) und
+Urteil (_dómr_) wissen nordische Dichter, von dem Worte der Urd, dem
+keiner entgegnet, das unwiderruflich ist (Fjǫlsvinns mǫ́l 47). Das
+Schicksal ist _urlagu_ (ahd. _urlag_, as. _orlag_, ags. _orlæg_, afr.
+_orloch_, an. _ørlǫg_) d. h. Urgesetz. _ørlǫgsíma_, _ørlǫgþáttr_ sind
+im Nordischen die Schicksalsfäden. In zwiefacher Weise also dachten
+sich die Germanen das Schicksal, als _Urgesetz_ und als _Gewebe_. Aus
+diesen beiden Vorstellungen erklären sich die überlieferten Namen der
+Schicksalsfrauen. Sie wissen das uralte Recht und finden und fällen den
+Wahrspruch, der dem Menschen sein Verhängniss zumisst; sie spinnen und
+weben Glück und Unglück, Gutes und Böses. Das Schicksal richtet und
+webt über Götter und Menschen, es ist die geheimnissvolle, hohe Macht,
+der selbst die Himmlischen unterworfen sind. Damit ist der Wurd eine
+bedeutungsvolle Stellung eingeräumt. Götter und Helden vermögen sie
+nicht zu bezwingen noch ihr zu entfliehen, ihr sittlicher Wert beruht
+darin, wie sie der Wurd begegnen.[55]
+
+Wurd schickt Gutes und Böses, die Schicksalsfrauen, wo sie in Mehrzahl
+auftreten, teilen sich dagegen meistens nach ihren Gaben in gute
+und böse, freundliche und feindliche Gewalten. Zornige (_grimmar_),
+feindselige (_ljótar_) Nornen erwähnen die nordischen Skalden; die
+Gylfaginning Kap. 15 führt den Gegensatz durch: „Wenn die Nornen über
+das Geschick der Menschen entscheiden (_ráđa ørlǫgom manna_), so
+verteilen sie’s sehr ungleich: den einen verleihen sie ein Leben voll
+Glück und Ansehen, andern dagegen wenig Freude und Ruhm; den einen
+ein langes Leben, andern ein kurzes. Die guten Nornen, die von edler
+Abkunft sind, schaffen ein glückliches Los. Wenn aber Menschen ins
+Unglück geraten, so veranlassen es böse Nornen.“ Nach dem Reginlied
+24 stehen _tálardísir_, Trugdisen, zu Seiten des auf der Fahrt
+strauchelnden Kriegers; sie wünschen ihn wund zu sehen. Wo also nicht
+der Glaube an die erhabene Wurd vorherrscht, wird Glück und Unglück
+aus dem Walten guter und böser Geister erklärt. Den Wirkungskreis der
+Nornen lassen die nordischen Quellen überblicken. Nach dem Fafnirliede
+12 gibt es Nornen, hilfreich in der Not (_nauþgǫnglar_), welche den
+Müttern bei Geburt der Söhne beistehen. Ebenso walten _dísir_ bei der
+Geburt (Sigrdrífumǫ́l 9). Sie bestimmen für Mutter und Kind Leben oder
+Tod. Im Lied von Helgi dem Hundingstöter werfen sie dem neugeborenen
+Kinde den Schicksalsfaden. „Nacht wars im Hofe; Nornen kamen, die
+dem Edeling das Schicksal schufen (_aldr um skópu_). Sie bestimmten
+dem Fürsten, berühmt zu werden und der beste unter den Helden. Mit
+Macht schlangen sie die Schicksalsfäden (_sneru ørlǫgþáttu_), während
+es Burgen brach in Bralund; sie wickelten den goldenen Faden aus
+einander und befestigten ihn mitten im Mondsal (d. h. im Himmel).
+Sie bargen die Enden ostwärts und westwärts, wo das Land des Königs
+inmitten lag; eine Schlinge, der sie ewige Dauer gebot, schwang eine
+der Nornen gen Norden.“ Die Nornen weben ein Gewebe, das nach Ost und
+West und gen Norden, also weit über die Lande und hinauf zum Himmel
+reicht. So soll sich Helgis Heldenruhm ausbreiten. Die Vǫlospǫ́ 20
+gedenkt der drei weisen Jungfrauen, deren Sal am Stamme der Weltesche
+Yggdrasil steht, sie bestimmten Satzungen (_lǫg lǫgþo_), erkoren
+Leben den Menschenkindern (_líf kuro alda bǫrnom_), Schicksal der
+Männer (_ørlǫg seggja_). Der Glaube an gute und böse Schicksalsfrauen
+tritt in einem weitverbreiteten Märchenzug zu Tage. An die Wiege des
+neugeborenen Kindes kommen mehrere weise Frauen, die es mit guten
+Eigenschaften begaben, nur eine zürnt und wünscht Böses. In der
+erst um 1400 entstandenen Nornagests saga Kap. 11 besitzen wir eine
+nordische Wendung. Landfahrende _völvur_ oder _spákonur_, weissagende
+Frauen kamen zu Nornagests Vater; das Kind lag in der Wiege, über ihm
+brannten zwei Kerzen. Nachdem die zwei ersten Weiber es begabt und
+ihm Glückseligkeit vor andern seines Geschlechtes versichert hatten,
+erhob sich zornig die jüngste Norn (_in yngsta nornin_), die man im
+Gedränge von ihrem Sitze geworfen hatte, dass sie zur Erde gefallen
+war, und rief: Ich schaffe, dass das Kind nicht länger leben soll, als
+die neben ihm angezündete Kerze brennt! Schnell griff die älteste Völva
+nach der Kerze, löschte sie aus und gab sie der Mutter, vermahnend, sie
+nicht eher wieder anzustecken, als an des Kindes letztem Lebenstag,
+welches davon den Namen Nornengast empfing. Die Erzählung ist mehrfach
+verdächtig. Nornen und Vǫlvur, Schicksal schaffende und Schicksal
+verkündende Frauen, sind mit einander verwechselt. Die Geschichte
+selber aber gleicht der griechischen Sage von Meleager. Dieser war noch
+wenige Tage alt, als die drei Moiren zu dem Bette seiner Mutter traten.
+Die eine verkündigte, er werde tapfer, die andre, er werde grossmütig
+sein, die dritte, er werde so lange leben, als der eben jetzt auf dem
+Herde liegende Brand vom Feuer nicht verzehrt sei. Seine Mutter hob
+diesen Brand sorgfältig auf. Als sie aber in der Folge erfuhr, dass
+Meleager ihre Brüder erschlagen habe, eilte sie im Drange der Rache
+mit dem Brande nach dem Feuer und liess ihn von demselben verzehren.
+Meleager starb nun schnell hinweg. Bei der auffallenden Ähnlichkeit und
+späten Abfassungszeit der Nornagests saga ist gelehrte Nachahmung sehr
+wahrscheinlich. Die Geschichte darf mithin fürs nordische Heidentum
+nicht verwertet werden. Bei Saxo Buch VI S. 272 wird vom König Fridlev
+erzählt, wie er in den Tempel der drei weisen Frauen (_nymphae_) trat,
+die dort auf Stühlen sassen. Denn es war Sitte, nach der Geburt eines
+Kindes die „_oracula parcarum_“ zu erkunden. Nachdem der König, um
+seines Sohnes Olaf Zukunft zu befragen, feierliche Gelübde gethan
+hatte, verhiessen die zwei ersten dem Kinde Reichtum und Glück, die
+dritte der Schwestern aber Geiz. Aus deutscher Volkssage bieten sich
+zahlreiche übereinstimmende Geschichten dar.[56] Aber ihre Herkunft
+aus germanischem Heidentum ist wenig glaubhaft, vielmehr Zusammenhang
+mit antikem Parzen- und romanischem Feenglauben. Burchard von Worms
+gedenkt zuerst der Parzen. Auf den Färöern heisst noch heute das erste
+Gericht, das die Mutter nach der Geburt des Kindes zu sich nimmt,
+_nornagreytur_[57], Nornengrütze. Vermutlich ist damit eigentlich ein
+Opfer gemeint, das nach der Geburt den erwarteten Nornen angerichtet
+wurde.
+
+Wurd wird oft gleichbedeutend mit Tod verwendet, man meinte also
+das Eingreifen der Schicksalsgöttin im Tode zu erkennen. So heisst
+es im Heliand: Wurd nahm ihn weg, Wurd nahte, Wurd ist vorhanden,
+und im Beowulf: Wyrd nahm ihn weg, Wyrd war ihm sehr nahe. In der
+Eyrbyggjasaga Kap. 52 erscheint ein _urđarmáni_, ein Mond der Urd,
+ein gespenstischer Halbmond, welcher Menschensterben anzeigt. Die
+neuisländische Volkssage kennt ein Ungetüm namens _urdarköttur_, Katze
+der Urd, dessen Anblick Tod bringt (Jón Árnason, _Pjóđsögur_ 1, 613).
+
+Auf Island erhielt der Nornenglauben überhaupt besondere Ausbildung.
+Nach Vǫolospǫ́ 19 erhebt sich Yggdrasil über dem Brunnen der Urd.
+Die Gylfaginning Kap. 16 berichtet, dass die Nornen täglich aus dem
+Brunnen die Esche begiessen, welche dadurch vor dem Vertrocknen und
+Faulen bewahrt wird. Im Brunnen werden zwei weisse Schwäne gehalten,
+von denen diese Vögel abstammen sollen. Zu diesem Bilde wirken die
+verschiedenartigen Vorstellungen von heiligen Bäumen und Quellen,
+Wald- und Wasserfrauen, Schwanmädchen zusammen. Alle diese Gestalten
+finden in der höchsten der weisen Frauen, in Urd ihre Verkörperung.
+Nach dem Fafnirliede 13 gibt es Nornen verschiedener Herkunft, vom
+Asen-, Alfen- und Zwergengeschlecht. In der Vǫlospǫ́ 8 wird die Ankunft
+dreier übermächtiger Mädchen aus Jotunheim erwähnt, wodurch das goldene
+Zeitalter der Götter seinen Abschluss findet. Wenn damit die Nornen
+gemeint sind, wird ihnen riesische Abstammung, Riesenart zugemessen.
+Neben Urd nennt die Vǫlospǫ́ 20 in einer späteren Einschaltung
+_Verđandi_ und _Skulđ_, was Gylfaginning Kap. 15 wiederholt. Sonst
+kommen diese Namen nicht vor. Gelehrte, etymologische Spielerei und
+das Bestreben, eine Norne der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
+aufzustellen, veranlassten diese Namen. _Verđandi_ ist Part. Praes. zu
+_verđa_, werden, _Urđr_ ward mit dem Praet. _urđum_ desselben Zeitworts
+in Zusammenhang gebracht. Bei _Skuld_ schwebt das Hilfsverbum _skula_,
+sollen, mit dem das Futurum gebildet wird, vor. Diese isländische
+Gelehrsamkeit ist von antiken Vorstellungen[58] beeinflusst und hat
+nichts mit dem Heidentum zu schaffen.
+
+Gemeingermanisch sind Schicksalsfrauen und die Wurd, die ja auch
+im Norden allein lebensvoll hervortritt. Schon die Dreizahl der
+Schicksalsfrauen ist verdächtig, die Nornen der Vergangenheit,
+Gegenwart und Zukunft sind aber zweifellos den Parzen nachgeahmt.
+
+
+4. Walküren.[59]
+
+Zur Zeit, da die Germanen ins Licht der Geschichte treten, vollzieht
+sich ihr Schicksal im Kampfe. Sieg oder Unsieg entscheidet über das
+Volk. Darum steht neben der Norn die besondere Schicksalsfrau der
+Schlacht. Wie jene das Schicksal im Allgemeinen lenkt, so gebietet
+diese übers Waffenglück, über Sieg oder Tod auf dem Walfeld.
+Allen Germanen gemeinsam ist die Vorstellung von Kampfgöttinnen.
+In Wirklichkeit kämpften oft germanische Frauen in Waffen unter
+den Heeren. Daher finden wir auch zahlreiche Frauennamen auf wig,
+hild, gund, hadu, mit ger, brünne, helm u. s. w. zusammengesetzt,
+die das Bild der kampflich gerüsteten Frau uns vorführen. Die
+Vorstellungen von Kampfgöttinnen und weiblichen Kämpferinnen mögen
+mit einander aufgekommen sein, sie erwuchsen unter gegenseitiger
+belebender Wechselwirkung. Die Draugen gefallener Kriegerinnen[60],
+Schicksalsfrauen, Schutzgöttinnen vermischten sich zum Bilde der
+Walküre. Benennungen solcher Wesen begegnen häufig in den alten
+Quellen. Bei den Deutschen hiessen sie _idisi_, bei den Nordleuten
+_dísir_, als hehre weise Frauen. Bei den Angelsachsen treffen wir
+_sigewíf_, bei den Nordleuten _sigrmeyjar_, _sigrfljód_, also
+siegspendende Frauen. Nord, _geirvíf_ und _hjálmvítr_ bezeichnen
+Speerschwingerinnen und Helmträgerinnen. Auch Fylgjur und Hamingjur
+zeigen sich im Waffenschmuck, vielleicht weil sie Dísir sind, und
+darunter vorzugsweise Kampffrauen verstanden wurden. Das Wort +Walküre+
+gehört Nordleuten (_valkyrja_) und Angelsachsen (_wælcyrie_) allein an.
+Vermutlich ist es in einer der beiden Sprachen, wol der nordischen,
+geprägt und von der andern entlehnt, kaum aus dem Urgermanischen
+übernommen. Die Bedeutung ist klar: _wal_ ist der Haufe Erschlagener,
+dann der einzelne im Kampfe Getötete, _kyrja_ die Kieserin, Wählerin.
+Die Walküren wählen die Männer aus, die dem Tode erliegen sollen
+(_kjósa feigđ á menn_) und verleihen Sieg (_ráđa sigri_), so schildert
+Snorri ihr Amt. Sieg oder Unsieg, Leben oder Tod steht bei der
+Schicksalsfrau, die dem einen furchtbar und schauerlich, dem andern
+hell und freudig erscheint.
+
+In einem angelsächsischen Segen[61] gegen Hexenschuss wird das Treiben
+walkürenhafter Frauen anschaulich beschrieben: „Laut waren sie, ja
+laut, da sie über den Hügel ritten, sie waren hochgemut, als sie über
+Land (d. h. durch die Lüfte) ritten. Schirme dich nun, wenn du ihre
+Feindschaft bestehen willst: heraus, kleiner Speer, wenn du drinnen
+bist! Ich stund unter dem Lindenschilde, unter dem lichten Schilde,
+da die mächtigen Weiber ihr Heer ordneten und ihre sausenden Speere
+entsandten. Ich will ihnen einen andern fliegenden Speer von vorne
+entgegensenden: heraus, kleiner Speer, wenn du drinnen bist!“ -- Die
+Krankheit ist als ein Hexen- oder Elbengeschoss (_hægtessan, ylfa
+gescot_) gedacht, die Hexen aber sind im epischen Eingang des Spruches
+als Kampfjungfrauen geschildert. Laut jauchzend, wol geschart, Speere
+schleudernd, reiten sie durch die Lüfte heran, der Angegriffene
+deckt sich mit dem Schilde und wirft ihnen seinen Speer entgegen.
+Die „mächtigen Frauen“ (_mihtigun wíf_) lassen sich also auf einen
+förmlichen Kampf mit dem Gegner ein.
+
+Der _Merseburger Zauberspruch von den Idisi_[62] zeigt, dass auch die
+Deutschen solche kampf- und siegbetreibenden Frauen kannten: „Einst
+setzten sich Idisi hierher und dorthin. Die einen hefteten Hafte,
+die andern hemmten das Heer, noch andre klaubten an den Fesseln:
+entspringe den Haftbanden, entfliehe den Feinden!“ Dem Spruche liegt
+die Anschauung zu Grunde, dass Idisi durch die Luft gezogen kamen und
+sich auf dem Walfelde niederliessen, wo der Kampf zwischen zwei Heeren
+bereits entbrannt war. Ein solches Feld mochte _Idisiaviso_ Idisenwiese
+heissen, wie J. Grimm das von Tacitus überlieferte Idistaviso bessert.
+Nun beginnen sie, in drei Haufen geschart, alsbald ihre Thätigkeit,
+indem sie, wie die germanischen Frauen, in Wirklichkeit an den
+Ereignissen sich beteiligen. Die erste Gruppe hinter dem befreundeten
+Heere legt den gefangenen Feinden Fesseln an. Nach solcher Handlung
+mögen auch die nordischen Walküren _Hlokk_ (ahd. _hlancha_, Kette)
+und _Herfjotr_ (Heeresfessel) heissen. Die zweite Gruppe hemmt das
+Vordringen des feindlichen Heeres, entweder dadurch, dass die Idisi
+gleich den germanischen Frauen sich der gegnerischen Schlachtreihe
+gerüstet und Speere schleudernd entgegenwarfen, oder dass sie durch
+irgendwelche Zauberhandlung den Sturmlauf der Feinde plötzlich hemmten
+und in panischen Schrecken (an. _herfjǫturr_) verkehrten. Die dritte
+Gruppe endlich erscheint hinter dem Heer der Feinde, um den Gefangenen,
+der sich hier befindet, zu befreien. Die Idisi nesteln an den Banden
+und sprechen dazu den lösenden Zauber, der die Fesseln abspringen
+macht. Solche „_leysigaldr_“ enthalten die nordischen Hǫ́vamól 148 und
+der Grógaldr 10, womit bewirkt wird, dass die Bande von Händen und
+Füssen fallen. Der Gefangene, auf dessen Befreiung der Spruch hinzielt,
+glaubt somit an die hilfreichen Idisi, deren thätiges, unmittelbares
+Eingreifen den Freunden Sieg und Freiheit, den Feinden Unsieg und
+Fesselung bringt.
+
+Im Beowulf 697 heisst es: Der Herr verlieh ihm Glück im Kampfe, das
+Gewebe des Kampfglückes (_wígspéda gewiofu_). Der Ausdruck entspringt
+der Vorstellung, dass das Schicksal der Schlacht von höheren Mächten
+gewoben werde. Ebenso erklären sich die nordischen Bilder Siegesgewebe
+(_sigrvefr_) und Speergewebe (_darradar vefr_). Darauf gründet sich das
+bekannte Lied der Njálssaga Kap. 158 (_corpus poeticum boreale_ 1, 281
+ff.), das sich auf die 1014 zwischen Brian König von Irland und seinem
+Sohne Sigtrygg gelieferte Schlacht von Clontarf bezieht. Der Dichter
+des Liedes malt die allgemeine Vorstellung des Schicksalsgewebes ins
+einzelne aus und gefällt sich in grausigen Schildereien. Ein Mann zu
+Caithnes in Schottland sah zwölf Frauen in eine Kammer reiten und
+darin verschwinden. Durch ein Fenster beobachtete er, wie die Frauen
+ein Gewebe aufgespannt hatten, wobei Menschenhäupter als Gewichte,
+Menschendärme als Aufzug und Einschlag, Schwerter als Spule und Pfeile
+als Kamm dienten. Bei ihrem Geschäfte sangen sie unter anderm: „Mit
+Schwertern schlagen wir dieses Siegesgewebe. Hildr, Hjorthrimul,
+Sangriðr, Svipul kamen zu weben mit gezogenen Schwertern. Schaft
+wird zerkrachen, Schild zerbersten, die Axt in die Rüstung dringen.
+Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres! Folgen wir dem König
+(dem siegreichen Sigtrygg)! Blutige Schilde wird man sehen, da Gunnr
+und Gondull dem Könige halfen. Winden wir, winden wir das Gewebe
+des Speeres, das der junge König vor sich hatte! Voran wollen wir
+gehen und in die Schlachtreihe schreiten, wo unsre Freunde die Waffen
+kreuzen. Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres, wo die Fahnen
+kämpfender Männer wehen! Nicht lassen wir zu, dass sein (Sigtiyggs)
+Leben vergehe. Die Walküren haben des Kampfes Kür (_eigu valkyrjur
+vals_ [var. _vígs_] _um kosti_). Die Nordleute sollen siegen und die
+Iren unterliegen. Das Gewebe ist gewoben, das Feld gerötet. Schrecklich
+anzusehen ziehen blutige Wolken am Himmel. Wol sangen wir dem jungen
+König viele Siegeslieder. Nun reiten wir auf den Hengsten mit gezogenen
+Schwertern fort von hier.“ Da rissen sie das Gewebe von oben herunter
+und jede behielt, was sie festhielt. Hierauf bestiegen sie ihre
+Hengste, sechs ritten südwärts, sechs nordwärts. Das Gedicht gehört
+der christlichen Zeit an, daher sind verschiedene Vorstellungen mit
+einander vermischt. Einerseits sind die siegspendenden, todbringenden
+Schicksalsweberinnen, wie sie allen Germanen bekannt waren, gemeint.
+Darum handeln diese Frauen frei und ohne Auftrag. Wie die deutschen
+Idisi gedenken sie, gewaffnet dem feindlichen Heere entgegen zu
+schreiten. Sieg und Tod ruht in ihrer Hand, sie verteilen die Loose
+nach eigner Wahl auf ihre Günstlinge und deren Gegner. Andererseits
+gibt der Verfasser des Liedes den Frauen die Namen, welche sonst Odins
+Mädchen führen. Aber mit Ausnahme dieser völlig äusserlichen Anknüpfung
+herrscht die alte gemeingermanische Vorstellung, wonach die Walküren
+frei, ohne Geheiss und Dienstverhältniss, walten und weben.
+
+ * * * * *
+
+Saxo[63] weiss von Waldfrauen, die sich rühmen, die Entscheidung der
+Kriege zu lenken, unsichtbar den Kämpfen beizuwohnen und heimlich ihren
+Freunden die erbetene Hilfe zu leisten. Sie bethätigen ihre Kunst an
+Hother, den sie begaben und beraten.
+
+Neben den Frauen, die das Schlachtgeschick weben und lenken, begegnen
+solche, die es, meist im Traume, verkünden. Dem Asmund träumte, dass
+Weiber mit Kriegswaffen über ihm standen und sagten: Was soll dein
+Zagen? du bist bestimmt, allen andern voranzuleuchten und nun fürchtest
+du dich vor elf Männern? Wir sind deine _spádísir_ und werden dir
+Beistand gegen jene Männer leisten, mit denen du zu thun hast.[64]
+Bevor Harald Hardráði nach England zieht, zeigt sich dem Gyrd im Traume
+ein Weib, in der einen Hand ein kurzes Schwert, in der andern einen
+Trog, um Blut aufzufangen, ein andres Weib auf einem Wolfe sitzend,
+der einen Mannsleichnam zwischen den bluttriefenden Kiefern trägt,
+erscheint dem Thord.[65]
+
+In der Sturlungasaga 7, 28 träumt ein Mann, er käme in ein grosses
+Haus, worin zwei blutige Weiber sassen, welche ruderten. Zugleich
+schien Blut zu den Fenstern herein zu regnen. Das eine Weib sang:
+„Rudern wir, rudern wir, es regnet Blut, Gunnr und Gondul, vor dem
+Fall der Männer. Wir werden herrschen in Raptahlid, wo die Leute uns
+verehren und verfluchen.“ Das Gesicht zeigt die künftigen Unruhen
+und Kämpfe auf Island an. In der Víga-Glúmssaga 21, 3 sieht Glum
+ebenfalls im Traume eine Schar Frauen mit einem Trog voll Blut, das sie
+übers Land giessen. Er erzählt: Ich sah eine Schar göttlicher Wesen
+(_gođreiđ_) über Land reiten; Schwerter werden brechen, es naht grauer
+Geere Gruss, weil die kampfgrimmen Göttinnen (_ásynjur_) -- des freuen
+sich Krieger -- Blut erschlagener Männer ausgossen.
+
+Überall erscheinen bewaffnete, blutvergiessende Frauen, wodurch
+bevorstehende Kämpfe angezeigt werden.
+
+ * * * * *
+
+Die Marenart der Walküren tritt aus den Nachrichten einiger Sǫgur des
+13. Jahrhunderts zu Tage. _Herfjǫtur_ ist ein Walkürenname, zugleich
+aber wird damit eine dämonische Lähmung bezeichnet, von welcher
+dem Tode verfallene Leute im Kampfe oder auf der Flucht plötzlich
+befallen wurden.[66] In der Sverrissaga Kap. 68 heisst es: „Da wussten
+sie nicht, woran es liege, dass das Schiff nicht vorangehe; einige
+meinten, _herfjǫturr_ sei da über sie gekommen, und sie seien alle
+todgeweiht; in Wahrheit aber war es das, dass der Anker über Bord
+hing.“ In der Sturlungasaga 7, 188 wird von Thorleif erzählt, wie er
+seine Feinde erblickte und schnell in die Berge davon laufen wollte.
+Aber da kam _herfjǫturr_ über ihn und er musste ihnen ganz langsam
+entgegen gehen, dass sie ihn erschlugen. In derselben Saga 7, 148
+befinden sich Gudmund und Svarthofdi auf der Flucht vor Illugi. Gudmund
+kam nur langsam vorwärts; da fragte Svarthofdi, ob _herfjǫturr_ über
+ihm sei. Er leugnete es. Illugi holte den Gudmund ein und versetzte
+ihm den Todesstreich. Nach der Harðarsaga Kap. 35 kommt _herfjǫturr_
+mehrmals über den von seinen Feinden umzingelten Hord. Es gelingt
+ihm zwar wiederholt, die Zauberfessel (_galdraband_, wie am Rande
+_herfjǫturr_ erklärt ist) abzuschütteln, aber schliesslich wird er doch
+überwältigt und erschlagen. Ohne weiteres ist der Zusammenhang dieser
+„Heeresfessel“ mit dem plötzlichen Überfall der Mare ersichtlich. Hier
+wie dort die bange Beklemmung, das lähmende Entsetzen, der von Dämonen
+verursachte „_panische_“ Schrecken. Selten vermag der Angefallene
+sich der Mare zu erwehren. Dass „Heeresfessel“ zugleich Walküre
+ist, beweist, dass ihre Art zum Teil im Gespensterglauben wurzelt.
+Die Idisi, welche „_heri lezidun_“, fielen vielleicht ebenso als
+Heeresfessel auf die Schar der Feinde.
+
+ * * * * *
+
+Jungfrauen erscheinen in Gestalt lichter Schwäne; so zeigen sich mit
+Vorliebe ihre Fylgjen. Daraus entstand die Sage von den Schwanmädchen,
+die ein Federgewand umthun und damit durch die Lüfte fliegen.
+An Waldseen und stillen Weihern lassen sie sich nieder, um die
+Schwanhemden abzulegen und in menschlicher Gestalt sich zu zeigen. Wer
+das Gewand raubt, dem muss die Maid folgen. Die Walküren sind häufig
+zugleich Schwanmädchen. Nicht nur helmgeschmückt, Flammen auf der
+Speerspitze, in Glanz und Wetterleuchten reiten sie durch die Luft
+auf Wolkenrossen, aus deren Mähnen Thau in die Thäler und Hagel auf
+die Wälder fällt, davon den Menschen fruchtbares Jahr kommt, sondern
+auch als weisse Schwäne fliegen sie aus. In der Vǿlundarkviþa wird
+von solchen Mädchen erzählt. Von Süden her flogen Mädchen durch den
+dunkeln Wald, junge Walküren[67], Kampfschicksal zu betreiben (_ørlǫg
+drýgja_). Am Seestrand setzten sie sich zur Rast nieder und spannen
+herrliche Linnen (d. h. sie wirkten das Schicksalsgewebe). Wölund
+und seine Brüder nahmen ihnen ihre Schwanhemden (_álptarhamir_) und
+machten sie zu ihren Frauen. Von einem der Mädchen wird gesagt: sie
+war schwanenweiss und trug Schwangefieder (_ǫnnor var svanhvít_,
+_svanfjađrar dró_). Sieben Winter blieben sie, im achten ergriff sie
+Sehnsucht, im neunten trennte sie Not, die Walküren gelüstete es
+zum dunkeln Walde, um Kampfschicksal zu betreiben. Saxo erzählt vom
+Dänenkönig Fridlev, er habe, als er Nachts aus dem Lager gegangen,
+ein seltsames Geräusch in der Luft und dann von oben das Lied dreier
+Schwäne vernommen, wodurch er zu einer Heldenthat aufgefordert
+wurde. Die Schwäne liessen einen Gürtel mit Runen herabfallen.[68]
+Natürlich sind Walküren, Schwanmädchen gemeint, deren Schicksalswort
+im Schwanensange aus den Lüften tönt. Die Walküren der Heldendichtung
+erscheinen öfters als Schwäne. In der Hrómundarsaga Greipssonar
+wird von dem Liebesbund zwischen Helgi und Kara berichtet. Kara in
+Schwangestalt liess so kräftige Zauberweisen ertönen, dass die Feinde
+sich nicht mehr zu wehren vermochten. Einmal schwebte sie im Kampfe
+über Helgi. Da holte er mit seinem Schwerte so weit aus, dass er seine
+Geliebte auf den Tod verwundete. Kara fiel tot herab und Helgis Glück
+war dahin. Von Agnar, den sie im Kampfe gegen Odins Geheiss mit Sieg
+begabte, sagt Brynhild selber, er habe die Hemden (_hamir_) von ihr und
+ihren Schwestern unter die Eiche getragen (Helreiþ 7). Er raubte die
+Schwanhemden von acht Walküren und zwang sie dadurch, ihm zu Diensten
+zu sein. Die bereits erwähnten siegspendenden Waldfrauen (_virgines
+sylvestres_) des Saxo sind vielleicht auch Schwanmädchen, die sich ja
+in der Vǿlundarkviþa zum dunkeln Walde sehnen. Auf Weihern und Seen
+des tiefen Waldes werden Schwanjungfrauen am liebsten sichtbar.
+
+ * * * * *
+
+Wurd und die Nornen walten über dem Schicksal und schaffen es, von
+den Göttern ist ihr Wirken vollkommen unabhängig. Die Idisi, die das
+Schlachtgeschick betreiben, stehen ebenso unabhängig auf sich allein.
+Schicksalsfrauen im allgemeinen, Schicksalsfrauen im besondern, im
+Gewebe des Kampfglücks, kannte der altgermanische und grossenteils auch
+noch der nordische Glauben. Daneben aber treten in den Skaldengedichten
+die Walküren hervor, die sich dadurch von den gemeingermanischen
+Kampfgöttinnen unterscheiden, dass sie auf Odins Geheiss zur Schlacht
+reiten und in Walhall beim Gelage Dienst thun. Ihre Abhängigkeit von
+Odin, den sie auf der Walstatt vertreten, ist ein sehr wesentliches
+Merkmal. Da ausserhalb des Nordens keine Spur davon auftaucht,
+liegt der Schluss nahe, die Walküren als Odins Mädchen gehören der
+Skaldendichtung ausschliesslich an, während daneben noch oft auch im
+Norden ihre ursprüngliche Selbständigkeit hervorbricht.
+
+
+5. Hexen.
+
+Im Got. und Ahd. begegnet das Wort _unhulþô_, _unholda_ d. h.
+Unholdin.[69] Die got. Bibel bedient sich des Ausdrucks zur
+Umschreibung von δαιμόνιον, während die ahd. Denkmäler damit diabolus
+übersetzen. Im Mhd. bedeutet _unholde_ Teufelin, Hexe, Zauberin. Dem
+germanischen Glauben war somit die Unholdin, ein böser Geist weiblichen
+Geschlechtes, geläufig. Erst allmälig bildete sich unter dem Einfluss
+des Teufels die männliche Form daneben. Die Unholdin ist eigentlich die
+Feindselige, Böse, vom Adj. unhold, feindlich, gebildet. Ob unter der
+Unholdin ein gespenstisches oder menschliches Weib gemeint ist, lässt
+sich nicht ersehen. Das Wort Hexe[70], welches erst im Gefolge der
+Hexenprocesse im 16./17. Jahrhundert weiter ins Volk drang, begegnet
+in der ahd. Sprache in zwiefacher Form: _hagaȥussa_, _hegeȥisse, ags.
+hægtesse_, mndl. _hagetisse_, _haghedisse_ und _haȥusa_, _haȥus_.
+Den Sinn zeigen die Glossen _furia_, _striga_, _eumenis_, _erynnis_
+an. Die Etymologie hat zunächst von der kürzeren Form auszugehen.
+_Haȥusa_ ist alte Participialbildung zum Verbum ahd. _haȥȥên_, got.
+_hatan_, und bedeutet also die Hassende, Feindselige. _Hagaȥusa_ und
+die verwandten Wörter scheinen verderbt aus einer Zusammensetzung, die
+ahd. *_haga-hazusa_ lauten würde, die feindselige Waldfrau. Der wilde
+Wald ist der Wohnort böser Geister. _Holzmuoja, holsrûna_ bezeichnen
+ebenso das Waldweib. Mithin sind _unholda_ und _haȥusa_ einander
+gleichbedeutend, während _hagaȥusa_ noch den unheimlichen Wald beifügt.
+In der Kaiserchronik wird Crescentia gescholten
+
+ 12201 _du soltest pillîcher dâ ze holz varen,
+ danne di mægede hie bewarn;
+ du bist ain unholde_.
+
+Also im Holze hausen die Unholdinnen, die Hexen, die Waldweiber. In
+den Kreis der Marenvorstellungen weisen die mhd. Wörter _trute_,
+_trut_[71], und das an. _trollkona_, Trollweib. Mit _troll_[72]
+bezeichnet die nordische Sprache im allgemeinen die unholden Geister.
+Endlich finden wir bereits im nordischen Heidentum _kveldriđur_,
+Abendreiterinnen, _myrkriđur_, Dunkelreiterinnen, also nachtfahrende
+Zauberweiber. In der Eyrbyggja saga Kap. 16 ist die _kveldriđa_ wie die
+nds. _walriderske_ völlig Mare; es wird ihr Schuld gegeben, dass sie
+Menschen reite und dadurch beschädige. _Túnriđur_, Zaunreiterinnen,
+heissen die übers eingezäunte Gehege reitenden Hexen. Im Mhd. werden
+_nahtvarn_, _nahtvrouwen_, d. h. nachtfahrende Frauen genannt, den
+nordischen _kveld_- und _myrkriđur_ entsprechend. Die Ausdrücke
+_flagđ_, _skass_, _skessa_ d. h. Unhold, werden im Norden ebenso
+auf Riesinnen wie auf alle andern unholden Weiber angewandt. Dem
+germanischen Heidentum sind also Hexen wol bekannt, nachtfahrende
+gespenstische Weiber, die auf Schaden aus sind, die zu den unholden
+Geistern des schauerlichen wilden Waldes gehören. Sie berühren sich in
+ihrer Thätigkeit mit den Maren, den Urgespenstern, die gleichwie die
+Seelen überall auftauchen. Unter Unholdinnen waren die Seelen lebender
+oder verstorbener Zauberweiber verstanden. Wie die Hexen im deutschen
+Volksglauben in Tiergestalt, als Katzen, Hunde, Hasen, Ratten, Mäuse,
+als Kröten, als Eulen und Elstern u. s. w. erscheinen, so heisst auch
+auf Island die Zauberin _hamhleypa_, die in andrer Gestalt Laufende,
+die Verwandlungsfähige. Das Wesen der Unholdinnen beruht aber in
+ihrer feindseligen Bosheit, in ihrem Hang, Übles zu thun und Schaden
+anzurichten. Sie fallen darin mit den _seiđkonur_ zusammen, den
+Zauberinnen, welche ihre Kunst zum Schaden anderer üben und darum schon
+im Heidentum verachtet, gehasst, ja sogar mitunter verfolgt wurden. In
+den Hexengeschichten und Sagen wird namentlich nach drei Seiten hin
+ihre verderbliche Thätigkeit geschildert, dass sie zur Nacht ausfahren,
+dass sie Wetter zaubern und Felder verderben, dass sie Menschen und
+Tiere mit Siechtum behexen. Bei Orientalen, Griechen und Römern
+herrscht ein ganz ähnlicher Glaube an _Empusen, Lamien_ und _Strigen_.
+Es entsteht die Streitfrage, ob der in Deutschland seit der Bekehrung
+herrschende Hexenwahn germanisch oder römisch sei, im letzteren Falle
+eingeführt durch die Römer in Gallien und Germanien und später durch
+die Geistlichen. J. Grimm leitete das Hexenwesen vornehmlich aus
+germanischer Urzeit, Soldan dagegen völlig aus der Fremde. Die Wahrheit
+wird in der Mitte liegen. Auf gemeinsamer Grundlage, auf dem Maren- und
+Seelenglauben erwachsen, müssen Hexengeschichten überall ähnliche Züge
+aufweisen. Im 13. Jahrhundert treten ganz neue Motive hinzu, die starke
+Entwicklung des Teufelsglaubens. Menschen fielen von Gott ab und gingen
+einen Bund mit dem Teufel ein. Teufelsbündler und Ketzer, Zauberer und
+Giftmischer wurden allmälig gerichtlich verfolgt; während früher in
+der geistlichen Gesetzgebung alles Zauberwerk für blossen sträflichen
+Aberglauben erklärt worden war, betrachtete man es jetzt als wirkliche
+Thatsache. Im 15. Jahrhundert wurden in Deutschland zuerst Hexen
+verbrannt. Durch die Bulle _„summis desiderantes“_, die Papst Innocenz
+VIII. am 5. December 1484 erliess, auf deren Grund Jacob Sprenger 1489
+den berüchtigten Hexenhammer, _malleus maleficarum_, abfasste, wurden
+die Hexenprocesse mächtig angeschürt. Im 15., 16., 17. Jahrhundert
+loderten zahllose Scheiterhaufen, erst im Anfang des 18. Jahrhunderts
+nahm das Unheil ab. Die Hexerei war nunmehr zum Teufelsbund und
+Teufelsdienst gemacht. Die Hexe schwor Gott und Christum ab, sie
+ergab sich dem Teufel mit Leib und Seele, betete ihn an als Gott und
+Herrn, lebte mit ihm in buhlerischer Verbindung, aber ohne Freude und
+Frucht. Die Hexe muss Schaden und Unheil stiften, weil ihr der Teufel
+gebietet. Sie bedient sich allerlei Mittel hierzu: gebrauter Tränke,
+Pulver, Kräuter, Salben. Mit der Hexensalbe bestreicht sie sich, sowie
+den Besen und die Gabel zur nächtlichen Fahrt durch die Lüfte. Auch
+durch Spruch und Fluch, durch den Blick selbst kann sie schaden. Bei
+den grossen Versammlungen, die an bestimmten Tagen auf den besondern
+überall vorkommenden Hexenbergen, auf Wiesen und unter alten Bäumen
+stattfanden, geht es zu wie bei den Ketzerversammlungen. Alles zielt
+auf Verhöhnung und Schändung der christlichen Ritualien. Zuerst wird
+die Teufelsmesse gehalten, dann folgt ein Mahl, dann Tanz und wildeste
+Unzucht.[73] Dass dieser von der Kirche behauptete und verfolgte
+Hexenwahn, der wesentlich als Teufelsbund gerichtet ward, nicht ohne
+weiteres ans germanische Heidentum angeknüpft werden kann, ist klar.
+Aber ebenso gewiss sind volkstümliche Bestandteile drin enthalten. Die
+Hexenrichter suchten den Teufelsbund nachzuweisen und zu brandmarken,
+dem Volke schwebten die feindseligen Unholdinnen vor. So tritt im
+Aberglauben die teuflische Zugabe auch meistens zurück, die Hexe
+erscheint in ihrer ursprünglichen Selbständigkeit. Wie die Namen so
+werden auch die Haupteigenschaften dieser Hexengestalt dem germanischen
+Heidentum zuzuweisen sein. Von besonderem Wert sind die älteren
+nordischen Zeugnisse, weil in ihnen wahrscheinlich unverfälschte und
+ursprüngliche Überlieferung vorliegt; in den Hǫ́vomǫ́l 154 ist ein
+Zauberspruch gegen _túnriđur_ erwähnt:
+
+ Einen zehnten kenn ich, wenn Zauberweiber
+ Im Fluge durchfahren die Luft:
+
+ Bewirken kann ichs, dass sie wenden den Pfad
+ Nach Hause, der Hüllen beraubt,
+ Nach Hause, verstörten Verstands.
+
+Im Lied von Helgi dem Hjorwardsson kommt sein Bruder Hedin einsam
+aus dem Walde heim, da begegnet ihm ein Trollweib, auf einem Wolfe
+reitend, der mit Schlangen gezäumt war. In ähnlichem Aufzuge erscheint
+die Riesin Hyrrokin bei Baldrs Begräbniss. In der SE 1, 258 heisst
+Thor Bezwinger nachtfahrender Unholdinnen, _konor kveldrunnar_. Ein
+solcher Hexenritt wurde als _gandreiđ_ bezeichnet. _Gandar_ sind
+Zauberwesen, Gespenster. So heisst in der Njála Kap. 126 _gandreiđ_ die
+Erscheinung eines gespenstischen Reiters, welche künftige Ereignisse
+anzeigt. In der Fóstbræðrasaga Kap. 9 wird die Seele der schlafenden
+Thordis entzückt zum _gandreiđ_, zum _„renna gǫndom“_, Rennen unter
+den Geistern, _gandreiđ_ ist gleichbedeutend mit _hamfǫr_, gemeint
+sind Zauberfahrten in verwandelter Gestalt, Ausfahrten der von den
+leiblichen Banden gelösten Seelen. In den nordischen Sagen verlautet
+nichts Genaueres vom Zweck und Ziel des Hexenrittes, nichts von Besen
+und Salbe. Aber die allgemeine Vorstellung vom nächtlichen Ausritt
+feindseliger Unholdinnen, die ebenso dem Hexenritt der deutschen
+Sagen zu Grunde liegt, darf als nordisch-heidnisch und wol auch als
+germanisch gelten. Wettermachen ist eine Lieblingsbeschäftigung
+nordischer Zauberinnen; die Sagen sind voll von künstlich aufgeregten
+Stürmen. _Gerningaveđr_, Zauberwetter begegnet in vielen Geschichten,
+meist sind auch die Urheberinnen, die Wetterhexen, dabei genannt.
+Krankheiten führt der Volksglaube auf die Einwirkung böser Geister
+zurück. Der Mensch oder das Tier ist von dem Unhold besessen
+oder von seinem Geschoss getroffen. Bereits im Angelsächsischen
+wird der Hexenschuss erwähnt[74], also wurde schon lange vor den
+Gerichtsverhandlungen des 15. Jahrhunderts den nachtfahrenden
+Unholdinnen die Fähigkeit des Behexens zugeschrieben.
+
+Im älteren isländischen Kristenrecht Kap. 16 heisst es: Wenn jemand
+sich mit Verhexung (_fordæđuskap_) abgibt, so steht Waldgang darauf;
+das sind Verhexungen, wenn jemand durch seine Worte oder Zauberei
+Leuten oder Vieh Krankheit oder Tod bereitet. In den norwegischen
+Borgarþingslǫg 1, 16 heisst es: Das ist die übelste Hexe (_fordæđa
+værst_), die Kuh oder Kalb, Weib oder Kind beschädigt. Wenn Hexenwerk
+(_fordæđuskapr_) gefunden wird in den Betten oder Polstern der
+Leute, Haar oder Krötenfüsse, Menschennägel oder sonst Dinge, welche
+geeignet scheinen zur Zauberei, so soll man drei Weibern Schuld geben
+zu gleichem Recht, bei denen Wahrscheinlichkeit vorzuliegen scheint.
+Zur Eisenprobe hat sie dafür zu treten. Wird sie durchs Eisen rein,
+so ist sie der Sache unschuldig; wird sie durchs Eisen unrein, so
+heisst sie der Sache überführt, Vermögen und Frieden verwirkt, und
+fünftägigen Frieden vom Eisen weg, zu schlagen und zu töten jedem,
+der sie ergreifen kann. Wenn einem Weibe Trollenschaft (_trylska_)
+nachgesagt wird in der Gegend, da soll sie dazu haben das Zeugniss
+von sechs Weibern, dass sie nicht trollenmässig (_trylsk_) ist. Der
+Sache ist sie unschuldig, wenn das erbracht wird. Wenn sie das aber
+nicht erbringt, dann gehe sie fort aus der Gegend mit ihrem Vermögen;
+nicht waltet sie dessen selbst, dass sie ein Unhold ist (d. h. sie ist
+von Natur Troll). Von der Trollkona sagen die Eiðsifjaþingslǫg 1,
+46: Wenn das einer Frau vorgeworfen wird, dass sie einen Mann reite
+oder dessen Dienstleute, wenn sie dessen überwiesen wird, da ist sie
+bussfällig um drei Mark. Die norwegischen und isländischen Rechte des
+12. Jahrhunderts denken sich also die Hexen als schädliche Zauberweiber
+und Maren, welche um des angerichteten Schadens willen strafbar sind.
+So mag sie schon das Heidentum verfolgt haben. Vom Vorwurf der Ketzerei
+und des Teufelsbundes ist keine Spur vorhanden.
+
+ * * * * *
+
+Zwei nordische Sagen aus dem 14. Jahrhundert unterliegen dem Verdacht,
+nicht altheidnischen, sondern gewöhnlichen mittelalterlichen
+Hexenglauben, wie er um 1300 bereits bestand, darzubieten, wenn schon
+in besonderer Einkleidung. Thorsteinn lag im Ried verborgen und hörte
+einen Knaben in den Hügel rufen: Mutter, reiche mir Stecken und
+Handschuhe, ich will zum Geisterritt (_gandreiđ_); es ist Festzeit
+unten in der Welt! Da wurde aus dem Hügel alsbald der Stecken gereicht,
+der Knabe bestieg ihn, zog die Handschuhe an und ritt, wie die Kinder
+pflegen. Thorstein nahte sich dem Hügel und rief dieselben Worte;
+sogleich kamen Stecken und Handschuhe heraus, Thorstein stieg auf
+den Stecken und ritt dem Knaben nach. Sie gelangten zu einem Fluss,
+stürzten sich hinein und fuhren zu einer Felsenburg, wo viele Leute
+an Tafeln sassen und alle Wein tranken aus Silberbechern, König und
+Königin waren auf einem goldenen Thron. Thorstein, den sein Stock
+unsichtbar gemacht hatte, erkühnte sich, einen kostbaren Ring und
+ein Tuch zu ergreifen, verlor aber darüber den Stock, wurde von
+allen erblickt und verfolgt. Glücklicherweise kam sein unsichtbarer
+Reisegefährte auf dem andern Stock, den nun Thorstein mit bestieg, und
+so entrannen beide.[75] Wir haben die Sage vom belauschten Hexenmahl,
+die neben anderen zahlreichen Beispielen auch im Simplicissimus 2, 17
+vorkommt. Die nordische Darstellung hat das Teuflische verschleiert,
+ist aber darin kaum ursprünglich. In einem zweiten Bericht tritt
+die unholde Seite mehr hervor. Ketil erwachte nachts von heftigem
+Geräusch im Walde, lief heraus und sah eine Zauberin (_tröllkona_)
+mit fliegenden Haaren. Auf sein Befragen sagte sie ihm, er möge sie
+nicht aufhalten, sie müsse zum Trollending; dahin komme Skelking, der
+Geister König, aus Dumbshaf, Ofóti aus Ofótansfird, Thorgerd Hölgatröll
+und andre mächtige Geister von Norden her.[76] Ofóti, ohne Fuss,
+erinnert an den Pferdefüssigen. J. Grimm, Myth. 996 gesteht zu, die
+nächtliche Unholdenversammlung sei nicht recht im Geiste des nordischen
+Heidenglaubens.
+
+
+
+
+Elbe und Wichte.[77]
+
+
+Die ganze Natur ist von einem Heer geisterhafter Wesen erfüllt,
+welche, wie manche Spuren darthun, ursprünglich den Maren und Seelen
+entstammen, allmälig jedoch zu Selbständigkeit und Unabhängigkeit
+sich entwickeln. Der Zusammenhang mit den Gespenstern ist lose, die
+Art dieser Wesen wird mehr durch die Naturumgebung bestimmt, in
+welche sie versetzt gedacht sind. Wir erkennen zwei Hauptgruppen,
++Elbe+ und +Riesen+, welche mehr durch ihr Maass als durch ihre Art
+verschieden sind. Beide scheinen aus der bewegten und beseelten Natur
+hervorgewachsen zu sein, in beiden werden wahrnehmbare Naturkräfte
+persönlich, in den Elben aber die sanften, still wirkenden, in den
+Riesen die Elementargewalten. Ihre Beziehungen zum Menschen bilden
+den Hauptinhalt der von ihnen umlaufenden Sagen. Die Seelen lebten im
+Winde fort, sie hausten in der Erde, in Hügeln und Steinen, in Feld
+und Flur, im Walde und in Gewässern. Überall dort treffen wir auch
+elbische und riesische Wesen. Die Elbe können zunächst unmittelbar aus
+den Seelen abgeleitet werden, wie aus ein paar Beispielen ersichtlich.
+Thorolf aus Norwegen nannte die von ihm in West-Island in Besitz
+genommene Landzunge Thorsnes. Auf dem Vorgebirge stund ein Berg, an
+den hatte Thorolf so grossen Glauben, dass niemand ungewaschen dahin
+schauen sollte, und nichts sollte man auf dem Berge töten, weder
+Vieh noch Menschen. Den Berg nannte er Heiligenberg (_Helgafell_),
+und meinte, dass er dahin fahren werde, wenn er sterbe, und ebenso
+alle seine Freunde. Auf der Spitze des Vorgebirges war eine grosse
+Friedensstätte, deren Boden in keiner Weise beschmutzt werden durfte,
+weder mit Blut noch auch sollte man dorthin „_alfrek_“ gehen. _Alfrek_
+heisst Elbenvertreibung. Menschenkot ist damit gemeint. Es handelt sich
+also um einen Berg, in den Seelen versterben, aus dem man _alfar_ nicht
+vertreiben soll. Mithin sind die Abgeschiedenen und die Elbe eins[78].
+Ebenso ist der Name _Geirstađa alfr_, Alb von Geirstadt, nur aus dem
+Umstande erklärlich, dass die Toten im Erdhügel _alfar_ genannt oder
+zu den _alfar_ gezählt wurden. König Olaf von Vestfold wurde, wie der
+Olafs þáttr Geirstaða Alfs und andre Quellen berichten, nach seinem
+Tode zu Geirstaðir in den Hügel gesetzt und Alb von Geirstadt genannt.
+Die Leute opferten dem toten König um gutes Jahr. Die Toten sind
+Hügelbewohner (_haugbúar_), die Elbe wohnen in Hügeln. Die Kormakssaga
+Kap. 22 erwähnt einen solchen Hügel, in dem Alfar hausen (_hóll er
+alfar búa í_). Mit Stierblut wird ihnen Opfer (_alfablót_) dargebracht.
+Man möchte daraus schliessen, dass ursprünglich die Seelengeister,
+namentlich die in Bergen und Hügeln eingegangenen, Elbe genannt und
+erst später unter Elben besondere Geister verstanden wurden. Aber
+die Anwendung des Albnamens auf Seelen kann freilich auch nordische
+Sonderentwicklung sein und auf späterer Übertragung beruhen. Beim
+Kobold und Schiffsgeist ist seelischer Ursprung deutlich bezeugt. Der
+Kobold erscheint öfters in Gestalt eines kleinen ermordeten Kindes
+(Deutsche Sagen Nr. 72 u. 76), der Klabautermann ist ebenso die Seele
+eines Kindes (Zeitschrift für deutsche Mythologie 2, 141). Nachdem
+einmal aber die Geister vom seelischen Untergrunde sich losgelöst
+hatten, geschah ihre weitere Ausgestaltung durch die schöpferische
+Einbildungskraft, welche in Naturerscheinungen Äusserungen der
+Geister zu erkennen wähnte. Wo Bewegung, da ist Leben. Wind und Wolke
+drängt sich dem Beschauer zunächst auf, aus Wind und Nebel entstanden
+zahlreiche Sagen und Meinungen über das Thun und Treiben der Elbe und
+Riesen. Die Windfurchen im wogenden Kornfeld, das Waldesrauschen, das
+Wogen des Wassers, die Streifen auf der glatten See, alle möglichen
+andern ihren Ursachen nach unbekannten Naturerscheinungen, z. B. Kreise
+im betauten Grase wurden als Spuren solcher Geisterwesen betrachtet.
+Im tosenden Sturm, im Gewitter erblickte man riesische Gewalten.
+Das Nebelspiel zumal in Bergländern befruchtete die sagenbildende
+Phantasie. Der Nebel, der um Bäume spinnt, über Wassern und auf dem
+Felde braut, der über die Haide sich ausdehnt, an den Bergen auf und
+nieder steigt und zu Wolken sich ballt, darf als der Ursprung vieler
+Sagen und abergläubischen Vorstellungen gelten[79]. Der allgemeine
+dem Menschen innewohnende Gespensterglaube hat sich in den Elben
+und Riesen, in den Naturgeistern örtlich und sehr verschiedenartig
+befestigt und ausgebildet. Aber gemeinsame Züge gehen durch alle
+Vielheit und Mannigfaltigkeit hindurch.
+
+Im Englischen begegnet die Form _ælf_, _ylf_, weiblich _ælfen_ die
+Elbin. Wie im Norden Asen und Alfen (_æsir ok alfar_) zuweilen neben
+einander genannt werden (z. B. im Grimnirliede 4, im Lied von Thrym
+6, in der Lokasenna 2), so im Angelsächsischen _ése and ylfe_ (im
+Spruch gegen Hexenstich ist von _ésa and ylfa gescot_ die Rede).
+Ob die ags. Berg-, Wald-, Feld-, Seeelbinnen, die _munt-_, _dún-_,
+_wudu-_, _feld-_, _sæælfenne_, heimischem Glauben entstammen, oder
+griechischen Ausdrücken wie _Oreaden_, _Dryaden_, _Najaden_, denen sie
+zur Übersetzung dienen, nachgebildet sind, bleibe dahin gestellt. Das
+spätere Englisch kennt _elf_, _elfish_, das englische Wort drang im 18.
+Jahrhundert durch litterarische Vermittlung ins Deutsche, welches den
+Gemeinbegriff „+Alb+“ nur noch in bestimmter eingeschränkter Bedeutung
+kannte. Die nordische Sprache bietet von den ältesten Zeiten bis zur
+Gegenwart _alfr_, plur. _alfar_, schwed. _elf_ pl. _elfar_, dän. _elv_
+pl. _elve_. Die Elbin wird als _alfkona_, dän. _ellekona_ bezeichnet.
+Im Schwedischen heissen die Elbinnen auch _elfvor_. In Deutschland
+finden wir Wort und Begriff nur im Mittelalter und in der Neuzeit. Mhd.
+_alp_ plur. _elbe_ und _elber_, meint das Marengespenst. Das Adjectiv
+_elbisch_ bedeutet marenhaft und von Elben verwirrt. Wir werden also
+etwas weiter auf die sinnberückende Macht der Elben gewiesen. So singt
+auch Heinrich von Morungen von der berückend schönen Geliebten, sie
+habe ihn wie die Elbin (_diu elbe_) mit ihrem Blicke bezaubert:
+
+ _von der elbe wirt untsên vil manic man:
+ só bin ich von grôȥir liebe untsên
+ von der bestin di ie kein man liep gewan._
+
+Im Mitteldeutschen wird Alf als Schimpfwort gebraucht und bedeutet
+Thor, Narr. Die zahlreichen altdeutschen Eigennamen[80], die mit Alb
+gebildet sind, wie _Albing_, _Albirih_, _Albgôȥ_, _Albgast_, _Albhart_,
+_Albgêr_, _Albwin_, _Albhild_, _Alblint_, _Albloug_, _Albswint_
+u. ä. stellen sich den ags. wie _Älfhere_, _Älfwine_, _Älfréd_,
+_Älfríc_ zur Seite und beweisen, dass man sich ursprünglich dabei
+nichts Böses noch Gehässiges dachte. Wer die Elbe zu Freunden hatte
+(_Albwine_), wer ihres Rates genoss (_Älfréd_), wer sie beherrschte
+(_Alberich_), dem musste es glücken. Die Namen zeigen, dass man auf
+ein freundliches Verhältniss zu den Elben bedacht war, dass man ihrer
+Hilfe begehrte. Die Elbe waren vorwiegend gute und holde Geister. Die
+ostgotischen Namen _Albi_[81] und _Albila_ scheinen Koseformen zu
+einem mit Alb-ähnlich wie im Westgermanischen gebildeten Vollnamen.
+Als gemeingermanisch darf mithin Wort und Begriff _alƀaȥ_ gelten,
+dessen Mehrzahl teils nach den A-Stämmen (an. _alfar_), teils nach den
+i-Stämmen (mhd. _elbe_) gebildet wurde[82].
+
+Die Grundbedeutung des Wortes +Wicht+ ist Geschöpf, Wesen, Ding.
+Ahd. und mhd. ist das Wort männlich und sächlich, der Plural zum
+Neutrum lautet _wihti_ und _wihtir_. Mhd. _wihtelîn_, _wihtelmennelîn_
+bezeichnet, wie noch heute in den Mundarten Wichtlein und Wichtelmann,
+Zwerge und Kobolde. Das got. _waihts_ und das nordische _vættr_
+sind weiblichen Geschlechtes. Im Nordischen ist dieser Ausdruck
+in mythologischem Sinne besonders häufig. _Landvættir_ sind die
+Schutzgeister des Landes, _hollar vættir_ sind holde, freundliche,
+_meinvættir_ unholde, feindliche Geister, böse Wichte (mhd. _bæseȥ
+wihtel_).
+
+Neben den uralten allgemeinen Benennungen Alb und Wicht gibt es noch
+zahlreiche andere, welche ein besonderes elbisches Wesen nach seiner
+Thätigkeit und Art charakterisieren (so z. B. Zwerg, Nix, Kobold). Die
+einzelnen germanischen Stämme älterer und jüngerer Zeit haben viele
+solche Namen für Wichte und Elbe geschaffen. Ein allgemeiner Ausdruck
+für elbische Wesen war ahd. _scrat_ oder _scrato_, mhd. _schrat_,
+_schrate_, dazu _schretel_, _schrättele_; daneben steht die mhd.
+Form _schraȥ_, _schraz_, _schrâwaȥ_ und die Koseform _schretzel_,
+_schrezlein_, aus dem Altnordischen gehört _skratti_ hierher[83].
+Die Etymologie ist völlig dunkel. Der Schrat ist ein drückender Alp,
+ein verfluchter Geist, d. h. also eine arme Seele, ein Hausgeist,
+ein kleiner Zwerg, ein Poltergeist, ein Waldmann, also alle Seiten
+elbischer Art vereinigen sich in diesem rätselhaften Wesen.
+
+Die Elbe gelten meist als schön und licht, besonders die Elbinnen
+sind stets von strahlender Schönheit. Die Snorra Edda unterscheidet
+zwischen Lichtelben (_ljósalfar_), die in Alfheim wohnen und schöner
+als die Sonne erschimmern, und Dunkelelben (_døkkalfar_), die in
+Erdhöhlen hausen und pechschwarz aussehen. Die Elbe sind wolgebildet,
+ebenmässig, nur gewöhnlich klein und winzig gedacht, die Erdelben,
+die Zwerge aber sind oft hässlich und missgestaltet. Das ags.
+Eigenschaftswort _ælfsciene_, elbschön, die nordische Wendung _fríd sem
+alfkona_ bezeichnet die vollkommenste weibliche Schönheit. Im Ruodlieb
+17, 27 ruft ein gefangener Zwerg seine Frau aus der Höhle herbei,
+alsobald erscheint sie klein, aber ausnehmend schön, goldgeschmückt
+und prächtig gekleidet (_parva, nimis pulchra, sed et auro vesteque
+compta_). Das Elbenvolk war weit schöner als alle Menschen, heisst
+es im Sǫgubrot (Fornaldar Sögur 1, 387). Die Wald- und Wasserminnen,
+die freilich nach dem Maasse menschlicher Gestalt in den Sagen so
+häufig beschrieben werden, entzücken den Beschauer zu heisser Liebe.
+Lange, blonde Haare zeichnen die lichten Elbe aus. Leicht vermischen
+sich widerstreitende Züge in einer und derselben Gestalt. So beim
++Alberich+ der altdeutschen Gedichte.[84] Im Ortnit 20 ff. ruht er als
+kleines vierjähriges Kind von schöner Gestalt und mit ritterlichem
+Gewande unter der breitästigen Linde. Der Held wähnt, das Kindlein
+mühelos forttragen zu können. Zu seinem Erstaunen erfährt er die
+gewaltige Kraft des Elbenkönigs, der sich als seinen Vater zu erkennen
+gibt und Ortnit mit Schwert und Brünne beschenkt. Ob zwar an Gestalt
+und Antlitz ein vierjähriger Knabe ist Alberich mehr denn 500 Jahre
+alt. Auberon, der auf den Ruf des Wunderhornes dem Huon mit einem
+grossen Heere zu Hilfe eilt, wird ebenso als klein, aber wunderschön
+geschildert. Auberon, vermutlich eine Kurzform zu Auberi, Alberik, ist
+aber mit dem deutschen Alberich eins. Im Nibelungenliede dagegen ist
+Alberich ein alter, bärtiger Mann, ein hässlicher Zwerg. Der Kobold
+Hinzelmann (Deutsche Sagen Nr. 76) mischt sich unter die spielenden
+Kinder als ein vierjähriges Knäblein von schönem Angesicht mit gelben,
+über die Schulter hängenden, krausen Haaren, in einen Sammetrock
+gekleidet. Andern Leuten zeigt er sich in wenig anmutiger Gestalt.
+Die Gewandung der Elbe ist teils prächtig, teils auch unscheinbar,
+dunkelfarbig, grau, moosfarbig, grün, ihrer jeweiligen Art und Umgebung
+angepasst. Die Elbe tragen Mützen oder Kappen, durch welche sie sich
+unsichtbar zu machen fähig sind. Ein Kobold heisst Hodeken, Hütchen,
+nach seinem grossen Schlapphut. Wer des Albs Kopfbedeckung an sich
+reisst, bringt ihn dadurch in seine Gewalt. Laurin und Euglin, die
+Zwergkönige deutscher Heldensage, besitzen solche Nebelkappen; Euglin
+wirft die seinige über Sigfrid und entzieht ihn dadurch den Augen des
+Riesen. Alberich im Nibelungenlied führt eine solche Tarnkappe, die
+Sigfrid ihm abgewinnt. Dadurch wird Alberich mit seinem ganzen Reich
+dem Helden unterthan. Das Land der Lichtalfen, Alfheim, weist das
+Grimnirlied 5 dem Freyr zu. Alfen und Wanen, die in Luft und Licht
+wohnen, werden als zusammengehörig betrachtet. Aber die sonstige
+Sagenüberlieferung versetzt die Elbe in ein ausgedehntes Reich in
+Bergen, wilden und unzugänglichen Schluchten, Hügeln und Klüften,
+überhaupt unter die Erde. Dort haben sie ordentliche Wohnung, oft
+prächtig ausgestattet, mit Gold und Silber angefüllt. Die Wasserelbe
+wohnen unter den Gewässern. Oben auf der Erde haben die Elbe
+Lieblingsplätze, Wiesengründe, einsame eingeschlossene Waldgegenden,
+besondere Bäume, unter denen sie gerne ausruhen, wie Alberich im Ortnit
+unter der Linde. Der Wald ist ja überhaupt von Geistern aller Art,
+elbischen und riesischen, bevölkert. Menschen gelangen manchmal in die
+unterirdischen Wohnungen der Elbe, wo ihnen die Zeit wundersam schnell
+verstreicht. Ein paar Stunden oder Tage, die das Menschenkind bei den
+Elben verbracht zu haben vermeint, erweisen sich bei der Rückkehr
+zur Oberwelt oft als Jahre oder Jahrzehnte. Die Elbe lieben Tanz und
+Spiel. Unermüdlich bringen sie ganze Nächte mit diesem Vergnügen zu,
+nur der Strahl der aufgehenden Sonne, den die Unterirdischen scheuen,
+zwingt sie einzuhalten und sich zu verbergen. Man erblickt ihre Spuren,
+Kreise, die sie ins tauige Gras getreten. Der Jüngling, der den Tanz
+der Elbinnen im Mondschein sieht, kann die Augen nicht davon abwenden,
+so verführerisch ist er. Wird er aber in den Reigen gezogen, dann
+ists um ihn geschehen. Die musikalische Begabung der Elbe gipfelt im
+„_albleich_“, im Albliede. Schwedisch heisst die wunderbare Weise
+_elfvalek_, Elfspiel, norwegisch _huldreslaat_, Schlag des Huldrevolks,
+neuisländisch _ljuflingsmál_, _ljuflingslag_, Weise und Schlag der
+Lieblinge d. h. der Elbe. Besonders der Nix ist des Stückes mächtig.
+Menschen können das Spiel von den Elben erlernen. Was die griechische
+Sage von Orpheus und Amphion erzählt, das berichtet deutsche Sage
+vom Albleich. Wenn die Weise ertönt, da horchen alle Wesen auf,
+Menschen und Tiere, der Eichwald stillt sein Rauschen, der Strom
+seinen Lauf. Der Gesang der Elbinnen ist ebenso unwiderstehlich als
+das Spiel der Elbe. Niemand entzieht sich dem süssen sinnberückenden
+Zauber solchen Getöns. Die Elbe wissen die Zukunft voraus, so gut
+wie sie wissen, was in der Entfernung geschieht. Sie weissagen und
+verkündigen bevorstehendes Unglück, wie die Wasserminnen dem Hagen der
+Nibelungen Not ansagen. In den Alvísmǫ́l tritt der allwissende Zwerg
+Alwis dem Thor gegenüber; er weiss Bescheid in allen Welten und bleibt
+auf keine Frage die Antwort schuldig. Die Kunstfertigkeit der Elbe
+übertrifft alles, was Menschen zu leisten im Stande sind. Die Zwerge
+sind die geschicktesten Schmiede, aus deren Arbeit Kleinode und Waffen
+hervorgehen. Die Schmiedekunst wird für gewöhnlich den Zwergen allein
+zugeschrieben. Aber Wölund heisst _alfa ljóþi_, _alfa vísi_ d. h.
+der Elbe Fürst und Beherrscher. Die Schmiedekunst wird ursprünglich
+den Elben überhaupt zugehört haben und erst allmälig den Zwergen
+insbesondere überwiesen worden sein. Ihre eigenen Fähigkeiten, ihr
+Wissen vergaben die Elbe manchmal an besonders bevorzugte Günstlinge.
+Die Elbe können jede Gestalt annehmen. Unter den Menschen erscheinen
+sie meistens in menschlicher Grösse. Nixen, die ans Land steigen,
+gleichen den schönsten Mädchen, sind auch wie Menschen gekleidet,
+nur dass zum Zeichen ihrer Abkunft die Säume ihrer Kleider oder ein
+Zipfel daran beständig nass bleiben. Der Hausgeist fliegt als weisse
+Feder bei dem Auszug seines Herrn neben dem Wagen her, er entspringt
+als Marder oder zeigt sich als Schlange. Sinnesart und Neigungen der
+Elbe zeigen eine eigentümliche Mischung von gut und böse, List und
+Aufrichtigkeit, sie vereinigen zwei entgegengesetzte Eigenschaften.
+Die Elbe sind edel und hilfreich, aber auch äusserst boshaft, im
+ganzen halten sie sich in zweifelhafter Mitte, worin der Grundzug
+ihres Wesens beruht. Die Elbe necken, höhnen und spotten gerne, ohne
+den Menschen dabei eigentlichen Schaden thun zu wollen. So erlustigt
+sich ein Kobold daran, die Leute an einander zu hetzen, trägt aber
+vorher alle Waffen bei Seite, damit sie sich kein Leid anthun können
+(Deutsche Sagen Nr. 76). Auch Alberich im Ortnit äfft und verspottet
+unsichtbar die Heiden. Dem Ortnit selber gegenüber kehrt er diese
+Seite hervor. Er lockt ihm den wunderbaren Ring, womit er zum Dienst
+des Helden verpflichtet ist, ab, macht sich dann unsichtbar, verlacht
+ihn und spottet seiner fruchtlosen Drohungen, gibt aber schliesslich
+gutwillig den Ring wieder zurück. Die Wichte in den Bergwerken necken
+die Bergleute durch unschädliche Steinwürfe; sie rufen, und wenn dann
+die Arbeiter herbei eilen, finden sie niemand. Auch vertragen sie das
+Werkzeug, bringen es aber mit Lachen und Spotten zurück (Deutsche Sagen
+Nr. 35). Die Elbe selber dulden aber keinen Scherz von Seiten der
+Menschen, sie werden darüber ernstlich böse. List und Verschlagenheit
+zeigt Alberich im Ortnit. Er weiss mit Klugheit alles zu erlangen, so
+bringt er Ortnits Ring an sich und stiehlt die heidnischen Schiffe.
+In der Þiđrekssaga Kap. 16 heisst Alfrik der grosse Dieb (_hinn mikli
+stelari_); er ist der geschickteste aller Zwerge. In der Vǫlospǫ́ 11
+wird einem Zwerg der Name Althjof, Alldieb, beigelegt. Die Zwerge
+stehlen gern Lebensmittel, Erbsen und Brot (Deutsche Sagen, Nr. 153,
+154, 156), aber auch Kinder und Jungfrauen. In der Karlssage heisst ein
+berüchtigter Dieb, der die Eier unter den Vögeln wegstiehlt, Elbegast.
+Der Name deutet auf einen ursprünglichen Alb. Das Verhältniss der
+Elbe zu den Menschen ist bald freundlich, bald feindlich. Die Elbe
+sind ein stilles, gutes, friedliches Volk, das auf gute Nachbarschaft
+hält. Die Zwerge bei der Stadt Achen entliehen Kessel und Töpfe und
+allerlei Küchengeschirr bei den Einwohnern (Deutsche Sagen, Nr. 33),
+die bei Quedlinburg borgten ihr eignes Zinnwerk den Leuten zu ihren
+Hochzeiten aus (ebenda Nr. 36). Für empfangene Wolthaten und geleistete
+Dienste erweisen sich die Elbe erkenntlich. Die Gǫngu-Hrolfssaga Kap.
+15 erzählt, wie Hrolf durch einen wunderbaren Hirsch zu einem Hügel
+im Walde gelockt ward; der Hügel that sich vor ihm auf, und eine
+_alfkona_, eine Elbin, trat heraus, die ihm verwies, dass er ihr Tier
+jage, aber zugleich erklärte, dass sie es selbst ausgesandt habe, ihn
+heran zu locken. Sie bat ihn sofort, ihr an das Lager ihrer Tochter zu
+folgen, die nur ein Mensch aus ihren Geburtsnöten erlösen könne; da
+Hrolf ihr folgte und die verlangte Hilfe leistete, erhielt er nicht nur
+jenen Hirsch, sondern überdies noch einen Ring, dem die Eigenschaft
+inne wohnte, dass sein Träger bei Tag und Nacht sich nie verirren
+konnte. Zugleich ward er vor einem ihm drohenden Verrate gewarnt. In
+schwerer Gefahr bewährte sich später die Kraft des Ringes (ebenda Kap.
+28). Die Elbe machen Geschenke, die, solange sie erhalten bleiben,
+dem Eigentümer Glück bringen (Deutsche Sagen, Nr. 35, 71). Oft müssen
+diese Gutthaten verschwiegen werden, man darf das Geheimniss nicht
+beschreien, das an die Gabe geknüpfte Gebot des Albs nicht brechen,
+sonst verliert sie ihren Segen (Deutsche Sagen, Nr. 7). Die Elbe
+verlangen von den Menschen namentlich Hilfe bei Geburt ihrer eignen
+Kinder. Am häufigsten bezeugt ist die Sage, wie Menschenweiber von
+den Elben im Berg oder im Wasser geholt werden, um Hebammendienste zu
+leisten. Dass den Elben Heilkraft gegeben war, lehrt die Kormakssaga
+Kap. 22. Der Isländer Thorward war von Kormak im Zweikampf schwer
+verwundet worden. Sein Befinden besserte sich nur langsam. Wie er
+auf den Füssen stehen konnte, ging er zur klugen Thordis und fragte
+sie, was ihm am ersten zur Besserung seiner Gesundheit dienlich wäre.
+Sie sprach: Ein Hügel ist in geringer Entfernung von da, in welchem
+Alfar wohnen. Den Stier, den Kormak als Opfer nach dem Zweikampf
+schlachtete, sollst du dir verschaffen, und das Blut des Stieres aussen
+um den Hügel streichen, und aus dem Fleische den Alfen ein Opfermahl
+bereiten; damit wird es dir besser werden. Thorward befolgte den Rat
+und erlangte schnelle Heilung. Der Kobold schliesst sich ans Haus und
+seinen Besitzer aufs innigste an und nimmt bei den Menschen Wohnung.
+Von ehelichen Verbindungen zwischen Menschen und Elben berichten
+zahlreiche ältere und neuere Sagen. Die Elbe sind treu und verlangen
+Treue von den Menschen, mit denen sie sich einlassen. Alberich ist
+Sigfrid von dem Augenblicke an, wo er ihm Treue gelobt hat, völlig und
+aufrichtig ergeben. Alberich im Ortnit bewährt sich ebenso treu und
+zuverlässig in hilfreicher That. Im Ruodlieb vergleicht ein gefangener
+Zwerg sein Geschlecht mit den Menschen. Die Menschen seien treulos
+und darum kurzlebig, während die Zwerge, weil sie redlich seien (_non
+aliter loquimur nisi sicut corde tenemus_) und einfache Speisen
+essen, lang und gesund leben. Klagend rufen die Zwerge: O wie ist der
+Himmel so hoch und die Untreue so gross! und verziehen sich aus der
+Gegend (Deutsche Sagen Nr. 148/49). So sehr die Elbe einerseits dem
+Menschen sich nähern, so weichen sie auch andrerseits vor ihm zurück.
+Glockenschall nahegelegener Kirchen, Reuten der Wälder, neue Hammer-
+und Pochwerke, Fluchen und Neckereien der Leute vertreiben sie. Dann
+erfolgt ein grosser Auszug der Unterirdischen. Sie schliessen einen
+Vertrag mit einem Fährmann ab und werden übergefahren, um niemehr zur
+alten Heimat zurückzukehren. Oft nehmen sie Glück und Gedeihen mit sich
+fort (vgl. Deutsche Sagen Nr. 153/55). Aus der Bekehrungszeit Islands
+bietet sich eine schöne und rührende Alfensage dar. Die Kristnisaga
+Kap. 2 berichtet in Kürze: „Thorwald hiess seinen Vater Kodran sich
+taufen lassen, der aber zeigte wenig Lust dazu. Zu Gilja stand ein
+Stein, welchen die gesamte Verwandtschaft angebetet hatte, und von
+dem sie sagten, dass ihr dienstbarer Geist (_ármađr_) darin wohne.
+Kodran erklärte, sich nicht taufen zu lassen, ehe er wisse, wer mehr
+vermöge, der Bischof oder der Geist im Steine. Hierauf ging der Bischof
+zu dem Steine und sang darüber, bis der Stein zersprang; da meinte
+Kodran einzusehen, dass der Dienstgeist besiegt sei, und er liess
+sich sofort taufen und sein ganzes Haus; nur sein Sohn Orm wollte den
+Glauben nicht annehmen.“ Die Thorvaldssaga Kap. 3 führt die Erzählung
+mehr ins Einzelne aus. Kodran rühmt von seinem Dienstgeist, er sei
+ein Weissager (_spámađr_), der ihm grossen Nutzen bringe; er sage ihm
+Ungeschehenes voraus, er warte das Vieh und mache ihn aufmerksam, was
+er thun und lassen solle; darum habe er grosses Vertrauen auf ihn und
+verehre ihn seit vielen Jahren. Als der Bischof den Stein mit geweihtem
+Wasser begoss, kam der Geist in der folgenden Nacht zu Kodran, mit
+traurigem Aussehen und ängstlich. Er sprach zu Kodran: Übel hast du
+gethan, da du die Leute hieher einludst, die dich zu betrügen vorhaben,
+indem sie versuchen, mich aus meiner Wohnstätte zu vertreiben; denn
+sie gossen siedendes Wasser über meine Herberge, sodass meine Kinder
+nicht geringe Qual von den brennenden Tropfen leiden, die durch die
+Decke herabfallen, und obwol dergleichen mir selbst nicht viel thut, so
+ist es doch immer hart, die Klagen der Kinder zu hören, wenn sie des
+Brennens wegen schreien. Tags darauf setzt der Bischof die Beschwörung
+fort. In der Nacht erschien der Geist dem Kodran wieder, aber nicht wie
+früher mit hellem, glänzendem Antlitz und herrlichem Gewand, sondern in
+einem hässlichen alten Lederkittel und mit finsterem, üblem Aussehen.
+Und er sprach: Diese Leute arbeiten eifrig daran, uns beide unsrer
+Güter und Vorteile zu berauben, da sie mich von meinem Erb und Eigen
+vertreiben, dir aber unsre liebevolle Fürsorge und zukunftskundige
+Weissagungen entziehen wollen. In der dritten Nacht wehklagt er: Dieser
+schlechte Bischof hat mich um all mein Eigen gebracht, meine Herberge
+hat er verdorben, mich mit siedendem Wasser begossen, mir und meiner
+Familie busslos mit Brand Schaden gethan und damit mich gewaltsam weit
+hinausgetrieben in die Verbannung und Wildniss. Jetzt müssen wir beide
+Freundschaft und Zusammenleben brechen. Besinne dich nur, wer von jetzt
+an deiner Güter getreulich warten wird, wie ich ihrer bisher gewartet
+habe. Damit trennten sich der Geist und Kodran mit Zorn und keiner
+Freundschaft.
+
+Es gibt aber auch feindselige, schädliche Elbe, deren Anblick Krankheit
+und Tod bringt. Schon der blosse Anblick der Elbe kann Erblindung
+verursachen. Mit Schuss und Schlag wissen sie zu schädigen. _Ylfa
+gescot_, norw. _alfskud_, dän. _elveskud_ ist die Lähmung, welche ihr
+Geschoss hervorruft. Die norweg. _alfkula_, Albkugel ist ein Knäul,
+der im Magen des kranken Viehes gefunden wird und von den Elben
+dorthinein geschossen wurde. Das berühmte dänische Lied von Herrn
+Olaf, der ausreitet, seine Gäste zur Hochzeit zu entbieten, erzählt,
+wie die Elbinnen ihn zum Reigen auffordern. Als er sich standhaft
+weigert, da am nächsten Morgen sein Hochzeitstag aufdämmere, stösst
+ihn die Elbin aufs Herz. Noch nie empfand er solchen Schlag. Er
+reitet heim, aber am andern Morgen liegt er tot. Auf den bösen Blick
+der Elbin spielt Heinrich von Morungen an. Elbischer Hauch bringt
+Gefahr, Elbhauch (norw. _alvgust_, _elfblaest_, schwed. _elfveblåst_)
+ist Gliedergeschwulst. Blödsinnige, geistesschwache Leute heissen
+Elbentrötsch, ihr Sinn ist durch die Elbe verwirrt. Die verfilzten
+Haare der Pferde sind Alp- oder Wichtelzöpfe. Die Krankheiten, die
+nach dem Volksglauben als Würmer oder sonstige Parasiten den Leib des
+Menschen in Besitz nehmen, heissen geradewegs fliegende Elbe[85].
+Angeflogene Geister bringen den Menschen in Siechtum und müssen zu
+seiner Heilung wieder vertrieben werden. Schon die oberdeutsche
+Bedeutung des Wortes Alp lehrt, dass die Elbe auch den Marendruck
+ausüben. Die Elbe tragen nach kleinen, gesunden Kindern Verlangen und
+legen an ihrer Statt Wechselbälge in die Wiege. Wer elbische Speise und
+Trank berührt, verfällt dadurch den Unterirdischen. Wer in ihr Reich
+gelangt, wird überhaupt gerne daselbst festgehalten oder kehrt nur
+stumpfsinnig und wahnwitzig, „_elbisch_“, unter die Leute zurück.
+
+Die Elbe bilden ein Volk unter Königen. Darauf weist schon der Name
+Alberich, König der Elbe. Im Ortnit trägt er auch Krone und beherrscht
+grosse unterirdische Reiche. Im Nibelungenlied ist er ein Dienstmann
+der Könige Schilbung und Nibelung. Die deutsche Heldensage weiss
+von Zwergkönigen Laurin, Walberan, Goldemar. Alberich und Laurin
+kommen auf kleinen Pferden angeritten. Ebenso Euglin, der Zwergkönig
+im Seyfridsliede; der jagt auf kohlschwarzem Rosse durch den Tann,
+angethan mit herrlichem Seidengewand, das mit Gold besetzt und mit
+Zobel verbrämt ist. Auf dem Haupt schimmert eine mit Edelsteinen
+geschmückte Krone. Er ist mit seinen Zwergen im Berge dem Riesen
+Kuperan zinspflichtig und steht nun Seyfrid im Kampfe gegen den Unhold
+mit seiner Nebelkappe bei. Er stärkt ihn mit Speise und Trank und
+weissagt ihm die Zukunft. Aber auch Eugel muss erst mit Gewalt dazu
+gebracht werden, dem Helden zu dienen. In den Harzsagen ist Gübich
+König der Zwerge (Pröhle, Harzsagen² 105), in den Deutschen Sagen Nr.
+152 ist Heiling Fürst der Zwerge. Auf Island gab es zwei Alfakönige.
+Jedes Jahr musste abwechselnd einer von ihnen in Begleitung einiger
+seiner Leute nach Norwegen hinüber reisen, um dem dort herrschenden
+Oberkönige über den Zustand seines Reiches Bericht zu erstatten und
+selbst gegen etwaige Anklagen seiner Unterthanen zu Recht zu stehen. So
+erzählt Finnur Jónsson in seiner _historia ecclesiastica Islandiae_ 2,
+368 f.
+
+Die neuere isländische, ebenso die færöische Volkssage haben überhaupt
+die Auffassung der Elbe eigentümlich entfaltet. Die _álfar_[86] heissen
+auch _huldufolk_, verborgenes Volk, _ljúflingar_, Lieblinge. Sie hausen
+in Steinen und Erdhügeln, in Klippen und Schlüften, mitten unter den
+Menschen. Ortsnamen auf Island erinnern häufig an ihr Dasein. Sie
+sind durchaus menschenähnlich gedacht, auch in Bezug auf Gestalt und
+Grösse. Sie führen auch dieselbe Lebensweise wie die Menschen. Sie
+werden geboren und sterben, nur dass ihnen eine ungewöhnlich lange
+Lebensdauer beschieden ist; sie essen und trinken und belustigen sich
+gerne mit Musik und Tanz, zumal in festlichen Zeiten, wo man dann ihre
+Wohnungen weithin hell beleuchtet sieht. Sie haben ihr eigenes Vieh von
+ganz besonderer Güte; sie rudern in See auf Fischfang, wobei man ihren
+Ruderschlag vernimmt und die Spur ihrer Kähne im Wasser sieht. Sie
+haben eigene Kirchen und gottesdienstliche Bräuche, ja selbst Bischöfe.
+Bei aller Ähnlichkeit bleiben indessen die álfar von den Menschen
+scharf geschieden, ihr Gemeinwesen ist von dem menschlichen durchaus
+getrennt. Sie selbst sind im Besitz übernatürlicher Kräfte, durch
+welche sie den Menschen zu nützen, aber auch zu schaden im Stande sind.
+Nur ausnahmsweise werden sie dem menschlichen Auge sichtbar. Sie sind
+auf kleine Kinder aus und vertauschen sie vor der Taufe gern mit ihren
+Wechselbälgen. Alfmädchen suchen Jünglinge in den Berg zu locken, auch
+knüpfen álfar mit Mädchen Liebschaften an. Menschliche Hilfeleistung
+verlangen die álfar namentlich bei Niederkunft ihrer Frauen. Dafür
+helfen sie wiederum den Menschen, verschaffen ihnen verlaufenes Vieh,
+schenken ihnen wunderkräftige Gegenstände und heilen von Siechtum. Den
+álfar der neuisländischen und færöischen Volkssage ist namentlich der
+Umstand eigentümlich, dass sie nie als klein geschildert werden und
+keine Schmiedekunst ausüben, obwol im übrigen ihre Art derjenigen der
+Bergelbe, also der Zwerge, entspricht. Auf Island ist Name und Begriff
+der dvergar überhaupt verschwunden. Die altnordischen Quellen aber
+gedenken der Zwerge oft, ihr Andenken haftet auf Island nur noch an
+einigen Ortsnamen wie _Dvergasteinn_, _Dverghól_ u. ä. Auf den Færöern
+treffen wir in Lied und Sage (_færösk anthologi_ 2, 326) die _dvörgar_
+um so häufiger neben dem sonst gleich geschilderten _huldufólk_ der
+_álvar_.
+
+
+1. Zwerge.
+
+Alle germanischen Mundarten bieten Wort und Begriff „+Zwerg+“ dar,
+ahd. _twerg_, mhd. _getwerc_, obds. _zwerch_, mds. _querch_, ags.
+_dweorh_, engl. _dwarf_, an. _dvergr_. Germanischer Ursprung des Wortes
+ist zweifellos, die Etymologie aber dunkel. Laistner (AnzfdA. 13,
+44) denkt an Zusammenhang mit dem starken mhd. Zeitwort „_zwergen_“
+drücken und führt somit bereits den Zwergnamen auf den Kreis der
+Maren, der Druckgeister zurück; Noreen (Abriss der urgermanischen
+Lautlehre S. 224) stellt die Wurzeln _dhuer_ und _dhru_ zu einander
+und gewinnt damit gleiche Urbedeutung der Zwerge und Draugen. Die
+Zwerge scheinen also Verbindung mit Maren und Seelen zu halten. Die
+Zwerge gehören zu den Elben, wie schon die Bezeichnung des Wölund,
+des Hauptvertreters zwergischer Kunst, als Alfenfürst, _alfa vísi_
+beweist. Snorri meint mit seinen Dunkelelben, mit den _dökkalfar_
+ebenso Zwerge. Ihre Eigenschaften wurzeln auch alle in der Art der
+Elbe. Die Zwerge erscheinen im Volksglauben vorwiegend als die
+kunstreichen Elben, als die Schmiede. Die Zwergsagen fanden ihre
+Ausbildung zumeist in Gebirgsländern, wo Bergbau betrieben ward. In der
+Ebene ist ihre zwergische Eigenart von der allgemeinen elbischen kaum
+unterschieden, auch wird der Name „Zwerg“ selten angewandt, sie heissen
+die _Unterirdischen_ und sind die Elbe, die in Hügeln wohnen. Weitere
+Benennungen der echten Zwerge, die auf ihre Wohnung und Thätigkeit
+zielen, sind _Bergmännlein_, _Bjergfolk_, _Bjergmand_, _Erdmännchen_,
+_Erdleute_, _Erdschmiedlein_, _Bergschmiede_. Wichtel, Wichtelmännlein
+heissen sie wegen ihrer kleinen, winzigen Gestalt. Die Zwerge sind fast
+immer missgestaltig, dickköpfig, alt, graubärtig, höckrig, von bleicher
+Gesichtsfarbe (_fǫlr um nasar_ Alvísmǫ́l 2), zuweilen enten- oder
+geissfüssig, unscheinbar gekleidet. Nur die Könige tragen prächtige
+Gewandung. Die Frauen der Zwerge bewahren aber die elbische Schönheit.
+Die Zwerge sind so gross wie ein drei- oder vierjähriges Kind, manchmal
+noch kleiner, zwei oder drei Spannen hoch, daumengross (Däumlinge).
+Sie sind geschickt, klug und listig. Sie machen sich mit einer Kapuze
+(_helkappe_, _nebelkappe_, _tarnkappe_, _tarnhût_, an. _hulidshjalmr_,
+ags. _hæleđhelm_) unsichtbar. Gemeint ist wol ein Zaubernebel, in dem
+sie selber verschwinden oder mit dem sie die andern verblenden. Das
+Nebelspiel, das plötzliche Erscheinen und Vergehen kleiner Wölkchen,
+wie sie besonders an Bergen zu beobachten sind, mag zur Ausbildung
+solcher Vorstellungen wesentlich beigetragen haben. Im Laurin (191
+ff., 535 ff., 1174 ff.) wird eines Gürtels und eines Ringes gedacht,
+wodurch der kleine Zwerg zwölf Männer Kraft gewinnt. Aus dem Laurin,
+durch Vermittlung der dänischen im 15. Jahrhundert verfassten _kong
+Laurins krönike_ scheint dieser Kraftgürtel auch in die færöische
+Volkssage der Gegenwart (_færösk anthologi_ 1, 326) gedrungen zu sein.
+Die nordische Sprache nennt das Echo _dvergmál_, Zwergenrede. Ebenso
+begegnet _dvörgamál_ in den færöischen Liedern. Die Helden führen so
+starke Streiche, dass Zwergrede aus Klippen und Bergen widerklingt. Die
+Berggeister antworten also der rufenden Stimme oder sonstigem Hall.
+Die Zwerge wohnen in hohlen Bergen, ihre Säle sind herrlich mit Gold
+und Edelsteinen ausgeschmückt. Vor Laurins Berg ist eine blühende, von
+Linden beschattete Aue, wo Vogelsang erschallt und friedlich allerlei
+Getier spielt. Dort hinaus ziehen die Zwerge aus ihren Höhlen, um sich
+am Tanz in freier Luft zu erfreuen. Aber viel schöner ists im Berge
+selbst. Mit allen erdenklichen Kleinoden ist die Decke behangen, die
+goldenen Bänke leuchten von Edelsteinen. Allerlei Kurzweil herrscht.
+Zwei reichgekleidete Zwerge spielen auf rotgoldenen kostbaren Fiedeln,
+deren Saiten süss erklingen. Die Zwerginnen sind schön und wol
+geschaffen, reich in Seide gekleidet und mit Geschmeide behängt. Aber
+nur Sonntagskindern, besonders auserkorenen Sterblichen eröffnet sich
+ein Einblick in die unterirdische Pracht. Die Könige der Elbe sind in
+den Tiroler Sagen des Mittelalters zu Beherrschern des Zwergvolkes
+geworden. Die Zwerge kehren gern in menschliche Wohnungen ein. Nach
+Abzug der Senner wirtschaften die Zwerge in den verlassenen Almhütten
+(Wolf, Beiträge zur deutschen Myth. 2, 311). Auf der Eilenburg in
+Sachsen wollte einmal das kleine Volk Hochzeit halten und zog bei Nacht
+in den Sal. Der alte Graf, der erwachte, wurde von einem kleinen Herold
+geziemend eingeladen, am Feste teilzunehmen (Deutsche Sagen No. 31).
+Beim Grafen von Hoia erschien einst bei Nacht ein kleines Männlein
+und bat, für die folgende Nacht zum Einlager der kleinen Bergmännlein
+Küche und Sal geliehen zu erhalten (Deutsche Sagen No. 35). Wie allen
+gespenstischen Wesen so ist auch den Zwergen Scheu vor dem Tageslichte
+eigen. In den nordischen Sagen verwandeln sie sich zu Stein, sobald
+ein Sonnenstrahl sie trifft. Steinverwandelte Zwerge kennt auch die
+deutsche Sage (No. 32); aber die Zwerge sind aus besonderem Anlasse
+versteinert worden, nicht durch die aufgehende Sonne erstarrt. Die
+Thätigkeit der Zwerge besteht nun darin, dass sie die edlen Steine
+und Metalle ausgraben, zu grossen Schätzen anhäufen und zu Geschmeide
+aller Art verarbeiten. Sie sind Bergknappen und Schmiede zugleich.
+Nach Prätorius geben die Gebrüder Grimm in den deutschen Sagen No. 37
+ein Bild solcher Wichtlein. Die Zwerge haben das Aussehen eines alten
+Mannes mit einem langen Barte, sind bekleidet wie Bergleute mit einer
+weissen Hauptkappe am Hemd und einem Leder hinten, haben Laterne,
+Schlägel und Hammer. Sie thun den Bergarbeitern kein Leid, denn wenn
+sie bisweilen auch mit kleinen Steinen werfen, so fügen sie ihnen
+doch selten Schaden zu, es sei denn, dass sie mit Spotten und Fluchen
+erzürnt und scheltig gemacht werden. Sie lassen sich vornehmlich in
+den Gängen sehen, welche Erz geben oder wo gute Hoffnung dazu ist.
+Daher erschrecken die Bergleute nicht vor ihnen, sondern halten es
+für eine gute Anzeige, wenn sie erscheinen. Sie schweifen in Gruben
+und Schachten herum; bald ists, als durchgrüben sie einen Gang oder
+eine Ader, bald als fassten sie das Gegrabene in den Eimer, bald als
+arbeiteten sie an der Rolle und wollten etwas hinaufziehen, aber sie
+necken nur die Bergleute damit und machen sie irre. Bisweilen rufen
+sie; wenn man hinkommt, ist niemand da. Am Kuttenberg in Böhmen hat
+man sie oft in grosser Anzahl aus den Gruben heraus und hinein ziehen
+sehen. Wenn kein Bergknappe drunten, besonders wenn gross Unglück oder
+Schaden vorstand (sie klopfen dem Bergmann dreimal den Tod an), hat
+man die Wichtlein hören scharren, graben, stossen, stampfen und andere
+Bergarbeiten mehr vorstellen; bisweilen auch, nach gewisser Maasse, wie
+die Schmiede auf dem Amboss pflegen, das Eisen umkehren und mit Hämmern
+schmieden. Eben in diesem Bergwerke hörte man sie vielmals klopfen,
+hämmern, picken, als ob drei oder vier Schmiede etwas stiessen. In
+Idria stellen ihnen die Bergleute täglich ein Töpflein mit Speisen
+an einen besondern Ort. Auch kaufen sie jährlich zu gewissen Zeiten
+ein rotes Röcklein, der Länge nach einem Knaben gerecht, und machen
+ihnen ein Geschenk damit. Unterlassen sie es, so werden die Kleinen
+zornig und ungnädig. Die in der Erde verborgenen Schätze, von denen
+die Volkssage so gern erzählt, werden darum häufig auf die Zwerge
+zurückgeführt. Ist irgendwo ein versunkener Hort, so ist meistens ein
+kleines graues Männchen mit im Spiele. Der berühmteste Zwergschatz ist
+der Nibelungs; auf ihm liegt die goldene Wünschelrute, die verhindert,
+dass er sich vermindert. Auch nach dem Liede vom hürnen Seyfrid ruht
+Nibelungs Hort von den Zwergen gehütet im Berge. Nach nordischer Sage
+war der Zwerg Andwari so zauberkundig, dass er zuweilen als Fisch im
+Wasser lebte. Loki fing ihn und verlangte, dass er, um sein Leben zu
+lösen, alles Gold ausliefern solle, das er in seinem Stein habe. Der
+Zwerg gab all sein Gold her, doch barg er in seiner Hand einen kleinen
+Goldring. Das sah Loki und verlangte, dass er auch diesen Ring ihm
+überantworte. Der Zwerg bat, ihm diesen Ring nicht fortzunehmen, da
+er durch ihn seinen Besitz wieder vermehren könne; Loki aber sagte,
+er dürfe keinen Pfennig zurückbehalten, nahm ihm den Ring fort und
+wandte sich zum Gehen. Da sprach der Zwerg, dass der Ring jedem, der
+ihn besitze, den Tod bringen werde. So berichten die Regins mǫ́l und
+die Skaldskapar mǫ́l. Elbengewirk, das in Menschenhände gerät, ist
+öfters Segen und Fluch bringend. Die Zwerge verstehen sich meisterhaft
+darauf, die angesammelten Schätze zu verarbeiten. Den glänzenden
+Bergkrystall nennt man in Norwegen _dvergsmie_, Zwerggeschmeid. Doch
+mehr als in Schmucksachen zeichnen sich die Zwerge durch Anfertigung
+hochberühmter und vielbegehrter Waffenstücke aus. Sowol ihres Wissens
+wie ihrer Geschicklichkeit halber taugen sie als treffliche Lehrmeister
+junger Heldensöhne. Regin war geschickter als alle Menschen und seinem
+Wuchse nach ein Zwerg. Er war klug, grimmig und zauberkundig. Zu
+ihm kam Sigurd in Unterweisung und Lehre. Regin verfertigte ihm das
+Schwert Gram. In der Thidreks saga Kap. 57 heisst der ausgezeichnete
+Schmied Mimir. Zu ihm kommt auch Welent in die Lehre, dass er Eisen
+zu schmieden lerne. Später aber brachte ihn sein Vater Wadi zu zwei
+Zwergen, die in einem Berge in Westfalen wohnten. Diese Zwerge
+verfertigten besser, als irgendwo sonst Menschen es konnten, aus Eisen
+allerhand Waffen, Schwerter, Brünnen und Helme; aus Gold und Silber
+machten sie allerhand Kleinode. Darum sind auch die besten Waffen in
+deutscher Heldensage Zwergenarbeit. Wird aber die Arbeit erzwungen, so
+legen die Zwerge ihren Fluch darauf. So erzählt die Herwararsaga vom
+Schwerte Tyrfing. König Sigrlami hatte einst zwei kunstfertige Zwerge
+ausserhalb ihrer Steinbehausung überrascht. Er nahm sie gefangen und
+bedrohte sie am Leben. Zur Lösung schufen sie das Siegschwert Tyrfing,
+legten aber den Fluch darauf, dass drei Neidingswerke damit verübt
+werden mussten. In der SE. führt Hagen, Hildes Vater, das Schwert
+Dainsleif, das Zwerge schmiedeten und das eines Menschen Tod sein muss,
+so oft es aus der Scheide gezogen ist, das nie im Hiebe Halt macht und
+dessen Verwundungen nimmer heilen. In der märchenhaften Egils saga ok
+Asmundar Kap. 11 beschenkt der einhändige Egill, der schwer an seiner
+Wunde leidet, ein ihm begegnendes Zwergenkind. Zum Dank heilt ihm
+dessen Vater die Wunde und schmiedet ihm überdies ein Schwert, das an
+den Ellenbogen befestigt sich ebenso gut regieren lässt, als wenn Egill
+seine Hand noch hätte. In der nordischen Göttersage gehen Odins Speer
+und goldener Ring, Thors Hammer, Freys Schiff und goldborstiger Eber,
+Sifs Goldhaar aus der Esse der Zwerge hervor. Die Weisheit der Zwerge
+deutet die nordische Sage mit dem Namen Alwis an, ferner dadurch, dass
+der Dichtermet ursprünglich im Besitze zweier Zwerge, des Fjalar und
+Galar sich befindet. Die Beziehungen zwischen Menschen und Zwergen sind
+die bei allen Elben üblichen. Die Zwerge verlangen menschliche Hilfe
+bei schwerer Geburt ihrer Frauen. Sie erweisen sich aber auch dankbar
+dafür. Die Zwerge unterschieben Wechselbälge (ahd. _wihselinga_,
+nord. _bytingar_, _skiftingar_, _umskiptingar_) und rauben dafür
+menschliche Kinder. Um den Wechselbalg zu erkennen und seinen Umtausch
+zu bewirken, bedarf es besonderer Bräuche. Man thut irgend etwas
+Ungewöhnliches, braut Bier in Eierschalen oder siedet Wasser darin.
+Dann erhebt der Wechselbalg verwundert sein Sprüchlein: Nun bin ich so
+alt wie der Wald und hab so was nicht gesehen! Oft genügt schon das
+Geständniss seiner Herkunft zum Verschwinden, oft muss man ihn aber
+auch misshandeln, peitschen oder sich anstellen, als ob man ihn in
+den siedenden Kessel werfen wolle. Dann bringen die Zwerge das rechte
+Kind zurück. Die Zwerge sind erpicht auf schöne Mädchen. Die Alvísmǫ́l
+beruhen auf solcher Sage. Alwis der weise Zwerg will die Tochter des
+Thor als Braut heimholen, wird aber solange hingehalten, bis das
+Tageslicht ihn versteint. Der Laurin 735 ff. schildert eine Entführung.
+Künhild lustwandelt vor der Burg zu Steier zu einer Linde auf grüner
+Aue. Plötzlich verschwindet sie den Augen ihres Gefolges. Laurin war
+herangeritten, hatte sie in seine Nebelkappe gehüllt und führte sie
+unsichtbar hinweg in seine Tiroler Berge. Aber zur geplanten Heirat
+kommt es nicht, die Berner Helden befreien die Maid aus der Gewalt des
+bitterlich klagenden Zwergkönigs. Dietrich von Bern fand auf seinen
+Fahrten einmal einen Berg, der von wilden Zwergen bewohnt war. Die
+hatten ein schönes Mädchen bei sich. Es war eine Königstochter, welche
+der Zwergkönig Goldemar geraubt hatte. Dietrich gewann sie dem Zwerge
+mit grosser Mühe ab und nahm sie selber sich zur Frau. Im schwedischen
+Volkslied holt der Bergkönig die Jungfrau in sein unterirdisches Reich,
+sie bleibt acht Jahre bei ihm und gebiert ihm Kinder.
+
+Über den Ursprung der Zwerge berichtet die Vǫlospǫ́ 9/10, die Götter
+hätten in Urzeiten beraten, wer der Zwerge Schar aus Ymirs Blut
+und Gebein erschaffen sollte. Da entstand als trefflichster aller
+Zwerge Motsognir, als zweiter Durin. Nach Durins Geheiss machten die
+Zwerge in der Erde (aus Erde, wie eine andre Lesart lautet) manche
+Menschenbilder. Dann folgt ein Verzeichniss von Zwergnamen. Die Stelle
+ist nicht klar. Gemeint ist vermutlich, Götter und Riesen seien aus
+Urzeugung entsprungen, die Zwerge und darnach die Menschen aber von
+den Göttern geschaffen worden. Wir verstehen aber nicht recht, ob
+die „Menschenbilder“ (_mannlíkon_) Zwerge oder rechte Menschen sind,
+ob die Menschen etwa als Gebilde elbischer Kunst galten. Strophe 10
+lässt sich auch so erklären: die Zwerge Motsognir und Durin machten
+menschenähnliche Gebilde, nämlich die verzeichneten Zwerge, sie selber
+erwuchsen aus Ymirs Blut und Gebein, d. h. aus Wasser und Stein,
+überhaupt aus Erde und sollen nun aus demselben Stoffe weiter schaffen.
+Snorri hat die Stelle auch nicht verstanden. Er phantasiert darüber:
+„Die Götter gedachten, wie die Zwerge im Erdboden tief unter der
+Oberfläche entstanden waren wie Maden im Fleisch. Nach Bestimmung der
+Götter erhielten sie menschlichen Verstand und menschliche Gestalt,
+aber sie hausen doch wie zuvor in Erde und Steinen.“ Die Sage ist
+keinesfalls alt und echt, ebensowenig wie die Erzählung im prosaischen
+Anhang des deutschen Heldenbuchs, wornach zuerst die Zwerge von Gott
+geschaffen wurden zum Bau des wüsten Landes und Gebirges und zum
+Sammeln der Schätze, darauf erst die Riesen zur Bekämpfung der wilden
+Tiere und zuletzt die Recken, d. h. die Menschen, um den Zwergen gegen
+die übermütig und untreu gewordenen Riesen beizustehn. Diese Sage ist
+nur aus den Heldengedichten, aus den dort üblichen Kämpfen mit Zwergen
+und Riesen erfunden und hat keine Gewähr höheren Alters. Die Elbe
+wurden endlich von der christlichen Volkssage mit den neutralen Engeln
+in Verbindung gesetzt. Die im Grunde gutartige, freundliche Elbenschar
+schien dem naiven Glauben ebenso merklich von den Engeln wie von den
+Teufeln geschieden als zugleich mit beiden verwandt. Da wurden sie denn
+als die bei Lucifers Fall neutral gebliebenen Engel erklärt, darum hat
+Himmel und Hölle an ihnen teil, sie sind gut und böse.[87]
+
+
+2. Kobolde.[88]
+
+Elbische Wesen haben Neigung, mit den Menschen in Verkehr zu treten.
+Die Zwerge kommen zuweilen aus den Bergen herab und gesellen sich
+hilfreich oder doch zuschauend zu den arbeitenden Menschen. Wilde Leute
+verdingen sich als Knechte oder Mägde, wobei die Arbeit zusehends
+gedeiht. Oft sprechen Elbe in den Bauernhütten zu Gast ein. Aber
+am innigsten und traulichsten wird der Bund dann, wenn der Alb als
+Hausgeist, als ständiger Genosse sich einlegt. Der altdeutsche Name
+solcher Hausgeister war +Kobold+. Das Wort begegnet zwar nur im
+Mhd. und Nhd., aber darf als älter erschlossen werden. Vielleicht
+ist frz. _gobelin_ daher zu leiten, zweifellos hängt ags. _cofgodas
+lares_ und _cofgodu penates_ damit zusammen. Kobold ist eigentlich
+_kobwalt_, der des Kobens waltet; ags. _cofa_, an. _kofi_, mhd. _kobe_
+ist Hütte, Verschlag. Mithin ist Kobold eine treffende Benennung
+des Hausgeistes.[89] Neben dieser allgemeinen, nur in Deutschland
+nachweislichen Bezeichnung führt der Hausgeist noch eine Menge anderer
+Namen, die seinem Thun und Treiben entstammen. Er wird geradewegs mit
+kosenden Eigennamen gerufen wie Heinz, Hinze, Chimke (Joachimchen),
+Wolterken, Robin u. s. w. oder man heisst ihn nach Merkmalen seiner
+Tracht Hütchen, Hopfenhütel, Stiefel. Endlich wird er als polternder
+Rumpelgeist mit Namen wie Rumpelstilz, Klopfer, Bullermann, Mummhart,
+Nisse (dänisch, zum Verbum _nisse_, sich geschäftig machen) oder als
+Schrecker mit Namen wie Butzemann, Busemann[90], Puck, Tattermann,
+Popanz belegt. An die Verwandlungsfähigkeit dienstbarer Hausgeister
+mahnt das Märchen vom gestiefelten Kater, der Name Katzenveit und
+Ekerken (Eichhörnchen).
+
+In Gestalt, Aussehen und Tracht gleichen die Kobolde den Zwergen.
+Sie tragen Hütchen, oft von roter Farbe, und gefeite Stiefel. Ein
+Kobold erscheint alt und runzlig, aber nicht furchtbar, mit langem
+weissem Bart und mit einer Kapuze auf dem Haupt (Bartsch, Sagen aus
+Mecklenburg 1, 68). Als Marder, Schlange[91], Katze zeigt sich der
+Kobold, meist aber bleibt er unsichtbar. Kobolde wohnen gern in
+Stall, Scheune und Keller des Menschen, dem sie sich zugesellen, und
+verrichten Hausgeschäfte, vorzüglich in Küche und Stall. Der Kobold
+ist ein diensamer, fleissiger Geist, der seine Freude daran hat, den
+Knechten und Mägden bei der Hausarbeit beizuspringen und insgeheim
+einen Teil davon zu verrichten. Er trägt in der Küche Wasser, haut
+Holz, holt Bier, kocht, striegelt die Pferde und strählt ihre Mähnen,
+giebt dem Vieh Futter vor, mistet den Stall aus. Wo er ist, nimmt das
+Vieh zu und alles gedeiht und gelingt. Sein Dasein bringt Glück ins
+Haus, sein Abgang nimmt das Glück fort. Die Magd hat oft den Kobold
+zum heimlichen Gehülfen. Dann geht ihr alles rasch von statten, ihre
+Arbeit wird zum grössten Teil vom Kobold gethan. Dafür fordert der
+Kobold ein geringes Opfer. Täglich muss an einer bestimmten Stelle ein
+Schüsselchen Milch oder ein Speisenapf bereit stehen.[92] Vergisst sie
+das einmal, so muss sie in Zukunft nicht nur ihre Arbeit selbst wieder
+thun, sondern sie hat nun auch eine unglückliche Hand, indem sie sich
+im heissen Wasser verbrennt, Töpfe und Geschirr zerbricht, das Essen
+umschüttet. Darüber hört man den Kobold lachen und kichern. Er führt
+auch Aufsicht im Haushalt und bestraft faules und nachlässiges Gesinde.
+Ergötzlich ist die Geschichte (Deutsche Sagen Nr. 75), wie ein Mann
+aus Hildesheim, als er auf Reisen geht, sein leichtfertiges Weib dem
+Kobold zur Hut befiehlt. Der Kobold erfüllt auch sein Amt treulich und
+verscheucht alle Liebhaber der Frau. Aber dem heimkehrenden Ehemann
+klagt er, lieber wolle er die Schweine von ganz Sachsen hüten, als
+ein einziges solches Weib, so vielerlei Listen und Ränke habe sie
+erdacht, ihn zu täuschen, und ihm seine Aufgabe sehr erschwert. Des
+Kobolds Gutmütigkeit wandelt sich aber leicht auch in Neckerei und
+Schadenfreude, er wird zum Quälgeist und Plagegeist. Ja er trachtet
+sogar nach dem Leben dessen, der ihn gekränkt. Ein Küchenjunge, der den
+Kobold höhnt und lästert, wird von ihm erwürgt und in kleine Stücke
+zerhauen oder an den Bratspiess gesteckt. Zeigt sich der Kobold von
+der schlimmen Seite, so ist fast stets die Treulosigkeit und Bosheit
+der Menschen daran schuld. Denn die elbischen Geister sind im Grunde
+gutartig, höchstens zu harmloser Neckerei aufgelegt; werden sie aber
+gereizt, so nehmen sie schreckliche Rache und treiben den Missethäter
+in Not und Tod. Hütchen wird so geschildert: „er wollte die Leute gern
+überreden, dass es ihm vielmehr um ihren Vorteil als um ihren Schaden
+zu thun sei, daher warnte er bald den einen vor Unglück, bald war er
+dem andern in einem Vorhaben behilflich. Es schien, als trüge er Lust
+und Freude an der Menschen Gemeinschaft, redete mit jedermann, fragte
+und antwortete gar gesprächig und freundlich. Niemand fügte er etwas
+Leid zu, er wäre denn am ersten beschimpft worden. Wer seiner aber
+spottete, dem vergass er solches nicht, sondern bewies ihm wiederum
+einen Schimpf.“ Die Kobolde kommen von auswärts ins Haus gezogen, so
+Hinzelmann. Auf dem Schlosse Hudemühlen liess er sich zuerst im Jahre
+1584 hören, indem er durch blosses Poltern und Lärmen sich zu erkennen
+gab. Darnach fing er an, bei hellem Tage unsichtbar mit dem Gesinde
+zu reden. Endlich sprach er auch mit dem Hausherrn selber. Als er
+gefragt wurde, woher er sei und was er an diesem Ort zu schaffen habe,
+sagte er, dass er aus dem Böhmer Wald gekommen wäre. Der Geist schied
+freiwillig wieder aus Hudemühlen, nachdem er vier Jahre daselbst sein
+Wesen getrieben hatte. Aber solange der Kobold nicht selber seinen
+Dienst aufgiebt, weicht er auch nicht aus dem erwählten Hause, so sehr
+der Hausherr mit List und Gewalt den lästigen oder unheimlichen Gast
+wegzubringen bemüht ist. Nach den Deutschen Sagen Nr. 44 hatte ein
+Schäferjunge ein Erdmännlein erlöst. Das stellte sich kurz vor den
+Jungen und sprach: Gib mir Arbeit, dass ich etwas zu thun habe. Der
+Junge gebot ihm die Schafe zu hüten. Abends sagte das Männlein: Ich
+will mit dir gehen. Du hast mich nun einmal angenommen, willst du mich
+selber nicht, musst du mir anderswo Herberge schaffen. Da wies ihn
+der Junge ins Nachbarshaus. Bei diesem kehrte das Erdmännchen richtig
+ein, und der Nachbar konnte es nicht wieder los werden. Bekannt ist
+die Geschichte vom Bauern, der seines Kobolds überdrüssig geworden,
+weil dieser allerlei Unfug anrichtete. Zuletzt ward er Rats, die
+Scheune anzustecken, wo der Kobold seinen Sitz hatte, und ihn zu
+verbrennen. Deswegen führte er erst all sein Stroh heraus und bei dem
+letzten Karren zündete er die Scheune an, nachdem er den Geist wol
+versperrt hatte. Wie sie nun schon in voller Glut stand, sah sich
+der Bauer von ungefähr um, siehe, da sass der Kobold hinten auf dem
+Karren und sprach: es war Zeit, dass wir herauskamen! Der Schlossherr
+von Hudemühlen gedachte Hinzelmanns dadurch los zu werden, dass er
+verreiste. Auf der Fahrt bemerkte man eine weisse Feder, die neben dem
+Wagen herflog. Es war der Kobold, der dem Herrn überall hin folgte. Um
+dem „Futtermännchen“ (dem viehfütternden Kobold) zu entgehen, führte
+ein Mann sich ein neues Haus auf, sah aber am letzten Tag vor dem
+Auszug Futtermännchen am Bache sein grau Gewand ins Wasser tauchen mit
+den Worten: da wisch und wasch ich mein Röckchen aus, morgen beziehn
+wir ein neues Haus (Börner, Volkssagen aus dem Orlagau S. 246). Launig
+ist die Geschichte vom Kobold, der sich Klosterbrüdern verdingt, wovon
+Bartschs Sagen aus Mecklenburg Nr. 86 und das Schwankgedicht vom
+Bruder Rausch, das Wilhelm Hertz so köstlich neubelebt hat, Beispiele
+darbieten.
+
+Was der Kobold fürs Haus, das ist der +Klabautermann+ fürs Schiff. Er
+ist der Schutzgeist des Fahrzeugs, er hilft den Matrosen das Schiff
+reinigen, die Segel hissen, die Waren stauen. Oft hört man ihn im
+Schiffsräume hämmern und klopfen. Sichtbar wird er selten, meist nur,
+wenn dem Schiffe Untergang droht. Für seine Arbeit verlangt er ein
+Schälchen mit Milch; legt man ihm Kleider und Schuhe hin, so verlässt
+er das Schiff. Der Name, der auch in der Form Kabautermann begegnet,
+ist vielleicht aus _kabout_(d. i. _kabolt_,_ kobolt_) entstellt,
+etwa aus einer niederdeutschen Koseform _kobolterken_, die auch zur
+Benennung Wolterken für die Hausgeister Anlass geben konnte.[93]
+
+Nirgends tritt die Verwandtschaft der seelischen und elbischen Geister
+so deutlich hervor wie in den Sagen vom Kobold und vom Klabautermann.
+In den Deutschen Sagen Nr. 72 schliesst der Bericht vom Kobold: „Man
+glaubt, sie seien rechte Menschen in Gestalt kleiner Kinder mit einem
+bunten Röcklein. Darzu etliche setzen, dass sie teils Messer im Rücken
+hätten, teils noch anders und gar greulich gestaltet wären, je nachdem
+sie so und so, mit diesem oder jenem Instrument vor Zeiten umgebracht
+worden wären, denn sie halten sie für die Seelen der vorweilen im
+Hause Ermordeten.“[94] Der Klabautermann aber ist die Seele eines
+toten Kindes, die in einen Baumstamm fuhr. Wird der Baum gefällt und
+zum Schiffsbau verwendet, so kommt damit die Seele des Kindes als
+Klabautermann aufs Schiff.[95]
+
+
+3. Nixe.
+
+Das Wasser, wo immer es sich darbot, in Quell und Bach, in Fluss und
+See, im weiten Meer, war von Geisterwesen bevölkert, die teils in
+menschenähnlicher, teils auch in tierischer Gestalt gedacht wurden.
+Gründe zu solchen Vorstellungen waren mehrfach vorhanden, die Seelen
+Ertrunkener lebten im Wasser fort, sie waren von den Wassergeistern
+hinabgezogen worden. Die wundersamen Tiergestalten, die zumal aus dem
+Meere emportauchen, regten die Sagenbildung an. Aber wie die sanften
+Windelbe hinter den Sturm- und Wetterriesen zurückstehen, so gibt es
+auch weniger Wasserelbe als Wasserriesen. Wo die entfesselte elementare
+Gewalt dem Menschen entgegen brauste, dichtete er eher Riesen- als
+Elbensagen. Im Binnenland, an kleinen Teichen und Bächen, herrschen
+mehr Elbe, am Meer, am breiten Strom und weiten See dagegen Riesen.
+
+Die allgemeine Benennung des Wassergeistes ist Nix.[96] Das Wort
+findet ebenso auf elbische (besonders im Femininum Nixe), wie auf
+riesische Wesen Anwendung. Ohne weiteres deutlich sind Bezeichnungen
+wie _waȥȥerholde_, _merminne_, _mermeit_, _merwîp_, _merwunder_,
+_wassermann_, _wasserjungfer_, _seejungfer_, _seeweibel,_ im
+Nordischen heissen die Wasserwesen _haffrú_, _sækona_, _havmand_,
+_strömkarl_, _vattenelfvor_, _quernknurrer_, _Grim_ und _fossegrim_.
+Die Wassermädchen werden als Mümlein (mhd. _muome_, nds. _watermöme_)
+vertraulich angeredet oder mit Eigennamen wie Wasserlisse[97] belegt.
+Von den Wasserelben erfahren wir mehr aus der jüngeren Volkssage
+denn aus der alten Überlieferung, welche uns dagegen riesische Wesen
+vorführt. Doch ist anzunehmen, dass die Wasserelbe früher in der
+Heidenzeit kaum anders vorgestellt wurden als in der Volkssage der
+Gegenwart. Der Wassermann wird meist ältlich und langbärtig gedacht.
+Er trägt einen grünen Hut, und wenn er bleckt, sieht man seine grünen
+Zähne. Seine Zwerggestalt wird selten hervorgehoben, die Sage schildert
+ihn gewöhnlich in menschlicher Grösse. Nach schwedischem Glauben wohnt
+er zwischen den Seerosen, in mondhellen Nächten sitzt er auf den
+Blättern und lässt sein Spiel erklingen (J. Grimm, Myth. 3, 142). Die
+Nixen sind von blendender Schönheit. Sie sitzen in der Sonne, ihre
+goldenen Haare kämmend. Von den berückenden Nixen, die im Wasser schöne
+Gründe und Säle bewohnen, weiss besonders die thüringische Sage[98]
+Genaueres. Dass ihr Leib in einen fischartigen Schwanz ausläuft, wie
+von der isländischen _haffrú_, dem _meyfiskur_ d. h. Mädchenfisch
+erzählt wird, ist schwerlich echt deutscher Glaube. Wenigstens weiss
+die unverfälschte Sage nichts davon[99]. Unten im Wasser haben die
+Wasserelbe prächtige Paläste, wie die irdischen erbaut, mit Zimmern,
+Sälen und Kammern voll mancherlei Reichtum. Dem Gesang ist der _nök_,
+der _strömkarl_ oder _fossegrim_, der in rauschenden, brausenden
+Wasserfällen wohnt, besonders zugethan. Der Fossegrim lockt an stillen,
+dunkeln Abenden die Menschen durch seine Musik an und lehrt Geige oder
+Saitenspiel den, der ihm Donnerstag abends mit abgewandtem Haupt ein
+weisses Böcklein opfert und in einen nordwärts strömenden Wasserfall
+wirft. Ist das Opfer mager, so bringt es der Lehrling nicht weiter als
+zum Stimmen der Geige, ist es aber fett, so greift der Fossegrim über
+des Spielmanns rechte Hand und führt sie so lange hin und her, bis das
+Blut aus allen Fingerspitzen springt; dann ist der Lehrling in seiner
+Kunst vollendet und kann spielen, dass die Bäume tanzen und die Wasser
+in ihrem Fall still stehen (Faye, norske folkesagn S. 57). Schön ist
+die Sage vom Neck, die J. Grimm so erzählt: „Zwei Knaben spielten am
+Strom, der Neck sass und schlug seine Harfe, die Kinder riefen ihm zu:
+Was sitzest du, Neck, hier und spielst? Du wirst doch nicht selig. Da
+fing der Neck bitterlich zu weinen an, warf die Harfe weg und sank in
+die Tiefe. Als die Knaben nach Haus kamen, erzählten sie ihrem Vater,
+der ein Priester war, was sich zugetragen hatte. Der Vater sagte: Ihr
+habt euch an dem Neck versündigt, geht zurück, tröstet ihn und sagt
+ihm die Erlösung zu. Da sie zum Strom zurückkehrten, sass der Neck am
+Ufer, trauerte und weinte. Die Kinder sagten: Weine nicht so, du Neck,
+unser Vater hat gesagt, dass auch dein Erlöser lebt. Da nahm der Neck
+froh seine Harfe und spielte lieblich bis lange nach Sonnenuntergang.“
+Auch die Wassernixen lassen zur Nachtzeit verlockenden Gesang oder
+klagende Töne hören (Bartsch, Sagen aus Mecklenburg 1, 394 u. 399). Die
+Wassergeister sind aber im allgemeinen grausam und blutdürstig, sie
+fordern Opfer an Menschenleben. Wer ertrinkt, ist von den Wasserelben
+gewaltsam in ihre Gemeinschaft entrückt worden. Die üblichen Sagen
+erscheinen darum bei den Wassergeistern meist unheimlicher als sonst.
+Bezeugt sind die gewöhnlichen Typen[100]. So bieten die Deutschen
+Sagen Nr. 68 den Kielkropf als Sendung der Wasserelben, ebenda Nr.
+31, 58, 65, 69, 305 steht die Geschichte von der Menschenfrau, welche
+der Nixenfrau in Kindsnöten hilft. Die wilden Züge zeigen sich
+darin, dass der Nix seine Kinder tötet, wie aus aufquellendem Blute
+ersichtlich wird, und dass er auch der Helferin am liebsten ein Leid
+anthun möchte. Der Wassermann erscheint zuweilen in menschlicher
+Gestalt und Kleidung, um in der Stadt Einkäufe zu machen. Zu Laibach
+kam er einst zum Tanz unter die Linde auf den Markt als schöner,
+wolgekleideter Jüngling. Er grüsste die ganze Versammlung höflich und
+bot jedem Anwesenden die Hand, welche aber ganz weich und eiskalt war
+und bei der Berührung jedem ein seltsames Grausen erregte. Er zog
+eine leichtfertige Magd zum Tanz auf und schweifte mit ihr allmälig
+bis zur Laibach, wo er mit ihr hinein sprang. Die Nixen kommen auch
+öfters ans Land auf den Markt, um Einkäufe zu machen, oder zu Tanz
+und andern Lustbarkeiten. Sie sind wie schöne Mädchen gestaltet und
+nur an ihren stets nassen Kleidersäumen erkenntlich. Jünglinge werden
+von Liebe zu ihnen ergriffen, die Nixen erwidern ihre Gefühle. Aber
+sie müssen immer zur bestimmten Stunde in ihre Heimat zurück. Um sie
+länger da zu behalten, wird irgend eine List angewandt. Erschrocken
+eilen die Verspäteten zu ihrem heimischen Gewässer und verschwinden
+darin. Da steigt Blut auf und zeigt, wie grausam ihr Säumen bestraft
+wurde. Von vielen Gewässern geht die Sage, sie hätten ein Recht auf ein
+jährliches Opfer, das sie auch erzwingen. An bestimmten Stellen zieht
+der Nix oder die Nixe den Schwimmer hinunter. Die Leichen der also
+Ertränkten, wenn sie gefunden werden, weisen blutunterlaufene Mäler
+auf, wo der Wassergeist zugriff. Der Bräutigam eines schönen Fräuleins
+war in die Elbe gefallen und drei Tage nicht aufgefunden worden. Ein
+Schwarzkünstler erklärt, er sei in der Macht der Nixe, die ihn zur Ehe
+zwingen wolle. Da sich der Jüngling weigerte, fand man bald darauf
+seinen Leichnam voll blauer Flecke. Ein Bauer, der in die Behausung des
+Wassermanns kam, sah eine Stube voll umgekehrter Töpfe, die Öffnung
+bodenwärts. Es waren die Seelen der Ertrunkenen, die also aufgehoben
+wurden, um nicht entwischen zu können. Das Opfer an die Wasserelbe
+bezeugt Prokop _bell. goth._ 2, 25: Die Franken warfen im Jahre 539
+die gefangenen gotischen Weiber und Kinder in den Po, um dadurch die
+Zukunft zu erforschen. Denn die Wassergeister wissen wie alle Elbe die
+Zukunft voraus. So verehrten die Alamannen nach Agathias 28, 4 die
+Flusswirbel _(ῥεῖθρα ποταμῶν)_ und nach Plutarchs _Lebensbeschreibung
+Caesars_ Kap. 19 weissagten die Germaninnen aus den Flüssen.
+Wasserelbinnen (_wîsiu wîp_, _merwîp_) verkünden Hagen die künftige
+Not der Nibelungen in Etzels Lande. Wie sich Sterbliche eine Zeit lang
+unter den Elben aufhalten, so weiss auch Prätorius (Deutsche Sagen
+Nr. 67) von einer Magd, die drei Jahre lang beim Nix unter dem Wasser
+diente, dann aber wieder zu den Menschen zurückkehrte. Eine äusserliche
+unpassende Übertragung von der Sage des Bergschmiedes ist die von
+einem Wasserschmied (Jahn, Volkssagen aus Pommern 144, 145; Laistner,
+Rätsel der Sphinx 2, 64). Die Verwandlungsfähigkeit der Wassergeister
+lehrt die nordische Sage vom Nibelungenhort. Der Zwerg Andwari, der
+den Schatz gesammelt hatte, war so zauberkundig, dass er zu Zeiten als
+Fisch im Wasser lebte. Den seelischen Ursprung der Wassergeister, die
+teilweise aus den Ertrunkenen hervorgingen, zeigt die norwegische Sage
+von den „_Draugen_“. Die Draugen sind die Erscheinungen Ertrunkener
+und zugleich Seegespenster überhaupt, welche dem Seefahrer Tod und
+Untergang bedeuten. In seltsam fremdartiger Einkleidung wendet die
+heutige isländische Volkssage[101] den Seelenglauben auf Wassergeister
+an. Die Seehunde gelten als _Faraos líđar_, Dienstleute des Königs
+Pharao, die mit ihm im roten Meer ertranken; sie leben als ein eignes
+Volk auf dem Grunde des Meeres und haben eigentlich menschliche
+Gestalt, nur dass diese gewöhnlich durch das darüber liegende
+Seehundsgewand verdeckt ist. In der Johannisnacht aber dürfen sie ihre
+Seehundhaut ablegen, in menschlicher Gestalt steigen sie dann ans Land
+und spielen, singen und tanzen fröhlich wie andre Menschen; wer ihnen
+die Seehundhaut raubt, der nimmt ihnen die Möglichkeit, ihre Gestalt
+zu wechseln, und sie bleiben Menschen. So gewann einst ein Bauer ein
+wunderschönes Mädchen zum Weib. Die Haut verwahrte er in einer Kiste.
+Im dritten Jahr gelang es seiner Frau, die Kiste zu öffnen und das
+Gewand heraus zu nehmen. Da verschwand sie und kehrte zu ihrem Volke
+zurück.
+
+Unter den nordischen Wasserelben ist das isländische _marmennill_ noch
+hervorzuheben. Das Marmennill, das Meermännlein, ist ein weissagender
+Seezwerg, von dem auf Island eine altbezeugte Sage umläuft. In der
+Landnáma II, 5 wird erzählt: „Grim ruderte im Herbste mit seinen
+Hausleuten zum Fischen, der Knabe Thorir aber lag vorn im Schiffe
+und war in einem Seehundssacke und am Halse zugezogen. Grim fing ein
+Meermännlein, und als es heraufkam, fragte Grim: Was weissagst du
+uns über unser Schicksal, oder wo sollen wir wohnen auf Island? Das
+Männlein antwortete: Euch brauche ich nicht zu weissagen, sondern
+dem Knaben, der in dem Seehundssacke liegt; er soll da wohnen und
+Land nehmen, wo eure Stute unter dem Gepäck sich niederlegt. Weiter
+bekamen sie kein Wort von ihm.“ In der Halfssaga Kap. 7 wird erzählt:
+„Den Herbst ruderten Vater und Sohn zum Fischen und sie fingen ein
+Meermännlein, welches sie dem König Hjorleif brachten. Der König
+übergab es einer Magd am Hofe und hiess es wol pflegen. Niemand bekam
+ein Wort von ihm. Die Lichtträger zankten sich einmal und löschten das
+Licht aus. Währenddem schüttete Hilde ein Horn über das Kleid der Aesa,
+der König schlug sie mit seiner Hand, Aesa aber sagte, der Hund sei
+schuld, der auf dem Boden lag. Da schlug der König den Hund. Da lachte
+das Meermännlein. Der König fragte, warum er lache. Es antwortete: Weil
+du dich dumm angestellt hast, denn diese werden dir das Leben retten.
+Der König fragte ihn um mehr, erhielt aber keine Antwort. Da sagte der
+König, er wolle das Männlein ans Meer bringen, wenn es ihm sage, was
+er zu wissen brauche. Das Männlein sprach, indem es zur See fuhr: Ich
+sehe leuchten weit im Süden im Meer, es will der dänische König die
+Tochter rächen, er hat draussen eine Unzahl Schiffe, er entbietet den
+Hjorleif zum Zweikampf; hüte dich als ein Kluger, wenn du willst; ich
+will zurück zur See. Und als sie mit ihm dahin ruderten, wo sie ihn
+heraufgezogen hatten, da sprach er: Einen Spruch kann ich sprechen den
+Söhnen der Halogaländer, keinen guten, wenn ihr ihn hören wollt. Hier
+fährt von Süden her des Svord Tochter, mit Blut begossen, von Dänemark.
+Auf dem Haupte hat sie den Helm aufgebunden, das harte Heerzeichen
+Hedins. Wenig wird den Burschen hier auf der Fahrt der Hildr zu warten
+sein. Brechen wird der Schild, der runde. Ich wandte mein Auge hieher
+übers Land zu den Zäunen der Leute. Jeder Mann soll Rüstung und Speer
+haben, der grosse Erzsturm hebt an. Übel, mein ich, ergeht es, alle
+haben das Jahr teuer erkauft, wenn das Frühjahr kommt. Da liess ihn
+König Hjorleif über Bord. Da ergriff ihn ein Mann bei der Hand und
+fragte: Was ist dem Manne das Beste? Das Meermännlein antwortete:
+Kalt Wasser den Augen, mürb Fleisch den Zähnen, Leinwand dem Körper.
+Lasst mich zurück in die See. Kein Mensch zieht mich jemals wieder vom
+Meeresboden herauf auf ein Schiff.“ Die neuisländische Sage[102] aber
+lautet so: Ein Bauer zog beim Fischen einst einen Seezwerg herauf, der
+sich als Meermännchen zu erkennen gab; er hatte einen grossen Kopf und
+lange Arme, vom Leibe abwärts aber glich er einem Seehunde. Er wollte
+auf die neugierigen Fragen des Bauern keine Auskunft geben, deshalb
+nahm ihn dieser trotz allem Sträuben mit sich ans Land. Hier kam die
+Frau des Bauern, ein junges lustiges Weib, an den Strand und empfing
+ihren Mann mit Küssen und Liebkosungen. Darüber freute sich der Bauer
+und sagte ihr viel Schönes, seinen Hund aber schlug er, als dieser ihn
+gleichfalls bewillkommnete. Das Meermännchen lachte, als es dies sah.
+Der Bauer fragte, warum es lache. Das Meermännchen erwiderte: Über die
+Dummheit. Als der Bauer vom Strande nach Hause ging, strauchelte er und
+fiel über einen kleinen Erdhügel. Da fluchte er fürchterlich über die
+kleine Unebenheit, und dass sie jemals geschaffen sei und auf seinem
+Lande sei. Da lachte das Meermännchen, welches vom Bauern gegen seinen
+Willen mitgeschleppt worden war, und sagte: Unklug ist der Bauer. Drei
+Nächte behielt der Bauer das Meermännchen bei sich. Da kamen einige
+Kaufmannsgehilfen und hielten ihre Waren feil. Der Bauer hatte noch
+nie so starkbesohlte und dicke schwarze Schuhe bekommen können, wie er
+gern haben wollte. Diese Kaufleute aber behaupteten, die allerbesten
+zu haben; der Bauer hatte unter hundert Paaren die Auswahl, allein er
+meinte, sie seien alle zu dünn und würden gleich reissen. Da lachte das
+Meermännchen und sagte: Mancher irrt sich, der sich für weise hält.
+Weder mit Güte noch mit Gewalt bekam der Bauer mehr Belehrungen aus dem
+Meermännchen heraus, als hier erzählt ist; nur unter der Bedingung,
+dass der Bauer es wieder an dieselbe Stelle in der See hinausfahren
+wollte, wo er es heraufgezogen hatte, und es dort auf seinem Ruderblatt
+hocken liess, wollte es alle seine Fragen beantworten, aber sonst auf
+keinen Fall. Nach drei Nächten willfahrte ihm der Bauer. Als nun das
+Meermännchen auf dem Ruderblatt sass, fragte es der Bauer, welche
+Ausrüstung die Fischer haben müssten, um beim Fange Glück zu haben. Das
+Meermännchen antwortete: Von gekautem und geknetetem Eisen soll man
+Angeln schmieden. Die Angelschmiede soll stehen, wo man das Brausen
+von Wasser und See hören kann, und die Angelschnur soll aus grauem
+Ochsenleder und einem Zaum aus roher Pferdehaut gemacht sein. Als
+Köder soll man Vogelgekröse und Flunderfleisch nehmen, mitten am Haken
+Menschenfleisch, und wenn du dann nicht viel fischst, kann dein Leben
+nicht mehr lange währen. Verkehrt gebogen muss die Angel des Fischers
+sein. Da fragte der Bauer, über welche Dummheiten das Meermännchen
+gelacht habe, als er seiner Frau geschmeichelt und den Hund geschlagen
+habe. Das Meermännchen antwortete: Über deine Dummheit, Bauer; denn
+der Hund liebt dich, wie sein Leben, die Frau aber wünscht deinen
+Tod und ist dir untreu. Der Erdhügel, den du verfluchtest, ist dein
+Schatzhügel, denn grosser Reichtum liegt darunter; deshalb warst du
+unklug, Bauer, und deshalb lachte ich über dich. Die schwarzen Schuhe
+aber werden dein Leben lang halten, denn dir sind nur noch wenige Tage
+vergönnt; drei Tage werden sie wol halten. Damit stürzte sich das
+Meermännchen vom Ruderblatt ins Wasser und sie trennten sich. Aber
+alles, was das Meermännchen gesagt hatte, bewährte sich später.
+
+
+4. Wald- und Feldgeister.[103]
+
+Über das Fortleben der Seelen in Pflanzen wurde bereits berichtet.
+Aus solcher Beseelung folgt, dass der Wald besonders als
+Aufenthalt zahlreicher Geister galt. Die Etymologie des Wortes
+Hexe (Waldunholdin) wies auf den Wald. Aber auch sonst finden
+wir überall in Deutschland und Skandinavien, wo Wälder aufragen,
+Sagen von _Waldleuten_, _Wildleuten_, _Holzleuten_, _Moosleuten_.
+Nur in der norddeutschen Tiefebene gehen auch diese Gestalten im
+allgemeinen Begriff der Unterirdischen auf. In Oberdeutschland wird
+von den _saligen Fräulein_, den _wilden Leuten_, _Waldfänken_ und
+_Schrätlein_ erzählt, in Mitteldeutschland von den _Holz_-, _Moos_-,
+_Buschfräulein_, im Norden vom _skougmann_, _skogsrå_, von der
+_skogsfru_ und _skogssnufa_. In Schleswig ist von der _Hollunderfrau
+(Frau Elhorn),_ in Schoonen ebenso von der _Hillefroa_ die Rede, in
+Schweden von der _Askafroa_ (Eschenfrau) und _Löfviska_ (Laubfrau);
+da sind also Bäume persönlich gedacht. Die Vorstellung von der
+Baumseele hat sich nach verschiedenen Seiten hin entfaltet. So
+lebt die Seele im Baume als ihrem Leibe, den sie nicht verlassen
+kann. Der Baum ist wie ein menschlicher Körper gedacht, er blutet,
+wenn er verwundet wird. Wie der Leib so ist der Baum die Hülle der
+Seele, die einerseits fest daran gebunden, andererseits aber auch
+als ungebunden frei erscheint. Der Baumgeist tritt aus der Pflanze
+heraus, entschwebt dem Baume, der dann weniger als Körper, vielmehr
+als Wohnsitz eines geisterhaften Wesens gilt. Im Rauschen des Windes,
+in den wundersamen Lauten, welche die Stille des Waldes durchhallen,
+in spukhaften tierischen und menschlichen Gestalten macht sich der
+Baumgeist bemerklich. Der Wald ist erfüllt von einer ungezählten Schar
+gespenstischer Wesen, die bald elbisch, bald riesisch, je nach den
+örtlichen Verhältnissen, nach den elementaren Zuständen erscheinen. Im
+hochstämmigen, sturmbewegten, schaurigen Bergwald werden mehr Riesen
+hausen, im lichten, freundlichen, sonn- und mondbeglänzten Hain treiben
+Elbe ihr Wesen. Wie die Natur sich dem Menschen gibt, so bildet er
+seine Sagen. Die wilden Leute, die Moos- und Holzleute, die Waldmänner
+und Waldfrauen erinnern oft in ihrer Gestalt an ihren Ursprung. Sie
+haben behaarten Körper, altes, runzliges Gesicht und sind ganz in Moos
+gehüllt. Langes flatterndes Haar, grosse herabhängende Brüste eignen
+den Elbinnen, welche seltener die anmutige Seite hervorkehren. Die
+Waldelbe sind aufs engste mit den Windelben verknüpft. Der Sturmwind,
+der wilde Jäger, hat es besonders auf die Moosweiblein abgesehen.
+Braust er durch den Wald, so jagt er die Holzfräulein. Manchem Jäger
+oder Holzhauer sind die schutzflehenden Weiblein schon begegnet;
+und es war alter Brauch, die Baumstümpfe mit Kreuzen zu bezeichnen,
+damit die verfolgten Elbinnen darauf Rast und Schutz vor dem wilden
+Jäger fänden. Den Waldgeistern wird grosser Einfluss auf Sendung von
+Seuchen und auf deren Heilung beigemessen. In Gestalt von Würmern,
+Schmetterlingen oder Ungeziefer kriechen die schädigenden Elbe aus den
+Bäumen heraus und in den Körper der Menschen hinein. Um sie wieder
+los zu werden, verwünscht man sie in den tiefen Wald, ins Gehölz, in
+den Baum oder Busch zurück. Sympathetische Kuren suchen die Seuchen
+in den Baum zurückzubannen, darein zu verpflöcken. Die Waldgeister
+wissen aber auch Heilgeheimnisse, welche sie zuweilen den Menschen
+mitteilen. Zur Pestzeit laufen Holzfräulein aus dem Wald und empfehlen
+bestimmte Kräuter, deren Genuss vor der Pest schützt. Wildmännlein
+können mit List gefangen werden, indem man sie berauscht, dann geben
+sie verborgene Kunde, ähnlich wie das Meermännlein. Auf diese Art
+erfuhr ein Tiroler, was gegen die Pest nütze. Wate hat nach der Gudrun
+529 von einem _wilden wîbe_ die Heilkunst erlernt. Im Eckenlied 174
+ff. gräbt das von Fasolt gejagte wilde Fräulein eine Wurzel und
+bestreicht damit den wunden Dietrich und sein Ross, wovon Weh und
+Müdigkeit schwinden. Ein Wichtlein rühmt sich einem Bauern gegenüber,
+es hätte ihm für Menschen und Vieh heilsame Kräuter zeigen können. Die
+Waldgeister sind ihrer elbischen Art gemäss auf kleine Kinder aus,
+welche sie stehlen. Sie streben ferner Verbindung mit den Menschen an.
+Der Waldmann ist auf Weiber lüstern und stellt ihnen nach. Burkhard
+von Worms weiss von Waldfrauen (_agrestes feminae, quas silvaticas
+vocant_), die nach Belieben sichtbar und unsichtbar sind und sich mit
+ihren Liebhabern ergötzen. Die rauhe Else wie die _skogssnufa_ naht
+sich dem am nächtigen Feuer liegenden Wolfdietrich und begehrt nach
+seiner Minne. Nach einer badischen Sage verliebt sich ein Jäger in
+ein schönes wildes Weib, das in einer Höhle wohnt, und erlangt ein
+Kind von ihr. Eine wilde Frau aus dem Unterberg, die ungemein schönes
+und langes Haar hatte, nahm einen Bauern, der sich in sie verliebte,
+zu sich in die Lagerstätte (Deutsche Sagen No. 50). Die Waldgeister
+zeigen sich den Menschen gern dienstbar und gehen sogar allmälig in
+Hausgeister über. Sie helfen zur Erntezeit den Arbeitsleuten, sie
+verdingen sich dem Bauern für ständig, besorgen das Vieh im Stall und
+bringen dem ganzen Hauswesen Glück und Gedeihen. Mit der Dienstleistung
+der wilden Leute ist meist die Geschichte vom Todansagen verknüpft. In
+vielen Wendungen ist sie bezeugt. Ein Hausgenosse hört auf dem Heimweg
+oder sonst irgendwo eine Stimme, welche ihn auffordert, einem ihm
+bisher unbekannten Wesen den Tod eines andern anzusagen. Wie er daheim
+verwundert das Erlebniss berichtet und die ihm aufgetragenen Namen
+ausspricht, da verschwindet mit lautem Wehruf der Knecht oder die Magd,
+welche bis dahin unbekannter Herkunft beim Hausherrn in Dienst standen.
+Die Wildleute riefen dadurch ihren Genossen, welcher sich zu den
+Menschen verdingt hatte, in ihre Gemeinschaft zurück. Denn der Alb muss
+weichen, sobald sein Name genannt worden ist. Die Waldgeister haben
+die Waldtiere in Hut und Pflege, so gehören die Gemsen in Tirol den
+wilden Leuten, die schwedische skogsfru ist Herrin der Jagdtiere und
+der Jagd. Sie fordert eine Spende vom Jäger. Tiergestalt wird bei den
+Waldgeistern verhältnissmässig selten erwähnt. Die Holzfrauen sitzen
+zuweilen als Eulen auf den Bäumen; die seligen Fräulein auf hoher
+Alpspitze beschützen in Geiergestalt die Gemsen. Die Tiroler Fanggen
+erscheinen als Wildkatzen. Die dänische und schwedische Waldfrau trägt
+Tierfelle und Kuhschwanz, also halbtierische Gestalt.
+
+Der Zusammenhang der Waldleute mit Seelen und Maren ist deutlich
+ausgesprochen. Der Baumgeist wird in manchen Sagen aus der Seele eines
+Menschen, welcher darunter begraben liegt, abgeleitet. Die Seele des
+Verstorbenen geht in den Baum über und erfüllt ihn gleichsam mit
+menschlichem Leben, so dass Blut in seinem Geäder umläuft und beim
+Anhieb herausfliesst. Aus dem Munde eines im Kampfe gefallenen Königs
+erwächst eine hohe Eiche. Wenn jemand eines gewaltsamen Todes stirbt,
+haust die Seele des Erschlagenen bei Tage im nahen Baum, bei Nacht
+schweift sie in einem gewissen Bannkreis um den Blutbaum umher. In
+einem Waldschlosse bei Nürnberg wurden drei Jungfern verflucht und vom
+Blitze getötet; ihre Seelen fuhren in drei grosse Bäume. Ein Jäger
+hatte sich an einer Eiche erhängt. Der Herr, der seine Leiche fand,
+befahl, den Baum zu fällen. Aber Blut quoll unter den Axthieben hervor
+und rote Adern durchzogen den Stamm. Da verbrannten die Leute Stamm
+und Leichnam. Seitdem pirscht der Tote mit seinen Hunden gespenstisch
+im Walde umher. So lässt sich die Seele überhaupt in Tier- oder
+Menschengestalt ausserhalb des Baumes in dessen Nähe sehen. Der Baum
+gilt ferner als Lebensbaum, als Sitz des Schutzgeistes eines Menschen,
+gleichsam als sein Doppelgänger in der Pflanzenwelt. So lange der Baum
+grünt und blüht, gedeiht der Mensch, wenn der Baum verdorrt oder
+stürzt, geht der Mensch zu Grunde. Fortreisende verknüpfen oft ihr
+Leben mit einem in der Heimat eingepflanzten Baume. Wie der einzelne
+einen Schicksals- und Geburtsbaum hat, so auch die ganze Sippe. Die
+Dorflinde, der schwedische _vårdträd_ mag damit zusammenhängen. Der
+Hausbaum ist auch Sitz des Hausgeistes, des Ahnherrn, der seine
+Nachkommen beschützt. In allen diesen Vorstellungen spielen Baumseelen
+und Menschenseelen in einander, aus dem einen Aberglauben fliesst der
+andre, der Baumgeist und Waldgeist tritt von dem Augenblicke ins Leben,
+wo das Bewusstsein vom seelischen Ursprunge entschwindet.
+
+Aus dem Kreise des Marenglaubens stammen die Züge, dass die wilden
+Leute in Südtirol gelegentlich dem Wandrer auch aufhocken und sich
+dabei so furchtbar schwer machen, dass mancher der Last erlag oder
+doch krank wurde, ferner dass ein Moosweibchen einen Bauer anfällt und
+dergestalt drückt, dass er, obgleich stark von Natur, krank und elend
+wurde.
+
+Wie Bäume und Wälder von Geistern beseelt waren, so auch Getreide und
+Felder. Korngeister[104] spielen in Bräuchen und Sagen der Bauern
+eine grosse Rolle. Meistens erscheinen sie in Tiergestalt; als Hasen,
+Hirsche, Rehe, Schweine, Ziegen und Böcke, Katzen, Hunde, Wölfe
+hausen sie im Kornfeld, als Mann, Frau oder Kind schreiten sie durchs
+Gefild. Das nämliche Wesen, das im Wachstum des Waldes wirksam ist,
+zeigt sich auch im Leben des Korn- und Flachsfeldes und der Graswiese
+regsam. Mit den Bäumen wächst die Gestalt des Waldgeistes gerne
+ins Riesenhafte, im Felde überragt der Alb selten das gewöhnliche
+menschliche oder tierische Maass. Die Namen sind ohne Weiteres klar:
+Roggenwolf, Getreidewolf, Kornhund, Roggenhund, Heupudel, Kornkatze,
+Haferbock, Roggensau und Kornmutter, Kornfrau, Kornmume, Roggenmume,
+Hafermann, Getreidemann, der Alte, das Kornkind, das Ährenkind. Die
+Kornweiber gelten auch als Kinderscheuchen. Die Feldgeister verleugnen
+ihren Ursprung aus den Windelben (und im Winde leben die Seelen fort)
+nicht. Wenn der Wind das Getreide wogen macht, dann wird gesagt: die
+Kornmutter geht über das Getreide, die Wölfe laufen im Getreide,
+die wilden Schweine laufen drauf, die Wetterkatzen sind drinn. Die
+gespenstischen Wesen erblickte der Mensch in Gestalt von Tieren, die
+ihm oft genug im Ackerfeld begegneten. Die Pflanze galt gleich wie der
+Baum als der Leib des Geistes, dann aber auch nur als sein Wohnsitz,
+den er beliebig verlassen konnte. So entsteigen nach dem Alexanderlied,
+das freilich hier nicht germanischen Glauben abspiegelt, den Blumen
+wunderliebliche Elbinnen, die nur so lange am Leben bleiben, als
+ihre Blume blüht, mit deren Abwelken aber dahinsterben. In einem
+überall nachweislichen Erntebrauch tritt der Glaube an Feldgeister
+am deutlichsten zu Tage. Beim Schneiden oder Mähen des Ackerstückes
+flüchtete der Geist immer tiefer ins Getreide, er suchte den Schnittern
+zu entrinnen. Mit den letzten Halmen in der letzten Garbe wurde er
+gefangen. Damit verband sich nun allerhand Aberglaube. Entweder wurde
+er mit dem Abschneiden der letzten Ähren getötet oder beim Ausdreschen
+erschlagen, oder er wurde feierlich und ehrenvoll heimgeführt und
+zwar in Gestalt einer Getreidepuppe. Aus Wald- und Feldgeistern
+erhuben sich dann überhaupt Vegetationsgeister, die in Frühlings-,
+Sommer- und Herbstfesten eine bedeutsame Rolle spielen, worüber in
+Mannhardts Studien ausführlich berichtet wird. Von den Feldgeistern
+wird gelegentlich die Wechselbalgsage erzählt; so sucht die märkische
+Roggenmutter einer arbeitenden Bäuerin ihr Kind auf dem offnen Felde zu
+entwenden und dafür das eigne unterzuschieben (Deutsche Sagen Nr. 90).
+Die Feldgeister hängen mit Seelen und Maren zusammen. Sie überfallen
+in der Mittagszeit, wenn die Feldarbeiter ruhen, Männer und Frauen mit
+Alpdruck und machen sie krank.[105] Manchmal hält man die Korngeister
+für die Seelen Verstorbener, die auf der Gemeindemark umgehen müssen.
+War es doch alter Glaube, dass die Seelen in Pflanzen weiterleben,
+daran schloss sich unschwer die weitere Folgerung, dass sie darum
+keineswegs unlöslich an die Pflanze gebunden seien, vielmehr frei
+umherschweifen könnten.
+
+Die Feldgeister gehen segnend über Äcker und Wiesen, unter ihren
+Tritten gedeiht die Frucht. Aber sie verkehren ihren Segen auch in
+Schaden. Besonders in der Gestalt des _Bilwis_[106] verkörpert die
+Volkssage solche böse Geister. Ursprung und Sinn des Namens, der in
+mhd. Zeit auftritt und viel verderbt in nhd. Zeit noch fortlebt, der
+im Nds. _belwit_ lautet, sind nicht erklärt. Seiner Art nach ist
+der Bilwis ein plagendes, schreckendes, Haar und Bart wirrendes,
+Getreide zerschneidendes Gespenst, das in weiblicher und männlicher
+Gestalt auftritt. Er vereinigt in sich Elben- und Hexenart; Hexe und
+Bilwis werden in späterer Zeit geradewegs gleichbedeutend gebraucht.
+Der Bilwis wohnt im „_pilbispavm_“, wo er Opfer empfängt; er steht
+mithin zu den Waldgeistern. Er verfilzt die Haare, Hans Sachs
+gebraucht _verbilbitzen_ im Sinn von Haar verwirren. Dem Bilwis ist
+auch das verderbliche lähmende Elbengeschoss eigentümlich, mit dem
+er die Menschen siech macht. Als Mar erscheint er, wenn „_für dy
+pilbis_“ empfohlen wird, den Kindern beschriebene Zettel mit den
+Worten „_procul recedant somnia et noxia phantasmata_“ an den Hals
+zu hängen. Der Bilwis ist endlich der Geist eines bösen Menschen,
+der dem Nachbar schaden will, also seelisch. Die Bilwissagen haften
+vornehmlich im östlichen Deutschland, in Baiern, Franken, Vogtland
+und Schlesien, weshalb auch slavischer Ursprung des Wortes vermutet
+wurde. Am schlimmsten bethätigt sich das Gespenst im Bilwisschnitt
+oder Bockschnitt, im Durchschnitt des Getreidefeldes. Man findet oft
+fussbreite, niedergelegte Streifen im Korn, ein Schaden, der als das
+Werk des bösen Geistes bezeichnet wird. Auf einem Bocke reitet der
+Bilwis durchs Feld, oder der Bilwisschnitter geht Mitternachts, an
+den Fuss eine Sichel gebunden und Zauberformeln murmelnd, durch den
+reifenden Acker. Aus dem Teil des Feldes, den er durchritten oder
+durchschritten hatte, fliegen alle Körner dem Bilwis zu, und dem
+rechten Eigentümer bleiben die leeren Hülsen. Dem Zauber zu begegnen,
+gibt es Mittel. So wie die Bilwissagen uns vorliegen, sind sie
+schwerlich alt. Aber sie lehren, dass man an saatverderbende wie an
+saatfördernde Elbe glaubte. Dem Bauer musste vor allem daran gelegen
+sein, mit den Feldgeistern sich gut zu stellen.
+
+
+
+
+Die Riesen.[107]
+
+
+Riesen und Elbe sind weniger der Art als dem Maasse nach verschieden.
+Während diese vorwiegend die still und unsichtbar wirkenden
+Naturgeister sind, verkörpern die Riesen die rohen, ungezähmten
+Elementargewalten, das Ungeheure und Ungestüme, Finstre und Feindselige
+in der Natur. Bei den Riesen tritt der Zusammenhang mit Maren und
+Seelen mehr zurück, indem sie Gestalt und Wesen fast völlig aus dem
+Element, dem sie entspringen, zugeteilt erhalten. Wie die entfesselten
+Naturgewalten Angst und Schrecken unter den Menschen verbreiten, so
+sind die Riesen auch meistens feindselig und bösartig. Sie trachten
+nach Umsturz und Zerstörung, sie bedrohen die Weltordnung und sind die
+geschworenen Feinde der Götter und Menschen, welche die Erde wohnlich
+und wirtlich zu machen und zu erhalten bedacht sind. Gegen solche
+Kulturbestrebungen kehren sich hauptsächlich die Angriffe der Riesen.
+Sie sind die Dämone des kalten und nächtigen Winters, des ewigen
+Eises, des unwirtbaren Felsgebirges, des Sturmwinds, des verheerenden
+Gewitters, des wilden Meeres. Das älteste Geschlecht sind die Riesen.
+Indem sie nach nordischer Auffassung aus dem Chaos unmittelbar
+erwachsen, stellen sie die Naturmächte dar, welche vom Geiste noch
+nicht bewältigt sind. Sie sind daher voll unbändiger Kraft, wild und
+roh wie die Brandung des Meeres, das Geheul des Sturmes und die Wüste
+des Felsgebirges. Die Üppigkeit der Natur hat noch keine Beschränkung
+gefunden; darum sind ihre Leiber über alles Maass an Kraft, Grösse
+und Zahl der Glieder ausgestattet. Zuweilen ist aber ein Unterschied
+zwischen Riesen und Elben nur schwer anzugeben, indem dieselbe
+Naturkraft bald harmlos, bald gewaltsam sich äussert. Die Sage deutet
+dies dadurch an, dass der Zwerg zum Riesen aufwächst oder der Riese
+zum Zwerg einschrumpft. In einem Schweizer Dorf, dass durch Bergsturz
+verschüttet wurde, kehrte am Vorabend des Unglücks ein wandernder Zwerg
+bei Sturm und Regen ein und bat um Herberge. Er wurde von den Meisten
+mit Hohn abgewiesen, nur ein altes, armes, frommes Ehepaar am Ende
+des Dorfes gewährte dem wegmüden, regentriefenden Wanderer gastliche
+Aufnahme. Noch in der Nacht nahm er Abschied, um zur Fluh hinauf zu
+steigen. Bei Tagesanbruch wütete Unwetter, ein gewaltiger Fels löste
+sich vom Bergjoch los und rollte mit Bäumen, Steinen und Erde zum Dorfe
+hinab, Menschen und Vieh unter den Trümmern der Hütten und Ställe
+begrabend. Nur das Hüttchen der beiden Alten ward verschont. Mitten
+im Sturme sahen sie ein grosses Erdstück nahen, oben darauf hüpfte
+lustig das Zwerglein, als wenn es ritte, ruderte mit einem mächtigen
+Fichtenstamm, und der Fels staute das Wasser und wehrte es von der
+Hütte ab, dass sie unverletzt stand. Aber das Zwerglein schwoll immer
+grösser und höher, ward zu einem ungeheuren Riesen und zerfloss in
+Luft.[108] In der Nähe von Schleswig sah ein Schäfer plötzlich einen
+Mann vor sich aus der Erde steigen, der immer grösser und grösser
+ward, bis er endlich als ein Riese auf der Erde stand; bald aber ward
+er wieder kleiner und kleiner und sank langsam in die Erde hinein. Im
+wilden Mieminger-Alpsee in Tirol wohnt eine Wassernixe. Bisweilen lässt
+sie sich blicken und schwebt wie ein Nebel über dem kleinen See, wächst
+hoch auf und macht sich wieder klein. Solche Sagen bilden sich wol
+aus der wechselnden Nebelsäule, die als gespenstische Gestalt gefasst
+wird. Saxo im Buch 1, S. 36 berichtet von der Riesin Harthgrepa (an.
+Hardgreip), der hart Zugreifenden. Sie konnte sich in jede Gestalt und
+Grösse verwandeln, bald war sie himmelhoch, bald klein und niedrig.
+Die Waldfrauen der Tiroler Sage, welche vom wilden Jäger gehetzt
+werden, erscheinen in doppelter Gestalt, bald elbisch, bald riesisch,
+so besonders die sog. Fanggen in Südtirol. Aus Hreidmars Geschlecht
+stammen Fafnir, der Riesenwurm, und Regin, der ein Zwerg von Wuchs war.
+Trotzdem heisst Regin im Fafnirliede 38 _enn hrímkaldr jǫtonn_, der
+eiskalte Riese, was im Hinblick auf die eben erörterten Vermischungen
+riesischen und elbischen Wesens nicht so unmöglich klingt und
+keineswegs notwendig nach _Fǫ́fnismǫ́l_ 34 geändert zu werden braucht.
+Jedoch sind solche Mischungen verhältnissmässig selten, Elbe und Riesen
+sind in den alten Quellen meistens nach Gebühr verschieden gestaltet
+und verschieden geartet.
+
+
+1. Die Benennungen der Riesen.
+
+Die gewöhnlichen Bezeichnungen der Riesen sind folgende. An. _jǫtonn_
+(lappisch _jetanas_), ags. _eoten_, as. _etan_ (aus Ortsnamen wie
+_Etanasfeld_, _Etenesleba_ erschlossen) weisen auf urgerm. _etanaȥ,_
+vermutlich zu _etan_, essen, gehörig, also _edax_, gefrässig.[109]
+Im Neunds. weist J. Grimm das Femininum _eteninne_, Riesin nach.
+An. _þurs_ (finn. _tursas_) ist vielleicht aus älterem _þuris_
+hervorgegangen. Im Abecedarium Nordmannicum (Müllenhoff-Scherer,
+Denkmäler No. V) wird die Rune þ mit _thuris_ bezeichnet, und auf
+dieselbe Urform weisen ahd. _duris_, _thuris_, mhd. _dürs_, _türs_,
+alem. _dürsch_. In Eigennamen wie _Thurismuth_, _Turisind_ begegnet
+das Wort auch bei Goten und Langobarden. Aus älterem _þuris_ ist auch
+ags. _þyrs_ entwickelt. Mhd. ist ausserdem die schwache Form _türse_,
+vielleicht auch schon ahd. _turso_ vorhanden; dazu steht der Ortsname
+_Tursinriut_, Tirschenreut. Über die Formen des Wortes im Neunordischen
+und Neudeutschen (z. B. nds. _dros_ mit Metathesis aus _durs_) sind
+die Mundartwörterbücher nachzulesen. Die germanische Grundform darf
+mithin als _þurisaȥ_ angesetzt werden, und diese scheint aus dem
+adj. _þuraȥ_[110], skrt. _turas_, stark, kraftvoll abzustammen. Der
+_þurs_ ist also der Starke. Auf skrt. _vṛšan_, stark, kräftig, weist
+der nur im Deutschen belegte Ausdruck „Riese“ (ahd. _risi_ und _riso_
+aus _wrisi_, wie as. _wrisil_ und _wrisilîc_ lehren) hin. Im An., wo
+das Wort namentlich in der Zusammensetzung _bergrisi_ vorkommt, ist
+es vermutlich aus dem Nds. entlehnt. Im Mhd. findet sich _hiune_,
+mds. _hûne_ für Riese, im Neuniederdeutschen _hüne_[111] ist das Wort
+bewahrt. Ein entsprechendes älteres *_hunio_ ist nicht nachweislich,
+wol aber wahrscheinlich. Viele altgermanische Eigennamen enthalten
+den Stamm wie z. B. _Hûn_, _Hûnila_, _Hûnarîx_, _Hûnirîx_, _Hûnimund,
+Hûnolt_ u. s. w. Mit dem Volksnamen der Hunnen (ahd. _Hûni_, mhd.
+_Hiune_) fand frühzeitige Vermischung statt, schwerlich aber ist das
+germanische Wort dorther zu leiten. Schon längst ist auf an. _húnn_,
+Bär hingewiesen, ein Wort, das in der Form _hûnoȥ_ als gemeingermanisch
+anzusetzen ist. _Hû-na_ entstammt einer Wurzel, welche mit anderer
+Ableitungssilbe im Aind. und Apers. als _çû-ra_, im Griech. als κῦρος
+κύριος wiederkehrt. Der Sinn geht auch hier auf Kraft und Kühnheit.
+_Hûnaȥ_ ist also wie _þurisaȥ_ und _wriso_ der Starke, Kräftige.
+Das Ags. gewährt noch _ent_, plur. _entas_ für Riesen, einmal als
+Übersetzung von _gigas_. In den baierischen Mundarten erscheint ein
+verstärkendes Präfix _enz_- mit dem Begriff von ungeheuer, gewaltig,
+und dazu das adj. _enzerisch_ (Schmeller, Bayer. Wb. 1², 117).
+Vielleicht gehört auch der _Enzensberg_, _Enzinsperig_ als Riesenberg
+hierher. Aber sicher ist hds. _enz_ neben ags. _ent_ keineswegs. Die
+neunordischen Sprachen gebrauchten die allgemeine Bezeichnung der
+Unholde, _troll_, mhd. _trol_, _trolle_, die ursprünglich dem Kreise
+der Marenvorstellungen zukommt, mit Vorliebe für die Riesen. Frühzeitig
+wurde im Ags. und Ahd. _gigant_ entlehnt und sogar in ungelehrten
+Werken z. B. im Beowulf neben den heimischen Benennungen angewandt.
+
+
+2. Gestalt, Aussehen und Art der Riesen.
+
+Eine grosse, menschliches Maass weit überragende Gestalt wird allen
+Riesen beigelegt, sie stehen gleich Bergen und hohen Bäumen, starr und
+unbeholfen. In den Riesen waltet volle ungebändigte Naturkraft, die
+zu wildem, trotzigem Übermut entarten kann. Die Riesen zumal in den
+älteren Quellen erscheinen wolgebildet und von vollkommenem Wuchs,
+so Aegir, Thrym und Thjazi. Thrym, ein behaglicher stattlicher Mann,
+der Thursenbeherrscher, sitzt auf dem Hügel und flicht seinen Hunden
+goldene Halsbänder, glättet seinen Rossen die Mähne; Aegir führt
+gastliche Wirtschaft. Einzelne Riesinnen sind sogar ausnehmend schön,
+so Gerd, von deren glänzenden Armen Luft und Wasser wiederleuchten.
+Skadi des Thjazi Tochter ist ebenso schön, der Gunlod naht Odin in
+Minne. Dem edlen Äussern entspricht auch ihr wolbestelltes Innere.
+Erfahrung, Vielwissenheit, Gutmütigkeit und Gastfreundschaft schmücken
+das Riesengeschlecht, der kindliche Frohsinn friedlicher einfacher
+Verhältnisse lagert über ihnen, und daraus entspringt ihre Treue.
+_Barnteitr_, froh wie ein Kind, ist Aegir. Ihr hohes in die Urzeit
+hinaufreichendes Alter gewährt den Riesen tiefe Weisheit. _Hundvíss_,
+vielwissend, _fjǫlkunnigr_, vielkundig werden sie genannt. Wafthrudnir,
+von dem Odin Kunde der Vorzeit erfragt, ist _enn alsvinne jǫtonn_,
+der allweise Riese, dem Örgelmir und Bergelmir wird das Beiwort _enn
+fróþe_, der Kluge gegeben. Fenja und Menja sind _framvísar_, Zukunft
+wissend. _Trolltryggr_, treu wie ein Riese, ist eine sprichwörtliche
+Redensart, welche auf die unverbrüchliche Treue der Riesen hinweist.
+Übermütig, hochgemut (_stórúþegr_) ist Hrungnir, ebenso heisst ein
+deutscher Riese in der Virginal 890 _Hôhermuot_. _Þrúþmóþegr_,
+thatkräftig, _harþmóþegr_, rauh, _ámáttegr_, übermächtig werden Riesen
+genannt. Aus ihrer gutmütigen Ruhe aufgereizt geraten die Riesen
+aber in grossen Zorn, _jǫtonmóþr_. Deutsche Gedichte und Volkssagen
+schildern solchen Zustand. Wenn die Riesen im Zorne entbrennen, so
+schleudern sie Felsen, reiben Flamme aus Steinen, drücken Wasser aus
+Steinen, entwurzeln Bäume, flechten Tannen wie Weiden und stampfen
+mit dem Fuss bis ans Knie in die Erde. Widolt im König Rother
+wird seines unbändigen Wesens halber in Fesseln gelegt und nur im
+Kampf gegen den Feind losgelassen. Steine und Felsen, Baumstämme
+sind des Riesengeschlechtes Waffen, allenfalls auch Steinschilde,
+Steinkeulen, Stahlstangen. In der Bewaffnung verkörpert der Riese dem
+wolgerüsteten, mit Speer und Schwert bewehrten Helden gegenüber ein
+uraltes vergangenes Geschlecht, das noch keine kunstvollen Waffen
+zu schmieden verstand. Neben den wolgestalteten, gutartigen Riesen
+stehen aber ebensoviele ungestaltige, bösartige. Die nordischen
+Riesennamen Swart, Alswart, Swarthöfdi (Schwarzkopf), Surt, Blain
+(dunkel), Syrpa (die Schmutzfarbige) geben den Unholden hässliche,
+abschreckende Farbe, Lodin (der Zottige) und Lodinfingra (die
+Zottelfingrige) zeigen sie behaart und zottig, Liota ist die Garstige.
+Diesen allgemeinen Eigenschaften gesellen sich besondere. Jarnhaus
+(Eisenschädel), Hardhaus (Hartschädel) erweisen die Hartnäckigkeit der
+ungeschlachten Gesellen, Wagnhofdi muss einen Kopf wie einen Wagen so
+gross gehabt haben, Skalli ist ein grosser Kahlkopf. Die Nase war von
+ungewöhnlicher Grösse und Dicke, wovon Nefja (die Benaste) ihren Namen
+trug. Skinnnefja die Pelznasige, Hornnefja die Hornnasige, Jarnnef
+der Eisennasige verraten solche Entstellung. Bei Henginkjapt und
+Henginkepta hängt der Kiefer herab, Muli ist der Grossmäulige. Um Wange
+und Kinn starrte ein struppiger Bart, kalter Hauch wehte daraus, wie
+die Namen Þistilbarð (Distelbart) und Kallrani (kalter Rüssel) lehren.
+Vom Riesen Hrungnir wird berichtet, sein Kopf und Herz seien aus Stein
+gewesen. Auf den weitausschreitenden Gang zielen Namen wie Stígandi,
+Hástigi, Steiger und Hochsteiger, auf den zermalmenden Griff der
+breiten Hände die Namen Greip, Hardgreip, Widgrip, auf Riesenstärke,
+die gewaltige Thaten vollbringt, Sterkir, Starkad, Hardwerk, Fjolwerk,
+Storwerk. Neben dem Gattungsnamen _etanaȥ_ weist auch der besondere
+Eigenname Wolvesmage (Virginal 882) auf die wölfische Gefrässigkeit.
+So sind die Riesen in ihrem Äusseren und ihrem Gebahren unerfreulich,
+schrecklich, feindselig. Sowol nordische wie deutsche Überlieferung
+hebt nicht nur die Missgestalt, sondern auch die Ungestalt einzelner
+Riesen hervor. Eines dreiköpfigen Thursen gedenkt das Skirnirlied 31,
+eines sechsköpfigen das Wafthrudnirlied 33; im Hymirlied 35 bricht
+die vielköpfige Riesenschaar aus den Berghöhlen hervor, Hymirs Mutter
+hat gar neunhundert Köpfe. _Drîhouptige tursen_, siebenköpfige Riesen
+erwähnen auch deutsche Märchen. Die Zahl der Arme, Hände, Elbogen
+werden verdoppelt und verdreifacht (J. Grimm, Myth. 360). Kaum aus
+unverfälschter germanischer Sage, vielmehr aus fremden orientalischen
+Einwirkungen mögen solche Vorstellungen entstanden sein. In den
+hässlichen, schrecklichen Riesen wohnt auch böse Gesinnung. An Stelle
+der Weisheit tritt Stumpfsinn, im Nordischen ist _dumbr_ und _stumi_,
+stumm und dumm, im Deutschen _tumbo_ eine Bezeichnung der Riesen. Der
+dumme Riese und sein christlicher Vertreter, der dumme Teufel wird
+nicht allein durch Heldenkraft, sondern auch durch List und Schlauheit
+überwunden.
+
+Den Riesen ist im allgemeinen der Wohnsitz in dem Elemente, das sie
+verkörpern, zugeteilt. Jedoch kennt die Sage auch ein besonderes
+Riesenland (Rother 767), im Norden _jǫtonheimr_. Die Norweger verlegten
+Riesenheim in den Norden oder Osten, aufs unwirtliche unzugängliche
+Hochgebirge. Auf der Grenze ist Grjótúnagard, Bezirk der Steingehege.
+Dort wohnt das Thursenvolk, als dessen Beherrscher (_þursa dróttenn_)
+Thrym bezeichnet wird. Sonst werden die Riesen mit andern Unholden wol
+auch in _Utgard_ unter dem Beherrscher Utgardloki wohnhaft gedacht.
+
+In den nordischen Quellen sind die Riesen in die Göttersage verwoben,
+in den deutschen Gedichten erscheinen sie als besonders starke,
+wilde und gefährliche Männer. Hier wie dort stehen sie meistens der
+Weltordnung feindlich gegenüber.
+
+ „Denn die Elemente hassen
+ das Gebild der Menschenhand.“
+
+Darum sind die Riesen gewöhnlich bösartig, auf gewaltsamen Umsturz
+bedacht. Im Norden sind die Riesen von den Göttern bezwungen und in
+wolthätige Schranken gebannt, gleichwol aber stets von der Hoffnung
+beseelt, das urzeitliche Chaos wieder heraufzuführen, ihre verlorene
+Herrschaft durch Vernichtung aller göttlicher und menschlicher Ordnung
+wieder an sich zu reissen. In deutscher Sage unterliegen die Riesen den
+Helden, welche zur Bekämpfung der gewaltthätigen Unholde erschaffen
+sind. Die Herrschaft des Geistes über die Natur ist der Grundgedanke
+der Riesensagen. Sehr ergiebig ist die noch lebende Volksüberlieferung.
+Von Norwegen bis Tirol begegnen die Riesen überall mit denselben Zügen,
+mit derselben Wildheit und plumpen Gutmütigkeit. Im Norden und Süden,
+im Meer und auf dem Hochgebirge, wo der Mensch die Wut der entfesselten
+Elemente mehr verspürt, sind die Riesen hauptsächlich zu Hause, weniger
+im mittleren Deutschland. Riesenschlangen und andre Ungetüme entsteigen
+den Gewässern. Kleine Sandhügel und erratische Granitblöcke rühren
+von Riesen her. In den norwegischen Gebirgen und in den süddeutschen
+Alpen ragen die versteinten Leiber der Riesen auf und gewaltige
+Naturereignisse bezeugen ihr fortdauerndes Leben. Mit Felsen und Bäumen
+bekämpfen sich die Riesen, ungeheure Blöcke schleudern sie gegen
+die verhassten Kirchen, ihr Vieh treiben sie mit Bäumen als Gerten
+zusammen, ganze Hügel streichen sie von den Schuhen oder schütten sie
+daraus, als ob es Sandkörner wären. An vielen Orten werden die Spuren
+ihrer Füsse, Finger oder Sitzteile in Steinen gezeigt.
+
+Die Riesen gelten als treffliche Baumeister. Uralte Steinbauten, Burgen
+und Wege pflegt das Volk den Riesen oder dem Teufel[112] zuzuschreiben,
+wie die griechische Sage von Kyklopenmauern meldet. Dafür zeugt der
+Heliand und die angelsächsische Dichtung. Eine hochragende Felsenburg
+auf Bergesgipfel wird im Hel. 1397 ein Riesenwerk (uurisilic giuuerc)
+genannt.[113] Riesenberge (nds. wrisberg) können als Wohnsitz oder
+Bauwerk von Riesen so heissen. Im Beowulf 2718 wird die Drachenhöhle
+als _enta geweorc_ bezeichnet, wo Steinbögen auf Pfeilern die Erdhalle
+stützen. Riesenwege (_jǫtna vegar_, _entiscen wec_, _trollaskeiđ_)
+sind wol alte gepflasterte Heerstrassen, welche die Germanen ebenso
+wie die römischen Steinbauten bewunderten und deren Ursprung der
+Volksglaube allmälig auf übermenschliche Wesen zurückführte. Aus dieser
+Vorstellung erwuchs die Sage vom Riesenbaumeister, welche in der Edda
+und in zahlreichen nordischen und deutschen Volkssagen auftaucht. Ein
+Riese, ein Unhold, der Teufel, erbietet sich, gegen Lohn einen Bau bis
+zu einer bestimmten Zeit auszuführen. Meist verlangt er die Seele des
+Hausherrn oder eine Jungfrau, also ein Menschenopfer. Aber durch List
+gelingt es, die Arbeit im letzten Augenblick so aufzuhalten, dass zur
+gesetzten Frist noch eine Kleinigkeit fehlt. Damit ist der Riese um
+seinen Lohn betrogen. Der heilige Olaf liess auf diese Weise vom Troll
+sogar eine Kirche bauen.[114]
+
+An einzelne Felsblöcke, die in der Ebene verstreut liegen, an Hügel,
+Sanddünen, kleine Inseln knüpfen gerne Riesensagen an, welche die
+örtlichen Erscheinungen auf Riesenthaten zurückführen. Wenn im schmalen
+Sunde wie etwa zwischen Rügen und Pommern, Seeland und Schonen kleine
+Inseln aufragen oder am Gestade Hügel sich erheben, so sind es Spuren
+von Dammbauten, welche einst Riesen beabsichtigten, um trocknen Fusses
+über das Wasser gehen zu können und nicht immer durchwaten zu müssen.
+Die Erdhaufen im Wasser und am Lande entstanden dadurch, dass Sand und
+Steine durch Löcher aus den Schürzen der Riesen herausfielen. Grosse
+Steine, die an solchen Orten liegen, dass das Volk nicht begreifen
+kann, wie sie dahin kamen, wurden von Riesen wie Sandkörnchen aus den
+Schuhen geschüttet. Damit wird auch humoristisch übertreibend die
+gewaltige Grösse des Riesen angezeigt, dem ein ansehnlicher Felsblock
+nur wie ein kleines Steinchen im Schuh ist. Manchmal sind die Steine
+aber auch von Riesen geworfen, und deutlich erkennt man darin die Spur
+ihrer fünf Finger abgedrückt. Meilenweit reicht der Wurf der Riesen,
+meilenweit der Schall ihrer Stimme. Der Wurf ist oft feindselig gegen
+Menschenwerk, besonders gegen Kirchen gerichtet, verfehlt aber sein
+Ziel. Sümpfe und Pfützen sind aus dem Blute entstanden, das aus der
+Wunde eines Riesen hervorströmte, wie in der nordischen Schöpfungssage
+Ymirs Blut die ganze Welt ertränkt und das Meer erfüllt.
+
+Das riesische Übermaass schildern ziemlich ähnlich die nordische Sage
+und ein deutsches Kindermärchen. Skrymir, der sich auf der Fahrt
+nach Utgard zu Thor gesellt, wird vom Hammer des Gottes mehrmals im
+Schlafe getroffen. Das erste Mal fragt Skrymir, ob ein Blatt Laub auf
+ihn herabgefallen sei, das andre Mal, ob ihm eine Eichel ins Gesicht
+fiel, das dritte Mal meint er, Vogelmist falle von den Zweigen auf
+sein Haupt herab. Thor aber hatte immer mit voller Kraft zugeschlagen.
+Im Märchen (bei den Brüdern Grimm Nr. 90) werden Mühlsteine auf den
+Riesen im Brunnen hinabgeworfen, und er ruft: „Jagt die Hühner weg,
+die da oben im Sande kratzen und mir Körner in die Augen schmeissen!“
+Wie der Riese heraussteigt, sagt er: „Seht einmal, ich habe doch ein
+schönes Halsband um“, da war es der Mühlenstein, den er um den Hals
+trug. Weit verbreitet ist auch die Sage vom Riesenspielzeug, wie eine
+Riesentochter den pflügenden Ackermann aufnimmt und in ihrer Schürze
+dem Vater heimträgt.
+
+Ganz besonders reich an Riesensagen ist Tirol, wo auch im Mittelalter
+die Riesenkämpfe Dietrichs von Bern und seiner Gesellen sich abspielen.
+Weinhold (Riesen S. 305) stellt die wesentlichen Züge zusammen: „Da
+fährt der Bauer mit allem Zeug in einen gestrüppvollen Hohlweg, und
+das ist zum Unglück das Nasenloch des Riesen, der ihn samt Ochsen und
+Wagen in die weite Welt hinausniest; da wird von dem Brüllen eines
+Riesen in seiner Höhle der ganze Glunkezer Berg morsch und stürzt jetzt
+ein, weshalb die andern wilden Männer sich lieber ruhig verhalten; da
+ist der Riese so hoch, dass der Bauer, der ihm dient, auf eine Tanne
+steigen muss, wenn er ihm was zurufen will; da treffen wir auch noch
+alte gute Eigenschaften der ungeheuren Gesellen. Weichherzig weinen
+sie über verunglückte Tiere, schützen die Waldvögel und das Alpenvieh,
+sagen das Wetter voraus und lehren die Bauern manches Nützliche; denn
+sie sahen den Urwald schon neun Mal fällen und wachsen und erfuhren
+deshalb so mancherlei. Der und jener Wilde sperrt sich auch ein seliges
+Fräulein in den Singkäfig, statt es zu zerreissen, wie ihre Sitte
+sonst ist. Auch suchen sich einige den Menschen zu nähern. Mancher
+Riese kehrte über den Winter in Bauernhöfen ein und erwies sich im
+Sommer darauf für die Herberge dankbar, indem er den Hof vor wilden
+Wassern und Bergfällen schirmte. Riesentöchter spannen Liebschaften mit
+starken Bauern an und, wenn diese nicht beim ersten Kuss an gebrochenen
+Rippen verschieden, heirateten sie sich und wurden die Stammeltern der
+Unholde und der Starken, welche an vielen Orten bis in die jüngste
+Zeit fortlebten. So bewegt sich die Vorstellung von den Riesen im
+Volke noch heute auf denselben Wegen, die ihr im ältesten Heidentume
+gebaut wurden.“ Die Riesenart, wie sie in der neuisländischen Sage sich
+äussert, schildert Maurer (isl. Volkssagen S. 38 ff.) also: „An Wuchs
+und leiblicher Stärke die Menschen weit überragend, sind die Tröll wild
+und unbändig, dumm, gefrässig und blutdürstig; andererseits aber sind
+sie daneben doch auch wieder geheimen Wissens und Könnens voll, dabei
+gutmütig, ehrlich, und zumal treu wie Gold. Gegen Beleidigungen sind
+sie sehr empfindlich und suchen solche schwer zu rächen; andererseits
+aber erweisen sie sich auch dankbar für empfangene Wolthaten, und
+erzeigen sich auch wol ohne solche Veranlassung den Menschen hilfreich.
+Als Menschenfresser werden sie oft genug geschildert; andererseits aber
+sind auch wieder Liebschaften zwischen Riesen und Menschenweibern,
+oder umgekehrt zwischen Menschenmännern und Riesinnen nicht selten.
+Wenn auch in mancher Hinsicht verunstaltet, werden die Tröll doch
+immer wesentlich menschlich gestaltet gedacht; aber sie erscheinen
+gewissermaassen als ein älteres Geschlecht von Menschen, sie sind zumal
+dem Christentum feindlich und suchen dessen Fortgang auf jede Weise
+zu hemmen. Sie wohnen auf felsigen Gebirgen und in Berghöhlen; leben
+von der Jagd, dem Fischfange und allenfalls von der Viehzucht; als
+wesentlich nächtliche Geschöpfe vermögen sie das Tageslicht nicht zu
+ertragen, und springen in Stein, sowie sie von der Sonne beschienen
+werden.“ In vielen Sagen, aber auch in manchen sprichwörtlichen
+Redensarten begegnen die erwähnten Eigenschaften der Riesen. Die
+Ausdrücke, welche Riesinnen bezeichnen, wie _skessa_, _flagđ_
+u. dgl. werden in tadelndem Sinne von Weibern gebraucht, die durch
+unordentliche Haltung, heftige Bewegungen, maasslose Heftigkeit Anstoss
+geben. Will man bezeichnen, dass einer stier und dumm verwundert eine
+Sache anstarre, so braucht man wol den Ausdruck: etwas anglotzen wie
+der Riese das Himmelreich, das ihm, dem Christenfeinde, natürlich
+völlig verschlossen und fremd ist. Wiederum spricht man in lobendem
+Sinne von _tröllatryggđ_, Riesentreue, oder sagt von einem Manne: _hann
+er mestr tryggđatröll_, er ist der vollständigste Treuriese; es gilt
+auch das Sprichwort: _tröll eru í tryggđum bezt_, die Riesen sind am
+besten, soweit Friedensverträge in Frage stehen, _tröll gánga trauđt á
+griđ sín_, die Riesen brechen nicht leicht ihr Friedensgelöbniss.
+
+Riesische Wesen in Tiergestalt sind nicht selten. Dahin gehören der
+Midgardswurm, der Adler Hräswelg, von dessen Schwingen die Winde
+ausgehen, der Wolf Fenrir, die Sonnen- und Mondwölfe. Riesennamen
+wie Kǫtt (Kater), Hyndla und Mella (Hündin), Trana (Kranich), Kráka
+(Krähe) weisen aufs Tierreich. Die Sage meldet auch von Verwandlungen:
+so erscheint Thjazi als Riesenadler, Fafnir nimmt Wurmsgestalt an
+und liegt auf dem Hort, im hürnen Seyfrid 22 wird der Drache zu
+einem Menschen, zunächst für einen Tag, nach fünf Jahren soll er für
+immer menschliche Gestalt gewinnen. Die Verwandlungsfähigkeit der
+Riesen ist aber im allgemeinen seltener als die der Elbe und wol von
+dorther entlehnt. Dem ungeschlachten Riesen steht die geschmeidige
+Beweglichkeit des Albs nicht wol an. Wie die Elemente zu Riesen wurden,
+lehrt eine ziemlich junge norwegische Sage, worin die gewöhnlichen
+Bezeichnungen, welche die Sprache für die Naturerscheinungen
+besitzt, persönlich genommen und in Verwandtschaftsverhältniss zu
+einander gesetzt sind. Auf ähnliche Weise dürften auch die älteren
+Riesengestalten entstanden sein. Als die ältesten Bewohner Norwegens
+gelten die Riesen, Forniots Geschlecht. Des Stammvaters Namen und Art
+ist noch nicht sicher aufgeklärt[115], über seine Nachkommenschaft[116]
+aber kann kein Zweifel aufkommen, ihr Wesen ist durchsichtig. Von
+Forniot stammen die Söhne Hler, Logi und Kari; der erste, auch Aegir
+genannt, waltete über das Meer, der zweite über die feurige Lohe,
+der dritte über die Winde. Logi bedeutet Lohe, Kari Wind. Von Kari
+entspringen Jokul (Gletscher), von diesem Snær (Schnee), dessen Kinder
+waren Thorri (Januarmonat), Fonn (Schneehaufe), Drifa (Schneetrift),
+Mjoll (feiner glänzender Schnee). Nach anderem Bericht ist Frosti
+(der Frost) des Snær Vater. Kalt weht es aus diesem Zweige des
+Riesengeschlechtes von dem norwegischen Hochgebirge herunter. Über
+die untersten Ansätze der Mythenbildung, die Personificierung blosser
+Begriffe, geht eine Sage vom König Snær oder Snio hinaus, welche
+Uhland (Schriften 6, 23) so auslegt: „Wenn bei Saxo der Dänenkönig
+Snio seinen vermummten Boten nach einer schönen Königin in Schweden
+ausschickt, wenn der Bote ihr leise, leise zusingt: Snio liebt dich,
+und sie ebenso, kaum hörbar, entgegenflüstert: Ich lieb ihn wieder,
+und wenn sie dann die verstohlene Zusammenkunft auf den Anfang des
+Winters bestimmt; wenn nach der Saga von Sturlaug dieser norwegische
+Jarl und nachmalige König in Schweden seinen Pflegbruder Frosti nach
+der schönen, lichtgelockten Mjoll, der Tochter des Finnenkönigs Snær,
+aussendet und Frosti die mit ihm Entfliehende unter dem Gürtel fassen
+muss, worauf sie rasch im Winde hinfahren; oder wenn nach dänischen
+Chroniken Snio ein Hirte des Riesen Lä (Hler) auf Läsö ist, so erahnt
+man wol noch bald das leise Gesäusel der niederfallenden Flocken, bald
+den stürmischen Flug des glänzenden Schneegestöbers, bald den dichten
+Trieb der Schneewolkenherde vom Meere her, dem Gebiete des Hlers, in
+seltsame Märchenbilder verwandelt.“ Von Logi, der mit dem Namenshelden
+der norwegischen Landschaft Halogaland als Halogi zusammengeworfen
+wird, erfahren wir noch, dass seine Frau Glod, die Glut, hiess; seine
+Töchter waren Eysa und Eimyrja, Glutasche. Von Hlers Sippe, seinen
+Wellentöchtern wird unten Näheres zu berichten sein. So waltet also das
+Riesengeschlecht in Luft, Feuer und Wasser. Besonders der Wind, der von
+den Gletschern herunter weht und Schnee daher treibt und aufhäuft, ist
+ihr Element.
+
+Die Volkssage schreibt den Riesen hohes Alter zu. Noch im späten
+Mittelalter gelten Zwerge und Riesen für älter als die Menschen. Die
+nordische Mythologie versetzt die Riesen in das uranfängliche Chaos,
+aus dem sich der Urriese Ymir (auch Örgelmir oder Brimir genannt)
+als erstes leibliches Gebilde erhebt. Somit sind die Riesen auch
+älter als die Götter, und die nordische Sage führt diese Thatsache
+folgerichtig dahin aus, dass von den Riesen vor allen tiefste Weisheit
+über urweltliche Zustände und Ereignisse zu erholen ist. Ymir, der aus
+der Mischung der Elemente unmittelbar erwuchs, ist der Ahnherr aller
+Riesen. Selbst die Götter sind den Riesen verschwägert. Bur nahm eine
+Riesin, Bestla des Bolthorn Tochter, zur Frau. Mimir scheint ihr Bruder
+und Bolthorns Sohn gewesen zu sein. Von Bur und Bestla entstammten aber
+Odin, Wili und We. Jedoch die ganze Schöpfungssage und das Verhältniss
+der Götter und Riesen steht unter fremden Einflüssen, wie später
+ausgeführt wird.
+
+Wie die Elbe so haben auch die Riesen zuweilen etwas Scheues,
+Heidnisches an sich, sie gebärden sich wie ein bedrängter Volksstamm,
+der im Begriff steht, die alte Heimat den neuen mächtigen Ankömmlingen
+zu überlassen. In der Sage vom Riesenspielzeug betrachtet die
+Riesentochter die Menschen als kleine Erdwürmer, der alte Riese
+aber weiss, dass sein eignes starkes Geschlecht den unscheinbaren
+Geschöpfen unterliegen muss. Dem Christentum sind die Riesen feind,
+sie schleudern Felsen gegen Kirchen. Aber sie müssen weichen. Als der
+heilige Gallus in stiller Nacht die Netze zum Fischen auswarf, vernahm
+er die Zwiesprache zwischen einem Bergriesen und einem Wasserriesen,
+die darüber Klage führten, dass der neue Glaube ihre Macht breche,
+dass sie selber aber ihren Feinden, den Gottesmännern, welche sich mit
+dem Gebet schützten, nicht an könnten. Da bekreuzigte sich Gallus und
+bannte sie aus der Gegend[117]. So feindselig die Riesen aber auch im
+allgemeinen dem neuen Glauben entgegen stehen, so macht sich doch auch
+wie bei den Elben zuweilen die Sehnsucht bemerkbar, seiner Segnungen
+teilhaftig zu werden. In der Sage von Þorstein uxafót Kap. 6 richtet
+ein Erdriese (jarðbúi), der ihn in einem Kampfe unterstützt hatte, die
+Worte an Thorstein: „Du wirst auch einen Glaubenswechsel mitmachen,
+und dieser Glaube ist viel besser für die, die ihn annehmen können.
+Aber die müssen zurückbleiben, die nicht hiezu geschaffen sind, und so
+sind wie ich; denn ich und meine Brüder waren Erdriesen. Nun schiene
+mir aber viel daran zu liegen, dass du meinen Namen unter die Taufe
+brächtest, wenn es dir beschieden wäre, einen Sohn zu bekommen.“ Ebenso
+verlangt der Riese Armann, der dem Hallward im Traume erschien, „wenn
+es dir möglich wird, sollst du meinen Namen unter die Taufe und unter
+das Christentum bringen“[118].
+
+
+3. Wasserriesen.
+
+In die Welt der riesischen Meerungeheuer eröffnet das ags. Gedicht
+Beowulf einen Einblick. Schon in früher Jugend erwarb sich Beowulf
+Ruhm bei seinem mehrtägigen Wettschwimmen mit Breca. Mit dem Schwerte
+musste er sich der Angriffe der Meerfische (_hronfixas_, _merefixas_)
+erwehren, die ihn auf den Grund zu ziehen trachteten. In den Wogen
+erschlug er neun Nixe (_niceras nigene_). Dadurch ist er vorbereitet
+auf seine grösste Heldenthat, den Kampf mit Grendel und seiner Mutter.
+In die Halle Heorot, welche der Dänenkönig Hrodgar erbaut hatte, drang
+allnächtlich Grendel, ein Unhold, der die Insassen mordete und den Saal
+verödete, bis Beowulf der Geatenheld übers Meer den Dänen zu Hilfe
+eilte, mit Grendel kämpfte, ihn auf den Tod verwundete, endlich in
+seine Behausung auf dem Meeresgrund drang, dort Grendels Mutter tötete
+und dem Unhold selber das Haupt abschlug. Die schwierigen Fragen, die
+mit dem Beowulfmythus und Gedicht[119] zusammenhängen, berühren uns
+hier nicht, wir entnehmen daraus nur, was die Angelsachsen und wol
+überhaupt die Seegermanen unter Wasserdämonen sich vorstellten. Mit
+Grendel d. h. Schlange ist ein Dämon der zerstörenden Gewässer gemeint,
+sei es der Sturmfluten an der Nordseeküste, sei es der fieberbringenden
+Sümpfe, die infolge der Überflutungen sich bildeten. Einseitig fasste
+Müllenhoff Grendel als Sturmflut, Uhland und Laistner erklärten ihn als
+Verkörperung der Seuchen und Plagen einer versumpften und verpesteten
+Meerbucht, die geräuschlos zur Nachtzeit im Nebel aufsteigen und den
+Menschen beschleichen. Kögel findet mit Recht beide Plagen, Sturmflut
+und Sumpffieber in Grendel verleiblicht. Grendel ist nach den Worten
+des Gedichtes der kundbare Grenzgänger, der Moore, Sumpf und Strand
+(_móras, fen and fæsten_) inne hat. Immer wieder wird die neblige
+moorige Heimat hervorgehoben (_héold mistige móras_). Vom Moor unter
+den Nebelklippen (_of móre under misthleoþum_) kommt Grendel zum
+Metsal geschritten, er watet in Wolken gehüllt daher (_wód under
+wolcnum_). Wie ein Nebelstreif zieht sich also der Unhold unhörbar
+leise aus dem Moor zur Halle hin, worin die Helden schlafen. Er wird
+als Riese (_eoten_) bezeichnet, sein Haupt ist furchtbar, seine
+Hand läuft in stahlharte Krallen aus, sein Blut schmelzt Schwerter.
+Grendels wölfische Mutter (_brimwylf, grundwyrgen_), die mit ihm in der
+grausigen Meerflut (_wæteregesan_) haust, folgt des Sohnes Spuren und
+sucht ihn zu rächen. Höchst anschaulich wird die Wohnstätte der Unholde
+geschildert. Sie haben inne verstecktes Land, windige Landzungen,
+fürchterliche Moorpfade, wo der breite Strom unter dunkle Landstreifen,
+unter der Erde sich verliert. Jäh fällt das steinige Land, von düstrem
+Walde, von wurzelfesten Bäumen bestanden, die überhängen, plötzlich in
+mooriges, sumpfiges Meer ab. Da mag man nächtliches Wunder schauen,
+Feuer in der Flut. Noch niemand hat den unheimlichen Grund erforscht.
+Der von Hunden gehetzte, geweihstolze Hirsch lässt eher am Ufer das
+Leben, als dass er in den schaurigen Wald flüchtet. Nicht geheuer ist
+der Ort, dunkles Wogengemisch steigt zu den Wolken, wenn der Wind leide
+Unwetter zusammentreibt, bis dass die Luft düstert, die Himmel weinen.
+Auf den abstürzenden Klippen lagert allerlei Gewürm, wunderliche
+Seedrachen und Nixe, welche dem Schiffer oft gefährlich werden. Beowulf
+steigt kühn in die greuliche Flut und gelangt zum Grunde, wo ihn die
+Wölfin (Grendels Mutter) packt. Vor ihren Griffen und den scharfen
+Zähnen der Seetiere beschützt ihn seine Brünne. Das Meerweib trägt ihn
+in ihre Behausung, welche bedacht ist und dem Wasser keinen Zutritt
+verstattet. Mit blinkendem Glanze leuchtet drinn ein Feuer.
+
+Aus den Wasserriesen erhebt sich freundlicher gestaltet der Beherrscher
+des Meeres, _Aegir_, der Wassermann.[120] Von Natur zwar riesisch,
+kann er doch mit den Asen in Gastfreundschaft kommen. Er ist, wie die
+Einleitung der sog. Bragarœður berichtet, in Asgard beim Gastmahle der
+Götter zugegen und empfängt von Bragi reiche Belehrung. Die Götter
+aber besuchen wiederum den Aegir in seiner Heimstätte, wo er ihnen in
+einem gewaltigen Kessel Bier braut und ein Mahl zurüstet. Daher heisst
+er beim Skald Egill im Lied auf seinen ertrunkenen Sohn geradewegs
+Bierbrauer der Lichtgötter (_ǫlsmiþr allra tíva_). Der meilentiefe
+Braukessel ist aber ursprünglich in der Gewalt des Hymir und muss erst
+durch Thor herbeigeschafft werden. Aegir scheint das der Schifffahrt
+offene Meer zu verkörpern. Sein Verkehr mit den Asen und das Beiwort
+„_barnteitr_“, fröhlich wie ein Kind, kennzeichnen den Riesen als
+gutartig und umgänglich, wol im Gegensatz zu Hymir. Freilich nimmt
+das Gelage bei Aegir ein schlimmes Ende, weil Loki die Friedensstätte
+durch Todschlag entweiht und die anwesenden Götter lästert. Auch hatte
+sich Aegir nur durch des streitbaren Thor Befehl dazu verstanden,
+das Gelage zuzurüsten, und sann auf Rache an den Asen. Er hatte
+im Stillen gehofft, die Fahrt zu Hymir werde dem Thor verderblich
+sein. Aegir hatte zwei Diener, Fimafeng und Eldir. Statt des Feuers
+diente helles Gold zur Beleuchtung; das Bier trug sich selber auf. Im
+Grunde des Meeres sind alle die Schätze gehäuft, welche die gierige
+Flut verschlang. Im Leuchten des windstillen Meeres aber mochte man
+den Glanz des versunkenen Goldes spielen sehen. Aegirs friedliches,
+freundliches Wesen wird durch sein raubgieriges Weib, die Ran,
+ergänzt. Freund und Feind ist dem Schiffer die See, beide Seiten kommen
+in Aegir und Ran zum Ausdruck.
+
+In der SE. 1, 206 wird Hlésey, die dänische Insel Läsö im Kattegat,
+als Heimat des Aegir bezeichnet. Hlér gilt als andrer Name Aegirs.
+Die Wogen heissen ebenso Töchter des Aegir wie des Hlér (SE. 2, 180).
+Vermutlich kannten die Dänen und West-Norweger den Meerriesen unter
+diesem Namen, dessen Etymologie nicht sicher zu bestimmen ist.[121]
+
+Ein weiterer Name dieses Meerriesen ist _Gymir_[122], wie im
+Eingang der Lokasenna ausgesprochen wird und aus den skaldischen
+Umschreibungen, in denen der Name allein vorkommt, deutlich erhellt.
+Das Meer heisst Gymirs Wohnung (_Gymis flet_), die Brandung ist sein
+Lied (_Gymis ljóþ_), die Ran sein zukunftkundiges Weib (_Gymis vǫlva_).
+Ob Gymir, Gerds Vater, der aus dem Skirnirlied bekannte Riese, derselbe
+ist, muss unentschieden bleiben. Weinhold fasste die Gerd als Meernixe,
+welche den Fluten entsteigend im stillen Hain am Gestade mit dem Gotte
+Freyr sich vermählt.
+
+Dem Aegir steht _Hymir_[123], der Dämmrer, gegenüber. Er verkündigt
+sich als Frost- und Eisriesen, als Beherrscher des lichtlosen,
+nebligen, fahlgrauen nördlichen Eismeeres. Seine Art entspricht seiner
+Heimat. Genaueres über ihn hören wir nur aus dem Hymirliede, wie Thor
+und Tyr sich aufmachen, den Kessel zu Aegirs Gelage ihm zu entführen.
+Der Erzählung gesellten sich Züge vom Märchen des Besuches beim wilden,
+unholden Menschenfresser. Hier beachten wir nur die Schilderung seines
+Wesens. Im Osten der stürmischen Wogen am Himmelsrande haust der weise
+Hymir, der einen meilentiefen Kessel (d. h. das Meer im Verschluss
+winterlicher Eisdecke) besitzt. Bei ihm sind seine neunhundertköpfige
+Urahne und seine brauenweisse Geliebte, die Mutter Tyrs. Der hässliche,
+rauhe Hymir kommt spät vom Waidwerk heim, Eiszapfen klirren, sein
+Bart ist gefroren. Vor des Riesen Blick zerbirst Balken und Pfeiler,
+dass acht Kessel vom Standbrett herunterkollern. Am andern Tag rudern
+sie zur eisig kalten Fischerfahrt hinaus. Zwei Walfische zieht der
+Riese auf einmal an der Angel heraus. Er verlangt von Thor Arbeit und
+Stärkeproben. Einen Glaskelch soll Thor zerbrechen, aber leichter
+zerschlägt er die Pfeiler, bis endlich an Hymirs hartem Schädel der
+Kelch zerschellt. Nun darf Thor den Braukessel forttragen. Hymirs
+Töchter (_Hymes meyjar_) werden in der Lokasenna 34 erwähnt, ohne dass
+ihre Bedeutung völlig klar würde. Wenn Aegirs und Hlers Töchter die
+Wogen bezeichnen, wird es wol auch mit Hymirs ähnliche Bewandtniss
+haben. Man denkt an die Gletscherbäche, die aus den Eisbergen ins Meer
+sich ergiessen.
+
+Von einzelnen Meer- oder Wasserriesen lassen sich noch folgende
+hervorheben. In der Gudrun tritt der alte _Wate_ hervor, in der
+Wielandssage der Riese _Vadi_, der Vater des kunstreichen Schmiedes,
+bei den Angelsachsen finden wir _Wada_, der die Hælsinge beherrschte.
+Zu Grunde liegt diesen Berichten eine Sage der Seegermanen vom Riesen
+_Wado_, dem Sohne einer Meerminne.[124] Ein riesenmässiger Greis mit
+ellenbreitem Barte, unbändigen Grimmes voll, mit fürchterlicher Stimme
+begabt, bei deren Klange das Land erbebte, das Meer aufbrauste und
+die Mauern einzustürzen drohten, wanderte am Meeresstrande auf und ab
+und trug wol auch zuweilen auf seinen Schultern Menschen über Sunde
+hinweg. Der regelmässige Wechsel von Ebbe und Flut war die Wirkung
+dieses watenden Riesen, dessen rasendem Zorne nichts widerstand. In
+den norwegischen Aluwasserfällen hauste der wilde _Starkad_, ein
+vielkundiger Riese (_hundvíss jǫtunn_).[125] Der hatte acht Hände
+und schlug mit vier Schwertern auf einmal. Von ihm wird erzählt,
+wie er mit Hergrim, einem Halbtroll, der bald bei Riesen, bald bei
+Menschen weilte, um den Besitz eines Weibes kämpfte. Im Namen Hergrim
+klingt wol der Fossegrim an, die Sage meldet also vom Streit zweier
+Stromriesen. Nachmals raubte Starkad die Alfhild, die Tochter König
+Alfs aus Alfheim, also eine Elbin. Der Vater rief Thor um Hilfe an,
+Thor aber erschlug den Jotun. Der Wasserriese zeigt sich hier als
+Liebhaber, wie auch andre Sagen solche Züge hervorheben. Natürlich
+ist Thor sein Erbfeind. Das Lied von Helgi dem Hjorwardsson 12 ff.
+führt uns eine unholde Meerriesin namens +Hrimgerd+ vor. Helgi hatte
+im Hatafjord den Beherrscher der Bucht, den Riesen Hati getötet.
+Nachts lagen die Schiffe im Fjord, Atli hatte Wache. Da sprach ihn
+Hatis Tochter Hrimgerd, die in Stutengestalt den Wogen entstieg, an,
+und es erhub sich ein Scheltgespräch. Hrimgerd verlangt zur Sühne des
+erschlagenen Hati, der viele Weiber aus der Umgegend geraubt hatte,
+eine Nacht bei Helgi zu schlafen. Also Vater und Tochter sind erpicht
+auf Liebesverkehr mit Menschen. Helgi fertigt die Lüsterne derb ab,
+der zottige Thurs Lodin passe besser für sie. Hrimgerds Mutter war
+vor den Schiffen Helgis an der Mündung der Bucht gelegen und hatte
+sie zu verderben gesucht, aber vergeblich. Dagegen ertränkte Hrimgerd
+Hlodwards Söhne, Verbündete Helgis. Auch seine Schiffe wollte sie
+vernichten, aber Swawa, die Walküre, die lichte Maid wandte das
+Verderben. Schliesslich überrascht die Sonne das Riesenweib, das zu
+Stein verwandelt am Fjord stehen bleibt.
+
+Über +Ran+, Aegirs Weib, wird unter den germanischen Todesgöttinnen
+näheres zu berichten sein. Hier gedenken wir noch solcher Gestalten,
+welche in riesischem oder tierischem Leib, als Unhold oder Ungetüm
+die verderblichen Seiten des Meeres verkörpern. Von Aegir und Ran
+stammen neun Töchter, deren Namen die SE. aufzählt. Die Bedeutung
+ist durchsichtig, gemeint sind die Wogen (Udr, Bara, Kolga, Bylgja),
+die Brandung, das stürmische Unwetter, die blutgierige (Blóðughadda)
+Meerriesin. Der Seesturm erschien wie ein Kampf mit diesen Ungeheuern.
+Die neun Mütter Heimdalls, die im Hyndlalied 38 aufgezählt sind,
+weisen ebenso auf Eigenschaften der als Riesinnen persönlich
+gewordenen Meereswogen. Zu Hrimgerd stellt sich die Meerriesin
+(_margýgr_), die in alter und neuer Sage begegnet. Aus dem Meere und
+aus grossen Landseen erhebt sich der Wassergeist oft in Rossgestalt
+(isl. _nykur_, _vatnahestur_). Der auf dem Wasser sich ballende
+Nebel gab wol Anlass zu Sagen, die von aufsteigenden Riesengestalten
+berichten. Als _skrimsl_, Ungetüm im allgemeinen, bezeichnen die
+Isländer Wassergeister von fabelhafter Gestalt.[126] Das Meer wurde
+mit Vorliebe in Tiergestalt verkörpert, wofür die nordischen Quellen
+Belege erbringen. Die grosse Seeschlange des Schifferglaubens begegnet
+im _midgardsorm_ oder _jǫrmungandr_[127], d. h. der Weltschlange oder
+dem grossen Ungetüm, welche Thor bekämpft, und die später Lokis Sippe,
+der Teufelsbrut zugezählt wurde. Die Midgardschlange liegt im tiefen
+Meer, das alle Länder umgiebt, und ist so gross, dass sie sich mitten
+im Meer wie dieses selbst ebenfalls um alle Länder schlingt und sich
+in den Schwanz beisst. Im Riesenzorne (_í jǫtonmóþe_) wälzt sie sich
+durch die Wogen. Seinem Namen nach (_fen_, Meer), gehört auch der Wolf
+Fenrir[128] zu den Wasserriesen. Jedoch sind in seiner Gestalt die
+verschiedenartigsten Vorstellungen mit einander vereinigt, und gerade
+der Meerriese tritt am wenigsten hervor. Fenrirs Fesselung, wobei Tyr
+seinen Arm verlor, entspricht der des Teufels, der gefesselte Wolf ist
+nur ein andres Bild des gefesselten Loki. Von Fenrir entstammen die
+Wölfe, die Sonne und Mond verschlingen, im Wafthrudnirlied 47 frisst
+Fenrir selber die Sonne auf. Ob damit die im Meer versinkende, im
+Nebel verschwindende Sonne angedeutet ist, ob der Mythus aus dieser
+Naturerscheinung erwuchs, muss dahin gestellt bleiben.
+
+Der gewaltige Giftwurm, dessen Flügelgestalt und Name _Drache_[129]
+dem antiken Fabeltier nachgebildet sind, erscheint in der Volkssage
+unter dem Eindruck von Naturbegebnissen. Aus Wasser, Nebel, Wolke,
+Meteorfeuer lässt die Phantasie diese Drachen hervorgehen. Das Weltmeer
+als Schlange wurde eben genannt, Grendel ist vielleicht ursprünglich
+auch eine Wasserschlange. Die Drachen liegen auf Gold und schädigen
+bei ihrer Ausfahrt Land und Leute. Vornehmste Aufgabe der Helden ist
+Bekämpfung dieser Ungetüme, Erlösung von der Landplage, Hebung des
+Hortes. Die Volkssage denkt bei den riesigen Würmern an Verwüstung
+durch die See, im Binnenlande an plötzlichen Wassersturz anschwellender
+Ströme oder Bäche. Schützt Kraft und Einsicht endlich das Land gegen
+solche Gefahren, so ist ein grosser Schatz, das Gedeihen der ganzen
+Gegend, damit erkämpft. Neben den Meeresdrachen ragen besonders die
+des Hochgebirgs hervor, mit denen Dietrich von Bern wie auch mit allen
+andern Riesen der Bergwelt viel zu schaffen hat. Wo der Bach vom hohen
+Fels herbricht, da springt der grimmige Drache, Schaum vor dem Rachen,
+fort und fort auf den Gegner los und sucht ihn zu verschlingen; bei
+eines Brunnen Flusse vor dem Gebirge, das sich hoch in die Lüfte
+zieht, schiessen grosse Würmer her und hin und trachten, die Helden
+zu verbrennen; bei der Herankunft eines solchen, der Ross und Mann zu
+verschlingen droht, wird ein Schall gehört, recht wie ein Donnerschlag,
+davon das ganze Gebirge ertost. Leicht erkennbar sind diese Ungetüme
+gleichbedeutend mit den siedenden donnernden Wasserstürzen selbst. In
+den deutschen Sagen der Brüder Grimm Nr. 217 heisst es: Das Alpenvolk
+in der Schweiz hat noch viel Sagen bewahrt von Drachen und Würmern,
+die vor alter Zeit auf dem Gebirge hausten und oftmals verheerend in
+die Thäler herabkamen. Noch jetzt, wenn ein ungestümer Waldstrom über
+die Berge stürzt, Bäume und Felsen mit sich reisst, pflegt es in einem
+tiefsinnigen Sprüchwort zu sagen: es ist ein Drach ausgefahren.
+
+ * * * * *
+
+Von den Wasserriesen reicht einer in uralte gemeingermanische
+Sagenüberlieferung zurück, während die andern erst später bei den
+einzelnen Völkern erdichtet wurden. In der nordischen Sage spielt er
+eine wichtige Rolle, es ist der weise _Mimir_[130], aus dessen Quell
+Odin Weisheit schöpft. Sein Verhältniss zu Odin wird später erörtert,
+hier ist die gemeingermanische Grundvorstellung dieser Riesengestalt zu
+erforschen. Die urgermanische Namensform lautete _Mimiaz_ oder _Mimiô_,
+d. h. der Sinnende. Verwandt scheint das ags. Adj. _mimor_, eingedenk,
+und das Verbum _mimerien_, das auch nds. _mimeren_, grübeln begegnet.
+In Deutschland haftet der Name an Ortsnamen wie _Mimigerdaford_
+(Münster), _Mimidun_ (Minden), _Mimileba_ (am Harz und Memleben an
+der Unstrut). Das Flüsschen _Mimling_ im Odenwald bezeichnet sich als
+Abkömmling des _Mimo_ oder _Mimilo_. Zum Mimirquell stellt sich der
+schwedische _Mimes sjö_, _Mimes å_, Mimis Fluss und See. Die deutsche
+Heldensage (Biterolf 124 ff.) gedenkt eines klugen Schmiedemeisters,
+der zwanzig Meilen hinter Toledo sass, Mime der Alte genannt. Der
+schuf die besten Schwerter, die auf der Welt zu finden waren. Wielands
+Schwert _Miming_, das Witege führte, war Mime zu Ehren so geheissen.
+In der Thidrekssaga ist Mimir der Lehrmeister und Erzieher Sigfrids.
+Saxo erwähnt noch einen Waldgeist namens Miming (_Mimingo silvarum
+satyro_), der wunderbares Geschmeide, Schwert und Armring besitzt.
+Mimir in den nordischen Quellen ist Riese, in der Heldensage aber
+erscheint er als Zwerg und kunstreicher Alb. Elbische und riesische
+Wesen gehen ja häufig in einander über. Tiefe Weisheit ist überall mit
+diesem Wesen verknüpft. Seine Behausung ist Wald und Wildniss, Gewässer
+sind nach ihm benannt. Im Norden ist er von der Quelle unzertrennlich,
+Beherrscher der Gewässer ist Mimir wol von Anfang an. Seen, Flüsse,
+Wälder und Bäume, die mit seinem Namen in Verbindung stehen, belehren,
+dass wir keinen Meerriesen, sondern +den Herrn der Binnengewässer+
+vor uns haben. Damit treten wir der Urgestalt des _Mimiaz_ näher.
+Die Germanen dachten sich darunter einen urweisen Wasserriesen, der
+im geheimnissvollen Dunkel tiefer Haine an murmelnden Quellen oder
+zauberisch wallenden Bergseen zu Hause war. Seine Söhne, die Flüsse,
+strömten zu den Menschen. Wer ihrem Ursprung nachging, bis in die
+Nacht des Urwalds zum geheiligten Baume, aus dessen Wurzeln der Quell
+hervorsprudelte, wo „Mimir sein Haupt barg“, vorzudringen vermochte,
+der stand am Urquell alles Wissens. Der alte, erfahrene, kunstreiche
+Wald- und Brunnengeist beriet selbst Odin, er war Lehrer und Meister
+der besten Helden und stattete sie mit köstlichem Rüstzeug aus.
+
+
+4. Wind- und Wetterriesen.
+
+Aus Wind und Wetter gingen Riesen hervor. Der brausende Sturm gab zu
+verschiedenen mythischen Gebilden Anlass. Im Winde zogen die Seelen,
+das wütende Heer, im Sturm erschien der wilde Jäger, der Wode. Kaum
+ist eine Sage der Gegenwart häufiger und vielfältiger bezeugt als
+diese[131]. Unter Wodan wird noch mehr davon zu berichten sein, hier
+sollen nur einige Gestalten herausgehoben werden, in denen der +Sturm
+als Riese+ verkörpert wird. In der Schweiz heisst die wilde Jagd das
+_Dürstengejeg_. Das Volk hört den _Dürst_ in den Sommernächten am Jura
+jagen und die Hunde mit seinem Hoho anfrischen; Unvorsichtige, die
+ihm nicht aus dem Wege weichen, überrumpelt er. Wenn die Alemannen
+den _thurs_ umreiten hören, so die Dänen den _jotun_. Auf der Insel
+Möen jagt der _Grönjette_, der bärtige Riese, jede Nacht zu Pferde,
+eine Meute Hunde um sich herum. Er jagt nach der Meerfrau, die er
+schliesslich einholt und quer vor sich übers Pferd wirft. Im Süden und
+Norden sieht also die Sage gleichmässig im wilden Jäger einen riesigen
+Reiter und nennt ihn noch nach seinen alten Namen. Die allgemeinen
+Bezeichnungen des Riesengespenstes als Nachtjäger, Helljäger, die
+vielen geschichtlichen Personen, die damit verknüpft wurden, berühren
+uns in dieser Mythologie nicht weiter, wo nur auf den _Riesenjäger_ und
+auf den _Wode_ Gewicht fällt. Jedoch ältere Sagen aus dem Mittelalter,
+die auf derselben Vorstellung beruhen, verdienen Beachtung. In einem
+Wettersegen des 11. Jahrhunderts wird _Mermeu_t, der übers Wetter
+gesetzt ist, ein Riese (_daemon et satanas_) beschworen, keinen Hagel
+übers Feld zu bringen.[132] In einem späteren Segen steht: _„Ich peut
+dir Fasolt, dass du das wetter verfirst mir und meinen nachpauren ân
+schaden“._ Dieser _Fasolt_ ist also ein Wetterherr. Im Eckenlied wird
+Näheres von ihm erzählt, und er zeigt sich deutlich als Sturmriese,
+als wilder Jäger. Fasolt, dessen Leib Riesenlänge hat, der langes
+Frauenhaar trägt, dem wilde Lande unterthan sind, kommt daher geritten
+mit lautem Horneston, von Hunden umgeben. Er jagt eine schöne Jungfrau,
+die in Dietrichs Schutz flüchtet. Im Kampfe mit Dietrich bricht Fasolt
+starke Baumzweige ab, mit denen er auf seinen Gegner losschlägt.
+Der Sturmriese fällt Bäume, räumt den Wald aus und lässt ihn laut
+erschallen, wie die Riesennamen der Virginal Vellenwalt, Rûmenwalt,
+Schelledenwalt andeuten. Das spätmhd. Gedicht vom _Wunderer_ schildert
+einen ähnlichen wilden Unhold, der mit Hunden die Jungfrau Sälde
+hetzt und sie fressen will, aber vom Berner im Kampf erschlagen
+wird. Überall tritt uns das Bild des Sturmriesen vor Augen, dem
+die Windsbraut oder ein elbisches Weib voranfegt. Wenn nach den
+Skáldskaparmál Kap. 1 Odin auf Sleipnir mit dem Riesen Hrungnir wettet,
+er habe gewiss kein ebenso treffliches Ross, Hrungnir aber zornig
+seinen Gullfaxi besteigt und dem Odin nachjagt, wenn die Rosse durch
+Luft und Meer über die Spitzen der Hügel hinfliegen, so erschauen wir
+ein Wettrennen zwischen dem _Sturmgott_ und seinem riesischen Urbild,
+dem _Sturmriesen_. Der Windriese nimmt aber auch tierische Gestalt an.
+Als Adler rauscht er durch die Lüfte. So heisst es im Wafthrudnirlied
+37:
+
+ Der Riese Hraeswelg sitzt am Rande des Himmels
+ In des edlen Aars Gestalt;
+ Regt er die Schwingen, so rauscht, wie man sagt,
+ Der Wind dahin durch die Welt.
+
+Darum erscheinen Riesen überhaupt gern in Adlergewand. Thjazi, der
+Sturmriese des nordischen Hochgebirges, sitzt in Adlergestalt im
+Gezweig der Eiche und verhindert mit seinem Flügelschlage, dass die
+unter dem Baum gelagerten Götter das Fleisch am Feuer gar sieden. Der
+Sturm rauscht in den Baumzweigen, das ist die Stimme des Adlerriesen,
+welche die Götter vernehmen, der Wind verweht das Kochfeuer und
+verhindert so den Sud, bis ihm Anteil an der Speise zugesagt wird. Auch
+nach späterem Volksglauben will der Wind Opfer haben und gefüttert
+sein. Hernach entführt Thjazi in Adlergestalt die Idun aus Asgard, in
+Adlergestalt verfolgt er Loki, welcher Idun zurückholt, und versengt
+sein Gefieder im Feuer, das die Asen entfacht, worauf er erschlagen
+wird. Thrymheim, die Welt des Getöses (_þrymr_, Lärm, Getöse), wo
+die Stürme sausen und brausen, wol nur ein anderer Name des „_weiten
+Windheims_“, wie die Vǫlospǫ́ den Himmel als die Heimat der Winde
+bezeichnet, ist des Thjazi Wohnsitz. Dem mit dem Dichtermet im Leibe
+in Adlergestalt entfliegenden Odin setzt Suttung gleichfallls in
+Adlergestalt nach. Wie der Sturmgott mit dem Sturmriesen Hrungnir um
+die Wette ritt, so fliegt er hier als Adler mit ihm um die Wette.
+Derselbe Gedanke ist bildlich nur anders gewendet.
+
+Die Skalden bezeichnen, vielleicht teilweise aus volkstümlicher
+Anschauung schöpfend, den Wind wie ein persönliches Wesen, als den
+Brecher (_brjótr_), Schädiger (_skađi_), Fäller (_bani_) des Waldes.
+Auch als Hund und Wolf (_hundr_, _vargr_) des Waldes erscheint
+der Wind. Bereits bei den Elben war auf die Tiere hinzuweisen, auf
+den Roggenwolf und Roggenhund, die beim Winde durchs Korn laufen.
+Korngeister in menschlicher und tierischer Gestalt gibt es in Menge.
+Elbe und Riesen gehen aber in diesen „Korndämonen“ so unmerklich in
+einander über, dass ebenso dieser Abschnitt wie der vorige ihrer zu
+gedenken hat.
+
+Riesen des tosenden Gewitters, Gegenbilder Thors, wie die Windriesen
+Odin gegenüber stehen, treten in Hrungnir, Geirröd und vielleicht
+auch in Thrym hervor. Hrungnir ist mit Thrym gleichbedeutend, der
+Lärmer[133], und wol alle gehören nach Thrymheim, das dem Thjazi als
+Heimstätte zugewiesen ist. Die Gegnerschaft Thors und Thryms ergibt
+sich aus dem Gedichte, das schildert, wie Thrym den Hammer des Gottes
+entwendet. Gott und Riese streiten um die Herrschaft über das Gewitter.
+Im offnen Kampfe erblicken wir Thor mit Hrungnir und Geirröd. Hrungnir
+und Mokkurkalfi (Nebelwade), der Stein-, Lehm- und Nebelriese, der
+umnebelte, aus Lehmgrund aufragende Fels im Geröllfelde, werden
+besiegt, wenn krachend Gewitter im Gebirge sich verfangen. Es ist das
+Unwetter des nackten Felsgebirges, das mit Geröllsturz herniederbraust,
+vom Gewitter gerüttelt und gelöst. Leicht vermischt sich die
+Vorstellung vom Wetterriesen mit der des Bergriesen, da Wind und Wetter
+aus den Bergen hervorbrechen. Der Kampf zwischen Thor und Geirröd
+spielt sich in Geirröds Halle ab. Die ganze Halle entlang waren grosse
+Feuer entzündet; als Thor vor Geirröd trat, fasste dieser mit einer
+Zange ein glühendes Eisenstück und warf es nach Thor. Thor aber fing
+das glühende Eisen mit seinen Eisenhandschuhen auf und hob es in die
+Luft. Da sprang Geirröd hinter eine Säule, um sich zu schützen, Thor
+jedoch schwang das Eisenstück hoch in die Luft und schmetterte es durch
+die Säule. Es durchschlug auch den Geirröd und die Wand der Halle und
+fuhr ausserhalb tief in die Erde hinein. Das Geschoss ist das Bild des
+Blitzes. Blitze zucken gegen einander, wo zwei Gewitter auf einander
+stossen. Der Gewittergott überwindet den Gewitterriesen. Aber nur in
+diesem Wettkampfe zeigt sich Geirröd als Gewitterriese, im übrigen ist
+die Sage reich mit allerlei anderen Zügen ausgestattet.
+
+Noch sind einige Namen zu erwähnen, die aber nicht über die mythische
+Keimbildung blosser Personificierung gediehen, wenigstens sind keine
+Sagen davon bekannt. Unter den Riesennamen der SE. finden wir einen
+_Vindr_; in einer norwegischen Wendung der Sage vom Riesenbaumeister,
+der dem hl. Olaf eine Kirche baut, führt der Unhold den Namen _Vind
+och Veder_, oder _Bläster_. In Deutschland ist von der _Windin_,
+der _windes brût_ oder _windgelle (venti concubina)_ die Rede,
+der Wirbelwind ist als ein durch die Luft fahrendes, vom Sturm
+umbuhltes Riesenweib gedacht. _Vindsvatr_ (Windkühl) oder _Vindljóni_
+(Windmensch) heisst im Norden des _Vętr_ (Winter) Vater. Die Eltern
+Lokis, _Fárbauti_, den gefährlich Schlagenden, d. h. den Sturmwind,
+und _Nál_, d. h. Nadel am Nadelbaum oder _Laufey_, d. h. Laubinsel
+deutet Bugge, Studien 80 als ein dichterisches Bild, das den Ursprung
+des Feuerriesen Loki erklären soll: der Sturm schlägt und entfacht
+Feuerflammen aus dem Gehölz. In der Virginal 732 tritt ein Riese
+Velsenstôȥ auf:
+
+ _sîn stimm rekt als ein orgel dôȥ,
+ sô man sî sêre stimet;
+ dâ von berc unde tal erschal._
+
+Gemeint ist der im Hochgebirg heulende, tosende Sturm. Glockebôȥ
+(ebenda 864 ff.), der Glockenschläger, ist der Sturmwind, der die
+Glocken in Schwingung versetzt, und zu ihm steht Klingelbolt (870
+ff.). Vielleicht kommt in diesen Namen auch der Hass der Riesen gegen
+Glockenschall zum Ausdruck.
+
+Von _Kári_ d. h. der windbewegten Luft[134] stammen Eis und Schnee,
+_Vindsvatr_ ist des Winters Vater. Die winterlichen Mächte sind mithin
+die Kinder der Winterstürme, die Winterriesen dürfen den Windriesen
+zugezählt werden. Die nordischen Gedichte nennen uns _hrímþursar_,
+Reifriesen[135]; mit _hrím_ sind mehrere Riesennamen zusammengesetzt
+wie Hrimnir, Hrimgrimnir, Hrimgerd. Ymir-Örgelmir ist der Ahnherr der
+Reifriesen, er ging aus den chaotischen Eis- und Reifmassen hervor, die
+winterliche Kälte wird in diesen Riesengestalten persönlich.
+
+
+5. Berg- und Waldriesen.
+
+Die Volkssage vergleicht Berge mit Riesenleibern oder sie bevölkert
+die Bergwelt mit Riesen. Im Norden heissen die Jotunen Berg-,
+Fels-, Stein-, Lavabauern oder Höhlenbewohner.[136] Das unwirtliche
+Hochgebirge und die Klippen sind die Heimat des Riesenvolkes, von dort
+her machen sie ihre verderblichen Einfälle in das von Menschen bebaute
+Land; wer in die wilde Einöde wandert, begibt sich ins Gebiet und in
+die Macht der furchtbaren Unholde. Ein schöner stattlicher Bergkönig
+Norwegens, von dem die Kjalnesinga saga Kap. Nr. 12/4 berichtet, ist
+_Dofri_, der Gebieter des Dovregebirges, der drinnen in prächtigen
+Räumen mit vielem Volke wohnt; der Eingang lag unter einem Gipfel in
+einem Felsen. Er war nicht unfreundlich. Mit seiner schönen Tochter
+Frid lebte Bui, der Sohn des Königs Harald Harfagri von Jul bis
+Sommersanfang in Liebe zusammen. Ihrem Sohne Jokull war die Bergriesin
+Gnípa (d. h. Berggipfel) weniger hold gesinnt.
+
+Bergbewohnende Riesen sind die 12 Riesen im Nibelungenlied, die
+Schilbung und Nibelung dienen, und im Hürnen Seyfrid der Riese
+_Kuperan_, welcher den Schlüssel zum Drachenstein in Bewahrung hat.
+_Hyndla_, die Höhlenbewohnerin, ist eine Riesin, die auf dem Wolfe,
+dem Reittier der Unholdinnen, ausreitet. Sie heisst als Riesin _brúþr
+jǫtons_ (51) und _íviþja_ (49), d. h. Waldriesin. Einem Riesenweibe
+(_gýgr_), die im Steine wohnt, begegnen wir im Lied von Brynhilds
+Todesfahrt. Die Unholdin sucht den Weg zu sperren, wird aber von
+Brynhild zum Weichen gebracht. Die Riesentochter _Gunlod_, die aber
+schön und anmutig ist, weilt als Hüterin des kostbaren Metes im Berge.
+
+Seltsame, menschenähnliche, einsam aufragende Felsen riefen Sagen von
+versteinerten Riesen[137] hervor, die ebenso im Norden wie im Süden
+begegnen. Die Riesen sind entweder, wie auch andere Nachtunholde, vom
+Sonnenstrahl getroffen oder wegen irgend welcher Unthat verflucht zu
+Stein gewandelt. Die Riesin Hrimgerd im Lied von Helgi Hjorwardsson
+wird vom Sonnenstrahl versteinert, der hl. Olaf verfluchte Trolle, die
+dem Christentum feindlich waren, in Klippen. In der deutschen Sage wird
+meist ein allgemein sittlicher Grund solcher Versteinerungen angegeben,
+grosser Übermut oder gottlose Grausamkeit. So in der Sage vom
+_Watzmann_.[138] Der war ein alter Riesenkönig, der für seine blutige
+Wildheit mit Weib und Kind zu dem vielzackigen, gewaltigen Bergstock
+verwünscht ward. Bei einer unmenschlich grausamen That des Wüterichs,
+der als wilder Jäger geschildert ist, endete Gottes Langmut. Ein
+dumpfes Brausen erhob sich, ein Donnern in den Höhen, ein Heulen in den
+Klüften, und des Königs eigne Hunde würgten ihn, sein Weib und seine
+sieben Kinder, dass ihr Blut zu Thal strömte. Ihre Leiber aber wuchsen
+versteinernd zu Bergen. So steht noch der eisumstarrte König Watzmann,
+neben ihm der kleinere Zinken, sein Weib, um ihn die sieben Kinder,
+tief unten die weiten Becken zweier Seen, in welche einst das Blut der
+Grausamen floss. Gewitter, Bergsturz, Überschwemmung wirken oft in den
+Bergriesensagen zusammen, wie ja auch Hrungnir Gewitter- und Bergriese
+in einer Person ist. Wegen Übermuts ist die Riesenkönigin _Frau Hütt_
+bei Innsbruck verzaubert. Ebenso im Sinthale in Tirol der Riese
+_Serles_, der wegen seines Wütens samt seinem Weib und seinem Berater
+zu den drei Felszacken versteinert ist, die über der Brennerstrasse
+aufsteigen.
+
+Die Vorrede zum Heldenbuch nennt eine Riesin namens _Runse_, Eckes
+Vaterschwester.[139] Runse ist abgeleitet aus _runs_, etwas das rinnt,
+worin etwas rinnt, also sowol Erguss, Fluss, als Rinnsal. Die Runse ist
+eine Riesin des Tiroler Hochgebirges, ein wildes wüstes Waldweib von
+schreckhaftem Aussehen; doch sind ihre Wirkungen noch schrecklicher,
+jene Schlammgüsse nämlich, die bei heftigem Regen aus den Hochgebirgen
+niederstürzen und Erde, Bäume, Hütten und Felsen fortreissend über
+Abhänge und Thäler die grausigsten Verwüstungen schütten. Solche
+Runsen hausen in den Tiroler und Schweizer Alpen leider viele. Auch
+die norwegischen Gebirge scheinen solche böse Riesinnen zu kennen,
+denn _Leirwor_, die Schlammige, Lehmige, mag niemand anders als eine
+nordische Runse sein. Neben dem Steinriesen Hrungnir steht der
+Lehmriese (_leirbrímir_) Mokkurkalfi, den Thjalfi zu Fall bringt. Auf
+Felssturz und Lehmrutsch, in dunkle Nebelwolke gehüllt, mag die Sage
+anspielen.
+
+Im Mühlenlied der Snorra Edda, im Grottasǫngr, treten zwei Riesinnen
+namens _Fenja_ und _Menja_ hervor. König Frodi hatte die Mädchen in
+Schweden gekauft und führte sie nach Dänemark heim, wo sie Magddienste
+verrichten mussten. Sie allein waren stark genug, die Mühle Grotti
+zu treiben.[140] Grotti aber war eine Wunschmühle, Frodi befahl den
+Mägden, rastlos Gold, Frieden und Glück zu mahlen. Aber die erzürnten
+Riesinnen mahlten Unfrieden, dass Frodi von seinen Feinden überfallen
+und getötet ward. Daran ist in der prosaischen Einleitung eine zweite
+Sage angehängt. Der Seekönig Mysing nimmt die Mühle und die Mägde an
+sich und befiehlt, Salz zu mahlen. Sie mahlten, bis das Schiff sank.
+Seitdem ist dort ein Strudel, wo die See durch das Loch des Mühlsteines
+fiel. Seitdem ist auch das Meer salzig. Sagen von Wunschmühlen, die
+durch unrechten Gebrauch ihren Segen in Unheil verkehren, sind auch
+sonst vorhanden. Ebenso Geschichten, warum das Meer Strudel bildet und
+salzig schmeckt. Die Riesinnen gedenken ihrer Abstammung von Hrungnir,
+Thjazi und andern Bergriesen. Neun Winter lang wuchsen sie unter der
+Erde auf, mächtige Thaten vollführten sie und verrückten selbst Berge.
+Steine wälzten sie übers Gehege der Riesen, dass die Erde erbebte;
+grosse Blöcke schleuderten sie zu den Menschen. Im Lande der Schweden
+aber übten sie Walkürenthaten, der harte Speer ziemte ihren Händen
+besser als die Mahlstange. Die Übertragung der Walkürenschaft auf
+Riesinnen konnte wol erst verhältnissmässig spät geschehen und ist
+schwerlich ein alter, echter Zug.[141] Im übrigen gebärden sich Fenja
+und Menja durchaus als Bergriesinnen, die Felsblöcke herabstürzen und
+Bergrutsch verursachen. Auf die Etymologie des Namens Fenja (zu fen,
+Meer) gestützt deutete Uhland die Mädchen als Wasserriesinnen, als
+Aegirs Töchter, als Meereswogen und Bergströme. Die Auslegung ist
+allzu künstlich und widerspricht der thatsächlichen Schilderung von
+der Art der beiden Riesentöchter. Die Mühle und die Mahlmägde stehen
+überhaupt schwerlich in altem ursprünglichem mythischem Zusammenhang.
+
+Besondere +Waldriesen+ sind nur in geringer Anzahl vorhanden und
+meistens ihrem Wesen nach eher zu den Windriesen zu stellen. Vielleicht
+mag der germanische Urwald dichter von Riesen bevölkert gewesen
+sein als die heutigen Wälder, in denen elbische Waldgeister vor den
+riesischen vorherrschen. Das Hyndlalied 34 erwähnt einen _Widolf_
+als Ahnherrn der _vǫlor_, der Weissagerinnen, ohne weiteres von ihm
+zu sagen. _Vitolfus_ bei Saxo ist ein in der Heilkunst erfahrener,
+durch Nebel trügender Waldeinsiedler. Der Riese _Widolt_ im König
+Rother, ein furchtbarer Kämpfer, der mit der Stahlstange zuschlägt
+und für gewöhnlich in Ketten gefesselt ist, kommt Widolf im Namen
+nahe. Gemeint ist wol ein Waldriese (an. _viđr_, ahd. _witu_, Gehölz),
+ein wilder Mann[142], dessen fürchterliche Erscheinung der deutschen
+Sage wol bekannt ist. Er ist ein gewaltiger Riese, von weitem gleicht
+er einer Fichte, die ganz mit Moos überkleidet ist. Wenn er auf dem
+Wege eines Stockes benötigt, so reisst er den nächsten Baumstamm
+aus. Manchmal stürmt er im brausenden Winde einher und verfolgt wie
+der wilde Jäger elbische Waldfrauen. Der Riesenname _Welderich_,
+Beherrscher der Wälder, der im gedruckten Heldenbuche vorkommt,
+entstammt demselben Vorstellungskreise. Waldriesinnen sind wol mit den
+nordischen _íviþjur_ gemeint. Auch _járnviþja_ ist so zu erklären.
+_Járnviþr_ bedeutet Eisenwald, wie auch in Deutschland Wälder von hohem
+Alter und unvergänglicher Dauer genannt sind. _Járnviþja_ ist die
+Bewohnerin eines solchen Waldes, die Urwaldriesin. In Südtirol sind
+die Waldfrauen von ungeheurer Gestalt, am ganzen Körper behaart und
+beborstet; ihr Antlitz ist verzerrt, ihr Mund von einem Ohr zum andern
+gezogen. Ihr schwarzes Haupthaar hängt voll Baumbart und reicht rauh
+und struppig über den Rücken. Joppen von Baumrinden und Schürzen von
+Wildkatzenpelzen bilden ihre Kleidung.
+
+Sie leben in Gesellschaft in Wäldern zusammen und sind an den
+heimischen Wald gebunden. Wird er geschlagen, so schwinden sie. Wie
+die Namen erweisen, sind sie eigentlich persönlich gewordene Bäume:
+Hochrinta (hohe Rinde), Stutzforche (Stutzföhre), Rohrinta (rauhe
+Rinde) sind sie benannt. Auf Tiergestalt zielt der Name Stutzemutze
+(Stutzkatze). Im ganzen aber gebärden sich die Waldriesinnen genau so
+wie die Waldelbinnen, nur in ihrer äusseren Erscheinung, nicht in ihrer
+Art sind sie verschieden.
+
+ * * * * *
+
+Es bleiben noch einige Riesen übrig, welche in die eben besprochenen
+Hauptklassen sich nicht einfügen. Sie sind späte Allegorieen, welche
+keine lebendigen Sagen hervorgebracht haben. _Feuerriesen_ erscheinen
+in Fornjots Geschlecht, in Logis Sprösslingen. Logi, die Lohe, treffen
+wir nur ein einziges Mal bei Thors Fahrt zu Utgardloki. Loki erbietet
+sich, mit einem der Utgardleute um die Wette zu essen. Da tritt Logi
+dem Loki gegenüber. Ein grosser Trog, mit Fleisch gefüllt, ward
+herbeigebracht und auf den Fussboden der Halle gesetzt. Loki war am
+einen Ende, Logi am andern. Jeder von beiden ass nun, so rasch er
+konnte, in der Mitte des Troges kamen sie zusammen. Da hatte Loki
+alles Fleisch verzehrt bis auf die Knochen, Logi aber hatte ausser dem
+Fleisch auch die Knochen mitsamt dem Troge verschlungen und hatte also
+die Wette gewonnen. Diese schwankartige Erzählung soll das fressende
+Feuer, dessen Gier nichts verschont, andeuten. Die Riesennamen _Eldr_
+(Feuer), _Herkir_ (zu _harka_, Feuer), _Brandingi_ (Sohn des Brandes),
+_Hripstod_ (zu _hripuđr_, Feuer?), _Hyrja_ (zu _hyrr_, Feuer) zeigen
+Versuche zur Personificierung des Elementes. Die Riesin _Hyrrokin_, die
+auf einem schlangengezäumten Wolfe heranreitet und das Leichenschiff
+Baldrs mit einem Stosse in die See treibt, nachdem die Götter sich
+vergeblich damit abgemüht hatten, ist der feurige Wirbelwind.[143]
+Endlich ist _Surt_ zu nennen.[144] Surts Lohe (_Surta loge_) ist der
+Weltbrand, in dem dereinst alles endigen wird. Von Mittag her kommt
+Surt gefahren mit Feuer, von seinem Schwerte geht Glanz aus: vor
+ihm und hinter ihm ist brennendes Feuer. Auf Island sind Erdbrände
+vulkanischen Ursprungs gefährliche Ereignisse, welche dem Wirken der
+Riesen zugeschrieben werden. So erzählt die Landnáma 2 Kap. 5: „Thorir
+war da alt und blödsichtig geworden, als er spät am Abend hinausging,
+und er sah, dass ein Mann von aussen her nach Kaldaros hereinruderte in
+einem Eisennachen, gross und bösartig. Der ging hinauf zu dem Hofe, der
+Hrip hiess, und grub da beim Stadelthore. In der Nacht aber schlug ein
+Erdfeuer dort auf und da brannte Borgarhraun; dort stand der Hof, wo
+jetzt der Lavahaufen ist.“
+
+ * * * * *
+
+Der Streit zwischen Sommer und Winter[145] ist von alters her
+allegorisiert worden. In Frühlingsfeiern treten die beiden Gegner
+persönlich auf und streiten um den Vorrang, den der Sommer schliesslich
+siegreich behauptet. Aber die persönlich vorgestellten Träger der
+sommerlichen und winterlichen Macht und Abzeichen lassen sich nicht
+in den lebendigen Glauben und Kult des germanischen Heidentums
+zurückführen, obschon Ansätze in den nordischen Quellen vorhanden sind.
+_Swasud_ (der Milde) und _Windswal_ (der Windkalte) sind zwei Riesen,
+deren Söhne nach dem Wafthrudnirlied 27 _Vetr_ (Winter) und _Sumar_
+heissen. Nach Gylfaginning Kap. 19 ist _Wasad_ (Kummerbringer zu an.
+_vás_, Mühe, Kummer) Vetrs Ahne, Windswals Vater. „Diese Sippe war rauh
+und kaltherzig, der Winter hat ihre Art geerbt.“
+
+Der Stammbaum der _Nólt_ (Nacht), deren Sprössling _Dagr_ (Tag) ist,
+geht auf Riesen zurück. Das Nähere darüber wird unten im Abschnitt über
+die Weltschöpfung mitgeteilt.
+
+
+6. Spuren vom Riesenkult.
+
+Ein _Riesenkult_ ist nur schwach bezeugt. In einigen Beschwörungen
+werden Riesen angerufen zu Fluch und Segen. Die Zauberin Busla ruft
+Trolle, Bergriesen und Hrimthursen herbei, dass sie dem König Hring
+Schaden thun (Bósasaga Kap. 5). Im deutschen Wettersegen werden
+Mermeut und Fasolt beschworen, das Unwetter abzuwenden. Im Skirnirlied
+35 wird Gerd verwünscht, dem Riesen Hrimgrimnir im Totenland bei den
+Hrimthursen anheimzufallen, wofern sie nicht Freys Werbung sich füge.
+Um fliessendes Blut zu stillen, lautet ein altdeutscher Segen[146]:
+
+ _tumbo saȥ in berke mit tumbemo kinde enarme.
+ tumb hieȥ ter berch, tumb hieȥ taȥ kint:
+ ter heilego Tumbo versegene tiusa uunda._
+
+Mit Tumbo (ahd. mhd. _tump_, got. _dumbs_, an. _dumbr_) ist ein
+stummer, gefühlloser Steinriese gemeint, der nun auch die Wunde
+gefühllos, schmerzlos machen soll. Der starre, stumme Riese sitzt
+auf einem Berge mit einem Kinde im Arme. Vielleicht liegt eine
+Versteinerungssage zu Grunde, eine seltsame Felsbildung, die einem
+riesigen Manne mit einem Kinde im Arme glich. Beachtung verdient auch
+die nordische Barðarsaga Dumbssonar, worin der Riesenkönig _Dumbr_
+in Norwegen ein _bjargvættr_, ein Schutzgeist genannt wird. Sein
+Sohn Bard, welchen Mjöll gebar und Dofri erzog, der also aus den
+Schneewehen des norwegischen Hochgebirges herstammt, ging auf Island in
+den Snæfellsgletscher ein. Die Leute hielten ihn für einen _heitguđ_
+(einen mit Gelübden anzurufenden Gott) und einen kräftigen Schutzgeist
+(_bjargvættr_). Dumbr vergleicht sich im Namen dem Tumbo, aber sonst
+zeigen sich keinerlei Ähnlichkeiten. Unter den Riesennamen zählt die
+SE. 1, 471 und 551 auch Dumbr auf.
+
+
+
+
+ZWEITES HAUPTSTÜCK.
+
+Der Götterglaube.
+
+
+Namen und Art der Götter.
+
+Zum Gottesbegriff kann nur ein höher veranlagtes, geistig
+fortgeschrittenes Volk gelangen. Zweifellos sind die religiösen
+Grundlagen oft dieselben wie beim Geisterglauben, ein Zusammenhang
+zwischen Gott und Naturgeist ist nicht abzuleugnen. Der Machtbereich
+des letzteren erscheint beim Gotte nur vermehrt und erweitert, die
+Eigenschaften mehrerer Dämonen sind manchmal vereinigt auf ein höheres
+Wesen übertragen, ohne dass die Elbe und Riesen deshalb aufhörten,
+die vielmehr im Gefolge des Gottes oder auch als seine Feinde weiter
+leben. Gerade aber diese Anschauung setzt einen höheren Gedankenflug
+voraus, der Gottesbegriff bedeutet den Sieg des Geistes über den
+rohen Stoff. Der Naturdämon lebt ganz _in_ seinem Element; ist er
+mit übermenschlicher Fähigkeit begabt, so ist er doch beschränkt
+wie sein Wirkungskreis. Selbst seine äussere Erscheinung ist durch
+seinen Ursprung bestimmt. Der Gott aber thront _über_ den Elementen
+als ordnender, richtender Herrscher. Seine Gestalt ist die des
+edlen Heldenkönigs, blühend in Schönheit und Kraft oder Ehrfurcht
+erweckend durch Weisheit und reiche Erfahrung. Die Göttin erscheint
+als hehre und anmutige königliche Frau. Der Gott, wie er in der
+Vorstellung der Völker lebt, vereinigt alles Vollkommene in einer
+glänzenden, mächtigen, geisterfüllten Persönlichkeit. Er ist das
+Ideal der sterblichen Helden und Fürsten. Der Gottesdienst gewinnt
+ungleich höhere Bedeutung: Seelen und Elbe empfangen Opfer, weil sie
+ins alltägliche, gewöhnliche Leben, in die Wirtschaft hemmend und
+fördernd eingreifen, die Götter aber lenken die Geschicke des gesamten
+Volkes, Staat und Recht ist von ihnen gesetzt und wird von ihnen
+geschützt, sie verkörpern die sittliche Macht. Die Indogermanen waren
+bereits zum Gottesbegriff gelangt, und eine gemeinsame Grundlage, so
+verschieden die spätere Entwicklung bei den einzelnen Völkern sich auch
+vollzog, liegt überall vor. Es war ein Glaube an das Walten lichter
+Götter (indisch _dêvas_), an deren Spitze der Beherrscher des hellen
+Tageshimmels stand. Die natürlichen Feinde des Lichtes sind die Mächte
+der Finsterniss, in deren Schutze die Unholde ihr Wesen treiben. Nicht
+immer blieb der Himmelsgott in seiner führenden Stellung. Zwar Zeus
+hat sie behauptet, aber der indische Dyâus räumte bald andern den
+Platz, schon die ältesten Urkunden zeigen ihn zurückgedrängt. Ebenso
+geschah es bei den Germanen. Schon hieraus sieht man, wie sehr der
+Götterstaat dem Wechsel unterliegt. Die allgemeinen Grundtypen des
+Seelen- und Elbenglaubens sind allerdings gemeingermanisch, schon
+bei den Riesen aber beginnen die besonderen Gebilde, bedingt durch
+die Naturverhältnisse, in denen die verschiednen Stämme lebten. Noch
+viel stärker aber sind die Unterschiede im Götterglauben, in dem fast
+jeder Stamm eigene Wege wandelte. Nur Weniges, aus der vorgermanischen
+Urzeit ererbt, gehört allen Germanen gemeinsam und darf daher in
+die vorgeschichtliche Periode vor Beginn der bestimmten Nachrichten
+zurückverlegt werden. Drei Göttergestalten sind allein mit Sicherheit
+zum Urbestand des germanischen Himmels zu rechnen: der des Donners
+mächtige Himmelsgott (Jupiter tonans) in die zwei Gestalten des _Tiuȥ_
+und _Ponaraȥ_ gespalten und seine Gattin _Frijô_, die Liebliche. Alles
+Andere scheint Sonderbildung der einzelnen Stämme und Kultverbände
+zu sein. Die folgenreichste Neuerung im Glauben unsrer Väter, das
+allmälige Aufkommen des _Wôđanaȥ_, sein Sieg über _Tiuȥ_ vollzieht sich
+im Gesichtskreis unsrer Beobachtungen. Eine runde, feste Götterzahl
+ist weder für die Urzeit noch für später nachweisbar. Der Grundzug
+des germanischen Götterglaubens ist kriegerisch. Das Schicksal des
+Volkes entscheidet die Schlacht. Daher ist die Göttersage von Kämpfen
+erfüllt, um Sieg wird die Gottheit angerufen. Siegesglück ist die
+höchste Spende, die der Gott verleiht. Im Heldenzeitalter treten die
+germanischen Stämme in die Geschichte, von Heldengeist ist ihre älteste
+Dichtung erfüllt, dasselbe Gepräge trägt Götterglaube und Göttersage.
+Nur selten in abgelegenen Ländern wird der hohe himmlische Herrscher
+ebenso eifrig als Herr des Friedens wie als Herr des Sieges gepriesen
+und angerufen.
+
+ * * * * *
+
+Die gemeingermanische Bezeichnung der Gottheit lautet got. _guþ_
+pl. _guda_, as. ags. ahd. _gođ_, _got_, an. _gođ_, _guđ_. Die
+urgermanische Grundform ist als _guđam_, pl. _guđô_ anzusetzen[147].
+Aus dem Gotischen und Nordischen ergibt sich, dass die Form des Wortes
+ursprünglich neutral war und wol meist in der Mehrzahl vorkam. Erst
+im Christentum gewann der allgemeine Begriff bestimmte Bedeutung und
+wurde als Masculinum gebraucht. Dem germanischen Heidentum lag im Worte
+„Gott“ der Begriff „Gottheit, göttliches Wesen“. Die Etymologie führt
+auf eine indogermanische Participialbildung _ghutóm_ zur Wurzel _gheu_,
+_ghu_, welche im Sanskrit und Avestischen namentlich im sakralen Sinne
+verwendet wird und das Anrufen der Götter bezeichnet. _Ghutom_ ist
+das mit Opfer und Gebet angerufene Wesen, erweist mithin uralten, vom
+höheren Gottesbegriff untrennbaren Gottesdienst. Ein Femininum zu Gott
+konnte sich erst spät einstellen, nachdem das ursprüngliche, sächliche
+Geschlecht verblasste und dafür das männliche aufkam. Darum entbehren
+wir auch einer gemeingermanischen Femininbildung. Im Westgermanischen
+entstand zu Gott später Göttin (ags. _gyden_, ahd. _gutin_, mhd.
+_gutinne_, _gotinne_, _götinne_), im Nordischen _gyđja_, womit sowol
+die Priesterin wie die Göttin bezeichnet wird.
+
+Durch alle germanischen Sprachen geht ein zweites Wort, dessen
+vollen Gehalt die nordische Mythologie erschliesst. Nach Jordanes
+Kap. 13 führten die Goten ihren Adel, durch dessen Glück sie siegten
+(_quorum quasi fortuna vincebant_) auf Halbgötter (_semideos id
+est ansis_) zurück. Die gotische Form im Nom. pl. wäre _ansîȥ_,
+der Sing. müsste _ans_ lauten. Diese _ansîȥ_ waren siegspendende
+Götter. Die hochdeutschen Stämme haben das Wort in Eigennamen wie
+_Anso_, _Anshelm_, _Anshilt_ und ähnlichen bewahrt, die Sachsen und
+Angelsachsen in _Oswald_, _Oslaf_, _Osdäg_ u. s. w. Im Ahd. lautet
+also das Wort _ans_, im As. Ags. _ôs_, wozu der bewahrte ags. Plural
+_êse_ (im Fries. _ees_) stimmt. Auch im Deutschen deklinierte das Wort
+in der Mehrzahl nach den i-Stämmen. Im Altnordischen ist _áss_ aus
+älterem _ǫ́ss_, _*ǫ́sur_, _*ansuȥ_ hervorgegangen, der Sing, stand
+zu den u-Stämmen[148], im Plur. tritt aber auch hier der i-Stamm zu
+Tage, _æsir_ aus _*ansîȥ_. Die ursprüngliche Bedeutung ist nicht zu
+erschliessen, weil das Wort mit Sicherheit nicht ins Indogermanische
+zurückgeführt werden kann. Zur männlichen Form bildete die nordische
+Sprache die weibliche _ásynja_. Durch besondere Verhältnisse gewann
+der Begriff der Ansen im nordischen Götterglauben nachmals beschränkte
+Bedeutung, insofern eine besondere Götterschaar als _æsir_ einer andern
+(den _vanir_) gegenüber stand.
+
+Aus indogermanischer Wurzel stammt die an. Bezeichnung _tívar_[149],
+die Lichten, von der jedoch sonst keine Spur vorhanden ist. Aus
+derselben Wurzel scheint aber der Göttername _Tiuȥ_; (an. _Týr_, ahd.
+_Zio_) geleitet zu sein.
+
+Als eine ratende und richtende Versammlung heissen die Götter _regin_
+und _metod_. _Regin_ ist im Nordischen und Sächsischen bezeugt. Das
+Wort ist aber gemeingermanisch, _ragin_ im Gotischen bedeutet Rat. Die
+nordische und wol auch die sächsische Sprache verwenden _regin_ im
+Sinne der ratenden Götter nur im Plural. In den Hǫ́konarmǫ́l 18 wird
+der Ausdruck noch verdeutlicht: _rǫ́þ ǫll ok regen_, alle ratenden
+Mächte. In der Vǫlospǫ́ 6, 9, 23 gehen alle _regin_, die hochheiligen
+Götter zu den Ratstühlen (_rökstólar_, _dómstólar_) und holten Rat.
+Wir sehen die _regin_ in ihrer Eigenschaft als Ratsversammlung
+niedersitzen. Der Begriff wird noch gesteigert als _ginnregin_ die
+grossen Götter, und _uppregin_, die oberen, himmlischen Götter. Im
+Götterrat wird das Schicksal bestimmt, welches noch im Heliand 2593 und
+3348 _regano giskapu_, der Ratenden Schöpfung ist. Im Altsächsischen
+und Angelsächsischen wird für Schicksal auch _metodo giskapu_ (Hel.
+2190, 4827) und _meotodsceaft_, _metodsceaft_ (Beow. 1077, 1180,
+2815) gesagt.[150] _Metod_ wird ags. und as. auch vom Christengott,
+ursprünglich wol von der Gottheit überhaupt gebraucht. Dasselbe Wort,
+aber in verschiedener Bedeutung begegnet auch im Nordischen (_mjǫtudr_
+stm. Verhängniss, Tod) und Gotischen (_mitaþs_ stf. Maass). _Metod_
+ist der „Messer“, der einem etwas zumisst, der Richter. Auf denselben
+Gedankenkreis leiten _regin_ und _metod_, die Götter sind Rater und
+Richter, das Schicksal ist das von ihnen gefundene und gefällte,
+festgesetzte und vollzogene Urteil.
+
+Über die _vanir_, die Glänzenden oder die Seegötter, wie in der
+nordischen Mythologie eine besondere Götterschaar heisst, wird im
+Abschnitt Freys berichtet. Merkwürdig ist die in nordischen Quellen
+übliche Bezeichnung _hǫpt ok bǫnd_, Hafte und Bande, für die Götter.
+Mit Haften und Banden (ahd. _haptbandun_) können nur Fesseln gemeint
+sein. Warum aber sind die Götter Fesseln? Vielleicht weil sie allen
+Übermut, der die sittliche und natürliche Weltordnung bedroht, sei
+es von Seiten der Menschen oder Riesen, in Fesseln schlagen und
+niederhalten. Aus Ehrfurcht vor dem Allwalter betraten die Semnonen den
+heiligen Hain nur gefesselt (_vinculo ligati_). Derselbe Gedanke mag
+den Namen der „fesselnden“ Götter hervorgerufen haben, der die Semnonen
+zur freiwilligen Fesselung vor dem Gotte veranlasste. Würde die
+Fessel, die dem Übermut von höheren Mächten angelegt ist, gesprengt,
+so müssten alle Bande sich lösen, die Welt geht aus den Fugen. Der
+Teufel ist gefesselt, kommt er los, so geht die Welt unter. So sind
+die zwingenden, hemmenden Fesseln zugleich die haltenden Bande und
+Hafte der bestehenden Weltordnung, das Gesetz, das sie erhält. Neben
+dem Neutrum _vé_, Heiligtum, steht im Nordischen das schwache Adj.
+_vé_, gen. _véa_, der Heilige, wie etwa ahd. der _wîho_, sanctus, neben
+_wîh_, templum. Im Singular begegnet _vé_ nur als Eigenname, Odins
+Bruder heisst der Heilige (Lokas. 26), im Hymirlied 40 steht aber der
+Plural _véar_, die heiligen Götter. Diese Bezeichnung ist schwerlich
+altheidnisch.
+
+ * * * * *
+
+An Gestalt und Aussehen gleichen die Götter den Menschen. Eine ideale
+Menschengestalt schwebt dem Gottesbegriffe vor. Daher mag es vorkommen,
+dass wol gestalte und reich gekleidete Männer vom erstaunten Volk
+geradezu für Asen angesehen werden. So heisst es in der Landnáma 3 Kap.
+10 von den Söhnen des Hjalti: wie sie zum Ding kamen, waren sie so wol
+angethan, dass die Leute meinten, die Asen seien gekommen; und in der
+Vǫlsungasaga Kap. 26 meint einer von den Leuten des Gjuki, da er den
+Sigurd anreiten sieht, einer der Götter fahre daher. Die schöne lichte
+Farbe wird bei Heimdall, Baldr und bei der Idun, der weissarmigen
+(Lokasenna 17) hervorgehoben, Sif Thors Frau trägt herrliches Goldhaar,
+im Übrigen aber erhalten wir keine besondern Einzelschilderungen. Unter
+den Göttern sind ältere und jüngere gedacht. Odin ist ein älterer,
+bärtiger Mann, doch keineswegs gebrechlich, greisenhaft, vielmehr
+stattlich und ehrfurchtgebietend im Waffenschmuck, wie ein bejahrter,
+vielerfahrener, aber noch rüstiger und waffenfähiger Volkskönig, Thor
+ist eine blühende Mannesgestalt mit rotem Bart, Baldr ein strahlender,
+jugendschöner Held. Nach der Geburt wachsen die Göttersöhne oft
+wunderschnell zu grosser Kraft hervor, eine Nacht alt macht sich
+Wali Odins Sohn zur Rache Baldrs auf, drei Nächte alt befreit Magni
+Thors Sohn den Vater von der ungeheuren Last des über ihn gestürzten
+Hrungnir. Es finden sich Spuren, dass die Götter besondere Nahrung
+genossen. Zwar halten sie Biergelage und Thor isst gierig Lachse
+und Ochsenbraten, die wandernden Asen sieden Ochsenfleisch. Aber
+andererseits bedarf Odin keiner Kost, mit seinem Teil von Eberfleisch,
+das den Einherjern in Walhall vorgesetzt wird, füttert er seine Wölfe,
+er selber lebt allein von Wein. Idun verwahrt Äpfel, durch deren
+Genuss die alternden Götter sich verjüngen. Odrerir, der begeisternde
+Dichtertrank, ist vielleicht ursprünglich ein Verjüngungstrank, der das
+Altern verhindert.[151]
+
+Es liegt im lebenskräftigen Götterglauben begründet, dass der Gott
+ein höheres, längeres Leben führt als der Mensch. Unsterblichkeit
+und Ewigkeit im Vergleich zum kurzlebigen Menschen gebührt dem Gott.
+Tiefere Denker mögen allmälig auch das Göttliche als endlich erkennen.
+So sind die griechischen Götter ewig, aber neben dieser vorherrschenden
+Betrachtung taucht auch der Gedanke an ihren Untergang auf. Über die
+Sterblichkeit oder Unsterblichkeit der germanischen Götter wissen wir
+nichts; denn die nordischen Verhältnisse dürfen nicht verallgemeinert
+werden. In der nordischen Göttersage freilich sind fast alle Götter dem
+Waltode geweiht, zuerst wird Baldr getötet, am Weltende aber erwartet
+die Walhallgötter der Schlachttod. Da der Untergang der nordischen
+Götter mit dem Weltuntergang zusammenhängt, letzterer aber ungermanisch
+ist, dürfen wol auch die germanischen Götter wie die griechischen und
+indogermanischen ewig gedacht werden.
+
+Die germanischen Götter erscheinen reitend oder gehend, nur Thor
+fährt auf seinem mit zwei Böcken bespannten Wagen. Darum werden
+Namen verschiedener Götterpferde aufgezählt. Selbst göttliche Frauen
+bedienen sich, den Walküren gleich, der Rosse. Bei den Menschen aber
+werden Gottheiten feierlich im Wagen umhergeführt, wie die Nerthus
+und Freyr in Schweden. Altertümlicher ist gewiss das Wagengespann;
+die berittenen Götter entstammen wiederum deutlich der germanischen
+Heldenzeit, die Kämpfe werden zu Fuss oder zu Ross, nur äusserst
+selten und schwerlich auf echt heimischer Sage begründet zu Wagen wie
+z. B. in der Brawallaschlacht ausgefochten. Wenn die Götter ausreiten
+oder ausfahren, so erbebt die Erde. Aus den Mähnen und vom Gebiss
+der Götterrosse träufelt befruchtender Thau aufs Gefilde herab. Die
+Götter reiten und fahren durch die Lüfte und auf dem Wasser, wie auf
+dem Lande. Wenn sich die Götter, meist in unscheinbarer Gestalt,
+unter die Menschen mischten, so erschienen und verschwanden sie
+plötzlich. Fürs Verschwinden gebraucht die nordische Sprache das Wort
+_hverfan_, _Óþinn hvarf þá_, Odin verschwand da, heisst es am Schlusse
+des Grimnirliedes. Vermutlich galt überhaupt das gemeingermanische
+Zeitwort _hweru̯an_ hiefür. Die Verwandlungsfähigkeit haben die
+Götter mit allen überirdischen Wesen gemeinsam, jedoch machen sie
+verhältnissmässig selten und dann mehr in zauberischer Weise davon
+Gebrauch. Die Götter werden im allgemeinen als heiter, wolgemut
+(_teitr_, _glađr_) und mild (_blíđr_, _sváss_, _hollr_) geschildert.
+Sie sind dem Menschen gnädig gesinnt. Dem Thor lacht vor Freude das
+Herz in der Brust (_hló hugr í brjósti_), aber sein Zorn bricht oft
+auch furchtbar hervor. Wenn er unwillig zürnt, lässt er die Brauen
+über die Augen sinken, macht finstere Brauen und schüttelt den Bart.
+Für Odin ist neben aller Heldenschaft doch auch Tücke und Hinterlist
+Freund und Feind gegenüber bezeichnend. Das Leben der Götter verläuft
+wie das der Menschen. Sie befragen das Loos, führen Kriege, halten
+festliche Gelage, üben sich in den Waffen, halten Gericht, ergötzen
+sich am Brettspiel und lassen sich in Liebeshändel ein. Verzehrende
+Sehnsucht erfasst Freys Gemüt; Odin ist in allen Liebesränken wol
+erfahren. Die Götter haben auch Gefolgsleute und Diener. Skirnir ist
+Freys Schuhknecht, Fulla der Frigg Kammermagd. Über die Macht der
+Götter treffen wir abweichende Anschauungen. Sie sind die Lenker des
+Schicksals, das ja _metodo_ und _regano giskapu_ ist, andererseits
+ist aber auch das Schicksal unabhängig und selbständig gedacht
+(_wurdgiskapu_). In der nordischen Sage sind die Götter dem Verhängniss
+unterworfen. Die germanischen Götter und Wurd verhalten sich wol
+ähnlich zu einander wie die griechischen und die Moira. Das Schicksal
+gilt bald als Willensäusserung der Götter, bald steht es selbständig
+neben, ja über den Göttern. _Regnator omnium_, Allwalter, war der
+Semnonengott, die Bezeichnung lässt unumschränkte Allmacht vermuten.
+Die den Göttern zugemessene Macht sehen wir so geteilt, dass einer an
+der Spitze der übrigen steht, denen besondere Ämter und Verrichtungen
+zugewiesen sind. Die Rangverhältnisse der Götter waren aber keineswegs
+gleichmässig geordnet, gerade hier treten bedeutende Unterschiede im
+Laufe der Jahrhunderte und bei den einzelnen Völkerschaften hervor,
+indem der Vorrang unter den Göttern wechselte, bald bei Tiuȥ, bald
+bei Wodan, bald bei Freyr, bald bei Thor stand. Mithin ist auch die
+Anzahl der germanischen Götter keine fest bestimmte, sondern eine ewig
+wechselvolle. Für die älteste Zeit erkennen wir drei Hauptgötter, deren
+Verehrung bei den meisten Stämmen sehr wahrscheinlich ist. Wieviele
+Götter aber die einzelnen Stämme daneben verehrten, lässt sich nicht
+feststellen. Die Zwölfzahl der Götter spielt weder im deutschen, noch
+im nordischen Glauben eine Rolle. Zuerst gedenkt ihrer das Hyndlalied
+30:
+
+ Elf noch lebten vom Asenstamme,
+ Als Baldrs Leiche auf den Brandstoss sank.
+
+Die Stelle steht in dem Abschnitt, der als kurze Woluspa (Vǫlospǫ́
+en skamma) bezeichnet wird und wol erst der zweiten Hälfte des
+12. Jahrhunderts zugehört.[152] Die Zwölfzahl entstammt gelehrter
+Nachahmung des antiken Götterkreises. Sie wird von Snorri Sturluson
+in der Ynglingasaga Kap. 2 u. 7 und in der Gylfaginning Kap. 20 (SE.
+1, 82) wiederholt, ist aber so wenig begründet, dass die Anzahl der
+wirklich bezeugten Asen damit gar nicht übereinstimmt. Wir haben es
+sicher mit einem späten gelehrten Versuche des 12./13. Jahrhunderts zu
+thun, der keine weitere Beachtung verdient.
+
+Die Wohnstätte der Götter ist im lichten Himmel oder auf hohen Bergen
+gedacht, die in den Himmel hinein ragen und weite Überschau gewähren.
+_Ásgarđr_, _gođheimr_ (Götterheim), _heilakt land_ (heiliges Land),
+_ragna sjǫt_ (Göttersitz), _hodd gođa_ (Götterbezirk) lauten die
+Bezeichnungen bei den nordischen Dichtern. Auf den Himmel weisen
+unmittelbar die Namen _uppheimr_, _upplǫnd_, wie in mhd. Gedichten der
+Himmel _oberland_ heisst, wo die _uppregin_ hausen. _Tiuȥ_ und die
+_tívar_ gehören schon des Namens halber in den Himmel. Wodan, Odin und
+Freyr schauen vom himmlischen Hochsitz aus auf die Welt herab. Von den
+Namen der Götterwohnungen, welche das Grimnirlied aufzählt, bezeichnen
+einige den weiten glänzenden Himmel (_Breidablik_, _Glitnir_,
+_Bilskirnir_). Auf himmelhoch ragendes Gebirg deutet Heimdalls Wohnsitz
+_Himinbjorg_. Die Götterberge brauchen nicht immer als Kultstätten,
+sie können auch als Wohnsitz gedacht sein. Nach der SE. liegt Asgard
+inmitten der Erde, wol als hochragender Götterberg, dessen Gipfel durch
+die Wolkendecke in ewig heitere Klarheit ragt. Auch der Göttersitz
+Olymp ist Berg und Himmelsraum zugleich.
+
+
+
+
+Die einzelnen Götter.
+
+
+I. Tiuȥ.
+
+1. Des Gottes Art und sein Kult.
+
+Der idg. _Diēus_, der Gott des strahlenden Himmels und Tages, wurde
+auch bei den Germanen verehrt. In den ältesten Zeiten, von denen die
+Geschichtsquellen spärliche Kunde gewähren, war +Tiuȥ+ noch Erster
+der Götter.[153] Die Mythen vom indogermanischen Himmelsgotte lassen
+noch deutlich die Naturerscheinung als Hintergrund der Sagenbildung
+erkennen. Mit Friede und Fruchtbarkeit segnet der Himmel die Erde.
+Einige Sagen und der Kult, den die Schweden noch lange Zeit dem Gotte
+widmeten, zeigen auch den germanischen Gott in seiner natürlichen
+Wirksamkeit. Sofern er nicht davon losgelöst wurde, darf sein Wesen
+auch aus der zu Grunde liegenden Vorstellung gedeutet werden. Daneben
+entwickelte sich aber eine völlig neue Seite seiner Thätigkeit,
+welche bei den meisten Stämmen fast einzig überwog. Nachdem Kampf und
+Kriegsfahrt zur ersten und wichtigsten Lebensaufgabe der Germanen
+geworden war, wandelte sich die leuchtende, in erhabener Ruhe über
+den Wolken in lichten Himmelshöhen thronende Gestalt des idg.
+Göttervaters zum schwertfrohen Helden. Denn sein eigen Ebenbild in
+höchster Vollkommenheit malt sich ein Volk in seinem Gotte aus. Der
+Gott steht in Beziehung zur Hauptbeschäftigung seines Volkes, er lenkt
+das Schicksal, das Los der Schlachten. Tiuȥ, wurde zum Kriegsgott.
+In dieser Eigenschaft lernten ihn die Römer kennen, welche ihn als
+_Mars_ umschrieben. Bei den Tencterern[154] ist er der vornehmste
+der Götter. Auch die Rheinländer, die im ersten Jahrhundert n. Chr.
+bereits dem Wodan sich zuwandten, brachten doch auch dem Tiuȥ besondere
+Tiere, wahrscheinlich Pferde zum Opfer.[155] Am feierlichsten wurde
+dem allwaltenden herrschenden Gott, dem alles gehorcht, bei den
+Semnonen[156], dem ältesten und edelsten Stamme des Suebenvolkes
+gedient. Ein Hain von uralten heiligen Schauern durchweht war ihm
+geweiht. Nur mit Fesseln durfte man den Wald betreten, wer fiel, durfte
+nicht aufstehen, sondern musste sich hinauswälzen. Der schrecklichen,
+strafenden und rächenden Gewalt des Gottes, der Herr über Leib und
+Leben ist, dessen heilige Rechte niemand verletzen darf, geschieht mit
+diesem Brauch, durch welchen jeder wie ein Opfer hilflos in des Gottes
+Hand sich stellt, volle Genugthuung. Es ist ein Bundesheiligtum, das
+zu bestimmter Zeit von den einzelnen verbündeten Stämmen beschickt
+wird, um dem Gotte ein feierliches Menschenopfer darzubringen. Der
+Glaube verlegt den Ursprung des Volkes dorthin. Die Semnonen und durch
+sie auch ihre Stammverwandten betrachteten sich demnach offenbar
+als Abkömmlinge des Allwaltenden. Im Kriege, den Hermunduren und
+Chatten[157] um den Besitz der heiligen Salzquellen führten, opferten
+die Sieger dem Tiuȥ und Wodan alle Männer und Pferde des feindlichen
+Heeres. Bei den Norwegern galt im 6. Jahrhundert das Menschenopfer
+als Höchstes; den ersten Kriegsgefangenen gaben sie dem Tiuȥ, den
+sie damals noch für den vornehmsten der Götter hielten[158]. Auch
+die Goten weihten dem Tiuȥ, dem Lenker der Schlachten, der blutige
+Opfer forderte, das Leben der Gefangenen, dem Gotte gehörten die
+ersten Beutestücke, an den Baumstämmen seines Haines wurden die
+eroberten Waffen aufgehängt.[159] Abzeichen des Kriegsgottes war das
+Schwert, bei dem die Quaden wie beim Gotte selber Eide schwuren.[160]
+Vielleicht ist die Sage vom Marsschwert, worin Attila das Zeichen der
+Weltherrschaft sah, gotischen Ursprungs.[161] Denn gotische Lieder
+erzählten von Attila, als wäre er ein germanischer Heerkönig gewesen.
+Man würde begreifen, dass des Tiuȥ Schwert dem Menschen, der es als
+des Gottes erkorener Liebling führte, steten Sieg und gewaltige Macht
+verlieh. Nach Tacitus tanzten Jünglinge kunstvoll zwischen Schwertern
+und feindlich drohenden Speeren. Als Brauch der Zünfte hat sich der
+Schwerttanz bis ins späte Mittelalter herab erhalten. Die Tänzer
+führten kunstreiche Fechterschläge aus, ahmten den Schwertkampf nach
+und bildeten aus den zusammengehaltenen Klingen mannigfache Figuren.
+Der Tanz verlangte Übung und Gewandtheit.[162] Die Beziehung des Tiuȥ
+zum Schwert lässt vermuten, dass dieses Heldenspiel ihm zu Ehren
+geschah. Die weissen Rosse, die auf Staatskosten in Hainen gehegt, nur
+zum Dienste der Gottheit, nie zu dem der Menschen gebraucht werden,
+aus deren Wiehern Priester und König oder Fürst weissagen, waren wol
+Eigentum des Himmelsgottes.[163] Wenigstens haben die im Norden aus
+Tiuȥ abgezweigten Götter Freyr, Baldr, Heimdall besondere Rosse.
+Wahrscheinlich gehörten schon dem Tiuȥ Schwert, Goldhelm und Ross, er
+war gerüstet wie ein Königsheld. Dem Hufe des göttlichen Rosses war
+vielleicht einst die Wunderkraft zu eigen, Quellen zu öffnen, ein Zug,
+der in vielen späteren Sagen und Legenden vorkommt.[164]
+
+Dass die Friesen dem Tiuȥ dienten, wird durch einen inschriftlichen
+Fund, aus dem man aber nicht zu viel herauslesen darf, bestätigt.[165]
+Der unter Severus Alexander am Hadrianswall in Britannien stehende
+friesische Keil (_cuneus Frisiorum_) war aus germanischen Söldnern
+gebildet, die vorwiegend aus den friesischen Ländern stammten.
+Leute aus Twenthe setzten dem _Mars Thingsus_ einen Weihstein. Die
+germanische Form des Beiwortes ist etwa _þingsaȥ_ und stellt sich
+natürlich als Ableitung zu _þing_. Die Grundbedeutung des Wortes
+ist Versammlung, besonders Gerichtsversammlung, ferner Ort und Zeit
+derselben. Unter Thingleuten sind aber auch die Angehörigen eines
+Verbandes verstanden; _þingmanna liđ_, der Thingleute Schar, heissen
+die von den anglischen und dänischen Königen in England im 11.
+Jahrhundert zur Landesverteidigung gehaltenen Mietstruppen. Soll mit
+dem Beiwort Tiuȥ in seiner Eigenschaft als Gott der Gerichtsversammlung
+bezeichnet werden, „als Befehlshaber und Praesident des in Heer und
+Thing versammelten Volkes“ (Scherer)? Römische Truppenteile weihten
+ihren Schutzgöttern Inschriften, den _genii legionis_, _cohortis_,
+_alae_, _vexillariorum_. Diesen Brauch ahmten die Tuihanten offenbar
+nach und setzten dem Mars ihrer Truppe einen Stein. Der Mars ihres
+Verbandes war aber nicht der römische Gott, sondern der ihres Volkes.
+Den heimischen Glauben behielten die Germanen in römischen Diensten
+bei. Der Mars, _der die friesische Truppe beschützt_, -- nichts
+anderes will das Beiwort besagen -- ist damit deutlich vom römischen
+unterschieden und nach der üblichen interpretatio romana wol als der
+germanische Tiuȥ zu betrachten. In der Heimat und in der Fremde, an
+der Dingstätte und im Lager wurde der waltende Tiuȥ von den Friesen
+angerufen.
+
+Am Ende des 8. Jahrhunderts taucht die Benennung _Cyuuari-Suâpa_
+auf.[166] Als _Ziuleute_ sollen sich die Schwaben, die Abkömmlinge
+der Semnonen, bezeichnet haben. Ihr Hauptsitz Augsburg hiess auch
+_Ciesburc_, Burg des Ziu. Die Möglichkeit ist nicht abzuleugnen, dass
+dasjenige Volk, dem einst das erminonische Heiligtum gehörte, das vor
+den übrigen dem Himmelsgott als dem Vater des Stammes zunächst stand,
+am längsten seinem Dienste treu blieb und in der neuen Heimat einen
+Ziutempel unterhielt. Neuerdings wird aber die Echtheit der Nachricht
+angefochten. Im karolingischen Zeitalter entstand eine fabelhafte
+Chronik von Augsburg. Die Stadt ist eine Gründung der Schwaben, die
+lang vor den Römern da gesessen haben sollen. Das Römerheer, die
+_legio Martia_, erlitt eine schwere Niederlage bei Augsburg. Ziesburg
+scheint in Anlehnung an Eresburg ersonnen: während Karl die Eresburg
+bezwang, brach sich die römische Macht an der Ziesburg. Dem Augsburger
+war für _dies Martis_ der schwäbische Ziestag und der bairische Ertag
+geläufig, so mochte er sich das Verhältniss _Ertag_, _Eresburg_:
+_Ziestag_, _Ziesburg_ ausdenken. Als Bewohner der von der legio Martis
+belagerten Stadt ergaben sich dem gelehrten Chronisten _Marticolae
+Ziuuari_. Vielleicht ist dieser Ausdruck jedoch überhaupt gar nicht
+über die Wessobrunner Handschrift hinausgelangt, wo er aus „Recyuuari“
+Riesser, Bewohner des Riess, verschrieben zu sein scheint. Mindestens
+ist der „hieratische“ Namen der Schwaben und der ihrer „Ziuburg“ mit
+Vorsicht aufzunehmen, weil er vielleicht nur durch Schreiberirrtum und
+gelehrte Fabelei im Ausgang des 8. Jahrhunderts zu Stande kam und mit
+der Heidenzeit und dem echten Götterglauben der einst dem Tiuȥkult
+zugethanen Semnonen-Sueben nichts mehr zu schaffen hat.
+
+Tacitus erzählt von der göttlichen Abstammung der drei Hauptstämme
+der Germanen[167]. _Tuisto_, der Sohn der Erde hat wol den Himmel
+zum Vater. Da Himmel und Erde an ihm Teil haben, da er ihr beider
+Wesen in sich vereint, heisst er der Doppelte, Zwiefältige,
+vielleicht aber auch Zwitter[168], wenn etwa Mannus von ihm allein
+entsprang. _Mannus_ ist der Urmensch, Erzeuger der Menschheit. In
+dieser Genealogie bezeichnet aber Mannus den Gott als Menschen. Der
+Grundgedanke scheint zu sein, ein Gott in Menschengestalt zeugte die
+Stammväter, nach deren Namen die Völker heissen. Wie erklären sich
+die Namen dieser drei Stammeshelden _Ingvio_, _Istvio_, _Irmino_[169]?
+Wenn Völker oder Geschlechter nach einem ihrer berühmten Ahnen den
+Namen empfangen, dann ist dieser Ahne ein vergötterter Mensch, ein
+Halbgott, niemals ein rein göttliches Wesen. Steht auch einer der
+hohen himmlischen Götter, etwa Tiuȥ, Donar oder Wodan, an der Spitze,
+so knüpft doch die Benennung nicht an den Gott selber an, vielmehr
+an einen Nachkommen. Ein Halbgott, ein Heros vermittelt zwischen dem
+Gott und den Sterblichen. Müllenhoff meint (Schmidts Zeitschrift 8,
+222), „entweder ward dem Gott eigens ein Name beigelegt, der nur ein
+nahes Verhältniss zu dem Volke oder Geschlecht ausdrückt, oder das
+Volk oder Geschlecht bezog auf sich einen schon vorhandenen, im Wesen
+des Gottes begründeten Beinamen“. Andächtige Stimmung, religiöser
+Brauch soll die meisten der altgermanischen Völkernamen geschaffen
+haben. Geistvoll weiss Müllenhoff diese „hieratischen Kultnamen“
+auszulegen. Doch unumstösslich feste Beweise sind nicht erbracht.
+Laistner schlug einen andern Weg zur germanischen Namendeutung
+ein und gelangte zu einer bestimmten, aus treffender Beobachtung
+geschöpften Gesamtansicht über ihren Ursprung. Das Volk in Verband
+und Versammlung, in Sippeverhältniss und Heerordnung, nach Seelenzahl
+und Ausbreitung, also einfache natürliche Zustände sind Quellen der
+Namen. Ohne jede Herleitung im einzelnen zu billigen, möchte ich
+Laistners Erklärungsweise der gezwungenen Müllenhoffs vorziehen. An
+sprachlicher Begründung steht sie hinter letzterer nicht zurück, aber
+sie ist insofern ungefährlicher, als sie nicht gleich auf unsichere
+Voraussetzung hin die germanische Mythologie mit allerlei weit- und
+tiefgreifenden Vermutungen bereichert. Im gegebenen Fall fragt es sich
+also, nannten sich diese drei Hauptvölker nach den Beinamen eines
+Gottes, und so erklärt Müllenhoff, oder haben sie aus ihren eigenen
+Benennungen drei Helden gemacht, und diese als des Gottes Söhne,
+vielleicht auch manchmal als des Gottes Beinamen (z. B. _Saxnôt_ als
+Sachsengott) ausgegeben, heisst das Volk nach dem Gott oder der Gott
+nach dem Volk? Mit Laistner und andern entscheiden wir uns für letztere
+Ansicht, welche auch der J. Grimms wieder näher kommt. Müllenhoff
+glaubte die zu Grunde liegenden Namen des Gottes als _ingvaȥ_ der
+Ankömmling, _ermnaȥ_ der Erhabene, _istvaȥ_ der Verehrungswürdige
+(nach Scherer der Gott des Herdfeuers, nach Hoffory der Flammende)
+erklären zu dürfen. Die Ingvaeonen, Erminonen, Istvaeonen seien
+Kultgenossenschaften, Völker, die gemeinschaftlich einen Gott unter
+diesen Namen anbeteten und sich gemeinsamer Abkunft von ihm rühmten. In
+Ingvaȥ und Ermnaȥ erkannte er den Tiuȥ, in Istvaȥ den Wodan, während
+Hoffory auch diesen auf Tiuȥ bezog. Nach Laistner sind die Ingvaeonen
+die Einheimischen, die Erminonen das Grossvolk, die Istvaeonen die
+Echten, Vollbürtigen. Welcher Deutung man auch beipflichte, die
+Hauptfrage bleibt sich gleich, was für Götter sind mit den Stammvätern
+gemeint. Leicht ist die Entscheidung für die erstgenannten. Die
+Ingvaeonen wohnten auf der deutschen Halbinsel zwischen Ost- und
+Nordsee, ihr gemeinsamer Kult galt der Nerthus, deren Heiligtum auf
+einer Insel der Nordsee sich erhob. Die Angeln und Sachsen gehören
+zu den Ingvaeonen. „Ing war zuerst bei den Ostdänen den Menschen
+erschienen; später zog er ostwärts über die Wogen; sein Wagen rollte
+ihm nach.“[170] Mit Ing, dem Begründer ihres Volkes, fuhren die Angeln
+aus ihrer alten schleswigschen Urheimat nach Britannien. Ingwine,
+Freunde des Ing heissen die Ostdänen (Béowulf 1045, 1320). Ing war ihr
+erster König, an ihn knüpften die Genealogien ihrer Herrscher an. Bei
+den norwegischen Skalden heissen die Könige der Schweden _Ynglingar_,
+Nachkommen des Yngvi; der Gott Freyr wird auch Yngvi oder Yngvifreyr
+genannt. Freyr ist aber sicher der Himmelsgott Tiuȥ. Freyr und Nerthus
+gehören zusammen als die Hauptgötter der Ingvaeonen. Sollte auch die
+nordische Zusammenstellung von Yngvi und Freyr erst später erfolgt
+sein, so dachten doch jedenfalls die Ingvaeonen ihren Ingvo oder
+Ingvio als Sohn des herrschenden höchsten Gottes, und der kann zur
+Entstehungszeit der Sage nur Tiuȥ gewesen sein, noch nicht Wodan. Man
+erkennt mit Hilfe dieser Zeugnisse den eigentlichen Sinn der Genealogie
+des Tacitus. In Gedichten wurde der Adel der Ingvaeonen gepriesen, die
+Könige und Stämme dieses Bundes rühmten sich gemeinsamen Ursprungs.
+Tiuȥ in Menschengestalt war herabgestiegen, Ingvio war sein Sohn und
+erster König, das Königtum ist vom höchsten Gotte eingesetzt. Auf
+denselben Mythus geht die schöne später ausgebildete anglische Sage von
+Skéaf[171] zurück, nur ist sie auf den Stamm der Angeln beschränkt,
+wie ja auch die Ostdänen den Ing für sich allein in Anspruch nehmen.
+Den Anfang des Königtums und der Kultur knüpften sie an die wundersame
+Ankunft eines geheimnissvollen Fremdlings. In steuerlosem Schiff, auf
+einer Garbe schlafend, kam ein hilfloses Kind ans Land geschwommen.
+Von den Bewohnern wurde es wie ein Wunder aufgenommen und sorgfältig
+erzogen. Sie legten ihm den Namen _Skéaf_ bei, nach dem Getreidebündel
+(angl. _skéaf_, nds. _skôf_, ahd. _scoup_, mhd. _schoup_), auf dem er
+geschlafen hatte. Skéaf wurde zum König der Angeln erwählt und wuchs
+an Macht und Ehren. Als er aber aus dem Leben schied, da trugen die
+Männer ihn wieder zum brandenden Ufer, wie er gebeten. Dort lag sein
+Schiff zur Ausfahrt bereit, und wieder trieb der tote Held hinaus auf
+die Wogen. Niemand weiss, woher er kam, wohin er entschwand. Aber eine
+edle Königssippe stammte von ihm ab. Es war der Himmelsherrscher selber
+gewesen, der in Menschengestalt zu seinem Volke herabstieg und ihm die
+Segnungen gesicherten Ansiedelns und Wohnens, den Ackerbau und das
+Leben und Besitz schirmende Königtum verlieh. Der Himmelsgott an der
+Spitze von Stammtafeln, als Begründer menschlicher Einrichtungen wird
+uns auch sonst begegnen, im nordischen Freyr und Heimdall.
+
+Mit Irmino ist ebenfalls Tiuȥ gemeint. Denn für diese Völker ist in
+ältester Zeit der Himmelsgott der Höchste, so im uralten Semnonenwald,
+so bei den nach dem Süden gewanderten Stämmen der Schwaben, Marcomannen
+und Quaden. Bei den Hermunduren steht allerdings bereits Wodan neben
+Tiuȥ. Widukind berichtet von einem um 530 bei Scheidungen an der
+Unstrut befindlichen Göttermal, einer Säule, der _irminsûl_. _Hirmen
+... Mars dicitur_, _Irmino ist Tiu_, sagt Widukind.[172] In Westfalen
+auf dem _Eresberg_ war ein Heiligtum, ein Hain und ebenfalls eine
+solche Irmensûl, welche Karl der Grosse 772 zerstörte. _Er_ ist Tiu
+unter anderem Namen und die Irmensûl muss also auf den Himmelsgott
+bezogen werden. Irmineswagen heisst freilich nach später Überlieferung
+(Leibnitz ser. 1, 9) das Sternbild.
+
+Schwieriger ist es, über den Stammvater der Istvaeonen ins Reine zu
+kommen. Während Ingvaeonen und Erminonen sicher auf Tiuȥ ihr Geschlecht
+zurückführen, während Namen mit Ingvio und Irmino zusammengesetzt noch
+lange fortleben, ist Istvio verschollen. Unter den Istvaeonen sind
+die Bewohner der Rheinlande gemeint. Da bei ihnen Wodan aufkam, liegt
+es nahe, Abstammung von Wodan ihnen zuzuschreiben. Aber die Erwägung
+hält kaum Stand. Die Lieder, in welchen die Völker gemeinsamer Abkunft
+sich rühmen, reichen in graues Altertum. Die gemeinschaftlichen
+Namen scheinen in der Römerzeit bereits in Auflösung begriffen, neue
+Bundesgenossenschaften erstehen. Der Wodandienst, dem freilich in der
+Römerzeit die Istvaeonen anhängen, ist für die den Liedern zu Grunde
+liegenden Verhältnisse nicht notwendig vorauszusetzen, damals war er
+vielleicht noch gar nicht vorhanden. Die drei Stammväter als Brüder
+gedacht ordnen sich einer Einheit unter, die Westgermanen, obwol unter
+sich in verschiedene Gruppen eingeteilt, fühlten wol dereinst ihre
+Zusammengehörigkeit, wenigstens geht ein solcher Gedanke durch das
+Gedicht, dem jene Sage entstammt, hindurch. Wenn zwei der einander
+gleichgestellten Brüder auf den Himmelsgott weisen, wird auch der
+Dritte keinem andern zuzuteilen sein. Tiuȥ, aus dem Himmel unter die
+Menschen herabsteigend, ward der Vater der westgermanischen Hauptvölker.
+
+„Die einzelnen Völkerschaften eines Stammes, wie eine grosse Familie
+und Blutsverwandtschaft sich betrachtend, vereinigten sich jährlich
+zu einer gemeinsamen Feier und erneuerten ihre Gemeinschaft bei einem
+blutigen Opfer; den Gott sahen sie für ihren Vater und den Gründer
+ihres Geschlechtes an, die Göttin für ihre Mutter, beide, da jener des
+Himmels waltete, diese die Erde segnete, für ihre Ernährer, Herrscher
+und Beschützer.“[173] Das Bundesheiligtum der Ingvaeonen war die
+Nerthusinsel, das der Erminonen der Semnonenwald. Bei den Istvaeonen
+waren vermutlich die Marser Pfleger des Heiligtums der Göttin Tanfana,
+das Germanicus 14 n. Chr. zerstörte, wodurch auch Volk und Name der
+Marser vernichtet wurden.
+
+Der nordische Tyr[174] nennt sich den Sohn des Hymir, der ostwärts
+über den stürmischen Wogen am Himmelsrande wohnt. Der Tag steigt im
+Osten aus den Gewässern hervor. Loki rühmt sich, mit Tyrs Weib gebuhlt
+zu haben; sonst wird nirgends mehr seine Gattin genannt. Die jüngere
+Auffassung ordnet ihn als Sohn dem Odin unter. Snorre berichtet: „Tyr
+ist überaus kühn und mutig, und hat die Hauptentscheidung über den
+Sieg in den Schlachten. Daher ist es gut, wenn tapfere Männer ihn
+anrufen. Eine gebräuchliche Redensart ist es, von jemand, der andere
+an Mut übertrifft, zu sagen, er sei kühn wie Tyr. Damals hat er einen
+Beweis seiner Unerschrockenheit und Tapferkeit gegeben, als die Asen
+den Fenriswolf dazu bringen wollten, sich die Fessel Gleipnir anlegen
+zu lassen. Der Wolf wollte ihnen nicht glauben, dass sie ihn wieder
+lösen würden, und so mussten sie ihm als Pfand die Hand Tyrs in den
+Rachen legen. Als nun die Asen ihn wirklich nicht befreien wollten,
+biss er ihm die Hand ab an jener Stelle, die seitdem Wolfsglied (das
+Handgelenk) heisst, und der Gott besitzt nun nur eine Hand. Er ist
+auch so weise, dass man von einem besonders klugen Manne zu sagen
+pflegt, er sei weise wie Tyr. Nicht aber kann man von ihm behaupten,
+dass er sich es angelegen sein lässt, Frieden zwischen den Menschen zu
+stiften.“ Beim Götterkampf stehen Tyr und der Höllenhund Garm einander
+gegenüber und beide erleiden den Tod. Siegrunen soll man aufs Schwert
+ritzen und dabei zweimal Tyrs Namen sprechen; der Schwertsegen wird
+durch Tyr wirksam. Könige leiten ihr Geschlecht von Tyr ab.
+
+Obwol des Tyr Macht im Norden stark beschränkt ist, treten doch noch
+deutlich alle wesentlichen Eigenschaften des Tiuȥ zu Tage, im 6. Jahrh.
+galt er ja nach Prokop noch als der höchste Gott bei den Skandinaviern,
+damals war weder Thor noch Odin in Norwegen an seine Stelle gerückt.
+Der alte Name des Himmelsgottes erhielt sich in Norwegen, in Schweden
+wurde er Freyr genannt.
+
+ * * * * *
+
+Auf den Tyrskult der nordischen Wikinger vom Hardangerfjord, die im 9.
+Jahrh. in Irland heerten, christliche Kirchen und Klöster verbrannten
+und die Diener des Christengottes töteten, lässt eine geistvolle, aber
+kühne Vermutung Zimmers[175] schliessen. Die irische Sprache bezeichnet
+das Thun und Treiben, die Heerfahrt der Wikinger mit dem Worte _dîberc_
+(gespr. _dîwerc_). Aus dem irischen Wortschatz ist _dîberc_ nicht
+zu erklären. Da viele nordische Wörter zur Zeit der Heerfahrten ins
+Irische übergingen, kann auch _dîberc_ aus dem Nordischen entlehnt
+sein. _Týverk_, Werke des Tyr, Werke des Kriegsgottes, nannten die
+heidnischen Wikinger ihre Thaten, und die Iren machten daraus _dîberc_,
+deren Wirkung sie ja genugsam verspürten und fürchteten. Bei den
+Norwegern, die im 9. Jahrh. in Irland heerten, herrschte somit noch
+Tyrsdienst vor, der später vor Thors und Freys Dienste zurücktrat.
+
+ * * * * *
+
+Zur Erinnerung an die Schlacht bei Flodden in Northumbrien, in der 1513
+die Schotten von den Engländern besiegt wurden, feierte man lange in
+Hawick (Roxboroughshire) ein Volksfest mit Wettreiten. Als Kehrreim
+eines dabei gesungenen Liedes begegnen die dem Volke unverständlichen
+Worte „_Teer yebus, ye Teer ye Odin_.“ Sie sind zu deuten „_Týr hæb
+us, ye Týr ye Odin_!“ Tyr habe uns, Tyr und Odin! Man kann darin einen
+alten northumbrisehen Kampfruf vermuten, welcher in der späteren
+Wikingerzeit aufkam. Denn die Götter sind in nordischer, nicht in
+englischer Namensform angerufen.[176]
+
+ * * * * *
+
+Alle Germanen haben den _dies Martis_ nach Tiuȥ benannt, nur die Baiern
+haben eine andere Bezeichnung: _Ertag_, woran noch die heutige Mundart
+festhält.[177] Spätere Formen sind _Eri-_, _Erch_-, _Erichtag_. J.
+Grimm vermutet, dass in diesem Ertag ein anderer Name des Himmelsgottes
+verborgen sei. Bedenklich ist nur, dass kein Genitiv, also Erestag wie
+Wodans-Donars-Ziestag steht. Vielleicht darf der sächsische Eresberg
+herangezogen werden. Merkwürdig sind einige Runennamen, ᛏ ist im Ags.
+_tír_ Ruhm (ahd. _zêri_, _ziere_), im Nordischen aber Týr nach dem
+Gotte benannt. Die Rune ᛠ mit dem Lautwert ea heisst im Ags. _ear_ und
+_tir_, in deutschen Runenalphabeten begegnet entsprechend _aer_ und
+_ziu_ für die Rune. Darf man daran die etwas kühne Vermutung knüpfen,
+die deutschen Schreiber wurden an die zwei Namen des Himmelsgottes Er
+und Ziu durch das ags. _ear_ und _tír_, nord. _Týr_ erinnert? Mogk
+schliesst, _Er_, _Ear_ war ein Beiname des Himmelsgottes bei Sachsen
+und Baiern, Ertag ist gleich Ziestag. Das Wort soll dem indischen
+_arya_ verwandt sein, das im Sinne von freundlich im Rigveda den
+Göttern beigelegt wird.
+
+ * * * * *
+
+In der altsächsischen Abschwörungsformel vom Jahr 772 stehen die
+Götternamen „_Thuner ende Wôden ende Saxnôte_“, denen der Täufling
+entsagen soll. _Saxnôt_[178] ist jedenfalls einer der drei germanischen
+Hauptgötter, also Tiu, weil er den zwei anderen gleich gestellt wird.
+In der ostsächsischen Stammtafel begegnet _Saxnéat_ als Wodens Sohn.
+Die dem späteren Wodankult ergebenen Sachsen des Festlands und in
+Britannien ordneten den Tiu nachmals Woden unter, wie auch im Norden
+Tyr Odins Sohn ist. Saxnôt war ein Beiname des Tiu unter den Sachsen.
+Der Sinn des Namens ist klar: Schwertgenoss. Sax ist das Kurzschwert,
+das Messer. Es fragt sich nur, wie entstand der dem schwertfrohen
+Tiu durchaus passende Beiname. Der Volksname _Saxon_ erscheint wie
+eine Kurzform zum vollen _Saxnôtas_. Schwertgenossen wie die ags.
+_Sweordweras_ nannten sich die Stammesangehörigen, und den Tiu stellten
+sie an die Spitze ihres Bundes, indem sie den Schwertgott auch als
+ihren Schwertgenoss bezeichneten.[179] Der Gott nahm auch hier den
+Namen von seinem Volk, nicht umgekehrt. Dass Tiu ursprünglich Saxnôt
+hiess, wäre unbegreiflich, dass aber das Volk in Waffen so sich nannte,
+versteht man leicht.
+
+
+2. Spuren von Mythen.
+
+Beim Himmelsgott stehen nach idg. Glauben die _Dioskuren_, die
+ritterlichen Zwillinge, das reissige Brüderpaar, an die frühzeitig
+reiche Sagen anknüpften, welche wir namentlich aus indischer und
+griechischer Überlieferung kennen lernen. Vom Stamm der Nahanarvali
+weiss Tacitus den Kult der Zwillinge zu berichten. Ein alter Hain mit
+einem Priester, der das Haar nach Weiberart trägt, ist dem Dienst
+einer Gottheit geweiht, deren Namen _Alkîȥ_ lautet, deren Wesen den
+Dioskuren entspricht. Müllenhoff glaubt, das göttliche Brüderpaar in
+der germanischen Heldensage mehrfach nachweisen zu können.[180]
+
+Lassen sich überhaupt noch reicher entfaltete germanische Tiuȥsagen
+erkennen? Wo unsere Quellen reichlicher fliessen, ist Tiuȥ bereits
+stark verblasst und zurückgedrängt. Der mit ihm einst verbundene
+Sagenkreis ist daher teils verschwunden, teils verändert. Sein Reich
+und Weib, die Frija besitzt Wodan-Odin. Nur mit oft gewagten und
+unsicheren Rückschlüssen gewinnen wir eine ungefähre Vorstellung
+von den altgermanischen Tiuȥmythen, welche mit den indogermanischen
+vermutlich auf gleicher Stufe standen.
+
+Der Tag in Auf- und Niedergang mit allen dazu gehörigen Erscheinungen
+ist Grundlage und Ausgangspunkt für viele Sagen vom Himmelsgott.
+Die Hymnen des Rigveda, deren Dichter von lebendigem Naturgefühl
+beseelt sind, zeigen, wie sich solche Mythen unmittelbar aus der
+Naturerscheinung heraus entfalten. Sie dürfen darum als lehrreiches
+Beispiel für derlei Vorgänge bei andern idg. Stämmen herangezogen
+werden. Zwielicht, Morgenröte, Sonne, Tag sind der gläubigen und
+poetischen Naturbetrachtung verschiedene Dinge, deren Zusammenwirken
+wol erkannt, aber auch in verschiedenen bildlichen Gestaltungen
+auseinandergehalten wird. Daraus lösen sich die Zwillinge, die _Açvins_
+(d. h. die Ritter), die im Zwielicht erscheinen, die _Ushas_ (Ἠώς),
+die holde Jungfrau, die rosige Morgenröte, _Sûryâ_, die Sonnengöttin,
+mit der Morgenröte auch öfters eins gedacht; nach Zwielicht und
+aufleuchtender Röte tritt der volle strahlende Tag, der hehre _Dyâus_
+selber hervor, dem alle untergeordnet sind. Die Erscheinungen
+beim anbrechenden Tage setzt die Einbildungskraft des Dichters in
+mehrfache Beziehungen zu einander. Alle möglichen Sagen können daraus
+entspringen. Am Abend wiederholt sich das Ereigniss. Da schwinden die
+holden, freundlichen Lichtgötter dahin vor den unholden, feindseligen
+und verhassten Mächten der Finsterniss. Die Sagen von Frija, wenn
+wir sie wieder ihrem ersten und echten Gemahl, dem Tiuȥ zurückgeben,
+gründen sich offenbar auf den uralten Tagesmythus. Sofern dem Tiuȥ, und
+den Alkîȥ hiebei eine thätige Rolle zugewiesen ist, müssen sie hier
+Erwähnung finden. Ihre ursprüngliche Fassung ist ebenso notwendig, um
+die Gestalt des germanischen Himmelsgottes zu beleben, als auch zum
+rechten Verständniss von Frijas Gesinnung und Handlungsweise, nachdem
+sie Wodans Frau geworden. Doch darüber erst später.
+
+Der ganze Zusammenhang der Vorstellungen von der Frija geht zurück
+auf den Mythus einer Sonnengöttin, entsprechend der arischen Sûryâ.
+Der Mythus dieser Göttin aber steht in engster Beziehung zu den
+reichen, schätzebewahrenden Açvins. Als Götter der Morgenfrühe, des
+Zwielichts, sind sie von allen Göttern zuerst zur Stelle, nehmen die
+Morgenröte, die Sûryâ oder die Ushas, die Tochter des Sûryâ (Helios)
+oder des Savitar, auf ihren Wagen, und führen sie als glückliche Freier
+oder Brautwerber für Soma davon. Die Einholung der Braut auf dem
+Wagen bildete einen Hauptteil der Hochzeitsfeier. Im Rigveda ist aber
+ein doppeltes Verhältniss der reissigen Brüder zu Sûryâ angenommen:
+des Sonnengottes holde Tochter hat sich selbst der Helden Schönheit
+auserwählt und beide Jünglinge sich zu Gatten erkoren. Im grossen
+Hochzeitshymnus aber halten die Açvins als Brautwerber für Soma bei
+Savitar um dessen Tochter Sûryâ an und dieser lässt die von Herzen
+zustimmende Braut ins Heim des Gatten führen. Der doppelte Mythus
+entwickelte sich auch bei den andern Indogermanen. Die Naturerscheinung
+bedingt die Ausbildung solcher Sagen. Die Götter des Zwielichts tauchen
+zuerst aus der Nacht empor. Ihnen folgt die liebliche Morgenröte. Aber
+auch der Tag- und Sonnengott kann in Liebesverhältniss zur Morgenröte
+gedacht werden. Dann holen die Jünglinge die geschmückte Braut ein
+und bringen sie dem Gott des Tages und der Sonne, der nun in seine
+volle Herrschaft eintrat. Endlich können die zwei verschiedenen
+Vorstellungen von den Dioskuren als Freiern oder Werbern zu einer
+dritten verschmelzen: ausgesandt, um ihrem Vater die Braut heimzuholen,
+entbrennen sie selber in Liebe zur leuchtenden Jungfrau und suchen
+sie für sich zu behalten. Mit Geschmeide gewinnen sie die Gunst der
+Göttin. Für diesen Frevel trifft sie des Himmelsherrn rächende Strafe.
+Auf der schmuckfrohen Himmels- und Sonnengöttin, im Norden Frigg und
+Freyja, Menglod (die des Halsbandes sich erfreuende), lastet freilich
+der Vorwurf der Buhlerei oder ehelichen Untreue. Um das Geschmeide zu
+gewinnen, gab sich die Göttin denen hin, die es geschmiedet. Um die
+unverständlich gewordenen und versprengten Trümmer wieder zu einem
+Ganzen zusammen zu fügen, erklärt Müllenhoff ein Stück deutscher
+Heldensage für ursprünglichen Göttermythus, die Sagen vom Gotenkönig
+Ermanrîk sollen zum Teil einst dem Himmelsgott, dem „_Irmintiu_“ gehört
+haben. Eine Vereinigung der nordischen Geschichte von Svanhild und
+ihren Brüdern mit der deutschen Sage von den zwei Harlungen Ambrico
+und Frîdila, in denen die Zeussöhne, die Dioskuren stecken sollen,
+wird den Mythus ergeben: Die schatzreichen +Harlunge+ führen die
+Sonnenjungfrau ihrem Vater „Irmintiu“ zu. Sie werden beschuldigt,
+selber nach der Braut getrachtet zu haben. Darum lässt der Himmelsgott
+sie ergreifen und aufhängen. Ihren Reichtum, das Harlungengold,
+nimmt er an sich. Dieser von Müllenhoff und Roediger geistvoll aus
+der Heldensage erschlossene Göttermythus entbehrt völliger und
+überzeugender Begründung, ebenso die weiteren daran geknüpften
+Folgerungen, auf deren Vorführung wir verzichten.
+
+Ein anderer von Müllenhoff auf ähnliche kühne Weise aufgebauter Mythus
+zeigt die Dioskuren als ein Brüderpaar, die +Hartunge+; Hartnît, der
+ältere erstreitet gegen ein riesisches, winterliches Geschlecht, die
+Isunge, ein schönes göttliches Weib. In seiner goldglänzenden Rüstung
+verfällt er später einem Drachen, der ihn verschlingt. Der jüngere
+Hartung, Harthere erschlägt dann den Drachen, legt die Rüstung und
+Waffen Hartnîts an, bändigt und besteigt sein Ross, und wird darauf von
+der trauernden Wittwe an des Bruders Statt als Gemahl angenommen. Auch
+sonst noch sollen die lichtspendenden, streitbaren, rossebändigenden
+Jünglinge in Brüderparen der Heldensage wiederkehren.
+
+Wenn der nordische Tyr es mit dem Wolfe zu thun hat und am Ende der
+Tage mit dem Höllenhunde kämpft, mag vielleicht eine alte mythische
+Vorstellung hierin nachklingen. Mit einem Wolf, dem Ungeheuer der
+Finsterniss, kämpfen die Açvins und der griechische Sonnengott Apollo,
+der ja sogar den Beinamen Wolfstöter (λυκοκτόνος) führt.
+
+Über Vermutungen gelangt der Versuch, germanische Tiuzsagen wieder
+herzustellen, nicht hinaus. Sehr gewagt scheint es, Sagenzüge, die
+längst alle Beziehung und allen Zusammenhang verloren, wieder an den
+Himmelsgott anzuknüpfen. Denn keine Gewähr ist vorhanden, dass diese
+Stoffe einst wirklich, nicht nur in unserer Einbildung, zu Tiuz und den
+Alkîȥ gehört haben. Nur eine einzige Sage, wie der Himmelsgott sein
+Weib errang, hat sich in lebendiger Darstellung erhalten, doch auch in
+bestimmter Beziehung zum schwedischen Freyr. Unter seinem Namen soll
+sie mitgeteilt werden.
+
+
+
+
+II. Freyr.
+
+
+1. Des Gottes Art und sein Kult.
+
+
+Auf einer Insel der Nordsee, in heiligem Hain erhub sich das
+Stammesheiligtum der Ingvaeonen. Dort befand sich ein mit Teppichen
+verhängter Wagen, dem nur der Priester nahen durfte. Zu gewisser Zeit
+wurde die Gottheit _Nerþus_ auf einem mit Kühen bespannten Wagen unter
+dem Geleit des Priesters umhergeführt. Wohin der Umzug kam, überall
+herrschte Friede und Festesfreude. Bei der Rückkehr ins Heiligtum
+wurde die Gottheit im See gebadet; die dienenden Knechte wurden
+ertränkt, damit kein frevles Auge das Geheimniss erschaue.[181] Was
+hier von einer Göttin _Nerþus_ erzählt wird, stimmt auffallend zu
+dem, was nordische Quellen von Njord und seinem Sohn Freyr[182], die
+in Schweden verehrt wurden, berichten. An ihren Namen knüpft die
+goldene Friedenszeit, das glückliche Zeitalter des Nordens, hier wie
+dort wird die Friede spendende Gottheit auf einem Wagen unter dem
+Volk umhergeführt. _Njǫrþr_, aus *_nerþuȥ_ entstanden, ist lautlich
+gleich _Nerthus_, wie die besten Tacitushandschriften bieten. Nur ist
+im Norden ein Gott, bei Tacitus eine Göttin mit dem Namen belegt. Die
+urgermanischen u-Stämme lauten im Fem. und Masc. gleich, also ist jede
+der beiden Verwendungen sprachlich möglich. Das gemeingermanische
+Wort _nertu_, ‚guter Wille‘, wurde als Eigenschaftsbenennung auf
+Personen übertragen, _nerþuȥ_ meint die wolthätige, holde Gottheit und
+kann ebenso einem Gott wie einer Göttin zuerteilt werden.[183] Bei
+Tacitus ist wol von der vielnamigen und vielgestaltigen Hauptgöttin
+der Germanen, von der mütterlichen Erde die Rede, die dem Himmelsgott
+als Gattin und Schwester gesellt war. Zieht die holde Göttin durch
+die Fluren, so geleitet sie als Vertreter des Gottes der Priester;
+wenn der Gott umfährt, steht ihm die Priesterin zur Seite, wie bei
+Freyr in Schweden. Beiwörter der Gottheit wandelten sich im Norden
+zu Eigennamen. Njord und Freyr, einst der holde (_nerþuȥ_) und der
+herrschende oder der frohe (_fraujaȥ_) Himmelsgott, sind als Vater und
+Sohn gedacht, aber im Grunde ihres Wesens einander völlig gleich. Mit
+seiner Schwester erzeugt Njord den Freyr.
+
+Mit Freyr und Njord[184] hat es im nordischen Götterkreis besondere
+Bewandtniss. Einstimmig nennen alle Zeugnisse Schweden als die Heimat
+des Freysdienstes. Von dort wurde er frühzeitig nach Norwegen, nach
+Drontheim verpflanzt, jedenfalls vor dem 9. Jahrhundert, denn die
+Norweger fahren von 876 ab unter Thors und Freys Schutz nach Island.
+
+In den Liedern und in Snorris Edda heissen Njord, Freyr und Freyja
+Wanen, _vanir_[185] im Gegensatz zu den Asen. Die Wanen sind ein
+glänzendes, lichtes Geschlecht[186], die mit Jahressegen, Frieden
+und Reichtum zu schaffen haben, in Wesen und Benennung von den
+kriegerischen Asen unterschieden. Auch Herkunft und Heimat trennt Wanen
+und Asen, obwol sie sich später in der Vorstellung nordischer Dichtung
+vereinigten. In die Urzeit verlegt die Sage einen Krieg zwischen Asen
+und Wanen.
+
+ Vǫl. 21. Ich weiss als ersten der Weltenkriege,
+ als Gullweig sie mit Geeren stiessen
+ und sie in Hawis Halle verbrannten,
+ dreimal verbrannten die dreimal geborne,
+ oft und häufig, doch immer noch lebt sie.
+
+ Vǫl. 22. Heid hiess man sie, wo ins Haus sie kam,
+ die sinnvolle Zaub’rin mit dem Sehergeist;
+ hirnverrückende Hexenkunst trieb sie,
+ leidiger Weiber Lust war sie stets.
+
+ Vǫl. 23. Da gingen zu Sitze die Götter alle,
+ die heiligen Herrscher, und hielten Rat:
+ ob Zins die Asen zahlen sollten
+ oder alle Götter die Opfer geniessen.
+
+ Vǫl. 24. Den Schaft hatte Odin geschleudert ins Heer
+ -- das auch geschah im ersten Weltkrieg --
+ da brach der Wall in der Burg der Asen,
+ die streitbaren Wanen zerstampften das Feld.
+
+In Gullweig, der Goldigen, darf man vielleicht eine Wanin, die Freyja
+vermuten. Als die glänzende Frau aus der Schar der Wanen unter den
+Asen erschien, an deren Spitze Odin, der Herr der Gespenster, der
+Kriegsfürst, der wilde Jäger stand, wurde sie misshandelt. Die Früchte
+des Friedens und gedeihlichen Handels, das erworbene Gold fallen als
+Raubbeute dem Krieger zu. Der Reichtum, den die milden Götter der
+Sommerwonne und des Sonnenglanzes spenden, reizt zu Heerfahrt und
+Beutezug. So wird das Gold Ursache des Krieges, Krieger, Bauer und
+Kaufmann, Asen und Wanen geraten an einander. Siegreich behaupteten
+die Wanen das Feld. Nun berieten die Asen über den Frieden, ob sie den
+von den Wanen geforderten Zins erlegen oder ob sie ihnen ihr zweites
+Verlangen zugestehen sollten, gleichberechtigt mit den Asen Opfer zu
+empfangen. Und so wurde beschlossen. Denn wirklich erscheinen die Wanen
+im Kreise der Asen und stehen ihnen an Ehren nicht nach. Ergänzend
+berichtet die Ynglingasaga Kap 4: Odin fuhr mit einem Heer gegen die
+Wanen, die aber verteidigten ihr Land und waren mehrmals siegreich.
+Nachdem beide Teile in längerem Kriege einander Schaden angethan
+hatten, kam es zur Versöhnung, Friede wurde geschlossen, Geiseln wurden
+gestellt. Die Wanen gaben ihre besten Leute, den reichen Njord und
+seinen Sohn Freyr, die Asen dagegen den Hoenir, einen stattlichen und
+schönen Mann, doch beschränkten Sinnes, weshalb ihn der weise Mimir als
+Beirat begleitete. Den Njord und Freyr setzte Odin zu Opferpriestern
+ein. Freyja Njords Tochter war Priesterin, sie übte zuerst unter
+den Asen Zauberei (_seiđ_), wie sie bei den Wanen üblich war. Nach
+Wanenbrauch, der bei den Asen verboten war, hatte Njord seine Schwester
+zur Frau. Ein deutlicher Gegensatz zwischen den kriegerischen,
+geistesmächtigen Asen, die im Besitz höherer sittlicher Anschauung sich
+befinden, und den vielfach noch im Naturzustand verharrenden Wanen
+tritt auch hier zu Tage. Freyja als Zaubrerin fällt offenbar mit der
+zauberkundigen Hexe Gullweig zusammen. Den Asen ist ihr Wesen neu und
+fremdartig. Nur weiss Snorri nichts von vorhergehender Gewaltthat in
+Odins Halle, welche nach der Vǫlospǫ́ den Krieg verursacht hatte.
+
+Yngl. Kap. 5 erzählt, Odin zog von Saxland nordwärts zur See und
+nimmt sich Wohnstätte auf einem nach ihm benannten Eiland (_Odinsvé_,
+_Odense_ in Fünen). In Schweden herrscht König Gylfi. Odin sandte
+Gefjon zu ihm, um Ackerland zu fordern. Sie pflügt ein Stück Land
+heraus und zieht es ins Meer. Es ist die Insel Selund; in Schweden
+bildete sich an Stelle des Landstückes der Mälarsee, dessen Buchten
+gerade so liegen als die Landzungen auf Selund. Odin aber, von der
+Trefflichkeit des schwedischen Ackerlandes unterrichtet, fährt selbst
+nach Schweden. Da Gylfi keine Kraft zum Widerstand gegen die Asen sich
+zutraut, verträgt er sich mit ihnen. Odin und die Seinigen messen sich
+mit Gylfi in mancherlei List und Blendwerk[187], die Asen sind aber
+stets die Mächtigern. Am See im alten Sigtún lässt sich Odin nieder,
+richtet daselbst eine grosse Opferstätte nach Gewohnheit der Asen ein
+und weist auch seinen Genossen Wohnsitze an. Freyr herrscht in Uppsala.
+
+Die Sagen vom Wanenkrieg und von der Einwanderung der Asen
+nach Schweden haben unter sich Ähnlichkeit; trotz mancherlei
+unverständlichen Einzelheiten, trotz der jungen Fassung der
+Ynglingasaga darf ein gemeinsamer alter Kern erschlossen werden. Beide
+Berichte sind den Asen feindlich und erkennen nur widerstrebend ihre
+Macht an. Hier kämpfen die Schwedengötter, Freyr und Njord, die Wanen
+gegen die Asen, dort der Schwedenkönig. Es kommt zum Vergleich, wonach
+die angefahrenen Asen im Lande Opferstätten erhalten, aber sie müssen
+dagegen zur Anerkennung der Landesgötter sich bequemen. Asen und Wanen,
+Odin und Freyr herrschen zusammen. Ein geschichtlicher Vorgang scheint
+zu Grunde zu liegen, ein uralter Kultkrieg zwischen den Anhängern
+eines festgewurzelten altheiligen Glaubens und den Vertretern einer
+neuen aus der Fremde stammenden Religion. Der Gegensatz zwischen
+Freyr und Odin, dem Himmelsherrn und dem Sturmgott, jener gewaltige
+Umschwung, dem der germanische Götterglaube in den ersten Jahrhunderten
+unterworfen ist, kommt auch hier freilich unter wesentlich anderen
+Umständen zum Ausdruck. Der norwegische Volksgott ist der Himmelsgott
+in seiner Eigenschaft als Donnerer, Thor; in Schweden muss frühzeitig
+der ingvaeische Freyr, der Begründer und Stifter des Königtums festen
+Fuss gefasst haben, wahrscheinlich durch die Handelsbeziehungen der
+Schweden zu den ingvaeonischen Völkerschaften. Von Schweden griff er
+nach Norwegen hinüber. Das Zusammentreffen des Gottesdienstes der
+Schweden und Norweger rief keine Fehde hervor. Wenigstens sind keine
+Spuren gewaltsamer Ausbreitung des Freysdienstes vorhanden. Als aber
+der deutsche Wodansglaube über Dänemark nach Skandinavien vordrang,
+was jedenfalls vor 800 geschah, da traf er in Schweden eine starke
+nationale Gegenströmung. Die schwedischen Könige, die Söhne Freys,
+wollten anfangs nichts von Odin wissen. Es mag bis zu Kämpfen zwischen
+den Anhängern des Alten und des Neuen gekommen sein, woraus die Sage
+einen Krieg zwischen Asen und Wanen machte. Ein Ausgleich gewährte den
+Asen im Schwedenland Opfer und Tempel, aber Freyr verschwand nicht vor
+Odin, er trat ihm gleichberechtigt zur Seite.
+
+ * * * * *
+
+Die nordischen Denkmäler, sowol die Edda und ihr Liederkreis als auch
+die Geschichtsquellen geben ein lebendiges und anschauliches Bild
+von Njord und Freyr, den die jüngere Olafssaga Tryggvasonar Kap. 173
+als _blótguđ Svía_, Opfergott der Schweden bezeichnet, von dem viele
+Sagen in Umlauf wären. Man muss nur die euhemeristische Auffassung
+Snorris und Saxos, denen die Götter zauberkundige Könige sind, oder die
+christliche Färbung einzelner Darstellungen in Abzug bringen.
+
+Dass Freyr der herrschende Himmelsgott ist, zeigt noch seine Benennung
+Götterfürst, _folkvalde goþa_ (Skirn. 3) an.
+
+ Freyr[188] ist der erste von allen Helden,
+ Die die Burg der Asen birgt;
+ Keines Mannes Frau und kein Mädchen kränkt er,
+ Und macht die Gefesselten frei.
+
+Freyr ist der trefflichste unter den Göttern. Er waltet über Regen und
+Sonnenschein und über den Pflanzenwuchs der Erde. Gut ist es, ihn
+um Fruchtbarkeit und Frieden anzuflehen, denn er vermag den Menschen
+Frieden und Wolstand zu gewähren. Alfheim, Elbenheim ist sein Wohnsitz.
+Denn auch die Elbe wirken in den Naturkräften, die das Wachstum
+befördern. Neben der mild-friedlichen Thätigkeit des Himmelsgottes,
+die seinem uranfänglichen Wesen entspricht, steht aber auch die
+kriegerische. Freyr besitzt ein Schwert, das in des Furchtlosen Hand
+von selber in Schwung gerät, und ein Ross, das mutig die wabernde
+Lohe durcheilt. Er ist der beste aller kühnen Reiter (_baztr allra
+baldriþa_). Bei der Werbung um Gerd gibt er Ross und Schwert hin, darum
+steht er seiner guten Waffe beraubt im letzten Kampf und erliegt vor
+dem Feuerriesen Surt. Zu Baldrs Leichenbrand fährt er auf einem Wagen,
+den der goldborstige Eber zieht. Der Wagen gebührt dem Himmelsgott
+von Alters her, doch ein goldborstiger Eber wurde ihm erst später
+durch ein Missverständniss beigelegt. Der Zwerg Sindri schmiedete die
+besten Kleinode, Odins Speer, Thors Hammer, das Schiff Skidbladnir, den
+Ring Draupnir, Sifs Goldhaar, endlich Freys Eber, von dem er sagte,
+dass er bei Tag und bei Nacht schneller als ein Pferd durch Luft und
+Wasser zu laufen vermöge, und niemals werde die Nacht so finster
+sein, dass nicht dort, wo der Eber sich befinde, genügende Helle sich
+verbreite -- so leuchte es von seinen Borsten. Schon im 10. Jahrh.
+berichtet das Skaldengedicht Húsdrápa, dass Freyr auf goldborstigem
+Eber ritt. Aber wie kommen Zwerge dazu, neben Waffen und Schmucksachen
+ein lebendiges Geschöpf zu schmieden? Unter den beliebten Tierbildern
+auf Helmen stehen Adler und Eber obenan. Die Angelsachsen trugen
+goldene Eberhelme. Im Norden begegnen _Hildisvín_ und _Hildigǫtr_,
+Kriegseber, als Helmnamen. Zweifellos gebührte dem Himmelsgott ein
+goldener Eberhelm und der war ein Zwergengeschmeide. Später wurde der
+allgoldene _Hildigǫltr_ wörtlich genommen, und so bildete sich die Sage
+vom Eber[189]. Unter goldenem Eberhelm, mit dem Wunderschwert bewehrt
+reitet Freyr sein mutiges Ross, und so dachten sich wol einst alle
+Germanen den Himmelsgott.
+
+Skidbladnir (mit hölzernen Rudern?) ist der Schiffe bestes. Stets hat
+es günstigen Fahrwind nach der Richtung, in der man reisen will, sobald
+das Segel aufgehisst wird. Alle Götter finden darin Platz, aber man
+kann es auch zusammenfalten und in die Tasche stecken. Die Wanen,
+insbesondere Njord haben auch mit der Schifffahrt zu thun; darum ist
+dem Gott ein Wunderschiff, das in seinen Eigenschaften an Märchendinge
+erinnert, beigelegt. Die mythische Deutung will darin die Seglerin der
+Lüfte, die Wolke sehen, die in nichts zusammenschwinden kann.
+
+Njords[190] Wesen deckt sich mit Freyr. Er wohnt zu Noatun
+(Schiffsstätte, Hafen) und lenkt dort des Windes Lauf und beruhigt
+Meer, Sturm und Feuer. Ihn soll man bei Seefahrt und Jagd anrufen. So
+reich und begütert ist er, dass er jedem Land und fahrende Habe geben
+kann, wenn er will, und darum soll man ihn deswegen anrufen. Mit seiner
+Schwester zeugte er Freyr und Freyja. Ein isländisches Sprichwort war:
+reich wie Njord.[191]
+
+Was die Geschichtsquellen über Njord und Freyr berichten, deckt sich
+vollkommen mit den Angaben der Edda. Die Ynglingasaga Kap. 11 sagt
+von Njord, zu seinen Zeiten sei so guter Friede und fruchtbares Jahr
+gewesen, dass die Schweden meinten, Njord gebiete über Fruchtbarkeit
+und Reichtum der Menschen.
+
+Der Ynglingasaga (Kap. 12) ist Freyr ein milder, reicher Herrscher,
+unter dem Friede und Fruchtbarkeit blühen. Zu Uppsala[192] war sein
+Hauptsitz. Zu seinen Zeiten war Frodis Friede, und gutes Jahr in allen
+Landen: die Schweden schrieben es dem Freyr zu. Freyr hiess mit anderem
+Namen Yngvi; Yngvi blieb lange ein Ehrenname in seinem Geschlecht,
+seine Nachkommen hiessen Ynglinger. Als Freyr erkrankte, da liess man
+nur wenige Leute zu ihm. Ein grosser Hügel mit einer Thüre und drei
+Fenstern wurde erbaut. Dort hinein schafften sie den toten Freyr und
+sagten den Schweden, er sei noch am Leben. So gings drei Jahre. Reiche
+Schätze wurden geopfert, Friede und Fruchtbarkeit dauerte fort. Als
+das Volk seinen Tod endlich erfuhr, wollten sie seinen Leichnam nicht
+verbrennen; sie glaubten, die gute Zeit werde anhalten, so lange Freyr
+in Schweden wäre. Da nannten sie Freyr den Gott der Welt und opferten
+ihm alle Zeit um Frieden und Fruchtbarkeit.
+
+Tapfere Fürsten heissen Sprösslinge Freys, wie sie auch Tyrs Nachkommen
+genannt werden.[193]
+
+In den Tagen Haralds Harfagri kam Hrafnkell nach Island.[194] Er nahm
+Land in Besitz, opferte und errichtete einen Tempel. Hrafnkell verehrte
+keinen Gott mehr als Freyr, und weihte ihm die Hälfte seiner besten
+Habe zu eigen. Darum erhielt er auch den Beinamen _Freysgodi_, Priester
+des Freyr. Unter seinen Besitztümern erschien ihm ein grauer Hengst mit
+schwarzen Streifen am Rücken am meisten wert. Er nannte ihn _Freyfaxi_,
+und schenkte auch ihn zur Hälfte seinem Freunde Freyr. Diesen Hengst
+liebte er sehr und gelobte, den zu töten, der gegen seinen Willen
+ihn reite. Einar Thorbjorns Sohn, der als Hirte bei Hrafnkell sich
+verdingt, erhält die strenge Weisung, das Verbot nicht zu brechen.
+Wie er trotzdem einmal, um verlaufene Schafe zu suchen, den Hengst
+besteigt, läuft dieser zu Hrafnkell und zeigt ihm das Geschehene mit
+lautem Wiehern an. Am andern Tag reitet Hrafnkell zu Einar hinaus,
+stellt ihn zu Rede und schlägt ihn seinem Gelübde gemäss zu tod. Daraus
+entstand eine grosse Fehde zwischen Hrafnkell und den Verwandten
+Einars, die mit Hrafnkells Vertreibung von Haus und Hof endigt. Seine
+Feinde liessen den Hengst und die andern Rosse vorführen. Sie schienen
+ihnen tüchtig und gut zur Arbeit, am besten aber Freyfaxi, der so
+viel Unheil verursacht hatte. Damit er aber nicht noch mehr Todschlag
+verschulde, soll ihn der, dem er gehört (Freyr), zu sich nehmen. Sie
+führten ihn daher auf eine steile Klippe, verhüllten seinen Kopf,
+banden einen schweren Stein um seinen Hals und stürzten ihn in den
+unten vorbeifliessenden Strom. Zur Erinnerung wurde der Ort Klippe des
+Freyfaxi genannt. Drüber erhob sich der von Hrafnkell erbaute Tempel.
+Nachdem sie die Götterbilder ihres Schmuckes beraubt hatten, legten sie
+Feuer ans Heiligtum und verbrannten alles zusammen. Wie Hrafnkell dies
+erfuhr, entsagte er allem Opfer und Götterglauben.
+
+Freyfaxi scheint selber dämonischer Art, wie er auch seinen Reiter
+bei Hrafnkell anzeigt. Auch sonst kommen Pferde mit Namen Faxi vor,
+die abergläubische Verehrung genossen. Man wird an Tacitus Kap. 10
+erinnert, die heiligen Rosse seien Mitwisser der Gottheit.
+
+Zu Freyr stehen auch noch andere in besonders naher Freundschaft.[195]
+Es wird ein Thorðr Freysgodi erwähnt; ein ganzes Geschlecht trägt den
+Namen _Freysgyđlingar_. Der Isländer Thorgrim Freysgodi pflegte im
+Herbst dem Freyr Opfer und Gasterei zu halten. Als er meuchlerisch
+ermordet wurde, geschah es, dass ausserhalb und südwärts am Grabhügel
+Thorgrims nie Schnee haftete und er nie gefror; die Leute meinten, er
+sei dem Freyr um der Opfer willen so lieb gewesen, dass der Gott es
+zwischen beiden nie zufrieren lassen wollte. Auch hier äussert sich
+der milde Himmelsgott deutlich seinem Wesen nach in Sonnenkraft und
+Thauluft. In diesem Sinn heissen irdische Helden Freys Freund, _Freys
+vinr_, worauf auch der ags. Name _Fréawine_, vielleicht der ahd.
+_Frôwin_[196] zielen. Aus letzteren ist der Schluss gerechtfertigt,
+dass auch ausserhalb der nordischen Länder mit der Bezeichnung „Herr“,
+gleichwie Gott später in christlicher Zeit, schlechthin Tiuȥ gemeint
+war, nur dass dort das Beiwort nicht vollständig in den Rang eines
+Eigennamens trat.
+
+Thorkell Hafi[197], von Vigaglumr um sein Gut zu Thverá gebracht, sucht
+bei seinem Freund Freyr Hilfe. Und ehe Thorkell von Thverá wegzog, ging
+er zum Tempel Freys und führte einen alten Ochsen dahin und sprach:
+Freyr, der du lange mein treuer Freund gewesen bist, viele Gaben von
+mir empfangen und sie wol vergütet hast, dir schenke ich nun diesen
+Ochsen darum, dass Glum einst nicht minder wider seinen Willen von
+Thverá wegziehen möge, als ich jetzt ziehe; lass mich ein Zeichen
+sehen, ob du annimmst oder nicht. Da brüllte der Ochse und fiel tot
+nieder. Thorkell glaubte, Freyr habe damit das Gelübde angenommen. Der
+Gott erfüllt seine Zusage. Gegen Glum wird am Allding eine Blutklage
+anhängig gemacht. Ehe er von daheim wegreitet, sieht er im Traum viele
+Leute nach Thverá kommen, den Freyr aufzusuchen, der auf einem Stuhle
+sass. Glum fragt die Leute, wer sie seien und erhält zur Antwort: seine
+verstorbenen Anverwandten. Sie bitten Freyr, Glum möge aus Thverá nicht
+vertrieben werden. Doch umsonst; Freyr antwortet kurz und zornig und
+gedenkt des von Thorkell geopferten Ochsen.
+
+Oddr Sindri[198] muss sein Gut an Helgi Asbjarnarson abtreten. Als
+sich Oddr zum Wegziehen anschickte, liess er einen Stier schlachten.
+Am ersten Zugtag wurden Tische längs der Sitze aufgestellt und das
+gekochte Stierfleisch vorgesetzt. Da trat Oddr hinzu und sagte: Hier
+ist der Tisch zugerichtet, wie für meine teuersten Freunde; dieses
+Gastmahl gebe ich ganz dem Freyr, damit er den, der an meine Stelle
+kommt, mit nicht geringerem Kummer von Oddsstadir wegziehen lässt, als
+ich jetzt ziehe. Hierauf zog Oddr mit allen den Seinigen ab.
+
+Wie einem vertrauten Freunde wird dem Gott Herzenskummer und Sorge
+ausgesprochen. Kann er nicht helfen und Unheil abwehren, so soll er
+doch Rache und Vergeltung üben.
+
+Pferd und Ochse fielen dem Freyr als Opfer. Aber auch der „Heerdeneber“
+_sonargǫltr_ (Sievers, Beiträge 16, 540 ff.), der stattlichste und
+stärkste Eber, umsomehr als wegen des missverstandenen Eberhelms
+Freyr selber einen Eber besass. Mit Beziehung hierauf sagt die
+Hervararsaga[199] vom König Heidrek, er habe den grössten Eber Freyr
+geopfert. Am Julfest wurden mit Handauflegen auf die Borsten dieses
+heiligen, zum Opfer bestimmten Ebers Gelübde beschworen. Zwölf
+Urteilsprecher hatte Heidrek zu seinem goldfarbigen heiligen Eber
+bestellt, auf dessen Borsten in allen wichtigen Rechtssachen geschworen
+werden sollte. Das Eberopfer gehörte wol nicht von Anfang an dem
+Himmelsgott, das vornehmere Rossopfer hat darauf mehr Anspruch, sondern
+gewann erst später auf Freyr Bezug.
+
+In der Geschichte König Olafs Tryggvason[200] wird ein Heiligtum des
+Freyr zu Drontheim erwähnt. Im Umkreis wurden dem Gott heilige Pferde
+unterhalten. Das Volk rief ihn um Frieden und Fruchtbarkeit an und
+liess sich die Zukunft von ihm offenbaren. Der junge und entstellte
+Bericht, wie Olaf die Drontheimer bekehrte, enthält doch einen wahren
+Gedanken, es wird auf die völlige Gleichheit des drontheimischen Kultes
+mit dem schwedischen hingewiesen und die Herkunft des Freysdienstes
+aus Schweden behauptet. Nachdem der König im wesentlichen die
+euhemeristische Erzählung der Ynglingasaga vortrug, fährt er fort, dem
+Freyr seien zur Unterhaltung zwei Holzfiguren in den Grabhügel gegeben
+worden. Später drangen einmal Räuber hinein, um die geopferten Schätze
+zu stehlen. Von plötzlicher Furcht ergriffen wagten sie nichts ausser
+den zwei hölzernen Götzen mitzunehmen. Diesen opferten nunmehr die
+Schweden an Freys Stelle. Der eine Götze aber wurde nach Drontheim
+gesandt, wo ihm der gleiche Dienst gewidmet wurde.
+
+Gunnar Helmingr[201], ein des Todschlags beschuldigter Mann, flüchtete
+aus Norwegen nach Schweden. Damals wurde noch den Göttern geopfert, vor
+allen dem Freyr. Das Götzenbild des Freyr redete mit den Leuten, auf
+Eingebung des bösen Feindes berichtet der Sagaschreiber, und hatte ein
+junges Weib zu seinem Dienst. Sie galt als des Gottes Frau und war über
+Freys Heiligtum gesetzt. Gunnar flehte sie um Schutz an. Obwol der Gott
+dem Fremdling nicht günstig schien, behielt ihn die Priesterin doch bei
+sich. Die Zeit kam heran, da die Frau das Götzenbild auf einem Wagen
+im Lande herumführen sollte, damit Freyr den Leuten fruchtbares Jahr
+bringe. Die Priesterin sass beim Gott auf dem Wagen, die Dienstleute,
+unter ihnen Gunnar, gingen zu Fuss voraus. Als sie einmal übers Gebirge
+fuhren, erhob sich ein grosses Unwetter. Nach und nach liessen alle
+bis auf Gunnar den Wagen im Stich. Gunnar führte die Zugtiere, als er
+aber müde wurde, setzte er sich auf den Wagen. Die Frau sagte: Sieh
+zu, sonst erhebt sich Freyr gegen dich! Gunnar versuchte noch einige
+Zeit zu gehen, als er aber wieder müde ward, sprach er: So will ichs
+versuchen, Freyr zu widerstehen, wenn er mich angreift. Er ringt mit
+Freyr und ist nahe daran, zu unterliegen. Da gelobt er nach Norwegen
+zurückzukehren, mit König Olaf sich zu versöhnen und den wahren Glauben
+anzunehmen, und es glückt ihm, Freyr zu fällen. Der böse Geist lief
+aus dem Götzenbild, das Gunnar in Stücke schlug. Dann ging er zum Wagen
+und befahl der Frau, sie solle ihn für den Gott ausgeben, wozu sie
+gern bereit war. So fuhr Gunnar als Freyr zu den Leuten. Das Wetter
+hellte sich auf und sie kamen zu dem Gastgebot, das ihnen angerichtet
+war. Dort waren viele von den Leuten, die zuvor dem Wagen nachgelaufen
+waren. Dem Volke dünkte es viel wert, wie Freyr seine Macht zeige, dass
+er in solchem Unwetter, da alle ihn verliessen, doch mit seiner Frau
+zu den Höfen käme, und dass er nun unter den Leuten wandle und wie
+andre Menschen trinke. So besuchten sie den Winter über die Gastereien.
+Freyr redete fast allein mit seinem Weib, nur wenig mit anderen, er
+wollte kein blutiges Opfer annehmen, sondern nur Gold und Silber,
+schöne Gewänder und andre Kostbarkeiten. Mit der Zeit wurde Freys Weib
+schwanger. Das galt für ein gutes Zeichen. Die Witterung war gut und
+alles deutete auf ein fruchtbares Jahr. Weithin verbreitete sich die
+Kunde, wie mächtig der Schwedengott sich zeige. Auch König Olaf vernahm
+davon, ihm ahnte die Wahrheit. Er schickte Gunnars Bruder Sigurd nach
+Schweden, und der erkannte alsbald, wer Freyr war. Bei Nacht und Nebel
+entwich Gunnar mit seinem Weib und allen Kleinodien nach Norwegen und
+liess sich dort taufen.
+
+Diese Erzählung ist vom christlichen Standpunkt gehässig gefärbt, sie
+will den Trug des Heidentums, bei dem der Teufel die Hand im Spiel
+hat, in grelles Licht setzen. Doch diese Zuthaten fallen leicht ab.
+Bezeugt wird ein schwedischer Brauch: Freyr, von einer Priesterin
+begleitet, wird zur Winterszeit auf einem Wagen im Lande umhergeführt.
+Wohin er kommt, wird er mit festlichem Gelage aufgenommen, Opfer werden
+ihm geschlachtet. Der Umzug segnet die Gaue zu Fruchtbarkeit. Ein
+vollkommenes Seitenstück zu dem, was Tacitus von der ingvaeonischen
+Nerþus erzählt, liegt hier vor.
+
+Stefnir, der für die Einführung des Christentums auf Island wirkte,
+hatte sein Schiff bei Gufaros angelegt. Im Winter wurde es durch
+Hochwasser beschädigt. Da lief eine Weise um, des Inhalts, dass die
+Macht der Landesgötter es also gefügt. Eine zweite Wendung misst dem
+herrschenden Freyr die That bei.[202] Die Landesgötter, Freyr an der
+Spitze, wehren dem neuen Glauben den Zugang zu Island.
+
+Dem Wesen des Gottes entsprechend ist das dichterische Bild _Freys
+leikr_[203], Spiel des Freyr, wol als Festesfreude, Trinkgelage und
+Unterhaltung mit Frauen aufzufassen. Beim Opfer wurde Freys und Njords
+Becher[204] um Fried und Fruchtbarkeit getrunken, nachdem zuerst Odins
+Becher um des Königs Sieg und Macht geleert worden war. Im ältesten
+isländischen Landrecht von 927 wurde der Wortlaut des feierlichen Eides
+also festgesetzt: Ich schwöre einen Gesetzeseid, so wahr mir Freyr und
+Njord und der allmächtige Gott (Thor) helfe![205] Unter Freys und Thors
+Schutz fuhren die Norweger im Ausgang des 9. Jahrhunderts nach Island,
+wo sie eine neue Heimat sich begründeten. Ingimund, ein norwegischer
+Wiking, erhielt von König Harald ein kleines silbernes Bild des Freyr
+zum Geschenk. Eine Volva weissagt Ingimund, er werde nach Island
+ausfahren und sich dort niederlassen, wo er das wunderbarer Weise aus
+seinem Beutel verschwundene Freysbild wieder finde. Im Vatnsdal auf
+Island lag das Bild im Boden an der Stelle, wo die Hauptpfeiler des
+Tempels eingegraben wurden.[206] So weist Freyr wie sonst Thor dem
+Ansiedler seine Stätte, die alten Götter walten auch über der neuen
+Heimat. Freyr hat wie sein Vater Njord auch mit der Schifffahrt zu
+thun. Der Skald Hallfred gelobte dem Freyr eine Gabe, falls er Seewind
+nach Schweden bekäme, dem Thor oder Odin, falls nach Island heim.[207]
+Gegen den norwegischen König Eirik Blutaxt schleudert der isländische
+Skald Egill den Fluch: Mögen die Götter ihm den Raub meiner Güter
+vergelten! Die waltenden Mächte und Odin sollen den König vertreiben!
+Freyr und Njord mögen den Volksbedrücker elend machen! Der Landesgott
+(Thor) thue ihm, der heilige Rechte brach, leides![208] Wie in der
+Eidformel stehen Freyr, Njord und der Landase bei einander. Alles das
+lehrt, dass die Verehrung Freys und Njords tief im Volksleben wurzelte.
+In den nordischen Ländern erhoben sich daher auch viele Freystempel,
+viele Örtlichkeiten wurden nach dem Gotte benannt und so seinem Schutze
+anempfohlen.[209]
+
+Im Eyjafjord auf Island war eine Örtlichkeit in Erinnerung an Schweden
+Uppsalir genannt. Dort stand ein Tempel des Freyr, der so heilig
+gehalten wurde, dass kein zur Verbannung oder Acht Verurteilter
+daselbst weilen durfte.[210]
+
+Was Adam von Bremen und Saxo berichten, stimmt völlig zu den nordischen
+Quellen. Frö ist Gott der Schweden, sein Hauptsitz ist Uppsala, wo
+ihm Menschen und Tiere zum Opfer geschlachtet werden. Beim grossen
+Jahresopfer findet Tanz und Spiel statt, überhaupt war der Freysdienst
+in mancher Augen weichlich. Um Frieden und Glück wird Freyr angerufen,
+auch bei Hochzeiten wurden ihm Opfer gebracht. Die schwedischen Helden
+hiessen Frös Freunde und Verwandte.[211]
+
+Der Begründer des Ynglingerstammes heisst _Yngvefreyr_, _Ingefreyr_,
+_Ingunarfreyr_[212] schon in älteren Gedichten, in der Haustlong 10,
+Haleygiatal 13, Lokas. 43. Dass der Stammvater aus dem Namen des
+Geschlechtes erwuchs, wie Scyld, Skjoldr an der Spitze der dänischen
+Scyldingas, Skjoldungar, ist klar. Ob er Beziehungen zum Ingvo als
+Stammvater der Ingvaeonen hat, kann nicht mit voller Bestimmtheit
+behauptet werden, doch ist die Wahrscheinlichkeit gross. Ingwine
+heissen in ags. Dichtung die Ostdänen, die in Südschweden ansässig
+waren. Ihr Stammheld ist Ing genannt, ihr König _Fréa Ingwina_.
+Norwegische Verfasser leiten nun allerdings die Ynglinger von den
+schwedischen Königen zu Uppsala ab. Die aber hiessen Scylfingas,
+Skilfingar, Stuhlkönige (ags. _scylf_, an. _skjǫlf_, Bank, Hochsitz).
+Der norwegische Königsstamm, der mit Harald Harfagri zur Einherrschaft
+kam, zählte sich zu den Ynglingern; die Sage berichtet den allmäligen
+Zug des Geschlechtes von Uppsala bis Skiringssal im norwegischen
+Vestfold. In Wirklichkeit waren die Ynglinger Ostdänen, Ingwine.
+Ingunarfreyr scheint aus älterem *Ingunafreyr verderbt. _Ingunafreyr_
+entspricht genau dem _Fréa Ingwina_, Yngve, Inge dem ags. Ing. Der
+Herr der Ingwine, der Ostdänen, hiess Yngwe. Inglinger sind Ingwes
+Söhne. Wie die Ingvaeonen in Ingwo den Begründer ihres Volkes ehrten,
+so die daraus hervorgegangenen Ingwine den Ingwe als Stammvater ihrer
+Könige.[213] Dass Ingwo-Ingwe für des höchsten Himmelsgottes Sohn galt,
+ist sehr wahrscheinlich. Aber erst durch Missverständniss warf der
+Skald Thiodolf im Ausgang des 9. Jahrhunderts den _Ingunafreyr_, Ingwe
+den Stifter der Ynglingar, mit dem Schwedengott _Freyr_ zu Uppsala
+zusammen, und verlegte dadurch den Ursprung der Ynglinger nach Uppsala.
+Daher erscheint Yngve als Beiname Freys bei Snorri, Yngve als Njords
+Vater bei Ari, dem ersten um 1130 schreibenden isländischen Historiker.
+Dass übrigens schon im _Fréa Ingwine_ der ingwaeonische Himmelsherr
+anklang, ist durch diese Erklärung nicht ausgeschlossen.
+
+ * * * * *
+
+Wie Thor auf seinen Fahrten oft von einem dienenden Paar Thjalfi und
+Roskwa begleitet wird, so folgen auch Freyr Dienstleute _Byggwir_
+(Nebenform _Beyggwir_) und sein Weib _Beyla_.[214] Beide erscheinen nur
+in der Lokasenna und werden von dem argen Schelter auch beschuldigt.
+Byggwir rühmt sich, von Göttern und Menschen hurtig genannt zu werden.
+Loki wirft ihm vor, an der Mühle (bei Knechtsarbeit) schwatze er. Er
+habe den Leuten nie die Speise zuzuteilen vermocht; als die Männer sich
+schlugen, hätten sie ihn im Stroh nicht finden können. Beyla sei mit
+Freveln befleckt; kein ärgeres Scheusal als diese mistbesudelte Magd
+sei noch zu den Asen gekommen. Vertreten etwa die Dienstleute Freys wie
+die Thors die friedliche Bauerschaft, die von Krieger und Edeling wie
+Thor selbst im Harbardslied verhöhnt wird? Im Gefolge des Gottes des
+Ackerbaues würden sie recht wol passen.
+
+
+2. Sagen.
+
+Unter den Eddaliedern, die fast alle entsprechend ihrem
+norwegisch-isländischen Ursprung zur Verherrlichung Odins und Thors
+dienen, gehen zwei auf den Himmelsgott, die _Rigsþula_, welche bei
+Heimdall zu erwähnen ist, und die _Skírnismǫ́l_.[215] Ihre Grundlage,
+die Verehrung des Himmelsherrn, weist auf eine ältere Zeit oder auf
+eine andere Heimat, als für die Odins- und Thorslieder vorauszusetzen
+ist. Doch trifft dies nur auf die darin behandelten Mythen zu, nicht
+auf die Lieder in ihrer überlieferten Gestalt.
+
+Vom Hochsitz des Himmels blickte einst Freyr über alle Welt. Da sah er
+im Riesenheim eine schöne Maid, Gerd; vom Glanz ihrer Arme leuchtete
+Himmel und Meer. Freyr wurde schwermütig aus Liebesgram. Auf Njords
+Geheiss ging Skirnir, Freys vertrauter Diener, zu ihm und fragte nach
+dem Grund seiner Trauer. Freyr gestand, wie er von Liebe zu Gerd
+ergriffen wurde.
+
+ Inniger hat niemals seit der Urzeit Tagen
+ Ein Mann ein Mädchen geliebt,
+ Doch von Asen und Elben kein einziger will es,
+ Dass wir beide zusammen sind.
+
+Da erbot sich Skirnir, die Fahrt zu thun auf des Gottes Ross, das die
+Waberlohe durchläuft, mit des Gottes Schwert, das von selber wider der
+Thursen Tross sich schwingt. So kam Skirnir nach Riesenheim zu Gymirs
+Gehöft. Bissige Hunde waren am Zaune angebunden, auf einem Hügel sass
+ein Wächter, der alle Wege bewachte. Der versagte ihm die Zwiesprache
+mit Gerd. Doch Skirnirs mutiger Sinn liess sich nicht einschüchtern.
+Gerd vernahm lautes Getöse, es erzitterte das Gehöft. Skirnir stieg
+vom Rosse und trat ein. Skirnir brachte nun seine Werbung vor und
+bot elf goldene Äpfel und einen Ring. Doch Gerd wollte nichts davon
+wissen. Da bedrohte sie Skirnir mit dem Schwert, wieder umsonst. Nun
+übte Skirnir Beschwörung und Zauberzwang, er verwünschte Gerd unter die
+greulichsten Riesen, ans Ende der Welt, zur Hölle, an die Seite eines
+unerträglichen Gatten, falls sie Freys Werbung nicht annehme. Da wagt
+Gerd nimmer zu widerstehen, sie reicht dem Boten zur Versöhnung den
+gefüllten Metbecher: „Nicht ahnte ich, dass einst der Wanenspross meine
+Liebe gewänne.“ Skirnir verlangt, Gerd solle eine Zusammenkunft mit
+Freyr anberaumen. „Barri (der Knospende) heisst ein heimlich trauter
+Hain, nach neun Nächten wird dort Gerd Njords Sohne Liebesgenuss
+gönnen.“ Da ritt Skirnir mit diesem Bescheid zum ungeduldig harrenden
+Freyr heim.
+
+ „Lang ist eine Nacht, lang sind zweie,
+ Wie geduld ich mich drei?
+ Ein Monat oft schien mir minder lang
+ Als des Harrens halbe Nacht.“
+
+Das Gedicht, etwa um 900 in Norwegen verfasst, hat zur Grundlage den
+Mythus vom Bund des Lichtgottes mit der tragbaren Erde, den Sieg des
+Lichtes über das Dunkel, des Frühlings über den Winter. Doch ist
+alles dichterisch, menschlich schön geschildert. Was in dem Lied
+an Odin und Runenkunde erinnert, ist später hineingetragen, wol
+vom norwegischen Dichter. Denn der Stoff gehört ursprünglich nach
+Schweden und kennt Freyr noch in unumschränkter Herrschaft. Die Sage
+gehört dem Himmelsgott selber, Skirnir, der Erhellende, Aufklärende
+ist ein Beiwort des Gottes, worunter später eine besondere, von ihm
+verschiedene Gestalt verstanden wurde. Grimn, 43 wird Freyr selber _enn
+skíre_, der Lichte, Schimmernde genannt. In der Lokas. 42 wird auch
+noch darauf angespielt, als ob Freyr selber die Fahrt ausgeführt hätte:
+
+ Mit Gold erwarbst du Gymirs Tochter
+ Und gabst dein Schwert dahin.
+
+Vielleicht waren einmal auch Riesenkämpfe damit verbunden. Gerd nennt
+Freyr den Mörder ihres Bruders (_bróþorbane_). In den nordischen
+Gedichten heisst Freyr mehrmals des brüllenden Sturmriesen Beli Mörder
+(_Belja bane_). Gylfag. Kap. 37 erwähnt kurz diese That, allerdings
+schon mit der Voraussetzung, dass Freyr damals sein gutes Schwert
+bereits weggegeben habe. Deshalb sei er im Kampf mit Beli waffenlos
+gewesen und habe den Unhold mit der Faust oder mit einem Hirschgeweih
+getötet.[216] Der Wächter im Riesenheim, der Skirnir aufzuhalten
+sucht, deutet auf einstigen Widerstand. Man darf den ursprünglichen
+Mythus von des Himmelsgottes Werbung wol dahin ergänzen, dass er erst
+nach Kämpfen mit Riesen, welche Gerd gefangen hielten, die Braut
+gewann. Dabei ging das Schwert verloren.
+
+Auf denselben Mythus geht das Lied von _Swipdag_[217] zurück. Der
+junge Swipdag soll um die schöne Menglod werben. Er geht zum Grabhügel
+seiner toten Mutter Groa und beschwört sie, ihm dabei zu helfen. Die
+Tote erwacht und spricht Segen gegen jede Not und Gefahr über ihren
+Sohn aus. Vielleicht gab sie ihm auch, wie im spätern Volkslied, Ross
+und Schwert. So gerüstet macht sich Swipdag auf den Weg und gelangt
+zu Menglods Burg, die auf der Spitze eines Speeres sich dreht und von
+lodernden Flammen umgeben ist. Er stösst auf den Wächter der Burg,
+Fiolswid und nennt sich, seinen wahren Namen verhehlend, Windkald,
+Warkalds Sohn, Fiolkalds Enkel. Vom Wächter hört er, dass Menglod des
+Saales Herrin ist. Eine hohe Mauer umzieht die Burg, das kunstvoll
+gearbeitete Thor erfasst den Eindringling wie feste Fessel. Hunde
+umkreisen das Gehöft und wehren den Eintritt. Nur eine Speise könnte
+sie kirren, aber unmöglich ist sie zu bekommen. Nur einem Einzigen
+öffnen sich Menglods Arme, dem Swipdag ist die sonnenhelle Maid zum
+Gemahl bestimmt. Da gibt sich der Held zu erkennen, freudig umwedeln
+ihn die wilden Hunde, das Haus thut sich auf, Fjolswid eilt, ihn zu
+melden. Menglod fragt nach Wahrzeichen, Namen und Abkunft.
+
+ „Swipdag heiss ich, Solbjart hiess mein Vater,
+ Dorther ging ich auf windigem Weg.“
+ „Heil dir, Wandrer! Mein Wunsch ist erfüllt;
+ Komm und empfange den Kuss!
+ Ersehnter Anblick beseligt jeden,
+ Der heisse Liebe hegt.
+ Lange sass ich auf Lyfjaberg,
+ Deiner harrend von Tag zu Tag;
+ Nun ward Gewährung dem Wunsch endlich,
+ Da du, Held, dich der Halle genaht.
+ Lang hab ich Sehnsucht nach dem Liebsten erduldet,
+ Wie nach meiner Minne du;
+ Wahr jetzt wird es, dass wonnige Tage
+ Uns beiden für immer blühn.“
+
+Der mythische Gehalt des Gedichtes kommt in den Namen der handelnden
+Personen deutlich zum Ausdruck. _Swipdagr_ ist der rasche Tag, Menglod
+die des Halsschmuckes Frohe, ein Beiname der Freyja oder Frigg,
+ursprünglich der Gemahlin des Himmelsgottes. Diese ist bald als die
+Erdgöttin, bald als die himmlische Sonnenjungfrau gedacht und letzteres
+scheint hier der Fall zu sein. Ostwärts am Himmelsrand schläft Jungfrau
+Sonne hinter hohem Berge, vom flammenden Zaune der Morgenröte umgeben
+und jedem Unberufenen unzugänglich. In früher Dämmerung, im Morgenwind
+als Windkald, Kalds Sohn erscheint der Freier. Die Hindernisse fallen,
+als sein wahres Wesen, sein wirklicher Name offenbar wird: Svipdagr,
+Solbjarts, des Sonnenhellen Sohn. Mit Märchenzügen ausgestattet, mit
+allerlei fremdartiger, mythologischer Gelehrsamkeit versetzt, schimmert
+trotzdem die Grundbedeutung des Stoffes hervor.[218]
+
+Auch von Njord geht eine Sage.[219] Er hatte Skadi, des Riesen Thjazi
+Tochter zur Frau. Thjazi war von den Asen getötet worden. Skadi seine
+Tochter rüstete sich mit dem Heergewand, um ihn zu rächen. Die Asen
+boten ihr zur Sühne einen aus ihrer Mitte zum Gemahl, den sie selbst
+wählen dürfe. Doch sollte sie nur die Füsse der Auszuwählenden sehen.
+Sie bemerkte nun einen mit sehr schönen Füssen und wählte ihn, in
+der Meinung, es sei Baldr, der Gewählte war jedoch Njord. Sie wollte
+die Wohnstätte behalten, welche ihr Vater gehabt hatte, die auf dem
+Gebirge, das Thrymheim heisst, belegen ist. Njord aber wollte in der
+Nähe der See seinen Aufenthalt nehmen. Sie verglichen sich dahin, dass
+sie neun Nächte in Thrymheim weilen wollten und dann drei Nächte zu
+Noatun. Als Njord aber vom Gebirge nach Noatun zurückkam, da sprach er
+also:
+
+ Nicht lieb ich die Berge, nicht lange dort weilt ich,
+ Neun Nächte nur;
+ Süsser schien mir der Sang des Schwans
+ Als der wilden Wölfe Geheul.
+
+Skadi aber erwiderte:
+
+ Mir stört den Schlaf am Strande des Meeres
+ Der krächzenden Vögel Gekreisch;
+ Am Morgen weckt mich die Möve täglich,
+ Die wiederkehrt vom Wald.
+
+Darauf ging Skadi hinauf aufs Gebirge und wohnte in Thrymheim; sie
+läuft viel auf Schneeschuhen und schiesst Wild mit ihrem Bogen. Daher
+heisst sie Göttin oder Dise des Schneeschuhs.
+
+Die gleiche Geschichte knüpft Saxo an Hadding, den Vater Frothos, der
+das Fröblot einsetzte, und Regnhild, sowol die verdeckte Wahl des
+Bräutigams, dessen Füsse nur sichtbar sind, als auch die Scheidung. Die
+lateinischen Verse Saxos stimmen zu den isländischen der Edda.[220]
+Ob der Mythus auf Njord als den Gott der Schifffahrt, aufs offene
+Meer ausgelegt werden darf, das nur drei Monate lang frei, die übrigen
+neun Monate aber im Banne der winterlichen, im Gebirg, im Riesenland
+heimischen Stürme gehalten wird?
+
+Auf eine für uns unverständliche Sage spielt Loki (Lokas. 34) an:
+
+ Schweige du, Njord, dich schickte man ostwärts
+ Zu den Göttern als Geisel fort,
+ Als Harntopf brauchten dich Hymirs Töchter
+ Und machten dir in den Mund.
+
+Hymir ist der Eisriese, der im Osten am Himmelsrand wohnt, der
+Beherrscher des Polarmeeres. Njord wird einmal zu ihm gefahren sein,
+wobei ihm etwas zustiess, das dem bösartigen, alles verdrehenden
+Loki zu dem hässlichen Vorwurf Anlass gab. Dass Njord das offne Meer
+bedeute, in das des Eisriesen Töchter, die Gletscherbäche fliessen,
+kann nicht als befriedigende Lösung des Rätsels gelten. Um überhaupt
+auslegen zu können, müsste man den Hergang der Begebenheit, die
+vielleicht harmlos war und nur von Loki ins Arge gekehrt wird, genau
+kennen.
+
+ * * * * *
+
+König _Frodi_[221], Fridleifs Sohn, aus dem götterentsprossten Stamm
+der Skjoldungen, herrschte über Dänemark. In seinen Tagen begann der
+Frodifrieden, das glückliche goldene Zeitalter des Nordens. Kein Mann
+that dem andern Schaden, Diebe und Räuber gab es nicht, ein Goldring
+lag unberührt lange auf der Heide. Mit Fruchtbarkeit war das Land
+gesegnet. Frodi liess von zwei gekauften Mägden, den Riesinnen Fenja
+und Menja mit zwei mächtigen Mühlsteinen rast- und ruhelos Gold, Glück
+und Frieden mahlen. Aber sie mahlten Unfrieden, ein Seekönig brach
+mit Mord und Brand ins Land und zerstörte Frodis Frieden. In düstrem,
+ahnungsvollem Gesang verkündigten die Mädchen den nahen Umschwung des
+zum Übermaasse gesteigerten Glückes. Gerade aus dem Gold geht das
+Unheil hervor. Snorri stellt den Frodifrieden und Freyr zusammen; er
+fasst ja auch Freyr und seinen Sohn Fiolnir als menschliche Könige
+auf. Während Freyr Schweden mit blühendem Wolstand beglückt, schenkt
+Frodi Dänemark die Segnung goldenen Friedens. Saxo erzählt von sechs
+Dänenkönigen namens Frotho, er verteilt auf mehrere Gestalten, was die
+Sage vom Friedfrodi wusste. Unterscheiden doch auch die nordischen
+Stammtafeln des Skjoldungengeschlechts zwischen zwei Friedensfürsten
+des Namens Frodi, zwischen Friedensfrodi und Frodi dem Friedsamen.
+Von Frotho I., dem Sohne des Hadding, welchem die an Njords Ehe mit
+Skadi erinnernde Sage zugeschrieben war, berichtet Saxo, er habe
+einen Drachen besiegt und einen grossen Hort gewonnen. Dadurch wurde
+er sehr reich. Er pflegte seine Speise mit Goldstaub zu bestreuen.
+Frotho III. ist der eigentliche Friedenskönig. Zu seiner Zeit brauchte
+niemand seine Habseligkeiten unter Schloss und Riegel zu verwahren.
+Der siegreiche König gebot allen Völkern Frieden, der dreissig Jahre
+lang währte. Goldene Ringe und Ketten, welche der König aufhängen
+liess, wagte niemand zu stehlen. Dem Wanderer war erlaubt, überall das
+zu seiner Erfrischung und zu seinem Fortkommen Nötige zu nehmen. Als
+Frotho durch eine Zaubrerin ums Leben gekommen war, verheimlichte das
+Gefolge, wie die Schweden beim Tode des Freyr, seinen Tod und führte
+die Leiche drei Jahre auf einem Wagen im Lande umher (Freys Umfahrt!).
+Endlich wurde er bei einer Brücke in Seeland begraben. Man erkennt im
+dänischen Frodi, welcher im _milden Fruote_ mhd. Gedichte wiederkehrt,
+deutlich dieselbe Gottheit wie im schwedischen Freyr, nur ist der Gott
+Saxos Auffassung gemäss als irdischer König gedacht. Frodi ist die
+schwache Form des Adj. _fróþr_, weise. Die Wanen heissen aber weise
+(Vafþr. 39, Skírn. 17, 18) und Zukunft wissend (Þrymskv. 14); Freyr
+wird _enn fróþe afe_, der weise Mann (Skírn. I, 2) genannt. Was Saxo
+von Fridlev, Frothos III. Sohn erzählt, der Riesen tötet und Frögertha,
+Amunds von Norwegen Tochter zum Weib gewinnt, darf vielleicht auf Freys
+Werbung um Gerd bezogen werden. Überall blicken versprengte Trümmer aus
+der dänischen Königssage hervor, die sich, zu einem Ganzen vereinigt,
+merkwürdig genau mit den nordischen Mythen von Freyr und Njord decken.
+Eine Göttersage scheint euhemeristisch zur Königssage verwandelt und
+dabei aus ihrer ursprünglichen Zusammengehörigkeit losgelöst worden zu
+sein.
+
+In den ags. Stammtafeln finden sich mehrfache Erinnerungen an den
+germanischen Himmelsgott, indem seine Namen unter den mythischen
+Königen vorkommen. Die Tafeln stellen allerdings übereinstimmend
+Wóden an die Spitze und gehören einer Zeit an, wo Wóden den alten
+Himmelsgott bereits verdrängt hatte. In der Königsreihe von Deira
+begegnet unter Wódens Söhnen Uscfrea (Wuscfréa), in Bernicia Ingvi, in
+Wessex Fréawine; unter Wódens Vorfahren treffen wir Friðuwald, Fréaláf,
+Friðuwulf. Fréa und Friede stehen auch hier in engster Verbindung. Hält
+man dazu Frôwin, Freysvinr[222] und was von Nerþus erzählt wird, so ist
+der Schluss gerechtfertigt, die Ingvaeonen verehrten den Himmelsherrn
+und riefen ihn um Fried und Fruchtbarkeit an. Von den am Ufer und auf
+den Inseln der Nord- und Ostsee ansässigen Ingvaeonen, vielleicht auch
+durch die Ostdänen in Südschweden, kam dieser Kult auf friedlichem
+Weg, durch Handelsverkehr vermittelt, zu den Schweden und schlug tiefe
+Wurzeln. Darum schirmen die Wanen Ackerbau und Schifffahrt und spenden
+aus friedlichem Gewerbe, aus Landwirtschaft und aus Handel und Wandel
+Wolstand und Glück.
+
+
+III. Der Himmelsgott als Donnerer.
+
+1. Donar bei den Deutschen.
+
+Der Himmelsgott hat Blitz und Donner in seiner Gewalt, _Juppiter
+tonans_, Ζεὺς κεραύνιος καταιβάτης. Der Donnerkeil ist seine Waffe,
+die er mit dem Blitzstrahl herunterwirft. Keilförmige Steine fahren
+nach dem Volksglauben mit dem zündenden Blitz in den Boden. Der Donner
+gleicht dem Fahren eines Wagens über ein Gewölbe; so sagt Hesychius
+δοκεῖ ὄχημα τοῦ Διὸς ἡ βροντὴ εἶναι. Der liebe Gott fährt, sagt noch
+heute das Volk beim Rollen des Donners. Vom Himmelsgott hat sich die
+Gestalt des Donnerers bei den Germanen besonders abgelöst.
+
++Donar+[223], der Herr des Gewitters, bildet eine Hauptgottheit, welche
+alle Stämme verehrten, denn gleichmässig ist ihm überall der _dies
+Jovis_[224] zugeteilt worden. Die ältere interpretatio romana gibt ihn
+mit _Hercules_[225], die spätere mit _Juppiter_[226] wieder. Obwol
+allen Germanen gemeinsam, ist Donar doch nicht überall zu gleicher
+Bedeutung gelangt. Zu schönster und reichster Entwicklung gedieh der
+Donarkult bei den Norwegern, bei den Deutschen scheint Donar zuerst
+hinter Tiuȥ, später hinter Wodan zurückgestanden zu sein. Vom deutschen
+Donar erhalten wir nur eine dürftige, unvollkommene Vorstellung.
+Donar ist der stärkste und tapferste der Götter. Ihn besangen die in
+die Schlacht ziehenden Kämpfer.[227] In heiligen Wäldern war sein
+Weihtum. Mächtige, uralte Eichen, wie die bei Geismar[228] in Hessen,
+die Winfrid fällte, waren ihm geheiligt. Dort versammelten sich die
+Stämme vor wichtigen Unternehmungen. Aber nicht allein die kriegerische
+Seite wird bei Donar hervorgekehrt, im Gegenteil waltet der starke
+Gott namentlich über Leben und Eigentum der Menschen, über Recht
+und Frieden. Mit dem Donarstag sind noch heute allerlei Gebräuche
+verknüpft und schon in alter Zeit war es so. Den Germanen erschien ein
+dem Donar gehöriger Tag von besonderer Bedeutung. Auf einer mit Runen
+beschriebenen Kleiderspange, die auf alemannischem Boden gefunden
+wurde, begegnet Donar neben Wodan. Zur Weihe und Heiligung vielleicht
+der Ehe wird er angerufen.[229] Der Donnerkeil erscheint als eine
+geschleuderte Waffe, als eine Wurfaxt. Streithämmer zu Wurf und Schlag
+gehören zu den beliebten Waffen germanischer Völker. Naheliegend ist
+der Vergleich, dass der Donnergott einen ursprünglich steinernen Hammer
+führt, und so erscheint auch allezeit Thor. Bestimmte Zeugnisse, dass
+der deutsche Donar mit dem Hammer bewaffnet war, fehlen. Doch ist
+vielleicht beim ags. Thunor eine feurige Streitaxt anzunehmen.[230]
+Die Vorstellung, dass bei starkem Gewitter der Donnergott, mit der
+Axt bewehrt, auf einem Wagen dahinfährt, darf bei Angelsachsen[231]
+und Ditmarschen[232] vermutet werden. Beziehung auf Donar ist deshalb
+möglich, weil Thor im schwedischen Volksglauben in ähnlicher Weise
+fortlebt.
+
+In einem Segen gegen Fallsucht, den eine Pariser Handschrift des 12.
+Jahrhunderts und eine Münchener Handschrift enthalten, der aber leider
+unverständlich ist, wird Donar der Mächtige genannt, der auf Adams (?)
+Brücke stund und einen Stein zerspaltete, da kam aber Adams Sohn und
+schlug des Teufels Sohn zu einer Staude. Heidnische und christliche
+Anschauungen mischen sich hier, Donar weicht vor Christus. Vielleicht
+darf der im Segen geschilderte Hergang so gedacht werden, dass der
+Blitz krachend in eine Brücke fährt und sie teilweise zerstört, aber
+der Christengott naht rettend, der nächste Blitzschlag schmettert in
+Busch und Wald, wo er keinen Schaden thut.[233]
+
+
+2. Thor als Hauptgott des norwegischen Volkes.
+
+Dass Thor im nordischen Volke vor allen anderen Göttern Verehrung
+genoss, geht aus vielen Anzeichen unzweifelhaft hervor[234], besonders
+Norwegen ist die Heimat des Thorsdienstes, der aber auch in Schweden
+und Dänemark nachgewiesen werden kann. Wenn mehrere Götter neben
+einander vorkommen, in den Bildern[235] der Tempel, in der feierlichen
+Eidesformel, dann steht doch Thor immer voraus. In Moere erhub sich
+ein Tempel, in dem mehrere Götterbilder aufgestellt waren, Thor mit
+Gold und Silber geschmückt war am meisten geehrt. Der König Olaf
+Tryggvason schlägt das Bildniss nieder. In Hladir standen drei Bilder:
+Thor auf dem Wagen inmitten, Thorgerd Hörgabrud und Irpa zu beiden
+Seiten. Sveinn in Drontheim hatte manche Götzen, den Thor aber ehrte
+er am meisten. Zur Zeit Adams von Bremen war Thor als der Mächtigste
+inmitten des Odin und Freyr im Tempel zu Uppsala aufgestellt. Wie
+Ingimund ein silbernes Freysbild bei sich führt, so trug Hallfred, ein
+berühmter Skald, Thors Bildniss aus Zahn geschnitzt im Beutel. In der
+Heidenzeit war es Sitte, Eigennamen aus Götternamen[236] zu bilden. Die
+Träger solcher Namen wurden dadurch dem besonderen Schutze der Götter
+anempfohlen. In der Wahl des Götternamens kommt das Verhältniss zu den
+einzelnen Göttern zum Ausdruck. Wenn ein Bjorn, Steinn, eine Dis, Gerd
+und andere Thorbjorn, Thorsteinn, Thordís, Thorgerd zubenannt sind,
+so werden sie dadurch dem Gotte verlobt, der Gott wird ihr vertrauter
+Freund und Beschützer. Entsprechend wurden Namen nach Freyr gewählt,
+Freysteinn, Freybjorn, Freydís, Freygerd. Selten sind Namen mit Odin
+gebildet, wie Odinkarl in Dänemark, Odindís in Schweden. Entsprechend
+kommen die Götternamen auch für Örtlichkeiten vor, die unter den
+Schutz der Gottheit gestellt werden. Sehr schön ist diese Sitte bei
+der Besiedelung Islands im Ausgang des 9. Jahrhunderts zu beobachten.
+Ausfahrt, Reise, Ankunft, das in Besitz genommene Land wird von der
+Gottheit gewiesen. An erster Stelle ist Thor der Führer, seltener
+Freyr, niemals Odin.
+
+Als König Harald in Norwegen die Alleinherrschaft aufrichtete, wurden
+dadurch viele mächtige Männer zur Auswanderung bewogen. Hrolf war ein
+grosser Häuptling. Er waltete auf der Insel Mostr bei Südhördaland
+eines Tempels des Thor und war ein grosser Freund des Gottes. Er war
+gross und stark, schön von Aussehen und hatte einen grossen Bart; darum
+hiess er Mostrarskegg (Mostrbart). Er war der vornehmste Mann auf der
+Insel. Im Frühjahr verschaffte Hrolf dem Björn Ketilsson, der von König
+Harald geächtet war, ein gutes Langschiff mit tüchtiger Bemannung und
+gab ihm seinen eigenen Sohn Hallstein zur Begleitung mit. Als König
+Harald hörte, dass Hrolf Björn den Ächter unterstützte, schickte er
+Boten zu ihm und liess ihm sagen, er solle aus dem Lande weichen wie
+Björn oder zum König kommen und alles seiner Gewalt unterwerfen. Das
+war 10 Jahre, nachdem Ingolf Arnarson nach Island gefahren war (um
+874); die Leute, die von Island kamen, lobten die Beschaffenheit des
+Landes. Thorolf Mostrarskegg stellte ein grosses Opfer an und befragte
+Thor, seinen vertrauten Freund, ob er sich mit dem König versöhnen
+solle oder ausser Lands fahren und anderes Schicksal suchen. Das
+Ergebniss der Befragung wies den Thorolf nach Island. Darauf nahm er
+ein grosses Seeschiff und rüstete sich zur Islandsfahrt; alle seine
+Hausleute und die ganze Wirtschaft führte er mit sich. Er brach den
+Tempel ab und nahm fast alles dazu verwendete Bauholz mit, auch die
+Erde unter dem Altar, worauf Thor gestanden war. So segelte Thorolf
+in See mit günstigem Wind, er fand das Land und schiffte der Südseite
+entlang und dann westlich um Reykjanes herum. Da liess der Wind nach
+und sie sahen, dass grosse Buchten landeinwärts sich aufthaten.
+Thorolf warf die Hochsitzpfeiler, die im Tempel gestanden, über Bord;
+auf einem derselben war Thors Bild eingeschnitzt. Er sagte, er wolle
+sich auf Island an der Stelle ansiedeln, wo Thor ihn ans Land kommen
+lasse. Die Pfeiler trieben rasch in die westliche Bucht. Es erhub sich
+eine Brise und sie fuhren westlich um Snjofellsnes in die Bucht. Sie
+sahen, dass die Bucht lang und breit war und von grossen Gebirgszügen
+auf beiden Seiten umgeben. Thorolf gab der Bucht einen Namen und nannte
+sie Breidifjord. Er nahm Land ungefähr inmitten der Südseite der
+Bucht und legte sein Schiff in die kleine Bucht, die später Hofsvag
+(Tempelbucht) genannt wurde. Sie untersuchten das Land und fanden an
+der Spitze eines Vorgebirges im Norden der Bucht, dass Thor mit den
+Säulen ans Land gekommen war. Das wurde seitdem Thorsnes genannt.
+Darauf fuhr Thorolf mit Feuer über sein Land, auswärts von der Stafa
+an bis hinein zu dem Fluss, den er Thorsa nannte, und siedelte da
+seine Schiffsleute an. Er erbaute ein grosses Gehöft bei Hofsvag und
+nannte es Hofstadt. Da liess er einen grossen Tempel Thor zu Ehren
+errichten. Thorolf nannte das Land zwischen dem Vigrafjord und Hofsvag
+Thorsnes. Auf dem Vorgebirge steht ein Berg; dem wandte Thorolf so
+grosse Verehrung zu, dass niemand ihn ungewaschen ansehen durfte, und
+weder Tiere noch Menschen sollten auf dem Berge getötet werden, es gehe
+denn von selber zu Grunde. Den Berg nannte er Helgafell und glaubte,
+er werde dort hineinfahren, wenn er sterbe, seine Verwandten aber ins
+Vorgebirge. Auf der äussersten Spitze des Vorgebirges, wo Thor ans
+Land gekommen war, liess er alle Gerichte halten und setzte dort ein
+Heradsding (Gauversamlung) ein. Da war eine so heilige Stätte, dass
+er auf keine Weise das Feld verunreinigen lassen wollte, weder mit
+Feindesblut, noch auch dadurch, dass jemand seine Notdurft verrichte.
+Dazu war eine Klippe bestimmt. Einen Sohn Steinn weiht Thorolf seinem
+Freund Thor als Hofgoden, nemlich zum Tempelamt, und nannte ihn
+Thorstein. Zwischen Thorstein und seinen Nachbarn entsteht Streit um
+das von Thorolf eingesetzte Gericht. Es kommt zum Blutvergiessen auf
+der Dingstätte, welche dadurch entweiht wird. Thord entschied den
+Streit der Parteien dahin, sie sollten sich aussöhnen und in Zukunft
+Tempel und Gericht zusammen halten. Die entheiligte Dingstätte wurde
+aber weiter landeinwärts verlegt, worüber der Sagaschreiber berichtet:
+Man sieht noch den Gerichtsring, in dem die Leute zum Opfertod
+verurteilt wurden. Im Ring steht noch der Thorsstein, an dem die
+Leute gebrochen wurden, die zum Opfer bestimmt waren, noch sieht man
+Blutspuren am Stein.[237]
+
+Von anderen Ansiedlern gehen ähnliche Berichte. Als Helgi der
+Magere Land erblickte, fragte er den Thor, wo er Land nehmen solle.
+Der Ausspruch wies ihn nach dem Eyjafjord, und erlaubte ihm weder
+ostwärts noch westwärts abzulenken. Da fragte ihn sein Sohn Hrolf,
+ehe der Fjord sich aufthat, ob denn, falls Thor ihn ins Eismeer zum
+Überwintern wiese, er sich auch daran halten würde. Denn den Schiffern
+schien es Zeit, aus der See zu kommen, da der Sommer schon sehr zu
+Ende ging.[238] Dieser Helgi zeigt eigentümliche Glaubensmischung.
+Er war ein Christ und nannte, obschon Thor ihm das Land gewiesen,
+seine Wohnstätte doch Kristnes. Bei Seefahrt und in allen schweren
+Gefahren rief er aber stets zu Thor. Hreidar gab so viel auf des Gottes
+Ausspruch, dass er das von diesem ihm gewiesene Land sogar durch Kampf
+zu erlangen trachtete, nachdem es schon besetzt war. Nur mit Mühe
+bringt ihn Eirik davon ab.[239]
+
+Asbjorn heiligte das von ihm in Besitz genommene Land dem Thor und
+nannte es Thorsmark.[240] Dass die norwegischen Ansiedler ihre
+Thors- und Freystempel auch auf Island errichteten, geht ausser den
+bestimmten Zeugnissen aus den zahlreichen mit „Hof“ (d. i. Tempel)
+zusammengesetzten Ortsnamen hervor; Hof allein kommt oft auf Island
+vor, dann Hofgardar, Hofsfell, Hofstadir, Hofsteigr, Hofsvágr.
+
+Nicht nur auf den Hochsitzpfeilern war Thors Bild eingeschnitzt. Grima
+des Gamli Weib hatte einen grossen Stuhl, auf der Rücklehne war Thors
+Bildniss mit seinem Hammer eingeschnitzt.[241] Der Jarl Eirik führte
+Thors Bild am Vordersteven seines Schiffes. Vergeblich suchte er König
+Olafs Schiff zu entern. Als er jedoch das Thorsbild wegwarf und durch
+ein Kreuz ersetzte, gewann er sofort den Sieg.[242] Aufs Getäfel des
+Hauses und auf Schilde wurden Götter- und Heldensagen abgebildet,
+in der älteren Zeit haben die Thorssagen entschiedenes Übergewicht.
+Die Skalden machten auf solche Darstellungen mit Vorliebe ihre
+Gedichte.[243]
+
+Das ausserordentliche Übergewicht der Eigennamen mit Thor -- unter den
+Besiedlern Islands begegnen 51 Thorsnamen gegenüber 3 Freysnamen; Odin
+fehlt gänzlich -- deutet darauf hin, dass Thor wenigstens in Norwegen
+und im 9./10. Jahrhundert auch in Schweden der im Volke am meisten
+geehrte war. Der Thorsdienst greift auch tief ins Leben ein, während
+der Odinsdienst vorwiegend in der Skaldendichtung am Königshof zu Hause
+ist. Mehr als in Norwegen und auf Island tritt allerdings Odinsglaube
+in Dänemark und Schweden neben Thor auf.
+
+Weiher der bewohnten Erde, der die Welt heiligt und weiht, Freund
+der Menschen ist Thor. Auf einem jütischen und einem fühn’schen
+Runenstein wird Thor angerufen, das Denkmal, die Runen zu weihen. Auf
+anderen dänischen und schwedischen Steinen ist den Runen das deutliche
+Abbild eines Hammers beigegeben, das wahrscheinlich symbolisch
+denselben Wunsch darstellt, Thor möge das Erinnerungsmal weihen und
+beschützen.[244] Dass der Hammer auch sonst in Gebräuchen eine Rolle
+spielt, stützt diese Anschauung.
+
+Thrym, der Thursenbeherrscher gebietet, als er die vermeintliche Freyja
+sich vermählen will:
+
+ Bringt nun den Hammer, die Braut zu weihen,
+ den Mjolnir legt in des Mädchens Schooss,
+ in Wars Namen weiht unsern Bund.[245]
+
+Bei der Hochzeit wurde Thors Gedächtniss vor den andern Göttern
+getrunken, was auf seine Beziehung zur Ehe hinweist.[246] Spätere
+norwegische Volkssage knüpft Thors Wanderungen auf Erden an Hochzeiten
+an.[247] Als König Hakon gezwungen wird, am Opfer zu Hladir
+teilzunehmen, machte er das Zeichen des Kreuzes über das ihm gereichte
+Trinkhorn, was die Verwunderung der heidnischen Bauern erregte. Da
+sagte der Jarl Sigurd: Der König thut so wie alle, die auf ihre eigene
+Kraft und Stärke vertrauen und ihren Becher dem Thor weihen; er machte
+das Hammerzeichen darüber, ehe er trank.[248] Man trug kleine Hämmer
+als Amulet und Schmuck. Vermutlich hatten die Thorsbilder Hämmer in
+der Hand, mit denen der Hofgode feierliche Weihen vollzog. Unter den
+Siegeszeichen, welche der Dänenprinz Magnus Nielson († 1134) von
+seinem schwedischen Feldzug heim brachte, befanden sich Metallhämmer
+von schwerem Gewicht, die man Thorshämmer nannte.[249] Seit alter
+Zeit waren diese bei den Bewohnern einer Insel (Gutland) Gegenstand
+besonderer Verehrung gewesen. Das Bild des heiligen Olaf, auf welchen
+die norwegische Volkssage manche Züge Thors übertrug, hatte eine Axt
+in der Hand, mit welcher die Wallfahrer sich zu bestreichen pflegten.
+Bei Baldrs Tod wird berichtet, Thor weihte den Scheiterhaufen mit dem
+Hammer Mjolnir. Hammerwurf heiligt nach altdeutschem Recht den Erwerb,
+vielleicht mit Beziehung auf Donar.[250] Sein Verhältniss zum Recht
+im Norden kommt darin zum Ausdruck, dass der Thorsdag[251] das Ding
+eröffnet und dass im feierlichen Eid der allmächtige Ase Thor angerufen
+wird. Mit Ase schlechthin war überhaupt Thor gemeint, als der höchste
+und mächtigste der Asen.[252]
+
+So beschützt Thor als der liebe Freund das Leben des Menschen von dem
+Augenblick, wo der Knabe mit Wasser begossen den Namen nach dem Gotte
+beigelegt erhielt, bis die Flamme über dem Toten zusammenschlug oder
+der Hügel ihn überwölbte. Ja noch das Denkmal wurde in seinen Schutz
+gestellt.
+
+Die Normannen[253] hielten am Thorsdienst fest. Vor der Heerfahrt
+wurden dem Thor Menschenopfer gebracht. Mit einer Axt wurde dem
+Opfer der Schädel zerschmettert und das Gehirn bloss gelegt. Aus dem
+zuckenden Herzen wurde der Ausgang des Unternehmens erforscht. Dann
+bemalten sich die Opfergenossen mit dem Blut ihr Gesicht und liessen
+die Schiffe auslaufen. Weitere Zeugnisse bieten die bereits erwähnten
+Ortsnamen _Turville_. Maugier, Richards II. Sohn auf der Insel Jersey,
+hat mit dem Götzen _„Turet“_ einen Bund.[254] Thor genoss demnach unter
+den Normannen die grösste und häufigste Verehrung, sonst wäre nicht
+die Erinnerung an ihn allein noch bis in die französische Zeit gut
+erhalten geblieben.
+
+Dass Thor um Sieg angerufen wird, weiss auch eine nordische Quelle.
+Styrbjorn erhob gegen König Eirik Ansprüche auf den schwedischen
+Thron. In der entscheidenden Schlacht bei Fyrisvellir unterlag er nach
+verzweifeltem Kampf und fiel mit den meisten seiner Leute. Vor der
+Schlacht hatte Styrbjorn den Thor um Sieg angerufen, Eirik aber dem
+Odin sich verlobt, nach zehn Jahren als Opfer zu sterben. Odins Hilfe
+war mächtiger als die Thors.[255]
+
+Als König Olaf auf der norwegischen Insel Mostr weilt, erscheint ihm
+der heilige Martinus im Traum und sagt: Das war hier zu Land wie
+anderwärts Sitte, dass bei Gelagen und Gilden Thor und Odin und den
+Asen Bier gespendet und der Becher geweiht wurde. Von nun an soll es
+zu Gottes und der Heiligen Ehren geschehen.[256] Zu Olafs des Heiligen
+Zeiten tranken die Leute im innern Drontheim nach altem Brauch Thors
+und der Asen Minne. Rinder und Rosse wurden geschlachtet und die
+Tempelsäulen mit dem Blute gerötet. Das Opfer wurde um fruchtbares Jahr
+angestellt.[257]
+
+Im norwegischen Gudbrandsdal lebte ein mächtiger und angesehener
+Häuptling namens Gudbrand. Der unterhielt einen Tempel des Thor,
+welcher den Thalleuten in allen Nöten gar wol half. Im Tempel stand
+ein Thorsbild mit dem Hammer in der Hand, gross und innen hohl. Gold
+und Silber dient dem Götzen zum Schmuck. Täglich werden ihm vier
+Brote und Fleisch gebracht und davon lässt er nichts übrig. Olaf der
+Heilige gedachte die Bewohner von Gudbrandsdal zu bekehren. Zu einer
+Dingversammlung, in der Olaf mit den Bauern unterhandeln wollte, wurde
+das von Gold glänzende Bild herausgeschleppt. Alle neigten sich davor.
+Höhnisch forderte Gudbrand den König auf, seinen Gott herbeizurufen.
+Olaf rief: Schaut nach Osten, da fährt unser Gott mit gewaltigem
+Lichte! Eben ging die Sonne auf und alle schauten dorthin. Da schlug
+des Königs Begleiter mit einer Keule auf den Götzen, dass er in Stücke
+brach. Mäuse, Nattern und Würmer liefen heraus. So bekehrte Olaf die
+Thalleute und ihren Häuptling.[258]
+
+Was Adam von Bremen[259] über den Thorsdienst in Schweden berichtet,
+stimmt völlig zu den nordischen Quellen. Thor ist der Mächtigste, Odin
+und Freyr stehen hinter ihm zurück. Blitz und Donner, Regen, Wind und
+klares Wetter sind ihm unterthan und darum auch die Fruchtbarkeit. Thor
+donnert, um die Erde zu segnen, nicht um zu vernichten. Er ist Herr des
+wolthätigen und befruchtenden Gewitters. Deswegen berührt er sich mit
+Freyr, der sein schwedisches Ackerland mit Sonnenschein segnet. Bei
+drohender Krankheit und Hungersnot wird dem Thor geopfert. Auch hiefür
+bietet sich ein isländisches Zeugniss.[260] Die Winlandsfahrer litten
+einmal Hungersnot und baten vergeblich den Christengott um Hilfe.
+Thorhall aber rief seinen vertrauten Freund Thor, den Rotbärtigen
+an. Der sandte auch einen Walfisch an den Strand. Der dem Heidentum
+feindselige Sagaschreiber fügt freilich bei, sie seien vom Genuss des
+Fleisches alle krank geworden. Aber Thorhall sagt mit gerechtem Stolz,
+sein treuer Freund Thor habe ihm selten Hilfe verweigert.
+
+Nach den geschichtlichen Zeugnissen ist offenbar Thor der eigentliche
+Hauptgott des Nordens, jedenfalls des norwegischen Stammes, dem
+gegenüber Odin sehr zurücktritt. Der echte und wahre Volksglauben
+kennt nur Thor und neben ihm Freyr, der vermutlich in Urzeiten bei den
+Schweden ebenso verehrt wurde wie in der geschichtlichen Zeit Thor
+bei den Norwegern. Beide sind im Grunde eins, der Himmelsgott nur
+nach Stammesart und Landesbeschaffenheit verschieden. „Während der
+alte Landas des gebirgigen Norwegens mit dem Donnerkeile Steinriesen
+zermalmt, segnet der milde Freyr sein schwedisches Ackerland mit Regen
+und Sonnenschein“ (Uhland 6, 424). Anders freilich ist das Bild, das
+die Skaldenkunst gewährt. Da ist Odin der Hauptgott. Aber dieser
+Odinsglaube gehört den Höfen und Edelingen. Die Betrachtung Odins wird
+lehren, dass er erst spät im Norden einwanderte. Seine Herrschaft blieb
+im wesentlichen auf die Kunstdichtung und deren Pfleger beschränkt. Das
+Volk und alle, die vom Königshofe unabhängig waren, hielten an Thor und
+Freyr fest. In Sage und Dichtung jener Zeit kommt diese Verschiedenheit
+auch zum Bewusstsein.
+
+ * * * * *
+
+Den Gegensatz zwischen Thor, dem Beschützer und Förderer des
+friedliebenden Bauernstandes und Odin, dem Vertreter des kriegliebenden
+und abenteuerlustigen Adels bringt das Harbardslied[261] in
+trefflicher Weise zur Darstellung. Aus dem Ostland kommt Thor zu
+einem Sund; auf der andern Seite erblickt er einen Fährmann, den er
+um Überfahrt anruft. Es ist Odin, der sich unter dem Namen Harbard
+versteckt; er behandelt den Ankömmling geringschätzig als Bauern und
+Landstreicher. Nach mancherlei beleidigenden Scheltreden halten sie
+ihre Thaten einander gegenüber. Während Harbard-Odin in Kriegs- und
+Liebesabenteuern sich tummelte, was er mit geistiger Überlegenheit
+hervorhebt, vollführte der ehrliche Thor nützliche Thaten.
+Thursenweiber schlug er im Osten tot, damit das Riesengeschlecht nicht
+überhand nehme. Einen Fluss, der die Menschenwelt vom Riesenland
+trennt, verteidigte er gegen den Angriff der Söhne Swarangs, die
+Felsblöcke schleuderten. Thor zwang sie zum Frieden. Auf Hlesey
+erwürgte er Berserkerweiber, die argen Frevel verübt. Wölfinnen waren
+sie mehr als Weiber, Thors Schiff stürzten sie um, schwangen ihre
+Eisenkeulen und verscheuchten den Thjalfi. Endlich fertigt Harbard den
+Harrenden mit spöttischen Reden ab und heisst ihn zu Fuss den Weg um
+den Sund suchen. Der norwegische Verfasser des ziemlich alten Liedes
+hat seinen Stoff sehr gut behandelt, Bauer und Edeling, Thor und Odin
+vorzüglich charakterisiert. Mit voller Freiheit und Selbständigkeit
+sprang er mit der Überlieferung um und gewährt doch ein lebenswahres
+Bild. Odin nimmt die Jarle, die auf der Walstatt fallen, aber Thor der
+Knechte Tross. Damit stellt der Dichter dem glänzenden Walhall der
+Krieger eine freundliche Heimstätte der in redlicher ruhmloser Arbeit
+sich abmühenden Bauern bei ihrem Schirmer Thor gegenüber.
+
+Wie hier zu Fuss mit dem Korb auf dem Rücken, so erscheint auch sonst
+Thor, wenn er nicht auf dem Wagen fährt. Nie besteigt er ein Ross.
+Während die andern Götter zum Gericht unter der Weltesche reiten,
+durchwatet Thor täglich zwei Flüsse und wandert einen weiten Weg.[262]
+
+Der Gegensatz zwischen Odin und Thor kommt auch in der Sage von
+Starkad[263] zum Ausdruck. Odin hatte unter dem Namen Hrossharsgrani
+den Starkad erzogen. Einst träumte diesem, dass sein Pflegevater ihn
+an eine abgelegene Stelle im Walde führte, wo elf Asen sassen, die
+Hrossharsgrani als Odin grüssten. Sie sollten Starkads Schicksal
+bestimmen. Thor, der ihm als einem Riesensohn ungünstig war,
+verweigerte ihm Nachkommenschaft. Odin gab ihm drei Menschenalter, Thor
+sagte, er solle in jedem ein Nidingswerk vollführen; Odin bestimmte
+ihm die besten Waffen, Thor versagte ihm Landbesitz; Odin schenkte ihm
+fahrend Gut im Überfluss, Thor legte hinzu, dass er niemals genug haben
+solle. Odin gab ihm Sieg in jedem Streit, Thor fügte bei, dass er aus
+jedem eine tiefe Wunde davontragen solle; Odin gab ihm Skaldenkunst,
+Thor liess ihn seine Lieder vergessen; Odin machte ihn beliebt bei
+den Mächtigen, Thor verhasst beim Volk. Das wilde Reckentum, das
+schon Tacitus (Germ. 31) an den chattischen Kriegern hervorhebt,
+den Helden und Dichter, der auf alles andre verzichtet, lässt die
+nordische Sage von Odin, dem Heldenvater geweckt werden, während Thor,
+dem Kriegsfahrt, um ihrer selbst willen gethan, verhasst ist, den
+Berufskämpen mit Fluch belegt.
+
+ * * * * *
+
+Aus der Zeit des Glaubenswechsels wird berichtet[264]: Nun kam das
+Christentum nach Island und Thorgils nahm den Glauben unter den ersten
+an. Er träumte eines Nachts, dass Thor zu ihm komme mit böser Miene und
+sagte, er habe ihn betrogen. Du hast dich übel betragen wider mich, du
+hast mir das Schlechteste ausgewählt und das Silber, das ich besass,
+in einen Sumpf geworfen. Thorgils sprach: Gott wird mir helfen und ich
+bin froh, dass unsere Gemeinschaft zerriss. Als Thorgils erwachte, war
+sein Mastschwein tot. Er liess es begraben und niemand etwas davon
+essen. Thor erschien dem Thorgils abermals im Traume und sagte, er
+werde ihn ebenso leicht an der Nase kriegen wie sein Schwein. Thorgils
+antwortete, Gott werde das bestimmen. Thor drohte ihm Viehschaden
+anzuthun. In der nächsten Nacht fiel auch ein alter Ochse. Da sass
+Thorgils in der darauffolgenden Nacht selber bei seinem Vieh. Am Morgen
+als er heim kam, war er weit herum ganz schwarz geworden. Die Leute
+hielten es für sicher, dass er mit Thor zusammengetroffen sei. Das
+Viehsterben liess nach. Thorgils fuhr später nach Grönland und hatte
+dabei neue Anfechtungen auszustehen. Thorgils wartete auf guten Wind
+und träumte, ein grosser rotbärtiger Mann komme zu ihm und spräche:
+Die Fahrt, die du vor hast, wird beschwerlich werden. Übel wird es
+dir gehen, wenn du nicht wieder zu meinem Glauben zurückkehrst. Dann
+aber will ich wieder für dich sorgen. Thorgils sagte, er wolle seine
+Fürsorge nimmer haben und hiess ihn entweichen. Meine Fahrt geht,
+wie der allmächtige Gott will. Da schien ihm, als führe ihn Thor auf
+Klippen, an denen die Brandung sich brach. In solchen Wogen sollst du
+sein und nimmer herauskommen, du kehrest denn zu mir zurück. Nein,
+sagte Thorgils, hebe dich fort, du leidiger Feind. Der wird mir helfen,
+der uns alle mit seinem Blute erlöste. Da erwachte er und erzählte den
+Traum seiner Frau. Die sagte, ich würde daheim bleiben, wenn ich so
+geträumt hätte, und die andern Leute sollen nichts davon erfahren.
+Nun erhob sich Fahrwind und sie segelten ab. Als sie ausser Sicht des
+Landes waren, legte sich der Wind und sie trieben so lange umher, bis
+Mangel an Trank und Speise eintrat. Thorgils träumte vom selben Mann:
+ging es nicht, wie ich sagte? Lange redete Thor mit Thorgils, der
+aber jagte ihn mit harten Worten von sich. Es begann zu herbsten und
+einige Leute meinten, man solle Thor anrufen. Thorgils verbot es. In
+der Nacht erschien Thor und sprach: Da zeigte es sich, wie treu du mir
+warst, als die Männer mich anrufen wollten. Aber ich habe nun deinen
+Leuten geholfen; ihr seid alle in äusserster Bedrängniss, wenn ich
+nicht helfe. In sieben Nächten sollst du einen Hafen erreichen, wenn
+du ernstlich zu mir zurückkehrst. Thorgils sprach: Wenn ich auch nie
+einen Hafen erreiche, ich will dir nichts Gutes thun. Thor antwortete:
+Willst du mir nichts Gutes thun, dann gib mir wenigstens meinen Besitz.
+Thorgils dachte darüber nach und fand, dass Thor damit einen Ochsen
+meine, den er ihm geschenkt hatte, solang er noch ein Kalb gewesen
+war. Thorgils befahl den Ochsen über Bord zu werfen. Denn es sei kein
+Wunder, wenn es schlimm gehe, solange Thors Gut an Bord sei. Der
+glaubenseifrige Mann wird auch schliesslich gerettet. Die Geschichte
+lässt deutlich durchschimmern, dass der Abfall von den alten Göttern
+und namentlich von Thor als schwerer Treubruch empfunden wurde. Wie
+Thor sonst als Beschützer und Mehrer des Eigentums galt, so rächt er
+sich an den Ungetreuen durch Beschädigung und Schmälerung. Wie er sonst
+günstigen Wind sendet, so schickt er seinen Feinden Gegenwind oder
+hemmt ihre Fahrt durch Windstille. Raud auf Raudsey, einer Insel vor
+der norwegischen Landschaft Halogaland, war ein grosser Opferer. Durch
+vieles Opfern hatte er ein Bildniss Thors im Tempel so bezaubert, dass
+der böse Feind aus dem Götzen mit ihm redete und diesen so bewegte,
+dass er am Tage mit ihm herumgehend sich zeigte, und Raud führte
+ihn oft mit sich auf der Insel herum. Als Olaf Tryggvason der Insel
+naht, verkündigt Thor seinem Freunde des Königs Ankunft. Thor erhebt
+die Bartstimme und bläst in den Bart, infolge dessen der König durch
+heftiges Gegenwetter mehrmals abgetrieben wird. Dem Bekehrungsversuche
+Olafs hält Raud entgegen: Du setzest deine Rede überzeugend, König;
+indessen habe ich wenig Lust, den Glauben zu verlassen, den ich gehabt
+habe und den mich mein Pflegevater gelehrt hat; und man kann nicht
+sagen, dass unser Gott Thor, der hier im Tempel wohnt, wenig vermöge,
+denn er verkündigt noch ungeschehene Dinge und ist mir in aller Not
+von erprobter Verlässigkeit, und darum mag ich unsere Freundschaft
+nicht brechen, solange er mir die Treue hält. Wie der König droht,
+meint Raud, das schlage bei ihm nicht an, fordert aber denselben auf,
+seine Kraft in einem Kampfe mit Thor zu erproben. Hierauf lässt sich
+Olaf ein und besiegt den Götzen.[265] Auch auf Island trat Thor selber
+den christlichen Bekehrern entgegen. Dankbrands des Priesters Schiff
+war zerbrochen. Steinvor, welche ihrerseits den Priester zum Heidentum
+bekehren wollte, sagte zu ihm: Hast du gehört, dass Thor Christus zum
+Zweikampf forderte, aber Christus wollte sich mit Thor nicht schlagen.
+Weisst du, wer dein Schiff zerschlug? Thor, der die Kinder der Riesin
+fällt, zerbrach das Schiff. Er sandte Sturm, der es in Späne schlug.
+Christus vermochte nicht zu helfen.[266]
+
+Derselbe Gedanke, dass Thor persönlich den neuen Gott und seine
+Vertreter bekämpft, kommt ziemlich übereinstimmend in diesen beiden
+Erzählungen zum Ausdruck.
+
+Als Svein, der einen prächtigen Thorstempel besass, auf König Olafs
+Tryggvason Betreiben vom Heidentum liess, geriet der Tempel samt
+den Götzenbildern in Verfall. Von Sveins Söhnen Svein und Finn ist
+letzterer eifriger Christ und naht, um das Thorsbild zu zerschlagen
+und zu verbrennen. In der Nacht zuvor erschien Thor zornig und traurig
+dem jüngeren Svein und sprach: Nun ist es dahin mit uns gekommen,
+dass mit dem Zusammenleben auch die Freundschaft sich verliert. Trage
+mich aus dem Tempel in den Wald, damit dein Bruder Finn mich nicht
+beschädigt. Als Svein sich weigert, verschwand Thor trauervoll und voll
+Schmerz.[267]
+
+Besonders schön ist aber die Geschichte von der Begegnung Thors mit
+Olaf Tryggvason, weil da noch einmal der Treubund zwischen dem Gott
+und seinem Volk so recht klar und schlicht hervortritt. Wie verhaltene
+Sehnsucht nach einer schönen, entschwundenen Vergangenheit mutet
+der Bericht an. Thor ist dem Norweger ins Herz gewachsen und nur
+schwer und ungern lässt er von ihm, ebenso trauert aber der Gott über
+die schmerzliche Trennung von seinen Getreuen. Zugleich leitet die
+Erzählung hinüber zu den Thorssagen, deren Hauptinhalt Bezwingung der
+Riesen und Trolle ist. Wäre nicht Thor, so vernichteten Trolle die
+Welt, sagt ein norwegisches Sprichwort.[268]
+
+Als einmal König Olaf mit guter Brise südwärts der Küste entlang
+segelte, stand ein Mann auf einem Felsenvorsprung und rief um Aufnahme
+ins Schiff. Olaf steuerte den Orm, das treffliche Drachenschiff, das
+er dem zauberkundigen Raud abgenommen hatte, ans Land und der Mann
+stieg an Bord. Er war von stattlichem Wuchs, jugendlich, schön von
+Aussehen und rotbärtig. Mit dem Gefolge des Königs begann er allerlei
+Kurzweil und scherzhaftes Wettspiel, wobei die andern schlecht gegen
+ihn bestanden. Er meinte, sie seien unwert, einem so berühmten König zu
+folgen und auf einem so schönen Schiffe zu fahren, wie der Drache war,
+den der starke Raud besessen hatte. Die Leute fragten ihn, ob er alte
+Mären wisse, und als er bejahte, führten sie ihn zum König. Der hiess
+ihn eine alte Geschichte zu erzählen. Der Mann antwortete: Damit heb
+ich an, o Herr, dass dieses Land, vor dem wir segeln, in alten Zeiten
+von Riesen bewohnt war. Aber die Riesen kamen einmal raschen Todes
+um, dass sie alle zusammen starben, nur zwei Weiber blieben übrig.
+Hernach siedelten sich Leute aus östlichen Landen hier an; aber jene
+grossen Weiber thaten ihnen allerlei Schaden und Bedrängniss, bis die
+Landsbewohner sich entschlossen, diesen roten Bart um Hilfe anzurufen.
+Alsbald ergriff ich meinen Hammer und schlug die beiden Riesinnen zu
+Tode. Das Volk dieses Landes blieb dabei, mich um Hilfe anzurufen, wenn
+es Not that, bis du, o König, alle meine Freunde vernichtet hast, was
+wol der Rache wert wäre. Hiebei blickte er bitter lächelnd nach dem
+König zurück, indem er sich so schnell über Bord warf, als ob ein Pfeil
+ins Meer schösse, und niemals sahen sie ihn wieder.[269]
+
+
+3. Thor in der Skaldendichtung.
+
+Snorri entwirft auf Grund der Skaldengedichte folgendes Gesamtbild von
+Thor (Gylfag. Kap. 21): Thor steht unter allen Asen obenan; er heisst
+auch Asathor oder Wagenthor, weil er auf einem Wagen zu fahren pflegt.
+Er ist der stärkste der Asen, stärker als alle Götter und Menschen.
+Er herrscht in Thrudwang (Feld der Stärke) oder Thrudheim (Welt der
+Stärke). Seine Halle hat den Namen Bilskirnir.[270] In diesem Gebäude
+sind 540 Gemächer, es ist das grösste Haus, von dem Menschen wissen.
+Thor hat auch zwei Böcke und einen Wagen. Die Böcke heissen Tanngniost
+(Zahnknisterer) und Tanngrisnir (Zahnknirscher). Thor benutzt diesen
+Wagen, wenn er nach Jotunheim fährt, und die Böcke ziehen den Wagen.
+Er besitzt ferner drei Kleinode: das eine ist der Hammer Mjolnir
+(Zermalmer), den Reifriesen und Bergriesen kennen, sobald er in die
+Luft sich erhebt; und das ist nicht zu verwundern, denn Thor hat mit
+dieser Waffe schon manchen Schädel ihrer Vorfahren und Verwandten
+zerschmettert. Das zweite Kleinod ist der Kraftgürtel: wenn er diesen
+anlegt, wächst ihm die Asenkraft ums doppelte. Das dritte Kleinod, das
+überaus wertvoll ist, sind die eisernen Handschuhe; diese kann er nicht
+entbehren, wenn er den Schaft des Hammers fasst. Niemand ist jedoch so
+weise, dass er alle seine grossen Thaten aufführen könnte, wenn ich
+auch soviel davon zu berichten weiss, dass der Abend hereinbrechen
+würde, ehe ich alles, wovon ich Kunde besitze, zu Ende erzählt habe.
+
+Von Mjolnir berichten Skáldsk. K. 3, dass der Zwerg Brokk ihn
+geschmiedet. Man könne damit werfen, soweit man wolle, ohne je das Ziel
+zu verfehlen. Der Hammer kehrt von selbst in die Hand des Werfenden
+zurück und kann so klein gemacht werden, dass man ihn unter dem Rock
+zu tragen vermag. Nur der Handgriff ist etwas zu kurz ausgefallen.
+Die Asen erklären den Hammer für das beste der von Brokk verfertigten
+Kleinode, er sei der wirksamste Schutz gegen die Riesen.
+
+In der nordischen Dichtung erscheint Thor als Sohn Odins; er musste
+sich diesem unterordnen, sobald er zum ersten der Götter geworden
+war. Thors Frau heisst +Sif+.[271] Sie reicht beim Gelage der Götter
+dem Loki den Becher voll Metes, der aber rühmt sich, selbst mit ihr,
+der Strengen und Keuschen, Buhlschaft getrieben zu haben. Der Riese
+Hrungnir will sie mit Freyja entführen. Sifs prächtiges Haar hatte
+Loki aus Bosheit abgeschnitten. Thor fasste den Loki und wollte ihm
+alle Knochen zerschlagen. Da schwur er den Eid, er wolle der Sif von
+den Zwergen aus Gold neues Haar anfertigen lassen, das wachsen sollte,
+wie natürliches Haar und so geschah es, dass Sif goldenes Haar trägt.
+Von Sif hat Thor die Tochter Thrud, die Hrungnir zu entführen suchte.
+Sif ist Sippe, nach nordischem Sprachgebrauch Blutsverwandtschaft und
+Verschwägerung. Als Schirmer dieser Bande erscheint Thor, weiht er doch
+die Ehe mit dem Hammer ein. Die persönlich gedachte Sippe wurde ihm
+daher zur Frau gegeben.
+
+In Thors Söhnen +Modi+[272] (Zorn) und +Magni+[272] (Kraft) werden
+wie in der Tochter +Thrud+ des Vaters Eigenschaften persönlich. Vater
+Magnis heisst Thor vielleicht ursprünglich auch nur bildlich als
+der Ursprung der Kraft, als der kräftigste der Asen. Von Magni wird
+erzählt, dass ihn Thor mit Jarnsaxa (der mit dem eisernen Schwerte)
+erzeugte. Drei Nächte alt war er doch schon so stark, dass er allein
+den auf Thors Halse lastenden Fuss Hrungnirs herunterwerfen konnte. In
+der neuen Welt werden Modi und Magni den Hammer Mjolnir an des Vaters
+Stelle führen. Von Modi ist gar nichts weiter bekannt. Über Thrud
+berichtet das Lied vom Zwerg Alwis. Thor wird zweimal Meilis Bruder
+genannt. Von diesem Meili, dessen Vater Odin ist, meldet keine Sage.
+Die Mutter Thors ist die Erdgöttin, Jord oder Fjorgyn[273], die im
+Eichwald Verehrte.
+
+Thors Beruf, die bewohnte Erde und das Reich der Götter durch
+Bekämpfung der Riesen zu schirmen, ist in bestimmten Ausdrücken[274]
+der Gedichte angezeigt. Im Hymirlied heisst er Freund der Menschen,
+Zerschmettrer der Felsbewohner, der der Thursen Tod berät, der Riesin
+Betrüber, des Wurmes Alleintöter. Ähnliche Benennungen legen ihm die
+Skalden bei, Freund der Götter ist er bei Ulf Uggason, Landesgott bei
+Egill. Im Harbardslied 23 sagt Thor: Thursenweiber schlug ich tot im
+Osten, die böswillig auf die Berge stiegen. Gross wäre die Anzahl der
+Riesen, wenn alle lebten, nicht Menschen gäb es in Midgard mehr. Im
+Lied von Thrym 17: bald werden die Thursen thronen in Asgard, holst du
+dir nicht deinen Hammer zurück. In solcher Thätigkeit tritt uns Thor
+in den meisten der folgenden Sagen entgegen; stets bereit, feindliche
+Riesenmächte mit Donner und Blitz zu zerschmettern, fährt er auf seinem
+Bocksgespann krachend in die Bergwildniss. Wenn es um die Felsen blitzt
+und donnert, stürmt und hagelt, dann ist Thor an der Arbeit und schlägt
+die Unholde.
+
+Bei Saxo[275] ist Thor wie bei den Skalden geschildert. Er führt eine
+grosse Keule, gegen die nichts Stand hält. Er bekämpft und bändigt
+Riesenungeheuer. Wenn man ihn um Hilfe anruft, ist er sogleich zur
+Stelle, wie die Asen nur Thors Namen aussprechen dürfen, um ihn
+bei sich zu haben. Als Urheber der Bergstürze wälzt er Felsblöcke
+zermalmend aufs Heer der Feinde. Seine Freunde gelten als seine Söhne.
+Saxo gewährt auch einen Zug, den wir sonst vermissen. Halfdan ist ein
+Thorsheld, ein Sohn Thors. Während sonst nur Freyr, Tyr und Odin an
+der Spitze der Heldengeschlechter stehen, während sonst allein Odin in
+menschlicher Gestalt zu seinen erkorenen Lieblingen herabsteigt, thut
+es hier auch einmal Thor.
+
+
+4. Sagen von Thor.
+
+Das Gesamtbild des Gottes tritt aus den Skaldengedichten uns entgegen,
+welche die Thätigkeit Thors im Kreise der Asen zeigen. Wenn auch manche
+Züge von den Skalden neu hinzugebracht wurden, im Grunde herrscht doch
+dieselbe Auffassung Thors, wie im Volksglauben. Nur ist Thor weniger
+als der Schützer der Sterblichen, vielmehr als der Schirmer der Götter
+und der von ihnen geordneten Welt gezeichnet. Immer erneuern die
+Riesen ihre Angriffe auf die Welt, unablässig hat Thor zu thun, um sie
+niederzuhalten.
+
+
++Thor und Thrym+.
+
+Am Ende des 9. Jahrhunderts wurde in Norwegen das beste aller
+Eddalieder, das +Lied von Thrym+[276] gedichtet. Wild war Thor, als er
+erwachte und Mjolnir vermisste. Er klagt dem listigen Loki seine Not:
+noch ahnt es keiner auf Erden noch im Himmel -- der Ase ist seines
+Hammers beraubt! Sie gingen zu Freyja, um ihr Fluggewand zu borgen.
+Damit flog Loki nach Riesenheim. Auf dem Hügel sass Thrym und fragte
+Loki nach Zeitung von Asen und Elben. Auf Lokis Frage nach dem Hammer
+erwiderte Thrym, er sei acht Meilen tief in der Erde geborgen; nicht
+gebe er ihn heraus, es sei denn, das Freyja zur Frau ihm gebracht
+werde. Mit diesem Bescheid kam Loki zurück. Sie stellten an Freyja
+das Ansinnen, mit dem Brautschleier zur Reise nach Riesenheim sich zu
+schmücken. Aber zornig wies sie es ab. Alle Götter und Göttinnen gingen
+zu Rat, Heimdall sprach: Schmücken wir Thor mit dem Brautschleier
+und mit Freyjas Halsband; lasst Weibergewänder ihm ums Knie wallen,
+Schlüssel am Gürtel klirren, die Brust ziert ihm mit bunten Steinen.
+Thor zögerte, weibisch würden ihn dann die Asen heissen. Da sagte Loki:
+Bald werden die Thursen thronen in Asgard, holst du dir nicht deinen
+Hammer wieder. Da liess sich Thor verkleiden. Als Magd begleitete ihn
+Loki. Sie bestiegen das Bocksgespann, die Berge barsten, es brannte
+die Erde, als Thor ins Thursenland fuhr. Thrym liess alles festlich
+zum Empfang zurichten; denn er ist reich. Am Abend beim Mahle ass Thor
+einen Ochsen und acht Lachse, alles Würzwerk und trank drei Tonnen
+Metes. Thrym verwunderte sich ob solcher Gefrässigkeit. Doch Loki, die
+findige Magd sagte, acht Nächte hindurch habe Freyja aus Sehnsucht
+gar nichts mehr gegessen. Der Riese wollte die Braut küssen, entsetzt
+vor den funkelnden Augen sprang er in den Sal zurück. Loki wusste
+wieder Auskunft, aus lauter Sehnsucht habe Freyja acht Nächte nimmer
+geschlafen, darum glühe ihr Auge. Herein trat des Thursen Schwester,
+die Braut um ein Geschenk zu bitten. Thrym befahl Mjolnir zu holen,
+die Braut zu weihen legte er ihn in des Mädchens Schoos. Da lachte dem
+Thor das Herz in der Brust, als er seinen Hammer erblickte. Den Thrym
+erschlug er zuerst, darauf das ganze Geschlecht der Riesen. Des Thursen
+Schwester bekam Schläge anstatt des Geschenkes, Hammerhiebe statt der
+Ringe. So holte sich Odins Sohn seinen Hammer zurück.
+
+Dem Lied ist trefflicher Aufbau und gute Zeichnung der einzelnen
+Gestalten nachzurühmen. Die Handlung entwickelt sich rasch, die Sprache
+ist einfach und kraftvoll. Thor erscheint hilflos und ungeschickt,
+sobald es nicht aufs Zuschlagen ankommt. Da muss der listenreiche
+Loki aushelfen. Der gewaltige Recke in Weiberkleidern musste überaus
+komisch wirken; seine Rolle als Braut spielt er ungeschickt genug.
+Ihm, dem ehrlichen, offnen Helden widerstrebt List und Trug. Aber
+als seine Faust den Hammer umspannt, da tritt er wieder in seiner
+vollen Furchtbarkeit hervor. Der Sage eine natursymbolische Auslegung
+zu geben, etwa Thrym als Winterriesen zu fassen, der dem Donnerer
+den Blitzhammer entwendet, ist nicht begründet. Das altnordische
+Kunstgedicht wurde volkstümlich. In der Weise von „_Tord von
+Havsyard_“, die in norwegischer und dänischer Fassung überliefert ist,
+lebte es im Mittelalter unter dem Volke fort.
+
+
++Thor und Hrungnir+.
+
+Thor der Schrecken der Riesen fuhr von Flammen umringt ins Steingebirg
+zum Höhlenbewohner. Jords Sohn fuhr zum Kampf, unter ihm erdröhnte des
+Mondes Pfad, der Himmel. Die Luft war von Feuer erfüllt, Hagel ging zu
+Grunde, die Erde zerbarst, als die Böcke den Gott des Wagens zum Streit
+mit Hrungnir zogen. Nicht scheute Thor den bergbewohnenden Riesen. Die
+Berge erbebten und stürzten, das Meer flammte auf. Der Riese verzagte,
+als er den kampfkühnen Gott erblickte, den gelben Schild warf er unter
+seine Fusssohlen, so wollte es das Schicksal; nicht lange brauchte
+der Felsenmensch auf den Wurf des Hammers zu warten. Der Riesentöter
+brachte den Unhold über seinem Schild zu Fall, dass er vor dem scharfen
+Hammer sich neigte. Doch ein harter Splitter der Steinwaffe des
+Riesen fuhr in den Schädel Thors, da steckte der blutige Stein, bis
+die Wundenheilerin mit Zauber ihn löste. Dem Skaldenlied Thjodolfs (um
+855-930) tritt Snorris Bericht ergänzend zur Seite.[277] Thor war gen
+Osten gezogen, Unholde zu schlagen, Odin aber ritt nach Jotunheim. Er
+kam zu einem Riesen, der Hrungnir hiess. Der fragte, was das für ein
+Mann sei, der mit goldenem Helm durch Luft und Meer reite, und meinte,
+dass er ein gutes Ross habe. Odin erwiderte, in Riesenheim sei kein
+gleich gutes. Hrungnir sagte, sein Hengst Gullfaxi sei noch stärker.
+Zornig sprang er aufs Pferd und gedachte Odin zu fangen. Doch Odin
+entkam, der Riese verfolgte ihn bis nach Asgard. Als er zur Hallenthür
+trat, luden ihn die Asen zum Trinkgelage ein. Er ging in den Sal und
+erhielt die Schalen, aus denen Thor seinen Durst zu stillen pflegte.
+Hrungnir schlürfte, bis er trunken ward, und prahlte, er wolle Walhall
+nach Jotunheim schaffen, Asgard versenken und alle Götter töten, Freyja
+und Sif ausgenommen; die gedenke er mit sich fortzuführen. Freyja
+allein wagte es, ihm einzuschenken; er aber sagte, dass er alles Bier
+der Asen austrinken werde. Als nun den Asen seine Prahlerei lästig
+ward, da nannten sie den Namen Thors, und alsbald trat auch Thor in
+die Halle und schwang den Hammer in der Luft. Er war sehr zornig über
+Hrungnirs Besuch. Der behauptete, Odin habe ihn eingeladen und er
+stehe in seinem Schutze. Thor sprach, für diese Einladung solle er
+büssen, ehe er hinauskomme. Hrungnir antwortete, das sei für Asathor
+ein geringer Ruhm, wenn er ihn, den Waffenlosen, töte; „grösser ist
+das Wagestück, wenn er den Mut hat, mit mir auf der Länderscheide bei
+Grjotunagard (Bezirk der Steingehege) sich zu schlagen; auch war es
+eine grosse Thorheit, dass ich meinen Schild und meine Steinkeule zu
+Hause liess, denn hätte ich sie bei mir, so könnte man jetzt gleich
+den Holmgang versuchen -- so aber müsste ich dich für einen Schurken
+erklären, wenn du mich, den Wehrlosen, töten wolltest.“ So wurde
+der Zweikampf anberaumt. Neu bei Snorri ist, dass Thor von Thjalfi
+begleitet wird und dem Hrungnir ein Lehmriese Mokkurkalfi zur Seite
+steht. Den machten die Riesen auf Grjotunagard, neun Meilen hoch,
+unter den Armen drei Meilen breit; sie legten das Herz einer Stute,
+das sich aber wenig standhaft erwies, in den Riesenleib. Hrungnir aber
+trug ein Herz aus hartem Stein. Als Waffe schwang er einen Wetzstein.
+So harrten sie Thors. Thjalfi ruft Hrungnir zu, Thor werde in die Erde
+fahren und ihn von unten her angreifen, und darum schiebt Hrungnir den
+Schild unter die Füsse und stellt sich darauf. Hammer und Wetzstein
+treffen sich im Flug, der Stein bricht entzwei; die eine Hälfte fällt
+zu Boden, daher stammen alle Wetzsteinfelsen, die andere fliegt Thor
+in die Stirne, dass er zusammenbrach. Thjalfi hatte inzwischen den
+feigen Mokkurkalfi zu Fall gebracht. Hrungnir war vornüber gestürzt,
+sein einer Fuss lag auf Thors Halse. Weder Thjalfi noch die anderen
+Asen vermochten ihn wegzuheben. Da trat Magni, der Sohn Thors und der
+Jarnsaxa, der damals erst drei Nächte alt war, hinzu. Der warf den Fuss
+Hrungnirs von Thors Halse herunter und sprach: Jammerschade ist es,
+dass ich so spät herzukam; ich meine, dass ich diesen Riesen mit der
+Faust würde erschlagen haben, wenn ich ihn vorher getroffen hätte. Da
+stand Thor auf und begrüsste seinen Sohn mit grosser Freude und sagte,
+dass er einst ein tüchtiger Mann werden würde. Thor ging heim nach
+Thrudwang; das abgebrochene Stück des Wetzsteines steckte noch immer
+in seinem Kopfe. Da kam die Seherin Groa herbei, die Frau Aurwandils
+des Unverzagten. Sie sang ihre Zauberlieder über ihm, bis der Wetzstein
+lose wurde. Da wollte Thor sie mit guter Kunde erfreuen und erzählte
+ihr, er sei von Norden über die stürmischen Wogen gewatet und habe den
+Aurwandil in einem Korbe auf dem Rücken aus Jotunheim vom hohen Norden
+herübergetragen. Eine Zehe Aurwandils, die aus dem Korbe herauslugte,
+erfror; die habe er abgebrochen und an den Himmel geworfen und das
+Sternbild „Aurwandils Zehe“ daraus geschaffen. Thor fügte hinzu, es
+werde nicht lang mehr dauern, bis Aurwandil aus dem Norden heimkomme.
+Groa ward hierüber so erfreut, dass sie ihre Zauberlieder vergass, und
+so ward der Wetzstein nicht völlig los, er steckt noch immer in Thors
+Haupt.
+
+Klar ist der Grundgedanke dieser Thorssage besonders im Skaldenlied,
+ein Gewitter, das krachend ins Felsgebirg fährt. Schwieriger sind die
+andern Einzelheiten auszulegen. Hrungnir heisst der Lärmer (_rungla_,
+lärmen), Mokkurkalfi die Nebelwade (_mokkr_, Nebel, _kalfi_, Wade),
+ein Bild der Nebelwolke. Der Riese ist aus Lehm gefertigt, während
+Hrungnir im Felsgestein herrscht. Vielleicht ist damit der zähe,
+wässrige Lehmboden am dunstigen Fusse des Felsgebirges gemeint. Lehm
+und Gestein widerstreben dem Anbau und werden mit Gewalt bezwungen.
+Bergsturz, Erdrutsch, Wasser und Nebel, alle Erscheinungen eines
+im Gebirge wütenden Gewitters mögen zusammengewirkt haben bei der
+Vorstellung, dass währenddem Thor den Riesen schlug. Schön erklärt
+Uhland: „Den Lehmhügel hinan, am Abhang des Gebirgs, regt sich der
+mühsame Anbau, oben herein ragt das ungeheure Felshorn, an dem eine
+Gewitterwolke blitzt und donnert, dass plötzlich der ganze Gebirgsstock
+erbebt. Die Feldarbeiter blicken empor und siehe! der Fels wird zum
+Steinriesen, in der Wolke steht der feurige Wagenlenker Thor, den
+malmenden Hammer schleudernd. Da fühlt Thjalfi, dass er nicht allein
+arbeite, ein gewaltiger Gott ist hilfreich mit ihm, und während er das
+Geringe schafft, vollbringt jener das Grosse und hat das Schwerste
+schon vorgearbeitet.“ Weniger ungezwungen fügt sich das übrige der
+Naturdeutung. Groa (zu _gróa_ wachsen und grünen, zuwachsen und heilen)
+soll das wachsende Saatengrün vorstellen, das vergeblich bemüht ist,
+die Steine des Feldes zu bedecken, Thors Wunde zu heilen. _Aurwandil_
+ist gleich Saxos jugendlichem Helden Horwendil. Im Ags. ist _éarendel_
+ein Name des Morgensternes, im Ahd. begegnet der Name _Orentil_, mhd.
+_Orendel_, der Held der gegen Ende des 12. Jahrhunderts verfassten
+Spielmannsdichtung. Ob man alle diese Einzelheiten als Trümmer eines
+altgermanischen Mythus betrachten darf, ist sehr fraglich. Aurwandil
+in der nordischen Sage ist ein Licht- oder Frühlingswesen, das der
+Donnerer aus der Macht winterlicher Eisriesen zu seiner harrenden
+Gattin zurückführt. Der Zusammenhang der verschiedenen Mythen wie in
+Snorris Erzählung fehlt bei Thjodolf und ist auch schwerlich alt.
+
+Thors Kampf mit Hrungnir war berühmt, öfters wird in den Eddaliedern
+und bei den Skalden darauf angespielt. Schon bei Bragi heisst Thor
+Hrungnirs Schädelzerschmetterer.[278]
+
+
++Thor und Hymir+.
+
+Einst kam Thor zu einem Riesen mit Namen Hymir. Dieser fuhr morgens
+zum Fischfang. Thor verlangte, ihn zu begleiten; der Riese meinte,
+von einem so kleinen Burschen wenig Vorteil zu haben. Thor aber wurde
+zornig und wollte doch mit. Er fragte, was sie als Köder mitnehmen
+sollten. Hymir sagte, er solle sich selbst einen verschaffen. Da
+packte Thor einen Stier Hymirs und riss ihm den Kopf ab. Dann setzte
+er sich im Boden des Fahrzeugs nieder und Hymir merkte, dass er
+gewaltig zu rudern verstand. Bald sagte der Riese, dass sie zu den
+Fischplätzen gekommen seien, wo er zu angeln gewohnt sei, und hiess ihn
+mit Rudern aufhören. Thor aber sprach, dass er viel weiter hinaus zu
+rudern gedenke, worauf Hymir erwiderte, dies sei gefährlich wegen der
+Midgardschlange. Thor ruderte also weiter zu Hymirs Missvergnügen. Thor
+machte die Angelschnur zurecht und steckte den Stierkopf an den Haken,
+der sofort zu Grunde sank. Die Schlange schnappte nach der Angel und
+der Haken blieb ihr im Gaumen stecken. Da zerrte sie so mächtig an der
+Leine, dass Thors beide Fäuste auf den Bord des Bootes aufschlugen.
+Thor rüstete sich mit seiner ganzen Asenstärke. So gewaltig stemmte
+er sich entgegen, dass er mit beiden Füssen den Boden des Fahrzeugs
+durchbrach und auf den Meergrund zu stehen kam. Nun zog er die Schlange
+zu sich herauf an den Bord des Schiffes. Thor richtete seine blitzenden
+Augen auf das Ungetüm, das ihn anstarrte und Gift schnaubte. Der
+Riese erschrak, als er die Schlange erblickte und die See ins Schiff
+stürzte. Als Thor nach dem Hammer griff, schnitt der Riese am Bord
+die Angelschnur entzwei, dass die Schlange ins Meer zurücksank. Thor
+warf mit dem Hammer und schlug ihr Haupt ab. Den Riesen aber traf er
+dermaassen ans Ohr, dass er kopfüber ins Meer stürzte. Thor watete zum
+Lande zurück.[279]
+
+Thors Kampf mit der grossen Seeschlange ist öfters von den Skalden
+besungen worden, im 10. Jahrh. von Ulf Uggason (um 984) und Eystein
+Valdason. Der Vernichter der Trolle wurde dem Ungeheuer des Meeres
+gegenübergestellt. Übrigens beruht der abenteuerliche Fang des Wurmes
+mit Angel und Köder auf christlicher Vorstellung, wie Gottvater oder
+Christus den erdumgürtenden Leviathan mit der Angel fangen.
+
+Ein norwegischer Skald dichtete am Ende des 10. Jahrhunderts das
+Hymirlied[280], wo ebenfalls der Fang des Wurmes geschildert wird
+(Str. 17-25), nur dass hier der seltsame Fisch „wieder lebendig ins
+Meer zurücksinkt“. Denn am Ende der Tage erst soll er von Thor getötet
+werden. Ausserdem hat der Verfasser des Hymirliedes noch eine Anzahl
+weiterer Sagen herangezogen, ohne jedoch eine innere Verbindung
+zwischen ihnen herstellen zu können. Die wichtigste, am meisten
+ausgeführte, ist die Einholung von Hymirs Kessel. Die Asen wollen
+bei Aegir dem Meerriesen Gelage halten. Aber ihm fehlt ein Kessel,
+der gross genug ist, das nötige Bier zu brauen. Die Asen sollen ihn
+liefern, Thor soll ihn besorgen. Dazu weiss Tyr Rat. Sein Stiefvater
+Hymir, der am äussersten Himmelsrande wohnt, hat einen meilentiefen
+Kessel. Von Asgard aus fahren sie einen vollen Tag, bis zu Egill, dem
+Vater des Thjalfi und der Roskwa, wo sie die Böcke einstellen. Dann
+schreiten sie zu Hymirs Halle. Dort fand Tyr die verhasste Ahne mit
+900 Häuptern. Aber die lichte Frau, Tyrs Mutter brachte den Gästen
+Bier. Spät kam der Riese vom Waidwerk heim; Eiszapfen klirrten, wie
+er in den Sal trat, sein Bart war gefroren. Die schöne Frau sucht
+ihn freundlich zu stimmen für die Gäste, die ängstlich hinter einer
+Säule sich verstecken. Vor dem Blicke Hymirs birst der Balken und vom
+Brett herab kollern Kessel. Hervor treten die Gäste, ungern sieht
+Hymir den Thor, ihm ahnt Schlimmes. Beim Nachtmahl isst Thor allein
+zwei Ochsen. Am andern Tag fahren Thor und Hymir zum Fischen. Bei der
+Heimkehr hebt Thor das ganze Boot samt Inhalt auf und trägt es zum
+Gehöft. Der Riese versucht Thors Stärke und gibt ihm einen Kelch,
+den soll er zerschmettern. Steinerne Pfeiler zerbrechen, der Becher
+bleibt ganz, bis auf der jungen Frau Rat Thor ihn am harten Schädel
+Hymirs zerschellt. Jetzt darf er den Kessel mitnehmen. Umsonst setzt
+Tyr zweimal an ihn zu heben, Thor aber schwingt ihn aufs Haupt. Thor
+und Tyr fahren heimwärts. Da folgt ihnen vielköpfiges Volk, aus den
+Berghöhlen hervorbrechend. Alle erschlägt Thor mit dem Hammer. Einer
+der Böcke hinkt, wofür Thor Egils Kinder zur Busse empfängt. So
+brachten sie den gewaltigen Kessel zu den Asen, die nun in Aegirs
+Halle zechen. Scheidet man diese letzte Sage vom hinkenden Bock aus,
+so bleibt als Grundlage dieser Geschichte ein Märchen übrig, das an
+Thors Namen geknüpft wurde. Zwei Brüder kommen zur Behausung eines
+menschenfressenden Riesen in Abwesenheit des Hausherrn und werden
+dort von einer mitleidigen Frau verborgen. Der Riese kehrt später
+heim und riecht die Fremden. Aber die barmherzige Frau weiss ihn
+mit schmeichelnden Worten zu besänftigen. Die Brüder kommen aus dem
+Versteck und erhalten Erlaubniss auf des Riesen Hof zu bleiben. Der
+kleine schwache Mensch betrügt oder besiegt zuletzt den gewaltigen
+Riesen. Wie Aegir das offene Meer beherrscht, so Hymir das Eismeer.
+Schwerlich ist aber Uhlands Deutung begründet, der Braukessel sei das
+offene Meer, das im Winter, wenn Buchten und Sunde zugefroren oder mit
+Treibeis bedeckt sind, in Hymirs Verschluss gehalten werde und von den
+Göttern des Lichtes und des Gewitters befreit werden müsse. Lust am
+Fabulieren, nicht sinnbildliche Naturanschauung schuf die Geschichten,
+die Thor und Hymir in Beziehung zu einander zeigen.
+
++Märchen und Volkssage+, nicht +Naturmythus+ bildet die Grundlage der
+meisten von den Skalden behandelten Thorsgeschichten, die uns nur zum
+kleinsten Teil in Gestalt der ursprünglichen Dichtungen, meistens nur
+in Snorris Nacherzählung erhalten sind.
+
+
++Thor und der Riesenbaumeister.+
+
+Um die im Wanenkrieg zerstörte Burg wieder aufzubauen, dangen die Asen
+einen Baumeister aus Riesenheim. Der versprach, das Werk im Verlauf
+eines Winters auszuführen, wenn man ihm Freyja zum Weib gebe und
+Sonne und Mond abtrete. Auf Lokis Vorschlag wurde es bewilligt. Vor
+zahlreichen Zeugen war der Vertrag abgeschlossen worden. Thor aber war
+abwesend fern im Osten, um Unholde zu erschlagen. Mit dem einzigen
+Beistand seines Rosses Swadilfari führte der Riese den Bau rasch aus,
+nur noch drei Tage fehlten zum Ziel. Da gerieten die Asen in Angst
+und zwangen Loki, der zum Vertrag geraten hatte, Hilfe zu schaffen.
+In Stutengestalt lief er dem Hengste des Riesen entgegen. Swadilfari
+rannte alsbald der Stute nach und die Nacht über ruhte die Arbeit. Als
+der Werkmeister sah, dass er nicht mehr fertig werde, geriet er in
+Riesenzorn. Die Asen achteten nimmer der Eide und Verträge, sondern
+riefen nach Thor. Alsbald erschien er, schwang den Hammer und zahlte
+so den Lohn für die Arbeit, dass er den Riesen totschlug. Loki als
+Stute warf bald darauf ein graues Fohlen mit acht Füssen, Sleipnir,
+Odins Ross.[281]
+
+Eine oft bezeugte Volkssage von einem Riesen oder Unhold als Baumeister
+bildet die Grundlage für diese Erzählung. Die meisten Züge kehren
+in den Volkssagen wieder. Ein Bau soll aufgeführt werden, dessen
+Herstellung das Maass gewöhnlicher Menschenkraft übersteigt. Ein
+Vertrag mit dem Dämon wird abgeschlossen, er verlangt als Lohn Sonne
+und Mond, ein Mädchen. Ein Pferd hilft ihm bei der Arbeit. Der Bau
+geht geschwind vorwärts, dem Auftraggeber wird seiner Zusagen halber
+immer bänger zu Mut. Endlich hilft er sich mit List und betrügt
+den Unhold um seinen Lohn. Neu in der Edda ist Lokis Rolle, der
+seinem Wesen nach auch hier zwischen den Göttern und ihren Feinden
+vermittelt, aber beide betrügt. Aber auch Thor als der Helfer in der
+Not ist neu und eigenartig verwertet. Auch er handelt seinem Wesen
+entsprechend und schlägt freudig zu, sobald es geht. Wie bei Hrungnirs
+Erscheinen in Walhall ist auch hier Thor sofort zur Stelle, wenn die
+Asen ihn brauchen. Ähnlich in der Lokasenna 55 ff. Er ist ihr starker
+Beschützer, in der Stunde der Gefahr taugt Heldenkraft doch mehr als
+Geist und Witz.
+
+
++Thor und Geirröd.+
+
+Der Isländer Eilif Gudrunarson verfasste nach 976 ein Lobgedicht auf
+Thor, wie er zu Geirröd fuhr. Snorri gibt eine kurzgefasste Sage, worin
+zwei Strophen einfacherer Art vorkommen, die auf ein zweites Gedicht
+neben der schwülstigen Drapa hinweisen.[282] Loki war einst in Freyjas
+Falkengewand ausgeflogen und zu Geirröds Gehöft gekommen. Er sah dort
+eine grosse Halle, setzte sich aufs Dach und blickte zum Rauchloch
+hinein. Geirröd befahl den Vogel zu fangen. Ein Mann stieg hinauf und
+fing den mit Zauberei festgeklebten Vogel. Geirröd verschloss ihn in
+eine Kiste und liess ihn drei Monate lang hungern. Dann nahm er ihn
+heraus und jetzt gab sich Loki zu erkennen. Um sein Leben zu lösen,
+musste er Geirröd schwören, Thor ohne seinen Hammer, seine eisernen
+Handschuhe und seinen Kraftgürtel in seine Gewalt zu bringen. Thor
+liess sich auch wirklich bereden. Unterwegs kehrte er bei der Riesin
+Grid, der Mutter Widars des Schweigsamen ein, und sie gab ihm darüber
+Bescheid, welch schlimmer Unhold Geirröd sei. Mit ihrem eigenen Gürtel
+und Stab und mit ihren Eisenhandschuhen versah sie Thor. Der gelangte
+zum mächtigen Flusse Wimur, er umgürtete sich mit dem Kraftgürtel und
+stützte sich auf Grids Stab, Loki hielt sich an seinem Gürtel fest.
+Wie er in die Mitte des Stromes gekommen war, wuchs das Wasser bis
+zu seinen Schultern. Da sah Thor, wie Gjalp, Geirröds Tochter, oben
+in den Bergklippen mit gespreizten Beinen über dem Flusse stand und
+sein Anschwellen verursachte. Thor warf mit einem grossen Stein nach
+ihr und traf sie. Glücklich erreichte er das Ufer und bekam einen
+Vogelbeerstrauch zu fassen, an dem er sich herauszog. Daher stammt
+das Sprichwort: Der Vogelbeerbaum ist Thors Rettung. In Geirröds
+Gasthaus wurde ihm ein Stuhl angewiesen. Da wurde er gewahr, dass er
+sich plötzlich unter ihm zum Dach emporhob. Thor stemmte den Stab
+gegen das Dach und drückte den Stuhl nieder. Da entstand ein heftiges
+Geschrei und darauf hörte man ein Knacken. Geirröds Töchter Gjalp und
+Greip hatten unter dem Stuhle gesessen; Thor hatte beiden das Rückgrat
+zerbrochen. Darauf liess Geirröd Thor in die Halle rufen, um sich
+mit ihm im Kampfspiel zu messen. In der Halle brannten grosse Feuer.
+Geirröd fasste ein glühendes Eisenstück mit der Zange und warf es auf
+Thor. Der aber fing es mit seinen Eisenhandschuhen auf und hob es in
+die Luft. Geirröd sprang hinter eine Säule, sich zu schützen. Thor aber
+schmetterte das Eisen durch die Säule, dass es den Geirröd und die
+Hallenwand durchschlug und draussen noch tief in die Erde fuhr.
+
+Uhlands Auslegung, Geirröd sei ein Glutriese, das verderbliche
+schädigende Gewitter, das sich bei brennender Sommerhitze mit
+Wolkenbruch und Überschwellen der Bergströme, die den Anbau zu
+verschlingen drohen, entlade, genügt nicht zur Erklärung der
+Einzelheiten, die sich nur äusserst gezwungen fügen. Man muss die
+Fahrt zu Geirröd mit der Geschichte von der Fahrt nach Utgard zusammen
+nehmen, um einen richtigen Standpunkt für die Erklärung zu gewinnen.
+
+
++Thor belebt die Böcke.+
+
+Thor fährt mit dem Bocksgespann aus, mit ihm Loki. Bei einem Bauern
+Egill kehren sie ein. Thor schlachtet die Böcke, die abgezogen und im
+Kessel gesotten werden. Er ladet den Bauern mit Weib und Kindern zum
+Essen ein und heisst sie die Knochen aufs Bocksfell werfen. Thjalfi
+des Bauern Sohn spaltete mit seinem Messer das Schenkelbein des einen
+Bockes, um das Mark zu erlangen. Am andern Morgen schwang Thor den
+Hammer über die Felle, da standen die Böcke lebendig wieder auf, doch
+einer lahmte am Hinterfuss. Thor merkte das und sagte, der Bauer oder
+seine Angehörigen müssten nicht vorsichtig mit dem Knochen umgegangen
+sein. Zornig fasste er den Hammer; der Bauer flehte um Gnade und gab
+zur Busse seine Kinder Thjalfi und Roskwa, die Thor fortan treulich
+dienten. Derartige Wiederbelebungen kennen Märchen, Sagen und Legenden
+sehr häufig, aus der Volkssage schöpfte auch hier die norwegische
+Göttersage.[283]
+
+
++Thor in Utgard.+
+
+Thor mit Thjalfi, Roskwa und Loki begab sich nach Zurücklassung der
+Böcke weiter gen Riesenheim. Sie kamen zum Meer und schwammen hinüber.
+Als sie am jenseitigen Ufer eine Weile gegangen waren, gelangten
+sie in einen grossen Wald, in dem sie bis zum Abend fortwanderten.
+Thjalfi trug die Vorratstasche. Ihr Nachtlager nahmen sie in einem
+grossen Haus, dessen Thür weit offen stand. Um Mitternacht entstand
+ein grosses Erdbeben. Sie flüchteten in einen Anbau, den sie rechts im
+Hause fanden. Thor hielt mit dem Hammer in der Hand am Eingang Wache.
+Sie hörten grosses Brausen und Rauschen. Morgens ging Thor hinaus und
+sah im Wald einen Riesen, der gewaltig schnarchte. Er gürtete sich mit
+Stärke, da erwachte der Mann, Thor verzagte und schlug nicht zu. Jener
+nannte sich Skrymir (Grosssprecher). „Dich brauch ich nicht um den
+Namen zu fragen; ich weiss, dass du Asathor bist. Aber wohin hast du
+meinen Handschuh geschleppt?“ Da merkte Thor, dass sie darin genächtigt
+hatten. Das Nebenhaus war der Däumling. Skrymir wanderte mit den
+Gesellen und schnürte ihre Vorratssäcke alle in ein Bündel zusammen,
+dass er auf den Rücken warf. Abends legte er sich unter eine Eiche und
+schlief alsbald ein. Thor wollte mit seinen Genossen zu Nacht essen,
+aber vergebens versuchte er die Riemen des Bündels aufzuknoten. Zornig
+fasste er seinen Hammer und schlug Skrymir aufs Haupt. Der erwachte
+und fragte, ob ein Blatt ihm aufs Haupt gefallen sei. Um Mitternacht
+wiederholte Thor den Schlag auf den Wirbel, dass das Hammerende tief
+eindrang. Erwacht fragte Skrymir: Fiel mir eine Eichel auf den Kopf?
+Zum dritten Mal, kurz vor Tag, schwang Thor den Hammer auf Skrymirs
+Schläfe, dass er bis zum Schafte eindrang. Skrymir stand auf und rieb
+seine Wange: Es müssen Vögel auf dem Baum sitzen, eine Feder fiel
+mir auf den Kopf. Wachst du, Thor? Es ist Zeit aufzustehen. Ihr habt
+nimmer weit bis nach Utgard. Dort werdet ihr noch grössere Leute sehen.
+Überhebt euch nicht zu sehr. Damit warf er seinen Bündel auf den Rücken
+und ging in den Wald hinein. Die Asen wünschten ihm keine gute Reise.
+
+Thor wanderte mit seinen Gefährten weiter, bis sie zu einer hohen
+Burg gelangten. Der Eingang war mit einer Gitterthüre verschlossen.
+Da sie diese nicht aufmachen konnten, schlüpften sie zwischen den
+Stäben hindurch. In der Halle fanden sie viele grosse Männer. Der
+König Utgardaloki nahm ihren Gruss säumig auf und wunderte sich über
+Thors Kleinheit. Er schlug den Gästen vor, sich mit seinen Leuten im
+Wettspiel zu messen. Loki versuchte sich gegen Logi im Essen; Loki ass
+alles Fleisch von den Knochen, Logi aber verzehrte das Fleisch mitsamt
+den Knochen und dem Trog dazu. Thjalfi ward von Hugi im Wettlauf
+besiegt. Thor sollte ein Horn auf einen Zug ausleeren. Dreimal setzte
+er gewaltig an, aber kaum war ein Abgang im Horn bemerkbar. Dann sollte
+er Utgardlokis Katze vom Boden aufheben; so gewaltig Thor sich stemmte,
+nur einen Fuss der Katze brachte er vom Boden. Endlich sollte er mit
+Elli, Utgardlokis Amme ringen. Das alte Weib stand fest, Thor sank
+ins Knie. Am andern Morgen brachen die Asen auf, Utgardloki gab ihnen
+das Geleite und gestand Thor, er habe Tags zuvor allerlei Blendwerk
+vorgemacht. Zuerst als Skrymir habe er das Bündel mit Eisenbändern
+verschnürt; darauf vor Thors Hammerhiebe Felsen gehalten, worein grosse
+Vertiefungen geschlagen wurden. So war es auch bei den Spielen. Logi
+war das fressende Wildfeuer, Hugi, der mit Thjalfi um die Wette lief,
+der windschnelle Gedanke. Das Horn konnte Thor nicht leeren, weil sein
+eines Ende im Meer lag, die Katze war die grosse Weltschlange, die
+Amme Elli das Alter, das noch niemand zu beugen vermochte. Da hob Thor
+den Hammer, aber Utgardloki war verschwunden und auch von der Burg war
+nichts mehr zu sehen.[284]
+
+Skrymir und Utgardloki sind also mit einander eins, die Sage läuft auf
+Trug und Blendwerk hinaus, wogegen Thor machtlos ist. Zur Erläuterung
+dient Saxos Bericht, bei welchem _Thorkillus_ den Thor vertritt, aber
+im Grunde doch völlig mit ihm zusammenfällt.
+
+König Gorm wollte _Geruths_ Land besuchen, von dessen Beschaffenheit
+er durch Isländer gehört hatte. Unglaubliches wurde von den Schätzen
+berichtet; gefährlich war die Seefahrt dorthin, man musste weit ins
+Meer hinaus segeln, bis Sonne und Sterne ihren Schein verlören und
+Finsterniss herrsche. 300 tapfere Jünglinge unter Führung Thorkils,
+der schon einmal dort gewesen war und den Weg wusste, begleiteten
+Gorm auf 3 Schiffen, die auf Thorkils Rat besonders erbaut und
+ausgestattet waren. Über Halogaland hinaus gelangten sie in die
+weite See und legten an einer von Trollen bewohnten Insel an, wo sie
+3 Leute einbüssten. Dann gings weiter nach Bjarmeland, das mit Eis
+und Schnee Sommer und Winter bedeckt ist und kein Getreide trägt.
+Schäumende Flüsse eilen durchs Land, das mit finsteren von wilden
+Tieren erfüllten Wäldern bestanden ist. Sie landeten und Thorkil
+befahl seinen Genossen mit keinem der Landsbewohner zu reden. Früh
+am Morgen kam der Riese Guthmund und lud sie zu sich ein. Der suchte
+die Dänen durch Zauberspeisen und schöne Weiber in seine Gewalt zu
+bringen, aber Thorkil warnte seine Leute, nur vier wurden verführt.
+Dann setzte Guthmund die Dänen über den Strom, der von einer goldenen
+Brücke überspannt die Welt der Menschen und Geister trennte. Sie
+betraten Geruths Land. In dunkelm Nebel lag eine grauenvolle Stadt,
+von Gespenstern bewohnt, von wilden Hunden bewacht. In der Stadt
+herrschte greulicher Gestank. Sie gelangten zu einer Felsenhöhle, die
+sie nur zögernd auf Thorkils Anweisung, nichts anzurühren, betraten.
+Die Höhle sah grässlich und abscheulich aus, Thüren und Wände waren
+rauchgeschwärzt, das Dach war mit Pfeilen gedeckt, am Boden krochen
+Nattern. Auf eisernen Stühlen sassen Gespenster. Auf einem Hochsitz
+sass ein alter Mann, sein Leib war durchbohrt und an den Felsen
+befestigt. Bei ihm sassen drei Weiber mit zerbrochenem Rücken. Thorkil
+erzählte, der starke Gott Thor sei durch Geruths Hochmut erzürnt worden
+und hätte ihn mit einem glühenden Eisenkeil an den Fels gefestigt;
+zugleich traf Thor mit dem Blitz die drei Weiber.[285] Nachdem die
+Dänen noch einen Kampf mit den Gespenstern bestanden, worin die meisten
+umkamen, rettete sich der Rest zu Guthmund und von dort nach Dänemark.
+
+Gorm will wissen, welchen Aufenthalt und Lohn die Seele nach dem Tode
+habe. Um das zu erkunden, wird Thorkil zu _Ugarthilocus_ entsandt.
+Sie segeln wieder ins Land der ewigen Finsterniss. Von zwei Trollen,
+die in einer Höhle am Feuer sitzen, wird Thorkil der Weg gewiesen.
+In einer Höhle liegt Ugarthilocus an Händen und Füssen mit eisernen
+Ketten gefesselt. Sein Haar war wie spitziges Horn oder Schwerter und
+verbreitete entsetzlichen Geruch.[286] Als sie eines auszogen, werden
+sie von giftigen Nattern und Trollen angegriffen und verfolgt. Thorkil
+allein bleibt am Leben und rettet sich, indem er zum Christengott ruft.
+
+Bei Saxo erscheint Thors Fahrt zu Geirröd und zu Utgardaloki
+deutlich als Besuch in der Unterwelt und ist mit allen Schrecken
+der Hölle ausgemalt. Mag auch einiges von Saxo aufgetragen sein, in
+der Hauptsache ist er doch von der Darstellung seiner isländischen
+Quellen geleitet, welche mehr als die uns bekannte Überlieferung
+das Schauerliche hervorkehrten. Damit wird der Weg zum Verständniss
+gewiesen; nicht von irgend welchen Naturvorgängen hat die Erklärung
+auszugehen, vielmehr von der im klassischen Altertum und im
+christlichen Mittelalter gleich beliebten Höllenfahrt, die dem Thor,
+wie dem Hercules und Märchenhelden gerne zugeschrieben wird.
+
+_Útgarþr_ ist die Aussenwelt, die Wildniss, wo keine Menschen
+wohnen, wo alles wüst und öde ist. Ins unbewohnte Land verweist der
+Volksglauben gern die Unholde. Im Norden und Osten, im Eismeer und
+in der Bergwildniss hausten nach norwegischem Glauben die Trolle und
+Riesen, bei den wilden, als Zaubrer verschrieenen Lappen und Finnen.
+Trollabotnar d. i. Trollengründe heisst die schaurige Einöde des
+Polarmeeres.[287] Die Fahrt ins Trollenreich ist auf Thor übertragen.
+Aber zugleich auch der Besuch in der Unterwelt, die durch tiefe Wasser
+und dunkle Wälder von der Oberwelt getrennt ist. Nach der Ansicht des
+Mittelalters liegt der Teufel in Banden bis zum Anbruch des jüngsten
+Tages. Der gefesselte Loki ist eine deutliche Nachahmung dieser
+Vorstellung.[288] Der Sage ist Thor Beschirmer der Welt, Midgards, den
+Einbruch der Riesen und Trolle schlägt er siegreich zurück. Aber sobald
+er das Heim der Trolle und das Reich der Hölle betritt, wird seine
+Macht vor dem trügenden Blendwerk der bösen Feinde zu Schanden.
+
+Mit Thors Fahrten bringt Saxo den Besuch bei Gudmund[289] in
+Verbindung. Von König Gudmund auf Glaesisvellir, dem Gefilde
+des Glanzes, erzählen erst spätere isländische Quellen des 14.
+Jahrhunderts, die zum Teil von Saxo unabhängig sind. Gudmund, dessen
+Reich bei Bjarmeland gedacht wird, ist offenbar in der Volkssage ein
+Elbenkönig. Unsterblichkeit, Wonne und Reichtum herrscht dort, seine
+Tochter Ingeborg entzückt Helgi Thorirs Sohn zu sich. Aber der Elben
+Rache bringt dem Menschen, der wieder zur Erde zurückkehrt, Tod und
+Verderben. Dem König Olaf Tryggvason reicht Helgi ein Geschenk der
+tückischen Elben, ein goldenes Horn, das beim Kreuzeszeichen mit Getöse
+zerspringt. Helgi selber ist geblendet. Wir haben somit eine alte
+Elbensage, schon zu Saxos Zeit an einen König Gudmund geknüpft. Thor
+hat schwerlich damit zu schaffen gehabt.
+
+Unverkennbar geht die Entwicklung Thors in diesen Geschichten immer
+mehr abwärts. Das ist nicht die Auffassung, die ein gläubiges Volk
+dem gefürchteten, gewaltigen Gott entgegenbringt. Erst in den Zeiten,
+da der Heidenglaube wankte, konnten solche Erzählungen entstehen, wo
+der Gott gleich wie jeder andre starke Mann im Märchen zum blossen
+Zeitvertreib, zur Unterhaltung geschildert wurde.
+
+
++Thor und die Riesinnen.+
+
+Auf einige Mythen sind nur Anspielungen bekannt. Thor rühmt sich, den
+Thjazi, den trotzigen Riesen erschlagen und seine Augen zum Himmel
+hinaufgeworfen zu haben.[290] Bragi rühmt Thor als den Zerschmettrer
+der neun Häupter des Thrivaldi. Nach dem Skald Vetrlidi zerbrach Thor
+die Beine der Riesin Leikn. Thorbjorn Disarskald nennt in einer Strophe
+mehrere Kämpfe mit den Thursenweibern Keila, Kjallandi, Búseyra,
+Svívor, Hengjan-Kjapta und Lut.
+
+Thor hat in der nordischen Skaldendichtung eine Menge Beinamen, welche
+nur zum Teil verständlich sind, seiner Thätigkeit und den von ihm
+umlaufenden Sagen entstammen. Weshalb er Bjorn heisst, ist nicht
+bekannt. Seine Namen Hlorridi und Vingnir werden aus der Blitzflamme
+und dem Schwingen des Hammers gedeutet. Thor wird Pflegesohn
+oder Pflegevater des Vingnir und der Hlora genannt, natürlich im
+Zusammenhang mit den erwähnten Beinamen.[291]
+
+
++Thor und Alwis+.
+
+Wie Thor die Riesen mit Gewalt meistert, so bezwingt er den Zwerg
+Alwis[292] mit List und geistiger Ueberlegenheit. Der Zwerg Alwis kommt
+zur Nachtzeit auf die Erde, um die ihm verlobte Maid abzuholen. Da
+tritt ihm Thor entgegen und fragt nach seinem Begehren. Alwis will zu
+Wingthor, um von ihm die Tochter zu empfangen. Thor war nicht daheim,
+als andere seine Tochter versprachen; er erkennt das Verlöbniss nicht
+an. Dem scheltenden Zwerg gibt Thor sich zu erkennen, worauf jener
+demütig seine Werbung wiederholt. Thor will die Tochter vergeben, wenn
+Alwis ihm Auskunft aus allen Welten erteile. Nun wird das Lied, wie
+sonst noch manche Eddagedichte lehrhaft, indem Alwis Bescheid gibt, wie
+Erde, Himmel und Gestirne, Wolken, Wind und Windstille, Meer, Feuer,
+Baum, Nacht, Saat und Bier bei Menschen, Asen, Wanen, Jotunen, Alfen
+und Zwergen benannt seien. Am Schluss gesteht Thor, er habe niemals
+mehr Weisheit in einer Brust gefunden. Doch überlistet ist der Zwerg,
+da er oberhalb der Erde von Tag und Sonnenschein überfallen wurde.
+Denn dadurch erstarrt er zu totem Gestein. Die Tochter Thors, welche
+im Gedicht nicht vorkommt, wird die in der Snorra Edda genannte Thrud
+sein. Wie in den Söhnen Modi und Magni Eigenschaften des Vaters, Macht
+und Mut persönlich werden, so auch in der Tochter Thrud seine Stärke.
+Im Skaldenlied Bragis findet sich eine Anspielung auf eine verlorene
+Sage, wonach aber Hrungnir der Riese die Thrud geraubt hätte. Ob
+die Zwerggeschichte nur ein späterer Ableger der alten Riesensage
+ist, steht dahin. Dem Kraftwesen Thors entspricht der Kampf gegen
+räuberische Riesen jedenfalls besser, als die Überlistung von Zwergen.
+Aber wenn einmal Thor die Trolle und Riesen schlägt, kommt die Sage
+auch leicht dahin, lichtscheue bleiche Erdzwerge ihm gegenüber zu
+stellen. Uhland deutet sinnig Thors Tochter als das Saatkorn, das den
+Unterirdischen überantwortet wird, beim fruchtbaren Gewitterregen
+aufkeimt und dadurch zum Lichte zurückkehrt. Aber in solchen
+Sinnbildern ist der Ursprung dieser späten zu Thors Art wenig passenden
+Geschichte nicht zu suchen.
+
+
+5. Thor im neueren Volksglauben.
+
+Thors Andenken blieb im nordischen Volke bis auf die Gegenwart
+erhalten, in der Volksweise von Tord af Havsgard, welche norwegisch,
+schwedisch und dänisch vorliegt, in der telemarkischen Sage von Urebö,
+worin eine Felswüste auf Thors Hammerschlag zurückgeführt wird. Am
+meisten Erinnerungen scheint Schweden zu bieten.[293] Vor allem aber
+hält die Bezeichnung des Donners im Ostnordischen die Erinnerung an
+Thor fest. Während im An. der Donner mit _þruma_ bezeichnet wird und
+das gemeingermanische Wort nur im Namen des Gottes weiterlebt, weist
+dän. _torden_ schwed. _tordön_ auf _þorduna_ d. i. Thors Getöse zurück.
+Im Schwed. ist ein zweites Wort für Donner _åska_ aus _åsaka_, neben
+welchem die Mundart _toraka_ bietet, _åka_ bedeutet Fahren. Der Donner
+ist also Thors oder des Asen Fahrt. Noch jetzt also erkennt die Sprache
+Asathor an, der in den Wolken dahinfährt.
+
+
+
+
+IV. Wodan-Odin.
+
+
+1. Wode und das wütende Heer.
+
+
+Über das ganze germanische Gebiet geht die Sage von einem
+gespenstischen Heere, das in stürmischen Nächten durch die Lüfte
+braust. Die Erscheinung wird teils als Heerzug, teils als Jagdtross
+gedacht. Der einsame Wanderer scheut seine Begegnung, denn oft
+wird er auf Nimmerwiedersehen in die wilde Schaar entrückt. Dem
+Umzug wird manchmal besondere Bedeutung beigemessen, wie allen
+Geistererscheinungen. Krieg und sonstige schwere Ereignisse werden
+dadurch angezeigt, aber man schliesst auch auf fruchtbare Jahreszeit.
+Im Geisterheere ziehen die Seelen derer, die gewaltsamen Todes
+verstarben oder auf denen Fluch und heidnisches Wesen lastet, also
+gefallene Krieger, Gerichtete, Ungetaufte u. dgl. In höchstes Altertum
+reicht diese Vorstellung hinauf und bis auf die Gegenwart hat sie sich
+erhalten. Gern setzt die Sage der Schaar einen besonderen Führer, der
+zuweilen dann auch allein umreitet, etwa als wilder Jäger, der der
+Windsbraut, einem Weibe oder einem gespenstischen Eber nachjagt. Der
+allgemeine Aberglauben vom Seelenheere kann zu zahllosen besondern
+Sagen ausgebildet werden, die nach Ort und Zeit sehr verschieden sich
+gestalten müssen. Aber die Grundlage bleibt gleich und unverändert,
+Seelen, die mit oder ohne Anführer im Sturme dahin brausen oder auch im
+ruhigen Windzug wie Nebelstreifen mit wunderbarer Musik vorübergleiten.
+Mit Göttern und Helden aller Zeiten ist die Geisterschaar verwebt. Hier
+kommen nur die Sagen in Betracht, in denen von einem _wütenden_ Heere
+die Rede ist oder von _Wodes_ und Hackelbernds Umzug, wo also Wodan auf
+irgend eine Art mit der Erscheinung verknüpft ist. Auch diese besondere
+Sagenform ist allen Germanen bekannt. Schon im Mittelalter ist in
+Deutschland die Benennung „_wütiges_“, „_wütendes Heer_“ nachweisbar
+und sie hat sich bis in die Gegenwart erhalten.[294] Daneben aber ist
+aus derselben Grundanschauung auch der Name des Führers gebildet. Dem
+oberdeutschen _Wuotes heer_, mitteldeutschen _Wudes heer_ entspricht
+auf niederdeutschem Gebiet _Wode_, im Norden _Oden_.[295] Man muss
+demnach auf einen Sturmgeist _Wode_ schliessen, dessen Name zu _Wodan_
+ebenso sich verhält wie im Norden _Od_, der Gemahl der Freyja, zu
+_Odin_. Zu Grund liegt das germanische Beiwort _wôđaz_[296], wütig,
+rasend. Als der Wütige, als Wode wurde offenbar schon in Urzeiten der
+Sturmwind persönlich gedacht. Mit besonderen Eigenschaften ausgestattet
+haftet diese Gestalt fest im Volksglauben. In Westfalen jagt Hakelberg
+oder Hakelbernd, der Mantelträger.[297] Die verstreuten Züge der
+einzelnen Sagen vereinigen sich zum Bilde eines Reiters, der auf
+schwarzem oder weissem Rosse, mit breitem Schlapphut bedeckt[298] und
+in einen Mantel gehüllt, zur Nachtzeit durch die Lüfte fährt.
+
+Was in deutscher Überlieferung mehrfach vom wilden Jäger in irgend
+welcher Gestalt berichtet wird, ist im Norden an Odins Namen geknüpft,
+weshalb zu vermuten, dass es einst von Wode galt. Der gespenstische
+Reiter spricht zuweilen bei einem Schmiede vor, um sein Ross beschlagen
+zu lassen. In Winter 1208 wohnte ein Schmied zu Nesjar. Es geschah
+eines Abends, dass ein Mann geritten kam, ihn um Herberge bat und sein
+Pferd beschlagen liess. Der Hauswirt war bereit. Sie standen lange vor
+Tag auf und begannen zu schmieden. Der Hauswirt fragte: Wo warst du
+vorige Nacht? Der Gast antwortete: In Medaldal, nördlich in Thelemark.
+Der Schmied wollte das nicht glauben, weil es unmöglich sei. Er begann
+nun zu schmieden, doch es ging nicht vorwärts, wie er wollte. Da sagte
+der Gast: Schmiede du so, wie es von selber werden will. Da wurden
+grössere Hufeisen daraus, als der Schmied je zuvor gesehen hatte.
+Sie passten aber genau dem Pferde und er beschlug es. Da sprach der
+Gast: Du bist ein unverständiger und unweiser Mann. Warum fragst du
+nichts? Der Schmied sprach: Was für ein Mann bist du oder woher bist du
+gekommen oder wohin willst du gehen? Er antwortete: Von Norden bin ich
+aus dem Lande her gekommen und hier habe ich nun mich lange in Norwegen
+aufgehalten, und ich habe jetzt vor, südwärts ins Schwedenreich zu
+fahren, und lange bin ich jetzt auf Schiffen gewesen, aber nun muss
+ich mich auf einige Zeit ans Pferd gewöhnen. Der Schmied sprach: Wohin
+gedenkst du heut Abend? Südwärts nach Sparmork, sagte er. Das kann
+nicht wahr sein, sagte der Hauswirt, denn das kann man kaum in sieben
+Tagen reiten. Der Gast bestieg das Pferd. Der Hauswirt sprach: Wer
+bist du? Er antwortete: Hast du den Odin nennen hören? Hier kannst du
+ihn jetzt sehen, und wenn du dem nicht glaubst, was ich gesagt habe,
+so sieh nun, wie ich mit meinem Pferde über den Zaun setze. Das Pferd
+hufte da; er gab ihm die Sporen und setzte über den Zaun, ohne ihn
+zu berühren. Sieben Ellen hoch war der Zaun. Darauf sah der Schmied
+seinen Gast nicht mehr. Vier Nächte darauf wurde eine grosse Schlacht
+geschlagen.[299] Unter den deutschen Seitenstücken ist die Sage vom
+Rodensteiner hervorzuheben, der, wenn ein Krieg bevorsteht, bei
+grauender Nacht in die Burg Schnellert zieht. Ein Zeuge im Jahre 1758
+sagte aus: Vorzeiten solle sich dieser Geist auch in Grumbach (eine
+Stunde von Schnellert) vor einem Haus, worin ehedessen ein Schmied
+gewohnt, gemeldet haben und gemeiniglich allda die Pferde beschlagen
+lassen.
+
+Von einem Teufelsgespenst werden in Sagen des Mittelalters häufig
+Helden mittelst eines wunderbaren Rosses oder Mantels weithin durch
+die Lüfte getragen. Vermutlich nahm sie Wode auf sein Ross und hüllte
+sie in seinen Mantel. So ist es in einer nordischen Odinssage der
+Fall. Des Jünglings Hadding, der verlassen umher irrte, auf Rache für
+seinen erschlagenen Vater sinnend, nahm sich ein alter, einäugiger Mann
+an. Als einmal Hadding fliehen musste, brachte ihn derselbe Greis auf
+seinem Rosse nach seiner Wohnung, erquickte ihn durch ein köstliches
+Getränk und verhiess ihm davon einen Zuwachs seiner Körperkraft.
+Zugleich verkündigte er ihm die Zukunft und gab ihm an, wie er sich
+verhalten solle. Darauf brachte der Alte den Jüngling auf dem Pferde
+zur vorigen Stelle zurück. Hadding, der durch die Öffnung des Gewandes,
+mit dem er bedeckt war, schüchtern hinaus blickte, sah, wie das Ross
+über dem Meer hineilte. Auf des Alten Warnung aber wandte er die
+erstaunten Augen von dem schauderhaften Wege. Hier also zeigt sich der
+gespenstische Schimmelreiter dem Menschen gnädig und hilfreich.[300]
+
+Die Sage lässt den gespenstischen Reiter im Windsgebraus einem Weibe
+nachjagen.[301] Besonders den Waldfrauen stellt der wilde Jäger nach.
+Als stürmische Werbung oder als Verfolgung kann dieser Aberglaube
+ausgelegt werden. Auf hohem weissem Rosse, von Hunden begleitet,
+zieht der Wode durchs Land, um die Unterirdischen zu erjagen. Einmal
+vermochte er lange nichts zu fangen, bis ihm ein Bauer riet, sich zu
+waschen und das Pferd stallen zu lassen. Der Wode that es. Bald kam er
+wieder zurück und hatte mehrere Unterirdische gefangen, die mit ihren
+langen blonden Haaren zusammengebunden von seinem Pferde herabhingen.
+Nach schwedischem Glauben jagt Oden die Waldfrau, die mit flatterndem
+Haare vor ihm flieht. Einmal sah man ihn von seiner nächtlichen Fahrt
+zurückkommen. Das getötete Weib hatte er über dem Sattel hängen.
+
+In Zusammenhang mit diesen Sagen steht wol die Geschichte von
+_Odr_.[302] Freyja vermählte sich dem Manne, der Odr hiess. Odr aber
+zog fort in ferne Lande; Freyja blieb weinend zurück und ihre Thränen
+sind rotes Gold. Freyja hat viele Namen; das kommt daher, dass sie sich
+selbst verschieden benannte, als sie zu fremden Völkern kam, um den
+Odr zu suchen. Das Verhältniss ist freilich umgekehrt, indem das Weib
+den Mann zu erjagen sucht. Ausserdem ist alles Wilde und Stürmische
+aus der Sage gewichen, die im Lichte einer milden und neuen Dichtung
+erglänzt.[303] Trotzdem darf daraus vielleicht ein mittelbares Zeugniss
+für das frühe Vorkommen dieser Sagenform auch im Norden entnommen
+werden.
+
+Die Seelen gehen in den Wind und ziehen im Winde um. Aber sie fahren
+auch in Berge ein. Solcher Totenberge ist die Volkssage voll und sie
+bringt den Umzug des Seelenheeres oft damit in Verbindung, indem es
+aus Bergen hervorgeht und hernach wieder in Bergen verschwindet.
+Allbekannt sind die bergentrückten, schlafenden Könige und Helden,
+eine oft wiederholte Neubildung des allgemeinen Aberglaubens. Im Jahr
+1117 wurde Graf Emicho getötet. Er ging wie alle eines gewaltsamen
+Todes Verstorbenen ins wütende Heer ein. Bei Worms zeigte es sich
+1123. Mehrere Tage lang kamen Schaaren bewaffneter Reiter aus einem
+Berge hervor und kehrten dahin wieder zurück. Einer aus der Schaar
+wird beschworen und gibt Auskunft: sie seien die Geister gefallener
+Krieger.[304] Man glaubt auch vom Wind, er ruhe in Bergen und breche
+dann zu Zeiten daraus hervor. Dass Wode das Totenreich im Schooss der
+Berge beherrschte, nachdem er die Toten in sein Heer versammelte, darf
+als sehr wahrscheinlich gelten, obschon trotz den vielen Sagen von
+bergversunkenen Helden und Heerscharen kein bestimmtes Zeugniss von
+Wode im Berge spricht. Aber man darf einerseits auf die zahlreichen
+Wodansberge in Niederdeutschland und Mitteldeutschland hinweisen,
+die nicht bloss als Kultstätten Wodans, sondern auch als Aufenthalt
+Wodans gedacht werden können, andererseits auf die nordische Sage, wo
+Odin sich den Alten vom Berge, Bergesgott[305] nennt. König Sveigdir
+fuhr aus, Odin und das Heim der Götter zu suchen. Im östlichen
+Schweden heisst ein Gehöft zum Steine (_at Steini_), der Stein ist
+so gross wie ein ansehnliches Haus. Abends nach Sonnenuntergang, als
+Sveigdir vom Trunk zum Schlafhaus ging, erblickte er einen Zwerg
+unter dem Steine sitzen. Sveigdir und seine Leute waren angetrunken
+und liefen zum Steine. Der Zwerg stand am Eingang, rief Sveigdir an,
+hereinzukommen, wenn er Odin besuchen wolle. Sveigdir lief in den
+Stein, der sich alsbald hinter ihm zuthat. Niemals kehrte Sveigdir
+zurück.[306] Merkwürdig ist auch die Benennung _Walhall_ für einige
+schwedische Berge.[307] Schwerlich sind sie nach der himmlischen
+Halle genannt. Vergeblich sucht man nach einem Grund solcher
+Übertragung. Man begreift, dass geräumige irdische Säle und Hallen, um
+ihre besondere Pracht anzudeuten, auf Island und in Grönland Walhall
+heissen. Aber warum ein Berg? Vielmehr dürfte gerade am Bergnamen das
+Ursprüngliche haften. Walhall ist die Halle der Kampftoten. Die Seelen
+der Erschlagenen hausen aber im Berge und ziehen im wütenden Heer.
+Die Schilderung von Odins himmlischer Halle, die von einem Gitter mit
+wunderbarer Pforte umschlossen, von einem reissenden Fluss umströmt
+ist, lässt noch deutlich erkennen, dass darunter die Hölle, das
+unterirdische Totenland gemeint ist, das erst später in himmlisches
+Licht erhoben wurde, ohne darin seine düstere Herkunft verleugnen zu
+können.[308] Odin in Walhall stand wol ursprünglich dem Wode, der mit
+dem Totenheer im Berge sitzt, gleich. Auch hierin waltet die Nachtseite
+in Odins Art vor, der als Odr gleich Wode aus dem finstern Sturm- und
+Seelengott hervorging. Ebenso zeigt sich dieser Zug in der nordischen
+Benennung Odins als des Herren der Gespenster und Gehängten.[309] Die
+eines _gewaltsamen Todes_ starben, kommen ins wilde Heer, nach Walhall
+in den Berg. Vergeistigt und vertieft erscheint der Gedanke im Walhall
+nordischer Skalden: die den _Heldentod_ starben, gehen nach Walhall zu
+Odin.
+
+Der Wode hat Einfluss auf Ackerbau und Gedeihen der Frucht.
+In Mecklenburg liess man einige Ähren stehen, die zur Garbe
+zusammengebunden wurden. Die Schnitter traten im Kreis darum und
+riefen: _Wode, Wode, hole dinem rosse nu voder!_ Sie opferten also
+dem Beherrscher des Windes.[310] Denn vom Winde hängt die Saat
+vielfach ab und es ist gut, ihn günstig zu stimmen. Auf adligen Höfen
+wurde, wenn der Roggen ab war, den Schnittern Wodelbier gereicht. Auf
+Wodenstag soll man keinen Lein jäten, damit Wodens Pferd den Samen
+nicht zertrete. Im Schaumburgischen schlägt man beim Erntebier mit
+den Sensen zusammen und ruft dabei: _Wold, Wold, Wold!_ Unterbleibt
+die Feierlichkeit, so ist das nächste Jahr Misswachs an Heu und
+Getreide. Am Steinhuder See entzünden die Burschen nach der Ernte ein
+Feuer und rufen, wenn die Flamme lodert, unter Hutschwenken: _Wauden,
+Wauden!_ In _Wold_ und _Wauden_ soll nur der Göttername verderbt sein.
+In Baiern[311] gehört der Ährenbüschel für den _Waudlgaul_, Bier,
+Milch und Brot, das man dabei stehen lässt, für die _Waudlhunde_,
+die in der dritten Nacht kommen und fressen. Wer nichts stehn lässt,
+über dessen Felder geht ein gespenstischer Kornverderber. Im vorigen
+Jahrhundert galt noch ein Erntefest, die _Waudlsmähe_ genannt, wo
+man den schwarzen Rossen des Waude Futter aussetzte. Waude ist wol
+als _Woude_ = _Wuote_ zu verstehen. Entsprechend wird von Passau bis
+Pressburg das _Wudfutter_ ausgesetzt. Das Volk im Aargau freut sich,
+wenn das _Guetisheer_ schön singt, denn dann gibts ein fruchtbares
+Jahr. In Schonen und Blekingen blieb es lang Sitte, dass die Ernter
+auf dem Acker eine Gabe für Odens Pferde zurück liessen; ebenso in
+Småland. Der Wode auf seinem Rosse dahin reitend, von seinen Hunden
+begleitet, brachte also nach dem Volksglauben den Äckern Fruchtbarkeit
+und wurde darum mit Opfer verehrt. Da der Brauch gleichmässig übers
+ganze germanische Gebiet sich erstreckt, reicht er sicherlich in
+hohes Altertum zurück. Dazu stimmt, dass Odin nach dem Zeugniss der
+Ynglingasaga in Schweden schon zur Zeit des Heidentums beim Winteropfer
+um Jahressegen und Wachstum angerufen wurde. Im færöischen Liede vermag
+Odin in einer Nacht ein Getreidefeld aufwachsen zu lassen.[312]
+
+
+2. Wode und Wodan.
+
+Wie hängen nun _Wode_ und _Wodan_ zusammen? Beide Namen gehören
+zusammen, beide Gestalten sind im Norden nimmer auseinander gehalten.
+Nur in einer Sage, die allerdings schon alt ist, begegnete _Odr_,
+sonst konnten wir den deutschen Sagen von Wode im Norden immer nur
+solche von Odin gegenüber halten. Die Vorstellungen, welche mit Wode
+verknüpft sind, wurzeln durchweg im uralten Volksaberglauben. Wode und
+sein wütendes Heer erscheinen nur als eine offenbar uralte und allen
+Germanen vom Süden bis zum Norden bekannte besondere Form der unter
+einem Führer umziehenden Geisterschar, die dem Seelenglauben aller
+Völker zugehört. Hat die Schar einen Führer, so ist dieser entweder
+durch den Hang zu fassbaren Einzelgestalten, wie er in der Volkssage
+waltet, als besonderer Vertreter der Gesamtheit entstanden oder in
+Anlehnung an bestimmte örtliche und geschichtliche Vorkommnisse neu
+hinzugetreten, so wenn Könige, Helden, Feldherrn, Burgherrn aller
+Zeiten einander nach von der Volkssage mit der Führerschaft des
+Totenheeres betraut werden. Der letztere Fall kann bei Wode kaum in
+Frage kommen, dass etwa ein germanischer Gott zum Heerführer wurde und
+nach ihm die Schaar den Namen trug. Andererseits gehören Wode und das
+wütende Heer unlöslich zusammen. Die Sprache lehrt, dass _*wôdaȥ_ wütig
+und _*wôdjan_ wüten denselben Begriff als Eigenschaftswort und Zeitwort
+enthalten. Die Erklärung liegt nahe, dass die Germanen das Heer der
+Seelen als das wütende benannten, wie es auch das wilde heisst, womit
+auch sein Erscheinen in der Wut des Sturmes angezeigt ist. Aus dem
+gleichen Begriff, welcher den Namen der Geisterschaar schuf, leitete
+sich die Bezeichnung des Führers ab. Das Eigenschaftswort erhielt nach
+und nach den Rang eines Eigennamens. Wode ist als das wütende Heer in
+einer bestimmten Person verkörpert zu deuten, wie ja der Sturm auch
+als Riese persönlich wird, und diese auf dem allgemeinen, daneben
+in zahllosen Sonderbildungen fortwuchernden Aberglauben begründete
+Volkssage dürfte schon in der germanischen Urzeit entstanden sein.
+
+Wie eine längere Form neben der verkürzten steht _Wodan_[313] neben
+_Wode_. Man möchte zunächst geneigt sein, Wode als jüngere Verkürzung
+aus Woden, Wodan wie schwedisch Ode aus Oden, Odin zu nehmen, besonders
+da Wode nur aus späterer Überlieferung vorliegt. Und dann wäre auch der
+Schluss erlaubt, Wodan lebe in Wode noch fort. Nachdem aber gerade die
+alte nordische Überlieferung zwischen _Odr_ und _Odin_ unterscheidet,
+müssen _Wode_ und _Wodan_ entsprechend auseinander gehalten werden.
+Überblickt man die gesamten Nachrichten von Wodan-Odin, so ergibt
+sich, dass Wode allerdings in Wodan aufging, aber daneben zeigt
+Wodan ganz andere Züge, welche wir an Wode vermissen. Wode ist ein
+Gespenst, Wodan ein Gott, in Wode ist nur die dunkle, nächtige Seite
+hervorgekehrt, bei Wodan die helle, lichte. Dem Wode wird kein andrer
+Dienst gespendet als den übrigen Seelengeistern, Wodan wird um Sieg
+und Heldentum angerufen und lenkt vom hohen Himmel die Geschicke der
+Völker. Aber in Wodan fehlt trotzdem nicht der dunkle Untergrund.
+Der Schluss liegt nahe: +Wodan ist der vergöttlichte Wode.+ Helles
+Himmelslicht fiel auf den Sturmgeist, der als Gott in den Himmelssaal
+aufstieg und über die älteren Götter den Sieg davon trug. Wenn Wode
+gemeingermanisch ist, Wodan aber nur einzelnen Stämmen gehört, so darf
+das nicht etwa so ausgelegt werden, als wären in der christlichen Zeit
+die hellen und freundlichen Züge des Gottes verblasst, und nur die
+finstern übrig geblieben, ja vielleicht noch feindselig gesteigert
+und vermehrt worden. Die dunkle Seite in Wodans Wesen ist schon im
+Heidentum entwickelt und muss als die ursprünglichste gelten. Wode
+aber ist, wie besonders die reiche nordische Überlieferung vermuten
+lässt, teils in Wodan aufgegangen, teils lebte er in der alten Weise
+neben ihm fort und hat ihn so auch um Jahrhunderte überdauert. Somit
+muss an der Trennung zwischen Wode und Wodan festgehalten werden.
+Die Namen gehören freilich zusammen: Wodan ist nichts als eine durch
+Ableitungssilbe weitergebildete Form von Wode. Der Anlass hiezu
+entzieht sich unserem Ermessen, auch ob irgend ein anderer Sinn mit
+dem Namen Wodan sich etwa verband. Vielleicht soll damit nur eine
+Verschiedenheit des Gottes von dem im Volksbewusstsein fest wurzelnden
+Sturmgeist erzielt werden. Wodans Göttlichkeit, im Vergleich zu Wode
+dem Seelenführer, liegt namentlich in +zwei+ Merkmalen: Wodan ist
++Herr des Sieges+ und damit des Völkergeschickes und +des Geistes+;
+die letztere Seite ist namentlich im Norden hoch entwickelt, darf
+aber wol auch für Deutschland vorausgesetzt werden. Kein Gott bei
+den verwandten Indogermanen gleicht Wodan mehr als Hermes-Merkur,
+der auf ähnliche Art wie Wodan aus einem Windgott zu einem Gott
+des Geistes sich entwickelte. Da Wode in die germanische Urzeit
+zurückreicht, nicht aber Wodan, der vielmehr erst in den Jahrhunderten
+nach Chr. auf Kosten älterer Götter zu Macht und Ansehen gelangte,
+da Wodans Kult von niederdeutschem Gebiet, aus den Völkern, die zur
+fränkischen und sächsischen Gruppe gehören, sich verbreitete, und in
+ihm offenbar eine neue Zeit höherer Kultur sich verkörpert, darf wol
+die Frage aufgeworfen werden, ob nicht Wodan etwa am Unterrhein,
+wo römische Kultur auf die germanischen Stämme herüberströmte, aus
+Merkur hervorging. Nicht eine Nachahmung römischen Vorbildes soll
+damit behauptet, nur die Vermutung, es könnte ein Anstoss zu Wodan
+durch die Bekanntschaft mit Merkur gegeben worden sein, ausgesprochen
+werden. Der Verkehr zwischen Germanen und Römern in den Rheinlanden
+brachte gegenseitige Mitteilungen mit sich. Die deutschen Götternamen
+wurden übersetzt und in der interpretatio romana von den Germanen
+gutgeheissen.[314] Merkur als Seelenführer, als stürmischer Liebhaber
+der Nymphen, als Beförderer der Fruchtbarkeit, gleicht dem Wode;
+nimmt man Merkur als Gott des Geistes hinzu, so entsteht Wodan. Die
+zweite Seite seiner göttlichen Thätigkeit kann Wodan nicht von Merkur
+bekommen haben. Der Hauptgott der Germanen, Tiuȥ, ist Kriegsgott.
+Diese Eigenschaft behielt er, auch als Wodan Heervater und Siegvater
+geworden war. Vielleicht darf demnach behauptet werden, aus Wode
+entwickelte sich am untern Rhein, als Germanen und Römer dort in
+ständigen feindlichen oder freundlichen Verkehr traten, als aus diesen
+Einwirkungen eine neue und höhere germanische Kultur sich erhub, der
+göttliche Wodan, welcher die geistige Thätigkeit von Merkur, die
+kriegerische Thätigkeit und seine Stellung als Himmelsgott von Tiuȥ,
+den er allmälig abzulösen bestimmt war, entnommen hat.
+
+
+3. Wodan bei den Deutschen.
+
+Tacitus berichtet von den Germanen, sie verehrten am meisten den
+Wodan.[315] Das trifft nicht auf alle Germanen zu, an andern Stellen
+zeigt Tacitus selbst ganz andre Gottheiten im Mittelpunkt des Kultes.
+Vermutlich sind die Germanen am Unterrhein gemeint, von denen die Römer
+am meisten wussten, so dass Wodan nur bei ihnen, bei den rheinischen
+oder istvaeischen, nicht auch bei den ingvaeischen und suebischen
+Stämmen als höchster Gott für die damalige Zeit angesetzt werden darf.
+Noch später sieht man Wodans Macht im Wachstum begriffen, aus dem
+Sturm- und Totengott wird der Himmelsherr, der Gott des Krieges und
+der geistigen Kultur, der die andern uralten und einfacheren Gestalten
+des germanischen Götterhimmels in Schatten stellt. Am untern Rhein und
+von da landeinwärts, wo eine Menge römischer Kultur auf die Germanen
+überging, kam Wodan auf und hatte im 1. Jahrhundert n. Chr. bereits
+den Sieg errungen.[316] Um eine Vorstellung vom Wesen dieses Gottes zu
+gewinnen, müssen sorgfältig alle die Züge gesammelt werden, welche auf
+einen eigentlichen, dem +Gott Wodan+ geweihten Dienst hinweisen, nicht
+bloss mit dem Aberglauben an den stürmenden Wode zusammenhängen. Die
+lichte, geistige Seite muss vor der finstern, nächtigen vorherrschen,
+wo der göttliche Wodan waltet, wenn auch der dunkle Hintergrund, auf
+dem er sich abhebt, nie ganz verschwinden kann.[317]
+
+Unter den deutschen Stämmen im Norden Deutschlands muss Wodan bereits
+im 3. und 4. Jahrhundert eine hohe Machtstellung besessen haben.
+Auf nds. Gebiet wurde der _dies Mercurii_ dem Wodan gegeben, bei
+Sachsen, Friesen, Niederfranken, woran noch heute der Sprachgebrauch
+festhält.[318] Auf hochdeutschem Gebiet steht seit Alters dafür der
+Name Mittwoch fest, schwerlich weil dadurch ein älterer Wotanstag
+verdrängt wurde. Haften doch die andern Götternamen auch in den
+hds. Mundarten. Und warum sollte gerade nur hier die Feindseligkeit
+der Geistlichen Wodan verdrängt haben, während er sonst ungekränkt
+blieb? Mit mehr Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen, dass die später
+hochdeutschen Stämme, die Südgermanen, zur Zeit der Einführung der
+römischen Wochentage einen Gott Wodan, welcher dem Merkur entsprach,
+nicht gekannt haben. Die Heimat des Wodansdienstes ist Norddeutschland,
+nur in Ausläufern erstreckte er sich nach dem Süden. Ortsnamen wie
+_Wodensweg_, _Wodensfeld_, namentlich aber _Wodensberge_ sind besonders
+in Niederdeutschland und in England üblich, _Wodensberge_ kommen
+jedoch auch auf mds. Gebiete, wol unter fränkischem oder sächsischem
+Einfluss vor, ein _Wodensberg_ bei Bonn und in Hessen. Unter den Bergen
+sind alte Kultstätten zu verstehen. Für altsächsischen Wodansdienst
+zeugt die Abschwörungsformel[319], in welcher die drei germanischen
+Hauptgötter, Wodan in der Mitte, vorkommen, sowie das Verbot der
+Wodansopfer. Auf alemannisches Gebiet greift der Wodankult ebenfalls
+hinüber; allerdings begegnen Zeugnisse erst im 7. Jahrhundert. Die
+Schwaben sassen um eine gewaltige Bierkufe und hielten Opfer und Gelage
+dem Wodan zu Ehren.[320] Auf der im Abschnitt über Donar besprochenen
+Runenspange wird Wodan neben Donar angerufen. Durch fränkischen
+Einfluss kann Wodan in den letzten Zeiten des Heidentums auch zu den
+Alemannen gelangt sein. Als die römischen Wochentage ins Deutsche
+umgesetzt wurden, war er jedenfalls noch nicht bei ihnen. Sonst müsste
+irgendwo ein oberdeutscher _Wuotanes tac_ der Mittawecha oder Mittwocha
+zur Seite stehen. Im zweiten Merseburger Segensspruch, der wol aus
+thüringischem Gebiete stammt, tritt wenigstens Wodans Thätigkeit
+deutlich hervor. Einem Götterpferd ist auf der Fahrt ein Unfall
+zugestossen. Mehrere Göttinnen, denen, gleich allen Frauen, Heilkunde
+eignet, versuchen umsonst den ausgerenkten Fuss durch Besprechen
+einzurichten. Da besprach ihn zuletzt Wodan, wie er es wol konnte.
+Wodan ist also der grösste Zauberer und Wunderer, er ist stärkeren
+Heilzaubers mächtig als die übrigen Götter. So geringfügig die Stelle
+auch scheint, sie eröffnet doch einen weiten Ausblick, sie zeigt den
+deutschen Wodan im Besitz der gleichen Kräfte, um deren willen der
+nordische Odin gerühmt wird.
+
+Unter den Angelsachsen war Woden der oberste der Götter.[321] Die Sage
+wusste, dass die Stämme einst unter seiner Führung vom Festland nach
+Britannien fuhren. Woden ist der Stammvater aller angelsächsischen
+Könige. Die Stammtafeln treffen alle in ihm zusammen und spalten sich
+erst in seinen Söhnen. Zwar gehen die Ahnenreihen noch weiter als
+Woden hinauf, unter seinen Vor- und Nachfahren begegnen Namen, die
+teils Wodens Beinamen waren, teils andere Götter, namentlich Tiuȥ und
+Fréa bezeichneten. Aber gerade hieraus ist zu lernen, dass ältere
+Stammreihen zwar vorhanden waren, jedoch dem Wodensdienst untergeordnet
+wurden. Man sieht, wie Woden nach und nach die erste Stelle errang.
+Hengist und Horsa selber waren Wodens Söhne. Dem Woden wurde um Sieg
+und Heldentum geopfert.[322] Frija war sein Weib.
+
+Als Siegvater, der im Himmel thront, erscheint Wodan auch in der
+langobardischen Stammsage.[323] Es gibt eine Insel, die Scadanau
+heisst, im Norden; da wohnten viele Völker. Unter diesen war ein
+kleines Volk, das man Winniler nannte; und bei ihnen war ein Weib mit
+Namen Gambara, die hatte zwei Söhne: der eine hiess Ybor, der andre
+Agyo. Die führten mit ihrer Mutter Gambara die Herrschaft über die
+Winniler. Es erhoben sich nun gegen sie die Herzoge der Wandalen Ambri
+und Assi mit ihrem Volk und sprachen zu den Winnilern: Entweder zahlet
+uns Zins oder rüstet euch zum Streit und streitet mit uns. Darauf
+antworteten Ybor und Agyo mit ihrer Mutter Gambara und sprachen: Es
+ist besser für uns, zum Streit uns zu rüsten, als den Wandalen Zins
+zu zahlen. Da baten Ambri und Assi, die Herzoge der Wandalen, Wodan,
+dass er ihnen Sieg verleihe über die Winniler. Wodan antwortete und
+sprach: Die ich bei Sonnenaufgang zuerst sehen werde, denen will ich
+Sieg geben. Zu derselben Zeit gingen auch Gambara und ihre Söhne Ybor
+und Agyo, die Fürsten der Winniler waren, hin und baten Frea, Wodans
+Frau, dass sie den Winnilern helfe. Da gab Frea den Rat, wenn die Sonne
+aufgehe, sollten die Winniler kommen, und die Weiber sollten ihr Haar
+wie einen Bart ins Gesicht hängen lassen und mit ihren Männern kommen.
+Da ging, als der Himmel hell wurde und die Sonne aufgehen wollte, Frea
+die Frau Wodans um das Bett, wo ihr Mann lag, und richtete sein Antlitz
+gen Morgen und weckte ihn auf. Und als er aufsah, so erblickte er die
+Winniler und ihre Weiber, wie ihnen das Haar um das Gesicht hing. Und
+er sprach: Wer sind diese Langbärte? Da sprach Frea zu Wodan: Herr, du
+hast ihnen den Namen gegeben, so gib ihnen nun auch den Sieg. Und er
+gab ihnen den Sieg, so dass sie nach seinem Ratschluss sich wehrten
+und den Sieg erlangten. Seit der Zeit sind die Winniler Langobarden
+geworden.
+
+Die Auslegung des Namens als Langbärte (longibarbi) ist natürlich nur
+volksetymologisch. Aber die Sage zeigt, dass Wodan der siegspendende
+Gott bei den Langobarden war, dass er um Sieg angerufen wurde. Der
+Namensfestigung folgte nach altgermanischem Brauch ein Geschenk. Wie
+Odin und Frigg, so walten hier Wodan und Frea mit einander, aber ihre
+Gesinnung ist oft entgegengesetzt.
+
+Die langobardische Sage reicht ihrem Ursprung nach jedenfalls noch in
+hohes Altertum hinauf, sie entstand, solange die Langobarden noch an
+der untern Elbe den Sachsen benachbart sassen, vor ihrem Zug nach dem
+Süden, also jedenfalls noch im 4. Jahrhundert. Vermutlich nahmen die
+Langobarden den Wodansdienst von den Sachsen an und zählen demnach für
+die damalige Zeit zur norddeutschen Völkergruppe, welche Wodan als
+höchsten Gott verehrte. Auf Grund der Sage ist auch Wodansdienst der
+Wandalen anzunehmen. Dass die Ostgermanen überhaupt noch in ihrer
+alten Heimat, also im 2. Jahrhundert von ihren norddeutschen Nachbarn
+Wodan übernahmen, ist sehr wol möglich.
+
+ * * * * *
+
+Ob sonstige Wodanssagen nachweisbar sind, ist zweifelhaft.
+In nordischer Dichtung ist _Gaut_ ein Beiname Odins, in den
+angelsächsischen Stammtafeln begegnet _Géat_ unter den Ahnen
+Wodens.[324] _Gauts_ (hs. _Gapt_) ist der Ahnherr der Amaler. Der
+Name kann unmöglich mit P. A. Munch und J. Grimm als _„Giesser“_
+Schöpfer gedeutet werden, er besagt vielmehr wie _Gautatyr_ Volksgott
+der Gauten.[325] Diese Gauten, die heutigen Göten in Schweden haben
+ihren Hauptgott nach sich selber benannt, wie solches bei Saxnot, bei
+Irmino, Ingwio u. ä. schon zu beobachten war. Die Frage ist nur, wer
+war ursprünglich der gautische Gott, der Himmelsgott oder Wodan? Wenn
+später Odin Gaut heisst, ist damit nicht erwiesen, dass von Anfang
+an ihm dieser Name zukam. Von Géat wird einmal ein Liebesabenteuer
+erwähnt. Von Odin weiss die nordische Sage viele Liebesgeschichten.
+Ist Gaut schon im 4. Jahrhundert, vor der Besiedelung Britanniens,
+Wodan, ist überhaupt von Anfang an Wodan damit gemeint als Hauptgott
+der Gauten und Goten, die wie Sachsen, Angeln und Jüten frühzeitig an
+der Verbreitung Wodans im Norden teilgenommen haben können, dann gehört
+schon der Hang zu Liebschaften dem deutschen Wodan zu. Dem Wesen des
+Wode, des Wind- und Sturmgeistes, würde dieser Zug vollkommen, ja fast
+notwendig entsprechen.
+
+Im Walsungenstamm waltet nach der nur in nordischer Fassung
+vorliegenden Sage Wodan über das Geschick der Helden. Aus Not und
+Erniedrigung führt er sein Geschlecht zur Entfaltung der Heldentugend.
+Dem Sigmund verleiht er ein Wunderschwert und damit Sieg. Aber der Gott
+entzieht ihm am Ende seiner Laufbahn die gewährte Gunst, an seinem
+Speer zerspringt das Schwert in Stücke. Die Sigmundsage ist fränkischen
+Ursprungs. Dass schon bei den Franken Wodan in das Schicksal des Helden
+verflochten war, ist möglich. Wodan als Stammvater von königlichen
+Helden ist ja bei den Angelsachsen bezeugt. Wie diese, mögen auch
+die fränkischen Walsunge Wodanskinder gewesen sein.[326] Nach dieser
+Sage, wenn sie auch sicherlich im Norden reichlich ausgeschmückt
+wurde, mischte sich bereits Wodan unter die Menschen, wie es an vielen
+Beispielen aus nordischer Sage belegt werden kann.
+
+Odin ist nicht allein Herr des Zaubers, sondern auch des Geistes, der
+Weisheit, Erfinder der Runen. Dass auch Wodan den Geist erregte, ist
+sehr wahrscheinlich. Die geistige Seite seines Wesens mag im Norden
+erweitert und vertieft, schwerlich aber erst neu geschaffen worden
+sein. Schon die interpretatio romana mit Mercurius deutet dies an.
+Eine der wichtigsten Errungenschaften der Germanen aus dem Verkehr
+mit den Römern im 1. oder 2. Jahrh. nach Chr. ist die Runenschrift,
+welche aus dem lateinischen Alphabet stammt. Galt vielleicht Wodan
+als Erfinder der Schrift[327], als Träger der geistigen Kultur, als
+Erwecker des Helden- und Dichtergeistes? Unmittelbar beweisen lässt
+sich die Vorstellung von Wodan, dem Gotte der Erfindung, der geistigen
+Gewandtheit und Überlegenheit nicht, doch innere Gründe sprechen dafür.
+
+Das Bild des +deutschen Wodan+ stellt sich demnach etwa so dar: Wodan,
+der Gemahl der Frija, thront im Himmel als Höchster der Götter. Könige
+und Helden führen ihre Abstammung auf ihn zurück. Er waltet über Sieg
+und Heldentum und empfängt darum Opfer. Siegvater ist auch Walvater,
+die Schlachttoten fallen ihm zum Opfer. Wodan fördert neben dem
+Waffensieg auch den Sieg der Kultur, des Geistes; er ist im Besitz
+heilkräftiger Sprüche. Als Sturmgott haust er im Schooss der Berge,
+aus denen er hervorbricht. Auf hohem Ross, mit Mantel und breitem
+Hut, führt er das wütende Heer, die Schaar der Seelengeister. Sein
+Auszug kündet Krieg, aber er bringt auch den Feldern Fruchtbarkeit.
+Er ist ein stürmischer Liebhaber, verfolgt Frauen und lässt sich gern
+auf Liebesabenteuer ein. So verkörpert er mehr den kriegerischen
+Edeling und abenteuernden Sänger wild bewegter Kampfeszeit als den
+friedlichen Bauern. Der listenreiche, geistesgewaltige, wutgrimme
+Gott ist das Idealbild des germanischen Heerkönigs, wie er besonders
+den istväischen, später fränkischen Stämmen als tüchtigster und
+trefflichster, vom Standpunkt reiner Moral freilich nicht immer
+makelloser Held voranleuchtete.[328]
+
+
+4. Odin im Norden.
+
+Nur mühsam gelang es, aus verstreuten Zügen ein einigermaassen
+zusammenhängendes und anschauliches Bild von Wodan zu gewinnen.
+Immerhin war es möglich, die Grundlinien zu ziehen. Umso lebendiger
+und farbenprächtiger tritt Odin aus den reichen nordischen,
+norwegisch-isländischen Quellen uns entgegen. Die nordische
+Überlieferung gibt einerseits eine willkommene Ergänzung zur dürftigen
+deutschen. Sicherlich darf das meiste davon auch für Wodan in
+Anspruch genommen werden. Die blassen Umrisse erfüllen sich mit Farbe
+und Leben. Was in Deutschland aus versprengten Trümmern zu ahnen
+ist, bietet sich im Norden in voller glänzender Beleuchtung. Ein
+Vergleich mit der Wodanskizze wird ohne weiteres immer zeigen, was
+unbedenklich aus den nordischen Schilderungen Odins herübergenommen
+werden darf. Andererseits wird sich sehr viel Neues ergeben, was auf
+den niederdeutschen Wodan der ersten nachchristlichen Jahrhunderte
+nun und nimmermehr passt, was als nordische Zuthat zu betrachten ist,
+gleichviel wie man seine Entstehung sich denken mag. Dahin gehört
+ausser Walhall und den Walküren, wobei ja immerhin die Behauptung
+deutschen Ursprunges zur Not versucht werden kann, mit Sicherheit Odins
+Stellung in der Weltentwicklung, seine Thätigkeit als Schöpfer, sein
+Untergang im Weltbrand, seine Beziehung zur Weltesche. Das Schweigen
+der deutschen Überlieferung ist hier nicht zufällig, sondern notwendig.
+Das deutsche Heidentum bot zu solchen Vorstellungen nicht die geringste
+Voraussetzung.
+
+
++Odins Wanderungen und Kämpfe mit Nebenbuhlern.+
+
+Odin ist der oberste der Götter in den norwegisch-isländischen
+Skaldengedichten, im Kreis der sog. Eddalieder. Am Königshofe, bei
+den Gefolgsleuten und Dichtern steht er im höchsten Ansehen. Aber
+der norwegische Volksglaube lässt Thor hervortreten und betrachtet
+selbst den schwedischen Freyr als Eindringling. Die Sage meldet von
+der Einwanderung der Asen und Wanen im Norden[329], während Thor seit
+Urzeiten dort wohnt. Schon Saxo kennt Thracien und Byzanz als Ursitz
+der Asen, Snorre bringt die Asen mit Asien in Verbindung und lässt
+sie aus Scythien und der Türkei durch Gardariki (Russland) in die
+nördlichen Länder wandern. Dass hier gelehrte Fabeleien vorliegen,
+bedarf keiner weiteren Ausführung. Aber wenn die Ynglingasaga Odin an
+Saxland (Westfalen) heftet, beginnen wahre Erinnerungen aufzutauchen.
+Von Saxland zieht Odin nordwärts zur See und nimmt sich Wohnstätte
+auf einem nach ihm benannten Eiland, auf Odinsey in Fünen. Von dort
+entsendet er Gefjon nördlich über den Sund, um Länder zu suchen.
+Diese pflügt zunächst ein Stück aus Schweden ab und zieht es ins Meer
+hinaus, Seeland. Odin aber, da er von den guten Ländereien in Schweden
+vernahm, fuhr selber dorthin und vertrug sich mit König Gylfi, der
+sich keine Kraft zum Widerstand gegen die Asen zutraute. Am See im
+alten Sigtun liess sich Odin nieder und richtete daselbst eine grosse
+Opferstätte nach der Gewohnheit der Asen ein. Seinen Tempelpriestern
+(d. h. den andern Göttern) wies er Wohnsitze zu: Njord wohnte in
+Noatun, Freyr in Uppsalir, Heimdall in Himinbjorg, Thor in Thrudwang,
+Baldr in Breidablik. Die Namen der Göttersitze haben allein für Odin
+und Freyr Bedeutung: Sigtun und Uppsala werden als alte Kultstätten
+bezeichnet. Entsprechend dieser Wanderungssage wird einmal Odin
+Sachsengott, Freyr Schwedengott genannt.[330] Im Bericht scheint
+Verwirrung eingerissen. Der Krieg zwischen Asen und Wanen findet in
+der asiatischen Urheimat statt, weil die Asen als Asiaten, die Wanen
+als Leute vom Tanakvisl oder Vanakvisl (Tanais), der ins schwarze Meer
+mündend Asien und Europa trennt, gemeint sind. Und so wandern die Wanen
+zugleich und im Gefolge der Asen nach Schweden, während eigentlich die
+schwedischen Könige ihren altheimischen Glauben an Freyr dem neuen aus
+Dänemark herdringenden Odinglauben entgegengesetzt haben werden.[331]
+Handelnd ist übrigens bei der ganzen Eroberung nur Odin. Vermutlich
+gelangte der Wodankult aus Niederdeutschland nach Dänemark. In Fünen,
+Seeland, dann in Schonen auf der Südspitze Skandinaviens schlug er
+Wurzeln. Den uralten Opferstätten wie Lund, Ringsted, Hleidra, Wiborg
+traten neue, ausschliesslich Odin geweihte zur Seite, _Odinsvé_,
+jetzt _Odense_ in Fünen und _Onsved_ in Seeland.[332] Der dänische
+Königsstamm der Skjoldungar geht, freilich erst bei Snorri in der
+Edda und Ynglingasaga, durch Skjoldr auf Odin zurück. Von Schonen
+aus gelangte Odinsdienst nach Schweden und Norwegen. In Schweden
+sind viele Örter nach Odin benannt: _Odenswi_, _Odensö_, _Odensnäs_,
+_Odensjö_, _Odensberg, Odensala_ u. ä. Weniger volkstümlich wurde Odin
+in Norwegen, weshalb verhältnissmässig nur wenige Ortsnamen dort für
+ihn zeugen. Umso sieghafter erhub er sich im Skaldenlied. Die Zeit der
+Einwanderung des deutschen Wodanglaubens in Dänemark und Skandinavien,
+welche in den erwähnten halbgelehrten Berichten noch nachklingt, lässt
+sich nicht bestimmen. Nur im allgemeinen darf behauptet werden, dass
+Odin schon längere Zeit vor den ältesten Skalden, also etwa um 800
+bereits in Norwegen bekannt gewesen sein muss. Das Heldenzeitalter
+des norwegischen Stammes stellte Odin, den Gott des Krieges und des
+Geistes, in den Mittelpunkt der Dichtung.
+
+Von Odin wird erzählt, dass er eine zeitlang von Weib und Reich
+verbannt war, während ein Anderer seine Stelle vertrat. So verschieden
+die Sagen auch im Einzelnen ausgestaltet sind, im Grundgedanken treffen
+sie zusammen und in dieser gemeinsamen Grundlage wird wol auch ein
+Stück alter Überlieferung stecken. Die Ynglingasaga bemerkt bloss in
+Kürze: Odin hatte zwei Brüder, der eine hiess We, der andre Wili. Diese
+Brüder führten die Herrschaft, solang er fort war. Einmal blieb Odin
+so lange aus, dass die Asen die Hoffnung auf seine Rückkehr aufgaben.
+Da teilten die Brüder sich in sein Erbe, sein Weib Frigg hatten sie
+gemeinsam.[333] Aber bald nachher kam Odin heim und nahm sein Weib
+wieder zu sich. Die Einkleidung dieser Sage ist wol ziemlich jung,
+wie die Dreiheit mit den Namen Wili und We. Der zweite Bericht knüpft
+an die Baldrsage an und steht am ausführlichsten bei Saxo.[334] Nach
+Baldrs Fall wird dem Odin vom Finnen Rossthjof geweissagt, er werde
+mit Rinda, der Tochter des Russenkönigs, einen Sohn erzeugen, der vom
+Schicksal bestimmt sei, Baldr zu rächen. Durch einen tiefhängenden Hut
+macht sich Odin unkenntlich und tritt bei Rindas Vater in Dienst.
+Er wird Heerführer, schlägt die Feinde in die Flucht und wirbt beim
+König, der es wol aufnimmt. Aber die Königstochter ist spröde, statt
+des Kusses gibt sie ihm eine Ohrfeige. Im nächsten Jahr kehrt er als
+Goldschmied unter dem Namen Rosterus wieder. Er fertigt prächtiges
+Geschmeide; wie er aber nochmals einen Kuss verlangt, erhält er die
+zweite Maulschelle. Zum dritten Mal kommt er als kriegsgeübter Kämpe.
+Nachdem er sich als ausgezeichneter Reiter bewährt, naht er wieder der
+Jungfrau. Er wird aber so heftig zurückgestossen, dass sein Kinn den
+Erdboden berührt. Jetzt greift er zu Zauberlist. Er ritzt Runen auf
+Baumrinde, berührt Rinda damit und macht sie dadurch wahnsinnig. In
+Mädchentracht stellt der unermüdliche Wanderer sich hierauf am Hofe
+ein. Er nennt sich Wecha und gibt sich für heilkundig aus. Wecha wird
+unter die Dienerinnen der Rinda aufgenommen. Der Erkrankten erbietet
+er sich zu helfen, doch sei die Arznei so bitter, dass man sie binden
+müsse. Als das geschieht, vollbringt Odin seinen Willen und zeugt den
+Bous, der einst Baldr rächt. Die Götter aber, die nach Saxo in Byzanz
+wohnen, finden diese Handlung des Gottes unwürdig und verstossen ihn
+aus ihrer Mitte. Den Ollerus (Ullr) bekleiden sie mit seiner Macht
+und seinem Namen. Odin versteht es, unter den Göttern von neuem sich
+Anhänger zu verschaffen und es endlich nach zehn Jahren zu bewirken,
+dass Ollerus aus Byzanz flüchten muss; in Schweden, wo dieser seine
+Herrschaft aufs neue zu begründen sucht, wird er von Dänen erschlagen.
+Man muss hier von dem Zusammenhang der Sage absehen und nur das
+festhalten, dass Ullr einmal an Odins Stelle und mit seinem Namen
+herrschte.
+
+Frigg hatte sich einem Diener hingegeben, damit er eine goldene
+Bildsäule Odins zerstöre, deren Gold sie zu ihrem Schmuck verwandte.
+Darüber grämte sich Odin so sehr, dass er das Land verliess und
+freiwillig in die Verbannung ging. An seiner Stelle herrschte
+_Mitodin_, ein berühmter Zauberer, der das Opfer neu ordnete, indem
+er befahl, jedem Gotte einzeln, nicht mehr allen gemeinschaftlich zu
+opfern. Als Odin zurückkehrte, musste Mitodin nach Fünen (Pheonia)
+fliehen, wo ihn das Volk erschlug. Er rächte sich noch nach seinem
+Tode, indem aus seinem Grabe die Pest hervorging, bis man die Leiche
+ausgrub, den Kopf lostrennte und einen spitzen Pfahl durch den Leib
+trieb. Frigg starb, Odin setzte alle falschen Götter ab, die unter
+Mitodin aufgekommen waren, und vernichtete ihre Priester, die Magier,
+mit einem einzigen Blick wie Schatten.[335] Die Geschichte von Mitodin
+ist ein deutliches Seitenstück zu der von Ollerus. Beide werden als
+zauberkundig bezeichnet, von beiden heisst es, sie hätten nicht bloss
+Odins Weib und Macht, sondern sogar seinen Namen besessen, beide
+entfliehen vor dem heimkehrenden Odin nach Dänemark oder Schweden,
+also nach Saxos Meinung aus Byzanz in den Norden und werden dort
+erschlagen. Besondere Beachtung verdient auch der Umstand, dass
+beide neue Opferbräuche einführen wollen, Ollerus allerdings erst in
+Schweden, wo er gleich wie in einer neuen Welt den Glauben an sich
+einzusetzen versuchte. Wir haben es mit zwei Fassungen einer und
+derselben Erzählung zu thun, deren Grundzüge auf zwei sich bekämpfende
+Kulte, den Odinkult und den eines anderen Gottes hinweisen. Durch
+Saxos Verlegung der Asenherrschaft nach Byzanz ist es schwer zu
+entscheiden, was vor allem zu wissen Not thäte, in welchen Ländern
+des Nordens sich in der Ursage die Kultkämpfe abspielten. Ullr
+(got. _wulþus_), der Herrliche, scheint einmal der Name einer hohen
+Gottheit gewesen zu sein. Mitothin darf kaum als Mit-Odin, Mithelfer,
+Mitregent ausgelegt werden. Saxo verstand ein Wort „_mituth-inn_“
+d. i. *_mituth_, *_mitoth_ mit angehängtem Artikel als Namen. Mitoth
+bedeutet die richtende und das Schicksal bestimmende Gottheit. Somit
+ist die Sage dahin auszulegen, dass der Odinglaube zeitweilig von einem
+andern Kult verdrängt wurde, aber hernach wieder zu Ehren kam. Dabei
+lässt sich eine zwiefache Erklärung finden. Im Norden ist der Odinkult
+ursprünglich fremd, aus Deutschland eingeführt. _Ullr mitoth-inn_
+könnte eine nordische Gottheit sein, die vor dem eindringenden
+Odinglauben zurückwich. Andererseits ist schon der deutsche Wodan
+ein Gewaltherr, der den alten Himmels- oder Hauptgott der Germanen,
+Tiuȥ, seiner Macht und seiner Frau beraubte. Also der deutsche Wodan
+und der nordische Odin, beide sind Eindringlinge in Besitz und Recht
+anderer, älterer Götter. Eine Erinnerung daran lebt in der nordischen
+Sage fort. Dass die Sache so dargestellt wird, dass Odin der im Recht
+Gekränkte, später aber aufs neue Eingesetzte ist, beweist, dass der
+Bericht unter Anhängern Odins entstand. Für Eroberung und Gewaltthat
+stellt sich immer ein beschönigender Rechtsgrund ein. So lässt z. B.
+auch die gotische Heldensage Dietrich von Bern nur sein Vatererbe, aus
+dem er vertrieben worden war, zurückgewinnen, nicht der Wahrheit gemäss
+Italien erobern. So behauptet die Göttersage, Odin ist der Oberste und
+Höchste; wenn ein Andrer vor ihm herrschte, kann das nur durch List
+und Unrecht geschehen sein. So erschliesst sich der Mythus von Odins
+Verbannung und Vertretung auf dieselbe Weise, wie der vom Wanenkrieg
+als ein Kampf zwischen altem und neuem Glauben, aus dem letzterer
+siegreich hervorgeht. Dieser Kern ist nicht berührt, so verschieden
+die Ausbildung im einzelnen und die Anknüpfung an andere Sagen sich
+vollzog. Odin im Streite mit Nebenbuhlern kann auch auf den Gegensatz
+zwischen dem nordisch-germanischen Kulte und einem älteren, vor der
+germanischen Bevölkerung im Norden heimischen Glauben, etwa dem der
+Finnen und Lappen zurückgehen, wie im Abschnitt über Ullr ausgeführt
+werden soll. Jedenfalls liegen Glaubenskämpfe hinter diesen Sagen,
+alter und neuer Glaube desselben Volkes oder die Kulte verschiedener
+Völker.
+
+
++Odin in nordischer Sage.+
+
+In der Ynglingasaga Kap. 6 ff. schildert Snorri Odins Wesen mit
+folgenden Worten: Als Asa-Odin nach den Nordlanden kam und mit ihm
+die Diar, da wird mit Wahrheit berichtet, dass sie Künste übten und
+lehrten, welche die Menschen seitdem lange vollbracht haben. Odin war
+der vornehmste von allen und von ihm lernten sie alle Künste, weil er
+zuerst alle wusste und die meisten. Aber das ist zu sagen, weshalb er
+so gelehrt war. Dazu veranlassten diese Gründe: er war so schön und
+vornehm anzuschauen, wenn er bei seinen Freunden sass, dass allen das
+Herz darüber lachte; aber wenn er im Heer war, da schien er seinen
+Feinden grimmig. Und das hatte darin seinen Grund, dass er Gestalt und
+Aussehen wechseln konnte, wie er nur wollte. Eine andere Kunst war
+die, dass er beredt und glatt sprach, dass das allein allen, die es
+hörten, wahr däuchte. Er redete immer im Versmaasse, so wie man jetzt
+das spricht, was Skaldenkunst heisst. Er und seine Hofgoden heissen
+Liederschmiede, weil von ihnen diese Kunst in den Nordlanden ausging.
+Odin wusste zu bewirken, dass in Kämpfen seine Feinde blind und taub
+und schreckerfüllt wurden und ihre Waffen nicht mehr als blosse Gerten
+einschnitten; aber seine Leuten fuhren ohne Brünnen und waren wütend
+wie Hunde oder Wölfe, sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie
+Bären oder Stiere. Sie erschlugen das Volk, weder Feuer noch Eisen
+hatte ihnen etwas an. Das nennt man Berserkergang. Odin wechselte die
+Gestalt; da lag sein Leib wie schlafend oder tot, er aber war Vogel
+oder Tier, Fisch oder Wurm und fuhr im Augenblick in ferne Lande in
+seinen eigenen oder andrer Leute Sachen. Das auch verstand er mit
+blossen Worten auszurichten: Feuer zu löschen, See zu beruhigen, Wind
+zu wenden, wie er wollte. Odin besass ein Schiff, das Skidbladnir
+hiess, womit er über grosse Meere fuhr; das konnte man wie ein Tuch
+zusammenfalten.[336] Odin hatte das Haupt des Mimir bei sich; das
+sagte ihm mancherlei Kunden aus andern Welten. Aber zuweilen weckte
+er tote Leute aus der Erde auf oder setzte sich unter Gehängte; darum
+wurde er Herr der Gespenster oder Herr der Gehängten genannt. Er hatte
+zwei Raben, die er sprechen gelernt hatte; diese flogen weit in den
+Landen herum und sagten ihm viele Kunden. Von diesen Dingen wurde er
+sehr klug. Alle diese Künste lehrte er durch Runen und Lieder, welche
+Zauber (_galdrar_) heissen; deshalb werden die Asen Zauberschmiede
+(_galdrarsmidir_) genannt. Odin verstand die Kunst, die am meisten
+Kraft hat, und übte sie selbst, welche _seiđr_ (Zauberei) heisst. Und
+darum vermochte er die Geschicke der Leute und ungeschehene Dinge zu
+wissen, den Leuten Tod, Unglück oder Krankheit zu bereiten; so auch den
+Leuten Verstand und Kraft zu nehmen und andern zu geben. Aber dieser
+Zauberei, wenn sie vollbracht wird, haftet so arges Wesen an, dass
+es den Männern nicht ohne Schande dünkte, damit umzugehen; und den
+Göttinnen wurde diese Kunst gelehrt. Odin wusste um alle Erdschätze,
+wo sie vorhanden waren, und er kannte solche Beschwörungen, dass sich
+die Erde vor ihm aufthat und Berge und Steine und Hügel, und er band
+mit seinen blossen Worten die, welche dabei wohnten, und ging hinein
+und nahm, was er wollte. Durch diese Kräfte wurde er sehr berühmt;
+seine Feinde fürchteten ihn, seine Freunde vertrauten ihm und bauten
+auf seine Kraft und auf ihn selber. Er lehrte die meisten Künste seinen
+Opferpriestern, diese standen ihm zunächst an Klugheit und Zauberei.
+Viele andere lernten manches davon und so verbreitete sich die Zauberei
+weit und erhielt sich lange.
+
+Odin bestimmte für seine Lande die Gesetze, welche zuvor unter den
+Asen gegolten hatten. So bestimmte er, dass man alle toten Männer
+verbrennen sollte und mit ihrem Eigentum auf den Holzstoss bringen. Er
+sagte, jeder werde mit den Reichtümern nach Valhall kommen, welche er
+auf dem Holzstoss habe. Auch werde er das geniessen, was er selber in
+die Erde vergraben habe. Die Asche sollte man ins Meer hinaus tragen
+oder in die Erde graben. Vornehmen Männern zum Denkmal sollte man einen
+Hügel aufwerfen; aber allen Männern, die tapfer waren, sollte man
+Bautasteine aufstellen. Und diese Sitte hielt sich lange.
+
+Odin ward in Schweden todkrank; als es zum Sterben ging, liess er sich
+mit der Speerspitze bezeichnen und eignete sich alle waffentote Leute
+zu. Er sagte, er werde nach Götterheim fahren und dort seine Freunde
+begrüssen. Die Schweden glaubten, dass er ins alte Asgard eingegangen
+sei und dort ewig leben werde. Da erhob sich von neuem Glauben und
+Anrufung an Odin. Oft schien es den Schweden, er zeige sich vor
+bevorstehenden grossen Kämpfen, da gab er dem einen Sieg, aber den
+andern entbot er zu sich; beide Loose dünkten gut. Odin wurde nach
+seinem Tode verbrannt und das Verbrennen ward sehr prächtig zubereitet.
+Das war ihr Glaube, je höher der Rauch in die Luft aufsteige, desto
+geehrter sei der, welcher verbrannt wurde, im Himmel und umso reicher,
+je mehr Gut mit ihm verbrenne.
+
+Bringt man aus diesem Berichte die euhemeristische Auffassung in Abzug,
+so bleibt ein lebendiges Bild vom Odinglauben, wie er bei den Dichtern
+uns entgegentritt. Alle Haupteigenschaften Odins, seine Beziehungen zu
+Schlacht und Sieg, zu Gespenstern und Toten, zu Zauber und Dichtung
+sind richtig erkannt und aufgezählt. Für alles gewähren die Sagen
+reichliche Belege.
+
+ * * * * *
+
+Wenn Odin in feierlicher Weise auftritt, dann erscheint er in
+glänzender kriegerischer Rüstung wie schon Tiuȥ und Freyr, nur dass er
+als Hauptwaffe nicht das Schwert, sondern den Speer führt.[337] Unter
+dem Goldhelm in schöner Brünne mit weissem Schilde reitet er an der
+Spitze der Götter und Helden zum letzten Kampf. In der Hand hält er den
+Speer Gungnir, ein Zwerggeschmeide mit der Eigenschaft, dass er niemals
+im Stosse innehält. Die Wölfe und Raben, die Tiere des Walgefildes
+und Sturmes, begleiten ihn. Sleipnir, der Springer, ist der beste und
+rascheste Hengst, er ist grau von Farbe und hat acht Füsse. Damit soll
+wol die grosse Geschwindigkeit angezeigt werden. Einmal heisst es
+von Odin, dass er behelmt mit dem Schwert in der Hand auf dem Berge
+stand. Auf seinen Wanderfahrten trägt Odin tiefhängenden Hut und blauen
+Mantel. Häufig wird seine Einäugigkeit hervorgehoben.
+
+ * * * * *
+
+Draupnir, der Träufler, ist ein kostbarer Ring, der Reichtum
+mehrt.[338] Im Skirnirlied erscheint er in Freys Besitz. Skirnir bietet
+ihn der Gerd:
+
+ 21 So geb ich den Ring dir, gerötet vom Feuer,
+ In dem Odins Sohn zu Asche ward;
+ Von ihm tropfen acht ebenso schwere
+ Jede neunte Nacht.
+
+Anderwärts gilt Draupnir als Eigentum Odins, dem ihn Zwerge zugleich
+mit dem Speer Gungnir schmiedeten. Dem Ringe eignete von Anfang an das
+Vermögen, sich zu vermehren. Andererseits heisst auch Baldr Besitzer
+des Draupnir. In der Edda wird dies so gewendet, dass Odin diesen
+Ring auf Baldrs Scheiterhaufen legte; daraufhin habe er erst die
+wunderbare Eigenschaft der Vermehrung erhalten. Baldr sandte ihn aus
+der Hölle an Odin zurück. Der Ring, wie immer man ihn auslegen will,
+als Sinnbild der Fruchtbarkeit oder der Sonne, gehörte sicherlich einst
+von rechtswegen Freyr oder Baldr, d. h. dem alten Himmelsgott, und ging
+erst von ihm auf Odin über.
+
+ * * * * *
+
+Im Norden gab es drei Hauptopferzeiten: im Anfang und in der Mitte des
+Winters um Fruchtbarkeit und Wachstum, im Anfang des Sommers um Sieg.
+An den Höfen der Könige und Häuptlinge wurde jedenfalls das Siegesopfer
+an Odin gerichtet. Jarl Hakon, der bereits getauft war, fiel wieder
+zum Heidentum zurück. Auf einer Heerfahrt in Gautland stellte er ein
+grosses Opfer an. Da flogen zwei Raben vorbei und krächzten laut; da
+meinte der Jarl zu wissen, dass Odin das Opfer angenommen habe und dass
+nun passende Zeit zum Schlagen sei.[339] Angang eines schwarzen Raben
+gilt für Helden, die zum Kampfe ziehen, glückverheissend, wol weil
+Odin ihn sandte.[340] Beim Opfermahl des Drontheimer Jarls Sigurd wird
+zuerst Odins Becher um Sieg und Macht für den König getrunken, darnach
+Njords und Freys Becher um Fruchtbarkeit und Frieden.[341] Also wie die
+Angelsachsen Woden um Sieg und Heldentum opfern, geschieht es auch im
+Norden, dass Odin um Sieg angerufen wird. Als König Olaf der Heilige
+in Drontheim weilte, erfuhr er, dass die Bauern noch Trinkgelage nach
+heidnischem Brauch hielten; alle Minne wurde dem Thor geweiht und dem
+Odin und der Freyja und allen Asen.[342] In der jungen Bósasaga K. 12
+wird bei der Hochzeit Thors, Odins und Freyjas Minne getrunken. In der
+Verwünschung werden gleichfalls Odin, Thor und Freyr angerufen.[343]
+Die Dreiheit Wodan, Donar, Tiu oder Freyr als dessen Vertreter scheint
+überhaupt uralt zu sein.
+
+
++Walhall und die Walküren.+
+
+In Gladsheim, in der Welt der Wonnen ragt Odins Saal, die
+goldglänzende, weite Halle, Walhall.[344] Dorthin wählt der Gott
+täglich sich die Helden, welche den Waffentod erlitten. So war der
+Glaube der Heidenleute, dass alle die nach Walhall fahren sollten, die
+an Wunden starben. Am hohen Saal bilden Speere das Sparrengerüst,
+Schilde decken als Schindeln das Dach, auf die Bänke sind Brünnen
+gelegt. Westlich am Eingangsthor hängt ein Wolf, darüber schwebt ein
+Adler. Fünfhundertundvierzig Thüren hat Walhall, aus jeder mögen
+zugleich achthundert Streiter hervorgehen. Beleuchtet wird die Halle am
+Abend durch den Glanz der Schwerter. Vor Walhall steht der Hain Glasir,
+dessen Laub von lauterem Gold erglänzt. Ausser Walhall erhebt sich in
+Gladsheim Wingolf, die Halle der Göttinnen, ein treffliches und schönes
+Haus. Vielleicht ist darunter Folkwang, das Volksgefilde zu verstehen,
+wo Freyja waltet, die täglich die Hälfte der gefallenen Helden sich
+wählt. Nach Wingolf und Walhall werden die Einherjer gewiesen.[345]
+In Kampfspiel und Gelage verbringen die Helden ihre Tage. Odin selber
+nährt sich nur von Wein, seine Tischkost gibt er seinen Wölfen. Auf
+seiner Schulter sitzen zwei Raben, die ihm alle Begebenheiten, die
+sie sehen oder hören, ins Ohr sagen.[346] Sie heissen Hugin und
+Munin. Diese sendet Odin früh am Morgen aus, um durch alle Welten
+zu fliegen; um die Frühstückszeit kehren sie zurück. Die Einherjer
+aber essen vom Fleische des Ebers Saehrimnir, den der Koch Andhrimnir
+im Kessel Eldhrimnir siedet. Täglich wird er gesotten, aber abends
+ist er doch wieder heil. Sie trinken Bier, das die Walküren ihnen
+zutragen. Unverständlich ist die Ziege Heidrun, welche auf Walhalls
+Dach stehend die Triebe von den Zweigen des Baumes Laerad nagt, aus
+deren Zitzen Milch rinnt. Sie füllt die Krüge mit klarem Met, nimmer
+versiegt das Nass. Auch der Hirsch Eikthyrnir steht dort, aus dessen
+Hörnern es in den Höllenbrunnen Hvergelmir rinnt, woraus alle Ströme
+stammen. Ziege und Hirsch samt dem Baum, dessen Triebe sie benagen,
+sind wahrscheinlich den Tieren an der Weltesche gleichzustellen.[347]
+Das Gefilde von Walhall, das Reich des Todes, betritt man durch die
+heilige, alte Pforte Walgrind, die Totenpforte, die einen kunstvollen
+Verschluss hat. Um nach Walhall zu kommen, müssen die Scharen der
+Gefallenen einen wogenden Strom durchwaten. Die Welt des Todes ist
+also wie auch sonst die Unterwelt von einem Fluss umgeben. Thund, der
+Angeschwollene, heisst der Strom. „Odin heisst Walvater, weil alle,
+die auf der Walstatt fallen, seine Wunschsöhne sind. Diese nimmt er
+auf in Walhall und Wingolf und sie heissen dann Einherjer.“ So sagt
+Snorri. Es ist zweifelhaft, ob er damit eigene Gedanken oder ältere
+Überlieferung vorträgt. In keinem Gedichte wird das Verhältniss der
+Einherjer zu Odin als das von „Wunschsöhnen“ d. i. Adoptivsöhnen
+dargestellt.[348] Vielleicht ist der Begriff nur aus der Benennung
+Walvater, Vater der Erschlagenen, die also eben im Tod und durch den
+Tod dieses Vaters Söhne werden, entnommen. Vater meint ursprünglich
+Urheber, der bildliche Ausdruck wäre allzu wörtlich ausgelegt worden.
+Zwar wird es nicht überall als Grundsatz ausgesprochen, aber doch
+zweimal angedeutet, dass Walhall nur Helden, Edelingen und Freien sich
+aufthut.[349]
+
+
++Die Walküren.+
+
+In Walhall thun die Walküren Dienst. Sie reichen den Trank herum,
+bringen den Einherjern Bier, haben das Tischgerät und die Bierkrüge in
+ihrer Obhut. Odin sendet sie aber auch in die Schlacht aus, dort wählen
+sie die Männer aus, die dem Tode erliegen sollen, und verleihen den
+Sieg. Immerfort reiten sie, Wal zu kiesen und Kämpfe zu entscheiden.
+Die Walküren oder Walmädahin[350], die Wählerinnen der kampftoten
+Helden, reiten auf ihren Rossen durch die Lüfte und übers Meer. Meist
+erscheinen sie geschart, zu drei, sechs, neun, zwölf. Mit Helm und
+Schild, in fester Brünne, mit funkensprühenden Speeren, von leuchtenden
+Blitzen umspielt reiten sie auf ihren Wolkenrossen dahin durch die
+Lüfte; schütteln sich die Rosse, so fällt von den Mähnen fruchtbarer
+Thau in die Thäler und Hagel ins hohe Gehölz. Die Walküren sind von
+leuchtender Schönheit. Der Skald Hornklofi[351], welcher ein Lied
+dichtete, in dem eine Walküre und ein Rabe Zwiesprache über des Königs
+Harald Thaten halten, nennt die Walküre eine strahlende lichthaarige
+Maid (_mey hvíta haddbjarta_). Wenn Odin nicht selber an den Kämpfen
+teilnimmt, dann entsendet er die Mädchen als seine Stellvertreterinnen.
+In ihren Namen kommt ihr Wesen zum Ausdruck. Neben gewöhnlichen
+kriegerischen Frauennamen wie Hild und Gud, Reginleif, Thrud stehen
+besondere wie Geirolul die Speerträgerin, Skogul die Hochragende, Goll
+die Schreierin, Hrist die Schüttelnde, Hrund die Stossende, Skeggold
+Beilzeit (d. h. Kriegszeit), Herfjǫtur Heerfessel (der lähmende
+Schrecken, der einen plötzlich befällt), Mist die im Nebel Hausende
+u. drgl. Auch Skuld, die Jüngste der Nornen, reiht sich den Walküren
+ein. Bei feierlichem Aufzug, zum Leichenbrand Baldrs ist Odin von
+seinen Raben und von den Walküren begleitet.[352] In Odins Mädchen
+vereinigen sich mehrere Gestalten, die gesondert auch sonst vorkommen:
+die Schicksalsfrauen, indem sie des Volkes wichtigstes Geschick, die
+Schlacht entscheiden, Sturmgöttinnen als Vervielfältigung der Gemahlin
+Odins, nach nordischem Berichte der Freyja, seelische Geister, Fylgjen,
+die dem Todgeweihten sichtbar werden, irdische Weiber, welche beim
+prächtigen Gelage in des Königs Halle den Trank herumreichen, Frauen,
+die in der kampfbewegten Wikingerzeit wirklich die Waffen der Männer
+anlegten und von deren Thaten das nordische Heldenlied erfüllt ist.
+Das Schildmädchen ist eine Lieblingsgestalt der nordischen Sage und
+leicht vermischt es sich mit Heervaters Maid, nimmt an deren göttlicher
+Erscheinung teil. Die Walküre, in Walhall und auf der Walstatt als
+Odins Dienerin, gehört somit nur der nordischen Dichtung, während die
+verschiedenen einzelnen Gestalten, welche in ihr zusammenflossen, nicht
+bloss auf die nordische Sage beschränkt sind.
+
+Walhall, Odins Saal ist ein prächtiger, glänzender Hof, wie der Held
+und Dichter in höchster Vollkommenheit ihn sich ausmalt.
+
+ * * * * *
+
+Zwei schöne Skaldenlieder aus der Mitte des 10. Jahrhs. zeigen überaus
+lebendig den Walhallglauben. König Eirik Haraldsson musste um 935 aus
+Norwegen weichen und gewann um 940 in England eine Herrschaft. Er
+fiel im Kampfe gegen den englischen König Eadmund (940-6) in blutiger
+Schlacht, mit ihm fünf andere Könige und eine Menge geringeren Volkes.
+Seine Wittwe Gunnhild liess auf seinen Tod ein prächtiges Ehrenlied
+dichten, wovon ein Teil erhalten ist, die Eiriksmǫ́l. Die Handlung
+spielt in Walhall. Odin spricht: Was sind das für Träume? Ich glaubte,
+vor Tage aufzustehen, um Walhall für erschlagenes Volk zu bereiten.
+Ich weckte die Einherjer, ich hiess sie aufstehen, um die Bänke mit
+Polstern zu belegen, die Bierkrüge zu scheuern, die Walküren hiess
+ich Wein auftragen, als ob ein König käme. Angesehener Grundherrn bin
+ich aus der Welt gewärtig. Darum freut sich mein Herz. Bragi sagte:
+Was ist das für ein Donner, als ob ein Tausend heranzöge oder eine
+gewaltige Menge? Alle Bankdielen erkrachen, als ob Baldr wiederkehrte
+in Odins Säle? Odin sprach: Thöricht redest du, kluger Bragi, obwol du
+manches weisst. Vor Eirik tönt es, da der Fürst zu Odins Sälen kommt.
+Sigmund und Sinfjotle, steht eilig auf und geht dem König entgegen.
+Entbietet ihm herein, wenn es Eirik ist. Seiner harre ich sicher.
+Sigmund sagte: Warum erwartest du Eirik lieber als andere Könige, den
+Fürsten in Odins Sälen? Odin antwortete: Weil er in manchen Landen das
+Schwert gerötet und weithin die blutige Waffe trug. Sigmund sagte:
+Warum nahmst du dem König den Sieg, wenn dir der Treffliche so kühn
+däuchte? Odin antwortete: Weil es ungewiss ist, wenn der graue Wolf zum
+Sitze der Götter kommt (d. h. wenn der letzte Kampf anhebt)! Sigmund
+sprach: Heil dir, Eirik! sei hier willkommen! betrete die Halle, du
+Tapferer! Das will ich dich fragen, welche Fürsten dir folgen aus dem
+Schwertgetöse. Eirik antwortete: Fünf Könige; ich nenne dir aller Name.
+Ich selbst bin der sechste.... Das zweite Lied ist zwischen 961 und 970
+vom Skald Eyvind auf König Hakon den Guten, Eiriks Bruder gedichtet.
+Hakon war beim Volk ausserordentlich beliebt, während Eirik und seine
+Söhne, die nach Hakons Fall zur Herrschaft gelangten, ob ihrer Härte
+willen verhasst waren. Wie Hakon um 935 gegen Eirik zum König gewählt
+wurde, flog die Botschaft wie Feuer durch dürres Gras vom Norden bis
+zur Landesgrenze im Süden, die Leute von Drontheim hätten einen König
+genommen, der in allem dem Harald Harfagr gleiche, nur dass er die
+Last, welche dieser auf das Volk gelegt habe, demselben wieder abnehmen
+wolle. Obwol der König Versuche machte, das Christentum einzuführen,
+that er doch keinerlei Gewalt, bei seinem Tode neigte er eher zu
+den alten Heidengöttern zurück. Sein Andenken lebte in vollständig
+heidnischem Sinn fort gerade im Gegensatz zu den Eirikssöhnen, seinen
+Nachfolgern, die gewaltsam dem Heidentum entgegentraten, weshalb die
+erzürnten Götter Misswachs und schwere Zeit über Norwegen sandten.
+Aus dieser Bedrängniss schweifte die Erinnerung gerne zum guten Hakon
+zurück. Um 961 wurde der König Hakon in der Schlacht bei Fitjar gegen
+die aus England herübergekommenen Eirikssöhne auf den Tod verwundet.
+Von Freund und Feind wurde er betrauert und alle sagten, ein ebenso
+guter König werde nimmer in Norwegen erscheinen. Seine Freunde brachten
+seine Leiche nordwärts gen Saeheim in Nordhordaland. Dort wölbten sie
+einen grossen Hügel und legten den König mit allen seinen Waffen in
+seiner besten Kleidung hinein, aber kein anderes Gut. Sie sprachen über
+seinem Grab die Weihesprüche, wie die Sitte der Heidenleute war, und
+wiesen ihn nach Walhall. Eyvind aber machte ein Gedicht auf den Fall
+des Königs, die Hǫ́konarmǫ́l. Dem Skald schweben die Eiriksmǫ́l vor,
+die mehrfach wörtlich anklingen. Er stellt sich vor, dass der König vom
+Schlachtfeld nach Walhall auffuhr. Gondul und Skogul, die Walküren,
+entsandte der Gauten Gott, Odin, Könige zu kiesen, wer von Yngvis Stamm
+nach Walhall zur Gastung bei Odin fahren sollte. Sie fanden Hakon, den
+König unter dem Kampfbanner. Nun wird die blutige Schlacht, das Wetter
+Odins, das Wetter der Skogul beschrieben. Da sassen die todwunden
+Helden, denen die Fahrt nach Walhall bestimmt war, mit schartigen
+Schilden und zerschossenen Brünnen. Nicht frohgemut war die Schar. Da
+sprach Gondul auf den Gerschaft gestützt: Nun wächst der Götter Glück,
+weil die Waltenden Hakon mit einem grossen Heere zu sich heim entboten.
+Der König hörte, was die Walküren redeten, die herrlichen von Rosses
+Rücken. Sinnend erschienen sie, in Helmen waren sie, Schilde hielten
+sie vor sich. ‚Warum, o Skogul der Gere, teiltest du so die Schlacht?
+wir waren doch wert, Sieg von den Göttern zu erhalten.‘ ‚Wir walteten,
+dass du das Feld behieltest, aber deine Feinde flohen. Nun reiten wir
+zum grünen Heim der Götter, Odin zu sagen, dass der Allwaltende kommt,
+ihn selber zu sehen.‘ Hermod und Bragi, sprach Hroptatyr (Odin), geht
+entgegen dem Fürsten, weil ein König naht zur Halle hierher, der ein
+Kämpe dünkt. Der König sprach, vom Streite war er gekommen, ganz mit
+Blut bespritzt stand er da: Übel gesinnt dünkt uns Odin, wir scheuen
+seinen Sinn! Aller Einherjer Frieden sollst du haben, empfange Bier
+bei den Göttern, du Bekämpfer der Jarle, acht Brüder hast du hier
+drinnen, sprach Bragi. Unsre Rüstungen wollen wir selber behalten,
+sprach der gute König, Helm und Brünnen wol bewahren, gut ist’s bereit
+zu sein. Da wurde es kund, wie der König die Heiligtümer wol verschont
+hatte, weil den Hakon alle Ratenden und Waltenden willkommen hiessen.
+Zur guten Stunde wird der König geboren, der solche Gesinnung sich
+erwirbt; seiner Zeit wird immer im Guten gedacht werden. Entfesselt
+wird der Fenriswolf über den Sitz der Menschen fahren, ehe ein gleich
+guter König seinen verwaisten Stuhl einnimmt. Vermögen stirbt, Freunde
+sterben, Land und Reich verödet; seit Hakon fuhr zu den Heidengöttern,
+geknechtet wird dies Volk.
+
+Aus diesem Lied erhellt, wie die Thätigkeit der Walküren gedacht
+wurde. Sie reiten auf Odins Befehl zu den kämpfenden Heeren. Als
+Schicksalslenkerinnen bestimmen sie, wem der Sieg sich neigt, wer zu
+Tod getroffen wird. Offenbar ist dieses ihr Walten unsichtbar. Aber dem
+Todgeweihten treten sie sichtbar vor Augen und reden zu ihm, gleichwie
+der Todverfallene die Fylgja erblickt. Dann eilen sie zurück nach
+Walhall, melden Odin den Vollzug des Befehles und verkünden ihm die
+Ankunft der Gefallenen. Dass die Walküren die Erschlagenen selber nach
+Walhall geleiteten oder auf ihren Rossen deren Leiber hinauftrugen, ist
+nirgends angedeutet.
+
+Wie in den zwei Skaldenliedern den gefallenen Fürsten in Walhall
+höchste Ehren erwiesen werden, so muss Ähnliches einst auch von Helgi
+berichtet worden sein. Es heisst: Zum Andenken an Helgi ward ein Hügel
+aufgeworfen; als er nun nach Walhall kam, da bot Odin ihm an, mit ihm
+über alles zu walten.[353]
+
+Auf den Glauben an Walhall und die Walküren gründen sich auch die
+Worte des sterbenden Ragnar Lodbrok, die freilich erst im 12. oder 13.
+Jahrhundert gedichtet wurden: Heim entbieten mir die Disen, welche mir
+aus Herjans Halle Odin sandte. Froh werde ich mit den Asen auf dem
+Hochsitz Bier trinken. Verflossen sind des Lebens Stunden, lachend will
+ich sterben.[354] Ebenso singt der sterbende Hadding: Sehen kann ich
+des Fjolnir Mädchen, euch hat Odin mir gesandt; gerne wollte ich nach
+Wingolf folgen und mit den Einherjern Bier trinken.[355]
+
+ * * * * *
+
+Die Walküren boten Anlass zu ausserordentlich schönen Dichtungen,
+indem ihre Liebe zu Helden geschildert wurde. Am meisten ergreift
+die Sage, worin Odins Wunschtochter, dem Drang des fühlenden Herzens
+folgend, Heervaters Gebot bricht. Leider ist von dieser Dichtung nur
+ein kurzer Auszug erhalten. Brynhild, von Sigurd aus den Fesseln des
+Schlafes erlöst, erzählt, dass sie Walküre war. Zwei Könige kämpften
+miteinander: der eine hiess Hjalmgunnar; er war ein gewaltiger
+Krieger, obwol schon hoch in den Jahren, und Odin hatte ihm den Sieg
+versprochen. Aber der andre hiess Agnar, Audas Bruder, den niemand
+schirmen und schützen wollte. Brynhild fällte den Hjalmgunnar, aber
+Odin stach sie zur Strafe dafür mit dem Schlafdorn und bestimmte,
+dass sie niemals wieder in der Schlacht Sieg erkämpfen, sondern
+sich vermählen solle. Sie aber that das Gelübde, sich keinem Manne,
+der sich fürchten könne, zu verloben. Richard Wagner hat uns in der
+Walküre das Verlorene neu gegeben. Die Sage von Brynhild ist auch sonst
+lehrreich. Sie wird einmal _óskmær_[356], Wunschmaid genannt. Sie ist
+eine Erdentochter, aber von Odin zur Walküre gemacht. Es muss demnach,
+obwol sie sonst nicht mit der wünschenswerten Klarheit begegnet, die
+Vorstellung geherrscht haben, dass Odin die Schaar der Walküren durch
+Wunschtöchter, durch Aufnahme waffenkundiger Schildmädchen vermehrte.
+Ob sie in Walhall wohnten und dort gleich den andern Dienst thaten,
+wird nicht gesagt. Aber in der Schlacht hatten sie ebenso Odins Befehle
+auszuführen. Die Strafe für Ungehorsam war Verlust dieses Amtes, das
+wol ursprünglich an jungfräulichen Stand geknüpft war, und Vermählung,
+womit ihr Heldentum zu Ende geht.
+
+In den nordischen Gedichten treffen wir auch sonst häufig solche
+Schildmädchen, welche auserwählte Helden im Kampfe beschirmen und
+aus Liebe einen Ehebund mit ihnen eingehen. Da sie Töchter irdischer
+Könige sind, aber auch Walküren genannt und mit übermenschlichen Zügen
+ausgestattet werden, darf man wol auch sie als solche Wunschtöchter
+Odins auffassen, wie es Brynhild war, obschon nirgends mehr eine
+Beziehung zu Odin und Walhall verlautet. In den Schwanmädchen des
+Wolundliedes, welche Wolund und seine Brüder in ihre Gewalt bringen,
+indem sie die Schwanhemden (_álptarhamir_) der Mädchen raubten, tritt
+die kampfsuchende, behelmte Walküre nur wenig hervor, jedenfalls ohne
+Einfluss auf die Handlung. Dass Walküren zugleich Schwanmädchen sind,
+zeigt sich auch bei Brynhild. Agnar hatte einst sie und acht Schwestern
+sich dienstbar gemacht, indem er ihre Schwanhemden an sich nahm
+(Helreiþ 7). Vielleicht wusste die Sage, dass Odin seine Wunschtöchter
+mit wunderbaren Eigenschaften, mit Luftrossen und Federgewand begabte,
+dass sie wie die göttlichen Walküren ihres Amtes walteten. Dem Helgi
+Hjorwardsson, der seine Jugend stumm und namenlos verbrachte, erschien
+Swawa, die Tochter des Königs Eylimi mit acht andern Walküren. Sie
+gab ihm Namen und Verstand und wies ihm ein tüchtiges Schwert. Die
+Walküre erweckte also den jungen Mann erst zum Bewusstsein seiner
+Heldenschaft. Oft schirmte sie ihn seitdem in Schlachten. Wie einst
+eine Riesin den Schiffen Helgis Schaden thun wollte, wehrten es die
+Walküren. Schliesslich vermählten sich Helgi und Swawa. Dass Swawa
+nach wie vor Walküre blieb, wie der Aufzeichner des Helgiliedes sagt,
+ist unglaublich. Dass sie aber, wie auch sonst irdische Königsfrauen,
+in der Not zum Schutze des Geliebten wieder zu den Waffen griff, wäre
+wol zu verstehen. Auch im Lied von Helgi Hundingsbani erscheint Sigrun
+mit den behelmten Mädchen dem Helden auf einer Seefahrt. Sie ruft
+seinen Schutz an. Ihr Vater Hogni will sie dem Hodbrodd vermählen.
+Helgi erkämpft sich selber die Braut. Wie er mit einer gewaltigen
+Flotte übers Meer segelte, überfiel sie ein gefährliches Unwetter. Es
+leuchtete in den Wolken und Blitze fuhren in die Schiffe, da sahen sie
+in der Luft neun Walküren reiten und erkannten Sigrun. Der Sturm legte
+sich alsbald. Wie der Streit entbrannte, kamen vom Himmel behelmte
+Jungfrauen und schirmten Helgi. Also überall wacht die Walküre über dem
+Geliebten und entscheidet über den Ausgang des Kampfes. Das verlorene
+Lied von Helgi dem Haddingenheld erzählte von der Walküre Kara, die
+im Kampf als Schwan über ihm schwebte. In der Schlacht wider Hromund
+schwang Helgi das Schwert zu hoch und verwundete die Geliebte auf den
+Tod. Da war das Glück von ihm genommen und er erlag dem Feind.
+
+Saxos Erzählungen von solchen walkürenhaften Jungfrauen entsprechen
+genau den eben angeführten. Thorild, die Wittwe des Schwedenkönigs
+Hunding hasste ihre jungen Stiefsöhne Regner und Thorald, würdigte
+sie zum Hirtendienst herab und suchte sie in mancherlei Gefahren
+zu verwickeln. Da machte sich Svanhvit, die Tochter Haddings mit
+ihren Schwestern, die sie zum Gefolge erkoren hatte, nach Schweden
+auf, um den Untergang jener edlen Sprösslinge abzuwehren. Sie fand
+die Jünglinge, welche zur Nachtzeit die Herden hüten mussten, von
+mancherlei gespensterhaften Wesen umschwärmt. Regner trat zur Jungfrau
+und sagte, sie seien Hutknechte über die Herde des Königs. Svanhvit
+aber sagte: Von Königen, nicht von Knechten stammst du, das verrät mir
+der leuchtende Glanz deiner Augen. Sie riet den Jünglingen, eiligst von
+diesem unheimlichen Wege zu weichen, damit sie nicht dem nächtlichen
+Spuk zur Beute würden. Regner erwiderte, er fürchte keine gespenstische
+Macht. Vergebens suchte die Jungfrau seinen Mut wankend zu machen.
+Svanhvit bewunderte die Entschlossenheit des Jünglings, und indem
+von ihrer jungfräulichen Gestalt das Dunkel wich und ein wunderbarer
+Lichtglanz sich über sie verbreitete, bot sie Regnern als Brautgeschenk
+ein herrliches Schwert dar, mit dem er die Nachtgespenster bekämpfen
+könne und das er auch in Zukunft als Held würdig gebrauchen solle.
+Regner kämpfte nun die ganze Nacht hindurch mit diesem Schwert gegen
+die Ungetüme. Später wurde Regner König von Schweden und Svanhvit seine
+Gemahlin. Noch einmal beschützt ihn Svanhvit in einem Kriege, als
+der Feind die schwedischen Schiffe anzubohren versuchte. Als Regner
+stirbt, folgt ihm sein Weib in kurzem aus Kummer.
+
+Svanhvit ist eine Walküre, welche die schlummernde Kraft jugendlicher
+Heldensöhne weckt. Ihre Erscheinung ruft den hindämmernden Jüngling
+auf, er empfängt von ihr das wunderbare Heldenschwert und wird mit ihr
+in unzertrennlicher Liebe verbunden. Auf ihren Luftrossen schwebend
+erweisen die Walküren ihre schützende Gegenwart gegen dämonische Wesen,
+die ihren Günstlingen zu schaden drohen.[357]
+
+ * * * * *
+
+Im Heldenzank des ersten Liedes von Helgi dem Hundingstöter Str. 39
+schilt Sinfjotli den Gudmund einen weibischen Wicht. Er sei eine Hexe
+gewesen, habe zum Weib verwandelt Kinder geboren, er häuft die denkbar
+ärgsten Schmähungen auf ihn. Da heisst es auch:
+
+ Eine Walküre warst du, widriges Scheusal,
+ Ekel und boshaft, in Allvaters Hause;
+ Die Einherjer mussten alle sich schlagen,
+ Verderbliches Weib, um deinetwillen.
+
+Nirgends sonst begegnet die hier auftauchende Vorstellung, dass die
+Walküren unter den Einherjern Zwist und Schlägereien veranlassten.
+Damit fällt ein schlimmes Licht auf die Schenkinnen in Walhall. Ob etwa
+nur vereinzelte Auffassung des Urhebers des Liedes oder allgemeinere
+Anschauung vorliegt, ist beim Mangel andrer Zeugnisse unmöglich zu
+entscheiden.
+
+ * * * * *
+
+Geschichtliche Zeugnisse melden von germanischen Frauen, welche
+gewappnet in den Reihen der Männer mitkämpften.[358] Die nordischen
+Frauen waren besonders kampflustig. In der Wikingerzeit standen
+Schiffe öfters unter dem Befehl von Frauen und Mädchen, welche wie
+Männer gerüstet die Führerschaft übernahmen. So kamen im 10. Jahrh.
+nordische Schiffe von einer rotblonden Maid befehligt nach Irland. Die
+nordischen Sagen sind voll von solchen Schildmädchen. Am berühmtesten
+ist die Herwor der isländischen Sage und Alfhild bei Saxo. In der
+Brawallaschlacht kämpfen mehrere Schildmädchen mit. Von Alfhild wird
+anmutend berichtet, wie sie der Held Alf bezwingt. Da kehrt sie zur
+Frauentracht zurück und wird sein Weib. Man sieht im Schildmädchen,
+dem gar nichts Wunderbares anhaftet, eine Gestalt der Dichtung aus dem
+wirklichen Leben herauswachsen. Das Schildmädchen ist von der Walküre
+genau zu scheiden. Nur die Waffen sind beiden gemeinsam, aber nicht die
+Art. Die Schildmagd hüllt sich trotzig in Männergewand und verteidigt
+ihr Magdtum, die Walküre reitet durch die Luft und übers Meer, um den
+erkorenen Liebling zu grüssen und zu schirmen. Die irdische, Helden
+liebende Walküre, die Wunschtochter Odins, steht gleichsam in der Mitte
+zwischen der echten Walküre, die nur zu Odin oder Walhall gehört, die
+ein göttliches Wesen ist, und der Schildmagd. Wol aber mag sie aus
+letzterer hervorgegangen sein. Heldentum nimmt Odin in Dienst; wie die
+tapferen Helden, freilich erst nach dem Tode, Walvaters Wunschsöhne
+werden, so hebt er die Kampfjungfrau schon im Leben zur Schar seiner
+göttlichen Schlachtlenkerinnen. Er befreit sie aber wol vom Schenkamt
+und verwendet sie nur in Schlacht und Sieg, gleichwie der irdische
+König Gefolgsleute hat, die er nicht zu ständigem Herrendienst, sondern
+nur zu Kriegsdienst verpflichtet.
+
+ * * * * *
+
+In der nordischen Dichtung ist Odins Saal und Reich im Himmel
+gedacht, was schon daraus hervorgeht, dass Walhall unter den andern
+Himmelsburgen aufgezählt wird. Odin hat einen Hochsitz, von dem aus
+er die ganze Welt übersehen kann.[359] Diesen Hochsitz, Hlidskjalf,
+nimmt auch Freyr im Skirnirliede ein. Hlidskjalf wird einmal allgemein
+nach Asgard, in die Götterwelt verlegt, einmal auch nach Walaksjalf,
+worunter wahrscheinlich nur ein andrer Name für Walhall zu verstehen
+ist. Dass der höchste Gott, und als solchen kennt den Odin ja die
+nordische Dichtung, im Himmel thront, muss schon an und für sich
+angenommen werden. So ist alles Dunkel vom Walgott genommen, er strahlt
+im Abglanze irdischen Prachtlebens. Als Walhall wird auch eine irdische
+Königsburg, die Atlis bezeichnet, weil sie an Pracht der Götterhalle
+nicht nachsteht, und die Dingbude eines mächtigen Häuptlings auf
+Island.[360]
+
+
++Odin fordert Opfer.+
+
+Was in der Schlacht fällt, ist Odins Opfer. Mit Speerwurf wurde
+das Heer dem Gotte zugeeignet. Den ersten Weltkrieg, den zwischen
+Asen und Wanen, hatte Odin eröffnet, indem er seinen Speer ins Heer
+schleuderte.[361] Es war alter Brauch, den Speer über die Schar der
+Feinde zu schiessen, um sich selber das Glück zuzuwenden (_til heilla
+sér_).[362] In der Schlacht, die am Ende des 10. Jahrh. zwischen dem
+Schwedenkönig Eirik und seinem Neffen Styrbjorn vorfiel, weihte sich
+Eirik, um den Sieg zu erlangen, dem Odin und gelobte, nach zehn Jahren
+ihm als Opfer zu sterben. Da nahte ihm ein grosser Mann mit einem
+Schlapphut und gab ihm einen Rohrstengel. Den solle er übers feindliche
+Kriegsvolk werfen mit den Worten: Odin hat euch alle! Mit diesem Wurfe
+kam Blindheit über Styrbjorn und sein Heer und ein Bergsturz erschlug
+sie.[363]
+
+Gissur weihte die feindliche Schlachtordnung dem Untergang mit den
+Worten: Erschreckt ist euer König, dem Tod verfallen euer Herzog,
+hinfällig eure Kriegsfahne, gram ist euch Odin. Lasse so Odin mein
+Geschoss fliegen, wie ich vorhersage.[364]
+
+Dag opferte Odin um Vaterrache; da lieh Odin dem Dag seinen Speer. Im
+Walde traf Dag den Helgi und durchbohrte ihn; Helgi stieg zu Odins
+Sälen auf.[365]
+
+In der Geschichte von Wikar ist das Opfer an Odin durch Zeichnung
+mit dem Speer am deutlichsten.[366] Wikar und seine Schiffsgefährten
+müssen wegen widrigen Windes einmal lange liegen. Da befragen sie
+das Loosorakel. Es ergibt sich, dass Odin einen Mann aus ihrer Schar
+verlangt. Das Loos trifft den König Wikar selber, wodurch alle
+bestürzt sind. Starkad schlägt vor, das Opfer nur andeutungsweise zu
+vollziehen. Er steigt unter einer Föhre auf einen hohen Block, biegt
+einen schwanken Ast herab und knüpft daran dünne Kalbsdärme. „Nun
+ist dir hier ein Galgen bereitet, König, der nicht lebensgefährlich
+bedünken wird.“ Wikar steigt auf den Block und legt sich die Schlinge
+um den Hals, Starkad nimmt einen Rohrstab, den ihm sein Pflegvater
+Hrossharsgrani, der verhüllte Odin in der Nacht gegeben, stösst damit
+nach dem König und spricht: Nun geb ich dich dem Odin! Alsbald wird
+der Stab zum Speer, der den König durchbohrt, der Block fällt unter
+seinen Füssen, die Kalbsdärme werden zum starken Weidenstrang, der Ast
+schnellt empor und hebt den sterbenden König ins Gezweig.
+
+Wikar, den Odin auf so grausame Weise als Opfer zu sich nahm, war
+dem Gotte schon vor seiner Geburt verlobt worden. Alfrek, König in
+Hordaland, hatte zwei Frauen. Unter dem Namen Hott (Hut) kam Odin zu
+Geirhild und versprach ihr, König Alfrek werde sie allein zur Ehe
+haben, aber sie müsse in allen Dingen Odin anrufen. Alfrek bestimmte,
+die Frau zu behalten, welche das beste Bier zu brauen vermöge. Sie
+wetteiferten im Brauen, Signy rief Freyja an, Geirhild Odin. Dieser gab
+seinen Speichel statt der Gähre und verlangte als Lohn, was zwischen
+Geirhild und der Kufe sei (das Kind im Mutterleib). Geirhilds Bier
+bestand die Probe. Im selben Halbjahr ward Wikar geboren. König Alfrek
+sagte sein Schicksal voraus, indem er zu Geirhild sprach: Hangen seh
+ich an hohem Galgen dein Kind verkauft an Odin.[367]
+
+Dass ein Kind wie Wikar Odin förmlich verlobt wird, kommt auch sonst
+vor. Eywind Kinnrifa war ein zauberkundiger Opferer, den König Olaf
+der Heilige zu bekehren trachtete. Aber weder freundliche noch harte
+Worte, weder Versprechungen noch Drohungen machten auf Eywind Eindruck.
+Da liess der König ein Becken voll glühender Kohlen auf seinen Leib
+setzen. Da gestand Eywind, er sei eigentlich kein rechter Mensch,
+sondern habe von seinen kinderlosen Eltern nur unter der Bedingung
+erzeugt werden können, dass er zeitlebens dem Thor und Odin diene.
+So sei er diesen vor der Geburt versprochen, nach der Geburt geweiht
+worden und habe diese Weihe später selber erneuert; so mannigfach den
+Göttern hingegeben, könne und wolle er ihnen nicht absagen. Damit starb
+er treu seinem Gelübde.[368]
+
+Siwardus des dänischen Königs Ragnar Lodbrok Sohn wurde in einer
+Schlacht schwer verwundet und in einen naheliegenden Ort gebracht, um
+dort geheilt zu werden. Kein Heilmittel half, die Ärzte gaben ihn
+auf. Da kam ein alter wunderbar grosser Mann zum Bett des Kranken und
+versprach, er werde alsbald den Siwardus gesund machen, wenn dieser
+ihm das Leben aller der Männer, die er im Kampfe erlege, geben wolle.
+Der Fremde nannte sich Rostarus. Siwardus gelobte, das Verlangen zu
+erfüllen. Da legte der Alte seine Hand auf die Wunde, alsbald schwand
+der Brand daraus und sie vernarbte.[369]
+
+Auch neben der Wal verlangt Odin die meisten Menschenopfer, wie
+folgende Sagen beweisen.
+
+König Aun in Schweden opferte Odin um langes Leben. Odin gewährte ihm
+je 10 Jahre für jeden Sohn, den er ihm opfere. Indem er neun Söhne,
+jeden zehnten Winter einen, opferte, erkaufte der König langes Leben
+und ward schliesslich so alt, dass er wie ein kleines Kind zu Bett
+liegen musste und aus dem Horne trank.[370] Das Volk opfert sogar
+seinen König bei eingetretener Hungersnot, um Odin günstig zu stimmen.
+Unter Domaldi opferten die Schweden im ersten Herbst Ochsen, dann im
+zweiten einen Menschen, doch ohne Erfolg. Im dritten Jahr wurde Domaldi
+selber getötet und mit seinem Blut der Opferstein bestrichen.[371]
+Unter Olaf Trételgja entstand wieder Hungersnot, das Volk meinte, weil
+der König kein eifriger Opferer war. Da umringten sie sein Haus und
+verbrannten ihn darin und schenkten ihn dem Odin um gute Jahrzeit.[372]
+
+Der sterbende Krieger spricht die Hoffnung aus, noch am Abend bei Odin
+Gast zu sein, der Sieger hofft, seinen Feind dorthin zu weisen. So
+sagt der todwunde Kari zu König Olaf: Lebt wol, Herr; ich werde bei
+Odin Gast sein.[373] Vor dem Kampf mit den Berserkern sagt Hjalmar zu
+Odd: Wir beide werden am Abend bei Odin gasten und jene zwölf leben.
+Odd erwidert: Die zwölf Berserker sollen bei Odin gasten und wir beide
+leben.[374] Von Rognwald, dem Ragnarsohne, der in der Schlacht fiel,
+sagt Aslaug, seine Mutter: Rognwald rötete den Schild im Männerblut.
+Als jüngster meiner Söhne fuhr er zu Odin.[375]
+
+Helgi Olafsson hatte den Thorgrim Thormodarson im Kampfe getötet.
+Da sang er: Thormods kampfkühnen Erben gab ich dem Odin.[376] Obwol
+Odin Sieg und Glück verleiht, ruft er doch seine Lieblinge durch
+Waffentod zu sich. Am Ende der Laufbahn wird er ihnen gram, wie es in
+der Halfssage[377] heisst. Wie Half zu Asmund fährt, bei dem er den
+Untergang findet, sagt Innstein: Dir ist Odin gram geworden, dass du
+auf Asmund fest vertrautest. Der Held grollt dem Gott, obwol dieser
+ihn dadurch nur zu seinen Sälen lud. So spricht derselbe Innstein vor
+seinem Fall: Übles haben wir Odin zu lohnen, der solchen König des
+Siegs beraubte.
+
+Nach dem Grimnirlied 8 und nach Snorri kommen nur die waffentoten
+Männer nach Walhall. Dieser Auffassung würde auch die ursprüngliche
+Bedeutung des Wortes, Halle der Wal, der im Kampfe Gefallenen (_wal_ =
+_strages_, Haufe Erschlagener) entsprechen. Trotzdem weilen in Walhall
+Helden, die nicht den Schlachtentod starben, Sinfjotli, der an Gift zu
+Grunde ging, Vanlandi, den die Mara zu Tode trat, fuhr zu Odin[378],
+Halfdan, der an Krankheit umkam, wird zu Odin entboten[379], Ragnar,
+der in der Schlangengrube sein Ende findet, hofft auf Walhall.[380]
+Vorstellungen von der Hölle, einem allgemeinen Seelenheim und von
+besondern Aufenthaltsörtern der Toten, hier der gefallenen Krieger,
+laufen gleichzeitig neben einander her.[381]
+
+
++Odin als Heldenvater.+
+
+Reich entwickelt sind die Sagen, die von Odins Wirken unter den
+Menschen erzählen. Nicht immer offenbart er sich im Glanze der
+Göttlichkeit, meistens tritt er in unscheinbarer Gestalt, als
+Wanderer, an seinen Günstling heran. Mit Rat und That hilft er, was
+er gewährt, ist meistens Sieg. Doch ist seine Gunst nicht beständig,
+am Ende verursacht er selber den blutigen Untergang seines einstigen
+Schützlings, dass dieser also eingehe in Walhalls Wonne. Wenige fügen
+sich dem letzten irdischen Verhängniss mit der erhabenen stillen Grösse
+Sigmunds, der auch darin den Gott verehrt. Dieser treulose Zug an Odin
+gibt Loki den bösen Vorwurf ein:
+
+ Schweige du, Odin, ungerecht teilst du
+ Unter Kriegern des Kampfes Glück;
+ Du gabest oft, dem du geben nicht solltest,
+ Dem Schlechteren Sieg in der Schlacht.[382]
+
+Odin nimmt junge Heldensöhne in eigene Pflege. Er wurde als
+Hrossharsgrani der Pflegevater Starkads, den Odin begünstigte, Thor
+verfluchte. Der Knabe hatte, drei Jahre alt, seinen Vater verloren
+und war Pflegekind König Haralds von Agdir. Durch Heerfahrt brachte
+Hrossharsgrani Starkad in seine Gewalt und erzog ihn auf der
+abgelegenen Insel Fenhring neun Winter lang.[383] Der achtjährige
+Geirröd und der zehnjährige Agnar, die Söhne Königs Hraudung, ruderten
+in einem Boote auf Fischfang hinaus. Da trieb sie der Wind ins weite
+Meer. In dunkler Nacht scheiterten sie an einer Küste, erreichten das
+Land und fanden einen Kleinbauern, bei welchem sie überwinterten. Die
+Hausfrau nahm sich Agnars an, der Bauer sorgte für Geirröd und belehrte
+ihn mit reicher Weisheit. Der Bauer war Odin, das Weib Frigg, die sich
+auf solche Weise Pfleglinge erkoren.[384]
+
+Über dem Wolsungenstamm waltet Odin von Anfang an. Von Sigi ward
+gesagt, er sei ein Sohn Odins. Als Sigi wegen Todschlags friedlos
+wurde, geleitete ihn Odin aus dem Lande und verschaffte ihm
+Heerschiffe. Sigi hatte immer Sieg und eroberte sich ein Reich. Sein
+Sohn Rerir hatte lange keine Kinder. Da flehte er zu Odin und der
+sandte durch sein Wunschmädchen Hljod der Frau des Rerir einen Apfel,
+nach dessen Genuss sie den Wolsung gebar, der ein gewaltiger Krieger
+wurde und allezeit Siegesglück hatte. Der nahm auch das Wunschmädchen
+Hljod zur Frau, und von ihm stammte Sigmund, von diesem Sinfjotli und
+Sigurd. Aus Not und Bedrängniss ringt sich unter des Siegesgottes
+stetiger Leitung der Wolsungenstamm zu gewaltigem Heldentum empor.[385]
+
+König Wolsung vermählte seine Tochter Signy dem Siggeir. Abends,
+als die Männer den Feuern entlang in der Halle sassen, die um einen
+Baumstamm gezimmert war, trat ein unbekannter Mann herein. Der Mann
+war gross, alt und einäugig. Auf dem Kopf hatte er einen breiten Hut,
+er war in einen fleckigen Mantel gehüllt, trug leinene Hosen und war
+barfuss. In der Hand hielt er ein Schwert, das stiess er bis ans Heft
+in den Stamm hinein. Dem sollte es gehören, der es herauszuziehen
+vermöchte. Dann schritt er aus der Halle und verschwand. Die Männer
+versuchten sich alle am Schwert, umsonst. Doch Sigmund, Wolsungs Sohn,
+zog es mühelos heraus. Er führte das Götterschwert seitdem in seinen
+Kämpfen. Als der gealterte Held gegen Lyngwi, Hundings Sohn, focht,
+da kam ein einäugiger Mann mit breitem Hut und blauem Mantel ihm
+entgegen. Er schwang den Speer gegen Sigmund, das Schwert zersprang
+in zwei Stücke. Da war Sigmunds Glück gewendet und er fiel.[386] Als
+Hjordis auf die Walstatt geht, um den schwerwunden Sigmund zu heilen,
+da lässt er es nicht zu. „Odin will nicht, dass ich fürder das Schwert
+schwinge, da es nun in Stücke brach. Ich habe gekämpft, solang es ihm
+gefiel. Wahre die Schwertstücke unsrem Sohn. Daraus wird ein Schwert
+geschmiedet werden, mit dem er Heldenthaten vollbringt. Ich aber will
+nun meine vorausgegangenen Blutsfreunde aufsuchen.“ Odin begabt seinen
+erkorenen Helden mit dem trefflichen Siegschwert, aber er nimmt selber
+das Glück am Ende seiner Tage von ihm. Sigmund erkennt das Walten des
+Gottes, der durch den Waffentod ihn zu sich ladet, nach Walhall, wo
+seine tapfern Ahnen weilen und seiner harren.[387]
+
+Der Dänenkönig Harald Hildetand war von Odin begünstigt, dass kein
+Eisen ihn verletzen konnte. Dafür hatte er die Seelen aller von ihm
+Erschlagenen Odin verheissen. Vor einem Krieg gegen die Schweden
+erschien ihm ein grosser einäugiger Greis mit haarigem Mantel. Der
+nannte sich Odin, behauptete sehr kriegskundig zu sein, und lehrte
+ihn die keilförmige Schlachtordnung sowie auch die Anordnung eines
+Seetreffens. Mittelst dieser Belehrungen trug Harald den Sieg davon.
+Haralds Neffe, König von Schweden, war Ring. Bruni war Haralds
+Vertrauter und trug alle geheimen Botschaften zwischen den Königen
+hin und her. Einst wurde er auf einer Botschaftsreise vom Strom
+verschlungen. Da nahm Odin Brunis Namen und Gestalt an und wusste durch
+trügerische Ausrichtungen die Bande der Freundschaft und Verwandtschaft
+zwischen den beiden zu lösen. Sie kündigten sich schliesslich Krieg
+an und rüsteten sieben Jahre zur Entscheidungsschlacht auf dem
+Brawallafeld in Schweden. Der altersblinde König Harald stand auf
+einem Wagen und erhob seine Stimme, so laut er konnte, seine Schaaren
+anzufeuern. An seiner Statt hatte Bruni die Schlachtreihen in Keilform
+geordnet. Nun begann die ungeheure Schlacht, an der viele gewaltige
+Kämpen und Schildjungfrauen teil nahmen. Das Glück wandte sich gegen
+die Dänen. Der blinde Harald entnahm es aus dem traurigen Gemurmel der
+Seinigen. Er hiess Bruni, seinen Wagenlenker, beobachten, wie Ring
+sein Heer geordnet habe. Lachend erwiderte Bruni, der Feind kämpfe
+in Keilordnung. Bestürzt und erstaunt hierüber fragte der König, von
+wem Ring diese Weise der Heerschaarung erlernt habe, da doch Odin der
+Erfinder und Meister derselben sei und von ihm niemand, als Harald
+selbst, in dieser neuen Kriegskunst unterrichtet worden. Als Bruni
+hierauf schwieg, gemahnte es den König, derselbe sei Odin, und der ihm
+einst befreundete Gott habe, um ihm jetzt zu helfen oder die Hülfe zu
+entziehen, solche Gestalt angenommen. Da begann er ihn anzuflehen,
+dass er den Dänen, welchen er sonst gnädig sich erzeigt, auch diesmal
+den Sieg verleihen möge; auch versprach er, die Seelen der Gefallenen
+dem Gotte zu weihen. Bruni aber, unbewegt durch diese Bitten, warf
+plötzlich den König aus dem Wagen, stiess ihn zu Boden, entriss dem
+Fallenden die Keule und zerschmetterte ihm damit das Haupt. Da liess
+Ring die Schlacht aufhören. Dem gefallenen Harald veranstaltete er eine
+königliche Leichenfeier.[388]
+
+In dieser Sage nimmt Odin wie bei Sigmund seinem Liebling am Ende Leben
+und Sieg. Um durch die gefallenen Helden die Schaar seiner Einherjer
+zu mehren, stiftete er selbst unter Verwandten Streit. Wem Odin Gunst
+gewährt, den holt er sich selber zum Opfer.
+
+Beim Heer der Hunnen, das gegen König Frotho von Dänemark heranzieht,
+befindet sich _Uggerus_ (an. _Yggr_) _vates vir aetatis et supra
+humanum terminum prolixus_, also deutlich der verkappte Odin. Als das
+Heer der Hunnen in Hungersnot gerät, verlässt es Uggerus und geht zu
+Frotho über, dem er die Pläne und Anschläge des Hunnenkönigs verrät.
+Wie in den andern Sagen zeigt sich Odin auch hier unbeständig, indem er
+seinen Günstling plötzlich aufgibt.[389]
+
+Nach nordischer Sage hat Sigurd Vaterrache an den Söhnen Hundings
+zu vollbringen. Mit einer Flotte machte er sich auf. Ein gewaltiger
+Sturm überfiel sie gerade in der Nähe eines Vorgebirges. Auf dem Berge
+stand ein Mann, der sie anrief und Aufnahme forderte. Sie segelten
+ans Land, da ging der Mann an Bord und das Unwetter legte sich. Der
+Mann nannte sich Hnikar. Er wies Sigurd alle Vorzeichen, die für den
+Ausgang eines Kampfes Gutes verkünden, den Angang von Raben und Wölfen,
+von Recken. Den Sieg erringt, wer die Krieger keilförmig zu ordnen
+versteht. Hnikar war Odin, der seinem Lieblingshelden erschien und
+ihm den glücklichen Ausgang seines Unternehmens vorhersagte.[390] Die
+keilförmige Schlachtordnung lehrte Odin seine besondern Günstlinge.
+Die Volsungasaga weiss noch von mehr Erscheinungen Odins zu erzählen.
+Als alter Mann mit grossem Barte trat er zu Sigurd, als er sich ein
+Ross auswählte, und wies ihm Grani, der von Sleipnir stammte. Beim
+Kampfe mit Fafnir nahte er wieder und sagte, wie er den Wurm angreifen
+sollte.[391]
+
+Als Hadding einem Gegner mit Namen Thuning, der ihn mit einer
+Hilfsschaar von Biarmiern bekriegen wollte, entgegenzog und mit seiner
+Flotte an Norwegen vorbeifuhr, sah er am Ufer einen Greis, der eifrig
+mit dem Gewand winkte, dass man an der Küste anfahren sollte. Hadding
+nahm ihn an Bord, obwol seine Gefährten nicht wollten, dass man sich
+damit verweile. Er empfing nun von diesem Fremdling die Anweisung zu
+einer neuen keilförmigen Schlachtordnung. Im Kampfe selbst stellte der
+Greis sich hinter die Reihen, zog aus der Tasche, die ihm vom Nacken
+hing, einen Bogen, der anfangs klein erschien, bald aber sich weiter
+ausdehnte, und legte an die Sehne zehn Pfeile zugleich, die, mit
+kräftigem Schuss auf die Feinde geschnellt, ebensoviel Wunden bohrten.
+Die Biarmier führten durch Zauberlieder ungeheure Regengüsse herbei,
+aber der Greis vertrieb durch Sturmgewölk den Regen. Hadding siegte
+und der Alte schied, indem er ihn ermahnte, glänzende Kriegszüge den
+ruhmlosen, ferne den nahen vorzuziehen, und ihm den Tod nicht durch
+Feindesgewalt, sondern durch eigene Hand weissagte.
+
+Als König Frotho in Kriegen den Schatz seines Vaters aufgezehrt hatte
+und nicht wusste, wie er sein Kriegsvolk weiter erhalten sollte, da
+wurde er von einem herzutretenden Manne ermutigt, einen goldhütenden
+Wurm zu erlegen. Der Mann wies ihm die Mittel dazu. Er soll seinen
+Schild und seinen Leib zum Schutze gegen des Drachen Gift mit
+Stierhäuten bedecken. Die Schuppenhaut des Drachen trotze zwar jeder
+Waffe, aber am Bauch sei eine Stelle, wo das Schwert eindringen könne.
+Frotho fuhr auf die Insel, wo der Wurm hauste, griff ihn an, als er
+von der Tränke nach der Höhle zurückkehrte, und erlegte ihn auf die
+angegebene Weise.[392] Ähnlich berät Odin Sigurd vor dem Kampf mit
+Fafnir.[393]
+
+Odins plötzliches Eingreifen rettet seine Freunde vor dem Untergang. So
+erzählt Saxo[394] von den „Hellespontischen“ Brüdern, welche den Tod
+ihrer Schwester Swavilda an Jarmericus rächen. Der Rat der Zaubrerin
+Gudrun schlug des Königs Krieger mit Blindheit, dass sie die Waffen
+gegen einander erhuben und die Hellespontier mühelos sie erschlugen.
+Während des Getümmels kam plötzlich Odin unter die Kämpfenden und gab
+den Dänen ihr Gesicht wieder. Die hiebfesten Hellespontier hiess er
+durch Steinwürfe töten. Die Wolsungensage[395] erzählt: Auf Hamdir und
+Sorli biss im Kampf kein Eisen. Da kam ein hoher, alter, einäugiger
+Mann und riet, man solle sie mit Steinen zu Tode werfen. Wie Odin
+seine Feinde mit Blindheit schlägt und verwirrt, so nimmt er solche
+Verwirrung von seinen Freunden, vernichtet den gegen sie geübten
+schädlichen Zauber und greift mit gutem Rate ein.
+
+Als der dänische König Hrolf mit grösserem Gefolge auf der Kriegsfahrt
+nach Uppsala sich befindet, kommen sie zum Gehöft eines Bauern namens
+Hrani, der ihnen Nachtherberge anbietet. Auf Hrolfs Zweifel, ob er sie
+alle aufnehmen könne, entgegnet Hrani lachend: Nicht weniger Männer
+hab ich manchmal kommen sehen, da wo ich gewesen bin. Hrani prüft die
+Ausdauer der Gefährten Hrolfs durch Kälte, Durst und Feuer und rät dem
+König, alle, die nicht geduldig ausdauern, zurückzuschicken, so dass
+schliesslich Hrolf nur mit seinen zwölf Recken nach Schweden reitet.
+Auf der Rückkehr sprechen sie wieder bei Hrani vor. Der Bauer bietet
+dem König Waffen, Schild, Schwert und Brünne zum Geschenk. Hrolf will
+nichts annehmen, worüber Hrani sich erzürnt. Nicht bist du so weise,
+wie du dir däuchst, sagt Hrani. Hrolf und seine Helden reiten weiter,
+obwol die Nacht finster ist. Noch sind sie nicht weit gekommen, da sagt
+Bodwar: Zu spät besinnen sich Unkluge. So geht es mir jetzt; es ahnt
+mir, dass wir nicht weislich gehandelt haben, indem wir uns selbst den
+Sieg versagten. König Hrolf erwidert: Dasselbe ahnt mir; dieser Mann
+mag Odin gewesen sein, und in Wahrheit er war einäugig. Sie kehren
+um, aber Bauer und Hof sind verschwunden. So erzieht und kräftigt der
+kampfwerbende Gott die Helden und verleiht kühnen Rat. Aber wie Hrolf
+sein Waffengeschenk ausschlägt, entzieht er ihnen den Sieg und in der
+letzten Schlacht kämpft er selber im Heere der Feinde. Bodwar bemerkt,
+dass allerlei Gespenster gegen Hrolf und seine Helden kämpfen. „Aber
+Odin kann ich nicht erblicken, und doch zweifle ich nicht, dass er hier
+unter uns schwebt, der treulose Sohn Herjans!“ Auch nach Saxos Bericht
+ist Odin unter den Feinden. Bjarco erblickt ihn, als er durch die
+Armbeuge seiner Gattin Ruta schaut.[396]
+
+Dem Berserker Framar hatte Odin beständigen Sieg und Unverwundbarkeit
+verliehen. Aber im Zweikampf mit Ketil Hæng biss dessen Schwert auf
+Framar ein. Sterbend sagte er: Baldrs Vater trog; auf ihn zu trauen ist
+kein Verlass. Also auch in dieser späten Sage kehrt der alte Vorwurf
+von Odins Unbeständigkeit wieder.[397]
+
+Hord wollte den Grabhügel des Kämpen Soti erbrechen, um seine Schätze
+zu gewinnen. Er fuhr in einen dichten Wald, in dem der Hügel lag. Auf
+einer Lichtung erhub sich ein grosses, schönes Haus, davor stand ein
+Mann in blauem Mantel, welcher Hord begrüsste. Er nannte sich Bjorn
+und sagte: Ich war deinen Blutsfreunden hold, das sollst du von mir
+geniessen. Ich weiss, dass du Sotis Grab erbrechen willst. Wenn es euch
+nicht gelingt, dann komm zu mir. Hord ritt nun weiter zu Hroar und sie
+versuchten, den Hügel zu öffnen. Doch soviel sie gruben, am nächsten
+Morgen war der Hügel wieder ganz. Da ritt Hord zu Bjorn zurück. Der gab
+ihm ein Schwert, das solle er in die Hügelwand stossen. So glückte es
+auch. Nach vollbrachter That konnten sie Bjorn nimmer finden und die
+Leute glaubten fest, es sei Odin gewesen.[398]
+
+Sinfjotli war an Gift, das ihm seine Stiefmutter Borghild zu trinken
+gab, gestorben. Sigmund trug ihn eine weite Strecke in seinen Armen und
+kam zu einem schmalen und langen Meerbusen; am Ufer lag ein kleines
+Schiff und darin war ein Mann. Der erbot sich, den Sigmund über den
+Meerbusen zu fahren. Als aber Sigmund die Leiche ins Bot getragen
+hatte, war kein Platz mehr darin. Da sagte der Mann, Sigmund möge
+zu Fuss um den Meerbusen herumgehen. Darauf stiess der Mann mit dem
+Boote ab und war sogleich verschwunden. Hier ist angespielt auf den
+Volksglauben, dass die Seelen auf einem Schiff ins Gebiet der Unterwelt
+fahren, auf die nordische Sitte, die Gestorbenen auf einem Schiffe
+den Wogen zu überlassen. Der Ferge wird aber Odin selber sein, der ja
+auch als Harbard in solcher Eigenschaft erscheint. Er nimmt so den
+Sinfjotli, der nach Walhall eingeht, selber in Empfang.[399]
+
+
++Odin gewährt Fahrwind und Reichtümer.+
+
+Die alte Natur des Windgottes bricht bei Odin noch durch, wenn er um
+gute Schifffahrt angerufen wird. Hallfred thut ein Gelübde an Odin
+und Thor, wenn er Fahrwind aus Norwegen nach Island erhält.[400]
+Im Hyndlalied 3 heisst es, Odin gibt dem Seemann Fahrwind. In den
+Hǫ́vamǫ́l 153 sagt Odin:
+
+ Einen neunten [Zauber] kenn ich, wenn Not mir dräut,
+ Im Meere zu schirmen mein Schiff:
+ Den Wind beschwör ich auf wogender Flut
+ Und singe in Schlummer die See.
+
+Als Hnikar zu Sigurd an Bord kommt, legt sich alsbald das Unwetter.
+Sonst tritt aber diese Seite Odins in den nordischen Gedichten nicht
+weiter hervor.
+
+Dass Odin Reichtümer spendet, erwähnt das Hyndlalied 3. Auch die
+Ynglingasaga K. 7 sagt, Odin habe um alle verborgenen Erdschätze
+gewusst und sie zu bannen verstanden. Nach späterer schwedischer
+Volkssage, die aber verdächtig scheint und vielleicht auf gelehrtem
+Wege Odin für den Teufel einsetzte, konnte man am Donnerstag Abend auf
+dem Kreuzweg sich in Odins Gewalt geben und empfing dann Geld von ihm.
+Auch wurde Odin zu Gast geladen. Er fuhr in einem grossen von Rappen
+gezogenen Wagen vor, nahm die zugerichtete Mahlzeit ein und liess dafür
+Geld zurück.[401] Aus alter Zeit liegen keine Sagen vor, welche Odin
+als den Spender von Reichtümern zeigen.
+
+
++Odins Liebesabenteuer.+
+
+Odin hat mehrfach Liebesabenteuer erlebt, wie schon die Geschichte
+von Rind zeigte. Im Harbardslied rühmt er sich, wie er auf allgrüner
+Insel Krieger erschlug und Mädchen nachging, die ihm Wonne und Lust
+gewährten, wie er mit feiner Kunst Zauberweiber, Nachtreiterinnen
+verführte.
+
+ „Ich war ferne im Osten, mit einem Fräulein schwatzt
+ ich,
+ Spielte mit der Linnenweissen, verlockte sie zu heimlichem
+ Umgang;
+ Froh machte ich die Goldgeschmückte, und sie gönnte mir
+ Liebesgenuss.“
+
+Auch Riesinnen bezwingt er, Grid oder Hlodyn, die Mutter des Widar.
+Erscheint doch die Erdgöttin, des höchsten Gottes Gemahlin auch als
+Riesenweib. In den Hǫ́vomǫ́l[402] weiss Odin von seinen Liebschaften
+zu sagen. Der Weiber Wort traue der Mann nicht, auf rollendem Rad ward
+ihr Herz geschaffen, darum wohnt Wankelmut drin. Im Rohre sass Odin
+und harrte seiner Liebsten, Billings sonnenschöner Tochter (Rindr?),
+aber umsonst. Da geht er zu ihrem Hause und findet sie im Bette. Sie
+bestellt ihn auf den Abend, damit niemand etwas merke. Er kommt wieder
+voll Hoffnung, aber wehrhafte Krieger wachen, Lichter und Fackeln
+verscheuchen ihn. Noch einmal naht er gegen Morgen. Da liegt eine
+Hündin an der Holden Stelle im Bett fest gebunden.
+
+ „Manch prächtige Maid, prüfst du sie näher,
+ Zeigt den Werbenden Wankelmut;
+ Erfahren hab ich’s, als verführen ich wollte
+ Die listige Jungfrau zur Lust;
+ Kränkenden Lohn that die Kluge mir an,
+ Und nichts genoss ich von ihr.“
+
+ * * * * *
+
+Die Macht kluger und weiser Rede zeigt Odin an der Gunnlodgeschichte,
+wie er den herrlichen Trank Odrerir gewann. Er suchte den Riesen
+Suttung auf, verkappt als Bǫlverk (Unheilwirker), und gewann ihn durch
+wolgesetzte Rede. Auf goldenem Stuhl gab ihm Gunnlod, des Riesen
+Tochter und Odrerirs Hüterin, den Trank des herrlichen Metes. Aber
+üblen Lohn erntete sie für ihre Güte. Bahn schaffen liess Odin des
+Bohrers Mund und das Gestein durchdringen. Rings um ihn ragten der
+Riesen Pfade (d. h. als Schlange schlüpfte er durchs Gestein, das
+durchbohrt war), so wagte er Leben und Leib. So stieg Odrerir hinauf
+aus der Berge Tiefe nach Walhall. Tags darauf kamen die Riesen gen
+Asgard und forschten nach Bolwerk. Einen Meineid schwur Odin; um den
+Met trog er Suttung und versenkte Gunnlod in Gram. Der Bericht der Edda
+weicht mehrfach ab. Bolwerk, der zuerst beim Riesen Baugi, Suttungs
+Bruder, sich als Knecht verdingt hatte, verlangt als Lohn einen Trunk
+Metes. Baugi bohrte durch den Berg, Odin schlüpfte als Schlange hinein,
+drei Nächte ruhte er bei Gunnlod; da erlaubte sie ihm drei Trünke
+vom Met, zu dessen Hut sie gesetzt war. Odin leerte damit den Kessel
+Odrerir und die Becher Son und Bodn, worin der Met aufbewahrt wurde.
+Dann entflog er in Adlergestalt, verfolgt von Suttung, der ebenfalls
+als Ar ihm nacheilte. In Asgard spie Odin den Met in Gefässe, dass
+er so aufbewahrt werde. Einiges hatte er aber nach hinten entsandt,
+wie Suttung ihm zu nahe gekommen war. Das ist der Dichterlinge Teil.
+Suttungs Met aber gab Odin den Asen und den Menschen, welche dichten
+können. Hier also handelt Odin trugvoll an einem liebenden Weib,
+während Billings Maid ihn gefoppt hatte.
+
+In den Liebschaften Odins tieferen mythischen Sinn zu erblicken, ist
+nicht gerechtfertigt. Sie zeigen nur den genussfrohen, lebensheitern
+Edeling, den Krieger und Dichter, der keine Gelegenheit vorbei lässt,
+sich Liebesfreuden zu verschaffen, den höfischen Weltmann, der sich auf
+Frauenherzen versteht. Äusseren Anlass, Odin mit Riesinnen in Verkehr
+zu bringen, gab vielleicht die Vielnamigkeit der Erdgöttin. Wenn Freyja
+Odins Buhle heisst, wenn Freyja dem verlorenen Odr nachzieht, darf an
+Wode erinnert werden, der Frauen jagt. Aber keine bedeutungsvolle Sage
+erwuchs im Norden aus dieser Vorstellung.
+
+
++Odin, der Gott der Weisheit.+
+
+Odin erschien bisher als der Erwecker und Förderer des Heldentums.
+In den folgenden Sagen tritt Odins geistiges Wesen hervor, das er
+immer wieder aufs neue offenbart. Die sogenannte Edda enthält ein
+umfangreiches Lehrgedicht, die Sprüche Hars, des Hohen genannt.[403]
+Im ersten Teil tritt ein Wanderer ein und fordert Gastrecht, zum Dank
+eröffnet er den reichen Schatz seiner Lebensweisheit, Betrachtungen
+über das Verhalten in den verschiedensten Lagen des Alltagslebens;
+im zweiten Teil zeigt der Sprecher den Nutzen kluger, wenn auch
+falscher Rede an einem Liebeserlebniss; im dritten Teil berichtet er,
+wie er durch listige Worte in den Besitz des kostbaren Dichtermetes
+gelangte; im vierten Teil folgen einige praktische Ratschläge; im
+fünften Teil wird der Ursprung von Odins Runenweisheit erzählt, im
+sechsten werden die kräftigen Zaubersprüche, deren er sich rühmt,
+genannt. Um 900 entstanden die Lieder in Norwegen. Sie enthalten die
+Gesamtheit des gehrenswerten Wissens, das Odin besitzt und lehrt. Odin
+also ist der Urquell aller menschlichen Weisheit. Dreierlei Weisheit
+wird hervorgehoben, allgemeine Lebensklugheit, dichterische Begabung,
+Zauberei. Darin ist Odin Meister. Zur Dichterweisheit gehört nach der
+Auffassung der Skalden nicht bloss das Vermögen kunstvoll gesetzter
+Rede, worin ja Odin so erfahren ist, dass er nach der Ynglingasaga
+überhaupt nur im Versmaasse zu sprechen pflegte, sondern ausgedehnte
+Kenntniss der Götter- und Heldensage, mythologische Wissenschaft, und
+darin muss Odin natürlich als Gott alle Menschen weit übertreffen.
+Was die Hǫ́vamǫ́l im allgemeinen Odin zuteilen, zeigen in besonderen
+Fällen viele Sagen, in denen der Gott fast immer verhüllt als Wanderer
+erscheint.
+
+Odin ist Vater des Zaubers.[404] Seinen Beschwörungen und Liedern wird
+umfassende Wirkung beigemessen. Er ist eines Zaubers, „Hilfe“ genannt,
+mächtig, der in allen Anliegen, Kümmernissen und Schmerzen zu helfen
+vermag. Im besondern weiss er Lieder, ärztlich zu heilen, Feindeswaffen
+stumpf zu machen, Fesseln zu sprengen, Geschoss im Fluge zu hemmen,
+dem Runenzauber des Feindes zu begegnen, Flamme zu löschen, Hass
+unter Männern zu versöhnen, Wind und Woge zu sänftigen, Hexen auf dem
+Luftritt zu verwirren, Krieger frisch und heil zur und aus der Schlacht
+zu führen, Gehängte zum Leben oder Reden zu erwecken, Krieger gegen
+Waffen fest zu machen, Frauenliebe zu gewinnen. Liebeszauber übte Odin,
+um die widerspenstige Rind gefügig zu machen.[405] Im Lied von Baldrs
+Träumen übt Odin Totenzauber. Schlimme Träume plagten Baldr. Da ritt
+Odin auf Kundschaft ins Reich der Hölle. Am östlichen Eingang wusste er
+einer Wolwa Grab. Er sang den Leichenzauber, der sie hervorzwang, dass
+sie, die Tote, Rede stand. Vom Schnee beschneit, vom Regen beschlagen,
+vom Thau beträufelt tauchte sie aus der Tiefe empor. Wegtam, Wanderer,
+nannte sich Odin. Auf sein Fragen erfuhr er, dass Hel zu Baldrs
+Empfang gerüstet sei. Das Gedicht schliesst damit, dass die Wolwa Odin
+erkennt und ihn auffordert, heim zu reiten. Kein andrer wird sie mehr
+besuchen vor dem Weltende. Schön ist der Glaube an Odins forschende
+Wanderungsfahrt in die Vorstellung vom bangen Sorgen der Götter vor
+drohendem Untergang hineinverwoben.
+
+Rune bedeutet zunächst Raunen, Geflüster, heimliche Rede, dann
+Geheimniss jeder Art, in Lehre, Zauberei, Lied, Sinnbild, Buchstaben.
+Insbesondere ist bei den Skalden Kunstgeheimniss der Dichtersprache
+mit Rune gemeint, d. h. die bildliche Umschreibung, welche einfache
+Begriffe in Geheimnissen, die nur der Eingeweihte errät, verbirgt. Um
+solche Umschreibungen zu bilden, bedarf es eingehender mythologischer
+und sagengeschichtlicher Kenntnisse. Solche Sinnrunen (_hugrúnar_) hat
+Odin selber erdacht[406], wie überhaupt alle Runenweisheit von ihm
+ausgeht. Tiefsinnige Heimlichkeiten zu ergründen und auszulegen, aber
+auch klugsinnig solche Rätsel zu schaffen und aufzugeben, ist Beruf des
+Dichters. In höchster Vollkommenheit wohnt solche Fähigkeit Odin inne,
+worüber mancherlei Sagen umliefen.
+
+Im Grimnirliede[407] begibt sich Odin in einen Mantel gehüllt unter
+dem Namen Grimnir zu König Geirröd, um seine Gastfreundschaft zu
+versuchen. Aber der König liess den unbekannten Fremdling, der nähere
+Auskunft verweigerte, foltern und zwischen zwei Feuer setzen, um ihn
+zum Reden zu bringen. So sass er acht Nächte, ohne dass jemand um ihn
+sich kümmerte. Nur Agnar, Geirröds zehnjähriger Sohn, trat mit einem
+Trinkhorn zu Grimnir, ihn zu laben. Schon war ihm die Lohe so nahe
+gekommen, dass der Mantel zu brennen anfing. Zum Danke hebt Grimnir
+an, die Herrlichkeit Odins und Walhalls zu verkünden. Er zählt alle
+Namen Odins auf, unter denen er sich den Menschen offenbarte. Zuletzt
+spricht er zu Geirröd und versagt ihm, seinem einstigen Günstling,
+Odins Hilfe und Huld. „Dein Ende sehe ich, Yggr wird besitzen den vom
+Schwert getroffenen Toten. Jetzt kannst du Odin schauen!“ Da sprang
+Geirröd auf, um Odin vom Feuer wegzuführen. Da glitt sein Schwert aus
+der Scheide, er strauchelte und fiel sich darin zu Tode.
+
+Als Gangrad, Wanderer, kehrte Odin beim Riesen Wafthrudnir ein, um ihn
+auszuforschen, ob der weiseste Riese dem Wissen des Gottes gewachsen
+sei.[408] Wafthrudnir richtete zunächst einige Fragen an den Wanderer,
+der bescheiden auf dem Estrich harrte. Als er sein Wissen bewährte,
+lud er ihn in den Saal zur Bank; dort sollten sie zusammen reden und
+das Haupt zum Pfande der Wissenswette setzen. Nun hub der Wanderer zu
+fragen an. Auf alle Fragen, welche den elementaren Weltursprung und
+die Zeit des Untergangs und der Neugeburt betreffen, that der weise
+Riese Bescheid. Wie aber der Wanderer forschte, was Odin dem toten
+Baldr ins Ohr raunte, bevor man ihn auf den Holzstoss hob, da erkannte
+Wafthrudnir, wer ihm gegenübersass, dass er mit todgeweihtem Munde
+sprach.
+
+ „Mit Odin wagt ichs, mich an Einsicht zu messen;
+ Das weiseste Wesen bleibst du.“
+
+Seine geistige Überlegenheit über des Riesen Weisheit bethätigt Odin
+darin, dass er das Wettgespräch so klug wendet, dass es zu seinen
+Gunsten ausgehen muss.
+
+Besondere Beachtung verdienen die Sagen, in welchen Odin unter dem
+Namen Gest die Hallen der Könige besucht und den ihm innewohnenden
+Sagenhort offenbart.[409] König Heidrek hatte gelobt, alle, die sich
+wider ihn vergingen, zu begnadigen, wenn sie ihm ein Rätsel vorlegen
+könnten, das er nicht zu erraten wisse. Nun beging Gest der Blinde,
+ein reicher und mächtiger Mann, einen Frevel gegen den König, indem er
+ihm die Schatzung vorenthielt. Als Heidrek ihn vorlud, opferte Gest
+dem Odin, dass er ihm aus der Bedrängniss helfe. Da nahm Odin Gests
+Gestalt an und trat vor den König. Er legte ihm viele Rätsel vor, die
+Heidrek alle löste. Endlich fragte Gest, was Odin Baldr ins Ohr raunte,
+ehe er auf den Holzstoss gehoben wurde. Da erkannte Heidrek den Frager
+und hieb mit dem Schwert nach ihm. Odin aber schwang sich als Falke
+davon. Ebenso spricht Odin bei den bekehrungseifrigen christlichen
+Norwegkönigen vor. So verschiedenartig die Berichte im einzelnen auch
+sind, die Grundlage bleibt überall dieselbe. Als Olaf Tryggvason einst
+zur Osterzeit beim Gastgebot auf Ogvaldsnes sich befand, kam dahin
+eines Abends ein alter, einäugiger Mann mit herabhängendem Hute; dieser
+Mann wusste von allen Ländern zu sagen und gab Bescheid auf alle Fragen
+des Königs, der an seinen Reden grosses Ergötzen fand und lang in den
+Abend sitzen blieb. Er erzählte von König Ogvald, der in der Nähe im
+Hügel bestattet liege. Noch vieles andre sagte er von Königen und
+alten Kunden. Als der König schon im Bette lag, musste der Gast noch
+erzählen, bis der Bischof zum Schlafen mahnte. Wie der König erwachte,
+verlangte er nach dem Manne, aber er war nicht mehr zu finden. Den
+Köchen hatte er Fleisch gegeben, das sie für Olaf zubereiten sollten.
+Der König aber befahl, den Vorrat wegzuschaffen und sagte, das werde
+kein andrer Mann gewesen sein als Odin. Es solle ihm aber keineswegs
+gelingen, ihn zu betrügen. Olaf der Heilige befand sich beim Gastmahl
+in Wik, da trat vor ihn grüssend ein unbekannter Mann, der um seinen
+Namen befragt sich Gest nannte und beim Hofgefolge verweilen zu dürfen
+bat. Er trug kurzen Rock und über das Antlitz hängenden Hut, war
+blödsichtig und gebartet. Der König machte wenig aus dem Ankömmling,
+wies ihm den Sitz abseits der Gäste an und hiess die Leute wenig mit
+ihm verkehren. Abends aber berief er ihn vor sein Bett und fragte, was
+er von Kurzweil verstehe. Da ward unter ihnen vieles von den Königen
+der Vorzeit und ihren Thaten gesprochen. Auf Gests Frage, welcher von
+den alten Königen Olaf am liebsten gewesen sein möchte, gab dieser
+zur Antwort, ein Heide möchte er überall nicht sein, doch am liebsten
+noch Hrolf Krakis fürstliche Milde haben, unbeschadet des Festhaltens
+am Christenglauben. Gest sprach weiter: Warum wolltest du nicht sein
+wie der König, der Sieg hatte wider jeden, mit dem er Streit führte,
+dem an Schönheit und Fertigkeit keiner in Nordlanden gleich kam, der
+ebenso andern wie sich selbst in Kämpfen den Sieg zu geben vermochte
+und dem die Dichtkunst zu Gebot stand, wie andern Männern die blosse
+Rede? Der König erhob sich da, griff nach dem Messbuch und wollte damit
+nach Gests Haupt schlagen. Du, sprach er, der schlimme Odin möchte ich
+zuletzt sein. Gest aber fuhr wieder dahin, woher er gekommen war, und
+der König lobte Gott, dass dieser unreine Geist, der in Gestalt des
+schlimmen Odins erschienen war, keine Trugrede vorzubringen vermochte,
+die irgend einen Schatten auf die glänzende Blume seines heiligen
+Glaubens geworfen hätte. Ein anderer grosser, unbekannter Mann, der
+bei Olaf dem Heiligen zu Sarpsborg Aufnahme begehrt, nennt sich Toki,
+Sohn Tokis, des Sohnes Tokis des Alten. Noch im Alter sieht man ihm
+an, dass er an Wuchs und Schönheit ein stattlicher Mann gewesen. Sein
+Benehmen ist gefällig, er weiss über alles Bescheid und der König, der
+ihm einen Ehrensitz angewiesen, ergötzt sich sehr an seinen Reden. Er
+erzählt, wie er bei den Königen Half und Hrolf Kraki geweilt und die
+Stärke ihrer Recken erprobt habe. Toki erklärt, primsignet (d. h. mit
+dem Kreuze bezeichnet), doch nicht getauft zu sein. Er sei hergekommen,
+um getauft zu werden. Er verscheidet hernach in weissem Taufgewand.
+Hieran reiht sich endlich auf Olaf Tryggvason bezogen die Sage von
+Nornagest. In Drontheim kommt einmal bei Tagesneige zum König Olaf ein
+grosser bejahrter Mann, der auf sein Befragen angibt, er heisse Gest.
+Gast sollst du hier sein, spricht der König, wie du heissen magst.
+Gest meldet von sich, er stamme aus Dänemark, er sei primsignet, nicht
+getauft, seine Kunst sei, die Harfe zu spielen oder Sagen zu erzählen
+zum Ergötzen der Leute. Seine Kunst bethätigt er, indem er die Sage
+von Sigurd, in dessen Gefolge er geweilt habe, vorträgt. Dann erzählt
+er noch, warum er Nornagest genannt sei. Drei Nornen traten an seine
+Wiege, während über ihm zwei Kerzen brannten. Zwei sagten ihm Glück
+voraus, die dritte aber rief zürnend: Ich schaffe dem Knaben, dass
+er nicht länger leben soll, als die Kerze, die neben ihm angezündet
+ist. Sofort wurde die Kerze ausgelöscht und soll erst an Nornagests
+Todestage wieder entzündet werden. Nornagest verlangt von Olaf Taufe
+und Aufnahme unter sein Gefolge, was ihm zu Teil wird. Eines Tages
+zündet er das Licht an, lässt sich ölen und stirbt, als die Kerze
+niedergebrannt ist.
+
+Ihren vollen Nachdruck behauptet diese mehrgestaltige Gestsage nur in
+denjenigen Darstellungen, nach welchen der alte Odin selbst herantritt
+und nicht in einen menschlichen, wenn auch mit wunderbarem Geschick
+ausgestatteten Wanderer umgewandelt ist. Gast war Odin oft, wenn er als
+Wanderer Einkehr hielt. Wafthrudnir (19) redet ihn als Gast (_gestr_)
+an. Die Begriffe „Wanderer“ und „Gast“ nahmen bei Odin besondere
+Bedeutung an und erhielten den Rang von Namen des Gottes. Sehr schön
+ist Odins Einkehr bei den christlichen Königen, die sich von der
+Erinnerung ans alte Heldentum und seine Sagen nicht lossagen können.
+Das unwiderstehliche Hinneigen zu des Gastes Reden, die plötzliche,
+meist durch bischöflichen Zuspruch erregte Entrüstung, mit der Olaf der
+Heilige dem Gest das Messbuch an den Kopf wirft, zeugen dafür. Weniger
+glücklich ist der Gedanke, den sagenkundigen Gast in Taufkleidern
+sterben zu lassen. Da nimmt es sich für Odin doch besser aus, wenn
+er als übler Geist erscheint. In den Gestsagen gehen noch einmal die
+berühmtesten der alten Helden, Hrolf Kraki mit seinen Kämpen, Half und
+seine Recken, Starkad, die Wolsungen, Ragnars Söhne im Zauberspiegel
+vor der Seele der „gekristneten“ Nordlandskönige vorüber; noch einmal
+hält Odin selber das Heldentum seiner Lieblinge einer neuen Zeit
+gegenüber, dann verschwindet der Heldenvater Odin als ein unheimlicher
+Nachtgeist. Dass er den Königshof besucht, hat guten Sinn. Denn dort
+wurde er im Heidentum am meisten geehrt.
+
+Anders als Odins Einzelwanderungen auf Erden sind seine Fahrten mit
+Loki (Lodur) und Hönir aufzufassen.[410] Diese wandernde Götterdreiheit
+unterliegt dem Verdachte, antikem Vorbild, den wandernden Göttern
+Juppiter, Neptun, Merkur nachgeahmt zu sein. In der Vǫlospǫ́ ist
+ausserdem Anlehnung an die den Menschen erschaffende christliche
+Dreieinigkeit unverkennbar. In den Sagen, welche so eingeleitet sind,
+Iduns Raub und Andwaris Ring, spielt Odin auch gar keine besondere
+Rolle, sondern Loki ist der Handelnde.
+
+Odin, dem Hort aller Weisheit, der den zur Dichtkunst begeisternden
+Trank erwarb, verdankt auch jeder einzelne die geistige Begabung. Nach
+dem Hyndlaliede (3) gibt Odin den Männern Beredtheit und Verstand,
+den Skalden Liedeskunst. Odins Gabe heisst schon bei den Skalden die
+Dichtkunst[411]; als Träger des Odinsmetes bezeichnet sich der Skald.
+Starkad, der in seiner Jugend von Thor mit feindlichen, von Odin mit
+günstigen Geschicken bedacht wurde, erhält von Odin zum tapfern Geist
+die Liederkunst, dass er ebenso fertig dichten als reden könne.[412]
+Dasselbe wird von der Ynglingasaga (Kap. 6) an Odin gerühmt, der also
+einen Teil seines eigenen Wesens auf seinen Günstling überträgt.
+
+
++Wie Odin sein Wissen gewann.+
+
+Odin hat sein Wissen nicht von Uranfang eingeboren, vielmehr erworben.
+Mehrfache Sagen erzählen, wie er zur Weisheit kam, wie er von weisen
+Wesen erfragte, was ihm Not that. Übermenschliches Wissen schreibt
+der Volksglaube der Geisterwelt zu, Seelen, Elben und Riesen. Odin
+verschmäht es nicht, in besonderen Fällen von diesen Rat zu holen;
+wie der menschliche Zauberer sie zu bestimmten Zwecken sich dienstbar
+macht, so handelt auch der Gott. Die Wolwa sang er aus dem Grabe
+auf, dass sie ihm Zukünftiges melde. Von Wassergeistern, die für die
+weisesten gelten, von Riesen, an denen urzeitliches Wissen haftet,
+erkundet Odin, was ihm frommt. Der überlegene Geist eignet sich das
+in der Natur gebotene Wissen forschend an, er belebt so den tot und
+unbenutzt lagernden Weisheitshort. Darin ruht der Grundgedanke der
+Sagen, wie Odin Weisheit gewann. Doch mögen auch allerlei andere
+mythische Bestandteile eingemischt sein; klügelnder Verstand des
+Skalden, nicht reine und ursprüngliche dichterische Empfindung hat die
+hieher gehörigen Vorstellungen ausgebaut.
+
+Sökkvabek (Sinkebach, Sturzbach) heisst der Saal, wo kühle Wogen
+drüber hinrauschen. Dort trinken Odin und Saga alle Tage aus goldenen
+Geschirren.[413] Snorri zählt Saga als die zweite der Asinnen auf,
+die im Range also gleich auf Frigg folgt. Da letzterer Fensalir, die
+geräumigen Meeressäle zugewiesen sind, also beide in der Wassertiefe
+hausen, ist vielleicht Saga nur ein andrer Name der Frigg; die
+Überlieferung hebt freilich die Gemeinschaft beider auf. Auch ist der
+Wohnsitz beider nicht völlig gleich, denn Sökkvabek deutet auf einen
+Wasserfall, Fensalir auf den Meeresgrund. Da die Sonne für Norweger und
+Isländer im Meer zu Rast geht, Odin und Frigg aber Himmelsgottheiten
+sind, verlegte die mythologische Anschauung ihren Sitz auch ins Meer.
+Ins Meer stieg Odin hinab zur Gattin, die er in vielen Dingen zu Rate
+zog. Bei Saga spielt aber noch eine andere Vorstellung herein. Sie
+scheint ursprünglich die Wasserelbin, die im Sturzbach wohnt. Aus
+Quellen und Stromwirbeln wurde seit Alters Weissagung geschöpft, oft
+auch erschien Alb oder Albin, um Kunde zu gewähren. So kann Odins
+Zusammensein mit Saga auf des Gottes Verkehr mit einer Bachnixe
+zurückzuführen sein, die er, sei es um Weisheit zu trinken, sei es um
+der Liebe zu pflegen, besucht.
+
+Muss es bei Saga zweifelhaft scheinen, was Odin bei ihr holt, so
+spricht die Sage von _Mimir_[414] umso deutlicher, dass Odin nach
+seinem weisen Rat verlangt. Die Wolwa sagt zu Odin, sie wisse sein Auge
+im weitberühmten Quell des Mimir verborgen. Allmorgenlich trinkt Mimir
+aus Walvaters Pfand. Ein Strom ergiesst sich mit schäumendem Sturze aus
+Walvaters Pfand. Snorri erklärt das verpfändete Auge Odins damit, dass
+der Gott zu Mimirs Brunnen trat, worin Weisheit und Verstand verborgen
+war. Odin verlangte einen Trunk, erhielt ihn aber nicht früher, als
+bis er sein eines Auge zum Pfande setzte. Das Auge des Gottes barg
+nun Mimir in seinem Quell. Später sagt die Seherin, Odin raunt mit
+Mimirs Haupt, womit vielleicht auf die in der Ynglingasaga erhaltene
+Erzählung angespielt wird. Beim Friedensschluss zwischen Asen und Wanen
+tauschten sie Geiseln. Die Asen entsandten Hönir und gaben ihm den
+weisen Mimir zum Begleiter. Diesem schlugen jedoch die Wanen das Haupt
+ab und schickten es an die Asen zurück. Odin salbte das Haupt so ein,
+dass es nicht verfaulen konnte, und sprach Beschwörungen darüber, dass
+das Haupt ihm Rede stand und verborgene Dinge kund that. Weiter wird
+von dem Ursprung der Denkrunen gesagt, sie habe Hropt (Odin) erdacht,
+geritzt und ersonnen aus dem Trank (d. h. von ihm begeistert), der
+aus dem Schädel Heiddraupnirs und aus dem Horne Hoddrofnirs fliesst.
+Heid-draupnir, Klarheit oder Gold träufelnd, Hodd-rofnir, Hort-brecher
+(d. h. Verteiler des Reichtums) sind vermutlich Beinamen Mimirs, der
+auch Hodd-Mimir, Hort-Mimir, der reiche Mimir heisst. Auf dem Berge
+stand Odin mit Schwert und Helm, da murmelte Mimirs Haupt weise das
+erste Wort und sprach wahre Worte. Endlich wird Mimameid, Baum des
+Mimi genannt. Kein Mensch weiss, aus welchen Wurzeln er wuchs. Wenige
+ahnen, was ihn zu fällen vermag; Feuer und Eisen thuts nicht. In
+Hoddmimirs Gehölz verbirgt sich beim Weltuntergang das Menschenpaar,
+von dem in der neuen Welt ein neues Geschlecht ausgeht. Offenbar ist
+mit diesem wunderbaren Baum die Weltesche, die sonst Yggdrasil heisst,
+gemeint. Die verstreuten Züge geben vereinigt dieses Bild: Aus den
+Wurzeln der Weltesche entspringt der Quell des weisen Mimir oder Mimi,
+dort birgt der Mimirquell sein Haupt. Der Ursprung der Quelle, wie
+Ortsnamen Brunnhaupt, Bachhaupt, Seeshaupt, Salhaupt (des Baches Sal)
+u. ä. zeigen, wird ihr Haupt genannt. Nach dem urweisen Wassergeist
+heisst der Baum auch Mimameid. Mimir (urgerm. *_Mimiaz_) oder Mimi
+(urgerm. *_Mimiō_), der Denkende, war ein allen Germanen bekannter
+Geist der Gewässer, der Beherrscher der Gewässer, die seine Söhne
+heissen (Vǫl. 46), dessen Sitz im Schatten der Wälder unter heiligen
+Bäumen gedacht wurde. Ihm eignete tiefes, unergründliches Wissen.
+Auf besondere Weise ist die Sage im Norden entwickelt und mit Odin
+und dem Weltbaum verknüpft worden. Ob man Odins Einäugigkeit auf die
+Sonne deuten darf, scheint zweifelhaft. Aber vorerst ist keine bessere
+Erklärung gefunden. Dichterische Bildersprache mag die Sonne als das
+Auge des Himmelsgottes bezeichnen, wie die Sonne das Auge des Zeus
+ist. Ihr Spiegelbild im Gewässer ist das andre Auge, das der Gott,
+um Weisheit zu erholen, in den tiefen Quellengrund hinabsenkte. In
+ständigem Verkehr stehen Sonne und Wasser, die Sonne zieht Wasser,
+das Wasser nimmt ihr Bild zum Pfand. So mag zur Not das Verhältniss
+zwischen Odin und Mimir gedeutet werden. Auch das Versinken der
+Sonne im Meer könnte den Mythus veranlasst haben. Liegt die Sonne im
+Quellengrunde, in Mimirs tiefem Brunnen, aus dem alle Gewässer ihren
+Ursprung haben, dann mag auch dadurch die Vorstellung, dass ein Strom
+aus Odins Pfande fliesst, erklärt werden. Die Sage von Odin und Mimir
+ist schwerlich sehr alt, sie ist allzu geistig und weist auf bewusst
+schaffende, kunstreiche dichterische Erfindung. „_Mimirs Haupt_“,
+Quellursprung, wurde später missverstanden, wörtlich genommen. Dazu mag
+auch mitgewirkt haben, dass Mimir an den Fuss des Weltbaumes verlegt
+worden war. Der Weltbaum ist aber der Kreuzesbaum und unmöglich aus
+dem nordischen oder gar germanischen Heidentum allein zu deuten. Der
+Kreuzesbaum steht, wie noch zahlreiche Krucifixe erkennen lassen, auf
+Adams Schädel, auf einem Menschenhaupt. Geheimnissvolle Beziehung webt
+vom Grunde zum Stamm hinauf, von Adam zu Christus. An der Weltesche
+hängt Odin, wie Christus am Kreuzesbaum. So steigt die Sage von Odin
+und Mimir aus ihren einfachen, volkstümlichen, germanischen Anfängen in
+geheimnissvolles Dunkel, in kühne Phantasien auf, deren Entstehung in
+eine bereits von christlichen Einwirkungen erfüllte Zeit fällt.
+
+Odin erzählt in den Hǫ́vamǫ́l:
+
+ 138 Ich weiss, dass ich hing am windbewegten Baum
+ Neun Nächte hindurch,
+ Verwundet vom Speer, geweiht dem Odin,
+ Ich selber mir selbst,
+ An dem mächtigen Baum, von dem Menschen nicht wissen,
+ Aus welchen Wurzeln er wuchs.
+ 139 Man bot mir kein Horn noch Brot zur Labung,
+ Nach unten spähte mein Auge,
+ Ächzend hob ich, hob aufwärts die Runen,
+ Zu Boden fiel ich alsbald.
+ 140 Bestlas Bruder, des Bolthorn Sohn,
+ Lehrte mich wirksamer Weisen neun,
+ Und den Trank erlangt ich des trefflichen Metes,
+ Aus Odrerirs Inhalt geschöpft.
+ 141 Zu gedeihn begann ich und bedacht zu werden,
+ Ich wuchs und fühlte mich wol;
+ Ein Wort fand mir das andere Wort,
+ Ein Werk das andere Werk.
+
+Die Deutung dieser Strophen ist überaus schwierig. Zunächst muss man
+erkunden, welche Vorstellung ihnen zu Grunde liegt, ob die Reihenfolge
+ursprünglich oder zufällig ist, ob Einschaltungen (etwa 140) anzunehmen
+sind, ob wirklicher alter Zusammenhang der Strophen und damit auch der
+darin berührten Ereignisse herrscht, oder ob sie aus verschiedenen
+unabhängigen Gedichten zusammengestellt sind. Es wird nie gelingen,
+über diese verhältnissmässig leichten und einfachen Grundfragen
+Gewissheit zu erhalten, noch weniger natürlich über den Ursprung der
+seltsamen Sage. Wer die Strophen als ein Ganzes betrachtet, kann
+etwa diese Deutung versuchen: Odin wird aus unbekannten Gründen am
+windumrauschten Baum aufgehängt. Ohne Labung hängt er dort und späht
+in die Tiefe. Ächzend erhält er Runenzauber, der ihn erlöst, dass er
+herabfällt. Bolthorns Sohn verleiht ihm kräftigen Zauber und erlabt
+ihn aus Odrerir. Darauf wächst und gedeiht er. Bolthorns Sohn weilt
+offenbar am Fusse des Baumes, der sicherlich die Weltesche ist. Dort
+fanden wir Mimir, also ist der sonst nirgends erwähnte Sohn Bolthorns,
+des Grossvaters Odins, mit Mimir gleichzusetzen, welcher Odins Oheim
+mütterlicherseits wäre. Der ganze Vorgang spielt in Odins früher
+Jugend, weil er danach erst gedeiht und wächst. Aber 140 ist eher aus
+einem ganz fremden Gedicht über Odrerirs Erwerbung hier eingeschaltet,
+wie ja die Hǫ́vamǫ́l gerade an dieser Stelle aus allerlei
+Liedbruchstücken zusammengeflickt sind. Nirgends ist Mimir im Besitz
+Odrerirs, wie man bei obiger Auslegung annehmen müsste. Die Strophe 140
+muss als fremdartig ausgeschaltet werden; sie besagt, dass Odin von
+dem Sohne seines Ahns, einem weisen Riesen neun kräftige Zaubersprüche
+erhielt, mit deren Hilfe er den Dichtermet Odrerir erlangte. Dann
+bleibt nur die Sage übrig, dass der speerdurchbohrte Odin am Baume
+ohne Labung neun Nächte und Tage lang hing, er selber sich selbst
+zum Opfer hingegeben. In die Tiefe spähend hob er Runen auf, die ihm
+Wachstum und Gedeihen brachten. Die Weltesche heisst Yggdrasil, Ross
+des Yggr. _Yggr_ ist ein vielgebrauchter Name Odins, _drasil_ eine
+Benennung des Pferdes. Das Hängen am Galgen wird aber als Reiten auf
+dem Rosse bezeichnet. Yggdrasil heisst demnach _Odins Galgen_. Die
+Weltesche heisst nach dem Gott, der als Opfer in ihrem Gezweig hing,
+und gerade dieses Opfer beschreiben die ausgehobenen Strophen. Bugge
+hat nachgewiesen, wie der speerwunde Odin am Baume Zug für Zug ein
+Seitenstück zum speerwunden Christus am Kreuz, das bei den Germanen
+Galgen genannt wurde, ergibt. Das Kreuz ist aber gerade in seiner
+Eigenschaft als Galgen des höchsten Gottes ein Weltbaum, dessen Wurzeln
+zur Hölle reichen, dessen Wipfel den Himmel rührt, dessen Arme über die
+Erde deuten. Auf zwei entscheidende Punkte kommt es einzig an, für die
+das nordische Heidentum nicht die geringste Voraussetzung bietet, die
+aber ohne Schwierigkeit aus der christlichen Mythologie ihre Lösung
+finden: dass der Gott sich selber opfert und dass der Galgenbaum, an
+dem solches geschah, eben dadurch Sinnbild der Welt wurde. Dass etwa
+Odin mit diesem Opfer den Helden den Weg nach Walhall zeige, wie er
+sich nach der Ynglingasaga, wo er aber als irdischer menschlicher König
+gedacht ist und daher auch sterben muss, mit dem Speere ritzen lässt,
+ist nicht anzunehmen, schon weil der Gedanke gar nirgends angedeutet
+wird. Da hätte Odin auch schwerlich den Galgentod des Kriegsgefangenen,
+welcher den Göttern geopfert wird, gewählt, sondern den Heldentod im
+Schlachtsturm. Yggdrasil, Odins Selbstopfer, wie er vielleicht als
+Har dem Odin, er selbst sich selber, nach der Dreieinigkeit Christus
+Gottvater, die eins sind wie Har und Odin, am Galgen hingegeben wird,
+ist nur als Nachbildung christlicher Vorstellungen verständlich.[415]
+Nimmt man die Strophen 138, 139, 141 als zusammenhängend, so gewann
+Odin damit Runenweisheit, Wachstum und Gedeihen.
+
+
++Odrerir+.
+
+Der Wundertrank _Odrerir_ ist mit der schönen Riesin Gunnlod,
+Suttungs Tochter verknüpft. Gunnlod hütet ihn im Berge. Odin
+gewinnt listig ihre Liebe und damit den Trank. Bereits oben unter
+Odins Liebesabenteuern wurde die Sage mitgeteilt. Dass Riesen im
+Besitze alter Weisheit gedacht wurden, zeigte sich bei Wafthrudnir.
+An Odins Aufenthalt bei Gunnlod gemahnen Volkslieder aus Schweden
+und Dänemark vom Ritter Tinne, den der allbezaubernde Runenschlag
+einer harfespielenden Zwergtochter in den Berg lockt, wo man ihm
+Met einschenkt und er auf goldenem Stuhl einschläft, dann durch
+hervorgetragene Runenbücher vom Zauber entbunden und mit heilkräftigem
+Segen für Streit, Reise und Seefahrt, sowie mit der Gabe, treffliche
+Worte zu sprechen, entlassen wird. Zweifellos ist eine Volkssage von
+Bergjungfrauen, die in das unterirdische Reich hineinlocken, in den
+Kreis der Odindichtungen hineinbezogen worden. Aber mit dem Trank
+Odrerir hat es doch noch besondere Bewandtniss. Odrerir wurde als
+der Begeisterungstrank, der den Sinn erregt, gedeutet; vielleicht
+ist es ursprünglich ein Trank der Verjüngung, _ú-hrerir_, der nicht
+verfallen, altern lässt. In der Odinsdichtung gilt er aber nur als
+der Dichtermet. Suttungs Met ist für die bestimmt, welche gut dichten
+können. Zahlreiche Anspielungen auf den begeisternden Trank, wie ihn
+Odin raubte, dass er aus verborgener Tiefe aufstieg zur bewohnten Erde,
+finden sich bei den Skalden.[416] Dem Odrerir ist noch eine wunderliche
+und umständliche Vorgeschichte angedichtet, wie er entstand und aus dem
+Besitze der Zwerge und Riesen endlich zu den Göttern und Menschen kam.
+Der wenig ansprechenden Erzählung in ihrer Gesamtheit kommt weder hohes
+Alter noch volkstümliche Grundlage zu, sie scheint auf gelehrtem Wege
+ausgesonnen, allerdings noch unter den heidnischen Skalden.
+
+Die Asen und Wanen schlossen auf die Art Frieden, dass sie beiderseits
+an ein Gefäss traten und hineinspuckten. Aus dem Speichel schufen
+die Götter einen Mann namens Kwasir, der war so weise, dass er auf
+alle Fragen Bescheid wusste. Als er auf seinen Wanderungen einmal zu
+zwei Zwergen Fjalar und Galar zu Gaste kam, erschlugen ihn diese und
+liessen sein Blut in zwei Krüge und einen Kessel rinnen: der Kessel
+heisst Odrerir[417], die beiden Krüge Son und Bodn. Unter das Blut
+mischten sie Honig, und daraus ward der Met, durch den jeder, der davon
+trinkt, zum Dichter oder Weisen wird. Die Zwerge sagten aus, Kwasir
+sei am eignen Witz erstickt. Die Zwerge brachten den Riesen Gilling
+und sein Weib hinterlistig ums Leben. Gillings Sohn, Suttung, ergriff
+die Zwerge, ruderte sie ins Meer und setzte sie auf einer Klippe
+aus. Da baten sie um Schonung und boten zur Vaterbusse den kostbaren
+Met. Damit kam es auch zur Sühne. Suttung aber brachte den Met ins
+Gebirge Hnitbjorg und setzte seine Tochter Gunnlod ihm zur Hut. Odin
+kam dahin, wo neun Knechte Gras mähten. Er erbot sich, ihre Sensen zu
+schärfen und zog einen Wetzstein aus der Tasche. Den warf er in die
+Luft. Wie alle darnach haschten, schnitten sie sich mit den Sensen
+die Hälse durch. Odin herbergte beim Riesen Baugi, Suttungs Bruder,
+und nannte sich Bolwerk. Baugi erzählte, dass er auf schlimme Art um
+alle seine Knechte gekommen sei. Da erbot sich Odin, an Stelle jener
+neun allein die Arbeit zu verrichten, wenn er dafür einen Trunk von
+Suttungs Met erhielte. Baugi erwiderte, dass er über den Met nicht
+verfügen könne, da Suttung ihn für sich allein behalten wolle. Doch
+wolle er mit Bolwerk ausziehen und versuchen, ob sie den Met erlangen
+könnten. Hierauf folgt die bereits mitgeteilte Erzählung, wie Odin in
+Schlangengestalt durchs Bohrloch in den Berg schlüpfte.[418]
+
+Die Gewinnung des Wundertrankes durch den Höchsten der Götter wurzelt
+vielleicht in indogermanischen Mythen, wenigstens finden sich
+merkwürdig ähnliche Sagen bei Indern und Griechen[419], zumal wenn man
+den Bericht, dass Odin in Adlergestalt Odrerir entführt, in Betracht
+zieht. Riesische Wesen, Naturmächte befinden sich im Besitz des Soma
+und Nektars. Als Falke holt Indra den Soma zu den Göttern, den Nektar
+aber bringt des Zeus grosser Adler aus einem Felsen im äussersten
+Westen. Den Wundertrank ewiger Jugend, _ú-hrerir_, verwandelten die
+Skalden in den Trank der Poesie, Odrerir. Was in der nordischen
+Mythologie überhaupt zu beobachten ist, bestätigt sich auch hier:
+die ursprünglich physischen Kräfte, die aus den Naturerscheinungen
+erwachsenen Mythen steigern sich mehr und mehr in das Bereich des
+geistigen Lebens. Ob es sich im idg. Mythus um den Regen handelte, den
+der Gott aus der Gewitterwolke hervorlockte, lassen wir dahingestellt.
+Zu Kwasirs Entstehung bietet die des Orion entfernte Ähnlichkeit. Bei
+Hyrieus kehrten drei Götter, Zeus, Poseidon und Hermes ein, empfingen
+Gastmahl und stellten ihm eine Bitte frei. Er wünschte sich einen
+Sohn, hatte aber nach dem Tode seiner Gattin gelobt, sich nicht wieder
+zu vermählen. Da vereinigten die Götter ihr Wasser, vermischten
+es mit dem Staube der Hütte und erschufen den Orion.[420] Besteht
+ein Zusammenhang, so stammt er natürlich nicht aus urverwandter
+Überlieferung, sondern aus später gelehrter Übertragung. Endlich
+begegnet noch ein alter Märchenzug, wie Bolwerk die neun Mähder ums
+Leben bringt. Schon Kadmos und Iason veranlassen die aus der Saat der
+Drachenzähne gewachsenen Krieger durch einen Steinwurf in ihre Mitte zu
+wechselseitigem Mord; ebenso macht es das tapfere Schneiderlein mit den
+zwei Riesen.
+
+ * * * * *
+
+Einer nicht recht verständlichen Strophe der Hǫvamǫl zufolge empfing
+Odin Weisheit von einem Zwerge Namens Thjodreyrir, der „vor Dellings
+Thüren“ d. h. im Tageslicht, bei aufsteigendem Tage Zauber sang:
+
+ 159 Kraft sang er den Asen, den Elben Tüchtigkeit,
+ Hohe Weisheit dem Hroptatyr.[421]
+
+ * * * * *
+
+Noch weniger klar ist die Stelle im Harbardslied:
+
+ Thor:
+
+ 43 Woher nur holst du diese höhnischen Worte,
+ Wie ich höhnischer nimmer gehört sie habe?
+
+ Harbard:
+
+ 44 Ich holte sie von den Männern, den hochbejahrten,
+ Die in den Hügeln der Heimat wohnen.
+
+ Thor:
+
+ 45 Da gibst du den Gräbern einen guten Namen,
+ Wenn du sie Hügel der Heimat nennst.[422]
+
+Wer unter diesen alten Männern gemeint ist, Elbe oder Tote, also wol
+seelische Geister, lässt sich nicht bestimmen. Man erwartet eher, dass
+Odin irgend welche verborgene Weisheit dort erlangt, als nur Hohnworte.
+
+
++Odins Verwandtschaft und Odins Namen.+
+
+Den nordischen Skalden ist Odin der höchste und älteste der Asen. Er
+waltet über alle Dinge, und wie mächtig auch die andern Götter sind,
+so dienen sie ihm doch alle wie Kinder dem Vater. In aufsteigendem
+Aste ist ihm ein Stammbaum ersonnen, der aufs engste mit der
+Schöpfungsgeschichte zusammenhängt. Er ist Sohn des Bur, des Sohnes des
+Buri. Bur (Bor) und Buri bedeuten „_Sohn_“, haben also ursprünglich
+gar nicht den Wert eines Eigennamens. Bur nahm Bestla (Bastbinderin?)
+des Riesen Bolthorn Tochter zur Frau.[423] Odins Brüder heissen Wili
+und We, die eine Zeitlang sein Reich und sein Weib inne hatten. Odins
+Gattin ist Frigg, ihr Sohn Baldr. Mit Jord, der eignen Tochter zeugt
+Odin Thor. Andere Söhne hat er von Rind, Gunnlod, Grid oder Hlodyn,
+Skadi. Odins Verwandtschaft ist nordische, ziemlich junge Erfindung. In
+Odins Sippe begegnen die Begriffe Sohn, Wille, heilig. Sie entspringen
+der Trinität, wo der Gottessohn auch Gottes Wille (_voluntas dei_)
+heisst. We, der Heilige, zielt auf den heiligen Geist. Odins Namen
+Har, der Hohe, Jafnhar, der Gleichhohe, Thridi, der Dritte weisen auf
+denselben Ursprung: altus, altissimus ist Gott, der Sohn ist mhd.
+_ebenhêr_, der heilige Geist wird oft kurzweg die dritte Person, der
+Dritte genannt. Die Namen verharren in abstrakter Leblosigkeit, nur
+Odin handelt.
+
+Die nordischen Dichter legen Odin eine Menge von Eigennamen bei,
+in denen seine gesamte Wirksamkeit teilweise auch nach Seiten, die
+uns wegen mangelnder Überlieferung nimmer verständlich sind, zum
+Ausdruck gelangt.[424] Als Allvater, Vater der Menschen (_aldafađir_,
+_aldagautr_), Allwaltender, Allmächtiger ist er nicht ganz ohne
+christlichen Einfluss seiner Machtstellung nach gekennzeichnet. Ebenso
+sind seine Namen _Hávi_[425], der hohe, _Jafnhár_, der gleich hohe,
+_Tveggi_, der zweite, _þrídi_, der dritte (aus der Dreieinigkeit),
+_Haptaguđ_, Gott der Götter aufzufassen. Odins Beziehungen zu
+Heerfahrt, Kampf und Walfall enthalten die Namen _Heervater_,
+_Herteitr_, der Heerfrohe, _Hertýr_, Heeresgott, _Herjan_, Heerführer,
+_Herblindi_, Heerverblender, _Hjálmberi_, Helmträger, _Siegvater_,
+_Sigtýr_, _Sigmundr_, _Sigtryggr_, siegestreu, _Siggautr_, _Walvater_,
+_Valgautr_, _Atríđr_, _Fastríđr_, der gewaltige Anreitende, _Viđurr_
+(Odin sagt selber, _hétomk Viþorr at vígom_, Grimn. 49). Als Rabengott,
+_hrafnaguđ_, _hrafnfreistađr_ erscheint er seiner Raben wegen, als
+_drauga dróttinn_, Beherrscher der Gespenster, _hangaguđ_, _heimþinguđr
+hanga_, _hangi_, Gott der Gehängten, weil er das wilde Heer führt.
+_Farmaguđ_, _farmatýr_, Gott der Frachten, zeigt Odin als Beschützer
+des Handels, vermutlich in seiner Eigenschaft als Windgott. _Viđrir_,
+der Wetterer, _Váfuđr_, der Schwebende, _Svipall_, der Bewegliche,
+_Þundr_, der Schwellende, _Ómi_, Rufer, Lärmer, können auf den
+Sturmgott zielen. _Geiguđr_, der Schreckliche, ist ein Name Odins und
+eine Benennung des Sturmwindes. Häufig begegnet _Yggr_ (_Uggerus_ bei
+Saxo), der Schreckliche. Den Wanderer zeigen die Namen _Gangráđr_,
+_Gangleri_, _Vegtamr_, weggewohnt, _Víđforull_, Weitfahrer, sein
+Aussehen _Langbarđr_, Langbart, _Hárbarđr_, Graubart, _Síđskeggr_,
+Langbart, _Siđgrani_, Langbart, _Síđhottr_, mit herabhängendem Hut,
+_Blindr_, der Blinde, _Heklumađr_ (vgl. hakulberand), Mantelträger,
+_Grímr_, _Grímnir_, der Verlarvte, _Bileygr_, der Mildäugige,
+_Báleygr_, der Flammenäugige. Auf Odins Weisheit, die oft Trug
+birgt, deuten _Fjǫlsviđr_, vielwissend, _Glapsviđr_, trugwissend,
+_Skollvaldr_, Trugwalter, _Hvatráđr_, scharfsinnig, _Sađr_, wahr,
+_Sanngetall_, wahres ahnend, _Gǫndlir_, Träger des Zauberstabes (?),
+_Oski_, Wunsch, Erwünschtes verleihend. _Ari_, Adler, _Arnhǫfđi_,
+adlerhäuptig, spielen wol auf Odins Verwandlungen an, wenn er nach
+SE. als Adler dem Suttung entflieht; da _Ofnir_ und _Sváfnir_ auch
+Schlangennamen sind (Grimn. 34), könnte Odins Wurmgestalt damit gemeint
+sein. _Vakr_, der Wachsame, _Þekkr_, der Willkommene, _Þrjótr_, der
+Hartnäckige, schildern besondere Sinnesart. _Njótr_, der Geniesser,
+bezeichnet den Gott als Empfänger der Opfer. Namen wie _Hroptr_,
+_Hvedrungr_, _Hnikar_, _Hnikuđr_, _Jalkr_, _Jólnir_ u. a. entziehen
+sich der Deutung. Dieselben Namen gehören zuweilen auch andern Wesen
+und es ist schwer auszumachen, wohin der Name von Rechts wegen zuerst
+gehört. Viele Namen haften an besonderen Sagen und sind wol mit diesen
+entstanden. So berichtet Odin selber im Grimnirlied 49:
+
+ Grimnir hiess ich in Geirröds Halle
+ Und bei Asmund Jalk,
+ Kjalar damals, als ich die Kufen zog,
+ Bei den Thingversammlungen Thror,
+ Widur im Wirbel des Streits.
+
+Von diesen Sagen ist uns nur die von Grimnir bekannt, wo Odin eben als
+Grimnir verlarvt bei Geirröd einspricht. Selten passt der Name so zur
+Sage wie hier.
+
+ * * * * *
+
+Odins Art schildern trefflich die Verse:
+
+ Lasst uns Heervater bitten, seine Huld zu gewähren,
+ Der gern dem Gefolge sein Gold spendet;
+ Dem Hermod gab er Helm und Panzer,
+ Ein schneidiges Schwert schenkt er dem Sigmund.
+
+ Dem einen gibt Sieg er, dem andern Schätze,
+ Weisheit vielen und gewandte Rede;
+ Dem Seemann Fahrwind, dem Sänger Dichtkunst,
+ Männliche Thatkraft manchem Helden.[426]
+
+Alles, was aus den einzelnen und verstreuten Überlieferungen zu
+erfahren war, enthalten diese Worte, die uns ein Gesamtbild Odins
+geben, des Gottes der Helden und Sänger.
+
+Uhland (Schriften 7, 345) schildert Odins Art: Von allen Asen und
+von allen Wesen der Götterwelt äussert Odin weit die mächtigste und
+allgemeinste Wirkung in der Heldensage. Wie er die Wolsungensage vom
+Anfang bis zum Ende durchschreitet, so können wir durch viele andere
+Sagenreihen seine Spur verfolgen. Seine Erscheinung ist von der Art,
+dass er auch dort, wo sein rechter Name verschwiegen bleibt, doch immer
+leicht zu erkennen ist. Einäugig, alt und bärtig, in Hut und Mantel
+gehüllt, tritt er unerwartet und ungekannt in die Königshalle, oder
+steht plötzlich an der Seite des einsamen Heldensohnes, oder verlangt
+vom Vorgebirge aus in das vorübersegelnde Schiff aufgenommen zu werden.
+Auch diese irdische Erscheinung steht in Übereinstimmung mit seinem
+göttlichen Wesen; einäugig ist er, weil er sein andres Auge um einen
+Trunk aus Mimirs Weisheitsbrunnen zum Pfand gesetzt; alt erscheint er
+als der Vater der Götter und Menschen; verhüllt und unter andern Namen
+geht er auch in der Götterwelt aus, die Weisheit der Riesen und der
+unterirdischen Wolwen zu erkunden. Er nimmt auch die Gestalt eines
+bestimmten Menschen an, so diejenige des im Strom verunglückten Bruni,
+des Ratgebers Harald Hildetands. Als ein Bauer, Hrani, bewirtet er den
+König Hrolf Kraki.
+
+So wie wir Odin in der Göttersage von zweierlei Seiten betrachtet, als
+den Forschenden und Kundigen und als den Wirkenden und Kämpfenden,
+so stellt er sich auch in seiner irdischen Thätigkeit nach beiderlei
+Beziehungen dar. In der ersteren tritt er als Gest auf, legt dem König
+Heidrek Rätsel vor, oder versucht noch als Nornagest die christlichen
+Könige, singt und sagt die Kunden aus der alten Heldenzeit. Er, der
+in Asgard mit Saga aus goldenen Schalen trinkt, ist auf Erden selbst
+ein Sagenerzähler und wie er selbst zu singen versteht, wie andere
+reden, so verleiht er auch Starkad die Gabe der Dichtkunst. Noch viel
+mannigfacher ist seine irdische Wirksamkeit in der andern Beziehung,
+als Kampf- und Heldengott. Er wird selbst Stammvater kriegerischer
+Geschlechter und unermüdlich geht er darauf aus, Helden zu erwecken und
+auszurüsten, Zwietracht und Kampf anzustiften. Er stösst das herrliche,
+aber streiterregende Schwert in den Baumstamm des Wolsungenhauses,
+teilt Starkad gute Waffen zu, hilft Sigurd das beste Ross auswählen,
+berät ihn und Frotho beim Drachenkampf, bringt den flüchtigen Hadding
+auf dem Rosse Sleipnir hoch über dem Meer nach seiner Heimat und stärkt
+ihn mit Speise, lehrt Hadding, Sigurd, Harald Hildetand und dessen
+Gegner Hring die keilförmige Schlachtordnung, prüft als Bauer Hrani die
+Kämpfer Hrolfs, die auf seinem Hofe eingekehrt, durch Frost, Feuer und
+Durst, er hat Utstein, dem Recken Halfs in der Jugend das harte Herz
+in der Brust gebildet (Fornald. S. 2, 51). Er trägt als Bruni zwischen
+verwandten Königen zwisterregende Botschaft. Er waltet der Blutrache
+und leiht dazu dem Dag seinen Speer. In der Schlacht erscheint er bald
+hilfreich, bald seinen eignen Günstlingen verderblich. So schwingt er
+dem greisen Sigmund den Speer entgegen und erschlägt den König Harald
+mit der Keule. Er lässt sich von denen, die er begabt und auszeichnet,
+wie von Harald und von Sigurd, König Ragnars Sohne, für dessen Heilung
+die Seelen aller von ihnen Erschlagenen verheissen, er weckt eine Welt
+von Kämpfern und rafft sie heerweise dahin. Er entsendet die Walküren
+zu Jünglingen, um den schlummernden Heldengeist anzufachen; er beruft
+die Totwunden durch ihre Botschaft zu sich. Es ist überall derselbe
+Grund, warum Odin Helden und Heldenstämme pflegt, waffnet, wunderbar
+begabt, warum er sie anfeindet, aufreizt, verderbt. Nicht leere Lust
+am Tode der Tapfern treibt ihn, er bedarf ihrer, der Kampferprobten zu
+jenem grössten und ungeheuren Kampfe, welcher der Welt und den Göttern
+selbst Untergang droht.
+
+So lebt Odin in der Vorstellung nordischer Skalden des 9. und 10.
+Jahrhunderts, sein Geist belebt und erregt in gleicher Weise Götter und
+Menschen.
+
+
+V. Heimdall.
+
+Heimdall ist eine rätselhafte Gestalt. Was von ihm überliefert ist,
+klingt märchenhaft. Das Dunkel, das über ihm schwebt, war bisher noch
+nicht befriedigend zu lichten. Eine Hauptschwierigkeit, mit welcher
+die Erklärung zu kämpfen hat, liegt in den mangelhaften Nachrichten
+über sein Wesen und die mit ihm verknüpften Sagen. Von letzteren sind
+nur unverständliche Auszüge und Anspielungen bekannt. Es hält schon
+schwer, nur die breiteren Grundlagen dieser Überreste mit annähernder
+Wahrscheinlichkeit zu erschliessen; sie mit Sicherheit auf ihren
+Ursprung zurückzuführen ist vollends unmöglich. Von Heimdall war ein
+Gedicht vorhanden, der _Heimdallargaldr_, auf welches Snorri zweimal
+(SE. 1, 102 und 264) verweist. Der Skald Ulf Uggason erwähnt Heimdall
+in der Húsdrápa (zwischen 975 und 980). Ausserdem begegnet Heimdall in
+den Eddaliedern. Also waren Sagen über ihn im 9. und 10. Jahrhundert
+jedenfalls vorhanden. Über den Kreis der norwegisch-isländischen
+Skalden drang Heimdall nicht hinaus, nirgend sonst ist eine Spur von
+ihm nachweisbar.
+
+Heimdall wird als „der über die Welt Glänzende“[427] oder „der
+Hellglänzende“[428] erklärt, als Lichtgottheit. Wie Baldr heisst
+auch er gern der weisse, leuchtende As. Als den Gott, dem überall
+die Frühe, der Anfang angehört, bezeichnete ihn Uhland (Schriften 6,
+14). Darum ist er der geborene Feind Lokis, der das Ende der Welt
+herauf führt. Das Geheimniss, das um ihn webt, lässt ihn vielleicht
+bedeutungsvoller erscheinen, als einen hohen, später verdunkelten und
+zum Markwart des Himmels erniedrigten Lichtgott. In Heimdall soll
+eine besondere Seite des Tiuȥ, sich verkörpern. Ist Tiuȥ der Herr des
+Tages- und Himmelslichtes überhaupt, so wird in Heimdall nur ein Teil
+der Lichtmacht persönlich, das Frühlicht, der anbrechende Tag. Mit
+dieser Auffassung lassen sich zur Not einige der überlieferten Züge
+in Einklang bringen. Andere sehen in Heimdall nur den vergöttlichten
+Regenbogen. Aus dem durch die Welt leuchtenden Bogen sei der Wächter
+dieser Götterbrücke erwachsen, der lichte weithinschauende As, der in
+den Himmelsbergen, den Wolken wohne.[429]
+
+Seiner Erscheinung nach steht Heimdall nahe zu Tiuȥ und seinen
+Sprösslingen. Er ist mit dem Schwerte bewehrt und reitet ein Ross mit
+goldglänzender Mähne. So ritt er zu Baldrs Leichenbrand.[430] Snorri
+entwirft aus den vereinzelten Zügen dieses Gesamtbild von ihm:
+
+Heimdall heisst einer; er wird der weisse Ase genannt und ist gross
+und heilig. Er wurde von neun Jungfrauen geboren, die alle Schwestern
+waren. Er führt auch den Namen Hallinskidi und Gullintanni. Seine Zähne
+sind von Gold; sein Ross heisst Gulltopp. Er wohnt bei der Brücke
+Bifrost an dem Orte, der Himinbjorg heisst. Da er der Wächter der
+Götter ist, so sitzt er dort am Rande des Himmels, um die Brücke gegen
+die Bergriesen zu hüten. Er bedarf weniger Schlaf als ein Vogel und
+sieht bei Nacht ebenso gut als bei Tag, hundert Meilen weit. Er kann
+auch hören, dass das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen
+wächst, sowie überhaupt alles, was einen Laut von sich gibt. Er besitzt
+das Horn, welches _Gjallarhorn_ heisst, und seinen Ton kann man in
+allen Welten hören.[431]
+
+Unter den himmlischen Hallen, welche das Grimnirlied aufzählt, wird
+Himinbjorg als die dem Heimdall geweihte bezeichnet; in behaglichem
+Hause trinkt dort der Wächter der Götter vergnügt den guten Met. Snorri
+(Gylfag. Kap. 17) fügt hinzu: Dieser Saal steht am Rande des Himmels
+am Brückenkopfe, wo Bifrost den Himmel erreicht. Unter „Himinbjorg“,
+den Himmelsbergen sind wol Berge zu vermuten, die hoch in den Himmel
+hineinragen.[432] Bedenkt man, dass die Riesen im Hochgebirge hausen
+und von hier aus nach dem Reiche der Himmlischen spähen, so begreift
+man, dass über und auf den höchsten Gipfeln von den Göttern ein Wächter
+eingesetzt ist, der täglich aufs neue mit dem anbrechenden Lichte die
+Nachtunholde verscheucht und endlich, da das Unheil nimmer abzuwenden
+ist, mit Horneston zum Kampfe ruft.
+
+Über sein Wächteramt, das ihn zum ständigen Ausharren in allen Unbilden
+des Wetters zwingt, spottet Loki, in Urzeiten sei ihm ein leidiges Loos
+auferlegt worden, immer müsse er mit feuchtem Rücken sein und wachen
+als Wächter der Götter.[433] Als Wächter führt Heimdall ein Horn. Sein
+Ertönen ist vom Weltbaum abhängig. Der gellende Ton des Gjallarhornes
+verkündigt das Ende; laut bläst er in die Lüfte. Die Weltesche
+erzittert und der alte Baum rauscht.[434]
+
+Vom Heimdallsgaldr hat Snorri (Gylfag. Kap. 27) zwei Zeilen bewahrt,
+worin der Gott sagt:.
+
+ Mädchen neun waren Mütter mir,
+ Ich lag neun Schwestern im Schooss.
+
+Im Hyndlalied steht mehr über Heimdalls wunderbare Geburt und Kindheit:
+
+
+ 36 Einer wurde in der Urzeit geboren,
+ Strotzend von Kraft aus dem Stamm der Götter;
+ Es gebaren den Sprossen, den speerberühmten[435]
+ Neun Riesentöchter am Rand der Erde.
+
+ 38 Gjalp gebar ihn, Greip gebar ihn,
+ Es gebar ihn Eistla und Eyrgjafa,
+ Es gebar ihn Ulfrun und Angeyja,
+ Imd und Atla und Jarnsaxa.
+
+ [39 [436] Die Erdkraft wars, die den Edlen ernährte,
+ Eiskaltes Meer und des Ebers Blut.]
+
+ [40 [437] Es ward einer geboren, besser als alle,
+ Die Erdkraft wars, die den Edlen ernährte;
+ Als Herrscher, sagt man, sei der hehrste er,
+ Der allen Geschlechtern vereint durch Verwandtschaft.]
+
+Neun Riesenmädchen sind genannt mit Namen, welche auf die Eigenschaften
+der Meereswogen hinzudeuten scheinen, Gjalp die Brausende, Greip
+die Umkrallende, Eistla die rasch Dahinstürmende, Eyrgjafa die
+Sandspenderin, Ulfrun die Wölfische, Angeyja die Bedrängerin, Imd die
+Dunstige, Atla die Furchtbare, Jarnsaxa die mit dem Eisenschwerte
+(die schneidende Kälte). Auch der Meeresgöttin Ran sind neun
+Töchter zugeschrieben.[438] Die Neunzahl bezieht sich auf den
+Seemannsaberglauben über die Aufeinanderfolge von Wellen verschiedener
+Stärke und Färbung, wie er noch heute vorkommt. Darf man die neun
+Mütter Heimdalls mit den neun Wogenmädchen gleichsetzen, so wäre der
+Gott als Sohn der Meereswellen bezeichnet und vielleicht zu deuten
+als der am Himmelsrand übers Meer aufleuchtende Tag. Die Strophen
+entstammen der kleinen Vǫlospǫ́, welche in Trümmern ins Hyndlalied
+eingesprengt ist. Dieses Gedicht ist ziemlich jung. Will man die
+mythische Deutung gelten lassen und versteht man unter den Riesinnen
+am Himmelsrand Wogenmädchen, so wäre wol ost- oder südisländischer
+Ursprung der Sage anzunehmen, da für die dort Ansässigen der Tag aus
+den Meereswogen auftaucht. Denkt man aber unter den neun Riesinnen
+Bergbewohnerinnen, dann könnte die Sage in Norwegen entstanden sein: am
+Himmelsrand auf Bergen wird der junge Tag geboren.
+
+Heimdall wird einmal der dümmste der Asen (_heimskastr ása_)
+genannt.[439] Ob dieser Vorwurf in alter Sagenüberlieferung begründet
+war, ob Heimdall zu den „Vertretern des Stumpfsinns“ im Götterkreis
+etwa gleich Hoenir gehörte, oder ob nur ein boshaftes Wortspiel mit
+seinem Namen vorliegt, lässt sich nicht entscheiden. Heimdall heisst
+bei den Skalden Feind des Loki (_Lokadólg_), Sucher des Halsbandes
+der Freyja (_mensœkir Freyju_), Besucher der Wogenklippe und des
+Singasteines (_tilsœkir Vágaskers ok Signasteins_). Dort nämlich
+kämpfte er mit Loki um das Brísingamen, das Halsband der Göttin. Dabei
+waren beide in Robbengestalt.[440] Der Skald Ulf Uggason behandelte
+diese Sage in einem längeren Gedicht, wovon nur wenige Verse erhalten
+sind: der erfahrene berühmte Wächter des Götterpfades rang am
+Singastein mit dem verschlagenen Sohne des Farbauti, bevor der mutige
+Sohn der neun Mütter die schöne Meerniere (das aus Bernstein oder
+Perlen bestehende Geschmeide) gewann.[441] Die zu Grunde liegende Sage
+erschliesst Müllenhoff[442] also: „Nach einer schon aus dem 10. Jahrh.
+durch die Húsdrápa vollständig bezeugten nordischen Überlieferung stahl
+Loki das Brísingamen und verbarg es hinter oder auf einer Meeresklippe
+fern im Westen, wie man der nordischen Anschauung gemäss annehmen muss,
+aber Heimdall, der allezeit am Rande des Himmels wachende Hüter des
+Zugangs zum Reiche der Götter, schlich sich hinzu in Robbengestalt und
+brachte es nach einem Streit mit dem in gleiche Gestalt verwandelten
+Loki der Freyja wieder.“ Müllenhoff deutet: „Der Morgenröte tritt
+die Abendröte gegenüber. Mit der Abendröte hat Loki der am Morgen
+erschienenen Göttin das Halsband gestohlen. Der Gott aller Frühe bringt
+es zurück. Die Robbengestalt ist nur Hülle der wahren Gestalt der
+zwei Götter.“ Die alte Feindschaft kommt beim letzten Weltkampfe zum
+Austrag, wo die beiden wieder einander gegenüber stehen. Darein ist
+eine wunderliche Schwertsage verflochten.
+
+Heimdall wird ein Schwert zugeschrieben, „_hǫfud_“, Haupt genannt.
+Damit hat es eine besondere Bewandtniss, die zweifellos im verlorenen
+Heimdallsgaldr erklärt wurde. Thatsache ist, dass die Skalden in ihrer
+Bildersprache die Begriffe „Heimdalls Schwert“ und „Haupt“ gleichwertig
+gebrauchen. Das geht deutlich aus Snorris Worten hervor: „Heimdalls
+Schwert heisst Haupt, so ist gesagt, dass er von einem Manneshaupte
+durchbohrt wurde. Davon ist im Heimdallsgaldr geredet und dann wird
+‚Haupt‘ der Tod Heimdalls genannt; denn das Schwert ist des Mannes
+Tod.“[443] Die Skalden haben aus dem Wortspiel Nutzen gezogen; sie
+setzen „Haupt“, den Namen für den Begriff Schwert ein, und dadurch
+entsteht eine recht dunkle und schwierige Kenning. Statt einfach zu
+sagen: Heimdall wurde vom Schwerte durchbohrt, heisst es: Heimdall
+wurde vom Haupt durchbohrt. Nach beliebter Skaldenart wird mit dem
+Begriff „_Haupt_“, der ja nur unter ganz bestimmten Verhältnissen
+Schwert ausdrücken kann, gespielt. Grettir will einmal sagen: ich
+werde mein Haupt bergen; dafür gebraucht er das verschrobene Bild:
+ich werde „Heimdalls Schwert“ bergen.[444] Wird nach dem verlorenen
+Liede Heimdall von „Haupt“ durchbohrt, so kann damit nur gemeint sein:
+er fällt durch seine eigene Waffe. Im letzten Kampf ficht Loki, der
+alte Feind des Gottes, mit Heimdall und beide töten sich gegenseitig.
+Danach muss man annehmen, Loki führt in diesem Kampfe „Haupt“, das auf
+irgend welche Weise in seine Hand kam. Götter und Helden erliegen oft
+nur einer einzigen, bestimmten Waffe, die ihnen selbst gehörte, die
+der Gegner listig sich erwarb. Vielleicht war es auch mit Heimdall
+so. Müllenhoff hat sich bemüht, das Rätsel mit Hilfe dieser Sage zu
+lösen. Sein Ergebniss entbehrt freilich überzeugender Beweiskraft. Aber
+vorläufig ist es die einzige, annehmbare Auslegung. Die verlorene Sage,
+aus welcher die seltsame Kenning „Haupt“ gleich „Heimdalls Schwert“
+geflossen ist, erschliesst er so: Hauptschwert, das überlegene,
+vorzüglichste Schwert heisst Heimdalls Waffe. Er führt es lange, bis es
+in die Hand seines Feindes, des Loki übergeht. Mit gewechselten Waffen
+fechten die Gegner den letzten Kampf aus, und vom eigenen Schwert
+durchbohrt fand Heimdall den Tod. So mag im verlorenen Lied erzählt
+worden sein.
+
+Hohe und niedere Kinder Heimdalls heissen die Menschen. Man erinnert
+sich, dass schon die Germanen zur Zeit des Tacitus die vornehmsten
+Volksstämme als Abkömmlinge des höchsten Gottes betrachteten. An die
+Vorstellung, dass Heimdall der Stammvater des Menschengeschlechtes
+sei, knüpfte um 900 ein norwegischer Dichter an und erzählte, wie
+Heimdall unter dem Namen _Rig_ die Welt durchwanderte, bei drei
+Ehepaaren nach einander einkehrte und die drei Stände, Knechte, Bauern,
+Jarle, die vortrefflich und anschaulich geschildert werden, erzeugte.
+Aus dem Adel erhebt sich der König, in welchem die menschliche
+Ständeordnung gipfelt. Das Gedicht scheint zur Verherrlichung Haralds
+des Schönhaarigen verfasst, der das norwegische Königtum zu bisher
+ungekanntem Ansehn brachte. In Norwegen herrschte also jedenfalls im
+10. Jahrhundert der Glaube, dass Heimdall die Menschen erzeugt und
+in Stände geordnet habe. Das Bestehende wird auf göttliches Gesetz
+zurückgeführt.[445]
+
+Das Geheimniss, in das Heimdall gehüllt ist, würde vielleicht ähnlich
+wie bei Baldr aus fremden Einwirkungen Aufhellung erfahren. Der
+Schwertgott auf den Himmelsbergen mahnt an den das Paradies mit dem
+Schwert hütenden Engel. Heimdalls Kampf mit Loki vergleicht sich
+dem Kampfe Michaels mit dem Drachen oder Satan. Auch dass Heimdall
+bläst, wenn Surtr naht, erinnert an das Horn des Engels beim jüngsten
+Gericht.[446] Nicht Heimdalls Wächteramt und Hornblasen an und für
+sich soll aus fremden Einflüssen erklärt werden, aber dass er am
+Eingang des Himmels wacht und zum Gericht bläst. Dass an eine nordische
+Göttergestalt christliche Engelsvorstellungen sich anschlössen, ist
+sehr wol möglich. Ist einmal die Frage über fremde Einflüsse in der
+nordischen Mythologie entschieden, so dürfte wol auch Heimdalls Gestalt
+deutlicher vor uns treten.
+
+
+VI. Balder.
+
+
+1. Seine Art und Erscheinung.
+
+Baldr, der Leuchtende[447] weist schon in seinem Namen auf seinen
+Ursprung, er ist ein Lichtgott wie Heimdall und Tiuȥ. Er ist ein
+kühner Ritter, seines Rosses Huf weckt Quellen auf; aus solcher Sage
+stammt wol der Name Baldersbrönd, Baldrs Brunnen in Seeland. Saxo
+erzählt freilich nur, Balder habe nachgraben lassen und neue Quellen
+eröffnet.[448] Das Ross folgt dem toten Gott auf den Holzstoss. Baldr
+besitzt auch ein Schiff. Von seinen Waffen ist nirgends die Rede.
+Ist er aber aus Tiuȥ abgezweigt, so gebührt ihm das Schwert und der
+Goldhelm. Baldr ist der Sohn Odins und der Frigg. Wali-Bous und Hermod
+werden als Odins Söhne Baldrs Brüder genannt. Als Ase ist auch Hod
+Odins Sohn (SE. 1, 554 u. 556), aber nirgends wird er als Bruder Baldrs
+betont, was namentlich bei Baldr und Wali-Bous geschieht.
+
+In Breidablik (Breitglanz) hat Baldr sich den Saal erbaut; in diesem
+Lande herrschen die wenigsten Frevel.[449] Von dem Beherrscher des
+strahlenden Glanzes sagt Snorri: Ein Sohn Odins ist Baldr der Gute
+und von ihm ist nur Gutes zu berichten. Er ist der beste Gott und
+alle loben ihn. Auch ist er so schön von Ansehn und so weiss, dass
+ein heller Glanz von ihm ausgeht. Darum hat man auch eine Blume, die
+weisser ist als alle übrigen, mit Baldrs Wimper verglichen. Darnach mag
+man sich vorstellen, wie schön sein Haar und sein Körper beschaffen
+sind. Er ist der weiseste der Asen, versteht am schönsten zu reden und
+übt am liebsten Barmherzigkeit; doch ist das Eigentümliche dabei, dass
+keiner seiner Urteilssprüche in Kraft bleibt. Er wohnt an dem Orte, der
+Breidablik heisst; der ist am Himmel belegen und an jener Stätte darf
+nichts Unreines sich finden.[450]
+
+
+2. Die norwegisch-isländische Baldrsage.
+
+Die Wolwa sagt: Ich sah Baldr, dem blutigen Gotte, Odins Sohne das
+Schicksal entschieden: es stand hoch über dem Feld gewachsen die schöne
+schlanke Mistel (_mistel-teinn_). Aus diesem Stamme, der dünn aussah,
+ward ein gefährliches Unglücksgeschoss; Hod that den Schuss. Bald aber
+wurde Baldrs Bruder geboren, eine Nacht alt kämpfte Odins Sohn. Er
+wusch nicht die Hände, noch kämmte er das Haupt, bevor er Baldrs Feind
+auf den Holzstoss brachte. Frigg klagte über Walhalls Weh in Fensalir
+(Vol. 32/4). Wie die Seherin von der neuen Welt und ihrer Herrlichkeit
+Kunde gibt, da sagt sie:
+
+ Vol. 62. Auf unbesätem Acker werden Ähren wachsen,
+ Alles Böse schwindet, denn Baldr erscheint.
+ Hropts Siegesburg beziehen Hod und Baldr.
+
+Die in der früheren Welt sich befehdet und ums Leben gebracht, wohnen
+versöhnt und einträchtig nachmals bei einander. Die Liebe hat den
+wilden Hass überwunden. Dass Loki Baldrs Tod verschuldet, wol dadurch,
+dass er dem blinden Hod das Geschoss gab und das Ziel wies, geht
+aus seinen prahlenden Worten der Frigg gegenüber hervor: ich hab’s
+verschuldet, dass du Baldr nimmer zur Burg reiten siehst (Lokas. 28).
+Ein besonderes nach der Vǫlospǫ́ und Þrymskviþa verfasstes Lied, das
+aber vielleicht doch noch ins 10. Jahrh. fällt[451], erzählt von
+schlimmen Träumen, welche Baldr plagten. Da ritt Odin zur Hölle und
+weckte die Wolwa aus dem Grabe, um die Zukunft zu erfragen. Für Baldr
+steht in den Sälen der Hel der Met gebraut, für ihn sind die Bänke
+mit Ringen bedeckt, die Dielen mit Gold belegt. Die Asen sind aller
+Hoffnung bar. Hod sendet den Baldr zur Hel, doch Wali, den Rind dem
+Odin im Westen gebiert, wird eine Nacht alt Hod zum Holzstoss bringen
+und Baldr rächen. Das ist der Wolwa Weissagung.
+
+In der zwischen 980 und 990 verfassten Húsdrápa beschrieb der Skald
+Ulf Uggason Baldrs Leichenbrand, wie Freyr auf seinem goldborstigen
+Eber, Heimdall auf seinem Hengste heranritt. Odin kam angeritten von
+Raben und Walküren begleitet. Die Riesin (Hyrrokin) machte das Schiff,
+auf dem Baldr lag, flott, aber Odins Berserker brachten ihr Reittier
+(den Wolf) zu Fall. Im Preislied auf Eirik (um 950) sagt Odin: Alle
+Bankdielen erkrachen, als ob Baldr zurück zu Odins Sälen kehrte. Diese
+Stellen zeigen, dass die Sage von Baldr im 10. Jahrb. allbekannt und
+beliebt war, alle wesentlichen Züge, welche Snorris schöner Bericht
+zusammenfasst, stehen schon in der älteren Skaldendichtung fest.
+Aus dem Ende des 12. Jahrb. stammt eine Strophe des Bischofs Bjarni
+Kolbeinsson auf den Orkneys, worin erwähnt wird, dass alle Wesen über
+den toten Baldr weinten.[452] In der Wissenswette, welche Odin mit
+Wafthrudnir eingeht, fragt er zuletzt:
+
+ Was sagte Odin ins Ohr dem Sohne,
+ Ehe man ihn auf den Holzstoss hob?[453]
+
+Niemand weiss das Geheimniss, als Odin allein. Nirgends wird der
+Schleier gelüftet und Deutungen sind müssig. Im Lied von Hyndla 30
+taucht die junge, gelehrte Meinung auf, wie Baldr auf den Holzstoss
+sank, sei die Zahl der Asen auf elf herabgesunken. Wali rächte Baldr
+und erschlug seines Bruders Mörder.
+
+In den isländischen Quellen tritt Baldr vor allem als der leidende
+Gott auf. Sein Tod ist das Vorspiel zum Untergang der Götter. Umso
+wertvoller im Verein mit dem, was Saxo von Baldr weiss, sind solche
+Stellen, nach denen Baldr als kühner Held, nicht bloss als sterbender
+Unschuldsgott erscheint. Dem lästernden Loki hält Frigg entgegen:
+
+ Lokas. 27 Hätt ich innen in Ägirs Halle
+ Einen Sohn von Baldrs Sinn,
+ Den Ausgang nicht fandst du von der Asen Kindern,
+ Eh du zornig den Zweikampf erprobt.
+
+Im Lied auf Iwar Widfadmi wird der tapfere Halfdan mit Baldr
+verglichen, woraus zu schliessen ist, dass auch Baldr für heldenkühn
+galt.[454]
+
+Baldr wurde von gefahrdrohenden Träumen geängstigt und sagte es den
+Asen. Da nahm Frigg alle Dinge in Eid, dass sie Baldr nicht schadeten,
+Feuer, Eisen und Wasser, Erze und Steine, Bäume und Krankheiten und
+Tiere, Vögel und giftige Würmer. Als nun dieses geschehen war, begannen
+die Asen ein Spiel mit Baldr: er stellte sich auf den Thingplatz
+und nun sollten die einen nach ihm schiessen, die andern nach ihm
+schlagen, die dritten ihn mit Steinen werfen. Nichts von alledem
+that ihm Schaden. Als Loki dies sah, gefiel es ihm übel. Er nahm
+die Gestalt eines Weibes an, begab sich zu Frigg nach Fensalir und
+fragte, ob sie wisse, was die Götter auf dem Thingplatze vornähmen.
+Sie erwiderte, dass alle nach Baldr schössen, dass er aber nicht
+verletzt werden könne. Weder Waffen noch Bäume können Baldr den Tod
+bringen, sagte Frigg, denn von allen habe ich Eide empfangen. Da
+fragte die Frau: Haben alle Dinge Eide geleistet, Baldr zu schonen? Da
+antwortete Frigg: Ein Pflanzenschössling wächst im Westen von Walhall,
+der Mistelteinn heisst; dieser schien mir zu jung, um ihn in Eid zu
+nehmen. Da entfernte sich die Frau, Loki aber ging hin, fasste den
+Mistelzweig und riss ihn heraus. Dann ging er zum Thingplatz. Hod stand
+ganz hinten im Kreise der Männer, denn er war blind. Da sprach Loki
+zu ihm: Weshalb schiessest du denn nicht nach Baldr? Jener erwiderte:
+Weil ich ihn nicht sehen kann und überdies keine Waffe habe. Loki
+sprach: Thue wie die andern Männer auch und schiesse nach Baldr, ich
+werde dir die Richtung weisen. Schiesse auf ihn mit dieser Gerte. Hod
+nahm den Mistelzweig und schoss nach Baldr und durchbohrte ihn. Baldr
+fiel tot nieder. Das ist das grösste Unglück bei Göttern und Menschen.
+Die Asen waren sprachlos und vermochten keine Hand zu regen, einer
+schaute den andern an, und es erfasste sie Grimm wider den, der das
+veranlasst hatte, doch konnten sie an der Friedenstätte nicht Rache
+üben. Alle waren vom heftigsten Schmerz ergriffen, am meisten Odin;
+gesprochen wurde nicht, desto mehr geweint. Als die Götter zu sich
+kamen, fragte Frigg, wer von den Asen sich dadurch ihre Huld erwerben
+wolle, dass er nach Hels Reich hinunter ritte, um Baldr durch Lösegeld
+zurückzuerlangen. Hermod, Odins Sohn, machte sich auf und ritt auf
+Sleipnir hinab. Die Asen nahmen Baldrs Leiche und führten sie zur
+See. Hringhorni hiess Baldrs Schiff, aller Schiffe trefflichstes.
+Das wollten die Götter flott machen, um Baldrs Holzstoss darauf zu
+schichten; aber das Schiff ging nicht los. Da wurde aus Riesenheim
+die Riesin Hyrrokin entboten. Sie ritt auf einem Wolf, Schlangen
+dienten ihr zu Zäumen. Sie stieg ab, Odin rief vier Berserker, das
+Tier zu halten. Sie vermochten es nicht anders, als dass sie es
+nieder warfen. Hyrrokin trat zum Vordersteven und stiess das Schiff
+beim ersten Anstemmen heraus, dass Feuer aus den Rollen fuhr und alle
+Lande erbebten. Da wollte sie Thor mit dem Hammer schlagen, doch die
+Götter erbaten ihr Frieden. Nun ward Baldrs Leib aufs Schiff gehoben,
+und als Nanna, Neps Tochter, seine Frau das sah, brach ihr vor Leid
+das Herz. Da wurde auch sie auf den Holzstoss gelegt. Thor weihte den
+Scheithaufen mit dem Hammer Mjolnir und stiess den Zwerg Lit, der vor
+ihm vorbei rannte, mit den Füssen ins Feuer. Zu diesem Leichenbrand kam
+vielerlei Volk: zuerst Odin, mit ihm Frigg, die Walküren und Raben,
+Freyr auf einem Wagen mit dem Eber Gullinbursti oder Slidrugtanni,
+Heimdall ritt auf seinem Hengste Gulltopp, Freyja kam mit ihren Katzen.
+Auch Reifriesen und Bergriesen waren zugegen. Odin legte den Goldring
+Draupnir auf den Holzstoss, dem nachher die Eigenschaft wurde, dass
+jede neunte Nacht acht gleiche Ringe herabträufelten. Baldrs Ross mit
+allem Reitzeug wurde auf den Scheiterhaufen geführt. Hermod ritt neun
+Nächte durch dunkle und tiefe Thäler, bis er zum Fluss Gjoll kam,
+über den eine goldene Brücke führte. Modgud bewachte die Brücke, sie
+sprach: Gestern ritt Baldr mit fünfhundert Begleitern über die Brücke;
+nicht weniger kracht die Brücke, wenn du allein sie betrittst. Dann
+ritt Hermod zum Höllengitter, dort sattelte er sein Ross fester und
+gab ihm die Sporen, dass der Hengst hinübersetzte, ohne mit den Hufen
+anzustreifen. Hermod trat in die Halle und erblickte seinen Bruder
+auf dem Hochsitz. Er verweilte eine Nacht. Am andern Morgen verlangte
+Hermod von der Hel, Baldr sollte mit ihm heimreiten, und er sagte,
+wie sehr die Asen um ihn klagten. Da sprach Hel, sie wolle versuchen,
+ob wirklich Baldr so sehr geliebt werde. Wenn alle Dinge, lebende und
+tote, ihn beweinten, dann solle er zu den Göttern zurückkehren, wenn
+aber jemand nicht weinen wolle, dann müsse er bei der Hel bleiben. Da
+erhob sich Hermod, Baldr sandte Odin den Ring Draupnir zum Andenken,
+Nanna der Frigg ein Kopftuch, der Fulla einen goldenen Fingerreif. Da
+ritt Hermod heim nach Asgard und erzählte, was er ausgerichtet. Die
+Asen forderten nun alle Welt auf, Baldr aus der Hölle loszuweinen, und
+alle Wesen weinten, Menschen und Tiere, Erde und Gestein, das Holz und
+alles Metall (wie du selbst gesehen haben wirst, dass diese Dinge alle
+weinen, wenn sie aus der Kälte in die Wärme kommen). Doch in einer
+Berghöhle sass eine Riesin, die nannte sich Thokk. Auch diese forderten
+die Götter auf, Baldr aus der Hölle loszuweinen; sie aber sprach:
+
+ Mit trocknen Thränen wird Thokk beweinen,
+ Dass Baldr den Brandstoss bestieg;
+ Im Leben nicht bracht er noch als Leiche mir Nutzen:
+ Behalte Hel, was sie hat.
+
+Das Weib aber war Loki, der das meiste Böse unter den Asen vollbrachte.
+
+Snorris Bericht ist vermutlich auf poetische Darstellung gegründet,
+wie die mitgeteilte Strophe und einige Spuren von Stabreimen in der
+Prosa beweisen.[455] Seine Erzählung lässt sich Zug für Zug aus den
+heidnischen Skaldengedichten belegen und hat darum Gewähr der Echtheit.
+Nur dass alle Wesen um Baldr weinten, steht erst bei einem christlichen
+Skalden, beim Bischof Bjarni. Hermods Höllenfahrt, die damit
+zusammenhängt, bezeugt nur Snorri. Sicher schloss sich unmittelbar die
+Erzählung von der Blutrache an, wie Odin mit Rind den Wali erzeugte,
+der Hod, Baldrs Mörder zum Holzstoss brachte. Vermutlich folgte auch
+Lokis Strafe, die Fesselung, welche die Vǫlospǫ́ und Snorri (K. 50)
+an Baldrs Tod anschliessen. Denn das ist die grösste Unthat, die Loki
+beging, und darum traf ihn Fesselung, in der er ausharren muss bis zum
+Weltende. Solange Hod der allein verantwortliche Töter Baldrs ist,
+hat die Sage nur von Blutrache an ihm zu berichten. Aber sobald Loki
+eingreift, verlangt die Gerechtigkeit seine Bestrafung und lässt
+entsprechend Hod zurücktreten, von dem die isländischen Quellen gar
+nichts Bemerkenswertes mehr wissen.
+
+
+3. Die Baldersage bei Saxo.
+
+Umso mehr tritt Hotherus bei Saxo hervor, welcher im 3. Buche die
+Baldrsage folgendermaassen berichtet:
+
+Hotherus, ein schwedischer Königssohn, der nach Hiartvarus König von
+Schweden und Dänemark wurde, zeichnete sich in seiner Jugend durch
+Körperkraft, Schönheit und Meisterschaft in allerlei Saitenspiel
+aus. Der Jüngling, der sich vor seinen Altersgenossen durch Stärke
+und Kunstfertigkeiten hervorthat, wuchs in der Hut des norwegischen
+Königs Gevarus auf. Seine Tochter Nanna liebte den Hotherus um seiner
+Vorzüge willen. Es geschah, dass Balderus, Odins Sohn, Nanna beim
+Baden erschaute und durch die leuchtende Schönheit ihres Leibes von
+unbezwinglicher Liebe ergriffen wurde. Da beschloss er, den Hotherus,
+von dem er eine Störung seiner Wünsche befürchtete, mit dem Schwert
+umzubringen, damit seine ungeduldige Begierde nicht durch ein Hemmniss
+aufgehalten werde. Ungefähr um diese Zeit verirrte sich Hotherus auf
+der Jagd und kam zu einem Hause, wo einige Waldmädchen (_virgines
+silvestres_) ihn beim Namen grüssten. Er fragte, wer sie seien. Sie
+antworteten, sie hätten über das Kriegsglück zu entscheiden; oft seien
+sie unsichtbar in den Schlachten zugegen und gewährten ihren Freunden
+mit heimlicher Hilfe den gewünschten Erfolg. Sie könnten nach ihrem
+Belieben Glück und Unglück bringen. Sie fügten bei, Balderus sei für
+Nanna entbrannt, und warnten, ihn mit Waffen anzugreifen, denn er
+sei ein Halbgott (_semideus_). Im selben Augenblick verschwand das
+Haus, Hotherus sah sich plötzlich im freien Feld. Er wunderte sich
+und wusste nicht, dass alles nur Blendwerk war. Bei seiner Rückkehr
+erzählte er Gevarus sein Erlebniss und warb um seine Tochter. Gevarus
+erwiderte, er würde gern einwilligen, wenn er nicht des Balderus Zorn
+durch eine Absage sich zuzöge, da dieser zuerst um Nanna geworben
+habe. Denn nicht einmal Eisen könne Balders gefeitem Leibe (_sacram
+corporis firmitatem_) schaden. Doch setzte er hinzu, er wisse von
+einem unter festem Verschluss gehaltenen Schwerte, womit Balderus
+getötet werden könne. Es sei im Besitze des Waldgeistes Miming (_hunc
+a Mimingo sylvarum satyro possideri_). Diesem sei auch ein Armring
+(_armilla_) zu eigen mit der wunderbaren Eigenschaft, den Reichtum
+des Besitzers zu vermehren. Doch sei der Zugang zu seinem Wohnort den
+Menschen sehr beschwerlich. Auf dem grössten Teil des Weges herrsche
+stets ungewöhnliche Kälte. Auf einem geschwinden von Hirschen gezogenen
+Wagen solle er die kalten Bergjoche durcheilen. Am Ziel angelangt,
+solle er sein Zelt so aufschlagen, dass es den Schatten von Mimings
+Höhle auffange, doch nicht auch ihn selbst treffe und dadurch vom
+Herauskommen abschrecke. So werde ihm Ring und Schwert zum Lohne
+werden. Soweit Gevarus. Hotherus führte die Weisungen genau aus. Tag
+und Nacht lag er auf der Lauer. Nachts verdunkelte einmal Mimings
+Schatten den Zelteingang, da schlug ihn Hotherus mit dem Speere nieder
+und fesselte ihn. Er bedrohte ihn heftig und forderte Ring und Schwert.
+Zur Lösung seines Lebens erlegte Mimingus beides. Froh kehrte Hotherus
+mit den Beutestücken heim. Nun folgt ein Kampf mit dem Sachsenkönig
+Gelderus. Dem Besiegten gewährte Hotherus mit grosser Milde den
+erbetenen Frieden. Für Helgo, König von Halogaland warb Hotherus um
+Thora, des Finnenkönigs Cuso Tochter. Inzwischen rückte Balderus mit
+Heeresmacht in des Gevarus Land, um Nanna zu fordern. Gevarus verwies
+den Freier an die Jungfrau selber, die seinen einschmeichelnden
+Bewerbungen widerstand unter dem Vorwand, Menschen und Götter passten
+nicht zusammen. Die Götter selber würden oft die Bande zerreissen,
+die sie an sterbliche Frauen knüpften. Es kam nun zum Krieg zwischen
+Hotherus und Balderus, zwischen Menschen und Göttern. Auf Balders Seite
+kämpften Odin und Thor und der Götter heilige Scharen. Hotherus, mit
+einer hieb- und stichfesten Brünne angethan, durchbrach die dichtesten
+Scharen der Götter. Thor führte eine Keule (_clava_), der nichts
+widerstand. Der Sieg hätte sich den Himmlischen geneigt, wenn nicht
+Hotherus den Griff der Keule abgehauen und sie dadurch unbrauchbar
+gemacht hätte. Nach Verlust dieser Waffe flüchteten die Götter.
+Balderus entkam. Die Sieger zerstörten die feindliche Flotte. Ein Hafen
+erinnert noch durch seinen Namen an Balders Flucht. Dem in der Schlacht
+gefallenen Sachsenkönig Gelderus wurde auf Schiffen ein Holzstoss
+gerüstet, seine Asche hierauf feierlich in einem Grabhügel beigesetzt.
+Hierauf vermählte sich Hotherus mit Nanna, dass kein weiteres
+Missgeschick dazwischen komme. Aber bald musste er des Glückes Umschlag
+erfahren, indem er von Balderus geschlagen wurde und zu Gevarus floh.
+Um sein lechzendes Heer zu erquicken, liess Balderus tief in den
+Boden graben und eröffnete neue Quellen. Noch jetzt erhielt sich die
+Erinnerung an diese Quelle im Namen _Baldersbrönd_ (Baldersbrunn bei
+Roeskilde). Nannas Bild umgaukelte fortwährend den Balderus im Schlafe,
+wodurch er so schwach wurde, dass er gar nimmer zu Fuss gehen konnte,
+sondern einen Wagen brauchte. Inzwischen wurde Hotherus nach dem Tode
+des Hiartvarus zum König von Dänemark eingesetzt. Um den durch seines
+Bruders Atislus Tod erledigten schwedischen Thron zu gewinnen, war er
+nach Schweden gezogen. Da kam Balderus mit einer Flotte nach Seeland
+und die Dänen huldigten nun ihm. Bei des Hotherus Rückkehr aus Schweden
+kam es zu einer Schlacht, aus der Hotherus fliehen musste. Er gelangte
+nach Jütland und gab dem Ort, wo er sich aufhielt, seinen Namen.
+Nachdem er den Winter dort verbracht hatte, kehrte er allein nach
+Schweden zurück. Daselbst berief er die Grossen und erklärte, er sei
+des Lebens überdrüssig, nachdem er zweimal das Unglück gehabt habe, von
+Balderus besiegt zu werden. Er sagte ihnen Lebewohl und begab sich auf
+unwegsamen Pfaden in wüste einsame Gegenden. Sonst hatte Hotherus vom
+Gipfel eines Berges dem Volke Ratschläge erteilt; wenn sie jetzt kamen,
+klagten sie bitter über die Abwesenheit und Unthätigkeit des sich
+verbergenden Königs. Als Hotherus einen entlegenen Wald durchschweifte,
+kam er zu einer Höhle, wo dieselben unbekannten Mädchen wohnten,
+welche ihm einst die feste Brünne verliehen hatten. Auf ihre Frage,
+warum er gekommen sei, nannte er als Grund sein Unglück im Kriege. Er
+verwünschte sein Vertrauen auf sie und jammerte über sein Unglück; ihm
+sei anders geschehen, als sie ihm einst verhiessen. Aber die Nymphen
+erwiderten, er habe, obwol selten siegreich, doch dem Feind dieselben
+Verluste beigebracht. Übrigens werde ihm der Sieg zufallen, wenn er
+zuerst von einer Speise, welche Balders Kraft vermehre, geniesse. Da
+fasste Hotherus Mut, den Krieg gegen Balderus fortzusetzen. Balderus
+sammelte die Dänen. Mit grossem Verlust wurde beiderseits gestritten,
+bis die Nacht den Kampf beendigte. Hotherus, der aus Erregung
+nicht schlafen konnte, ging in der dritten Nachtwache heimlich auf
+Kundschaft. Als er zum feindlichen Lager kam, sah er drei Jungfrauen
+(_nymphas_) mit der geheimnissvollen Speise Balders herauskommen. Er
+folgte im Thau ihren Spuren und erreichte ihr Haus. Auf ihre Fragen gab
+er sich für einen Harfenspieler aus und spielte ihnen eine liebliche
+Melodie vor. Die Jungfrauen hatten drei Schlangen, aus deren Gift sie
+die stärkende Speise zu bereiten pflegten. Aus ihrem Rachen tropfte
+Gift in die Speise. Zwei von den Mädchen hätten ihm aus Barmherzigkeit
+von der Speise gegeben, wenn nicht die älteste eingewendet hätte, es
+sei Verrat an Balderus, seines Feindes Kraft zu steigern. Er leugnete,
+Hotherus zu sein, und sagte, er sei nur sein Knappe. Die gütigen zwei
+Mädchen schenkten ihm nun einen glänzenden siegverleihenden Gürtel. Als
+Hotherus auf demselben Pfade zurückkehrte, begegnete er dem Balderus,
+dessen Seite er durchbohrte, so dass er halbtot zur Erde fiel. Als
+die That bekannt wurde, erscholl lauter Jubel im Lager des Hotherus,
+während die Dänen Balders Geschick betrauerten. Da er seinen Tod
+herannahen fühlte, erneuerte er am andern Tage die Schlacht und liess
+sich auf dem Bette hinaustragen, um nicht im Zelte eines unrühmlichen
+Todes zu sterben. In der Nacht sah Balderus die Hel (_eidem Proserpina,
+per quietem astare aspecta_), die ihm verkündigte, er werde am
+folgenden Tage in ihren Armen ruhen. Der Traum ging in Erfüllung,
+nach drei Tagen starb Balderus an der Wunde. Er wurde in einem Hügel
+beigesetzt.
+
+Nun folgt die Geschichte, wie Odin Rind bewältigt, um mit ihr den
+Rächer Balders, Bous zu erzeugen. Othinus munterte seinen Sohn Bous,
+den er als kriegstüchtig erkannte, zur Rache an Hotherus auf. Diesem
+hatten Seher seinen Tod vorausgesagt. Es kam zur Schlacht, in welcher
+Hotherus von Bous getötet wurde. Doch durfte sich Bous seines Sieges
+nicht freuen, weil er selber schwer verwundet auf seinem Schild aus der
+Schlacht getragen wurde und tags darauf starb.
+
+Saxos Bericht ist nicht immer klar und muss mit Vorsicht aufgenommen
+werden. Manches ist in Abzug zu bringen, will man die von Saxo benützte
+Sage annähernd wieder herstellen. Den heidnischen Göttern ist Saxo
+feindselig gesinnt, was namentlich bei seiner Schilderung Baldrs
+hervortritt. Er stellt den Hotherus in die nordische Königsreihe ein,
+ohne jedoch deshalb tiefergreifende Änderungen an der Sage vorzunehmen.
+Aber schon sein umständlicher, verkünstelter Stil hat allerlei
+ungeschickte Zuthaten, Einschaltungen, Umstellungen im Gefolge. Sein
+Bestreben, die Erzählungen möglichst umfangreich zu machen, verführte
+ihn zu vielen selbständigen Neuerungen. Als echt erscheinen etwa diese
+wesentlichen Züge: Hother und Balder sind feindliche Nebenbuhler,
+beide um Nanna, des Gevarus Tochter werbend. Hother, der von Nanna
+begünstigte, dem Walküren mit weisem Rate hilfreich zur Seite stehen,
+gewinnt Mimings Schwert, das einzige Waffen, wodurch Balder der
+Göttliche verwundbar ist. Nachdem das Kriegsglück lange zwischen ihnen
+geschwankt, erlegt zuletzt Hother mit dem Schwerte den Balder, dem
+Hel, seines nahen Besitzes froh, vorher erscheint, ehe sie ihn zu sich
+nimmt. Dem Balder wird ein feierlicher Leichenbrand auf dem Schiff
+gerüstet (von Saxo auf Gelder, einen Genossen Balders übertragen).
+In seinem Bruder Bous (an. Búi) ersteht Balder der Bluträcher. Unter
+die Zusätze und Neuerungen Saxos darf man wol die unnötige Dehnung
+der Handlung verweisen, die Wiederholungen desselben Zuges z. B. der
+Erscheinung der Walküren, den liebeskranken, schmachtenden Balder und
+seine kräftigende Speise, die wiederholten Schlachten, die Kundschaft
+Hothers in Gestalt eines Harfenspielers u. dgl.
+
+In seinen Untersuchungen über Saxos Quellen verficht Axel Olrik[456]
+den Grundsatz, dass Saxo aus verschiedenartigen Vorlagen seine
+Darstellung entnahm, so auch hier aus einer in Dänemark heimischen
+Sage von Balder und Hoder und aus einer norwegischen Hodersaga. Die
+dänische Überlieferung, an einige Ortsnamen geheftet, bot wenig
+Einzelheiten, sie beschränkte sich auf einen kurzen Bericht über
+die Feindschaft zwischen Balder und Hoder und von Balders Tod. Die
+norwegische Hodersage aber war mit all den bunten Zügen ausgeschmückt,
+welche den mythischen Sagen, den sog. Fornaldarsögur, eignen. Die
+Hauptunterschiede vom isländischen Bericht liegen darin, dass der
+Kampf unter den Menschen vor sich geht, dass die Götter wie Menschen
+mitkämpfen und dem Helden der Sage weichen, dass Hoder der Held der
+Sage ist, dass Nannas Besitz die Triebfeder der Handlung bildet.
+Für die mythische Verwertung des Inhaltes macht es übrigens keinen
+wesentlichen Unterschied, ob Saxo oder ein Sagaschreiber, sein
+Gewährsmann, für die mancherlei Zuthaten und Umänderungen oder auch für
+Erhaltung älterer Züge verantwortlich ist.
+
+
+4. Vergleichung der beiden Baldrsagen.
+
+Wie verhalten sich die zwei verschiedenen Berichte in den isländischen
+Quellen und bei Saxo zu einander? Neuerdings bricht sich die Anschauung
+Bahn, dass Saxo die ältere Sagenform bewahre. Die jüngere isländische
+Überlieferung hat demnach Zusätze und Änderungen eingeführt. Balder
+kämpft mit Hother um den Besitz der Nanna; Nanna, die Kühne[457]
+ist eine Frauengestalt wie etwa Hilde, die Streit unter tapfern
+Helden veranlasst. Balder erliegt nur einer bestimmten Waffe und
+wird von seinem Bruder gerächt. Die jüngere Sage führt Loki ganz
+neu ein. Loki verkörpert das Böse unter den nordischen Göttern,
+daher musste er auch diese Unthat übernehmen. Dass Loki aber dem
+späten nordischen Heidentum angehört und im Teufel sein Vorbild
+hat, ist sehr wahrscheinlich; ebenso dass Baldr in der isländischen
+Sage Züge von Christus annahm.[458] Die Verschmelzung des lichten
+weissen Baldr mit dem weissen Christus (an. _hvíta-kristr_) wurde
+bewirkt infolge von Erzählungen, welche die Nordleute in England vom
+„_bealdor_“, wie bei den Angelsachsen Christus heisst, vom Herrn
+vernahmen. Damit ergab sich notwendig die Gegnerschaft zwischen Loki
+und Baldr, Lucifer und Christus. Baldrs Lichtwesen, ursprünglich
+im eigentlichen Sinn als Ausfluss seiner glänzenden Heldengestalt
+genommen, wurde nun bildlich verstanden, der strahlende Held wurde zum
+Gott der Reinheit und Unschuld. Der tapfere Ritter wandelte sich zum
+thatenlosen, sanften, duldenden Gott. Hod verliert gleichmässig die
+kräftigen Züge, die ihm früher zukamen. Er wird das blinde Werkzeug
+Lokis, wie Lucifer den blinden Kriegsknecht heranführt, damit er
+Christi Seite durchbohre. Loki wird darauf in Fesseln geschlagen, wie
+Lucifer in der Hölle gefesselt liegt und erst am jüngsten Tage wieder
+loskommt. Mit Hods Vernachlässigung verliert auch die Blutrache an ihm
+merklich an Bedeutung, da alles Gewicht auf Loki entfällt. Besondere
+Bewandtniss hat es aber mit dem Mistelzweig, den Frigg allein nicht
+vereidigt hatte. Auch Christus hatte alles Holz in Eid genommen mit
+Ausnahme eines Kohlstengels in Judas Garten, an dem Christus auch
+gehenkt wurde. _Mistelteinn_ begegnet in nordischer Sage mehrfach
+als Schwertname.[459] Bei Saxo fällt Balder nur durch ein besonderes
+Schwert, das Hother dem Miming abgewinnt, und darin liegt wol die
+ältere Sagenform vor. War vielleicht der von Saxo verschwiegene Name
+des Schwertes _Mistelteinn_? In diesem Falle würde sich manches
+Rätsel der isländischen Fassung lösen. Der Schwertname Mistelteinn,
+buchstäblich verstanden, ergab die Sage, Baldr sei durch einen
+Mistelzweig umgekommen. Ähnlich wurde ja auch Freys goldener Eberhelm
+zum goldenen Eber, Mimirs Quellenhaupt zum abgeschnittenen Kopf des
+weisen Wassergeistes. So lassen sich die Abweichungen des isländischen
+Berichtes einigermaassen erklären. Jedenfalls ist die isländische
+Fassung leichter und ungezwungener aus der Saxos abzuleiten als
+umgekehrt, und daraus ist zu schliessen, dass bei Saxo die Baldrsage
+ursprünglicher und älter erscheint als in den nordischen Quellen. Da
+letztere fürs 9./10. Jahrhundert vorauszusetzen sind, zeigt Saxos
+Darstellung eine noch frühere Gestalt der Baldrsage. Nur ein Zug findet
+keine vollständig befriedigende Erklärung, freilich weder auf dem einen
+noch auf dem andern Weg. Warum ist Nanna im isländischen Bericht Baldr
+ganz in Liebe ergeben und bis zum Tode getreu, während sie bei Saxo
+dem Hotherus gehört? Wenn die isländischen Quellen Hod zurückdrängen,
+ergibt sich allerdings auch für Nanna eine veränderte Stellung. Aus
+andern Ursachen, durch Lokis Tücke, erfolgt Baldrs Tod. Soll die Frau
+nicht gänzlich aus der Sage schwinden, so kann sie nur in Verbindung
+mit Baldr sich halten. Die Wirkung des rührenden Bildes vom Morde
+des reinen Gottes wird erhöht, wenn das liebende Weib ihm zur Seite
+steht, dessen Herz vom Todesstosse mit getroffen wird. Man kann auch
+annehmen, dass vielleicht Saxo Nannas Verhältniss zu Balder nach eignem
+Ermessen, weil er den Sohn Odins nicht mit günstigen Augen betrachtet,
+absichtlich kälter und ablehnender schilderte, als seine Vorlagen,
+dass Nanna in der ursprünglichen Sage so zwischen Hod und Baldr stand,
+dass sie mehr zum Gotte neigte. Es könnte schliesslich in diesem Zug
+auch der isländische Bericht ursprünglich sein, Baldr gewann das Weib
+und darum erschlug ihn Hod, Nanna aber starb mit dem Geliebten. Dann
+hätte Saxo willkürlich, was ihm wol zuzutrauen ist, Nanna dem Hotherus
+gegeben.
+
+ * * * * *
+
+Mit kühnster Kombination und durch Heranziehung sehr zweifelhafter
+Sagen, die demselben Mythus entwachsen sein sollen, stellt Detter[460]
+eine eigenartige Urform der Baldrsage fest. Darnach handelt es sich
+ursprünglich um zwei Brüder, Baldr und Váli (Wanilo, d. h. der Wane),
+zwei Freyshelden. Odin, der einäugige blinde Kampfgott, sucht mit
+gewohnter tückischer List Streit unter den Brüdern zu erregen. Seinen
+Speer in Gestalt des unscheinbaren Mistelzweigs spielt er dem Váli
+in die Hände, der damit den Baldr erschiesst. Nicht Loki ist der
+Anstifter des Unheils, Odin selber steht im Hintergrund und lenkt die
+Schicksalsfäden so, dass ein Held zur Wal fällt. Eine solche Sage geht
+weit über das, was in den Quellen überliefert ist, hinaus.
+
+
+5. Ursprung der Baldrsage.
+
+Die Entstehung der Baldrsage wird verschiedenartig erklärt. Die
+beliebte mythologische Auslegung sieht in Baldr das Licht, das zu
+Mittsommer die Höhe seiner Herrschaft erreicht, dann aber sich
+neigt. Wenn die Tage sich kürzen, stirbt Baldr. Dass der Lichtgott
+von den Mächten der Finsterniss befehdet wird und ihnen erliegt, ist
+ein naheliegender Gedanke. Doch alle Deutungen im einzelnen sind
+verfehlt. Bugge und Kauffmann betrachten die Sage als reine Dichtung;
+Bugge[461] meint, die dänische Baldrsage, Saxos Bericht entstamme der
+mittelalterlichen Trojanersage, Erzählungen von Paris-Alexander und
+Achilles. Gewiss finden sich viele merkwürdige Übereinstimmungen,
+jedoch anderer äusserlicherer Art, als die zwischen dem isländischen
+Baldr und Christus, wo die ganze Art der Auffassung dem heimischen
+nordischen Wesen fremdartig ist. Auch lässt sich weit eher ein
+Bekanntwerden der Nordleute mit Vorstellungen von Christi Tod denken
+als mit den mittelalterlichen Trojaromanen. Kauffmann[462] hält
+eine Heldensage für die Grundlage des Baldrmythus. „Weder Baldr noch
+seine Gemahlin Nanna noch sein Gegner Hod waren ursprünglich Götter,
+sie alle haben einst auf Erden gewaltet.“ Baldrs Name bezeichnet
+ihn als kühnen Kriegsfürsten. Er wurde Odins Sohn etwa wie Hermod,
+Sigmund, Bragi, und endlich versetzte ihn die Sage völlig unter die
+Asen. Bei dieser Auffassung bleibt natürlich kein Zeugniss eines ags.
+oder eines deutschen Balderdienstes bestehen. Wir hätten gar keinen
+altgermanischen Götternamen Balder anzunehmen, vielmehr nur das
+Hauptwort _balder_, Fürst, König, welches zum Eigennamen erhoben wurde.
+Ein göttlicher Baldr wäre allein der nordischen Göttersage des 9. und
+10. Jahrhunderts zuzuweisen.
+
+
+6. Baldrdienst.
+
+Von einer Verehrung oder Anrufung Baldrs ist nirgends in den
+alten geschichtlichen Quellen des Nordens die Rede. Nur die wenig
+zuverlässige, in der Hauptsache erdichtete Fridthjofssaga im 14.
+Jahrhundert berichtet von einem Hofe in der norwegischen Landschaft
+Sogn, der „im Baldrshag“ (_i Baldrshagi_) hiess. Dort war ein
+befriedeter Platz und ein grosser Tempel mit einer Umzäumung
+ringsherum. Im Tempel waren viele Götter, aber Baldr wurde doch am
+meisten verehrt. Dort durfte man weder Vieh noch Menschen Schaden
+anthun und Männer durften dort nicht Umgang mit Frauen haben. Bei
+Festen wurden die Götterbilder von Frauen gesalbt, am Feuer gewärmt und
+mit Tüchern abgetrocknet. Örtlichkeiten wurden in Norwegen, Schweden
+und Dänemark frühzeitig nach Baldr benannt.[463] In allen nordischen
+Ländern ist Baldrs Braue (_brá_) als Blumenname gebräuchlich für
+Vereinsblütler mit den weissesten Strahlen und gelber Scheibe. Schon
+Snorri erwähnt die Blume, die in ihren Farben Baldr glich, den man sich
+licht und glänzend, mit weissen Wimpern und goldgelbem Haar dachte.
+Wenn Baldr seit Urzeiten ein Name des Licht- und Sonnengottes war, so
+konnte die Blume als irdisches Bild der Sonne sehr wol nach ihm genannt
+werden. Dass die Johannisfeuer von alter Zeit her _Baldrs bål_, Baldrs
+Holzstoss benannt wurden oder überhaupt mit Baldrs Scheiterhaufen
+etwas zu thun hatten, ist eine Meinung, die nur auf dem 13. Gesang
+von Tegnérs Frithjofssage beruht. Tegnér schöpfte nicht aus alter
+Überlieferung. Auch J. Grimms Behauptung[464], am 2. Mai, am „Pfultage“
+seien Feuer zu Ehren Baldrs oder Phols entfacht worden, hat keine feste
+Gewähr.
+
+
+7. Baldr ausserhalb des Nordens.
+
+Schwer zu entscheiden ist, ob Baldr auch ausserhalb des Nordens bekannt
+war. Im Ags. kommt _bealdor_ nicht als Eigenname, nur als Hauptwort
+vor. Wenn aber _Bældæg_, Wodans Sohn, welchen die Stammtafeln von
+Bernicia und Wessex aufführen, mit Baldr gleichzustellen ist, wie
+schon Snorri[465] vermutete, dann dürfte allerdings der Lichtgott auch
+den Angelsachsen zuzusprechen sein. Bei den Hochdeutschen ist der
+Personenname _Paltar_[466] gebräuchlich, der allerdings ebenso aus dem
+Appellativum wie aus dem Götternamen geflossen sein kann; denn auch
+Wotan kommt als Mannsname vor. Wie das Wort im Merseburger Zauberspruch
+aufzufassen sei, darüber gehen die Anschauungen weit auseinander,
+wie überhaupt über die Anzahl und Bedeutung der im Segen genannten
+Gottheiten keinerlei Gewissheit herrscht. Das Lied erzählt: Phol und
+Wodan ritten zu Walde, da wurde dem Fohlen Balders (_demo balderes
+volon_) der Fuss ausgerenkt. Sogleich erwiesen die Himmlischen die
+grösste Sorgfalt, ihn wieder einzurichten. Doch weder Sinthgund noch
+Sunna, Frija noch Fulla vermochten es, erst Wodan, der Zauberkundige
+selbst konnte den Fuss beschwören und heilen. Der Spruch zielt deutlich
+darauf hin, Wodans Übermacht in helles Licht zu rücken, namentlich
+gegenüber seinem Begleiter, dem rätselhaften Phol. J. Grimms Annahme
+stellt Phol und Balder einander gleich, es sei ein Gott, der mit
+zwei verschiedenen Namen bezeichnet werde. „Das erlahmte, in seinem
+Gange aufgehaltene Pferd Balders empfängt vollen Sinn, sobald man ihn
+sich als Lichtgott oder Taggott vorstellt, durch dessen Hemmung und
+Zurückbleiben grosses Unheil auf der Erde erfolgen muss.“ Wenn die
+oben vorgetragene Ansicht richtig ist, dass Wodan sich allmälig an
+die Stelle des Tiuȥ aufschwang, wenn Baldr als eine aus dem Lichtgott
+abgezweigte Gestalt angeschaut werden darf, wenn Baldr nur Tiuȥ unter
+anderm Namen ist, dann erhielte der Spruch eine tiefe Bedeutung.
+Eine Sage mag vielleicht einst von Balders Ritt auf dem strahlenden
+Sonnenrosse erzählt haben, wie es strauchelte und lahmte, aber vom
+Gott geheilt wurde. Dass der Tag heranreitet, spricht der Volksglaube
+aus (Myth. 699), dass dem lichten Reiter von den Mächten der
+Finsterniss nachgestellt wird, dass ihm Unfall und Untergang droht, ist
+begreiflich. Doch erhebt er sich auch wieder siegreich. Dem leuchtenden
+Ritter gesellt sich Wodan auf seinem Sturmrosse. Sie reiten zusammen.
+Um Wodans Macht zu zeigen, wird ihm allein die Heilung zugeschrieben.
+Dadurch erscheint er grösser und gewaltiger als Balder, sein Sieg über
+den älteren Gott ist entschieden. Wer im oberdeutschen Paltar einen
+Nachklang vom Gott Balder, den der thüringische Merseburger Segen
+schildert, anerkennen will, darf allerdings im Hinblick auf Bældæg und
+Baldr behaupten, dass Balder bei allen Germanen ein Name des Tiuȥ, war,
+dass Balder als besondere Gestalt sich losgelöst hatte. Die nordische
+Baldrsage wird jedoch dadurch keineswegs als gemeingermanisch erwiesen.
+Ist aber „_balder_“ nur Hauptwort, so bedeutet „_demo balderes volon_“
+dem Fohlen des Herrn, worunter Phol oder Wodan verstanden sein muss.
+Beim Fehlen anderer Zeugnisse und weil ahd. Paltar ebenso aus balder
+wie aus Balder, aus dem Appellativ wie aus dem Götternamen erklärt
+werden kann, bleibt die Frage eines deutschen Balderkultes offen.[467]
+
+
+8. Phol.
+
+Wer aber ist +Phol+?[468] J. Grimm glaubt, dem Namen auch sonst zu
+begegnen, Pholesouwa, zwischen 774 und 780 erwähnt, jetzt Pfalsau bei
+Passau, Pholespiunt, erwähnt um 1138, jetzt Pfalzpoint an der Altmühl
+in Bayern, Pholesbrunno, jetzt Pfulsborn in Thüringen. Auen, eingehegte
+Feldstücke (_piunt_), Brunnen (vgl. das dänische Baldersbrönd bei
+Saxo) seien dem Gotte Phol geweiht gewesen; Phol aber sei nur ein
+anderer Name des Balder. Ortsnamen mit Phol begegnen hauptsächlich in
+Oberdeutschland, in Gegenden, welche der römischen Kultur am nächsten
+lagen, vereinzelt reichen sie nach Thüringen hinein, während sie in
+Norddeutschland fehlen. Beachtung verdient aber der ags. „_Polesléah_“,
+Hain des Pol, da er dem Sinne und der Bildungsweise nach genau
+übereinstimmt mit „_Balderes lêg_“, Hain des Balder. In England gab es
+also heilige Haine, die dem Balder-Pol geweiht waren.[469] Sollte Phol,
+Pol eine Verderbniss aus Apollo sein? Möglicherweise bildete sich wie
+_Mercur-Wodan_, _Hercules-Donar_, _Hercules-Magusanus_, _Mars-Thingsus_
+eine römisch-deutsche Formel _Apollo-Balder_ und wurde das Fremdwort
+im Volksmunde zu Pol, nach der hds. Verschiebung zu Phol. Allerdings
+sind Apollo und Balder wesensgleich und können daher einander gegenüber
+gestellt worden sein. Aber diese Deutung unterliegt auch mehrfachen
+Bedenken. Die Ortsnamen lassen auch andere Erklärungen zu, man kann an
+den Pfahl- oder Pohlgraben, die Teufelsmauer denken, auch Pfuhl bietet
+sich dar, besonders wenn man die Formen _Pfoalsowa_ und _Phůlsouua_
+in Betracht zieht. Die Zusammengehörigkeit des Götternamens mit den
+Ortsnamen ist nicht sicher. Im Zauberspruch kann Phol für Vol stehen,
+was der Stab _Vol: vuoren_ nahe legt. Vol lässt viele Deutungen zu, man
+kann einen Gott oder eine Göttin der Fülle (vgl. _Volla_ an. _Fulla_,
+griech. _Plutos_) dahinter suchen. Eine allseitig befriedigende und
+sichere Lösung ist noch nicht geglückt.
+
+
+9. Angebliche Baldrsagen.
+
+Dass in Baldr und Wali das göttliche Brüderpaar der germanischen
+Dioskuren nachlebe, sucht Müllenhoff zu erweisen. Die deutsche
+Heldensage soll die Dioskuren in den Hartungen, zwei Brüdern bewahren.
+Besonders eine Schweizersage[470] wird angezogen, deren wesentlicher
+Inhalt so lautet: Zwei Brüder Baltram (Baldr) und Sintram zogen
+zur Jagd und kamen zu einem Drachenloch. Der Wurm fuhr heraus und
+verschlang Baltram. Sintram aber setzte sich zur Wehr und bezwang
+den Drachen. Aus dem gespaltenen Leibe des Untiers befreite er den
+noch lebenden Baltram. Man muss viel Einbildungskraft besitzen, um
+bei dieser Sage an Baldr und Wali zu denken. Nur dass beidemale zwei
+Brüder vorkommen und der eine den andern rächt, lässt sich vergleichen.
+Der Zug ist aber so allgemeiner Art und alles Einzelne ist so
+grundverschieden, dass man lieber von einer so ungewissen Beziehung
+Abstand nehmen wird.
+
+ * * * * *
+
+Vom hl. Gangolf wird erzählt, wie er eine Quelle versetzt oder neu aus
+dem Boden springen lässt, als er aus einem Feldzug heimkehrt. Sein Weib
+buhlt mit einem Kleriker und wird der Sünde überführt. Der Kleriker
+wird aus dem Hause gejagt, kehrt aber zurück, um den Heiligen zu
+ermorden. Er trifft ihn in die Hüfte. Dem todwunden Gangolf erscheinen
+Engelscharen, die ihm seinen Eintritt in den himmlischen Freudensaal
+ankündigen. Am Grabe Gangolfs zu Toul geschahen wunderbare Heilungen.
+Damit vergleicht Laistner[471] die Urgestalt der Baldrsage: Baldrs
+Frau Nanna hielt zu einem andern, Hotherus. Dieser, von seinem Gegner
+wiederholt besiegt, flieht in die Wildniss, schöpft aber auf Zureden
+von Zauberweibern neue Hoffnung, beschleicht Baldr und verwundet ihn
+in die Seite. Baldr stirbt erst nach einigen Tagen. In der Nacht
+zuvor erscheint ihm Hel und kündigt ihm den Tod an. Die Ähnlichkeit
+zwischen der Baldrsage und Gangolfs Legende ist verschwindend und
+durch willkürliche Änderungen der ersteren erzwungen. Die Züge, welche
+einander gleichen, sind auch sonst häufig, können also nichts für die
+Sage, der sie sich gerade anheften, beweisen.
+
+ * * * * *
+
+Die Sage Nr. 52 bei Müllenhoff, Sagen aus Schleswig-Holstein und
+Lauenburg S. 373 ist verdächtig: Bei Boldersleben sieht man auf einer
+Anhöhe noch die Spuren eines Schlosses. Da hat früher ein König Bolder
+gesessen und dem Ort den Namen gegeben. Er geriet mit einem König
+Hother in Hadersleben in Streit und erschlug ihn. Bolder liegt in
+Boldershöi begraben; vor mehreren Jahren pflügte man Knochen aus, die
+von ihm herrührten.
+
+
+
+
+VII. Forseti.
+
+
+Forseti (Vorsitzer) heisst ein Sohn des Baldr und der Nanna, der
+Tochter Neps. Er besitzt im Himmel den Saal, welcher Glitnir (der
+Glänzende) heisst, und alle, die mit schwierigen Händeln zu ihm kommen,
+gehen versöhnt fort. Dort ist die beste Gerichtsstätte, von der Götter
+und Menschen wissen. Im Grimnirliede 15 heisst es: Glitnir ruht auf
+goldenen Säulen, das Dach ist mit Silber gedeckt. Dort weilt Forseti
+die meisten Tage und begleicht alle Streitsachen. In Forseti ist die
+richterliche Obergewalt verkörpert. Da er im Himmelsglanze thront, darf
+er als Ausfluss des Himmelsgottes gedacht werden. Er vertritt eine
+Seite seines allumfassenden Wesens. Im nordischen Recht wirkt keine
+Spur dieses göttlichen Oberrichters nach. Auch sonst deutet nichts
+auf eine Verehrung des Forseti, nur ein Hain in Norwegen trägt seinen
+Namen.[472]
+
+ * * * * *
+
+Helgoland hiess in der Heidenzeit _Fositesland_. Die Insel war einem
+Gott, dessen Name verschieden als _Fosite_, _Fosete_, _Foseti_[473]
+überliefert ist, geweiht. Heiligtümer erhuben sich, und solche
+Verehrung genoss die Stätte, dass niemand von den Herden, die dort
+weideten, und von sonst einer Sache sich zu nehmen getraute. Aus einer
+dort hervorsprudelnden Quelle durfte nur schweigend geschöpft werden.
+Als die Bekehrer sich am Eigentum der Götter vergriffen, glaubte das
+Volk, sie würden mit Wahnsinn geschlagen oder jähen Todes sterben.
+Durch Looswurf erforschte König Radbod den Willen der Götter, ob sie
+den Tod der Christen verlangten oder nicht.[474] Es handelt sich also
+um ein grosses Heiligtum der Friesen, dem Fosite geweiht ist das Land.
+Unverletzlich sind seine Tempel, die Quelle, die weidenden Herden. Wir
+erhalten ein anschauliches Bild von allem Zubehör des Gottesdienstes
+auf heiliger Aue.
+
+Nach J. Grimms Vorgang glaubt man, den friesischen Fosite mit dem
+nordischen Forseti gleichsetzen zu dürfen. Sind sie wirklich eins, dann
+fragt es sich nur, wie ihr Verhältniss zu erklären ist. Schwerlich darf
+man auf einen altgermanischen Gott schliessen, der sich unabhängig
+bei Friesen und Nordleuten entwickelte. Da er bei den Friesen im
+Kulte lebt, gehört er mit grösserem Recht ursprünglich ihnen zu.
+Andrerseits ergänzt Forseti des friesischen Gottes Wesen. Der höchste
+Richter im himmlischen Glanze thronend kann nur eine Hauptgottheit,
+etwa Tiuȥ sein. In bestimmter Eigenschaft als Wahrer des Rechtes,
+unter besonderem Namen als Fosite verehrten die Friesen den Tiuȥ. Die
+nordischen Wikinger suchten im 8. und 9. Jahrhundert besonders häufig
+Friesland heim und liessen sich auch längere Zeit dort nieder. Dadurch
+entwickelte sich ein reger Verkehr und Austausch unter Friesen und
+Nordleuten, wobei Fosite als Forseti nach dem Norden gelangt sein kann.
+Dass er zu Baldr in Beziehung gesetzt wurde, mag ihre verwandte Art
+veranlasst haben. Sind doch beide Götter aus Tiuȥ abgezweigt, ein Teil
+seines Wesens. Auch Baldr fällt Urteilsprüche und versteht schön zu
+reden, worin er sich mit Forseti berührt.
+
+Ist Fosite-Forseti Hauptgott und oberster Richter, dann darf vermutet
+werden, dass die schöne Sage von der Einsetzung des friesischen
+Rechtes ebenfalls mit dem geheimnissvollen, ungenannten Gott auf ihn
+zielt. Aber die Gleichung Fosite-Forseti ist eben nur Vermutung, keine
+erwiesene Thatsache.
+
+Nach der Sage werden die 12 _Asegen_ (Gesetzsprecher) als
+„_Foerspreken_“ auf Befehl König Karls d. Gr. von den 7 friesischen
+Seelanden erwählt, um zu verkünden, was friesisches Recht sei. Sie
+erklärten, dem Befehl des Königs nicht nachkommen zu können. Zwei Tage
+lang bitten sie um Frist, auch die drei folgenden erklären sie es
+ausser stand zu sein. Als sie aber am sechsten Tage nicht verkündeten,
+was Rechtens sei, erklärte Karl, sie hätten alle den Tod verwirkt.
+Er gestattet ihnen die Wahl, ob er sie töten solle, ob sie eigene,
+unfreie Leute werden wollen, oder ob er sie in einem Schiff ohne
+Ruder, Segel und Tau ins Meer aussetzen soll. Sie wählen das letzte
+und werden ausgesetzt. In der grössten Verzweiflung ermahnt sie einer
+von ihnen, der von Wydekens des ersten Asega Geschlecht war, Gott um
+Rettung zu bitten. Wie Christus zu seinen Jüngern bei verschlossenen
+Thüren gekommen sei und ihnen geholfen habe, so werde er auch ihnen
+einen dreizehnten senden, der ihnen lehre, was Rechtens sei, und sie
+zum Lande führe. Sie fielen auf die Knie, beteten, und der dreizehnte,
+ihnen allen gleich, sass plötzlich im Schiff. Er hatte eine Achse
+(oder Axt?) auf der Achsel und steuerte damit zum Ufer. Er warf die
+Achse ans Land und warf ein Stück Rasen auf. Da entsprang eine Quelle
+Wassers, die den Durst aller stillte. Den Weg, den der Gott zu Lande
+nahm, nannte man _Eeswey_, die Stätte, wo sie sich niederliessen,
+_Axenthove_. Der dreizehnte lehrte den zwölfen alles, was Rechtens sei,
+und verschwand, als er sie belehrt hatte. Die zwölfe traten vor König
+Karl, der sie von den Meereswogen verschlungen wähnte. Karl bestätigte,
+was sie als Recht verkündigten. So entstand das friesische Recht.[475]
+Dass mit diesem dreizehnten Asegen der _és_, der Hauptgott der Friesen
+gemeint ist, steht ausser Zweifel. Er mag mit Fosete eins sein. Aber
+sein Abzeichen ist rätselhaft. Dürfte eine Axt darunter verstanden
+werden, dann ergäbe sich Beziehung auf Donar. Aber unklar bliebe, wie
+der ês mit einer Streitaxt steuern konnte.
+
+
+
+
+VIII. Ullr.
+
+
+Ullr muss bedeutender gewesen sein, als die Überlieferung auf den
+ersten Blick erkennen lässt. Sein Name besagt: der Herrliche, der
+Majestätische[476] und kann demnach ein Beiwort einer unbekannten
+erhabenen Gottheit sein. Leider haben die Skalden seine Gestalt in
+den Hintergrund gedrängt, nur seine unaufgeklärte Verwandtschaft zu
+Sif und Thor und sein Schildmythus kommt zur Sprache. Dagegen scheint
+ihm im wirklichen Leben grössere Bedeutung zugekommen zu sein. Manche
+erblicken in Ullr seiner Thätigkeit halber einen Gott des Winters oder
+wenigstens eine hohe Gottheit in ihrer winterlichen, die sommerlichen
+Kräfte des Lichtes und der Wärme vernichtenden Lebensthätigkeit.
+
+Ullr heisst ein Sohn der Sif, Thors Stiefsohn. Er ist im Bogenschiessen
+und Schneeschuhlaufen so tüchtig, dass niemand darin mit ihm
+wetteifern kann. Schön ist er von Ansehn und besitzt alle Vorzüge
+eines Kriegsmannes; darum ist es auch gut, ihn in Zweikämpfen
+anzurufen. Ydalir, Eibenthal heisst ein Ort, wo Ullr sich vormals die
+hohe Halle erbaut.[477] Von Eibenholz wurden die Bögen gefertigt,
+weshalb ein Ort, wo Eiben wachsen, ein passender Wohnsitz für den
+trefflichen Bogenschützen ist. In seiner Bewaffnung und Lebensweise,
+als bogenbewehrter Jäger, der auf Schneeschuhen die Schneefelder und
+Schneeberge durcheilt, erinnert Ullr an die Finnen und Lappen. Die
+Vorstellung eines solchen Gottes kann offenbar nur im nördlichen
+Skandinavien entstanden sein. Darum mag er auch im Bunde mit den
+winterlichen Mächten gedacht sein. Obwol er sich der Art der Finnen
+und Lappen anbequemt, bleibt er aber doch ein schöner, stattlicher,
+kampftüchtiger Germane. Die ihm beigelegten Namen Schneeschuh-Gott,
+Bogen-Gott, Jagd-Gott, Schild-Gott bestätigen Snorris Schilderung.
+Wenn der Schild in der skaldischen Kenning als Ulls Schiff umschrieben
+wird[478], so scheint damit auf eine Sage angespielt zu sein,
+wonach Ullr seinen Schild als Fahrzeug gebrauchte. Dazu steht Saxos
+Bericht, Ollerus sei auf einem Knochen wie auf einem Schiffe übers
+Meer gefahren. Nur hat Saxo vermutlich zwei verschiedene Dinge
+zusammengeworfen, dass Ullr auf Knochen, d. h. auf Schlittschuhen,
+die in primitiver Weise aus Knochen verfertigt waren, über den Schnee
+läuft, und dass Ullr auf seinem Schilde wie auf einem Schiffe übers
+Wasser setzt.
+
+Obschon ausser dem, was Saxo von Ollerus erzählt, nichts weiteres
+bekannt ist, muss Ullr doch als eine in der nordischen Götterwelt fest
+wurzelnde, in lebhafter Verehrung stehende Gestalt angesehen werden.
+Im Grimnirliede 42 wünscht der zwischen zwei Feuern gepeinigte Odin
+dem Agnar, der ihm Erleichterung schafft, die Huld Ulls und aller
+Götter. Darin ist jedenfalls ein feierlicher Heilswunsch enthalten.
+Im Atliliede 31 wird ein Eidschwur bei Ulls Ring erwähnt. Solche
+Auszeichnung wird nur höheren wichtigeren Göttern zu teil. Ausserdem
+sind sehr viele Ortsnamen, Tempel, Heiligtum, Hain, Hügel, Gehöft,
+Acker, Vorgebirge, Insel, Strom und Wasserfall in Norwegen und Schweden
+mit Ulls Namen gebildet[479], woraus ein umfangreicher und häufiger
+Dienst des Gottes erschlossen werden darf.
+
+ * * * * *
+
+Als Odin nach der Bezwingung der Rind von den andern Göttern in die
+Verbannung geschickt worden war, da beriefen sie den Ollerus nicht nur
+zur Herrschaft, sondern auch zur göttlichen Würde. Obwol sie ihn nur
+aushilfsweise zum Priester erwählt hatten, so bekleideten sie ihn doch
+mit vollen Ehren, damit er nicht als Verwalter eines fremden Amtes,
+sondern als der rechtmässige Nachfolger in der Würde erscheine. Damit
+gar nichts am Ansehen fehle, legten sie ihm sogar Odins Namen bei, um
+dadurch jede der Neuerung anhaftende Gehässigkeit auszuschliessen.
+Nachdem Ollerus etwa 10 Jahre über die Genossenschaft der Götter
+gewaltet, hatten die Götter Mitleid mit dem in hartem Banne weilenden
+Odin, und weil er genug gebüsst zu haben schien, vertauschte er sein
+niedriges, schmutziges Aussehen wieder mit dem früheren Glanze. Schon
+die Hälfte der Frist hatte den einstigen schweren Schimpf getilgt.
+Zwar gab es Leute, welche ihn für unwürdig erachteten, die einstige
+Würde neu zu gewinnen, weil er mit seinen Schauspielerkünsten und
+durch seine Weiberverkleidung den göttlichen Namen geschändet habe.
+Einige versichern, er habe durch Schmeichelei und Geld die verlorene
+Ehre und Herrlichkeit wieder erkauft und nur durch Entrichtung einer
+grossen Summe seine Rückkehr sich verschafft. Ollerus, von Odin aus
+Byzanz verjagt, flüchtete nach Schweden, wo er bei seinem Bestreben,
+im neuen Lande die Denkzeichen seines guten Rufes wiederherzustellen,
+von den Dänen erschlagen wurde. Es geht die Sage, er sei so sehr in
+Blendwerken erfahren gewesen, dass er auf einem Knochen, den er mit
+kräftigen Zaubersprüchen beschrieben hatte, wie auf einem Schiffe
+über die Meere fahren konnte und nicht langsamer als mit Rudern die
+Wasserfläche durcheilte. Odin aber, im Neubesitze der Abzeichen seiner
+Würde, gewann in allen Erdteilen so glänzenden Ruhm, dass alle Völker
+ihn wie das der Welt neu geschenkte Licht hoch hielten und kein Ort
+des Erdkreises vorhanden war, welcher der Macht seiner Gottheit nicht
+gehorchte.[480]
+
+Ollerus erscheint hier gleichbedeutend mit Mitothin und Wili und
+We, die Odin für eine Zeitlang des Reiches und Weibes berauben. Es
+wurde bereits darauf hingewiesen, dass vielleicht eine Erinnerung
+daran, dass Odin einst ältere Götter, den Tiuȥ verdrängte, sich in
+solchen Sagen erhielt. Nach natursymbolischer Auslegung soll Odin
+hier als Gott des Lichts und der Wärme gelten, den zeitweilig Ullr,
+der Gott des winterlichen Dunkels, verdrängt, der im Herbste weicht,
+im Frühling siegreich wiederkehrt. Jedenfalls kann es keine geringe
+Gottheit gewesen sein, welcher die Vertretung Odins zuerteilt wird.
+Wenn Ullr seinem Namen nach der Herrliche, Majestätische ist, so
+verdient Beachtung, dass gegen Odin gerade der Vorwurf erhoben wird,
+er habe den reinen Glanz der Gottheit durch seine niedrigen Thaten
+befleckt. Da tritt der Herrliche als Richter und Rächer, als Herr der
+Ordnung hervor, um den fleckig gewordenen Ehrenschild wiederum rein
+erschimmern zu lassen. Darum ist es nicht ungereimt, bei Ullr an den
+höchsten Gott der Germanen zu denken, der in zahlreichen Spaltungen
+als Freyr, Heimdall, Baldr gerade im Norden begegnet. Hängt er aber
+je im innersten Grunde seines Wesens mit Tiuȥ zusammen, so ist doch
+die Entwicklung, die er im einzelnen durchmachte, entschieden und
+ausschliesslich nordisch.
+
+ * * * * *
+
+Da Ullr seinem Namen nach germanisch ist und auch seine Gegnerschaft
+zu Odin von Tiuȥ übernommen haben kann, andrerseits jedoch als
+Bogenschütze, Schneeschuhläufer und Zauberer an die Art der Finnen
+erinnert, ist endlich auch zu erwägen, ob Ullr nicht aus einer
+Mischung nordgermanischer und finnischer Vorstellungen hervorging. Die
+Feindschaft der beiden Götter weist auf die Verdrängung des Ulldienstes
+durch Odinsgläubige. Darin mögen die alten Gegensätze des Tiuȥ- und
+Wodandienstes, aber auch die des nordischen Odinsglaubens und des
+finnischen Heidentums und Zauberwesens nachwirken. Die geschichtliche
+Grundlage kann im siegreichen Übergewicht der Nordleute über die
+alteingesessenen Finnen, deren Spuren auch sonst sich bemerklich
+machen, beruhen.[481]
+
+
+
+
+IX. Widar.
+
+
+Widar nennt man den schweigsamen Asen. Er besitzt einen dicken Schuh
+und ist beinahe so stark wie Thor. In allen Gefahren setzen die Götter
+grosses Vertrauen auf ihn.
+
+ Unterholz und üppiges Gras
+ Füllt Widi, Widars Land;
+ Dort springt der Recke vom Rücken des Rosses.
+ Den Vater zu rächen bereit.
+
+Seine That, die Rache für Odin, ist in der Vǫlospǫ́ geschildert:
+
+ Widar kommt dann, Walvaters Sohn,
+ Der gewaltige Held, mit dem Wolf zu kämpfen:
+ Die Klinge stösst er dem Kinde des Riesen
+ Durch den Rachen ins Herz und rächt den Vater.
+
+Ergänzend erzählt Snorri: Der Wolf verschlingt Odin und das ist des
+Gottes Tod. Dann aber eilt Widar herbei und tritt mit einem Fusse
+dem Wolfe in den Unterkiefer. Er besitzt nämlich den Schuh, zu dem
+das Leder alle Zeit zuvor gesammelt ist und zwar aus den Flicken,
+welche die Menschen vor den Zehen und an der Ferse aus ihren Schuhen
+schneiden; und darum soll ein jeder, der gewillt ist, den Asen zu Hilfe
+zu kommen, diese Flicken fortwerfen. Mit der einen Hand fasst nun
+Widar den Oberkiefer des Wolfes und reisst ihm den Rachen entzwei; und
+dadurch findet der Wolf seinen Tod. Wenn aber die Lohe des Weltbrandes
+erlischt, dann wohnen Widar und Wali, die Bluträcher Odins und Baldrs,
+im Heiligtum der Götter. Die Riesin Grid, bei welcher Thor auf seiner
+Fahrt zu Geirröd einkehrt und welche den Gott mit ihrem eigenen
+Stärkegürtel und mit ihren Eisenhandschuhen ausstattet, ist die Mutter
+Widars des Schweigsamen.[482] Beim Gelage Ägirs räumt Widar auf Odins
+Geheiss Loki seinen Platz und schenkt ihm ein. Von allen Anwesenden
+wird allein Widar mit Lokis Lästerungen verschont.[483]
+
+Widar ist der Krieger aus dem Waldland[484], aus der mit Buschwerk und
+hohem Gras bewachsenen Heide. „Wer einen Begriff von der Heide hat,
+von ihrem Gestrüppe, der dicken, schwellenden Gras- und Moosschicht an
+ihrem Boden, von ihrer Stille, die den Sinn gefangen hält, der wird
+verstehen, weshalb sie sich dem Germanen in einem Gott verkörperte, der
+einen dicken oder eisernen, d. h. unzerstörbaren Schuh besitzt und sich
+in Schweigen hüllt“ (Roediger).
+
+
+
+
+X. Wali.
+
+
+Wali oder Ali heisst ein Sohn des Odin und der Rind. Er ist kühn in
+Schlachten und kann vortrefflich schiessen. Seine Hauptthat, von der
+allein erzählt wird, bildet die Rache an Hod für Baldrs Tod. Darum
+heisst er der Rächer Baldrs, der Feind und Töter des Hod. Im Westen
+bringt Rind den Wali zur Welt, eine Nacht alt zieht Odins Sohn in
+den Kampf; die Hände nicht wäscht er, das Haupt nicht kämmt er, ehe
+er Baldrs Feind auf den Holzstoss bringt. In zweimaligem Bilde soll
+die Pflicht der Blutrache, die mit Hintansetzung von allem andern
+zuerst erfüllt werden muss, als die höchste und unaufschiebbare
+Forderung hervorgehoben werden. Märchen und Mythen wissen von Helden,
+die in voller Kraft und vollständig gerüstet zum Kampfe kommen und
+gleich nach der Geburt einen Feind erlegen. Andererseits begegnet
+die uralte germanische Sitte, wonach Männer geloben, die Haare nicht
+zu schneiden oder zu kämmen, ehe sie eine besondere Pflicht erfüllt.
+Freilich schliessen sich beide Züge eigentlich aus. Sie enthalten beide
+denselben Gedanken, nur nach zwei Seiten, dass Blutrache die eiligste
+und erste Pflicht sei. Mit Widar zusammen weilt Wali nach dem Weltbrand
+in den Sälen der Götter.[485]
+
+ * * * * *
+
+Widar und Wali haben ein gemeinsames Amt zugewiesen erhalten, die
+Blutrache. Da sie nur die Rachethat vollbringen und sonst nichts mehr
+von ihnen verlautet, als dass sie in der neuen Welt beisammen wohnen,
+steht soviel fest, dass diese Götter in der Gestalt und Thätigkeit
+wenigstens, wie sie auf uns gelangten, nicht sehr alt sein können.
+Zunächst wird Baldrs und Odins Tod vorausgesetzt. Mag Baldrs Fall älter
+sein, Odins Untergang ist vom Weltende nicht zu lösen. Und darum kann
+auch Widar nicht aus urgermanischer Sage stammen. Wo ein Held fällt,
+verlangt das germanische Rechtsgefühl den Rächer. Insofern sind Widar
+und Wali mit ethischer Notwendigkeit von dem Entwickelungsgange der
+Sagendichtung gefordert. Dass sie die Herrschaft in der neuen Welt
+führen, ist begreiflich, da sie die Überlebenden sind, gleichwie Modi
+und Magni dann den gefallenen Thor ersetzen müssen. Dass Wali und
+Widar überhaupt erst mit der nordischen Sage vom Untergang der Götter
+aufkamen, ist wahrscheinlich. Kauffmanns Versuch, ältere Bestandteile,
+Züge des grossen germanischen Waldesgottes an ihnen nachzuweisen,
+gewann kein sicheres Ergebniss.
+
+
+
+
+XI. Hönir.
+
+
+Über Hönir schwebt undurchdringliches Dunkel, weil die Überlieferung
+der mit ihm verknüpften Mythen teilweise unverständlich ist und weil
+auch der Name des Gottes keiner befriedigenden Deutung sich fügt. Er
+erscheint bei der Weltschöpfung, beim Wanenkrieg, nach dem Weltende
+im neuen Paradies, aber meistens als stumme, thatenlose Person,
+welche andern das Handeln überlässt.[486] Hönir gehört zur wandernden
+Götterdreiheit Odin, Hönir, Lodurr oder Loki. Die Götter verleihen
+dem ersten Menschenpaar Hauch (_ǫnd_), Seele (_óþ_), Gebärde, Wärme,
+blühende Farbe (_la̍_, _læte_, _lito góþa_). Hönir verleiht die Seele,
+den Geist des Menschen. Mit Odin und Loki ist Hönir auf der Fahrt, wie
+sie mit dem Riesen Thjazi, dem Räuber der Idun zusammentreffen und
+wie sie bei Hreidmar einkehren, nachdem sie seinen ottergestaltigen
+Sohn erlegt. In einem färöischen Lied, das vielleicht auf eine ältere
+verlorene nordische Sage zurückgeht, treten wiederum Odin, Hönir und
+Loki auf. Ein Bauer verliert im Brettspiel seinen Sohn an einen Riesen
+und muss ihn hingeben, wenn er ihn nicht vor dem vielkundigen Unhold
+zu verstecken vermag. In dieser Not werden Odin, Hönir, Loki nach
+einander angerufen; Odin lässt in einer Nacht einen Acker heranwachsen
+und heisst den Knaben des Bauern mitten im Acker eine Ähre, mitten
+in der Ähre ein Gerstenkorn sein. Als nun der Riese, das schneidende
+Schwert in der Hand, den Arm voll Getreides rafft, da schlüpft ihm das
+Gerstenkorn von der Faust heraus und Odin bringt den Bauersleuten den
+Sohn zurück. Hönir weist diesen an, als sieben Schwäne über den Sund
+fliegen und zwei sich niederlassen, mitten im Nacken des einen eine
+Feder zu sein; als aber der Riese den Schwan fängt und ihm den Hals
+abschlägt, fliegt die Feder heraus. Loki, der letzte Helfer verwandelt
+den Knaben zu einem Korn im Rogen eines Flunders; denselben Fisch
+erangelt nachher der Riese und zählt jedes Korn im Rogen. Das rechte
+entschlüpft ihm aus der Faust, und als er dem spurlos über den Sand
+hinfliehenden Knaben nachwatet, lässt Loki ihn sich in einen zu diesem
+Zweck erbauten Bootschuppen verrennen und schlägt ihn tot. So ist
+der Bauernsohn gerettet.[487] Will man einen tieferen Sinn aus dem
+Liede deuten, so hat Uhland am ehesten Recht, wenn er in dem dreifach
+verwandelten Bauernsohn den in die Natur gelegten schöpferischen
+Trieb erkennt, welchen die Riesen bedrohen, die Götter beschirmen.
+Die drei Nahrungsquellen des friedlichen nordischen Bauern, Ackerbau,
+Seevögeljagd, Fischfang sind gleichsam drei mächtigen Göttern
+unterstellt. Aber schwerlich ist schon in älterer Sage eine solche
+Verteilung der betreffenden Berufszweige an Odin, Hönir, Loki erfolgt.
+Da wäre sicherlich Thor für Odin als Beschützer der Landwirtschaft
+gewählt worden. Die Verbindung scheint vielmehr dem Schöpfer des
+färöischen Liedes zuzuschreiben zu sein. Darum ist es gewagt, daraus
+dass Hönir über die Schwäne Gewalt hat, auf sein ursprüngliches Wesen
+schliessen zu wollen, weil man Gefahr läuft, die Erfindung eines
+einzelnen späteren Dichters für uralten Mythus zu nehmen.
+
+Nachdem Hönir das erste Menschenpaar beseelte und begeistigte,
+erscheint um so seltsamer die Rolle, welche ihm beim Friedensschluss
+zwischen Asen und Wanen zugeteilt wird. Die Asen gaben gegen Freyr und
+Njord den Hönir als Geisel und sagten, er tauge sehr wol zum Häuptling.
+Er war ein grosser und überaus schöner Mann. Mit ihm sandten die Asen
+den Mann, der Mimir hiess; der war der Allerklügste. Dafür gaben die
+Wanen den Kwasir hin. Als Hönir nach Wanenheim kam, wurde er sogleich
+zum Häuptling gemacht. Mimir gab ihm allen Rat ein. Wenn Hönir bei
+Dingversammlungen oder Verhandlungen zugegen und Mimir abwesend war,
+und eine schwierige Sache vor ihn gebracht wurde, antwortete er immer
+auf dieselbe Weise: Mögen andre raten! Da ahnten die Wanen, dass sie
+beim Geiseltausch von den Asen getäuscht wurden. Sie ergriffen Mimir,
+enthaupteten ihn und schickten seinen Kopf an die Asen zurück. So
+berichtet die Ynglingasaga im 4. Kapitel. Darnach ist Hönir zwar schön
+und stattlich, aber schwach im Geiste und unselbständig im Urteil. Er
+braucht stets Mimirs Beirat, sonst weiss er sich nicht zu helfen.
+
+Hönir heisst bei den Skalden Sitz-, Fahrt-, Redegenosse Odins. Auf
+seine Bundesgenossenschaft mit Odin und Loki spielt namentlich Thjodolf
+in der Haustlǫng an. Die Namen „der schnelle Ase“, „Langfuss“,
+„Lehmkönig“ (_aurkonungr_, oder „Nässekönig“, der sich im Lehm, in der
+Nässe aufhält) entstammen wahrscheinlich verlorenen Sagen und sind
+für uns, nachdem einmal die betreffenden Geschichten verloren gingen,
+vollkommen unverständlich. Im neuen Paradies kehrt auch Hönir wieder.
+Er wird „den Looszweig kiesen“[488], d. h. ihm wird wieder sein altes
+Loos, unter den Asen zu weilen, zu teil. Möglicherweise soll aber auch
+damit gesagt sein, dass Hönir dann in der Welt das Loos zieht, durchs
+Loos die Zukunft erforscht und das Schicksal entscheidet.
+
+Viele Erklärungsversuche sind umsonst an dem rätselhaften Gott gemacht
+worden.[489] Einigen gilt Hönir als Ausfluss des höchsten Gottes der
+Germanen. Ein Sonnenwesen scheint er Weinhold. Uhland will den Namen
+auf ein verlorenes Zeitwort *_hanan_ *_hôn_ (mit _canere_ verwandt)
+zurückführen. Der Name bedeute einen Schall und das hänge mit seiner
+Gabe an die ersten Menschen, _óþr_, Dichtkunst, Gesang zusammen. Auf
+Uhlands Etymologie greifen auch Detter und Heinzel[490] wieder zurück,
+Hönir wird zu einem Zeitwort _hæna_, canere, gestellt. Hönir bedeutet
+Sänger, es ist ein ursprünglicher Beiname Odins. Hönir und Bragi
+gleichen sich in manchen Dingen. Müllenhoff nimmt den Hönir für einen
+Wassergott. Dazu könnte auch Uhlands Erklärung des Namens, wenn auch
+in anderem Sinne dienen: Hönir der Schallende, Rauschende, wie lat.
+_canorus_ gebraucht wird. Hoffory leitet Hönir aus urgermanischem
+*_hohnijaȥ_ ab; _Tiuȥ hohnijaȥ_ sei, wie etwa Ζεὺς κυκνεῖος, der
+schwangleiche Himmelsgott. Kauffmann denkt an _hóđ_ (ahd. _huota_)
+und findet den Begriff Hüter in Hönir; es ist der grosse Waldesgott
+der Germanen, aus dem nach Kauffmann soviele Götter hervorgingen.
+Roediger sucht dem Hönir mit natursymbolischer Auslegung nahe zu
+kommen. Er sieht einen Wolkengott in ihm. Die Wolke ist Gefährte des
+Sturmes, wie Hönir und Odin zusammen gehen. Wolken sind Schwäne im
+blauen Himmelssee. Die Wolke ist hohl und leer, wie Hönir ein Hohlkopf.
+Aber der Wassergott Mimir vermag ihr Gehalt zu geben, den Regen.
+Die erregbare menschliche Gemütsstimmung wird mit den wechselnden
+Wolkengebilden verglichen; nach dem altdeutschen Ezzolied gibt Gott dem
+Menschen „_von den wolchen daȥ muot_“, wie Hönir den Menschen beseelt.
+So lässt sich immerhin manches für Hönir als Wolkenwesen sagen, mehr
+als für die übrigen Erklärungsversuche. Der Name soll aus *_hauhnijaȥ_
+(zu *_hauhni_, dän. _höine_ die Höhe) stammen und bedeuten: der in der
+Höhe lebt. Etymologische Namenerklärungen, welche zum Verständniss des
+mit dem Namen behafteten Wesens dienen sollen, haben immer besondere
+Schwierigkeiten, zumal wenn die Wortwurzel nicht klar ist. Soviel
+Erklärer soviel Erklärungen! Trotz allem bleibt Hönir rätselhaft nach
+wie vor. Da er bei der Menschenschöpfung auftaucht und in der neuen
+Welt wiederkehrt, liegt offenbar sein Ursprung in der Weltlehre, d. h.
+Hönir ist wol aus der Fremde zugewandert. Sicher wird auch Hönir noch
+einmal auf diese Art befriedigende Deutung finden, wenngleich E. H.
+Meyers Versuch, Hönir aus Henoch abzuleiten, verfehlt erscheinen muss.
+
+
+
+
+XII. Bragi der Dichtergott.[491]
+
+
+Snorri berichtet in der Gylfaginning Kap. 26: Bragi ist einer der Asen.
+Er ist ausgezeichnet durch Weisheit, besonders aber durch Redeklugheit
+und Sprachgewandtheit. Am meisten ist er jedoch in der Dichtkunst
+erfahren und daher wird auch diese nach ihm _bragr_ genannt, wie auch
+Männer oder Frauen, die sich vor andern durch dichterische Begabung
+hervorthun, den Namen _bragarmenn_ führen. Die Gemahlin Bragis heisst
+Idun. Als Benennungen Bragis führt die Snorra Edda 1, 266 an: Gemahl
+der Idun, der Skaldenkunst Urheber, der langbärtige Ase, Odins Sohn.
+Als der Langbärtige (_síđskeggja_) erinnert Bragi an den Gott der
+Dichter, an Odin, der ebenso _Síđskeggr_ und _Langbarđr_, Tief- und
+Langbart heisst.
+
+Als Odins Hofskalde, welcher in Walhall den Ehrendienst als Begrüsser
+der Gäste mit dem Willkommentrunke versieht, erscheint Bragi im
+Preislied auf Eirik. Odin bespricht sich mit dem klugen Bragi über
+die Herankunft dieses Heldenkönigs, vor dem es tost und kracht, als
+kehrte Baldr zurück zu Odins Sälen, und schickt Sigmund und Sinfjotli
+zu seinem Empfang entgegen. Im Lied auf Hakon den Guten werden Hermod
+und Bragi aufgerufen, ihm entgegen zu gehen und Bragi reicht ihm
+feierlich den Becher zum Willkomm: „Aller Einherjer Frieden sollst du
+haben; empfange Bier bei den Göttern. Acht Brüder hast du schon hier
+innen, o Bekämpfer der Jarle“. Snorri gibt einem Abschnitt der Edda
+eine Einkleidung, welche den Bragi als Gesellschafter beim Gelage
+und trefflichen Sagenerzähler erscheinen lässt. Odin hatte den Ägir
+zu einem Gastmahl nach Walhall entboten. Dem Ägir wurde der Platz
+neben Bragi gewiesen, sie tranken und unterhielten sich zusammen.
+Bragi erzählte von vielen Begebenheiten, die sich bei den Göttern
+zugetragen hatten. So legt Snorri einen grossen Teil der Göttersage
+dem Bragi in den Mund und macht den kunstreichen Skald zu einem ebenso
+ausgezeichneten Sagenerzähler. In Skaldschaft und Saga ist aber der
+Nordleute höchste Geistesthätigkeit beschlossen. Bragi ist der Skalden
+bester[492], Denkrunen sind auf seiner Zunge eingeritzt.[493]
+
+Als Loki unter die bei Ägir versammelten Asen tritt und Aufnahme
+heischt, ergreift Bragi zuerst das Wort. Wie er willkommene Gäste in
+Wallhall grüsst, so verweigert er dem unlieben Loki Sitz und Stätte
+beim Gelage; denn die Asen wissen, wem sie Zutritt zum Festmahl
+verstatten. Auch hier also gebärdet sich Bragi als berufener und
+bestellter Sprecher der Götter. Odin selbst muss freilich trotzdem
+Loki auf dessen Mahnung einlassen; da entbietet der Böse allen Göttern
+und Göttinnen Gruss, bloss nicht dem Bragi. Der will ihm Ross, Schwert
+und Ringe aus seinem Reichtum gewähren zur Busse, damit er nicht den
+Asen Missgunst (wegen des unfreundlichen Empfanges) erzeige. Aber
+Loki greift ihn gerade an seiner friedlichen, zum Vergleich so rasch
+bereiten Gesinnung an: Du bist im Gefecht der furchtsamste und beim
+Schuss der scheueste. Da bricht Bragi zornig los:
+
+ Wenn ich draussen wär’ und drinnen nicht
+ Bei Ägir sässe im Saal,
+ Dein Haupt trüg ich in der Hand gar bald:
+ Das wär für die Lüge der Lohn.
+
+Loki erwidert:
+
+ Im Sessel bist kühn du, doch säumig zur That,
+ Bragi, du Zierde der Bank!
+ Zum Zweikampf geh’, wenn zornig du bist,
+ Der Dreiste bedenkt sich nicht lang.
+
+Die Skalden der nordischen Könige sind tapfere Helden, in Liederkunst
+wie in der Waffenführung gleich geübt. Viele haben ihre Treue in
+Schlachten bewährt und mit dem Tode besiegelt. Doch kam es auch vor,
+dass ein Skald sein verlorenes Leben mit einem Gedicht rettete. Bragi
+Boddason löste sein Leben aus der Gewalt des Schwedenkönigs Bjorn durch
+eine Drápa, ein Preislied, das er in einer Nacht verfertigt hatte,
+und ebenso befreite Egill sein Haupt aus der Gewalt König Eiriks.
+Auf solche Fälle bezieht sich wol Loki, indem er übertreibend und
+verdrehend den Skald als feig verhöhnt, weil er mit schönen Worten
+sich dort noch zu befreien wisse, wo der tapfere Mann rettungslos dem
+Tod verfallen sei. Idun beschwört nun Bragi bei ihren Kindern und
+Wunschsöhnen, den Loki nicht weiter zu lästern. Da sie sich auf Kinder
+und Wunschkinder beruft, muss angenommen werden, dass der Lokasenna die
+Ehe zwischen Bragi und Idun bereits bekannt ist, dass sogar Sprösslinge
+dieses Bundes vorausgesetzt werden. Wunschsöhne Bragis sind vielleicht
+die menschlichen Dichter, welche nach ihrem Tod in Walhall wohnten.[494]
+
+Der Skald Egill Skallagrimsson spielt zweimal auf Bragi an, wobei er
+sich auch auf Mythen bezieht. Leider ist die Überlieferung dermaassen
+verderbt und ausserdem die Anspielung so kurz und dunkel gehalten, dass
+die dem Dichter vorschwebenden Sagen gar nicht oder doch nur unsicher
+und unbestimmt wieder erschlossen werden können. Die Schlussstrophe der
+Hǫfuðlausn beginnt: Der König möge sich so seiner Schätze erfreuen, wie
+Bragi seines Auges! Was das bedeutet, ist dunkel. Im Sonatorrek 2 und
+3 ist vom Raube des Dichtermetes, den Odin aus Riesenheim entführte,
+die Rede, wobei der fehllose Bragi auflebte.[495] Soll damit die Geburt
+Bragis an dieses Ereigniss geknüpft werden? Gab es eine Sage, welche
+den Dichtergott Bragi als den Sohn Odins und der Gunnlod, die den Met
+hütete, ansah? Wie Odin in Liebe bei der Riesenmaid ruhte, als er den
+köstlichen Met erlangte, hätte er auch den besten Skald Bragi erzeugt.
+Über blosse Vermutungen kommt die Erklärung der Stelle nicht hinaus,
+weshalb Bragis Herkunft von Gunnlod immer sehr zweifelhaft bleibt.
+
+Bragi, der Gott, hat jedenfalls Beziehungen zu Bragi Boddason, der,
+obzwar noch der Sagenzeit verfangen, doch als geschichtliche Gestalt
+um und nach 800 zu betrachten ist.[496] Bragi Boddason, geschichtlich
+beurkundet und doch mehrfach in Sage und Dichtung verwoben, steht an
+der Spitze der langen Reihe norwegischer und isländischer Skalden.
+Es erhebt sich die Frage, ob Bragi Boddason der Skald nach dem Gotte
+seinen Namen hat, ob beide Namen etwa unabhängig entstanden und
+im Wortsinne den vortrefflichsten Skalden, den Dichterfürsten bei
+Göttern und Menschen bezeichnen, endlich ob etwa der Skald Bragi zur
+Verherrlichung des Standes unter die Asen versetzt wurde. Alle drei
+Möglichkeiten lassen sich mit Wahrscheinlichkeitsgründen stützen, keine
+als sichere Thatsache nachweisen. Dass Bragi weder ein altgermanischer
+noch ein volkstümlich nordischer Dichtergott war, sondern erst in
+später Zeit, etwa im 9. Jahrhundert, unter den Skalden aufkam, wird
+ziemlich allgemein angenommen. Ist ihm doch nirgends eine in den Grund
+der Mythen eingreifende Wirksamkeit zugewiesen. Odin ist das göttliche
+Urbild des Sängers, er ist der Urquell dichterischer Begeisterung.
+Neben ihm ist für Bragi kein Raum. Bragi bedeutet der Fürst, der Erste.
+Das Wort begegnet als Eigenname wie als Appellativum, wenigstens in
+der Mehrzahl _bragnar_, die Fürsten, Helden und in der starken Form
+_bragr_.[497] Bragi kann ebenso der erste unter Dichtern wie unter
+Kriegsleuten wie unter Göttern (Thor ist _ásabragr_) heissen. In der
+altnordischen Sprache ist aber Bragi gewöhnlich der Dichterfürst.
+Bragi könnte auch als Beiname oder später gebildete Bezeichnung
+des ältesten und berühmtesten der Skalden aufgefasst werden. Mogk
+glaubt, Bragi könnte ein Beiname Odins gewesen sein und nach und nach
+als Sondergestalt, etwa wie Freyr, Baldr, Heimdallr aus Tiuȥ, sich
+entwickelt haben. Falls aber der Skald Bragi samt seinem Namen, der
+Sängerahn im wallenden Bart, als zweifellos der Wirklichkeit angehörig
+gelten darf, hat die von Uhland und Mogk vertretene Ansicht, dass Bragi
+bei den Asen selbst kein andrer sei als der nach Asgard erhobene Bragi
+der Alte, Boddis Sohn, am meisten Wahrscheinlichkeit für sich. Bragi
+erscheint in Gesellschaft des Sigmund, Sinfjotli, Hermod. Sind nun
+diese Helden, geschichtliche und sagenhafte, nach ihrem Erdenlauf zu
+Odins Mahl und Ehrendienst berufen, warum nicht auch, auf seine Weise,
+ein berühmter Skald? Das Bild von Walhall, Odin und die Einherjer,
+der König und seine Gefolgschaft wird erst vollständig durch den
+Hofskalden, der hochgeehrt nahe beim Herrn seinen Sitz erhält. Was
+überhaupt von Thaten Bragis verlautet, lässt ihn ausschliesslich als
+diensttuenden Hofbeamten erscheinen. Darum wird sein Ursprung auch
+in irdischen Verhältnissen zu suchen sein, und dass die Skalden den
+ersten und ältesten ihrer Schar zu diesem Ehrenamt erkoren, ist
+wol begreiflich. Wird ihm Idun, die Hüterin der verjüngenden Äpfel
+vermählt, so besagt das poetische Bild wol nur, dass Idun seinem Alter
+Kraft und Jugendfrische wahrt. In ihren Hauptmythen ist Idun aber
+unvermählt.
+
+
+
+
+XIII. Requalivahanus.
+
+ _Deo Requalivahano Q. Aprianus fructus ex imperio pro se et suis v.
+ s. l. m._
+
+
+Diese Inschrift trägt ein Stein aus dem 2. Jahrh. n. Chr., der 1883
+in der Nähe von Blatzheim bei Cöln aufgefunden wurde.[498] Der Name
+des Gottes ist aus germanischen Wortstämmen gefügt. Seine Bedeutung
+und etwaige Beziehung auf einen der uns sonst bekannten Götter zu
+erschliessen, ist noch nicht geglückt. Trotz allen gelehrten und
+geistvollen Erklärungsversuchen zeigt sich auch hier die Unmöglichkeit,
+aus den allein von Inschriften gebotenen, allgemeinen Benennungen
+irgendwie sichere, brauchbare Ergebnisse für die Geschichte der
+germanischen Mythologie zu gewinnen. Der erste Wortstamm ist zweifellos
+germ. _*rekwaȥ_ (got. _riqis_; an. _røkkr_) Finsterniss, Dunkelheit.
+Derselbe Stamm ist auch sonst in gotischen Eigennamen nachzuweisen:
+_Reccared, Reccesuinth, Requisindus, Riccifrida, Riccila_ u. ä. (vgl.
+Kögel, AnzfdA. 18, 59). Schwieriger ist der zweite Stamm festzustellen.
+Die Erklärer gehen schon darin auseinander, dass sie das Suffix
+_-hanus_ teils mit der Latinisierung des germanischen Wortes in
+Zusammenhang bringen, teils der ursprünglichen Wortbildung zuweisen,
+d. h. dass sie entweder auf einen germanischen Stamm _livan-_ oder
+_livahan-_ schliessen. Die Wurzel stellen Holthausen und Kauffmann zu
+an. _lifa_, Leben und ähnlichen Bildungen, und nehmen _liƀa_ „lebend“
+wie in den Eigennamen _Heriliva_, _Gundiliva_, die im Heere, im Kriege
+Lebende, oder _liƀahs_ „lebensvoll“, „lebendig“ an. _Requalivahanus_
+ist der in der Finsterniss als Herrscher waltet, der im Dunkel wohnt.
+Im Ahd. begegnet das ähnlich gebildete Eigenschaftswort _ubarlibo_
+„überlebend“. Später dachte Holthausen an _*liwa_ im Sinne von
+Hinterlassenschaft, Erbe, zum Zeitwort _lîhwan_, leihen, übrig lassen.
+Requalivahanus ist, dem die Finsterniss überlassen wird, der die
+Finsterniss als Hinterlassenschaft besitzt, dem die Finsterniss als
+Erbe anfiel. Much vermutet ein germanisches Eigenschaftswort _lîwaȥ_,
+_lîwahaȥ_, farbig, nach irischem _lî_ die Farbe, gall. _Lîvius_,
+_Lîvo_, lat. _livor_, _liveo_, _lividus_. Requalivahanus bedeutet
+wie mhd. _vinstervar_ den, der die Farbe der Finsterniss trägt, den
+Dunkelfarbigen. An einen Ortsnamen endlich denkt v. Grienberger. Das
+latinisierte Adjectiv requalivânus meint einen Gott von Requaliva.
+In _liwa_ sei ein germanisches Wort für Gewässer enthalten, und so
+ist Requaliva wie _Schwarzleo_ einfach Schwarzbach, Schwarzwasser,
+Schwarzach, Schwarzensee oder dgl. ein Gewässer von dunkler Farbe oder
+ein Gewässer im finstern, schattigen Walde.
+
+Wenn schon die Namendeutung über unsichere Vermutungen nicht
+hinausgelangt und nur einen sehr allgemeinen Sinn ergibt, so ist
+es mit der mythologischen Auslegung noch viel schlimmer bestellt.
+Dass Requalivahanus im Finstern haust, muss angenommen werden. Die
+nächstliegende Beziehung geht unstreitig auf Tod und Unterwelt. Zeus
+und Pluto heissen σκότιος, sofern sie in der Finsterniss leben. Das
+Beiwort kann aber manchen Göttern zukommen, etwa Wodan als dem Walgott,
+so lang er die Seelen der Toten im dunkeln Schooss der Berge bei sich
+versammelt, oder Baldr, der zur Hölle stieg. Einen germanischen Pluto,
+der der Finstere hiesse, wie Hel die Schwarze, kennen wir nicht. Am
+wenigsten ist Kauffmanns Auslegung begründet, der im Requalivahanus
+den grossen Waldesgott der Germanen, aus dem auch Widar und Wali, „der
+Starke von oben“, den die Vǫlospǫ́ geheimnissvoll erwähnt, Mitothin,
+Ullr und viele andere stammen sollen, erkennen will. Requalivahanus ist
+für uns völlig rätselhaft. Es ist ein Beiname, der etwa dem griech.
+σκότιος entspricht. Ob er einem der uns sonst bekannten germanischen
+Götter gebührt oder einem Gotte, von dem wir sonst gar nichts wissen,
+ist nicht festzustellen.
+
+
+
+
+XIV. Loki.
+
+
+1. Lokis Wesen und Namen.
+
+Loki ist der Beschliesser, der Endiger.[499] In seinem Namen
+offenbart sich seine Art, sein Streben geht auf das Weltende. Er
+wirkt beständig auf den Abbruch der Macht der Götter hin und führt
+endlich den Untergang, die volle Vernichtung heran. Im Hinblick auf
+die Götterdämmerung und den Weltbrand ist sein Name und seine Gestalt
+geschaffen; daher reicht Loki ebensowenig wie die Vorstellung vom
+Weltende über die nordische Überlieferung in die gemeingermanische
+und damit heidnisch-deutsche zurück, sein Ursprung liegt nur zum
+kleinsten Teil im echt nordischen, heimischen Heidentum, vielmehr in
+der altchristlichen Mythologie. Loki setzt zum vollen Verständniss
+die Lehre vom Werden und Vergehen der Welt voraus, da er von Anfang
+bis zu Ende darin thätig ist. Ihn gesondert darzustellen hält
+insofern schwer, als eigene Lokisagen nur in geringer Anzahl sich
+darbieten, andererseits er aber in die Ereignisse der Göttersagen
+häufig entscheidend im guten oder schlimmen Sinn eingreift. Darum
+musste schon mehrfach auf ihn Bezug genommen werden. Loki setzt
+nicht bloss den grössten Teil der nordischen Göttersagen voraus,
+sondern auch den Versuch, die Gesamtheit der Göttersagen unter der
+Absicht einer einheitlichen Entwicklung zusammenzufassen. In der
+nordischen Mythologie, wie sie uns in den Kunstgedichten der Skalden
+im 9. und 10. Jahrhundert entgegentritt, ist Loki die treibende
+Kraft. Betrachtet man die übrigen Götter der nordischen Sage, so
+erkennt man deutlich einen selbständigen Grundstock von bestimmten
+Zügen und Eigenschaften, welche jede dieser Gestalten von mitunter
+hohem und höchstem Alter und unabhängiger, eigentümlicher Entstehung
+und Entwicklung erscheinen lässt. Daneben zeigen sich Spuren, wie
+und wo diese Gestalten mit dem bereits Vorhandenen sich abfanden.
+Endlich wird ihnen eine gewisse Teilnahme am Weltwerden und Vergehen
+eingeräumt. Aber ihr eigentliches Wesen wird von der ihnen in der
+Weltlehre gewiesenen Stellung kaum berührt. Darüber sind alle Forscher
+einig, dass die nordische Mythologie, welche die einzelnen Göttersagen
+als Glieder einer grossartigen Entwicklungsgeschichte nimmt, worin
+das Einzelne nur als Teil einer in weitem Rahmen und auf tiefem
+Hintergrund aufgebauten Gesamtheit, als besonderer Abschnitt des
+tragischen Weltendramas erscheint, dass diese nordische Mythologie
+ausschliesslich den nordischen Dichtern gehört und verhältnissmässig
+jung ist. Mit dieser Mythologie aber steht und fällt Loki. Bringt man
+bei den andern Göttern ihren Anteil am Weltendrama in Abzug, so tritt
+dadurch ihre Gestalt nur umso heller und schärfer ins Licht, da sie
+ja ihren Ursprung aus älteren und völlig verschiedenen Verhältnissen
+ableiten. Wendet man das gleiche Verfahren auf Loki an, so bleibt
+fast nichts mehr übrig. Wer sich der thatsächlichen Wahrheit nicht
+verschliesst, dass Weltschöpfung, Baldrs Tod, Weltende jedenfalls
+mit altchristlicher Mythologie auffällige Verwandtschaft zeigen, die
+sich ungleich leichter aus der Annahme von Entlehnungen, als aus der
+Behauptung selbständiger unabhängiger Entwicklung beiderseits erklärt,
+wird auch geneigt sein, das Rätsel, welches Loki bei Ableugnung
+fremder Bestandteile in der nordischen Mythologie bietet, dadurch
+zu lösen, dass er ihn zu Lucifer, dem Teufel, dessen Rolle Loki
+zugestandenermaassen im Norden spielt, in Beziehung setzt. Dadurch
+wird zwar nicht alles, aber doch vieles an Loki, namentlich seine
+Wandlung aus dem Genossen der Götter und Blutsbruder Odins zum Teufel,
+zum feindseligen Riesen, dessen dämonische Art allmälig immer stärker
+hervorbricht, verständlich werden. Eine sklavische, unselbständige
+Nachahmung Lucifers ist Loki nicht, vielmehr eine eigenartige, durch
+das fremde Vorbild nur angeregte dichterische Schöpfung. Abgesehen
+von mancherlei Verschiebungen, z. B. dass schon der göttliche Loki
+riesischer Abkunft ist, und von vielen Neubildungen und Zusätzen ist er
+ganz den nordisch-germanischen Zuständen angepasst.
+
+Eine weitere Eigenschaft Lokis ist noch in Rücksicht zu ziehen. Ein
++Dämon des Feuers+, welcher auch sonst unter dem Namen Logi, die
+persönlich gewordene Lohe[500] vorkommt, scheint vielleicht wegen
+des anklingenden Namens und, da ja wirklich die Welt im Feuer endigt
+(_logi-loki_: Lohe-Endiger), mit Loki verschmolzen zu sein, teilweise
+auch ein Dämon der versengenden, verzehrenden Gluthitze _Lóđurr_
+(aind. _Vṛtra_, der im Verein mit anderen Dämonen das befruchtende
+Wasser zurückhält und damit Trockenheit und Dürre verursacht). Die
+Namen von Lokis Eltern, _Fárbauti_, der gefährlich Schlagende, d. i.
+der Sturmwind und _Nál_, Nadel am Nadelbaum oder _Laufey_, Laubinsel
+machen seine Feuernatur deutlich. Der Sturmwind schlägt die flammende
+Lohe aus dem Gehölz, besagen die Namen von Lokis Vater und Mutter in
+dichterischem Bild.[501]
+
+Auf Island soll die Redensart gegangen sein, Loki fährt über die Äcker,
+wenn ein Brand oder Hitze die Wiesen versengte. Lokis Spähne heissen
+die zum Feueranzünden verwendeten Spähne. Lokis Brand ist der Name des
+Hundssterns (Sirius). _Loka daun_, Lokis Geruch ist Schwefeldampf, was
+aber stark an Lucifer gemahnt. Loki trinkt Wasser, sagt man in Dänemark
+von der wasserziehenden Sonne. In Nordjütland ist Lokis Hafer ein dem
+Vieh schädliches Unkraut, wie auch der Teufel Unkraut sät. Knistert
+das Feuer, so heisst es: Loki prügelt seine Kinder. Schweben Dünste
+in der Sonnenhitze auf der Erde, so treibt Loki seine Geissen aus.
+Vögel, die sich mausern, gehen unter Lokis Egge. Kinder, die einen Zahn
+verlieren, werfen ihn in Småland ins Feuer mit den Worten: Loki, gib
+mir einen Beinzahn, hier hast du einen Goldzahn. Auf Lokis Abenteuer
+hören bedeutet in Dänemark auf Lügen Acht geben. Nach diesen im Volke
+noch fortlebenden Vorstellungen[502] erscheint Loki als Feuer, Hitze
+und Teufel. Dieselben Reden gehen häufig sonst vom Teufel und sind also
+jedenfalls von ihm auf Loki übertragen worden, nicht umgekehrt.
+
+Loki kommt auch und zwar schon bei den älteren Skalden unter anderen
+Namen vor. Er heisst _Loptr_, der Luftige.[503] Was der Name besagt,
+ist unklar, ob damit ein persönlich gedachter Dämon des Luftreiches
+gemeint ist, etwa wie Kari neben Logi die Luft neben der Lohe
+verkörpert, oder ob auf die leibliche Beschaffenheit Lokis angespielt
+wird. Nach gelehrter Auffassung nämlich bestehen die Leiber der Dämonen
+aus Feuer und Luft. Endlich lässt sich Loptr auch als der durch die
+Luft Fliegende denken.
+
+„Unverkennbare Wesensgleichheit herrscht zwischen dem indischen Vrtra,
+dem Dämon der Sommerhitze, welcher das himmlische Gewässer einschliesst
+und daher von Indra bekämpft und endlich getötet wird, worauf er in
+Gestalt eines Wurmes (Ahi) niederstürzt, und dem nordischen Loki, dem
+Gott der Hitze, der von Thor (dem Donnerer gleich Indra) beständig
+feindselig betrachtet und schliesslich auch gefangen genommen wird,
+dem Vater des gleicherweise von Thor einst bekämpften Midgardwurmes.“
+So sagt Noreen[504] und sucht die Behauptung durch den Nachweis zu
+stützen, _Lóđurr_ aus älterem _Vlóđurr_ sei mit _Vṛtra_ gleich. Ganz
+anders erklären Detter und Heinzel (Beiträge 18, 560) den Namen Lodur
+(bei Saxo Lotherus). Sie verweisen auf an. _lóđ_, Ertrag des Bodens und
+erblicken in Lóður einen Gott der Fruchtbarkeit, einen Beinamen des
+Freyr. Die Dreiheit Odin, Hönir, Lodur zielt auf die vereinigten Asen
+und Wanen.
+
+ * * * * *
+
+Im Mittelalter treten oft drei Teufel Lucifer, Beelzebub, Satanas in
+Nachäffung der Dreieinigkeit auf. Ebenso stehen neben Loki die Brüder
+_Býleistr_ oder _Býleiftr_ und _Helblindi_. Der letztere Name, nur der
+Snorra Edda bekannt, ahmt Bezeichnungen des Teufels nach, der manchmal
+als blind bezeichnet wird und im Angelsächsischen und Deutschen sehr
+viele Benennungen aufweist, welche mit _helle_ begannen. Býleistr,
+Býleiftr ist vielleicht durch Umdeutung aus Beelzebub entstanden.
+Selbständig oder in besonderen Sagen erscheinen die Brüder Lokis
+nicht.[505]
+
+
+2. Die Sagen von Loki.
+
+Snorri sagt von Loki: Zu den Asen wird auch der gerechnet, den manche
+den Verleumder der Asen oder den Urheber des Trugs und die Schande
+aller Götter und Menschen nennen. Sein Name ist Loki oder Lopt; er ist
+der Sohn des Riesen Farbauti. Seine Mutter heisst Laufey oder Nal,
+seine Brüder Býleipt und Helblindi. Loki ist schön und anmutig von
+Aussehen, aber böse von Gemütsart und höchst unbeständigen Wesens. Er
+brachte die Asen oft arg in Verlegenheit, hat sie aber auch oft durch
+seine List aus schlimmer Lage befreit. Seine Gattin heisst Sigyn und
+beider Sohn ist Nari oder Narfi.[506]
+
+Loki ist Gott und Teufel in einer Person. In den Urtagen in die
+Gemeinschaft der Asen aufgenommen und am Schöpfungswerke thätig, schön
+und schmuck von Gestalt, kehrt er allmälig ganz andre Seiten hervor.
+Wie das leise Verderben schleicht er rastlos unter den Göttern umher
+und führt die von seinem boshaften Rat Getäuschten in Schaden und
+Unfall. Als Lügenvater und Trugstifter nimmt er sich den reinsten und
+besten der Götter, Baldr zum Widerspiel. Darauf hin wird er verstossen.
+In finstrer Höhle liegt bei Saxo der zum hässlichen Teufel gewandelte
+Loki. Durch Baldrs Tod ist das geistig-sittliche Weltgesetz gelöst.
+Wie alle die rohen und wilden Naturkräfte unaufhaltsam hereinbrechen
+und das Weltende naht, wird er seiner Fesseln ledig und zieht selber
+an ihrer Spitze zum Zerstörungswerk einer Welt, die er einst, solange
+er noch rein unter den Himmlischen geweilt, mit auferbaut hatte. Lokis
+Geschick, seine Wandlung vom Gott zum Teufel, seine Feindschaft zum
+lichten Baldr hat eine auffallende Ähnlichkeit mit Lucifers Fall, wie
+auch diejenigen anerkennen müssen, welche nicht zugeben wollen, dass
+Loki in der Hauptsache nichts anderes ist, als der in die nordische
+Göttersage und Weltlehre übersetzte Lucifer.
+
+ * * * * *
+
+Odin, Hönir und Loki oder, wie er auch genannt wird, Lodur wandern
+zusammen. So erschaffen sie die ersten Menschen, den Hauch gab Odin,
+Hönir die Seele, Lodur die Wärme und leuchtende Farben.[507] Statt der
+Dreiheit Odin, Hönir, Lodur setzt Snorri Burs Söhne, Odin, Wili, We
+ein. Mit Odin und Hönir zieht Loki auch in den Geschichten von Iduns
+Raube und vom Hort des Andwari über Land. Seinen klugen Rat bewährt
+er, indem er Thor zur Heimholung des Hammers verhilft. Da wirkt er nur
+Gutes, indem er selber den Asen bei Bekämpfung ihrer Feinde beisteht.
+In der Lokasenna 9 beruft Loki sich auf einen mit Odin eingegangenen
+Blutbrüderbund:
+
+ Gedenkst du, Odin, dass in der Urzeit
+ Wir beide das Blut gemischt?
+ Nimmer des Biers zu geniessen schwurst du,
+ Man böte denn beiden es dar.
+
+Die feierlichsten, heiligsten Bande haben also dereinst Loki mit Odin
+verknüpft. Als Odins Freund bezeichnen ihn die Skalden.[508] Aber bald
+wird sein Rat zweideutig und falsch. Loki sucht in mehreren Erzählungen
+den Feinden der Götterwelt Macht über Asgard zu verschaffen und nur
+gezwungen lässt er sich dazu bewegen, das drohende Unheil mit listiger
+Falschheit abzuwenden.
+
+Odin, Loki und Hönir fuhren über Berge und öde Wälder. In einem
+Thale sahen sie eine Rinderheerde. Davon nahmen sie einen Ochsen und
+fingen an, ihn zu sieden. In der Eiche über ihnen sass ein Adler, der
+verhinderte das Garsieden des Fleisches, bis die Asen ihm Anteil an der
+Mahlzeit versprachen. Aber weil der Adler gierig die besten Stücke an
+sich nahm, stiess Loki mit einer Stange nach ihm. Die Stange blieb im
+Leibe des Adlers stecken. Der Adler flog auf, Lokis Hände hafteten fest
+an der Stange, so dass er geschleift wurde. Da bat er, von Schmerzen
+gepeinigt, um Gnade. Der Adler war aber der Riese Thjazi, und er
+sagte, er werde ihn nicht loslassen, wenn er nicht Idun samt ihren
+Äpfeln ihm brächte. Loki versprach es und lockte in der That Idun aus
+Asgard in einen Wald hinaus unter dem Vorwand, er wolle ihr kostbare
+Äpfel zeigen. Sie solle zum Vergleich ihre eigenen mitbringen. Da kam
+der Riese Thjazi und flog mit ihr in seine Behausung. Die Asen aber
+wurden ohne Iduns Äpfel alt und grau und bedrohten den Loki, bis er in
+Falkengestalt nach Riesenheim flog, Idun zur Nuss verwandelte und sie
+auf diese Art zurücktrug. Thjazi verfolgte ihn in Adlergestalt. Die
+Götter aber entzündeten schnell ein Feuer, worin der heraneilende Adler
+verbrannte.[509]
+
+Wie hier Idun, so verhandelt Loki ein ander Mal Freyja an einen
+ungeschlachten Riesen. Darauf spielt die Vǫlospǫ́ an:
+
+ 25 Da gingen zu Sitze die Götter alle,
+ Die heiligen Herrscher, und hielten Rat:
+ Wer die ganze Luft mit Gift erfüllte
+ Und der Brut der Riesen die Braut des Od gab.
+ 26 Nur Thor schlug zu, voll trotzigen Mutes
+ -- Selten sitzt er, wenn er solches vernimmt --
+ Da wankten die Eide, die Worte und Schwüre,
+ Die festen Verträge, die man vordem schloss.
+
+Ergänzend berichtet Gylfaginning im 42. Kapitel: Ein Werkmeister aus
+dem Riesenland hatte sich verpflichtet, den Göttern eine Burg im
+Verlauf eines Winters aufzuführen, wenn man ihm Freyja zur Frau gebe
+und Sonne und Mond abtrete. Zur Arbeit, verlangte er, solle man ihm nur
+den Beistand seines Rosses Swadilfari verstatten. Auf Lokis Rat wurden
+diese Bedingungen angenommen. Als das Werk der Vollendung sich nahte,
+bereuten die Götter das leichtsinnig gegebene Versprechen und bedrohten
+Loki mit dem Tode, wenn er nicht Rat schaffe. Durch List, indem er in
+Stutengestalt den Hengst Swadilfari an sich lockte, gelang es ihm, die
+Arbeit so aufzuhalten, dass der Werkmeister am Ziel nicht fertig wurde.
+Als der Riese über den Verlust seines ausbedungenen Lohnes in Zorn
+geriet, erschlug ihn Thor mit dem Hammer. Loki brachte von Swadilfari
+ein Füllen zur Welt, Sleipnir, Odins Ross.
+
+Wenn Loki Idun und Freyja, die jugendschönen Göttinnen, ohne Bedenken
+den Riesen überliefert, so beschädigt er dadurch den ganzen Bestand
+der Götterwelt, indem er ihre Lebens- und Liebeskraft, Licht und Wärme
+dem Erbfeinde preisgibt. Er trachtet, die Götter zu verderben, indem
+er ihrem Dasein die erhaltenden Kräfte entzieht. Wie ein Vorspiel zu
+Baldrs Tod und zur Weltvernichtung erscheint der Angriff auf Idun und
+Freyja.
+
+Noch ernstlicher wird der Götterstaat gefährdet, wenn Loki den
+gewaltigen Beschirmer der Welt, Thor, den Riesen auszuliefern versucht.
+Zwar verhilft er dem Thor wieder zum Hammer, als Thrym ihn stahl;
+auch auf der Fahrt zu Utgardloki, seinem Doppelgänger, begleitet
+Loki den starken Gott ohne schlimme Absicht. Als aber Loki einmal im
+Falkengewand zum Riesen Geirröd geflogen war und dabei gefangen wurde,
+zwang ihn Geirröd, zur Lebenslösung den Thor ohne Handschuhe, Gürtel
+und Hammer, also machtlos in sein Gehöft zu bringen, was wirklich
+auch geschah. Doch endigte der Streich, wie oben erzählt wurde, zum
+Schaden Geirröds. Im Hymirliede sind zwei Strophen eingeschoben (37/8),
+wonach Loki der Arge Schuld daran war, dass einer der Böcke lahmte,
+weil Thjalfi gegen des Gottes Gebot den Schenkelknochen gespalten
+hatte, um zum Mark zu kommen.[510] Die Sage hat wol tieferen Sinn,
+wenn Loki, der Abkömmling der Riesen, insgeheim und hinterlistig
+gegen Thor, den Bezwinger der Unholde, wirkt. So ist Loki das leise
+schleichende, allzeit wache Verderben unter den Asen. Immer ist er zur
+Hand, wo sich Gelegenheit bietet, die Grundpfeiler der bestehenden
+Weltordnung zu unterwühlen, ein geheimer Bundesgenosse der lauernden
+Mächte des Verderbens, stets bereit, die Widerstandsfähigkeit der
+Götter abzuschwächen, damit die am Tage der Vernichtung schrankenlos
+hervorbrechenden teuflischen Geister umso leichteres Spiel haben. Als
+seine Pläne durch die Vorsicht und die Entschlossenheit der Götter
+durchkreuzt werden, führt er den Hauptschlag und tötet den guten
+Baldr. Doch diese offene Kriegserklärung zerreisst das ohnehin schon
+gelockerte Band, Loki wird aus der himmlischen Schar in die Hölle
+verstossen.
+
+Unter Heimdall wurde erzählt, wie Loki und Heimdall um den Besitz des
+Halsgeschmeides der Freyja mit einander am Singasteine kämpfen. Eine
+ziemlich junge, erst im Ausgange des 14. Jahrhunderts aufgezeichnete
+Sage[511] erzählt, wie Loki das Halsband raubte: Odin sagte dem Loki
+alles, was er angriff, und legte ihm oft grosse Aufgaben vor, die er
+alle löste. Loki erfuhr alles, was geschah, und sagte es dem Odin
+wieder. Da hörte er einmal, Freyja habe von den Zwergen gegen ihre
+Gunst einen Halsschmuck bekommen, und er sagte es dem Odin. Da befahl
+ihm der, den Schmuck zu stehlen, und wie sehr er auch vorstellte, dass
+das unmöglich sei, es half nichts und Odin sagte, er dürfe nicht eher
+wiederkommen, als bis er den Schmuck bringe. Da ging Loki heulend
+fort und alle freuten sich, dass es ihm schlecht ging. Wie er nun zu
+Freyjas Kammer kam, war sie verschlossen und er konnte nicht hinein. Es
+war aber eine harte Kälte und er fror. Da ward er zur Fliege und flog
+um alle Riegel und in alle Ritze, aber nirgends konnte er hindurch.
+Endlich erspürte er ganz oben am Giebel ein Loch so gross wie ein
+Nadelöhr. Da hinein schlüpfte er und so kam er in das Gemach. Alles
+schlief und Freyja lag mit dem Schmucke am Halse auf einem Bett. Weil
+sie aber auf dem Schlosse lag, wandelte sich Loki in einen Floh und
+stach sie in die Wange. Da drehte sich Freyja um, schlief aber ruhig
+weiter und Loki konnte nun den Schmuck nehmen. Da schloss er das Gemach
+von innen auf und eilte zu Odin. Als Freyja am Morgen erwachte und
+das Halsband verschwunden und die Thüren offen sah, da erriet sie den
+Streich, ging zu Odin und verlangte zurück, was ihr gestohlen sei. Odin
+aber warf ihr die Weise vor, wie sie zu dem Schmucke kam und bestimmte,
+sie solle ihn nicht wieder erhalten, bis sie zwei Könige, deren jeder
+zwanzig Unterkönige habe, zum Kriege verhetze. Sie müssten fallen,
+aber sogleich wieder aufstehen und weiter kämpfen, und alle Gefallenen
+der Heere ebenso, und das müsste währen, bis ein Christ diese Männer
+bekämpfe. Dann sollten sie Ruhe finden. Das versprach Freyja und darauf
+erhielt sie ihr Halsband zurück.
+
+Die Verbindung der Sage vom Raube des Halsbands mit der Hjadningensage
+ist jedenfalls jung und hat keine Gewähr in der älteren
+Überlieferung. Sie entstand nur dadurch, dass Freyja beschuldigt
+wurde, den langen Krieg erregt zu haben. Dass aber Loki das Halsband
+stahl, ist sagenecht; schon beim Skald Thjodolf heisst er Dieb des
+Brisinghalsbandes.[512] Freilich ist damit nicht bewiesen, dass alle
+Einzelheiten des späten Berichtes schon der ursprünglichen Sage
+angehörten. Wenn das Halsband richtig als Gestirn oder glänzende
+Lichterscheinung gedeutet wird, das der Himmelsgöttin zu eigen ist,
+so lässt sich mythologisch weiter erklären, dass Loki der Endiger
+das Licht raubt, dass Heimdall, dem überall die Frühe, der Aufgang
+angehört, das Geschmeide siegreich zurückbringt. Im Auftrag Odins
+geschah aber schwerlich dieser Diebstahl nach der ursprünglichen
+Überlieferung. Loki folgte mit dieser That nur seinem eigenen bösen,
+auf den Schaden der Götter und Abbruch ihrer Macht gerichteten Antrieb.
+Wie er den Diebstahl vollbrachte, erinnert wiederum stark an die Art
+des Teufels, der Herr der Fliegen und Flöhe ist, und nicht verschmäht,
+in Gestalt solchen Ungeziefers aufzutreten.[513]
+
+ * * * * *
+
+Odin, Hönir und Loki fuhren über Land. An einem Wasserfall warf Loki
+einen Otter, der einen Lachs verzehrte, mit einem Steine tot. Wie
+sie bei Hreidmar einkehrten, behauptete dieser, Otr sei sein Sohn
+und verlangte zur Busse von den Asen, sie sollten den Otterbalg mit
+Gold füllen und von aussen ganz mit Gold bedecken. Loki schaffte
+das Gold und den Ring des Zwerges Andwari herbei. Als der Zwerg den
+Ring verfluchte, lobte dies Loki und fügte hinzu, der Fluch solle
+auf jeden Besitzer des Ringes übergehen. Als ihn Hreidmar empfing,
+sprach Loki, es solle sich Andwaris Wort erfüllen und der Ring jedem,
+der ihn besitze, Tod bringen. Dieser Fluch hat seitdem seine Kraft
+bewährt.[514] In dieser Sage zeigt Loki seine teuflische Freude an dem
+Unheil, das aus dem Fluche aufschiesst, und sucht es nach Kräften zu
+fördern.
+
+ * * * * *
+
+Loki muss den Vorwurf hören: Acht Winter sei er im Innern der Erde
+gewesen, Kühe melkend als Weib: er sei der weibische Ase (_ǫ́ss
+ragr_), der Kinder gebar.[515] Als Riesin Thokk, welche durch
+Nichtweinen Baldrs Rückkehr aus der Hölle verhindert, erschien Loki
+wirklich in Gestalt eines Weibes, ebenso erfragte er von Frigg das
+Geheimniss, wodurch allein Baldr verwundet werden könne, als Stute
+warf er vom Hengste Swadilfari den Sleipnir. Ob mit dem Vorwurf etwa
+mit absichtlicher Entstellung auf verlorene Sagen angespielt wird,
+ist nicht bekannt. Weibliche Verkleidung nahmen auch Odin bei Rind,
+Thor und Loki als Freyja und deren Zofe bei der Heimholung des Hammers
+an. Die Auslegung, Loki sei als das im Innern der Erde thätige Feuer
+gedacht, das als Weib aufgefasst werde, weil es Wachstum hervorbringe,
+die acht Winter seien die acht Wintermonate, während welcher die Wärme,
+die auf der Erdoberfläche den Frostriesen weichen musste, sich unter
+die Erde zurückgezogen habe und hier im Verborgenen wirke, die von Loki
+gemelkten Kühe endlich seien die warmen Quellen, die auch im Winter
+durch Eis und Schnee hindurch ihr mitunter milchfarbenes Gewässer
+emporsenden, befriedigt in ihrer Allgemeinheit und beim Mangel aller
+Einzelheiten des fraglichen Mythus, welcher den Vorwurf veranlasste,
+keineswegs. Die arge Beschuldigung, als Weib behandelt worden zu sein
+und Kinder geboren zu haben, wird auch sonst gegen Männer erhoben.[516]
+Sie soll wol nur Lokis Argheit im schlimmsten Sinne zeigen. Ist er
+doch auch sonst unkeusch und verführt Göttinnen zur Unzucht. Die
+Druckgeister, welche als incubi und succubi mit den Menschen sich
+vermischen, werden aber gerne als Teufel aufgefasst, und so wird
+auch Lokis Buhlerei als Ausfluss seiner Teufelsart am ehesten sich
+erklären.[517]
+
+ * * * * *
+
+Im Gedicht von Lokis Wortstreit (Lokasenna) tritt Loki unter die bei
+Ägir zum Gelage versammelten Götter und Göttinnen. Nur indem er Odin an
+die Blutbrüderschaft erinnert, erhält er unter den misstrauischen Asen
+einen Sitz eingeräumt. Loki trinkt den Hochheiligen zu, erhebt aber
+zugleich seine Schelte, indem er mit Bragi, „dem feigen Bänkehüter“,
+beginnt. Alle Anwesenden, die sich ins Gespräch mischen, werden von
+Loki mit überlegenem Witz und grosser Schlagfertigkeit höhnisch auf
+ihre schwachen Seiten hingewiesen. Dabei wird zum Teil auf bekannte,
+zum Teil auf verlorene Sagen angespielt. Loki weiss geschickt mittelst
+Übertreibungen und Verdrehungen jedem Gegner etwas Ungünstiges
+anzuhängen. Die Göttinnen Idun, Gefjon, Frigg, Freyja, Skadi, Sif
+werden mit dem Vorwurf der Buhlerei bedacht. Zum Teil rühmt sich Loki
+selber, ihre Gunst genossen zu haben. Endlich erscheint polternd und
+drohend Thor. Zwar bekommt auch er seine Verlegenheit auf der Fahrt zu
+Utgardloki zu hören, wie er jedoch dadurch unbeirrt den Hammer gegen
+Loki aufhebt, bequemt sich dieser dazu, den Saal zu räumen, mit dem
+Wunsch, nie mehr solle Ägir ein Gelage abhalten, feurige Lohe solle
+über seine Habe hin spielen. Damit ist auf den Weltbrand gedeutet. Der
+Schöpfer der Lokasenna besass einen scharfen Blick für die Gebrechen
+und sittlichen Mängel der Göttersagen, deren volle Bekanntschaft er
+voraussetzt. Er dichtete wol gegen Ende des 10. Jahrhunderts, als bei
+dem Verfall des Heidentums und beim Eindringen des Christentums manche
+Freidenker jeden Glauben aufgaben. Er verrät treffende Auffassung der
+einzelnen Göttercharaktere, insbesondere des Loki, wenn er diesem
+Geiste der Verneinung die Aburteilung des Götterstaates in den Mund
+legt. Die eigenartige Anschauung eines einzelnen Mannes, nicht eine in
+den Zusammenhang des Ganzen tiefer eingreifende Sage liegt offenbar in
+dieser merkwürdigen Dichtung vor.[518]
+
+ * * * * *
+
+Loki der Sohn der Laufey hatte einst aus Bosheit der Sif alles Haar
+abgeschnitten. Als Thor dies erfuhr, fasste er Loki mit seinen Händen
+und würde ihm alle Knochen zerschlagen haben, wenn er ihm nicht den
+Eid geleistet hätte, dass er die Schwarzelben dazu bewegen wolle,
+der Sif aus Gold neues Haar anzufertigen, welches wachsen solle wie
+natürliches Haar. Hierauf begab sich Loki zu den Zwergen, die Iwaldis
+Söhne hiessen, und diese machten das Haar sowie auch das Schiff
+Skidbladnir und den Speer Gungnir, den Odin besitzt. Darauf wettete
+Loki um seinen Kopf mit einem Zwerge namens Brokk, dass dessen Bruder
+Sindri nicht drei Gegenstände herstellen könne, die den eben genannten
+an Wert gleichkämen. Loki suchte auch in Gestalt einer Stechfliege die
+Arbeit der Brüder zu stören. Trotzdem brachten sie den Ring Draupnir,
+Freys Goldeber, Thors Hammer fertig. Die Asen entschieden, der Hammer
+sei das beste der Kleinode und der wirksamste Schutz wider die Riesen.
+So hatte Brokk gewonnen. Loki erbot sich, sein Haupt zu lösen; darauf
+wollte der Zwerg nicht eingehen. „So greife mich denn“, sprach Loki;
+aber als er ihn fassen wollte, war er schon weit entfernt. Loki hatte
+nämlich Schuhe, die ihn durch Luft und Meer trugen. Nun bat der Zwerg
+Thor, dass er den Loki greifen möge, und Thor that das. Nun wollte der
+Zwerg ihm den Kopf abschlagen, Loki sagte jedoch, er habe wol Recht
+auf seinen Kopf, aber nicht auf seinen Hals. Da nahm der Zwerg Messer
+und Faden und wollte dem Loki die Lippen zusammennähen und zunächst
+Löcher in die Lippen stechen, aber das Messer schnitt nicht. Der
+Zwerg meinte, dass der Pfriemen seines Bruders tauglicher sein würde,
+und sobald er diesen genannt hatte, war er auch zur Stelle, und der
+Pfriemen durchschnitt die Lippen. Er nähte nun Lokis Lippen zusammen,
+Loki aber riss den Faden aus dem Saume heraus. Dieser Faden, mit dem
+Lokis Mund zugenäht war, heisst Wartari. So erzählen die Skáldskaparmál
+Kap. 3.
+
+Im Grimnirliede 43 wird Skidbladnir als Werk der Söhne Iwaldis erwähnt,
+ohne dass Lokis Teilnahme erhellt. In der Lokasenna 54 spielt Loki
+darauf an, dass er mit Sif Buhlschaft trieb, und auch das Harbardslied
+48 scheint hierauf Bezug zu nehmen. Dann würde dem Berichte Snorris
+immerhin Gewähr älterer Überlieferung gegeben. Vielleicht wird Loki
+als das Erdfeuer zu den unterirdischen Zwergen, denen er gleichsam die
+Schmiede heizt, in Zusammenhang gebracht. Andererseits ist Merkur der
+Gott der Erfindungen, und gerade in dieser Sage wie sonst allein noch
+in der Sage vom Nibelungenhort wird Loki mit Merkurs Flügelschuhen
+begabt. Letztere sind zweifellos aus der antiken Sage entlehnt, wie
+überhaupt neben Lucifer auch antike Gestalten, Merkur und Apollo auf
+Loki eingewirkt haben.[519] Die Wette, auf die Loki sich einlässt,
+mag auch fremdem Vorbild, etwa Apollo und Marsyas, nachgeahmt sein,
+wenngleich es sich um Anfertigung anderer Gerätschaften handelt und
+auch sonst die nordische Sage anders sich entwickelt.
+
+
+3. Loki als Verderber Baldrs.
+
+Die Asen Odin, Bragi, Tyr, Freyr, Njord, Widar waren bei Ägir dem
+Meergott versammelt. Ägir hatte zwei Dienstleute, Fimafeng (den
+behend Greifenden) und Eldir. Statt des Feuers diente helles Gold
+zur Beleuchtung. Die Gäste rühmten sehr, wie gut die Dienstleute
+Ägirs waren. Loki mochte das nicht hören und erschlug den Fimafeng.
+Da schüttelten die Asen ihre Schilde und erhoben ein Geschrei wider
+Loki und trieben ihn in den Wald hinaus. Dann setzten sie sich wieder
+zum Trank nieder. Loki aber kehrte zurück. (Im Wortwechsel rühmte er
+sich offen, den Tod Fimafengs verursacht zu haben.) Darauf versteckte
+sich Loki, nachdem er die Gestalt eines Lachses angenommen hatte, im
+Wasserfall Franang. Dort fingen ihn die Asen. Er ward mit den Därmen
+seines Sohnes Narfi[520] gefesselt; sein Sohn Wali wurde in einen Wolf
+verwandelt. Skadi nahm einen Giftwurm und befestigte ihn über Lokis
+Antlitz, so dass Gift darüber hin tropfte. Sigyn, Lokis Frau, sass
+daneben und hielt eine Schale, um das Gift aufzufangen. Wenn die Schale
+voll war, trug sie das Gift hinaus. Inzwischen aber träufelte Gift auf
+Loki herab. Da zuckte Loki so heftig, dass die Erde erbebte. Das wird
+jetzt als Erdbeben bezeichnet.
+
+Die Sage von Lokis Fesselung scheint in einem verlorenen Liede
+behandelt worden zu sein, welches seinem Inhalt nach in kurzem Auszug
+dem Lied von Lokis Wortstreit (Lokasenna) voraus und nachgestellt
+wurde[521], so dass die schwere Strafe über Loki scheinbar wegen seiner
+Schmähungen auf die Götter und Göttinnen verhängt wurde, während
+dagegen die eigentliche Unthat, der Totschlag Fimafengs an heiliger
+Friedensstätte, ohne weitere Folgen für Loki bleibt. Vermutlich hat
+der Aufzeichner der Lokasenna fälschlicherweise die Sage von Lokis
+Unthat und Bestrafung als Einkleidung des Scheltgedichtes genommen.
+Die eingeklammerten Worte deuten den ursprünglichen Inhalt an, wie
+Loki frech seiner That sich rühmte. Statt dieses Wortwechsels, den der
+Zusammenhang erfordert, trat die Beschimpfung der Götter ein. Dass die
+Sage von Lokis Totschlag und Bestrafung unbedenklich von der Lokasenna
+losgelöst werden darf, bezeugen die übrigen Berichte, die Lokis
+Fesselung unmittelbar auf Baldrs Tod folgen lassen, die überhaupt zur
+Ergänzung und zum Verständniss heranzuziehen sind.
+
+Gylfaginning Kap. 50 erzählt: Als die Götter erfuhren, dass Loki Baldr
+getötet und in Gestalt der Riesin Thokk die Auslösung Baldrs aus der
+Hölle verhindert hatte, ergrimmten sie wider ihn. Er aber rettete sich
+auf einen Felsen. In seinem Hause dort hatte er vier Thüren, damit er
+nach allen Himmelsgegenden ausschauen könne. Am Tage aber hielt er
+sich in Lachsgestalt im Wasserfall Franang auf. Ihm kam es in den Sinn,
+dass die Asen mit List ihm nachstellen könnten. Da nahm er Flachsgarn
+und machte Maschen, so wie man später Netze fertigte. Da sah er die
+Asen heran kommen, denn Odin hatte ihn von Hlidskjalf aus bemerkt. Loki
+warf das Netz ins Feuer und sprang ins Wasser. Kwasir, der sehr klug
+war, kam zuerst hinzu; er sah, dass die Arbeit, die Loki gemacht hatte,
+zum Fischfang sehr nützlich war, und sie fertigten nach der Asche, zu
+der das Netz verbrannt war, ein neues. Die Asen gingen zum Wasserfall,
+Thor hielt den einen Zipfel vom Netz, die übrigen Götter den andern.
+Loki legte sich zwischen zwei Steine und sie zogen das Netz über ihn
+weg. Nun versuchten sie es zum zweiten Mal und beschwerten das Netz
+so, dass nichts drunter wegschlüpfen konnte. Loki schwamm vor dem Netz
+her; als es nicht mehr weit zur See war, sprang er über die Netzleine
+und schwamm in den Wasserfall zurück. Die Asen hatten bemerkt, wohin
+er fuhr, und sie verteilten ihre Schar auf beide Ufer, Thor watete
+mitten im Fluss. So schritten sie gegen das Meer zu. Loki sah, dass
+es lebensgefährlich war, ins Meer zu schwimmen, deshalb sprang er
+abermals übers Netz. Thor aber ergriff ihn mit den Händen, und obwol er
+hindurch zu gleiten suchte, hielt er ihn doch am Schwanz fest. Darum
+ist der Lachs hinten so schmal. Nun war Loki gefangen und durfte keine
+Schonung erwarten. Er wurde in eine Höhle gebracht. Sie nahmen drei
+grosse Steine, richteten sie auf und schlugen in jeden ein Loch. Lokis
+Söhne, Wali und Narfi, wurden ergriffen. Den Wali verwandelten die Asen
+zum Wolf, da zerriss er den Narfi. Da nahmen die Asen seine Därme und
+banden damit den Loki auf den scharfen Kanten der drei Steine fest.
+Einer stand unter seinen Schultern, der zweite unter seinen Lenden, der
+dritte unter seinen Kniegelenken. Die Fesseln aber wurden zu Eisen.
+Skadi befestigte einen Giftwurm über seinem Antlitz. Aber Sigyn hielt
+eine Schale darunter, um das herabtropfende Gift aufzufangen. Wenn
+aber die Schale voll ist und Sigyn sie ausgiesst, tropft inzwischen
+Gift auf Lokis Angesicht. Da windet er sich so gewaltig, dass die Erde
+erzittert. Dort liegt er bis zur Götternacht.
+
+Im Anschluss an Baldrs Tod schildert auch die Vǫlospǫ́ (35)
+Lokis Strafe: Gebunden sah ich im zerklüfteten Bergwald[522] die
+Unholdsgestalt, den argen Loki; bei ihrem Manne sitzt dort Sigyn,
+nicht freudig gesinnt.
+
+Eine nur in der einen Handschrift der Vǫlospǫ́, in der Hauksbók
+erhaltene Halbstrophe sagt: Sie sieht aus Walis Därmen Kampfbande
+winden, sehr fest waren die Fesseln.
+
+Endlich erzählt Saxo[523], wie Thorkillus den furchtbaren in
+entlegenem, ewig umnachtetem Lande hausenden Ugarthilocus aufsucht.
+Thorkillus und seine Gesellen drangen durch enge Öffnung in eine mit
+Schlangen erfüllte Höhle. Dann kamen sie zu einem auf sandigem Bett
+ruhig dahinflutenden Wasser, das sie durchwateten. Darauf gelangten
+sie in eine noch tiefer liegende Höhle, von der aus ein finsteres,
+scheussliches Loch sich aufthat. Dort lag Ugarthilocus, die Hände und
+Füsse mit schweren Ketten belastet; seine stinkenden Haare glichen an
+Grösse und Steifheit Speeren aus Horn. Thorkillus zog eines aus seinem
+Kinn heraus, um es als Wahrzeichen seiner Höllenfahrt vorweisen zu
+können. Saxo berichtet nicht, warum Loki in Fesseln geschlagen ist.
+Auch fehlt jede Anspielung auf Sigyn. Aber ihm schwebt die gleiche
+Vorstellung vor, und vielleicht ist wie in der Baldrsage seine
+Darstellung einfacher und altertümlicher, indem sie weder auf Baldrs
+Tod noch auf Sigyn Bezug nimmt, sondern allein auf den gebundenen, in
+finsterer Höhle schmachtenden teuflischen Dämon sich beschränkt.
+
+Der isländische Bericht erfordert nach mehreren Seiten hin Aufhellung.
+Dass Loki an geweihter Friedensstätte einen Totschlag beging,
+veranlasste seine Bestrafung. Schwerlich handelte es sich aber um
+eine so untergeordnete Person, den „Diener“ Ägirs, Fimafeng, wie die
+Einleitung zur Lokasenna behauptet. In der Gylfaginning und Vǫlospǫ́
+geht Baldrs Mord voran. Ebenso wird er für die Sage der Lokasenna
+vorauszusetzen sein. Unter Fimafeng, der nirgends sonst vorkommt,
+verbirgt sich Baldr. Neben die sonst bekannten Erzählungen, wie Loki
+den Hod zum tötlichen Wurf auf Baldr veranlasste, tritt eine neue, der
+zufolge Loki allein thätig gewesen zu sein scheint. Hiebei mögen die
+Rechtszustände besonders ausgemalt worden sein.[524] Loki erschlug
+den Fimafeng in der Halle, da griffen die anwesenden sieben Zeugen zu
+den Waffen, um auf handhafter That an dem Totschläger die Strafe zu
+vollstrecken, den Frevler für friedlos auszurufen und zu töten. Loki
+entzog sich seinem Schicksal, am Thatort von den Zeugen erschlagen
+zu werden, durch die Flucht in den Wald. Von dort aus konnte der
+Verbrecher gesetzliche Verhandlung seiner Sache verlangen und sich
+eine Gnadenfrist erkaufen bis zum Urteilsspruch. Darum kehrte auch
+Loki zurück. Im Wortstreit mit den Göttern gab er aber durch offene
+Prahlerei, Baldr-Fimafeng getötet zu haben, seinen Gegnern das volle
+Recht, ihn zu greifen und abzuurteilen. Die altgermanische Sage
+überhaupt, insbesondere aber die nordische liebt es, Rechtsverhältnisse
+ausführlich zu schildern. Darum ist eine solche Lokisage sehr
+wahrscheinlich. Was die über Loki verhängte Strafe betrifft, so
+liegen zum Teil Missverständnisse und daraus hervorgegangene irrige
+Ausdeutungen jüngerer Sagenschreiber vor. Im Osten ausserhalb der
+bewohnten Welt, in Utgard, in einem zerklüfteten Bergwald verbüsste
+Loki seine Strafe. Gefesselt wurde er als Ächter in den Wald getrieben,
+er wurde „_Warg_“ d. h. Wolf. Wölfe heissen die friedlosen Waldgänger
+und mehrfach lässt sich nachweisen, dass eine spätere Zeit die oft
+bildlichen Benennungen nimmer richtig verstand, sondern wörtlich
+nahm. Warum freilich Lokis Söhne zum Wolf werden, nicht er selbst,
+wie dies teilweise beim Fenrir der Fall sein mag, indem die Fesselung
+dieses wölfischen Unholds nur die Fesselung des geächteten Wolfes Loki
+wiederholt, das lässt sich nicht mehr feststellen.[525] Andererseits
+erinnert der gefesselte Loki[526], dessen Zuckungen die Erde erbeben
+machen, besonders nach Saxos Schilderungen an den Teufel. Loki wird
+zur Strafe für Baldrs Ermordung ergriffen und gebunden, um erst am Ende
+dieser Welt zu entkommen. Die Zeit, da Loki von seinen Banden loskommt,
+ist mit dem Untergang der Götter und der Welt gleichbedeutend. So wird
+der Teufel von Christus in der Hölle gebunden und liegt in Fesseln.
+Im Mittelalter war es eine allgemein angenommene Vorstellung, die
+oft in Bildern sich aussprach, dass der Teufel gebunden liegt; erst
+am jüngsten Tag soll er los kommen. Daher rührt auch die Redensart:
+Der Teufel ist los! Die Zeit, da er loskommt, wird dabei zugleich als
+diejenige Zeit bezeichnet, in der alles in Verwirrung ist und die Welt
+vor dem Untergange steht. Ebenso gilt das Loskommen des Fenriswolfes
+für ein Zeichen des bevorstehenden Weltendes. Zweifellos sind die
+Teufelssagen die Quelle der Vorstellung vom gefesselten Loki und
+Fenrir, die vor dem Weltbrande loskommen. Die treue Sigyn, welche über
+Loki die Schale hält, bleibt unerklärt.
+
+
+4. Die Teufelsbrut.
+
+Im Lied von Hyndla 42/3 werden die Unholde genannt, die von Loki
+abstammen.
+
+ Den Wolf zeugte Loki mit der wilden Angrboda
+ Und den Sleipnir gebar er dem Swadilfari;
+ Ein Scheusal schien das schlimmste von allen,
+ Das von Byleipts Bruder stammte.
+ Es frass Loki ein Frauenherz,
+ Er fands halbverkohlt in der heissen Asche,
+ Durch das leidige Weib ward Loptr schwanger:
+ Dort stammen alle die Unholde her.
+
+Wenn eine Religion einmal einen Teufel hat, so schiebt sie ihm auch
+alles Böse unter, die Unholde werden zur Brut des Teufels. Darum ist
+Loki Vater der Trolle, besonders aber werden solche Ungeheuer als seine
+Kinder bezeichnet, welche im letzten Kampf den Göttern Tod bringen. So
+sagt Gylfaginning Kap. 34: Angrboda heisst eine Riesin in Jotunheim,
+mit ihr erzeugte Loki drei Kinder: das eine ist der Fenriswolf, das
+zweite Jormungand (die ungeheure erdumgürtende Seeschlange), das dritte
+Hel. Diese drei Geschwister wurden in Jotunheim aufgezogen. Die Götter
+erfuhren durch Orakel, dass ihnen durch diese Kinder grosses Unheil
+bevorstehe, und meinten, dass sie Schlimmes wegen ihrer mütterlichen
+Abstammung, noch Schlimmeres aber wegen ihrer väterlichen zu erwarten
+hätten. Darum sandte Allvater die Götter zu den Kindern und liess sie
+sich holen, und als sie bei ihm angelangt waren, warf er die Schlange
+in das tiefe Meer, das alle Länder umgibt, und darin wuchs die Schlange
+so gewaltig, dass sie nun ebenfalls um alle Länder sich schlingt mitten
+im Meere und sich selbst in den Schwanz beisst. Die Ei schleuderte
+er nach Niflheim hinab und gab ihr Macht über neun Welten, damit sie
+denen, die zu ihr gelangen, ihren Aufenthaltsort anweise. Den Wolf
+zogen die Asen bei sich auf und Tyr allein hatte soviel Mut, ihm
+seine Speise zu reichen. Da nun die Götter sahen, wie sehr er täglich
+wuchs, und alle Weissagungen meldeten, dass er ihnen grosses Unheil
+bringen würde, so schien es ihnen rätlich, eine sehr starke Fessel zu
+verfertigen, die sie Leding nannten. Der Wolf zerbrach aber diese und
+eine zweite, Dromi genannte Fessel. Da wurde Skirnir nach Swartalfaheim
+beordert, um von Zwergen die Fessel Gleipnir anfertigen zu lassen. Sie
+war aus sechs Dingen gemacht: aus dem Geräusch der Katze und dem Barte
+des Weibes, aus den Wurzeln des Berges und den Sehnen des Bären, dem
+Hauche des Fisches und dem Speichel des Vogels. Die Fessel war glatt
+und weich wie ein seidenes Band. Die Asen nahmen den Wolf auf den See
+Amswartnir und auf die Insel Lyngwi mit und fesselten ihn mit Gleipnir.
+Der Wolf verlangte, Tyr solle zum Pfande dafür, dass keine Zauberei und
+Hinterlist im Spiele sei, die rechte Hand ihm in seinen Rachen legen.
+Da nahmen die Asen das Ende der Schnur, welches Gelgja heisst, und
+zogen es durch einen grossen Felsstein, der Gjoll genannt wird, und
+legten diesen tief in der Erde fest. Dann nahmen sie noch einen grossen
+Stein, mit Namen Thwiti, und versenkten den noch tiefer und benutzten
+ihn als Taupfahl. Nun war der Wolf gefesselt und vermochte die Bande
+nicht zu zerreissen. Aber Tyr verlor seine Hand. Der Wolf riss seinen
+Rachen furchtbar auf und schnappte gewaltig um sich. Da schoben sie ihm
+ein Schwert in das Maul, so dass der Griff im Unterkiefer seine Stütze
+fand, die Spitze aber im oberen Gaumen steckte. Er heult entsetzlich,
+Geifer rinnt aus seinem Maule, das ist der Fluss, welcher Wan heisst.
+Dort liegt der Wolf bis zum Untergange der Götter.
+
+Die Erzählung, wie Allvater die Kinder Lokis, die Teufelsbrut ins
+Meer und in die Unterwelt schleuderte, ist schwerlich alt[527], aber
+schon die älteren Skalden kennen diese Unholde als Kinder Lokis. Dass
+die persönlich gewordene Hel mit Loki verbunden erscheint, ist so
+natürlich, wie Teufel und Hölle zusammengehören. Die grosse Seeschlange
+ist insofern eine Nachahmung des Leviathan, als sie sich rings um die
+Erde legt.[528] Schlangen und Drachen stellt aber biblischer Glaube
+mit dem Teufel, dem Höllenwurme, der Höllenschlange gleich. Der Wolf
+Fenrir ist einerseits aus den Ungetümen, die nach dem Volksglauben
+Sonne und Mond zu verschlingen drohen und dadurch die Welt gefährden,
+hervorgegangen[529], andererseits wiederholt er nur Loki selber, er ist
+der „Warg“ Loki und wird daher auf gleiche Weise gefesselt. Wenn der
+Teufel loskommt, wenn Loki-Fenrir der Bande ledig wird, geht die Welt
+unter.
+
+
+5. Loki beim Weltende.
+
+Wie die Mächte des Verderbens gegen die Götter zur Weltvernichtung
+heranrücken, da kommt auch Loki aus seinen Banden und vollbringt, was
+er lange erstrebt. Die Vǫ́lospǫ́ 51 sagt:
+
+ Es segelt von Norden über die See ein Schiff
+ Mit den Leuten der Hel, und Loki steuert;
+ Dem Wolfe folgen die wilden Gesellen,
+ Mit ihnen ist Byleipts Bruder im Zuge.
+
+Die Gylfaginning Kap. 51 berichtet, dass der alte Streit zum Austrag
+kommt: Loki kämpft mit Heimdall und beide töten sich gegenseitig. Zu
+den Vorzeichen des jüngsten Gerichts gehört es, dass Meer und Hölle die
+Toten auswerfen und dass die Dämonen im Gefolge des Antichrists zum
+Kampfe sich erheben.[530]
+
+
+
+
+Die Göttinnen.
+
+
+Unter den Göttern treten uns Hauptgestalten entgegen wie Tiuȥ, Donar,
+Wodan, die von allen oder doch von den meisten Stämmen verehrt wurden.
+In allen Mythologien, besonders aber in der germanischen gehören die
+Göttinnen einer späteren Glaubensschicht an; sie sind jünger als die
+Götter. Nur Frija ist der Mehrzahl der germanischen Völker bekannt;
+ihre Gestalt ist vielleicht aus vorgermanischer Zeit übernommen. Ein
+Kultus der Erdgöttin darf wol auch den ältesten Glaubensvorstellungen
+der Germanen zugeschrieben werden. Himmel und Erde scheinen das älteste
+Götterpaar gewesen zu sein. Die Erde ist die grosse Lebensmutter, in
+deren Schooss aber alles auch wieder zurückfällt. Sie erscheint in
+blühender Lenzespracht und in winterlicher Erstarrung. Darum sind Leben
+und Tod ihr unterthan. Zahlreiche Mythen wuchsen aus dem Grunde dieser
+einfachen Naturanschauung. Unter vielen Namen und Gestalten mag die
+Erdgöttin durch die deutsche Göttersage wandeln. Sie ist aber zugleich
+die liebe Gemahlin des hohen, lichten Himmelsherrn und nimmt daher,
+über den Wolken thronend, an seinem Wesen teil. Sie ist das göttliche
+Urbild der irdischen Frauen, wie im Gotte der Held und Fürst sich in
+höchster Vollendung verkörpert. Die alten Quellen, die unverdächtige
+Zeugnisse des Heidentums darbieten, lassen eine Vielheit von Göttinnen
+erkennen, deren Art leider selten uns deutlich geschildert wird. Die
+Göttinnen scheinen bei den einzelnen Stämmen sehr verschieden gewesen
+zu sein. Möglicherweise ist aber die Vielheit nur äusserlich, indem
+es sich oft um mehrere Namen einer und derselben Göttin handelt.
+Sicheres lässt sich darüber nicht sagen, da häufig unsre Wissenschaft
+mit den Namen auch zu Ende geht und nur Vermutungen über das Wesen der
+Göttinnen uns möglich sind.
+
+
+
+
+I. Frija und ihr Kreis.
+
+
+1. Frija.
+
+Die höchste germanische Göttin führt keinen eigentlichen Namen,
+vielmehr ein allmälig zum Range eines Namens erhobenes Nennwort:
++Frija+, die Geliebte, die Gattin, wie Hera schlechthin auch des
+Zeus liebe Genossin, φίλη ἄκοιτις heisst.[531] Dass Frija allen
+Westgermanen und den Nordleuten, wahrscheinlich überhaupt allen
+Germanen, als die Gemahlin des höchsten Gottes, einst des Tiuȥ;,
+bekannt war, ist mit Sicherheit anzunehmen. Der sechste Wochentag,
+_dies Veneris_, der Freitag erhielt von ihr den Namen. Wörter wie
+got. _frijôn_, an. _frjá_ lieben, das altdeutsche Urwort für mhd.
+_vrîen_, nhd. _freien_ erhielten dem Sprachgefühl den in Frija ruhenden
+Begriff „Liebe“ lebendig und darum ist Venus die interpretatio
+romana für die deutsche Göttin. Ausserhalb des Nordens lassen sich
+jedoch nur spärliche unmittelbare Zeugnisse für sie aufbringen. Nach
+der langobardischen Sage weilt _Fría_ (überliefert ist die Form
+_Frea_) mit Wodan als seine Gattin im Himmel und mischt sich in
+Siegvaters Geschäft. Nach Galfrid von Monmouth (Buch 6) berichtet
+Hengist von den obersten sächsischen Gottheiten, von Woden und von
+der mächtigsten Göttin, welcher der _Friday_ geweiht sei, also von
+_Fríg_. Im Merseburger Heilzauber, auf mitteldeutschem thüringischem
+Gebiet erscheint _Frîja_ zugleich mit Volla, ihrer Schwester, unter
+den Göttinnen, die vergeblich sich bemühen, den ausgerenkten Fuss des
+Fohlens wieder einzurichten, was allein Wodan vermag. Damit sind die
+Nachrichten über Frija bereits erschöpft. Durchweg scheint Frija als
+Wodans Gemahlin gedacht zu sein. Ebenso steht es in den nordischen
+Quellen, aus denen mehr zu erfahren ist.
+
+
+2. Frigg.
+
+Frigg[532] ist Odins Gattin, die höchste der Asinnen. Wie Odin selbst
+weiss sie die Schicksale der Menschen voraus, obwol sie keine
+Weissagungen ausspricht. Fensalir[533], Meersäle heisst ihr stattlicher
+Saal. Dort beweint sie Walhalls Weh, den Tod Baldrs, den sie vergeblich
+abzuwenden getrachtet hatte. Wie Frîa bei den Langobarden Wodans
+Willen entgegen handelte, scheinen auch Spuren vorhanden, dass Frigg
+andrer Meinung war und sie bethätigte, als ihr Gemahl. Im Eingang zum
+Grimnirliede wird auf eine solche Sage angespielt. Odin und Frigg
+sassen einmal auf Hlidskjalf und schauten über alle Welt. Odin sprach:
+Siehst du, wie dein Pflegling Agnar in der Höhle mit einem Riesenweibe
+Kinder zeugt? Aber Geirröd, mein Pflegesohn, sitzt nun als König in
+seinem Land. Frigg antwortete: Er ist so karg mit der Kost, dass er
+seine Gäste hungern lässt, wenn er meint, dass deren zu viele gekommen
+seien. Odin sagte, das sei die grösste Lüge; da wetteten beide, wer
+Recht behielte. Frigg sandte ihr Kammermädchen Fulla zu Geirröd und
+liess dem Könige sagen, er möchte sich vor den Hexenkünsten eines
+Zauberers in acht nehmen, der in sein Land gekommen sei; er wäre, fügte
+sie hinzu, leicht daran zu erkennen, dass kein Hund, so bissig er auch
+sei, ihn anzufallen wage. Das war nun eine böse Verleumdung, dass König
+Geirröd nicht gerne seinen Gästen Speise gebe; aber dennoch liess
+er den Mann festnehmen, vor dem die Hunde zurückwichen. Um Recht zu
+behalten und ihrem Wunsche zum Sieg zu verhelfen, greift Frigg ebenso
+mit Erfolg zur List wie die Frîa der Langobardensage. Odin will in
+Verkleidung Geirröd versuchen; durch die listige Botschaft veranlasst
+Frigg den sonst freigebigen Geirröd, den unter dem Namen Grimnir
+einsprechenden Odin hart zu behandeln. So verspürt Odin an seinem
+eigenen Leibe, dass Geirröd gegen Fremde ungastlich sich benimmt,
+dass Friggs Beschuldigung begründet ist. Hier wie dort wird der
+göttliche Gemahl durch der Göttin Schlauheit übertrumpft. Das Lied von
+Wafthrudnir hebt mit einer Beratung der Gatten an, woraus zu ersehen
+ist, dass Odin wichtige Angelegenheiten mit Frigg bespricht. Er will
+Wafthrudnir ausforschen, sie ist dagegen, weil der Riese besondere
+Stärke besitzt. Wie Odin dennoch sich auf den Weg macht, entlässt ihn
+Frigg mit dem Reisesegen:
+
+ Reise gesund, gesund komm wieder!
+ Gesund wandre den Weg!
+ Nicht fehle dir Weisheit, Vater der Menschen,
+ Wenn mit dem Riesen du reden musst.
+
+Frigg ist über die Ehe gesetzt. Denn die Göttin Lofn hat von Allvater
+und Frigg die Erlaubniss erhalten, Ehen zwischen den Menschen zu Stande
+zu bringen, denen vorher ein Hinderniss im Wege stand. König Rerir und
+seine Frau bekamen lange Zeit keine Kinder. Das behagte ihnen wenig
+und sie riefen inbrünstig zu den Göttern, ihnen Nachkommenschaft zu
+gewähren. Da erhörte Frigg ihr Flehen und ebenso Odin. So spendet
+also Frigg Fruchtbarkeit. Ob Friggs Schuhe, die Fulla verwahrt,
+rechtssymbolische Bedeutung haben, da der Schuh bei Adoption und
+Ehe Anwendung fand, ist in Ermanglung genauerer Nachrichten nicht
+festzustellen. Welche Bewandtniss es um Friggs Truhe hat, ob darin
+wie in einem Füllhorn die Gaben des Glückes verwahrt werden, bleibt
+ebenfalls unerklärlich.
+
+Von Friggas Buhlerei erzählt Saxo.[534] Zum Zeichen ihrer Verehrung für
+Odin, der damals in ganz Europa Ansehen genoss, sandten die nordischen
+Fürsten eine goldene Bildsäule Odins, mit schweren Armspangen
+geschmückt, nach Byzanz. Frigga, Odins Weib, liess durch Goldschmiede
+das Bild des Goldes berauben, um sich selber damit zu schmücken.
+Odin gebot, die Leute aufzuhängen. Das Bildniss aber, das er durch
+Zauberei gegen Berührung mit Stimme begabt hatte, stellte er auf einen
+besonderen Sockel. Frigga aber zog ihren eigenen Schmuck der Ehre ihres
+Gatten vor und gab sich einem ihrer vertrauten Diener hin, durch
+dessen Geschicklichkeit sie das Bild zerstörte und das Gold zum eigenen
+Putz verwandte. Darauf musste Odin infolge dieser Schmach aus dem Lande
+weichen und dem Mitodin Platz machen. In der nordischen Überlieferung
+trifft ein ähnlicher Vorwurf die Göttin; es heisst in der Lokasenna 26:
+
+ Schweige, du Frigg, Fjorgyns Weib!
+ Du, Metze, warst immer männertoll:
+ Dem Wili und We hat Widrirs Gattin
+ Ihre Gunst beiden gegönnt.
+
+Friggs doppelte Buhlerei in Saxos Erzählung von Mitodin, dass sie sich
+zunächst um den Goldschmuck einem Diener ergibt und dann in Mitodins
+Besitz gerät, weist auf Verschmelzung zweier ursprünglich getrennter
+Mythen. Dass sie in Mitodins Gewalt fällt, gleicht Lokis Vorwurf
+von Friggs Buhlschaft mit Odins Brüdern Wili und We. Diese eheliche
+Untreue entstand zum Teil dadurch, dass Frija einst dem Tiuȥ gehörte
+und von ihm auf Wodan überging. Ihre ursprüngliche Zugehörigkeit zu
+einem andern als Odin haftete noch in der Erinnerung, und daraus
+erwuchs diese Sage. Eine andere hiervon verschiedene und unabhängige
+Sage, welche in nordischer Überlieferung an Freyjas Namen geknüpft ist
+und erst unter den Freyjamythen näher erörtert werden soll, erzählte
+von der Göttin, die ihre Gunst verschenkte, um dadurch ein goldenes
+Geschmeide zu erwerben. Ob bereits Saxos Quellen die sonst mit Freyja
+verbundene Geschichte auf Frigg übertrugen, ob Saxo selber erst Frigg
+und Freyja zusammenwarf und die im Grunde einander ähnlichen Berichte
+verschmolz, bleibt eine offene Frage.
+
+ * * * * *
+
+Frigg soll noch im schwedischen Volksglauben[535] sich erhalten haben.
+Von der Heilighaltung des Donnerstags, an welchem Haus und Hof für den
+Besuch göttlicher Wesen hergerichtet werden, geht die Redensart „_helga
+Toregud och Frigge_“, den Gott Thor und Frigge heilig halten. Denn
+merkwürdigerweise erscheint Frigge in Gesellschaft Thors, nicht Odins.
+Frigg wird zum Spinnen und zur Frauenarbeit in Beziehung gebracht.
+Während der Donnerstagsweihe darf keine Spindel und kein Spinnrocken
+berührt werden. Denn am Abend, heisst es, spinne Frigge selber. Am
+Donnerstag Abend sah man vordem einen Greis und ein altes Weib am
+Spinnrocken sitzen. Nach alter Sage sind es Thor und Frigge, welche
+spinnen. Das Sternbild des Orion heisst in Schweden _Friggetenen_ und
+_Friggerocken_, Spindel und Rocken der Frigge. In einem Segen gegen
+Pferdekrankheit wird Frygge genannt. Inwieweit echte und glaubhafte
+Sage hier vorliegt, lässt sich nicht entscheiden. _Friggjargras_ heisst
+im Isländischen eine Pflanze (gymnadenia odoratissima), welche, unters
+Kissen gelegt, Liebeslust erweckt. Übrigens gibt es im Norden auch
+Mariengras, Frauenhaar und fürs Sternbild die Bezeichnung Marienrocken.
+
+
+3. Die aus Frigg abgezweigten Göttinnen.
+
+Einige Göttinnen, denen keine umfassende, sondern nur beschränkte
+Wirksamkeit zugeschrieben wird, scheinen aus Frija abgezweigt zu sein,
+zum Teil schon frühzeitig, falls sie auch ausserhalb des Nordens
+begegnen, zum Teil erst später unter den Skalden.[536] Sie dürfen
+gleichsam als Eigenschaften und Beiwörter der Frija gelten und ergänzen
+demnach unsre Kenntniss vom Wesen der Hauptgöttin, worin alle die
+einzelnen Gestalten aufgehen. Besondere Sagen dieser Göttinnen fehlen,
+nur von ihren Eigenschaften hören wir Einiges, das meiste durch Snorre.
+Gleich hinter Frigg, als zweite der Asinnen, zählt er _Sága_ auf,
+die in Sökkwabekk den von kühlen Wellen umrauschten Saal hat. Täglich
+trinken Odin und Sága zusammen aus goldenen Schalen. Die Behausung der
+Sága in der Wassertiefe vergleicht sich den Fensalir, den Meersälen
+der Frigg. Der vertraute tägliche Verkehr mit Odin, der Aufenthalt in
+den Fluten sind ebenso der Sága wie der Frigg eigentümlich, weshalb
+vermutet wird, Sága sei Frigg unter anderem Namen. Doch mag man auch in
+Sága eine Wasserfrau, ein Seitenstück zu Mimir annehmen.
+
+_Fulla_ ist eine Jungfrau; sie geht mit ausgeschlagenem Haar und hat
+ein goldenes Band um das Haupt; sie trägt Friggs Truhe und bewahrt
+ihr Schuhzeug; auch ist sie in ihre heimlichen Pläne eingeweiht. Als
+Vertraute der Frigg hilft sie Odin zu überlisten, indem sie dem König
+Geirröd die heimtückische Warnung vor den Hexenkünsten eines Zauberers
+überbringt. Im Merseburger Spruch ist _Volla_ Frîjas Schwester. Wenn
+auch Fulla nur als _eskimær_, Kammermädchen der Frigg bezeichnet wird,
+so ergibt sich doch ihre besondere der Frigg fast gleiche Bedeutung
+daraus, dass Nanna aus der Hölle Frigg und Fulla mit Geschenken, mit
+einem Kopftuch und einem goldenen Fingerring beehrt. Der Name bedeutet
+Fülle, Überfluss, und ist wie die göttliche _Copia_, _Abundantia_ der
+Römer aufzufassen. In Fulla wird die Göttin Frija nach ihrer Reichtum
+und Segen spendenden Thätigkeit persönlich.
+
+Zu Liebe und Ehe gehören _Sjofn_ und _Lofn_. Sjofn ist eifrig bemüht,
+die Menschen zur Liebe zu entflammen, Männer sowol wie Frauen, daher
+wird nach ihrem Namen die Liebe _sjofni_ genannt. Lofn erhört gern die
+Gebete und ist mild; sie hat von Allvater und Frigg die Erlaubniss
+erhalten, Ehen zwischen Menschen zu Stande zu bringen, denen vorher ein
+Hinderniss im Wege stand. Nach ihrem Namen heisst die Erlaubniss _lof_.
+Bei den älteren Dichtern finden sich diese allegorischen Gestalten
+nicht. Dagegen nennt schon Kormak die _Eir_, die Ärztin unter den
+Asen. Es ist die verkörperte Pflege, von an. _eira_, pflegen, schonen.
+Auch im Liede von Fjolswid 38 erscheint Eir neben andern freundlichen,
+schützenden, hilfreichen Jungfrauen der Menglod, welche auf dem Berge
+der Heilmittel (_Lyfjaberg_) gedacht ist.
+
+_War_ hört auf die Eide und heimlichen Abmachungen der Menschen, der
+Männer wie der Frauen; darum heissen solche Verpflichtungen _várar_
+(Gelübde). War ist auch weise und wissbegierig, so dass ihr nichts
+verborgen bleiben kann. Im Lied von Thrym 30 heisst es:
+
+ Bringt nun den Hammer, die Braut zu weihen,
+ Den Mjolnir legt in des Mädchens Schooss,
+ In Wars Namen weiht unsern Bund!
+
+Also eines der schönsten und älteren Eddalieder bringt die Hüterin
+der Eide mit der Ehe, dem Hauptgeschäfte der obersten Göttin, in
+Zusammenhang.
+
+_Hlin_ ist angewiesen, die Menschen zu schützen, die Frigg vor irgend
+einer Gefahr behüten will; daher kommt die Redeweise, dass derjenige
+sich anlehnt (_hleinir_), der sich in Acht nimmt. In der Vǫlospǫ́ steht
+Hlin geradezu für Frigg, die also offenbar nur allgemein als hilfreiche
+Schützerin so zubenannt ist.
+
+_Syn_ hütet die Thüren in der Halle und schliesst sie vor denen, die
+nicht hineingehen sollen. Auch ist sie bei den Thingversammlungen
+in solchen Streitsachen zur Schützerin bestellt, wo Männer etwas zu
+leugnen haben. Daher stammt die Redensart: Syn ist vorgeschoben, wenn
+jemand etwas zu leugnen hat. Syn, die Ableugnung stammt jedenfalls vom
+Zeitwort _synja_, leugnen. Der Name Syn findet sich schon beim Skald
+Egil Skallagrimsson und bei Eilif Guðrunarson.
+
+_Snotra_ ist weise und von feinem Anstand; nach ihrem Namen werden
+kluge Männer oder Frauen _snotr_ genannt. Wie man sieht, sucht Snorri
+die betreffenden Ausdrücke aus den Namen der Göttinnen herzuleiten,
+während natürlich das Umgekehrte der Fall ist.
+
+_Gna_ wird von Frigg in ihren Angelegenheiten nach verschiedenen Orten
+entsendet. Sie hat ein Ross, das durch Luft und Meer zu schreiten
+vermag und Hofwarpnir (Hufwerfer) heisst. Es geschah einmal, dass ein
+Wane sie erblickte, als sie durch die Luft ritt. Er sprach:
+
+ Wer fliegt dort, wer fährt dort,
+ Wer läuft durch die Luft?
+
+Sie antwortete:
+
+ Nicht flieg ich, doch fahr ich,
+ Durchlaufe die Luft
+ Auf dem Rücken Hofwarpnirs, den die rasche Gardrofa
+ Vom Hengste Hamskerpir empfing.
+
+Endlich werden _Sol_ (die Sonne) und _Bil_ (Mondabnahme) zu den Asinnen
+gerechnet. Im Merseburger Zauberspruch entsprechen vielleicht _Sunna_,
+die Sonne, und _Sinthgunt_, die den Weg Erkämpfende. Siegreich über die
+Finsterniss beschreitet die Sonne ihre Bahn. Da Frija auch Sonnengöttin
+ist, kann der Name auf sie zielen.
+
+
+4. Freyja.
+
+_Freyja_[537] ist nach Frigg die angesehenste unter den Göttinnen, Sie
+ist die Schwester des Freyr, Njords Tochter. Sie hat den Wohnsitz im
+Himmel, der Folkwang heisst, und wenn sie zum Kampfe sich begibt, so
+empfängt sie die eine Hälfte der Gefallenen und Odin die andere. So
+steht im Grimnirliede 14
+
+ Folkwang nenn ich, Freyja entscheidet,
+ Wer die Sitze dort fülle im Saal;
+ Von den toten Helden wählt sie täglich die Hälfte,
+ Die andre fällt Odin zu.
+
+Dort in Folkwang, auf dem Volksgefilde, erhebt sich die Halle
+Sessrymnir, die an Sitzen geräumige. Wenn sie eine Reise unternehmen
+will, so fährt sie mit ihren Katzen und sitzt in einem Wagen. Sie ist
+gern zur Hilfe bereit, wenn Menschen sie anrufen. Im Liede von Oddruns
+Klage 8 spricht die aus den Geburtswehen befreite Borgny den Heilwunsch
+über Oddrun:
+
+ So mögen dir helfen die holden Wesen,
+ Freyja und Frigg und noch viele Götter,
+ Wie du mich befreitest aus Fährde und Not.
+
+Gut ist es, in Liebesangelegenheiten Freyja anzurufen. Ihr gefällt
+das Liebeslied. Zu den weiteren Eigenschaften der Freyja gehört das
+Brisingenhalsband, das lichte Geschmeide, und das Falkenhemd, das Loki
+mehrmals von ihr entlehnt. In der Ynglingasaga Kap. 4 wird von Freyja
+berichtet, sie habe zuerst unter den Asen den bei den Wanen längst
+gebräuchlichen Zauber (_seiđr_) geübt.
+
+Von der Göttin Freyja findet sich ausserhalb des Nordens keine Spur.
+Während Frija gemeingermanisch ist, bleibt Freyja auf Norwegen
+und Island beschränkt. Zumal auf Island gedieh der Freyjakult am
+meisten, dort verdrängte sie geradezu die Frigg, wie sie auch in
+der spätisländischen Dichtung, den _Skíđarímur_, Odins Frau genannt
+wird. Freyja ist im Norden zu Freyr gebildet wie _gyđja_ zu _gođ_,
+_Finna_ zu _Finnr_.[538] Ihre Art stimmt zu ihrem späten Ursprung,
+indem sie als Nachahmung bereits vorhandener Vorbilder sich erweist.
+Als Schwester Freys, Tochter Njords ist sie natürlich auch den Wanen
+zugehörig, _vanabrúđr_, _vanadís_, _vanagođ_ d. h. Wanengöttin. Im
+Hyndlaliede 5 u. 7 reitet sie auf dem goldborstigen Eber Hildiswini,
+welchen die Zwerge Dain und Nabbi ihr schufen, sie ist also mit Freys
+Eigentum ausgestattet. Im übrigen aber wiederholt Freyja die Frigg,
+indem dieselben oder doch sehr ähnliche Mythen von ihr berichtet
+werden. Dabei lässt sich erkennen, dass die Sagen ursprünglich allein
+an Frigg haften und nur dort, wo Freyja im Vordergrund stand, auf diese
+übertragen wurden. Es handelt sich schwerlich um eine urgermanische
+Spaltung einer Göttin in zwei demzufolge wesensverwandte Gestalten,
+vielmehr um eine spätere nordische Abzweigung der Freyja aus Frigg.
+Deshalb geht Freyja zu einem guten Teil in Frigg auf. Die Freyjamythen
+dienen mehrfach dazu, das Bild der Frigg zu ergänzen. Endlich scheinen
+auch fremdartige Bestandteile, Züge der Venus mit Freyja verschmolzen,
+die sich somit als eine Schöpfung der Wikingerzeit herausstellt. Die
+verschiedenartigsten Motive sind zu einem eigenartigen neuen Gesamtbild
+vereinigt.
+
+Wenn sich Freyja mit Odin in die gefallenen Helden teilt, wenn sie
+in geräumiger Halle ihnen Sitze anweist, so kann eine derartige
+Vorstellung nur dort aufkommen, wo Freyja den höchsten Rang unter den
+Göttinnen einnimmt. Nur die Hauptgöttin, Odins Gemahlin, kann gleiches
+Recht mit dem Gotte beanspruchen. Sessrymnir ist ein zweites Walhall,
+wo nicht Walvater, sondern Walfreyja, die Herrin der Wal, den Vorsitz
+hat. Wie Odin als König und Häuptling an der Spitze der Einherjer
+steht, so wird Freyja die erste der Walküren. Wenn Wingolf das
+Heiligtum der Göttinnen heisst und andrerseits die Wunschsöhne Odins
+in Walhall und Wingolf Aufnahme finden, könnte Wingolf mit Sessrymnir
+gleich sein, eine Halle, die unter Walfreyjas Obhut steht. Zu den
+Walküren stellt sich Freyja auch dadurch, dass sie in Walhall einmal
+das Schenkamt übt, was ja sonst Sache der Wunschmädchen ist. Wie der
+Riese Hrungnir mit prahlerischen Reden in Asgard gross that, wagte
+Freyja allein, ihm einzuschenken. Übrigens blieb Freyja als Führerin
+der Walküren und Eignerin der Wal ein dichterischer Versuch, indem die
+Vorstellung dieser zweiten Totenhalle unter Freyja weder allgemein noch
+vollständig ausgebildet erscheint. Freyja und Sessrymnir erlangten
+kaum dieselbe Bedeutung und Anerkennung wie Odin und Walhall; hier
+tritt uns der dichterische Glaube vieler, dort der weniger entgegen.
+Mit Frigg gleichgesetzt begegnet aber Freyja namentlich auf Island. Am
+Allding 998 suchte der Priester Dankbrand den Isländern das Christentum
+aufzudrängen, doch ohne grossen Erfolg. Hjallti Skeggjason, der bereits
+Christ war, gab seinem Ärger über den missglückten Bekehrungsversuch
+in einem Schmähvers[539] auf die Heidengötter Ausdruck: „Ich will
+nicht wider die Götter bellen: ein Hund dünkt mir Freyja. Jedenfalls
+ist eines von beiden, Odin oder Freyja, ein Hund.“ Hjallti wurde wegen
+dieser Lästerung des Landes verwiesen. In dieser Schelte will Hjallti
+die ersten isländischen Götter treffen und nennt Freyja und Odin. Das
+Verhältniss zwischen beiden ist wol als ein eheliches aufzufassen,
+Freyja steht für Frigg.
+
+In den Tagen Olafs des Heiligen hielten die Bauern um Drontheim zu
+Anfang des Winters Gastmähler und Opfer um gute Jahreszeit. Da wurde
+alle Minne dem Thor geweiht und dem Odin, der Freyja und den Asen.
+Wahrscheinlich liegt aber hier ein Versehen des Schreibers der Saga
+vor: dem Odin, Thor und Freyr, der Götterdreiheit, die auch Adam von
+Bremen für den Uppsalatempel nennt, wurde der Minnebecher geweiht.[540]
+
+ * * * * *
+
+In der folgenden Sage, wo eine Verwechselung ausgeschlossen ist,
+spielt Freyja die Rolle der Frigg und befindet sich wol im ehelichen
+Verhältniss zu Odin.
+
+König Alfrek hatte zwei Frauen, Signy und Geirhild. Die konnte er ihrer
+Uneinigkeit wegen nicht beide behalten. Da sagte er, er wolle diejenige
+behalten, welche das beste Bier gebraut haben würde, wenn er von der
+Fahrt zurückkäme. Sie wetteiferten nun im Brauen. Signy rief Freyja an
+und Geirhild Hott (d. i. Odin unter dem Namen Hǫttr, der mit dem Hute).
+Dieser gab statt der Gähre seinen Speichel und so bestand Geirhilds
+Bier die Probe. Doch hatte sie ihr Kind, den nachmaligen König Wikar,
+für die Hilfe dem Odin zu eigen geben müssen.[541] Die Wette, welche
+zwischen den Frauen zum Austrag kommt, ist von der Beihilfe der Götter
+abhängig. Da messen sich Odin und Freyja ebenso wie sonst Odin und
+Frigg, Wodan und Frîa, nur dass diesmal Odin gewinnt. Freyja vertritt
+aber vollständig Frigg.
+
+Eine hervorragende Stellung wird der Freyja auch durch folgenden Zug
+des isländischen Glaubens zugeteilt. Der Skald Egill hatte beschlossen,
+keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen und zu sterben. Seine Tochter
+Thorgerd wollte ihm folgen und sagte: Ich habe kein Nachtmahl zu mir
+genommen und werde keines mehr nehmen als bei Freyja. Ich will meinen
+Vater nicht überleben.[542] Wie Helden hoffen, noch abends bei Odin
+Gast zu sein, spricht hier eine Jungfrau einen ähnlichen Gedanken in
+Bezug auf Freyja aus. Daraus darf der wenigstens teilweise herrschende
+Glaube erschlossen werden, dass Freyja die verstorbenen Frauen zu sich
+versammle. Allerdings wird Walfreyja damit kaum zu vereinigen sein,
+beide Vorstellungen schliessen sich aus. Alter Glaube mag aber zum
+Gotte die Männer, zur Göttin die Frauen gewiesen haben.
+
+
+5. Freyja und Brisingamen.
+
+Freyja, Njords Tochter, war die Geliebte Odins von Asgard. Vier
+Zwerge, kunstreiche Schmiede, wohnten in der Nähe der Königshalle. Als
+Freyja einmal ihre Höhle besuchte, erblickte sie ein schönes, goldenes
+Halsband, das jene anfertigten. Nach seinem Besitze verlangend bot
+sie den Zwergen Silber, Gold und andere Kostbarkeiten dafür. Jene
+erwiderten, solcher Dinge bedürften sie nicht, doch wollten sie das
+Halsband an Freyja verkaufen, wenn jeder von ihnen eine Nacht ihr
+beiwohnen dürfe. Sie stimmte zu, und in den nächsten vier Nächten bekam
+jeder der Zwerge, die Alfrigg, Berlingr, Dvalinn und Grerr hiessen,
+den ausbedungenen Lohn. Der Bericht fährt weiter, wie Loki auf Odins
+Geheiss der Freyja das Halsband stahl. Als Freyja ihren Schmuck von
+Odin zurückverlangte, erhielt sie ihn nur gegen das Versprechen,
+zwei gleich mächtige Könige in einen unaufhörlichen Kampf gegen
+einander zu hetzen. So erzählt der im 14. Jahrhundert auf Island
+niedergeschriebene Sörla Þättr.[543] Die Sage ist als Einleitung der
+Geschichte von Hedin und Hilde, deren Kämpfe von Freyja zur Einlösung
+ihres Versprechens veranlasst werden, vorangestellt. Mögen auch die
+Einzelheiten der Erzählung jung sein, in der Hauptsache ist sie aus
+älterer Überlieferung geschöpft. Bereits im Lied von Thrym (12, 14,
+18) ist Freyja im Besitze des Schmuckes _Brísingamen_[544], Ulfr
+Uggason dichtete, wie Loki ihn raubte und Heimdall ihn zurückgewann.
+_Brísingar_ ist vermutlich eine Benennung der ursprünglichen Eigentümer
+und Verfertiger des Halsbandes. Jene kunstreichen Zwerge sind oder
+vertreten die _Brísingar_. Da nun Freyja ebenfalls von Anfang an
+mit dem Vorwurfe der Buhlerei bedacht wird, lässt sich sehr wol die
+Erzählung, wie sie in den Besitz dieses „_Brísinga men_“ kam, als
+einer der Gründe hierfür annehmen. Wenn Saxo von Frigga weiss, sie
+habe sich „_uni familiarium_“ um goldenen Schmuck ergeben, so wird die
+nämliche Sage gemeint sein, nur mit Verwechslung zwischen Freyja und
+Frigg. Wenn endlich die am Rande des Himmels auf einem Berge schlafende
+Lichtgöttin, die Sonnenjungfrau, welche der rasche Tag, der Held
+Swipdag sich gewinnt, den Namen _Menglod_, die Halsbandfrohe führt,
+so vereinigen sich alle diese Züge zu einem von der Gemahlin des Tiuȥ
+einst geltenden Mythus.
+
+Frija wird von den Brisingen, den Göttern des Zwielichts, dem reissigen
+Brüderpaar griechischer und indischer Sage, aus dem nächtigen Dunkel
+heraufgeführt. Die Brisingen sollen die Braut dem Tiuȥ zuführen,
+trachten aber selber nach ihrer Liebe. Ein glänzendes Halsband, das
+_Brísinga men_, von ihnen selbst gefertigt, bieten sie der Göttin für
+ihre Gunst. Und sie willigt ein, der goldene Schmuck bringt ihre Treue
+zu Fall. Frija wird einmal als die alleinige Eignerin des Schmuckes,
+der glänzenden Sonne, gedacht worden sein und darum Menglod heissen.
+Nur in Norwegen und auf Island nahm später Freyja, wie so häufig,
+auch hier ihre Stelle ein. Saxos oben erwähnte Erzählung bringt also
+zwei an und für sich ganz verschiedene, nach Alter und Ursprung weit
+auseinander liegende Berichte in Verbindung, die allerdings denselben
+Grundgedanken, Frijas Untreue, enthalten. Der eine Mythus entstand, so
+lange Frija noch dem Tiuȥ allein gehörte, der andre, als Wodan-Odin ihn
+verdrängte.
+
+
+6. Freyja und die Riesen.
+
+Freyja wird mehrmals von Riesen zum Weibe begehrt, und nur dem
+Dazwischentreten Thors ist es zu danken, dass sie den Göttern erhalten
+bleibt. So verlangt Thrym die Göttin gegen Herausgabe des Hammers. Der
+Riesenbaumeister, welcher den Göttern eine Burg zu bauen versprochen
+hatte, bedang sich als Lohn Freyja, dazu Sonne und Mond. Loki hatte zur
+Annahme des Vertrages geraten. Hrungnir wollte Freyja und Sif mit sich
+fortführen und alle andern Götter töten. Freyja als Schwester Freys mag
+in solchen Sagen die schöne Jahreszeit, Glanz und Wärme der Sonne, die
+Grundbedingung des Wachstums und Gedeihens bedeuten.[545] Darum stellen
+ihr die rauhen Riesen, die entfesselten Elemente, die winterlichen
+Stürme nach. Ohne Licht und Wärme verdirbt die Welt, und nach dem
+Verderben der Götter- und Menschenwelt trachten die Riesen. Die Wanen
+haben manche Züge mit den Elben gemeinsam, und so gleicht Freyja einer
+Lichtelbin. Elbinnen werden vom wilden Jäger, von den entfesselten
+Elementen verfolgt. Auf der Grundlage solchen allgemein bezeugten
+Aberglaubens mochten Sagen erwachsen wie die eben erwähnten.
+
+
+7. Freyja als Venus vulgivaga.
+
+Im Lied von Thrym erscheint Freyja streng und herb. Als Loki an sie
+das Ansinnen stellt, mit dem Brautschleier geschmückt nach Riesenheim
+zu fahren, da schnaubt Freyja vor Zorn, dass die Burg erbebt und das
+Brisingenhalsband zerbrochen niederfällt.
+
+ „Die Männertollste müsste ich heissen,
+ Reiste ich mit dir ins Riesenland.“
+
+Als sie den Zwergen um das Brisingenhalsband sich ergab, war sie andern
+Sinns. Auch die von Loki in der Lokasenna erhobenen Vorwürfe werfen ein
+sehr schlimmes Licht auf die Göttin:
+
+ 30. Schweige du, Freyja, dich kenne ich völlig,
+ Du bist nicht von Fehlern frei:
+ Von den Asen und Elben, die hier innen sind,
+ Hast du jeden gern beglückt.
+
+Noch ärgerer Frevel war es, als die Götter Freyja im Bette des eigenen
+Bruders, des Freyr, ertappten. Die böse Schelte wird durch keine
+entsprechende Sage gerechtfertigt, überhaupt wurzelt sie schwerlich in
+nordischer Überlieferung, sondern ist antiken Ursprunges. Da heisst
+es freilich, Venus sei so schamlos gewesen, dass sie mit einem jeden
+buhlte, sogar mit ihrem Vater und Bruder.[546] Eine Übertragung von
+Zügen der Venus war umso leichter, als der Frijatag aus _dies Veneris_
+bereits Frija und Venus in Zusammenhang brachte.
+
+Anknüpfungspunkte für die Wandlung der Freyja zur Venus vulgivaga boten
+allerdings auch die nordischen Sagen selber. Freyja buhlt mit den
+Zwergen; wo Frigg als Gattin Odins zugleich festgehalten wird, sinkt
+Freyja ihrer Vertraulichkeit mit Odin halber zur Buhlerin des Gottes,
+zu seiner _friđla_, herab. Weil Thor die Freyja vor den begehrlichen
+Riesen schirmt, heisst er _langvinr þrungvar_[547], alter Freund
+der Freyja, was zweideutig ausgelegt werden konnte. Als Freyja von
+Ottar, einem edlen Norweger um Beistand angerufen wurde und, um die
+ihm notwendige Kenntniss der Vergangenheit zu erlangen, die Hilfe der
+Riesin Hyndla in Anspruch nimmt, schleudert auch diese ihr Schmähungen
+nach. „Dem Odr liefst du lüstern nach und auch andre schlüpften dir
+unter die Schürze. Du schweifst zur Nacht draussen wie Heidrun die
+Ziege unter den Böcken.“[548]
+
+
+8. Freyja und Odr.
+
+Freyja war dem Manne vermählt, der Odr heisst. Die Tochter der
+beiden ist Hnoss (Kleinod); sie war so schön, dass nach ihrem Namen
+kostbare Gegenstände _hnossir_ genannt werden. Odr zog fort in ferne
+Lande; Freyja aber blieb weinend zurück und ihre Thränen sind rotes
+Gold. Freyja hat viele Namen; das kommt daher, dass sie sich selbst
+verschieden benannte, als sie zu fremden Völkern kam, um den Odr zu
+suchen. Sie heisst Mardoll, Horn, Gefn, Syr. Als _Óþs mær_, Ods Braut
+kennt bereits die Vǫlospǫ́ 25 die Freyja. Schon im Abschnitt über
+Wodan wurde darauf hingewiesen, dass die Sagen vom Wode, der einer
+Frau nachreitet, damit zusammenhängen können. Wer in der Zaubrerin
+_Gullweig_, der Goldigen, welche in Odins Halle verbrannt den Anlass
+zum Wanenkriege gab, eine aus der nach der Ynglingasaga gleichfalls
+zauberkundigen Freyja abgezweigte Gestalt annehmen will, kann auch
+hierin eine Spur jener Volkssage finden. Die Sage von Freyja und Odr
+kehrt das Verhältniss der vom Wode und von der Elbin um; die Gestalt
+der die Lande durchschweifenden, goldene Thränen weinenden Göttin
+sieht nicht germanisch aus. Die wunderlichen Namen wie _Mardoll_[549]
+(aus dem Meer aufleuchtend oder hell glänzend), _Syr_ (_dea Syria?_),
+_Hǫrn_ oder _Horn_ (_cornuta_, Mondessichel) kommen gerade hier vor
+und gemahnen an Entlehnung. Zur Erklärung pflegt man Jahresmythen
+heranzuziehen: der sommerliche Gott entschwinde mit dem Herbst der
+Gattin, die trauernd und verlassen zurückbleibe. Freyja und Odr bilden
+den Gegensatz zu den Werbungssagen Freys und Swipdags um Gerd und
+Menglod, Odins um Rind u. ä. Aber diese allgemeine Formel reicht nicht
+aus, sie lässt die goldweinende und trauernd umherschweifende Freyja
+unerklärt. Die Weichheit, die über dieser Erzählung lagert, erinnert
+an orientalisch-griechische Mythen. Dort mag vielleicht der Ursprung
+der Sage zu suchen sein. Aber Sicheres ist noch nicht ermittelt. Nur
+soviel steht fest, dass der Mythus von Odr und Freyja allein dem
+Norden gehört, nicht germanisch ist. Die zum Vergleich herangezogenen
+deutschen Sagen, die hohes Alter der Mythe erweisen sollten, sind
+gefälscht oder mindestens anders, ohne Beziehung auf Odr und Freyja, zu
+erklären.[550]
+
+
+9. Freyjakult.
+
+Für den Freyjadienst zeugt ausser dem zweifelhaften Minnebecher,
+welcher Nachrichten des 14. Jahrhunderts zufolge der Göttin geweiht
+wurde, die Strophe 10 des Hyndlaliedes, wo Freyja ihrem Verehrer
+nachrühmt:
+
+ Er türmte aus Steinen den Altar mir auf --
+ Der Gneis ist nun zu Glas zerschmolzen[551] --
+ Gefärbt ward er mit frischem Stierblut --
+ Ottar glaubte an die Asinnen stets.
+
+Mit Nerthus fuhr ein Priester umher, mit dem Bilde des Freyr eine
+Priesterin. Damit scheint die Umfahrt des göttlichen Ehepaares
+angedeutet, dessen eine Hälfte durch einen Menschen vertreten war.
+Dass mit Freyr unter der Gestalt seiner Priesterin Freyja umfuhr, ist
+möglich, wird aber in der Quelle nicht angedeutet.
+
+
+10. Gefjon.
+
+In Gefjon[552] verbirgt sich wol niemand anders als Freyja, wenigstens
+wird dasselbe von ihr erzählt. Der Name gehört vielleicht zu
+_Gefn_[553], wie ein ausdrücklich der Freyja zugelegter Beiname lautet.
+Der Gefjon dienen diejenigen, welche als Jungfrauen sterben. So hofft
+auch Thorgerd, Egils Tochter, Abends bei Freyja zu gasten. In der
+Lokasenna entspinnt sich folgendes Gespräch zwischen Loki und Odin.
+
+ Loki:
+
+ Schweige du, Gefjon, nimmer vergess ichs,
+ Wer zur Lust dich verlockt;
+ Der blonde Bursche bot dir den Schmuck,
+ Da schlangst du die Schenkel um ihn.
+
+ Odin:
+
+ Toll bist du und thöricht, Loki,
+ Wenn du Gefjons Grimm erregst,
+ Denn sie weiss die Weltgeschicke
+ Alle ebenso gut wie ich.
+
+Dass Gefjon Odins vertraute Mitwisserin ist, dass sie um goldenen
+Schmuck sich preisgab, passt sowol auf Freyja als auf Frigg. Demnach
+kann Gefjon ebensowol unmittelbar und selbständig aus Frigg abgezweigt
+sein wie mittelbar aus Freyja. Für letztere spricht der mutmaassliche
+Zusammenhang der Namen Gefjon und Gefn. In einem um 1300 verfassten,
+doch vielleicht auf 100 Jahre älterer Grundlage beruhenden isländischen
+Gedichte, im sog. Volsa þáttr, beteuert ein Mädchen bei Gefjon und den
+andern Göttern. Gewöhnlich werden im Eide nur hervorragende Gottheiten
+angerufen. Der Skald Thjodolf[554] braucht für den Begriff Frau die
+Umschreibung _ǫl-Gefn_ und _ǫl-Gefjon_, Kormak _men-Gefn_. In der
+älteren Dichtung wird Gefjon nur ein Name der Freyja gewesen sein. Der
+Verfasser der Lokasenna aber verstand eine besondere Göttin darunter,
+denn er lässt Gefjon neben Frigg und Freyja auftreten, obschon er
+nichts Besonderes und Eigentümliches von ihr weiss. Auch Snorre,
+welcher Gefn nicht von Freyja scheidet, führt Gefjon gesondert auf.
+
+ * * * * *
+
+Von Gefjon geht noch eine merkwürdige Sage.[555] König Gylfi herrschte
+über das Land, das jetzt Schweden heisst. Von ihm wird erzählt, dass
+er einem fahrenden Weibe zum Dank für das Vergnügen, das sie ihm durch
+ihre Künste bereitet hatte, so viel Ackerland zugestand, als vier
+Ochsen in einem Tage und einer Nacht umpflügen könnten. Das Weib aber
+war vom Geschlechte der Asen und hiess Gefjon; sie nahm vier Ochsen,
+ihre eignen Söhne, die sie fern im Norden in Jotunheim einem Riesen
+geboren hatte, und spannte sie vor den Pflug. Der Pflug ging so scharf
+und tief, dass er das Land herausriss, und die Ochsen schleppten es gen
+Westen in das Meer hinaus, bis sie in einem Sunde stehen blieben. Hier
+festigte Gefjon das Land und gab ihm den Namen Selund (Seeland). Dort
+aber, wo das Land herausgerissen war, entstand ein See, der jetzt in
+Schweden Log (der Mälarsee) genannt wird; und es liegen so die Buchten
+im Log, wie die Vorgebirge in Selund. Davon erzählt der Skald Bragi der
+Alte.
+
+Die Ynglingasaga verknüpft diese Geschichte mit der Einwanderung der
+Götter aus Sachsen über Dänemark nach Südschweden. Aus Odinsey in
+Fühnen entsandte Odin die Gefjon nordwärts über den Sund, um Land
+zu suchen. Da kam sie zu Gylfi, der ihr Ackerland gewährte. Darauf
+fuhr sie nach Jotunheim und gebar einem Riesen vier Söhne, welche
+sie zu Ochsen verwandelte und vor den Pflug spannte. Da zog sie das
+schwedische Ackerland hinaus ins Meer, westlich gegenüber Odinsey, und
+es heisst nun Selund. Dort nahm sie ihren Wohnsitz. Skjold, Odins Sohn,
+der Ahnherr des dänischen Königsstammes der Skjoldungen, freite um sie,
+und sie hausten zu Hleidra. Auch hier wird Bragis Strophe als Zeugniss
+der Erzählung angeführt.
+
+Man hat schon daran gezweifelt, ob die pflügende Gefjon mit der
+göttlichen eins sei, ob nicht bloss Namensgleichheit vorliege. Gering
+in seiner Eddaverdeutschung unterscheidet zwischen der Göttin Gefjon
+und der landpflügenden Riesin Gefjon. Doch lässt sich die Trennung
+beider nicht als begründet erweisen. Sagen von Landerwerbung wie hier
+durch Umpflügen, wobei meistens die Voraussetzung herrscht, dass der
+Land Gewährende einen weit geringeren Teil abzutreten gewillt ist, als
+ihm dann wirklich abgenommen wird, kommen oft vor. Das älteste Beispiel
+ist Dido. Die Sagen sind oft örtlich, d. h. sie entspringen besonderen
+Namen oder Merkmalen des Landes, wie hier die Buchten und Landzungen
+von Seeland und im Mälarsee die Vergleichungspunkte geben. Warum
+aber gerade Gefjon zur Begründerin der dänischen Insel wurde, bleibt
+rätselhaft.
+
+
+11. Idun.
+
+Idun[556] heisst die Gemahlin Bragis. Sie bewahrt in ihrer Truhe die
+Äpfel, welche die Götter geniessen müssen, wenn sie anfangen zu
+altern: davon werden sie wieder jung, und so wird es bleiben bis zum
+Untergang der Götter. Sehr viel haben die Götter der Hut und Sorgfalt
+Iduns anvertraut. Einmal wäre es aber doch beinahe übel abgelaufen.
+Der Riese Thjazi, der in Adlergestalt den mit einer Stange nach ihm
+schlagenden Loki gefangen hatte, sagte, er werde ihn nicht loslassen,
+wenn er nicht Idun mit ihren Äpfeln herbrächte. Loki versprach das und
+führte in der That die Idun hinaus. Er lockte sie nämlich unter dem
+Vorwande fort, dass er ihr Äpfel zeigen wolle, die ihr überaus kostbar
+erscheinen würden, und bat sie, ihre eigenen Äpfel mitzunehmen, damit
+sie einen Vergleich anstellen könne. Und so ging sie mit ihm. Da kam
+der Riese Thjazi in Adlergestalt und flog mit ihr nach Thrymheim. Den
+Asen erging es schlimm beim Verschwinden der Idun, sie wurden schnell
+alt und grau. Sie versammelten sich und fragten einander nach Idun.
+Sie war zuletzt gesehen worden, wie sie mit Loki aus Asgard ging. Da
+wurde Loki ergriffen und zum Ding geschleppt und mit Folter und Tod
+bedroht. Dadurch erschreckt gelobte er, er wolle Idun in Riesenheim
+suchen, wenn Freyja ihm ihr Falkenhemd leihe. Wie ers erhielt, flog
+er gen Norden nach Riesenheim und kam zur Wohnung des Riesen Thjazi,
+als dieser gerade auf die See hinaus gerudert war. Er verwandelte die
+Idun, die allein zu Hause war, in eine Nuss und flog mit ihr davon. Als
+Thjazi heimkam und Idun vermisste, schlüpfte er in sein Adlergewand und
+flog ihnen nach; wie aber die Asen den Falken herankommen sahen, nahmen
+sie einen Haufen Hobelspähne und zündeten sie an. Der Adler vermochte
+seinen Flug nicht schnell genug zu hemmen, sein Gefieder fing Feuer,
+und nun töteten sie den Riesen innerhalb des Gitters von Asgard.
+
+Auf eine sonst verlorene Sage spielt Lokis Schelte an:
+
+ Schweige du, Idun, die von allen Weibern
+ Am meisten nach Männern jagt!
+ Um ihn wandst du die weissen Arme,
+ Der die Brust deines Bruders durchstiess!
+
+In der Sage von Idun, der Hüterin der Äpfel, verschmolzen mehrere
+Bestandteile mit einander. Dass der Idun von Riesen nachgestellt
+wird, erinnert an die ähnlichen Sagen von Freyja. Die Feindschaft der
+Riesen gegen die Götterwelt kommt dadurch zum besondern Ausdruck,
+dass mit Idun auch die Äpfel, die Quelle der Jugendkraft, den Göttern
+entzogen werden. So erscheint der Bestand der Welt bedroht, wenn
+Idun in die Hände der Riesen fällt. Alle diese Beziehungen, auch den
+Vorwurf der Buhlerei wol nach dem Muster der Freyja, mögen nordische
+Skalden selbständig geschaffen haben. Wie bei Freyja versucht Uhland
+auch bei Idun natursymbolische Auslegung des Mythus. In Idun ist
+das frische Sommergrün an Gras und Laub persönlich geworden. Iduns
+Raub durch den Riesenadler Thjazi stellt die Entblätterung der Bäume
+und Entfärbung der Wiesen durch den rauhen Hauch der Herbst- und
+Winterwinde dar. Im Frühling bringt Loki, die warme Luft, das Grün
+zurück. Diese Deutung ist zu allgemein, um als befriedigende Lösung
+gelten zu können. Iduns Verhältniss zum Riesen, die Rolle, die Loki
+dabei spielt, ist der Sage vom Riesenbaumeister, der Freyja verlangt,
+auf Lokis Rat sie zugesprochen erhält, durch Lokis List aber sie auch
+wieder verliert, in der Hauptsache nachgeahmt. Das unterscheidende
+Merkmal der Idunsage bilden aber +Iduns Äpfel+, deren Herkunft aus
+christlicher und antiker Mythologie Bugge nachgewiesen hat. Seinen
+Aufstellungen kann ein Unbefangener nicht widersprechen, schon um der
+Äpfel willen, die auf Island nie vorkamen und auch in Norwegen kaum
+anders als mit den Klostergärten Eingang fanden. In Dänemark, wo die
+Frucht früher begegnet, fehlt wieder die Idunsage. Iduns Äpfel stammen
+also jedenfalls aus der Fremde. Aus dem Kreise biblischer Vorstellungen
+scheint eine Volkssage entwickelt zu sein von einem Apfelbaum, der über
+einer Quelle sich erhebt. Die Äpfel und das Wasser verleihen ewiges
+Leben. Ebenso wirken die Äpfel in den Gärten der Hesperiden. Welcher
+Kranke davon geniesst, wird sofort gesund. In Irland geht eine Sage,
+wie drei Brüder in Falkengestalt die Wunderäpfel Hisbernas rauben. Sie
+werden von den Töchtern eines Königs, welche Greifengestalt annehmen,
+verfolgt, entkommen aber glücklich. Die irische Sage, obwol nur in
+jüngerer Fassung überliefert, scheint in höheres Alter zurückzureichen.
+Sie ist zweifellos, wie schon der Name Hisberna lehrt, aus den
+Hesperidenäpfeln entwickelt. In einer ähnlichen Gestalt dürfte sie
+einst den Wikingern auf Irland bekannt geworden sein. Von den Äpfeln
+und ihrer wunderbaren Eigenschaft, von ihrem Raube hörten die Nordleute
+und daraus schufen sie die Geschichte von Idun und ihren Äpfeln. Der
+Name Idun meint Erneuung, Verjüngung; er wird wol erst mit der Sage
+selber, welche die Äpfel in die Verwahrung der Göttin gab, entstanden
+sein. Somit stellt sich der Idunmythus als ein ziemlich spätes
+Erzeugniss der nordischen Skalden heraus. Die Grundlagen bestimmen sich
+in Kürze dahin, dass die Göttin selbst und ihr persönliches Verhältniss
+zu Thjazi und Loki in Anlehnung an Freyjasagen erdichtet wurde, während
+die Äpfel als Heilmittel gegen das Alter christlichen oder antiken
+Vorstellungen entstammen. Die Art und Weise, wie Loki Idun, zur Nuss
+verwandelt, zurückholt, vergleicht sich der irischen Sage vom Raube
+der Hisbernaäpfel. Im Anfang der Erzählung sind Idun und die Äpfel
+auseinander gehalten, am Schluss trägt Loki eine Nuss nach Asgard heim.
+Das deutet auf Verwirrung. Man erwartet, dass Loki die Äpfel, deren die
+alternden Asen dringend bedürfen, zurückträgt, die Idun durch irgend
+eine List aus der Gewalt des Riesen löst.
+
+Die Göttin der Jugend, dem bärtigen Sängerahn Bragi vermählt, ist ein
+schönes dichterisches Bild.
+
+
+12. Menglod.
+
+Menglod, die Halsbandfrohe, darf als ein Name der Frigg-Freyja gedeutet
+werden und darum geht auch der von ihr erzählte Mythus eigentlich
+auf Frija. In Swipdag, ihrem Erlöser und Gemahl, im raschen Tage,
+erkennt man den lichten Tags- und Himmelsgott. Frija-Menglod scheint
+die Jungfrau Sonne, die am Rande des Himmels auf einem Berge schläft,
+umgeben von loderndem Feuer, der flammenden Morgenröte. Tag, Sonne,
+Morgenröte verkörpert die Dichterphantasie als besondere Gestalten
+oder Zustände. Der Wohnsitz, wo die schöne Göttin mit hilf- und
+segensreichen Genossinnen thront, ist von wabernder Lohe und andern
+Schrecknissen umzogen und jedem unzugänglich, selbst dem erwarteten
+Geliebten, wie er in erster Dämmerung, im Morgenwind als Windkald,
+Kalds Sohn, erscheint. Alle Hindernisse aber schwinden, sobald er
+sich mit seinem rechten Namen, Swipdag, Solbjorts (des Sonnenhellen)
+Sohn nennt und sich in seiner wahren Gestalt zeigt. Selten ist ein
+Mythus durch die Namen der Hauptgestalten gleich durchsichtig wie
+hier. Soviel Schwierigkeiten der Erklärung aller Einzelheiten in den
+Fjǫlsvinnsmǫ́l auch entgegenstehen, der Grundgedanke der Dichtung tritt
+mit zweifelloser Deutlichkeit zu Tage: wie der Tag die Sonne zum Weib
+gewann. Swipdag kann nur aus Tiuȥ abgezweigt sein, und darum reicht die
+Sage in hohes Alter zurück. Sie entstand, solang die sonnige Göttin,
+Frija die Halsbandfrohe, allein dem lichten Tagesgott zu eigen war, ehe
+der brausende mächtige Sturmwind sie an sich gerafft hatte.[557]
+
+
+13. Schlussbemerkungen.
+
+In seiner Abhandlung über Frija und den Halsbandmythus gelangte
+Müllenhoff[558] zu dem Ergebniss, nachdem er die Überlieferung über
+Frigg mit Hilfe der Sagen von Freyja, Menglod u. A. ergänzt hatte, dass
+die Ausbildung dieser Mythen der Zeusreligion der Germanen angehöre,
+dass die Sagen in uralten Vorstellungen des indogermanischen Volkes
+wurzeln. „Wir behaupten, dass die Frija, die Sonnen- oder Morgengöttin
+bei den Germanen, einst die Gemahlin des Irmintiu war und erst an Wodan
+überging, als dieser sich zum Himmelsgott aufschwang, dass sie die
+ursprüngliche, einzig wahre Inhaberin des grossen Halsbandes war, und
+dass der Streit, der sich daran schloss, so verlief, dass er mit dem
+Tode der Knaben, die sie in der Frühe auf ihrer Laufbahn geleiteten,
+durch den höchsten Gott ein Ende nahm, dass das Halsband ihr mit oder
+wenigstens nicht ohne ihres Mannes Willen geraubt, dann durch den guten
+Gott der Frühe zurückerkämpft und wiedergegeben wurde. Wir erblicken
+nunmehr die ganze Kette von Mythen, die unter wechselnden Gestalten,
+vom ersten Morgengrauen beginnend, die glanzvolle Erscheinung der
+Himmelskönigin, auch das Verschwinden ihres Lichtes am Abendhimmel
+schildern und so den Verlauf eines Tages umschreiben.“
+
+J. Grimm, Mythologie 284 urteilte so: „Die Wichtigkeit dieser Sage
+von der Göttin Halsschmuck steigt aber noch, wenn wir griechische
+Mythen hinzuhalten. Brísingamen ist nichts anderes als Afrodites ὅρμος
+(Hymn. in Ven. 88) und die Kette wiederum ihr Gürtel, der κεστὸς ἱμὰς
+ποικίλος, den sie am Busen trägt, dessen Zauber alle Götter und
+Sterbliche bewältigt. Von ihrem Hals (ἀπὸ στήθεσφιν) löst und leiht
+sie ihn der Here, die den Zeus damit reizen will, das wird in einem
+uralter Göttersage vollen Liede (Il, 14, 214-218) erzählt. Wie den ἱμάς
+Here und Afrodite wechselsweise tragen, schreibt die nordische Fabel
+das Geschmeide bald der Frigg, bald der Freyja zu, denn jenes Gold
+der Frigga bei Saxo fällt mit Brísingamen zusammen. Dazu tritt eine
+andere Ähnlichkeit. Freyja besitzt nach derselben Erzählung ein schönes
+und so starkes Gemach, dass, wenn die Thüre verschlossen war, niemand
+ohne ihren Willen hinein kommen konnte. Mit welcher List Loki dennoch
+eindrang und ihr das Halsband raubte, wird berichtet. Homer meldet es
+nicht, wol aber weiss er Il. 14, 165-168 von Heres θάλαμος,
+
+ τόν οἱ φίλος υἱὸς ἔτευξεν
+ Ἥφαιστος, πυκινὰς δὲ θύρας σταθμοῖσιν ἐπῆρσε
+ κληῖδι κρυπτῇ, τὴν δ’ οὐ θεὸς ἄλλος ἀνῷγεν.
+
+Was stimmt genauer zu jenem unnahbaren Gemach der Freyja, zumal
+des ἱμάς gleich darauf gedacht wird? Hefäst, der seiner Mutter das
+kunstreiche Zimmer baute, halte ich zu den Zwergen, die der Freyja
+das Halsband schmiedeten. Die Identität der Frigg und Freyja mit Here
+und Afrodite muss auch nach diesem Mythus wirklich einleuchten.“ Ist
+Freyjas Halsband das der Afrodite, dann fällt allerdings Müllenhoffs
+Beweis, weil dann Entlehnung, nicht Urverwandtschaft anzunehmen wäre;
+weil Afrodite keine urgriechische, indogermanische Göttin ist, bedingt
+die Anerkennung einer engeren Verwandtschaft zwischen ihr und einer
+germanischen Göttin zugleich die Annahme, dass die Freyja einen Teil
+ihres Wesens durch Afrodite-Venus erhielt. Auf fremden Ursprung weist
+endlich noch das Gespann der Freyja. Es kommt nichts Genaueres in
+einer Sage vor, nur allgemein ist Freyja Besitzerin der zwei Katzen
+genannt, mit denen sie im Wagen fährt.[559] Das Tiger- und Löwengespann
+orientalischer Gottheiten ist nach Bugge (Christiania Morgenbladet 16.
+Aug. 1881) Vorbild für Freyjas (Tiger-?) Katzen.
+
+
+
+
+II. Die Erdgöttin.
+
+
+Die Verehrung der mütterlichen Erde ist auch unter den Germanen
+nachweisbar. Himmel und Erde scheinen überhaupt das älteste Götterpaar
+aller Mythologien zu sein. Der Himmel ist die männliche, zeugende,
+befruchtende Gottheit, die Erde die empfangende und gebärende. Im
+Norden heisst sie mit einfach schönem Namen _Jord_, Erde. Ihr Gemahl
+ist Odin, ihr Sohn Thor.[560] Aber dieses Verwandtschaftsverhältniss
+ist nicht ursprünglich. Einst war der Himmelsgott der Gemahl der
+Jord, die er mit Licht und Wärme im Lenz aus der Gewalt finstrer
+Riesen befreite und segnete, wie Freyr die Gerd. Das alte Verhältniss
+tritt aus einer zweiten Benennung noch zu Tage. Thors Mutter heisst
+auch _Fjǫrgyn_. Jord und Fjorgyn sind eins. Neben der Fjorgyn steht
+ein männlicher Fjorgynn, als dessen Gattin einmal Frigg bezeichnet
+wird.[561] Da derselbe Name von Gott und Göttin gebraucht wird, muss
+ein altes Beiwort der Gottheit darin verborgen sein. Wirklich lässt
+sich auch Fjorgynn als Beiname des Himmelsgottes nachweisen. Zu Grunde
+liegt der urgermanische Wortstamm _fergu_ (_quercus_). Im Litauischen
+heisst der Donnergott ebenfalls _Perkunas_, so dass das Beiwort also
+bereits vorgermanisch sein muss. Der Sinn des Namens ist _zur Eiche
+gehörig_, _auf Eichen bezüglich_, _eichen_ (_querceus_). Der litauische
+Donnerer führt also eigentlich den Namen Eichengott. Dem Juppiter
+und dem Donar war die Eiche geheiligt. Somit war *_fergunjaȥ_ eine
+Benennung des Himmelsgottes in seiner Eigenschaft als Donnerer, ein
+Beiname Donars, dessen Bedeutung frühzeitig verloren ging. *_fergunjô_
+wird ursprünglich wol die Gattin des Donar geheissen haben, jedenfalls
+empfing die Göttin den Namen erst vom Gott, dem er seit Urzeiten und
+einstens sicher allein gehörte. Denn Fjorgynn und Fjorgyn bildeten
+einmal ein Paar, Himmel und Erde. Und damals schon wird die Erdgöttin
+von ihrem göttlichen Gemahl den Zunamen erhalten haben. Hernach blieb
+er ihr, Fjorgynn aber ging auf den inzwischen an die Spitze des
+Götterstaates getretenen Odin über. Dem alten Eigentümer, Thor selber,
+kam er abhanden, nur noch ein loser, unverstandener Zusammenhang zeigt
+sich darin, dass er Fjorgyns Sohn heisst.
+
+Ein angelsächsischer Flursegen[562], der freilich erst aus christlicher
+Zeit überliefert ist und darum mancherlei christliche Züge einmischt,
+zeigt den Kult der Erde am lebendigsten. Da werden neben Gott, Maria
+und den Heiligen auch unmittelbar, als wären es persönliche Wesen,
+Erde und Himmel (_eorđe and upheofen_) um Fruchtbarkeit angefleht.
+Merkwürdig klingt folgende Anrufung: _Erce, Erce, Erce, eorþan módor!_
+Es vergönne der allwaltende, ewige Herrscher, dass die Äcker wachsen
+und gedeihen, in Fruchtbarkeit wetteifern; er gönne des Kornes
+Wachstum, der breiten Gerste, des weissen Waizens, aller Erde Wachstum.
+Das Wort _Erce_ scheint Erde zu bedeuten, und die Erde selber wurde
+sicherlich einst allein angerufen. Warum aber _Erce_ Mutter der Erde
+genannt wird, bleibt unklar. Vielleicht ist irgend eine Verderbniss
+der Überlieferung anzunehmen. Besonders schön und anschaulich ist das
+Gebet, unter welchem man den Pflug in Bewegung setzt und die erste
+Furche zieht. „Heil dir, Erde, Mutter der Menschen, sei du wachsend
+in Gottes Umarmung, mit Nahrung erfüllt zum Nutzen der Menschen!“ Der
+angelsächsischen Anrufung „_hál wes þu, folde, fira móder_“ entspricht
+genau Brynhilds Gruss beim Erwachen aus dem Zauberschlafe: Heil euch,
+Götter, Heil euch, Göttinnen, Heil dir, fruchtbare Erde (_heil siá en
+fjǫlnýta fold_)! Beidemal wird die Erde „_fold_“ genannt. Offenbar
+wirkt im ags. Segen und im nordischen Tagesgrusse eine altgermanische
+Formel nach, ein Gebet an die Erdgöttin, die Mutter der Menschen,
+Urquell alles Lebens ist. Deutlich wird ihr Liebes- und Ehebund mit
+dem Himmelsgotte erwähnt. Aus solchen feierlichen Opfergebeten mögen
+Lieder und Mythen entspringen, wie das Lied von Freyr und Gerd. Im
+englisch-nordischen Gebet an _Fold_, die in des Gottes Umarmung
+fruchtbar wird, liegt gleichsam der Keim der schönen mythischen
+Dichtung, die aus den Skírnismǫ́l hervorleuchtet.
+
+Zu den Erdgöttinnen wird seit Finn Magnusen auch die spröde _Rind_
+gerechnet, welche Odin bezwingt, um mit ihr den Bous (Búi) oder Wali,
+Baldrs Rächer zu erzeugen.[563] Rind ist die unbebaute, harte und
+unfruchtbare Erde, die sich dem belebenden Lichte der hellen Sommerzeit
+(Odin als Vertreter des Tiuȥ) nicht leicht erschliesst. Ist es aber
+geschehen, so kann Feldbau auf dem früher wüsten Lande stattfinden. Búi
+ist der Bauer; neben Wali steht auch der Name Áli, die Verkörperung der
+keimenden Saat. Die Geschichte Odins und Rindas ist freilich romantisch
+aufgeputzt und als Ganzes genommen nicht alt. Aber ein Mythus mag
+immerhin schliesslich zu Grunde liegen, wie Licht und Wärme die spröde
+harte Erdrinde gefügig und fruchtbar machen.
+
+
+Nerthus.
+
+Sieben Stämme an der Nordsee verehrten insgesamt die _Nerthus_. Auf
+einer Insel war ihr heiliger Hain; drin stand, von einem Tuche bedeckt,
+ihr Wagen, den nur der Priester anrühren durfte. Dieser erkennt,
+wenn die Göttin ihr Heiligtum aufsucht. Er begleitet sie, wenn sie
+auf ihrem mit Kühen bespannten Wagen unter grosser Feierlichkeit
+umherfährt. Überall herrscht Festfreude und Waffenruhe, bis derselbe
+Priester die am Umgang mit den Menschen gesättigte Göttin ihrem
+Heiligtum zurückgibt. Dann werden Wagen, Tücher, ja die Gottheit
+selbst im einsamen See gebadet. Die dienenden Knechte werden gleich
+ertränkt.[564] Tacitus deutet Nerthus als _terra mater_, weil die
+Umfahrt der römischen Göttermutter auf einem von Rindern gezogenen
+Wagen am 27. März, ferner das Bad, dem das Bild der Göttin samt
+dem Fahrzeug unterzogen wurde, lebhaft an den germanischen Brauch
+erinnerten. Wie bereits bemerkt, feierten die Schweden die Umfahrt des
+von einer Priesterin geleiteten Freyr, des Sohnes des Njord (_Nerþuȥ_),
+wovon sie fruchtbares Jahr erhofften. Zweifellos entspringt die
+Nerthusfeier demselben Glauben, der im Mittelalter und in der Neuzeit
+in zahllosen Volksbräuchen, in Bittgängen um Ackersegen nachwirkt.
+Der Grundgedanke liegt in der feierlichen Einholung der im Lenze neu
+erwachten Geister des Wachstums und Gedeihens. Als Maigraf, Maigräfin,
+Maikönig, Maikönigin werden die Frühlingsgeister bewillkommnet.
+Fürs 12. Jahrh. ist ein niederländischer Brauch bezeugt. Zu Ostern
+und Pfingsten wählten Priester und Kleriker unter Teilnahme des
+gesamten Volkes aus den Frauen der Priester eine aus, schmückten sie
+mit Krone und Purpur, setzten sie auf einen Thron und erwählten sie
+zur Königin. Dann sangen sie den ganzen Tag über unter Begleitung
+von Musikinstrumenten Lieder und erwiesen ihr wie einem Götzenbilde
+Ehren.[565] Beim Frühlingsfest fehlen niemals Chorgesänge und Reigen.
+Auch die Nerthusfeier wird unter Tanz und Liederklang begangen
+worden sein. Wenn das erste Grün im heiligen Hain sprosste, ersah
+der Priester darin das Zeichen der nahenden Göttin. Dann begann die
+Umfahrt, welche den Lenz einbrachte und die Gefilde mit Fruchtbarkeit
+segnete. Die Wassertauche findet sich auch sonst bei Ackerbräuchen,
+beim Pflugumziehen. Sie kann als Regenzauber gedeutet werden. Die
+ertränkten Knechte sind als Opfer zu verstehen, welche die Bundesstämme
+der Gottheit um gute Jahreszeit, um rechte Verteilung von Sonne und
+Regen darbringen. Kögel nimmt den See als den Eingang zur Unterwelt.
+Dort weilt Nerthus in den Wintermonaten, im Frühling zieht sie hervor
+durch Fluren und Auen, im Herbst kehrt sie zurück in den Schooss der
+Erde, wenn die Pflanzenwelt abstirbt. Das wird bildlich durch Auszug
+und Rückkehr angedeutet. Darf der begleitende Priester als Vertreter
+des Gottes, des Gemahles der Nerthus gelten, wie umgekehrt dem Freyr
+eine Priesterin gesellt ist, deren Schwangerschaft die Schweden für
+ein gutes Zeichen ansehen, so ist in dem umziehenden göttlichen Paare
+die Zeugungskraft des Lenzes verkörpert. Nerthus ist somit die Göttin
+der fruchttragenden Erde, der Fruchtbarkeit überhaupt. Sie weilt unter
+den Menschen, so lange die Pflanzenwelt dem Lichte entgegensprosst.
+Sehnsüchtig wird ihre Ankunft nach der langen Winternacht und
+Todesstarrheit erhofft, mit lautem, festlichem Schalle, mit Gesang und
+Reigen ihr Einzug gefeiert.
+
+
+
+
+III. Germanische Göttinnen auf römischen Inschriften und bei antiken
+Autoren.
+
+
+Von einigen Göttinnen der Germanen kennen wir nur die Namen, welche
+inschriftlich oder bei den antiken Autoren überliefert sind. Nur selten
+steht noch eine dürftige Bemerkung über ihre Art oder ihren Dienst
+dabei. Mit diesen Göttinnen weiss die mythologische Forschung nicht
+viel anzufangen. Nur selten ist der Sinn der Namen zu erraten, und
+selbst wo er völlig klar ist, bleibt doch die Hauptsache dunkel, da
+die Namen oft nur sehr allgemeine Bedeutung haben. Hätten wir z. B.
+allein den Namen Frija überliefert, so fände die Etymologie leicht
+aind. priyâ, die Geliebte, die Gemahlin. Aber damit wüssten wir nichts
+über ihre Art. Ist nun gar die Etymologie dunkel, so bleiben alle
+Lösungsversuche im höchsten Grade unsicher.
+
+
+1. Tanfana.
+
+Tanfana oder Tamfana hiess die marsische Hauptgöttin. Die Deutschen
+feierten eben ein grosses Fest, erzählt Tacitus, und froh hatten sie
+die Nacht bei ihren Gelagen hingebracht, noch lagen sie sorglos ihren
+Rausch verschlafend auf Bänken und neben den Tischen, an denen sie
+geschmaust und gezecht hatten, umher, als Germanicus über sie kam.
+Er verteilte sein Heer in vier Haufen, zehn deutsche Meilen in die
+Runde liess er alles mit Feuer und Schwert verwüsten, Alt und Jung,
+Mann und Weib niederhauen und das hochberühmte Heiligtum der Tanfana
+-- _celeberrimum illis gentibus templum, quam Tanfanae vocabant_ --
+dem Erdboden gleichmachen.[566] Die Zeit dieses Überfalles war das
+Spätjahr 14. Im Herbst pflegten die Germanen grosse Feste zu feiern
+zum Danke für die Ernte. Bei Angelsachsen und Nordleuten führt der
+Oktober und November den Namen Opfermonat. Den Festesfrieden benutzte
+Germanicus zu seinem Streifzug. Zum Herbstfeste waren die Marsen beim
+altberühmten Stammesheiligtum versammelt. Das Dankopfer galt einer
+Göttin, Tanfana.[567] Tanfana ist vermutlich ein Name der Mutter Erde,
+und darum wurde ihr das Dankesfest für den Ackersegen dargebracht.
+Möglicher Weise ist der Name damit in Verbindung zu bringen. Müllenhoff
+vermutet, Tanfana sei die Opfergöttin, wie _Juppiter dapalis_, zu dem
+der römische Bauer vor der Aussaat betete und dem er ein Opfermahl,
+die _daps_, spendete, ein Opfergott ist. Der Name der Göttin erkläre
+sich aus ihrer Festzeit, dem grossen Herbstopfer, Tanfana sei die
+Opferempfangende. Tanfana kann aber auch die Spendende, Segnende,
+Reichtum Gewährende bedeuten, wie Fulla, Volla, Gefjon, Copia. Auch
+dieser Name passt auf eine Göttin des Erntesegens und des Herbstopfers.
+
+
+2. Baduhenna.
+
+Auf friesischem Boden wird ein Hain der Baduhenna erwähnt, wo im
+Jahre 28 n. Chr. 900 Römer im Kampfe fielen.[568] Aus der flüchtigen
+Angabe ist gar nichts für diese friesische Göttin zu entnehmen. Ob
+der Name aus zwei Stämmen zusammengesetzt oder aus einem Stamme mit
+Ableitungssilbe weitergebildet wurde, ist unklar. Im ersten Falle
+konnte die friesische Form etwa _Baduwini_ lauten. _Baduwini_,
+die Kampfesfrohe, vergleicht sich dem Frauennamen _Siguwini_,
+die Siegesfrohe. Als Zusammensetzung _badu-wenna_ (got. _winno_,
+Leidenschaft, ahd. _winna_, Streit) kann der Name auch „kampfwütig“
+bedeuten.[569] Jedenfalls steckt _badu_-, „Kampf“, im Namen, und daher
+scheint der Göttin Beziehung zu Schlacht oder Walfeld zuzukommen.
+
+
+3. Die Alaisiagae.
+
+Die Inschrift, welche dem Mars Thingsus gewidmet ist, gilt auch
+_duabus Alaisiagis Bede et Fimmilene_. Darunter sind wol Göttinnen zu
+verstehen, die irgend welche Beziehung zu Mars Thingsus gehabt haben
+müssen. Da nun aber schon dieser Gott für uns rätselhaft ist, sind
+es die Alaisiagen noch viel mehr, zumal die Etymologie ihrer Namen
+nicht gelingen will.[570] Ursprünglich wurde Tiuȥ als Gerichtsgott,
+als Befehlshaber des in Thing und Heer versammelten Volkes gefasst. Da
+wies Heinzel auf die im Schulzenrecht des westerlauwerschen Friesland
+genannten _bodthing_ und _fimelthing_ hin. In der Benennung dieser
+Dingversammlungen sollten dieselben Wortstämme wie in den Namen der
+Alaisiagen wiederkehren. War Tiuȥ über das Allding des Volkes gesetzt,
+so lag es nahe, anzunehmen, die kleineren Dinge seien unter den Schutz
+der Göttinnen gestellt worden. Ist doch auch die nordische Syn bei den
+Dingversammlungen in solchen Streitsachen zur Schützerin bestellt, wo
+Männer etwas zu leugnen haben. Weinhold vermutete noch Schreibfehler
+für *_alaisagiis_ (_êsago_); es seien die Gesetzessprecherinnen.
+Somit schien das Denkmal irgend einem Rechtsfalle zu entstammen. Aber
+_bodthing_ und _fimelthing_ sind späte Einrichtungen der Friesen, der
+etymologische Zusammenhang mit den Namen der Inschrift ist zweifelhaft,
+Mars Thingsus ist nicht der übers Ding waltende Tiuȥ.
+
+Freilich haben die übrigen Auslegungen ebensowenig ein befriedigendes
+Ergebniss zu erzielen vermocht. Kauffmann nimmt als Grundwort
+_al-aisiag-_ an, das zu ahd. _êrên_, an. _eira_, „schonen“, gehöre.
+Alaisiagen seien die Allhilfreichen. Bede ist Dativ zu friesisch
+*_Bêd_. Der Name steht im Ablaut mit as. _gibada_, „Trost“, mhd.
+_bate_, „Nutzen“, „Hilfe“; er besagt etwa helfende Trösterin. Zu
+Fimmilene wird im Nominativ eine germanische _Fimilô_ angenommen
+(zu an. _fimr_, „hurtig“, „behend“). Es sind demnach göttliche
+Hilfespenderinnen, die Trost und rasche Abwehr drohender Gefahr
+gewähren.
+
+Ganz anders urteilt wiederum Siebs. Er geht von an. _eisa_, „eilen“,
+„stürmen“, aus, das urgermanisch *_aisjan_ lauten müsste. Alaisiagen
+wären die gewaltig Einherstürmenden. Bede wird mit as. _undar-badôn_,
+„erschrecken“, in Verbindung gebracht. _Bêdô_ sei die Schreckerin,
+die Bedrängerin, die Verkörperung des Wirbelwindes. _Fimilô_ heisst
+Bewegung, Wehen des Windes; im Nds. bedeutet _fimmeln_ „flattern“, „hin
+und her fahren“; _Svipul_, die Bewegliche, ist ein Walkürenname. Der
+Denkstein gilt dem Himmels- und Wettergott Tiuȥ und den beiden gewaltig
+einherfahrenden Göttinnen, der schreckenden _Bêd_ und der stürmenden
+_Fimila_.
+
+Diese drei grundverschiedenen Auslegungen zeigen, wieviele
+Möglichkeiten der blossen etymologischen Erklärung sich darbieten,
+wie unsicher und unbestimmt aber alle auf diesem Wege allein erholten
+Vermutungen stets bleiben müssen. Nach wie vor ist das Wesen der
+Göttinnen uns vollkommen dunkel.
+
+
+4. Hlodyn und Hludana.[571]
+
+Hlodyn ist Widars Mutter, die an einer andern Stelle Grid, die Heftige,
+Ungestüme, genannt und als Riesin bezeichnet wird. Die Snorra Edda
+fasst Hlodyn als einen Namen der Jord, der Erdgöttin, auf. Zum Beweise
+wird eine Weise des Skald Vǫlu-Steinn aus dem 10. Jahrh. angezogen,
+wonach die Steine als Hlodyns Knochen bezeichnet werden.[572] Die
+Kenningar, in denen sonst noch Hlodyn vorkommt, lassen sie ebenfalls
+mit Jord gleichbedeutend erscheinen.
+
+In Niederdeutschland, am Rhein, in Geldern und Friesland sind Steine
+einer _dea Hludana_ gesetzt. In Friesland weihten die Pächter der
+Fischerei (_conductores piscatus_) der Hludana das Denkzeichen. Obschon
+die Namen weder in der Wurzel noch in der Ableitungssilbe genau
+zusammentreffen, pflegt man doch seit Thorlacius (1782) beide für
+gleich zu erachten. Es sei eine und dieselbe Göttin in deutscher und
+nordischer Namenform. Darf Hludana wie Hlodyn als Erdgöttin gefasst
+werden, so wäre ein Name der grossen Erdmutter darunter zu vermuten.
+Doch seine Bedeutung bleibt uns verschlossen. Jeder Erklärer findet
+eine eigene Auslegung, die in ihrer Allgemeinheit keine sichere Gewähr
+bietet. _Hlóđyn_ wird gewöhnlich zu _hlađa_, _hlađan_, aufrichten,
+aufladen, gestellt. An. bedeutet _hlađ_, Haufen, _hlóđ_ Herd. Daraus
+wurde eine Göttin des Herdfeuers erschlossen. Indess scheint für _hlóđ_
+Erdhaufe, Erdhügel als Grundbedeutung angenommen werden zu müssen.
+Hloðyn besagt also nur Erde. Kauffmann nimmt _hlôþa_ für die Hochstufe
+zu _holþa_, hold. _Hludana Hlođyn_ ist die holde, gütige Freundin der
+Menschen, ein Beiwort, das auf jede Göttin passt. Immerhin bleibt die
+Verschiedenheit des Wurzelvokales bedenklich. Der römische Steinmetz
+hätte germ. _ô_ mit _u_ gegeben, meinte also eigentlich _Hlôdana_.
+Müllenhoff leitete Hludana aus _hluda_-κλυτός, dem bekannten Stamm
+unsrer Eigennamen Hludwig, Hludhari u. a.; es sei die „berühmte“
+Göttin. Aber dann fügt sich wieder nicht Hlóðyn, wo langes ô feststeht.
+So bleibt vorerst noch alles unsicher, vielleicht überhaupt die
+Gleichheit der Göttinnen. Wer an der Verschiedenheit der Wurzelvokale
+keinen Anstoss nimmt, mag die abweichenden Bildungssilben mit
+Kauffmann aus der Kurz- und Vollform eines Namens erklären: _Hlôþô_ zu
+_Hlôþawini_ (_Hlóđyn_) wie Liuba zu Liubwini, Siga zu Siguwini u. a.
+
+
+5. Isis-Nehalennia.
+
+Römische Kaufleute pflegten an den Küsten der Völker, welche sie des
+Handels wegen aufsuchten, den einheimischen Gottheiten Dankopfer
+darzubringen und Weihaltäre zu errichten. Dabei wandten sie die übliche
+Auslegung an, indem sie aus irgend welchen äusseren Ähnlichkeiten
+die fremden Götter ihren eigenen gleich setzten, indem sie etwa eine
+germanische Göttin für eine Erscheinungsform einer römischen hielten.
+Dem entsprechend wurde auch das Altardenkmal ausgeführt. Glaubte ein
+römischer Unterthan irgendwo an fremder Küste einer Göttin zu begegnen,
+welche ihm der Isis gleich zu sein schien, so wurde der Isis ein
+Weihstein, worauf ihre gewöhnlichen Abzeichen vorkamen, errichtet. Auf
+dem römischen Denkmal stand entweder der römische Göttername allein,
+oder trat der germanische erläuternd hinzu (_Marti Thingso_, _Mercurio
+Channini_, _Herculi Magusano_ u. ä.); endlich konnte auch nur der
+Name der fremden Gottheit allein in latinisierter Form eingesetzt
+werden, wobei dann die von den römischen Steinmetzen auf den Altären
+angebrachten Abbildungen dem Kundigen umso deutlicher das Wesen der
+Gottheit anzeigten. Die Ausführung der Steine ist also hauptsächlich
+von der interpretatio romana abhängig. Hatte man einmal diese oder jene
+Gottheit der Heimat in der Fremde wiederzuerkennen vermeint, so wurde
+sie auch nach römischer Art dargestellt, nicht etwa in dem Bestreben,
+im Bilde die hervorragenden Eigenschaften der fremden Gottheit
+festzuhalten. Man darf daher nicht die ganze bildliche Darstellung
+solcher Steine ohne weiteres ins Germanische umsetzen, wie es Hoffory
+bei Mars Thingsus, Jaekel (ZfdPh. 24, 289 ff.) bei der Nehalennia thut.
+Gibt sich doch im Altarbild meistens nur dieselbe allgemeine, mitunter
+höchst oberflächliche Ansicht des römischen Beobachters kund, welche
+auch in der interpretatio zum Ausdruck gelangte. Wenn Tiuȥ, Wodan,
+Frija, Donar mit Mars, Merkur, Venus, Juppiter übersetzt werden, so ist
+damit nur erwiesen, dass den Römern gewisse Ähnlichkeiten auffielen,
+aber nicht dass alle Züge der römischen auf die germanischen Gottheiten
+passen. Gelangt also nur einseitige Mitteilung römischerseits über
+eine germanische Göttin auf uns, so ist grösste Vorsicht erforderlich.
+Oft ist nicht mehr als der blosse germanische Göttername zu lernen,
+dessen Erklärung die grössten Schwierigkeiten entgegenstehen. Dass
+einige in die Augen fallende Züge der interpretatio und der bildlichen
+Darstellung der verglichenen Gottheit ebenfalls zugehören, ist nicht
+zu bezweifeln. Aber schwer, wenn nicht unmöglich, ist zu bestimmen,
+welche Eigenschaften der interpretierten Gottheit überwiesen werden
+dürfen, welche nur im Banne der einmal feststehenden römischen
+Anschauung hinzutraten. Hatte ein römischer Handelsmann z. B. an
+fremder Küste die Isis gefunden, so stellte er sich zuerst seine Isis
+vor und übersah die wesentlichen, bedeutenden Unterschiede zwischen
+ihr und der nichtrömischen Göttin. Verbanden sich im Banne der einmal
+festgestellten Auslegung allerlei ungehörige Vorstellungen mit der
+fremden Göttergestalt, so blieben auch wieder deren wichtigste und
+nötigste Eigenschaften völlig verborgen. Hätten wir von Wodan und Frija
+nur die Namen und die römische Auslegung Merkur und Venus überkommen,
+so wären unsere Begriffe gewiss ebenso schief wie ungenügend. In dieser
+Lage befinden wir uns aber allen Nachrichten gegenüber, die uns nur aus
+römischer Umgebung oder durch römische Vermittlung, durch Inschriften
+und römische Geschichtschreiber, also einseitig, ohne die Ergänzung und
+Berichtigung germanischer Denkmäler, bekannt sind.
+
+Nach der Meldung des Tacitus[573] brachte ein Teil des grossen,
+zwischen Elbe und Weichsel ansässigen Suevenvolkes der Isis Opfer dar.
+Ihr Abzeichen war ein Schiff. Tacitus und seine Gewährsleute waren der
+Anschauung, es handle sich um einen aus Rom nach Germanien verpflanzten
+Kult; und mit einem gewissen Recht. Denn zweifellos erhuben sich an
+der suevischen Küste Isissteine, welche zu der Nachricht Anlass gaben.
+Diese Isissteine waren von Römern, die in der Ostsee Handel trieben,
+aufgerichtet worden. Aber sie galten derjenigen Isis, welche die
+Reisenden bei den Sueven zu entdecken glaubten. Hinter dem römischen
+Altar steht ein germanischer Kult, der ihn veranlasste. Es war eine
+Göttin, als deren Abzeichen ein Schiff galt. Vermutlich hatte sie,
+wie die Wanen, Beziehung zur Schifffahrt und damit zu Handel und
+Wolstand. Sie glich unter anderm auch darin der Isis, der am 5. März
+ein feierlicher Umzug gehalten und ein Schiff (_navigium Isidis_)
+dargebracht wurde. Die Wiedereröffnung der Fahrt in Strom und Meer,
+die mit Anbruch des Frühlings den Schiffen sich aufthaten, wurde so
+alljährlich festlich begangen.
+
+Anderwärts tauchen Spuren einer ähnlichen Göttin auf. In Deutz am Rhein
+und an der batavischen Küste, auf der der Scheldemündung vorgelagerten
+Insel Walcheren, fanden sich zahlreiche, von römischen Kaufleuten
+wegen glücklich vollbrachten Handelsfahrten der Göttin _Nehalennia_
+geweihte Altäre. Auf der Insel Walcheren fanden sich 1647 und 1870
+im Dünensande 22 mehr oder weniger gut erhaltene Denksteine dieser
+Göttin.[574] Hier muss eine Hauptstätte ihres Kultes, vermutlich ein
+römischer Tempel, bestanden haben. Von den Bildern der Steine zeigen
+einige die Nehalennia als Beschützerin der Schiffer; sie hat den linken
+Fuss auf den Steven eines Schiffes gestellt und stützt sich auf ein
+Ruder zu ihrer Rechten. Kauffmann wies nach, dass die Nehalenniabilder
+Zug um Zug aus dem Isiskult entnommen sind, dass die Nehalennia demnach
+den Kaufleuten als die Isis erschien. Offenbar ist es dieselbe Göttin,
+von den Römern als Isis aufgefasst, der sie an der suebischen und
+batavischen Küste und am Rheine Altäre aufstellten. Durch Tacitus hören
+wir, dass das Schiff ihr Abzeichen war, auf den Altären steht ihr
+deutscher Name, Nehalennia. Was auch sonst noch von dieser germanischen
+Göttin erzählt worden sein mag, ihre Beziehung zur Seefahrt ist
+sicher. Darum begrüssten sie die Römer an den Ufern der Ost- und
+Nordsee als Isis und empfahlen ihre Schiffe und ihre Ladung dem Schutze
+der Nehalennia. Damit endet aber auch unsere Kenntniss vom Wesen dieser
+Göttin. Nicht einmal soviel ist klar, ob sie auch bei den Sueven
+Nehalennia hiess, oder ob dieser Name nur am Rhein und bei den Batavern
+ihr beigelegt war. Die Erklärung des Namens macht Schwierigkeit.
+Kauffmann denkt an ein germanisches Beiwort *_nêwolos_, *_nêalas_,
+zu urgerm. *_nêwô_ mhd. _nâwe_, wie _navalis_ aus _navis_ entwickelt
+ist. Daraus wäre eine Weiterbildung *_nêalenî_, gen. _nêalenniôs_. Im
+Namen _Nehalennia_, „_navalis_“, „_zu den Schiffen gehörig_“, läge eine
+Andeutung ihrer Art. Nehalennia ist die Schiffsgöttin. Njords Heimat
+ist _nóatún_, die Schiffsstätte, und an die Wanen erinnert Nehalennia
+insofern, als beide die Schifferei beschirmen. Die germanische
+Ablautsform _nêu_-: _nôu_- erscheint in _Nêalenî_ und _nóatún_, mhd.
+_nâwe_ und an. _nór_. Nehalennia ist dann aber kein eigentlicher Name,
+vielmehr ein Beiname einer Göttin, welche zur Seefahrt Beziehung hat.
+Freilich hat Kauffmanns Erklärung gegen sich, dass der zweifellos
+sicher überlieferte Name Nehalennia zu Nealennia zurechtgemacht werden
+muss. Das _h_ sei nur Trennungszeichen zwischen Vokalen, wie es auch
+sonst vorkomme, z. B. Tuihanti für Tuianti, Flehum für Flevum u. drgl.
+Eine andere Erklärung geht von einem idg. Grundwort *_neqos_ (νέκυς)
+aus, dem urgerm. *_nehuaz_, westgerm. *_nehaz_ entspräche, wie got.
+_saíƕan_ und _aƕa_ gegen ahd. _sehan_ und _aha_. Daraus ergibt sich im
+Namen der Göttin ein Anklang ans Reich des Todes. Wie das aus ihrem
+Wesen zu rechtfertigen ist, bleibt dunkel.
+
+Im Jahre 694 besuchte der hl. Willibrord auf einer Missionsreise
+Walcheren und zerstörte ein dort befindliches heidnisches Heiligtum.
+Der Tempelhüter widersetzte sich dem Vorhaben der christlichen Priester
+mit bewaffneter Hand, aber ohne Erfolg. Kauffmann[575] vermutet,
+dass mit dem Heidentempel derjenige der Nehalennia gemeint sei. Die
+heimische Bevölkerung wird den römischen Tempel und die Bilder, die zu
+Ehren der Landesgöttin aufgerichtet waren, nicht gemieden haben, und
+als die Römer aus dem Lande wichen, wurden die Germanen ihre Erben,
+die alleinigen Besitzer des alten Heiligtumes. Erst der christliche
+Eifer schlug die Bilder in Stücke und verwarf die Trümmer, die im 17.
+Jahrhundert wieder ans Tageslicht kamen, am Meeresstrand. „Manch fromme
+deutsche Mutter mag in der Halle des Tempels den Steuermann und sein
+Schiff der Nehalennia anbefohlen haben, nachdem das jüngere Geschlecht
+den Widerwillen gegen Tempelbauten überwunden hatte.“
+
+ * * * * *
+
+Mit Nehalennia-Isis dürfen vielleicht einige mittelalterliche
+Bräuche[576] in Verbindung gebracht werden. Ums Jahr 1133 liess ein
+Bauer aus Inden im Jülichischen im nahen Walde ein Schiff zimmern, das
+auf Rädern lief und durch vorgespannte Menschen an Stricken zuerst
+nach Mastricht, wo Mastbaum und Segel hinzukamen, dann hinauf nach
+Tungern, Looz und so weiter im Lande umhergezogen wurde, überall
+unter grossem Zulauf und Geleite des Volkes. Wo es anhielt, war
+Freudengeschrei, Jubelsang und Tanz, namentlich der von ausgelassener
+Lust erfüllten Frauen, um das Schiff herum bis in die späte Nacht.
+Die Ankunft des Schiffes sagte man den Städten an, welche ihre Thore
+öffneten und es einholten. Die Weber wurden zum Schiffszug gezwungen,
+dafür durften sie dem übrigen Volke den Zutritt wehren und Pfänder
+erheben. Die Geistlichen sahen mit scheelen Augen auf das sündhafte
+heidnische Werk und dachten es zu hintertreiben. Sie nannten das Schiff
+ein Abzeichen böser Geister, ein Teufelsspiel, es sei in heidnischer
+Gesinnung aufgeschlagen, böse Geister hielten darin Umzug, es könne
+ein Schiff des Neptun oder Mars, des Bacchus oder der Venus heissen;
+man solle es verbrennen oder sonst wegschaffen. Aber die weltliche
+Obrigkeit hatte den Umzug gestattet und schützte ihn, es hing von
+den einzelnen Ortschaften ab, dem heranfahrenden Schiff Einlass zu
+gewähren; wie es scheint, galt es in der Volksmeinung für schimpflich,
+es nicht weiter gefördert zu haben. Über Duras und Léau sollte das
+Schiff nach Löwen gebracht werden. Von den Geistlichen angefacht, that
+der Graf von Löwen dem Umzug mit Gewalt Einhalt, so dass die Feier
+des Schiffszuges auf diese Weise blutig endigte. Aus allem geht aber
+die lebhafte Teilnahme der Zeitgenossen am Schiffszug, dem Überrest
+eines heidnischen Brauches, deutlich hervor. Auf schwäbischem Boden,
+also bei den Nachkommen der alten Sueven, verbietet noch um 1530 ein
+Ulmer Ratsprotokoll, am Nikolasabend Fastnachtskleider anzuziehen,
+den Pflug und mit den Schiffen herum zu fahren. Die Gewohnheit des
+Pflugumziehens, um fruchtbares Jahr und Gedeihen der Aussaat zu
+erhalten, ist weit verbreitet.[577] Es geschah um Neujahr oder zur
+Fastenzeit. Der Ulmer Ratsbeschluss stellt offenbar den Schiffszug mit
+dem Pflugumziehen auf dieselbe Stufe. Immerhin verdient Beachtung,
+dass die Umfahrt des Schiffes im späteren Volksbrauch bei den Stämmen
+erscheint, bei denen im Altertum Dienst der Nehalennia-Isis nachweisbar
+ist. Das auf Rädern umgehende Schiff ist allerdings nicht notwendig
+auf die germanische Göttin zu beziehen. Es kommt auch bei den Griechen
+in Verbindung mit Dionysus vor[578] und muss also von Alters her mit
+den bacchischen Kulten zusammenhängen. Es darf ans navigium Isidis und
+an Carnevalsbräuche erinnert werden.[579] Nur unter Vorbehalt seien
+hier, alter Gewohnheit gemäss, die Volksbräuche des Schiffsumzugs mit
+Isis-Nehalennia, überhaupt mit germanischer Mythologie in Beziehung
+gebracht. Die Berechtigung dafür ist stark anzuzweifeln.
+
+Vereinigt man die besprochenen Thatsachen, so ergibt sich: Vom Rhein
+bis zur Weichsel wurde eine Göttin verehrt, welche die Seefahrt
+beschützte. Die Römer wurden durch sie an ihre Isis erinnert. Am
+Rhein und bei den Batavern hiess sie Nehalennia. Ein Schiff war ihr
+Abzeichen. Wenn im Lenz das Eis von den Strömen sich löste und die
+Schifffahrt neu beginnen konnte, dann wurde die Göttin durch Umtragung
+ihres Schiffes mit Opfern und Reigen gefeiert.
+
+
+6. Die Mütter.
+
+In Frankreich, Oberitalien, Britannien, im linksrheinischen Germanien,
+namentlich im Ubierlande, finden sich zahlreiche, mehr als 400
+Weihsteine, welche den „Müttern“ (_matrones_, _matres_, _matrae_)
+meistens von Legionssoldaten gesetzt sind.[580] Diese Mütter, mitunter
+in der Dreizahl erscheinend, führen verschiedenartige Beinamen,
+darunter auch solche, deren germanische Herkunft nicht anzuzweifeln
+ist (z. B. _Aufaniabus_, _Gavadiabus_, _Vatviabus_ oder _Vatvims_,
+_Saitchamims_ oder _Saithamiabus_, _Aflims_ oder _Afliabus_). Die
+Dative auf _-ims_ sind unter allen Umständen germanisch; zur Etymologie
+der Namen bieten die germanischen Sprachen auch wirklich Anhaltspunkte.
+Es fragt sich nur, ob etwa aus den Beinamen etwas über das Wesen
+germanischer Göttinnen zu lernen ist. Die Mütter gehören ursprünglich
+zu den Glaubensvorstellungen der Gallier. Von ihnen aus verbreiteten
+sie sich zu den Germanen, jedoch nur zu germanischen Söldnern, die im
+römischen Heere dienten, und zu den verwälschten Stämmen. Im innern
+Germanien schlug der Mütterkult niemals Wurzel und kann demnach auch
+schwerlich zum echten Bestande der germanischen Mythologie gezählt
+werden. Die Mütter sind Schutzgöttinnen von Örtlichkeiten, ähnlich
+den _genii loci_. Als solche sind sie allgemein und überall möglich
+und doch wieder für jeden Ort, jede Stadt besonders bestimmt. Wie
+die Matrone über dem Hauswesen, so walten die Mütter schützend und
+segnend über dem Gemeinwesen. Jeder Ort, jedes Land und Volk, das
+Lager, die Garnison, die Provinz, alle konnten dem Schutze besonderer
+Mütter unterstellt werden. Ein Legionär weiht sein Denkmal matribus
+omnium gentium, den Müttern aller Völker, er empfiehlt sich dadurch
+den Schutzgottheiten aller Länder, in welche ihn das Schicksal etwa
+verschlagen möchte. Diese Inschrift ist besonders lehrreich, indem sie
+beweist, dass es sich keineswegs um die eigentlichen Landesgöttinnen
+handelt, vielmehr um einen durchaus subjektiven, gallisch-römischen
+Begriff, der überall Anwendung finden konnte und nur allgemein
+Schutzgöttinnen des betreffenden Ortes oder Landes, nicht etwa die
+dort wirklich verehrten Gottheiten bezeichnet. Die Beinamen der Mütter
+sind dementsprechend durchweg aus örtlichen Beziehungen zu deuten. Die
+suebischen, germanischen Mütter sind vollkommen den pannonischen und
+dalmatischen gleichzuachten, sie bestehen allein in der Vorstellung
+des Weihers der Altarinschrift und beziehen sich keineswegs auf
+wirklichen germanischen Glauben. Die Auslegung der Beinamen hat
+in erster Linie mit dem örtlichen Ursprung zu rechnen. Wenn nun
+germanische Wörter vorkommen, so sind sie sicherlich auf germanische
+Ortsnamen zurückzuführen. Die _Matres Gavadiae_ hängen mit dem Zeitwort
+_wadan_, _waten_ zusammen und entstammen wol einem Ortsnamen im Sinne
+von _Furt_. An der Diemel ist später ein _Wetiun_ bezeugt, das aus
+demselben Stamm gebildet ist. Der Dativ _Vatvims_ gehört zu einem
+german. _watwî_, Wasserland, und stellt sich zu den vielen mit „Aue“
+zusammengesetzten Ortsnamen. Solche Mütter mit germanischen Beinamen
+sind demnach befriedigend zu erklären: sie sind die Schutzgeister
+germanischer Örter. Deutsche im römischen Heeresdienste nahmen den
+Matronenkult an und stellten damit die ferne Heimat unter göttlichen,
+mütterlichen Schutz.
+
+
+7. Dea Sandraudiga und dea Vercana.
+
+Mit der _dea Sandraudiga_[581] eines nordbrabantischen Steines, den
+die _„cultores templi“_ gestiftet, ist nichts anzufangen. Der Name
+zerfällt in germanische Bestandteile, got. _audags_, an. _auđigr_,
+reich, glücklich, und _sandr-_, wahr, wahrhaft, wie in Eigennamen,
+z. B. Sandrimer. Wer die „wahrhaft reiche“ Göttin ist, etwa eine
+spendende Folla, lässt sich nicht bestimmen. Die _dea Vercana_[582] auf
+dem Rande einer Brunnenschale und auf einem Stein aus dem Nemetergau
+(Ernstweiler bei Zweibrücken) deckt sich lautlich mit Athenes Beinamen
+Ἐργάνη, Wirkerin, Göttin des Webens und Spinnens. Ob die _dea
+Vagdavercustis_[583], welcher der Decurio Simplicius Super in Geldern
+einen Stein setzte, germanisch ist und zur Vercana gehört, bleibt
+unentschieden. Der Stamm _„werk“_ begegnet in beiden Namen, und zwar
+auf der Stufe germanischer Verschiebung. Aber im übrigen ist alles
+dunkel.
+
+
+
+
+IV. Totengöttinnen.
+
+
+1. Die Hel.
+
+Got. _halja_, an. _hel_, ags. _hell_, as. ahd. _hella_ geben den
+räumlichen Begriff „Untererde“, _infernus_ und dienen zur Übertragung
+von ᾅδης, _gehenna_, _infernus_. Gemeint ist der Aufenthaltsort der
+abgeschiedenen Seelen, die Totenwelt. Erst nach und nach entwickelte
+sich die Bedeutung „Strafort“. Will die ältere Sprache die mit der
+christlichen Hölle verknüpften Qualen anzeigen, so erhält das Wort
+einen entsprechenden Zusatz, besonders _wîti_, „Strafe“ (an. _helvíti_,
+ags. _hellewíte_, ahd. _hellawîȥȥi_). Obwol der Begriff Hölle bei
+Goten und Westgermanen nur in christlichen Schriften vorkommt, braucht
+daraus doch nicht geschlossen zu werden, dass er erst mit der Bekehrung
+entstand. Besonders die nordische Überlieferung spricht gegen eine
+derartige Annahme. _Halja_ darf als ein gemeingermanischer uralter
+Begriff gelten, und es fragt sich nur, was die heidnische Zeit darunter
+verstand. Da die ältesten Zeugnisse übereinstimmend die unterirdische
+Behausung der Toten mit Hölle bezeichnen, da diese Bedeutung auch dort
+fortlebt, wo sich noch andere Vorstellungen daneben entwickelten, da
+diese letzteren ungezwungen aus der Grundbedeutung abzuleiten sind,
+darf mit Sicherheit angenommen werden, dass das gemeingermanische Wort
+_halja_ auch eine gemeingermanische Glaubensvorstellung erweist, eine
+Schattenwelt, der ursprünglich alle Toten verfielen, wo die vom Leibe
+gelösten Seelen fortlebten. Im Norden finden wir denselben _räumlichen_
+Begriff in Redensarten, die noch heute fortdauern. _Hel_ heisst das
+Reich des Todes, dann Tod überhaupt. Zur Hölle gehen, fahren, schlagen,
+wird für sterben, totschlagen gesagt; in der Hölle, aus der Hölle
+bezeichnet klar das Räumliche. Zwischen Tod und Leben schweben heisst
+bildlich zwischen Welt und Hölle liegen (_at liggja á milli heims ok
+heljar_). Noch bewahrt der dänische und schwedische Ausdruck _ihjel_,
+_ihäl_, eigentlich in die Hölle, im Sinne „zu Tode“ schlagen, bringen
+u. s. w. deutlich die ursprüngliche Vorstellung. _Helgrind_, das
+Höllenthor, verschliesst das Land des Todes und thut sich nur selten
+wiedergehenden oder beschworenen Geistern auf. _Helvegr_ ist der Weg
+zur Unterwelt, dem der westfälische _Hellweg_, Totenweg entspricht.
+_Helskór_ ist der Schuh, welcher dem Toten zur Höllenwanderung
+mitgegeben wird. _Helreiđ_ ist die Höllenfahrt, die Brynhild auf einem
+Wagen fährt. Noch zahlreiche ähnliche Anwendungen des Wortes, wofür
+die Wörterbücher von Sveinbjörn Egilsson und Fritzner Belege in Hülle
+und Fülle gewähren, lassen über seine Bedeutung keinerlei Zweifel
+aufkommen. Dass die Hölle freudlos und lichtlos gedacht wurde, wie fast
+jeder Aufenthaltsort der Seelen, darf wol vermutet werden. Aber sie war
+kein Aufenthalt der Verdammten, die dort Strafen verbüssen mussten.
+Noch im 10. Jahrh., beim Siege der Sachsen über die Franken 915, sangen
+die Spielleute: Wo gäbe es wol eine Hölle so gross, dass sie die ganze
+grosse Wal zu bergen vermöchte.[584] Die Gefallenen waren doch sicher
+nicht lauter verdammte Bösewichter.
+
+Im Norden steht aber neben _hel_ +die Hel+, _die persönlich gedachte
+Beherrscherin der Toten_. J. Grimm und nach ihm viele vermeinten,
+in diesem _persönlichen_ Begriff das Ursprüngliche zu finden, der
+sich erst in den _örtlichen_, von Goten und Westgermanen allein
+bewahrten, aufgelöst habe. Der Ort empfing von der Besitzerin den
+Namen. Aber der Schluss ist gewagt. Zwar entsteht leicht der Glaube
+an eine Gottheit der Unterwelt, die beide im Namen sich decken. In
+unserem Falle leuchtet aber der örtliche Sinn so stark hervor, dass
+nur voreingenommene Ansicht das klare Verhältniss umkehren wird. Eine
+germanische _halja_ ist unbedenklich, eine _Halja_ aber unerweislich.
+Hört man auf die Zeugnisse, so wird man auch nicht ohne zwingende
+Gründe darüber hinaus trachten. Da nun _halja_ allen Germanen bekannt
+war, _Hel_ aber nur im Norden vorkommt und auch hier eigentlich nur in
+der Skaldendichtung, so liegt der Schluss nahe, +im Norden entwickelte
+sich aus der örtlichen hel die persönliche Hel+. Einer persönlichen
+Halja hätte schwerlich der Zugang in die biblischen Schriften offen
+gestanden, eine örtliche halja, ein Seelenheim zu übernehmen, schien
+ungefährlich. Bei der nordischen Hel lassen sich auch wiederum mehrere
+Entwicklungsstufen unterscheiden, indem ihr Reich, das einst allen
+Toten offen stand, nur einen Teil der Menschheit empfängt, während die
+andern in die Gemeinschaft Odins, der Freyja, der Ran gewählt oder zu
+Elben und Trollen entrückt werden, indem endlich, unter Einwirkung der
+christlichen Hölle, die sittliche Beschaffenheit der Menschen ihre
+Zuweisung an die Hel bestimmt.
+
+Durch tiefe, dunkle Thäler geht der Weg zur _hel_.[585] Zu Fuss, zu
+Pferd, zu Wagen mag er von den Verstorbenen zurückgelegt werden. Der
+Höllenfluss Gjoll trennt die Welt des Todes von der Menschenwelt, eine
+goldbelegte Brücke, von der Riesin Modgud bewacht, führt darüber.
+Am Eingang in die Hölle ist auch die Felshöhle Gnipahellir gedacht,
+wo der Hund _Garmr_ (Kerberos)[586] lauert. Hier dringt bereits ein
+fremdartiger Zug aus antiker Sage in die nordische Vorstellung vom
+Totenreiche herein. Weiterhin schliesst ein Gitter mit einer Pforte die
+Behausung der Hel ab. Das Totenreich wird auch als eine von finsterem
+Nebel erfüllte Welt bezeichnet, als _niflhel_ oder _niflheim_.[587]
+Auch über der christlichen Hölle lagert, trotzdem sie von Feuer erfüllt
+ist, stellenweise Nebel und Finsterniss. Drinnen erhebt sich der Hel
+Haus, ihr hoher Saal. Das Leben bei ihr ist zunächst nicht viel anders
+gedacht, als das irdische. Vornehmen Ankömmlingen wird ein würdiger
+Empfang bereitet. Zu Ehren Baldrs sind die Bänke mit Ringen besät, die
+schönen Dielen mit Gold bedeckt. Met ist für ihn gebraut, der klare
+Trank steht da, vom Schilde bedeckt. Baldr nimmt in Hels Halle den
+Hochsitz ein.[588] Was Hel besitzt, hält sie fest. Nur ausnahmsweise
+wird Baldr auf der Asen Ansuchen Rückkehr verstattet, wenn alle Wesen,
+lebende und tote, um ihn Thränen vergiessen. Die Hel tritt in keiner
+Sage eigentlich handelnd hervor. Sie bleibt immer nur begrifflich, wie
+überhaupt oft schwer zu sagen ist, ob in einer Redensart die örtliche
+oder persönliche Hel gemeint ist. So begegnet im Norden das Bild
+schwarz wie die Hölle, woraus der Beiname _heljarskinn_, Höllenhaut für
+einen Menschen mit hässlicher, schmutziger Hautfarbe, sich erklärt. Im
+Gegensatz zur leuchtenden reinen Gottheit gelten auch uns Tod, Teufel
+und Hölle als schwarz. Der _hellemôr_ ist bei mittelhochdeutschen
+Dichtern der Teufel. Die Bilder entstammen der Anschauung vom dunkeln
+Totenreich, von der nebelfinstern Hölle. Eine begreifliche, aber
+entartende Phantasie hüllt auch die Höllengeister in schwarze Farbe.
+Aus den angeführten Redensarten _blár sem hel_, _heljarskinn_ braucht
+man nicht zu schliessen, dass von Anfang an die Nordleute die Hel
+in schwarze Teufelsfarbe kleideten, denn der Vergleich kann ebenso
+sehr auf hel als auf Hel zielen. Was Snorri im 13. Jahrhundert von
+Hel erzählt, beruht auf starker christlicher Einwirkung und ist fürs
+Heidentum nicht bindend. Nach der Bekehrung hat man im Norden mit
+drei Helbegriffen zu rechnen: der heidnischen hel und Hel und der
+christlichen hel. Alle drei haben in den Vorstellungen der Dichter sich
+oft wunderlich vermischt.
+
+Dass sich in der Hölle Straförter befanden, nahmen die Skaldengedichte
+des 10. Jahrhunderts an. Die Vǫlospǫ́ 38 sagt:
+
+ Einen Saal seh ich stehen der Sonne fern,
+ Auf Nastrand, die Thüren nach Norden gerichtet;
+ Durchs Rauchloch strömte ein Regen von Gift,
+ Denn die Wände des Saales sind umwunden von Schlangen.
+
+_Nástrǫnd_ bedeutet Totenstrand, und dieser Ortsname weist aufs
+Totenreich. Der Verfasser der Vǫlospǫ́ hatte demnach zweifellos
+die Vorstellung, dass es in der Hölle Qualörter gäbe, und er
+malte sich den höllischen Saal furchtbar genug aus. Dass er aber
+damit echt germanische, heidnische Anschauungen wiederholt, ist
+sehr unwahrscheinlich. Derlei düstre Schreckbilder entstammen der
+christlichen Mythologie, aus der einmal doch der wesentliche Inhalt
+der Vǫlospǫ́ geschöpft ist.[589] Die 39. Strophe des Gedichtes im
+Verein mit Reginsmǫ́l 4 ergibt die Vorstellung eines wilden, eisigen
+Höllenstromes, der spitze Waffen in seinen Wogen führt. Meineidige,
+Mörder, Ehebrecher müssen zur Strafe drin waten. Auch hier dürfte
+der höllische Strafort nicht aus dem Bestande der germanischen halja
+geholt, sondern durch christliche Einflüsse entstanden sein. Doch
+können volkstümliche Elemente mit verwertet sein. Alt und allgemein
+scheint der Glaube, dass der Verstorbene, dem zu diesem Behufe der
+Schuh in den Sarg gelegt wurde, eine lange gefahrvolle Wanderung über
+Gestein und durch Dornicht zurücklegen, endlich auch durch den Fluss,
+der die Welt der Toten und Lebenden trennt, waten müsse.[590] Leicht
+entsteht daraus die Vorstellung einer Strafe, indem der eine länger,
+der andere kürzer, je nach seiner Art zu wandern hat, insbesondere wenn
+die Einbildungskraft mit Höllenstrafen erfüllt ist.
+
+Wenn Snorri in Gylfag. Kap. 3 behauptet, die Seelen der Rechtschaffenen
+werden bei Allvater in Gimle weilen, die bösen dagegen kommen zur Hel
+und von dort nach Niflheim, so denkt er hier vollkommen christlich
+und verweist die Guten in den Himmel, die Bösen in die Hölle. Ganz
+anders unterscheidet er Gylfag. Kap. 20 und 24, wonach die im Kampfe
+Gefallenen zu Odin und Freyja eingehen, während nach Gylfag. 43 zur
+Hel diejenigen gelangen, die an Krankheiten oder Altersschwäche
+starben. Also nicht die Lebensweise, sondern die Todesart entscheidet,
+und das ist heidnische Anschauung. Man erwartet nun, diese in den
+alten Gedichten durchweg bestätigt zu finden, wenigstens dort, wo
+ausgesprochener Odinsglaube herrscht. Aber dem ist nicht so. Wie
+einerseits Walhall seine Thore auch denen öffnet, die nicht an Wunden
+starben, so nimmt die Hel Waffentote zu sich. In Wirklichkeit sind
+eben Hel und Walhall eins, das grosse, allumfassende Seelenreich,
+Walhall ist nur ein Versuch, für Bevorzugte ein eigenes Heim zu
+schaffen, aber immer bricht der alte Glaube von der Hel durch. So
+steigt der schwertdurchbohrte Baldr zur Hel hinab. In den Atlamǫ́l
+herrscht durchgehends die Annahme, dass die Gefallenen zur Hel fahren.
+Besonders fällt auf, dass Brynhild den Hjalmgunnar zur Hel schickt
+(Helreiþ 8). Man sollte meinen, die Walküre müsse den Mann, dessen Tod
+im Kampfe sie veranlasst, nach Walhall kiesen. In der Fóstbrœðrasaga
+Kap. 4 träumt ein Mann von einem andern, die Hel werde als Hausfrau ihn
+umarmen. Bald darauf wurde jener auch erschlagen. Angantyr mit seinen
+Brüdern war im Kampfe gefallen; der Hügel wurde über ihm gewölbt. Als
+aber seine Tochter Herwor mit Zauber ihn aufweckt, um das treffliche
+Tyrfingschwert vom toten Vater zu erhalten, heisst es: Auf that sich
+die Höllenpforte (_helgrind_). Der Skald Egil erschlug drei Männer,
+welche König Eirik zu seiner Verfolgung ausgesandt hatte. Da sang er:
+Allzu lang zögern sie mit der Rückkehr zum König, da sie zu dem hohen
+Saal der Hölle gefahren.[591] Im Lied von Gudruns Aufreizung 19/20
+wird Sigurd von Gudrun ermahnt an sein Versprechen, aus der Hel (_or
+heljo_) heimzukehren.
+
+ Aufs schwarze Streitross schwinge dich, Sigurd,
+ Hierher lenke den hurtigen Renner.
+
+Mithin ist Sigurd in der Hölle gedacht, während Sigmund und Sinfjotli
+dem Eirikslied zufolge in Walhall weilen.
+
+Was bei Snorri[592] und sonst noch von Hel erzählt wird, entstammt
+später Erfindung und zeigt auch fremdartige Bestandteile. Hel ist Lokis
+Tochter, weil Hölle und Lucifer unzertrennlich sind. Mit dem Fenrir
+und der Weltschlange, ihren Geschwistern, wurde Hel in Riesenheim
+aufgezogen. Allvater Odin schleuderte die Hel nach Niflheim und gab ihr
+Macht über neun Welten, damit sie denen, die zu ihr gelangen, ihren
+Aufenthaltsort anweise. Sie hat dort eine grosse Wohnstätte und die
+Wälle sind überaus hoch und die Thore weit. Eljudnir (Plagebereiter)
+heisst ihr Saal, Hungr ihre Schüssel und Sult (Hunger) ihr Messer,
+ihr Knecht Ganglati (zum Gehen träge), ihre Magd Ganglot, fallendes
+Unheil das Thor, die Schwelle, die hineinführt, Geduldermüder, Kor
+(Krankenbett) ihr Lager, bleiches Unglück das Betttuch oder der
+Vorhang. Sie ist zur Hälfte schwarz und zur Hälfte fleischfarben, so
+dass sie leicht zu erkennen ist, und sieht mit ihrem herabhängenden
+Kopfe recht grimmig aus. Solche Vorstellungen gefallen sich in der
+Ausmalung eines trostlosen Schreckensortes und entspringen zweifellos
+der christlichen Hölle. Auf diesen Gedankenkreis weist schon Loki hin.
+Noch im Heidentum erscheint Hel als Lokis Tochter und Schwester der
+Ungetüme, und so mag schon frühzeitig die Hölle als Ort des Schreckens
+gedacht worden sein, obwol die ältere Vorstellung vom blossen
+Totenreich daneben noch fortdauert. Das Gleiche ist auch in Deutschland
+zu beobachten, wo nach J. Grimm, Myth. 761, erst im 13. Jahrh. Hölle
+im Sinne von Aufenthalt der Verdammten sich festsetzte, während zuvor
+meistens der alte Sinn des Wortes noch vorherrscht.
+
+Wenn Loki zum Weltbrand mit den höllischen Heerscharen heranfährt,
+gemahnt auch dieser Zug an christliche Vorstellungen vom Weltende.[593]
+
+Wer von Hels Äpfeln genoss, muss bei ihr bleiben. So wenigstens lässt
+sich eine Stelle der jungen Saga af Viga-Styr ok Heiðarvigum, Kap. 26
+auslegen.[594] So wird Proserpina durch den Genuss des Granatapfels
+gezwungen, in der Unterwelt zu verweilen; auch deutsche Sagen bieten
+Beispiele, dass lebende Menschen durch den Genuss von Speisen im
+Seelenreiche den Toten anheimfallen.
+
+In dem vollständig christlichen Sólarljóð, das vermutlich erst dem
+17. Jahrh. angehört, sagt der Geist des toten Vaters zum Sohne: Hels
+Bande umstrickten mich. Ich wollte sie zerreissen; aber sie waren
+stark. Überall bedrückte mich Angst. Jeden Abend entboten Hels Mädchen
+mir heim zu sich. Die Sonne, das Tagesgestirn, sah ich versinken; die
+Pforte der Hel hörte ich dumpf ertönen.
+
+Aus biblischen Stellen fliesst die Unersättlichkeit der Hölle,
+das Öffnen ihres Mundes und dadurch der Versuch, sie persönlich
+darzustellen, wie J. Grimm in älteren und jüngeren deutschen Schriften
+beobachtet. In mhd. Gedichten spricht die Hölle mit dem Teufel. J.
+Grimm sieht darin eine Nachwirkung der persönlichen germanischen
+Halja. Aber dem steht entgegen, dass der örtliche Begriff der älteste
+und ursprünglichste, der persönliche der abgeleitete ist. Da Hel
+von Anfang an als Lokis Tochter erscheint, also in Verbindung mit
+dem Teufel, ist die Möglichkeit vorhanden, dass eine persönliche
+Hel im Norden überhaupt erst unter christlicher Einwirkung aufkam.
+Ihre Persönlichkeit ist ebenso wenig weiter ausgeführt, als es bei
+der christlichen Hölle der Fall ist; sie verharrt in ihrer farblosen
+Allgemeinheit. Eine echt nordische ursprüngliche Hel wäre wol kräftiger
+und lebendiger gestaltet worden. Die persönliche nordische Hel
+unterscheidet sich durch nichts von den entsprechenden Ansätzen zur
+Persönlichkeit der christlichen Hölle und ist daher letzterer gleich zu
+achten, ja sogar daraus zu erklären.[595]
+
+
+2. Die Ran.
+
+Ran, die Räuberin[596], welche einmal unter die Asinnen gerechnet
+wird, ist Ägirs des Meergottes Weib. Sie haben neun Töchter mitsammen,
+die persönlich gewordenen Wellen. Als die Götter in der von Golde
+erleuchteten Halle des Ägir beim Gelage sich versammelten, gewahrten
+sie, dass Ran ein Netz besass, das sie nach allen Menschen, die auf
+die See gingen, ausstellte. Als Loki den Zwerg Andwari fangen wollte,
+ging er zu Ran und borgte sich ihr Netz. In den Gedichten wird häufig
+beschrieben, wie Ran ihre Beute erjagt, aber dabei verlautet nichts
+mehr vom Netze. Von einer Riesin, die Helgis des Hjorwardsohnes Schiffe
+zum Scheitern zu bringen suchte, wird gesagt, sie wollte sie der
+Ran geben. Von Helgis des Hundingtöters Schiff, das der Sturmgefahr
+entronnen, heisst es: Kräftig riss sich aus Rans Krallen das Gischtross
+Helgis. Also herrscht die Vorstellung, Ran greife mit den Händen
+nach dem in Seegefahr befindlichen Schiffe. Kurz zuvor ist von den
+unholden Wogentöchtern Ägirs die Rede, welche die Schiffe umzustürzen
+trachteten. In Seesturm und Wogenprall schien den Skalden die Ran
+selber thätig zu sein. Im 11. Jahrh. sagt der Skald Ref: das Wogenpferd
+(d. i. Schiff) reisst die rot bemalte Brust aus dem Rachen der Ran
+(_or munni Ránar_). Den Tod seines ertrunkenen Sohnes betrauernd sang
+Egill: Ran hat mich sehr niedergeschlagen. Ein anderes Bild braucht
+die Fóstbrœðrasaga: Die Töchter der Ran versuchten die Bursche und
+trugen ihnen ihre Umarmung an. Die junge, dem 14. Jahrh. angehörige
+Fridthjofssaga gefällt sich besonders in der Schilderung der Ran. Bei
+einem gefährlichen Sturme sagt Fridthjof: Jetzt muss ich wahrlich
+der Ran Bett besteigen, ein andrer wird das der Ingibjörg einnehmen.
+Weiterhin wird berichtet: Es steht zu erwarten, sprach Fridthjof,
+dass einige von unsern Leuten zur Ran fahren werden. Wir werden nicht
+viel gleich sehen, wenn wir dahin kommen, wenn wir uns nicht prächtig
+schmücken. Es scheint mir rätlich, dass jedermann einiges Gold bei
+sich trage; da hieb er den Ring entzwei, das Geschenk der Ingibjörg,
+und teilte ihn unter seine Leute aus und sprach die Weise: Diesen
+roten Ring, den Halfdan besass, muss man entzwei hauen, ehe uns Ägir
+verdirbt. Gold soll man sehen an den Gästen, ehe wir der Gastung
+bedürfen. Das taugt vornehmen Recken mitten in Rans Sälen. Fridthjof
+schilt die Ran ein grausames, fühlloses Weib (_siđlaus kona_). Obwol
+die Beutegier der grausamen Meeresgöttin auf diese Art anschaulich
+geschildert wird, ist doch der Aufenthalt in den Sälen der Ran
+keineswegs mit düstern Farben ausgemalt. Wer im Kampf mit den Gewalten
+des Meeres erliegt, wird dadurch zu den Sälen der Seegötter geladen und
+dort ebenso ehrenvoll aufgenommen und gehalten, als derjenige, den eine
+andre Todesart in die Gemeinschaft anderer Götter und Geister ruft. Aus
+der Zeit kurz nach Annahme des Christentums auf Island wird berichtet:
+Da hielt man es für gewiss, dass die Leute bei Ran wol aufgenommen
+worden seien, wenn zur See umgekommene Leute ihr Erbmahl besuchten;
+denn da war noch der alte Aberglaube wenig geschwächt, obwol die Leute
+getauft waren und Christen genannt werden mochten. Um die Mitte des 11.
+Jahrh. singt der Isländer Sneglu-Halli, wenn er den Untergang seines
+Schiffes voraussagen will: Deutlich sehe ich, wie ich bei Ran sitze;
+einige sind beim Schmaus mit den Hummern; klar ist’s, dass man beim
+Dorsche gaste. Das Verhältniss der Ertrinkenden zur Ran ist dasselbe
+wie das Verhältniss der durch Waffen Gefallenen zu Odin. Nur ist
+weder hier noch dort der Glaube allgemein und ausnahmslos. Wie auch
+waffentote Männer zur Hölle fahren, so kommen auch Ertrunkene mitunter
+anderswohin als zur Behausung der Ran. Thorstein und seine Genossen
+waren ertrunken. Man erwartet, dass sie zur Ran kämen. Aber ein Hirte
+sieht, wie die Seelen der Verstorbenen in den Berg Helgafell eingehen
+und von den Geistern mit grossem Schalle und Hörnerklang begrüsst
+werden.[597]
+
+Ran, als Meergöttin und Gemahlin Ägirs, darf als eine Schöpfung der
+Skalden betrachtet werden. Doch erhebt sie sich aus den Gebilden der
+allgemeinen Volkssage, aus den Wassergeistern, die im räuberischen
+Wesen ihr vollkommen gleichen, die ebenso wie sie freundliche und
+feindliche Seiten aufweisen.
+
+
+V. Nordisch-finnische Göttinnen.
+
+
+1. Skadi.
+
+Über Skadi, des Riesen Thjazi Tochter, die im Riesenland haust, auf
+Schneeschuhen läuft und Wild mit dem Bogen schiesst, die durch die
+Vermählung mit Njord in den Kreis der Asinnen eintritt, deren Gunst
+genossen zu haben, Loki sich rühmt, wurde schon berichtet.[598] Hier
+ist noch der Sage zu gedenken (Ynglingasaga Kap. 9), wonach sie die
+Gemeinschaft mit Njord aufgab und dem Odin sich vermählte. Sie hatten
+manche Söhne mit einander, einer hiess Säming. Davon dichtete Eywind
+im Haleygjatal: Ihn erzeugte der Asen Urheber mit der Riesin, als der
+Freund der Helden und Skadi in der Menschenwelt hausten und manche
+Söhne die Schlittschuhgöttin von Odin empfing. Auf Säming leitete Jarl
+Hakon der Reiche (970-995) seine Ahnen zurück. Die Volsungasaga scheint
+Sigi als den Sprössling Odins und der Skadi betrachtet zu haben.
+Der mächtige Mann Skadi, dessen Knecht Bredi, der geschickteste und
+glücklichste Jäger, von Sigi, dem hochfertigen Sohne Odins, weil er es
+ihm auf der Jagd zuvorthut, erschlagen wird, gleicht der riesischen
+Göttin Skadi, die als Jägerin auf Schneeschuhen im norwegischen Gebirge
+umherstreift. Vermutlich wurde einst Sigi wie Säming für einen Sohn
+Odins und der Skadi ausgegeben, der erst wegen seines frevelhaften
+Eingriffs in den Betrieb der Mutter deren Land räumen musste. Der Name
+der Göttin, Skadi, der Form nach männlich, gab zu dem Missverständnisse
+des Verfassers der Vǫlsungasaga Anlass, welcher die Skadi zu einem
+mächtigen Manne machte.[599]
+
+Für Skadis Wesen zeugt am deutlichsten ihr Sohn Säming, der ein
+Vertreter der skandinavischen Urbevölkerung, der Finnen und Lappen,
+zu sein scheint. Müllenhoff in der Altertumskunde 2, 55 f. erklärt
+Skadi auf diese Weise.[600] Gleichwie andere Gestalten der nordischen
+Mythologie, z. B. Ullr, Thorgerd Hölgabrud und Irpa finnische Art
+an sich haben, so auch Skadi. „Der norwegische Mythus lässt die
+als Mannweib gedachte und daher masculinisch, wol im Sinne wie as.
+_scatho_, ags. _sceađa_, _latro_, _hostis_, benannte Göttin Skadi im
+alten Reiche ihres Vaters, des Riesen Thjazi, auf dem Gebirge ganz
+nach Finnenart als Jägerin auf Schneeschuhen hausen, auch nachdem sie
+zur Sühne für den Tod des von den Asen erschlagenen Vaters mit dem
+reichen Wanen, dem als Handels- und Schifffahrtsgotte am Seestrand
+wohnenden Njord vermählt ist. -- Als Vertreterin des Finnentums wird
+sie angesehen, wenn sie mit Odin ausser andren Ahnen edler Geschlechter
+vor allen den Säming, den Ahnen der Herrscher von Halogaland, also
+derjenigen Landschaft, wo Lappen und Germanen zusammen lebten wie
+nirgendwo sonst, erzeugt haben soll. Denn altn. Sámr, das wie Finnr als
+Name, als Adjectiv in dem Sinne ‚schwärzlich von Aussehen‘ gebraucht
+wird, scheint durchaus dasselbe mit lapp. _Sabme_, plur. _Samek_, wie
+die Lappen sich selbst und ihr Land _Same-ædnam_ benennen, so dass
+das davon gebildete Patronymicum Sæmingr nur den aus der Ehe eines
+Germanen mit einer Lappin Entsprossenen anzeigt. In diesen Mythen tritt
+unverkennbar die Ansicht entgegen, dass Lappen und Finnen die älteste
+Bevölkerung des Landes waren, die durch die im Dienste der Asen und
+Wanen stehende der Nordmannen zurückgedrängt wurde.„ Der Name Skadi
+hängt wol mit dem ältesten Landesnamen _Skadinavia_ (nicht Skandinavia)
+zusammen. Diese Landesbenennung entlehnten aber die im Norden
+eindringenden Germanen von den Lappen. Dass Skadi eine Riesentochter
+ist, besagt ebenso, dass ihre Heimat in den unwirtlichen nordischen
+Gegenden Skandinaviens, wo neben Lappen und Finnen auch die Trolle
+hausen, zu suchen ist.
+
+
+2. Thorgerd Hölgabrud.
+
+Wenn man auf ihren Ursprung achtet, steht Thorgerd der Skadi am
+nächsten. In Halogaland, wo Germanen und Finnen zusammen hausten,
+kam die Verehrung der Thorgerd Hölgabrud oder Hölgatroll auf. Skadi
+begegnet nur in der Göttersage, aber keine tiefer eingreifende
+Thätigkeit ist ihr verliehen; dagegen erfahren wir von eifrigem, der
+Thorgerd geweihtem Dienste.[601] Snorri berichtet (SE. 1, 400): So
+wird erzählt, dass König Hölgi, nach dem Halogaland genannt ist, der
+Vater der Thorgerd Hölgabrud war. Beide wurden durch Opfer verehrt.
+Saxo (B. III S. 116) weiss von Helgo, dem König von Halogaland, dass
+er um Thora, die Tochter des Guso, des Königs der Finnen und Bjarmier,
+warb. Aus beiden Berichten ergibt sich eine Sage, wonach Hölgi (d. i.
+_Hálogi_, _Háleygr_), der mythische Ahnherr des Geschlechtes der
+Haleygjerjarle, mit der Finnin Thorgerd, die eben daher den Beinamen
+_Hölgabrud_, _Braut des Hölgi_, führt, vermählt war. Thorgerd und ihre
+Schwester Irpa wurden die Schutzgöttinnen der haleygischen Jarle. Jarl
+Hakon, der berühmteste dieses Stammes, der 970-995 Norwegen beherrschte
+und das Heidentum wieder aufrichtete, war ihrem Dienste ergeben. Über
+Irpa ist aus den Quellen nichts Näheres zu erfahren. Detter meint, der
+Thorgerdmythus stehe in Zusammenhang mit der Sage von Helgi, Thora
+und Yrsa. Helgi zeugt mit Thora auf der Insel Thorö bei Dänemark eine
+Tochter namens Yrsa. Als diese herangewachsen war, kam Helgi nochmals
+auf die Insel und machte die Yrsa, die er nicht als seine Tochter
+erkannte, zu seinem Weibe. Als er die Wahrheit erfuhr, gab er sich aus
+Reue den Tod. Irpa, die Braune, das Bastardkind, soll mit Yrsa gleich
+sein. Daher erklärt sich, dass bei Snorri Hölgabrud als Hölgis Tochter
+erscheint. Ursprünglich waren Thorgerd und Irpa beide Hölgis Bräute.
+Wie diese berühmte nordische Sage mit dem haleygischen Jarlsgeschlecht
+verwoben wurde, bleibt dunkel. So viel ist gewiss, frühzeitig wurde
+der Mythus an Halogaland geknüpft und nahm Züge finnisch-lappischen
+Aberglaubens an. Hölgis Grabhügel bestand nach Snorri SE. 1, 400
+aus einer Schicht Gold und Silber und einer zweiten Schicht Erde und
+Stein; darnach nannten die Skalden das Gold die Grabhügeldecke Hölgis.
+Dem finnischen Gotte Jumali war nach der Heimskringla S. 382 ff. ein
+ähnlicher Opferhügel geweiht. Der Hügel war aus Gold, Silber und Erde
+errichtet. Thorgerd und Irpa erzeigen ihre Hilfe durch Wettermachen,
+Pfeilschiessen aus allen Fingern, Zauberei, also durch die Künste, um
+deren willen gerade die Finnen berühmt waren.[602] Die Verehrung der
+Thorgerd und Irpa wurde ausschliesslich vom Jarl Hakon im südlichen
+Norwegen ausgeübt und scheint nur durch ihn aus dem hohen Norden, wo
+Nordleute und Finnen mit einander vermischt waren, herunter verpflanzt
+worden zu sein.
+
+Die Njálssaga Kap. 88 weiss von einem Tempel im Gudbrandsdal, der
+dem Jarl Hakon und Gudbrand gehörte. Drin sass Thorgerd Hölgabrud in
+Lebensgrösse, einen Goldring an der Hand und ein Tuch um den Kopf.
+Vigahrappr beraubte sie des Kopftuches und des Ringes. Hierauf nahm er
+den Ring Thors an sich, der auf seinem Wagen stand. Endlich zog er auch
+der Irpa ihren Goldring ab. Hierauf steckte er den Tempel in Brand.
+Man hat sich dieser Beschreibung nach im Tempel drei Götterbilder zu
+denken, Thor auf seinem Wagen in der Mitte, zu seinen Seiten Thorgerd
+und Irpa. Alle drei waren wol gekleidet und mit goldenen Ringen
+geschmückt. In der Færeyingasaga Kap. 23 wird von einem andern Tempel
+des Jarls im Drontheimischen erzählt. Hakon und Sigmund Brestisson
+gingen mit einander in den Wald. Sie kamen zu einem freien Platz,
+worauf ein Haus stand. Eine Einfassung von Pfählen war umher. Das
+Haus war sehr schön und das Schnitzwerk war mit Gold und Silber
+verziert. Hakon und Sigmund gingen in das Haus hinein. Da waren viele
+Götzenbilder, viele Glasfenster waren an dem Hause, dass es überall
+frei von Schatten war. Eine Frau war in dem Hause quer vor dem Eingang,
+und sie war prächtig geschmückt. Der Jarl warf sich ihr zu Füssen und
+lag lange. Darauf erhob er sich und sagte zu Sigmund, sie wollten ihr
+ein Opfer geben und auf den Stuhl vor ihr Silber legen. Das aber, sagte
+Hakon, werden wir zum Zeichen haben ob sie meine Bitten erhören will,
+wenn sie den Ring loslässt, den sie an ihrer Hand hat, und der Ring,
+Sigmund, wird dir Glück bringen. Nun zog der Jarl an dem Ringe und es
+däuchte Sigmund, als ob sie die Hand zusammen drücke und dem Jarl den
+Ring verweigere. Der Jarl warf sich zum zweiten Male vor ihr nieder
+und Sigmund bemerkte, dass er weinte. Als er aufstand und wieder an
+dem Ringe zog, ging er auch wirklich los. Der Jarl reichte Sigmund
+den Ring und sagte, er solle ihn niemals weggeben. In der späten Saga
+von Thorleif Jarlaskald (Flateyjarbók 1, 213) ist vom selben Tempel
+der Schwestern Thorgerd Hörgabrud und Irpa die Rede, und von einem
+Speer, den Hakon aus dem Tempel entnahm und welcher früher dem Hörgi
+(d. i. Hölgi) gehört hatte. Vielleicht war ursprünglich Hölgi, nicht
+Thor, zwischen den Schwestern aufgestellt gewesen. Die Beschreibung
+des Tempels mit Glasfenstern erinnert an eine Kirche, wie sie im alten
+Norwegen, das die eigenartigen Holzkirchen erbaute, nicht vorkam; des
+Jarls Gebet ist auch nicht echte Heidenart. Endlich ist das Bild,
+das den Ring nicht hergeben will, der Venus mittelalterlicher Sagen
+ähnlich. Wir haben es mit lauter romantischen, jungen Zusätzen zu
+thun, denen keine Gewähr für die wahre heidnische Sitte zukommt. Der
+Bericht der Harðarsaga Kap. 19 (Islendinga sögur 2, 59) ist vollends
+unbrauchbar. Da ist Thorgerd Schwester des gespenstischen Wikingers
+Soti. Auf Island erhebt sich ihr ein Tempel. Grimkell ging dorthin,
+um mit Thorgerd Rates zu pflegen. Da sah er, wie sich die Götter
+geschäftig zur Ausfahrt rüsteten. Thorgerd wollte Grimkell verlassen
+und zu seiner Tochter übergehen. Im Zorne darüber legte Grimkell Feuer
+an den Tempel. Noch am selben Tage starb er plötzlich.
+
+Echter scheint der Beistand zu sein, welchen Thorgerd dem Jarl Hakon
+im Kampfe leistet. Schon Bischof Bjarni (um 1200) in der _Jómsvíkinga
+drápa_ 32 weiss, dass die Hölgabrud ein Hagelwetter über Hakons Feinde
+schickt. Genaueres erzählt die Saga.[603] In der Schlacht gegen die
+Jomswikinger im Jahre 987 oder 988 wandte sich Jarl Hakon, als seine
+Sache schlimm stand, an Thorgerd. Mit wenig Leuten fuhr er auf eine
+bewaldete Insel. In einer Waldlichtung warf er sich gen Norden auf
+die Knie nieder und bat Thorgerd um Beistand. Aber sie blieb taub.
+Da glaubte der Jarl, sie sei ihm zornig und bot ihr verschiedene
+Opfer an. Aber sie wollte nichts annehmen, und seine Sache dünkte ihm
+hoffnungslos. Da verhiess er ihr schliesslich Menschenopfer. Doch
+sie wollte das von ihm versprochene Menschenopfer nicht annehmen.
+Da erhöhte er sein Angebot und verhiess ihr alle Leute, nur nicht
+sich selber und seine Söhne Eirik und Svein. Der Jarl hatte einen
+vielversprechenden 7 Winter alten Sohn mit Namen Erling. Diesen wählte
+sich Thorgerd als Opfer. Als sein Gebet und Opfer erhört war, schien
+es dem Jarl wieder besser zu werden. Er überantwortete sein Kind dem
+Skopti, seinem Knechte, welcher es nach Opferbrauch tötete. Darauf
+kehrte der Jarl mit neuer Zuversicht zu seinen Schiffen zurück. Er
+sagte: Ich weiss, wir werden die Jomswikinger besiegen; denn ich habe
+den Schwestern Thorgerd und Irpa um Sieg geopfert und sie werden
+mich so wenig trügen wie früher. Der Kampf, welcher während Hakons
+Abwesenheit geruht hatte, entbrannte von neuem. Der Jarl fuhr dem
+Führer der Wikinger, Sigwaldi, entgegen im Vertrauen auf Hölgabrud
+und Irpa. Da zog im Norden mit grosser Schnelligkeit ein drohendes,
+finsteres Wetter auf. Gegen Nachmittag stieg plötzlich das Gewölk empor
+und Hagel brach los mit Blitz und Donner, so dass alle Jomswikinger
+dagegen zu kämpfen hatten. So stark war das Hagelwetter, dass die
+Leute nicht dagegen Stand halten konnten. Sie hatten zuvor wegen
+der Hitze die Kleider abgelegt; obwol sie nun von Frost geschüttelt
+wurden, gingen sie doch mannhaft ins Gefecht. Da erblickte zuerst
+Haward die Hölgabrud im Gefolge Hakons, bald aber sahen sie auch andere
+geistersichtige Leute. Ihnen dünkte, als der Hagel etwas nachliess,
+dass von jedem Finger der Unholdin ein Pfeil flog, und jedesmal wurde
+ein Mann dadurch getötet. Sie sagten es Sigwaldi, der erwiderte: Mir
+scheint, wir haben hier nicht gegen Menschen zu kämpfen, vielmehr
+gegen die schlimmsten Trolle. Als das Unwetter etwas abnahm, rief der
+Jarl Hakon nochmals eindringlich zu Thorgerd und ihrer Schwester Irpa,
+und mahnte sie, wieviel er ihnen gab, indem er seinen Sohn um Sieg
+opferte. Da begann der Hagelsturm von neuem, und Haward erblickte zwei
+gleich gestaltete Weiber auf Hakons Schiff, genau so wie er zuvor eine
+gesehen hatte. Da gebot Sigwaldi zu fliehen, weil er es nicht mit zwei
+Unholdinnen aufnehmen wollte. So gewann Hakon mit Thorgerds Hilfe den
+Sieg.
+
+Um sich am Skald Thorleif zu rächen, rief Jarl Hakon zu Thorgerd
+Hörgabrud und ihrer Schwester Irpa, damit sie einen Zauber nach
+Island schickten, der den Thorleif zu Schaden brächte. Aus einem
+Holzklotz wurde eine Menschenfigur angefertigt und vermittelst der
+Zauberkünste des Jarls und der Schwestern das Herz eines getöteten
+Mannes hineingelegt. Der Holzmann wurde auf die Füsse gestellt,
+Thorgard genannt und durch teuflischen Zauber dahin gebracht, dass er
+gehen und reden konnte. Dann wurde der Spuk nach Island geschickt und
+durchbohrte den Thorleif mit dem Speer, den Hakon ihm aus dem Tempel
+der Schwestern gegeben und den einst Hörgi besessen hatte.[604] Wie ein
+Troll äussert sich also Thorgerd, weshalb sie auch Hölgatroll heisst.
+Überhaupt stellt die jüngere Überlieferung sie auf eine Stufe mit den
+Unholdinnen. Es ist schwer, über die ursprüngliche Art der Thorgerd ins
+Reine zu kommen. Soviel ist sicher, Hakon verehrte sie als Schutzgöttin
+seines Stammes und errichtete ihr Tempel. Im Kampfe half sie ihm mit
+Wetterzauber. Dass Hakon Trolle anbetete, ist wenig wahrscheinlich. Der
+Jarl erweist sich sonst als eifriger Opferer und ehrt Thor und Odin.
+Trotz ihrer unholden, fremdartigen Weise hat er aber doch zu seinen
+Stammesgöttern am meisten Vertrauen. Schwerlich hat allein spätere,
+christliche Anschauung die Thorgerd so düster dargestellt; denn ebenso
+hätte sie mit Thor und Odin verfahren müssen. Schon von Anfang an
+musste der Thorgerd etwas Dämonisches anhaften. Auch hier bietet das
+Heimatland ihres Kultes Aufschluss: nordgermanische und finnische
+Glaubensvorstellungen sind mit einander verschmolzen. Darum mangelt der
+Thorgerd der Adel echt nordischer Göttinnen, und steht sie den Trollen
+näher.
+
+
+
+
+VI. Die Sonnengöttin.
+
+
+Ein eigentlicher, mythologisch ausgebildeter Sonnendienst begegnet
+bei den Germanen nicht. Zwar Caesar[605] spricht von der germanischen
+Religion, als wäre sie ein blosser Glaube an Elementargewalten, an
+Sonne, Mond und Feuer. Dem gegenüber enthüllt sich uns schon aus
+des Tacitus Bericht ein reicher Götterglaube, der in hohes Altertum
+zurückreicht. Caesar hat nur lückenhafte Kenntniss und meint, die
+Gesamtheit zu überblicken. Beim Halsband der Frija spielen nach
+Müllenhoff Sonnenmythen herein. Wenn nun die Sonne zwar zu keiner
+vergeistigten, persönlich wirkenden und handelnden Göttin Anlass gab,
+so eignet doch dem Volksglauben die Neigung, von Frau Sonne und Herrn
+Mond zu reden.[606] Damit ist der erste Ansatz zur Mythologie einer
+Sonnengöttin gegeben, aber eine Weiterbildung scheint nie erfolgt
+zu sein. Im 7. Jahrhundert predigt der heilige Eligius unter den
+Franken _nullus dominos solem aut lunam vocet neque per eos juret_.
+Im Merseburger Zauberspruch tritt _Sunna_ neben _Sinthgunt_ auf. Am
+weitesten gedieh die Vorstellung von der Sonnengöttin im Norden,
+wahrscheinlich unter dem Einfluss antiker Gelehrsamkeit. _Mundilföri_
+hatte zwei Kinder: _Mani_ hiess der Sohn und _Sol_[607] die Tochter.
+Diese wurde mit _Glen_ vermählt, Die Götter zürnten wegen des Hochmuts,
+dass sie solche Namen führten, und setzten sie an den Himmel. Sol
+liessen sie die Pferde lenken, die den Wagen der Sonne zogen, welchen
+die Götter aus einem Funken geschaffen hatten, der aus Muspellsheim
+flog. Die Pferde heissen Arwakr (Frühwach) und Alswid (Allklug).
+Unter dem Bug der Pferde befestigten die Götter zwei Blasebälge, um
+sie abzukühlen. Diese werden in einigen Liedern Isarnkol (Eisenkühle)
+genannt. Mani lenkt den Lauf des Mondes und waltet über Neumond und
+Vollmond. Die Sonne fährt schnell, denn nahe sind ihre Verfolger, die
+Wölfe Skoll und Hati. Nach dem Wafthrudnirliede 47 gebiert die Sonne,
+welche Alfrodul, Elbenstrahl, genannt wird, eine Tochter. Wenn Fenrir
+die Sol verschlang, wenn die Götter vergingen, dann wird die Maid auf
+den Wegen der Mutter fahren.
+
+In diesen Berichten lagern mehrere Schichten ganz verschiedener
+Vorstellungen übereinander. Aus dem Volksglauben stammen die
+persönlich gedachte Sol und der Wolf, der das Tagesgestirn verfolgt.
+Dem Lichtgotte war ein Ross zu eigen. Daran mag die Vorstellung von
+Sonnenpferden anknüpfen. Alswid, der Alleswissende, kann sogar seinen
+Namen vom Rosse des Tiuȥ haben. Die gehegten heiligen Rosse hielten die
+Germanen für Mitwisser der Gottheit. Aber alles andre ist fremdartig.
+Schon die Genealogie der Sol gemahnt an antike Muster. Die Mythographen
+gefielen sich besonders in derlei Stammbäumen von Tag, Nacht, Äther
+u. dgl. Der von zwei Rossen gezogene Sonnenwagen ist dem der antiken
+Sage nachgebildet. Nirgends sonst zeigt sich auf germanischem Gebiete
+eine Spur davon. Im Namen des _Arwakr_ klingt _Eous_, das eine
+der Sonnenrosse, an. Für die kühlenden Blasebälge lässt sich die
+unmittelbare Quelle nicht feststellen. So liegt auch hier im Mythus
+von Sol, wie so häufig im Norden, eine aus heimischen und fremden
+Bestandteilen zusammengesetzte Sage vor.
+
+
+
+
+VII. Angebliche Göttinnen.
+
+
+1. Eostre und Hrede.
+
+Die germanische Sprache besitzt einen Wortstamm _austra-_ im Sinne von
+östlich, morgenlich.[608] Wie Mittag, Mitternacht, Abend, so wurde
+der Begriff „Morgen“, „Morgenröte“ zur Bezeichnung der Himmelsgegend
+verwandt. Bei Aufnahme der Jahresteilung nach 12 Monaten wurde
+der April bei den Deutschen und Angelsachsen Ostermond genannt,
+wahrscheinlich als der Monat des wieder aufgehenden und wachsenden
+Morgenlichtes. Dass die Germanen eine *_Austrô_, eine Göttin der
+Morgenröte wie die Inder eine _Ušas_, die Griechen eine _Eos_, die
+Römer eine _Aurora_ verehrten, ist möglich, aber durch kein Zeugniss
+aus dem Heidentum erwiesen. Die Osterbräuche erklären sich aus dem
+Frühlingsfeste, das den Germanen wie allen Völkern eigen war, aber auf
+keine bestimmte Gottheit zu beziehen ist. Dass der April als der Monat
+des Morgenlichtes benannt wurde, ist begreiflich. Dass eine Göttin
+des Morgenlichtes, _Eostre_ die Göttin des Frühlings, in jenen Zeiten
+ein Fest hatte und dem Monat, in welchem nach der neuen römischen
+Jahresteilung ihre Feier fiel, den Namen verlieh, ist eine Meinung
+Bädas[609], die keinerlei Gewähr hat. Die zahlreichen Monatsnamen
+unter den Germanen stammen aus allen möglichen, insbesondere
+landwirtschaftlichen Beziehungen, niemals aber sind sie von Götternamen
+hergenommen. Wol aber wird umgekehrt der Monat oft persönlich gedacht,
+selbst unter den römischen Namen. Darum ist Bädas Meinung, es habe
+unter den Angelsachsen Göttinnen namens Eostre und Hreda gegeben, wenig
+glaubhaft.
+
+Die von J. Grimm in der Mythologie 266 ff. aufgestellten altdeutschen
+Göttinnen _Hruoda_, _Ostara_, _Ricen_[610], _Zisa_[611] sind aus den
+Glaubensvorstellungen der alten Deutschen zu streichen.
+
+
+2. Frau Holle, Berchte und andre weise Frauen.
+
+Unter vielen Namen, die nach den verschiedenen Gegenden wechseln,
+erscheint zu gewissen Zeiten, namentlich in den Zwölften und zu Fasten,
+nach neuerer Volkssage ein gespenstisches Weib, das die Wohnungen
+der Menschen, die Spinnstube heimsucht, das Speiseopfer empfängt, an
+dessen Namen auch sonst allerlei Geistersagen anknüpften. Man hat
+lange Zeit mit dieser Erscheinung des späteren, mittelalterlichen und
+neuzeitlichen Volksglaubens Missbrauch getrieben, indem darin Spuren
+vom Umzug der altgermanischen Hauptgöttin gesucht wurden. Zum Nachweise
+sollten die oft recht zweifelhaft überlieferten und willkürlich
+gedeuteten Namen dienen. J. Grimm, A. Kühn, Schwartz, Simrock und
+ihnen folgend fast alle neueren Sagenforscher haben sich täuschen
+lassen und allzu schnell Volksbräuche neueren Ursprungs in ihren
+Einzelheiten zum germanischen Götterglauben in Beziehung gebracht.
+Freke, Fricke, Fru Gode, Fru Wode erinnerten an Frija, Wodans Frau,
+obwol sprachliche und sachliche Gründe entgegen stehen; Frau Holda und
+Berchta, womit _Bjort_, Menglods Jungfrau, sich verglich, galten als
+alte Beinamen. Frija, die holde, lichte, wie sie zu heiligen Zeiten
+unter den Menschen Umfahrt hielt, haftete noch bis zur Gegenwart
+herab im Bauernglauben. Dass Holda und Berchta meistens gar nicht
+hold und schön erscheinen, sondern im Gegenteil als hässliche Hexen,
+that nichts, indem das Christentum das edle und hoheitvolle Bild der
+göttlichen Frau ins Schlimme verkehrt hatte. Und mitunter fanden sich
+ja doch auch bei diesen Gestalten freundlichere Züge, in denen hinter
+der verunstaltenden Maske das wahre Wesen der gütigen und schönen
+Göttin hervorbrechen konnte. Hafteten die Namen der alten Götter in
+den Wochentagen und vielleicht auch hie und da in Ortsnamen, warum
+nicht auch in der mündlichen Überlieferung des gemeinen Mannes, in den
+uralten bäuerlichen Bräuchen, in denen ja thatsächlich und unleugbar
+ein gutes Stück Heidentum noch fortlebt? Dass sie vorwiegend erst in
+den Sagensammlungen unseres Jahrhunderts auftauchen, ist nicht zu
+verwundern, weil man früher der Volkssage nur selten und beiläufig
+Beachtung schenkte. Überdies lassen sich auch einzelne der fraglichen
+Göttinnen bis ins 14. Jahrh. zurück verfolgen, woraus ihr Alter und
+ihre Echtheit erhellt. Mögen auch einige der Namen ihren Anklang an die
+Heidengötter dem frommen Übereifer moderner Forscher verdanken[612],
+so bleibt doch immerhin in älteren Quellen ein unanfechtbarer Rest
+bestehen. Soweit scheint die Beweisführung begründet und geglückt. Und
+doch hält sie nicht Stand. Unerklärt bleiben diejenigen Namen, welche
+keinen Zusammenhang mit den heidnischen Göttinnen zeigen, unerklärt
+bleibt das eigentliche Wesen der Erscheinung, wovon allein ausgegangen
+werden muss. Das Heidentum selber zeigt die fraglichen Beiwörter nicht
+in Verbindung mit Frija, was allerdings in Anbetracht unserer dürftigen
+und lückenhaften Kenntniss nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Aber
+weit leichter wird auf andrem Weg eine befriedigende Erklärung erzielt,
+die nicht über das Sichere und thatsächlich Gegebene, den Volksbrauch
+und Aberglauben hinausgreift, und somit einer die Thatsachen bei
+Seite schiebenden Auslegung vorzuziehen ist. Die deutsche Mythologie
+hat die gemeinsame Grundlage aller dieser gespenstischen vielnamigen
+Frauen hervorzuheben, dann die etwaigen weiteren Zuthaten, in denen
+keineswegs dieselbe Übereinstimmung herrscht, die vielmehr mancherlei
+Sonderbildungen aufweisen. Das Alter jeder einzelnen Erscheinung ist so
+gut als möglich zu belegen, aber eine Anknüpfung ans Heidentum nicht
+gewaltsam zu erzwingen, wo die Umstände eine solche nicht gebieten,
+eher verbieten.
+
+Aus dem Glauben an Gespenster, Seelen, Maren, Elbe, entspringen
+zahllose Volksgebräuche, so auch die, welche den wiedergehenden und
+umziehenden Geistern einen gewissen Dienst gewähren. In den Zwölften
+darf kein Flachs auf dem Wocken, kein Garn auf Spinnrad und Haspel
+mehr sein, sonst bekommen böse Wesen Macht darüber und spinnen ihn
+ab, zünden ihn an oder machen ihn durch Besudelung unbrauchbar. Oft
+greift eine Hand zum Fenster herein, wirft Spindeln herein, die zur
+Strafe schnell vollgesponnen werden müssen. Die Spinnarbeit soll an den
+bestimmten Abenden gethan sein und ruhen. Offenbar zielt der Brauch auf
+Feiertagsheiligung, welche mit Aussetzen der Werktagsarbeit bethätigt
+wird. Die Säumigen überrascht ein Geisterbesuch, der Teufel oder
+gespenstische Frauen mit hexenhaftem Aussehen. Die Arbeitseinstellung
+deutet manchmal auch darauf, dass dem unheimlichen Besuch der sonst
+dem Menschen gehörige Platz eingeräumt wird. Neben der Einstellung der
+Spinnarbeit begegnet auch das Speiseopfer in zwiefacher Art: dass den
+einkehrenden Geistern Speisen angerichtet werden, dass die Leute an
+den Tagen nur bestimmte Nahrung zu sich nehmen. Die einsprechenden mit
+Opfer geehrten Geister bringen ein gutes Jahr, Gedeihen des Hausstandes
+und der Feldfrucht. Wer eine andere als die altherkömmliche Speise
+an dem betreffenden Tage zu sich nahm, dem schneidet das Gespenst
+den Bauch auf und füllt ihn mit Häckerling oder gibt ihm wenigstens
+einen Tritt. An den allgemeinen, in Arbeitsruhe und Speisegebot
+sich äussernden Brauch knüpfen nun die Sagen von der dem Bruche des
+Feiertags folgenden Strafe, von der Macht böser Geister, welcher
+der Nachlässige verfällt, die in der Hauptsache ebenfalls zusammen
+stimmen und eigentlich nur in der Benennung der zukehrenden Frau unter
+sich abweichen. Die Namen der Erscheinung entstammen verschiedenen
+Anschauungen, die teilweise verständlich sind. In Mitteldeutschland
+ist _Frau Holle_ oder _Hulda_ bekannt. Das Gebiet der Volkssagen,
+welche sie nennen, reicht im Norden bis zum Harz, im Osten bis in
+die Gegend von Halle und Leipzig; von hier aus südwestlich ins
+Mainthal nach Unterfranken. Vereinzelt reicht Frau Holle auch nach
+Oestreich und Siebenbürgen. Nebenformen lauten Frau Rolle oder Frau
+Wolle. Ältere Belege als aus dem 16. Jahrhundert, wo „_Fraw Hulde mit
+der Potznasen_“ bei Luther, Erasmus Alberus, in Hexenprocessakten
+vorkommt, fehlen.[613] Frau Holle gehört zu den _Hollen_. Die Hollen
+in Mitteldeutschland entsprechen den obds. Holden. Schon ahd. begegnet
+_holdo_ für Genius, mhd. _holde_, der Geist, _waȥȥerholde_, der
+Wassergeist. Hollenzopf entspricht dem Alp-, Wichtel-, Weixelzopf, der
+von tückischen Elben verursachten Verwirrung der Haare. Einkehrende
+„Hollen“ sind gemeint, denen die zwölf Nächte geweiht sind. Aus
+dem Geisterschwarm erhebt sich in der Frau Holle, der Unholdin,
+eine einzelne Gestalt. Das Weib empfing hier seinen Namen aus der
+naheliegenden Vermischung mit den schweifenden Gespenstern, den Hollen,
+denen es ja auch von Rechts wegen zugehört.
+
+In Oberdeutschland und streckenweise auch in Mitteldeutschland treffen
+wir die _Berchta_ oder _Perchta_[614], bei welcher die grauenhafte
+Seite noch mehr hervorgekehrt wird, als bei Holda, von der auch einige
+mildere Züge überliefert sind. Berchta ist völlig Kinderscheuche, wie
+solches überhaupt den umziehenden Geistern nachgesagt wird. Im Gebirge
+um Traunstein sagt man den Kindern am Vorabend des Erscheinungsfestes,
+wenn sie böse seien, werde die _Berchte_ kommen und ihnen den Bauch
+aufschneiden. Isst man fette Kuchen, so glitscht ihr Messer ab. Schon
+Hans Vintler nennt _Frau Precht mit der langen nas_. Ein mhd. Gedicht
+(von der Hagen, Gesamtabenteuer LIV) ermahnt die Kinder:
+
+ _ir sult fast eȥȥen, daȥ ist mîn bete,
+ daȥ iuch Berhte niht trete._
+
+Der Bercht wird Essen und Trinken zugerichtet. Im Pinzgau findet in
+den Rauchnächten ein Mummenschanz, das Berchtenlaufen, statt. J.
+Grimm war auf der rechten Spur, als er die Frau zum Erscheinungsfest
+in unmittelbare Beziehung setzte. Doch gab er das bereits richtig
+gefundene Ergebniss wieder dran, um eine altdeutsche Göttin
+aufzustellen. Im Ahd. befestigte sich die Übertragung _giperahta
+naht_, die leuchtende Nacht, für Epiphania wegen der himmlischen
+Lichterscheinung, die den Hirten auf dem Felde widerfuhr. Urkunden des
+Mittelalters datieren mit der Dativform: _perhtentag_, _perhtennaht_.
+Daraus entwickelte sich die im Sinne einer Kalenderheiligen persönlich
+gedachte _Perhtennaht_ d. h. _Nacht der Perhte_, wie entsprechend
+bei den Italienern aus _Epiphania_ (_befania_) die Kinderscheuche
+_Befana_ ward, wie in Baiern die _Luz_, die _Pfinz_ aus _Lucientag_ und
+_Pfingsten_, Frau _Fasten_[615] aus der _Fastenzeit_ sich entfalteten.
+Überall herrscht dieselbe Vorstellung von der umziehenden Frau, die
+aber diesmal nach dem Kalendertage ihren Namen empfing. Vor dem 14.
+Jahrh. ist Berchta nicht nachweisbar, dann aber gewinnt sie stetig an
+Ausbreitung. Dass eine Gestalt, deren Art im Gespensterglauben, deren
+Benennung im Kalender wurzelt, unmöglich den germanischen Göttinnen
+zugesellt werden darf, leuchtet ohne Weiteres ein.
+
+„_Daȥ mære von der Stempen_“ zeigt diese in den Ostalpen heimische
+Gestalt der Berchte gleich geartet.
+
+ _„Eȥȥet hînte fast durch mîn bete,
+ daȥ iuch diu Stempe niht entrete“.
+ daȥ kintlîn dô von forhten aȥ,
+ eȥ sprach „veterlîn, waȥ ist daȥ;,
+ daȥ du die Stempen nennest?
+ sag mir, ob dus erkennest“.
+ der vater sprach: „daȥ sag ich dir,
+ du solt eȥ wol gelouben mir,
+ eȥ ist so griuwelich getân,
+ daȥ ich dirȥ niht gesagen kan:
+ wan swer des vergiȥȥet,
+ daȥ er niht fast iȥȥet,
+ ûf den kumt eȥ und trit in“._
+
+Wie eine Mare kommt hier _Stempe_ (die Stampferin, Treterin, Drückerin)
+über den Menschen, der die gebotene Speise nicht zu sich nimmt, und
+von ihren Mareneigenschaften haben wol auch Stempe und die fränkische
+_Trempe_ (die Trampel)[616] den Namen erhalten.
+
+Im 18. Jahrhundert wurde _Fru Freke_[617] in Niedersachsen ebenso
+geehrt, wie Holda in Obersachsen. Der Name Freke ist unklar, doch
+sicherlich ohne Zusammenhang mit Frija, weil die beiden Namen lautlich
+gar nichts mit einander gemein haben.
+
+_De olle Haksche_, die Hexe, versieht das Geschäft der Rockenbesudelung
+bei Halberstadt. Wenn Kuhn und Schwartz auch Frau Harke[618] damit
+betrauen, mag eine Verwechslung mit der Riesin Harke vom Harkenberg bei
+Camern in der Mark mit unterlaufen. _Frau Gode_[619], die namentlich
+mit der wilden Jagd verwebt ist und darum in den Zwölften umzieht,
+verunreinigt in Mecklenburg und in der Prignitz den Rocken derer, die
+nicht abgesponnen haben. Im Voigtlande besorgt es die _Werre_[620],
+die Verwirrerin, wol da sie Flachs und Haar nach Elbenart verwirrt.
+Sie besichtigt, ob alle Rocken abgesponnen sind; wo es nicht der Fall
+ist, verunreinigt sie den Flachs. Am heiligen Abend muss ein besonderer
+Brei aus Mehl und Wasser gegessen werden; wer es unterlässt, dem
+reisst sie den Leib auf. Schon um 1640 ist die fürchterliche _Werra_
+bekannt. Am Zürchersee heisst die Garnverwirrerin _de Chlungere_[621],
+weil sie faulen Mägden _Chlungel_, Kneuel in das unabgesponnene Garn
+bringt. Was von den _Fronfastenweibern_, Frau Fasten in Schwaben und
+in der Schweiz, berichtet wird, muss ebenso beurteilt werden. Aus dem
+Geisterschwarm erhebt sich eine Gestalt und erhält den Namen nach der
+Schwarmzeit.
+
+Somit erkennen wir einen über das gesamte deutsche Gebiet verbreiteten
+Brauch, der aus dem Gespensterglauben gekeimt ist. Die Erscheinung
+der vielnamigen Hexe ist nicht davon loszulösen. Nicht die geringste
+Spur weist auf einen Zusammenhang des umziehenden Weibes mit einer
+altgermanischen Göttin, am allerwenigsten die Namen, die erst im
+späteren Mittelalter, in einer längst christlichen Zeit, aus den
+verschiedensten Beziehungen entsprangen. Nur insofern, als die
+allgemeinen Grundlagen des Gespensterglaubens im Altertum dieselben
+waren, wie in der Neuzeit, könnten ähnliche Vorstellungen schon in der
+Heidenzeit als möglicherweise vorhanden gedacht werden. Damit ist aber
+gar nichts gesagt, indem die uns überkommene Form eben nicht heidnisch
+ist. Nur eine Ausnahme liesse sich anführen: in Schweden soll Frigg
+die Spinnstube besuchen.[622] Hier liegen, falls die Sage Glauben
+verdient, die Verhältnisse wesentlich anders, indem überhaupt die
+alten Götternamen treuer gewahrt erscheinen, vermutlich durch gelehrte
+Beihilfe irgend welcher Art oder auch nur durch blosse Personifikation
+der Wochentagsnamen. Aber wenn auch die Namen, so sind doch keineswegs
+ebenso die alten Mythen erhalten. Denn Frigge ist Thors Weib und die
+Donnerstagsheiligung gilt beiden zusammen. Das vereinzelte und nicht
+ganz unverdächtige schwedische Zeugniss kann unmöglich die Behauptung
+rechtfertigen, die spätere Volkssage vom Weib der Zwölften oder der
+Fasten sei einst von der hehren Göttin Frija gegangen. Sollte neben
+dem Gespensterkult zu jenen Zeiten im Heidentum auch Gottesdienst
+gepflegt worden sein, so war er wesentlich anders, öffentliche Sache
+des Volkes, mit bedeutungsvoller Feierlichkeit geübt. Die besprochene
+Erscheinung gehört aber zum Geisterglauben.
+
+ * * * * *
+
+Dasselbe Weib, das als Frau Gode oder Wode, Berchte, Holle, Fuik die
+Spinnstuben heimsucht, begegnet aber auch noch in Verbindung mit
+andern abergläubischen Vorstellungen, die jedoch nicht die gleiche
+allgemeine Verbreitung zeigen und darum nur wie vereinzelte Zuthaten
+zur gemeinsamen Sage erscheinen. Vielleicht würde sich dadurch eine
+Erweiterung und Erhöhung ihres Wesens ergeben, eine Anknüpfung an
+heidnische Göttinnen ermöglichen lassen. Die nach dieser Richtung
+gemachten Versuche erweisen sich ebenso hinfällig, wie der vorige,
+weil sie die weit einfachere und näher liegende Erklärung, die einen
+Zusammenhang mit germanischen Göttinnen ausschliesst, geflissentlich
+vermeiden. Das wütende Heer unter Wode und andern Führern zieht in
+den Zwölften und sonst noch häufig um. Wie die Concilienbeschlüsse
+bei Burchard von Worms zeigen, fanden frühzeitig im christlichen
+Mittelalter Vermischungen biblischer und antiker Sagen mit dem
+Aberglauben zunächst des romanischen, dann aber auch des germanischen
+Volkes statt. Die jüdische Königstochter Herodias, die des Johannes
+Enthauptung bewirkt hatte, und Diana, die nächtliche Mondgöttin, die
+wilde Jägerin traten an die Spitze des wilden Heeres. Man glaubte von
+Frauen, dass sie zu gewissen Zeiten zum Dienste der Diana und Herodias
+in die Schar ihrer Gespenster gerufen würden. Zahlreiche gespenstische
+Unholdinnen, auf Tieren reitend, fuhren in deren Gefolge nächtlicher
+Weile weithin durch die Lande. In vielen mittelalterlichen Schriften
+wird dieser allgemeine und weitverbreitete Aberglaube erwähnt. Man
+erkennt deutlich seinen Ursprung: die nachtfahrenden Hexen erhielten
+eine Anführerin aus dem Kreise antiker und biblischer Vorstellungen.
+Somit haben wir eine bestimmte, hieraus hervorgegangene Form des wilden
+Heeres vor uns, welche erst verhältnissmässig spät, in christlicher
+Zeit aufkommen konnte. Wenn nun Frau Holle, Berchte, Gode zuweilen auch
+im wütenden Heere oder als wilde Jägerinnen erscheinen, so hängt dies
+zweifellos hiermit zusammen. J. Grimm[623] meint freilich, Herodias
+und Diana seien an Stelle der deutschen „Göttinnen“ getreten. Doch
+wie hätten deutsche Göttinnen auf romanischem Gebiete der Herodias
+und Diana Anknüpfung an die Hexenschar vermitteln sollen? Ausserdem
+ist ihr hohes Alter sehr fraglich. Herodias und Diana hatten sich
+vermutlich schon an die Spitze der wilden Schar gesetzt, ehe die Holle,
+Berchte u. s. w. im Volksglauben auftauchten. Desshalb verhält sich
+die Sache umgekehrt. Die Holle, Berchte, Gode verdrängten die älteren
+Gestalten der Diana und Herodias. Die „_turba daemonum in similitudinem
+mulierum transformata_“, die Schar der Unholdinnen[624] zog besonders
+in den Zwölften, und da kehrte auch das gespenstische Weib in den
+Spinnstuben ein. Alle Geister gehören schliesslich ins wilde Heer. Dass
+die unheimliche Gestalt manchmal auch als oberste der Hexen an Stelle
+der Diana und Herodias oder auch des Wode gedacht wurde, ist wol zu
+verstehen. Trat einmal irgendwo eine abergläubische Vorstellung, stark
+in den Vordergrund, in Mitteldeutschland etwa Frau Holle, auf einzelnen
+Strecken der norddeutschen Tiefebene Frau Gode, so ergab sich ohnehin
+leicht ihr Übergewicht über die andern geisterhaften Wesen. Nur eine
+Abart der Sage vom wilden Heere ist es, wenn die Frau mit einem Wagen
+erscheint, der am Kreuzwege zerbricht. Ein des Weges kommender Mann
+wird von ihr aufgefordert, den Schaden zu bessern, damit sie weiter
+fahren kann. Zum Lohn seiner Arbeit erhält er die abgefallenen Spähne,
+die sich am andern Tag zu Gold verwandeln. Die Frau in ihrer Beziehung
+zum wilden Heer reicht ebensowenig wie die einzeln umherziehende
+aus dem Kreise des Gespensterglaubens der Zwölften und anderer
+Schwarmzeiten hinaus. Abgesehen davon, dass Diana und Herodias ihr
+Vorbild abgaben, weist auch hier kein einziger Zug aufs germanische
+Heidentum, auf die göttliche Frija. Ja es scheint fraglich, ob in der
+Heidenzeit ein Weib neben Wode die Schar hätte führen können, und dann
+wäre es sicherlich keine der hohen Göttinnen, am wenigsten Frija, des
+lichten Tiuȥ Weib gewesen.
+
+Frau Holle wohnt in Teichen oder in Bergen. Im 17. Jahrh. weiss
+Prätorius, dass sie im Hörselberge sitzt. Er stellt sie also der
+Venus, der mit den Seelen Abgeschiedener, nach christlicher Meinung
+Ungetaufter und Verdammter, im Berge hausenden Elbin gleich.
+Kinderseelen, die Heimchen oder bei Berchte die Berchteln, werden
+ihr zugewiesen. Die Neugeborenen kommen aus ihrem Brunnen. Oft sieht
+man sie mit den Heimchen im Lande umziehen. Ihre Umfahrt verleiht
+den Äckern Fruchtbarkeit. Hier tritt mit einem Male eine ganz andere
+Gestalt uns entgegen, anstatt der hässlichen Kinderscheuche eine milde,
+gütige Frau. Sollte darin etwa die Göttin nachwirken? Doch warum
+begegnen solche Züge so selten und nicht überall, nur bei Berchte und
+Holle? Auch gehören diese Sagen zu den jüngsten. Das Kinderparadies
+unter der Obhut einer milden, guten Frau erscheint zu weich, um ins
+deutsche Heidentum zurück verlegt zu werden. Von Maria wird nun ganz
+dasselbe erzählt.[625] In Köln werden die Kinder aus dem Brunnen der
+St. Kunibertskirche geholt. Dort sitzen sie um die Mutter Gottes herum,
+welche ihnen Brei gibt und mit ihnen spielt. Es ist nicht dunkel im
+Brunnen, sondern tageshell. In Jugenheim a. d. Bergstrasse sitzt Maria
+mit Johannes im Brunnen, geigt den darin befindlichen Kindern und
+spielt mit ihnen. Von holden weissen Frauen, die nicht näher bezeichnet
+werden, gehen noch viele ähnliche Sagen.[626] Durch Brunnen und Seen
+steigen Menschen öfters zu den wundersamen Gefilden der freundlichen
+Elben hinab. Ihre Seelen gehen in die Gemeinschaft der guten Holden.
+Vergleicht man hiermit die betreffenden Holdasagen, so wird auch über
+deren Entstehung kaum ein Zweifel möglich sein. Maria und die Heiligen
+nahmen sehr viel vom Wesen der guten Geister an. An Brunnen, da früher
+die Wasserfrau Verehrung genoss, erhub sich später ein Marienbild.
+Nach der Ammenrede kommen die Kinder aus dem Brunnen. Alles das wirkt
+zusammen zu den erwähnten Mariensagen. Frau Holle mit den Heimchen
+entstammt denselben Vorbedingungen. Man kann nur schwanken, ob die
+Entwicklung der Hollesagen selbständig und unabhängig verlief, oder ob
+blosse Nachahmungen der Mariensagen vorliegen. Letzteres, dünkt noch
+eher glaubhaft, zumal im Hinblick auf andere Berührungen zwischen Holle
+und Maria. Frau Holle als die holde Frau verstanden gab leicht Anlass
+zu ihrer Verschmelzung mit Maria.
+
+Frau Holle wird im Himmel, über den Wolken thronend, gedacht. Daher die
+Redensart, wenn es schneie, schüttle Frau Holle die Betten aus, deren
+Federn fliegen. Da ist also Holle doch einmal eine hehre himmlische
+Göttin. Im Kindermärchen belohnt sie das brave, fleissige Kind mit
+Gold, das faule bestraft sie mit Pech. Diese Eigenschaft Holdas darf,
+wie J. Grimm, Myth. 246 Anm., erkannte, mit einem Namen der Maria
+verglichen werden. Am 5. August feierte die Kirche das Fest der _Maria
+ad nives, notre dame aux neiges_. Aus dem 16. Jahrhundert, aus der
+sächsischen Chronik des Pomarius (1588) bringen die Brüder Grimm in
+den Deutschen Sagen Nr. 462 eine hieher gehörige Erzählung. Kaiser
+Ludwig setzte einmal, als er durch einen Wald ritt, sein Marienbild auf
+einen Stein. Als ers darauf wieder zu sich nehmen wollte, vermochte
+er es nicht von der Stätte zu bringen. Da kam eine Stimme vom Himmel:
+So ferne und weit ein Schnee fallen wird, so gross und weit sollst
+du einen Dom bauen, zu Marien Ehre! Und alsbald hub es an vom Himmel
+zu schneien auf die Stätte.[627] Die Schnee-Maria ist somit eine
+legendarische, nicht bloss auf Deutschland beschränkte Gestalt. Allein
+schon deshalb fällt J. Grimms Behauptung, es sei eine Eigenschaft
+Holdas auf Maria übergegangen. Das Verhältniss ist umgekehrt, Frau
+Holle ist der Maria nachgeahmt.[628]
+
+Wenn in einigen norddeutschen Landstrichen Fru Gode, Fru Gaue, de gaue
+Fru dasselbe Ernteopfer erhält, wie Wode, so beruht dies entweder auf
+der Frau Wode, der wilden Jägerin, der Diana-Herodias, oder es lässt
+sich ein segnender Flurgang der guten Frau, der Maria, denken.[629]
+
+Zieht man aus der Betrachtung der gesamten Überlieferung den
+Schluss, so bleibt das unanfechtbare Hauptergebniss, dass in diesen
+Gestalten der spätmittelalterlichen und neueren Volkssage ein Nachhall
+germanischer Göttinnen nicht nachweisbar ist. Wol aber bieten sich
+ungezwungen andere ausreichende Erklärungen. Die gespenstische Frau
+wurzelt im Volksaberglauben; treten manchmal, namentlich an Frau
+Holle, mildere Züge hervor, so zeigt sich Zusammenhang mit Maria und
+den guten Holden. So verschiedenartig die Bestandteile sind, aus denen
+die umgehende Frau des Volksglaubens sich entfaltete, nirgends wirkt
+heidnischer Götterglaube nach. Sowenig wie früher bei Zisa, Frau Eysen
+(Isis) gelehrter Übereifer sich als gerechtfertigt erwies, gelang es
+den neueren Sagenforschern auf die Dauer, die Holda, Berchta, Fricka
+als germanische Göttinnen zu kanonisieren. Doch leben sie wenigstens im
+wirklichen Aberglauben, nur nicht, wie man wähnte, als verblasste und
+erniedrigte Göttinnen.
+
+
+
+
+DRITTES HAUPTSTÜCK.
+
+Von der Weltschöpfung und vom Weltende.
+
+
+Die Frage, wie die Welt entstand, ob und wie sie vergeht, setzt eine
+ziemlich hohe Stufe des Denkens voraus, falls die Antwort darauf in
+Gestalt einer Entwicklungsgeschichte der Welt gegeben wird. Hier
+liegen die Keime zur Naturphilosophie, die in ihren Anfängen leicht an
+kosmogonische Sagen anknüpft. Nur begabte und gesittete Völker werden
+zu einer fein gegliederten Lehre von den ersten und letzten Dingen
+fortschreiten. Die nächste Frage ist, woher kam die Welt, erst lange
+nachher erhebt sich die Frage, wohin geht die Welt. Denn die bestehende
+von den Göttern eingesetzte Weltordnung erscheint dem einfachen
+Heidenglauben ewig und unwandelbar. Höchstens denkt er darüber nach,
+wie es so kam. Das lehrt die griechische Mythologie. Der Heide wird den
+Stoff als das erste setzen, den göttlichen Geist, der den Stoff sich
+unterwirft, erst allmälig daraus hervorgehen lassen, im Gegensatz zur
+christlichen Lehre, welche in Gott den Anfang und das Ende aller Dinge
+erblickt. Im Heidentum entwickelt sich eine Weltlehre nur beiläufig,
+im Anschluss an die Götterlehre, an die Theogonie, gleichsam zur
+Rechtfertigung der waltenden Götter, welche ihre gebietende Stellung
+den dämonischen Wesen abgerungen haben und gegen sie behaupten werden.
+Die Absicht geht dahin, die bestehende Ordnung als die Vollendung
+der Weltentwicklung, als den Sieg der Göttermacht hinzustellen. Die
+Hauptteilnahme gehört den gegenwärtigen Zuständen des Götterstaates,
+nicht den vergangenen oder künftigen. Anders im Christentum, wo das
+Ewige, Göttliche das Zeitliche, Weltliche überragt. Da erscheint das
+Weltleben nur als ein Übergang. Ganz andere Bedeutung gewinnt die
+Kosmogonie und Eschatologie, auf welche ein Hauptgewicht der Lehre
+fällt. Die Glaubensboten mussten vor allem auf diese Erkenntniss
+hinwirken und hatten eifrig von der göttlichen Weltschöpfung und
+vom Weltende, vom jüngsten Gericht, von der ewigen Seligkeit und
+von den ewigen Strafen zu predigen. Wo sie heidnische kosmogonische
+oder theogonische Vorstellungen vorfanden, widerlegten, sie diese
+mit dem Hinweis auf den ewigen Gott, der vor dem Weltstoffe da war,
+nicht wie die Heidengötter aus dem Stoff hervorging, geschaffen oder
+gezeugt wurde. Die Kosmologien der verschiedenen Völker, unabhängig vom
+reinen christlichen Gottesbegriff, gleichen einander in Einzelheiten
+oft aufs genauste. Da von einer Uroffenbarung der Menschheit oder
+von einer urarischen Weltlehre nicht die Rede sein kann, sind die
+zahlreichen Übereinstimmungen nur aus Zufall oder durch Entlehnung
+zu erklären. Gewiss ist die Wahrscheinlichkeit unleugbar, dass viele
+Völker durchaus unabhängig und selbständig diese Fragen aufwarfen
+und ähnlich beantworteten. Die Natur gewährt den Stoff zur Antwort,
+das Denken des menschlichen Geistes kann aus übereinstimmenden
+gleichen Voraussetzungen manchmal auch unwillkürlich zu denselben
+Schlüssen gelangen, falls die Grundlagen sehr einfach sind. Aber
+wenn sich Gleichungen in einer zusammenhängenden, stufenreichen
+und sinnvollen Reihenfolge von Schöpfungsakten einstellen, wenn
+Einzelheiten, die einem kunstvollen, willkürlichen Gedankengang
+entspringen, zusammenstimmen, so liegt die Annahme der Entlehnung
+nahe. Nachahmung und Entlehnung scheinen um so glaublicher, wo die
+allgemeinen Verhältnisse ein Einströmen fremder Einflüsse ermöglichen.
+Die nordische Mythologie enthält eine sehr ausführliche Weltlehre.
+Da erhebt sich nun die Frage, ob dieselbe auch für die deutschen
+Stämme in Anspruch genommen werden darf, ob sie gemeingermanisch
+oder ausschliesslich nordisch ist, ob sie auf nordgermanischem Boden
+aus lauter heimischen Vorstellungen erwuchs, oder ob fremde, antike
+oder christliche Einflüsse darin zu erkennen sind. Zunächst sind die
+Zeugnisse zu prüfen, welche für das Dasein ähnlicher Sagen unter den
+deutschen Stämmen angeführt zu werden pflegen.
+
+
+I. Deutsche Sagen über den Ursprung der Götter und Menschen.
+
+Dass die Germanen eine Theogonie und Anthropogonie, Lieder vom Ursprung
+der Götter und Menschen besassen, wird durch Tacitus Germania Kap. 2
+bezeugt. Sie priesen in alten Gesängen den erdgeborenen Gott Tuisto
+und seinen Sohn Mannus, die Urheber und Erzeuger ihres Volkes. Dem
+Mannus schrieben sie drei Söhne zu, nach welchen die Ingaevonen,
+Erminonen, Istaevonen genannt sind. In diesem Mythus war vom Ursprung
+der Menschheit überhaupt, dann vom Ursprung der germanischen Stämme
+im besonderen erzählt. Aus der Erde ging ein göttliches Wesen hervor,
+Tuisto, der Zwitter. Der zeugte Mannus[630], d. i. den Urmenschen; also
+nicht geschaffen, sondern auf natürlichem Wege von den Göttern gezeugt
+ist die Menschheit. Die Stammväter der germanischen Völkerschaften sind
+Söhne des Urmenschen. Wenn andererseits die Ingaevonen, Erminonen,
+Istaevonen den Namen ihrer Stämme dem Tiuȥ beilegten, so betrachteten
+sie sich damit aber auch als seine unmittelbaren Nachkommen. Demnach
+scheinen im Mythus, auf welchen Tacitus anspielt, zwei ursprünglich
+selbständige und eigentlich unvereinbare Sagen zusammengeschweisst
+worden zu sein. Die Sagen vom gottgezeugten Urmenschen und von den
+Tiuȥsöhnen, die unabhängig neben einander entstanden sein müssen,
+wurden einander untergeordnet und daraus ergab sich die von Tacitus
+berichtete Reihenfolge.[631] Tacitus fügt hinzu, es gebe noch mehr
+Göttersöhne, nach denen Völkerschaften genannt seien -- _pluris deo
+ortos plurisque gentis appellationes_. Für die germanische Theogonie
+lernen wir nur, dass die Erde als Göttermutter galt. Aber es lässt sich
+nicht bestimmen, ob Tuisto unmittelbar aus der Erde entsprosste oder ob
+der Himmel sein Vater war, ob wir das uralte Götterpaar Himmel und Erde
+auch an den Anfang der germanischen Götterlehre stellen dürfen.
+
+Kauffmann[632] hat auf einen für die Bekehrungsgeschichte zweifellos
+überaus lehrreichen und wichtigen Brief aus den Jahren 723 bis 725
+hingewiesen, worin der Bischof Daniel von Winchester dem Bonifacius
+Ratschläge erteilt, wie er bei der Heidenbekehrung vorgehen solle.
+Kultgebräuche und Göttersagen (_ritus et fabulae_) dürfen nicht
+schlechtweg heruntergesetzt und verpönt, müssen vielmehr aus inneren
+Gründen als unhaltbar erwiesen werden. Der Bekehrer hat sich mit
+dem Gedankenkreise der Heiden vertraut zu machen, ihre Anschauungen
+und Begriffe kennen zu lernen, um sie hierauf zu widerlegen. Daniel
+schreibt das Verfahren genau vor und geht darum auf die heidnischen
+Vorstellungen der deutschen Stämme ein. Es fragt sich nun, wie diese
+beschaffen waren. Zunächst ist mit der Theogonie (_deorum genealogia_)
+zu beginnen. Die Göttersage berichtet von Erzeugung und Geburt der
+einzelnen Götter und stellt die einen an Macht und Ansehen über die
+andern. Dagegen hat der Bekehrer den Satz zu verfechten, dass Wesen,
+welche der Zeugung und Geburt unterliegen, eher Menschen als Götter
+seien. Und wenn die Götter in Urzeiten Kinder bekamen, warum sie sich
+jetzt der Zeugung enthielten? Andernfalls wäre freilich die Zahl der
+Götter unbegrenzt, und die Sterblichen könnten nie wissen, welcher der
+Mächtigste sei. Die Opferspenden an die Götter seien unnötig, wenn
+diese doch alles beherrschen würden. Die ganze Beweisführung zielt
+allein dahin, dass der eine allmächtige und allewige Gott seinem Wesen
+nach darum den Heidengöttern überlegen sei, weil diese eben zeitlich
+und menschlich, nur wie mächtige irdische Könige gedacht sind. Die
+Vielheit der Götter und ihre Verwandtschaftsverhältnisse geben dem
+Christen Anlass, seinen Gottesbegriff als den höheren und reineren
+entgegenzuhalten. Eine zweite Hauptfrage betrifft den Bestand der Welt:
+ist die Welt ewig oder einmal erschaffen; dann aber bedarf sie eines
+Schöpfers. Ehe die Welt besteht, ist zweifellos kein Raum für gezeugte
+Götter. Doch könnten die Heiden die Welt für uranfänglich halten --
+_quod multis refutare ac convincere documentis argumentisque stude_.
+Gesetzt aber, es wäre so, wer gebot der Welt vor den geborenen Göttern?
+wie konnten sie eine vor ihnen vorhandene Welt sich unterwerfen?
+von wem und wann wurde die erste Gottheit eingesetzt oder erzeugt?
+Die Fragen sind geschickt gestellt, der Christ findet immer den
+einen Bescheid, auf den der Bekehrer hindrängt: der eine ewige und
+allmächtige Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde. Wird aber dadurch
+eine deutsche Kosmogonie „eine Vǫlospǫ́ der mitteldeutschen Stämme“,
+wie Kögel behauptet, wahrscheinlich? Eher das Gegenteil, das Fehlen
+ausgebildeter kosmogonischer Sagen. Wer die nordische Weltsage den
+Fragen gegenüber hält, ist um Auskunft nicht verlegen. Der Urstoff
+ist ewig und unerschaffen, daraus erhub sich Ymir und der erste
+Gott, Buri. Von ihm stammte Bur, der Odin und seine Brüder erzeugte.
+Diese schufen Himmel und Erde aus Ymirs Leib. Ehe die jetzige Welt
+bestand, hausten die Götter gleich Ymir im eisigen Urstoffe. Hätte
+der kluge Bischof solche Antworten zu gewärtigen gehabt, so würde er
+seine Fragen sicher anders geordnet haben. Auf eine dem nordischen
+Bericht auch nur einigermaassen ähnliche deutsche Schöpfungssage kann
+aus Daniels Brief nimmermehr geschlossen werden. Er betrifft nur die
+Göttersage (Theogonie) und das Opfer und folgert: solche zeitliche
+menschenähnliche Götter können diese Welt weder geschaffen haben noch
+sie beherrschen. Sie sind in Zeit und Raum befangen. Gott aber ist
+ausser Zeit und Raum und darum ihnen überlegen.
+
+Zum Nachweis einer fränkisch-deutschen Kosmogonie liesse sich besser
+der Bericht Gregors von Tours 2, 29-31 heranziehen, wie dies auch
+von J. Grimm, Myth. 96 geschah. Chrothild spricht zu ihrem Gemahle
+Chlodowech, den sie für die Taufe einnehmen will, gegen seine Götzen
+Saturnus, Juppiter, Mars und Merkur. Mit den lateinischen Namen an
+Stelle der fränkischen Donar, Tiu, Wodan, kamen auch Bezüge auf die
+antike Mythologie herein, so dass es schwierig ist, die etwa zu Grunde
+liegenden fränkischen Anschauungen unverfälscht abzuklären. Als die
+Königin den Christengott rühmt, der Himmel und Erde und Meer und Alles,
+was darinnen ist, mit seinem Worte aus dem Nichts erschuf, hält ihr
+der König entgegen: _deorum nostrorum jussione cuncta creantur ac
+prodeunt. deus vero vester nihil posse manifestatur, et quod magis est,
+nec de deorum genere esse probatur_. Chlodowech will sagen, in unsrer
+Göttersage, in Wodans Stammbaum ist kein Platz für den Christengott.
+Unsere Götter aber haben die Welt gemacht. Fränkische Lieder mögen
+demnach die Götter als die Schöpfer bezeichnet haben, etwa im Sinne
+der Vǫlospǫ́, dass Himmel und Erde von ihnen aus dem Chaos gehoben und
+wohnlich eingerichtet wurde. Eine fränkische Theogonie wird ebenfalls
+vorausgesetzt, welche die Götter in fest gegliedertem Stammbaum von
+einander ableitet. Doch haben wir keine Gewähr, in wie weit das von
+Gregor mitgeteilte Gespräch nicht nur auf erfundenen Phrasen beruht.
+Aufs blosse Wort der Götter wird die Welt schwerlich entstanden sein.
+Dieser Bescheid des Königs ist vielleicht gar nicht so wörtlich und
+wirklich zu nehmen, vielmehr ein blosser rednerischer Trumpf auf den
+Vorhalt der Königin. Mehr Vertrauen, wie auch J. Grimm betont, verdient
+der Einwurf des Götterstammbaumes. Lieder theogonischen Inhaltes
+bezeugt ja schon Tacitus. Der Theogonie gesellen sich allerdings
+leicht auch Andeutungen über Ursprung und Ordnung der Welt. Odins
+Beinamen Gautr für einen germanischen Götternamen zu erklären, ist
+vielleicht gestattet. Aber darin einen „Giesser“, d. h. Schöpfer, also
+die Vorstellung eines den Germanen bekannten schöpferischen Gottes zu
+sehen, ist falsch, wie im Abschnitt über Wodan gezeigt wurde.
+
+Das altsächsische Bruchstück aus dem Ende des 8. Jahrh., _das sog.
+Wessobrunner Gebet_[633], muss häufig dafür herhalten, ein heidnisches
+niederdeutsches Gedicht kosmogonischen Inhaltes zu erweisen, weil ein
+paar Verse, welche den Zustand vor der Weltschöpfung schildern, an die
+Vǫlospǫ́ anklingen. Allein die Übereinstimmung kann auf Zufall beruhen,
+da in beiden Denkmälern derselbe Grundgedanke in der gleichen Weise
+Ausdruck erhält. Der vorweltliche Zustand wird durch die Verneinung
+dessen, was die sichtbare Welt vor Augen stellt, beschrieben. Besteht
+aber ein Zusammenhang, dann bedarf es keines gemeinsamen heidnischen
+Gedichtes, vielmehr gibt die Bibel den gemeinschaftlichen Hintergrund.
+Alle Begriffe, die im Wessobrunner Gebet vorkommen, lassen sich aus
+der Bibel, aus der Genesis Kap. 1 und aus Psalm 89, 2, belegen. Die
+Vǫlospǫ́ kann aber von zahlreichen christlichen Einflüssen nicht
+freigesprochen werden.
+
+Das bayerische Gedicht aus dem 9. Jahrh., _das sog. Muspilli_ wurde
+auch auf heidnische Nachklänge hin untersucht. Während Kögel im
+Anschluss an J. Grimm, Myth. 771 ff. wiederum diesen heidnischen
+Spuren das Wort redet, bescheidet sich Kelle S. 146 mit der letzten
+Verteidigungsstellung der Verfechter des Heidentums: „Heidnisch ist in
+dem deutschen Gedichte vom Weltgerichte sicher nichts als _mûspilli_.“
+Gerade dieses Wort ist aber der allersicherste und deutlichste Beweis
+für die christliche Herkunft des Gedankens vom Weltbrand, wie unten im
+Anschluss an Bugge, Studien S. 447 ff. gezeigt werden soll.
+
+Die aus mündlicher Überlieferung aufgezeichnete Volkssage dieses und
+des vorigen Jahrhunderts weiss von einer künftigen fürchterlichen
+Schlacht.[634] Sie ist ans Walserfeld bei Salzburg oder an den
+Kirchhof zu Nortorf in Holstein geknüpft, kommt aber auch sonst in
+deutschen Gauen häufig vor. Wenn der dürre Baum auf der Walser Heide
+anhebt zu grünen und Früchte zu tragen, wenn der Fliederbusch zu
+Nortorf so hoch gewachsen ist, dass ein Pferd darunter angebunden
+werden kann, dann bricht in der ganzen Welt Krieg aus. Dann reitet
+ein Kaiser zum Baum oder Strauch, hängt seinen Schild auf oder bindet
+sein Pferd an, und nun beginnt die letzte blutige Schlacht, aus der
+nur wenige Leute übrig bleiben. Darauf kommt der Weltfrieden, andere
+Quellen aber sagen, der Antichrist und das Weltende. Nach dem Vorgange
+J. Grimms war es lange Zeit üblich, die Sage für einen Nachklang
+der germanischen Götterschlacht, die dem Weltbrand vorausgeht, zu
+betrachten. Der Baum erinnerte an die Weltesche, die erbebt und
+rauscht, wenn die höllischen Mächte einmal losbrechen. Aber dieser
+Schluss hat sich als voreilig herausgestellt. Diese allgemeine
+Weissagung einer letzten grossen Weltschlacht gehört, wie die älteren
+Fassungen deutlich zeigen, zur mittelalterlichen Kaisersage und
+entstammt einer alten morgenländischen und durchaus christlichen
+Sage, die mit dem deutschen Heidentum gar nichts zu schaffen hat.
+Der Schauplatz ist in den älteren Fassungen auch keine deutsche
+Heide, sondern das heilige Land. Im Mittelalter ging auf Grund einer
+byzantinischen Weissagung die Legende von einem letzten römischen
+Kaiser, der siegreich über alle Feinde nach Jerusalem ziehen und dort
+seine Krone niederlegen oder seinen Schild am dürren Baume, der alsbald
+frisch ergrünt, aufhängen werde. Damit ist der biblischen Prophezeiung
+gemäss das letzte Weltreich vorüber und der Antichrist und das Weltende
+folgen alsogleich. Die Sage von der letzten Weltschlacht ist mithin
+zum Beweise einer deutschen „Götterdämmerung“ nicht zu verwenden.
+Sie ist aber ein lehrreiches und warnendes Beispiel, wie vorsichtig
+die mythologische Auslegung den neueren Volkssagen gegenüber sich zu
+verhalten hat. Ihre oft allgemeine Form verführt allerdings zu solchen
+Versuchen, die aber schon durch die älteren Fassungen völlig unhaltbar
+erscheinen müssen. Denn da treten immer zahlreicher und bestimmter
+Einzelheiten hervor, welche die Sage dem Gebiete germanischer
+Mythologie entziehen. So möchte noch manche Erscheinung des neueren
+Volksglaubens, die für die Geschichte des deutschen Heidenglaubens
+beansprucht wird, allein schon durch die Kenntniss älterer,
+vollständigerer und bestimmterer Fassung hinfällig werden. Die stetig
+zeugende und schaffende sagenbildende Kraft, die nicht unterschätzt
+werden darf, bewegt sich oft nur scheinbar in uralt heidnischem Geleise.
+
+ * * * * *
+
+Damit sind die Quellenzeugnisse ausserhalb des Nordens erschöpft. Eine
+germanische Theogonie, die aber im Laufe der Zeiten und unter den
+verschiedenen Stämmen sehr vielgestaltig und veränderlich gewesen sein
+mag, ist zweifellos. Schon die geschichtliche Entwickelung, wenn anders
+mit Recht das allmälige Aufkommen Wodans über Tiuȥ angenommen wird,
+brachte Wandel und Wechsel in den Götterstaat. Der höchste Gott hat die
+andern als Söhne oder Brüder um sich geschart, da bildet sich leicht
+auch die Sage von seinen Ahnen. Die gebietende Machtstellung musste
+gegen Nebenbuhler und andere Feinde erkämpft und behauptet werden. In
+den angelsächsischen Stammtafeln hat Wodan nicht bloss Nachfahren,
+sondern auch Vorfahren. Für eine ausgebildete Kosmogonie spricht kein
+zweifelloses Zeugniss. Für die germanische Sage vom Weltbrand ist
+nicht der Schatten eines Beweises zu erbringen. Damit muss auch der
+deutschen und germanischen Göttersage die tiefe Tragik der nordischen
+abgesprochen werden. Wol war auch jene vom freudigen, todverachtenden
+Heldentum erfüllt, aber der düstre Schatten eines unentrinnbaren
+Verderbens mit dem versöhnenden Ausblick auf eine neue, milde und reine
+Welt des ewigen Friedens blieb dem Schicksal der deutschen Götter
+vermutlich ferne.
+
+
+II. Die nordische Schöpfungslehre.
+
+Die folgende Darstellung der nordischen Weltlehre geht darauf aus,
+in möglichst deutlichen Umrissen die in den Skaldengedichten des
+9./10. Jahrhunderts vorhandenen Vorstellungen zu schildern. Für den
+vermutlichen Ursprung der einzelnen Bilder beschränke ich mich auf
+kurze Andeutungen. Weltanfang und Weltende umfassen die gesamte
+Göttersage im grossen, erhabenen Rahmen, der die einzelnen Mythen
+in völlig neuem Lichte, als Handlungen im geschlossenen Weltendrama
+erscheinen lässt. Eine gewaltige erschütternde Dichtung baut sich
+auf, eine wundervolle, tiefernste Göttersage, wie kein andres Volk
+sie besitzt. Gleichviel, woher die Anregung kam, der unvergängliche
+Wert der dichterischen Schöpfung, welche den krönenden Abschluss der
+germanischen Religionsgeschichte bildet, bleibt ungekränkt bestehen.
+Aber es war eine Dichtung auserwählter Kreise, kein echter, überzeugter
+Volksglaube, wie folgende Erzählung aus der Bekehrungszeit zu beweisen
+scheint.
+
+Sveinn und sein Sohn Finn stritten sich um die Macht der Heidengötter,
+die Finn verachtete. Sein Vater hielt ihm das vor, weil Thor so viele
+und grosse Heldenthaten verrichtet habe, durch die Berge gefahren
+sei und Felsen zertrümmert habe, Odin aber über den Sieg der Männer
+entschieden habe. Finn antwortete: Das ist sehr geringe Macht, Klippen
+oder Steine zu zerbrechen und an solchen sich abzuarbeiten, oder den
+Sieg so zu verleihen, wie Odin ihn verlieh, mit Betrug, nicht aber
+mit Gewalt. Der dagegen scheint mir mächtig, der am Anfang die Berge
+gesetzt hat, die ganze Welt und die See. Was könnt ihr mir aber von
+diesem sagen? Darüber wurde von Sveinn wenig gesprochen. Finn Sveinsson
+thut das Gelübde, in den Dienst des Königs zu treten, der der Oberste
+ist und vor allen anderen hervorragt. Er ergibt sich wie Christophorus
+schliesslich dem Christus, weil er so gewaltig war, dass er eine
+Heerfahrt in die Hölle that und dort den Thor band, den obersten der
+Heidengötter.[635]
+
+Der Aufzeichnung kommt freilich kein hohes Alter zu. Aber sie ist
+trotzdem merkwürdig genug, indem sie die nordische Schöpfungslehre
+als gar nicht vorhanden betrachtet. Ähnlich sind noch andere Stellen.
+In der durchaus ungeschichtlichen Sage von Orvar-Odd werden die
+heidnischen Nordleute, welche auf einer Reise nach Aquitanien in
+eine Kirche gelangen, nach ihrem Glauben gefragt. Sie antworten: Wir
+bauen auf unsre Macht und Stärke und glauben nicht an Thor und Odin.
+Der Einheimische erwidert: Wir glauben an den, der Himmel und Erde
+geschaffen hat, die See, die Sonne und den Mond. Odd sprach: Der muss
+gross sein, der alles das gezimmert hat. Aus den letzten Zeiten des
+Heidentums hören wir von Leuten, die aus eigner freier Überzeugung
+den Heidenglauben als unvollkommen verwarfen und nur auf sich selbst
+vertrauten oder aber einer geläuterten Gottesverehruug, dem Bilde des
+von fernher ihnen vorschwebenden Christengottes, sich zuwandten.[636]
+Thorkell Mani, der von allen Heiden am besten gesittet war, liess sich
+in seiner Todeskrankheit in den Sonnenschein hinaustragen und befahl
+sich in die Hände des Gottes, der die Sonne geschaffen habe. Der alte
+Ingimund im Vatnsdal, der früher eifrig dem Freyr gedient hatte, war
+ein überaus tüchtiger und treuer Mann; sein Sohn Thorstein preist die
+Güte seines Vaters und meint: Das wird unserm Vater von dem vergolten
+werden, der die Sonne geschaffen hat und alle Welt. Ein andermal
+spricht derselbe Thorstein: Nun will ich den anrufen, der die Sonne
+geschaffen hat, denn ihn halte ich für den Mächtigsten. Diese und
+andre Stellen betonen die Schöpferkraft des Christengottes, den sie
+mit bewusster Absicht Odin und den andern Göttern gegenüber stellen.
+Dass Odin und seine Brüder Himmel und Erde und die Gestirne schufen,
+dass sie den Lauf der Sonne und des Mondes regelten, wie es in alten
+Liedern und der Edda heisst, kann demnach kein allgemeiner, lebendiger
+Glaube gewesen sein. Sonst hätte sich doch der Heide ebenso auf die
+Schöpferkraft seiner angestammten Götter berufen müssen. Die nordische
+Weltlehre scheint mithin eine Dichtung, kein eigentlicher Volksglaube,
+mit dem die Bekehrung zu rechnen hatte.
+
+
+1. Das Chaos, der Urzustand und die Urwesen.
+
+Den Anfang aller Dinge bezeichnet die nordische Weltlehre mit der
+Verneinung dessen, das für uns sichtbar besteht: Da war nicht Sand,
+noch See, noch kalte Woge, nicht Erde gab es, noch Oberhimmel, nur
+gähnende Kluft (_ginnunga gap_)[637], doch nirgends Gras. Es wird ein
+_Chaos_ oder besser _Chasma_, _Hiatus_, gähnender Schlund gesetzt.
+Der Begriff des Abgrundes, der Kluft liegt in _gap_, der des Weiten,
+Gähnenden im dazu gestellten Genitiv _ginnunga_. Mit _ginnunga gap_
+ist der leere Raum gemeint. Der leere Raum entstand aber, wie die
+Gylfaginning ergänzend hinzufügt, dadurch, dass der wesenlose Urstoff
+im Norden und Süden zu finsterm Nebel, zu Wasser und Eis und zu Feuer
+sich verdichtete. „Viele Jahre vor der Erschaffung der Erde war
+Niflheim (die Welt des Nebels, des Dunkels) entstanden; mitten drin
+liegt der Brunnen, der Hwergelmir (der in kesselförmiger Vertiefung
+rauschende) heisst. Aus ihm ergiessen sich viele Flüsse. Zuerst bestand
+jedoch die Gegend, welche Muspellsheim heisst; diese ist hell und
+heiss, und sie kann von niemand, der dort nicht zu Hause ist, betreten
+werden.“ Über Ursprung und Sinn des Namens Muspell wird weiter unten
+gehandelt. In der Schöpfungssage tritt damit nur die Feuerwelt der
+Nebelwelt gegenüber, worin einerseits die Anschauung von Feuer und
+Wasser als den Urelementen, andererseits wol auch die christliche
+Vorstellung einer Wasser- und Feuerhölle anklingt. In Niflheim und
+Hwergelmir sind eigentlich zwei Elemente angedeutet: der Nebel, d. h.
+die dunkle Luft, und das Wasser. In Gestalt von zwölf Flüssen, die
+kalte, feuchte Luftschichten mit sich führen, entströmt das Wasser dem
+Urquell und verdichtet sich zu Eis, womit offenbar der Übergang des
+Flüssigen zum Festen erklärt werden soll. Somit werden die Elemente
+als uranfänglich betrachtet, welche zunächst geschieden an den Grenzen
+des leeren Raumes lagern. Bald aber dringen sie herein und aus ihrer
+Vermischung, insbesondere durch die belebende Kraft des Feuers,
+erstehen die ersten organischen Gebilde.
+
+Die Gylfaginning fährt in ihrem Berichte fort: „Diese Flüsse, die
+Eliwagar heissen, waren soweit von ihrem Ursprunge fortgekommen, dass
+die darin enthaltene giftige Flüssigkeit (d. h. die bitterkalte Flut)
+erstarrte wie die Schlacke in der Esse. Dort befand sich Eis, welches
+stehen blieb und nicht mehr vorrückte; da legte sich Reif darauf und
+auch das Nass der Giftflut gefror zu Reif, und so schob sich eine
+Reifschicht über die andere nach _ginnunga gap_ hinein. Der nördliche
+Teil der gähnenden Kluft füllte sich mit dicken, schweren Eis- und
+Reifmassen, die Sprühregen und Winde hervorbrachten. Der südliche Teil
+wurde lauer durch die Funken, welche aus Muspellsheim hereinflogen.
+Wie die grimmige Kälte aus Niflheim kam, so war alles in der Nähe von
+Muspellsheim heiss und hell. _Ginnunga gap_ ward so lau wie windstille
+Luft. Als die heisse Luft den Reif erreichte, so dass er zu schmelzen
+und zu tropfen begann, da entstand ein Wesen, wie ein Mensch gestaltet.
+Sein Name war Ymir, den die Reifriesen Örgelmir (den gewaltig
+Rauschenden) nennen, und er ist der Stammvater ihres Geschlechts.“ So
+sagt auch Wafthrudnir (Vafþr. 31):
+
+
+ Aus den Eliwagar troff ätzendes Gift,
+ Das türmte sich, bis ein Thurs draus ward;
+ Das ist der Ursprung unsres Geschlechtes,
+ Drum ist rauh der Riesen Sinn.
+
+Der leere Raum erfüllt sich allmälig mit den Elementen, die sich zu
+einer Riesengestalt verdichten. Die Riesen bewohnen überhaupt die
+unwirtlichen, den Menschen unzugänglichen Gegenden. So ist jener erste
+Riese im Ureise der nordischen Vorstellung völlig angemessen und
+ebenso gut denkbar, wie die Riesen im Eise des nächtigen Polarmeeres,
+welche Hymir verkörpert. Das Gesamtbild der von Wasser, Nebel und Eis
+erfüllten Urwelt, deren Nacht vom Süden her allmälig Licht und mildere
+Luft empfängt, ist deutlich genug der nordischen Natur entnommen. Dort
+spielen sich die in der Gylfaginning geschilderten Vorgänge immer von
+neuem ab. Dass dem Urstoff ein organisches Gebilde entwächst, berichten
+auch andere Kosmogonien. Die dem Chaos entspringenden Kinder Erebos und
+Nyx sind keineswegs abstrakt als Zustände, vielmehr persönlich, als
+titanische, riesenhafte Wesen gedacht, ja Chaos selber gilt später auch
+für persönlich. So wird auch der Abyssus der biblischen Schöpfungslehre
+als ein im Abgrund eingesiedelter Riese gedacht und dargestellt. Nach
+der Vǫlospǫ́ sind _Ymir_ und _ginnunga gap_ gleichzeitig und mit Recht:
+sie verhalten sich wie _Chaos_ und _chaos_, _Abyssus_ und _abyssus_.
+Auf der einen Seite steht die geistigere, des abstrakten Denkens fähige
+Vorstellung, auf der andern die sinnliche, die nur Gestalten begreift.
+Die Gylfaginning philosophiert, wie der Urstoff zum riesenhaften
+Urleib werden konnte, wie in beiden die gleichen Grundkräfte der Natur
+wirken.
+
+_Ymir_ (zu _ymja_, rauschen) besagt dasselbe wie _Örgelmir_, den
+rauschenden, brausenden Urstoff, das Gewässer des Meeres, zum
+riesenmässigen Urleibe geformt. Sobald aber ein menschenähnliches
+Gebilde dem Chaos entstiegen, vollzieht sich auch die weitere
+Entwicklung auf dem Wege natürlicher Zeugung. Dass im ersten Leibe
+beide Geschlechter vereinigt waren, wusste wol auch die germanische
+Theogonie und Anthropogonie. Tuisto ist ja vielleicht der Zwitter,
+ebenso Ymir (Vafþr. 33). Als er schlief, geriet er in Schweiss, da
+wuchs ihm unter dem linken Arme Mann und Weib, sein eigner Fuss zeugte
+mit dem andern einen Sohn, und so erwuchsen ihm Nachkommen. Denn von
+Ymirs Geschlecht sind alle die Riesen (Hyndl. 34). Ymirs-Örgelmirs
+Sohn und Enkel heissen Thrudgelmir und Bergelmir, von letzterem stammt
+das jüngere Reifriesengeschlecht, nachdem das ältere in der grossen
+Flut umkam. Zu beachten ist das Festhalten des gleichen Stammes in den
+Namen _Hwergelmir_, _Örgelmir_, _Thrudgelmir_, _Bergelmir_. Hwergelmir,
+der Urquell aller Gewässer, ist das rauschende Element selber, aus
+dem sich auch die Riesen erheben. Man wird an die griechische Lehre
+vom Okeanos als dem Anfang aller Dinge erinnert. Okeanos ist ebenso
+das flüssige Element selbst wie dessen Beherrscher, also sachlich und
+persönlich gedacht. So liegen in der nordischen Weltlehre verschiedene
+Anschauungen neben einander, indem das erste Geschöpf dem Chaos, den
+Elementen, dem Urflüssigen entwächst. Kann man allenfalls dem naiven
+dichterischen Glauben den Gedanken zutrauen: Im Anfang war das Wasser
+und der Riese des Wassers, oder im Anfang war das Chaos und der Riese
+des Chaos, so ist der Versuch, die Entstehung dieses Urgeschöpfes zu
+erklären, jedenfalls ein Stück mittelalterlicher Physik und gewiss
+nicht selbständig in den Köpfen isländischer Gelehrter entstanden.[638]
+
+Als der Reif weiter schmolz, entstand die Kuh Audumla daraus. Vier
+Milchströme rannen aus ihren Zitzen und damit nährte sie den Ymir. Die
+Kuh aber fristete dadurch ihr Leben, dass sie die Reifsteine beleckte,
+welche salzig waren. Am ersten Tag nun, als sie leckte, kam eines
+Mannes Haar zum Vorschein, am zweiten Tage der Kopf und am dritten
+der ganze Mann. Sein Name war Buri; er war der Vater des Bur, welcher
+Bestla, die Tochter des Riesen Bolthorn, zur Frau nahm. Dies Paar hatte
+drei Söhne, Odin, Wili und We. Nur bei Snorri steht dieser wunderliche
+und dunkle Bericht. Der Name Audumla widerstrebt der Deutung. Ihr Amt
+ist ein zwiefaches. Sie nährt den Ymir, wozu sich anderwärts ähnliches
+nachweisen lässt. Zeus hat eine Ziege zur Amme; in Sage und Legende
+treten häufig Tiere als Nährmütter der Menschenkinder auf. Da noch kein
+andres Leben herrscht, muss die Sage der Audumla denselben Ursprung
+beilegen wie dem Ymir. Wer in Audumla die Nass und Fruchtbarkeit
+spendende Wolke sieht, weil in einigen Mythologien, namentlich in der
+indischen, die Wolken oft als Milchkühe erscheinen, verkennt doch zu
+sehr den Unterschied zwischen südlicher und hochnordischer Natur.
+Unerhört aber ist, dass die Kuh die Götter zum Leben erweckt. Riesen
+und Götter sind nach der nordischen Weltsage nicht erschaffen wie
+Menschen und Zwerge, sondern von selber aus dem Chaos aufgegangen; die
+Riesen früher als die Götter, wie auch die Titanen vor den lichten
+Göttern da sind. Buri und Bur, Wili und We, diese Namen entstammen
+der christlichen Dreiheit, wie bereits oben gezeigt wurde. Ein spät
+erfundener Stammbaum führt Odins Sippe in die Weltanfänge hinauf.
+Während Zeus einem Titanen entsprosst, berührt sich Odin nur mutterhalb
+mit den Riesen.
+
+ * * * * *
+
+So waren die elementaren Naturmächte, die wilden, ungebändigten
+Riesen, und die ordnenden, geistigen, göttlichen Gewalten bereits vor
+Erschaffung des Himmels und der Erde vorhanden. „In den Asen erscheint
+eine edle, gelungene zweite Hervorbringung gegenüber der ersten
+halbmissratenen riesischen. An den Riesen war ein Übermaass des plumpen
+Leibes aufgewandt; bei den Asen gelangten Leib und Seele zu vollem
+Gleichgewicht, und neben unendlicher Stärke und Schönheit entfaltete
+sich durchdringender, schöpferischer Geist“ (J. Grimm, Mythol. 529).
+Alsbald beginnt aber auch der Kampf zwischen ihnen, welcher das ganze
+Dasein der Götter in der nordischen Sage erfüllt. Die Götter bändigen
+die ungezügelten Elemente, um geordnete, wirtliche und wohnliche
+Zustände dem Chaos entgegenzustellen. Aber es bedarf steter, scharfer
+Wachsamkeit, den Bestand des Gewonnenen zu sichern. Am Ende stürzt
+doch alles wieder vor den entfesselten Elementargewalten zusammen. Die
+Riesen rächen ihre lange Unterjochung an den Göttern. Aus den Trümmern
+taucht eine neue vollkommene, sündlose Welt unter einem andern ewigen
+Gotte empor. Auch Zeus ringt seine Macht den Titanen und Giganten ab.
+Doch gewaltiger und heldenhafter ist Odins That, und das in der Zukunft
+drohende Ende, dessen Herannahen die Götter wissen, verleiht der
+nordischen Göttersage eine mit Recht bewunderte erhabene Tragik.
+
+Die Söhne Burs töteten den Ymir, und es lief aus seinem Körper so viel
+Blut, dass sie darin das ganze Geschlecht der Reifriesen ertränkten.
+Nur einer entkam mit seinen Angehörigen: ihn nennen die Riesen
+Bergelmir. Er begab sich mit seiner Frau in ein Boot und rettete sich
+darin. Von ihm stammen die jüngeren Geschlechter der Reifriesen.
+
+Wafthrudnir erzählt (Vafþr. 35):
+
+
+ Ungezählte Winter vor der Erde Schöpfung
+ Geschah Bergelmirs Geburt;
+ Als Frühstes weiss ich, dass der erfahrene Riese
+ Im Boote geborgen ward.
+
+Die Angaben des Liedes und der Gylfaginning stimmen nicht vollständig
+überein. Hier besteigt der Riese mit seiner Frau das Boot[639],
+dort wird er allein hineingelegt, vielleicht als Kind, falls nicht
+die Bezeichnung _„enn fróþe jǫtonn“_, der erfahrene Riese, dagegen
+spricht. Die nordische Sinflut[640] fällt noch in die chaotische,
+urweltliche Zeit. Sie entsteht aus dem Blute des erschlagenen Ymir zur
+Vernichtung seiner Nachkommen. Die Götter versuchen durch Totschlag
+und Überschwemmung ihre Gegner zu verderben. Auch die nordische Flut
+wird zur Strafe wilden Übermutes von den Göttern verursacht. Dass
+die Flut mit Ymir zusammenhängt, findet vielleicht in den Worten der
+Genesis 7, 11 _rupti omnes fontes abyssi_, wodurch die biblische Flut
+herbeigeführt wird, Erklärung, sobald nämlich hier, wie an andern
+Stellen Abyssus persönlich gedacht wird.
+
+
+2. Die Schöpfung der Erde und des Himmels.
+
+Die Söhne Burs erhuben nun die Lande und erschufen den schönen Midgard,
+und zwar aus dem Riesenleibe.[641]
+
+ Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen,
+ Aus dem Blute das brausende Meer,
+ Die Berge aus dem Gebein, die Bäume aus den Haaren,
+ Aus dem Schädel das schimmernde Himmelsdach.
+ Doch aus seinen Wimpern schufen weise Götter
+ Midgard dem Menschengeschlecht;
+ Aus dem Hirne endlich sind all die hartgesinnten
+ Wetterwolken gemacht.
+
+Gylfaginning Kap. 8 fügt noch bei, die Götter hätten den erschlagenen
+Ymir in die Mitte von Ginnunga Gap geschleppt und dort aus seinem Leibe
+die Welt gebildet. Aus dem Schädel fertigten sie den Himmel und setzten
+ihn über die Erde auf vier vorstehenden Stützen, und unter jede Stütze
+setzten sie einen Zwerg, den Austri, Westri, Nordri und Sudri. Um die
+Erde rings herum legten sie das Meer. Himmel und Erde sind also zum
+Riesenleibe in Beziehung gesetzt. Die Himmelswölbung wird dem gewölbten
+Riesenschädel verglichen, folgerichtig sind die das Himmelsgewölbe
+erfüllenden Wolken aus dem Gehirn Ymirs entsprungen. Der Riesenleib
+ist der Erde gleich, was ins einzelne ausgemalt eine Zusammenstellung
+von Blut und Wasser, Bein und Stein, Haar und Pflanzen ergibt. Dass
+Midgard aus den Wimpern erschaffen ist, deutet auf eine schützende
+Umzäunung, vielleicht auf einen am Rande der Erdscheibe herumlaufenden
+Waldgürtel. Snorri nennt aber Midgard einen Wall (_borg_), den die
+Götter wegen der feindlichen Gesinnung der an den Meeresküsten
+angesiedelten Riesen rund um die Erde errichtet hätten. Auch in andern
+Mythologien finden sich Ansätze oder ähnlich durchgeführte Gleichungen
+zwischen Himmel und Erde und einem Riesenleib. In mittelalterlichen
+Schriften begegnen Spekulationen über das Verhältniss des _Makrokosmos_
+und _Mikrokosmos_. Adams Leib ist aus acht Teilen gebildet, worunter
+die Gleichungen Erde und Fleisch, Stein und Bein, Meer und Blut,
+Pflanzen und Haar, Wolken und Gedanken wiederkehren. Der Unterschied
+zwischen der heidnischen und christlichen Lehre besteht darin, dass
+dort die ganze Natur der auseinander gefallene Urmensch ist, hier der
+Mensch aus natürlichen Elementen zusammengesetzt wird. War man früher
+geneigt, die christliche Vorstellung aus der heidnischen abzuleiten, so
+dringt neuerdings die umgekehrte Auffassung durch, dass die Ymirsage
+von der Adamsage abhängig sei. Schliesslich ist die Möglichkeit
+beiderseitiger selbständiger und unabhängiger Entstehung nicht
+abzuweisen, nachdem ähnliche Gedanken bei den verschiedensten Völkern
+und zu verschiedenen Zeiten auftauchen.
+
+Aus den Funken aus Muspellsheim machten die Götter Himmelslichter. Dann
+ordneten sie den Lauf der Sonne, des Mondes und der Sterne, die Folge
+von Tag und Nacht und die Jahreszählung. Von Süden her beschien die
+Sonne den Erdengrund, da entsprosste grünes Gras.
+
+Darauf schufen die Götter in der Mitte der Welt Asgard, das Götterheim.
+Dort ist ein Ort, der Hlidskjalf (Thürbank, Thürschwelle) heisst. Von
+dort aus kann Odin die ganze Welt übersehen. Der Hochsitz Hlidskjalf,
+der Übersicht über die ganze Welt gewährt, ferner Namen einzelner
+Götterburgen wie Breidablik (Breitglanz), Glitnir (der Glänzende),
+Himinbjorg (Himmelsberg) zeigen deutlich, dass Asgard im Himmel über
+Midgard liegend gedacht ist.[642]
+
+ * * * * *
+
+Wenn ausserdem einige Male noch von Jǫtunheim[643], der Riesenwelt,
+Alfheim[643], der Albenwelt, die Rede ist, so soll damit nur allgemein
+der Aufenthaltsort dieser Wesen bezeichnet werden. Eine bestimmte
+Welt, wie Midgard und Asgard, ist nicht damit gemeint. Anders verhält
+es sich mit Muspellsheim und Niflheim[644], die ja schon in Snorris
+Schöpfungsberichte am Anfange erschienen. Niflheim oder Niflhel gilt
+als die Totenwelt, als die Nebelhölle, als die Unterwelt. Einige
+Male wird nach christlichem Vorbilde auch noch von der untersten
+Hölle gesprochen. Dass die Hölle unter Midgard sich ausdehnt, mag
+altgermanischer Glaube sein. Der Aufenthalt der Toten, die im Grabe
+geborgen werden, muss ja als unterirdisch gedacht werden.
+
+Die Vǫlospǫ́ 2 und die Vafþrúþnesmǫ́l 43 erwähnen neun Welten, _nio
+heimar_. Auf Grund dieser Stellen ist auch in der Snorra Edda beiläufig
+von neun Welten die Rede.[645] Aber nirgends werden sie aufgezählt,
+vor allem nirgends im Weltgebäude vorausgesetzt. So einfach und klar
+das Weltbild der vom Himmel (Asgard) überwölbten Erde (Midgard) sich
+darbietet, so unmöglich ist die Vorstellung von neun Welten, will
+man sie gleichberechtigt mit jenen im Weltganzen unterbringen. In
+den Liedern erscheint die Neunzahl beidemal im selben Zusammenhang
+und im selben Sinn: wer die neun Welten durchfuhr, weiss alles. Die
+neun Welten scheinen nur typisch gezählt zu sein.[646] Die Vǫlva und
+Wafthrudnir wollen damit sagen, dass sie bei allen Wesen und in aller
+Welt geweilt, alles durchforscht haben und darum alles Weltwissen
+besitzen. Ein ähnlicher Gedanke liegt auch dem Alwisliede zu Grunde.
+Thor verlangt vom weisen Zwerge Bescheid, wie einzelne Begriffe in
+den vielen Welten genannt werden, und Alwis antwortet demnach, wie
+Erde, Himmel, Sonne, Mond, Wind, Wolke, Meer, Feuer u. s. w. bei Asen,
+Wanen, Menschen, Riesen, Zwergen, Elben heissen. Darum scheint es ein
+vergebliches Bemühen, die neun Welten als bestimmte Örtlichkeiten
+aufzusuchen, eher sind die verschiedenen Wesenklassen gemeint, deren
+Aufenthaltsorte ja zuweilen auch als „_heimr_“ bezeichnet werden.
+Die Neunzahl mag bildlich zu verstehen sein als der Inbegriff des
+Vorhandenen.
+
+ * * * * *
+
+Die nordische Weltvorstellung ist so zu denken: Midgard ist rings vom
+Meere umgeben, Meer und Erde bilden eine kreisrunde Scheibe, über
+welche sich der Himmel wölbt. Der ganze Weltbau, Himmel und Erde
+und Meer, schwebt im leeren Raum (_ginnunga gap_). Dort war ja Ymir
+zerstückelt worden. Wer sich allzuweit auf das erdumgürtende Meer
+hinauswagt, gelangt schliesslich zu den Grenzen der Welt und läuft
+Gefahr, in den gähnenden leeren Raum zu stürzen. So ist _ginnunga gap_
+im 11. Jahrhundert bei Adam von Bremen ein geographischer Begriff, die
+Grenze des Weltmeers im hohen Norden.[647] Midgard ist die wirkliche
+Erde, wo Menschen wohnen. Über ihr steht die himmlische Götterwelt,
+Asgard, unter ihr dehnt sich die Hölle, Niflheim, aus. Ausser Asgard,
+Midgard und der Hölle gab es ursprünglich wol nur Utgard. Darunter
+sind unwirtliche, dem Anbau widerstrebende, öde und wilde Landstrecken
+gemeint; dorthin sind Trolle und Riesen versetzt. Bei der Fahrt Thors
+nach Utgard, ins Riesenland, ist es jenseits des Meeres gedacht. Nach
+ihrer Landung haben die Gesellen noch einen breiten und weiten Wald
+zu durchwandern. Nach der Gylfaginning werden die Riesen längs der
+Meeresküste angesiedelt. Die Vorstellungen über die Lage von Utgard
+schwanken. Ursprünglich galt wol die Anschauung, dass die Riesen
+streckenweise am diesseitigen Gestade, vor dem Schutzwall Midgards,
+hausten, im Ost- und Nordgebirge Norwegens. Denn jenseits des Meeres
+ist Ginnunga Gap. Im 9. und 10. Jahrhundert erweiterten sich die
+geographischen Begriffe der Nordleute beträchtlich infolge der
+Entdeckungsfahrten. Um 880 wurde das Nordkap umschifft, um 874 Island
+entdeckt, gegen Ende des 10. Jahrhunderts Grönland. Infolge davon
+scheint Utgard jenseits des Meeres verlegt worden zu sein. Handelt es
+sich ja doch auch um kein rechtes bewohnbares Land, vielmehr um wüste
+Gegenden. Da die Riesen schon vor Erschaffung von Midgard und Asgard im
+chaotischen Urzustände, im Ginnunga Gap heimisch waren, so fällt Utgard
+mit Ginnunga Gap gewissermaassen zusammen.
+
+Wie viel von diesen Vorstellungen gemeingermanisch sind, lässt sich
+einigermaassen bestimmen. Schwerlich die Schöpfung, wol aber die
+Einrichtung der Welt dachten sich auch die andern Stämme gleich.
+Denn derselbe Name für die bewohnte Erde (got. _midjungards_, ahd.
+_mittil-mittingart_, as. _middilgard_, ags. _middangeard_) geht überall
+durch. Midgard ist der mittlere, eingefriedigte Raum, das mittlere
+Gehege. Der Begriff „Mitte“ geht von der natürlichen Anschauung aus,
+wonach die Erde im Mittelpunkt der Welt steht. Möglicherweise ist auch
+wie im griechischen μεσόγαια das Binnenland gemeint im Hinblick auf
+das umgürtende Erdmeer. Als Erdkreis und Himmelskugel stellt sich die
+Welt dem Auge dar. Dass die Götter im Himmel hausen, ist von selbst
+verständlich und wird im langobardischen Wodansliede bezeugt. Auch die
+Hölle ist allen Germanen bekannt. Die Namen Asgard, Utgard u. a. sind
+aber auf den Norden beschränkt. Die Grundzüge des Weltbildes scheinen
+somit gemeingermanisch, die Einzelheiten und die Sagen von ihrem
+Ursprung müssen wir als ausschliesslich nordisch betrachten, so lange
+anderweitige unzweifelhafte Überlieferung versagt.
+
+ * * * * *
+
+Noch einige Sagen, die auf Tag und Nacht, Sonne und Mond Bezug nehmen,
+stehen in äusserlichem Zusammenhang mit der Kosmologie. Aber man
+merkt beim ersten Blick, dass sie viel jünger sind. Ihr Ursprung
+liegt teilweise in dem Bestreben nach der Personifikation bestimmter
+Erscheinungen und Vorgänge des Naturlebens. Auch fremde Vorbilder
+mögen teilweise eingewirkt haben.
+
+Tag und Nacht sind von Allvater an den Himmel gesetzt. Er gab ihnen
+zwei Pferde und zwei Wagen, auf denen sie um die Erde fahren. Die Nacht
+fährt mit Hrimfaxi, der die Erde mit seinen Gebisstropfen betaut; der
+Tag hat den Skinfaxi, von dessen Mähne Luft und Erde erglänzt.[648]
+Auch in Deutschland trifft man das Bild des einher reitenden Tages,
+der begrüsst wird wie eine freundliche Gottheit. Bældæg, heller Tag,
+war des Lichtgottes Namen bei den Angelsachsen. Die vom Zauberschlaf
+erwachte Brynhild ruft mit feierlichem Grusse den Tag und die Söhne des
+Tages (Lichtgottheiten), die Nacht und die Tochter der Nacht (Jord, die
+Erde) an. Bereits die zahlreichen Redensarten, die von Tag und Nacht
+gebräuchlich sind, drängen auf Personifikation hin. Mit dem Tage mag in
+früherer Zeit leicht auch das Bild des Lichtgottes verschmolzen sein.
+Der Tag auf Skinfaxi, dem hellmähnigen Rosse, mag aus dem reisigen
+Himmelsgotte, aus Baldr-Bældæg entwickelt sein. Aber die auf dem Wagen
+stehenden, rosselenkenden Gestalten des Tages und der Nacht sowie der
+Sonne erinnern stark an antike Mythen von Helios mit den sonnenhellen,
+von Nyx mit den dunkeln Rossen. Auf die Nachwirkung altarischer Sagen
+zu schliessen, scheint nicht ratsam; denn das, was die Edda von Tag und
+Nacht erzählt, zeigt keine tiefere Verflechtung mit den Grundzügen der
+Götter- und Weltgeschichte. Nur die Begriffsnamen sind zu notdürftiger,
+unselbständiger Persönlichkeit gelangt. Den Verdacht der Entlehnung und
+Nachahmung bestärkt die Genealogie: der Riese Norwi oder Narfi[649] in
+Jotunheim ist Vater der Nacht. Zuerst ist Nott dem Naglfari vermählt,
+dann mit Onar, endlich mit Delling.[650] Der ersten Ehe entsprosst
+Aud, der zweiten Jord, der dritten Dag. Diese Reihe von Zeugungen
+titanischer Wesen hat auffallende Ähnlichkeit mit der hesiodischen
+Theogonie. Aus dem Chaos gingen Erebos und Nox hervor. Mit Erebos
+erzeugte Nox den Äther und Dies. Die Erde, Tartaros und Eros (Amor)
+erhielten in den verschiedenen lateinischen Genealogien, welche in den
+mittelalterlichen Schriften im Anschluss an Hesiod erscheinen, unter
+den Vor- und Nachfahren ihre Stelle. Die nordischen Namen sind zum Teil
+Übersetzungen der griechisch-lateinischen wie Nott-Nox, Nor-Erebus,
+Dag-Dies, Jord-Terra; zum Teil vielleicht volksetymologische
+Umbildungen wie Aud-Äther, Onar-Amor. Naglfari mag den Tartaros
+vertreten.
+
+Das Bild des Sonnenwagens schildert das Grimnirlied 37 und 38.
+
+ Arwakr und Alswid ziehn aufwärts die Sonne,
+ Ziehn matt sich und müde daran,
+ Doch inmitten der Buge brachten milde Asen
+ Klüglich kühlende Eisen an.
+ Swalin heisst er, der Sonnenschild,
+ Der vor der glänzenden Göttin steht,
+ Felsen und Fluten, weiss ich, wird Feuer verzehren,
+ Fällt er einstmals ab.
+
+Die Namen der Rosse bedeuten frühwach (Eous) und allklug. Dem Norden
+eigen sind die Blasebälge -- denn nach Gylfaginning sind unter den
+„kühlenden Eisen“ solche zu verstehen --, welche die in der Sonnenglut
+ermattenden Pferde immer neu abkühlen und erfrischen. Eigentümlich
+ist der Sonnenschild Svalin (der abkühlende), welcher die Erde vor
+dem Verbrennen bewahrt. Vielleicht ist eine Vermischung zweier
+Vorstellungen im Spiele. Die Sonne wird auch „Himmelsschild“[651]
+genannt. Sonnenwagen und Sonnenschild scheinen vereinigt. Märchenhaft
+klingt der Bericht der Gylfaginning, Kap. 11: Mundilföri hatte zwei
+Kinder: Mani (Mond) hiess der Sohn und Sol die Tochter. Diese wurde mit
+Glen (glänzend) vermählt. Die Götter zürnten wegen des Hochmuts, dass
+sie solche Namen führten, und setzten sie an den Himmel. Sol liessen
+sie die Pferde lenken, die den Wagen der Sonne zogen, welche die Götter
+aus einem Funken geschaffen hatten, der aus Muspellsheim flog.[652]
+Man erkennt das Bestreben, die späte märchenhafte Erfindung von der
+Abstammung der Sonne mit der alten echten Sage, die das Himmelslicht
+als Geschöpf der Götter bezeichnet, in notdürftigen Einklang zu
+bringen. Die Mondflecken[653] gaben zu allerlei Erzählungen unter den
+verschiedenen Völkern der Erde Anlass, so auch zu folgender nordischer,
+die a. a. O. steht: Mani lenkt den Lauf des Mondes und waltet über
+Neumond und Vollmond. Er hob von der Erde die beiden Kinder Bil und
+Hjuki zu sich empor, als sie vom Brunnen kamen, der Byrgir heisst;
+ihr Wassergefäss hiess Sägr und die Stange, an der sie es auf den
+Achseln trugen, Simul. Widfinn hiess der Vater dieser Kinder, die
+den Mond begleiten, wie man das von der Erde aus sehen kann. Also
+zwei Gestalten, die einen Wassereimer an der Stange auf den Schultern
+trugen, sah man in den Mondflecken.
+
+Der weitverbreitete Volksglaube, der in Sonnen- und Mondsfinsternissen
+Untiere erblickt, welche die Gestirne zu verschlingen drohen,
+zeigt sich auch im Norden in den Wölfen Skoll und Hati, dem Sohne
+Hrodwitnirs, d. i. Fenrirs.[654] Nach Vafþr. 47 verschlingt Fenrir
+selber die Sonne, die aber eine Tochter gebiert, welche nach dem Falle
+der Götter die Pfade der Mutter fahren wird. Bei ganzer Verfinsterung
+nimmt der Volksglaube ein vollständiges Verschlingen, aber auch eine
+Erneuung, eine Wiedergeburt des Gestirnes an. Hati ist der _mánagarmr_,
+der Mondhund, da er den Mond verschlingen wird. Ein Riesenweib ostwärts
+von Midgard im Walde Jarnwid (Eisenwald, Urwald) hat die Teufelsbrut
+geboren. Einst wird das Himmelsgestirn, die Sonne, vom Verfolger
+errafft werden, dann kommt Finsterniss und wüstes Wetter über die Welt.
+
+ * * * * *
+
+Zwischen Erde und Himmel schlugen die Götter eine Brücke, Bifrost, den
+bebenden, zitternden, beweglichen Weg oder _ásbrú_, Asenbrücke, den
+Regenbogen.[655] Sie erglänzt in drei Farben, ist ausserordentlich fest
+und mit grosser Kunst verfertigt. Aber so stark sie ist, wird sie doch
+zerbrechen, wenn Muspells Söhne kommen und hinüber reiten. Ihre Pferde
+müssen dann über breite Ströme schwimmen und so beenden sie den Ritt.
+Denn nichts in der Welt ist so fest, dass es bestehen könnte, wenn die
+Söhne Muspells verheerend hereinbrechen.
+
+
+3. Die Schöpfung der Zwerge und der Menschen.
+
+Nachdem die Erde erschaffen und Asgard wohnlich eingerichtet war,
+gedachten die Götter daran, Midgard mit lebenden Wesen, mit Zwergen
+und Menschen zu bevölkern. Sie sassen darüber zu Rate, wer der Zwerge
+Schar aus Brimirs Blut und Blains Gliedern erschaffen sollte. Es
+entstanden die mächtigen Zwerge Motsognir und Durin und viele andere,
+welche in der Erde Menschenbilder nach Durins Angabe verfertigten.
+Den kurzen Bericht der Vǫlospǫ́ 10 ff. ergänzt und verdeutlicht die
+Gylfaginning Kap. 14. Brimir und Blain sind Beinamen Ymirs. Dadurch
+wird erst die Entstehung der Zwerge klar, welche mit der Weltschöpfung
+verknüpft ist. Wie Maden in Ymirs Fleische, so waren die Zwerge unter
+der Oberfläche im Erdboden drunten gewachsen; so hatten sie zuerst als
+Maden Leben gewonnen. Nach der Bestimmung der Götter erhielten sie
+aber jetzt menschlichen Verstand und menschliche Gestalt. Doch leben
+sie wie vorher in der Erde und im Gestein. Also nicht der Lebenskeim
+der Zwerge, die von selbst im Riesenleibe wucherten, wol aber die
+Lebensform ist von den Göttern gesetzt. Die Riesen sind älter als die
+Götter und von ihnen unabhängig, aber die Zwerge sind ihre Geschöpfe.
+
+Über den Ursprung der Menschen gingen bei den germanischen Stämmen
+verschiedene Sagen. Der Urmensch Mannus ist von einem göttlichen oder
+riesischen Wesen erzeugt. Die Istvaeonen, Ingwaeonen, Erminonen waren
+Göttersöhne. Edle Geschlechter entstammen unmittelbar von den Göttern,
+von Odin, Freyr, Tyr. Alle Menschen sind Heimdalls Kinder. Aber die
+Menschen sind auch aus der elementaren Naturkraft entsprungen, aus
+Felsen und Bäumen gewachsen. Die Semnonen verehrten im heiligen Hain
+den Ursprung ihres Volkes (_initia gentis_). Das Handwerksburschenlied
+weiss von Sachsen, wo die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen. Im
+Froschmeuseler ist Aschanes mit seinen Sachsen aus den Harzfelsen
+gewachsen. Entsprechende Züge bietet die griechische Sage dar. Endlich
+sind die Menschen von andern höheren Wesen geformt, gestaltet und
+beseelt. Wozu die Zwerge im Erdinnern Menschenbilder schufen, erfahren
+wir nicht. Aber wir hören, wie die Götter am Ursprung der Menschheit
+gewirkt. Die Vǫlospǫ́ 17/18 erzählt: Drei Asen, mächtig und hold,
+fanden im Lande kraftlos Ask und Embla, unsichern Looses. Hauch und
+Seele hatten sie nicht, noch Gebärde noch Wärme noch blühende Farben.
+Odin gab den Hauch, Hönir die Seele, Lodur die Wärme und leuchtende
+Farben. Die Gylfaginning Kap. 9 erzählt den Hergang so: Als Burs Söhne
+am Meeresstrande wandelten, fanden sie zwei Hölzer und schufen aus
+ihnen Menschen. Der erste gab ihnen die Seele, der zweite das Leben,
+der dritte Gehör und Gesicht, und es hiess der Mann Ask und die Frau
+Embla. Von ihnen stammt das Menschengeschlecht. Die beiden Berichte
+stimmen nicht genau überein, im Liede fehlt die bestimmte Angabe, in
+welcher Beschaffenheit Ask und Embla aufgefunden wurden. Auch die
+Übersetzung der Stelle der Gylfaginning bereitet Schwierigkeiten.
+_Fundu tré tvau_ bedeutet wörtlich: zwei Hölzer; _tré_ kann ebenso
+Baumstamm, Baum bedeuten, als _trémann_, d. i. Menschenbild, aus Holz
+gefertigt. Da an beiden Stellen nur von einer Beseelung und Belebung,
+nicht aber von einer Gestaltung die Rede ist, möchte man glauben,
+dass die Götter hölzerne Menschenbilder, vielleicht von den Zwergen
+geschnitzt, vorfanden und sie belebten. Die Schöpfung der Menschen
+wäre somit von Zwergen begonnen, von Göttern vollbracht worden. Der
+Name des Stammvaters der Menschen, Askr, Esche, weist auf seinen
+Ursprung aus Eschenholz zurück. Hesiod meldet, das eherne Geschlecht
+sei von Zeus ἐκ μελιᾶν, aus Eschen, geschaffen worden. Ob auch in
+Embla ein Baumname steckt (Ulme?), ist zweifelhaft. Jedenfalls steht
+im Hintergrunde die uralte Vorstellung, dass die ersten Menschen
+aus Bäumen gewachsen seien. Aber neu hinzugefügt ist, dass dieses
+Herauswachsen nicht von selbst erfolgte, sondern durch die Beteiligung
+göttlicher Wesen. Zunächst wurde das Holz gestaltet, dann belebt. Und
+in diesen Zuthaten sind fremde Einwirkungen unverkennbar. Vorbild
+ist die biblische Schöpfungssage mit der üblichen mittelalterlichen
+Auslegung. Hauptsächlich in zwei Punkten zeigt sich dieser Einfluss.
+Die Beseelung geht von der Götterdreiheit aus. Im Mittelalter galt
+allgemein die Anschauung, gestützt auf die Pluralwendung der Vulgata:
+_faciamus hominem_, dass bei der Menschenschöpfung die Dreieinigkeit
+thätig gewesen sei. Ferner beruht der gleiche Stabreim _Askr und
+Embla_ mit _Adam und Eva_ kaum auf Zufall. Wir haben in der nordischen
+Menschenschöpfung[656] ein lehrreiches Beispiel dafür, wie heimische
+und fremde Vorstellungen sich mit einander vermischten.
+
+
+4. Der Weltbaum.[657]
+
+Ein völlig verschiedenes Weltbild bietet sich im Weltbaume dar,
+welcher unter mehreren Namen als _Yggdrasil_, _Mimameid_, _Lärad_
+vorkommt. Von ihm hören wir in der Vǫlospǫ́, im Grimnirlied und in den
+Fjǫlsvinnsmǫ́l; einiges trägt die Gylfaginning nach. Die Seherin kannte
+den Baum schon in Urzeiten, als er ein Schössling war, der noch nicht
+über den Erdboden heraufgetrieben hatte (Vǫl. 2).
+
+ Vǫl. 19 Eine Esche kenn ich, Yggdrasil heisst sie,
+ Den gewaltigen Baum netzt weisses Nass;
+ Von dort kommt der Tau, der die Thäler befeuchtet;
+ Immergrün steht er an der Urd Quelle.
+
+ Grimn. 31 Drei Wurzeln sendet nach drei Seiten
+ Yggdrasils Esche aus:
+ Unter der einen wohnt Hel, unter der andern die Riesen,
+ Die dritte das Menschenvolk deckt.
+
+Im Liede von Fjolswid 13/14 wird des Baumes gedacht.
+
+ Swipdag.
+
+ Ich frage, Fjolswid, und fordre Antwort,
+ Künde mir, was ich wissen will:
+ Wie heisst der Baum, der mit breiten Ästen
+ Die weite Welt überwölbt?
+
+ Fjolswid.
+
+ Mimameid heisst er, kein Mensch weiss es,
+ Aus welchen Wurzeln er wuchs.
+ Niemand ahnt’s, was ihn niederstreckt,
+ Feuer nicht fällt ihn noch Stahl.
+
+Baum des Mimi (auch Mim oder Mimir genannt) heisst die Esche, weil
+nach Vǫl. 27 u. 29 Mimirs Quelle am Fusse des heiligen Baumes rauscht,
+der von ihren Fluten benetzt wird. Der goldene Hahn Widofnir sitzt
+als Wächter gegen die Riesen in Mimameids Geäst nach Fjǫls. 17/18.
+Heimdalls Horn, das dereinst zum letzten Kampfe ertönen wird, ruht
+bis dahin unter der Esche Yggdrasil geborgen (Vǫl. 27). An der Esche
+Yggdrasil sitzen die Götter alle Tage zu Gericht. Thor durchwatet
+täglich mehrere Flüsse, um dahin zu gelangen (Grímn. 29). In den
+Zweigen der Esche sitzt ein Adler, dem grosses Wissen verliehen ist;
+zwischen seinen Augen sitzt der Habicht, der Wedrfolnir heisst. Ein
+Eichhörnchen mit Namen Ratatosk (Rattenzahn) läuft an der Esche auf und
+ab und trägt dem Nidhogg (d. i. schadengierig hauend), dem Wurme an der
+Wurzel unten, und dem Adler die gehässigen Worte zu, die beide über
+einander äussern (Grímn. 32, Gylfag. Kap. 16). Vier Hirsche laufen in
+den Zweigen der Esche und beissen die Triebe ab. Viele Schlangen sind
+unten bei Nidhogg (Grímn. 33/4).
+
+ Grímn. 35 Yggdrasils Esche muss Ungemach leiden
+ Mehr als ein Menschenkind ahnt:
+ Oben frisst der Hirsch, es fault die eine Seite,
+ Während Nidhogg die Wurzeln benagt.
+
+Nach Grímn. 25/6 erhebt sich der Baum Lärad in Walhall. Auf dem Dache
+der Halle stehen die Ziege Heidrun und der Hirsch Eikthyrnir und
+verzehren die Zweige. Dieselbe Vorstellung scheint hier zu herrschen.
+Lärad ist wol als der Wipfel der Weltesche zu denken. Yggdrasil heisst
+_mjǫtviđr_, Baum mit dem rechten Maasse, d. h. der das Maass gibt, das
+Schicksal zumisst, Beim Weltkampfe erbebt und ächzt der alte Baum. Aber
+er überdauert den Brand. Nach Vafþr. 45 verbirgt sich das Menschenpaar,
+von dem die Geschlechter in der erneuten Welt stammen, in Hoddmimirs
+Holz. Mimirs Holz ist gleich Mimameid, die Weltesche. Mit Hilfe der
+Beschreibung in Gylfaginning Kap. 15 ergibt sich folgendes Bild vom
+Weltbaum: Die Esche ist der grösste und beste aller Bäume. Ihre Zweige
+erstrecken sich über alle Welt und ragen über den Himmel empor. Drei
+Wurzeln treibt der Baum, zu den Menschen (die Gylfag. sagt sinnlos: zu
+den Asen, bei denen doch nur der Gipfel sein kann), zu den Riesen, zur
+Hölle. Unter der Höllenwurzel liegt der Brunnen Hwergelmir und Nidhogg
+benagt sie von unten; unter der Wurzel, die zu den Reifriesen sich
+verästet, ist Mimirs Brunnen; unter der dritten Wurzel befindet sich
+der Brunnen der Urd. Die Wurzeln, unter denen Quellen hervorbrechen,
+sind unter Midgard in Niflheim und im Riesenheim, also an den Grenzen
+von Midgard, auf Midgard selber belegen. Der Stamm erhebt sich aus
+der Mitte der Erde. Das Gezweig und die Krone überwölben die Erde und
+erfüllen den Himmel.
+
+Im Weltbaum Yggdrasil vermischen sich heimische und fremde Bestandteile
+in ganz besonderer Art. Heilige Bäume, in deren Schatten Gericht
+gehalten wird, aus deren Wurzeln Quellen hervorsprudeln, die von
+weissagenden Frauen bewohnt sind, begegnen oft im germanischen
+Glauben. Solche Züge finden sich auch im Bilde Yggdrasils. Aber damit
+ist weder Name noch Bedeutung des Weltbaumes hinreichend erklärt.
+Yggdrasil ist zusammengesetzt aus _Yggr_ „der Fürchterliche“, einer
+Bezeichnung Odins, und _drasill_, einer in der Skaldensprache üblichen
+Bezeichnung für Pferd, der Name besagt Odins Pferd. Nun war es eine im
+Nordischen ebenso wie im Deutschen und Englischen allgemein verbreitete
+Ausdrucksweise, den Gehenkten als Reiter und den Galgen als sein
+Pferd zu bezeichnen. Odins Pferd ist also eine Umschreibung für Odins
+Galgen. Der Name Yggdrasil meint demnach den Baum, der Odins Galgen
+war. Offenbar ist die Bedeutung, die man dem Baum in seiner Eigenschaft
+als Symbol der Welt beilegte, eben in der Thatsache begründet, dass
+er Odins Galgen war. Auch Christi Kreuz heisst in einem englischen
+Gedichte des 14. Jahrh., das aber den Ausdruck schwerlich schuf,
+sondern aus älterer Überlieferung schöpfte, _Christi Pferd_. Damit ist
+der Weg zur Erklärung Yggdrasils gewiesen. Zug für Zug erweist Bugge
+die vollkommene Übereinstimmung zwischen den mit Yggdrasil und den im
+Mittelalter mit dem Kreuze verknüpften Vorstellungen. Das Verhältniss
+kann nur so gedacht werden, dass Yggdrasil unter der Einwirkung der
+Kreuzessagen entstand, nicht etwa so, dass in letzteren heidnische
+Erinnerungen nachwirken. Denn die Vorstellungen vom Kreuze haften
+bereits in solchen altchristlichen Schriften, wo eine germanische
+Einwirkung mit Rücksicht auf Zeit und Ort durchaus unmöglich ist.
+Das Kreuz wurde in den bekanntesten christlichen Hymnen als ein Baum
+besungen, der seine Lebenskraft aus einer Quelle an seiner Wurzel
+sog, als ein Baum mit Laub und Früchten. So lautet noch ein mhd.
+Rätsel, dessen Lösung der Kreuzesbaum ist: Ein edler Baum ist in einem
+Garten gewachsen, der mit grosser Kunst angelegt ist. Seine Wurzel
+reicht zum Grund der Hölle, sein Wipfel berührt den Thron Gottes,
+seine breiten Zweige halten die ganze Welt umfasst. Der Baum steht in
+voller Pracht und herrlich im Laub. Wir haben auf der einen Seite die
+Yggdrasilsesche, die der beste aller Bäume heisst. Ihr Wipfel ragt
+über den Himmel empor, ihre Zweige breiten sich über alle Welt und die
+Hölle liegt unter einer ihrer Wurzeln. Auf der andern Seite haben wir
+in christlichen Darstellungen den Kreuzesbaum, hervorgegangen aus einer
+Verschmelzung des Kreuzes mit dem paradiesischen Baum des Lebens und
+dem der Erkenntniss, den besten aller Bäume. Mit seinem Wipfel erreicht
+er den Himmel, mit seinen Zweigen oder Armen umfasst er alle Welt, und
+mit seiner Wurzel oder seinem Fusse reicht er bis in die unterirdische
+Totenwelt. Wenn Nidhogg und andere Würmer an der zur Hölle reichenden
+Wurzel Yggdrasils nagen, so knüpft diese Vorstellung zum Teil an die
+Schlange am Baume der Erkenntniss an und an die schlangenerfüllte
+Hölle, den „Wurmsaal“ (_wyrmsele_), wie in ags. Gedichten die Hölle
+benannt ist. Mimir, der Quellgeist, der am Fusse des heiligen Baumes
+wohnt, ist nordischen Ursprungs. Dass man aber Mimirs Haupt unter
+Yggdrasil dachte, mag durch die christliche Vorstellung veranlasst
+sein, dass der Kreuzesbaum über Adams Schädel steht. Endlich bedürfen
+die Tiere an der Weltesche noch der Aufklärung. In Nordengland befinden
+sich mehrere aus dem 7./9. Jahrh. stammende Steinkreuze, deren
+Schmalseiten mit Rankenwerk bedeckt sind. In dem Rebengezweige sitzen
+Tiere übereinander, Drachen, Eichhörnchen, Vögel, welche von dem Laube
+fressen. Solche bildliche Darstellungen, welche sich den Nordleuten auf
+ihren Fahrten nach England darboten, gaben den Anlass, den Kreuzesbaum
+mit Tieren zu bevölkern. Auf englische Herkunft der Tiere am nordischen
+Weltbaum deutet bestimmt der Name des Eichhorns Ratatoskr, Rattenzahn.
+Sowol _rati_, Ratte, als auch _toskr_ (ags. _tusc_) sind englische
+Lehnwörter. Die Tiere Yggdrasils sind zu einander in ein Verhältniss
+gebracht, wie es zwischen den Tieren auf der Weinranke der englischen
+Kreuze nicht besteht. Da tritt eben die umbildende Phantasie der
+Nordleute in Thätigkeit, vielleicht angeregt durch eine Fabel. Im
+Wipfel einer Eiche nistete ein Adler, mitten im Baum hatte eine
+Wildkatze ihr Loch, an den Wurzeln hauste ein Wildschwein mit seinen
+Jungen. Durch falsche, bösartige Doppelzüngigkeit brachte die Katze den
+Adler und das Wildschwein ins Verderben, indem sie Hass- und Neidworte
+vom einen zum andern trug.
+
++Dass ein Baum, welcher dem höchsten Gott wie einem Geopferten zum
+Galgen dient, davon seinen Namen erhält und in dieser Eigenschaft zum
+heiligen Symbole der Welt erhoben wird+, streitet bestimmt gegen die
+Vorstellung von heiligen Bäumen und vom obersten Gott, wie wir sie
+bei heidnischen Völkern anzutreffen gewohnt sind. Alle Ungereimtheit
+schwindet, sobald wir des Kreuzes gedenken. Yggdrasil ist eine
+Nachahmung des Kreuzesbaumes, wie er im Glauben der christlichen Völker
+des Mittelalters lebte. Erst in der Wikingerzeit kann der Mythus
+entstanden sein.
+
+
+III. Weltuntergang.
+
+Eine zusammenhängende Schilderung vom Schicksale der Götter, vom
+Untergang und von der Erneuerung der Welt schöpfen wir hauptsächlich
+aus der Vǫlospǫ́, wozu ergänzend einige Stellen des Wafthrudnirliedes
+und des Hyndlaliedes treten. Die Gylfaginning Kap. 51-53 beruht auf
+denselben Quellen, hat aber einiges missverstanden, umgestellt und
+hinzugefügt. Auf die 57. Strophe der Vǫlospǫ́, worin die Verfinsterung
+der Sonne, das Herabfallen der Sterne, das Versinken der Erde im Meer,
+der Weltbrand geschildert sind, beziehen sich die Skalden Kormak um
+935 und Arnor jarlaskald um 1065.[658] Die Preislieder auf die Könige
+Eirik und Hakon, zwischen 940-950 und 961-970 verfasst, gedenken
+der schrecklichen Zukunft, da der Wolf Fenrir los wird und über den
+Wohnsitz der Götter und Menschen hin rennt.
+
+ * * * * *
+
+Am Morgen der Zeiten, nachdem die Schöpfung vollbracht ist, verleben
+die Götter ihr Goldalter auf dem Idafeld, in Edens Gefilden.[659]
+
+ Vǫl. 7. Auf Idafeld kamen die Asen zusammen,
+ Altäre zu schaffen und Tempel zu bauen;
+ Sie gründeten Essen, das Gold zu schmieden,
+ Hämmerten Zangen und Handwerkszeug.
+
+ Vǫl. 8. Im Hofe übten sie heiter das Brettspiel --
+ An blitzendem Golde gebrach’s ihnen nicht --
+ Bis die mächtigen drei Mädchen kamen,
+ Die Töchter der Riesen aus Thursenheim.
+
+Unter diesen drei Mädchen glaubt man die drei Nornen verstehen zu
+dürfen, obschon niemals von deren riesischer Abkunft die Rede ist.
+Ihr Erscheinen schliesst die goldene Friedenszeit ab. Nun schildert
+die Seherin die Hauptbegebenheiten der Götter. Mit dem Totschlag
+der Gullweig in Walhall hebt der erste Streit zwischen Asen und
+Wanen an, der erste Weltkrieg. Die gebrochene Götterburg stellte der
+Riesenbaumeister wieder her. Aber er ward um seinen Lohn, um Freyja,
+Sonne und Mond, die er sich ausbedungen hatte, betrogen.
+
+ Vǫl. 26. Da wankten die Eide, die Worte und Schwüre,
+ Die festen Verträge, die man vordem schloss.
+
+Gewaltthat, Krieg, Wortbruch führen eine neue schwere Zeit herauf, die
+bis zum Ende von rastlosem Kampfe erfüllt bleibt. Nachdem einmal der
+Gedanke an einen Untergang der Welt sich befestigt hatte, gewannen alle
+Handlungen der Götter eine tiefere und weitere Bedeutung. Namentlich
+Thors Kämpfe mit den Unholden müssen in ein ganz neues Licht rücken.
+An den Grenzen der Welt lauern die Riesen, um hereinbrechend das alte
+Chaos wieder an Stelle der Weltordnung zu setzen. Die Götter haben
+die Aufgabe, den Bestand der Schöpfung zu sichern. Sorgenvoll sieht
+Odin die drohenden Anzeichen des nahenden Verderbens sich mehren,
+aber ernst gefasst schreitet er dem Verhängniss entgegen, heldenhaft
+reitet er endlich zum letzten Kampfe. Heimdalls Horn wird am Weltbaum
+verborgen, bis sein gellender Klang zum letzten Kampfe ruft. Aus Mimirs
+Quell schöpft Odin gegen Verpfändung seines einen Auges Weisheit.
+Krieg verbreitet sich unter den Menschen, weithin über die Erde reiten
+die Walküren. Unheilverkündende Träume erschrecken die Asen, von der
+Seherin, die er aus dem Todesschlafe aufsingt, holt Odin die düstre
+Kunde vom Falle Baldrs. Der lichte Gott ist tot, aber in Wali ersteht
+ihm ein Rächer, der Anstifter des Unheils, Loki, wird in Fesseln
+geschlagen. Ostwärts im Eisenwalde (im Urwalde) bringt ein altes
+Riesenweib Fenrirs Brut zur Welt, aus welcher der unholdsgestaltige
+Erraffer der Sonne hervorgeht. Der nährt sich vom Fleisch Gefallener
+und rötet mit rotem Blute den Sitz der Götter, der Sonnenschein
+verdüstert sich, in den Sommern darauf kommt wüstes Wetter. Nachdem
+das Untier gross geworden, greift es also die Sonne an und verwandelt
+ihren hellen Schein in blutrote Farbe, wie bei der Verfinsterung zu
+sehen ist. Die Gylfaginning berichtet von einem schrecklichen Winter,
+dem Fimbulwinter, der dem Weltende vorangeht. Dann tritt Schneegestöber
+aus allen Himmelsrichtungen ein, es gibt scharfen Frost und Stürme,
+und von der Sonne hat man keinen Nutzen. Es kommen drei Winter hinter
+einander und kein Sommer dazwischen; vorher aber gehen schon drei andre
+Winter, in denen in der ganzen Welt Krieg sich erhebt. Auf diese dem
+Weltuntergang vorausgehenden Naturereignisse beziehen sich die Worte
+des Hyndlaliedes 44:
+
+ Es steigt das Meer im Sturme zum Himmel,
+ Die Länder verschlingt es, die Luft wird eisig;
+ Schneemassen bringt der schneidende Wind,
+ Doch den Regen hemmt der Rat des Schicksals.
+
+Zugleich mit der Verschlechterung des Wetters und im Gefolge der
+überhandnehmenden Kriege tritt ein arger Verfall der Sitten ein.
+
+ Vǫl. 45. Es befehden sich Brüder und fällen einander,
+ Die Banden des Bluts brechen Schwestersöhne,
+ Arg ist’s in der Welt, viel Unzucht gibt es --
+ Beilzeit, Schwertzeit, es bersten die Schilde,
+ Windzeit, Wolfzeit, ehe die Welt versinkt --
+ Nicht einer der Menschen wird den andern schonen.
+
+An Riesenheims Mark auf einem Bühle sitzt der frohe Eggther, der
+schwertbewehrte Held, die Harfe schlagend. Ihm zu Häupten, im
+Vogelwalde, schreit der rote Hahn, Fjalar geheissen. Bei den Asen kräht
+Gullinkambi, der goldkämmige Hahn und weckt die Helden in Heervaters
+Halle. In der Erde Tiefen, in der Hölle kräht ein russbrauner Hahn.
+So dämmert der Schlachttag heran; beim Erkrähen der Hähne, am frühen
+Morgen erwachen die Götter und die zum letzten Kampf in Walhall
+versammelten Einherjer, aber auch ihre Feinde, die Riesen und die Leute
+der Hölle. Mims Söhne fangen an zu spielen, die Gewässer geraten in
+unruhige Bewegung; Odin raunt noch mit Mims Haupte. Da ertönt Heimdalls
+gellendes Horn und verkündigt das Ende. Yggdrasil erbebt, der alte
+Baum rauscht. Der gefesselte Teufel, Loki und Fenrir, wird frei; alle
+erschauern auf den Höllenpfaden, ehe er dahin läuft. Wie stehts bei den
+Asen, wie stehts bei den Alben? Ganz Riesenheim tobt. Im Rat versammelt
+sind die Asen. Die Zwerge, der Felswände Bewohner, stöhnen vor den
+steinernen Thüren. So ist am Tage der Entscheidung die gesamte von den
+schrecklichen Vorzeichen erregte Welt in Aufruhr und Verwirrung.
+
+Jetzt brechen die höllischen Mächte los. Garm, der Höllenhund, bellt
+wütend. Fenrir bricht die Bande und rennt dahin. Von Osten her fährt
+Hrym, den Schild im Arme. Im Riesenzorn wälzt sich die Weltschlange
+durch die Wogen. Der Adler krächzt, Leichen zerreissend. Naglfar[660],
+das Schiff, in dem die Riesen heranfahren, wird flott. Von Norden her
+segelt ein Schiff mit den Leuten der Hölle; Loki ist Steuermann. Dem
+Wolfe folgt ein wildes Heer. Von Süden her kommt Surt mit Feuer und
+Schwert. Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln, die Menschen fahren
+zur Hölle, der Himmel birst. Diese Schilderung zeigt, wie Riesen und
+Teufel, die entfesselten Elemente, Wasser und Feuer, von allen Seiten
+her über Midgard hereinbrechen und die Menschen dahin raffen. Das Meer
+steigt im Wogenschwall empor und speit die Riesenschlange aus, die
+Hölle entsendet den Teufel in doppelter Gestalt, Loki und Fenrir, die
+Feuerhölle den Surt. Riesen und Teufel sind die geschworenen Feinde
+der Götter, wie die fortgesetzten Kämpfe zwischen ihnen bezeugen. Am
+jüngsten Tage rücken sie mit voller Macht heran, um den entscheidenden
+Schlag zu führen.
+
+Auf einem weiten Gefilde, Wigrid oder Oskopnir, das tausend Meilen im
+Geviert misst, treffen die seligen Götter und ihre Gegner zusammen.
+Nach altgermanischem Brauche wurde auch die Stätte des Völkerkampfes
+vorher bestimmt. Nach dem Grimnirliede hat Walhall 540 Thore; 800
+Einherjer gehen aus einem jeden Thore hervor, um mit dem Wolfe zu
+kämpfen. Man vermisst die Walküren und Raben, die sonst des Gottes
+feierlichen Aufzug begleiten. Walvater Odin unterm Goldhelm, den
+Speer in der Faust, reitet dem Wolfe Fenrir entgegen. Er erliegt dem
+Untier. Da schreitet Widar hervor, der tritt dem Wolfe in den Rachen
+und stösst ihm die Klinge ins Herz; so rächt er den Vater. Freyr
+kämpft mit Surt und fällt, da er sein treffliches Schwert entbehrt.
+Thor erschlägt die Midgardschlange, aber nur neun Schritte noch weicht
+er vor dem Gifte des Untiers zurück und fällt dann tot zu Boden. Die
+Gylfaginning berichtet noch von zwei weiteren Kämpferpaaren, die sich
+gegenseitig töten, Tyr und der Höllenhund Garm, Heimdall und Loki
+streiten mit einander. Die alte Feindschaft, die zwischen Tyr und Garm,
+Heimdall und Loki besteht, kommt damit zum Austrag. Von der Beteiligung
+der Einherjer am letzten Kampf wird nichts erzählt, obwol nach dem
+Eiriksliede die tapferen Könige im Hinblick auf die letzte Schlacht zu
+Odin versammelt werden, nach der Vǫl. 43 die Helden in Heervaters Saal
+beim Hahnkraht erwachen und nach dem Grimnirlied, aus Walhalls Thoren
+zum Kampfe ausziehen.
+
+Die Götter sind gefallen, da erhebt sich _Muspell_, Surt schleudert
+Feuer über die Erde und verbrennt die ganze Welt. Die Sonne wird
+schwarz, die Erde sinkt ins Meer, vom Himmel schwinden die hellen
+Sterne. Dampf und Feuer sprühen auf, heisse Lohe bedeckt den Himmel.
+
+Aufsteigt zum andern Male eine frisch ergrünende Erde aus dem Meere.
+Über schäumendem Wasserfall fliegt der Adler, der an der Felswand nach
+Fischen jagt. Auf Idafeld finden sich die Asen zusammen und sprechen
+über die gewaltigen Ereignisse, die geschahen. Dort werden sich auch im
+Grase die wundersamen goldenen Täflein finden, die einst in Urzeiten
+die Asen besessen haben. Auf unbesätem Acker wachsen Ähren, alles Böse
+wird gut, Baldr erscheint. Baldr und Hod bewohnen Odins Siegeshalle,
+das Heiligtum der Walgötter. Hönir wählt sich den Looszweig, erforscht
+durch Looswurf die Zukunft; im weiten Himmel wohnen die Söhne der
+Brüder Odins. Widar und Wali walten im Götterheiligtum, wenn Surts Lohe
+verlischt; Modi und Magni werden den Mjolnir besitzen, nachdem Thors
+Kampf beendigt ist. Die Hauptgötter der alten Welt, Odin, Thor, Freyr,
+Tyr, Heimdall, kehren also nicht mehr wieder, ein jüngeres Geschlecht
+löst sie ab. Nur Baldr der Gute und Hönir erscheinen auch in der neuen
+Welt, sonst werden allein die Söhne der Brüder Odins, die Rächer Widar
+und Wali, und die Söhne Thors genannt. Eine neue Sonne leuchtet;
+ehe der Wolf sie verschlang, gebar die alte Sonne eine Tochter,
+welche die Wege der Mutter befährt, wenn die Götter dahin sind. Ein
+neues Menschengeschlecht wird gross. Lif und Lifthrasir, Leben und
+Lebenskraft, hatten sich im Stamme des Weltbaumes verborgen und vom
+Morgentau genährt. Und davon leben die Leute dann. Im goldgedeckten
+Gimle werden die Guten und Tüchtigen wohnen, wenn der allgewaltige,
+hehre Herrscher, dessen Name nicht genannt wird, von oben her zum
+jüngsten Gericht kommt. Von unten her, vom nächtigen Fels, kommt
+der arge Drache geflogen, Nidhogg, der in der Hölle die Leiber der
+Bösewichter frass und an der Wurzel der Weltesche nagte.[661] Überm
+Felde schwebend trägt der auf seinen Fittichen die Leichen. Doch nun
+muss er versinken.
+
+So verlaufen _ragna rök_[662], die Schicksale der Götter in deutlich
+gegliederter Reihenfolge. Die Vorzeichen des nahenden Endes äussern
+sich in Naturerscheinungen und in der Auflösung der sittlichen Ordnung
+unter den Menschen. Dann bricht der Kampftag an, der den Fall der
+Götter heranführt. Die Welt endigt im Feuer, aber sie ersteht wieder
+in neuer, verklärter Gestalt. Jetzt naht der grosse ungenannte Gott
+zum Weltgericht, die Guten wohnen in ewiger Wonne bei ihm, mit den
+Leibern der Bösen versinkt der Höllendrache. Die Übereinstimmung
+mit den christlichen Vorstellungen von den Vorzeichen des jüngsten
+Tages, vom Weltbrand, von der Welterneuung, vom Weltgericht fällt ohne
+weiteres in die Augen, sie erstreckt sich bis in Einzelheiten hinein
+und kann unmöglich auf blossem Zufall beruhen. Die nordische Sage ist
+ohne die christliche Lehre von den letzten Dingen gar nicht denkbar,
+sie muss in den letzten Jahrhunderten des Heidentums entstanden sein,
+als die Nordleute mit den christlichen Völkern in Deutschland und
+Frankreich, England und Irland in Berührung kamen. Bei den zahlreichen
+Fällen von Glaubensmischung, welche die Geschichtsquellen im 9./10.
+Jahrh. bezeugen, ist die Kenntniss christlicher Vorstellungen unter
+den heidnischen Nordleuten gar nicht unwahrscheinlich. Doch darf
+keineswegs an eine äusserliche Nachahmung der christlichen Eschatologie
+gedacht werden, vielmehr liegt darin nur die Anregung zu einer neuen,
+besonderen, von nordischem Geiste erfüllten Dichtung. Darum ist
+ebensosehr die Selbständigkeit und Eigenart der nordischen Sage zu
+betonen.
+
+Durchaus neu und nordisch ist die Auffassung des jüngsten Tages als
+eines Schlachttages. Zwar bietet die christliche Eschatologie bei
+der Erscheinung des Antichrists ebenfalls Kämpfe, und eine besondere
+Sage liess den Elias mit dem Antichrist geradewegs fechten, wie das
+baierische Gedicht Muspilli und anderweitige Überlieferung[663]
+beweisen. Jedoch können diese Züge kaum als Vorbild der grossen
+Götterschlacht gelten. Die Posaune des Engels weckt die Toten zum
+Gericht auf, in der nordischen Sage ruft Heimdalls Horn zum Kampfe.
+Wie die Götter in ihrem Aussehen, Thun und Treiben nur veredelte
+Menschen sind, so beschliessen sie auch ihre Laufbahn, wie es Helden
+geziemt, auf dem längst vorher bestimmten Kampfgefilde. In ihren
+teuflischen Gegnern mögen eher christliche Vorbilder nachwirken, da
+ja, wie das Sprichwort sagt, am jüngsten Tage der Teufel losbricht.
+Ein unentrinnbares Schicksal schwebt über den Walhallgöttern, der
+Heldentod, den der kampffrohe Recke sich am Ende seines Lebens
+wünscht. Sie suchen das Verhängniss aufzuhalten und sind um die
+Zukunft ernstlich besorgt, aber sie wissen’s auch gross und stark zu
+tragen, sie fallen stolz und stumm. Über ihren Leichen lodert der
+Weltbrand.[664] Den Grundgedanken der christlichen Eschatologie, die
+doch den Menschen zunächst angeht, konnte das Heidentum nicht fassen.
+Nur die Thatsache des Weltbrandes kehrt wieder, die Handelnden aber
+sind die Götter, nicht die Menschen. Die Auferstehung klingt in der
+Sage von Lif und Lifthrasir nach; das Weltgericht ist jedenfalls im
+gleichen Sinne wie in der christlichen Lehre gedacht, denn die Guten
+wohnen in ewiger Seligkeit bei Allvater, die Bösen verdammt der
+höchste Richter mit Nidhogg in die Hölle. Von den Vorzeichen ab, die
+nur nordischer Natur gemäss auch einen schrecklichen langen Winter
+hervorheben, verläuft die nordische Eschatologie in allen wesentlichen
+Punkten gleich mit der christlichen. Wir vermissen einzig eine deutlich
+erkennbare Nachahmung des Antichrists, bewundern dagegen als nordische
+Zuthat den Untergang der Götter. Dieser scheint mit bedingt durch das
+Hervortreten Allvaters. Dass auch einige Götter in der neuen Welt
+wiederkehren, ist in der sittlichen Auffassung begründet, welche die
+Gerechten überhaupt der ewigen Seligkeit zuweist. Darum kommt vor
+allen Baldr zurück. Aber die Herrschaft im neuen Himmel steht nicht
+mehr bei den Heidengöttern. Es dürfte schwer halten, die unmittelbaren
+Quellen anzugeben, aus denen die Nordleute schöpften. Das Eindringen
+der christlichen Ideen mag nach und nach, zu verschiedenen Zeiten
+und in verschiedenen Ländern erfolgt sein. Gelehrte, absichtliche
+Überführung scheint ausgeschlossen. Vielmehr handelt es sich um
+allmäliges Bekanntwerden christlicher Vorstellungen, welche die
+Nordleute auf ihren Fahrten aufzunehmen Gelegenheit hatten. Ernste
+Gemüter wurden dadurch zum Nachdenken über den heidnischen Glauben
+angeregt, sie sagten sich von den Opfergöttern los und empfahlen sich
+einer unbekannten, erhabenen, mächtigeren Gottheit. Dem gleichen Ziele
+streben die Dichter zu, welche die alten Götter heldenhaft zu Grunde
+gehen lassen, um nach ihnen auf den starken Herrscher von oben her
+hinzuweisen, dem alles gehorcht. Am deutlichsten tritt der christliche
+Einfluss an zwei Begriffen zu Tage, die noch näher betrachtet werden
+müssen, an _múspell_ und an dem _starken Herrscher von oben_. Múspell
+legt die Vermutung nahe, dass die Nordleute in Niederdeutschland
+christliche Anschauungen aufnahmen. Ausserdem mögen namentlich die
+Angelsachsen manches vermittelt haben.
+
+ * * * * *
+
+Das Wort _mûspilli_[665] begegnet im Altsächsischen und
+Althochdeutschen in geistlichen Gedichten des 9. Jahrh. Das baierische
+Gedicht enthält eine Schilderung des Weltbrandes: „Da zieht der
+Sühnetag ins Land, heimzusuchen die Menschen mit dem Feuer. Da vermag
+kein Verwandter dem andern vor dem _mûspille_ zu helfen.“ Die Begriffe
+_stûatago_, Sühnetag und _mûspilli_ decken sich. Im Heliand 2591 wird
+die Wendung gebraucht: „_mûdspelles_ Macht fährt über die Menschen,
+das Ende dieser Welt“; 4358 „_mûtspelli_ kommt in düstrer Nacht wie
+ein Dieb“; gleichbedeutende Begriffe sind _duomes dag_, Gerichtstag,
+und _the lazto dag theses liohtes_, der jüngste Tag dieser Welt. Die
+Grundform des Wortes scheint _mûdspelli_, _mûdspilli_ zu sein, im
+Ahd. mit Ausfall des dentalen Lautes _mûspilli_, der Sinn Weltende
+durch Feuer, Weltbrand. Die nordischen Gedichte Vǫl. 51 und Lokas. 42
+bringen den Ausdruck _múspelz syner_, Múspells Söhne. Darunter sind
+die Mächte des Verderbens verstanden, welche beim Weltuntergang über
+die Grenzen Midgards hereinbrechen. Dass auch im Norden mit _múspell_
+nicht bloss Weltende überhaupt, sondern Weltbrand gemeint ist, lehrt
+die Auffassung der Gylfaginning Kap. 4, 5, 8, 11. Dort wird im Süden
+die Feuerwelt _Muspellsheim_ gedacht, über welche Surtr[666] die
+Herrschaft hat; in der Hand hält er ein glühendes Schwert und am
+Ende der Welt wird er kommen und alle Götter besiegen und die Welt
+mit Feuer verbrennen. Surtr bedeutet der Schwarze. Meines Erachtens
+ist dieser Feuerriese eine Nachahmung des Teufels, der im Ags. der
+Schwarze, der schwarze Geist, der schwarze Feind (_se bláca_, _se bláca
+gæst_, _se swearta féond_) und noch im Mhd. der _hellemôr_ genannt
+wird. In der mittelalterlichen Vorstellung ist die Hölle ebenso ein
+eisiger, nebliger, dunkler, wie ein feuriger, flammenerfüllter Ort.
+Daraus sonderten sich im Norden zwei Welten, die Nebelhölle mit Loki
+und die Feuerhölle mit Surt. Am jüngsten Tage aber kommen die Teufel
+los, die bisher zurückgehalten worden waren. Die nordische Anwendung
+des Begriffes _múspell_ ist natürlich ursprünglich bildlich gemeint,
+_múspells_ Söhne sind die feindlichen Gewalten, welche den Weltbrand
+veranlassen, die Feuergeister. Die Gylfaginning nimmt das Bild
+wörtlich und gelangt so zur Vorstellung einer Welt, wo diese Dämonen
+bis zu ihrem Hervorbrechen am jüngsten Tage weilen. Dass _Muspellsheim_
+und _Niflheim_ an den Anfang der Welt versetzt werden, erklärt
+sich aus der Lehre von den Elementen, welche der Verfasser dieses
+Abschnittes mit den älteren Sagen verknüpft. Den Namen _mûdspelli_
+finden wir also in Deutschland nur als Glied einer christlichen
+Vorstellungsreihe, während er zugleich auch der nordischen Mythologie
+angehört. Daraus wurde vorschnell geschlossen, Wort und Begriff sind
+urgermanisch, heidnisch und vom Christentum angenommen. _Mûdspelli_
+ist zusammengesetzt aus _mûd_ und _spelli_. _Spelli_, _spilli_ ist
+abgeleitet von as. ags. ahd. _spell_, got. _spill_, Rede, Verkündigung,
+Weissagung. _Mûd_ aber scheint ein Lehnwort, das lateinische _mundus_.
+Auf niederdeutschem Gebiet, bei Sachsen oder Friesen wurde _mundus_
+zu _mûd_ entstellt in Anlehnung an Wörter wie _mûd_, _kûd_, _gûđ_,
+für hochdeutsch _mund_, _kund_, _gund_, aus _*mundspelli_ bildete
+sich _mûdspelli_. Aus Niederdeutschland gelangte der in der frühesten
+Bekehrungszeit etwa um 700 oder in der ersten Hälfte des 8. Jahrh.
+geprägte Ausdruck zu den Hochdeutschen und nach dem Norden. _Mûdspelli_
+bedeutet, was vom _mundus_ verkündigt, geweissagt ist, Prophezeihung
+von der Welt. Das Wichtigste und Grösste, was von der Welt verkündigt
+wird, ist aber das Weltende. Die christlichen Sendboten werden diese
+Kunde eindringlich den Heiden gepredigt haben. Das Furchtbare ergreift
+die Phantasie am mächtigsten, das Weltende und seine Vorzeichen
+beschäftigten im Mittelalter lebhaft den Geist der Menschen. Dass
+aber ein lateinisches Wort mit einem deutschen verbunden wurde, hat
+nichts Auffälliges. In der Anfangszeit der Bekehrung besass die
+deutsche Sprache kein Wort für den umfassenden Begriff _„Welt“_, d. h.
+Himmel und Erde und was drinnen ist. Denn das altdeutsche _weralt_
+heisst Menschheit und nahm erst allmälig in der christlichen Zeit
+die erweiterte Bedeutung an. Für „Erde“ gab es wol Wörter, aber die
+genügten nicht, um die Vorstellung, welche das lateinische _mundus_
+längst besass, zu erwecken. So mussten die Missionäre zunächst wol oder
+übel beim lateinischen Ausdruck beharren. Der neue Begriff wurde den
+Deutschen in Gestalt eines Fremdwortes beigebracht, bis die Sprache
+nach und nach aus eignem Wortschatz den Gedanken auszudrücken lernte.
+So scheint also die Wortbildung _mûdspelli_ gar nicht unmöglich und
+unglaubhaft. Das rechte Verständniss für die Zusammensetzung erlosch
+wol binnen kurzem, aber das Wort haftete im Sinne von Weltuntergang im
+Feuer, Weltbrand. So gelangte es nach dem Süden und nach dem Norden.
+
+ Von oben kommt der allgewalt’ge
+ Hehre Herrscher zum höchsten Gericht
+
+singt die Seherin, und übereinstimmend lauten ihre Worte im Hyndlaliede
+45:
+
+ Doch ein Gott wird kommen, noch grösser an Macht,
+ Nimmer wag ich’s, seinen Namen zu melden:
+ Nur wenige können noch weiter sehen,
+ Als Walvaters Kampf mit dem Wolf beginnt.
+
+Vom Wohnsitze dieses Gottes berichtet die Seherin in Strophe 64 der
+Vǫl.:
+
+ Einen Saal seh ich stehen -- die Sonn’ überstrahlt er --
+ Mit Gold gedeckt auf Gimles Höhen:
+ Dort werden wohnen wackere Scharen
+ Und ein Glück geniessen, das nimmer vergeht.
+
+Nach dieser Stelle wäre Gimle der Name des Berges, auf welchem sich
+der Saal erhebt, worin die Gerechten in der erneuerten Welt wohnen
+werden. Dagegen nennt Snorri den Saal selber Gimle, und dies passt
+auch besser zur Bedeutung des Wortes.[667] Gimle besteht aus an.
+_gimr_, einem Lehnwort, wie ags. _gim_ aus lat. _gemma_ entnommen,
+und aus _hlé_, Obdach. Gimle ist also „Edelsteindach“, ein Saal mit
+goldenem, edelsteinverziertem Dache. Die Gylfaginning im Kapitel 3,
+wie sie von dem durchaus christlich gedachten ewigen Allvater erzählt,
+berichtet: „Rühmlicher, als dass er Himmel und Erde machte, ist das,
+dass er den Menschen schuf und ihm Leben und Seele gab. Der Leib zwar
+verwest, doch alle die Seelen der Rechtschaffenen werden bei ihm
+weilen an dem Orte, der Gimle heisst; die Bösen dagegen kommen zur
+Hel und von dort nach Niflheim, unten in der neunten Welt.“ Weiterhin
+bemerkt die Gylfaginning Kap. 17 zu Vǫl. 64: „Am südlichen Ende des
+Himmels ist der Ort, der von allen der schönste ist und glänzender
+als die Sonne: er heisst Gimle und wird bestehen, wenn auch Himmel
+und Erde untergehen, und die rechtschaffenen Menschen werden dort in
+Ewigkeit wohnen. Gangleri fragte: Wer hütet diesen Ort, wenn Surts
+Lohe Himmel und Erde verbrennt? Har antwortete: So sagt man, dass im
+Süden über unserm Himmel ein andrer sich erhebt, der Widblain (der
+weithin Blaue) heisst und über diesem ein dritter, der Andlang (der
+Entgegengerichtete, vor den Blicken Liegende) genannt wird: an diesem
+meinen wir, dass jener Ort (Gimle) sich befinde.“ Dieser allgewaltige
+Herrscher, der vom obersten Himmel herab zum jüngsten Gerichte
+heranfährt, welcher als der Ewige und Unendliche nach dem Untergang des
+Zeitlichen und Räumlichen hervortritt, ist der Gott des neuen Glaubens,
+wofür schon die ebenfalls christliche Vorstellung von der Dreiheit
+der Himmel[668] zeugt. Zu einem so geistigen und geheimnissvollen
+Gottesbegriff wäre das Heidentum aus sich selber heraus nie gelangt.
+In Gimle ist das himmlische Jerusalem, das aus Gold und Edelsteinen
+erglänzte, nicht zu verkennen. Aus diesen Stellen der alten Gedichte,
+welche den gewaltigen Herrscher von oben über die erneute Welt setzen,
+folgert die Gylfaginning Kap. 3 und 5 den Allvater, der ewig lebt und
+über alles in seinem Reiche, Grosses und Kleines waltet, der Himmel,
+Erde und Luft erschuf, der durch seine Kraft Ymir aus dem Urstoffe
+belebte, der vor alledem da war. So ist das Endliche vom Unendlichen
+umgrenzt: die Gylfaginning hebt mit Allvater an, dann aber treten
+die endlichen Göttergestalten, die echtheidnischen, allein hervor.
+Wie sie verschwinden und vergehen, erscheint wiederum der Ewige und
+Allmächtige. Der Versuch des vorweltlichen Allvaters ist freilich
+missglückt. Was ihm zugeschrieben wird, verrichten später die Asen.
+Nur mit dem zweideutigen Begriffe „Allvater“, den Snorri sowol auf
+den ewigen Christengott als auch auf Odin bezieht, sucht er über die
+Widersprüche, in die er sich verwickelt, hinwegzutäuschen.
+
+
+
+
+VIERTES HAUPTSTÜCK.
+
+Die gottesdienstlichen Formen.
+
+
+
+
+I. Der Götterdienst im allgemeinen und das Opferwesen.
+
+
+Papst Gregor richtete um 600 ein Schreiben an den Bischof Augustinus,
+der die Angelsachsen bekehren sollte.[669] Darin hiess es: Erstens muss
+man nicht die Tempel der Götzen zerstören, sondern die Götzen. Man
+mache Weihwasser und besprenge damit die Tempel; man errichte Altäre
+und lege Reliquien hinein. Sind der Angelsachsen Tempel gut gebaut,
+so entziehe man sie dem Dienste der Götzen dadurch, dass man sie zu
+christlichen Tempeln umweihe, und zwar aus dem Grunde, damit dieses
+heidnische Volk desto williger an die gewohnten Anbetungsstätten
+komme. Zweitens, weil die Angelsachsen ihren Göttern noch viele Stiere
+zu opfern gewohnt sind, so ist es geboten, ihnen diese Feierlichkeit zu
+belassen; nur muss man derselben einen christlichen Sinn unterlegen.
+Und so sollen sie am Tage der Kirchweih und an den Gedächtnisstagen der
+heiligen Märtyrer, deren Reliquien zur Schau zu stellen sind, sich aus
+Baumzweigen Hütten rings um diejenigen Kirchen herrichten, welche aus
+Götzentempeln zu christlichen Tempeln umgeweiht werden und sollen so
+diese Feierlichkeit beim christlichen Mahle begehen, so dem heidnischen
+Götzen keine Tieropfer mehr darbringen, vielmehr behufs der Sättigung,
+Gott zum Lobe, Tiere schlachten und dem Geber aller guten Gaben für die
+Speisen danken. Diesen Menschen muss man einige äusserliche Freuden
+lassen, damit sie desto leichter zu den inneren Freuden hingeführt
+werden, denn es unterliegt keinem Zweifel, dass es unmöglich ist,
+diesen harten Gemütern auf einmal alles wegzunehmen, und zwar deshalb,
+weil derjenige, welcher einen hohen Standpunkt zu gewinnen bemüht ist,
+dies nur schritt-, nicht sprungweise erreicht.
+
+Gregors Worte dürfen füglich unsern Betrachtungen über den
+Gottesdienst der heidnischen Germanen voranstehen, weil dadurch
+deutlich ausgesprochen ist, dass die heidnischen Kultusformen in der
+christlichen Zeit vielfach weiter leben. Zwar befolgten die Bekehrer
+nicht immer so milde Grundsätze, wie Gregor anempfiehlt. Mit Brand und
+Bruch ward oft genug der Götterdienst der Heiden niedergelegt. Aber im
+Grunde kam das gleiche Ergebniss heraus, hier eine freiwillige, dort
+eine widerstrebende Bewahrung heidnischer Bräuche. Mithin darf auch
+mancher spätere und nur in christlicher Fassung überlieferte Zug zur
+Aufhellung ursprünglich heidnischer Zustände verwertet werden.
+
+
+1. Der Götterdienst in der Rechtsordnung.
+
+Der Götterglaube durchdringt das gesamte Leben des germanischen
+Volkes. Rechtswesen und Kriegswesen, Ding und Heerfahrt sind ebenso
+religiös geweiht, wie alle wichtigeren Ereignisse des Einzellebens
+von religiösen Handlungen begleitet sind. Die Nachrichten, die
+natürlich wieder am reichlichsten aus nordischen Quellen zu erholen
+sind, zeigen den Götterglauben mit vielen Bräuchen, mit der gesamten
+sittlichen Lebensauffassung aufs engste verknüpft. Die allgemeinen
+religiösen Formen scheinen bei allen Stämmen ziemlich gleichartig
+gewesen zu sein, die grossen Unterschiede, welche die Göttersagen,
+d. h. die Gebilde einzelner Dichter, aufweisen, stossen uns hier
+nicht so sehr auf. Freilich hören wir auch selten von Einzelheiten,
+selbst der Name der angerufenen Gottheit bleibt meistens verschwiegen.
+Aber der Gottesdienst wurzelt in uraltem Herkommen und wird von den
+Veränderungen der Göttersage wenig berührt.
+
+An der Spitze der germanischen Volksstämme steht in den ältesten
+Zeiten der Adel, eine kleine, stets sich vermindernde Schar edler
+Geschlechter, aus denen die Könige gewählt wurden. Das Wesen des
+Adels tritt in einer sagenumwobenen Ahnenreihe zu Tage, an deren
+Ursprung Götter stehen. So sind die angelsächsischen Könige und
+damit auch die sächsischen, jütischen, anglischen Wodans Söhne,
+ebenso die fränkischen Walsungen. Der Ahnherr der Könige ist oft
+dem Stammesheros, nach dem das Volk sich nennt, gleichgestellt und
+dabei ein Göttersohn, so vermutlich Ingo, Irmino, Istvo als Söhne
+des Tiuȥ. Die Amaler entstammen den _ansîȥ_, den Göttern. Nordische
+Könige werden Freys oder Tys Gesippte genannt. Das Volk zeigt überall
+treue Anhänglichkeit an seinen Adel, in welchem es den Göttern sich
+verwandt fühlt. So ragt der Götterglaube in die Ständeordnung herein.
+Unter sich selber stufen die Stämme eines Volkes wol nach den ältesten
+und vornehmsten Adelsgeschlechtern sich ab, so die Semnonen mit dem
+schaurig-heiligen Walde, wo Tiuȥ waltet, wohin die ersten Anfänge des
+Volkes zurückdeuten, neben den übrigen Sueven. Wie spätere Sagenbildung
+bis zu dem Gedanken, alle Menschen seien Gottes (Heimdalls) Kinder,
+vorschreitet, ist beiläufig erwähnt worden. Für den Glauben der Urzeit,
+als die Germanen ins Licht geschichtlicher Überlieferung eintreten,
+haben wir mit der Thatsache zu rechnen, dass die Volksstämme in ihren
+ältesten und vornehmsten Adligen, denen das Königtum anvertraut wurde,
+Abkömmlinge der Volksgötter ehrten.
+
+Über die friesischen Götter sagt Richthofen[670] auf Grund der
+Quellenzeugnisse: Die heidnischen Friesen verehren Götter und machen
+sich Bilder von ihren Göttern. Ihnen sind Güter aller Art geweiht,
+sie haben Tempel, Äcker, Wälder, Seen, Quellen, weidende Tiere,
+Schätze; ihnen wird geopfert, auch Menschenopfer fallen, vor allem von
+solchen, die ihre Heiligtümer verletzten. Darum kam Willebrord mit
+seinen Genossen fast ums Leben. Sie, die Unbesiegbaren, entscheiden
+unmittelbar der Menschen Geschick, verkünden befragt durch das Loos
+ihren Willen. Sie sind der Urquell allen Rechtes, es ist von ihnen
+geschaffen, von dem geheimnissvollen Fremdling, der unter den zwölf
+Asegen erschien und sie des Landrechts unterwies; sie verkünden es
+durch ihre Priester, die Asegen, die Rechtsverkündiger, und bringen es
+im Gottesurteil zur Geltung.
+
+Ding und Dingstätte sind dem Schutze der Götter geweiht.[671] Den
+eigentlichen Verhandlungen voran gehen sakrale Bräuche, deren Zweck
+eben darin beruht, den Beistand der Götter zum Gerichte anzurufen. Als
+Gerichtstage galten noch in christlicher Zeit besonders Dienstag und
+Donnerstag, woraus zu vermuten ist, dass Donar und Tiuȥ des Gerichtes
+walteten. In uralter Zeit fanden Menschenopfer zur Heiligung der
+Dingstätte statt, ein Brauch, den die spätere mildere Zeit in Norwegen
+zur Freigebung eines Unfreien verwandelte. Mit dem Opfer waren die
+üblichen Trünke verbunden, was ebenfalls noch aus späteren Bestimmungen
+der christlichen nordischen Rechte hervorgeht. Mit feierlichem Opfer an
+die Gottheit werden die Gau- und Volksgerichte angehoben haben. Dieses
+Opfer mag in den allgemeinen üblichen Formen verlaufen sein. Dann
+folgte die Heiligung, die Hegung des Dinges, welche der Priester oder
+der leitende Fürst oder König besorgte. Diese besteht in feierlichen
+Erklärungen, die in der Verkündigung des Dingfriedens gipfeln, und ist
+mit einer räumlichen Einfriedigung, Hegung des Verhandlungsplatzes etwa
+mittels Pflock und Seil verbunden. Innerhalb der Dingstätte herrscht
+ein heiliger Frieden, dessen Grenzen durch die Hegung abgemarkt werden.
+Auf Island bezeichnet _Þinghelgi_, Dingheiligung den Dingfrieden, die
+Dinghegung und Dingstätte, _vébǫnd_, Weihbande, heilige Bänder, heissen
+die um die Dingstätte gezogenen Schnüre. Der Priester sprach das
+feierliche Gebot des Stillschweigens aus. Zur Eröffnung des Gerichtes
+leiten die Hegungsfragen, die an die Gerichtsgemeinde oder an ein
+einzelnes Mitglied gestellten Fragen des Richters, ob es Dinges Zeit
+und Ort sei, ob das Gericht gehörig gehegt, gespannt oder besetzt
+sei, ob er den Gerichtsfrieden gebieten solle. Vielleicht wurden diese
+altertümlichen Hegungsfragen in der Urzeit vom Vorsitzenden Richter
+an die Priester gestellt, welche darüber die Loose zu befragen und
+den Willen der Götter zu erkunden hatten. Diese bestätigten hierauf
+die gehörige Erfüllung der Einhegungsförmlichkeiten. Dann wurde
+Stille geboten und der heilige Dingfriede gesetzt. Die Mitwirkung der
+Götter äussert sich wiederum beim Eide. Der Schwörende musste einen
+Gegenstand berühren, der sich auf die als Zeugen des Eides und Rächer
+des Meineides angerufenen Götter bezog. Uralt ist der germanische
+Waffeneid, meist aufs Schwert, das nach Ammianus bei den Quaden
+göttliche Verehrung genoss, abgelegt. Zeuge mag der „_Schwertgott_“,
+Saxnôt, Tiuȥ gewesen sein. Goten und Nordgermanen schwuren auf Ringe,
+die zuvor in das Blut des Opfertieres getaucht worden waren. Eine
+nordische Eidformel ist überliefert: Ich schwöre auf den Ring einen
+gesetzlichen Eid, so wahr mir Freyr, Njord und der allmächtige Ase
+(Thor) helfe, zu klagen, zu verteidigen, zu zeugen, Wahrspruch oder
+Urteil zu fällen nach bestem Wissen und Gewissen und nach Rechtsbrauch.
+Das Gottesurteil, das Ordal dient nach altem Rechtsbrauch als
+Beweismittel. Die Elemente, Feuer und Wasser, die Loose werden befragt.
+Die Götter offenbaren ihr Wissen um die Vergangenheit bei gewissen
+Handlungen. Das Ordal dient übrigens im ältesten Rechte nicht bloss
+als Beweismittel, sondern es wird auch angewendet, um den Willen der
+Götter zu erkunden, ob ihnen der bereits überführte Verbrecher oder der
+gefangene Feind als Opfer genehm sei. Das germanische Recht bestraft
+schwere Verbrechen auf zweifache Art. Der Missethäter wird aus dem
+Frieden gethan und in Wald und Wildniss gewiesen. Dort schweift er
+wie ein Wolf umher, sein Leben ist verwirkt, er kann von jedermann
+getötet werden. Das Recht entzieht dem, der es gebrochen, seinen
+Schutz, besonders den Frieden. Ob er zu Grunde geht, bleibt aber dem
+Schicksal, der waltenden Gottheit, überlassen. Es gibt aber Verbrechen,
+Neidingswerke, die nicht allein Menschensatzungen zerreissen, die
+auch den Zorn der Götter hervorrufen. Auf solchen Verbrechen steht
+Todesstrafe.[672] Der Missethäter wird der Gottheit als Opfer gegeben,
+auf dass die Rache der Götter, welche durch die Unthat gereizt wurde,
+von der Rechtsgenossenschaft abgewandt werde. Demnach ist die
+heidnische Todesstrafe ein Kultakt, ein Opfer. Daher rührt noch das
+umständliche Ritual, das den Todesstrafen des Mittelalters anhaftet.
+Ganz bestimmt wird das Hängen, das Ertränken, das Rückenbrechen als
+Opferhandlung bezeugt. Die Kriegsgefangenen wurden aufgehängt, dem
+Tiuȥ und Wodan geweiht, aber ebenso auch Verräter und Heerflüchtige
+zur Sühne ihrer Schandthat. Neben den Tempeln befanden sich Teiche,
+in denen die Opfer ertränkt wurden; die Sklaven der Nerthus versinken
+im heiligen See; in gleicher Weise werden nach Tacitus Feiglinge,
+Schwächlinge und Unzüchtige in Sümpfen versenkt und mit Dornen bedeckt.
+Kriegsgefangene aus der Schlacht im Teutoburger Wald wurden lebendig
+begraben. Auch diese Opferhandlung begegnet als besondere Todesstrafe.
+Wo die Westisländer sich zum Ding versammelten, an der Dingstätte, in
+der Nähe des Tempels sah man in den Tagen Aris noch den Gerichtsring,
+in dem die Leute zum Opfer verurteilt wurden; in dem Ringe stand der
+Thorsstein, an welchem die Leute gebrochen wurden, die man zum Opfer
+gebrauchte, und man sah noch die Blutfarbe an dem Stein. Beim Allding
+des Jahres 1000 werfen die christlichen Isländer den heidnischen
+vor, sie wählten die schlechtesten Leute, um sie ihren Göttern zu
+geben, und opfern sie mit einem abscheulichen Tode und einem ihrer
+Missethaten wegen ihrer würdigen, sie stürzen sie von Bergen herab
+oder in Felsschluchten. Mit der Auffassung der Todesstrafe als eines
+Sühneopfers hängen die umständlichen Formen zusammen. Beim Hängen dient
+der Weidenstrang anstatt des Strickes, der dürre laublose Baum anstatt
+des Galgens; Hunde werden mitgehängt u. dgl. Kauffmann[673] betrachtet
+auch die Ächtung als eine Kulthandlung. Der Verfehmte, der wie ein
+Tier wehrlos und selbst gefesselt in den Wald gejagt und dem Tod
+preisgegeben wurde, sei es, dass er verhungert und verschmachtet oder
+von Tieren zerrissen wird, sei ein unmittelbares Opfer an die Gottheit;
+nur dass die Gottheit im schauerlichen unheimlichen Bannwalde selber
+das Urteil vollstreckt und an sich nimmt, während sonst der Mensch
+das Blut des Opfers vergiesst. Das germanische Strafrecht beruht auf
+dem Grundgedanken der Sühnung. Wo durch Missethat der Zorn der Götter
+gereizt ist, tritt „öffentliche“ Strafe ein, die einzig mögliche Sühne,
+der Opfertod.
+
+Wie die Götter das Recht einsetzten und seiner Handhabung walteten,
+so nahm das Recht auch wiederum darauf Bedacht, dass der Dienst der
+Götter gehörige Pflege fand. Im Norden gab es gesetzliche Bestimmungen,
+die von vornherein ausschliesslich auf den Schutz der Religion und
+des Kultes gerichtet waren. So heisst es vom ältesten isländischen
+Landrecht von 930: „Das war der Anfang der heidnischen Gesetze, dass
+man keine Schiffe mit Köpfen in der See haben sollte, oder wenn
+man solche hätte, da sollte man den Kopf abnehmen, ehe das Land in
+Sicht käme, und nicht zum Lande segeln mit aufgesperrten Köpfen
+oder gähnenden Rachen, so dass die Landgeister darüber erschräken.“
+Die Vorschrift nimmt also Bedacht, dass die Landgeister durch die
+heranfahrenden Drachenschiffe mit ihren schrecklichen Bildnissen nicht
+beunruhigt werden sollten. Es scheint überhaupt, dass bereits in der
+heidnischen Zeit religiöse Gebote ganz in derselben Weise an die Spitze
+der Gesetze gestellt wurden, wie später das Christenrecht deren ersten
+Abschnitt zu bilden pflegte.[674]
+
+
+2. Der Götterdienst im Kriege.
+
+Der Gottesdienst durchdrang weihend die germanischen Kriege, die
+nach alter Volkssitte eingeleitet, geführt und beendigt wurden.[675]
+Der Brauch der Germanen, Ort und Zeit des Kampfes dem Gegner vorher
+zu bestimmen, lebt in nordischer Göttersage insofern nach, als
+Wigrid, das weite Walfeld, wo die guten Götter und Surtr im Kampfe
+zusammenstossen, im voraus bekannt ist. Mit Haselstäben wurde Dingplatz
+und Schlachtfeld abgegrenzt, gehegt und dadurch wahrscheinlich dem
+Schutze der Gottheit unterstellt. Der Kriegsgott zog mit den deutschen
+Völkern in die Schlacht und war in ihrem Lager. Zum sichtbaren
+Zeichen seiner Gegenwart standen die Bilder und Symbole, welche im
+Frieden an den heiligen Bäumen der geweihten Waldplätze über den
+Opferfesten der Gau- und Volksgemeinden schwebten, bei den Abteilungen
+des Heeres. Es war das Amt des Priesters, jene Bilder und Zeichen
+von den Bäumen herabzunehmen und während des Zuges zu hüten. Ehe
+ein Krieg unternommen oder eine Schlacht begonnen ward, forschten
+die Deutschen nach dem Willen des Gottes. Er wurde befragt, ob er
+dem Kampfe günstig sei. Ungünstige Zeichen bei den Opfern wurden
+sorgsam beachtet; man zog dann Friedensverhandlungen dem Kampfe vor.
+Wie einmal die Alemannen unter Leuthari in Campanien wider den Rat
+ihrer Seher sich mit Narses schlugen, wurden sie besiegt. Mittel
+der Erforschung war Looswurf, den im Kriegsfalle, wie auch sonst in
+öffentlichen Dingen der Priester vollzog. Aus den Eingeweiden und dem
+rinnenden Blute der Opfertiere wurde geweissagt. Man horchte auf die
+Stimmen, das schwellende Schlachtgeschrei (_barditus_), das Wiehern
+der Tempelrosse. Der Zweikampf diente als Erforschungsmittel. Einen
+Gefangenen aus dem feindlichen Volke stellten die Deutschen einem
+auserlesenen Manne vom eigenen Stamme, jeden mit seinen volkstümlichen
+Waffen, gegenüber und nahmen den Sieg des einen oder des andern als
+Vorbedeutung des bevorstehenden Krieges. Weissagende Frauen, wie Weleda
+bei den Bructerern, hatten grossen Einfluss auf die kriegerischen
+Unternehmungen des Volkes. Blutiges Menschenopfer musste den Grimm
+der Götter besänftigen und sühnen. Denn der Götter Zorn, Odins Grimm,
+ist die vernichtende Niederlage. Darum wurde das Feindesheer zur
+Feindschaft des Gottes verflucht: Zornig ist euch Odin! Schwankte der
+Sieg während des Kampfes, so wurden neue Opfer gebracht, um den noch
+immer zürnenden Gott günstig zu stimmen. Die Kampftoten, die Wal, waren
+zugleich ein Dankopfer an den Gott. So ehrten die Goten den Tiuȥ als
+den Herrn des Krieges mit Menschenopfern; daher weihten sie ihm die
+Erstlinge der Kriegsbeute und alle Gefangenen. Die nordischen Völker
+des 5. Jahrhunderts brachten dem Tiuȥ als vornehmstes Opfer den ersten
+Kriegsgefangenen, indem sie ihn hängten oder ins Dorngebüsch warfen
+oder sonst jämmerlich töteten. Der Frankenkönig Theudebert opferte
+an der Pobrücke die gotischen Frauen und Kinder und warf ihre Leiber
+in den Fluss als Erstlingsopfer des Krieges. Das Blut aller Christen
+gelobte der heidnische Gotenkönig Radagais seinen Göttern bei dem Zug
+nach Italien (405), wenn sie ihm den Sieg gäben. So wurde es auch im
+Norden gehalten, wo das dritte grosse Opferfest zu Sommers Anfang,
+wenn die Jahreszeit für Heerfahrten und Seezüge anbrach, gehalten
+wurde, das _sigrblót_. Harald Hilditonn, König von Dänemark, betet in
+der Brawallaschlacht zu Odin und gelobt ihm für den Sieg alle Toten
+des Walfeldes. Während einer Seeschlacht, die Jarl Hakon in Norwegen
+um 989 gegen eingefallene Wikinger schlägt, wendet sich sein Glück.
+Da fährt er ans Land und opfert seinen eigenen siebenjährigen Sohn
+um Sieg. Eirik von Schweden ergab sich selber vor der Schlacht gegen
+Styrbjorn dem Odin für den Sieg: er gelobte, nach zehn Jahren sterben
+zu wollen. Die früheren Opfer, die er dem Gotte gebracht, hatten diesen
+nicht freundlich gestimmt. Da trat ein grosser Mann mit breitem Hut zu
+ihm; der reichte ihm einen Rohrstengel und hiess ihn denselben über
+die Schaar Styrbjorns mit den Worten schiessen: Odin hat euch alle!
+Eirik that also, und als er geworfen, zeigte sich ihm ein Speer in der
+Luft, der flog über das Volk Styrbjorns und blendete dieses und den
+Styrbjorn selbst. So gewann Eirik den Sieg mit Odins Hilfe, Björn aber
+und viele der Seinen fielen in der Schlacht. Bei einem feindlichen
+Zusammentreffen zwischen dem Goden Snorri und Steinthor warf letzterer
+nach alter Sitte sich zum guten Zeichen einen Speer über die Gegner
+und verwundete dabei einen Verwandten des Snorri. Gizur, Heidreks
+Pflegesohn, ritt den einbrechenden Landesfeinden entgegen, um ihnen den
+Schlachtplatz anzusagen. Er reitet so nahe heran, dass die Feinde ihn
+hören können, und ruft dann laut:
+
+ Erschreckt ist euer Volk, dem Tod verfallen euer Führer.
+ Die Kriegsfahne ist über euch erhoben, feind ist euch Odin.
+ Ich lade euch nach Dylgja und auf die Dunheide
+ Zur Schlacht zwischen den Jǫsurbergen.
+ Und so lasse Odin den Speer fliegen,
+ Wie ich voraus verkünde.
+
+Der Speerwurf erscheint hier als Zeichen der Kriegsankündigung, und
+zugleich zur guten Vorbedeutung. Aus dem Fluge des Speeres ergab
+sich ein Wahrzeichen über den Ausgang des Kampfes, da der Flug unter
+Anrufung Odins geschah. In der Sage von Eirik leiht der Gott die eigene
+Waffe seinem Schützling, wie er in anderem Falle dem Dag seinen Speer
+gab, damit er den erschlagenen Vater an Helgi räche. Wie diejenigen,
+welche sich Odin weihten, mit dem Ger sich verwundeten und ihr Blut dem
+Gotte opferten, so ist die nach dem Feind geworfene Waffe das Zeichen
+für das grosse Blutopfer, das in dem Tod aller Feinde dem grimmen
+Todes- und Kriegsgotte gelobt wird. Mit Speerschuss eröffnete Odin den
+ersten Weltkrieg, den der Götter und Wanen. Speerwurf als Kampfansage
+ist eine uralte religiöse Handlung, ebenso von Persern, Griechen und
+Römern als von den Germanen geübt. Der germanische Gerwurf geschah als
+Opferhandlung für den Walgott, einst für Tiuȥ, dann für Odin.
+
+Der Gottesdienst, welcher das kriegerische Leben der Germanen
+durchdrang, brach auch in den Liedern hervor, mit denen sie ins Gefecht
+vorrückten. Mit Anrufung des Donar (Hercules) traten nach Tacitus die
+Deutschen in die Schlacht. Rauher, wilder Gesang der Goten, Preis der
+Götter und Helden, gellte den Römern in den Ohren. Die Götter und die
+Helden schwebten geistig über den Häuptern der todbereiten Männer und
+weihten ihre Waffen.
+
+Bei der Anrufung der Götter vor dem Kriege um den Sieg war gelobt
+worden, die Feinde ihnen dafür zu opfern. Dem Gelübde folgte die
+Erfüllung. Nach dem grossen Siege von Arausio (im Jahre 105) vollzogen
+die Kimbern die furchtbare Vernichtung aller Lebenden und Toten. Das
+erbeutete Gold und Silber ward ins Wasser geworfen, die Gewänder
+wurden zerrissen, die Rüstungen zerhauen, die Reitzeuge zerstört,
+die Rosse im Flusse ertränkt, die lebenden Gefangenen an die Bäume
+gehenkt. Die ganze ungeheure Beute, die sie in den beiden römischen
+Lagern gemacht, vernichteten die Deutschen nach alter Kriegssitte.
+Ein andres Bild solcher Opferstätte bot das Walfeld des Varus, wie es
+Germanicus im sechsten Jahre nach der Schlacht (15 n. Chr.) fand. So
+wie die Römer gefallen waren, lagen ihre Gebeine unbestattet, samt den
+Waffenresten und Pferdegerippen; an die Baumstämme waren die Schädel
+genagelt; in den nahen Wäldern standen die Opfersteine, an denen die
+Tribunen und Centurionen der ersten Züge geopfert worden waren. Die
+andern Gefangenen hingen an den Galgen oder waren in Gruben lebendig
+begraben worden, wie die Soldaten, die durch Flucht davon gekommen,
+dem Germanicus erzählten. Nicht mutwillige oder wütende Grausamkeit
+hatte diese schauervolle That bewirkt, sondern die Pflicht gegen den
+Kriegsgott, welcher das Opfer verlangte, nachdem er die Bitte und das
+Gelöbniss erhört und den Sieg gegeben hatte. In gleicher Weise haben
+die Hermunduren nach ihrem Siege über die Chatten am Salzflusse alles,
+was an lebenden Menschen und Tieren in ihre Hände gefallen war, dem
+Tiuȥ und Wodan geopfert. Und ebenso wird von den Goten berichtet,
+dass sie alle Gefangenen dem Tiuȥ zu opfern pflegten. Die Sachsen
+bestimmten aus den Kriegsgefangenen durchs Loos den zehnten Mann und
+opferten diese Ausgeloosten mit gleicher qualvoller Art den Göttern.
+Im besonderen war es das Blut der Menschen und Tiere, welches der
+Gott empfing. Die Götter dürsten nach Blut und darum heisst bei den
+Skalden das Blut _Gauts tafn_, Odins Opfer. Mit dem Blut aus selbst
+gestochener Wunde erkauften die Nordgermanen die Hilfe Odins und
+Aufnahme in sein Gefolge. Mit der Speerwunde gaben sie sich dem Gotte
+zu Eigen und zeichneten sich mit seiner Marke als ihm gehörig. So
+wird Wikar von Starkad aufgeknüpft, durchbohrt und dem Odin geweiht.
+Blut- und Hangopfer, die der düstre Gott fordert, sind hier vereint.
+Die Leiber der Gefallenen gehören den Tieren des Todesgottes, den
+Raben und Wölfen. Unsre alte Poesie klingt noch davon wieder, wie die
+dunklen Raben, die Adler und die Habichte schreien, und die wilden
+grauen Wölfe, des Wettergottes Hunde, am Abend vor der Schlacht ihr
+Lied anstimmen, in der Hoffnung auf Atzung; wie die Heervögel, die
+schlachthungrigen, vom Blut benetzten, auf den Spuren der Kämpfer
+fliegen und das Schlachtlied singen mitten unter den Speeren. „Der hat
+oft die Are gesättigt“, war ein Lob für tapfre Männer. „Deinen Leib
+will ich den Vögeln hinlegen und dein Haupt von hinnen führen“, ruft
+der Held dem Feinde zu.
+
+Ein Dankopfer für den Sieg war, den isländischen Quellen zufolge,
+auch bei Zweikämpfen fromme Sitte. Egill und Atli hatten sich zum
+Holmgang gefordert. Als Opfertier war ein grosser alter Stier zur
+Stelle gebracht, den sollte der Sieger schlagen. Atli fiel. Da lief
+Egill rasch zu dem Tier, griff mit der einen Hand in sein Maul, mit
+der andern in die Hörner und schleuderte es herum, dass es das Genick
+brach. Kormak hatte den Thorward im Zweikampfe verwundet; er hieb das
+Rind als Siegopfer sofort nieder, mit dem Blute bestrich er eine nahe
+Elbenhöhle und bereitete aus dem Fleische den Elben ein Mahl, weil
+elbische Einflüsse über dem Kampfe gewesen waren.
+
+Vom Beschluss zum Kriege bis zum blutigen Siege durchdringt das
+religiöse Element die germanischen Heere und treibt auch den einzelnen
+Mann. Der Krieg war ein furchtbarer Opferdienst.
+
+
+3. Der Götterdienst im alltäglichen Leben.
+
+Wie das öffentliche Leben des ganzen Volkes, so stand auch das des
+Einzelnen in engster Verbindung mit dem Götterglauben.[676] Deutlich
+tritt bereits bei der Namengebung religiöser Brauch hervor. Wenn dem
+Kinde ein mit einem Götternamen gebildeter Eigenname beigelegt wurde,
+so soll es damit in des Gottes Schutz gestellt werden. Am meisten
+ist die Benennung nach Göttern im heidnischen Norden üblich, jedoch
+zeigen deutliche Spuren, dass es in Deutschland ebenso gehalten
+wurde. Mit As und Regin, im Niederdeutschen Os, im Hochdeutschen Ans
+zusammengesetzte Namen, die grossenteils noch heute üblich sind, wie
+die ähnlicher Vorstellung entsprungenen christlichen Namen Gotthold,
+Gottlieb, Gottfried u. dgl., drücken die allgemeine Unterordnung
+unter die Gottheit aus, wohin auch Helgi und Helga (russisch Olga),
+der und die Geheiligte, und die mit _vé_, d. h. Heiligtum, Weihtum,
+verbundenen gehören. Foerstemanns altdeutsches Namenbuch und jedes
+beliebige nordische Namenverzeichniss bieten unter den Schlagwörtern
+Beispiele in Hülle und Fülle. Alfr, Freyr, Gautr, sowie die im Norden
+ungemein beliebten Zusammensetzungen mit Thor, Freyr, Ing, Alf sind
+hierfür Zeugen. Asen und Alfen nehmen die Menschen in Schutz. Ob
+die dem nordischen Gautr und Freyr entsprechenden deutschen Gôȥ
+und Frô auf Götternamen weisen, ob nicht vielmehr die zu Grunde
+liegenden Appellativa nur im Norden zum Range eines Götternamens sich
+erhoben, ist zweifelhaft. In Deutschland werden Wodan und Balder
+als Namen geführt, im Norden auch Idun. Wenn auch der grösste Teil
+der überlieferten Namen erst der späteren Zeit angehört und, wie es
+so häufig auch noch heute geschieht, nur gewohnheitsmässig, ohne
+Verständniss des eigentlichen Sinnes, angewandt wurde, so liegt doch
+zweifellos ursprünglich bewusster Brauch zu Grunde, ein im Namen
+angedeutetes Schutzverhältniss zum Gotte.
+
+Im Norden war es Sitte, das Kind mit Wasser zu begiessen. Dieser Brauch
+ist allerdings religiös, ahmt jedoch die christliche Taufe nach.[677]
+Die Eingehung der Ehe war mit religiösen Bräuchen verknüpft. Adam
+von Bremen weiss, dass dem Freyr bei Hochzeiten geopfert wurde,
+das Lied von Thrym zeigt, dass der Hammer Thors, der auch sonst zu
+mancherlei Weihen diente, dabei gebraucht wurde. Ein feierliches Mahl
+und Trinken, wobei die üblichen Sprüche und Gelübde nicht fehlten,
+schloss sich an. Auf der Nordendorfer Gewandspange werden Wodan
+und Donar zu einer Weihhandlung angerufen, die jedenfalls auch nur
+das Privatleben betrifft. Die Besitznahme von Land verlangt nach
+isländischem Rechtsbrauch Weihe durch Feuer, die Erstreckung der
+Grenzen wurde in Norwegen durch Hammerwurf festgestellt. Wer die
+Wohnung wechselte, begann den Umzug mit segnenden Weihesprüchen.
+Bei Eingehung der Blutbrüderschaft rief man die Götter zu Zeugen
+der übernommenen Verpflichtungen an. Unter Androhung des Zornes der
+Götter verbietet man dem Gegner die Benützung des strittigen Gutes vor
+rechtlichem Austrag der Sache. Wer eine Vorschrift der Rechtsordnung
+versäumte, dem zürnten die Götter. Die Brüder Helgi und Grim hatten
+einen verübten Totschlag nicht den Gesetzen gemäss angezeigt; dafür
+sandten die Götter einen schweren Sturm über sie. Wo immer der Mensch
+höherer Hilfe und höheren Rates zu bedürfen meinte, da wandte er
+sich vertrauensvoll mit Opfer und Gebet an die Götter, und wenn der
+Staat das einemal um gutes Jahr und Frieden, ein andermal um Sieg zu
+opfern pflegte, so betete und opferte auch der Einzelne um Rache an
+einem Gegner, um Heilung einer Wunde, um Holz zu einem Hausbau, um
+Anrichtung oder Abwendung von Schaden, um Speise während drückender
+Hungersnot, um Aufklärung über die Zukunft, um Rat über das unter
+schwierigen Umständen einzuhaltende Verfahren. Die Norweger, die nach
+Island übersiedelten, traten selten ohne Rat und Beistand Thors die
+Reise an. Darum sind auch Thorsköpfe auf dem Hochsitzpfeiler des Hauses
+geschnitzt, darum trägt man kleine Hämmer als Schmuckgegenstände und
+Götterbilder bei sich. Das Einzelopfer, das der Hausvater für sein
+Ingesinde darbringt, richtet sich als Bitt- und Dankopfer zumal in
+der bäuerlichen Wirtschaft hauptsächlich an seelische und elbische
+Wesen. Der älteste Gottesdienst ist der, den die Hausgenossenschaft den
+Ahnengeistern darbringt. Bei der Entfaltung des Glaubens an Götter,
+denen die Geschicke des Volkes anvertraut sind, schränkt sich Seelen-
+und Elbenkult namentlich auf Haus und Gemeinde ein. Mithin ist das
+Einzelopfer ein wichtiger Bestandteil der Religionsübung, welche dem
+Privatleben zufällt. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass auch der
+Einzelne den grossen und mächtigen Göttern seines Volkes eine eifrige
+Pflege widmet. Manche schliessen mit ihren Lieblingsgöttern einen
+schier menschlich gedachten Bund, ein Verhältniss gegenseitiger treuer
+Freundschaft und Zuneigung, das auf der einen Seite die Pflicht zu
+Dienst und Gehorsam, auf der andern die Pflicht zu Schutz und Schirm
+hervorkehrt, etwa wie es zwischen einem König oder Häuptling und seinem
+bevorzugten Gefolgsmann besteht. So war Thorolf aus Mostr in Norwegen
+ein besonderer Freund Thors; seinen Sohn Steinn schenkte er dem Thor
+und nannte ihn daher Thorstein. Dieser verfährt nachher ebenso, macht
+seinen Sohn zum Tempelpriester und heisst ihn Thorgrim. Der Grönländer
+Thorhall betrachtet den rotbärtigen Thor als seinen verlässigsten
+Freund. Dem Hrafnkell ist Freyr befreundet; Hrafnkell gab dem Gotte
+die Hälfte seiner Habe zu Eigen. Thorkell hat den Freyr zum Freunde
+und so auch die beiden Freysgoden, Thorgrim und Thord. Man wundert
+sich bloss, dass sie nicht auch den Namen ihres Gottes führen, sondern
+wie die Thorsdiener heissen. Sigurd der Wurmtöter ist _Freys vinr_,
+Freys Freund. Prachtvoll führt die Sagendichtung bei Odin, der den
+jugendlichen Heldengeist weckt, leitet und endlich zu sich nimmt, solch
+persönliche Neigung und Schirmherrschaft zwischen Gott und Helden uns
+vor. Aber eine solche Freundschaft kann auch schnell zerrissen werden,
+wenn die Götter einmal ihren Schützling im Stich lassen. So gelangt
+der trotz seines eifrigen Opferdienstes von seinen Feinden besiegte
+Hrafnkell zur Verleugnung jeglichen Götterglaubens. Dem Grimkell,
+einem eifrigen Opferer, weissagt die Thorgerd Hölgabrud seinen Tod;
+aus Zorn darüber legt er Feuer an ihren Tempel. Übrigens plündern und
+brennen auch gläubige Heiden die Göttertempel ihrer Feinde, worauf
+sie allerdings auch der Acht anheimfallen. Das Verhältniss einzelner
+Leute zu Haus- und Folgegeistern, zu Kobolden und Fylgjen ist beim
+Geisterglauben geschildert.
+
+Beim Tode des Menschen greift der Glaube wiederum mit allerlei Bräuchen
+und Vorstellungen ein. In der Göttersage weiht Thor Baldrs Holzstoss
+mit seinem Hammer; die Runensteine, die Denkmäler wurden öfters dem
+Schutze des starken Gottes empfohlen: Möge Thor diese Runen weihen! Man
+wies den Verstorbenen förmlich und feierlich nach Walhall. Der Glaube,
+dass der Tote eine weite Fahrt ins Jenseits zurückzulegen habe,
+veranlasste die in alten Quellen häufig erwähnten, in den Gräbern auch
+wirklich entdeckten mannigfachen Zugaben. Dem Toten folgten Pferde,
+Wagen, Schiff, damit er so die Reise mache, oder wenigstens wurden ihm
+Schuhe beigelegt, um die weiten dornichten und steinichten Wegstrecken
+durchwandern zu können. Streng wurde die Besorgung und richtige
+Bestattung der Leiche beachtet. Die Vorstellungen vom Schicksal
+nach dem Tode waren auch unter der Dauer des Walhallglaubens sehr
+verschiedenartig. Man dachte, die Seele des Abgeschiedenen gehe zu den
+mannigfachen Klassen von Geistern, zu den Göttern oder zum allgemeinen
+Totenreich, zur Hölle. Wie bereits in den betreffenden Abschnitten
+aufgezeigt ward, war kein fester, einheitlicher Glaube vorhanden. Odin
+ladet vornehme, tüchtige, waffentote Helden gen Walhall. Aber dennoch
+fährt mancher, der diese Bedingungen vollauf erfüllt, zur Hölle, und
+mancher geht in Walhall ein, ohne auf dem Walfeld geblieben zu sein.
+Thor nimmt sich die Bauern; die Weiber fahren zu Freyja, der aber
+andererseits auch die Hälfte der Wal zugewiesen wird, die Jungfrauen zu
+Gefjon. Allen steht ein herrliches, freudenreiches Leben bevor. Aber
+auch die Riesen und Unholde aller Art, die Elbe und Zwerge holen sich
+ihre Beute. Der Überrest der Menschheit, die ganze feige und thatenlose
+Menge, die weder Gott noch Dämon mag und die ruhmlos auf dem Siechbett
+dahinstirbt, bevölkert die Hölle. Zur Hölle gehen alle die Toten, die
+nicht durch besondere Wahl von anderer Seite ihr entzogen werden.
+Diesen Stand nehmen im allgemeinen die nordischen Überlieferungen
+des 9./10. Jahrhunderts ein. Endlich war auch der Erbschaftsantritt
+mit einem Opferfeste verbunden. Im selben Jahre, da der Erblasser
+gestorben war, hielt der zur Erbschaft Berufene ein feierliches
+Gastmahl; mancherlei Minne wurde da getrunken, endlich aber sollte beim
+Hauptbecher der Erbe ein feierliches Gelübde thun und dadurch sich erst
+das Recht erwerben auf den Sitz und den Nachlass des Verstorbenen.
+
+Von dem Augenblicke an, da der Knabe, mit Wasser begossen, seinen Namen
+beigelegt erhielt, bis zu dem andern, da über dem Leichname des Greises
+die Flamme zusammenschlug oder der Grabhügel sich wölbte, geleitete
+seine Religion den Nordmann treu durch das Leben, alle wichtigen
+Ereignisse weihend, verschönernd und verklärend.
+
+
+4. Gebet und Opfer.
+
+Gebet und Opfer gehören fürs Heidentum unlöslich zusammen, eines ohne
+das andere ist kaum denkbar. Das Gebet ist gleichsam die Begründung
+des Opfers. Die Gabe, die einem höheren Wesen gespendet wird, soll
+verpflichten oder sühnen, wozu und wofür, spricht das Gebet aus. Das
+Gebet wird aber auch nicht ohne Not, ohne Spende oder wenigstens
+Gelübde einer solchen gethan.
+
+Beim heidnischen Gebet[678] pflegte man im allgemeinen ähnlicher
+Gebärden, wie beim christlichen. Man neigte den Leib und warf sich
+wol auch nieder, namentlich wo man das Gebet im Heiligtum vor den
+Götterbildern verrichtete. Die Hände wurden vors Gesicht gehalten, als
+wäre man geblendet vom Glanze der Gottheit, oder auch umgekehrt suchte
+der Blick den Himmel. Das Haupt wurde beim Gottesdienst, bei Gebet
+und Opfer gewöhnlich entblösst, wenigstens heissen gotische Priester
+ausdrücklich _pileati_, mit Hüten versehen, da sie bedeckten Hauptes
+opferten. Die Richtung des Betenden war gen Norden im Gegensatz zu den
+Christen, welche gen Osten beteten. Bestimmte Gebetsformeln waren wol
+vorhanden. Im Norden begegnet das Verbum _duga_, taugen, für gnädig
+sein. Also scheint der göttliche Beistand etwa mit den Worten: „Ich
+bitte die Götter, dass sie mir taugen (helfen)“, angefleht worden zu
+sein.
+
+Der echt germanische Ausdruck für opfern, das ja aus lateinischem
+offerre entlehnt ist, lautet _blôtan_. Das Wort ist gotisch,
+angelsächsisch, altnordisch (_blóta_) und althochdeutsch (_pluoȥan_)
+bezeugt. Die ursprüngliche Bedeutung und Konstruktion ist aus dem
+Gotischen und Nordischen ersichtlich: einen mit Opfer ehren. So heisst
+im Gotischen _blôtan fraujan_, den Herrn mit Opfer ehren, entsprechend
+im Nordischen _blóta þór_. Das Opfer ist got. _blôstr_, ahd.
+_pluostar_, oder an. _blót_, ahd. _ploaȥ_, also lauter durchgehende
+gemeingermanische Wörter. Der heidnische Begriff verschwindet
+frühzeitig im Deutschen, wol damit die daran geknüpften heidnischen
+Erinnerungen vergessen werden, um dem Lehnwort, das die Kirchensprache
+einführte, Platz zu machen. Im Nordischen begegnen neben _blót_,
+_blóta_ auch die Wörter _fórn_ stf., _fórna_.
+
+Weitere Bezeichnungen für „Opfer“ liegen vor in got. _hunsl_, ags.
+_húsel_, an. _húsl_; wie die urverwandten Wörter lehren, liegt darin
+der Begriff „heilig“, es ist das Sakrament, die heilige Handlung
+darin angezeigt.[679] Ahd. _kelt_, as. _geld_, ags. _gield_ meint die
+Spende, das Entgelt, das der Mensch den Göttern entrichtet. Lehrreich
+ist das angelsächsische Wort _lác_ für Opfer. Der germanische Ausdruck
+_laikaȥ_, Leich, steht für das aus der Vereinigung von Tanz und Lied
+hervorgegangene Kunsterzeugniss.[680] Dass im Angelsächsischen die
+Bedeutung „Gabe“ überwog und _lác_ geradewegs Opfer ist, erklärt
+sich nur aus der uralten festen Zugehörigkeit des _laikaȥ_ zur
+Opferhandlung, die von Spiel und Tanz und Lied begleitet war. Das
+gotische _sauþs_ im Sinne von Opfer bedeutet Sud, das Gesottene,
+und zielt auf das gesottene Fleisch des geschlachteten Opfertieres.
+Altnordisch _sauđr_, Widder, meint wol eigentlich nur das zum Sud
+auserlesene Opfertier.
+
+Beim Opfer sind zwei Arten zu unterscheiden, ein +privates+ und ein
++öffentliches+. Ersteres gilt in der Regel den Geistern in Haus und
+Hof, Feldern und Wäldern, Berg und Thal, Wind und Wasser, Licht und
+Wärme, und den Seelen der Abgeschiedenen. Wo die Geister hausen, wird
+geopfert ohne besondere Zurüstung und Feierlichkeit. Die Spenden sind
+einfach, Speisen, Milch und Honig, Blumen und Früchte. Geopfert wird
+um Gedeihen der Wirtschaft, um Gesundheit und Reichtum, zur Abwehr von
+Schaden. Der Hausvater ist Priester und Opferer. Solche Opfer sind
+einfacher und ärmlicher; die Geschichte gedenkt ihrer kaum, weil sie
+alltägliche Vorkommnisse sind, nicht der Mühe der Erwähnung oder gar
+eingehender Schilderung wert. Um so fester und länger haften sie in
+der Volkssitte. Dass neben dem Geisterglauben auch der Götterglauben
+für den privaten Gottesdienst in Betracht kommt, wurde schon gesagt.
+Aber auch hier fehlen uns Nachrichten über feste Regeln, in denen die
+Kulthandlungen verlaufen.
+
+Ganz anders beim öffentlichen Opfer, das die Gemeinde oder die
+Gesamtheit des Volkes, der König, Häuptling oder bestellte Priester
+darbringt. Da herrscht grosse Feierlichkeit, blutige Tier- und
+Menschenopfer fallen der Wichtigkeit der Sache gemäss, die ja
+das Schicksal eines Gemeinwesens betrifft. Opferplätze, Tempel
+sind gewöhnlich zur Vornahme der Handlung bestimmt. In der Regel
+richtet sich das öffentliche Gemeinde- oder Staatsopfer an die
+Volksgötter, doch unter Umständen mögen auch Geister das Staatsopfer
+entgegennehmen. So etwa die Flussgeister des Po, denen nach Prokop 2,
+25 die Franken, um ungeschädigte Überfahrt zu erhalten, die gefangenen
+gotischen Frauen und Kinder opfern und in die Wogen werfen. Die
+Wichtigkeit der Angelegenheit, besonders insofern sie viele, nicht
+einen Einzelnen berührt, scheint den Ausschlag für die Grösse und
+Feierlichkeit des Opfers zu geben. J. Grimm, Mythologie 37, stellt die
+Grundzüge des Opferdienstes also dar: „Beweggründe der Opfer waren
+überall, entweder den Göttern Dank für ihre Wolthaten abzustatten
+oder ihren Zorn zu versöhnen, die Götter sollten gnädig erhalten oder
+wieder gnädig gemacht werden, also zwei Hauptarten, dankende und
+sühnende Opfer. Wenn das Mahl begangen, ein Wild erlegt, ein Erstling
+vom Vieh geboren, Getreide geerntet wurde, gebührte dem verleihenden
+Gott voraus ein Teil der Speise, des Tranks und des Ertrags; dagegen
+sobald Hungersnot, Misswachs, Seuche über das Volk hereinbrach,
+säumte es wiederum nicht, abwendende Gaben darzubringen. Solche
+Sühnopfer haben ihrer Natur nach etwas Unständiges, während die dem
+gnädigen Gott zu leistenden gern in regelmässig wiederkehrende Feste
+übergehen. Eine dritte Art von Opfern ist, wodurch der Ausgang eines
+Unternehmens erforscht, und die Hilfe des Gottes, dem es gebracht
+wird, herbeigeführt werden soll. Doch war Weissagung auch ohne Opfer
+thunlich. Ausserdem gab es besondere Opfer für einzelne Gelegenheiten,
+z. B. bei Königswahlen, Geburten, Hochzeiten und Leichenbestattungen,
+die meistens auch mit feierlichen Mahlzeiten verbunden wurden.“
+
++Menschenopfer+[681] sind also die wichtigsten und höchsten; für
+Tiuȥ, Wodan, Donar, Odin, Thor, Freyr, Fosite, Thorgerd Hölgabrud
+sind sie mehrfach bezeugt. Zu beachten ist das umständliche dabei
+angewandte Ritual. Die Gottheit soll das blutige Opfer unter besondern
+Förmlichkeiten erhalten. Vielleicht war auch für die Wahl der Todesart
+das Loos entscheidend, das unter den Friesen bestimmte, ob die Götter
+ein Opfer forderten oder nicht.[682] Nach Sidonius Apollinaris opferten
+die Sachsen, ehe sie die Anker zur Heimfahrt lichteten, den zehnten
+Mann der Gefangenen um gute Reise. Die dem Tode zu Weihenden wurden
+ausgeloost: _super collectam turbam periturorum mortis iniquitatem
+sortis aequitate dispergere_. Mit langen grausamen Qualen wurde das
+Opfer den Göttern gegeben. Prokop 2, 15 erzählt von den Skandinaviern,
+dass sie die zu Opfern verwendeten Menschen nicht mit dem Messer
+schlachten, sondern aufhängen, in die Dornen werfen oder sonst qualvoll
+töten. Starkad opfert den König Wikar dem Odin, indem er ihn an
+einem Baume aufhängt und mit dem Speere durchbohrt. In Hleidra auf
+Seeland und zu Uppsala hängen die Leiber der Geopferten an Bäumen.
+Zu Uppsala war aber auch ein Opfersumpf, eine Quelle, worein die
+Leute versenkt wurden. Bei den Friesen[683] wurden an den Festen der
+Götter die Opfer durchs Schwert hingerichtet, an den Galgen gehängt
+oder mit Stricken erdrosselt. Die im Bereich der Flut Ausgesetzten
+ertränkte das hereinströmende Wasser. Wer Göttertempel schändete, wurde
+nach friesischem Gesetz an den Meeresstrand geführt, an den Ohren
+aufgeschlitzt, entmannt und den Göttern geopfert. Am Steine Thors wurde
+den Opfern auf Island der Rücken gebrochen. Von Bergen und Felsklippen
+wurden andre heruntergestürzt. Den König Olaf Trételgja verbrannten
+die Schweden in seinem Hause und weihten ihn so dem Odin. Die grausame
+nordische Sitte des Schneidens des Blutadlers, wobei der Sieger seinem
+Gegner die Rippen längs des Rückgrates mit dem Schwerte abtrennte
+und durch die so gebildete Öffnung die Lunge herausnahm, war eine
+Kulthandlung. Aber auch ein Schlachten am Altar war üblich nach Tacitus
+ann. 13, 57. Die Normannen opferten dem Thor vor ihren Zügen, wie Dudo
+(vgl. oben S. 253) erzählt. Dem Opfer wurde das Haupt zerschmettert,
+Gehirn und Herz blossgelegt und nach der Zukunft durchforscht. Die
+Ragnarssaga (Fornaldarsögur 1, 264) gedenkt des _hlunnrođ_, der
+Rollenrötung. Wenn ein Schiff vom Stapel gelassen wurde, lief es über
+Rollen und den Leib eines Menschen, der mit seinem Blute den Kiel
+rötete. Dieses Sühnopfer bezweckt wol, das Schiff gegen Gefahr zu
+feien. Denselben Gedanken enthält der Sǫrla-þáttr Kap. 7, wenn Hedin
+sein Drachenschiff über den Leib der Königin, der Gattin Hognis in
+See gehen lässt. Die häufige Volkssage vom Einmauern eines lebendigen
+Menschen oder Tieres in den Grundstein von Gebäuden und Brücken deutet
+ebenso auf altes Sühnopfer zurück.[684] Waren Altäre oder Opfersteine
+beim Menschenopfer zur Stelle, so wurden sie mit dem frischen Blute
+bestrichen.
+
+In der Regel wurden nur Kriegsgefangene, erkaufte Sklaven[685] und
+Verbrecher geopfert. Bei der Einführung des Christentums auf Island, am
+Allding des Jahres 1000, gelobten die Heiden ihren Götzen zwei Menschen
+aus jedem Landesviertel. Dem gegenüber beschlossen die Christen,
+ebenso viele treffliche und tüchtige Männer dem Dienste des Herrn zu
+weihen. Geringschätzig weisen sie darauf hin, dass die Heiden nur die
+schlechtesten Leute auswählen, um sie ihren Göttern zu geben und sie
+mit einem grausamen Tode zu opfern. So erzählt die Kristnisaga. Aber
+es gab Ausnahmen. In äusserster Not, wenn die Götter unversöhnlich
+zürnten, opferte das Volk zur Abwendung des Grimmes seine Häuptlinge
+und Könige. Vor dem grossen heidnischen Winteropfer zu Märi in Norwegen
+lud der König Olaf Tryggvason die angesehensten Häuptlinge der Gegend
+zu einem Gastmahle ein; er erklärte ihnen bei dieser Gelegenheit, dass
+er, wenn er zum Heidentume zurückzukehren genötigt werden sollte, zur
+Versöhnung der heidnischen Götter, die er so schwer beleidigt habe, ein
+grosses Menschenopfer für nötig halte, und zwar werde er dabei nicht,
+wie sonst, Sklaven oder Verbrecher, sondern die vornehmsten Häuptlinge
+des Landes opfern, unter denen er sechs eben Anwesende nannte; seien
+sie damit nicht einverstanden, so müssten sie eben zu seinem, dem
+christlichen Glauben übertreten. Diese Drohung wirkt, die Häuptlinge
+ziehen die Bekehrung vor.[686]
+
+In den Tagen König Domaldis entstand in Schweden eine grosse Hungersnot
+und Elend. Da hielten die Schweden Opfer zu Uppsala; den ersten Herbst
+opferten sie Ochsen und der Jahrgang wurde dadurch nicht besser. Und
+den andern Herbst begannen sie ein Menschenopfer; aber der Jahrgang
+war derselbe oder noch schlechter. Und den dritten Herbst kamen die
+Schweden in grosser Zahl nach Uppsala, als da Opfer sein sollte;
+da hielten die Häuptlinge Rat, und sie kamen darin überein, dass
+das Missjahr von ihrem Könige Domaldi herkommen werde, und zugleich
+darüber, dass sie ihn opfern sollten um gutes Jahr für sich, und ihn
+angreifen und ihn töten, und mit seinem Blute die Altäre bestreichen,
+und so thaten sie. Nachmals unter Olaf trételgja wiederholt sich
+derselbe Vorgang. Da entstand ein grosses Missjahr und Hunger; das
+gaben sie ihrem Könige schuld, sowie die Schweden gewohnt sind, ihrem
+Könige sowol das gute als das Missjahr schuld zu geben. König Olaf war
+ein geringer Opferer; das gefiel den Schweden übel, und sie meinten,
+daher komme das Missjahr. Da zogen die Schweden ein Heer zusammen,
+machten einen Angriff auf König Olaf und umringten sein Haus und
+verbrannten ihn darin und schenkten ihn dem Odin und opferten ihn um
+ein gutes Jahr. Diese von der Ynglingasaga Kap. 18 und 47 überlieferten
+Erzählungen sind freilich sagenhaft, jedoch der Grundgedanke, den
+sie behandeln, gehört der Wirklichkeit an. Wenn der Zorn der Götter
+in besonders hohem Maasse erregt ist, nehmen sie nicht mit den
+gewöhnlichen Opfern vorlieb. Da muss der König und Häuptling selber als
+Sühneopfer sterben, um dem Volk die verwirkte Gnade der Himmlischen
+wieder zu gewinnen. Denselben Gedanken des Sühneopfers, wenn auch
+abgeschwächt, zeigt die geschichtliche Thatsache, dass die Burgunder
+bei einem Unglück im Kriege oder bei Misswachs ihren König zwingen,
+sein Amt niederzulegen.[687] Noch eine lehrreiche Sage bietet sich dar.
+König Wikar wollte mit seinen Leuten von Agdir nach Hordaland segeln;
+da traf es sich, dass sie vor starkem Gegenwind lange bei einigen
+kleinen Inseln liegen bleiben mussten. Sie fragten darum die Götter,
+was sie thun sollten, um günstigen Wind zu erhalten. Die Antwort war,
+dass man als Opfer für Odin einen Mann des Heeres, der durchs Loos
+auszuwählen sei, aufhängen sollte. Das Loos traf den König Wikar
+selbst, Am andern Tag bringt Starkad den König förmlich und feierlich
+zum Opfer, indem er ihn an einem Baumzweig aufhängt und mit dem Speer
+durchsticht, wobei er sprach: Nun gebe ich dich dem Odin. Hier also
+wählt sich Odin selber durchs Loos den Häuptling der Schar.
+
+An zweiter Stelle stehen +Tieropfer+[688], welche an den gewöhnlichen
+Festen, meist als Dankopfer üblich waren. Sie sind weit unschuldiger
+als die grausamen wahnvollen Menschenopfer. Schon Tacitus weiss, dass
+Tiuȥ und Donar mit geeigneten Tieropfern -- _concessis animalibus_ --
+verehrt wurden. Essbare Tiere wurden zum Opfer gewählt; sie gelten als
+Speise, welche dem Gotte geboten wird, und wurden beim Opferschmaus
+auch unter den Teilnehmern am Opfer ausgeteilt. Das Volk beteiligte
+sich unter dem Vorsitze der Könige und Häuptlinge an der Mahlzeit und
+trat dadurch in Gemeinschaft mit dem heiligen Opfer. In den ältesten
+Zeiten wurden vornehmlich Rosse geopfert. Pferdefleisch wurde von den
+Germanen mit Vorliebe genossen; der Genuss von Pferdefleisch, weil
+er eben namentlich mit der Opferhandlung verknüpft war, ist daher in
+der christlichen Zeit als heidnischer Brauch strengstens verpönt.
+Pferdefleisch soll König Hakon von Norwegen essen, als sein Volk ihn
+zur Teilnahme am Opferdienst zwingen will; noch in den Tagen Olafs des
+Heiligen wurden Pferde in Norwegen gegessen. Die Isländer behielten
+sich das Rossfleischessen bei Annahme des Christentums ausdrücklich
+vor. Die heidnischen Schweden wurden von König Olaf Tryggvason
+verächtlich als Rossfresser bezeichnet. Beim dänischen Hauptopfer zu
+Hleidra wurden Rosse geschlachtet. Die Alamannen übten nach Agathias
+den Brauch, den Thüringern wurde zur Zeit des Bonifacius der Genuss
+des Pferdefleisches untersagt. Das Fleisch assen die Opfergenossen,
+das Haupt der Tiere gehörte dem Gotte und wurde an den Baumstämmen
+des Opferhaines befestigt. Demnächst folgte das Rinderopfer, für
+Alamannen, Thüringer, Angeln und Nordleute ausdrücklich bezeugt. Die
+Schweden unter König Domaldi opferten dem Freyr Ochsen, der Isländer
+Thorkell gab dem Freyr einen alten Ochsen, Oddr Sindri einen Stier.
+Bei feierlichem Zweikampfe opferte der Sieger einen Stier. Des Opfers
+goldgehörnter, also geschmückter Kühe gedenkt das Lied von Helgi dem
+Hjorwardssohne. Überhaupt ist Aufputz der Opfertiere, vielleicht auch
+Auswahl nach bestimmter Farbe wahrscheinlich. Freyr und Freyja erhalten
+Eber; das Ferkel scheint bei den Deutschen beliebtes Opfertier
+gewesen zu sein, wenigstens dient ahd. _friscing_ (Frischling) zur
+Übersetzung von lat. _hostia_, _victima_, _holocaustum_. Auch Widder
+und Böcke stehen unter den Opfertieren. Von einem Ziegenopfer der
+Langobarden spricht Gregor der Grosse in den Dialogen 3, 28; die
+Langobarden bringen dem Teufel, also einem ihrer Götter ein Ziegenhaupt
+dar, indem sie zu des Gottes Ehren einen Reigen aufführen und Lieder
+absingen -- _caput caprae, hoc ei per circuitum currentes carmine
+nefando dedicantes_. Für „Opfertier“ besass die altdeutsche Sprache
+ein besonderes Wort: ahd. _zebar_, ags. _tifer_, im Altfranzösischen
+und Portugiesischen als germanisches Lehnwort _toivre_ Vieh, _zebro_,
+_zebra_ Ochse, Kuh. Damit scheint im wesentlichen das opferbare,
+essbare Vieh gemeint zu sein, während mhd. _unzifer_, nhd. _Ungeziefer_
+die Gesamtheit der unreinen, zum Opfer nicht geeigneten Tiere
+begreift. Die nordische Sprache verwendet dafür das Wort _tafn_,
+urverwandt mit lat. _dapes_, Opfermahl. Wenn Hunde und Wölfe neben
+Menschen an Bäumen hängen, so gehören diese Tiere darum doch nicht
+zum „_zebar_“; ihr Fleisch wurde ja auch keineswegs für gewöhnlich
+und gar beim Opferschmause verspeist. Sie bilden nur eine Zugabe zum
+Menschenopfer und dienen vermutlich zur Verschärfung des Rituals der
+Todesstrafe. Ein einziges Mal, beim dänischen Opfer zu Hleidra, das
+Dietmar von Merseburg beschreibt, begegnen auch Hähne und Habichte,
+doch wol nur infolge irrtümlicher Verwechslung von Opferbrauch und
+Bestattungsbrauch. Endlich ist noch zu erwähnen, dass das Tieropfer,
+wol besonders beim kleineren Privatopfer oder auch um einer grossen
+Menge, die beim eigentlichen Opferschmause nicht unterkam, Beteiligung
+zu gönnen, symbolisch gebracht worden zu sein scheint, in Form von
+gebackenen Tierfiguren. Schon der _indiculus superstitionum_ 26 aus
+dem 8. Jahrhundert nennt Bilder aus Backwerk, _simulacra de consparsa
+farina_. Die Tierbilder unsrer Weihnachtsgebäcke sind jedem gegenwärtig.
+
+Vom eigentlichen +Hergang beim Opfer+[689] enthalten nordische
+Quellen einen zusammenhängenden Bericht, während sonst nur wenige
+verstreute Bemerkungen vorliegen. In den Briefen des Bonifacius zum
+Jahr 732 begegnet ein Priester des Donar, der Opferfleisch genoss --
+_presbyter Jovi mactans et immolatitias carnes vescens_. Nach den
+Dialogen Gregors des Grossen 3, 27 wurden 40 gefangene Christen von
+den Langobarden genötigt, Opferfleisch zu essen. Also schlachteten
+die Priester die Opfertiere und nahmen mit dem Volke am Schmause
+teil. Des Opferkessels geschieht Meldung. Nach Strabo 7, 2 befanden
+sich im cimbrischen Heere grauhaarige, weissgekleidete, mit ehernem
+Gürtel umgürtete, barfüssige Priesterinnen. Diese führten die
+gefangenen Feinde zu einem geräumigen ehernen Kessel. Auf einer Leiter
+hinaufsteigend durchschnitt die Priesterin die Kehle des Opfers über
+dem Kessel, dass das Blut, aus dem geweissagt wurde, hineinrann.
+Der Kessel dient somit hier zur Aufnahme des Blutes. Anders bei den
+Schwaben, deren Opferfest Columban störte. Er fand viel Volks, im
+Begriff ein Wodansopfer zu begehen, um eine biergefüllte grosse Kufe
+herum sitzen. Reigen und Gesang gehören zur Opferfeier. Die Langobarden
+tanzen um das aufgehängte Ziegenhaupt. Opferlieder für die Götter
+erklangen bei allen Opferfesten. Von einem germanischen Feste[690],
+das mit einem Opfermahle und mit fröhlichem Gesänge verbunden war,
+hören wir bei Gelegenheit der Schilderung des Feldzuges des Germanicus
+im Jahre 14 nach Christus.[691] Im 10. Jahrhundert aufgezeichnet ist
+ein aus dem 6. Jahrhundert stammendes schwer zu deutendes gotisches
+Neujahrsspiel, das am byzantinischen Hofe aufgeführt zu werden pflegte.
+Mit heidnischem Kulte hat es aber nicht zu schaffen. Im Volke übliche
+Wettläufe sollen mit alten Opferbräuchen zusammen hängen. Spiel, Tanz,
+Gesang, wenn sie sich beim Opfer einstellen, dienen nicht allein
+weltlicher Belustigung, sie haben vielmehr sakrale Bedeutung und stehen
+in Zusammenhang mit der Kulthandlung des Opfers.
+
+Der nordische Opferbrauch verlief folgendermaassen. Die Opfer wurden
+im Tempel vor den Götterbildern geschlachtet; ihr Blut sammelte
+man in dem eigens hierzu bestimmten Blutkessel, man sprengte es
+sodann mit Sprengwedeln über das versammelte Volk, und bestrich
+damit die Götterbilder, Altäre oder Opfersteine und die Wände des
+Tempels. Die geschlachteten Menschenleiber wurden hierauf wol an
+den Bäumen aufgehängt oder in den Opfersumpf versenkt. Die Tiere
+aber dienten zum Opferschmause, nachdem vielleicht die Häupter
+ebenfalls den Göttern aufgehängt worden waren. Nun wurde das Fleisch
+in Kesseln gekocht, gesotten. Nie wurde das Opferfleisch gebraten;
+von diesem Sieden heissen daher in Schweden die Teilnehmer am Opfer
+_sudnautar_, Sudgenossen. Vom Opferstein und Opferkessel sind nordische
+Eigennamen wie Steinn, Vésteinn, Freysteinn, Þorsteinn und Ketill,
+Asketill, Þorketill, verkürzt Askell, Þorkell, Freyskell, endlich
+Bolli hergenommen. Die Kessel hingen über Feuern, die in der Halle
+des Tempels zwischen den Bankreihen der beiden Langseiten am Boden
+brannten. Man ass das also zubereitete Fleisch und Fett und trank die
+Brühe. Ans Mahl schloss sich der Trunk. Man trank sich gegenseitig über
+die Feuer hinweg zu. Dem Leiter des Opfers, der den Hochsitz einnahm,
+lag es ob, die Opferspeise und den Opfertrank zu weihen und die
+feierlichen Trinksprüche auszubringen. Darauf hub das Minnetrinken[692]
+an, man trank Odins Becher um Sieg und Macht, Freys und Njords Becher
+um gutes Jahr und Frieden. So geht das Opfer in ein heiteres Gelage
+über. Häufig kam es vor, dass bei den feierlichen Opferfesten von
+Leuten, die sich hervorthun wollten, förmliche Gelübde abgelegt
+wurden, die auf die Vollbringung irgend eines gewagten Unternehmens
+abzielten. Natürlich konnte ein Opfermahl nicht unmittelbar an die
+Opferhandlung in dem Falle sich anschliessen, wenn das Opfer eine
+beratende Versammlung, ein Ding einleitete. Bei Menschenopfern,
+welche grosse Volksdinge eröffneten, fällt der Schmaus ohnehin weg.
+Tieropfer, wenn sie Dingversammlungen vorausgingen, setzen freilich
+auch die daran anschliessende Mahlzeit voraus. Denn ein Brandopfer,
+wobei das Tier auf dem Holzstoss in Asche verwandelt wurde, scheint
+nur bei der Totenfeier, nicht beim Götteropfer üblich gewesen zu sein.
+Vielleicht folgte der Schmaus erst nach Schluss der Verhandlungen,
+am Abend und in der Nacht des Dingtages. Beim Opfermahl mag allerlei
+weltliche Lustbarkeit geübt worden sein, über welche jedoch nichts
+weiter verlautet. Nur einmal, beim Uppsalaopfer berichtet Saxo etwas
+derartiges. Der rauhe Kämpe Starkad verliess Schweden und begab sich
+nach Dänemark, da er sich über Spiel und Tanz beim Opferfeste in
+Uppsala ärgerte.[693] Was für Spiele damit gemeint sind, lässt sich
+nicht feststellen. Dass einige der Volksspiele, die im Mittelalter
+und noch heute vorkommen, aus Opferfesten der Heidenzeit stammen, so
+namentlich der Schwerttanz, ist möglich und wahrscheinlich, aber im
+Einzelnen kaum mehr sicher festzustellen.
+
+
+5. Opfer bei Ackerbau und Viehzucht.[694]
+
+Seit undenklicher Zeit lodern zu bestimmten Zeiten Feuer auf, die mit
+allerlei Bräuchen verknüpft noch heute fortdauern. Zu Fastnacht, zu
+Ostern, am 1. Mai, am Johannistag, an Michaeli werden in deutschen
+Gauen solche Feuer angezündet. Eingehende Untersuchung aller mit den
+von Hirten und Bauern entfachten Feuern zusammenhängenden Bräuche kam
+zum Schluss, dass diese Feuer die letzten Überreste altgermanischer
+Opfer seien. Vergleicht man alle Berichte, so ergibt sich nach und
+nach ein umständliches Verfahren, das sich zwar nirgends im ganzen
+Umfange, wol aber fast überall stückweise erhielt. Das Feuer ist der
+Mittelpunkt einer ursprünglichen regelrechten Opferhandlung, die man
+in ihren Grundzügen mit Hilfe der weitschichtigen Überlieferung wieder
+herzustellen versuchte. Wir erkennen Gemeindeopfer, welche von Hirten
+und Bauern als Bitt- und Dankopfer, unter Umständen auch zur Sühne und
+Abwehr drohender Nöte dargebracht wurden. Ob diese Opfer schon in der
+Heidenzeit an festen Tagen stattfanden, ist nicht sicher zu bestimmen.
+Wenn auch nicht der Tag, so war aber doch die Zeit durch Ackerbau
+und Viehzucht im allgemeinen, nach einzelnen Gauen klimatischer
+Verhältnisse halber freilich etwas schwankend, vorgezeichnet. Die
+Gemeinde trat zum Opfer zusammen beim Austrieb und Heimtrieb des
+Viehes, also etwa im Mai und September, wenn eine plötzliche Seuche
+einbrach oder drohte, was namentlich im Hochsommer der Fall war. Die
+Bauerngemeinde opferte nach beendigter Aussaat bei Winters Schluss
+oder um den 1. Mai, zur Sonnenwende gegen Gewitter- und Hagelschaden,
+im Herbst nach der Ernte. Auch zu Mittwinter wurde um Fruchtbarkeit
+des kommenden Jahres geopfert. So ergeben sich etwa vier jährliche
+Hauptopfer, die ziemlich gleichmässig verliefen. Wir betrachten
+zunächst ein +Hirten-+, dann ein +Bauernopfer+.
+
+Wenn eine verheerende Viehseuche den Viehstand einer Gemeinde
+schädigte, so wurde der erzürnten Gottheit ein Opfer dargebracht.
+Das stattlichste Tier derjenigen Gattung, die am meisten von der
+Krankheit zu leiden hatte, wurde ausgewählt, bekränzt, in feierlichem
+Zuge zu einer heiligen Stätte geleitet und dort geopfert. Das Opfer
+geschah entweder durch Eingraben des Tieres oder durch Köpfen. Die
+Tierhäupter wurden am Dachfirst oder sonst irgendwo aufbewahrt und
+dienten zur Abwehr der Seuche. Man gab freiwillig ein oder auch
+mehrere Stücke der Herde, um den Rest von der Seuche zu verschonen.
+Mit dem Tieropfer scheinen ursprünglich die _Notfeuer_[695] verbunden
+gewesen zu sein, die ebenfalls zur Abwehr von Krankheiten entfacht
+wurden. Alles Feuer im Dorfe wurde sorgsam ausgelöscht und früh vor
+Sonnenaufgang oder auch erst nach Sonnenuntergang zog die Gemeinde auf
+den für die heilige Handlung auserlesenen Platz. Unter feierlichem
+Schweigen wurden hier von Jünglingen trockene Hölzer durch Reibung in
+Brand gesetzt. Mit der auf diese Weise gewonnenen Flamme wurde dann
+ein Holzstoss entzündet, zu dem jede Familie etwas beigesteuert haben
+musste. Hierauf wurde die Herde durch die Flamme getrieben, zuerst
+Schweine, dann Kühe, Pferde und Gänse. Auch die Menschen sprangen
+hindurch und schwärzten sich dabei gegenseitig das Gesicht mit den
+heilkräftigen Kohlen. Fruchtbäume, Wiesen und Felder wurden mit
+brennenden Scheiten geräuchert. Zum Schluss nahm jede Familie etwas
+Feuer und einen abgelöschten Brand mit sich. Ersteres diente dazu, das
+erloschene Herdfeuer wieder anzuzünden; das verkohlte Scheit sicherte,
+in die Krippe gelegt, das Gedeihen der Rinder. Die rückständige
+Notfeuerasche ward als Mittel gegen Raupenfrass und Misswachs auf die
+Felder gestreut oder auch dem Vieh unter dem Futter mit eingegeben.
+Das Notfeuer wurde entzündet, wenn die Seuche eingetreten war; aber
+auch vorbeugend brannte es. Zumal im Hochsommer, wenn die Gluthitze
+die Luft mit Peststoff erfüllt, war Anlass zu Notfeuern, die zu einer
+ständigen Sitte wurden. Im Brauche der Johannisfeuer leben solche
+ständigen, jährlichen Notfeuer fort. Man hoffte dadurch Viehseuchen
+fürs ganze Jahr bannen zu können. Beim Notfeuer begegnen Spuren
+ursprünglich dargebrachter Opfer. Das Johannis-Notfeuer war mit einem
+Mahle verbunden, auch Minnetrinken war dabei üblich, endlich Tanz und
+Lustbarkeit. Verknüpft man, wozu Gründe vorhanden sind, das Viehopfer
+und das Notfeuer mit einander, so ergibt sich das altgermanische
+Opfer in den wesentlichsten Zügen. Ein bekränztes Opfertier wird zur
+Opferstätte geleitet, dort geschlachtet, das Haupt wird aufbewahrt,
+den Göttern geweiht, Haut und Knochen und Eingeweide werden in dem
+umständlich und aussergewöhnlich entfachten Feuer, dem reinigende
+Kraft eignet, zu Asche verbrannt. Das Fleisch der Opfertiere diente
+zum Schmaus, der, in ein Gelage auslaufend, die Feier beschloss.
+Die Volksbräuche haben bald diesen, bald jenen Zug aufbewahrt, die
+sich aber alle zu einer uralten einheitlichen Handlung vereinigen.
+Die Bräuche des Viehopfers und Notfeuers sind indogermanisch, sie
+entstanden bei Hirtenvölkern gleichmässig. Sie mögen mithin im Grunde
+älter sein, als der germanische Götterglaube und erhielten sich auch
+länger als dieser, obzwar nur trümmerhaft. Im germanischen Heidentum
+aber vollzog sich das Opfer nach den auch sonst üblichen Formen
+und war wol an die zuständigen Hauptgötter der einzelnen Stämme,
+also an Tiuȥ, Wodan und Donar gerichtet. Das Opfer war wol meist ein
+Gemeindeopfer, nur bei besonders ausgebreiteter und verheerender
+Seuche ein Volksopfer. Ursprünglich unständig und nur in Notfällen
+dargebracht, verwandelte es sich bald auch in ein jährlich wiederholtes
+sommerliches Opfer zur Erhaltung des Viehstandes.
+
+Gegen Ende Februar, wenn die winterliche Macht dem neuen Frühling zu
+weichen begann, feierten die heidnischen Germanen ein Opferfest. Man
+wollte dadurch vor allem Gedeihen für die Wintersaat und überhaupt
+Fruchtbarkeit für das Jahr erlangen; so galt es, die über Himmel, Erde
+und Wetter waltenden Gottheiten durch Bittopfer gnädig zu stimmen,
+durch Sühneopfer zu versöhnen. Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse,
+Hähne, Flachs und Speisen wurden Wodan, Frija und Donar gespendet. Zum
+Opferfeuer und zum Opfermahl steuerten die Gemeindemitglieder bei.
+Waren die Vorbereitungen getroffen, so zog die Gemeinde auf das mit
+Wintersaat bestellte Kornfeld, auf die Wiese oder auf einen Hügel in
+der Nähe des Dorfes und errichtete dort den Scheiterhaufen, auf den,
+hoch oben in Gestalt einer Strohpuppe, der winterliche Dämon gesetzt
+ward. Die Tiere wurden geschlachtet, das Feuer entzündet. Um das Feuer
+ging ein jubelnder Reigen. Die Bursche schwärmten mit Fackeln, lärmend
+mit Peitschen knallend, mit Schellen läutend und Lieder singend, auf
+den Feldern umher, um die dem Wachstum gefährlichen bösen Geister aus
+den Äckern zu vertreiben, aber auch um den neuen Lenz und das Korn
+aufzuwecken. Zu demselben Zweck rollte man brennende Reisigbündel über
+die grünende Saat oder trieb mit Stroh umflochtene und dann angezündete
+Räder die Anhöhen hinab in die Felder. In Süddeutschland ist das
+Schlagen brennender Holzscheiben üblich, deren Flug die Saat der
+reinigenden Kraft des Feuers teilhaftig macht. Fackellauf, Radtreiben,
+Scheibenschlagen[696] verbreiten das heilige Opferfeuer über das
+Saatfeld. Flamme, Rauch und verkohlte Überreste enthielten zauberische
+Heilkraft. Man stellte Weissagungen auf Ernteausfall und Witterung an.
+Zum Schluss folgte ein feierliches Mahl, bei welchem ein jeder von
+den verschiedenen Opfergaben bekam, um so auch für seine Person der
+Segnungen teilhaftig zu werden. Durchs niedergebrannte Feuer sprangen
+die Teilnehmer am Opfer. Die verkohlten Überreste wurden als Talismane
+heim genommen.
+
+ * * * * *
+
+Meistens bestand die Gemeinde weder ausschliesslich aus Bauern,
+noch aus lauter Hirten; sie war aus beiden gemischt. Darum nimmt
+die Opferfeier sowol auf Ackerbau als auch auf Viehzucht Rücksicht.
+Da die Gemeindeopfer der Hirten und Bauern zeitlich nicht weit
+auseinanderlagen, ergab sich um so leichter eine gemeinsame Feier,
+deren wesentlichen Gang Jahn am Schlusse seines Buches übersichtlich
+dargestellt hat. Wir wiederholen seine Schilderung (S. 326 ff.), die,
+wenn auch nicht in den Einzelheiten, so doch in den Grundzügen der
+Wirklichkeit entsprechen wird.
+
+Naht der Juli mit seiner stechenden, tötlichen Hitze, seinen schweren,
+Unheil bringenden Gewittern, rückt der Tag heran, an dem die Sonne
+auf ihrer Himmelsbahn den Höhepunkt erreicht, dass sie fast senkrecht
+auf die Erde herabscheint, so befinden sich Hirt und Bauer in
+grösster Aufregung. Jener fürchtet, dass die verpestete Luft, in der
+giftspeiende Drachen und Krebse herumfliegen und böse, allem Wachstum
+feindliche Dämonen ihr Wesen treiben, seinem Viehstand verderbliche
+Seuchen zuführt, dieser dagegen ist in Sorge, dass ein Hochgewitter
+oder ein heftiger Hagelschauer die in der Blüte stehende und schon
+reifende Frucht vernichten und dadurch mit einem Schlage seine ganzen
+Erntehoffnungen zerstören werde. Darum rüsten beide gemeinsam ein
+grosses Opferfest aus, um von den Gottheiten der Luft und des Himmels,
+der Erde und des Wassers und des Wetters, von Wodan, Tiu, Frija, Donar,
+gnädigen Schutz für ihr gefährdetes Eigentum zu erflehen.
+
+Vor allen Dingen gilt es da, den Göttern angenehme Opfertiere
+auszulesen: Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse und Hühner, auch
+Hunde und Katzen. Zu dem Zwecke wählt man entweder nach eignem
+Gutdünken die schönsten und stärksten Stücke der Herde aus, oder man
+lässt die Gottheit selbst entscheiden. Letzteres geschieht in der
+Weise, dass man immer dasjenige Tier von einer jeglichen Gattung Vieh,
+welches nach dem Willen der Gottheit als letztes die zur Feier des
+Tages besonders abgesteckte Festweide betritt, mit Blumen bekränzt und
+dadurch zum Opfer bestimmt.
+
+Zugleich mit der Auswahl der Opfertiere geht ein kleines Opfer, an
+dem sich nur Hirten beteiligen dürfen. Während die Herde auf dem Wege
+zur Festweide ist, eilt der Gemeindehirt zu einem heiligen Baum oder
+Strauch und schneidet davon mehrere Ruten ab. Diese werden sodann, mit
+Feldblumen durchflochten, in Besen zusammengebunden und denjenigen
+Tieren der einzelnen Herden, welche als erste auf der vorher noch von
+keinem Geschöpf betretenen Hutung anlangen, an den Schweif gebunden,
+damit auf diese Weise der heilige Mittsommertau recht frisch in den
+Reiserbesen aufgefangen werde und letztere dadurch noch grössere
+Zauberkraft erhalten.
+
+Darauf nimmt der Oberhirt der Gemeinde einen der Zauberbesen in die
+Hand und schlägt damit unter dem Hersagen eines Segensspruches jedes
+Stück Vieh dreimal auf den Rücken, wodurch alle schädlichen Hexen
+und Krankheit bringenden elbischen Geister aus dem Körper der Tiere
+vertrieben werden. Ist dies geschehen, so werden die Kühe gemolken und
+aus der gewonnenen Milch, in die man zuvor heilige Kräuter geworfen
+hat, und aus Eiern ein Opfermahl hergerichtet. Alle Hirten müssen
+daran teilnehmen, denn der Genuss der Opferspeisen ist von grossem
+Einfluss auf das Gedeihen des Viehstandes, und darum lässt man auch
+das Vieh nicht leer ausgehen, sondern gibt ihm die in der Opfermilch
+befindlichen Blumen zu fressen. Am Schlusse des Mahles übergibt der
+Oberhirt jedem Hofbesitzer einen der heiligen Besen, mit welchem dieser
+die Ställe und Scheuern seines Gehöftes kehrt, um auch dieses von
+schädlichen Krankheitsgeistern zu reinigen. Sodann wird der Besen als
+schützender Talisman auf dem Misthaufen aufgepflanzt oder oben an dem
+Hofthore befestigt.
+
+Nach dem Vertreiben der Hexen und dem damit verbundenen Hirtenopfer
+erscheinen sämtliche erwachsene Mitglieder der Gemeinde und putzen die
+am Morgen ausgewählten Opfertiere auf das festlichste aus. Man bekränzt
+sie mit Blumen, ziert sie mit bunten, farbigen Bändern und schmückt
+die Hörner der Böcke und Rinder mit Flittergold. Sodann treten die
+Ackerbauern zusammen und ziehen mit den Opfertieren in feierlichem
+Zuge, ein Götterbild an der Spitze, zuerst durch die Ortschaft,
+dann aber um die ganze Feldmark der Gemeinde herum. An deren vier
+Ecken wird Halt gemacht und ein Gebet gesprochen, in welchem man von
+Donar gnädigen Schutz der Saaten vor Wetterschlag und Hagelschauer
+erfleht. Der Umzug endigt bei dem heiligen Quell des Dorfes, dem
+festlich geschmückten Ortsbrunnen, worin die Göttin, welche der Erde
+Fruchtbarkeit und Feuchtigkeit verleiht, wohnt und waltet. Ein jeder
+von den Teilnehmern an der feierlichen Handlung tritt hier einzeln
+an den Quell heran, wirft ein mit Blumen geschmücktes Gebäck als
+Opfergabe hinein und thut dann von dem heiligen Wasser einen Trunk.
+Nachdem er sich ferner aus dem Wasserstande heraus den glücklichen oder
+unglücklichen Ausfall der kommenden Ernte geweissagt hat, schöpft er
+schliesslich noch für seinen Hausbedarf ein eigens dazu mitgebrachtes
+Gefäss voll des heiligen Wassers, welches er dann späterhin in Fällen
+der Not als kräftiges Mittel gegen allerhand Übel und Krankheiten,
+gegen Hexen und böse Geister gebraucht.
+
+Während Hirten und Ackerbauern sich mit dem Vertreiben der schädlichen
+Dämonen aus der Herde und mit dem Bittgang um die Felder beschäftigt
+haben, sind indes die Kinder im Orte von Haus zu Haus gezogen und
+haben unter dem Absingen von Liedern, in denen auf den reichlichen
+Geber alles Heil und Glück, auf den kargen Geizhals dagegen alles
+Unglück dieser Welt herabgewünscht wird, Holz, Stroh und anderen
+Brennstoff eingesammelt. Damit sind sie sodann auf den Dorfplatz oder
+eine Anhöhe in der Nähe des Ortes geeilt und haben dort einen grossen
+Scheiterhaufen errichtet. Hoch oben auf die Spitze desselben setzen
+sie eine aus Stroh geflochtene Puppe, welche das persönlich gedachte
+Unglück (die Hexe, den bösen Geist, den bösen Säemann, den Hagel)
+darstellen soll.
+
+Mittlerweile ist es Abend geworden. Die Bauern sind mit dem Bittgang
+und der Quellenverehrung fertig, und die ganze Gemeinde versammelt
+sich nun mit den Opfertieren bei dem Scheiterhaufen. Es beginnt nun
+der wichtigste Teil des ganzen Festes. Ein Paar keuscher Jünglinge ist
+bemüht, in der uralten Weise durch Aneinanderreihen zweier trockener
+Hölzer die heilige Opferflamme zu gewinnen. Andere beschäftigen sich
+damit, dem altherkömmlichen Brauche gemäss, die Opfertiere durch
+Hauptabschneiden zu töten. Die abgeschnittenen Köpfe werden sodann
+nebst den Rümpfen der lediglich zum Sühnopfer bestimmten Hunde und
+Katzen, sowie der Haut, dem Knochengerüst, den Eingeweiden und
+Genitalien der Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse und Hühner auf
+den Holzstoss gelegt, jedoch nicht eher, als bis sich jeder von den
+Teilnehmern am Opfer etwas davon angeeignet hat, sei es nun ein Knochen
+oder ein Stückchen Haut oder ein wenig geronnenes Blut. Solchen
+Opferresten wohnen nämlich grosse Zauberkräfte inne. Gibt man z. B.
+von dem Opferblut einem Kranken ein, so weicht sofort die Sucht von
+ihm; gräbt man einen Opferknochen in das Saatfeld, so bleiben Unwetter
+und Hagelschauer der Frucht fern u. s. w.
+
+Nachdem die Tiere geschlachtet sind, ist endlich auch die mühselige
+Arbeit des Feuergewinns mit Erfolg gekrönt worden. Die durch die
+Reibung erhitzten Hölzer haben Feuer gefangen. Schnell wird dasselbe
+angefacht und dann damit der Scheiterhaufen angesteckt, welcher, kaum
+entzündet, auch schon nur eine einzige grosse Flamme bildet. Alles
+jauchzt und jubelt und tanzt unter dem Singen alter, feierlicher Weisen
+um den brennenden Holzstoss herum. Aufmerksam blickt auch ein jeder
+nach der Farbe und dem Zug des Rauches und dem Aussehen des gestirnten
+Himmels; denn daraus lässt sich gar manches weissagen über die
+Aussichten bei der nächsten Ernte, über die kommende Witterung, über
+die Gegend, wo man im nächsten Jahre am besten aussäen kann, ja selbst
+über Liebe, Ehe und Tod.
+
+Die jungen Burschen reissen darauf aus dem Scheiterhaufen brennende
+Scheite heraus, zünden an seiner Glut Reiserwellen, lange Kienfackeln
+und mit Stroh umflochtene Räder an und laufen dann damit, schreiend
+und lärmend, mit Peitschen knallend und mit Schellen läutend, über die
+Felder hin, um dadurch die dem Wachstum feindlichen Dämonen aus den
+Saaten zu vertreiben. Die älteren Leute und die Frauen dagegen sieden
+in den herbeigebrachten Opferkesseln das Opferfleisch, bereiten die
+Opferkuchen und die anderen Opferspeisen zu und brauen Bier und Met
+für den heiligen Minnetrank. Aber ehe es zum fröhlichen Opferschmaus
+geht, muss noch eine wichtige Handlung vorgenommen werden: das Springen
+der Menschen durch das Opferfeuer und das Treiben der Herden über die
+dampfenden und im Erlöschen begriffenen Kohlen. Denn der Rauch des
+Opferfeuers übt nicht allein auf den Acker dämonenvertreibende Macht
+aus, sondern er befreit auch den menschlichen und tierischen Körper von
+den ihm innewohnenden elbischen Geistern und bewahrt ihn dadurch vor
+tötlichen Krankheiten und Seuchen.
+
+Ist auch dieser letzte grosse Läuterungs- und Reinigungsakt glücklich
+vorüber, so beginnt der Opferschmaus, bei dem es sehr heiter und
+fröhlich zugeht. Niemand darf sich davon ausschliessen, selbst der
+zufällig vorüberwandernde Fremdling muss an dem Mahle teilnehmen.
+Welches Gemeindeglied hätte sich aber auch einem solchen Feste
+entzogen, bei welchem sogar der übermässigste Genuss von Speise und
+Trank nicht allein keine nachteiligen Folgen nach sich ziehen konnte,
+sondern im Gegenteil dem Geniessenden die grössten Vorteile brachte.
+Denn je mehr Minne jemand trinkt, um so stärker und schöner wird er,
+und je mehr er isst, um so sicherer kann er sein, dass er das ganze
+Jahr hindurch von Krankheiten verschont bleibt. Zum Schlusse -- es
+mag wol oft der helle Morgen gekommen sein, ehe ein solches deutsches
+Opferfest beendet war -- nimmt ein jeder etwas von den Kohlen und der
+Asche des Feuers und den übrig gebliebenen Resten des Opferschmauses
+mit sich nach Hause, um die Dinge dort in allerhand Nöten als kräftige
+Heilmittel zu gebrauchen. Ausserdem erhält noch jede Familie ein
+brennendes Scheit von dem Opferfeuer, mit welchem sodann auf dem Hofe
+das vorher sorgfältig ausgelöschte Herdfeuer wieder neu entzündet wird,
+damit auf diese Weise auch das Haus der Segnungen des Opfers teilhaftig
+werde.
+
+So ging es bei dem Mittsommeropfer her und ganz ähnlich verliefen auch
+die andern Jahresopfer unserer heidnischen Vorfahren.
+
+ * * * * *
+
+Von Opfern, welche der einzelne Hausstand brachte, seien nur die
+bei der Aussaat und nach der Ernte erwähnt. Der Hausvater und sein
+Ingesinde brachten ein Brotopfer, mit Trankopfer verbunden, bei dem
+Treiben des ersten Pfluges in den Acker für die mütterliche Göttin
+Erde, damit sie aus ihrem Schoosse heraus dem Lande die erforderliche
+Feuchtigkeit und dadurch der Saat Gedeihen gebe; ein Körneropfer
+beim Ausstreuen der ersten Handvoll Saatkorn für den Windgott, dass
+er die Frucht vor Vogel-, Wild-, Mäuse- und Würmerfrass bewahre;
+nach vollendeter Bestellung des Saatfeldes ein Eier- oder Hahnopfer
+für den Wettergott, um von ihm gnädigen Schutz vor Hagelschauer
+und Wetterschlag zu erbitten. Dabei wurden zauberkräftige Gebete
+gesprochen, etwa wie die angelsächsische Flurbesegnung mit dem
+feierlichen Anruf: Heil dir Erde, wachse in des Gottes Umarmung,
+erfülle dich mit Frucht den Menschen zu Nutze.[697] Kleinere Opferfeuer
+mögen auch dabei entzündet worden sein. Das letzte Ährenbüschel aber
+gehörte dem Wode und seinem Pferde als Dankopfer. Auch hier fehlten
+die Weihsprüche nicht. Daneben begegnen Hahn- und Bocksopfer als
+Erntebrauch, wol mit Beziehung auf Donar. Hirtenopfer werden in Milch,
+Butter und Käse bestanden haben; dazu gehören die Viehbesegnungen, die
+allerdings nur in christlicher Fassung uns überkommen sind.
+
+So greift der Opferdienst in die ganze Acker- und Viehwirtschaft des
+Einzelnen wie der Gesamtheit fortwährend ein. Wenn diese Opferbräuche
+auch in der christlichen Zeit nicht versäumt wurden, darf füglich
+angenommen werden, dass das Heidentum nicht weniger eifrig dem
+Opferdienst oblag.
+
+
+6. Festliche Umzüge.
+
+Noch heute ist „begehen“ die gewöhnliche Bezeichnung für die Feier
+eines Festes. Das Wort besagt aber eigentlich „einen feierlichen Umzug
+halten“. Ein Aufzug[698] gehörte zum Opfer und Gottesdienst. Unter
+verschiedenen Formen und mit verschiedener Bedeutung treffen wir
+solche Festzüge im germanischen Heidentum. Am klarsten und genauesten
+kennen wir den Zug bei der Nerthusfeier und bei der schwedischen
+Freysfeier. Den Wagen der Nerthus schirrte der Priester und begleitete
+seine Umfahrt durch die Gaue der verbündeten Völkerschaften. Wohin der
+Wagen kam, wurde Fest und Frieden gehalten. Vermutlich zog das Volk,
+wie später beim Sommerempfang, dem Wagen der Göttin entgegen, um sie
+feierlich einzuholen. Das Volk nahm den heiligen Wagen in geordnetem
+Zuge in die Mitte und führte ihn zu sich heim; der weiter fahrenden
+Göttin wurde dann später Geleit gegeben. Spiel und Tanz fehlten dem
+Aufzug so wenig wie den Frühlingsfesten. Freyr besuchte, auf dem
+Wagen fahrend und von einer Priesterin geleitet, zur Winterszeit die
+schwedischen Gaue. Der Gott wurde festlich eingeholt und gefeiert. Sein
+Umzug segnete das Land zur Fruchtbarkeit. Der Gotenkönig Athanarich
+befahl, das Bild eines gotischen Gottes auf einem Wagen vor den
+Wohnungen aller des Christentums Verdächtigen herumzuführen. Weigerten
+sie sich, niederzufallen und zu opfern, so sollte ihnen das Haus über
+dem Kopfe angezündet werden.[699] Also auch derselbe Brauch eines
+umfahrenden Wagens. Der Schiffszug in den Niederlanden hing vielleicht
+einstens mit dem Isis-Nehalenniadienste zusammen. Der Grundgedanke
+dieser Feier scheint der Einzug der Gottheit ins Land zu sein. Aufzüge
+scheinen überhaupt jedem Opfer eigentümlich zu sein. Flurgänge, um
+Ackerland fruchtbar zu machen, wobei Götterbilder herumgeführt wurden,
+bezeichnet der _indiculus superstitionum_ als heidnische Sitte: _de
+simulacro quod per campos portant_. Die Kirche hat sich des Brauches
+bemächtigt, der in den Flurgängen der Gemeinde mit Priester und Heiltum
+statt des alten Götterbildes fortlebt. Romanischer Glaube mag übrigens
+in deutschen Festzügen mehrfach nachwirken.
+
+Der feierlichste Aufzug war der zur Schlacht. Die Götter schritten,
+ihre Anwesenheit durch die heiligen Feldzeichen bekundend, den
+Heerscharen voran, aus deren Mitte feierlicher Gesang, besonders zu
+Ehren Donars, erscholl. Es mag ein kurzes Lied mythischen Inhaltes
+gewesen sein, das, eine Ruhmthat des Gottes ins Gedächtniss rufend,
+diese als Beispiel göttlichen Heldentums hinstellte. Darauf ertönte
+der Kriegsruf, der unter den vor den Mund gehaltenen Schilden tosend
+anschwellende _barditus_.[700] Wie die kurze vorgeschickte Göttersage
+zum Zaubersegen, etwa in den Merseburger Sprüchen, so mag sich das
+Donarlied zum _barditus_ verhalten haben, einem brausenden, dem Feinde
+fürchterlichen Hurra, unter dem die Germanen nach Beendigung des
+Schlachtliedes den Sturmlauf begannen.
+
+
+7. Ständige Jahresfeste.
+
+Gab es bei den Germanen eigentliche Festzeiten, die sich jährlich
+an bestimmten Tagen wiederholten? Die Frage ist darum schwer zu
+beantworten, weil die ursprüngliche Jahresteilung der Germanen nur
+mangelhaft bekannt ist. Das Jahr zerlegten die Germanen in zwei
+Hälften, Winter und Sommer, denn diese Wörter gehen durch alle
+Sprachen gleichmässig hindurch. Ob die andern Jahreszeiten, Lenz und
+Herbst schon der Urzeit angehören, ist zweifelhaft. Das Jahr hub mit
+dem Winter, im Oktober vielleicht in der Tag- und Nachtgleiche oder
+im November, an. In der altdeutschen Sprache hat das Wort Winter
+geradewegs auch die Bedeutung Jahr. Zu Winters Anfang und zu Sommers
+Anfang waren grössere Opferfeste üblich, die nicht bloss in der
+Gemeinde, sondern in der Völkerschaft, im ganzen Lande gefeiert wurden.
+Da kamen die Volksgenossen zum Herbstding und Frühlingsding aus Nah
+und Fern zusammen, da wurden Opfer und Gottesdienst gefeiert, Gericht
+gehalten, Volksfeste begangen u. dgl. mehr. Ein festes Datum für die
+Zusammenkünfte lässt sich nicht behaupten. Es war wol auch nach Klima
+und Landesbeschaffenheit verschieden und wurde eben allgemein auf den
+ersten Winter- oder Sommermond verlegt. Ostern, die Märzfelder der
+Merowinger, die Maifelder der Karolinger, die zahllosen Frühlingsfeste,
+die im Volksbrauche auch unter dem Christentum fortlebten, die uralten
+Volksspiele vom Einholen des Sommers, vom Streit zwischen Sommer und
+Winter, Feste, die sich im allgemeinen zwischen Fasten und Pfingsten
+abspielen, andererseits die herbstlichen Kirchweih- und Schlachtfeste
+dürften einzelne Züge aus den altgermanischen Winter- und Sommeropfern
+bewahren. Aber ein Gesamtbild lässt sich nimmer gewinnen. Denn das alte
+grosse Volksfest ist mit Gemeindefesten der Bauern und Hirten vermischt
+und auf verschiedene Tage des römisch-christlichen Kalenders verstreut.
+Ausserdem sind viele fremdartige und junge Bräuche eingedrungen.
+Es versteht sich wol von selbst, dass eine Vereinigung des ganzen
+Volkes nicht allzu oft stattfinden konnte. Denn die Reise zum Ding
+war zeitraubend. Andererseits forderten aber die Angelegenheiten des
+Volkes solche Versammlungen, die aber keineswegs bloss dem Opferfeste,
+vielmehr ebenso dem Gerichte und der Beratung, die im Heidentum
+vom Gottesdienste gar nicht zu trennen sind, gewidmet waren. Darum
+betont J. Grimm in den Rechtsaltertümern S. 245, 821 ff. mit Fug die
+ursprüngliche Zusammengehörigkeit von Volksding und Volksopfer. Je
+nach Umständen wird bald die eine, bald die andere Bedeutung stärker
+hervorgetreten sein. Im Christentum fiel das Opfer weg, aber Volksding
+und Volksfest hafteten. Die Frühlingsfeste, welche in Verbindung
+mit Waffenübungen und Schützenfesten stehen, weisen zurück auf eine
+Zeit, wo die Ankunft des Frühlings nicht nur mit einem Danke an die
+Götter für das, was die Natur gab, sondern mit einer Zusammenkunft
+der gesamten waffenfähigen Mannschaft begrüsst wurde, wo die während
+des Winters nicht geübten Fertigkeiten bei Kampfspielen erneuert und
+die Kriegszüge des Sommers beschlossen wurden. Sie erinnern an die
+fränkischen März- und Maifelder, wo die Musterung im Vordergrund
+steht. Die wesentlichen Merkmale jener Versammlung im Herbst und
+Frühling waren etwa diese: Gebet und Opfer um gutes Jahr und glückliche
+Unternehmungen, Beratungen über Angelegenheiten des Volkes, zu
+Sommersanfang besonders über bevorstehende Feldzüge, Waffenmusterung,
+Gerichte, Umzüge und Volksspiele, Opferschmaus und Gelage. Besonders
+im Norden finden wir den alten Brauch der Volksdinge am besten auch
+unter der christlichen Religion bewahrt. Die Norweger hatten neben
+dem _Heradsding_, dem Ding der Hundertschaft, _Volklandsdinge_. In
+vier grossen Verbänden traten die Norweger zusammen. Die Isländer
+vereinigten sich im Herbst und Frühling in kleineren Verbänden, im
+Juni zum _Allding_. Zugleich hören wir im Norden von besonders grossen
+Opferfesten der Dänen und Schweden. Die Zeiten der nordischen Dinge
+sind allerdings teilweise eigenartig und ohne Zusammenhang mit den
+altgermanischen ungebotenen Dingen, namentlich auf Island allein durch
+die Landesbeschaffenheit bestimmt.
+
+Weil die ungebotenen Dinge der Germanen vielfach zu Winters und Sommers
+Anfang stattfanden, weil zur selben Zeit der Volksbrauch noch allerlei
+Spiele und Feste kennt, weil die Germanen das Jahr in Winter und
+Sommer einteilten, wird man nicht fehlgehen, wenn man dahin ständige
+Festzeiten der heidnischen Germanen verlegt, die im grösseren Verband,
+unter Teilnahme des ganzen Volkes, als Volksfeste gefeiert wurden.
+
+Noch weitere Volksfeste scheinen vorhanden gewesen zu sein. Zu
+Mittwinter wurde _jul_ gefeiert. Das nordische _jól_, _júl_ begegnet
+auch im englischen _yule_; in Pommern ist Jul eine Bezeichnung für die
+Weihnachtszeit, scheint aber aus Schweden oder Dänemark eingeführt
+zu sein. Im Gotischen und Angelsächsischen kommt dasselbe Wort als
+Monatsname vor: ags. _æra geola_, _æftera geola_[701], erster und
+zweiter Julmonat, zur Bezeichnung des Januar und Februar, got. _fruma
+jiuleis_, erster Julmonat zur Bezeichnung des November. Ist der Monat
+nach dem Feste oder das Fest nach dem Monat benannt? Der Ursprung des
+Wortes liegt im Dunkel. Weinhold dachte an Entlehnung aus lateinischem
+_julius_, die Mittwintermonate (December, Januar) hätten die Germanen
+bei Annahme des römischen Kalenders mit dem Namen des Mittsommermonats
+belegt. Andere Erklärungen suchen Urverwandtschaft mit lateinischem
+_joculus_; Jul sei die heitere Festzeit.[702] Das heidnische Julfest
+der Nordleute fand im Januar nach Dreikönig statt und währte drei Tage.
+Die Zeit gibt für Dänemark Thietmar von Merseburg an, für Norwegen die
+Bezeichnung _Þorrablót_, das Þorriopfer. Þorri ist ein Monatsname,
+dem Januar entsprechend. Þorri hub zwischen dem 9. und 16. Januar an.
+König Hakon verfügte, dass man das Julfest in Norwegen um dieselbe Zeit
+feiern sollte, wie die Christen Weihnachten.
+
+In Deutschland ist kein sicheres Zeugniss des heidnischen
+Mittwinterfestes vorhanden. Wol spielen die Zwölften, die Zwölfnächte
+zwischen Weihnacht und Dreikönig im Volksaberglauben eine grosse
+Rolle.[703] Da sind alle Geister los und suchen die Menschen heim.
+Der Wode, Frau Holle, die Percht, das wütende Heer ziehen um und
+werden mit Opfer geehrt. Alle Arbeit ruht, besonderes Backwerk wird
+zubereitet, festlicher Schmaus gehalten. Das sind die Loosnächte, in
+denen die Zukunft erforscht werden kann, welche die Witterung und damit
+die Fruchtbarkeit des kommenden Jahres anzeigen. Da ereignen sich
+allerlei wundersame Dinge. Erwägt man, dass das nordische Julfest
+auf die christliche Weihnachtszeit verlegt wurde, so kann man auch
+für Deutschland solches annehmen und den Weihnachtsaberglauben vom
+alten Mittwinteropfer ableiten. Aber er kann ebensowol vom heidnischen
+Jahresanfang, vom Winterbeginn oder Herbstopfer auf Weihnachten und
+Neujahr verlegt worden sein.
+
+Nordische Berichte reden von drei grossen Jahresopfern, die
+im allgemeinen wol auch mit den germanischen Jahresopfern
+übereinstimmen.[704] Die Ynglingasaga (Kap. 8) sagt: „Da sollte man
+opfern gegen den Winter zu für gutes Jahr (_í móti vetrs til árs_),
+mitten im Winter sollte man opfern für Wachstum (_at miđjum vetri
+til gróđrar_), das dritte Mal gegen Sommer (_at sumri_); das war das
+Siegesopfer.“ Die jüngere Olafssaga Helga Kap. 104 berichtet: „Das
+ist ihre Sitte, ein Opfer zu haben im Herbste und da den Winter zu
+begrüssen; ein andres Opfer haben sie mitten im Winter, das dritte
+gegen Sommer, da begrüssen sie den Sommer.“ Von dem Halogaländer Sigurd
+Thorisson berichtet dieselbe Saga im Kap. 112: „Er war so gewohnt, so
+lange das Heidentum währte, drei Opfer jeden Winter zu haben, eines
+bei Winters Anfang, das zweite um Mittwinter, das dritte gegen Sommer;
+nachdem aber das Christentum allgemein üblich geworden war, behielt
+er die alte Gewohnheit wegen der Gastmähler. Da hatte er im Herbst
+ein Freundesmahl, im Winter ein Julgelage, wozu er wieder zahlreiche
+Leute zu sich einlud; ein drittes Mahl hielt er auf Ostern, und da
+hatte er wieder viele Leute. So hielt er es fort, so lange er lebte.“
+Vom südnorwegischen Bauern Harekr wird erzählt: „Drei Hauptmahle hielt
+er in jedem Jahre, eine Julgasterei und Mittwinters und zu Ostern.“
+In der Gislasaga Surssonar I, 27 heisst es vom Isländer Thorgrim:
+„Er gedachte zu Winters Anfang ein Herbstgelage zu haben, den Winter
+zu begrüssen und dem Freyr zu opfern.“ Die Opferzeiten berühren
+ebenso den Einzelnen wie die Allgemeinheit. War die Dingzeit einmal
+anders gelegt, so wurde natürlich das Jahresopfer, sofern die alte
+Festzeit bestehen blieb, auch von einzelnen Leuten gefeiert. Mit dem
+Opfer verbanden sich Spiele, wo mehr Leute zusammenkamen. So erzählt
+die Eyrbyggjasaga Kap. 43: „Das war die Sitte der Breidfirdinger im
+Herbste, dass sie Ballspiele hielten um den Beginn des Winters unter
+Oexl südlich von Knorr; da heisst es seitdem _leikskála vellir_ (Ebene
+der Spielhütten), und die Leute kamen dahin aus der ganzen Umgegend;
+da waren grosse Spielhütten errichtet; die Leute wohnten da und sassen
+da einen halben Monat oder länger.“ Neben dem Julgelage werden auch
+Julgeschenke (in der Egilssaga Kap. 70) und Spiele (Holmverjasaga Kap.
+22) erwähnt. Beim Sommeropfer zu Uppsala nennt die Olafssaga Helga Kap.
+75 einen Jahrmarkt. Das sommerliche Volksopfer in Norwegen bezeugt die
+Egilssaga Kap. 49: „Das war im Frühjahr, dass zu Gaular ein grosses
+Opfer sein sollte gegen Sommer. Dort war der ansehnlichste Haupttempel;
+dahin kam eine gewaltige Menge aus Firdir und aus Fjalir und aus Sogn
+und nahezu alle angesehenen Leute.“ So lange die ständigen, ungebotenen
+Volksdinge und die Volksopfer zusammenfielen, war der Besuch des
+grossen Jahresopfers für die Volksgenossen Pflicht, von der man sich
+nur gegen Entrichtung einer Steuer loskaufen konnte. Denn so wird es
+beim Ding auch später immer gehalten.
+
+Nur eine einzige Quelle, die keinen Glauben verdient, die Hervararsaga
+(Kap. 12), verlegt das Julfest in den Februar.[705] Dem Þorriopfer
+begegnet ein Goiopfer. Goi entspricht dem Februar und fängt zwischen
+dem 9./16. Februar unsres Kalenders an. Nun ist mit dem Goiopfer
+offenbar das schwedische Hauptopfer zu Uppsala gemeint, das aber
+deutlich als Sommeropfer sich ausweist und nach dem Scholiasten Adams
+von Bremen erst später um die Zeit der Frühlingstag- und Nachtgleiche
+gefeiert wurde. Diese Zeitbestimmung ist die ursprüngliche und
+richtige. Es handelt sich um das germanische Opfer zu Sommers Anfang.
+Dasselbe scheint nachmals weiter zurück verlegt worden zu sein, von
+März oder April in den Februar. Über das Opfer berichtet die Olafssaga
+helga Kap. 75: „In Schweden war das alte Landessitte, so lange das
+Heidentum währte, dass ein Hauptopfer zu Uppsalir sein sollte im Goi
+des Winters; da sollte man opfern um Jahr und Frieden und um Sieg
+für seinen König, und dahin sollten die Leute kommen aus dem ganzen
+Schwedenreiche, da sollte ein Ding aller Schweden sein; da war auch
+Markt und eine Kaufversammlung, und der Markt währte eine Woche; nun
+aber seit das Christentum allgemein angenommen war und die Könige
+nicht mehr in Uppsalir sitzen mochten, da war der Markt verlegt und
+auf Lichtmess gehalten worden und dabei ist es seitdem geblieben;
+er währt nun nicht länger als drei Tage und da ist nun das Ding der
+Schweden und dahin kommen sie aus dem ganzen Lande.“ Ein dem Mittwinter
+entsprechendes Mittsommerfest gab es nicht. Nur irrtümlich spricht
+die Olafssaga Tryggvasonar in der Heimskringla Kap. 72 von einem
+_miđsumarsblót_ anstatt des _miđsvetrarblót_.[706] Die Johannistrünke
+dürfen auch nicht hergezogen werden, noch weniger das sommerliche, im
+Juni abgehaltene Allding der Isländer, das allein in der isländischen
+Landesbeschaffenheit begründet ist. Die Gemeinde hatte wol Ursache,
+zu Mittsommer zu opfern, aber das Volk trat schwerlich im Sommer zu
+grossen ungebotenen Versammlungen zusammen. Somit bleiben nur die
+Opferfeste zu Winters und Sommers Anfang, ferner das Julfest, drei
+ständige germanische Opferzeiten.
+
+ * * * * *
+
+Ständige grosse, das ganze Volk umfassende Opferfeste sind schon
+frühzeitig bezeugt.[707] Im uralten Semnonenhain versammelten sich zu
+bestimmter Frist Abordnungen aller suebischen Völkerschaften, um den
+allwaltenden Tiuȥ mit Menschenopfern zu ehren. Die Jahreszeit dieses
+Opferfestes ist nicht angegeben, auch nicht, ob es sich jährlich oder
+erst nach einer Anzahl von Jahren wiederholte. Aber andere Zeugnisse
+lassen deutlich die Hauptopferzeiten erkennen.
+
+Germanicus benutzte zweimal die Zeiten germanischen Festesfriedens,
+um unvermutet über die sorglosen Festgenossen herzufallen.[708] Es
+waren wol ständige Feste, von denen die Römer Kunde hatten. Im Jahre
+14 kam er über die Marsen, welche der Tanfana opferten. Es war im
+Spätherbst nach der Ernte und gegen Winters Anfang, also das Fest
+des neu anbrechenden Jahres. Im folgenden Jahre, gleich im Anfang
+des Frühlings, als grade eine ungewöhnliche Dürre herrschte, machte
+Germanicus einen ähnlichen Einfall ins Land der Chatten und zog auf
+den Hauptort Mattium, das er verbrannte. Vermutlich wurde dort das
+Frühlingsfest, das Sommeropfer begangen.
+
+Widukind weiss von einem Feste der Sachsen am 1. Oktober. Drei Tage
+lang währte die Feier, die auch dem Andenken der Toten galt.[709]
+Widukind sucht allerdings in dieser bei Scheidungen an der Unstrut
+abgehaltenen Feier ein Siegesfest der Sachsen über die Thüringer. Aber
+man erkennt leicht, dass es um ein ständiges, auch in christlicher Form
+fortlebendes Fest sich handelt, das keineswegs aus einem einzelnen
+Ereigniss hervorging. Erwägt man die Zeit, so ist auf das germanische
+Opfer zu Winters Anfang, zum heidnischen Neujahr zu schliessen. Dass
+die Toten dabei bedacht wurden, ist auch sonst bei den germanischen
+Opfern nachzuweisen. Sie galten nicht nur den Göttern, sondern
+ebenso sehr den Seelen. Namentlich Winters-, d. h. Jahresanfang, im
+christlichen Kalender Allerseelen und Neujahr, die Zwölften, kehren den
+Seelenkult stark hervor. Dasselbe Fest wurde, von dem Berichterstatter
+ähnlich missdeutet, am 28. September zu Augsburg gefeiert.[710] Die
+Überlieferung nennt einen _dies deae Cisae_, worin Laistner einen
+missverstandenen „_Cisatag_“, „_Sisatag_“ sieht. Neben ahd. _sisesang_,
+Totenlied, _nenia_, wäre _*sisetag_ eigentlich ein _Kartag_, ein Tag
+der Klagelieder. Das Fest zu Winters Anfang, zu Michaeli, war zugleich
+eine allgemeine Totenfeier und trug davon sogar einen besondern
+Namen. Die germanische Jahreswende scheint nicht bloss eine Zeit der
+Lustbarkeit, sondern auch der Klage um die Verstorbenen gewesen zu sein.
+
+Auch im Norden ging die Verehrung von Disen und Alfen neben der
+Verehrung der Götter an den hohen Jahresfesten her. _Alfablót_,
+Alfenopfer, fällt mit Jul zusammen; denn nach der grossen Olafssaga
+helga Kap. 80 kam der Skald Sighvat spät im Winter zu einem Gehöft,
+wo das _alfablót_ gefeiert wurde. In der Vigaglúmssaga Kap. 6 heisst
+es: „Da war zu Winters Anfang ein Gastmahl bereitet und ein _dísablót_
+gehalten und alle sollten diese Erinnerung feiern.“ Das schwedische
+Opferfest führte den Namen _dísaþing_. Mithin gelten nach nordischem
+und deutschem Brauch die grossen ständigen Jahresopfer den Göttern und
+Geistern. Letzteren wurde wol besonders Winters Anfang und Mittwinter
+geweiht, da der Aberglaube mit Vorliebe jene Zeiten den schwärmenden
+Geisterscharen zuweist.
+
+ * * * * *
+
+Von besonderer Art sind die Feste, welche nur selten, nach Ablauf
+mehrerer Jahre und dann mit grosser Feierlichkeit vom ganzen Lande
+begangen werden.
+
+Thietmar von Merseburg[711] erzählt von den Dänen: „Es ist ein Ort in
+jenen Gegenden, namens Lederun (Leire, Hleidra), die Hauptstadt jenes
+Reiches im Gau Selon (Seeland), wo immer nach Verlauf von neun Jahren
+im Monat Januar um die Zeit, wo wir die Erscheinung Christi feiern,
+alle zusammen kamen und ihren Göttern 99 Menschen und ebenso viele
+Pferde nebst Hunden und Hähnen, die man in Ermangelung der Habichte
+darbrachte, opferten, indem sie für gewiss glaubten, dass diese ihnen
+bei den Göttern der Unterwelt Dienste leisten und dieselben wegen ihrer
+begangenen Missethaten mit ihnen aussöhnen würden.“
+
+Adam von Bremen[712] schildert ein ähnliches schwedisches Landesopfer:
+„Alle neun Jahre wird zu Uppsala ein allen Schweden gemeinsames
+Opfer gefeiert. In Bezug auf dieses Fest findet keine Befreiung von
+Leistungen statt. Die Könige und das Volk, alle schicken ihre Gaben
+nach Uppsala, und diejenigen, die bereits das Christentum angenommen
+haben, kaufen sich von jenen Ceremonien los. Das Opfer ist folgender
+Art. Von jeder Gattung männlicher Geschöpfe werden neun dargebracht,
+mit deren Blut es Brauch ist, die Götter zu sühnen. Die Körper aber
+werden in dem Haine aufgehängt, der zunächst am Tempel liegt. Dieser
+Hain ist nämlich den Heiden so heilig, dass jeder Baum durch den Tod
+oder die Verwesung der Geopferten geheiligt erachtet wird. Dort hängen
+auch Hunde und Rosse neben den Menschen und von solchen vermischt
+durch einander hängenden Körpern habe er, erzählte mir ein Christ,
+72 gesehen. Die Lieder, die bei der Vollziehung eines solchen Opfers
+gesungen werden, sind vielerlei und unehrbar. Neun Tage werden Schmäuse
+und dergleichen Opfer gefeiert. An jedem Tage opfern sie einen Menschen
+nebst anderen Geschöpfen, so dass es in neun Tagen 72 Geschöpfe werden,
+die man opfert. Dies Opfer findet statt um die Frühlings Tag- und
+Nachtgleiche.“ Zum Beweise, wie streng die Nichtachtung des Opfers
+geahndet wurde, erzählt das Scholion 136, wie der christliche König
+Anunder deshalb aus seinem Reiche vertrieben wurde.
+
+Zum richtigen Verständniss der beiden grossen nordischen Opfer muss
+zunächst ein Irrtum Thietmars berichtigt werden. Er vermischt Opfer-
+und Bestattungsbräuche. Die Tiere wurden nicht darum geschlachtet,
+dass die zum Opfer getöteten Menschen in der Unterwelt davon Gebrauch
+machten; solches war nur der Leichenfeier eigen. Beim Opfer fielen
+Menschen und Tiere den Göttern zu. In der Hauptsache verlaufen das
+dänische und schwedische Landesopfer gleich. Beide fanden nur alle neun
+Jahre statt, die Neunzahl spielt beiderseits bei den Opfern eine Rolle.
+Vielleicht sind die 99 Menschen in Dänemark neben den 9 in Schweden
+doch zu hoch gegriffen. Neun Tage dauert das schwedische Fest. Das
+dänische Opfer fiel mit dem Julfest zusammen, das schwedische mit dem
+Sommeropfer.
+
+ * * * * *
+
+Man muss dem Umstand Rechnung tragen, dass wir die ursprünglichen
+germanischen Jahresfeste nur unsicher aus der überlieferten
+Zeitrechnung, aus dem römischen Kalender und der christlichen Festfolge
+zu erschliessen vermögen. Zweifellos hingen die einstigen Hauptfeste
+mit der Jahresteilung zusammen. Als aber, noch im Heidentum, der
+römische Kalender eindrang, fanden Verschiebungen aller Art statt, die
+christliche Festfolge vermehrte noch die Verwirrung. So wurden die
+Jahresfeste verlegt und auf verschiedene Tage verteilt. Man gelangt
+nur zum allgemeinen Satze, dass für die Volksopfer die Jahresteilung,
+für Gemeindeopfer Ackerbau und Viehzucht maassgebend gewesen zu sein
+scheinen.
+
+Die siebentägige Woche und die Einteilung des Jahres in zwölf
+Monate[713] kam den Germanen aus der Fremde, durch die Römer zu und
+zwar noch vor der Bekehrung, sonst wären die heidnischen Götternamen
+nicht für die Wochentage gewählt worden. Damals muss die interpretatio
+romana schon sehr fest eingebürgert gewesen sein, denn allgemein und
+ohne Schwanken werden die dies Martis, Mercurii, Jovis, Veneris dem
+Tiu, Wodan, Donar und der Frija zugeteilt. Die Monate, sofern sie
+germanisch bezeichnet wurden, heissen nach Zeit und Wetter, Pflanzen
+und Tieren, Geschäften in Haus und Feld, nicht nach religiösen
+Vorstellungen. Erst später wurden gleich einigen Kalendertagen
+auch Monatsnamen persönlich gedacht und spielen deshalb im jüngeren
+Volksglauben eine Rolle.
+
+
+
+
+II. Das Tempelwesen.
+
+
+1. Heilige Haine.
+
+Das Waldleben hatte von jeher tiefen Einfluss auf alle Verhältnisse
+des germanischen Volkes, so auch auf Glauben und Gottesdienst. „In
+dem Wehen, unter dem Schatten uralter Wälder fühlte sich die Seele
+des Menschen von der Nähe waltender Gottheiten erfüllt.“[714] Die
+ältesten Zeugnisse heben den Waldkultus hervor, der Wald war die
+Behausung der Götter. Heilige Haine vertreten geradezu eigentliche
+erbaute Tempel. Bei echt germanischen Tempeln fehlt auch nicht der
+Wald, es sei denn, die Natur versage ihn wie auf Island. Die ältesten
+germanischen Bezeichnungen lehren: Tempel ist zugleich Wald. „Was
+wir uns als gebautes, gemauertes Haus denken, löst sich auf, je
+früher zurückgegangen wird, in den Begriff einer von Menschenhänden
+unberührten, durch selbstgewachsene Bäume gehegten und eingefriedigten
+heiligen Stätte. Da wohnt die Gottheit und birgt ihr Bild in
+rauschenden Blättern der Zweige.“[715] „Die Götter, im Wald und auf der
+Berghöhe gegenwärtig, bedurften keiner gebauten Wohnung, keines sie
+darstellenden Bildes. Am deutlichsten hat das Tacitus von den Germanen
+ausgesprochen: _ceterum nec cohibere parietibus deos, neque in ullam
+humani oris speciem assimilare ex magnitudine coelestium arbitrantur:
+lucos ac nemora consecrant, deorumque nominibus appellant secretum
+illud, quod sola reverentia vident_. Nur Bäume hegten den Gott und über
+Bäumen stand der Himmel offen. Als aber allmälig feste Niederlassungen
+erfolgten und als der friedliche Ackerbauer selbst ein Haus bezogen
+hatte, lag der Gedanke nah, auch für die Götter bleibende Wohnstätten
+zu errichten, und aus feierlichen Steinkreisen auf dem Waldgebirg
+gingen Höfe oder Tempel hervor. Die ältesten Ausdrücke unsrer wie der
+griechischen Sprache können sich von dem Begriff des heiligen Haines
+noch nicht losreissen, sondern gehen von diesem aus und erst unmerklich
+in die Vorstellung einer erbauten Stätte über.“[715]
+
+Die altgermanischen Wörter für Heiligtum, Opferstätte schwanken in
+ihrer Bedeutung zwischen Hain und Tempel, weil eben zum Gottesdienste
+einerseits heilige gehegte Wälder, andrerseits aufgerichtete Gebäude
+dienten. Das ahd. _haruc_[716] geben die Glossen mit _lucus_, _nemus_,
+_fanum_, _ara_ wieder, ags. _hearh_[717] wird entsprechend als _lucus_,
+_sacellus_, _fanum_ ausgelegt. Im Nordischen bedeutet _hǫrgr_[718]
+ursprünglich Steinhaufen, vielleicht geschichteter Steinaltar oder
+Steinkreis als Hag um den Opferplatz, wie solche noch in England und
+Skandinavien zu sehen sind. Zugleich aber nimmt _hǫrg_ die allgemeine
+Bedeutung „Heiligtum“, die besondere „kleiner Tempel“ an.[719] Ahd.
+_paro_ (gen. _parawes_)[720], ags. _bearo_ (gen. _bearwes_), welche
+_lucus_ und _arbor_ ausdrücken, deuten auf den heiligen Hain oder Baum.
+
+In den germanischen Sprachen begegnet unter verschiedenen Formen ein
+Wort für sich allein und in Zusammensetzungen; es lautet _weh_, _weg_
+(an. _vé_, ags. _weoh_, _weg_, as. _weg_) _wih_, _wig_ (gotländisch,
+dän., schwed. _vî_, ags. _wih_, _wig_, as. ahd. _wih_). Die
+Grundbedeutung ist Kultstätte (as. _friduwih_, befriedete Kultstätte)
+und demnach, wie die ahd. Glosse „_forst edo haruc edo uuih_“
+lehrt, auch heiliger Hain, ferner Kultgegenstand (_idolum_, _ara_,
+_vexillum_).[721]
+
+Ahd. _lôh_ (_lucus_), das wie nord. _lundr_ in vielen deutschen
+Ortsnamen erscheint[722], weist wol manchmal auf ursprünglichen
+Opferhain. Am besten unterrichtet Tacitus an vielen Stellen über den
+Waldkult der Germanen.[723] Bei den Nahanarvalen ist ein altehrwürdiger
+Hain (_lucus antiquae religionis_), wo den Alcis gedient wird. Bei den
+Semnonen steht der uralte schauerliche Opferwald, den man nur gefesselt
+betreten darf (_silva auguriis patrum et prisca formidine sacra_);
+dort versammeln sich Abgesandte aller Suevenstämme. Der Nerthus ist
+ein unberührter Hain (_castum nemus_) geweiht, worin allerdings auch
+ein templum sich erhebt. Die Feldzeichen der Stämme, Tierbilder und
+Abzeichen der Götter, die dem Heere voran in die Schlacht getragen
+wurden, befanden sich gewöhnlich im geweihten Walde. Im Donarswald (_in
+silvam Herculi sacram_) versammeln sich die Völker zur Schlacht. In
+den heiligen Hain (_sacrum in nemus_) ruft Civilis den Adel zusammen.
+Opfersteine, bei denen die gefangenen Feinde geschlachtet wurden, traf
+man in den Wäldern (_lucis propinquis barbarae arae apud quas tribunos
+mactaverant_). Die Häupter getöteter Opfertiere bleichten an den
+Baumstämmen.
+
+Im tiefsten, dunkelsten Urwald, wo kein Holz geschlagen werden darf,
+ist das Heiligtum der Götter, da stehen die Opfersteine, da werden
+Menschen und Tiere geschlachtet oder aufgehängt, da werden die heiligen
+Feldzeichen der Völker aufbewahrt. Dort ist aber auch Volksversammlung
+und Gericht. Vermutlich war ein besonderer Teil des Urwaldes zum
+eigentlichen Gottesdienst abgegrenzt, während fürs Ding gelichtete,
+wenigstens von Buschwerk und Unterholz gerodete Strecken erforderlich
+scheinen. Der den Göttern geweihte uralte, wilde Bannwald rief einen
+schauerlichen Eindruck hervor, ebenso aus ehrfürchtiger Scheu vor
+der unmittelbaren Gegenwart der Götter wie wegen der blutigen Opfer,
+wegen der verwesenden Leichen und bleichenden Gebeine. Nicht bloss den
+Römern, auch den germanischen Volksgenossen selber war ein solcher
+Urwald unheimlich. Die Schrecken der Vorzeit hafteten auch später
+vornehmlich am Tempelhain, so an dem zu Uppsala, während die übrigen
+Örtlichkeiten der frohen Feste halber wol einen freundlicheren Anblick
+boten. Der eigentliche Opferplatz, wo die Gottheit die Opfer empfing,
+war der furchtbare Mittelpunkt des Gottesdienstes.
+
+Die Bekehrer hatten oft mit heiligen Wäldern, insbesondere mit heiligen
+Bäumen zu thun. Der Wald gilt ohnehin als Aufenthalt der Geister, der
+Baum als beseelt; somit wird er leicht zur Behausung, zum Heiligtum
+der Götter. Bonifacius fällte bei Geismar die Donarseiche und erbaute
+aus ihrem Holz eine Peterskapelle. Unter Sachsen und Friesen[724]
+dauerte die Verehrung der Haine am längsten fort. Bischof Unwan von
+Bremen liess im Anfang des 11. Jahrh. bei abgelegenen Bewohnern seines
+Sprengels solche Wälder, in denen geopfert wurde, ausrotten. Nach einem
+Treffen, das im Jahre 779 zwischen Franken und Sachsen geschah, liess
+sich ein schwerwunder Sachse aus seiner Burg heimlich in einen dem
+höchsten Gott geweihten Hain tragen. Schon in alten Urkunden ist von
+_Heiligenforst_ bei Strassburg, _Heiligenloh_ im Hoyaschen, _Heiligelo_
+bei Alkmaar in Holland, _Heiligenholtz_ bei Zwifalten, _Halahtre_ in
+Westfalen die Rede.[725] Diese Namen bewahren das Andenken heidnischer
+Götterwälder, die der Benutzung des Volkes entzogen, dem Dienste der
+Götter geheiligt waren.
+
+2. Tempelbauten.
+
+Aus dem Walde wuchs allmälig der gezimmerte Tempel[726] hervor,
+vielleicht Anfangs in der Art, dass um einen besonders heiligen Baum,
+der als Sitz der Gottheit galt, eine Hütte aus Holz und Zweigen
+aufgeführt wurde. Derlei mag der _indiculus superstitionum_ IV „_de
+casulis id est fanis_“, von kleinen Tempelchen, im Auge haben. Man
+gedenkt der Halle König Vǫlsungs, die freilich weltlichen Zwecken
+dient, aber möglicherweise einen altfränkischen Waldtempel darstellt.
+„König Wolsung Hess eine herrliche Halle machen und zwar auf die Art,
+dass eine grosse Eiche in der Halle stund; die Zweige des Baumes
+mit schönen Blättern breiteten sich übers Dach, der Stamm reichte
+in die Halle hinunter.“[727] Hernach stösst Odin das Schwert für
+Sigmund in den Stamm dieser Eiche. Darf man eine Wodanseiche im
+fränkischen Urwald, um welche ein Tempel gezimmert war, worin der Gott
+seinen Lieblingen sich offenbarte, als letzten Ausgangspunkt dieser
+Sagenbildung vermuten? Die sächsische _Irminsûl_ muss hier erwogen
+werden. Im nordischen Hause stützen eine oder zwei Säulenreihen als
+Grundpfeiler den ganzen Bau. Besonders wichtig sind die zwei am
+Hochsitz befindlichen sog. _ǫndvegissúlur_, an denen Götterbilder
+eingeschnitzt sind, denen abergläubische Verehrung erwiesen wird.
+Die nach Island fahrenden Norweger nehmen ihre Hauptsäulen mit und
+stellen sie in der neuen Heimat ebenso in die Mitte des Hauses. Auch im
+Tempelbau, der vom Hausbau nicht wesentlich abwich, kehren diese Säulen
+wieder. Karl der Grosse zerstörte im Jahre 772 einen Hauptsitz des
+sächsischen Aberglaubens, die unweit Eresburg in Westfalen errichtete
+_irminsûl_, die Hauptsäule.[728] Er verbrannte das sächsische
+Heiligtum. Im tiefen Wald, wol im Osning, im heiligen Götterhain,
+ragte die Säule auf, die bald als fanum, bald als idolum bezeichnet
+wird. Später wurde an ihrer Stelle eine Peterskirche gebaut. Rudolf
+von Fulda erzählt vom Baumkult der Sachsen und erklärt die irminsûl
+als einen grossen, unter freiem Himmel hoch aufgerichteten Holzstamm,
+eine Hauptsäule.[729] Was ist nun in Wirklichkeit unter der sächsischen
+Säule zu verstehen? Ihr eignete wol dieselbe religiöse Bedeutung
+wie der nordischen Haussäule. Durch eingeschnitztes Götterbild mag
+vielleicht auch sie zum Heiligtum, zum Idol, geweiht gewesen sein. Sie
+stand aber allein im Freien und diente so als Symbol. Der aufgerichtete
+Grundpfeiler, die Hauptsäule vertrat vielleicht symbolisch den Tempel,
+der ursprünglich um den heiligen Baum, nachher um die hölzerne
+Hauptsäule gezimmert war. Für den germanischen Tempel der Urzeit,
+dessen Einrichtung nirgends genau geschildert ist, lernen wir nur
+das eine, dass sein Ursprung an den heiligsten Baum des geweihten
+Forstes, an die uralte mächtige Göttereiche anknüpfte. Den Baum löste
+bei späterem kunstvollerem Bau die im Mittelpunkt aufgerichtete
+hochragende Hauptsäule, ein gewaltiger verarbeiteter Baumstamm ab. Wie
+der Götterbaum den Grundpfeiler des heiligen Gebäudes abgab, so scheint
+er auch das Götterbild, das zunächst an ihm haftete, veranlasst zu
+haben. So wuchs, wol auch unter der Anregung römischer Kultur, aus
+dem ursprünglichen Gottesdienst im Urwalde die gezimmerte Behausung
+der Götter und ihre bildliche Darstellung heraus. Der Götterbaum als
+_irminsûl_ entfaltet beides.
+
+Zur Zeit des Tacitus ist die Kultstätte meistens der heilige Hain.
+Aber an zwei Stellen ist zweifellos vom Tempel im Haine die Rede.
+Nachdem der Priester die Nerthus an Festtagen umhergeführt hat, gibt
+er sie ihrem Heiligtum zurück (_satiatam conversatione mortalium deam
+templo reddit_). Im Jahre 14 machten die Legionen des Germanicus den
+marsischen Tanfanatempel dem Erdboden gleich (_celeberrimum illis
+gentibus templum, quod Tanfanae vocabant, solo aequatur_). Die Bekehrer
+hatten nicht bloss Göttereichen zu fällen, sondern auch Tempelbauten
+niederzulegen, zu verbrennen oder zum Dienste des Christentums
+umzuweihen. Allmälig hatten sich die im Walde gebauten Tempel vermehrt,
+mitunter wurden auch römische Bauten, gemauerte steinerne Tempel dem
+germanischen Götterdienst nutzbar gemacht. Als Radegund, die Gemahlin
+Chlotars, aus Thüringen nach Frankreich zog, führte sie ihr Weg in
+der Nähe eines fränkischen Tempels vorüber. Die glaubenseifrige
+Christin gebot ihren Leuten, den Heidentempel anzuzünden. Die Franken
+wehrten sich, aber Radegund setzte ihren Willen trotzdem durch. Das
+Heiligtum wurde verbrannt, hernach aber Frieden gestiftet. So erzählt
+die vita sanctae Radegundis (_acta Bened. sec._ 1 S. 327) aus dem
+6. Jahrh. Gregor von Tours (_vitae patr._ 6) weiss von einem mit
+Zieraten erfüllten Tempel zu Köln (_fanum quoddam diversis ornamentis
+refertum_), worin die Barbaren beim Opfer Schmaus und Gelage hielten.
+Dort standen auch Götterbilder. Kranke Glieder wurden in hölzerner
+Nachbildung aufgehängt. Bei den Angelsachsen gab es eingehegte Tempel
+(_fana cum septis_), die ziemlich vollkommen gewesen sein müssen, sonst
+hätte schwerlich Gregor dem Augustin anempfohlen, christliche Kirchen
+daraus zu machen. Die ags. Sprache gewährt auch ein germanisches
+Wort für den Begriff „Altar“. Im Walde genügte der Opferstein, im
+Tempel erhub sich ein Altar, _wigbed_ (aus älterem _wihbéod_), der
+Tempeltisch.[730] Er diente wol wie der nordische _stallr_ zur
+Aufnahme heiliger Gerätschaften, des Eidringes, der Opferblutschale
+u. dergl.[731] Sächsische Tempel (fana) nennt das _capitulare de
+partibus Saxoniae_. Den friesischen Göttern[732] waren in allen Teilen
+des Landes Tempel errichtet. Darin lagerten oft Schätze. Genauer
+beschrieben ist aber nur Fosites Heiligtum auf Helgoland.
+
+Der hl. Willebrord brach auf Walchern ein altehrwürdiges, von
+einem tapferen Wächter behütetes Heiligtum.[733] Da im Dünensande
+vor Walcheren Trümmer römischer Steinbauten und Nehalenniasteine
+sich vorfanden, handelt es sich vermutlich um einen Tempel aus der
+Römerzeit, den die Germanen nach Abzug der Römer zum Dienste ihrer
+eigenen Götter benutzten. Überhaupt muss man mit der Möglichkeit
+rechnen, dass die auf römisches Gebiet einrückenden Germanen, hier
+und da ihre Opferstätten in verlassene römische Tempel verlegten.
+Nahmen die germanischen Söldner doch auch ebenso willig den Brauch
+bildergeschmückter Weihsteine von ihren römischen Kameraden an, nicht
+bloss zum Kaiserkult und zum Dienst der römischen Truppengenien,
+sondern auch zu Ehren heimischer Volksgötter. Wo steinerne
+Tempelbauten unter Germanen erwähnt werden, liegt dieser Verdacht sehr
+nahe. In des Jonas von Bobbio _vita Columbani_ Kap. 17 (J. Grimm, Myth.
+73) ist von römischen Thermen, mit Steinbildern geschmückt, die Rede,
+denen die Burgunden bei Luxeuil in Franche comté Verehrung erwiesen.
+Echt germanische Tempel waren aus Holz gefertigt, allenfalls aus
+Rasenstücken und rohen Steinen kunstlos geschichtet, aber nicht aus
+kunstvoll behauenen Steinen regelrecht gemauert.[734]
+
+Am ausführlichsten ist das Heiligtum des Fosite auf Helgoland
+geschildert, wohin Willebrord zwischen 690 und 714 verschlagen wurde.
+Für die dem Gotte geheiligte Stätte hatten die Friesen die höchste
+Verehrung. Alles, Tempel, Äcker, Wälder, Quellen, weidende Tiere,
+Schätze gehörten dem Gotte. Keiner der Heiden des Landes wagte,
+Tiere, die dort weideten, oder irgend welchen Gegenstand des Landes
+zu berühren, nur schweigend schöpften sie das Wasser der Quelle, die
+dort entsprang. Nach König Redbads Satzung galt es für ein des Todes
+würdiges Verbrechen, als Willebrords Gefährten Tiere der Insel zu
+ihrer Nahrung schlachteten, und Willebrord drei Leute in der heiligen
+Quelle taufte. Drei Tage liess König Redbad das Loos ziehen; dadurch
+entschieden die Götter bei einem der Gefährten Willebrords, dass er
+getötet werden musste; er selbst und die andern durften die Insel
+verlassen. Das Volk ums Jahr 700 glaubte, jeden, der das geweihte Land
+nicht in tiefster Verehrung betrete, müsse die Strafe des Gottes,
+Raserei oder sofortiger Tod treffen. Im 11. Jahrhundert, als bereits
+das Christentum eingezogen war, herrschte noch der Glaube, dass jeder,
+der auf der Insel das geringste raube, Schiffbruch oder schweren Tod
+erleiden müsse, daher denn alle, von tiefer Furcht erfüllt, bereit
+waren, von ihrem Seeraub den zehnten Teil den Eremiten darzubringen,
+die auf dem Lande angesiedelt waren.
+
+Hier finden wir alle wesentlichen Merkmale des germanischen Heiligtums,
+Wald, Tempel, Opferquelle, Tempelgut an Hort und Herde, alles unter
+besonderem unverletzlichem Frieden. Mit der Schilderung des friesischen
+Heiligtums stimmt die des schwedischen Haupttempels überein, die wir
+Adam von Bremen[735] verdanken.
+
+Das Schwedenvolk hat einen sehr berühmten Tempel, der Uppsala heisst
+und nicht weit von der Stadt Sigtun liegt. In diesem Tempel, der ganz
+von Gold gebaut ist, betet das Volk die Bildnisse dreier Götter an,
+und zwar so, dass der mächtigste von ihnen, Thor, mitten im Saale
+seinen Thron hat; rechts und links sitzen Wodan und Fricco. Nahe bei
+diesem Tempel steht ein sehr grosser Baum, der seine Zweige weithin
+ausbreitet und im Winter wie im Sommer immer grün ist. Welcher Art
+derselbe ist, weiss niemand. Dort ist auch eine Quelle, wo die Heiden
+Opfer anzustellen und einen Menschen lebendig zu versenken pflegen.
+Wenn dieser nicht wiedergefunden wird, so ist der Wunsch des Volkes
+bestätigt. Den Tempel umgibt eine goldene Kette, die am Giebel des
+Gebäudes hängt und den Herankommenden entgegenblinkt. Das folgende
+Kapitel 27 schildert auch noch den beim Tempel gelegenen Hain, dessen
+Bäume durch die verwesenden Körper geopferter Menschen schaurig geweiht
+waren. Der uralte schaurige Bannwald steht hier noch wie ein Denkmal
+vergangener Zeiten neben dem freundlichen Bild des Tempels und des
+über der Quelle rauschenden immergrünen Baumes. Beachtenswert ist die
+goldene Kette, die den Tempel umgibt. Sie erinnert an die _vébǫnd_
+des nordischen Rechtes, an die heiligen Schnüre, die, an Haselstangen
+geknüpft, das Gericht abgrenzten.
+
+Genaues über Bau und Einrichtung des Tempels berichten nur
+norwegisch-isländische Quellen.[736] Der nordische Tempel, in Norwegen
+aus Holz[737], auf Island auch aus Torf, Steinen oder Lavablöcken
+erbaut, entspricht aber schwerlich dem altgermanischen.
+
+Thorolf, der in Norwegen einen Tempel besessen hatte, brach ihn
+ab, nahm die Erde, die unter dem Altar gewesen war, und das meiste
+Holzwerk mit, liess in Island den Ort seiner Niederlassung durch seine
+Hochsitzpfeiler, auf welchen Thor eingeschnitzt war, bestimmen und
+schritt alsbald zum Wiederaufbau seines Gotteshauses. „Da liess er
+den Tempel erbauen, und es war das ein grosses Haus; es waren Thüren
+an den Seitenwänden und nahe an dem einen Ende; innerhalb standen da
+die Hochsitzpfeiler und darin waren Nägel, die hiessen Götternägel
+(_reginnaglar_). Im innern Teile des Hauses war ein Haus in der Art,
+wie nun der Chor in den Kirchen ist, und es stand da eine Erhöhung
+mitten auf dem Boden und ein Altar, und darauf lag ein Ring ohne Ende
+von zwei (andere Lesarten: neun, zwanzig) Unzen Gewicht, und auf den
+sollte man alle Eide schwören; den Ring sollte der Häuptling an der
+Hand tragen bei allen Volksversammlungen. Auf der Erhöhung sollte
+auch der Blutkessel stehen und darin der Blutzweig, als wäre es ein
+Sprengwedel, und damit sollte man aus dem Kessel das Blut spritzen,
+welches _hlaut_ genannt wurde; das war solches Blut, wenn Tiere
+geschlachtet wurden, die man den Göttern opferte. Um die Erhöhung
+herum waren in dem Nebenhause den Göttern ihre Plätze angewiesen.“
+In der Kjalnesingasaga wird vom Goden Thorgrim erzählt: „Er war ein
+eifriger Opferer; er liess einen grossen Tempel errichten auf seinem
+Hofe, der war 120 Fuss lang und 60 Fuss breit; Thor wurde da zumeist
+verehrt; da war es innen rund gemacht wie eine Haube (d. h. gewölbt);
+das war alles mit Tapeten behängt und mit Fenstern versehen; da stand
+Thor in der Mitte und beider Hand andere Götter. Vorn davor stand
+eine Erhöhung, mit grosser Kunstfertigkeit gemacht und oben mit Eisen
+getäfelt; darauf sollte ein Feuer sein, das nie erlöschen sollte; das
+nannten sie das geweihte Feuer. Auf dieser Erhöhung sollte ein grosser
+Ring liegen, aus Silber (andere Lesart: aus Gold) gemacht; den sollte
+der Tempelgode an der Hand tragen bei allen Volksversammlungen; auf
+den sollte man alle Eide schwören wegen Klagsachen. Auf der Erhöhung
+sollte auch ein grosser Kessel stehen von Kupfer; darein sollte man
+all das Blut lassen, das von dem Vieh käme, das dem Thor geschenkt
+würde, oder von den Menschen; das nannten sie _hlaut_ und _hlautbolli_.
+Mit dem Blute sollte man die Menschen bespritzen und das Gut.“ Wie
+die Tempel zu den Opferfesten benützt wurden, lernen wir aus der
+Hákonarsaga góða: „Das war alte Sitte, wenn ein Opfer sein sollte, dass
+alle Bauern dahin kommen sollten, wo der Tempel war, und dahin ihre
+Sachen bringen, deren sie bedurften, solange das Opfermahl währte. Bei
+diesem Mahle sollten alle Leute Bier haben; da wurde auch allerhand
+Vieh geschlachtet, und ebenso Pferde, all das Blut aber, das daher kam,
+das nannte man _hlaut_, aber _hlautbollar_ (Blutkessel) das, worin das
+Blut enthalten war; und _hlautteinar_ (Blutzweige), die waren gemacht
+wie die Sprengwedel; damit sollte man die Altäre völlig bespritzen, und
+ebenso die Wände des Tempels von aussen und von innen, und so auch das
+Blut über die Leute sprengen; das Fleisch aber sollte man zur Bewirtung
+der Leute brauchen. Feuer sollte mitten auf dem Boden im Tempel sein,
+und darüber die Kessel, und die Vollbecher sollte man über das Feuer
+bringen; der aber, der das Mahl hielt und der Häuptling war, sollte den
+Vollbecher weihen und alle Opferspeise. Da trank man Odins, Njords,
+Freys Becher und das Gedächtniss angesehener Blutsfreunde. Sigurd Jarl
+war der freigebigste der Männer; er that ein Werk, das sehr berühmt
+war, dass er ein grosses Opfermahl zu Hladir hielt und alle Kosten
+allein trug.“
+
+Die grossen Tempel waren prächtig ausgeschmückt; an der Tempelthüre
+zu Hladir und auch anderwärts war ein goldener Thürring angebracht.
+Bei den skandinavischen Tempeln darf man an reiches Holzschnitzwerk
+denken. Im Innern hingen bei Festen Teppiche. Auch Goldverzierungen
+an Säulen und Wänden, an Gerätschaften und Götterbildern scheinen
+üblich gewesen zu sein. Vom schwedischen Tempel zu Uppsala sagt Adam,
+allerdings übertreibend, er sei ganz aus Gold gewesen. In Wirklichkeit
+handelte es sich wol nur um reiche goldene Zierat. Die freilich wenig
+glaubhafte längere Saga von den Droplaugssöhnen[738] erwähnt eines
+von einem Gehege umschlossenen isländischen Tempels, der von Gold und
+Silber erglänzte. Darin waren Bilder Thors und Freys, der Frigg und der
+Freyja, angethan mit prächtigen Gewändern.
+
+Den Angaben der alten Quellen begegnen die Überreste isländischer
+Tempel, die Sigurður Vigfússon untersuchte. Vom nordischen Tempel
+gewinnen wir etwa folgendes Bild:
+
+[Illustration]
+
+Der Hof bestand aus zwei Gebäuden, aus einem Langhause und aus
+einem kleineren halbrunden Anbau. Das Langhaus war ganz wie die
+gewöhnlichen Hallen eingerichtet, hatte seine Bänke längs den Wänden
+und den zwischen den Hauptsäulen befindlichen Hochsitz. Es diente
+zur Abhaltung der Opferschmäuse, wobei Feuer auf dem Boden zwischen
+den Sitzreihen angezündet waren. Über den Feuern hingen die Kessel
+zum Sieden des Opferfleisches. Das eigentliche Heiligtum bildete der
+Anbau, das _afhús_, das einen eigenen Eingang hatte und mit der Halle
+durch keine Thüröffnung verbunden war. Das _afhús_ war ein überwölbter
+Halbrundbau, angelehnt an die schmale Giebelseite des Langhauses. In
+der Mitte des Halbkreises war der mit Eisen gedeckte Altar (_stallr_,
+_stalli_), auf dem geweihtes Feuer brannte und heilige Geräte, Ring,
+Blutkessel, Sprengwedel standen. In den alten Opfersteinen hatte eine
+runde Vertiefung das Blut aufgefangen, beim kunstvolleren Altar diente
+eine besondere Schale, ein kleiner Kessel (_hlautbolli_) dazu. Hinter
+dem Altare an der Rückwand des Halbrundes standen die Götterbilder
+auf einer bankartigen Erhöhung. Das _afhús_ durften wol nur wenige
+Auserlesene, vor allen der Gode zum Vollzug der Opferhandlung betreten,
+das Langhaus nahm die „Sudgenossen“, die Opferteilnehmer auf.
+
+Um den Tempel ging ein mannshoher Zaun mit verschliessbaren Thüren, der
+_skíđgarđr_, _stafgarđr_.[739]
+
+Die Anlage des nordischen Tempels erinnert stark an die Kirche mit
+Langschiff, Chor und Apsis, nur dass zwischen Chor und Langschiff keine
+Verbindung besteht. Diese Übereinstimmung ist schwerlich zufällig.
+Wir kennen nordische Tempel erst aus einer Zeit, da die Nordleute
+längst mit christlichen Kulturvölkern im Verkehre waren. Da konnte der
+Kirchenbau leicht auf den Tempelbau übertragen werden. Jedenfalls ist
+schon wegen des Verdachtes nachgeahmter Formen nicht die geringste
+Gewähr dafür, den verhältnissmässig so späten nordischen Tempel für ein
+Abbild des altgermanischen zu nehmen.
+
+
+3. Götterbilder.
+
+Tacitus berichtet Ann. 2, 45, dass die Germanen zur Zeit Armins durch
+die langen Kämpfe mit den Römern sich gewöhnt hätten, Feldzeichen
+zu folgen. In der Germania Kap. 7 erzählt er, dass die Feldzeichen
+bestanden aus _effigies_ und _signa_ [740], dass sie von Priestern in
+heiligen Hainen aufbewahrt und gleichsam als Vertreter der Götter von
+dort in den Kampf getragen wurden.[741] Unter _signa_ sind Attribute
+und Waffen der Götter, also etwa Wodans Speer, Donars Hammer, Tiuȥ
+Schwert zu verstehen, unter _effigies_ Tierbilder, plastische, auf
+Tragstangen befestigte Bilder verschiedener symbolischer, den einzelnen
+Stammgöttern geheiligter Tiere, _ferarum imagines_, wie sie Tacitus
+Hist. 4, 22 nennt, wie wir sie auch sonst und durch Abbildungen auf
+der antoninischen Säule bezeugt finden. Es waren Bilder von Drachen,
+Wölfen, Stieren, Ebern, Adlern und Raben.
+
+Gab es neben diesen symbolischen Feldzeichen, die zur Zeit Armins erst
+aufkamen, auch wirkliche Götterbilder? Germania Kap. 9 „_neque in ullam
+humani oris speciem assimulare ex magnitudine caelestium arbitrantur_“
+ist rhetorische Phrase, aber bei den Alcis (Germania Kap. 43) behauptet
+Tacitus bestimmt, es seien keine Bilder vorhanden gewesen (_nulla
+simulacra_). Bei der Nerthusumfahrt könnte man allerdings an ein Bild
+denken. Aber es kann auch hier beim Symbol geblieben sein, ein Wagen,
+ein Schiff fuhr um, unsichtbar dachte man darin Nerthus oder Nehalennia
+zugegen. Späterer Brauch, wo wirkliche Bilder umher geführt wurden,
+ist für die Urzeit nicht maassgebend. Freilich wenn mit Wagen und
+Decke, _si credere velis, numen ipsum_, die Göttin selbst im heiligen
+See gebadet wurde, muss ein Bild da gewesen sein. Es dürfte sich wol
+wie mit dem Tempelbau verhalten. Ursprünglich genügte der Wald als
+Opferstätte, die Götter waren unsichtbar zugegen, hernach aber wurde
+ein Haus gezimmert und ein Bild darin aufgestellt. Zur Zeit des Tacitus
+löste die neue Sitte eben den älteren tempel- und bilderlosen Kult ab,
+wobei das Vorbild der Römer maassgebend war. Zur Zeit der Bekehrung
+herrschten in allen germanischen Ländern Tempel und Götterbilder
+vor.[742]
+
+Deutsche Söldner im römischen Heerdienst lernten von ihren Kameraden
+den Brauch, bildergeschmückte Weihsteine aufzustellen. So erhuben sich
+Altäre dem Herkules-Donar, Mars-Thingsus-Tiuȥ, der Isis-Nehalennia.
+Aber diese Weihsteine, welche die Inschriften tragen, die Bildwerke,
+die den Schmuck abgeben, sind bis auf den letzten Meisselstrich
+römisch, sie entstammen römischem Kulte und sind von römischen
+Steinmetzen hergestellt.[743] Die Germanen haben sie nur veranlasst,
+bezahlt, allenfalls dem römischen Götternamen ein latinisiertes
+germanisches Beiwort beigefügt.
+
+Aus rohen Steinen, Steinpfeilern und Holzpfählen, die man aufrichtete,
+mag allmälig das symbolartige Götterbild entstanden sein. Erwägt man
+die _irminsûl_ der Sachsen und die norwegisch-isländische Hauptsäule
+mit ihrem abergläubischen Kulte und mit den daran eingeschnitzten
+Götterbildern, so möchte man in solchen roh geformten, vielleicht
+zunächst nur mit Köpfen versehenen Holzpfählen die Anfänge germanischer
+Götzenbilder vermuten.[744]
+
+Das älteste Zeugniss eines holzgeschnitzten Götterbildes führt in die
+zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts zu den Goten. Athanarich liess eine
+Bildsäule auf einem Wagen (ξόανον ἐφ’ ἀρμάξης ἑστώς) herumführen mit
+dem Befehl, die Leute sollten davor niederfallen und opfern (Sozomenus,
+hist. eccl. 6,37). Die Nachrichten aus der Bekehrungszeit lauten sehr
+allgemein und geben keinen genauen Begriff von den Götzen, welche die
+Glaubensboten vorfanden. Auch muss man in Betracht ziehen, dass mit
+den Götterbildern, namentlich denen aus Stein oder Metall, schwerlich
+ursprünglich germanische gemeint sein werden, denn diese waren aus Holz
+gemacht, vielmehr Überreste aus der Römerzeit, die aber in den Dienst
+des germanischen Glaubens übernommen worden waren. Nach Gregor von
+Tours 2, 29-31 spricht Chrothild zu Chlodowech, den sie bekehren will:
+Eure Götter sind aus Stein, Holz oder Metall gemacht. Columban und der
+hl. Gallus trafen im Jahre 612 bei Bregenz am Bodensee einen Sitz der
+Abgötterei, drei vergoldete Erzbilder, die das Volk anbetete.[745] Sie
+waren in der Wand einer Aureliakapelle angebracht. Das Volk hatte sich
+vom Christenglauben wieder ihnen als den alten und echten Schutzgöttern
+des Landes zugewandt. Der Heilige zerschlug sie und warf sie in den
+See und brachte das Christentum wieder zu Ehren. Wahrscheinlich hatten
+die Alamannen, als sie in die althelvetische Gegend vorrückten, diese
+Bilder römischer Schutzgenien, _tutores hujus loci_, vorgefunden und
+ihnen Verehrung erwiesen. Mussten sie doch die Bilder der auch ihnen
+vertrauten Landgeister darin erkennen; und auf neu gewonnenem Boden
+galt es, diese für sich günstig zu stimmen. Die Friesen beteten nach
+der vita Willehadi (MG. 2, 380) Steine und stumme, taube Bilder an
+(_lapides, simulacra muta et surda_).[746] Am lebhaftesten hat sich
+der Bilderdienst bei den Nordleuten entwickelt, schon darum, weil
+bei ihnen das Heidentum länger währte.[747] Meistens standen mehrere
+Bilder, nach ihrem Range geordnet, in einem Tempel, der demnach nicht
+einem einzigen, sondern einer Mehrheit von Göttern geweiht war. In
+Uppsala nennt Adam von Bremen drei Bildsäulen, Thor in der Mitte, links
+und rechts von ihm Odin und Freyr. Nach der Eyrbyggjasaga Kap. 4 und
+Kjalnesingasaga Kap. 2 wurden in den isländischen Tempeln zu Hof und
+Hofstadir neben Thor auch andre Götter aufgestellt, wahrscheinlich
+Freyr, Njord und Odin. In einem Tempel, den Hakon Jarl und Gudbrand
+gemeinsam besassen, stand Thor auf seinem Wagen neben Thorgerd und
+Irpa (Njála Kap. 89). In Hrafnkels Tempel (Hrafnkelssaga S. 23)
+standen neben Freyr mehrere andere Götter. Die späte Friðthjofssaga
+nennt Baldr neben anderen Götzen. Die Nachricht der Jómsvíkingasaga
+Kap. 12 von einem gotländischen Tempel mit hundert Götterbildern
+ist natürlich stark übertrieben. Die Götterbilder waren zumeist aus
+Holz geschnitzt, bekleidet und mit Gold und Silber geschmückt. Ihr
+Vorkommen ist keineswegs bloss auf die Tempel beschränkt. Thors Bild
+ist auf den Hauptsäulen des Hauses eingeschnitzt, auf der Rücklehne
+eines Stuhles, auf dem Vordersteven eines Heerschiffes. Man trug
+allenfalls ein aus Zahn geschnitztes Bildniss Thors, ein aus Silber
+geschmiedetes Bildniss Freys in der Tasche, um es jeden Augenblick
+anbeten zu können. Götterbilder aus Teig oder Thon, wahrscheinlich zum
+Hausgebrauch bestimmt, erwähnt ein norwegisches Rechtsbuch (Eidsifja
+Þings lǫg 1,24). Wenn der Isländer Olafr pá aufs Getäfel seines
+Wohnhauses zu Hjarðarholt Darstellungen aus der Götter- und Heldensage
+einschnitzen lässt, worauf Ulf Uggason der Skald in der zweiten Hälfte
+des zehnten Jahrhunderts seine berühmte Húsdrápa dichtete, so gehört
+eine derartige Verwendung der Mythen kaum mehr zum eigentlichen Kult;
+sie mag nur beiläufig erwähnt sein.
+
+Die hölzernen Götterbilder müssen zuweilen lebensgross und kostbar
+gekleidet gewesen sein. Gunnar Helming brachte den Freysgötzen zu Fall
+und that seine Gewänder um. Er vertrat bei der Priesterin und dem Volke
+gegenüber völlig die Rolle des Gottes. Das gold- und silbergeschmückte,
+hammerbewehrte Thorsbild im Gudbrandsdal, das Olaf der Heilige
+zerschlägt, war ebenfalls sehr gross. Die wolgekleidete Thorgerd
+Hölgabrud war lebensgross, ihren goldenen Fingerring steckt Sigmund
+Brestisson an seinen Finger.
+
+Der Bilderdienst scheint im Norden gegen das Ende des Heidentums so
+sehr entartet zu sein, dass man schliesslich zwischen Göttern und
+Götterbildern keinen Unterschied mehr machte. So nur ist der Betrug
+möglich, den sich Gunnar mit dem Freysbilde erlaubt. Dem Thorsbilde zu
+Hunthorp in Norwegen setzte man Speise vor und meinte, dass es diese
+verzehre. Vom Thorsbilde zu Raudsey meinte man, es gehe spazieren und
+lasse sich auf einen Kampf mit dem christlichen Könige ein. Grimkels
+Göttin Thorgerd zieht mit den andern Götzen aus ihrem Tempel und redet
+mit ihrem Verehrer; Thorgerds Bild bewegt den Arm und vermag einen
+Ring zu geben oder vorzuenthalten. Man traut den Götzen auch zu, dass
+sie sich selbst aus ihrem brennenden Tempel zu retten im Stande seien.
+Aber alle diese Nachrichten betreffen die späteste Zeit des Heidentums
+und sind in ziemlich späten Quellen überliefert. Wir erkennen nicht
+sicher, ob der nordische Bilderdienst wirklich so tief entartete, oder
+ob nur spätere christliche Übertreibung diesen bedenklichen Verfall
+dem ausgehenden Heidentum einschwärzte. Es ist ein arger Abstand, aber
+auch ein grosser Zeitunterschied zwischen dem urdeutschen Gottesdienst,
+wo der ehrwürdige heilige Hain zum Tempel der Gottheit diente, deren
+Gegenwart im Rauschen der Baumwipfel nur geahnt wurde, und dem
+spätnordischen Götzendienst.
+
+Die altgermanischen Götterbilder waren aus Holz geschnitzt, Darauf
+weist die Bezeichnung des gotischen Bildes mit ξόανον, Schnitzbild; im
+Norden heissen die Bilder Holzgötter (_trégođ_) oder geschnitzte Götter
+(_skurđgođ_).
+
+
+4. Tempelfrieden.
+
+Ein besonderer Gottesfrieden ward im Heidentum den geweihten Stätten
+und Festzeiten beigelegt. Wer ihn brach, that ein Neidingswerk und
+verfiel dem Zorne der Götter, dem Opfertode. Des Festesfriedens
+bei der Nerthusumfahrt gedenkt Tacitus, im Leben des Willebrord
+vernehmen wir vom helgoländer Gottesfrieden. Im Norden ist der Tempel
+ein _griđastađr_, eine Stätte besonderen Friedens. _Hofshelgi_,
+Tempelheiligkeit heisst der Tempelfrieden. Es war nicht erlaubt,
+mit Waffen in der Hand den Tempel zu betreten. Das besagt die
+Egilssaga Kap. 49: „Die Leute da innen waren alle waffenlos, denn
+da war Tempelheiligkeit.“ In der Vatnsdælasaga Kap. 17 wendet sich
+Ingimund zu Rafn mit den Worten: „Es ist nicht Sitte, Waffen in den
+Tempel mitzunehmen, und du wirst den Zorn der Götter erfahren, wenn
+nicht Bussen erlegt werden.“ Wer den Gottesfrieden durch Gewaltthat
+verletzte, ward Wolf im Heiligtum, _vargr í véum_, geächtet,
+friedlos. Schuldbeladene Leute durften im Tempel nicht verweilen. Das
+friesische Recht setzt Opfertod auf die Verletzung der Tempel (_lex
+Frisionum addit. sap. tit._ 12). Ebenso erblickt das nordische Recht
+darin unsühnbaren Frevel. Nach der Njála Kap. 89 hatte Hrappr den
+dem Gudbrand und Hakon Jarl gemeinsamen Tempel verbrannt. Der Jarl
+lässt eifrige Verfolgung des Missethäters eintreten und sagt: „Der
+Mann, der das gethan hat, wird weggejagt werden aus Walhall und nie
+dahin kommen.“ Nach der Kjalnesingasaga Kap. 5, 11, 12 hatte Bui auf
+Island einen Tempel angezündet. Der Gode Thorgrim nennt die That ein
+beispielloses Verbrechen, andere schelten sie ein Neidingswerk, ein
+todeswürdiges Verbrechen. _Hofshelgi_ mochte auch auf weiteren Umkreis
+über die eingehegte Opferstätte hinaus ausgedehnt werden. So ist ganz
+Helgoland befriedet. Der Isländer Thorolf richtete auf der Spitze des
+Vorgebirges Thorsnes eine grosse Friedensstätte ein. Da durfte der
+Boden weder durch vergossenes Blut noch mit menschlicher Notdurft
+verunreinigt werden. Nachmals entsteht unter den Dingleuten Kampf,
+die Stätte wird mit Blut befleckt. Da gilt der Platz als durch das
+vergossene Blut entweiht, das Ding und die zweifellos damit verbundene
+Opferstätte werden verlegt.[748]
+
+
+5. Tempelgut.
+
+Zum germanischen Tempel gehörte Besitztum an liegenden und lebenden
+Gütern, aber auch an Schätzen. Ganz Helgoland war dem Fosite eigen. Wie
+auf Helgoland Fosites Herden weideten, so wurden beim Freystempel zu
+Drontheim heilige Pferde des Gottes unterhalten (Flateyjarbók 1, 337)
+und bei den alten Deutschen nach Tacitus Germ. 10 in heiligen Hainen
+werkheilige weisse Rosse, aus deren Wiehern die Zukunft vorausgesagt
+ward. Über gotisches Tempelgut belehrt ein Fundstück. Die Runenschrift
+auf dem zu Pietroassa in Rumänien gefundenen goldenen Armring wird
+
+ GUTANIO WI HAILAG
+
+gelesen und gedeutet: das gotische heilige Göttereigen
+(Tempelgut).[749] Der westgotische Goldhort, von dem einige Stücke
+sich erhielten, war vermutlich der heilige unter dem Schutze der
+Götter stehende und diesen zugehörige Kult- und Stammesbesitz, dessen
+Verwaltung und Aufbewahrung den Königen und Priestern zukam.
+
+Dass die altfriesischen Götter neben Gütern aller Art auch Schätze
+an Gold und Silber[750] besassen, beweist die Lebensbeschreibung des
+Liudger Kap. 14 und 15. Bischof Alberich entsandte den Liudger um 776
+aus Utrecht in die östlich der Laubach gelegenen friesischen Gaue,
+um die dortigen Heidentempel zu zerstören. Er nahm aus ihnen die
+Schätze, von denen zwei Drittel der König Karl, ein Drittel Utrecht
+erhielt. Es war ein grosser Tempelschatz erbeutet worden (_attulerunt
+magnum thesaurum, quem in delubris invenerant_). Als König Karl 772
+die sächsische Irminsul und ihren Tempel drei Tage lang zerstörte,
+erbeutete er dabei Gold und Silber (_aurum vel argentum, quod ibi
+repperit, abstulit_).
+
+Beim isländischen Tempel hören wir näheres darüber.[751] Zuweilen
+werden Tempel ein für allemal mit liegendem Gute seitens des
+Erbauers oder auch späterer Schenker ausgestattet. So berichtet die
+Landnáma 4 Kap. 2: „Eine Bergwiese lag noch zwischen dem Lande des
+Thorstein torfi und des Hakon, ohne von jemandem in Besitz genommen
+zu sein; die legten sie zum Tempel, und sie heisst fortan _Hofsteigr_
+(Tempelwiese).“ Ebenda 5 Kap. 3 heisst es vom Goden Jǫrundr zu
+Svertingsstaðir: „Er errichtete da einen grossen Tempel; ein Landstück
+lag noch ungenommen östlich des Fljot, zwischen Krossa und Joldusteinn;
+das Land umfuhr Jǫrundr mit Feuer und legte es zum Tempel.“ Ebenda 5
+Kap. 2: „Asbjorn heiligte das von ihm in Besitz genommene Land dem
+Thor und nannte es Thorsmork.“ Von einzelnen Personen und ganzen
+Gemeinden wurden Weihgeschenke an die Tempel gemacht. Bei einer
+schweren Hungersnot wurde auf Island, der Vigaskútusaga Kap. 7 zufolge,
+in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts der Vorschlag gemacht,
+die Kinder auszusetzen und die alten Leute zu töten, zugleich durch
+das Geloben von Weihegeschenken an die Tempel den Zorn der Götter zu
+besänftigen. Die Islendingabók Kap. 2 erzählt von einer Schenkung,
+die Grímr geitskór, Ulfljots Pflegebruder, an die isländischen Tempel
+machte. Grimr hatte das Land bereist, um eine passende Stätte für das
+allsommerlich abzuhaltende Allding ausfindig zu machen; dafür hatte er
+von jedem Isländer einen Pfennig empfangen. Er aber gab dann dieses Gut
+zu den Tempeln. Die Haupttempel des Landes wurden durch eine besondere
+Steuer, den Tempelzoll (_hoftollr_) unterhalten. Der Gode erhob von
+seinen Dingleuten diese Abgabe zur Unterhaltung des Tempels und zur
+Bestreitung der Opferkosten, wozu er ausserdem aus eigenen Mitteln
+beisteuerte. So sagt die Eyrbyggjasaga Kap. 4: „Zum Tempel sollten alle
+Leute Zoll geben; aber der Gode sollte den Tempel aus eigenen Mitteln
+erhalten, so dass er nicht zerfiel, und die Opferfeste darin abhalten.“
+In der Egilssaga Kap. 87 wird berichtet: „Oddr war da Häuptling im
+Borgarfjord südlich der Hvita; er war Hofsgode und hatte einen Tempel,
+zu dem alle Leute südlich der Skardsheide Tempelzoll bezahlten.“ In
+der Kjalnesingasaga Kap. 2 heisst es vom Tempel des Goden Thorgrim:
+„Da sollten alle Leute Tempelzoll dazu bezahlen. Das Vieh, welches zum
+Opfer gegeben wurde, sollte man zur Gastung der Leute anwenden, wenn
+Opferfeste gehalten wurden.“ Demnach war das Vermögen des heidnischen
+Tempels ganz ähnlich wie das Kirchengut der christlichen Zeit und
+bestand ebenso wie dieses aus gesetzlichen Abgaben und frommen
+Schenkungen. Der Þorsteins þáttr uxafóts Kap. 1 bemerkt auch richtig:
+„Jedermann sollte zum Tempel geben, wie nun zur Kirche Zehnt.“
+
+
+6. Staats- und Privattempel.
+
+Die gemeinsamen Opfer einer grösseren Anzahl von Volksgenossen oder
+gar des Gesamtvolkes erforderten entsprechende Opferstätten. Es gab
+Haupttempel, Heiligtümer, an denen die Gau- oder Landesbewohner
+Anteil hatten, neben zahlreichen kleineren Tempeln, die von der
+Gemeinde oder von einzelnen vermöglichen Leuten errichtet worden
+waren. Hauptopferstätte fürs Volk der Sueven, vielleicht überhaupt
+der Erminonen, ist der Semnonenhain, ein Haupttempel der ingwaeischen
+Nordseestämme stand auf der Nerthusinsel, für die Marsen, vielleicht
+für alle Istwaeonen war es das Tanfanaheiligtum. Bei den Friesen
+war Helgoland das Volksheiligtum, auch nach der Insel Walchern
+strömten die Leute von weither zusammen, bei den Sachsen scheint der
+_Irminsûl_ diese Bedeutung zugekommen zu sein. Genaueren Einblick ins
+Tempelwesen gewähren die nordischen Länder. In Dänemark gab es vier
+Hauptopferstätten[752], Viborg (_Vébjorg_) in Jütland, Odense (_Ođins
+vé_) in Fünen, Ringsted-Hleidra, das Thietmar von Merseburg beschreibt,
+in Seeland, Lund (an. _lundr_, der Opferhain) in Schonen. Ziemlich im
+Mittelpunkt der einzelnen Landesteile lagen die Haupttempel, wo die
+Landesbewohner zu den ständigen Opferfesten sich versammelten. Der
+Haupttempel auf Seeland scheint zugleich das dänische Volksheiligtum
+gewesen zu sein, wo alle neun Jahre das grosse dänische Volksopfer
+gefeiert wurde. Meistens, doch nicht regelmässig, waren die Haupttempel
+bei den Dingstätten errichtet, weil Recht und Religion mit einander
+unzertrennlich verknüpft waren, und weil der Bequemlichkeit halber
+wol meistens Ding- und Opferzeiten zusammenfielen. In Schweden war
+zu Uppsala der Reichstempel, auch hier mit dem grossen, alle neun
+Jahre stattfindenden Landesopfer. Eine Gliederung in verschiedene
+Opfer und demnach wol auch in mehrere Tempel zeigt sich auch auf
+Gotland, worüber die Gutasaga Kap. 1 angibt: „Das gesamte Land hatte
+für sich ein höchstes Opfer mit Leuten. Ausserdem hielt jedes Drittel
+ein Opfer für sich; die kleineren Dinge hatten geringere Opfer mit
+Vieh, Speise und Trank.“ Norwegen zerfiel in Volklande (_fylki_) und
+Hundertschaften (_herǫđ_). Das Fylki hatte mehrere kleinere Tempel,
+welche dem Bedürfniss der _herǫđ_ dienten, aber daneben einen
+Haupttempel (_hofuđhof_) zum Gottesdienst des ganzen Volklandes. Ja
+selbst mehrere Volklande mochten zu einem gemeinsamen Dingverbande mit
+einem Haupttempel sich zusammenthun. Die Egilssaga Kap. 49 gedenkt
+eines Haupttempels in der Landschaft Gaular, bei welchem die Leute
+aus Firdir, Fjalir und Sogn zusammenzukommen pflegten. Der Tempel zu
+Hladir war Fylkishof für das Strindafylki und Haupttempel für die ganze
+Landschaft Drontheim, der zu Skiringssal Haupttempel für die Landschaft
+Vikin (Sǫgubrot af fornkonungum Kap. 10). Ausser den grossen Tempeln
+gab es in Norwegen zahlreiche kleinere öffentliche und private, deren
+Andenken viele Ortsnamen festhalten.[753]
+
+Endlich ist die Entstehung des isländischen Freistaates zur Kenntniss
+des Hofwesens von Belang.[754] Begüterte Norweger, die im Stammlande
+einen eigenen Tempel besessen hatten, nahmen dessen Grundpfeiler und
+anderes Holzwerk mit nach Island hinüber, um sofort in der neuen Heimat
+den Tempel wieder aufzurichten. An solche Tempelbesitzer (Goden) und
+ihr Herrschaftsgebiet (Godord) knüpft die Entstehung der isländischen
+Staatsverfassung an, indem die Regierung in ihre Gewalt gegeben wurde.
+Die Bezirksverfassung vom Jahre 965 regelte die Anzahl der Godord. Man
+teilte die Insel in vier Viertel, deren jedes drei, das Nordviertel
+aber vier Dingverbände in sich schliessen sollte. Jeder Dingverband
+bestand aus drei Godorden mit je einem Haupttempel (_hofuđhof_).
+Somit gab es auf Island 39 Goden, die Besitzer und Vorsteher von 39
+Haupttempeln. Sicherlich mochte nach wie vor jeder nach freiem Belieben
+und Vermögen sich Tempel erbauen, aber denen kam nicht die Bedeutung
+des Haupttempels zu, vielmehr nur untergeordnete private Stellung. Man
+sieht aber auch aus dieser isländischen Verfassung deutlich die wol
+gemeingermanische Unterscheidung zwischen staatlichem, öffentlichem
+und privatem Tempel, welche der des Staatsopfers und des Einzelopfers
+entspricht. Die heidnische Tempelverfassung wirkt vielleicht auch noch
+in der norwegischen Kirchenordnung nach, welche _fylkiskirkjur_ oder
+_hǫfuđkirkjur_, die den heidnischen _hǫfuđhof_, den Staatstempeln,
+den Volksheiligtümern entsprachen, neben den kleineren, privater
+Pflege überlassenen _herađskirkjur_ (Hundertschaftskirchen) und
+_hœgindiskirkjur_ (Bequemlichkeitskirchen, Privatkapellen) unterschied.
+
+
+
+
+III. Das Priesterwesen.
+
+
+1. Die ältesten Nachrichten von germanischen Priestern.
+
+Einen Priesterstand, der den Gottesdienst für sich allein und
+ausschliesslich gepachtet und höheres Wissen geistlicher Geheimlehren
+für sich in Anspruch genommen hätte, kannten die Germanen nicht. So
+sagt Caesar (bell. gall. 6, 21) von den Germanen im Vergleich zu
+den Galliern: _neque druides habent, qui rebus divinis praesint,
+neque sacrifciis student_. Gleich hell und durchsichtig, ohne
+mystisches Halbdunkel, standen die Götter vor dem geistigen Auge aller
+Volksgenossen wie vor den wenigen, die sich besonders dem Dienste der
+Himmlischen geweiht hatten. Und dieser Dienst konnte von jedem versehen
+werden, wo es Not that, es war kein Geheimdienst. Ob Caesar den
+Germanen nur Priester vom Schlage der gallischen Druiden oder Priester
+überhaupt absprechen will, ist nicht sicher zu entscheiden. Vielleicht
+verrichteten bei den Stämmen, mit denen er zu thun hatte, Könige und
+Häuptlinge das Priesteramt. Wer z. B. das norwegische Opfer im 9.
+und 10. Jahrh. beobachtete, musste ebenso die Überzeugung gewinnen,
+Könige und Jarle, also weltliche Fürsten, keine Priester leiten den
+Gottesdienst. Bei Tacitus aber finden wir ausdrücklich Priester
+erwähnt, und ihr Amt ziemlich ebenso wie auch sonst in den germanischen
+Quellen selber geschildert. Es gab Staatspriester (_sacerdos
+civitatis_), die den Gottesdienst in den öffentlichen Angelegenheiten
+versahen, wo grössere Feierlichkeit und gründlicheres Wissen erfordert
+wurde, während in Privatsachen der Hausvater des Amtes waltete, kein
+Priester verlangt wurde. Aber die Staatspriester waren nur religiöse
+Hilfsbeamte der herrschenden und leitenden Könige und Fürsten, wenn
+sie mit dem Volke tagten, die Priester waren dafür Bürgen, dass die
+göttliche Satzung nicht verletzt wurde, dass der unheilvolle Grimm
+der Götter vom Volke abgewandt, dass ihre Gunst ihm erhalten blieb.
+Sie verkörperten gleichsam das Rechts- und Religionsbewusstsein. Die
+Versammlung des Volkes im Ding- und Heerverband ist unzertrennlich vom
+Gottesdienste, beim Volksopferfest ist der Gottesdienst überhaupt der
+eigentliche Zweck. Da traten nun die Priester in Thätigkeit, wovon
+Tacitus folgende Einzelheiten erzählt. Die Priester verkündeten den
+Anfang der Verhandlung und den Dingfrieden, dessen Bruch sie im Namen
+der Götter zu strafen hatten (_silentium per sacerdotes, quibus tum
+et coercendi jus est, imperatur._ Germ. 11). Alle Strafgewalt an Leib
+und Leben stand allein den Priestern zu auf Grund der Anschauung, dass
+Neidingswerke, schwere Verbrechen, den Zorn der Götter erweckten,
+welche zur Sühne den Opfertod des Verbrechers heischten. Zum
+Vollzug des blutigen Opfers waren aber zunächst diejenigen berufen,
+die im unmittelbaren Dienste der Götter stehend diese vertraten
+(_ceterum neque animadvertere neque vincire, ne verberare quidem
+nisi sacerdotibus permissum, non quasi in poenam nec ducis jussu,
+sed velut deo imperante, quem adesse bellantibus credunt._ Germ.
+7). Die heiligen Feldzeichen holen gleichfalls die Priester aus den
+Hainen und tragen sie zur Schlacht (_effigiesque et signa quaedam
+detracta lucis in proelium ferunt._ Germ. 7). In allen öffentlichen
+Angelegenheiten befragt der Staatspriester das Loos. Im Verein mit
+dem König oder Herzog geleitet er den heiligen Wagen, den die weissen
+gottgeweihten Rosse ziehen, und achtet auf das Schnauben und Wiehern
+der Schimmel (Germ. 10). Im eigentlichen Gottesdienst sehen wir
+den Priester der Nerthus (Germ. 40), welcher die nahende Gegenwart
+der Göttin erkennt, ehrfurchtsvoll ihre Umfahrt begleitet und sie
+zuletzt in ihr Heiligtum zurückführt. Bei den Nahanarvalen wird der
+Priester als Pfleger des heiligen Haines der Alcis erwähnt (Germ.
+43). Diese gelegentlichen Anspielungen lassen das Amt der Priester
+lange nicht überschauen, aber doch in seiner vollen Ausdehnung ahnen.
+Ursprünglich scheint ein besonderer Priester nur für den öffentlichen
+Gottesdienst nötig gewesen zu sein. Ihm lag die Pflege der gemeinsamen
+Volksheiligtümer und Opferstätten, der Wälder und Tempel ob. Dort
+versah er auch den Opferdienst. Da der Gottesdienst der heidnischen
+Germanen, wie oben gezeigt wurde, das gesamte Staatsleben, Rechts- und
+Kriegswesen weihend und strafend durchzieht, war der Staatspriester
+auch dazu verpflichtet, wo im öffentlichen Leben des Gesamtvolkes der
+Gottesdienst zur Äusserung gelangte, für den richtigen Vollzug Sorge zu
+tragen. So wurde er zum obersten Opferer und Rechtweiser im Volke, zum
+berufensten Erforscher und Verkündiger des Willens der Götter. Seines
+Rates bedurften König und Volk, wenn schwere Schicksalsentscheidung
+bevorstand.
+
+
+2. Germanische Benennungen des Priesters.
+
+Die germanischen Sprachen bewahren einige Bezeichnungen des Priesters,
+die sich auf die wichtigsten in seine Hand gelegten Ämter beziehen.
+Der burgundische Oberpriester wird als _sinisto_, als der älteste
+und vornehmste[755], d. h. als altadliger Herr angeführt. Auf
+Gottesdienst, Opfer und Tempelpflege weisen die Ausdrücke _gudja_,
+_gođi_, _cotinc_; _blôstreis_ und _pluostrari_ hiess der Priester bei
+Goten und Hochdeutschen, sofern er opferte, _harugari_ und _parawari_
+als Hüter des heiligen Waldes oder Tempels. Als _êwart_ und _êsago_
+ist er Hüter und Verkündiger des geltenden Rechtes, das als göttliche
+Einrichtung betrachtet und daher priesterlicher Hut unterstellt ward.
+Die gebräuchlichsten und lehrreichsten Benennungen sind folgende.
+
+Wulfila Überträgt ἱερεύς durch _gudja_. Dasselbe Wort kehrt auch
+bei andern Germanen wieder. Eine ahd. Glosse (Graff, _Diutiska_ 1,
+187) gewährt _cotinc tribunus_. _cotinc_, d. i. _goding_ ist eine
+deutliche Ableitung zu einem ähnlichen Wort wie got. _gudja_, an.
+_gođi_, _guđi_.[756] In dieser Benennung des Priesters, die von seiner
+Stellung zu den Göttern (_guđ_) hergenommen ist, tritt auch sein
+Rechtsamt (_cotinc tribunus_) hervor. Am besten sind wir vom nordischen
+Goden unterrichtet.[757] Dabei muss aber scharf unterschieden werden
+zwischen den dänischen und norwegischen Goden einerseits, und den
+isländischen andererseits, da auf Island das Godenamt zu völlig neuer
+und eigenartiger Entwickelung gelangte. Thorolf pflegte auf der Insel
+Mostr in Norwegen eines Thorstempels, war also Gode des Thor. Wie
+er nach Island fuhr, nahm er seinen Tempel mit hinüber und baute ihn
+daselbst von neuem auf (Eyrbyggjasaga Kap. 3 und 4). Thorhadd der
+Alte war Hofgode zu Märi im Drontheimischen. Er begehrte nach Island,
+brach seinen Tempel ab und nahm die Tempelerde und die Hauptsäulen
+mit sich; er kam nach dem Stodwarfjord und legte dem ganzen Meerbusen
+die Heiligkeit des märischen Landes bei (Landnáma 4 Kap. 6). Diese
+norwegischen Goden sind Vorsteher und Besitzer von Tempeln, die ihnen
+eigentümlich gehörten. Öffentliche Staats- oder Landestempel hätten
+sie nicht so ohne weiteres abbrechen und überführen können. Reiche,
+angesehene Leute konnten sich einen eignen Tempel halten, dem sie als
+Goden vorstanden. Sie scheinen dabei ein gewisses Hoheitsrecht über
+die Leute ausgeübt zu haben, welchen sie aus freier gegenseitiger
+Übereinkunft Beteiligung an Tempel und Opfer verstatteten. Aber das
+Verhältniss war in Norwegen privater Art und auf gottesdienstliche
+Verrichtungen beschränkt. Für Dänemark bezeugt Saxo (Buch 8 S. 381)
+einen _Lyuthguthi_, das Sögubrot af Fornkonungum einen _Gautr guđi_.
+Endlich begegnen auf Runensteinen ein _Ruulfr Nuraguþi_ und ein _Ali
+Sauluaguþi_[758], d. h. _Hrólfr Nóragođi_, Hrolf des Nori Gode, _Ali
+Sǫlvagođi_, Ali des Solvi Gode. Darnach scheint der Gode ein Beamter
+im Dienste eines andern gewesen zu sein, ein priesterlicher Gehilfe
+des weltlichen Häuptlings, wie der _sacerdos_ neben den _reges_ und
+_principes_. Der norwegische Gode ist mithin Besitzer eines Tempels,
+worin er den Gottesdienst verrichtet, der dänische Gode ist der
+priesterliche Hilfsbeamte des Häuptlings. Im einen Fall war sein Amt
+wol ausschliesslich auf den Gottesdienst beschränkt, im andern lag ihm
+auch die Rechtspflege beim Dinge ob, eben das Amt des Staatspriesters.
+Dass die Bezeichnung Gode ausschliesslich aufs priesterliche Amt, auf
+Tempelpflege und Opferdienst sich beschränken konnte, beweist die
+Femininbildung _gyđja_[759] zu _guđi_. Nicht nur in erdichteten Sagen
+oder mythischen Überlieferungen, sondern auch in völlig zuverlässigen,
+isländischen Geschichtsquellen wird von _gyđjur_ gesprochen, also
+von Frauen, die den Godentitel und das Godenamt führten. Weltliche
+Herrscherrechte waren den Frauen natürlich versagt, priesterliche
+Handlungen aber erlaubt. Somit ist der Gode zunächst Priester, Opferer
+und nur nebenbei als solcher Hüter des göttlichen und weltlichen
+Rechtes. Auf Island freilich kam die ganze Staatsgewalt in die Hände
+der Goden, welche die regierenden Herrn wurden. Aber die isländische
+Godenwürde gedieh zu völlig eigenartiger Entfaltung.[760] In der
+ersten Zeit der Besiedelung, von 874 ab herrschte auf Island gar keine
+staatliche Ordnung. Denn die Ansiedler waren unabhängig von einander
+angefahren und hatten, wo es ihnen gefiel, Land in Besitz genommen. An
+die Tempelbesitzer, die Goden, d. h. an solche, die auch auf Island
+Tempel zu errichten im stande gewesen waren, schlossen sich die
+Umwohner zur Ausübung des Gottesdienstes an. Der Gode ward Vorsteher
+einer Tempelgemeinde, in welcher er auch die notwendigen weltlichen
+Hoheitsrechte allmälig ausüben musste, Leitung der Dingversammlung
+und der Gerichte. Die Tempelgemeinden waren die von selbst
+erwachsenen Verbände, an welche die von den Verhältnissen erforderte
+Staatsordnung anknüpfte. So erweiterte sich die ursprünglich alleinige
+Tempelvorsteherschaft zur allseitigen Herrschergewalt, welcher die
+norwegische Häuptlingschaft zum Vorbild diente. Im Jahr 965 wurde die
+Zahl der staatlich anerkannten Goden und ihrer Tempel, der Hǫfuðhof
+auf 39 festgesetzt. Der isländische Gode ist allerdings vorwiegend ein
+weltlicher Herrscher, ursprünglich aber war er nur Priester, Besitzer
+eines Tempels und Vorsteher der Gemeinde.
+
+Die altdeutsche Sprache bewahrt zwei Wörter, die über das
+altgermanische Priesteramt willkommenen Aufschluss geben. Ahd.
+_êwart_ und _êwarto_, mhd. _êwart_ und _êwarte_, as. _êward_ wird
+vom christlichen Priester gebraucht, obschon das Wort einst auf den
+heidnischen geprägt ist; es bedeutet „der des Gesetzes (_êwa_) wartet“.
+Hüter und Wahrer des von den Göttern gesetzten Rechtes war aber der
+Priester. Dass der Ausdruck ins Christentum überging, versteht sich
+daraus, dass mit _êwa_ auch das alte und neue Testament bezeichnet
+wurde. In diesem Sinne war der _êwart_ auch im Christentum Wahrer
+der _êwa_. Dass _êwart_ aber einstens den heidnischen Priester
+meinte, lehrt das andere Wort as. _êosago_, ahd. _êsago êasagâri_,
+fries. _âsega_ d. h. Gesetz- oder Rechtsverkünder. Im Heliand wird
+_êosago_ auf die Schriftgelehrten angewandt. Die Bezeichnungen
+_êwart_ und _êsago_ lehren, der germanische Priester ist der Wächter
+und Verkündiger des Gesetzes, er hat das geltende Recht dem Volke
+vorzutragen, das Recht zu weisen und den Rechtsbruch zu ahnden.
+
+Der friesische _âsega_[761] steht neben dem Vorsitzenden des Dinges und
+neben den Urteilern, dem Volke. Sein Amt ist weder zu richten noch zu
+urteilen, vielmehr das Recht zu wissen, die geltenden Satzungen vollauf
+inne zu haben und jederzeit über das geltende Recht zu belehren. Da
+gewinnt die Sage von den zwölf Asegen, die von einem Gotte des Rechtes
+unterwiesen wurden, damit sie es in den friesischen Gauen einführten,
+tiefen, uralten Sinn. Die Rechtweiser sind vom Gotte selber mit ihrem
+Amte betraut, sie sprechen im Namen des Gottes das von ihm gelehrte
+Recht. Noch im 12./13. Jahrh. meint aber Asega im Friesischen nicht
+allein den Rechtweiser, sondern auch den Priester, wie im Deutschen
+Ewart. Der Schluss liegt nahe: in ältester Zeit war eben der Priester
+und der Rechtweiser eine und dieselbe Person. Beim Ding vollzog der
+Priester Opfer und Recht, er besorgte den Dienst der Götter und
+vermittelte dem Volke ihren Willen, der auch im Rechte kundbar ward.
+
+
+3. Adelige Herkunft und Tracht.
+
+Der Staatspriester wurde wie der König aus den ersten
+Adelsgeschlechtern und zwar auf Lebensdauer gewählt.[762] Keine
+Krisis erschütterte seine Stellung. Er ist, wie Ammianus 28,5 sagt,
+_perpetuus, obnoxius discriminibus nullis ut reges_. Der burgundische
+Name „_sinistus_“ scheint anzuzeigen, dass der Priester als der
+Älteste, d. h. als der Vornehmste und Adligste im Volke galt, dass er
+den _seniores_, den _seigneurs_, den adligen Herrn angehörte. Jordanes
+Kap. 5 erklärt ausdrücklich, Könige und Priester der Goten seien dem
+Adel entnommen (_pileatos, qui inter eos generosi extabant, ex quibus
+eis et reges et sacerdotes ordinabantur_). Nach einer andern Stelle,
+im Kap. 11, werden die Edelsten und Weisesten zu Priestern gemacht
+(_elegit nobilissimos prudentioresque viros ... fecitque sacerdotes_).
+Der Zusammenhang zwischen der hohen Geistlichkeit und den hohen
+Adelsfamilien im Mittelalter setzt vielleicht die alte Gewohnheit, dass
+die Priester adlig sein müssen, fort. Der Alcispriester war vermutlich
+ein Mitglied des wandalischen Königsgeschlechtes der Hasdinge.
+
+Über Tracht und Aufzug der germanischen Priester verlautet nur weniges
+und ungenügendes. Tacitus (Germ. 43) gedenkt eines sacerdos _muliebri
+ornatu_ bei den Nahanarvalen, was Müllenhoff (ZfdA. 12, 346) auf den
+Haarschmuck bezieht. Es waren Priester mit weichem, langwallendem
+Haare, _haȥdingôs_, an. _haddingjar_, d. h. Männer im Frauenhaar (an.
+_haddr_). Im Gegensatz hierzu hiessen die gotischen Priester _pileati_,
+mit Hüten versehen, weil sie bedeckten Hauptes die Opferhandlung
+vollzogen, während das übrige Volk im freien Haarschmuck (_capillati_)
+verharrte (Jordanes Kap. 5 und 11). An Hut und Haar scheinen demnach
+die Priester besondere Auszeichnungen geführt zu haben. Im weissen
+Gewande schritten die gotischen Priester (_cum vestibus candidis_,
+Jord. Kap. 10). Dem angelsächsischen Priester war es verboten, Waffen
+zu tragen und anders als auf einer Stute zu reiten (_non enim licuerat,
+pontificem sacrorum vel arma ferre vel praeterquam in equa equitare_,
+Bäda hist. eccl. 2, 13). Zur Ausrüstung des Priesters gehörte wol auch
+ein Eidring[763], den er bei allen öffentlichen Handlungen am Arme
+trug. Er diente zur feierlichen Eidesabnahme, die demnach dem Priester
+oblag, besonders zum Gerichtseid. Der Ring wurde beim Opfer mit Blut
+gerötet.
+
+
+4. Im Norden leiten die weltlichen Herrscher das Opfer.
+
+In Norwegen gab es wol Hofgoden, Besitzer von Tempeln, die sie
+mit nach Island nahmen, jedoch tritt nirgends bei Schilderung der
+grossen Volklands- oder Hundertschaftsopfer ein Gode hervor; der
+weltliche Herrscher, der König, Jarl oder Herse erscheint als
+der alleinige Vorsitzende und Leiter des Opfers.[764] Dass es in
+Norwegen niemals Staatspriester gab, darf daraus nicht geschlossen
+werden. Das Vorhandensein von Goden und Lǫgmenn weist deutlich auf
+den altgermanischen Priester und auf seine Ämter im Gottesdienst
+und Volksding hin. Jedoch scheint er in den letzten Zeiten des
+Heidentums vor dem weltlichen Herrscher völlig zurückgetreten zu sein,
+vermutlich infolge der Sonderentwicklung des Gesetzsprecheramts, das
+aber den eigentlich religiösen Charakter verlor. Beim Ding wirkte
+der ursprüngliche Priester nur als _lǫgmann_, die Opferhandlung
+vollzog der König oder Jarl. Untergeordnete priesterliche Gehilfen,
+Tempel- und Opferdiener, wird es wol immer gegeben haben, aber
+staatsrechtlich treten diese natürlich nirgends hervor. Zum Beweise,
+dass die weltlichen Herren Opferleiter sind, dient der Bericht der
+Hákonarsaga góða Kap. 16.[765] Sigurd, der Jarl zu Hladir, war der
+eifrigste Opferer und so war auch sein Vater Hakon; der Jarl Sigurd
+hielt alle Opfermahle da im Dingverband von Drontheim ab im Namen
+des Königs. Sigurd Jarl war der freigebigste der Männer; er that ein
+Werk, das sehr berühmt war, dass er ein grosses Opferfest zu Hladir
+hielt und allein alle Kosten trug. Der christliche König Hakon wird
+von den heidnischen Bauern in Drontheim genötigt, altem Brauch gemäss
+beim grossen Opferfest zu Winters Anfang den Vorsitz zu führen.
+Im folgenden Jahre muss er das Julfest feiern. Dabei ist von acht
+namentlich angeführten Volklandshäuptlingen die Rede, die in der ganzen
+Landschaft Drontheim, d. h. in den zum Dingverband vereinigten acht
+Volklanden dem Opferdienst vorstanden. Dem König und den Jarlen obliegt
+der Opferdienst, kein Gode wird erwähnt. Zu Hunthorp im Gudbrandsdal
+in Norwegen lebte ein Mann namens Dala Gudbrand, dessen Herrschaft
+in den Thälern der eines Königs vergleichbar war, obwol er nur ein
+Hersir (Vorsteher eines Herads, einer Hundertschaft) hiess. Der berief
+alle Leute aus der Umgegend zum Thorstempel nach Hunthorp. Olaf der
+Heilige liess das Thorsbild zerschlagen und zwang die Leute zum
+Christentum.[766] Hier also ist der Hersir Eigentümer des Heradstempels
+und Vorsteher des Gottesdienstes im Gau. Im Drontheimischen wird auch
+einmal ein gewöhnlicher, aber angesehener Bauer, Ölver von Eggja, mit
+zwölf anderen Männern als Vorsteher der Opfermahlzeiten zu Winters
+Anfang, Mittwinter und Sommers Anfang bezeichnet.[767]
+
+
+5. Priesterinnen.
+
+Da der Priester ursprünglich Gottesdienst und Rechtspflege vereinigte,
+ist ohne weiteres klar, dass das Priesteramt, sofern es von Frauen
+besorgt wurde, gewöhnlich nur einen Teil davon, Opferdienst und
+Tempelpflege umfassen konnte. Priesterliche Frauen und Jungfrauen
+sind aber altbezeugt, doch mehr Wahrsagerinnen als eigentliche
+Priesterinnen.[768] Dem ganzen weiblichen Geschlechte wohnte nach
+dem Glauben der Deutschen prophetische Gabe bei (Tac. Germ. 8).
+Caesar (bell. gall. 1, 50) erzählt, dass die deutschen Hausmütter
+durch Loosung und Wahrsagekunst (_sortibus et vaticinationibus_)
+erforschen mussten, ob eine Schlacht zu liefern sei oder nicht. Man
+hörte auch in Sachen, die das Volk angingen, auf den Rat und Ausspruch
+weiser Frauen. Zu Loos und Zukunftsdeuterei gehört aber auch Opfer
+und Beschwörung, Zauberei, und so vollziehen Frauen zuweilen bei
+wichtigen öffentlichen Angelegenheiten das Opfer. Nach Strabo 7, 2
+befanden sich kimbrische Wahrsagerinnen unter den Frauen, die das Heer
+geleiteten. Es sind grauhaarige, barfüssige Weiber in weissem Gewand,
+das ein eherner Gürtel umschliesst, mit linnenen Mänteln angethan.
+Sie führen die Kriegsgefangenen zu einem grossen ehernen Kessel und
+durchschneiden ihnen darüber die Kehle. Aus dem hervorströmenden
+Blute weissagen sie. Andere prophezeiten aus den Eingeweiden den
+Ihren den Sieg. Während der Schlacht schlugen sie auf die abgenommenen
+Deckfelle der grossen Wanderwagen und machten damit gewaltigen Lärm,
+der gewiss Zauberwirkung haben sollte. Ein paar Jahrhunderte später
+erzählt Eunapius (excerpt. ed. Bonn. 82) von den Westgoten, die in das
+römische Reich einbrachen, wie jeder Stamm (φυλή) die Heiligtümer der
+Heimat mit sich führte, samt Priestern und Priesterinnen. Weinhold
+meint: Diese gotischen Priesterinnen (ἱέρειαι) werden wir aus den
+kimbrischen Seherinnen (προμάντεις) erklären dürfen. Es sind die
+Wahrsagerinnen, die über Wagen und Gewinnen im Kriege entscheidende
+Stimme hatten, während den Priestern altem Brauche gemäss (Tacitus,
+Germ. 7) die Götterbilder und die heiligen Zeichen während des
+Feldzuges anvertraut wurden. Unter Kaiser Vespasian war den Römern die
+Brukterin Weleda[769] bekannt geworden, die weithin hochgeehrt ward,
+nachdem sie die Vernichtung der römischen Legionen durch die Bataver
+vorausgesagt hatte. Sie wohnte in einem Turme und zeigte sich den
+Abgesandten der umwohnenden Stämme nicht selbst; einer ihrer Verwandten
+vermittelte Frage und Antwort. Man ehrte sie durch allerlei Geschenke.
+Vornehme Gefangene, besondere Triumphstücke der Beute sandte man ihr
+zu. Die Römer selbst verschmähten nicht, sich an sie zu wenden und
+sie aufzufordern, ihren Einfluss auf die Deutschen zur Beilegung des
+Krieges zu verwenden. Sie soll schliesslieh von den Römern gefangen
+worden sein. Als eine ältere, berühmte Seherin nennt Tacitus in der
+Germ. 8 die Albrûna (handschriftlich Auriniam, von Wackernagel als
+Albrûna gedeutet), die wahrscheinlich in den Feldzügen unter Drusus
+und Tiberius ihr Ansehen erwarb.[770] Unter Domitian stand Ganna bei
+den Semnonen in hohen Ehren (Dio Cass. 67, 5). Dem Drusus, als er die
+Weser überschritten hatte und sich der Elbe näherte, trat im Lande der
+Cherusker eine übermenschliche Frau (γυνή τις μείζων ἢ κατὰ ἀνθρώπου
+φύσιν) entgegen, wehrte ihm weiter vorzudringen und weissagte sein
+nahes Ende (Dio Cass. 55, 1). Später übte nach der Sage vom Ursprung
+der Langobarden bei diesem Volk Gambara durch Weisheit und Voraussicht
+grossen Einfluss. Im Jahr 577 zog König Gunthram eine Frau „_habentem
+spiritum phitonis, ut ei quae erant eventura narraret_“ zu Rat (Greg.
+Tur. 5, 14); einer noch weit jüngeren Thiota, die aus Alamannien nach
+Mainz gekommen war, gedenken fuldische Annalen im Jahr 847 (MG. 1, 365).
+
+Im Norden treffen wir Tempelpflegerinnen, Tempelbesitzerinnen unter
+der Bezeichnung _gyđjur_; das weibliche Seitenstück zum _gođi_ oder
+_guđi_. Tempeldienst, Opfer und Weissagung wird ihr Amt gewesen sein.
+Dem Nerthuspriester steht die schwedische Freyspriesterin (Fornmanna
+sögur 2, 73 ff.) gegenüber. Sie wird als Freys Frau (_kona Freys_)
+bezeichnet; zum Dienste Freys ward ein junges, schönes Weib (_kona
+ung ok friđ_) genommen. Dass eine Frau am Landestempel zu Uppsala
+allein Dienst that, ist höchst unwahrscheinlich. Auch gedenkt Adam
+von Bremen 4, 27 der Staatspriester (_sacerdotes, qui sacrificia
+populi offerant_). Immerhin aber bleibt im Hinblick auf die gyðjur in
+Norwegen und Island die Thatsache bestehen, dass Frauen im Norden zum
+Tempeldienst zugelassen wurden. Die 60 Priesterinnen im grossen Tempel
+in Biarmland (Fornaldarsögur 3, 627) sind natürlich fabelhaft. Die
+weissagenden Frauen (_spákonur_, _vǫlvur_) greifen in den privaten,
+nicht in den öffentlichen Kult ein.
+
+
+6. Die Wissenschaft der Priester.
+
+Gebundene, kunstvoll gefügte Rede stand in Urzeiten vorwiegend im
+Dienste der Religion. Im Liede wurden bei Opfer und Festen die Götter
+gepriesen. Heilige Hymnen bilden daher den ältesten Bestand der
+Dichtkunst, und so eröffnen auch die altgermanischen _Leiche_[771]
+die Geschichte germanischer Poesie. Wo aber ein priesterlicher Leiter
+oder Vorsteher des Gottesdienstes vorhanden ist, ruht auch die mit
+dem Gottesdienst verknüpfte Dichtkunst in seiner Hand. Erst später
+löst der weltliche Sänger den geistlichen ab. Der germanische Priester
+war einmal auch der germanische Sänger. Neben genauer Kenntniss des
+Opferwesens musste der Staatspriester erschöpfende Wissenschaft aller
+göttlichen Dinge besitzen, Göttersage, Rechtskunde, deren Vortrag
+im Zusammenhang und lehrhafte Anwendung im einzelnen, z. B. beim
+Heilzauber, bei Verträgen und Dingformeln fiel ihm zu. Alles das musste
+aber in feierlich gestabter Rede, in dichterischer Form, gesagt und
+gesungen werden.
+
+In merkwürdig übereinstimmender Form hat sich das episch-mythische
+Lied bei den vedischen Indern und bei den Germanen entwickelt. Die
+mythische Erzählung ist aus Prosa und strophisch angeordneten Versen
+gemischt. In poetische Form werden nur die Reden und die wichtigsten
+Stellen der Handlung gekleidet, das übrige ergänzt der vortragende
+Priester nach Gutdünken durch erzählende Prosa. Diese gemischte
+Form wies Oldenberg[772] in der ältesten indischen Litteratur nach.
+Einzelne Hymnen des Rigveda sind scheinbar Bruchstücke; sie waren eben
+dazu bestimmt, durch Prosaerzählung ergänzt zu werden, und solche
+prosaische Zwischensätze begegnen auch wirklich in der Überlieferung.
+Nach ihrem Muster ergänzt bieten die Hymnen, von denen eben nur die
+metrisch verfassten Stücke zur Aufzeichnung gelangten, etwas Ganzes,
+Abgeschlossenes, eine aus gebundener und ungebundener Rede gemischte
+Erzählung. Hierzu stimmen nun mehrere der ältesten Eddalieder, in
+denen ebenso die gemischte Form die herrschende ist. Müllenhoff (ZfdA.
+23, 151 ff.) sagt darüber: „Zwei Formen der epischen Überlieferung,
+prosaische Erzählung mit bedeutsamen Reden -- Wechsel- oder Einzelreden
+-- der handelnden Personen in poetischer Fassung und erzählende epische
+Lieder in vollständig durchgeführter strophischer Form finden wir
+im Norden neben einander in Gebrauch und keineswegs ist die Prosa
+der gemischten Form nur eine Auflösung oder ein späterer Ersatz der
+gebundenen Rede.“ Innerhalb der Edda und auch in der Saxo vorliegenden
+Überlieferung waren viele Götter- und Heldenlieder als Wechsel-
+oder Einzelrede, dramatisch bewegt, in einen freien prosaischen
+Rahmen eingestellt. Am schönsten ist die Wechselrede im Skirnirliede
+durchgeführt, wie Skirnir für Freyr um die schöne Gerd wirbt, oder
+im Grimnirlied, wie Odin dem Agnar die Herrlichkeit von Walhall
+verkündigt. Die Gedichte sind freilich so spät, dass sie nur als
+Ausläufer und Nachklänge einer uralten, vielleicht gemeingermanischen
+Gattung gelten können. Merkwürdig aber berührt die Einstimmung mehrerer
+mit dem Gottesdienst aufs engste verbundenen Dichtformen der Inder
+und Germanen, die vielleicht auf gemeinsamen Ursprung hinweisen. Da
+hier wie dort gerade die Göttersage, und wol in Nachahmung derselben
+auch die Heldensage, so behandelt wurde, liegt der Schluss nahe, dass
+dereinst die Priester an hohen Festen einzelne Mythen, die mit der
+Kulthandlung in Zusammenhang standen, also z. B. beim Tiuȥfeste des
+Gottes Brautwerbung, die Erweckung der bräutlichen Erdgöttin, ihre
+Befreiung aus den Banden des winterlichen Todesschlafes, in dieser aus
+gebundener und ungebundener Rede gemischten Kunstform zum Vortrag zu
+bringen pflegten, dass überhaupt die Mythendichtung, die Erzählung von
+den Thaten der Götter, das Preislied und feierliche Gebet ursprünglich
+allein von den priesterlichen Sängern ausging.
+
+Erscheint uns hier der Priester als Dichter und Sänger von
+wechselreichen, kunstvoll gestabten Götterliedern, der dem Volksglauben
+die Weihe poetischer Gestaltung verlieh, so war er nicht weniger
+Verkündiger des Rechts, _êsago_. Das germanische Recht wendet sich
+nicht bloss an den nüchternen Verstand, sondern auch ans Gemüt.[773]
+Die alten Volksrechte bedienen sich häufig poetischer Ausdrucksmittel.
+Sie gebrauchen ähnliche bildliche Wendungen wie die epischen Gedichte,
+sie reden vom helllichten Tage und von leuchtender Sonne, von der
+nebeldüstern Nacht, vom glänzenden Gold und vom weissen Silber, vom
+grünen Rasen, vom hohen Helm und roten Schild, vom wilden Meer und vom
+salzigen See, vom heissen Hunger, von glühender Glut. Der Deich heisst
+ein goldener Reif, der um ganz Friesland liegt. Die Unendlichkeit von
+Zeit und Raum spricht sich in den Wendungen aus: so weit als der Wind
+von den Wolken weht und die Welt steht, so weit als Wind weht und Kind
+schreit, Gras grünt und Blume blüht. Hochpoetisch ist die ergreifende
+Schilderung der drei Nöte im friesischen Recht. „Das ist die erste Not:
+wo immer ein Kind gefangen und gefesselt wird nördlich über das Meer
+oder südlich in das Gebirge, so muss die Mutter ihres Kindes Besitz
+verpfänden und veräussern, und ihr Kind lösen und sein Leben retten.
+Die zweite Not ist diese: wenn da schlimme Jahre kommen und der heisse
+Hunger über das Land fährt, und das Kind Hungers sterben würde, so muss
+die Mutter ihres Kindes Besitz verpfänden und veräussern und ihm damit
+kaufen Kuh und Korn, und solche Dinge, womit sie ihm das Leben retten
+kann. Die dritte Not ist diese: wo immer das Kind ist stocknackt oder
+hauslos, und dann die nebeldüstre Nacht und der bitterkalte Winter über
+die Umfriedungen sich herabsenkt, so fährt da jeglicher Mann in seinen
+Hof und in sein Haus, und das wilde Tier sucht den hohlen Baum und der
+Berge Schlüfte, um sein Leben zu erhalten; dann weint das unmündige
+Kind und jammert über seine nackten Glieder und seine Hauslosigkeit,
+und betrauert seinen Vater, der ihm helfen sollte wider den kalten
+Winter und wider den heissen Hunger, dass er so tief und so dunkel
+unter Eichenbrettern und Erde eingeschlossen und festgehalten und
+bedeckt ist. Deshalb muss die Mutter ihres Kindes Besitz verpfänden und
+veräussern, weil sie die Verantwortung und Fürsorge dafür hat, so lange
+es noch nicht volljährig ist.“ Anstatt einfach zu bestimmen, wenn das
+Waisenkind durch Brand oder Raub ins Elend gerät, darf die Mutter die
+ihr anvertrauten Mündelgelder angreifen, wird mit so eindringlicher
+Kraft dem empfindenden Gemüt die Not vorgeführt, dass das Urteil nicht
+anders fallen kann, als es muss so geschehen. Der Rechtweiser wird zum
+Dichter, der das Herz des Hörers tief bewegt. Gewaltig sind auch die
+Flüche, welche das ganze Unheil des Verfehmten, seine Rechtlosigkeit,
+wo immer er auch hinkehre, lebendig schildern. Wer beschworenen Frieden
+(_trygđamál_, _gridamál_) bricht, soll geächtet sein, so weit Menschen
+landflüchtig sein können, soweit Christenleute in die Kirche gehen
+und Heidenleute in ihren Tempeln opfern, soweit Feuer brennt und Erde
+grünt, Kind nach der Mutter schreit und Mutter Kind gebiert, Holz Feuer
+nährt, Schiff schreitet, Schild blinket, Sonne den Schnee schmelzt,
+Feder fliegt, Föhre wächst, Habicht fliegt den sommerlangen Tag und der
+Wind steht unter seinen Flügeln, Himmel sich wölbt, Welt gebaut ist,
+Winde brausen, Wasser zur See strömt und Männer Korn säen. Ihm sollen
+versagt sein Kirchen und Gotteshäuser, guter Leute Gemeinschaft und
+jederlei Wohnung, die Hölle ausgenommen.[774] Die Verfehmung geschieht
+durch das sinnliche Ausmalen alles dessen, was dem Missethäter
+entzogen wird.
+
+An vielen Stellen der altgermanischen Gesetze bricht deren einstige
+teilweise dichterische Gestalt deutlich durch. Längst sind die
+zahlreichen stabreimenden Formeln hervorgehoben, die ebenso wie die
+epischen Formeln dem erzählenden Gedichte den Rechtssatzungen ein
+eigenartiges Gepräge verleihen und mit bewusster poetischer Absicht
+geschaffen und wirkungsvoll angewandt sind. Aber auch regelrechte
+Stabreimverse begegnen in den nordischen, englischen und friesischen
+Rechten. Zumal die letzteren zeigen viele rhythmische Gesätze. Daraus
+ist zu schliessen, dass dereinst der Rechtsvortrag, wenigstens
+teilweise, in feierlich gehobener, formelhaft gestabter Rede geschah.
+Zu den Spuren, die auf einstige poetische Form, auf Stabreimverse,
+hinweisen, stehen ebensoviele Nachklänge schwungvoller, bilderreicher
+und doch schlichter Dichtersprache. Der Priester-Sänger verkündigte
+auch das Recht wie die Göttersagen in kunstreich gefügten Stabreimen.
+
+Im Veda begegnet eine Sammlung von Rätselfragen und Rätselsprüchen,
+deren Entstehung in priesterlichen Kreisen zu suchen ist.[775] Es
+war Sitte, dass der leitende Priester beim Opfer den, der dasselbe
+darbrachte, mit ritualen und mythologischen Fragen ausforschte. So
+wird beim Pferdeopfer der das Opfer spendende König gefragt nach dem
+äussersten Ende der Erde, nach dem Nabel der Welt, nach dem Samen des
+Hengstes, nach dem höchsten Himmel des Wortes, worauf der Opferer
+antwortet, dass der Opferaltar das äusserste Ende der Erde, das
+Opfer der Nabel der Welt, der Somasaft der Same des Hengstes, der
+Brahmapriester des Wortes höchster Himmel sei. Solche Fragen kamen
+gegen den Schluss grosser Opfer häufig vor. Nicht bloss dem Opferer
+wurden von einem der Priester Rätsel zur Lösung vorgelegt, sondern auch
+die Priester mussten einander Rätsel aufgeben und der Gefragte hatte
+sie auf die vorgeschriebene Weise zu beantworten. So fragt ein Priester
+den anderen: Wer wandelt wol allein? Wer wol wird wieder geboren? Was
+wol ist das Mittel gegen den Schnee? Was wol die grosse Hinstreuung?
+Darauf antwortet der Gefragte: Die Sonne wandelt allein, der Mond wird
+wieder geboren, das Feuer ist das Mittel gegen Schnee, die Erde die
+grosse Hinstreuung. Nun wird wieder gefragt: Welches Licht ist wol der
+Sonne gleich? Welcher Strom ist wol dem Meere gleich? Wer begiesst die
+Erde am meisten? Von wessen Mutter wird man nicht gekannt? Die Antwort
+lautet: Das Wahre ist das der Sonne gleiche Licht, der Himmel der dem
+Meere gleiche Strom, Indra begiesst die Erde am meisten, von der Mutter
+der Kuh wird man nicht gekannt. Die Dinge, um welche die Rätsel fragen,
+sind bald der Natur, bald dem Geistesleben entnommen. Himmel und Erde,
+Sonne und Mond, das Luftreich, der Regen und seine Entstehung, der
+Sonnenlauf, das Jahr, die Jahreszeiten, Monate, Tage und Nächte sind
+beliebte Gegenstände bildlicher Einkleidung, ihre Enträtselung und
+die Form, in der das geschah, galten als die höchste Weisheit. Die
+Rätsellieder sind nun bei den Germanen sehr reich entfaltet und weisen
+in Einzelheiten wie im Zusammenhang auf hohes Alter. Namentlich die
+altnordische Dichtung enthält auffallend viele Rätsellieder, bei denen
+zweierlei zu beachten ist, dass Odin die Rätselfragen stellt, also
+auch hierin unerreichter Meister aller Weisheit ist, dass die Rätsel
+sich mit Vorliebe auf mythologische Dinge beziehen. Im Wafthrudnirlied
+legt Odin dem weisen Riesen alle möglichen Fragen vor, deren
+Beantwortung genaue Kenntniss der nordischen Mythologie bis in alle
+Einzelheiten voraussetzt. Als Gest zeigt er sich dem König Heidrek in
+der Rätselkunde überlegen, auch hier aber treten Rätsel mythologischen
+Inhaltes zwischen den allgemeinen mehrmals hervor; die letzte Frage
+lautet wie im Wafthrudnirliede: Was raunte Odin dem toten Baldr ins
+Ohr? Im Alwisliede erfragt Thor vom Zwerg die Sprache der verschiedenen
+Welten. Bekannt ist die Eigenart der nordischen Skaldenkunst, die in
+ihren vielverschlungenen, der Göttersage entnommenen Umschreibungen
+und Bildern eigentlich fortwährend mythologische Rätsel aufgibt.
+Den Anstoss hierzu erhielt sie wol kaum aus sich selber, eher aus
+der mythologischen, ursprünglich priesterlichen Rätseldichtung. Der
+Grundgedanke, dem letztere entspringt, ist bei den Skalden nur auf
+die Spitze getrieben. Man darf nun freilich nicht schliessen, dass
+diese Lieder, so wie wir sie kennen, bei Opfern gebraucht worden
+wären, sondern nur, dass diese eigentümliche Kunstgattung des
+mythologischen Rätselliedes möglicher Weise aus dem Gottesdienst
+entsprungen sein kann. Da mag das Rätsellied einmal wie bei den
+Indern dazu gedient haben, unter Opferleitern und Opfergenossen die
+Kenntnis der vorzunehmenden Handlung, der damit verknüpften Bräuche und
+Mythen, festzustellen. Der fragende Gott ist als Vorbild des fragenden
+Priesters gedacht.
+
+War der Priester beim Vortrag der Mythen und Rechtssatzungen
+mehr Epiker, so bethätigt er sich anderwärts mehr lyrisch, als
++Spruchdichter+. In höchstes Altertum reichen die meistens zu
+Heilzwecken geübten Besegnungen, die Zaubersprüche zurück. Sie
+ruhen auf allgemein menschlicher Grundlage, nehmen jedoch bestimmte
+zeitliche und örtliche Färbung an. Erwachsen auf dem Boden der niederen
+Mythologie, suchen sie stets gerne Anschluss an die herrschende
+höhere Mythologie, an den Götterglauben. Priester und Zauberer waren
+die ursprünglichen Schöpfer, Kenner und Wahrer solcher kräftiger
+Heilsprüche, deren allgemeine Auffassung etwa dahin geht: Siechtum ist
+durch Unholde verursacht. Heilung wird erreicht durch Vertreibung der
+Unholde mit Hilfe guter Geister und Götter. Den ererbten Formelschatz
+haben die germanischen Priester gestabt und an den Götterglauben
+angeschlossen.
+
+Zaubersprüche gehören bei den Indogermanen zu den ältesten Spuren
+dichterischer Bethätigung.[776] Für den Vortrag war Gesang mit
+gedämpfter, murmelnder Stimme vorgeschrieben. Daher das griechische
+ἐπᾴδειν, lat. _carmen_, frz. _charme_, lat. _magicum susurramen_,
+Zaubergemurmel. Die germanischen Sprachen kennen mehrere Bezeichnungen,
+welche auf den Vortrag solcher Poesien schliessen lassen.[777] Zu
+_bigalan_, besingen, ἐπᾴδειν gehört _galdra-_ (an. _galdr_, ags.
+_gealdor_, ahd. as. _galdar_) oder _galstra-_ (ahd. _galstar_). Neben
+dem alten starken Verbum bigalan steht das schwache _begalôn incantare_
+(_enchanter_). Der Sinn von _galdra-_ ist Zaubersang. Im Nordischen
+begegnet auch _ljóđ_, Lied, im engeren Sinne von Zauberlied. Die
+Formel, die den Zauber wirken sollte, wurde demnach gesungen. Neben
+_galdra-_ und teilweise damit begrifflich zusammenfallend trifft man
+_rûnô_. Das Wort „Rune“, das durch alle germanischen Sprachen hindurch
+geht, ist mit griech. ἐρέϝω, ἐρευνάω verwandt. Aus derselben Wurzel,
+nur mit anderem Ablaut, stammt an. _reyna_, prüfen, erforschen, _raun_,
+Versuch. Vielleicht bedeutete _rûnô_ ursprünglich Befragung, bald
+aber verstand man unter Runen die heimlichen Mittel, durch welche
+gefragt wurde. Sehr früh ist _rûnô_ Zauberlied. In dieser Bedeutung
+entlehnten die Finnen zu Anfang unserer Zeitrechnung das Wort. Die Rune
+wurde _geraunt_, leise geflüstert. _Galdra-_ ist Zaubersang, _rûnô_
+Zaubergemurmel. Vielleicht waren beide Arten des Vortrags vereinigt
+in dem mit gedämpfter Stimme gesungenen, gemurmelten Liede. Rune ist
+ausserdem das Zauberzeichen, das im Verein mit dem Sange den Zauber
+erst wirksam machte. Endlich wird mit Rune auch der Buchstabe, das
+Schriftzeichen benannt, nachdem die Germanen die römischen Buchstaben
+sehr frühzeitig zu einer eigenartigen Schriftgattung umgebildet hatten.
+Der allgemeine Begriff „Geheimniss“ ist wol aus _raunen_, heimlich
+flüstern, und dem Zauberwesen, das an den Runen haftete, geleitet.
+Beschwören (ahd. _biswerian_) weist auf denselben Gedankenkreis. Es
+steht zu Surren, Schwirren, Schwarm (slav. _svirja_, flüstre) und
+besagt also auch das Summen der Zauberformel, die wir als gesummtes
+Lied oder geraunten Spruch zu denken haben.
+
+Aus der ahd. Zeit sind zwei Zaubersegen, die sog. Merseburger Sprüche,
+erhalten, deren Aufbau von grösster Wichtigkeit ist. Dem eigentlichen
+Spruche voran geht eine kleine Erzählung, welche zeigen soll, wann der
+Spruch erfolgreiche Anwendung fand. So lautet der zweite Spruch:
+
+ Phol und Wuodan fuhren zu Holz,
+ Da ward Balders Fohlen sein Fuss verrenkt.
+ Da besang (_biguol_) es Sinhtgunt, Sunna ihre Schwester,
+ Da besang es Friia, Volla ihre Schwester,
+ Da besang es Wuodan, wie er wol konnte:
+ Sei es Beinverrenkung,
+ Sei es Blutverrenkung,
+ Sei es Gliederverrenkung.
+ Bein zu Bein, Blut zu Blut,
+ Glied zu Glied, als ob sie geleimt seien!
+
+Es wird also eine Sage aus der Götterwelt erzählt. Auf einer Jagdfabrt
+nahm Balders Ross Schaden. Niemand konnte es heilen, nur Wodan mit
+Hilfe des Segens. Diese Erzählung ist als Beispiel vorangestellt, wie
+damals soll der Segen auch jetzt und immerdar helfen. Auf diese Art
+wurden öfters Sprüche mit epischen Eingängen versehen; so nimmt der
+erste Merseburger Spruch und ein ags. Segen gegen Hexenstich Bezug
+auf das Walten der Kampfgöttinnen. Von wem solche epische Eingänge
+verfasst sind, ist unschwer einzusehen. Den Priestern kommt die Wahrung
+kräftiger Zauberlieder zu; durch epische Einleitungen aber stellten sie
+einen tieferen, innerlichen Zusammenhang mit dem Götterglauben her.
+Diese Gattung des epischen Zauberspruches, wo nicht bloss die Formel
+geraunt, sondern eine kleine Geschichte zuvor feierlich erzählt wurde,
+hiess bei den Germanen _spell_.[778]
+
+Odin ist Meister aller Runenweisheit und Galdr, Gott der Skalden, sein
+Geist durchweht und belebt die Dichtung; Fosite ist Rechtweiser. Damit
+ist die Kunst gebundener Rede und feierlichen Vortrages jeden Inhalts,
+die Kunst des Zauberliedes von den Göttern eingesetzt. Zunächst
+an göttliche Weisheit aber reicht der Priester. Die Stellung des
+altgermanischen Priesters darf nicht gering angeschlagen werden. Alle
+Bedingungen zur erhabenen Ausnahmestellung des vertrauten Mitwissers
+der Götter waren vorhanden und hätten ebenso entfaltet werden können,
+wie wir es beim indischen Priestertum der Brahmanen, beim keltischen
+der Druiden erfüllt sehen. Eine germanische Priesterherrschaft aber
+gedieh trotzdem nicht, weil der gesunde, kräftige Volksgeist dagegen
+war. Die Könige und Herzöge, die weltlichen Leiter der Volksgeschicke,
+wachten darüber, dass der Priester niemals die Schranken seines
+Amtes überschritt. Der Priester vertrat wol die Gottheit beim Ding
+und sorgte, dass ihr Dienst richtig vollzogen, dass jeder Frevel
+gesühnt wurde. Er verkörperte aber nur das religiöse und rechtliche
+Bewusstsein, konnte mahnend dem Bruche göttlicher Satzung entgegen
+treten, aber nur als Berater, nicht als Lenker und Richter. Die
+Führerschaft stand ihm nicht zu. Der weltliche Sänger und später
+der weltliche Gesetzsprecher teilten sich gar bald in die einst dem
+Priester allein gehörigen Ämter. Der Hausvater aber bedurfte des
+Priesters nicht, er mochte höchstens seinen Rat angehen. Brahmanen
+und Druiden brachten es fertig, dass nichts ohne geistliche
+Mitwirkung geschah. Die Germanen beschränkten den Priester auf die
+gottesdienstlichen öffentlichen Verrichtungen und nahmen, wo es ihnen
+gut dünkte, seinen weisen Rat in Anspruch.
+
+
+7. Die Priester als Erforscher der Zukunft.
+
+Tacitus schildert in einer vielbesprochenen Stelle das Loosen[779],
+dessen Verfahren er einfach nennt. Der Zweig eines fruchttragenden
+Baumes wird in Stäbchen zerlegt, die Stäbchen werden mit gewissen
+Zeichen versehen und blindlings und zufällig über ein weisses Tuch hin
+verstreut. Alsdann hebt bei öffentlicher Beratung der Staatspriester,
+bei Privatangelegenheiten der Hausvater, nachdem er zuvor die Götter
+angerufen hat, gen Himmel schauend dreimal je ein Stäbchen auf und
+deutet die zuvor auf die Stäbchen eingeschnittenen Zeichen. Lauten sie
+verneinend, so unterlässt man für diesen Tag eine weitere Befragung;
+stimmen sie zu, so wird noch weiterhin die Beglaubigung durch
+Vorzeichen in Anspruch genommen.
+
+Man darf jedenfalls dem Berichte des Tacitus auch ein Opfer beifügen,
+ohne welches im Heidentum feierliches Gebet kaum möglich scheint.
+Somit ergeben sich folgende Hauptpunkte des Verfahrens: Zurichtung der
+Loose, bestehend in Holzstäbchen mit eingeritzten Zeichen, Opfer und
+Gebet an die Götter, deren Willen erkundet werden soll, Looswurf und
+Aufnahme dreier Loose, Auslegung der aufgehobenen Loose nach den darin
+eingeritzten Zeichen, daraufhin Beschluss, ob die Befragung fortgesetzt
+oder aufgegeben werden soll. Schwer ist über zwei Dinge Klarheit zu
+gewinnen, ob die Befragung der Loose auf ein blosses _ja_ oder _nein_
+oder auf einen förmlichen Orakelspruch ausgeht; ferner welcher Art die
+eingeritzten Zeichen waren. Aus dem ganzen Zusammenhang möchte eher
+auf einfache Befragung um ja oder nein geschlossen werden, zumal da
+überdies noch Vorzeichen in Betracht kommen. Aber die eingeritzten
+Zeichen, von deren Auslegung die Rede ist, weisen wieder eher auf einen
+förmlichen Orakelspruch, den der Priester wol in feierlichem Stabreim
+verkündigte. Welcher Art die Zeichen waren, ist auch nicht zu sagen.
+Man denkt an die Runen, worunter aber mystische, magische Zeichen,
+nicht die späteren Schriftrunen verstanden werden müssen. Wol kommen
+diese im Norden auch zu zauberhaftem Gebrauche vor. Man raunte eine
+Zauberformel und ritzte die Anfangsrune des wichtigsten Begriffes.
+So schneidet Skirnir (Skirn. 37) der Gerd einen _Thurs_ (die Rune ᚦ)
+und drei andere Runen, die den Zauber ungestillter Liebessehnsucht
+bewirken. Um Sieg zu gewinnen, wurde die Rune Tyrs ᛏ aufs Schwert
+geritzt, um gegen Frauentrug sich zu feien, die Rune _Nauþ_ ᚾ aufs
+Horn, den Rücken der Hand und den Fingernagel gemalt (Sigrdr. 6/7). Die
+Verwendung der Schreiberunen zu Zauberzwecken in der Art, dass die Rune
+den Hauptbegriff der Zauberformel festbannte, steht also ausser Frage.
+Umgekehrt mochte auch eine Weissagung aus zufällig aufgelesenen Runen
+entnommen werden, sofern eine bestimmte Beziehung zwischen einer Anzahl
+von Formeln und Zeichen bestand. Wenn z. B. Tyr oder Nauþ; (d. h. Not)
+herauskam, wurde Sieg oder Not geweissagt. Aber zur Zeit des Tacitus
+und Caesar waren die in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung
+von den Römern entlehnten germanischen Schreiberunen wol noch gar nicht
+vorhanden. Doch das Wort Rune ist freilich älter als seine Anwendung
+auf die Schrift, und so mögen schon die Zeichen auf den Holzstäbchen
+Runen gewesen sein. Ihre Form und ihr Gehalt bleibt uns rätselhaft,
+aber grosse Wahrscheinlichkeit besteht, dass es ähnlich zuging wie
+bei den späteren Schreiberunen, wenn sie, vielleicht eben an Stelle
+älterer magischer Runen, zum Zauber benützt werden. Man muss eine
+bestimmte Anzahl von Zeichen denken, die dem Loosenden ihrer Bedeutung
+nach völlig vertraut waren. Die aufgelesenen Zeichen liessen sich zu
+einer Weissagung vereinigen. Wenn das Gebet in feierlichen Stäben
+und Formeln ging, so war auch der Weissagespruch aus altehrwürdigen
+Formeln gereimt, welche eben durch die Loose gesucht wurden. Wenn nicht
+Tacitus verschiedene Dinge zusammenwarf, so waren diese Zeichen nicht
+geheim, denn jeder Familienvater mochte für seinen Hausstand das Loos
+werfen. Man sollte allerdings eher meinen, dass das Verfahren mit den
+Looszeichen, die einen Spruch ergaben, schwieriger und nur wenigen im
+Volke, vor allen den Priestern vertraut war; denn es ist nicht einfach,
+sondern setzt tieferes Wissen voraus, Kenntniss der Zeichen und ihrer
+Bedeutung und Fähigkeit, daraus einen gestabten oder doch formelhaften
+Spruch zu finden. Die gewöhnliche Loosung auf ja oder nein aber ist
+höchst einfach, sie bedarf nur eines oder zweier Zeichen und kann jeder
+Zeit und von jedem ohne besondere Weisheit geübt werden. Im gegebenen
+Falle hätte etwa ein dreimaliges _ja_ Ausführung des Vorhabens
+veranlasst, ein dreimaliges _nein_ oder unentschiedene Auskunft dagegen
+Einstellung.
+
+Dass aber unter Priestern und weissagenden Frauen schon früh die
+divinatorische Loosung, das Fragen nach förmlichem Spruche, vorkam,
+lehrt Caesar, bell. gall. I Kap. 50. Bei den Germanen herrschte die
+Sitte, dass die Frauen durch Looswurf und Orakelspruch (_sortibus et
+vaticinationibus_) entschieden, ob ein Treffen zu liefern sei oder
+nicht. Der aus den Loosen gewonnene Spruch lautete dahin, dass die
+Germanen Unsieg hätten, wenn sie vor Neumond kämpften (_non esse fas
+Germanos superare, si ante novam lunam proelio contendissent_). Dieser
+Spruch kann nicht aus blossem ja oder nein abgeleitet sein.
+
+Aus nordischer Überlieferung ergeben sich mehrere Beispiele
+divinatorischer Loosung, leider ohne genauere Beschreibung des
+Verfahrens, das meistens als allgemein bekannt, keineswegs als
+Geheimkunst vorausgesetzt zu sein scheint. Das Hymirlied hebt damit
+an, dass die Götter, die ein Gelage zurüsten wollten, die Zweige
+schüttelten und das Opferblut beschauten (_hristo teina ok á hlaut
+sǫo_), da fanden sie, bei Ägir sei Überfluss. Bei ihm wird denn
+auch schliesslich nach Einholung des Kessels Hymirs das Festgelage
+abgehalten. Für Kultgebräuche erfahren wir aus der Stelle, dass, um
+einen Orakelspruch zu erhalten, ein Opfer angerichtet wurde. Die
+Weissagung oder die Antwort der angerufenen Gottheit erfolgte aus
+dem Blute des geschlachteten Tieres und aus den (mit eingeritzten
+Zeichen versehenen) durch einander geschüttelten Looszweigen. Nach
+der Gautrekssaga Kap. 7 segelte König Wikar nordwärts von Agdir nach
+Hordaland in Norwegen und bekam heftigen Gegenwind. Da fällten sie den
+Span um günstigen Wind, und es fiel so, dass Odin einen Mann verlangte,
+der ihm zum Opfer aus der Mannschaft durch das Loos bestimmt und
+gehängt werden sollte (_þeir feldu spán til byrjar ok fell svá at Óđinn
+vildi þiggja man at hlutfalli at hanga or herinum_). Darauf wurde die
+Ausloosung vorgenommen, und es kam König Wikars Loos heraus (_ok kom
+upp hlutr Víkars konungs_). Gewöhnlich heisst es: _fella blótspán_,
+den Opferspan fällen.[780] Gemeint ist wol dasselbe wie mit den
+Zweigen, nämlich bezeichnete Holzstückchen. Mit dem Looswurf war Opfer
+verbunden, daher der Name _blótspánn_. Man opferte, warf die Loose,
+las den Spruch daraus und that darnach. In der Gautrekssaga schliesst
+sich einfache Ausloosung der divinatorischen Befragung unmittelbar
+an. Diese hatte den allgemeinen Bescheid erbracht, Odin verlange ein
+Menschenopfer, jene wählte das Opfer aus der Schar der Genossen aus.
+Die Mitwirkung eines Priesters ist weder hier noch dort erwähnt. In
+der Hervararsaga Kap. 11 (Fornaldar sögur 1, 451) wird erzählt: Zu der
+Zeit war in Reidgotaland grosser Misswachs, so dass es zur Verödung des
+Landes zu kommen schien; da wurden Loose von weisen Männern gemacht und
+der Opferspan dabei gefällt (_váru þá gǫrđir hlutir af vísendamǫnnum
+ok feldr blótspánn til_) und so erging das Orakel (_en svá gekk
+fréttin_), dass nicht eher wieder ein gutes Jahr kommen würde, als bis
+der vornehmste Knabe im Lande geopfert werde. Hier ist beachtenswert,
+dass weise Männer die Loose herstellen; also wird zur divinatorischen
+Loosung doch ein höheres Wissen vorausgesetzt. Die Vita Anskarii Kap.
+18 berichtet von einem Schweden, der an der Vertreibung des Bekehrers
+Gauzbert teilgenommen hatte, dass er hinterher den Zorn der Götter zu
+fürchten angefangen habe. Da suchte er einen Weissager auf (_qua de re,
+sicut moris est ibi, quendam adivit divinum_), damit dieser durchs Loos
+erkunde, welchen Gott er beleidigt habe und wie er ihn versöhnen könne.
+Jener verrichtete die üblichen Gebräuche (_quae circa cultum hujusmodi
+observare solebat_) und erklärte, keiner der Heidengötter, wol aber der
+Christengott zürne ihm. Im Kap. 19 erfragen die Dänen durch Loosung,
+wohin sie sich wenden sollten, um Beute zu machen. Da fiel das Loos auf
+eine entfernte Stadt im Lande der Slaven. Beispiele für einfache Frage
+um ja oder nein bietet die Vita im Kap. 19, 27, 30. Aus Layamons Brut
+zieht Müllenhoff, zur Runenlehre S. 40 f. noch eine Stelle an, wo der
+Herzog Ascanius nach denen, die des teuflischen Sanges mächtig sind,
+über Land sendet, um zu erfahren, was sein Weib im Schooss trüge. Da
+warfen sie die Loose und fanden an der Kraft des unheilvollen Liedes,
+dass die Frau mit einem Sohne ginge. Hier wird der Beschwörungslieder
+gedacht, die zur Weissagung nötig waren. Denn das höhere Wesen, das
+um die Zukunft befragt wurde, musste mit Gebet oder Beschwörung dazu
+gebracht werden, das Gewünschte zu offenbaren.
+
+Es war Sitte, die Götter mit Loosung zu befragen, ob ihnen ein Opfer
+genehm sei oder nicht. Bestand von vornherein die Absicht, ein Opfer
+darzubringen, so genügte die einfache Frage auf ja oder nein. Manchmal
+aber, wie in der Sage von Wikar und vielleicht auch, als die Schweden
+ihre Könige Domaldi und Olaf opferten, wurde in schweren Zeiten das
+Loos auf allgemeine Befragung des göttlichen Willens geworfen. Erst der
+Ausspruch zeigte, dass die Götter ein blutiges Menschenopfer heischten.
+War keine bestimmte Persönlichkeit genannt, so mochte gewöhnliches
+Ausloosen einen oder mehrere aus einer grösseren Menge ausscheiden.
+Auch ins Strafrecht reicht die Sitte der Loosung herein und erhielt
+sich unter den Friesen[781] bis ins Christentum. Der Grund ist leicht
+zu erkennen. Hatte ein Neidingswerk den Grimm der Götter erregt, und
+war der Missethäter unbekannt, so boten sich die Volksgenossen zum
+Loose, zum Gottesurteil, damit die Gottheit selber zur Sühne den
+Schuldigen herausgreife. Nach Caesar bell. gall. 1, 53 erzählt der aus
+der Gefangenschaft der Sueven gerettete Valerius Procillus, es sei
+dreimal über ihn das Loos geworfen worden, ob er alsbald verbrannt oder
+auf später aufbewahrt werden solle; das Loos fiel für ihn günstig (_se
+praesente, de se ter sortibus consultum, utrum igni statim necaretur an
+in aliud tempus reservaretur. sortium beneficio se esse incolumem_).
+In Alchuines Vita des hl. Willibrord Kap. 10 wird vom König Redbad
+berichtet, er habe über den gefangenen Willibrord und seine Genossen
+je dreimal an drei Tagen hinter einander das Loos geworfen (_per tres
+dies semper tribus vicibus sortes suo more mittebat_); mit Gottes Hilfe
+fielen die Loose den Gefangenen günstig, nur einen einzigen traf das
+Todesloos (_damnatorum sors_), der das Martyrium erleiden musste.
+
+Die Vita Willehadi Kap. 3 berichtet, dass Willehad ums Jahr 778 östlich
+der Laubach durch Ermahnungen an die Landesbewohner, den Aberglauben
+aufzugeben, ihren Zorn erregte. Wegen seiner Lästerungen gegen die
+Götter hätten sie ihn für des Todes würdig erklärt. Einige aber hätten
+dazu geraten, ihn nicht ohne weiteres zu töten, sondern erst das Loos
+zu befragen, damit die Götter zeigten, ob er den Tod verdient habe,
+sonst ihn freizulassen, worauf denn nach der Sitte der Heiden das Loos
+geworfen worden sei, ob er leben oder sterben solle (_secundum morem
+gentilium missa est sors super eo, vivere an mori debuisset_). Nach
+Gottes Fügung habe über Willehad das Loos des Todes (_sors mortis_)
+nicht fallen können. Der hl. Wulfram rettete zweimal friesische Knaben
+vom Opfertod, zu dem sie durchs Loos bestimmt waren (Vita Wulframmi
+Kap. 6 und 8, ASS. 3, 1, 359 und 361).
+
+Das friesische Recht bestimmt: Wird bei einem Auflauf einer getötet,
+so können in Ermanglung anderer Beweismittel gegen den Schuldigen bis
+zu sieben durch den Kläger wegen der Tötung angeklagt werden, und
+jeder von den sieben kann sich mit zwölf Eideshelfern frei schwören.
+Ist das geschehen, so werden die sieben zur Kirche geführt und Loose
+am Altar über sie geworfen. Zwei Stäbchen werden geschnitten, das eine
+mit einem Kreuze bezeichnet, das andere bleibt unbezeichnet; beide
+werden mit reiner Wolle umhüllt auf den Altar gelegt. Darauf ergreift
+ein Priester, wenn er da ist, sonst ein unschuldiger Knabe eins von den
+Loosen; ist es das mit dem Kreuze bezeichnete, so gelten die sieben,
+für welche die Eide geschworen sind, für unschuldig; wo nicht, so
+folgt ein weiteres Verfahren: jeder von den sieben hat sein eigenes
+Stäbchen mit seiner Marke zu zeichnen, so dass er und die andern
+erkennen können, dass es das seinige ist.[782] Die sieben Stäbchen
+werden wieder mit reiner Wolle umhüllt, wieder auf den Altar oder auf
+die Reliquien gelegt, und es nimmt der Priester oder Knabe vom Altar
+hinter einander die einzelnen Stäbchen und fragt, wem das Stäbchen
+gehöre. Wer als letzter sein Stäbchen erhält, gilt für den Schuldigen,
+die andern sechs als unschuldig. Das Verfahren ist durchaus heidnisch,
+die Anpassung an christliche Verhältnisse rein äusserlich, sie
+beschränkt sich darauf, christliche Heiltümer an Stelle der heidnischen
+zu setzen.
+
+Mit den angeführten Stellen ist die Sitte, durch Looswurf die Gottheit
+um Auskunft anzurufen, hinreichend bezeugt. Es wurde eine Frage
+vorgelegt, die Antwort ergab sich aus der Art der Fragestellung
+als einfaches ja oder nein, aber auch als förmlicher Spruch. Die
+Befragung geschah mit Loosen, mit Holzstäbchen, die mit auszulegenden
+Zeichen, im Norden auch mit den gewöhnlichen Schreiberunen versehen
+waren. Opfer leitete die Handlung ein, unter Absingen von Gebeten
+oder Beschwörungen wurden die vermutlich auch schon unter besondern
+Förmlichkeiten zugerichteten Loose ausgeworfen und aufgelesen, hierauf
+je nach der Frage mit kürzerem oder längerem Spruche gedeutet.
+Möglicherweise stammt die dreifache Bezeichnung des Begriffes „lesen“
+in den germanischen Sprachen -- ahd. as. afries. _lesan_, an. _lesa_;
+ags. _rǽdan_, engl. _read_, eigentlich „raten“; got. _siggwan_
+-- aus der alten Gewohnheit des divinatorischen Loosens.[783] Die
+deutsch-nordische Bezeichnung hält sich ans Auslesen und Aufnehmen
+der beritzten Stäbchen, die englische ans Raten und Deuten, die
+gotische endlich an den feierlichen Vortrag des Spruches, der in
+Liedesweise gesungen ward. In wichtigen Angelegenheiten oblag
+dem Priester diese Loosung, welche Vertrautheit mit der Dichtung
+verlangt. Es war Kenntniss der Lieder vonnöten, wodurch Götter und
+Geister zur Offenbarung ihres Willens oder zukünftiger Ereignisse
+herangezwungen wurden, ferner unter Umständen auch die Fähigkeit, aus
+den eingeritzten Zeichen der Stäbchen die darin angedeuteten Formeln
+abzulesen und zu Verkündigungen zusammenzusetzen. Looswurf, mit Opfer,
+Zauberlied und Zeichendeuterei verknüpft, entstammt dem Heidentum
+und war priesterliches Amt. Darum ist solches Loosen auch späterhin
+als heidnischer Greuel verfehmt und verachtet. Das unschuldige Loos,
+das nur zur Ausscheidung eines einzelnen oder mehrerer aus einer
+Menge diente, konnte ruhig weiter bestehen und fand auch bis auf die
+Gegenwart bei Aufteilung von Gemeindeland und ähnlichen Dingen immer
+Verwendung.
+
+Eine seltsame Loosung begegnet in der Jómsvíkingasaga Kap. 42.[784]
+Der Jarl Hakon besass eine Wage mit zwei silbernen, ganz vergoldeten
+Schalen, dazu zwei Loose, ein silbernes und ein goldenes, beide mit
+Götterbildern versehen. Darin lag eine wundersame Kraft, weshalb der
+Jarl in allen wichtigen Angelegenheiten sich dieser Loose bediente.
+Er legte sie in die Wagschalen und bestimmte, was jedes von ihnen für
+ihn bedeuten sollte. Wenn die Loosung gut ausfiel und das, was er sich
+wünschte, herauskam, da wurde das Loos, das seinen Willen bedeutete,
+unruhig in der Schale und gab einen Klang von sich. Die Sache ist wol
+so zu denken, dass die gleich schweren Loose, deren eines, was man
+wünschte, das andere, was man nicht wünschte, bezeichnete, in die
+Schalen gelegt wurden. Dasjenige Loos, das zuerst in Bewegung kam und
+stieg, dachte man, werde in Erfüllung gehen.
+
+ * * * * *
+
+Um die Zukunft zu erforschen, wurde auch eifrig auf Vorzeichen
+geachtet und zwar nicht bloss auf solche, die sich zufällig von selber
+einstellten, sondern namentlich auf solche, die mit Opfer und Gebet
+oder Beschwörung von den Göttern oder Geistern verlangt worden waren.
+Auf Vorzeichen, die einem zufällig begegnen, achtet ja noch der heutige
+Aberglaube. Ein schönes Beispiel fürs Heidentum gewährt das Reginslied
+20 ff., wo Odin die dem Helden günstigen Zeichen aufzählt:
+
+ 20. Viele Vorzeichen sind, wenn das Volk sie wüsste,
+ Günstig beim Schwingen des Schwerts!
+ Heilbringender Angang für Helden ist es,
+ Wenn ein schwarzer Rab’ sie umschwebt.
+
+ 21. Ein andrer ist’s, wenn zum Ausgang fertig
+ Zur Thüre hinaus du trittst
+ Und auf der Strasse stehend findest
+ Ruhmgieriger Recken zwei.
+
+ 22. Günstig auch ist’s, wenn den grauen Wolf
+ Unter Eschen du heulen hörst,
+ Und Glück verspricht’s, erspähst du den Gegner
+ Eher als er dich sieht.
+
+ 24. Fürchte Gefahr, wenn dein Fuss gestrauchelt
+ Auf dem Weg, den du wanderst zum Streit;
+ Böse Disen stehn dir zu beiden Seiten
+ Und wünschen dir Wunden an.
+
+Keine Art von Aberglauben hat durchs ganze Mittelalter tiefere Wurzel
+geschlagen als die Vorbedeutungen, die man unter den Benennungen
+_aneganc, widerganc, widerlouf_ verstand.[785] Tier, Mensch, Sache,
+auf die man frühmorgens, wenn der Tag noch frisch ist, beim ersten
+Ausgang oder Unternehmen einer Reise unerwartet stiess, bezeichneten
+Heil oder Unheil und mahnten, das Begonnene fortzusetzen oder wieder
+aufzugeben. Aber hier ist nicht der zufälligen Vorzeichen zu gedenken,
+sondern derer, die mit Kultbräuchen unter Einwirkung von Priestern und
+Weissagern von den höheren Mächten erbeten wurden.
+
+Tacitus spricht im Kap. 10 auch von den Vorzeichen und nennt allgemein
+Befragung der Vogelstimmen[786] und des Vogelfluges. Leute, die der
+Vogelsprache kundig sind, erfahren die Zukunft. Das Zeichen, das die
+Vögel mit Flug und Stimme geben, gilt allen Völkern und so auch den
+Germanen für gut oder böse, verheisst Glück und Unglück, ermuntert
+und warnt bei allem Vorhaben. Wie befiederte Worte rauschen sie durch
+die Luft, der Kundige versteht es, sie zu deuten. Wohin und woher sie
+fliegen, legt er ebenso als Zeichen aus wie ihre Gestalt und Stimme.
+Prokop bell. got. 4, 20 erzählt, wie Hermigisel, König der Warner,
+über Feld reitend, auf einem Baum einen Vogel erblickte und krähen
+hörte. Auf Vogelgesang sich verstehend, sagte der König seinem Gefolge,
+es werde ihm sein Tod nach vierzig Tagen geweissagt. In der Rigsþula
+45 wird von Konr dem Jungen, dem Sohne des Jarl gerühmt, er verstand
+die Stimmen der Vögel zu deuten. Im Lied von Helgi dem Hjorwardssohne
+1-4 spricht Atli mit einem weisen Vogel, der im Haine Glasir haust. Dem
+Sigmund und der Borghild verheisst ein Rabe die künftige Heldengrösse
+ihres Sohnes Helgi (Helgakv. Hund. 1, 5/6). Sigurd, dem der Genuss
+von Fafnirs Herz dazu verhalf, hörte in den Reden der Spechtmeisen
+(_igđur_) sein künftiges Schicksal (Reginsm. 32 ff.). Nach Sigurds
+Ermordung ruft ein Rabe zum Adler im Baumesgipfel, dass Atli es rächen
+werde. Gunnar versteht das Gerede der Vögel (Brot af Sigurþarkviþu
+5 u. 13). Also namentlich Königen und Edelingen eignet die Gabe,
+Vogelstimmen auszulegen. Sicherlich verstanden sich ebenso die
+opfernden Priester darauf. Jarl Hakon opferte vor einem Kriegszug dem
+Odin. Als zwei laut krächzende Raben während des Opfers geflogen kamen,
+sah er darin ein gutes, glückverheissendes Zeichen (Heimskringla,
+Olafssaga Tryggvasonar Kap. 28).
+
+Tacitus[787] berichtet ferner von weissen, zu keinem Menschendienste
+benützten Rossen, die in Hainen und Wäldern auf öffentliche Kosten
+gehegt wurden. Diese werden an den heiligen Wagen gespannt, worauf
+der Priester und König oder Fürst des Staates sie begleitet und auf
+ihr Schnauben und Wiehern achtet. Kein Vorzeichen geniesst grössere
+Glaubwürdigkeit nicht allein beim Volk, sondern auch bei den Edelingen,
+bei den Priestern. Sich selber halten sie für die Diener, jene Rosse
+aber für die vertrauten Mitwisser der Götter. In Norwegen bei Drontheim
+weideten Freys Rosse im Umkreis seines Tempels, vermutlich zum selben
+Zweck. Der _indiculus superstitionum_ XIII handelte _de auguriis vel
+avium vel equorum_ und auch der heutige Aberglaube (J. Grimm, Nr. 239)
+hält Pferdegewieher für ein Glückszeichen.
+
+Opferschau vollzieht der weissagende Priester (_sacerdos sortilegus_)
+bei den Menschenopfern, welche die Normannen nach Dudos Erzählung
+vor der Ausfahrt zu vollbringen pflegten. Dem Opfer wurde der Schädel
+zerschmettert und das Gehirn blossgelegt; dann wurde aus den Herzfasern
+des zu Boden Gestreckten geweissagt. Die Wahrsagerinnen der Kimbern
+fällen ihren Spruch aus dem Blute, das aus der durchschnittenen Kehle
+des Opfers in den Kessel strömte (Strabo 7, 2). Die nordische Sprache
+gebraucht das Wort „_hlaut_“ für Opferblut. Im Hymirlied 1 gewinnen
+die Götter eine Weissagung, indem sie Looszweige warfen und das Blut
+beschauten (_hristo teina ok á hlaut sǫo_). _Hlautbolli_ ist die
+Schale, die das Blut der geopferten Tiere aufnimmt, _hlautteinn_ oder
+_hlautviđr_ der ins Blut getauchte Zweig. Die Etymologie von _hlaut_
+(zu got. _hlauts_, d. h. Loosen und Wahrsagen)[788] lehrt die Thatsache
+der Opferschau, der Weissagung aus dem Opferblut. Denn das Opferblut
+heisst ja sicher nur darum „Loosung“, weil es zur Loosung diente.
+
+
+8. Zauberlieder.
+
+Der Zauber, der in Lied (_galdr_, _rúnar_) und Zeichen (_rúnar_)
+beschlossen liegt, galt im Norden für eine höchst wertvolle, nicht im
+geringsten unehrliche Kunst, und so hielten es, wie die mit _rûna_
+gebildeten zahlreichen Frauennamen lehren, auch die übrigen Germanen.
+Ist doch Odin selber Urheber und Erfinder des Runenzaubers (_galdrs
+fadir_) und weiss die aus dem Schlummer erweckte Brynhild dem Sigurd
+nicht besser zu lohnen als mit Unterweisung in der Runenkunde. Bei
+der Anwendung von Runen war Lied und Zeichen vereinigt, beim Galdr
+wird meistens allein das Lied erwähnt. Beim nordischen Runenzauber
+wird das Lied gesungen, und darauf werden die entsprechenden Zeichen,
+meist die Anlaute der Hauptbegriffe, eingeritzt. Denn im Norden trat
+ja die Schreiberune an Stelle der alten bei Tacitus vorkommenden
+magischen Zeichen. Brynhild gedenkt der Siegrunen, die unter Anrufung
+Tyrs aufs Schwert zu ritzen sind, der Bierrunen, welche gegen
+Zaubertränke unter Segenssprüchen aufs Trinkhorn, auf den Rücken der
+Hand, auf den Fingernagel zu ritzen, der Bergerunen, die auf die
+innere Handfläche geritzt, bei Absingen von Liedern (Oddrúnargrátr
+6) aus Kindesnöten lösten, der Brandungsrunen, die auf Schiffsteven,
+Steuer und Ruder eingebrannt gegen Seesturm nützten, der Zweigrunen,
+die auf Rinde und Holz eines gen Osten die Äste ausbreitenden Baumes
+eingeschnitten zum Arzte machten, der Gerichtsrunen (_málrúnar_),
+beim Dinge zu gebrauchen, der Geistesrunen (_hugrúnar_), um feinen
+Verstand zu gewinnen. Im Skirnirlied 32-36 spricht Skirnir einen
+Fluch und ritzt zugleich die Runen auf den Zweig (_gambanteinn_);
+um ihn wieder aufzuheben, schabt er die eingeschnittenen Zeichen ab
+(_svá ek þat af ríst, sem ek þat á reist_). Nach der Egilssaga Kap.
+60 errichtet der vom König Eirik schwer gekränkte Skald Egil diesem
+eine Schimpfstange (_níđstǫng_), indem er eine Haselstange auf einem
+Felsen dem Lande zu aufpflanzt, mit einem darauf gesetzten dem Lande
+zugewendeten Pferdskopfe. Dazu spricht er die Worte: Hier setze ich
+eine Schimpfstange und richte diesen Schimpf gegen den König Eirik und
+die Königin Gunnhild; ich richte diesen Schimpf gegen die Landwichte,
+welche dieses Land bewohnen, so dass sie alle auf verirrten Wegen gehen
+mögen und keiner seine Heimat finde oder erreiche, ehe sie den König
+Eirik und die Königin Gunnhild aus dem Lande getrieben haben. Dieselben
+Worte schnitt er mit Runen auf die Stange ein. Das Einritzen der Formel
+scheint hier wie in andern ähnlichen Fällen, die Maurer, Bekehrung
+2, S. 65, Anm. 66, zusammenstellt, allerdings mehr in der Absicht zu
+geschehen, den Schimpf zur allgemeinen Kenntniss zu bringen. Doch steht
+wol immer noch im letzten Hintergrund dieses Brauches die Anschauung,
+dass Runenzauber nur durch Lied und Zeichen zugleich wirksam werde.
+Der Skald Egil macht auch sonst von seiner Runenkunde Gebrauch. Wie
+ihn einmal (Kap. 44) die zauberkundige Königin Gunnhild mit einem
+Trinkhorn vergiften will, ritzt er Runen in das Horn, schneidet sich
+in die hohle Hand und rötet die Runen mit dem Blute: da zerspringt das
+Horn und der Trank läuft zur Erde. Der Bericht der Saga darf wol noch
+dahin ergänzt werden, dass Egil zum Runenritzen die gehörige Formel
+raunte. Der Unkundige konnte aber auch mit verkehrten oder verstellten
+Zeichen Unheil anrichten. Egil kommt (Kap. 75) zu einer norwegischen
+Bauerntochter, die heftig erkrankt ist. Ein Bauernsohn aus der
+Nachbarschaft hatte ihr vergebens mit Runen zu helfen versucht, es war
+darauf hin nur schlimmer geworden. Egil untersuchte ihr Bett und fand
+unter dem Kopfkissen einen Walfischknochen mit eingeschnitzten Runen,
+die aber falsch waren. Er schabte sie ab, verbrannte das Abgeschabte
+im Feuer und ritzte neue Runen, die er unters Kissen der Kranken legte.
+Alsbald erwachte das Mädchen aus ihrer Betäubung und wurde gesund.
+
+Odin rühmt sich in den Hǫ́vamǫ́l 139/40, 146/163 der Runen und Lieder,
+die er weiss und deren Wirkungskreis er aufzählt. Dabei scheinen
+_rúnar_ und _ljóþ_ im Sinne von Zauberliedern gleichbedeutend zu sein,
+wenn schon in Strophe 142/4 wieder die rúnar als Zeichen gemeint sind.
+So denkt sich Snorri (Ynglingasaga Kap. 7) in dem Satze „_međ rúnum ok
+ljóđum þeim er galdrar heita_“ die Runen als Zeichen neben den Liedern.
+Beim Galdr ist seltener von Zeichen die Rede, gewöhnlich nur vom
+Zaubersang. Doch scheint auch hier Zeichen oder Gebärde nötig gewesen
+zu sein.
+
+Frauennamen auf _rûn_[789], die allen germanischen Stämmen gemeinsam
+sind, erweisen das Vorhandensein des Runenzaubers. Häufig trifft man
+dieselben Appellativa als Namen, und damit ist der Ursprung solcher
+Namen angezeigt. _Haljarûna_ ist Höllenzauber, aber auch die dieses
+Zaubers kundige und mächtige Frau; der Begriff gewinnt persönliche
+Bedeutung und wird so zum Namen. Siegrunen zu ritzen und zu singen
+muss der verstehen, der Sieg erringen will; Sigrûn, Hildrûn, Rûnhild,
+Guntrûn, Badurûn, Ortrûn sind Frauen, die Sieg-, Kampf-, Schwertrunen
+wissen. Fridurûn bringt Friede. Alarûn (Aleraune) ist aller Runen
+mächtig. _Ǫlrúnar_ beschützen vor Zaubertrank, Ǫlrún begegnet zugleich
+als Name. _Málrúnar_ bedarf man beim Ding, der Name Dômarûna gehört
+wol zu _dôm_, Gericht. Albrûn kennt Elbenzauber. Wolfrûn gehört
+vielleicht zum Heere, dessen Spuren der leichengierige Wolf und Rabe
+folgt. Weniger deutlich sind Namen wie Heidrún (fränk. Chaiderûna),
+Goldrûn, Adalrûn, Wolarûn, Baldrûn, Berhtrûn. Weisheit und Vorsicht
+überhaupt legen den Frauen die Namen auf _leis_, _rût_, _snot_, _wîs_
+und _war_ bei; aber die übermenschlichen Eigenschaften der Voraussicht
+in die Zukunft und der zauberischen Einwirkung auf dieselbe werden
+den Trägerinnen der Namen in _rûn_ zugeteilt. Da der Zusammenhang des
+Runenzaubers und der Frauennamen im Norden völlig klar am Tage liegt,
+da die andern Germanen dieselben Namen besitzen, darf auch ihnen
+unbedingt der Runenzauber zugewiesen werden.
+
+Die 18 Lieder Odins vermögen allgemein in allen Anliegen, Kümmernissen
+und Schmerzen zu helfen, ärztlich zu heilen, Feindeswaffen stumpf zu
+machen, Fesseln zu sprengen, Geschoss im Fluge zu hemmen, schädlichen
+Zauber auf den, der ihn entsendet, zurückzulenken, Flamme zu löschen,
+Hass unter Männern zu versöhnen, Wind und Woge zu sänftigen,
+nachtfahrende Hexen zu verwirren, Krieger heil aus der Schlacht zu
+führen, Tote aufzuwecken, bei der Taufe ein Kind gegen Waffen zu feien,
+Frauenneigung zu gewinnen, Berge und Hügel aufzuschliessen und Schätze
+zu heben und noch andere heimliche Dinge mehr. Gróa singt ihrem Sohne
+allerlei Galdr, von der Schulter zu schieben, was schlimm ihm dünkt,
+in Urds Schutze zu wandern, anschwellende Ströme zu mindern, Feindes
+Herz zur Versöhnung zu gewinnen, Fesseln zu sprengen, Meer und Wind zu
+gebieten, gegen schneidende Kälte sich zu schützen, vor gespenstischer
+Weiber Trug sich zu retten, im Wortstreit weise zu sein. Wie genau
+Lieder (_ljóþ_, _galdr_) und Runen zusammengreifen, ergeben die Stellen
+in der Rigsþula 44/6 und in den Sigrdrifumál, welche der Runenkunde
+(d. h. dem Zeichen und Spruch) dieselben Zauberkräfte zuteilen, welche
+in den Hǫ́vamǫ́l und im Groogaldr den Liedern und Galdrar beigemessen
+sind. Konr der Junge war kundig der Runen, der lange wirkenden
+Lebensrunen; er wusste Krieger zu schützen, Schwerter stumpf zu machen,
+Meer zu beschwichtigen. Mit dem Jarl Rig stritt er in der Runenkunde,
+er war listig und wusste es besser. Da erwarb er sich das Recht, Rig
+zu heissen und Runen zu wissen. Solche Zauberlieder (_rúnar_, _ljóp_,
+_galdrar_, ursprünglich wol _spell_ genannt) umgeben also den Menschen
+in allen Lebenslagen mit mächtigstem Schutze. Sie wirken dem, der sie
+kennt, und denen er wol will, Heil, sie geben ihm Macht, die Zukunft zu
+erforschen.
+
+Eine besondere Art von Zauberei heisst _útiseta_, Draussensitzen.[790]
+Sie bestand darin, dass der Kundige die Nacht über unter freiem Himmel
+draussen sass und mit unbekannten Zauberhandlungen, am meisten wol
+durch Beschwörung Geister und Tote aufweckte (_vekja upp trǫll_),
+um von ihnen die Zukunft zu erfahren oder überhaupt von verborgenen
+Dingen Wissenschaft zu erhalten. Damit ist der _valgaldr_, das
+Totenlied, verwandt. Ein altgermanischer Ausdruck dafür scheint got.
+_haljarûna_[791], ahd. _hellirûna_, ags. _helrûna_ gewesen zu sein. Er
+bedeutet Höllenzauber, wie später die stärkste und unwiderstehlichste
+Beschwörung Höllenzwang genannt wird, weiterhin die des Höllenzaubers
+mächtige Frau. Gemeint ist das Zauberlied, das die Höllengeister
+aufruft. Saxo erzählt eine Totenbeschwörung, bei welcher eine auf Holz
+geritzte Zauberformel, also eine Rune, den Toten zum Reden zwang.[792]
+Valgaldr und Haljarûna erweisen wiederum die Gleichheit von Galdr und
+Rune. Den Geisterbann wie alles Orakelwesen verdammte das Christentum
+als sündhaft, aber dem Heidentum war er keineswegs ehrenrührig,
+vielmehr ein erlaubtes Mittel, sich in den Besitz übernatürlicher
+Kenntnisse zu setzen. Übt ihn doch Odin selber. Er ritt hinunter
+zur Hölle, wo er das Grab der Vǫlva wusste; er sang ihr den starken
+Totenzauber, bis sie genötigt aus dem Todesschlafe sich erhub und ihm
+Rede stand über Baldrs Schicksal (Baldrs Draumar 4). In den Hǫ́vamǫ́l
+157 weiss Odin, wie er den Gehängten vom Galgen herab zur Zwiesprache
+zwingt mit geritzten und gefärbten Runen. Es ist also ein Valgaldr,
+bei dem Zauberzeichen zur Anwendung kommen, aber zugleich ein Lied;
+wird es doch als zwölftes der Hauptlieder des zaubermächtigen Gottes
+aufgezählt. Der junge Held Swipdag weckt vor seiner gefährlichen
+Werbefahrt die tote Mutter aus dem Grabe, um von ihr heilsame
+Zauberlieder zu empfangen.
+
+ Erwache, Groa! Erwache, du Gute,
+ Ich rufe dir durch des Todes Thor!
+
+Herwor tritt zum feuerumwaberten Grabhügel, in dem ihr Vater Angantyr
+und seine Brüder, die Arngrimssöhne ruhen. „Erwache, Angantyr, dich
+weckt Herwor, deine einzige Tochter. Gib mir aus dem Grabe das scharfe
+Schwert, das dem Swafrlami Zwerge schweissten. Euch Arngrimssöhne
+alle unter den Wurzeln der Bäume weck ich auf mit Helm und Brünne und
+scharfem Schwert, mit Schild und Geschirr und rotem Geere. So möge es
+euch sein zwischen den Rippen, als ob ihr im Ameisenhaufen modert,
+gebt ihr mir nicht das gute Schwert, das Toten nicht taugt!“ Also ein
+Wecklied und, so er säumt, schwere Drohung singt den Toten aus dem
+Grabe herauf.
+
+Eine Totenbeschwörung ohne Erwähnung von Zauberliedern erzählt die
+Færeyingasaga Kap. 40. Der listige Thrand, der, obwol getauft, doch
+im Herzen grundheidnisch geblieben war, wollte wissen, wie Sigmund
+Brestisson ums Leben kam, ob er ertrank, als er sich selbdritt
+durch Schwimmen zu retten suchte, oder ob er das Land erreichte
+und dort erschlagen ward. Da liess Thrand im Hause desjenigen, der
+des Todschlags verdächtig war, vier Gitter am Boden zum Viereck
+zusammensetzen und liess um die Gitter herum neun Plätze am Boden
+einmerken. Grosse Feuer waren angezündet. Thrand setzte sich auf einen
+Stuhl zwischen die Feuer und die Gitter und verbot den Anwesenden, ihn
+anzureden. Nachdem er eine Zeit lang gesessen war, kamen die Geister
+der Ertrunkenen und auch Sigmunds Gestalt, blutig, den Kopf in der
+Hand, in die Stube herein. Als sie verschwunden waren, erhob sich
+Thrand, stöhnend vor Erschöpfung, und erklärte, dass Sigmund ermordet
+sei.
+
+
+9. Wahrsager und Zauberer.
+
+Nahe ans Priestertum, oft kaum von ihm zu scheiden, rührt Zauberei
+und Wahrsagerei, nur dass der Priester meist offen an die Volksgötter
+sich wendet, während über dem Treiben der Zauberer und Wahrsager etwas
+Geheimes liegt. Sie handeln mehr im Auftrage einzelner als auf Geheiss
+des ganzen Volkes, sie rufen häufiger zu Gespenstern und Geistern
+als zu den hohen himmlischen Göttern, sie kehren ihre Macht oft zu
+bösen unehrlichen Thaten. Zauberei und Wahrsagerei kann teilweise als
+eine niedere Gattung des Priestertums bezeichnet werden. Der enge
+Zusammenhang mit dem Gespensterglauben und der Umstand, dass Zauberer
+und Wahrsager meistens im Dienste einzelner, seltener im Dienste einer
+grösseren Gemeinschaft ihres Amtes walten, bewahrten dieses niedere
+Priestertum, das vom Aberglauben unzertrennlich ist, vor dem Untergang.
+Auch im Christentum wucherte es, freilich oft sinnlos entstellt, weiter.
+
+Es gibt Leute, denen besondere Fähigkeiten angeboren sind,
+Sonntagskinder, Geistersichtige, mit dem zweiten Gesicht Begabte.
+Solchen werden ohne weiteres Geister und Geschehnisse, die andern
+Leuten verborgen sind, offenbar, sie blicken in die Vergangenheit
+und in die Zukunft, sie erschauen gleichzeitige, aber weit entfernte
+Begebenheiten. Ihre Seele ist von Raum und Zeit unabhängig, was sie
+erfährt, wird aber ihrer leiblichen Persönlichkeit bewusst, und
+darum sind sie im Stande, wunderbare Auskünfte zu erteilen. Von
+solchen Hellsehern unterscheiden sich die gewerbsmässigen Wahrsager
+dadurch, dass sie nur mit Hilfe bestimmter Förmlichkeiten, mit Opfer,
+Beschwörung, mit magischem Zeichen, also durch die sog. Zauberkunst
+in den Besitz übernatürlichen Wissens gelangen. Unmittelbar aus den
+heiligsten, das gesamte Wissen des Heidentums in sich begreifenden
+Geschäften, aus Gottesdienst und Dichtkunst muss zugleich aller
+Zauberei Ursprung geleitet werden. Opfern und Singen tritt über
+in die Vorstellung von Zaubern; Priester und Dichter, Vertraute
+der Götter und göttlicher Eingebung teilhaft, grenzen an Weissager
+und Zauberer. Zauber und Weissagung sind uralt und allen Völkern
+gemeinsam; sie reichen zurück in die Uranfänge der Menschheit und
+wurzeln in der niederen Mythologie. Sie sind die ältesten Kultformen,
+die dazu dienen, dem Menschen die Geisterwelt unterthan zu machen.
+Hier liegen die Anfänge des eigentlichen Priestertums. Ebenso wie der
+niedere Volksaberglaube unter jedem höheren Götterglauben im Grunde
+gleichmässig fortwuchert, so steht auch der Zauberer dem Priester
+zur Seite. Hier sollen nur die Formen des Zauberwesens in Betracht
+gezogen werden, die im germanischen Heidentum neben dem öffentlichen
+Priestertum auftreten. Die Berichte sind fast alle mangelhaft, indem
+sie nur eine Seite, Opfer, Beschwörung, Zeichen, Gebärde und Werkzeug,
+Weissagung hervorheben, während in Wirklichkeit wol immer das ganze
+Verfahren mit allen förmlichen Einzelheiten zur Anwendung gelangte.
+Nicht nur die christliche Zeit verdammte die Zauberei, sondern auch
+schon das Heidentum, allerdings wol nur die heimliche, schädliche
+Zauberkunst. Es gab auch erlaubte, hilfreiche und erlösende Zauberei,
+eine weisse Kunst neben der schwarzen. Der Zauberer und Wahrsager,
+sofern er erlaubter Kunst pflegt, vertritt gewissermaassen den
+Privatpriester, der dort amtiert, wo die Fähigkeiten und das Wissen des
+Einzelnen nimmer ausreichen, mit Hilfe überirdischer Mächte Unheil zu
+bannen und Segen zu erwirken.
+
+Ahd. _zoubar_ wird mit _incantatio_, _divinatio_, also mit Beschwörung
+und Wahrsagerei glossiert, an. taufr heisst auch Amulet, ags. _téafor_
+Rötel, Menige, vermutlich Zauberfarbe, womit die magischen Zeichen,
+die Runen ausgemalt wurden. Zauberer, der Zauber treibt, ist ein
+weiter, allgemeiner und umfassender Begriff, wie ja die heutige Sprache
+darunter alle einzelnen Handlungen, aus denen die Zauberei besteht,
+einrechnet. Der nds. Ausdruck _wicken_, weissagen, zaubern, wozu ags.
+_wicce_, engl. _witch_ gehört, ist in seinem Ursprung nicht klar. Ags.
+_wítega_, ahd. _wîȥago_, an. _vitki_ meint den Weissager. An. _spámađr_
+und _spákona_ bedeuten Wahrsager und Wahrsagerin, _forspár_ heisst der
+Zukunft kundig, _fjǫlkunnigr_ im allgemeinen vielkundiger Zauberer.
+Mit _spákona_ gleichbedeutend, wenn auch etymologisch weit abstehend,
+wird _vǫlva_ als Bezeichnung weiser Frauen gebraucht. Ahd. _kalstarari_
+steht zu _kalstar_, _galstar_ und meint den der Zauberlieder Kundigen.
+Im Nordischen wird _trollskapr_, _trolldom_ auch von Zauberei gesagt,
+natürlich bloss von böser, schädlicher Schwarzkunst, und somit der
+Zauberer auf eine Stufe mit den Trollen gestellt. Das Wort Büssen im
+Sinne von Bessern, Heilen wendet das westfälische _böten_ in Bezug
+auf alte Zaubermittel des Volkes gegenüber der gelehrten Arzneikunst
+an. Ahd. _hlioȥari_, mhd. _lieȥære_ gehört zu _hlioȥan_, _lieȥen_,
+Loose werfen, und steht dem lat. _sortilegus_, _sortiarius_ (frz.
+_sorcier_) gleich. Der Zauberer ist also, wie der Priester, ein Looser,
+der aus den Loosen die Zukunft liest. Im Ags. bedeutet _hléođor_
+Orakel, _hléođorstede_ Orakelplatz, _hléodorcwide_ Orakelspruch. Im
+Ahd. begegnet _hleotharâȥȥo_ oder _hleodarsiȥȥeo_ als negromanticus,
+hariolus glossiert. _Wîȥagun_ und _leodarseȥȥun_ werden gleichbedeutend
+gebraucht. Dazu steht das Femininum _hleodarsâȥa_ vaticinium: gemeint
+ist das Niedersitzen zu Orakelzwecken[793], das im 11. Jahrhundert
+Burchard von Worms beschreibt. In der Neujahrsnacht setzte man sich
+schwertumgürtet aufs Dach des Hauses, um zu ergründen, was das
+Jahr bringen werde. Andere setzten sich zu gleichem Zweck an einem
+Kreuzwege auf eine Rindshaut. Man gedenkt der nordischen Sitte des
+Draussensitzens (_útiseta_, _sitja úti_), um Geister zu bannen. Es
+gab also Leute, die zur Nacht an bestimmten Plätzen niedersassen und
+Geister beschworen, um von ihnen Weissagung zu erlangen. Der ahd.
+Ausdruck lehrt, dass gewerbsmässige „Orakelsitzer“ auf diese Art die
+Zukunft erforschten. Mithin ergeben sich auch aus den Benennungen die
+wichtigsten Ämter des Zauberers ziemlich genau übereinstimmend mit
+denen des Priesters, als Opfern, Beschwören, Runenmalen, Loosewerfen,
+Spähen, Weissagen, Heilen, im schlimmen Sinne aber Verwirren und
+Schädigen. Waren in den rein gottesdienstlichen Verrichtungen bereits
+den öffentlichen Priestern hochberühmte weise Frauen zur Seite
+getreten, so geschieht dies noch weit mehr im Zauberwesen, dessen
+sich vorwiegend Frauen, die Hexen, und mit starker Hervorkehrung der
+schlimmen Seite bemächtigen.
+
+Die Saga von Eirik dem Roten[794] beschreibt das Verfahren einer
+solchen Vǫlva. Gegen Ende des 10. Jahrh. herrschte in Grönland grosser
+Notstand, Hunger und Siechtum. Infolge starken Unwetters waren Jagd
+und Fischerei wenig ergiebig gewesen. Da lebte eine weise Frau
+(_spákona_) mit Namen Thorbjorg, die kleine Vǫlva genannt. Von neun
+Schwestern war sie allein am Leben geblieben. Thorbjorg pflegte im
+Winter auf Gastgebot umherzufahren. Diejenigen, welche Unterweisung
+über ihr Schicksal und über das bevorstehende Jahr wünschten, entboten
+sie zumeist zu sich. Thorkel, der grösste Bauer der grönländischen
+Siedelung, wollte wissen, wann das herrschende Missjahr zu Ende gehen
+werde. Da lud er die weise Frau zu sich ein und rüstete ihr guten
+Empfang, wie er beim Besuch solcher Frauen üblich war. Ein Kissen mit
+Hühnerfedern gefüllt wurde auf den Hochsitz gelegt, als sie abends
+mit dem ihr entgegengesandten Mann eintraf. Sie war also gekleidet:
+sie trug einen dunkelblauen Mantel, der am Rand von oben bis unten
+mit Steinen besetzt war. Um den Hals hatte sie Glasperlen. Auf dem
+Kopfe hatte sie eine Mütze aus schwarzem Lammsfell, mit weissem
+Katzenpelz gefüttert. In der Hand trug sie einen Stab mit einem
+messingbeschlagenen, steinverzierten Knopfe. Sie hatte einen Gürtel um,
+an dem ein grosser Beutel hing, der das nötige Zauberzeug (_taufr_)
+enthielt. An den Füssen hatte sie Schuhe aus rauhem Kalbsfell mit
+langen und starken Riemen, an deren Enden grosse Messingknöpfe sassen.
+An den Händen hatte sie Handschuhe aus Katzenpelz, innen weiss und
+zottig. Sie wurde ehrerbietig begrüsst und von Thorkel zum Hochsitz
+geleitet. Er bat sie, Herde, Vieh und Haus in Augenschein zu nehmen.
+Sie sprach bei allem nur wenig. Abends wurden Tische aufgetragen.
+Thorbjorg bekam Grütze mit Geismilch gekocht; ihre Speise war aus den
+Herzen aller Tiere, die es an Ort und Stelle gab, zubereitet. Sie
+gebrauchte einen messingnen Löffel und ein ehernes Messer mit einem
+Heft aus Walrosszahn; die Spitze war abgebrochen. Als die Tische
+abgetragen waren, fragte Thorkel, wie es ihr mit dem Haus und den
+Leuten schiene, und wenn sie Offenbarung erhielte über das, worüber er
+sie gefragt hatte und was das Volk zu wissen wünschte. Sie erwiderte,
+sie könne das nicht vor dem nächsten Morgen verkündigen, nachdem sie
+die Nacht darüber geschlafen. Andern Tags gegen Abend ward alles in
+Stand gesetzt, dass sie Zauber (_seiđ_) üben könnte. Sie verlangte,
+man solle ihr Frauen, die sich auf die zum Seid nötigen Lieder
+(_frœđi_), die sog. _varđlokkur_ (d. i. Geisterlockungen?) verstünden,
+herbeischaffen; da fand sich niemand, der sie wusste, obschon in den
+nächstliegenden Höfen nachgefragt ward. Da sagte Gudrid: Zwar bin ich
+weder zauberkundig noch eine weise Frau; aber meine Pflegmutter auf
+Island lehrte mich Lieder, die sie _varđlokkur_ nannte. Die Lieder
+und was dazu gehört, sind aber derart, dass ich sie als Christin
+nicht ausüben kann. Da bat Thorkel so lange und inständig, bis sie
+endlich doch einwilligte. Thorbjorg setzte sich auf den Zaubersessel
+(_seidhjallr_) und die Frauen bildeten ein Kreis darum, Gudrid sang das
+Lied so schön und gut, dass niemand von den Anwesenden jemals einen
+schöneren Gesang gehört zu haben glaubte. Auch die Wahrsagerin meinte,
+der Sang sei schön anzuhören, und dankte ihr, als sie zu Ende war; sie
+sagte, nun seien viele Geister (_natúrur_) erschienen, denen das Lied
+wolgefiel und die zuvor keinen Beistand noch Gehorsam hätten leisten
+wollen. Nun sind mir auch viele Dinge ersichtlich, die mir und andern
+zuvor verborgen waren. Ich kann dir sagen, Thorkel, dass das Hungerjahr
+nur noch den Winter über dauern und im Frühling Besserung eintreten
+wird. Auch die Seuche, die hier geherrscht hat, wird sich über Erwarten
+schnell bessern. Der Gudrid weissagte sie eine ansehnliche Heirat.
+Dann gingen die Leute zu der Weissagerin und jeder fragte das, was
+er am meisten zu wissen verlangte. Sie war gut mit ihren Aussagen
+und es schlug wenig fehl, was sie sagte. Hierauf begab sie sich
+wieder auf einen andern Hof, wo man ihrer Dienste bedurfte. Nach der
+Víga-Glúmssaga Kap. 12 zog die Oddbjorg auf Island herum. Sie richtete
+ihre Weissagungen günstiger oder ungünstiger ein, je nachdem man sie
+besser oder schlechter bewirtete. Die Orvar-Oddssaga Kap. 2 gedenkt
+einer Volva und Seidkona namens Heidr, welche durch ihre Wissenschaft
+ungeschehene Dinge voraus wusste und von Gastmahl zu Gastmahl zog, den
+Leuten den Gang der Witterung und ihre Schicksale vorauszusagen. Mit
+fünfzehn Knaben und fünfzehn Mädchen, vermutlich den Gehilfen ihrer
+Zauberkunst zieht sie herum, durch nächtlichen Seiðr erfährt sie, was
+sie zu wissen begehrt, und die Leute erhalten dann von ihr Bescheid
+auf allerlei Fragen. Wie sie den Ingjaldr in Wiken besucht, geht er
+ihr wie einem hohen Gaste mit vielem Gefolge entgegen und ladet sie
+förmlich ein, sein Haus zu betreten. Als ein ungläubiger Zuhörer,
+Oddr, sie beleidigt, packt sie ihre Sachen zusammen und zieht weiter,
+obwol Ingjald mit reichen Geschenken sie zu halten sucht. In der
+Vatnsdœlasaga Kap. 10 und Landnáma 3, 2 wird von einer Finnin, die aber
+auch Vǫlva genannt wird, namens Heidr berichtet. Im Hause des Norwegers
+Ingjald nimmt sie allgeehrt den Hochsitz ein; die Leute fragen sie
+(_gengu til frétta_) um ihr künftiges Geschick. Zwei jungen Helden,
+dem Ingimund und Grim, welche nichts von ihr wissen wollen, weissagt
+sie ihre künftige Fahrt nach Island und gibt zum Wahrzeichen an, dass
+Ingimunds silbernes Freysbild aus seinem Beutel verschwinde und erst
+auf Island beim Eingraben der Hauptsäulen des Hauses wieder gefunden
+werde. Alles trifft genau nach ihrer Aussage ein. Dieselbe Saga Kap.
+44 weiss von einer isländischen Spákona Thordis, welche am Ding bei
+schwierigen Rechtsstreitigkeiten um Rat angegangen wird. Ihre Tracht
+war ein schwarzer Mantel mit Kapuze, ihr Stab, Hognudr benannt, besass
+die Kraft, einem Mann, dessen linke Wange man dreimal damit berührte,
+das Gedächtniss zu rauben und wieder zu geben, wenn man darauf mit dem
+Stabe an die rechte Wange schlug.
+
+Den weissagenden Frauen ist gemeinsam das Umherziehen im Lande,
+das Aufsuchen der Gastmähler, um dort ihre Kunst zu üben. Sie
+treiben nächtlichen Seid mit Beschwörungsliedern, wodurch Geister
+herangezwungen werden, durch welche ihnen ihre Wissenschaft von
+der Zukunft vermittelt wird.[795] Sie haben besondere Tracht und
+führen einen Stab (_valr_), nach welchem sie auch _vǫlor_, d. h.
+Stabträgerinnen[796] genannt werden.
+
+Das grossartige, vielbesprochene Gedicht, das die Geschicke der Götter
+und der Welt von Anfang bis zum Ende erzählt, ist einer Vǫlva in den
+Mund gelegt und heisst daher _vǫlospǫ́_, Weissagung der Vǫlva. Die
+Volven, die im nordischen Volksglauben begegnen, befassen sich nur
+mit gewöhnlicher Wahrsagerei. Sie verkünden die künftige Witterung,
+allenfalls auch bevorstehende wichtige Ereignisse im Leben des
+Einzelnen oder der Gemeinde. Ganz anders jene Seherin, die im Geiste
+der hebräischen Propheten oder der hellenistischen Sibyllen die Zukunft
+der Welt enthüllt. Da der Inhalt des Gedichtes als fremd erwiesen ist,
+so unterliegt die Einkleidung nicht weniger diesem Verdacht. Zwar soll
+nicht behauptet werden, dass Wort und Begriff Vǫlva aus der Sibylle
+abzuleiten sei, wol aber, dass eine nordische Vǫlva, ein fahrendes
+Zauberweib, als Seherin und Prophetin in so erhabenem Stile nicht
+denkbar ist ohne das Vorbild der Sibylle.[797]
+
+ * * * * *
+
+Wie man sich Zauberzwang dachte, zeigt die allerdings erst im 14.
+Jahrhundert verfasste Bósasaga (hrsg. von Jiriczek 1893) im Kap. 5.
+Bosi und sein Freund Herraud sollen getötet werden, da zwingt die
+galdrkundige Busla den König Hring, seine schlimme Absicht aufzugeben.
+Am Abend ging Busla in das Haus, worin Hring schlief, und hub die Bitte
+an, die Buslabitte (Buslubæen) heisst und hernach hochberühmt wurde.
+Darin sind viele schlimme Worte, die Christenleute nicht im Munde
+haben sollen. „Höre die Buslubæn, bald wird sie gesungen, so dass man
+sie hören soll in aller Welt, unheilvoll allen, die sie vernehmen, am
+schlimmsten aber dem, dem ich sie vorspreche. Mögen die Wichte irre
+gehen, Beispielloses geschehe, Felsen erbeben, Welt erzittere, Wetter
+tobe, gibst du nicht Frieden dem Herraud und Schutz dem Bosi. Dein Herz
+sollen sonst Würmer zernagen, dein Ohr nicht mehr hören, dein Auge aus
+dem Kopfe springen.“ Dem König wird angewünscht, dass bei Segelfahrt
+das Tauwerk zerreisse, die Segel in Fetzen gehen, das Steuer zerbreche,
+dass beim Ritt das Zaumwerk reisse, das Pferd lahme, die Pfade und Wege
+in Unholdshänden stehen, dass ihm auf dem Lager wie im Feuer, auf dem
+Hochsitz wie auf Wogen zu Mute sei. Will er zur Liebsten, so soll er
+sich verirren. Der König wollte aufspringen, aber war ans Bett gebannt;
+seine Diener erwachten nicht. Da hub Busla das zweite Drittel ihres
+Liedes an. „Trolle, Alfen, Zaubernornen (_töfrnornir_), Bergriesen
+sollen deine Hallen verbrennen, Reifriesen sollen dich hassen, Hengste
+dich treten, Stroh dich stechen, Sturm dich betäuben, Weh dir werden,
+thust du nicht meinen Willen.“ Endlich hub Busla die Verse an, die
+Syrpuverse heissen, in denen der stärkste Zauber (_mestr galdr_) ruht.
+Nicht ists erlaubt, sie nach Sonnenuntergang herzusagen. Und so heisst
+es gegen Ende: „Sechse mögen her kommen, sag mir ihre Namen, alle
+ungebunden, ich will sie dir zeigen: errätst du sie nicht richtig, so
+sollen dich Hunde tot beissen und soll dein Saal zur Hölle sinken:
+
+ ᚱ. ᚨ. ᚦ. Υ. ᛉ. ᚢ.
+
+Rate diese Namen, sonst soll alles Schlimme über dich ergehen, das ich
+dir angewünscht habe, ausser du erfüllst mein Verlangen.“ Wie eine
+Mare kommt Busla über den schlafenden König und quält ihn mit immer
+stärkeren Verwünschungen, bis er ihr den Willen thut. Neben dem Galdr,
+der das bewirkt, begegnet auch noch das Runenzeichen, freilich nicht in
+der ursprünglichen Anwendung. So, glaubte man, übten die Hexen zumal
+auf Schlafende ihre schädigende Macht aus mit Alpdruck und Verwünschung.
+
+ * * * * *
+
+Eine besondere Art von Zauberei hiess im Norden _seidr_, das Ausüben
+derselben _síđa_, _efla seiđ_, _fremja seiđ_, _setja seiđ_.[798] Seid
+wird von Männern (_seiđmađr_, _seiđberandi_) und besonders auch von
+Frauen (_seiđkona_) getrieben. Das Wesen solcher Zauberleute wird als
+ein absonderliches geschildert; einzelne Angaben über die Art ihrer
+Heimlichkeiten fehlen. Nur soviel ist zu entnehmen, dass der Seid bei
+Nacht geschah, dass der Zauberer auf einem Stuhle sass (_seiđhjallr_),
+dass es auch dabei besonderer Lieder und Formeln bedurfte. Man bediente
+sich des Seids zur Erregung von Sturm und Unwetter (_gjǫrningaveđr_)
+und zur Stillung, wobei der Zaubernde in Walfischgestalt oder auf einem
+Walfisch reitend mitten in den Wogen, das gefährdete Schiff umkreisend,
+erscheinen kann, um Nacht und Nebel auf die Feinde zu werfen, um Feinde
+zu töten, um irgendwie Schaden zu stiften, um jemand gegen Eisen fest
+zu machen, um die Zukunft zu erkunden. Den Liedern (_frœđi_, _galdr_,
+_varđlokkur_), welche beim Seid gesungen wurden, wohnte ganz besondere
+bezaubernde Kraft inne. In der Laxdœlasaga Kap. 37 ist davon die Rede.
+Zwei Isländer, Hrutr und Thorleikr lagen in Fehde. Thorleikr nahm die
+Hilfe des zauberkundigen Kotkell und seiner Frau Grima in Anspruch, um
+Hrutr zu schaden. Kotkell, Grima und ihre Söhne fuhren bei Nacht zum
+Hofe Hruts und stellten einen gewaltigen Seid an. Als der Seidgesang
+anhub, wussten die, welche im Hause weilten, nicht recht, was es
+bedeuten sollte; aber der Sang war sehr schön anzuhören. Hrutr allein
+kannte das Lied und verbot jedem, in dieser Nacht aus dem Hause zu
+schauen, und befahl allen, sich womöglich wach zu halten, dann werde
+nichts Schlimmes geschehen. Trotzdem fielen alle in Schlaf; Hrutr blieb
+am längsten wach, zuletzt entschlief auch er. Kari hiess ein Sohn
+Hruts, der war damals 12 Winter alt und der hoffnungsvollste von den
+Söhnen Hruts, den er sehr liebte. Gegen ihn war der Zauber gerichtet,
+daher konnte er nicht schlafen, sondern wurde immer unruhiger. Endlich
+sprang er auf und sah hinaus. Er näherte sich dem Seid und fiel tot
+nieder.
+
+Vergleicht man den Seid mit den übrigen Zauberbräuchen, so herrscht
+inhaltlich kein durchgreifender Unterschied, indem alle grossenteils
+zum selben Zwecke dienen. Die Wahrsagerinnen (vǫlur) um Rat anzugehen,
+galt im Heidentum nicht für schimpflich; aber die Vǫlva Thorbjorg übt
+auch Seid, um die Zukunft zu erfahren. Die Ynglingasaga Kap. 16 erzählt
+von der Finnin Huldr, die als Volva und Seidkona bezeichnet wird. Mit
+ihrer Zauberkunst soll sie im Auftrag der Finnenkönigin Drifa den
+Wanlandi aus Uppsala nach Finnland zurückzaubern oder töten. Sie kam
+als Mare über den Schlafenden und drückte ihn zu Tode. Eine Reihe von
+Stellen lehrt unzweideutig, dass der Seid bereits im Heidentum für
+ehrenrührig und verwerflich galt. Harald harfagri liess seinen eignen
+Sohn Rognwald, weil er ein Seidmann geworden war, mit achtzig solcher
+Zauberer durch dessen Bruder Eirik in den Flammen umkommen (Fornmanna
+sögur 1, 10 ff.). In geringschätziger Weise gedenkt die Vǫlospǫ́ 22
+der Gullweig, die als wahrsagende Vǫlva von Haus zu Haus zog und
+hirnverrückenden Seid trieb; auf ihrem Gewerbe stand Todesstrafe, denn
+Gullweig wird mit Geeren durchbohrt und verbrannt, als sie unter den
+Asen erscheint. Darauf hin nennt Snorri in der Ynglingasaga Kap. 4
+die Freyja als die Erfinderin des zuvor den Asen unbekannten Seids.
+In derselben Saga Kap. 7 wird der Seid als die schlimmste Art des
+Zaubers bezeichnet, welche zu lernen Männer ebendarum sich geschämt
+hätten. In der Lokasenna 24 entgegnet Loki der argen Schelte, er
+sei ein Weib gewesen und habe geboren, mit dem ebenso schmählichen
+Vorwurf, Odin habe als Vǫlva auf Samsey Seid verübt und sei als Hexe
+über Land gefahren.[799] Worin liegt nun der eigentliche Gegensatz
+zwischen den übrigen erlaubten Zauberkünsten und dem Seid? Zweifellos
+unterschied bereits das germanische Heidentum zwischen anständigem,
+vom Gottesdienst geweihtem Zauber und sträflichem, verabscheutem
+Missbrauch. Das Ehrenrührige scheint in der ausgesprochenen Absicht,
+Schaden anzustiften, belegen zu sein. Erlaubter Zauber schützte und
+übte allenfalls Notwehr, böser Zauber trachtete mit feiger Heimlichkeit
+nach Schaden. Es ist doch ein anderes, sich einem Feinde gegenüber
+möglichst viel Vorteile zu verschaffen, als ihn aus der Ferne zu
+vernichten. Der Runenzauber betont, Wind und Woge zu beschwichtigen,
+der Seiðr sucht ein Zauberwetter zu erregen. Hier ist auf Schutz, dort
+auf Schaden Bedacht genommen. In den Runen und Galdrn mögen mehr die
+Volksgötter, im Seid die Gespenster hervorgetreten sein. Im Valgaldr
+ist freilich kein Unterschied, ob Odin oder ein Seidmann ihn übt.
+Abgesehen von den moralischen Bedenken, die am heimlichen schädlichen
+Zauber an und für sich haften, geht auf die Leute, die ihn ausüben,
+viel vom Wesen der Geister, mit denen sie ständigen Verkehr pflegen,
+über. Daher übler Zauber Trolldom und Trollskap, Trollentum und
+Trollenschaft heisst und die Benennungen Seiðkonur und Trǫllkonur mit
+einander abwechseln. Schon im Heidentum standen bei den Westgermanen
+die Hexen, die schädlichen Zauberinnen, in tiefer Verachtung. Die
+Hexe ist auf den Schaden anderer mit Saatverderben, Hagelmachen,
+Milchverhexen aus. Sie fährt bei Nacht aus, sie verwandelt sich in
+Tiergestalt und tritt als Märe auf. Ist die jüngste von Noreen[800]
+vorgeschlagene Deutung des Wortes berechtigt, so gehört die Hexe zu
+den feindlichen, hassenden, unholden Waldgeistern. Das Zauberweib,
+das nur Schlimmes thut und die Dienste unholder Geister in Anspruch
+nimmt, wird selber unhold. Die christliche Zeit verfolgte die Hexen
+seit dem 14. Jahrh., nachdem Ketzerei und Teufelsbuhlschaft als neue
+Vorwürfe hinzugekommen waren. Bringt man diese deutlich erkennbaren
+fremden Bestandteile in Abzug, so bleibt die Hexe in der Gestalt übrig,
+in der schon die Heiden sie ebenso tief verachteten und mitunter
+strafrechtlich verfolgten wie die Seiðkona. Gotischer Hexen thut
+Jordanes Kap. 24 Erwähnung. König Filimer vertrieb die verdächtigen,
+unheimlichen Zauberweiber, die Haljarunen, die Höllenzauberinnen, aus
+der Gemeinschaft des Volkes in die Wüste, wo unreine Geister (_spiritus
+immundi per eremum vagantes_) sich ihrer bemächtigten und die Hunnen
+mit ihnen erzeugten. Die Hexen werden somit in die Gemeinschaft der
+Unholde gewiesen, denen sie ihres Zaubergewerbes halber am nächsten
+stehen und die in der wüsten, unbebauten Wildniss daheim sind.
+
+Mithin schliessen wir, Seiðr ist Hexerei; beide scheiden sich vom
+erlaubten Zauber dadurch, dass sie vorwiegend auf den Schaden
+anderer gerichtet sind und mit Hilfe feindseliger, unholder Geister
+wirksam werden. Beim nordischen Seid ist aber noch ein weiterer
+Umstand zu erwägen, der sein fremdartiges Wesen erklären könnte,
+der wahrscheinliche Zusammenhang mit +finnischer+ Zauberei. Die
+norwegische Landschaft Halogaland grenzt an Finnmark, den Herd
+alles Zauberwesens, wohin man von Norwegen herüberkam, um sich
+Rat zu erfragen oder in geheime Kunst einweihen zu lassen, wo die
+Eindringenden von mannigfachem Blendwerk beirrt und befallen wurden
+und von wo die kundigsten Zauberleute mit ihren Fertigkeiten in andre,
+vornehmlich die nächstgelegenen Länder ausgingen. Als die Bekehrung
+vom Süden Norwegens zum Norden aufstieg, begegnete sie gerade dort
+hartnäckigem Widerstande eifriger Opferer und Zauberer (_blótmenn_ und
+_seiđmenn_). Beziehungen zwischen norwegischen Opferern und finnischen
+Zauberern sind mehrfach zu belegen. Harald harfagri war mit Snäfrid,
+des Finnenkönigs Svasi Tochter vermählt; beider Sohn ist Rognwald,
+der Seidmann, der seiner Mutter nach geartet war; von ihm stammte der
+zauberkundige Eywind Kelda, der mit einem grossen Geleite von Seidmenn
+und Zauberleuten dem König Olaf Tryggvason entgegen trat. Eywind
+Kinnrifas Geburt hing mit der Befragung zauberkundiger Finnen zusammen.
+König Olaf selber, obwol Christ, holte einmal bei einem weisen Finnen
+Rat und Voraussage ein. Thorir Hund verschaffte sich von den Finnen ein
+Zaubergewand aus Renntierfellen, das allen Waffen widerstand, und mit
+welchem angethan er in der Schlacht bei Stiklastad an der Spitze der
+Haleygjer dem König Olaf entgegentrat und, vor dessen Schwertschlag
+durch diesen Finnenzauber geborgen, ihn mit dem Speere durchstach. Noch
+die norwegischen Christenrechte strafen das Fahren zu den Finnen und
+den Glauben an ihre Wahrsagerei.[801] Die Vǫlva Heidr, die nach der
+Landnáma dem Ingimund die Fahrt und Ansiedlung in Island vorhersagt,
+heisst in der Vatnsdœlasaga Kap. 10 eine Finnin. Mit Hilfe von drei
+Finnen erprobt Ingimund nach Kap. 12 die Wahrheit ihrer Aussage.
+Die Finnenkünste bestehen also in Wettermachen und Zaubernebel,
+Pfeilschiessen und hiebfestem Fellgewand, Hellseherei, Wissen von
+verborgenen und künftigen Dingen. War doch schon bei Skadi und Thorgerd
+Hölgabrud Einwirkung finnischen Glaubens zu erkennen, so dass es nicht
+wunder nehmen kann, wenn auch die Zauberkünste im nördlichen Norwegen
+durch Aufnahme finnischer Bestandteile vermehrt wurden. Zwar ein
+tieferer Einfluss des Finnentums, wodurch die innere Selbständigkeit
+skandinavischen Götterdienstes gefährdet worden wäre, liegt nicht
+vor. Die Zaubersegen, gute wie böse, nützliche wie schädliche, waren
+den übrigen Germanenstämmen mit den nordischen gemein, diese suchten
+nur ihren angestammten Besitz aus dem gleichartigen Schatze der
+nachbarlichen Finnen zu erweitern, von denen das Zauberwesen mit
+besondrer Vorliebe und Kennerschaft gepflegt wurde.
+
+Besteht die Vermutung finnischer Einflüsse beim nordischen Seid zu
+recht; so wäre damit sein Ursprung auf den nördlichen an Finnland
+grenzenden Teil Norwegens zurückzuführen, wo die gemeingermanische
+Vorstellung schädlicher Hexerei, mit finnischem Zauber vermischt, diese
+eigenartige Form annahm.
+
+ * * * * *
+
+Traumdeuterei spielt im Volksglauben eine grosse Rolle. Ist doch der
+Traum von den Draugen, den Gespenstern verursacht. Im Traum verkehrt
+die Seele des Schlafenden mit den Gespenstern, diesen aber ist die
+Gabe der Weissagung eigen. Der Traum zeigt entweder die Zukunft
+genau wie das zweite Gesicht an, oder er gewährt nur Vorzeichen,
+die ausgelegt werden müssen. Da tritt die Traumdeuterei ein, die
+meist mit Hilfe allgemein bekannter abergläubischer Auslegung von
+jedem Träumenden selber geübt wird, aber in schwierigen Fällen die
+Befragung von besonders erfahrenen Leuten erfordert. Die Wahrsager
+und Wahrsagerinnen werden sich gewiss auch mit Auslegung von Träumen
+befasst haben, obwol kein Fall ausdrücklich erwähnt wird. Den Typus
+gewerbsmässiger Traumdeuter bildete namentlich die mittelalterliche
+romantische Litteratur aus, welcher Gestalten wie Drauma-Jón, Jon der
+Traumdeuter[802] entstammen.
+
+ * * * * *
+
+Zur Ausübung der Zauberei werden häufig bestimmte örtliche und
+zeitliche Umstände gefordert. Da die Zauberei von der Geisterwelt
+abhängig ist, so kommen vorwiegend die Schwarmzeiten der Geister in
+Betracht, also die grossen, besonders die winterlichen Jahresfeste,
+im christlichen Kalender Neujahr und die Zwölften, Allerseelen und
+noch viele andere bestimmte Tage, die zur Loosung günstig sind. Die
+Beschwörung gelingt besser bei Nacht als bei Tag, darum liebt der
+Zauber das Dunkel und scheut das Licht. Die Geister gehen gern an
+gewissen Orten, wie auf Gräbern und Kirchhöfen, auf Richtplätzen, an
+Kreuzwegen, um und sind natürlich auch dort am besten zu treffen und
+um Hilfe anzurufen. Doch lassen sich überall giltige Regeln nicht
+aufstellen, indem aussergewöhnliche Vorfälle auch ausserordentliche
+Zauberhandlungen mit sich brachten.
+
+Nicht nur in zahlreichen mündlich fortgepflanzten Besprechungen und
+im Brauche festgehaltenen Handlungen, deren Sinn aber fast immer
+völlig entstellt und unverständlich geworden ist, sondern auch in viel
+gebrauchten schriftlichen Anweisungen, die im Druck verbreitet sind,
+lebt das Zauberwesen mit Opfer, Beschwörung und Spruch noch heute
+fort.[803]
+
+
+Nachträge.
+
+S. 188. Welderich, urspr. Waltrich, in umgekehrter Folge Richwalt,
+hat mit Wald, silva, nichts zu schaffen, dürfte aber in den späteren
+Gedichten als Wälderherr verstanden worden sein.
+
+S. 201 Anm. 1. Die Glosse _turpines zui_ (Steinmeyer-Sievers, Ahd.
+Glossen 3,4) hat mit Ziu nichts zu schaffen. Henning, Über die St.
+Gallischen Sprachdenkmäler S. 18 und Anm. zur Glosse sucht jedenfalls
+andere als mythologische Anknüpfung.
+
+S. 470 Anm. 3. Zur _dea Garmangabis_, der „aus der immer bereiten Fülle
+des Reichtums Spendenden“ vgl. Kauffmann, Beiträge 20, 526 ff.; sie
+soll der Nerthus gleich sein.
+
+S. 539 Anm. 1. Neue Belege zum germanischen Wort _mott_ (Deutsches
+Wörterbuch 6, 2600 f.), _motta_, _mota_ im Sinne von schwarze Erde,
+Wasen (vgl. Muspilli 58 _daȥ preila uuasal allaȥ uarprinnit_) bei
+Bruckner, Die Sprache der Langobarden S. 6 f. Dürften wir die
+germanischen Wörter _mû_ und _mut_, _mot_ doch in erweiterter Bedeutung
+annehmen, so könnte auf lat. _mundus_ verzichtet werden. Sachlich wird
+nichts geändert, ob der erste Teil der Zusammensetzung _mud-spilli_
+lateinisch oder deutsch ist. Wie die Vǫlo-spǫ́ den Weltbrand
++verkündigt+, so mud-_spilli_, die +Weissagung+ von der Welt. Es möchte
+der Ausdruck auch unter Einfluss des lateinischen und deutschen Wortes
+zugleich mit volksetymologischer Umbildung entstanden sein.
+
+
+
+
+Namenverzeichniss.
+
+
+ A.
+
+ Adelung, F. 8.
+
+ Ägir 162. 169. 174 f.
+
+ Ägirs Töchter 177.
+
+ Alf 124.
+
+ Afhus 601.
+
+ Agathias 62.
+
+ Ahnendienst 92 ff.
+
+ Alaisiagae 460 f.
+
+ Alb 124.
+
+ Alberich 126 ff. 129. 133.
+
+ Albleich 128.
+
+ Alfar 123 f. 133 ff.
+
+ Alh 593 Anm. 2.
+
+ Ali 395. 396 Anm.
+
+ Alkîȥ 214.
+
+ Alp 124.
+
+ Alptraum 74 ff.
+
+ Alswid 487. 523.
+
+ Altar 595 f. 601.
+
+ Alwis 282 f.
+
+ Ammianus Marcellinus 62.
+
+ Angang 639.
+
+ Angrboda 425.
+
+ Ans 194.
+
+ Ansîȥ 93. 194.
+
+ Appian 61.
+
+ Aptrganga 85.
+
+ Arngrímr Jónsson 3.
+
+ Arnkiel, Trogillus 4.
+
+ Arnold, Chr. 5.
+
+ Arwakr 487. 488. 523.
+
+ Asega 617.
+
+ Asgard 200. 518.
+
+ Ask 526 f.
+
+ Askafroa 153.
+
+ Áss 194 f.
+
+ Aud 523.
+
+ Audumla 515.
+
+ Aurwandil 269 f.
+
+
+ B.
+
+ Baduhenna 459 f.
+
+ Bäda 63.
+
+ Bäldäg 366 Anm. 3. 382. 522.
+
+ Baldr 366 ff. 420 ff. 533. 536.
+
+ Barditus 579.
+
+ Bastian 26.
+
+ Baugi 338. 352.
+
+ Bede 460 f.
+
+ Beli 236.
+
+ Berchta 492 ff.
+
+ Berge als Aufenthalt der Seelen 88 ff.
+
+ Bergelmir 514. 516.
+
+ Bergriesen 185 ff.
+
+ Berserker 102 f.
+
+ Bestla 355. 515.
+
+ Beyla 234 f.
+
+ Bifrost 525.
+
+ Bil 437.
+
+ Billings Maid 337.
+
+ Bilskirnir 262.
+
+ Bilwis 157 ff.
+
+ Björn Jónsson 3.
+
+ Bjorn 335.
+
+ Blain 525.
+
+ Blôstreis 614.
+
+ Blót 559.
+
+ Blótspánn 634.
+
+ Bodn 338. 352.
+
+ Bolthorn 349.
+
+ Bǫlverk 337 f.
+
+ Bǫnd 196.
+
+ Bous 307. 367. 376 f.
+
+ Bragi 400 ff.
+
+ Bragi, Skald 45 f. 403 f.
+
+ Breidablik 367.
+
+ Brimir 525.
+
+ Brísingamen 363. 441 f. 452 f.
+
+ Brokk 419 f.
+
+ Bruni 331.
+
+ Brynhild 320 f.
+
+ Brynjulfr Sveinsson 3. 67 f.
+
+ Bugge, Sophus 44 ff.
+
+ Bur 355. 515.
+
+ Buri 355. 515.
+
+ Buslubæen 653.
+
+ Byggwir 234 f.
+
+ Byleiftr 410 f.
+
+ Byleistr 410 f.
+
+
+ C.
+
+ Caesar 61.
+
+ Caesarius v. Heisterbach 65.
+
+ Chlungere 495.
+
+ Ciesburg 205.
+
+ Cisatag 586.
+
+ Claudianus 62.
+
+ Clüver, Philip 1.
+
+ Cofgodas 141.
+
+ Cotinc 614.
+
+ Crantz, A. 5.
+
+ Creutzer 11.
+
+ Cyuuari 205 f.
+
+
+ D.
+
+ Dagr 190. 523.
+
+ Delling 523.
+
+ Diana 496.
+
+ Diar 195 Anm. 2. 309.
+
+ Dietmar v. Merseburg 63.
+
+ Dioskuren 215 ff.
+
+ Disen 100. 104 ff.
+
+ Dökkalfar 126.
+
+ Dofri 185.
+
+ Doggele 76.
+
+ Donar 193. 243 ff.
+
+ Drachen 178 f.
+
+ Draugen 85 ff. 149.
+
+ Draupnir 312. 371. 419.
+
+ Druckerle 76.
+
+ Dürs 161.
+
+ Dürstengejeg 181.
+
+ Dult 567.
+
+ Dumbr 191.
+
+ Durin 525.
+
+ Duris 161.
+
+ Dvergmál 135.
+
+ Dvergr 134.
+
+
+ E.
+
+ Eccard, J. G. 4.
+
+ Edda des Snorri 69.
+
+ Eddalieder 66 ff.
+
+ Eggther 534.
+
+ Eidesleistung 548.
+
+ Eidring 599 f. 618.
+
+ Eikthyrnir 314. 529.
+
+ Einherjar 313 ff.
+
+ Eir 435.
+
+ Eiriksmǫ́l 317.
+
+ Elbe 122 ff.
+
+ Elbenschuss 132.
+
+ Eldr 189.
+
+ Elf 124.
+
+ Eliwagar 513.
+
+ Embla 526 f.
+
+ Ent 162.
+
+ Enz 162.
+
+ Eostre 488 f.
+
+ Eoten 161.
+
+ Er 210. 213.
+
+ Erfiǫl 92.
+
+ Erminonen 207 f. 503.
+
+ Esago 614. 616 f.
+
+ Etan 161.
+
+ Ewart 614. 616 f.
+
+
+ F.
+
+ Fárbauti 184. 409.
+
+ Fasolt 181.
+
+ Feldelbe 156 ff.
+
+ Feldzeichen 602 f.
+
+ Fenja 187. 241.
+
+ Fenrir 178. 424 ff. 524. 534.
+
+ Festzeiten 580 ff.
+
+ Festzüge 578 f.
+
+ Feuerriesen 189 f.
+
+ Fimafeng 420 f. 423.
+
+ Fimmilene 460 f.
+
+ Finnur Jónsson 41 f. 44 f.
+
+ Finn Magnusen 12.
+
+ Fjalar 351. 534.
+
+ Fjorgyn 264. 454.
+
+ Fold 455 f.
+
+ Folkwang 314. 437.
+
+ Forniot 169.
+
+ Forseti 386 ff.
+
+ Fosite 387 ff.
+
+ Fossegrim 146.
+
+ Frau Gode 494.
+
+ Frau Holle 491 f. 498.
+
+ Frau Hütt 186.
+
+ Fréa Ingwina 233 f.
+
+ Fréawine 242.
+
+ Freyfaxi 226.
+
+ Freyja 221. 288. 414 ff. 437 ff. 453.
+
+ Freyr 218 ff. 535.
+
+ Freys Eber 224.
+
+ Freysgoden 226 f.
+
+ Freys leikr 231.
+
+ Freys vinr 227. 242.
+
+ Frigg 306 ff. 430 ff.
+
+ Frijô 193. 215 ff. 299 f. 429 ff. 452 f.
+
+ Frodi 240 ff.
+
+ Fronfastenweib 495.
+
+ Frôwin 242.
+
+ Fru Freke 494.
+
+ Fulla 431. 432. 435.
+
+ Fylgja 98 ff.
+
+
+ G.
+
+ Gâchschepfen 104.
+
+ Galar 351.
+
+ Galdr 628 ff. 641.
+
+ Galstr 628 ff. 648.
+
+ Gandr 119. 652 Anm. 1.
+
+ Gandreið 119. 652 Anm. 1.
+
+ Gangrad 341.
+
+ Garmangabis 470 Anm. 3. Nachträge.
+
+ Garmr 473. 534. 535.
+
+ Gaut 301.
+
+ Géat 301.
+
+ Gebet 559 f.
+
+ Gefn 446 ff.
+
+ Gefjon 446 ff.
+
+ Geirröd 183. 274 ff.
+
+ Geirvíf 109.
+
+ Geld 560.
+
+ Gemeindeopfer 573 ff.
+
+ Gerd 162. 235 f.
+
+ Gerstenberg 6.
+
+ Geruthus 278 ff.
+
+ Gervasius von Tilbury 65.
+
+ Gespenster 85 ff.
+
+ Gest 341 ff.
+
+ Gimle 536. 542 f.
+
+ Ginnunga gap 511 f.
+
+ Gjallarhorn 361.
+
+ Gjalp 275.
+
+ Gladsheim 313.
+
+ Glasir 314.
+
+ Gna 436.
+
+ Gnípa 185.
+
+ Gode 611. 614 ff.
+
+ Godord 611.
+
+ Göranson, J. 8.
+
+ Görres 11.
+
+ Götterbilder 602 ff.
+
+ Götterdämmerung 537 Anm.
+
+ Golther, W. 49.
+
+ Gott 194.
+
+ Gräter, D. 7.
+
+ Gregor v. Tours 63.
+
+ Greip 275.
+
+ Grendel 173.
+
+ Grid 275.
+
+ Grim 146.
+
+ Grimm, Brüder 65.
+
+ Grimm, Jacob 16 ff. 65.
+
+ Grimnir 340. 357.
+
+ Grönjette 181.
+
+ Grundtvig, N. F. S. 7.
+
+ Groa 269 f.
+
+ Gruppe, Otto 35 f.
+
+ Gudja 614.
+
+ Gudmund 278. 280 f.
+
+ Gullinkambi 534.
+
+ Gullweig 221. 444.
+
+ Gungnir 311 f. 419.
+
+ Gunnlod 185. 337 ff.
+
+ Gyðja 615. 622.
+
+ Gylfi 222.
+
+ Gymir 175.
+
+
+ H.
+
+ Haffrú 146.
+
+ Hagazusa 116. 657 Anm. 1.
+
+ Hakelberg 285.
+
+ Haksche 494.
+
+ Haljarûna 643. 645. 657.
+
+ Hamingja 100 ff.
+
+ Hammer Thors 245. 251 f. 419.
+
+ Hammerich, Martin 40.
+
+ Hamr 100 ff.
+
+ Har 338 f. 355.
+
+ Harbard 256 f.
+
+ Harbardslied 256 f.
+
+ Harlunge 217.
+
+ Hartunge 217.
+
+ Haruc 591.
+
+ Harugari 614.
+
+ Hati 487. 524.
+
+ Hauch 7.
+
+ Haȥusa 116. 657 Anm. 1.
+
+ Heiddraupnir 347.
+
+ Heidrun 314. 528.
+
+ Heimdall 359 ff. 533.
+
+ Hel 425 f. 471 ff.
+
+ Helblindi 410 f.
+
+ Helskor 92. 471.
+
+ Henneberg 14.
+
+ Hercules magusanus 243 Anm. 3.
+
+ Herfjotr 112. 113 ff.
+
+ Hermod 357. 371 f.
+
+ Herodias 496 f.
+
+ Hexen 116 ff. 656 f.
+
+ Himinbjorg 361.
+
+ Hiune 161.
+
+ Hjálmvítr 109.
+
+ Hlaut 600. 631 Anm. 1. 641.
+
+ Hleodarsâȥȥo 648.
+
+ Hléoðor 648.
+
+ Hler 169. 175.
+
+ Hlidskjalf 324. 518.
+
+ Hlin 436.
+
+ Hlioȥari 648.
+
+ Hlodyn 461 f.
+
+ Hlorridi 282.
+
+ Hludana 461 f.
+
+ Hnikar 332.
+
+ Hnoss 444.
+
+ Hod 368 ff. 536.
+
+ Hoddrofnir 347.
+
+ Hölle 471 ff.
+
+ Hönir 397 ff. 536.
+
+ Hof 599 ff.
+
+ Hofshelgi 607.
+
+ Hoftollr 609.
+
+ Hǫfuðhof 611.
+
+ Hǫ́konarmǫ́l 318 f.
+
+ Hollunderfrau 153.
+
+ Holzleute 153 ff.
+
+ Hǫpt 196.
+
+ Hǫrgr 591.
+
+ Horn 445.
+
+ Hotherus 373 ff.
+
+ Hrani 334.
+
+ Hrede 489.
+
+ Hrimfaxi 522.
+
+ Hrimgerd 177. 184. 186.
+
+ Hrímþursar 184.
+
+ Hrungnir 182. 183. 267 ff. 282.
+
+ Hugi 277 f.
+
+ Hugr 84 f. 101. 102.
+
+ Huldufolk 133.
+
+ Hüne 161.
+
+ Hûn 162.
+
+ Húsl 559 f.
+
+ Hwergelmir 512.
+
+ Hymir 175 f. 240. 270 ff.
+
+ Hyrrokin 189.
+
+
+ I.
+
+ Idafeld 532. 536.
+
+ Idisi 104 ff.
+
+ Idisiaviso 111.
+
+ Idun 197. 414. 448 ff.
+
+ Ing 208. 233 f.
+
+ Ingunarfreyr 233 f.
+
+ Ingvæonen 207 f. 233 f. 503.
+
+ Ingwine 208. 233 f.
+
+ Ingwo 209. 233 f.
+
+ Irmino 209 f.
+
+ Irminsul 210. 593 ff.
+
+ Istvaeonen 207 f. 503.
+
+ Íviþja 185. 188.
+
+ Iwaldi 419. 420.
+
+
+ J.
+
+ Jafnhar 355.
+
+ Jahn, Ulrich 39.
+
+ Jahresopfer 580 ff.
+
+ Járnviþja 188.
+
+ Jessen, E. 41.
+
+ Jord 264. 454 ff. 523.
+
+ Jordanes 63.
+
+ Jǫrmungandr 178. 425 f. 534 f.
+
+ Jǫtonmóþr 163.
+
+ Jǫtonn 161.
+
+ Jul 581 f.
+
+
+ K.
+
+ Kanne 11.
+
+ Kari 169 f. 184.
+
+ Kauffmann, F. 49.
+
+ Keyser, R. 40.
+
+ Keysler, J. G. 5.
+
+ Kirchmaier, Seb. 2.
+
+ Klabautermann 123. 144 f.
+
+ Klemm, G. 13. 14.
+
+ Kobold 123. 141 ff.
+
+ Korngeister 156 ff.
+
+ Kuhn, Adalbert 26 ff.
+
+ Kveldriða 117.
+
+ Kwasir 351 f. 422.
+
+
+ L.
+
+ Lachmann 25.
+
+ Lärad 314. 528 f.
+
+ Laikaȥ 560.
+
+ Laistner, Ludwig 34.
+
+ Landvættir 125.
+
+ Laufey 184. 409.
+
+ Leirwor 186.
+
+ Lif 536.
+
+ Lifthrasir 536,
+
+ Lippert, Julius 33.
+
+ Ljósalfar 126.
+
+ Ljúflingar 133.
+
+ Lodur 409. 410.
+
+ Löfviska 153.
+
+ Lofn 435.
+
+ Logi 169 f. 189. 277 f. 408.
+
+ Logmann 617 Amn. 1. 619.
+
+ Lǫgsǫgumann 617 Anm. 1.
+
+ Lôh 591.
+
+ Loki 363 f. 370. 378. 406 ff. 533. 535.
+
+ Loosen 631 ff.
+
+ Loptr 410.
+
+ Lundr 591. 611.
+
+
+ M.
+
+ Magni 263. 269. 536.
+
+ Magnus Olafsson 3.
+
+ Mallet 6.
+
+ Mani 487. 524.
+
+ Mannhardt, Wilhelm 29 ff.
+
+ Mannus 206. 503. 526.
+
+ Mardoll 445.
+
+ Maren 75 ff.
+
+ Margýgr 177.
+
+ Marmenill 150 ff.
+
+ Mars Thingsus 204 f.
+
+ Matronen 468 f.
+
+ Maurer, Konrad 40.
+
+ Meili 263.
+
+ Menglod 237 f. 434 Anm. 442. 451 ff.
+
+ Menja 187. 241.
+
+ Menschenopfer 561 ff.
+
+ Menschenschöpfung 526 f.
+
+ Mermeit 146.
+
+ Mermeut 181.
+
+ Merminne 146.
+
+ Merwîp 146.
+
+ Merwunder 146.
+
+ Metod 105. 195 f.
+
+ Meyer, Elard Hugo 31 ff. 47 ff.
+
+ Meyer, Siebrand 5.
+
+ Meyfiskur 147.
+
+ Midgard 517 ff.
+
+ Miðgarðsormr 178. 271 f. 534 f.
+
+ Mimameid 528.
+
+ Mime 180.
+
+ Miming 180. 373.
+
+ Mimir 179 f. 310. 346 ff. 528. 530.
+
+ Minnetrinken 568.
+
+ Mistelteinn 370. 379.
+
+ Mitodin 307 ff.
+
+ Mjolnir 262. 266 f. 436.
+
+ Mjǫtviðr 529.
+
+ Modi 263. 536.
+
+ Mogk, E. 48.
+
+ Mokkurkalfi 183. 268 f.
+
+ Moosleute 153 ff.
+
+ Motsognir 525.
+
+ Müllenhoff 25. 39. 44. 50. 53.
+
+ Müller, Max 27 f.
+
+ Müller, P. E. 9.
+
+ Müller, Wilhelm 22.
+
+ Mone 11.
+
+ Mütterkult 468 f.
+
+ Munch, P. A. 40.
+
+ Mundilföri 487. 524.
+
+ Muspell 536. 539 ff.
+
+ Muspellsheim 513. 519. 540.
+
+ Muspilli 507. 539 ff. Nachträge.
+
+ Myrkriða 117.
+
+
+ N.
+
+ Naglfar 534.
+
+ Naglfari 523.
+
+ Nahtvarn 117.
+
+ Nahtvrouwe 117.
+
+ Nál 184. 409.
+
+ Namengebung 247 f.; 555.
+
+ Nanna 371 ff. 378.
+
+ Narfi 421. 422.
+
+ Nástrand 474.
+
+ Nehalennia 463 ff. 596.
+
+ Nerthus 218 ff. 230. 456 ff.
+
+ Neun Welten 519.
+
+ Nidhogg 528. 536.
+
+ Niflheim 519.
+
+ Nihhus 146.
+
+ Nixe 145 ff.
+
+ Njord 218 ff. 225. 238 ff.
+
+ Nök 147.
+
+ Nor 522 f.
+
+ Nornagest 106. 343.
+
+ Nornen 104 ff.
+
+ Norwi 522 f.
+
+ Notfeuer 570 ff.
+
+ Nótt 190. 523.
+
+ Nyerup 12.
+
+ Nykur 177.
+
+
+ O.
+
+ Odin 197. 221 ff. 256 f. 303 ff. 392. 514. 517. 526. 529. 533. 535.
+
+ Odins Namen 355 f.
+
+ Odr 285. 288. 444 f.
+
+ Odrerir 197. 338. 350 ff.
+
+ Oehlenschläger 7.
+
+ Örgelmir 513 f.
+
+ Olaus Magnus 3.
+
+ Ollerus 307 ff. 391 ff.
+
+ Omeis, M. D. 2.
+
+ Onar 523.
+
+ Opfer 559 f.
+
+ Orosius 62.
+
+ Os 194.
+
+ Oskopnir 535.
+
+
+ P.
+
+ Parawari 614.
+
+ Paro 591.
+
+ Paulus Diaconus 63.
+
+ Petersen, Henry 42.
+
+ Petersen, N. M. 40.
+
+ Pfannenschmid, H. 39.
+
+ Phol 383 ff.
+
+ Plinius 61.
+
+ Plutarch 61.
+
+ Priester 612 ff.
+
+ Priesterinnen 620 ff.
+
+ Procop 62.
+
+
+ R.
+
+ Ragna rök 537.
+
+ Ran 177. 478 ff.
+
+ Ratatosk 528. 531.
+
+ Regan 105. 195 f.
+
+ Regin 105. 195 f.
+
+ Requalivahanus 405 f.
+
+ Resenius, P. 4.
+
+ Riesen 159 ff.
+
+ Riesenbauten 165 f. 273 f. 413.
+
+ Riesenheim 164.
+
+ Rig 365.
+
+ Rindr 306 f. 339. 456.
+
+ Risi 161.
+
+ Rockenphilosophie 65.
+
+ Rohde, Erwin 34.
+
+ Roskwa 276.
+
+ Rudbeck, O. 8.
+
+ Rühs, Fr. 8.
+
+ Runen 340. 629. 641 ff.
+
+ Runse 186.
+
+ Rydberg, V. 48.
+
+
+ S.
+
+ Sækona 146.
+
+ Säming 481.
+
+ Sæmund 4. 68.
+
+ Saga 345 f. 435.
+
+ Salige Fräulein 153 f.
+
+ Sandraudiga 470.
+
+ Sauþs 560.
+
+ Saxnot 213 f.
+
+ Saxo 70 f.
+
+ Schede, Elias 2.
+
+ Schefferus, J. 4.
+
+ Schicksal 105.
+
+ Schicksalsfrauen 105 ff.
+
+ Schildmädchen 323 ff.
+
+ Schimmelmann, J. 8.
+
+ Schrat 76. 125 f.
+
+ Schrettele 76. 125 f.
+
+ Schrezlein 76. 125 f.
+
+ Schütze, M. G. 5.
+
+ Schwanmädchen 114 ff. 321.
+
+ Schwartz, Wilhelm 26 ff.
+
+ Seelen 80 ff.
+
+ Seelenheim 87 ff.
+
+ Seelenkult 90 ff.
+
+ Segen 64. 110. 628 ff.
+
+ Seiðr 650. 654 ff.
+
+ Sendíngar 85.
+
+ Serles 186.
+
+ Sessrymnir 437. 439.
+
+ Sif 262 f. 419 f.
+
+ Sigewíf 109.
+
+ Sigmund 329 f.
+
+ Sigrfljóð 109.
+
+ Sigrmeyjar 109.
+
+ Sigyn 421. 422 f. 424. 425.
+
+ Simrock 24.
+
+ Sindri 419 f.
+
+ Sinisto 614.
+
+ Sinthgunt 437. 487.
+
+ Sjofn 435.
+
+ Skadi 238 ff. 480 ff.
+
+ Skaldengedichte 67.
+
+ Skéaf 209.
+
+ Skidbladnir 224 f. 310. 419.
+
+ Skinfaxi 522.
+
+ Skirnir 235 f. 426.
+
+ Skogsfrú 153.
+
+ Skogssnufa 153. 154.
+
+ Skoll 487. 524.
+
+ Skougmann 153.
+
+ Skrato 76. 125 f.
+
+ Skrímsl 177.
+
+ Skrymir 167. 277.
+
+ Skuld 108. 316.
+
+ Skurðgoð 606.
+
+ Sleipnir 274. 311 f. 417.
+
+ Snorri Sturluson 52. 69.
+
+ Snotra 436.
+
+ Sögur 69 ff.
+
+ Sol 437. 487. 524.
+
+ Son 338. 352.
+
+ Sozomenus 62.
+
+ Spákona 648.
+
+ Spámaðr 648.
+
+ Speerwurf 552 f.
+
+ Spell 630.
+
+ Spurcalien 584 Anm. 1.
+
+ Stallr 595. 601.
+
+ Starkad 176. 257 f. 329.
+
+ Stempe 493 f.
+
+ Stephanius 3.
+
+ Strabo 61.
+
+ Strömkarl 146.
+
+ Sueton 62.
+
+ Suhm 10.
+
+ Sumar 190.
+
+ Sunna 437. 487.
+
+ Surtr 189 f. 535. 540.
+
+ Suttung 182. 337 f. 352.
+
+ Swadilfari 273 f.
+
+ Swalin 523.
+
+ Swasud 190.
+
+ Swipdag 237 f. 451.
+
+ Syn 436.
+
+ Syr 445.
+
+
+ T.
+
+ Tacitus 62.
+
+ Tafn 566.
+
+ Tains 631 Anm. 1.
+
+ Tálardísir 105.
+
+ Tanfana 458 f. 586.
+
+ Tanngniost 262.
+
+ Tanngrisnir 262.
+
+ Taufr 648.
+
+ Téafor 648.
+
+ Teinn 631 Anm. 1.
+
+ Tempel 593 ff.
+
+ Tempelgut 608 f.
+
+ Thjalfi 269. 276 ff.
+
+ Thjazi 182. 238. 281. 449.
+
+ Thjodreyrir 354.
+
+ Thokk 372. 417.
+
+ Thor 243 Anm. 1. 247 ff. 414. 533. 535.
+
+ Thorgerd Hölgabrud 482 ff.
+
+ Thorkillus 278 ff. 423.
+
+ Thors Böcke 276.
+
+ Thridi 355.
+
+ Thrud 263. 282.
+
+ Thrudgelmir 514.
+
+ Thrudheim 262.
+
+ Thrudwang 262.
+
+ Thrym 162. 183. 266 f.
+
+ Thrymheim 182.
+
+ Thund 315.
+
+ Thuris 161.
+
+ Tiergestalt der Seelen 81 f.
+
+ Tieropfer 565 ff.
+
+ Tifer 566.
+
+ Tiuȥ 193. 195. 200 ff.
+
+ Tívar 52. 195.
+
+ Todesstrafe 548 f.
+
+ Toki 343.
+
+ Toraka 283.
+
+ Totenpflege 91.
+
+ Traum als Draugenerscheinung 85.
+
+ Trautvetter 14.
+
+ Trégoð 606.
+
+ Trempe 494.
+
+ Troll 117.
+
+ Trollabotnar 280.
+
+ Trollskapr 648.
+
+ Trude 76. 117.
+
+ Türs 161.
+
+ Tuisto 206. 503. 514.
+
+ Tumbo 191.
+
+ Túnriða 117.
+
+ Turet 253.
+
+ Turville 253.
+
+ Twerg 134.
+
+ Tylor 26.
+
+ Tyr 211 ff. 426. 535.
+
+ Týverk 212.
+
+
+ U.
+
+ Ugarthilocus 279. 423.
+
+ Uggerus 332.
+
+ Uhland 15 f. 39.
+
+ Ulfahamir 102 f.
+
+ Ullr 307 ff. 390 ff.
+
+ Ungeziefer 566.
+
+ Unhulda 116.
+
+ Unhulþo 116.
+
+ Uppregin 200.
+
+ Uppsalir 225.
+
+ Uppvakníngar 85.
+
+ Urðr 104 ff. 529.
+
+ Utgard 280. 520 f.
+
+ Utgardloki 277 ff.
+
+ Utiseta 644 f. 648 f.
+
+
+ V.
+
+ Vættr 125.
+
+ Vagdavercustis 470.
+
+ Valgaldr 645.
+
+ Valkyrja 109.
+
+ Vanir 196. 220 ff.
+
+ Varðlokkur 650. 652 Anm. 1.
+
+ Vårdträdt 156.
+
+ Vargr 102 f.
+
+ Vé 196. 306. 355.
+
+ Véar 196.
+
+ Vébǫnd 547. 598.
+
+ Veder 184.
+
+ Veorr 244 Anm. 1. 252 Anm. 2.
+
+ Verðandi 108.
+
+ Vercana 470.
+
+ Vetr 184. 190.
+
+ Vindljóni 184.
+
+ Vindsvalr 184.
+
+ Vindr 184.
+
+ Vingnir 282.
+
+ Vintler, Hans 65.
+
+ Vodskov, H. S. 37.
+
+ Vogelstimme 639 f.
+
+ Volla 430. 435.
+
+ Vǫlva 648 ff.
+
+ Vorzeichen 638 ff.
+
+
+ W.
+
+ Wado 176.
+
+ Wælcyrje 109.
+
+ Wälder, heilige 591 ff.
+
+ Wafthrudnir 163. 341.
+
+ Wahrsager 646 ff.
+
+ Waihts 125.
+
+ Waitz, Theodor 26.
+
+ Walaskjalf 324.
+
+ Waldelbe 153 ff.
+
+ Waldfänken 153.
+
+ Waldfrauen 117. 153 ff.
+
+ Waldriesen 188 f.
+
+ Walgrind 315.
+
+ Walhall 289 f. 313 ff. 324.
+
+ Wali 367. 368. 395 ff. 421. 422. 533. 536.
+
+ Walküren 109 ff. 315 ff.
+
+ Walriderske 77.
+
+ Wanenkrieg 220 ff. 305 ff.
+
+ War 435 f.
+
+ Wasad 190.
+
+ Wasserelbe 145 ff.
+
+ Wasserlisse 146.
+
+ Wassermann 146 ff.
+
+ Wasserriesen 172 ff.
+
+ Wate 176.
+
+ Watzmann 186.
+
+ Waȥȥerholde 146.
+
+ We siehe Vé.
+
+ Wechselbalg 139.
+
+ Wegtam 340.
+
+ Weh 591.
+
+ Weinhold, Karl 39.
+
+ Weirdsisters 105.
+
+ Welderich 188. Nachträge.
+
+ Weltbaum 527 ff.
+
+ Weltende 531 ff.
+
+ Weltlehre 501 ff.
+
+ Weltschöpfung 509 ff.
+
+ Werre 495.
+
+ Werwölfe 101 ff.
+
+ Wettermachen 120.
+
+ Wicce 648.
+
+ Wichte 125 ff.
+
+ Widar 394 f. 535. 536.
+
+ Widolf 188.
+
+ Widolt 188.
+
+ Widukind 63.
+
+ Wiedergänger 85.
+
+ Wiedergeburt 96 ff.
+
+ Wigbed 595.
+
+ Wigrid 535.
+
+ Wih 591.
+
+ Wikingerzeit 43.
+
+ Wildleute 153 ff.
+
+ Wili 355.
+
+ Windin 184.
+
+ Wingolf 314. 439.
+
+ Wítega 648.
+
+ Wîȥago 648.
+
+ Wodan 193. 242. 245 Anm. 1. 293 ff.
+
+ Wode 284 ff.
+
+ Wolf, J. W. 24.
+
+ Worm, Ole 3.
+
+ Wrisi 161.
+
+ Wütendes Heer 284 ff.
+
+ Wurd 104 ff.
+
+ Wyrd 105.
+
+
+ Y.
+
+ Yggdrasil 349 f. 527 ff.
+
+ Yggr 349 f. 529.
+
+ Ylf 124.
+
+ Ymir 170. 184. 513 ff.
+
+ Ynglingar 208. 233 f.
+
+ Yngvefreyr 233 f.
+
+ Yngvi 208. 233 f.
+
+
+ Z.
+
+ Zauberer 646 ff.
+
+ Zauberformeln 64. 110. 628 ff. 641 ff.
+
+ Zebar 566.
+
+ Zimmersche Chronik 65.
+
+ Zio 200 ff.
+
+ Zisa 489. 586.
+
+ Ziuwari 205.
+
+ Zoubar 648.
+
+ Zwerge 128. 134 ff. 525 f.
+
+
+ Þ.
+
+ Þinghelgi 547.
+
+ Þunorrád 246 Amn. 1.
+
+ Þurs 161.
+
+ Þyrs 161.
+
+ * * * * *
+
+Druck von J. B. +Hirschfeld+ in Leipzig.
+
+
+
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] Über das Leben Schedes (geb. 1615 zu Kadau in Mähren, gest. 1641 zu
+Warschau) vgl. Bolte, allgem. deutsche Biographie 30, 662 f.
+
+[2] Über das mythologische Studium im 16., 17. u. 18. Jh., sowie über
+die aus der Mythologie geschöpften nordischen Dichtungen am Ausgang des
+18. u. Anfang des 19. Jhs. handelt ausführlich E. Nyerup, Wörterbuch
+der skandinavischen Mythologie, Kopenhagen 1816 S. 1-60; Köppen,
+literarische Einleitung in die nordische Mythologie, Berlin 1837.
+
+[3] Über die Wiederaufnahme der isländischen Altertumsforschung vgl.
+Gudbrand Vigfússon, corpus poeticum boreale 1, XX ff.
+
+[4] Vgl. Golther, die Edda in deutscher Nachbildung in der Zs. f.
+vergleichende Literaturgeschichte, N. F. 6, 275 ff.
+
+[5] Bereits im MA. wurden solche Sammlungen veranstaltet,
+jedoch im grossen Stil und im Hinblick auf mythologische und
+religionsgeschichtliche Verwertung erst im 19. Jahrhundert. Eine
+erschöpfende Bibliographie könnte Bogen füllen. Ich begnüge mich
+mit einem Hinweis auf bibliographische Zusammenstellungen in E. H.
+Meyers Mythologie S. 28 ff., 56; in Pauls Grundriss der germanischen
+Philologie II, 1, 738 ff. (nordische Sagen von Lundell), ebd. 777 ff.
+(deutsche Sagen von John Meier), ebd. 856 ff. (englische Sagen von
+A. Brandl); II, 2, 273 ff. gibt Mogk einen Gesamtüberblick über die
+bisherigen Leistungen auf diesem Gebiet, wo jetzt auch Zeitschriften
+und Vereine eine rege Thätigkeit entfalten.
+
+[6] Eine sehr ausführliche Übersicht über die wichtigsten Versuche,
+die Entstehung des Kultus und des Mythos zu erklären, gibt O. Gruppe,
+die griechischen Kulte und Mythen in ihren Beziehungen zu den
+orientalischen Religionen, Bd. I Leipzig 1887 S. 1-278.
+
+[7] Anthropologie der Naturvölker, 6 Bände, 1859–65.
+
+[8] Der Mensch in der Geschichte, 3 Bde, Leipzig 1860.
+
+[9] Urgeschichte der Menschheit, Lpz. 1867; Anfänge der Kultur, Lpz.
+1873.
+
+[10] Vgl. Hillebrand, Vedische Mythologie I, Breslau 1891; Oldenberg,
+Die Religion des Veda, Berlin 1894.
+
+[11] Eine Würdigung Mannhardts gibt E. H. Meyer, AnzfdA. 11, 141 ff.
+Der Entwicklungsgang des immer mit sich selbst ringenden, stetig
+vorwärts strebenden Forschers wird trefflich geschildert. In der
+Einleitung in die antiken Wald- und Feldkulte kennzeichnet Mannhardt
+selber seine Stellung zu den Hauptströmungen der mythologischen
+Forschung.
+
+[12] Vgl. die Besprechung Kaufmanns im AnzfdA. 18, 21 ff.
+
+[13] Vgl. Oldenberg, Religion des Veda S. 34 ff. über die
+indogermanische Götterwelt.
+
+[14] Vgl. Sars, udsigt over den norske historie, I deel, Kristiania
+1877; Steenstrup, Normannerne, 4 Bände, Kopenhagen 1876-82.
+
+[15] Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 157.
+
+[16] Vgl. Noreen, fornnordisk religion, mytologi och teologi. Ein
+Vortrag gehalten zu Upsala 9. März 1892.
+
+[17] Zur Bekehrungsgeschichte vgl. Rettberg, Kirchengeschichte
+Deutschlands, 2 Bde, Göttingen 1846/8; Friedrich, Kirchengeschichte
+Deutschlands, 2 Bde 1867/9; Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands,
+2 Bde. Leipzig 1887 und 1890; die Bekehrung der Friesen schildert
+Richthofen, Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 348 ff.;
+über die Bekehrung des Nordens vgl. Maurer, die Bekehrung des norweg.
+Stammes zum Christentum, 2 Bde, München 1855/6; Bd. 1 § 3, 10, 21, 35
+behandelt auch die Christianisierung Dänemarks und Schwedens; vgl.
+ferner Bang, Udsigt over den norske kirkes historie, Kristiania 1884;
+A. D. Jörgensen, Den nordiske kirkes grundlæggelse, Köbenhavn 1874/8;
+A. Taranger, Den angelsaksiske kirkes inflydelse paa den norske,
+Kristiania 1890/91.
+
+[18] Über die Quellen der germanischen Mythologie vgl. die ausführliche
+Zusammenstellung bei E. H. Meyer, Germanische Mythologie S. 15-60.
+
+[19] Das Wessobrunner Gebet (Müllenhoff-Scherer, Denkmäler³ Nr. I)
+und das Muspilli (ebenda Nr. III) wurden lange als mythologische
+Denkmäler verwendet, ohne die geringste Berechtigung. Ihr Inhalt
+ist durchaus christlich. Fürs Muspilli wiesen Zarncke, Berichte der
+sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 1866 S. 191 ff. u. F.
+Vetter, Zum Muspilli, Wien 1872 S. 106 ff., Heinzel, Zeitschrift f. d.
+österreichischen Gymnasien 43, 1892, S. 748 christlichen Gedankeninhalt
+nach. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 317 ff. vermutet
+wiederum heidnische Spuren darin, während die meisten Forscher das
+Heidentum allmälig ganz auf den Ausdruck Muspilli eingeschränkt haben.
+Bei Besprechung des Begriffes Muspilli, Muspell wird diese Frage
+erörtert werden.
+
+[20] Vgl. Ältere tirolische Dichter hrsg. von Zingerle, Bd. 1,
+1874 die pluemen der tugent des Hans Vintler 7693-7995; 8197-8244;
+die Anmerkungen des Herausgebers weisen u. a. auf ähnliche Stellen
+mittelalterlicher Verfasser z. B. auf Berthold von Regensburg und
+Geiler von Kaisersberg in der Emeis (A. Stöber, Zur Geschichte des
+Volksaberglaubens im Anfang des 16. Jahrhunderts, Basel 1855).
+
+[21] Vgl. E. H. Meyer, Mythologie S. 28 ff.; John Meier, Grundriss der
+germanischen Philologie II, 1, 776 ff.; Brandl, ebenda 837 ff., Mogk,
+ebenda II, 2, 265 ff.
+
+[22] Die Quellen der nordischen Mythologie dürfen nur im engsten
+Zusammenhang mit Kultur- und Litteraturgeschichte benutzt werden. Für
+die nordische Literatturgeschichte verweise ich auf die Darstellung
+Mogks im Grundriss der germ. Philologie II, 1, 71 ff. und auf Finnur
+Jónssons oldnorske og oldislandske litteraturs historie Bd. 1
+Kopenhagen 1895.
+
+[23] Die beste Ausgabe der Liedersammlung verdanken wir Sofus Bugge
+1867. Eine grosse Ausgabe mit Kommentar und Wörterbuch bereitet
+Sijmons vor, wovon der erste Halbband, die Götterlieder enthaltend,
+1888 erschien. Der Codex erschien 1891 in vorzüglicher fototypischer
+Nachbildung, besorgt von Wimmer und Finnur Jónsson. Die brauchbarste
+Verdeutschung, nach welcher in diesem Handbuch citiert wird, lieferte
+H. Gering, Leipzig 1892.
+
+[24] Vgl. Axel Olrik, kilderne til Sakses oldhistorie I u. II
+Kopenhagen 1892 u. 94.
+
+[25] Vgl. Lundell, Skandinavische Volkspoesie im Grundriss der
+germanischen Philologie II, 1, 719-749.
+
+[26] Die Bedeutung, die dem Alptraum bei der Mythenbildung zukommt,
+hebt Laistner, Rätsel der Sphinx, Berlin 1889, hervor. Höchst geistvoll
+ist die Entwicklung der Sage, der Mythologie auf der stetigen Grundlage
+des Alptraumes nachgewiesen. Jedoch mit seinen Namendeutungen geht
+Laistner entschieden zu weit. Die Namen müssten in Urzeiten mit
+durchsichtiger, auf den Alptraum unmittelbar bezüglicher Bedeutung
+entstanden und fest gehalten sein. Die Einkleidung, in welcher die
+heutige Volkssage sich darbietet, ist aber meistens sehr jung und
+ohne unmittelbaren, bewussten Zusammenhang mit dem ursprünglichen
+abergläubischen Kerne. Statt auf diesen abergläubischen Kern sich zu
+beschränken, legt Laistner ohne Bedenken die ganze darum gewachsene
+Sagendichtung aus.
+
+[27] Die wichtigsten Züge des Alpglaubens verzeichnet Wuttke, Der
+deutsche Volksaberglaube § 402 ff.
+
+[28] Über Seelen als Lufthauch Mannhardt, Germanische Mythen, Berlin
+1858, S. 269 f.; 300 ff.; 404 f.; 709.
+
+[29] Ein altes Zeugniss vom Zusammenhang des Maren- und
+Gespensterglaubens bietet Gervasius von Tilbury Kap. 86 _ut autem
+moribus et auribus hominum satisfaciamus, constituamus, hoc esse
+foeminarum ac virorum quorundam infortunia, quod de nocte celerrimo
+volatu regiones transcurrunt, domus intrant, dormientes opprimunt,
+ingerunt somnia gravia, quibus planctus excitant_.
+
+[30] Einen ähnlichen Typus gewährt Birlinger, Volkstümliches aus
+Schwaben 1, 103: die Seele kriecht als weisse Maus aus dem Munde einer
+Magd und wird ein _„schrättele“_ d. h. ein Alp, der Baum und Ross
+bedrückt und plagt.
+
+[31] Vielleicht gehört auch die Geschichte vom Rattenfänger
+zu Hameln (Grimm, Deutsche Sagen 1 Nr. 245) hierher, nur muss
+Verwirrung eingerissen sein. Die Ratten waren ursprünglich selber die
+Kinderseelen, die der Spielmann in den Berg lockte.
+
+[32] Vgl. Grimm, Deutsche Sagen 2, Nr. 433; dieselbe Geschichte, nur
+dass die Seele als Rauchwölkchen (_bláleitr gufuhnođrinn_) erscheint,
+findet sich auf Island; vgl. Maurer, isländ. Volkssagen der Gegenwart
+S. 81 ff. Jón Árnason, _íslenzkar þjóđsögur_ 1, 356 f.
+
+[33] Die zahlreichen nordischen Träume, worin die Seelen in Tiergestalt
+erscheinen, verzeichnet W. Henzen, Über die Träume in der altnordischen
+Sagenlitteratur, Leipzig 1890, S. 34 ff.
+
+[34] Über die Etymologie des Wortes „Traum“ vgl. W. Henzen, Über die
+Träume in der altnordischen Sagenlitteratur, Leipzig 1890, S. 1 ff.
+
+[35] Vgl. Wackernagel, Kleinere Schriften 2, 399 ff.; E. Kuhn, in Jahns
+Volkssagen aus Pommern S. VIII.
+
+[36] Über das wilde Heer Uhland, Schriften 7, 605 ff.; eine
+Zusammenstellung der verschiedenen Sagenformen bei E.H. Meyer, German.
+Mythologie, S. 236 ff.
+
+[37] Reiche Litteratur verzeichnet Koberstein, Weimarer Jahrbücher 1,
+73 ff; Golther, Die Sage von Tristan u. Isolde, München 1887, S. 27 ff.
+
+[38] Bräuche bei Tod und Begräbniss s. bei Wuttke, Volksaberglaube §
+721 ff.; fürs Nordische Weinhold, Altnordisches Leben S. 474 ff.
+
+[39] Zum Totenschuh J. Grimm, Myth. 795; 3, 249; Müllenhoff,
+Altertumskunde 5, 114.
+
+[40] Über den Ahnenkult vgl. Gudbrand Vigfusson, Corpus poeticum
+boreale 1, 413 ff. Gudbrand dehnt aber den Ahnenkult viel zu weit aus,
+indem er den gesamten Seelen-und Elbenkult begreift.
+
+[41] Jordanes, Kap. 13 _iam proceres suos, quorum quasi fortuna
+vincebant, non puros homines, sed semideos, id est ansis, vocaverunt._
+Zum Beispiel zählt er den sagen- und liederumwobenen Stammbaum der
+Amaler auf.
+
+[42] Adam 4, 26 _colunt et deos ex hominibus factos, quos pro
+ingentibus factis immortalitate donant, sicut in vita sancti Anscarii
+leguntur Hericum regem fecisse._
+
+[43] _Vita Anskarii_ Kap. 26 MG. 2, 711 _Contigit eo ipso tempore,
+ut quidam illo (ad Byrca) adveniens diceret, se in conventu deorum,
+qui ipsam terram possidere credebantur, affuisse, et ab eis missum,
+ut haec regi et populis nunciaret: „Vos, inquam, nos vobis propitios
+diu habuistis, et terram incolatus vestri cum multa abundantia nostro
+adiutorio in pace et prosperitate longo tempore tenuistis; vos quoque
+nobis sacrificia et vota debita persolvistis, grataque nobis vestra
+fuerunt obsequia. at nunc et sacrificia solita sub-trahitis, et vota
+spontanea segnius offertis, et, quod magis nobis displicet, alienum
+deum super nos introducitis. si itaque nos vobis propitios habere
+vultis, sacrificia omissa augete, et vota maiora persolvite; alterius
+quoque dei culturam, qui contraria nobis docet, ne apud vos recipiatis,
+et eius servicio ne intendatis. porro si etiam plures deos habere
+desideratis, et nos vobis non sufficimus, Ericum quondam regem vestrum
+nos unanimes in collegium nostrum asciscimus, ut sit unus de numero
+deorum.“ -- -- -- templum in honore supradicti regis dudum defuncti
+statuerunt, et ipsi tanquam deo vota et sacrificia offerre coeperunt._
+
+[44] Müllenhoff, Altertumskunde 5, 69.
+
+[45] Über den Wiedergeburtsglauben der Germanen und die darauf
+beruhenden Taufbräuche vgl. Jiriczek, Mitteilungen der schlesischen
+Gesellschaft für Volkskunde 1894/5, S. 34 f.; Maurer, Zeitschrift des
+Vereins für Volkskunde 1895, S. 99.
+
+[46] Über diesen Glauben vgl. W. Hertz, Der Werwolf, Beitrag zur
+Sagengeschichte. Stuttgart 1862.
+
+[47] Fylgjur als Wölfe im Traum erscheinend in der Njálssaga 123;
+Fornaldar sögur 2, 413; 3, 77, 213, 560; Droplaugar sona saga 22;
+þorðar saga hreðu 38; Gíslasaga Súrssonar 24.
+
+[48] Fälle davon bei Hertz, Werwolf S. 54 ff.
+
+[49] Kögel, Pauls Grundriss I, S. 1017 Anm. erklärt ahd. _ƕeriƕolf_
+aus *_ƕariƕulf_, *_ƕaȥiƕulf_ (zu got. _ƕasjan_ as. _ƕerian_ kleiden).
+Werwolf ist also eigentlich Wolfsgewand, úlfshamr; ähnlich bedeutet
+vielleicht berserkr Bärengewand.
+
+[50] Vgl. Mackel, Die german. Elemente in der französ. und provenzal.
+Sprache. Heilbronn 1887, S. 14.
+
+[51] Über Berserker als Werwölfe Maurer, Bekehrung 2, 108 ff.
+
+[52] Glücks- und Schicksalsgeister in ihrer Marenabkunft erweist
+Laistner, Rätsel der Sphinx 2, 342 ff.
+
+[53] Kögel, Beiträge 16, 502 ff. nimmt eine urgermanische
+Zusammensetzung _ĭ̄ƕ_ + _dîs_ an, wodurch die nord. Wörter _jódis_
+und _dís_ und die westgerm. _ĭ̄dĭ̄s_ als zusammengehörig erwiesen
+werden. _ĭ̄ƕ_ ist etymologisch unklar, zu nord. _dís_ steht got.
+_filu-deisei_, Klugheit. _idisi_ und _dísir_ sind demnach kluge, weise
+Frauen. Frühzeitig wurden auch die Kampfjungfrauen so bezeichnet. Zur
+Etymologie vgl. noch v. Grienberger, ZfdPh. 27, 441.
+
+[54] Schade, Altdeutsches Wörterbuch² 1, 657 deutet _norni_
+aus *_norhni_, Verschlingung, Verknüpfung, als nornen agentis
+Verschlingerin, Verknüpferin der Schicksalsfäden, zum verb. ahd.
+_snerhan_ mhd. _snerhen_, verflechten, verknüpfen; vgl. Graff, Ahd.
+Sprachschatz 6, 850; über den Wechsel von anlautendem sn: n vgl.
+Noreen, Abriss der urgermanischen Lautlehre, S. 208; die Erklärung
+ist aber sehr unsicher. Die Ableitung der deutschen „Nonnen“ (Panzer,
+Beitrag zur deutschen Mythologie 1, 163, 184; Mannhardt, Germ. Mythen
+532 u. 705; Simrock Myth. 351) aus „Nornen“ ist sehr fragwürdig.
+
+[55] Über den Fatalismus der Nordleute und seine Wirkung auf das
+Verhalten der Menschen vgl. Maurer, Bekehrung 2, 162 ff.
+
+[56] Über Schicksalsfrauen im deutschen Volksglauben Mannhardt, German.
+Mythen, Berlin 1858, S. 541 ff.; Fr. Panzer, Beitrag zur deutschen
+Mythologie I, 1848, S. 1 ff., II 1855, S. 119 ff.
+
+[57] Nornagreytur in der antiquarisk tidskrift 1849, S. 308; färösk
+anthologi ved Hammershaimb og Jakob Jakobsen Bd. 2, 1891, S. 225.
+
+[58] Vgl. z. B. Isidors etym. 8, 11, 92 _tria fata finguntur propter
+trina tempora: praeteritum ... praesens ... futurum ... quas parcas
+tres esse voluerunt, unam quae vitam hominis ordiatur, alteram
+quae contexat, tertiam quae rumpat_. Die Stelle war im Mittelalter
+hinlänglich verbreitet, mit Unrecht leugnet J. Grimm, Myth. 377 Anm.
+ihre Beziehungen zur isländischen Nornendreizahl; muss er doch selbst
+S. 378 zugestehen, dass nur Wurd ausserhalb des Nordens vorkommt, von
+den zwei andern aber nicht eine Spur.
+
+[59] Vgl. Golther, Der Valkyrjenmythus in den Abhandlungen der
+Münchener Akademie der Wissenschaften, 1. Klasse, 18. Band, 2. Abth. S.
+401 ff.
+
+[60] Merkwürdig ist die Stelle bei Burchard von Worms (J. Grimm,
+Myth. 3, 409), welche Hexen als kämpfende Weiber zeigt: _credidisti
+quod quaedam mulieres credere solent, ut tu cum aliis diaboli membris
+in quietae noctis silentio clausis januis in aerem usque ad nubes
+subleveris, et ibi cum aliis pugnes, et ut vulneres alias, et tu
+vulnera ab eis accipias_.
+
+[61] Vgl. Grein-Wülcker, Bibliothek der ags. Poesie I, 317; Wülcker,
+Kleinere ags. Dichtungen. Halle 1882, S. 33; zur Erklärung Kögel,
+Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 93 f.
+
+[62] Zur Erklärung des Spruches vgl. Müllenhoff und Scherer, Denkmäler
+2³, S. 43 ff.; Kögel, Litteraturgeschichte I, 1, 89 f.; v. Grienberger,
+ZfdPh. 27, 433 ff.
+
+[63] Bei Saxo Buch III, S. 112 wird von Hotherus erzählt: _inter
+venandum errore nebulae perductum incidisse in quoddam sylvestrium
+virginun conclave, a quibus proprio nomine salutatus, quaenam essent,
+perquirit. illae suis ductibus auspiciisque maxime bellorum fortunam
+gubernari testantur; saepe enim se nemini conspicuas procliis
+interesse, clandestinisque subsidiis optatos amicis praebere successus
+... quippe conciliare prospera, adversa infligere posse pro libito
+memorabant._ -- Die Mädchen gewähren dem Hother eine hieb- und
+stossfeste Brünne und raten ihm listig, wie er den Sieg erlangen könne.
+Man kann zweifeln, ob hier in Saxos Quelle von Kampfgöttinnen oder
+Odins Walküren die Rede war. Im letzteren Fall hätte Saxo die Beziehung
+zu Odin getilgt.
+
+[64] Asmundarsaga in den Fornaldar sögur 2, 483.
+
+[65] Haraldssaga hardráða, Fornmanna sögur 6, 402.
+
+[66] Über herfjǫtur vgl. Maurer in Wolfs Zeitschrift für deutsche
+Mythologie und Sittenkunde Bd. 2, 341 ff.; Bekehrung 2, 401 f.
+
+[67] Die Hds. liest _alvitr_; Sven Grundtvig, Saemundar Edda 2. Aufl.
+Kopenhagen 1874, S. 215 ff. bessert _álmvítr_, wie _hjálmvítr_, und
+erklärt: bogenführender Wicht, Bogenjungfrau. Die Walküren wären somit
+mit Helm (_hjálmvítr_), Brünne (_Brynhildr_), Schild (_skjaldmey_,
+Schildmagd), Speer und vielleicht auch Bogen (_álmvítr_) bewehrt
+gewesen.
+
+[68] Saxo, Buch 6, S. 266 _ubi Fridlevus noctu speculandi gratia cum
+inusitatum quendam icti aeris sonum cominus percepisset, fixo gradu
+suspiciens trium olorum superne clangentium hoc aure carmen excepit
+.... denique post ipsas alitum voces lapsum ab alto cingulum literas
+carminis interpretes praeferebat._
+
+[69] Über _unhulþô_, _unholda_ vgl. Kauffmann, Beiträge 18, 151 ff.
+
+[70] Zur Erklärung des Wortes Hexe vgl. Weigandt, Deutsches Wörterbuch
+1, 804; ältere Erklärung bei Schade, Altdeutsches Wb. 1, 363; die
+Trennung der ahd. Wörter im Gegensatz zur früheren Auffassung, wonach
+_haȥusa_ aus _hagaȥusa_ verkürzt sein sollte, vertreten Kauffmann,
+Beiträge 18,155 Anm. 1 und Noreen, Indogerman. Forschungen 4, 326.
+
+[71] Über _trute_, welche noch heute die bayerische Mundart kennt, vgl.
+Grimm, Wörterb. 2, 1453 f.; Schmeller, Bayr. Wb. I², 648 ff.
+
+[72] Sievers, Indogerm. Forschungen 4, 339: Bei _troll_ möchte man an
+Zusammenhang mit got. _trudan_, an. _trođa_, ahd. _tretan_ denken, an.
+_troll_ aus _trođla_, _trolla_ das Treten, Alpdrücken, Alp.
+
+[73] Vgl. Soldans Geschichte der Hexenprocesse, neu bearbeitet von H.
+Heppe, 2 Bde, Stuttgart 1880.
+
+[74] Vgl. den ags. Segen gegen _hægtessan gescot_, _hægtessan geweorc_
+bei Grein-Wülcker, Bibliothek der ags. Poesie 1, 317. Neben _hægtessan
+gescot_ steht _ylfagescot_, Elbenschuss.
+
+[75] Vgl. Thorsteins saga bœrjarmagns in den Fornmanna sögur 3, 175 ff.
+
+[76] Ketils saga hængs in. den Fornaldar sögur 2, 131.
+
+[77] Über die Wichte und Elbe und ihre Sagen bieten die verschiedenen
+Sagensammlungen der Neuzeit reiches Material. Schon die deutschen Sagen
+der Brüder Grimm enthalten fast alle Haupttypen. Über die Elfen handeln
+die Brüder ausführlich in der Einleitung der irischen Elfenmärchen,
+Leipzig 1826; jetzt auch abgedruckt in W. Grimms kleineren Schriften I,
+438 ff.
+
+[78] Die Alfar als Seelen erklärt Fritzner, Ordbog 1², 187.
+
+[79] Vgl. Laistner, Nebelsagen, Stuttgart 1879.
+
+[80] Altdeutsche Namen mit Alb- zusammengesetzt verzeichnet
+Foerstemann, Namenbuch 1, 54 ff.
+
+[81] Über den Namen Albi vgl. Wrede, Sprache der Ostgoten, Strassburg
+1891, S. 103.
+
+[82] Über die Etymologie des Wortes, das mit aind. _ṛbhu_ verwandt
+scheint und auf eine idg. Wurzel _elbh olbh_ zurückweist, vgl. Kuhn in
+der Zs. f. vergl. Sprachforschung 4, 109; Curtius, Griech. Etym.⁴ 293;
+Laistner, Rätsel der Sphinx 1, 452 ff. Das idg. Wort bedeutet betrügen,
+listig, geschickt sein. Den Elben eignet wie den ṛbhus Kunstfertigkeit,
+sie sind dem Menschen hilfreich, aber auch trügerisch und tückisch.
+
+[83] Vgl. J.Grimm, Myth. 447 ff.; 3, 138; Schmeller, Bayer. Wörterbuch
+2, 610 ff.; 614 f.
+
+[84] Über die Zwergensage im Ortnit vgl. Seemüller, ZfdA. 26, 201 ff.
+
+[85] J. Grimm, Myth. 2, 1109; Haupt, ZfdA. 4, 389; Kuhn, Westfäl. Sagen
+2, 19.
+
+[86] Über die _álfar_ vgl. Maurer, Isländische Volkssagen der Gegenwart
+S. 2 ff.; Jón Árnason, þjóðsögur 1, 1 ff.; Lehmann-Filhés, Isländische
+Volkssagen 1, 3 ff.; Hammershaimb, færösk anthologi 1, 327.
+
+[87] Vgl. Maerlant, Spiegel historial 1, 6 von den Alven; Jón Árnason,
+_þjóđsögur íslenzkar_ 1, 5; ebenda wird das huldufolk in Holz und
+Haide, Hügeln und Gestein aus dem Schwank von Evas ungleichen Kindern
+abgeleitet; ein Elbe als ein mit Lucifer gefallener Engel schon bei
+Caesarius von Heisterbach 5, 36.
+
+[88] Die wichtigsten Typen der Koboldssagen, von denen jede
+Sagensammlung zahlreiche Beispiele darbietet, enthalten die Deutschen
+Sagen Nr. 72/8; vgl. namentlich die trefflichen Erzählungen von
+Hütchen und Hinzelmann. Ein altes Zeugniss vom Hausgeist steht bei
+Gervasius von Tilbury _otia imperialia_ p. 180. _in Anglia daemones
+quosdam habent ... istis insitum est quod simplicitatem fortunatorum
+colonorum amplectuntur, et cum nocturnas propter domesticas operas
+agunt vigilias, subito clausis januis ad ignem calefiunt et ranunculas
+ex sinu projectas prunis impositas comedunt, senili vultu, facie
+corrugata, statura pusilli, dimidium pollicis non habentes. panniculis
+consertis induuntur et si quid gestandum in domo fuerit aut onerosi
+operis agendum, ad operandum se jungunt, citius humana facilitate
+expediunt._ Sie führen den einsamen Reiter zur Nacht gern irre und
+erheben ein Gelächter, wenn er, von ihnen getäuscht, in den Morast
+gerät.
+
+[89] Die Erklärung des Wortes Kobold nach dem Deutschen Wörterbuch
+5, 1548 ff., vgl. auch Kluge, Etym. Wb. unter Kobold. Dem Wortsinne
+nach ist schwed. _tomtekarl_, _tomtegubbe_ d. h. Hausmann, Hausgreis,
+norweg. _tomtevätte_ Hauswicht, unsrem Kobold gleichbedeutend.
+
+[90] Über den Butzenmann und andere Koboldsnamen handelt ausführlich,
+ein geistvoller Aufsatz Laistners, ZfdA. 32, 145 ff. Die Grundbedeutung
+der Koboldsnamen geht fast immer auf poltern, schrecken, Mummerei.
+
+[91] Überhaupt nähern sich die vielfach gehegten Hausschlangen und
+Hausunken dem Begriffe guter hilfreicher Hausgeister. Sie werden
+täglich mit Milch gefüttert. Sie spielen mit dem Kinde und bringen ihm
+Gedeihen. Sie leben ungestört in Hof und Stall. Werden sie verletzt
+oder getötet, weichen sie vom Haus, so geht das Glück mit ihnen.
+
+[92] Während der Kobold einerseits streng auf das gebührende
+Speiseopfer hält, zeigt er sich wiederum durch anderweitige Gaben eher
+gekränkt. Werden den hilfreichen Elben Kleider angefertigt und zurecht
+gelegt, so fliehen sie mit dem klagenden Rufe „ausgelohnt, ausgelohnt“
+davon und kehren nimmer wieder.
+
+[93] Sagen vom Klabautermann bei Temme, Volkssagen aus Pommern S. 302;
+Wolfs Zs. f. Mythologie 2, 141 ff.; Müllenhoff, Sagen aus Schleswig,
+Holstein und Lauenburg 318 ff.; zur Etymologie Deutsches Wörterbuch 5,
+888; Laistner, Nebelsagen S. 334.
+
+[94] Ebenso J. Köhler, Volksbrauch, Aberglauben und Sagen im
+Voigtlande, Leipzig 1867, S. 476.
+
+[95] Baier in Wolfs Zs. f. Myth. 2, 141; Temme, Volkssagen aus Pommern
+und Rügen, Berlin 1840, S. 302.
+
+[96] Die ahd. Form lautet _nihhus_, crocodilus, die ags. _nicor_,
+Wassergeist, Wasserungetüm, an. _nykr-vatnahestur_, Flusspferd,
+dän. _nökk_, schwed. _nekk_. Aus der ahd. Form entwickelt sich mhd.
+_niches_, _nickes_, woraus nhd. _nix_ entsteht; im Nds. begegnet
+wie im Ags. das r-Suffix, _nicker_. Das Fem. ist ahd. _nihhussa_,
+_nihhessa_, lympha, woraus mhd. _nickese_, nhd. _nixe_. Zu Grunde
+liegt vermutlich eine germ. Wurzel _niq_ aus vorgerm. _nig_ (sanskrit
+_nij_, griech. νίπτω, sich waschen, baden), so dass Nix eigentlich
+der Badende, der Taucher wäre. Vgl. Kluge, Etym. Wörterbuch unter
+Nix; über die Verschiedenheit der Ableitungssilben Noreen, Abriss der
+urgerm. Lautlehre S. 65 und 136. An. _nykr_ ist aus älterem _nikwir_ zu
+erklären (Noreen, An. Grammatik² § 72, 5), aus der an. Form entstehen
+regelrecht die neunordischen.
+
+[97] Weinhold, Zs. d. Vereins f. Volkskunde 5, 124 hält den
+schlesischen Namen der Wasserjungfer Wasserlisse, Lisse für eine
+Verderbniss aus Wassernixe.
+
+[98] Witzschel, Sagen aus Thüringen 1, 236, 279, 285.
+
+[99] Auch Weinhold, Zs. d. Vereins f. Volkskunde 5, 112 denkt bei den
+fischschwänzigen Nixen an die Meerweiber des ausgehenden Altertums,
+die dem deutschen Volke namentlich aus dem romanischen und gotischen
+Baustil seit dem 10. Jh. vor Augen kamen. Freilich meint er auch
+selbständige Bildung annehmen zu dürfen, aber mit Unrecht.
+
+[100] Nixensagen in den Deutschen Sagen Nr. 49-69; 83; 305-308.
+
+[101] Vgl. Maurer, Isländ. Volkssagen der Gegenwart S. 172 f.; Jón
+Árnason, Þjóðsögur 1, 633; Lehmann-Filhés, Isländ. Volkssagen 2, 16 f.
+
+[102] Nach Lehmann-Filhés, Isländ. Volkssagen 1, 65 f.; weiteres bei
+Maurer, Isländische Volkssagen der Gegenwart S. 31 f.; Jón Árnason,
+Þjóđsögur 1, 132 ff.; vgl. auch Hammershaimb, Färösk anthologi 1, 335.
+
+[103] Vgl. Mannhardt, Wald- und Feldkulte. I. Der Baumkultus der
+Germanen, II. Antike Wald- und Feldkulte, Berlin 1875 u. 1877;
+Mythologische Forschungen, Strassburg 1884.
+
+[104] Vgl. Mannhardt, Roggenwolf und Roggenhund, Danzig 1865, 2. Aufl.
+1866; Die Korndämonen, Berlin 1867.
+
+[105] Laistner, Rätsel der Sphinx 1, 31, 52; 2, 71.
+
+[106] Über den _Bilwis_ vgl. J. Grimm, Myth. 441 ff.; Schmeller, Bayer.
+Wörterbuch 1, 230; 2, 1037 ff.; Mannhardt, Antike Wald- und Feldkulte
+175 f.; Laistner, Rätsel der Sphinx 2, 262, 266, 286; Nebelsagen 315 ff.
+
+[107] Vgl. Weinhold, Die Riesen des germanischen Mythus, in den
+Sitzungsberichten der Wiener Akademie der Wissenschaften Band 26, 1858,
+S. 225-306.
+
+[108] Vgl. die Deutschen Sagen der Brüder Grimm Nr. 45; Weiteres bei
+Laistner, Nebelsagen S. 256.
+
+[109] Ob die von Tacitus Germ. 46 erwähnten _Etionas als itjans_,
+gefrässige Riesen gedeutet werden können (Müllenhoff, Altertumskunde 2,
+354), bleibe dahingestellt.
+
+[110] Vgl. Kögel, AnzfdA. 18, 49; aus derselben Wurzel ist der
+Volksname _ermun-duri_ und _thuringi_ gebildet, und das nord. Zeitwort
+_þora_, wagen. Die frühere Erklärung z. B. noch Mogk im Grundriss 1,
+1041 zieht skrt. _tṛš_ lechzen, gierig sein, heran, indem das s in
+_þurs_ als wurzelhaft betrachtet wird, was es aber schwerlich ist.
+
+[111] Zur Etymologie von Hüne vgl. J. Grimm, Myth. 491; Deutsche
+Grammatik 2, 462; Müllenhoff, ZfdA. 13, 576; Kögel, AnzfdA. 18, 50;
+anders Kluge im Etym. Wb. unter Hüne.
+
+[112] Teufelssagen, die aus alten Riesensagen stammen, verzeichnet J.
+Grimm, Myth. 972 ff.
+
+[113] Zur Stelle vgl. Vilmar, Deutsche Altertümer im Heliand S. 10;
+die ags. Stellen, welche _enta geƕeorc_ nennen, bei Grein, Ags.
+Sprachschatz 1, 228.
+
+[114] Zur Sage vom Riesenbaumeister J. Grimm, Myth. 514 ff.; 3, 158;
+Menzel, Odin 19 ff.; Scheibles Kloster 9, 7 ff.; Kuhn, Westfäl. Sagen
+1, 29; 248 ff.; Simrock, Myth.⁵ 55 ff.; Henne am Rhyn, Die deutsche
+Volkssage 242 ff.; Faye, Norske folkesagn 14 ff.; E. H. Meyer, Myth.
+153.
+
+[115] Die Erklärung des Namens, der im Ags. als _Forneot_ wiederkehrt,
+ist _Forn-jótr_, alter Riese, Urriese, oder _For-njótr_, Vorbesitzer
+des Landes, Oberherr (Uhland, Schriften 6, 22; Falk, Beiträge 14, 9);
+Noreen, fornnordisk religion S. 2 schlägt _fórn-njótr_, Opfergeniesser,
+vor.
+
+[116] Von Forniots Geschlecht berichten die Fornaldar sögur 2, 3 ff.;
+von Halogi ebenda 2, 383 ff.; zur Sage vgl. Uhland, Schriften 6, 20
+ff.; Mogk, Grundriss 1, 1040.
+
+[117] Vita St. Galli MG. II. 7 _volvente deinceps cursu temporis
+electus dei Gallus retia lymphae laxabat in silentio noctis, sed
+inter ea audivit demonem de culmine montis pari suo clamantem, qui
+erat in abditis maris. Quo respondente, „adsum“ montanus e contra:
+„surge“ inquit „in adjutorium mihi; ecce peregrini venerunt, qui me de
+templo ejecerunt;“ nam deos conterebant, quo incolae isti colebant;
+insuper et eos ad se convertebant; „veni, veni, adjuva nos expellere
+eos de terris!“ Marinus demon respondit: „en unus illorum est in
+pelago, cui nunquam nocere potero. Volui enim retia sua ledere, sed
+me victum proba lugere. Signo orationis est semper clausus, nec
+umquam somno oppressus.“ Electus vero Gallus haec audiens munivit se
+undique signaculo crucis dixitque ad cos: „in nomine Jesu Christi
+praecipio vobis, ut de locis istis recedatis, nec aliquem hic ledere
+praesumatis!“_
+
+[118] Vgl. die Armanns Saga; Maurer, Bekehrung 1, 234 Anm. 13.
+
+[119] Über Beowulf vgl. Müllenhoff, ZfdA. 7, 419 ff.; Beowulf,
+Untersuchungen über das Epos, Berlin 1889; Sarrazin, Beowulf-Studien,
+Berlin 1888; ten Brink, Beowulf, Untersuchungen, Strassburg 1888;
+Uhland, Schriften 8, 479 ff.; Laistner, Nebelsagen S. 88 ff.; 264 ff.;
+Kögel, ZfdA. 37, 268 ff.; Literaturgeschichte I, 1, 109 ff. Dass ein
+Unhold, und zwar häufig ein Wassergeist, eine menschliche Behausung
+unbrauchbar macht, bis ein beherzter Mann ihn daraus vertreibt, ist
+ein beliebter Märchenzug; vgl. Simrock, Beowulf 177 ff.; Laistner,
+Rätsel der Sphinx 2, 15 ff. Der Name Grendel macht Schwierigkeit. Den
+deutschen Sprachen ist das Wort _grendel_, _grindel_ = Riegel, ganz
+geläufig. Der Teufel heisst Höllriegel. Sollte Grendels Name und seine
+Mutter aus christlichen Volksvorstellungen vom Teufel stammen? Das
+Beowulf-Gedicht ist mit Teufelsaberglauben ja vertraut und verweist den
+Wasserriesen ausdrücklich zu den Teufeln. Unter Beziehung aufs mndl.
+Wörterbuch 2, 2129 erklärt Kögel ZfdA. 37, 275 Grendel als Schlange,
+und leitet den Namen aus dem Zeitwort _grinden_, knirschen, zischen,
+brausen. Grendel ist die brausende Wasserschlange, die hereintosende
+Sturmflut. Da in der SE. 2, 480 _grindilt_ eine Bezeichnung des Sturmes
+ist, und das Wort möglicherweise zu _grenja_, heulen, tosen (vom Sturm
+und Wasser gebraucht) steht, wurde auch diese Etymologie vorgeschlagen;
+vgl. Mogk, Grundriss 1, 1043.
+
+[120] _ægir_ ist aus _âgu̯iaz_ entfaltet und steht zu got. _ahua_, lat.
+_aqua_; völlig verschieden ist _œgir_, der Schrecker, zum ablautenden
+Zeitwort _agan_, _ôg_ fürchten, an. _œgiask_ sich fürchten; vgl. K.
+Gislason, aarböger f. nord. oldkyndighed og historie 1876, S. 313 ff.;
+Noreen, Abriss der urgermanischen Lautlehre S. 59; von Ägir erzählen
+Hym., Lokas., Bragar; über seine Deutung vgl. Uhland, Schriften 6, 92
+ff.
+
+[121] Vgl. Weinhold, Riesen S. 235 f.; zu _hlé_, Obdach, gestellt ist
+Hlér der Deckende, Schützende.
+
+[122] Die Stellen, welche Gymir nennen, sammelt Sveinbjörn Egilsson,
+Lexicon 282; Gymir fällt im Wortsinn mit Hlér zusammen, es bedeutet
+Schützer, zum Verbum _geyma_, bewahren, beschützen; Kaufmann, Beiträge
+18, 175.
+
+[123] Von Hymir erzählt die Hymeskviþa u. Gylfag. Kap. 48, wo der Name
+Ymir und Eymir verschrieben ist; vgl. K. Gislason in Danske vidensk.
+selsk. skr. 5, 4 (1874), S. 435 ff. Hymir steht wol zu _humr_ m., _hum_
+n., Dämmerung, Dunkelheit, graue Meerflut. Hymirs Wesen erklärt Uhland,
+Schriften 6, 91 f.; in den Beiträgen 18, 170 ff. deutet Kauffmann Hymir
+als den Dümmling, den Blöden, zu _hýma_, dösig sein.
+
+[124] Über Wado vgl. Müllenhoff, ZfdA. 6, 62 ff.
+
+[125] Über Starkad Aludreng, d. h. Spross des Ala vgl. der Hervararsaga
+Kap. 1 und die Gautrekssaga Kap. 3; dazu Uhland, Schriften 6, 101 ff.
+
+[126] Über Meerungeheuer vgl. Maurer, Isländische Volkssagen 30 ff.
+
+[127] Über die Weltschlange Vǫl. 50; Hym. 22/4; Gylfag. Kap. 34, 47,
+48, 51; vgl. ferner unten im Abschnitt über Thor.
+
+[128] Über Fenrir Vǫl. 40, 53, 54; Vafþ. 46/7; Hyndl. 40; Gylfag. Kap.
+34 u. 51; dazu die Abschnitte über Tyr und Odin.
+
+[129] Gr. δράκων, lat. _draco_, ags. _draca_, an. _dreki_, ahd.
+_traccho_. Litteratur über den Drachen als Giessbach bei Laistner,
+Nebelsagen 256 f.
+
+[130] Über Mimir vgl. Uhland, Schriften 6, 197 ff.; Weinhold, Riesen
+243 ff.; Müllenhoff, Altertumskunde 5, 101 ff., und unten im Abschnitt
+über Odin. Namen, die mit Mimir zusammengesetzt sind, verzeichnet
+Fürstemann, Namenbuch 1, 931 ff. (Mimo, Mimilo, Mimolt, Mimidrud,
+Mimihilt, Mimigard) u. 2² (Ortsnamen) S. 1099 ff.
+
+[131] Litteratur zum wilden Jäger bei E. H. Meyer, Mythologie 236 ff.
+
+[132] Abgedruckt nach einer Münchener Handschrift von J. Grimm, Myth.
+3, 493 f.; ebenda 494 der deutsche Segen. Nach Wackernagel, ZfdA. 6,
+290 f. steht der im Ahd. belegte Name _Scrâƕunc_, zu mhd. _schrâ_,
+Hagel, Reif, Schnee, als Wetter- und Hagelmacher neben Fasolt und
+Mermeut, den Wind- und Wetterriesen.
+
+[133] Hrungnir wird von Weinhold, Riesen 272 Anm. aus an. _hrang_,
+Schall, Getöse, und _hringja_, läuten, _hringla_, klingeln als der
+Schallende, Rauschende erklärt.
+
+[134] Vgl. J. Aasen, norsk ordbog 348; J.E. Rietz, ordbok öfver svenska
+allmogespråket 379.
+
+[135] Hrímþursar in Vafþr. 33; Skírn. 35; Grímn. 31; Hǫ́v. 108 und an
+mehreren Stellen der SE.
+
+[136] Vgl. _bergrisar_, _bergbúar_, _bergjarlar_, _bergdanir_,
+_bergmærir_, _bergstjórar_ (Bergbeherrscher), _bergýrar_
+(Bergauerstiere), _bjarga gætir_ (montium custos), _hraundrengr_
+(Gesteins- oder Lavaleute), _hraunbúar_ (Lavabauern), _hraunhvalr_
+(Lavaseehund), _gljúfrskeljungr_ (Klippenseehund), _fjallagyldir_
+(Bergwolf), _gitja grundar gramr_ (Beherrscher des Klüftelandes),
+_hellis burr_ (Höhlensohn), _fjǫro þjóđ_ (Strandvolk) u. s. w.
+
+[137] Vgl. J. Grimm, Myth. 518; 3, 158; ZfdA. 4, 503 f.
+
+[138] Die Watzmannssagen bei Vernaleken, Alpensagen 101; Panzer,
+Beitrag zur deutschen Mythologie 1, 245 ff.
+
+[139] Vgl. Weinhold, Riesen 268.
+
+[140] Zum Mühlenlied Finnur Jónsson, den oldnorske og oldislandske
+litteraturs historie 1, 214 ff.; ein Mühlenmärchen, dessen Verhältniss
+zum Grottasǫngr aufzuklären ist, bietet Jón Árnason, íslenzkar
+þjóðsögur 2, 9 ff.; Lehmann-Filhés, Isländische Volkssagen 2, 45 ff.;
+Uhlands Deutung, Schriften 7, 106 ff.; über Wunschmühlen Laistner,
+Nebelsagen 324 ff.
+
+[141] In der Vǫlsungasaga Kap. 1 erscheint übrigens ebenso die Tochter
+des Riesen Hrimnir namens Hljod als Wunschmaid Odins, eine Riesin als
+Walküre.
+
+[142] Über den wilden Mann vgl. Mannhardt, Der Baumkultus der Germanen
+S. 105 und öfters; über Waldriesinnen ebenda S. 88 ff.; über die rauhe
+Else S. 108 ff.
+
+[143] Zu _hyrr_, Feuer und _rok_, Wirbel; so Weinhold, Riesen S. 278;
+Bugge, Studien S. 230, Anm. 4 schlägt die Lesart Hyrrokkin vor und
+erklärt _hyr-hrokkin_, die Feuergekräuselte; bei der Lesart Hyrrokin
+stellt er _rokin_ zu _rjúka_, rauchen, dampfen, also die feurig
+Rauchende.
+
+[144] Über Surt vgl. Vǫl. 52; Vafþr. 50/1; Gylfag. Kap. 4, 5, 13, 51
+sowie unten im Abschnitt über den Weltbrand. Eine grosse Lavahöhle
+Islands ist nach Surt benannt, _Surtshellir_; nach der Landnáma 3 Kap.
+10 dichtete ein Isländer ein Lied zu Ehren des Riesen in der Höhle.
+Die Pechkohle heisst auf Island _Surtar brandur_; vgl. Jón Árnason,
+Þjóðsögur íslenzkar 1, 142; 657; 665.
+
+[145] Vgl. Uhlands Abhandlung über die deutschen Volkslieder, Abschnitt
+I Sommer und Winter.
+
+[146] Der Segen bei Müllenhoff-Scherer, Denkmäler³ IV, 6; dazu die
+Anmerkungen im 2. Bande S. 53; vgl. J. Grimm, Kl. Schriften 2, 147;
+Myth. 3, 153; Kögel, Litteraturgeschichte I, 1, 265.
+
+[147] Zur Etymologie Kluge, Etym. Wb. unter Gott; Brugmann, Grundriss
+2, 212; Feist, Gotische Etymologie, Strassburg 1888 S. 46; im Altind.
+lautet die Participialform _hutá_, _hûtá_, im Avest. _zûta_; im Veda
+ist _puruhûta_ ein stehendes Beiwort des vielgerufenen Indra. Ältere
+Erklärungsversuche des Wortes Gott verzeichnet Schade, Altdeutsches
+Wörterbuch 1², 342.
+
+[148] Die Runeninschrift von Kragehul (Dänemark) zeigt den Namen
+_asugisalas_ für _ansugisalas_ (an. _Ásgísl_); vgl. Noreen An. Gr.² S.
+260; in der Þrymskviþa 16 ist vielleicht _ǫ́sur_ für _ǫ́ss_ zu lesen,
+vgl. Symons, Die Lieder der Edda I, 1 S. XV.
+
+[149] Urverwandt ist aind. _devas_, gr. δῖος, lat. _divus_, air. _dia_.
+Die an. _díar_, welche beim Skald Kormak und in der Ynglingasaga
+begegnen, sind der irischen Sprache entlehnt, vgl. Bugge, Studien S.
+30. Wie sich der Dativ sing, _tívor_ in Vǫl. 32 zu dem Plur. _tívar_
+und dem dazu gehörigen Sing. _tír_ (Noreen, An. Grammatik² § 72 Anm.
+7) verhält, ist rätselhaft. Es wird ein Nom. Sing. _tívurr_, Gott,
+angesetzt.
+
+[150] Die Stellen, wo ausserdem im Ags. _meotudsceaft_ im Sinne von
+Verhängniss, Tod, vorkommt (im Crist 888 bedeutet es jüngstes Gericht),
+bei Grein, Ags. Sprachschatz 2, 240; über _regano_ und _metodogiscapu_
+vgl. Vilmar, Deutsche Altertümer im Heliand, 2. Ausg. Marburg 1862,
+S. 12 ff. u. 16; _metod_ als Richter erklärt Kauffmann, Beiträge 18,
+180 mit Hinweis auf gr. μεδέων und irisch _coimdiu_ aus *_com-mediu_
+„Richter“.
+
+[151] Diese Auslegung Odrerirs schlägt Bugge, Studien über die
+Entstehung der nordischen Götter und Heldensagen S. 563 f. vor.
+
+[152] Zum Alter der Vǫlospǫ́ en skamma vgl. Finnur Jónsson, Litteraturs
+historie 1, 204.
+
+[153] Über die Form des idg. _*di̯eu̯-_ _*dii̯eu̯-_ (zur Wurzel
+_dĭ̄u̯_) Brugmann, Grundriss der vergl. Grammatik d. idg. Spr. II S.
+451; an. _Týr_ < _Tieuȥ_ Noreen An. Gr.² § 68, 7; ags. _Tíƕ, Tíg_ zu
+erschliessen aus überliefertem _Tíƕes-Tigesdæg_, Sievers Ags. Gr.²
+§ 250, 1 Anm. 2; das Fries. gewährt _Tiesdi_, _Tisdei_, Richthofen,
+Afries. Wb. 1084; ahd. _Zio_, _Ziu_, aus überliefertem _Ziestag_,
+Graff, Ahd. Sprachschatz 5, 358, 361, mhd. _zîstag_, Lexer, Mhd. Wb.
+III 1136, schwäb. _zisteg_, _zeisteg_, Schmeller, Bair. Wb. II 1071. Zu
+den Verderbnissen in _zinstag_, _dingstag_, _dienstag_ Grimm, Deutsches
+Wb. II 1119, Andresen, ZfdA. 30, 415, Kluge, Etym. Wb. unter Dienstag.
+Ob die ahd. Glosse _ziu_, turbines hergehört? J. Grimm, Myth. 184
+erklärte „Wetter der Schlacht“ „Mars trux oder saevus“. In Deutschland
+sind keine Orts- oder Eigennamen mit Sicherheit auf Zio zurückzuführen.
+Ziolf Förstemann II, 1658 gehört nicht her. Über _Ciesburg Ciuuari_
+vgl. S. 205 Anm. _Teƕesley_ in England neben _Thursley_ (_Thunresléah_)
+und _Wanborough_ (_Wódenesbeorh_) weist vielleicht auf ags.
+_Tíƕesléah_; Kemble, the Saxons in England I, 351. Ganz anders erklärt
+Bremer (Indogerm. Forschungen 3, 301 f.) den Namen. Auf Grund von
+ags. _Tíƕ_, afries. _Tî_ an. _tífar_, mhd. _zîstac_ setzt er urgerm.
+_Tîƕaȥ_ = lat. _dívus_, aind. _dēva_, air. _dia_, lit. _dë̃vas_ in
+der Bedeutung „Gott, göttlich“ an. Ahd. _Zîo_ wurde zu _Zî_ und _Zio_
+(Braune Ahd. Gr. § 108 Anm. 2, § 43, Anm. 6). Ein Zusammenhang mit dem
+griech. lat. aind. Himmelsgott sei ausgeschlossen; vgl. auch Kögel,
+Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, S. 14 Anm.
+
+[154] Tac. Hist. IV 64 _igitur Tencteri, Rheno discreta gens, missis
+legatis mandata apud concilium Agrippinensium edi iubent, quae
+ferocissimus e legatis in hunc modum protulit: redisse vos in corpus
+nomenque Germaniae communibus deis et praecipuo deorum Marti grates
+agimus._
+
+[155] Tac. Germ 9 _Herculem ac Martem concessis animalibus placant._
+
+[156] Tac. Germ. 39 _vetustissimos nobilissimosque Sueborum Semnones
+memorant; fides antiquitatis religione firmatur. Stato tempore in
+silvam auguriis patrum et prisca formidine sacram omnes eiusdem
+sanguinis populi legationibus coeunt caesoque publice homine celebrant
+barbari ritus horrenda primordia. est et alia luco reverentia: nemo
+nisi vinculo ligatus ingreditur, ut minor et potestatem numinis prae se
+ferens. si forte prolapsus est, attolli et insurgere haud licitum: per
+humum evolvuntur. eoque omnis superstitio respicit, tanquam inde initia
+gentis, ibi regnator omniun deus, cetera subiecta atque parentia._
+
+[157] Tac. An. XIII, 57 _sed bellum Hermunduris prosperum, Chattis
+exitiosius fuit, quia victores diversam aciem Marti ac Mercurio
+sacravere, quo voto equi viri, cuncta viva occidioni dantur. et minae
+quidem hostiles in ipsos vertebant._ Zur Erklärung der Worte vgl. J.
+Grimm, Myth. 999 Anm.
+
+[158] Prokop, _bell. got. 2, 15_ von den Thuliten d. h. den
+Skandinaviern: θύουσι δὲ ἐνδελεχέστατα ἱερεῖα πάντα καὶ ἐναγίζουσι.
+τῶν δὲ ἱερείων σφισὶ τὸ κάλλιστον ἀνθρωπός ἔστιν, ὅνπερ ἄν δοριάλωτον
+ποιήσαιντο πρῶτον. τοῦτον γὰρ τῷ Ἄρει θύουσιν, ἐπεὶ θεὸν αὐτὸν
+νομίζουσι μέγιστον εἶναι.
+
+[159] Jord. Get. 5 _quem Martem Gothi semper asperrima placavere
+cultura. nam victimae eius mortes fuere captorum, opinantes bellorum
+praesulem aptius humani sanguinis effusione placandum. huic praedae
+primordia vovebantur, huic truncis suspendebantur exuviae._
+
+[160] Amm. Marc. XVII, 12 von den Quaden: _eductis mucronibus, quos pro
+numinibus colunt, iuravere se permansuros in fide._
+
+[161] Jord. Get. 35 _cum pastor quidam gregis unam buculam conspiceret
+claudicantem, nec causam tanti vulneris inveniret, sollicitus vestigia
+cruoris insequitur, tandemque venit ad gladium, quem depascens herbas
+incauta calcaverat, effossumque protinus ad Attilam defert. quo ille
+munere gratulatus, ut erat magnanimis, arbitratur se mundi totius
+principem constitutum et per Martis gladium potestatem sibi concessam
+esse bellorum._
+
+[162] Tac. Germ. 24 _genus spectaculorum unum atque in omni coetu idem.
+nudi iuvenes, quibus id ludicrum est, inter gladios se atque infestas
+frameas saltu iaciunt. exercitatio artem paravit, ars decorem, non in
+quaestum tamen aut mercedem: quamvis audacis lasciviae pretium est
+voluptas spectantium._ Vgl. Müllenhoff, Über den Schwerttanz (in den
+Festgaben für Gustav Homeier) Berlin 1872; weitere Litteratur gibt John
+Meier in Pauls Grundriss II 1, 835.
+
+[163] Tac. Germ. 10 _proprium gentis equorum quoque praesagia ac
+monitus experiri. publice aluntur isdem nemoribus ac lucis, candidi et
+nullo mortali opere contacti; quos pressos sacro curru sacerdos ac rex
+vel princeps civitatis comitantur hinnitusque ac fremitus observant.
+nec ulli auspicio maior fides, non solum apud plebem, sed apud
+proceres, apud sacerdotes; se enim ministros deorum, illos conscios
+putant._
+
+[164] Panzer, Beitrag zur deutschen Mythologie 1, 291. Chr. Petersen,
+Hufeisen und Rosstrappen im Archiv der schlesw.-holst.-lauenb.
+Gesellschaft für vaterländ. Geschichte Band 19, 194 ff.
+
+[165] Im November 1883 wurden zu Housesteads am Hadrianswall in England
+zwei Altäre und ein hoher giebelartiger Aufsatz gefunden mit bildlichen
+Darstellungen und Inschriften versehen. Die Reliefbilder sind durchaus
+römisch und so auszulegen. Eine mit Helm, Speer und Schild bewaffnete
+Kriegergestalt, zu ihrer Rechten ein Vogel, steht in der Mitte eines
+bogenförmigen Halbrunds. Auf beiden Seiten sind nackte Figuren mit
+Kränzen und Stäben angebracht. Es ist Mars mit der Gans und zwei
+Viktorien oder Eroten. Eine Beziehung auf germanische Vorstellungen,
+wie Hoffory in dem Relief des Aufsatzes sie findet, ist unstatthaft.
+Die Inschriften der Altäre lauten: _Deo Marti et duabus Alaisiagis et
+numinibus Augustorum Germani cives Tuihanti cunei Frisiorum Ver. Ser.
+Alexandriani v[otum] s[olverunt] l[ibenter] m[erito]. Deo Marti Thingso
+et duabus Alaesiagis Bede et Fimmilene et numinibus Augustorum Germani
+cives Tuihanti v. s. l. m._
+
+Hierzu vgl. die Abhandlungen von Hübner, Westdeutsche Zeitschrift
+3, 120, 287; Mommsen, Hermes 19, 232; Scherer, Sitzungsberichte der
+Berliner Akademie 1884, 571; Brunner, Zeitschrift der Savignystiftung
+(1884) 5, 226; W. Pleyte, mededeelingen d. kon. akad. van wetenschappen
+(afdeel. letterkunde) 3, 2, 110; F. Möller, Westd. Zeitschrift 5, 321;
+M. Ihm, Bonner Jahrbücher 1883, 173 ff.; R. Schröder, Rechtsgeschichte
+1, 17, 36; Hoffory, Gött. Nachrichten 1888, 426; Weinhold, ZfdPh. 21,
+1; Jäckel ebenda 22, 257; Hübner, Römische Herrschaft in Westeuropa,
+Berlin 1890, 57 ff.; Heinzel, Wiener Sitzungsberichte phil.-hist.
+Klasse Bd. 119, 50 ff.; Kauffmann, Beiträge 16, 200; Siebs, ZfdPh. 24,
+434 ff.
+
+[166] Die Glosse _Cyuuari suapa_ steht in der Wessobrunner Handschrift
+(Müllenhoff-Scherer, Denkm. 3. Aufl. II 1 f.) aus dem Ende des 8.
+Jahrh.; Laistner vermutet urspr.: _recia suapolant reciuuari suapa.
+Civitas Augustensis id est Ciesburc_, findet sich in einem alten
+Verzeichniss von Städtenamen der Germania prima Bouquet, recueil des
+historiens des Gaules et de la France II, 10; Bachlechner, ZfdA. 8,
+587; Chroniken deutscher Städte 4, 281 Anm. 7. Verwertet wurden die
+Schwaben als Ziuleute von J. Grimm, Myth. 180; Müllenhoff, Schmidts
+Zeitschr. 8, 247 und öfters. Zur Frage sehr beachtenswert L. Laistner,
+Württb. Vierteljahrshefte für Landesgeschichte N. F. 1892, 2 ff.
+
+[167] Germania 2 _celebrant carminibus antiquis, quod unum apud illos
+memoriae et annalium genus est, Tuistonem deum terra editum et filium
+Mannum originem gentis conditoresque. Manno tris filios assignant,
+e quorum nominibus proximi oceano Ingaevones, medii Herminones,
+ceteri Istaevones vocentur._ Bei Plinius hist. nat. 4. 99 _Germanorum
+genera quinque: Vandili, quorum pars Burgundiones, Varinnae, Charini,
+Gutones; alterum genus Ingvaeones, quorum pars Cimbri, Teutoni et
+Chaucorum gentes; proximi autem Rheno Istvaeones quorum pars Cimbri (l.
+Sigambri?); mediterranei Hermiones, quorum Suebi, Hermunduri, Chatti,
+Cherusci; quinta pars Peucini, Bastarnae supra dictis contermini
+Dacis._ Plinius, an welchen Tacitus wahrscheinlich sich anlehnt, weiss
+nichts von den Stammesheroen. In der um 520 verfassten fränkischen
+Völkertafel erscheinen aber _tres fratres, Erminus, Inguo el Istio_.
+Müllenhoff, Abhandlungen der Berliner Akademie 1862, S. 532 ff.
+
+[168] Zur Wortbildung von Tuisto oder Tuisco vgl. Brugmann, Grdr. II
+468 und 507; got. _tvis_ auseinander; mhd. _zƕis_, aisl. _tvisvar_
+2mal; ahd. _zƕisk_, _zƕiski_, zweifach; aisl. _tvistr_, zwiespältig;
+engl. _tƕist_ zweifädiger Strick; nhd. _zƕist_; gr. δίς, lat. _bis_
+< _duis_. Zur Auslegung Wackernagel ZfdA. 6, 19; Müllenhoff, ebenda
+9, 261. Schade, Altdeutsches Wörterbuch 2. Aufl. S. 974 f. weist auf
+mundartliches nhd. _tƕister_, „Zwitter“ hin.
+
+[169] Müllenhoff, über Tuisco und seine Nachkommen in der allgemeinen
+Zeitschrift für Geschichte, hrsg. von A. Schmidt, Bd. 8, 209 ff.;
+Scherer, Sybels histor. Zeitschrift, N. F. 1, 160; Müllenhoff, ZfdA.
+10, 562; ebenda 23, 1 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur
+I, 1, 13 ff.; Hoffory, Gött. gelehrte Anzeigen vom 1. März 1888 und
+Nachrichten der kgl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen 1888,
+No. 15; vgl. auch Hoffory, Eddastudien I Berlin 1889, 101 ff., 153 ff.;
+Ludwig Laistner, Germanische Völkernamen, in den württembergischen
+Vierteljahrsheften für Landesgeschichte, N. F. 1892, 1 ff Auch bei den
+meisten andern neueren Gelehrten tritt die hieratische Auslegung der
+germ. Völkernamen merklich zurück.
+
+[170] Runenlied 68.
+
+ _Ing ƕæs ærest mid Eastdenum
+ geseƕen secgun, oþ he siđđan est
+ ofer ƕæg geƕat, ƕæn æfter ran:
+ đus heardingas đone hæle nemdun._
+
+Heardingas ist nicht als Eigenname, sondern appellativ im Sinn von
+Helden, Männern zu fassen. J. Grimm, Myth. 316; Müllenhoff, ZfdA. 23,
+11. Eigennamen mit Ingu- sammelt Müllenhoff, ZfdA. 9, 250.
+
+[171] Müllenhoff, ZfdA. 7, 410 ff.; Müllenhoff, Beovulf, Untersuchungen
+über das ags. Epos und die älteste Geschichte der germanischen
+Seevölker, Berlin 1889, S. 6 ff.; Binz, Beiträge 20, 147 ff. Dass die
+Mythen von Skéaf auf Ingvo zurückgehen, führt Müllenhoff a. a. O. 11
+aus. Dem Göttermythus entstammt die spätere Sage vom Schwanritter, die
+nach den Niederlanden verlegt wurde.
+
+[172] Widukind 1, 12 nach dem Sieg der Sachsen über die Thüringer bei
+Scheidungen: _Mane autem facto ad orientalem portam ponunt aquilam,
+aramque victoriae construentes, secundum errorem paternum, sacra sua
+propria veneratione venerati sunt, nomine Martem, effigie columpnarum
+imitantes Herculem, loco Solem, quem Graeci appellant Apollinem. ex hoc
+apparet aestimationem illorum utcumque probabilem, qui Saxones originem
+duxisse putant de Graecis, quia Hirmin, vel Hermis graece, Mars
+dicitur; quo vocabulo ad laudem vel ad vituperationem usque hodie etiam
+ignorantes utimur._ Um die Stelle richtig zu verstehen, muss man erst
+Widukinds gelehrte Weisheit von Apollo, Hermis und Hercules absondern;
+hiezu Müllenhoff, Schmidts Zeitschrift 8, 242 ff.
+
+[173] Müllenhoff, Allgem. Zeitschrift f. Gesch. Hrsg. von Adolf
+Schmidt, Band 8, 268.
+
+[174] Über Týr vgl. Gylfag. Kap. 25, 34, 51. Hym. 5, Lokas. 38-40,
+Sigrdr. 6. _Týs áttungr_ heissen die Könige Egill Tunnadólgr und Sigurd
+jarl in der Ynglingasaga, Kap. 30 und der Haraldssaga Gráfelds, Kap. 6.
+Für Eigennamen und sonstige Zusammensetzungen, in denen Týr vorkommt,
+vgl. Sveinbjörn Egilsson, Lexicon poeticum 828.
+
+[175] Göttingische gelehrte Anzeigen 1891, S. 193 ff.
+
+[176] Stephens, aarböger for nordisk oldkyndighed og historie 1875, S.
+109 ff. Tyr auf Thor zu beziehen, wie H. Petersen, gudedyrkelse S. 97
+will, geht nicht an.
+
+[177] J. Grimm, Mythologie 182; Mogk, Pauls Grundriss I, 1055;
+Schmeller, Bayer. Wb. I, 127; im ags. Runenlied steht _tír_ und _ear_
+für das Zeichen ᛠ, W. Grimm, Über deutsche Runen, Göttingen 1821, Tafel
+III; _ziu_ im cod. Vind. 64, ebenda Tafel I, _aer_ im cod. Sang. 270,
+Tafel II.
+
+[178] In der Stammtafel der Ostsachsen begegnen die Namen
+_Seaxnéat_(Mars), _Gesecg_ und _Andsecg_ (Symmachus und Antimachus),
+_Sveppa_ (einer, der Getümmel anrichtet), _Sigefugel_ (siegverkündendes
+Zeichen), _Heđca_ und _Bedeca_ (viri caedis et stragis), alles
+Beiwörter eines und desselben Wesens: die Momente der Schlacht sind als
+Söhne des Kriegsgottes dargestellt. Müllenhoff, Schmidts Zs. f. Gesch.
+S, 249; ZfdA. 11, 291. Die Stammtafeln übersichtlich bei Grimm, Myth.
+3, 377 ff.; O. Haack, Zeugnisse zur aengl. Heldensage, Kieler Dissert.
+1893, 23 ff.
+
+[179] Den Volksnamen als einen ‚hieratischen‘ leiten J. Grimm, Myth.
+185, Müllenhoff, Schmidts Zeitschrift 8, 252, vom Gott ab; die oben
+vorgetragene Ansicht vertritt Laistner, württb. Vierteljahrshefte f.
+Landesgeschichte, N. F. 1892, S. 29.
+
+[180] Tac. Germ. 43 _apud Nahanarvalos antiquae religionis
+lucus ostenditur. praesidet sacerdos muliebri ornatu, sed deos
+interpretatione Romana Castorem Pollucemque memorant. ea vis numini,
+nomen Alcis, nulla simulacra, nullum peregrinae superstitionis
+vestigium; ut fratres tamen, ut juvenes venerantur_. Vgl. Myriantheus,
+Die Açvins oder arischen Dioskuren, München 1876. Müllenhoff, ZfdA. 12,
+346 ff. 30, 217 ff. Roediger, Zeitschrift des Vereins f. Volkskunde l,
+241 ff. Wolfskehl, German. Werbungssagen, Darmstadt 1893, S. 18 ff.
+
+[181] Tas. Germ. 40, _Reudigni deinde et Aviones et Anglii et Varini
+et Eudoses et Suardones et Nuithones fluminibus aut silvis muniuntur.
+nec quisquam notabile in singulis, nisi quod in commune Nerthum, id
+est terram matrem, colunt eamque intervenire rebus hominum, invehi
+populis arbitrantur. est in insula oceani castum nemus, dicatumque
+in eo vehiculum, veste contectum; attingere uni sacerdoti concessum.
+is adesse penetrali deam intellegit vectamque bubus feminis multa
+cum veneratione prosequitur. laeti tunc dies, festa loca, quaecumque
+adventu hospitioque dignatur. non bella ineunt, non arma sumunt;
+clausum omne ferrum; pax et quies tunc tantum nota, tunc tantum amata,
+donec idem sacerdos satiatam conversatione mortalium deam templo
+reddat. mox vehiculum et vestes et, si credere velis, numen ipsum
+secreto lacu abluitur. servi ministrant, quos statim idem lacus haurit.
+arcanus hinc terror sanctaque ignorantia, quid sit illud, quod tantum
+perituri vident._
+
+[182] Die Bedeutung des Namens ergibt sich aus den andern german.
+Sprachen. Freyr weist auf urgerm. _fraujaz_; neben der starken Form,
+welche der Göttername bewahrt, steht sonst die schwache, das Thema
+_fraujan_, im got. _frauja_ as. _frôio_ ags. _frígea_, daneben
+Ableitungen ohne j (Kluge, Nominale Stammbildungslehre der altgerm.
+Dialekte, Halle 1886, § 14) ags. _fréa_ as. _frô frao_ ahd. _frô_.
+Das Wort wird dem weltlichen Herrn, mit Vorliebe aber Gott beigelegt.
+Wulfila übersetzt κύριος damit. Vgl. Kluge, Etymol. Wb. unter „frohn“.
+Eine neue Deutung schlägt Kögel (ZfdA. 37, 272) vor. Der Göttername
+urgerm. _*Fraƕias_, an. _Freyr_ ist von dem adj. _fraƕa-_ froh, heiter,
+sanft abgeleitet, wie sanskrit Bhavya von Bhava. Nur diese Ableitung
+wird dem Wesen des Gottes, in dem die milde, wärmende Frühjahrssonne
+verkörpert ist, völlig gerecht. Dagegen ist got. _frauja_ Herr nebst
+dem entsprechenden Femin, ahd. _frouƕa_ (aus _frauƕjâ_) fern zu halten.
+_frauja_ ist eine Steigerungsform zu _*fraƕa_, ahd. as. _frô_ ags.
+_fréa_ Herr; dieses adj. _*fraƕa_ ist wurzelverwandt mit aind. _pûrva_
+der vordere, got. _fruma_ der erste. Der Gleichklang von _fraƕa_ froh
+und _fraƕa_-Herr beruht also auf Zufall.
+
+[183] Zu idg. _nertu-_ Fick, Vergleichendes Wb. d. idg. Sprachen I, 4.
+Aufl. 98, 503; Kauffmann, Beiträge 18, 145. Ältere Erklärungsversuche
+stellt Schade. Altd. Wb. I, 645 zusammen. Kögel, Gesch. d. deutschen
+Litt. I, 1, 22 und Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre 209 vergleichen
+Nerthus mit νέρτεροι, „die Unterirdischen“, νέρτατος u. Ä.
+
+[184] Über den Zusammenhang von Nerthus mit Njord-Freyr u. über die
+Wanen Uhland, Schriften 6, 150 ff.; 7, 494 ff. Müllenhoff, Schmidts
+Zeitschrift f. Gesch. 8, 227 ff.; Deutsche Alterthumskunde 5, 1, 39
+ff., 95 ff.; Weinhold. Über den Mythus vom Wanenkrieg, Sitzungsberichte
+der Berliner Akademie 1890, S. 611 ff. Spuren vom Wanenkrieg glauben
+Detter und Heinzel, Beiträge 18, 542 ff. in mehreren Erzählungen Saxos
+nachweisen zu können. Ganz anders erklärt H. E. Meyer, Völuspa. S. 93
+ff. den Wanenkrieg aus christlichen Vorstellungen.
+
+[185] Njord heisst _vananiđr_, _vanr_ Skáldsk. Kap. 6; Vafþm. 39,
+
+ In Wanaheim ward er von weisen Mächten geschaffen,
+ und als Geisel den Göttern gesandt;
+ doch dereinst wird er kehren am Ende der Welt
+ zu den weisen Wanen zurück.
+
+Freyr heisst _vaningi_ Skírn. 38; _vanaguđ_ Skáldsk. Kap. 7; Freyja
+_vanadís_ Gylfag. Kap. 35; Skáldsk. Kap. 20 _vanagođ_; ebenda Kap. 37
+_vanabrúđr_. Sonst steht der Ausdruck noch in der Ynglingasaga.
+
+[186] Im Heliand begegnet ein Adj. _ƕanum_, hell, glänzend, dazu
+Adv. _ƕanamo_ und Subst. _ƕanamî_. Vielleicht gehören dazu die ahd.
+Eigennamen _Wanine_, _Wanilo_, mit Umlaut _Wenilo_, _Wenila_. Ob
+_ƕänum_ oder _ƕânum_ anzusetzen ist, darüber gehen die Ansichten
+auseinander. Entweder gehören die nord. _vanir_ oder das an. _vænu_,
+schön dazu. Zum Wort J. Grimm, Gött. gel. Anz. 1831 n. 8, S. 74;
+Geschichte der ds. Spr. 653 f.; Vilmar, Deutsche Altertümer im Heliand,
+Marburg 1845, 17 ff.; Müllenhoff, Schmidts Zeitschr. 8, 240; Behaghel,
+Germania 21, 143; Sievers, Heliand S. 505 zu 168 u. S. 539 zu 5766. Aus
+den verwandten Sprachen bietet sich zum Vergleich _Venus_, _venustus_,
+sanskrit _vanas_, Reiz, Wonne. Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre,
+Strassburg 1894, S. 50 u. 53 zieht aind. _vanam_, Wasser heran, ags.
+_ƕos_ an. _vás_ (aus _ƕans_) Nässe und erklärt Vanir als Seegötter. Der
+altschwedische Seename _Væ̂nir_ stehe im Ablaut zu Vanir. Freyr und
+Njord als Seegötter wären teilweise wol zu verstehen.
+
+[187] Als Gylfis Verblendung (Gylfaginning) erzählt Snorri seine
+nordische Mythologie. König Gylfi wandert nach Asgard, um die Macht
+der Asen zu erkunden. Diese, welche seine Ankunft voraus wussten,
+machten ihm als Blendwerk eine hohe Halle vor. Von drei Männern auf
+drei Hochsitzen erhält Gylfi Belehrung über die gesamte Göttersage.
+Zum Schluss verschwand die Halle mit starkem Getöse und Gylfi sah sich
+plötzlich allein auf freiem Feld.
+
+[188] Über Freyr ausser den Skírnismǫ́l Lokas. 35-37; 42-44; Grímn. 5,
+43; Hyndl. 31; Sigurþarkv. skamma 24; Gylfag. Kap. 24, 34, 37, 43, 49,
+51; Skáldsk. Kap. 3.
+
+[189] Freys Goldhelm bei Munch, norr. gudesagn S. 11; Noreen,
+Uppsalastudier 207; Uhland, Schriften 6, 159 ff.
+
+[190] Über Njord Lokas. 34-36; Vafþr. 38, 39; Grímn. 16; Gylfag. Kap.
+23, 24; Bragar. Kap. 2.
+
+[191] Vatnsdœlasaga S. 80.
+
+[192] _Uppsalir_ sind die hohen, hochliegenden Säle, wie _Uppland_ die
+Hochlande. Dass damit eigentlich die Himmelssäle (vgl. _upphiminn_)
+gemeint seien, behauptet Noreen, fornnordisk religion, mythologi
+och teologi (Vortrag vom 9. März 1892) S. 8. _Freyr í Uppsǫlom_ sei
+eigentlich der Herr im Himmel und diese Bezeichnung verursachte die
+feste Anknüpfung des Freysdienstes an Uppsala in Schweden.
+
+[193] _Freys áttungr_ Ynglingasaga Kap. 33; Haralds saga hárfagra Kap.
+13; _Freys afspringr_ Ynglingasaga Kap. 23.
+
+[194] Vgl. die Hrafnkelssaga Freysgoða. Über das Ross Faxi
+Vatnsdœlasaga Kap. 34; über Eiðfaxi Landnáma III Kap. 8.
+
+[195] Þorðr Freysgoði Landnáma IV Kap. 10; die Freysgyðlingar ebenda
+IV Kap. 13 und V Kap. 15; zu Þorgrim Gisla saga Súrssonar hrsg. von K.
+Gislason S. 32 und 116. _Freys vinr_ heisst Sigurd in der Sigurþarkv.
+skamma 24; _Fréaƕine_ in den ags. Stammtafeln, _Froƕinus_ bei Saxo
+Gramm. und in ahd. Urkunden; vgl. J. Grimm, Myth. 192.
+
+[196] Aus dem Strassburger Blutsegen (Müllenhoff-Scherer, Denkmäler
+IV, 6), wo die Namen _Vro unde Lazakere_ in einer sonst verderbten
+Überlieferung vorkommen, entnimmt J. Grimm, Kl. Schriften 2, 48 eine
+Bestätigung des Frokultes; vgl. dazu MSD. II³ 52; Kögel, Gesch. d.
+deutschen Litt I, 1, 263 f., wo auch weitere unsichere Vermutungen über
+den Mythengehalt des Segens.
+
+[197] Vigaglúmssaga Kap. 9 u. 26.
+
+[198] Brandkrossa þáttr hrsg. von G. Þorðarson S. 59.
+
+[199] Hervararsaga, hrsg. von Bugge, S. 233 u. 332.
+
+[200] In der um 1330 auf Island verfassten ausführlicheren Olafssaga
+Tryggvasonar Flateyjarbók I. 337 ff.
+
+[201] In der ausführlichen Olafssaga Tryggvasonar Flateyjarbók I, 400
+ff.
+
+[202] Kristnisaga K. 6; Gudbrand Vigfússon, _biskupa sögur_ I 10.
+
+ _heldr getu vér at valdi,
+ vera munu bǫnd í londum,_
+ _geisar á međ ísi,
+ ásríki gný slíkum._
+ Var. (_allríkr Freyr [gný] slíkum._)
+
+Götter sind im Lande, der Fluss geht mit Eis; wir glauben, solchen
+Tosens walte der Asen Macht (Var. der allherrschende Freyr).
+
+[203] Haralds saga Hárfagra Kap. 16.
+
+ _úti vill jól drekka, ef skul einn ráđa,
+ fylkir framlyndi, ok Freys leik heyja._
+
+Der tapfere Fürst will draussen (auf Heerfahrt) das Julgelage und die
+Festzeit feiern. Man darf nicht übersetzen: Kampf erheben, _Freys leik_
+= _Hildar leik_, der Ausdruck steht parallel zu _jól drekka_. Vgl.
+Simrock, Myth. 5, 324; H. Petersen, om nordboernes gudedyrkelse og
+gudetro S. 88.
+
+[204] Hákonar saga góða Kap. 16; nach der späten isl. Bósasaga Kap. 12
+wird Freyjas Minne neben der Thors und Odins getrunken; natürlich liegt
+hier Verwechslung vor, eine Formel, die ursprünglich Thor, Odin und
+Freyr nannte, schwebt dem Verfasser vor.
+
+[205] Die Eidformel der Ulfljótslǫg nach Hauksbók und Melabók,
+Islendinga sögur I 258 u. 334; Ares Isländerbuch, hrsg. von W. Golther,
+Halle 1892, S. 32.
+
+[206] Vatnsdæla Saga in den Fornsögur, hrsg. von Guðbrandr Vigfüsson S.
+19, 22, 186, 190.
+
+[207] Hallfredarsaga Kap. 5; grosse Olafssaga Tryggvasonar Kap. 154.
+
+[208] Egils saga Skallagrimssonar Kap. 58.
+
+[209] Vafþr. 38 von Njord in einem allerdings vermutlich eingeschobenen
+Vers: _hofum ok hǫrgom, hann rǽþr-hundmǫrgom_. Ausser dem schwedischen
+und drontheimischen Haupttempel Freys sind auf Island die Ingimunds
+im Vatnsdal und Hrafnkells bekannt. Ortsnamen mit Frö und Njord in
+Schweden bei Lundgren, språkliga intyg om hednisk gudatro i Sverige,
+Göteborg 1878, S. 66 u. 74; in Norwegen bei O. Rygh, minder om guderne
+i norske stedsnavne im Anhang zur 2. Aufl. von Munch, norröne gude-
+og heltesagn. _Freville_, das 2 mal neben 10 maligem _Turville_ in
+der Normandie begegnet, weist auf Frö zurück; Petersen, nordboernes
+gudedyrkelse, S. 47.
+
+[210] Die Vígaglúms saga K. 19 berichtet von Vigfúss, der wegen
+Todschlags des Landes verwiesen wird. Da er trotzdem in Uppsalir
+bleibt, wird er zur vollen Acht verurteilt (_alsekr_). _en þvi skyldu
+eigi sekir menn þar vera, at Freyr leyfđi eigi, er hof þat átti er þar
+var._
+
+[211] Saxo I (Ausg. von P. E. Müller) S. 50 [Hadingus] _propitiandorum
+numinum gratia Frö deo rem divinam furvis hostiis fecit. quem
+litationis morem annuo feriarum circuitu repetitum posteris imitandum
+reliquit. Fröblod Sveones vocant._ Saxo VIII S. 383 _Sveonum fortissimi
+hi fuere: Ar, Backi, Keclu, Karll, Croc agrestis, Guthfast, Gummi
+e Gyslamarchia. qui quidem Frö dei necessarii erant et fidissimi
+numinum arbitri. Ingi quoque et Oly, Alver, Folki, patre Elrico nati,
+Ringonis militiam amplectuntur .... iidem quoque ad Frö deum generis
+sui principium referebant._ Saxo XI S. 278 _Starcatherus Sveonum fines
+ingreditur. ubi cum filiis Frö septennio feriatus, ab his tandem ad
+Haconem Daniae tyrannum se contulit, quod apud Upsalam sacrificiorum
+tempore constitutus effoeminatus corporum motus scenicosque mimorum
+plausus ac mollia nolarum crepitacula fastidiret._ Saxo III S. 120
+_Frö quoque deorum satrapa sedem haud procul Upsala cepit, ubi veterem
+litationis morem, tot gentibus ac seculis usurpatum, tristi infandoque
+piaculo mutavit. siquidem humani generis hostias mactare aggressus,
+foeda superis libamenta persolvit._ Nach Adam von Bremen 4, 27 stehen
+im Tempel zu Uppsala drei Götterbilder, Thor als der mächtigste in der
+Mitte, links und rechts Wodan und Fricco. _tertius est Fricco, pacem
+voluptatemque largiens mortalibus, cujus etiam simulacrum fingunt
+ingenti priapo; si nuptiae celebrandae sunt, (sacrificia offerunt)
+Fricconi._ Adams Fricco beruht auf einer Namensverwechslung mit Frigg.
+Saxo gibt die ostnordische Form _Frö_ für das westnord. _Freyr_,
+_Fröyr_, vgl. wn. _dröyma_, _dreyma_, _öy_, _ey_ zu on. _dröma, ö_;
+Noreen, Gesch. d. nord. Sprachen § 143 (in Pauls Grundriss I, S. 479).
+
+[212] Zur Erklärung des Namens Yngvefreyr und Ingunarfreyr Noreen,
+Uppsalastudier 223.
+
+[213] Munch, Das heroische Zeitalter der nord. germ. Völker, S. 20,
+Anm. 2. „Von dem Ing oder Ingwi haben vermutlich alle ingwinsche oder
+gotische Fürstengeschlechter ursprünglich ihre Herkunft abgeleitet,
+wie es auch nicht an Beispielen fehlt, dass der Name mehr als einem
+Geschlecht beigelegt worden ist.“
+
+[214] Lokas. 43-46; 56. _byggwir_ bedeutet Anwohner; Zusammensetzungen
+wie _hrein_-, _jarđbyggvir_ u. a. Sveinbjörn Egilsson, lex. poet.
+89; _beyggvir_ stellt man zu _beygja_, biegen. Die natursymbolische
+Auslegung bei Uhland Schriften 6, 96 (Bieger und Biegung sind
+Sommerlüfte, die nur leicht und schmeichelnd Gezweig und Halme biegen)
+und Müllenhoff, ZfdA. 7, 420 (Bieger und Buckel, Windgottheiten, die
+gleichmässige Senkung und Erhebung der Wellen andeutend) ist doch zu
+wenig begründet. Byggwir und Beyla sind nach Sievers, Beiträge 18, 583
+f. „Herr Gerstenkorn und Frau Bohne“, eine passende Dienerschaft des
+Fruchtbarkeit spendenden Freyr.
+
+[215] Skírnesǫ́l; daraus Gylfag. Kap. 37. Vgl. Uhland, Schriften 6, 417
+ff.; Niedner, ZfdA. 30, 132 ff.; Finnur Jónsson, Litteraturs historie
+I, 171 ff.
+
+[216] Zu Freys Kampf mit Beli vgl. die Vermutungen Detters in den
+Beiträgen 18, 89.
+
+[217] Die Svipdagsmǫ́l (Groogaldr und Fjǫlsvinsmǫ́l) nach Sijmons, die
+Lieder der Edda I. 196 ff. Vgl. Bugge, Danmarks gaml. folkeviser II,
+667 ff.; Bugge, forbindelsen mellem Grógaldr og Fjölsvinnsmál oplyst
+ved sammenligning med den dansk-svenske folkevise om Sveidal (forhandl.
+i videnskabs-selsk. i Christiania 1860); Bugge, norrœn fornkvæði,
+Christiania 1867, S. 352 ff.; 445ᵃ. Zur mythischen Grundlage,
+Müllenhoff, ZfdA. 30, 219. Zum Liede Finnur Jónsson, Litteraturs
+historie, I, 217 ff.
+
+[218] Noreen, Uppsalastudier 208 ff. sucht in mythischen Königssagen
+der Schweden einen Nachklang der von ihm anders ausgelegten Göttersage:
+der Sonnengott (Freyr, Skirner, Suipdagr, Vanlandi, d. h. der aus dem
+Vanenlande, Vísburr) besiegt einen winterlichen Riesen (Frosti, den
+Frost, oder den Nordsturm Þiazi, Beli), aber nimmt ein Weib aus ihrem
+Geschlecht, das Nordlicht (Gerðr, Menglǫð, Skiǫlf) oder die glänzende
+Schneetrift (Drífa) oder den Nordwind (Skaði), doch nur indem er seine
+eigenen Gaben, den Sonnenstrahl (das Schwert oder das Halsband) dafür
+fahren lässt. Dadurch verfällt er dem Tod. Die geistvollen Deutungen
+Noreens haben fast durchweg den Fehler, dass sie allzu einseitig auf
+Etymologie begründet sind und daher keine sichere Gewähr besitzen.
+
+[219] Über Njord und Skadi Bragar. Kap. 2; Gylfag. Kap. 23.
+
+[220] Über Hading und Regnild Saxo I S. 50 ff. Das Gedicht lautet:
+
+ _Hadingus:_ _Quid moror in latebris opacis,_
+ _collibus implicitus scruposis,_
+ _nec mare more sequor priori?_
+ _eripit ex oculis quietem_
+ _agminis increvitans lupini_
+ _stridor et usque polum levatus_
+ _questus inutilium ferarum_
+ _impatiensque rigor leonum._
+ _tristia sunt iuga vastitasque_
+ _pectoribus truciora fisis._
+ _officiunt scopuli rigentes_
+ _difficilisque situs locorum_
+ _mentibus aequor amare svetis._
+ _nam freta remigiis probare,_
+ _officii potioris esset,_
+ _mercibus ac spoliis ovare,_
+ _aera aliena sequi locello,_
+ _aequoreis inhiare lucris,_
+ _quam salebras nemorumque flexus_
+ _et steriles habitare saltus._
+
+ _Regnild:_ _me canorus angit ales immorantem littori_
+ _et soporis indigentem garriendo concilat._
+ _hinc sonorus aestuosae motionis impetus_
+ _ex ocello dormientis mite demit otium,_
+ _nec sinit pausare noctu mergus alte garrulus,_
+ _auribus fastidiosa delicatis inserens,_
+ _nec volentem decubare recreari sustinet,_
+ _tristiore flexione dirae vocis obstrepens._
+ _tutius sylvis fruendum dulciusque censeo._
+ _quis minor quietis usus luce, nocte carpitur,_
+ _quam marinis immorari fluctuando motibus._
+
+
+[221] Die Sage von Frodi Skáldsk. Kap. 8; Frotho bei Saxo Buch II,
+Frotho III Buch V, Fridlev Buch VI; über Fruote M. Haupt, Vorrede zum
+Engelhart S. XI f. Vgl. W. Müller, ZfdA. 3, 43; Munch, das heroische
+Zeitalter der nordgerman. Völker, Lübeck 1854, S. 33 ff.; Uhland,
+Schriften I, 99 ff.; 495 ff. Die Namen in den ags. Stammtafeln J.
+Grimm, Myth. 3, 386 ff.
+
+[222] Wenn, wie Kögel ZfdA. 37, 272 behauptet, der Gottname Frawias
+vom Appellativum got. _frauja_, ahd. as. _frô_, ags. _fréa_ zu trennen
+ist, dann machen allerdings die mit Frôi-, Frewi- zusammengesetzten
+deutschen Eigennamen den Kult des Frawias wahrscheinlich. Der an.
+Freygerð begegnet die deutsche Frewigarda. Die Eigennamen (Förstemann,
+Namenbuch 1, 414 ff.) weisen auf die Sitte, nach dem Gotte Kinder zu
+benennen.
+
+[223] Der Name lautet ahd. _Donar_, as. _Thunaer_(im sächs.
+Taufgelöbniss MSD. Nr. LI, Braune ahd. Lesebuch Nr. XXXXV), ags.
+_þunor_. An. ist _þórr_ überliefert; das Metrum verlangt für die
+älteren Lieder die unverkürzte Form _þonarr_, Sijmons, Edda I, XXIV;
+der Dativ _þonre_ wurde zu _þóre_, durch Formausgleich drang die
+einsilbige Form auch in die andern Kasus; Noreen, An. Gr.² § 239, 3;
+294, 2. Der german. Grundform _þunaraȥ_ entspricht genau der keltische
+_Tanaros_ (aus der Weihinschrift _Jovi Tanaro_ zu erschliessen).
+Bei Kelten und Germanen scheint gleichmässig die Vorstellung eines
+besonderen Donnergottes entstanden zu sein, während der alte
+Himmelsgott, von den Römern durch Mars wiedergegeben, wesentlich die
+kriegerische Thätigkeit ausübte; vgl. Much, ZfdA. 35, 372 ff.
+
+[224] Ahd. _donarestag_, bei Notker _toniristag_; ags. _þunres dæg_,
+aengl. _þunres dai_, zu _þors- þurs- Thursday_ weiter entwickelt;
+an. _þorsdagr_. Belege zu den Formen der einzelnen german. Sprachen
+und Mundarten gibt Grimm, Myth. 112 ff. DWB. 2, 1252. So zahlreich
+die nord. Eigennamen auf _þórr_ sich darbieten, aus Deutschland sind
+nur _Donarpreht_, _Donarad_, _Albthonar_ (Förstemann, Altdeutsches
+Namenbuch 1199) nachweisbar. In wie weit die Ortsnamen _Donarsberg_ in
+der Rheinpfalz und in Hessen, _Donarsfeld_, _Donarsreut_ (Förstemann,
+Altd. Namenbuch II² Ortsnamen S. 1456) mit dem Gott zusammenhängen,
+ist zweifelhaft. In England weist Kemble, the Saxons I 347 in Surrey
+_þunresfeld_, in Essex _þunresléah_ nach. Über einen alten _Donarsberg_
+in Schwaben bei Nordendorf, dem vielleicht Kultbedeutung eignete, vgl.
+Henning, Die deutschen Runendenkmäler S. 93.
+
+[225] Auf Inschriften, welche von Batavern herrühren, begegnet zum
+Namen Hercules ein germanisches Beiwort: _Herculi magusano_ (3 mal)
+_macusano_ (2 mal) _magusan_ (2 mal). Es scheint eine aus einem german.
+Dativ _magusani_ latinisierte Form. Ein german. Verbaladjectiv zu
+_magan_, vermögen, kräftig sein, liegt zu Grunde: _magusô magusê_, Dat.
+_magusani_. Der „starke“ Hercules ist Donar, im Nord, als _þrúþugr
+áss_ starker Gott, und Vater des _Magni_ (der Kraft) bezeichnet. Vgl.
+Kauffmann, Beiträge 14, 554 ff. v. Grienberger, Beiträge 19, 527 stellt
+_magusanus_ zu kelt. _magos_ Feld und leugnet Beziehung zu Magni und
+überhaupt zum deutschen Donar. Dass _Hercules saxanus_, den man oft
+als germanische Gottheit auffasste, römisch war, erweist E. H. Meyer,
+Beiträge 18, 106 ff.; das latein. Beiwort begegnet auch bei der _bona
+dea subsaxana_ am Aventin.
+
+[226] Ausser dem _dies Jovis_ wird Juppiter zur Übersetzung von Donar
+verwendet in der Vita Bonifacii (MG. 2, 343). _quorum consultu alque
+consilio arborem quandam mirae magnitudinis, quae prisco paganorum
+vocabulo appellabatur robur Jovis, in loco, qui dicitur Gaesmere,
+servis dei secum astantibus, succidere tentavit. cumque mentis
+constantia confortatus arborem succidisset, magna quippe aderat copia
+paganorum, qui et inimicum deorum suorum intra se diligentissime
+devotabant, sed ad modicum quidem arbore praecisa confestim immensa
+roboris moles, divino desuper flatu exagitata, palmitum confracto
+culmine, corruit, et quasi superni nutus solatio in quatuor etiam
+partes disrupta est, et quatuor ingentis magnitudinis aequali
+longitudine trunci, absque fratrum labore astantium, apparuerunt. quo
+viso prius devotantes pagani etiam versa vice benedictionem domino
+pristina abjecta maledictione credentes reddiderunt. tunc autem summae
+sanctitatis antistes consilio inito cum fratribus ex supradictae
+arboris materia oratorium construxit, illudque in honore S. Petri
+apostoli dedicavit._ In den Briefen des Bonifacius (Nr. 25 vom Jahr
+723) wird ein _presbyter Jovi mactans_ erwähnt. In Radperts Lobgesang
+auf den heiligen Gallus wenden die Bekehrer die Bewohner von Tuggen am
+Züricher See vom Donarsdienste ab: (MSD. XII, 3)
+
+ _Castro de Turegum adnauigant Tucconium._
+ _docent fidem gentem: Jouem linquunt ardentem._
+
+Im _indiculus superstitionum et paganiarum_ (Heyne, Ands. Denkm. Nr.
+IX) ist die Rede von Wodans- und Donarsopfern: _de sacris Mercurii vel
+Jovis_; _de feriis quae faciunt Jovi vel Mercurio_. Für die Franken
+ist der _sermo s. Eligii_ († 659) wichtig: _nullus diem Jovis absque
+festivitatibus sanctis nec in majo nec ullo tempore in otio observet_.
+Grimm, Myth. 3, 402. Über neuen Donnerstags-Aberglauben Wuttke,
+Aberglaube § 70.
+
+[227] Tac. Germ. 3 _fuisse apud eos et Herculem memorant, primumque
+omnium virorum fortium ituri in proelia canunt_. -- Germ. 9 _Martem
+et Herculem concessis animalibus placant._ -- Ann. 2, 12 _Caesar
+transgressus Visurgim indicio perfugae cognoscit delectum ab Arminio
+locum pugnae; convenisse et alias nationes in silvam Herculi sacram._
+Nach Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 17 heisst Donar
+wegen seiner Beziehung zur Schlacht, als _primus fortium virorum, *
+Wihuȥ_ (ahd. _Wigur_, an. _Véorr_) der Kämpfer. Anders erklärt Noreen,
+Arkiv for nord. filologi 6, 306 den Namen, s. unten S. 251 Anm. 2.
+
+[228] Gaismar könnte „Sprudelquell“ (zu _*gîsan_, _gais_ und _mari_),
+den hl. See, Opferquell oder Opfersumpf bei der Göttereiche bedeuten;
+vgl. J. Grimm. Geschichte der deutschen Sprache 578; Arnold,
+Ansiedlungen und Wanderungen deutscher Stämme, Marburg 1877, S. 114 f.
+
+[229] Auf der Nordendorfer Spange, etwa aus dem 7. Jh. stammend, stehen
+die Runen
+
+ LOGAÞORE ᛚᛟᚷᚧᛟᚱᛖ
+
+ WODAN ᚹᛟᛞᚨᚿ
+
+ L ᛚ
+ WIGIÞONAR ᚹᛁᚷᛁᚧᛟᚾᚨᚱ
+
+Die Götternamen Wodan und Þonar, bei welch letzterem nur das
+übergeschriebene L Bedenken erregt, dürfen der Gewandspange des
+alemannischen Gräberfeldes wol bestimmt zugewiesen werden. Offenbar
+wird ihre Hilfe zu irgend einer feierlichen Handlung erfleht. _ƕîgi_
+ist Imperativ zu *_ƕîgian_, weihen, also Þonar, weihe, heilige! *_lôga_
+stf. meint Einsetzung, Verheiratung; afries. _logia_ verheiraten,
+*_þoren_ (an. _þora_) bedeutet ereilen, ersiegen. Man denke an den
+Brauch der Raubehe, die dem kriegerischen Wodan unterstellt gewesen
+sein mag, an den Wettlauf um die Braut u. dergl. „Die Heirat ersiege,
+Wodan, weihe, Donar!“ Ein alter feierlicher Hochzeitswunsch würde auf
+einer Gewandspange, einem passenden Hochzeitsgeschenk sich sehr wol
+ausnehmen. Darum verdient Hennings Erklärung immerhin den Vorzug, wenn
+gleich ein sicheres und unzweifelhaftes Ergebniss damit nicht erreicht
+ist. Zur Nordendorfer Spange Dietrich, ZfdA. 14, 75 f.; C. Hofmann,
+Sitzungsberichte der Münchener Akademie 1866 Band 2, 138 ff., 207 f.
+Stephens, runic monuments I, 574 ff.; III, 157; Henning, Die deutschen
+Runendenkmäler, Strassburg 1889, S. 87 ff. Über die gefälschte
+Runenschrift WODANAHAILAG auf der Spange von Kehrlich bei Andernach
+Henning, a. a. O. 156.
+
+[230] Kemble, Salomon and Saturnus, London 1848, S. 177 sieht
+mythologischen Nachklang im Kampf der Gottheit mit dem Teufel, „_se
+đunor hit đrysceđ mid đære fýrenan æcxe_“ der Donner zerschmettert ihn
+mit feuriger Axt. Wol liegt ein anschauliches Bild diesen Worten zu
+Grunde, der Donner wirft ein Geschoss nieder. Aber es ist fraglich, ob
+wir es mit einer poetischen Vorstellung, oder mit einer Erinnerung an
+den Hammer werfenden Gott zu thun haben. Im Sinne Kembles entscheidet
+auch Stephens, Aarböger f. nord. oldkyndighed 1883, S. 348 f.
+
+[231] _đunurrád_, Donnerfahrt (ags. _râd_, an. _reiđ_, ahd. _reita_,
+Wagen, Fahrt, Ritt) wird Psalm 103, 7 _tonitruum (a voce tonitrui
+tui, from stefne đunurrâde)_ übersetzt; Stevenson in publications of
+the Sursee society 1844, II, 14. Dem ags. _Thunorrád_ vergleicht sich
+norweg. _Thorsreia_ J. Grimm, Myth. 3, 62. _Thunorrád_ stellt J. Grimm,
+Grammatik 3, 353 zu schwed. _åska_ = _ås-aka_, Asenfahrt. Wenn im
+Exeterbuch der Blitz „_rynegiestes wæpn_“ heisst, so darf das nicht als
+Waffen des Wagongottes (Kemble, the Saxons in England 1, 347) ausgelegt
+werden. Die Stelle bezeugt nur, dass der Blitz als die Waffe eines
+persönlich gedachten Gewitterherrn gedacht wurde. Zu _rynegäst_ Grein,
+Glossar 2, 386, der an profluvii hospes, Herr des Gewitterregens denkt.
+
+[232] Bei den Ditmarschen sagt man: _nu faert de Olde all wedder da
+baƕen unn haut mit syn Ex anne Räd_; Müllenhoff, Sagen, Märchen und
+Lieder aus Schleswig-Holstein und Lauenburg Nr. 480. Ebenda S. 447 ein
+Riese mit einem von Böcken gezogenen Wagen. Was aus späterem Brauch und
+Glauben hergehört, verzeichnet E. H. Meyer, Myth. S. 205.
+
+[233] Vgl. Scherer, Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1885, 577
+ff. Müllenhoff-Scherer, Denkmäler, 3. Aufl., bes. von Steinmeyer II
+300 f. Da weder Text noch Auslegung und Beziehung auf die Mythologie
+sicher sind, verzichte ich auf die Anführung und verweise hiefür auf
+die Denkmäler und auf Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1,
+266.
+
+[234] Vgl. besonders Henry Petersen, om Nordboernes gudedyrkelse og
+gudetro i hedenold. Kjöbenhavn 1876.
+
+[235] Thorsbilder in der Olafssaga Tryggvasonar (der Heimskringla) Kap.
+76; Njálssaga Kap. 89; Olafssaga Tryggvasonar (Fornmanna sögur) Kap.
+203; Adam von Bremen 4, 26; Hallfreðarsaga Kap. 6. Flateyjarbók 1, 320
+beschreibt das Thorsbild im drontheimischen Haupttempel also: Thor sass
+in der Mitte als der meist geehrte. Er war gross und ganz mit Gold und
+Silber geschmückt. Thor sass im Wagen, der war sehr prächtig. Zwei wol
+gebildete Böcke aus Holz waren davor gespannt. Wagen und Böcke gingen
+auf Rädern. Die Hörner der Böcke waren mit Silber überzogen. Alles war
+mit wunderbarer Geschicklichkeit gemacht.
+
+[236] Über die Personen- und Ortsnamen, die aus Götternamen gebildet
+wurden, Henry Petersen, om Nordboernes gudedyrkelse og gudetro S.
+38 ff.; für Schweden Lundgren, språklig intyg om hednisk gudatro i
+Sverige, Göteborg 1878; für Norwegen O. Rygh in Munchs norröne gude-ok
+heltesagn, ny udgave Christiania 1880. Selbst in der Normandie sind
+noch heute 10 _Turville_ und 2 _Freville_ d. h. Thorstad und Freystad
+nachzuweisen, Petersen a. a. O. 47 nach dem itinéraire de la Normandie,
+Caen 1828. Die Häufigkeit der Anwendung von Thor und Freyr steht da
+etwa im selben Verhältniss wie auf Island.
+
+[237] Eyrbyggjasaga Kap. 3 und 4, 7 und 10; Landnáma II Kap. 12. Vgl.
+Maurer, die Entstehung des isl. Staates S. 211 ff.
+
+[238] Landnáma III K. 12.
+
+[239] Landnáma III K. 7.
+
+[240] Landnáma V K. 2.
+
+[241] Vígaglúmssaga K. 9.
+
+[242] Olafssaga Tryggvasonar des Oddr K. 69; jüngere Saga K. 252, 253,
+255.
+
+[243] Gudbrand Vigfússon, corpus poeticum boreale II, 2 ff.
+
+[244] Hym. 11 _vinr verliþa_, _Veorr heiter sá. véorr_ erklärt
+Noreen, Arkiv f. nordisk filologi 6, 306 ff., an. Grammatik² §127 aus
+*_vé-vǫrđr_ Wächter des Heiligtums. Nach Kögel, Gesch. d. deutschen
+Litteratur I, 1, 17 stammt _Véorr_ aus urgerm. _Wihuȥ_ der Kämpfer.
+Donar ist der erste Held (_Hercules primus fortium virorum_); vgl.
+S. 244 Anm. 1. Die folgende Darstellung hauptsächlich nach Petersen
+a. a. O. 50 ff. Auf dem Virringstein in Jütland stehen die Worte ÞUR
+UIKI ÞISI KUML, auf dem Glavendrupstein in Fühnen ÞUR UIKI ÞASI RUNAR.
+Abbildungen der Hämmer Petersen 52, 53, 54; vgl. auch 75, 76, 78 kleine
+Hämmer als Schmuckgegenstände.
+
+[245] Þrymsk. 30; dem Gebrauch des Hammers zur Brautweihe kommt nach E.
+H. Meyer, Germ. Myth. S. 212/3 nicht rechtliche, vielmehr phallische
+Bedeutung zu.
+
+[246] Bósa Kap. 12.
+
+[247] Faye, norske folkesagn, Christiania 1844, S. 3.
+
+[248] Hákonarsaga góða K. 18.
+
+[249] Saxo XIII S. 236 _inusitati ponderis malleos, quos ioviales
+vocabant ... prisca virorum religione cultos ... cupiens enim
+antiquitas tonitruorum causas usitata, rerum similitudine
+comprehendere, malleos, quibus coeli fragores cieri credebat, ingenti
+aere complexa fuerat._ Weihe des Holzstosses Gylfag. K. 49.
+
+[250] Hammerwurf im deutschen Recht J. Grimm, Rechtsaltertümer S. 64.
+
+[251] Über den Thorsdag als Gerichtstag Petersen, Gudedyrkelse 67
+ff.; auch in Deutschland haften heilige Bräuche am Donnerstag,
+Grimm, Deutsches Wörterb. 2, 1252; H. E. Meyer, Myth. § 291. In der
+Vígaglúmssaga Kap. 25 legt Glúmr einen feierlichen Reinigungseid ab:
+_vinn ek hofseiđ; at baugi ok segi ek þat æsi._
+
+[252] Der Name Þormóðr wird Asmóðr gleich gesetzt Landináma 5, 10 S.
+307.
+
+[253] Dudo, _de moribus et actis Normannorum_ I, 1 (in den mémoires
+de la société des antiquaires de Normandie Band 23, 1858, S. 129
+f.) _in expletione suarum expulsionum atque exituum sacrificabant
+olim venerantes Thur, deum suum. cui non aliquod pecudum neque
+pecorum, nec Liberi patris nec Cereris litantes donum, sed sanguinem
+mactabant humanam, holocaustorum omnium putantes pretiosissimum; eo
+quod, sacerdote sortilego praedestinante, iugo boum una vice diriter
+icebantur in capite; collisoque unicuique singulari ictu sorte
+electo cerebro, sternebatur in tellure, perquirebaturque levorsum
+fibra cordis, scilicet vena. cuius exhausto sanguine ex more suo sua
+suorumque capita linientes, librabant celeriter navium carbasa ventis,
+illosque tali negotio putantes placare, velociter navium insurgebant
+remis_.
+
+[254] Roman de Rou hrsg. von Andresen Bd. II 3915
+
+ _De sa gent ou il ert enmie,
+ poinst le cheual, criant „Toirie“_.
+
+Ob man, wie es früher geschah, in dem hs. _Cuire Tuirie_ eine
+Verderbniss des Schlachtrufes _„Tur aie“_ annehmen darf, ist
+zweifelhaft. Andresen versteht darunter einen Ortsnamen Thury.
+
+ _Un deu soleient aurer_, Bd. I 192
+ _qu’il soleient Tur(c) apeler;
+ mult l’amoent, mult s’i fioent,
+ humes uis li sacrefioent,
+ del sanc de l’ume s’arosoent._
+
+Die Stelle ist aus Dudo entnommen.
+
+Über den bösen Geist _Toret_ Bd. II 4591 ff.
+
+ _Plusors distrent por uerite,
+ que un diable aueit priue,
+ ne sai s’esteit luitun ou non,
+ ne quel iert ne de quel façon.
+ Toret se faiseit apeler
+ e Toret se faiseit nomer.
+ quant Maugier parler i uoleit,
+ Toret apelout si ueneit;
+ plusors le poeient oir,
+ mais nul d’els nel poeit choisir._
+
+Maugier kommt durch Ertrinken ums Leben. Seinen Tod weiss er voraus.
+Offenbar liegt eine alte Sage zu Grund, die von einem Verkehr zwischen
+Thor und einem seiner Freunde erzählte.
+
+[255] Jüngere Olafssaga helga K. 72.
+
+[256] Olafssaga Tryggvasonar, Flateyjarbók 1, 283.
+
+[257] Olafssaga helga, Flateyjarbók 2, 184.
+
+[258] Ältere Olafssaga helga K. 33-8; jüngere Olafssaga K. 107-8.
+
+[259] Adam von Bremen 4, 26 sagt vom Uppsalatempel: _in hoc templo,
+quod totum ex auro paratum est, statuas trium deorum veneratur populus,
+ita ut potentissimus eorum Thor in medio solium habeat triclinio,
+hinc et inde locum possident Wodan et Fricco. quorum significationes
+eiusmodi sunt: Thor, inquiunt, praesidet in aere, qui tonitrus et
+fulmina, ventos imbresque, serena et fruges gubernat. alter Wodan, id
+est furor, bella gerit, hominique ministrat virtutem contra inimicos.
+tertius est Fricco, pacem voluptatemque largiens mortalibus. cuius
+etiam simulacrum fingunt ingenti priapo. Wodanem vero sculpunt armatum,
+sicut nostri Martem sculpere solent. Thor autem cum sceptro Iovem
+simulare videtur. 4, 27 si pestis et famis imminet, Thor ydolo lybatur,
+si bellum Wodani, si nuptiae celebrandae sunt, Fricconi._
+
+[260] Eiríks saga rauđa K. 13; Þorfinns saga Karlsefnis K. 14.
+
+[261] Hárbarþsljóþ; die mythologische Erklärung Uhlands (Schriften 6,
+52 ff.) ist bei diesem Lied ganz verfehlt. Es hebt sich auf sozialem
+Hintergrund ab, vgl. Liliencron, ZfdA. 10, 180 ff.; Niedner, ZfdA. 31,
+217 ff. Finnur Jónsson, Litteraturshistorie 1, 148 ff.; aarböger f.
+nord. oldkyndighed og historie 1888, 139 ff.
+
+[262] Grímn. 29.
+
+[263] Gautrekssaga in den Fornaldur sögur III 32 ff.; die Sage in ihrer
+überlieferten Fassung ist jung und gehört wol ins 14. Jahrh., aber
+Starkads Geschichte ist alt und vermutlich auch der Zug, dass er in
+Odins Gunst, in Thors Abgunst stand. Über Starkads Reckentum Uhland,
+Schriften 6, 101 ff.; 7, 242 ff. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5,
+301 ff.
+
+[264] Flóamannasaga Kap. 20 u. 21.
+
+[265] Jüngere Olafssaga Tryggvasonar K. 145-146; K. 148.
+
+[266] Njálssaga K. 102.
+
+[267] Jüngere Olafssaga K. 203.
+
+[268] Finn Magnusen, Lexicon myth. S. 651 Anm. _Var ikke Torden, lagde
+Trolde verden öde_.
+
+ _Var ei Torden og haarde stöd
+ da lagde Trolde verden öd._
+
+
+[269] Ausführliche Olafssaga Tryggvasonar K. 213 (Fornmannasögur 2,
+182).
+
+[270] _Bilskirnir_, der einen Augenblick (_bil_) leuchtende
+(_skirnir_), der Blitz. Thor hiess als Gewittergott Herr des Blitzes,
+_gramr_, _stýrandi bilskirnis_ vgl. SE. I 252, 256; _bilskirnir_ später
+als Eigenname gefasst ergab aus der erwähnten Verwendung „Bilskirnirs
+Beherrscher“ leicht örtlichen Begriff; vgl. Noreen, fornnordisk
+religion S. 6.
+
+[271] Über Sif Hárb. 48; Lokas. 53, 54; Skáldsk. Kap. 3. Uhlands
+Auslegung (Schriften 6, 45): „Sif die schönhaarige Göttin ist das
+Getreidefeld, dessen goldener Schmuck im Spätsommer abgeschnitten,
+dann aber von unsichtbar wirkenden Erdgeistern wieder neu gewoben
+wird“ -- ist nicht begründet. Zu Sifs Haar vgl. den Pflanzennamen
+(adiantum) _capillus Veneris_, Frauenhaar, Marienhaar bei J. Grimm,
+Myth. 280; Blaas, Germania 23, 155 ff. Zur oben vorgetragenen Ansicht
+E. H. Meyer, Germ. Myth. S. 204; Noreen, fornnordisk religion S.
+6. Dass Sif Snorra Edda I 585 unter den Namen der Jord steht, darf
+nicht zu so weitgehenden mythologischen Deutungen missbraucht werden.
+Einmal Fagrskinna 65, 1 heisst eine Riesin Sif. In der neuisländischen
+Volkssage (Jón Árnason, Þjoðsögur íslenzkar I 216) ist Sifa ein
+Trollenweib. Schwerlich gehört die Riesin irgendwie zu Thors Frau.
+Dass Sif in die Zeit der späteren, allegorischen Namengebung falle und
+keine Verehrung beim norwegischen Volke genoss, sagt auch Mogk, Das
+angebliche Sifbild im Tempel zu Gudbrandsdalir, Beiträge 14, 90 f.
+
+[272] _Magna faþer_ Hárb. 9, 53; vgl. Skáldsk. Kap. 1; Vafþr. 51; Hym.
+35 _faþer Móþa. Meili_ Hárb. 9 und beim Skald Thjodolf in der Haustlong
+(SE. I 278).
+
+[273] Jǫrþ Gylfag. Kap. 9 und 36; Fjǫrgyn Vǫl. 56; Hárb. 56; Fjǫrgynn
+als Beiname Odins Lokas. 26; Gylfag. Kap. 9. Zu Grunde liegt ein
+german. Adj. _*ferguniaȥ_, _*ferguniô_ zu _*fergu-_, idg. _perqunios_
+zu _perqu-_, lat. _quercus_. Vgl. aind. _Parjanya_; kelt. erkunia,
+griech. ἑρκύνιος δρυμός der Eichwald. Gemeint ist die Gottheit, die im
+Eichwald haust, im Eichwald verehrt wird. Man denke an die Donarseichen
+und an Ζεὺς φηγοναῖος. Himmel und Erde, das uralte Götterpaar, bei den
+Germanen im Eichwald verehrt, ist mit den im Nordischen erhaltenen
+Beinamen gemeint. Thor als Sohn der Erde dürfte jüngeren Ursprungs
+sein und ist erst nach der Lostrennung von Tiuȥ möglich. Vgl. H. Hirt,
+Indogerm. Forschungen I 479 ff. Dass Hlóþyn Vǫl. 55 nicht Thors,
+sondern Widars Mutter ist, behauptet Kauffmann, Beiträge 18, 135 ff.
+
+[274] Hym. 11 _vinr verliþa_; 18 _brjótr bergdana_; 19 _þurs ràþbane_;
+14 _gýgjar grøtir_; 23 _orms einbane_; in der _Húsdrápa banda vinr_,
+bei Egill _landáss_; weiteres sammelt Gudbrand Vigfusson, corpus II 464.
+
+[275] Saxo II S. 71 Regnerus sagt: _se, Thor deo excepto, nullam
+monstrigenae virtutis potentiam expavere, cujus virium magnitudini
+nihil humanarum divinarumque rerum digna possit aequalitate conferri_.
+Der Sinn ist: Regner sei ebenso unerschrocken gegen alle dämonischen
+Wesen wie der unvergleichliche Thor. Saxo III S. 118 Othinus und Thoro
+helfen dem Balderus im Kampf gegen Hötherus. _Thoro inusitato clavae
+libratu cuncta clypeorum obstacula lacerabat_. Nichts konnte ihm
+widerstehen: _ni Hötherus, inclinata suorum acie celerius advolans,
+clavam praeciso manubrio inutilem reddidisset. quo telo defecti divi
+subitam dedere fugam_. Saxo VI S. 274 _tradunt enim quidam, quod a
+gigantibus editus [Starcatherus] monstruosi generis habitum inusitata
+manuum numerositate prodiderit, asseruntque, Thor deum quatuor ex
+his, affluentis naturae vitio procreatas, elisis nervorum compagibus
+avulsisse, atque ab integritate corporis prodigiales digitorum
+eruisse complexus, ita ut, duabus tantum relictis, corpus, quod ante
+in giganteae granditatis statum effluxerat ejusque formam informi
+membrorum multitudine repraesentabat, postmodum meliore castigatum
+simulacro brevitatis humanae modulo caperetur_. Hieran schliesst
+Saxo eine Auseinandersetzung des Inhalts, die Götter seien Menschen
+mit Zauberkunst begabt gewesen. Zur interpretatio romana: _ea enim,
+quae apud nostros Thor vel Othini dies dicitur, apud illos Jovis vel
+Mercurii feria nuncupatur_. Saxo VII S. 324 dem Haldanus hilft im Kampf
+gegen die Schweden ein mächtiger Kämpe, dessen Hilfe Haldanus anrief:
+_accito Thorone_, etwa im Nordischen _hann hét á þór_. Der wälzt einen
+zermalmenden Felsblock auf die Schweden. Ursprünglich war natürlich
+vom Gott die Rede, der als Urheber der Bergstürze gilt; vgl. Uhland,
+Schriften 6, 114. _ob cujus facti virtutem [Haldanus] Bierggrami
+cognomen accepit, quod vocabulum ex montium et feritatis nuncupatione
+compactum videtur. igitur apud Sveones tantus haberi coepit, ut magni
+Thor filius existimatus, divinis a populo honoribus donaretur ac
+publico dignus libamine censeretur_.
+
+[276] Þrymskvilþa; die daraus hervorgegangene Volksdichtung _Tord af
+Havsgard_ in Sv. Grundtvigs Danmarks gamle folkeviser Bd. I Nr. 1;
+dazu Bd. IV, 580 ff.; vgl. Uhland, Schriften 6, 57 ff. Versuch einer
+Auslegung; Finnur Jónsson, litteraturs historie 1, 159 ff. Der Name
+des Riesen ist vom Hauptwort _þrymr_, Getöse genommen. Ausserhalb
+des Liedes begegnet der Riese Þrymr nur in den Verzeichnissen von
+Jotunnamen SE. I 549; II 470, 553, 615. Auch in norwegischer Volkssage
+findet sich eine Erinnerung an den Raub des Hammers, Faye, norske
+folkesagn S. 3 ff.
+
+[277] Haustlǫng des Skald Thjodolf; Skáldsk. Kap. 1. Zur Auslegung
+Uhland, Schriften 6, 27 ff.; H. E. Meyer, Myth. 148; Müllenhoff,
+Deutsche Altertumskunde I² 32 ff.
+
+[278] Hym. 16; Hárb. 14, 15; Lokas. 61; Grottasǫngr 9; bei Bragi SE. I
+256.
+
+[279] Gylfaginning Kap. 48; Ulf Uggason und Eystein Valdason im corpus
+II 24 und 26. Weitere Skaldenstellen sammelt Finn Magnusen im Lex.
+myth. 187 f.; 208. Das Angeln des Wurms beziehen Bugge, Studien S. 11
+und E. H. Meyer, Myth. 145, ferner Bröndsted in der norsk historisk
+tidskrift II 3, 1882 S. 21 ff. und Bang ebenda S. 222 ff. auf den
+Leviathan. Über den Fang des Leviathan vgl. Diemer, Beiträge zur
+älteren deutschen Sprache und Litteratur, 4. Teil, Wien 1867 S. 45 ff.;
+R. Köhler, Germania 13, 158 f.
+
+[280] Hymiskviþa; über ihre Entstehung aus willkürlicher Verknüpfung
+verschiedenartiger Sagen Finnur Jónsson, litteraturs historie 1, 153
+ff. Uhlands Auslegung (Schriften 6, 90 ff.) scheitert schon daran, dass
+die Verbindung der Mythen für alt und ursprünglich erachtet wird. Zur
+Erklärung aus dem Märchen Bugge, Studien 26.
+
+[281] Gylfag. Kap. 42; Vol. 25 und 26. Zur Volkssage Grimm, Myth. 514
+ff.; 3, 158; Simrock, Myth. 55 ff.; Bugge, Studien 269 ff. Vgl. oben S.
+166 Anm. 1.
+
+[282] Eilifs þorsdrápa; Skáldsk. Kap. 2; Uhland, Schriften 6, 77 ff.
+
+[283] Hym. 37, 38; Gylfag. Kap. 44; zur Wiederbelebung Wolf, Beiträge
+z. deutschen Myth. I 88 ff. _post coenam sanctus Germanus omnia ossa
+vituli super pellem vituli componi fecit et ad ejus orationem vitulus
+sine mora surrexit._ Bei einem Hexenmahl zu Ferrara wird ein Ochse
+verzehrt. Dann befiehlt die domina: _congeri jubet ossa omnia mortui
+bovis super corium ejus extensum ipsumque per quatuor partes super
+ossa revolvens virgaque percutiens, vivum bovem reddit._ Weiteres bei
+Zingerle, Tiroler Sagen Nr. 14, 15, 586, 587, 725; Simrock, Myth.⁵ 240;
+Mannhardt, Baumkultus der Germanen S. 116. Thjalfi ist wahrscheinlich
+mit Thielvar, dem Entdecker und Besiedler Gutlands eins; Uhland,
+Schriften 6, 35 ff.
+
+[284] Gylfaginning Kap. 45-47; auf das Abenteuer mit Skrymir spielen
+Hárb. 26, Lokas. 60 und 62 an. Im übrigen wird nichts davon erwähnt.
+Skrymir steht nur noch unter den Riesennamen der Snorra Edda.
+
+[285] Saxo VIII S. 426 _procedentes perfractam scopuli partem nec
+procul in editiore quodam suggestu senem pertuso corpore discissae
+rupis plagae adversum residere conspiciunt. praeterea foeminas tres
+corporeis oneratas strumis ac veluti dorsi firmitate defectas junctos
+occupasse discubitus. cupientes cognoscere socios Thorkillus, qui probe
+rerum causas noverat, docet, Thor divum gigantea quondam insolentia
+lacessitum per obluctantis Geruthi praecordia torridam egisse chalybem,
+eademque ulterius lapsa, convulsi montis latera pertudisse; foeminas
+vero vi fulminum tactas infracti corporis damno ejusdem numinis
+attentati poenas pependisse firmabat_.
+
+[286] Saxo VIII S. 431 _qua [aqua] transita paulo devexiorem situ
+speluncam aggreditur. ex qua item atrum obscoenumque conclave
+visentibus aperitur. intra quod Ugarthilocus manus pedesque immensis
+catenarum molibus oneratus aspicitur; cujus olentes pili tam
+magnitudine quam rigore corneas aequaverant hastas_.
+
+[287] Über Trollebotn, das von Unholden erfüllte Nordmeer zwischen
+Bjarmland und Grönland vgl. Grönlands historiske mindesmaerker 3, 212;
+monumenta hist. norv. 76; Storm, arkiv f. nordisk filologi 7, 345. Den
+Typus der spätern Sage von der Fahrt in die Trollengründe zeigt am
+besten die norwegische Ballade bei Landstad, norske folkeviser Nr. 1.
+
+[288] Über das Aussehen des Trollenheims und der Hölle E. H. Meyer,
+German. Myth. § 205, 210, 234. Über den gefesselten Teufel, Grimm,
+Myth. 963; 3, 297. Loki ist Lucifer in schmucker Gestalt, Utgardloki
+der hässliche Teufel, Bugge, Studien 79.
+
+[289] Die Gudmundsage in der Saga von Thorstein boejarmagn
+(Fornmannasögur III 174 ff.) und im Þáttr von Helgi Thorrisson (Fms.
+III 135); vgl. noch Hervararsaga Kap. 1. Die Thorsteinssaga, die
+auch vom Besuch bei Geirröd weiss, ist überhaupt ein märchenhafter
+Ausläufer der Thorsmythen, ähnlich wie Saxos Thorkilgeschichte. Zur
+Sage vgl. P. E. Müller, _notae uberiores_ zu Saxo I 245 ff.; Maurer,
+Bekehrung 1, 330; Uhland, Schriften 3, 38 ff.; 8, 110; Simrock, Myth.⁵
+259; Müllenhoff, Altertumskunde 5, 116 und 118; Heinzel, Wiener
+Sitzungsberichte 1885, Band 109, S. 697 ff.; Bugge, Arkiv f. nordisk
+filologi 5, 26.
+
+[290] So Hárb. 19 und Bragi SE. 1, 318, 2 gegen Bragar. 2. Thrivaldi
+SE. 1, 256; Leikn SE. 1, 259. Thorbjorn Dísarskald SE. 1, 260. Auf
+ähnliche Kämpfe mit Riesen und Riesinnen spielen die Hárb. 20, 29, 37,
+39 an.
+
+[291] Die Namen mit Erklärungsversuchen bei Finn Magnusen, Lex. myth.
+636 f. Vgl. SE. 1, 252 ff.; 553; 555. SE. 1, 252 _fóstri Víngnis ok
+Hlóru_. Gudbrand Vigfússon, corpus poeticum boreale II 464 stellt
+skaldische Umschreibungen Thors zusammen.
+
+[292] Alvismál; Uhland, Schriften 6, 46 ff.; Finnur Jónsson,
+Litteraturshistorie 1,165 ff. In Bragis Ragnars drápa heisst der Schild
+„_ilja blaþ þjófs þrúþar_“ Fuss-Sohlenblatt des Diebs der Thrud, weil
+Hrungnir den Schild unter die Füsse wirft; vgl. Gering, kvæþabrot Braga
+ens gamla, Halle 1886, S. 15.
+
+[293] Tord af Havsgard, Grundtvig, Danmarks gamle folkeviser I 1 ff.
+Die Sage von Urebö bei Faye, norske sagn 3 ff. Schwedische Thorssagen
+in ziemlicher Anzahl führt Lundgren, språkliga intyg om hednisk gudatro
+i Sverige S. 41 ff. an. Das meiste findet sich bei Hyltén-Cavallius,
+Wärend och Wirdarne, Stockholm 1864.
+
+[294] Der Ausdruck ist zuerst aus dem 12. Jahrh. zu belegen, in
+des Pfaffen Konrad Rolandslied S. 204, 16 heisst Pharaos vom Meer
+verschlungenes Heer _sîn ƕôtigeȥ her_; in Konrads von Heimesfurt
+„_Urstende_“ aus der ersten Hälfte des 13. Jahrh. werden die Juden,
+welche den Heiland überfallen, _daȥ ƕuetunde her_ genannt. Im Moritz
+von Craon 1563 und in Strickers Karl 6810 steht _daȥ ƕüetende her_.
+Michel Behaim im Gedicht von den Wienern 176, 5 redet von „_schreien
+und ƕufen als ob es ƕer das ƕutend her_“. Zingerle, Findlinge 2, 128
+„_des tûvels ƕûtendeȥ her_“. Im Gedicht von Heinrich dem Löwen nach
+der Handschrift von 1474 (Massmann, Denkm. deutscher Spr. u. Litt.
+S. 132) heisst es: „_da qƕam er under das ƕoden her, da die bösen
+geiste ir ƕonung han_.“ Bei Geiler von Kaisersberg wird das _ƕütede_
+oder _ƕütische_ heer (Omeiss 36 ff.), bei Hans Sachs I, III, 696 _das
+ƕüetend her_ erwähnt. Bei v. d. Hagen Gesamtabenteuer Nr. 55, 1290
+begegnet die Beschwörung:
+
+ _bî deus salter ich dich sƕer
+ und bî ƕutungis her._
+
+Also darf die Bezeichnung wütiges, wütisches oder wütendes Heer als
+ziemlich alt erachtet werden. _ƕoden her_, _ƕutungis her_ sind nur
+abgeschliffene participia praesentis vgl. Weinhold, Mhd. Grammatik
+§ 219 und 401 und dürfen nicht persönlich im Sinne von Eigennamen
+ausgelegt werden.
+
+[295] Auf schwäbisch-alemannischem Gebiet begegnet das _Wuetes_ oder
+_Muotesheer_, auch schlechthin _’s Wuetes_ genannt; vgl. E. Meier,
+Sagen aus Schwaben 1, 103 ff.; Birlinger, Volkstümliches aus Schwaben
+1, 89 ff.; _Wuetes heer_ auch in Bayern, Panzer, Bayer. Sagen 2, 67;
+Schmeller, Wb. 2, 1056; _Wotn_ mit Frau Holke in Östreich, Vernaleken,
+Mythen und Bräuche in Östreich 23 ff. _Wudesheer_ in der Eifel, Wolfs
+Zeitschrift f. Myth. 1, 316. Die nds. Sagen vom _Wode_ bei Müllenhoff,
+Sagen der Herzogtümer Schleswig-Holstein und Lauenburg 372 ff.;
+Bartsch, Sagen aus Mecklenburg 1, 3 ff. Alle norddeutschen Sagen
+zusammenfassend bespricht W. Schwartz, Der heutige Volksglaube und das
+alte Heidentum, 2. Aufl. Berlin 1862. In Schweden heisst es beim Sturm:
+_det är Odens jagt_, _Oden far förbi_, _Oden jagar_. Der Volksglaube
+kennt auch _Odens_ Pferd und Hunde; vgl. Hyltén-Cavallius, Wärend och
+Wirdarne S. 214 ff.; Lundgren, språkliga intyg om gudatro i Sverige S.
+29 ff. Das älteste Zeugniss steht im Reinfried von Braunschweig um 1300
+(Bartsch’s Ausgabe 479), wo es von einer Ritterschaar heisst, sie fuhr
+_„rûschent sam daz Wuotes her“_. Aus dem Anfang des 16. Jahrh. bietet
+die Zimmersche Chronik (Baracks Ausgabe 4, 787ᵃ) _„Wuotes her“_.
+
+[296] Got. _ƕôds_, wütend, besessen; an. _óđr_ wütend; ags. _ƕôd_,
+toll, wütend; ahd. _ƕuot_ (Otfrid I 19, 18 _gote-ƕuoto_, der Wüterich,
+von Herodes). _Wôd_ als Eigenname des Thüringerkönigs steht im ags.
+Gedicht Wîdsîð 30.
+
+[297] Die Sagen von Hakelberg oder Hakelbernd bei Kuhn und Schwartz,
+Norddeutsche Sagen Nr. 203, 265, 281. Kuhn, Märkische Sagen S.
+23. P. Zimmermann, Die Sage von Hackelberg, dem wilden Jäger, in
+der Zeitschrift des Harzvereins 12, 1879, 1 ff. _halcolberand_,
+Mantelträger als altsächsischen Beinamen des Wode erklärt J. Grimm,
+Myth. 875.
+
+[298] Die schwäbische Sage kennt das Gespenst als Schimmelreiter,
+Breit-, Lang-, Schlapphut, E. Meier, Sagen aus Schwaben 1, 93, 99.
+
+[299] Hákonarsaga Sverrissonar Kap. 20 (Fornmanna sögur 9, 55); zum
+Rodensteiner, Uhland, Schriften 7, 609. Vgl. auch Zingerle, Tiroler
+Sagen Nr. 5.
+
+[300] Von deutschen Sagen gehören hierher die Geschichten von Heinrich
+dem Löwen, Reinfried von Braunschweig, vom Möringer, von Thedel von
+Walmoden u. dgl. Simrock, Myth.⁵ 179 ff. Die Haddingsage bei Saxo 1,
+12 ff. Der Anruf, der im Lübecker Schwerttanzspiel noch im 16. Jahrh.
+begegnet: _hellige Wode, nû lên mi dîn pêrd!_ weist auf den Glauben,
+dass der Wode seine Günstlinge aufs Pferd nimmt. Müllenhoff, ZfdA. 20,
+13.
+
+[301] Die wilde Jagd auf ein Weib E. H. Meyer S. 247. Der Wode als
+Verfolger der Frauen bei Müllenhoff, Sagen aus Schleswig, Holstein und
+Lauenburg Nr. 500; Bartsch, Sagen aus Meklenburg 1, S. 7/8, 11/12; Oden
+bei Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne S. 215.
+
+[302] _Oþs mey_ heisst Freyja in Vol. 25; auf das Liebesverhältniss
+geht Hyndl. 48 „dem Od liefst du immer sehnsüchtig nach“. Einar
+Skulason (SE. I 424) in der ersten Hälfte des 12. Jhs. nennt Freyja
+_Oþs beþvina_, Ods Bettgenossin, die dem Geliebten nachweint. Sonst ist
+Od nicht nachzuweisen. Die Sage erwähnt kurz Gylfaginning Kap. 35.
+
+[303] Dass die Sage stark umgebildet wurde, vielleicht unter dem
+Einfluss der antiken Erzählung von Venus und Adonis (Bugge, Christiania
+Morgenbladet vom 16. Aug. 1881), unterliegt kaum einem Zweifel; vgl.
+auch H. Falk. aarböger for nordisk oldkyndighed og historie 1891 S.
+275; Weinhold im Mythus vom Wanenkrieg (Berliner Sitzungsberichte 1890
+S. 611 ff.) meint, Odin als wilder Jäger verfolge die Gullweig-Freyja,
+die Sonnenfrau. Also auch da wäre mittelbar die Jagd auf die Frau
+nachweisbar.
+
+[304] Chron. Urspergense ad ann. 1123.
+
+[305] Reginsmǫ́l 18 _karl af bjargi_; _Fjallgautr_ SE. 1, 258;
+_Fjallgeiguđr_ SE. 2, 555.
+
+[306] Ynglingasaga Kap. 15. Die Strophe des Ynglingatals, die
+von Sveigdir erzählt, scheint allerdings eine ganz andere Sage
+vorauszusetzen: den Mythus von der hinter dem Berg hinabsinkenden
+Sonne, Odins Besuch bei Gunnlod im Berge; vgl. Noreen, Uppsalastudier
+200 ff. Aber Snorri geht offenbar von der Vorstellung aus, man komme zu
+Odin durch Eintritt in den Schooss der Berge.
+
+[307] Rietz, svenskt dialekt-lexicon S. 789 _Valhall_, Namen einiger
+Berge, auf denen vorzeiten Felsen zum Herabstürzen (_ättestupor_)
+waren. Ein solcher findet sich in Blekingen (Hellaryds sokn) nahe der
+Kirche und nach alter Sage stürzten sich die Leute in den unterhalb des
+Berges belegenen _Valsee_ (Totensee), der jetzt fast ganz vertrocknet
+ist. Ein solcher Felsen kommt auch beim Berg Valhall in Vestergötland
+(Kylingareds sokn) vor; ebenso auf dem Berg Valhall in Gemshögs
+sokn. Auf dem Hålleberg in Vestergötland heisst der Gipfel Valhall
+und die Sage erzählt, dass die, welche sich herabstürzten, in einem
+jetzt überwachsenen Teich, der Odins Quelle (_Ons-källa_) hiess,
+gewaschen wurden. -- Die Felsen zum Herabstürzen begegnen in der jungen
+Gautrekssaga K. 1 u. 2, wo die alten Leute sich herunter stürzen, um zu
+Odin nach Walhall zu fahren.
+
+[308] Walhall als unterirdisches Totenreich fasst Schullerus, Beiträge
+12, 227 u. 258 ff.
+
+[309] _drauga dróttinn_, _hanga dróttinn_ Yngl. Kap. 7; bei den Skalden
+_hangatýr_, _hangaguđ_, SE. 1, 84, 230, 232 u. ö. _galga valdr_,
+Islendinga sögur 1, 307.
+
+[310] J. Grimm, Myth. 1, 141 nach Gryse’s 1593 erschienenem Spegel des
+antichristischen pawestdoms. _„daher denn ok noch an dissen orden dar
+heiden gewanet, bi etliken ackerlüden solker avergelövischer gebruk
+in anropinge des Woden tor tid der arne gespöret ƕerd, und ok oft
+desülve helsche jeger, sonderliken im winter des nachtes up dem velde,
+mit sinen jagethunden sik hören let.“_ Vgl. auch Bartsch, Sagen aus
+Mecklenburg 2, 307. Die weiteren nds. Bräuche bei Grimm a. a. O. Von
+diesen Wodeopfern handelt ausführlich aber unkritisch U. Jahn, Die
+deutschen Opferbräuche S. 163 ff.
+
+[311] Den bayer. Brauch des _Waude-Opfers_ verzeichnet Panzer, Beitrag
+zur deutschen Myth. 2, 216; J. Grimm, Myth. 3, 59; _Woude_ für
+_Wuode_, ou = uo Weinhold, Bayr. Gr. § 103. Das _Wudfutter_ U. Jahn,
+Die deutschen Opferbräuche 1884 S. 165; übers _Guetisheer_ Rochholz,
+Schweizersagen aus dem Aargau 1, 91. Über das schwed. _Odinsopfer_
+J. Grimm, Myth. 1, 140; Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne 212.
+Was mit Wodan und seinen Beziehungen zum Ackerbau zusammenhängt,
+sammelt U. Jahn a. a. O. besonders S. 163 ff.; nur zieht er allzuviel
+Unbrauchbares heran z. B. den _„Vergodendeel“_, dessen wahre Bedeutung
+Knoop, Zeijtschr. f. Volkskunde 3, 41 ff. erkannte.
+
+[312] Ynglingasaga Kap. 8; Lokka táttur 10 bei Hammershaimb, færöiske
+kvæder 1, 140.
+
+[313] Die urgermanische Form des Namens war _ƕôdanaȥ_, as. _Wôdan_,
+ags. _Wóden_, anorw. aisl. _Oþenn Ođinn_, aschw. _Oþan_; zu den
+nordischen Formen Noreen, An. Gr. 1. Aufl. § 167, 3b; ebenda 2. Aufl.
+§ 228, 1. Über Suffix -_ana_ Kluge, Nominale Stammbildungslehre § 20,
+Brugmann, Grundriss 2 § 67, S. 144. Im Althochdeutschen kommt zwar der
+Gott selber nicht vor, aber der Name teils als Appellativum _ƕuotan_,
+_tyrannus_, _herus malus_ in Glossen, teils als Mannsname _Wuotan_ in
+Urkunden; Belege bei J. Grimm, Myth. 1, 120; 3, 48 ff. Der ahd. Name
+ist natürlich vom Gott abgeleitet und zeigt, dass Wodan in der späteren
+Zeit des Heidentums auch im Süden nicht unbekannt war. Die Erklärung
+des Namens hat vom Begriff „_Wut_“ auszugehen. J. Grimm, Myth. 1, 121
+schlug vor das Verb. _ƕadan ƕôd_, an. _vađa óđ_, waten, durchdringen.
+Wôdan sei demnach das allmächtige, alldurchdringende Wesen, _qui omnia
+permeat_. Die Ableitung ist viel zu geistig. Zimmer, ZfdA. 19, 172,
+179 f., Mannhardt, ebenda 22, 4 stellen den indischen Windgott _Vâta_
+als Urbild des german. Wodan auf. Ihnen folgen Mogk und E. H. Meyer.
+Doch _vâta_ ist idg. _u̯éto_, gr. ἀϝήτες Brugmann, Grundriss 2 § 79,
+S. 210, eine Nebenform zu _u̯ento_, Wind, und entspricht lautlich
+keineswegs Wodan. Im Anschluss an Zimmers Behauptung zeigt V. Rydberg,
+undersökningar i germanisk mythologi 2, 29 ff. das glänzende Bild des
+_Vàta-Vâyu_ als Sturm- und Kriegsgott, natürlich um Wodans Gestalt
+als indogermanisch zu retten. Man lernt nur, wie sich eine solche
+Göttergestalt aus der Naturbeseelung, aus dem persönlich gedachten
+Sturm auch anderswo entwickeln kann. Kluge (bei Bradke, Dyâus Asura,
+Halle 1885, S. X Anm.) vermutet idg. _u̯âtenós_ (lat. _vates_, air.
+_fáith_), germ. _ƕôdanaȥ_, Herr des Gesanges. Gleich der Deutung J.
+Grimms nimmt auch die Kluges Wodan in seiner höchsten und letzten
+Entwicklung zum Ausgangspunkt, verzichtet auf die nächstliegende
+natürliche Anknüpfung und sucht eine künstliche auf. Das Rechte sah
+schon Adam von Bremen, wenn er sagt: _Wodan id est furor_.
+
+[314] Die Übersetzung Wodans mit Merkur ist sehr treffend, da beide
+Götter einander wesensgleich sind. Merkur ist Windgott und stürmischer
+Liebhaber, Seelenführer, Förderer der Fruchtbarkeit, Gott der Erfindung
+und Listen u. s. f. Er trägt Hut und Stab, die Wünschelrute. Vgl.
+Roscher, Hermes als Windgott, Leipzig 1878, S. 104 ff. Nur die
+kriegerische Seite, das Heldentum, gehört Wodan allein.
+
+[315] Tac. Germ. 9 _deorum maxime Mercurium colunt, cui certis diebus
+humanis quoque hostiis litare fas habent._ Ann. 13, 57 im Krieg
+zwischen Hermunduren und Chatten wird das feindliche Heer dem Tiuȥ und
+Wodan zum Opfer geweiht. Im Gespräch zwischen Chrothild und Chlodowech,
+wo die heidnischen Götter dem Christengott gegenübergestellt werden
+(Gregor Tur. hist. Franc. 2, 29), finden sich zwar offenbar gelehrte
+Bezüge auf klassische Mythen; mit Mars und Merkur können aber auch
+Tiu und Wodan gemeint sein. Dass Mercurius die interpretatio romana
+für Wodan ist, bezeugt ausser _dies Mercurii_ = _Wodans dag_ Paulus
+Diaconus I, 9 _Wodan sane, quem adiecta litera Gƕodan dixerunt,
+ipse est, qui apud Romanos Mercurius dicitur._ Jonas von Bobbio,
+vita Columbani _illi aiunt, deo suo Wodano, quem Mercurium vocant
+alii, se velle litare_. In einem alten aus dem 10. Jahrh. stammenden
+Bücherverzeichniss von Werlamacester (J. Grimm, Myth. 1, 110) heisst
+es: _coluerunt Mercurium, Woden anglice appellatum_. Bei Galfred von
+Monmouth lib. 6 sagt Hengist zu Vortigern: _ingressi sumus maria,
+regnum tuum duce Mercurio petivimus. colimus maxime Mercurium, quem
+Woden lingua nostra appellamus. huic veteres nostri dicaverunt quartam
+septimanae feriam, quae usque in hodiernum diem nomen Wodenesdai de
+nomine ipsius sortita est. post illum colimus deam inter ceteras
+potentissimam, cui et dicaverunt sextam feriam, quam de nomine eius
+Fredai vocamus_.
+
+[316] Über Wodans allmäliges Aufkommen vgl. Müllenhoff, ZfdA. 18, 251;
+23, 8; 30, 219.
+
+[317] Auf einem Weihstein im obern Ahrthal bei Blankenheim steht
+
+ MERCVRI
+ CHANNINI
+
+was Siebs ZfdPh. 24, 1 ff. als _Mercurio Channini_ liest und aus
+germanischer Sprache zu deuten sucht. _Channini_ soll Dativ eines wg.
+Nom. Sing, χ_anniê_ sein, dessen Form ahd. as. _*henno_, afries. ags.
+_*henna_ wäre. Dazu stellt sich der unerklärte mhd. Ausruf _iâ henne_!
+Henne der Teufel bei Agricola; sächs. fries. _henneklêd_, Totenkleid.
+Ob Freund Hein, der Tod, daraus etwa verderbt ist? χ_anni̯ê_ wäre als
+Töter zu deuten, der Stein ist Wodan dem Totengott, dem Seelenführer
+geweiht. Wodan-Mercurius zur Zeit des Tacitus war also nach Siebs
+Totengott. Much, ZfdA. 35, 207 u. Anzeiger 17, 184 stellt _hanno_ zu
+an. _hannarr_ geschickt, kunstfertig, griech. κοννεῖν, kennen. Es
+sei Wodan, der listenreiche Gott gemeint. Aber der nord. Zwergname
+_Hannarr_ ist sehr bedenklich für diese Etymologie. Scherer, Berliner
+Sitzungsberichte 1884, 1, 577 dachte an eine Verkürzung: _Mercurio
+Channini[fatium]_, an Wodan der Canninefaten. Alle Deutungen sind ganz
+unsicher.
+
+[318] Belege bei J. Grimm, Myth. 1, 114 f.; 3, 47. Frühzeitig bietet
+sich ags. _Wódnes dag_; mfries. aus dem 14. Jahrh. zu belegen,
+Richthofen, Fries. Wb. 1142, _Wonsdeg_; die mndl. Form lautet schon im
+13. Jahrh. _Woensdach_; fürs Niederrhein. bieten Urkunden des 14/15.
+Jahrh. _Gudestag_, _Gudenstag_. Ortsnamen mit Wodan bei Grimm, Myth. 1,
+138 ff., 3, 58 f.; W. Arnold, Ansiedlungen und Wanderungen deutscher
+Stämme, Marburg 1877, S. 335; die engl. Namen bei Kemble, the Saxons 1,
+343.
+
+[319] Die um 772 verfasste Taufformel bei Müllenhoff-Scherer, Denkmäler
+LI _ec forsacho allum dioboles uuercum and uuordum Thunaer ende Uuôden
+ende Saxnôte ende allum thêm unholdum thè hira genôtas sint_. Im
+_indiculus superstitionum_ ist _de sacris Mercurii vel Iovis_ und _de
+feriis quae faciunt Iovi vel Mercurio_ die Rede.
+
+[320] Jonas von Bobbio, _vita Columbani_, kurz nach 620 (Mabillon,
+ann. Bened. 2, 26) _sunt etenim inibi vicinae nationes Suevorum; quo
+cum moraretur et inter habitatores illius loci progrederetur, reperit
+eos sacrificium profanum litare velle, vasque magnum, quod vulgo
+cupam vocant, quod viginti et sex modios amplius minusve capiebat,
+cerevisia plenum in medio habebant positum. ad quod vir dei accessit et
+sciscitatur, quid de illo fieri vellent? illi aiunt: deo suo Wodano,
+quem Mercurium vocant alii, se velle litare._
+
+[321] Alles auf Woden bezügliche stellte Kemble, The Saxons in England
+1,335-46 zusammen. Die ags. Genealogien bei J. Grimm, Myth. 3, 377
+ff.; die um 600 geschriebene _vita Kentigerni_ (_Acta sanctorum_ 1,
+820) nennt _Woden principalem deum Anglorum_. In den Denksprüchen des
+Exeterbuchs 133 bei Wülcker. Kleinere ags. Dichtungen, Halle 1882, S. 48
+
+ _Wóden ƕorhte ƕeos, ƕuldor alƕalda
+ rúme roderas: þæt is ríce god_
+
+wird Wodan als der, welcher Teuflisches wirkte, dem wahren allwaltenden
+Gott, dem Schöpfer der Himmel gegenübergestellt. In _ƕeos_ steckt
+jedenfalls _ƕóh ƕó_ (as. _ƕáh_, got. _ƕâhs_), Böses. Übles, denn der
+ags. Spruch gibt die Psalterstelle _omnes dii gentium daemonia, dominus
+autem coelos fecit_, wieder; Vgl. Strobl, ZfdA. 31, 59; an _ƕeo_ =
+_ƕih_, Tempel, Heiligtum, ist nicht zu denken. Im Neunkräutersegen
+(Wülcker, a. a. O. 35) werden neun Kräuter aufgezählt, die gegen Gift
+wirksam sind. Ein Wurm naht und will sie zerreissen. Da nahm Woden
+neun herrliche Zweige und schlug die Natter, dass sie in acht (Stücke
+auseinander fiel und) entfloh.
+
+ 32 _đá genam Wóden VIIII ƕuldortánas
+ slóh đá đá næddran, đæt heo on VIII tofléah._
+
+Woden ist also auch hier ähnlich wie im Merseburger Zaubersegen im
+Besitz kräftigen Zaubers, mit dem er das Böse bannt.
+
+[322] Aethelweard im 10. Jahrh. Chron. lib. II Kap. 2 sagt von Hengist
+und Horsa: _hi nepotes fuere Uuoddan regis barbarorum, quem post,
+infanda dignitate, ut deum honorantes, sacrificium obt ulerunt pagani,
+victoriae causa sive virtutis. -- -- Wothen, qui et rex multarum
+gentium, quem pagani nunc ut deum colunt aliqui._
+
+[323] Die Sage steht in der um 670 entstandenen _origo gentis
+Langobardorum_ in _MG. leges_ 4, 641; ausführlicher erzählt Paulus
+Diaconus _de gestis Langobardorum_ 1, 7 u. 8; die Texte auch bei Carl
+Meyer, Sprache und Sprachdenkmäler der Langobarden, Paderborn 1877,
+S. 108 u 118. Die Sage gebe ich nach der Übersetzung von O. Abel,
+Paulus Diaconus und die übrigen Geschichtschreiber der Langobarden,
+Berlin 1849 S. 1 ff. Vgl. auch Bethmann, Archiv 10, 351 ff. Die Brüder
+Grimm gaben die Erzählung in den Deutschen Sagen, Bd. 2, Nr. 390. Dass
+dem Berichte der lateinischen Quellen unmittelbar ein stabreimendes
+langobardisches Lied zu Grunde liegt, erweisen Kögel, Geschichte
+der deutschen Litteratur I, 1, 107 ff.; Bruckner, Die Sprache der
+Langobarden, Strassburg 1895, S. 19 ff.
+
+[324] Im Codex Exoniensis wird auf ein Liebesabenteuer _Géats_
+angespielt.
+
+ _We đæt Mæđhilde monge gefrunon
+ wurdon grundléase Géates frige
+ đæt him séo sorglufu slǽp ealle binom._
+
+Wir vernahmen, dass Géats Liebe zu Mæðhild so bodenlos war, dass ihm
+Liebessorge den Schlaf raubte. Wenn Géat, Gautr Beinamen Wodans sind,
+dann mag auch diese Sage zu Odins Liebesgeschichten zu zählen sein.
+Kemble, The Saxons 1, 370.
+
+[325] Eine Erklärung der vom Verbum _geotan gaut gutum gotans_
+gebildeten Volksnamen (_Gautôs_ und _Gutans Gotans_), in denen der
+Begriff überströmender Menge (ags. _mid géotendan here_) liegt, gab
+Laistner, Württb. Vierteljahrshefte f. Landesgesch. N. F. 1892, S.
+9/10. Damit verbietet sich die Meinung von selbst, das Volk sei
+nach dem Gott benannt; vgl. E. H. Meyer, Myth. S. 234. Für uralten
+Zusammenhang der Namen Wodan und Gaut können die ags. Namen _Sigegéat_
+und _Wódelgéat_, ahd. _Wuotilgôȥ_ angeführt werden, d. h. Gaut als der
+sieghafte Wodan. Zur Etymologie des Volksnamens vgl. noch Axel Erdmann,
+om folknamen Göter och Goter in der antiquarisk tidskrift för Sverige
+1891, del 11, nr. 4.
+
+[326] Genaueres über die Walsungensage und Wodans Eingreifen wird unten
+bei Behandlung der nordischen Berichte mitgeteilt. Dass schon Wodan,
+nicht erst Odin die Geschicke der Helden lenkte, erwies Müllenhoff,
+ZfdA. 23, 116 ff.
+
+[327] Im ags. Gespräch zwischen Salomo und Saturn heisst es: Sag mir,
+wer zuerst Buchstaben setzte? Ich sage dir, Mercurius der Riese (_se
+gygand_). Ob mit Kemble, The Saxons in England 1, 339 unter Merkur
+Wodan zu nehmen ist, ob vom deutschen oder römischen Gott und seinen
+Fähigkeiten geredet wird, lässt sich nicht entscheiden.
+
+[328] Vgl. Dahn, Bausteine 1, 1879 Wodan und Donar als Ausdruck des
+deutschen Volksgeistes.
+
+[329] Saxo III S. 129 _dii, quibus praecipue apud Byzantium sedes
+habebatur, Othinum .... collegio suo submovendum duxerunt_. Saxo I S.
+42 _ea tempestate cum Othinus quidam Europa tota falso divinitatis
+titulo censeretur, apud Upsalam tamen crebriorem diversandi usum
+habebat_. Die nordischen Könige schicken seine goldene Bildsäule nach
+Byzanz. Also schon Saxo weiss von einer Abstammung des schwedischen
+Odinkultes aus dem Osten. Snorri erzählt das Hierhergehörige im Formáli
+der Edda Kap. 8-11, und in der Ynglingasaga Kap. 1-5.
+
+[330] In der ausführlichen Olafssaga helga, Fornmanna sögur 5, 239
+_Ólafr konungr kristnađi þetta ríki allt: ǫll blót braut hann niđr ok
+ǫll gođ, sem pór Engilsmannagođ ok Oðin Saxagođ ok Skjǫld Skánungagođ
+ok Frey Sviagođ ok Gođorm Danagođ_. In Schonen und Dänemark werden
+Könige als Götter aufgeführt. Thor als englischer Gott ist ein
+Missverständniss. Vielleicht soll damit der Hauptgott der in England
+ansässigen Nordleute gekennzeichnet werden.
+
+[331] Vgl. oben im Kapitel über Freyr S. 220 ff.
+
+[332] _Odins vi_ bei H. Petersen, gudedyrkelse og gudetro S. 104 ff.
+Schwedische Odinsplätze verzeichnet Lundgren, språkliga intyg om
+hednisk gudatro i Sverige S. 34 ff., norwegische sammelt O. Rygh in der
+Neuausgabe von Munch’s norr. gude- og heltesagn, vgl. den Index.
+
+[333] Ynglingasaga Kap. 3; darauf bezieht sich auch Lokas. 26, wenn
+Loki Frigg vorhält, sie habe als Odins Weib doch Wili und We Gunst
+gegönnt.
+
+[334] Saxo III S. 126 ff. Rindr als Mutter Walis wird im Liede Baldrs
+draumar 11 erwähnt. Der Skald Kormak (937-976) singt (SE. I, 236) _seiþ
+Yggr til Rindar_: Odin bezauberte Rindr, womit offenbar auf dieselbe
+Sage, die Saxo kennt, angespielt ist. Ob Hǫ́v. 95-101 mit Billings
+Maid, die den liebeverlangenden Gott foppt, Rindr gemeint ist, lässt
+sich nicht mit Gewissheit behaupten. Doch ist es wol möglich. Vgl.
+Finnur Jónsson, litteraturs historie I, 234. Weitere Vermutung über das
+Verhältniss Odins zu Ollerus vgl. im Abschnitt über Ullr.
+
+[335] Die Sage von Mitothin Saxo I S. 42 ff. Zur Erklärung von
+_mitoth-inn_, aisl. _mjǫtuđr-inn_, ags. _meotod_, and. _metod_ vgl.
+Munch, det norske folks historie 1, 217; Das heroische Zeitalter der
+nord. germ. Völker 30 Anm. 2; unabhängig kam neuerdings Kauffmann,
+Beiträge 18, 188 zur selben Erklärung.
+
+[336] Das Schiff Skidbladnir wird sonst allein dem Freyr zugeschrieben.
+
+[337] Odins kriegerisches Aussehen nach Gylfag. Kap. 51 (SE. 1, 190);
+Gylfag. Kap. 49 (SE. 1, 176); Saxo II S. 106 _Othin armipotens, uno
+contentus ocello, albo clypeo tectus, flectit equum, horrendus Friggae
+maritus_ vgl. Yggr, der Schreckliche. Adam von Bremen 4, 26 _Wodanem
+sculpunt armatum sicut nostri Martem sculpere solent_. Odin mit Helm
+und Schwert Sigrdr. 14; über Gungnir Skáldsk. Kap. 3; die Sagen über
+Gungnir stellt A. Raszmann, in Ersch-Grubers Encyklopädie I. Section,
+Bd. 97 (1878), S. 281 ff. zusammen. Über Sleipnir Gylfag. Kap. 42;
+zur Erklärung des Namens als Läufer, Springer (*_sklæipnir: hlaupa_)
+Noreen, An. Gr.² § 149, 1; § 256. Odin als Wanderer wird in den
+folgenden Sagen, welche sein Eingreifen in die Geschicke der Menschen
+zeigen, geschildert. Mantel, Hut, Ross gehören schon dem deutschen
+Wodan, wahrscheinlich auch Speer und Helm.
+
+[338] Draupnir findet sich schon bei Kormak, corpus poet. 2, 66. In
+den Eddaliedern kommt zwar der Name nicht vor, aber Skírn. 21 bezieht
+sich deutlich darauf. Über Draupnir Skáldsk. Kap. 3 und Gylfag. Kap. 49
+(nach dem Text des Codex Wormianus und Regius). SE. 1, 260 heisst Baldr
+„_Draupnis eigandi_“.
+
+[339] Ólafssaga Tryggvasonar (Heimskringla) Kap. 28.
+
+[340] Reginsmǫ́l 20.
+
+[341] Hákonar saga góða (Heimskringla) Kap. 16 u. 18.
+
+[342] Die jüngere Olafssaga helga Kap. 101 (Fornmanna sögur 5, 233).
+
+[343] Skirnesmǫ́l 33
+
+ _reiþr’s þér Óþenn, reiþr’s þér ása bragr,
+ þik skal Freyr fiask._
+
+Beim Fluch auf Eirik ruft der Skald Egil Freyr, Njord und den Landas
+(Thor) an. Aber auch Odin und alle andern Götter: _reiþr sé rǫgn ok
+Oþenn_. Gudbrand Vigfusson, corpus poet. 2, 72.
+
+[344] Walhall ist geschildert in den Grimnesmǫ́l; vgl. auch
+Vafþrúþnesmǫ́l 41; Gylfag. Kap. 14, 20, 24, 30-41. Bragar. 1.
+
+[345] Vingolf begegnet nur SE. I 38, 62, 84. Eine Strophe, wo der
+sterbende Hadding singt: „Sehen kann ich Fjolnirs Mädchen (die
+Walküren), euch hat Odin mir gesandt; gern wollte ich nach Vingolf
+folgen und mit den Einherjern Bier trinken“ bei Finn Magnusen, Lex.
+Myth. 557. Zur Deutung des Namens „Halle der Liebenden?“ Braune,
+Beiträge 14, 369; Finnur Jónsson, arkiv f. nord. filologi 7, 280;
+Kaufmann, ZfdA. 36, 32.
+
+[346] J. Grimm, Myth. 135 Anm. macht auf eine merkwürdige Ähnlichkeit
+aufmerksam. Basil und Gregor dem Grossen gab eine weisse Taube, die auf
+der Schulter oder auf dem Haupte sass, Worte der Weisheit ein. Nach
+einem Kindermärchen (Nr. 33) setzen sich zwei Tauben auf des Pabstes
+Schulter und sagen ihm alles ins Ohr, was er vorzunehmen hat.
+
+[347] Über Heidrun und Eikthyrnir Bugge, Studien S. 506 ff.; H. Falk,
+aarböger for nordisk oldkyndighed og historie, 2. Reihe, 6. Band, 1891,
+S. 280.
+
+[348] Nur SE. I 84 Gylfag. Kap. 20 heissen die Einherjer _óskasynir_.
+Lokas. 16 _óskmegir_ geht nicht auf sie; zu der dunkeln Strophe Bugge,
+Beiträge 13, 188 ff. Übrigens müsste der Ausdruck gleich verstanden
+werden als _filius adoptivus_, was durch _óskmǫgr_, _óskasonr_
+übersetzt wird.
+
+[349] Die Stelle in den Bjarkamǫ́l (Saxo II S. 81)
+
+ _en, maxime Rolvo,
+ magnates cecidere tui, pia stemmata cessant.
+ non humile obscurumque genus, non funera plebis
+ Pluto rapit vilesque animas, sed fata potentum
+ implicat et claris complet Phlegethonta figuris --_
+
+muss wol so in die nordische Mythensprache aus den antiken
+Verzierungen umgesetzt werden: O grosser Hrolf, deine Edelinge fielen,
+dahingestreckt liegen die treuen Geschlechter. Nicht niederes Volk von
+dunkler Herkunft, nicht Leichen des Pöbels und wertlose Seelen rafft
+Walvater dahin, der Mächtigen Schicksal verflicht er in der Schlacht,
+mit ruhmvollen Helden erfüllt er Walhall. Also tapfere, edelgeborene
+Helden versammelt Odin in seinen Saal. Dazu Hárb. 24
+
+ Zu Odin kommen die Edlen, die das Eisen wegrafft,
+ Und der Tross der Knechte zu Thor.
+
+
+[350] _Valmeyjar_ begegnet nur SE. I, 420. Zur Schilderung ihrer
+Erscheinung Vǫl. 31; Helg. Hjǫrv. 28; Helg. Hund. II 15, 6; ihre Namen
+Vǫl. 31; Grimn. 36; SE. I 557 wo sie _Ođins meyjar_ heissen; Njálssaga
+Kap. 157.
+
+[351] Gudbrand Vigfusson, corpus poeticum boreale I, 255 ff.
+
+[352] So Ulf Uggason in der Húsdrápa.
+
+[353] Prosa nach Helg. Hund. II 37.
+
+[354] Krákumál 29 corpus poet. II 345.
+
+[355] Finn Magnusen, Lex. Myth. 557. Auch diese Strophe ist nicht alt.
+
+[356] Wie Walvater und die _óskmegir_ auf einander zielen, so auch
+_óskmeyjar_ und _Ođins meyjar_, _Herjans nǫnnor_. In der Volsungasaga
+Kap. 1 schickt Odin _óskmey sína_, _dóttur Hrímnis jǫtuns_, seine
+Adoptivtochter, die leibliche Tochter Hrímnirs aus. Brynhild, nach
+nord. Sage Budlis leibliche Tochter wird _óskmær_, Oddrúnargrátr 15;
+auch hier ist zu denken Wunschtochter Odins.
+
+[357] Saxo II nach Uhland 7, 202 ff.
+
+[358] Zeugnisse für die hier erwähnten bewaffneten Germanenfrauen und
+für die nordischen Schildjungfrauen sind gesammelt bei Grolther, Der
+Valkyrjenmythus in den Abhandlungen der Münchener Akademie I. Kl. 18.
+Band, 2. Abth. S. 406 ff.
+
+[359] _Hliđskjalf_ Thürbank von _hliđ_, Thüre, Thor und _skjalf_,
+ags. _scylfe_, mnds. _schelf_, engl. _shelf_. Über Hlidskjalf die
+Prosaeinleitung zum Grimnirlied, Gylfag. Kap. 9 und 17.
+
+[360] Die Halle _valhǫll_ in der Atlakviþa 2 und 15, die Dingbude
+Sturlunga IV Kap. 48; V K. 12 und 30.
+
+[361] Vol. 24.
+
+[362] Eyrbyggja Kap. 44.
+
+[363] Styrbjarnar þáttr Kap. 2; Fms. 5, 250.
+
+[364] Hervararsaga Kap. 28 (Fornaldar sögur 1, 105).
+
+[365] In der Helgakviþa Hund. II.
+
+[366] Gautrekssaga Kap. 7 (Fornaldar sögur 3, 31 ff.); nach Uhland,
+Schriften 6, 359.
+
+[367] Hálfssaga Kap. I, Fornaldar sögur 2, 25 ff.
+
+[368] Jüngere Olafssaga helga Kap. 204.
+
+[369] Saxo IX S. 446.
+
+[370] Ynglingasaga Kap. 29.
+
+[371] Ynglingasaga Kap. 18.
+
+[372] Ynglingasaga Kap. 47.
+
+[373] Hromundarsaga Greipssonar Kap. 2; Fornald. s. 2, 366.
+
+[374] Hervararsaga Kap. 5; Fornald. s. 1, 423.
+
+[375] Ragnarssaga Kap. 9; Fornald. s. 265.
+
+[376] Landnáma 5 Kap. 10; Islendinga sögur 1, 307.
+
+[377] Hálfssaga Kap. 11 u. 13; Fornaldar sögur 2, 39 u. 45.
+
+[378] Ynglingasaga Kap. 16.
+
+[379] Ynglingasaga Kap. 52.
+
+[380] Krákumál 29.
+
+[381] Weinhold, Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1891, II S.
+566 erklärt den Unterschied so: „Was in den dänisch-norwegischen
+Vorstellungen von Odins Walhalla ausgesponnen ist, von der vornehmen
+Gesellschaft, in welche schöne Schild- und Helmmädchen einführen, ist
+jüngeres Erzeugniss der Wikingerzeit. Die Bekenner anderer Kulte als
+des Odinkults waren ausgeschlossen; sie wurden der Wanin Freyja oder
+dem Bauerngotte Thor überlassen.“ Man muss noch die Hel, Ran, die
+Trolle und Elben hinzusetzen.
+
+[382] Lokasenna 22; ähnlich Hárb. 25; der Skald Egill tadelt im
+Sonartorrek Odins Willkür und Gewaltherrschaft.
+
+[383] Gautrekssaga, Fornaldar sögur 3, 17 ff, 32 ff.
+
+[384] Eingang zum Grimnirliede.
+
+[385] Vǫlsungasaga Kap. 1 u. 2; über Odins Eingreifen und dessen
+Bedeutung Müllenhoff, ZfdA. 23, 116 ff.
+
+[386] Vǫlsungasaga Kap. 3 u. 11.
+
+[387] Vǫlsungasaga Kap. 12.
+
+[388] Die Sage von Harald bei Saxo VII u. VIII, S. 361 ff.; der
+isländische Bericht im _Sögubrot af nokkrum fornkonungum í Dana ok
+Svía veldi_ (Fornaldar sögur 1, 361 ff.). Vgl. Uhland, Schriften 7,
+234 ff. Dass Odin Könige und Freunde gegen einander verhetzt, wird
+auch Hárb. 24 u. Helg. Hund. II, 33 gesagt. In der späten Erzählung
+Sǫrlaþáttr (Fornaldar sögur I S. 391 ff. Flateyjarbók I 275 ff.)
+veranlasst Freyja auf Odins Geheiss den Kampf zweier mächtiger Könige,
+der in alle Ewigkeit währen soll. Es ist der Hedeninge sagenberühmte
+Geisterschlacht. Odins und Freyjas Einmischung scheint aber junge
+Erfindung in Nachahmung antiker Sagen. Bugge, Studien 99 ff.
+
+[389] Saxo V S. 238.
+
+[390] Reginsmǫ́l.
+
+[391] Vǫlsungasaga Kap. 13 u. 18.
+
+[392] Saxo II S. 61.
+
+[393] Vǫlsungasaga Kap. 18.
+
+[394] Saxo VIII S. 415.
+
+[395] Vǫlsungasaga Kap. 42.
+
+[396] Hrolfssaga Kraka (Fornaldar sögur I) Kap. 38 ff. 47 ff. Saxo II
+S. 106. Bjarco fragt Ruta:
+
+ _Et nunc ille ubi sit, qui vulgo dicitur Othin,
+ armipotens, uno semper contentus ocello?
+ dic mihi, Ruta, precor, usquam si conspicis illum?_
+
+Hierauf lässt ihn Ruta durch den eingestemmten Arm spähen. Bjarco sagt:
+
+ _Si potero horrendum Friggae spectare maritum,
+ quantumcunque albo clypeo sit tectus et altum
+ flectat equum, Lethra nequaquam sospes abibit:
+ fas est belligerum bello prosternere divum._
+
+Vgl. Uhland Schriften 7, 144, 151, 154, 160. Ob im Namen Hrani _rani_,
+Schweinsschnauze, _svinfylking_, _caput porcinum_ d. h. keilförmige
+Schlachtordnung, als deren Erfinder Odin gilt, anklingt, steht dahin;
+vgl. Bugge, norrön fornkvædi S. 339.
+
+[397] Ketilssaga Hængs Kap. 5; Fornaldar sögur 2, 132, 135, 139.
+
+[398] Harðarsaga Grimkelssonar Kap. 15.
+
+[399] _Frá dauđa Sinfjǫtla_; Vǫlsungasaga Kap. 10, J. Grimm, Myth. 790
+ff.
+
+[400] Hallfreðarsaga Kap. 5 (Fornsögur hrsg. von Gudbrand Vigfusson
+und Th. Möbius S. 91). Ein Beiname Odins ist _farmaguđ_ Gylf. Kap.
+20, _farmatýr_ Grimn. 48, Eyvind SE. II 160, d. h. Gott der Frachten,
+Schiffslasten. Vielleicht ist auch hier Odin als Beschützer der
+Schifffahrt und des Handels gleich Merkur bezeichnet; W. Müller, System
+der altds. Religion 187; J. Grimm, Myth. 3, 55; Simrock, Myth.⁵ 169; E.
+H. Meyer, Myth. 233.
+
+[401] Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne 218 ff.
+
+[402] Hǫ́vomǫ́l 95-101; 102-109; Bragar. Kap. 4. Vgl. Finnur Jónsson,
+Litteraturshistorie 1, 233 ff.
+
+[403] Über die verschiedenen Teile der Hǫ́vamǫ́l vgl. Müllenhoff,
+Deutsche Altertumskunde 5, 250 ff. Dass überall in allen Stücken
+Odin der Sprecher ist, weist gegen Müllenhoff Finnur Jónsson,
+Litteraturshistorie 1, 224 ff. nach.
+
+[404] _Galdrs faþer_ heisst Odin Baldrs Dr. 3; Aufzählung der
+Zauberlieder Hǫ́vamǫ́l 146 ff.
+
+[405] Der Skald Kormak sagt: _seiþ Yggr til Rindar_ SE. 1, 236; Saxo
+III 128 _quam [Rindam] protinus cortice carminibus adnotato contingens
+lymphanti similem reddidit._
+
+[406] Sigrdr. 13; Odins Runenkunde behandelt in unnachahmlich schöner
+Weise Uhland, Schriften 6, 225 ff.
+
+[407] Die Grimnesmǫ́l sind durch zahlreiche Einschaltungen verderbt.
+Unter den Versuchen, den alten und echten Kern, „eine Offenbarung
+Odins in seiner ganzen Herrlichkeit und Furchtbarkeit“, herauszulösen,
+sind die wichtigsten Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 159 ff.
+und Finnur Jónsson, Litteraturs historie 1, 141 ff. Die Einkleidung
+des Liedes hält Bugge, Studien 456 für eine Nachahmung der Vindicta
+Salvatoris.
+
+[408] Über die Vafþrúþmesmǫ́l Müllenhoff, Altertumskunde 5, 237 ff;
+Finnur Jónsson, Litteraturshistorie 1, 137 ff. Der Name _Vafþrúþner_,
+der sonst nirgends vorkommt, heisst nach Gudbrand Vigfusson dictionary
+673ᵇ u. 747ᵃ „der im Verwickeln, in Rätseln Starke“ und wäre also für
+den Inhalt des Gedichtes, das Wettgespräch erfunden; so auch Müllenhoff
+a. a. O. 237/8.
+
+[409] Über die Gestsagen vgl. Uhland, Schriften 6, 305 ff.; 7, 321
+ff. Die Quellen sind die Hervararsaga Kap. 12; Olafssaga Tryggvasonar
+(Heimskringla) Kap. 71; jüngere Olafssaga Tryggvasonar Kap. 197/8
+(Fornmanna sögur 2, 138); Olafssaga helga, Anhang in den Fornmanna
+sögur 5, 171 ff. Þáttr Tóka Tókasonar (Fornm. sögur 5, 299) und
+Nornagests þáttr.
+
+[410] Vǫl. 17/8; Bragar. Kap. 2; Skáldsk. Kap. 5. Vgl. Bugge, Studien
+S. 16.
+
+[411] Ulf Uggason nennt die Dichtkunst _Grímnis gjǫf_, SE. 1, 250; den
+Dichter _Yggs ǫl-beri_ SE. 1, 466.
+
+[412] Gautrekssaga Kap. 7 _Odinn mælti: ek gef honum skáldskap, at hann
+skal eigi seinna yrkja enn mæla_. Entsprechend bei Saxo VI 278 _Othinus
+Starcatherum non solum animi fortitudine, seil etiam condendorum
+carminum peritia illustravit._
+
+[413] Grimnesmǫ́l 7; Gylfag. Kap. 35; der Name kommt häufig bei den
+Skalden vor, bei Kormak corpus poet. 2, 334 und öfters; vgl. Sveinbjörn
+Egilsson, Lex. poet. 678. Der Name hat langes _á_, _Sága_, wie der
+Genitiv _Ságu_ z. B. in _Ságunes_ Helg. Hund. I, 40 lehrt. Damit ist
+jeder Zusammenhang mit _saga_, Gen. _sǫgu_, den J. Grimm, Myth. 863
+und Mogk, Pauls Grdr. 1, 1079 behaupten, ausgeschlossen. Sága ist
+unerklärlich und mit dem Namen bleibt uns auch ihr eigentliches Wesen,
+warum Odin zu ihr geht, verborgen. Wer Saga für richtig hält, denkt
+daran, dass Odin geschichtliche Weisheit bei ihr schöpft, dass er
+Weisheit trinkt.
+
+[414] Über Mimir Vǫl. 27-29; 46; Sigrdr. 13, 14; Vafþr. 45; Fjǫlsv.
+14; Gylfag. Kap. 12; Ynglingasaga Kap. 4; Mimirs Freund heisst Odin
+schon bei den Skalden des 10. Jahrhunderts SE. 1, 233 Anm. 19, 238,
+240. Über Mimir handelt vortrefflich Uhland, Schriften 6, 197 ff.; vgl.
+auch Weinhold, Die Riesen des germ. Mythus (Wiener Sitzungsberichte
+26, 1858) S. 243 ff. u. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 101 ff.
+Über den Namen, dem kurzes _ĭ_ zukommt und der mit Μέμνων, _memor_
+urverwandt ist (ags. _mimor_, _mimerian_) Sievers, Beiträge 6, 286,
+314, 354 f.
+
+[415] Odin am Galgen Bugge, Studien 317 ff. Vgl. schon Munch, Das
+heroische Zeitalter der nord. germ. Völker S. 22 Anm. 2. Kauffmann,
+Beiträge 15, 195 ff. wendet sich gegen die Ableitung aus christl.
+Vorstellungen. Seine Ausführungen sind auf ziemlich willkürlich zurecht
+gemachter Überlieferung aufgebaut, 140 wird als ursprünglich angesehen
+(gegen Müllenhoff, Altertumskunde 5, 270) und dann mit „_prolepsis_“
+in den Zusammenhang gezwungen. Die Hauptsache, dass Odin sich selber
+opfert und dass der Baum darum Weltbaum ist, findet gar keine
+Berücksichtigung. Christlichen Ursprung nimmt auch E. H. Meyer, Völuspa
+23 ff. an.
+
+[416] Anspielungen auf den Dichtermet bei den Skalden sammelt Gudbrand
+Vigfusson, Corpus poeticum II, 462 f.
+
+[417] Nach dieser Stelle, nach Hǫ́v. 140, ist Odrerir Name des Kessels,
+der den Trank aufbewahrt, nach Hǫ́v. 106 ist der Met selber damit
+gemeint. Der Name haftet am Kessel auch beim Skald Einar skálaglamm,
+wenn er die Dichtkunst als „die Woge Odrerirs“ bezeichnet.
+
+[418] Bragar. 3 u. 4; daher gehören auch Hǫ́v, 13/4:
+
+ Über Gastungen schwebt der Vergessenheit Reiher,
+ Der den Verstand uns stiehlt;
+ Dieses Vogels Gefieder umfächelte mich,
+ Als in Gunnlods Grotte ich sass.
+ Trunken ward ich, ward todtrunken
+ In des sinnreichen Fjalar Saal;
+ Am besten ist’s, bringt man vom Trunke
+ Einen klaren Kopf nach Haus.
+
+Da wird also dem Trank berauschende Wirkung zugeschrieben, worauf
+der Name Suttung aus _suþ-þungr_, vom Sud beschwert, betrunken, auch
+hinweist. Für Suttung steht hier Fjalar, der [Met]berger, Metbewahrer
+(zu _fela_, bergen). Im Grimnirlied 50 hat Odin den Raub des Odrerir im
+Auge:
+
+ Swidur und Swidrir hiess ich bei Sokmimir
+ Und täuschte den Thursengreis;
+ Midwidnirs Sohne zum Mörder ward ich,
+ Dem Trefflichen, ich allein.
+
+Swidrir und Swidur, der Brennende, heisst Odin als Sonnengott. Bei
+Sonnenuntergang kehrt er im Berge ein. Sokmimir, Streiterreger,
+ist Suttung, der Berauschte, da im Rausche leicht Streit auskommt.
+Midvidnir ist der mit Met Fesselnde. Alle Namen des Riesen, der Odrerir
+inne hat, entstammen demselben Gedanken: der Berauschende. Über weitere
+mit dem Met zusammenhängende Züge vgl. Noreen, Uppsalastudier 198 u.
+205 ff. Kwasir kommt nur Gylfag. Kap. 50 noch einmal vor: er erkannte
+als der weiseste der Asen das Netz, das Loki ins Feuer geworfen hatte,
+noch in der Asche als Vorrichtung zum Fischfang. Yngl. Kap. 4 erzählt
+von der Edda abweichend, die Wanen hätten ihn als den Klügsten in ihrer
+Schar den Asen vergeiselt. In Gedichten findet er sich nur bei Einar
+skálaglamm aus dem Ende des 10. Jahrhunderts, der die Dichtung „Kvásis
+dreyra“, Blut des Kwasir nennt SE. 1, 244.
+
+[419] A. Kuhn, die Herabkunft des Feuers und des Göttertranks. Berlin
+1859, S. 138 ff.
+
+[420] Orions Erzeugung Ovid. fast. 5, 495-535; Hygin, fab. 195. Die
+Übereinstimmung merkt J. Grimm, Myth. Vorrede XXXIV an. Wenn Simrock,
+Myth.⁵ 224 die Übereinstimmung soweit gehen lässt, dass Orion aus
+dem Speichel der Götter entsteht, so ist das eigene Erfindung. Die
+hässliche Geschichte entstand durch volksetymologische Vergleichung des
+Namens Orion, Urion mit Urin.
+
+[421]
+
+ _afl gól hann ǫ́som, en ǫlfom frama,
+ hyggjo Hroptatý._
+
+Zu Thiodreyrir Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 273 ff., der aber
+keine befriedigende Erklärung weiss.
+
+[422] Hǫ́v. 44
+
+ _nam ek at mǫnnom þeim enom aldrǿnom,
+ es búa í heimes haugom._
+
+Gering, Edda S. 49 Anm. 6 versteht Tote darunter, was namentlich wegen
+Str. 45 angezeigt ist; Mogk, Grundriss 1, 1078 schliesst auf einen Alb,
+ein bejahrtes Männlein im Hügel der Erde, einen alten vielkundigen
+Zwerg, etwa wie Thjodreyrir.
+
+[423] Bur als Vater Odins, Wilis und Wes begegnet ausser Gylfag. Kap.
+6 nur Vǫl. 4 und Hyndl. 31; Buri nur beim Skald Thorwald Blendaskald
+um 1120 (Corpus poet. 2, 250); Bestla und Bolthorn Hǫ́v. 140. Über
+die Herkunft der Namen Buri, Bur und Vili, Vé (_vé_, Gen. _véa_, Pl.
+_véar_ ist das schwache Adj. wie etwa ahd. _ƕîho_, sanctus) aus der
+Dreieinigkeit vgl. E. H. Meyer, Völuspa S. 66 u. 81 f.; die eddische
+Kosmogonie S. 67 f.; Mythologie 265 f.
+
+[424] Hauptquelle der Odinsnamen sind die Grimnesmǫl 46 ff.; weiteres
+bieten die Skaldengedichte und die SE. Versuche, die Namen zu sammeln
+und auszulegen bei Finn Magnusen, Lex. myth. 365 ff.; Snorra Edda Bd.
+4, 821 f.; viel Gutes bietet Sveinbjörn Egilsson, Lex. poet, unter den
+einzelnen Namen. Aus Skaldengedichten stellt Gudbrand Vigfusson, Corpus
+poet. 2, 461 f. einiges zusammen.
+
+[425] Detter, Beiträge 18, 202 f. stellt Odins Name _hár_ zu got.
+_haihs_, einäugig (vgl. got. _faihs_, ahd. _fè_, an. _fár_). Hár ist
+also der einäugige Gott. Die spätere Zeit missverstand _hár_ (got.
+_hauhs_) und deutete _hávi_, der Hohe.
+
+[426] Hyndl. 2 u. 3. Die Sage von Hermod ist nicht überliefert.
+Wahrscheinlich kommt ihr hohes Alter zu. In den Hǫ́konarmǫ́l ist Hermod
+in Walhall und begrüsst mit Bragi den König. Bei Baldrs Tod wird
+Hermod, der ein Sohn Odins heisst, zur Hel entsandt, Baldr loszubitten;
+Gylfag. Kap. 49. In den ags. Stammtafeln steht Heremod unter Wodans
+Ahnen. Im Béow. 902 ff. u. 1710 ist Heremod ein dänischer König, in der
+Jugend durch Gottes Gunst über alle Helden erhoben, im Alter aber so
+unmild und blutgierig, dass ihn die eignen Leute verliessen. Die Sage
+wurde also bereits von Angeln oder Jüten nach Britannien geführt. Wie
+den Sigmund betrachtete die Sage auch Hermod als Abkömmling Odins. Der
+Gott begabte ihn und nahm ihn am Ende seiner Laufbahn nach Walhall.
+
+[427] Heimdallr, die schwache Form Heimdali in der Vísa der Grettissaga
+(Islendinga sögur 1, 231). Der Name zerlegt sich in _heimr_, Welt und
+*_dallr_, ein verlorenes an. Eigenschaftswort, das im Ags. _dealt_,
+stolz, berühmt erhalten ist; so Bugge, norrœn fornkvæði S. 68; J.
+Grimm, Myth. 3, 81. Als lichtester der Götter wird Heimdall in der
+Þrymsk. 14 bezeichnet:
+
+ Þá kvaþ þat Heimdallr, hvítastr ása,
+ visse vel fram sem vaner aþrer.
+
+Man darf nicht übersetzen: „Er wusste wol die Zukunft wie andre
+Wanen“ und schliessen: also war Heimdall eigentlich ein Wane (Mogk,
+Grdr. 1, 1057), sondern „wie sonst die Wanen“, eine Konstruktion, die
+bekanntlich im Griech. ganz gewöhnlich ist; vgl. Gering, Glossar S.
+8 s. v. _annarr_. Heimdall heisst auch _Vindhler_ SE. 1, 266 u. 500,
+d. h. der den Wind stillt. Unklar ist sein Name _Hallinskíđi_ SE. 1,
+100. Seltsamer Weise stehen die Namen _Heimdali_ und _Hallinskíđi_ auch
+unter den Bezeichnungen des Widders (SE. 1, 589 u. 588), ohne dass ein
+Grund dafür ersichtlich ist. Über Heimdall Uhland, Schriften 6, 14;
+Müllenhoff, Schmidts Zeitschr. f. Geschichte 8, 250 ff.; ZfdA. 30, 245
+ff.
+
+[428] Kögel, Indogerman. Forschungen 4, 313 erklärt _hai-mo_ als
+_m_-Ableitung neben _hai-do_, Glanz, _hai-dro_, glänzend, heiter. Vgl.
+fries. _hêmliacht_, Hell-Licht; somit ist Heimdallr der Hellstrahlende,
+nicht der über die Welt Strahlende.
+
+[429] So erklären E. H. Meyer, Myth. 228 und Noreen, fornnordisk
+religion, mytologi och teologi S. 7 den Gott.
+
+[430] Nach Ulf Uggason, Húsdrápa und Gylfag. Kap. 49.
+
+[431] Gylfag. Kap. 27.
+
+[432] Himmelberge sind hohe, in die Wolken reichende Berge, oft als
+Eigennamen wie an. _himinfjǫll_, altdeutsch _himilinberg_, Himmelsberg
+u. a. Vgl. J. Grimm, Myth. 2, 662 Anm.
+
+[433] Lokas. 48.
+
+[434] Vǫl. 27, wozu Bugge, Studien 579 und Vǫl. 46.
+
+[435] Über die Bedeutung des Wortes _nadd-gǫfugr_, eigentlich berühmt
+durch Spitze (_naddr_ bedeutet eine kleine Spitze oder einen spitzen
+Keil, dann Nagel, Geschoss u. s. w.) Roediger, ZfdPh. 27, 8 f.
+
+[436] Str. 39 ist ins Hyndlalied eingeschaltet aus dem zweiten
+Gudrunlied 22. Dort passen die Verse allein, da darin von den
+Bestandteilen eines Zaubertrankes die Rede ist. Damit fallen alle
+mythologischen Deutungen von selbst.
+
+[437] Str. 40 ist stark verderbt. Sie kann auch auf Thor gehen, als
+Sohn der Jǫrð (_sá vas aukenn jarþar megne_) und Gemahl der Sif (_sif
+sifjaþan sjǫtom gǫrvǫllom_).
+
+[438] Die Töchter der Ran SE. 1, 500; ihre Namen sind freilich
+von denen der Heimdallsmütter durchaus verschieden. Über den
+Seemannsglauben der heutigen Isländer Jón Árnason, þjóðsögur 1, 660;
+deutsch bei Lehmann-Filhés, Isländische Volkssagen, Neue Folge, Berlin
+1891, S. 35. W. Müller, Geschichte und System der altdsch. Rel. S. 229
+deutete zuerst die Heimdallsmütter als Töchter der Ran, was Müllenhoff,
+Schmidts Zeitschrift f. Geschichte 8, 251 billigte.
+
+[439] Im sögubrot af nokkrum fornkonungum Kap. 3 (Fornaldar sögur 1,
+373); auch im Corpus poeticum boreale 1, 125. Kauffmann, Beiträge 18,
+173 knüpft weitgehende Folgerungen daran. Nach Bugge, Studien 37 Anm. 1
+muss statt „_heimdallr_“ „_havđr_“ gelesen werden; Hod, Baldrs Bruder
+sei gemeint.
+
+[440] Skáldsk. Kap. 8 SE. 1, 264.
+
+[441] SE. 1, 268.
+
+[442] ZfdA. 30, 228.
+
+[443] Über Heimdalls Schwert SE. 1, 100; 264; 538; zur Deutung
+Müllenhoff, ZfdA. 30, 252 ff., wo folgender Wortlaut als ursprünglich
+angesetzt wird: [_Heimdallar sverđ hǫfuđ heitir, svá er sagt, at hann
+var lostinn manns hǫfđi igǫgnum._] _um þat er kveđit í Heimdallar
+galdri, ok er siđan kallat hǫfuđ miǫtuđr Heimdallar: sverđit heitir
+manns miǫtuđr._
+
+[444] In der erst um 1300 niedergeschriebenen, mit romantischen und
+fabelhaften Bestandteilen versetzten Grettissaga, in welcher auch die
+vísur meist jung sind, heisst es: _verđ ek Heimdala at hirđa hjǫr;
+bjǫgom svá fjǫrvi_. Die fragliche Strophe, da sie auch in der Landnáma
+(Islendinga sögur 1, 231) steht, ist aber vermutlich eine der wenigen
+älteren. Vgl. Gudbrand Vigfusson, Corpus poet. bor. 2, 114.
+
+[445] Vǫl. 1 bittet die Wolwa um Gehör _allar helgar kinder meire
+ok minne mǫgo Heimdallar_. Über die Rigsþula Finnur Jónsson,
+Litteraturshistorie 1, 186 ff.
+
+[446] So J. Grimm, Myth. 3, 81; Bugge, Studien 17 behauptet: St.
+Michael wird zu Heimdall umgewandelt, ohne den Gedanken weiter
+auszuführen. Die Deutungen E. H. Meyers, Völuspa 17, 21, 26 treffen
+schwerlich das Richtige; doch verdient die Vergleichung der Geburt
+Heimdalls mit der Christi Beachtung. H. Falk, aarböger f. nord.
+oldkyndighed 2, 6 (1891), S. 270 Anm. glaubt, man habe Heimdall mit
+einem Widderkopf sich vorgestellt. Deshalb heisse der Widder auch
+_heimdalli_ und andererseits der Gott nach dem Widder _hallinskiđi_.
+Des Widders Haupt ist seine Waffe, sein Schwert, daher ist „_hǫfuđ
+Heimdallar sverđ_“. Der widderköpfige Heimdall ist dem _corniger
+Ammon_, dem gehörnten Juppiter, nachgeahmt.
+
+[447] Eine idg. Wurzel „_bhal_“ liegt im griech. φαλός und φάλιος,
+weiss, glänzend, vor und bildete wol auch ein germanisches Adjektiv
+*_balaȥ_, got. *_bals_, in der schwachen Form _bala_ als Rossname wie
+griech. φάλιος gebräuchlich. Vgl. den Rossnamen „_belche_“=_bläss._
+Im Ags. begegnet _Bældæg_, heller Tag. Ein idg. _bhaltos_ 1) hell,
+schimmernd, glänzend; 2) schnell, kühn, zeigt sich in lit. _baltas_,
+weiss, germ. _balþaz_, kühn. Aus _bhal-tṛ́_ wird germ. _balđr_, der
+Leuchtende, Licht verbreitende. Ob in dem German. _balđr_ die beiden
+Bedeutungen „hell“ und „schnell“ vorlagen, woraus der kühne Lichtgott
+und der Fürst (an. _baldr_, ags. _bealdor_) unabhängig erwuchsen, ob
+der Göttername in der ags. und an. Dichtung zum Hauptwort für König,
+Fürst herabsank, lässt sich nicht sagen. Vgl. E. Schröder, ZfdA.
+35, 237 ff. Die Wurzel zeigt sich germ. in mehreren Ableitungen: 1)
+_bhal-os_, φαλός, _balaȥ_, got. _bala_, ags. _bæl_, ahd. _bal_, _pal_
+in Eigennamen; 2) _bhal-nós_ in Eigennamen wie _Ballo_, _Ballomer_; 3)
+_bhal-tos_, lit. _baltas_, germ. _balþaȥ_, got. _balþs_, an. _baltr_,
+ahd. _bald_; 4) _bhal-tṛ́_, germ. _balđr_, an. _baldr_, ags. _bealdor_,
+ahd. _balder_. Zur Baldrsage kommt vor allem die Schrift von Bugge,
+Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen,
+München 1889, S. 34/313, auch wenn man ihren Ergebnissen nicht
+beipflichtet, als die wichtigste und wertvollste sagengeschichtliche
+Arbeit in Betracht.
+
+[448] P. E. Müller in der Ausgabe des Saxo S. 120 führt an, die
+dänische Volkssage dieses Jahrh. lasse den Quell dadurch entspringen,
+dass Balders Pferd mit seinem Hufe scharrte. Vgl. Thiele, danske
+folkesagn 2, 341.
+
+[449] Grímn. 12.
+
+[450] Gylfag. Kap. 22; nach Bragar. Kap. 2 darf Skadi einen der Götter
+zum Manne wählen, aber nur die Füsse sehen. Sie nimmt den mit den
+schönsten Füssen, in der Hoffnung, es sei Baldr. Es ist aber Njord.
+
+[451] Über das Alter von Baldrs Draumar vgl. Finnur Jónsson,
+Litteraturshistorie 1, 148.
+
+[452] _Hotvetna grét--býsn þótti þat--Baldr ór helju_, Hrafns saga
+biskups in biskupa sögur 1, 648; _grátaguđ_, „den beweinten Gott“,
+nannten die Skalden Baldr nach SE. 1, 260; im Lied auf Ivar Viðfaðmi
+(Fornaldar sögur 1, 373) ist Baldr der, den alle Götter beweinten.
+
+[453] Vafþr. 54; ebenso fragt Odin-Gest König Heidrek in der
+Hervararsaga (Bugges Ausgabe S. 263).
+
+[454] _Hverr es Halfdán Snjalli međ ásom? hann vas Baldr međ ásom es
+ǫll regin gréto_; Fornaldar sögur 1, 373; Corpus poetieum 1, 124.
+
+[455] Gylfag. Kap. 49; Bugge, Studien S. 51 Anm. stellt aus Friggs
+Worten zwei Halbstrophen her:
+
+ _Munat vǫ́pn Baldri_ _vex viđar teinungr_
+ _né viđir granda,_ _fyr vestan hǫll,_
+ _hefk af ǫllum_ _ungr sá þottumk_
+ _eiđa þegua._ _eiđs at krefja._
+
+
+[456] Sakses oldhistorie, norröne sagaer og danske sagn, Köbenhavn
+1894, S. 13 ff.
+
+[457] Nanna zu an. _nenna_, got. _nanþjan_, ahd. _ginenden_, wagen; so
+erklärt J. Grimm, Myth. 202. Vgl. Bugge, Studien 178. Vom selben Stamm
+sind die deutschen Namen _Nando_, _Nandger_, _Nandƕin_, _Nandung_,
+_Ferdi-nand_ gebildet. Nanna erwähnt der Skald Kormak, Corpus poet. 2,
+S. 64. 25 u. 66, 75. Vǫl. 31 heissen die Walküren _Herjans nǫnnor_,
+wodurch ebenfalls der Name Nanna vorausgesetzt wird.
+
+[458] Christliche Einflüsse im isländischen Baldrmythus erweisen Bugge,
+Studien S. 34 ff.; E. H. Meyer. Völuspa S. 137 ff.; 157 ff.; 198; 220.
+
+[459] _Mistelteinn_ als Schwertname in SE. 1. 564; Hervararsaga,
+Bugges Ausgabe S. 206; Hromundarsaga (Fornaldar sögur 2, 371); in
+Zusammensetzungen bedeutet „_tein_“ häufig Schwert, wie _benteinn_,
+_bifteinn_, _eggteinn_, _hjǫrteinn_, _hræteinn_, _sárteinn_, _valteinn_.
+
+[460] Beiträge 18, 82 ff.; 19, 495 ff.
+
+[461] Studien 83 ff. Vgl. namentlich S. 153 die Zusammenstellung der
+beiderseits entsprechenden Züge.
+
+[462] Mythologie 82 ff.
+
+[463] Ortsnamen in den nordischen Ländern und sonstige Spuren, die auf
+Bekanntschaft mit der Baldrsage hinweisen, verzeichnet Bugge, Studien
+287 ff.
+
+[464] Mythologie 581.
+
+[465] Im Formáli Kap. 10SE. 1, 26 _annar son Óđins hét Beldeg,
+er vér kǫllum Baldr_. Im Kap. 9 wird auch richtig Oðin mit Woden
+zusammengestellt. Während fast alle Forscher Baldr und Bældæg als
+gleich betrachten, was namentlich E. Schröders Erklärung ZfdA. 35, 237
+ff. erhärtet, leugnet Bugge, Studien 312/3 jeden Zusammenhang.
+
+[466] _Paltar_ belegt J. Grimm, Myth. 201 aus Meichelbeck, Historia
+Frisingensis I, 2 Nr. 450, 460, 611 und Myth. 3, 78 aus Monumenta
+boica 9, 23 und 837; _Baldor_ servus Polypt. de S. Remig. 55ᵃ. Der
+Ortsname Baldebrunno (Myth. 207) gehört nur, wenn man „bessert“ in
+Baldersbrunno, zum Gott. Jüngere Namen mit Balder können aus älterem
+Baldheri stammen, Myth. 201 Anm.; 1210.
+
+[467] Die Göttlichkeit Balders vertritt J. Grimm, Myth. 201 ff. und
+nach seinem Vorgang nahm man allgemein Balder in diesem Sinn. Dagegen
+erklärte Bugge, Studien 303 ff. „_demo balderes volon_“, dem Fohlen
+des Herrn mit Zustimmung Kauffmanns, Beiträge 15, 207 und Steinmeyers,
+Müllenhoff-Scherer, Denkmäler, 3. Aufl., 2. Band S. 47. Die Auffassung
+Grimms brachten E. Schröder, ZfdA. 35, 237 ff. und Gering, ZfdPh. 20,
+145 ff. wieder zu Ehren. Vgl. auch F. Losch, Balder und der weisse
+Hirsch, Stuttgart 1892; hierzu R. M. Meyer, AnzfdA. 19, 209 ff. Den
+Strassburger Blutsegen (Müllenhoff-Scherer, Denkmäler Nr. IV, 6 mit
+den Anm. in Band II S. 52 ff.) stellt Kögel, Geschichte der deutschen
+Litteratur I, 1, 262 ff. so her:
+
+ _Genzan unde Jordan giengen sament scôzzôn,
+ thô verscôz Genzan Jordane the sîtun.
+ Vrô unde Lâzakêre giengen fold petrettôn:
+ verstände thiz pluot stant pluot fasto._
+
+Eine Parallelfassung des Spruches setzt Christ und Judas für Genzan und
+Jordan. In der Heidenzeit sollen Balder und Hadu dafür gestanden sein.
+Damit werde die Baldersage für Deutschland bezeugt. Balder ward in der
+Seite verwundet. Vrô und Lâzakêre wurden entsandt, um Erde zu betreten.
+Das Rasenstück, auf die Wunde gelegt, stillte das Blut. Das ist
+natürlich alles sehr ungewiss und darf zu keinen bindenden Schlüssen
+über deutschen Götterglauben verführen.
+
+[468] Ortsnamen mit Phol J. Grimm, ZfdA. 2, 252 ff.; Myth. 206 ff.;
+3, 79; dass die Ortsnamen mit Pfahl (oder auch Pfuhl) zusammenhängen,
+ist sehr wol möglich; vgl. W. Arnold, Ansiedlungen und Wanderungen
+deutscher Stämme, Marburg 1877, S. 22. Apollo-Balder erklärt Gering,
+ZfdPh. 26, 146. Hierzu noch Kauffmann ebd. 26, 456 ff. und Gerings
+Erwiderung S. 462 ff. In Phôl, Pôl, erkennt Bugge, Studien 301, den
+Apostel Paulus. An Vol denkt Scherer bei Mannhardt, Myth. Forschungen
+(in Quellen und Forschungen 51, XXVII); als Nom. Sing. zum Gen. Volla
+nimmt Kauffmann, Beiträge 15, 208 ff. das Wort. Aber die Göttin könnte
+kaum vor Wodan genannt sein, ebensowenig die Vol als Frija (Bugge,
+Studien 305). Zu Phol. vgl. noch von Grienberger, ZfdPh. 27, 453 ff.
+
+[469] Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur 91 f.
+
+[470] Die Sage von Baltram und Sintram bei den Brüdern Grimm, Deutsche
+Sagen Nr. 220; Wackernagel, ZfdA. 6, 158; vgl. dazu Müllenhoff, ZfdA.
+12, 329 und 353; Bugge, Studien 310 f.
+
+[471] Laistner, Nebelsagen, Stuttgart 1879, S. 196 ff.
+
+[472] Forseti ist nur Grímn. 15 und Gylfag. Kap. 32 mit den oben
+angeführten Worten erwähnt, sonst völlig unbekannt. Bugge, Studien 290
+Anm. 2: „Der Hofname _Forsetelund_ in Onsö, Smaalenene (Matr. 119), _í
+Fosætte lundi_ Röde Bog S. 515, deutet auf Verehrung des Forseti hin.
+Er kann von den Norwegern gekannt und verehrt worden sein, ehe er zu
+Baldrs Sohn gemacht wurde.“
+
+[473] Der Gott hiess nach Alchuine _Fosite_, die Insel _Fositesland_.
+Altfried hat _Fosetesland_, Adam von Bremen _Fosetisland_. Da beide
+aus Alchuine schöpfen, ist unsicher, wie der Name eigentlich lautete,
+_Fosite, Fosete, Foseti_. Will man mit J. Grimm den Namen zum
+nordischen Forseti halten, so kann nur alter Schreibfehler angenommen
+werden. Denn Forsete konnte sich lautlich nicht zu Fosete entwickeln.
+Richthofen, Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte, 2. Teil,
+Berlin 1882, S. 434 f. Die Ansicht Grimms von der Zusammengehörigkeit
+des Forseti und Fosete wird allgemein geteilt, besonders von
+Müllenhoff, Altertumskunde 5, 39 und Mogk, Pauls Grundriss 1, 1066.
+Kauffmann, Beitr. 18, 181 äussert Bedenken. Zu Forseti: Fosete vgl.
+das norwegische _í Fosætte lundi_ bei Bugge, Studien 290 Anm. 2. F.
+Buitenrust Hettema, in tijdschr. v. ned. taal- en letterkunde 1893,
+S. 281-288, führt den Fosete, Fosite, Foste (letztere Form entnommen
+aus den „_delubra Jovis et Foste_“ in der um 1400 gefälschten _vita
+Suiberti_) auf _Donar fôsite_, Donar, den Furchtbaren, zurück. _Fôsite_
+sei zu schwed. _fasa_, ags. _fésian_, „schaudern“ und zu dem Namen der
+_Fosi_ (Tac.) an der Elbe zu stellen.
+
+[474] Der heilige Willebrord wurde einmal zwischen 690 und 714 nach
+Helgoland verschlagen. _Alchuine_ in der _vita Willebrordi_ Kap. 10,
+Jaffé, _Bibliotheca rerum germanicarum_ VI, 1873, S. 47 erzählt: _et
+dum pius verbi Dei praedicator iter agebat, pervenit in confinio
+Fresonum et Danorum ad quandam insulam, quae a quodam deo suo Fosite ab
+accolis terrae Fositesland appellabatur, quia in ea eiusdem dei fana
+fuere constructa. qui locus a paganis in tanta veneratione habebatur,
+ut nihil in ea vel animalium ibi pascentium vel aliarum quarumlibet
+rerum auisquam gentilium tangere audebat, nec etiam a fonte qui ibi
+ebulliebat aquam haurire nisi tacens praesumebat. quo cum vir Dei
+tempestate iactatus est, mansit ibidem aliquot dies, quousque sepositis
+tempestatibus opportunum navigandi tempus adveniret. Sed parvipendens
+stultam loci illius religionem vel ferocissimum regis animum, qui
+violatores sacrorum illius atrocissima morte damnare solebat, igitur
+tres homines in eo fonte cum invocatione sanctae trinitatis baptizavit;
+sed et animalia in ea terra pascentia in cibaria suis mactare
+praecepit. quod pagani intuentes arbitrabantur, eos vel in furorem
+verti vel etiam veloci morte perire; quos cum nihil mali cernebant
+pati, stupore perterriti regi tamen Rabbodo quod videbant, factum
+retulerunt. qui nimio furore succensus in sacerdotem Dei vivi suorum
+iniurias deorum ulcisci cogitabat, et per tres dies semper tribus
+vicibus sortes suo more mittebat, et numquam damnatorum sors, deo vero
+defendente suos, super servum Dei aut aliquem ex suis cadere potuit;
+nisi unus tantum ex sociis sorte monstratus et martyrio coronatus est._
+Danach Altfried in der _Vita Liudgeri_ I Kap. 19. Liudger zerstörte
+die dem Fosete erbauten Tempel und errichtete statt ihrer Kirchen; aus
+der heiligen Quelle taufte er die Bewohner der Insel. Das geschah nach
+785. Die Kirchen hatten keinen Bestand. Nach Adam von Bremen 4. Kap.
+3 ist Fosetisland Helgoland (Heiligland). Erst in den Tagen Adalberts
+von Bremen (1072) sei es entdeckt und durch Erbauung eines Klosters zum
+Wohnsitz für Einsiedler gemacht worden.
+
+[475] Richthofen, Fries. Rechtsquellen 439 ff.; Untersuchungen über
+fries. Rechtsgeschichte 2, 459 ff. Die Aufzeichnung entstammt erst dem
+14. Jahrh. und wurde im 16. Jahrh. gedruckt. Die wichtigsten Worte
+lauten im Original: _Da sagen se een tretteensta oen der stioerne
+sitten, ende een axa op synre aexla_ (Var. _ene gildene axe ƕt siner
+axla_), _deer hy mey toe lande stioerde toienst straem ende ƕynd. Da
+se toe lande coemen, da ƕorp hy mitter axa op dat land, ende ƕorp een
+tura op_ (Var. _ene turƕe op_); _da ontsprongh deer een burna, al
+daerom haet dat to Axenthove. Ende to Eeswey comen se to land ende
+seten om dae burna ..... al deerom schillet aldeer in da land ƕessa
+trettien aesgen, ende hyara domen schillet hya dela to Axenthove ende
+to Eeswey_. Die niederdeutsche Fassung der Sage lässt den Dreizehnten
+ein Krummholz in der Hand führen, J. Douwama im _boeck der partijen_,
+um 1526 verfasst, eine Axt, ein Beil. Die Quelle nennt er _Axsborn_.
+Sollte der hammerbewehrte Donar gemeint sein? So erklärt E. H.
+Meyer, German. Myth. § 251, S. 188. Eine Verwechslung zwischen Axe
+und Ax (Axt) ist ja begreiflich. Beziehung auf Wodan, Richthofen,
+Untersuchungen 2, 463 ist nicht gerechtfertigt.
+
+[476] Mit Ullr ist got. _ƕulþus_, Herrlichkeit, verwandt, vgl. Noreen,
+An. Gramm.² §215; _ƕulþus_ erscheint in ostgotischen Eigennamen,
+vgl. Wrede, Über die Sprache der Ostgoten in Italien (Quellen und
+Forschungen 68), Strassburg 1891, S. 85 u. 147, z. B. Sigiswuldus;
+altdeutsche Namen in Förstemanns Namenbuch 1, 1338 Wuldebert, Wuldulf.
+Zu Ullr vgl. Simrock, Myth.⁵ 290; Kauffmann, Beiträge 18, 188;
+Rödiger, ZfdPh. 27, 11 ff. Munch, Die nord. german. Völker S. 223 „ein
+solcher Name scheint demnach eher ein Beiname des höchsten Gottes sein
+zu müssen, als irgend eine besondere Persönlichkeit bezeichnen zu
+können.“ Ullr und _ƕulþus_ stellte zuerst Bachlechner, ZfdA. 8, 201 ff.
+zusammen; dazu Weinhold, Riesen, Wiener Sitzungsberichte 26, 1858, S.
+264 f.
+
+[477] Von Ullr berichtet Gylfag. Kap. 31; Grímn. 5; seine Namen SE. 1,
+266.
+
+[478] Die Skaldenstellen, welche den Schild das Schiff Ulls nennen,
+stehen SE. 1, 246, 346, 414, 420; vgl. auch Sveinbjörn Egilsson, Lex.
+poet. 831. Much, Beiträge 20, 35 f. meint, der Schneeschuh (_skíđ_)
+Ulls sei als sein Schiff und Fahrzeug bildlich bezeichnet worden.
+_skíđ_, „Schneeschuh“ sei irrtümlich als _skíđ_, „Schild“ (vgl. kelt.
+_skēto_, Schild) gefasst und durch das gangbare skjǫldr ersetzt
+worden. Die Kenning _skjaldar áss_ sei eigentlich _*skiđs áss_ und
+gleichbedeutend mit _ǫndráss_, Schlittschuhgott.
+
+[479] Ortsnamen mit Ullr aus Norwegen sammelt O. Rygh in P. A. Munchs
+norröne gudesagn 2. udg. Christiania 1880; vgl. das Register; aus
+Schweden Lundgren, språkliga intyg, Göteborg 1878, S. 71 ff.
+
+[480] Die Sage von Ollerus bei Saxo III S. 130 f., die andern Berichte
+wurden bereits im Abschnitt über Odin (vgl. oben S. 306 ff.), soweit
+sie hergehören, mitgeteilt. Zu Ollerus P. E. Müller, Notae uberiores
+122 f.
+
+[481] Vgl. W. Müller, Zur Mythologie der griechischen und deutschen
+Heldensage, Heilbronn 1889, S. 101 u. 159, der hier mit Recht den
+„historischen“ Mythus der natursymbolischen Deutung vorzieht. Dass
+Odin unter dem Namen Brúni dem Finnenkönig Gusi im Streit um die
+Herrschaft gegenüber tritt, dass hier dieselbe Sage wie die von Odin
+und Ullr vorliege, dass also die geschichtliche Thatsache des Sieges
+der Nordgermanen über die Finnen im mythischen Gewande behandelt werde,
+sucht Detter, ZfdA. 32, 449 ff. zu erweisen.
+
+[482] Dass Widar nach Vǫl. 53 R der Sohn Odins und der Hlodyn genannt
+wird, dass demnach Hlodyn und Grid gleich und wol nur aus der Erdgöttin
+abgezweigt sind, erweist Kauffmann, Beiträge 18, 135 ff.
+
+[483] Von Widar weiss nur die Liedersammlung und die Snorra Edda. Die
+Stellen, die in Betracht kommen, sind Vǫl. 54, Grimn. 17, Vafþr. 51,
+Lokas. 10, Gylfag. Kap. 29, 33, 43, 51, Bragar. Kap. 1, Skáldsk. Kap.
+2. Vgl. ausserdem die Benennungen Widars als Eigner des Eisenschuhes,
+Feind und Töter des Fenriswolfes, Rächer der Götter, Bewohner der
+Vatershalle, Sohn Odins und Bruder der Götter SE. 1, 266. Ortsnamen
+mit Widar sammelt Kauffmann, Beiträge 18, 157 Anm. _Viþarshof_,
+_Viþarsgarþr_ nach M. Arnesen, minder om hedensk gudsdyrkelse S. 62;
+_Widarsleff_, Lundgren språkliga íntyg S. 78; _Viđarhellisgjógv_ bei
+Hammershaimb, færösk antologi 350, 3.
+
+[484] _Viđarr_ als _viđ-hari_ zu _viđr_, Wald, stellt Rödiger, ZfdPh.
+27, 5; Grimm, Myth. 3, 245 _Viđarr_, ahd. _Witheri_; Kauffmann,
+Beiträge 18, 168 Anm., der überhaupt in Widar den Hauptgott der
+Germanen, den grossen Waldesgott erblickt, erklärt Widar als „Gott, der
+einen Stab, ein Reis vom Weidenholz führt.“
+
+[485] Von Váli berichten Vǫl. 33, Baldrs Dr. 11, Vafþr. 51, Hyndl. 30,
+Gylfag. Kap. 30, 36, 53; seine Namen SE. 1, 266. Unklar bleibt sein
+Verhältniss zu Váli, dem Sohne Lokis, der Vǫl. H. 35 und Gylfag. Kap.
+50 erscheint; Kauffmann, Beiträge 18, 168 glaubt nachweisen zu können,
+dass nur Váli als Sohn Odins bezeugt und aus Missverständniss zu Lokis
+Sohn geworden sei. Viðarr und Váli seien thatsächlich nur Namen einer
+und derselben Gottheit, die, wo die Weltordnung bedroht ist, sie mit
+sicherer Kraft in den Fugen hält. Auf Váli geht wol auch Grógaldr 6, wo
+Gróa den Zauber singt, den einst Rind dem Ran (Wali?) gesungen; vgl.
+Sijmons zur Stelle. Zur Sage Bugge, Studien 215 ff.; Sievers, Beiträge
+18, 582 f. erklärt Váli aus Vǫnli, Vǫli, d. i. Wanula, Wanila und
+ebenso Ali aus Anula, Anila. Váli, Vǫnli knüpft somit an die _vanir_
+an. Einer Deutung enthält sich Sievers, sie wird von Detter, Beiträge
+19, 509 versucht.
+
+[486] Über Hönir Vol. 18 u. 63; seine Namen SE. 1, 266 f. Die Stellen
+der Haustlǫng, die sein Verhältniss zu Odin und Loki voraussetzen, SE.
+1, 308, 310, 314; Hönirs Vergeiselung an die Wanen Ynglingasaga Kap. 4.
+
+[487] Das färöische Lied „_Lokka táttur_“ bei V. U. Hammershaimb,
+färöiske kväder, Kopenhagen 1851, Bd. 1, 140 ff. Zur Erklärung
+des Liedes Uhland, Schriften 6, 193 ff.; 7, 367 ff. Eine deutsche
+Übersetzung gibt auch Simrock, Mythologie⁵ 106 ff.
+
+[488] Vǫl. 63
+
+ _þá kná Hœ́ner_ _hlautviþ kjósa_;
+
+zur Auslegung der Stelle Müllenhoff, Altertumskunde 5, 100 f.; Gering,
+Edda S. 15, Anm. 1; Kauffmann, Beiträge 18, 189 erklärt, dass Hönir in
+der zukünftigen Welt jedem Einzelnen sein Loos zuteilt.
+
+[489] Über Hönir vgl. Weinhold, ZfdA. 7, 24 f.f, wozu Mogk, Grundriss
+1, 1086, der an den slavischen Hennil, Hainal, den Gott der Morgenröte,
+denkt; Uhland, Schriften 6, 188 ff.; Müllenhoff, Altertumskunde 1,
+34; Hoffory, Gött. gel. Anz. 1888, S. 161; Nachrichten d. Gött.
+Gesellschaft, Dec. 1888; Eddastudien 108 ff.; Kauffmann, Beiträge 18,
+175 u. 189; Rödiger, ZfdPh. 27, 9 f.; Detter u. Heinzel. Beiträge 18,
+542 ff.
+
+[490] Beiträge 18, 547 ff.
+
+[491] Über Bragi vgl. Uhland, Schriften 6, 277 ff.; Mogk, Beiträge 12,
+383 ff.; Bugge, Beiträge 13, 187 ff.; Mogk, Beiträge 14, 81 ff.
+
+[492] Grímn. 44.
+
+[493] Sigrdr. 16.
+
+[494] Zur Erklärung von Lokas. 16 Bugge, Beiträge 13, 188 ff.
+
+[495] Die Stelle der Hǫfuðlausn lautet nach Finnur Jónssons Ausgabe
+
+ _njóte bauga sem Brage auga!_
+
+Im Sonatorrek 3 heisst es, nachdem von der Entführung des Trankes die
+Rede war:
+
+ _lastalauss es lifnaþe
+ á „nockvers“ nǫkkva Brage._
+
+In „_nockvers_“ vermutet Bugge Verderbniss für „_nǫ́ttvers_“,
+Nachtaufenthalt, „_á nǫttvers nǫkkva_“ umschreibt im Bett. Die älteren
+Deutungen bei Sveinbjörn Egilsson Lex. poet. 604 f. Bragis Erzeugung
+durch Odin und Gunnlod lesen aus den Worten heraus Gisli Brynjúlfsson,
+antiquarisk tidsskrift 1855/7, S. 148 ff. und Bugge, Beiträge 13, 195
+ff.
+
+[496] Über Bragi Boddason Uhland, Schriften 6, 281 ff.; SE. 3, 307 ff.
+Gering, _kvæþa brot Braga ens gamla_, Halle 1886; Bugge, _bidrag til
+den ældste skaldedigtnings historie_, Christiania 1894, wo die Echtheit
+der dem Bragi zugeschriebenen Gedichte mit starken Gründen angefochten
+wird.
+
+[497] Bragi als Heldenname Helgakv. Hund. 2, 18; SE. 1, 522; im
+Ortsnamen Bragalund Helgakv. Hund. 2, 8; _bragnar_ steht für *_bragar_,
+dem alten regelrechten Plural zum Singular _bragi_, Noreen, An. Gramm.²
+§ 334, 4. _bragr_ im Sinne von _princeps_ in _bragr ása, kvenna, karla_
+u. s. f. bei Uhland, Schriften 6, 294; Mogk, Beiträge 14, 82 ff. Ags.
+_brego_, der Herrscher, wird gleich angewandt, vgl. J. Grimm, Myth.
+215; es steht im Wurzelablaut zu an. _bragr_, Sievers, Beiträge 11,
+355. _bragafull_, Bragibecher, ist nur falsche Lesart minderwertiger
+Handschriften statt _bragarfull_. Vgl. Gudbrand Vigfusson, Dictionary
+S. 76; Mogk, Beiträge 14, 83; man darf nicht mit Uhland a. a. O. 279
+ff. dem feierlichen Odins, Freys, Njords Vollhorn einen entsprechenden
+Bragibecher gegenüber stellen.
+
+[498] Den Stein machte Zangemeister in den Bonner Jahrbüchern des
+Vereins von Altertumsfreunden im Rheinlande, Heft 81, 78 ff. bekannt;
+ebenda gibt Holthausen eine Deutung; vgl. ferner Holthausen, Beiträge
+16, 342 ff.; Much u. Schröder, ZfdA. 35, 375 ff.; Kauffmann, Beiträge
+18, 190 ff.; Rödiger, ZfdPh. 27, 12 f.; v. Grienberger, Beiträge 19,
+528 ff.
+
+[499] Loki verhält sich zu _lúka_, schliessen, wie _broti_ zu _brjóta_,
+_skoti_ zu _skjóta_. Vgl. _lok_, der Schluss, das Ende. So erklärte
+Uhland, Schriften 6, 14. Bugge, Studien 73 ff. glaubt, dass der Name
+Loki unter dem Einfluss von Lucifer (gespr. Lukifer) entstand, als
+Abkürzung und nordische Umbildung des fremden Namens aufgefasst werden
+müsse; vgl. noch Bugge, bidrag til den ældste skaldedigtnings historie
+S. 122. Auch J. Grimm, Myth. 3, 82, deutet Ähnliches an: „man könnte
+gar noch auf eine Kürzung aus Lucifer fallen“. Als Beiname einer
+geschichtlichen Persönlichkeit, des Thorbjorn Loki, steht der Name
+in der Landnáma 2. Kap. 23 (Islendinga sögur 1, 132). Von besondern
+Arbeiten über Loki vgl. Weinhold, ZfdA. 7, 1 ff. Nach Weinhold ist
+Loki ursprünglich eine gütige, mächtige Gottheit („der Hauptkern
+des Gottes ist und bleibt die eine Seite des alten Himmelsgottes“,
+Mogk, Pauls Grundriss 1, 1088) und erst später zu einem bösartigen
+Dämon herabgesunken. Lokis Abfall vom Guten zum Bösen ist freilich
+zweifellos und wird auch von Wislicenus, Loki, Zürich 1867 nach Gebühr
+hervorgehoben. Aber man darf darum nicht gleich Loki mit einem der
+germanischen Hauptgötter zusammenwerfen.
+
+[500] Logi als Bruder der Elemente Wasser (Hlér) und Luft (Kári) und
+Sohn des Riesen Fornjótr erscheint im Fundinn Noregr (Fornaldarsögur 2,
+3 ff.); ausserdem Gylfag. Kap. 46, wo Loki in schwankhafter Weise sich
+selber in doppelter Gestalt gegenüber gestellt wird, dem Logi und dem
+Utgardaloki, dem Schadfeuer und dem Höllenfürsten.
+
+[501] Lokis Eltern erklärt Bugge, Studien 80.
+
+[502] Über Lokis Fortdauer in Redensarten des nordischen Volkes vgl.
+Finn Magnusen, Lex. myth. 232; J. Grimm, Myth. 221 f.; Bugge, a. a. O.
+80 f. Vol. 25 Loki hatte die Luft vergiftet (_lævi blandit_), meint wol
+die verderbliche Schwüle.
+
+[503] Loptr steht Lokas. 6; Hyndl. 43; Fjǫlsv. 26; Haustlǫng 31 (corpus
+2, 15; SE. 1, 310) und Eilifs þorsdrápa SE. 1, 290. Loptr ist übrigens
+ein gebräuchlicher nordischer Personenname, vgl. Islendingasögur 1,
+428 im Register und Loptr Pálsson SE. 3, 672, Loptr Hálfdánson ebenda
+751; im Frauennamen Lopthœna begegnet derselbe Stamm wie in deutschen
+Namen mit Luft, z. B. Lufthildis. Bugge, Studien 81 verweist auf die
+schon bei Tatian zum Ausdruck gelangte Auffassung, dass die Leiber der
+Dämonen aus Feuer und Luft seien.
+
+[504] Nordisk tidskrift for filologi, ny række 4. Bd. S. 28 ff.
+Die idg. Grundform des ind. _vṛtrá-s_ wird als _vartrás valtrás_
+angesetzt, woraus germ. _vlôđraz_ abzuleiten ist. _vṛtras_ heisst der
+Deckende, Verhehlende, Hemmende, von der Wurzel _var_ bedecken, hehlen,
+abschliessen, abwehren gebildet. Vgl. auch Noreen, Abriss der urgerm.
+Lautlehre 102. Der Name Loðurr begegnet Vǫl. 18; Haleygja tal im Corpus
+poet. boreale 1, 253.
+
+[505] Über die Namen und ihre Erklärung vgl. Bugge, Studien 75 f.
+
+[506] Gylfag. Kap. 33; als Ase wird Loki SE. 1, 84, 142, 268, 556
+bezeichnet.
+
+[507] Die Menschenschöpfung Vol. 17/18; Gylfag. Kap. 9.
+
+[508] SE. 1, 268 heisst Loki _Ođins sinni ok sessi_, Odins Fahrt- und
+Bankgenosse; Odin heisst _Lođurs vinr_ in der Haralds saga hárfagra
+Kap. 13; Islendingadrápa 1; weiteres bei Gudbrand Vigfusson, corpus 2,
+471.
+
+[509] So berichtet der Skald Thjodolf in der Haustlǫng und danach
+Snorri in den Bragar. Kap. 3. Snorri fügt noch bei, wie Skadi, des
+Riesen Tochter, zur Rache heranstürmt, aber versöhnt einen der Asen,
+Njord, zum Mann nimmt. Loki muss sie zum Lachen bringen. Er bindet eine
+Schnur an seine Scham und an den Bart einer Ziege. Beide ziehen und
+schreien vor Schmerz. Dann fällt Loki in den Schooss der Skadi, dass
+sie lachen muss.
+
+[510] Möglicher Weise zielt die Bezeichnung Lokis als Bocksdieb, _þjófr
+jǫtna hafrs_ SE. 1, 268 auf dieses Ereigniss. Aber im „Bocke der
+Riesen“ kann auch eine andre Kenning stecken.
+
+[511] Sörlaþáttr der Olafssaga Tryggvasonar in den Fornaldar sögur 1,
+391 ff. und in der Flateyjarbók 1, 275 ff.
+
+[512] SE. 1, 312 in der Haustlǫng heisst Loki _girþiþjófr Brísings_.
+
+[513] Die Fliegengestalt des Teufels bei Grimm, Myth. 950 f.; 3, 295;
+Bugge, Studien 76.
+
+[514] Reginsm. 1-12, Skaldsk. Kap. 4.
+
+[515] Lokas. 23 u. 33; vgl. Hirschfeld, Untersuchungen zur Lokas. S.
+37 f. u. 44, wo die Deutungen Weinholds, ZfdA. 7, 11 ff. und Finn
+Magnusens, Edda 2, 211 mitgeteilt sind. Die natursymbolische Auslegung
+vertritt auch Gering, Edda S. 34. Hyndl. 43 frisst Lopt ein Frauenherz,
+das halbverkohlt in der Asche liegt, und wird davon schwanger.
+
+[516] In der Helgakv. Hund, 1, 38/40 beschuldigt Sinfjotli den Gudmund,
+eine Hexe gewesen zu sein und von ihm neun Wölfe empfangen zu haben.
+Auf den deutschen Bischof Friedrich, der gegen Ende des 10. Jahrh. auf
+Island das Christentum verkündigte, und seinen Beschützer Thorwald
+Kodransson machte ein heidnischer Dichter den Spottvers:
+
+ Es gebar neun Kinder Bischof Friedrich,
+ Sie alle zeugte der eine Thorwald.
+
+Vgl. Kristnisaga Kap. 4. Über seinen Feind Thorstein Hallsson liess
+der Isländer Thorhadd das Gerücht aussprengen, dass er jede neunte
+Nacht ein Weib werde und mit Männern Umgang pflege; Þorsteins
+þáttr Siðuhallssonar Kap. 3. Auf diesem schmählichen Vorwurf stand
+Friedlosigkeit; Vigsloði Kap. 105: „Dies sind die drei Worte, auf denen
+sämtlich der Waldgang steht, wenn die Rede der Leute so sehr schlimm
+wird; wenn einer den andern weibisch schimpft oder sagt, er habe sich
+belegen oder beschlafen lassen, und man soll so klagen wie wegen andrer
+Vollbussworte und man hat gegen diese drei Worte den Totschlag frei“.
+Dass alte Sagen oder Kultgebräuche missverstanden oder böswillig
+verdreht wurden, ist möglich; ein Kult wenigstens, derjenige der Alcis,
+verlangte weibliche Haartracht des Priesters, vgl. Wolfskehl, German.
+Werbungssagen S. 6 ff. Auf uralten Aberglauben an die Möglichkeit des
+Geschlechtswechsels führt Weinhold, Ztschr. d. Vereins f. Volkskunde 5,
+127 ff. die Sagen vom Kleidertausch zwischen Mann und Weib und von der
+Weibischkeit der Männer zurück.
+
+[517] Man kann aber auch an antiken Ursprung denken. Hermes-Merkur
+wurde später auch mit Hermaphroditus, dem Sohne des Hermes und der
+Aphrodite verwechselt. So heisst es z. B. bei Albericus _de deorum
+imaginibus libellus 6 de Mercurio: qui de viro in feminam et de femina
+in masculum se mutabat, cum volebat: et ideo pingebatur cum utroque
+sexu._ Loki hat aber sicher einige Züge, z. B. die Flügelschuhe, von
+Merkur.
+
+[518] M. Hirschfeld, Untersuchungen zur Lokasenna (_acta germanica_
+1), Berlin 1889; Finnur Jónsson, litteraturs historie 1, 178 ff. Über
+glaubenslose Leute aus der Übergangszeit, denen der Verfasser der
+Lokas. entweder selbst angehört oder die er wenigstens dabei im Auge
+hat, vgl, Maurer, Die Bekehrung des norwegischen Stammes I 158 Anm. 16;
+160; 163; II 247 ff.; 316 ff.
+
+[519] Verwandte Züge zwischen Merkur und Loki zählt J. G. v. Hahn,
+Sagwissenschaftliche Studien, Jena 1876, S. 162 auf. Bugge, Studien 267
+ff. sucht Loki mit Apollo zu verknüpfen.
+
+[520] Nach der Kenning der Vǫl. 35 „_ór Vala þǫrmom_“, aus Walis
+Därmen seien die Fesseln gefertigt, muss hier wie auch Gylfag. Kap.
+50 geändert werden: mit den Därmen seines Sohnes Wali. Vgl. Kaufmann,
+Beiträge 18, 165.
+
+[521] Dass die Eingangs- und Schlussprosa der Lokasenna eine
+unabhängige Überlieferung enthalte, behaupten Jessen, ZfdPh. 3, 72,
+Hirschfeld, Untersuchungen zur Lokasenna, Berlin 1889 (_acta germanica_
+1), S. 11 u. 32; Kauffmann, Beiträge 18, 160.
+
+[522] _Hvera lundr_, Wald der Klüfte, deutet Kauffmann, Beiträge 18,
+165, indem er _hverr_ = Gebirgskessel, Kluft, wie Hym. 26 _hverr
+holtriđa_, Schlucht der Waldberge, nimmt. Jessen, ZfdPh. 3, 37 u.
+Müllenhoff, Altertumskunde 5, 9 verstanden „_hverr_“ als Kessel heisser
+Quellen; es seien die heissen Quellen Islands gemeint. Gegen diese
+Auffassung, welche „_lundr_“ Wald unerklärt lässt, vgl. auch Finnur
+Jónsson, litteraturs historie 1, 132. Er sieht im hveralund „en vild
+bjærgegn med mange huler“.
+
+[523] Saxo Buch 8, S. 431 f.
+
+[524] Über die Rechtsaltertümer der Lokisage vgl. Kauffmann, Beiträge
+18, 159 ff.
+
+[525] Kauffmann, Beiträge 18, 164 ff. vermutet Missverständniss der
+alten Kenning, Lokis Bande seien aus „Walis Därmen“ gefertigt worden.
+Walis Därme bedeute Zweige, indem Wali ein Waldgott sei. Die Stricke
+waren aus Gezweig geflochten. Narfi, ein Riese, sei mit Loki gleich,
+also auch ein „Wolf“. Narfi-Wolf wörtlich verstanden führte zur
+Vorstellung, Narfi als Wolf habe Wali zerrissen und dann seien dessen
+Därme als Fesseln gebraucht worden.
+
+[526] Zum gefesselten Loki vgl. Bugge, Studien 56 f. Die entsprechenden
+Teufelssagen bei Grimm. Myth. 962; Mannhardt, German. Mythen S. 86 f.;
+Simrock, Myth.⁵ 114 f. Über Sigyn gibt E. H. Meyer, Völuspa 154 ff.
+Andeutungen, die er jedoch selbst nur als blosse Vermutung hinstellt,
+die keineswegs befriedigen. Simrocks Vergleich zwischen Sigyn und
+Wolframs Sigune a. a. O. ist belanglos.
+
+[527] Bugge, Studien 511 vergleicht die _duodecim caeli signa_, wo
+Saturnus infolge einer Gefahr verheissenden Weissagung den Neptun in
+die Tiefe des Meeres, den Pluto in die Unterwelt versenkt. Lokas. 10
+u. Haustlǫng heisst Loki Vater des Wolfes, in Eilifs Þorsdrápa Vater
+der Schlange; im Ynglingatal ist Hel Lokis Tochter. Die Skaldenstellen,
+welche diese Verwandtschaftsverhältnisse voraussetzen, sammelt Gudbrand
+Vigfusson, corpus 2,471.
+
+[528] Bäda _de ratione temporum: Leviathan animal terram, complectitur
+tenetque caudam ore suo_; vgl. Finn Magnusen, Lex. myth. 212; J. Grimm,
+Myth. 166 u. 950; Diemer, Beiträge zur älteren deutschen Sprache u.
+Litteratur. 4. Teil. Wien 1867. S. 45; R. Köhler, Germania 13, 158 ff.;
+Bugge, Studien 12.
+
+[529] Fenrir als Verfolger des Mondes (_álfrǫđult_ der Elbensonne)
+Vafþr. 46; dass Fenrir eine Wiedergeburt Lokis sei, behauptet schon J.
+Grimm, Myth. 224; über seine Fesselung Kauffmann, Beiträge 18, 161 ff.
+Bei Loki und Fenrir muss auch in Anschlag gebracht werden, dass der
+Teufel bereits bei den Kirchenvätern und im ganzen Mittelalter als Wolf
+bezeichnet wurde; vgl. J. Grimm, Myth. 948; 3, 294.
+
+[530] Vgl. E. H. Meyer, Völuspa 198 f.
+
+[531] Der Name der Göttin lautete urgerm. _Frijô_ = idg. _prijâ_,
+woraus westgerm. _Frîja_ und nord. _Frigg_ lautlich sich entwickeln
+mussten; vgl. Kögel, Beiträge 9, 544, Brugmann, Grundriss 1, 128,
+Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre, Strassburg 1894, S. 160 f. Ahd.
+begegnet _Frîja_ im Merseburger Zauberspruch; aus den Formen des
+Wochentagnamens ahd. _frîadag_, _frîjetag_, _frîgetag_, _frîtach_
+ergeben sich _Frîja_ und _Frîa_ neben einander, vgl. Braune, Ahd.
+Gramm. § 117 über den Ausfall von intervokalischem j. Langobardisch
+_Frea_ ist wol nur verschrieben für _Frîa_, wie _fulcfree_ für
+_fulcfrî_, vgl. Carl Meyer, Sprache und Sprachdenkmäler der
+Langobarden, Paderborn 1877, S. 263 u. 286; als lautliche Entwicklung
+(_ija_ > _ea_) fasst Bruckner, Sprache der Langobarden S. 78 diese
+Erscheinung auf. Nach dem überlieferten Tagnamen _Frígedæg_ hiess
+die Göttin bei den Angelsachsen _Frig_. Zum Namen vgl. Müllenhoff,
+Denkmäler 2³, 46 f. u. ZfdA. 30, 217. Afries. _frîgendei_, _frîendei_,
+mndl. _vrîdach_ zeigt Bekanntschaft der Göttin bei Friesen und
+Niederfranken. Mhd. heisst der Tag _frîetac_, _frîtac_, woraus nhd.
+_Freitag_. Da der Wochentag übers gesamte wg. Gebiet nach Frija benannt
+ist, muss die Göttin auch bei allen Stämmen Verehrung genossen haben.
+Im Norden ist Frigg genügend bezeugt, aber kein Friggjardagr; an.
+_frjádagr_ ist aus Deutschland entlehnt, Fritzner, Ordbog 1², 486.
+Verdächtig aber sind eine Anzahl von Zeugnissen, die man für das
+Fortleben des Frijaglaubens im MA. und in der Neuzeit in Anspruch
+nahm, so die _Frigaholda_ einer Madrider Handschrift, die J. Grimm,
+Kleine Schriften 5, 416 ff. mit der Göttin in Verbindung brachte, vgl.
+jetzt dazu Kauffmann, Beiträge 18, 150 Anm., wonach _friga_ vielleicht
+Schreibfehler einer Glosse _striga_, und besonders die nach Kuhn und
+Schwartz in norddeutschen Sagen noch vorhandenen Namen _frû Frîen_,
+_Vrëen_, _Fricke_, _Frëke_ u. s. w., wogegen O. Knoop in Veckenstedts
+ZfVolkskunde 2, 449 ff. Verdächtig scheint auch der nordenglische Tanz
+mit Anrufung „der vornehmsten Riesen“, die sie Wodan und seine Frau
+Frigga nennen, was J. M. Kemble aus dem Mund eines „old Yorkshireman“
+gehört haben will; vgl. J. Grimm, Myth. 281. Altdeutsche Namen mit
+_frî_- (Förstemann, Namenbuch 2², 582 f.) stehen zum Adj. und dürfen
+nicht von der Göttin abgeleitet werden; der Name _Fricco_ (Förstemann,
+Namenbuch 1, 419 f; 2², 584 ff.) samt seinen Ableitungen gehört zum
+Adj. _frech_ im alten Sinne von kampfgierig, verwegen, kühn und hat
+mit der Göttin nichts zu thun. Offenbar ist neben altgerm. _freka_-
+eine Ableitung _frikkjan_- anzunehmen; vgl. afz. _frique_, neuprovenz.
+_fricaud_, munter, lebhaft. Weil Adam von Bremen für den nordischen
+Freyr den Namen _Fricco_ gebraucht, haben J. Grimm, Myth. 278 ff. und
+nach ihm andere eine deutsche _Fricca_, der an. _Frigg_, bei Saxo
+latinisiert _Frigga_, gegenübergesetzt. Die neuere Lautgeschichte
+erweist diese Annahme als irrig, _Frigg_ kann im Deutschen nur _Frîja_,
+_Frîa_ heissen, unmöglich _Fricca_. Bei Adam liegt ein Versehen vor.
+Er wusste von Freyr, Freyja und Frigg, dazu war ihm der deutsche Name
+_Fricco_ geläufig. Daraus kombinierte er das Verhältniss _Freyja_:
+_Freyr_ = _Frigg_: _Fricco_. Fricco muss als eine Erfindung Adams
+betrachtet werden und darf nun und nimmermehr zum Ausgang sprachlicher
+und mythologischer Unmöglichkeiten dienen.
+
+[532] Über Frigg vgl. Vǫl. 34; Lokas. 29; Gylfag. Kap. 9; 20; 35; Frigg
+in der Baldrsage Gylfag. Kap. 49. Friggs Beziehung zur Ehe Gylfag. Kap.
+35 (SE. 1, 116) und Vǫlsungasaga Kap. 1. Ihre Attribute, Truhe und
+Schuhe, sind aus Gylfag. Kap. 35 zu entnehmen, wo es von Fulla heisst:
+sie trägt Friggs Truhe und bewahrt ihr Schuhzeug. Im Eingang zum
+Grimnirlied heisst Fulla _eski-mær_, d. h. Mädchen, welches die Truhe
+(_eski_) einer vornehmen Herrin in Verwahrung hat. Über die Bedeutung
+von Friggs Schuhen und Kästchen vgl. W. Müller, Geschichte und System
+der altdeutschen Religion S. 276 f. Wenn der Frigg SE. 1, 284 u. 304
+ein Falkenhemd zugeschrieben wird, so liegt hier deutlich Verwechslung
+mit Freyja vor, nicht ältere Sagenüberlieferung, wonach auch Frigg mit
+dem Fluggewand begabt gewesen wäre; vgl. SE. 3, 2, 780 im Index.
+
+[533] Zur Erklärung des Namens Fensalir Bugge, Studien über die
+Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen 214 ff.
+
+[534] Saxo I S. 42 ff. _cujus conjunx Frigga, quo cultior progredi
+posset, ascitis fabris aurum statuae detrahendum curavit. quibus
+Othinus suspendio consumtis statuam in crepidine collacavit, quam etiam
+mira artis industria ad humanos tactus vocalem reddidit. at nihilominus
+Frigga, cultus sui nitorem divinis mariti honoribus anteponens, uni
+familiarium se stupro subjecit; cujus ingenio simulacrum demolita,
+aurum publicae superstitioni consecratum ad privati luxus instrumentum
+convertit._ Der Vorwurf der Buhlerei Friggs mit Vili und Vé begegnet
+in der Lokasenna 26 und in der Ynglingasaga Kap. 3. Odin war lange
+Zeit abwesend, die Asen erwarteten seine Rückkehr nicht mehr. Da
+teilten seine Brüder Vili und Vé sein Erbe und nahmen sein Weib Frigg
+miteinander. Kurz darauf kam Odin zurück und nahm sich wieder seine
+Frau. Zur Auslegung der Sage vgl. Müllenhoff, ZfdA. 30, 220.
+
+[535] Über den schwedischen Volksglauben vgl. Hyltén-Cavallius, Wärend
+och Wirdarne S. 236 f.; Rietz, svensk dialektlexicon 165; Friggjargras
+nach J. Grimm, Myth. 279, Jón Árnason, íslenzkar þjóðsögur 1, 646; nach
+Asbjörnsen, norske folke- og huldreeventyr 1, 201 u. 206 geht _Stor
+Frigg_ mit elbischem Vieh.
+
+[536] Über die Göttinnen vgl. Snorre in Gylfag. Kap. 35; der Skald
+Kormak (937-967) nennt Sága, Hlín, Eir, Vár, Gná. Wie die Göttinnen
+nur die eine Hauptgöttin Frigg vervielfältigen, so die in den
+Fjǫlsvinnsmǫ́l 38 aufgezählten Jungfrauen ihre Herrin Menglod, in der
+ebenfalls Frigg sich verbirgt. Die hilfreichen Mädchen heissen Hlif
+(Beschützerin), Hlifthrasa (Schutz-?), Thiodwara (Volksbewahrerin),
+Bjort (die Glänzende), Bleik (die Weisse), Blid (die Freundliche),
+Frid (die Schöne), Aurboda (die Goldspenderin), Eir (die Pflegerin).
+Zu den Göttinnen im allgemeinen Uhland, Schriften 6, 139 ff. Die
+Handschriften der SE. 1, 116 u. 2, 274 unterscheiden zwischen Vár und
+Vǫr. Vgl. darüber Müllenhoff, ZfdA. 16, 152; Mogk, Beitr. 6, 529 ff.;
+Bugge, Aarböger f. nord. oldkyndighed 1875, S. 216 f.; Sijmons, Edda
+I, 1, 148 Anm. Sunna betrachtet Kauffmann, Beitr. 15, 209 als Gen. von
+Sunn = an. Syn; Eir vergleicht er (Beitr. 16, 201 ff.) den Alaisiagen,
+den Allhilfreichen; gegen Kauffmanns Gleichstellung von Sunna und Syn
+Gering, ZfdPh. 26, 149. Über Sinhtgunt Müllenhoff, Denkmäler 2³, 46;
+Bugge, Studien 297 f., wo eine Mondgöttin behauptet wird.
+
+[537] Über Freyja Gylfag. Kap. 24 u. 35; Grímn. 14; Ynglingasaga Kap. 4
+u. 13. Freyjas Namen SE. 1, 304.
+
+[538] _Freyja_ kennt die an. Sprache auch als Appellativum, so in
+_húsfreyja_, wofür auch das vielleicht aus dem Deutschen entlehnte
+_húsfrú_ eintritt; für _frú_ hat die ältere Sprache _frauva_, _froua_,
+_frúva_, vgl. Noreen, An. Gr.² § 340,1. Snorre betont den Zusammenhang:
+_af hennar nafni er þat tignarnafn, er ríkiskonur eru kallađar frúvor
+(frúr)_. _snyrtifreyja_, _fægifreyja_ sind schwerlich eigentliche
+Wörter, vielmehr skaldische Umschreibungen für den Begriff Frau. Dem
+nordischen _Freyr_ (urgerm. _fraujaȥ_) steht möglicherweise wegen der
+ags. und altdeutschen Namen _Fréaƕine_, _Frôƕin_ ein _Fréa_, _Frô_
+(urgerm. _fraƕô_) gegenüber. Aber von einer deutschen _Frouƕa_ ist
+keine Spur nachweisbar.
+
+[539] Der _kviđlingr_ lautet in der ausführlichen Olafssaga
+Tryggvasonar Kap. 217:
+
+ _vil ek eigi gođ geyja grey þykki mér Freyja
+ æ mun annat tveggja Óđinn grey eđa Freyja._
+
+Ähnlich lautet der Vers in der Njálssaga Kap. 102. Ari in der
+Íslendingabók Kap. 7 und Kristnisaga Kap. 9 haben nur die erste
+Hälfte der Strophe, die Schelte auf Freyja, ohne Odin zu nennen.
+Zur Überlieferung Njála, Köbenhavn 1875-79, Bd. II, 504 ff.; Finnur
+Jónsson, Íslendingabók, Kaupmannahöfn 1887, S. XXXV.
+
+[540] Jüngere Olafssaga helga Kap. 101 f (Flateyjarbók 1, 283); das
+gleiche Versehen in der Bósasaga Kap. 12, wo dem Thor, Odin und der
+Freyja (statt dem Freyr) Minne getrunken wird; vgl. Petersen, om
+nordboernes gudedyrkelse og gudetro S. 94. Man muss berücksichtigen,
+dass die spätere Bearbeitung der Olafssaga und die Bósasaga
+zeitlich mit den Skíðarímur (14. Jahrh.), wo Freyja Odins Weib ist,
+zusammenfallen. Das Versehen ist kein äusserliches, vielmehr war den
+Schreibern, welche Freyja statt Freyr den Hauptgöttern Thor und Odin
+zur Seite stellten, Freyja die wichtigste und höchste Asin, und durfte
+somit, wie früher ehestens Frigg, mit Odin zusammen genannt werden.
+
+[541] Hálfssaga Kap. 1.
+
+[542] Egilssaga Kap. 81.
+
+[543] Der Sörlaþáttr in den Fornaldar sögur 1, 391 und in der
+Flateyjarbók 1, 275. Über Brísingamen Müllenhoff, ZfdA. 12, 304; über
+das Halsband in seiner Beziehung zu Freyja Müllenhoff, ZfdA. 30, 220 f.
+
+[544] _Brísinga men_ gehört der altgerman. Sage an, im Béowulf 1199
+ist mit „_brosinga mene_“, das zu einem reichen Hort gehört, offenbar
+dasselbe gemeint. An. _brísingar_ bedeutet die Zusammenflechter, die
+kunstreichen Verfertiger und würde auf schmiedende Zwerge wol passen.
+Dass die Künstler nachmals zu Zwergen wurden, versteht sich daraus,
+dass die Zwerge im Besitz der Schmiedekunst sind. Dem Wortstamme
+verwandt ist mhd. _brîsen_, einfassen, schnüren.
+
+[545] Uhland, Schriften 6, 58; 154.
+
+[546] Bugge, Studien 11; in der im 6. Jahrh. verfassten Abhandlung _de
+origine idolorum_ sagt der Bischof Martinus von Braga von der Venus:
+_etiam cum patre suo Jove et cum fratre suo Marte meretricata est_; Mai
+class. auct. 3, 382.
+
+[547] So Eilif Guðrúnarson SE. 1, 300.
+
+[548] Auf Freyjas Buhlerei gehen die Anspielungen Hyndl. 47 u. 48.
+Über das Gedicht Finnur Jónsson, Litteraturshistorie 1, 195 ff. Die
+Entstehungszeit bestimmt Finnur auf 950-975. Den Schutz, welchen Freyja
+dem Ottar gewährt, betrachtet Hyndla als unerlaubtes Verhältniss.
+
+[549] Kögel, Indogerm. Forschungen 4, 313 erklärt _mardǫll_ als die
+Hellglänzende, _mar-_, _mari-_ im Sinne von glänzend (vgl. μαρμαίρω
+bei Fick, Vgl. Wörterbuch I⁴ 515) begegnet in deutschen Frauennamen
+_Meridrûd_, _Meripurc_, _Merihilt_, _Merisƕind_ u. ä. In einem
+isländischen Märchen, das um 1700 aufgezeichnet wurde, heisst ein
+Mädchen _Mærþöll_; wenn sie weint, verwandeln sich ihre Thränen in
+Gold; vgl. Jón Árnason, Þjóðsögur og æfintýri íslenzkar 2, 424 f. Die
+goldene Thränen weinende Mærþöll (Mardǫll-Freyja) ist hier gelehrten
+Ursprungs, nicht nachwirkende echte Volkssage.
+
+[550] Zur Herkunft der fremden Züge in Freyjas Art Bugge, Christiania
+Morgenbladet vom 16. Aug. 1881; gefälscht ist die Geschichte von _Woud_
+und _Freid_, Schönwerth, Sagen u. Sitten aus der Oberpfalz 2, 312 ff.,
+obwol J. Grimm, Kleinere Schriften 5, 427 f. und danach M. Hirschfeld,
+Lokasenna 28 ff. sie für echt halten; weitere angebliche Freyjasagen s.
+bei Mannhardt, Germanische Mythen, Berlin 1858, S. 288 Anm. 1 u. 295,
+Anm. 5.
+
+[551] D. h. das Gestein zerschmolz durch die Hitze zahlreicher
+Opferfeuer zu Glas; Ottar ist ein eifriger Opferer.
+
+[552] Über Gefjon Gylfag. Kap. 35; Lokas. 20, 21; Volsa-Þáttr, hrsg.
+von Guðbrandr Vigfússon in Nordiske oldskrifter 27, 133 ff. und Corpus
+poeticum boreale 2, 381 f.; die Bauerntochter beteuert: _þess sver ek
+viđ Gefjon ok viđ gođin önnor_. Über den Namen Gefjon Bugge, Beiträge
+12, 417; er vergleicht die inschriftlichen _Junones Gabiae_, _matronis
+Gabiabus_, _Alagabiabus_ (Kern, Revue celtique 2, 156) und stellt dazu
+got. gabei, Reichtum. Urverwandt sei _copia_. Gefjon wäre etwa einer
+_Copia_ zur Seite zu setzen. Vgl. noch Much, ZfdA. 35, 316 f.; dagegen
+Kauffmann, Zeitschr. d. Vereins f. Volkskunde 1892, S. 42 Anm.
+
+[553] Dass _Gefn_ mit ags. _geofon_, as. _geƀan_, „Meer“ zusammenhänge
+und auch Gefjon hierher gehöre (J. Grimm, Myth. 219), also etwa eine
+Seegöttin, eine Wanin (Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre, Strassburg
+1894, S. 50 u. 53, Vaner „die Seegötter“) bedeute, behauptet auch Much,
+ZfdA. 35, 327. Die Beziehung ist zu unsicher, würde aber zu Freyja als
+der Schwester des Freyr passen.
+
+[554] SE. 1, 312 u. 282; corpus 2, 15 u. 17; ebenda 67.
+
+[555] Gefjon als Pflügerin Gylfag. Kap. 1; Ynglingasaga Kap. 5. Auf
+Grimms Etymologie gestützt, erklärt Weinhold (Riesen des germ. Mythus
+S. 241) die Gefjon als Meerriesin, die Mythe vom Landpflügen als die
+Erinnerung an eine furchtbare Sturmflut, die vom Norden hereinstürmend
+in unvordenklicher Zeit Seeland von der skandinavischen Halbinsel
+losriss.
+
+[556] Über Idun Gylfag. Kap. 26; Bragar. 2; Lokasenna 17. Der Skald
+Thjodolf in der Haustlǫng behandelt den Mythus vom Raube der Idun,
+SE. 1, 306-314. Über Iduns Benennungen unter den Skalden SE. 1, 304.
+_Iđunn_, auch als Frauenname auf Island bezeugt (Arkiv f. nordisk
+filologi 5, 24 Anm.), bedeutet Erneuung, Verjüngung; der Name ist
+gebildet vom Präfix _iđ_ iterum und vom in Frauennamen häufigen Suffix
+_-unn_, vgl. Uhland, Schriften 6, 69, Bugge, Arkiv 5, 24. Sie trägt ihn
+offenbar als Bewahrerin der Äpfel, die „_ellilyf_“, Heilmittel gegen
+Alter heissen. Über die Idunsage und ihre Deutung Uhland, Schriften 6,
+69 ff. und Bugge, Arkiv för nordisk filologi 5, 1 ff.
+
+[557] Zur Deutung der Fjǫlsvinnsmǫ́l vgl. Müllenhoff, ZfdA. 30, 219.
+
+[558] ZfdA. 30, 217 ff. Die oben ausgehobenen Stellen ebenda S. 243 u.
+259.
+
+[559] SE. 1, 304 heisst Freyja _eigandi fressa_, Eignerin der Katzen;
+SE. 1, 96 e_kr hón kǫttum tveim ok sitr í reiđ_; SE. 1, 176 _Freyja
+reiđ kǫttum sinum_. Snorri versteht also unter „_fress_“ Kater, Katze,
+wie z. B. auch Grágás II 192 _kattbelgir af gǫmlum fressum_. Unter den
+_heiti_ für _bjǫrn_, Bär, steht _fress_ SE. 1, 478 u. bei Kormak. Vgl.
+Sveinbjörn Egilsson, Lex. poet. 202.
+
+[560] Sohn der Jord heisst Thor Þrym. 1; Lokas. 58; beim Skald Ǫlvir
+SE. 1, 254; in der Haustlǫng SE. 1, 278. Über Jord als Odins Weib
+Gylfag. Kap. 9; nach Gylf. Kap. 10 und einer Strophe Hallfreds SE. 1,
+320 u. 460 ist sie die Tochter des Riesen Onar und der Riesin Nótt.
+
+[561] Frigg heisst Lokas. 26 _Fjǫrgyns mǽr_, d. h. Fjorgyns Geliebte,
+wie Freyja _Oþs mǽr_, Ods Geliebte ist; SE. 1, 54 u. 304 ist der
+Ausdruck missverstanden, _mær_ = _dóttir_ gefasst, also Fjǫrgyns
+Tochter. Fjǫrgyn als Thors Mutter Vol. 56; Hárb. 56; SE. 1, 476; 585;
+Oddrúnargrátr 10 steht _á fjǫrgynju_ = _á jǫrđu_. Zur Etymologie
+des Namens Hirt, Indogermanische Forschungen 1, 479 ff.; Kauffmann,
+Beiträge 18, 140; Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre S. 131. Von idg.
+_perqos_ (_quercus_) abgeleitet sind kelt. _erkunia_, ἑρκύνιος δρυμός
+(Eichwald), got. _faírguni_, Berg, mhd. _Virgunnia_ (Eichenwald, Name
+des Böhmerwaldes und Erzgebirges).
+
+[562] Den ags. Segen bei Grein-Wülker, Bibliothek der ags. Poesie,
+Bd. 1, 1883, S. 312 ff.; die Litteratur darüber bei Wülker, Grundriss
+zur Geschichte der ags. Litteratur, Leipzig 1885, S. 347 ff.; Kögel,
+Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 39 ff.; _Erce_ erklärt Kögel
+als eine Weiterbildung zum Grundwort _ero_, „Erde“ (über _ero_ Kögel,
+Pauls Grundriss 2, 1, 196 und Müllenhoff-Scherer, Denkmäler 2³, 3); es
+verhalte sich dazu wie _scinca_, „Schinken“ zu _scina_, „Beinschiene“,
+_zinko_, „Zacken“ zu _zinna_, _funcho_, „Funke“ zu got. _fôn_,
+_funins_, „Feuer“. Brynhilds Tagesgruss in den Sigrdrífumál 4.
+
+[563] Lex. myth. 401; zur obigen Deutung Weinhold, Die Riesen im germ.
+Mythus, Wien 1858, S. 60 ff. Kauffmann, Beiträge 18, 169 f. führt Rindr
+auf Vrindr, „die Göttin mit dem Zauberstab“ zurück und stellt sie der
+Hlodyn und Grid zur Seite; dagegen Rödiger, ZfdPh. 27, 6 f.
+
+[564] Über Nerthus wurde bereits unter Freyr (S. 219, Anm. 2) das
+Notwendige mitgeteilt. Für die Bedeutung des Nerthusfestes vgl.
+Mannhardt, Wald- u. Feldkulte 1, 567 ff.; Kögel, Geschichte d.
+deutschen Litteratur I, 1, 21 f.
+
+[565] J. Grimm, Myth. 748, Nachträge 1225.
+
+[566] Annalen 1, 51; zur Feststellung der Lesart des Namens Müllenhoff,
+ZfdA. 9, 258; 23, 23.
+
+[567] Überliefert ist tāfanę, was in Tanfanae oder Tamfanae aufzulösen
+ist. Den Nasal erachten J. Grimm und Müllenhoff als infigiert, wie
+λαμβάνω zu λαβ-, τύμπανον zu τύπ-τω u. ä.; sie deuten demnach, als ob
+_Taƀana_ stünde. J. Grimm, Gesch. d. deutschen Spr. 232, 622, 828;
+Kleinere Schriften 5, 418 ff. rät auf eine germanische Göttin des
+Herdes und Feuers, Vesta, Ἑστία, skythisch _Tabiti_; die idg. Wurzel
+läge in _tepere_, aind. _tapas_, Hitze. Müllenhoff, ZfdA. 9, 258; 23,
+23 ff. vergleicht an. _tafn_, „Opfertier“ und die idg. Wurzel _dap_,
+welche im lat. _daps_, _dapinare_, griech. δάπτω, δάπανος, δαψιλής,
+δέπας erscheint. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1,
+19 Anm. erinnert an isl. _þamb_, Schwellung, Fülle, _þǫmb_, Fülle,
+Gespanntheit; _þamba_, in vollen Zügen trinken; norweg. _temba_,
+füllen, stopfen; _temba_, grosse Mahlzeit. Dann meint des Tacitus
+Schreibung Tamfana eine germanische _Thamfana_, _þamƀana_. Immerhin ist
+Kögels Versuch besser als die andern, nachdem die Wurzel „_dap_“ sonst
+nirgends Nasalinfix aufweist. Unmöglich ist die Erklärung Jaekels,
+ZfdPh. 24, 306 ff., wonach Tamfana aus _Tamna_(zu Wurzel _dam_, δαμάω,
+_domare_) entstand und die alles bezwingende Todesgöttin bedeutet.
+
+[568] Tac. Ann. 4, 73 _apud lucum quem Baduhennae vocant_. Nach
+Müllenhoff, Schmids Zeitschr. f. Geschichtswissenschaft 8, 264 und
+ZfdA. 9, 240 f. ist _h_ Trennungszeichen und _Baduennae_ zu lesen.
+Man denkt beim Suffix an kelt. _Arduenna_, Zeuss Gramm. celtica² 774.
+Siebs, ZfdPh. 24, 1 ff. erklärt _Baduhenna_ als Beiname Wodans, der
+im Kampfe tötende Walvater; das ist abgesehen von anderm sprachlich
+unmöglich.
+
+[569] Vgl. v. Grienberger, Beiträge 19, 531 ff.
+
+[570] Die Litteratur über den Stein wurde bereits im Abschnitt über
+Tiuȥ S. 204 Anm. 2 mitgeteilt. Zum oben Vorgetragenen Heinzel, Westd.
+Ztschr. 3, 292; Weinhold, ZfdPh. 21, 1 ff.; Kaufmann, Beiträge 16, 201
+ff.; Siebs, ZfdPh. 24, 434 ff.
+
+[571] _Hlóþyn_ begegnet Vǫl. 55; dass sie Widars, nicht Thors Mutter
+ist, zeigt Kauffmann, Beiträge 18, 136 ff.; _Hlóþyn_ gleich Jord SE.
+1, 474; in der Olafssaga Tryggvasonar Fms. 1, 123 _hlóþyn markar_,
+terra silvae; in der Hervararsaga Fas. 1, 469 _í hlóþynjar skaut_,
+in gremium terrae. Die wichtigsten Inschriften der _dea Hludana_
+sind die rheinischen von Birten und Iversheim (vgl. Brambach, Corpus
+inscriptionum rhenanarum 150; Bonner Jahrbücher 50, 184) und die
+friesische (W. Pleyte, in den Verslagen der kon. akad. letterkunde 3,
+6, 58). Über die Göttin Sculo Thorlacius, _de Hludana_, _Germanorum
+gentilium dea_, Havniae 1782; Müllenhoff, Schmidts Ztschr. f.
+Geschichtswissenschaft 8, 264 Anm.; Jäkel, ZfdPh. 23, 129 ff.; Siebs,
+ZfdPh. 24, 457 ff.; Kauffmann, Beiträge 18, 134 ff.; Rödiger, ZfdPh.
+27, 3. Gegen Mogk, Grundriss 1, 1094 Kauffmann a. a. O. 142. Bugge,
+Studien 19 u. 575 trennt Hlóðyn, die er aus Latona ableitet, von
+Hludana.
+
+[572] Wol nach Ovid, Metam. 1, 393: _magna parens terra est, lapides in
+corpore terrae ossa reor dici._
+
+[573] Germania Kap. 9 _pars Sueborum et Isidi sacrificat: unde causa
+et origo peregrino sacro, parum comperi, nisi quod signum ipsum in
+modum liburnae figuratum docet advectam religionem_. Zu Isis M. Haupt,
+Moriz von Craun S. 4; Kauffmann, Beiträge 16, 217 ff. Die von Aventinus
+(Chronik 1566 fol. 37) angedeutete, durch Simrock Myth.⁵ 372 ff.
+aufgenommene Ansicht, der Name der deutschen Göttin, etwa _Îsa_, Avent.
+_fraƕ Eysen_ (vgl. auch J. Grimm, Myth. 244) habe Isis bei Tacitus
+hervorgerufen als den nächstliegenden, ähnlich klingenden Namen, bedarf
+keiner ernstlichen Widerlegung. Die Litteratur über die suevische Isis
+verzeichnet Drexler in Roschers Lexicon der griech. u. röm. Mythologie
+2, 548 ff.
+
+[574] Die Nehalenniadenkmäler mit Abbildungen bei L. J. F. Janssen,
+de romeinsche beelden en gedenksteenen van Zeeland. Middelburg 1845;
+die rhein. Inschriften bei Brambach, Corpus inscriptionum rhenanarum
+Nr. 441 u. 442. Das Material verwerten neuerdings die Abhandlungen
+von Jäkel, ZfdPh. 24, 289 ff. und Kauffmann, Beiträge 16, 211 ff.
+Die letztgenannte treffliche Arbeit ist für die oben vorgetragenen
+Ansichten maassgebend. Dem gegenüber hat Muchs Aufsatz, ZfdA. 35, 324
+ff. wenig Bedeutung. Detter, ZfdA. 31, 208 stellt Nehalennia zu νέκυς;
+das Grundwort _nehal_ kehre in an. _njól_, die Nacht, wieder. Dagegen
+Noreen, An. Gr.² § 106a u. 231; Abriss der urgerm. Lautlehre S. 14 u.
+113, wonach _niól_ aus _niƀol_ abzuleiten ist.
+
+[575] A. a. O. 228 ff.
+
+[576] Die Bräuche des Schiffsumzuges bei J. Grimm, Myth. 237 ff.; 3,
+86. Weiteres bei J. W. Wolff, Beiträge zur deutschen Mythologie 1,
+1852, 149 ff. Die Hauptstelle für die niederländische Umfahrt in des
+Abtes Rudolf († 1138) Klosterchronik von St. Trond, Buch 12, Kap. 11-14
+(MG Script. 10, S. 310 ff.).
+
+[577] Vgl. darüber Mannhardt, Wald- und Feldkulte 1, 553 ff.
+
+[578] Dümmler, Rhein. Museum, N. F. 43, 355 ff.
+
+[579] Das Schiff auf Rädern im Moriz von Craon gehört gewiss zum
+Carneval und hat mit dem german. Heidentum nichts zu schaffen. Vgl. E.
+Schröder, Zwei altdeutsche Rittermären, Berlin 1894, S. XXVIII; das
+niederrheinische Schiff mag ebendaher stammen. Seine mythologische
+Bedeutung wird mindestens sehr zweifelhaft.
+
+[580] Das gesamte Material bei Ihm, Der Mütter- und Matronenkult und
+seine Denkmäler, Bonner Jahrbücher des Vereins von Altertumsfreunden im
+Rheinlande, Heft 83, 1887, S. 1-200; Much, ZfdA. 31, 354 ff. u. 35, 315
+ff. germanische Matronennamen; Muchs Deutungen sind überaus unsicher,
+da sie nicht von den Ortsnamen ausgehen; Kauffmann, Der Matronenkultus
+in Germanien. Ztschr. d. Vereins f. Volkskunde, 1892, S. 24 ff.
+
+[581] Zur _dea Sandraudiga_ J. Grimm, Geschichte der deutschen Sprache
+588; Grienberger, ZfdA. 35, 390.
+
+[582] Zu _dea Vercana_ Much, ZfdA. 31, 357 f.
+
+[583] Zu _dea Vagdavercustis_ Grienberger, ZfdA. 35, 393 ff.; seine
+Erklärung, „die Lebenskraft wirkende“, die spendende Erdgöttin, ist
+sehr unsicher, zumal _vagda_ = ahd. _kiuuegida_, „vegetamen“; man würde
+mindestens _*ƕagida_ erwarten; ebenso die Ableitung _vercustis_, der
+zulieb ein unbelegtes _„ƕerkos“_ behauptet wird. Von weiteren Göttinnen
+z. B. _dea Garmangabis_, Grienberger, ZfdA. 38, 189 ff., wird hier
+besser geschwiegen.
+
+[584] Widukind, Res gestae Saxonicae I, 23 MG. Script. 3, 428 _ut
+a mimis declamaretur, ubi tantus ille infernus esset, qui tantam
+multitudinem caesorum capere posset_. Dass hinter _infernus_ as.
+_hella_ steht, meint J. Grimm, Myth. 761.
+
+[585] Die Höllenfahrt beschreiben Baldrs Draumar 2 u. 3; Gylfag. Kap.
+49; Helreiþ Brynhildar.
+
+[586] Bugge, Studien 179 erklärt Garmr aus Kerberos verderbt. Noreen,
+An. Gramm.² § 248 fasst Garmr als Metathesis zu Gramr, der Grimmige.
+
+[587] Niflhel Baldrs. Dr. 2; Vafþr. 43; SE. 1, 136; Niflheim SE. 1, 38;
+40; 68; 106; 136.
+
+[588] Baldrs Draumar 6, 7; Gylfag. K. 49 SE. 1, 178.
+
+[589] Die mittelalterlichen Christen meinten, die Leiber der
+Ungläubigen und Unbussfertigen müssten in der Hölle grausigem Gewürm
+zur Nahrung dienen. Den Angelsachsen ist die Hölle ein Schlangensaal
+(_ƕyrmsele_); vgl. Bugge, Studien über die Entstehung der nordischen
+Götter- und Heldensagen S. 482 ff.
+
+[590] Über die Wanderung nach dem Tode und den eisigen, Schneiden mit
+sich führenden Höllenfluss vgl. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5,
+113 ff.
+
+[591] Egilssaga Kap. 45 _til hásalar Heljar helgengnir_.
+
+[592] Die Schilderung der Hel Gylfag. Kap. 34; über die Sage, wie sie
+von Allvater hinunter nach Niflheim geschleudert wird, Bugge, Studien
+511.
+
+[593] Gylfag. Kap. 51 SE. 1, 190 _þar er ok þá Loki kominn ok Hrymr, ok
+međ honum allir Hrímþursar, en Loka fylgja allir Heljar sinnar_. Danach
+bessert Bugge Str. 51 der Vǫl., was Sijmons annimmt:
+
+ _kjóll ferr norþan: koma mono Heljar
+ of lǫg lýþer, en Loke stýrer._
+
+Die Hss. haben _austan_ statt _norþan_, _muspellz_ statt _heljar_; aber
+SE. setzt die Lesart Bugges voraus.
+
+[594] Íslendinga sögur 2, 361 _an mér ǫlselja Heljar eplis_, die Frau
+gönnt mir Hels Äpfel, d. h. will meinen Tod. Zur Stelle Sveinbjörn
+Egilsson, Lex. poet. 318. Deutsche Seitenstücke zur griechischen Mythe
+bei W. Müller, Niedersächsische Sagen S. 372 ff.
+
+[595] Myth. 291; 3, 94. Unter den vielen Sagen von verwünschten
+Jungfrauen, die Panzer, Beitrag z. deutschen Myth. 1, München 1848,
+behandelt, kommt auch einmal eine schwarz und weiss gefärbte Jungfrau,
+vom Volk die _Held_ genannt, vor; daraus eine germanische Halja zu
+erschliessen, wie es seit Panzer beliebt, ist nicht zu billigen. Die
+Sagen fallen ins Bereich des Gespensterglaubens, in den die höllische
+Verdammniss oft hereinspielt.
+
+[596] _Rán_ bedeutet Raub. Über die Ran vgl. SE. 1, 338; Reginsmǫ́l
+Prosaeingang; Helgakv. Hj. 18; Helg. Hund. I, 31; die Strophe des
+Ref, SE. 1, 326; Fóstbrœðrasaga älterer Text Kap. 4, jüngerer Text
+Kap. 6; Friðþjofssaga Kap. 6; Eyrbyggjasaga Kap. 54; Sneglu-Halla
+þáttr (Fornmannasögur 6, 376); Egill im Sonartorrek 7. Thjodolf in der
+Haustlǫng nennt Ran, indem er das Meer als _Rán-himinn_ bezeichnet.
+Das Netz der Ran führt Bugge, Studien 20 f. auf das Netz der Aranea
+zurück; _Aranea casses in alto suspendit_ sei missverstanden, _in alto_
+als in der Meerestiefe gefasst worden. Übrigens hat nach Kuhns märk.
+Sagen, S. 374, der Wassermann auch ein Netz, und der Vita Sulpicii (†
+614) zufolge wird in einem Wasserstrudel von Geistern mit Stricken
+den Menschen nachgestellt (_repente funibus daemoniacis circumplexus
+amittebat crudeliter vitam_); vgl. W. Müller, System der altdeutschen
+Religion S. 375 Anm. 4.
+
+[597] Eyrbyggjasaga Kap. 11.
+
+[598] Vgl. oben S. 238 ff.; Detter, Beiträge 18, 76 ff. sucht Spuren
+des Skaðimythus in andern Sagen nachzuweisen.
+
+[599] So Müllenhoff, ZfdA. 23, 117.
+
+[600] Dass Skadi eine Vertreterin der Finnen und Lappen, der
+vorgermanischen Bevölkerung des Nordens sei, behaupten W. Müller,
+Zur Mythologie der griechischen und deutschen Heldensage S. 101
+und Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 2, 55 ff.; über den Namen
+Skandinavia Müllenhoff, a. a. O. 357 ff.
+
+[601] Über Thorgerd Hölgabrúðr, die in späterer Verderbniss auch als
+_Hörđabrúđr_, _höldabrúđr_, _hörgabrúđr_ erscheint, vgl. G. Storm,
+Arkiv for nordisk filologi 2, 124 ff.; Detter, ZfdA. 32, 394 ff.
+
+[602] Belege sammelt Uhland, Schriften 6, 403.
+
+[603] In der Jómsvíkinga saga Kap. 44 (Fornmannasögur 11, 134 ff.).
+
+[604] Þáttr Þorleifs jarlaskálds, Flateyjarbók 1, 213.
+
+[605] B. G. 6, 21 _deorum numero eos solos ducunt, quos cernunt et
+quorum aperte opibus iuvantur, Solem et Vulcanum et Lunam, reliquos ne
+fama quidem acceperunt_.
+
+[606] J. Grimm, Myth. 666 f.
+
+[607] Über Sol und die Sonnenpferde Vafþr. 23, 47; Grimn. 37; Sigrdr.
+15; Gylfag. Kap. 11 u. 12. Vgl, E. H. Meyer, Die eddische Kosmogonie S.
+105 f.; Mythologie 293 ff.
+
+[608] Aind. _usrâ_, lit. _auszrà_, „Morgenröte“, kehrt im german. Stamm
+_austra-_, „Osten“, wieder; vgl. _Ôstrogotha_; _Austro-_, _Austar-_ in
+Eigennamen; an. _austr_, as. ahd. _ôstar_, „ostwärts“, dazu _ôstrun_,
+ags. _éastro_, „Ostern“. Vgl. Brugmann, Grundriss 2, 185; Noreen,
+Abriss der urgerm. Lautlehre 167; Kluge, Etym. Wb. unter Osten und
+Ostern.
+
+[609] Bäda _de tempor. rat._ cap. 13 _eosturmonath qui nunc pascalis
+mensis interpretatur, quondam a dea illorum, quae Eostre vocabatur
+et cui in illo festa celebrabant, a cuius nomine nunc paschale
+tempus cognominant, consueto antiquae observationis vocabulo gaudia
+novae solemnitatis vocantes._ -- _Hredmônath_ (März) _a dea illorum
+Hreda cui in illo mense sacrificabant, nominatur_. Diese angeblichen
+Göttinnen sind von Bäda erfunden und haben so wenig Gewähr als die
+ndl. _Leva_, nach der _leumaent_, _laumaent_, der Laubmond, heissen
+soll. Wir haben auch nicht persönlich gewordene, vom Volk geglaubte
+Monate zu denken wie im isl. _Þorri_, _Gói_, _Einmanuđr_, _Harpa_, in
+der rheinfränkisch-märkischen _Sporkele_, _Spurkele_ (Februar). Vgl.
+Weinhold, Die deutschen Monatsnamen, Halle 1869 im alphabetischen
+Verzeichniss der germanischen Namen.
+
+[610] Ricen vermutet J. Grimm, Myth. 268 Anm. †; dagegen Sievers,
+Beiträge 16, 366 ff.
+
+[611] Zisa ist von den Gelehrten im Mittelalter aus dem Namen
+Augsburgs Cisburg oder aus dem Cisatag (*_sisetag_ = _kartag_, Tag der
+Totenklage) gefolgert; vgl. Bachlechner, ZfdA. 8, 587 f.; Laistner,
+Würtemb. Vierteljahrshefte f. Landesgeschichte, Neue Folge; 1892, S. 5.
+Vgl. oben S. 205.
+
+[612] So z. B. die Frie und Fricke, der „_vergodendel_“, als Teil des
+_frô Wodan_, wogegen Knoop, Ztschr. f. Volkskunde 2, 449 ff. u. 3, 41
+ff.
+
+[613] Walahfrid Strabo in einem lat. Gedicht im 8. Jahrh. erwähnt
+_Hulda_, weshalb J. Grimm, Myth. 3, 87 die Holda schon in die ahd. Zeit
+verlegt. Aber es ist gar nicht die angebliche deutsche Göttin gemeint,
+vielmehr die _biblische Wahrsagerin Hulda_, vgl. Müllenhoff, ZfdA. 12,
+404; Schmeller, B. W. 1², 1084; E. H. Meyer, Myth. 273; Kauffmann,
+Beiträge 18, 146. Ebensowenig hält die von J. Grimm, Myth. 245 und
+ebenda 3, 407, Kl. Schriften 5, 416 ff. aus Handschriften des Burchard
+von Worms († 1024) entnommene _Holda_ oder _Frigaholda_ stand; vgl.
+Kauffmann, Beiträge 18, 145 ff. Die Hauptquellen für die Holdasagen
+des 17. Jahrh. bilden die Schriften des Prätorius, ausgeschöpft von
+den Brüdern Grimm in den Deutschen Sagen 1, Nr. 4-8; weiteres Myth.
+246 ff., 3, 87 f.; Mannhardt, German. Mythen 255 ff. Ortsnamen wie
+Frau Hollenteich, Frau Hollenberg u. dgl. stammen ursprünglich wol von
+den „_hollen_“ und sind erst dort auf „Frau Holle“ bezogen worden,
+wo diese umging. Das Hollenloch in Kuhns Sagen aus Westfalen 1, 193
+zeigt einen solchen Ortsnamen in ursprünglicher Bedeutung; Hollenloch
+ist die Elben-, Zwergenhöhle. Die isländ. Bezeichnung _huldufólk_,
+_huldumađur_, _huldukona_, die norweg. _huldrefolk_, wozu die norweg.
+Waldfrau _Hulla_, _Huldra_, _Huldre_, die isl. Hexe _Huld_ gehören,
+darf man nicht derart zu den deutschen Hollen und Frau Holle stellen,
+als handelte es sich um eine gemeingerm. Anschauung. Ausgangspunkt für
+die nordischen Elbennamen bildet an. _hulda_ „Decke“, verwandt mit ahd.
+_hulid_, ags. _hulu_ „Hülle“ vgl. Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre
+S. 171. Es sind die verhüllten d. h. mit Tarnkappen unsichtbaren Elbe
+gemeint. Gleichwie Holle einzeln aus den Hollen ragt, hebt sich dann
+allerdings auch im neunorweg. Volksglauben Huldra aus den Huldren.
+
+[614] Die Berchtasagen gibt Börner, Volkssagen aus dem Orlagau,
+Altenburg 1838, S. 153 u. ö. Das Übrige bei Grimm, Myth. 250 ff.; 3,
+88 ff.; Schmeller, B. Wb. 1², 269 ff.; Zingerle, ZfdM. 3, 203 ff. Auch
+Müllenhoff, ZfdA. 30, 240 stellt die Gleichung _Berhta_: _berhten naht_
+= _Befana_: _epiphania_ auf.
+
+[615] Sagen vom Fronfastenweib Stöber in der Alsatia 1852, 145; 1856/7,
+134. Über die Personifikation von Kalendertagen und Festen überhaupt
+vgl. Mannhardt, Wald- und Feldkulte 2, 184 Anm. 2.
+
+[616] Stempe und Trempe bei Grimm, Myth. 255 f.; 3, 90. _Daȥ mære
+von der Stempen_ oder _von Berchten mit der langen nas_ in Haupts
+Altdeutschen Blättern 1, 105 und v. d. Hagens Gesamtabenteuern Nr. LIV.
+
+[617] Fru Freke nach Eccard de orig. Germanorum 1750, p. 398; J. Grimm,
+Myth. 281. Kuhn und Schwartz stellen de Fuik, Fui (den Teufel) und
+erfundene Namen wie Frîe, Frê, Frick zu Freke, wogegen Knoop, Ztschr.
+f. Volkskunde 2, 449 ff.
+
+[618] Über Frau Harke Knoop, Ztschr. f. Volkskunde 4, 81 ff. Eine „Frau
+Hacke“, die etwa mit der Harke zusammenhängen könnte, aus einem Liede
+Hartmanns von Aue schon fürs 13. Jahrh. zu entnehmen, wie A. Höfer,
+Germania 15, 411 ff. versucht, bedarf keiner ernstlichen Zurückweisung
+mehr.
+
+[619] Über Frau Gode nach dieser Seite Kuhn und Schwartz, Norddeutsche
+Sagen S. 413; Bartsch, Sagen aus Mecklenburg 1, 23 f. Zum Wesen der
+Frau vgl. Knoop, am Urquell 5, 9 ff; 45 ff.; 69 ff.
+
+[620] J. Grimm, Myth. 251 Anm.
+
+[621] J. Grimm a. a. O.
+
+[622] Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne 236 f.
+
+[623] Die Sagen von Herodias und Diana bei J. Grimm, Myth. 260 ff.;
+Schmeller, B. Wb. 1², 270. Herodias soll nach dem in den Niederlanden
+um 1100 verfassten Gedicht Reinardus späterhin Pharaildis geheissen
+haben. Faro, Faramann, Faraburg sind german. Namen mit demselben
+Stammwort, Pharaildis ist Farahild. Die mit Fara gebildeten Namen zählt
+Henning, ZfdA. 36, 325 auf. Willkürlich deutet J. Grimm den Namen zu
+mnl. Verelde = Frau Hilde, Holde um.
+
+[624] Kaufmann, Beiträge 18, 150.
+
+[625] Wolff, Beiträge zur deutschen Mythologie 1, 163 ff.
+
+[626] Mannhardt, German. Mythen 256. Panzer, Beitrag zur deutschen
+Mythologie 2, 1855, 13 f. verzeichnet eine Mariensage, welche an die
+bekannte Geschichte vom Thränenkrüglein (Börner, Sagen aus dem Orlagau
+142 f.) erinnert. Man darf Kindern, die zu Marias Schar verstarben,
+nicht nachweinen.
+
+[627] Von dem plötzlichen Schneefalle sagt Ludwig nach Pomarius: _dit
+is tomalen hilde snee_. Der Verf. sucht ein Wortspiel: Hildesheim sei
+nach Hildesnee (plötzlichem Schnee) genannt; im Nds. bedeutet _hilde_,
+_hille_ rasch, plötzlich. Es ist überkühn, mit J. Grimm, Myth. 246,
+Simrock, Myth.⁵ 368 an den Schnee der Frau Hilde (Verelde, Pharaildis)
+und Frau Holda zu denken und darauf hin die Schneesage der german.
+Göttin zu überweisen.
+
+[628] Wie Grimm, Myth. 3, 87 f. nach Gegenbach anmerkt, heisst es auch
+im Elsass beim Schneefall: _d’ engele hans bed gemacht, d’ fedre fliege
+runder_.
+
+[629] Knoop, Am Urquell 5, 9 ff.; 45 ff.; 69 ff.
+
+[630] Mannus ist zum eranisch-indischen Manu zu stellen, über welchen
+Spiegel, Die arische Periode und ihre Zustände, Leipzig 1887, S. 271
+ff. nachzulesen ist.
+
+[631] Über die Anthropogonie der Germanen vgl. Wackernagel,
+ZfdA. 6, 15 ff.; Müllenhoff, Schmidts allgemeine Zeitschrift f.
+Geschichtswissenschaft 8, 209 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen
+Litteratur I, 1, 12 ff.; Kögels Zusammenstellung von Buri, Bur mit
+Mannus a. a. O. 16 kann ich nicht billigen; die von ihm behauptete
+Gleichheit der Genealogie des Tacitus und der nordischen Berichte
+scheint mir gezwungen.
+
+[632] ZfdPh. 25, 401 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I,
+1, 32 ff. Die wichtigsten Sätze aus Daniels Brief an Bonifacius (Jaffé,
+_Monumenta Moguntina_ 71 ff.) sind folgende: _Neque enim contraria
+eis de ipsorum quamvis falsorum deorum genealogia astruere debes ....
+secundum eorum opinionem. quoslibet ab aliis generatos per conplexum
+mariti ac femine concede eos asserere; ut saltim modo hominum natos
+deos ac deas homines potius, non deos fuisse, et cepisse, qui ante non
+erant, probes. cum vero, initium habere deos, utpote alios ab aliis
+generatos, coacti didicerint, item interrogandi: utrum initium habere
+hunc mundum an sine initio semper exstitisse arbitrentur. si initium
+habuit, quis hunc creavit? cum procul dubio ante constitutionem saeculi
+nullatenus genitis diis inveniunt subsistendi vel habitandi locum.
+mundum enim non hunc visibilem tantum, caelum et terram, sed cuncta
+etiam extensa locorum spatia -- quae ipsi quoque pagani suis imaginare
+cogitationibus possunt -- dico. quodsi sine initio semper exstitisse
+mundum contenderint -- quod multis refutare ac convincere documentis
+argumentisque stude -- tamen altercantes interroga: quis ante natos
+deos mundo imperaret? quis regeret? quo modo autem suo subdere
+dominatui vel sui juris facere mundum, ante se semper subsistentem,
+potuerunt? unde autem vel a quo vel quando substitutus aut genitus
+primus deus vel dea fuerat? vel si jam non generant, quando vel cur
+cessaverunt a concubitu et partu; si autem adhuc generant, infinitus
+jam deorum effectus numerus est. et quis tam inter tot tantosque
+potentior sit, incertum mortalibus est; et valde cavendum, ne in
+potentiorem quis offendat. utrum autem pro temporali ac praesenti, an
+potius pro aeterna et futura beatudine colendi di sint, arbitrantur? si
+pro temporali, in quo jam feliciores pagani christianis sunt, dicant.
+quid autem se suis conferre sacrificiis lucri diis suspicantur pagani,
+cuncta sub potestate habentibus? vel cur, in potestate sibi subjectorum
+fieri, permittunt ipsi dii, quod ipsis tribuant? si talibus indigent,
+cur non ipsi magis potiora elegerunt? si autem non indigent, superflue
+jam talibus hostiarum conlationibus placare se passe deos pulant.
+haec et similia multa alia, quae nunc enumerare longum est, non quasi
+insultando vel inritando eos, sed placide ac magna obicere moderatione
+debes. et per intervalla nostris, id est christianis, hujuscemodi
+conparandae sunt dogmatibus superstitiones, et quasi e latere
+tangendae; quatenus magis confuse quam exasperate pagani erubescant pro
+tam absurdis opinionibus et ne, nos latere ipsorum ritus ac fabulas,
+estiment. hoc quoque inferendum: si omnipotentes sunt dii et benefici
+et justi, non solum suos remunerant cultores, verum etiam puniunt
+contemptores, et si haec utraque temporaliter faciunt, cur ergo parcunt
+christianis, totum pene orbem ab eorum cultura avertentibus idolaque
+evertentibus? et cum ipsi, id est christiani, fertiles terras vinique
+et olei feraces ceterisque opibus habundantes possident provincias,
+ipsis autem, id est paganis, frigore semper rigentes terras cum eorum
+diis reliquerunt; in quibus, jam tamen toto orbe pulsi, falso regnare
+putantur._ -- -- --
+
+[633] Über das Wessobrunner Gebet vgl. Müllenhoff u. Scherer, Denkmäler
+II, 1 ff., wo natürlich heidnische Herkunft behauptet wird; ebenso
+Müllenhoff, Altertumskunde 5, 15 u. 68; auch Kögel, Geschichte der
+deutschen Litteratur I, 1, 271 findet das Bild von der Weltschöpfung
+„heidnisch untermalt“; dagegen vertritt Kelle, Geschichte der deutschen
+Litteratur, Berlin 1892, S. 75 ff. die oben vorgetragene Ansicht,
+dass nicht kosmogonische Vorstellungen des Heidentums, sondern
+alttestamentliche Ideen den Inhalt des Gedichtes bilden.
+
+[634] Die Sagen über die letzte Weltschlacht sammelt und deutet zuerst
+J. Grimm, Myth. 908 ff.; dazu Müllenhoff, Sagen aus Schleswig, Holstein
+und Lauenburg S. L u. 378 ff.; Kuhn und Schwartz, Norddeutsche Sagen
+S. 495 ff.; Sagen aus Westfalen 1, 204 ff.; Simrock, Mythologie S. 148
+ff. und andere mehr. Über die Zubehör zur deutschen Kaisersage vgl. G.
+Voigt, Sybels historische Zeitschrift 26, 131 ff.; J. Häussner, Die
+deutsche Kaisersage, Bruchsal 1882; J. Häussner, Unsere Kaisersage,
+Berlin 1884.
+
+[635] Jüngere Olafssaga Kap. 201 ff.; vgl. E. H. Meyer, Kosmogonie 16
+ff.
+
+[636] Über solche ernste Heidengemüter vgl. Munch, det norske folks
+historie I, 2, 272, 279; Maurer, Bekehrung 2, 253 ff.
+
+[637] _ginnunga gap_ erscheint gleichsam umgekehrt in _gapanda gin_,
+gähnender Rachen in der Flateyjarbók 1, 530. _gap_ steht zu _gapa_,
+gaffen, gähnen. _ginnung_ ist abgeleitet vom Adj. _*ginnr_ (ags.
+_ginn_, weit, geräumig; vgl. auch das an. ags. mhd. Substantiv _gin_,
+der Rachen). Über die weitere Geschichte dieses Wortstammes vgl. Mogk,
+Beiträge 8, 153 ff.; Mogks frühere Schlussfolgerung, _ginnunga_ sei
+Gen. sing, zu _Ginnungi_, dem persönlich gedachten Chaos, zu welcher
+im Griechischen und Nordischen vorliegenden Vorstellung bereits
+die Indogermanen sich bekannt hätten, ist hinfällig. Besteht ein
+Zusammenhang zwischen dem persönlichen Chaos, dem Riesen Abyssus der
+christlichen Mythologie, über welchen Meyer, Völuspa 57, Eddische
+Kosmogonie 74 nachzulesen ist, und Ymir, so beruht er auf später
+Entlehnung und Nachahmung, nicht auf Urverwandtschaft, _ginnunga
+gap_, von Adam v. Bremen 4, Kap. 38 mit _immane abyssi baratrum_
+wiedergegeben, erscheint auch in der Geographie der alten Nordleute.
+Die Norweger versetzten es in den Norden, die Isländer in die Gegend
+zwischen Winland und Grönland. Vgl. G. Storm, Arkiv f. nord. filologi
+6, 340 ff. Im Mhd. wird _ginunge_ von der Hölle gesagt: _diu helle
+heiȥit ouch barathrum daȥ kît sƕarziu ginunge ƕan sie ginit biȥ an den
+jungisten tac_ (Benecke-Müller, Mhd. Wb. 1, 527). Dahin gehört wol auch
+nds. _ovelgünne_, ein Ausdruck für Hölle im Sinne von Übelloch; vgl. J.
+Grimm. Myth. 953; Schiller-Lübben, Mnds. Wb. 3, 248.
+
+[638] Man vgl. Stellen wie Servius zu Ecl. 6, 31 ff.: _variae sunt
+philosophorum opiniones de rerum origine. nam alii dicunt omnia ex igni
+procreari ut Anaxagoras. alii ex humore ut Thales Milesius: unde est,
+Oceanumque patrem rerum. alii ex quattuor elementis ut Empedocles,
+secundum quem ait Lucretius: ex imbri, terra, atque anima nascuntur
+et igni. Epicurei vero nihil horum comprobant, sed dicunt duo esse
+rerum principia, corpus et inane.... et corpus esse volunt atomos ...
+inane vero dicunt spatium in quo sunt atomi. de his itaque duobus
+principiis volunt ista quattuor procreari, ignem, aerem, aquam, terram:
+ex his caetera...._ Dass das Chaos als leerer Raum, gähnender Schlund
+gefasst wird, mag im Bedeutungswandel des Wortes liegen; im späteren
+Latein wird Chaos im Sinne von chasma, hiatus gebraucht, Belege bei
+Forcellini, totius latinitatis lexicon Bd. 2; Lucas 16, 26 überträgt
+die Vulgata χάσμα μέγα mit chaos magnum. Die nordische Kosmogonie
+übersetzt solche naturphilosophische antike Anschauungen auf die
+heimische Naturumgebung, vielleicht im Anschluss an ältere Sagen, die
+wissenschaftlich gerechtfertigt werden sollen.
+
+[639] Im nord. Texte steht _lùđr_, was nach Fritzner, Ordbog II² 567
+f. einen ausgehöhlten Baumstamm, einen Trog, der zur Wiege wie zum
+Fahrzeug dienen konnte, bedeutet, wie lat. _alveus_ und _scapha_.
+Auch Deukalion und Pyrrha werden in keinem gewöhnlichen Schiffe,
+sondern in einer _Lade_ (λάρναξ) gerettet, Noah in der _arca_. Die
+Übereinstimmung, dass auch in der nordischen Sinflut kein gewöhnliches
+Schiff vorkommt, ist schwerlich zufällig.
+
+[640] Eine Übersicht der hierher gehörigen Sagen gewährt R. Andree,
+Die Flutsagen, Braunschweig 1891; S. 44 werden berechtigte Zweifel
+an der Ursprünglichkeit der Eddasage ausgesprochen, S. 140 steht sie
+aber, allerdings mit einem Fragezeichen, unter den „echten“, d. h.
+selbständig aufgekommenen Flutsagen.
+
+[641] Grímn. 40, 41; Vafþr. 21; Gylfag. Kap. 7; zur Erschaffung Adams
+aus acht Teilen J. Grimm, Myth. 531 ff.; Müllenhoff-Scherer, Denkmäler³
+2, 171; E. H. Meyer, Völuspa 36, 61; Kosmogonie S. 77 ff.; Myth. 146;
+zur Frage überhaupt R. M. Meyer, ZfdA. 37, 1 ff.
+
+[642] Nach Gylfaginning Kap. 9 befindet sich die Asenburg in der Mitte
+der Welt, _í miđjum heimi_, und vom Hochsitz Hlidskjalf aus übersieht
+man alle Welten. Somit herrscht allerdings die Anschauung, die
+Weinhold, Altnordisches Leben S. 358 also bestimmt: „Die Erde zerlegten
+die Nordländer in drei Teile: am Meeresstrande waren Aussengart
+(_útigarđr_) oder die Riesenwelt; von ihm durch eine Landwehr burgartig
+geschieden Mittelgart (_miđgarđr_) oder das Land der Menschen, und als
+kleinster der drei concentrischen Ringe Asgard, die Burg der Götter.
+Darüber ist das Himmelszelt an vier Enden geknüpft.“ So mag sich das
+Weltbild in den Augen Snorris und aller Euhemeristen ausnehmen, welche
+Asgard wol als hohen in den Himmel ragenden Berg auf die Erde verlegen.
+Der alte Heidenglaube aber dachte die Asen im Himmel wohnend und damit
+fallen die drei concentrischen Kreise.
+
+[643] Jǫtonheimr Vǫl. 48; Jǫtonheimar in SE. 1, 30, 54, 62 u. ö.;
+Alfheimr Grímn. 5, SE. I, 78; selten begegnen Vanaheimar S. I, 92 und
+Svartálfaheimr SE. I, 108, 352.
+
+[644] Über Niflheim vgl. den Abschnitt Hel. Niflhel steht Baldrs Dr.
+2, Vafþr. 43. Ebenda sagt der Riese: ich fuhr nieder nach Niflhel,
+wohin die Leute aus der Hölle versterben; ähnlich Gylfag. Kap. 3 böse
+Menschen fahren zur Hel und von da nach Niflhel (Niflheim in der
+Handschrift U).
+
+[645] Die neun Heime oder Himmel SE. I, 592, II, 485 sind keiner
+Überlieferung gemäss, nur Skaldengelehrsamkeit des 12. Jahrh. Die
+Versuche neuerer Mythologen, die neun Welten herzustellen, z. B. W.
+Müllers, Altd. Religion S. 155 f.; Weinholds, Altnord. Leben S. 359; R.
+Keysers, samlede afhandlinger 273; Simrocks, Myth. 43 f. werden ebenso
+zu Schanden. Vgl. auch Gering, Edda S. 66 Anm. 1.
+
+[646] Über typische Anwendung der Neunzahl vgl. J. Grimm,
+Rechtsaltertümer 215 f. Die Möglichkeit, dass christliche Vorstellungen
+von neun Himmeln und Höllen hereinspielen, vgl. E. H. Meyer, Völuspa 44
+ff., Myth. 173 u. 191, will ich nicht in Abrede stellen.
+
+[647] Storm, Arkiv f. nord. filologi 7, 342.
+
+[648] Vafþr. 12, 14, 25; Sgrdr. 3; Gylfag. Kap. 10. Den Aud und
+Onar kennt der Skald Hallfred (geb. um 968) SE. I, 320 u. 322; über
+Nacht und Tag vgl. das Kap. XXIII in J. Grimms Myth., wo reichliche
+Belege für die in der gewöhnlichen und poetischen Sprache üblichen
+Personifikationen verzeichnet sind. Den Zusammenhang mit Hesiod betont
+W. Müller, Geschichte und System der altdeutschen Religion S. 172 f.,
+jedoch ohne die oben vorgetragenen Schlüsse.
+
+[649] So liest Snorri; in Vafþr. 25 steht der Dativ _Nǫrve_, ebenso
+Alvíssmǫl 29; daraus ist der Nom. _Nǫrr_ zu erschliessen, welchen man
+mit as. _naru_, ags. _nearu_ stf. die Enge, Klemme, Bedrängniss, und
+_nearu_, Adj. enge, beklemmend, bedrängend vergleicht und als Bedränger
+erklärt. In den neuaufgefundenen as. Genesisbruchstücken 286 steht
+_narouua naht_, eine Formel, welche im Hinblick auf _Nótt_ und _Nǫrr_
+volle Beachtung verdient. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur,
+Ergänzungsheft zu Band 1, S. 12 f. kommt in der Anmerkung zur Stelle
+zum Schluss, dass ein Stamm _narƕa-_, dunkel, finster, von dem bisher
+allein bekannten _narƕa-_, enge, zu trennen sei. _Nǫrr_ bedeutet mithin
+der Finstere, Dunkle, und übersetzt genau Erebus wie Nótt die Nox.
+
+[650] Der Ausdruck „_fyr Dellings durom_“ vor Dellings Thoren, der in
+den Hǫ́v. 160 und in den Rätseln der Hervararsaga (Fornaldarsögur 1,
+468 ff.) begegnet, bedeutet: am hellen lichten Tage, wenn Delling,
+des Tages Vater sein Thor offen und seinen Sohn entsendet hat. Vgl.
+Müllenhoff, Altertumskunde 5, 273 f.
+
+[651] _himintarga_ bei Eilifr Guðrúnarson SE. 1, 292; Ennius bei Varro
+7, 73 nennt die Sonne _caeli clipeus_; J. Grimm, Myth. 665; 3, 205.
+Falk, aarböger f. nordisk oldkyndighed og historie 1891, 2. Reihe Bd.
+6, 273.
+
+[652] Die Geschichte war im 10. Jahrh. bereits bekannt. Mundilföri als
+Vater der Sol und des Mani begegnet Vafþr. 23, Glen beim Isländer Skuli
+Thorsteinsson (geb. um 980) SE. I, 330. Wird Mundilföri richtig als
+„Achsenschwinger“, der den Drehstock treibt (_mundil_ zu _mǫndull_,
+Stock, mit dem der Mühlstein gedreht wird), gedeutet, dann gibt der
+Name vermutlich den Begriff _Polus_ wieder, die Himmelsachse, um die
+Sonne und Mond und alle Gestirne kreisen.
+
+[653] Über Mondflecken J. Grimm, Myth. 679 ff.; 3, 209.
+
+[654] Grímn. 39; Vǫl. 40, 41; Gylfag. Kap. 12 u. 51; über Finsternisse
+J. Grimm, Myth. 668 ff.; 3, 206. Der schwedische, dänische, norwegische
+Volksglauben kennt noch jetzt den Sonnenwolf (_solvarg_, _solulv_),
+den Isländern ist die Sonnenfinsterniss „_úlfakreppa_“, Wolfsnot; vgl.
+Maurer, Island. Volkssagen 185, Jón Árnason, þjóðsögur 1, 658 f.
+
+[655] Bifrǫst wird erwähnt Grímn. 44, Fafnismǫ́l 15; Gylfag. Kap. 13.
+
+[656] Über die Menschenschöpfung vgl. E. H. Meyer, Völuspa 81 ff.,
+Kosmologie 110 ff.
+
+[657] Über Yggdrasil vgl. die erschöpfende Untersuchung von Bugge in
+den Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen
+S. 421-560.
+
+[658] Die Stellen bei Gudbrand Vigfusson im Corpus 2, 65 u. 197; zur
+Strophe Kormaks Bugge, Studien 443; om versene i Kormaks saga (aarböger
+f. nord. oldkyndighed 1889) S. 6 f.
+
+[659] _á Iđavelli_; in Anlehnung an ags. _ed-_, an. _iđ-_, wieder,
+ist das Idafeld, auf dem sich die Götter auch in der neuerstandenen
+Welt wieder versammeln, etwa aus einem in England gehörten _*Edanƕong_
+entsprungen; vgl. Bugge, Studien 445 f.
+
+[660] _naglfar_ ist eigentlich das Totenschiff, das Gespensterschiff,
+indem _nagl_ vermutlich zu νέκυς, νεκρός gehört; vgl. Detter, ZfdA.
+31, 208; Noreen, Altnord. Grammatik² § 251, 3; Abriss der urgerm.
+Lautlehre S. 132 u. 178. Mit Riesen und Teufeln rücken auch die
+Totengespenster gegen die Lichtgötter heran. Der Name _Naglfar_ wurde
+missverstanden, wie die Gylfag. Kap. 51 lehrt: „Naglfar das Schiff
+kommt los, das aus den Nägeln verstorbener Menschen gefertigt wurde.
+Und deshalb soll man niemand mit unbeschnittenen Nägeln sterben
+lassen, denn jeder, der das thut, fördert dadurch sehr die Vollendung
+des Schiffes Naglfar, von dem Götter und Menschen wünschen, dass es
+spät fertig werde.“ An die falsche Etymologie und an einen Brauch der
+Totenpflege knüpft sich demnach ein Aberglaube, der, wie J. Grimm,
+Myth. 775 Anm. richtig bemerkt, die ungeheure Ferne und das langsame
+Zustandekommen des Weltendes in der Art mancher Märchenzüge ausdrücken
+soll; solche Anzeichen des Weltendes stellt auch die Anm. zu Myth. 911
+zusammen.
+
+[661] Níþhǫggr, der schadengierig Hauende, wird Vǫl. 39, 66; Grímn. 32,
+35; Gylfag. Kap. 15, 16, 52 erwähnt; vgl. dazu Bugge, Studien über die
+Entstehung der nord. Götter- und Heldensagen S. 480 ff.
+
+[662] _Ragna rök_ steht Vǫl. 44, Baldrs Dr. 14, Atlamǫ́l. 21; Vafþr.
+38 u. 55 stehen gleichbedeutend _tíva rök_ und _ragna rök_. Das
+Wort gehört zu _rekja_, aufwickeln und bedeutet Entwickelung oder
+Verlauf einer Begebenheit von Anfang bis zu Ende, Schicksal, dann im
+besonderen das letzte Schicksal, der Untergang. So besagt also _ragna
+rök_ Untergang der Götter, Weltende. Nur in der Lokasenna 39 heisst es
+_ragna rökkr_, Finsterniss, Dunkel der Götter, „_Götterdämmerung_“.
+Die Snorra Edda hat immer den letzteren, offenbar auf einem
+Missverständniss beruhenden Ausdruck, dem nicht die geringste sachliche
+Berechtigung zukommt. Vgl. Müllenhoff, ZfdA. 16, 146 ff.; Gering,
+Glossar zu den Liedern der Edda, Paderborn 1887, S. 132.
+
+[663] Heinzel, Ztschr. f. österr. Gymn. 43 (1892) S. 748 weist aus
+russischen Quellen ähnliche Schilderung des Zweikampfes zwischen Elias
+und dem Antichrist nach, wie sie im Mûspilli begegnen.
+
+[664] Vgl. Dahn, Das Tragische in der germanischen Mythologie,
+Bausteine 1, 1879.
+
+[665] Zur Erklärung des Ausdrucks Bugge, Studien 447 ff.; Kögel,
+Grundriss der german. Philologie 2, 1, 212 Anm. versucht eine andere
+Deutung, die seltsamer Weise bei E. H. Meyer, Mogk, Steinmeyer
+Denkmäler 2, 38 Aufnahme fand, obschon sie sprachlich und sachlich
+unmöglich ist. _spelli_ soll Vernichtung heissen wegen an. _spell_
+Schaden, _spilla_ schädigen. Im Westgermanischen lautet das Verbum aber
+as. _spildian_, ags. _spildan_ (ags. _spillan_ ist späteres Lehnwort
+aus dem Nordischen), ahd. _spildan_. Wenn anders nicht Entlehnung aus
+dem Nordischen behauptet werden soll, müsste das von Kögel angesetzte
+Wort _speldi_, _spildi_ lauten. Der erste Teil des Kompositums soll
+in ahd. _mû-ƕerf_, Maulwurf wiederkehren, _mû_ ist synonym zu ahd.
+_molta_, got. _mulda_, Staub, Erde; _mudspilli_ entstand in Anlehnung
+an mhd. _mot_, schwarze Torferde, Moor, Morast. Auch wenn man das
+sehr zweifelhafte Dasein von _mû_ = _molta_ zugesteht, ist doch die
+Bedeutung von _mûspilli_, Erdvernichtung, Weltende höchst fragwürdig.
+_mû_ würde wie _molta_ nur Staub heissen; selten und erst spät nimmt
+das Wort z. B. an. _mold_, die erweiterte Bedeutung von _tellus_ an.
+Wäre Weltbrand und Weltende eine gemeingermanische Vorstellung, so
+müsste man entschieden ein anderes Wort erwarten; denn _mûspeldi_
+könnte nichts andres heissen als Vernichtung des Staubes. Neuerdings
+erklärt Kögel mit Hinweis auf Sievers, Indogerm. Forschungen 4, 335
+ff., wonach urgerm. _þl_ : _đl_ > ahd. _dl_ : _ll_ (vgl. _stadel_ und
+_stall_), _spillî_, die Splitterung aus _spiđli_ (urgerm. _þl_ bewahrt
+mhd. _spidel_, Splitter und as. _spildian_ aus urgerm. _spiþlian_, wie
+_nâlda_ zu _nêþla_). _Muspilli_ ist die Weltzersplitterung. Aber von
+einem Zerschellen des Erdballes kann wol die Neuzeit, schwerlich das
+german. Heidentum fabeln.
+
+[666] Surtr, dessen Name auch in schwacher Form Surti erscheint Vafþr.
+50, begegnet noch im isländischen Surtarbrandr, worunter eine harzige,
+verkohlte Erde verstanden wird. Surtshellir heissen vulkanische
+Felsenhöhlen auf Island. Vgl. Finn Magnusen, Myth. Lex. 457; Jón
+Árnason, Þjóðsögur 1, 665. Im Vorbeigehen sei die wunderliche Annahme
+Finns a. a. O. erwähnt, der in Surt den höchsten Lichtgott, den starken
+Herrscher von oben erblickte.
+
+[667] Gimle kommt nur Vǫl. 64 vor; sonst Gylfag. Kap. 3, 17 u. 52. An
+letzterer Stelle ist die Lesart von U _á Gimlé meþ Surti_ gegen W _á
+Gimlé á himni_ ein Fehler; Surtr hat mit Gimle nichts zu thun. Zur
+Etymologie und Bedeutung vgl. Müllenhoff, Altertumskunde 5, 30 ff.;
+Schullerus, Beiträge 12, 270; Bugge, Studien 444 f.
+
+[668] H. E. Meyer, Völuspa 45.
+
+[669] Gregor schreibt an Mellitus: _cum ergo Deus omnipotens vos
+ad reverentissimum virum fratrem nostrum Augustinum episcopum
+perduxerit, dicite ei quid diu mecum de causa Anglorum cogitans
+tractavi, videlicet, quia fana idolorum destrui in eadem gente
+minime debeant; sed ipsa, quae in eis sunt, idola destruantur, aqua
+benedicta fiat, in eisdem fanis aspergatur, altaria construantur,
+reliquiae ponantur. quia, si fana eadem bene constructa sunt, necesse
+est ut a cultu daemonum in obsequium veri Dei debeant commutari; ut
+dum gens ipsa eadem fana sua non videt destrui, de corde errorem
+deponat et Deum verum cognoscens ac adorans ad loca, quae consuevit,
+familiarius concurrat. et quia boves solent in sacrificio daemonum
+multos occidere, debet eis etiam hac de re aliqua solemnitas immutari;
+ut die dedicationis, vel natalitii sanctorum martyrum, quorum illic
+reliquiae ponuntur, tabernacula sibi circa easdem aecclesias, quae
+ex fanis commutatae sunt, de ramis arborum faciant, et religiosis
+conviviis solemnitatem celebrent, nec diabolo iam animalia immolent,
+sed ad laudem Dei in esu suo animalia occidant, et donatori omnium
+de salietate sua gratias referant; ut dum eis aliqua exterius gaudia
+reservantur, ad interiora gaudia consentire facilius valeant._
+Bäda, _Hist. eccl._ I 30; weiteres auf Opfer und heidnische Bräuche
+bezügliches Bäda II 5, 9, 13, 15; III 8, 30; IV 22, 27. Heidnische
+Bräuche, die in Bussordnungen und Synodalbeschlüssen der Angelsachsen
+erwähnt werden, sammelt Kemble, The Saxons in England, London 1849, Bd.
+I, 523 ff.
+
+[670] Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte Teil 2, 419 f.
+
+[671] Über die sakralen Eigenschaften des germanischen Rechtes vgl.
+Brunner, Deutsche Rechtsgeschichte 1, 1887, S. 144 ff.; Amira,
+Grundriss der germ. Philologie II, 2, 177, 185, 193.
+
+[672] Den sakralen Charakter der Todesstrafe erweist Amira, Über Zweck
+und Mittel der germanischen Rechtsgeschichte, München 1876, S. 58 ff.
+
+[673] Beiträge 18, 177 ff.
+
+[674] Vgl. Maurer, Die Eingangsformel der altnord. Rechts- und
+Gesetzbücher in den Münchener Sitzungsberichten 1886, S. 317 ff.
+
+[675] Das Folgende im Anschluss an Weinhold, Beiträge zu den deutschen
+Kriegsaltertümern in den Sitzungsberichten der Berliner Akademie d.
+Wiss. 1891, II, S. 543 ff., besonders S. 556-567.
+
+[676] Über den Einfluss der heidnischen Religion aufs Privatleben vgl.
+besonders Maurer, Bekehrung 2, 226 ff.; 46 ff.; 72 ff.
+
+[677] Vgl. Konrad Maurer, Über die Wasserweihe des germanischen
+Heidentums, Münchener Akademieabhandlung 1880; Müllenhoffs Entgegnung,
+AnzfdA. 7, 404 ff. bewegt sich in einem Tone, dass sie bloss als
+Kuriosum angemerkt werden kann; zu ihrer sachlichen Bedeutung vgl.
+Bugge, Studien 399 ff.
+
+[678] Zum Gebet vgl. J. Grimm, Myth. 28 ff.; Maurer, Bekehrung 2, 203 f.
+
+[679] Brugmann, Grundriss der vergleichenden Grammatik der idg.
+Sprachen 1, 160, 305; die verwandten Wörter lit. _szƕentas_, preuss.
+_sƕints_, kirchen-slav. _svętŭ_ ok
+
+[680] Über _laikaȥ_ Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 8
+ff.
+
+[681] Menschenopfer verzeichnet schon P. G. Schütze, _De cruentis
+Germanorum gentilium victimis humanis_, Leipzig 1743; vgl. J.
+Grimm, Myth. 38 ff.; Maurer, Bekehrung 2, 196 ff. Löhers Aufsatz
+über angebliche Menschenopfer bei den Germanen, in den Münchener
+Sitzungsberichten 1882, 373, wo Menschenopfer allen Zeugnissen zum
+Trotz geleugnet werden, verdient keine ernstliche Zurückweisung.
+
+[682] Über den Looswurf bei den Friesen, wodurch der Wille der Götter
+erforscht wurde, ob und welches Opfer sie verlangten, vgl. Richthofen,
+Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 450 f.
+
+[683] Die Zeugnisse für die friesischen Opfer sammelt Richthofen,
+Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 454; über
+Menschenopfer der Sachsen vgl. Richthofen, Zur lex Saxonum, Berlin
+1868, S. 204 ff.
+
+[684] Über Menschenopfer bei Landplagen, die aus späteren Volkssagen
+noch ersichtlich sind, vgl. U. Jahn, Die deutschen Opfergebräuche,
+Breslau 1884, S. 63 ff.
+
+[685] Sieht sich doch im Jahr 732 Papst Gregor III. veranlasst, an
+Bonifacius zu schreiben, er müsse die Christen in Germanien schwer
+bestrafen, welche Sklaven zum Opfer an die Heiden verkauften. _Et
+hoc inter alia discrimen agi in partibus illis dixisti, quod quidam
+ex fidelibus ad immolandum paganis sua venumdent mancipia. hoc ut
+magnopere corrigere debeas, frater, commendemus._ Jaffé, Bibliotheca 3,
+94.
+
+[686] Jüngere Olafssaga Tryggvasonar Kap. 165; Heimskringla Kap. 74.
+
+[687] Ammianus Marcellinus XXVIII, 5, § 14.
+
+[688] Tieropfer bei J. Grimm, Myth. 40 ff.; Maurer, Bekehrung 2, 198 f.
+
+[689] Über den Hergang beim Opfer J. Grimm, Myth. 49 ff.; über
+das nordische Opfer Maurer, Bekehrung 2, 199 ff.; H. Petersen, om
+nordboernes gudedyrkelse og gudetro 25 ff.
+
+[690] Die germanische Bezeichnung für „Fest“ lebt im oberdeutschen
+„_dult_“, got. _dulþs_, ahd. _tuld_, mhd. _dult_ (vgl. Schmeller,
+Bayer. Wörterbuch I² 502 f.) noch weiter.
+
+[691] Tac. Ann. 1, 65 _nox per diversa inquies, cum barbari festis
+epulis, laeto cantu aut truci sonore subiecta vallium ac resultantis
+saltus complerent_. Über Opferleiche und Spiele vgl. Kögel, Geschichte
+der deutschen Litteratur I, 1, 7 ff.; 19 ff.; 24 ff.; über das gotische
+Spiel Conrad Müller, ZfdPh. 14, 442 ff.; Kögel a. a. O. 34 ff.; dagegen
+C. Kraus, Beiträge 20, 224 ff., wo jede Beziehung des got. Spieles zum
+german. Kult geleugnet wird. Über den Wettlauf im deutschen Volksleben
+vgl. Weinhold, Zs. d. Vereins f. Volkskunde 3, 1 ff.
+
+[692] Die heidnische Sitte des Minnetrinkens lebt in der christlichen
+Gertrudenminne und Johannisminne fort; vgl. J. Grimm, Myth. 53 ff.;
+Zingerle, Johannissegen und Gertrudenminne, Sitzungsberichte der Wiener
+Akademie Bd. 40, 1862, 177 ff. Besonders deutlich tritt die Ablösung
+des heidnischen Brauches durch den christlichen im Norden hervor. Dem
+König Olaf Tryggvason erscheint der heilige Bischof Martinus im Traume
+und sagt, es sei Landessitte gewesen, Thors, Odins und andrer Asen
+Minne bei den Gastmählern zu trinken, in Zukunft aber solle zu Ehren
+Gottes, seiner selbst und aller Heiligen getrunken werden. Vgl. Maurer,
+Bekehrung 1, 285.
+
+[693] Saxo S. 278 _quod apud Upsalam sacrificiorum tempore constitutus
+effoeminatos corporum motus scenicosque mimorum plausus ac mollia
+nolarum crepitacula fastidiret_.
+
+[694] Nach U. Jahn, Die deutschen Opfergebräuche bei Ackerbau und
+Viehzucht. Breslau 1884; vgl. auch H. Pfannenschmid, German. Erntefeste
+im heidnischen und christlichen Kultus, Hannover 1878; Wuttke, Der
+deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, Berlin 1869, § 423 ff. Ich
+wiederhole im Texte die Ergebnisse Jahns, aber mit Vorbehalt. Jahns
+Methode, alle überlieferten Einzelheiten heutiger Volksbräuche in
+einem grossen, heidnisch-germanischen Gesamtbild aufgehen zu lassen,
+ist bedenklich. Der geschichtlichen Entwicklung, den vielen späteren
+Neuerungen ist viel zu wenig Rechnung getragen.
+
+[695] Über das Notfeuer J. Grimm, Myth. 570; Jahn, Die deutschen
+Opferbräuche S. 26 ff., wo fast das gesamte überlieferte Material
+ausgeschöpft ist. Schon im _indiculus superstitionum_ treffen wir
+das Feuer: _de igne fricato de ligno id est nodfyr_. Das Wesentliche
+ist eben die Erzeugung des wilden Feuers, das unmittelbar und neu
+hervorspringt, nicht schon im Dienste der Menschen abgenutzt ward.
+Daher scheint auch der Name zu stammen, der zum Zeitwort _niuƕan_,
+_nûan_, reiben, steht; vgl. O. Schade, Altdeutsches Wörterbuch 1, 659
+u. 654; schwedisch heisst es _vrideld_, _gnideld_ zu _vrida_, drehen,
+_gnida_, reiben, also ebenfalls geriebenes, durch Reibung oder Drehung
+entfachtes Feuer.
+
+[696] Über Scheibentreiben vgl. Vogt in d. Zs. d. Vereins f. Volkskunde
+3, 350 ff.
+
+[697] Die angelsächsische Flurbesegnung bei Grein-Wülker, Bibliothek
+der ags. Poesie 1, 312 ff.; Wülker, Grundriss der ags. Litt. 347 ff.;
+Kögel, Geschichte der deutschen Litt. I, 1, 40 ff.
+
+[698] Über Aufzüge, mit Chorgesang verbunden vgl. J. Grimm, Myth.
+159, 560; W. Müller, Altdeutsche Religion 113 f.; Müllenhoff, De
+antiquissima Germanorum poesi chorica S. 10 ff.; 21 ff.; Kögel,
+Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, S. 6, 30 ff.
+
+[699] Sozomenus, Historia ecclesiastica 6, 37.
+
+[700] Über Schlachtgesang und Kriegsgeschrei vgl. Müllenhoff, De
+antiquissima Germanorum poesi chorica S. 16 ff.; Kögel, Geschichte der
+deutschen Litteratur I, 1, 17 ff. Tacitus Germ. 3 nennt allerdings den
+Gesang der Lieder barditus (_carmina, quorum relatu, quem barditum
+vocant, accendunt animos_). Über barditus vgl. Vegetius, De re milit.
+3, 18; Ammianus 31, 7, 11, wo der Kriegsruf gemeint ist und barritus
+steht. Barditus gehört entweder zu an. _barđi_, Schild, und bedeutet
+„Schildruf“, „Schildgeschrei“ oder zu _bard_ (barba) und bedeutet
+„Bartruf“. Von Thor heisst es, dass er zornig den Bart schüttelte
+(Þrymskv. 1 _skegg nam at hrista_); zornig bläst er in seinen roten
+Bart und erhebt den donnernden Bartruf (_skeggrǫdd_, _skeggraust_)
+gegen seinen Feind (Fornmanna sögur 1, 303 Olafssaga Tryggvasonar).
+
+[701] Bäda, _de temporum ratione_ Kap. 13 gewährt die Form _giuli_;
+_december giuli eodem quo ianuarius nomine vocatur_. Spätere ags.
+Denkmäler ziehen die Form _geola_ vor; vgl. J. Grimm, Gesch. der ds.
+Spr. 79 ff.; Weinhold, Die deutschen Monatsnamen, Halle 1869.
+
+[702] Jul aus urgerm. _*jehƕela_, ags. _gehhol_, _geohhol_ = _joculus_
+erklären Kluge, Englische Studien 9, 311 ff; Bugge, Arkiv f. nordisk
+filologi 4, 135. Diez, Etym. Wörterbuch der roman. Sprachen, 5. Aufl.
+1887, S. 166, Körting, Latein.-roman. Wörterbuch 1891, S. 425, leiten
+frz. _joli_, it. _giulivo_ von altnord. _jól_, dem Freudenfeste, ab.
+
+[703] Den Weihnachtsaberglauben bezeugen reichlich alle Sagensammlungen
+im Norden und Süden. Den besten Überblick gewährt A. Tille, Deutsche
+Weihnachten, Leipzig 1893, 148 ff.
+
+[704] Zeugnisse für die nordischen Jahresopfer sind gesammelt bei
+Maurer, Bekehrung 2, 232 ff.
+
+[705] Der Behauptung H. Petersens, Nordboernes gudedyrkelse og
+gudetro S. 27, dass das heidnische Julfest auf Ende Januar oder
+Anfang Februar fiel, kann ich nicht zustimmen. Sie hat nur in der
+Hervararsaga schwache Gewähr, während andre Zeugnisse dagegen
+sprechen. Die _Spurcalien_ im Februar, deren Aldhelm († 709) und
+der indiculus gedenken, welche die homimilia de sacrilegiis als
+_dies spurcos_ erwähnt, weisen allerdings auf ein den nds. Stämmen
+gehöriges heidnisches Opferfest hin. Aber es ist schwerlich ein
+grosses Volksopfer gemeint, vielmehr ein Gemeindeopfer. Der Name
+ist keinesfalls germanischen Ursprungs, sondern von lat. _spurcus_,
+_spurcitia_ nach der Analogie von Vulcanalia, Saturnalia, Neptunalia
+u. ä. gebildet und soll den Brauch der deutschen Bauern verächtlich als
+etwas Wüstes, Schmutziges (vgl. _spurciliae gentilitatis_) hinstellen;
+vgl. Caspari in der Ausgabe der homilia de sacrilegiis S. 36 f. Ob der
+ndl.-nds. Name des Februar _Sporkele_, _Spurkele_, der im Volksmunde
+wie auch andere Tag- und Monatnamen personificiert wurde, von den
+_Spurcalien_ zu leiten oder anders zu erklären ist, lässt sich nicht
+bestimmen. Vgl. Weinhold, Die deutschen Monatsnamen S. 56 f.; zum Namen
+Sporkel vgl. noch Ehrismann, Beiträge 20, 64 f.
+
+[706] Vgl. Maurer, Bekehrung 2, 237, Anm. 186.
+
+[707] Tacitus, Germ. Kap. 39.
+
+[708] Über die Zeiten vgl. Müllenhoff, Schmidts allgemeine Zeitschrift
+für Geschichte 8, 266 ff.; ZfdA. 23, 25.
+
+[709] Widukind 1, 12 _per triduum igitur dies victoriae agentes et
+spolia hostium dividentes exequiasque caesorum celebrantes laudibus
+ducem in coelum attollunt, divinum ei animum inesse coelestemque
+virtutem acclamantes, qui sua constantia tantam eos egerit perficere
+victoriam. acta sunt autem haec omnia, ut maiorum memoria prodit,
+die Kal. Octobris, qui dies erroris religiosorum sanctione virorum
+mutati sunt in ieiunia et orationes, oblationes quoque omnium nos
+praecedentium christianorum_. Vgl. Müllenhoff, Schmidts allgemeine
+Zeitschrift für Geschichte 8, 254.
+
+[710] Vgl. J. Grimm, Mythologie S. 269 ff.; Müllenhoff, Schmidts
+allgemeine Zeitschrift für Geschichte 8, 254; Laistner,
+Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte 1892, S. 5;
+über Nachklänge solcher Jahreswendefeste H. Pfannenschmid, Germanische
+Erntefeste 164 ff.
+
+[711] Thietmar 1, 9; MG. 3, 739 _est unus in his partibus_ (sc.
+_Northmannorum et Danorum_) _locus, caput istius regni, Lederun nomine,
+in pago, qui Selon dicitur, ubi post 9 annos mense januario, post hoc
+tempus quo nos theophaniam domini celebramus, omnes convenerunt, et
+ibi diis suismet 99 homines et totidem equos, cum canibus et gallis
+pro accipitribus oblatis, immolant, pro certo, ut predixi, putantes,
+hos eisdem erga inferos servituros et commissa crimina apud eosdem
+placaturos_. Zur Stelle J. Grimm, Myth. S. 42 ff.
+
+[712] Adam 4, 27 MG. 7, 380 _solet quoque post novem annos communis
+omnium Sueoniae provintiarum sollempnitas in Ubsola celebrari. ad quam
+videlicet sollempnitatem nulli praestatur immunitas. reges et populi,
+omnes et singuli sua dona transmittunt ad Ubsolam, et quod omni poena
+crudelius est, illi qui iam induerunt christianitatem, ab illis se
+redimunt cerimoniis. sacrificium itaque tale est. ex omni animante,
+quod masculinum est, novem capita offeruntur, quorum sanguine deos
+placari mos est. corpora autem suspenduntur in lucum, qui proximus est
+templo. is enim lucus tam sacer est gentilibus, ut singulae arbores
+eius ex morte vel tabo immolatorum divinae credantur. ibi etiam
+canes et equi pendent cum hominibus, quorum corpora mixtim suspensa
+narravit mihi aliquis christianorum 72 vidisse. ceterum neniae, quae
+in eiusmodi ritu libationis fieri solent, multiplices et inhonestae,
+ideoque melius reticendae_. Im Kap. 28 wird ein Priester, _qui ad
+Ubsolam demonibus astare solebat_, erwähnt. Scholion 136 _nuper rex
+Sueonum christianissimus Anunder, cum sacrificium gentis statutum
+nollet demonibus offerre, depulsus a regno, dicitur a conspectu
+concilii gaudens abisse, quoniam dignus habebatur pro nomine Jesu
+Christi contumeliam pati_. Scholion 137 _novem diebus commessationes et
+eiusmodi sacrificia celebrantur: unaquaque die offerunt hominem unum
+cum ceteris animalibus, ita ut per novem dies 72 fiant animalia quae
+offeruntur. hoc sacrificium fit circa aequinoctium vernale_.
+
+[713] Weinhold, Über die deutsche Jahrteilung, Kiel 1862; Weinhold,
+Die deutschen Monatsnamen, Halle 1869; Kluge, Die deutschen Namen
+der Wochentage, im wissenschaftlichen Beiheft Nr. 8 zur Ztschr. des
+allgemeinen deutschen Sprachvereins 1895.
+
+[714] J. Grimm, Mythologie 59 f.
+
+[715] J. Grimm, Geschichte der deutschen Sprache 116.
+
+[716] Vgl. Graff, Ahd. Sprachschatz 4, 1015.
+
+[717] Vgl. Wright-Wülcker, Anglo-saxon and old-english glossaries 1,
+433, 501, 503, 517, 519.
+
+[718] Sveinbjörn Egilsson, Lex. poeticum 380; Fritzner, Oldn. ordbog
+2², 191; Sigurður Vigfússon, árbók hins íslenzka fornleifafélags
+1880/1, S. 89 ff.
+
+[719] Noreen, Abriss der urgermanischen Lautlehre S. 229 vergleicht
+lat. carcer, Einfriedigung.
+
+[720] Graff, Diutiska 1, 150 _qui ad aras sacrificat, de za demo paraƕe
+ploaȥit_.
+
+[721] Die Geschichte des Wortes mit Angabe aller Belege behandelt R.
+Henning, Die deutschen Runendenkmäler, Strassburg 1889, S. 23 ff.
+
+[722] Vgl. _Heiligenloh_, J. Grimm, Myth. 65; Arnold, Ansiedlungen und
+Wanderungen deutscher Stämme, Marburg 1877, S. 117.
+
+[723] Über heilige Wälder spricht Tacitus in der Germ. 7, 39, 40, 43;
+Ann. 1, 61; 2, 12; 4, 73; Hist. 4, 14; 4, 22. Germ. 9 „_lucos ac nemora
+consecrant deorumque nominibus appellant secretum illud, quod sola
+reverentia vident_“, ist rhetorische Phrase, wie der Zusammenhang mit
+dial. de orat. 12 lehrt.
+
+[724] Vgl. J. Grimm, Myth. 64, wo die vita Meinwerci Kap. 17, MG. 11,
+114 u. MG. 2, 377 Anm. k ausgehoben ist.
+
+[725] J. Grimm, Myth. 65; Förstemann, Ortsnamen² 700.
+
+[726] Das germanische Wort für den Tempel war got. _alhs_ (bei Wulfila
+für ναός u. ἱερόν gebraucht), as. ahd. _alah_, ags. _ealh_. Damit sind
+zahlreiche Personen- und Ortsnamen (Förstemann 2², 40), welche auf
+altdeutsche Tempel schliessen lassen, zusammengesetzt; vgl. _Alahstat_,
+_Alahdorf_, _Alahesfeld_, _Alahesheim_, _Alahpah_, _Alacfurd_,
+_Alacmar_ u. ä.
+
+[727] Vǫlsungasaga Kap. 2.
+
+[728] Die hergehörigen Stellen aus MG. sammelt J. Grimm, Myth. 104 ff.;
+W. Müller, Altdeutsche Religion S. 71 bringt die _irminsûl_ mit den
+nordischen Hauspfeilern in Verbindung. Mannhardt, Baumkult der Germanen
+S. 303 ff. erklärt die Irmensäule als den Lebensbaum des Volkes,
+der neben dem Maibaum der Gemeinde und dem Baum des Einzelhofes aus
+ähnlichen Grundvorstellungen entwickelt sei.
+
+[729] MG. 2, 676 _truncum quoque ligni non parvae magnitudinis in altum
+erectum sub divo colebant, patria eum lingua irminsul appellantes,
+quod latine dicitur universalis columna, quasi sustinens omnia_. Damit
+scheint eine Deutung als Säule des Irmin-Tiu ausgeschlossen, _irmin_
+hat den in Zusammensetzungen ganz gewöhnlichen und geläufigen Sinn
+„gross, gewaltig“.
+
+[730] Über die Formen und Etymologie des Wortes, _ƕigbed_, _ƕeobed_,
+_ƕeofod_ vgl. Kluge, Beiträge 8, 527; Sievers, Ags. Grammatik² § 43
+Anm. 4; § 222 Anm. 1.
+
+[731] „Man hat es zwar ohne weiteres angenommen, aber bisher m. W. noch
+durch kein einziges Zeugniss belegt, dass die alten Deutschen Altäre,
+wie die Griechen und Römer gehabt hätten; weil sie ihre Opfer nicht
+verbrannten, überhaupt nach der ganzen Weise ihres Kultus scheinen doch
+Altäre für sie sehr überflüssige Dinge gewesen zu sein.“ Müllenhoff,
+Schmidts Zeitschrift f. Geschichte 8, 242.
+
+[732] Friesische Tempel erweisen die mit _fran_ (ahd. _vrônô_,
+_sanctus_) gebildeten Ortsnamen, wodurch heiliges, göttergeweihtes Land
+angezeigt ist; aber auch von bestimmten Tempeln in allen Gauen und von
+deren Brand und Bruch hören wir; vgl. Richthofen, Untersuchungen über
+friesische Rechtsgeschichte 2, 439 ff.; die altfriesische Bezeichnung
+für den Tempel war _alac_, a. a. O. 442 f.
+
+[733] Alchuine vita Willibrordi Kap. 14 [Willibrordus] _pervenit ad
+quandam vittam Walichrum nomine in qua antiqui erroris idolum remansit.
+guod cum vir dei zelo fervens confringeret praesente eiusdem idoli
+custode, qui nimio furore succensus quasi dei sui iniuriam vindicaret,
+in impetu animi insanientis gladio caput sacerdotis Christi percussit.
+sed deo defendente servum suum, nullam ex ictu ferientis laesuram
+sustinuit. socii vero illius hoc videntes pessimam praesumptionem
+impii hominis morte vindicare concurrerunt. sed a viro dei pio animo
+de manibus eorum liberatus est reus ac dimissus. qui tamen eodem die
+daemoniaco spiritu arreptus est et die tertio infeliciter miseram vitam
+finivit_. Nach Aufzeichnungen aus dem 13. Jahrh. handelte es sich um
+ein dem Mercurius-Wodan geweihtes Idol; Richthofen, Untersuchungen über
+fries. Rechtsgeschichte 2, 434. In Wirklichkeit aber war das um 694 auf
+einer Missionsreise von Willibrord zerstörte Heiligtum wahrscheinlich
+ein Überbleibsel aus der Römerzeit, der Nehalennia-Isis-Tempel; vgl.
+Kaufmann, Beiträge 16, 229 ff.
+
+[734] Man hat schon versucht (vgl. z. B. Much, Germanische Grabmäler
+und Tempelbauten, in den Mitteilungen der anthropologischen
+Gesellschaft in Wien, Bd. 5, 1875, S. 173 ff.), in Erdwerken,
+Kingwällen und terassenförmig abgestuften Hügeln Spuren germanischer
+Heiligtümer, die auf Anhöhen in Wald und Haide lagen, nachzuweisen.
+Hag und Wall schlossen die Weihstätte, die nur der Priester betreten
+durfte, vor unberufenen Besuchern ab. Jedoch fehlen sichere Nachweise
+des germanischen Ursprungs und sakralen Zweckes solcher Bauten. Über
+Rundwälle in Norddeutschland vgl. Behla, Baltische Studien 24, 251 ff.,
+290; weitere Litteratur bei E. H. Meyer, Myth. S. 56 f. § 86.
+
+[735] Adam 4, 26 MG. 7, 379 _nobilissimum illa gens templum habet, quod
+Ubsola dicitur, non longe positum ab Sictona civitate. in hoc templo,
+quod totum ex auro paratum est, statuas trium deorum veneratur populus,
+ita ut potentissimus eorum Thor in medio solium habeat triclinio; hinc
+et inde locum possident Wodan et Fricco_. Scholion 134 _prope illud
+templum est arbor maxima late ramos extendens, semper viridis in hieme
+et aestate, cuius illa generis sit, nemo scit, ibi etiam est fons, ubi
+sacrificia paganorum solent exerceri et homo vivus immergi. qui dum
+non invenitur, ratum erit votum populi_. Scholion 135 _catena aurea
+templum illud circumdat pendens supra domus fastigia, lateque rutilans
+advenientibus, eo quod ipsum delubrum in planitie situm montes in
+circuitu habeat ad instar theatri_.
+
+[736] Die Hauptstellen über isländischen und norwegischen Tempelbau
+sind Eyrbyggja Kap. 4, Kjalnesingasaga Kap, 2, Hákonarsaga góða Kap.
+16. Vgl. Maurer, Bekehrung 2, 190 ff.; H. Petersen, om Nordboernes
+gudedyrkelse og gudetro S. 21 ff., 33 ff.; Gudbrand Vigfusson, Corpus
+poeticum boreale 1, 403 ff.; Sigurður Vigfússon, um hof og blótsiðu
+í fornöld, in der árbók hins íslenzka fornleifafélags 1880/1, S. 79
+ff.; ebenda 1882, S. 3 ff. Die eigentliche Bezeichnung des nordischen
+Tempels ist _hof_; _Freys-_, _Ođins-_, _Þórshof_ vgl. Fritzner, Ordbog
+2², 31; die häufige Formel _hof og hǫrgr_ meint Haupttempel und
+kleinen Tempel, oder Opferstätte, Heiligtum. Allgemeine Ausdrücke sind
+_gođahús_, _blóthús_, Opferhaus.
+
+[737] Dass die eigentümlichen norwegischen Holzkirchen aus der
+Nachahmung des Basilikastiles hervorgingen und somit keinesfalls mit
+der Bauart der heidnischen Tempel zusammenhängen, ist von Dietrichson
+und Munthe, Die Holzbaukunst Norwegens, Berlin 1893, eingehend
+nachgewiesen.
+
+[738] Die Stelle der im 16. Jahrh. verfassten längeren
+Droplaugarsonasaga gibt Sigurður Vigfússon, árbók hins íslenzka
+fornleifafélags 1882, S. 36 ff.; Kålund, Fljótsdœla hin meiri eller
+den laengre Droplaugarsonasaga, Köbenhavn 1883, S. 108 ff.; über die
+Entstehungszeit der Sage vgl. Kålunds Einleitung.
+
+[739] Den Tempelhag erwähnen die Kjalnesingasaga Kap. 4, Færeyingasaga
+Kap. 23 u. a.; Bäda, Hist. eccl. 2, 13 nennt _aras et fana idolorum cum
+septis, quibus erant circumdata_, also ein Gehege um die Opferstätten.
+
+[740] Über _effigies_ u. _signa_ vgl. Müllenhoff, De antiquissima
+Germanorum poesi chorica, Kiel 1847, S. 13. Lindenschmit, Handbuch der
+deutschen Altertumskunde, I, Braunschweig 1880/9, S. 278 ff.
+
+[741] Vgl. Weinhold, Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1891, 556.
+
+[742] Zeugnisse über germanische Götterbilder sammelt J. Grimm, Myth.
+S. 94 ff.; früher glaubte man, deutsche Götterbilder zu besitzen;
+eine Übersicht über diese fragwürdigen Götzen gibt G. Klemm, Handbuch
+der germanischen Altertumskunde, Dresden 1836, S. 347 ff; Tafel
+XIX–XXI sind die wunderlichen Gestalten abgebildet. Heutzutage glaubt
+niemand mehr an deren Echtheit. Teils stammen diese Bilder gar nicht
+von deutschen, sondern ausserdeutschen Völkern, teils gehören sie
+dem späten Mittelalter an. Irgend welche Beziehung zum Kult, also
+der Beweis, dass es Götzen sind, fehlt gänzlich. Als missglückt muss
+auch der Versuch, in altchristlichen Bildwerken heidnische Anklänge
+zu finden, bezeichnet werden, wie er u. a. von Panzer, Beitrag zur
+deutschen Mythologie, 2. Bd. München 1855, S. 1 ff., 308 ff.; J. W.
+Wolf, Beiträge zur deutschen Mythologie 1. Bd. Göttingen 1852, S. 106
+ff.; Simrock, Myth.⁵ 518 f. gemacht wurde.
+
+[743] Vgl. Siebourg, Westdeutsche Zeitschrift 7, 100.
+
+[744] Vgl. W. Müller, Altdeutsche Religion S. 71; Grimm, Myth. 3, 42.
+
+[745] Vgl. Vita St. Galli in MG. 2, 7; ferner Walafrid Strabo in seiner
+vita St. Galli, Acta Bened. sec. 2, p. 233.
+
+[746] Götterbilder der Friesen, auch solche aus Stein, die aber wie
+Nehalennia auf Walcheren römischen Ursprungs gewesen sein mögen,
+erwähnen die Lebensbeschreibungen der Bekehrer mehrfach; Richthofen,
+Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 421 f.; sächsische
+Götterbilder a. a. O. 449.
+
+[747] Die nordischen Götterbilder verzeichnet Maurer, Bekehrung 2, 192
+ff.; über die Götter, denen Tempel mit Bildern geweiht waren, vgl. auch
+Sigurður Vigfússon, árbók hins íslenzka fornleifafélags 1892, S. 17 ff.
+
+[748] Eyrbyggjasaga Kap. 4, 9, 10.
+
+[749] R. Henning, Die deutschen Runendenkmäler, Strassburg 1889, S. 27
+ff.
+
+[750] Über Tempelschätze vgl. Richthofen, Untersuchungen über
+friesische Rechtsgeschichte 2, 1, 431.
+
+[751] Über die Begabung der isländischen Tempel vgl. Maurer, Bekehrung
+2, 212 ff.
+
+[752] Über die dänischen Haupttempel vgl. H. Petersen, om Nordboernes
+gudedyrkelse og gudetro i hedenold S. 7 ff.
+
+[753] Ein Verzeichniss der in den Quellen genannten und aus Ortsnamen
+zu erschliessenden Tempel Norwegens gibt Munch, Nordmændenes ældste
+gudeog heltesagn, Christiania 1854, S. 164 ff.
+
+[754] Über die isländischen Tempel und ihre Bedeutung vgl. Maurer,
+Island S. 38 ff., S. 54 ff.
+
+[755] Ammianus Marcellinus 28, 5 _nam sacerdos omnium maximus apud
+Burgundios vocatur sinistus et est perpetuus, obnoxius discriminibus
+nullis ut reges_. Got. burg. _sinista sinisto_ ist der Superlativ zu
+einem sonst verlorenen Positiv _*sins_ (aind. _sanas_, air. _sen_,
+lit. _sẽnas_, lat. _senex_), wovon das got. _sineigs_ (senex) und
+_siniskalk_ d. h. Altknecht, abgeleitet sind; vgl. Feist, Grundriss
+der got. Etymologie, Strassburg 1888, S. 100; Brugmann, Grundriss der
+vergleichenden Grammatik der idg. Sprachen, Band 2, S. 248 u. 407.
+
+[756] Über das lautliche Verhältniss zwischen got. _gudja_, aisl.
+_guđe_, _gođe_ vgl. Noreen, Abriss der urgerman. Lautlehre S. 176.
+
+[757] Vgl. Maurer, Zur Urgeschichte der Godenwürde in ZfdPh. 4, 125
+ff.; über _goding_, _cotinc_ Weinhold, ZfdPh. 21, 11.
+
+[758] Bei Thorsen, De danske runemindesmærker 1, 334-338 Anm. 1.
+
+[759] _Þuríđr hofgyđja_, Landnáma 4 Kap. 10; _Þúríđr gyđja_, ebenda
+3 Kap. 4; Vatnsdæla Kap. 27; _Þorlaug gyđja_, Landnáma 1 Kap. 21;
+_Friđgerđr gyđja_, Kristnisaga Kap. 2; Þorvalds þáttr víðfǫrla Kap. 4;
+_Steinvǫr hofgyđja_, Vopnfirðingasaga S. 10.
+
+[760] Über die isländischen Goden vgl. Maurer, Die Entstehung des
+isländ. Staats und seiner Verfassung, München 1852, S. 82 ff.; Island
+von seiner ersten Entdeckung bis zum Untergange des Freistaates,
+München 1874, S. 36 ff.
+
+[761] Über den friesischen _âsega_, insbesondere auch über seinen
+Zusammenhang mit dem nordischen _lǫgmann_, dem isländischen
+_lǫgsǫgumann_ vgl. Richthofen, Untersuchungen über friesische
+Rechtsgeschichte 2, 455 ff., 487 ff. Über den nordischen
+Gesetzsprecher, der sich aber allmälig als Sonderamt aus dem
+ursprünglichen Priestertum losgelöst zu haben scheint, vgl. Maurer,
+Das Alter des Gesetzsprecheramtes in Norwegen, München 1875;
+Sitzungsberichte der Münchener Akademie 1887, phil.-hist. Klasse II,
+3, 363 ff. und die dort verzeichnete Litteratur; zur ganzen Frage vgl.
+Richard Schröder, Gesetzsprecheramt und Priestertum bei den Germanen in
+der Zeitschrift für Rechtsgeschichte 1883, Germanistische Abteilung, 4.
+Band, S. 215 ff.
+
+[762] Vgl. Müllenhoff, ZfdA. 12, 346 ff.; über den Zusammenhang
+zwischen Priestertum und Adel, J. Grimm, Rechtsaltertümer 267 ff.
+
+[763] Dass der Eidring, der auf dem Altar des isländischen Tempels lag,
+aber bei jeder Rechtshandlung vom Goden an der Hand getragen wurde,
+auch in Deutschland und bei den Goten vorkam (vgl. den Eigennamen
+_Eidring_ in einer Lorscher Urkunde vom Jahre 834 und die _brachiales_
+bei Mansi, Concil. 3, 617), schliesst Müllenhoff, ZfdA. 17, 428 f.
+
+[764] Über die Vereinigung von weltlicher Oberhoheit, insbesondere
+Königtum, und Opferleitung im Norden vgl. H. Petersen, om nordboernes
+gudedyrkelse og gudetro i hedenold, Kjöbenhavn 1876, S. 1 ff.
+
+[765] Die Berichte über Hakons Teilnahme am Opfer bei Maurer, Bekehrung
+1, 158 ff.
+
+[766] Vgl. die ältere Olafssaga helga Kap. 33/8; die jüngere Kap.
+107/8; Maurer, Bekehrung 1, 532 ff.
+
+[767] Vgl. die ältere Olafssaga helga Kap. 112/5; die jüngere Kap.
+101/4; Maurer, Bekehrung 1, 528 ff.
+
+[768] Über germanische Priesterinnen und Weissagerinnen vgl. J. Grimm,
+Myth. 84 ff.; 374 ff.; Weinhold, Die deutschen Frauen, 2. Aufl. Wien
+1882, Bd. 1, S. 62 ff.
+
+[769] Über Weleda vgl. Tacitus Germ. 8; Hist. 4, 61, 65; 5, 22,
+24; Statius, Silv. 1, 4, 90; Müllenhoff, Zur Runenlehre S. 55; der
+Name Weleda ist vielleicht nur eine Standesbezeichnung „weise Frau,
+Seherin“, gleich urkelt. _velet_, Seher, Dichter; vgl. Windisch,
+Philol. Wochenschrift, 1883, S. 930 und A. Fick, Vergleichendes
+Wörterbuch der idg. Sprachen, 4. Aufl., Bd. 2, 1894, S. 277.
+
+[770] Über Albrûna, die mit elbischer Runenkraft Begabte, vgl.
+Müllenhoff, Zur Runenlehre S. 51, 53.
+
+[771] Über die germanischen Chorlieder, die als _laikaȥ_, mhd. _leich_
+bezeichneten Hymnen, die aber natürlich vom Chore nur gesungen, nicht
+auch gedichtet wurden, vgl. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur
+I, 1, 7 ff.
+
+[772] Ztschr. d. deutschen morgenländischen Gesellschaft 37, 1883, S.
+54 ff, 67 ff., u. ebenda Bd. 39, 1885, S. 52 ff.; die Vergleichung
+der indischen Form mit der germanischen führt Kögel, Geschichte der
+deutschen Litteratur I, 1, 98 durch.
+
+[773] Die Poesie im germanischen Recht behandelt Kögel, Geschichte der
+deutschen Litteratur I, 1, 97 u. 242 ff., wo der Nachweis versucht
+wird, dass die friesische Rechtspoesie zum grossen Teile stabreimend
+war; vgl. J. Grimm, Rechtsaltertümer S. 31 ff. über die Formeln.
+
+[774] Über solche Formeln vgl. J. Grimm, Rechtsaltertümer 39 ff.;
+die ausführlichste nordische Formel bietet die Heiðarvígasaga in den
+Ĭslendinga sögur 2, 379 ff.
+
+[775] Vgl. Haug, Sitzungsberichte der Münchener Akademie 1875, 2, S.
+457 ff. Vedische Rätselfragen und Rätselsprüche; den Zusammenhang mit
+dem mythologischen Rätselliede der Nordleute heben Wilmanns, ZfdA. 20,
+252 ff., Müllenhoff, Altertumskunde 5, 238 u. Kögel, Geschichte der
+deutschen Litteratur I, 1, 64 hervor.
+
+[776] Über die Gleichheit indischer und germanischer Segenssprüche vgl.
+A. Kühn, Ztschr. f. vergl. Sprachforschung 13, 49 ff.; 113 ff. Die
+indischen Sprüche enthält namentlich der Atharvaveda. Die Atharvans
+und Angiras sind Priestergeschlechter, die demnach als die besten
+Gewährsmänner auf dem Gebiete der Spruchdichtung betrachtet wurden.
+
+[777] Über die germanischen Wörter für Zauberlied und ihre Bedeutung
+vgl. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 79 ff.; E.
+Schröder, ZfdA. 37, 259 ff.
+
+[778] Vgl. E. Schröder, Über das Spell, ZfdA. 37, 241 ff.
+
+[779] Germ. 10 _auspicia sortesque ut qui maxime observant: sortium
+consueludo simplex. virgam frugiferae arbori decisam in surculos
+amputant eosque notis quibusdam discretos super candidam vestem
+temere ac fortuito spargunt. mox, si publice consultetur, sacerdos
+civitatis, sin privatim, ipse pater familiae, precatus deos caelumque
+suspiciens ter singulos tollit, sublatos secundum impressam ante
+notam interpretatur. si prohibuerunt, nulla de eadem re in eundem
+diem consultatio; sin permissum, auspiciorum adhuc fides exigitur._
+Über die Sitte des Loosens vgl. Müllenhoff, Zur Runenlehre, Halle
+1852, S. 33; Homeyer, Über das germanische Loosen, Monatsberichte der
+Berliner Akademie, December 1853; R. Keyser, Samlede afhandlinger S.
+372 ff.; Mogk in den „Kleineren Beiträgen zur Geschichte von Docenten
+der Leipziger Hochschule“, Festschrift zum deutschen Historikertag in
+Leipzig, 1894, S. 81 ff. Über Wahrsagerei im heutigen Brauche vgl.
+Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube, Berlin 1869, § 327 ff. Die
+germanischen Wörter für dieses Verfahren lauten folgendermaassen: got.
+_hlauts_, ags. _hlýt_ oder _hlét_, as. _hlôt_, ahd. _hlôȥ_, überall
+ursprünglich Masculinum, ist das Nomen actionis des „_lieȥens_“,
+des Loosens und des Wahrsagens, dann das, wodurch dies geschieht,
+κλῆρος, sors, das Looszeichen; das nord. Femin. und Neutrum _hlaut_
+ist das, woraus oder mit dessen Hilfe geweissagt wird, das Opferblut.
+An. _hlutr_, ags. _hlot_, nds. _lott_, ahd. _hluȥ_, mhd. _luȥ_ ist
+eigentlich _portio_, das Erlooste. Vgl. Gudbrand Vigfusson, dictionary
+269; Müllenhoff, Altertumskunde 5, 155. Das Stäbchen, worauf die
+Zeichen standen, hiess got. _tains_, an. _teinn_, afries. _tên_, ags.
+_tân_, ahd. mhd. _zein_.
+
+[780] Die Hauptstellen, wo vom _fella blótspán_ die Rede ist, sammelt
+Fritzner, Ordbog I², 160. In der Fagrskinna 40 heisst es: er fällte den
+Opferspan, und es ward offenbar, dass er die passende Tageszeit zum
+Schlagen haben sollte. Auch hier bestimmt der Ausspruch der Loose die
+Schlacht. Vgl. noch Landnáma 3, 8. In der Livländ. Reimchronik 2483
+u. 7239 heisst es wie im Nordischen „der Span fällt“ statt „das Loos
+fällt“; J. Grimm, Myth. 3, 321.
+
+[781] Zum friesischen Looswurf vgl. Richthofen, Untersuchungen über
+friesische Rechtsgeschichte 2, 450 ff.
+
+[782] Lex Frisionum tit. 14 _tunc unusquisque illorum septem faciat
+suam sorlem i. e. tenum de virga et signet signo suo, ut eam tam ille
+quam caeteri qui circumstant cognoscere possint_. Es sind vermutlich
+die Hausmarken der einzelnen Leute gemeint, die vielfache Verwendung
+beim Loosen fanden, vgl. Homeyer, Die Haus- und Hofmarken, Berlin 1870.
+
+[783] Vgl. E. Schröder, ZfdA. 37, 262.
+
+[784] Fornmannasögur 11, 128 ff.; Flateyjarbók 1, 188 ff.; zur Stelle
+R. Keyser, Samlede afhandlinger S. 376.
+
+[785] Über Angang und andere von selber sich darbietende Vorzeichen
+vgl. J. Grimm, Myth. 1072 ff.; Vorzeichen aus nordischen Quellen bei
+Maurer, Bekehrung 2, 122 ff.; das meiste Material steht bei A. Wuttke,
+Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 2. Aufl. Berlin 1869, § 262
+ff.
+
+[786] Ahd. _fogalrarta_ (_rarta_ = got. _razda_, Stimme), _fogilrartôd_
+wird mit _auspicium, augurium_ glossiert; ebenso ags. _fugelhƕâte_;
+vgl. J. Grimm, Myth. 3, 324. Über Augurien und Auspicien vgl. W.
+Wackernagel, ἔπεα πτερόεντα in den Kleineren Schriften 3, 196 ff., 205
+ff.
+
+[787] Germ. Kap. 10 _proprium gentis equorum quoque praesagia ac
+monitus experiri. publice aluntur isdem nemoribus ac lucis, candidi et
+nullo mortali opere contacti; quos pressos sacro curru sacerdos ac rex
+vel princeps civitatis comitantur hinnitusque ac fremitus observant.
+nec ulli auspicio maior fides, non solum apud plebem, sed apud
+proceres, apud sacerdotes; se enim ministros deorum, illos conscios
+putant._
+
+[788] Zur Etymologie von _hlaut_ vgl. Gudbrand Vigfusson, Dictionary
+269; Müllenhoff, Altertumskunde 5, 155; vgl. auch oben S. 631 Anm. 1.
+
+[789] Über Frauennamen auf _rûn_ und ihre Bedeutung vgl. Müllenhoff,
+Zur Runenlehre S. 44 ff.; mit, _rûn_ gebildete Namen bei Förstemann,
+Namenbuch 1, 1062 f.
+
+[790] Über _spáfarar ok útiseta_, d. h. draussensitzen, um die Zukunft
+mit Hilfe der Geister zu erforschen, was in Norges gamle love 1, 19
+verboten wird, vgl. S. 648 Anm.; für die spätere Zeit vgl. Jón Árnason,
+íslenzkar þjóðsögur 1, 436 f.
+
+[791] Über got. _haljarûna_, welche aus Jordanes 24 _magas mulieres,
+quas patrio sermone haliurunnas cognominant_, erschlossen wird,
+vgl. Müllenhoff, Zur Runenlehre S. 44 ff.; mit ahd. _hellirûna_
+gleichbedeutend begegnet _dohotrunu_ d. i. _dôtrûna_. Die sächsischen
+_dâdsisas super defunctos_, die Totengesänge, betrachtet Kögel,
+Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 52 als das Gegenteil vom
+_valgaldr_, als einen Zauber, der die Rückkehr des Verstorbenen auf die
+Erde, also das Wiedergehen verhinderte.
+
+[792] Den Valgaldr schildert Saxo I S. 12 mit den Worten: _diris
+admodum carminibus ligno insculptis iisdemque linguae defuncti per
+Hadingum suppositis hac voce cum horrendum auribus carmen edere coegit._
+
+[793] Über das Orakelsitzen vgl. J. Grimm, Myth. 3, 306; Kögel,
+Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 29 f.
+
+[794] Hrsg. von G. Storm, Kopenhagen 1893, S. 14 ff.; Reeves, The
+finding of Wineland the good, London 1890, S. 108 ff., 126 ff.
+
+[795] Dass Wahrsagerei mit Hilfe von Geistern geschieht, spricht die
+Homilia de sacrilegiis III 5 deutlich aus: _qui diuinos uel diuinas
+id est pitonissas, per quos demones responsa dant, consulit_ ... In
+der Eirikssaga rauða heissen solche weissagende Geister _natúrur_,
+Naturwesen. Die Lieder, mit denen sie beschworen werden, heissen nach
+der Hauksbók _varđlokkur_, nach der Handschrift Am. 557 _vardlokr_
+(vgl. das Facsimile bei Reeves, The finding of Wineland the good S.
+109 u. 127). Wol dieselbe Art von Liedern sind im Grógaldr 7 gemeint:
+_urþar lokur_. _varđlokkur_ begegnet im schott. _warlock_, böser
+Geist. _Varđlokkur_ sind Zauberlieder, aber der etymologische Sinn
+ist dunkel. _Varđ-_ ist deutsch _wart-_, an. _Varđrún_ zu _Wartrûn_;
+_warten_ heisst bewahren, schützen. _Lokkur_ kann zu _lokka_ gehören,
+etwa Lockung; _lokur_ sind Riegel, Schlösser. Die Bedeutung wird nicht
+klarer. Schwerlich liegt in _varđ-_ der Begriff Geist, Gespenst, es
+müsste denn zu _urđr_ (_urđir_, Schicksalsgöttinnen) gehören, oder
+wie norwegisch _vord_, schwed. _vård_, Wächter, Schutzgeist, aus
+engerer Bedeutung sich zum Begriff „Geist“ überhaupt erweitert und
+verallgemeinert haben. Die Geister scheinen aber an. _gandar_ genannt
+worden zu sein. _Gand_ begegnet in deutschen (_Ganthar_, _Gantfrid_,
+_Gantrih_ bei Förstemann, Namenbuch 1, 468) und nord. (_Gandalfr_,
+_Gandvik_) Namen. Gleichviel welchen Ursprungs das german. Wort sein
+mag, die Bedeutung Zaubergegenstand und zauberhaftes Wesen, Gespenst,
+scheint sicher; vgl. Müllenhoff, Altertumskunde 5, 110; Fritzner,
+Ordbog I², 544; Kögel, Litteraturgeschichte I, 1, 52. Wie man die
+Gandar beschwor, zeigt die Vǫl. 28/30. Die Volva sitzt zur Beschwörung
+draussen (_ein sat úte_), als Odin zu ihr trat. Er gab Ringe und
+Halsband zur Entlohnung hin und empfing dafür von der Volva weise
+Kunde und Weissagung der Geister (_spǫ́ ganda_), welche die Volva zu
+diesem Behufe beschworen hatte. Nach Vǫl. 22 sind die _gandar_ auch
+bei Heids Zauberei, bei ihrem Seid, im Spiele (_vitte ganda_). Die
+Fóstbrœðrasaga Kap. 9 erzählt: „Es ereignete sich, dass Thordis nachts
+im Schlafe sich übel geberdete, und die Leute sprachen davon, dass man
+sie wecken solle. Ihr Sohn Bodwar sprach: Lasst meine Mutter ihres
+Traumes geniessen, denn es kann sein, dass der Alten etwas erscheint,
+das sie wissen will. Und sie ward nicht geweckt. Als sie aber erwachte,
+holte sie schwer Atem. Ihr Sohn Bodwar sprach: Du gehubst dich übel
+im Schlafe, Mutter; ist dir etwas erschienen? Thordis antwortete:
+Weit herum habe ich diese Nacht die Geister getrieben (_víđa hefi ek
+gǫndum rennt i nótt_) und habe nun Dinge erfahren, die ich zuvor nicht
+wusste.“ _Gandreiđ_, Zauberritt, heisst in der Njálssaga Kap. 126 die
+Erscheinung eines gespenstischen Reiters vor grossen Ereignissen, vgl.
+Maurer, Bekehrung 2, 404.
+
+[796] Diese Auslegung gab Finn Magnusen, den äldre Edda, Kopenhagen
+1821, Bd. 1, 5; Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 42; Heinzel,
+AnzfdA. 12, 49 Anm. vermutet Zusammenhang mit slav. _volchvŭ_?
+
+[797] Vgl. E. H. Meyer, Völuspa S. 9 ff.
+
+[798] Über _seiđr_ vgl. Uhland, Schriften 6, 392 ff.; Maurer, Bekehrung
+2, 136 ff.; R. Keyser, Samlede afhandlinger 363 f. Für den Zusammenhang
+zwischen Seid und Finnenzauber sind Uhlands treffliche Bemerkungen
+maassgebend.
+
+[799] Lokas. 24 ist mit Bugge, Studien 138 _vitku líke_ für Hds. _vitka
+líke_ zu lesen. Nie wird Odin _seiđlmađr_ benannt, seine Galdr und
+Runen bilden ja eben den Gegensatz zum unehrlichen _Seiđr_. Yngl. Kap.
+7 „Odin verstand sich auf die Fähigkeit, die am mächtigsten wirkt, und
+übte sie, die Seid heisst“ enthält einen offenkundigen Irrtum; Snorri
+sagt selber kurz vorher Kap. 4, Seid sei den Asen fremd gewesen.
+
+[800] Noreen, Indogerm. Forschungen 4, 326 nimmt zwei Formen,
+ahd. _hazusa_ und _hagazusa_ aus _haga-hazusa_ an. _Hazusa_ ist
+Participbildung zu got. _hatan_, ahd. _hazzên_; _hazusa_ ist die
+Feindliche, Unholde, _hagazusa_ die feindliche Waldfrau; vgl. auch
+Kaufmann, Beiträge 18, 155 Anm. 1.
+
+[801] Die Ausdrücke dafür sind _finnfǫr, trúa á Finna, fara til Finna,
+gera finnfarar, fara til Finnmerkr at spyrja spá_. Der Name Finnen
+umfasst in der alten Zeit auch die Lappen. Über die Zauberkunst dieser
+Völker, die so häufig als Lehrmeister der Nordleute erscheinen, vgl.
+Fritzner, Lappernes hedenskab og trolldomskunst in der norsk historisk
+tidskrift 1, 4, 164 f.; 184 ff.; 208 ff.
+
+[802] Drauma-Jónssaga hrsg. von H. Gering, Halle 1893.
+
+[803] Vgl. Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube, Berlin 1869, § 220
+ff. Zauberbücher sind Fausts dreifacher Höllenzwang, seit Ende des 16.
+Jhrh. oft gedruckt (vgl. Düntzer in Scheibles Kloster 5, 116), eine
+Anleitung zum Geisterbann; das Romanusbüchlein, in diesem Jahrh. in
+Süddeutschland verbreitet, eine Sammlung von Gebeten und Segensformeln,
+des Albertus Magnus egyptische Geheimnisse, der wahrhaftige feurige
+Drache oder Herrschaft über die himmlischen und höllischen Geister und
+über die Mächte der Erde und der Luft, der wahre geistliche Schild, das
+6. u. 7. Buch Mose u. dgl. mehr. In dem Wuste von Unsinn taucht auch
+öfters manche Erinnerung an ältere sinnvollere Zauberbräuche auf.
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77891 ***
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+ Handbuch der germanischen Mythologie | Project Gutenberg
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+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77891 ***</div>
+
+<div class="transnote mbot3">
+
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+
+<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
+1895 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche
+Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
+nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
+unverändert.</p>
+
+<p class="p0">Das ‚durchgestrichene kleine d‘ (đ) und der Buchstabe
+‚eth‘ (ð) werden in diesem Text gleichberechtigt zur Symbolisierung
+des stimmhaften dentalen Frikativlauts verwendet, wie das ‚th' im
+englischen Wort ‚there‘. Erstere Form wird dabei im Kursivtext
+eingesetzt, die letztere in Normalschrift.</p>
+
+<p class="p0">Unterschiedliche Schreibweisen, insbesondere bei der
+Akzentuierung, rühren zum einen von den verschiedenen Quellen her, die
+der Autor zitiert; zum anderen wird eine ganze Reihe nordischer und
+anderer germanischer Sprachen zum Vergleich herangezogen, bei denen
+Wörter unterschiedlich geschrieben werden.</p>
+
+<p class="p0 hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
+Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
+gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
+serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="eng">
+
+<h1><span class="s5">HANDBUCH</span><br>
+<span class="s7">DER</span><br>
+GERMANISCHEN MYTHOLOGIE</h1>
+
+<p class="s5 center mtop3">VON</p>
+
+<p class="s2 center mtop3"><b>WOLFGANG GOLTHER</b></p>
+
+<p class="s5 center">ORD. PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT ROSTOCK.</p>
+
+<hr class="titel">
+
+<p class="s3 center">LEIPZIG</p>
+
+<p class="s4 center">VERLAG VON S. HIRZEL</p>
+
+<p class="center">1895.</p>
+
+<p class="s5 center padtop5 break-before">Das Recht der Übersetzung ist
+vorbehalten.</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_iii">[S. iii]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Vorwort">
+ Vorwort.
+ </h2>
+
+</div>
+
+
+<p>Dieses Handbuch der germanischen Mythologie wurde auf Veranlassung
+des Herrn Verlegers geschrieben. Mit Freuden folgte ich der an mich
+ergangenen Aufforderung. Das Hauptgewicht meiner Arbeit beruht auf der
+Darstellung der von den Quellen gebotenen Überlieferung. Es sollte mit
+möglichster Klarheit erzählt werden, was wir aus verlässigen Berichten
+wissen, dagegen schied ich aus, was allein auf kühne Vermutungen hin
+aufgebaut werden kann. Meine Schilderung beschränkt sich aufs erste
+Jahrtausend unsrer Zeitrechnung. Was vorher war, ist uns verhüllt;
+kein Versuch, ins unbekannte Land vorzudringen, ist geglückt. Die
+Ergebnisse, zu denen die Forschung bereits gelangt zu sein glaubte,
+erwiesen sich als trügerisch. Weit wichtiger und wol auch erfolgreicher
+ist es, innerhalb der Überlieferung die Entwicklungsgeschichte
+aufzuspüren. Die Anordnung des Stoffes sucht diese Entwicklung zu
+veranschaulichen. Die Begründung meines Verfahrens findet der Leser
+in der Einleitung. Der neuesten Forschung, soweit sie mir zugänglich
+war, ist überall Rechnung getragen, die wichtigsten Schriften sind
+in den Anmerkungen immer genannt. Neben der Darstellung kam es mir
+auch besonders darauf an, die Quellen der germanischen Mythologie und
+die Belege für die vorgetragenen Ansichten so zu verzeichnen, dass
+das Handbuch zum Nachschlagen taugt und auch demjenigen, der meinen
+Behauptungen und Aufstellungen nicht beipflichtet, zum schnellen
+Überblick dienlich ist. Da das Buch nicht ausschliesslich Fachleuten
+gewidmet ist, wurden die nordischen Quellen stets verdeutscht; bei
+der Edda folge ich meist Gerings Übersetzung, auf welche auch die
+Verweise, wenn nicht anders vermerkt, sich beziehen. Wo jedoch der
+Wortlaut im einzelnen von Belang ist, wurden die nordischen Textstellen
+ausgehoben. Grimms Mythologie ist für Band 1 und 2 nach der Ausgabe
+von 1844 angeführt; <span class="pagenum" id="Page_iv">[S. iv]</span>in der vierten Ausgabe von 1878 ist nur der 3.
+Nachtragsband citiert. In den Anmerkungen sind mit Zfd. ZfdA. AfdA. die
+Zeitschriften für deutsche Philologie und für deutsches Altertum, sowie
+der Anzeiger für deutsches Altertum, mit Beiträgen die Beiträge zur
+Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur von Paul, Braune und
+Sievers gemeint.</p>
+
+<p>Möge das Buch dazu beitragen, die Vorstellungen von den altgermanischen
+Göttergestalten zu klären und zu vertiefen, möge es freundliche
+Aufnahme und nachsichtige Beurteilung finden.</p>
+
+<p class="mtop1"><em class="gesperrt">Rostock</em>, Nov. 1895.</p>
+
+<p class="s4 right mright2"><b>W. Golther.</b></p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_v">[S. v]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Erlaeuterungen">
+ Erläuterungen.
+ </h2>
+
+</div>
+
+<div class="s5 mleft1">
+
+<p class="p0">ahd. = althochdeutsch.</p>
+
+<p class="p0">mhd. = mittelhochdeutsch.</p>
+
+<p class="p0">nhd. = neuhochdeutsch.</p>
+
+<p class="p0">as. = altsächsisch.</p>
+
+<p class="p0">ags. = angelsächsisch.</p>
+
+<p class="p0">an. = altnordisch.</p>
+
+<p class="p0">nds. = niederdeutsch.</p>
+
+<p class="p0">mnds. = mittelniederdeutsch.</p>
+
+<p class="p0">ndl. = niederländisch.</p>
+
+<p class="p0">´ ^ über dem Vokalzeichen bedeutet Länge, also <i>á â é ê í î ó ô ú û</i>.
+<i>æ œ</i> zu sprechen wie langes ä ö.</p>
+
+<p class="p0"><i>ø</i> = ö.</p>
+
+<p class="p0"><i>ǫ</i> ein Laut zwischen a und o, etwa wie engl. aw. zu sprechen.</p>
+
+<p class="p0"><i>þ đ</i> = engl. th.</p>
+
+<p class="p0"><i>ȥ</i> bedeutet ein weiches gelispeltes s, etwa wie im franz. s
+zwischen Vokalen klingt.</p>
+
+<p class="p0"><i>h</i> vor <i>r l n w</i> klingt wie ein weiches ch.</p>
+
+<p class="p0"><i>v</i> in altnordischen Wörtern ist wie nhd. <i>w</i> zu sprechen.</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_vi"></a><a id="Page_vii"></a>[S. vii]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichniss">
+ Inhaltsverzeichniss.
+ </h2>
+
+</div>
+
+<table class="toc">
+ <tr>
+ <td class="s4" colspan="5">
+ <div class="center"><b><a href="#EINLEITUNG">Einleitung.</a></b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5" colspan="4">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="s5">
+ <div class="center">Seite</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">I.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left"><em class="gesperrt">Schriften zur germanischen
+ Mythologie</em></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#I_Schriften_zur_germanischen_Mythologie">1–53</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die mythologische Forschung vor J. Grimm</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_mythologische_Forschung_vor_J_Grimm_1">1</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
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+ &#160;
+ </td>
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+ </td>
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+ <div class="left">Die wissenschaftliche Bearbeitung der Mythologie: Uhland
+ und J. Grimm</div>
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+ &#160;
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+ Mythologie</div>
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+ &#160;
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+ <div class="left">Die Lehre vom Ursprung der Mythen und die vergleichende
+ Mythologie</div>
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+ </tr>
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+ &#160;
+ </td>
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+ <div class="right">9.</div>
+ </td>
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+ <div class="left">Die nordische Mythologie, ihr Verhältniss zur deutschen
+ und gemeingermanischen</div>
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+ <div class="right"><a href="#Die_nordische_Mythologie_ihr_Verhaeltniss_zur_deutschen_und_gemeingermanischen_9">39</a></div>
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+ &#160;
+ </td>
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+ <div class="right">10.</div>
+ </td>
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+ <div class="left">Die neuesten Darstellungen germanischer Mythologie</div>
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+ <div class="right"><a href="#Die_neuesten_Darstellungen_germanischer_Mythologie_10">48</a></div>
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+ <div class="right">11.</div>
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+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Das Ziel des vorliegenden Handbuches</div>
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+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">II.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left"><em class="gesperrt">Die Quellen der Mythologie</em></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#II_Die_Quellen_der_Mythologie">54–71</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die germanischen Stämme im Heidentum und zur Zeit der
+ Bekehrung</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_germanischen_Staemme_im_Heidentum_zur_Zeit_der_Bekehrung_1">54</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die Quellen der germanischen Mythologie</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Quellen_der_germanischen_Mythologie_2">61</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Deutsch-englische Quellen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Deutsch-englische_Quellen_4">61</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Nordische Quellen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Nordische_Quellen_4">66</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop1" colspan="5">
+ <div class="center"><b><a href="#ERSTES_HAUPTSTUCK">Erstes Hauptstück.</a></b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="4">
+ <div class="left"><b>Die Gestalten des Volksaberglaubens (die niedere
+ Mythologie)</b></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#Die_Gestalten_des_Volksaberglaubens">72–191</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Der Geisterglauben und seine nächsten Ursachen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Geisterglaube_und_seine_naechsten_Ursachen_1">72</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Maren</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Maren_2">75</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Seelen und ihre Erscheinungsformen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Seelen_und_ihre_Erscheinungsformen_3">80</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Das Seelenheim</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Das_Seelenheim_4">87</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Seelenkult</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Seelenkult_5">90</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">6.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Ahnenkult</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Ahnenkult_6">92</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">7.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Glauben an eine Wiedergeburt</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Glauben_an_eine_Wiedergeburt_7">96</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="4">
+ <div class="left"><em class="gesperrt">Übermenschliche Wesen, die aus
+ Maren und Seelen hervorgingen</em></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#Uebermenschliche_Wesen_die_aus_Maren_und_Seelen_hervorgingen">98–122</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die nordischen Fylgjur</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_nordischenFylgjur_1">98</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Verwandlungsfähigkeit: Werwölfe und Berserker</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Verwandlungsfahigkeit_Werwoelfe_Berserker_2">100</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+<span class="pagenum" id="Page_viii">[S. viii]</span>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Schicksalsfrauen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Schicksalsfrauen_3">104</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Walküren</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Walkuren_4">109</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Hexen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Hexen_5">116</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="4">
+ <div class="left"><em class="gesperrt">Elbe und Wichte</em></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#Elbe_und_Wichte">122–158</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Zwerge</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Zwerge_1">134</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Kobolde</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Kobolde_2">141</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Nixe</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Nixe_3">145</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Wald-und Feldgeister</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Wald_und_Feldgeister_4">152</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="4">
+ <div class="left"><em class="gesperrt">Riesen</em></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#Die_Riesen">159–191</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die Benennungen der Riesen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Benennungen_der_Riesen_1">161</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Gestalt, Aussehen und Art der Riesen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Gestalt_Aussehen_und_Art_der_Riesen_2">162</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Wasserriesen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Wasserriesen_3">172</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Wind-und Wetterriesen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Wind_und_Wetterriesen_4">180</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Berg-und Waldriesen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Berg_und_Waldriesen_5">185</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">6.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Spuren vom Riesenkult</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Spuren_vom_Riesenkult_6">190</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop1" colspan="5">
+ <div class="center"><b><a href="#ZWEITES_HAUPTSTUCK">Zweites Hauptstück.</a></b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="4">
+ <div class="left"><b>Der Götterglauben</b></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#Der_Goetterglaube.">192–500</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="4">
+ <div class="left mleft1">Namen und Art der Götter</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Namen_und_Art_der_Goetter">192</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="4">
+ <div class="left"><em class="gesperrt">Die einzelnen Götter</em></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#Die_einzelnen_Goetter">200–428</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">I.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Tiuȥ</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#I_Tiuz">200–217</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Des Gottes Art und sein Kult</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Des_Gottes_Art_und_sein_Kult">200</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Spuren von Mythen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Spuren_von_Mythen_2">214</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">II.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Freyr</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#II_Freyr">218–242</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Des Gottes Art und sein Kult</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Des_Gottes_Art_und_sein_Kult_1a">218</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Sagen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Sagen_2">235</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">III.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Der Himmelsgott als Donnerer</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#III_Der_Himmelsgott_als_Donnerer">242–283</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Donar bei den Deutschen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Donar_bei_den_Deutschen_1">242</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Thor als Hauptgott des norwegischen Volkes</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Thor_als_Hauptgott_des_norwegischen_Volkes_2">247</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Thor in der Skaldendichtung</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Thor_in_der_Skaldendichtung_3">261</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Sagen von Thor</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#Sagen_von_Thor_4">265–283</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Thor und Thrym</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Thor_und_Thrym">266</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Thor und Hrungnir</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Thor_und_Hrungnir">267</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Thor und Hymir</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Thor_und_Hymir">270</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Thor und der Riesenbaumeister</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Thor_und_der_Riesenbaumeister">273</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Thor und Geirröd</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Thor_und_der_Geirroed">274</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Thor belebt die Böcke</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Thor_belebt_die_Boecke">276</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Thor in Utgard</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Thor_in_Utgard">276</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Thor und die Riesinnen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Thor_und_die_Riesinnen">281</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Thor und Alwis</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Thor_und_Alwis">282</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Thor im neueren Volksglauben</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Thor_im_neueren_Volksglauben_5">283</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">IV.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Wodan-Odin</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#IV_Wodan-Odin">283–359</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Wode und das wütende Heer</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Wode_und_das_wuetende_Heer_1">283</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Wode und Wodan</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Wode_und_Wodan_2">292</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Wodan bei den Deutschen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Wodan_bei_den_Deutschen_3">295</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Odin im Norden</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#Odin_im_Norden_4">303–359</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Odins Wanderungen und Kämpfe mit Nebenbuhlern</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Odins_Wanderungen_und_Kaempfe_mit_Nebenbuhlern">304</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+<span class="pagenum" id="Page_ix">[S. ix]</span>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Odin in nordischer Sage</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Odin_in_nordischer_Sage">309</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Walhall und die Walküren Odins</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Walhall_und_die_Walkueren">313</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Odin fordert Opfer</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Odin_fordert_Opfer">325</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Odin als Heldenvater</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Odin_als_Heldenvater">328</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Odin gewährt Fahrwind und Reichtümer</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Odin_gewaehrt_Fahrwind_und_Reichtuemer">336</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Odins Liebesabenteuer</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Odins_Liebesabenteuer">336</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Odin der Gott der Weisheit</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Odin_der_Gott_der_Weisheit">338</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Wie Odin sein Wissen gewann</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Wie_Odin_sein_Wissen_gewann">345</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Odrerir</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Odrerir">350</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Odins Verwandtschaft und Odins Namen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Odins_Verwandtschaft_und_Odins_Namen">354</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">V.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Heimdall</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#V_Heimdall">359</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">VI.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Balder</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#VI_Balder">366–386</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Seine Art und Erscheinung</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Seine_Art_und_Erscheinung_1">366</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die norwegisch-isländische Baldersage</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_norwegisch-islandische_Baldrsage_2">368</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die Baldersage bei Saxo</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Baldersage_bei_Saxo_3">373</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Vergleichung der beiden Baldersagen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Vergleichung_der_beiden_Baldrsagen_4">378</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Ursprung der Baldersage</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Ursprung_der_Baldrsage_5">380</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">6.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Baldrdienst</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Baldrdienst_6">381</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">7.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Balder ausserhalb des Nordens</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Baldr_ausserhalb_des_Nordens_7">382</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">8.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Phol</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Phol_8">384</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">9.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Angebliche Baldersagen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Angebliche_Baldrsagen_9">385</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">VII.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Forseti</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#VII_Forseti">386</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">VIII.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Ullr</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#VIII_Ullr">390</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">IX.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Widar</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#IX_Widar">394</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">X.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Wali</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#X_Wali">395</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">XI.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Hönir</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#XI_Hoenir">397</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">XII.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Bragi der Dichtergott</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#XII_Bragi_der_Dichtergott">400</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">XIII.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Requalivahanus</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#XIII_Requalivahanus">405</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">XIV.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Loki</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#XIV_Loki">406–428</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Lokis Wesen und Namen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Lokis_Wesen_und_Namen_1">406</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die Sagen von Loki</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Sagen_von_Loki_2">411</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Loki als Verderber Baldrs</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Loki_als_Verderber_Baldrs_3">420</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die Teufelsbrut</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Teufelsbrut_4">425</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Loki beim Weltende</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Loki_beim_Weltende_5">427</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="4">
+ <div class="left"><em class="gesperrt">Die Göttinnen</em></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#Die_Goettinnen">428–500</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">I.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Frija und ihr Kreis</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#I_Frija_und_ihr_Kreis">429–453</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Frija</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Frija_1">429</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Frigg</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Frigg_2">430</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die aus Frigg abgezweigten Göttinnen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_aus_Frigg_abgezweigten_Goettinnen_3">434</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Freyja</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Freyja_4">437</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Freyja und Brisingamen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Freyja_und_Brisingamen_5">441</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">6.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Freyja und die Riesen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Freyja_und_die_Riesen_6">442</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">7.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Freyja als Venus vulgivaga</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Freyja_als_Venus_vulgivaga_7">443</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">8.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Freyja und Odr</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Freyja_und_Odr_8">444</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">9.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Freyjakult</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Freyjakult_9">445</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">10.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Gefjon</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Gefjon_10">446</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">11.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Idun</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Idun_11">448</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+<span class="pagenum" id="Page_x">[S. x]</span>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">12.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Menglod</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Menglod_12">451</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">13.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Schlussbemerkungen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Schlussbemerkungen_13">452</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">II.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Die Erdgöttin</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#II_Die_Erdgottin">454–458</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">&#8194;Nerthus</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Nerthus">456</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">III.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Germanische Göttinnen auf römischen Inschriften und bei
+ antiken Autoren</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="right"><a href="#III_Germanische_Gottinnen_auf_romischen_Inschriften_und_bei_antiken">458–470</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Tanfana</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Tanfana_1">458</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Baduhenna</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Baduhenna_2">459</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die Alaisiagae</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Alaisiagae_3">460</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Hlodyn und Hludana</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Hlodyn_und_Hludana_4">461</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Isis-Nebalennia</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Isis-Nehalennia_5">463</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">6.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die Mütter</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Muetter_6">468</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">7.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Dea Sandraudiga und Vercana</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Dea_Sandraudiga_und_dea_Vercana_7">470</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">IV.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Totengöttinnen</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="right"><a href="#IV_Totengottinnen">471–480</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die Hel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Hel_1">471</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die Ran</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#2_Die_Ran">478</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">V.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Nordisch-finnische Göttinnen</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="right"><a href="#V_Nordisch-finnische_Gottinnen">480–486</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Skadi</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Skadi_1">480</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Thorgerd Hölgabrud</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Thorgerd_Hoelgabrud_2">482</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">VI.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Die Sonnengöttin</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="right"><a href="#VI_Die_Sonnengoettin">486–488</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">VII.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Angebliche Göttinnen</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="right"><a href="#VII_Angebliche_Goettinnen">488–500</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Eostre und Hrede</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Eostre_und_Hrede_1">488</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Frau Holle, Berchte und andre weise Frauen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Frau_Holle_Berchte_und_andre_weise_Frauen_2">489</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop1" colspan="5">
+ <div class="center"><b><a href="#DRITTES_HAUPTSTUCK">Drittes Hauptstück.</a></b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="4">
+ <div class="left "><b>Von der Weltschöpfung und vom Weltende</b></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#Von_der_Weltschoepfung_und_vom_Weltende">501–543</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">I.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Deutsche Sagen über den Ursprung der Götter und
+ Menschen</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="right"><a href="#I_Deutsche_Sagen_uber_den_Ursprung_der_Goetter_und_Menschen">502–509</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">II.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Die nordische Schöpfungslehre</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="right"><a href="#II_Die_nordische_Schoepfungslehre">509–531</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Das Chaos, der Urzustand und die Urwesen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Das_Chaos_der_Urzustand_und_die_Urwesen_1">511</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die Schöpfung der Erde und des Himmels</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Schoepfung_der_Erde_und_des_Himmels_2">517</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die Schöpfung der Zwerge und Menschen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Schoepfung_der_Zwerge_und_der_Menschen_3">525</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Der Weltbaum</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Weltbaum_4">527</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">III.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">. Weltuntergang</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="right"><a href="#III_Weltuntergang">531–543</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop1" colspan="5">
+ <div class="center"><b><a href="#VIERTES_HAUPTSTUCK">Viertes Hauptstück.</a></b></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="4">
+ <div class="left"><b>Die gottesdienstlichen Formen</b></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#Die_gottesdienstlichen_Formen">544–660</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">I.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Der Götterdienst im allgemeinen und das Opferwesen</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="right"><a href="#I_Der_Goetterdienst_im_allgemeinen_und_das_Opferwesen">544–590</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Der Götterdienst in der Rechtsordnung</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Goetterdienst_in_der_Rechtsordnung_1">545</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Der Götterdienst im Kriege</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Goetterdienst_im_Kriege_2">550</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Der Götterdienst im alltäglichen Leben</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Goetterdienst_im_alltaeglichen_Leben_3">555</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Gebet und Opfer</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Gebet_und_Opfer_4">559</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Opfer bei Ackerbau und Viehzucht</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Opfer_bei_Ackerbau_und_Viehzucht_5">569</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">6.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Festliche Umzüge</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Festliche_Umzuege_6">578</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">7.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Ständige Jahresfeste</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Staendige_Jahresfeste_7">580</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">II.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Das Tempelwesen</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="right"><a href="#II_Das_Tempelwesen">590–612</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Heilige Haine</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Heilige_Haine_1">590</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+<span class="pagenum" id="Page_xi">[S. xi]</span>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Tempelbauten</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Tempelbauten_2">593</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Götterbilder</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Goetterbilder_3">602</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Tempelfrieden</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Tempelfrieden_4">607</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Tempelgut</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Tempelgut_5">608</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">6.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Staats-und Privattempel</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Staats_und_Privattempel_6">610</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">III.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left">Das Priesterwesen</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="right"><a href="#III_Das_Priesterwesen">612–660</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die ältesten Nachrichten von germanischen Priestern</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_aeltesten_Nachrichten_von_germanischen_Priestern_1">612</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Germanische Benennungen des Priesters</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Germanische_Benennungen_des_Priesters_2">614</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Adelige Herkunft und Tracht</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Adelige_Herkunft_und_Tracht_3">617</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Im Norden leiten die weltlichen Herrscher das Opfer</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Im_Norden_leiten_die_weltlichen_Herrscher_das_Opfer_4">619</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Priesterinnen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Priesterinnen_5">620</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">6.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Die Wissenschaft der Priester</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Wissenschaft_der_Priester_6">622</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">7.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Der Priester als Erforscher der Zukunft</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Priester_als_Erforscher_der_Zukunft_7">631</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">8.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Zauberlieder</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Zauberlieder_8">641</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">9.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Wahrsager und Zauberer</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Wahrsager_und_Zauberer_9">646</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Nachträge</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Nachtraege">660</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat padtop1" colspan="4">
+ <div class="left">Namenverzeichniss</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap"><a href="#Namenverzeichniss">661–668</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_1">[S. 1]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="EINLEITUNG">
+ EINLEITUNG.
+ </h2>
+
+</div>
+
+<h3 id="I_Schriften_zur_germanischen_Mythologie">I. Schriften zur germanischen
+Mythologie.</h3>
+
+<h4 id="Die_mythologische_Forschung_vor_J_Grimm_1"><b>1. Die mythologische
+Forschung vor J. Grimm.</b></h4>
+
+<p>Die Wiedererweckung der Schriften des klassischen Altertums förderte
+die Geschichtschreibung in Deutschland. Die heidnische Zeit der
+Germanen trat, freilich oft noch arg entstellt, nebelhaft verschwommen
+und phantastisch ausgeschmückt den Forschern vor Augen. Ebenso begannen
+die lateinischen Geschichtsquellen des Mittelalters auf die Chronisten
+einzuwirken. Die Altertumsforscher und Historiker hatten häufig
+Veranlassung, über heidnischen Götterdienst zu berichten. Es dauerte
+aber geraume Zeit, bis den weitverstreuten Nachrichten Sammler und
+damit die ersten Verfasser germanischer Mythologien erstanden. Die
+Aufgabe ist zwar klar vorgezeichnet, aber sehr schwer zu lösen. Bis auf
+<em class="gesperrt">J. Grimm</em> herrschte nicht einmal für die einfachsten Grundfragen
+sicheres Verständniss, und noch heute schwanken die Anschauungen über
+wichtige Einzelheiten. Die nächste Aufgabe besteht aber in einer
+erschöpfenden Sammlung aller Quellenzeugnisse. Damit ist der Baustoff
+gegeben, aus dem die Geschichte des germanischen Götterglaubens
+aufzuführen ist. Schon die Sammlung und Sichtung, die Erklärung des
+Einzelnen und der Anschluss ans Ganze setzen eine hochentwickelte
+Geschichts-und Sprachwissenschaft voraus. So lange Kelten, Germanen,
+Skythen, Slaven durcheinander geworfen werden, solange das historische
+Urteil über echt und unecht, alt und jung fehlt, ist der Begriff
+einer reinen unverfälschten germanischen Mythologie undenkbar. Das
+völlig unzuverlässige Material verstattet keine darauf begründete,
+befriedigende Darstellung.</p>
+
+<p>Des Geographen <em class="gesperrt">Philip Clüver</em> <i>Germania antiqua</i>, Leyden
+1616, ist eine ausführliche Altertumskunde auf Grund der Nachrichten
+<span class="pagenum" id="Page_2">[S. 2]</span>der klassischen Autoren, natürlich mit dem bekannten Irrtum, dass
+Illyrier, Germanen, Gallier, Hispanier und Britannier einer Sprache und
+eines Stammes, nämlich Kelten gewesen seien. Darin ist auch, besonders
+im Anschluss an Tacitus, vom Götterglauben und Kulte der Germanen
+ausführlich gehandelt. Diese Abschnitte mochten sich leicht zu eigenen
+Schriften über deutsche Mythologie auswachsen.</p>
+
+<p>Die erste deutsche Mythologie ist von <em class="gesperrt">Elias Schedius</em>&#x2060;<a id="FNanchor_1_1" href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>
+geschrieben und erschien nach seinem Tode 1648 zu Amsterdam. Der
+Titel lautet <i>de diis Germanis sive veteri Germanorum, Gallorum,
+Britannorum, Vandalorum religione</i>. Das Buch besteht aus einer
+Anhäufung von Citaten aus den klassischen Autoren und mittelalterlichen
+Chronisten, wo diese von den Göttern der nordischen Völker, von ihren
+Priestern und heiligen Bräuchen, von ihrem Heroen -und Dämonenkult
+berichten. Trotz des beträchtlichen Umfangs von 505 Seiten steht von
+echtgermanischem Götterglauben fast nichts in dem Buche. Wir begegnen
+nur <i>Tuisco</i> und der <i>Irminsäule</i>; zu <i>dies Mercurii</i>
+wird bemerkt, die Niedersachsen und Westfalen würden dafür Wodentag
+sagen. Natürlich ist der Verfasser nicht im Stande, hinter die
+interpretatio romana zu schauen. Umsomehr gallische und wendische
+Götternamen tauchen auf. Ebenso sind die gelehrten meist harsträubender
+Etymologie entstammenden Götzen der Chronikschreiber des 16.
+Jahrhunderts berücksichtigt. Unter dem Wuste unbrauchbarer undeutscher
+oder ungeschichtlicher Materialien verschwinden die wenigen den
+klassischen Autoren entnommenen Nachrichten vom wirklichen germanischen
+Glauben. Das Vorbild der Chronisten wie des Aventinus musste den
+Mythologen noch mehr in Phantastereien verleiten; Olaus Maguus, von dem
+Saxo eifrig benutzt wurde, ist von Schede zu wenig herangezogen.</p>
+
+<p>Fürs 17. Jahrhundert sind noch zu nennen <em class="gesperrt">Sebastian Kirchmaier</em>,
+<i>de Germanorum antiquorum idolatria, ad loca quaedam Taciti</i>,
+Viteb. 1663 und <em class="gesperrt">Magn. Dan. Omeis</em>, <i>dissertatio de Germanorum
+veterum theologia et religione pagana</i>, Altdorf 1693.</p>
+
+<p>Im Norden fand die Forschung übers Heidentum reichlichere Nahrung,
+indem dort viele unmittelbare Quellen zu Gebot stehen, aus denen ohne
+Weiteres ein Teil der Göttersage und des Kultes <span class="pagenum" id="Page_3">[S. 3]</span>entnommen werden
+kann.&#x2060;<a id="FNanchor_2_2" href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> In Dänemark und Schweden knüpfte sich die Beschäftigung mit
+der heimischen Vorzeit zunächst an die <i>historia danica</i> des Saxo
+Grammaticus. Der erste Druck erschien 1514 zu Paris. Neben einer Fülle
+von Sagen finden sich bei Saxo Nachrichten über Glauben und Kultus der
+heidnischen Zeit. Ein schwedischer Erzbischof, <em class="gesperrt">Olaus Magnus</em>,
+entwarf zuerst in einem geographisch-kulturgeschichtlichen Werk über
+die nordischen Länder und die Sitten ihrer Bewohner einen Abriss des
+heidnischen Götterglaubens. Seine grosse <i>historia de gentibus
+septentrionalibus</i>, Rom 1555, handelt im 3. Buch <i>de superstitiosa
+cultura daemonum populorum aquilonarium</i>. Besonders Saxo, aber auch
+Adam von Bremen ist benützt; so erscheinen Thor, Odhen und Frigga, und
+wird der prächtige Upsalatempel geschildert. Ausserdem ist Einiges
+aus dem Gebiete des Volksglaubens mitgeteilt. Was geboten wird, ist
+freilich wenig, aber doch klar und einheitlich. In der mit reichlichen
+Anmerkungen versehenen Saxoausgabe des Dänen <em class="gesperrt">Stephanius</em> vom
+Jahre 1644 wurde der Altertumskunde ein bequemes Hilfsmittel zurecht
+gelegt.</p>
+
+<p>Am wichtigsten aber ist die um 1600 neu erstandene isländische
+Altertumsforschung.&#x2060;<a id="FNanchor_3_3" href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> Fast die gesamte norwegisch-isländische
+Überlieferung war in isländischen Handschriften aufbewahrt. Männer,
+wie <em class="gesperrt">Arngrímr Jónsson</em>, <em class="gesperrt">Björn Jónsson</em>, <em class="gesperrt">Magnus
+Ólafsson</em>, <em class="gesperrt">Brynjulfr Sveinsson</em>, durch sie angeregt der
+Däne <em class="gesperrt">Ole Worm</em> widmeten sich der Sammlung und Verarbeitung der
+altisländischen Quellen. In Bälde kamen die wertvollsten Denkmäler
+zum Vorschein und wurden auch binnen Kurzem im Drucke zugänglich
+gemacht. Die isländischen und norwegischen Geschichtsquellen sind voll
+von ausführlichen und lebendigen Beschreibungen des Heidenglaubens.
+Eine förmliche Mythologie hatte <em class="gesperrt">Snorri Sturluson</em> in seiner
+<i>Edda</i> um 1230 verfasst; eine Sammlung von Götterliedern, die
+teilweise noch im 10. Jahrhundert gedichtet worden waren, fand Bischof
+<em class="gesperrt">Brynjulfr</em> im Jahre 1643, die sogenannte <i>ältere Edda</i>,
+die der Bischof fälschlich nach Snorris <span class="pagenum" id="Page_4">[S. 4]</span>Edda benannte und dem weisen
+<i>Saemund</i>, einem gelehrten Isländer († 1133), zuschrieb. Damit
+war die Grundlage der nordischen Mythologie gegeben. 1665 beförderte
+der Däne <i>Petrus Resenius</i> die Snorra Edda zum Druck und gab
+dem isländischen Urtext eine von den Isländern Magnus Ólafsson,
+Stephan Ólafsson und Thormóðr Torfason herrührende lateinische, sowie
+eine von Stephanius verfasste dänische Übersetzung bei. Im selben
+Jahre veröffentlichte er aus der Liedersammlung die Vǫlospǫ́ und die
+Hǫ́vamǫ́l, ebenfalls mit lateinischen Paraphrasen des Stephan Ólafsson
+und Gudmund Andersen; 1673 wurde der Druck wiederholt. Die den Ausgaben
+Resens beigefügten lateinischen Übertragungen verschafften ihnen weite
+Verbreitung auch ausserhalb der nordischen Lande. Auf lange hinaus
+bildeten sie die Hauptquelle für alle, die über deutsche und nordische
+Mythologie schrieben.</p>
+
+<p>Des <em class="gesperrt">Johannes Schefferus</em> <i>Upsalia</i> 1666 ist grösstenteils
+mythologischen Inhalts. Ausführlich wird der heidnische Tempel von
+Upsala beschrieben und in besonderen Abschnitten über die dort
+verehrten Gottheiten Thor, Odin und Frigga gehandelt. Auch Freyr und
+Njord und andere Gottheiten werden besprochen. Es ist eine fleissige
+Darstellung des nordisch-germanischen Götterglaubens, namentlich sofern
+er mit schwedischem Kult in Verbindung gebracht werden kann. Nun
+begannen diese nordischen Arbeiten auch auf die deutschen Verfasser zu
+wirken.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">J. G. Eccard</em>, <i>historia studii etymologici linguae
+Germanicae</i> 1711, S. 10, verspricht dem Leser eine deutsche
+Mythologie (<i>exspectandum a me habes librum de diis veterum
+Germanorum</i>), die aber nicht zu stande kam.</p>
+
+<p>Die zweite deutsche oder besser germanische Mythologie schrieb der
+Schleswiger <em class="gesperrt">Trogillus Arnkiel</em> im Jahr 1690 unter dem Titel
+<i>Cimbrische Heydenreligion</i>. 1703 erschien die cimbrische
+Heydenreligion unverändert, aber vermehrt mit drei Abhandlungen
+über das goldene Horn von Tondern, über die Bestattungsbräuche der
+cimbrischen Völker, über ihre Bekehrung. Unter Cimbern versteht
+Arnkiel die Goten, Guten und Jüten, d.&#8239;h. Schweden und Dänen, die
+Sachsen, die Friesen, die Wenden, die er wie üblich für Nachkommen der
+Wandalen nimmt. Arnkiel übertrifft an Gehalt Schedes Versuch weit. Die
+nordischen Denkmäler, Resens Ausgaben, Stephanius’ Saxo, Scheffers
+Upsalia, Worms monumenta Danica u.&#8239;a. sind gründlich verwertet, so dass
+seine „gotische“ d.&#8239;h. nordische Mythologie sich schon recht stattlich
+ausnimmt. <span class="pagenum" id="Page_5">[S. 5]</span>Für die Sachsen beruft er sich auf eine Schrift von
+<em class="gesperrt">Christof Arnold</em>, <i>de diis Saxonum</i>; ihre „sieben Götzen“
+leitet er aus den Wochentagen als Sonne und Mond, Tuisco, Woden, Thor,
+Freya und Sater (d.&#8239;i. Saturnus) ab. Für die Friesen wird Hertha, die
+berüchtigte Lesart für Nerthus, in Anspruch genommen. Die wendischen
+Götter, hauptsächlich aus des Chronisten <em class="gesperrt">Crantz</em> <i>Wandalia</i>
+entlehnt, berühren uns hier nicht. Fürs germanische Priestertum sind
+die Druiden und Barden maassgebend. Als Theologe geht Arnkiel sehr in
+die Breite und berücksichtigt fortwährend auch das übrige Heidentum,
+das gleichwie das germanische als klägliche Entartung ursprünglicher
+reiner Gottesoffenbarung gefasst wird. Zudem ist er, wie fast alle
+Mythologen seit Snorri und Saxo, Euhemerist: „die heyden haben die
+verstorbene helden und die böse geister vergötzet und als götter
+angebeten.“ Aber trotz allem ist doch vieles mit sachlichem gesundem
+Urteil geboten, und zuerst die nordische Mythologie zum Aufbau der
+deutschen Trümmer eingeführt.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">J.G. Keyslers</em> <i>antiquitales selectae septentrionales et
+celticae</i>, Hannover 1720 bekunden wiederum einen bedeutenden
+Fortschritt, schon weil allein die Absicht des wissenschaftlichen
+Altertumsforschers vorherrscht. Das Buch gewährt zwar keine
+Gesamtdarstellung der germanischen Mythologie, aber behandelt einzelne
+Abschnitte z.&#8239;B. den Walhallglauben. Die Inschriften aus der Römerzeit,
+welche deutsche Götternamen enthalten, werden erörtert. So hören
+wir von <i>Hercules Magusanus</i>, von <i>Nehalennia</i>, von den
+<i>Matronen</i>. Auch werden Erscheinungen des Volksglaubens, Seelen,
+Maren, Elbe besprochen. Man merkt, der Stoff erweitert und klärt
+sich; allmälig tauchen bestimmtere Ziele auf. Sehr verständig urteilt
+Keysler S. 126, dass die Sage vom Weltuntergang ebenso wie die von der
+Menschenschöpfung und Sinflut aus der christlichen Lehre entlehnt sei.</p>
+
+<p>Um die Mitte des Jahrhunderts trat <em class="gesperrt">M.G. Schütze</em> mit
+mythologischen Arbeiten hervor. Er schrieb 1743 <i>de cruentis
+germanorum gentilium victimis humanis</i>, 1748 <i>exercitationum ad
+Germanium sacram gentilem facientium sylloge</i>, worin von Hludana,
+Weleda, dem Namen Allvater, dem Minnetrinken und dem Marenglauben
+die Rede ist, endlich 1750 <i>Lehrbegriff der alten deutschen und
+nordischen Völker von dem Zustande der Seelen nach dem Tode überhaupt
+und von dem Himmel und der Hölle insbesondere</i>. <em class="gesperrt">Siebrand
+Meyers</em> <i>kurtze Erörterung des ehemaligen Religionswesens der
+Teutschen</i> Leipzig 1756 konnte ich nicht einsehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_6">[S. 6]</span></p>
+
+<p>Der Genfer <em class="gesperrt">Mallet</em>, der eine Zeit lang in Kopenhagen lebte,
+verstand es, dem Ausland den Hauptinhalt der nordischen Mythologie
+auf Grund von Resens und Göranssons Ausgaben sowie Bartholins
+<i>antiquitatum danicarum libri tres</i> (1689) in übersichtlicher
+gefälliger Form darzubieten. Seine <i>introduction à l’histoire de
+Danemarc</i> Kopenhagen 1755 mit den <i>monumens de la mythologie et de
+la poësie des Celtes et particulièrement des anciens Scandinaves</i>,
+ebenda 1756, verdeutscht 1765 als <i>Geschichte von Dänemark erster
+Teil</i>, gibt eine gefällige Schilderung ohne Weitschweifigkeit
+und gelehrten Ballast. Die nordischen Denkmäler besonders die
+Snorra-Edda werden einfach übersetzt, in erklärenden Anmerkungen ist
+der Zusammenhang mit den deutschen und anderen <i>„celtischen“</i>
+Überlieferungen nachgewiesen. Die <i>celtische Religion</i>, die
+<i>Glaubenslehre der Druiden</i>, habe sich am reinsten in Skandinavien
+erhalten. Von anderen Phantastereien bleibt Mallet fern. Treffend
+hält er denen, die Snorri der Erfindung der nordischen Mythologie
+zeihen, die Thatsache entgegen, dass bereits die älteren Skalden
+dieselbe Glaubenslehre voraussetzen. Mallets Buch ist nicht gründlich
+gearbeitet, aber dafür auch nicht schwerfällig. Keine gröberen
+Verstösse haften ihm an, geschickt sind die vorhandenen Hilfsmittel
+benützt. Es erfüllte trefflich seinen Zweck, weitere Kreise mit der
+nordgermanischen Mythologie bekannt zu machen. Die Zeit aber war
+solchem Unterfangen günstig.</p>
+
+<p>1766 erschien <em class="gesperrt">Gerstenbergs</em> <i>Gedicht eines Skalden</i>, worin
+nach dem Vorgang eines dänischen Dichters namens <i>Tullin</i> die
+nordische Mythologie ebenso zum äussern Schmuck und Aufputz verwendet
+wurde wie bisher die antike. Aus dieser Anregung ging die Bardenpoesie
+hervor, welche vorwiegend nordische, dann aber auch deutsche Mythologie
+und keltische Bestandteile in die deutsche Dichtung einführte. Was
+bisher nur auf gelehrte Kreise beschränkt geblieben war, gewann nunmehr
+die Teilnahme der literarisch gebildeten Welt. Rasch verflog zwar
+der eigentliche Bardengesang, aber länger hielt das einmal erregte
+Interesse für nordisch-deutsche Mythologie an. 1787 erschien der erste
+Band der älteren Edda zu Kopenhagen; darin standen die wichtigsten
+Götterlieder, von denen bisher nur wenige durch Resen und Bartholin
+zugänglich gewesen waren. Dem isländischen Texte waren lateinische
+Übersetzungen und ausführliche Einleitungen und Erläuterungen,
+ebenfalls lateinisch, beigefügt. Natürlich erwuchs hieraus der
+Erforschung des nordischen Götterglaubens eine <span class="pagenum" id="Page_7">[S. 7]</span>kräftige Förderung, die
+auch in Deutschland lebendigen Widerhall fand. Man begann sehr bald,
+die Edda bei uns einzubürgern.&#x2060;<a id="FNanchor_4_4" href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Der schwäbische Schulrektor <em class="gesperrt">David
+Gräter</em> (1768–1830) entfaltete eine rege Thätigkeit, die Ergebnisse
+und Errungenschaften der nordischen Altertumskunde in Deutschland
+weiteren Kreisen zu vermitteln. Populäre Handbücher der deutschen
+und nordischen Mythologie, meist unselbständig, dürftig und höchst
+verschroben, von ungründlicher handwerksmässiger Mache, tauchten in
+grösserer Anzahl auf.</p>
+
+<p>Auch im Norden nahm unter dem Einfluss dichterischer, auf die Vorzeit
+gerichteter Bestrebungen die Beschäftigung mit dem Götterglauben neuen
+Aufschwung.</p>
+
+<p>Im Jahre 1801 löste <em class="gesperrt">Oehlenschläger</em> die Preisfrage der
+Kopenhagener Universität, ob die Einführung der nordischen Mythologie
+an Stelle der antiken in die Dichtung der Gegenwart rätlich sei. In
+epischen und dramatischen Werken brachte nachmals Oehlenschläger selbst
+die Sagenwelt der Vorzeit seinem Volke wieder nahe. 1819 erschienen
+<i>die Götter Nordens</i> (verdeutscht von Legis 1829), ein Versuch,
+in freier poetischer Nachbildung den Gesamtinhalt der Eddamythen als
+einheitliche Dichtung zu erweisen. <em class="gesperrt">N. F. S. Grundtvig</em> <i>Nordens
+Mytologi</i> 1808 sucht dem Volke mit überschwänglicher Bewunderung die
+tiefsinnige nordische Götterlehre in subjectiver moderner Empfindung
+wieder vorzuführen. Denselben Zweck verfolgt <em class="gesperrt">Hauchs</em> <i>nordische
+Mythenlehre</i>, Leipzig 1847.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Um die mythologische Überlieferung richtig zu verstehen, bedarf es
+eingehender Quellenkritik, um den Ursprung der Mythen zu ergründen,
+ihrer Auslegung. Erst spät kam die erste Frage zum Bewusstsein, heute
+ist der Streit darüber heftiger denn je. Voreilig aber drängte sich
+allezeit die Deutung mangelhaft verstandener Thatsachen vor. Man nahm
+das Überlieferte einfach hin, wie es war, und ergoss die wunderlichsten
+Erklärungen darüber. Heute fällt das Schwergewicht auf Quellenkritik,
+von deren Entscheidung die Auslegung ganz und gar abhängt.</p>
+
+<p>Von schwedischen Gelehrten ging die Ansicht aus, die nordische Sagen-
+und Mythenwelt sei uralt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_8">[S. 8]</span></p>
+
+<p>In Schweden machte <em class="gesperrt">Olof Rudbecks</em> berüchtigtes Werk
+<i>Atlantica</i>, 1675–1702 in 4 Teilen erschienen, grosses Aufsehen.
+Sein Grundgedanke ist, dass Schweden die Insel Atlantis, die Urheimat
+aller Völker, aller Kultur und Religion sei. Die schwedischen
+Sagen, die nordische Mythologie überragen an Altehrwürdigkeit weit
+die griechisch-römische Überlieferung. <em class="gesperrt">J. Göranson</em>, der
+1746 die Snorra-Edda nach der Upsalahandschrift mit schwedischer
+und lateinischer Übertragung herausgab, 1750 die Völnspa als die
+<i>„patriarchalische Lehre der uralten Atlantiskinder“</i> folgen
+liess, wandelt mit seinem Urteil in Rudbecks Spuren. Die Edda ist von
+Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert aus alten Runen abgeschrieben,
+sie war aber, wie Herodot und Plato beweisen, schon 300 Jahre vor
+Trojas Erbauung auf Messingtafeln aufgezeichnet und wanderte damals
+nach Griechenland. Trotzdem wird flachem Euhemerismus gehuldigt,
+Odin gilt als menschlicher nachmals vergötterter König. Solch wüste
+Phantasterei suchte <em class="gesperrt">J. Schimmelmann</em> <i>„isländische Edda d.&#8239;i.
+die geheime Gotteslehre des ganzen allen Kaltiens oder des europäischen
+Skytiens“</i> Stettin 1777 und in der <i>„Abhandlung von der alten
+isländischen Edda“</i> Halle und Leipzig o.&#8239;J. in Deutschland zur
+Geltung zu bringen, doch glücklicherweise ohne Erfolg. Für Schimmelmann
+ist die Edda das älteste Götterbuch, das dem europäisch-celtischen
+Urvolk bei dessen erstem Auszug aus Asien mitgegeben wurde.</p>
+
+<p>Solchem Überschwang trat die besonnene Frage nach Alter und Herkunft
+der Snorra Edda, nach ihrem Verhältniss zur Liedersammlung (der
+sogenannten älteren Edda), nach Alter und Herkunft der darin
+enthaltenen Mythen entgegen, aber freilich mit unzureichenden Mitteln
+und mit arger Verkennung der wahren Sachlage. <em class="gesperrt">F. Adelung</em> in
+<i>Beckers Erholungen</i> 1797, II hielt die Götterlehre der Edda für
+eine blosse Erdichtung, für eine Nachbildung christlicher Ideen. Am
+entschiedensten erklärte sich <em class="gesperrt">Fr. Rühs</em> in seiner <i>Geschichte
+der Religion, Staatsverfassung und Kultur der alten Scandinavier</i>
+1801, in seiner Übersetzung der Snorra-Edda 1812, S. 120 ff., in
+seiner Abhandlung <i>über den Ursprung der isländischen Poesie aus
+der angelsächsischen</i> 1813 gegen die Echtheit der Edda-Mythen.
+Seine Beweise sind freilich schwach, seine Behauptungen aber finden
+neuerdings mehrfach Bestätigung. Peinlich berührt die hässliche
+Schimpferei gegen die Brüder Grimm in Rühs letzter Abhandlung. Aber
+man muss zu seiner Rechtfertigung berücksichtigen, dass er gereizt
+worden war. Rühs behauptet <span class="pagenum" id="Page_9">[S. 9]</span>mit gutem Fug, die nordische Mythologie,
+wie sie in der Kunstdichtung der Skalden und in der Edda vorliege,
+sei nie Glaube des Volkes gewesen, nur in unbedeutenden Einzelheiten
+darauf begründet. Die Meinungen des Volkes hätten den ersten Keim
+hergegeben, der aufs freieste und mannigfaltigste mit christlichen,
+jüdischen, griechisch-römischen Ideen weitergebildet worden sei.
+Vermischung von Christlichem und Heidnischem habe schon vor der
+Bekehrung stattgefunden. Weil jene Mythen von Anfang an nur zum Zwecke
+der Unterhaltung als poetischer Stoff dienten, konnten sie auch nach
+Annahme des Christentums noch ungeschwächt fortwirken. Oft spielten
+Angelsachsen Vermittler fremder Kultureinflüsse. Gedichte, in denen
+Fremdwörter wie <i>töflur</i> d.&#8239;i. Tafeln (Vol.) oder <i>hrimkalkr</i>
+(Kelch) vorkommen, können nicht uralt sein. Dem Einwurf, der ihm
+seinerzeit von P. E. Müller ebenso wie neuerdings einem Bugge von
+Finnur Jónsson gemacht wurde, dass schon die Skaldengedichte des 9.
+Jahrhunderts die nordische Mythologie voraussetzen, stellte er den
+Satz entgegen, die betreffenden Strophen seien jünger und jenen alten
+Skalden nur unterschoben worden. Rühs hatte freilich keine klare
+Vorstellung darüber, wie der echte nordische Volksglauben, den wir
+namentlich aus den Geschichtsquellen kennen lernen, zu den Erdichtungen
+der Skalden sich verhielt. Er ging zu weit, indem er alles leugnete,
+und gab damit seinen Gegnern selber die Waffen zu seiner Bekämpfung.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">J. Grimm</em> wandte sich in der Leipziger Literaturzeitung 1812,
+Nr. 287 u. 288 scharf und heftig gegen Rühs. <em class="gesperrt">P. E. Müller</em>
+hatte 1811 in einer besondern Schrift <i>„die Ächtheit der Asalehre
+und den Wert der Snorronischen Edda“</i> verfochten. Der Beweis der
+Echtheit wird in der Hauptsache aus den Skaldengedichten und aus der
+dichterischen Sprache erbracht, die vom 9. bis zum 13. Jahrhundert
+immer die Mythologie zur Voraussetzung haben. Somit könne von einer
+Fälschung keine Rede sein. Müller fasst die Angelegenheit nicht ganz
+richtig auf. Es wird ja eine besondere Skaldenmythologie, gepflegt und
+ausgebaut zum Zwecke der Dichtung, aber unterschieden vom eigentlichen
+Volksglauben, eben behauptet. Dass die Skalden sich insgesamt dieser
+Mythologie bedienen, beweist doch nichts für ihre <i>„Echtheit“</i>,
+insofern etwa Volkstümlichkeit damit gesagt sein soll. Aber das Ansehen
+und überlegene Wissen des dänischen und der beiden deutschen Gelehrten
+schlug den ersten kritischen Zweifler nieder. Leidenschaftliche
+<span class="pagenum" id="Page_10">[S. 10]</span>Vorliebe verblendete schon damals gerecht abwägendes Urteil. Man
+glaubte, einen Zerstörer und Schänder altheiliger Überlieferung zu
+sehen, während in Wirklichkeit doch nur die Quellen aufgezeigt werden
+sollen, aus denen nordische Dichter für ihre grossartigen Schöpfungen
+Anregungen und Motive entnahmen. Den erhabenen Einheitsgedanken in
+der nordischen Mythologie suchten Dichter und Gelehrte recht deutlich
+hervorzuheben, um zu beweisen, dass nicht etwa genial veranlagte
+Skalden des 10. Jahrhunderts eben das, was wir an der nordischen
+Göttersage bewundern, geschaffen haben, sondern um den allgemeinen
+Schluss daraus zu folgern, dass es so längst vor ihnen gewesen sei.</p>
+
+<p>Die Deutungsversuche sind <i>geschichtlich</i>, euhemeristisch,
+wonach geschichtliche Vorkommnisse der Urzeit den Mythen zu Grunde
+liegen sollen, <i>philosophisch und physikalisch</i>. Mit starken
+Einschränkungen liegt in allen diesen Erklärungen ein Körnchen
+Wahrheit, doch wurden sie einseitig übertrieben und verallgemeinert,
+und keine trifft den Kern der Urreligion.</p>
+
+<p>Der <i>Euhemerismus</i>, der neben der Theologie von Anfang an die
+germanische Mythologie durchzieht, wurde am stärksten in des Dänen
+<em class="gesperrt">Suhm</em> Buch <i>om Odin</i> 1771 vertreten. Mit nüchternem
+Verstande soll die alte Überlieferung aufgefasst und ausgelegt
+werden; in Wirklichkeit aber bildet sich eine Lehre auf Grund der
+irrtümlichen und verkehrten Meinungen der alten Geschichtschreiber.
+In den angelsächsischen Stammtafeln, bei Ari und Snorri ist die
+altgermanische Vorstellung von der göttlichen Herkunft des Adels und
+Königtums dahin verderbt, dass Woden-Odin, Njord, Freyr als sterbliche
+menschliche Vorfahren der geschichtlichen Könige betrachtet werden. Von
+den Asen, den nordischen Göttern, wird Abstammung aus Asien behauptet
+und von ihrer Einwanderung aus dem Ursitz am Tanais über Sachsen nach
+Dänemark und Skandinavien gefabelt. Die Einwanderung geschah unter der
+Führung Odins. Diese Geschichten nimmt Suhm wörtlich, er sucht drei
+geschichtliche Persönlichkeiten mit Namen Odin festzustellen. Diese
+hätten sich den Namen der ursprünglichen Gottheit Odin beigelegt.
+Dass auf solche Art ein Zerrbild der nordischen Göttersage entstehen
+muss, ist klar. Nur die Namen und das ursprüngliche Wesen bleiben
+den Göttern, alle Überlieferung im Einzelnen den Menschen, die sich
+ihre Namen anmaassten. Eine seichtere und flachere Auffassung ist
+kaum denkbar. Die Übereinstimmung der nordgermanischen Religion mit
+andern wird <span class="pagenum" id="Page_11">[S. 11]</span>auf die gemeinsame Urheimat der gesamten Menschheit in
+Asien zurückgeführt. Der Glaube an einen einigen Gott liegt allen
+heidnischen Religionen und mithin auch der nordischen zu Grunde, wie
+aus dem Namen Allvater erwiesen wird. Hatten die früheren theologisch
+gesinnten Verfasser diesen Gedanken folgerichtig aus der biblischen
+Geschichte entwickelt und die heidnische Vielgötterei, den Abfall vom
+Monotheismus, auf den Teufel zurückgeführt, so bricht sich allmälig
+eine <i>philosophische</i> Erklärung Bahn. Der wahre einige Gott stand
+als geistiges Wesen über der Natur, aber bald wurde er als Weltseele in
+der Natur, in den Naturerscheinungen, z.&#8239;B. in der Sonne, im Winde, im
+Donner gesucht. Hiermit melden sich die Anfänge der natursymbolischen
+Mythendeutung.</p>
+
+<p>Von Deutschland ging die philosophisch-physikalische Mythendeutung aus,
+die wenigstens insoweit Gutes wirkte, dass sie den flachen Euhemerismus
+wegfegte. Positive Ergebnisse von bleibendem Werte hat sie freilich
+wenig zu verzeichnen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Creutzers</em> <i>Symbolik und Mythologie</i> 1810–1812,
+<em class="gesperrt">Görres</em> <i>Mythengeschichte der asiatischen Welt</i> 1810,
+<em class="gesperrt">Kannes</em> <i>Pantheum der Naturphilosophie</i> 1811 riefen diese
+Richtung ins Leben.</p>
+
+<p>Den alten Religionen liegt nach Creutzer der Kern einer reineren
+monotheistischen Urreligion zu Grunde, der von priesterlichen
+Lehrern in der Form von Zeichen (Symbolen) und Erzählungen (Mythen)
+mitgeteilt, durch die Einmischung volkstümlicher Sagen, durch die
+poetisch gestaltende Kraft und durch die Empfindung der belebten
+Natur zu einer polytheistischen Gliederung auswuchs, aber in den
+Mysterien am reinsten erhalten war. Den Kern durch Vergleichung
+aller überlieferten Mythologien ans Licht zu ziehen ist Aufgabe der
+Wissenschaft. Die Urreligion entstand im Morgenland. Zugleich ist die
+Aufgabe gestellt, die Mythen, die ja nur Allegorien sind, auf ihren
+eigentlichen Grund zurückzuführen, und das Göttliche überall, auch in
+den Naturerscheinungen zu suchen.</p>
+
+<p>Den Fachgelehrten fiel die Aufgabe zu, die allgemeinen philosophischen
+Sätze am mythologischen Stoffe anzuwenden. Das that in Deutschland
+<em class="gesperrt">Mone</em> in der <i>Geschichte des Heidentums im nördlichen
+Europa</i> 1822–24. In der Einleitung bekennt er sich zur Anschauung,
+dass man durch Vergleichung stammverwandter Glaubenslehren die
+Stammreligion, durch Vergleichung der Stammreligionen die Religion der
+Menschheit und die Art und Weise <span class="pagenum" id="Page_12">[S. 12]</span>ihrer Verzweigung und Teilung in die
+unendliche Vielheit der Völker lerne. Bei der Darstellung beschränkt er
+sich aber mehr auf Verarbeitung der Überlieferung, die nur beiläufig
+ausgelegt wird, und schildert so das nordische und deutsche, d.&#8239;i.
+sächsische, fränkische, gotische Heidentum je für sich allein. Viel
+neues Material wird zielbewusst in grösserem Rahmen bearbeitet. Den
+landläufigen mythologischen Handbüchern der damaligen Zeit ist Mone an
+Wissen und Urteil weit überlegen. Bemerkenswert ist, dass Mone auch die
+Heldensage ihrer mythischen Bestandteile halber in grösserem Maassstabe
+zur Mythologie heranzieht.</p>
+
+<p>In Dänemark wirkte der sehr verdienstreiche Isländer <em class="gesperrt">Finn
+Magnusen</em> in diesem Sinne. Seine vierteilige <i>Eddalehre</i>,
+Kopenhagen 1824–26, handelt ausführlich vom Ursprung der nordischen
+Mythen, welche „sowohl mit dem grossen Buche der Natur, als auch mit
+den mythischen Systemen der Griechen, Perser, Inder und mehrerer
+anderer alter Völker“ verglichen werden. Auch ihm schwebt die
+Urreligion und ihre Entstehung aus Naturerscheinungen als letzter Grund
+aller Mythologien vor. Ebenso ist sein <i>priscae veterum Borealium
+mythologiae lexicon</i> 1827 eingerichtet. Darin ist mit erstaunlicher
+Vollständigkeit die gesamte nordische Götterlehre nicht bloss der
+Edda, sondern auch der übrigen altnordischen Quellen in Form eines
+ausführlichen Wörterbuches geordnet. In <em class="gesperrt">Nyerups</em> <i>Wörterbuch
+der skandinavischen Mythologie</i>, Kopenhagen 1816 hatte er eine
+brauchbare Vorarbeit. Finn führte auch in den einzelnen Abhandlungen
+seines Wörterbuches die Vergleichung und Auslegung der einzelnen
+nordischen Mythen durch. Die Deutungen sind freilich grösstenteils
+verfehlt, schon weil die Sternkunde allzu sehr hervortritt. Darnach
+wären die Germanen vorwiegend Sternanbeter gewesen und hatten überaus
+genaue astronomische Kenntnisse sehr künstlich zu Mythen verwandelt.
+Trotz den verfehlten allgemeinen mythologischen Anschauungen bilden
+Mones und Finn Magnusens Schriften aber doch den Höhepunkt der
+mythologischen Forschungen vor Uhland und J. Grimm. Es war unendlich
+viel Thatsächliches geboten, dessen Wert noch heute andauert und durch
+die verkehrten Meinungen, welche die Verfasser über die Erklärung des
+fleissig zusammengetragenen Stoffes hegten, nicht beeinträchtigt wird.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Zum Schlusse des Abschnittes möge ein kleines Verzeichniss solcher
+Schriften stehen, die das Studium der deutschen Mythologie <span class="pagenum" id="Page_13">[S. 13]</span>zu
+popularisieren suchten. Darin kommen die allgemeinen Anschauungen,
+die man bisher mit Hilfe der Forschung erreicht hatte, deutlich
+zum Ausdruck. Abgesehen von einigen unverbesserlichen rückfälligen
+Nachzüglern stehen die populären Mythologien nach J. Grimm auf einem
+unvergleichlich höheren Standpunkt.</p>
+
+<p>Kleinere Abhandlungen verzeichnet in grösserer Anzahl <em class="gesperrt">B. F.
+Hummel</em>, <i>Bibliothek der deutschen Altertümer</i>, Nürnberg 1787,
+S. 201 ff., und im Zusatzbande, Nürnberg 1791, S. 56 ff.; ferner <em class="gesperrt">G.
+Klemm</em>, <i>Handbuch der deutschen Altertumskunde</i>, Dresden 1836,
+S. 261 ff. Von besondern Schriften seien folgende erwähnt:</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Siebenkees</em>, <i>Von der Religion der alten Deutschen</i>, Altdorf
+1781.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Ch. L. Reinhold</em>, <i>Beitrag einer Mythologie der alten deutschen
+Götter</i>, Münster 1791.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">F. X. Boos</em>, <i>Die Götterlehre der alten Deutschen</i>, Köln
+1804.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">F. J. Scheller</em>, <i>Mythologie der nordischen und andern
+deutschen Völker</i>, Neuburg 1804; Regensburg 1816. <i>Kleines
+Handbuch der nordischen Mythologie</i>, Leipzig 1816.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">G. C. Braun</em>, <i>Die Religion der alten Deutschen</i>, Mainz 1819.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">H. A. M. Bergner</em>, <i>Nordische Götterlehre aus den Quellen
+geschöpft und zusammengetragen</i>, Leipzig 1826.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">F. D. Gräter</em>, <i>Versuch einer Einleitung in die nordische
+Altertumskunde</i>, Dresden 1829.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">J. G. Bönisch</em>, <i>Die Götter Deutschlands, vorzüglich Sachsens
+und der Lausitz</i>, Camenz 1830.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">G. Th. Legis</em>, <i>Handbuch der altdeutschen und nordischen
+Götterlehre</i>, Leipzig 1831; 2. Aufl. 1833.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">G. Th. Legis</em>, <i>Alkuna, nordische und nordslawische
+Mythologie</i>, Leipzig 1831.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">C. E. Hachmeister</em>, <i>Nordische Mythologie nach den Quellen
+bearbeitet und zusammengetragen</i>, Hannover 1835.</p>
+
+<p>In Gestalt eines mythologischen Wörterbuches boten den Stoff:</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Ch. A. Vulpius</em>, <i>Handbuch der Mythologie der deutschen,
+verwandten, benachbarten und nordischen Völker</i>, Leipzig 1826.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">A. Tkány</em>, <i>Mythologie der alten Teutschen und Slaven in
+Verbindung mit dem Wissenswürdigsten aus dem Gebiete der Sage und des
+Aberglaubens</i>, 2. Bde., Znaim 1829.</p>
+
+<p>Von Abhandlungen über einzelne Gottheiten sind zu nennen:</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Büsching</em>, <i>Das Bild des Gottes Tyr</i>, Breslau 1819.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_14">[S. 14]</span></p>
+
+<p><em class="gesperrt">C. H. Grupen</em>, <i>Abhandlung vom sächsischen Gott Irmin</i> in
+den <i>observationes rerum et antiquitatum Germ</i>., Halle 1763, S.
+165 ff.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">J. Grimm</em>, <i>Irmenstrasse und Irmensäule</i>, Wien 1815.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">v. d. Hagen</em>, <i>Irmin, seine Säule, seine Strasse, sein
+Wagen</i>, Breslau 1817.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">C. Niemeyer</em>, <i>Sagen betreffend Othin, dessen Geschlecht und
+Asentum überhaupt. Nach den Überlieferungen Saxos des Grammatikers</i>,
+Erfurt 1821.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">H. Leo</em>, <i>Über Othins Verehrung in Deutschland</i>, Erlangen
+1822.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Joach. Wieland</em>, <i>De Thoro, principe veterum Septentrionalium
+idolo diss.</i> Hafniae 1709.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">J. G. S. Schwabe</em>, <i>De deo Thoro commentatio</i>, Jena 1767.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">J. P. Anchersen</em>, <i>Vallis Herthae Deae</i>, Hafniae 1747.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">C. K. Barth</em>, <i>Hertha und über die Religion der Weltmutter</i>,
+Augsburg 1828.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Sculo Thorlacius</em>, <i>De Hludana Germanorum gentilium dea</i>,
+Hafniae 1782.</p>
+
+<p>Die physikalische Auslegung der Eddamythen erreicht den Höhepunkt des
+Unsinns in den Schriften von <em class="gesperrt">Trautvetter</em>, <i>Der Schlüssel
+zur Edda</i>, Berlin 1816, wo die nordische Mythologie als eine
+in Gleichnissen vorgetragene Chemie erscheint, und bei <em class="gesperrt">K.
+Henneberg</em>, <i>Hvad er Edda</i>, Aalborg 1812, wo die Bilder des
+goldenen Horns von Tondern mit der Baldrsage zusammengebracht und
+astronomisch gedeutet werden.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wie sich vor J. Grimms grundlegendem Werke die deutsche Götterlehre
+ausnahm, lernt man am besten aus der Übersicht, die G. Klemm im
+<i>Handbuch der germanischen Altertumskunde</i>, Dresden 1836, S. 273
+ff. gewährt. Dort sind die Ergebnisse der älteren deutschen Mythologie
+mit thunlichstem Ausschluss der nordischen zusammengestellt.</p>
+
+<p>Wir hören von Tuisto, Mannus, Irmin, Wodan, Freia, Fro, Thunar, Hertha,
+Alces; dann aber wird, namentlich auf Caesars Gewähr, ein Sonnen- und
+Monddienst behauptet, von Eostar, Ostar berichtet und herauf von den
+thüringischen und hessischen Götzen Namens Krodo, Jecha, Püstrich,
+Stuffo, Reto, Lahra, von den sächsisch-friesischen Hammon (zu Hamburg),
+Fosete (weiblich), Nehalennia und Hludana gemeldet. Dazu gesellt
+sich noch der sächsische Jodute, in Süddeutschland Lullus, Strifa,
+Krutzmann, Epona. Endlich verführte die bekannte interpretatio romana,
+die <span class="pagenum" id="Page_15">[S. 15]</span>Gottheiten fremder Völker mit römischen Götternamen bezeichnete,
+zur Meinung, römische Gottheiten wie Mars, Mercur, Hercules, Isis,
+Diana, Venus seien von den Germanen angenommen und verehrt worden.
+Von allen diesen merkwürdigen Gestalten, die auf Erfindungen und
+Etymologien der Gelehrten des 16. und 17. Jahrhunderts beruhen, gab
+es ernstgemeinte umfangreiche Abhandlungen, die bei Klemm und in
+Hummels Bibliothek der deutschen Altertümer besonders im 11. Kap.
+<i>„von den topischen Göttern“</i> verzeichnet stehen. Die Zufuhr der
+nordischen Mythologie hatte den Stoff nur erweitert, nicht gereinigt
+und vertieft. In den Wörterbüchern von Vulpius und Tkány treibt diese
+Götzenschar noch ihr ganzes Unwesen. Auch das muss erwogen werden,
+um J. Grimms That zu würdigen. Er hatte nicht nur alles ganz neu
+aufzubauen, sondern mit unglaublich vielem Schutte aufzuräumen. Die
+bisherigen mythologischen Forschungen hatten trotz allem guten Willen
+der Verfasser den Ausblick eher verbaut, den Blick getrübt.</p>
+
+<h4 id="Die_wissenschaftliche_Bearbeitung_der_Mythologie_Uhland_und_J_Grimm_2">
+<b>2. Die wissenschaftliche Bearbeitung der Mythologie: Uhland und J.
+Grimm.</b></h4>
+
+<p>Mit bewundernswertem Scharfblick hat <em class="gesperrt">Uhland</em> in seinen
+<i>Vorlesungen</i> 1830–1832 und in <i>Abhandlungen</i> deutsche und
+nordische Mythologie erforscht. <i>Der Mythus von Thor</i> erschien
+1836, das Übrige erst nach seinem Tode in den <i>Schriften Bd. 6 über
+Odin</i> und <i>Bd. 7, S. 16–85 Umriss der nordischen Göttersage,
+ebda. S. 473 bis 514, älteste Spuren der deutschen Göttersage</i>.
+Mithin konnten seine Studien zunächst nur zum kleinen Teil auf die
+Entwicklung der Mythenforschung wirken. In der Schrift über Thor ist
+am gründlichsten und geistvollsten die physikalische Mythendeutung
+durchgeführt, und die Entstehung der Thorssagen aus der norwegischen
+Naturumgebung nachgewiesen. Die germanische Gestalt des Donnerers ist
+sicher der nordischen Natur angepasst worden. Aber selbst bei Uhland
+zeigt sich die natursymbolische Auslegung als verfehlt, sobald sie ins
+Einzelne geht. Die Ergebnisse halten nach dieser Seite nicht stand.
+In der Abhandlung über Odin finden sich vortreffliche Abschnitte,
+Ansätze zur Entwicklungsgeschichte, wie wir sie bei J. Grimm vergeblich
+suchen. Dahin gehört u.&#8239;a. der Nachweis, dass Freyr in Schweden, Thor
+in Norwegen, Odin <span class="pagenum" id="Page_16">[S. 16]</span>in Dänemark und Sachsen ursprünglich verehrt wurde.
+Das Verhältniss Bragis zu Odin wird ebenso einleuchtend erklärt. Man
+bedauert, dass Uhland keine umfassende Darstellung der Mythologie
+unternahm. Was sich in der klaren Seele dieses unvergleichlichen
+Mannes gespiegelt, wurde allein schon dadurch geläutert und strahlt
+uns reiner und heller entgegen, als aus der vielfach getrübten und
+verderbten Überlieferung. Band 7, 382 steht eine Bemerkung, welche
+gelegentlich später errungene Ergebnisse vorweg nimmt. „Es ist
+allen bekanntern Naturreligionen gemein, dass in ihnen eine Menge
+untergeordneter Geister lebt und webt, welche bald unsichtbar und
+leise geahnt die Natur erfüllen, bald in heftigen Erscheinungen
+hervortreten, dem Menschen in freundlicher oder feindlicher Gesinnung
+sich nahend. Man fasst dieses Geisterwesen bei den neueren Völkern am
+besten unter dem, ihrer vielen gemeinsamen Namen der Elfen zusammen.
+Wenn man erwägt, wie dieses Geisterreich in übereinstimmenden
+Hauptzügen bei Völkern verschiedenen Stammes und sonst auch bedeutend
+verschiedener Glaubenslehre sich ausgebreitet hat, so erkennt man
+in ihm das ursprünglichste und allgemeinste Element der mythischen
+Naturanschauung, aus dem dann erst die eigentümlichen Göttergestalten
+jeder besonderen Mythologie aufgetaucht sind. Wurden diese durch die
+Herrschaft einer neuen Lehre zerstört, so trat die Auflösung in jenes
+freiere Element wieder ein.“</p>
+
+<p>So weit nur irgend möglich, schliesst sich dieses Handbuch an Uhland
+an, besonders auch bei Erzählung nordischer Sagen, denen der herrliche
+Mann eine wahrhaft klassische Form verlieh.</p>
+
+<p>1811 hatte <em class="gesperrt">J. Grimm</em> über <i>Irmenstrasse und Irmensäule</i>
+geschrieben, 1813 Gedanken über <i>Mythus, Epos und Geschichte</i>.
+Er wandelt noch in den Spuren von Görres und Kanne. 1812 kamen
+<i>die Märchen</i>, 1816 die <i>deutschen Sagen</i> heraus. Da kam
+zunächst die thatsächliche Überlieferung in reicher, schöner Fülle
+zu Wort, vor ihr verstummten Vorurteile und grundlose Lehrsätze
+zur Behandlung der Mythologie. Der Romantik entwanden sich die
+Brüder in den gewaltigen Werken, mit denen sie die germanische
+Altertumsforschung zum Range einer echten Wissenschaft erhoben. <i>Die
+deutsche</i> (d.&#8239;h. germanische) <i>Grammatik</i> 1819, 1822 u. ff.,
+<i>die Rechtsaltertümer</i> 1828 sind auf festen Grund gebaut. Nach
+Möglichkeit ist die gesamte germanische Überlieferung aus alter und
+neuer Zeit ausgeschöpft und dabei die ursprüngliche Einheit in der
+späteren Vielheit und Verschiedenheit erwiesen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_17">[S. 17]</span></p>
+
+<p>Schon 1832 schreibt J. Grimm an Lachmann, dass er etwas über deutsche
+Mythologie vor habe, „diesmal aber im Gegensatz zur nordischen
+und diese ausschliessend“. Nur als Hilfsmittel zur Bestätigung
+oder Ergänzung deutscher Nachrichten soll die nordische Mythologie
+verwendet werden. Mit denselben Mitteln, mit demselben Weit- und
+Tiefblick unternahm J. Grimm <i>Die deutsche Mythologie</i>, die
+1835 in erster Auflage erschien. Schon 1844 kam eine zweite stark
+vermehrte aber gleich angelegte Ausgabe in zwei Bänden, die 1854
+und 1875 neu gedruckt wurden. Der dritte Band, 1878 von <em class="gesperrt">E. H.
+Meyer</em> besorgt, bringt eine reiche Nachlese von Belegen, die J.
+Grimm stetig nachsammelte und nachtrug. Mit der deutschen Mythologie
+erstand eine versunkene Welt. Mit wunderbarem Fleisse aus einer schier
+unermesslichen Belesenheit ist alles zusammengetragen und sauber
+eingeordnet, was zur Mythologie zu gehören schien. Unerreicht und nie
+zu übertreffen besteht Grimms Werk in seiner Haupteigenschaft einer
+Sammlung als die Grundlage aller späteren mythologischen Forschung.
+Der unvergängliche Wert des Buches beruht namentlich darin, dass kein
+System den Stoff meistert, dass die nächste und wichtigste Aufgabe
+in der Sammlung und Sichtung des weit zerstreuten, nur vereinzelt
+und trümmerhaft überkommenen Stoffes gesucht wird. Wol hegt auch
+Grimm eigene Gedanken über die Grundfragen der Mythengeschichte,
+über Ursprung der Mythen überhaupt, über Verhältniss der nordischen
+zur deutschen, der germanischen zur Mythologie andrer Völker. Aus
+seinen Anregungen erwuchsen die meisten der späteren Schulideen.
+Aber Grimm spricht nur gelegentlich, anhangsweise seine Ansicht aus,
+Hauptsache bleibt immer Eröffnung der verschütteten und versandeten
+Quellen. Was aus der Sprache, zum Teil auch aus dem Recht, zu lernen
+war, Ureinheit hinter den jüngeren Überlieferungen, scheint auch die
+Mythologie zu bestätigen. Wenn möglich soll der altgermanische Glaube,
+aber vorwiegend auf Grund deutscher Quellen bei nur vorsichtiger
+Benutzung nordischer, in den Grundzügen hergestellt werden. Was die
+Einführung der Sprachwissenschaft in die Mythologie bedeutet, sieht
+man deutlich, wenn man die früheren tastenden Erklärungsversuche von
+Götternamen betrachtet. Beispiele für solch fruchtloses geistloses
+Raten gewährt Suhms Schrift <i>om Odin</i> z.&#8239;B. S. 3 ff., wo eine
+Blütenlese von älteren und neueren Etymologien des Namens Odin
+gesammelt ist. Zwar traf auch J. Grimm keineswegs immer das Richtige
+und die neueste etymologische Forschung führt eher <span class="pagenum" id="Page_18">[S. 18]</span>wieder in neue
+Wirren. Aber die Deutung strebt doch zielbewusst vorwärts, kennt die
+einzuschlagenden Pfade und verwirft unbrauchbare Mittel. War schon die
+gewöhnliche Wortforschung vor der germanischen und indogermanischen
+Sprachwissenschaft nur ein sinnloses Raten, so war die Verwilderung bei
+Eigennamen vollends ganz toll gewesen.</p>
+
+<p>Besonders in der Vorrede zur ersten Ausgabe, ebenso in der zur
+zweiten setzt Grimm sein Verfahren auseinander, das ohnehin schon
+aus jedem einzelnen Abschnitt ersichtlich wird. Immer wird mit
+sprachlichen Beweisen angehoben und damit jeder Begriff womöglich
+als nordisch-deutsch, also auch urgermanisch aufgezeigt. Zweifelhaft
+bleibt freilich stets, inwieweit die Entwicklung aus einem gemeinsamen
+Grundbegriffe bei den verschiedenen Stämmen besondere Bahnen einschlug.
+Fast völlig ausser Ansatz ist die Möglichkeit späteren Austausches
+gelassen. Die Vorrede erörtert Hauptfragen, wie Verhältniss von
+deutschem und nordischem Glauben, Beziehungen zu nicht germanischen
+Mythologien, Verwendung der Volkssage zum Aufbau des Heidentums, Wesen
+des germanischen Gottesbegriffs (Mono = Poly = Pantheismus), Deutung
+der Mythen u.&#8239;a.&#8239;m. „Für den heidnischen Glauben hat man eine andre
+Meinung gefasst (nemlich als bei der Sprache), weil seine Quelle in
+Scandinavien reichlich, in Deutschland sparsam fliesst: diese sehr
+begreifliche Verschiedenheit ist zu der doppelten Folgerung missbraucht
+worden, um den Ursprung der nordischen Mythologie stehe es verdächtig,
+und das übrige Deutschland sei götterlos gewesen. Aus dem Mangel
+des einen Bruders schloss man nicht etwa, dass er sein Gut verthan,
+sondern dass der reiche Bruder sein Vermögen unrecht erworben habe,
+aus der Wohlhäbigkeit des Begüterten entnahm man, dass der Dürftige
+gar nicht reich gewesen sein könne. Niemals hat eine falsche Kritik
+ärger gefrevelt, indem sie wichtigen, unabwendbaren Zeugnissen trotzte,
+und die naturgemässe Entwicklung nahverwandter Volksstämme leugnete.
+Um sie aber auszurotten, habe ich wol eingesehen, dass ich nicht von
+einer Darstellung der nordischen Fülle, vielmehr der deutschen Armut
+ausgehend, Ähren lesen musste, keine Garben schneiden durfte. Erst
+aus solchen Ähren und ihren Körnern habe ich Nahrung zu gewinnen und
+Schlüsse zu ziehen gewagt; es ist dadurch aller Besonderheit, wie ich
+hoffe, das Recht gewahrt worden. Denn Eigentümliches und Abweichendes
+tritt hier nicht anders wie in der Sprache ein, und seiner habhaft
+zu werden hat den höchsten <span class="pagenum" id="Page_19">[S. 19]</span>Reiz. Grösser aber als die Abweichung
+ist die Übereinkunft, und das früher bekehrte, früher gelehrte
+Deutschland kann die unschätzbaren Aufschlüsse über den Zusammenhang
+seiner Mythentrümmer dadurch dem reicheren Norden vergelten, dass es
+ihm ältere historische Zeugen für die jüngere Niederschreibung an die
+Hand liefert.“ Die Zeugnisse für die gleiche Grundlage nordischer
+und deutscher Götterlehre werden S. VI ff. zusammengestellt, dabei
+aber Urverwandtschaft und späterer Austausch nicht geschieden. In der
+zweiten Ausgabe S. VIII heisst es: „die Lage der Dinge scheint also die
+zu sein, dass bei fortschreitendem Betrieb wir der nordischen Grenze
+entgegen rücken und endlich der Punkt erscheinen wird, auf dem der Wall
+zu durchstechen ist und beide Mythologien zusammen rinnen können in ein
+grösseres Ganzes.“</p>
+
+<p>„Die bedeutsamen Beziehungen zum ferneren alten Morgenland“ (S.
+XVI ff.), welche für sich allein schon die Meinung eines späteren
+Ursprungs deutscher Mythologie abwehren müssen, werfen den Gedanken
+eines urindogermanischen Götterglaubens auf, der auch im einzelnen,
+namentlich wo sprachliche Gleichungen das Recht zu geben schienen wie
+z.&#8239;B. bei Tiuȥ-Zeus-Dyaus, hervorgehoben wird. Aber der Gedanke ist
+nicht zum Dogma erhoben und beeinflusst nirgends die quellentreue
+Darstellung.</p>
+
+<p>Auf die erst aus später Zeit überlieferten Volkssagen ist „überall
+kein kleines Gewicht gelegt und lohnende Ausbeute aus ihnen gewonnen
+worden.“ „Ihren Wert bezeichnet das Verhältniss heutiger Volksmundarten
+ganz genau, in welchen sich uralter Wortstoff, den die gebildete
+längst ausgeschieden hat, in Menge findet.“ Also namentlich wegen
+vermeintlicher Erinnerungen an die heidnische Göttersage wird die
+Volkssage herangezogen. „Soll ich in der Kürze den der Mythologie aus
+der Volkssage hervorgegangnen Gewinn bezeichnen, so leuchtet ein,
+dass nur aus dieser wir Auskunft über die Göttinnen Holda, Berhta
+und Fricka, sowie über den unmittelbar auf Wuotan leitenden Mythus
+von der wilden Jagd verdanken. Der weissen Frauen, Schwanfrauen und
+bergentrückten Könige würden wir aus den geschriebenen Denkmälern
+wenig habhaft geworden sein, verbreitete nicht die Volkssage ihr Licht
+darüber. Selbst die Mythen von Sintflut und Weltuntergang lässt sie
+noch nicht ausser Acht. Was in ihr aber vorzugsweise gehegt und mit dem
+buntesten Gewirk gewoben wird, das sind die traulichen Erzählungen von
+Riesen, Zwergen, Elben, Wichteln, Nixen, Schraten und Hausgeistern.“
+Die Göttergestalten sollen sich in Teufel und <span class="pagenum" id="Page_20">[S. 20]</span>Hexen, der Gottesdienst
+in abergläubische Bräuche verwandelt haben. Oft aber leben auch in
+Legenden heidnische Erinnerungen nach.</p>
+
+<p>„Elementen, Naturerscheinungen und Gestirnen lege ich grossen Einfluss
+auf mythologische Vorstellungen bei, lange keinen solchen, dass alle
+und jede aus ihrer Grundlage abgeleitet werden dürften, da ausser
+den physischen auch noch sittliche und andere menschliche Motive
+obwalten und erst in der Durchdringung aller zusammen die Götter des
+Heidentums entsprungen scheinen. Die Natur lässt uns ihre erhabene und
+wohlthätige Wirksamkeit gewahren in dem leuchtenden, wärmenden Feuer,
+dem reinigenden, kühlenden Wasser, der allbeweglichen, erquickenden
+Luft, der nährenden, stärkenden Erde. Hier gesellt sich ein sittlicher
+Eindruck zu dem natürlichen. Der Mensch hat aber auch Gottheiten nötig
+für die Begriffe von Güte, Milde, Allgewalt, Sieg, Friede, Liebe,
+Gerechtigkeit, die mehr aus seinem Gemüt als aus der Natur aufsteigen.“</p>
+
+<p>In der Einleitung der ersten Auflage S. 9 heisst es: „Von der
+Verwirrung, die so häufig dem Studium der nordischen und griechischen
+Mythologie Eintrag gethan, ich meine die Sucht, über halbaufgedeckte
+historische Daten philosophische oder astronomische Deutungen zu
+ergiessen, schützt mich schon die Unvollständigkeit und der lose
+Zusammenhang des Rettbaren. Ich gehe darauf aus, getreu und einfach zu
+sammeln, was die frühe Verwilderung der Völker selbst, dann der Hohn
+und die Scheu der Christen vor dem Heidentum übrig gelassen haben,
+und wünsche nichts als dass meine Arbeit für einen Anfang weiterer
+Forschungen in diesem Sinne gelten könne.“</p>
+
+<p>Ein Hauptfehler der deutschen Mythologie besteht darin, dass die
+Möglichkeit, den verlorenen deutschen Götterglauben wieder zu erlangen,
+stark überschätzt ist. Eine Reihe von Quellen sind für die deutsche
+Mythologie verwendet, deren Berechtigung anzufechten ist. Märchen und
+Sagen enthalten viel Auswärtiges und dürfen nicht in dem Umfange, wie
+es hier geschieht, zum Wiederaufbau deutschen Götterglaubens verwandt
+werden. Die Dichtung des 13. Jahrhunderts ist in ihrer Brauchbarkeit
+überschätzt. Die Allegorien der mittelhochdeutschen Dichter, der
+Wunsch und Frau Aventiure dürfen nicht mit Odins Beiname Oskr
+(Wunsch) und Saga verglichen und aus gemeinschaftlicher altmythischer
+Überlieferung abgeleitet werden. Vieles entstammt christlicher Sage
+und geht zuletzt auf die Bibel zurück, was von Grimm als <span class="pagenum" id="Page_21">[S. 21]</span>heidnische
+Erinnerung erachtet wird. Allzuwenig rechnet Grimm mit jüngerem
+Ursprung, mit individuellen Erfindungen der Dichter, mit Entlehnung
+aus der Fremde, und trägt manches Ungehörige ins Heidentum zurück.
+Obwol Myth.<sup>2</sup> S. XXX gesagt wird: „Ich leugne keinen Augenblick, dass
+neben solcher geheimnissvollen Ausbreitung der Mythen (d.&#8239;h. von einem
+idg. Urbestand) äussere Entlehnung stattfand, ja dass sie mit Absicht
+ersonnen und übertragen werden konnten, wiewol dieser letzten Art es
+schwerer hält als man wähnt unter dem Volk Wurzel zu greifen. Die
+römische Literatur hat von frühauf über andere europäische Länder sich
+ergossen, es wird in einzelnen Fällen sogar unmöglich sein, zwischen
+ihrem Einfluss und jenem inneren Wachstum der Sage den Ausschlag zu
+thun. Nirgends aber ist Einwirkung von aussen weniger zu bezweifeln als
+da, wo durch Zusammenstoss der christlichen Lehre mit dem Heidentum
+unter den bekehrten Völkern unvermeidlich ward, der hergebrachten zu
+entsagen und an deren Stelle, was der neue Glaube herbeiführte oder
+ertrug, aufzunehmen oder abzuändern“ — so wird doch viel mehr der Satz
+auf S. XXI befolgt: „Jedwedem Volke scheint es von Natur eingeflösst,
+sich abzuschliessen und von fremden Bestandteilen unangerührt zu
+erhalten. Der Sprache, dem Epos behagt es nur im heimischen Kreis,
+nicht länger als er zwischen seinem Ufer wallt, hält der Strom seine
+Farbe lauter. Aller eignen Kraft und innersten Triebe ungestörte
+Ausbildung ergeht aus dieser Mitte, und unsre älteste Sprache,
+Poesie und Sage sehen wir keinen andern Zug einschlagen.“ Finden
+sich Einstimmungen zwischen fremder, romanischer oder christlicher
+Überlieferung und deutscher Volkssage, so wird fast nie Entlehnung,
+sondern Herkunft aus gemeinsamer germanisch-heidnischer Urquelle
+angenommen. Aus der stattlichen, überreichen Sammlung ist daher sehr
+viel zu streichen, was weder altgermanisch noch überhaupt mythisch ist.</p>
+
+<p>Im Vergleich zu seinen Vorgängern hat J. Grimm allerdings mit den
+angeblichen germanischen Götzen gründlich aufgeräumt, aber ganz
+fertig ist er mit ihnen noch nicht geworden. Krodo und Sater (aus
+ags. <i>Sæteresdæg</i>) spuken noch neben einer Göttin Zisa, die von
+Chronisten im 8. und 9. Jahrhundert zu Ciesburg erfunden wurde. Eine
+ags. Göttin Ricen wird vermutet. Holda, Berhta und andere sind aus der
+Volkssage gefolgert und fürs deutsche Heidentum kanonisiert worden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_22">[S. 22]</span></p>
+
+<h4 id="Die_mythologische_Forschung_nach_J_Grimm_3"><b>3. Die mythologische
+Forschung nach J. Grimm.</b></h4>
+
+<p>Die zahlreichen populären Darstellungen der deutschen und nordischen
+Mythologie, die nach J. Grimm erschienen, ebenso die vielen
+Einzeluntersuchungen, in denen neues Material beigebracht oder eine
+bestimmte Erscheinung für sich allein behandelt wurde, kann ich
+hier nicht aufzählen und charakterisieren. Einiges Hierhergehörige
+verzeichnet v. Bahder, die deutsche Philologie im Grundriss, S. 234 ff.
+Nur <i>die</i> Schriften sollen genannt werden, welche neue fruchtbare
+Gedanken vertraten und damit auf die Entwicklung der mythologischen
+Forschung nachhaltig einwirkten.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Wilhelm Müllers</em> <i>Geschichte und System der altdeutschen
+Religion</i>, 1844, von J. Grimm in den Berliner Jahrbüchern für
+wissenschaftliche Kritik 1844, Nr. 91–2 ungerecht verurteilt, sucht
+die von Grimm gewonnene deutsche Mythologie nach geschichtlichen
+Erwägungen zu sichten und die Einzelheiten mit einander zu verbinden.
+Mit Recht scheidet Müller einen grossen Teil des von J. Grimm
+gesammelten Materials als unbrauchbar aus. Insbesondere Volkssage und
+Volksbrauch, sofern erst die christliche Zeit davon meldet, werden nur
+bei zwingenden Gründen zum Aufbau des altdeutschen Heidentums benutzt.
+Kritik der Quellen betont Müller als vor allem nötig. Vorschnelle
+Verallgemeinerung von örtlich und zeitlich bestimmten Nachrichten soll
+nicht gelten. Freilich wird die nordische Mythologie trotzdem zuviel
+zur Erklärung der deutschen Trümmer benutzt. Immerhin bleibt Müllers
+Buch ein achtbarer Versuch, den geschichtlichen Maassstab an Grimms
+Sammlung zu legen.</p>
+
+<p>Aus der deutschen Mythologie Grimms erhuben sich mehrere eifrig
+behandelte Fragen, deren Beantwortung die Darstellung wesentlich
+umgestalten musste. Zunächst blieb noch eine Zeitlang die Mehrung des
+mythologischen Stoffes eine wichtige Hauptaufgabe der Mythologen.
+Weniger aus den Denkmälern der Vergangenheit als vielmehr aus der
+mündlichen Überlieferung der Gegenwart erstanden unzählige wertvolle
+und wertlose Sammlungen von Märchen, Sagen und abergläubischen
+Bräuchen.&#x2060;<a id="FNanchor_5_5" href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> Hatten doch <span class="pagenum" id="Page_23">[S. 23]</span>die Brüder Grimm in ihren Sammlungen
+musterhafte Vorbilder aufgestellt, denen in allen Ländern allmälig
+nachgeeifert wurde. Nachdem J. Grimm den mythologischen Wert der
+Volkssagen betont hatte, sammelten die deutschen Gelehrten besonders
+unter diesem Gesichtspunkte. Wie verhält sich die aus dem Mittelalter
+und der Gegenwart uns bekannte Volkssage zum Heidentum, enthält sie
+verblasste Spuren alter Göttersage, diese Frage beschäftigte die
+Forscher und wurde zunächst im Sinne Grimms entschieden. Was ist aus
+der Heldensage, insofern sie geschichtliche und mythische Bestandteile
+enthält, für die Mythologie zu lernen? Wie verhält sich die deutsche
+Mythologie zur nordischen, wieviel gilt von letzterer für Deutschland?
+Was hat der germanische Götterglaube mit dem andrer, insbesondere
+indogermanischer Völker gemein, wieviel davon entstammt aus
+ursprünglicher Gemeinschaft, wieviel aus etwaiger Entlehnung, wieviel
+aus zufälliger gleicher Entwicklung? Wie entstanden Mythen? Die letzte
+Frage hat die meisten und widersprechendsten Antworten gefunden. Da sie
+aber weniger auf germanischem Gebiete zum Austrag kommt, so soll sie
+auch hier mehr nur beiläufig berücksichtigt werden.&#x2060;<a id="FNanchor_6_6" href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a></p>
+
+<h4 id="Volkssage_und_Heldensage_in_ihrem_Verhaeltniss_zur_Mythologie_4">
+<b>4. Volkssage und Heldensage in ihrem Verhältniss zur Mythologie.</b></h4>
+
+<p>Im Norden erkennen wir eine reich entfaltete Göttersage, deutlich
+ausgeprägte Göttergestalten und eine grosse Menge von Volkssagen
+und Bräuchen, die schon ins Heidentum zurückreichen. In Deutschland
+finden wir einige Götternamen, die mit den nordischen zusammenstimmen,
+aber nur ganz vereinzelte Spuren von Göttersagen, endlich dieselbe
+Masse von Volkssagen. Es ist nicht denkbar, dass die Deutschen keine
+<i>Göttersage</i>, nur einen <i>Götterkult</i> <span class="pagenum" id="Page_24">[S. 24]</span>besassen. Dagegen
+zeugen die wenigen erhaltenen Überreste. Kann eine deutsche Göttersage
+wiedererlangt werden? Auf zwiefache Art ist es versucht worden. Das
+oberflächliche rohe Verfahren nimmt einfach die nordische Sage der Edda
+auch für Deutschland in Anspruch. Der Beweis wird aus der Gleichheit
+der deutschen und nordischen Götternamen, die ja unleugbar auf
+gemeinschaftlichen Hintergrund deuten, geführt; ferner mussten Märchen
+und Sagen, die aus allen deutschen Gauen in überraschender Anzahl
+zu Tage gefördert wurden, herhalten. Sie galten im allgemeinen als
+verblasste Mythen. Eifrig spürte man nach zufälligen Übereinstimmungen
+zwischen ihnen und der nordischen Göttersage. Wurde einem Jäger von
+einem Löwen die Faust abgebissen, so erinnerte man sich des nordischen
+Tyr, dem der Fenriswolf die Hand abbeisst. Wurden Riesen erschlagen,
+so musste es Donar gethan haben. Was rote Farbe trug, erinnerte
+überhaupt an den Rotbart. Entführungssagen und gefährliche Werbungen
+wurden zu Freys Werbung um Gerd gestellt. So gelang der Scheinbeweis,
+dass dieselben Sagen, wie im Norden, so auch in Deutschland von den
+Göttern gegolten hätten, dass der Inhalt der Edda ohne Bedenken
+nach Deutschland überführt werden dürfe. In diesem Sinne wirkte der
+verdienstvolle Sagensammler <em class="gesperrt">J. W. Wolf</em> namentlich in seinen
+Schriften: <i>Beiträge zur deutschen Mythologie</i> 1, 1852, 2, 1857
+und <i>Die deutsche Götterlehre</i> 1852, 2. Aufl. 1874. In der
+<i>Zeitschrift für deutsche Mythologie</i>, welche J. W. Wolf 1853
+begründete, die Mannhardt mit dem 3. und 4. Bande (1859) fortsetzte,
+fanden diese Bestrebungen für kurze Zeit einen Mittelpunkt. So gewiss
+vieles aus unserem ältesten Heidentum noch in heutiger Sage und
+Sitte unverändert lebt, ebenso sicher treiben aus dem natürlichen
+volkstümlichen Keime fortwährend frische Sprossen, die anders als jene
+beurteilt werden müssen, weil Luft und Licht ihnen andre Beimischung
+gaben. Von der Wolfschen Schule wurde aber fast die gesamte Volkssage
+für uralt oder wenigstens als unmittelbarer Abkömmling des Heidentums
+erklärt. <em class="gesperrt">Simrocks</em> <i>Handbuch der deutschen Mythologie mit
+Einschluss der nordischen</i>, Bonn 1853, 6. Aufl. 1887 hat trotz
+seiner unübersichtlichen verschrobenen Darstellung dieser Richtung zu
+unverdientem Ruhme verholfen. Anknüpfend an J. Grimms Bild vom Wall,
+der die nordische und deutsche Mythologie trenne, erklärt Simrock den
+Zeitpunkt zum Durchstich erschienen: „Wir haben den Wall durchstochen
+und den Guss einer allgemeinen deutschen Mythologie <span class="pagenum" id="Page_25">[S. 25]</span>unternommen“.
+Abgesehen von der durch Schwartz und Mannhardt begründeten neuen
+Auffassung der Volkssagen waren es namentlich auch die Untersuchungen
+Benfeys über das Pantschatantra 1859, die zur Vorsicht bei Benutzung
+der Sagen und Märchen mahnten. Zumal die letzteren, bei denen auch
+manche Fälschungen mitunterliefen, verschwanden bald aus der Mythologie
+und wurden der vergleichenden Litteraturgeschichte überwiesen.</p>
+
+<p>Ein zweiter Versuch ist ebenfalls von J. Grimm ins Leben gerufen, aber
+von ihm selbst nicht weiter geführt worden. Die 1812 geschriebene
+Abhandlung <i>„Gedanken über Mythos, Epos und Geschichte“</i> hebt
+hervor, dass in der Heldensage vielfach Mythisches und Historisches,
+göttliche und menschliche Geschichte in eins gewachsen seien.
+Gelingt es beide Teile zu sondern, so erwächst der Mythologie
+reicher Gewinn. Zuerst hat <em class="gesperrt">Lachmann</em> 1829 die Nibelungensage
+daraufhin untersucht. Der bedeutendste Vertreter dieser Richtung ist
+aber <em class="gesperrt">Müllenhoff</em>, der diesen Gedanken in der Vorrede zu den
+<i>Schleswig-holsteinischen Sagen</i> 1845, in den <i>Untersuchungen
+zur Geschichte der Nibelungensage</i>, ZfdA. 10, 146 ff.; 23, 185
+ff., <i>Über Irmin und seine Brüder</i>, ZfdA. 23, 1 ff., <i>Über
+die austrasische Dietrich- und Hartungensage</i>, ZfdA. 6, 435;
+12, 346; 13, 185, <i>Über Skeaf und seine Nachkommen</i>, ZfdA.
+7, 410 ff., <i>Über Beowulf</i>, ebda. 419 ff., <i>Über Frija und
+den Halsbandmythus</i>, ZfdA. 30, 217 ff. zur Anwendung brachte.
+Die Denkmäler der Heldensage entstanden zum Teil noch unter der
+Herrschaft des Heidentums. Wirkt die Göttersage in ihnen nach, so ist
+allerdings weit grössere Gewähr, von hier aus die verlorene Göttersage
+wiederherzustellen, als aus einem beliebigen späten Märchen. Doch der
+Ausführung dieser Gedanken stehen unüberwindliche Schwierigkeiten
+entgegen. Es ist schon schwer, aus einer Heldensage den geschichtlichen
+Kern, die mythischen Bestandteile, die Zuthaten und eigenen Erfindungen
+der Dichter sauber von einander zu lösen. Die Bestimmung des in einer
+Heldensage etwa vorhandenen Mythus auf seine Herkunft ist nur zu sehr
+vom subjectiven Urteil des Forschers abhängig. Man unterliegt allzu
+stark der Verführung, den Mythus so zu gestalten, wie man ihn braucht.
+Das Ergebniss, zumal wenn es noch von der vergleichenden Mythologie
+beeinflusst ist wie Müllenhoffs letzter Aufsatz von Frija und dem
+Halsband, kann als sichere wissenschaftliche Thatsache nicht gelten.
+Die Mythologie kann mit derlei Hypothesen nicht rechnen, ohne vollends
+ins Grundlose zu geraten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_26">[S. 26]</span></p>
+
+<h4 id="5_Die_Lehre_vom_Ursprung_der_Mythen_und_die_vergleichende_Mythologie_5">
+<b>5. Die Lehre vom Ursprung der Mythen und die vergleichende Mythologie.</b>
+</h4>
+
+<p>Wie man unmittelbaren mythologischen Gewinn aus den Sagen schöpfen
+könne, lehren Müllenhoff, <i>Sagen, Märchen und Lieder aus Schleswig,
+Holstein und Lauenburg</i> 1845 S. XLIV ff. und <em class="gesperrt">A. Kuhn</em> und
+<em class="gesperrt">W. Schwartz</em>, <i>norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche</i>
+1848 S. XX ff. Mit den beiden letztgenannten Gelehrten hebt ein
+neuer Abschnitt der mythologischen Forschung an. Schwartz in seinen
+Schriften <i>„der heutige Volksglaube und das alte Heidentum“</i>
+1849, <i>„Ursprung der Mythologie“</i> 1860, <i>„die poetischen
+Naturanschauungen der Griechen, Römer und Deutschen in ihrer
+Beziehung zur Mythologie“</i> 1864 und 1879, <i>„indogermanischer
+Volksglaube“</i> 1885 war nach zwei Richtungen hin thätig, er bestimmte
+das Verhältniss von Volkssage und Kunstmythus, er suchte den Ursprung
+der Volkssage aus der Naturanschauung zu erklären.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Schwartz</em> fand in den unter dem Volke noch lebenden Sagenmassen
+eine <i>„niedere Mythologie“</i>, die einen früheren Zustand, eine
+embryonale Entwicklungsform der späteren Götter- und Dämonenwelt
+festhalte, möge die letztere auch in weit älteren geschichtlichen
+Zeugnissen überliefert werden. Nicht also bloss Abschwächungen,
+Niederschläge der in der Edda u.&#8239;s.&#8239;w. vorliegenden ausgebildeten
+Mythologie des Heidentums, der Kunstschöpfungen der Dichter, treten
+uns hier entgegen, wie <em class="gesperrt">Grimm</em> und <em class="gesperrt">J. W. Wolf</em> meinten,
+sondern vielmehr die Keime und Grundlagen, aus denen die <i>„höhere
+Mythologie“</i> sich entwickelte. Wode und das wütende Heer dürfen
+nicht als verblasste Erinnerung an Wodan und die Einherjer erklärt
+werden, sondern als der uralte und unvergängliche Volksglaube,
+aus dem zur Zeit des germanischen Heidentums Wodans Gestalt sich
+emporhub. Mit <em class="gesperrt">Theodor Waitz</em>&#x2060;<a id="FNanchor_7_7" href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> begründete Schwartz die
+<i>ethnographisch-anthropologische</i> Betrachtung von Sitte und
+Sage, die von <em class="gesperrt">Bastian</em>&#x2060;<a id="FNanchor_8_8" href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>,
+ <em class="gesperrt">Tylor</em>&#x2060;<a id="FNanchor_9_9" href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> u.&#8239;A. auf Grund
+eines umfangreichen Materiales weiter ausgedehnt wurde, und die
+darauf ausgeht, an Thatsachen bei den verschiedensten Naturvölkern
+den gleichmässigen Verlauf der ältesten Sitten-, Religions- und
+Mythenbildung zu veranschaulichen. Sie führt zur Einsicht, dass fast
+<span class="pagenum" id="Page_27">[S. 27]</span>sämtliche Entwicklungsstufen und Lebensformen, die der geistige
+Zustand der Menschheit, der Kulturvölker allmälig durchlaufen hat, in
+den heutigen wilden Völkern der Erde noch lebende Vertreter zählen. Die
+Beobachtung dieser wilden Völker gewährt ein Hilfsmittel, den Zustand
+der civilisierten in seiner Ursprünglichkeit kennen zu lernen, viele
+Überbleibsel der niederen Stufen leben in den höheren noch fort. So ist
+auch der religiöse Glaube auf niederer Stufe bei den Indogermanen, ja
+überhaupt bei allen Völkern ziemlich gleichartig. Er erzeugt sich auch
+stets von neuem, da die Voraussetzungen, die kindliche unentwickelte
+Vorstellung der Menschen und die Naturerscheinungen, immer dieselben
+bleiben. Damit war eine völlige Verschiebung der Thatsachen erreicht.
+Das Aufspüren alter Götter im Volksglauben wurde wesentlich beschränkt.
+Nur durch zufällige und verhältnissmässig seltene Rückwirkung
+konnten einzelne Züge aus der höheren in die niedere Mythologie
+übergehen. Selbst die jüngste Volkssage konnte unter Umständen
+dieselbe Keimbildung enthalten, aus der in Urzeiten irgend ein Mythus
+sich entwickelt hatte. Weniger glücklich ist Schwartz mit seiner
+Mythendeutung aus Wetter, Wind und Wolken. Allzu willkürlich wird die
+Überlieferung zugestutzt, allzu einseitig und künstlich eine einzige
+Entstehungsart behauptet.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Kuhn</em> aber liess sich vom Veda leiten, in welchem eine der
+urindogermanischen sehr nahe stehende Mythologie enthalten zu sein
+schien, die zugleich den Satz vom physikalischen Ursprung der Mythen
+aufs beste bestätigte. In zahlreichen Abhandlungen der <i>Zeitschrift
+für vergleichende Sprachforschung</i>, in der <i>Herabkunft des Feuers
+und des Göttertranks</i> 1859 wurde die Lehre von der vergleichenden
+Mythologie begründet. Der Vedaforscher <em class="gesperrt">Max Müller</em> war neben Kuhn
+am Ausbau der Hypothese beteiligt (vgl. <i>Oxford essays</i>). Die
+vergleichende Mythologie überträgt die Ergebnisse der vergleichenden
+Sprachwissenschaft aufs Gebiet des Götterglaubens und der Göttersage.
+Möglichst viele griechische und indische Götternamen wurden
+zusammengestellt und aus einer gemeinsamen indogermanischen Form
+abgeleitet. Damit ergab sich eine erstaunlich reiche indogermanische
+Sagenwelt, eine unwahrscheinlich hoch entwickelte geistige Kultur
+des Urvolkes. Die mit grosser Zuversicht auftretende vergleichende
+Mythologie hat mit völliger Entsagung geendet. Die Etymologien hielten
+nicht Stich und damit schon fällt die eigentliche Grundlage. Bis auf
+ganz vereinzelte Gleichungen, wie Dyaus-Zeus-Tiuȥ, <span class="pagenum" id="Page_28">[S. 28]</span>deren sachliche
+Berechtigung selbst noch bestritten wird, sind heute die meisten
+Resultate der vergleichenden Mythologie ebenso verschollen wie die
+von den Symbolikern dereinst unter den Hauptreligionen aufgestellten
+Ähnlichkeiten. Die Methode der vergleichenden Sprachwissenschaft schien
+die sicherste Gewähr zu bieten, aber die Hoffnung täuschte. Wenn die
+Vedamythologie&#x2060;<a id="FNanchor_10_10" href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> nicht als reinster Vertreter der indogermanischen
+gelten darf, wenn sie nicht die arische Theogonie ist, so kann ihr
+Inhalt auch nichts für die andern indogermanischen Völker Bindendes
+lehren. Die Vedamythen sind für sich allein aus ihrer eigenartigen
+Umgebung heraus zu erklären. Aber Kuhn und M. Müller entnahmen aus dem
+Veda eine allgemein giltige Mythendeutung. Die vedischen Mythen hängen
+aufs engste mit Naturerscheinungen zusammen, ja sie scheinen geradewegs
+aus der Naturanschauung hervorgegangen zu sein. Kuhn entwickelte die
+eine Seite der Natursymbolik, das Gewitter; Müller die andere, die
+Sonne vom Aufgang zum Niedergang. M. Müllers Sonnenlehre ist von
+Müllenhoff auf Tiuȥ, Frija und die Alkîȥ angewandt worden. Im Abschnitt
+über Tiuȥ ist sie auch in diesem Handbuch trotz mancher Zweifel
+berücksichtigt.</p>
+
+<p>Die Entstehung der Vedamythologie bezeichnet M. Müller so, dass blosse
+Namen von Naturerscheinungen meteorischer Art allmälig verdunkelt,
+personificiert und vergöttert worden seien. Der Satz: „der Himmel
+regnet, donnert, blitzt“, endigt schliesslich mit dem Glauben an Zeus,
+an einen persönlich gedachten Gott des lichten Himmels, in dessen
+Hand die Elemente liegen. Die Sprache beruht auf Vergleichungen,
+auf Bildern. Allmälig tritt die Metapher dem Bewusstsein zurück, so
+entsteht eine Sage, kein blosser Vergleich. „Die Sonne folgt der
+Morgenröte“ entwickelt den Mythus: der Sonnengott folgt liebend der
+Morgenröte; es entsteht eine Werbungssage. „Die Sonne geht unter“
+= der Sonnengott altert oder stirbt. „Aus dem Schoose der Nacht
+enttaucht die Sonne“ = die Nacht gebiert ein strahlendes Kind. Die
+poetische Sprache gibt oft zweien mit nur einer gleichen Eigenschaft
+ausgestatteten Gegenständen die Bezeichnung, die ursprünglich nur
+einem derselben zukam. Sie sagt z.&#8239;B. Sonnenstrahlen sind wie Zügel,
+Finger, Hände, roten Kühen gleichen die roten Wolken der Abend- und
+<span class="pagenum" id="Page_29">[S. 29]</span>Morgenröte. Später heisst es: sie sind es wirklich, und dann entsteht
+der Mythus von Ross und Reiter, von der rosenfingrigen Eos, von den
+Kühen, die der Dämon des Dunkels raubt, die aber morgens wieder
+ausgetrieben werden. Müller räumt der Sprache einen grossen, aber auch
+gesuchten Einfluss bei Schöpfung der Mythen zu. Die Götter des Lichts,
+welche das Grauen der Nacht verscheuchen, sind die Beschützer und
+Freunde des Menschen. Zu dieser Glaubensidee erhub sich bereits das
+indogermanische Urvolk. Bei der Mythenbildung ist auch die sogenannte
+„Hypostase“ von Belang, dass aus einer Urgestalt mehrere hervorgehen
+als einzelne Verkörperungen ihrer Eigenschaften und Beinamen. Der
+Himmel ist der helle (Zeus), der blitzende, donnernde, welche Namen und
+Eigenschaften in vielen Mythologien die Vorstellung eines besonderen
+Gewittergottes neben dem Lichtgott hervorriefen. So ergeben sich
+zahllose Möglichkeiten von Mythendeutungen. Zwei Grundsätze wurden
+von den Vertretern der vergleichenden Mythologie als unumstösslich
+erwiesene Thatsachen betrachtet: dass die Hauptgöttergestalten und eine
+Anzahl von Mythen in der Urzeit und Gemeinschaft des arischen Stammes
+entstanden seien, dass die Mythen aus meteorischen Erscheinungen
+hervorgingen. Der Grundgedanke der vedischen und damit indogermanischen
+Mythologie ist ein Kampf der Lichtgötter mit den Dämonen der
+Finsterniss, zwischen Tag und Nacht, Sonne und Gewitterwolke. Wenn
+auch schwer bedrängt und fast besiegt ringt sich doch das Licht
+immer wieder empor. Die allgemeine Anschauung von himmlischen
+Lichtgöttern mag allerdings sehr wahrscheinlich als indogermanisch
+gelten. <em class="gesperrt">Mannhardt</em>, der eine Zeit lang ein eifriger Anhänger
+der vergleichenden Schule war, unternahm es, in Einzeluntersuchungen
+(<i>germanische Mythen</i> 1858) und in zusammenhängender Betrachtung
+(<i>die Götterwelt der deutschen und nordischen Völker</i> 1860) die
+germanische Mythologie von diesem Standpunkte aus zu bearbeiten. Sein
+Buch blieb der einzige wissenschaftlich begründete Versuch, es rief
+keine neue Bewegung hervor, es bildet im Gegentheil den Abschluss
+der eigentlich vergleichenden Mythologie in ihrer Anwendung auf die
+germanische Überlieferung. Man erkennt klar daraus, wie viel oder wie
+wenig mit dieser Methode zu erreichen war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_30">[S. 30]</span></p>
+
+<h4 id="Die_Lehre_vom_Daemonenglauben_6"><b>6. Die Lehre vom
+Dämonenglauben.</b></h4>
+
+<p><em class="gesperrt">Wilhelm Mannhardt</em>&#x2060;<a id="FNanchor_11_11" href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>, der aus einem einstigen Anhänger
+J.W. Wolfs zur vergleichenden Schule übergetreten war, verleugnete
+schliesslich auch diese und begründete eine selbständige Lehre,
+die <i>Volksglauben und Volksbrauch</i>, namentlich soweit er mit
+dem Ackerbau zusammenhängt, obenan stellt. Auf Grund umfassender
+Sammlungen, auf Grund sorgsamer Erforschung alter und neuer
+Überlieferung bekennt er sich zur Anschauung, dass Wald-, Feld-
+und Hausgeister der Einbildung des Volkes zuerst lebendig wurden,
+dass diese Gestalten dem niedere Volke auch stets lebendig blieben,
+gleichviel welche Mythen die fortschreitende Kultur unter den höheren
+Kreisen zeitigte. Diese im Kerne sich gleichbleibende Volksmythologie
+war der gemeinsame Besitz der ungeteilten Indogermanen. Die Annahme
+einer ausgebildeten indogermanischen Götter- und Heldensage gibt
+Mannhardt zuletzt fast ganz auf. Nur einige wenige gemeinsame
+Götternamen und Vorstellungen wie Dyaus-Zeus lässt er gelten.</p>
+
+<p>Die Untersuchung der Wald- und Feldkulte zeigt, dass diese einen
+gemeinsamen Grundstock von Anschauungen und darauf beruhenden
+Gebräuchen enthalten, der sich bei allen europäischen Völkern
+findet, welch verschiedene Religions- und Göttersysteme sie auch
+haben mögen. Die Dämonen des Erntefeldes, des Waldes, des Baumes,
+die „Vegetationsgeister“ machen die Grundvorstellung aus in den
+Glaubensüberlieferungen der alten und neuen Kulturvölker Europas. Nur
+wenig ist von dem Mythenkreis der Dichter und Priester, der wie der
+Glaube der Gebildeten über dem der Ungebildeten, d.&#8239;h. der geistig und
+gesellschaftlich Niedrigeren sich erhebt, in diese Überlieferungen
+eingedrungen. Am meisten noch hat das katholische Christentum sich mit
+ihnen vermischt, sie teilweise umgeformt oder verhüllt.</p>
+
+<p>Die modernen Volkssagen und Volksbräuche sind die unmittelbaren
+Abkömmlinge jener urzeitlichen, wennschon auch viele spätere
+Neubildungen oft erst aus der christlichen Zeit darunter begegnen.
+Der Volksglaube wird zwar immer neu geboren, aber <span class="pagenum" id="Page_31">[S. 31]</span>jedesmal auch in
+veränderter Gestalt, den Verhältnissen angepasst. Aus dem Volksglauben
+wachsen dann oft höhere Mythen hervor. So wird der Sturmgeist Wode
+zum Gott der Helden und Dichter, zu Wodan. Besteht einmal der Glaube
+an lichte, himmlische Götter, so mögen sie manche Gestalt aus der
+Dämonenschar zu sich hinauf ziehen. Entkleidet man einzelne Götter
+ihres herrlichen Aufputzes, so kommen wieder die altbekannten
+Spukgestalten zum Vorschein. Im allgemeinen Gedanken berührt sich also
+Mannhardt mit Schwartz, dass der Kunstmythus aus dem Volksglauben
+und nicht umgekehrt dieser aus jenem hervorging. Die Möglichkeit,
+dass beide unabhängig seit Alters neben einander her liefen und
+nur zeitweilig auf einander einwirkten, wird nicht erörtert. Im
+<i>Roggenwolf</i> 1865 erklärt Mannhardt die Elementargeister für
+Windgeister. Die Windfurchen im Korn waren die Spuren der in Tier- und
+Menschengestalt hindurchlaufenden Geister. In den <i>Korndämonen</i>
+denkt er daneben an Seelengeister. Im <i>Baumkult der Germanen</i>
+1875, in den <i>antiken Wald- und Feldkulten</i> 1877, in den
+<i>mythologischen Forschungen</i> wird dagegen die Pflanzenseele als
+Ursprung mythologischer Vorstellungen hingestellt. Aus der Beobachtung
+des Wachstums in der Pflanzenwelt habe der Mensch auf Wesensgleichheit
+geschlossen und einen Pflanzengeist erdacht. Die Pflanzenseele
+entwickelte weiterhin den Glauben an dämonische Wesen überhaupt. Mit
+seiner Mythenerklärung irrt Mannhardt sicher; diese Gedankenreihe ist
+viel zu künstlich und abstract. In seinen früheren Arbeiten stand er
+in diesem Punkte der Wahrheit näher. Ferner erregt die Behauptung
+indogermanischer Korndämonen Bedenken, da sie sehr entwickelten
+Ackerbau voraussetzt, während wir die Indogermanen als ein schweifendes
+Hirtenvolk zu denken haben.</p>
+
+<p>Die vergleichende Schule zumal bei Kühn und Müller nahm die kunstvollen
+Göttermythen zum Ausgang, deren Ursprung aus Wind und Wolken und
+Himmelslicht abgelesen wurde. Schwartz hatte mit richtigem Gefühl
+die Volkssage in den Vordergrund gestellt, blieb aber in der rein
+meteorischen Auslegung befangen. Mit Mannhardt tritt immer mehr
+der Volksglaube als die ursprüngliche Religion in den Mittelpunkt,
+dem gegenüber zumal bei den Griechen der Götterglauben wie eine
+künstlerisch stilisierte Neugestaltung desselben Grundgedankens
+erscheint. <em class="gesperrt">Elard Hugo Meyer</em> baute diese Ansicht aus. Er nimmt
+verschiedene Entwicklungsstufen der mythischen Gestalten an nach dem
+Grundsatze, dass das menschliche <span class="pagenum" id="Page_32">[S. 32]</span>Denkvermögen vom Einfachen bis zum
+künstlerisch höher Ausgebildeten aufsteige.</p>
+
+<p>Die erste Stufe des Volksglaubens ist die Vorstellung von
+Seelengeistern, von Gespenstern. Der Geisterglaube wurzelt tief und
+unausrottbar im Menschen, Vorgänge im Leben, Traum, Alpdruck, Tod
+wirken zusammen, um überall bei wilden und gebildeten Völkern zumal
+unter dem Eindruck der Furcht den ziemlich gleichmässig gestalteten
+Geisterglauben hervorzurufen. Auf der zweiten Stufe stehen die
+Naturdämonen. Die Natur wird beseelt, wo Leben und Bewegung herrschen,
+im Gewitter, im Wind und Wolkenzug weben vielgestaltige Dämonen. Auf
+erster Stufe enttauchen also die Geister unmittelbar aus dem Innern des
+Menschen, auf zweiter Stufe tritt die Phantasie mehr in Thätigkeit.
+Die physikalische Erklärung kommt wieder vollauf zur Geltung, nur
+mit dem Fortschritt gegenüber der früheren Verwendung, dass nicht
+einfach eine Verkörperung der Elemente stattfindet, sondern eine
+Übertragung des bereits bestehenden Geisterglaubens in die bewegte
+Natur. Das geheimnissvolle Leben und Weben, das der Mensch in der
+Natur wahrnimmt, das mittelbaren und unmittelbaren Einfluss auf sein
+Wol und Weh hat, wird dem Walten unsichtbarer Mächte zugeschrieben.
+Und solche Wesen sind ja im Seelenglauben bereits vorhanden. Besonders
+Windgeister wirken überall in Wald und Feld, in Wolken und Wassern.
+Die Anthropologie hat einen fördersamen Beitrag zur Einsicht in
+die Entstehung mythischer Gebilde geliefert mit dem Nachweis der
+Seele und der Naturbeseelung, worin die gesamte niedere Mythologie
+eigentlich beschlossen ist. Ihr Ursprung ist damit auch notwendig
+überall aus der Wechselwirkung zwischen menschlicher Empfindung und
+der Natur erfolgt. Bei den meteorischen Auslegungen verliert sich
+Meyer freilich bald in die unwahrscheinlichen Künsteleien der älteren
+Schule. Nur die allgemeine Grundlage eines Volksglaubens oder einer
+Sage vermag die physikalische Deutung befriedigend nachzuweisen;
+sobald Einzelheiten ausgelegt werden, verlieren wir festen Boden.
+Vom niederen Dämonenglauben unterscheidet Meyer einen höheren,
+den die höheren Stände aus dem gewöhnlichen Volksglauben dadurch
+erschufen, dass sie geistige und sittliche Motive einwoben. Wir
+treffen demnach hier nicht mehr auf Vorstellungen, die mit zwingender
+Notwendigkeit aus überall gegebenen Voraussetzungen gleichmässig
+erwuchsen, vielmehr auf wesentlich willkürlich erzeugte individuelle,
+dichterische <span class="pagenum" id="Page_33">[S. 33]</span>Schöpfungen. Der höhere Dämonenglauben, der noch unter
+den ungetrennten Indogermanen im wesentlichen entstand, entfaltete
+die dritte Stufe: Götter-und Heroenglauben. Aus derselben Grundlage
+erwuchs unter der Pflege der Priester der Göttermythus, beim Adel und
+beim weltlichen Sänger der Heldenmythus. Daher erklären sich die längst
+erkannten Berührungspunkte zwischen der Göttersage und den mythischen
+Bestandteilen der Heldensage, nicht aus einem Abhängigkeitsverhältniss,
+das die Helden zu „Hypostasen“ von Göttern macht, sondern aus
+beiderseitigem gemeinsamem Hintergrund. In den <i>Indogermanischen
+Mythen</i> 1883 und 1887 wird ein stark ausgeprägter idg. Dämonenmythus
+angenommen, Sagen von Donner-und Blitzwesen, vom Sturmdämon, von
+Wolkenfrauen. Ebenso in der <i>Germanischen Mythologie</i> 1891. Der
+Dreiklang der Lufterscheinung, Gewölk, Wind und Gewitter, regt die
+Einbildungskraft zur Schöpfung bestimmter typischer Gestalten an,
+welche dann bei den einzelnen indogermanischen Völkern weiterhin
+zu Göttern und Helden individualisiert werden. Wie Müllenhoff
+räumt also auch Meyer der Heldensage eine wichtige Stelle in der
+mythologischen Überlieferung ein. Er erkennt aber, zumal in der
+germanischen Mythologie, die kaum lösbare Schwierigkeit ihrer
+Verwertung an. Weder auf die eine noch auf die andre Art ist je zu
+hoffen, dass Einigung darüber erzielt werde, was aus der Heldensage
+als mythisch auszuscheiden, wie es mit der übrigen mythologischen
+Überlieferung zu verknüpfen sei. Bedenken erregt ferner die Art, wie
+Meyer die einzelnen Götter aus den höheren Dämonen ableitet. Gewiss
+bestehen Berührungen zwischen Göttern und Dämonen. Namentlich Wodan
+ist aus der Gespensterschar zu den Himmlischen entrückt worden.
+Aber einzelne Erscheinungen dürfen nicht verallgemeinert werden.
+Die höhere Mythologie steht immer über der unvertilgbaren niederen,
+Wechselwirkungen nach oben und unten sind unvermeidlich, aber der
+Beweis, dass die höhere Mythologie in allen Teilen gleichsam organisch
+aus der niederen hervorging, ist nicht erbracht.</p>
+
+<p>Die mythologischen Deutungsversuche hefteten sich von jetzt ab
+an die niedere Mythologie, da hier entschieden mehr Aussicht auf
+befriedigende Lösung der Fragen besteht. <em class="gesperrt">Julius Lippert</em> wies
+in mehreren Schriften nachdrücklich auf Seelenglauben und Seelenkult
+als das eigentliche mythenerzeugende Element in allen Religionen hin;
+so in seinen <i>Religionen der europäischen Kulturvölker</i> 1881,
+in <i>Christentum, Volksglaube und Volksbrauch</i> 1882, <span class="pagenum" id="Page_34">[S. 34]</span>in der
+<i>Allgemeinen Geschichte des Priestertums</i> 1883/4. Die Thatsache,
+dass überall der Seelenglaube eine grosse Rolle spielt, tritt klar
+hervor. Aber Lippert irrt, wenn er im Seelenglauben die einzige
+Grundlage der Mythen annimmt und alle Religionen und Mythologien
+unmittelbar daraus ableitet. Nur unter Missachtung historischer und
+philologischer Ergebnisse, die sich dagegen auflehnen, vermag er seine
+Behauptung durchzuführen. Ungleich wertvoller ist <em class="gesperrt">Erwin Rohdes</em>
+<i>Psyche Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen</i>
+1890. Rohde erweist das Vorhandensein des Seelenglaubens bereits in
+den ältesten Zeiten des Griechentums. Selbst hinter diesen geistig
+und künstlerisch hoch entwickelten Lebensformen lagert der finstere
+Gespensterglaube, der einmal dem Menschen eingepflanzt und nur
+zeitweilig unter dem Einfluss höherer Bildung zurückzudämmen ist.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Ludwig Laistner</em> behandelte mit feinstem poetischem Empfinden
+und gründlichster Gelehrsamkeit Vorstellungsgruppen der niederen
+Mythologie. <i>In den Nebelsagen</i> 1879 nimmt er die Naturerscheinung
+zu Hilfe, der noch in einer uralten Zeit bereits einige Typen
+erwuchsen, z.&#8239;B. die Anschauung des Nebels als Wolf, des Sturmes als
+Ross. Aber nur ein paar Typen sind alt, deren Individualisierung
+den einzelnen Völkern zumal unter Einwirkung der Naturverhältnisse
+zufällt. Das Vermögen, aus Nebelerscheinungen Sagen zu bilden, hielt
+lange an. Die deutschen Nebelsagen sind nicht sehr alt; sie können
+erst entstanden sein, als unsre Vorväter, ins Bergland einrückend, die
+mannigfachen Gestalten des Nebels kennen lernten. Im <i>Rätsel der
+Sphinx</i> 1889 wird der Ursprung des Geisterglaubens an den Alptraum
+angeknüpft, der Alptraum als die Grundlage und der Ausgangspunkt
+zahlloser abergläubischer Vorstellungen und Sagen erwiesen. Laistner
+hat die psychologische Erklärung von der Mythenentstehung sehr
+gefördert, freilich auch zu einseitig angewandt. Höchst beachtenswert
+sind die Etymologien, die Laistners Schriften auch dem Sprachforscher
+überaus anziehend machen. Die Namen sollen von Anfang an mit den Sagen
+verknüpft sein; ihre richtige Etymologie, die ursprünglich durchsichtig
+und allgemein verständlich war, weist auf denselben Vorstellungskreis
+des Alptraumes hin, dem Sage und Glaube entstammen. Im Verlauf der Zeit
+kam der wahre Sinn abhanden. Die Forschung muss ihn wieder herstellen.
+Natürlich müssen auch die Etymologien manchen sachlichen und formalen
+Widerspruch hervorrufen. Aus dem Kreise <span class="pagenum" id="Page_35">[S. 35]</span>der Alptraumgeister entwickeln
+sich allmälig auch nach Laistner die übrigen mythologischen Gebilde.
+Der Alptraum ist Keim und Kern aller Mythologie.</p>
+
+<h4 id="Die_Wanderung_der_Mythen_7"><b>7. Die Wanderung der Mythen.</b></h4>
+
+<p>Die Symboliker hatten aus allgemeinen Ähnlichkeiten eine Urreligion
+erschlossen, welche mit der Menschheit von der Urheimat aus über den
+Erdball verbreitet worden war. Die Anhänger der vergleichenden Richtung
+vertraten eine ähnliche Anschauung, nur mit Beschränkung auf den
+indogermanischen Stamm. Auch sie glaubten an eine ziemlich ausgebildete
+indogermanische Mythologie, die mit den einzelnen Völkern wanderte und
+nach der Trennung allerdings sich auch verschiedenartig entfaltete.
+Kulte und Mythen aller Zeiten und Völker stehen in geheimnissvoller
+Wechselwirkung, Ähnlichkeiten sind nicht zu verkennen. Wenn sie nicht
+auf Zufall und gleichmässiger Entwicklung aus den überall gegebenen
+Voraussetzungen der Wechselwirkung zwischen menschlichem Geiste
+und Naturumgebung beruhen, wenn ebenso die urmenschliche wie die
+urindogermanische Religion als ein Irrtum bezeichnet werden muss,
+bleibt nur eine Erklärung: Entstehung an einer bestimmten Stelle und
+Ausbreitung von dort aus. <em class="gesperrt">O. Gruppe</em>, <i>Die griechischen Kulte
+und Mythen in ihren Beziehungen zu den orientalischen Religionen</i>
+I 1887 gelangt nach Verurteilung aller bisherigen Erklärungsversuche
+zur Lehre vom „Adaptationismus“, von der Entlehnung und Aufnahme
+der irgendwo und irgendwie gestifteten Religionsformen. Die übrige
+Menschheit war anfänglich durchaus religionslos. Gruppe sagt S. 151:
+„Wir glauben hinsichtlich der auch von uns zugegebenen sachlichen
+Übereinstimmungen zwischen den Kulten und Mythen der einzelnen
+indogermanischen Völker den Nachweis geführt zu haben, dass sie
+erstens nicht in die proethnische Urzeit hinaufreichen können, weil
+sie mit dem allgemeinen Kulturzustande jener Periode in unlöslichem
+Widerspruch stehen, dass sie aber ferner nicht einmal in die Periode
+der einzelnen Völkergruppen zurückgeführt werden dürfen, ja dass
+selbst die Anfänge der ethnischen Zeit wenigstens bei den Griechen
+ohne einigermaassen ausgebildete Religionsformen gewesen sein müssen.
+Damit ist nun negativ erwiesen, dass der von Müller eingeschlagene
+Weg, jene sachlichen Übereinstimmungen zu erklären, unrichtig war.
+Es kommt nun nur noch darauf an, dass eine andre Art der Erklärung
+<span class="pagenum" id="Page_36">[S. 36]</span>als die Vererbungshypothese möglich ist, d.&#8239;h. dass auch nach ihrer
+Trennung Inder, Griechen und Germanen zu denselben Religionsformen
+gelangen konnten, indem sie sich dieselben von aussen her aneigneten.
+Da als die gemeinschaftliche ausserindogermanische Quelle der bei den
+indogermanischen Völkern übereinstimmenden Mythen und Kulte nur Ägypten
+und das grösstenteils semitische Vorder-Asien in Betracht kommt, so
+handelt es sich darum, ob wol Wege denkbar sind, auf denen ursprünglich
+vorderasiatische oder ägyptische Religionsformen in grossem Umfange
+nach Griechenland, nach Indien und nach Mittel- und Nordeuropa
+importiert wurden.“ Also die Semiten haben die übrige Menschheit
+überhaupt erst mit Religion beglückt! Was Gruppe S. 180 ff. vom
+Entstehen der germanischen Religion sagt, ist höchst unwahrscheinlich.
+Er glaubt dem Caesar aufs Wort, dass die Germanen damals nur Sonne,
+Mond und Feuer anbeteten. „Wie hat sich das schon in der Zeit geändert,
+von der uns die Germania des Tacitus berichtet! Und von dort aus
+wieder welcher Abstand zu dem Zustand der germanischen Mythen und
+Kulte im Zeitalter der Völkerwanderung! Fast Schritt für Schritt
+können wir an der Hand äusserer glaubwürdiger Zeugnisse das Eindringen
+südeuropäischer Vorstellungen in Germanien verfolgen.“</p>
+
+<p>Gruppes Anschauungen an und für sich verdienen alle Beachtung. Er macht
+einen Unterschied zwischen dem Volksglauben und den priesterlichen
+hieratischen Mythen samt den damit verknüpften Kulten. Von diesen,
+also von der sogenannten höheren Mythologie gilt die Hypothese der
+Wanderung. Wenn auch nicht im vollen Umfang, wie Gruppe es meint, und
+einzig von dem Punkte aus, den er bestimmt, so hat doch die Annahme
+von Entlehnung gerade auf religiösem Gebiet ungemein viel für sich.
+Die Völker waren nicht so abgeschlossen, wie man gewöhnlich für den
+ältesten geschichtlich überlieferten Kulturstand anzunehmen pflegt.
+Auch steht fest, dass die religiösen Anschauungen der Germanen
+im ersten Jahrhundert sich mannigfach veränderten und zwar durch
+Anregung von aussen her. Tempelbau, Götterbilder, Altäre entstehen
+unter römischem Einfluss. Wodan als Kulturgott ist auch nicht unter
+gänzlich abgeschlossenen, fremden Einflüssen unzugänglichen Stämmen
+aufgekommen. Die nordische Mythologie enthält fremde Bestandteile in
+Menge, ihr ganzer Aufbau ist unmöglich aus bloss urgermanischem Gute zu
+verstehen. Aber es wird noch weitreichender und langwieriger Studien
+bedürfen, bis <span class="pagenum" id="Page_37">[S. 37]</span>die Wanderungslehre sich festigt. Oft lagern auch in
+der höheren Mythologie ältere und jüngere Schichten über einander;
+diese zu scheiden, ihre Herkunft zu bestimmen, dünkt uns eine schier
+unmögliche Aufgabe. Die sprachlichen Grenzen fallen natürlich bei der
+Wanderungslehre, wieder wie zur Zeit der Symboliker muss der Mythologe
+die Religion der ganzen Welt übersehen, aber nicht auf allgemeine
+Ähnlichkeiten, sondern auf Einzelheiten und immer mit strengster
+Quellenkritik. Das Ziel ist noch sehr ferne und wird vielleicht nie
+erreicht.</p>
+
+<p>In seiner geistvollen Schrift: <i>Sæledyrkelse og naturdyrkelse</i>,
+1. Band, Kopenhagen 1890, gelangt der Däne <em class="gesperrt">Vodskov</em>&#x2060;<a id="FNanchor_12_12" href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> zu
+ganz andern, Gruppe schnurstracks entgegengesetzten Ergebnissen. Wir
+übergehen hier die höchst anziehenden ethnographischen Abschnitte
+des Werkes, wo die Lehre von der allmäligen Ausbreitung des
+Menschengeschlechtes über die Erde, von der örtlichen Gebundenheit
+aller Kultur derjenigen von der Wanderung der einzelnen oft sehr hoch
+kultivierten Völker gegenüber gestellt wird, und weisen nur kurz auf
+die mythologischen Anschauungen des Verfassers hin. Er unterscheidet
+drei Hauptrassen, Arier, Mongolen, Semiten. Wie ihre ganze Anlage, so
+ist auch ihre Religion grundverschieden. Die Mongolen und Semiten haben
+es nicht über den Seelenkult gebracht (vgl. S. CII die Abfertigung
+des jüdischen Jehova, dieses „ächten Semiten“). Der Seelenkult ist
+des reinen, erhabenen Gottesbegriffes unfähig, er bleibt immer in
+dumpfer Beschränkung, indem der Mensch der alleinige Maassstab des
+Göttlichen ist. Wol schreitet der Seelendienst zum Ahnendienst,
+zur Naturbeseelung. Die Naturgegenstände sind die Äusserungen der
+Seelengeister. Aber der Begriff der Seele bleibt stets ein niedriger,
+erbärmlicher. Demgegenüber schwingt sich arischer Idealismus zum
+Gottesbegriff auf. Wol kennen die Indogermanen auch alle Abstufungen
+des Seelenglaubens, aber neben und über ihm den Götterglauben.
+Die Natur ist das Göttliche und alles Sein dem göttlichen Walten
+unterworfen. Gewiss ist ein grosser Unterschied, ob geglaubt wird,
+in der Natur wirken Gespenster oder lichte mächtige Götter. Die
+Seelenverehrung geht natürlich als die niederere Glaubensform der
+Naturverehrung voraus. Ansätze zur Vergötterung der Natur zeigen zwar
+auch die andern Rassen, zur vollen Entwicklung gedieh sie nur bei
+den Indogermanen. <span class="pagenum" id="Page_38">[S. 38]</span>Vodskov hat bis jetzt seine Lehre nur allgemein
+ausgesprochen, prüfen lässt sie sich erst, wenn sie im einzelnen am
+Stoffe nachgewiesen sein wird.</p>
+
+<p>So ist kein Mangel an Lehren, aber so vielseitig auch die Fragen
+beleuchtet wurden, befriedigend gelöst sind sie noch nicht. Für unsern
+nächsten Zweck ist aber auch die Entscheidung über Vorgänge, welche
+der Überlieferung zum Teil weit vorausliegen, nicht unentbehrlich. Wir
+haben es zu thun <i>mit dem germanischen, deutschen und nordischen
+Heidentum vom Beginn der Quellenzeugnisse bis zur Bekehrung, also etwa
+mit dem ersten Jahrtausend</i>. Es soll annähernd bestimmt werden,
+welche niedere und höhere Mythologie in diesem Zeitraume vorhanden
+war. Soweit auf dem Gebiete der höheren Mythologie Einwanderung und
+Entlehnung fremder, antiker oder christlicher Bestandteile, also
+„Adaptationismus“ damals stattfand, soll diese Thatsache thunlichst in
+den Vordergrund treten. Dagegen haben wir auch mit einem Bestand von
+hieratischen Kulten und Mythen zu rechnen, mit einem Grundstock höherer
+Mythologie, in dessen Besitz die germanischen Stämme um Christi Geburt
+sich befanden, den sie mit andern Indogermanen gemein hatten. Denn man
+darf die Germanen Caesars doch nicht götterlos, nur als Anbeter von
+Sonne, Mond und Feuer denken, während zur Zeit des Tacitus bereits
+ein ausgedehnter Götterglaube aus dem reinen Nichts entstanden wäre.
+Wie die Germanen zu ihren vorgeschichtlichen Göttern kamen, braucht
+nicht entschieden zu werden. Immerhin ist es noch wahrscheinlich,
+dass die Germanen mit den übrigen Indogermanen von Urzeiten her
+die Vorstellungen von lichten, himmlischen, waltenden Göttern
+gemein hatten, dass diese Götterbegriffe an den Naturerscheinungen
+insbesondere von Licht, Sonne, Gewitter sich entfaltet hatten.&#x2060;<a id="FNanchor_13_13" href="#Footnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> Die
+Persönlichkeiten der Göttergestalten, die wir erblicken, gehören aber
+gerade in ihren besten und schönsten Zügen den Germanen eigentümlich zu.</p>
+
+<h4 id="Die_Verschiedenheit_der_einzelnen_germanischen_Kulte_8"><b>8. Die
+Verschiedenheit der einzelnen germanischen Kulte.</b></h4>
+
+<p>Über einzelne verschiedene Kulte in der heidnisch-germanischen Zeit
+ist bei der Mangelhaftigkeit der Überlieferung wenig zu erfahren.
+Doch haben einige Gelehrte besonders darauf geachtet <span class="pagenum" id="Page_39">[S. 39]</span>und Ergebnisse
+gewonnen, welche für die Entwicklungsgeschichte der germanischen
+Religion von Wichtigkeit sind. <em class="gesperrt">Müllenhoff</em> suchte nachzuweisen,
+dass Tiuȥ ursprünglich Hauptgott der Germanen war, jedoch in
+Niederdeutschland bald vor Wodan zurückwich. <em class="gesperrt">Uhland</em> hatte
+den Unterschied des norwegischen Thorskultes und des schwedischen
+Freyskultes, endlich auch das Eindringen Odins im Norden hervorgehoben.
+<em class="gesperrt">Weinhold</em> (<i>Berliner Sitzungsberichte</i> 29, 611 ff.) wies
+nach, dass diese verschiedenen Kulte zwischen ihren Anhängern zu
+Kämpfen führten, die mit einem Vergleiche endigten. Die mit dem
+Ackerbau verknüpften Bräuche wurden sorgsam gesammelt, um daraus
+verlorene germanische Kultformen zu erschliessen. Solche Untersuchungen
+lieferten H. Pfannenschmid, Germanische Erntefeste im heidnischen und
+christlichen Kultus 1878, worin Mannhardts mythologische Anschauungen
+gelten, und Ulrich Jahn, Die deutschen Opferbräuche 1884, worin
+die erschlossenen Kultformen nicht nur auf die Wald-, Feld- und
+Wachstumsgeister, sondern auch auf die Hauptgottheiten des Heidentums,
+deren Spuren übereifrig aufgesucht wurden, zurückgeführt sind.</p>
+
+<h4 id="Die_nordische_Mythologie_ihr_Verhaeltniss_zur_deutschen_und_gemeingermanischen_9">
+<b>9. Die nordische Mythologie, ihr Verhältniss zur deutschen und
+gemeingermanischen.</b></h4>
+
+<p>Eine der schwierigsten Fragen betrifft das Verhältniss zwischen
+deutscher und nordischer Mythologie. Voreilig wurde eine Lösung
+versucht, ehe nur die einfachsten und nötigsten Vorfragen aufgeworfen,
+geschweige denn erledigt waren. Derselbe Trugschluss, dieselbe
+unbewusste Geschichtsfälschung, die auf ein paar Ähnlichkeiten hin
+eine hochentwickelte urindogermanische oder urmenschliche Religion
+ausbauten, haben lange Zeit ebenso das wirkliche Verhältniss deutschen
+und nordischen Götterglaubens entstellt. Die nordische Mythologie
+muss zunächst für sich allein gründlich erforscht werden, es gilt,
+die älteren und jüngeren Bestandteile aus einander zu lösen, die
+Entwicklung innerhalb der nordischen Mythologie selber festzustellen,
+vor allem aber die Quellen auf ihr Alter, auf ihre Zuverlässigkeit
+zu prüfen, ihren Inhalt mit Hilfe der nordischen Kulturgeschichte zu
+untersuchen, ehe man die Überlieferung auf Treu und Glauben hinnimmt
+und zu den kühnsten Kombinationen missbraucht. Im Zusammenhang mit der
+nordischen <span class="pagenum" id="Page_40">[S. 40]</span>Altertumskunde betrachtet muss die nordische Mythologie
+richtiger beurteilt werden, als wenn frischweg nach Lust und Laune ihr
+Inhalt ausgedeutet und mit fernliegenden Dingen zusammengestellt wird.</p>
+
+<p>Angeregt von Grimms Deutscher Mythologie unternahmen nordische Gelehrte
+zusammenfassende Darstellungen der nordischen. <em class="gesperrt">N. M. Petersen’s</em>
+<i>nordisk mythologi</i> 1849 sucht den grossartigen, einheitlichen
+Aufbau der Eddaüberlieferung vorzuführen; gelegentlich wird nach
+verschiedenen Arten ausgelegt. In <em class="gesperrt">R. Keyser’s</em> <i>nordmændenes
+religionsforfatning i hedendomen</i> 1847 (vgl. auch <i>samlede
+skrifter</i> 1, 249 ff.), <em class="gesperrt">P. A. Munch’s</em> <i>nordmændenes ældste
+gude- og heltesagn</i> 1853, <em class="gesperrt">K. Maurer’s</em> <i>Bekehrung des
+norwegischen Stammes zum Christentum</i> 1855/6 treten die reichlichen
+Nachrichten der Geschichtsquellen dem Inhalt der Edda ergänzend zur
+Seite, ohne dass jedoch der grosse Unterschied vollauf gewürdigt und
+richtig erklärt worden wäre.</p>
+
+<p>Schon vorher war ein beachtenswerter Versuch gemacht worden, die
+Entwicklungsgeschichte im überlieferten Stoffe nachzuweisen. <em class="gesperrt">Martin
+Hammerich</em> legte 1836 in seiner trefflichen Schrift „<i>om
+ragnaroksmythen</i>“ zuerst den kritischen Maassstab an die bisher
+nur bewunderte und mystisch ausgedeutete nordische Mythologie. Er
+hebt den Widerspruch zwischen der lebensfreudigen Götterwelt Odins
+und dem zukünftigen Friedensreiche des ungenannten Gottes, der in
+der neuen Welt herrschen wird, hervor. Unmöglich könne von Anfang an
+die Götterwelt dem Untergang durch Feuer geweiht gewesen sein. Es
+gab eine Zeit, da die Asen ewig und unsterblich waren. Erst spät,
+als der Heidenglaube sich innerlich überlebt hatte, erhub sich das
+zukünftige Reich des ewigen Gottes über dem endlichen Reiche Odins.
+Die „Götterdämmerung“ wird als letzte Entwicklungsstufe der Mythologie
+aufgefasst, ausschliesslich den Nordleuten und den letzten Zeiten
+des Heidentums zugewiesen. Der Schluss, die Götterdämmerung und das
+Friedensreich aus den Strömungen des 9./10. Jahrhunderts, d.&#8239;h. aus
+fremden Einflüssen zu erklären, wird aber noch nicht gewagt.</p>
+
+<p>Jedoch aus der blossen Betrachtung des Inhaltes der nordischen
+Mythologie waren keine festen Ergebnisse zu gewinnen, dazu bedurfte es
+eingehender Prüfung der einzelnen Quellen. Die nordischen Denkmäler
+erschienen in stetig sich verbessernden Ausgaben. Auf der Grundlage
+guter Texte nahm die nordische Geschichte <span class="pagenum" id="Page_41">[S. 41]</span>und Literaturgeschichte
+einen gewaltigen Aufschwung. Für die sog. ältere Edda, die Sammlung
+altnordischer Lieder sehr verschiedenartigen Ursprungs, Inhalts
+und Alters bildet die Ausgabe Bugges 1867 den Beginn erneuten,
+gründlicheren Studiums. Die wachsende Kenntniss der nordischen Sprache
+und Verskunst ergab Anhaltspunkte zur genaueren Altersbestimmung der
+überkommenen Lieder, der erweiterte und vertiefte Einblick in die
+geschichtlichen Zustände zeigte den Hintergrund, auf dem die Gedichte
+sich abheben. Auf ganz allgemeine Erwägungen hin wurde anfangs das
+Alter der Lieder überschätzt.</p>
+
+<p>So rechnet z.&#8239;B. <em class="gesperrt">W. Müller</em>, <i>Altdeutsche Religion</i>,
+S. 26, den Hauptbestandteil der Eddalieder mit Sicherheit dem 8.
+Jahrhundert oder Anfang des 9. Jahrhunderts zu. Die Form und Färbung
+dieser Dichtungen lässt erkennen, dass sie wegen ihrer grösseren
+Einfachheit und Natürlichkeit noch vor die künstlichere Skaldendichtung
+des 9. Jahrhunderts zu stellen sind. Zwar einige Heldenlieder wurden
+schon früher richtig ins 10./11. Jahrhundert gesetzt. Im allgemeinen
+aber galt die bereits von P. E. Müller vertretene Ansicht, dass der
+Grundstock der Sammlung, insbesondere die meisten Götterlieder, ins 8.
+Jahrhundert fallen. Lüning in seiner Eddaausgabe 1859, S. 7 f. erachtet
+die Lieder für noch älter, vor dem 8. Jahrh. entstanden. Die dänischen
+Altertumsforscher erklärten die Eddalieder für urnordisch, aber meist
+in Dänemark gedichtet und verlegten sie ins „mittlere“ (450–700) oder
+gar ins „ältere Eisenalter“ (250–450). Gegen diese leeren Meinungen
+wandte sich <em class="gesperrt">E. Jessens</em> vortreffliche Abhandlung über die
+Eddalieder (ZfdPh. 3, 1871, 1–84), welche den Beginn der wahrhaft
+kritischen Eddaforschung bildet und auch in ihren kühnen Behauptungen
+(christlicher Einfluss in der Vǫlospǫ́, Unechtheit der Bragilieder)
+immer mehr Bestätigung findet. Nach Jessen gehören die Götterlieder
+dem norrönen Stamm, den Norwegern und Isländern, und sind im 10. Jh.,
+ja noch später, doch mit Verwendung älterer Bestandteile gedichtet.
+Die Mythologie steht auf spätester norröner Entwicklungsstufe. Die
+Geschichte der nordischen Sprachen hat dieses Ergebniss vollauf
+bekräftigt. Urnordisch können die Lieder nicht sein, ihre metrische und
+sprachliche Form erlaubt frühestens den Ausgang des 9. Jahrhunderts
+anzunehmen.</p>
+
+<p>Die neueste, gründlichste Darstellung der altnordischen Litteratur,
+<i>den oldnorske og oldislandske litteraturs historie</i> von <em class="gesperrt">Finnur
+Jónsson</em> Bd. 1, 1893, S. 65 ff., wo sicherlich immer lieber zu
+alt <span class="pagenum" id="Page_42">[S. 42]</span>als zu jung geschätzt wird, stellt 875 als äusserste Grenze
+fürs älteste Eddalied, die Hǫ́vamǫ́l, auf, während die hochberühmte
+Vǫlospǫ́, die Hauptquelle nordischer Mythologie, auf 935/40 angesetzt
+wird. Nur also wer den Inhalt völlig von den Denkmälern trennt und
+den nordischen Dichtern des 10. Jahrhunderts ein zähes Festhalten an
+uralter Sagenüberlieferung beimisst, mag ein weit höheres Alter des
+Stoffes behaupten, wie es Finnur Jónsson auch thut.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Henry Petersen</em>, <i>om Nordboernes gudedyrkelse og gudetro i
+hedenold</i> 1876 suchte die längst erkannten und namentlich von
+Uhland hervorgehobenen Unterschiede des nordischen Thors-, Freys- und
+Odinskultes zu erklären. Er kam auf Grund umfassender Betrachtung der
+Skaldendichtung, der geschichtlichen und archäologischen Quellen zum
+Schluss, dass Thor der Volks- und Landesgott der Norweger sei, während
+Odin bei den Skalden und am Fürstenhofe als oberster der Götter verehrt
+wurde. Die nordische Kunstdichtung folgt auch in der Göttersage wie
+in der Heldensage ihrem Hange, fremden, aus Deutschland zugewanderten
+Stoff dem altheimischen, also Wodan-Odin dem Thor vorzuziehen. Odin ist
+von der Skaldendichtung des 9./10. Jahrhunderts nicht zu trennen, dort
+ist sein Reich. Im Volke leben Thor und Freyr, die nur selten und wol
+immer unter höfischem, skaldischem Einfluss Odin neben sich dulden.
+Die nordische Litteraturgeschichte hatte allmählig zur Erkenntniss
+geführt, dass die sogen. Eddalieder den Erzeugnissen der Skaldenpoesie
+zuzurechnen seien, nicht als uralte schlichte Volksballaden gelten
+dürfen. Die Skaldenkunst trägt aber in Form und Gehalt ein durchaus
+eigenartiges, subjektives Gepräge. Wol schöpft sie aus dem Horte
+altheimischer Sagenüberlieferung, doch manches steht und fällt
+mit den Skaldengedichten und reicht nicht über sie zurück. In der
+Skaldenkunst kommt keineswegs der norwegische Volksglaube unmittelbar
+zu Tage, eine Mythologie, die hier ihr Dasein fristet, ist nicht der
+echte, eigentümlich nordische Götterglaube. Die Eddamythologie ist in
+wesentlichen Stücken als Erdichtung der Skalden zu erachten, sie ist in
+ihrer Gesamtheit kein getreues unverfälschtes Abbild der mit dem Kulte
+des nordischen Volkes verwachsenen Mythologie, noch weniger natürlich
+ein Abbild urgermanischer Mythologie. Im Thors- und Freyskult mag man
+vereinzelte urzeitliche Spuren antreffen, in der Odindichtung gelangt
+man zunächst auf die unmittelbare Quelle, den deutschen Wodanglauben,
+der jedoch nicht unverändert, sondern im Gegenteil mit selbständigen
+<span class="pagenum" id="Page_43">[S. 43]</span>Zusätzen der nordischen Skalden reichlich ausgeschmückt erscheint.
+Thor und Freyr entwickelten sich wol selbständig bei Norwegern und
+Schweden aus urgermanischen Göttergestalten, aus Donar und Tiuȥ. Wodan
+aber wanderte als Fremdling aus Deutschland in den Norden, worauf die
+Überlieferung selber hinweist. Die Skalden des 9./10. Jahrhunderts
+haben zwar nicht selber Odins Gestalt sich aus Niederdeutschland und
+Dänemark geholt, sondern bereits in Skandinavien vorgefunden; aber
+sie haben sich seiner bemächtigt und in ihren Liedern ihn zu höchstem
+Rang und Ansehen erhoben, dem Gotte, dem das Volk widerstand, zu
+unumschränkter Vorherrschaft das Reich der Dichtung erschlossen.</p>
+
+<p>Ist einmal erwiesen, dass die wichtigsten Denkmäler der nordischen
+Mythologie frühestens dem 9. Jahrhundert, meistens sogar erst dem 10.
+angehören, so darf die von den geschichtlichen Verhältnissen notwendig
+verlangte Folgerung nicht ausser Acht bleiben. Die vorhergehenden
+Jahrhunderte sind die der Wikingerzeit, da die Drachenschiffe
+der Nordländer anfangs zu Heerung und Beute, später zu dauernder
+Niederlassung die umliegenden Lande aufsuchten&#x2060;<a id="FNanchor_14_14" href="#Footnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a>. Nach Russland, an
+die pommersche, friesische, fränkische Küste, nach England, Irland, den
+Färöern, Island (von 874) liefen die Schiffe aus. Schon im Anfang des
+7. Jahrhunderts ist von einem Seezug der Dänen nach Frankreich, von
+einer Landung nordischer Schiffe auf Tory Island in Irland die Rede.
+Aber es währte lange, bis die Fahrten regelmässiger und zahlreicher
+wurden. Um 800 hatten die Wikinger-Einfälle in England und Irland
+bereits bedrohlich zugenommen, 852 wurde eine förmliche Herrschaft
+in Dublin aufgerichtet. Die Berührung mit fremden, christlichen, an
+Kultur hochentwickelten Völkern musste zu wechselseitigen Einwirkungen
+führen. Wol erschienen die Nordleute zuerst sengend und brennend und
+verschwanden schnell wieder mit der gewonnenen Beute, aber es wurde
+mitunter auch mit dem fremden Volke verhandelt. Entführte Frauen,
+Kinder, die solchen Raubehen entsprangen, trugen zur Vermischung
+der verschiedenartigsten Elemente bei. Nach erfolgter dauernder
+Niederlassung ergaben sich engste Beziehungen zwischen den Einwohnern
+und den Nordleuten. Mit den Stammlanden wurde der Verkehr <span class="pagenum" id="Page_44">[S. 44]</span>lebhaft
+unterhalten. So kam es, dass einzelne Nordleute lange vor der Bekehrung
+der Heimatlande auswärts Christen wurden. Sie lernten christlichen
+Brauch kennen, sie hörten und sahen viel Neues, ihr geistiges Leben
+empfing mannigfache Anregung. Wie die Deutschen nach den Berührungen
+mit den Römern, nach der Wanderungszeit anders geworden waren als
+zuvor, so ist auch die nordische Kultur nach der Wikingerzeit eine
+neue, und aus der neuen Zeit heraus empfängt die nordische Mythologie
+ihre Erklärung. Längst war die Ähnlichkeit antiker und christlicher
+Sagen und Vorstellungen mit einzelnen Zügen nordischer Mythologie
+erkannt, aber nicht erklärt worden. Der norwegische Altertumsforscher
+<em class="gesperrt">Sofus Bugge</em> begründete in seinen <i>Studien über die Entstehung
+der nordischen Götter- und Heldensagen</i> 1889 eine neue sachlich und
+geschichtlich durchaus gerechtfertigte Auffassung dieser Thatsachen,
+fand aber mehr Widerspruch als Anerkennung. In Deutschland that sich
+Müllenhoff mit groben, polternden Ausfällen gegen die historische
+Erklärung hervor. Die Gegner warfen sich auf zweifelhafte Einzelheiten,
+auf die freilich arg willkürlichen und anfechtbaren Etymologien, um
+dadurch die ganze Lehre zu stürzen. Die Aufmerksamkeit wurde von der
+Hauptsache abgelenkt. Nachdem der Streit ruhiger geworden, erheben sich
+immer mehr schüchterne und kühnere Zustimmungen. Die einleuchtende
+Wahrheit von Bugges Grundgedanken ist einmal nicht wegzuleugnen.
+Die Frage dreht sich eigentlich gar nimmer ernstlich darum, ob die
+nordische Mythologie überhaupt fremde Bestandteile aufnahm, sondern
+nur, wie viele und auf welche Art. Die Baldrsage, Odin am Galgen, den
+Weltbaum, diese Mythenkreise erklärt Bugge entstanden unter Einwirkung
+antiker und christlicher Vorstellungen, welche die nordischen Wikinger
+in England und Irland kennen lernten. Die Mythologie der nordischen
+Skalden ist ein Erzeugniss der Wikingerzeit; es kann daher nicht
+Wunder nehmen, wenn die vielen fremden Strömungen, denen damals die
+Nordleute unterworfen waren, auch in ihren Sagen sich abspiegeln.
+Einen kräftigen Stoss gegen Bugge gedachte der Isländer Finnur Jónsson
+im <i>arkiv for nordisk filologi</i>6, 121 ff.; 9, 1 ff. zu thun. In
+seiner <i>oldnorske og oldislandske litteraturs historie</i> führt
+er den Gedanken weiter aus. Jiriczek berichtete in der <i>Beilage
+zur allgemeinen Zeitung</i> 1894 Nr. 79 in gedrängter Kürze
+darüber. Solange man den Götterliedern der Edda ein unmöglich hohes
+Alter zuschrieb, solange die kulturgeschichtliche Bedeutung <span class="pagenum" id="Page_45">[S. 45]</span>der
+Wikingerzeit noch nicht erkannt und gewürdigt war, lag die Annahme
+fremder Bestandteile in der nordischen Mythologie völlig fern. Jetzt
+aber fallen diese Lieder nach dem einstimmigen Urteil der Kenner
+in eine Zeit, in welcher Einwirkungen aus England und Irland sehr
+wahrscheinlich sind. Aber neben den Eddaliedern besitzen wir die
+eigentlichen Skaldenlieder. Bragi, der älteste norwegische Skald,
+dichtete vor 840, die Skalden König Haralds zum Teil vor 875. Die
+unter ihrem Namen überlieferten Preislieder auf Könige und Fürsten
+setzen dieselbe Mythologie voraus, der wir in der Edda begegnen.
+Die Skaldengedichte sind teils unmittelbar mythischen Inhalts. Die
+Skalden beschreiben Schilde, die sie zum Geschenk erhielten, auf denen
+Mythen abgebildet waren, oder sie bedienen sich der höchst künstlichen
+Bildersprache, deren ewige schwierige Anspielungen genauste Kenntniss
+der Mythen beim Hörerkreise, also wenn auch nicht beim Volke, so doch
+bei den Königsleuten, bei der höfischen Gesellschaft voraussetzen.
+Nun sagt Finnur Jónsson, die Wikingerzüge seien in der ersten Hälfte
+des 9. Jahrhunderts nur Sommerstreifzüge gewesen, überwintert wurde
+in Irland erst 835, in England 851. Gegenseitige Einwirkungen der
+Nordleute, Iren und Angelsachsen seien doch erst infolge längeren
+freundlichen Verkehres möglich. Da nun in Bragis Gedichten in der
+ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts die nordische Mythologie vorliegt,
+so kann sie nicht unter westlichen Einflüssen stehen, sondern
+sie muss sich in Norwegen selber unberührt von der Wikingerzeit
+entwickelt haben. Der Hypothese Bugges ist der Boden entzogen, die
+Übereinstimmungen nordischer Mythen mit antiken und christlichen
+Vorstellungen dürfen nicht in seinem Sinne als Entlehnungen erklärt
+werden. Finnur Jónsson hat mit Recht die geschichtliche Vorfrage
+beleuchtet, die vor allem beleuchtet werden muss. Das Vergleichen
+der Überlieferung selber führt zu keiner sicheren Entscheidung, wenn
+nicht zuvor erwiesen ist, ob fremde Einflüsse überhaupt möglich waren
+oder nicht. War die nordische Mythologie, die wir aus den Eddaliedern
+des 10. Jahrhunderts kennen, bereits im 9. Jahrhundert, ja schon um
+800 vorhanden, geht sie ursprünglich allein aus Norwegen hervor, dann
+ist allerdings englisch-irischer Einfluss weniger wahrscheinlich,
+immerhin aber nicht ganz ausgeschlossen. Schon im 7./8. Jahrhundert
+holten sich die Nordleute die Nibelungensage und den Wodanglauben aus
+Deutschland. Beginnen auch erst am Ende des 8. Jahrhunderts Westfahrten
+in grösserem Maassstabe, so <span class="pagenum" id="Page_46">[S. 46]</span>sind doch einzelne Züge weit älter. In
+seinem <i>bidrag til den ældste skaldedigtnings historie</i> 1894
+widmete Bugge der Sache eingehende Untersuchung. Unter Hinweis auf
+mehrere Abhandlungen Zimmers, welcher nordische Einflüsse im Irischen
+aufdeckte, erklärt Bugge die Behauptung, vor 840 sei keine Einwirkung
+aus dem Westen auf Norwegen möglich, für hinfällig. Schon die erste
+Hälfte des 9. Jahrhunderts kann sehr wol die nordische Mythologie
+der Skalden gezeitigt haben. Aber weit schwerer wiegt der Umstand,
+dass die dem Skald Bragi zugeschriebenen und daher ins 9. Jahrhundert
+verlegten Strophen erst in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts und
+vermutlich auf den westlichen Inseln gedichtet wurden. Also wird die
+nordische Mythologie durch überlieferte Denkmäler gar nicht für den
+Anfang des 9. Jahrhunderts, sondern frühestens fürs Ende erwiesen. Die
+Skaldendichtung entstand unter Einwirkung einer reichen Kulturströmung
+aus England und Irland. Sie ist in Wirklichkeit nicht älter als die
+Eddadichtung, mithin kann sie so wenig wie diese ohne Rücksicht auf
+die Zustände der Wikingerzeit beurteilt werden. Finnur Jónsson sucht
+die Entstehung der Eddalieder und älteren Skaldengedichte möglichst
+nach Norwegen zu verlegen, weil die norwegische Urheimat weniger den
+Verdacht fremder Einflüsse aufkommen lässt. Gudbrand Vigfusson hatte
+den Gedanken hingeworfen, viele dieser Gedichte seien in den nordischen
+Neusiedelungen auf den Inseln des Westmeeres verfasst worden. Diese
+Behauptung wurde freilich stark angefochten. Jedoch dürfte sich
+immerhin westlicher Ursprung und damit höchste Wahrscheinlichkeit der
+Entlehnung fremder Züge für dieses oder jenes Gedicht noch nachweisen
+lassen. Bugges Gründe sind sehr zahlreich, sachlich und formal. Alle
+halten zwar nicht Stand, aber doch genug, um die blosse Behauptung
+und den unbedingten Glauben der Gegner, dass die unter dem Namen der
+ältesten Skalden laufenden Gedichte wirklich von ihnen herstammen,
+stark zu erschüttern. Die Frage nach der Ächtheit der Asalehre ist
+somit in ein neues Stadium gerückt, indem die Berechtigung ihrer
+Aufstellung überhaupt bestritten wird. Aber auch hier wird der
+Bescheid schliesslich günstig ausfallen, obschon sich noch manche
+neue Anfechtung erheben wird. Der poetische Wert, die erhabene Grösse
+der nordischen Mythologie erleidet nicht die geringste Einbusse mit
+dem Nachweis, dass sie weder urnordisch noch urgermanisch, vielmehr
+norwegisch ist, ein Erzeugniss der Wikingerzeit, erwachsen unter
+<span class="pagenum" id="Page_47">[S. 47]</span>fremden Einflüssen, vielfach durch antike und christliche Vorbilder
+angeregt, aber erfüllt von nordischem Geist, als Ganzes eine echt
+nordische Schöpfung. Die nordische Mythologie ist der krönende
+Abschluss der Entwicklungsgeschichte germanischer Mythologie.</p>
+
+<p>In meinem Handbuch habe ich die Skaldengedichte, wo es nötig erschien,
+neben den Eddaliedern angeführt und zwar nach dem Zeitansatz der
+Litteraturgeschichten Mogks und Finnur Jónssons. Ich wagte nicht, die
+neuen Ansätze Bugges für Bragi und Thjodolf aufzunehmen. Noch wäre
+es verfrüht, auch muss die ganze ältere Skaldendichtung sorgfältig
+daraufhin durchgearbeitet werden. Aber es sei ein für allemal hier
+bemerkt, dass wir trotz den scheinbar alten Zeugnissen die Mythologie
+der Skalden schwerlich auf 800, vielmehr auf etwa 900 anzusetzen haben.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Eine selbständige Weiterführung der Lehre Bugges bieten <em class="gesperrt">E.
+H. Meyers</em> Schriften <i>Völuspá</i> 1889 und <i>Die eddische
+Kosmogonie</i> 1891. Aus reicher Belesenheit in theologischen Schriften
+des Mittelalters zählt Meyer viele ähnliche Züge der christlichen und
+nordischen Mythologie auf. Mancher trifft zu, mancher ist gesucht; von
+neuem tritt die Thatsache durchgreifender Übereinstimmungen zu Tage.
+Die zwei Hauptfragen, die Entstehungszeit der nordischen Mythologie
+und die unmittelbaren Vorlagen, aus denen die fremden Bestandteile
+übernommen wurden, Fragen, über die volle Gewissheit nie zu erhoffen
+ist, sucht Meyer bestimmt zu beantworten. Ein isländischer Theolog,
+der Gelehrte Sämund († 1133), verfasste die Vǫlospǫ́, die inhaltlich
+überhaupt kein heidnisches, sondern ein rein christliches Werk sei.
+Ein beliebtes Thema jener Zeit, die Dichtung von der Weltschöpfung,
+vom Sündenfall, von der Erlösung und vom jüngsten Gericht ward in die
+nordische Gedankenwelt umgesetzt. Die nordischen Götternamen spielen
+darin eine ähnliche Rolle, wie die antiken bei den christlichen
+Dichtern des Mittelalters, die in lateinischer Sprache und mit antikem
+mythologischem Aufputz Abschnitte aus der Heilsgeschichte vortrugen.
+Snorri führte dann etwa hundert Jahre später Sämunds Arbeit in seiner
+Edda vollends aus. Der eigentliche Inhalt der Vǫlospǫ́ gehört also gar
+nicht der nordischen Mythologie an. Die isländische Litteratur- und
+Kulturgeschichte, ebenso allgemeine Erwägungen sprechen entschieden
+gegen diese Auffassung. Der Inhalt der Vǫlospǫ́ ist nordische
+Mythologie des 10. Jhs.; wir haben es mit <span class="pagenum" id="Page_48">[S. 48]</span>einer Dichtung des
+ausgehenden Heidentums zu thun unbeschadet der fremden Elemente.</p>
+
+<p>Gegen Bugge ist des Schweden <em class="gesperrt">V. Rydbergs</em> geistvolles Buch
+<i>„undersökningar i germanisk mythologi“</i>, 2 Bde. Stockholm
+1886/9, gerichtet. Zwar finden sich manche brauchbare Einfälle, aber
+im Grundgedanken ist das Buch vollkommen verfehlt, indem es noch
+einmal die wissenschaftlich überwundene vergleichende Mythologie in
+der kühnsten Weise aufleben lässt. Die Edda wird frischweg mit dem
+Veda, der Veda mit der Edda verglichen, beide auseinander ergänzt,
+berichtigt, kombiniert und aus einer unmöglichen und unglaublichen
+Urquelle geleitet. Wie die Edda oder der Veda samt der darin
+enthaltenen Mythologie je für sich entstand, diese erste und wichtigste
+Frage verschwindet völlig beim luftigen Brückenbau, den der dichterisch
+hochbegabte Verfasser ohne Bedenken zwischen beiden herstellt.</p>
+
+<h4 id="Die_neuesten_Darstellungen_germanischer_Mythologie_10"><b>10. Die
+neuesten Darstellungen germanischer Mythologie.</b></h4>
+
+<p>Auf Grund der aufgezählten Werke wurden neuerdings zusammenfassende
+Darstellungen der germanischen Mythologie im grösseren Maassstab
+unternommen von <em class="gesperrt">E. H. Meyer</em> (<i>Germanische Mythologie</i> 1891)
+und <em class="gesperrt">Mogk</em> (<i>im Grundriss der germanischen Philologie</i> 1, 982
+ff.). Wir erhalten daraus einen Überblick, wie sich die germanische
+Mythologie im Lichte der heute geltenden Anschauungen ausnimmt.
+Meyer teilt nach seinen Grundsätzen die mythologische Überlieferung
+in Seelen- und Marenglauben, endlich in den Dämonenglauben ein,
+woraus er die Götter hervorgehen lässt. Die Eddamythologie musste
+er als theologische Dichtung ausschliessen. Bei den Dämonen drängt
+sich noch zu sehr die meteorische Deutung hervor. Aber trotz
+solchen tief eingreifenden Irrtümern ist seine Mythologie eine
+hochbedeutende Leistung. Mit bewundernswertem Fleisse ist das gesamte
+wissenschaftliche Material bis in die entlegensten Einzelheiten
+herangezogen und verzeichnet. Sein Buch ist eine wahre Fundgrube und
+leistet neben der Mythologie J. Grimms, deren vierte Ausgabe mit
+dem Nachtragsbande wir ja ebenfalls Meyer verdanken, dem Mythologen
+die wichtigsten Dienste. Bei Mogk ist der klare, vorsichtige Aufbau
+zu rühmen. Auch er beginnt mit der niederen Mythologie, sucht aber
+kein unmittelbares Abhängigkeitsverhältniss zwischen ihr und <span class="pagenum" id="Page_49">[S. 49]</span>dem
+Götterglauben herzustellen. Hauptgewicht liegt auf der Quellenkritik,
+die vor übereilten Behauptungen und vorschnellen Deutungen bewahrt.
+Entlehnung wird in gewissen Grenzen zugegeben. <em class="gesperrt">Kauffmanns</em> kleine
+deutsche Mythologie (<i>Sammlung Göschen</i> Nr. 15) 1. Auflage 1890,
+2. Auflage 1893 schliesst die niedere Mythologie völlig aus und strebt
+nur eine Übersicht über das an, was die alten Quellen unmittelbar vom
+Götterglauben berichten. Die germanischen Götternamen der römischen
+Inschriften werden nach Gebühr berücksichtigt. Die Baldrsage erklärt
+Kauffmann euhemeristisch, Sagenhelden seien zu Göttern erhoben worden.
+Ein grosser Waldesgott der Germanen wird aus Namenetymologien, aus
+Widar, Hönir, Wali, Mitothin, Heimdall, Requalivahanus erschlossen. Aus
+jugendlicher Blödigkeit habe er sich plötzlich zu Heldenschaft, zum
+erhabenen Richteramt erhoben, die verborgene Kraft bewährend, aus dem
+Dunkel hervorleuchtend. <em class="gesperrt">Mein eignes Büchlein</em> <i>„Götterglaube
+und Göttersagen der Germanen“</i> Dresden 1894 verhält sich zu diesem
+Handbuche wie ein Entwurf zur Ausführung, die aber zugleich auch vieles
+zu berichtigen hat.</p>
+
+<h4 id="Das_Ziel_des_vorliegenden_Handbuches_11"><b>11. Das Ziel des
+vorliegenden Handbuches.</b></h4>
+
+<p>Hiermit erübrigt noch die Bestimmung der Ziele des gegenwärtigen
+Handbuchs. Mythologie ist eigentlich nur Göttersage, ein Handbuch
+der Mythologie hat demnach möglichst vollständig und übersichtlich
+die Göttersage darzustellen, wobei zwei Hauptpunkte in Betracht
+kommen: richtige Auslegung und wenn nötig Ergänzung der mangelhaften
+Überlieferung, richtige Anordnung des also gewonnenen Stoffes, womit
+Fragen über Ursprung, Alter, gegenseitiges Verhältniss verschiedener
+Berichte erledigt werden. Es wird Vorführung der erhaltenen oder
+erschlossenen Göttersage nach ihrer Entwicklungsgeschichte angestrebt,
+aber Mythendeutung, überhaupt Hinausgreifen über die Zeit der Denkmäler
+möglichst vermieden. Wir müssen uns zunächst in den Grenzen unsrer
+thatsächlichen Kenntnisse zurechtfinden, ehe wir mit haltlosen
+Vermutungen darüber hinausschweifen.</p>
+
+<p>„Unter Mythologie verstehen wir die Summe der Bilder und Dichtungen,
+in denen ein Volk seine religiös-poetischen Anschauungen von der
+es umgebenden Natur und den in ihr wirkenden Kräften, die es als
+persönliche Wesen auffasste, ausgeprägt <span class="pagenum" id="Page_50">[S. 50]</span>hat; wir verstehen darunter
+auch die Wissenschaft, die bestrebt ist, den Gehalt, Gang und Umfang
+der in diesen Dichtungen enthaltenen, inneren geistigen Entwicklung
+darzulegen und deren Aufgabe daher notwendig eine historische ist.“&#x2060;<a id="FNanchor_15_15" href="#Footnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a>
+Diese Begriffsbestimmung sieht vom niederen Volksglauben ab, sie
+betrifft hauptsächlich die Helden-und Göttersage, allenfalls noch die
+Naturdämonen, die wichtigen Seelengeister schliesst sie aus. Zu den
+religiös-poetischen Anschauungen von der umgebenden Natur ergänzt E.
+H. Meyer mit Recht die aus Vorgängen des Menschenlebens entstandenen
+Vorstellungen des niederen Volksglaubens.</p>
+
+<p>Es wird überhaupt rätlich sein, die Begriffe <i>Mythologie und
+Religion, Sage und Glauben</i> aus einander zu halten.&#x2060;<a id="FNanchor_16_16" href="#Footnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> Ein Handbuch
+der Mythologie muss auch die Religion enthalten, denn meistens erwächst
+doch die Sage aus dem Glauben. Mit dem Glauben ist der Kult unlöslich
+verknüpft. Wer an Geister und Götter glaubt, wird ihnen auch mit Opfer
+und Gebet dienen, um ihren Grimm zu sühnen, ihre hilfreiche Gunst zu
+gewinnen. Häufige Irrtümer scheinen daraus entstanden zu sein, dass
+Religion und Mythologie nicht scharf aus einander gehalten wurden.
+Die Geister und Götter, an die man glaubt, können zum Teil aus dem
+psychologischen Leben des Menschen und aus den Einwirkungen der Natur
+erklärt werden. Aber die <i>Sage</i>, die <i>Mythologie</i> ist bereits
+eine weitere, höhere Stufe. Die Mythologie erwächst nicht unmittelbar
+aus poetischer Naturanschauung, die Naturerscheinungen setzten sich
+nicht unmittelbar in dichterische Bilder und Gleichnisse um, deren
+Reihenfolge zu einer fortschreitenden Handlung ward. Man darf einen
+Mythus, eine Sage nicht ohne weiteres in Naturvorgänge auflösen wollen.
+Zwischen den letzten Ursachen und der Mythologie liegt Glaube und Kult
+inmitten. Die Religion mag allenfalls als das notwendige Ergebniss
+unbewussten, unwillkürlichen Denkens gelten, in der Mythologie darf
+die bewusste willkürliche, individuelle und subjective Dichtung nicht
+unterschätzt werden. Die Mythologie ist das geistige Erzeugniss
+der Priester und Dichter, eine Poesie, die sich auf den gegebenen
+religiösen Thatsachen aufbaut. Manchmal mag ein Zusammenhang zwischen
+den Ursachen des Glaubens und der Mythologie unverloren sein. Im
+bewusst festgehaltenen Verein mit den Ursachen der Religion kann
+eine <span class="pagenum" id="Page_51">[S. 51]</span>Mythologie bleiben, z.&#8239;B. die des Veda. Im allgemeinen aber
+entschwindet das Verständniss der letzten Ursachen des Glaubens dem
+Bewusstsein sehr bald, und dann fällt die Sage der freigestaltenden
+Phantasie der Dichter anheim. Demnach scheint Mythendeutung nur dann
+berechtigt, wenn sie zunächst auf Feststellung des religiösen Kernes
+ausgeht und diesen allenfalls unter günstigen Umständen auslegt.
+Gleicher Glaube setzt somit keineswegs gleiche, höchstens ähnliche
+Sage voraus. Deutsche und Nordleute haben im Grunde einen ähnlichen,
+im einzelnen vielleicht gleichen Glauben besessen, aber darum ist
+die nordische Mythologie nicht mit der deutschen gleich, sie muss im
+Zusammenhang mit nordischer Kultur und Dichtung beurteilt werden.</p>
+
+<p>Aus dem Götterglauben erwächst die Göttersage, aus dem Volksaberglauben
+die Volkssage. Hier liegen die Verhältnisse einfacher. Aus den
+vielen Wendungen, die aus neuer und alter Zeit, aus Nord und Süd
+vorliegen, tritt fast immer der Typus, die gemeinsame Grundlage der
+überall besonders erzählten Sage, klar zu Tag, sein Zusammenhang mit
+dem Volksaberglauben ist beinah überall ersichtlich. Diese Typen
+und ihren abergläubischen Kern, also Volkssage und Volksglauben hat
+unser Handbuch ebenfalls darzustellen, sofern ihr Vorhandensein im
+Heidentum wahrscheinlich ist. Die Göttersage, die höhere Mythologie,
+ist natürlich ebenso verwickelter und schwieriger als die Volkssage,
+die niedere Mythologie, wie die Kunstdichtung mit andern Maassen zu
+messen ist als die kunstlose Volksdichtung. In einem Fall sind die
+Verhältnisse einfach und durchsichtig, im anderen entziehen sie sich
+als individuelle Vorgänge der Dichterseele unsrem Blick. Dazu kommt
+der Umstand, dass bereits die beiderseitigen Voraussetzungen, die
+religiösen Thatsachen, im Götterglauben willkürlicher gestaltet und
+höher entwickelt sind als im Volksglauben. Die Wissenschaft muss oft
+Entsagung üben. Es ist besser und nützlicher, bei der Göttersage
+einzuhalten, wo die Erklärung versagt, als eine Erklärung zu erzwingen.
+Denn nur zu schnell verliert man Grund und Boden. Der Forschung wird
+besser gedient, wenn die Lösung einer Frage nur so weit geführt wird,
+als sie wahrscheinlich ist, wenn die Grenzen unseres Wissens, seis auch
+nur vorläufig, nicht überschritten werden, als wenn man sich und andern
+Ergebnisse vortäuscht, deren Haltlosigkeit bald genug erhellt.</p>
+
+<p>Werden Glaube und Sage in eine förmliche Lehre gebracht, so entsteht
+Theologie. Nur bei Vorherrschaft des Priestertums <span class="pagenum" id="Page_52">[S. 52]</span>wird eine
+dogmatische Lehre, die zugleich Eigentum eines besonderen Standes
+bleibt, sich entfalten. Brahmanen und Druiden haben die Religion und
+Mythologie ihrer Völker zur Theologie ausgebildet, bei den Germanen
+geschah dieser Schritt nicht. Eine Götterlehre brachte das Heidentum
+nicht hervor. Aber in andrer Weise fand die nordische Mythologie in der
+ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine systematische Bearbeitung durch
+Snorri Sturluson. Zwar leiten ihn nicht theologisch-dogmatische, wol
+aber gelehrte Absichten, die auf ein einheitliches System hinauslaufen,
+wonach die nordische Mythologie darzustellen sei. Allzulange hat der
+geschichtlichen Erkenntniss nordischen Glaubens und nordischer Sage der
+Umstand geschadet, dass man Snorris Auffassung nicht vom Stoffe selber
+schied.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>J. Grimms Deutsche Mythologie will den Glauben der Deutschen
+wiederherstellen, wobei die nordische nur als Hilfswissenschaft dient,
+Simrocks Handbuch der deutschen Mythologie nimmt den Inhalt der
+nordischen Quellen einfach für Deutschland herüber. Die neueren Werke
+von E. H. Meyer, Mogk, Kauffmann erweitern den Begriff deutsch zu
+germanisch. So will auch dieses Handbuch verstanden sein. So gut als
+möglich soll auf dem Hintergrund germanischer Glaubensvorstellungen
+die deutsche und nordische Mythologie gleichermaassen zu ihrem Rechte
+kommen, aber mit starker Betonung beiderseitiger Selbständigkeit. Wird
+das Verhältniss zwischen germanisch, deutsch und nordisch auch nur
+einigermaassen richtig erfasst, so ergibt sich von selber ein Einblick
+in die Entwicklungsgeschichte im ersten Jahrtausend.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Urgermanisch, aus vorgermanischer Zeit stammend, ist nur ein kleiner
+Teil religiöser Vorstellungen. So der Götterbegriff, Tiuȥ und eine
+Schar von Lichtgöttern (<i>tîwôȥ</i> an. <i>tívar</i>) um ihn. Seine
+Beinamen mögen sich schon frühzeitig zu besondern Gestalten entwickelt
+haben, wie z.&#8239;B. Donar. Ausserdem ist der allgemeine, typische
+Grundstock der niederen Religion und Mythologie gemeingermanisch.
+Rituelle Formen, Opferbräuche, Besprechungen u.&#8239;drgl.;machten den
+Kultus aus. Im übrigen aber löst sich die germanische Mythologie in
+eine grosse Anzahl von örtlichen Kulten auf, die mehr oder weniger
+Ausbreitung und Lebensdauer gewannen. Am kräftigsten gedieh der
+istväische Wodansdienst. Die Eigenart der germanischen Stämme und
+Völker <span class="pagenum" id="Page_53">[S. 53]</span>zeigt sich auch darin, wie sie einigen wenigen gemeinsamen
+Typen besondere Gestalt und Bildung verliehen.</p>
+
+<p>Man darf die mythologische Überlieferung nicht aus den örtlichen
+und zeitlichen Verhältnissen, worin sie uns entgegentritt, loslösen
+und verallgemeinern. Diesen Satz sprach Müllenhoff aus, und doch
+verstiess er selber dagegen, wenn er aus den verschiedensten örtlich
+und zeitlich bestimmten Mythen Schlüsse zog, die an Kühnheit denen der
+vergleichenden Mythologen nicht nachstanden, nur dass sie mühsamer und
+mit Aufwand grosser Gelehrsamkeit gewonnen waren. Hält man wirklich
+daran fest, so ergibt sich von selber eine Entwicklungsgeschichte,
+die jeder Zeit und jedem Stamme das Eigentum belässt, das gemeinsame
+Uralte oder Entlehnte aber nur dort hervorhebt, wo es wirklich bezeugt
+ist. Anders waren Glaube und Sage zur Zeit des Tacitus, anders zur
+Zeit der Bekehrung, anders im Norden als im Süden, nie waren alle
+diese verschiedenen Züge in einer urdeutschen, urnordischen oder gar
+urgermanischen Mythologie vereinigt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_54">[S. 54]</span></p>
+
+ <h3 id="II_Die_Quellen_der_Mythologie">
+ II. Die Quellen der Mythologie.
+ </h3>
+
+</div>
+
+<h4 id="Die_germanischen_Staemme_im_Heidentum_zur_Zeit_der_Bekehrung_1"><b>1.
+Die germanischen Stämme im Heidentum und zur Zeit der Bekehrung.</b></h4>
+
+<p>Unter dem Namen Germanen versteht man seit Caesar eine Reihe von
+Völkerstämmen, die seit vorgeschichtlicher Zeit, nachweisbar seit dem
+Zeitalter Alexanders des Grossen, in dem norddeutschen Tieflande,
+zwischen der Weichsel und dem Rhein, auf den Inseln der Ostsee und im
+südlichen Skandinavien ansässig waren. Durch gemeinsame körperliche
+und geistige Eigenschaften, durch Spracheinheit und durch die gleiche
+Grundlage ihres politisch-wirtschaftlichen und sittlich-religiösen
+Lebens heben sich die Germanen deutlich von allen andern Völkern
+als eine eigentümliche Volkseinheit ab. Die Germanen zählen zum
+indogermanischen Volksstamm, dessen Ursitze die heutige Wissenschaft,
+sofern überhaupt noch die Lehre von der Wanderung gilt, an den
+mittleren Lauf der Wolga verlegt. Die Westindogermanen breiteten
+sich westwärts aus in das Mündungsgebiet des Dnjepr, Dnjestr und
+der Donau, in die waldbedeckte Tiefebene, welche durchs Schwarze
+Meer im Osten, den Balkan im Süden, die transsylvanischen Alpen im
+Nordwesten, die Karpathen im Norden, umgrenzt ist. Die Indogermanen
+waren schweifende Hirten mit niedriger Kultur und wenig entwickelten
+Götterbegriffen. Die Westindogermanen wurden zu sesshaften, Ackerbau
+treibenden Viehzüchtern. Aus der europäischen Urheimat gelangten die
+Griechen über den Balkan, die Italer der Save, die Kelten der Donau
+entlang in ihre späteren Sitze, Slaven und Germanen rückten nordöstlich
+der Karpathen den Dnjepr und Dnjestr aufwärts in ihre nördlichen,
+zum Teil bis heute behaupteten Länder. Die Germanen waren zur Zeit,
+da die Geschichte zuerst ihrer gedenkt, im Osten von den Slaven und
+Balten, im Norden Skandinaviens von den Finnen, im Westen und Süden
+von den Kelten, welche bis zum 3. Jahrh. vor Chr. <span class="pagenum" id="Page_55">[S. 55]</span>das deutsche
+Mittelgebirge inne hatten, umgeben. Sie zerfallen in die West-, Ost-
+und Nordgermanen, aus denen die spätern deutschen und englischen, die
+gotischen und wandalischen, die nordischen (schwedischen, dänischen
+und norwegischen) Völker hervorgingen. Zur Zeit der ersten Römerkriege
+scheinen unter den Westgermanen drei grosse Kultgenossenschaften mit
+gemeinsamem Heiligtum und gemeinschaftlicher Stammsage bestanden
+zu haben, die Ingwaeonen an der Nordsee mit dem Nerthustempel, die
+Istwaeonen am Rhein mit dem Tamfanatempel und späteren Wodankult,
+die Erminonen im Binnenland mit dem Haine des allwaltenden Tiuȥ. Die
+zahlreichen Stämme können hier nicht aufgezählt, ebensowenig kann ihre
+spätere Entfaltung zu den grösseren Bünden der Franken und Alamannen
+geschildert werden. Die Geschichte der Germanen im Westen und Süden
+wird bestimmt durch das Zurückweichen der Kelten und das Vordringen
+der Römer. Die Germanen breiteten sich nach Süden Rheinaufwärts und
+zur Donau hin aus. Die Ostgermanen verliessen in der zweiten Hälfte
+des 2. Jahrhunderts nach Chr. ihre Sitze zwischen Oder und Weichsel
+und wanderten wieder südwärts zum Schwarzen Meer, wo von 214 ab ihre
+Kämpfe mit Ostrom anheben. Von ihrem Heidentum ist wenig bekannt, denn
+die römischen Geschichtschreiber des 1. Jahrhunderts wissen mehr von
+den ihnen naheliegenden Westgermanen als von den fernen Ostgermanen.
+Und als die Goten am Schwarzen Meere auftauchten, wandten sie sich bald
+dem Christentum zu. Übers Heidentum der Westgermanen hören wir auch nur
+vereinzelte gelegentliche Bemerkungen der antiken Geschichtschreiber,
+später berichten christliche Quellen davon. Also kein unmittelbares,
+unverfälschtes Zeugniss, keine selbständige zusammenhängende Mitteilung
+steht zur Verfügung. Am besten sind wir immerhin vom Heidentum der
+westlichen und nordwestlichen deutschen sowie der englischen Stämme
+unterrichtet. Reichlich und unmittelbar fliesst die nordische,
+norwegisch-isländische Überlieferung. Die Völkerwanderung, der
+Untergang des römischen, der Aufgang des fränkischen Reiches bewirken
+die Anordnung der deutschen Stämme, die in der Hauptsache noch heute
+besteht. Um 500 rückten die Franken vom untern Rhein ins Maingebiet
+und drängten die Alemannen südwärts bis zu den Vogesen und Alpen, zur
+selben Zeit ergossen sich die Markomannen aus Böhmen, dem Laufe der
+Donau folgend, über die Hochebene und tief in die Alpen hinein in
+ihre neue <span class="pagenum" id="Page_56">[S. 56]</span>Heimat, welche sie unter dem Namen Bajuwaren (Bewohner des
+Landes Baja, d.&#8239;i. Bojohemum, Böhmen) behaupteten. Vom Frankenreiche
+gelangte das Christentum allmälig zu den übrigen Westgermanen und
+wurde unter mehr oder weniger harten Kämpfen früher oder später, je
+nachdem das einzelne Volk dem Frankenreiche unterworfen war oder
+nicht, befestigt.&#x2060;<a id="FNanchor_17_17" href="#Footnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> Das Reich der Merowinger erhub sich um 500 als
+ein katholisch-christliches, wodurch der Untergang des germanischen
+Heidentums in allen Reichslanden besiegelt war. In den südlichen
+Ländern war ohnedem schon durch die Berührung mit Italien dem Übertritt
+zum Christentum in zahlreichen Einzelfällen vorgearbeitet. Aber die
+völlige Ausrottung des Heidentums ging nur sehr langsam von statten,
+die niedere Mythologie ist sowieso dem Wechsel der priesterlichen und
+staatlichen Religion verhältnissmässig wenig unterworfen, so dass die
+altheidnischen Grundzüge, wenn schon vielfach vermehrt und verändert,
+auch unter dem neuen Glauben bis zur Gegenwart sich erhielten oder sich
+immer neu erzeugten.</p>
+
+<p>Die fränkische Kirche that zunächst für die Ausbreitung des
+Christentums fast nichts, wesshalb die dem fränkischen Reiche
+unterworfenen deutschen Stämme noch lange am Heidentum festhielten.
+Erst die Wirksamkeit der ins Frankenreich eingewanderten
+iroschottischen Mönche belebte die kirchlichen Verhältnisse und
+erstreckte sich auch auf die Mission. So erschien der hl. Fridolin
+um 530 am Oberrhein, aber um die Mitte des 6. Jahrhunderts waren die
+Alemannen noch Heiden. Erst Kolumba und Gallus richteten von 610 ab
+mehr unter ihnen aus. In Baiern überwog das Heidentum bis zum Ende des
+7. Jahrhunderts. Erst der Herzog Theodo machte 696 mit der Bekehrung
+Ernst, indem er den Bischof Ruprecht von Worms ins Land rief. Nur in
+Friesland nahm die fränkische Kirche selber die Missionsthätigkeit
+auf, wobei freilich <span class="pagenum" id="Page_57">[S. 57]</span>auch Rücksichten des Handels und der Politik
+mitwirkten. Wichtiger, auch für die Bekehrung der Deutschen, war die
+Christianisierung der Angelsachsen, die sich von Anfang an ernstlicher
+und innerlicher als bei den Franken und in unmittelbarer Abhängigkeit
+von Rom vollzog. Im Auftrag Gregors I. ging 597 Augustinus nach
+England. An König Edelbert von Kent fand der päpstliche Sendbote
+einen treuen und verlässigen Helfer. Zwar ging das Bekehrungswerk der
+angelsächsischen Königreiche nicht ohne Kämpfe von statten. Neben
+dem Heidentum machten den römischen Geistlichen auch die zum Teil
+andersgläubigen irischen Mönche, die auf eigene Faust bekehrten, zu
+schaffen. Aber schon um die Mitte des 7. Jahrhunderts war England
+christlich geworden. Kaum waren die heimatlichen Verhältnisse geregelt,
+so machten sich englische Sendboten zu den Friesen, Franken, Alemannen,
+Baiern und Sachsen auf. Die fränkische Kirche war zu selbständig und
+zu weltlich, hatte auch das Bekehrungsgeschäft zu lässig betrieben.
+Die iroschottischen Mönche lehrten ketzerische Ansichten. Der Papst
+aber strebte eine zielbewusste, einheitliche und gründliche Bekehrung
+aller Deutschen an. Dazu bot sich die englische Geistlichkeit als
+geeignetes Werkzeug dar. Winfrid-Bonifatius, der von 716 bis zu
+seinem 755 erfolgten Märtyrertod unter Friesen, Franken, Hessen,
+Thüringern, Sachsen, Baiern eifrig und wiederholt auftrat, brachte die
+Christianisierung des fränkischen Reiches zum Abschluss auf der festen
+Grundlage der römisch-katholischen Kirche. Im 8. Jahrhundert wird das
+bereits stark erschütterte deutsche Heidentum vollends gebrochen.</p>
+
+<p>Am längsten bewahrten die Sachsen ihre Freiheit und ihr Heidentum.
+Missionsversuche, auch der des Bonifatius, hatten nichts gefruchtet.
+Karls des Grossen Sachsenkriege von 772 bis 804 fügten das Sachsenvolk
+dem Reichsverbande ein. Mit strengen Gesetzen wurde die Kirchenordnung
+befestigt und das Heidentum bekämpft. Um 800 waren somit die
+westgermanischen Stämme dem Christentum unterworfen, das Heidentum war
+als öffentlicher, staatlicher Glaube gebrochen und fristete nur noch
+im Volksaberglauben ein elendes Dasein. Mit dem Untergang der freien
+heidnischen Sachsen war auch die letzte Widerstandskraft der Friesen
+vollends dahin.</p>
+
+<p>Unter Ludwig dem Frommen wurde die Bekehrung des Nordens in Angriff
+genommen. Das Erzbistum Hamburg ward 831 errichtet und dem Anskar, dem
+Apostel des Nordens, verliehen. Anskar und nach seinem 865 erfolgten
+Tode Rimbert verbreiteten <span class="pagenum" id="Page_58">[S. 58]</span>das Christentum nach Schleswig und Jütland,
+ja sogar in einigen Küstenplätzen Schwedens. Aber im 10. Jahrhundert
+ging die Bekehrung Dänemarks und Schwedens wieder stark zurück. Erst
+als die Monarchie in Dänemark erstarkt war und König Svein (995–1014)
+England eroberte, König Knut (1014–1035) die Herrschaft dort zu
+behaupten wusste, trat ein entschiedener und dauernder Umschwung zu
+Gunsten des Christentums ein. Denn ein rein christliches Reich war mit
+Dänemark vereinigt worden. Schon die Staatsklugheit erforderte, das
+Christentum in Dänemark zur ausschliessliehen Herrschaft zu bringen.
+König Knut suchte das Ideal eines christlichen Herrschers, wie solches
+die Kirche aufstellte, in sich zu verwirklichen. Die englische und die
+deutsche Kirche wetteiferten mit einander, in Dänemark die Mission
+vollends durchzuführen und das Heidentum auszurotten. Die Schweden
+sind am Ende des 10. Jahrhunderts noch entschieden Heiden. Noch in der
+ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts war die grosse Masse des Volkes
+heidnisch, nur wenige Christen waren vorhanden. Einzelne Könige waren
+der neuen Lehre geneigt, wodurch der Mission Vorschub geleistet wurde.
+Die Lage des Landes brachte es mit sich, dass länger als in Norwegen
+und Dänemark, teilweise bis ins 13. Jahrhundert herab das Heidentum
+Bestand hatte. Leider fehlen aber genaue und ausführliche Nachrichten
+vom schwedischen Heidentum.</p>
+
+<p>Um so reichlicher fliessen die Quellen für Norwegen und Island. Im
+9. Jahrhundert hatten sich viele Norweger in England und Irland
+angesiedelt und freiwillig das Christentum angenommen. Der Übertritt
+war meistens wol ein äusserlicher, um unbehindert mit der christlichen
+Bevölkerung verkehren zu können. Aufgabe des Heidentums war nicht
+notwendig. Viele waren Christen unter Christen, Heiden unter Heiden,
+manche verleugneten überhaupt jeden religiösen Glauben, sowol den
+neuen wie den alten, und verliessen sich nur noch auf sich selber.
+Wenn bei solchen Leuten heidnische und christliche Vorstellungen
+sich vermischen, wenn sie ihre Mythologie nur als Dichtung, nicht
+als Gegenstand gläubiger Verehrung betrachten, kann das nicht Wunder
+nehmen. Die Eindrücke, welche die Wikinger in der Fremde empfingen,
+wirkten auch aufs Heimatland zurück, aber äusserten sich natürlich
+am meisten im geistigen Leben derer, die ständig draussen blieben.
+Im Jahre 872 hatte König Harald Hárfagri im Hafrsfjord gesiegt und
+die Alleinherrschaft in Norwegen aufgerichtet. Viele Edle und freie
+Bauern, die sich in den neuen Verhältnissen nicht zurecht <span class="pagenum" id="Page_59">[S. 59]</span>finden
+konnten, verliessen Norwegen und suchten auf den britischen Inseln und
+auf Island, das kurz zuvor erst von Wikingern entdeckt worden war,
+eine neue Heimat. Binnen kurzem erhielt Island seine Bevölkerung,
+die teils aus unmittelbar hinüber gefahrenen Norwegern, teils aus
+Leuten, die eine Zeit lang auf den britischen Inseln gewohnt hatten,
+bestand. König Harald suchte nemlich auch die nordischen Bewohner
+jener Inseln sich zu unterwerfen und wagte kriegerische Seezüge gegen
+sie. Darum suchten viele auf dem fernen Island sichere Zuflucht
+gegen die Übergriffe des norwegischen Königs und fanden sie auch für
+Jahrhunderte. Unter den isländischen Ansiedlern waren auch einzelne
+Christen, Nordleute, die in England oder Irland den Glauben gewechselt
+hatten. Aber sie verschwanden bald unter der überwiegenden Masse
+der Heiden. In Norwegen setzte die Bekehrung ein, welche, einmal im
+Stammlande siegreich, auch die Neusiedelungen dem Kreuze beugte. Hakon
+der Gute, ein Sohn Haralds, der von ca. 935–961 regierte, war in
+England erzogen und getauft worden. Er war ein überzeugter Christ und
+suchte sein Land zu bekehren. Aber der Erfolg blieb ihm versagt. Olaf
+Tryggwason, der 993 ebenfalls in England getauft worden war, zwang
+Norwegen von 995 an zum Christentum. Er bekämpfte das Heidentum mit
+aller Macht, und mancher tapfere Held büsste seine Treue an den alten
+Göttern mit dem Leben. Als Olaf im Jahr 1000 den Tod fand, erfolgte
+alsbald ein Rückfall ins Heidentum. Aber Olaf Haraldsson (1014–1031),
+nach seinem Fall heilig gesprochen, nahm die Arbeit von neuem auf
+und setzte das Christentum mit rücksichtsloser Strenge durch. Die
+Isländer, welche seit 981 von mehreren Sendboten heimgesucht worden
+waren, entschlossen sich am Allding des Jahres 1000 zur Annahme des
+Christentums als Staatsreligion. Die heidnische und christliche
+Partei war nahe daran, in offenen Kampf einzutreten. Da gelang es der
+Weisheit des Gesetzsprechers Thorgeir, das drohende Unheil abzuwenden,
+indem er, um die Einheit des Freistaates und die Unabhängigkeit des
+Volkes zu retten, lieber den Heidenglauben dran gab. Eine Trennung
+hätte sicherlich Islands Selbständigkeit gefährdet, der norwegischen
+Krone willkommenen Anlass gegeben, in die isländischen Verhältnisse
+einzugreifen. So ging Islands Übertritt zum Christentum ohne jede
+Gewaltthat vor sich, auf kühle Erwägung und kluge Entschliessung der
+Führer im Volke. Das Heidentum wurde abgeschafft, aber nicht grausam
+verfolgt. Erst viel später mit dem Erstarken der kirchlichen Zucht
+<span class="pagenum" id="Page_60">[S. 60]</span>machen sich strengere Verbote gegen heidnischen Brauch geltend. Die
+nordische Mythologie, die mit der Skaldenkunst aufs innigste verknüpft
+war, wurde vom Glaubenswechsel wenig berührt. Nach wie vor fand sie
+Pflege. Überhaupt hat die Überlieferung der Heidenzeit durch die
+Bekehrung auf Island nicht Not gelitten. Die Annahme des Christentums
+hatte keine Verachtung und Feindschaft gegen die alten Sagen im
+Gefolge. So konnten noch im 12./13. Jahrhundert genug heidnische Lieder
+des 10. Jahrhunderts und Erzählungen aus der Heidenzeit gesammelt,
+aufgeschrieben und litterarisch bearbeitet werden.</p>
+
+<p>Die Bekehrung der deutschen Stämme zum Christentum geschah nicht
+überall nach denselben Grundsätzen. Wo sich gar noch Eroberungs- und
+Unterwerfungsgelüste hinzugesellten, wie bei den Franken gegen Sachsen
+und Friesen, wurde alles, was den alten Göttern und deren Dienst
+angehörte, mit Feuer und Schwert ausgerottet. Besser stand es dort,
+wo die Bekehrung ohne politische Zugabe nur durch die Glaubensboten
+stattfand. Diese mussten sich zu milderem Vorgehen bequemen, durften
+nicht allzu schroff auftreten und mussten nach einer Bekehrung von
+innen heraus trachten. Das war für die Erhaltung alter Bräuche
+günstiger. Die berühmte Weisung Gregors an Augustinus, den Bekehrer der
+Angelsachsen, zeugt dafür, wie weit die Duldung gehen konnte. Statt
+alles Alte zu vernichten und auf den Trümmern Neues zu bauen, zielt
+die andre Lehre dahin, das Bestehende möglichst zu schonen und daran
+anzuknüpfen.</p>
+
+<p>Von der Mitte des 4. Jahrhunderts, da die Westgoten Christen
+wurden, bis gegen das Jahr 1000 währt die Bekehrungsgeschichte
+der germanischen Völker. Sehr verschiedenartig gestaltet sich der
+Kampf des neuen und alten Glaubens, sehr verschiedenartig aber sind
+wir auch davon unterrichtet. Meist stehen uns nur mangelhafte,
+feindselige Schilderungen zu Gebot, aus denen nur schwer ein
+einigermaassen zusammenhängendes Bild zu gewinnen ist. Wir vernehmen
+mehr von Kultbräuchen und vom Glauben als von Sagen. Eher eine
+Religionsgeschichte als eine Mythologie ist daraus zu gewinnen. Umso
+wertvoller sind die unvergleichlichen nordischen Denkmäler, die in
+heimischer Sprache und heimischer Gesinnung abgefasst unmittelbar
+das nordische Heidentum uns erstehen lassen. Aber alle Anerkennung,
+alle Freude an diesem Horte erhabener Poesie darf nicht zu
+ungerechtfertigter Verwendung verführen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_61">[S. 61]</span></p>
+
+<h4 id="Die_Quellen_der_germanischen_Mythologie_2"><b>2. Die Quellen der
+germanischen Mythologie.</b></h4>
+
+<p>Die Quellen germanischer Religion und Mythologie&#x2060;<a id="FNanchor_18_18" href="#Footnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> bestehen
+aus <i>mittelbaren Zeugnissen</i> und aus <i>unmittelbarer
+Überlieferung</i>. Sie reichen von den ältesten Zeiten bis zur
+Gegenwart, insofern auch aus dem heutigen Volksglauben manches für den
+der heidnischen Zeit zu lernen ist. Aber von grösster Wichtigkeit sind
+doch die Quellen der heidnischen Zeit selber, nur dass wir für die
+Westgermanen leider fast immer aus zweiter Hand schöpfen. Die Zeugnisse
+der römischen Schriftsteller entbehren der Genauigkeit. Auch stört
+die oberflächliche interpretatio romana, welche auf Äusserlichkeiten
+hin eine römische Gottheit an Stelle der germanischen nennt. Der
+Berichterstatter entgeht dabei kaum der Versuchung, die ihm geläufigen
+Vorstellungen auf die völlig verschiedenen germanischen Verhältnisse zu
+übertragen. Beobachter, die einem fremden Volke angehören, sind ausser
+Stand, objektiv, zuverlässig und erschöpfend zu berichten. Was sie
+wissen, hängt von allerlei äussern Zufälligkeiten ab. Ebenso schlechte
+Gewährsleute aber sind die späteren christlichen Schriftsteller, die
+dem Heidentum feindselig gegenüberstehen, denen alles Verständniss
+abgeht und die gerne absichtlich verschweigen. Da wir aber fast allein
+auf solche Zeugen angewiesen sind, denen der Geist germanischer
+Religion und Mythologie durchaus fremd und unverständlich ist, die es
+nicht einmal mit Angabe der Thatsachen genau nehmen, so ist unsere
+Kenntniss leider sehr beschränkt und unzuverlässig. Stets muss man
+auf genaue Prüfung der einzelnen Zeugen bedacht sein, um darnach die
+ihren Mitteilungen zu Grunde liegenden wirklichen Thatsachen möglichst
+unverfälscht heraus zu schälen. Solche Kritik ist übrigens ebenso der
+unmittelbaren Überlieferung gegenüber von Nöten, besonders wenn es sich
+um Verallgemeinerung handelt.</p>
+
+<h4 id="Deutsch-englische_Quellen_4"><b>3. Deutsch-englische Quellen.</b></h4>
+
+<p>Von antiken Autoren äussern sich über die germanische Religion
+<em class="gesperrt">Caesar</em> (<i>Bell. gall.</i> 6, 21), <em class="gesperrt">Plutarch</em> (<i>Vita
+Caesaris</i> c. 19), <em class="gesperrt">Appian</em> (<i>Roman. hist.</i> 1, 4, 3),
+<em class="gesperrt">Strabo</em> (<i>Geographicorum</i> lib. 7, 2), <span class="pagenum" id="Page_62">[S. 62]</span><em class="gesperrt">Plinius</em> (in
+den verlorenen <i>Bellis Germaniae</i>), <em class="gesperrt">Tacitus</em> (<i>Germ.</i>
+9, 39, 40, 43; <i>Ann.</i> I, 51; II, 12; XIII, 55, 57; <i>Hist.</i>
+IV, 14, 22, 61, 65, 73; V, 22 ff.), <em class="gesperrt">Sueton</em> (<i>Vitellius</i> c.
+14, <i>Domitian</i> c. 16), <em class="gesperrt">Sozomenus</em> (<i>Hist. eccl.</i> 6,
+37), <em class="gesperrt">Claudianus</em> (<i>Consul. Stilichonis</i> 1, 288; <i>Bell.
+get.</i> 528, 542), <em class="gesperrt">Orosius</em> (<i>Hist.</i> 5, 16), <em class="gesperrt">Ammianus
+Marcellinus</em> (<i>Hist.</i> 14, 9; 25, 5, 17), <em class="gesperrt">Agathias</em> (2, 6;
+28, 5), <em class="gesperrt">Procopius</em> (<i>Bell. got.</i> 2, 4 ff.; 15, 25).</p>
+
+<p>Aus der heidnischen Zeit, da die Germanen im Verkehr mit den Römern
+standen, bieten sich auch einige wenige unmittelbare Denkmäler.
+Germanische Söldner im römischen Heerdienst ahmten die Sitte der
+<i>Weihsteine mit Inschriften</i> ihren römischen Kameraden nach. Sie
+errichteten ihren heimischen Göttern Altäre, oft sogar mit Bildern
+geschmückt. Meist wurde die interpretatio romana angewandt, aber durch
+Zusatz eines germanischen Beiwortes die deutsche Gottheit bezeichnet
+z.&#8239;B. Mars Thingsus, Hercules Magusanus; manchmal stand der deutsche
+Name allein, wobei aber die Skulptur die interpretatio romana zum
+Ausdruck bringen konnte, z.&#8239;B. Nehalennia (mit Isisbildern), Hludana,
+Deus Requalivahanus. Die Altäre sind bis zum letzten Meisselstich
+römische Arbeit, die Bilder gehören dem Gedankenkreise der römischen
+Mythologie an. Man darf sie nicht auf germanische Mythen auslegen. Der
+Gewinn, den uns die germanischen Weihaltäre gewähren, ist sehr gering.
+Die Schlussfolgerungen sind ganz unsicher, mehr nur ein glückliches
+Raten. Denn der einzige Anhaltspunkt bleibt stets das mutmaassliche
+germanische Wort. Aber dessen Sinn ist allein mit Hilfe der
+Etymologie zu bestimmen, und wenn auch die Etymologie mit annähernder
+Sicherheit erschlossen ist, so bleiben doch immer noch viele Zweifel,
+welche Bedeutung der Name oder Beiname für die Mythologie hat. So
+ist allerdings im Hercules Magusanus der starke Donar unschwer
+erkennbar, aber die Formel Mars Thingsus bleibt unerklärt, obschon
+die Etymologie von Thingsus keine Schwierigkeit macht. Nehalennia,
+Hludana, Requalivahanus lassen mit Aufwand grosser Gelehrsamkeit die
+widersprechendsten Auslegungen zu.</p>
+
+<p>In lateinischer Sprache von christlichen Verfassern geschriebene
+Werke kommen fürs spätere Heidentum der Westgermanen in Betracht.
+Obenan stehen die <i>Lebensbeschreibungen der Bekehrer</i>, worin
+häufig auf das besiegte Heidentum eingegangen wird. Die <i>Vita
+Columbani</i> und die <i>Vita St. Galli</i> wissen Einiges von den
+heidnischen Bräuchen der Alemannen. Die <i>Vita Bonifatii</i> und die
+<span class="pagenum" id="Page_63">[S. 63]</span><i>Bonifatiusbriefe</i> geben über Mitteldeutschland und Friesland
+Aufschluss. Von Friesland erzählen die <i>Vita Liudgeri</i> und die
+<i>Vita Willehadi</i>. Die heidnischen Zustände der nordischen Völker
+berührt mehrfach die <i>Vita Anskarii</i>. Über die Skandinavier
+berichtet <i>Adam von Bremen</i>. Die angelsächsische Bekehrung
+schildert des Bäda <i>Historia ecclesiastica</i>. Reichhaltig, da
+sie fortwährend Heidnisches bekämpfen, sind die <i>kirchlichen
+Gesetze, Bussordnungen, Concilsbeschlüsse, Papstbriefe, Predigten,
+Taufgelöbnisse</i> u.&#8239;drgl. Sie sind zwar oft nach einem allgemeinen
+Schema entworfen und dürfen nicht in allen Einzelheiten fürs
+germanische Heidentum in Anspruch genommen werden. Aber sie sind
+andererseits auch häufig gerade im Hinblick auf ein bestimmtes
+Land und mit Einfügung der landesüblichen Ausdrücke abgefasst. So
+die <i>Sächsische Abschwörungsformel</i>, die Wodan, Donar und
+Saxnot nennt, und das alte Verzeichniss sächsischen Aberglaubens
+(<i>Indiculus superstitionum et paganiarum</i>), welche aus der Zeit
+der Sachsenmission stammen. Hefeles <i>Konciliengeschichte</i>,
+Wasserschlebens <i>Bussordnungen der abendländischen Kirche</i>, Cruels
+<i>Geschichte der deutschen Predigt</i> gewähren einen guten Überblick
+über das, was aus solchen Akten für die Mythologie zu lernen ist.</p>
+
+<p>Die <i>Geschichtschreiber der germanischen Stämme</i> kommen, wo
+sie von der Urzeit berichten, häufig auf Mythen zu sprechen; so
+Jordanes in der <i>gotischen Geschichte</i>, Gregor von Tours in der
+<i>fränkischen</i>, Paulus Diaconus in der <i>langobardischen</i>,
+Bäda in der <i>englischen</i>, Widukind in der <i>sächsischen</i>,
+Dietmar von Merseburg in seiner <i>Chronik</i> und andere mehr. Am
+ergiebigsten sind auch hier die <i>nordischen Geschichtsquellen</i>.
+Wie die kirchlichen, so haben auch die <i>weltlichen Rechtsquellen</i>
+oft Veranlassung, heidnische Zustände zu erwähnen. So Karls des Grossen
+<i>Capitulatio de partibus Saxoniae</i> und viele <i>angelsächsische
+Gesetze</i>. Viele <i>Orts- und Personennamen</i> sind mit mythischen
+Bestandteilen gebildet, z.&#8239;B. mit Wodan, Donar, Fro, Ans, Alb
+u.&#8239;ä. zusammengesetzt, und verstatten dadurch einen Schluss auf
+den Vorstellungskreis, dem sie entstammen. <i>Wochentagsnamen</i>
+und <i>Pflanzennamen</i> gehören ebenfalls hierher. Die <i>ältere
+Sprache</i>, die namentlich in den ahd. Glossen uns aufbewahrt ist,
+in Einzelheiten auch die Sprache der erst in der christlichen Zeit
+abgefassten epischen Gedichte, z.&#8239;B. der altsächsische Heliand und
+die zahlreichen angelsächsischen Stabreimgedichte, enthalten viele
+Ausdrücke aus dem Heidentum. Manche Vorstellungen, z.&#8239;B. die der
+Schicksalsfrau Wurd, Bezeichnungen <span class="pagenum" id="Page_64">[S. 64]</span>von Göttern und Geistern, viele
+Thatsachen des Götterdienstes, des Priester-, Opfer- und Tempelwesens
+werden mit Hilfe der Sprache als gemeingermanisch erwiesen. In den
+ältesten, dem Heidentum zunächst stehenden Denkmälern halten sich viele
+uralte Ausdrücke, deren echter heidnischer Begriff so gut als möglich
+ins Christliche umgesetzt ist, die später grossenteils verschwanden.</p>
+
+<p>Die unmittelbare Überlieferung in deutscher Sprache ist sehr dürftig
+und auch nicht vollkommen verständlich. Die <i>Runeninschrift auf
+der Nordendorfer Spange</i> ruft Wodan und Donar zu irgend einer
+Weihhandlung an. Am meisten bieten immerhin die Zaubersprüche, in
+Deutschland die beiden berühmten <i>Merseburger Sprüche</i>, in
+denen Götter und Göttinnen genannt sind, ferner einige jüngere
+Sagen, in welchen heidnische und christliche Bestandteile durch
+einander laufen&#x2060;<a id="FNanchor_19_19" href="#Footnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a>. Aus England bieten sich mehrere ebenso wertvolle
+<i>Zauberformeln</i> dar, die auf Woden, die Erdgöttin und die
+Kampfjungfrauen Bezug nehmen. Die Auslegung dieser rein heidnischen
+oder christlich-heidnischen Segen ist aber in vielen Einzelheiten
+sehr unsicher. Lachmann, Müllenhoff, E.H. Meyer und andere suchen die
+Heldensage in grösserem Umfang für die Göttersage zu verwerten. Aber
+noch ist keine allseitig befriedigende Lösung der Frage gefunden,
+wieviel und was die Mythologie, d.&#8239;h. die Geschichte der Göttersage und
+des Heidenglaubens, aus der Heldensage für sich in Anspruch nehmen darf.</p>
+
+<p><i>Volkssage und Volksaberglaube des Mittelalters und der Neuzeit</i>
+bilden eine wichtige Quelle für die Mythologie. Ihre Verwertung
+ist aber mit bedeutenden Schwierigkeiten verknüpft. Zunächst muss
+das Verhältniss zwischen höherer und niederer Mythologie richtig
+gestellt werden. Hierauf muss die Volksüberlieferung für sich
+allein auf ihre Verwendbarkeit sorgsam geprüft werden. Vieles, was
+wir nur aus Volkssagen der Gegenwart wissen, <i>kann</i> <span class="pagenum" id="Page_65">[S. 65]</span>bereits
+germanisch-heidnisch gewesen sein, aber nicht alles <i>muss</i> aus
+der Urzeit herstammen. Die Volksüberlieferung ist in ständigem Flusse
+begriffen, Neubildungen und Entlehnungen sind an der Tagesordnung.
+Unsre nächste Aufgabe geht dahin, zu bestimmen, welche niedere
+Mythologie im Heidentum neben der höheren herlief. Sofern sie mit
+der altheidnischen in den Grundzügen übereinstimmt, muss die spätere
+Volkssage ergänzend herangezogen werden. Um festzustellen, wieviel
+alt und heidnisch ist, dient wieder an erster Stelle die Sprache,
+welche lehrt, ob ein Begriff gemeingermanisch ist. Ferner ist Gewicht
+darauf zu legen, eine Sage oder Vorstellung in möglichst alten Quellen
+nachzuweisen. Je näher die Überlieferung der heidnischen Zeit gerückt
+wird, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie bereits im
+Heidentum vorhanden war. Besonders wertvoll sind die Parallelen,
+welche sich aus den altnordischen Quellen in reicher Fülle ergeben.
+Viele Sagen erscheinen überhaupt mit dem nordischen Götterglauben
+gleichzeitig. Begegnen sie, selbst in jüngerer Fassung, in Deutschland
+und England wieder, so ist die Annahme gemeinsamer Herkunft aus
+dem Heidentum erlaubt, zumal wenn die Sprache den Grundbegriff
+als urgermanisch erweist. Gleichheit von Märchen und eigenartigen
+Sagen deutet zwar auf Wanderung und Entlehnung, aber anders ist die
+Übereinstimmung typischer und abergläubischer Vorstellungen wie der
+Seelengeister, Maren, Elbe und Riesen zu beurteilen. Ältere Sammlungen
+zur Volkskunde sind des Gervasius von Tilbury <i>otia imperialia</i>
+um 1211, des Caesarius von Heisterbach († 1240) <i>dialogus
+miraculorum</i>, des Hans Vintler <i>Blumen der Tugend</i>&#x2060;<a id="FNanchor_20_20" href="#Footnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> um
+1411, die <i>Zimmerische Chronik</i> 1566, die Werke des Prätorius
+im 17. Jahrhundert, die <i>gestriegelte Rockenphilosophie</i> 1706.
+Die methodische Sammlung aus den älteren Aufzeichnungen und aus der
+mündlichen Überlieferung der Gegenwart unternahmen die Brüder Grimm
+in den <i>Kinder- und Hausmärchen</i> 1812–14, in den <i>deutschen
+Sagen</i> 1816–18, J. Grimm im <i>Aberglauben</i> (in der ersten
+Ausgabe der Mythologie 1835; wiederholt im 3. Bande 1878 S. 401–508).
+An dem in diesen Arbeiten gegebenen <span class="pagenum" id="Page_66">[S. 66]</span>unübertrefflichen Muster erstand
+die wissenschaftliche Sammlung und Sichtung der Volksüberlieferung,
+eine Aufgabe, die jetzt von Vereinen besorgt wird&#x2060;<a id="FNanchor_21_21" href="#Footnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a>.</p>
+
+<h4 id="Nordische_Quellen_4" title="4. Nordische Quellen"><b>4. Nordische
+Quellen.</b>&#x2060;<a id="FNanchor_22_22" href="#Footnote_22_22" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[22]</span></a>
+</h4>
+
+<p>Der Wert der nordischen Überlieferung beruht vor allem darauf, dass
+sie unmittelbar in heimischer Form geboten wird. Zwei Hauptströmungen
+sind zu unterscheiden: die Nachrichten der Skalden, die teilweise dem
+ausgehenden 9. und dem 10. Jahrhundert angehören, obschon sie erst am
+Ende des 12. Jahrhunderts und im 13. Jahrhundert zur Niederschrift
+kamen, und die Nachrichten der in Prosa verfassten Geschichtsquellen,
+der <i>Sögur</i>. Aus letzteren gewinnen wir ein Bild des
+<i>Glaubens</i>, bei den Skalden erfahren wir die <i>Sagen</i>.
+Religion und Mythologie sind aber teilweise verschieden, die nordische
+Mythologie in ihrer Gesamtheit ist nicht unmittelbar aus dem lebendigen
+Kult und Glauben des norwegischen Volkes hervorgegangen. Die nordische
+Mythologie, die im Kreise der Skalden, der höfischen Kunstdichter,
+entstand, enthält mehr fremde Bestandteile, stellt die aus Deutschland
+zugewanderte Gestalt Odins in den Mittelpunkt, während die Religion
+des nordischen Volkes die altheimischen Götter nicht zurückdrängen
+lässt, Fremdes eher ablehnt. Der Gegensatz des abenteuernden Wikings
+und des sesshaften Mannes, des Edelings und des Bauern gelangt in der
+nordischen Mythologie und Religion zum Ausdruck.</p>
+
+<p>Von den Skalden sind diejenigen am wichtigsten, welche noch
+dem Heidentum angehören. Zur Kunstdichtung sind auch die sog.
+<i>Eddalieder</i> zu zählen, die allerdings einfachere Formen anwenden,
+aber aus dem Anschauungskreise der Skalden nicht heraustreten,
+jedenfalls nicht als blosse Volksdichtung betrachtet werden dürfen. Die
+Skaldengedichte sind in doppelter Weise für die nordische Mythologie
+von Belang, ihrer Form und ihres Inhalts willen. Das <span class="pagenum" id="Page_67">[S. 67]</span>eigentliche
+Thema der Skaldengesänge ist Fürstenlob, aber das Hauptgewicht fällt
+neben allerlei metrischen Künsteleien auf die sprachliche Einkleidung.
+Der Skald gefällt sich in der Umschreibung einfacher Begriffe, im
+Ungewöhnlichen. Synonymik ist sehr beliebt, Odin wird lieber mit einem
+seiner Beinamen genannt als mit seinem gewöhnlichen Namen. Daher
+sind die Skalden auf möglichst reichhaltige Sammlung von synonymen
+Ausdrücken, bei den Göttern auf vollständige Verzeichnisse aller
+ihrer Beinamen bedacht. Solche Beinamen entstammen aber besondern
+Eigenschaften oder Handlungen der Götter. Ferner befleissigen sich
+die Skalden verwickelter Bilder und Umschreibungen, die mit Vorliebe
+aus der Götter- und Heldensage geholt sind. Die Auflösung der
+<i>„kenning“</i>, d.&#8239;h. der Umschreibung, in die zu Grunde liegende
+Sagenvorstellung ist oft sehr schwierig. Jedenfalls setzt eine solche
+Verwendung der Göttersage, dass jede Anspielung sofort verstanden
+wird, deren genaue Kenntniss bei Dichter und Zuhörer voraus; um 900
+muss die nordische Mythologie in den Kreisen, für welche die Skalden
+dichteten, mit allen ihren Feinheiten ganz geläufig gewesen sein.
+Endlich haben die Skalden auch geradewegs Mythen dargestellt, berühren
+sich also auch im Inhalt unmittelbar mit den sog. Eddaliedern. Ohne
+diese aber und ohne Snorri wäre uns die nordische Mythologie nur
+mangelhaft bekannt. Denn die dunkeln Anspielungen der Skalden versteht
+nur der, welcher in der Mythologie bereits bewandert ist. Um 1240,
+nach andern schon am Ende des 12. Jahrhunderts, veranstaltete ein
+Isländer eine <i>Sammlung von Götter- und Heldenliedern</i>&#x2060;<a id="FNanchor_23_23" href="#Footnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a>,
+worin alles Aufnahme fand, dessen er habhaft werden konnte. Gedichte
+der gleichen Art sind auch sonst vereinzelt auf uns gekommen, ein
+Beweis, dass im 12./13. Jahrhundert auf Island noch eine grosse Anzahl
+von solchen Gedichten vorhanden war, dass jene Sammlung keineswegs
+erschöpfend war. Eine Pergamenthandschrift der Sammlung entdeckte
+1643 der isländische Bischof <em class="gesperrt">Brynjolf Sveinsson</em>; sie wird
+jetzt auf der kgl. Bibliothek zu Kopenhagen aufbewahrt und bildet
+die Hauptquelle unsres mythologischen Wissens. Brynjolf gab einer
+Abschrift, die <span class="pagenum" id="Page_68">[S. 68]</span>er vom Codex nehmen liess, ohne jede Gewähr als reine
+Vermutung den Titel <i>Edda</i> und schrieb sie dem 1133 verstorbenen
+isländischen Gelehrten <i>Saemund</i> zu. Als <i>„Saemunds Edda“</i>
+wurde eine Sammlung bezeichnet, die lange nach Saemunds Tod erst
+zu Stande gekommen war, ein Titel wurde ihr beigelegt, den sie nie
+geführt hat. Aber Brynjolfs irrige Meinung erfreute sich lange Zeit
+allgemeiner Anerkennung und rief allerlei neue Irrtümer hervor. Man
+machte sich Gedanken über Saemunds Anteil, galt er doch zuweilen sogar
+als Verfasser. Brynjolfs Hypothese hat nicht zum wenigsten verschuldet,
+dass man so lange über die Bedeutung und die wirkliche Beschaffenheit
+der Sammlung im Unklaren blieb. Heutzutage herrscht kein Zweifel mehr
+über die Ungehörigkeit der Bezeichnung <i>„Saemunds Edda“</i>. Nur
+in veralteten Lehrbüchern und in oberflächlichen populären Schriften
+wird sie angewandt. Von den Liedern der Sammlung ist jedes für
+sich allein auf Alter und Herkunft zu prüfen, sie bilden keinerlei
+Einheit. Zwar erheben sich alle Götterlieder auf der gemeinsamen
+Grundlage der nordischen Mythologie, im wesentlichen derselben, die
+hinter den Skaldengedichten steht. Aber sonst zeigt sich kein engerer
+Zusammenhang. Nach neuester Schätzung reicht kein Götterlied über 875
+hinauf, die Mehrzahl gehört erst dem 10. Jahrhundert, also dem letzten
+heidnischen an. Man kann eine Anzahl von Odinsliedern neben Thors- und
+Freysliedern erkennen. Zu den Odinsliedern zählt die Vǫlospǫ́, die den
+Anfang der Welt, die letzten Schicksale der Götter, die Erneuerung der
+Welt enthält. Im Lied von Baldrs Träumen erkundet Odin die Zukunft von
+der Seherin, die er aus dem Todesschlafe weckt. Das Grimnirlied, das
+Wafthrudnirlied, die Hǫ́vamǫ́l zeigen Odin im Besitz aller Weisheit.
+Die Thorslieder führen uns den starken Gott im Kampf mit Riesen (Lied
+von Thrym, von Hymir), in der Wissenswette mit dem unholden Zwerg Alwis
+vor. Das Harbardslied lässt den Gegensatz des Thors- und Odinsglaubens
+hervortreten. Vom Himmelsgott, wie er um die schöne Gerd werben lässt,
+berichtet das Skirnirlied. In der Rigsþula erscheint der Gott unter dem
+Namen Rig als Erzeuger der menschlichen Stände. In der Lokasenna tritt
+der schmähsüchtige Loki mit argen Vorwürfen den Asen gegenüber, bis ihn
+Thor verstummen macht. So bietet uns die Sammlung schöne und lebendige
+Schildereien der Asenwelt, wir erblicken die einzelnen Göttergestalten
+in voller Thätigkeit, in allen erdenklichen Beziehungen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_69">[S. 69]</span></p>
+
+<p>Unsre Kenntniss der nordischen Mythologie beruht somit auf der
+Liedersammlung, auf den Anspielungen der Skalden, welche den Inhalt
+der erzählenden Götterlieder teils bestätigen, teils auch ergänzen
+und erweitern. Sie wird aber noch besonders befestigt und vermehrt
+durch des isländischen Staatsmannes, Geschichtschreibers und Skalden
+<em class="gesperrt">Snorri Sturluson</em> (1178–1241) Arbeiten. Snorri schrieb um 1230
+eine <i>„Edda“</i>, d.&#8239;h. Poetik. Von Snorris Werk, das diesen Titel
+mit Recht führt, übertrug ihn Brynjolf irrig auf die Sammlung von
+Liedern, weil zwischen beiden Werken allerdings Beziehungen bestehen,
+die aber natürlich mit dem Titel gar nichts zu schaffen haben. Snorri
+verfasste ein skaldisches Lehrbuch, worin er auf Grund ausgebreiteter
+Kenntniss der älteren Skaldengedichte die Regeln der Skaldenkunst
+erörterte. Die Mythologie ist aber dem Skalden zunächst nötig. Daher
+entwirft Snorri einen leicht fasslichen, fliessend geschriebenen
+Abriss der nordischen Göttersage, die der Skald beherrschen muss.
+Er schöpft dabei aus denselben Liedern, die uns in der Sammlung
+(in <i>„Saemunds Edda“</i>) erhalten sind, und führt zum Belege
+seiner Erzählungen einzelne Strophen daraus an. Er schöpft aber auch
+unmittelbar aus Skaldengedichten, deren mythische Unterlage er in
+kurzen Zügen uns wiederherstellt. Endlich waren ihm manche Quellen
+zugänglich, die wir nicht mehr besitzen. Snorris Edda ist also ein
+nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel der mythologischen Forschung.
+Aber man darf sie auch nicht überschätzen. Snorri stellt die nordische
+Mythologie nach seinem eignen Ermessen, nach seiner eignen gelehrten
+Auffassung dar. Wenn möglich müssen wir auf die Urquellen selber
+zurückgreifen, nicht unbedingt auf Snorri uns verlassen. Schon dadurch
+ergibt sich manche Berichtigung. Snorri hat einiges missverstanden,
+einiges zugefügt. Er schildert die Göttersage im erhabenen Rahmen
+der Weltschöpfung und des Weltbrandes, über denen der ewige Allvater
+steht. Darin folgt er gewiss den Anschauungen der Skalden des 10.
+Jahrhunderts, wenn er auch noch einige neue christliche Gedanken
+einfügte. Nie darf ausser Acht bleiben, dass die nordische Mythologie
+der Snorra Edda die systematische Bearbeitung eines isländischen
+Gelehrten des 13. Jahrhunderts ist, die mit der Mythologie der
+Skalden des 10. Jahrhunderts nicht in allen Stücken für gleichwertig
+genommen, die unter keinen Umständen in eine germanische Mythologie
+zurückgetragen werden darf.</p>
+
+<p>Neben den Skaldengedichten gewähren die <i>Sögur</i>, besonders
+<span class="pagenum" id="Page_70">[S. 70]</span>die Geschichtsquellen, reiche Belehrung über Religion und
+Mythologie. Die Geschichte der Besiedelung Islands liegt vor in Aris
+<i>Íslendingabók</i> (verfasst um 1134) und in der <i>Landnámabók</i>.
+Darin ist häufig vom Glauben und Kult der Ansiedler Islands die
+Rede, Thors- und Freysdienst stehen obenan, Odin wird kaum erwähnt.
+Ebenso schildern die isländischen <i>Familiensögur</i>, die im
+9./10. Jahrhundert spielen, viele heidnische Bräuche. Diese Sagen
+sind allerdings erst im 13. Jahrhundert in litterarische feste Form
+gebracht worden, manches mag auf Rechnung der Sagaschreiber kommen.
+Aber zu Grunde liegt eine alte mündliche Überlieferung, die in
+gewissen Kunstformen seit dem Heidentum jene Geschichten bewahrt
+hatte. Darum verdienen die Nachrichten, welche uns die Sögur vom 10.
+Jahrhundert geben, in der Hauptsache Glauben. Die <i>norwegische
+Königsgeschichte</i> wurde im 13. Jahrhundert ebenso zu schönen
+Prosadarstellungen verarbeitet auf Grund von alten Skaldengedichten,
+die meistens als Beleg auch mitgeteilt werden, und aus mündlicher
+Überlieferung. Snorris <i>Heimskringla</i> ist das bedeutendste
+Werk. Die Geschichte der heidnischen Könige, namentlich aber die der
+beiden Bekehrer Olaf Tryggwason und Olaf Haraldsson gibt genugsam
+Anlass, heidnischen Glauben und heidnische Sage zu schildern. In den
+Königssagen, soweit sie auf Skaldenliedern beruhen, tritt auch Odin
+hervor; am Königshofe ward ja von Odin gesungen und gesagt. Jedoch
+im norwegischen Volke selber zeigt sich auch hier Thorsdienst als
+eigentlicher Feind des Christentums. Den Thorsdienst der norwegischen
+Bauern müssen die Bekehrer mit weit stärkeren Mitteln bekämpfen, als
+die Odindichtung der Skalden. Die <i>nordischen Rechtsquellen</i>
+befassen sich mehrfach mit dem Heidenglauben, aber mehr mit dem
+niedern Volksglauben, wie es auch die südgermanischen Gesetze thun.
+Im Heidentum war mit besondern Satzungen auf den Schutz des Glaubens
+Bezug genommen, in der christlichen Zeit eifern die Gesetze gegen
+Überbleibsel heidnischer Bräuche.</p>
+
+<p>Endlich gibt es auch rein mythische Sagen wie z.&#8239;B. die
+<i>Ynglingasaga</i>, die <i>Volsungasaga</i>, worin wie in den
+Skaldengedichten Götter- und Heldensage unmittelbar behandelt sind.
+Mit solchen mythischen Geschichten ist auch des Dänen <em class="gesperrt">Saxo
+Grammaticus</em> um 1200 verfasste <i>historia danica</i> erfüllt. Saxo
+schreibt in 16 Büchern eine bis 1187 reichende Geschichte Dänemarks,
+die 9 ersten Bücher beruhen auf Sagen, zum Teil auf nordischer
+Göttersage. Saxo schreibt einen schwülstigen Stil und hat sich <span class="pagenum" id="Page_71">[S. 71]</span>der
+Überlieferung gegenüber manche Freiheit erlaubt. Aber trotzdem sind
+seine Nachrichten für einige mythologische Dinge von grossem Wert.
+Saxo schöpfte aus dänischer und norwegisch-isländischer Sage, öfters
+beide mit einander vermischend&#x2060;<a id="FNanchor_24_24" href="#Footnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a>. Wie Snorri huldigt auch Saxo dem
+Euhemerismus, die Götter sind als Menschen aufgefasst. Soweit Saxo
+mit nordischer Göttersage sich beschäftigt, stützt er sich vorwiegend
+auf isländisch-norwegische Quellen. Darum stimmen seine Mitteilungen
+wesentlich zu denen der nordischen Skaldengedichte und Sögur, nur
+selten begegnen selbständige Züge dänischer Herkunft.</p>
+
+<p>Auch aus dem späteren Mittelalter und aus der Neuzeit bietet sich
+im Norden reiche Überlieferung dar. Wir haben einen grossen Schatz
+nordischer Volkslieder und isländischer Reimereien, in denen die
+Gestalten des Aberglaubens, Trolle, Riesen, Zwerge, Elfen, Nixen und
+Meerweiber ihr Wesen treiben. Die eigentliche Göttersage wird selten
+und unselbständig in diesen Poesien behandelt. Zwar erscheint die
+<i>þrymskviþa</i> sowol als isländische Reimerei in den <i>þrymlur</i>,
+als auch als norwegisch-dänische Volksweise <i>„Tord af Hafsgaard“</i>;
+Thors Fahrt nach Utgard behandeln die <i>Lokarímur</i>. Im färöischen
+<i>Lokkatáttur</i> finden wir Odin, Hönir und Loki in ein Märchen
+verflochten. Aber es handelt sich hier stets um ein künstliches
+litterarisch vermitteltes Fortleben der Heidengötter. An Volkssagen,
+die im 19. Jahrhundert gesammelt wurden, gewährten die nordischen
+Länder höchst ergiebige Ausbeute&#x2060;<a id="FNanchor_25_25" href="#Footnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a>.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_72">[S. 72]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="ERSTES_HAUPTSTUCK">
+ ERSTES HAUPTSTÜCK.
+ </h2>
+</div>
+
+<h3 id="Die_Gestalten_des_Volksaberglaubens">Die Gestalten des Volksaberglaubens
+(die niedere Mythologie).</h3>
+
+<h4 id="Der_Geisterglaube_und_seine_naechsten_Ursachen_1"><b>1. Der
+Geisterglaube und seine nächsten Ursachen.</b></h4>
+
+<p>Volksaberglaube und Volkssage verhalten sich ähnlich wie Götterglaube
+und Göttersage. Aus allgemeinen weitverbreiteten Grundtypen erwachsen
+örtlich und zeitlich sehr verschiedenartige Sagen, die natürlich
+bei aller Abweichung im einzelnen im Kerne doch übereinstimmen. Wo
+Geschichten mit verwickelter Handlung und merkwürdigen Einzelheiten
+an getrennten Orten auftauchen, ist Entlehnung und Wanderung mehr
+wahrscheinlich als selbständige unabhängige Entstehung. Der Volksglaube
+scheint unwillkürlich aus der Veranlagung des menschlichen Gemütes
+zu entstehen. Wol beruht auch er auf einer Anzahl überlieferter
+Thatsachen, er vererbt sich mündlich in den Geschlechtern und vermehrt
+sich somit allmälig ungeheuer. Aber er wird gewissermaassen mit jedem
+Menschen auch neu geboren, dieselbe Anlage, aus der die Urbilder
+entkeimten, schafft immer neue Vorstellungen ähnlicher Art. Der
+Volksglaube bleibt nicht unverändert bestehen, er formt sich immer neu.
+Die Volkssage der heidnischen Germanen ist nicht unmittelbar auf uns
+gelangt. Zwar die nordischen Quellen bieten auch hier sehr vieles, in
+Deutschland wird manches mittelbar durch gelegentliche Anspielungen und
+durch das Vorhandensein der entsprechenden sprachlichen Bezeichnungen
+bezeugt. Jedoch der Volksglaube der Heidenzeit lebt vielfach im
+Mittelalter und in der Neuzeit fort. Wie die einfachen Gebilde der
+neueren Volkssage waren nach Ausweis der nordischen Denkmäler auch
+die der altheidnischen beschaffen, so dass es wol erlaubt scheint,
+zur Aufhellung <span class="pagenum" id="Page_73">[S. 73]</span>verschwundener Zeiten die Gegenwart heranzuziehen.
+Nur muss Vorsicht walten. Eine neue Volkssage kann nur als Vertreter
+einer altheidnischen gelten, wenn der typische Volksglaube, dem sie
+entstammt, auch fürs Heidentum wahrscheinlich ist. Damit ist nicht
+gesagt, dass sie genau so, wie sie jetzt uns vorliegt, auch damals
+lautete. Der heutige Volksglaube und noch weit mehr die Sage enthalten
+neben uralten Typen aber auch unzählige Neubildungen, die erst im
+Mittelalter und in der Neuzeit, häufig auch aus dem Verkehr mit andern
+Völkern aufkamen. Altheidnischer Glaube kann dem Christentum angepasst
+worden sein, viele Bräuche sind aber auch erst vom Christentum
+veranlasst. Die Hauptaufgabe, Altes und Neues aus einander los zu
+lösen, hat die Volkskunde noch kaum in Angriff genommen. Der Aberglaube
+und die daraus entwickelte Sage sind überaus einfach in Form und
+Gehalt, ohne besondere Wartung und Pflege entspringt der Glaube den
+Vorgängen im Leben des Menschen und in der Naturumgebung. Die einfachen
+Grundvorstellungen können sich mitunter verwickelter gestalten,
+jedoch kaum ohne Einwirkung bewusst schaffender Kunstdichtung. Wenn
+man eine wolgeordnete, vollständige Sagensammlung betrachtet, so
+treten besonders vier Gruppen von übermenschlichen Wesen hervor,
+<i>Maren</i>, <i>Seelen</i>, <i>Elbe und Riesen</i>, wovon die beiden
+ersten mit dem Menschen in unmittelbarem Verkehre stehen, während die
+letztgenannten in der Natur wirken. Weil Begriff und Benennung dieser
+Wesen gemeingermanisch ist, weil sie in den nordischen Sagen des
+Heidentums ebenso weben und leben wie in der deutschen und nordischen
+Überlieferung der Gegenwart, so ist ihre Zugehörigkeit zum Bestand des
+heidnischen Volksglaubens zweifellos. Die Anthropologie lehrt, dass sie
+überhaupt allgemein menschlich sind. Soweit ihr Ursprung zu erklären
+ist, werden wir auch auf allgemein menschliche Anlagen, die überall
+gleichmässig vorhanden sind und gleichartig wirken müssen, hingeführt.</p>
+
+<p>Der Gespensterglauben drängt sich dem Menschen durch Wahrnehmungen
+auf, die er an sich selber und an seinen Mitmenschen macht. Die
+subjektiven Vorgänge des Traumschlafes, die objektiven des Todes wirken
+zusammen zur Vorstellung eines geisterhaften Wesens, das plötzlich
+aus der Unsichtbarkeit hervortritt und auf geheimnissvolle Weise
+sich fühlbar macht. Im Schlafe erscheinen die Gestalten Lebender und
+Toter, sie verkehren wie im wirklichen Dasein, nur häufig freier und
+ungebundener. Besonders die Erscheinung längst Verstorbener erregt
+und beunruhigt das <span class="pagenum" id="Page_74">[S. 74]</span>Gemüt. Im Alptraum wird dem Schlafenden aber
+unmittelbar die beängstigende Macht solcher Traumgestalten fühlbar.
+Das Traumbild an sich hätte schwerlich den Glauben an die Wirklichkeit
+des Erschauten hervorgerufen, wol aber der Alptraum, der die
+geheimnissvolle Einwirkung übermenschlicher Wesen immer von Neuem dem
+Bewusstsein aufdrängte.&#x2060;<a id="FNanchor_26_26" href="#Footnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a> Der Alpdruck ruft die verschiedenartigsten
+Vorstellungen hervor, je nachdem der Schlafende von einem Tier oder
+Menschen, der mitunter bekannte Züge anzunehmen pflegt, sich gequält
+wähnt. Die bange Furcht steht an der Schwelle urmenschlichen Glaubens,
+Kultes und Mythus. Die Druckgeister mit ihrer merkwürdigen Vielgestalt
+schienen verwandlungsfähige schädigende Wesen, die jeder verspürt
+hatte, von denen jeder zu erzählen wusste, deren objektive Wirklichkeit
+der kindlichen Einbildungskraft zweifellos sein musste. Die Furcht
+vor dem Alp legte den Gedanken an Maassregeln zu seiner Abwehr nahe,
+aus dem Glauben an seine Macht entsprangen Bräuche, die ihn schadlos
+machen sollten, also ein wesentlich auf Abwehr gerichteter Kult. Die
+Alpsage aber erging sich in Schilderungen besonderer Traumerlebnisse,
+wie dieser oder jener den Unhold gesehen, wie er sich seiner erwehrt
+hatte. Auch musste die Sage seine Herkunft zu ergründen trachten.
+Denn der Traum zeigte das Gespenst ja nur, wie es plötzlich über den
+Schlafenden herfiel, ohne zu erklären, woher es kam und wohin es wieder
+entschwand. Zur Erklärung boten sich von selber andere Wahrnehmungen.
+Der Alp trug häufig bekannte Züge lebender oder toter Mitmenschen.
+Diese selber in ihrer gewöhnlichen Gestalt konnten aber nicht den
+Träumenden heimsuchen, und doch war auch die Erscheinung nicht von
+ihnen völlig zu trennen. Der Traum ist nicht nur leidend, indem der
+Schlafende die Besuche Andrer empfängt, sondern auch thätig, indem
+der Schlafende auf wunderbare Weise im Augenblick <span class="pagenum" id="Page_75">[S. 75]</span>die weitesten
+Entfernungen zurücklegt. War einmal durch den Alptraum die Einbildung
+aufgeregt, so mochte auch der gewöhnliche Traum zum Nachdenken Anlass
+geben. In sich selber trug der Mensch ein Rätsel, die Fähigkeit,
+zeitweilig im Schlafe die leiblichen Fesseln abzustreifen und los und
+ledig frei umher zu schweifen. Endlich schien der Tod eine gewisse
+Deutung zu gewähren. Aus dem toten Leib ist der belebende Hauch, der
+Atem, die Seele entwichen. Der Leib zerfällt in Staub und Asche.
+Kehrt ein Verstorbener, wie er leibte und lebte, wieder, so muss
+es sein Geist sein, jene entwichene Seele, die beim Tode nicht zu
+Grunde ging, die fort besteht und leiblich umgehen, erscheinen kann.
+Der Tod belehrt den Menschen über den Unterschied zwischen Leib und
+Seele. Dem Schlummernden mag die Seele für kurze Frist entschweben,
+dem Toten entfloh sie für immer. Aber ihre wunderbaren Eigenschaften
+sind dieselben, sobald sie einmal den Leib verlässt. Aus ähnlichem
+Gedankengang haben die Naturvölker den Begriff der Seele als eines
+geisterhaften Wesens entwickelt. Überall findet sich Seelen- und
+Marenglaube. Eine strenge Scheidung zwischen Seelen und Maren lässt
+sich nirgends durchführen. Aus demselben Vorstellungskreise erwachsen
+sind beide Erscheinungen einander sehr ähnlich, häufig unzertrennlich.
+Maren sind ja eigentlich Seelen als Druckgeister, und andererseits ist
+der Begriff des Seelengeistes namentlich auf den Alptraum begründet.
+Der Marenglaube mag ursprünglicher und älter sein als der Seelenglaube,
+bei den heidnischen Germanen sind jedenfalls beide gleichzeitig
+nebeneinander reich entfaltet gewesen.</p>
+
+<h4 id="Maren_2"><b>2. Maren.</b></h4>
+
+<p>Die Gespenster, welche den Menschen im Alptraum heimsuchen, spielen
+in der niederen Mythologie eine grosse Rolle, sie sind wahrscheinlich
+wegen ihrer handgreiflichen Fühlbarkeit überhaupt die ersten
+übermenschlichen Wesen, deren Dasein der Mensch glaubte und fürchtete.
+Der Seelenglauben beruht zum grossen Teil auf der Vorstellung von
+quälenden Druckgeistern. Erst allmälig entstand weiterhin der Glaube
+an Geister, die nicht nur den Menschen quälten und drückten. Zunächst
+aber ging der Gespensterglaube aus dem Alptraum hervor. Die älteste
+gemeingermanische Bezeichnung des Druckgeistes ist an. <i>mara</i>,
+dän. <i>mare</i>, <i>nattemare</i>, <span class="pagenum" id="Page_76">[S. 76]</span>holl. <i>nagtmerrie</i>, engl.
+<i>nightmare</i>. Im frz. ist <i>cauche-mar</i>, die tretende
+<i>mare</i>, aus fränk, <i>mara</i> gebildet. Mhd. begegnet <i>mar</i>
+und <i>mare</i> männlich und weiblich. In Norddeutschland ist noch
+heute das Wort <i>mar</i>, <i>mart</i>, <i>mahrte</i>, <i>nachtmare</i>
+u.&#8239;a. üblich. Bei den Oberdeutschen ist das Wort ausgestorben;
+dafür werden andere Benennungen im selben Sinn und mit denselben
+Sagen wie bei der nds. <i>mare</i> verwendet. So wird das quälende
+Traumgespenst als <i>Alp</i> bezeichnet. Der allgemeine Begriff Alp
+wurde verengert und auf eine besondere Erscheinung eingeschränkt. Oder
+man spricht von der drückenden <i>trut</i>, <i>trude</i>. <i>Truden</i>
+sind eigentlich Hexen, zu deren Beschäftigung das Alpdrücken aber
+vornehmlich gehört. Bei den Alemannen wird der Nachtgeist auch
+als <i>schrettele</i>, <i>schrat</i>, <i>schretzlein</i> u.&#8239;s.&#8239;f.
+bezeichnet, aus dem altgermanischen Wort für Geist, Gespenst, das im
+an. <i>skrati</i>, <i>skratti</i>, ahd. <i>scrato</i>, <i>scraz</i>
+vorliegt. Endlich heisst der Druckgeist im Elsass und in einem Teil
+der Schweiz <i>doggele</i>, ein Deminutivum zu *<i>dogo</i>, das zum
+Verbum *<i>diuhan</i>, drücken gehört (Laistner, Nebelsagen 341). Ohne
+Weiteres erklären sich die Namen <i>druckerle</i>, <i>nachtmännle</i>.
+So zahlreich und wechselvoll die Namen sind, die Erscheinung und
+Wirkung des Gespenstes bleibt immer dieselbe. Im Heidentum hiess es
+aber allgemein die <i>mare</i>, offenbar mit besonderer Hervorhebung
+des weiblichen Geschlechts des Gespenstes. Ältere Marensagen sind nur
+wenige vorhanden, aber sie waren von den späteren in sehr grosser Zahl
+bekannten kaum verschieden, denn die stets gleichmässig wiederkehrende
+Ursache musste auch immer die gleichen Wirkungen erzielen. Besonders
+deutlich ist hier das Verhältniss zwischen Aberglauben und Sage, wie
+Laistner schön und treffend hervorhob. Die Traumbegebenheit drängte
+sich dem Menschen mit voller Leibhaftigkeit immer wieder auf, des
+Alps und der Mare war er sicher, denn er spürte sie. Der Bericht vom
+Alptraum ruft die Alpsage ins Leben. Da mischt sich alsbald poetische
+Erfindung und Ausschmückung ein, wie um jeden religiösen Kern ein
+mehr oder weniger freier Mythus anwächst. Schwierig ist auch hier, zu
+bestimmen, wo dem Bewusstsein der Zusammenhang der Sage mit der zu
+Grunde liegenden Alptraumsituation entschwindet.</p>
+
+<p>Nach der Ynglingasaga Kap. 13 wird der König Wanlandi von Schweden
+von der Mare getötet. Sie tritt dem Schlafenden dermaassen auf die
+Beine, dass sie fast zerbrachen, und drückt ihm darauf den Schädel
+ein. Die Thätigkeit der Mara wird als <span class="pagenum" id="Page_77">[S. 77]</span>ein Quälen (<i>mara kvalđi</i>)
+oder Treten (<i>mara trađ</i>) geschildert. Ebenso ist die fränkische
+<i>cauche-mar</i> (zu <i>calcare</i>) eine tretende Mare. Der Alptraum
+bietet den denkbar reichsten Stoff zu einer ganzen Dämonologie dar&#x2060;<a id="FNanchor_27_27" href="#Footnote_27_27" class="fnanchor">[27]</a>.
+Der Alp erscheint in den verschiedensten Gestalten, bald menschlich,
+bald tierisch, bald als Ungeheuer, dessen Aussehen in der Wirklichkeit
+nichts Entsprechendes hat. Um Mitternacht als Nachtalp, aber auch
+um Mittag als Tagalp, als <i>daemon meridianus</i>, überfallen die
+Gespenster den Menschen, der sich zum Schlafen nieder gelegt, quälen
+und ängstigen ihn oft so arg, dass er darüber krank wird und stirbt.
+Durch Astlöcher, Ritzen oder Schlüssellöcher schlüpfen die Maren in die
+Stuben, werfen sich dem Schlafenden auf den Leib und drücken ihm Brust
+und Kehle zusammen, dass er weder Luft bekommt noch schreien kann. Sie
+kriechen dabei dem Menschen von unten herauf bis an den Hals oder sie
+stecken ihm ihre Zunge in den Hals, dass er nicht mehr schreien kann.
+Auch Pferde und andres Vieh werden vom Alp geplagt; sie schwitzen und
+schnauben dann stark und sind ganz zerzaust; ihre Haare sind verknotet
+und verfilzt, zu Weichselzöpfen gedreht. Die nds. <i>walriderske</i>
+benützt die Pferde zum Reiten. Selbst Menschen werden von den Maren
+geritten, zum Teil indem sie dabei in Rossgestalt verwandelt werden.
+Die Sagen von plötzlich aufhockenden Gespenstern, die den Wanderer
+bis zur Erschöpfung peinigen, gehören in den Kreis des Marenglaubens.
+Auch leblose Dinge, Steine und Bäume, werden gedrückt. Bei den Bäumen
+zeigen zitterndes Laub und verwachsene Zweige den Alpdruck an. Der Alp
+kann nur auf demselben Wege wieder hinaus, auf dem er hereingekommen
+ist. Wenn man daher das Loch verstopft, durch welches er einschlüpfte,
+so ist er gefangen; ebenso wenn man ihn anruft oder beim Namen nennt.
+Dann erscheint er morgens in seiner wahren Gestalt, meist als nacktes
+Weib, in der Gestalt des Menschen, der den Alpdruck bewirkt hatte.
+Man kann den Alp oder die Mare solange gefangen halten, bis der
+verstopfte Ausweg sich wieder aufthut, worauf das gespenstische Wesen
+sofort verschwindet. Die deutsche Volkssage lässt die Maren aus dem
+„Engelland“, d.&#8239;h. aus dem Seelen- und Geisterreich stammen, sofern sie
+nicht aus der nächsten Umgebung, aus der Zahl der Mitmenschen herkommen.</p>
+
+<p>Die Vorstellung von der Vielgestaltigkeit des Alps ist in der <span class="pagenum" id="Page_78">[S. 78]</span>Art
+des Alptraums begründet. Der eine fühlt und sieht den Traumgast als
+Tier, als Hund oder Katze, als Wurm, als furchtbares Scheusal, der
+andere als einen Menschen, der die Züge von lebenden oder toten
+Bekannten annimmt, als altes Weib oder blühendes Mädchen. Wem er heute
+Entsetzen einflösst, dem naht er morgen in lieblicher Erscheinung,
+sogar ein und derselbe Traum kann einen Wechsel der Gestalten
+zeigen. Von besonderer Bedeutung für die Sagenbildung ist die Form
+des Traumes, welche den Alp als Buhlgeist, als <i>Incubus</i> und
+<i>Succubus</i>, zeigt; daraus begreift man leicht, wie die Sage
+dazu kam, die elbischen Wesen überhaupt als lüstern und minnegierig
+darzustellen, vom geschlechtlichen Verkehr zwischen Elben und Menschen
+zu erzählen. Dieses Traumerlebniss braucht dann nur in eine höhere
+Auffassung gerückt zu werden, um den wüsten Buhlteufel, der schlafende
+Weiber überfällt, oder die teuflische Buhlerin, die sich im Traume mit
+Männern vermischt, zu Alb und Albin zu wandeln, die in Liebessehnsucht
+aus ihrer fernen Heimat herabsteigen, um mit Sterblichen einen Bund
+einzugehen. Hierin hat die Phantasie wol den dankbarsten Stoff
+erhalten, der in reichster Fülle und in zahllosen Umbildungen nach
+den verschiedensten Richtungen hin ausgesponnen werden kann. Sage und
+Dichtung können sich hier zu den herrlichsten Schöpfungen erheben,
+denen ihr einfacher Ursprung kaum mehr anzusehen ist. Zeus und Semele,
+Lohengrin und Elsa, des Albkönigs Tochter, die im Mondenschein mit
+dem zu seiner Menschenbraut verlangenden Jüngling tanzt und ihm den
+Tod gibt, die weisse Jungfrau, die auf alten Burgen oder sonst an
+Orten, die nicht geheuer sind, auf den menschlichen Befreier und
+Geliebten harrt, die verwunschene Königstochter, die sich in den
+Armen des Märchenhelden in Schreckgestalten verwandelt, aber endlich
+entzaubert den Mutigen mit ihrer Hingabe beglückt, kurz jene unzähligen
+Liebespaare aus Sage und Mythus, in denen das Göttliche und Menschliche
+sich vereinigt, können schliesslich als Blüten betrachtet werden,
+die aus jenem unscheinbaren Keim aufsprossten, als verschiedenartige
+Wendungen der Albenehe. Der vom Alp Heimgesuchte befreit sich endlich
+von der unheimlichen, drückenden Macht auf irgend eine Weise, indem das
+Erwachen herbeigeführt und damit der Bangigkeit des Schläfers, die sich
+zum höchsten Grade der Spannung gesteigert hatte, ein Ende bereitet
+wird. Ebenso vielgestaltig wie der Alp selber ist der Gegenzauber, der
+ihn zum Weichen bringt. Es kann ein von aussenher kommendes <span class="pagenum" id="Page_79">[S. 79]</span>Geräusch,
+der Weckruf eines Genossen, der Hahnenschrei, ein greller Lichtschein,
+die anbrechende Morgenröte, kurz überhaupt jedes Mittel sein, das den
+Menschen aufweckt. Daher scheuen die Maren und alle Elbe meistens das
+Licht und den Tag und räumen bei Dazwischenkunft eines Dritten das
+Feld. Die Traumgestalten, die <i>Draugen</i>, halten der Wirklichkeit
+nicht Stand, alle Gespenster verwehen gewöhnlich wie die Träume und aus
+denselben Ursachen. Den Alptraum im besonderen scheucht namentlich der
+Aufschrei, an dem der Geängstigte erwacht. Oft kommt es vor, dass er
+dabei ein Kissen oder Bettstroh krampfhaft umklammert hält, woraus der
+Glaube entstand, der Alp könne gefangen werden, verwandle sich jedoch
+dabei in einen Strohhalm, eine Bettfeder oder sonst einen unscheinbaren
+Gegenstand. Wird er in dieser Verwandlung gefangen gehalten, so muss
+er sich aber schliesslich wieder in seiner richtigen Gestalt zeigen
+und mag dann gestraft, verbannt, unschädlich gemacht werden. Aus dem
+bannenden Schrei entwickelte sich die Sage, der Alp müsse beim Anruf
+oder bei Namensnennung entweichen. Daher das Verbot, nach Nam und Art
+zu fragen, das in der Albenehe gestellt wird, dessen Nichtachtung
+den Alben verschwinden macht. Aus der Albenehe können verschiedene
+Sagentypen von Buhlschaft, Ehe, Haft und Erlösung erwachsen. Auch die
+Geschichten von den Wechselbälgen, den unterschobenen Albenkindern
+lassen sich teilweise auf den Alptraum zurückführen. Der Alptraum der
+Wöchnerinnen spiegelt oft Gefahr fürs Kind vor, sie sehen das Kindlein
+von geisterhaften Wesen bedroht, die nur auf dieselbe Art wie der Alp
+verscheucht werden können. Der pathologische Zustand des Alptraumes
+scheint allem nach den Menschen zuerst zum Gespensterglauben gebracht
+zu haben, aus der Erinnerung an den oft wiederholten Zustand erwuchs
+der Aberglaube, aus diesem ging eine reiche Sagenbildung hervor. Lebten
+einmal Gespenster in der Vorstellung des Menschen, so bemächtigte
+sich ihrer alsbald die Phantasie, die nach weiteren Beziehungen,
+insbesondere nach der Herkunft der Maren suchte. Trug der Alp Züge
+lebender oder toter Bekannter, so erschien er als deren Geist, deren
+Seele. War er unbekannt, so trat er doch von aussen her in die Hütte
+des Schlafenden, seine Heimat musste daher auch draussen in der weiten
+Natur, in Wald und Feld, in Wasser, Wind, Nebel und Wolke sein. Darum
+können auch alle Geister drücken und quälen, denn sie sind ursprünglich
+Maren.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_80">[S. 80]</span></p>
+
+<h4 id="Seelen_und_ihre_Erscheinungsformen_3"><b>3. Seelen und ihre
+Erscheinungsformen.</b></h4>
+
+<p>Einen gemeingermanischen Ausdruck für den Begriff der seelischen
+Geister im allgemeinen finden wir nicht vor. Das Wort Seele ist zwar
+west- und ostgermanisch (got. <i>saiwala</i>), während die Nordleute
+dafür <i>ǫnd</i> gebrauchen. Aber damit ist zunächst nur die geistige,
+belebende Kraft, die dem menschlichen Leibe inne wohnt, gemeint.
+Die Seelengeister benennt der Volksglaube alter und neuer Zeit nach
+ihren einzelnen Erscheinungsformen, in denen die Seele offenbar wird.
+Sie äussert sich aber zunächst als Hauch und Atem, als ein luftiges
+Gebilde, das völlig unsichtbar ist, oder als Rauch, Dunst, Nebel dem
+Auge sich zeigt.&#x2060;<a id="FNanchor_28_28" href="#Footnote_28_28" class="fnanchor">[28]</a> Dieser Hauch verweht beim Tode in den Wind,
+entschwebt aus dem toten Körper und geht in die Luft auf. Im lat.
+<i>anima</i> (gr. ἄνεμος) hält die Sprache unmittelbar den Zusammenhang
+zwischen Seele und Wind fest; die Seelen der Abgeschiedenen sind die
+Winde, im Winde leben die Geister der Toten fort. Im Windesrauschen
+machen sich die Seelengeister, auch wenn sie unsichtbar bleiben,
+fühlbar. Die deutsche Volkssage schildert die Seele häufig als
+Lufterscheinung.</p>
+
+<p>Die Seele als dunstiges Rauchgebilde kennt die Sage, die Prätorius in
+der <i>Weltbeschreibung</i> 2, 161 anführt. Die Sage belehrt auch über
+die enge Verknüpfung des Seelen- und Marenglaubens.&#x2060;<a id="FNanchor_29_29" href="#Footnote_29_29" class="fnanchor">[29]</a> Zu Hersfeld
+dienten zwei Mägde in einem Haus, die pflegten jeden Abend, eh sie zu
+Bette schlafen gingen, eine Zeitlang in der Stube stillzusitzen. Den
+Hausherrn nahm das Wunder, er blieb daher einmal auf, verbarg sich im
+Zimmer und wollte die Sache ablauern. Wie die Mägde nun sich beim Tisch
+allein sitzen sahen, hob die eine an und sagte:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Geist thue dich entzücken</div>
+ <div class="verse indent0">Und thue jenen Knecht drücken!</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Darauf stieg ihr und der andern Magd gleichsam ein schwarzer Rauch aus
+dem Halse und kroch zum Fenster hinaus; die Mägde <span class="pagenum" id="Page_81">[S. 81]</span>fielen zugleich in
+tiefen Schlaf. Da ging der Hausvater zu der einen, rief sie mit Namen
+und schüttelte sie, aber vergebens, sie blieb unbeweglich. Endlich ging
+er davon und liess sie. Des Morgens darauf war diejenige Magd tot, die
+er gerüttelt hatte, die andere aber, die er nicht angerührt, blieb
+lebendig.</p>
+
+<p>Eine isländische Volkssage (bei Jón Árnason 1, 356) erzählt, wie
+die Seele eines schlafenden Mannes als dunkles Wölkchen entschwebt,
+über die Wiesen eilt, auf einem Stabe ein Bächlein überschreitet und
+endlich in einen Hügel einkehrt. Hernach nimmt das Wölkchen denselben
+Weg zurück in den Körper des Schlummernden, der erwacht einen Traum
+erzählt, welcher der Wanderung des Wölkchens genau entspricht.</p>
+
+<p>Beim Todesfall pflegte man Fenster, Thür oder Lucke zu öffnen, damit
+die Seele ungehemmt entweichen könne. Nach allgemeinem Aberglauben
+entsteht Sturm, wenn sich jemand erhängt. Das wilde Heer fährt durch
+die Lüfte und erscheint in stürmischen Nächten. Zwar hat die Volkssage
+der Geisterschar meistens bestimmte Gestalt verliehen, Gespenster
+ziehen dahin, aber zu Grunde liegt doch der Glaube, dass im Sturme
+die Seelen übers Land brausen, dass die wütenden Winde eben die dahin
+rasenden Seelen seien. Dass man die Seelen in die Winde verwies, beruht
+auf ihrer elementaren Gleichheit.</p>
+
+<p>Die Seelen erscheinen auch als Flämmchen, die vielnamigen Irrlichter
+sind ruhelose Geister, die nach christlicher Auffassung wegen eines
+ungesühnten Vergehens spuken.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Tiergestalt der Seele ist überaus häufig. Die Seelen entschweben als
+Vögel, Raben, Krähen, in christlicher Zeit als weisse Tauben, sie
+erscheinen als Schwäne. Käfer, Fliegen, Schmetterlinge entschlüpfen dem
+Munde Schlafender. Als Schlange, Wiesel, Maus kriecht die Seele aus
+dem Leibe hervor. Auch Kröten und Unken gelten als Seelen und müssen
+geschont werden. Schlangen wurden in manchen Bauernhöfen gehegt als
+eine Art von Hausgeistern, weil sich die Seelen der Ahnen und früheren
+Besitzer darin offenbarten. Der richtige Dienst dieser Geschöpfe hielt
+das Glück am Hause fest. Bei Vögeln und kriechenden Tieren erblicken
+wir die Seele, wie sie unmittelbar entfliegt oder entschlüpft. Der
+Leib des Menschen liegt indessen in todähnlichem Schlafe oder er
+geht überhaupt ganz zu Grunde, wenn aus dem Holzstoss der Hexe eine
+Krähe, aus dem der Heiligen eine weisse Taube <span class="pagenum" id="Page_82">[S. 82]</span>entschwirrt. Zu diesem
+Aberglauben von der Tierverwandlung der Seele bieten sich aus alter und
+neuer Zeit zahlreiche Beispiele von Volkssagen dar.</p>
+
+<p>Die Seele, die zugleich Mare ist, zeigt des Prätorius
+<i>Weltbeschreibung</i> 1, 40; 2, 161 in Tiergestalt. In Thüringen bei
+Saalfeld auf einem vornehmen Edelsitze zu Wirbach hat sich Anfangs
+des 17. Jahrhunderts Folgendes begeben. Das Gesinde schälte Obst in
+der Stube, einer Magd kam der Schlaf an, sie ging von den Andern weg
+und legte sich abseits, doch nicht weit davon, auf eine Bank nieder,
+um zu ruhen. Wie sie eine Weile still gelegen, kroch ihr zum offnen
+Maule heraus ein rotes Mäuslein. Die Leute sahen es meistenteils und
+zeigten es sich unter einander. Das Mäuslein lief eilig nach dem gerade
+geklefften Fenster, schlich hinaus und blieb eine Zeitlang aus. Dadurch
+wurde eine vorwitzige Zofe neugierig gemacht, so sehr es ihr die Andern
+verboten, ging hin zu der entseelten Magd, rüttelte und schüttelte an
+ihr, bewegte sie auch an eine andre Stelle etwas fürder, ging dann
+wieder davon. Bald darnach kam das Mäuslein wieder, lief nach der
+vorigen bekannten Stelle, da es aus der Magd Mund gekrochen war, lief
+hin und her und wie es nicht ankommen konnte, noch sich zurecht finden,
+verschwand es. Die Magd aber war tot und blieb tot. Jene Vorwitzige
+bereute vergebens. Im Übrigen war auf demselben Hof ein Knecht
+vorhermals oft von der Trud gedrückt worden und konnte keinen Frieden
+haben, dies hörte mit dem Tod der Magd auf.&#x2060;<a id="FNanchor_30_30" href="#Footnote_30_30" class="fnanchor">[30]</a></p>
+
+<p>Die Sage vom Binger Mäuseturm (nach Grimm, <i>Deutsche Sagen</i> 1 Nr.
+242) zeigt Mäuse als Seelen verbrannter Menschen. Zu Bingen ragt mitten
+aus dem Rhein ein hoher Turm, von dem nachstehende Sage umgeht. Im Jahr
+974 ward grosse Teurung in Deutschland, so dass die Menschen aus Not
+Katzen und Hunde assen und doch viele Leute Hungers starben. Da war
+ein Bischof zu Mainz, der hiess Hatto der Andere, ein Geizhals, dachte
+nur daran, seinen Schatz zu mehren und sah zu, wie die armen Leute auf
+der Gasse niederfielen und bei Haufen zu den Brotbänken liefen und das
+Brot nahmen mit Gewalt. Aber kein Erbarmen kam in den Bischof und er
+sprach: „Lasset alle Arme und Dürftige sammeln <span class="pagenum" id="Page_83">[S. 83]</span>in einer Scheune vor
+der Stadt, ich will sie speisen“. Und wie sie in die Scheune gegangen
+waren, schloss er die Thüre zu, steckte mit Feuer an und verbrannte die
+Scheune samt den armen Leuten, Jung und Alt, Mann und Weib. Als nun die
+Menschen unter den Flammen wimmerten und jammerten, rief Bischof Hatto:
+„Hört, hört, wie die Mäuse pfeifen“. Allein Gott der Herr plagte ihn
+bald, dass die Mäuse Tag und Nacht über ihn liefen und an ihm frassen,
+und vermochte sich mit aller seiner Gewalt nicht wider sie zu behalten
+und bewahren. Da wusste er endlich keinen andern Rat, als er liess
+einen Turm bei Bingen mitten im Rhein bauen, der noch heutigen Tags zu
+sehen ist, und meinte sich darin zu fristen, aber die Mäuse schwammen
+durch den Strom heran, erklommen den Turm und frassen den Bischof
+lebendig auf.&#x2060;<a id="FNanchor_31_31" href="#Footnote_31_31" class="fnanchor">[31]</a></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Eine alte Sage dieser Art bietet Paulus Diaconus 3, 34: Der fränkische
+König Guntram war eines gar guten, friedliebenden Herzens. Einmal war
+er auf die Jagd gegangen, und seine Diener hatten sich hierhin und
+dahin zerstreut; bloss ein einziger, sein liebster und getreuster,
+blieb noch bei ihm. Da befiel den König grosse Müdigkeit; er setzte
+sich unter einen Baum, neigte das Haupt in des Freundes Schoos und
+schloss die Augenlieder zum Schlummer. Als er nun entschlafen war,
+schlich aus Guntrams Munde ein Tierlein hervor in Schlangenweise, lief
+fort bis zu einem nahe fliessenden Bach, an dessen Rand stand es still
+und wollte gern hinüber. Das hatte alles des Königs Gesell, in dessen
+Schoos er ruhte, mit angesehen, zog sein Schwert aus der Scheide und
+legte es über den Bach hin. Auf dem Schwerte schritt nun das Tierlein
+hinüber und ging hin zum Loch eines Berges, da hinein schloff es.
+Nach einigen Stunden kehrte es zurück, und lief über die nämliche
+Schwertbrücke wieder in den Mund des Königs. Der König erwachte und
+sagte zu seinem Gesellen: Ich muss dir meinen Traum erzählen und das
+wunderbare Gesicht, das ich gehabt. Ich erblickte einen grossen,
+grossen Fluss, darüber war eine eiserne Brücke gebaut; auf der Brücke
+gelangte ich hinüber und ging in die Höhle eines hohen Berges; in
+der Höhle lag ein unsäglicher <span class="pagenum" id="Page_84">[S. 84]</span>Schatz und Hort der alten Vorfahren.
+Da erzählte der Gesell ihm alles, was er unter der Zeit des Schlafes
+gesehen hatte, und wie der Traum mit der wirklichen Erscheinung
+übereinstimmte. Darauf ward an jenem Ort nachgegraben und in dem Berg
+eine grosse Menge Goldes und Silbers gefunden, das vor Zeiten dahin
+verborgen war.&#x2060;<a id="FNanchor_32_32" href="#Footnote_32_32" class="fnanchor">[32]</a></p>
+
+<p>Wenn Tote in Tiergestalt als schwarze oder feurige Hunde, als Schweine,
+als schnaubende und tobende Pferde und Stiere oder sonst irgendwie
+spuken, so haben wir bereits eine Weiterbildung der ursprünglichen
+Vorstellung, welche die Seele als fliegendes oder kriechendes
+Tierlein aus dem Munde entweichen lässt. Der Seele wird überhaupt
+jede erdenkliche Verwandlungsfähigkeit zugeschrieben. Dadurch haftet
+an allen Tieren aber auch etwas Gespenstisches, Unheimliches, denn
+sie können verwandelte, verzauberte Seelen sein. So erzählt die
+<i>Ynglingasaga</i> Kap. 7 von Odin: „Odin wechselte die Gestalt; da
+lag der Körper wie schlafend oder tot, er aber war da Vogel oder Tier,
+Fisch oder Wurm, und fuhr in einem Augenblick in fern gelegene Lande,
+in seinen Geschäften oder in denen Anderer.“</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In den nordischen Quellen heisst der Geist, die Seele des Menschen
+<i>hugr</i>. Solche <i>mannahugir</i>, Menschenseelen, erscheinen
+aber in eigner Gestalt. Odins Raben Huginn und Muninn, Denkkraft und
+Erinnerung, durchfliegen Tag für Tag die ganze Welt, um dem Gotte
+Bericht zu erstatten von allem, was geschieht. Ursprünglich war
+wol Odins in Rabengestalt verzückte Seele, sein hugr, gemeint. Die
+Tiergestalt der Seele scheint im einzelnen Fall oft mit Rücksicht auf
+die Eigenschaften und Stimmungen des betreffenden Menschen gewählt zu
+sein. Die hugir angesehener und tapferer Männer treten in der Gestalt
+eines Bären, Adlers oder Wolfes, eines starken Stieres, in romantischen
+Sagen als Löwen und Leoparden auf, die Seelen listiger Leute in der
+Gestalt von Füchsen, die Seelen schöner Frauen als Schwäne. Ein
+Isländer träumte von Wölfen, welche ihn und sein Gefolge anfielen. „Das
+sind <i>mannahugir</i>“, so wird der Traum gedeutet (<i>þorđar saga
+hređu</i> 37). <span class="pagenum" id="Page_85">[S. 85]</span>Die germanische Sage berichtet von vielen Träumen, in
+denen das zukünftige Schicksal sich enthüllt. Die handelnden Personen
+oder besser ihre Seelen erscheinen darin gewöhnlich in Tiergestalt.
+Kriemhild träumt noch mitten in den Ehren und dem Glanz ihrer Jugend,
+bevor noch Siegfried auf dem Hofe zu Worms erschienen, ihr künftiges
+Geschick, wie sie einen schönen Falken gezogen, den ihr zween Aare
+mörderisch ergreifen; und ihre Mutter, der sie den Traum vertraut, gibt
+ihm die rechte, traurige Deutung.&#x2060;<a id="FNanchor_33_33" href="#Footnote_33_33" class="fnanchor">[33]</a></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Seele geht auch in menschlicher Gestalt um, als „zweites Gesicht“
+oder als Gespenst, der Volksglaube erblickt leibliche Erscheinungen
+Lebender und Toter. Die nordische Sprache bezeichnet Totenerscheinungen
+als Wiedergänger (an. <i>aptrganga</i>, neuisl. <i>aptur-gaungur</i>,
+dän. <i>gjenganger</i>, schwed. <i>återgăngare</i>), als Geister,
+die aus dem Reich des Todes zu den Lebenden zurückkehren. Die
+altisländischen Sagen sind voll von Gespenstergeschichten. Die nhd.
+Sprache gebraucht die Worte Gespenst und Spuk; die gemeingermanische
+Bezeichnung, welche noch im Norden fortlebt, war <i>draugaȥ</i>
+(an. <i>draugr</i>, neunord. <i>draug</i>, as. <i>gidrôg</i>, ahd.
+<i>gitroc</i>). Die neuisländischen Ausdrücke <i>uppvakníngar</i>
+(Aufweckungen) und <i>sendíngar</i> (Sendungen) beziehen sich auf
+solche Gespenster, die mit Zauber aufgeweckt und Andern zum Schaden
+zugesandt werden. Für gewöhnlich spuken die Draugen in eigner Sache.
+Die Lebenden müssen trachten, sie zur Ruhe zu bringen.</p>
+
+<p>Das Wort „Traum“ geht auf eine urgermanische Form <i>„draugwmós“</i>,
+<i>„draumas“</i> zurück.&#x2060;<a id="FNanchor_34_34" href="#Footnote_34_34" class="fnanchor">[34]</a> Zu Grunde liegt die idg. Wurzel
+<i>dhreugh</i>, skr. <i>druh</i> schädigen, woraus ags.
+<i>bedreogan</i>, ahd. <i>triugan</i>, trügen sich entwickelt haben.
+Weiter gehört an. <i>draugr</i>, ahd. <i>troc</i>, <i>gitroc</i>,
+as. <i>gidrôg</i> Totenerscheinung, Gespenst hierher. Die Gespenster
+gehen ja in den meisten Sagen feindselig und schädigend um, so sind
+sie auch mit ihrem altgermanischen Namen als böse Unholde bezeichnet.
+Der Begriff „Traum“ ist aus etymologischen und sachlichen Erwägungen
+von den „Draugen“ nicht zu trennen. Traum bedeutet die Thätigkeit
+und Erscheinung der Draugen. Die <span class="pagenum" id="Page_86">[S. 86]</span>Gestalten, welche der Träumende
+erblickt, besonders sofern sie Züge Verstorbener tragen, gelten der
+menschlichen Einbildungskraft als Besuche gespenstischer Wesen,
+als Draugenerscheinungen, Traum ist ursprünglich Gespenstertraum.
+Den Zusammenhang zwischen Seelenglauben und Traum bestätigt diese
+Etymologie aufs beste. Auch die ursprüngliche Konstruktion des
+Zeitwortes träumen deutet darauf hin, dass der Traum auf die
+unmittelbare Thätigkeit der Gespenster, der Seelengeister zurückgeführt
+wurde. Es heisst früher stets: mir träumte, nie subjektiv ich träumte,
+im Altnordischen noch deutlicher „<i>mik dreymđi</i>“, z.&#8239;B. <i>mađr
+hefir mik dreymt</i>, ein Mann ist mir im Traum erschienen. Die
+Erklärung des Wortes Traum weist somit auf die vielen wilden Völkern
+ganz geläufige Vorstellung hin, dass Seelengeister von aussen kommen,
+um den Schlafenden, der sie als Traumbilder sieht, heimzusuchen und
+zwar häufig als quälende Druckgeister in feindseliger Absicht.</p>
+
+<p>Der Gespensterglaube entwickelt zahllose Sagen, je nachdem die
+Erscheinung gedeutet wird. Die Draugen sind oft nur ohne besondern
+Grund auf Schaden aus, meist aber weiss die Sage anzugeben, warum sie
+umgehen. Ungesühnte Schuld, Rachsucht, Liebe rauben dem Toten die
+Ruhe und nötigen ihn zur Wiederkehr. Auch übermässige Sehnsucht der
+Überlebenden ruft Draugen herbei. So in der Lenorensage&#x2060;<a id="FNanchor_35_35" href="#Footnote_35_35" class="fnanchor">[35]</a>, deren
+ältester germanischer Typus in der schönen nordischen Dichtung von
+Helgi und Sigrun begegnet. In den Kreis der Gespenstersagen ist auch
+das wilde Heer&#x2060;<a id="FNanchor_36_36" href="#Footnote_36_36" class="fnanchor">[36]</a> hereingezogen, mit dem die verschiedenartigsten
+Vorstellungen verflochten sind. Die eines gewaltsamen Todes verstarben,
+Kampftote, Gerichtete, nach christlichem Glauben die Seelen
+Ungetaufter, ziehen im wilden Heer. Wenn zur Nachtzeit der brausende
+Sturm den Umzug der Geisterschar anzeigt, erblickt die Phantasie die
+eigenen Schreckgestalten leibhaftig vor sich. Dem Heere wird gern ein
+besonderer Führer gesetzt, in der Heidenzeit der Sturmdämon Wode,
+in der christlichen Zeit irgend eine geschichtliche oder sagenhafte
+Persönlichkeit wie Dietrich von Bern, Karl der Grosse, Karl V., König
+Abel, König Waldemar. Das Heer wird auch als Jagdzug gedacht, ein
+gespenstischer Jäger <span class="pagenum" id="Page_87">[S. 87]</span>mit und ohne Gefolge, von kläffender Meute
+umbellt, jagt durch die Lüfte dahin. Der Reiter ist eine beliebig
+ausgemalte Spukgestalt, in manchen Sagen kopflos, den Kopf unterm
+Arm, auf kopflosem Pferde sitzend. Aus der Erscheinung wird wie aus
+allem Spuk geweissagt. Die vielen aus dem wütenden Heer entwickelten
+Sagenformen alter und neuer Zeit zeigen, wie leicht aus einer
+Vermischung mehrerer Vorstellungen, hier des Gespensterglaubens und
+des Glaubens an Elementargeister, im Verein mit der unerschöpflichen,
+wechselvollen Volkssage, welche immer neue Beziehungen zur Gegenwart
+aufsucht und altüberkommene Überlieferung mit seltsamen Neubildungen
+vermehrt, unzählige Geschichten entstehen können. Die grösste
+Mannigfaltigkeit im Einzelnen, in der Hervorhebung bald dieser, bald
+jener Grundzüge in der jeweiligen dichterischen Ausschmückung, lässt
+doch immer die in allem Wechsel gleichmässig bestehenden Grundlagen
+deutlich erkennen.</p>
+
+<h4 id="Das_Seelenheim_4"><b>4. Das Seelenheim.</b></h4>
+
+<p>Der Glaube an Gespenstererscheinungen führt notwendig allmälig zur
+Annahme bestimmter Aufenthaltsorte der Geister. Die Erscheinungen
+Lebender erklären sich dadurch, dass der Seele zeitweilige Trennung vom
+Körper zugeschrieben wird. Totenerscheinungen rufen andere Meinungen
+hervor. Die Seele ist entschwebt, sie lebt und webt im wehenden Winde.
+Aber sie wird nicht nur in stetiger Bewegung, sondern auch in Ruhe
+gedacht. Wo weilt dann die Seele? Zunächst haftet sie auch dann noch
+immer am Leichnam. Wo der tote Körper begraben liegt, zeigt sich das
+Gespenst am häufigsten. So weit geht die Einbildung, dass sie geradezu
+den toten Leib wieder aufstehen lässt, dass das Gespenst die volle
+Leiblichkeit des lebenden Menschen besitzt. Die Wiedergänger der
+nordischen Sagen sind so gedacht, sie müssen gewöhnlich noch einmal
+umgebracht und zu Asche verbrannt werden, dass sie nicht mehr Schaden
+anrichten. In den Grabhügeln der nordischen Sagen sieht man oft die
+Draugen der darin beigesetzten Kämpen sitzen. Eine besondere Heldenthat
+war es, einzudringen, das Gespenst zu bestehen und ihm seine Schätze,
+die im Hügel aufgespeichert waren, oder seine kostbaren Waffen zu
+entreissen. Aber solche rohe Vorstellungen sind im Vergleich zu andern
+selten. Der Leib verwest zu Staub, beim <span class="pagenum" id="Page_88">[S. 88]</span>Verbrennen der Leichen wird
+er sofort vernichtet und die Seele geht mit Flammen und Rauch in die
+Lüfte. Finden trotzdem spukhafte Erscheinungen statt, so muss die
+sichtbar werdende leibliche Hülle eine überirdische, geisterhafte
+sein. Die bewegliche Seele ist auch nicht immer ins enge Grab gebannt.
+Eine höher entwickelte Religion kennt ein Seelenreich, einen Hades,
+die heidnischen Germanen glaubten an eine Schattenwelt, an die Hölle,
+in der die Seelen der Abgeschiedenen weilten. Tapfere Edelinge gingen
+in die Gemeinschaft der Götter ein. Auch zu Elben und Riesen, zu
+den unheimlichen Geistern des Waldes und der Wildniss mochten die
+Seelen sich gesellen, nachdem einmal Naturbeseelung eingetreten war.
+Aber trotz allem, gleichwie im Christentum trotz Himmel und Hölle,
+haften im Aberglauben noch Überbleibsel älterer Vorstellungen, wonach
+den Seelen bestimmte Plätze auf Erden angewiesen sind, oft mit der
+Auffassung, dass die Seelen zu Zeiten aus dem Totenlande dahin
+zurückkehren. Zunächst weilt die Seele am Grabe oder am Wohnort des
+Verstorbenen. Ein altbezeugter Glaube der Germanen liess die Toten in
+Berge eingehen, vielleicht weil auch der Wind in Bergen ruhend und aus
+ihnen hervorbrechend gedacht wurde. Die Njálssaga Kap. 139 erzählt
+einen Traum, den Flosi hatte. Er sah wie ein Berg sich aufthat und
+ein Mann mit einem Ziegenfell angethan, einen Eisenstab in der Hand,
+herauskam. Der rief Flosis Leute bei Namen an und ging hierauf in den
+Berg zurück. Diejenigen, deren Namen der Mann angerufen hatte, waren
+dem Tod verfallen und kamen bald darauf im Kampfe um. Die Eyrbyggjasaga
+Kap. 11 berichtet: Im Herbste fuhr Thorstein nach Hoskuldsey zum
+Fischen. Es geschah eines Abends im Herbste, dass ein Schafknecht
+Thorsteins nach seinem Vieh ging nördlich von Helgafell. Er sah, wie
+sich der Berg im Norden öffnete; er sah im Berge drinnen grosse Feuer
+und hörte von dorther grossen Lärm und Hörnerklang, und als er horchte,
+ob er nicht einige Worte verstehen könnte, hörte er, dass da Thorstein
+begrüsst wurde mit seinen Begleitern, und dass gesagt wurde, er solle
+im Hochsitze seinem Vater gegenüber sitzen. Diese Erscheinung erzählte
+der Schafknecht der Thora, der Frau des Thorstein, am Abend. Sie
+sprach wenig darüber und sagte, es könne dies ein Vorzeichen grösserer
+Ereignisse sein. Des folgenden Morgens kamen Leute von Hoskuldsey und
+brachten die Botschaft, dass Thorstein beim Fischen ertrunken sei.
+Die Njálssaga Kap. 14 berichtet von einem zauberkundigen Mann <span class="pagenum" id="Page_89">[S. 89]</span>namens
+Svan, der beim Fischfang umkam. Fischerleute, die zu Kallbakr waren,
+meinten, den Svan in den Berg Kallbakshorn eingehen zu sehen, und er
+wurde da wol begrüsst. Auf Island glaubte die Nachkommenschaft der Aud
+in die Krossholar zu versterben (Landnáma 2, 16), die Verwandtschaft
+des Selthorir in die Thorisbjorg (ebenda 2, 5), die Thorsnesingar
+glaubten nach Helgafell entrückt zu werden (Eyrbyggja Kap. 4),
+Kraku-Hreidar verstarb in das Mälifell (Landnáma 3, 7). Die deutsche
+Volkssage bietet Entsprechendes in den Venus- und Hollenbergen, wohin
+die Menschen gelockt werden. Zu den „Unterirdischen“ wird mancher auf
+Nimmerwiederkehr entrückt. Wenn der Rattenfänger die Kinder in den bei
+Hameln gelegenen Köppelberg entführt, so meint die Sage gleichfalls ein
+Versterben in den Berg. In der Chronik von Ursberg (MG. 8, 261) wird
+zum Jahre 1223 folgende Sage erzählt: Bei Worms sah man einige Tage
+hinter einander eine grosse Schar bewaffneter Krieger aus einem Berg
+hervor kommen und nach einigen Stunden darin wieder verschwinden. Ein
+Mann fasste sich endlich ein Herz und redete einen aus jener Heerschar
+an, worauf er den Bescheid erhält, sie seien Geister gefallener Ritter
+(<i>animae militum interfectorum</i>). Man erkannte auch einen vor
+kurzem getöteten Grafen Emicho unter den Gespenstern. Für gewöhnlich
+bleiben die Geister gefallener Kämpfer an die Walstatt gebannt, an die
+Gräber, aus denen sie bei Nacht zu neuen Kämpfen sich erheben. Das
+älteste Beispiel der Gespensterschlachten bietet der Hedeningenkampf,
+der bis zum Weltende dauern soll. Der Seelenglaube ist hier wie so
+häufig mit Zauberei verknüpft. Hilde geht allnächtlich zum Schlachtfeld
+und weckt die Toten wieder auf, dass sie zu den Waffen greifen. In den
+Volkssagen der Gegenwart wird oft geschildert, wie im Innern der Berge,
+zumal im Schoosse alter Schlossberge, Gespenster mit den versunkenen
+Schätzen hausen. Bergentrückte Kaiser, Könige und Helden begegnen auf
+dem gesamten germanischen Gebiet. Im Kyffhäuser sitzt Friedrich II.,
+später Friedrich Barbarossa, derselbe Friedrich in einer Felsenhöhle
+bei Kaiserslautern, Wedekind in einem Hügel beim westfälischen Dorfe
+Mehnen, Siegfried im Bergschloss Geroldseck, Heinrich der Vogler im
+Sudemerberge bei Goslar, Karl im Untersberg bei Salzburg, Holger
+Danske unter dem Fels von Kronborg bei Kopenhagen, Olaf in Schweden
+u.&#8239;s.&#8239;w. Die einzelnen geschichtlichen Gestalten sind meist spät und
+auf gelehrtem Wege in die Volkssage gelangt. Wann, wie <span class="pagenum" id="Page_90">[S. 90]</span>und warum
+müssen Quellenuntersuchungen im einzelnen Falle feststellen. Die
+Mythologie hat nur den allgemeinen Grundgedanken aller dieser Sagen
+für sich in Anspruch zu nehmen, dass die Geister der Abgeschiedenen in
+Bergen fortleben. Der schwedische Bergname <i>walhall</i> lässt, wie
+später ausgeführt wird, vermuten, dass ursprünglich die Totenhalle der
+im Berge weilenden Heldengeister (<i>animae militum interfectorum</i>
+wie im Wormser Berge) darunter zu verstehen sei. Das wilde Heer,
+der Sturm, wird im Berge ruhend gedacht. Von dort bricht dann der
+Geisterzug hervor. So zieht der Rodensteiner von einer Burg zur andern
+und sagt Krieg und Frieden mit seiner Erscheinung an.</p>
+
+<p>Ob Seelen auch im Gewässer weilend gedacht wurden, scheint zweifelhaft.
+Zwar wird es von Mannhardt, <i>German. Mythen</i> 95, 271 ff.,
+behauptet, aber wesentlich auf die Ammenrede hin, die kleinen Kinder
+kämen aus Brunnen und Teichen. Ob wirklicher alter Volksglaube dahinter
+steckt, ist nicht auszumachen. Dass die Seelen Ertrunkener im Wasser
+festgehalten werden, versteht sich von selber. Aber in den Sagen tritt
+bei den Wasserelben die elementare, keineswegs die seelische Natur
+hervor. Der Grund ist wol einzusehen. Das Erdbegräbniss führte zur
+Vorstellung, die Seele sei zu den Unterirdischen eingegangen. An die
+Wasserelben bot sich nur selten Anknüpfung.</p>
+
+<p>Zusammenhang von Pflanzen- und Menschenseele ist in einem
+weitverbreiteten Sagenzuge ersichtlich. Aus den Gräbern spriessen
+Blumen, Sträucher und Bäume hervor, worin die Seelen der im Grabe
+Ruhenden offenbar werden. Über den Gräbern Unschuldiger, Verkannter
+leuchten Lilien, über denen Liebender verschlingen sich Rose und
+Rebe. So erzählen zahllose Volkslieder und die Sage von Tristan und
+Isolde&#x2060;<a id="FNanchor_37_37" href="#Footnote_37_37" class="fnanchor">[37]</a>.</p>
+
+<h4 id="Seelenkult_5"><b>5. Seelenkult.</b></h4>
+
+<p>Der Kultus, der den Seelengeistern gewidmet wird, dient zur Abwehr und
+zur Pflege. Beim Tode eines Menschen wird seit Alters auf bestimmte
+Bräuche geachtet, welche das Wiedergehen verhindern sollen.&#x2060;<a id="FNanchor_38_38" href="#Footnote_38_38" class="fnanchor">[38]</a> Dem
+Toten werden Mund und Augen geschlossen, <span class="pagenum" id="Page_91">[S. 91]</span>damit der böse Blick nicht
+schade, damit die ausgehauchte Seele nicht wieder zurückkehre. Schon
+in der heidnischen Zeit des Nordens war es Sitte, den Kopf des Toten
+zu verhüllen und den Leib mit einem Tuche zu bedecken. Zuvor waren
+Lippen und Augen geschlossen worden und zwar von rückwärts; niemand
+wagte der Leiche von vorne zu nahen, ehe diese Teile geschlossen waren.
+Der Tote durfte nicht zu der Thüre hinaus, zu welcher die Lebenden
+ein- und ausgingen. Man legte daher in der Wand, die hinter dem Kopfe
+war, ein Stück nieder und trug ihn hier rückwärts hinaus. Oder man
+grub unter dem Grunde der südlichen Wand ein Loch, durch welches der
+Leichnam gezogen ward. In Deutschland wurde derselbe Brauch bei den
+Leichen von Missethätern und Selbstmördern beobachtet, die nicht
+zur Thür, sondern unter der Schwelle oder der Wand hinausgeschleppt
+wurden. Das Lager des Leichnams wird vernichtet, das Stroh verbrannt,
+das „<i>rêbrett</i>“ (ahd. <i>hrêo</i>, Leiche), worauf der Tote bis
+zum völligen Erkalten gelegt worden war, im baierischen Wald aufs
+Feld oder in den Wald gestellt. Nichts soll zurückbleiben, was das
+leibliche Erscheinen des Totengespenstes hervorrufen könnte. Auch der
+entschwebenden Seele wird der Ausgang möglichst erleichtert, indem beim
+Tode Fenster und Thüren geöffnet wurden. Liegt ein Toter trotzdem nicht
+ruhig im Grabe, so muss der Leichnam mit einem Pfahl durchbohrt, der
+Kopf abgestossen oder der ganze Leib verbrannt werden. Im Norden waren
+„<i>bautasteine</i>“, Stosssteine, üblich, vielleicht um den Leichnam
+im Grabe festzubannen. Die sächsischen <i>dâdsisas</i>, Totenlieder,
+hatten nach Kögel, <i>Geschichte der deutschen Litteratur</i> I, 1, 52
+den Zweck, den Geist des Verstorbenen mit Zaubersang an der Rückkehr
+auf die Erde zu hindern. Diesem Bannen steht das Beschwören und
+Aufwecken der Gespenster gegenüber, das aber nur mit schlimmer Zauberei
+und in besonderen Fällen, um die Zukunft zu erforschen, um Feinden zu
+schaden, ausgeübt wurde. Dass der Mensch die Geisterwelt um Rat und
+Beistand anrief, wo sein beschränkter gebundener Geist versagte, ist
+begreiflich. Auf Gräbern und überall, wo Geister hausten, war dazu der
+rechte Ort. Bei den heidnischen Sachsen wurde nach dem <i>indiculus
+superstitionum</i> das <i>sacrilegium ad sepulchra mortuorum</i>
+verboten, noch ums Jahr 1000 eifert Burkhard von Worms gegen die
+<i>oblationes quae in quibusdam locis ad sepulchra mortuorum fiunt</i>.
+Diese Opfer und sonstigen Totenfeiern können ebenso gut dem Gedächtniss
+der Abgeschiedenen <span class="pagenum" id="Page_92">[S. 92]</span>wie einer Beschwörung gelten. Eine Anzahl andrer
+Bräuche ist freundlicher. Da herrscht die Absicht vor, dem Toten Gutes
+zu erweisen, sein Loos zu erleichtern. Aus der Anschauung, dass der
+tote Leib eine weite Reise ins Totenreich anzutreten habe, entspringen
+Begräbnissbräuche, die von den Urzeiten bis herab zur Neuzeit reichen.
+Die ältesten Gräberfunde lehren, dass man dem Toten Waffen, Werkzeuge,
+Schmucksachen, Trinkhörner mitgab, damit er sie gebrauche. Frauen,
+Sklaven, Tiere folgten dem Herrn auf dem Totenweg. Namentlich wurde
+ein eigener Totenschuh (an. <i>helskór</i>) mit ins Grab gegeben,
+damit der Tote über Dornicht und Steinicht ungefährdet schreiten
+könne.&#x2060;<a id="FNanchor_39_39" href="#Footnote_39_39" class="fnanchor">[39]</a> Wikinger wurden in ihren Schiffen am Lande begraben oder
+aufs Meer hinausgeführt und verbrannt. Vielleicht liegt der Gedanke
+einer Seelenüberfahrt zu Grunde. Denn die germanische Hölle ist von
+der bewohnten Menschenerde durch einen breiten Grenzstrom geschieden.
+Solchen Bräuchen schwebt ein bestimmter Ort vor, an welchen die Seele
+feierlich verwiesen wird. Auch den beruhigten Seelen ist zuweilen
+Wiederkehr an den Ort ihres einstigen Lebens verstattet. Freundlich,
+ohne zu schädigen, erscheinen die Seelen, freundlich werden sie
+mit Opferspenden empfangen. Das <i>erfiǫl</i>, das Erbbier, der
+Leichenschmaus war ursprünglich auch zu Ehren des Toten, den man dabei
+gegenwärtig glaubte, gemeint. Zu bestimmten Zeiten, in stürmischen
+Nächten, im Herbst, Mittwinter und Frühling, wenn die Winde heulen
+und toben, waren Totenfeste, die auch im Christentum fortleben und im
+Allerseelentag geregelt erscheinen. Da wurde den Seelen auf den Gräbern
+geopfert, ja sogar in den Häusern, die ihnen für die Nacht von den
+Lebenden eingeräumt wurden, richtete man ihnen ein Gastmahl zurecht.</p>
+
+<h4 id="Ahnenkult_6"><b>6. Ahnenkult.</b></h4>
+
+<p>Aus Seelenglauben und Seelenkult entsteht leicht ein förmlicher
+Ahnenkult&#x2060;<a id="FNanchor_40_40" href="#Footnote_40_40" class="fnanchor">[40]</a>, wie der der römischen <i>manes divi</i>. In manchen
+Religionen steht der Ahnenkult obenan. Die Seelen der abgeschiedenen
+<span class="pagenum" id="Page_93">[S. 93]</span>Ahnen wachen als Schutzgeister oder Schutzgötter über ihrer Sippe.
+Im Kultus der Sippe und des Hauses mögen neben den Naturgeistern
+namentlich an den Gedächtnisstagen der Toten, am „Allerseelenfest“
+auch die Ahnen besonders verehrt worden sein. Nachweisen lassen
+sich aber nur einzelne wenige Erscheinungen des Ahnendienstes. Wer
+die Heldensage im Sinne von E.H. Meyer erklärt, muss eigentlich für
+die Urzeit auch einen bedeutungsvollen Ahnenkult annehmen. Aber die
+Heldensage knüpft meistens an die geschichtlichen Gestalten an, deren
+Thaten im Gedächtniss der Sänger und Dichter haften, schwerlich an
+ihre Apotheose. In vereinzelten Fällen freilich scheint eine solche
+wirklich erfolgt zu sein. Nach Jordanes wurden die Ahnen der gotischen
+Königsgeschlechter als höhere Wesen betrachtet, ja geradezu als Götter
+(<i>ansîz</i>, wie lat. <i>dîvi</i>) bezeichnet.&#x2060;<a id="FNanchor_41_41" href="#Footnote_41_41" class="fnanchor">[41]</a> Damit vergleicht
+sich eine schwedische Sage. Adam von Bremen sagt von den Schweden: sie
+verehren auch vergötterte Menschen, die sie wegen ausserordentlicher
+Thaten mit der Unsterblichkeit beschenken, wie sie das nach dem Leben
+des heiligen Anskar (Kap. 26) mit dem Könige Erich gemacht haben.&#x2060;<a id="FNanchor_42_42" href="#Footnote_42_42" class="fnanchor">[42]</a>
+Im Leben Anskars&#x2060;<a id="FNanchor_43_43" href="#Footnote_43_43" class="fnanchor">[43]</a> wird erzählt, dass ein Mann auftrat und König und
+Volk der Schweden verkündigte, er habe einer Versammlung der Götter,
+die man für die Besitzer des Landes dort hielt, beigewohnt und sei
+abgesandt, um König und Volk folgendes anzuzeigen: „Ihr habt euch lange
+unsrer Gunst erfreut, ihr habt lange Zeit <span class="pagenum" id="Page_94">[S. 94]</span>unter unserem Schutze das
+Land eurer Väter, eurer Heimat in Glück, Frieden und Überfluss inne
+gehabt, habt uns auch nach Gebühr Opfer und Gelübde dargebracht, und
+euer Dienst war uns lieb. Jetzt aber lasset ihr die gewohnten Opfer
+eingehen, bringt freiwillige, aber nur lässig dar, und erhebet — was
+uns noch mehr missfällt — einen fremden Gott neben uns. Wollet ihr
+also unsere Gunst wieder erlangen, so vermehret die unterlassenen
+Opfer, bringet grössere Gelübde dar, lasset auch nicht den Dienst eines
+andern Gottes, dessen Lehre der unsrigen entgegengesetzt ist, bei euch
+zu und zollet ihm keine Verehrung. Verlanget ihr aber mehr Götter,
+und sind wir euch nicht genug, so nehmen wir hiemit nach einstimmigem
+Beschluss euren einstigen König Erich in unsre Gemeinschaft auf, so
+dass er fortan einer der Götter ist.“ Da erbauten sie dem König Erich,
+der unlängst verstorben war, einen Tempel und begannen ihm als einem
+Gotte Gelübde und Opfer darzubringen.</p>
+
+<p>Die nordischen Denkmäler bieten noch einige weitere Beispiele eines
+Ahnenkultes dar, welcher vom ganzen Volk der Person des Fürsten, von
+der einzelnen Sippe den abgeschiedenen Familiengliedern förmlich und
+feierlich geweiht wurde, und eben hierdurch vom allgemeinen Seelenkult
+sich merklich unterscheidet. Von einem norwegischen Manne namens
+Thorolf, Thorsteins Sohn, heisst es in der Landnáma 1, 14, er sei der
+Enkel Grims gewesen, der wegen seiner Beliebtheit nach seinem Tode mit
+Opfer verehrt wurde (<i>er blótinn vas dauđr fyrir þokkasæld</i>).
+In der Herwararsaga Kap. 1 ehren die Männer den toten Gudmund mit
+Opfern und bezeichneten ihn als ihren Gott. In der Ynglingasaga
+gilt Freyr als ein sterblicher König, dem erst nach seinem Tode
+göttliche Ehren erwiesen wurden. Lehrreich ist die Geschichte von
+König Olaf Geirstada-alf (Flatcyjarbók 2, 6 ff.). Im Lande herrschte
+einmal grosse Hungersnot; König Olaf weissagte, sie werde nicht eher
+endigen, als bis er selber gestorben und in einem umhegten Hügel
+beigesetzt sei. Nach seinem Tode wurde er im Hügel mit vielen Schätzen
+bestattet. Man opferte ihm um Fruchtbarkeit und nannte ihn den Alb
+von Geirstad (<i>þeir blótođo Ólaf konung til <span class="pagenum" id="Page_95">[S. 95]</span>árs sér ok kǫllođo
+hann Geirstađa-alf</i>). Der verstorbene König wird also schon mit
+seinem Namen unter die Landgeister versetzt, seine Grabstätte ist sein
+Heiligtum. Unter diesem Gesichtspunkte gewinnt auch der isländische
+Glaube vom Versterben in die Berge neue Bedeutung. Thorolf und seine
+Nachkommen gingen nach Helgafell, die Nachkommen der Aud in die
+Krosshólar. Diese Berge aber waren geheiligte Opferstätten. Mithin
+scheinen Könige und Helden vergöttert und in ihren Hügeln durch Opfer
+und Gebet verehrt worden zu sein; innerhalb einzelner Sippen erhielt
+sich aber auch ein Ahnenkultus, dessen Stätte die Familiengräber
+(im Schwedischen <i>ätthögar</i> genannt) oder nahe gelegene Berge
+und Hügel waren, worin die Seelen der abgeschiedenen Sippen sich
+aufhielten. Elbe und Wichte, die Naturgeister, welche ursprünglich
+überhaupt von den Seelengeistern abstammen, hingen früher vielleicht
+noch enger mit dem Ahnenkult der einzelnen Sippen zusammen, als es aus
+der Überlieferung den Anschein hat.</p>
+
+<p>Berggeister von Riesenart werden in isländischen Quellen des 13.
+Jahrhunderts als Asen bezeichnet. So Barðr, der Sohn des Riesen Dumbr
+und Zögling des Riesen Dofri, von dem eine eigene Sage geht, wie er in
+den Tagen Haralds aus Norwegen nach Island gefahren sei. „Die Leute
+meinen, dass er in den fernen Snæfell eingegangen sei, und dort eine
+grosse Höhle bezogen habe; denn das war mehr seine Art, in Höhlen
+zu sein als in Häusern, weil er in den Höhlen des Dofri auferzogen
+war; er war auch an Wuchs und Stärke den Unholden ähnlicher als den
+Menschen.“ „Er wurde darum Barðr <i>Snæfellsass</i> genannt, weil sie
+dort auf dem Gebirge an ihn glaubten und ihn für einen anzurufenden
+Gott (<i>heitguđ</i>) hielten; er zeigte sich auch manchem Manne als
+ein sehr kräftiger Schutzgeist (<i>bjargvættr</i>).“ In der Njálssaga
+Kap. 124 begegnet ein <i>Svínfellsáss</i>, der mit Flosi Thordarson
+unkeuschen Umgang hatte. Gudbrand Vigfusson (<i>corpus</i> 1, 418) geht
+zu weit, wenn er diese Wesen für Ahnengeister erklärt und schliesst,
+die in Bergen hausenden Toten seien ursprünglich als Asen bezeichnet
+worden. Der vergötterte Ahnherr des nahe wohnhaften Geschlechtes sei
+als áss im Snæfell und Svínfell verehrt worden; Asen und Elben (wegen
+dem Geirstaða-alf) seien die ältesten Benennungen der Ahnengeister.
+Die Beispiele stehen vereinzelt, die Quellen sind zu wenig verlässig,
+um so kühne Schlüsse zu verstatten. Richtiger urteilt Maurer
+(<i>Bekehrung</i> 2, 246), wenn er eine späte Verwirrung annimmt,
+welche zwischen dem Kultus der eigentlichen Götter <span class="pagenum" id="Page_96">[S. 96]</span>und der niederen
+Dämonen nicht mehr genau zu unterscheiden vermochte und daher auch den
+Asennamen auf riesische Berggeister anwandte.</p>
+
+<h4 id="Glauben_an_eine_Wiedergeburt_7"><b>7. Glauben an eine Wiedergeburt.</b>
+</h4>
+
+<p>Der Seelenglaube führt die Menschen zum Unsterblichkeitsglauben, zum
+Glauben an die Seelenwanderung und zu ähnlichen Vorstellungen, die
+freilich im niederen Volksglauben der Reinheit, Erhabenheit und Tiefe
+entbehren. In der Hölle oder bei den Göttern leben die Seelen ewig
+fort, im Übrigen wird über die Zeit, welche einzelnen Gespenstern
+zugemessen ist, nichts Bestimmtes gesagt. Die meisten Spukgestalten
+gehen nur so lange um, bis sie beruhigt, erlöst sind. In den ältesten
+Zeiten, ehe man an Himmel und Hölle glaubte, dauerte das Leben der
+Seelengeister, solange sie im Gedächtniss der Menschen hafteten.
+Der Begriff der Ewigkeit und Unsterblichkeit setzt eine ziemlich
+hohe Stufe des Denkvermögens voraus. Die Gespenster waren oft so roh
+sinnlich gedacht, dass man von ihrer völligen Vernichtung zu erzählen
+wusste. Nach Asinius Pollio waren die Germanen des Ariovist deshalb
+so mutig und verwegen und solche Todesverächter, weil sie wieder
+aufzuleben hofften (θανάτου χαταφρονηταὶ δι’ ἐλπίδα ἀναβιώσεως).&#x2060;<a id="FNanchor_44_44" href="#Footnote_44_44" class="fnanchor">[44]</a>
+Ob das Wiederaufleben für eine andere Welt, für ein Walhall, oder für
+diese Welt galt, wird nicht gesagt. An eine Wiedergeburt im Sinne der
+Seelenwanderung, dass die Seele eines Toten im Leibe eines neugeborenen
+Kindes wieder erscheint, glaubten die Germanen.&#x2060;<a id="FNanchor_45_45" href="#Footnote_45_45" class="fnanchor">[45]</a> So heisst es am
+Ende des Liedes von Helgi dem Hjorwardsson, Helgi und Swawa seien
+wiedergeboren worden; ausführlicher am Ende des zweiten Liedes von
+Helgi dem Hundingstöter: „Das war in alter Zeit Glaube, dass Menschen
+wiedergeboren werden könnten; jetzt aber heisst das Altweiberwahn.
+Von Helgi und Sigrun erzählt man, dass sie wiedergeboren seien, er
+hiess da Helgi Haddingjaskati und sie Kara.“ Im kurzen Sigurdliede 45
+wünscht Hogni von Brynhild: verwehrt sei ihr ewig die Wiedergeburt.
+In der Gautrekssaga Kap. 7 wird Starkad ein wiedergeborener <span class="pagenum" id="Page_97">[S. 97]</span>Riese
+(<i>endrborinn jǫtunn</i>) genannt. In der Sturlungasaga IX, 42 wird
+Thorgils von den Leuten für den wiedergeborenen Kolbeinn gehalten.
+Besondere Beachtung verdient, was sich die Zeitgenossen einst von
+König Olaf dem Heiligen erzählten. Vor Olafs Geburt erschien der
+längst verstorbene König Olaf Geirstada-alf einem Manne im Traum
+und befahl diesem, aus seinem Grabhügel Waffen und einen Gürtel zu
+nehmen und letzteren der schwangeren Fürstin Asta in den Wehstunden
+umzuspannen, dafür aber die Namengebung sich auszubedingen. Der Mann
+that so und nannte das Kind, den künftigen Bekehrer Norwegens, nach der
+Traumerscheinung Olaf. Man glaubte, Olaf Geirstada-alf sei in seinem
+Namensvetter wiedergeboren. Als König Olaf auf seiner Fahrt einmal zu
+dem Hügelgrabe des alten Olaf gekommen war, fragte ihn einer seiner
+Mannen: Bist du hier begraben gewesen? Olaf antwortete: Nie hatte meine
+Seele zwei Körper. Er leugnet auch, früher gesagt zu haben: Es war eine
+Zeit, da wir hier waren und von hier wegkamen. Der christliche, heilig
+gesprochene König muss natürlich den heidnischen Aberglauben, der an
+seinem Ursprung haftet, von sich abzuwälzen suchen. Der Erzählung liegt
+ein noch fortlebender norwegischer Aberglaube zu Grunde. Man wählte
+Namen Verstorbener, um die Toten wieder aufleben zu lassen. Wenn eine
+schwangere Frau von einem Verstorbenen träumt, so hält man dafür,
+dass dieser nach einem Namen umgeht — <i>gaaer efter navnet</i> —,
+dass er einen Namensvetter sucht und dass das Kind nach ihm getauft
+werden muss. So erscheint dem Thorstein uxafót ein Grabhügelbewohner
+im Traum, sagt ihm seinen Übertritt zum Christentum voraus und bittet
+ihn, einen Sohn mit seinem, des Toten Namen zu taufen —, offenbar
+um als Wiedergeborener der christlichen Seligkeit teilhaftig zu
+werden. Der sterbende Asbjorn bittet, nach ihm zu taufen — <i>at láta
+heita eptir honum</i> — d.&#8239;h. ihm durch Benützung seines Namens zur
+Wiedergeburt zu verhelfen. Der sterbende Jokull schenkt seinem Mörder
+das Leben und bittet ihn, zum Danke dafür einst seinen künftigen Sohn
+oder einen seiner Enkel Jokull zu nennen. Die alte und neue nordische
+Sage enthält viele Beispiele dieses mit der Wiedergeburt verknüpften
+Namensaberglaubens.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Seelenglauben dauerte unter dem Christentum ungeschwächt fort,
+allzu tief wurzelt die Gespensterfurcht im Herzen des Menschen.
+Ruhelose Seelen, die man zur eignen Sicherheit <span class="pagenum" id="Page_98">[S. 98]</span>bannen muss, die aber
+trotz allem nach Ruhe verlangen, kannte schon das Heidentum. Eine
+gewisse sittliche Auffassung mag auch darin bestanden haben, dass
+unholde Geister namentlich aus den Seelen böser Menschen hervorgingen,
+während die guten in die Gemeinschaft der Götter und guten Geister,
+ins allgemeine Totenland oder sonst an einen stillen Ort gelangten.
+Unter dem Christentum bildete sich aber neu die Vorstellung der „armen“
+Seele, die zur Strafe spuken muss und vom Höllenfeuer angeglüht ist.
+Wie für alles Unholde ergab sich auch für die Gespenster unmittelbarer
+Zusammenhang mit Hölle und Teufel.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Uebermenschliche_Wesen_die_aus_Maren_und_Seelen_hervorgingen">
+ Übermenschliche Wesen, die aus Maren und Seelen hervorgingen.
+ </h3>
+
+</div>
+
+<h4 id="Die_nordischenFylgjur_1"><b>1. Die nordischen Fylgjur.</b></h4>
+
+<p>Die alte und neue nordische Sage berichtet viel von der <i>fylgja</i>,
+<i>forynja</i>, <i>fyreferd</i>, <i>hamingja</i>, von Erscheinungen,
+in welchen der Seelenglauben am deutlichsten zum Ausdruck gelangt.
+<i>fylgja</i> bedeutet Folgerin; gemeint ist ein jedem Menschen
+beiwohnendes geisterhaftes Wesen, die Seele, welche zuweilen sichtbar
+wird. Die Fylgja zeigt sich ihrem Besitzer und andern Menschen meistens
+vor wichtigen Ereignissen, namentlich vor dem Tode. Sie erscheint in
+der vollen eignen Gestalt ihres Inhabers als Doppelgänger, zweites
+Gesicht, oder in beliebiger Tiergestalt. Die Fylgja offenbart sich
+gerne im Traum, geistersichtige Leute vermögen sie aber auch im Wachen
+zu sehen. So gleicht die Fylgja einerseits völlig den <i>hugir</i>,
+den Seelen, andererseits ist sie aber auch als <i>fylgjukona</i>, als
+<i>dís</i>, als ein übernatürliches Wesen weiblichen Geschlechtes
+gedacht. Wie ein Schutzengel ist sie dem einzelnen Menschen
+(<i>mannsfylgja</i>) oder auch einer ganzen Sippe (<i>kynfylgja</i>,
+<i>æltarfylgja</i>) gesellt, manchmal sind sogar mehrere Fylgjur einem
+Menschen oder einem Geschlechte beigegeben. So vollzieht sich also
+die Ablösung eines selbständigen Geisterwesens aus dem Seelenglauben,
+eine spätere Neubildung auf allgemeinem Hintergrund. Die Seele wird
+zu einem Schutzgeiste in Frauengestalt, zu einer Schicksalsgöttin.
+Manche Leute haben stärkere Fylgjur, stärkere Schutzgeister und darum
+mehr Glück als andre. In den Fylgjur <span class="pagenum" id="Page_99">[S. 99]</span>verkörpern sich gewissermaassen
+die eignen Seelen der einzelnen Menschen und zugleich die Seelen
+der abgeschiedenen Ahnen, aber als selbständige Wesen gedacht.
+Zusammenhang mit dem Seelenglauben bricht aber immer noch hervor. Von
+Olaf Tryggwason heisst es, seine Fylgjen seien besonders schön und
+glänzend gewesen (Olafssaga des Oddr Kap. 5). In der jüngeren Olafssaga
+Tryggvasonar Kap. 215 steht eine merkwürdige Geschichte von einem
+Isländer namens Thidrandi. Dieser hörte einmal in einer mondhellen
+Nacht an die Thüre seines Hauses anklopfen und trat, obwol gewarnt,
+mit einem Schwerte bewaffnet hinaus. Da sah er von Norden her neun
+Weiber in schwarzen Gewändern mit gezogenen Schwertern in den Händen
+heranreiten; von Süden her kamen auch neun Weiber geritten, alle in
+lichten Gewändern und auf weissen Rossen. Thidrandi wollte wieder ins
+Haus zurück, wurde aber von den schwarzen Frauen angegriffen und auf
+den Tod verwundet. Morgens fand man ihn, und er erzählte alles, ehe
+er starb. Thorhall aber erklärte die Frauen für die Schutzgeister
+des Geschlechtes (<i>fylgjur yđrar frænda</i>). Die schwarzen
+Frauen (<i>dísir</i>) seien die dem Heidentum, die weissen die dem
+Christentum geneigten Geister. Die heidnisch gesinnten verlangten noch
+vor der Bekehrung ein Opfer und holten darum den Thidrandi zu sich.
+<i>fylgjur</i> und <i>dísir</i> werden also einander gleichgestellt und
+gelten als die aus den Seelengeistern hervorgegangenen Schutzgeister
+einer Sippe. Die Scheidung in schwarze und weisse, unholde und holde
+dürfte der christlichen Absicht der Erzählung zuzuschreiben sein.
+Ähnlich sagt Gisli in der Gislasaga Súrssonar 41: „Ich habe zwei
+Traumweiber (<i>draumkonur</i>); die eine ist gut gegen mich, die
+andre aber sagt mir immer das vorher, was mir eine Verschlechterung
+meines Geschickes zu sein scheint und prophezeit mir Böses.“ Die
+Fylgjur zeigen sich hier, wol auch unter christlichem Einfluss, als
+guter und böser Engel eines Menschen. Die Fylgjur erscheinen auch
+sonst als bewaffnete Frauen. Der Skald Hallfred sah einmal ein Weib in
+einer Brünne über die Wogen hin zum Schiffe schreiten. Es war seine
+<i>fylgjukona</i> (Fornsögur hrsg. von Gudbrand Vigfusson S. 114). Dem
+Asmund erscheinen im Traume bewaffnete Frauen, seine Schutzgöttinnen
+(<i>spádísir</i>), die ihm Hilfe im Kampfe verheissen (Fornaldarsögur
+2, 483). Dem Wigaglum tritt die Schutzgöttin (<i>hamingja</i>)
+des Wigfuss behelmt entgegen und bietet ihm ihre Nachfolge an
+(Vigaglúmssaga Kap. 9). Den Zusammenhang der <span class="pagenum" id="Page_100">[S. 100]</span>Fylgjen mit den
+Seelengeistern lehren deutlich die Atlamól 27, wo die dísir zugleich
+als tote Weiber (<i>konor dauđar</i>) bezeichnet sind. Glaumwor warnt
+den Gunnar vor der Fahrt zu Atli durch Erzählung ihrer Träume:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mir schiens, als träten bei Nacht&#8195;tote Frauen hier ein,</div>
+ <div class="verse indent0">In dürftige Kleider gehüllt,&#8195;die dich entführen wollten;</div>
+ <div class="verse indent0">Es luden zu ihren Bänken&#8195;die leidigen Weiber dich ein;</div>
+ <div class="verse indent0">Die Schicksalsjungfrauen, glaub ich,&#8195;haben den Schutz dir aufgesagt.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Die Fylgjur in ihrer Eigenschaft als selbständige Schutzgeister gingen
+beim herannahenden oder eingetretenen Tode eines Mannes auf einen
+beliebigen Verwandten, dem sie sich antrugen, über. So übernimmt
+Wigaglum die Fylgja des Wigfuss, dem Hedin bot sich die Fylgja seines
+Bruders Helgi Hjorwardsson an, welcher darin ein Zeichen seines nahen
+Todes sieht. Bei Gunnar und Thidrandi herrscht die Vorstellung, dass
+die Fylgjur den Todgeweihten zu sich holen, d.&#8239;h. seine Seele geht zu
+den Toten ein. In der Njálssaga Kap. 41 erblickt Njál die Fylgja des
+Thord in Gestalt eines getöteten Bockes; also vollzieht sich hiernach
+an der Fylgja das Schicksal ihres Besitzers.</p>
+
+<h4 id="Verwandlungsfahigkeit_Werwoelfe_Berserker_2"><b>2.
+Verwandlungsfähigkeit: Werwölfe, Berserker.</b></h4>
+
+<p>Statt Fylgja begegnet auch der Ausdruck <i>hamingja</i>, im Sinne von
+Schutzgeist, Glück. <i>Hamingja</i> ist abgeleitet von <i>hamr</i>,
+Hülle, Gestalt. Mit <i>hamr</i> wird aber namentlich die Gestalt
+bezeichnet, in welcher die verwandelte Seele sich zeigt. So heisst in
+den Atlamǫ́l 18 der Adler, von welchem Kostbera, Hognis Frau, träumt,
+des Atli <i>hamr</i>, wie ebenda 19 des Atli <i>hugr</i>. Fylgja
+wird also die Seele genannt, weil sie dem Menschen, so lang er lebt,
+überallhin folgt, Hamingja ihrer vielgestaltigen Verwandlungsfähigkeit
+halber. Bereits im nordischen Heidentum bestand nun der Glaube,
+dass einzelne Leute fähig wären, beliebig ihre Gestalt zu wechseln.
+Verwandlungssagen entstammen dem Seelenglauben. Was hier unwillkürlich,
+im Traume oder unter besonderen Umständen, sich ereignete, geschieht
+nun auch willkürlich, meist mit Hilfe von Zauberkünsten, wodurch die
+Verwandlungsfähigkeit der Seele nach Belieben benutzt werden kann.
+Solche Leute heissen <i>eigi einhamir</i>, nicht eingestaltig; ihre
+Fähigkeit ist <i>at skipta hǫmum</i>, die Gestalten zu tauschen,
+<i>at hamast</i> sich zu häuten, die Hülle zu wechseln. <span class="pagenum" id="Page_101">[S. 101]</span>Sie sind
+<i>hamramr</i> oder <i>hamhleypa</i>, gestaltenläufig, sie sind der
+<i>hamfar</i>, der Fahrt in Verwandlungen mächtig. Die Annahme der
+fremden Gestalt geschieht nicht nur in der Art des Seelenglaubens,
+dass die Seele aus dem Leibe ausschlüpft und eine beliebige Hülle
+umthut, vielmehr auch so, dass das Umwerfen eines äusserlichen Gewandes
+den Wechsel der Gestalt hervorbringt. So hat Freyja ein Federgewand
+(<i>fjađrhamr</i>), das sie dem Loki borgt, so haben die Valkyrjen
+Schwan-und Krähenhemden. Odin hat ein Adlergewand (<i>arnarhamr</i>).
+Besondere Bedeutung aber haben die Wolfsgewänder, die <i>úlfahamir</i>,
+deren Anlegen den Menschen zum Wolfe verwandelt. Der Werwolfsglaube&#x2060;<a id="FNanchor_46_46" href="#Footnote_46_46" class="fnanchor">[46]</a>
+ist seit Alters den westarischen Völkern, namentlich den Slaven und
+Germanen vertraut. Er beruht auf den allgemeinen Vorstellungen der
+vielgestaltigen Seelen, wie die Fylgjur, die Mannahugir gar oft als
+Wölfe auftreten&#x2060;<a id="FNanchor_47_47" href="#Footnote_47_47" class="fnanchor">[47]</a>. zum Teil vielleicht auch auf dem epidemischen
+Wolfswahnsinn&#x2060;<a id="FNanchor_48_48" href="#Footnote_48_48" class="fnanchor">[48]</a>, der pathologischen Lykanthropie. Werwolf bedeutet
+Mannwolf, λυκάνθρωπος&#x2060;<a id="FNanchor_49_49" href="#Footnote_49_49" class="fnanchor">[49]</a>. Das Wort begegnet im ags. <i>werewulf</i>,
+in Deutschland zuerst bei Burkhard von Worms (<i>credidisti, ut
+quandocunque homo ille voluerit, in lupum transformari possit, quod
+vulgaris stultitia werwolf vocat</i>). Das frz. <i>loup-garou</i>
+ging aus altfränkischem <i>werewulf</i> hervor&#x2060;<a id="FNanchor_50_50" href="#Footnote_50_50" class="fnanchor">[50]</a>. Die nordische
+Sprache gebraucht dafür <i>vargr</i> oder <i>vargulf</i>, neunord.
+<i>varulf</i>. <i>verulfr</i> begegnet als Schwertname in der Snorra
+Edda 1, 565, vermutlich als deutsches oder englisches Lehnwort. In der
+Vǫlsungasaga Kap. 8 wird erzählt, wie Sigmund und Sinfjotli einmal in
+einem Waldhause zwei Männer mit dicken Goldringen schlafend fanden. Die
+waren ins Missgeschick geraten; denn Wolfshemden (<i>úlfahamir</i>)
+hingen über ihnen. Jeden zehnten Tag vermochten sie aus den Wolfshemden
+zu kommen. Es waren Königssöhne. Sigmund und Sinfjotli fuhren <span class="pagenum" id="Page_102">[S. 102]</span>in
+die Gewänder und konnten nimmer heraus. Es folgte ihnen dieselbe
+Eigenschaft wie zuvor. Sie liessen Wolfsstimmen hören, verstunden
+aber beide ihre Stimmen. Sie fielen nun wie rechte Wölfe Menschen an
+und zerrissen sie. Sigmund biss den Sinfjotli fast zu Tode. Nachmals
+aber fuhren sie wieder zu dem Hause und warteten, bis sie aus den
+Wolfsgewändern kamen, die sie dann zu Asche verbrannten. Die Sage
+mag auf einem alten Missverständniss beruhen. Warg, Wolf hiess der
+Geächtete in der germanischen Rechtssprache. Warg wurde wörtlich als
+Wolf verstanden, und so bildete sich die Werwolfsgeschichte. Jedenfalls
+aber wird der Werwolfsglaube dadurch als altgermanisch erwiesen.
+Nach der neueren Volkssage verwandeln sich Menschen, sowol Männer
+als Frauen, zeitweilig in Wölfe, indem sie sich einen Gürtel, aus
+Wolfsleder oder Menschenhaut gemacht, um den blossen Leib schnallen.
+Wird der Gürtel gelöst, so nehmen sie wieder Menschengestalt an. Das
+Wolfshemd ist also zu einem Wolfsgürtel zusammengeschrumpft. Der
+Werwolf fällt dann in Herden und greift auch Menschen an. Der Zauber
+reicht aber nicht übers Leben hinaus. Wird ein Werwolf verwundet oder
+getötet, so findet man einen wunden oder toten Menschen. Wie alle
+Seelen und Maren hält er dem Namensanruf nicht stand, der Zauber weicht
+sofort, und statt des Wolfes sieht man einen nackten Menschen vor sich.
+Der „Böxenwolf“ in Westfalen und Hessen hockt auf wie die Mare, d.&#8239;h.
+er springt den Leuten auf den Rücken und lässt sich tragen.</p>
+
+<p>Zu den Werwölfen scheinen ursprünglich die <i>Berserker</i> der
+nordischen Sagen gehört zu haben, obwol der rechte Sinn den Quellen
+abhanden kam&#x2060;<a id="FNanchor_51_51" href="#Footnote_51_51" class="fnanchor">[51]</a>. Berserker sind Menschen, die plötzliche Wutanfälle
+haben. In diesem Zustande gebärden sie sich wie wilde Tiere, sie
+heulen, sperren den Rachen auf und recken die Zunge heraus, stossen
+Schaum aus dem Munde, knirschen mit den Zähnen und beissen in die
+Schilde. Zugleich werden sie übernatürlich stark und meinen für
+Feuer und Eisen unverwundbar zu sein; in ihrer Wut verschonen sie
+nichts, was ihnen in den Weg kommt, nach überstandenem Anfall aber
+sind sie um so schwächer und nahezu völlig kraftlos; durch Anrufen
+bei ihrem Namen wird der Zustand beseitigt, wie das Beschreien auch
+sonst zauberische oder übernatürliche Vorgänge und Verrichtungen
+stört. <span class="pagenum" id="Page_103">[S. 103]</span>Von Verwandlungen in fremde Gestalten ist zwar bei den
+Berserkern nicht mehr die Rede, trotzdem heissen sie <i>eigi
+einhamr</i>, <i>hamramr</i>. Ihr Wutanfall wird als ein leiblich und
+seelisch ganz verschiedenartiger Zustand aufgefasst. Ursprünglich
+war diese tierische Wut eben mit Verwandlung in tierische, Wolfs-
+oder Bärengestalt verbunden. Darauf deuten noch einige Spuren. König
+Harald Hárfagr hatte in seiner Umgebung eine Schar von Berserkern, die
+<i>úlfheđnar</i>, die Wolfsgewandigen, hiessen. Ulfheðinn und Ulfhamr
+kommen als Mannsnamen vor. Die Überlieferung deutet diese Bezeichnung
+der Berserker allerdings dahin, dass die Kämpen Wolfspelze über den
+Brünnen getragen hätten. Indessen ist dies ein Missverständniss. Einst
+waren Leute in <i>úlfahamir</i>, in Wolfshäuten, also Werwölfe gemeint.
+Sveinbjörn Egilsson im Lexicon poeticum S. 51 erklärt Berserkr als der
+Bärengewandige (aus <i>berr</i>, Bär und <i>serkr</i>, das Gewand).
+<i>Berserkir</i> und <i>úlfheđnar</i> sind also Menschen in Bären- und
+Wolfsgestalt. Daher die tierische Wut, die ihnen anhaftet. Dem Namen
+Ulfheðinn entspricht der Name Bjarnheðinn. Einen solchen „Berserkr“ im
+wahren Sinn führt uns die Sage von Hrolf Kraki leibhaftig vor. Hrolf
+wird von seinen Feinden überfallen. Mutig tritt er mit seinen Helden in
+den Kampf gegen Hjorward ein; alle seine Recken mit Ausnahme des Bodwar
+Bjarki begleiten den König Hrolf. In diesem Kampfe sahen Hjorward und
+seine Mannen, dass ein grosser und starker Bär dicht vor König Hrolf
+herging. Hieb- und Schusswaffen glitten ohne Wirkung an ihm ab, er
+stürzte Männer und Rosse nieder und zermalmte die Leute mit Klauen
+und Zähnen, so dass sich klägliches Geheul in Hjorwards Heer erhob.
+Hjalti, ein Recke Hrolfs und Freund Bodwars, sah sich um und vermisste
+noch immer seinen Freund Bodwar. Da lief er zurück zur Königshalle und
+hier sah er Bodwar ganz müssig sitzen. Hjalti schalt den Bodwar, dass
+er ruhig in der Halle bleibe, während der König Hrolf in Not sei, und
+bedrohte ihn. Da erhub sich Bodwar seufzend und ging mit hinaus zum
+Kampfe. Alsbald verschwand der Bär. Der Kampf aber endigte mit Hrolfs
+und seiner Recken Fall. In dieser Sage kämpft also die Seele, die
+Fylgja oder Hamingja eines tapferen Helden in Bärengestalt, während
+sein Leib in der Halle zurückbleibt. Die Geschichte mag als Grundtypus
+der Berserkersagen gelten, sie erwächst aber unmittelbar aus dem
+Seelenglauben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_104">[S. 104]</span></p>
+
+<h4 id="Schicksalsfrauen_3"><b>3. Schicksalsfrauen.</b></h4>
+
+<p>Die nordischen Fylgjur waren zugleich Schutzgeister, gute und
+böse Engel, die den Menschen umschwebten. Von hier aus ist nur
+ein kleiner Schritt zum Glauben an Schicksalsgeister, den wir
+bei den heidnischen Germanen vorfinden. Überall begegnen wir den
+Schicksalsfrauen, die das Leben des Menschen von der Geburt bis
+zum Tode lenken. Aus ihrer Vielheit erhebt sich auch eine einzige
+Schicksalsfrau, das persönlich gewordene Verhängniss. Die ältere und
+jüngere Vorstellung laufen neben einander her wie etwa auch das wilde
+Heer und der wilde Jäger, der allgemeine und der besondere Begriff.
+Über die Fylgjen reichen die Schicksalsfrauen zu den seelischen
+Geistern. Einzelne Spuren, namentlich das Erscheinen der Frauen bei
+Geburt eines Kindes, weisen auf den Kreis der Maren.&#x2060;<a id="FNanchor_52_52" href="#Footnote_52_52" class="fnanchor">[52]</a> Namen und
+Thätigkeit dieser Wesen sind hier zu erörtern. Als weise Frauen (ahd.
+<i>idisi</i> an. <i>dísir</i>) wurden sie bezeichnet.&#x2060;<a id="FNanchor_53_53" href="#Footnote_53_53" class="fnanchor">[53]</a> In ahd.
+Glossen wird parca mit <i>scephenta</i>, die Schaffende, gegeben.
+Vintler nennt <i>gâchschepfen</i>, die den Menschen das Leben
+geben. Im Zusammenhang mit andern Ausdrücken ist ersichtlich damit
+die Thätigkeit eines Schöffen, der ein Urteil schöpft, gemeint. Im
+Norden ist von <i>urđir</i> (Sigurvþarkviþa in skamma 5), in England
+von <i>the thre weirdsisters, the weird lady of the woods</i> die
+Rede. Im Heliand ist das Schicksal <i>reganogiskapu</i>, Schöpfung
+ratender Mächte, <i>metodogiskapu</i>, Schöpfung der messenden,
+zumessenden, <i>wurdigiskapu</i>, Schöpfung der <i>wurd</i>. Im Norden
+heissen die Schicksalsfrauen Nornen.&#x2060;<a id="FNanchor_54_54" href="#Footnote_54_54" class="fnanchor">[54]</a> Durch alle germanischen
+Sprachen geht die Bezeichnung <span class="pagenum" id="Page_105">[S. 105]</span><em class="gesperrt">wurd</em> (as. <i>wurd</i>, ahd.
+<i>wurt</i>, ags. <i>wyrd</i>, an. <i>urđr</i>) durch. Die Bedeutung
+ist Geschick, Verhängniss, Tod. Häufig ist Wurd persönlich gedacht
+und eine entsprechende Wendung gebraucht. Wurd gehört zur idg. Wurzel
+<i>u̯ert</i> (<i>vertere</i>), woraus ahd. <i>wirt</i>, <i>wirtel</i>,
+die Spindel. Vielleicht ist Wurd die Spinnerin. Im Ags. heisst es:
+<i>Wyrd me þæt gewæf</i>, mir wob das Wyrd. Als ein Gewebe wird
+das Schlachtgeschick (<i>wíg spéda gewiofu</i>) bezeichnet. Von
+einem Nornenspruch (<i>kvidr</i>) und Urteil (<i>dómr</i>) wissen
+nordische Dichter, von dem Worte der Urd, dem keiner entgegnet,
+das unwiderruflich ist (Fjǫlsvinns mǫ́l 47). Das Schicksal ist
+<i>urlagu</i> (ahd. <i>urlag</i>, as. <i>orlag</i>, ags. <i>orlæg</i>,
+afr. <i>orloch</i>, an. <i>ørlǫg</i>) d.&#8239;h. Urgesetz. <i>ørlǫgsíma</i>,
+<i>ørlǫgþáttr</i> sind im Nordischen die Schicksalsfäden. In zwiefacher
+Weise also dachten sich die Germanen das Schicksal, als <i>Urgesetz</i>
+und als <i>Gewebe</i>. Aus diesen beiden Vorstellungen erklären sich
+die überlieferten Namen der Schicksalsfrauen. Sie wissen das uralte
+Recht und finden und fällen den Wahrspruch, der dem Menschen sein
+Verhängniss zumisst; sie spinnen und weben Glück und Unglück, Gutes
+und Böses. Das Schicksal richtet und webt über Götter und Menschen,
+es ist die geheimnissvolle, hohe Macht, der selbst die Himmlischen
+unterworfen sind. Damit ist der Wurd eine bedeutungsvolle Stellung
+eingeräumt. Götter und Helden vermögen sie nicht zu bezwingen noch
+ihr zu entfliehen, ihr sittlicher Wert beruht darin, wie sie der Wurd
+begegnen.&#x2060;<a id="FNanchor_55_55" href="#Footnote_55_55" class="fnanchor">[55]</a></p>
+
+<p>Wurd schickt Gutes und Böses, die Schicksalsfrauen, wo sie in Mehrzahl
+auftreten, teilen sich dagegen meistens nach ihren Gaben in gute und
+böse, freundliche und feindliche Gewalten. Zornige (<i>grimmar</i>),
+feindselige (<i>ljótar</i>) Nornen erwähnen die nordischen Skalden; die
+Gylfaginning Kap. 15 führt den Gegensatz durch: „Wenn die Nornen über
+das Geschick der Menschen entscheiden (<i>ráđa ørlǫgom manna</i>), so
+verteilen sie’s sehr ungleich: den einen verleihen sie ein Leben voll
+Glück und Ansehen, andern dagegen wenig Freude und Ruhm; den einen
+ein langes Leben, andern ein kurzes. Die guten Nornen, die von edler
+Abkunft sind, schaffen ein glückliches Los. Wenn aber Menschen ins
+Unglück geraten, so veranlassen es böse Nornen.“ Nach dem Reginlied
+24 stehen <i>tálardísir</i>, Trugdisen, zu Seiten des auf der Fahrt
+strauchelnden Kriegers; sie wünschen ihn wund zu sehen. Wo also nicht
+der Glaube an die erhabene Wurd vorherrscht, wird Glück und <span class="pagenum" id="Page_106">[S. 106]</span>Unglück
+aus dem Walten guter und böser Geister erklärt. Den Wirkungskreis der
+Nornen lassen die nordischen Quellen überblicken. Nach dem Fafnirliede
+12 gibt es Nornen, hilfreich in der Not (<i>nauþgǫnglar</i>), welche
+den Müttern bei Geburt der Söhne beistehen. Ebenso walten <i>dísir</i>
+bei der Geburt (Sigrdrífumǫ́l 9). Sie bestimmen für Mutter und Kind
+Leben oder Tod. Im Lied von Helgi dem Hundingstöter werfen sie dem
+neugeborenen Kinde den Schicksalsfaden. „Nacht wars im Hofe; Nornen
+kamen, die dem Edeling das Schicksal schufen (<i>aldr um skópu</i>).
+Sie bestimmten dem Fürsten, berühmt zu werden und der beste unter
+den Helden. Mit Macht schlangen sie die Schicksalsfäden (<i>sneru
+ørlǫgþáttu</i>), während es Burgen brach in Bralund; sie wickelten
+den goldenen Faden aus einander und befestigten ihn mitten im Mondsal
+(d.&#8239;h. im Himmel). Sie bargen die Enden ostwärts und westwärts, wo
+das Land des Königs inmitten lag; eine Schlinge, der sie ewige Dauer
+gebot, schwang eine der Nornen gen Norden.“ Die Nornen weben ein
+Gewebe, das nach Ost und West und gen Norden, also weit über die
+Lande und hinauf zum Himmel reicht. So soll sich Helgis Heldenruhm
+ausbreiten. Die Vǫlospǫ́ 20 gedenkt der drei weisen Jungfrauen, deren
+Sal am Stamme der Weltesche Yggdrasil steht, sie bestimmten Satzungen
+(<i>lǫg lǫgþo</i>), erkoren Leben den Menschenkindern (<i>líf kuro alda
+bǫrnom</i>), Schicksal der Männer (<i>ørlǫg seggja</i>). Der Glaube
+an gute und böse Schicksalsfrauen tritt in einem weitverbreiteten
+Märchenzug zu Tage. An die Wiege des neugeborenen Kindes kommen mehrere
+weise Frauen, die es mit guten Eigenschaften begaben, nur eine zürnt
+und wünscht Böses. In der erst um 1400 entstandenen Nornagests saga
+Kap. 11 besitzen wir eine nordische Wendung. Landfahrende <i>völvur</i>
+oder <i>spákonur</i>, weissagende Frauen kamen zu Nornagests Vater;
+das Kind lag in der Wiege, über ihm brannten zwei Kerzen. Nachdem
+die zwei ersten Weiber es begabt und ihm Glückseligkeit vor andern
+seines Geschlechtes versichert hatten, erhob sich zornig die jüngste
+Norn (<i>in yngsta nornin</i>), die man im Gedränge von ihrem Sitze
+geworfen hatte, dass sie zur Erde gefallen war, und rief: Ich schaffe,
+dass das Kind nicht länger leben soll, als die neben ihm angezündete
+Kerze brennt! Schnell griff die älteste Völva nach der Kerze, löschte
+sie aus und gab sie der Mutter, vermahnend, sie nicht eher wieder
+anzustecken, als an des Kindes letztem Lebenstag, welches davon den
+Namen Nornengast empfing. Die Erzählung ist mehrfach verdächtig.
+Nornen und Vǫlvur, Schicksal <span class="pagenum" id="Page_107">[S. 107]</span>schaffende und Schicksal verkündende
+Frauen, sind mit einander verwechselt. Die Geschichte selber aber
+gleicht der griechischen Sage von Meleager. Dieser war noch wenige
+Tage alt, als die drei Moiren zu dem Bette seiner Mutter traten. Die
+eine verkündigte, er werde tapfer, die andre, er werde grossmütig
+sein, die dritte, er werde so lange leben, als der eben jetzt auf dem
+Herde liegende Brand vom Feuer nicht verzehrt sei. Seine Mutter hob
+diesen Brand sorgfältig auf. Als sie aber in der Folge erfuhr, dass
+Meleager ihre Brüder erschlagen habe, eilte sie im Drange der Rache
+mit dem Brande nach dem Feuer und liess ihn von demselben verzehren.
+Meleager starb nun schnell hinweg. Bei der auffallenden Ähnlichkeit und
+späten Abfassungszeit der Nornagests saga ist gelehrte Nachahmung sehr
+wahrscheinlich. Die Geschichte darf mithin fürs nordische Heidentum
+nicht verwertet werden. Bei Saxo Buch VI S. 272 wird vom König Fridlev
+erzählt, wie er in den Tempel der drei weisen Frauen (<i>nymphae</i>)
+trat, die dort auf Stühlen sassen. Denn es war Sitte, nach der Geburt
+eines Kindes die „<i>oracula parcarum</i>“ zu erkunden. Nachdem der
+König, um seines Sohnes Olaf Zukunft zu befragen, feierliche Gelübde
+gethan hatte, verhiessen die zwei ersten dem Kinde Reichtum und Glück,
+die dritte der Schwestern aber Geiz. Aus deutscher Volkssage bieten
+sich zahlreiche übereinstimmende Geschichten dar.&#x2060;<a id="FNanchor_56_56" href="#Footnote_56_56" class="fnanchor">[56]</a> Aber ihre
+Herkunft aus germanischem Heidentum ist wenig glaubhaft, vielmehr
+Zusammenhang mit antikem Parzen- und romanischem Feenglauben. Burchard
+von Worms gedenkt zuerst der Parzen. Auf den Färöern heisst noch heute
+das erste Gericht, das die Mutter nach der Geburt des Kindes zu sich
+nimmt, <i>nornagreytur</i>&#x2060;<a id="FNanchor_57_57" href="#Footnote_57_57" class="fnanchor">[57]</a>, Nornengrütze. Vermutlich ist damit
+eigentlich ein Opfer gemeint, das nach der Geburt den erwarteten Nornen
+angerichtet wurde.</p>
+
+<p>Wurd wird oft gleichbedeutend mit Tod verwendet, man meinte also
+das Eingreifen der Schicksalsgöttin im Tode zu erkennen. So heisst
+es im Heliand: Wurd nahm ihn weg, Wurd nahte, Wurd ist vorhanden,
+und im Beowulf: Wyrd nahm ihn weg, Wyrd war ihm sehr nahe. In der
+Eyrbyggjasaga Kap. 52 erscheint ein <i>urđarmáni</i>, ein Mond der Urd,
+ein gespenstischer Halbmond, <span class="pagenum" id="Page_108">[S. 108]</span>welcher Menschensterben anzeigt. Die
+neuisländische Volkssage kennt ein Ungetüm namens <i>urdarköttur</i>,
+Katze der Urd, dessen Anblick Tod bringt (Jón Árnason, <i>Pjóđsögur</i>
+1, 613).</p>
+
+<p>Auf Island erhielt der Nornenglauben überhaupt besondere Ausbildung.
+Nach Vǫolospǫ́ 19 erhebt sich Yggdrasil über dem Brunnen der Urd.
+Die Gylfaginning Kap. 16 berichtet, dass die Nornen täglich aus dem
+Brunnen die Esche begiessen, welche dadurch vor dem Vertrocknen und
+Faulen bewahrt wird. Im Brunnen werden zwei weisse Schwäne gehalten,
+von denen diese Vögel abstammen sollen. Zu diesem Bilde wirken die
+verschiedenartigen Vorstellungen von heiligen Bäumen und Quellen,
+Wald- und Wasserfrauen, Schwanmädchen zusammen. Alle diese Gestalten
+finden in der höchsten der weisen Frauen, in Urd ihre Verkörperung.
+Nach dem Fafnirliede 13 gibt es Nornen verschiedener Herkunft, vom
+Asen-, Alfen- und Zwergengeschlecht. In der Vǫlospǫ́ 8 wird die
+Ankunft dreier übermächtiger Mädchen aus Jotunheim erwähnt, wodurch
+das goldene Zeitalter der Götter seinen Abschluss findet. Wenn damit
+die Nornen gemeint sind, wird ihnen riesische Abstammung, Riesenart
+zugemessen. Neben Urd nennt die Vǫlospǫ́ 20 in einer späteren
+Einschaltung <i>Verđandi</i> und <i>Skulđ</i>, was Gylfaginning Kap. 15
+wiederholt. Sonst kommen diese Namen nicht vor. Gelehrte, etymologische
+Spielerei und das Bestreben, eine Norne der Vergangenheit, Gegenwart
+und Zukunft aufzustellen, veranlassten diese Namen. <i>Verđandi</i>
+ist Part. Praes. zu <i>verđa</i>, werden, <i>Urđr</i> ward mit dem
+Praet. <i>urđum</i> desselben Zeitworts in Zusammenhang gebracht. Bei
+<i>Skuld</i> schwebt das Hilfsverbum <i>skula</i>, sollen, mit dem das
+Futurum gebildet wird, vor. Diese isländische Gelehrsamkeit ist von
+antiken Vorstellungen&#x2060;<a id="FNanchor_58_58" href="#Footnote_58_58" class="fnanchor">[58]</a> beeinflusst und hat nichts mit dem Heidentum
+zu schaffen.</p>
+
+<p>Gemeingermanisch sind Schicksalsfrauen und die Wurd, die ja auch
+im Norden allein lebensvoll hervortritt. Schon die Dreizahl der
+Schicksalsfrauen ist verdächtig, die Nornen der Vergangenheit,
+Gegenwart und Zukunft sind aber zweifellos den Parzen nachgeahmt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_109">[S. 109]</span></p>
+
+<h4 id="Walkuren_4" title="Walküren"><b>4.
+Walküren.</b>&#x2060;<a id="FNanchor_59_59" href="#Footnote_59_59" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[59]</span></a>
+</h4>
+
+<p>Zur Zeit, da die Germanen ins Licht der Geschichte treten, vollzieht
+sich ihr Schicksal im Kampfe. Sieg oder Unsieg entscheidet über das
+Volk. Darum steht neben der Norn die besondere Schicksalsfrau der
+Schlacht. Wie jene das Schicksal im Allgemeinen lenkt, so gebietet
+diese übers Waffenglück, über Sieg oder Tod auf dem Walfeld.
+Allen Germanen gemeinsam ist die Vorstellung von Kampfgöttinnen.
+In Wirklichkeit kämpften oft germanische Frauen in Waffen unter
+den Heeren. Daher finden wir auch zahlreiche Frauennamen auf wig,
+hild, gund, hadu, mit ger, brünne, helm u.&#8239;s.&#8239;w. zusammengesetzt,
+die das Bild der kampflich gerüsteten Frau uns vorführen. Die
+Vorstellungen von Kampfgöttinnen und weiblichen Kämpferinnen mögen
+mit einander aufgekommen sein, sie erwuchsen unter gegenseitiger
+belebender Wechselwirkung. Die Draugen gefallener Kriegerinnen&#x2060;<a id="FNanchor_60_60" href="#Footnote_60_60" class="fnanchor">[60]</a>,
+Schicksalsfrauen, Schutzgöttinnen vermischten sich zum Bilde der
+Walküre. Benennungen solcher Wesen begegnen häufig in den alten
+Quellen. Bei den Deutschen hiessen sie <i>idisi</i>, bei den Nordleuten
+<i>dísir</i>, als hehre weise Frauen. Bei den Angelsachsen treffen wir
+<i>sigewíf</i>, bei den Nordleuten <i>sigrmeyjar</i>, <i>sigrfljód</i>,
+also siegspendende Frauen. Nord, <i>geirvíf</i> und <i>hjálmvítr</i>
+bezeichnen Speerschwingerinnen und Helmträgerinnen. Auch Fylgjur und
+Hamingjur zeigen sich im Waffenschmuck, vielleicht weil sie Dísir sind,
+und darunter vorzugsweise Kampffrauen verstanden wurden. Das Wort
+<em class="gesperrt">Walküre</em> gehört Nordleuten (<i>valkyrja</i>) und Angelsachsen
+(<i>wælcyrie</i>) allein an. Vermutlich ist es in einer der beiden
+Sprachen, wol der nordischen, geprägt und von der andern entlehnt, kaum
+aus dem Urgermanischen übernommen. Die Bedeutung ist klar: <i>wal</i>
+ist der Haufe Erschlagener, dann der einzelne im Kampfe Getötete,
+<i>kyrja</i> die Kieserin, Wählerin. Die Walküren wählen die Männer
+aus, die dem Tode erliegen sollen (<i>kjósa feigđ á menn</i>) und
+verleihen Sieg (<i>ráđa sigri</i>), so schildert Snorri ihr Amt. Sieg
+<span class="pagenum" id="Page_110">[S. 110]</span>oder Unsieg, Leben oder Tod steht bei der Schicksalsfrau, die dem
+einen furchtbar und schauerlich, dem andern hell und freudig erscheint.</p>
+
+<p>In einem angelsächsischen Segen&#x2060;<a id="FNanchor_61_61" href="#Footnote_61_61" class="fnanchor">[61]</a> gegen Hexenschuss wird das Treiben
+walkürenhafter Frauen anschaulich beschrieben: „Laut waren sie, ja
+laut, da sie über den Hügel ritten, sie waren hochgemut, als sie über
+Land (d.&#8239;h. durch die Lüfte) ritten. Schirme dich nun, wenn du ihre
+Feindschaft bestehen willst: heraus, kleiner Speer, wenn du drinnen
+bist! Ich stund unter dem Lindenschilde, unter dem lichten Schilde,
+da die mächtigen Weiber ihr Heer ordneten und ihre sausenden Speere
+entsandten. Ich will ihnen einen andern fliegenden Speer von vorne
+entgegensenden: heraus, kleiner Speer, wenn du drinnen bist!“ — Die
+Krankheit ist als ein Hexen- oder Elbengeschoss (<i>hægtessan, ylfa
+gescot</i>) gedacht, die Hexen aber sind im epischen Eingang des
+Spruches als Kampfjungfrauen geschildert. Laut jauchzend, wol geschart,
+Speere schleudernd, reiten sie durch die Lüfte heran, der Angegriffene
+deckt sich mit dem Schilde und wirft ihnen seinen Speer entgegen. Die
+„mächtigen Frauen“ (<i>mihtigun wíf</i>) lassen sich also auf einen
+förmlichen Kampf mit dem Gegner ein.</p>
+
+<p>Der <i>Merseburger Zauberspruch von den Idisi</i>&#x2060;<a id="FNanchor_62_62" href="#Footnote_62_62" class="fnanchor">[62]</a> zeigt, dass
+auch die Deutschen solche kampf- und siegbetreibenden Frauen kannten:
+„Einst setzten sich Idisi hierher und dorthin. Die einen hefteten
+Hafte, die andern hemmten das Heer, noch andre klaubten an den
+Fesseln: entspringe den Haftbanden, entfliehe den Feinden!“ Dem
+Spruche liegt die Anschauung zu Grunde, dass Idisi durch die Luft
+gezogen kamen und sich auf dem Walfelde niederliessen, wo der Kampf
+zwischen zwei Heeren bereits entbrannt war. Ein solches Feld mochte
+<i>Idisiaviso</i> Idisenwiese heissen, wie J. Grimm das von Tacitus
+überlieferte Idistaviso bessert. Nun beginnen sie, in drei Haufen
+geschart, alsbald ihre Thätigkeit, indem sie, wie die germanischen
+Frauen, in Wirklichkeit an den Ereignissen sich beteiligen. Die erste
+Gruppe hinter dem befreundeten Heere legt den gefangenen Feinden
+Fesseln an. Nach solcher Handlung mögen auch die nordischen Walküren
+<i>Hlokk</i> (ahd. <i>hlancha</i>, Kette) und <span class="pagenum" id="Page_111">[S. 111]</span><i>Herfjotr</i>
+(Heeresfessel) heissen. Die zweite Gruppe hemmt das Vordringen des
+feindlichen Heeres, entweder dadurch, dass die Idisi gleich den
+germanischen Frauen sich der gegnerischen Schlachtreihe gerüstet und
+Speere schleudernd entgegenwarfen, oder dass sie durch irgendwelche
+Zauberhandlung den Sturmlauf der Feinde plötzlich hemmten und in
+panischen Schrecken (an. <i>herfjǫturr</i>) verkehrten. Die dritte
+Gruppe endlich erscheint hinter dem Heer der Feinde, um den Gefangenen,
+der sich hier befindet, zu befreien. Die Idisi nesteln an den Banden
+und sprechen dazu den lösenden Zauber, der die Fesseln abspringen
+macht. Solche „<i>leysigaldr</i>“ enthalten die nordischen Hǫ́vamól 148
+und der Grógaldr 10, womit bewirkt wird, dass die Bande von Händen und
+Füssen fallen. Der Gefangene, auf dessen Befreiung der Spruch hinzielt,
+glaubt somit an die hilfreichen Idisi, deren thätiges, unmittelbares
+Eingreifen den Freunden Sieg und Freiheit, den Feinden Unsieg und
+Fesselung bringt.</p>
+
+<p>Im Beowulf 697 heisst es: Der Herr verlieh ihm Glück im Kampfe, das
+Gewebe des Kampfglückes (<i>wígspéda gewiofu</i>). Der Ausdruck
+entspringt der Vorstellung, dass das Schicksal der Schlacht von höheren
+Mächten gewoben werde. Ebenso erklären sich die nordischen Bilder
+Siegesgewebe (<i>sigrvefr</i>) und Speergewebe (<i>darradar vefr</i>).
+Darauf gründet sich das bekannte Lied der Njálssaga Kap. 158 (<i>corpus
+poeticum boreale</i> 1, 281 ff.), das sich auf die 1014 zwischen
+Brian König von Irland und seinem Sohne Sigtrygg gelieferte Schlacht
+von Clontarf bezieht. Der Dichter des Liedes malt die allgemeine
+Vorstellung des Schicksalsgewebes ins einzelne aus und gefällt sich
+in grausigen Schildereien. Ein Mann zu Caithnes in Schottland sah
+zwölf Frauen in eine Kammer reiten und darin verschwinden. Durch ein
+Fenster beobachtete er, wie die Frauen ein Gewebe aufgespannt hatten,
+wobei Menschenhäupter als Gewichte, Menschendärme als Aufzug und
+Einschlag, Schwerter als Spule und Pfeile als Kamm dienten. Bei ihrem
+Geschäfte sangen sie unter anderm: „Mit Schwertern schlagen wir dieses
+Siegesgewebe. Hildr, Hjorthrimul, Sangriðr, Svipul kamen zu weben mit
+gezogenen Schwertern. Schaft wird zerkrachen, Schild zerbersten, die
+Axt in die Rüstung dringen. Winden wir, winden wir das Gewebe des
+Speeres! Folgen wir dem König (dem siegreichen Sigtrygg)! Blutige
+Schilde wird man sehen, da Gunnr und Gondull dem Könige halfen. Winden
+wir, winden wir das Gewebe des Speeres, das der junge König vor sich
+hatte! Voran <span class="pagenum" id="Page_112">[S. 112]</span>wollen wir gehen und in die Schlachtreihe schreiten, wo
+unsre Freunde die Waffen kreuzen. Winden wir, winden wir das Gewebe des
+Speeres, wo die Fahnen kämpfender Männer wehen! Nicht lassen wir zu,
+dass sein (Sigtiyggs) Leben vergehe. Die Walküren haben des Kampfes
+Kür (<i>eigu valkyrjur vals</i> [var. <i>vígs</i>] <i>um kosti</i>).
+Die Nordleute sollen siegen und die Iren unterliegen. Das Gewebe
+ist gewoben, das Feld gerötet. Schrecklich anzusehen ziehen blutige
+Wolken am Himmel. Wol sangen wir dem jungen König viele Siegeslieder.
+Nun reiten wir auf den Hengsten mit gezogenen Schwertern fort von
+hier.“ Da rissen sie das Gewebe von oben herunter und jede behielt,
+was sie festhielt. Hierauf bestiegen sie ihre Hengste, sechs ritten
+südwärts, sechs nordwärts. Das Gedicht gehört der christlichen Zeit
+an, daher sind verschiedene Vorstellungen mit einander vermischt.
+Einerseits sind die siegspendenden, todbringenden Schicksalsweberinnen,
+wie sie allen Germanen bekannt waren, gemeint. Darum handeln diese
+Frauen frei und ohne Auftrag. Wie die deutschen Idisi gedenken sie,
+gewaffnet dem feindlichen Heere entgegen zu schreiten. Sieg und Tod
+ruht in ihrer Hand, sie verteilen die Loose nach eigner Wahl auf ihre
+Günstlinge und deren Gegner. Andererseits gibt der Verfasser des
+Liedes den Frauen die Namen, welche sonst Odins Mädchen führen. Aber
+mit Ausnahme dieser völlig äusserlichen Anknüpfung herrscht die alte
+gemeingermanische Vorstellung, wonach die Walküren frei, ohne Geheiss
+und Dienstverhältniss, walten und weben.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Saxo&#x2060;<a id="FNanchor_63_63" href="#Footnote_63_63" class="fnanchor">[63]</a> weiss von Waldfrauen, die sich rühmen, die Entscheidung der
+Kriege zu lenken, unsichtbar den Kämpfen beizuwohnen und heimlich ihren
+Freunden die erbetene Hilfe zu leisten. Sie bethätigen ihre Kunst an
+Hother, den sie begaben und beraten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_113">[S. 113]</span></p>
+
+<p>Neben den Frauen, die das Schlachtgeschick weben und lenken, begegnen
+solche, die es, meist im Traume, verkünden. Dem Asmund träumte, dass
+Weiber mit Kriegswaffen über ihm standen und sagten: Was soll dein
+Zagen? du bist bestimmt, allen andern voranzuleuchten und nun fürchtest
+du dich vor elf Männern? Wir sind deine <i>spádísir</i> und werden dir
+Beistand gegen jene Männer leisten, mit denen du zu thun hast.&#x2060;<a id="FNanchor_64_64" href="#Footnote_64_64" class="fnanchor">[64]</a>
+Bevor Harald Hardráði nach England zieht, zeigt sich dem Gyrd im Traume
+ein Weib, in der einen Hand ein kurzes Schwert, in der andern einen
+Trog, um Blut aufzufangen, ein andres Weib auf einem Wolfe sitzend,
+der einen Mannsleichnam zwischen den bluttriefenden Kiefern trägt,
+erscheint dem Thord.&#x2060;<a id="FNanchor_65_65" href="#Footnote_65_65" class="fnanchor">[65]</a></p>
+
+<p>In der Sturlungasaga 7, 28 träumt ein Mann, er käme in ein grosses
+Haus, worin zwei blutige Weiber sassen, welche ruderten. Zugleich
+schien Blut zu den Fenstern herein zu regnen. Das eine Weib sang:
+„Rudern wir, rudern wir, es regnet Blut, Gunnr und Gondul, vor dem
+Fall der Männer. Wir werden herrschen in Raptahlid, wo die Leute uns
+verehren und verfluchen.“ Das Gesicht zeigt die künftigen Unruhen
+und Kämpfe auf Island an. In der Víga-Glúmssaga 21, 3 sieht Glum
+ebenfalls im Traume eine Schar Frauen mit einem Trog voll Blut, das sie
+übers Land giessen. Er erzählt: Ich sah eine Schar göttlicher Wesen
+(<i>gođreiđ</i>) über Land reiten; Schwerter werden brechen, es naht
+grauer Geere Gruss, weil die kampfgrimmen Göttinnen (<i>ásynjur</i>) —
+des freuen sich Krieger — Blut erschlagener Männer ausgossen.</p>
+
+<p>Überall erscheinen bewaffnete, blutvergiessende Frauen, wodurch
+bevorstehende Kämpfe angezeigt werden.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Marenart der Walküren tritt aus den Nachrichten einiger Sǫgur
+des 13. Jahrhunderts zu Tage. <i>Herfjǫtur</i> ist ein Walkürenname,
+zugleich aber wird damit eine dämonische Lähmung bezeichnet, von
+welcher dem Tode verfallene Leute im Kampfe oder auf der Flucht
+plötzlich befallen wurden.&#x2060;<a id="FNanchor_66_66" href="#Footnote_66_66" class="fnanchor">[66]</a> In der Sverrissaga Kap. 68 heisst
+es: „Da wussten sie nicht, woran es liege, dass das Schiff nicht
+vorangehe; einige meinten, <i>herfjǫturr</i> sei da über sie gekommen,
+und sie seien alle todgeweiht; in Wahrheit <span class="pagenum" id="Page_114">[S. 114]</span>aber war es das, dass der
+Anker über Bord hing.“ In der Sturlungasaga 7, 188 wird von Thorleif
+erzählt, wie er seine Feinde erblickte und schnell in die Berge
+davon laufen wollte. Aber da kam <i>herfjǫturr</i> über ihn und er
+musste ihnen ganz langsam entgegen gehen, dass sie ihn erschlugen.
+In derselben Saga 7, 148 befinden sich Gudmund und Svarthofdi auf
+der Flucht vor Illugi. Gudmund kam nur langsam vorwärts; da fragte
+Svarthofdi, ob <i>herfjǫturr</i> über ihm sei. Er leugnete es. Illugi
+holte den Gudmund ein und versetzte ihm den Todesstreich. Nach der
+Harðarsaga Kap. 35 kommt <i>herfjǫturr</i> mehrmals über den von
+seinen Feinden umzingelten Hord. Es gelingt ihm zwar wiederholt, die
+Zauberfessel (<i>galdraband</i>, wie am Rande <i>herfjǫturr</i> erklärt
+ist) abzuschütteln, aber schliesslich wird er doch überwältigt und
+erschlagen. Ohne weiteres ist der Zusammenhang dieser „Heeresfessel“
+mit dem plötzlichen Überfall der Mare ersichtlich. Hier wie dort die
+bange Beklemmung, das lähmende Entsetzen, der von Dämonen verursachte
+„<i>panische</i>“ Schrecken. Selten vermag der Angefallene sich der
+Mare zu erwehren. Dass „Heeresfessel“ zugleich Walküre ist, beweist,
+dass ihre Art zum Teil im Gespensterglauben wurzelt. Die Idisi, welche
+„<i>heri lezidun</i>“, fielen vielleicht ebenso als Heeresfessel auf
+die Schar der Feinde.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Jungfrauen erscheinen in Gestalt lichter Schwäne; so zeigen sich mit
+Vorliebe ihre Fylgjen. Daraus entstand die Sage von den Schwanmädchen,
+die ein Federgewand umthun und damit durch die Lüfte fliegen.
+An Waldseen und stillen Weihern lassen sie sich nieder, um die
+Schwanhemden abzulegen und in menschlicher Gestalt sich zu zeigen. Wer
+das Gewand raubt, dem muss die Maid folgen. Die Walküren sind häufig
+zugleich Schwanmädchen. Nicht nur helmgeschmückt, Flammen auf der
+Speerspitze, in Glanz und Wetterleuchten reiten sie durch die Luft
+auf Wolkenrossen, aus deren Mähnen Thau in die Thäler und Hagel auf
+die Wälder fällt, davon den Menschen fruchtbares Jahr kommt, sondern
+auch als weisse Schwäne fliegen sie aus. In der Vǿlundarkviþa wird
+von solchen Mädchen erzählt. Von Süden her flogen Mädchen durch den
+dunkeln Wald, junge Walküren&#x2060;<a id="FNanchor_67_67" href="#Footnote_67_67" class="fnanchor">[67]</a>, Kampfschicksal zu betreiben (<i>ørlǫg
+drýgja</i>). Am Seestrand setzten sie sich zur Rast <span class="pagenum" id="Page_115">[S. 115]</span>nieder und spannen
+herrliche Linnen (d.&#8239;h. sie wirkten das Schicksalsgewebe). Wölund und
+seine Brüder nahmen ihnen ihre Schwanhemden (<i>álptarhamir</i>) und
+machten sie zu ihren Frauen. Von einem der Mädchen wird gesagt: sie
+war schwanenweiss und trug Schwangefieder (<i>ǫnnor var svanhvít</i>,
+<i>svanfjađrar dró</i>). Sieben Winter blieben sie, im achten ergriff
+sie Sehnsucht, im neunten trennte sie Not, die Walküren gelüstete es
+zum dunkeln Walde, um Kampfschicksal zu betreiben. Saxo erzählt vom
+Dänenkönig Fridlev, er habe, als er Nachts aus dem Lager gegangen,
+ein seltsames Geräusch in der Luft und dann von oben das Lied dreier
+Schwäne vernommen, wodurch er zu einer Heldenthat aufgefordert
+wurde. Die Schwäne liessen einen Gürtel mit Runen herabfallen.&#x2060;<a id="FNanchor_68_68" href="#Footnote_68_68" class="fnanchor">[68]</a>
+Natürlich sind Walküren, Schwanmädchen gemeint, deren Schicksalswort
+im Schwanensange aus den Lüften tönt. Die Walküren der Heldendichtung
+erscheinen öfters als Schwäne. In der Hrómundarsaga Greipssonar
+wird von dem Liebesbund zwischen Helgi und Kara berichtet. Kara
+in Schwangestalt liess so kräftige Zauberweisen ertönen, dass die
+Feinde sich nicht mehr zu wehren vermochten. Einmal schwebte sie
+im Kampfe über Helgi. Da holte er mit seinem Schwerte so weit aus,
+dass er seine Geliebte auf den Tod verwundete. Kara fiel tot herab
+und Helgis Glück war dahin. Von Agnar, den sie im Kampfe gegen Odins
+Geheiss mit Sieg begabte, sagt Brynhild selber, er habe die Hemden
+(<i>hamir</i>) von ihr und ihren Schwestern unter die Eiche getragen
+(Helreiþ 7). Er raubte die Schwanhemden von acht Walküren und zwang sie
+dadurch, ihm zu Diensten zu sein. Die bereits erwähnten siegspendenden
+Waldfrauen (<i>virgines sylvestres</i>) des Saxo sind vielleicht auch
+Schwanmädchen, die sich ja in der Vǿlundarkviþa zum dunkeln Walde
+sehnen. Auf Weihern und Seen des tiefen Waldes werden Schwanjungfrauen
+am liebsten sichtbar.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wurd und die Nornen walten über dem Schicksal und schaffen es, von
+den Göttern ist ihr Wirken vollkommen unabhängig. Die Idisi, die das
+Schlachtgeschick betreiben, stehen ebenso unabhängig <span class="pagenum" id="Page_116">[S. 116]</span>auf sich allein.
+Schicksalsfrauen im allgemeinen, Schicksalsfrauen im besondern, im
+Gewebe des Kampfglücks, kannte der altgermanische und grossenteils auch
+noch der nordische Glauben. Daneben aber treten in den Skaldengedichten
+die Walküren hervor, die sich dadurch von den gemeingermanischen
+Kampfgöttinnen unterscheiden, dass sie auf Odins Geheiss zur Schlacht
+reiten und in Walhall beim Gelage Dienst thun. Ihre Abhängigkeit von
+Odin, den sie auf der Walstatt vertreten, ist ein sehr wesentliches
+Merkmal. Da ausserhalb des Nordens keine Spur davon auftaucht,
+liegt der Schluss nahe, die Walküren als Odins Mädchen gehören der
+Skaldendichtung ausschliesslich an, während daneben noch oft auch im
+Norden ihre ursprüngliche Selbständigkeit hervorbricht.</p>
+
+<h4 id="Hexen_5"><b>5. Hexen.</b></h4>
+
+<p>Im Got. und Ahd. begegnet das Wort <i>unhulþô</i>, <i>unholda</i>
+d.&#8239;h. Unholdin.&#x2060;<a id="FNanchor_69_69" href="#Footnote_69_69" class="fnanchor">[69]</a> Die got. Bibel bedient sich des Ausdrucks zur
+Umschreibung von δαιμόνιον, während die ahd. Denkmäler damit diabolus
+übersetzen. Im Mhd. bedeutet <i>unholde</i> Teufelin, Hexe, Zauberin.
+Dem germanischen Glauben war somit die Unholdin, ein böser Geist
+weiblichen Geschlechtes, geläufig. Erst allmälig bildete sich unter
+dem Einfluss des Teufels die männliche Form daneben. Die Unholdin ist
+eigentlich die Feindselige, Böse, vom Adj. unhold, feindlich, gebildet.
+Ob unter der Unholdin ein gespenstisches oder menschliches Weib gemeint
+ist, lässt sich nicht ersehen. Das Wort Hexe&#x2060;<a id="FNanchor_70_70" href="#Footnote_70_70" class="fnanchor">[70]</a>, welches erst im
+Gefolge der Hexenprocesse im 16./17. Jahrhundert weiter ins Volk drang,
+begegnet in der ahd. Sprache in zwiefacher Form: <i>hagaȥussa</i>,
+<i>hegeȥisse, ags. hægtesse</i>, mndl. <i>hagetisse</i>,
+<i>haghedisse</i> und <i>haȥusa</i>, <i>haȥus</i>. Den Sinn
+zeigen die Glossen <i>furia</i>, <i>striga</i>, <i>eumenis</i>,
+<i>erynnis</i> an. Die Etymologie hat zunächst von der kürzeren Form
+auszugehen. <i>Haȥusa</i> ist alte Participialbildung zum Verbum ahd.
+<i>haȥȥên</i>, got. <i>hatan</i>, und bedeutet also die Hassende,
+Feindselige. <i>Hagaȥusa</i> und die verwandten Wörter scheinen
+verderbt aus einer Zusammensetzung, die ahd. *<i>haga-hazusa<span class="pagenum" id="Page_117">[S. 117]</span></i>
+lauten würde, die feindselige Waldfrau. Der wilde Wald ist der
+Wohnort böser Geister. <i>Holzmuoja, holsrûna</i> bezeichnen ebenso
+das Waldweib. Mithin sind <i>unholda</i> und <i>haȥusa</i> einander
+gleichbedeutend, während <i>hagaȥusa</i> noch den unheimlichen Wald
+beifügt. In der Kaiserchronik wird Crescentia gescholten</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">12201 <i>du soltest pillîcher dâ ze holz varen,</i></div>
+ <div class="verse indent5">&#8239;<i>danne di mægede hie bewarn;</i></div>
+ <div class="verse indent5">&#8239;<i>du bist ain unholde</i>.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Also im Holze hausen die Unholdinnen, die Hexen, die Waldweiber. In
+den Kreis der Marenvorstellungen weisen die mhd. Wörter <i>trute</i>,
+<i>trut</i>&#x2060;<a id="FNanchor_71_71" href="#Footnote_71_71" class="fnanchor">[71]</a>, und das an. <i>trollkona</i>, Trollweib. Mit
+<i>troll</i>&#x2060;<a id="FNanchor_72_72" href="#Footnote_72_72" class="fnanchor">[72]</a> bezeichnet die nordische Sprache im allgemeinen
+die unholden Geister. Endlich finden wir bereits im nordischen
+Heidentum <i>kveldriđur</i>, Abendreiterinnen, <i>myrkriđur</i>,
+Dunkelreiterinnen, also nachtfahrende Zauberweiber. In der Eyrbyggja
+saga Kap. 16 ist die <i>kveldriđa</i> wie die nds. <i>walriderske</i>
+völlig Mare; es wird ihr Schuld gegeben, dass sie Menschen reite und
+dadurch beschädige. <i>Túnriđur</i>, Zaunreiterinnen, heissen die übers
+eingezäunte Gehege reitenden Hexen. Im Mhd. werden <i>nahtvarn</i>,
+<i>nahtvrouwen</i>, d.&#8239;h. nachtfahrende Frauen genannt, den nordischen
+<i>kveld</i>- und <i>myrkriđur</i> entsprechend. Die Ausdrücke
+<i>flagđ</i>, <i>skass</i>, <i>skessa</i> d.&#8239;h. Unhold, werden im
+Norden ebenso auf Riesinnen wie auf alle andern unholden Weiber
+angewandt. Dem germanischen Heidentum sind also Hexen wol bekannt,
+nachtfahrende gespenstische Weiber, die auf Schaden aus sind, die zu
+den unholden Geistern des schauerlichen wilden Waldes gehören. Sie
+berühren sich in ihrer Thätigkeit mit den Maren, den Urgespenstern,
+die gleichwie die Seelen überall auftauchen. Unter Unholdinnen waren
+die Seelen lebender oder verstorbener Zauberweiber verstanden. Wie die
+Hexen im deutschen Volksglauben in Tiergestalt, als Katzen, Hunde,
+Hasen, Ratten, Mäuse, als Kröten, als Eulen und Elstern u.&#8239;s.&#8239;w.
+erscheinen, so heisst auch auf Island die Zauberin <i>hamhleypa</i>,
+die in andrer Gestalt Laufende, die Verwandlungsfähige. Das Wesen
+der Unholdinnen beruht aber in ihrer feindseligen Bosheit, in ihrem
+Hang, Übles zu thun und Schaden anzurichten. Sie fallen darin mit den
+<i>seiđkonur</i> <span class="pagenum" id="Page_118">[S. 118]</span>zusammen, den Zauberinnen, welche ihre Kunst zum
+Schaden anderer üben und darum schon im Heidentum verachtet, gehasst,
+ja sogar mitunter verfolgt wurden. In den Hexengeschichten und Sagen
+wird namentlich nach drei Seiten hin ihre verderbliche Thätigkeit
+geschildert, dass sie zur Nacht ausfahren, dass sie Wetter zaubern und
+Felder verderben, dass sie Menschen und Tiere mit Siechtum behexen. Bei
+Orientalen, Griechen und Römern herrscht ein ganz ähnlicher Glaube an
+<i>Empusen, Lamien</i> und <i>Strigen</i>. Es entsteht die Streitfrage,
+ob der in Deutschland seit der Bekehrung herrschende Hexenwahn
+germanisch oder römisch sei, im letzteren Falle eingeführt durch die
+Römer in Gallien und Germanien und später durch die Geistlichen. J.
+Grimm leitete das Hexenwesen vornehmlich aus germanischer Urzeit,
+Soldan dagegen völlig aus der Fremde. Die Wahrheit wird in der Mitte
+liegen. Auf gemeinsamer Grundlage, auf dem Maren- und Seelenglauben
+erwachsen, müssen Hexengeschichten überall ähnliche Züge aufweisen. Im
+13. Jahrhundert treten ganz neue Motive hinzu, die starke Entwicklung
+des Teufelsglaubens. Menschen fielen von Gott ab und gingen einen Bund
+mit dem Teufel ein. Teufelsbündler und Ketzer, Zauberer und Giftmischer
+wurden allmälig gerichtlich verfolgt; während früher in der geistlichen
+Gesetzgebung alles Zauberwerk für blossen sträflichen Aberglauben
+erklärt worden war, betrachtete man es jetzt als wirkliche Thatsache.
+Im 15. Jahrhundert wurden in Deutschland zuerst Hexen verbrannt. Durch
+die Bulle <i>„summis desiderantes“</i>, die Papst Innocenz VIII. am
+5. December 1484 erliess, auf deren Grund Jacob Sprenger 1489 den
+berüchtigten Hexenhammer, <i>malleus maleficarum</i>, abfasste, wurden
+die Hexenprocesse mächtig angeschürt. Im 15., 16., 17. Jahrhundert
+loderten zahllose Scheiterhaufen, erst im Anfang des 18. Jahrhunderts
+nahm das Unheil ab. Die Hexerei war nunmehr zum Teufelsbund und
+Teufelsdienst gemacht. Die Hexe schwor Gott und Christum ab, sie
+ergab sich dem Teufel mit Leib und Seele, betete ihn an als Gott und
+Herrn, lebte mit ihm in buhlerischer Verbindung, aber ohne Freude und
+Frucht. Die Hexe muss Schaden und Unheil stiften, weil ihr der Teufel
+gebietet. Sie bedient sich allerlei Mittel hierzu: gebrauter Tränke,
+Pulver, Kräuter, Salben. Mit der Hexensalbe bestreicht sie sich, sowie
+den Besen und die Gabel zur nächtlichen Fahrt durch die Lüfte. Auch
+durch Spruch und Fluch, durch den Blick selbst kann sie schaden. Bei
+den grossen Versammlungen, die an bestimmten Tagen auf den besondern
+überall vorkommenden Hexenbergen, <span class="pagenum" id="Page_119">[S. 119]</span>auf Wiesen und unter alten Bäumen
+stattfanden, geht es zu wie bei den Ketzerversammlungen. Alles zielt
+auf Verhöhnung und Schändung der christlichen Ritualien. Zuerst wird
+die Teufelsmesse gehalten, dann folgt ein Mahl, dann Tanz und wildeste
+Unzucht.&#x2060;<a id="FNanchor_73_73" href="#Footnote_73_73" class="fnanchor">[73]</a> Dass dieser von der Kirche behauptete und verfolgte
+Hexenwahn, der wesentlich als Teufelsbund gerichtet ward, nicht ohne
+weiteres ans germanische Heidentum angeknüpft werden kann, ist klar.
+Aber ebenso gewiss sind volkstümliche Bestandteile drin enthalten. Die
+Hexenrichter suchten den Teufelsbund nachzuweisen und zu brandmarken,
+dem Volke schwebten die feindseligen Unholdinnen vor. So tritt im
+Aberglauben die teuflische Zugabe auch meistens zurück, die Hexe
+erscheint in ihrer ursprünglichen Selbständigkeit. Wie die Namen so
+werden auch die Haupteigenschaften dieser Hexengestalt dem germanischen
+Heidentum zuzuweisen sein. Von besonderem Wert sind die älteren
+nordischen Zeugnisse, weil in ihnen wahrscheinlich unverfälschte und
+ursprüngliche Überlieferung vorliegt; in den Hǫ́vomǫ́l 154 ist ein
+Zauberspruch gegen <i>túnriđur</i> erwähnt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Einen zehnten kenn ich,&#8195; wenn Zauberweiber</div>
+ <div class="verse indent8">Im Fluge durchfahren die Luft:</div>
+ <div class="verse indent0">Bewirken kann ichs, &#8195; &#8195; dass sie wenden den Pfad</div>
+ <div class="verse indent8">Nach Hause, der Hüllen beraubt,</div>
+ <div class="verse indent8">Nach Hause, verstörten Verstands.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Im Lied von Helgi dem Hjorwardsson kommt sein Bruder Hedin einsam aus
+dem Walde heim, da begegnet ihm ein Trollweib, auf einem Wolfe reitend,
+der mit Schlangen gezäumt war. In ähnlichem Aufzuge erscheint die
+Riesin Hyrrokin bei Baldrs Begräbniss. In der SE 1, 258 heisst Thor
+Bezwinger nachtfahrender Unholdinnen, <i>konor kveldrunnar</i>. Ein
+solcher Hexenritt wurde als <i>gandreiđ</i> bezeichnet. <i>Gandar</i>
+sind Zauberwesen, Gespenster. So heisst in der Njála Kap. 126
+<i>gandreiđ</i> die Erscheinung eines gespenstischen Reiters, welche
+künftige Ereignisse anzeigt. In der Fóstbræðrasaga Kap. 9 wird die
+Seele der schlafenden Thordis entzückt zum <i>gandreiđ</i>, zum
+<i>„renna gǫndom“</i>, Rennen unter den Geistern, <i>gandreiđ</i>
+ist gleichbedeutend mit <i>hamfǫr</i>, gemeint sind Zauberfahrten
+in verwandelter Gestalt, Ausfahrten der von den leiblichen Banden
+gelösten Seelen. In den nordischen Sagen verlautet <span class="pagenum" id="Page_120">[S. 120]</span>nichts Genaueres
+vom Zweck und Ziel des Hexenrittes, nichts von Besen und Salbe. Aber
+die allgemeine Vorstellung vom nächtlichen Ausritt feindseliger
+Unholdinnen, die ebenso dem Hexenritt der deutschen Sagen zu Grunde
+liegt, darf als nordisch-heidnisch und wol auch als germanisch
+gelten. Wettermachen ist eine Lieblingsbeschäftigung nordischer
+Zauberinnen; die Sagen sind voll von künstlich aufgeregten Stürmen.
+<i>Gerningaveđr</i>, Zauberwetter begegnet in vielen Geschichten, meist
+sind auch die Urheberinnen, die Wetterhexen, dabei genannt. Krankheiten
+führt der Volksglaube auf die Einwirkung böser Geister zurück. Der
+Mensch oder das Tier ist von dem Unhold besessen oder von seinem
+Geschoss getroffen. Bereits im Angelsächsischen wird der Hexenschuss
+erwähnt&#x2060;<a id="FNanchor_74_74" href="#Footnote_74_74" class="fnanchor">[74]</a>, also wurde schon lange vor den Gerichtsverhandlungen des
+15. Jahrhunderts den nachtfahrenden Unholdinnen die Fähigkeit des
+Behexens zugeschrieben.</p>
+
+<p>Im älteren isländischen Kristenrecht Kap. 16 heisst es: Wenn jemand
+sich mit Verhexung (<i>fordæđuskap</i>) abgibt, so steht Waldgang
+darauf; das sind Verhexungen, wenn jemand durch seine Worte oder
+Zauberei Leuten oder Vieh Krankheit oder Tod bereitet. In den
+norwegischen Borgarþingslǫg 1, 16 heisst es: Das ist die übelste Hexe
+(<i>fordæđa værst</i>), die Kuh oder Kalb, Weib oder Kind beschädigt.
+Wenn Hexenwerk (<i>fordæđuskapr</i>) gefunden wird in den Betten
+oder Polstern der Leute, Haar oder Krötenfüsse, Menschennägel oder
+sonst Dinge, welche geeignet scheinen zur Zauberei, so soll man drei
+Weibern Schuld geben zu gleichem Recht, bei denen Wahrscheinlichkeit
+vorzuliegen scheint. Zur Eisenprobe hat sie dafür zu treten. Wird sie
+durchs Eisen rein, so ist sie der Sache unschuldig; wird sie durchs
+Eisen unrein, so heisst sie der Sache überführt, Vermögen und Frieden
+verwirkt, und fünftägigen Frieden vom Eisen weg, zu schlagen und zu
+töten jedem, der sie ergreifen kann. Wenn einem Weibe Trollenschaft
+(<i>trylska</i>) nachgesagt wird in der Gegend, da soll sie dazu
+haben das Zeugniss von sechs Weibern, dass sie nicht trollenmässig
+(<i>trylsk</i>) ist. Der Sache ist sie unschuldig, wenn das erbracht
+wird. Wenn sie das aber nicht erbringt, dann gehe sie fort aus der
+Gegend mit ihrem Vermögen; nicht waltet sie dessen selbst, dass sie
+ein Unhold ist (d.&#8239;h. sie ist von Natur Troll). Von <span class="pagenum" id="Page_121">[S. 121]</span>der Trollkona
+sagen die Eiðsifjaþingslǫg 1, 46: Wenn das einer Frau vorgeworfen wird,
+dass sie einen Mann reite oder dessen Dienstleute, wenn sie dessen
+überwiesen wird, da ist sie bussfällig um drei Mark. Die norwegischen
+und isländischen Rechte des 12. Jahrhunderts denken sich also die Hexen
+als schädliche Zauberweiber und Maren, welche um des angerichteten
+Schadens willen strafbar sind. So mag sie schon das Heidentum verfolgt
+haben. Vom Vorwurf der Ketzerei und des Teufelsbundes ist keine Spur
+vorhanden.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Zwei nordische Sagen aus dem 14. Jahrhundert unterliegen dem Verdacht,
+nicht altheidnischen, sondern gewöhnlichen mittelalterlichen
+Hexenglauben, wie er um 1300 bereits bestand, darzubieten, wenn schon
+in besonderer Einkleidung. Thorsteinn lag im Ried verborgen und
+hörte einen Knaben in den Hügel rufen: Mutter, reiche mir Stecken
+und Handschuhe, ich will zum Geisterritt (<i>gandreiđ</i>); es ist
+Festzeit unten in der Welt! Da wurde aus dem Hügel alsbald der Stecken
+gereicht, der Knabe bestieg ihn, zog die Handschuhe an und ritt, wie
+die Kinder pflegen. Thorstein nahte sich dem Hügel und rief dieselben
+Worte; sogleich kamen Stecken und Handschuhe heraus, Thorstein stieg
+auf den Stecken und ritt dem Knaben nach. Sie gelangten zu einem
+Fluss, stürzten sich hinein und fuhren zu einer Felsenburg, wo viele
+Leute an Tafeln sassen und alle Wein tranken aus Silberbechern, König
+und Königin waren auf einem goldenen Thron. Thorstein, den sein
+Stock unsichtbar gemacht hatte, erkühnte sich, einen kostbaren Ring
+und ein Tuch zu ergreifen, verlor aber darüber den Stock, wurde von
+allen erblickt und verfolgt. Glücklicherweise kam sein unsichtbarer
+Reisegefährte auf dem andern Stock, den nun Thorstein mit bestieg, und
+so entrannen beide.&#x2060;<a id="FNanchor_75_75" href="#Footnote_75_75" class="fnanchor">[75]</a> Wir haben die Sage vom belauschten Hexenmahl,
+die neben anderen zahlreichen Beispielen auch im Simplicissimus 2, 17
+vorkommt. Die nordische Darstellung hat das Teuflische verschleiert,
+ist aber darin kaum ursprünglich. In einem zweiten Bericht tritt die
+unholde Seite mehr hervor. Ketil erwachte nachts von heftigem Geräusch
+im Walde, lief heraus und sah eine Zauberin (<i>tröllkona</i>) mit
+fliegenden Haaren. Auf sein Befragen sagte sie ihm, er möge sie nicht
+aufhalten, sie müsse zum Trollending; dahin komme Skelking, <span class="pagenum" id="Page_122">[S. 122]</span>der
+Geister König, aus Dumbshaf, Ofóti aus Ofótansfird, Thorgerd Hölgatröll
+und andre mächtige Geister von Norden her.&#x2060;<a id="FNanchor_76_76" href="#Footnote_76_76" class="fnanchor">[76]</a> Ofóti, ohne Fuss,
+erinnert an den Pferdefüssigen. J. Grimm, Myth. 996 gesteht zu, die
+nächtliche Unholdenversammlung sei nicht recht im Geiste des nordischen
+Heidenglaubens.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Elbe_und_Wichte" title="Elbe und Wichte">
+ Elbe und Wichte.&#x2060;<a id="FNanchor_77_77" href="#Footnote_77_77" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[77]</span></a>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p>Die ganze Natur ist von einem Heer geisterhafter Wesen erfüllt,
+welche, wie manche Spuren darthun, ursprünglich den Maren und Seelen
+entstammen, allmälig jedoch zu Selbständigkeit und Unabhängigkeit sich
+entwickeln. Der Zusammenhang mit den Gespenstern ist lose, die Art
+dieser Wesen wird mehr durch die Naturumgebung bestimmt, in welche sie
+versetzt gedacht sind. Wir erkennen zwei Hauptgruppen, <em class="gesperrt">Elbe</em>
+und <em class="gesperrt">Riesen</em>, welche mehr durch ihr Maass als durch ihre Art
+verschieden sind. Beide scheinen aus der bewegten und beseelten Natur
+hervorgewachsen zu sein, in beiden werden wahrnehmbare Naturkräfte
+persönlich, in den Elben aber die sanften, still wirkenden, in den
+Riesen die Elementargewalten. Ihre Beziehungen zum Menschen bilden
+den Hauptinhalt der von ihnen umlaufenden Sagen. Die Seelen lebten im
+Winde fort, sie hausten in der Erde, in Hügeln und Steinen, in Feld
+und Flur, im Walde und in Gewässern. Überall dort treffen wir auch
+elbische und riesische Wesen. Die Elbe können zunächst unmittelbar aus
+den Seelen abgeleitet werden, wie aus ein paar Beispielen ersichtlich.
+Thorolf aus Norwegen nannte die von ihm in West-Island in Besitz
+genommene Landzunge Thorsnes. Auf dem Vorgebirge stund ein Berg, an
+den hatte Thorolf so grossen Glauben, dass niemand ungewaschen dahin
+schauen sollte, und nichts sollte man auf dem Berge töten, weder Vieh
+noch Menschen. Den Berg nannte er Heiligenberg (<i>Helgafell</i>),
+und meinte, dass er dahin fahren werde, wenn er sterbe, und ebenso
+alle seine Freunde. Auf der Spitze des Vorgebirges <span class="pagenum" id="Page_123">[S. 123]</span>war eine grosse
+Friedensstätte, deren Boden in keiner Weise beschmutzt werden durfte,
+weder mit Blut noch auch sollte man dorthin „<i>alfrek</i>“ gehen.
+<i>Alfrek</i> heisst Elbenvertreibung. Menschenkot ist damit gemeint.
+Es handelt sich also um einen Berg, in den Seelen versterben, aus dem
+man <i>alfar</i> nicht vertreiben soll. Mithin sind die Abgeschiedenen
+und die Elbe eins&#x2060;<a id="FNanchor_78_78" href="#Footnote_78_78" class="fnanchor">[78]</a>. Ebenso ist der Name <i>Geirstađa alfr</i>, Alb
+von Geirstadt, nur aus dem Umstande erklärlich, dass die Toten im
+Erdhügel <i>alfar</i> genannt oder zu den <i>alfar</i> gezählt wurden.
+König Olaf von Vestfold wurde, wie der Olafs þáttr Geirstaða Alfs und
+andre Quellen berichten, nach seinem Tode zu Geirstaðir in den Hügel
+gesetzt und Alb von Geirstadt genannt. Die Leute opferten dem toten
+König um gutes Jahr. Die Toten sind Hügelbewohner (<i>haugbúar</i>),
+die Elbe wohnen in Hügeln. Die Kormakssaga Kap. 22 erwähnt einen
+solchen Hügel, in dem Alfar hausen (<i>hóll er alfar búa í</i>). Mit
+Stierblut wird ihnen Opfer (<i>alfablót</i>) dargebracht. Man möchte
+daraus schliessen, dass ursprünglich die Seelengeister, namentlich
+die in Bergen und Hügeln eingegangenen, Elbe genannt und erst später
+unter Elben besondere Geister verstanden wurden. Aber die Anwendung des
+Albnamens auf Seelen kann freilich auch nordische Sonderentwicklung
+sein und auf späterer Übertragung beruhen. Beim Kobold und Schiffsgeist
+ist seelischer Ursprung deutlich bezeugt. Der Kobold erscheint
+öfters in Gestalt eines kleinen ermordeten Kindes (Deutsche Sagen
+Nr. 72 u. 76), der Klabautermann ist ebenso die Seele eines Kindes
+(Zeitschrift für deutsche Mythologie 2, 141). Nachdem einmal aber die
+Geister vom seelischen Untergrunde sich losgelöst hatten, geschah
+ihre weitere Ausgestaltung durch die schöpferische Einbildungskraft,
+welche in Naturerscheinungen Äusserungen der Geister zu erkennen
+wähnte. Wo Bewegung, da ist Leben. Wind und Wolke drängt sich dem
+Beschauer zunächst auf, aus Wind und Nebel entstanden zahlreiche Sagen
+und Meinungen über das Thun und Treiben der Elbe und Riesen. Die
+Windfurchen im wogenden Kornfeld, das Waldesrauschen, das Wogen des
+Wassers, die Streifen auf der glatten See, alle möglichen andern ihren
+Ursachen nach unbekannten Naturerscheinungen, z.&#8239;B. Kreise im betauten
+Grase wurden als Spuren solcher Geisterwesen betrachtet. Im tosenden
+Sturm, im Gewitter erblickte man riesische Gewalten. Das Nebelspiel
+<span class="pagenum" id="Page_124">[S. 124]</span>zumal in Bergländern befruchtete die sagenbildende Phantasie. Der
+Nebel, der um Bäume spinnt, über Wassern und auf dem Felde braut, der
+über die Haide sich ausdehnt, an den Bergen auf und nieder steigt
+und zu Wolken sich ballt, darf als der Ursprung vieler Sagen und
+abergläubischen Vorstellungen gelten&#x2060;<a id="FNanchor_79_79" href="#Footnote_79_79" class="fnanchor">[79]</a>. Der allgemeine dem Menschen
+innewohnende Gespensterglaube hat sich in den Elben und Riesen, in
+den Naturgeistern örtlich und sehr verschiedenartig befestigt und
+ausgebildet. Aber gemeinsame Züge gehen durch alle Vielheit und
+Mannigfaltigkeit hindurch.</p>
+
+<p>Im Englischen begegnet die Form <i>ælf</i>, <i>ylf</i>, weiblich
+<i>ælfen</i> die Elbin. Wie im Norden Asen und Alfen (<i>æsir
+ok alfar</i>) zuweilen neben einander genannt werden (z.&#8239;B. im
+Grimnirliede 4, im Lied von Thrym 6, in der Lokasenna 2), so im
+Angelsächsischen <i>ése and ylfe</i> (im Spruch gegen Hexenstich ist
+von <i>ésa and ylfa gescot</i> die Rede). Ob die ags. Berg-, Wald-,
+Feld-, Seeelbinnen, die <i>munt-</i>, <i>dún-</i>, <i>wudu-</i>,
+<i>feld-</i>, <i>sæælfenne</i>, heimischem Glauben entstammen,
+oder griechischen Ausdrücken wie <i>Oreaden</i>, <i>Dryaden</i>,
+<i>Najaden</i>, denen sie zur Übersetzung dienen, nachgebildet
+sind, bleibe dahin gestellt. Das spätere Englisch kennt <i>elf</i>,
+<i>elfish</i>, das englische Wort drang im 18. Jahrhundert durch
+litterarische Vermittlung ins Deutsche, welches den Gemeinbegriff
+„<em class="gesperrt">Alb</em>“ nur noch in bestimmter eingeschränkter Bedeutung kannte.
+Die nordische Sprache bietet von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart
+<i>alfr</i>, plur. <i>alfar</i>, schwed. <i>elf</i> pl. <i>elfar</i>,
+dän. <i>elv</i> pl. <i>elve</i>. Die Elbin wird als <i>alfkona</i>,
+dän. <i>ellekona</i> bezeichnet. Im Schwedischen heissen die Elbinnen
+auch <i>elfvor</i>. In Deutschland finden wir Wort und Begriff nur im
+Mittelalter und in der Neuzeit. Mhd. <i>alp</i> plur. <i>elbe</i> und
+<i>elber</i>, meint das Marengespenst. Das Adjectiv <i>elbisch</i>
+bedeutet marenhaft und von Elben verwirrt. Wir werden also etwas weiter
+auf die sinnberückende Macht der Elben gewiesen. So singt auch Heinrich
+von Morungen von der berückend schönen Geliebten, sie habe ihn wie die
+Elbin (<i>diu elbe</i>) mit ihrem Blicke bezaubert:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>von der elbe wirt untsên vil manic man:</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>só bin ich von grôȥir liebe untsên</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>von der bestin di ie kein man liep gewan.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Im Mitteldeutschen wird Alf als Schimpfwort gebraucht und bedeutet
+Thor, Narr. Die zahlreichen altdeutschen Eigennamen&#x2060;<a id="FNanchor_80_80" href="#Footnote_80_80" class="fnanchor">[80]</a>, <span class="pagenum" id="Page_125">[S. 125]</span>die mit
+Alb gebildet sind, wie <i>Albing</i>, <i>Albirih</i>, <i>Albgôȥ</i>,
+<i>Albgast</i>, <i>Albhart</i>, <i>Albgêr</i>, <i>Albwin</i>,
+<i>Albhild</i>, <i>Alblint</i>, <i>Albloug</i>, <i>Albswint</i>
+u.&#8239;ä. stellen sich den ags. wie <i>Älfhere</i>, <i>Älfwine</i>,
+<i>Älfréd</i>, <i>Älfríc</i> zur Seite und beweisen, dass man sich
+ursprünglich dabei nichts Böses noch Gehässiges dachte. Wer die
+Elbe zu Freunden hatte (<i>Albwine</i>), wer ihres Rates genoss
+(<i>Älfréd</i>), wer sie beherrschte (<i>Alberich</i>), dem musste es
+glücken. Die Namen zeigen, dass man auf ein freundliches Verhältniss
+zu den Elben bedacht war, dass man ihrer Hilfe begehrte. Die Elbe
+waren vorwiegend gute und holde Geister. Die ostgotischen Namen
+<i>Albi</i>&#x2060;<a id="FNanchor_81_81" href="#Footnote_81_81" class="fnanchor">[81]</a> und <i>Albila</i> scheinen Koseformen zu einem
+mit Alb-ähnlich wie im Westgermanischen gebildeten Vollnamen. Als
+gemeingermanisch darf mithin Wort und Begriff <i>alƀaȥ</i> gelten,
+dessen Mehrzahl teils nach den A-Stämmen (an. <i>alfar</i>), teils nach
+den i-Stämmen (mhd. <i>elbe</i>) gebildet wurde&#x2060;<a id="FNanchor_82_82" href="#Footnote_82_82" class="fnanchor">[82]</a>.</p>
+
+<p>Die Grundbedeutung des Wortes <em class="gesperrt">Wicht</em> ist Geschöpf, Wesen, Ding.
+Ahd. und mhd. ist das Wort männlich und sächlich, der Plural zum
+Neutrum lautet <i>wihti</i> und <i>wihtir</i>. Mhd. <i>wihtelîn</i>,
+<i>wihtelmennelîn</i> bezeichnet, wie noch heute in den Mundarten
+Wichtlein und Wichtelmann, Zwerge und Kobolde. Das got. <i>waihts</i>
+und das nordische <i>vættr</i> sind weiblichen Geschlechtes. Im
+Nordischen ist dieser Ausdruck in mythologischem Sinne besonders
+häufig. <i>Landvættir</i> sind die Schutzgeister des Landes, <i>hollar
+vættir</i> sind holde, freundliche, <i>meinvættir</i> unholde,
+feindliche Geister, böse Wichte (mhd. <i>bæseȥ wihtel</i>).</p>
+
+<p>Neben den uralten allgemeinen Benennungen Alb und Wicht gibt es noch
+zahlreiche andere, welche ein besonderes elbisches Wesen nach seiner
+Thätigkeit und Art charakterisieren (so z.&#8239;B. Zwerg, Nix, Kobold). Die
+einzelnen germanischen Stämme älterer und jüngerer Zeit haben viele
+solche Namen für Wichte und Elbe geschaffen. Ein allgemeiner Ausdruck
+für elbische Wesen war ahd. <i>scrat</i> oder <i>scrato</i>, mhd.
+<i>schrat</i>, <i>schrate</i>, dazu <i>schretel</i>, <i>schrättele</i>;
+daneben steht die mhd. Form <i>schraȥ</i>, <i>schraz</i>,
+<i>schrâwaȥ</i> und die <span class="pagenum" id="Page_126">[S. 126]</span>Koseform <i>schretzel</i>, <i>schrezlein</i>,
+aus dem Altnordischen gehört <i>skratti</i> hierher&#x2060;<a id="FNanchor_83_83" href="#Footnote_83_83" class="fnanchor">[83]</a>. Die Etymologie
+ist völlig dunkel. Der Schrat ist ein drückender Alp, ein verfluchter
+Geist, d.&#8239;h. also eine arme Seele, ein Hausgeist, ein kleiner Zwerg,
+ein Poltergeist, ein Waldmann, also alle Seiten elbischer Art
+vereinigen sich in diesem rätselhaften Wesen.</p>
+
+<p>Die Elbe gelten meist als schön und licht, besonders die Elbinnen
+sind stets von strahlender Schönheit. Die Snorra Edda unterscheidet
+zwischen Lichtelben (<i>ljósalfar</i>), die in Alfheim wohnen und
+schöner als die Sonne erschimmern, und Dunkelelben (<i>døkkalfar</i>),
+die in Erdhöhlen hausen und pechschwarz aussehen. Die Elbe sind
+wolgebildet, ebenmässig, nur gewöhnlich klein und winzig gedacht,
+die Erdelben, die Zwerge aber sind oft hässlich und missgestaltet.
+Das ags. Eigenschaftswort <i>ælfsciene</i>, elbschön, die nordische
+Wendung <i>fríd sem alfkona</i> bezeichnet die vollkommenste weibliche
+Schönheit. Im Ruodlieb 17, 27 ruft ein gefangener Zwerg seine Frau aus
+der Höhle herbei, alsobald erscheint sie klein, aber ausnehmend schön,
+goldgeschmückt und prächtig gekleidet (<i>parva, nimis pulchra, sed
+et auro vesteque compta</i>). Das Elbenvolk war weit schöner als alle
+Menschen, heisst es im Sǫgubrot (Fornaldar Sögur 1, 387). Die Wald-
+und Wasserminnen, die freilich nach dem Maasse menschlicher Gestalt
+in den Sagen so häufig beschrieben werden, entzücken den Beschauer
+zu heisser Liebe. Lange, blonde Haare zeichnen die lichten Elbe aus.
+Leicht vermischen sich widerstreitende Züge in einer und derselben
+Gestalt. So beim <em class="gesperrt">Alberich</em> der altdeutschen Gedichte.&#x2060;<a id="FNanchor_84_84" href="#Footnote_84_84" class="fnanchor">[84]</a> Im
+Ortnit 20 ff. ruht er als kleines vierjähriges Kind von schöner Gestalt
+und mit ritterlichem Gewande unter der breitästigen Linde. Der Held
+wähnt, das Kindlein mühelos forttragen zu können. Zu seinem Erstaunen
+erfährt er die gewaltige Kraft des Elbenkönigs, der sich als seinen
+Vater zu erkennen gibt und Ortnit mit Schwert und Brünne beschenkt.
+Ob zwar an Gestalt und Antlitz ein vierjähriger Knabe ist Alberich
+mehr denn 500 Jahre alt. Auberon, der auf den Ruf des Wunderhornes dem
+Huon mit einem grossen Heere zu Hilfe eilt, wird ebenso als klein,
+aber wunderschön geschildert. Auberon, vermutlich eine Kurzform
+zu Auberi, Alberik, <span class="pagenum" id="Page_127">[S. 127]</span>ist aber mit dem deutschen Alberich eins. Im
+Nibelungenliede dagegen ist Alberich ein alter, bärtiger Mann, ein
+hässlicher Zwerg. Der Kobold Hinzelmann (Deutsche Sagen Nr. 76) mischt
+sich unter die spielenden Kinder als ein vierjähriges Knäblein von
+schönem Angesicht mit gelben, über die Schulter hängenden, krausen
+Haaren, in einen Sammetrock gekleidet. Andern Leuten zeigt er sich in
+wenig anmutiger Gestalt. Die Gewandung der Elbe ist teils prächtig,
+teils auch unscheinbar, dunkelfarbig, grau, moosfarbig, grün, ihrer
+jeweiligen Art und Umgebung angepasst. Die Elbe tragen Mützen oder
+Kappen, durch welche sie sich unsichtbar zu machen fähig sind. Ein
+Kobold heisst Hodeken, Hütchen, nach seinem grossen Schlapphut. Wer des
+Albs Kopfbedeckung an sich reisst, bringt ihn dadurch in seine Gewalt.
+Laurin und Euglin, die Zwergkönige deutscher Heldensage, besitzen
+solche Nebelkappen; Euglin wirft die seinige über Sigfrid und entzieht
+ihn dadurch den Augen des Riesen. Alberich im Nibelungenlied führt eine
+solche Tarnkappe, die Sigfrid ihm abgewinnt. Dadurch wird Alberich mit
+seinem ganzen Reich dem Helden unterthan. Das Land der Lichtalfen,
+Alfheim, weist das Grimnirlied 5 dem Freyr zu. Alfen und Wanen, die
+in Luft und Licht wohnen, werden als zusammengehörig betrachtet. Aber
+die sonstige Sagenüberlieferung versetzt die Elbe in ein ausgedehntes
+Reich in Bergen, wilden und unzugänglichen Schluchten, Hügeln und
+Klüften, überhaupt unter die Erde. Dort haben sie ordentliche Wohnung,
+oft prächtig ausgestattet, mit Gold und Silber angefüllt. Die
+Wasserelbe wohnen unter den Gewässern. Oben auf der Erde haben die Elbe
+Lieblingsplätze, Wiesengründe, einsame eingeschlossene Waldgegenden,
+besondere Bäume, unter denen sie gerne ausruhen, wie Alberich im Ortnit
+unter der Linde. Der Wald ist ja überhaupt von Geistern aller Art,
+elbischen und riesischen, bevölkert. Menschen gelangen manchmal in die
+unterirdischen Wohnungen der Elbe, wo ihnen die Zeit wundersam schnell
+verstreicht. Ein paar Stunden oder Tage, die das Menschenkind bei den
+Elben verbracht zu haben vermeint, erweisen sich bei der Rückkehr
+zur Oberwelt oft als Jahre oder Jahrzehnte. Die Elbe lieben Tanz und
+Spiel. Unermüdlich bringen sie ganze Nächte mit diesem Vergnügen zu,
+nur der Strahl der aufgehenden Sonne, den die Unterirdischen scheuen,
+zwingt sie einzuhalten und sich zu verbergen. Man erblickt ihre Spuren,
+Kreise, die sie ins tauige Gras getreten. Der Jüngling, der den Tanz
+der Elbinnen im Mondschein sieht, kann die Augen <span class="pagenum" id="Page_128">[S. 128]</span>nicht davon abwenden,
+so verführerisch ist er. Wird er aber in den Reigen gezogen, dann
+ists um ihn geschehen. Die musikalische Begabung der Elbe gipfelt im
+„<i>albleich</i>“, im Albliede. Schwedisch heisst die wunderbare Weise
+<i>elfvalek</i>, Elfspiel, norwegisch <i>huldreslaat</i>, Schlag des
+Huldrevolks, neuisländisch <i>ljuflingsmál</i>, <i>ljuflingslag</i>,
+Weise und Schlag der Lieblinge d.&#8239;h. der Elbe. Besonders der Nix
+ist des Stückes mächtig. Menschen können das Spiel von den Elben
+erlernen. Was die griechische Sage von Orpheus und Amphion erzählt,
+das berichtet deutsche Sage vom Albleich. Wenn die Weise ertönt,
+da horchen alle Wesen auf, Menschen und Tiere, der Eichwald stillt
+sein Rauschen, der Strom seinen Lauf. Der Gesang der Elbinnen ist
+ebenso unwiderstehlich als das Spiel der Elbe. Niemand entzieht sich
+dem süssen sinnberückenden Zauber solchen Getöns. Die Elbe wissen
+die Zukunft voraus, so gut wie sie wissen, was in der Entfernung
+geschieht. Sie weissagen und verkündigen bevorstehendes Unglück, wie
+die Wasserminnen dem Hagen der Nibelungen Not ansagen. In den Alvísmǫ́l
+tritt der allwissende Zwerg Alwis dem Thor gegenüber; er weiss Bescheid
+in allen Welten und bleibt auf keine Frage die Antwort schuldig. Die
+Kunstfertigkeit der Elbe übertrifft alles, was Menschen zu leisten im
+Stande sind. Die Zwerge sind die geschicktesten Schmiede, aus deren
+Arbeit Kleinode und Waffen hervorgehen. Die Schmiedekunst wird für
+gewöhnlich den Zwergen allein zugeschrieben. Aber Wölund heisst <i>alfa
+ljóþi</i>, <i>alfa vísi</i> d.&#8239;h. der Elbe Fürst und Beherrscher. Die
+Schmiedekunst wird ursprünglich den Elben überhaupt zugehört haben
+und erst allmälig den Zwergen insbesondere überwiesen worden sein.
+Ihre eigenen Fähigkeiten, ihr Wissen vergaben die Elbe manchmal an
+besonders bevorzugte Günstlinge. Die Elbe können jede Gestalt annehmen.
+Unter den Menschen erscheinen sie meistens in menschlicher Grösse.
+Nixen, die ans Land steigen, gleichen den schönsten Mädchen, sind
+auch wie Menschen gekleidet, nur dass zum Zeichen ihrer Abkunft die
+Säume ihrer Kleider oder ein Zipfel daran beständig nass bleiben.
+Der Hausgeist fliegt als weisse Feder bei dem Auszug seines Herrn
+neben dem Wagen her, er entspringt als Marder oder zeigt sich als
+Schlange. Sinnesart und Neigungen der Elbe zeigen eine eigentümliche
+Mischung von gut und böse, List und Aufrichtigkeit, sie vereinigen
+zwei entgegengesetzte Eigenschaften. Die Elbe sind edel und hilfreich,
+aber auch äusserst boshaft, im ganzen halten sie sich in zweifelhafter
+Mitte, worin <span class="pagenum" id="Page_129">[S. 129]</span>der Grundzug ihres Wesens beruht. Die Elbe necken, höhnen
+und spotten gerne, ohne den Menschen dabei eigentlichen Schaden thun
+zu wollen. So erlustigt sich ein Kobold daran, die Leute an einander
+zu hetzen, trägt aber vorher alle Waffen bei Seite, damit sie sich
+kein Leid anthun können (Deutsche Sagen Nr. 76). Auch Alberich im
+Ortnit äfft und verspottet unsichtbar die Heiden. Dem Ortnit selber
+gegenüber kehrt er diese Seite hervor. Er lockt ihm den wunderbaren
+Ring, womit er zum Dienst des Helden verpflichtet ist, ab, macht
+sich dann unsichtbar, verlacht ihn und spottet seiner fruchtlosen
+Drohungen, gibt aber schliesslich gutwillig den Ring wieder zurück.
+Die Wichte in den Bergwerken necken die Bergleute durch unschädliche
+Steinwürfe; sie rufen, und wenn dann die Arbeiter herbei eilen, finden
+sie niemand. Auch vertragen sie das Werkzeug, bringen es aber mit
+Lachen und Spotten zurück (Deutsche Sagen Nr. 35). Die Elbe selber
+dulden aber keinen Scherz von Seiten der Menschen, sie werden darüber
+ernstlich böse. List und Verschlagenheit zeigt Alberich im Ortnit. Er
+weiss mit Klugheit alles zu erlangen, so bringt er Ortnits Ring an
+sich und stiehlt die heidnischen Schiffe. In der Þiđrekssaga Kap. 16
+heisst Alfrik der grosse Dieb (<i>hinn mikli stelari</i>); er ist der
+geschickteste aller Zwerge. In der Vǫlospǫ́ 11 wird einem Zwerg der
+Name Althjof, Alldieb, beigelegt. Die Zwerge stehlen gern Lebensmittel,
+Erbsen und Brot (Deutsche Sagen, Nr. 153, 154, 156), aber auch Kinder
+und Jungfrauen. In der Karlssage heisst ein berüchtigter Dieb, der
+die Eier unter den Vögeln wegstiehlt, Elbegast. Der Name deutet auf
+einen ursprünglichen Alb. Das Verhältniss der Elbe zu den Menschen ist
+bald freundlich, bald feindlich. Die Elbe sind ein stilles, gutes,
+friedliches Volk, das auf gute Nachbarschaft hält. Die Zwerge bei der
+Stadt Achen entliehen Kessel und Töpfe und allerlei Küchengeschirr bei
+den Einwohnern (Deutsche Sagen, Nr. 33), die bei Quedlinburg borgten
+ihr eignes Zinnwerk den Leuten zu ihren Hochzeiten aus (ebenda Nr.
+36). Für empfangene Wolthaten und geleistete Dienste erweisen sich
+die Elbe erkenntlich. Die Gǫngu-Hrolfssaga Kap. 15 erzählt, wie Hrolf
+durch einen wunderbaren Hirsch zu einem Hügel im Walde gelockt ward;
+der Hügel that sich vor ihm auf, und eine <i>alfkona</i>, eine Elbin,
+trat heraus, die ihm verwies, dass er ihr Tier jage, aber zugleich
+erklärte, dass sie es selbst ausgesandt habe, ihn heran zu locken.
+Sie bat ihn sofort, ihr an das Lager ihrer Tochter zu folgen, die
+nur ein Mensch aus ihren Geburtsnöten <span class="pagenum" id="Page_130">[S. 130]</span>erlösen könne; da Hrolf ihr
+folgte und die verlangte Hilfe leistete, erhielt er nicht nur jenen
+Hirsch, sondern überdies noch einen Ring, dem die Eigenschaft inne
+wohnte, dass sein Träger bei Tag und Nacht sich nie verirren konnte.
+Zugleich ward er vor einem ihm drohenden Verrate gewarnt. In schwerer
+Gefahr bewährte sich später die Kraft des Ringes (ebenda Kap. 28).
+Die Elbe machen Geschenke, die, solange sie erhalten bleiben, dem
+Eigentümer Glück bringen (Deutsche Sagen, Nr. 35, 71). Oft müssen
+diese Gutthaten verschwiegen werden, man darf das Geheimniss nicht
+beschreien, das an die Gabe geknüpfte Gebot des Albs nicht brechen,
+sonst verliert sie ihren Segen (Deutsche Sagen, Nr. 7). Die Elbe
+verlangen von den Menschen namentlich Hilfe bei Geburt ihrer eignen
+Kinder. Am häufigsten bezeugt ist die Sage, wie Menschenweiber von
+den Elben im Berg oder im Wasser geholt werden, um Hebammendienste zu
+leisten. Dass den Elben Heilkraft gegeben war, lehrt die Kormakssaga
+Kap. 22. Der Isländer Thorward war von Kormak im Zweikampf schwer
+verwundet worden. Sein Befinden besserte sich nur langsam. Wie er
+auf den Füssen stehen konnte, ging er zur klugen Thordis und fragte
+sie, was ihm am ersten zur Besserung seiner Gesundheit dienlich wäre.
+Sie sprach: Ein Hügel ist in geringer Entfernung von da, in welchem
+Alfar wohnen. Den Stier, den Kormak als Opfer nach dem Zweikampf
+schlachtete, sollst du dir verschaffen, und das Blut des Stieres aussen
+um den Hügel streichen, und aus dem Fleische den Alfen ein Opfermahl
+bereiten; damit wird es dir besser werden. Thorward befolgte den Rat
+und erlangte schnelle Heilung. Der Kobold schliesst sich ans Haus und
+seinen Besitzer aufs innigste an und nimmt bei den Menschen Wohnung.
+Von ehelichen Verbindungen zwischen Menschen und Elben berichten
+zahlreiche ältere und neuere Sagen. Die Elbe sind treu und verlangen
+Treue von den Menschen, mit denen sie sich einlassen. Alberich ist
+Sigfrid von dem Augenblicke an, wo er ihm Treue gelobt hat, völlig und
+aufrichtig ergeben. Alberich im Ortnit bewährt sich ebenso treu und
+zuverlässig in hilfreicher That. Im Ruodlieb vergleicht ein gefangener
+Zwerg sein Geschlecht mit den Menschen. Die Menschen seien treulos und
+darum kurzlebig, während die Zwerge, weil sie redlich seien (<i>non
+aliter loquimur nisi sicut corde tenemus</i>) und einfache Speisen
+essen, lang und gesund leben. Klagend rufen die Zwerge: O wie ist der
+Himmel so hoch und die Untreue so gross! und verziehen sich <span class="pagenum" id="Page_131">[S. 131]</span>aus der
+Gegend (Deutsche Sagen Nr. 148/49). So sehr die Elbe einerseits dem
+Menschen sich nähern, so weichen sie auch andrerseits vor ihm zurück.
+Glockenschall nahegelegener Kirchen, Reuten der Wälder, neue Hammer-
+und Pochwerke, Fluchen und Neckereien der Leute vertreiben sie. Dann
+erfolgt ein grosser Auszug der Unterirdischen. Sie schliessen einen
+Vertrag mit einem Fährmann ab und werden übergefahren, um niemehr zur
+alten Heimat zurückzukehren. Oft nehmen sie Glück und Gedeihen mit sich
+fort (vgl. Deutsche Sagen Nr. 153/55). Aus der Bekehrungszeit Islands
+bietet sich eine schöne und rührende Alfensage dar. Die Kristnisaga
+Kap. 2 berichtet in Kürze: „Thorwald hiess seinen Vater Kodran sich
+taufen lassen, der aber zeigte wenig Lust dazu. Zu Gilja stand ein
+Stein, welchen die gesamte Verwandtschaft angebetet hatte, und von dem
+sie sagten, dass ihr dienstbarer Geist (<i>ármađr</i>) darin wohne.
+Kodran erklärte, sich nicht taufen zu lassen, ehe er wisse, wer mehr
+vermöge, der Bischof oder der Geist im Steine. Hierauf ging der Bischof
+zu dem Steine und sang darüber, bis der Stein zersprang; da meinte
+Kodran einzusehen, dass der Dienstgeist besiegt sei, und er liess
+sich sofort taufen und sein ganzes Haus; nur sein Sohn Orm wollte den
+Glauben nicht annehmen.“ Die Thorvaldssaga Kap. 3 führt die Erzählung
+mehr ins Einzelne aus. Kodran rühmt von seinem Dienstgeist, er sei ein
+Weissager (<i>spámađr</i>), der ihm grossen Nutzen bringe; er sage ihm
+Ungeschehenes voraus, er warte das Vieh und mache ihn aufmerksam, was
+er thun und lassen solle; darum habe er grosses Vertrauen auf ihn und
+verehre ihn seit vielen Jahren. Als der Bischof den Stein mit geweihtem
+Wasser begoss, kam der Geist in der folgenden Nacht zu Kodran, mit
+traurigem Aussehen und ängstlich. Er sprach zu Kodran: Übel hast du
+gethan, da du die Leute hieher einludst, die dich zu betrügen vorhaben,
+indem sie versuchen, mich aus meiner Wohnstätte zu vertreiben; denn
+sie gossen siedendes Wasser über meine Herberge, sodass meine Kinder
+nicht geringe Qual von den brennenden Tropfen leiden, die durch die
+Decke herabfallen, und obwol dergleichen mir selbst nicht viel thut, so
+ist es doch immer hart, die Klagen der Kinder zu hören, wenn sie des
+Brennens wegen schreien. Tags darauf setzt der Bischof die Beschwörung
+fort. In der Nacht erschien der Geist dem Kodran wieder, aber nicht wie
+früher mit hellem, glänzendem Antlitz und herrlichem Gewand, sondern in
+einem hässlichen alten Lederkittel und mit finsterem, <span class="pagenum" id="Page_132">[S. 132]</span>üblem Aussehen.
+Und er sprach: Diese Leute arbeiten eifrig daran, uns beide unsrer
+Güter und Vorteile zu berauben, da sie mich von meinem Erb und Eigen
+vertreiben, dir aber unsre liebevolle Fürsorge und zukunftskundige
+Weissagungen entziehen wollen. In der dritten Nacht wehklagt er: Dieser
+schlechte Bischof hat mich um all mein Eigen gebracht, meine Herberge
+hat er verdorben, mich mit siedendem Wasser begossen, mir und meiner
+Familie busslos mit Brand Schaden gethan und damit mich gewaltsam weit
+hinausgetrieben in die Verbannung und Wildniss. Jetzt müssen wir beide
+Freundschaft und Zusammenleben brechen. Besinne dich nur, wer von jetzt
+an deiner Güter getreulich warten wird, wie ich ihrer bisher gewartet
+habe. Damit trennten sich der Geist und Kodran mit Zorn und keiner
+Freundschaft.</p>
+
+<p>Es gibt aber auch feindselige, schädliche Elbe, deren Anblick Krankheit
+und Tod bringt. Schon der blosse Anblick der Elbe kann Erblindung
+verursachen. Mit Schuss und Schlag wissen sie zu schädigen. <i>Ylfa
+gescot</i>, norw. <i>alfskud</i>, dän. <i>elveskud</i> ist die Lähmung,
+welche ihr Geschoss hervorruft. Die norweg. <i>alfkula</i>, Albkugel
+ist ein Knäul, der im Magen des kranken Viehes gefunden wird und von
+den Elben dorthinein geschossen wurde. Das berühmte dänische Lied von
+Herrn Olaf, der ausreitet, seine Gäste zur Hochzeit zu entbieten,
+erzählt, wie die Elbinnen ihn zum Reigen auffordern. Als er sich
+standhaft weigert, da am nächsten Morgen sein Hochzeitstag aufdämmere,
+stösst ihn die Elbin aufs Herz. Noch nie empfand er solchen Schlag. Er
+reitet heim, aber am andern Morgen liegt er tot. Auf den bösen Blick
+der Elbin spielt Heinrich von Morungen an. Elbischer Hauch bringt
+Gefahr, Elbhauch (norw. <i>alvgust</i>, <i>elfblaest</i>, schwed.
+<i>elfveblåst</i>) ist Gliedergeschwulst. Blödsinnige, geistesschwache
+Leute heissen Elbentrötsch, ihr Sinn ist durch die Elbe verwirrt.
+Die verfilzten Haare der Pferde sind Alp- oder Wichtelzöpfe. Die
+Krankheiten, die nach dem Volksglauben als Würmer oder sonstige
+Parasiten den Leib des Menschen in Besitz nehmen, heissen geradewegs
+fliegende Elbe&#x2060;<a id="FNanchor_85_85" href="#Footnote_85_85" class="fnanchor">[85]</a>. Angeflogene Geister bringen den Menschen in
+Siechtum und müssen zu seiner Heilung wieder vertrieben werden. Schon
+die oberdeutsche Bedeutung des Wortes Alp lehrt, dass die Elbe auch den
+Marendruck ausüben. Die Elbe tragen nach kleinen, <span class="pagenum" id="Page_133">[S. 133]</span>gesunden Kindern
+Verlangen und legen an ihrer Statt Wechselbälge in die Wiege. Wer
+elbische Speise und Trank berührt, verfällt dadurch den Unterirdischen.
+Wer in ihr Reich gelangt, wird überhaupt gerne daselbst festgehalten
+oder kehrt nur stumpfsinnig und wahnwitzig, „<i>elbisch</i>“, unter die
+Leute zurück.</p>
+
+<p>Die Elbe bilden ein Volk unter Königen. Darauf weist schon der Name
+Alberich, König der Elbe. Im Ortnit trägt er auch Krone und beherrscht
+grosse unterirdische Reiche. Im Nibelungenlied ist er ein Dienstmann
+der Könige Schilbung und Nibelung. Die deutsche Heldensage weiss
+von Zwergkönigen Laurin, Walberan, Goldemar. Alberich und Laurin
+kommen auf kleinen Pferden angeritten. Ebenso Euglin, der Zwergkönig
+im Seyfridsliede; der jagt auf kohlschwarzem Rosse durch den Tann,
+angethan mit herrlichem Seidengewand, das mit Gold besetzt und mit
+Zobel verbrämt ist. Auf dem Haupt schimmert eine mit Edelsteinen
+geschmückte Krone. Er ist mit seinen Zwergen im Berge dem Riesen
+Kuperan zinspflichtig und steht nun Seyfrid im Kampfe gegen den Unhold
+mit seiner Nebelkappe bei. Er stärkt ihn mit Speise und Trank und
+weissagt ihm die Zukunft. Aber auch Eugel muss erst mit Gewalt dazu
+gebracht werden, dem Helden zu dienen. In den Harzsagen ist Gübich
+König der Zwerge (Pröhle, Harzsagen<sup>2</sup> 105), in den Deutschen Sagen Nr.
+152 ist Heiling Fürst der Zwerge. Auf Island gab es zwei Alfakönige.
+Jedes Jahr musste abwechselnd einer von ihnen in Begleitung einiger
+seiner Leute nach Norwegen hinüber reisen, um dem dort herrschenden
+Oberkönige über den Zustand seines Reiches Bericht zu erstatten
+und selbst gegen etwaige Anklagen seiner Unterthanen zu Recht zu
+stehen. So erzählt Finnur Jónsson in seiner <i>historia ecclesiastica
+Islandiae</i> 2, 368 f.</p>
+
+<p>Die neuere isländische, ebenso die færöische Volkssage haben überhaupt
+die Auffassung der Elbe eigentümlich entfaltet. Die <i>álfar</i>&#x2060;<a id="FNanchor_86_86" href="#Footnote_86_86" class="fnanchor">[86]</a>
+heissen auch <i>huldufolk</i>, verborgenes Volk, <i>ljúflingar</i>,
+Lieblinge. Sie hausen in Steinen und Erdhügeln, in Klippen und
+Schlüften, mitten unter den Menschen. Ortsnamen auf Island erinnern
+häufig an ihr Dasein. Sie sind durchaus menschenähnlich gedacht, auch
+in Bezug auf Gestalt und Grösse. Sie führen auch dieselbe Lebensweise
+wie die Menschen. Sie werden geboren <span class="pagenum" id="Page_134">[S. 134]</span>und sterben, nur dass ihnen
+eine ungewöhnlich lange Lebensdauer beschieden ist; sie essen und
+trinken und belustigen sich gerne mit Musik und Tanz, zumal in
+festlichen Zeiten, wo man dann ihre Wohnungen weithin hell beleuchtet
+sieht. Sie haben ihr eigenes Vieh von ganz besonderer Güte; sie
+rudern in See auf Fischfang, wobei man ihren Ruderschlag vernimmt und
+die Spur ihrer Kähne im Wasser sieht. Sie haben eigene Kirchen und
+gottesdienstliche Bräuche, ja selbst Bischöfe. Bei aller Ähnlichkeit
+bleiben indessen die álfar von den Menschen scharf geschieden, ihr
+Gemeinwesen ist von dem menschlichen durchaus getrennt. Sie selbst
+sind im Besitz übernatürlicher Kräfte, durch welche sie den Menschen
+zu nützen, aber auch zu schaden im Stande sind. Nur ausnahmsweise
+werden sie dem menschlichen Auge sichtbar. Sie sind auf kleine Kinder
+aus und vertauschen sie vor der Taufe gern mit ihren Wechselbälgen.
+Alfmädchen suchen Jünglinge in den Berg zu locken, auch knüpfen álfar
+mit Mädchen Liebschaften an. Menschliche Hilfeleistung verlangen
+die álfar namentlich bei Niederkunft ihrer Frauen. Dafür helfen sie
+wiederum den Menschen, verschaffen ihnen verlaufenes Vieh, schenken
+ihnen wunderkräftige Gegenstände und heilen von Siechtum. Den álfar
+der neuisländischen und færöischen Volkssage ist namentlich der
+Umstand eigentümlich, dass sie nie als klein geschildert werden und
+keine Schmiedekunst ausüben, obwol im übrigen ihre Art derjenigen
+der Bergelbe, also der Zwerge, entspricht. Auf Island ist Name und
+Begriff der dvergar überhaupt verschwunden. Die altnordischen Quellen
+aber gedenken der Zwerge oft, ihr Andenken haftet auf Island nur noch
+an einigen Ortsnamen wie <i>Dvergasteinn</i>, <i>Dverghól</i> u.&#8239;ä.
+Auf den Færöern treffen wir in Lied und Sage (<i>færösk anthologi</i>
+2, 326) die <i>dvörgar</i> um so häufiger neben dem sonst gleich
+geschilderten <i>huldufólk</i> der <i>álvar</i>.</p>
+
+<h4 id="Zwerge_1"><b>1. Zwerge.</b></h4>
+
+<p>Alle germanischen Mundarten bieten Wort und Begriff „<em class="gesperrt">Zwerg</em>“
+dar, ahd. <i>twerg</i>, mhd. <i>getwerc</i>, obds. <i>zwerch</i>,
+mds. <i>querch</i>, ags. <i>dweorh</i>, engl. <i>dwarf</i>, an.
+<i>dvergr</i>. Germanischer Ursprung des Wortes ist zweifellos, die
+Etymologie aber dunkel. Laistner (AnzfdA. 13, 44) denkt an Zusammenhang
+mit dem starken mhd. Zeitwort „<i>zwergen</i>“ drücken und führt somit
+bereits den Zwergnamen auf den Kreis der Maren, der Druckgeister
+zurück; Noreen (Abriss der urgermanischen <span class="pagenum" id="Page_135">[S. 135]</span>Lautlehre S. 224) stellt
+die Wurzeln <i>dhuer</i> und <i>dhru</i> zu einander und gewinnt
+damit gleiche Urbedeutung der Zwerge und Draugen. Die Zwerge scheinen
+also Verbindung mit Maren und Seelen zu halten. Die Zwerge gehören zu
+den Elben, wie schon die Bezeichnung des Wölund, des Hauptvertreters
+zwergischer Kunst, als Alfenfürst, <i>alfa vísi</i> beweist. Snorri
+meint mit seinen Dunkelelben, mit den <i>dökkalfar</i> ebenso Zwerge.
+Ihre Eigenschaften wurzeln auch alle in der Art der Elbe. Die Zwerge
+erscheinen im Volksglauben vorwiegend als die kunstreichen Elben,
+als die Schmiede. Die Zwergsagen fanden ihre Ausbildung zumeist in
+Gebirgsländern, wo Bergbau betrieben ward. In der Ebene ist ihre
+zwergische Eigenart von der allgemeinen elbischen kaum unterschieden,
+auch wird der Name „Zwerg“ selten angewandt, sie heissen die
+<i>Unterirdischen</i> und sind die Elbe, die in Hügeln wohnen. Weitere
+Benennungen der echten Zwerge, die auf ihre Wohnung und Thätigkeit
+zielen, sind <i>Bergmännlein</i>, <i>Bjergfolk</i>, <i>Bjergmand</i>,
+<i>Erdmännchen</i>, <i>Erdleute</i>, <i>Erdschmiedlein</i>,
+<i>Bergschmiede</i>. Wichtel, Wichtelmännlein heissen sie wegen ihrer
+kleinen, winzigen Gestalt. Die Zwerge sind fast immer missgestaltig,
+dickköpfig, alt, graubärtig, höckrig, von bleicher Gesichtsfarbe
+(<i>fǫlr um nasar</i> Alvísmǫ́l 2), zuweilen enten- oder geissfüssig,
+unscheinbar gekleidet. Nur die Könige tragen prächtige Gewandung. Die
+Frauen der Zwerge bewahren aber die elbische Schönheit. Die Zwerge
+sind so gross wie ein drei- oder vierjähriges Kind, manchmal noch
+kleiner, zwei oder drei Spannen hoch, daumengross (Däumlinge). Sie
+sind geschickt, klug und listig. Sie machen sich mit einer Kapuze
+(<i>helkappe</i>, <i>nebelkappe</i>, <i>tarnkappe</i>, <i>tarnhût</i>,
+an. <i>hulidshjalmr</i>, ags. <i>hæleđhelm</i>) unsichtbar. Gemeint
+ist wol ein Zaubernebel, in dem sie selber verschwinden oder mit dem
+sie die andern verblenden. Das Nebelspiel, das plötzliche Erscheinen
+und Vergehen kleiner Wölkchen, wie sie besonders an Bergen zu
+beobachten sind, mag zur Ausbildung solcher Vorstellungen wesentlich
+beigetragen haben. Im Laurin (191 ff., 535 ff., 1174 ff.) wird eines
+Gürtels und eines Ringes gedacht, wodurch der kleine Zwerg zwölf
+Männer Kraft gewinnt. Aus dem Laurin, durch Vermittlung der dänischen
+im 15. Jahrhundert verfassten <i>kong Laurins krönike</i> scheint
+dieser Kraftgürtel auch in die færöische Volkssage der Gegenwart
+(<i>færösk anthologi</i> 1, 326) gedrungen zu sein. Die nordische
+Sprache nennt das Echo <i>dvergmál</i>, Zwergenrede. Ebenso begegnet
+<i>dvörgamál</i> in den færöischen Liedern. Die Helden <span class="pagenum" id="Page_136">[S. 136]</span>führen so
+starke Streiche, dass Zwergrede aus Klippen und Bergen widerklingt. Die
+Berggeister antworten also der rufenden Stimme oder sonstigem Hall.
+Die Zwerge wohnen in hohlen Bergen, ihre Säle sind herrlich mit Gold
+und Edelsteinen ausgeschmückt. Vor Laurins Berg ist eine blühende, von
+Linden beschattete Aue, wo Vogelsang erschallt und friedlich allerlei
+Getier spielt. Dort hinaus ziehen die Zwerge aus ihren Höhlen, um sich
+am Tanz in freier Luft zu erfreuen. Aber viel schöner ists im Berge
+selbst. Mit allen erdenklichen Kleinoden ist die Decke behangen, die
+goldenen Bänke leuchten von Edelsteinen. Allerlei Kurzweil herrscht.
+Zwei reichgekleidete Zwerge spielen auf rotgoldenen kostbaren Fiedeln,
+deren Saiten süss erklingen. Die Zwerginnen sind schön und wol
+geschaffen, reich in Seide gekleidet und mit Geschmeide behängt. Aber
+nur Sonntagskindern, besonders auserkorenen Sterblichen eröffnet sich
+ein Einblick in die unterirdische Pracht. Die Könige der Elbe sind in
+den Tiroler Sagen des Mittelalters zu Beherrschern des Zwergvolkes
+geworden. Die Zwerge kehren gern in menschliche Wohnungen ein. Nach
+Abzug der Senner wirtschaften die Zwerge in den verlassenen Almhütten
+(Wolf, Beiträge zur deutschen Myth. 2, 311). Auf der Eilenburg in
+Sachsen wollte einmal das kleine Volk Hochzeit halten und zog bei Nacht
+in den Sal. Der alte Graf, der erwachte, wurde von einem kleinen Herold
+geziemend eingeladen, am Feste teilzunehmen (Deutsche Sagen No. 31).
+Beim Grafen von Hoia erschien einst bei Nacht ein kleines Männlein
+und bat, für die folgende Nacht zum Einlager der kleinen Bergmännlein
+Küche und Sal geliehen zu erhalten (Deutsche Sagen No. 35). Wie allen
+gespenstischen Wesen so ist auch den Zwergen Scheu vor dem Tageslichte
+eigen. In den nordischen Sagen verwandeln sie sich zu Stein, sobald
+ein Sonnenstrahl sie trifft. Steinverwandelte Zwerge kennt auch die
+deutsche Sage (No. 32); aber die Zwerge sind aus besonderem Anlasse
+versteinert worden, nicht durch die aufgehende Sonne erstarrt. Die
+Thätigkeit der Zwerge besteht nun darin, dass sie die edlen Steine
+und Metalle ausgraben, zu grossen Schätzen anhäufen und zu Geschmeide
+aller Art verarbeiten. Sie sind Bergknappen und Schmiede zugleich.
+Nach Prätorius geben die Gebrüder Grimm in den deutschen Sagen No. 37
+ein Bild solcher Wichtlein. Die Zwerge haben das Aussehen eines alten
+Mannes mit einem langen Barte, sind bekleidet wie Bergleute mit einer
+weissen Hauptkappe am Hemd und einem Leder hinten, haben Laterne,
+Schlägel und Hammer. Sie thun den <span class="pagenum" id="Page_137">[S. 137]</span>Bergarbeitern kein Leid, denn wenn
+sie bisweilen auch mit kleinen Steinen werfen, so fügen sie ihnen
+doch selten Schaden zu, es sei denn, dass sie mit Spotten und Fluchen
+erzürnt und scheltig gemacht werden. Sie lassen sich vornehmlich in
+den Gängen sehen, welche Erz geben oder wo gute Hoffnung dazu ist.
+Daher erschrecken die Bergleute nicht vor ihnen, sondern halten es
+für eine gute Anzeige, wenn sie erscheinen. Sie schweifen in Gruben
+und Schachten herum; bald ists, als durchgrüben sie einen Gang oder
+eine Ader, bald als fassten sie das Gegrabene in den Eimer, bald als
+arbeiteten sie an der Rolle und wollten etwas hinaufziehen, aber sie
+necken nur die Bergleute damit und machen sie irre. Bisweilen rufen
+sie; wenn man hinkommt, ist niemand da. Am Kuttenberg in Böhmen hat
+man sie oft in grosser Anzahl aus den Gruben heraus und hinein ziehen
+sehen. Wenn kein Bergknappe drunten, besonders wenn gross Unglück oder
+Schaden vorstand (sie klopfen dem Bergmann dreimal den Tod an), hat
+man die Wichtlein hören scharren, graben, stossen, stampfen und andere
+Bergarbeiten mehr vorstellen; bisweilen auch, nach gewisser Maasse, wie
+die Schmiede auf dem Amboss pflegen, das Eisen umkehren und mit Hämmern
+schmieden. Eben in diesem Bergwerke hörte man sie vielmals klopfen,
+hämmern, picken, als ob drei oder vier Schmiede etwas stiessen. In
+Idria stellen ihnen die Bergleute täglich ein Töpflein mit Speisen
+an einen besondern Ort. Auch kaufen sie jährlich zu gewissen Zeiten
+ein rotes Röcklein, der Länge nach einem Knaben gerecht, und machen
+ihnen ein Geschenk damit. Unterlassen sie es, so werden die Kleinen
+zornig und ungnädig. Die in der Erde verborgenen Schätze, von denen
+die Volkssage so gern erzählt, werden darum häufig auf die Zwerge
+zurückgeführt. Ist irgendwo ein versunkener Hort, so ist meistens ein
+kleines graues Männchen mit im Spiele. Der berühmteste Zwergschatz ist
+der Nibelungs; auf ihm liegt die goldene Wünschelrute, die verhindert,
+dass er sich vermindert. Auch nach dem Liede vom hürnen Seyfrid ruht
+Nibelungs Hort von den Zwergen gehütet im Berge. Nach nordischer Sage
+war der Zwerg Andwari so zauberkundig, dass er zuweilen als Fisch im
+Wasser lebte. Loki fing ihn und verlangte, dass er, um sein Leben zu
+lösen, alles Gold ausliefern solle, das er in seinem Stein habe. Der
+Zwerg gab all sein Gold her, doch barg er in seiner Hand einen kleinen
+Goldring. Das sah Loki und verlangte, dass er auch diesen Ring ihm
+überantworte. Der Zwerg bat, ihm diesen Ring nicht fortzunehmen, da er
+durch ihn seinen <span class="pagenum" id="Page_138">[S. 138]</span>Besitz wieder vermehren könne; Loki aber sagte, er
+dürfe keinen Pfennig zurückbehalten, nahm ihm den Ring fort und wandte
+sich zum Gehen. Da sprach der Zwerg, dass der Ring jedem, der ihn
+besitze, den Tod bringen werde. So berichten die Regins mǫ́l und die
+Skaldskapar mǫ́l. Elbengewirk, das in Menschenhände gerät, ist öfters
+Segen und Fluch bringend. Die Zwerge verstehen sich meisterhaft darauf,
+die angesammelten Schätze zu verarbeiten. Den glänzenden Bergkrystall
+nennt man in Norwegen <i>dvergsmie</i>, Zwerggeschmeid. Doch mehr
+als in Schmucksachen zeichnen sich die Zwerge durch Anfertigung
+hochberühmter und vielbegehrter Waffenstücke aus. Sowol ihres Wissens
+wie ihrer Geschicklichkeit halber taugen sie als treffliche Lehrmeister
+junger Heldensöhne. Regin war geschickter als alle Menschen und seinem
+Wuchse nach ein Zwerg. Er war klug, grimmig und zauberkundig. Zu
+ihm kam Sigurd in Unterweisung und Lehre. Regin verfertigte ihm das
+Schwert Gram. In der Thidreks saga Kap. 57 heisst der ausgezeichnete
+Schmied Mimir. Zu ihm kommt auch Welent in die Lehre, dass er Eisen
+zu schmieden lerne. Später aber brachte ihn sein Vater Wadi zu zwei
+Zwergen, die in einem Berge in Westfalen wohnten. Diese Zwerge
+verfertigten besser, als irgendwo sonst Menschen es konnten, aus Eisen
+allerhand Waffen, Schwerter, Brünnen und Helme; aus Gold und Silber
+machten sie allerhand Kleinode. Darum sind auch die besten Waffen in
+deutscher Heldensage Zwergenarbeit. Wird aber die Arbeit erzwungen, so
+legen die Zwerge ihren Fluch darauf. So erzählt die Herwararsaga vom
+Schwerte Tyrfing. König Sigrlami hatte einst zwei kunstfertige Zwerge
+ausserhalb ihrer Steinbehausung überrascht. Er nahm sie gefangen und
+bedrohte sie am Leben. Zur Lösung schufen sie das Siegschwert Tyrfing,
+legten aber den Fluch darauf, dass drei Neidingswerke damit verübt
+werden mussten. In der SE. führt Hagen, Hildes Vater, das Schwert
+Dainsleif, das Zwerge schmiedeten und das eines Menschen Tod sein muss,
+so oft es aus der Scheide gezogen ist, das nie im Hiebe Halt macht und
+dessen Verwundungen nimmer heilen. In der märchenhaften Egils saga ok
+Asmundar Kap. 11 beschenkt der einhändige Egill, der schwer an seiner
+Wunde leidet, ein ihm begegnendes Zwergenkind. Zum Dank heilt ihm
+dessen Vater die Wunde und schmiedet ihm überdies ein Schwert, das an
+den Ellenbogen befestigt sich ebenso gut regieren lässt, als wenn Egill
+seine Hand noch hätte. In der nordischen Göttersage gehen Odins Speer
+und goldener Ring, Thors <span class="pagenum" id="Page_139">[S. 139]</span>Hammer, Freys Schiff und goldborstiger Eber,
+Sifs Goldhaar aus der Esse der Zwerge hervor. Die Weisheit der Zwerge
+deutet die nordische Sage mit dem Namen Alwis an, ferner dadurch, dass
+der Dichtermet ursprünglich im Besitze zweier Zwerge, des Fjalar und
+Galar sich befindet. Die Beziehungen zwischen Menschen und Zwergen sind
+die bei allen Elben üblichen. Die Zwerge verlangen menschliche Hilfe
+bei schwerer Geburt ihrer Frauen. Sie erweisen sich aber auch dankbar
+dafür. Die Zwerge unterschieben Wechselbälge (ahd. <i>wihselinga</i>,
+nord. <i>bytingar</i>, <i>skiftingar</i>, <i>umskiptingar</i>) und
+rauben dafür menschliche Kinder. Um den Wechselbalg zu erkennen und
+seinen Umtausch zu bewirken, bedarf es besonderer Bräuche. Man thut
+irgend etwas Ungewöhnliches, braut Bier in Eierschalen oder siedet
+Wasser darin. Dann erhebt der Wechselbalg verwundert sein Sprüchlein:
+Nun bin ich so alt wie der Wald und hab so was nicht gesehen! Oft
+genügt schon das Geständniss seiner Herkunft zum Verschwinden, oft muss
+man ihn aber auch misshandeln, peitschen oder sich anstellen, als ob
+man ihn in den siedenden Kessel werfen wolle. Dann bringen die Zwerge
+das rechte Kind zurück. Die Zwerge sind erpicht auf schöne Mädchen.
+Die Alvísmǫ́l beruhen auf solcher Sage. Alwis der weise Zwerg will die
+Tochter des Thor als Braut heimholen, wird aber solange hingehalten,
+bis das Tageslicht ihn versteint. Der Laurin 735 ff. schildert eine
+Entführung. Künhild lustwandelt vor der Burg zu Steier zu einer Linde
+auf grüner Aue. Plötzlich verschwindet sie den Augen ihres Gefolges.
+Laurin war herangeritten, hatte sie in seine Nebelkappe gehüllt und
+führte sie unsichtbar hinweg in seine Tiroler Berge. Aber zur geplanten
+Heirat kommt es nicht, die Berner Helden befreien die Maid aus der
+Gewalt des bitterlich klagenden Zwergkönigs. Dietrich von Bern fand auf
+seinen Fahrten einmal einen Berg, der von wilden Zwergen bewohnt war.
+Die hatten ein schönes Mädchen bei sich. Es war eine Königstochter,
+welche der Zwergkönig Goldemar geraubt hatte. Dietrich gewann sie
+dem Zwerge mit grosser Mühe ab und nahm sie selber sich zur Frau.
+Im schwedischen Volkslied holt der Bergkönig die Jungfrau in sein
+unterirdisches Reich, sie bleibt acht Jahre bei ihm und gebiert ihm
+Kinder.</p>
+
+<p>Über den Ursprung der Zwerge berichtet die Vǫlospǫ́ 9/10, die Götter
+hätten in Urzeiten beraten, wer der Zwerge Schar aus Ymirs Blut
+und Gebein erschaffen sollte. Da entstand als trefflichster aller
+Zwerge Motsognir, als zweiter Durin. Nach Durins <span class="pagenum" id="Page_140">[S. 140]</span>Geheiss machten die
+Zwerge in der Erde (aus Erde, wie eine andre Lesart lautet) manche
+Menschenbilder. Dann folgt ein Verzeichniss von Zwergnamen. Die Stelle
+ist nicht klar. Gemeint ist vermutlich, Götter und Riesen seien aus
+Urzeugung entsprungen, die Zwerge und darnach die Menschen aber von
+den Göttern geschaffen worden. Wir verstehen aber nicht recht, ob die
+„Menschenbilder“ (<i>mannlíkon</i>) Zwerge oder rechte Menschen sind,
+ob die Menschen etwa als Gebilde elbischer Kunst galten. Strophe 10
+lässt sich auch so erklären: die Zwerge Motsognir und Durin machten
+menschenähnliche Gebilde, nämlich die verzeichneten Zwerge, sie selber
+erwuchsen aus Ymirs Blut und Gebein, d.&#8239;h. aus Wasser und Stein,
+überhaupt aus Erde und sollen nun aus demselben Stoffe weiter schaffen.
+Snorri hat die Stelle auch nicht verstanden. Er phantasiert darüber:
+„Die Götter gedachten, wie die Zwerge im Erdboden tief unter der
+Oberfläche entstanden waren wie Maden im Fleisch. Nach Bestimmung der
+Götter erhielten sie menschlichen Verstand und menschliche Gestalt,
+aber sie hausen doch wie zuvor in Erde und Steinen.“ Die Sage ist
+keinesfalls alt und echt, ebensowenig wie die Erzählung im prosaischen
+Anhang des deutschen Heldenbuchs, wornach zuerst die Zwerge von Gott
+geschaffen wurden zum Bau des wüsten Landes und Gebirges und zum
+Sammeln der Schätze, darauf erst die Riesen zur Bekämpfung der wilden
+Tiere und zuletzt die Recken, d.&#8239;h. die Menschen, um den Zwergen gegen
+die übermütig und untreu gewordenen Riesen beizustehn. Diese Sage ist
+nur aus den Heldengedichten, aus den dort üblichen Kämpfen mit Zwergen
+und Riesen erfunden und hat keine Gewähr höheren Alters. Die Elbe
+wurden endlich von der christlichen Volkssage mit den neutralen Engeln
+in Verbindung gesetzt. Die im Grunde gutartige, freundliche Elbenschar
+schien dem naiven Glauben ebenso merklich von den Engeln wie von den
+Teufeln geschieden als zugleich mit beiden verwandt. Da wurden sie denn
+als die bei Lucifers Fall neutral gebliebenen Engel erklärt, darum hat
+Himmel und Hölle an ihnen teil, sie sind gut und böse.&#x2060;<a id="FNanchor_87_87" href="#Footnote_87_87" class="fnanchor">[87]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_141">[S. 141]</span></p>
+
+<h4 id="Kobolde_2" title="2. Kobolde">
+<b>2. Kobolde.</b>&#x2060;<a id="FNanchor_88_88" href="#Footnote_88_88" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[88]</span></a>
+</h4>
+
+<p>Elbische Wesen haben Neigung, mit den Menschen in Verkehr zu treten.
+Die Zwerge kommen zuweilen aus den Bergen herab und gesellen sich
+hilfreich oder doch zuschauend zu den arbeitenden Menschen. Wilde Leute
+verdingen sich als Knechte oder Mägde, wobei die Arbeit zusehends
+gedeiht. Oft sprechen Elbe in den Bauernhütten zu Gast ein. Aber
+am innigsten und traulichsten wird der Bund dann, wenn der Alb als
+Hausgeist, als ständiger Genosse sich einlegt. Der altdeutsche Name
+solcher Hausgeister war <em class="gesperrt">Kobold</em>. Das Wort begegnet zwar nur im
+Mhd. und Nhd., aber darf als älter erschlossen werden. Vielleicht ist
+frz. <i>gobelin</i> daher zu leiten, zweifellos hängt ags. <i>cofgodas
+lares</i> und <i>cofgodu penates</i> damit zusammen. Kobold ist
+eigentlich <i>kobwalt</i>, der des Kobens waltet; ags. <i>cofa</i>,
+an. <i>kofi</i>, mhd. <i>kobe</i> ist Hütte, Verschlag. Mithin ist
+Kobold eine treffende Benennung des Hausgeistes.&#x2060;<a id="FNanchor_89_89" href="#Footnote_89_89" class="fnanchor">[89]</a> Neben dieser
+allgemeinen, nur in Deutschland nachweislichen Bezeichnung führt der
+Hausgeist noch eine Menge anderer Namen, die seinem Thun und Treiben
+entstammen. Er wird geradewegs mit kosenden Eigennamen gerufen wie
+Heinz, Hinze, Chimke (Joachimchen), Wolterken, Robin u.&#8239;s.&#8239;w. oder
+man heisst ihn nach Merkmalen seiner Tracht Hütchen, Hopfenhütel,
+Stiefel. Endlich wird er als polternder Rumpelgeist mit Namen wie
+Rumpelstilz, Klopfer, Bullermann, Mummhart, Nisse (dänisch, zum Verbum
+<i>nisse</i>, sich geschäftig machen) oder als Schrecker mit <span class="pagenum" id="Page_142">[S. 142]</span>Namen
+wie Butzemann, Busemann&#x2060;<a id="FNanchor_90_90" href="#Footnote_90_90" class="fnanchor">[90]</a>, Puck, Tattermann, Popanz belegt. An die
+Verwandlungsfähigkeit dienstbarer Hausgeister mahnt das Märchen vom
+gestiefelten Kater, der Name Katzenveit und Ekerken (Eichhörnchen).</p>
+
+<p>In Gestalt, Aussehen und Tracht gleichen die Kobolde den Zwergen.
+Sie tragen Hütchen, oft von roter Farbe, und gefeite Stiefel. Ein
+Kobold erscheint alt und runzlig, aber nicht furchtbar, mit langem
+weissem Bart und mit einer Kapuze auf dem Haupt (Bartsch, Sagen aus
+Mecklenburg 1, 68). Als Marder, Schlange&#x2060;<a id="FNanchor_91_91" href="#Footnote_91_91" class="fnanchor">[91]</a>, Katze zeigt sich der
+Kobold, meist aber bleibt er unsichtbar. Kobolde wohnen gern in
+Stall, Scheune und Keller des Menschen, dem sie sich zugesellen, und
+verrichten Hausgeschäfte, vorzüglich in Küche und Stall. Der Kobold
+ist ein diensamer, fleissiger Geist, der seine Freude daran hat, den
+Knechten und Mägden bei der Hausarbeit beizuspringen und insgeheim
+einen Teil davon zu verrichten. Er trägt in der Küche Wasser, haut
+Holz, holt Bier, kocht, striegelt die Pferde und strählt ihre Mähnen,
+giebt dem Vieh Futter vor, mistet den Stall aus. Wo er ist, nimmt das
+Vieh zu und alles gedeiht und gelingt. Sein Dasein bringt Glück ins
+Haus, sein Abgang nimmt das Glück fort. Die Magd hat oft den Kobold
+zum heimlichen Gehülfen. Dann geht ihr alles rasch von statten, ihre
+Arbeit wird zum grössten Teil vom Kobold gethan. Dafür fordert der
+Kobold ein geringes Opfer. Täglich muss an einer bestimmten Stelle ein
+Schüsselchen Milch oder ein Speisenapf bereit stehen.&#x2060;<a id="FNanchor_92_92" href="#Footnote_92_92" class="fnanchor">[92]</a> Vergisst sie
+das einmal, so muss sie in Zukunft nicht nur ihre Arbeit selbst wieder
+thun, sondern sie hat nun auch eine unglückliche Hand, indem sie sich
+im heissen Wasser verbrennt, Töpfe und Geschirr zerbricht, das <span class="pagenum" id="Page_143">[S. 143]</span>Essen
+umschüttet. Darüber hört man den Kobold lachen und kichern. Er führt
+auch Aufsicht im Haushalt und bestraft faules und nachlässiges Gesinde.
+Ergötzlich ist die Geschichte (Deutsche Sagen Nr. 75), wie ein Mann
+aus Hildesheim, als er auf Reisen geht, sein leichtfertiges Weib dem
+Kobold zur Hut befiehlt. Der Kobold erfüllt auch sein Amt treulich und
+verscheucht alle Liebhaber der Frau. Aber dem heimkehrenden Ehemann
+klagt er, lieber wolle er die Schweine von ganz Sachsen hüten, als
+ein einziges solches Weib, so vielerlei Listen und Ränke habe sie
+erdacht, ihn zu täuschen, und ihm seine Aufgabe sehr erschwert. Des
+Kobolds Gutmütigkeit wandelt sich aber leicht auch in Neckerei und
+Schadenfreude, er wird zum Quälgeist und Plagegeist. Ja er trachtet
+sogar nach dem Leben dessen, der ihn gekränkt. Ein Küchenjunge, der den
+Kobold höhnt und lästert, wird von ihm erwürgt und in kleine Stücke
+zerhauen oder an den Bratspiess gesteckt. Zeigt sich der Kobold von
+der schlimmen Seite, so ist fast stets die Treulosigkeit und Bosheit
+der Menschen daran schuld. Denn die elbischen Geister sind im Grunde
+gutartig, höchstens zu harmloser Neckerei aufgelegt; werden sie aber
+gereizt, so nehmen sie schreckliche Rache und treiben den Missethäter
+in Not und Tod. Hütchen wird so geschildert: „er wollte die Leute gern
+überreden, dass es ihm vielmehr um ihren Vorteil als um ihren Schaden
+zu thun sei, daher warnte er bald den einen vor Unglück, bald war er
+dem andern in einem Vorhaben behilflich. Es schien, als trüge er Lust
+und Freude an der Menschen Gemeinschaft, redete mit jedermann, fragte
+und antwortete gar gesprächig und freundlich. Niemand fügte er etwas
+Leid zu, er wäre denn am ersten beschimpft worden. Wer seiner aber
+spottete, dem vergass er solches nicht, sondern bewies ihm wiederum
+einen Schimpf.“ Die Kobolde kommen von auswärts ins Haus gezogen, so
+Hinzelmann. Auf dem Schlosse Hudemühlen liess er sich zuerst im Jahre
+1584 hören, indem er durch blosses Poltern und Lärmen sich zu erkennen
+gab. Darnach fing er an, bei hellem Tage unsichtbar mit dem Gesinde
+zu reden. Endlich sprach er auch mit dem Hausherrn selber. Als er
+gefragt wurde, woher er sei und was er an diesem Ort zu schaffen habe,
+sagte er, dass er aus dem Böhmer Wald gekommen wäre. Der Geist schied
+freiwillig wieder aus Hudemühlen, nachdem er vier Jahre daselbst sein
+Wesen getrieben hatte. Aber solange der Kobold nicht selber seinen
+Dienst aufgiebt, weicht er auch nicht aus dem erwählten Hause, so sehr
+<span class="pagenum" id="Page_144">[S. 144]</span>der Hausherr mit List und Gewalt den lästigen oder unheimlichen Gast
+wegzubringen bemüht ist. Nach den Deutschen Sagen Nr. 44 hatte ein
+Schäferjunge ein Erdmännlein erlöst. Das stellte sich kurz vor den
+Jungen und sprach: Gib mir Arbeit, dass ich etwas zu thun habe. Der
+Junge gebot ihm die Schafe zu hüten. Abends sagte das Männlein: Ich
+will mit dir gehen. Du hast mich nun einmal angenommen, willst du mich
+selber nicht, musst du mir anderswo Herberge schaffen. Da wies ihn
+der Junge ins Nachbarshaus. Bei diesem kehrte das Erdmännchen richtig
+ein, und der Nachbar konnte es nicht wieder los werden. Bekannt ist
+die Geschichte vom Bauern, der seines Kobolds überdrüssig geworden,
+weil dieser allerlei Unfug anrichtete. Zuletzt ward er Rats, die
+Scheune anzustecken, wo der Kobold seinen Sitz hatte, und ihn zu
+verbrennen. Deswegen führte er erst all sein Stroh heraus und bei dem
+letzten Karren zündete er die Scheune an, nachdem er den Geist wol
+versperrt hatte. Wie sie nun schon in voller Glut stand, sah sich
+der Bauer von ungefähr um, siehe, da sass der Kobold hinten auf dem
+Karren und sprach: es war Zeit, dass wir herauskamen! Der Schlossherr
+von Hudemühlen gedachte Hinzelmanns dadurch los zu werden, dass er
+verreiste. Auf der Fahrt bemerkte man eine weisse Feder, die neben dem
+Wagen herflog. Es war der Kobold, der dem Herrn überall hin folgte. Um
+dem „Futtermännchen“ (dem viehfütternden Kobold) zu entgehen, führte
+ein Mann sich ein neues Haus auf, sah aber am letzten Tag vor dem
+Auszug Futtermännchen am Bache sein grau Gewand ins Wasser tauchen mit
+den Worten: da wisch und wasch ich mein Röckchen aus, morgen beziehn
+wir ein neues Haus (Börner, Volkssagen aus dem Orlagau S. 246). Launig
+ist die Geschichte vom Kobold, der sich Klosterbrüdern verdingt, wovon
+Bartschs Sagen aus Mecklenburg Nr. 86 und das Schwankgedicht vom
+Bruder Rausch, das Wilhelm Hertz so köstlich neubelebt hat, Beispiele
+darbieten.</p>
+
+<p>Was der Kobold fürs Haus, das ist der <em class="gesperrt">Klabautermann</em> fürs Schiff.
+Er ist der Schutzgeist des Fahrzeugs, er hilft den Matrosen das Schiff
+reinigen, die Segel hissen, die Waren stauen. Oft hört man ihn im
+Schiffsräume hämmern und klopfen. Sichtbar wird er selten, meist nur,
+wenn dem Schiffe Untergang droht. Für seine Arbeit verlangt er ein
+Schälchen mit Milch; legt man ihm Kleider und Schuhe hin, so verlässt
+er das Schiff. Der Name, der auch in der Form Kabautermann begegnet,
+ist vielleicht aus <span class="pagenum" id="Page_145">[S. 145]</span><i>kabout</i>(d.&#8239;i. <i>kabolt</i>,<i> kobolt</i>)
+entstellt, etwa aus einer niederdeutschen Koseform <i>kobolterken</i>,
+die auch zur Benennung Wolterken für die Hausgeister Anlass geben
+konnte.&#x2060;<a id="FNanchor_93_93" href="#Footnote_93_93" class="fnanchor">[93]</a></p>
+
+<p>Nirgends tritt die Verwandtschaft der seelischen und elbischen Geister
+so deutlich hervor wie in den Sagen vom Kobold und vom Klabautermann.
+In den Deutschen Sagen Nr. 72 schliesst der Bericht vom Kobold: „Man
+glaubt, sie seien rechte Menschen in Gestalt kleiner Kinder mit einem
+bunten Röcklein. Darzu etliche setzen, dass sie teils Messer im Rücken
+hätten, teils noch anders und gar greulich gestaltet wären, je nachdem
+sie so und so, mit diesem oder jenem Instrument vor Zeiten umgebracht
+worden wären, denn sie halten sie für die Seelen der vorweilen im
+Hause Ermordeten.“&#x2060;<a id="FNanchor_94_94" href="#Footnote_94_94" class="fnanchor">[94]</a> Der Klabautermann aber ist die Seele eines
+toten Kindes, die in einen Baumstamm fuhr. Wird der Baum gefällt und
+zum Schiffsbau verwendet, so kommt damit die Seele des Kindes als
+Klabautermann aufs Schiff.&#x2060;<a id="FNanchor_95_95" href="#Footnote_95_95" class="fnanchor">[95]</a></p>
+
+<h4 id="Nixe_3"><b>3. Nixe.</b></h4>
+
+<p>Das Wasser, wo immer es sich darbot, in Quell und Bach, in Fluss und
+See, im weiten Meer, war von Geisterwesen bevölkert, die teils in
+menschenähnlicher, teils auch in tierischer Gestalt gedacht wurden.
+Gründe zu solchen Vorstellungen waren mehrfach vorhanden, die Seelen
+Ertrunkener lebten im Wasser fort, sie waren von den Wassergeistern
+hinabgezogen worden. Die wundersamen Tiergestalten, die zumal aus dem
+Meere emportauchen, regten die Sagenbildung an. Aber wie die sanften
+Windelbe hinter den Sturm- und Wetterriesen zurückstehen, so gibt es
+auch weniger Wasserelbe als Wasserriesen. Wo die entfesselte elementare
+Gewalt dem Menschen entgegen brauste, dichtete er eher Riesen- als
+Elbensagen. Im Binnenland, an kleinen Teichen <span class="pagenum" id="Page_146">[S. 146]</span>und Bächen, herrschen
+mehr Elbe, am Meer, am breiten Strom und weiten See dagegen Riesen.</p>
+
+<p>Die allgemeine Benennung des Wassergeistes ist Nix.&#x2060;<a id="FNanchor_96_96" href="#Footnote_96_96" class="fnanchor">[96]</a> Das Wort
+findet ebenso auf elbische (besonders im Femininum Nixe), wie auf
+riesische Wesen Anwendung. Ohne weiteres deutlich sind Bezeichnungen
+wie <i>waȥȥerholde</i>, <i>merminne</i>, <i>mermeit</i>, <i>merwîp</i>,
+<i>merwunder</i>, <i>wassermann</i>, <i>wasserjungfer</i>,
+<i>seejungfer</i>, <i>seeweibel,</i> im Nordischen heissen
+die Wasserwesen <i>haffrú</i>, <i>sækona</i>, <i>havmand</i>,
+<i>strömkarl</i>, <i>vattenelfvor</i>, <i>quernknurrer</i>, <i>Grim</i>
+und <i>fossegrim</i>. Die Wassermädchen werden als Mümlein (mhd.
+<i>muome</i>, nds. <i>watermöme</i>) vertraulich angeredet oder mit
+Eigennamen wie Wasserlisse&#x2060;<a id="FNanchor_97_97" href="#Footnote_97_97" class="fnanchor">[97]</a> belegt. Von den Wasserelben erfahren
+wir mehr aus der jüngeren Volkssage denn aus der alten Überlieferung,
+welche uns dagegen riesische Wesen vorführt. Doch ist anzunehmen,
+dass die Wasserelbe früher in der Heidenzeit kaum anders vorgestellt
+wurden als in der Volkssage der Gegenwart. Der Wassermann wird meist
+ältlich und langbärtig gedacht. Er trägt einen grünen Hut, und
+wenn er bleckt, sieht man seine grünen Zähne. Seine Zwerggestalt
+wird selten hervorgehoben, die Sage schildert ihn gewöhnlich in
+menschlicher Grösse. Nach schwedischem Glauben wohnt er zwischen den
+Seerosen, in mondhellen Nächten sitzt er auf den Blättern und lässt
+sein Spiel erklingen (J. Grimm, Myth. 3, 142). Die Nixen sind von
+blendender Schönheit. Sie sitzen in der Sonne, ihre goldenen Haare
+kämmend. Von den berückenden Nixen, die im Wasser schöne Gründe und
+Säle bewohnen, weiss besonders die thüringische Sage&#x2060;<a id="FNanchor_98_98" href="#Footnote_98_98" class="fnanchor">[98]</a> Genaueres.
+Dass ihr Leib in einen fischartigen <span class="pagenum" id="Page_147">[S. 147]</span>Schwanz ausläuft, wie von der
+isländischen <i>haffrú</i>, dem <i>meyfiskur</i> d.&#8239;h. Mädchenfisch
+erzählt wird, ist schwerlich echt deutscher Glaube. Wenigstens weiss
+die unverfälschte Sage nichts davon&#x2060;<a id="FNanchor_99_99" href="#Footnote_99_99" class="fnanchor">[99]</a>. Unten im Wasser haben
+die Wasserelbe prächtige Paläste, wie die irdischen erbaut, mit
+Zimmern, Sälen und Kammern voll mancherlei Reichtum. Dem Gesang ist
+der <i>nök</i>, der <i>strömkarl</i> oder <i>fossegrim</i>, der in
+rauschenden, brausenden Wasserfällen wohnt, besonders zugethan. Der
+Fossegrim lockt an stillen, dunkeln Abenden die Menschen durch seine
+Musik an und lehrt Geige oder Saitenspiel den, der ihm Donnerstag
+abends mit abgewandtem Haupt ein weisses Böcklein opfert und in einen
+nordwärts strömenden Wasserfall wirft. Ist das Opfer mager, so bringt
+es der Lehrling nicht weiter als zum Stimmen der Geige, ist es aber
+fett, so greift der Fossegrim über des Spielmanns rechte Hand und
+führt sie so lange hin und her, bis das Blut aus allen Fingerspitzen
+springt; dann ist der Lehrling in seiner Kunst vollendet und kann
+spielen, dass die Bäume tanzen und die Wasser in ihrem Fall still
+stehen (Faye, norske folkesagn S. 57). Schön ist die Sage vom Neck,
+die J. Grimm so erzählt: „Zwei Knaben spielten am Strom, der Neck sass
+und schlug seine Harfe, die Kinder riefen ihm zu: Was sitzest du,
+Neck, hier und spielst? Du wirst doch nicht selig. Da fing der Neck
+bitterlich zu weinen an, warf die Harfe weg und sank in die Tiefe. Als
+die Knaben nach Haus kamen, erzählten sie ihrem Vater, der ein Priester
+war, was sich zugetragen hatte. Der Vater sagte: Ihr habt euch an dem
+Neck versündigt, geht zurück, tröstet ihn und sagt ihm die Erlösung
+zu. Da sie zum Strom zurückkehrten, sass der Neck am Ufer, trauerte
+und weinte. Die Kinder sagten: Weine nicht so, du Neck, unser Vater
+hat gesagt, dass auch dein Erlöser lebt. Da nahm der Neck froh seine
+Harfe und spielte lieblich bis lange nach Sonnenuntergang.“ Auch die
+Wassernixen lassen zur Nachtzeit verlockenden Gesang oder klagende Töne
+hören (Bartsch, Sagen aus Mecklenburg 1, 394 u. 399). Die Wassergeister
+sind aber im allgemeinen grausam und blutdürstig, sie fordern Opfer
+an Menschenleben. <span class="pagenum" id="Page_148">[S. 148]</span>Wer ertrinkt, ist von den Wasserelben gewaltsam
+in ihre Gemeinschaft entrückt worden. Die üblichen Sagen erscheinen
+darum bei den Wassergeistern meist unheimlicher als sonst. Bezeugt
+sind die gewöhnlichen Typen&#x2060;<a id="FNanchor_100_100" href="#Footnote_100_100" class="fnanchor">[100]</a>. So bieten die Deutschen Sagen Nr. 68
+den Kielkropf als Sendung der Wasserelben, ebenda Nr. 31, 58, 65, 69,
+305 steht die Geschichte von der Menschenfrau, welche der Nixenfrau
+in Kindsnöten hilft. Die wilden Züge zeigen sich darin, dass der Nix
+seine Kinder tötet, wie aus aufquellendem Blute ersichtlich wird, und
+dass er auch der Helferin am liebsten ein Leid anthun möchte. Der
+Wassermann erscheint zuweilen in menschlicher Gestalt und Kleidung,
+um in der Stadt Einkäufe zu machen. Zu Laibach kam er einst zum Tanz
+unter die Linde auf den Markt als schöner, wolgekleideter Jüngling.
+Er grüsste die ganze Versammlung höflich und bot jedem Anwesenden die
+Hand, welche aber ganz weich und eiskalt war und bei der Berührung
+jedem ein seltsames Grausen erregte. Er zog eine leichtfertige Magd
+zum Tanz auf und schweifte mit ihr allmälig bis zur Laibach, wo er
+mit ihr hinein sprang. Die Nixen kommen auch öfters ans Land auf den
+Markt, um Einkäufe zu machen, oder zu Tanz und andern Lustbarkeiten.
+Sie sind wie schöne Mädchen gestaltet und nur an ihren stets nassen
+Kleidersäumen erkenntlich. Jünglinge werden von Liebe zu ihnen
+ergriffen, die Nixen erwidern ihre Gefühle. Aber sie müssen immer zur
+bestimmten Stunde in ihre Heimat zurück. Um sie länger da zu behalten,
+wird irgend eine List angewandt. Erschrocken eilen die Verspäteten zu
+ihrem heimischen Gewässer und verschwinden darin. Da steigt Blut auf
+und zeigt, wie grausam ihr Säumen bestraft wurde. Von vielen Gewässern
+geht die Sage, sie hätten ein Recht auf ein jährliches Opfer, das sie
+auch erzwingen. An bestimmten Stellen zieht der Nix oder die Nixe den
+Schwimmer hinunter. Die Leichen der also Ertränkten, wenn sie gefunden
+werden, weisen blutunterlaufene Mäler auf, wo der Wassergeist zugriff.
+Der Bräutigam eines schönen Fräuleins war in die Elbe gefallen und drei
+Tage nicht aufgefunden worden. Ein Schwarzkünstler erklärt, er sei in
+der Macht der Nixe, die ihn zur Ehe zwingen wolle. Da sich der Jüngling
+weigerte, fand man bald darauf seinen Leichnam voll blauer Flecke.
+Ein Bauer, der in die Behausung des Wassermanns kam, sah eine Stube
+<span class="pagenum" id="Page_149">[S. 149]</span>voll umgekehrter Töpfe, die Öffnung bodenwärts. Es waren die Seelen
+der Ertrunkenen, die also aufgehoben wurden, um nicht entwischen zu
+können. Das Opfer an die Wasserelbe bezeugt Prokop <i>bell. goth.</i>
+2, 25: Die Franken warfen im Jahre 539 die gefangenen gotischen
+Weiber und Kinder in den Po, um dadurch die Zukunft zu erforschen.
+Denn die Wassergeister wissen wie alle Elbe die Zukunft voraus. So
+verehrten die Alamannen nach Agathias 28, 4 die Flusswirbel <i>(ῥεῖθρα
+ποταμῶν)</i> und nach Plutarchs <i>Lebensbeschreibung Caesars</i>
+Kap. 19 weissagten die Germaninnen aus den Flüssen. Wasserelbinnen
+(<i>wîsiu wîp</i>, <i>merwîp</i>) verkünden Hagen die künftige Not
+der Nibelungen in Etzels Lande. Wie sich Sterbliche eine Zeit lang
+unter den Elben aufhalten, so weiss auch Prätorius (Deutsche Sagen
+Nr. 67) von einer Magd, die drei Jahre lang beim Nix unter dem Wasser
+diente, dann aber wieder zu den Menschen zurückkehrte. Eine äusserliche
+unpassende Übertragung von der Sage des Bergschmiedes ist die von
+einem Wasserschmied (Jahn, Volkssagen aus Pommern 144, 145; Laistner,
+Rätsel der Sphinx 2, 64). Die Verwandlungsfähigkeit der Wassergeister
+lehrt die nordische Sage vom Nibelungenhort. Der Zwerg Andwari, der
+den Schatz gesammelt hatte, war so zauberkundig, dass er zu Zeiten
+als Fisch im Wasser lebte. Den seelischen Ursprung der Wassergeister,
+die teilweise aus den Ertrunkenen hervorgingen, zeigt die norwegische
+Sage von den „<i>Draugen</i>“. Die Draugen sind die Erscheinungen
+Ertrunkener und zugleich Seegespenster überhaupt, welche dem Seefahrer
+Tod und Untergang bedeuten. In seltsam fremdartiger Einkleidung
+wendet die heutige isländische Volkssage&#x2060;<a id="FNanchor_101_101" href="#Footnote_101_101" class="fnanchor">[101]</a> den Seelenglauben
+auf Wassergeister an. Die Seehunde gelten als <i>Faraos líđar</i>,
+Dienstleute des Königs Pharao, die mit ihm im roten Meer ertranken;
+sie leben als ein eignes Volk auf dem Grunde des Meeres und haben
+eigentlich menschliche Gestalt, nur dass diese gewöhnlich durch das
+darüber liegende Seehundsgewand verdeckt ist. In der Johannisnacht
+aber dürfen sie ihre Seehundhaut ablegen, in menschlicher Gestalt
+steigen sie dann ans Land und spielen, singen und tanzen fröhlich wie
+andre Menschen; wer ihnen die Seehundhaut raubt, der nimmt ihnen die
+Möglichkeit, ihre Gestalt zu wechseln, und sie bleiben Menschen. So
+gewann einst ein Bauer ein wunderschönes <span class="pagenum" id="Page_150">[S. 150]</span>Mädchen zum Weib. Die Haut
+verwahrte er in einer Kiste. Im dritten Jahr gelang es seiner Frau, die
+Kiste zu öffnen und das Gewand heraus zu nehmen. Da verschwand sie und
+kehrte zu ihrem Volke zurück.</p>
+
+<p>Unter den nordischen Wasserelben ist das isländische <i>marmennill</i>
+noch hervorzuheben. Das Marmennill, das Meermännlein, ist ein
+weissagender Seezwerg, von dem auf Island eine altbezeugte Sage
+umläuft. In der Landnáma II, 5 wird erzählt: „Grim ruderte im Herbste
+mit seinen Hausleuten zum Fischen, der Knabe Thorir aber lag vorn im
+Schiffe und war in einem Seehundssacke und am Halse zugezogen. Grim
+fing ein Meermännlein, und als es heraufkam, fragte Grim: Was weissagst
+du uns über unser Schicksal, oder wo sollen wir wohnen auf Island?
+Das Männlein antwortete: Euch brauche ich nicht zu weissagen, sondern
+dem Knaben, der in dem Seehundssacke liegt; er soll da wohnen und
+Land nehmen, wo eure Stute unter dem Gepäck sich niederlegt. Weiter
+bekamen sie kein Wort von ihm.“ In der Halfssaga Kap. 7 wird erzählt:
+„Den Herbst ruderten Vater und Sohn zum Fischen und sie fingen ein
+Meermännlein, welches sie dem König Hjorleif brachten. Der König
+übergab es einer Magd am Hofe und hiess es wol pflegen. Niemand bekam
+ein Wort von ihm. Die Lichtträger zankten sich einmal und löschten das
+Licht aus. Währenddem schüttete Hilde ein Horn über das Kleid der Aesa,
+der König schlug sie mit seiner Hand, Aesa aber sagte, der Hund sei
+schuld, der auf dem Boden lag. Da schlug der König den Hund. Da lachte
+das Meermännlein. Der König fragte, warum er lache. Es antwortete: Weil
+du dich dumm angestellt hast, denn diese werden dir das Leben retten.
+Der König fragte ihn um mehr, erhielt aber keine Antwort. Da sagte der
+König, er wolle das Männlein ans Meer bringen, wenn es ihm sage, was
+er zu wissen brauche. Das Männlein sprach, indem es zur See fuhr: Ich
+sehe leuchten weit im Süden im Meer, es will der dänische König die
+Tochter rächen, er hat draussen eine Unzahl Schiffe, er entbietet den
+Hjorleif zum Zweikampf; hüte dich als ein Kluger, wenn du willst; ich
+will zurück zur See. Und als sie mit ihm dahin ruderten, wo sie ihn
+heraufgezogen hatten, da sprach er: Einen Spruch kann ich sprechen den
+Söhnen der Halogaländer, keinen guten, wenn ihr ihn hören wollt. Hier
+fährt von Süden her des Svord Tochter, mit Blut begossen, von Dänemark.
+Auf dem Haupte hat sie den Helm aufgebunden, das harte Heerzeichen
+<span class="pagenum" id="Page_151">[S. 151]</span>Hedins. Wenig wird den Burschen hier auf der Fahrt der Hildr zu warten
+sein. Brechen wird der Schild, der runde. Ich wandte mein Auge hieher
+übers Land zu den Zäunen der Leute. Jeder Mann soll Rüstung und Speer
+haben, der grosse Erzsturm hebt an. Übel, mein ich, ergeht es, alle
+haben das Jahr teuer erkauft, wenn das Frühjahr kommt. Da liess ihn
+König Hjorleif über Bord. Da ergriff ihn ein Mann bei der Hand und
+fragte: Was ist dem Manne das Beste? Das Meermännlein antwortete:
+Kalt Wasser den Augen, mürb Fleisch den Zähnen, Leinwand dem Körper.
+Lasst mich zurück in die See. Kein Mensch zieht mich jemals wieder vom
+Meeresboden herauf auf ein Schiff.“ Die neuisländische Sage&#x2060;<a id="FNanchor_102_102" href="#Footnote_102_102" class="fnanchor">[102]</a> aber
+lautet so: Ein Bauer zog beim Fischen einst einen Seezwerg herauf, der
+sich als Meermännchen zu erkennen gab; er hatte einen grossen Kopf und
+lange Arme, vom Leibe abwärts aber glich er einem Seehunde. Er wollte
+auf die neugierigen Fragen des Bauern keine Auskunft geben, deshalb
+nahm ihn dieser trotz allem Sträuben mit sich ans Land. Hier kam die
+Frau des Bauern, ein junges lustiges Weib, an den Strand und empfing
+ihren Mann mit Küssen und Liebkosungen. Darüber freute sich der Bauer
+und sagte ihr viel Schönes, seinen Hund aber schlug er, als dieser ihn
+gleichfalls bewillkommnete. Das Meermännchen lachte, als es dies sah.
+Der Bauer fragte, warum es lache. Das Meermännchen erwiderte: Über die
+Dummheit. Als der Bauer vom Strande nach Hause ging, strauchelte er und
+fiel über einen kleinen Erdhügel. Da fluchte er fürchterlich über die
+kleine Unebenheit, und dass sie jemals geschaffen sei und auf seinem
+Lande sei. Da lachte das Meermännchen, welches vom Bauern gegen seinen
+Willen mitgeschleppt worden war, und sagte: Unklug ist der Bauer. Drei
+Nächte behielt der Bauer das Meermännchen bei sich. Da kamen einige
+Kaufmannsgehilfen und hielten ihre Waren feil. Der Bauer hatte noch
+nie so starkbesohlte und dicke schwarze Schuhe bekommen können, wie er
+gern haben wollte. Diese Kaufleute aber behaupteten, die allerbesten
+zu haben; der Bauer hatte unter hundert Paaren die Auswahl, allein er
+meinte, sie seien alle zu dünn und würden gleich reissen. Da lachte das
+Meermännchen und sagte: Mancher irrt <span class="pagenum" id="Page_152">[S. 152]</span>sich, der sich für weise hält.
+Weder mit Güte noch mit Gewalt bekam der Bauer mehr Belehrungen aus dem
+Meermännchen heraus, als hier erzählt ist; nur unter der Bedingung,
+dass der Bauer es wieder an dieselbe Stelle in der See hinausfahren
+wollte, wo er es heraufgezogen hatte, und es dort auf seinem Ruderblatt
+hocken liess, wollte es alle seine Fragen beantworten, aber sonst auf
+keinen Fall. Nach drei Nächten willfahrte ihm der Bauer. Als nun das
+Meermännchen auf dem Ruderblatt sass, fragte es der Bauer, welche
+Ausrüstung die Fischer haben müssten, um beim Fange Glück zu haben. Das
+Meermännchen antwortete: Von gekautem und geknetetem Eisen soll man
+Angeln schmieden. Die Angelschmiede soll stehen, wo man das Brausen
+von Wasser und See hören kann, und die Angelschnur soll aus grauem
+Ochsenleder und einem Zaum aus roher Pferdehaut gemacht sein. Als
+Köder soll man Vogelgekröse und Flunderfleisch nehmen, mitten am Haken
+Menschenfleisch, und wenn du dann nicht viel fischst, kann dein Leben
+nicht mehr lange währen. Verkehrt gebogen muss die Angel des Fischers
+sein. Da fragte der Bauer, über welche Dummheiten das Meermännchen
+gelacht habe, als er seiner Frau geschmeichelt und den Hund geschlagen
+habe. Das Meermännchen antwortete: Über deine Dummheit, Bauer; denn
+der Hund liebt dich, wie sein Leben, die Frau aber wünscht deinen
+Tod und ist dir untreu. Der Erdhügel, den du verfluchtest, ist dein
+Schatzhügel, denn grosser Reichtum liegt darunter; deshalb warst du
+unklug, Bauer, und deshalb lachte ich über dich. Die schwarzen Schuhe
+aber werden dein Leben lang halten, denn dir sind nur noch wenige Tage
+vergönnt; drei Tage werden sie wol halten. Damit stürzte sich das
+Meermännchen vom Ruderblatt ins Wasser und sie trennten sich. Aber
+alles, was das Meermännchen gesagt hatte, bewährte sich später.</p>
+
+<h4 id="Wald_und_Feldgeister_4" title="4. Wald- und Feldgeister.">
+<b>4. Wald- und Feldgeister.</b>&#x2060;<a id="FNanchor_103_103" href="#Footnote_103_103" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[103]</span></a>
+</h4>
+
+<p>Über das Fortleben der Seelen in Pflanzen wurde bereits berichtet.
+Aus solcher Beseelung folgt, dass der Wald besonders als
+Aufenthalt zahlreicher Geister galt. Die Etymologie des Wortes
+<span class="pagenum" id="Page_153">[S. 153]</span>Hexe (Waldunholdin) wies auf den Wald. Aber auch sonst finden
+wir überall in Deutschland und Skandinavien, wo Wälder aufragen,
+Sagen von <i>Waldleuten</i>, <i>Wildleuten</i>, <i>Holzleuten</i>,
+<i>Moosleuten</i>. Nur in der norddeutschen Tiefebene gehen auch
+diese Gestalten im allgemeinen Begriff der Unterirdischen auf.
+In Oberdeutschland wird von den <i>saligen Fräulein</i>, den
+<i>wilden Leuten</i>, <i>Waldfänken</i> und <i>Schrätlein</i>
+erzählt, in Mitteldeutschland von den <i>Holz</i>-, <i>Moos</i>-,
+<i>Buschfräulein</i>, im Norden vom <i>skougmann</i>, <i>skogsrå</i>,
+von der <i>skogsfru</i> und <i>skogssnufa</i>. In Schleswig ist
+von der <i>Hollunderfrau (Frau Elhorn),</i> in Schoonen ebenso von
+der <i>Hillefroa</i> die Rede, in Schweden von der <i>Askafroa</i>
+(Eschenfrau) und <i>Löfviska</i> (Laubfrau); da sind also Bäume
+persönlich gedacht. Die Vorstellung von der Baumseele hat sich nach
+verschiedenen Seiten hin entfaltet. So lebt die Seele im Baume als
+ihrem Leibe, den sie nicht verlassen kann. Der Baum ist wie ein
+menschlicher Körper gedacht, er blutet, wenn er verwundet wird. Wie
+der Leib so ist der Baum die Hülle der Seele, die einerseits fest
+daran gebunden, andererseits aber auch als ungebunden frei erscheint.
+Der Baumgeist tritt aus der Pflanze heraus, entschwebt dem Baume, der
+dann weniger als Körper, vielmehr als Wohnsitz eines geisterhaften
+Wesens gilt. Im Rauschen des Windes, in den wundersamen Lauten,
+welche die Stille des Waldes durchhallen, in spukhaften tierischen
+und menschlichen Gestalten macht sich der Baumgeist bemerklich. Der
+Wald ist erfüllt von einer ungezählten Schar gespenstischer Wesen,
+die bald elbisch, bald riesisch, je nach den örtlichen Verhältnissen,
+nach den elementaren Zuständen erscheinen. Im hochstämmigen,
+sturmbewegten, schaurigen Bergwald werden mehr Riesen hausen, im
+lichten, freundlichen, sonn- und mondbeglänzten Hain treiben Elbe
+ihr Wesen. Wie die Natur sich dem Menschen gibt, so bildet er seine
+Sagen. Die wilden Leute, die Moos- und Holzleute, die Waldmänner und
+Waldfrauen erinnern oft in ihrer Gestalt an ihren Ursprung. Sie haben
+behaarten Körper, altes, runzliges Gesicht und sind ganz in Moos
+gehüllt. Langes flatterndes Haar, grosse herabhängende Brüste eignen
+den Elbinnen, welche seltener die anmutige Seite hervorkehren. Die
+Waldelbe sind aufs engste mit den Windelben verknüpft. Der Sturmwind,
+der wilde Jäger, hat es besonders auf die Moosweiblein abgesehen.
+Braust er durch den Wald, so jagt er die Holzfräulein. Manchem Jäger
+oder Holzhauer sind die schutzflehenden Weiblein schon begegnet;
+und es war alter Brauch, die Baumstümpfe mit Kreuzen zu bezeichnen,
+<span class="pagenum" id="Page_154">[S. 154]</span>damit die verfolgten Elbinnen darauf Rast und Schutz vor dem wilden
+Jäger fänden. Den Waldgeistern wird grosser Einfluss auf Sendung von
+Seuchen und auf deren Heilung beigemessen. In Gestalt von Würmern,
+Schmetterlingen oder Ungeziefer kriechen die schädigenden Elbe aus den
+Bäumen heraus und in den Körper der Menschen hinein. Um sie wieder
+los zu werden, verwünscht man sie in den tiefen Wald, ins Gehölz, in
+den Baum oder Busch zurück. Sympathetische Kuren suchen die Seuchen
+in den Baum zurückzubannen, darein zu verpflöcken. Die Waldgeister
+wissen aber auch Heilgeheimnisse, welche sie zuweilen den Menschen
+mitteilen. Zur Pestzeit laufen Holzfräulein aus dem Wald und empfehlen
+bestimmte Kräuter, deren Genuss vor der Pest schützt. Wildmännlein
+können mit List gefangen werden, indem man sie berauscht, dann geben
+sie verborgene Kunde, ähnlich wie das Meermännlein. Auf diese Art
+erfuhr ein Tiroler, was gegen die Pest nütze. Wate hat nach der Gudrun
+529 von einem <i>wilden wîbe</i> die Heilkunst erlernt. Im Eckenlied
+174 ff. gräbt das von Fasolt gejagte wilde Fräulein eine Wurzel und
+bestreicht damit den wunden Dietrich und sein Ross, wovon Weh und
+Müdigkeit schwinden. Ein Wichtlein rühmt sich einem Bauern gegenüber,
+es hätte ihm für Menschen und Vieh heilsame Kräuter zeigen können. Die
+Waldgeister sind ihrer elbischen Art gemäss auf kleine Kinder aus,
+welche sie stehlen. Sie streben ferner Verbindung mit den Menschen an.
+Der Waldmann ist auf Weiber lüstern und stellt ihnen nach. Burkhard
+von Worms weiss von Waldfrauen (<i>agrestes feminae, quas silvaticas
+vocant</i>), die nach Belieben sichtbar und unsichtbar sind und sich
+mit ihren Liebhabern ergötzen. Die rauhe Else wie die <i>skogssnufa</i>
+naht sich dem am nächtigen Feuer liegenden Wolfdietrich und begehrt
+nach seiner Minne. Nach einer badischen Sage verliebt sich ein Jäger
+in ein schönes wildes Weib, das in einer Höhle wohnt, und erlangt ein
+Kind von ihr. Eine wilde Frau aus dem Unterberg, die ungemein schönes
+und langes Haar hatte, nahm einen Bauern, der sich in sie verliebte,
+zu sich in die Lagerstätte (Deutsche Sagen No. 50). Die Waldgeister
+zeigen sich den Menschen gern dienstbar und gehen sogar allmälig in
+Hausgeister über. Sie helfen zur Erntezeit den Arbeitsleuten, sie
+verdingen sich dem Bauern für ständig, besorgen das Vieh im Stall und
+bringen dem ganzen Hauswesen Glück und Gedeihen. Mit der Dienstleistung
+der wilden Leute ist meist die Geschichte vom Todansagen verknüpft. In
+vielen Wendungen ist sie bezeugt. Ein <span class="pagenum" id="Page_155">[S. 155]</span>Hausgenosse hört auf dem Heimweg
+oder sonst irgendwo eine Stimme, welche ihn auffordert, einem ihm
+bisher unbekannten Wesen den Tod eines andern anzusagen. Wie er daheim
+verwundert das Erlebniss berichtet und die ihm aufgetragenen Namen
+ausspricht, da verschwindet mit lautem Wehruf der Knecht oder die Magd,
+welche bis dahin unbekannter Herkunft beim Hausherrn in Dienst standen.
+Die Wildleute riefen dadurch ihren Genossen, welcher sich zu den
+Menschen verdingt hatte, in ihre Gemeinschaft zurück. Denn der Alb muss
+weichen, sobald sein Name genannt worden ist. Die Waldgeister haben
+die Waldtiere in Hut und Pflege, so gehören die Gemsen in Tirol den
+wilden Leuten, die schwedische skogsfru ist Herrin der Jagdtiere und
+der Jagd. Sie fordert eine Spende vom Jäger. Tiergestalt wird bei den
+Waldgeistern verhältnissmässig selten erwähnt. Die Holzfrauen sitzen
+zuweilen als Eulen auf den Bäumen; die seligen Fräulein auf hoher
+Alpspitze beschützen in Geiergestalt die Gemsen. Die Tiroler Fanggen
+erscheinen als Wildkatzen. Die dänische und schwedische Waldfrau trägt
+Tierfelle und Kuhschwanz, also halbtierische Gestalt.</p>
+
+<p>Der Zusammenhang der Waldleute mit Seelen und Maren ist deutlich
+ausgesprochen. Der Baumgeist wird in manchen Sagen aus der Seele eines
+Menschen, welcher darunter begraben liegt, abgeleitet. Die Seele des
+Verstorbenen geht in den Baum über und erfüllt ihn gleichsam mit
+menschlichem Leben, so dass Blut in seinem Geäder umläuft und beim
+Anhieb herausfliesst. Aus dem Munde eines im Kampfe gefallenen Königs
+erwächst eine hohe Eiche. Wenn jemand eines gewaltsamen Todes stirbt,
+haust die Seele des Erschlagenen bei Tage im nahen Baum, bei Nacht
+schweift sie in einem gewissen Bannkreis um den Blutbaum umher. In
+einem Waldschlosse bei Nürnberg wurden drei Jungfern verflucht und vom
+Blitze getötet; ihre Seelen fuhren in drei grosse Bäume. Ein Jäger
+hatte sich an einer Eiche erhängt. Der Herr, der seine Leiche fand,
+befahl, den Baum zu fällen. Aber Blut quoll unter den Axthieben hervor
+und rote Adern durchzogen den Stamm. Da verbrannten die Leute Stamm
+und Leichnam. Seitdem pirscht der Tote mit seinen Hunden gespenstisch
+im Walde umher. So lässt sich die Seele überhaupt in Tier- oder
+Menschengestalt ausserhalb des Baumes in dessen Nähe sehen. Der Baum
+gilt ferner als Lebensbaum, als Sitz des Schutzgeistes eines Menschen,
+gleichsam als sein Doppelgänger in der Pflanzenwelt. So lange der Baum
+grünt und blüht, gedeiht der Mensch, wenn der <span class="pagenum" id="Page_156">[S. 156]</span>Baum verdorrt oder
+stürzt, geht der Mensch zu Grunde. Fortreisende verknüpfen oft ihr
+Leben mit einem in der Heimat eingepflanzten Baume. Wie der einzelne
+einen Schicksals- und Geburtsbaum hat, so auch die ganze Sippe. Die
+Dorflinde, der schwedische <i>vårdträd</i> mag damit zusammenhängen.
+Der Hausbaum ist auch Sitz des Hausgeistes, des Ahnherrn, der seine
+Nachkommen beschützt. In allen diesen Vorstellungen spielen Baumseelen
+und Menschenseelen in einander, aus dem einen Aberglauben fliesst der
+andre, der Baumgeist und Waldgeist tritt von dem Augenblicke ins Leben,
+wo das Bewusstsein vom seelischen Ursprunge entschwindet.</p>
+
+<p>Aus dem Kreise des Marenglaubens stammen die Züge, dass die wilden
+Leute in Südtirol gelegentlich dem Wandrer auch aufhocken und sich
+dabei so furchtbar schwer machen, dass mancher der Last erlag oder
+doch krank wurde, ferner dass ein Moosweibchen einen Bauer anfällt und
+dergestalt drückt, dass er, obgleich stark von Natur, krank und elend
+wurde.</p>
+
+<p>Wie Bäume und Wälder von Geistern beseelt waren, so auch Getreide und
+Felder. Korngeister&#x2060;<a id="FNanchor_104_104" href="#Footnote_104_104" class="fnanchor">[104]</a> spielen in Bräuchen und Sagen der Bauern
+eine grosse Rolle. Meistens erscheinen sie in Tiergestalt; als Hasen,
+Hirsche, Rehe, Schweine, Ziegen und Böcke, Katzen, Hunde, Wölfe
+hausen sie im Kornfeld, als Mann, Frau oder Kind schreiten sie durchs
+Gefild. Das nämliche Wesen, das im Wachstum des Waldes wirksam ist,
+zeigt sich auch im Leben des Korn- und Flachsfeldes und der Graswiese
+regsam. Mit den Bäumen wächst die Gestalt des Waldgeistes gerne
+ins Riesenhafte, im Felde überragt der Alb selten das gewöhnliche
+menschliche oder tierische Maass. Die Namen sind ohne Weiteres klar:
+Roggenwolf, Getreidewolf, Kornhund, Roggenhund, Heupudel, Kornkatze,
+Haferbock, Roggensau und Kornmutter, Kornfrau, Kornmume, Roggenmume,
+Hafermann, Getreidemann, der Alte, das Kornkind, das Ährenkind. Die
+Kornweiber gelten auch als Kinderscheuchen. Die Feldgeister verleugnen
+ihren Ursprung aus den Windelben (und im Winde leben die Seelen fort)
+nicht. Wenn der Wind das Getreide wogen macht, dann wird gesagt: die
+Kornmutter geht über das Getreide, die Wölfe laufen im Getreide,
+die wilden Schweine laufen drauf, die Wetterkatzen sind drinn. <span class="pagenum" id="Page_157">[S. 157]</span>Die
+gespenstischen Wesen erblickte der Mensch in Gestalt von Tieren, die
+ihm oft genug im Ackerfeld begegneten. Die Pflanze galt gleich wie der
+Baum als der Leib des Geistes, dann aber auch nur als sein Wohnsitz,
+den er beliebig verlassen konnte. So entsteigen nach dem Alexanderlied,
+das freilich hier nicht germanischen Glauben abspiegelt, den Blumen
+wunderliebliche Elbinnen, die nur so lange am Leben bleiben, als
+ihre Blume blüht, mit deren Abwelken aber dahinsterben. In einem
+überall nachweislichen Erntebrauch tritt der Glaube an Feldgeister
+am deutlichsten zu Tage. Beim Schneiden oder Mähen des Ackerstückes
+flüchtete der Geist immer tiefer ins Getreide, er suchte den Schnittern
+zu entrinnen. Mit den letzten Halmen in der letzten Garbe wurde er
+gefangen. Damit verband sich nun allerhand Aberglaube. Entweder wurde
+er mit dem Abschneiden der letzten Ähren getötet oder beim Ausdreschen
+erschlagen, oder er wurde feierlich und ehrenvoll heimgeführt und
+zwar in Gestalt einer Getreidepuppe. Aus Wald- und Feldgeistern
+erhuben sich dann überhaupt Vegetationsgeister, die in Frühlings-,
+Sommer- und Herbstfesten eine bedeutsame Rolle spielen, worüber in
+Mannhardts Studien ausführlich berichtet wird. Von den Feldgeistern
+wird gelegentlich die Wechselbalgsage erzählt; so sucht die märkische
+Roggenmutter einer arbeitenden Bäuerin ihr Kind auf dem offnen Felde zu
+entwenden und dafür das eigne unterzuschieben (Deutsche Sagen Nr. 90).
+Die Feldgeister hängen mit Seelen und Maren zusammen. Sie überfallen
+in der Mittagszeit, wenn die Feldarbeiter ruhen, Männer und Frauen mit
+Alpdruck und machen sie krank.&#x2060;<a id="FNanchor_105_105" href="#Footnote_105_105" class="fnanchor">[105]</a> Manchmal hält man die Korngeister
+für die Seelen Verstorbener, die auf der Gemeindemark umgehen müssen.
+War es doch alter Glaube, dass die Seelen in Pflanzen weiterleben,
+daran schloss sich unschwer die weitere Folgerung, dass sie darum
+keineswegs unlöslich an die Pflanze gebunden seien, vielmehr frei
+umherschweifen könnten.</p>
+
+<p>Die Feldgeister gehen segnend über Äcker und Wiesen, unter ihren
+Tritten gedeiht die Frucht. Aber sie verkehren ihren Segen auch in
+Schaden. Besonders in der Gestalt des <i>Bilwis</i>&#x2060;<a id="FNanchor_106_106" href="#Footnote_106_106" class="fnanchor">[106]</a> verkörpert
+<span class="pagenum" id="Page_158">[S. 158]</span>die Volkssage solche böse Geister. Ursprung und Sinn des Namens, der
+in mhd. Zeit auftritt und viel verderbt in nhd. Zeit noch fortlebt,
+der im Nds. <i>belwit</i> lautet, sind nicht erklärt. Seiner Art nach
+ist der Bilwis ein plagendes, schreckendes, Haar und Bart wirrendes,
+Getreide zerschneidendes Gespenst, das in weiblicher und männlicher
+Gestalt auftritt. Er vereinigt in sich Elben- und Hexenart; Hexe und
+Bilwis werden in späterer Zeit geradewegs gleichbedeutend gebraucht.
+Der Bilwis wohnt im „<i>pilbispavm</i>“, wo er Opfer empfängt; er
+steht mithin zu den Waldgeistern. Er verfilzt die Haare, Hans Sachs
+gebraucht <i>verbilbitzen</i> im Sinn von Haar verwirren. Dem Bilwis
+ist auch das verderbliche lähmende Elbengeschoss eigentümlich, mit dem
+er die Menschen siech macht. Als Mar erscheint er, wenn „<i>für dy
+pilbis</i>“ empfohlen wird, den Kindern beschriebene Zettel mit den
+Worten „<i>procul recedant somnia et noxia phantasmata</i>“ an den
+Hals zu hängen. Der Bilwis ist endlich der Geist eines bösen Menschen,
+der dem Nachbar schaden will, also seelisch. Die Bilwissagen haften
+vornehmlich im östlichen Deutschland, in Baiern, Franken, Vogtland
+und Schlesien, weshalb auch slavischer Ursprung des Wortes vermutet
+wurde. Am schlimmsten bethätigt sich das Gespenst im Bilwisschnitt
+oder Bockschnitt, im Durchschnitt des Getreidefeldes. Man findet oft
+fussbreite, niedergelegte Streifen im Korn, ein Schaden, der als das
+Werk des bösen Geistes bezeichnet wird. Auf einem Bocke reitet der
+Bilwis durchs Feld, oder der Bilwisschnitter geht Mitternachts, an
+den Fuss eine Sichel gebunden und Zauberformeln murmelnd, durch den
+reifenden Acker. Aus dem Teil des Feldes, den er durchritten oder
+durchschritten hatte, fliegen alle Körner dem Bilwis zu, und dem
+rechten Eigentümer bleiben die leeren Hülsen. Dem Zauber zu begegnen,
+gibt es Mittel. So wie die Bilwissagen uns vorliegen, sind sie
+schwerlich alt. Aber sie lehren, dass man an saatverderbende wie an
+saatfördernde Elbe glaubte. Dem Bauer musste vor allem daran gelegen
+sein, mit den Feldgeistern sich gut zu stellen.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_159">[S. 159]</span></p>
+
+<h3 id="Die_Riesen" title="Die Riesen.">Die
+Riesen.&#x2060;<a id="FNanchor_107_107" href="#Footnote_107_107" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[107]</span></a>
+
+</h3>
+
+</div>
+
+<p>Riesen und Elbe sind weniger der Art als dem Maasse nach verschieden.
+Während diese vorwiegend die still und unsichtbar wirkenden
+Naturgeister sind, verkörpern die Riesen die rohen, ungezähmten
+Elementargewalten, das Ungeheure und Ungestüme, Finstre und Feindselige
+in der Natur. Bei den Riesen tritt der Zusammenhang mit Maren und
+Seelen mehr zurück, indem sie Gestalt und Wesen fast völlig aus dem
+Element, dem sie entspringen, zugeteilt erhalten. Wie die entfesselten
+Naturgewalten Angst und Schrecken unter den Menschen verbreiten, so
+sind die Riesen auch meistens feindselig und bösartig. Sie trachten
+nach Umsturz und Zerstörung, sie bedrohen die Weltordnung und sind die
+geschworenen Feinde der Götter und Menschen, welche die Erde wohnlich
+und wirtlich zu machen und zu erhalten bedacht sind. Gegen solche
+Kulturbestrebungen kehren sich hauptsächlich die Angriffe der Riesen.
+Sie sind die Dämone des kalten und nächtigen Winters, des ewigen
+Eises, des unwirtbaren Felsgebirges, des Sturmwinds, des verheerenden
+Gewitters, des wilden Meeres. Das älteste Geschlecht sind die Riesen.
+Indem sie nach nordischer Auffassung aus dem Chaos unmittelbar
+erwachsen, stellen sie die Naturmächte dar, welche vom Geiste noch
+nicht bewältigt sind. Sie sind daher voll unbändiger Kraft, wild und
+roh wie die Brandung des Meeres, das Geheul des Sturmes und die Wüste
+des Felsgebirges. Die Üppigkeit der Natur hat noch keine Beschränkung
+gefunden; darum sind ihre Leiber über alles Maass an Kraft, Grösse
+und Zahl der Glieder ausgestattet. Zuweilen ist aber ein Unterschied
+zwischen Riesen und Elben nur schwer anzugeben, indem dieselbe
+Naturkraft bald harmlos, bald gewaltsam sich äussert. Die Sage deutet
+dies dadurch an, dass der Zwerg zum Riesen aufwächst oder der Riese
+zum Zwerg einschrumpft. In einem Schweizer Dorf, dass durch Bergsturz
+verschüttet wurde, kehrte am Vorabend des Unglücks ein wandernder
+Zwerg bei Sturm und Regen ein und bat um Herberge. Er wurde von den
+Meisten mit Hohn abgewiesen, nur ein altes, armes, frommes Ehepaar
+am Ende des Dorfes gewährte dem wegmüden, regentriefenden <span class="pagenum" id="Page_160">[S. 160]</span>Wanderer
+gastliche Aufnahme. Noch in der Nacht nahm er Abschied, um zur Fluh
+hinauf zu steigen. Bei Tagesanbruch wütete Unwetter, ein gewaltiger
+Fels löste sich vom Bergjoch los und rollte mit Bäumen, Steinen und
+Erde zum Dorfe hinab, Menschen und Vieh unter den Trümmern der Hütten
+und Ställe begrabend. Nur das Hüttchen der beiden Alten ward verschont.
+Mitten im Sturme sahen sie ein grosses Erdstück nahen, oben darauf
+hüpfte lustig das Zwerglein, als wenn es ritte, ruderte mit einem
+mächtigen Fichtenstamm, und der Fels staute das Wasser und wehrte
+es von der Hütte ab, dass sie unverletzt stand. Aber das Zwerglein
+schwoll immer grösser und höher, ward zu einem ungeheuren Riesen und
+zerfloss in Luft.&#x2060;<a id="FNanchor_108_108" href="#Footnote_108_108" class="fnanchor">[108]</a> In der Nähe von Schleswig sah ein Schäfer
+plötzlich einen Mann vor sich aus der Erde steigen, der immer grösser
+und grösser ward, bis er endlich als ein Riese auf der Erde stand; bald
+aber ward er wieder kleiner und kleiner und sank langsam in die Erde
+hinein. Im wilden Mieminger-Alpsee in Tirol wohnt eine Wassernixe.
+Bisweilen lässt sie sich blicken und schwebt wie ein Nebel über dem
+kleinen See, wächst hoch auf und macht sich wieder klein. Solche Sagen
+bilden sich wol aus der wechselnden Nebelsäule, die als gespenstische
+Gestalt gefasst wird. Saxo im Buch 1, S. 36 berichtet von der Riesin
+Harthgrepa (an. Hardgreip), der hart Zugreifenden. Sie konnte sich
+in jede Gestalt und Grösse verwandeln, bald war sie himmelhoch, bald
+klein und niedrig. Die Waldfrauen der Tiroler Sage, welche vom wilden
+Jäger gehetzt werden, erscheinen in doppelter Gestalt, bald elbisch,
+bald riesisch, so besonders die sog. Fanggen in Südtirol. Aus Hreidmars
+Geschlecht stammen Fafnir, der Riesenwurm, und Regin, der ein Zwerg von
+Wuchs war. Trotzdem heisst Regin im Fafnirliede 38 <i>enn hrímkaldr
+jǫtonn</i>, der eiskalte Riese, was im Hinblick auf die eben erörterten
+Vermischungen riesischen und elbischen Wesens nicht so unmöglich klingt
+und keineswegs notwendig nach <i>Fǫ́fnismǫ́l</i> 34 geändert zu werden
+braucht. Jedoch sind solche Mischungen verhältnissmässig selten, Elbe
+und Riesen sind in den alten Quellen meistens nach Gebühr verschieden
+gestaltet und verschieden geartet.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_161">[S. 161]</span></p>
+
+<h4 id="Die_Benennungen_der_Riesen_1"><b>1. Die Benennungen der Riesen.</b></h4>
+
+<p>Die gewöhnlichen Bezeichnungen der Riesen sind folgende. An.
+<i>jǫtonn</i> (lappisch <i>jetanas</i>), ags. <i>eoten</i>, as.
+<i>etan</i> (aus Ortsnamen wie <i>Etanasfeld</i>, <i>Etenesleba</i>
+erschlossen) weisen auf urgerm. <i>etanaȥ,</i> vermutlich zu
+<i>etan</i>, essen, gehörig, also <i>edax</i>, gefrässig.&#x2060;<a id="FNanchor_109_109" href="#Footnote_109_109" class="fnanchor">[109]</a>
+Im Neunds. weist J. Grimm das Femininum <i>eteninne</i>, Riesin
+nach. An. <i>þurs</i> (finn. <i>tursas</i>) ist vielleicht aus
+älterem <i>þuris</i> hervorgegangen. Im Abecedarium Nordmannicum
+(Müllenhoff-Scherer, Denkmäler No. V) wird die Rune þ mit <i>thuris</i>
+bezeichnet, und auf dieselbe Urform weisen ahd. <i>duris</i>,
+<i>thuris</i>, mhd. <i>dürs</i>, <i>türs</i>, alem. <i>dürsch</i>. In
+Eigennamen wie <i>Thurismuth</i>, <i>Turisind</i> begegnet das Wort
+auch bei Goten und Langobarden. Aus älterem <i>þuris</i> ist auch
+ags. <i>þyrs</i> entwickelt. Mhd. ist ausserdem die schwache Form
+<i>türse</i>, vielleicht auch schon ahd. <i>turso</i> vorhanden; dazu
+steht der Ortsname <i>Tursinriut</i>, Tirschenreut. Über die Formen
+des Wortes im Neunordischen und Neudeutschen (z.&#8239;B. nds. <i>dros</i>
+mit Metathesis aus <i>durs</i>) sind die Mundartwörterbücher
+nachzulesen. Die germanische Grundform darf mithin als <i>þurisaȥ</i>
+angesetzt werden, und diese scheint aus dem adj. <i>þuraȥ</i>&#x2060;<a id="FNanchor_110_110" href="#Footnote_110_110" class="fnanchor">[110]</a>,
+skrt. <i>turas</i>, stark, kraftvoll abzustammen. Der <i>þurs</i>
+ist also der Starke. Auf skrt. <i>vṛšan</i>, stark, kräftig, weist
+der nur im Deutschen belegte Ausdruck „Riese“ (ahd. <i>risi</i> und
+<i>riso</i> aus <i>wrisi</i>, wie as. <i>wrisil</i> und <i>wrisilîc</i>
+lehren) hin. Im An., wo das Wort namentlich in der Zusammensetzung
+<i>bergrisi</i> vorkommt, ist es vermutlich aus dem Nds. entlehnt.
+Im Mhd. findet sich <i>hiune</i>, mds. <i>hûne</i> für Riese, im
+Neuniederdeutschen <i>hüne</i>&#x2060;<a id="FNanchor_111_111" href="#Footnote_111_111" class="fnanchor">[111]</a> ist das Wort bewahrt. Ein
+entsprechendes älteres *<i>hunio</i> ist nicht nachweislich, wol aber
+wahrscheinlich. Viele altgermanische Eigennamen enthalten den Stamm
+wie z.&#8239;B. <i>Hûn</i>, <i>Hûnila</i>, <i>Hûnarîx</i>, <i>Hûnirîx</i>,
+<i>Hûnimund, <span class="pagenum" id="Page_162">[S. 162]</span>Hûnolt</i> u.&#8239;s.&#8239;w. Mit dem Volksnamen der Hunnen (ahd.
+<i>Hûni</i>, mhd. <i>Hiune</i>) fand frühzeitige Vermischung statt,
+schwerlich aber ist das germanische Wort dorther zu leiten. Schon
+längst ist auf an. <i>húnn</i>, Bär hingewiesen, ein Wort, das in der
+Form <i>hûnoȥ</i> als gemeingermanisch anzusetzen ist. <i>Hû-na</i>
+entstammt einer Wurzel, welche mit anderer Ableitungssilbe im Aind.
+und Apers. als <i>çû-ra</i>, im Griech. als κῦρος κύριος wiederkehrt.
+Der Sinn geht auch hier auf Kraft und Kühnheit. <i>Hûnaȥ</i> ist also
+wie <i>þurisaȥ</i> und <i>wriso</i> der Starke, Kräftige. Das Ags.
+gewährt noch <i>ent</i>, plur. <i>entas</i> für Riesen, einmal als
+Übersetzung von <i>gigas</i>. In den baierischen Mundarten erscheint
+ein verstärkendes Präfix <i>enz</i>- mit dem Begriff von ungeheuer,
+gewaltig, und dazu das adj. <i>enzerisch</i> (Schmeller, Bayer. Wb. 1<sup>2</sup>,
+117). Vielleicht gehört auch der <i>Enzensberg</i>, <i>Enzinsperig</i>
+als Riesenberg hierher. Aber sicher ist hds. <i>enz</i> neben ags.
+<i>ent</i> keineswegs. Die neunordischen Sprachen gebrauchten die
+allgemeine Bezeichnung der Unholde, <i>troll</i>, mhd. <i>trol</i>,
+<i>trolle</i>, die ursprünglich dem Kreise der Marenvorstellungen
+zukommt, mit Vorliebe für die Riesen. Frühzeitig wurde im Ags. und Ahd.
+<i>gigant</i> entlehnt und sogar in ungelehrten Werken z.&#8239;B. im Beowulf
+neben den heimischen Benennungen angewandt.</p>
+
+<h4 id="Gestalt_Aussehen_und_Art_der_Riesen_2"><b>2. Gestalt, Aussehen und Art
+der Riesen.</b></h4>
+
+<p>Eine grosse, menschliches Maass weit überragende Gestalt wird allen
+Riesen beigelegt, sie stehen gleich Bergen und hohen Bäumen, starr und
+unbeholfen. In den Riesen waltet volle ungebändigte Naturkraft, die
+zu wildem, trotzigem Übermut entarten kann. Die Riesen zumal in den
+älteren Quellen erscheinen wolgebildet und von vollkommenem Wuchs,
+so Aegir, Thrym und Thjazi. Thrym, ein behaglicher stattlicher Mann,
+der Thursenbeherrscher, sitzt auf dem Hügel und flicht seinen Hunden
+goldene Halsbänder, glättet seinen Rossen die Mähne; Aegir führt
+gastliche Wirtschaft. Einzelne Riesinnen sind sogar ausnehmend schön,
+so Gerd, von deren glänzenden Armen Luft und Wasser wiederleuchten.
+Skadi des Thjazi Tochter ist ebenso schön, der Gunlod naht Odin in
+Minne. Dem edlen Äussern entspricht auch ihr wolbestelltes Innere.
+Erfahrung, Vielwissenheit, Gutmütigkeit und Gastfreundschaft schmücken
+das Riesengeschlecht, der kindliche Frohsinn friedlicher einfacher
+Verhältnisse lagert über ihnen, und daraus entspringt ihre Treue.
+<i>Barnteitr</i>, froh wie ein Kind, ist Aegir. Ihr hohes <span class="pagenum" id="Page_163">[S. 163]</span>in die
+Urzeit hinaufreichendes Alter gewährt den Riesen tiefe Weisheit.
+<i>Hundvíss</i>, vielwissend, <i>fjǫlkunnigr</i>, vielkundig werden
+sie genannt. Wafthrudnir, von dem Odin Kunde der Vorzeit erfragt,
+ist <i>enn alsvinne jǫtonn</i>, der allweise Riese, dem Örgelmir und
+Bergelmir wird das Beiwort <i>enn fróþe</i>, der Kluge gegeben. Fenja
+und Menja sind <i>framvísar</i>, Zukunft wissend. <i>Trolltryggr</i>,
+treu wie ein Riese, ist eine sprichwörtliche Redensart, welche auf
+die unverbrüchliche Treue der Riesen hinweist. Übermütig, hochgemut
+(<i>stórúþegr</i>) ist Hrungnir, ebenso heisst ein deutscher Riese in
+der Virginal 890 <i>Hôhermuot</i>. <i>Þrúþmóþegr</i>, thatkräftig,
+<i>harþmóþegr</i>, rauh, <i>ámáttegr</i>, übermächtig werden Riesen
+genannt. Aus ihrer gutmütigen Ruhe aufgereizt geraten die Riesen aber
+in grossen Zorn, <i>jǫtonmóþr</i>. Deutsche Gedichte und Volkssagen
+schildern solchen Zustand. Wenn die Riesen im Zorne entbrennen, so
+schleudern sie Felsen, reiben Flamme aus Steinen, drücken Wasser aus
+Steinen, entwurzeln Bäume, flechten Tannen wie Weiden und stampfen
+mit dem Fuss bis ans Knie in die Erde. Widolt im König Rother
+wird seines unbändigen Wesens halber in Fesseln gelegt und nur im
+Kampf gegen den Feind losgelassen. Steine und Felsen, Baumstämme
+sind des Riesengeschlechtes Waffen, allenfalls auch Steinschilde,
+Steinkeulen, Stahlstangen. In der Bewaffnung verkörpert der Riese dem
+wolgerüsteten, mit Speer und Schwert bewehrten Helden gegenüber ein
+uraltes vergangenes Geschlecht, das noch keine kunstvollen Waffen
+zu schmieden verstand. Neben den wolgestalteten, gutartigen Riesen
+stehen aber ebensoviele ungestaltige, bösartige. Die nordischen
+Riesennamen Swart, Alswart, Swarthöfdi (Schwarzkopf), Surt, Blain
+(dunkel), Syrpa (die Schmutzfarbige) geben den Unholden hässliche,
+abschreckende Farbe, Lodin (der Zottige) und Lodinfingra (die
+Zottelfingrige) zeigen sie behaart und zottig, Liota ist die Garstige.
+Diesen allgemeinen Eigenschaften gesellen sich besondere. Jarnhaus
+(Eisenschädel), Hardhaus (Hartschädel) erweisen die Hartnäckigkeit der
+ungeschlachten Gesellen, Wagnhofdi muss einen Kopf wie einen Wagen
+so gross gehabt haben, Skalli ist ein grosser Kahlkopf. Die Nase war
+von ungewöhnlicher Grösse und Dicke, wovon Nefja (die Benaste) ihren
+Namen trug. Skinnnefja die Pelznasige, Hornnefja die Hornnasige,
+Jarnnef der Eisennasige verraten solche Entstellung. Bei Henginkjapt
+und Henginkepta hängt der Kiefer herab, Muli ist der Grossmäulige. Um
+Wange und Kinn starrte ein struppiger Bart, kalter Hauch wehte daraus,
+wie die <span class="pagenum" id="Page_164">[S. 164]</span>Namen Þistilbarð (Distelbart) und Kallrani (kalter Rüssel)
+lehren. Vom Riesen Hrungnir wird berichtet, sein Kopf und Herz seien
+aus Stein gewesen. Auf den weitausschreitenden Gang zielen Namen wie
+Stígandi, Hástigi, Steiger und Hochsteiger, auf den zermalmenden
+Griff der breiten Hände die Namen Greip, Hardgreip, Widgrip, auf
+Riesenstärke, die gewaltige Thaten vollbringt, Sterkir, Starkad,
+Hardwerk, Fjolwerk, Storwerk. Neben dem Gattungsnamen <i>etanaȥ</i>
+weist auch der besondere Eigenname Wolvesmage (Virginal 882) auf die
+wölfische Gefrässigkeit. So sind die Riesen in ihrem Äusseren und ihrem
+Gebahren unerfreulich, schrecklich, feindselig. Sowol nordische wie
+deutsche Überlieferung hebt nicht nur die Missgestalt, sondern auch die
+Ungestalt einzelner Riesen hervor. Eines dreiköpfigen Thursen gedenkt
+das Skirnirlied 31, eines sechsköpfigen das Wafthrudnirlied 33; im
+Hymirlied 35 bricht die vielköpfige Riesenschaar aus den Berghöhlen
+hervor, Hymirs Mutter hat gar neunhundert Köpfe. <i>Drîhouptige
+tursen</i>, siebenköpfige Riesen erwähnen auch deutsche Märchen. Die
+Zahl der Arme, Hände, Elbogen werden verdoppelt und verdreifacht (J.
+Grimm, Myth. 360). Kaum aus unverfälschter germanischer Sage, vielmehr
+aus fremden orientalischen Einwirkungen mögen solche Vorstellungen
+entstanden sein. In den hässlichen, schrecklichen Riesen wohnt auch
+böse Gesinnung. An Stelle der Weisheit tritt Stumpfsinn, im Nordischen
+ist <i>dumbr</i> und <i>stumi</i>, stumm und dumm, im Deutschen
+<i>tumbo</i> eine Bezeichnung der Riesen. Der dumme Riese und sein
+christlicher Vertreter, der dumme Teufel wird nicht allein durch
+Heldenkraft, sondern auch durch List und Schlauheit überwunden.</p>
+
+<p>Den Riesen ist im allgemeinen der Wohnsitz in dem Elemente, das sie
+verkörpern, zugeteilt. Jedoch kennt die Sage auch ein besonderes
+Riesenland (Rother 767), im Norden <i>jǫtonheimr</i>. Die Norweger
+verlegten Riesenheim in den Norden oder Osten, aufs unwirtliche
+unzugängliche Hochgebirge. Auf der Grenze ist Grjótúnagard, Bezirk
+der Steingehege. Dort wohnt das Thursenvolk, als dessen Beherrscher
+(<i>þursa dróttenn</i>) Thrym bezeichnet wird. Sonst werden die Riesen
+mit andern Unholden wol auch in <i>Utgard</i> unter dem Beherrscher
+Utgardloki wohnhaft gedacht.</p>
+
+<p>In den nordischen Quellen sind die Riesen in die Göttersage verwoben,
+in den deutschen Gedichten erscheinen sie als besonders starke,
+wilde und gefährliche Männer. Hier wie dort stehen sie meistens der
+Weltordnung feindlich gegenüber.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_165">[S. 165]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Denn die Elemente hassen</div>
+ <div class="verse indent0">das Gebild der Menschenhand.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Darum sind die Riesen gewöhnlich bösartig, auf gewaltsamen Umsturz
+bedacht. Im Norden sind die Riesen von den Göttern bezwungen und in
+wolthätige Schranken gebannt, gleichwol aber stets von der Hoffnung
+beseelt, das urzeitliche Chaos wieder heraufzuführen, ihre verlorene
+Herrschaft durch Vernichtung aller göttlicher und menschlicher Ordnung
+wieder an sich zu reissen. In deutscher Sage unterliegen die Riesen den
+Helden, welche zur Bekämpfung der gewaltthätigen Unholde erschaffen
+sind. Die Herrschaft des Geistes über die Natur ist der Grundgedanke
+der Riesensagen. Sehr ergiebig ist die noch lebende Volksüberlieferung.
+Von Norwegen bis Tirol begegnen die Riesen überall mit denselben Zügen,
+mit derselben Wildheit und plumpen Gutmütigkeit. Im Norden und Süden,
+im Meer und auf dem Hochgebirge, wo der Mensch die Wut der entfesselten
+Elemente mehr verspürt, sind die Riesen hauptsächlich zu Hause, weniger
+im mittleren Deutschland. Riesenschlangen und andre Ungetüme entsteigen
+den Gewässern. Kleine Sandhügel und erratische Granitblöcke rühren
+von Riesen her. In den norwegischen Gebirgen und in den süddeutschen
+Alpen ragen die versteinten Leiber der Riesen auf und gewaltige
+Naturereignisse bezeugen ihr fortdauerndes Leben. Mit Felsen und Bäumen
+bekämpfen sich die Riesen, ungeheure Blöcke schleudern sie gegen
+die verhassten Kirchen, ihr Vieh treiben sie mit Bäumen als Gerten
+zusammen, ganze Hügel streichen sie von den Schuhen oder schütten sie
+daraus, als ob es Sandkörner wären. An vielen Orten werden die Spuren
+ihrer Füsse, Finger oder Sitzteile in Steinen gezeigt.</p>
+
+<p>Die Riesen gelten als treffliche Baumeister. Uralte Steinbauten, Burgen
+und Wege pflegt das Volk den Riesen oder dem Teufel&#x2060;<a id="FNanchor_112_112" href="#Footnote_112_112" class="fnanchor">[112]</a> zuzuschreiben,
+wie die griechische Sage von Kyklopenmauern meldet. Dafür zeugt der
+Heliand und die angelsächsische Dichtung. Eine hochragende Felsenburg
+auf Bergesgipfel wird im Hel. 1397 ein Riesenwerk (uurisilic giuuerc)
+genannt.&#x2060;<a id="FNanchor_113_113" href="#Footnote_113_113" class="fnanchor">[113]</a> Riesenberge (nds. wrisberg) können als Wohnsitz oder
+Bauwerk von <span class="pagenum" id="Page_166">[S. 166]</span>Riesen so heissen. Im Beowulf 2718 wird die Drachenhöhle
+als <i>enta geweorc</i> bezeichnet, wo Steinbögen auf Pfeilern
+die Erdhalle stützen. Riesenwege (<i>jǫtna vegar</i>, <i>entiscen
+wec</i>, <i>trollaskeiđ</i>) sind wol alte gepflasterte Heerstrassen,
+welche die Germanen ebenso wie die römischen Steinbauten bewunderten
+und deren Ursprung der Volksglaube allmälig auf übermenschliche
+Wesen zurückführte. Aus dieser Vorstellung erwuchs die Sage vom
+Riesenbaumeister, welche in der Edda und in zahlreichen nordischen
+und deutschen Volkssagen auftaucht. Ein Riese, ein Unhold, der
+Teufel, erbietet sich, gegen Lohn einen Bau bis zu einer bestimmten
+Zeit auszuführen. Meist verlangt er die Seele des Hausherrn oder
+eine Jungfrau, also ein Menschenopfer. Aber durch List gelingt es,
+die Arbeit im letzten Augenblick so aufzuhalten, dass zur gesetzten
+Frist noch eine Kleinigkeit fehlt. Damit ist der Riese um seinen Lohn
+betrogen. Der heilige Olaf liess auf diese Weise vom Troll sogar eine
+Kirche bauen.&#x2060;<a id="FNanchor_114_114" href="#Footnote_114_114" class="fnanchor">[114]</a></p>
+
+<p>An einzelne Felsblöcke, die in der Ebene verstreut liegen, an Hügel,
+Sanddünen, kleine Inseln knüpfen gerne Riesensagen an, welche die
+örtlichen Erscheinungen auf Riesenthaten zurückführen. Wenn im schmalen
+Sunde wie etwa zwischen Rügen und Pommern, Seeland und Schonen kleine
+Inseln aufragen oder am Gestade Hügel sich erheben, so sind es Spuren
+von Dammbauten, welche einst Riesen beabsichtigten, um trocknen Fusses
+über das Wasser gehen zu können und nicht immer durchwaten zu müssen.
+Die Erdhaufen im Wasser und am Lande entstanden dadurch, dass Sand und
+Steine durch Löcher aus den Schürzen der Riesen herausfielen. Grosse
+Steine, die an solchen Orten liegen, dass das Volk nicht begreifen
+kann, wie sie dahin kamen, wurden von Riesen wie Sandkörnchen aus den
+Schuhen geschüttet. Damit wird auch humoristisch übertreibend die
+gewaltige Grösse des Riesen angezeigt, dem ein ansehnlicher Felsblock
+nur wie ein kleines Steinchen im Schuh ist. Manchmal sind die Steine
+aber auch von Riesen geworfen, und deutlich erkennt man darin die Spur
+ihrer fünf Finger abgedrückt. Meilenweit reicht der Wurf der Riesen,
+meilenweit der Schall ihrer Stimme. Der Wurf ist <span class="pagenum" id="Page_167">[S. 167]</span>oft feindselig gegen
+Menschenwerk, besonders gegen Kirchen gerichtet, verfehlt aber sein
+Ziel. Sümpfe und Pfützen sind aus dem Blute entstanden, das aus der
+Wunde eines Riesen hervorströmte, wie in der nordischen Schöpfungssage
+Ymirs Blut die ganze Welt ertränkt und das Meer erfüllt.</p>
+
+<p>Das riesische Übermaass schildern ziemlich ähnlich die nordische Sage
+und ein deutsches Kindermärchen. Skrymir, der sich auf der Fahrt
+nach Utgard zu Thor gesellt, wird vom Hammer des Gottes mehrmals im
+Schlafe getroffen. Das erste Mal fragt Skrymir, ob ein Blatt Laub auf
+ihn herabgefallen sei, das andre Mal, ob ihm eine Eichel ins Gesicht
+fiel, das dritte Mal meint er, Vogelmist falle von den Zweigen auf
+sein Haupt herab. Thor aber hatte immer mit voller Kraft zugeschlagen.
+Im Märchen (bei den Brüdern Grimm Nr. 90) werden Mühlsteine auf den
+Riesen im Brunnen hinabgeworfen, und er ruft: „Jagt die Hühner weg,
+die da oben im Sande kratzen und mir Körner in die Augen schmeissen!“
+Wie der Riese heraussteigt, sagt er: „Seht einmal, ich habe doch ein
+schönes Halsband um“, da war es der Mühlenstein, den er um den Hals
+trug. Weit verbreitet ist auch die Sage vom Riesenspielzeug, wie eine
+Riesentochter den pflügenden Ackermann aufnimmt und in ihrer Schürze
+dem Vater heimträgt.</p>
+
+<p>Ganz besonders reich an Riesensagen ist Tirol, wo auch im Mittelalter
+die Riesenkämpfe Dietrichs von Bern und seiner Gesellen sich abspielen.
+Weinhold (Riesen S. 305) stellt die wesentlichen Züge zusammen: „Da
+fährt der Bauer mit allem Zeug in einen gestrüppvollen Hohlweg, und
+das ist zum Unglück das Nasenloch des Riesen, der ihn samt Ochsen und
+Wagen in die weite Welt hinausniest; da wird von dem Brüllen eines
+Riesen in seiner Höhle der ganze Glunkezer Berg morsch und stürzt jetzt
+ein, weshalb die andern wilden Männer sich lieber ruhig verhalten; da
+ist der Riese so hoch, dass der Bauer, der ihm dient, auf eine Tanne
+steigen muss, wenn er ihm was zurufen will; da treffen wir auch noch
+alte gute Eigenschaften der ungeheuren Gesellen. Weichherzig weinen
+sie über verunglückte Tiere, schützen die Waldvögel und das Alpenvieh,
+sagen das Wetter voraus und lehren die Bauern manches Nützliche; denn
+sie sahen den Urwald schon neun Mal fällen und wachsen und erfuhren
+deshalb so mancherlei. Der und jener Wilde sperrt sich auch ein seliges
+Fräulein in den Singkäfig, statt es zu zerreissen, wie ihre Sitte
+sonst ist. Auch suchen sich einige den Menschen zu nähern. Mancher
+Riese kehrte <span class="pagenum" id="Page_168">[S. 168]</span>über den Winter in Bauernhöfen ein und erwies sich im
+Sommer darauf für die Herberge dankbar, indem er den Hof vor wilden
+Wassern und Bergfällen schirmte. Riesentöchter spannen Liebschaften mit
+starken Bauern an und, wenn diese nicht beim ersten Kuss an gebrochenen
+Rippen verschieden, heirateten sie sich und wurden die Stammeltern der
+Unholde und der Starken, welche an vielen Orten bis in die jüngste
+Zeit fortlebten. So bewegt sich die Vorstellung von den Riesen im
+Volke noch heute auf denselben Wegen, die ihr im ältesten Heidentume
+gebaut wurden.“ Die Riesenart, wie sie in der neuisländischen Sage sich
+äussert, schildert Maurer (isl. Volkssagen S. 38 ff.) also: „An Wuchs
+und leiblicher Stärke die Menschen weit überragend, sind die Tröll wild
+und unbändig, dumm, gefrässig und blutdürstig; andererseits aber sind
+sie daneben doch auch wieder geheimen Wissens und Könnens voll, dabei
+gutmütig, ehrlich, und zumal treu wie Gold. Gegen Beleidigungen sind
+sie sehr empfindlich und suchen solche schwer zu rächen; andererseits
+aber erweisen sie sich auch dankbar für empfangene Wolthaten, und
+erzeigen sich auch wol ohne solche Veranlassung den Menschen hilfreich.
+Als Menschenfresser werden sie oft genug geschildert; andererseits aber
+sind auch wieder Liebschaften zwischen Riesen und Menschenweibern,
+oder umgekehrt zwischen Menschenmännern und Riesinnen nicht selten.
+Wenn auch in mancher Hinsicht verunstaltet, werden die Tröll doch
+immer wesentlich menschlich gestaltet gedacht; aber sie erscheinen
+gewissermaassen als ein älteres Geschlecht von Menschen, sie sind zumal
+dem Christentum feindlich und suchen dessen Fortgang auf jede Weise
+zu hemmen. Sie wohnen auf felsigen Gebirgen und in Berghöhlen; leben
+von der Jagd, dem Fischfange und allenfalls von der Viehzucht; als
+wesentlich nächtliche Geschöpfe vermögen sie das Tageslicht nicht zu
+ertragen, und springen in Stein, sowie sie von der Sonne beschienen
+werden.“ In vielen Sagen, aber auch in manchen sprichwörtlichen
+Redensarten begegnen die erwähnten Eigenschaften der Riesen. Die
+Ausdrücke, welche Riesinnen bezeichnen, wie <i>skessa</i>, <i>flagđ</i>
+u.&#8239;dgl. werden in tadelndem Sinne von Weibern gebraucht, die durch
+unordentliche Haltung, heftige Bewegungen, maasslose Heftigkeit Anstoss
+geben. Will man bezeichnen, dass einer stier und dumm verwundert eine
+Sache anstarre, so braucht man wol den Ausdruck: etwas anglotzen wie
+der Riese das Himmelreich, das ihm, dem Christenfeinde, natürlich
+völlig verschlossen und fremd ist. Wiederum <span class="pagenum" id="Page_169">[S. 169]</span>spricht man in lobendem
+Sinne von <i>tröllatryggđ</i>, Riesentreue, oder sagt von einem Manne:
+<i>hann er mestr tryggđatröll</i>, er ist der vollständigste Treuriese;
+es gilt auch das Sprichwort: <i>tröll eru í tryggđum bezt</i>, die
+Riesen sind am besten, soweit Friedensverträge in Frage stehen,
+<i>tröll gánga trauđt á griđ sín</i>, die Riesen brechen nicht leicht
+ihr Friedensgelöbniss.</p>
+
+<p>Riesische Wesen in Tiergestalt sind nicht selten. Dahin gehören der
+Midgardswurm, der Adler Hräswelg, von dessen Schwingen die Winde
+ausgehen, der Wolf Fenrir, die Sonnen- und Mondwölfe. Riesennamen
+wie Kǫtt (Kater), Hyndla und Mella (Hündin), Trana (Kranich), Kráka
+(Krähe) weisen aufs Tierreich. Die Sage meldet auch von Verwandlungen:
+so erscheint Thjazi als Riesenadler, Fafnir nimmt Wurmsgestalt an
+und liegt auf dem Hort, im hürnen Seyfrid 22 wird der Drache zu
+einem Menschen, zunächst für einen Tag, nach fünf Jahren soll er für
+immer menschliche Gestalt gewinnen. Die Verwandlungsfähigkeit der
+Riesen ist aber im allgemeinen seltener als die der Elbe und wol von
+dorther entlehnt. Dem ungeschlachten Riesen steht die geschmeidige
+Beweglichkeit des Albs nicht wol an. Wie die Elemente zu Riesen wurden,
+lehrt eine ziemlich junge norwegische Sage, worin die gewöhnlichen
+Bezeichnungen, welche die Sprache für die Naturerscheinungen
+besitzt, persönlich genommen und in Verwandtschaftsverhältniss zu
+einander gesetzt sind. Auf ähnliche Weise dürften auch die älteren
+Riesengestalten entstanden sein. Als die ältesten Bewohner Norwegens
+gelten die Riesen, Forniots Geschlecht. Des Stammvaters Namen und Art
+ist noch nicht sicher aufgeklärt&#x2060;<a id="FNanchor_115_115" href="#Footnote_115_115" class="fnanchor">[115]</a>,
+ über seine Nachkommenschaft&#x2060;<a id="FNanchor_116_116" href="#Footnote_116_116" class="fnanchor">[116]</a>
+aber kann kein Zweifel aufkommen, ihr Wesen ist durchsichtig. Von
+Forniot stammen die Söhne Hler, Logi und Kari; der erste, auch Aegir
+genannt, waltete über das Meer, der zweite über die feurige Lohe,
+der dritte über die Winde. Logi bedeutet Lohe, Kari Wind. Von Kari
+entspringen Jokul (Gletscher), von diesem Snær (Schnee), dessen Kinder
+waren Thorri (Januarmonat), Fonn (Schneehaufe), Drifa (Schneetrift),
+Mjoll (feiner <span class="pagenum" id="Page_170">[S. 170]</span>glänzender Schnee). Nach anderem Bericht ist Frosti
+(der Frost) des Snær Vater. Kalt weht es aus diesem Zweige des
+Riesengeschlechtes von dem norwegischen Hochgebirge herunter. Über
+die untersten Ansätze der Mythenbildung, die Personificierung blosser
+Begriffe, geht eine Sage vom König Snær oder Snio hinaus, welche
+Uhland (Schriften 6, 23) so auslegt: „Wenn bei Saxo der Dänenkönig
+Snio seinen vermummten Boten nach einer schönen Königin in Schweden
+ausschickt, wenn der Bote ihr leise, leise zusingt: Snio liebt dich,
+und sie ebenso, kaum hörbar, entgegenflüstert: Ich lieb ihn wieder,
+und wenn sie dann die verstohlene Zusammenkunft auf den Anfang des
+Winters bestimmt; wenn nach der Saga von Sturlaug dieser norwegische
+Jarl und nachmalige König in Schweden seinen Pflegbruder Frosti nach
+der schönen, lichtgelockten Mjoll, der Tochter des Finnenkönigs Snær,
+aussendet und Frosti die mit ihm Entfliehende unter dem Gürtel fassen
+muss, worauf sie rasch im Winde hinfahren; oder wenn nach dänischen
+Chroniken Snio ein Hirte des Riesen Lä (Hler) auf Läsö ist, so erahnt
+man wol noch bald das leise Gesäusel der niederfallenden Flocken, bald
+den stürmischen Flug des glänzenden Schneegestöbers, bald den dichten
+Trieb der Schneewolkenherde vom Meere her, dem Gebiete des Hlers, in
+seltsame Märchenbilder verwandelt.“ Von Logi, der mit dem Namenshelden
+der norwegischen Landschaft Halogaland als Halogi zusammengeworfen
+wird, erfahren wir noch, dass seine Frau Glod, die Glut, hiess; seine
+Töchter waren Eysa und Eimyrja, Glutasche. Von Hlers Sippe, seinen
+Wellentöchtern wird unten Näheres zu berichten sein. So waltet also das
+Riesengeschlecht in Luft, Feuer und Wasser. Besonders der Wind, der von
+den Gletschern herunter weht und Schnee daher treibt und aufhäuft, ist
+ihr Element.</p>
+
+<p>Die Volkssage schreibt den Riesen hohes Alter zu. Noch im späten
+Mittelalter gelten Zwerge und Riesen für älter als die Menschen. Die
+nordische Mythologie versetzt die Riesen in das uranfängliche Chaos,
+aus dem sich der Urriese Ymir (auch Örgelmir oder Brimir genannt)
+als erstes leibliches Gebilde erhebt. Somit sind die Riesen auch
+älter als die Götter, und die nordische Sage führt diese Thatsache
+folgerichtig dahin aus, dass von den Riesen vor allen tiefste Weisheit
+über urweltliche Zustände und Ereignisse zu erholen ist. Ymir, der aus
+der Mischung der Elemente unmittelbar erwuchs, ist der Ahnherr aller
+Riesen. Selbst <span class="pagenum" id="Page_171">[S. 171]</span>die Götter sind den Riesen verschwägert. Bur nahm eine
+Riesin, Bestla des Bolthorn Tochter, zur Frau. Mimir scheint ihr Bruder
+und Bolthorns Sohn gewesen zu sein. Von Bur und Bestla entstammten aber
+Odin, Wili und We. Jedoch die ganze Schöpfungssage und das Verhältniss
+der Götter und Riesen steht unter fremden Einflüssen, wie später
+ausgeführt wird.</p>
+
+<p>Wie die Elbe so haben auch die Riesen zuweilen etwas Scheues,
+Heidnisches an sich, sie gebärden sich wie ein bedrängter Volksstamm,
+der im Begriff steht, die alte Heimat den neuen mächtigen Ankömmlingen
+zu überlassen. In der Sage vom Riesenspielzeug betrachtet die
+Riesentochter die Menschen als kleine Erdwürmer, der alte Riese
+aber weiss, dass sein eignes starkes Geschlecht den unscheinbaren
+Geschöpfen unterliegen muss. Dem Christentum sind die Riesen feind,
+sie schleudern Felsen gegen Kirchen. Aber sie müssen weichen. Als der
+heilige Gallus in stiller Nacht die Netze zum Fischen auswarf, vernahm
+er die Zwiesprache zwischen einem Bergriesen und einem Wasserriesen,
+die darüber Klage führten, dass der neue Glaube ihre Macht breche,
+dass sie selber aber ihren Feinden, den Gottesmännern, welche sich mit
+dem Gebet schützten, nicht an könnten. Da bekreuzigte sich Gallus und
+bannte sie aus der Gegend&#x2060;<a id="FNanchor_117_117" href="#Footnote_117_117" class="fnanchor">[117]</a>. So feindselig die Riesen aber auch im
+allgemeinen dem neuen Glauben entgegen stehen, so macht sich doch auch
+wie bei den Elben zuweilen die Sehnsucht bemerkbar, seiner Segnungen
+teilhaftig zu werden. In der Sage von Þorstein uxafót Kap. 6 richtet
+ein Erdriese (jarðbúi), der ihn in einem Kampfe unterstützt hatte, die
+Worte an Thorstein: „Du wirst auch einen Glaubenswechsel mitmachen,
+und dieser Glaube ist viel besser für die, die ihn annehmen können.
+Aber die müssen zurückbleiben, die nicht hiezu <span class="pagenum" id="Page_172">[S. 172]</span>geschaffen sind, und so
+sind wie ich; denn ich und meine Brüder waren Erdriesen. Nun schiene
+mir aber viel daran zu liegen, dass du meinen Namen unter die Taufe
+brächtest, wenn es dir beschieden wäre, einen Sohn zu bekommen.“ Ebenso
+verlangt der Riese Armann, der dem Hallward im Traume erschien, „wenn
+es dir möglich wird, sollst du meinen Namen unter die Taufe und unter
+das Christentum bringen“&#x2060;<a id="FNanchor_118_118" href="#Footnote_118_118" class="fnanchor">[118]</a>.</p>
+
+<h4 id="Wasserriesen_3"><b>3. Wasserriesen.</b></h4>
+
+<p>In die Welt der riesischen Meerungeheuer eröffnet das ags. Gedicht
+Beowulf einen Einblick. Schon in früher Jugend erwarb sich Beowulf
+Ruhm bei seinem mehrtägigen Wettschwimmen mit Breca. Mit dem Schwerte
+musste er sich der Angriffe der Meerfische (<i>hronfixas</i>,
+<i>merefixas</i>) erwehren, die ihn auf den Grund zu ziehen trachteten.
+In den Wogen erschlug er neun Nixe (<i>niceras nigene</i>). Dadurch
+ist er vorbereitet auf seine grösste Heldenthat, den Kampf mit
+Grendel und seiner Mutter. In die Halle Heorot, welche der Dänenkönig
+Hrodgar erbaut hatte, drang allnächtlich Grendel, ein Unhold, der die
+Insassen mordete und den Saal verödete, bis Beowulf der Geatenheld
+übers Meer den Dänen zu Hilfe eilte, mit Grendel kämpfte, ihn auf
+den Tod verwundete, endlich in seine Behausung auf dem Meeresgrund
+drang, dort Grendels Mutter tötete und dem Unhold selber das Haupt
+abschlug. Die schwierigen Fragen, die mit dem Beowulfmythus und
+Gedicht&#x2060;<a id="FNanchor_119_119" href="#Footnote_119_119" class="fnanchor">[119]</a> <span class="pagenum" id="Page_173">[S. 173]</span>zusammenhängen, berühren uns hier nicht, wir entnehmen
+daraus nur, was die Angelsachsen und wol überhaupt die Seegermanen
+unter Wasserdämonen sich vorstellten. Mit Grendel d.&#8239;h. Schlange ist
+ein Dämon der zerstörenden Gewässer gemeint, sei es der Sturmfluten
+an der Nordseeküste, sei es der fieberbringenden Sümpfe, die infolge
+der Überflutungen sich bildeten. Einseitig fasste Müllenhoff Grendel
+als Sturmflut, Uhland und Laistner erklärten ihn als Verkörperung
+der Seuchen und Plagen einer versumpften und verpesteten Meerbucht,
+die geräuschlos zur Nachtzeit im Nebel aufsteigen und den Menschen
+beschleichen. Kögel findet mit Recht beide Plagen, Sturmflut und
+Sumpffieber in Grendel verleiblicht. Grendel ist nach den Worten
+des Gedichtes der kundbare Grenzgänger, der Moore, Sumpf und Strand
+(<i>móras, fen and fæsten</i>) inne hat. Immer wieder wird die neblige
+moorige Heimat hervorgehoben (<i>héold mistige móras</i>). Vom Moor
+unter den Nebelklippen (<i>of móre under misthleoþum</i>) kommt Grendel
+zum Metsal geschritten, er watet in Wolken gehüllt daher (<i>wód under
+wolcnum</i>). Wie ein Nebelstreif zieht sich also der Unhold unhörbar
+leise aus dem Moor zur Halle hin, worin die Helden schlafen. Er wird
+als Riese (<i>eoten</i>) bezeichnet, sein Haupt ist furchtbar, seine
+Hand läuft in stahlharte Krallen aus, sein Blut schmelzt Schwerter.
+Grendels wölfische Mutter (<i>brimwylf, grundwyrgen</i>), die mit
+ihm in der grausigen Meerflut (<i>wæteregesan</i>) haust, folgt des
+Sohnes Spuren und sucht ihn zu rächen. Höchst anschaulich wird die
+Wohnstätte der Unholde geschildert. Sie haben inne verstecktes Land,
+windige Landzungen, fürchterliche Moorpfade, wo der breite Strom unter
+dunkle Landstreifen, unter der Erde sich verliert. Jäh fällt das
+steinige Land, von düstrem Walde, von wurzelfesten Bäumen bestanden,
+die überhängen, plötzlich in mooriges, sumpfiges Meer ab. Da mag man
+nächtliches Wunder schauen, Feuer in der Flut. Noch niemand hat den
+unheimlichen Grund erforscht. Der von Hunden gehetzte, geweihstolze
+Hirsch lässt eher am Ufer das Leben, als dass er in den schaurigen
+Wald flüchtet. Nicht geheuer ist der Ort, dunkles Wogengemisch steigt
+zu den Wolken, wenn der Wind leide Unwetter zusammentreibt, bis dass
+die Luft <span class="pagenum" id="Page_174">[S. 174]</span>düstert, die Himmel weinen. Auf den abstürzenden Klippen
+lagert allerlei Gewürm, wunderliche Seedrachen und Nixe, welche dem
+Schiffer oft gefährlich werden. Beowulf steigt kühn in die greuliche
+Flut und gelangt zum Grunde, wo ihn die Wölfin (Grendels Mutter) packt.
+Vor ihren Griffen und den scharfen Zähnen der Seetiere beschützt
+ihn seine Brünne. Das Meerweib trägt ihn in ihre Behausung, welche
+bedacht ist und dem Wasser keinen Zutritt verstattet. Mit blinkendem
+Glanze leuchtet drinn ein Feuer.</p>
+
+<p>Aus den Wasserriesen erhebt sich freundlicher gestaltet der Beherrscher
+des Meeres, <i>Aegir</i>, der Wassermann.&#x2060;<a id="FNanchor_120_120" href="#Footnote_120_120" class="fnanchor">[120]</a> Von Natur zwar riesisch,
+kann er doch mit den Asen in Gastfreundschaft kommen. Er ist, wie die
+Einleitung der sog. Bragarœður berichtet, in Asgard beim Gastmahle der
+Götter zugegen und empfängt von Bragi reiche Belehrung. Die Götter
+aber besuchen wiederum den Aegir in seiner Heimstätte, wo er ihnen in
+einem gewaltigen Kessel Bier braut und ein Mahl zurüstet. Daher heisst
+er beim Skald Egill im Lied auf seinen ertrunkenen Sohn geradewegs
+Bierbrauer der Lichtgötter (<i>ǫlsmiþr allra tíva</i>). Der meilentiefe
+Braukessel ist aber ursprünglich in der Gewalt des Hymir und muss erst
+durch Thor herbeigeschafft werden. Aegir scheint das der Schifffahrt
+offene Meer zu verkörpern. Sein Verkehr mit den Asen und das Beiwort
+„<i>barnteitr</i>“, fröhlich wie ein Kind, kennzeichnen den Riesen als
+gutartig und umgänglich, wol im Gegensatz zu Hymir. Freilich nimmt
+das Gelage bei Aegir ein schlimmes Ende, weil Loki die Friedensstätte
+durch Todschlag entweiht und die anwesenden Götter lästert. Auch hatte
+sich Aegir nur durch des streitbaren Thor Befehl dazu verstanden,
+das Gelage zuzurüsten, und sann auf Rache an den Asen. Er hatte
+im Stillen gehofft, die Fahrt zu Hymir werde dem Thor verderblich
+sein. Aegir hatte zwei Diener, Fimafeng und Eldir. Statt des Feuers
+diente helles Gold zur Beleuchtung; das Bier trug sich selber auf. Im
+Grunde des Meeres sind alle die Schätze gehäuft, welche die gierige
+Flut verschlang. Im Leuchten des windstillen Meeres aber mochte man
+den Glanz des versunkenen Goldes spielen sehen. Aegirs friedliches,
+<span class="pagenum" id="Page_175">[S. 175]</span>freundliches Wesen wird durch sein raubgieriges Weib, die Ran,
+ergänzt. Freund und Feind ist dem Schiffer die See, beide Seiten kommen
+in Aegir und Ran zum Ausdruck.</p>
+
+<p>In der SE. 1, 206 wird Hlésey, die dänische Insel Läsö im Kattegat,
+als Heimat des Aegir bezeichnet. Hlér gilt als andrer Name Aegirs.
+Die Wogen heissen ebenso Töchter des Aegir wie des Hlér (SE. 2, 180).
+Vermutlich kannten die Dänen und West-Norweger den Meerriesen unter
+diesem Namen, dessen Etymologie nicht sicher zu bestimmen ist.&#x2060;<a id="FNanchor_121_121" href="#Footnote_121_121" class="fnanchor">[121]</a></p>
+
+<p>Ein weiterer Name dieses Meerriesen ist <i>Gymir</i>&#x2060;<a id="FNanchor_122_122" href="#Footnote_122_122" class="fnanchor">[122]</a>, wie im
+Eingang der Lokasenna ausgesprochen wird und aus den skaldischen
+Umschreibungen, in denen der Name allein vorkommt, deutlich erhellt.
+Das Meer heisst Gymirs Wohnung (<i>Gymis flet</i>), die Brandung ist
+sein Lied (<i>Gymis ljóþ</i>), die Ran sein zukunftkundiges Weib
+(<i>Gymis vǫlva</i>). Ob Gymir, Gerds Vater, der aus dem Skirnirlied
+bekannte Riese, derselbe ist, muss unentschieden bleiben. Weinhold
+fasste die Gerd als Meernixe, welche den Fluten entsteigend im stillen
+Hain am Gestade mit dem Gotte Freyr sich vermählt.</p>
+
+<p>Dem Aegir steht <i>Hymir</i>&#x2060;<a id="FNanchor_123_123" href="#Footnote_123_123" class="fnanchor">[123]</a>, der Dämmrer, gegenüber. Er
+verkündigt sich als Frost- und Eisriesen, als Beherrscher des
+lichtlosen, nebligen, fahlgrauen nördlichen Eismeeres. Seine Art
+entspricht seiner Heimat. Genaueres über ihn hören wir nur aus dem
+Hymirliede, wie Thor und Tyr sich aufmachen, den Kessel zu Aegirs
+Gelage ihm zu entführen. Der Erzählung gesellten sich Züge vom Märchen
+des Besuches beim wilden, unholden Menschenfresser. Hier beachten wir
+nur die Schilderung seines Wesens. Im Osten der stürmischen Wogen am
+Himmelsrande haust der weise Hymir, der einen meilentiefen Kessel
+(d.&#8239;h. das Meer im Verschluss winterlicher <span class="pagenum" id="Page_176">[S. 176]</span>Eisdecke) besitzt. Bei ihm
+sind seine neunhundertköpfige Urahne und seine brauenweisse Geliebte,
+die Mutter Tyrs. Der hässliche, rauhe Hymir kommt spät vom Waidwerk
+heim, Eiszapfen klirren, sein Bart ist gefroren. Vor des Riesen
+Blick zerbirst Balken und Pfeiler, dass acht Kessel vom Standbrett
+herunterkollern. Am andern Tag rudern sie zur eisig kalten Fischerfahrt
+hinaus. Zwei Walfische zieht der Riese auf einmal an der Angel heraus.
+Er verlangt von Thor Arbeit und Stärkeproben. Einen Glaskelch soll
+Thor zerbrechen, aber leichter zerschlägt er die Pfeiler, bis endlich
+an Hymirs hartem Schädel der Kelch zerschellt. Nun darf Thor den
+Braukessel forttragen. Hymirs Töchter (<i>Hymes meyjar</i>) werden in
+der Lokasenna 34 erwähnt, ohne dass ihre Bedeutung völlig klar würde.
+Wenn Aegirs und Hlers Töchter die Wogen bezeichnen, wird es wol auch
+mit Hymirs ähnliche Bewandtniss haben. Man denkt an die Gletscherbäche,
+die aus den Eisbergen ins Meer sich ergiessen.</p>
+
+<p>Von einzelnen Meer- oder Wasserriesen lassen sich noch folgende
+hervorheben. In der Gudrun tritt der alte <i>Wate</i> hervor, in
+der Wielandssage der Riese <i>Vadi</i>, der Vater des kunstreichen
+Schmiedes, bei den Angelsachsen finden wir <i>Wada</i>, der die
+Hælsinge beherrschte. Zu Grunde liegt diesen Berichten eine Sage der
+Seegermanen vom Riesen <i>Wado</i>, dem Sohne einer Meerminne.&#x2060;<a id="FNanchor_124_124" href="#Footnote_124_124" class="fnanchor">[124]</a> Ein
+riesenmässiger Greis mit ellenbreitem Barte, unbändigen Grimmes voll,
+mit fürchterlicher Stimme begabt, bei deren Klange das Land erbebte,
+das Meer aufbrauste und die Mauern einzustürzen drohten, wanderte
+am Meeresstrande auf und ab und trug wol auch zuweilen auf seinen
+Schultern Menschen über Sunde hinweg. Der regelmässige Wechsel von Ebbe
+und Flut war die Wirkung dieses watenden Riesen, dessen rasendem Zorne
+nichts widerstand. In den norwegischen Aluwasserfällen hauste der wilde
+<i>Starkad</i>, ein vielkundiger Riese (<i>hundvíss jǫtunn</i>).&#x2060;<a id="FNanchor_125_125" href="#Footnote_125_125" class="fnanchor">[125]</a>
+Der hatte acht Hände und schlug mit vier Schwertern auf einmal. Von
+ihm wird erzählt, wie er mit Hergrim, einem Halbtroll, der bald bei
+Riesen, bald bei Menschen weilte, um den Besitz eines Weibes kämpfte.
+Im Namen Hergrim klingt wol der Fossegrim an, die Sage meldet also
+vom Streit zweier Stromriesen. Nachmals raubte Starkad die <span class="pagenum" id="Page_177">[S. 177]</span>Alfhild,
+die Tochter König Alfs aus Alfheim, also eine Elbin. Der Vater rief
+Thor um Hilfe an, Thor aber erschlug den Jotun. Der Wasserriese zeigt
+sich hier als Liebhaber, wie auch andre Sagen solche Züge hervorheben.
+Natürlich ist Thor sein Erbfeind. Das Lied von Helgi dem Hjorwardsson
+12 ff. führt uns eine unholde Meerriesin namens <em class="gesperrt">Hrimgerd</em> vor.
+Helgi hatte im Hatafjord den Beherrscher der Bucht, den Riesen Hati
+getötet. Nachts lagen die Schiffe im Fjord, Atli hatte Wache. Da sprach
+ihn Hatis Tochter Hrimgerd, die in Stutengestalt den Wogen entstieg,
+an, und es erhub sich ein Scheltgespräch. Hrimgerd verlangt zur Sühne
+des erschlagenen Hati, der viele Weiber aus der Umgegend geraubt
+hatte, eine Nacht bei Helgi zu schlafen. Also Vater und Tochter sind
+erpicht auf Liebesverkehr mit Menschen. Helgi fertigt die Lüsterne
+derb ab, der zottige Thurs Lodin passe besser für sie. Hrimgerds
+Mutter war vor den Schiffen Helgis an der Mündung der Bucht gelegen
+und hatte sie zu verderben gesucht, aber vergeblich. Dagegen ertränkte
+Hrimgerd Hlodwards Söhne, Verbündete Helgis. Auch seine Schiffe wollte
+sie vernichten, aber Swawa, die Walküre, die lichte Maid wandte das
+Verderben. Schliesslich überrascht die Sonne das Riesenweib, das zu
+Stein verwandelt am Fjord stehen bleibt.</p>
+
+<p>Über <em class="gesperrt">Ran</em>, Aegirs Weib, wird unter den germanischen
+Todesgöttinnen näheres zu berichten sein. Hier gedenken wir noch
+solcher Gestalten, welche in riesischem oder tierischem Leib, als
+Unhold oder Ungetüm die verderblichen Seiten des Meeres verkörpern.
+Von Aegir und Ran stammen neun Töchter, deren Namen die SE. aufzählt.
+Die Bedeutung ist durchsichtig, gemeint sind die Wogen (Udr, Bara,
+Kolga, Bylgja), die Brandung, das stürmische Unwetter, die blutgierige
+(Blóðughadda) Meerriesin. Der Seesturm erschien wie ein Kampf mit
+diesen Ungeheuern. Die neun Mütter Heimdalls, die im Hyndlalied 38
+aufgezählt sind, weisen ebenso auf Eigenschaften der als Riesinnen
+persönlich gewordenen Meereswogen. Zu Hrimgerd stellt sich die
+Meerriesin (<i>margýgr</i>), die in alter und neuer Sage begegnet.
+Aus dem Meere und aus grossen Landseen erhebt sich der Wassergeist
+oft in Rossgestalt (isl. <i>nykur</i>, <i>vatnahestur</i>). Der
+auf dem Wasser sich ballende Nebel gab wol Anlass zu Sagen, die
+von aufsteigenden Riesengestalten berichten. Als <i>skrimsl</i>,
+Ungetüm im allgemeinen, bezeichnen die Isländer Wassergeister von
+fabelhafter Gestalt.&#x2060;<a id="FNanchor_126_126" href="#Footnote_126_126" class="fnanchor">[126]</a> Das <span class="pagenum" id="Page_178">[S. 178]</span>Meer wurde mit Vorliebe in Tiergestalt
+verkörpert, wofür die nordischen Quellen Belege erbringen. Die grosse
+Seeschlange des Schifferglaubens begegnet im <i>midgardsorm</i> oder
+<i>jǫrmungandr</i>&#x2060;<a id="FNanchor_127_127" href="#Footnote_127_127" class="fnanchor">[127]</a>, d.&#8239;h. der Weltschlange oder dem grossen
+Ungetüm, welche Thor bekämpft, und die später Lokis Sippe, der
+Teufelsbrut zugezählt wurde. Die Midgardschlange liegt im tiefen Meer,
+das alle Länder umgiebt, und ist so gross, dass sie sich mitten im
+Meer wie dieses selbst ebenfalls um alle Länder schlingt und sich in
+den Schwanz beisst. Im Riesenzorne (<i>í jǫtonmóþe</i>) wälzt sie sich
+durch die Wogen. Seinem Namen nach (<i>fen</i>, Meer), gehört auch der
+Wolf Fenrir&#x2060;<a id="FNanchor_128_128" href="#Footnote_128_128" class="fnanchor">[128]</a> zu den Wasserriesen. Jedoch sind in seiner Gestalt die
+verschiedenartigsten Vorstellungen mit einander vereinigt, und gerade
+der Meerriese tritt am wenigsten hervor. Fenrirs Fesselung, wobei Tyr
+seinen Arm verlor, entspricht der des Teufels, der gefesselte Wolf ist
+nur ein andres Bild des gefesselten Loki. Von Fenrir entstammen die
+Wölfe, die Sonne und Mond verschlingen, im Wafthrudnirlied 47 frisst
+Fenrir selber die Sonne auf. Ob damit die im Meer versinkende, im
+Nebel verschwindende Sonne angedeutet ist, ob der Mythus aus dieser
+Naturerscheinung erwuchs, muss dahin gestellt bleiben.</p>
+
+<p>Der gewaltige Giftwurm, dessen Flügelgestalt und Name
+<i>Drache</i>&#x2060;<a id="FNanchor_129_129" href="#Footnote_129_129" class="fnanchor">[129]</a> dem antiken Fabeltier nachgebildet sind, erscheint
+in der Volkssage unter dem Eindruck von Naturbegebnissen. Aus
+Wasser, Nebel, Wolke, Meteorfeuer lässt die Phantasie diese Drachen
+hervorgehen. Das Weltmeer als Schlange wurde eben genannt, Grendel ist
+vielleicht ursprünglich auch eine Wasserschlange. Die Drachen liegen
+auf Gold und schädigen bei ihrer Ausfahrt Land und Leute. Vornehmste
+Aufgabe der Helden ist Bekämpfung dieser Ungetüme, Erlösung von der
+Landplage, Hebung des Hortes. Die Volkssage denkt bei den riesigen
+Würmern an Verwüstung durch die See, im Binnenlande an plötzlichen
+Wassersturz anschwellender Ströme oder Bäche. Schützt Kraft und
+Einsicht endlich das Land gegen solche Gefahren, so ist ein grosser
+Schatz, das Gedeihen der ganzen Gegend, damit erkämpft. Neben den
+Meeresdrachen <span class="pagenum" id="Page_179">[S. 179]</span>ragen besonders die des Hochgebirgs hervor, mit denen
+Dietrich von Bern wie auch mit allen andern Riesen der Bergwelt viel
+zu schaffen hat. Wo der Bach vom hohen Fels herbricht, da springt der
+grimmige Drache, Schaum vor dem Rachen, fort und fort auf den Gegner
+los und sucht ihn zu verschlingen; bei eines Brunnen Flusse vor dem
+Gebirge, das sich hoch in die Lüfte zieht, schiessen grosse Würmer her
+und hin und trachten, die Helden zu verbrennen; bei der Herankunft
+eines solchen, der Ross und Mann zu verschlingen droht, wird ein
+Schall gehört, recht wie ein Donnerschlag, davon das ganze Gebirge
+ertost. Leicht erkennbar sind diese Ungetüme gleichbedeutend mit den
+siedenden donnernden Wasserstürzen selbst. In den deutschen Sagen der
+Brüder Grimm Nr. 217 heisst es: Das Alpenvolk in der Schweiz hat noch
+viel Sagen bewahrt von Drachen und Würmern, die vor alter Zeit auf dem
+Gebirge hausten und oftmals verheerend in die Thäler herabkamen. Noch
+jetzt, wenn ein ungestümer Waldstrom über die Berge stürzt, Bäume und
+Felsen mit sich reisst, pflegt es in einem tiefsinnigen Sprüchwort zu
+sagen: es ist ein Drach ausgefahren.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Von den Wasserriesen reicht einer in uralte gemeingermanische
+Sagenüberlieferung zurück, während die andern erst später bei den
+einzelnen Völkern erdichtet wurden. In der nordischen Sage spielt er
+eine wichtige Rolle, es ist der weise <i>Mimir</i>&#x2060;<a id="FNanchor_130_130" href="#Footnote_130_130" class="fnanchor">[130]</a>, aus dessen
+Quell Odin Weisheit schöpft. Sein Verhältniss zu Odin wird später
+erörtert, hier ist die gemeingermanische Grundvorstellung dieser
+Riesengestalt zu erforschen. Die urgermanische Namensform lautete
+<i>Mimiaz</i> oder <i>Mimiô</i>, d.&#8239;h. der Sinnende. Verwandt scheint
+das ags. Adj. <i>mimor</i>, eingedenk, und das Verbum <i>mimerien</i>,
+das auch nds. <i>mimeren</i>, grübeln begegnet. In Deutschland
+haftet der Name an Ortsnamen wie <i>Mimigerdaford</i> (Münster),
+<i>Mimidun</i> (Minden), <i>Mimileba</i> (am Harz und Memleben an der
+Unstrut). Das Flüsschen <i>Mimling</i> im Odenwald bezeichnet sich als
+Abkömmling des <i>Mimo</i> oder <i>Mimilo</i>. Zum Mimirquell stellt
+sich <span class="pagenum" id="Page_180">[S. 180]</span>der schwedische <i>Mimes sjö</i>, <i>Mimes å</i>, Mimis Fluss und
+See. Die deutsche Heldensage (Biterolf 124 ff.) gedenkt eines klugen
+Schmiedemeisters, der zwanzig Meilen hinter Toledo sass, Mime der Alte
+genannt. Der schuf die besten Schwerter, die auf der Welt zu finden
+waren. Wielands Schwert <i>Miming</i>, das Witege führte, war Mime zu
+Ehren so geheissen. In der Thidrekssaga ist Mimir der Lehrmeister und
+Erzieher Sigfrids. Saxo erwähnt noch einen Waldgeist namens Miming
+(<i>Mimingo silvarum satyro</i>), der wunderbares Geschmeide, Schwert
+und Armring besitzt. Mimir in den nordischen Quellen ist Riese, in
+der Heldensage aber erscheint er als Zwerg und kunstreicher Alb.
+Elbische und riesische Wesen gehen ja häufig in einander über. Tiefe
+Weisheit ist überall mit diesem Wesen verknüpft. Seine Behausung ist
+Wald und Wildniss, Gewässer sind nach ihm benannt. Im Norden ist er
+von der Quelle unzertrennlich, Beherrscher der Gewässer ist Mimir wol
+von Anfang an. Seen, Flüsse, Wälder und Bäume, die mit seinem Namen
+in Verbindung stehen, belehren, dass wir keinen Meerriesen, sondern
+<em class="gesperrt">den Herrn der Binnengewässer</em> vor uns haben. Damit treten wir der
+Urgestalt des <i>Mimiaz</i> näher. Die Germanen dachten sich darunter
+einen urweisen Wasserriesen, der im geheimnissvollen Dunkel tiefer
+Haine an murmelnden Quellen oder zauberisch wallenden Bergseen zu Hause
+war. Seine Söhne, die Flüsse, strömten zu den Menschen. Wer ihrem
+Ursprung nachging, bis in die Nacht des Urwalds zum geheiligten Baume,
+aus dessen Wurzeln der Quell hervorsprudelte, wo „Mimir sein Haupt
+barg“, vorzudringen vermochte, der stand am Urquell alles Wissens.
+Der alte, erfahrene, kunstreiche Wald- und Brunnengeist beriet selbst
+Odin, er war Lehrer und Meister der besten Helden und stattete sie mit
+köstlichem Rüstzeug aus.</p>
+
+<h4 id="Wind_und_Wetterriesen_4"><b>4. Wind- und Wetterriesen.</b></h4>
+
+<p>Aus Wind und Wetter gingen Riesen hervor. Der brausende Sturm gab zu
+verschiedenen mythischen Gebilden Anlass. Im Winde zogen die Seelen,
+das wütende Heer, im Sturm erschien der wilde Jäger, der Wode. Kaum
+ist eine Sage der Gegenwart häufiger und vielfältiger bezeugt als
+diese&#x2060;<a id="FNanchor_131_131" href="#Footnote_131_131" class="fnanchor">[131]</a>. Unter Wodan wird <span class="pagenum" id="Page_181">[S. 181]</span>noch mehr davon zu berichten sein,
+hier sollen nur einige Gestalten herausgehoben werden, in denen der
+<em class="gesperrt">Sturm als Riese</em> verkörpert wird. In der Schweiz heisst die wilde
+Jagd das <i>Dürstengejeg</i>. Das Volk hört den <i>Dürst</i> in den
+Sommernächten am Jura jagen und die Hunde mit seinem Hoho anfrischen;
+Unvorsichtige, die ihm nicht aus dem Wege weichen, überrumpelt er.
+Wenn die Alemannen den <i>thurs</i> umreiten hören, so die Dänen den
+<i>jotun</i>. Auf der Insel Möen jagt der <i>Grönjette</i>, der bärtige
+Riese, jede Nacht zu Pferde, eine Meute Hunde um sich herum. Er jagt
+nach der Meerfrau, die er schliesslich einholt und quer vor sich übers
+Pferd wirft. Im Süden und Norden sieht also die Sage gleichmässig im
+wilden Jäger einen riesigen Reiter und nennt ihn noch nach seinen
+alten Namen. Die allgemeinen Bezeichnungen des Riesengespenstes als
+Nachtjäger, Helljäger, die vielen geschichtlichen Personen, die damit
+verknüpft wurden, berühren uns in dieser Mythologie nicht weiter, wo
+nur auf den <i>Riesenjäger</i> und auf den <i>Wode</i> Gewicht fällt.
+Jedoch ältere Sagen aus dem Mittelalter, die auf derselben Vorstellung
+beruhen, verdienen Beachtung. In einem Wettersegen des 11. Jahrhunderts
+wird <i>Mermeu</i>t, der übers Wetter gesetzt ist, ein Riese (<i>daemon
+et satanas</i>) beschworen, keinen Hagel übers Feld zu bringen.&#x2060;<a id="FNanchor_132_132" href="#Footnote_132_132" class="fnanchor">[132]</a>
+In einem späteren Segen steht: <i>„Ich peut dir Fasolt, dass du das
+wetter verfirst mir und meinen nachpauren ân schaden“.</i> Dieser
+<i>Fasolt</i> ist also ein Wetterherr. Im Eckenlied wird Näheres von
+ihm erzählt, und er zeigt sich deutlich als Sturmriese, als wilder
+Jäger. Fasolt, dessen Leib Riesenlänge hat, der langes Frauenhaar
+trägt, dem wilde Lande unterthan sind, kommt daher geritten mit lautem
+Horneston, von Hunden umgeben. Er jagt eine schöne Jungfrau, die
+in Dietrichs Schutz flüchtet. Im Kampfe mit Dietrich bricht Fasolt
+starke Baumzweige ab, mit denen er auf seinen Gegner losschlägt.
+Der Sturmriese fällt Bäume, räumt den Wald aus und lässt ihn laut
+erschallen, wie die Riesennamen der Virginal Vellenwalt, Rûmenwalt,
+Schelledenwalt andeuten. Das spätmhd. Gedicht vom <i>Wunderer</i>
+schildert einen ähnlichen wilden Unhold, der mit Hunden die Jungfrau
+Sälde hetzt und sie fressen will, <span class="pagenum" id="Page_182">[S. 182]</span>aber vom Berner im Kampf erschlagen
+wird. Überall tritt uns das Bild des Sturmriesen vor Augen, dem
+die Windsbraut oder ein elbisches Weib voranfegt. Wenn nach den
+Skáldskaparmál Kap. 1 Odin auf Sleipnir mit dem Riesen Hrungnir wettet,
+er habe gewiss kein ebenso treffliches Ross, Hrungnir aber zornig
+seinen Gullfaxi besteigt und dem Odin nachjagt, wenn die Rosse durch
+Luft und Meer über die Spitzen der Hügel hinfliegen, so erschauen wir
+ein Wettrennen zwischen dem <i>Sturmgott</i> und seinem riesischen
+Urbild, dem <i>Sturmriesen</i>. Der Windriese nimmt aber auch tierische
+Gestalt an. Als Adler rauscht er durch die Lüfte. So heisst es im
+Wafthrudnirlied 37:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Riese Hraeswelg &#8195; sitzt am Rande des Himmels</div>
+ <div class="verse indent9">In des edlen Aars Gestalt;</div>
+ <div class="verse indent0">Regt er die Schwingen, &#8195; so rauscht, wie man sagt,</div>
+ <div class="verse indent9">Der Wind dahin durch die Welt.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Darum erscheinen Riesen überhaupt gern in Adlergewand. Thjazi, der
+Sturmriese des nordischen Hochgebirges, sitzt in Adlergestalt im
+Gezweig der Eiche und verhindert mit seinem Flügelschlage, dass die
+unter dem Baum gelagerten Götter das Fleisch am Feuer gar sieden. Der
+Sturm rauscht in den Baumzweigen, das ist die Stimme des Adlerriesen,
+welche die Götter vernehmen, der Wind verweht das Kochfeuer und
+verhindert so den Sud, bis ihm Anteil an der Speise zugesagt wird. Auch
+nach späterem Volksglauben will der Wind Opfer haben und gefüttert
+sein. Hernach entführt Thjazi in Adlergestalt die Idun aus Asgard, in
+Adlergestalt verfolgt er Loki, welcher Idun zurückholt, und versengt
+sein Gefieder im Feuer, das die Asen entfacht, worauf er erschlagen
+wird. Thrymheim, die Welt des Getöses (<i>þrymr</i>, Lärm, Getöse), wo
+die Stürme sausen und brausen, wol nur ein anderer Name des „<i>weiten
+Windheims</i>“, wie die Vǫlospǫ́ den Himmel als die Heimat der Winde
+bezeichnet, ist des Thjazi Wohnsitz. Dem mit dem Dichtermet im Leibe
+in Adlergestalt entfliegenden Odin setzt Suttung gleichfallls in
+Adlergestalt nach. Wie der Sturmgott mit dem Sturmriesen Hrungnir um
+die Wette ritt, so fliegt er hier als Adler mit ihm um die Wette.
+Derselbe Gedanke ist bildlich nur anders gewendet.</p>
+
+<p>Die Skalden bezeichnen, vielleicht teilweise aus volkstümlicher
+Anschauung schöpfend, den Wind wie ein persönliches Wesen, als den
+Brecher (<i>brjótr</i>), Schädiger (<i>skađi</i>), Fäller (<i>bani</i>)
+des Waldes. <span class="pagenum" id="Page_183">[S. 183]</span>Auch als Hund und Wolf (<i>hundr</i>, <i>vargr</i>) des
+Waldes erscheint der Wind. Bereits bei den Elben war auf die Tiere
+hinzuweisen, auf den Roggenwolf und Roggenhund, die beim Winde durchs
+Korn laufen. Korngeister in menschlicher und tierischer Gestalt gibt
+es in Menge. Elbe und Riesen gehen aber in diesen „Korndämonen“ so
+unmerklich in einander über, dass ebenso dieser Abschnitt wie der
+vorige ihrer zu gedenken hat.</p>
+
+<p>Riesen des tosenden Gewitters, Gegenbilder Thors, wie die Windriesen
+Odin gegenüber stehen, treten in Hrungnir, Geirröd und vielleicht
+auch in Thrym hervor. Hrungnir ist mit Thrym gleichbedeutend, der
+Lärmer&#x2060;<a id="FNanchor_133_133" href="#Footnote_133_133" class="fnanchor">[133]</a>, und wol alle gehören nach Thrymheim, das dem Thjazi als
+Heimstätte zugewiesen ist. Die Gegnerschaft Thors und Thryms ergibt
+sich aus dem Gedichte, das schildert, wie Thrym den Hammer des Gottes
+entwendet. Gott und Riese streiten um die Herrschaft über das Gewitter.
+Im offnen Kampfe erblicken wir Thor mit Hrungnir und Geirröd. Hrungnir
+und Mokkurkalfi (Nebelwade), der Stein-, Lehm- und Nebelriese, der
+umnebelte, aus Lehmgrund aufragende Fels im Geröllfelde, werden
+besiegt, wenn krachend Gewitter im Gebirge sich verfangen. Es ist das
+Unwetter des nackten Felsgebirges, das mit Geröllsturz herniederbraust,
+vom Gewitter gerüttelt und gelöst. Leicht vermischt sich die
+Vorstellung vom Wetterriesen mit der des Bergriesen, da Wind und Wetter
+aus den Bergen hervorbrechen. Der Kampf zwischen Thor und Geirröd
+spielt sich in Geirröds Halle ab. Die ganze Halle entlang waren grosse
+Feuer entzündet; als Thor vor Geirröd trat, fasste dieser mit einer
+Zange ein glühendes Eisenstück und warf es nach Thor. Thor aber fing
+das glühende Eisen mit seinen Eisenhandschuhen auf und hob es in die
+Luft. Da sprang Geirröd hinter eine Säule, um sich zu schützen, Thor
+jedoch schwang das Eisenstück hoch in die Luft und schmetterte es durch
+die Säule. Es durchschlug auch den Geirröd und die Wand der Halle und
+fuhr ausserhalb tief in die Erde hinein. Das Geschoss ist das Bild des
+Blitzes. Blitze zucken gegen einander, wo zwei Gewitter auf einander
+stossen. Der Gewittergott überwindet den Gewitterriesen. Aber nur in
+diesem Wettkampfe zeigt sich Geirröd als Gewitterriese, <span class="pagenum" id="Page_184">[S. 184]</span>im übrigen ist
+die Sage reich mit allerlei anderen Zügen ausgestattet.</p>
+
+<p>Noch sind einige Namen zu erwähnen, die aber nicht über die mythische
+Keimbildung blosser Personificierung gediehen, wenigstens sind
+keine Sagen davon bekannt. Unter den Riesennamen der SE. finden
+wir einen <i>Vindr</i>; in einer norwegischen Wendung der Sage vom
+Riesenbaumeister, der dem hl. Olaf eine Kirche baut, führt der
+Unhold den Namen <i>Vind och Veder</i>, oder <i>Bläster</i>. In
+Deutschland ist von der <i>Windin</i>, der <i>windes brût</i> oder
+<i>windgelle (venti concubina)</i> die Rede, der Wirbelwind ist als
+ein durch die Luft fahrendes, vom Sturm umbuhltes Riesenweib gedacht.
+<i>Vindsvatr</i> (Windkühl) oder <i>Vindljóni</i> (Windmensch)
+heisst im Norden des <i>Vętr</i> (Winter) Vater. Die Eltern Lokis,
+<i>Fárbauti</i>, den gefährlich Schlagenden, d.&#8239;h. den Sturmwind,
+und <i>Nál</i>, d.&#8239;h. Nadel am Nadelbaum oder <i>Laufey</i>, d.&#8239;h.
+Laubinsel deutet Bugge, Studien 80 als ein dichterisches Bild, das den
+Ursprung des Feuerriesen Loki erklären soll: der Sturm schlägt und
+entfacht Feuerflammen aus dem Gehölz. In der Virginal 732 tritt ein
+Riese Velsenstôȥ auf:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>sîn stimm rekt als ein orgel dôȥ,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>sô man sî sêre stimet;</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>dâ von berc unde tal erschal.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Gemeint ist der im Hochgebirg heulende, tosende Sturm. Glockebôȥ
+(ebenda 864 ff.), der Glockenschläger, ist der Sturmwind, der die
+Glocken in Schwingung versetzt, und zu ihm steht Klingelbolt (870
+ff.). Vielleicht kommt in diesen Namen auch der Hass der Riesen gegen
+Glockenschall zum Ausdruck.</p>
+
+<p>Von <i>Kári</i> d.&#8239;h. der windbewegten Luft&#x2060;<a id="FNanchor_134_134" href="#Footnote_134_134" class="fnanchor">[134]</a> stammen Eis und
+Schnee, <i>Vindsvatr</i> ist des Winters Vater. Die winterlichen
+Mächte sind mithin die Kinder der Winterstürme, die Winterriesen
+dürfen den Windriesen zugezählt werden. Die nordischen Gedichte
+nennen uns <i>hrímþursar</i>, Reifriesen&#x2060;<a id="FNanchor_135_135" href="#Footnote_135_135" class="fnanchor">[135]</a>; mit <i>hrím</i>
+sind mehrere Riesennamen zusammengesetzt wie Hrimnir, Hrimgrimnir,
+Hrimgerd. Ymir-Örgelmir ist der Ahnherr der Reifriesen, er ging aus den
+chaotischen Eis- und Reifmassen hervor, die winterliche Kälte wird in
+diesen Riesengestalten persönlich.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_185">[S. 185]</span></p>
+
+<h4 id="Berg_und_Waldriesen_5"><b>5. Berg- und Waldriesen.</b></h4>
+
+<p>Die Volkssage vergleicht Berge mit Riesenleibern oder sie bevölkert
+die Bergwelt mit Riesen. Im Norden heissen die Jotunen Berg-,
+Fels-, Stein-, Lavabauern oder Höhlenbewohner.&#x2060;<a id="FNanchor_136_136" href="#Footnote_136_136" class="fnanchor">[136]</a> Das unwirtliche
+Hochgebirge und die Klippen sind die Heimat des Riesenvolkes, von dort
+her machen sie ihre verderblichen Einfälle in das von Menschen bebaute
+Land; wer in die wilde Einöde wandert, begibt sich ins Gebiet und in
+die Macht der furchtbaren Unholde. Ein schöner stattlicher Bergkönig
+Norwegens, von dem die Kjalnesinga saga Kap. Nr. 12/4 berichtet, ist
+<i>Dofri</i>, der Gebieter des Dovregebirges, der drinnen in prächtigen
+Räumen mit vielem Volke wohnt; der Eingang lag unter einem Gipfel in
+einem Felsen. Er war nicht unfreundlich. Mit seiner schönen Tochter
+Frid lebte Bui, der Sohn des Königs Harald Harfagri von Jul bis
+Sommersanfang in Liebe zusammen. Ihrem Sohne Jokull war die Bergriesin
+Gnípa (d.&#8239;h. Berggipfel) weniger hold gesinnt.</p>
+
+<p>Bergbewohnende Riesen sind die 12 Riesen im Nibelungenlied, die
+Schilbung und Nibelung dienen, und im Hürnen Seyfrid der Riese
+<i>Kuperan</i>, welcher den Schlüssel zum Drachenstein in Bewahrung
+hat. <i>Hyndla</i>, die Höhlenbewohnerin, ist eine Riesin, die auf dem
+Wolfe, dem Reittier der Unholdinnen, ausreitet. Sie heisst als Riesin
+<i>brúþr jǫtons</i> (51) und <i>íviþja</i> (49), d.&#8239;h. Waldriesin.
+Einem Riesenweibe (<i>gýgr</i>), die im Steine wohnt, begegnen wir im
+Lied von Brynhilds Todesfahrt. Die Unholdin sucht den Weg zu sperren,
+wird aber von Brynhild zum Weichen gebracht. Die Riesentochter
+<i>Gunlod</i>, die aber schön und anmutig ist, weilt als Hüterin des
+kostbaren Metes im Berge.</p>
+
+<p>Seltsame, menschenähnliche, einsam aufragende Felsen riefen Sagen von
+versteinerten Riesen&#x2060;<a id="FNanchor_137_137" href="#Footnote_137_137" class="fnanchor">[137]</a> hervor, die ebenso im Norden wie im Süden
+begegnen. Die Riesen sind entweder, wie auch andere Nachtunholde, vom
+Sonnenstrahl getroffen oder wegen irgend <span class="pagenum" id="Page_186">[S. 186]</span>welcher Unthat verflucht zu
+Stein gewandelt. Die Riesin Hrimgerd im Lied von Helgi Hjorwardsson
+wird vom Sonnenstrahl versteinert, der hl. Olaf verfluchte Trolle, die
+dem Christentum feindlich waren, in Klippen. In der deutschen Sage
+wird meist ein allgemein sittlicher Grund solcher Versteinerungen
+angegeben, grosser Übermut oder gottlose Grausamkeit. So in der Sage
+vom <i>Watzmann</i>.&#x2060;<a id="FNanchor_138_138" href="#Footnote_138_138" class="fnanchor">[138]</a> Der war ein alter Riesenkönig, der für seine
+blutige Wildheit mit Weib und Kind zu dem vielzackigen, gewaltigen
+Bergstock verwünscht ward. Bei einer unmenschlich grausamen That des
+Wüterichs, der als wilder Jäger geschildert ist, endete Gottes Langmut.
+Ein dumpfes Brausen erhob sich, ein Donnern in den Höhen, ein Heulen
+in den Klüften, und des Königs eigne Hunde würgten ihn, sein Weib und
+seine sieben Kinder, dass ihr Blut zu Thal strömte. Ihre Leiber aber
+wuchsen versteinernd zu Bergen. So steht noch der eisumstarrte König
+Watzmann, neben ihm der kleinere Zinken, sein Weib, um ihn die sieben
+Kinder, tief unten die weiten Becken zweier Seen, in welche einst das
+Blut der Grausamen floss. Gewitter, Bergsturz, Überschwemmung wirken
+oft in den Bergriesensagen zusammen, wie ja auch Hrungnir Gewitter- und
+Bergriese in einer Person ist. Wegen Übermuts ist die Riesenkönigin
+<i>Frau Hütt</i> bei Innsbruck verzaubert. Ebenso im Sinthale in Tirol
+der Riese <i>Serles</i>, der wegen seines Wütens samt seinem Weib und
+seinem Berater zu den drei Felszacken versteinert ist, die über der
+Brennerstrasse aufsteigen.</p>
+
+<p>Die Vorrede zum Heldenbuch nennt eine Riesin namens <i>Runse</i>,
+Eckes Vaterschwester.&#x2060;<a id="FNanchor_139_139" href="#Footnote_139_139" class="fnanchor">[139]</a> Runse ist abgeleitet aus <i>runs</i>, etwas
+das rinnt, worin etwas rinnt, also sowol Erguss, Fluss, als Rinnsal.
+Die Runse ist eine Riesin des Tiroler Hochgebirges, ein wildes wüstes
+Waldweib von schreckhaftem Aussehen; doch sind ihre Wirkungen noch
+schrecklicher, jene Schlammgüsse nämlich, die bei heftigem Regen aus
+den Hochgebirgen niederstürzen und Erde, Bäume, Hütten und Felsen
+fortreissend über Abhänge und Thäler die grausigsten Verwüstungen
+schütten. Solche Runsen hausen in den Tiroler und Schweizer Alpen
+leider viele. Auch die norwegischen Gebirge scheinen solche böse
+Riesinnen zu kennen, denn <i>Leirwor</i>, die Schlammige, Lehmige, mag
+niemand anders als eine <span class="pagenum" id="Page_187">[S. 187]</span>nordische Runse sein. Neben dem Steinriesen
+Hrungnir steht der Lehmriese (<i>leirbrímir</i>) Mokkurkalfi, den
+Thjalfi zu Fall bringt. Auf Felssturz und Lehmrutsch, in dunkle
+Nebelwolke gehüllt, mag die Sage anspielen.</p>
+
+<p>Im Mühlenlied der Snorra Edda, im Grottasǫngr, treten zwei Riesinnen
+namens <i>Fenja</i> und <i>Menja</i> hervor. König Frodi hatte die
+Mädchen in Schweden gekauft und führte sie nach Dänemark heim, wo sie
+Magddienste verrichten mussten. Sie allein waren stark genug, die
+Mühle Grotti zu treiben.&#x2060;<a id="FNanchor_140_140" href="#Footnote_140_140" class="fnanchor">[140]</a> Grotti aber war eine Wunschmühle, Frodi
+befahl den Mägden, rastlos Gold, Frieden und Glück zu mahlen. Aber die
+erzürnten Riesinnen mahlten Unfrieden, dass Frodi von seinen Feinden
+überfallen und getötet ward. Daran ist in der prosaischen Einleitung
+eine zweite Sage angehängt. Der Seekönig Mysing nimmt die Mühle und
+die Mägde an sich und befiehlt, Salz zu mahlen. Sie mahlten, bis
+das Schiff sank. Seitdem ist dort ein Strudel, wo die See durch das
+Loch des Mühlsteines fiel. Seitdem ist auch das Meer salzig. Sagen
+von Wunschmühlen, die durch unrechten Gebrauch ihren Segen in Unheil
+verkehren, sind auch sonst vorhanden. Ebenso Geschichten, warum das
+Meer Strudel bildet und salzig schmeckt. Die Riesinnen gedenken ihrer
+Abstammung von Hrungnir, Thjazi und andern Bergriesen. Neun Winter lang
+wuchsen sie unter der Erde auf, mächtige Thaten vollführten sie und
+verrückten selbst Berge. Steine wälzten sie übers Gehege der Riesen,
+dass die Erde erbebte; grosse Blöcke schleuderten sie zu den Menschen.
+Im Lande der Schweden aber übten sie Walkürenthaten, der harte Speer
+ziemte ihren Händen besser als die Mahlstange. Die Übertragung der
+Walkürenschaft auf Riesinnen konnte wol erst verhältnissmässig spät
+geschehen und ist schwerlich ein alter, echter Zug.&#x2060;<a id="FNanchor_141_141" href="#Footnote_141_141" class="fnanchor">[141]</a> Im übrigen
+gebärden sich Fenja und Menja durchaus als Bergriesinnen, die
+Felsblöcke herabstürzen und Bergrutsch verursachen. Auf die Etymologie
+des Namens Fenja (zu fen, Meer) gestützt deutete Uhland die Mädchen als
+Wasserriesinnen, als Aegirs Töchter, als <span class="pagenum" id="Page_188">[S. 188]</span>Meereswogen und Bergströme.
+Die Auslegung ist allzu künstlich und widerspricht der thatsächlichen
+Schilderung von der Art der beiden Riesentöchter. Die Mühle und
+die Mahlmägde stehen überhaupt schwerlich in altem ursprünglichem
+mythischem Zusammenhang.</p>
+
+<p id="Waldriesen">Besondere <em class="gesperrt">Waldriesen</em> sind nur in geringer Anzahl vorhanden
+und meistens ihrem Wesen nach eher zu den Windriesen zu stellen.
+Vielleicht mag der germanische Urwald dichter von Riesen bevölkert
+gewesen sein als die heutigen Wälder, in denen elbische Waldgeister
+vor den riesischen vorherrschen. Das Hyndlalied 34 erwähnt einen
+<i>Widolf</i> als Ahnherrn der <i>vǫlor</i>, der Weissagerinnen,
+ohne weiteres von ihm zu sagen. <i>Vitolfus</i> bei Saxo ist ein in
+der Heilkunst erfahrener, durch Nebel trügender Waldeinsiedler. Der
+Riese <i>Widolt</i> im König Rother, ein furchtbarer Kämpfer, der
+mit der Stahlstange zuschlägt und für gewöhnlich in Ketten gefesselt
+ist, kommt Widolf im Namen nahe. Gemeint ist wol ein Waldriese (an.
+<i>viđr</i>, ahd. <i>witu</i>, Gehölz), ein wilder Mann&#x2060;<a id="FNanchor_142_142" href="#Footnote_142_142" class="fnanchor">[142]</a>, dessen
+fürchterliche Erscheinung der deutschen Sage wol bekannt ist. Er
+ist ein gewaltiger Riese, von weitem gleicht er einer Fichte, die
+ganz mit Moos überkleidet ist. Wenn er auf dem Wege eines Stockes
+benötigt, so reisst er den nächsten Baumstamm aus. Manchmal stürmt
+er im brausenden Winde einher und verfolgt wie der wilde Jäger
+elbische Waldfrauen. Der Riesenname <i>Welderich</i>, Beherrscher der
+Wälder, der im gedruckten Heldenbuche vorkommt, entstammt demselben
+Vorstellungskreise. Waldriesinnen sind wol mit den nordischen
+<i>íviþjur</i> gemeint. Auch <i>járnviþja</i> ist so zu erklären.
+<i>Járnviþr</i> bedeutet Eisenwald, wie auch in Deutschland Wälder von
+hohem Alter und unvergänglicher Dauer genannt sind. <i>Járnviþja</i>
+ist die Bewohnerin eines solchen Waldes, die Urwaldriesin. In Südtirol
+sind die Waldfrauen von ungeheurer Gestalt, am ganzen Körper behaart
+und beborstet; ihr Antlitz ist verzerrt, ihr Mund von einem Ohr zum
+andern gezogen. Ihr schwarzes Haupthaar hängt voll Baumbart und reicht
+rauh und struppig über den Rücken. Joppen von Baumrinden und Schürzen
+von Wildkatzenpelzen bilden ihre Kleidung.</p>
+
+<p>Sie leben in Gesellschaft in Wäldern zusammen und sind an den
+heimischen Wald gebunden. Wird er geschlagen, so schwinden <span class="pagenum" id="Page_189">[S. 189]</span>sie. Wie
+die Namen erweisen, sind sie eigentlich persönlich gewordene Bäume:
+Hochrinta (hohe Rinde), Stutzforche (Stutzföhre), Rohrinta (rauhe
+Rinde) sind sie benannt. Auf Tiergestalt zielt der Name Stutzemutze
+(Stutzkatze). Im ganzen aber gebärden sich die Waldriesinnen genau so
+wie die Waldelbinnen, nur in ihrer äusseren Erscheinung, nicht in ihrer
+Art sind sie verschieden.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Es bleiben noch einige Riesen übrig, welche in die eben besprochenen
+Hauptklassen sich nicht einfügen. Sie sind späte Allegorieen, welche
+keine lebendigen Sagen hervorgebracht haben. <i>Feuerriesen</i>
+erscheinen in Fornjots Geschlecht, in Logis Sprösslingen. Logi, die
+Lohe, treffen wir nur ein einziges Mal bei Thors Fahrt zu Utgardloki.
+Loki erbietet sich, mit einem der Utgardleute um die Wette zu essen.
+Da tritt Logi dem Loki gegenüber. Ein grosser Trog, mit Fleisch
+gefüllt, ward herbeigebracht und auf den Fussboden der Halle gesetzt.
+Loki war am einen Ende, Logi am andern. Jeder von beiden ass nun, so
+rasch er konnte, in der Mitte des Troges kamen sie zusammen. Da hatte
+Loki alles Fleisch verzehrt bis auf die Knochen, Logi aber hatte
+ausser dem Fleisch auch die Knochen mitsamt dem Troge verschlungen
+und hatte also die Wette gewonnen. Diese schwankartige Erzählung
+soll das fressende Feuer, dessen Gier nichts verschont, andeuten.
+Die Riesennamen <i>Eldr</i> (Feuer), <i>Herkir</i> (zu <i>harka</i>,
+Feuer), <i>Brandingi</i> (Sohn des Brandes), <i>Hripstod</i> (zu
+<i>hripuđr</i>, Feuer?), <i>Hyrja</i> (zu <i>hyrr</i>, Feuer)
+zeigen Versuche zur Personificierung des Elementes. Die Riesin
+<i>Hyrrokin</i>, die auf einem schlangengezäumten Wolfe heranreitet und
+das Leichenschiff Baldrs mit einem Stosse in die See treibt, nachdem
+die Götter sich vergeblich damit abgemüht hatten, ist der feurige
+Wirbelwind.&#x2060;<a id="FNanchor_143_143" href="#Footnote_143_143" class="fnanchor">[143]</a> Endlich ist <i>Surt</i>
+ zu nennen.&#x2060;<a id="FNanchor_144_144" href="#Footnote_144_144" class="fnanchor">[144]</a> Surts Lohe
+(<i>Surta loge</i>) ist der <span class="pagenum" id="Page_190">[S. 190]</span>Weltbrand, in dem dereinst alles endigen
+wird. Von Mittag her kommt Surt gefahren mit Feuer, von seinem Schwerte
+geht Glanz aus: vor ihm und hinter ihm ist brennendes Feuer. Auf Island
+sind Erdbrände vulkanischen Ursprungs gefährliche Ereignisse, welche
+dem Wirken der Riesen zugeschrieben werden. So erzählt die Landnáma
+2 Kap. 5: „Thorir war da alt und blödsichtig geworden, als er spät
+am Abend hinausging, und er sah, dass ein Mann von aussen her nach
+Kaldaros hereinruderte in einem Eisennachen, gross und bösartig. Der
+ging hinauf zu dem Hofe, der Hrip hiess, und grub da beim Stadelthore.
+In der Nacht aber schlug ein Erdfeuer dort auf und da brannte
+Borgarhraun; dort stand der Hof, wo jetzt der Lavahaufen ist.“</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Streit zwischen Sommer und Winter&#x2060;<a id="FNanchor_145_145" href="#Footnote_145_145" class="fnanchor">[145]</a> ist von alters her
+allegorisiert worden. In Frühlingsfeiern treten die beiden Gegner
+persönlich auf und streiten um den Vorrang, den der Sommer schliesslich
+siegreich behauptet. Aber die persönlich vorgestellten Träger der
+sommerlichen und winterlichen Macht und Abzeichen lassen sich nicht
+in den lebendigen Glauben und Kult des germanischen Heidentums
+zurückführen, obschon Ansätze in den nordischen Quellen vorhanden sind.
+<i>Swasud</i> (der Milde) und <i>Windswal</i> (der Windkalte) sind zwei
+Riesen, deren Söhne nach dem Wafthrudnirlied 27 <i>Vetr</i> (Winter)
+und <i>Sumar</i> heissen. Nach Gylfaginning Kap. 19 ist <i>Wasad</i>
+(Kummerbringer zu an. <i>vás</i>, Mühe, Kummer) Vetrs Ahne, Windswals
+Vater. „Diese Sippe war rauh und kaltherzig, der Winter hat ihre Art
+geerbt.“</p>
+
+<p>Der Stammbaum der <i>Nólt</i> (Nacht), deren Sprössling <i>Dagr</i>
+(Tag) ist, geht auf Riesen zurück. Das Nähere darüber wird unten im
+Abschnitt über die Weltschöpfung mitgeteilt.</p>
+
+<h4 id="Spuren_vom_Riesenkult_6"><b>6. Spuren vom Riesenkult.</b></h4>
+
+<p>Ein <i>Riesenkult</i> ist nur schwach bezeugt. In einigen Beschwörungen
+werden Riesen angerufen zu Fluch und Segen. Die Zauberin Busla ruft
+Trolle, Bergriesen und Hrimthursen herbei, dass sie dem König Hring
+Schaden thun (Bósasaga Kap. 5). Im deutschen <span class="pagenum" id="Page_191">[S. 191]</span>Wettersegen werden
+Mermeut und Fasolt beschworen, das Unwetter abzuwenden. Im Skirnirlied
+35 wird Gerd verwünscht, dem Riesen Hrimgrimnir im Totenland bei den
+Hrimthursen anheimzufallen, wofern sie nicht Freys Werbung sich füge.
+Um fliessendes Blut zu stillen, lautet ein altdeutscher Segen&#x2060;<a id="FNanchor_146_146" href="#Footnote_146_146" class="fnanchor">[146]</a>:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>tumbo saȥ in berke&#8195; mit tumbemo kinde enarme.</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>tumb hieȥ ter berch,&#8195; tumb hieȥ taȥ kint:</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>ter heilego Tumbo&#8195; versegene tiusa uunda.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Mit Tumbo (ahd. mhd. <i>tump</i>, got. <i>dumbs</i>, an. <i>dumbr</i>)
+ist ein stummer, gefühlloser Steinriese gemeint, der nun auch die
+Wunde gefühllos, schmerzlos machen soll. Der starre, stumme Riese
+sitzt auf einem Berge mit einem Kinde im Arme. Vielleicht liegt eine
+Versteinerungssage zu Grunde, eine seltsame Felsbildung, die einem
+riesigen Manne mit einem Kinde im Arme glich. Beachtung verdient
+auch die nordische Barðarsaga Dumbssonar, worin der Riesenkönig
+<i>Dumbr</i> in Norwegen ein <i>bjargvættr</i>, ein Schutzgeist genannt
+wird. Sein Sohn Bard, welchen Mjöll gebar und Dofri erzog, der also
+aus den Schneewehen des norwegischen Hochgebirges herstammt, ging
+auf Island in den Snæfellsgletscher ein. Die Leute hielten ihn für
+einen <i>heitguđ</i> (einen mit Gelübden anzurufenden Gott) und einen
+kräftigen Schutzgeist (<i>bjargvættr</i>). Dumbr vergleicht sich im
+Namen dem Tumbo, aber sonst zeigen sich keinerlei Ähnlichkeiten. Unter
+den Riesennamen zählt die SE. 1, 471 und 551 auch Dumbr auf.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_192">[S. 192]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="ZWEITES_HAUPTSTUCK">
+ ZWEITES HAUPTSTÜCK.
+ </h2>
+
+</div>
+
+<h3 id="Der_Goetterglaube.">Der Götterglaube.</h3>
+
+<h4 id="Namen_und_Art_der_Goetter"><b>Namen und Art der Götter.</b></h4>
+
+<p>Zum Gottesbegriff kann nur ein höher veranlagtes, geistig
+fortgeschrittenes Volk gelangen. Zweifellos sind die religiösen
+Grundlagen oft dieselben wie beim Geisterglauben, ein Zusammenhang
+zwischen Gott und Naturgeist ist nicht abzuleugnen. Der Machtbereich
+des letzteren erscheint beim Gotte nur vermehrt und erweitert, die
+Eigenschaften mehrerer Dämonen sind manchmal vereinigt auf ein höheres
+Wesen übertragen, ohne dass die Elbe und Riesen deshalb aufhörten,
+die vielmehr im Gefolge des Gottes oder auch als seine Feinde weiter
+leben. Gerade aber diese Anschauung setzt einen höheren Gedankenflug
+voraus, der Gottesbegriff bedeutet den Sieg des Geistes über den rohen
+Stoff. Der Naturdämon lebt ganz <i>in</i> seinem Element; ist er mit
+übermenschlicher Fähigkeit begabt, so ist er doch beschränkt wie sein
+Wirkungskreis. Selbst seine äussere Erscheinung ist durch seinen
+Ursprung bestimmt. Der Gott aber thront <i>über</i> den Elementen
+als ordnender, richtender Herrscher. Seine Gestalt ist die des edlen
+Heldenkönigs, blühend in Schönheit und Kraft oder Ehrfurcht erweckend
+durch Weisheit und reiche Erfahrung. Die Göttin erscheint als hehre
+und anmutige königliche Frau. Der Gott, wie er in der Vorstellung
+der Völker lebt, vereinigt alles Vollkommene in einer glänzenden,
+mächtigen, geisterfüllten Persönlichkeit. Er ist das Ideal der
+sterblichen Helden und Fürsten. Der Gottesdienst gewinnt ungleich
+höhere Bedeutung: Seelen und Elbe empfangen Opfer, weil sie ins
+alltägliche, gewöhnliche Leben, in die Wirtschaft hemmend und fördernd
+eingreifen, die Götter aber lenken die Geschicke des gesamten Volkes,
+Staat und Recht ist von ihnen gesetzt und wird von ihnen geschützt, sie
+verkörpern die sittliche Macht. Die Indogermanen <span class="pagenum" id="Page_193">[S. 193]</span>waren bereits zum
+Gottesbegriff gelangt, und eine gemeinsame Grundlage, so verschieden
+die spätere Entwicklung bei den einzelnen Völkern sich auch vollzog,
+liegt überall vor. Es war ein Glaube an das Walten lichter Götter
+(indisch <i>dêvas</i>), an deren Spitze der Beherrscher des hellen
+Tageshimmels stand. Die natürlichen Feinde des Lichtes sind die Mächte
+der Finsterniss, in deren Schutze die Unholde ihr Wesen treiben. Nicht
+immer blieb der Himmelsgott in seiner führenden Stellung. Zwar Zeus
+hat sie behauptet, aber der indische Dyâus räumte bald andern den
+Platz, schon die ältesten Urkunden zeigen ihn zurückgedrängt. Ebenso
+geschah es bei den Germanen. Schon hieraus sieht man, wie sehr der
+Götterstaat dem Wechsel unterliegt. Die allgemeinen Grundtypen des
+Seelen- und Elbenglaubens sind allerdings gemeingermanisch, schon
+bei den Riesen aber beginnen die besonderen Gebilde, bedingt durch
+die Naturverhältnisse, in denen die verschiednen Stämme lebten. Noch
+viel stärker aber sind die Unterschiede im Götterglauben, in dem fast
+jeder Stamm eigene Wege wandelte. Nur Weniges, aus der vorgermanischen
+Urzeit ererbt, gehört allen Germanen gemeinsam und darf daher in
+die vorgeschichtliche Periode vor Beginn der bestimmten Nachrichten
+zurückverlegt werden. Drei Göttergestalten sind allein mit Sicherheit
+zum Urbestand des germanischen Himmels zu rechnen: der des Donners
+mächtige Himmelsgott (Jupiter tonans) in die zwei Gestalten des
+<i>Tiuȥ</i> und <i>Ponaraȥ</i> gespalten und seine Gattin <i>Frijô</i>,
+die Liebliche. Alles Andere scheint Sonderbildung der einzelnen Stämme
+und Kultverbände zu sein. Die folgenreichste Neuerung im Glauben
+unsrer Väter, das allmälige Aufkommen des <i>Wôđanaȥ</i>, sein Sieg
+über <i>Tiuȥ</i> vollzieht sich im Gesichtskreis unsrer Beobachtungen.
+Eine runde, feste Götterzahl ist weder für die Urzeit noch für
+später nachweisbar. Der Grundzug des germanischen Götterglaubens ist
+kriegerisch. Das Schicksal des Volkes entscheidet die Schlacht. Daher
+ist die Göttersage von Kämpfen erfüllt, um Sieg wird die Gottheit
+angerufen. Siegesglück ist die höchste Spende, die der Gott verleiht.
+Im Heldenzeitalter treten die germanischen Stämme in die Geschichte,
+von Heldengeist ist ihre älteste Dichtung erfüllt, dasselbe Gepräge
+trägt Götterglaube und Göttersage. Nur selten in abgelegenen Ländern
+wird der hohe himmlische Herrscher ebenso eifrig als Herr des Friedens
+wie als Herr des Sieges gepriesen und angerufen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_194">[S. 194]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die gemeingermanische Bezeichnung der Gottheit lautet got. <i>guþ</i>
+pl. <i>guda</i>, as. ags. ahd. <i>gođ</i>, <i>got</i>, an. <i>gođ</i>,
+<i>guđ</i>. Die urgermanische Grundform ist als <i>guđam</i>, pl.
+<i>guđô</i> anzusetzen&#x2060;<a id="FNanchor_147_147" href="#Footnote_147_147" class="fnanchor">[147]</a>. Aus dem Gotischen und Nordischen ergibt
+sich, dass die Form des Wortes ursprünglich neutral war und wol meist
+in der Mehrzahl vorkam. Erst im Christentum gewann der allgemeine
+Begriff bestimmte Bedeutung und wurde als Masculinum gebraucht. Dem
+germanischen Heidentum lag im Worte „Gott“ der Begriff „Gottheit,
+göttliches Wesen“. Die Etymologie führt auf eine indogermanische
+Participialbildung <i>ghutóm</i> zur Wurzel <i>gheu</i>, <i>ghu</i>,
+welche im Sanskrit und Avestischen namentlich im sakralen Sinne
+verwendet wird und das Anrufen der Götter bezeichnet. <i>Ghutom</i> ist
+das mit Opfer und Gebet angerufene Wesen, erweist mithin uralten, vom
+höheren Gottesbegriff untrennbaren Gottesdienst. Ein Femininum zu Gott
+konnte sich erst spät einstellen, nachdem das ursprüngliche, sächliche
+Geschlecht verblasste und dafür das männliche aufkam. Darum entbehren
+wir auch einer gemeingermanischen Femininbildung. Im Westgermanischen
+entstand zu Gott später Göttin (ags. <i>gyden</i>, ahd. <i>gutin</i>,
+mhd. <i>gutinne</i>, <i>gotinne</i>, <i>götinne</i>), im Nordischen
+<i>gyđja</i>, womit sowol die Priesterin wie die Göttin bezeichnet wird.</p>
+
+<p>Durch alle germanischen Sprachen geht ein zweites Wort, dessen vollen
+Gehalt die nordische Mythologie erschliesst. Nach Jordanes Kap. 13
+führten die Goten ihren Adel, durch dessen Glück sie siegten (<i>quorum
+quasi fortuna vincebant</i>) auf Halbgötter (<i>semideos id est
+ansis</i>) zurück. Die gotische Form im Nom. pl. wäre <i>ansîȥ</i>, der
+Sing. müsste <i>ans</i> lauten. Diese <i>ansîȥ</i> waren siegspendende
+Götter. Die hochdeutschen Stämme haben das Wort in Eigennamen wie
+<i>Anso</i>, <i>Anshelm</i>, <i>Anshilt</i> und ähnlichen bewahrt,
+die Sachsen und Angelsachsen in <i>Oswald</i>, <i>Oslaf</i>,
+<i>Osdäg</i> u.&#8239;s.&#8239;w. Im Ahd. lautet also das Wort <i>ans</i>, im
+As. Ags. <i>ôs</i>, wozu der bewahrte ags. Plural <i>êse</i> (im
+Fries. <i>ees</i>) stimmt. Auch im Deutschen deklinierte das Wort in
+der Mehrzahl nach den i-Stämmen. Im Altnordischen ist <i>áss</i> aus
+älterem <i>ǫ́ss</i>, <i>*ǫ́sur</i>, <i>*ansuȥ</i> hervorgegangen,
+<span class="pagenum" id="Page_195">[S. 195]</span>der Sing, stand zu den u-Stämmen&#x2060;<a id="FNanchor_148_148" href="#Footnote_148_148" class="fnanchor">[148]</a>, im Plur. tritt aber auch hier
+der i-Stamm zu Tage, <i>æsir</i> aus <i>*ansîȥ</i>. Die ursprüngliche
+Bedeutung ist nicht zu erschliessen, weil das Wort mit Sicherheit
+nicht ins Indogermanische zurückgeführt werden kann. Zur männlichen
+Form bildete die nordische Sprache die weibliche <i>ásynja</i>. Durch
+besondere Verhältnisse gewann der Begriff der Ansen im nordischen
+Götterglauben nachmals beschränkte Bedeutung, insofern eine besondere
+Götterschaar als <i>æsir</i> einer andern (den <i>vanir</i>) gegenüber
+stand.</p>
+
+<p>Aus indogermanischer Wurzel stammt die an. Bezeichnung
+<i>tívar</i>&#x2060;<a id="FNanchor_149_149" href="#Footnote_149_149" class="fnanchor">[149]</a>, die Lichten, von der jedoch sonst keine Spur
+vorhanden ist. Aus derselben Wurzel scheint aber der Göttername
+<i>Tiuȥ</i>; (an. <i>Týr</i>, ahd. <i>Zio</i>) geleitet zu sein.</p>
+
+<p>Als eine ratende und richtende Versammlung heissen die Götter
+<i>regin</i> und <i>metod</i>. <i>Regin</i> ist im Nordischen und
+Sächsischen bezeugt. Das Wort ist aber gemeingermanisch, <i>ragin</i>
+im Gotischen bedeutet Rat. Die nordische und wol auch die sächsische
+Sprache verwenden <i>regin</i> im Sinne der ratenden Götter nur im
+Plural. In den Hǫ́konarmǫ́l 18 wird der Ausdruck noch verdeutlicht:
+<i>rǫ́þ ǫll ok regen</i>, alle ratenden Mächte. In der Vǫlospǫ́ 6, 9,
+23 gehen alle <i>regin</i>, die hochheiligen Götter zu den Ratstühlen
+(<i>rökstólar</i>, <i>dómstólar</i>) und holten Rat. Wir sehen die
+<i>regin</i> in ihrer Eigenschaft als Ratsversammlung niedersitzen. Der
+Begriff wird noch gesteigert als <i>ginnregin</i> die grossen Götter,
+und <i>uppregin</i>, die oberen, himmlischen Götter. Im Götterrat
+wird das Schicksal bestimmt, welches noch im Heliand 2593 und 3348
+<i>regano giskapu</i>, der Ratenden Schöpfung ist. Im Altsächsischen
+und Angelsächsischen wird für Schicksal auch <i>metodo giskapu</i>
+(Hel. 2190, 4827) und <i>meotodsceaft</i>, <i>metodsceaft</i> (Beow.
+1077, 1180, 2815) gesagt.&#x2060;<a id="FNanchor_150_150" href="#Footnote_150_150" class="fnanchor">[150]</a> <i>Metod</i> wird <span class="pagenum" id="Page_196">[S. 196]</span>ags. und as.
+auch vom Christengott, ursprünglich wol von der Gottheit überhaupt
+gebraucht. Dasselbe Wort, aber in verschiedener Bedeutung begegnet auch
+im Nordischen (<i>mjǫtudr</i> stm. Verhängniss, Tod) und Gotischen
+(<i>mitaþs</i> stf. Maass). <i>Metod</i> ist der „Messer“, der einem
+etwas zumisst, der Richter. Auf denselben Gedankenkreis leiten
+<i>regin</i> und <i>metod</i>, die Götter sind Rater und Richter, das
+Schicksal ist das von ihnen gefundene und gefällte, festgesetzte und
+vollzogene Urteil.</p>
+
+<p>Über die <i>vanir</i>, die Glänzenden oder die Seegötter, wie in der
+nordischen Mythologie eine besondere Götterschaar heisst, wird im
+Abschnitt Freys berichtet. Merkwürdig ist die in nordischen Quellen
+übliche Bezeichnung <i>hǫpt ok bǫnd</i>, Hafte und Bande, für die
+Götter. Mit Haften und Banden (ahd. <i>haptbandun</i>) können nur
+Fesseln gemeint sein. Warum aber sind die Götter Fesseln? Vielleicht
+weil sie allen Übermut, der die sittliche und natürliche Weltordnung
+bedroht, sei es von Seiten der Menschen oder Riesen, in Fesseln
+schlagen und niederhalten. Aus Ehrfurcht vor dem Allwalter betraten
+die Semnonen den heiligen Hain nur gefesselt (<i>vinculo ligati</i>).
+Derselbe Gedanke mag den Namen der „fesselnden“ Götter hervorgerufen
+haben, der die Semnonen zur freiwilligen Fesselung vor dem Gotte
+veranlasste. Würde die Fessel, die dem Übermut von höheren Mächten
+angelegt ist, gesprengt, so müssten alle Bande sich lösen, die Welt
+geht aus den Fugen. Der Teufel ist gefesselt, kommt er los, so geht
+die Welt unter. So sind die zwingenden, hemmenden Fesseln zugleich die
+haltenden Bande und Hafte der bestehenden Weltordnung, das Gesetz, das
+sie erhält. Neben dem Neutrum <i>vé</i>, Heiligtum, steht im Nordischen
+das schwache Adj. <i>vé</i>, gen. <i>véa</i>, der Heilige, wie etwa
+ahd. der <i>wîho</i>, sanctus, neben <i>wîh</i>, templum. Im Singular
+begegnet <i>vé</i> nur als Eigenname, Odins Bruder heisst der Heilige
+(Lokas. 26), im Hymirlied 40 steht aber der Plural <i>véar</i>, die
+heiligen Götter. Diese Bezeichnung ist schwerlich altheidnisch.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>An Gestalt und Aussehen gleichen die Götter den Menschen. Eine ideale
+Menschengestalt schwebt dem Gottesbegriffe vor. Daher mag es vorkommen,
+dass wol gestalte und reich gekleidete <span class="pagenum" id="Page_197">[S. 197]</span>Männer vom erstaunten Volk
+geradezu für Asen angesehen werden. So heisst es in der Landnáma 3 Kap.
+10 von den Söhnen des Hjalti: wie sie zum Ding kamen, waren sie so wol
+angethan, dass die Leute meinten, die Asen seien gekommen; und in der
+Vǫlsungasaga Kap. 26 meint einer von den Leuten des Gjuki, da er den
+Sigurd anreiten sieht, einer der Götter fahre daher. Die schöne lichte
+Farbe wird bei Heimdall, Baldr und bei der Idun, der weissarmigen
+(Lokasenna 17) hervorgehoben, Sif Thors Frau trägt herrliches Goldhaar,
+im Übrigen aber erhalten wir keine besondern Einzelschilderungen. Unter
+den Göttern sind ältere und jüngere gedacht. Odin ist ein älterer,
+bärtiger Mann, doch keineswegs gebrechlich, greisenhaft, vielmehr
+stattlich und ehrfurchtgebietend im Waffenschmuck, wie ein bejahrter,
+vielerfahrener, aber noch rüstiger und waffenfähiger Volkskönig, Thor
+ist eine blühende Mannesgestalt mit rotem Bart, Baldr ein strahlender,
+jugendschöner Held. Nach der Geburt wachsen die Göttersöhne oft
+wunderschnell zu grosser Kraft hervor, eine Nacht alt macht sich
+Wali Odins Sohn zur Rache Baldrs auf, drei Nächte alt befreit Magni
+Thors Sohn den Vater von der ungeheuren Last des über ihn gestürzten
+Hrungnir. Es finden sich Spuren, dass die Götter besondere Nahrung
+genossen. Zwar halten sie Biergelage und Thor isst gierig Lachse
+und Ochsenbraten, die wandernden Asen sieden Ochsenfleisch. Aber
+andererseits bedarf Odin keiner Kost, mit seinem Teil von Eberfleisch,
+das den Einherjern in Walhall vorgesetzt wird, füttert er seine Wölfe,
+er selber lebt allein von Wein. Idun verwahrt Äpfel, durch deren
+Genuss die alternden Götter sich verjüngen. Odrerir, der begeisternde
+Dichtertrank, ist vielleicht ursprünglich ein Verjüngungstrank, der das
+Altern verhindert.&#x2060;<a id="FNanchor_151_151" href="#Footnote_151_151" class="fnanchor">[151]</a></p>
+
+<p>Es liegt im lebenskräftigen Götterglauben begründet, dass der Gott
+ein höheres, längeres Leben führt als der Mensch. Unsterblichkeit
+und Ewigkeit im Vergleich zum kurzlebigen Menschen gebührt dem Gott.
+Tiefere Denker mögen allmälig auch das Göttliche als endlich erkennen.
+So sind die griechischen Götter ewig, aber neben dieser vorherrschenden
+Betrachtung taucht auch der Gedanke an ihren Untergang auf. Über die
+Sterblichkeit oder Unsterblichkeit der germanischen Götter wissen wir
+nichts; <span class="pagenum" id="Page_198">[S. 198]</span>denn die nordischen Verhältnisse dürfen nicht verallgemeinert
+werden. In der nordischen Göttersage freilich sind fast alle Götter dem
+Waltode geweiht, zuerst wird Baldr getötet, am Weltende aber erwartet
+die Walhallgötter der Schlachttod. Da der Untergang der nordischen
+Götter mit dem Weltuntergang zusammenhängt, letzterer aber ungermanisch
+ist, dürfen wol auch die germanischen Götter wie die griechischen und
+indogermanischen ewig gedacht werden.</p>
+
+<p>Die germanischen Götter erscheinen reitend oder gehend, nur Thor
+fährt auf seinem mit zwei Böcken bespannten Wagen. Darum werden
+Namen verschiedener Götterpferde aufgezählt. Selbst göttliche Frauen
+bedienen sich, den Walküren gleich, der Rosse. Bei den Menschen aber
+werden Gottheiten feierlich im Wagen umhergeführt, wie die Nerthus
+und Freyr in Schweden. Altertümlicher ist gewiss das Wagengespann;
+die berittenen Götter entstammen wiederum deutlich der germanischen
+Heldenzeit, die Kämpfe werden zu Fuss oder zu Ross, nur äusserst
+selten und schwerlich auf echt heimischer Sage begründet zu Wagen wie
+z.&#8239;B. in der Brawallaschlacht ausgefochten. Wenn die Götter ausreiten
+oder ausfahren, so erbebt die Erde. Aus den Mähnen und vom Gebiss der
+Götterrosse träufelt befruchtender Thau aufs Gefilde herab. Die Götter
+reiten und fahren durch die Lüfte und auf dem Wasser, wie auf dem
+Lande. Wenn sich die Götter, meist in unscheinbarer Gestalt, unter die
+Menschen mischten, so erschienen und verschwanden sie plötzlich. Fürs
+Verschwinden gebraucht die nordische Sprache das Wort <i>hverfan</i>,
+<i>Óþinn hvarf þá</i>, Odin verschwand da, heisst es am Schlusse
+des Grimnirliedes. Vermutlich galt überhaupt das gemeingermanische
+Zeitwort <i>hweru̯an</i> hiefür. Die Verwandlungsfähigkeit haben die
+Götter mit allen überirdischen Wesen gemeinsam, jedoch machen sie
+verhältnissmässig selten und dann mehr in zauberischer Weise davon
+Gebrauch. Die Götter werden im allgemeinen als heiter, wolgemut
+(<i>teitr</i>, <i>glađr</i>) und mild (<i>blíđr</i>, <i>sváss</i>,
+<i>hollr</i>) geschildert. Sie sind dem Menschen gnädig gesinnt.
+Dem Thor lacht vor Freude das Herz in der Brust (<i>hló hugr í
+brjósti</i>), aber sein Zorn bricht oft auch furchtbar hervor. Wenn
+er unwillig zürnt, lässt er die Brauen über die Augen sinken, macht
+finstere Brauen und schüttelt den Bart. Für Odin ist neben aller
+Heldenschaft doch auch Tücke und Hinterlist Freund und Feind gegenüber
+bezeichnend. Das Leben der Götter verläuft wie das der Menschen. Sie
+befragen <span class="pagenum" id="Page_199">[S. 199]</span>das Loos, führen Kriege, halten festliche Gelage, üben
+sich in den Waffen, halten Gericht, ergötzen sich am Brettspiel
+und lassen sich in Liebeshändel ein. Verzehrende Sehnsucht erfasst
+Freys Gemüt; Odin ist in allen Liebesränken wol erfahren. Die Götter
+haben auch Gefolgsleute und Diener. Skirnir ist Freys Schuhknecht,
+Fulla der Frigg Kammermagd. Über die Macht der Götter treffen wir
+abweichende Anschauungen. Sie sind die Lenker des Schicksals, das ja
+<i>metodo</i> und <i>regano giskapu</i> ist, andererseits ist aber auch
+das Schicksal unabhängig und selbständig gedacht (<i>wurdgiskapu</i>).
+In der nordischen Sage sind die Götter dem Verhängniss unterworfen.
+Die germanischen Götter und Wurd verhalten sich wol ähnlich zu
+einander wie die griechischen und die Moira. Das Schicksal gilt bald
+als Willensäusserung der Götter, bald steht es selbständig neben,
+ja über den Göttern. <i>Regnator omnium</i>, Allwalter, war der
+Semnonengott, die Bezeichnung lässt unumschränkte Allmacht vermuten.
+Die den Göttern zugemessene Macht sehen wir so geteilt, dass einer an
+der Spitze der übrigen steht, denen besondere Ämter und Verrichtungen
+zugewiesen sind. Die Rangverhältnisse der Götter waren aber keineswegs
+gleichmässig geordnet, gerade hier treten bedeutende Unterschiede im
+Laufe der Jahrhunderte und bei den einzelnen Völkerschaften hervor,
+indem der Vorrang unter den Göttern wechselte, bald bei Tiuȥ, bald
+bei Wodan, bald bei Freyr, bald bei Thor stand. Mithin ist auch die
+Anzahl der germanischen Götter keine fest bestimmte, sondern eine ewig
+wechselvolle. Für die älteste Zeit erkennen wir drei Hauptgötter, deren
+Verehrung bei den meisten Stämmen sehr wahrscheinlich ist. Wieviele
+Götter aber die einzelnen Stämme daneben verehrten, lässt sich nicht
+feststellen. Die Zwölfzahl der Götter spielt weder im deutschen, noch
+im nordischen Glauben eine Rolle. Zuerst gedenkt ihrer das Hyndlalied
+30:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Elf noch lebten&#8195; vom Asenstamme,</div>
+ <div class="verse indent0">Als Baldrs Leiche&#8195; auf den Brandstoss sank.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Die Stelle steht in dem Abschnitt, der als kurze Woluspa (Vǫlospǫ́
+en skamma) bezeichnet wird und wol erst der zweiten Hälfte des
+12. Jahrhunderts zugehört.&#x2060;<a id="FNanchor_152_152" href="#Footnote_152_152" class="fnanchor">[152]</a> Die Zwölfzahl entstammt gelehrter
+Nachahmung des antiken Götterkreises. Sie wird von <span class="pagenum" id="Page_200">[S. 200]</span>Snorri Sturluson
+in der Ynglingasaga Kap. 2 u. 7 und in der Gylfaginning Kap. 20 (SE.
+1, 82) wiederholt, ist aber so wenig begründet, dass die Anzahl der
+wirklich bezeugten Asen damit gar nicht übereinstimmt. Wir haben es
+sicher mit einem späten gelehrten Versuche des 12./13. Jahrhunderts zu
+thun, der keine weitere Beachtung verdient.</p>
+
+<p>Die Wohnstätte der Götter ist im lichten Himmel oder auf hohen
+Bergen gedacht, die in den Himmel hinein ragen und weite Überschau
+gewähren. <i>Ásgarđr</i>, <i>gođheimr</i> (Götterheim), <i>heilakt
+land</i> (heiliges Land), <i>ragna sjǫt</i> (Göttersitz), <i>hodd
+gođa</i> (Götterbezirk) lauten die Bezeichnungen bei den nordischen
+Dichtern. Auf den Himmel weisen unmittelbar die Namen <i>uppheimr</i>,
+<i>upplǫnd</i>, wie in mhd. Gedichten der Himmel <i>oberland</i>
+heisst, wo die <i>uppregin</i> hausen. <i>Tiuȥ</i> und die <i>tívar</i>
+gehören schon des Namens halber in den Himmel. Wodan, Odin und Freyr
+schauen vom himmlischen Hochsitz aus auf die Welt herab. Von den Namen
+der Götterwohnungen, welche das Grimnirlied aufzählt, bezeichnen einige
+den weiten glänzenden Himmel (<i>Breidablik</i>, <i>Glitnir</i>,
+<i>Bilskirnir</i>). Auf himmelhoch ragendes Gebirg deutet Heimdalls
+Wohnsitz <i>Himinbjorg</i>. Die Götterberge brauchen nicht immer als
+Kultstätten, sie können auch als Wohnsitz gedacht sein. Nach der SE.
+liegt Asgard inmitten der Erde, wol als hochragender Götterberg, dessen
+Gipfel durch die Wolkendecke in ewig heitere Klarheit ragt. Auch der
+Göttersitz Olymp ist Berg und Himmelsraum zugleich.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Die_einzelnen_Goetter">Die einzelnen Götter.</h3>
+
+</div>
+
+<h4 id="I_Tiuz"><b>I. Tiuȥ.</b></h4>
+
+<h5 class="s4a" id="Des_Gottes_Art_und_sein_Kult"><b>1. Des Gottes Art und sein
+Kult.</b></h5>
+
+<p>Der idg. <i>Diēus</i>, der Gott des strahlenden Himmels und Tages,
+wurde auch bei den Germanen verehrt. In den ältesten Zeiten, von denen
+die Geschichtsquellen spärliche Kunde gewähren, war <em class="gesperrt">Tiuȥ</em> noch
+Erster der Götter.&#x2060;<a id="FNanchor_153_153" href="#Footnote_153_153" class="fnanchor">[153]</a> Die Mythen vom indogermanischen <span class="pagenum" id="Page_201">[S. 201]</span>Himmelsgotte
+lassen noch deutlich die Naturerscheinung als Hintergrund der
+Sagenbildung erkennen. Mit Friede und Fruchtbarkeit segnet der
+Himmel die Erde. Einige Sagen und der Kult, den die Schweden noch
+lange Zeit dem Gotte widmeten, zeigen auch den germanischen Gott
+in seiner natürlichen Wirksamkeit. Sofern er nicht davon losgelöst
+wurde, darf sein Wesen auch aus der zu Grunde liegenden Vorstellung
+gedeutet werden. Daneben entwickelte sich aber eine völlig neue
+Seite seiner Thätigkeit, welche bei den meisten Stämmen fast einzig
+überwog. Nachdem Kampf und Kriegsfahrt zur ersten und wichtigsten
+Lebensaufgabe der Germanen geworden war, wandelte sich die leuchtende,
+in erhabener Ruhe über den Wolken in lichten Himmelshöhen thronende
+Gestalt des idg. Göttervaters zum schwertfrohen Helden. Denn sein
+eigen Ebenbild in höchster Vollkommenheit malt sich ein Volk in seinem
+Gotte aus. Der Gott steht in Beziehung zur Hauptbeschäftigung seines
+Volkes, er lenkt das Schicksal, das Los der Schlachten. Tiuȥ, wurde
+zum Kriegsgott. In dieser Eigenschaft lernten ihn die Römer kennen,
+welche ihn als <i>Mars</i> umschrieben. Bei den Tencterern&#x2060;<a id="FNanchor_154_154" href="#Footnote_154_154" class="fnanchor">[154]</a> ist
+er der vornehmste der Götter. Auch die Rheinländer, die im ersten
+Jahrhundert n. Chr. bereits dem Wodan sich zuwandten, brachten doch
+auch dem Tiuȥ besondere Tiere, <span class="pagenum" id="Page_202">[S. 202]</span>wahrscheinlich Pferde zum Opfer.&#x2060;<a id="FNanchor_155_155" href="#Footnote_155_155" class="fnanchor">[155]</a>
+Am feierlichsten wurde dem allwaltenden herrschenden Gott, dem alles
+gehorcht, bei den Semnonen&#x2060;<a id="FNanchor_156_156" href="#Footnote_156_156" class="fnanchor">[156]</a>, dem ältesten und edelsten Stamme des
+Suebenvolkes gedient. Ein Hain von uralten heiligen Schauern durchweht
+war ihm geweiht. Nur mit Fesseln durfte man den Wald betreten, wer
+fiel, durfte nicht aufstehen, sondern musste sich hinauswälzen. Der
+schrecklichen, strafenden und rächenden Gewalt des Gottes, der Herr
+über Leib und Leben ist, dessen heilige Rechte niemand verletzen
+darf, geschieht mit diesem Brauch, durch welchen jeder wie ein Opfer
+hilflos in des Gottes Hand sich stellt, volle Genugthuung. Es ist ein
+Bundesheiligtum, das zu bestimmter Zeit von den einzelnen verbündeten
+Stämmen beschickt wird, um dem Gotte ein feierliches Menschenopfer
+darzubringen. Der Glaube verlegt den Ursprung des Volkes dorthin. Die
+Semnonen und durch sie auch ihre Stammverwandten betrachteten sich
+demnach offenbar als Abkömmlinge des Allwaltenden. Im Kriege, den
+Hermunduren und Chatten&#x2060;<a id="FNanchor_157_157" href="#Footnote_157_157" class="fnanchor">[157]</a> um den Besitz der heiligen Salzquellen
+führten, opferten die Sieger dem Tiuȥ und Wodan alle Männer und Pferde
+des feindlichen Heeres. Bei den Norwegern galt im 6. Jahrhundert das
+Menschenopfer als Höchstes; den ersten Kriegsgefangenen gaben sie dem
+Tiuȥ, den sie damals noch für den vornehmsten der Götter hielten&#x2060;<a id="FNanchor_158_158" href="#Footnote_158_158" class="fnanchor">[158]</a>.
+Auch die Goten weihten dem Tiuȥ, dem Lenker der Schlachten, der
+blutige Opfer forderte, das Leben der Gefangenen, dem Gotte gehörten
+die ersten <span class="pagenum" id="Page_203">[S. 203]</span>Beutestücke, an den Baumstämmen seines Haines wurden die
+eroberten Waffen aufgehängt.&#x2060;<a id="FNanchor_159_159" href="#Footnote_159_159" class="fnanchor">[159]</a> Abzeichen des Kriegsgottes war das
+Schwert, bei dem die Quaden wie beim Gotte selber Eide schwuren.&#x2060;<a id="FNanchor_160_160" href="#Footnote_160_160" class="fnanchor">[160]</a>
+Vielleicht ist die Sage vom Marsschwert, worin Attila das Zeichen der
+Weltherrschaft sah, gotischen Ursprungs.&#x2060;<a id="FNanchor_161_161" href="#Footnote_161_161" class="fnanchor">[161]</a> Denn gotische Lieder
+erzählten von Attila, als wäre er ein germanischer Heerkönig gewesen.
+Man würde begreifen, dass des Tiuȥ Schwert dem Menschen, der es als
+des Gottes erkorener Liebling führte, steten Sieg und gewaltige Macht
+verlieh. Nach Tacitus tanzten Jünglinge kunstvoll zwischen Schwertern
+und feindlich drohenden Speeren. Als Brauch der Zünfte hat sich der
+Schwerttanz bis ins späte Mittelalter herab erhalten. Die Tänzer
+führten kunstreiche Fechterschläge aus, ahmten den Schwertkampf nach
+und bildeten aus den zusammengehaltenen Klingen mannigfache Figuren.
+Der Tanz verlangte Übung und Gewandtheit.&#x2060;<a id="FNanchor_162_162" href="#Footnote_162_162" class="fnanchor">[162]</a> Die Beziehung des Tiuȥ
+zum Schwert lässt vermuten, dass dieses Heldenspiel ihm zu Ehren
+geschah. Die weissen Rosse, die auf Staatskosten in Hainen gehegt, nur
+zum Dienste der Gottheit, nie zu dem der Menschen gebraucht werden,
+aus deren Wiehern Priester und König oder Fürst weissagen, waren wol
+Eigentum des Himmelsgottes.&#x2060;<a id="FNanchor_163_163" href="#Footnote_163_163" class="fnanchor">[163]</a> Wenigstens haben die im Norden aus
+Tiuȥ abgezweigten <span class="pagenum" id="Page_204">[S. 204]</span>Götter Freyr, Baldr, Heimdall besondere Rosse.
+Wahrscheinlich gehörten schon dem Tiuȥ Schwert, Goldhelm und Ross, er
+war gerüstet wie ein Königsheld. Dem Hufe des göttlichen Rosses war
+vielleicht einst die Wunderkraft zu eigen, Quellen zu öffnen, ein Zug,
+der in vielen späteren Sagen und Legenden vorkommt.&#x2060;<a id="FNanchor_164_164" href="#Footnote_164_164" class="fnanchor">[164]</a></p>
+
+<p>Dass die Friesen dem Tiuȥ dienten, wird durch einen inschriftlichen
+Fund, aus dem man aber nicht zu viel herauslesen darf, bestätigt.&#x2060;<a id="FNanchor_165_165" href="#Footnote_165_165" class="fnanchor">[165]</a>
+Der unter Severus Alexander am Hadrianswall in Britannien stehende
+friesische Keil (<i>cuneus Frisiorum</i>) war aus germanischen Söldnern
+gebildet, die vorwiegend aus den friesischen Ländern stammten. Leute
+aus Twenthe setzten dem <i>Mars Thingsus</i> einen Weihstein. Die
+germanische Form des Beiwortes ist etwa <i>þingsaȥ</i> und stellt sich
+natürlich als Ableitung zu <i>þing</i>. Die Grundbedeutung des Wortes
+ist Versammlung, besonders Gerichtsversammlung, ferner Ort und Zeit
+derselben. Unter Thingleuten sind <span class="pagenum" id="Page_205">[S. 205]</span>aber auch die Angehörigen eines
+Verbandes verstanden; <i>þingmanna liđ</i>, der Thingleute Schar,
+heissen die von den anglischen und dänischen Königen in England im 11.
+Jahrhundert zur Landesverteidigung gehaltenen Mietstruppen. Soll mit
+dem Beiwort Tiuȥ in seiner Eigenschaft als Gott der Gerichtsversammlung
+bezeichnet werden, „als Befehlshaber und Praesident des in Heer
+und Thing versammelten Volkes“ (Scherer)? Römische Truppenteile
+weihten ihren Schutzgöttern Inschriften, den <i>genii legionis</i>,
+<i>cohortis</i>, <i>alae</i>, <i>vexillariorum</i>. Diesen Brauch
+ahmten die Tuihanten offenbar nach und setzten dem Mars ihrer Truppe
+einen Stein. Der Mars ihres Verbandes war aber nicht der römische
+Gott, sondern der ihres Volkes. Den heimischen Glauben behielten die
+Germanen in römischen Diensten bei. Der Mars, <i>der die friesische
+Truppe beschützt</i>, — nichts anderes will das Beiwort besagen —
+ist damit deutlich vom römischen unterschieden und nach der üblichen
+interpretatio romana wol als der germanische Tiuȥ zu betrachten. In
+der Heimat und in der Fremde, an der Dingstätte und im Lager wurde der
+waltende Tiuȥ von den Friesen angerufen.</p>
+
+<p>Am Ende des 8. Jahrhunderts taucht die Benennung <i>Cyuuari-Suâpa</i>
+auf.&#x2060;<a id="FNanchor_166_166" href="#Footnote_166_166" class="fnanchor">[166]</a> Als <i>Ziuleute</i> sollen sich die Schwaben, die Abkömmlinge
+der Semnonen, bezeichnet haben. Ihr Hauptsitz Augsburg hiess auch
+<i>Ciesburc</i>, Burg des Ziu. Die Möglichkeit ist nicht abzuleugnen,
+dass dasjenige Volk, dem einst das erminonische Heiligtum gehörte,
+das vor den übrigen dem Himmelsgott als dem Vater des Stammes
+zunächst stand, am längsten seinem Dienste treu blieb und in der
+neuen Heimat einen Ziutempel unterhielt. Neuerdings wird aber die
+Echtheit der Nachricht angefochten. Im karolingischen Zeitalter
+entstand eine fabelhafte Chronik von Augsburg. Die Stadt ist eine
+Gründung der Schwaben, die lang vor den Römern da gesessen haben
+sollen. Das Römerheer, die <i>legio Martia</i>, erlitt eine schwere
+Niederlage bei Augsburg. Ziesburg <span class="pagenum" id="Page_206">[S. 206]</span>scheint in Anlehnung an Eresburg
+ersonnen: während Karl die Eresburg bezwang, brach sich die römische
+Macht an der Ziesburg. Dem Augsburger war für <i>dies Martis</i> der
+schwäbische Ziestag und der bairische Ertag geläufig, so mochte er
+sich das Verhältniss <i>Ertag</i>, <i>Eresburg</i>: <i>Ziestag</i>,
+<i>Ziesburg</i> ausdenken. Als Bewohner der von der legio Martis
+belagerten Stadt ergaben sich dem gelehrten Chronisten <i>Marticolae
+Ziuuari</i>. Vielleicht ist dieser Ausdruck jedoch überhaupt gar nicht
+über die Wessobrunner Handschrift hinausgelangt, wo er aus „Recyuuari“
+Riesser, Bewohner des Riess, verschrieben zu sein scheint. Mindestens
+ist der „hieratische“ Namen der Schwaben und der ihrer „Ziuburg“ mit
+Vorsicht aufzunehmen, weil er vielleicht nur durch Schreiberirrtum und
+gelehrte Fabelei im Ausgang des 8. Jahrhunderts zu Stande kam und mit
+der Heidenzeit und dem echten Götterglauben der einst dem Tiuȥkult
+zugethanen Semnonen-Sueben nichts mehr zu schaffen hat.</p>
+
+<p>Tacitus erzählt von der göttlichen Abstammung der drei Hauptstämme
+der Germanen&#x2060;<a id="FNanchor_167_167" href="#Footnote_167_167" class="fnanchor">[167]</a>. <i>Tuisto</i>, der Sohn der Erde hat wol den
+Himmel zum Vater. Da Himmel und Erde an ihm Teil haben, da er ihr
+beider Wesen in sich vereint, heisst er der Doppelte, Zwiefältige,
+vielleicht aber auch Zwitter&#x2060;<a id="FNanchor_168_168" href="#Footnote_168_168" class="fnanchor">[168]</a>, wenn etwa Mannus von ihm allein
+entsprang. <i>Mannus</i> ist der Urmensch, Erzeuger der Menschheit.
+In dieser Genealogie bezeichnet aber Mannus den Gott als Menschen.
+Der Grundgedanke scheint zu sein, ein Gott in Menschengestalt zeugte
+die Stammväter, nach deren Namen <span class="pagenum" id="Page_207">[S. 207]</span>die Völker heissen. Wie erklären
+sich die Namen dieser drei Stammeshelden <i>Ingvio</i>, <i>Istvio</i>,
+<i>Irmino</i>&#x2060;<a id="FNanchor_169_169" href="#Footnote_169_169" class="fnanchor">[169]</a>? Wenn Völker oder Geschlechter nach einem ihrer
+berühmten Ahnen den Namen empfangen, dann ist dieser Ahne ein
+vergötterter Mensch, ein Halbgott, niemals ein rein göttliches Wesen.
+Steht auch einer der hohen himmlischen Götter, etwa Tiuȥ, Donar oder
+Wodan, an der Spitze, so knüpft doch die Benennung nicht an den Gott
+selber an, vielmehr an einen Nachkommen. Ein Halbgott, ein Heros
+vermittelt zwischen dem Gott und den Sterblichen. Müllenhoff meint
+(Schmidts Zeitschrift 8, 222), „entweder ward dem Gott eigens ein Name
+beigelegt, der nur ein nahes Verhältniss zu dem Volke oder Geschlecht
+ausdrückt, oder das Volk oder Geschlecht bezog auf sich einen schon
+vorhandenen, im Wesen des Gottes begründeten Beinamen“. Andächtige
+Stimmung, religiöser Brauch soll die meisten der altgermanischen
+Völkernamen geschaffen haben. Geistvoll weiss Müllenhoff diese
+„hieratischen Kultnamen“ auszulegen. Doch unumstösslich feste Beweise
+sind nicht erbracht. Laistner schlug einen andern Weg zur germanischen
+Namendeutung ein und gelangte zu einer bestimmten, aus treffender
+Beobachtung geschöpften Gesamtansicht über ihren Ursprung. Das Volk
+in Verband und Versammlung, in Sippeverhältniss und Heerordnung, nach
+Seelenzahl und Ausbreitung, also einfache natürliche Zustände sind
+Quellen der Namen. Ohne jede Herleitung im einzelnen zu billigen,
+möchte ich Laistners Erklärungsweise der gezwungenen Müllenhoffs
+vorziehen. An sprachlicher Begründung steht sie hinter letzterer nicht
+zurück, aber sie ist insofern ungefährlicher, als sie nicht gleich auf
+unsichere Voraussetzung hin die germanische Mythologie mit allerlei
+weit- und tiefgreifenden Vermutungen bereichert. Im gegebenen Fall
+fragt es sich also, nannten sich diese drei Hauptvölker nach den
+Beinamen eines Gottes, und so erklärt Müllenhoff, oder haben sie aus
+ihren eigenen <span class="pagenum" id="Page_208">[S. 208]</span>Benennungen drei Helden gemacht, und diese als des
+Gottes Söhne, vielleicht auch manchmal als des Gottes Beinamen (z.&#8239;B.
+<i>Saxnôt</i> als Sachsengott) ausgegeben, heisst das Volk nach dem
+Gott oder der Gott nach dem Volk? Mit Laistner und andern entscheiden
+wir uns für letztere Ansicht, welche auch der J. Grimms wieder näher
+kommt. Müllenhoff glaubte die zu Grunde liegenden Namen des Gottes als
+<i>ingvaȥ</i> der Ankömmling, <i>ermnaȥ</i> der Erhabene, <i>istvaȥ</i>
+der Verehrungswürdige (nach Scherer der Gott des Herdfeuers, nach
+Hoffory der Flammende) erklären zu dürfen. Die Ingvaeonen, Erminonen,
+Istvaeonen seien Kultgenossenschaften, Völker, die gemeinschaftlich
+einen Gott unter diesen Namen anbeteten und sich gemeinsamer Abkunft
+von ihm rühmten. In Ingvaȥ und Ermnaȥ erkannte er den Tiuȥ, in Istvaȥ
+den Wodan, während Hoffory auch diesen auf Tiuȥ bezog. Nach Laistner
+sind die Ingvaeonen die Einheimischen, die Erminonen das Grossvolk,
+die Istvaeonen die Echten, Vollbürtigen. Welcher Deutung man auch
+beipflichte, die Hauptfrage bleibt sich gleich, was für Götter sind
+mit den Stammvätern gemeint. Leicht ist die Entscheidung für die
+erstgenannten. Die Ingvaeonen wohnten auf der deutschen Halbinsel
+zwischen Ost- und Nordsee, ihr gemeinsamer Kult galt der Nerthus,
+deren Heiligtum auf einer Insel der Nordsee sich erhob. Die Angeln und
+Sachsen gehören zu den Ingvaeonen. „Ing war zuerst bei den Ostdänen den
+Menschen erschienen; später zog er ostwärts über die Wogen; sein Wagen
+rollte ihm nach.“&#x2060;<a id="FNanchor_170_170" href="#Footnote_170_170" class="fnanchor">[170]</a> Mit Ing, dem Begründer ihres Volkes, fuhren
+die Angeln aus ihrer alten schleswigschen Urheimat nach Britannien.
+Ingwine, Freunde des Ing heissen die Ostdänen (Béowulf 1045, 1320). Ing
+war ihr erster König, an ihn knüpften die Genealogien ihrer Herrscher
+an. Bei den norwegischen Skalden heissen die Könige der Schweden
+<i>Ynglingar</i>, Nachkommen des Yngvi; der Gott Freyr wird auch Yngvi
+oder Yngvifreyr genannt. Freyr ist aber sicher der Himmelsgott Tiuȥ.
+Freyr und Nerthus gehören zusammen als die Hauptgötter <span class="pagenum" id="Page_209">[S. 209]</span>der Ingvaeonen.
+Sollte auch die nordische Zusammenstellung von Yngvi und Freyr erst
+später erfolgt sein, so dachten doch jedenfalls die Ingvaeonen ihren
+Ingvo oder Ingvio als Sohn des herrschenden höchsten Gottes, und der
+kann zur Entstehungszeit der Sage nur Tiuȥ gewesen sein, noch nicht
+Wodan. Man erkennt mit Hilfe dieser Zeugnisse den eigentlichen Sinn
+der Genealogie des Tacitus. In Gedichten wurde der Adel der Ingvaeonen
+gepriesen, die Könige und Stämme dieses Bundes rühmten sich gemeinsamen
+Ursprungs. Tiuȥ in Menschengestalt war herabgestiegen, Ingvio war sein
+Sohn und erster König, das Königtum ist vom höchsten Gotte eingesetzt.
+Auf denselben Mythus geht die schöne später ausgebildete anglische Sage
+von Skéaf&#x2060;<a id="FNanchor_171_171" href="#Footnote_171_171" class="fnanchor">[171]</a> zurück, nur ist sie auf den Stamm der Angeln beschränkt,
+wie ja auch die Ostdänen den Ing für sich allein in Anspruch
+nehmen. Den Anfang des Königtums und der Kultur knüpften sie an die
+wundersame Ankunft eines geheimnissvollen Fremdlings. In steuerlosem
+Schiff, auf einer Garbe schlafend, kam ein hilfloses Kind ans Land
+geschwommen. Von den Bewohnern wurde es wie ein Wunder aufgenommen
+und sorgfältig erzogen. Sie legten ihm den Namen <i>Skéaf</i> bei,
+nach dem Getreidebündel (angl. <i>skéaf</i>, nds. <i>skôf</i>, ahd.
+<i>scoup</i>, mhd. <i>schoup</i>), auf dem er geschlafen hatte. Skéaf
+wurde zum König der Angeln erwählt und wuchs an Macht und Ehren. Als
+er aber aus dem Leben schied, da trugen die Männer ihn wieder zum
+brandenden Ufer, wie er gebeten. Dort lag sein Schiff zur Ausfahrt
+bereit, und wieder trieb der tote Held hinaus auf die Wogen. Niemand
+weiss, woher er kam, wohin er entschwand. Aber eine edle Königssippe
+stammte von ihm ab. Es war der Himmelsherrscher selber gewesen, der
+in Menschengestalt zu seinem Volke herabstieg und ihm die Segnungen
+gesicherten Ansiedelns und Wohnens, den Ackerbau und das Leben und
+Besitz schirmende Königtum verlieh. Der Himmelsgott an der Spitze von
+Stammtafeln, als Begründer menschlicher Einrichtungen wird uns auch
+sonst begegnen, im nordischen Freyr und Heimdall.</p>
+
+<p>Mit Irmino ist ebenfalls Tiuȥ gemeint. Denn für diese Völker ist in
+ältester Zeit der Himmelsgott der Höchste, so im uralten <span class="pagenum" id="Page_210">[S. 210]</span>Semnonenwald,
+so bei den nach dem Süden gewanderten Stämmen der Schwaben, Marcomannen
+und Quaden. Bei den Hermunduren steht allerdings bereits Wodan neben
+Tiuȥ. Widukind berichtet von einem um 530 bei Scheidungen an der
+Unstrut befindlichen Göttermal, einer Säule, der <i>irminsûl</i>.
+<i>Hirmen ... Mars dicitur</i>, <i>Irmino ist Tiu</i>, sagt
+Widukind.&#x2060;<a id="FNanchor_172_172" href="#Footnote_172_172" class="fnanchor">[172]</a> In Westfalen auf dem <i>Eresberg</i> war ein Heiligtum,
+ein Hain und ebenfalls eine solche Irmensûl, welche Karl der Grosse 772
+zerstörte. <i>Er</i> ist Tiu unter anderem Namen und die Irmensûl muss
+also auf den Himmelsgott bezogen werden. Irmineswagen heisst freilich
+nach später Überlieferung (Leibnitz ser. 1, 9) das Sternbild.</p>
+
+<p>Schwieriger ist es, über den Stammvater der Istvaeonen ins Reine zu
+kommen. Während Ingvaeonen und Erminonen sicher auf Tiuȥ ihr Geschlecht
+zurückführen, während Namen mit Ingvio und Irmino zusammengesetzt noch
+lange fortleben, ist Istvio verschollen. Unter den Istvaeonen sind
+die Bewohner der Rheinlande gemeint. Da bei ihnen Wodan aufkam, liegt
+es nahe, Abstammung von Wodan ihnen zuzuschreiben. Aber die Erwägung
+hält kaum Stand. Die Lieder, in welchen die Völker gemeinsamer Abkunft
+sich rühmen, reichen in graues Altertum. Die gemeinschaftlichen
+Namen scheinen in der Römerzeit bereits in Auflösung begriffen, neue
+Bundesgenossenschaften erstehen. Der Wodandienst, dem freilich in der
+Römerzeit die Istvaeonen anhängen, ist für die den Liedern zu Grunde
+liegenden Verhältnisse nicht notwendig vorauszusetzen, damals war er
+vielleicht noch gar nicht vorhanden. Die drei Stammväter als Brüder
+gedacht ordnen sich einer Einheit unter, die Westgermanen, obwol unter
+sich in verschiedene Gruppen eingeteilt, fühlten wol dereinst ihre
+Zusammengehörigkeit, wenigstens geht ein solcher Gedanke durch das
+Gedicht, dem jene Sage entstammt, hindurch. Wenn zwei der einander
+gleichgestellten Brüder auf den Himmelsgott weisen, wird auch der
+Dritte <span class="pagenum" id="Page_211">[S. 211]</span>keinem andern zuzuteilen sein. Tiuȥ, aus dem Himmel unter die
+Menschen herabsteigend, ward der Vater der westgermanischen Hauptvölker.</p>
+
+<p>„Die einzelnen Völkerschaften eines Stammes, wie eine grosse Familie
+und Blutsverwandtschaft sich betrachtend, vereinigten sich jährlich
+zu einer gemeinsamen Feier und erneuerten ihre Gemeinschaft bei einem
+blutigen Opfer; den Gott sahen sie für ihren Vater und den Gründer
+ihres Geschlechtes an, die Göttin für ihre Mutter, beide, da jener des
+Himmels waltete, diese die Erde segnete, für ihre Ernährer, Herrscher
+und Beschützer.“&#x2060;<a id="FNanchor_173_173" href="#Footnote_173_173" class="fnanchor">[173]</a> Das Bundesheiligtum der Ingvaeonen war die
+Nerthusinsel, das der Erminonen der Semnonenwald. Bei den Istvaeonen
+waren vermutlich die Marser Pfleger des Heiligtums der Göttin Tanfana,
+das Germanicus 14 n. Chr. zerstörte, wodurch auch Volk und Name der
+Marser vernichtet wurden.</p>
+
+<p>Der nordische Tyr&#x2060;<a id="FNanchor_174_174" href="#Footnote_174_174" class="fnanchor">[174]</a> nennt sich den Sohn des Hymir, der ostwärts
+über den stürmischen Wogen am Himmelsrande wohnt. Der Tag steigt im
+Osten aus den Gewässern hervor. Loki rühmt sich, mit Tyrs Weib gebuhlt
+zu haben; sonst wird nirgends mehr seine Gattin genannt. Die jüngere
+Auffassung ordnet ihn als Sohn dem Odin unter. Snorre berichtet: „Tyr
+ist überaus kühn und mutig, und hat die Hauptentscheidung über den
+Sieg in den Schlachten. Daher ist es gut, wenn tapfere Männer ihn
+anrufen. Eine gebräuchliche Redensart ist es, von jemand, der andere
+an Mut übertrifft, zu sagen, er sei kühn wie Tyr. Damals hat er einen
+Beweis seiner Unerschrockenheit und Tapferkeit gegeben, als die Asen
+den Fenriswolf dazu bringen wollten, sich die Fessel Gleipnir anlegen
+zu lassen. Der Wolf wollte ihnen nicht glauben, dass sie ihn wieder
+lösen würden, und so mussten sie ihm als Pfand die Hand Tyrs in den
+Rachen legen. Als nun die Asen ihn wirklich nicht befreien wollten,
+biss er ihm die Hand ab an jener Stelle, die seitdem Wolfsglied (das
+Handgelenk) heisst, und der Gott besitzt nun nur eine Hand. Er ist
+auch so weise, dass man von <span class="pagenum" id="Page_212">[S. 212]</span>einem besonders klugen Manne zu sagen
+pflegt, er sei weise wie Tyr. Nicht aber kann man von ihm behaupten,
+dass er sich es angelegen sein lässt, Frieden zwischen den Menschen zu
+stiften.“ Beim Götterkampf stehen Tyr und der Höllenhund Garm einander
+gegenüber und beide erleiden den Tod. Siegrunen soll man aufs Schwert
+ritzen und dabei zweimal Tyrs Namen sprechen; der Schwertsegen wird
+durch Tyr wirksam. Könige leiten ihr Geschlecht von Tyr ab.</p>
+
+<p>Obwol des Tyr Macht im Norden stark beschränkt ist, treten doch noch
+deutlich alle wesentlichen Eigenschaften des Tiuȥ zu Tage, im 6. Jahrh.
+galt er ja nach Prokop noch als der höchste Gott bei den Skandinaviern,
+damals war weder Thor noch Odin in Norwegen an seine Stelle gerückt.
+Der alte Name des Himmelsgottes erhielt sich in Norwegen, in Schweden
+wurde er Freyr genannt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Auf den Tyrskult der nordischen Wikinger vom Hardangerfjord, die im 9.
+Jahrh. in Irland heerten, christliche Kirchen und Klöster verbrannten
+und die Diener des Christengottes töteten, lässt eine geistvolle,
+aber kühne Vermutung Zimmers&#x2060;<a id="FNanchor_175_175" href="#Footnote_175_175" class="fnanchor">[175]</a> schliessen. Die irische Sprache
+bezeichnet das Thun und Treiben, die Heerfahrt der Wikinger mit dem
+Worte <i>dîberc</i> (gespr. <i>dîwerc</i>). Aus dem irischen Wortschatz
+ist <i>dîberc</i> nicht zu erklären. Da viele nordische Wörter zur
+Zeit der Heerfahrten ins Irische übergingen, kann auch <i>dîberc</i>
+aus dem Nordischen entlehnt sein. <i>Týverk</i>, Werke des Tyr, Werke
+des Kriegsgottes, nannten die heidnischen Wikinger ihre Thaten, und
+die Iren machten daraus <i>dîberc</i>, deren Wirkung sie ja genugsam
+verspürten und fürchteten. Bei den Norwegern, die im 9. Jahrh. in
+Irland heerten, herrschte somit noch Tyrsdienst vor, der später vor
+Thors und Freys Dienste zurücktrat.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Zur Erinnerung an die Schlacht bei Flodden in Northumbrien, in der 1513
+die Schotten von den Engländern besiegt wurden, feierte man lange in
+Hawick (Roxboroughshire) ein Volksfest mit Wettreiten. Als Kehrreim
+eines dabei gesungenen Liedes begegnen die dem Volke unverständlichen
+Worte „<i>Teer yebus, ye Teer ye Odin</i>.“ Sie sind zu deuten „<i>Týr
+hæb us, ye Týr ye Odin</i>!“ Tyr habe uns, Tyr und Odin! Man kann darin
+einen alten northumbrisehen <span class="pagenum" id="Page_213">[S. 213]</span>Kampfruf vermuten, welcher in der späteren
+Wikingerzeit aufkam. Denn die Götter sind in nordischer, nicht in
+englischer Namensform angerufen.&#x2060;<a id="FNanchor_176_176" href="#Footnote_176_176" class="fnanchor">[176]</a></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Alle Germanen haben den <i>dies Martis</i> nach Tiuȥ benannt, nur
+die Baiern haben eine andere Bezeichnung: <i>Ertag</i>, woran noch
+die heutige Mundart festhält.&#x2060;<a id="FNanchor_177_177" href="#Footnote_177_177" class="fnanchor">[177]</a> Spätere Formen sind <i>Eri-</i>,
+<i>Erch</i>-, <i>Erichtag</i>. J. Grimm vermutet, dass in diesem
+Ertag ein anderer Name des Himmelsgottes verborgen sei. Bedenklich
+ist nur, dass kein Genitiv, also Erestag wie Wodans-Donars-Ziestag
+steht. Vielleicht darf der sächsische Eresberg herangezogen werden.
+Merkwürdig sind einige Runennamen, ᛏ ist im Ags. <i>tír</i> Ruhm (ahd.
+<i>zêri</i>, <i>ziere</i>), im Nordischen aber Týr nach dem Gotte
+benannt. Die Rune ᛠ mit dem Lautwert ea heisst im Ags. <i>ear</i>
+und <i>tir</i>, in deutschen Runenalphabeten begegnet entsprechend
+<i>aer</i> und <i>ziu</i> für die Rune. Darf man daran die etwas kühne
+Vermutung knüpfen, die deutschen Schreiber wurden an die zwei Namen
+des Himmelsgottes Er und Ziu durch das ags. <i>ear</i> und <i>tír</i>,
+nord. <i>Týr</i> erinnert? Mogk schliesst, <i>Er</i>, <i>Ear</i> war
+ein Beiname des Himmelsgottes bei Sachsen und Baiern, Ertag ist gleich
+Ziestag. Das Wort soll dem indischen <i>arya</i> verwandt sein, das im
+Sinne von freundlich im Rigveda den Göttern beigelegt wird.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In der altsächsischen Abschwörungsformel vom Jahr 772 stehen die
+Götternamen „<i>Thuner ende Wôden ende Saxnôte</i>“, denen der Täufling
+entsagen soll. <i>Saxnôt</i>&#x2060;<a id="FNanchor_178_178" href="#Footnote_178_178" class="fnanchor">[178]</a> ist jedenfalls einer der drei
+germanischen <span class="pagenum" id="Page_214">[S. 214]</span>Hauptgötter, also Tiu, weil er den zwei anderen gleich
+gestellt wird. In der ostsächsischen Stammtafel begegnet <i>Saxnéat</i>
+als Wodens Sohn. Die dem späteren Wodankult ergebenen Sachsen des
+Festlands und in Britannien ordneten den Tiu nachmals Woden unter,
+wie auch im Norden Tyr Odins Sohn ist. Saxnôt war ein Beiname des Tiu
+unter den Sachsen. Der Sinn des Namens ist klar: Schwertgenoss. Sax ist
+das Kurzschwert, das Messer. Es fragt sich nur, wie entstand der dem
+schwertfrohen Tiu durchaus passende Beiname. Der Volksname <i>Saxon</i>
+erscheint wie eine Kurzform zum vollen <i>Saxnôtas</i>. Schwertgenossen
+wie die ags. <i>Sweordweras</i> nannten sich die Stammesangehörigen,
+und den Tiu stellten sie an die Spitze ihres Bundes, indem sie den
+Schwertgott auch als ihren Schwertgenoss bezeichneten.&#x2060;<a id="FNanchor_179_179" href="#Footnote_179_179" class="fnanchor">[179]</a> Der Gott
+nahm auch hier den Namen von seinem Volk, nicht umgekehrt. Dass Tiu
+ursprünglich Saxnôt hiess, wäre unbegreiflich, dass aber das Volk in
+Waffen so sich nannte, versteht man leicht.</p>
+
+<h5 class="s4a" id="Spuren_von_Mythen_2"><b>2. Spuren von Mythen.</b></h5>
+
+<p>Beim Himmelsgott stehen nach idg. Glauben die <i>Dioskuren</i>, die
+ritterlichen Zwillinge, das reissige Brüderpaar, an die frühzeitig
+reiche Sagen anknüpften, welche wir namentlich aus indischer und
+griechischer Überlieferung kennen lernen. Vom Stamm der Nahanarvali
+weiss Tacitus den Kult der Zwillinge zu berichten. Ein alter Hain mit
+einem Priester, der das Haar nach Weiberart trägt, ist dem Dienst einer
+Gottheit geweiht, deren Namen <i>Alkîȥ</i> lautet, deren Wesen den
+Dioskuren entspricht. Müllenhoff glaubt, das göttliche Brüderpaar in
+der germanischen Heldensage mehrfach nachweisen zu können.&#x2060;<a id="FNanchor_180_180" href="#Footnote_180_180" class="fnanchor">[180]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_215">[S. 215]</span></p>
+
+<p>Lassen sich überhaupt noch reicher entfaltete germanische Tiuȥsagen
+erkennen? Wo unsere Quellen reichlicher fliessen, ist Tiuȥ bereits
+stark verblasst und zurückgedrängt. Der mit ihm einst verbundene
+Sagenkreis ist daher teils verschwunden, teils verändert. Sein Reich
+und Weib, die Frija besitzt Wodan-Odin. Nur mit oft gewagten und
+unsicheren Rückschlüssen gewinnen wir eine ungefähre Vorstellung
+von den altgermanischen Tiuȥmythen, welche mit den indogermanischen
+vermutlich auf gleicher Stufe standen.</p>
+
+<p>Der Tag in Auf- und Niedergang mit allen dazu gehörigen Erscheinungen
+ist Grundlage und Ausgangspunkt für viele Sagen vom Himmelsgott.
+Die Hymnen des Rigveda, deren Dichter von lebendigem Naturgefühl
+beseelt sind, zeigen, wie sich solche Mythen unmittelbar aus der
+Naturerscheinung heraus entfalten. Sie dürfen darum als lehrreiches
+Beispiel für derlei Vorgänge bei andern idg. Stämmen herangezogen
+werden. Zwielicht, Morgenröte, Sonne, Tag sind der gläubigen und
+poetischen Naturbetrachtung verschiedene Dinge, deren Zusammenwirken
+wol erkannt, aber auch in verschiedenen bildlichen Gestaltungen
+auseinandergehalten wird. Daraus lösen sich die Zwillinge, die
+<i>Açvins</i> (d.&#8239;h. die Ritter), die im Zwielicht erscheinen, die
+<i>Ushas</i> (Ἠώς), die holde Jungfrau, die rosige Morgenröte,
+<i>Sûryâ</i>, die Sonnengöttin, mit der Morgenröte auch öfters eins
+gedacht; nach Zwielicht und aufleuchtender Röte tritt der volle
+strahlende Tag, der hehre <i>Dyâus</i> selber hervor, dem alle
+untergeordnet sind. Die Erscheinungen beim anbrechenden Tage setzt die
+Einbildungskraft des Dichters in mehrfache Beziehungen zu einander.
+Alle möglichen Sagen können daraus entspringen. Am Abend wiederholt
+sich das Ereigniss. Da schwinden die holden, freundlichen Lichtgötter
+dahin vor den unholden, feindseligen und verhassten Mächten der
+Finsterniss. Die Sagen von Frija, wenn wir sie wieder ihrem ersten
+und echten Gemahl, dem Tiuȥ zurückgeben, gründen sich offenbar auf
+den uralten Tagesmythus. Sofern dem Tiuȥ, und den Alkîȥ hiebei eine
+thätige Rolle zugewiesen ist, müssen sie hier Erwähnung finden.
+Ihre ursprüngliche Fassung ist ebenso notwendig, um die Gestalt
+des germanischen Himmelsgottes zu beleben, als auch zum rechten
+Verständniss von Frijas Gesinnung und Handlungsweise, nachdem sie
+Wodans Frau geworden. Doch darüber erst später.</p>
+
+<p>Der ganze Zusammenhang der Vorstellungen von der Frija <span class="pagenum" id="Page_216">[S. 216]</span>geht zurück
+auf den Mythus einer Sonnengöttin, entsprechend der arischen Sûryâ.
+Der Mythus dieser Göttin aber steht in engster Beziehung zu den
+reichen, schätzebewahrenden Açvins. Als Götter der Morgenfrühe, des
+Zwielichts, sind sie von allen Göttern zuerst zur Stelle, nehmen die
+Morgenröte, die Sûryâ oder die Ushas, die Tochter des Sûryâ (Helios)
+oder des Savitar, auf ihren Wagen, und führen sie als glückliche Freier
+oder Brautwerber für Soma davon. Die Einholung der Braut auf dem
+Wagen bildete einen Hauptteil der Hochzeitsfeier. Im Rigveda ist aber
+ein doppeltes Verhältniss der reissigen Brüder zu Sûryâ angenommen:
+des Sonnengottes holde Tochter hat sich selbst der Helden Schönheit
+auserwählt und beide Jünglinge sich zu Gatten erkoren. Im grossen
+Hochzeitshymnus aber halten die Açvins als Brautwerber für Soma bei
+Savitar um dessen Tochter Sûryâ an und dieser lässt die von Herzen
+zustimmende Braut ins Heim des Gatten führen. Der doppelte Mythus
+entwickelte sich auch bei den andern Indogermanen. Die Naturerscheinung
+bedingt die Ausbildung solcher Sagen. Die Götter des Zwielichts tauchen
+zuerst aus der Nacht empor. Ihnen folgt die liebliche Morgenröte. Aber
+auch der Tag- und Sonnengott kann in Liebesverhältniss zur Morgenröte
+gedacht werden. Dann holen die Jünglinge die geschmückte Braut ein
+und bringen sie dem Gott des Tages und der Sonne, der nun in seine
+volle Herrschaft eintrat. Endlich können die zwei verschiedenen
+Vorstellungen von den Dioskuren als Freiern oder Werbern zu einer
+dritten verschmelzen: ausgesandt, um ihrem Vater die Braut heimzuholen,
+entbrennen sie selber in Liebe zur leuchtenden Jungfrau und suchen
+sie für sich zu behalten. Mit Geschmeide gewinnen sie die Gunst der
+Göttin. Für diesen Frevel trifft sie des Himmelsherrn rächende Strafe.
+Auf der schmuckfrohen Himmels- und Sonnengöttin, im Norden Frigg und
+Freyja, Menglod (die des Halsbandes sich erfreuende), lastet freilich
+der Vorwurf der Buhlerei oder ehelichen Untreue. Um das Geschmeide zu
+gewinnen, gab sich die Göttin denen hin, die es geschmiedet. Um die
+unverständlich gewordenen und versprengten Trümmer wieder zu einem
+Ganzen zusammen zu fügen, erklärt Müllenhoff ein Stück deutscher
+Heldensage für ursprünglichen Göttermythus, die Sagen vom Gotenkönig
+Ermanrîk sollen zum Teil einst dem Himmelsgott, dem „<i>Irmintiu</i>“
+gehört haben. Eine Vereinigung der nordischen Geschichte von Svanhild
+und ihren Brüdern mit der deutschen Sage von den zwei Harlungen Ambrico
+und Frîdila, in denen die <span class="pagenum" id="Page_217">[S. 217]</span>Zeussöhne, die Dioskuren stecken sollen,
+wird den Mythus ergeben: Die schatzreichen <em class="gesperrt">Harlunge</em> führen die
+Sonnenjungfrau ihrem Vater „Irmintiu“ zu. Sie werden beschuldigt,
+selber nach der Braut getrachtet zu haben. Darum lässt der Himmelsgott
+sie ergreifen und aufhängen. Ihren Reichtum, das Harlungengold,
+nimmt er an sich. Dieser von Müllenhoff und Roediger geistvoll aus
+der Heldensage erschlossene Göttermythus entbehrt völliger und
+überzeugender Begründung, ebenso die weiteren daran geknüpften
+Folgerungen, auf deren Vorführung wir verzichten.</p>
+
+<p>Ein anderer von Müllenhoff auf ähnliche kühne Weise aufgebauter Mythus
+zeigt die Dioskuren als ein Brüderpaar, die <em class="gesperrt">Hartunge</em>; Hartnît,
+der ältere erstreitet gegen ein riesisches, winterliches Geschlecht,
+die Isunge, ein schönes göttliches Weib. In seiner goldglänzenden
+Rüstung verfällt er später einem Drachen, der ihn verschlingt. Der
+jüngere Hartung, Harthere erschlägt dann den Drachen, legt die Rüstung
+und Waffen Hartnîts an, bändigt und besteigt sein Ross, und wird
+darauf von der trauernden Wittwe an des Bruders Statt als Gemahl
+angenommen. Auch sonst noch sollen die lichtspendenden, streitbaren,
+rossebändigenden Jünglinge in Brüderparen der Heldensage wiederkehren.</p>
+
+<p>Wenn der nordische Tyr es mit dem Wolfe zu thun hat und am Ende der
+Tage mit dem Höllenhunde kämpft, mag vielleicht eine alte mythische
+Vorstellung hierin nachklingen. Mit einem Wolf, dem Ungeheuer der
+Finsterniss, kämpfen die Açvins und der griechische Sonnengott Apollo,
+der ja sogar den Beinamen Wolfstöter (λυκοκτόνος) führt.</p>
+
+<p>Über Vermutungen gelangt der Versuch, germanische Tiuzsagen wieder
+herzustellen, nicht hinaus. Sehr gewagt scheint es, Sagenzüge, die
+längst alle Beziehung und allen Zusammenhang verloren, wieder an den
+Himmelsgott anzuknüpfen. Denn keine Gewähr ist vorhanden, dass diese
+Stoffe einst wirklich, nicht nur in unserer Einbildung, zu Tiuz und den
+Alkîȥ gehört haben. Nur eine einzige Sage, wie der Himmelsgott sein
+Weib errang, hat sich in lebendiger Darstellung erhalten, doch auch in
+bestimmter Beziehung zum schwedischen Freyr. Unter seinem Namen soll
+sie mitgeteilt werden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_218">[S. 218]</span></p>
+
+<h4 id="II_Freyr"><b>II. Freyr.</b></h4>
+
+<h5 class="s4a" id="Des_Gottes_Art_und_sein_Kult_1a"><b>1. Des Gottes Art und
+sein Kult.</b></h5>
+
+<p>Auf einer Insel der Nordsee, in heiligem Hain erhub sich das
+Stammesheiligtum der Ingvaeonen. Dort befand sich ein mit Teppichen
+verhängter Wagen, dem nur der Priester nahen durfte. Zu gewisser
+Zeit wurde die Gottheit <i>Nerþus</i> auf einem mit Kühen bespannten
+Wagen unter dem Geleit des Priesters umhergeführt. Wohin der Umzug
+kam, überall herrschte Friede und Festesfreude. Bei der Rückkehr ins
+Heiligtum wurde die Gottheit im See gebadet; die dienenden Knechte
+wurden ertränkt, damit kein frevles Auge das Geheimniss erschaue.&#x2060;<a id="FNanchor_181_181" href="#Footnote_181_181" class="fnanchor">[181]</a>
+Was hier von einer Göttin <i>Nerþus</i> erzählt wird, stimmt auffallend
+zu dem, was nordische Quellen von Njord und seinem Sohn Freyr&#x2060;<a id="FNanchor_182_182" href="#Footnote_182_182" class="fnanchor">[182]</a>,
+die in Schweden verehrt <span class="pagenum" id="Page_219">[S. 219]</span>wurden, berichten. An ihren Namen knüpft die
+goldene Friedenszeit, das glückliche Zeitalter des Nordens, hier wie
+dort wird die Friede spendende Gottheit auf einem Wagen unter dem
+Volk umhergeführt. <i>Njǫrþr</i>, aus *<i>nerþuȥ</i> entstanden, ist
+lautlich gleich <i>Nerthus</i>, wie die besten Tacitushandschriften
+bieten. Nur ist im Norden ein Gott, bei Tacitus eine Göttin mit dem
+Namen belegt. Die urgermanischen u-Stämme lauten im Fem. und Masc.
+gleich, also ist jede der beiden Verwendungen sprachlich möglich.
+Das gemeingermanische Wort <i>nertu</i>, ‚guter Wille‘, wurde als
+Eigenschaftsbenennung auf Personen übertragen, <i>nerþuȥ</i> meint die
+wolthätige, holde Gottheit und kann ebenso einem Gott wie einer Göttin
+zuerteilt werden.&#x2060;<a id="FNanchor_183_183" href="#Footnote_183_183" class="fnanchor">[183]</a> Bei Tacitus ist wol von der vielnamigen und
+vielgestaltigen Hauptgöttin der Germanen, von der mütterlichen Erde die
+Rede, die dem Himmelsgott als Gattin und Schwester gesellt war. Zieht
+die holde Göttin durch die Fluren, so geleitet sie als Vertreter des
+Gottes der Priester; wenn der Gott umfährt, steht ihm die Priesterin
+zur Seite, wie bei Freyr in Schweden. Beiwörter der Gottheit wandelten
+sich im Norden zu Eigennamen. Njord und Freyr, einst der holde
+(<i>nerþuȥ</i>) und der herrschende oder der frohe (<i>fraujaȥ</i>)
+Himmelsgott, sind als Vater und Sohn gedacht, aber im Grunde ihres
+Wesens einander völlig gleich. Mit seiner Schwester erzeugt Njord den
+Freyr.</p>
+
+<p>Mit Freyr und Njord&#x2060;<a id="FNanchor_184_184" href="#Footnote_184_184" class="fnanchor">[184]</a> hat es im nordischen Götterkreis besondere
+Bewandtniss. Einstimmig nennen alle Zeugnisse Schweden als die Heimat
+des Freysdienstes. Von dort wurde er frühzeitig nach Norwegen, nach
+Drontheim verpflanzt, jedenfalls vor dem 9. Jahrhundert, denn die
+Norweger fahren von 876 ab unter Thors und Freys Schutz nach Island.</p>
+
+<p>In den Liedern und in Snorris Edda heissen Njord, Freyr <span class="pagenum" id="Page_220">[S. 220]</span>und Freyja
+Wanen, <i>vanir</i>&#x2060;<a id="FNanchor_185_185" href="#Footnote_185_185" class="fnanchor">[185]</a> im Gegensatz zu den Asen. Die Wanen sind ein
+glänzendes, lichtes Geschlecht&#x2060;<a id="FNanchor_186_186" href="#Footnote_186_186" class="fnanchor">[186]</a>, die mit Jahressegen, Frieden
+und Reichtum zu schaffen haben, in Wesen und Benennung von den
+kriegerischen Asen unterschieden. Auch Herkunft und Heimat trennt Wanen
+und Asen, obwol sie sich später in der Vorstellung nordischer Dichtung
+vereinigten. In die Urzeit verlegt die Sage einen Krieg zwischen Asen
+und Wanen.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vǫl. 21. Ich weiss als ersten&#8195; &#160;der Weltenkriege,</div>
+ <div class="verse indent7">als Gullweig sie&#8194; &#8195; &#8194;&#8194;mit Geeren stiessen</div>
+ <div class="verse indent7">und sie in Hawis&#8194;&#8194;&#8195;&#8194;&#8239;Halle verbrannten,</div>
+ <div class="verse indent7">dreimal verbrannten&#8194;&#8194;&#160;die dreimal geborne,</div>
+ <div class="verse indent7">oft und häufig,&#8194;&#8195;&#8195;&#8195;doch immer noch lebt sie.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vǫl. 22. Heid hiess man sie,&#8194;&#8195;&#8239;wo ins Haus sie kam,</div>
+ <div class="verse indent7">die sinnvolle Zaub’rin&#8239;&#8194;mit dem Sehergeist;</div>
+ <div class="verse indent7">hirnverrückende&#8194; &#8195; &#8194;&#8194;Hexenkunst trieb sie,</div>
+ <div class="verse indent7">leidiger Weiber&#8194;&#8195;&#8195;&#8195;Lust war sie stets.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vǫl. 23. Da gingen zu Sitze&#160;&#8194;&#8239;&#8194;&#160;die Götter alle,</div>
+ <div class="verse indent7">die heiligen Herrscher, und hielten Rat:</div>
+ <div class="verse indent7">ob Zins die Asen&#8194;&#8195;&#8194;&#8194;zahlen sollten</div>
+ <div class="verse indent7">oder alle Götter&#8194; &#8195; &#8194;&#8194;die Opfer geniessen.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_221">[S. 221]</span> </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vǫl. 24. Den Schaft hatte Odin&#8239;geschleudert ins Heer</div>
+ <div class="verse indent7">— das auch geschah&#8194;&#8194;im ersten Weltkrieg —</div>
+ <div class="verse indent7">da brach der Wall&#8194;&#8194;&#8194;&#8194;&#8239;in der Burg der Asen,</div>
+ <div class="verse indent7">die streitbaren Wanen&#8194;zerstampften das Feld.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>In Gullweig, der Goldigen, darf man vielleicht eine Wanin, die Freyja
+vermuten. Als die glänzende Frau aus der Schar der Wanen unter den
+Asen erschien, an deren Spitze Odin, der Herr der Gespenster, der
+Kriegsfürst, der wilde Jäger stand, wurde sie misshandelt. Die Früchte
+des Friedens und gedeihlichen Handels, das erworbene Gold fallen als
+Raubbeute dem Krieger zu. Der Reichtum, den die milden Götter der
+Sommerwonne und des Sonnenglanzes spenden, reizt zu Heerfahrt und
+Beutezug. So wird das Gold Ursache des Krieges, Krieger, Bauer und
+Kaufmann, Asen und Wanen geraten an einander. Siegreich behaupteten
+die Wanen das Feld. Nun berieten die Asen über den Frieden, ob sie den
+von den Wanen geforderten Zins erlegen oder ob sie ihnen ihr zweites
+Verlangen zugestehen sollten, gleichberechtigt mit den Asen Opfer zu
+empfangen. Und so wurde beschlossen. Denn wirklich erscheinen die Wanen
+im Kreise der Asen und stehen ihnen an Ehren nicht nach. Ergänzend
+berichtet die Ynglingasaga Kap 4: Odin fuhr mit einem Heer gegen die
+Wanen, die aber verteidigten ihr Land und waren mehrmals siegreich.
+Nachdem beide Teile in längerem Kriege einander Schaden angethan
+hatten, kam es zur Versöhnung, Friede wurde geschlossen, Geiseln wurden
+gestellt. Die Wanen gaben ihre besten Leute, den reichen Njord und
+seinen Sohn Freyr, die Asen dagegen den Hoenir, einen stattlichen und
+schönen Mann, doch beschränkten Sinnes, weshalb ihn der weise Mimir als
+Beirat begleitete. Den Njord und Freyr setzte Odin zu Opferpriestern
+ein. Freyja Njords Tochter war Priesterin, sie übte zuerst unter den
+Asen Zauberei (<i>seiđ</i>), wie sie bei den Wanen üblich war. Nach
+Wanenbrauch, der bei den Asen verboten war, hatte Njord seine Schwester
+zur Frau. Ein deutlicher Gegensatz zwischen den kriegerischen,
+geistesmächtigen Asen, die im Besitz höherer sittlicher Anschauung sich
+befinden, und den vielfach noch im Naturzustand verharrenden Wanen
+tritt auch hier zu Tage. Freyja als Zaubrerin fällt offenbar mit der
+zauberkundigen Hexe Gullweig zusammen. Den Asen ist ihr Wesen neu und
+fremdartig. Nur weiss Snorri nichts von vorhergehender Gewaltthat in
+Odins Halle, welche nach der Vǫlospǫ́ den Krieg verursacht hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_222">[S. 222]</span></p>
+
+<p>Yngl. Kap. 5 erzählt, Odin zog von Saxland nordwärts zur See und nimmt
+sich Wohnstätte auf einem nach ihm benannten Eiland (<i>Odinsvé</i>,
+<i>Odense</i> in Fünen). In Schweden herrscht König Gylfi. Odin sandte
+Gefjon zu ihm, um Ackerland zu fordern. Sie pflügt ein Stück Land
+heraus und zieht es ins Meer. Es ist die Insel Selund; in Schweden
+bildete sich an Stelle des Landstückes der Mälarsee, dessen Buchten
+gerade so liegen als die Landzungen auf Selund. Odin aber, von der
+Trefflichkeit des schwedischen Ackerlandes unterrichtet, fährt selbst
+nach Schweden. Da Gylfi keine Kraft zum Widerstand gegen die Asen sich
+zutraut, verträgt er sich mit ihnen. Odin und die Seinigen messen sich
+mit Gylfi in mancherlei List und Blendwerk&#x2060;<a id="FNanchor_187_187" href="#Footnote_187_187" class="fnanchor">[187]</a>, die Asen sind aber
+stets die Mächtigern. Am See im alten Sigtún lässt sich Odin nieder,
+richtet daselbst eine grosse Opferstätte nach Gewohnheit der Asen ein
+und weist auch seinen Genossen Wohnsitze an. Freyr herrscht in Uppsala.</p>
+
+<p>Die Sagen vom Wanenkrieg und von der Einwanderung der Asen
+nach Schweden haben unter sich Ähnlichkeit; trotz mancherlei
+unverständlichen Einzelheiten, trotz der jungen Fassung der
+Ynglingasaga darf ein gemeinsamer alter Kern erschlossen werden. Beide
+Berichte sind den Asen feindlich und erkennen nur widerstrebend ihre
+Macht an. Hier kämpfen die Schwedengötter, Freyr und Njord, die Wanen
+gegen die Asen, dort der Schwedenkönig. Es kommt zum Vergleich, wonach
+die angefahrenen Asen im Lande Opferstätten erhalten, aber sie müssen
+dagegen zur Anerkennung der Landesgötter sich bequemen. Asen und Wanen,
+Odin und Freyr herrschen zusammen. Ein geschichtlicher Vorgang scheint
+zu Grunde zu liegen, ein uralter Kultkrieg zwischen den Anhängern
+eines festgewurzelten altheiligen Glaubens und den Vertretern einer
+neuen aus der Fremde stammenden Religion. Der Gegensatz zwischen
+Freyr und Odin, dem Himmelsherrn und dem Sturmgott, jener gewaltige
+Umschwung, dem der germanische Götterglaube in den ersten Jahrhunderten
+unterworfen ist, kommt auch <span class="pagenum" id="Page_223">[S. 223]</span>hier freilich unter wesentlich anderen
+Umständen zum Ausdruck. Der norwegische Volksgott ist der Himmelsgott
+in seiner Eigenschaft als Donnerer, Thor; in Schweden muss frühzeitig
+der ingvaeische Freyr, der Begründer und Stifter des Königtums festen
+Fuss gefasst haben, wahrscheinlich durch die Handelsbeziehungen der
+Schweden zu den ingvaeonischen Völkerschaften. Von Schweden griff er
+nach Norwegen hinüber. Das Zusammentreffen des Gottesdienstes der
+Schweden und Norweger rief keine Fehde hervor. Wenigstens sind keine
+Spuren gewaltsamer Ausbreitung des Freysdienstes vorhanden. Als aber
+der deutsche Wodansglaube über Dänemark nach Skandinavien vordrang,
+was jedenfalls vor 800 geschah, da traf er in Schweden eine starke
+nationale Gegenströmung. Die schwedischen Könige, die Söhne Freys,
+wollten anfangs nichts von Odin wissen. Es mag bis zu Kämpfen zwischen
+den Anhängern des Alten und des Neuen gekommen sein, woraus die Sage
+einen Krieg zwischen Asen und Wanen machte. Ein Ausgleich gewährte den
+Asen im Schwedenland Opfer und Tempel, aber Freyr verschwand nicht vor
+Odin, er trat ihm gleichberechtigt zur Seite.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die nordischen Denkmäler, sowol die Edda und ihr Liederkreis als auch
+die Geschichtsquellen geben ein lebendiges und anschauliches Bild von
+Njord und Freyr, den die jüngere Olafssaga Tryggvasonar Kap. 173 als
+<i>blótguđ Svía</i>, Opfergott der Schweden bezeichnet, von dem viele
+Sagen in Umlauf wären. Man muss nur die euhemeristische Auffassung
+Snorris und Saxos, denen die Götter zauberkundige Könige sind, oder die
+christliche Färbung einzelner Darstellungen in Abzug bringen.</p>
+
+<p>Dass Freyr der herrschende Himmelsgott ist, zeigt noch seine Benennung
+Götterfürst, <i>folkvalde goþa</i> (Skirn. 3) an.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Freyr&#x2060;<a id="FNanchor_188_188" href="#Footnote_188_188" class="fnanchor">[188]</a> ist der erste&#8195;von allen Helden,</div>
+ <div class="verse indent4">Die die Burg der Asen birgt;</div>
+ <div class="verse indent0">Keines Mannes Frau&#8195;und kein Mädchen kränkt er,</div>
+ <div class="verse indent4">Und macht die Gefesselten frei.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Freyr ist der trefflichste unter den Göttern. Er waltet über Regen und
+Sonnenschein und über den Pflanzenwuchs der Erde. <span class="pagenum" id="Page_224">[S. 224]</span>Gut ist es, ihn
+um Fruchtbarkeit und Frieden anzuflehen, denn er vermag den Menschen
+Frieden und Wolstand zu gewähren. Alfheim, Elbenheim ist sein Wohnsitz.
+Denn auch die Elbe wirken in den Naturkräften, die das Wachstum
+befördern. Neben der mild-friedlichen Thätigkeit des Himmelsgottes,
+die seinem uranfänglichen Wesen entspricht, steht aber auch die
+kriegerische. Freyr besitzt ein Schwert, das in des Furchtlosen Hand
+von selber in Schwung gerät, und ein Ross, das mutig die wabernde
+Lohe durcheilt. Er ist der beste aller kühnen Reiter (<i>baztr allra
+baldriþa</i>). Bei der Werbung um Gerd gibt er Ross und Schwert
+hin, darum steht er seiner guten Waffe beraubt im letzten Kampf und
+erliegt vor dem Feuerriesen Surt. Zu Baldrs Leichenbrand fährt er auf
+einem Wagen, den der goldborstige Eber zieht. Der Wagen gebührt dem
+Himmelsgott von Alters her, doch ein goldborstiger Eber wurde ihm
+erst später durch ein Missverständniss beigelegt. Der Zwerg Sindri
+schmiedete die besten Kleinode, Odins Speer, Thors Hammer, das Schiff
+Skidbladnir, den Ring Draupnir, Sifs Goldhaar, endlich Freys Eber, von
+dem er sagte, dass er bei Tag und bei Nacht schneller als ein Pferd
+durch Luft und Wasser zu laufen vermöge, und niemals werde die Nacht
+so finster sein, dass nicht dort, wo der Eber sich befinde, genügende
+Helle sich verbreite — so leuchte es von seinen Borsten. Schon im
+10. Jahrh. berichtet das Skaldengedicht Húsdrápa, dass Freyr auf
+goldborstigem Eber ritt. Aber wie kommen Zwerge dazu, neben Waffen und
+Schmucksachen ein lebendiges Geschöpf zu schmieden? Unter den beliebten
+Tierbildern auf Helmen stehen Adler und Eber obenan. Die Angelsachsen
+trugen goldene Eberhelme. Im Norden begegnen <i>Hildisvín</i> und
+<i>Hildigǫtr</i>, Kriegseber, als Helmnamen. Zweifellos gebührte dem
+Himmelsgott ein goldener Eberhelm und der war ein Zwergengeschmeide.
+Später wurde der allgoldene <i>Hildigǫltr</i> wörtlich genommen, und so
+bildete sich die Sage vom Eber&#x2060;<a id="FNanchor_189_189" href="#Footnote_189_189" class="fnanchor">[189]</a>. Unter goldenem Eberhelm, mit dem
+Wunderschwert bewehrt reitet Freyr sein mutiges Ross, und so dachten
+sich wol einst alle Germanen den Himmelsgott.</p>
+
+<p>Skidbladnir (mit hölzernen Rudern?) ist der Schiffe bestes. Stets hat
+es günstigen Fahrwind nach der Richtung, in der man reisen will, sobald
+das Segel aufgehisst wird. Alle Götter finden <span class="pagenum" id="Page_225">[S. 225]</span>darin Platz, aber man
+kann es auch zusammenfalten und in die Tasche stecken. Die Wanen,
+insbesondere Njord haben auch mit der Schifffahrt zu thun; darum ist
+dem Gott ein Wunderschiff, das in seinen Eigenschaften an Märchendinge
+erinnert, beigelegt. Die mythische Deutung will darin die Seglerin der
+Lüfte, die Wolke sehen, die in nichts zusammenschwinden kann.</p>
+
+<p>Njords&#x2060;<a id="FNanchor_190_190" href="#Footnote_190_190" class="fnanchor">[190]</a> Wesen deckt sich mit Freyr. Er wohnt zu Noatun
+(Schiffsstätte, Hafen) und lenkt dort des Windes Lauf und beruhigt
+Meer, Sturm und Feuer. Ihn soll man bei Seefahrt und Jagd anrufen. So
+reich und begütert ist er, dass er jedem Land und fahrende Habe geben
+kann, wenn er will, und darum soll man ihn deswegen anrufen. Mit seiner
+Schwester zeugte er Freyr und Freyja. Ein isländisches Sprichwort war:
+reich wie Njord.&#x2060;<a id="FNanchor_191_191" href="#Footnote_191_191" class="fnanchor">[191]</a></p>
+
+<p>Was die Geschichtsquellen über Njord und Freyr berichten, deckt sich
+vollkommen mit den Angaben der Edda. Die Ynglingasaga Kap. 11 sagt
+von Njord, zu seinen Zeiten sei so guter Friede und fruchtbares Jahr
+gewesen, dass die Schweden meinten, Njord gebiete über Fruchtbarkeit
+und Reichtum der Menschen.</p>
+
+<p>Der Ynglingasaga (Kap. 12) ist Freyr ein milder, reicher Herrscher,
+unter dem Friede und Fruchtbarkeit blühen. Zu Uppsala&#x2060;<a id="FNanchor_192_192" href="#Footnote_192_192" class="fnanchor">[192]</a> war sein
+Hauptsitz. Zu seinen Zeiten war Frodis Friede, und gutes Jahr in allen
+Landen: die Schweden schrieben es dem Freyr zu. Freyr hiess mit anderem
+Namen Yngvi; Yngvi blieb lange ein Ehrenname in seinem Geschlecht,
+seine Nachkommen hiessen Ynglinger. Als Freyr erkrankte, da liess man
+nur wenige Leute zu ihm. Ein grosser Hügel mit einer Thüre und drei
+Fenstern wurde erbaut. Dort hinein schafften sie den toten Freyr und
+sagten den Schweden, er sei noch am Leben. So gings drei Jahre. Reiche
+Schätze wurden geopfert, Friede und Fruchtbarkeit dauerte fort. Als
+das Volk seinen Tod endlich erfuhr, wollten sie seinen Leichnam nicht
+verbrennen; sie glaubten, die gute <span class="pagenum" id="Page_226">[S. 226]</span>Zeit werde anhalten, so lange Freyr
+in Schweden wäre. Da nannten sie Freyr den Gott der Welt und opferten
+ihm alle Zeit um Frieden und Fruchtbarkeit.</p>
+
+<p>Tapfere Fürsten heissen Sprösslinge Freys, wie sie auch Tyrs Nachkommen
+genannt werden.&#x2060;<a id="FNanchor_193_193" href="#Footnote_193_193" class="fnanchor">[193]</a></p>
+
+<p>In den Tagen Haralds Harfagri kam Hrafnkell nach Island.&#x2060;<a id="FNanchor_194_194" href="#Footnote_194_194" class="fnanchor">[194]</a> Er nahm
+Land in Besitz, opferte und errichtete einen Tempel. Hrafnkell verehrte
+keinen Gott mehr als Freyr, und weihte ihm die Hälfte seiner besten
+Habe zu eigen. Darum erhielt er auch den Beinamen <i>Freysgodi</i>,
+Priester des Freyr. Unter seinen Besitztümern erschien ihm ein grauer
+Hengst mit schwarzen Streifen am Rücken am meisten wert. Er nannte
+ihn <i>Freyfaxi</i>, und schenkte auch ihn zur Hälfte seinem Freunde
+Freyr. Diesen Hengst liebte er sehr und gelobte, den zu töten, der
+gegen seinen Willen ihn reite. Einar Thorbjorns Sohn, der als Hirte bei
+Hrafnkell sich verdingt, erhält die strenge Weisung, das Verbot nicht
+zu brechen. Wie er trotzdem einmal, um verlaufene Schafe zu suchen, den
+Hengst besteigt, läuft dieser zu Hrafnkell und zeigt ihm das Geschehene
+mit lautem Wiehern an. Am andern Tag reitet Hrafnkell zu Einar hinaus,
+stellt ihn zu Rede und schlägt ihn seinem Gelübde gemäss zu tod. Daraus
+entstand eine grosse Fehde zwischen Hrafnkell und den Verwandten
+Einars, die mit Hrafnkells Vertreibung von Haus und Hof endigt. Seine
+Feinde liessen den Hengst und die andern Rosse vorführen. Sie schienen
+ihnen tüchtig und gut zur Arbeit, am besten aber Freyfaxi, der so
+viel Unheil verursacht hatte. Damit er aber nicht noch mehr Todschlag
+verschulde, soll ihn der, dem er gehört (Freyr), zu sich nehmen. Sie
+führten ihn daher auf eine steile Klippe, verhüllten seinen Kopf,
+banden einen schweren Stein um seinen Hals und stürzten ihn in den
+unten vorbeifliessenden Strom. Zur Erinnerung wurde der Ort Klippe des
+Freyfaxi genannt. Drüber erhob sich der von Hrafnkell erbaute Tempel.
+Nachdem sie die Götterbilder ihres Schmuckes beraubt hatten, legten sie
+Feuer ans Heiligtum und verbrannten alles zusammen. Wie Hrafnkell dies
+erfuhr, entsagte er allem Opfer und Götterglauben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_227">[S. 227]</span></p>
+
+<p>Freyfaxi scheint selber dämonischer Art, wie er auch seinen Reiter
+bei Hrafnkell anzeigt. Auch sonst kommen Pferde mit Namen Faxi vor,
+die abergläubische Verehrung genossen. Man wird an Tacitus Kap. 10
+erinnert, die heiligen Rosse seien Mitwisser der Gottheit.</p>
+
+<p>Zu Freyr stehen auch noch andere in besonders naher Freundschaft.&#x2060;<a id="FNanchor_195_195" href="#Footnote_195_195" class="fnanchor">[195]</a>
+Es wird ein Thorðr Freysgodi erwähnt; ein ganzes Geschlecht trägt
+den Namen <i>Freysgyđlingar</i>. Der Isländer Thorgrim Freysgodi
+pflegte im Herbst dem Freyr Opfer und Gasterei zu halten. Als er
+meuchlerisch ermordet wurde, geschah es, dass ausserhalb und südwärts
+am Grabhügel Thorgrims nie Schnee haftete und er nie gefror; die
+Leute meinten, er sei dem Freyr um der Opfer willen so lieb gewesen,
+dass der Gott es zwischen beiden nie zufrieren lassen wollte. Auch
+hier äussert sich der milde Himmelsgott deutlich seinem Wesen nach in
+Sonnenkraft und Thauluft. In diesem Sinn heissen irdische Helden Freys
+Freund, <i>Freys vinr</i>, worauf auch der ags. Name <i>Fréawine</i>,
+vielleicht der ahd. <i>Frôwin</i>&#x2060;<a id="FNanchor_196_196" href="#Footnote_196_196" class="fnanchor">[196]</a> zielen. Aus letzteren ist der
+Schluss gerechtfertigt, dass auch ausserhalb der nordischen Länder
+mit der Bezeichnung „Herr“, gleichwie Gott später in christlicher
+Zeit, schlechthin Tiuȥ gemeint war, nur dass dort das Beiwort nicht
+vollständig in den Rang eines Eigennamens trat.</p>
+
+<p>Thorkell Hafi&#x2060;<a id="FNanchor_197_197" href="#Footnote_197_197" class="fnanchor">[197]</a>, von Vigaglumr um sein Gut zu Thverá gebracht, sucht
+bei seinem Freund Freyr Hilfe. Und ehe Thorkell von Thverá wegzog, ging
+er zum Tempel Freys und führte einen alten Ochsen dahin und sprach:
+Freyr, der du lange mein treuer Freund gewesen bist, viele Gaben von
+mir empfangen und sie wol vergütet hast, dir schenke ich nun diesen
+Ochsen darum, dass Glum einst nicht minder wider seinen Willen von
+Thverá wegziehen möge, als ich jetzt ziehe; lass mich ein Zeichen
+sehen, <span class="pagenum" id="Page_228">[S. 228]</span>ob du annimmst oder nicht. Da brüllte der Ochse und fiel tot
+nieder. Thorkell glaubte, Freyr habe damit das Gelübde angenommen. Der
+Gott erfüllt seine Zusage. Gegen Glum wird am Allding eine Blutklage
+anhängig gemacht. Ehe er von daheim wegreitet, sieht er im Traum viele
+Leute nach Thverá kommen, den Freyr aufzusuchen, der auf einem Stuhle
+sass. Glum fragt die Leute, wer sie seien und erhält zur Antwort: seine
+verstorbenen Anverwandten. Sie bitten Freyr, Glum möge aus Thverá nicht
+vertrieben werden. Doch umsonst; Freyr antwortet kurz und zornig und
+gedenkt des von Thorkell geopferten Ochsen.</p>
+
+<p>Oddr Sindri&#x2060;<a id="FNanchor_198_198" href="#Footnote_198_198" class="fnanchor">[198]</a> muss sein Gut an Helgi Asbjarnarson abtreten. Als
+sich Oddr zum Wegziehen anschickte, liess er einen Stier schlachten.
+Am ersten Zugtag wurden Tische längs der Sitze aufgestellt und das
+gekochte Stierfleisch vorgesetzt. Da trat Oddr hinzu und sagte: Hier
+ist der Tisch zugerichtet, wie für meine teuersten Freunde; dieses
+Gastmahl gebe ich ganz dem Freyr, damit er den, der an meine Stelle
+kommt, mit nicht geringerem Kummer von Oddsstadir wegziehen lässt, als
+ich jetzt ziehe. Hierauf zog Oddr mit allen den Seinigen ab.</p>
+
+<p>Wie einem vertrauten Freunde wird dem Gott Herzenskummer und Sorge
+ausgesprochen. Kann er nicht helfen und Unheil abwehren, so soll er
+doch Rache und Vergeltung üben.</p>
+
+<p>Pferd und Ochse fielen dem Freyr als Opfer. Aber auch der „Heerdeneber“
+<i>sonargǫltr</i> (Sievers, Beiträge 16, 540 ff.), der stattlichste
+und stärkste Eber, umsomehr als wegen des missverstandenen Eberhelms
+Freyr selber einen Eber besass. Mit Beziehung hierauf sagt die
+Hervararsaga&#x2060;<a id="FNanchor_199_199" href="#Footnote_199_199" class="fnanchor">[199]</a> vom König Heidrek, er habe den grössten Eber Freyr
+geopfert. Am Julfest wurden mit Handauflegen auf die Borsten dieses
+heiligen, zum Opfer bestimmten Ebers Gelübde beschworen. Zwölf
+Urteilsprecher hatte Heidrek zu seinem goldfarbigen heiligen Eber
+bestellt, auf dessen Borsten in allen wichtigen Rechtssachen geschworen
+werden sollte. Das Eberopfer gehörte wol nicht von Anfang an dem
+Himmelsgott, das vornehmere Rossopfer hat darauf mehr Anspruch, sondern
+gewann erst später auf Freyr Bezug.</p>
+
+<p>In der Geschichte König Olafs Tryggvason&#x2060;<a id="FNanchor_200_200" href="#Footnote_200_200" class="fnanchor">[200]</a>
+ wird ein Heiligtum <span class="pagenum" id="Page_229">[S. 229]</span>des
+Freyr zu Drontheim erwähnt. Im Umkreis wurden dem Gott heilige Pferde
+unterhalten. Das Volk rief ihn um Frieden und Fruchtbarkeit an und
+liess sich die Zukunft von ihm offenbaren. Der junge und entstellte
+Bericht, wie Olaf die Drontheimer bekehrte, enthält doch einen wahren
+Gedanken, es wird auf die völlige Gleichheit des drontheimischen Kultes
+mit dem schwedischen hingewiesen und die Herkunft des Freysdienstes
+aus Schweden behauptet. Nachdem der König im wesentlichen die
+euhemeristische Erzählung der Ynglingasaga vortrug, fährt er fort, dem
+Freyr seien zur Unterhaltung zwei Holzfiguren in den Grabhügel gegeben
+worden. Später drangen einmal Räuber hinein, um die geopferten Schätze
+zu stehlen. Von plötzlicher Furcht ergriffen wagten sie nichts ausser
+den zwei hölzernen Götzen mitzunehmen. Diesen opferten nunmehr die
+Schweden an Freys Stelle. Der eine Götze aber wurde nach Drontheim
+gesandt, wo ihm der gleiche Dienst gewidmet wurde.</p>
+
+<p>Gunnar Helmingr&#x2060;<a id="FNanchor_201_201" href="#Footnote_201_201" class="fnanchor">[201]</a>, ein des Todschlags beschuldigter Mann, flüchtete
+aus Norwegen nach Schweden. Damals wurde noch den Göttern geopfert, vor
+allen dem Freyr. Das Götzenbild des Freyr redete mit den Leuten, auf
+Eingebung des bösen Feindes berichtet der Sagaschreiber, und hatte ein
+junges Weib zu seinem Dienst. Sie galt als des Gottes Frau und war über
+Freys Heiligtum gesetzt. Gunnar flehte sie um Schutz an. Obwol der Gott
+dem Fremdling nicht günstig schien, behielt ihn die Priesterin doch bei
+sich. Die Zeit kam heran, da die Frau das Götzenbild auf einem Wagen
+im Lande herumführen sollte, damit Freyr den Leuten fruchtbares Jahr
+bringe. Die Priesterin sass beim Gott auf dem Wagen, die Dienstleute,
+unter ihnen Gunnar, gingen zu Fuss voraus. Als sie einmal übers Gebirge
+fuhren, erhob sich ein grosses Unwetter. Nach und nach liessen alle
+bis auf Gunnar den Wagen im Stich. Gunnar führte die Zugtiere, als er
+aber müde wurde, setzte er sich auf den Wagen. Die Frau sagte: Sieh
+zu, sonst erhebt sich Freyr gegen dich! Gunnar versuchte noch einige
+Zeit zu gehen, als er aber wieder müde ward, sprach er: So will ichs
+versuchen, Freyr zu widerstehen, wenn er mich angreift. Er ringt mit
+Freyr und ist nahe daran, zu unterliegen. Da gelobt er nach Norwegen
+zurückzukehren, mit König Olaf sich zu versöhnen und den wahren Glauben
+anzunehmen, und es glückt <span class="pagenum" id="Page_230">[S. 230]</span>ihm, Freyr zu fällen. Der böse Geist lief
+aus dem Götzenbild, das Gunnar in Stücke schlug. Dann ging er zum Wagen
+und befahl der Frau, sie solle ihn für den Gott ausgeben, wozu sie
+gern bereit war. So fuhr Gunnar als Freyr zu den Leuten. Das Wetter
+hellte sich auf und sie kamen zu dem Gastgebot, das ihnen angerichtet
+war. Dort waren viele von den Leuten, die zuvor dem Wagen nachgelaufen
+waren. Dem Volke dünkte es viel wert, wie Freyr seine Macht zeige, dass
+er in solchem Unwetter, da alle ihn verliessen, doch mit seiner Frau
+zu den Höfen käme, und dass er nun unter den Leuten wandle und wie
+andre Menschen trinke. So besuchten sie den Winter über die Gastereien.
+Freyr redete fast allein mit seinem Weib, nur wenig mit anderen, er
+wollte kein blutiges Opfer annehmen, sondern nur Gold und Silber,
+schöne Gewänder und andre Kostbarkeiten. Mit der Zeit wurde Freys Weib
+schwanger. Das galt für ein gutes Zeichen. Die Witterung war gut und
+alles deutete auf ein fruchtbares Jahr. Weithin verbreitete sich die
+Kunde, wie mächtig der Schwedengott sich zeige. Auch König Olaf vernahm
+davon, ihm ahnte die Wahrheit. Er schickte Gunnars Bruder Sigurd nach
+Schweden, und der erkannte alsbald, wer Freyr war. Bei Nacht und Nebel
+entwich Gunnar mit seinem Weib und allen Kleinodien nach Norwegen und
+liess sich dort taufen.</p>
+
+<p>Diese Erzählung ist vom christlichen Standpunkt gehässig gefärbt, sie
+will den Trug des Heidentums, bei dem der Teufel die Hand im Spiel
+hat, in grelles Licht setzen. Doch diese Zuthaten fallen leicht ab.
+Bezeugt wird ein schwedischer Brauch: Freyr, von einer Priesterin
+begleitet, wird zur Winterszeit auf einem Wagen im Lande umhergeführt.
+Wohin er kommt, wird er mit festlichem Gelage aufgenommen, Opfer werden
+ihm geschlachtet. Der Umzug segnet die Gaue zu Fruchtbarkeit. Ein
+vollkommenes Seitenstück zu dem, was Tacitus von der ingvaeonischen
+Nerþus erzählt, liegt hier vor.</p>
+
+<p>Stefnir, der für die Einführung des Christentums auf Island wirkte,
+hatte sein Schiff bei Gufaros angelegt. Im Winter wurde es durch
+Hochwasser beschädigt. Da lief eine Weise um, des Inhalts, dass die
+Macht der Landesgötter es also gefügt. Eine zweite Wendung misst dem
+herrschenden Freyr die That bei.&#x2060;<a id="FNanchor_202_202" href="#Footnote_202_202" class="fnanchor">[202]</a> Die Landesgötter, <span class="pagenum" id="Page_231">[S. 231]</span>Freyr an der
+Spitze, wehren dem neuen Glauben den Zugang zu Island.</p>
+
+<p>Dem Wesen des Gottes entsprechend ist das dichterische Bild <i>Freys
+leikr</i>&#x2060;<a id="FNanchor_203_203" href="#Footnote_203_203" class="fnanchor">[203]</a>, Spiel des Freyr, wol als Festesfreude, Trinkgelage und
+Unterhaltung mit Frauen aufzufassen. Beim Opfer wurde Freys und Njords
+Becher&#x2060;<a id="FNanchor_204_204" href="#Footnote_204_204" class="fnanchor">[204]</a> um Fried und Fruchtbarkeit getrunken, nachdem zuerst Odins
+Becher um des Königs Sieg und Macht geleert worden war. Im ältesten
+isländischen Landrecht von 927 wurde der Wortlaut des feierlichen Eides
+also festgesetzt: Ich schwöre einen Gesetzeseid, so wahr mir Freyr und
+Njord und der allmächtige Gott (Thor) helfe!&#x2060;<a id="FNanchor_205_205" href="#Footnote_205_205" class="fnanchor">[205]</a> Unter Freys und Thors
+Schutz fuhren die Norweger im Ausgang des 9. Jahrhunderts nach Island,
+wo sie eine neue Heimat sich begründeten. Ingimund, ein norwegischer
+Wiking, erhielt von König Harald ein kleines silbernes Bild des Freyr
+zum Geschenk. Eine Volva weissagt Ingimund, er werde nach Island
+ausfahren und sich dort niederlassen, wo er das wunderbarer Weise aus
+seinem Beutel verschwundene Freysbild wieder finde. Im Vatnsdal auf
+Island lag das Bild im Boden an der Stelle, wo die Hauptpfeiler des
+Tempels eingegraben wurden.&#x2060;<a id="FNanchor_206_206" href="#Footnote_206_206" class="fnanchor">[206]</a> So weist Freyr wie sonst Thor dem
+Ansiedler seine Stätte, die alten Götter walten auch über der neuen
+Heimat. Freyr hat wie sein Vater Njord auch mit der Schifffahrt zu
+thun. <span class="pagenum" id="Page_232">[S. 232]</span>Der Skald Hallfred gelobte dem Freyr eine Gabe, falls er Seewind
+nach Schweden bekäme, dem Thor oder Odin, falls nach Island heim.&#x2060;<a id="FNanchor_207_207" href="#Footnote_207_207" class="fnanchor">[207]</a>
+Gegen den norwegischen König Eirik Blutaxt schleudert der isländische
+Skald Egill den Fluch: Mögen die Götter ihm den Raub meiner Güter
+vergelten! Die waltenden Mächte und Odin sollen den König vertreiben!
+Freyr und Njord mögen den Volksbedrücker elend machen! Der Landesgott
+(Thor) thue ihm, der heilige Rechte brach, leides!&#x2060;<a id="FNanchor_208_208" href="#Footnote_208_208" class="fnanchor">[208]</a> Wie in der
+Eidformel stehen Freyr, Njord und der Landase bei einander. Alles das
+lehrt, dass die Verehrung Freys und Njords tief im Volksleben wurzelte.
+In den nordischen Ländern erhoben sich daher auch viele Freystempel,
+viele Örtlichkeiten wurden nach dem Gotte benannt und so seinem Schutze
+anempfohlen.&#x2060;<a id="FNanchor_209_209" href="#Footnote_209_209" class="fnanchor">[209]</a></p>
+
+<p>Im Eyjafjord auf Island war eine Örtlichkeit in Erinnerung an Schweden
+Uppsalir genannt. Dort stand ein Tempel des Freyr, der so heilig
+gehalten wurde, dass kein zur Verbannung oder Acht Verurteilter
+daselbst weilen durfte.&#x2060;<a id="FNanchor_210_210" href="#Footnote_210_210" class="fnanchor">[210]</a></p>
+
+<p>Was Adam von Bremen und Saxo berichten, stimmt völlig zu den nordischen
+Quellen. Frö ist Gott der Schweden, sein Hauptsitz ist Uppsala, wo
+ihm Menschen und Tiere zum Opfer geschlachtet werden. Beim grossen
+Jahresopfer findet Tanz und Spiel statt, überhaupt war der Freysdienst
+in mancher Augen weichlich. Um Frieden und Glück wird Freyr angerufen,
+auch bei Hochzeiten wurden ihm Opfer gebracht. Die schwedischen Helden
+hiessen Frös Freunde und Verwandte.&#x2060;<a id="FNanchor_211_211" href="#Footnote_211_211" class="fnanchor">[211]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_233">[S. 233]</span></p>
+
+<p>Der Begründer des Ynglingerstammes heisst <i>Yngvefreyr</i>,
+<i>Ingefreyr</i>, <i>Ingunarfreyr</i>&#x2060;<a id="FNanchor_212_212" href="#Footnote_212_212" class="fnanchor">[212]</a> schon in älteren Gedichten,
+in der Haustlong 10, Haleygiatal 13, Lokas. 43. Dass der Stammvater aus
+dem Namen des Geschlechtes erwuchs, wie Scyld, Skjoldr an der Spitze
+der dänischen Scyldingas, Skjoldungar, ist klar. Ob er Beziehungen
+zum Ingvo als Stammvater der Ingvaeonen hat, kann nicht mit voller
+Bestimmtheit behauptet werden, doch ist die Wahrscheinlichkeit
+gross. Ingwine heissen in ags. Dichtung die Ostdänen, die in
+Südschweden ansässig waren. Ihr Stammheld ist Ing genannt, ihr König
+<i>Fréa Ingwina</i>. Norwegische Verfasser leiten nun allerdings
+die Ynglinger von den schwedischen Königen zu Uppsala ab. Die aber
+hiessen Scylfingas, Skilfingar, Stuhlkönige (ags. <i>scylf</i>, an.
+<i>skjǫlf</i>, Bank, Hochsitz). Der norwegische Königsstamm, der mit
+Harald Harfagri zur Einherrschaft kam, zählte sich zu den Ynglingern;
+die Sage berichtet den allmäligen Zug des Geschlechtes von Uppsala
+bis Skiringssal im norwegischen Vestfold. In Wirklichkeit waren
+die Ynglinger Ostdänen, Ingwine. Ingunarfreyr scheint aus älterem
+*Ingunafreyr verderbt. <i>Ingunafreyr</i> entspricht genau dem
+<i>Fréa Ingwina</i>, Yngve, Inge dem ags. <span class="pagenum" id="Page_234">[S. 234]</span>Ing. Der Herr der Ingwine,
+der Ostdänen, hiess Yngwe. Inglinger sind Ingwes Söhne. Wie die
+Ingvaeonen in Ingwo den Begründer ihres Volkes ehrten, so die daraus
+hervorgegangenen Ingwine den Ingwe als Stammvater ihrer Könige.&#x2060;<a id="FNanchor_213_213" href="#Footnote_213_213" class="fnanchor">[213]</a>
+Dass Ingwo-Ingwe für des höchsten Himmelsgottes Sohn galt, ist sehr
+wahrscheinlich. Aber erst durch Missverständniss warf der Skald
+Thiodolf im Ausgang des 9. Jahrhunderts den <i>Ingunafreyr</i>, Ingwe
+den Stifter der Ynglingar, mit dem Schwedengott <i>Freyr</i> zu Uppsala
+zusammen, und verlegte dadurch den Ursprung der Ynglinger nach Uppsala.
+Daher erscheint Yngve als Beiname Freys bei Snorri, Yngve als Njords
+Vater bei Ari, dem ersten um 1130 schreibenden isländischen Historiker.
+Dass übrigens schon im <i>Fréa Ingwine</i> der ingwaeonische
+Himmelsherr anklang, ist durch diese Erklärung nicht ausgeschlossen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wie Thor auf seinen Fahrten oft von einem dienenden Paar Thjalfi und
+Roskwa begleitet wird, so folgen auch Freyr Dienstleute <i>Byggwir</i>
+(Nebenform <i>Beyggwir</i>) und sein Weib <i>Beyla</i>.&#x2060;<a id="FNanchor_214_214" href="#Footnote_214_214" class="fnanchor">[214]</a> Beide
+erscheinen nur in der Lokasenna und werden von dem argen Schelter
+auch beschuldigt. Byggwir rühmt sich, von Göttern und Menschen hurtig
+genannt zu werden. Loki wirft ihm vor, an der Mühle (bei Knechtsarbeit)
+schwatze er. Er habe den Leuten nie die Speise zuzuteilen vermocht;
+als die Männer sich schlugen, hätten sie ihn im Stroh nicht finden
+können. Beyla sei mit Freveln befleckt; kein ärgeres Scheusal als diese
+mistbesudelte Magd sei noch zu den Asen gekommen. Vertreten etwa die
+Dienstleute Freys wie die Thors die friedliche Bauerschaft, die von
+Krieger <span class="pagenum" id="Page_235">[S. 235]</span>und Edeling wie Thor selbst im Harbardslied verhöhnt wird? Im
+Gefolge des Gottes des Ackerbaues würden sie recht wol passen.</p>
+
+<h5 class="s4a" id="Sagen_2"><b>2. Sagen.</b></h5>
+
+<p>Unter den Eddaliedern, die fast alle entsprechend ihrem
+norwegisch-isländischen Ursprung zur Verherrlichung Odins und Thors
+dienen, gehen zwei auf den Himmelsgott, die <i>Rigsþula</i>, welche
+bei Heimdall zu erwähnen ist, und die <i>Skírnismǫ́l</i>.&#x2060;<a id="FNanchor_215_215" href="#Footnote_215_215" class="fnanchor">[215]</a> Ihre
+Grundlage, die Verehrung des Himmelsherrn, weist auf eine ältere
+Zeit oder auf eine andere Heimat, als für die Odins- und Thorslieder
+vorauszusetzen ist. Doch trifft dies nur auf die darin behandelten
+Mythen zu, nicht auf die Lieder in ihrer überlieferten Gestalt.</p>
+
+<p>Vom Hochsitz des Himmels blickte einst Freyr über alle Welt. Da sah er
+im Riesenheim eine schöne Maid, Gerd; vom Glanz ihrer Arme leuchtete
+Himmel und Meer. Freyr wurde schwermütig aus Liebesgram. Auf Njords
+Geheiss ging Skirnir, Freys vertrauter Diener, zu ihm und fragte nach
+dem Grund seiner Trauer. Freyr gestand, wie er von Liebe zu Gerd
+ergriffen wurde.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Inniger hat niemals&#8195;&#8195;&#8195; &#8194;seit der Urzeit Tagen</div>
+ <div class="verse indent7">Ein Mann ein Mädchen geliebt,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch von Asen und Elben&#8195;kein einziger will es,</div>
+ <div class="verse indent7">Dass wir beide zusammen sind.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Da erbot sich Skirnir, die Fahrt zu thun auf des Gottes Ross, das die
+Waberlohe durchläuft, mit des Gottes Schwert, das von selber wider der
+Thursen Tross sich schwingt. So kam Skirnir nach Riesenheim zu Gymirs
+Gehöft. Bissige Hunde waren am Zaune angebunden, auf einem Hügel sass
+ein Wächter, der alle Wege bewachte. Der versagte ihm die Zwiesprache
+mit Gerd. Doch Skirnirs mutiger Sinn liess sich nicht einschüchtern.
+Gerd vernahm lautes Getöse, es erzitterte das Gehöft. Skirnir stieg
+vom Rosse und trat ein. Skirnir brachte nun seine Werbung vor und
+bot elf goldene Äpfel und einen Ring. Doch Gerd wollte nichts davon
+wissen. Da bedrohte sie Skirnir mit dem Schwert, wieder umsonst. Nun
+übte Skirnir Beschwörung und Zauberzwang, er verwünschte Gerd unter die
+greulichsten Riesen, ans Ende der <span class="pagenum" id="Page_236">[S. 236]</span>Welt, zur Hölle, an die Seite eines
+unerträglichen Gatten, falls sie Freys Werbung nicht annehme. Da wagt
+Gerd nimmer zu widerstehen, sie reicht dem Boten zur Versöhnung den
+gefüllten Metbecher: „Nicht ahnte ich, dass einst der Wanenspross meine
+Liebe gewänne.“ Skirnir verlangt, Gerd solle eine Zusammenkunft mit
+Freyr anberaumen. „Barri (der Knospende) heisst ein heimlich trauter
+Hain, nach neun Nächten wird dort Gerd Njords Sohne Liebesgenuss
+gönnen.“ Da ritt Skirnir mit diesem Bescheid zum ungeduldig harrenden
+Freyr heim.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Lang ist eine Nacht, &#8195; lang sind zweie,</div>
+ <div class="verse indent6">Wie geduld ich mich drei?</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Monat oft &#8195; schien mir minder lang</div>
+ <div class="verse indent6">Als des Harrens halbe Nacht.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Das Gedicht, etwa um 900 in Norwegen verfasst, hat zur Grundlage den
+Mythus vom Bund des Lichtgottes mit der tragbaren Erde, den Sieg des
+Lichtes über das Dunkel, des Frühlings über den Winter. Doch ist
+alles dichterisch, menschlich schön geschildert. Was in dem Lied
+an Odin und Runenkunde erinnert, ist später hineingetragen, wol
+vom norwegischen Dichter. Denn der Stoff gehört ursprünglich nach
+Schweden und kennt Freyr noch in unumschränkter Herrschaft. Die Sage
+gehört dem Himmelsgott selber, Skirnir, der Erhellende, Aufklärende
+ist ein Beiwort des Gottes, worunter später eine besondere, von ihm
+verschiedene Gestalt verstanden wurde. Grimn, 43 wird Freyr selber
+<i>enn skíre</i>, der Lichte, Schimmernde genannt. In der Lokas.
+42 wird auch noch darauf angespielt, als ob Freyr selber die Fahrt
+ausgeführt hätte:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mit Gold erwarbst du Gymirs Tochter</div>
+ <div class="verse indent0">Und gabst dein Schwert dahin.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Vielleicht waren einmal auch Riesenkämpfe damit verbunden. Gerd nennt
+Freyr den Mörder ihres Bruders (<i>bróþorbane</i>). In den nordischen
+Gedichten heisst Freyr mehrmals des brüllenden Sturmriesen Beli
+Mörder (<i>Belja bane</i>). Gylfag. Kap. 37 erwähnt kurz diese That,
+allerdings schon mit der Voraussetzung, dass Freyr damals sein gutes
+Schwert bereits weggegeben habe. Deshalb sei er im Kampf mit Beli
+waffenlos gewesen und habe den Unhold mit der Faust oder mit einem
+Hirschgeweih getötet.&#x2060;<a id="FNanchor_216_216" href="#Footnote_216_216" class="fnanchor">[216]</a> Der Wächter im <span class="pagenum" id="Page_237">[S. 237]</span>Riesenheim, der Skirnir
+aufzuhalten sucht, deutet auf einstigen Widerstand. Man darf den
+ursprünglichen Mythus von des Himmelsgottes Werbung wol dahin ergänzen,
+dass er erst nach Kämpfen mit Riesen, welche Gerd gefangen hielten, die
+Braut gewann. Dabei ging das Schwert verloren.</p>
+
+<p>Auf denselben Mythus geht das Lied von <i>Swipdag</i>&#x2060;<a id="FNanchor_217_217" href="#Footnote_217_217" class="fnanchor">[217]</a> zurück. Der
+junge Swipdag soll um die schöne Menglod werben. Er geht zum Grabhügel
+seiner toten Mutter Groa und beschwört sie, ihm dabei zu helfen. Die
+Tote erwacht und spricht Segen gegen jede Not und Gefahr über ihren
+Sohn aus. Vielleicht gab sie ihm auch, wie im spätern Volkslied, Ross
+und Schwert. So gerüstet macht sich Swipdag auf den Weg und gelangt
+zu Menglods Burg, die auf der Spitze eines Speeres sich dreht und von
+lodernden Flammen umgeben ist. Er stösst auf den Wächter der Burg,
+Fiolswid und nennt sich, seinen wahren Namen verhehlend, Windkald,
+Warkalds Sohn, Fiolkalds Enkel. Vom Wächter hört er, dass Menglod des
+Saales Herrin ist. Eine hohe Mauer umzieht die Burg, das kunstvoll
+gearbeitete Thor erfasst den Eindringling wie feste Fessel. Hunde
+umkreisen das Gehöft und wehren den Eintritt. Nur eine Speise könnte
+sie kirren, aber unmöglich ist sie zu bekommen. Nur einem Einzigen
+öffnen sich Menglods Arme, dem Swipdag ist die sonnenhelle Maid zum
+Gemahl bestimmt. Da gibt sich der Held zu erkennen, freudig umwedeln
+ihn die wilden Hunde, das Haus thut sich auf, Fjolswid eilt, ihn zu
+melden. Menglod fragt nach Wahrzeichen, Namen und Abkunft.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Swipdag heiss ich,&#8195;&#8195; Solbjart hiess mein Vater,</div>
+ <div class="verse indent4">Dorther ging ich auf windigem Weg.“</div>
+ <div class="verse indent0">„Heil dir, Wandrer!&#8195; &#8195; Mein Wunsch ist erfüllt;</div>
+ <div class="verse indent4">Komm und empfange den Kuss!</div>
+ <div class="verse indent0">Ersehnter Anblick&#8195;&#8195;&#8195;beseligt jeden,</div>
+ <div class="verse indent4">Der heisse Liebe hegt.</div>
+ <div class="verse indent0">Lange sass ich&#8195;&#8195;&#8195; &#8195; auf Lyfjaberg,</div>
+ <div class="verse indent4">Deiner harrend von Tag zu Tag;</div>
+<span class="pagenum" id="Page_238">[S. 238]</span>
+ <div class="verse indent0">Nun ward Gewährung&#8195;&#8194;dem Wunsch endlich,</div>
+ <div class="verse indent4">Da du, Held, dich der Halle genaht.</div>
+ <div class="verse indent0">Lang hab ich Sehnsucht&#8195;nach dem Liebsten erduldet,</div>
+ <div class="verse indent4">Wie nach meiner Minne du;</div>
+ <div class="verse indent0">Wahr jetzt wird es,&#8195;&#8195;&#8195;dass wonnige Tage</div>
+ <div class="verse indent4">Uns beiden für immer blühn.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Der mythische Gehalt des Gedichtes kommt in den Namen der handelnden
+Personen deutlich zum Ausdruck. <i>Swipdagr</i> ist der rasche Tag,
+Menglod die des Halsschmuckes Frohe, ein Beiname der Freyja oder Frigg,
+ursprünglich der Gemahlin des Himmelsgottes. Diese ist bald als die
+Erdgöttin, bald als die himmlische Sonnenjungfrau gedacht und letzteres
+scheint hier der Fall zu sein. Ostwärts am Himmelsrand schläft Jungfrau
+Sonne hinter hohem Berge, vom flammenden Zaune der Morgenröte umgeben
+und jedem Unberufenen unzugänglich. In früher Dämmerung, im Morgenwind
+als Windkald, Kalds Sohn erscheint der Freier. Die Hindernisse fallen,
+als sein wahres Wesen, sein wirklicher Name offenbar wird: Svipdagr,
+Solbjarts, des Sonnenhellen Sohn. Mit Märchenzügen ausgestattet, mit
+allerlei fremdartiger, mythologischer Gelehrsamkeit versetzt, schimmert
+trotzdem die Grundbedeutung des Stoffes hervor.&#x2060;<a id="FNanchor_218_218" href="#Footnote_218_218" class="fnanchor">[218]</a></p>
+
+<p>Auch von Njord geht eine Sage.&#x2060;<a id="FNanchor_219_219" href="#Footnote_219_219" class="fnanchor">[219]</a> Er hatte Skadi, des Riesen Thjazi
+Tochter zur Frau. Thjazi war von den Asen getötet worden. Skadi seine
+Tochter rüstete sich mit dem Heergewand, um ihn zu rächen. Die Asen
+boten ihr zur Sühne einen aus ihrer Mitte zum Gemahl, den sie selbst
+wählen dürfe. Doch sollte sie nur die Füsse der Auszuwählenden sehen.
+Sie bemerkte nun einen mit sehr schönen Füssen und wählte ihn, in
+der Meinung, es sei Baldr, der Gewählte war jedoch Njord. Sie wollte
+<span class="pagenum" id="Page_239">[S. 239]</span>die Wohnstätte behalten, welche ihr Vater gehabt hatte, die auf dem
+Gebirge, das Thrymheim heisst, belegen ist. Njord aber wollte in der
+Nähe der See seinen Aufenthalt nehmen. Sie verglichen sich dahin, dass
+sie neun Nächte in Thrymheim weilen wollten und dann drei Nächte zu
+Noatun. Als Njord aber vom Gebirge nach Noatun zurückkam, da sprach er
+also:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nicht lieb ich die Berge,&#8195; nicht lange dort weilt ich,</div>
+ <div class="verse indent12">Neun Nächte nur;</div>
+ <div class="verse indent0">Süsser schien mir&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;der Sang des Schwans</div>
+ <div class="verse indent12">Als der wilden Wölfe Geheul.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Skadi aber erwiderte:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mir stört den Schlaf&#8195;&#8195;&#8194;am Strande des Meeres</div>
+ <div class="verse indent12">Der krächzenden Vögel Gekreisch;</div>
+ <div class="verse indent0">Am Morgen weckt mich&#8194; die Möve täglich,</div>
+ <div class="verse indent12">Die wiederkehrt vom Wald.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Darauf ging Skadi hinauf aufs Gebirge und wohnte in Thrymheim; sie
+läuft viel auf Schneeschuhen und schiesst Wild mit ihrem Bogen. Daher
+heisst sie Göttin oder Dise des Schneeschuhs.</p>
+
+<p>Die gleiche Geschichte knüpft Saxo an Hadding, den Vater Frothos, der
+das Fröblot einsetzte, und Regnhild, sowol die verdeckte Wahl des
+Bräutigams, dessen Füsse nur sichtbar sind, als auch die Scheidung. Die
+lateinischen Verse Saxos stimmen zu den isländischen der Edda.&#x2060;<a id="FNanchor_220_220" href="#Footnote_220_220" class="fnanchor">[220]</a>
+Ob der Mythus auf Njord als den <span class="pagenum" id="Page_240">[S. 240]</span>Gott der Schifffahrt, aufs offene
+Meer ausgelegt werden darf, das nur drei Monate lang frei, die übrigen
+neun Monate aber im Banne der winterlichen, im Gebirg, im Riesenland
+heimischen Stürme gehalten wird?</p>
+
+<p>Auf eine für uns unverständliche Sage spielt Loki (Lokas. 34) an:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schweige du, Njord,&#8195;&#8195;&#8195;&#8195; dich schickte man ostwärts</div>
+ <div class="verse indent11">Zu den Göttern als Geisel fort,</div>
+ <div class="verse indent0">Als Harntopf brauchten dich&#8195; Hymirs Töchter</div>
+ <div class="verse indent11">Und machten dir in den Mund.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Hymir ist der Eisriese, der im Osten am Himmelsrand wohnt, der
+Beherrscher des Polarmeeres. Njord wird einmal zu ihm gefahren sein,
+wobei ihm etwas zustiess, das dem bösartigen, alles verdrehenden
+Loki zu dem hässlichen Vorwurf Anlass gab. Dass Njord das offne Meer
+bedeute, in das des Eisriesen Töchter, die Gletscherbäche fliessen,
+kann nicht als befriedigende Lösung des Rätsels gelten. Um überhaupt
+auslegen zu können, müsste man den Hergang der Begebenheit, die
+vielleicht harmlos war und nur von Loki ins Arge gekehrt wird, genau
+kennen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>König <i>Frodi</i>&#x2060;<a id="FNanchor_221_221" href="#Footnote_221_221" class="fnanchor">[221]</a>, Fridleifs Sohn, aus dem götterentsprossten
+Stamm der Skjoldungen, herrschte über Dänemark. In seinen <span class="pagenum" id="Page_241">[S. 241]</span>Tagen
+begann der Frodifrieden, das glückliche goldene Zeitalter des Nordens.
+Kein Mann that dem andern Schaden, Diebe und Räuber gab es nicht,
+ein Goldring lag unberührt lange auf der Heide. Mit Fruchtbarkeit
+war das Land gesegnet. Frodi liess von zwei gekauften Mägden, den
+Riesinnen Fenja und Menja mit zwei mächtigen Mühlsteinen rast- und
+ruhelos Gold, Glück und Frieden mahlen. Aber sie mahlten Unfrieden,
+ein Seekönig brach mit Mord und Brand ins Land und zerstörte Frodis
+Frieden. In düstrem, ahnungsvollem Gesang verkündigten die Mädchen den
+nahen Umschwung des zum Übermaasse gesteigerten Glückes. Gerade aus
+dem Gold geht das Unheil hervor. Snorri stellt den Frodifrieden und
+Freyr zusammen; er fasst ja auch Freyr und seinen Sohn Fiolnir als
+menschliche Könige auf. Während Freyr Schweden mit blühendem Wolstand
+beglückt, schenkt Frodi Dänemark die Segnung goldenen Friedens. Saxo
+erzählt von sechs Dänenkönigen namens Frotho, er verteilt auf mehrere
+Gestalten, was die Sage vom Friedfrodi wusste. Unterscheiden doch auch
+die nordischen Stammtafeln des Skjoldungengeschlechts zwischen zwei
+Friedensfürsten des Namens Frodi, zwischen Friedensfrodi und Frodi
+dem Friedsamen. Von Frotho I., dem Sohne des Hadding, welchem die an
+Njords Ehe mit Skadi erinnernde Sage zugeschrieben war, berichtet
+Saxo, er habe einen Drachen besiegt und einen grossen Hort gewonnen.
+Dadurch wurde er sehr reich. Er pflegte seine Speise mit Goldstaub zu
+bestreuen. Frotho III. ist der eigentliche Friedenskönig. Zu seiner
+Zeit brauchte niemand seine Habseligkeiten unter Schloss und Riegel
+zu verwahren. Der siegreiche König gebot allen Völkern Frieden, der
+dreissig Jahre lang währte. Goldene Ringe und Ketten, welche der
+König aufhängen liess, wagte niemand zu stehlen. Dem Wanderer war
+erlaubt, überall das zu seiner Erfrischung und zu seinem Fortkommen
+Nötige zu nehmen. Als Frotho durch eine Zaubrerin ums Leben gekommen
+war, verheimlichte das Gefolge, wie die Schweden beim Tode des Freyr,
+seinen Tod und führte die Leiche drei Jahre auf einem Wagen im Lande
+umher (Freys Umfahrt!). Endlich wurde er bei einer Brücke in Seeland
+begraben. Man erkennt im dänischen Frodi, welcher im <i>milden
+Fruote</i> mhd. Gedichte wiederkehrt, deutlich dieselbe Gottheit
+wie im schwedischen Freyr, nur ist der Gott Saxos Auffassung gemäss
+als irdischer König gedacht. Frodi ist die schwache Form des Adj.
+<i>fróþr</i>, weise. Die Wanen heissen aber weise (Vafþr. 39, Skírn.
+17, 18) und <span class="pagenum" id="Page_242">[S. 242]</span>Zukunft wissend (Þrymskv. 14); Freyr wird <i>enn fróþe
+afe</i>, der weise Mann (Skírn. I, 2) genannt. Was Saxo von Fridlev,
+Frothos III. Sohn erzählt, der Riesen tötet und Frögertha, Amunds von
+Norwegen Tochter zum Weib gewinnt, darf vielleicht auf Freys Werbung
+um Gerd bezogen werden. Überall blicken versprengte Trümmer aus der
+dänischen Königssage hervor, die sich, zu einem Ganzen vereinigt,
+merkwürdig genau mit den nordischen Mythen von Freyr und Njord decken.
+Eine Göttersage scheint euhemeristisch zur Königssage verwandelt und
+dabei aus ihrer ursprünglichen Zusammengehörigkeit losgelöst worden zu
+sein.</p>
+
+<p>In den ags. Stammtafeln finden sich mehrfache Erinnerungen an den
+germanischen Himmelsgott, indem seine Namen unter den mythischen
+Königen vorkommen. Die Tafeln stellen allerdings übereinstimmend
+Wóden an die Spitze und gehören einer Zeit an, wo Wóden den alten
+Himmelsgott bereits verdrängt hatte. In der Königsreihe von Deira
+begegnet unter Wódens Söhnen Uscfrea (Wuscfréa), in Bernicia Ingvi, in
+Wessex Fréawine; unter Wódens Vorfahren treffen wir Friðuwald, Fréaláf,
+Friðuwulf. Fréa und Friede stehen auch hier in engster Verbindung. Hält
+man dazu Frôwin, Freysvinr&#x2060;<a id="FNanchor_222_222" href="#Footnote_222_222" class="fnanchor">[222]</a> und was von Nerþus erzählt wird, so ist
+der Schluss gerechtfertigt, die Ingvaeonen verehrten den Himmelsherrn
+und riefen ihn um Fried und Fruchtbarkeit an. Von den am Ufer und auf
+den Inseln der Nord- und Ostsee ansässigen Ingvaeonen, vielleicht auch
+durch die Ostdänen in Südschweden, kam dieser Kult auf friedlichem
+Weg, durch Handelsverkehr vermittelt, zu den Schweden und schlug tiefe
+Wurzeln. Darum schirmen die Wanen Ackerbau und Schifffahrt und spenden
+aus friedlichem Gewerbe, aus Landwirtschaft und aus Handel und Wandel
+Wolstand und Glück.</p>
+
+<h4 id="III_Der_Himmelsgott_als_Donnerer"><b>III. Der Himmelsgott als
+Donnerer.</b></h4>
+
+<h5 class="s4a" id="Donar_bei_den_Deutschen_1"><b>1. Donar bei den
+Deutschen</b></h5>
+
+<p>Der Himmelsgott hat Blitz und Donner in seiner Gewalt, <i>Juppiter
+tonans</i>, Ζεὺς κεραύνιος καταιβάτης. Der Donnerkeil ist seine Waffe,
+die er mit dem Blitzstrahl herunterwirft. Keilförmige <span class="pagenum" id="Page_243">[S. 243]</span>Steine fahren
+nach dem Volksglauben mit dem zündenden Blitz in den Boden. Der Donner
+gleicht dem Fahren eines Wagens über ein Gewölbe; so sagt Hesychius
+δοκεῖ ὄχημα τοῦ Διὸς ἡ βροντὴ εἶναι. Der liebe Gott fährt, sagt noch
+heute das Volk beim Rollen des Donners. Vom Himmelsgott hat sich die
+Gestalt des Donnerers bei den Germanen besonders abgelöst.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Donar</em>&#x2060;<a id="FNanchor_223_223" href="#Footnote_223_223" class="fnanchor">[223]</a>, der Herr des Gewitters, bildet eine Hauptgottheit,
+welche alle Stämme verehrten, denn gleichmässig ist ihm überall der
+<i>dies Jovis</i>&#x2060;<a id="FNanchor_224_224" href="#Footnote_224_224" class="fnanchor">[224]</a> zugeteilt worden. Die ältere interpretatio
+romana gibt ihn mit <i>Hercules</i>&#x2060;<a id="FNanchor_225_225" href="#Footnote_225_225" class="fnanchor">[225]</a>, die spätere mit
+<i>Juppiter</i>&#x2060;<a id="FNanchor_226_226" href="#Footnote_226_226" class="fnanchor">[226]</a> wieder. Obwol <span class="pagenum" id="Page_244">[S. 244]</span>allen Germanen gemeinsam, ist
+Donar doch nicht überall zu gleicher Bedeutung gelangt. Zu schönster
+und reichster Entwicklung gedieh der Donarkult bei den Norwegern,
+bei den Deutschen scheint Donar zuerst hinter Tiuȥ, später hinter
+Wodan zurückgestanden zu sein. Vom deutschen Donar erhalten wir nur
+eine dürftige, unvollkommene Vorstellung. Donar ist der stärkste und
+tapferste der Götter. Ihn besangen die in die Schlacht ziehenden
+Kämpfer.&#x2060;<a id="FNanchor_227_227" href="#Footnote_227_227" class="fnanchor">[227]</a> In heiligen Wäldern war sein Weihtum. Mächtige, uralte
+Eichen, wie die bei Geismar&#x2060;<a id="FNanchor_228_228" href="#Footnote_228_228" class="fnanchor">[228]</a> in Hessen, die Winfrid <span class="pagenum" id="Page_245">[S. 245]</span>fällte,
+waren ihm geheiligt. Dort versammelten sich die Stämme vor wichtigen
+Unternehmungen. Aber nicht allein die kriegerische Seite wird bei
+Donar hervorgekehrt, im Gegenteil waltet der starke Gott namentlich
+über Leben und Eigentum der Menschen, über Recht und Frieden. Mit dem
+Donarstag sind noch heute allerlei Gebräuche verknüpft und schon in
+alter Zeit war es so. Den Germanen erschien ein dem Donar gehöriger
+Tag von besonderer Bedeutung. Auf einer mit Runen beschriebenen
+Kleiderspange, die auf alemannischem Boden gefunden wurde, begegnet
+Donar neben Wodan. Zur Weihe und Heiligung vielleicht der Ehe wird
+er angerufen.&#x2060;<a id="FNanchor_229_229" href="#Footnote_229_229" class="fnanchor">[229]</a> Der Donnerkeil erscheint als eine geschleuderte
+Waffe, als eine Wurfaxt. Streithämmer zu Wurf und Schlag gehören zu den
+beliebten Waffen germanischer Völker. Naheliegend ist der Vergleich,
+dass der Donnergott einen ursprünglich steinernen Hammer führt, und so
+erscheint auch allezeit Thor. Bestimmte Zeugnisse, dass der deutsche
+Donar mit dem Hammer bewaffnet war, fehlen. Doch ist vielleicht beim
+ags. Thunor eine feurige Streitaxt anzunehmen.&#x2060;<a id="FNanchor_230_230" href="#Footnote_230_230" class="fnanchor">[230]</a> Die Vorstellung,
+dass bei starkem <span class="pagenum" id="Page_246">[S. 246]</span>Gewitter der Donnergott, mit der Axt bewehrt, auf
+einem Wagen dahinfährt, darf bei Angelsachsen&#x2060;<a id="FNanchor_231_231" href="#Footnote_231_231" class="fnanchor">[231]</a>
+ und Ditmarschen&#x2060;<a id="FNanchor_232_232" href="#Footnote_232_232" class="fnanchor">[232]</a>
+vermutet werden. Beziehung auf Donar ist deshalb möglich, weil Thor im
+schwedischen Volksglauben in ähnlicher Weise fortlebt.</p>
+
+<p>In einem Segen gegen Fallsucht, den eine Pariser Handschrift des 12.
+Jahrhunderts und eine Münchener Handschrift enthalten, der aber leider
+unverständlich ist, wird Donar der Mächtige genannt, der auf Adams (?)
+Brücke stund und einen Stein zerspaltete, da kam aber Adams Sohn und
+schlug des Teufels Sohn zu einer Staude. Heidnische und christliche
+Anschauungen mischen sich hier, Donar weicht vor Christus. Vielleicht
+darf der im Segen geschilderte Hergang so gedacht werden, dass der
+Blitz krachend in eine Brücke fährt und sie teilweise zerstört, aber
+der Christengott naht rettend, der nächste Blitzschlag schmettert in
+Busch und Wald, wo er keinen Schaden thut.&#x2060;<a id="FNanchor_233_233" href="#Footnote_233_233" class="fnanchor">[233]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_247">[S. 247]</span></p>
+
+<h5 class="s4a" id="Thor_als_Hauptgott_des_norwegischen_Volkes_2"><b>2. Thor als
+Hauptgott des norwegischen Volkes.</b></h5>
+
+<p>Dass Thor im nordischen Volke vor allen anderen Göttern Verehrung
+genoss, geht aus vielen Anzeichen unzweifelhaft hervor&#x2060;<a id="FNanchor_234_234" href="#Footnote_234_234" class="fnanchor">[234]</a>, besonders
+Norwegen ist die Heimat des Thorsdienstes, der aber auch in Schweden
+und Dänemark nachgewiesen werden kann. Wenn mehrere Götter neben
+einander vorkommen, in den Bildern&#x2060;<a id="FNanchor_235_235" href="#Footnote_235_235" class="fnanchor">[235]</a> der Tempel, in der feierlichen
+Eidesformel, dann steht doch Thor immer voraus. In Moere erhub sich
+ein Tempel, in dem mehrere Götterbilder aufgestellt waren, Thor mit
+Gold und Silber geschmückt war am meisten geehrt. Der König Olaf
+Tryggvason schlägt das Bildniss nieder. In Hladir standen drei Bilder:
+Thor auf dem Wagen inmitten, Thorgerd Hörgabrud und Irpa zu beiden
+Seiten. Sveinn in Drontheim hatte manche Götzen, den Thor aber ehrte
+er am meisten. Zur Zeit Adams von Bremen war Thor als der Mächtigste
+inmitten des Odin und Freyr im Tempel zu Uppsala aufgestellt. Wie
+Ingimund ein silbernes Freysbild bei sich führt, so trug Hallfred, ein
+berühmter Skald, Thors Bildniss aus Zahn geschnitzt im Beutel. In der
+Heidenzeit war es Sitte, Eigennamen aus Götternamen&#x2060;<a id="FNanchor_236_236" href="#Footnote_236_236" class="fnanchor">[236]</a> zu bilden. Die
+Träger solcher Namen wurden dadurch dem besonderen Schutze der Götter
+anempfohlen. In der Wahl des Götternamens kommt das Verhältniss <span class="pagenum" id="Page_248">[S. 248]</span>zu den
+einzelnen Göttern zum Ausdruck. Wenn ein Bjorn, Steinn, eine Dis, Gerd
+und andere Thorbjorn, Thorsteinn, Thordís, Thorgerd zubenannt sind,
+so werden sie dadurch dem Gotte verlobt, der Gott wird ihr vertrauter
+Freund und Beschützer. Entsprechend wurden Namen nach Freyr gewählt,
+Freysteinn, Freybjorn, Freydís, Freygerd. Selten sind Namen mit Odin
+gebildet, wie Odinkarl in Dänemark, Odindís in Schweden. Entsprechend
+kommen die Götternamen auch für Örtlichkeiten vor, die unter den
+Schutz der Gottheit gestellt werden. Sehr schön ist diese Sitte bei
+der Besiedelung Islands im Ausgang des 9. Jahrhunderts zu beobachten.
+Ausfahrt, Reise, Ankunft, das in Besitz genommene Land wird von der
+Gottheit gewiesen. An erster Stelle ist Thor der Führer, seltener
+Freyr, niemals Odin.</p>
+
+<p>Als König Harald in Norwegen die Alleinherrschaft aufrichtete, wurden
+dadurch viele mächtige Männer zur Auswanderung bewogen. Hrolf war ein
+grosser Häuptling. Er waltete auf der Insel Mostr bei Südhördaland
+eines Tempels des Thor und war ein grosser Freund des Gottes. Er war
+gross und stark, schön von Aussehen und hatte einen grossen Bart; darum
+hiess er Mostrarskegg (Mostrbart). Er war der vornehmste Mann auf der
+Insel. Im Frühjahr verschaffte Hrolf dem Björn Ketilsson, der von König
+Harald geächtet war, ein gutes Langschiff mit tüchtiger Bemannung und
+gab ihm seinen eigenen Sohn Hallstein zur Begleitung mit. Als König
+Harald hörte, dass Hrolf Björn den Ächter unterstützte, schickte er
+Boten zu ihm und liess ihm sagen, er solle aus dem Lande weichen wie
+Björn oder zum König kommen und alles seiner Gewalt unterwerfen. Das
+war 10 Jahre, nachdem Ingolf Arnarson nach Island gefahren war (um
+874); die Leute, die von Island kamen, lobten die Beschaffenheit des
+Landes. Thorolf Mostrarskegg stellte ein grosses Opfer an und befragte
+Thor, seinen vertrauten Freund, ob er sich mit dem König versöhnen
+solle oder ausser Lands fahren und anderes Schicksal suchen. Das
+Ergebniss der Befragung wies den Thorolf nach Island. Darauf nahm er
+ein grosses Seeschiff und rüstete sich zur Islandsfahrt; alle seine
+Hausleute und die ganze Wirtschaft führte er mit sich. Er brach den
+Tempel ab und nahm fast alles dazu verwendete Bauholz mit, auch die
+Erde unter dem Altar, worauf Thor gestanden war. So segelte Thorolf
+in See mit günstigem Wind, er fand das Land und schiffte der Südseite
+entlang und dann westlich um Reykjanes herum. Da liess der Wind nach
+<span class="pagenum" id="Page_249">[S. 249]</span>und sie sahen, dass grosse Buchten landeinwärts sich aufthaten.
+Thorolf warf die Hochsitzpfeiler, die im Tempel gestanden, über Bord;
+auf einem derselben war Thors Bild eingeschnitzt. Er sagte, er wolle
+sich auf Island an der Stelle ansiedeln, wo Thor ihn ans Land kommen
+lasse. Die Pfeiler trieben rasch in die westliche Bucht. Es erhub sich
+eine Brise und sie fuhren westlich um Snjofellsnes in die Bucht. Sie
+sahen, dass die Bucht lang und breit war und von grossen Gebirgszügen
+auf beiden Seiten umgeben. Thorolf gab der Bucht einen Namen und nannte
+sie Breidifjord. Er nahm Land ungefähr inmitten der Südseite der
+Bucht und legte sein Schiff in die kleine Bucht, die später Hofsvag
+(Tempelbucht) genannt wurde. Sie untersuchten das Land und fanden an
+der Spitze eines Vorgebirges im Norden der Bucht, dass Thor mit den
+Säulen ans Land gekommen war. Das wurde seitdem Thorsnes genannt.
+Darauf fuhr Thorolf mit Feuer über sein Land, auswärts von der Stafa
+an bis hinein zu dem Fluss, den er Thorsa nannte, und siedelte da
+seine Schiffsleute an. Er erbaute ein grosses Gehöft bei Hofsvag und
+nannte es Hofstadt. Da liess er einen grossen Tempel Thor zu Ehren
+errichten. Thorolf nannte das Land zwischen dem Vigrafjord und Hofsvag
+Thorsnes. Auf dem Vorgebirge steht ein Berg; dem wandte Thorolf so
+grosse Verehrung zu, dass niemand ihn ungewaschen ansehen durfte, und
+weder Tiere noch Menschen sollten auf dem Berge getötet werden, es gehe
+denn von selber zu Grunde. Den Berg nannte er Helgafell und glaubte,
+er werde dort hineinfahren, wenn er sterbe, seine Verwandten aber ins
+Vorgebirge. Auf der äussersten Spitze des Vorgebirges, wo Thor ans
+Land gekommen war, liess er alle Gerichte halten und setzte dort ein
+Heradsding (Gauversamlung) ein. Da war eine so heilige Stätte, dass
+er auf keine Weise das Feld verunreinigen lassen wollte, weder mit
+Feindesblut, noch auch dadurch, dass jemand seine Notdurft verrichte.
+Dazu war eine Klippe bestimmt. Einen Sohn Steinn weiht Thorolf seinem
+Freund Thor als Hofgoden, nemlich zum Tempelamt, und nannte ihn
+Thorstein. Zwischen Thorstein und seinen Nachbarn entsteht Streit um
+das von Thorolf eingesetzte Gericht. Es kommt zum Blutvergiessen auf
+der Dingstätte, welche dadurch entweiht wird. Thord entschied den
+Streit der Parteien dahin, sie sollten sich aussöhnen und in Zukunft
+Tempel und Gericht zusammen halten. Die entheiligte Dingstätte wurde
+aber weiter landeinwärts verlegt, worüber der Sagaschreiber berichtet:
+Man <span class="pagenum" id="Page_250">[S. 250]</span>sieht noch den Gerichtsring, in dem die Leute zum Opfertod
+verurteilt wurden. Im Ring steht noch der Thorsstein, an dem die
+Leute gebrochen wurden, die zum Opfer bestimmt waren, noch sieht man
+Blutspuren am Stein.&#x2060;<a id="FNanchor_237_237" href="#Footnote_237_237" class="fnanchor">[237]</a></p>
+
+<p>Von anderen Ansiedlern gehen ähnliche Berichte. Als Helgi der
+Magere Land erblickte, fragte er den Thor, wo er Land nehmen solle.
+Der Ausspruch wies ihn nach dem Eyjafjord, und erlaubte ihm weder
+ostwärts noch westwärts abzulenken. Da fragte ihn sein Sohn Hrolf,
+ehe der Fjord sich aufthat, ob denn, falls Thor ihn ins Eismeer zum
+Überwintern wiese, er sich auch daran halten würde. Denn den Schiffern
+schien es Zeit, aus der See zu kommen, da der Sommer schon sehr zu
+Ende ging.&#x2060;<a id="FNanchor_238_238" href="#Footnote_238_238" class="fnanchor">[238]</a> Dieser Helgi zeigt eigentümliche Glaubensmischung.
+Er war ein Christ und nannte, obschon Thor ihm das Land gewiesen,
+seine Wohnstätte doch Kristnes. Bei Seefahrt und in allen schweren
+Gefahren rief er aber stets zu Thor. Hreidar gab so viel auf des Gottes
+Ausspruch, dass er das von diesem ihm gewiesene Land sogar durch Kampf
+zu erlangen trachtete, nachdem es schon besetzt war. Nur mit Mühe
+bringt ihn Eirik davon ab.&#x2060;<a id="FNanchor_239_239" href="#Footnote_239_239" class="fnanchor">[239]</a></p>
+
+<p>Asbjorn heiligte das von ihm in Besitz genommene Land dem Thor und
+nannte es Thorsmark.&#x2060;<a id="FNanchor_240_240" href="#Footnote_240_240" class="fnanchor">[240]</a> Dass die norwegischen Ansiedler ihre
+Thors- und Freystempel auch auf Island errichteten, geht ausser den
+bestimmten Zeugnissen aus den zahlreichen mit „Hof“ (d.&#8239;i. Tempel)
+zusammengesetzten Ortsnamen hervor; Hof allein kommt oft auf Island
+vor, dann Hofgardar, Hofsfell, Hofstadir, Hofsteigr, Hofsvágr.</p>
+
+<p>Nicht nur auf den Hochsitzpfeilern war Thors Bild eingeschnitzt. Grima
+des Gamli Weib hatte einen grossen Stuhl, auf der Rücklehne war Thors
+Bildniss mit seinem Hammer eingeschnitzt.&#x2060;<a id="FNanchor_241_241" href="#Footnote_241_241" class="fnanchor">[241]</a> Der Jarl Eirik führte
+Thors Bild am Vordersteven seines Schiffes. Vergeblich suchte er König
+Olafs Schiff zu entern. Als er jedoch das Thorsbild wegwarf und durch
+ein Kreuz ersetzte, gewann er sofort den Sieg.&#x2060;<a id="FNanchor_242_242" href="#Footnote_242_242" class="fnanchor">[242]</a> Aufs Getäfel des
+Hauses und <span class="pagenum" id="Page_251">[S. 251]</span>auf Schilde wurden Götter- und Heldensagen abgebildet,
+in der älteren Zeit haben die Thorssagen entschiedenes Übergewicht.
+Die Skalden machten auf solche Darstellungen mit Vorliebe ihre
+Gedichte.&#x2060;<a id="FNanchor_243_243" href="#Footnote_243_243" class="fnanchor">[243]</a></p>
+
+<p>Das ausserordentliche Übergewicht der Eigennamen mit Thor — unter den
+Besiedlern Islands begegnen 51 Thorsnamen gegenüber 3 Freysnamen; Odin
+fehlt gänzlich — deutet darauf hin, dass Thor wenigstens in Norwegen
+und im 9./10. Jahrhundert auch in Schweden der im Volke am meisten
+geehrte war. Der Thorsdienst greift auch tief ins Leben ein, während
+der Odinsdienst vorwiegend in der Skaldendichtung am Königshof zu Hause
+ist. Mehr als in Norwegen und auf Island tritt allerdings Odinsglaube
+in Dänemark und Schweden neben Thor auf.</p>
+
+<p>Weiher der bewohnten Erde, der die Welt heiligt und weiht, Freund
+der Menschen ist Thor. Auf einem jütischen und einem fühn’schen
+Runenstein wird Thor angerufen, das Denkmal, die Runen zu weihen. Auf
+anderen dänischen und schwedischen Steinen ist den Runen das deutliche
+Abbild eines Hammers beigegeben, das wahrscheinlich symbolisch
+denselben Wunsch darstellt, Thor möge das Erinnerungsmal weihen und
+beschützen.&#x2060;<a id="FNanchor_244_244" href="#Footnote_244_244" class="fnanchor">[244]</a> Dass der Hammer auch sonst in Gebräuchen eine Rolle
+spielt, stützt diese Anschauung.</p>
+
+<p>Thrym, der Thursenbeherrscher gebietet, als er die vermeintliche Freyja
+sich vermählen will:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Bringt nun den Hammer,&#8195; die Braut zu weihen,</div>
+ <div class="verse indent0">den Mjolnir legt&#8239;&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8194;in des Mädchens Schooss,</div>
+ <div class="verse indent0">in Wars Namen&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;weiht unsern Bund.&#x2060;<a id="FNanchor_245_245" href="#Footnote_245_245" class="fnanchor">[245]</a></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_252">[S. 252]</span></p>
+
+<p>Bei der Hochzeit wurde Thors Gedächtniss vor den andern Göttern
+getrunken, was auf seine Beziehung zur Ehe hinweist.&#x2060;<a id="FNanchor_246_246" href="#Footnote_246_246" class="fnanchor">[246]</a> Spätere
+norwegische Volkssage knüpft Thors Wanderungen auf Erden an Hochzeiten
+an.&#x2060;<a id="FNanchor_247_247" href="#Footnote_247_247" class="fnanchor">[247]</a> Als König Hakon gezwungen wird, am Opfer zu Hladir
+teilzunehmen, machte er das Zeichen des Kreuzes über das ihm gereichte
+Trinkhorn, was die Verwunderung der heidnischen Bauern erregte. Da
+sagte der Jarl Sigurd: Der König thut so wie alle, die auf ihre eigene
+Kraft und Stärke vertrauen und ihren Becher dem Thor weihen; er machte
+das Hammerzeichen darüber, ehe er trank.&#x2060;<a id="FNanchor_248_248" href="#Footnote_248_248" class="fnanchor">[248]</a> Man trug kleine Hämmer
+als Amulet und Schmuck. Vermutlich hatten die Thorsbilder Hämmer in
+der Hand, mit denen der Hofgode feierliche Weihen vollzog. Unter den
+Siegeszeichen, welche der Dänenprinz Magnus Nielson († 1134) von
+seinem schwedischen Feldzug heim brachte, befanden sich Metallhämmer
+von schwerem Gewicht, die man Thorshämmer nannte.&#x2060;<a id="FNanchor_249_249" href="#Footnote_249_249" class="fnanchor">[249]</a> Seit alter
+Zeit waren diese bei den Bewohnern einer Insel (Gutland) Gegenstand
+besonderer Verehrung gewesen. Das Bild des heiligen Olaf, auf welchen
+die norwegische Volkssage manche Züge Thors übertrug, hatte eine Axt
+in der Hand, mit welcher die Wallfahrer sich zu bestreichen pflegten.
+Bei Baldrs Tod wird berichtet, Thor weihte den Scheiterhaufen mit dem
+Hammer Mjolnir. Hammerwurf heiligt nach altdeutschem Recht den Erwerb,
+vielleicht mit Beziehung auf Donar.&#x2060;<a id="FNanchor_250_250" href="#Footnote_250_250" class="fnanchor">[250]</a> Sein Verhältniss zum Recht
+im Norden kommt darin zum Ausdruck, dass der Thorsdag&#x2060;<a id="FNanchor_251_251" href="#Footnote_251_251" class="fnanchor">[251]</a> das Ding
+eröffnet und dass im feierlichen Eid der allmächtige Ase Thor angerufen
+wird. Mit Ase schlechthin war überhaupt Thor gemeint, als der höchste
+und mächtigste der Asen.&#x2060;<a id="FNanchor_252_252" href="#Footnote_252_252" class="fnanchor">[252]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_253">[S. 253]</span></p>
+
+<p>So beschützt Thor als der liebe Freund das Leben des Menschen von dem
+Augenblick, wo der Knabe mit Wasser begossen den Namen nach dem Gotte
+beigelegt erhielt, bis die Flamme über dem Toten zusammenschlug oder
+der Hügel ihn überwölbte. Ja noch das Denkmal wurde in seinen Schutz
+gestellt.</p>
+
+<p>Die Normannen&#x2060;<a id="FNanchor_253_253" href="#Footnote_253_253" class="fnanchor">[253]</a> hielten am Thorsdienst fest. Vor der Heerfahrt
+wurden dem Thor Menschenopfer gebracht. Mit einer Axt wurde dem
+Opfer der Schädel zerschmettert und das Gehirn bloss gelegt. Aus dem
+zuckenden Herzen wurde der Ausgang des Unternehmens erforscht. Dann
+bemalten sich die Opfergenossen mit dem Blut ihr Gesicht und liessen
+die Schiffe auslaufen. Weitere Zeugnisse bieten die bereits erwähnten
+Ortsnamen <i>Turville</i>. Maugier, Richards II. Sohn auf der Insel
+Jersey, hat mit dem Götzen <i>„Turet“</i> einen Bund.&#x2060;<a id="FNanchor_254_254" href="#Footnote_254_254" class="fnanchor">[254]</a> Thor genoss
+demnach unter den Normannen die <span class="pagenum" id="Page_254">[S. 254]</span>grösste und häufigste Verehrung, sonst
+wäre nicht die Erinnerung an ihn allein noch bis in die französische
+Zeit gut erhalten geblieben.</p>
+
+<p>Dass Thor um Sieg angerufen wird, weiss auch eine nordische Quelle.
+Styrbjorn erhob gegen König Eirik Ansprüche auf den schwedischen
+Thron. In der entscheidenden Schlacht bei Fyrisvellir unterlag er nach
+verzweifeltem Kampf und fiel mit den meisten seiner Leute. Vor der
+Schlacht hatte Styrbjorn den Thor um Sieg angerufen, Eirik aber dem
+Odin sich verlobt, nach zehn Jahren als Opfer zu sterben. Odins Hilfe
+war mächtiger als die Thors.&#x2060;<a id="FNanchor_255_255" href="#Footnote_255_255" class="fnanchor">[255]</a></p>
+
+<p>Als König Olaf auf der norwegischen Insel Mostr weilt, erscheint ihm
+der heilige Martinus im Traum und sagt: Das war hier zu Land wie
+anderwärts Sitte, dass bei Gelagen und Gilden Thor und Odin und den
+Asen Bier gespendet und der Becher geweiht wurde. Von nun an soll es
+zu Gottes und der Heiligen Ehren geschehen.&#x2060;<a id="FNanchor_256_256" href="#Footnote_256_256" class="fnanchor">[256]</a> Zu Olafs des Heiligen
+Zeiten tranken die Leute im innern Drontheim nach altem Brauch Thors
+und der Asen Minne. Rinder und Rosse wurden geschlachtet und die
+Tempelsäulen mit dem Blute gerötet. Das Opfer wurde um fruchtbares Jahr
+angestellt.&#x2060;<a id="FNanchor_257_257" href="#Footnote_257_257" class="fnanchor">[257]</a></p>
+
+<p>Im norwegischen Gudbrandsdal lebte ein mächtiger und angesehener
+Häuptling namens Gudbrand. Der unterhielt einen Tempel des Thor,
+welcher den Thalleuten in allen Nöten gar wol half. Im Tempel stand
+ein Thorsbild mit dem Hammer in der Hand, gross und innen hohl. Gold
+und Silber dient dem Götzen zum Schmuck. Täglich werden ihm vier
+Brote und Fleisch gebracht und davon lässt er nichts übrig. Olaf der
+Heilige gedachte die Bewohner von Gudbrandsdal zu bekehren. Zu einer
+Dingversammlung, <span class="pagenum" id="Page_255">[S. 255]</span>in der Olaf mit den Bauern unterhandeln wollte, wurde
+das von Gold glänzende Bild herausgeschleppt. Alle neigten sich davor.
+Höhnisch forderte Gudbrand den König auf, seinen Gott herbeizurufen.
+Olaf rief: Schaut nach Osten, da fährt unser Gott mit gewaltigem
+Lichte! Eben ging die Sonne auf und alle schauten dorthin. Da schlug
+des Königs Begleiter mit einer Keule auf den Götzen, dass er in Stücke
+brach. Mäuse, Nattern und Würmer liefen heraus. So bekehrte Olaf die
+Thalleute und ihren Häuptling.&#x2060;<a id="FNanchor_258_258" href="#Footnote_258_258" class="fnanchor">[258]</a></p>
+
+<p>Was Adam von Bremen&#x2060;<a id="FNanchor_259_259" href="#Footnote_259_259" class="fnanchor">[259]</a> über den Thorsdienst in Schweden berichtet,
+stimmt völlig zu den nordischen Quellen. Thor ist der Mächtigste, Odin
+und Freyr stehen hinter ihm zurück. Blitz und Donner, Regen, Wind und
+klares Wetter sind ihm unterthan und darum auch die Fruchtbarkeit. Thor
+donnert, um die Erde zu segnen, nicht um zu vernichten. Er ist Herr des
+wolthätigen und befruchtenden Gewitters. Deswegen berührt er sich mit
+Freyr, der sein schwedisches Ackerland mit Sonnenschein segnet. Bei
+drohender Krankheit und Hungersnot wird dem Thor geopfert. Auch hiefür
+bietet sich ein isländisches Zeugniss.&#x2060;<a id="FNanchor_260_260" href="#Footnote_260_260" class="fnanchor">[260]</a> Die Winlandsfahrer litten
+einmal Hungersnot und baten vergeblich den Christengott um Hilfe.
+Thorhall aber rief seinen vertrauten Freund Thor, den Rotbärtigen
+an. Der sandte auch einen Walfisch an den Strand. Der dem Heidentum
+feindselige Sagaschreiber fügt freilich bei, sie seien vom Genuss des
+Fleisches alle krank geworden. Aber Thorhall sagt mit gerechtem Stolz,
+sein treuer Freund Thor habe ihm selten Hilfe verweigert.</p>
+
+<p>Nach den geschichtlichen Zeugnissen ist offenbar Thor der eigentliche
+Hauptgott des Nordens, jedenfalls des norwegischen <span class="pagenum" id="Page_256">[S. 256]</span>Stammes, dem
+gegenüber Odin sehr zurücktritt. Der echte und wahre Volksglauben
+kennt nur Thor und neben ihm Freyr, der vermutlich in Urzeiten bei den
+Schweden ebenso verehrt wurde wie in der geschichtlichen Zeit Thor
+bei den Norwegern. Beide sind im Grunde eins, der Himmelsgott nur
+nach Stammesart und Landesbeschaffenheit verschieden. „Während der
+alte Landas des gebirgigen Norwegens mit dem Donnerkeile Steinriesen
+zermalmt, segnet der milde Freyr sein schwedisches Ackerland mit Regen
+und Sonnenschein“ (Uhland 6, 424). Anders freilich ist das Bild, das
+die Skaldenkunst gewährt. Da ist Odin der Hauptgott. Aber dieser
+Odinsglaube gehört den Höfen und Edelingen. Die Betrachtung Odins wird
+lehren, dass er erst spät im Norden einwanderte. Seine Herrschaft blieb
+im wesentlichen auf die Kunstdichtung und deren Pfleger beschränkt. Das
+Volk und alle, die vom Königshofe unabhängig waren, hielten an Thor und
+Freyr fest. In Sage und Dichtung jener Zeit kommt diese Verschiedenheit
+auch zum Bewusstsein.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Den Gegensatz zwischen Thor, dem Beschützer und Förderer des
+friedliebenden Bauernstandes und Odin, dem Vertreter des kriegliebenden
+und abenteuerlustigen Adels bringt das Harbardslied&#x2060;<a id="FNanchor_261_261" href="#Footnote_261_261" class="fnanchor">[261]</a> in
+trefflicher Weise zur Darstellung. Aus dem Ostland kommt Thor zu
+einem Sund; auf der andern Seite erblickt er einen Fährmann, den er
+um Überfahrt anruft. Es ist Odin, der sich unter dem Namen Harbard
+versteckt; er behandelt den Ankömmling geringschätzig als Bauern und
+Landstreicher. Nach mancherlei beleidigenden Scheltreden halten sie
+ihre Thaten einander gegenüber. Während Harbard-Odin in Kriegs- und
+Liebesabenteuern sich tummelte, was er mit geistiger Überlegenheit
+hervorhebt, vollführte der ehrliche Thor nützliche Thaten.
+Thursenweiber schlug er im Osten tot, damit das Riesengeschlecht nicht
+überhand nehme. Einen Fluss, der die Menschenwelt vom Riesenland
+trennt, verteidigte er gegen den Angriff der Söhne Swarangs, die
+Felsblöcke schleuderten. Thor zwang sie zum Frieden. Auf Hlesey
+erwürgte er Berserkerweiber, die argen Frevel verübt. <span class="pagenum" id="Page_257">[S. 257]</span>Wölfinnen waren
+sie mehr als Weiber, Thors Schiff stürzten sie um, schwangen ihre
+Eisenkeulen und verscheuchten den Thjalfi. Endlich fertigt Harbard den
+Harrenden mit spöttischen Reden ab und heisst ihn zu Fuss den Weg um
+den Sund suchen. Der norwegische Verfasser des ziemlich alten Liedes
+hat seinen Stoff sehr gut behandelt, Bauer und Edeling, Thor und Odin
+vorzüglich charakterisiert. Mit voller Freiheit und Selbständigkeit
+sprang er mit der Überlieferung um und gewährt doch ein lebenswahres
+Bild. Odin nimmt die Jarle, die auf der Walstatt fallen, aber Thor der
+Knechte Tross. Damit stellt der Dichter dem glänzenden Walhall der
+Krieger eine freundliche Heimstätte der in redlicher ruhmloser Arbeit
+sich abmühenden Bauern bei ihrem Schirmer Thor gegenüber.</p>
+
+<p>Wie hier zu Fuss mit dem Korb auf dem Rücken, so erscheint auch sonst
+Thor, wenn er nicht auf dem Wagen fährt. Nie besteigt er ein Ross.
+Während die andern Götter zum Gericht unter der Weltesche reiten,
+durchwatet Thor täglich zwei Flüsse und wandert einen weiten Weg.&#x2060;<a id="FNanchor_262_262" href="#Footnote_262_262" class="fnanchor">[262]</a></p>
+
+<p>Der Gegensatz zwischen Odin und Thor kommt auch in der Sage von
+Starkad&#x2060;<a id="FNanchor_263_263" href="#Footnote_263_263" class="fnanchor">[263]</a> zum Ausdruck. Odin hatte unter dem Namen Hrossharsgrani
+den Starkad erzogen. Einst träumte diesem, dass sein Pflegevater ihn
+an eine abgelegene Stelle im Walde führte, wo elf Asen sassen, die
+Hrossharsgrani als Odin grüssten. Sie sollten Starkads Schicksal
+bestimmen. Thor, der ihm als einem Riesensohn ungünstig war,
+verweigerte ihm Nachkommenschaft. Odin gab ihm drei Menschenalter, Thor
+sagte, er solle in jedem ein Nidingswerk vollführen; Odin bestimmte
+ihm die besten Waffen, Thor versagte ihm Landbesitz; Odin schenkte ihm
+fahrend Gut im Überfluss, Thor legte hinzu, dass er niemals genug haben
+solle. Odin gab ihm Sieg in jedem Streit, Thor fügte bei, dass er aus
+jedem eine tiefe Wunde davontragen solle; Odin gab ihm Skaldenkunst,
+Thor liess ihn seine Lieder vergessen; Odin machte ihn beliebt bei
+den Mächtigen, Thor verhasst beim Volk. Das wilde Reckentum, das
+schon Tacitus (Germ. 31) an den chattischen <span class="pagenum" id="Page_258">[S. 258]</span>Kriegern hervorhebt,
+den Helden und Dichter, der auf alles andre verzichtet, lässt die
+nordische Sage von Odin, dem Heldenvater geweckt werden, während Thor,
+dem Kriegsfahrt, um ihrer selbst willen gethan, verhasst ist, den
+Berufskämpen mit Fluch belegt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Aus der Zeit des Glaubenswechsels wird berichtet&#x2060;<a id="FNanchor_264_264" href="#Footnote_264_264" class="fnanchor">[264]</a>: Nun kam das
+Christentum nach Island und Thorgils nahm den Glauben unter den ersten
+an. Er träumte eines Nachts, dass Thor zu ihm komme mit böser Miene und
+sagte, er habe ihn betrogen. Du hast dich übel betragen wider mich, du
+hast mir das Schlechteste ausgewählt und das Silber, das ich besass,
+in einen Sumpf geworfen. Thorgils sprach: Gott wird mir helfen und ich
+bin froh, dass unsere Gemeinschaft zerriss. Als Thorgils erwachte, war
+sein Mastschwein tot. Er liess es begraben und niemand etwas davon
+essen. Thor erschien dem Thorgils abermals im Traume und sagte, er
+werde ihn ebenso leicht an der Nase kriegen wie sein Schwein. Thorgils
+antwortete, Gott werde das bestimmen. Thor drohte ihm Viehschaden
+anzuthun. In der nächsten Nacht fiel auch ein alter Ochse. Da sass
+Thorgils in der darauffolgenden Nacht selber bei seinem Vieh. Am Morgen
+als er heim kam, war er weit herum ganz schwarz geworden. Die Leute
+hielten es für sicher, dass er mit Thor zusammengetroffen sei. Das
+Viehsterben liess nach. Thorgils fuhr später nach Grönland und hatte
+dabei neue Anfechtungen auszustehen. Thorgils wartete auf guten Wind
+und träumte, ein grosser rotbärtiger Mann komme zu ihm und spräche:
+Die Fahrt, die du vor hast, wird beschwerlich werden. Übel wird es
+dir gehen, wenn du nicht wieder zu meinem Glauben zurückkehrst. Dann
+aber will ich wieder für dich sorgen. Thorgils sagte, er wolle seine
+Fürsorge nimmer haben und hiess ihn entweichen. Meine Fahrt geht,
+wie der allmächtige Gott will. Da schien ihm, als führe ihn Thor auf
+Klippen, an denen die Brandung sich brach. In solchen Wogen sollst du
+sein und nimmer herauskommen, du kehrest denn zu mir zurück. Nein,
+sagte Thorgils, hebe dich fort, du leidiger Feind. Der wird mir helfen,
+der uns alle mit seinem Blute erlöste. Da erwachte er und erzählte den
+Traum seiner Frau. Die sagte, ich würde daheim bleiben, wenn ich so
+geträumt hätte, und die andern Leute sollen <span class="pagenum" id="Page_259">[S. 259]</span>nichts davon erfahren.
+Nun erhob sich Fahrwind und sie segelten ab. Als sie ausser Sicht des
+Landes waren, legte sich der Wind und sie trieben so lange umher, bis
+Mangel an Trank und Speise eintrat. Thorgils träumte vom selben Mann:
+ging es nicht, wie ich sagte? Lange redete Thor mit Thorgils, der
+aber jagte ihn mit harten Worten von sich. Es begann zu herbsten und
+einige Leute meinten, man solle Thor anrufen. Thorgils verbot es. In
+der Nacht erschien Thor und sprach: Da zeigte es sich, wie treu du mir
+warst, als die Männer mich anrufen wollten. Aber ich habe nun deinen
+Leuten geholfen; ihr seid alle in äusserster Bedrängniss, wenn ich
+nicht helfe. In sieben Nächten sollst du einen Hafen erreichen, wenn
+du ernstlich zu mir zurückkehrst. Thorgils sprach: Wenn ich auch nie
+einen Hafen erreiche, ich will dir nichts Gutes thun. Thor antwortete:
+Willst du mir nichts Gutes thun, dann gib mir wenigstens meinen Besitz.
+Thorgils dachte darüber nach und fand, dass Thor damit einen Ochsen
+meine, den er ihm geschenkt hatte, solang er noch ein Kalb gewesen
+war. Thorgils befahl den Ochsen über Bord zu werfen. Denn es sei kein
+Wunder, wenn es schlimm gehe, solange Thors Gut an Bord sei. Der
+glaubenseifrige Mann wird auch schliesslich gerettet. Die Geschichte
+lässt deutlich durchschimmern, dass der Abfall von den alten Göttern
+und namentlich von Thor als schwerer Treubruch empfunden wurde. Wie
+Thor sonst als Beschützer und Mehrer des Eigentums galt, so rächt er
+sich an den Ungetreuen durch Beschädigung und Schmälerung. Wie er sonst
+günstigen Wind sendet, so schickt er seinen Feinden Gegenwind oder
+hemmt ihre Fahrt durch Windstille. Raud auf Raudsey, einer Insel vor
+der norwegischen Landschaft Halogaland, war ein grosser Opferer. Durch
+vieles Opfern hatte er ein Bildniss Thors im Tempel so bezaubert, dass
+der böse Feind aus dem Götzen mit ihm redete und diesen so bewegte,
+dass er am Tage mit ihm herumgehend sich zeigte, und Raud führte
+ihn oft mit sich auf der Insel herum. Als Olaf Tryggvason der Insel
+naht, verkündigt Thor seinem Freunde des Königs Ankunft. Thor erhebt
+die Bartstimme und bläst in den Bart, infolge dessen der König durch
+heftiges Gegenwetter mehrmals abgetrieben wird. Dem Bekehrungsversuche
+Olafs hält Raud entgegen: Du setzest deine Rede überzeugend, König;
+indessen habe ich wenig Lust, den Glauben zu verlassen, den ich gehabt
+habe und den mich mein Pflegevater gelehrt hat; und man kann nicht
+sagen, dass unser Gott Thor, der hier im <span class="pagenum" id="Page_260">[S. 260]</span>Tempel wohnt, wenig vermöge,
+denn er verkündigt noch ungeschehene Dinge und ist mir in aller Not
+von erprobter Verlässigkeit, und darum mag ich unsere Freundschaft
+nicht brechen, solange er mir die Treue hält. Wie der König droht,
+meint Raud, das schlage bei ihm nicht an, fordert aber denselben auf,
+seine Kraft in einem Kampfe mit Thor zu erproben. Hierauf lässt sich
+Olaf ein und besiegt den Götzen.&#x2060;<a id="FNanchor_265_265" href="#Footnote_265_265" class="fnanchor">[265]</a> Auch auf Island trat Thor selber
+den christlichen Bekehrern entgegen. Dankbrands des Priesters Schiff
+war zerbrochen. Steinvor, welche ihrerseits den Priester zum Heidentum
+bekehren wollte, sagte zu ihm: Hast du gehört, dass Thor Christus zum
+Zweikampf forderte, aber Christus wollte sich mit Thor nicht schlagen.
+Weisst du, wer dein Schiff zerschlug? Thor, der die Kinder der Riesin
+fällt, zerbrach das Schiff. Er sandte Sturm, der es in Späne schlug.
+Christus vermochte nicht zu helfen.&#x2060;<a id="FNanchor_266_266" href="#Footnote_266_266" class="fnanchor">[266]</a></p>
+
+<p>Derselbe Gedanke, dass Thor persönlich den neuen Gott und seine
+Vertreter bekämpft, kommt ziemlich übereinstimmend in diesen beiden
+Erzählungen zum Ausdruck.</p>
+
+<p>Als Svein, der einen prächtigen Thorstempel besass, auf König Olafs
+Tryggvason Betreiben vom Heidentum liess, geriet der Tempel samt
+den Götzenbildern in Verfall. Von Sveins Söhnen Svein und Finn ist
+letzterer eifriger Christ und naht, um das Thorsbild zu zerschlagen
+und zu verbrennen. In der Nacht zuvor erschien Thor zornig und traurig
+dem jüngeren Svein und sprach: Nun ist es dahin mit uns gekommen,
+dass mit dem Zusammenleben auch die Freundschaft sich verliert. Trage
+mich aus dem Tempel in den Wald, damit dein Bruder Finn mich nicht
+beschädigt. Als Svein sich weigert, verschwand Thor trauervoll und voll
+Schmerz.&#x2060;<a id="FNanchor_267_267" href="#Footnote_267_267" class="fnanchor">[267]</a></p>
+
+<p>Besonders schön ist aber die Geschichte von der Begegnung Thors mit
+Olaf Tryggvason, weil da noch einmal der Treubund zwischen dem Gott
+und seinem Volk so recht klar und schlicht hervortritt. Wie verhaltene
+Sehnsucht nach einer schönen, entschwundenen Vergangenheit mutet
+der Bericht an. Thor ist dem Norweger ins Herz gewachsen und nur
+schwer und ungern lässt er von ihm, ebenso trauert aber der Gott über
+die schmerzliche Trennung von seinen Getreuen. Zugleich leitet die
+Erzählung <span class="pagenum" id="Page_261">[S. 261]</span>hinüber zu den Thorssagen, deren Hauptinhalt Bezwingung der
+Riesen und Trolle ist. Wäre nicht Thor, so vernichteten Trolle die
+Welt, sagt ein norwegisches Sprichwort.&#x2060;<a id="FNanchor_268_268" href="#Footnote_268_268" class="fnanchor">[268]</a></p>
+
+<p>Als einmal König Olaf mit guter Brise südwärts der Küste entlang
+segelte, stand ein Mann auf einem Felsenvorsprung und rief um Aufnahme
+ins Schiff. Olaf steuerte den Orm, das treffliche Drachenschiff, das
+er dem zauberkundigen Raud abgenommen hatte, ans Land und der Mann
+stieg an Bord. Er war von stattlichem Wuchs, jugendlich, schön von
+Aussehen und rotbärtig. Mit dem Gefolge des Königs begann er allerlei
+Kurzweil und scherzhaftes Wettspiel, wobei die andern schlecht gegen
+ihn bestanden. Er meinte, sie seien unwert, einem so berühmten König zu
+folgen und auf einem so schönen Schiffe zu fahren, wie der Drache war,
+den der starke Raud besessen hatte. Die Leute fragten ihn, ob er alte
+Mären wisse, und als er bejahte, führten sie ihn zum König. Der hiess
+ihn eine alte Geschichte zu erzählen. Der Mann antwortete: Damit heb
+ich an, o Herr, dass dieses Land, vor dem wir segeln, in alten Zeiten
+von Riesen bewohnt war. Aber die Riesen kamen einmal raschen Todes
+um, dass sie alle zusammen starben, nur zwei Weiber blieben übrig.
+Hernach siedelten sich Leute aus östlichen Landen hier an; aber jene
+grossen Weiber thaten ihnen allerlei Schaden und Bedrängniss, bis die
+Landsbewohner sich entschlossen, diesen roten Bart um Hilfe anzurufen.
+Alsbald ergriff ich meinen Hammer und schlug die beiden Riesinnen zu
+Tode. Das Volk dieses Landes blieb dabei, mich um Hilfe anzurufen, wenn
+es Not that, bis du, o König, alle meine Freunde vernichtet hast, was
+wol der Rache wert wäre. Hiebei blickte er bitter lächelnd nach dem
+König zurück, indem er sich so schnell über Bord warf, als ob ein Pfeil
+ins Meer schösse, und niemals sahen sie ihn wieder.&#x2060;<a id="FNanchor_269_269" href="#Footnote_269_269" class="fnanchor">[269]</a></p>
+
+<h5 class="s4" id="Thor_in_der_Skaldendichtung_3"><b>3. Thor in der
+Skaldendichtung.</b></h5>
+
+<p>Snorri entwirft auf Grund der Skaldengedichte folgendes Gesamtbild von
+Thor (Gylfag. Kap. 21): Thor steht unter allen Asen <span class="pagenum" id="Page_262">[S. 262]</span>obenan; er heisst
+auch Asathor oder Wagenthor, weil er auf einem Wagen zu fahren pflegt.
+Er ist der stärkste der Asen, stärker als alle Götter und Menschen.
+Er herrscht in Thrudwang (Feld der Stärke) oder Thrudheim (Welt der
+Stärke). Seine Halle hat den Namen Bilskirnir.&#x2060;<a id="FNanchor_270_270" href="#Footnote_270_270" class="fnanchor">[270]</a> In diesem Gebäude
+sind 540 Gemächer, es ist das grösste Haus, von dem Menschen wissen.
+Thor hat auch zwei Böcke und einen Wagen. Die Böcke heissen Tanngniost
+(Zahnknisterer) und Tanngrisnir (Zahnknirscher). Thor benutzt diesen
+Wagen, wenn er nach Jotunheim fährt, und die Böcke ziehen den Wagen.
+Er besitzt ferner drei Kleinode: das eine ist der Hammer Mjolnir
+(Zermalmer), den Reifriesen und Bergriesen kennen, sobald er in die
+Luft sich erhebt; und das ist nicht zu verwundern, denn Thor hat mit
+dieser Waffe schon manchen Schädel ihrer Vorfahren und Verwandten
+zerschmettert. Das zweite Kleinod ist der Kraftgürtel: wenn er diesen
+anlegt, wächst ihm die Asenkraft ums doppelte. Das dritte Kleinod, das
+überaus wertvoll ist, sind die eisernen Handschuhe; diese kann er nicht
+entbehren, wenn er den Schaft des Hammers fasst. Niemand ist jedoch so
+weise, dass er alle seine grossen Thaten aufführen könnte, wenn ich
+auch soviel davon zu berichten weiss, dass der Abend hereinbrechen
+würde, ehe ich alles, wovon ich Kunde besitze, zu Ende erzählt habe.</p>
+
+<p>Von Mjolnir berichten Skáldsk. K. 3, dass der Zwerg Brokk ihn
+geschmiedet. Man könne damit werfen, soweit man wolle, ohne je das Ziel
+zu verfehlen. Der Hammer kehrt von selbst in die Hand des Werfenden
+zurück und kann so klein gemacht werden, dass man ihn unter dem Rock
+zu tragen vermag. Nur der Handgriff ist etwas zu kurz ausgefallen.
+Die Asen erklären den Hammer für das beste der von Brokk verfertigten
+Kleinode, er sei der wirksamste Schutz gegen die Riesen.</p>
+
+<p>In der nordischen Dichtung erscheint Thor als Sohn Odins; er musste
+sich diesem unterordnen, sobald er zum ersten der Götter geworden war.
+Thors Frau heisst <em class="gesperrt">Sif</em>.&#x2060;<a id="FNanchor_271_271" href="#Footnote_271_271" class="fnanchor">[271]</a> Sie reicht beim <span class="pagenum" id="Page_263">[S. 263]</span>Gelage
+der Götter dem Loki den Becher voll Metes, der aber rühmt sich, selbst mit ihr,
+der Strengen und Keuschen, Buhlschaft getrieben zu haben. Der Riese
+Hrungnir will sie mit Freyja entführen. Sifs prächtiges Haar hatte
+Loki aus Bosheit abgeschnitten. Thor fasste den Loki und wollte ihm
+alle Knochen zerschlagen. Da schwur er den Eid, er wolle der Sif von
+den Zwergen aus Gold neues Haar anfertigen lassen, das wachsen sollte,
+wie natürliches Haar und so geschah es, dass Sif goldenes Haar trägt.
+Von Sif hat Thor die Tochter Thrud, die Hrungnir zu entführen suchte.
+Sif ist Sippe, nach nordischem Sprachgebrauch Blutsverwandtschaft und
+Verschwägerung. Als Schirmer dieser Bande erscheint Thor, weiht er doch
+die Ehe mit dem Hammer ein. Die persönlich gedachte Sippe wurde ihm
+daher zur Frau gegeben.</p>
+
+<p>In Thors Söhnen <em class="gesperrt">Modi</em>&#x2060;<a id="FNanchor_272_272" href="#Footnote_272_272" class="fnanchor">[272]</a> (Zorn) und <em class="gesperrt">Magni</em>&#x2060;<a id="FNanchor_272_272a" href="#Footnote_272_272" class="fnanchor">[272]</a> (Kraft)
+werden wie in der Tochter <em class="gesperrt">Thrud</em> des Vaters Eigenschaften
+persönlich. Vater Magnis heisst Thor vielleicht ursprünglich auch nur
+bildlich als der Ursprung der Kraft, als der kräftigste der Asen. Von
+Magni wird erzählt, dass ihn Thor mit Jarnsaxa (der mit dem eisernen
+Schwerte) erzeugte. Drei Nächte alt war er doch schon so stark, dass
+er allein den auf Thors Halse lastenden Fuss Hrungnirs herunterwerfen
+konnte. In der neuen Welt werden Modi und Magni den Hammer Mjolnir an
+des Vaters Stelle führen. Von Modi ist gar nichts weiter bekannt. Über
+Thrud berichtet das Lied vom Zwerg Alwis. Thor wird zweimal Meilis
+Bruder genannt. Von diesem Meili, dessen Vater Odin ist, meldet keine
+<span class="pagenum" id="Page_264">[S. 264]</span>Sage. Die Mutter Thors ist die Erdgöttin, Jord oder Fjorgyn&#x2060;<a id="FNanchor_273_273" href="#Footnote_273_273" class="fnanchor">[273]</a>, die
+im Eichwald Verehrte.</p>
+
+<p>Thors Beruf, die bewohnte Erde und das Reich der Götter durch
+Bekämpfung der Riesen zu schirmen, ist in bestimmten Ausdrücken&#x2060;<a id="FNanchor_274_274" href="#Footnote_274_274" class="fnanchor">[274]</a>
+der Gedichte angezeigt. Im Hymirlied heisst er Freund der Menschen,
+Zerschmettrer der Felsbewohner, der der Thursen Tod berät, der Riesin
+Betrüber, des Wurmes Alleintöter. Ähnliche Benennungen legen ihm die
+Skalden bei, Freund der Götter ist er bei Ulf Uggason, Landesgott bei
+Egill. Im Harbardslied 23 sagt Thor: Thursenweiber schlug ich tot im
+Osten, die böswillig auf die Berge stiegen. Gross wäre die Anzahl der
+Riesen, wenn alle lebten, nicht Menschen gäb es in Midgard mehr. Im
+Lied von Thrym 17: bald werden die Thursen thronen in Asgard, holst du
+dir nicht deinen Hammer zurück. In solcher Thätigkeit tritt uns Thor
+in den meisten der folgenden Sagen entgegen; stets bereit, feindliche
+Riesenmächte mit Donner und Blitz zu zerschmettern, fährt er auf seinem
+Bocksgespann krachend in die Bergwildniss. Wenn es um die Felsen blitzt
+und donnert, stürmt und hagelt, dann ist Thor an der Arbeit und schlägt
+die Unholde.</p>
+
+<p>Bei Saxo&#x2060;<a id="FNanchor_275_275" href="#Footnote_275_275" class="fnanchor">[275]</a> ist Thor wie bei den Skalden geschildert. Er führt eine
+grosse Keule, gegen die nichts Stand hält. Er bekämpft <span class="pagenum" id="Page_265">[S. 265]</span>und bändigt
+Riesenungeheuer. Wenn man ihn um Hilfe anruft, ist er sogleich zur
+Stelle, wie die Asen nur Thors Namen aussprechen dürfen, um ihn
+bei sich zu haben. Als Urheber der Bergstürze wälzt er Felsblöcke
+zermalmend aufs Heer der Feinde. Seine Freunde gelten als seine Söhne.
+Saxo gewährt auch einen Zug, den wir sonst vermissen. Halfdan ist ein
+Thorsheld, ein Sohn Thors. Während sonst nur Freyr, Tyr und Odin an
+der Spitze der Heldengeschlechter stehen, während sonst allein Odin in
+menschlicher Gestalt zu seinen erkorenen Lieblingen herabsteigt, thut
+es hier auch einmal Thor.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Sagen_von_Thor_4"><b>4. Sagen von Thor.</b></h5>
+
+<p>Das Gesamtbild des Gottes tritt aus den Skaldengedichten uns entgegen,
+welche die Thätigkeit Thors im Kreise der Asen zeigen. Wenn auch manche
+Züge von den Skalden neu hinzugebracht wurden, im Grunde herrscht doch
+dieselbe Auffassung Thors, wie im Volksglauben. Nur ist Thor weniger
+als der Schützer der Sterblichen, vielmehr als der Schirmer der Götter
+<span class="pagenum" id="Page_266">[S. 266]</span>und der von ihnen geordneten Welt gezeichnet. Immer erneuern die
+Riesen ihre Angriffe auf die Welt, unablässig hat Thor zu thun, um sie
+niederzuhalten.</p>
+
+<h6 class="s5" id="Thor_und_Thrym"><em class="gesperrt">Thor und Thrym</em>.</h6>
+
+<p>Am Ende des 9. Jahrhunderts wurde in Norwegen das beste aller
+Eddalieder, das <em class="gesperrt">Lied von Thrym</em>&#x2060;<a id="FNanchor_276_276" href="#Footnote_276_276" class="fnanchor">[276]</a> gedichtet. Wild war Thor,
+als er erwachte und Mjolnir vermisste. Er klagt dem listigen Loki seine
+Not: noch ahnt es keiner auf Erden noch im Himmel — der Ase ist seines
+Hammers beraubt! Sie gingen zu Freyja, um ihr Fluggewand zu borgen.
+Damit flog Loki nach Riesenheim. Auf dem Hügel sass Thrym und fragte
+Loki nach Zeitung von Asen und Elben. Auf Lokis Frage nach dem Hammer
+erwiderte Thrym, er sei acht Meilen tief in der Erde geborgen; nicht
+gebe er ihn heraus, es sei denn, das Freyja zur Frau ihm gebracht
+werde. Mit diesem Bescheid kam Loki zurück. Sie stellten an Freyja
+das Ansinnen, mit dem Brautschleier zur Reise nach Riesenheim sich zu
+schmücken. Aber zornig wies sie es ab. Alle Götter und Göttinnen gingen
+zu Rat, Heimdall sprach: Schmücken wir Thor mit dem Brautschleier
+und mit Freyjas Halsband; lasst Weibergewänder ihm ums Knie wallen,
+Schlüssel am Gürtel klirren, die Brust ziert ihm mit bunten Steinen.
+Thor zögerte, weibisch würden ihn dann die Asen heissen. Da sagte Loki:
+Bald werden die Thursen thronen in Asgard, holst du dir nicht deinen
+Hammer wieder. Da liess sich Thor verkleiden. Als Magd begleitete ihn
+Loki. Sie bestiegen das Bocksgespann, die Berge barsten, es brannte
+die Erde, als Thor ins Thursenland fuhr. Thrym liess alles festlich
+zum Empfang zurichten; denn er ist reich. Am Abend beim Mahle ass Thor
+einen Ochsen und acht Lachse, alles Würzwerk und trank drei Tonnen
+Metes. Thrym verwunderte sich ob solcher Gefrässigkeit. Doch Loki, die
+findige Magd sagte, acht Nächte hindurch habe Freyja aus Sehnsucht
+<span class="pagenum" id="Page_267">[S. 267]</span>gar nichts mehr gegessen. Der Riese wollte die Braut küssen, entsetzt
+vor den funkelnden Augen sprang er in den Sal zurück. Loki wusste
+wieder Auskunft, aus lauter Sehnsucht habe Freyja acht Nächte nimmer
+geschlafen, darum glühe ihr Auge. Herein trat des Thursen Schwester,
+die Braut um ein Geschenk zu bitten. Thrym befahl Mjolnir zu holen,
+die Braut zu weihen legte er ihn in des Mädchens Schoos. Da lachte dem
+Thor das Herz in der Brust, als er seinen Hammer erblickte. Den Thrym
+erschlug er zuerst, darauf das ganze Geschlecht der Riesen. Des Thursen
+Schwester bekam Schläge anstatt des Geschenkes, Hammerhiebe statt der
+Ringe. So holte sich Odins Sohn seinen Hammer zurück.</p>
+
+<p>Dem Lied ist trefflicher Aufbau und gute Zeichnung der einzelnen
+Gestalten nachzurühmen. Die Handlung entwickelt sich rasch, die Sprache
+ist einfach und kraftvoll. Thor erscheint hilflos und ungeschickt,
+sobald es nicht aufs Zuschlagen ankommt. Da muss der listenreiche
+Loki aushelfen. Der gewaltige Recke in Weiberkleidern musste überaus
+komisch wirken; seine Rolle als Braut spielt er ungeschickt genug.
+Ihm, dem ehrlichen, offnen Helden widerstrebt List und Trug. Aber
+als seine Faust den Hammer umspannt, da tritt er wieder in seiner
+vollen Furchtbarkeit hervor. Der Sage eine natursymbolische Auslegung
+zu geben, etwa Thrym als Winterriesen zu fassen, der dem Donnerer
+den Blitzhammer entwendet, ist nicht begründet. Das altnordische
+Kunstgedicht wurde volkstümlich. In der Weise von „<i>Tord von
+Havsyard</i>“, die in norwegischer und dänischer Fassung überliefert
+ist, lebte es im Mittelalter unter dem Volke fort.</p>
+
+<h6 class="s5" id="Thor_und_Hrungnir"><em class="gesperrt">Thor und
+Hrungnir</em>.</h6>
+
+<p>Thor der Schrecken der Riesen fuhr von Flammen umringt ins Steingebirg
+zum Höhlenbewohner. Jords Sohn fuhr zum Kampf, unter ihm erdröhnte des
+Mondes Pfad, der Himmel. Die Luft war von Feuer erfüllt, Hagel ging zu
+Grunde, die Erde zerbarst, als die Böcke den Gott des Wagens zum Streit
+mit Hrungnir zogen. Nicht scheute Thor den bergbewohnenden Riesen. Die
+Berge erbebten und stürzten, das Meer flammte auf. Der Riese verzagte,
+als er den kampfkühnen Gott erblickte, den gelben Schild warf er unter
+seine Fusssohlen, so wollte es das Schicksal; nicht lange brauchte
+der Felsenmensch auf den Wurf des Hammers zu warten. Der Riesentöter
+brachte den Unhold über seinem Schild zu Fall, dass er vor dem scharfen
+Hammer sich neigte. Doch ein harter <span class="pagenum" id="Page_268">[S. 268]</span>Splitter der Steinwaffe des
+Riesen fuhr in den Schädel Thors, da steckte der blutige Stein, bis
+die Wundenheilerin mit Zauber ihn löste. Dem Skaldenlied Thjodolfs (um
+855–930) tritt Snorris Bericht ergänzend zur Seite.&#x2060;<a id="FNanchor_277_277" href="#Footnote_277_277" class="fnanchor">[277]</a> Thor war gen
+Osten gezogen, Unholde zu schlagen, Odin aber ritt nach Jotunheim. Er
+kam zu einem Riesen, der Hrungnir hiess. Der fragte, was das für ein
+Mann sei, der mit goldenem Helm durch Luft und Meer reite, und meinte,
+dass er ein gutes Ross habe. Odin erwiderte, in Riesenheim sei kein
+gleich gutes. Hrungnir sagte, sein Hengst Gullfaxi sei noch stärker.
+Zornig sprang er aufs Pferd und gedachte Odin zu fangen. Doch Odin
+entkam, der Riese verfolgte ihn bis nach Asgard. Als er zur Hallenthür
+trat, luden ihn die Asen zum Trinkgelage ein. Er ging in den Sal und
+erhielt die Schalen, aus denen Thor seinen Durst zu stillen pflegte.
+Hrungnir schlürfte, bis er trunken ward, und prahlte, er wolle Walhall
+nach Jotunheim schaffen, Asgard versenken und alle Götter töten, Freyja
+und Sif ausgenommen; die gedenke er mit sich fortzuführen. Freyja
+allein wagte es, ihm einzuschenken; er aber sagte, dass er alles Bier
+der Asen austrinken werde. Als nun den Asen seine Prahlerei lästig
+ward, da nannten sie den Namen Thors, und alsbald trat auch Thor in
+die Halle und schwang den Hammer in der Luft. Er war sehr zornig über
+Hrungnirs Besuch. Der behauptete, Odin habe ihn eingeladen und er
+stehe in seinem Schutze. Thor sprach, für diese Einladung solle er
+büssen, ehe er hinauskomme. Hrungnir antwortete, das sei für Asathor
+ein geringer Ruhm, wenn er ihn, den Waffenlosen, töte; „grösser ist
+das Wagestück, wenn er den Mut hat, mit mir auf der Länderscheide bei
+Grjotunagard (Bezirk der Steingehege) sich zu schlagen; auch war es
+eine grosse Thorheit, dass ich meinen Schild und meine Steinkeule zu
+Hause liess, denn hätte ich sie bei mir, so könnte man jetzt gleich
+den Holmgang versuchen — so aber müsste ich dich für einen Schurken
+erklären, wenn du mich, den Wehrlosen, töten wolltest.“ So wurde
+der Zweikampf anberaumt. Neu bei Snorri ist, dass Thor von Thjalfi
+begleitet wird und dem Hrungnir ein Lehmriese Mokkurkalfi zur Seite
+steht. Den machten die Riesen auf Grjotunagard, neun Meilen hoch,
+unter den Armen drei Meilen breit; sie <span class="pagenum" id="Page_269">[S. 269]</span>legten das Herz einer Stute,
+das sich aber wenig standhaft erwies, in den Riesenleib. Hrungnir aber
+trug ein Herz aus hartem Stein. Als Waffe schwang er einen Wetzstein.
+So harrten sie Thors. Thjalfi ruft Hrungnir zu, Thor werde in die Erde
+fahren und ihn von unten her angreifen, und darum schiebt Hrungnir den
+Schild unter die Füsse und stellt sich darauf. Hammer und Wetzstein
+treffen sich im Flug, der Stein bricht entzwei; die eine Hälfte fällt
+zu Boden, daher stammen alle Wetzsteinfelsen, die andere fliegt Thor
+in die Stirne, dass er zusammenbrach. Thjalfi hatte inzwischen den
+feigen Mokkurkalfi zu Fall gebracht. Hrungnir war vornüber gestürzt,
+sein einer Fuss lag auf Thors Halse. Weder Thjalfi noch die anderen
+Asen vermochten ihn wegzuheben. Da trat Magni, der Sohn Thors und der
+Jarnsaxa, der damals erst drei Nächte alt war, hinzu. Der warf den Fuss
+Hrungnirs von Thors Halse herunter und sprach: Jammerschade ist es,
+dass ich so spät herzukam; ich meine, dass ich diesen Riesen mit der
+Faust würde erschlagen haben, wenn ich ihn vorher getroffen hätte. Da
+stand Thor auf und begrüsste seinen Sohn mit grosser Freude und sagte,
+dass er einst ein tüchtiger Mann werden würde. Thor ging heim nach
+Thrudwang; das abgebrochene Stück des Wetzsteines steckte noch immer
+in seinem Kopfe. Da kam die Seherin Groa herbei, die Frau Aurwandils
+des Unverzagten. Sie sang ihre Zauberlieder über ihm, bis der Wetzstein
+lose wurde. Da wollte Thor sie mit guter Kunde erfreuen und erzählte
+ihr, er sei von Norden über die stürmischen Wogen gewatet und habe den
+Aurwandil in einem Korbe auf dem Rücken aus Jotunheim vom hohen Norden
+herübergetragen. Eine Zehe Aurwandils, die aus dem Korbe herauslugte,
+erfror; die habe er abgebrochen und an den Himmel geworfen und das
+Sternbild „Aurwandils Zehe“ daraus geschaffen. Thor fügte hinzu, es
+werde nicht lang mehr dauern, bis Aurwandil aus dem Norden heimkomme.
+Groa ward hierüber so erfreut, dass sie ihre Zauberlieder vergass, und
+so ward der Wetzstein nicht völlig los, er steckt noch immer in Thors
+Haupt.</p>
+
+<p>Klar ist der Grundgedanke dieser Thorssage besonders im Skaldenlied,
+ein Gewitter, das krachend ins Felsgebirg fährt. Schwieriger sind
+die andern Einzelheiten auszulegen. Hrungnir heisst der Lärmer
+(<i>rungla</i>, lärmen), Mokkurkalfi die Nebelwade (<i>mokkr</i>,
+Nebel, <i>kalfi</i>, Wade), ein Bild der Nebelwolke. Der Riese
+ist aus Lehm gefertigt, während Hrungnir im Felsgestein herrscht.
+Vielleicht ist damit der zähe, wässrige Lehmboden am dunstigen <span class="pagenum" id="Page_270">[S. 270]</span>Fusse
+des Felsgebirges gemeint. Lehm und Gestein widerstreben dem Anbau
+und werden mit Gewalt bezwungen. Bergsturz, Erdrutsch, Wasser und
+Nebel, alle Erscheinungen eines im Gebirge wütenden Gewitters mögen
+zusammengewirkt haben bei der Vorstellung, dass währenddem Thor
+den Riesen schlug. Schön erklärt Uhland: „Den Lehmhügel hinan, am
+Abhang des Gebirgs, regt sich der mühsame Anbau, oben herein ragt das
+ungeheure Felshorn, an dem eine Gewitterwolke blitzt und donnert, dass
+plötzlich der ganze Gebirgsstock erbebt. Die Feldarbeiter blicken
+empor und siehe! der Fels wird zum Steinriesen, in der Wolke steht
+der feurige Wagenlenker Thor, den malmenden Hammer schleudernd. Da
+fühlt Thjalfi, dass er nicht allein arbeite, ein gewaltiger Gott ist
+hilfreich mit ihm, und während er das Geringe schafft, vollbringt
+jener das Grosse und hat das Schwerste schon vorgearbeitet.“ Weniger
+ungezwungen fügt sich das übrige der Naturdeutung. Groa (zu <i>gróa</i>
+wachsen und grünen, zuwachsen und heilen) soll das wachsende Saatengrün
+vorstellen, das vergeblich bemüht ist, die Steine des Feldes zu
+bedecken, Thors Wunde zu heilen. <i>Aurwandil</i> ist gleich Saxos
+jugendlichem Helden Horwendil. Im Ags. ist <i>éarendel</i> ein Name
+des Morgensternes, im Ahd. begegnet der Name <i>Orentil</i>, mhd.
+<i>Orendel</i>, der Held der gegen Ende des 12. Jahrhunderts verfassten
+Spielmannsdichtung. Ob man alle diese Einzelheiten als Trümmer eines
+altgermanischen Mythus betrachten darf, ist sehr fraglich. Aurwandil
+in der nordischen Sage ist ein Licht- oder Frühlingswesen, das der
+Donnerer aus der Macht winterlicher Eisriesen zu seiner harrenden
+Gattin zurückführt. Der Zusammenhang der verschiedenen Mythen wie in
+Snorris Erzählung fehlt bei Thjodolf und ist auch schwerlich alt.</p>
+
+<p>Thors Kampf mit Hrungnir war berühmt, öfters wird in den Eddaliedern
+und bei den Skalden darauf angespielt. Schon bei Bragi heisst Thor
+Hrungnirs Schädelzerschmetterer.&#x2060;<a id="FNanchor_278_278" href="#Footnote_278_278" class="fnanchor">[278]</a></p>
+
+<h6 class="s5" id="Thor_und_Hymir"><em class="gesperrt">Thor und
+Hymir</em>.</h6>
+
+<p>Einst kam Thor zu einem Riesen mit Namen Hymir. Dieser fuhr morgens
+zum Fischfang. Thor verlangte, ihn zu begleiten; der Riese meinte,
+von einem so kleinen Burschen wenig Vorteil zu haben. Thor aber wurde
+zornig und wollte doch mit. Er fragte, was sie als Köder mitnehmen
+sollten. Hymir sagte, er <span class="pagenum" id="Page_271">[S. 271]</span>solle sich selbst einen verschaffen. Da
+packte Thor einen Stier Hymirs und riss ihm den Kopf ab. Dann setzte
+er sich im Boden des Fahrzeugs nieder und Hymir merkte, dass er
+gewaltig zu rudern verstand. Bald sagte der Riese, dass sie zu den
+Fischplätzen gekommen seien, wo er zu angeln gewohnt sei, und hiess ihn
+mit Rudern aufhören. Thor aber sprach, dass er viel weiter hinaus zu
+rudern gedenke, worauf Hymir erwiderte, dies sei gefährlich wegen der
+Midgardschlange. Thor ruderte also weiter zu Hymirs Missvergnügen. Thor
+machte die Angelschnur zurecht und steckte den Stierkopf an den Haken,
+der sofort zu Grunde sank. Die Schlange schnappte nach der Angel und
+der Haken blieb ihr im Gaumen stecken. Da zerrte sie so mächtig an der
+Leine, dass Thors beide Fäuste auf den Bord des Bootes aufschlugen.
+Thor rüstete sich mit seiner ganzen Asenstärke. So gewaltig stemmte
+er sich entgegen, dass er mit beiden Füssen den Boden des Fahrzeugs
+durchbrach und auf den Meergrund zu stehen kam. Nun zog er die Schlange
+zu sich herauf an den Bord des Schiffes. Thor richtete seine blitzenden
+Augen auf das Ungetüm, das ihn anstarrte und Gift schnaubte. Der
+Riese erschrak, als er die Schlange erblickte und die See ins Schiff
+stürzte. Als Thor nach dem Hammer griff, schnitt der Riese am Bord
+die Angelschnur entzwei, dass die Schlange ins Meer zurücksank. Thor
+warf mit dem Hammer und schlug ihr Haupt ab. Den Riesen aber traf er
+dermaassen ans Ohr, dass er kopfüber ins Meer stürzte. Thor watete zum
+Lande zurück.&#x2060;<a id="FNanchor_279_279" href="#Footnote_279_279" class="fnanchor">[279]</a></p>
+
+<p>Thors Kampf mit der grossen Seeschlange ist öfters von den Skalden
+besungen worden, im 10. Jahrh. von Ulf Uggason (um 984) und Eystein
+Valdason. Der Vernichter der Trolle wurde dem Ungeheuer des Meeres
+gegenübergestellt. Übrigens beruht der abenteuerliche Fang des Wurmes
+mit Angel und Köder auf christlicher Vorstellung, wie Gottvater oder
+Christus den erdumgürtenden Leviathan mit der Angel fangen.</p>
+
+<p>Ein norwegischer Skald dichtete am Ende des 10. Jahrhunderts <span class="pagenum" id="Page_272">[S. 272]</span>das
+Hymirlied&#x2060;<a id="FNanchor_280_280" href="#Footnote_280_280" class="fnanchor">[280]</a>, wo ebenfalls der Fang des Wurmes geschildert wird
+(Str. 17–25), nur dass hier der seltsame Fisch „wieder lebendig ins
+Meer zurücksinkt“. Denn am Ende der Tage erst soll er von Thor getötet
+werden. Ausserdem hat der Verfasser des Hymirliedes noch eine Anzahl
+weiterer Sagen herangezogen, ohne jedoch eine innere Verbindung
+zwischen ihnen herstellen zu können. Die wichtigste, am meisten
+ausgeführte, ist die Einholung von Hymirs Kessel. Die Asen wollen
+bei Aegir dem Meerriesen Gelage halten. Aber ihm fehlt ein Kessel,
+der gross genug ist, das nötige Bier zu brauen. Die Asen sollen ihn
+liefern, Thor soll ihn besorgen. Dazu weiss Tyr Rat. Sein Stiefvater
+Hymir, der am äussersten Himmelsrande wohnt, hat einen meilentiefen
+Kessel. Von Asgard aus fahren sie einen vollen Tag, bis zu Egill, dem
+Vater des Thjalfi und der Roskwa, wo sie die Böcke einstellen. Dann
+schreiten sie zu Hymirs Halle. Dort fand Tyr die verhasste Ahne mit
+900 Häuptern. Aber die lichte Frau, Tyrs Mutter brachte den Gästen
+Bier. Spät kam der Riese vom Waidwerk heim; Eiszapfen klirrten, wie
+er in den Sal trat, sein Bart war gefroren. Die schöne Frau sucht
+ihn freundlich zu stimmen für die Gäste, die ängstlich hinter einer
+Säule sich verstecken. Vor dem Blicke Hymirs birst der Balken und vom
+Brett herab kollern Kessel. Hervor treten die Gäste, ungern sieht
+Hymir den Thor, ihm ahnt Schlimmes. Beim Nachtmahl isst Thor allein
+zwei Ochsen. Am andern Tag fahren Thor und Hymir zum Fischen. Bei der
+Heimkehr hebt Thor das ganze Boot samt Inhalt auf und trägt es zum
+Gehöft. Der Riese versucht Thors Stärke und gibt ihm einen Kelch,
+den soll er zerschmettern. Steinerne Pfeiler zerbrechen, der Becher
+bleibt ganz, bis auf der jungen Frau Rat Thor ihn am harten Schädel
+Hymirs zerschellt. Jetzt darf er den Kessel mitnehmen. Umsonst setzt
+Tyr zweimal an ihn zu heben, Thor aber schwingt ihn aufs Haupt. Thor
+und Tyr fahren heimwärts. Da folgt ihnen vielköpfiges Volk, aus den
+Berghöhlen hervorbrechend. Alle erschlägt Thor mit dem Hammer. Einer
+der Böcke hinkt, wofür Thor Egils Kinder zur Busse empfängt. So
+brachten sie den gewaltigen Kessel zu den <span class="pagenum" id="Page_273">[S. 273]</span>Asen, die nun in Aegirs
+Halle zechen. Scheidet man diese letzte Sage vom hinkenden Bock aus,
+so bleibt als Grundlage dieser Geschichte ein Märchen übrig, das an
+Thors Namen geknüpft wurde. Zwei Brüder kommen zur Behausung eines
+menschenfressenden Riesen in Abwesenheit des Hausherrn und werden
+dort von einer mitleidigen Frau verborgen. Der Riese kehrt später
+heim und riecht die Fremden. Aber die barmherzige Frau weiss ihn
+mit schmeichelnden Worten zu besänftigen. Die Brüder kommen aus dem
+Versteck und erhalten Erlaubniss auf des Riesen Hof zu bleiben. Der
+kleine schwache Mensch betrügt oder besiegt zuletzt den gewaltigen
+Riesen. Wie Aegir das offene Meer beherrscht, so Hymir das Eismeer.
+Schwerlich ist aber Uhlands Deutung begründet, der Braukessel sei das
+offene Meer, das im Winter, wenn Buchten und Sunde zugefroren oder mit
+Treibeis bedeckt sind, in Hymirs Verschluss gehalten werde und von den
+Göttern des Lichtes und des Gewitters befreit werden müsse. Lust am
+Fabulieren, nicht sinnbildliche Naturanschauung schuf die Geschichten,
+die Thor und Hymir in Beziehung zu einander zeigen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Märchen und Volkssage</em>, nicht <em class="gesperrt">Naturmythus</em> bildet die
+Grundlage der meisten von den Skalden behandelten Thorsgeschichten, die
+uns nur zum kleinsten Teil in Gestalt der ursprünglichen Dichtungen,
+meistens nur in Snorris Nacherzählung erhalten sind.</p>
+
+<h6 class="s5" id="Thor_und_der_Riesenbaumeister"><em class="gesperrt">Thor und
+der Riesenbaumeister</em>.</h6>
+
+<p>Um die im Wanenkrieg zerstörte Burg wieder aufzubauen, dangen die Asen
+einen Baumeister aus Riesenheim. Der versprach, das Werk im Verlauf
+eines Winters auszuführen, wenn man ihm Freyja zum Weib gebe und
+Sonne und Mond abtrete. Auf Lokis Vorschlag wurde es bewilligt. Vor
+zahlreichen Zeugen war der Vertrag abgeschlossen worden. Thor aber war
+abwesend fern im Osten, um Unholde zu erschlagen. Mit dem einzigen
+Beistand seines Rosses Swadilfari führte der Riese den Bau rasch aus,
+nur noch drei Tage fehlten zum Ziel. Da gerieten die Asen in Angst
+und zwangen Loki, der zum Vertrag geraten hatte, Hilfe zu schaffen.
+In Stutengestalt lief er dem Hengste des Riesen entgegen. Swadilfari
+rannte alsbald der Stute nach und die Nacht über ruhte die Arbeit. Als
+der Werkmeister sah, dass er nicht mehr fertig werde, geriet er in
+Riesenzorn. Die Asen achteten nimmer der Eide und Verträge, sondern
+riefen nach Thor. Alsbald <span class="pagenum" id="Page_274">[S. 274]</span>erschien er, schwang den Hammer und zahlte
+so den Lohn für die Arbeit, dass er den Riesen totschlug. Loki als
+Stute warf bald darauf ein graues Fohlen mit acht Füssen, Sleipnir,
+Odins Ross.&#x2060;<a id="FNanchor_281_281" href="#Footnote_281_281" class="fnanchor">[281]</a></p>
+
+<p>Eine oft bezeugte Volkssage von einem Riesen oder Unhold als Baumeister
+bildet die Grundlage für diese Erzählung. Die meisten Züge kehren
+in den Volkssagen wieder. Ein Bau soll aufgeführt werden, dessen
+Herstellung das Maass gewöhnlicher Menschenkraft übersteigt. Ein
+Vertrag mit dem Dämon wird abgeschlossen, er verlangt als Lohn Sonne
+und Mond, ein Mädchen. Ein Pferd hilft ihm bei der Arbeit. Der Bau
+geht geschwind vorwärts, dem Auftraggeber wird seiner Zusagen halber
+immer bänger zu Mut. Endlich hilft er sich mit List und betrügt
+den Unhold um seinen Lohn. Neu in der Edda ist Lokis Rolle, der
+seinem Wesen nach auch hier zwischen den Göttern und ihren Feinden
+vermittelt, aber beide betrügt. Aber auch Thor als der Helfer in der
+Not ist neu und eigenartig verwertet. Auch er handelt seinem Wesen
+entsprechend und schlägt freudig zu, sobald es geht. Wie bei Hrungnirs
+Erscheinen in Walhall ist auch hier Thor sofort zur Stelle, wenn die
+Asen ihn brauchen. Ähnlich in der Lokasenna 55 ff. Er ist ihr starker
+Beschützer, in der Stunde der Gefahr taugt Heldenkraft doch mehr als
+Geist und Witz.</p>
+
+<h6 class="s5" id="Thor_und_der_Geirroed"><em class="gesperrt">Thor und
+Geirröd</em>.</h6>
+
+<p>Der Isländer Eilif Gudrunarson verfasste nach 976 ein Lobgedicht auf
+Thor, wie er zu Geirröd fuhr. Snorri gibt eine kurzgefasste Sage, worin
+zwei Strophen einfacherer Art vorkommen, die auf ein zweites Gedicht
+neben der schwülstigen Drapa hinweisen.&#x2060;<a id="FNanchor_282_282" href="#Footnote_282_282" class="fnanchor">[282]</a> Loki war einst in Freyjas
+Falkengewand ausgeflogen und zu Geirröds Gehöft gekommen. Er sah dort
+eine grosse Halle, setzte sich aufs Dach und blickte zum Rauchloch
+hinein. Geirröd befahl den Vogel zu fangen. Ein Mann stieg hinauf und
+fing den mit Zauberei festgeklebten Vogel. Geirröd verschloss ihn in
+eine Kiste und liess ihn drei Monate lang hungern. Dann nahm er ihn
+heraus und jetzt gab sich Loki zu erkennen. Um sein Leben zu lösen,
+musste er Geirröd schwören, Thor ohne seinen Hammer, <span class="pagenum" id="Page_275">[S. 275]</span>seine eisernen
+Handschuhe und seinen Kraftgürtel in seine Gewalt zu bringen. Thor
+liess sich auch wirklich bereden. Unterwegs kehrte er bei der Riesin
+Grid, der Mutter Widars des Schweigsamen ein, und sie gab ihm darüber
+Bescheid, welch schlimmer Unhold Geirröd sei. Mit ihrem eigenen Gürtel
+und Stab und mit ihren Eisenhandschuhen versah sie Thor. Der gelangte
+zum mächtigen Flusse Wimur, er umgürtete sich mit dem Kraftgürtel und
+stützte sich auf Grids Stab, Loki hielt sich an seinem Gürtel fest.
+Wie er in die Mitte des Stromes gekommen war, wuchs das Wasser bis
+zu seinen Schultern. Da sah Thor, wie Gjalp, Geirröds Tochter, oben
+in den Bergklippen mit gespreizten Beinen über dem Flusse stand und
+sein Anschwellen verursachte. Thor warf mit einem grossen Stein nach
+ihr und traf sie. Glücklich erreichte er das Ufer und bekam einen
+Vogelbeerstrauch zu fassen, an dem er sich herauszog. Daher stammt
+das Sprichwort: Der Vogelbeerbaum ist Thors Rettung. In Geirröds
+Gasthaus wurde ihm ein Stuhl angewiesen. Da wurde er gewahr, dass er
+sich plötzlich unter ihm zum Dach emporhob. Thor stemmte den Stab
+gegen das Dach und drückte den Stuhl nieder. Da entstand ein heftiges
+Geschrei und darauf hörte man ein Knacken. Geirröds Töchter Gjalp und
+Greip hatten unter dem Stuhle gesessen; Thor hatte beiden das Rückgrat
+zerbrochen. Darauf liess Geirröd Thor in die Halle rufen, um sich
+mit ihm im Kampfspiel zu messen. In der Halle brannten grosse Feuer.
+Geirröd fasste ein glühendes Eisenstück mit der Zange und warf es auf
+Thor. Der aber fing es mit seinen Eisenhandschuhen auf und hob es in
+die Luft. Geirröd sprang hinter eine Säule, sich zu schützen. Thor aber
+schmetterte das Eisen durch die Säule, dass es den Geirröd und die
+Hallenwand durchschlug und draussen noch tief in die Erde fuhr.</p>
+
+<p>Uhlands Auslegung, Geirröd sei ein Glutriese, das verderbliche
+schädigende Gewitter, das sich bei brennender Sommerhitze mit
+Wolkenbruch und Überschwellen der Bergströme, die den Anbau zu
+verschlingen drohen, entlade, genügt nicht zur Erklärung der
+Einzelheiten, die sich nur äusserst gezwungen fügen. Man muss die
+Fahrt zu Geirröd mit der Geschichte von der Fahrt nach Utgard zusammen
+nehmen, um einen richtigen Standpunkt für die Erklärung zu gewinnen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_276">[S. 276]</span></p>
+
+<h6 class="s5" id="Thor_belebt_die_Boecke"><em class="gesperrt">Thor belebt
+die Böcke</em>.</h6>
+
+<p>Thor fährt mit dem Bocksgespann aus, mit ihm Loki. Bei einem Bauern
+Egill kehren sie ein. Thor schlachtet die Böcke, die abgezogen und im
+Kessel gesotten werden. Er ladet den Bauern mit Weib und Kindern zum
+Essen ein und heisst sie die Knochen aufs Bocksfell werfen. Thjalfi
+des Bauern Sohn spaltete mit seinem Messer das Schenkelbein des einen
+Bockes, um das Mark zu erlangen. Am andern Morgen schwang Thor den
+Hammer über die Felle, da standen die Böcke lebendig wieder auf, doch
+einer lahmte am Hinterfuss. Thor merkte das und sagte, der Bauer oder
+seine Angehörigen müssten nicht vorsichtig mit dem Knochen umgegangen
+sein. Zornig fasste er den Hammer; der Bauer flehte um Gnade und gab
+zur Busse seine Kinder Thjalfi und Roskwa, die Thor fortan treulich
+dienten. Derartige Wiederbelebungen kennen Märchen, Sagen und Legenden
+sehr häufig, aus der Volkssage schöpfte auch hier die norwegische
+Göttersage.&#x2060;<a id="FNanchor_283_283" href="#Footnote_283_283" class="fnanchor">[283]</a></p>
+
+<h6 class="s5" id="Thor_in_Utgard"><em class="gesperrt">Thor in Utgard</em>.</h6>
+
+<p>Thor mit Thjalfi, Roskwa und Loki begab sich nach Zurücklassung der
+Böcke weiter gen Riesenheim. Sie kamen zum Meer und schwammen hinüber.
+Als sie am jenseitigen Ufer eine Weile gegangen waren, gelangten
+sie in einen grossen Wald, in dem sie bis zum Abend fortwanderten.
+Thjalfi trug die Vorratstasche. Ihr Nachtlager nahmen sie in einem
+grossen Haus, dessen Thür weit offen stand. Um Mitternacht entstand
+ein grosses Erdbeben. Sie flüchteten in einen Anbau, den sie rechts im
+Hause fanden. Thor hielt mit dem Hammer in der Hand am Eingang Wache.
+Sie hörten grosses Brausen und Rauschen. Morgens ging Thor hinaus und
+sah im Wald einen Riesen, der gewaltig schnarchte. Er gürtete sich mit
+Stärke, da erwachte der Mann, Thor verzagte und <span class="pagenum" id="Page_277">[S. 277]</span>schlug nicht zu. Jener
+nannte sich Skrymir (Grosssprecher). „Dich brauch ich nicht um den
+Namen zu fragen; ich weiss, dass du Asathor bist. Aber wohin hast du
+meinen Handschuh geschleppt?“ Da merkte Thor, dass sie darin genächtigt
+hatten. Das Nebenhaus war der Däumling. Skrymir wanderte mit den
+Gesellen und schnürte ihre Vorratssäcke alle in ein Bündel zusammen,
+dass er auf den Rücken warf. Abends legte er sich unter eine Eiche und
+schlief alsbald ein. Thor wollte mit seinen Genossen zu Nacht essen,
+aber vergebens versuchte er die Riemen des Bündels aufzuknoten. Zornig
+fasste er seinen Hammer und schlug Skrymir aufs Haupt. Der erwachte
+und fragte, ob ein Blatt ihm aufs Haupt gefallen sei. Um Mitternacht
+wiederholte Thor den Schlag auf den Wirbel, dass das Hammerende tief
+eindrang. Erwacht fragte Skrymir: Fiel mir eine Eichel auf den Kopf?
+Zum dritten Mal, kurz vor Tag, schwang Thor den Hammer auf Skrymirs
+Schläfe, dass er bis zum Schafte eindrang. Skrymir stand auf und rieb
+seine Wange: Es müssen Vögel auf dem Baum sitzen, eine Feder fiel
+mir auf den Kopf. Wachst du, Thor? Es ist Zeit aufzustehen. Ihr habt
+nimmer weit bis nach Utgard. Dort werdet ihr noch grössere Leute sehen.
+Überhebt euch nicht zu sehr. Damit warf er seinen Bündel auf den Rücken
+und ging in den Wald hinein. Die Asen wünschten ihm keine gute Reise.</p>
+
+<p>Thor wanderte mit seinen Gefährten weiter, bis sie zu einer hohen
+Burg gelangten. Der Eingang war mit einer Gitterthüre verschlossen.
+Da sie diese nicht aufmachen konnten, schlüpften sie zwischen den
+Stäben hindurch. In der Halle fanden sie viele grosse Männer. Der
+König Utgardaloki nahm ihren Gruss säumig auf und wunderte sich über
+Thors Kleinheit. Er schlug den Gästen vor, sich mit seinen Leuten im
+Wettspiel zu messen. Loki versuchte sich gegen Logi im Essen; Loki ass
+alles Fleisch von den Knochen, Logi aber verzehrte das Fleisch mitsamt
+den Knochen und dem Trog dazu. Thjalfi ward von Hugi im Wettlauf
+besiegt. Thor sollte ein Horn auf einen Zug ausleeren. Dreimal setzte
+er gewaltig an, aber kaum war ein Abgang im Horn bemerkbar. Dann sollte
+er Utgardlokis Katze vom Boden aufheben; so gewaltig Thor sich stemmte,
+nur einen Fuss der Katze brachte er vom Boden. Endlich sollte er mit
+Elli, Utgardlokis Amme ringen. Das alte Weib stand fest, Thor sank
+ins Knie. Am andern Morgen brachen die Asen auf, Utgardloki gab ihnen
+das Geleite und gestand Thor, er habe Tags zuvor allerlei Blendwerk
+<span class="pagenum" id="Page_278">[S. 278]</span>vorgemacht. Zuerst als Skrymir habe er das Bündel mit Eisenbändern
+verschnürt; darauf vor Thors Hammerhiebe Felsen gehalten, worein grosse
+Vertiefungen geschlagen wurden. So war es auch bei den Spielen. Logi
+war das fressende Wildfeuer, Hugi, der mit Thjalfi um die Wette lief,
+der windschnelle Gedanke. Das Horn konnte Thor nicht leeren, weil sein
+eines Ende im Meer lag, die Katze war die grosse Weltschlange, die
+Amme Elli das Alter, das noch niemand zu beugen vermochte. Da hob Thor
+den Hammer, aber Utgardloki war verschwunden und auch von der Burg war
+nichts mehr zu sehen.&#x2060;<a id="FNanchor_284_284" href="#Footnote_284_284" class="fnanchor">[284]</a></p>
+
+<p>Skrymir und Utgardloki sind also mit einander eins, die Sage läuft auf
+Trug und Blendwerk hinaus, wogegen Thor machtlos ist. Zur Erläuterung
+dient Saxos Bericht, bei welchem <i>Thorkillus</i> den Thor vertritt,
+aber im Grunde doch völlig mit ihm zusammenfällt.</p>
+
+<p>König Gorm wollte <i>Geruths</i> Land besuchen, von dessen
+Beschaffenheit er durch Isländer gehört hatte. Unglaubliches wurde
+von den Schätzen berichtet; gefährlich war die Seefahrt dorthin, man
+musste weit ins Meer hinaus segeln, bis Sonne und Sterne ihren Schein
+verlören und Finsterniss herrsche. 300 tapfere Jünglinge unter Führung
+Thorkils, der schon einmal dort gewesen war und den Weg wusste,
+begleiteten Gorm auf 3 Schiffen, die auf Thorkils Rat besonders erbaut
+und ausgestattet waren. Über Halogaland hinaus gelangten sie in die
+weite See und legten an einer von Trollen bewohnten Insel an, wo sie
+3 Leute einbüssten. Dann gings weiter nach Bjarmeland, das mit Eis
+und Schnee Sommer und Winter bedeckt ist und kein Getreide trägt.
+Schäumende Flüsse eilen durchs Land, das mit finsteren von wilden
+Tieren erfüllten Wäldern bestanden ist. Sie landeten und Thorkil
+befahl seinen Genossen mit keinem der Landsbewohner zu reden. Früh
+am Morgen kam der Riese Guthmund und lud sie zu sich ein. Der suchte
+die Dänen durch Zauberspeisen und schöne Weiber in seine Gewalt zu
+bringen, aber Thorkil warnte seine Leute, nur vier wurden verführt.
+Dann setzte Guthmund die Dänen über den Strom, der von einer goldenen
+Brücke überspannt die Welt der Menschen und Geister trennte. Sie
+betraten Geruths Land. In dunkelm Nebel lag eine grauenvolle Stadt,
+von <span class="pagenum" id="Page_279">[S. 279]</span>Gespenstern bewohnt, von wilden Hunden bewacht. In der Stadt
+herrschte greulicher Gestank. Sie gelangten zu einer Felsenhöhle, die
+sie nur zögernd auf Thorkils Anweisung, nichts anzurühren, betraten.
+Die Höhle sah grässlich und abscheulich aus, Thüren und Wände waren
+rauchgeschwärzt, das Dach war mit Pfeilen gedeckt, am Boden krochen
+Nattern. Auf eisernen Stühlen sassen Gespenster. Auf einem Hochsitz
+sass ein alter Mann, sein Leib war durchbohrt und an den Felsen
+befestigt. Bei ihm sassen drei Weiber mit zerbrochenem Rücken. Thorkil
+erzählte, der starke Gott Thor sei durch Geruths Hochmut erzürnt worden
+und hätte ihn mit einem glühenden Eisenkeil an den Fels gefestigt;
+zugleich traf Thor mit dem Blitz die drei Weiber.&#x2060;<a id="FNanchor_285_285" href="#Footnote_285_285" class="fnanchor">[285]</a> Nachdem die
+Dänen noch einen Kampf mit den Gespenstern bestanden, worin die meisten
+umkamen, rettete sich der Rest zu Guthmund und von dort nach Dänemark.</p>
+
+<p>Gorm will wissen, welchen Aufenthalt und Lohn die Seele nach dem Tode
+habe. Um das zu erkunden, wird Thorkil zu <i>Ugarthilocus</i> entsandt.
+Sie segeln wieder ins Land der ewigen Finsterniss. Von zwei Trollen,
+die in einer Höhle am Feuer sitzen, wird Thorkil der Weg gewiesen.
+In einer Höhle liegt Ugarthilocus an Händen und Füssen mit eisernen
+Ketten gefesselt. Sein Haar war wie spitziges Horn oder Schwerter und
+verbreitete entsetzlichen Geruch.&#x2060;<a id="FNanchor_286_286" href="#Footnote_286_286" class="fnanchor">[286]</a> Als sie eines auszogen, werden
+sie von giftigen Nattern und Trollen angegriffen und verfolgt. Thorkil
+allein bleibt am Leben und rettet sich, indem er zum Christengott ruft.</p>
+
+<p>Bei Saxo erscheint Thors Fahrt zu Geirröd und zu Utgardaloki
+<span class="pagenum" id="Page_280">[S. 280]</span>deutlich als Besuch in der Unterwelt und ist mit allen Schrecken
+der Hölle ausgemalt. Mag auch einiges von Saxo aufgetragen sein, in
+der Hauptsache ist er doch von der Darstellung seiner isländischen
+Quellen geleitet, welche mehr als die uns bekannte Überlieferung
+das Schauerliche hervorkehrten. Damit wird der Weg zum Verständniss
+gewiesen; nicht von irgend welchen Naturvorgängen hat die Erklärung
+auszugehen, vielmehr von der im klassischen Altertum und im
+christlichen Mittelalter gleich beliebten Höllenfahrt, die dem Thor,
+wie dem Hercules und Märchenhelden gerne zugeschrieben wird.</p>
+
+<p><i>Útgarþr</i> ist die Aussenwelt, die Wildniss, wo keine Menschen
+wohnen, wo alles wüst und öde ist. Ins unbewohnte Land verweist der
+Volksglauben gern die Unholde. Im Norden und Osten, im Eismeer und
+in der Bergwildniss hausten nach norwegischem Glauben die Trolle und
+Riesen, bei den wilden, als Zaubrer verschrieenen Lappen und Finnen.
+Trollabotnar d.&#8239;i. Trollengründe heisst die schaurige Einöde des
+Polarmeeres.&#x2060;<a id="FNanchor_287_287" href="#Footnote_287_287" class="fnanchor">[287]</a> Die Fahrt ins Trollenreich ist auf Thor übertragen.
+Aber zugleich auch der Besuch in der Unterwelt, die durch tiefe Wasser
+und dunkle Wälder von der Oberwelt getrennt ist. Nach der Ansicht des
+Mittelalters liegt der Teufel in Banden bis zum Anbruch des jüngsten
+Tages. Der gefesselte Loki ist eine deutliche Nachahmung dieser
+Vorstellung.&#x2060;<a id="FNanchor_288_288" href="#Footnote_288_288" class="fnanchor">[288]</a> Der Sage ist Thor Beschirmer der Welt, Midgards, den
+Einbruch der Riesen und Trolle schlägt er siegreich zurück. Aber sobald
+er das Heim der Trolle und das Reich der Hölle betritt, wird seine
+Macht vor dem trügenden Blendwerk der bösen Feinde zu Schanden.</p>
+
+<p>Mit Thors Fahrten bringt Saxo den Besuch bei Gudmund&#x2060;<a id="FNanchor_289_289" href="#Footnote_289_289" class="fnanchor">[289]</a> in
+Verbindung. Von König Gudmund auf Glaesisvellir, dem Gefilde
+<span class="pagenum" id="Page_281">[S. 281]</span>des Glanzes, erzählen erst spätere isländische Quellen des 14.
+Jahrhunderts, die zum Teil von Saxo unabhängig sind. Gudmund, dessen
+Reich bei Bjarmeland gedacht wird, ist offenbar in der Volkssage ein
+Elbenkönig. Unsterblichkeit, Wonne und Reichtum herrscht dort, seine
+Tochter Ingeborg entzückt Helgi Thorirs Sohn zu sich. Aber der Elben
+Rache bringt dem Menschen, der wieder zur Erde zurückkehrt, Tod und
+Verderben. Dem König Olaf Tryggvason reicht Helgi ein Geschenk der
+tückischen Elben, ein goldenes Horn, das beim Kreuzeszeichen mit Getöse
+zerspringt. Helgi selber ist geblendet. Wir haben somit eine alte
+Elbensage, schon zu Saxos Zeit an einen König Gudmund geknüpft. Thor
+hat schwerlich damit zu schaffen gehabt.</p>
+
+<p>Unverkennbar geht die Entwicklung Thors in diesen Geschichten immer
+mehr abwärts. Das ist nicht die Auffassung, die ein gläubiges Volk
+dem gefürchteten, gewaltigen Gott entgegenbringt. Erst in den Zeiten,
+da der Heidenglaube wankte, konnten solche Erzählungen entstehen, wo
+der Gott gleich wie jeder andre starke Mann im Märchen zum blossen
+Zeitvertreib, zur Unterhaltung geschildert wurde.</p>
+
+<h6 class="s5" id="Thor_und_die_Riesinnen"><em class="gesperrt">Thor und die
+Riesinnen</em>.</h6>
+
+<p>Auf einige Mythen sind nur Anspielungen bekannt. Thor rühmt sich, den
+Thjazi, den trotzigen Riesen erschlagen und seine Augen zum Himmel
+hinaufgeworfen zu haben.&#x2060;<a id="FNanchor_290_290" href="#Footnote_290_290" class="fnanchor">[290]</a> Bragi rühmt Thor als den Zerschmettrer
+der neun Häupter des Thrivaldi. Nach dem Skald Vetrlidi zerbrach Thor
+die Beine der Riesin Leikn. Thorbjorn Disarskald nennt in einer Strophe
+mehrere Kämpfe mit den Thursenweibern Keila, Kjallandi, Búseyra,
+Svívor, Hengjan-Kjapta und Lut.</p>
+
+<p>Thor hat in der nordischen Skaldendichtung eine Menge Beinamen, welche
+nur zum Teil verständlich sind, seiner Thätigkeit <span class="pagenum" id="Page_282">[S. 282]</span>und den von ihm
+umlaufenden Sagen entstammen. Weshalb er Bjorn heisst, ist nicht
+bekannt. Seine Namen Hlorridi und Vingnir werden aus der Blitzflamme
+und dem Schwingen des Hammers gedeutet. Thor wird Pflegesohn
+oder Pflegevater des Vingnir und der Hlora genannt, natürlich im
+Zusammenhang mit den erwähnten Beinamen.&#x2060;<a id="FNanchor_291_291" href="#Footnote_291_291" class="fnanchor">[291]</a></p>
+
+<h6 class="s5" id="Thor_und_Alwis"><em class="gesperrt">Thor und Alwis</em>.</h6>
+
+<p>Wie Thor die Riesen mit Gewalt meistert, so bezwingt er den Zwerg
+Alwis&#x2060;<a id="FNanchor_292_292" href="#Footnote_292_292" class="fnanchor">[292]</a> mit List und geistiger Ueberlegenheit. Der Zwerg Alwis kommt
+zur Nachtzeit auf die Erde, um die ihm verlobte Maid abzuholen. Da
+tritt ihm Thor entgegen und fragt nach seinem Begehren. Alwis will zu
+Wingthor, um von ihm die Tochter zu empfangen. Thor war nicht daheim,
+als andere seine Tochter versprachen; er erkennt das Verlöbniss nicht
+an. Dem scheltenden Zwerg gibt Thor sich zu erkennen, worauf jener
+demütig seine Werbung wiederholt. Thor will die Tochter vergeben, wenn
+Alwis ihm Auskunft aus allen Welten erteile. Nun wird das Lied, wie
+sonst noch manche Eddagedichte lehrhaft, indem Alwis Bescheid gibt, wie
+Erde, Himmel und Gestirne, Wolken, Wind und Windstille, Meer, Feuer,
+Baum, Nacht, Saat und Bier bei Menschen, Asen, Wanen, Jotunen, Alfen
+und Zwergen benannt seien. Am Schluss gesteht Thor, er habe niemals
+mehr Weisheit in einer Brust gefunden. Doch überlistet ist der Zwerg,
+da er oberhalb der Erde von Tag und Sonnenschein überfallen wurde.
+Denn dadurch erstarrt er zu totem Gestein. Die Tochter Thors, welche
+im Gedicht nicht vorkommt, wird die in der Snorra Edda genannte Thrud
+sein. Wie in den Söhnen Modi und Magni Eigenschaften des Vaters, Macht
+und Mut persönlich werden, so auch in der Tochter Thrud seine Stärke.
+Im Skaldenlied Bragis findet sich eine Anspielung auf eine verlorene
+Sage, wonach aber Hrungnir der Riese die Thrud geraubt hätte. Ob
+die Zwerggeschichte <span class="pagenum" id="Page_283">[S. 283]</span>nur ein späterer Ableger der alten Riesensage
+ist, steht dahin. Dem Kraftwesen Thors entspricht der Kampf gegen
+räuberische Riesen jedenfalls besser, als die Überlistung von Zwergen.
+Aber wenn einmal Thor die Trolle und Riesen schlägt, kommt die Sage
+auch leicht dahin, lichtscheue bleiche Erdzwerge ihm gegenüber zu
+stellen. Uhland deutet sinnig Thors Tochter als das Saatkorn, das den
+Unterirdischen überantwortet wird, beim fruchtbaren Gewitterregen
+aufkeimt und dadurch zum Lichte zurückkehrt. Aber in solchen
+Sinnbildern ist der Ursprung dieser späten zu Thors Art wenig passenden
+Geschichte nicht zu suchen.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Thor_im_neueren_Volksglauben_5"><b>5. Thor im neueren
+Volksglauben.</b></h5>
+
+<p>Thors Andenken blieb im nordischen Volke bis auf die Gegenwart
+erhalten, in der Volksweise von Tord af Havsgard, welche norwegisch,
+schwedisch und dänisch vorliegt, in der telemarkischen Sage von Urebö,
+worin eine Felswüste auf Thors Hammerschlag zurückgeführt wird. Am
+meisten Erinnerungen scheint Schweden zu bieten.&#x2060;<a id="FNanchor_293_293" href="#Footnote_293_293" class="fnanchor">[293]</a> Vor allem aber
+hält die Bezeichnung des Donners im Ostnordischen die Erinnerung an
+Thor fest. Während im An. der Donner mit <i>þruma</i> bezeichnet wird
+und das gemeingermanische Wort nur im Namen des Gottes weiterlebt,
+weist dän. <i>torden</i> schwed. <i>tordön</i> auf <i>þorduna</i>
+d.&#8239;i. Thors Getöse zurück. Im Schwed. ist ein zweites Wort für Donner
+<i>åska</i> aus <i>åsaka</i>, neben welchem die Mundart <i>toraka</i>
+bietet, <i>åka</i> bedeutet Fahren. Der Donner ist also Thors oder des
+Asen Fahrt. Noch jetzt also erkennt die Sprache Asathor an, der in den
+Wolken dahinfährt.</p>
+
+<h4 id="IV_Wodan-Odin"><b>IV. Wodan-Odin.</b></h4>
+
+<h5 class="s4" id="Wode_und_das_wuetende_Heer_1"><b>1. Wode und das wütende
+Heer.</b></h5>
+
+<p>Über das ganze germanische Gebiet geht die Sage von einem
+gespenstischen Heere, das in stürmischen Nächten durch die Lüfte
+<span class="pagenum" id="Page_284">[S. 284]</span>braust. Die Erscheinung wird teils als Heerzug, teils als Jagdtross
+gedacht. Der einsame Wanderer scheut seine Begegnung, denn oft
+wird er auf Nimmerwiedersehen in die wilde Schaar entrückt. Dem
+Umzug wird manchmal besondere Bedeutung beigemessen, wie allen
+Geistererscheinungen. Krieg und sonstige schwere Ereignisse werden
+dadurch angezeigt, aber man schliesst auch auf fruchtbare Jahreszeit.
+Im Geisterheere ziehen die Seelen derer, die gewaltsamen Todes
+verstarben oder auf denen Fluch und heidnisches Wesen lastet, also
+gefallene Krieger, Gerichtete, Ungetaufte u.&#8239;dgl. In höchstes Altertum
+reicht diese Vorstellung hinauf und bis auf die Gegenwart hat sie
+sich erhalten. Gern setzt die Sage der Schaar einen besonderen
+Führer, der zuweilen dann auch allein umreitet, etwa als wilder
+Jäger, der der Windsbraut, einem Weibe oder einem gespenstischen Eber
+nachjagt. Der allgemeine Aberglauben vom Seelenheere kann zu zahllosen
+besondern Sagen ausgebildet werden, die nach Ort und Zeit sehr
+verschieden sich gestalten müssen. Aber die Grundlage bleibt gleich
+und unverändert, Seelen, die mit oder ohne Anführer im Sturme dahin
+brausen oder auch im ruhigen Windzug wie Nebelstreifen mit wunderbarer
+Musik vorübergleiten. Mit Göttern und Helden aller Zeiten ist die
+Geisterschaar verwebt. Hier kommen nur die Sagen in Betracht, in denen
+von einem <i>wütenden</i> Heere die Rede ist oder von <i>Wodes</i>
+und Hackelbernds Umzug, wo also Wodan auf irgend eine Art mit der
+Erscheinung verknüpft ist. Auch diese besondere Sagenform ist allen
+Germanen bekannt. Schon im Mittelalter ist in Deutschland die Benennung
+„<i>wütiges</i>“, „<i>wütendes Heer</i>“ nachweisbar und sie hat sich
+bis in die Gegenwart erhalten.&#x2060;<a id="FNanchor_294_294" href="#Footnote_294_294" class="fnanchor">[294]</a> Daneben aber ist aus derselben
+Grundanschauung <span class="pagenum" id="Page_285">[S. 285]</span>auch der Name des Führers gebildet. Dem oberdeutschen
+<i>Wuotes heer</i>, mitteldeutschen <i>Wudes heer</i> entspricht auf
+niederdeutschem Gebiet <i>Wode</i>, im Norden <i>Oden</i>.&#x2060;<a id="FNanchor_295_295" href="#Footnote_295_295" class="fnanchor">[295]</a> Man
+muss demnach auf einen Sturmgeist <i>Wode</i> schliessen, dessen Name
+zu <i>Wodan</i> ebenso sich verhält wie im Norden <i>Od</i>, der
+Gemahl der Freyja, zu <i>Odin</i>. Zu Grund liegt das germanische
+Beiwort <i>wôđaz</i>&#x2060;<a id="FNanchor_296_296" href="#Footnote_296_296" class="fnanchor">[296]</a>, wütig, rasend. Als der Wütige, als Wode
+wurde offenbar schon in Urzeiten der Sturmwind persönlich gedacht.
+Mit besonderen Eigenschaften ausgestattet haftet diese Gestalt fest
+im Volksglauben. In Westfalen jagt Hakelberg oder Hakelbernd, der
+Mantelträger.&#x2060;<a id="FNanchor_297_297" href="#Footnote_297_297" class="fnanchor">[297]</a> Die verstreuten Züge der einzelnen Sagen vereinigen
+sich zum Bilde eines Reiters, der auf schwarzem oder weissem Rosse,
+mit breitem <span class="pagenum" id="Page_286">[S. 286]</span>Schlapphut bedeckt&#x2060;<a id="FNanchor_298_298" href="#Footnote_298_298" class="fnanchor">[298]</a> und in einen Mantel gehüllt, zur
+Nachtzeit durch die Lüfte fährt.</p>
+
+<p>Was in deutscher Überlieferung mehrfach vom wilden Jäger in irgend
+welcher Gestalt berichtet wird, ist im Norden an Odins Namen geknüpft,
+weshalb zu vermuten, dass es einst von Wode galt. Der gespenstische
+Reiter spricht zuweilen bei einem Schmiede vor, um sein Ross beschlagen
+zu lassen. In Winter 1208 wohnte ein Schmied zu Nesjar. Es geschah
+eines Abends, dass ein Mann geritten kam, ihn um Herberge bat und sein
+Pferd beschlagen liess. Der Hauswirt war bereit. Sie standen lange vor
+Tag auf und begannen zu schmieden. Der Hauswirt fragte: Wo warst du
+vorige Nacht? Der Gast antwortete: In Medaldal, nördlich in Thelemark.
+Der Schmied wollte das nicht glauben, weil es unmöglich sei. Er begann
+nun zu schmieden, doch es ging nicht vorwärts, wie er wollte. Da sagte
+der Gast: Schmiede du so, wie es von selber werden will. Da wurden
+grössere Hufeisen daraus, als der Schmied je zuvor gesehen hatte.
+Sie passten aber genau dem Pferde und er beschlug es. Da sprach der
+Gast: Du bist ein unverständiger und unweiser Mann. Warum fragst du
+nichts? Der Schmied sprach: Was für ein Mann bist du oder woher bist du
+gekommen oder wohin willst du gehen? Er antwortete: Von Norden bin ich
+aus dem Lande her gekommen und hier habe ich nun mich lange in Norwegen
+aufgehalten, und ich habe jetzt vor, südwärts ins Schwedenreich zu
+fahren, und lange bin ich jetzt auf Schiffen gewesen, aber nun muss
+ich mich auf einige Zeit ans Pferd gewöhnen. Der Schmied sprach: Wohin
+gedenkst du heut Abend? Südwärts nach Sparmork, sagte er. Das kann
+nicht wahr sein, sagte der Hauswirt, denn das kann man kaum in sieben
+Tagen reiten. Der Gast bestieg das Pferd. Der Hauswirt sprach: Wer
+bist du? Er antwortete: Hast du den Odin nennen hören? Hier kannst du
+ihn jetzt sehen, und wenn du dem nicht glaubst, was ich gesagt habe,
+so sieh nun, wie ich mit meinem Pferde über den Zaun setze. Das Pferd
+hufte da; er gab ihm die Sporen und setzte über den Zaun, ohne ihn
+zu berühren. Sieben Ellen hoch war der Zaun. Darauf sah der <span class="pagenum" id="Page_287">[S. 287]</span>Schmied
+seinen Gast nicht mehr. Vier Nächte darauf wurde eine grosse Schlacht
+geschlagen.&#x2060;<a id="FNanchor_299_299" href="#Footnote_299_299" class="fnanchor">[299]</a> Unter den deutschen Seitenstücken ist die Sage vom
+Rodensteiner hervorzuheben, der, wenn ein Krieg bevorsteht, bei
+grauender Nacht in die Burg Schnellert zieht. Ein Zeuge im Jahre 1758
+sagte aus: Vorzeiten solle sich dieser Geist auch in Grumbach (eine
+Stunde von Schnellert) vor einem Haus, worin ehedessen ein Schmied
+gewohnt, gemeldet haben und gemeiniglich allda die Pferde beschlagen
+lassen.</p>
+
+<p>Von einem Teufelsgespenst werden in Sagen des Mittelalters häufig
+Helden mittelst eines wunderbaren Rosses oder Mantels weithin durch
+die Lüfte getragen. Vermutlich nahm sie Wode auf sein Ross und hüllte
+sie in seinen Mantel. So ist es in einer nordischen Odinssage der
+Fall. Des Jünglings Hadding, der verlassen umher irrte, auf Rache für
+seinen erschlagenen Vater sinnend, nahm sich ein alter, einäugiger Mann
+an. Als einmal Hadding fliehen musste, brachte ihn derselbe Greis auf
+seinem Rosse nach seiner Wohnung, erquickte ihn durch ein köstliches
+Getränk und verhiess ihm davon einen Zuwachs seiner Körperkraft.
+Zugleich verkündigte er ihm die Zukunft und gab ihm an, wie er sich
+verhalten solle. Darauf brachte der Alte den Jüngling auf dem Pferde
+zur vorigen Stelle zurück. Hadding, der durch die Öffnung des Gewandes,
+mit dem er bedeckt war, schüchtern hinaus blickte, sah, wie das Ross
+über dem Meer hineilte. Auf des Alten Warnung aber wandte er die
+erstaunten Augen von dem schauderhaften Wege. Hier also zeigt sich der
+gespenstische Schimmelreiter dem Menschen gnädig und hilfreich.&#x2060;<a id="FNanchor_300_300" href="#Footnote_300_300" class="fnanchor">[300]</a></p>
+
+<p>Die Sage lässt den gespenstischen Reiter im Windsgebraus einem Weibe
+nachjagen.&#x2060;<a id="FNanchor_301_301" href="#Footnote_301_301" class="fnanchor">[301]</a> Besonders den Waldfrauen stellt der wilde Jäger nach.
+Als stürmische Werbung oder als Verfolgung <span class="pagenum" id="Page_288">[S. 288]</span>kann dieser Aberglaube
+ausgelegt werden. Auf hohem weissem Rosse, von Hunden begleitet,
+zieht der Wode durchs Land, um die Unterirdischen zu erjagen. Einmal
+vermochte er lange nichts zu fangen, bis ihm ein Bauer riet, sich zu
+waschen und das Pferd stallen zu lassen. Der Wode that es. Bald kam er
+wieder zurück und hatte mehrere Unterirdische gefangen, die mit ihren
+langen blonden Haaren zusammengebunden von seinem Pferde herabhingen.
+Nach schwedischem Glauben jagt Oden die Waldfrau, die mit flatterndem
+Haare vor ihm flieht. Einmal sah man ihn von seiner nächtlichen Fahrt
+zurückkommen. Das getötete Weib hatte er über dem Sattel hängen.</p>
+
+<p>In Zusammenhang mit diesen Sagen steht wol die Geschichte von
+<i>Odr</i>.&#x2060;<a id="FNanchor_302_302" href="#Footnote_302_302" class="fnanchor">[302]</a> Freyja vermählte sich dem Manne, der Odr hiess. Odr
+aber zog fort in ferne Lande; Freyja blieb weinend zurück und ihre
+Thränen sind rotes Gold. Freyja hat viele Namen; das kommt daher, dass
+sie sich selbst verschieden benannte, als sie zu fremden Völkern kam,
+um den Odr zu suchen. Das Verhältniss ist freilich umgekehrt, indem
+das Weib den Mann zu erjagen sucht. Ausserdem ist alles Wilde und
+Stürmische aus der Sage gewichen, die im Lichte einer milden und neuen
+Dichtung erglänzt.&#x2060;<a id="FNanchor_303_303" href="#Footnote_303_303" class="fnanchor">[303]</a> Trotzdem darf daraus vielleicht ein mittelbares
+Zeugniss für das frühe Vorkommen dieser Sagenform auch im Norden
+entnommen werden.</p>
+
+<p>Die Seelen gehen in den Wind und ziehen im Winde um. Aber sie fahren
+auch in Berge ein. Solcher Totenberge ist die Volkssage voll und sie
+bringt den Umzug des Seelenheeres oft damit in Verbindung, indem es
+aus Bergen hervorgeht und hernach wieder in Bergen verschwindet.
+Allbekannt sind die bergentrückten, schlafenden Könige und Helden,
+eine oft wiederholte <span class="pagenum" id="Page_289">[S. 289]</span>Neubildung des allgemeinen Aberglaubens. Im Jahr
+1117 wurde Graf Emicho getötet. Er ging wie alle eines gewaltsamen
+Todes Verstorbenen ins wütende Heer ein. Bei Worms zeigte es sich
+1123. Mehrere Tage lang kamen Schaaren bewaffneter Reiter aus einem
+Berge hervor und kehrten dahin wieder zurück. Einer aus der Schaar
+wird beschworen und gibt Auskunft: sie seien die Geister gefallener
+Krieger.&#x2060;<a id="FNanchor_304_304" href="#Footnote_304_304" class="fnanchor">[304]</a> Man glaubt auch vom Wind, er ruhe in Bergen und breche
+dann zu Zeiten daraus hervor. Dass Wode das Totenreich im Schooss der
+Berge beherrschte, nachdem er die Toten in sein Heer versammelte, darf
+als sehr wahrscheinlich gelten, obschon trotz den vielen Sagen von
+bergversunkenen Helden und Heerscharen kein bestimmtes Zeugniss von
+Wode im Berge spricht. Aber man darf einerseits auf die zahlreichen
+Wodansberge in Niederdeutschland und Mitteldeutschland hinweisen, die
+nicht bloss als Kultstätten Wodans, sondern auch als Aufenthalt Wodans
+gedacht werden können, andererseits auf die nordische Sage, wo Odin
+sich den Alten vom Berge, Bergesgott&#x2060;<a id="FNanchor_305_305" href="#Footnote_305_305" class="fnanchor">[305]</a> nennt. König Sveigdir fuhr
+aus, Odin und das Heim der Götter zu suchen. Im östlichen Schweden
+heisst ein Gehöft zum Steine (<i>at Steini</i>), der Stein ist so
+gross wie ein ansehnliches Haus. Abends nach Sonnenuntergang, als
+Sveigdir vom Trunk zum Schlafhaus ging, erblickte er einen Zwerg
+unter dem Steine sitzen. Sveigdir und seine Leute waren angetrunken
+und liefen zum Steine. Der Zwerg stand am Eingang, rief Sveigdir an,
+hereinzukommen, wenn er Odin besuchen wolle. Sveigdir lief in den
+Stein, der sich alsbald hinter ihm zuthat. Niemals kehrte Sveigdir
+zurück.&#x2060;<a id="FNanchor_306_306" href="#Footnote_306_306" class="fnanchor">[306]</a> Merkwürdig ist auch die Benennung <i>Walhall</i> für
+einige schwedische Berge.&#x2060;<a id="FNanchor_307_307" href="#Footnote_307_307" class="fnanchor">[307]</a> Schwerlich sind sie nach der himmlischen
+<span class="pagenum" id="Page_290">[S. 290]</span>Halle genannt. Vergeblich sucht man nach einem Grund solcher
+Übertragung. Man begreift, dass geräumige irdische Säle und Hallen, um
+ihre besondere Pracht anzudeuten, auf Island und in Grönland Walhall
+heissen. Aber warum ein Berg? Vielmehr dürfte gerade am Bergnamen das
+Ursprüngliche haften. Walhall ist die Halle der Kampftoten. Die Seelen
+der Erschlagenen hausen aber im Berge und ziehen im wütenden Heer.
+Die Schilderung von Odins himmlischer Halle, die von einem Gitter mit
+wunderbarer Pforte umschlossen, von einem reissenden Fluss umströmt
+ist, lässt noch deutlich erkennen, dass darunter die Hölle, das
+unterirdische Totenland gemeint ist, das erst später in himmlisches
+Licht erhoben wurde, ohne darin seine düstere Herkunft verleugnen zu
+können.&#x2060;<a id="FNanchor_308_308" href="#Footnote_308_308" class="fnanchor">[308]</a> Odin in Walhall stand wol ursprünglich dem Wode, der mit
+dem Totenheer im Berge sitzt, gleich. Auch hierin waltet die Nachtseite
+in Odins Art vor, der als Odr gleich Wode aus dem finstern Sturm- und
+Seelengott hervorging. Ebenso zeigt sich dieser Zug in der nordischen
+Benennung Odins als des Herren der Gespenster und Gehängten.&#x2060;<a id="FNanchor_309_309" href="#Footnote_309_309" class="fnanchor">[309]</a> Die
+eines <i>gewaltsamen Todes</i> starben, kommen ins wilde Heer, nach
+Walhall in den Berg. Vergeistigt und vertieft erscheint der Gedanke im
+Walhall nordischer Skalden: die den <i>Heldentod</i> starben, gehen
+nach Walhall zu Odin.</p>
+
+<p>Der Wode hat Einfluss auf Ackerbau und Gedeihen der Frucht.
+In Mecklenburg liess man einige Ähren stehen, die zur Garbe
+zusammengebunden wurden. Die Schnitter traten im Kreis darum und
+riefen: <i>Wode, Wode, hole dinem rosse nu voder!</i> Sie opferten
+also dem Beherrscher des Windes.&#x2060;<a id="FNanchor_310_310" href="#Footnote_310_310" class="fnanchor">[310]</a> Denn vom Winde hängt die <span class="pagenum" id="Page_291">[S. 291]</span>Saat
+vielfach ab und es ist gut, ihn günstig zu stimmen. Auf adligen Höfen
+wurde, wenn der Roggen ab war, den Schnittern Wodelbier gereicht.
+Auf Wodenstag soll man keinen Lein jäten, damit Wodens Pferd den
+Samen nicht zertrete. Im Schaumburgischen schlägt man beim Erntebier
+mit den Sensen zusammen und ruft dabei: <i>Wold, Wold, Wold!</i>
+Unterbleibt die Feierlichkeit, so ist das nächste Jahr Misswachs an
+Heu und Getreide. Am Steinhuder See entzünden die Burschen nach der
+Ernte ein Feuer und rufen, wenn die Flamme lodert, unter Hutschwenken:
+<i>Wauden, Wauden!</i> In <i>Wold</i> und <i>Wauden</i> soll nur der
+Göttername verderbt sein. In Baiern&#x2060;<a id="FNanchor_311_311" href="#Footnote_311_311" class="fnanchor">[311]</a> gehört der Ährenbüschel für
+den <i>Waudlgaul</i>, Bier, Milch und Brot, das man dabei stehen lässt,
+für die <i>Waudlhunde</i>, die in der dritten Nacht kommen und fressen.
+Wer nichts stehn lässt, über dessen Felder geht ein gespenstischer
+Kornverderber. Im vorigen Jahrhundert galt noch ein Erntefest, die
+<i>Waudlsmähe</i> genannt, wo man den schwarzen Rossen des Waude Futter
+aussetzte. Waude ist wol als <i>Woude</i> = <i>Wuote</i> zu verstehen.
+Entsprechend wird von Passau bis Pressburg das <i>Wudfutter</i>
+ausgesetzt. Das Volk im Aargau freut sich, wenn das <i>Guetisheer</i>
+schön singt, denn dann gibts ein fruchtbares Jahr. In Schonen und
+Blekingen blieb es lang Sitte, dass die Ernter auf dem Acker eine Gabe
+für Odens Pferde zurück liessen; ebenso in Småland. Der Wode auf seinem
+Rosse dahin reitend, von seinen Hunden begleitet, brachte also nach
+dem Volksglauben den Äckern Fruchtbarkeit und wurde darum mit Opfer
+verehrt. Da der Brauch gleichmässig übers ganze germanische Gebiet sich
+erstreckt, reicht <span class="pagenum" id="Page_292">[S. 292]</span>er sicherlich in hohes Altertum zurück. Dazu stimmt,
+dass Odin nach dem Zeugniss der Ynglingasaga in Schweden schon zur Zeit
+des Heidentums beim Winteropfer um Jahressegen und Wachstum angerufen
+wurde. Im færöischen Liede vermag Odin in einer Nacht ein Getreidefeld
+aufwachsen zu lassen.&#x2060;<a id="FNanchor_312_312" href="#Footnote_312_312" class="fnanchor">[312]</a></p>
+
+<h5 class="s4" id="Wode_und_Wodan_2"><b>2. Wode und Wodan.</b></h5>
+
+<p>Wie hängen nun <i>Wode</i> und <i>Wodan</i> zusammen? Beide Namen
+gehören zusammen, beide Gestalten sind im Norden nimmer auseinander
+gehalten. Nur in einer Sage, die allerdings schon alt ist, begegnete
+<i>Odr</i>, sonst konnten wir den deutschen Sagen von Wode im Norden
+immer nur solche von Odin gegenüber halten. Die Vorstellungen, welche
+mit Wode verknüpft sind, wurzeln durchweg im uralten Volksaberglauben.
+Wode und sein wütendes Heer erscheinen nur als eine offenbar uralte
+und allen Germanen vom Süden bis zum Norden bekannte besondere Form
+der unter einem Führer umziehenden Geisterschar, die dem Seelenglauben
+aller Völker zugehört. Hat die Schar einen Führer, so ist dieser
+entweder durch den Hang zu fassbaren Einzelgestalten, wie er in der
+Volkssage waltet, als besonderer Vertreter der Gesamtheit entstanden
+oder in Anlehnung an bestimmte örtliche und geschichtliche Vorkommnisse
+neu hinzugetreten, so wenn Könige, Helden, Feldherrn, Burgherrn aller
+Zeiten einander nach von der Volkssage mit der Führerschaft des
+Totenheeres betraut werden. Der letztere Fall kann bei Wode kaum in
+Frage kommen, dass etwa ein germanischer Gott zum Heerführer wurde
+und nach ihm die Schaar den Namen trug. Andererseits gehören Wode
+und das wütende Heer unlöslich zusammen. Die Sprache lehrt, dass
+<i>*wôdaȥ</i> wütig und <i>*wôdjan</i> wüten denselben Begriff als
+Eigenschaftswort und Zeitwort enthalten. Die Erklärung liegt nahe,
+dass die Germanen das Heer der Seelen als das wütende benannten, wie
+es auch das wilde heisst, womit auch sein Erscheinen in der Wut des
+Sturmes angezeigt ist. Aus dem gleichen Begriff, welcher den Namen der
+Geisterschaar schuf, leitete sich die Bezeichnung des Führers ab. Das
+Eigenschaftswort erhielt nach und nach den Rang eines Eigennamens. Wode
+ist als das wütende Heer in einer bestimmten <span class="pagenum" id="Page_293">[S. 293]</span>Person verkörpert zu
+deuten, wie ja der Sturm auch als Riese persönlich wird, und diese auf
+dem allgemeinen, daneben in zahllosen Sonderbildungen fortwuchernden
+Aberglauben begründete Volkssage dürfte schon in der germanischen
+Urzeit entstanden sein.</p>
+
+<p>Wie eine längere Form neben der verkürzten steht <i>Wodan</i>&#x2060;<a id="FNanchor_313_313" href="#Footnote_313_313" class="fnanchor">[313]</a>
+neben <i>Wode</i>. Man möchte zunächst geneigt sein, Wode als jüngere
+Verkürzung aus Woden, Wodan wie schwedisch Ode aus Oden, Odin zu
+nehmen, besonders da Wode nur aus späterer Überlieferung vorliegt.
+Und dann wäre auch der Schluss erlaubt, Wodan lebe in Wode noch
+fort. Nachdem aber gerade die alte nordische Überlieferung zwischen
+<i>Odr</i> und <i>Odin</i> unterscheidet, müssen <i>Wode</i> und
+<i>Wodan</i> entsprechend auseinander gehalten werden. Überblickt man
+die gesamten Nachrichten von Wodan-Odin, so ergibt sich, dass Wode
+allerdings in Wodan aufging, aber daneben zeigt Wodan ganz andere Züge,
+welche wir an Wode vermissen. <span class="pagenum" id="Page_294">[S. 294]</span>Wode ist ein Gespenst, Wodan ein Gott,
+in Wode ist nur die dunkle, nächtige Seite hervorgekehrt, bei Wodan
+die helle, lichte. Dem Wode wird kein andrer Dienst gespendet als den
+übrigen Seelengeistern, Wodan wird um Sieg und Heldentum angerufen
+und lenkt vom hohen Himmel die Geschicke der Völker. Aber in Wodan
+fehlt trotzdem nicht der dunkle Untergrund. Der Schluss liegt nahe:
+<em class="gesperrt">Wodan ist der vergöttlichte Wode.</em> Helles Himmelslicht fiel auf
+den Sturmgeist, der als Gott in den Himmelssaal aufstieg und über die
+älteren Götter den Sieg davon trug. Wenn Wode gemeingermanisch ist,
+Wodan aber nur einzelnen Stämmen gehört, so darf das nicht etwa so
+ausgelegt werden, als wären in der christlichen Zeit die hellen und
+freundlichen Züge des Gottes verblasst, und nur die finstern übrig
+geblieben, ja vielleicht noch feindselig gesteigert und vermehrt
+worden. Die dunkle Seite in Wodans Wesen ist schon im Heidentum
+entwickelt und muss als die ursprünglichste gelten. Wode aber ist, wie
+besonders die reiche nordische Überlieferung vermuten lässt, teils in
+Wodan aufgegangen, teils lebte er in der alten Weise neben ihm fort
+und hat ihn so auch um Jahrhunderte überdauert. Somit muss an der
+Trennung zwischen Wode und Wodan festgehalten werden. Die Namen gehören
+freilich zusammen: Wodan ist nichts als eine durch Ableitungssilbe
+weitergebildete Form von Wode. Der Anlass hiezu entzieht sich unserem
+Ermessen, auch ob irgend ein anderer Sinn mit dem Namen Wodan sich
+etwa verband. Vielleicht soll damit nur eine Verschiedenheit des
+Gottes von dem im Volksbewusstsein fest wurzelnden Sturmgeist erzielt
+werden. Wodans Göttlichkeit, im Vergleich zu Wode dem Seelenführer,
+liegt namentlich in <em class="gesperrt">zwei</em> Merkmalen: Wodan ist <em class="gesperrt">Herr des
+Sieges</em> und damit des Völkergeschickes und <em class="gesperrt">des Geistes</em>;
+die letztere Seite ist namentlich im Norden hoch entwickelt, darf
+aber wol auch für Deutschland vorausgesetzt werden. Kein Gott bei
+den verwandten Indogermanen gleicht Wodan mehr als Hermes-Merkur,
+der auf ähnliche Art wie Wodan aus einem Windgott zu einem Gott
+des Geistes sich entwickelte. Da Wode in die germanische Urzeit
+zurückreicht, nicht aber Wodan, der vielmehr erst in den Jahrhunderten
+nach Chr. auf Kosten älterer Götter zu Macht und Ansehen gelangte,
+da Wodans Kult von niederdeutschem Gebiet, aus den Völkern, die zur
+fränkischen und sächsischen Gruppe gehören, sich verbreitete, und in
+ihm offenbar eine neue Zeit höherer Kultur sich verkörpert, darf wol
+die Frage <span class="pagenum" id="Page_295">[S. 295]</span>aufgeworfen werden, ob nicht Wodan etwa am Unterrhein,
+wo römische Kultur auf die germanischen Stämme herüberströmte, aus
+Merkur hervorging. Nicht eine Nachahmung römischen Vorbildes soll
+damit behauptet, nur die Vermutung, es könnte ein Anstoss zu Wodan
+durch die Bekanntschaft mit Merkur gegeben worden sein, ausgesprochen
+werden. Der Verkehr zwischen Germanen und Römern in den Rheinlanden
+brachte gegenseitige Mitteilungen mit sich. Die deutschen Götternamen
+wurden übersetzt und in der interpretatio romana von den Germanen
+gutgeheissen.&#x2060;<a id="FNanchor_314_314" href="#Footnote_314_314" class="fnanchor">[314]</a> Merkur als Seelenführer, als stürmischer Liebhaber
+der Nymphen, als Beförderer der Fruchtbarkeit, gleicht dem Wode;
+nimmt man Merkur als Gott des Geistes hinzu, so entsteht Wodan. Die
+zweite Seite seiner göttlichen Thätigkeit kann Wodan nicht von Merkur
+bekommen haben. Der Hauptgott der Germanen, Tiuȥ, ist Kriegsgott.
+Diese Eigenschaft behielt er, auch als Wodan Heervater und Siegvater
+geworden war. Vielleicht darf demnach behauptet werden, aus Wode
+entwickelte sich am untern Rhein, als Germanen und Römer dort in
+ständigen feindlichen oder freundlichen Verkehr traten, als aus diesen
+Einwirkungen eine neue und höhere germanische Kultur sich erhub, der
+göttliche Wodan, welcher die geistige Thätigkeit von Merkur, die
+kriegerische Thätigkeit und seine Stellung als Himmelsgott von Tiuȥ,
+den er allmälig abzulösen bestimmt war, entnommen hat.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Wodan_bei_den_Deutschen_3"><b>3. Wodan bei den
+Deutschen.</b></h5>
+
+<p>Tacitus berichtet von den Germanen, sie verehrten am meisten den
+Wodan.&#x2060;<a id="FNanchor_315_315" href="#Footnote_315_315" class="fnanchor">[315]</a> Das trifft nicht auf alle Germanen zu, an <span class="pagenum" id="Page_296">[S. 296]</span>andern Stellen
+zeigt Tacitus selbst ganz andre Gottheiten im Mittelpunkt des Kultes.
+Vermutlich sind die Germanen am Unterrhein gemeint, von denen die Römer
+am meisten wussten, so dass Wodan nur bei ihnen, bei den rheinischen
+oder istvaeischen, nicht auch bei den ingvaeischen und suebischen
+Stämmen als höchster Gott für die damalige Zeit angesetzt werden darf.
+Noch später sieht man Wodans Macht im Wachstum begriffen, aus dem
+Sturm- und Totengott wird der Himmelsherr, der Gott des Krieges und
+der geistigen Kultur, der die andern uralten und einfacheren Gestalten
+des germanischen Götterhimmels in Schatten stellt. Am untern Rhein und
+von da landeinwärts, wo eine Menge römischer Kultur auf die Germanen
+überging, kam Wodan auf und hatte im 1. Jahrhundert n. Chr. bereits
+den Sieg errungen.&#x2060;<a id="FNanchor_316_316" href="#Footnote_316_316" class="fnanchor">[316]</a> Um eine Vorstellung vom Wesen dieses Gottes zu
+gewinnen, müssen sorgfältig alle die Züge gesammelt werden, welche auf
+einen eigentlichen, dem <em class="gesperrt">Gott Wodan</em> geweihten Dienst hinweisen,
+nicht bloss mit dem Aberglauben an den stürmenden Wode zusammenhängen.
+Die lichte, geistige Seite muss vor der finstern, nächtigen
+vorherrschen, wo der göttliche Wodan waltet, wenn auch der dunkle
+Hintergrund, auf dem er sich abhebt, nie ganz verschwinden kann.&#x2060;<a id="FNanchor_317_317" href="#Footnote_317_317" class="fnanchor">[317]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_297">[S. 297]</span></p>
+
+<p>Unter den deutschen Stämmen im Norden Deutschlands muss Wodan
+bereits im 3. und 4. Jahrhundert eine hohe Machtstellung besessen
+haben. Auf nds. Gebiet wurde der <i>dies Mercurii</i> dem Wodan
+gegeben, bei Sachsen, Friesen, Niederfranken, woran noch heute der
+Sprachgebrauch festhält.&#x2060;<a id="FNanchor_318_318" href="#Footnote_318_318" class="fnanchor">[318]</a> Auf hochdeutschem Gebiet steht seit
+Alters dafür der Name Mittwoch fest, schwerlich weil dadurch ein
+älterer Wotanstag verdrängt wurde. Haften doch die andern Götternamen
+auch in den hds. Mundarten. Und warum sollte gerade nur hier die
+Feindseligkeit der Geistlichen Wodan verdrängt haben, während er
+sonst ungekränkt blieb? Mit mehr Wahrscheinlichkeit ist anzunehmen,
+dass die später hochdeutschen Stämme, die Südgermanen, zur Zeit der
+Einführung der römischen Wochentage einen Gott Wodan, welcher dem
+Merkur entsprach, nicht gekannt haben. Die Heimat des Wodansdienstes
+ist Norddeutschland, nur in Ausläufern erstreckte er sich nach dem
+Süden. Ortsnamen wie <i>Wodensweg</i>, <i>Wodensfeld</i>, namentlich
+aber <i>Wodensberge</i> sind besonders in Niederdeutschland und
+in England üblich, <i>Wodensberge</i> kommen jedoch auch auf mds.
+Gebiete, wol unter fränkischem oder sächsischem Einfluss vor, ein
+<i>Wodensberg</i> bei Bonn und in Hessen. Unter den Bergen sind alte
+Kultstätten zu verstehen. Für altsächsischen Wodansdienst zeugt die
+Abschwörungsformel&#x2060;<a id="FNanchor_319_319" href="#Footnote_319_319" class="fnanchor">[319]</a>, in welcher die drei germanischen Hauptgötter,
+Wodan in der Mitte, vorkommen, sowie das <span class="pagenum" id="Page_298">[S. 298]</span>Verbot der Wodansopfer. Auf
+alemannisches Gebiet greift der Wodankult ebenfalls hinüber; allerdings
+begegnen Zeugnisse erst im 7. Jahrhundert. Die Schwaben sassen um
+eine gewaltige Bierkufe und hielten Opfer und Gelage dem Wodan zu
+Ehren.&#x2060;<a id="FNanchor_320_320" href="#Footnote_320_320" class="fnanchor">[320]</a> Auf der im Abschnitt über Donar besprochenen Runenspange
+wird Wodan neben Donar angerufen. Durch fränkischen Einfluss kann
+Wodan in den letzten Zeiten des Heidentums auch zu den Alemannen
+gelangt sein. Als die römischen Wochentage ins Deutsche umgesetzt
+wurden, war er jedenfalls noch nicht bei ihnen. Sonst müsste irgendwo
+ein oberdeutscher <i>Wuotanes tac</i> der Mittawecha oder Mittwocha
+zur Seite stehen. Im zweiten Merseburger Segensspruch, der wol aus
+thüringischem Gebiete stammt, tritt wenigstens Wodans Thätigkeit
+deutlich hervor. Einem Götterpferd ist auf der Fahrt ein Unfall
+zugestossen. Mehrere Göttinnen, denen, gleich allen Frauen, Heilkunde
+eignet, versuchen umsonst den ausgerenkten Fuss durch Besprechen
+einzurichten. Da besprach ihn zuletzt Wodan, wie er es wol konnte.
+Wodan ist also der grösste Zauberer und Wunderer, er ist stärkeren
+Heilzaubers mächtig als die übrigen Götter. So geringfügig die Stelle
+auch scheint, sie eröffnet doch einen weiten Ausblick, sie zeigt den
+deutschen Wodan im Besitz der gleichen Kräfte, um deren willen der
+nordische Odin gerühmt wird.</p>
+
+<p>Unter den Angelsachsen war Woden der oberste der Götter.&#x2060;<a id="FNanchor_321_321" href="#Footnote_321_321" class="fnanchor">[321]</a> Die Sage
+wusste, dass die Stämme einst unter seiner Führung <span class="pagenum" id="Page_299">[S. 299]</span>vom Festland nach
+Britannien fuhren. Woden ist der Stammvater aller angelsächsischen
+Könige. Die Stammtafeln treffen alle in ihm zusammen und spalten sich
+erst in seinen Söhnen. Zwar gehen die Ahnenreihen noch weiter als
+Woden hinauf, unter seinen Vor- und Nachfahren begegnen Namen, die
+teils Wodens Beinamen waren, teils andere Götter, namentlich Tiuȥ und
+Fréa bezeichneten. Aber gerade hieraus ist zu lernen, dass ältere
+Stammreihen zwar vorhanden waren, jedoch dem Wodensdienst untergeordnet
+wurden. Man sieht, wie Woden nach und nach die erste Stelle errang.
+Hengist und Horsa selber waren Wodens Söhne. Dem Woden wurde um Sieg
+und Heldentum geopfert.&#x2060;<a id="FNanchor_322_322" href="#Footnote_322_322" class="fnanchor">[322]</a> Frija war sein Weib.</p>
+
+<p>Als Siegvater, der im Himmel thront, erscheint Wodan auch in der
+langobardischen Stammsage.&#x2060;<a id="FNanchor_323_323" href="#Footnote_323_323" class="fnanchor">[323]</a> Es gibt eine Insel, die Scadanau
+heisst, im Norden; da wohnten viele Völker. Unter diesen war ein
+kleines Volk, das man Winniler nannte; und bei ihnen war ein Weib mit
+Namen Gambara, die hatte zwei Söhne: der eine hiess Ybor, der andre
+Agyo. Die führten mit ihrer Mutter <span class="pagenum" id="Page_300">[S. 300]</span>Gambara die Herrschaft über die
+Winniler. Es erhoben sich nun gegen sie die Herzoge der Wandalen Ambri
+und Assi mit ihrem Volk und sprachen zu den Winnilern: Entweder zahlet
+uns Zins oder rüstet euch zum Streit und streitet mit uns. Darauf
+antworteten Ybor und Agyo mit ihrer Mutter Gambara und sprachen: Es
+ist besser für uns, zum Streit uns zu rüsten, als den Wandalen Zins
+zu zahlen. Da baten Ambri und Assi, die Herzoge der Wandalen, Wodan,
+dass er ihnen Sieg verleihe über die Winniler. Wodan antwortete und
+sprach: Die ich bei Sonnenaufgang zuerst sehen werde, denen will ich
+Sieg geben. Zu derselben Zeit gingen auch Gambara und ihre Söhne Ybor
+und Agyo, die Fürsten der Winniler waren, hin und baten Frea, Wodans
+Frau, dass sie den Winnilern helfe. Da gab Frea den Rat, wenn die Sonne
+aufgehe, sollten die Winniler kommen, und die Weiber sollten ihr Haar
+wie einen Bart ins Gesicht hängen lassen und mit ihren Männern kommen.
+Da ging, als der Himmel hell wurde und die Sonne aufgehen wollte, Frea
+die Frau Wodans um das Bett, wo ihr Mann lag, und richtete sein Antlitz
+gen Morgen und weckte ihn auf. Und als er aufsah, so erblickte er die
+Winniler und ihre Weiber, wie ihnen das Haar um das Gesicht hing. Und
+er sprach: Wer sind diese Langbärte? Da sprach Frea zu Wodan: Herr, du
+hast ihnen den Namen gegeben, so gib ihnen nun auch den Sieg. Und er
+gab ihnen den Sieg, so dass sie nach seinem Ratschluss sich wehrten
+und den Sieg erlangten. Seit der Zeit sind die Winniler Langobarden
+geworden.</p>
+
+<p>Die Auslegung des Namens als Langbärte (longibarbi) ist natürlich nur
+volksetymologisch. Aber die Sage zeigt, dass Wodan der siegspendende
+Gott bei den Langobarden war, dass er um Sieg angerufen wurde. Der
+Namensfestigung folgte nach altgermanischem Brauch ein Geschenk. Wie
+Odin und Frigg, so walten hier Wodan und Frea mit einander, aber ihre
+Gesinnung ist oft entgegengesetzt.</p>
+
+<p>Die langobardische Sage reicht ihrem Ursprung nach jedenfalls noch in
+hohes Altertum hinauf, sie entstand, solange die Langobarden noch an
+der untern Elbe den Sachsen benachbart sassen, vor ihrem Zug nach dem
+Süden, also jedenfalls noch im 4. Jahrhundert. Vermutlich nahmen die
+Langobarden den Wodansdienst von den Sachsen an und zählen demnach für
+die damalige Zeit zur norddeutschen Völkergruppe, welche Wodan als
+höchsten Gott verehrte. Auf Grund der Sage ist auch Wodansdienst der
+<span class="pagenum" id="Page_301">[S. 301]</span>Wandalen anzunehmen. Dass die Ostgermanen überhaupt noch in ihrer
+alten Heimat, also im 2. Jahrhundert von ihren norddeutschen Nachbarn
+Wodan übernahmen, ist sehr wol möglich.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ob sonstige Wodanssagen nachweisbar sind, ist zweifelhaft. In
+nordischer Dichtung ist <i>Gaut</i> ein Beiname Odins, in den
+angelsächsischen Stammtafeln begegnet <i>Géat</i> unter den Ahnen
+Wodens.&#x2060;<a id="FNanchor_324_324" href="#Footnote_324_324" class="fnanchor">[324]</a> <i>Gauts</i> (hs. <i>Gapt</i>) ist der Ahnherr der
+Amaler. Der Name kann unmöglich mit P. A. Munch und J. Grimm als
+<i>„Giesser“</i> Schöpfer gedeutet werden, er besagt vielmehr wie
+<i>Gautatyr</i> Volksgott der Gauten.&#x2060;<a id="FNanchor_325_325" href="#Footnote_325_325" class="fnanchor">[325]</a> Diese Gauten, die heutigen
+Göten in Schweden haben ihren Hauptgott nach sich selber benannt,
+wie solches bei Saxnot, bei Irmino, Ingwio u.&#8239;ä. schon zu beobachten
+war. Die Frage ist nur, wer war ursprünglich der gautische Gott, der
+Himmelsgott oder Wodan? Wenn später Odin Gaut heisst, ist damit nicht
+erwiesen, dass von Anfang an ihm dieser Name zukam. Von Géat wird
+einmal ein Liebesabenteuer erwähnt. Von Odin weiss die nordische Sage
+viele Liebesgeschichten. Ist Gaut schon im 4. Jahrhundert, vor der
+Besiedelung Britanniens, Wodan, ist überhaupt von Anfang an Wodan damit
+gemeint als Hauptgott der Gauten und Goten, die wie Sachsen, Angeln und
+Jüten frühzeitig an der Verbreitung Wodans im Norden teilgenommen haben
+können, dann gehört schon der Hang zu Liebschaften dem deutschen Wodan
+<span class="pagenum" id="Page_302">[S. 302]</span>zu. Dem Wesen des Wode, des Wind- und Sturmgeistes, würde dieser Zug
+vollkommen, ja fast notwendig entsprechen.</p>
+
+<p>Im Walsungenstamm waltet nach der nur in nordischer Fassung
+vorliegenden Sage Wodan über das Geschick der Helden. Aus Not und
+Erniedrigung führt er sein Geschlecht zur Entfaltung der Heldentugend.
+Dem Sigmund verleiht er ein Wunderschwert und damit Sieg. Aber der Gott
+entzieht ihm am Ende seiner Laufbahn die gewährte Gunst, an seinem
+Speer zerspringt das Schwert in Stücke. Die Sigmundsage ist fränkischen
+Ursprungs. Dass schon bei den Franken Wodan in das Schicksal des Helden
+verflochten war, ist möglich. Wodan als Stammvater von königlichen
+Helden ist ja bei den Angelsachsen bezeugt. Wie diese, mögen auch
+die fränkischen Walsunge Wodanskinder gewesen sein.&#x2060;<a id="FNanchor_326_326" href="#Footnote_326_326" class="fnanchor">[326]</a> Nach dieser
+Sage, wenn sie auch sicherlich im Norden reichlich ausgeschmückt
+wurde, mischte sich bereits Wodan unter die Menschen, wie es an vielen
+Beispielen aus nordischer Sage belegt werden kann.</p>
+
+<p>Odin ist nicht allein Herr des Zaubers, sondern auch des Geistes, der
+Weisheit, Erfinder der Runen. Dass auch Wodan den Geist erregte, ist
+sehr wahrscheinlich. Die geistige Seite seines Wesens mag im Norden
+erweitert und vertieft, schwerlich aber erst neu geschaffen worden
+sein. Schon die interpretatio romana mit Mercurius deutet dies an.
+Eine der wichtigsten Errungenschaften der Germanen aus dem Verkehr
+mit den Römern im 1. oder 2. Jahrh. nach Chr. ist die Runenschrift,
+welche aus dem lateinischen Alphabet stammt. Galt vielleicht Wodan
+als Erfinder der Schrift&#x2060;<a id="FNanchor_327_327" href="#Footnote_327_327" class="fnanchor">[327]</a>, als Träger der geistigen Kultur, als
+Erwecker des Helden- und Dichtergeistes? Unmittelbar beweisen lässt
+sich die Vorstellung von Wodan, dem Gotte der Erfindung, der geistigen
+Gewandtheit und Überlegenheit nicht, doch innere Gründe sprechen dafür.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_303">[S. 303]</span></p>
+
+<p>Das Bild des <em class="gesperrt">deutschen Wodan</em> stellt sich demnach etwa so dar:
+Wodan, der Gemahl der Frija, thront im Himmel als Höchster der Götter.
+Könige und Helden führen ihre Abstammung auf ihn zurück. Er waltet
+über Sieg und Heldentum und empfängt darum Opfer. Siegvater ist auch
+Walvater, die Schlachttoten fallen ihm zum Opfer. Wodan fördert neben
+dem Waffensieg auch den Sieg der Kultur, des Geistes; er ist im Besitz
+heilkräftiger Sprüche. Als Sturmgott haust er im Schooss der Berge,
+aus denen er hervorbricht. Auf hohem Ross, mit Mantel und breitem
+Hut, führt er das wütende Heer, die Schaar der Seelengeister. Sein
+Auszug kündet Krieg, aber er bringt auch den Feldern Fruchtbarkeit.
+Er ist ein stürmischer Liebhaber, verfolgt Frauen und lässt sich gern
+auf Liebesabenteuer ein. So verkörpert er mehr den kriegerischen
+Edeling und abenteuernden Sänger wild bewegter Kampfeszeit als den
+friedlichen Bauern. Der listenreiche, geistesgewaltige, wutgrimme
+Gott ist das Idealbild des germanischen Heerkönigs, wie er besonders
+den istväischen, später fränkischen Stämmen als tüchtigster und
+trefflichster, vom Standpunkt reiner Moral freilich nicht immer
+makelloser Held voranleuchtete.&#x2060;<a id="FNanchor_328_328" href="#Footnote_328_328" class="fnanchor">[328]</a></p>
+
+<h5 class="s4" id="Odin_im_Norden_4"><b>4. Odin im Norden.</b></h5>
+
+<p>Nur mühsam gelang es, aus verstreuten Zügen ein einigermaassen
+zusammenhängendes und anschauliches Bild von Wodan zu gewinnen.
+Immerhin war es möglich, die Grundlinien zu ziehen. Umso lebendiger
+und farbenprächtiger tritt Odin aus den reichen nordischen,
+norwegisch-isländischen Quellen uns entgegen. Die nordische
+Überlieferung gibt einerseits eine willkommene Ergänzung zur dürftigen
+deutschen. Sicherlich darf das meiste davon auch für Wodan in
+Anspruch genommen werden. Die blassen Umrisse erfüllen sich mit Farbe
+und Leben. Was in Deutschland aus versprengten Trümmern zu ahnen
+ist, bietet sich im Norden in voller glänzender Beleuchtung. Ein
+Vergleich mit der Wodanskizze wird ohne weiteres immer zeigen, was
+unbedenklich aus den nordischen Schilderungen Odins herübergenommen
+werden darf. Andererseits wird sich sehr viel Neues ergeben, was auf
+den niederdeutschen Wodan der ersten nachchristlichen Jahrhunderte
+<span class="pagenum" id="Page_304">[S. 304]</span>nun und nimmermehr passt, was als nordische Zuthat zu betrachten ist,
+gleichviel wie man seine Entstehung sich denken mag. Dahin gehört
+ausser Walhall und den Walküren, wobei ja immerhin die Behauptung
+deutschen Ursprunges zur Not versucht werden kann, mit Sicherheit Odins
+Stellung in der Weltentwicklung, seine Thätigkeit als Schöpfer, sein
+Untergang im Weltbrand, seine Beziehung zur Weltesche. Das Schweigen
+der deutschen Überlieferung ist hier nicht zufällig, sondern notwendig.
+Das deutsche Heidentum bot zu solchen Vorstellungen nicht die geringste
+Voraussetzung.</p>
+
+<h6 class="s5" id="Odins_Wanderungen_und_Kaempfe_mit_Nebenbuhlern">
+<em class="gesperrt">Odins Wanderungen und Kämpfe mit Nebenbuhlern</em>.</h6>
+
+<p>Odin ist der oberste der Götter in den norwegisch-isländischen
+Skaldengedichten, im Kreis der sog. Eddalieder. Am Königshofe, bei
+den Gefolgsleuten und Dichtern steht er im höchsten Ansehen. Aber
+der norwegische Volksglaube lässt Thor hervortreten und betrachtet
+selbst den schwedischen Freyr als Eindringling. Die Sage meldet von
+der Einwanderung der Asen und Wanen im Norden&#x2060;<a id="FNanchor_329_329" href="#Footnote_329_329" class="fnanchor">[329]</a>, während Thor seit
+Urzeiten dort wohnt. Schon Saxo kennt Thracien und Byzanz als Ursitz
+der Asen, Snorre bringt die Asen mit Asien in Verbindung und lässt
+sie aus Scythien und der Türkei durch Gardariki (Russland) in die
+nördlichen Länder wandern. Dass hier gelehrte Fabeleien vorliegen,
+bedarf keiner weiteren Ausführung. Aber wenn die Ynglingasaga Odin an
+Saxland (Westfalen) heftet, beginnen wahre Erinnerungen aufzutauchen.
+Von Saxland zieht Odin nordwärts zur See und nimmt sich Wohnstätte
+auf einem nach ihm benannten Eiland, auf Odinsey in Fünen. Von dort
+entsendet er Gefjon nördlich über den Sund, um Länder zu suchen. Diese
+pflügt zunächst ein Stück aus Schweden ab und zieht es ins Meer hinaus,
+Seeland. Odin aber, da er von den guten Ländereien in Schweden vernahm,
+fuhr selber dorthin und vertrug sich mit König Gylfi, der sich <span class="pagenum" id="Page_305">[S. 305]</span>keine
+Kraft zum Widerstand gegen die Asen zutraute. Am See im alten Sigtun
+liess sich Odin nieder und richtete daselbst eine grosse Opferstätte
+nach der Gewohnheit der Asen ein. Seinen Tempelpriestern (d.&#8239;h. den
+andern Göttern) wies er Wohnsitze zu: Njord wohnte in Noatun, Freyr
+in Uppsalir, Heimdall in Himinbjorg, Thor in Thrudwang, Baldr in
+Breidablik. Die Namen der Göttersitze haben allein für Odin und Freyr
+Bedeutung: Sigtun und Uppsala werden als alte Kultstätten bezeichnet.
+Entsprechend dieser Wanderungssage wird einmal Odin Sachsengott, Freyr
+Schwedengott genannt.&#x2060;<a id="FNanchor_330_330" href="#Footnote_330_330" class="fnanchor">[330]</a> Im Bericht scheint Verwirrung eingerissen.
+Der Krieg zwischen Asen und Wanen findet in der asiatischen Urheimat
+statt, weil die Asen als Asiaten, die Wanen als Leute vom Tanakvisl
+oder Vanakvisl (Tanais), der ins schwarze Meer mündend Asien und
+Europa trennt, gemeint sind. Und so wandern die Wanen zugleich und im
+Gefolge der Asen nach Schweden, während eigentlich die schwedischen
+Könige ihren altheimischen Glauben an Freyr dem neuen aus Dänemark
+herdringenden Odinglauben entgegengesetzt haben werden.&#x2060;<a id="FNanchor_331_331" href="#Footnote_331_331" class="fnanchor">[331]</a> Handelnd
+ist übrigens bei der ganzen Eroberung nur Odin. Vermutlich gelangte
+der Wodankult aus Niederdeutschland nach Dänemark. In Fünen, Seeland,
+dann in Schonen auf der Südspitze Skandinaviens schlug er Wurzeln.
+Den uralten Opferstätten wie Lund, Ringsted, Hleidra, Wiborg traten
+neue, ausschliesslich Odin geweihte zur Seite, <i>Odinsvé</i>, jetzt
+<i>Odense</i> in Fünen und <i>Onsved</i> in Seeland.&#x2060;<a id="FNanchor_332_332" href="#Footnote_332_332" class="fnanchor">[332]</a> Der dänische
+Königsstamm der Skjoldungar geht, freilich erst bei Snorri in der
+Edda und Ynglingasaga, durch Skjoldr auf Odin zurück. Von Schonen
+aus gelangte Odinsdienst nach Schweden und Norwegen. In Schweden
+sind viele Örter nach Odin benannt: <i>Odenswi</i>, <i>Odensö</i>,
+<i>Odensnäs</i>, <i>Odensjö</i>, <i>Odensberg, <span class="pagenum" id="Page_306">[S. 306]</span>Odensala</i> u.&#8239;ä.
+Weniger volkstümlich wurde Odin in Norwegen, weshalb verhältnissmässig
+nur wenige Ortsnamen dort für ihn zeugen. Umso sieghafter erhub er sich
+im Skaldenlied. Die Zeit der Einwanderung des deutschen Wodanglaubens
+in Dänemark und Skandinavien, welche in den erwähnten halbgelehrten
+Berichten noch nachklingt, lässt sich nicht bestimmen. Nur im
+allgemeinen darf behauptet werden, dass Odin schon längere Zeit vor den
+ältesten Skalden, also etwa um 800 bereits in Norwegen bekannt gewesen
+sein muss. Das Heldenzeitalter des norwegischen Stammes stellte Odin,
+den Gott des Krieges und des Geistes, in den Mittelpunkt der Dichtung.</p>
+
+<p>Von Odin wird erzählt, dass er eine zeitlang von Weib und Reich
+verbannt war, während ein Anderer seine Stelle vertrat. So verschieden
+die Sagen auch im Einzelnen ausgestaltet sind, im Grundgedanken treffen
+sie zusammen und in dieser gemeinsamen Grundlage wird wol auch ein
+Stück alter Überlieferung stecken. Die Ynglingasaga bemerkt bloss in
+Kürze: Odin hatte zwei Brüder, der eine hiess We, der andre Wili. Diese
+Brüder führten die Herrschaft, solang er fort war. Einmal blieb Odin
+so lange aus, dass die Asen die Hoffnung auf seine Rückkehr aufgaben.
+Da teilten die Brüder sich in sein Erbe, sein Weib Frigg hatten sie
+gemeinsam.&#x2060;<a id="FNanchor_333_333" href="#Footnote_333_333" class="fnanchor">[333]</a> Aber bald nachher kam Odin heim und nahm sein Weib
+wieder zu sich. Die Einkleidung dieser Sage ist wol ziemlich jung,
+wie die Dreiheit mit den Namen Wili und We. Der zweite Bericht knüpft
+an die Baldrsage an und steht am ausführlichsten bei Saxo.&#x2060;<a id="FNanchor_334_334" href="#Footnote_334_334" class="fnanchor">[334]</a> Nach
+Baldrs Fall wird dem Odin vom Finnen Rossthjof geweissagt, er werde
+mit Rinda, der Tochter des Russenkönigs, einen Sohn erzeugen, der vom
+Schicksal bestimmt sei, Baldr zu rächen. Durch einen tiefhängenden Hut
+macht sich Odin unkenntlich und tritt bei Rindas Vater in <span class="pagenum" id="Page_307">[S. 307]</span>Dienst.
+Er wird Heerführer, schlägt die Feinde in die Flucht und wirbt beim
+König, der es wol aufnimmt. Aber die Königstochter ist spröde, statt
+des Kusses gibt sie ihm eine Ohrfeige. Im nächsten Jahr kehrt er als
+Goldschmied unter dem Namen Rosterus wieder. Er fertigt prächtiges
+Geschmeide; wie er aber nochmals einen Kuss verlangt, erhält er die
+zweite Maulschelle. Zum dritten Mal kommt er als kriegsgeübter Kämpe.
+Nachdem er sich als ausgezeichneter Reiter bewährt, naht er wieder der
+Jungfrau. Er wird aber so heftig zurückgestossen, dass sein Kinn den
+Erdboden berührt. Jetzt greift er zu Zauberlist. Er ritzt Runen auf
+Baumrinde, berührt Rinda damit und macht sie dadurch wahnsinnig. In
+Mädchentracht stellt der unermüdliche Wanderer sich hierauf am Hofe
+ein. Er nennt sich Wecha und gibt sich für heilkundig aus. Wecha wird
+unter die Dienerinnen der Rinda aufgenommen. Der Erkrankten erbietet
+er sich zu helfen, doch sei die Arznei so bitter, dass man sie binden
+müsse. Als das geschieht, vollbringt Odin seinen Willen und zeugt den
+Bous, der einst Baldr rächt. Die Götter aber, die nach Saxo in Byzanz
+wohnen, finden diese Handlung des Gottes unwürdig und verstossen ihn
+aus ihrer Mitte. Den Ollerus (Ullr) bekleiden sie mit seiner Macht
+und seinem Namen. Odin versteht es, unter den Göttern von neuem sich
+Anhänger zu verschaffen und es endlich nach zehn Jahren zu bewirken,
+dass Ollerus aus Byzanz flüchten muss; in Schweden, wo dieser seine
+Herrschaft aufs neue zu begründen sucht, wird er von Dänen erschlagen.
+Man muss hier von dem Zusammenhang der Sage absehen und nur das
+festhalten, dass Ullr einmal an Odins Stelle und mit seinem Namen
+herrschte.</p>
+
+<p>Frigg hatte sich einem Diener hingegeben, damit er eine goldene
+Bildsäule Odins zerstöre, deren Gold sie zu ihrem Schmuck verwandte.
+Darüber grämte sich Odin so sehr, dass er das Land verliess und
+freiwillig in die Verbannung ging. An seiner Stelle herrschte
+<i>Mitodin</i>, ein berühmter Zauberer, der das Opfer neu ordnete,
+indem er befahl, jedem Gotte einzeln, nicht mehr allen gemeinschaftlich
+zu opfern. Als Odin zurückkehrte, musste Mitodin nach Fünen (Pheonia)
+fliehen, wo ihn das Volk erschlug. Er rächte sich noch nach seinem
+Tode, indem aus seinem Grabe die Pest hervorging, bis man die Leiche
+ausgrub, den Kopf lostrennte und einen spitzen Pfahl durch den Leib
+trieb. Frigg starb, Odin setzte alle falschen Götter ab, die unter
+Mitodin aufgekommen waren, und vernichtete ihre Priester, die Magier,
+mit einem einzigen <span class="pagenum" id="Page_308">[S. 308]</span>Blick wie Schatten.&#x2060;<a id="FNanchor_335_335" href="#Footnote_335_335" class="fnanchor">[335]</a>
+Die Geschichte von Mitodin ist ein deutliches Seitenstück zu der von Ollerus. Beide werden als
+zauberkundig bezeichnet, von beiden heisst es, sie hätten nicht bloss
+Odins Weib und Macht, sondern sogar seinen Namen besessen, beide
+entfliehen vor dem heimkehrenden Odin nach Dänemark oder Schweden,
+also nach Saxos Meinung aus Byzanz in den Norden und werden dort
+erschlagen. Besondere Beachtung verdient auch der Umstand, dass
+beide neue Opferbräuche einführen wollen, Ollerus allerdings erst in
+Schweden, wo er gleich wie in einer neuen Welt den Glauben an sich
+einzusetzen versuchte. Wir haben es mit zwei Fassungen einer und
+derselben Erzählung zu thun, deren Grundzüge auf zwei sich bekämpfende
+Kulte, den Odinkult und den eines anderen Gottes hinweisen. Durch
+Saxos Verlegung der Asenherrschaft nach Byzanz ist es schwer zu
+entscheiden, was vor allem zu wissen Not thäte, in welchen Ländern
+des Nordens sich in der Ursage die Kultkämpfe abspielten. Ullr (got.
+<i>wulþus</i>), der Herrliche, scheint einmal der Name einer hohen
+Gottheit gewesen zu sein. Mitothin darf kaum als Mit-Odin, Mithelfer,
+Mitregent ausgelegt werden. Saxo verstand ein Wort „<i>mituth-inn</i>“
+d.&#8239;i. *<i>mituth</i>, *<i>mitoth</i> mit angehängtem Artikel als
+Namen. Mitoth bedeutet die richtende und das Schicksal bestimmende
+Gottheit. Somit ist die Sage dahin auszulegen, dass der Odinglaube
+zeitweilig von einem andern Kult verdrängt wurde, aber hernach wieder
+zu Ehren kam. Dabei lässt sich eine zwiefache Erklärung finden. Im
+Norden ist der Odinkult ursprünglich fremd, aus Deutschland eingeführt.
+<i>Ullr mitoth-inn</i> könnte eine nordische Gottheit sein, die vor
+dem eindringenden Odinglauben zurückwich. Andererseits ist schon der
+deutsche Wodan ein Gewaltherr, der den alten Himmels- oder Hauptgott
+der Germanen, Tiuȥ, seiner Macht und seiner Frau beraubte. Also der
+deutsche Wodan und der nordische Odin, beide sind Eindringlinge in
+Besitz und Recht anderer, älterer Götter. Eine Erinnerung daran lebt
+in der nordischen Sage fort. Dass die Sache so dargestellt wird, dass
+Odin der im Recht Gekränkte, später aber aufs neue Eingesetzte ist,
+beweist, dass der Bericht unter Anhängern Odins entstand. Für Eroberung
+und <span class="pagenum" id="Page_309">[S. 309]</span>Gewaltthat stellt sich immer ein beschönigender Rechtsgrund ein.
+So lässt z.&#8239;B. auch die gotische Heldensage Dietrich von Bern nur sein
+Vatererbe, aus dem er vertrieben worden war, zurückgewinnen, nicht der
+Wahrheit gemäss Italien erobern. So behauptet die Göttersage, Odin ist
+der Oberste und Höchste; wenn ein Andrer vor ihm herrschte, kann das
+nur durch List und Unrecht geschehen sein. So erschliesst sich der
+Mythus von Odins Verbannung und Vertretung auf dieselbe Weise, wie der
+vom Wanenkrieg als ein Kampf zwischen altem und neuem Glauben, aus
+dem letzterer siegreich hervorgeht. Dieser Kern ist nicht berührt, so
+verschieden die Ausbildung im einzelnen und die Anknüpfung an andere
+Sagen sich vollzog. Odin im Streite mit Nebenbuhlern kann auch auf
+den Gegensatz zwischen dem nordisch-germanischen Kulte und einem
+älteren, vor der germanischen Bevölkerung im Norden heimischen Glauben,
+etwa dem der Finnen und Lappen zurückgehen, wie im Abschnitt über
+Ullr ausgeführt werden soll. Jedenfalls liegen Glaubenskämpfe hinter
+diesen Sagen, alter und neuer Glaube desselben Volkes oder die Kulte
+verschiedener Völker.</p>
+
+<h6 class="s5" id="Odin_in_nordischer_Sage"><em class="gesperrt">Odin in
+nordischer Sage</em>.</h6>
+
+<p>In der Ynglingasaga Kap. 6 ff. schildert Snorri Odins Wesen mit
+folgenden Worten: Als Asa-Odin nach den Nordlanden kam und mit ihm
+die Diar, da wird mit Wahrheit berichtet, dass sie Künste übten und
+lehrten, welche die Menschen seitdem lange vollbracht haben. Odin war
+der vornehmste von allen und von ihm lernten sie alle Künste, weil er
+zuerst alle wusste und die meisten. Aber das ist zu sagen, weshalb er
+so gelehrt war. Dazu veranlassten diese Gründe: er war so schön und
+vornehm anzuschauen, wenn er bei seinen Freunden sass, dass allen das
+Herz darüber lachte; aber wenn er im Heer war, da schien er seinen
+Feinden grimmig. Und das hatte darin seinen Grund, dass er Gestalt und
+Aussehen wechseln konnte, wie er nur wollte. Eine andere Kunst war
+die, dass er beredt und glatt sprach, dass das allein allen, die es
+hörten, wahr däuchte. Er redete immer im Versmaasse, so wie man jetzt
+das spricht, was Skaldenkunst heisst. Er und seine Hofgoden heissen
+Liederschmiede, weil von ihnen diese Kunst in den Nordlanden ausging.
+Odin wusste zu bewirken, dass in Kämpfen seine Feinde blind und taub
+und schreckerfüllt wurden und ihre Waffen nicht mehr als blosse Gerten
+einschnitten; aber seine Leuten fuhren ohne Brünnen und waren wütend
+wie <span class="pagenum" id="Page_310">[S. 310]</span>Hunde oder Wölfe, sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie
+Bären oder Stiere. Sie erschlugen das Volk, weder Feuer noch Eisen
+hatte ihnen etwas an. Das nennt man Berserkergang. Odin wechselte die
+Gestalt; da lag sein Leib wie schlafend oder tot, er aber war Vogel
+oder Tier, Fisch oder Wurm und fuhr im Augenblick in ferne Lande in
+seinen eigenen oder andrer Leute Sachen. Das auch verstand er mit
+blossen Worten auszurichten: Feuer zu löschen, See zu beruhigen, Wind
+zu wenden, wie er wollte. Odin besass ein Schiff, das Skidbladnir
+hiess, womit er über grosse Meere fuhr; das konnte man wie ein Tuch
+zusammenfalten.&#x2060;<a id="FNanchor_336_336" href="#Footnote_336_336" class="fnanchor">[336]</a> Odin hatte das Haupt des Mimir bei sich; das
+sagte ihm mancherlei Kunden aus andern Welten. Aber zuweilen weckte
+er tote Leute aus der Erde auf oder setzte sich unter Gehängte; darum
+wurde er Herr der Gespenster oder Herr der Gehängten genannt. Er hatte
+zwei Raben, die er sprechen gelernt hatte; diese flogen weit in den
+Landen herum und sagten ihm viele Kunden. Von diesen Dingen wurde er
+sehr klug. Alle diese Künste lehrte er durch Runen und Lieder, welche
+Zauber (<i>galdrar</i>) heissen; deshalb werden die Asen Zauberschmiede
+(<i>galdrarsmidir</i>) genannt. Odin verstand die Kunst, die am meisten
+Kraft hat, und übte sie selbst, welche <i>seiđr</i> (Zauberei) heisst.
+Und darum vermochte er die Geschicke der Leute und ungeschehene Dinge
+zu wissen, den Leuten Tod, Unglück oder Krankheit zu bereiten; so auch
+den Leuten Verstand und Kraft zu nehmen und andern zu geben. Aber
+dieser Zauberei, wenn sie vollbracht wird, haftet so arges Wesen an,
+dass es den Männern nicht ohne Schande dünkte, damit umzugehen; und den
+Göttinnen wurde diese Kunst gelehrt. Odin wusste um alle Erdschätze,
+wo sie vorhanden waren, und er kannte solche Beschwörungen, dass sich
+die Erde vor ihm aufthat und Berge und Steine und Hügel, und er band
+mit seinen blossen Worten die, welche dabei wohnten, und ging hinein
+und nahm, was er wollte. Durch diese Kräfte wurde er sehr berühmt;
+seine Feinde fürchteten ihn, seine Freunde vertrauten ihm und bauten
+auf seine Kraft und auf ihn selber. Er lehrte die meisten Künste seinen
+Opferpriestern, diese standen ihm zunächst an Klugheit und Zauberei.
+Viele andere lernten manches davon und so verbreitete sich die Zauberei
+weit und erhielt sich lange.</p>
+
+<p>Odin bestimmte für seine Lande die Gesetze, welche zuvor <span class="pagenum" id="Page_311">[S. 311]</span>unter den
+Asen gegolten hatten. So bestimmte er, dass man alle toten Männer
+verbrennen sollte und mit ihrem Eigentum auf den Holzstoss bringen. Er
+sagte, jeder werde mit den Reichtümern nach Valhall kommen, welche er
+auf dem Holzstoss habe. Auch werde er das geniessen, was er selber in
+die Erde vergraben habe. Die Asche sollte man ins Meer hinaus tragen
+oder in die Erde graben. Vornehmen Männern zum Denkmal sollte man einen
+Hügel aufwerfen; aber allen Männern, die tapfer waren, sollte man
+Bautasteine aufstellen. Und diese Sitte hielt sich lange.</p>
+
+<p>Odin ward in Schweden todkrank; als es zum Sterben ging, liess er sich
+mit der Speerspitze bezeichnen und eignete sich alle waffentote Leute
+zu. Er sagte, er werde nach Götterheim fahren und dort seine Freunde
+begrüssen. Die Schweden glaubten, dass er ins alte Asgard eingegangen
+sei und dort ewig leben werde. Da erhob sich von neuem Glauben und
+Anrufung an Odin. Oft schien es den Schweden, er zeige sich vor
+bevorstehenden grossen Kämpfen, da gab er dem einen Sieg, aber den
+andern entbot er zu sich; beide Loose dünkten gut. Odin wurde nach
+seinem Tode verbrannt und das Verbrennen ward sehr prächtig zubereitet.
+Das war ihr Glaube, je höher der Rauch in die Luft aufsteige, desto
+geehrter sei der, welcher verbrannt wurde, im Himmel und umso reicher,
+je mehr Gut mit ihm verbrenne.</p>
+
+<p>Bringt man aus diesem Berichte die euhemeristische Auffassung in Abzug,
+so bleibt ein lebendiges Bild vom Odinglauben, wie er bei den Dichtern
+uns entgegentritt. Alle Haupteigenschaften Odins, seine Beziehungen zu
+Schlacht und Sieg, zu Gespenstern und Toten, zu Zauber und Dichtung
+sind richtig erkannt und aufgezählt. Für alles gewähren die Sagen
+reichliche Belege.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wenn Odin in feierlicher Weise auftritt, dann erscheint er in
+glänzender kriegerischer Rüstung wie schon Tiuȥ und Freyr, nur dass er
+als Hauptwaffe nicht das Schwert, sondern den Speer führt.&#x2060;<a id="FNanchor_337_337" href="#Footnote_337_337" class="fnanchor">[337]</a> <span class="pagenum" id="Page_312">[S. 312]</span>Unter
+dem Goldhelm in schöner Brünne mit weissem Schilde reitet er an der
+Spitze der Götter und Helden zum letzten Kampf. In der Hand hält er den
+Speer Gungnir, ein Zwerggeschmeide mit der Eigenschaft, dass er niemals
+im Stosse innehält. Die Wölfe und Raben, die Tiere des Walgefildes
+und Sturmes, begleiten ihn. Sleipnir, der Springer, ist der beste und
+rascheste Hengst, er ist grau von Farbe und hat acht Füsse. Damit soll
+wol die grosse Geschwindigkeit angezeigt werden. Einmal heisst es
+von Odin, dass er behelmt mit dem Schwert in der Hand auf dem Berge
+stand. Auf seinen Wanderfahrten trägt Odin tiefhängenden Hut und blauen
+Mantel. Häufig wird seine Einäugigkeit hervorgehoben.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Draupnir, der Träufler, ist ein kostbarer Ring, der Reichtum
+mehrt.&#x2060;<a id="FNanchor_338_338" href="#Footnote_338_338" class="fnanchor">[338]</a> Im Skirnirlied erscheint er in Freys Besitz. Skirnir bietet
+ihn der Gerd:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">21&#8194;So geb ich den Ring dir,&#8195; gerötet vom Feuer,</div>
+ <div class="verse indent8">&#8194;In dem Odins Sohn zu Asche ward;</div>
+ <div class="verse indent3">&#8194;&#8239;&#8195;Von ihm tropfen acht&#8195; ebenso schwere</div>
+ <div class="verse indent8">&#8194;Jede neunte Nacht.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Anderwärts gilt Draupnir als Eigentum Odins, dem ihn Zwerge zugleich
+mit dem Speer Gungnir schmiedeten. Dem Ringe eignete von Anfang an das
+Vermögen, sich zu vermehren. Andererseits heisst auch Baldr Besitzer
+des Draupnir. In der Edda wird dies so gewendet, dass Odin diesen
+Ring auf Baldrs Scheiterhaufen legte; daraufhin habe er erst die
+wunderbare Eigenschaft der Vermehrung erhalten. Baldr sandte ihn aus
+der Hölle an Odin zurück. Der Ring, wie immer man ihn auslegen will,
+als Sinnbild der Fruchtbarkeit oder der Sonne, gehörte sicherlich einst
+von rechtswegen Freyr oder Baldr, d.&#8239;h. dem alten Himmelsgott, und ging
+erst von ihm auf Odin über.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Im Norden gab es drei Hauptopferzeiten: im Anfang und in der Mitte des
+Winters um Fruchtbarkeit und Wachstum, im Anfang <span class="pagenum" id="Page_313">[S. 313]</span>des Sommers um Sieg.
+An den Höfen der Könige und Häuptlinge wurde jedenfalls das Siegesopfer
+an Odin gerichtet. Jarl Hakon, der bereits getauft war, fiel wieder
+zum Heidentum zurück. Auf einer Heerfahrt in Gautland stellte er ein
+grosses Opfer an. Da flogen zwei Raben vorbei und krächzten laut; da
+meinte der Jarl zu wissen, dass Odin das Opfer angenommen habe und dass
+nun passende Zeit zum Schlagen sei.&#x2060;<a id="FNanchor_339_339" href="#Footnote_339_339" class="fnanchor">[339]</a> Angang eines schwarzen Raben
+gilt für Helden, die zum Kampfe ziehen, glückverheissend, wol weil
+Odin ihn sandte.&#x2060;<a id="FNanchor_340_340" href="#Footnote_340_340" class="fnanchor">[340]</a> Beim Opfermahl des Drontheimer Jarls Sigurd wird
+zuerst Odins Becher um Sieg und Macht für den König getrunken, darnach
+Njords und Freys Becher um Fruchtbarkeit und Frieden.&#x2060;<a id="FNanchor_341_341" href="#Footnote_341_341" class="fnanchor">[341]</a> Also wie die
+Angelsachsen Woden um Sieg und Heldentum opfern, geschieht es auch im
+Norden, dass Odin um Sieg angerufen wird. Als König Olaf der Heilige
+in Drontheim weilte, erfuhr er, dass die Bauern noch Trinkgelage nach
+heidnischem Brauch hielten; alle Minne wurde dem Thor geweiht und dem
+Odin und der Freyja und allen Asen.&#x2060;<a id="FNanchor_342_342" href="#Footnote_342_342" class="fnanchor">[342]</a> In der jungen Bósasaga K. 12
+wird bei der Hochzeit Thors, Odins und Freyjas Minne getrunken. In der
+Verwünschung werden gleichfalls Odin, Thor und Freyr angerufen.&#x2060;<a id="FNanchor_343_343" href="#Footnote_343_343" class="fnanchor">[343]</a>
+Die Dreiheit Wodan, Donar, Tiu oder Freyr als dessen Vertreter scheint
+überhaupt uralt zu sein.</p>
+
+<h6 class="s5" id="Walhall_und_die_Walkueren"><em class="gesperrt">Walhall und
+die Walküren</em>.</h6>
+
+<p>In Gladsheim, in der Welt der Wonnen ragt Odins Saal, die
+goldglänzende, weite Halle, Walhall.&#x2060;<a id="FNanchor_344_344" href="#Footnote_344_344" class="fnanchor">[344]</a> Dorthin wählt der Gott
+täglich sich die Helden, welche den Waffentod erlitten. So war der
+Glaube der Heidenleute, dass alle die nach Walhall fahren sollten, die
+an Wunden starben. Am hohen Saal bilden Speere <span class="pagenum" id="Page_314">[S. 314]</span>das Sparrengerüst,
+Schilde decken als Schindeln das Dach, auf die Bänke sind Brünnen
+gelegt. Westlich am Eingangsthor hängt ein Wolf, darüber schwebt ein
+Adler. Fünfhundertundvierzig Thüren hat Walhall, aus jeder mögen
+zugleich achthundert Streiter hervorgehen. Beleuchtet wird die Halle am
+Abend durch den Glanz der Schwerter. Vor Walhall steht der Hain Glasir,
+dessen Laub von lauterem Gold erglänzt. Ausser Walhall erhebt sich in
+Gladsheim Wingolf, die Halle der Göttinnen, ein treffliches und schönes
+Haus. Vielleicht ist darunter Folkwang, das Volksgefilde zu verstehen,
+wo Freyja waltet, die täglich die Hälfte der gefallenen Helden sich
+wählt. Nach Wingolf und Walhall werden die Einherjer gewiesen.&#x2060;<a id="FNanchor_345_345" href="#Footnote_345_345" class="fnanchor">[345]</a>
+In Kampfspiel und Gelage verbringen die Helden ihre Tage. Odin selber
+nährt sich nur von Wein, seine Tischkost gibt er seinen Wölfen. Auf
+seiner Schulter sitzen zwei Raben, die ihm alle Begebenheiten, die
+sie sehen oder hören, ins Ohr sagen.&#x2060;<a id="FNanchor_346_346" href="#Footnote_346_346" class="fnanchor">[346]</a> Sie heissen Hugin und
+Munin. Diese sendet Odin früh am Morgen aus, um durch alle Welten
+zu fliegen; um die Frühstückszeit kehren sie zurück. Die Einherjer
+aber essen vom Fleische des Ebers Saehrimnir, den der Koch Andhrimnir
+im Kessel Eldhrimnir siedet. Täglich wird er gesotten, aber abends
+ist er doch wieder heil. Sie trinken Bier, das die Walküren ihnen
+zutragen. Unverständlich ist die Ziege Heidrun, welche auf Walhalls
+Dach stehend die Triebe von den Zweigen des Baumes Laerad nagt, aus
+deren Zitzen Milch rinnt. Sie füllt die Krüge mit klarem Met, nimmer
+versiegt das Nass. Auch der Hirsch Eikthyrnir steht dort, aus dessen
+Hörnern es in den Höllenbrunnen Hvergelmir rinnt, woraus alle Ströme
+stammen. Ziege und Hirsch samt dem Baum, dessen Triebe sie benagen,
+sind wahrscheinlich den Tieren an der Weltesche gleichzustellen.&#x2060;<a id="FNanchor_347_347" href="#Footnote_347_347" class="fnanchor">[347]</a>
+Das Gefilde von Walhall, das <span class="pagenum" id="Page_315">[S. 315]</span>Reich des Todes, betritt man durch die
+heilige, alte Pforte Walgrind, die Totenpforte, die einen kunstvollen
+Verschluss hat. Um nach Walhall zu kommen, müssen die Scharen der
+Gefallenen einen wogenden Strom durchwaten. Die Welt des Todes ist
+also wie auch sonst die Unterwelt von einem Fluss umgeben. Thund, der
+Angeschwollene, heisst der Strom. „Odin heisst Walvater, weil alle,
+die auf der Walstatt fallen, seine Wunschsöhne sind. Diese nimmt er
+auf in Walhall und Wingolf und sie heissen dann Einherjer.“ So sagt
+Snorri. Es ist zweifelhaft, ob er damit eigene Gedanken oder ältere
+Überlieferung vorträgt. In keinem Gedichte wird das Verhältniss der
+Einherjer zu Odin als das von „Wunschsöhnen“ d.&#8239;i. Adoptivsöhnen
+dargestellt.&#x2060;<a id="FNanchor_348_348" href="#Footnote_348_348" class="fnanchor">[348]</a> Vielleicht ist der Begriff nur aus der Benennung
+Walvater, Vater der Erschlagenen, die also eben im Tod und durch den
+Tod dieses Vaters Söhne werden, entnommen. Vater meint ursprünglich
+Urheber, der bildliche Ausdruck wäre allzu wörtlich ausgelegt worden.
+Zwar wird es nicht überall als Grundsatz ausgesprochen, aber doch
+zweimal angedeutet, dass Walhall nur Helden, Edelingen und Freien sich
+aufthut.&#x2060;<a id="FNanchor_349_349" href="#Footnote_349_349" class="fnanchor">[349]</a></p>
+
+<h6 class="s5" id="Die_Walkueren"><em class="gesperrt">Die Walküren</em>.</h6>
+
+<p>In Walhall thun die Walküren Dienst. Sie reichen den Trank herum,
+bringen den Einherjern Bier, haben das Tischgerät und <span class="pagenum" id="Page_316">[S. 316]</span>die Bierkrüge
+in ihrer Obhut. Odin sendet sie aber auch in die Schlacht aus,
+dort wählen sie die Männer aus, die dem Tode erliegen sollen, und
+verleihen den Sieg. Immerfort reiten sie, Wal zu kiesen und Kämpfe zu
+entscheiden. Die Walküren oder Walmädahin&#x2060;<a id="FNanchor_350_350" href="#Footnote_350_350" class="fnanchor">[350]</a>, die Wählerinnen der
+kampftoten Helden, reiten auf ihren Rossen durch die Lüfte und übers
+Meer. Meist erscheinen sie geschart, zu drei, sechs, neun, zwölf. Mit
+Helm und Schild, in fester Brünne, mit funkensprühenden Speeren, von
+leuchtenden Blitzen umspielt reiten sie auf ihren Wolkenrossen dahin
+durch die Lüfte; schütteln sich die Rosse, so fällt von den Mähnen
+fruchtbarer Thau in die Thäler und Hagel ins hohe Gehölz. Die Walküren
+sind von leuchtender Schönheit. Der Skald Hornklofi&#x2060;<a id="FNanchor_351_351" href="#Footnote_351_351" class="fnanchor">[351]</a>, welcher
+ein Lied dichtete, in dem eine Walküre und ein Rabe Zwiesprache über
+des Königs Harald Thaten halten, nennt die Walküre eine strahlende
+lichthaarige Maid (<i>mey hvíta haddbjarta</i>). Wenn Odin nicht selber
+an den Kämpfen teilnimmt, dann entsendet er die Mädchen als seine
+Stellvertreterinnen. In ihren Namen kommt ihr Wesen zum Ausdruck. Neben
+gewöhnlichen kriegerischen Frauennamen wie Hild und Gud, Reginleif,
+Thrud stehen besondere wie Geirolul die Speerträgerin, Skogul die
+Hochragende, Goll die Schreierin, Hrist die Schüttelnde, Hrund die
+Stossende, Skeggold Beilzeit (d.&#8239;h. Kriegszeit), Herfjǫtur Heerfessel
+(der lähmende Schrecken, der einen plötzlich befällt), Mist die im
+Nebel Hausende u.&#8239;drgl. Auch Skuld, die Jüngste der Nornen, reiht sich
+den Walküren ein. Bei feierlichem Aufzug, zum Leichenbrand Baldrs ist
+Odin von seinen Raben und von den Walküren begleitet.&#x2060;<a id="FNanchor_352_352" href="#Footnote_352_352" class="fnanchor">[352]</a> In Odins
+Mädchen vereinigen sich mehrere Gestalten, die gesondert auch sonst
+vorkommen: die Schicksalsfrauen, indem sie des Volkes wichtigstes
+Geschick, die Schlacht entscheiden, Sturmgöttinnen als Vervielfältigung
+der Gemahlin Odins, nach nordischem Berichte der Freyja, seelische
+Geister, Fylgjen, die dem Todgeweihten sichtbar werden, irdische
+Weiber, welche beim prächtigen Gelage in des Königs Halle den Trank
+herumreichen, Frauen, die in der kampfbewegten Wikingerzeit wirklich
+die Waffen der Männer anlegten und von deren <span class="pagenum" id="Page_317">[S. 317]</span>Thaten das nordische
+Heldenlied erfüllt ist. Das Schildmädchen ist eine Lieblingsgestalt
+der nordischen Sage und leicht vermischt es sich mit Heervaters Maid,
+nimmt an deren göttlicher Erscheinung teil. Die Walküre, in Walhall und
+auf der Walstatt als Odins Dienerin, gehört somit nur der nordischen
+Dichtung, während die verschiedenen einzelnen Gestalten, welche in ihr
+zusammenflossen, nicht bloss auf die nordische Sage beschränkt sind.</p>
+
+<p>Walhall, Odins Saal ist ein prächtiger, glänzender Hof, wie der Held
+und Dichter in höchster Vollkommenheit ihn sich ausmalt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Zwei schöne Skaldenlieder aus der Mitte des 10. Jahrhs. zeigen überaus
+lebendig den Walhallglauben. König Eirik Haraldsson musste um 935 aus
+Norwegen weichen und gewann um 940 in England eine Herrschaft. Er
+fiel im Kampfe gegen den englischen König Eadmund (940–6) in blutiger
+Schlacht, mit ihm fünf andere Könige und eine Menge geringeren Volkes.
+Seine Wittwe Gunnhild liess auf seinen Tod ein prächtiges Ehrenlied
+dichten, wovon ein Teil erhalten ist, die Eiriksmǫ́l. Die Handlung
+spielt in Walhall. Odin spricht: Was sind das für Träume? Ich glaubte,
+vor Tage aufzustehen, um Walhall für erschlagenes Volk zu bereiten.
+Ich weckte die Einherjer, ich hiess sie aufstehen, um die Bänke mit
+Polstern zu belegen, die Bierkrüge zu scheuern, die Walküren hiess
+ich Wein auftragen, als ob ein König käme. Angesehener Grundherrn bin
+ich aus der Welt gewärtig. Darum freut sich mein Herz. Bragi sagte:
+Was ist das für ein Donner, als ob ein Tausend heranzöge oder eine
+gewaltige Menge? Alle Bankdielen erkrachen, als ob Baldr wiederkehrte
+in Odins Säle? Odin sprach: Thöricht redest du, kluger Bragi, obwol du
+manches weisst. Vor Eirik tönt es, da der Fürst zu Odins Sälen kommt.
+Sigmund und Sinfjotle, steht eilig auf und geht dem König entgegen.
+Entbietet ihm herein, wenn es Eirik ist. Seiner harre ich sicher.
+Sigmund sagte: Warum erwartest du Eirik lieber als andere Könige, den
+Fürsten in Odins Sälen? Odin antwortete: Weil er in manchen Landen das
+Schwert gerötet und weithin die blutige Waffe trug. Sigmund sagte:
+Warum nahmst du dem König den Sieg, wenn dir der Treffliche so kühn
+däuchte? Odin antwortete: Weil es ungewiss ist, wenn der graue Wolf zum
+Sitze der Götter kommt (d.&#8239;h. wenn der letzte Kampf anhebt)! Sigmund
+sprach: Heil dir, Eirik! sei hier willkommen! betrete die <span class="pagenum" id="Page_318">[S. 318]</span>Halle, du
+Tapferer! Das will ich dich fragen, welche Fürsten dir folgen aus dem
+Schwertgetöse. Eirik antwortete: Fünf Könige; ich nenne dir aller Name.
+Ich selbst bin der sechste.... Das zweite Lied ist zwischen 961 und 970
+vom Skald Eyvind auf König Hakon den Guten, Eiriks Bruder gedichtet.
+Hakon war beim Volk ausserordentlich beliebt, während Eirik und seine
+Söhne, die nach Hakons Fall zur Herrschaft gelangten, ob ihrer Härte
+willen verhasst waren. Wie Hakon um 935 gegen Eirik zum König gewählt
+wurde, flog die Botschaft wie Feuer durch dürres Gras vom Norden bis
+zur Landesgrenze im Süden, die Leute von Drontheim hätten einen König
+genommen, der in allem dem Harald Harfagr gleiche, nur dass er die
+Last, welche dieser auf das Volk gelegt habe, demselben wieder abnehmen
+wolle. Obwol der König Versuche machte, das Christentum einzuführen,
+that er doch keinerlei Gewalt, bei seinem Tode neigte er eher zu
+den alten Heidengöttern zurück. Sein Andenken lebte in vollständig
+heidnischem Sinn fort gerade im Gegensatz zu den Eirikssöhnen, seinen
+Nachfolgern, die gewaltsam dem Heidentum entgegentraten, weshalb die
+erzürnten Götter Misswachs und schwere Zeit über Norwegen sandten.
+Aus dieser Bedrängniss schweifte die Erinnerung gerne zum guten Hakon
+zurück. Um 961 wurde der König Hakon in der Schlacht bei Fitjar gegen
+die aus England herübergekommenen Eirikssöhne auf den Tod verwundet.
+Von Freund und Feind wurde er betrauert und alle sagten, ein ebenso
+guter König werde nimmer in Norwegen erscheinen. Seine Freunde brachten
+seine Leiche nordwärts gen Saeheim in Nordhordaland. Dort wölbten sie
+einen grossen Hügel und legten den König mit allen seinen Waffen in
+seiner besten Kleidung hinein, aber kein anderes Gut. Sie sprachen über
+seinem Grab die Weihesprüche, wie die Sitte der Heidenleute war, und
+wiesen ihn nach Walhall. Eyvind aber machte ein Gedicht auf den Fall
+des Königs, die Hǫ́konarmǫ́l. Dem Skald schweben die Eiriksmǫ́l vor,
+die mehrfach wörtlich anklingen. Er stellt sich vor, dass der König vom
+Schlachtfeld nach Walhall auffuhr. Gondul und Skogul, die Walküren,
+entsandte der Gauten Gott, Odin, Könige zu kiesen, wer von Yngvis Stamm
+nach Walhall zur Gastung bei Odin fahren sollte. Sie fanden Hakon, den
+König unter dem Kampfbanner. Nun wird die blutige Schlacht, das Wetter
+Odins, das Wetter der Skogul beschrieben. Da sassen die todwunden
+Helden, denen die Fahrt nach Walhall bestimmt war, mit schartigen
+Schilden und <span class="pagenum" id="Page_319">[S. 319]</span>zerschossenen Brünnen. Nicht frohgemut war die Schar. Da
+sprach Gondul auf den Gerschaft gestützt: Nun wächst der Götter Glück,
+weil die Waltenden Hakon mit einem grossen Heere zu sich heim entboten.
+Der König hörte, was die Walküren redeten, die herrlichen von Rosses
+Rücken. Sinnend erschienen sie, in Helmen waren sie, Schilde hielten
+sie vor sich. ‚Warum, o Skogul der Gere, teiltest du so die Schlacht?
+wir waren doch wert, Sieg von den Göttern zu erhalten.‘ ‚Wir walteten,
+dass du das Feld behieltest, aber deine Feinde flohen. Nun reiten wir
+zum grünen Heim der Götter, Odin zu sagen, dass der Allwaltende kommt,
+ihn selber zu sehen.‘ Hermod und Bragi, sprach Hroptatyr (Odin), geht
+entgegen dem Fürsten, weil ein König naht zur Halle hierher, der ein
+Kämpe dünkt. Der König sprach, vom Streite war er gekommen, ganz mit
+Blut bespritzt stand er da: Übel gesinnt dünkt uns Odin, wir scheuen
+seinen Sinn! Aller Einherjer Frieden sollst du haben, empfange Bier
+bei den Göttern, du Bekämpfer der Jarle, acht Brüder hast du hier
+drinnen, sprach Bragi. Unsre Rüstungen wollen wir selber behalten,
+sprach der gute König, Helm und Brünnen wol bewahren, gut ist’s bereit
+zu sein. Da wurde es kund, wie der König die Heiligtümer wol verschont
+hatte, weil den Hakon alle Ratenden und Waltenden willkommen hiessen.
+Zur guten Stunde wird der König geboren, der solche Gesinnung sich
+erwirbt; seiner Zeit wird immer im Guten gedacht werden. Entfesselt
+wird der Fenriswolf über den Sitz der Menschen fahren, ehe ein gleich
+guter König seinen verwaisten Stuhl einnimmt. Vermögen stirbt, Freunde
+sterben, Land und Reich verödet; seit Hakon fuhr zu den Heidengöttern,
+geknechtet wird dies Volk.</p>
+
+<p>Aus diesem Lied erhellt, wie die Thätigkeit der Walküren gedacht
+wurde. Sie reiten auf Odins Befehl zu den kämpfenden Heeren. Als
+Schicksalslenkerinnen bestimmen sie, wem der Sieg sich neigt, wer zu
+Tod getroffen wird. Offenbar ist dieses ihr Walten unsichtbar. Aber dem
+Todgeweihten treten sie sichtbar vor Augen und reden zu ihm, gleichwie
+der Todverfallene die Fylgja erblickt. Dann eilen sie zurück nach
+Walhall, melden Odin den Vollzug des Befehles und verkünden ihm die
+Ankunft der Gefallenen. Dass die Walküren die Erschlagenen selber nach
+Walhall geleiteten oder auf ihren Rossen deren Leiber hinauftrugen, ist
+nirgends angedeutet.</p>
+
+<p>Wie in den zwei Skaldenliedern den gefallenen Fürsten in <span class="pagenum" id="Page_320">[S. 320]</span>Walhall
+höchste Ehren erwiesen werden, so muss Ähnliches einst auch von Helgi
+berichtet worden sein. Es heisst: Zum Andenken an Helgi ward ein Hügel
+aufgeworfen; als er nun nach Walhall kam, da bot Odin ihm an, mit ihm
+über alles zu walten.&#x2060;<a id="FNanchor_353_353" href="#Footnote_353_353" class="fnanchor">[353]</a></p>
+
+<p>Auf den Glauben an Walhall und die Walküren gründen sich auch die
+Worte des sterbenden Ragnar Lodbrok, die freilich erst im 12. oder 13.
+Jahrhundert gedichtet wurden: Heim entbieten mir die Disen, welche mir
+aus Herjans Halle Odin sandte. Froh werde ich mit den Asen auf dem
+Hochsitz Bier trinken. Verflossen sind des Lebens Stunden, lachend will
+ich sterben.&#x2060;<a id="FNanchor_354_354" href="#Footnote_354_354" class="fnanchor">[354]</a> Ebenso singt der sterbende Hadding: Sehen kann ich
+des Fjolnir Mädchen, euch hat Odin mir gesandt; gerne wollte ich nach
+Wingolf folgen und mit den Einherjern Bier trinken.&#x2060;<a id="FNanchor_355_355" href="#Footnote_355_355" class="fnanchor">[355]</a></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Walküren boten Anlass zu ausserordentlich schönen Dichtungen,
+indem ihre Liebe zu Helden geschildert wurde. Am meisten ergreift
+die Sage, worin Odins Wunschtochter, dem Drang des fühlenden Herzens
+folgend, Heervaters Gebot bricht. Leider ist von dieser Dichtung nur
+ein kurzer Auszug erhalten. Brynhild, von Sigurd aus den Fesseln des
+Schlafes erlöst, erzählt, dass sie Walküre war. Zwei Könige kämpften
+miteinander: der eine hiess Hjalmgunnar; er war ein gewaltiger
+Krieger, obwol schon hoch in den Jahren, und Odin hatte ihm den Sieg
+versprochen. Aber der andre hiess Agnar, Audas Bruder, den niemand
+schirmen und schützen wollte. Brynhild fällte den Hjalmgunnar, aber
+Odin stach sie zur Strafe dafür mit dem Schlafdorn und bestimmte,
+dass sie niemals wieder in der Schlacht Sieg erkämpfen, sondern sich
+vermählen solle. Sie aber that das Gelübde, sich keinem Manne, der sich
+fürchten könne, zu verloben. Richard Wagner hat uns in der Walküre das
+Verlorene neu gegeben. Die Sage von Brynhild ist auch sonst lehrreich.
+Sie wird einmal <i>óskmær</i>&#x2060;<a id="FNanchor_356_356" href="#Footnote_356_356" class="fnanchor">[356]</a>, Wunschmaid genannt. Sie ist eine
+Erdentochter, aber von Odin zur Walküre gemacht. Es muss demnach,
+obwol sie <span class="pagenum" id="Page_321">[S. 321]</span>sonst nicht mit der wünschenswerten Klarheit begegnet, die
+Vorstellung geherrscht haben, dass Odin die Schaar der Walküren durch
+Wunschtöchter, durch Aufnahme waffenkundiger Schildmädchen vermehrte.
+Ob sie in Walhall wohnten und dort gleich den andern Dienst thaten,
+wird nicht gesagt. Aber in der Schlacht hatten sie ebenso Odins Befehle
+auszuführen. Die Strafe für Ungehorsam war Verlust dieses Amtes, das
+wol ursprünglich an jungfräulichen Stand geknüpft war, und Vermählung,
+womit ihr Heldentum zu Ende geht.</p>
+
+<p>In den nordischen Gedichten treffen wir auch sonst häufig solche
+Schildmädchen, welche auserwählte Helden im Kampfe beschirmen und
+aus Liebe einen Ehebund mit ihnen eingehen. Da sie Töchter irdischer
+Könige sind, aber auch Walküren genannt und mit übermenschlichen Zügen
+ausgestattet werden, darf man wol auch sie als solche Wunschtöchter
+Odins auffassen, wie es Brynhild war, obschon nirgends mehr eine
+Beziehung zu Odin und Walhall verlautet. In den Schwanmädchen des
+Wolundliedes, welche Wolund und seine Brüder in ihre Gewalt bringen,
+indem sie die Schwanhemden (<i>álptarhamir</i>) der Mädchen raubten,
+tritt die kampfsuchende, behelmte Walküre nur wenig hervor, jedenfalls
+ohne Einfluss auf die Handlung. Dass Walküren zugleich Schwanmädchen
+sind, zeigt sich auch bei Brynhild. Agnar hatte einst sie und acht
+Schwestern sich dienstbar gemacht, indem er ihre Schwanhemden an
+sich nahm (Helreiþ 7). Vielleicht wusste die Sage, dass Odin seine
+Wunschtöchter mit wunderbaren Eigenschaften, mit Luftrossen und
+Federgewand begabte, dass sie wie die göttlichen Walküren ihres Amtes
+walteten. Dem Helgi Hjorwardsson, der seine Jugend stumm und namenlos
+verbrachte, erschien Swawa, die Tochter des Königs Eylimi mit acht
+andern Walküren. Sie gab ihm Namen und Verstand und wies ihm ein
+tüchtiges Schwert. Die Walküre erweckte also den jungen Mann erst
+zum Bewusstsein seiner Heldenschaft. Oft schirmte sie ihn seitdem in
+Schlachten. Wie einst eine Riesin den Schiffen Helgis Schaden thun
+wollte, wehrten es die Walküren. Schliesslich vermählten sich Helgi
+und Swawa. Dass Swawa nach wie vor Walküre blieb, wie der Aufzeichner
+des Helgiliedes sagt, ist unglaublich. Dass sie aber, wie auch sonst
+irdische Königsfrauen, in der Not zum Schutze des Geliebten wieder
+zu den Waffen griff, wäre wol zu verstehen. Auch im Lied von Helgi
+Hundingsbani erscheint Sigrun mit den behelmten Mädchen dem Helden
+auf <span class="pagenum" id="Page_322">[S. 322]</span>einer Seefahrt. Sie ruft seinen Schutz an. Ihr Vater Hogni will
+sie dem Hodbrodd vermählen. Helgi erkämpft sich selber die Braut.
+Wie er mit einer gewaltigen Flotte übers Meer segelte, überfiel sie
+ein gefährliches Unwetter. Es leuchtete in den Wolken und Blitze
+fuhren in die Schiffe, da sahen sie in der Luft neun Walküren reiten
+und erkannten Sigrun. Der Sturm legte sich alsbald. Wie der Streit
+entbrannte, kamen vom Himmel behelmte Jungfrauen und schirmten Helgi.
+Also überall wacht die Walküre über dem Geliebten und entscheidet über
+den Ausgang des Kampfes. Das verlorene Lied von Helgi dem Haddingenheld
+erzählte von der Walküre Kara, die im Kampf als Schwan über ihm
+schwebte. In der Schlacht wider Hromund schwang Helgi das Schwert zu
+hoch und verwundete die Geliebte auf den Tod. Da war das Glück von ihm
+genommen und er erlag dem Feind.</p>
+
+<p>Saxos Erzählungen von solchen walkürenhaften Jungfrauen entsprechen
+genau den eben angeführten. Thorild, die Wittwe des Schwedenkönigs
+Hunding hasste ihre jungen Stiefsöhne Regner und Thorald, würdigte
+sie zum Hirtendienst herab und suchte sie in mancherlei Gefahren
+zu verwickeln. Da machte sich Svanhvit, die Tochter Haddings mit
+ihren Schwestern, die sie zum Gefolge erkoren hatte, nach Schweden
+auf, um den Untergang jener edlen Sprösslinge abzuwehren. Sie fand
+die Jünglinge, welche zur Nachtzeit die Herden hüten mussten, von
+mancherlei gespensterhaften Wesen umschwärmt. Regner trat zur Jungfrau
+und sagte, sie seien Hutknechte über die Herde des Königs. Svanhvit
+aber sagte: Von Königen, nicht von Knechten stammst du, das verrät mir
+der leuchtende Glanz deiner Augen. Sie riet den Jünglingen, eiligst von
+diesem unheimlichen Wege zu weichen, damit sie nicht dem nächtlichen
+Spuk zur Beute würden. Regner erwiderte, er fürchte keine gespenstische
+Macht. Vergebens suchte die Jungfrau seinen Mut wankend zu machen.
+Svanhvit bewunderte die Entschlossenheit des Jünglings, und indem
+von ihrer jungfräulichen Gestalt das Dunkel wich und ein wunderbarer
+Lichtglanz sich über sie verbreitete, bot sie Regnern als Brautgeschenk
+ein herrliches Schwert dar, mit dem er die Nachtgespenster bekämpfen
+könne und das er auch in Zukunft als Held würdig gebrauchen solle.
+Regner kämpfte nun die ganze Nacht hindurch mit diesem Schwert gegen
+die Ungetüme. Später wurde Regner König von Schweden und Svanhvit seine
+Gemahlin. Noch einmal beschützt ihn Svanhvit in einem Kriege, als
+der Feind die <span class="pagenum" id="Page_323">[S. 323]</span>schwedischen Schiffe anzubohren versuchte. Als Regner
+stirbt, folgt ihm sein Weib in kurzem aus Kummer.</p>
+
+<p>Svanhvit ist eine Walküre, welche die schlummernde Kraft jugendlicher
+Heldensöhne weckt. Ihre Erscheinung ruft den hindämmernden Jüngling
+auf, er empfängt von ihr das wunderbare Heldenschwert und wird mit ihr
+in unzertrennlicher Liebe verbunden. Auf ihren Luftrossen schwebend
+erweisen die Walküren ihre schützende Gegenwart gegen dämonische Wesen,
+die ihren Günstlingen zu schaden drohen.&#x2060;<a id="FNanchor_357_357" href="#Footnote_357_357" class="fnanchor">[357]</a></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Im Heldenzank des ersten Liedes von Helgi dem Hundingstöter Str. 39
+schilt Sinfjotli den Gudmund einen weibischen Wicht. Er sei eine Hexe
+gewesen, habe zum Weib verwandelt Kinder geboren, er häuft die denkbar
+ärgsten Schmähungen auf ihn. Da heisst es auch:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Eine Walküre warst du,&#8195; widriges Scheusal,</div>
+ <div class="verse indent0">Ekel und boshaft,&#8195; in Allvaters Hause;</div>
+ <div class="verse indent0">Die Einherjer mussten&#8195; alle sich schlagen,</div>
+ <div class="verse indent0">Verderbliches Weib,&#8195; um deinetwillen.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Nirgends sonst begegnet die hier auftauchende Vorstellung, dass die
+Walküren unter den Einherjern Zwist und Schlägereien veranlassten.
+Damit fällt ein schlimmes Licht auf die Schenkinnen in Walhall. Ob etwa
+nur vereinzelte Auffassung des Urhebers des Liedes oder allgemeinere
+Anschauung vorliegt, ist beim Mangel andrer Zeugnisse unmöglich zu
+entscheiden.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Geschichtliche Zeugnisse melden von germanischen Frauen, welche
+gewappnet in den Reihen der Männer mitkämpften.&#x2060;<a id="FNanchor_358_358" href="#Footnote_358_358" class="fnanchor">[358]</a> Die nordischen
+Frauen waren besonders kampflustig. In der Wikingerzeit standen
+Schiffe öfters unter dem Befehl von Frauen und Mädchen, welche wie
+Männer gerüstet die Führerschaft übernahmen. So kamen im 10. Jahrh.
+nordische Schiffe von einer rotblonden Maid befehligt nach Irland. Die
+nordischen Sagen sind voll von solchen Schildmädchen. Am berühmtesten
+ist die Herwor der isländischen Sage und Alfhild bei Saxo. In der
+<span class="pagenum" id="Page_324">[S. 324]</span>Brawallaschlacht kämpfen mehrere Schildmädchen mit. Von Alfhild wird
+anmutend berichtet, wie sie der Held Alf bezwingt. Da kehrt sie zur
+Frauentracht zurück und wird sein Weib. Man sieht im Schildmädchen,
+dem gar nichts Wunderbares anhaftet, eine Gestalt der Dichtung aus dem
+wirklichen Leben herauswachsen. Das Schildmädchen ist von der Walküre
+genau zu scheiden. Nur die Waffen sind beiden gemeinsam, aber nicht die
+Art. Die Schildmagd hüllt sich trotzig in Männergewand und verteidigt
+ihr Magdtum, die Walküre reitet durch die Luft und übers Meer, um den
+erkorenen Liebling zu grüssen und zu schirmen. Die irdische, Helden
+liebende Walküre, die Wunschtochter Odins, steht gleichsam in der Mitte
+zwischen der echten Walküre, die nur zu Odin oder Walhall gehört, die
+ein göttliches Wesen ist, und der Schildmagd. Wol aber mag sie aus
+letzterer hervorgegangen sein. Heldentum nimmt Odin in Dienst; wie die
+tapferen Helden, freilich erst nach dem Tode, Walvaters Wunschsöhne
+werden, so hebt er die Kampfjungfrau schon im Leben zur Schar seiner
+göttlichen Schlachtlenkerinnen. Er befreit sie aber wol vom Schenkamt
+und verwendet sie nur in Schlacht und Sieg, gleichwie der irdische
+König Gefolgsleute hat, die er nicht zu ständigem Herrendienst, sondern
+nur zu Kriegsdienst verpflichtet.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In der nordischen Dichtung ist Odins Saal und Reich im Himmel
+gedacht, was schon daraus hervorgeht, dass Walhall unter den andern
+Himmelsburgen aufgezählt wird. Odin hat einen Hochsitz, von dem aus
+er die ganze Welt übersehen kann.&#x2060;<a id="FNanchor_359_359" href="#Footnote_359_359" class="fnanchor">[359]</a> Diesen Hochsitz, Hlidskjalf,
+nimmt auch Freyr im Skirnirliede ein. Hlidskjalf wird einmal allgemein
+nach Asgard, in die Götterwelt verlegt, einmal auch nach Walaksjalf,
+worunter wahrscheinlich nur ein andrer Name für Walhall zu verstehen
+ist. Dass der höchste Gott, und als solchen kennt den Odin ja die
+nordische Dichtung, im Himmel thront, muss schon an und für sich
+angenommen werden. So ist alles Dunkel vom Walgott genommen, er strahlt
+im Abglanze irdischen Prachtlebens. Als Walhall wird auch eine irdische
+Königsburg, die Atlis bezeichnet, weil sie an Pracht der Götterhalle
+nicht nachsteht, und die Dingbude eines mächtigen Häuptlings auf
+Island.&#x2060;<a id="FNanchor_360_360" href="#Footnote_360_360" class="fnanchor">[360]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_325">[S. 325]</span></p>
+
+<h6 class="s5" id="Odin_fordert_Opfer"><em class="gesperrt">Odin fordert
+Opfer</em>.</h6>
+
+<p>Was in der Schlacht fällt, ist Odins Opfer. Mit Speerwurf wurde
+das Heer dem Gotte zugeeignet. Den ersten Weltkrieg, den zwischen
+Asen und Wanen, hatte Odin eröffnet, indem er seinen Speer ins Heer
+schleuderte.&#x2060;<a id="FNanchor_361_361" href="#Footnote_361_361" class="fnanchor">[361]</a> Es war alter Brauch, den Speer über die Schar der
+Feinde zu schiessen, um sich selber das Glück zuzuwenden (<i>til heilla
+sér</i>).&#x2060;<a id="FNanchor_362_362" href="#Footnote_362_362" class="fnanchor">[362]</a> In der Schlacht, die am Ende des 10. Jahrh. zwischen dem
+Schwedenkönig Eirik und seinem Neffen Styrbjorn vorfiel, weihte sich
+Eirik, um den Sieg zu erlangen, dem Odin und gelobte, nach zehn Jahren
+ihm als Opfer zu sterben. Da nahte ihm ein grosser Mann mit einem
+Schlapphut und gab ihm einen Rohrstengel. Den solle er übers feindliche
+Kriegsvolk werfen mit den Worten: Odin hat euch alle! Mit diesem Wurfe
+kam Blindheit über Styrbjorn und sein Heer und ein Bergsturz erschlug
+sie.&#x2060;<a id="FNanchor_363_363" href="#Footnote_363_363" class="fnanchor">[363]</a></p>
+
+<p>Gissur weihte die feindliche Schlachtordnung dem Untergang mit den
+Worten: Erschreckt ist euer König, dem Tod verfallen euer Herzog,
+hinfällig eure Kriegsfahne, gram ist euch Odin. Lasse so Odin mein
+Geschoss fliegen, wie ich vorhersage.&#x2060;<a id="FNanchor_364_364" href="#Footnote_364_364" class="fnanchor">[364]</a></p>
+
+<p>Dag opferte Odin um Vaterrache; da lieh Odin dem Dag seinen Speer. Im
+Walde traf Dag den Helgi und durchbohrte ihn; Helgi stieg zu Odins
+Sälen auf.&#x2060;<a id="FNanchor_365_365" href="#Footnote_365_365" class="fnanchor">[365]</a></p>
+
+<p>In der Geschichte von Wikar ist das Opfer an Odin durch Zeichnung
+mit dem Speer am deutlichsten.&#x2060;<a id="FNanchor_366_366" href="#Footnote_366_366" class="fnanchor">[366]</a> Wikar und seine Schiffsgefährten
+müssen wegen widrigen Windes einmal lange liegen. Da befragen sie
+das Loosorakel. Es ergibt sich, dass Odin einen Mann aus ihrer Schar
+verlangt. Das Loos trifft den König Wikar selber, wodurch alle
+bestürzt sind. Starkad schlägt vor, das Opfer nur andeutungsweise zu
+vollziehen. Er steigt unter einer Föhre auf einen hohen Block, biegt
+einen schwanken Ast herab und knüpft daran dünne Kalbsdärme. „Nun
+ist dir hier ein Galgen bereitet, König, der nicht lebensgefährlich
+bedünken wird.“ Wikar <span class="pagenum" id="Page_326">[S. 326]</span>steigt auf den Block und legt sich die Schlinge
+um den Hals, Starkad nimmt einen Rohrstab, den ihm sein Pflegvater
+Hrossharsgrani, der verhüllte Odin in der Nacht gegeben, stösst damit
+nach dem König und spricht: Nun geb ich dich dem Odin! Alsbald wird
+der Stab zum Speer, der den König durchbohrt, der Block fällt unter
+seinen Füssen, die Kalbsdärme werden zum starken Weidenstrang, der Ast
+schnellt empor und hebt den sterbenden König ins Gezweig.</p>
+
+<p>Wikar, den Odin auf so grausame Weise als Opfer zu sich nahm, war
+dem Gotte schon vor seiner Geburt verlobt worden. Alfrek, König in
+Hordaland, hatte zwei Frauen. Unter dem Namen Hott (Hut) kam Odin zu
+Geirhild und versprach ihr, König Alfrek werde sie allein zur Ehe
+haben, aber sie müsse in allen Dingen Odin anrufen. Alfrek bestimmte,
+die Frau zu behalten, welche das beste Bier zu brauen vermöge. Sie
+wetteiferten im Brauen, Signy rief Freyja an, Geirhild Odin. Dieser gab
+seinen Speichel statt der Gähre und verlangte als Lohn, was zwischen
+Geirhild und der Kufe sei (das Kind im Mutterleib). Geirhilds Bier
+bestand die Probe. Im selben Halbjahr ward Wikar geboren. König Alfrek
+sagte sein Schicksal voraus, indem er zu Geirhild sprach: Hangen seh
+ich an hohem Galgen dein Kind verkauft an Odin.&#x2060;<a id="FNanchor_367_367" href="#Footnote_367_367" class="fnanchor">[367]</a></p>
+
+<p>Dass ein Kind wie Wikar Odin förmlich verlobt wird, kommt auch sonst
+vor. Eywind Kinnrifa war ein zauberkundiger Opferer, den König Olaf
+der Heilige zu bekehren trachtete. Aber weder freundliche noch harte
+Worte, weder Versprechungen noch Drohungen machten auf Eywind Eindruck.
+Da liess der König ein Becken voll glühender Kohlen auf seinen Leib
+setzen. Da gestand Eywind, er sei eigentlich kein rechter Mensch,
+sondern habe von seinen kinderlosen Eltern nur unter der Bedingung
+erzeugt werden können, dass er zeitlebens dem Thor und Odin diene.
+So sei er diesen vor der Geburt versprochen, nach der Geburt geweiht
+worden und habe diese Weihe später selber erneuert; so mannigfach den
+Göttern hingegeben, könne und wolle er ihnen nicht absagen. Damit starb
+er treu seinem Gelübde.&#x2060;<a id="FNanchor_368_368" href="#Footnote_368_368" class="fnanchor">[368]</a></p>
+
+<p>Siwardus des dänischen Königs Ragnar Lodbrok Sohn wurde in einer
+Schlacht schwer verwundet und in einen naheliegenden Ort gebracht, um
+dort geheilt zu werden. Kein Heilmittel half, <span class="pagenum" id="Page_327">[S. 327]</span>die Ärzte gaben ihn
+auf. Da kam ein alter wunderbar grosser Mann zum Bett des Kranken und
+versprach, er werde alsbald den Siwardus gesund machen, wenn dieser
+ihm das Leben aller der Männer, die er im Kampfe erlege, geben wolle.
+Der Fremde nannte sich Rostarus. Siwardus gelobte, das Verlangen zu
+erfüllen. Da legte der Alte seine Hand auf die Wunde, alsbald schwand
+der Brand daraus und sie vernarbte.&#x2060;<a id="FNanchor_369_369" href="#Footnote_369_369" class="fnanchor">[369]</a></p>
+
+<p>Auch neben der Wal verlangt Odin die meisten Menschenopfer, wie
+folgende Sagen beweisen.</p>
+
+<p>König Aun in Schweden opferte Odin um langes Leben. Odin gewährte ihm
+je 10 Jahre für jeden Sohn, den er ihm opfere. Indem er neun Söhne,
+jeden zehnten Winter einen, opferte, erkaufte der König langes Leben
+und ward schliesslich so alt, dass er wie ein kleines Kind zu Bett
+liegen musste und aus dem Horne trank.&#x2060;<a id="FNanchor_370_370" href="#Footnote_370_370" class="fnanchor">[370]</a> Das Volk opfert sogar
+seinen König bei eingetretener Hungersnot, um Odin günstig zu stimmen.
+Unter Domaldi opferten die Schweden im ersten Herbst Ochsen, dann im
+zweiten einen Menschen, doch ohne Erfolg. Im dritten Jahr wurde Domaldi
+selber getötet und mit seinem Blut der Opferstein bestrichen.&#x2060;<a id="FNanchor_371_371" href="#Footnote_371_371" class="fnanchor">[371]</a>
+Unter Olaf Trételgja entstand wieder Hungersnot, das Volk meinte, weil
+der König kein eifriger Opferer war. Da umringten sie sein Haus und
+verbrannten ihn darin und schenkten ihn dem Odin um gute Jahrzeit.&#x2060;<a id="FNanchor_372_372" href="#Footnote_372_372" class="fnanchor">[372]</a></p>
+
+<p>Der sterbende Krieger spricht die Hoffnung aus, noch am Abend bei Odin
+Gast zu sein, der Sieger hofft, seinen Feind dorthin zu weisen. So
+sagt der todwunde Kari zu König Olaf: Lebt wol, Herr; ich werde bei
+Odin Gast sein.&#x2060;<a id="FNanchor_373_373" href="#Footnote_373_373" class="fnanchor">[373]</a> Vor dem Kampf mit den Berserkern sagt Hjalmar zu
+Odd: Wir beide werden am Abend bei Odin gasten und jene zwölf leben.
+Odd erwidert: Die zwölf Berserker sollen bei Odin gasten und wir beide
+leben.&#x2060;<a id="FNanchor_374_374" href="#Footnote_374_374" class="fnanchor">[374]</a> Von Rognwald, dem Ragnarsohne, der in der Schlacht fiel,
+sagt Aslaug, seine Mutter: Rognwald rötete den Schild im Männerblut.
+Als jüngster meiner Söhne fuhr er zu Odin.&#x2060;<a id="FNanchor_375_375" href="#Footnote_375_375" class="fnanchor">[375]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_328">[S. 328]</span></p>
+
+<p>Helgi Olafsson hatte den Thorgrim Thormodarson im Kampfe getötet.
+Da sang er: Thormods kampfkühnen Erben gab ich dem Odin.&#x2060;<a id="FNanchor_376_376" href="#Footnote_376_376" class="fnanchor">[376]</a> Obwol
+Odin Sieg und Glück verleiht, ruft er doch seine Lieblinge durch
+Waffentod zu sich. Am Ende der Laufbahn wird er ihnen gram, wie es in
+der Halfssage&#x2060;<a id="FNanchor_377_377" href="#Footnote_377_377" class="fnanchor">[377]</a> heisst. Wie Half zu Asmund fährt, bei dem er den
+Untergang findet, sagt Innstein: Dir ist Odin gram geworden, dass du
+auf Asmund fest vertrautest. Der Held grollt dem Gott, obwol dieser
+ihn dadurch nur zu seinen Sälen lud. So spricht derselbe Innstein vor
+seinem Fall: Übles haben wir Odin zu lohnen, der solchen König des
+Siegs beraubte.</p>
+
+<p>Nach dem Grimnirlied 8 und nach Snorri kommen nur die waffentoten
+Männer nach Walhall. Dieser Auffassung würde auch die ursprüngliche
+Bedeutung des Wortes, Halle der Wal, der im Kampfe Gefallenen
+(<i>wal</i> = <i>strages</i>, Haufe Erschlagener) entsprechen.
+Trotzdem weilen in Walhall Helden, die nicht den Schlachtentod starben,
+Sinfjotli, der an Gift zu Grunde ging, Vanlandi, den die Mara zu Tode
+trat, fuhr zu Odin&#x2060;<a id="FNanchor_378_378" href="#Footnote_378_378" class="fnanchor">[378]</a>, Halfdan, der an Krankheit umkam, wird zu Odin
+entboten&#x2060;<a id="FNanchor_379_379" href="#Footnote_379_379" class="fnanchor">[379]</a>, Ragnar, der in der Schlangengrube sein Ende findet,
+hofft auf Walhall.&#x2060;<a id="FNanchor_380_380" href="#Footnote_380_380" class="fnanchor">[380]</a> Vorstellungen von der Hölle, einem allgemeinen
+Seelenheim und von besondern Aufenthaltsörtern der Toten, hier der
+gefallenen Krieger, laufen gleichzeitig neben einander her.&#x2060;<a id="FNanchor_381_381" href="#Footnote_381_381" class="fnanchor">[381]</a></p>
+
+<h6 class="s5" id="Odin_als_Heldenvater"><em class="gesperrt">Odin als
+Heldenvater</em>.</h6>
+
+<p>Reich entwickelt sind die Sagen, die von Odins Wirken unter den
+Menschen erzählen. Nicht immer offenbart er sich im Glanze der
+Göttlichkeit, meistens tritt er in unscheinbarer Gestalt, als
+Wanderer, an seinen Günstling heran. Mit Rat und That hilft er, was
+er gewährt, ist meistens Sieg. Doch ist seine Gunst nicht <span class="pagenum" id="Page_329">[S. 329]</span>beständig,
+am Ende verursacht er selber den blutigen Untergang seines einstigen
+Schützlings, dass dieser also eingehe in Walhalls Wonne. Wenige fügen
+sich dem letzten irdischen Verhängniss mit der erhabenen stillen Grösse
+Sigmunds, der auch darin den Gott verehrt. Dieser treulose Zug an Odin
+gibt Loki den bösen Vorwurf ein:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schweige du, Odin,&#8195; ungerecht teilst du</div>
+ <div class="verse indent8">Unter Kriegern des Kampfes Glück;</div>
+ <div class="verse indent0">Du gabest oft,&#8195;&#8195;&#8195;&#8194;dem du geben nicht solltest,</div>
+ <div class="verse indent8">Dem Schlechteren Sieg in der Schlacht.&#x2060;<a id="FNanchor_382_382" href="#Footnote_382_382" class="fnanchor">[382]</a></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Odin nimmt junge Heldensöhne in eigene Pflege. Er wurde als
+Hrossharsgrani der Pflegevater Starkads, den Odin begünstigte, Thor
+verfluchte. Der Knabe hatte, drei Jahre alt, seinen Vater verloren
+und war Pflegekind König Haralds von Agdir. Durch Heerfahrt brachte
+Hrossharsgrani Starkad in seine Gewalt und erzog ihn auf der
+abgelegenen Insel Fenhring neun Winter lang.&#x2060;<a id="FNanchor_383_383" href="#Footnote_383_383" class="fnanchor">[383]</a> Der achtjährige
+Geirröd und der zehnjährige Agnar, die Söhne Königs Hraudung, ruderten
+in einem Boote auf Fischfang hinaus. Da trieb sie der Wind ins weite
+Meer. In dunkler Nacht scheiterten sie an einer Küste, erreichten das
+Land und fanden einen Kleinbauern, bei welchem sie überwinterten. Die
+Hausfrau nahm sich Agnars an, der Bauer sorgte für Geirröd und belehrte
+ihn mit reicher Weisheit. Der Bauer war Odin, das Weib Frigg, die sich
+auf solche Weise Pfleglinge erkoren.&#x2060;<a id="FNanchor_384_384" href="#Footnote_384_384" class="fnanchor">[384]</a></p>
+
+<p>Über dem Wolsungenstamm waltet Odin von Anfang an. Von Sigi ward
+gesagt, er sei ein Sohn Odins. Als Sigi wegen Todschlags friedlos
+wurde, geleitete ihn Odin aus dem Lande und verschaffte ihm
+Heerschiffe. Sigi hatte immer Sieg und eroberte sich ein Reich. Sein
+Sohn Rerir hatte lange keine Kinder. Da flehte er zu Odin und der
+sandte durch sein Wunschmädchen Hljod der Frau des Rerir einen Apfel,
+nach dessen Genuss sie den Wolsung gebar, der ein gewaltiger Krieger
+wurde und allezeit Siegesglück hatte. Der nahm auch das Wunschmädchen
+Hljod zur Frau, und von ihm stammte Sigmund, von diesem Sinfjotli und
+Sigurd. Aus Not und Bedrängniss ringt sich unter des Siegesgottes
+<span class="pagenum" id="Page_330">[S. 330]</span>stetiger
+ Leitung der Wolsungenstamm zu gewaltigem Heldentum empor.&#x2060;<a id="FNanchor_385_385" href="#Footnote_385_385" class="fnanchor">[385]</a></p>
+
+<p>König Wolsung vermählte seine Tochter Signy dem Siggeir. Abends,
+als die Männer den Feuern entlang in der Halle sassen, die um einen
+Baumstamm gezimmert war, trat ein unbekannter Mann herein. Der Mann
+war gross, alt und einäugig. Auf dem Kopf hatte er einen breiten Hut,
+er war in einen fleckigen Mantel gehüllt, trug leinene Hosen und war
+barfuss. In der Hand hielt er ein Schwert, das stiess er bis ans Heft
+in den Stamm hinein. Dem sollte es gehören, der es herauszuziehen
+vermöchte. Dann schritt er aus der Halle und verschwand. Die Männer
+versuchten sich alle am Schwert, umsonst. Doch Sigmund, Wolsungs Sohn,
+zog es mühelos heraus. Er führte das Götterschwert seitdem in seinen
+Kämpfen. Als der gealterte Held gegen Lyngwi, Hundings Sohn, focht,
+da kam ein einäugiger Mann mit breitem Hut und blauem Mantel ihm
+entgegen. Er schwang den Speer gegen Sigmund, das Schwert zersprang
+in zwei Stücke. Da war Sigmunds Glück gewendet und er fiel.&#x2060;<a id="FNanchor_386_386" href="#Footnote_386_386" class="fnanchor">[386]</a> Als
+Hjordis auf die Walstatt geht, um den schwerwunden Sigmund zu heilen,
+da lässt er es nicht zu. „Odin will nicht, dass ich fürder das Schwert
+schwinge, da es nun in Stücke brach. Ich habe gekämpft, solang es ihm
+gefiel. Wahre die Schwertstücke unsrem Sohn. Daraus wird ein Schwert
+geschmiedet werden, mit dem er Heldenthaten vollbringt. Ich aber will
+nun meine vorausgegangenen Blutsfreunde aufsuchen.“ Odin begabt seinen
+erkorenen Helden mit dem trefflichen Siegschwert, aber er nimmt selber
+das Glück am Ende seiner Tage von ihm. Sigmund erkennt das Walten des
+Gottes, der durch den Waffentod ihn zu sich ladet, nach Walhall, wo
+seine tapfern Ahnen weilen und seiner harren.&#x2060;<a id="FNanchor_387_387" href="#Footnote_387_387" class="fnanchor">[387]</a></p>
+
+<p>Der Dänenkönig Harald Hildetand war von Odin begünstigt, dass kein
+Eisen ihn verletzen konnte. Dafür hatte er die Seelen aller von ihm
+Erschlagenen Odin verheissen. Vor einem Krieg gegen die Schweden
+erschien ihm ein grosser einäugiger Greis mit haarigem Mantel. Der
+nannte sich Odin, behauptete sehr kriegskundig zu sein, und lehrte
+ihn die keilförmige Schlachtordnung sowie auch die Anordnung eines
+Seetreffens. Mittelst <span class="pagenum" id="Page_331">[S. 331]</span>dieser Belehrungen trug Harald den Sieg davon.
+Haralds Neffe, König von Schweden, war Ring. Bruni war Haralds
+Vertrauter und trug alle geheimen Botschaften zwischen den Königen
+hin und her. Einst wurde er auf einer Botschaftsreise vom Strom
+verschlungen. Da nahm Odin Brunis Namen und Gestalt an und wusste durch
+trügerische Ausrichtungen die Bande der Freundschaft und Verwandtschaft
+zwischen den beiden zu lösen. Sie kündigten sich schliesslich Krieg
+an und rüsteten sieben Jahre zur Entscheidungsschlacht auf dem
+Brawallafeld in Schweden. Der altersblinde König Harald stand auf
+einem Wagen und erhob seine Stimme, so laut er konnte, seine Schaaren
+anzufeuern. An seiner Statt hatte Bruni die Schlachtreihen in Keilform
+geordnet. Nun begann die ungeheure Schlacht, an der viele gewaltige
+Kämpen und Schildjungfrauen teil nahmen. Das Glück wandte sich gegen
+die Dänen. Der blinde Harald entnahm es aus dem traurigen Gemurmel der
+Seinigen. Er hiess Bruni, seinen Wagenlenker, beobachten, wie Ring
+sein Heer geordnet habe. Lachend erwiderte Bruni, der Feind kämpfe
+in Keilordnung. Bestürzt und erstaunt hierüber fragte der König, von
+wem Ring diese Weise der Heerschaarung erlernt habe, da doch Odin der
+Erfinder und Meister derselben sei und von ihm niemand, als Harald
+selbst, in dieser neuen Kriegskunst unterrichtet worden. Als Bruni
+hierauf schwieg, gemahnte es den König, derselbe sei Odin, und der ihm
+einst befreundete Gott habe, um ihm jetzt zu helfen oder die Hülfe zu
+entziehen, solche Gestalt angenommen. Da begann er ihn anzuflehen,
+dass er den Dänen, welchen er sonst gnädig sich erzeigt, auch diesmal
+den Sieg verleihen möge; auch versprach er, die Seelen der Gefallenen
+dem Gotte zu weihen. Bruni aber, unbewegt durch diese Bitten, warf
+plötzlich den König aus dem Wagen, stiess ihn zu Boden, entriss dem
+Fallenden die Keule und zerschmetterte ihm damit das Haupt. Da liess
+Ring die Schlacht aufhören. Dem gefallenen Harald veranstaltete er eine
+königliche Leichenfeier.&#x2060;<a id="FNanchor_388_388" href="#Footnote_388_388" class="fnanchor">[388]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_332">[S. 332]</span></p>
+
+<p>In dieser Sage nimmt Odin wie bei Sigmund seinem Liebling am Ende Leben
+und Sieg. Um durch die gefallenen Helden die Schaar seiner Einherjer
+zu mehren, stiftete er selbst unter Verwandten Streit. Wem Odin Gunst
+gewährt, den holt er sich selber zum Opfer.</p>
+
+<p>Beim Heer der Hunnen, das gegen König Frotho von Dänemark heranzieht,
+befindet sich <i>Uggerus</i> (an. <i>Yggr</i>) <i>vates vir aetatis et
+supra humanum terminum prolixus</i>, also deutlich der verkappte Odin.
+Als das Heer der Hunnen in Hungersnot gerät, verlässt es Uggerus und
+geht zu Frotho über, dem er die Pläne und Anschläge des Hunnenkönigs
+verrät. Wie in den andern Sagen zeigt sich Odin auch hier unbeständig,
+indem er seinen Günstling plötzlich aufgibt.&#x2060;<a id="FNanchor_389_389" href="#Footnote_389_389" class="fnanchor">[389]</a></p>
+
+<p>Nach nordischer Sage hat Sigurd Vaterrache an den Söhnen Hundings
+zu vollbringen. Mit einer Flotte machte er sich auf. Ein gewaltiger
+Sturm überfiel sie gerade in der Nähe eines Vorgebirges. Auf dem Berge
+stand ein Mann, der sie anrief und Aufnahme forderte. Sie segelten
+ans Land, da ging der Mann an Bord und das Unwetter legte sich. Der
+Mann nannte sich Hnikar. Er wies Sigurd alle Vorzeichen, die für den
+Ausgang eines Kampfes Gutes verkünden, den Angang von Raben und Wölfen,
+von Recken. Den Sieg erringt, wer die Krieger keilförmig zu ordnen
+versteht. Hnikar war Odin, der seinem Lieblingshelden erschien und
+ihm den glücklichen Ausgang seines Unternehmens vorhersagte.&#x2060;<a id="FNanchor_390_390" href="#Footnote_390_390" class="fnanchor">[390]</a> Die
+keilförmige Schlachtordnung lehrte Odin seine besondern Günstlinge.
+Die Volsungasaga weiss noch von mehr Erscheinungen Odins zu erzählen.
+Als alter Mann mit grossem Barte trat er zu Sigurd, als er sich ein
+Ross auswählte, und wies ihm Grani, der von Sleipnir stammte. Beim
+Kampfe mit Fafnir nahte er wieder und sagte, wie er den Wurm angreifen
+sollte.&#x2060;<a id="FNanchor_391_391" href="#Footnote_391_391" class="fnanchor">[391]</a></p>
+
+<p>Als Hadding einem Gegner mit Namen Thuning, der ihn mit einer
+Hilfsschaar von Biarmiern bekriegen wollte, entgegenzog und mit seiner
+Flotte an Norwegen vorbeifuhr, sah er am Ufer einen Greis, der eifrig
+mit dem Gewand winkte, dass man an der Küste <span class="pagenum" id="Page_333">[S. 333]</span>anfahren sollte. Hadding
+nahm ihn an Bord, obwol seine Gefährten nicht wollten, dass man sich
+damit verweile. Er empfing nun von diesem Fremdling die Anweisung zu
+einer neuen keilförmigen Schlachtordnung. Im Kampfe selbst stellte der
+Greis sich hinter die Reihen, zog aus der Tasche, die ihm vom Nacken
+hing, einen Bogen, der anfangs klein erschien, bald aber sich weiter
+ausdehnte, und legte an die Sehne zehn Pfeile zugleich, die, mit
+kräftigem Schuss auf die Feinde geschnellt, ebensoviel Wunden bohrten.
+Die Biarmier führten durch Zauberlieder ungeheure Regengüsse herbei,
+aber der Greis vertrieb durch Sturmgewölk den Regen. Hadding siegte
+und der Alte schied, indem er ihn ermahnte, glänzende Kriegszüge den
+ruhmlosen, ferne den nahen vorzuziehen, und ihm den Tod nicht durch
+Feindesgewalt, sondern durch eigene Hand weissagte.</p>
+
+<p>Als König Frotho in Kriegen den Schatz seines Vaters aufgezehrt hatte
+und nicht wusste, wie er sein Kriegsvolk weiter erhalten sollte, da
+wurde er von einem herzutretenden Manne ermutigt, einen goldhütenden
+Wurm zu erlegen. Der Mann wies ihm die Mittel dazu. Er soll seinen
+Schild und seinen Leib zum Schutze gegen des Drachen Gift mit
+Stierhäuten bedecken. Die Schuppenhaut des Drachen trotze zwar jeder
+Waffe, aber am Bauch sei eine Stelle, wo das Schwert eindringen könne.
+Frotho fuhr auf die Insel, wo der Wurm hauste, griff ihn an, als er
+von der Tränke nach der Höhle zurückkehrte, und erlegte ihn auf die
+angegebene Weise.&#x2060;<a id="FNanchor_392_392" href="#Footnote_392_392" class="fnanchor">[392]</a> Ähnlich berät Odin Sigurd vor dem Kampf mit
+Fafnir.&#x2060;<a id="FNanchor_393_393" href="#Footnote_393_393" class="fnanchor">[393]</a></p>
+
+<p>Odins plötzliches Eingreifen rettet seine Freunde vor dem Untergang. So
+erzählt Saxo&#x2060;<a id="FNanchor_394_394" href="#Footnote_394_394" class="fnanchor">[394]</a> von den „Hellespontischen“ Brüdern, welche den Tod
+ihrer Schwester Swavilda an Jarmericus rächen. Der Rat der Zaubrerin
+Gudrun schlug des Königs Krieger mit Blindheit, dass sie die Waffen
+gegen einander erhuben und die Hellespontier mühelos sie erschlugen.
+Während des Getümmels kam plötzlich Odin unter die Kämpfenden und gab
+den Dänen ihr Gesicht wieder. Die hiebfesten Hellespontier hiess er
+durch Steinwürfe töten. Die Wolsungensage&#x2060;<a id="FNanchor_395_395" href="#Footnote_395_395" class="fnanchor">[395]</a> erzählt: Auf Hamdir und
+Sorli biss im Kampf kein Eisen. Da kam ein hoher, alter, <span class="pagenum" id="Page_334">[S. 334]</span>einäugiger
+Mann und riet, man solle sie mit Steinen zu Tode werfen. Wie Odin
+seine Feinde mit Blindheit schlägt und verwirrt, so nimmt er solche
+Verwirrung von seinen Freunden, vernichtet den gegen sie geübten
+schädlichen Zauber und greift mit gutem Rate ein.</p>
+
+<p>Als der dänische König Hrolf mit grösserem Gefolge auf der Kriegsfahrt
+nach Uppsala sich befindet, kommen sie zum Gehöft eines Bauern namens
+Hrani, der ihnen Nachtherberge anbietet. Auf Hrolfs Zweifel, ob er sie
+alle aufnehmen könne, entgegnet Hrani lachend: Nicht weniger Männer
+hab ich manchmal kommen sehen, da wo ich gewesen bin. Hrani prüft die
+Ausdauer der Gefährten Hrolfs durch Kälte, Durst und Feuer und rät dem
+König, alle, die nicht geduldig ausdauern, zurückzuschicken, so dass
+schliesslich Hrolf nur mit seinen zwölf Recken nach Schweden reitet.
+Auf der Rückkehr sprechen sie wieder bei Hrani vor. Der Bauer bietet
+dem König Waffen, Schild, Schwert und Brünne zum Geschenk. Hrolf will
+nichts annehmen, worüber Hrani sich erzürnt. Nicht bist du so weise,
+wie du dir däuchst, sagt Hrani. Hrolf und seine Helden reiten weiter,
+obwol die Nacht finster ist. Noch sind sie nicht weit gekommen, da sagt
+Bodwar: Zu spät besinnen sich Unkluge. So geht es mir jetzt; es ahnt
+mir, dass wir nicht weislich gehandelt haben, indem wir uns selbst den
+Sieg versagten. König Hrolf erwidert: Dasselbe ahnt mir; dieser Mann
+mag Odin gewesen sein, und in Wahrheit er war einäugig. Sie kehren
+um, aber Bauer und Hof sind verschwunden. So erzieht und kräftigt der
+kampfwerbende Gott die Helden und verleiht kühnen Rat. Aber wie Hrolf
+sein Waffengeschenk ausschlägt, entzieht er ihnen den Sieg und in der
+letzten Schlacht kämpft er selber im Heere der Feinde. Bodwar bemerkt,
+dass allerlei Gespenster gegen Hrolf und seine Helden kämpfen. „Aber
+Odin kann ich nicht erblicken, und doch zweifle ich nicht, dass er hier
+unter uns schwebt, der treulose Sohn Herjans!“ Auch nach Saxos Bericht
+ist Odin unter den Feinden. Bjarco erblickt ihn, als er durch die
+Armbeuge seiner Gattin Ruta schaut.&#x2060;<a id="FNanchor_396_396" href="#Footnote_396_396" class="fnanchor">[396]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_335">[S. 335]</span></p>
+
+<p>Dem Berserker Framar hatte Odin beständigen Sieg und Unverwundbarkeit
+verliehen. Aber im Zweikampf mit Ketil Hæng biss dessen Schwert auf
+Framar ein. Sterbend sagte er: Baldrs Vater trog; auf ihn zu trauen ist
+kein Verlass. Also auch in dieser späten Sage kehrt der alte Vorwurf
+von Odins Unbeständigkeit wieder.&#x2060;<a id="FNanchor_397_397" href="#Footnote_397_397" class="fnanchor">[397]</a></p>
+
+<p>Hord wollte den Grabhügel des Kämpen Soti erbrechen, um seine Schätze
+zu gewinnen. Er fuhr in einen dichten Wald, in dem der Hügel lag. Auf
+einer Lichtung erhub sich ein grosses, schönes Haus, davor stand ein
+Mann in blauem Mantel, welcher Hord begrüsste. Er nannte sich Bjorn
+und sagte: Ich war deinen Blutsfreunden hold, das sollst du von mir
+geniessen. Ich weiss, dass du Sotis Grab erbrechen willst. Wenn es euch
+nicht gelingt, dann komm zu mir. Hord ritt nun weiter zu Hroar und sie
+versuchten, den Hügel zu öffnen. Doch soviel sie gruben, am nächsten
+Morgen war der Hügel wieder ganz. Da ritt Hord zu Bjorn zurück. Der gab
+ihm ein Schwert, das solle er in die Hügelwand stossen. So glückte es
+auch. Nach vollbrachter That konnten sie Bjorn nimmer finden und die
+Leute glaubten fest, es sei Odin gewesen.&#x2060;<a id="FNanchor_398_398" href="#Footnote_398_398" class="fnanchor">[398]</a></p>
+
+<p>Sinfjotli war an Gift, das ihm seine Stiefmutter Borghild zu trinken
+gab, gestorben. Sigmund trug ihn eine weite Strecke in seinen Armen und
+kam zu einem schmalen und langen Meerbusen; am Ufer lag ein kleines
+Schiff und darin war ein Mann. Der erbot sich, den Sigmund über den
+Meerbusen zu fahren. Als aber Sigmund die Leiche ins Bot getragen
+hatte, war kein Platz mehr darin. Da sagte der Mann, Sigmund möge
+zu Fuss um den Meerbusen herumgehen. Darauf stiess der Mann mit dem
+Boote ab und war sogleich verschwunden. Hier ist angespielt auf den
+Volksglauben, dass die Seelen auf einem Schiff ins Gebiet der Unterwelt
+fahren, auf die nordische Sitte, die Gestorbenen auf <span class="pagenum" id="Page_336">[S. 336]</span>einem Schiffe
+den Wogen zu überlassen. Der Ferge wird aber Odin selber sein, der ja
+auch als Harbard in solcher Eigenschaft erscheint. Er nimmt so den
+Sinfjotli, der nach Walhall eingeht, selber in Empfang.&#x2060;<a id="FNanchor_399_399" href="#Footnote_399_399" class="fnanchor">[399]</a></p>
+
+<h6 class="s5" id="Odin_gewaehrt_Fahrwind_und_Reichtuemer">
+<em class="gesperrt">Odin gewährt Fahrwind und Reichtümer</em>.</h6>
+
+<p>Die alte Natur des Windgottes bricht bei Odin noch durch, wenn er um
+gute Schifffahrt angerufen wird. Hallfred thut ein Gelübde an Odin
+und Thor, wenn er Fahrwind aus Norwegen nach Island erhält.&#x2060;<a id="FNanchor_400_400" href="#Footnote_400_400" class="fnanchor">[400]</a>
+Im Hyndlalied 3 heisst es, Odin gibt dem Seemann Fahrwind. In den
+Hǫ́vamǫ́l 153 sagt Odin:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Einen neunten [Zauber] kenn ich,&#8195; wenn Not mir dräut,</div>
+ <div class="verse indent10">Im Meere zu schirmen mein Schiff:</div>
+ <div class="verse indent0">Den Wind beschwör ich&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;auf wogender Flut</div>
+ <div class="verse indent10">Und singe in Schlummer die See.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Als Hnikar zu Sigurd an Bord kommt, legt sich alsbald das Unwetter.
+Sonst tritt aber diese Seite Odins in den nordischen Gedichten nicht
+weiter hervor.</p>
+
+<p>Dass Odin Reichtümer spendet, erwähnt das Hyndlalied 3. Auch die
+Ynglingasaga K. 7 sagt, Odin habe um alle verborgenen Erdschätze
+gewusst und sie zu bannen verstanden. Nach späterer schwedischer
+Volkssage, die aber verdächtig scheint und vielleicht auf gelehrtem
+Wege Odin für den Teufel einsetzte, konnte man am Donnerstag Abend auf
+dem Kreuzweg sich in Odins Gewalt geben und empfing dann Geld von ihm.
+Auch wurde Odin zu Gast geladen. Er fuhr in einem grossen von Rappen
+gezogenen Wagen vor, nahm die zugerichtete Mahlzeit ein und liess dafür
+Geld zurück.&#x2060;<a id="FNanchor_401_401" href="#Footnote_401_401" class="fnanchor">[401]</a> Aus alter Zeit liegen keine Sagen vor, welche Odin
+als den Spender von Reichtümern zeigen.</p>
+
+<h6 class="s5" id="Odins_Liebesabenteuer">
+<em class="gesperrt">Odins Liebesabenteuer</em>.</h6>
+
+<p>Odin hat mehrfach Liebesabenteuer erlebt, wie schon die Geschichte
+von Rind zeigte. Im Harbardslied rühmt er sich, wie er <span class="pagenum" id="Page_337">[S. 337]</span>auf allgrüner
+Insel Krieger erschlug und Mädchen nachging, die ihm Wonne und Lust
+gewährten, wie er mit feiner Kunst Zauberweiber, Nachtreiterinnen
+verführte.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Ich war ferne im Osten,&#8195;&#8195;&#8195;&#8195; &#8195;&#8195; mit einem Fräulein schwatzt ich,</div>
+ <div class="verse indent0">Spielte mit der Linnenweissen,&#8195;&#8195;&#8195;&#8194; &#8239;verlockte sie zu heimlichem Umgang;</div>
+ <div class="verse indent0">Froh machte ich die Goldgeschmückte,&#8194; und sie gönnte mir Liebesgenuss.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Auch Riesinnen bezwingt er, Grid oder Hlodyn, die Mutter des Widar.
+Erscheint doch die Erdgöttin, des höchsten Gottes Gemahlin auch als
+Riesenweib. In den Hǫ́vomǫ́l&#x2060;<a id="FNanchor_402_402" href="#Footnote_402_402" class="fnanchor">[402]</a> weiss Odin von seinen Liebschaften
+zu sagen. Der Weiber Wort traue der Mann nicht, auf rollendem Rad ward
+ihr Herz geschaffen, darum wohnt Wankelmut drin. Im Rohre sass Odin
+und harrte seiner Liebsten, Billings sonnenschöner Tochter (Rindr?),
+aber umsonst. Da geht er zu ihrem Hause und findet sie im Bette. Sie
+bestellt ihn auf den Abend, damit niemand etwas merke. Er kommt wieder
+voll Hoffnung, aber wehrhafte Krieger wachen, Lichter und Fackeln
+verscheuchen ihn. Noch einmal naht er gegen Morgen. Da liegt eine
+Hündin an der Holden Stelle im Bett fest gebunden.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Manch prächtige Maid,&#8194; prüfst du sie näher,</div>
+ <div class="verse indent6">Zeigt den Werbenden Wankelmut;</div>
+ <div class="verse indent0">Erfahren hab ich’s,&#8195;&#8195;&#8195;als verführen ich wollte</div>
+ <div class="verse indent6">Die listige Jungfrau zur Lust;</div>
+ <div class="verse indent0">Kränkenden Lohn&#8195;&#8195;&#8195; &#8239;that die Kluge mir an,</div>
+ <div class="verse indent6">Und nichts genoss ich von ihr.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Macht kluger und weiser Rede zeigt Odin an der Gunnlodgeschichte,
+wie er den herrlichen Trank Odrerir gewann. Er suchte den Riesen
+Suttung auf, verkappt als Bǫlverk (Unheilwirker), und gewann ihn durch
+wolgesetzte Rede. Auf goldenem Stuhl gab ihm Gunnlod, des Riesen
+Tochter und Odrerirs Hüterin, den Trank des herrlichen Metes. Aber
+üblen Lohn erntete sie für ihre Güte. Bahn schaffen liess Odin des
+Bohrers Mund und das Gestein durchdringen. Rings um ihn ragten der
+Riesen Pfade (d.&#8239;h. als Schlange schlüpfte er durchs Gestein, das
+durchbohrt <span class="pagenum" id="Page_338">[S. 338]</span>war), so wagte er Leben und Leib. So stieg Odrerir hinauf
+aus der Berge Tiefe nach Walhall. Tags darauf kamen die Riesen gen
+Asgard und forschten nach Bolwerk. Einen Meineid schwur Odin; um den
+Met trog er Suttung und versenkte Gunnlod in Gram. Der Bericht der Edda
+weicht mehrfach ab. Bolwerk, der zuerst beim Riesen Baugi, Suttungs
+Bruder, sich als Knecht verdingt hatte, verlangt als Lohn einen Trunk
+Metes. Baugi bohrte durch den Berg, Odin schlüpfte als Schlange hinein,
+drei Nächte ruhte er bei Gunnlod; da erlaubte sie ihm drei Trünke
+vom Met, zu dessen Hut sie gesetzt war. Odin leerte damit den Kessel
+Odrerir und die Becher Son und Bodn, worin der Met aufbewahrt wurde.
+Dann entflog er in Adlergestalt, verfolgt von Suttung, der ebenfalls
+als Ar ihm nacheilte. In Asgard spie Odin den Met in Gefässe, dass
+er so aufbewahrt werde. Einiges hatte er aber nach hinten entsandt,
+wie Suttung ihm zu nahe gekommen war. Das ist der Dichterlinge Teil.
+Suttungs Met aber gab Odin den Asen und den Menschen, welche dichten
+können. Hier also handelt Odin trugvoll an einem liebenden Weib,
+während Billings Maid ihn gefoppt hatte.</p>
+
+<p>In den Liebschaften Odins tieferen mythischen Sinn zu erblicken, ist
+nicht gerechtfertigt. Sie zeigen nur den genussfrohen, lebensheitern
+Edeling, den Krieger und Dichter, der keine Gelegenheit vorbei lässt,
+sich Liebesfreuden zu verschaffen, den höfischen Weltmann, der sich auf
+Frauenherzen versteht. Äusseren Anlass, Odin mit Riesinnen in Verkehr
+zu bringen, gab vielleicht die Vielnamigkeit der Erdgöttin. Wenn Freyja
+Odins Buhle heisst, wenn Freyja dem verlorenen Odr nachzieht, darf an
+Wode erinnert werden, der Frauen jagt. Aber keine bedeutungsvolle Sage
+erwuchs im Norden aus dieser Vorstellung.</p>
+
+<h6 class="s5" id="Odin_der_Gott_der_Weisheit"><em class="gesperrt">Odin, der
+Gott der Weisheit</em>.</h6>
+
+<p>Odin erschien bisher als der Erwecker und Förderer des Heldentums.
+In den folgenden Sagen tritt Odins geistiges Wesen hervor, das er
+immer wieder aufs neue offenbart. Die sogenannte Edda enthält ein
+umfangreiches Lehrgedicht, die Sprüche Hars, des Hohen genannt.&#x2060;<a id="FNanchor_403_403" href="#Footnote_403_403" class="fnanchor">[403]</a>
+Im ersten Teil tritt ein Wanderer ein und fordert Gastrecht, zum Dank
+eröffnet er den reichen <span class="pagenum" id="Page_339">[S. 339]</span>Schatz seiner Lebensweisheit, Betrachtungen
+über das Verhalten in den verschiedensten Lagen des Alltagslebens;
+im zweiten Teil zeigt der Sprecher den Nutzen kluger, wenn auch
+falscher Rede an einem Liebeserlebniss; im dritten Teil berichtet er,
+wie er durch listige Worte in den Besitz des kostbaren Dichtermetes
+gelangte; im vierten Teil folgen einige praktische Ratschläge; im
+fünften Teil wird der Ursprung von Odins Runenweisheit erzählt, im
+sechsten werden die kräftigen Zaubersprüche, deren er sich rühmt,
+genannt. Um 900 entstanden die Lieder in Norwegen. Sie enthalten die
+Gesamtheit des gehrenswerten Wissens, das Odin besitzt und lehrt. Odin
+also ist der Urquell aller menschlichen Weisheit. Dreierlei Weisheit
+wird hervorgehoben, allgemeine Lebensklugheit, dichterische Begabung,
+Zauberei. Darin ist Odin Meister. Zur Dichterweisheit gehört nach der
+Auffassung der Skalden nicht bloss das Vermögen kunstvoll gesetzter
+Rede, worin ja Odin so erfahren ist, dass er nach der Ynglingasaga
+überhaupt nur im Versmaasse zu sprechen pflegte, sondern ausgedehnte
+Kenntniss der Götter- und Heldensage, mythologische Wissenschaft, und
+darin muss Odin natürlich als Gott alle Menschen weit übertreffen.
+Was die Hǫ́vamǫ́l im allgemeinen Odin zuteilen, zeigen in besonderen
+Fällen viele Sagen, in denen der Gott fast immer verhüllt als Wanderer
+erscheint.</p>
+
+<p>Odin ist Vater des Zaubers.&#x2060;<a id="FNanchor_404_404" href="#Footnote_404_404" class="fnanchor">[404]</a> Seinen Beschwörungen und Liedern wird
+umfassende Wirkung beigemessen. Er ist eines Zaubers, „Hilfe“ genannt,
+mächtig, der in allen Anliegen, Kümmernissen und Schmerzen zu helfen
+vermag. Im besondern weiss er Lieder, ärztlich zu heilen, Feindeswaffen
+stumpf zu machen, Fesseln zu sprengen, Geschoss im Fluge zu hemmen,
+dem Runenzauber des Feindes zu begegnen, Flamme zu löschen, Hass
+unter Männern zu versöhnen, Wind und Woge zu sänftigen, Hexen auf dem
+Luftritt zu verwirren, Krieger frisch und heil zur und aus der Schlacht
+zu führen, Gehängte zum Leben oder Reden zu erwecken, Krieger gegen
+Waffen fest zu machen, Frauenliebe zu gewinnen. Liebeszauber übte Odin,
+um die widerspenstige Rind gefügig zu machen.&#x2060;<a id="FNanchor_405_405" href="#Footnote_405_405" class="fnanchor">[405]</a> Im Lied von Baldrs
+Träumen übt Odin Totenzauber. Schlimme <span class="pagenum" id="Page_340">[S. 340]</span>Träume plagten Baldr. Da ritt
+Odin auf Kundschaft ins Reich der Hölle. Am östlichen Eingang wusste er
+einer Wolwa Grab. Er sang den Leichenzauber, der sie hervorzwang, dass
+sie, die Tote, Rede stand. Vom Schnee beschneit, vom Regen beschlagen,
+vom Thau beträufelt tauchte sie aus der Tiefe empor. Wegtam, Wanderer,
+nannte sich Odin. Auf sein Fragen erfuhr er, dass Hel zu Baldrs
+Empfang gerüstet sei. Das Gedicht schliesst damit, dass die Wolwa Odin
+erkennt und ihn auffordert, heim zu reiten. Kein andrer wird sie mehr
+besuchen vor dem Weltende. Schön ist der Glaube an Odins forschende
+Wanderungsfahrt in die Vorstellung vom bangen Sorgen der Götter vor
+drohendem Untergang hineinverwoben.</p>
+
+<p>Rune bedeutet zunächst Raunen, Geflüster, heimliche Rede, dann
+Geheimniss jeder Art, in Lehre, Zauberei, Lied, Sinnbild, Buchstaben.
+Insbesondere ist bei den Skalden Kunstgeheimniss der Dichtersprache
+mit Rune gemeint, d.&#8239;h. die bildliche Umschreibung, welche einfache
+Begriffe in Geheimnissen, die nur der Eingeweihte errät, verbirgt. Um
+solche Umschreibungen zu bilden, bedarf es eingehender mythologischer
+und sagengeschichtlicher Kenntnisse. Solche Sinnrunen (<i>hugrúnar</i>)
+hat Odin selber erdacht&#x2060;<a id="FNanchor_406_406" href="#Footnote_406_406" class="fnanchor">[406]</a>, wie überhaupt alle Runenweisheit von ihm
+ausgeht. Tiefsinnige Heimlichkeiten zu ergründen und auszulegen, aber
+auch klugsinnig solche Rätsel zu schaffen und aufzugeben, ist Beruf des
+Dichters. In höchster Vollkommenheit wohnt solche Fähigkeit Odin inne,
+worüber mancherlei Sagen umliefen.</p>
+
+<p>Im Grimnirliede&#x2060;<a id="FNanchor_407_407" href="#Footnote_407_407" class="fnanchor">[407]</a> begibt sich Odin in einen Mantel gehüllt unter
+dem Namen Grimnir zu König Geirröd, um seine Gastfreundschaft zu
+versuchen. Aber der König liess den unbekannten Fremdling, der nähere
+Auskunft verweigerte, foltern und zwischen zwei Feuer setzen, um ihn
+zum Reden zu bringen. So sass er acht Nächte, ohne dass jemand um ihn
+sich kümmerte. Nur Agnar, Geirröds zehnjähriger Sohn, trat mit einem
+Trinkhorn zu <span class="pagenum" id="Page_341">[S. 341]</span>Grimnir, ihn zu laben. Schon war ihm die Lohe so nahe
+gekommen, dass der Mantel zu brennen anfing. Zum Danke hebt Grimnir
+an, die Herrlichkeit Odins und Walhalls zu verkünden. Er zählt alle
+Namen Odins auf, unter denen er sich den Menschen offenbarte. Zuletzt
+spricht er zu Geirröd und versagt ihm, seinem einstigen Günstling,
+Odins Hilfe und Huld. „Dein Ende sehe ich, Yggr wird besitzen den vom
+Schwert getroffenen Toten. Jetzt kannst du Odin schauen!“ Da sprang
+Geirröd auf, um Odin vom Feuer wegzuführen. Da glitt sein Schwert aus
+der Scheide, er strauchelte und fiel sich darin zu Tode.</p>
+
+<p>Als Gangrad, Wanderer, kehrte Odin beim Riesen Wafthrudnir ein, um ihn
+auszuforschen, ob der weiseste Riese dem Wissen des Gottes gewachsen
+sei.&#x2060;<a id="FNanchor_408_408" href="#Footnote_408_408" class="fnanchor">[408]</a> Wafthrudnir richtete zunächst einige Fragen an den Wanderer,
+der bescheiden auf dem Estrich harrte. Als er sein Wissen bewährte,
+lud er ihn in den Saal zur Bank; dort sollten sie zusammen reden und
+das Haupt zum Pfande der Wissenswette setzen. Nun hub der Wanderer zu
+fragen an. Auf alle Fragen, welche den elementaren Weltursprung und
+die Zeit des Untergangs und der Neugeburt betreffen, that der weise
+Riese Bescheid. Wie aber der Wanderer forschte, was Odin dem toten
+Baldr ins Ohr raunte, bevor man ihn auf den Holzstoss hob, da erkannte
+Wafthrudnir, wer ihm gegenübersass, dass er mit todgeweihtem Munde
+sprach.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Mit Odin wagt ichs,&#8195; mich an Einsicht zu messen;</div>
+ <div class="verse indent8">Das weiseste Wesen bleibst du.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Seine geistige Überlegenheit über des Riesen Weisheit bethätigt Odin
+darin, dass er das Wettgespräch so klug wendet, dass es zu seinen
+Gunsten ausgehen muss.</p>
+
+<p>Besondere Beachtung verdienen die Sagen, in welchen Odin unter dem
+Namen Gest die Hallen der Könige besucht und den ihm innewohnenden
+Sagenhort offenbart.&#x2060;<a id="FNanchor_409_409" href="#Footnote_409_409" class="fnanchor">[409]</a> König Heidrek hatte <span class="pagenum" id="Page_342">[S. 342]</span>gelobt, alle, die sich
+wider ihn vergingen, zu begnadigen, wenn sie ihm ein Rätsel vorlegen
+könnten, das er nicht zu erraten wisse. Nun beging Gest der Blinde,
+ein reicher und mächtiger Mann, einen Frevel gegen den König, indem er
+ihm die Schatzung vorenthielt. Als Heidrek ihn vorlud, opferte Gest
+dem Odin, dass er ihm aus der Bedrängniss helfe. Da nahm Odin Gests
+Gestalt an und trat vor den König. Er legte ihm viele Rätsel vor, die
+Heidrek alle löste. Endlich fragte Gest, was Odin Baldr ins Ohr raunte,
+ehe er auf den Holzstoss gehoben wurde. Da erkannte Heidrek den Frager
+und hieb mit dem Schwert nach ihm. Odin aber schwang sich als Falke
+davon. Ebenso spricht Odin bei den bekehrungseifrigen christlichen
+Norwegkönigen vor. So verschiedenartig die Berichte im einzelnen auch
+sind, die Grundlage bleibt überall dieselbe. Als Olaf Tryggvason einst
+zur Osterzeit beim Gastgebot auf Ogvaldsnes sich befand, kam dahin
+eines Abends ein alter, einäugiger Mann mit herabhängendem Hute; dieser
+Mann wusste von allen Ländern zu sagen und gab Bescheid auf alle Fragen
+des Königs, der an seinen Reden grosses Ergötzen fand und lang in den
+Abend sitzen blieb. Er erzählte von König Ogvald, der in der Nähe im
+Hügel bestattet liege. Noch vieles andre sagte er von Königen und
+alten Kunden. Als der König schon im Bette lag, musste der Gast noch
+erzählen, bis der Bischof zum Schlafen mahnte. Wie der König erwachte,
+verlangte er nach dem Manne, aber er war nicht mehr zu finden. Den
+Köchen hatte er Fleisch gegeben, das sie für Olaf zubereiten sollten.
+Der König aber befahl, den Vorrat wegzuschaffen und sagte, das werde
+kein andrer Mann gewesen sein als Odin. Es solle ihm aber keineswegs
+gelingen, ihn zu betrügen. Olaf der Heilige befand sich beim Gastmahl
+in Wik, da trat vor ihn grüssend ein unbekannter Mann, der um seinen
+Namen befragt sich Gest nannte und beim Hofgefolge verweilen zu dürfen
+bat. Er trug kurzen Rock und über das Antlitz hängenden Hut, war
+blödsichtig und gebartet. Der König machte wenig aus dem Ankömmling,
+wies ihm den Sitz abseits der Gäste an und hiess die Leute wenig mit
+ihm verkehren. Abends aber berief er ihn vor sein Bett und fragte, was
+er von Kurzweil verstehe. Da ward unter ihnen vieles von den Königen
+der Vorzeit und ihren Thaten gesprochen. Auf Gests Frage, welcher von
+den alten Königen Olaf am liebsten gewesen sein möchte, gab dieser
+zur Antwort, ein Heide möchte er überall nicht sein, doch am liebsten
+noch <span class="pagenum" id="Page_343">[S. 343]</span>Hrolf Krakis fürstliche Milde haben, unbeschadet des Festhaltens
+am Christenglauben. Gest sprach weiter: Warum wolltest du nicht sein
+wie der König, der Sieg hatte wider jeden, mit dem er Streit führte,
+dem an Schönheit und Fertigkeit keiner in Nordlanden gleich kam, der
+ebenso andern wie sich selbst in Kämpfen den Sieg zu geben vermochte
+und dem die Dichtkunst zu Gebot stand, wie andern Männern die blosse
+Rede? Der König erhob sich da, griff nach dem Messbuch und wollte damit
+nach Gests Haupt schlagen. Du, sprach er, der schlimme Odin möchte ich
+zuletzt sein. Gest aber fuhr wieder dahin, woher er gekommen war, und
+der König lobte Gott, dass dieser unreine Geist, der in Gestalt des
+schlimmen Odins erschienen war, keine Trugrede vorzubringen vermochte,
+die irgend einen Schatten auf die glänzende Blume seines heiligen
+Glaubens geworfen hätte. Ein anderer grosser, unbekannter Mann, der
+bei Olaf dem Heiligen zu Sarpsborg Aufnahme begehrt, nennt sich Toki,
+Sohn Tokis, des Sohnes Tokis des Alten. Noch im Alter sieht man ihm
+an, dass er an Wuchs und Schönheit ein stattlicher Mann gewesen. Sein
+Benehmen ist gefällig, er weiss über alles Bescheid und der König, der
+ihm einen Ehrensitz angewiesen, ergötzt sich sehr an seinen Reden. Er
+erzählt, wie er bei den Königen Half und Hrolf Kraki geweilt und die
+Stärke ihrer Recken erprobt habe. Toki erklärt, primsignet (d.&#8239;h. mit
+dem Kreuze bezeichnet), doch nicht getauft zu sein. Er sei hergekommen,
+um getauft zu werden. Er verscheidet hernach in weissem Taufgewand.
+Hieran reiht sich endlich auf Olaf Tryggvason bezogen die Sage von
+Nornagest. In Drontheim kommt einmal bei Tagesneige zum König Olaf ein
+grosser bejahrter Mann, der auf sein Befragen angibt, er heisse Gest.
+Gast sollst du hier sein, spricht der König, wie du heissen magst.
+Gest meldet von sich, er stamme aus Dänemark, er sei primsignet, nicht
+getauft, seine Kunst sei, die Harfe zu spielen oder Sagen zu erzählen
+zum Ergötzen der Leute. Seine Kunst bethätigt er, indem er die Sage
+von Sigurd, in dessen Gefolge er geweilt habe, vorträgt. Dann erzählt
+er noch, warum er Nornagest genannt sei. Drei Nornen traten an seine
+Wiege, während über ihm zwei Kerzen brannten. Zwei sagten ihm Glück
+voraus, die dritte aber rief zürnend: Ich schaffe dem Knaben, dass
+er nicht länger leben soll, als die Kerze, die neben ihm angezündet
+ist. Sofort wurde die Kerze ausgelöscht und soll erst an Nornagests
+Todestage wieder entzündet werden. Nornagest verlangt <span class="pagenum" id="Page_344">[S. 344]</span>von Olaf Taufe
+und Aufnahme unter sein Gefolge, was ihm zu Teil wird. Eines Tages
+zündet er das Licht an, lässt sich ölen und stirbt, als die Kerze
+niedergebrannt ist.</p>
+
+<p>Ihren vollen Nachdruck behauptet diese mehrgestaltige Gestsage nur in
+denjenigen Darstellungen, nach welchen der alte Odin selbst herantritt
+und nicht in einen menschlichen, wenn auch mit wunderbarem Geschick
+ausgestatteten Wanderer umgewandelt ist. Gast war Odin oft, wenn
+er als Wanderer Einkehr hielt. Wafthrudnir(19) redet ihn als Gast
+(<i>gestr</i>) an. Die Begriffe „Wanderer“ und „Gast“ nahmen bei Odin
+besondere Bedeutung an und erhielten den Rang von Namen des Gottes.
+Sehr schön ist Odins Einkehr bei den christlichen Königen, die sich
+von der Erinnerung ans alte Heldentum und seine Sagen nicht lossagen
+können. Das unwiderstehliche Hinneigen zu des Gastes Reden, die
+plötzliche, meist durch bischöflichen Zuspruch erregte Entrüstung, mit
+der Olaf der Heilige dem Gest das Messbuch an den Kopf wirft, zeugen
+dafür. Weniger glücklich ist der Gedanke, den sagenkundigen Gast in
+Taufkleidern sterben zu lassen. Da nimmt es sich für Odin doch besser
+aus, wenn er als übler Geist erscheint. In den Gestsagen gehen noch
+einmal die berühmtesten der alten Helden, Hrolf Kraki mit seinen
+Kämpen, Half und seine Recken, Starkad, die Wolsungen, Ragnars Söhne im
+Zauberspiegel vor der Seele der „gekristneten“ Nordlandskönige vorüber;
+noch einmal hält Odin selber das Heldentum seiner Lieblinge einer
+neuen Zeit gegenüber, dann verschwindet der Heldenvater Odin als ein
+unheimlicher Nachtgeist. Dass er den Königshof besucht, hat guten Sinn.
+Denn dort wurde er im Heidentum am meisten geehrt.</p>
+
+<p>Anders als Odins Einzelwanderungen auf Erden sind seine Fahrten mit
+Loki (Lodur) und Hönir aufzufassen.&#x2060;<a id="FNanchor_410_410" href="#Footnote_410_410" class="fnanchor">[410]</a> Diese wandernde Götterdreiheit
+unterliegt dem Verdachte, antikem Vorbild, den wandernden Göttern
+Juppiter, Neptun, Merkur nachgeahmt zu sein. In der Vǫlospǫ́ ist
+ausserdem Anlehnung an die den Menschen erschaffende christliche
+Dreieinigkeit unverkennbar. In den Sagen, welche so eingeleitet sind,
+Iduns Raub und Andwaris Ring, spielt Odin auch gar keine besondere
+Rolle, sondern Loki ist der Handelnde.</p>
+
+<p>Odin, dem Hort aller Weisheit, der den zur Dichtkunst begeisternden
+Trank erwarb, verdankt auch jeder einzelne die <span class="pagenum" id="Page_345">[S. 345]</span>geistige Begabung. Nach
+dem Hyndlaliede (3) gibt Odin den Männern Beredtheit und Verstand,
+den Skalden Liedeskunst. Odins Gabe heisst schon bei den Skalden die
+Dichtkunst&#x2060;<a id="FNanchor_411_411" href="#Footnote_411_411" class="fnanchor">[411]</a>; als Träger des Odinsmetes bezeichnet sich der Skald.
+Starkad, der in seiner Jugend von Thor mit feindlichen, von Odin mit
+günstigen Geschicken bedacht wurde, erhält von Odin zum tapfern Geist
+die Liederkunst, dass er ebenso fertig dichten als reden könne.&#x2060;<a id="FNanchor_412_412" href="#Footnote_412_412" class="fnanchor">[412]</a>
+Dasselbe wird von der Ynglingasaga (Kap. 6) an Odin gerühmt, der also
+einen Teil seines eigenen Wesens auf seinen Günstling überträgt.</p>
+
+<h6 class="s5" id="Wie_Odin_sein_Wissen_gewann"><em class="gesperrt">Wie Odin
+sein Wissen gewann</em>.</h6>
+
+<p>Odin hat sein Wissen nicht von Uranfang eingeboren, vielmehr erworben.
+Mehrfache Sagen erzählen, wie er zur Weisheit kam, wie er von weisen
+Wesen erfragte, was ihm Not that. Übermenschliches Wissen schreibt
+der Volksglaube der Geisterwelt zu, Seelen, Elben und Riesen. Odin
+verschmäht es nicht, in besonderen Fällen von diesen Rat zu holen;
+wie der menschliche Zauberer sie zu bestimmten Zwecken sich dienstbar
+macht, so handelt auch der Gott. Die Wolwa sang er aus dem Grabe
+auf, dass sie ihm Zukünftiges melde. Von Wassergeistern, die für die
+weisesten gelten, von Riesen, an denen urzeitliches Wissen haftet,
+erkundet Odin, was ihm frommt. Der überlegene Geist eignet sich das
+in der Natur gebotene Wissen forschend an, er belebt so den tot und
+unbenutzt lagernden Weisheitshort. Darin ruht der Grundgedanke der
+Sagen, wie Odin Weisheit gewann. Doch mögen auch allerlei andere
+mythische Bestandteile eingemischt sein; klügelnder Verstand des
+Skalden, nicht reine und ursprüngliche dichterische Empfindung hat die
+hieher gehörigen Vorstellungen ausgebaut.</p>
+
+<p>Sökkvabek (Sinkebach, Sturzbach) heisst der Saal, wo kühle Wogen
+drüber hinrauschen. Dort trinken Odin und Saga alle Tage aus goldenen
+Geschirren.&#x2060;<a id="FNanchor_413_413" href="#Footnote_413_413" class="fnanchor">[413]</a> Snorri zählt Saga als die zweite <span class="pagenum" id="Page_346">[S. 346]</span>der Asinnen auf,
+die im Range also gleich auf Frigg folgt. Da letzterer Fensalir, die
+geräumigen Meeressäle zugewiesen sind, also beide in der Wassertiefe
+hausen, ist vielleicht Saga nur ein andrer Name der Frigg; die
+Überlieferung hebt freilich die Gemeinschaft beider auf. Auch ist der
+Wohnsitz beider nicht völlig gleich, denn Sökkvabek deutet auf einen
+Wasserfall, Fensalir auf den Meeresgrund. Da die Sonne für Norweger und
+Isländer im Meer zu Rast geht, Odin und Frigg aber Himmelsgottheiten
+sind, verlegte die mythologische Anschauung ihren Sitz auch ins Meer.
+Ins Meer stieg Odin hinab zur Gattin, die er in vielen Dingen zu Rate
+zog. Bei Saga spielt aber noch eine andere Vorstellung herein. Sie
+scheint ursprünglich die Wasserelbin, die im Sturzbach wohnt. Aus
+Quellen und Stromwirbeln wurde seit Alters Weissagung geschöpft, oft
+auch erschien Alb oder Albin, um Kunde zu gewähren. So kann Odins
+Zusammensein mit Saga auf des Gottes Verkehr mit einer Bachnixe
+zurückzuführen sein, die er, sei es um Weisheit zu trinken, sei es um
+der Liebe zu pflegen, besucht.</p>
+
+<p>Muss es bei Saga zweifelhaft scheinen, was Odin bei ihr holt, so
+spricht die Sage von <i>Mimir</i>&#x2060;<a id="FNanchor_414_414" href="#Footnote_414_414" class="fnanchor">[414]</a> umso deutlicher, dass Odin nach
+seinem weisen Rat verlangt. Die Wolwa sagt zu Odin, sie wisse sein Auge
+im weitberühmten Quell des Mimir verborgen. Allmorgenlich trinkt Mimir
+aus Walvaters Pfand. Ein Strom ergiesst sich mit schäumendem Sturze aus
+Walvaters Pfand. Snorri erklärt das verpfändete Auge Odins damit, dass
+der Gott zu Mimirs Brunnen trat, worin Weisheit und Verstand verborgen
+war. Odin <span class="pagenum" id="Page_347">[S. 347]</span>verlangte einen Trunk, erhielt ihn aber nicht früher, als
+bis er sein eines Auge zum Pfande setzte. Das Auge des Gottes barg
+nun Mimir in seinem Quell. Später sagt die Seherin, Odin raunt mit
+Mimirs Haupt, womit vielleicht auf die in der Ynglingasaga erhaltene
+Erzählung angespielt wird. Beim Friedensschluss zwischen Asen und Wanen
+tauschten sie Geiseln. Die Asen entsandten Hönir und gaben ihm den
+weisen Mimir zum Begleiter. Diesem schlugen jedoch die Wanen das Haupt
+ab und schickten es an die Asen zurück. Odin salbte das Haupt so ein,
+dass es nicht verfaulen konnte, und sprach Beschwörungen darüber, dass
+das Haupt ihm Rede stand und verborgene Dinge kund that. Weiter wird
+von dem Ursprung der Denkrunen gesagt, sie habe Hropt (Odin) erdacht,
+geritzt und ersonnen aus dem Trank (d.&#8239;h. von ihm begeistert), der
+aus dem Schädel Heiddraupnirs und aus dem Horne Hoddrofnirs fliesst.
+Heid-draupnir, Klarheit oder Gold träufelnd, Hodd-rofnir, Hort-brecher
+(d.&#8239;h. Verteiler des Reichtums) sind vermutlich Beinamen Mimirs, der
+auch Hodd-Mimir, Hort-Mimir, der reiche Mimir heisst. Auf dem Berge
+stand Odin mit Schwert und Helm, da murmelte Mimirs Haupt weise das
+erste Wort und sprach wahre Worte. Endlich wird Mimameid, Baum des
+Mimi genannt. Kein Mensch weiss, aus welchen Wurzeln er wuchs. Wenige
+ahnen, was ihn zu fällen vermag; Feuer und Eisen thuts nicht. In
+Hoddmimirs Gehölz verbirgt sich beim Weltuntergang das Menschenpaar,
+von dem in der neuen Welt ein neues Geschlecht ausgeht. Offenbar ist
+mit diesem wunderbaren Baum die Weltesche, die sonst Yggdrasil heisst,
+gemeint. Die verstreuten Züge geben vereinigt dieses Bild: Aus den
+Wurzeln der Weltesche entspringt der Quell des weisen Mimir oder Mimi,
+dort birgt der Mimirquell sein Haupt. Der Ursprung der Quelle, wie
+Ortsnamen Brunnhaupt, Bachhaupt, Seeshaupt, Salhaupt (des Baches Sal)
+u.&#8239;ä. zeigen, wird ihr Haupt genannt. Nach dem urweisen Wassergeist
+heisst der Baum auch Mimameid. Mimir (urgerm. *<i>Mimiaz</i>) oder
+Mimi (urgerm. *<i>Mimiō</i>), der Denkende, war ein allen Germanen
+bekannter Geist der Gewässer, der Beherrscher der Gewässer, die seine
+Söhne heissen (Vǫl. 46), dessen Sitz im Schatten der Wälder unter
+heiligen Bäumen gedacht wurde. Ihm eignete tiefes, unergründliches
+Wissen. Auf besondere Weise ist die Sage im Norden entwickelt und mit
+Odin und dem Weltbaum verknüpft worden. Ob man Odins Einäugigkeit auf
+die Sonne deuten darf, scheint zweifelhaft. Aber vorerst ist keine
+bessere Erklärung gefunden. <span class="pagenum" id="Page_348">[S. 348]</span>Dichterische Bildersprache mag die Sonne
+als das Auge des Himmelsgottes bezeichnen, wie die Sonne das Auge des
+Zeus ist. Ihr Spiegelbild im Gewässer ist das andre Auge, das der
+Gott, um Weisheit zu erholen, in den tiefen Quellengrund hinabsenkte.
+In ständigem Verkehr stehen Sonne und Wasser, die Sonne zieht Wasser,
+das Wasser nimmt ihr Bild zum Pfand. So mag zur Not das Verhältniss
+zwischen Odin und Mimir gedeutet werden. Auch das Versinken der
+Sonne im Meer könnte den Mythus veranlasst haben. Liegt die Sonne im
+Quellengrunde, in Mimirs tiefem Brunnen, aus dem alle Gewässer ihren
+Ursprung haben, dann mag auch dadurch die Vorstellung, dass ein Strom
+aus Odins Pfande fliesst, erklärt werden. Die Sage von Odin und Mimir
+ist schwerlich sehr alt, sie ist allzu geistig und weist auf bewusst
+schaffende, kunstreiche dichterische Erfindung. „<i>Mimirs Haupt</i>“,
+Quellursprung, wurde später missverstanden, wörtlich genommen. Dazu mag
+auch mitgewirkt haben, dass Mimir an den Fuss des Weltbaumes verlegt
+worden war. Der Weltbaum ist aber der Kreuzesbaum und unmöglich aus
+dem nordischen oder gar germanischen Heidentum allein zu deuten. Der
+Kreuzesbaum steht, wie noch zahlreiche Krucifixe erkennen lassen, auf
+Adams Schädel, auf einem Menschenhaupt. Geheimnissvolle Beziehung webt
+vom Grunde zum Stamm hinauf, von Adam zu Christus. An der Weltesche
+hängt Odin, wie Christus am Kreuzesbaum. So steigt die Sage von Odin
+und Mimir aus ihren einfachen, volkstümlichen, germanischen Anfängen in
+geheimnissvolles Dunkel, in kühne Phantasien auf, deren Entstehung in
+eine bereits von christlichen Einwirkungen erfüllte Zeit fällt.</p>
+
+<p>Odin erzählt in den Hǫ́vamǫ́l:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">138&#8194; &#8239;Ich weiss, dass ich hing&#8195;&#8195; am windbewegten Baum</div>
+ <div class="verse indent17">Neun Nächte hindurch,</div>
+ <div class="verse indent5">Verwundet vom Speer,&#8195;&#8195;&#8194;geweiht dem Odin,</div>
+ <div class="verse indent17">Ich selber mir selbst,</div>
+ <div class="verse indent5">An dem mächtigen Baum,&#8195;&#8239;von dem Menschen nicht wissen,</div>
+ <div class="verse indent17">Aus welchen Wurzeln er wuchs.</div>
+ <div class="verse indent0">139&#8194; &#8239;Man bot mir kein Horn&#8195;&#8195;&#8194;noch Brot zur Labung,</div>
+ <div class="verse indent17">Nach unten spähte mein Auge,</div>
+ <div class="verse indent5">Ächzend hob ich,&#8194; &#8194; &#8195;&#8195;&#8195;&#8239;hob aufwärts die Runen,</div>
+ <div class="verse indent17">Zu Boden fiel ich alsbald.</div>
+ <div class="verse indent0">140&#8194; &#8239;Bestlas Bruder,&#8194; &#8194; &#8195;&#8195;&#8195;&#8239;&#8195;des Bolthorn Sohn,</div>
+ <div class="verse indent17">Lehrte mich wirksamer Weisen neun,</div>
+<span class="pagenum" id="Page_349">[S. 349]</span>
+ <div class="verse indent5">Und den Trank erlangt ich&#8194; &#8194;des trefflichen Metes,</div>
+ <div class="verse indent17">Aus Odrerirs Inhalt geschöpft.</div>
+ <div class="verse indent0">141&#8194; &#8239;Zu gedeihn begann ich&#8194; &#8195;&#8195;und bedacht zu werden,</div>
+ <div class="verse indent17">Ich wuchs und fühlte mich wol;</div>
+ <div class="verse indent5">Ein Wort fand mir&#8195;&#8195;&#8194;&#8195;&#8195;das andere Wort,</div>
+ <div class="verse indent17">Ein Werk das andere Werk.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Die Deutung dieser Strophen ist überaus schwierig. Zunächst muss man
+erkunden, welche Vorstellung ihnen zu Grunde liegt, ob die Reihenfolge
+ursprünglich oder zufällig ist, ob Einschaltungen (etwa 140) anzunehmen
+sind, ob wirklicher alter Zusammenhang der Strophen und damit auch der
+darin berührten Ereignisse herrscht, oder ob sie aus verschiedenen
+unabhängigen Gedichten zusammengestellt sind. Es wird nie gelingen,
+über diese verhältnissmässig leichten und einfachen Grundfragen
+Gewissheit zu erhalten, noch weniger natürlich über den Ursprung der
+seltsamen Sage. Wer die Strophen als ein Ganzes betrachtet, kann
+etwa diese Deutung versuchen: Odin wird aus unbekannten Gründen am
+windumrauschten Baum aufgehängt. Ohne Labung hängt er dort und späht
+in die Tiefe. Ächzend erhält er Runenzauber, der ihn erlöst, dass er
+herabfällt. Bolthorns Sohn verleiht ihm kräftigen Zauber und erlabt
+ihn aus Odrerir. Darauf wächst und gedeiht er. Bolthorns Sohn weilt
+offenbar am Fusse des Baumes, der sicherlich die Weltesche ist. Dort
+fanden wir Mimir, also ist der sonst nirgends erwähnte Sohn Bolthorns,
+des Grossvaters Odins, mit Mimir gleichzusetzen, welcher Odins Oheim
+mütterlicherseits wäre. Der ganze Vorgang spielt in Odins früher
+Jugend, weil er danach erst gedeiht und wächst. Aber 140 ist eher aus
+einem ganz fremden Gedicht über Odrerirs Erwerbung hier eingeschaltet,
+wie ja die Hǫ́vamǫ́l gerade an dieser Stelle aus allerlei
+Liedbruchstücken zusammengeflickt sind. Nirgends ist Mimir im Besitz
+Odrerirs, wie man bei obiger Auslegung annehmen müsste. Die Strophe 140
+muss als fremdartig ausgeschaltet werden; sie besagt, dass Odin von
+dem Sohne seines Ahns, einem weisen Riesen neun kräftige Zaubersprüche
+erhielt, mit deren Hilfe er den Dichtermet Odrerir erlangte. Dann
+bleibt nur die Sage übrig, dass der speerdurchbohrte Odin am Baume ohne
+Labung neun Nächte und Tage lang hing, er selber sich selbst zum Opfer
+hingegeben. In die Tiefe spähend hob er Runen auf, die ihm Wachstum
+und Gedeihen brachten. Die Weltesche heisst Yggdrasil, Ross des Yggr.
+<i>Yggr</i> ist ein vielgebrauchter Name Odins, <i>drasil</i> <span class="pagenum" id="Page_350">[S. 350]</span>eine
+Benennung des Pferdes. Das Hängen am Galgen wird aber als Reiten auf
+dem Rosse bezeichnet. Yggdrasil heisst demnach <i>Odins Galgen</i>. Die
+Weltesche heisst nach dem Gott, der als Opfer in ihrem Gezweig hing,
+und gerade dieses Opfer beschreiben die ausgehobenen Strophen. Bugge
+hat nachgewiesen, wie der speerwunde Odin am Baume Zug für Zug ein
+Seitenstück zum speerwunden Christus am Kreuz, das bei den Germanen
+Galgen genannt wurde, ergibt. Das Kreuz ist aber gerade in seiner
+Eigenschaft als Galgen des höchsten Gottes ein Weltbaum, dessen Wurzeln
+zur Hölle reichen, dessen Wipfel den Himmel rührt, dessen Arme über die
+Erde deuten. Auf zwei entscheidende Punkte kommt es einzig an, für die
+das nordische Heidentum nicht die geringste Voraussetzung bietet, die
+aber ohne Schwierigkeit aus der christlichen Mythologie ihre Lösung
+finden: dass der Gott sich selber opfert und dass der Galgenbaum, an
+dem solches geschah, eben dadurch Sinnbild der Welt wurde. Dass etwa
+Odin mit diesem Opfer den Helden den Weg nach Walhall zeige, wie er
+sich nach der Ynglingasaga, wo er aber als irdischer menschlicher König
+gedacht ist und daher auch sterben muss, mit dem Speere ritzen lässt,
+ist nicht anzunehmen, schon weil der Gedanke gar nirgends angedeutet
+wird. Da hätte Odin auch schwerlich den Galgentod des Kriegsgefangenen,
+welcher den Göttern geopfert wird, gewählt, sondern den Heldentod im
+Schlachtsturm. Yggdrasil, Odins Selbstopfer, wie er vielleicht als
+Har dem Odin, er selbst sich selber, nach der Dreieinigkeit Christus
+Gottvater, die eins sind wie Har und Odin, am Galgen hingegeben wird,
+ist nur als Nachbildung christlicher Vorstellungen verständlich.&#x2060;<a id="FNanchor_415_415" href="#Footnote_415_415" class="fnanchor">[415]</a>
+Nimmt man die Strophen 138, 139, 141 als zusammenhängend, so gewann
+Odin damit Runenweisheit, Wachstum und Gedeihen.</p>
+
+<h6 class="s5" id="Odrerir"><em class="gesperrt">Odrerir</em>.</h6>
+
+<p>Der Wundertrank <i>Odrerir</i> ist mit der schönen Riesin Gunnlod,
+Suttungs Tochter verknüpft. Gunnlod hütet ihn im Berge. Odin
+<span class="pagenum" id="Page_351">[S. 351]</span>gewinnt listig ihre Liebe und damit den Trank. Bereits oben unter
+Odins Liebesabenteuern wurde die Sage mitgeteilt. Dass Riesen im
+Besitze alter Weisheit gedacht wurden, zeigte sich bei Wafthrudnir.
+An Odins Aufenthalt bei Gunnlod gemahnen Volkslieder aus Schweden
+und Dänemark vom Ritter Tinne, den der allbezaubernde Runenschlag
+einer harfespielenden Zwergtochter in den Berg lockt, wo man ihm
+Met einschenkt und er auf goldenem Stuhl einschläft, dann durch
+hervorgetragene Runenbücher vom Zauber entbunden und mit heilkräftigem
+Segen für Streit, Reise und Seefahrt, sowie mit der Gabe, treffliche
+Worte zu sprechen, entlassen wird. Zweifellos ist eine Volkssage von
+Bergjungfrauen, die in das unterirdische Reich hineinlocken, in den
+Kreis der Odindichtungen hineinbezogen worden. Aber mit dem Trank
+Odrerir hat es doch noch besondere Bewandtniss. Odrerir wurde als der
+Begeisterungstrank, der den Sinn erregt, gedeutet; vielleicht ist es
+ursprünglich ein Trank der Verjüngung, <i>ú-hrerir</i>, der nicht
+verfallen, altern lässt. In der Odinsdichtung gilt er aber nur als
+der Dichtermet. Suttungs Met ist für die bestimmt, welche gut dichten
+können. Zahlreiche Anspielungen auf den begeisternden Trank, wie ihn
+Odin raubte, dass er aus verborgener Tiefe aufstieg zur bewohnten Erde,
+finden sich bei den Skalden.&#x2060;<a id="FNanchor_416_416" href="#Footnote_416_416" class="fnanchor">[416]</a> Dem Odrerir ist noch eine wunderliche
+und umständliche Vorgeschichte angedichtet, wie er entstand und aus dem
+Besitze der Zwerge und Riesen endlich zu den Göttern und Menschen kam.
+Der wenig ansprechenden Erzählung in ihrer Gesamtheit kommt weder hohes
+Alter noch volkstümliche Grundlage zu, sie scheint auf gelehrtem Wege
+ausgesonnen, allerdings noch unter den heidnischen Skalden.</p>
+
+<p>Die Asen und Wanen schlossen auf die Art Frieden, dass sie beiderseits
+an ein Gefäss traten und hineinspuckten. Aus dem Speichel schufen
+die Götter einen Mann namens Kwasir, der war so weise, dass er auf
+alle Fragen Bescheid wusste. Als er auf seinen Wanderungen einmal zu
+zwei Zwergen Fjalar und Galar zu Gaste kam, erschlugen ihn diese und
+liessen sein Blut in zwei Krüge und einen Kessel rinnen: der Kessel
+heisst Odrerir&#x2060;<a id="FNanchor_417_417" href="#Footnote_417_417" class="fnanchor">[417]</a>, die <span class="pagenum" id="Page_352">[S. 352]</span>beiden Krüge Son und Bodn. Unter das Blut
+mischten sie Honig, und daraus ward der Met, durch den jeder, der davon
+trinkt, zum Dichter oder Weisen wird. Die Zwerge sagten aus, Kwasir
+sei am eignen Witz erstickt. Die Zwerge brachten den Riesen Gilling
+und sein Weib hinterlistig ums Leben. Gillings Sohn, Suttung, ergriff
+die Zwerge, ruderte sie ins Meer und setzte sie auf einer Klippe
+aus. Da baten sie um Schonung und boten zur Vaterbusse den kostbaren
+Met. Damit kam es auch zur Sühne. Suttung aber brachte den Met ins
+Gebirge Hnitbjorg und setzte seine Tochter Gunnlod ihm zur Hut. Odin
+kam dahin, wo neun Knechte Gras mähten. Er erbot sich, ihre Sensen zu
+schärfen und zog einen Wetzstein aus der Tasche. Den warf er in die
+Luft. Wie alle darnach haschten, schnitten sie sich mit den Sensen
+die Hälse durch. Odin herbergte beim Riesen Baugi, Suttungs Bruder,
+und nannte sich Bolwerk. Baugi erzählte, dass er auf schlimme Art um
+alle seine Knechte gekommen sei. Da erbot sich Odin, an Stelle jener
+neun allein die Arbeit zu verrichten, wenn er dafür einen Trunk von
+Suttungs Met erhielte. Baugi erwiderte, dass er über den Met nicht
+verfügen könne, da Suttung ihn für sich allein behalten wolle. Doch
+wolle er mit Bolwerk ausziehen und versuchen, ob sie den Met erlangen
+könnten. Hierauf folgt die bereits mitgeteilte Erzählung, wie Odin in
+Schlangengestalt durchs Bohrloch in den Berg schlüpfte.&#x2060;<a id="FNanchor_418_418" href="#Footnote_418_418" class="fnanchor">[418]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_353">[S. 353]</span></p>
+
+<p>Die Gewinnung des Wundertrankes durch den Höchsten der Götter wurzelt
+vielleicht in indogermanischen Mythen, wenigstens finden sich
+merkwürdig ähnliche Sagen bei Indern und Griechen&#x2060;<a id="FNanchor_419_419" href="#Footnote_419_419" class="fnanchor">[419]</a>, zumal wenn man
+den Bericht, dass Odin in Adlergestalt Odrerir entführt, in Betracht
+zieht. Riesische Wesen, Naturmächte befinden sich im Besitz des Soma
+und Nektars. Als Falke holt Indra den Soma zu den Göttern, den Nektar
+aber bringt des Zeus grosser Adler aus einem Felsen im äussersten
+Westen. Den Wundertrank ewiger Jugend, <i>ú-hrerir</i>, verwandelten
+die Skalden in den Trank der Poesie, Odrerir. Was in der nordischen
+Mythologie überhaupt zu beobachten ist, bestätigt sich auch hier:
+die ursprünglich physischen Kräfte, die aus den Naturerscheinungen
+erwachsenen Mythen steigern sich mehr und mehr in das Bereich des
+geistigen Lebens. Ob es sich im idg. Mythus um den Regen handelte, den
+der Gott aus der Gewitterwolke hervorlockte, lassen wir dahingestellt.
+Zu Kwasirs Entstehung bietet die des Orion entfernte Ähnlichkeit. Bei
+Hyrieus kehrten drei Götter, Zeus, Poseidon und Hermes ein, empfingen
+Gastmahl und stellten ihm eine Bitte frei. Er wünschte sich einen
+Sohn, hatte aber nach dem Tode seiner Gattin gelobt, sich nicht wieder
+zu vermählen. Da vereinigten die Götter ihr Wasser, vermischten
+es mit dem Staube der Hütte und erschufen den Orion.&#x2060;<a id="FNanchor_420_420" href="#Footnote_420_420" class="fnanchor">[420]</a> Besteht
+ein Zusammenhang, so stammt er natürlich nicht aus urverwandter
+Überlieferung, sondern aus später gelehrter Übertragung. Endlich
+begegnet <span class="pagenum" id="Page_354">[S. 354]</span>noch ein alter Märchenzug, wie Bolwerk die neun Mähder ums
+Leben bringt. Schon Kadmos und Iason veranlassen die aus der Saat der
+Drachenzähne gewachsenen Krieger durch einen Steinwurf in ihre Mitte zu
+wechselseitigem Mord; ebenso macht es das tapfere Schneiderlein mit den
+zwei Riesen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Einer nicht recht verständlichen Strophe der Hǫvamǫl zufolge empfing
+Odin Weisheit von einem Zwerge Namens Thjodreyrir, der „vor Dellings
+Thüren“ d.&#8239;h. im Tageslicht, bei aufsteigendem Tage Zauber sang:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">159 Kraft sang er den Asen, &#8195;&#8195;&#8195;&#8195; den Elben Tüchtigkeit,</div>
+ <div class="verse indent12">Hohe Weisheit dem Hroptatyr.&#x2060;<a id="FNanchor_421_421" href="#Footnote_421_421" class="fnanchor">[421]</a></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Noch weniger klar ist die Stelle im Harbardslied:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent25">Thor:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent1">43&#8194; Woher nur holst du &#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8195; diese höhnischen Worte,</div>
+ <div class="verse indent10">Wie ich höhnischer nimmer&#8194;gehört sie habe?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent24">Harbard:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent1">44&#8194; Ich holte sie von den Männern,&#8194;den hochbejahrten,</div>
+ <div class="verse indent10">Die in den Hügeln der Heimat wohnen.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent25">Thor:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent1">45&#8194; Da gibst du den Gräbern &#8195;&#8195; &#8194; einen guten Namen,</div>
+ <div class="verse indent10">Wenn du sie Hügel der Heimat nennst.&#x2060;<a id="FNanchor_422_422" href="#Footnote_422_422" class="fnanchor">[422]</a></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Wer unter diesen alten Männern gemeint ist, Elbe oder Tote, also wol
+seelische Geister, lässt sich nicht bestimmen. Man erwartet eher, dass
+Odin irgend welche verborgene Weisheit dort erlangt, als nur Hohnworte.</p>
+
+<h6 class="s5" id="Odins_Verwandtschaft_und_Odins_Namen">
+ <em class="gesperrt">Odins Verwandtschaft und Odins Namen.</em>
+</h6>
+
+<p>Den nordischen Skalden ist Odin der höchste und älteste der Asen. Er
+waltet über alle Dinge, und wie mächtig auch die <span class="pagenum" id="Page_355">[S. 355]</span>andern Götter sind,
+so dienen sie ihm doch alle wie Kinder dem Vater. In aufsteigendem
+Aste ist ihm ein Stammbaum ersonnen, der aufs engste mit der
+Schöpfungsgeschichte zusammenhängt. Er ist Sohn des Bur, des Sohnes
+des Buri. Bur (Bor) und Buri bedeuten „<i>Sohn</i>“, haben also
+ursprünglich gar nicht den Wert eines Eigennamens. Bur nahm Bestla
+(Bastbinderin?) des Riesen Bolthorn Tochter zur Frau.&#x2060;<a id="FNanchor_423_423" href="#Footnote_423_423" class="fnanchor">[423]</a> Odins Brüder
+heissen Wili und We, die eine Zeitlang sein Reich und sein Weib inne
+hatten. Odins Gattin ist Frigg, ihr Sohn Baldr. Mit Jord, der eignen
+Tochter zeugt Odin Thor. Andere Söhne hat er von Rind, Gunnlod, Grid
+oder Hlodyn, Skadi. Odins Verwandtschaft ist nordische, ziemlich junge
+Erfindung. In Odins Sippe begegnen die Begriffe Sohn, Wille, heilig.
+Sie entspringen der Trinität, wo der Gottessohn auch Gottes Wille
+(<i>voluntas dei</i>) heisst. We, der Heilige, zielt auf den heiligen
+Geist. Odins Namen Har, der Hohe, Jafnhar, der Gleichhohe, Thridi, der
+Dritte weisen auf denselben Ursprung: altus, altissimus ist Gott, der
+Sohn ist mhd. <i>ebenhêr</i>, der heilige Geist wird oft kurzweg die
+dritte Person, der Dritte genannt. Die Namen verharren in abstrakter
+Leblosigkeit, nur Odin handelt.</p>
+
+<p>Die nordischen Dichter legen Odin eine Menge von Eigennamen bei,
+in denen seine gesamte Wirksamkeit teilweise auch nach Seiten,
+die uns wegen mangelnder Überlieferung nimmer verständlich sind,
+zum Ausdruck gelangt.&#x2060;<a id="FNanchor_424_424" href="#Footnote_424_424" class="fnanchor">[424]</a> Als Allvater, Vater der Menschen
+(<i>aldafađir</i>, <i>aldagautr</i>), Allwaltender, Allmächtiger
+ist er nicht ganz ohne christlichen Einfluss seiner Machtstellung
+nach gekennzeichnet. Ebenso sind seine Namen <i>Hávi</i>&#x2060;<a id="FNanchor_425_425" href="#Footnote_425_425" class="fnanchor">[425]</a>, der
+hohe, <span class="pagenum" id="Page_356">[S. 356]</span><i>Jafnhár</i>, der gleich hohe, <i>Tveggi</i>, der zweite,
+<i>þrídi</i>, der dritte (aus der Dreieinigkeit), <i>Haptaguđ</i>,
+Gott der Götter aufzufassen. Odins Beziehungen zu Heerfahrt, Kampf
+und Walfall enthalten die Namen <i>Heervater</i>, <i>Herteitr</i>,
+der Heerfrohe, <i>Hertýr</i>, Heeresgott, <i>Herjan</i>, Heerführer,
+<i>Herblindi</i>, Heerverblender, <i>Hjálmberi</i>, Helmträger,
+<i>Siegvater</i>, <i>Sigtýr</i>, <i>Sigmundr</i>, <i>Sigtryggr</i>,
+siegestreu, <i>Siggautr</i>, <i>Walvater</i>, <i>Valgautr</i>,
+<i>Atríđr</i>, <i>Fastríđr</i>, der gewaltige Anreitende, <i>Viđurr</i>
+(Odin sagt selber, <i>hétomk Viþorr at vígom</i>, Grimn. 49). Als
+Rabengott, <i>hrafnaguđ</i>, <i>hrafnfreistađr</i> erscheint er
+seiner Raben wegen, als <i>drauga dróttinn</i>, Beherrscher der
+Gespenster, <i>hangaguđ</i>, <i>heimþinguđr hanga</i>, <i>hangi</i>,
+Gott der Gehängten, weil er das wilde Heer führt. <i>Farmaguđ</i>,
+<i>farmatýr</i>, Gott der Frachten, zeigt Odin als Beschützer des
+Handels, vermutlich in seiner Eigenschaft als Windgott. <i>Viđrir</i>,
+der Wetterer, <i>Váfuđr</i>, der Schwebende, <i>Svipall</i>, der
+Bewegliche, <i>Þundr</i>, der Schwellende, <i>Ómi</i>, Rufer, Lärmer,
+können auf den Sturmgott zielen. <i>Geiguđr</i>, der Schreckliche,
+ist ein Name Odins und eine Benennung des Sturmwindes. Häufig
+begegnet <i>Yggr</i> (<i>Uggerus</i> bei Saxo), der Schreckliche.
+Den Wanderer zeigen die Namen <i>Gangráđr</i>, <i>Gangleri</i>,
+<i>Vegtamr</i>, weggewohnt, <i>Víđforull</i>, Weitfahrer, sein
+Aussehen <i>Langbarđr</i>, Langbart, <i>Hárbarđr</i>, Graubart,
+<i>Síđskeggr</i>, Langbart, <i>Siđgrani</i>, Langbart, <i>Síđhottr</i>,
+mit herabhängendem Hut, <i>Blindr</i>, der Blinde, <i>Heklumađr</i>
+(vgl. hakulberand), Mantelträger, <i>Grímr</i>, <i>Grímnir</i>,
+der Verlarvte, <i>Bileygr</i>, der Mildäugige, <i>Báleygr</i>,
+der Flammenäugige. Auf Odins Weisheit, die oft Trug birgt, deuten
+<i>Fjǫlsviđr</i>, vielwissend, <i>Glapsviđr</i>, trugwissend,
+<i>Skollvaldr</i>, Trugwalter, <i>Hvatráđr</i>, scharfsinnig,
+<i>Sađr</i>, wahr, <i>Sanngetall</i>, wahres ahnend, <i>Gǫndlir</i>,
+Träger des Zauberstabes (?), <i>Oski</i>, Wunsch, Erwünschtes
+verleihend. <i>Ari</i>, Adler, <i>Arnhǫfđi</i>, adlerhäuptig, spielen
+wol auf Odins Verwandlungen an, wenn er nach SE. als Adler dem Suttung
+entflieht; da <i>Ofnir</i> und <i>Sváfnir</i> auch Schlangennamen sind
+(Grimn. 34), könnte Odins Wurmgestalt damit gemeint sein. <i>Vakr</i>,
+der Wachsame, <i>Þekkr</i>, der Willkommene, <i>Þrjótr</i>, der
+Hartnäckige, schildern besondere Sinnesart. <i>Njótr</i>, der
+Geniesser, bezeichnet den Gott als Empfänger der Opfer. Namen wie
+<i>Hroptr</i>, <i>Hvedrungr</i>, <i>Hnikar</i>, <i>Hnikuđr</i>,
+<i>Jalkr</i>, <i>Jólnir</i> u.&#8239;a. entziehen sich der Deutung. Dieselben
+Namen gehören zuweilen auch andern Wesen und es ist schwer auszumachen,
+wohin der Name von Rechts wegen zuerst gehört. Viele Namen haften an
+besonderen Sagen und sind wol mit diesen entstanden. So berichtet Odin
+selber im Grimnirlied 49:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_357">[S. 357]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Grimnir hiess ich in Geirröds Halle</div>
+ <div class="verse indent5">Und bei Asmund Jalk,</div>
+ <div class="verse indent0">Kjalar damals, als ich die Kufen zog,</div>
+ <div class="verse indent5">Bei den Thingversammlungen Thror,</div>
+ <div class="verse indent5">Widur im Wirbel des Streits.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Von diesen Sagen ist uns nur die von Grimnir bekannt, wo Odin eben als
+Grimnir verlarvt bei Geirröd einspricht. Selten passt der Name so zur
+Sage wie hier.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Odins Art schildern trefflich die Verse:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Lasst uns Heervater bitten,&#8195;&#8195;seine Huld zu gewähren,</div>
+ <div class="verse indent0">Der gern dem Gefolge &#8195;&#8195; &#8195; sein Gold spendet;</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Hermod gab er &#8195;&#8195;&#8195;&#8195; Helm und Panzer,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein schneidiges Schwert&#8195;&#8195; &#8194;schenkt er dem Sigmund.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dem einen gibt Sieg er,&#8195;&#8195; &#8195;dem andern Schätze,</div>
+ <div class="verse indent0">Weisheit vielen&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8194;und gewandte Rede;</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Seemann Fahrwind,&#8195;&#8194; &#8239;&#8194;dem Sänger Dichtkunst,</div>
+ <div class="verse indent0">Männliche Thatkraft &#8195;&#8195;&#8195;&#8195; manchem Helden.&#x2060;<a id="FNanchor_426_426" href="#Footnote_426_426" class="fnanchor">[426]</a></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Alles, was aus den einzelnen und verstreuten Überlieferungen zu
+erfahren war, enthalten diese Worte, die uns ein Gesamtbild Odins
+geben, des Gottes der Helden und Sänger.</p>
+
+<p>Uhland (Schriften 7, 345) schildert Odins Art: Von allen Asen und
+von allen Wesen der Götterwelt äussert Odin weit die mächtigste und
+allgemeinste Wirkung in der Heldensage. Wie er die Wolsungensage vom
+Anfang bis zum Ende durchschreitet, so können wir durch viele andere
+Sagenreihen seine Spur verfolgen. Seine Erscheinung ist von der Art,
+dass er auch dort, wo sein rechter Name verschwiegen bleibt, doch immer
+leicht zu erkennen ist. Einäugig, alt und bärtig, in Hut und Mantel
+gehüllt, tritt er <span class="pagenum" id="Page_358">[S. 358]</span>unerwartet und ungekannt in die Königshalle, oder
+steht plötzlich an der Seite des einsamen Heldensohnes, oder verlangt
+vom Vorgebirge aus in das vorübersegelnde Schiff aufgenommen zu werden.
+Auch diese irdische Erscheinung steht in Übereinstimmung mit seinem
+göttlichen Wesen; einäugig ist er, weil er sein andres Auge um einen
+Trunk aus Mimirs Weisheitsbrunnen zum Pfand gesetzt; alt erscheint er
+als der Vater der Götter und Menschen; verhüllt und unter andern Namen
+geht er auch in der Götterwelt aus, die Weisheit der Riesen und der
+unterirdischen Wolwen zu erkunden. Er nimmt auch die Gestalt eines
+bestimmten Menschen an, so diejenige des im Strom verunglückten Bruni,
+des Ratgebers Harald Hildetands. Als ein Bauer, Hrani, bewirtet er den
+König Hrolf Kraki.</p>
+
+<p>So wie wir Odin in der Göttersage von zweierlei Seiten betrachtet, als
+den Forschenden und Kundigen und als den Wirkenden und Kämpfenden,
+so stellt er sich auch in seiner irdischen Thätigkeit nach beiderlei
+Beziehungen dar. In der ersteren tritt er als Gest auf, legt dem König
+Heidrek Rätsel vor, oder versucht noch als Nornagest die christlichen
+Könige, singt und sagt die Kunden aus der alten Heldenzeit. Er, der
+in Asgard mit Saga aus goldenen Schalen trinkt, ist auf Erden selbst
+ein Sagenerzähler und wie er selbst zu singen versteht, wie andere
+reden, so verleiht er auch Starkad die Gabe der Dichtkunst. Noch viel
+mannigfacher ist seine irdische Wirksamkeit in der andern Beziehung,
+als Kampf- und Heldengott. Er wird selbst Stammvater kriegerischer
+Geschlechter und unermüdlich geht er darauf aus, Helden zu erwecken und
+auszurüsten, Zwietracht und Kampf anzustiften. Er stösst das herrliche,
+aber streiterregende Schwert in den Baumstamm des Wolsungenhauses,
+teilt Starkad gute Waffen zu, hilft Sigurd das beste Ross auswählen,
+berät ihn und Frotho beim Drachenkampf, bringt den flüchtigen Hadding
+auf dem Rosse Sleipnir hoch über dem Meer nach seiner Heimat und stärkt
+ihn mit Speise, lehrt Hadding, Sigurd, Harald Hildetand und dessen
+Gegner Hring die keilförmige Schlachtordnung, prüft als Bauer Hrani die
+Kämpfer Hrolfs, die auf seinem Hofe eingekehrt, durch Frost, Feuer und
+Durst, er hat Utstein, dem Recken Halfs in der Jugend das harte Herz
+in der Brust gebildet (Fornald. S. 2, 51). Er trägt als Bruni zwischen
+verwandten Königen zwisterregende Botschaft. Er waltet der Blutrache
+und leiht dazu dem Dag seinen Speer. In der Schlacht erscheint er bald
+hilfreich, <span class="pagenum" id="Page_359">[S. 359]</span>bald seinen eignen Günstlingen verderblich. So schwingt er
+dem greisen Sigmund den Speer entgegen und erschlägt den König Harald
+mit der Keule. Er lässt sich von denen, die er begabt und auszeichnet,
+wie von Harald und von Sigurd, König Ragnars Sohne, für dessen Heilung
+die Seelen aller von ihnen Erschlagenen verheissen, er weckt eine Welt
+von Kämpfern und rafft sie heerweise dahin. Er entsendet die Walküren
+zu Jünglingen, um den schlummernden Heldengeist anzufachen; er beruft
+die Totwunden durch ihre Botschaft zu sich. Es ist überall derselbe
+Grund, warum Odin Helden und Heldenstämme pflegt, waffnet, wunderbar
+begabt, warum er sie anfeindet, aufreizt, verderbt. Nicht leere Lust
+am Tode der Tapfern treibt ihn, er bedarf ihrer, der Kampferprobten zu
+jenem grössten und ungeheuren Kampfe, welcher der Welt und den Göttern
+selbst Untergang droht.</p>
+
+<p>So lebt Odin in der Vorstellung nordischer Skalden des 9. und 10.
+Jahrhunderts, sein Geist belebt und erregt in gleicher Weise Götter und
+Menschen.</p>
+
+<h4 id="V_Heimdall"><b>V. Heimdall.</b></h4>
+
+<p>Heimdall ist eine rätselhafte Gestalt. Was von ihm überliefert ist,
+klingt märchenhaft. Das Dunkel, das über ihm schwebt, war bisher noch
+nicht befriedigend zu lichten. Eine Hauptschwierigkeit, mit welcher
+die Erklärung zu kämpfen hat, liegt in den mangelhaften Nachrichten
+über sein Wesen und die mit ihm verknüpften Sagen. Von letzteren
+sind nur unverständliche Auszüge und Anspielungen bekannt. Es hält
+schon schwer, nur die breiteren Grundlagen dieser Überreste mit
+annähernder Wahrscheinlichkeit zu erschliessen; sie mit Sicherheit auf
+ihren Ursprung zurückzuführen ist vollends unmöglich. Von Heimdall
+war ein Gedicht vorhanden, der <i>Heimdallargaldr</i>, auf welches
+Snorri zweimal (SE. 1, 102 und 264) verweist. Der Skald Ulf Uggason
+erwähnt Heimdall in der Húsdrápa (zwischen 975 und 980). Ausserdem
+begegnet Heimdall in den Eddaliedern. Also waren Sagen über ihn im
+9. und 10. Jahrhundert jedenfalls vorhanden. Über den Kreis der
+norwegisch-isländischen Skalden drang Heimdall nicht hinaus, nirgend
+sonst ist eine Spur von ihm nachweisbar.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_360">[S. 360]</span></p>
+
+<p>Heimdall wird als „der über die Welt Glänzende“&#x2060;<a id="FNanchor_427_427" href="#Footnote_427_427" class="fnanchor">[427]</a> oder „der
+Hellglänzende“&#x2060;<a id="FNanchor_428_428" href="#Footnote_428_428" class="fnanchor">[428]</a> erklärt, als Lichtgottheit. Wie Baldr heisst
+auch er gern der weisse, leuchtende As. Als den Gott, dem überall
+die Frühe, der Anfang angehört, bezeichnete ihn Uhland (Schriften 6,
+14). Darum ist er der geborene Feind Lokis, der das Ende der Welt
+herauf führt. Das Geheimniss, das um ihn webt, lässt ihn vielleicht
+bedeutungsvoller erscheinen, als einen hohen, später verdunkelten und
+zum Markwart des Himmels erniedrigten Lichtgott. In Heimdall soll
+eine besondere Seite des Tiuȥ, sich verkörpern. Ist Tiuȥ der Herr des
+Tages- und Himmelslichtes überhaupt, so wird in Heimdall nur ein Teil
+der Lichtmacht persönlich, das Frühlicht, der anbrechende Tag. Mit
+dieser Auffassung lassen sich zur Not einige der überlieferten Züge
+in Einklang bringen. Andere sehen in Heimdall nur den vergöttlichten
+Regenbogen. Aus dem durch die Welt leuchtenden Bogen sei der Wächter
+dieser Götterbrücke erwachsen, der lichte weithinschauende As, der in
+den Himmelsbergen, den Wolken wohne.&#x2060;<a id="FNanchor_429_429" href="#Footnote_429_429" class="fnanchor">[429]</a></p>
+
+<p>Seiner Erscheinung nach steht Heimdall nahe zu Tiuȥ und seinen
+Sprösslingen. Er ist mit dem Schwerte bewehrt und reitet ein Ross mit
+goldglänzender Mähne. So ritt er zu Baldrs Leichenbrand.&#x2060;<a id="FNanchor_430_430" href="#Footnote_430_430" class="fnanchor">[430]</a> <span class="pagenum" id="Page_361">[S. 361]</span>Snorri
+entwirft aus den vereinzelten Zügen dieses Gesamtbild von ihm:</p>
+
+<p>Heimdall heisst einer; er wird der weisse Ase genannt und ist gross
+und heilig. Er wurde von neun Jungfrauen geboren, die alle Schwestern
+waren. Er führt auch den Namen Hallinskidi und Gullintanni. Seine Zähne
+sind von Gold; sein Ross heisst Gulltopp. Er wohnt bei der Brücke
+Bifrost an dem Orte, der Himinbjorg heisst. Da er der Wächter der
+Götter ist, so sitzt er dort am Rande des Himmels, um die Brücke gegen
+die Bergriesen zu hüten. Er bedarf weniger Schlaf als ein Vogel und
+sieht bei Nacht ebenso gut als bei Tag, hundert Meilen weit. Er kann
+auch hören, dass das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen
+wächst, sowie überhaupt alles, was einen Laut von sich gibt. Er besitzt
+das Horn, welches <i>Gjallarhorn</i> heisst, und seinen Ton kann man in
+allen Welten hören.&#x2060;<a id="FNanchor_431_431" href="#Footnote_431_431" class="fnanchor">[431]</a></p>
+
+<p>Unter den himmlischen Hallen, welche das Grimnirlied aufzählt, wird
+Himinbjorg als die dem Heimdall geweihte bezeichnet; in behaglichem
+Hause trinkt dort der Wächter der Götter vergnügt den guten Met. Snorri
+(Gylfag. Kap. 17) fügt hinzu: Dieser Saal steht am Rande des Himmels
+am Brückenkopfe, wo Bifrost den Himmel erreicht. Unter „Himinbjorg“,
+den Himmelsbergen sind wol Berge zu vermuten, die hoch in den Himmel
+hineinragen.&#x2060;<a id="FNanchor_432_432" href="#Footnote_432_432" class="fnanchor">[432]</a> Bedenkt man, dass die Riesen im Hochgebirge hausen
+und von hier aus nach dem Reiche der Himmlischen spähen, so begreift
+man, dass über und auf den höchsten Gipfeln von den Göttern ein Wächter
+eingesetzt ist, der täglich aufs neue mit dem anbrechenden Lichte die
+Nachtunholde verscheucht und endlich, da das Unheil nimmer abzuwenden
+ist, mit Horneston zum Kampfe ruft.</p>
+
+<p>Über sein Wächteramt, das ihn zum ständigen Ausharren in allen Unbilden
+des Wetters zwingt, spottet Loki, in Urzeiten sei ihm ein leidiges Loos
+auferlegt worden, immer müsse er mit feuchtem Rücken sein und wachen
+als Wächter der Götter.&#x2060;<a id="FNanchor_433_433" href="#Footnote_433_433" class="fnanchor">[433]</a> Als Wächter führt Heimdall ein Horn. Sein
+Ertönen ist vom Weltbaum abhängig. <span class="pagenum" id="Page_362">[S. 362]</span>Der gellende Ton des Gjallarhornes
+verkündigt das Ende; laut bläst er in die Lüfte. Die Weltesche
+erzittert und der alte Baum rauscht.&#x2060;<a id="FNanchor_434_434" href="#Footnote_434_434" class="fnanchor">[434]</a></p>
+
+<p>Vom Heimdallsgaldr hat Snorri (Gylfag. Kap. 27) zwei Zeilen bewahrt,
+worin der Gott sagt:.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mädchen neun waren Mütter mir,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich lag neun Schwestern im Schooss.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Im Hyndlalied steht mehr über Heimdalls wunderbare Geburt und Kindheit:</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">36&#8194;&#8195;&#8195;Einer wurde&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8194; in der Urzeit geboren,</div>
+ <div class="verse indent7">Strotzend von Kraft&#8195;&#8195;&#8194; aus dem Stamm der Götter;</div>
+ <div class="verse indent7">Es gebaren den Sprossen,&#8194;den speerberühmten&#x2060;<a id="FNanchor_435_435" href="#Footnote_435_435" class="fnanchor">[435]</a></div>
+ <div class="verse indent7">Neun Riesentöchter&#8195;&#8195;&#8194; am Rand der Erde.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">38&#8194;&#8195;&#8195;Gjalp gebar ihn, &#8195;&#8195;&#8195;&#8194; &#8239;Greip gebar ihn,</div>
+ <div class="verse indent7">Es gebar ihn Eistla&#8195;&#8195;&#8194;&#8194; und Eyrgjafa,</div>
+ <div class="verse indent7">Es gebar ihn Ulfrun&#8194; &#8195;&#8239;&#8194; &#8239;und Angeyja,</div>
+ <div class="verse indent7">Imd und Atla&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8194;und Jarnsaxa.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">[39 &#x2060;<a id="FNanchor_436_436" href="#Footnote_436_436" class="fnanchor">[436]</a> &#8239;Die Erdkraft wars,&#8195;&#8195;&#8194; &#8194;die den Edlen ernährte,</div>
+ <div class="verse indent7">Eiskaltes Meer&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8194; und des Ebers Blut.]</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">[40 &#x2060;<a id="FNanchor_437_437" href="#Footnote_437_437" class="fnanchor">[437]</a> &#8239;Es ward einer geboren,&#8195;&#8194;besser als alle,</div>
+ <div class="verse indent7">Die Erdkraft wars,&#8195;&#8239;&#8195;&#8194; &#8194;die den Edlen ernährte;</div>
+ <div class="verse indent7">Als Herrscher, sagt man,&#8195;sei der hehrste er,</div>
+ <div class="verse indent7">Der allen Geschlechtern&#8195; vereint durch Verwandtschaft.]</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Neun Riesenmädchen sind genannt mit Namen, welche auf die Eigenschaften
+der Meereswogen hinzudeuten scheinen, Gjalp die Brausende, Greip
+die Umkrallende, Eistla die rasch Dahinstürmende, Eyrgjafa die
+Sandspenderin, Ulfrun die Wölfische, Angeyja die Bedrängerin, Imd die
+Dunstige, Atla die Furchtbare, <span class="pagenum" id="Page_363">[S. 363]</span>Jarnsaxa die mit dem Eisenschwerte
+(die schneidende Kälte). Auch der Meeresgöttin Ran sind neun
+Töchter zugeschrieben.&#x2060;<a id="FNanchor_438_438" href="#Footnote_438_438" class="fnanchor">[438]</a> Die Neunzahl bezieht sich auf den
+Seemannsaberglauben über die Aufeinanderfolge von Wellen verschiedener
+Stärke und Färbung, wie er noch heute vorkommt. Darf man die neun
+Mütter Heimdalls mit den neun Wogenmädchen gleichsetzen, so wäre der
+Gott als Sohn der Meereswellen bezeichnet und vielleicht zu deuten
+als der am Himmelsrand übers Meer aufleuchtende Tag. Die Strophen
+entstammen der kleinen Vǫlospǫ́, welche in Trümmern ins Hyndlalied
+eingesprengt ist. Dieses Gedicht ist ziemlich jung. Will man die
+mythische Deutung gelten lassen und versteht man unter den Riesinnen
+am Himmelsrand Wogenmädchen, so wäre wol ost- oder südisländischer
+Ursprung der Sage anzunehmen, da für die dort Ansässigen der Tag aus
+den Meereswogen auftaucht. Denkt man aber unter den neun Riesinnen
+Bergbewohnerinnen, dann könnte die Sage in Norwegen entstanden sein: am
+Himmelsrand auf Bergen wird der junge Tag geboren.</p>
+
+<p>Heimdall wird einmal der dümmste der Asen (<i>heimskastr ása</i>)
+genannt.&#x2060;<a id="FNanchor_439_439" href="#Footnote_439_439" class="fnanchor">[439]</a> Ob dieser Vorwurf in alter Sagenüberlieferung begründet
+war, ob Heimdall zu den „Vertretern des Stumpfsinns“ im Götterkreis
+etwa gleich Hoenir gehörte, oder ob nur ein boshaftes Wortspiel mit
+seinem Namen vorliegt, lässt sich nicht entscheiden. Heimdall heisst
+bei den Skalden Feind des Loki (<i>Lokadólg</i>), Sucher des Halsbandes
+der Freyja (<i>mensœkir Freyju</i>), Besucher der Wogenklippe und des
+Singasteines (<i>tilsœkir Vágaskers ok Signasteins</i>). Dort nämlich
+kämpfte er mit Loki um das Brísingamen, das Halsband der Göttin. Dabei
+waren beide in Robbengestalt.&#x2060;<a id="FNanchor_440_440" href="#Footnote_440_440" class="fnanchor">[440]</a> Der Skald Ulf Uggason behandelte
+diese Sage in einem längeren <span class="pagenum" id="Page_364">[S. 364]</span>Gedicht, wovon nur wenige Verse erhalten
+sind: der erfahrene berühmte Wächter des Götterpfades rang am
+Singastein mit dem verschlagenen Sohne des Farbauti, bevor der mutige
+Sohn der neun Mütter die schöne Meerniere (das aus Bernstein oder
+Perlen bestehende Geschmeide) gewann.&#x2060;<a id="FNanchor_441_441" href="#Footnote_441_441" class="fnanchor">[441]</a> Die zu Grunde liegende Sage
+erschliesst Müllenhoff&#x2060;<a id="FNanchor_442_442" href="#Footnote_442_442" class="fnanchor">[442]</a> also: „Nach einer schon aus dem 10. Jahrh.
+durch die Húsdrápa vollständig bezeugten nordischen Überlieferung stahl
+Loki das Brísingamen und verbarg es hinter oder auf einer Meeresklippe
+fern im Westen, wie man der nordischen Anschauung gemäss annehmen muss,
+aber Heimdall, der allezeit am Rande des Himmels wachende Hüter des
+Zugangs zum Reiche der Götter, schlich sich hinzu in Robbengestalt und
+brachte es nach einem Streit mit dem in gleiche Gestalt verwandelten
+Loki der Freyja wieder.“ Müllenhoff deutet: „Der Morgenröte tritt
+die Abendröte gegenüber. Mit der Abendröte hat Loki der am Morgen
+erschienenen Göttin das Halsband gestohlen. Der Gott aller Frühe bringt
+es zurück. Die Robbengestalt ist nur Hülle der wahren Gestalt der
+zwei Götter.“ Die alte Feindschaft kommt beim letzten Weltkampfe zum
+Austrag, wo die beiden wieder einander gegenüber stehen. Darein ist
+eine wunderliche Schwertsage verflochten.</p>
+
+<p>Heimdall wird ein Schwert zugeschrieben, „<i>hǫfud</i>“, Haupt genannt.
+Damit hat es eine besondere Bewandtniss, die zweifellos im verlorenen
+Heimdallsgaldr erklärt wurde. Thatsache ist, dass die Skalden in ihrer
+Bildersprache die Begriffe „Heimdalls Schwert“ und „Haupt“ gleichwertig
+gebrauchen. Das geht deutlich aus Snorris Worten hervor: „Heimdalls
+Schwert heisst Haupt, so ist gesagt, dass er von einem Manneshaupte
+durchbohrt wurde. Davon ist im Heimdallsgaldr geredet und dann wird
+‚Haupt‘ der Tod Heimdalls genannt; denn das Schwert ist des Mannes
+Tod.“&#x2060;<a id="FNanchor_443_443" href="#Footnote_443_443" class="fnanchor">[443]</a> Die Skalden haben aus dem Wortspiel Nutzen gezogen; sie
+setzen „Haupt“, den Namen für den Begriff Schwert ein, und dadurch
+entsteht eine recht dunkle und schwierige Kenning. Statt einfach zu
+<span class="pagenum" id="Page_365">[S. 365]</span>sagen: Heimdall wurde vom Schwerte durchbohrt, heisst es: Heimdall
+wurde vom Haupt durchbohrt. Nach beliebter Skaldenart wird mit dem
+Begriff „<i>Haupt</i>“, der ja nur unter ganz bestimmten Verhältnissen
+Schwert ausdrücken kann, gespielt. Grettir will einmal sagen: ich
+werde mein Haupt bergen; dafür gebraucht er das verschrobene Bild:
+ich werde „Heimdalls Schwert“ bergen.&#x2060;<a id="FNanchor_444_444" href="#Footnote_444_444" class="fnanchor">[444]</a> Wird nach dem verlorenen
+Liede Heimdall von „Haupt“ durchbohrt, so kann damit nur gemeint sein:
+er fällt durch seine eigene Waffe. Im letzten Kampf ficht Loki, der
+alte Feind des Gottes, mit Heimdall und beide töten sich gegenseitig.
+Danach muss man annehmen, Loki führt in diesem Kampfe „Haupt“, das auf
+irgend welche Weise in seine Hand kam. Götter und Helden erliegen oft
+nur einer einzigen, bestimmten Waffe, die ihnen selbst gehörte, die
+der Gegner listig sich erwarb. Vielleicht war es auch mit Heimdall
+so. Müllenhoff hat sich bemüht, das Rätsel mit Hilfe dieser Sage zu
+lösen. Sein Ergebniss entbehrt freilich überzeugender Beweiskraft. Aber
+vorläufig ist es die einzige, annehmbare Auslegung. Die verlorene Sage,
+aus welcher die seltsame Kenning „Haupt“ gleich „Heimdalls Schwert“
+geflossen ist, erschliesst er so: Hauptschwert, das überlegene,
+vorzüglichste Schwert heisst Heimdalls Waffe. Er führt es lange, bis es
+in die Hand seines Feindes, des Loki übergeht. Mit gewechselten Waffen
+fechten die Gegner den letzten Kampf aus, und vom eigenen Schwert
+durchbohrt fand Heimdall den Tod. So mag im verlorenen Lied erzählt
+worden sein.</p>
+
+<p>Hohe und niedere Kinder Heimdalls heissen die Menschen. Man erinnert
+sich, dass schon die Germanen zur Zeit des Tacitus die vornehmsten
+Volksstämme als Abkömmlinge des höchsten Gottes betrachteten. An die
+Vorstellung, dass Heimdall der Stammvater des Menschengeschlechtes
+sei, knüpfte um 900 ein norwegischer Dichter an und erzählte, wie
+Heimdall unter dem Namen <i>Rig</i> die Welt durchwanderte, bei drei
+Ehepaaren nach einander einkehrte und die drei Stände, Knechte, Bauern,
+Jarle, die vortrefflich und anschaulich geschildert werden, erzeugte.
+Aus dem Adel erhebt <span class="pagenum" id="Page_366">[S. 366]</span>sich der König, in welchem die menschliche
+Ständeordnung gipfelt. Das Gedicht scheint zur Verherrlichung Haralds
+des Schönhaarigen verfasst, der das norwegische Königtum zu bisher
+ungekanntem Ansehn brachte. In Norwegen herrschte also jedenfalls im
+10. Jahrhundert der Glaube, dass Heimdall die Menschen erzeugt und
+in Stände geordnet habe. Das Bestehende wird auf göttliches Gesetz
+zurückgeführt.&#x2060;<a id="FNanchor_445_445" href="#Footnote_445_445" class="fnanchor">[445]</a></p>
+
+<p>Das Geheimniss, in das Heimdall gehüllt ist, würde vielleicht ähnlich
+wie bei Baldr aus fremden Einwirkungen Aufhellung erfahren. Der
+Schwertgott auf den Himmelsbergen mahnt an den das Paradies mit dem
+Schwert hütenden Engel. Heimdalls Kampf mit Loki vergleicht sich
+dem Kampfe Michaels mit dem Drachen oder Satan. Auch dass Heimdall
+bläst, wenn Surtr naht, erinnert an das Horn des Engels beim jüngsten
+Gericht.&#x2060;<a id="FNanchor_446_446" href="#Footnote_446_446" class="fnanchor">[446]</a> Nicht Heimdalls Wächteramt und Hornblasen an und für
+sich soll aus fremden Einflüssen erklärt werden, aber dass er am
+Eingang des Himmels wacht und zum Gericht bläst. Dass an eine nordische
+Göttergestalt christliche Engelsvorstellungen sich anschlössen, ist
+sehr wol möglich. Ist einmal die Frage über fremde Einflüsse in der
+nordischen Mythologie entschieden, so dürfte wol auch Heimdalls Gestalt
+deutlicher vor uns treten.</p>
+
+<h4 id="VI_Balder"><b>VI. Balder.</b></h4>
+
+<h5 class="s4" id="Seine_Art_und_Erscheinung_1"><b>1. Seine Art und Erscheinung.</b></h5>
+
+<p>Baldr, der Leuchtende&#x2060;<a id="FNanchor_447_447" href="#Footnote_447_447" class="fnanchor">[447]</a> weist schon in seinem Namen auf seinen
+Ursprung, er ist ein Lichtgott wie Heimdall und Tiuȥ. Er <span class="pagenum" id="Page_367">[S. 367]</span>ist ein
+kühner Ritter, seines Rosses Huf weckt Quellen auf; aus solcher Sage
+stammt wol der Name Baldersbrönd, Baldrs Brunnen in Seeland. Saxo
+erzählt freilich nur, Balder habe nachgraben lassen und neue Quellen
+eröffnet.&#x2060;<a id="FNanchor_448_448" href="#Footnote_448_448" class="fnanchor">[448]</a> Das Ross folgt dem toten Gott auf den Holzstoss. Baldr
+besitzt auch ein Schiff. Von seinen Waffen ist nirgends die Rede.
+Ist er aber aus Tiuȥ abgezweigt, so gebührt ihm das Schwert und der
+Goldhelm. Baldr ist der Sohn Odins und der Frigg. Wali-Bous und Hermod
+werden als Odins Söhne Baldrs Brüder genannt. Als Ase ist auch Hod
+Odins Sohn (SE. 1, 554 u. 556), aber nirgends wird er als Bruder Baldrs
+betont, was namentlich bei Baldr und Wali-Bous geschieht.</p>
+
+<p>In Breidablik (Breitglanz) hat Baldr sich den Saal erbaut; in diesem
+Lande herrschen die wenigsten Frevel.&#x2060;<a id="FNanchor_449_449" href="#Footnote_449_449" class="fnanchor">[449]</a> Von dem Beherrscher des
+strahlenden Glanzes sagt Snorri: Ein Sohn Odins ist Baldr der Gute
+und von ihm ist nur Gutes zu berichten. Er ist der beste Gott und
+alle loben ihn. Auch ist er so schön von Ansehn und so weiss, dass
+ein heller Glanz von ihm ausgeht. Darum hat man auch eine Blume, die
+weisser ist als alle übrigen, mit Baldrs Wimper verglichen. Darnach mag
+man sich vorstellen, wie schön sein Haar und sein Körper beschaffen
+sind. Er ist der weiseste der Asen, versteht am schönsten zu reden und
+übt am <span class="pagenum" id="Page_368">[S. 368]</span>liebsten Barmherzigkeit; doch ist das Eigentümliche dabei, dass
+keiner seiner Urteilssprüche in Kraft bleibt. Er wohnt an dem Orte, der
+Breidablik heisst; der ist am Himmel belegen und an jener Stätte darf
+nichts Unreines sich finden.&#x2060;<a id="FNanchor_450_450" href="#Footnote_450_450" class="fnanchor">[450]</a></p>
+
+<h5 class="s4" id="Die_norwegisch-islandische_Baldrsage_2"><b>2. Die
+norwegisch-isländische Baldrsage.</b></h5>
+
+<p>Die Wolwa sagt: Ich sah Baldr, dem blutigen Gotte, Odins Sohne das
+Schicksal entschieden: es stand hoch über dem Feld gewachsen die schöne
+schlanke Mistel (<i>mistel-teinn</i>). Aus diesem Stamme, der dünn
+aussah, ward ein gefährliches Unglücksgeschoss; Hod that den Schuss.
+Bald aber wurde Baldrs Bruder geboren, eine Nacht alt kämpfte Odins
+Sohn. Er wusch nicht die Hände, noch kämmte er das Haupt, bevor er
+Baldrs Feind auf den Holzstoss brachte. Frigg klagte über Walhalls Weh
+in Fensalir (Vol. 32/4). Wie die Seherin von der neuen Welt und ihrer
+Herrlichkeit Kunde gibt, da sagt sie:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vol. 62. &#8239;Auf unbesätem Acker&#8195;werden Ähren wachsen,</div>
+ <div class="verse indent6">&#160;&#8239;Alles Böse schwindet,&#8195;denn Baldr erscheint.</div>
+ <div class="verse indent6">&#160;&#8239;Hropts Siegesburg&#8195;&#8195;&#8194;beziehen Hod und Baldr.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Die in der früheren Welt sich befehdet und ums Leben gebracht, wohnen
+versöhnt und einträchtig nachmals bei einander. Die Liebe hat den
+wilden Hass überwunden. Dass Loki Baldrs Tod verschuldet, wol dadurch,
+dass er dem blinden Hod das Geschoss gab und das Ziel wies, geht
+aus seinen prahlenden Worten der Frigg gegenüber hervor: ich hab’s
+verschuldet, dass du Baldr nimmer zur Burg reiten siehst (Lokas. 28).
+Ein besonderes nach der Vǫlospǫ́ und Þrymskviþa verfasstes Lied, das
+aber vielleicht doch noch ins 10. Jahrh. fällt&#x2060;<a id="FNanchor_451_451" href="#Footnote_451_451" class="fnanchor">[451]</a>, erzählt von
+schlimmen Träumen, welche Baldr plagten. Da ritt Odin zur Hölle und
+weckte die Wolwa aus dem Grabe, um die Zukunft zu erfragen. Für Baldr
+steht in den Sälen der Hel der Met gebraut, für ihn sind die Bänke
+mit Ringen bedeckt, die Dielen mit Gold belegt. Die Asen sind aller
+Hoffnung bar. Hod sendet den Baldr zur Hel, doch Wali, den Rind dem
+Odin im Westen gebiert, wird eine Nacht <span class="pagenum" id="Page_369">[S. 369]</span>alt Hod zum Holzstoss bringen
+und Baldr rächen. Das ist der Wolwa Weissagung.</p>
+
+<p>In der zwischen 980 und 990 verfassten Húsdrápa beschrieb der Skald
+Ulf Uggason Baldrs Leichenbrand, wie Freyr auf seinem goldborstigen
+Eber, Heimdall auf seinem Hengste heranritt. Odin kam angeritten von
+Raben und Walküren begleitet. Die Riesin (Hyrrokin) machte das Schiff,
+auf dem Baldr lag, flott, aber Odins Berserker brachten ihr Reittier
+(den Wolf) zu Fall. Im Preislied auf Eirik (um 950) sagt Odin: Alle
+Bankdielen erkrachen, als ob Baldr zurück zu Odins Sälen kehrte. Diese
+Stellen zeigen, dass die Sage von Baldr im 10. Jahrb. allbekannt und
+beliebt war, alle wesentlichen Züge, welche Snorris schöner Bericht
+zusammenfasst, stehen schon in der älteren Skaldendichtung fest.
+Aus dem Ende des 12. Jahrb. stammt eine Strophe des Bischofs Bjarni
+Kolbeinsson auf den Orkneys, worin erwähnt wird, dass alle Wesen über
+den toten Baldr weinten.&#x2060;<a id="FNanchor_452_452" href="#Footnote_452_452" class="fnanchor">[452]</a> In der Wissenswette, welche Odin mit
+Wafthrudnir eingeht, fragt er zuletzt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Was sagte Odin&#8195;ins Ohr dem Sohne,</div>
+ <div class="verse indent5">Ehe man ihn auf den Holzstoss hob?&#x2060;<a id="FNanchor_453_453" href="#Footnote_453_453" class="fnanchor">[453]</a></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Niemand weiss das Geheimniss, als Odin allein. Nirgends wird der
+Schleier gelüftet und Deutungen sind müssig. Im Lied von Hyndla 30
+taucht die junge, gelehrte Meinung auf, wie Baldr auf den Holzstoss
+sank, sei die Zahl der Asen auf elf herabgesunken. Wali rächte Baldr
+und erschlug seines Bruders Mörder.</p>
+
+<p>In den isländischen Quellen tritt Baldr vor allem als der leidende
+Gott auf. Sein Tod ist das Vorspiel zum Untergang der Götter. Umso
+wertvoller im Verein mit dem, was Saxo von Baldr weiss, sind solche
+Stellen, nach denen Baldr als kühner Held, nicht bloss als sterbender
+Unschuldsgott erscheint. Dem lästernden Loki hält Frigg entgegen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Lokas. 27&#8194;Hätt ich innen&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;<span class="mleft3">in Ägirs Halle</span></div>
+ <div class="verse indent16">Einen Sohn von Baldrs Sinn,</div>
+ <div class="verse indent9">Den Ausgang nicht fandst du&#8195;von der Asen Kindern,</div>
+ <div class="verse indent13">Eh du zornig den Zweikampf erprobt.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_370">[S. 370]</span></p>
+
+<p>Im Lied auf Iwar Widfadmi wird der tapfere Halfdan mit Baldr
+verglichen, woraus zu schliessen ist, dass auch Baldr für heldenkühn
+galt.&#x2060;<a id="FNanchor_454_454" href="#Footnote_454_454" class="fnanchor">[454]</a></p>
+
+<p>Baldr wurde von gefahrdrohenden Träumen geängstigt und sagte es den
+Asen. Da nahm Frigg alle Dinge in Eid, dass sie Baldr nicht schadeten,
+Feuer, Eisen und Wasser, Erze und Steine, Bäume und Krankheiten und
+Tiere, Vögel und giftige Würmer. Als nun dieses geschehen war, begannen
+die Asen ein Spiel mit Baldr: er stellte sich auf den Thingplatz
+und nun sollten die einen nach ihm schiessen, die andern nach ihm
+schlagen, die dritten ihn mit Steinen werfen. Nichts von alledem
+that ihm Schaden. Als Loki dies sah, gefiel es ihm übel. Er nahm
+die Gestalt eines Weibes an, begab sich zu Frigg nach Fensalir und
+fragte, ob sie wisse, was die Götter auf dem Thingplatze vornähmen.
+Sie erwiderte, dass alle nach Baldr schössen, dass er aber nicht
+verletzt werden könne. Weder Waffen noch Bäume können Baldr den Tod
+bringen, sagte Frigg, denn von allen habe ich Eide empfangen. Da
+fragte die Frau: Haben alle Dinge Eide geleistet, Baldr zu schonen? Da
+antwortete Frigg: Ein Pflanzenschössling wächst im Westen von Walhall,
+der Mistelteinn heisst; dieser schien mir zu jung, um ihn in Eid zu
+nehmen. Da entfernte sich die Frau, Loki aber ging hin, fasste den
+Mistelzweig und riss ihn heraus. Dann ging er zum Thingplatz. Hod stand
+ganz hinten im Kreise der Männer, denn er war blind. Da sprach Loki
+zu ihm: Weshalb schiessest du denn nicht nach Baldr? Jener erwiderte:
+Weil ich ihn nicht sehen kann und überdies keine Waffe habe. Loki
+sprach: Thue wie die andern Männer auch und schiesse nach Baldr, ich
+werde dir die Richtung weisen. Schiesse auf ihn mit dieser Gerte. Hod
+nahm den Mistelzweig und schoss nach Baldr und durchbohrte ihn. Baldr
+fiel tot nieder. Das ist das grösste Unglück bei Göttern und Menschen.
+Die Asen waren sprachlos und vermochten keine Hand zu regen, einer
+schaute den andern an, und es erfasste sie Grimm wider den, der das
+veranlasst hatte, doch konnten sie an der Friedenstätte nicht Rache
+üben. Alle waren vom heftigsten Schmerz ergriffen, am meisten Odin;
+gesprochen wurde nicht, desto mehr geweint. Als die Götter zu sich
+kamen, fragte Frigg, wer von den Asen sich dadurch <span class="pagenum" id="Page_371">[S. 371]</span>ihre Huld erwerben
+wolle, dass er nach Hels Reich hinunter ritte, um Baldr durch Lösegeld
+zurückzuerlangen. Hermod, Odins Sohn, machte sich auf und ritt auf
+Sleipnir hinab. Die Asen nahmen Baldrs Leiche und führten sie zur
+See. Hringhorni hiess Baldrs Schiff, aller Schiffe trefflichstes.
+Das wollten die Götter flott machen, um Baldrs Holzstoss darauf zu
+schichten; aber das Schiff ging nicht los. Da wurde aus Riesenheim
+die Riesin Hyrrokin entboten. Sie ritt auf einem Wolf, Schlangen
+dienten ihr zu Zäumen. Sie stieg ab, Odin rief vier Berserker, das
+Tier zu halten. Sie vermochten es nicht anders, als dass sie es
+nieder warfen. Hyrrokin trat zum Vordersteven und stiess das Schiff
+beim ersten Anstemmen heraus, dass Feuer aus den Rollen fuhr und alle
+Lande erbebten. Da wollte sie Thor mit dem Hammer schlagen, doch die
+Götter erbaten ihr Frieden. Nun ward Baldrs Leib aufs Schiff gehoben,
+und als Nanna, Neps Tochter, seine Frau das sah, brach ihr vor Leid
+das Herz. Da wurde auch sie auf den Holzstoss gelegt. Thor weihte den
+Scheithaufen mit dem Hammer Mjolnir und stiess den Zwerg Lit, der vor
+ihm vorbei rannte, mit den Füssen ins Feuer. Zu diesem Leichenbrand kam
+vielerlei Volk: zuerst Odin, mit ihm Frigg, die Walküren und Raben,
+Freyr auf einem Wagen mit dem Eber Gullinbursti oder Slidrugtanni,
+Heimdall ritt auf seinem Hengste Gulltopp, Freyja kam mit ihren Katzen.
+Auch Reifriesen und Bergriesen waren zugegen. Odin legte den Goldring
+Draupnir auf den Holzstoss, dem nachher die Eigenschaft wurde, dass
+jede neunte Nacht acht gleiche Ringe herabträufelten. Baldrs Ross mit
+allem Reitzeug wurde auf den Scheiterhaufen geführt. Hermod ritt neun
+Nächte durch dunkle und tiefe Thäler, bis er zum Fluss Gjoll kam,
+über den eine goldene Brücke führte. Modgud bewachte die Brücke, sie
+sprach: Gestern ritt Baldr mit fünfhundert Begleitern über die Brücke;
+nicht weniger kracht die Brücke, wenn du allein sie betrittst. Dann
+ritt Hermod zum Höllengitter, dort sattelte er sein Ross fester und
+gab ihm die Sporen, dass der Hengst hinübersetzte, ohne mit den Hufen
+anzustreifen. Hermod trat in die Halle und erblickte seinen Bruder
+auf dem Hochsitz. Er verweilte eine Nacht. Am andern Morgen verlangte
+Hermod von der Hel, Baldr sollte mit ihm heimreiten, und er sagte,
+wie sehr die Asen um ihn klagten. Da sprach Hel, sie wolle versuchen,
+ob wirklich Baldr so sehr geliebt werde. Wenn alle Dinge, lebende und
+tote, ihn beweinten, dann solle er zu den Göttern <span class="pagenum" id="Page_372">[S. 372]</span>zurückkehren, wenn
+aber jemand nicht weinen wolle, dann müsse er bei der Hel bleiben. Da
+erhob sich Hermod, Baldr sandte Odin den Ring Draupnir zum Andenken,
+Nanna der Frigg ein Kopftuch, der Fulla einen goldenen Fingerreif. Da
+ritt Hermod heim nach Asgard und erzählte, was er ausgerichtet. Die
+Asen forderten nun alle Welt auf, Baldr aus der Hölle loszuweinen, und
+alle Wesen weinten, Menschen und Tiere, Erde und Gestein, das Holz und
+alles Metall (wie du selbst gesehen haben wirst, dass diese Dinge alle
+weinen, wenn sie aus der Kälte in die Wärme kommen). Doch in einer
+Berghöhle sass eine Riesin, die nannte sich Thokk. Auch diese forderten
+die Götter auf, Baldr aus der Hölle loszuweinen; sie aber sprach:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Mit trocknen Thränen&#8195;&#8195;&#8195; wird Thokk beweinen,</div>
+ <div class="verse indent10">Dass Baldr den Brandstoss bestieg;</div>
+ <div class="verse indent0">Im Leben nicht bracht er&#8195;&#8195;noch als Leiche mir Nutzen:</div>
+ <div class="verse indent10">Behalte Hel, was sie hat.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Das Weib aber war Loki, der das meiste Böse unter den Asen vollbrachte.</p>
+
+<p>Snorris Bericht ist vermutlich auf poetische Darstellung gegründet,
+wie die mitgeteilte Strophe und einige Spuren von Stabreimen in der
+Prosa beweisen.&#x2060;<a id="FNanchor_455_455" href="#Footnote_455_455" class="fnanchor">[455]</a> Seine Erzählung lässt sich Zug für Zug aus den
+heidnischen Skaldengedichten belegen und hat darum Gewähr der Echtheit.
+Nur dass alle Wesen um Baldr weinten, steht erst bei einem christlichen
+Skalden, beim Bischof Bjarni. Hermods Höllenfahrt, die damit
+zusammenhängt, bezeugt nur Snorri. Sicher schloss sich unmittelbar die
+Erzählung von der Blutrache an, wie Odin mit Rind den Wali erzeugte,
+der Hod, Baldrs Mörder zum Holzstoss brachte. Vermutlich folgte auch
+Lokis Strafe, die Fesselung, welche die Vǫlospǫ́ und Snorri (K. 50)
+an Baldrs Tod anschliessen. Denn das ist die grösste Unthat, die Loki
+beging, und darum traf ihn Fesselung, in der er ausharren muss bis zum
+Weltende. Solange Hod der allein verantwortliche Töter Baldrs ist,
+hat die Sage nur von Blutrache an ihm zu berichten. Aber sobald Loki
+eingreift, verlangt die <span class="pagenum" id="Page_373">[S. 373]</span>Gerechtigkeit seine Bestrafung und lässt
+entsprechend Hod zurücktreten, von dem die isländischen Quellen gar
+nichts Bemerkenswertes mehr wissen.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Die_Baldersage_bei_Saxo_3"><b>3. Die Baldersage bei
+Saxo.</b></h5>
+
+<p>Umso mehr tritt Hotherus bei Saxo hervor, welcher im 3. Buche die
+Baldrsage folgendermaassen berichtet:</p>
+
+<p>Hotherus, ein schwedischer Königssohn, der nach Hiartvarus König von
+Schweden und Dänemark wurde, zeichnete sich in seiner Jugend durch
+Körperkraft, Schönheit und Meisterschaft in allerlei Saitenspiel
+aus. Der Jüngling, der sich vor seinen Altersgenossen durch Stärke
+und Kunstfertigkeiten hervorthat, wuchs in der Hut des norwegischen
+Königs Gevarus auf. Seine Tochter Nanna liebte den Hotherus um seiner
+Vorzüge willen. Es geschah, dass Balderus, Odins Sohn, Nanna beim
+Baden erschaute und durch die leuchtende Schönheit ihres Leibes von
+unbezwinglicher Liebe ergriffen wurde. Da beschloss er, den Hotherus,
+von dem er eine Störung seiner Wünsche befürchtete, mit dem Schwert
+umzubringen, damit seine ungeduldige Begierde nicht durch ein Hemmniss
+aufgehalten werde. Ungefähr um diese Zeit verirrte sich Hotherus auf
+der Jagd und kam zu einem Hause, wo einige Waldmädchen (<i>virgines
+silvestres</i>) ihn beim Namen grüssten. Er fragte, wer sie seien. Sie
+antworteten, sie hätten über das Kriegsglück zu entscheiden; oft seien
+sie unsichtbar in den Schlachten zugegen und gewährten ihren Freunden
+mit heimlicher Hilfe den gewünschten Erfolg. Sie könnten nach ihrem
+Belieben Glück und Unglück bringen. Sie fügten bei, Balderus sei für
+Nanna entbrannt, und warnten, ihn mit Waffen anzugreifen, denn er sei
+ein Halbgott (<i>semideus</i>). Im selben Augenblick verschwand das
+Haus, Hotherus sah sich plötzlich im freien Feld. Er wunderte sich
+und wusste nicht, dass alles nur Blendwerk war. Bei seiner Rückkehr
+erzählte er Gevarus sein Erlebniss und warb um seine Tochter. Gevarus
+erwiderte, er würde gern einwilligen, wenn er nicht des Balderus Zorn
+durch eine Absage sich zuzöge, da dieser zuerst um Nanna geworben
+habe. Denn nicht einmal Eisen könne Balders gefeitem Leibe (<i>sacram
+corporis firmitatem</i>) schaden. Doch setzte er hinzu, er wisse von
+einem unter festem Verschluss gehaltenen Schwerte, womit Balderus
+getötet werden könne. Es sei im Besitze des Waldgeistes Miming (<i>hunc
+a Mimingo sylvarum <span class="pagenum" id="Page_374">[S. 374]</span>satyro possideri</i>). Diesem sei auch ein Armring
+(<i>armilla</i>) zu eigen mit der wunderbaren Eigenschaft, den Reichtum
+des Besitzers zu vermehren. Doch sei der Zugang zu seinem Wohnort den
+Menschen sehr beschwerlich. Auf dem grössten Teil des Weges herrsche
+stets ungewöhnliche Kälte. Auf einem geschwinden von Hirschen gezogenen
+Wagen solle er die kalten Bergjoche durcheilen. Am Ziel angelangt,
+solle er sein Zelt so aufschlagen, dass es den Schatten von Mimings
+Höhle auffange, doch nicht auch ihn selbst treffe und dadurch vom
+Herauskommen abschrecke. So werde ihm Ring und Schwert zum Lohne
+werden. Soweit Gevarus. Hotherus führte die Weisungen genau aus. Tag
+und Nacht lag er auf der Lauer. Nachts verdunkelte einmal Mimings
+Schatten den Zelteingang, da schlug ihn Hotherus mit dem Speere nieder
+und fesselte ihn. Er bedrohte ihn heftig und forderte Ring und Schwert.
+Zur Lösung seines Lebens erlegte Mimingus beides. Froh kehrte Hotherus
+mit den Beutestücken heim. Nun folgt ein Kampf mit dem Sachsenkönig
+Gelderus. Dem Besiegten gewährte Hotherus mit grosser Milde den
+erbetenen Frieden. Für Helgo, König von Halogaland warb Hotherus um
+Thora, des Finnenkönigs Cuso Tochter. Inzwischen rückte Balderus mit
+Heeresmacht in des Gevarus Land, um Nanna zu fordern. Gevarus verwies
+den Freier an die Jungfrau selber, die seinen einschmeichelnden
+Bewerbungen widerstand unter dem Vorwand, Menschen und Götter passten
+nicht zusammen. Die Götter selber würden oft die Bande zerreissen,
+die sie an sterbliche Frauen knüpften. Es kam nun zum Krieg zwischen
+Hotherus und Balderus, zwischen Menschen und Göttern. Auf Balders Seite
+kämpften Odin und Thor und der Götter heilige Scharen. Hotherus, mit
+einer hieb- und stichfesten Brünne angethan, durchbrach die dichtesten
+Scharen der Götter. Thor führte eine Keule (<i>clava</i>), der nichts
+widerstand. Der Sieg hätte sich den Himmlischen geneigt, wenn nicht
+Hotherus den Griff der Keule abgehauen und sie dadurch unbrauchbar
+gemacht hätte. Nach Verlust dieser Waffe flüchteten die Götter.
+Balderus entkam. Die Sieger zerstörten die feindliche Flotte. Ein Hafen
+erinnert noch durch seinen Namen an Balders Flucht. Dem in der Schlacht
+gefallenen Sachsenkönig Gelderus wurde auf Schiffen ein Holzstoss
+gerüstet, seine Asche hierauf feierlich in einem Grabhügel beigesetzt.
+Hierauf vermählte sich Hotherus mit Nanna, dass kein weiteres
+Missgeschick dazwischen komme. Aber bald musste er des Glückes Umschlag
+erfahren, indem er von <span class="pagenum" id="Page_375">[S. 375]</span>Balderus geschlagen wurde und zu Gevarus floh.
+Um sein lechzendes Heer zu erquicken, liess Balderus tief in den
+Boden graben und eröffnete neue Quellen. Noch jetzt erhielt sich die
+Erinnerung an diese Quelle im Namen <i>Baldersbrönd</i> (Baldersbrunn
+bei Roeskilde). Nannas Bild umgaukelte fortwährend den Balderus im
+Schlafe, wodurch er so schwach wurde, dass er gar nimmer zu Fuss gehen
+konnte, sondern einen Wagen brauchte. Inzwischen wurde Hotherus nach
+dem Tode des Hiartvarus zum König von Dänemark eingesetzt. Um den durch
+seines Bruders Atislus Tod erledigten schwedischen Thron zu gewinnen,
+war er nach Schweden gezogen. Da kam Balderus mit einer Flotte nach
+Seeland und die Dänen huldigten nun ihm. Bei des Hotherus Rückkehr aus
+Schweden kam es zu einer Schlacht, aus der Hotherus fliehen musste.
+Er gelangte nach Jütland und gab dem Ort, wo er sich aufhielt, seinen
+Namen. Nachdem er den Winter dort verbracht hatte, kehrte er allein
+nach Schweden zurück. Daselbst berief er die Grossen und erklärte,
+er sei des Lebens überdrüssig, nachdem er zweimal das Unglück gehabt
+habe, von Balderus besiegt zu werden. Er sagte ihnen Lebewohl und begab
+sich auf unwegsamen Pfaden in wüste einsame Gegenden. Sonst hatte
+Hotherus vom Gipfel eines Berges dem Volke Ratschläge erteilt; wenn sie
+jetzt kamen, klagten sie bitter über die Abwesenheit und Unthätigkeit
+des sich verbergenden Königs. Als Hotherus einen entlegenen Wald
+durchschweifte, kam er zu einer Höhle, wo dieselben unbekannten Mädchen
+wohnten, welche ihm einst die feste Brünne verliehen hatten. Auf
+ihre Frage, warum er gekommen sei, nannte er als Grund sein Unglück
+im Kriege. Er verwünschte sein Vertrauen auf sie und jammerte über
+sein Unglück; ihm sei anders geschehen, als sie ihm einst verhiessen.
+Aber die Nymphen erwiderten, er habe, obwol selten siegreich, doch
+dem Feind dieselben Verluste beigebracht. Übrigens werde ihm der
+Sieg zufallen, wenn er zuerst von einer Speise, welche Balders Kraft
+vermehre, geniesse. Da fasste Hotherus Mut, den Krieg gegen Balderus
+fortzusetzen. Balderus sammelte die Dänen. Mit grossem Verlust wurde
+beiderseits gestritten, bis die Nacht den Kampf beendigte. Hotherus,
+der aus Erregung nicht schlafen konnte, ging in der dritten Nachtwache
+heimlich auf Kundschaft. Als er zum feindlichen Lager kam, sah er
+drei Jungfrauen (<i>nymphas</i>) mit der geheimnissvollen Speise
+Balders herauskommen. Er folgte im Thau ihren Spuren und erreichte
+ihr Haus. Auf ihre Fragen gab er <span class="pagenum" id="Page_376">[S. 376]</span>sich für einen Harfenspieler aus
+und spielte ihnen eine liebliche Melodie vor. Die Jungfrauen hatten
+drei Schlangen, aus deren Gift sie die stärkende Speise zu bereiten
+pflegten. Aus ihrem Rachen tropfte Gift in die Speise. Zwei von den
+Mädchen hätten ihm aus Barmherzigkeit von der Speise gegeben, wenn
+nicht die älteste eingewendet hätte, es sei Verrat an Balderus, seines
+Feindes Kraft zu steigern. Er leugnete, Hotherus zu sein, und sagte, er
+sei nur sein Knappe. Die gütigen zwei Mädchen schenkten ihm nun einen
+glänzenden siegverleihenden Gürtel. Als Hotherus auf demselben Pfade
+zurückkehrte, begegnete er dem Balderus, dessen Seite er durchbohrte,
+so dass er halbtot zur Erde fiel. Als die That bekannt wurde, erscholl
+lauter Jubel im Lager des Hotherus, während die Dänen Balders Geschick
+betrauerten. Da er seinen Tod herannahen fühlte, erneuerte er am andern
+Tage die Schlacht und liess sich auf dem Bette hinaustragen, um nicht
+im Zelte eines unrühmlichen Todes zu sterben. In der Nacht sah Balderus
+die Hel (<i>eidem Proserpina, per quietem astare aspecta</i>), die ihm
+verkündigte, er werde am folgenden Tage in ihren Armen ruhen. Der Traum
+ging in Erfüllung, nach drei Tagen starb Balderus an der Wunde. Er
+wurde in einem Hügel beigesetzt.</p>
+
+<p>Nun folgt die Geschichte, wie Odin Rind bewältigt, um mit ihr den
+Rächer Balders, Bous zu erzeugen. Othinus munterte seinen Sohn Bous,
+den er als kriegstüchtig erkannte, zur Rache an Hotherus auf. Diesem
+hatten Seher seinen Tod vorausgesagt. Es kam zur Schlacht, in welcher
+Hotherus von Bous getötet wurde. Doch durfte sich Bous seines Sieges
+nicht freuen, weil er selber schwer verwundet auf seinem Schild aus der
+Schlacht getragen wurde und tags darauf starb.</p>
+
+<p>Saxos Bericht ist nicht immer klar und muss mit Vorsicht aufgenommen
+werden. Manches ist in Abzug zu bringen, will man die von Saxo benützte
+Sage annähernd wieder herstellen. Den heidnischen Göttern ist Saxo
+feindselig gesinnt, was namentlich bei seiner Schilderung Baldrs
+hervortritt. Er stellt den Hotherus in die nordische Königsreihe ein,
+ohne jedoch deshalb tiefergreifende Änderungen an der Sage vorzunehmen.
+Aber schon sein umständlicher, verkünstelter Stil hat allerlei
+ungeschickte Zuthaten, Einschaltungen, Umstellungen im Gefolge. Sein
+Bestreben, die Erzählungen möglichst umfangreich zu machen, verführte
+ihn zu vielen selbständigen Neuerungen. Als echt erscheinen etwa diese
+wesentlichen Züge: Hother und Balder sind feindliche <span class="pagenum" id="Page_377">[S. 377]</span>Nebenbuhler,
+beide um Nanna, des Gevarus Tochter werbend. Hother, der von Nanna
+begünstigte, dem Walküren mit weisem Rate hilfreich zur Seite stehen,
+gewinnt Mimings Schwert, das einzige Waffen, wodurch Balder der
+Göttliche verwundbar ist. Nachdem das Kriegsglück lange zwischen ihnen
+geschwankt, erlegt zuletzt Hother mit dem Schwerte den Balder, dem
+Hel, seines nahen Besitzes froh, vorher erscheint, ehe sie ihn zu sich
+nimmt. Dem Balder wird ein feierlicher Leichenbrand auf dem Schiff
+gerüstet (von Saxo auf Gelder, einen Genossen Balders übertragen).
+In seinem Bruder Bous (an. Búi) ersteht Balder der Bluträcher. Unter
+die Zusätze und Neuerungen Saxos darf man wol die unnötige Dehnung
+der Handlung verweisen, die Wiederholungen desselben Zuges z.&#8239;B. der
+Erscheinung der Walküren, den liebeskranken, schmachtenden Balder und
+seine kräftigende Speise, die wiederholten Schlachten, die Kundschaft
+Hothers in Gestalt eines Harfenspielers u.&#8239;dgl.</p>
+
+<p>In seinen Untersuchungen über Saxos Quellen verficht Axel Olrik&#x2060;<a id="FNanchor_456_456" href="#Footnote_456_456" class="fnanchor">[456]</a>
+den Grundsatz, dass Saxo aus verschiedenartigen Vorlagen seine
+Darstellung entnahm, so auch hier aus einer in Dänemark heimischen
+Sage von Balder und Hoder und aus einer norwegischen Hodersaga. Die
+dänische Überlieferung, an einige Ortsnamen geheftet, bot wenig
+Einzelheiten, sie beschränkte sich auf einen kurzen Bericht über
+die Feindschaft zwischen Balder und Hoder und von Balders Tod. Die
+norwegische Hodersage aber war mit all den bunten Zügen ausgeschmückt,
+welche den mythischen Sagen, den sog. Fornaldarsögur, eignen. Die
+Hauptunterschiede vom isländischen Bericht liegen darin, dass der
+Kampf unter den Menschen vor sich geht, dass die Götter wie Menschen
+mitkämpfen und dem Helden der Sage weichen, dass Hoder der Held der
+Sage ist, dass Nannas Besitz die Triebfeder der Handlung bildet.
+Für die mythische Verwertung des Inhaltes macht es übrigens keinen
+wesentlichen Unterschied, ob Saxo oder ein Sagaschreiber, sein
+Gewährsmann, für die mancherlei Zuthaten und Umänderungen oder auch für
+Erhaltung älterer Züge verantwortlich ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_378">[S. 378]</span></p>
+
+<h5 class="s4" id="Vergleichung_der_beiden_Baldrsagen_4"><b>4. Vergleichung der
+beiden Baldrsagen.</b></h5>
+
+<p>Wie verhalten sich die zwei verschiedenen Berichte in den isländischen
+Quellen und bei Saxo zu einander? Neuerdings bricht sich die Anschauung
+Bahn, dass Saxo die ältere Sagenform bewahre. Die jüngere isländische
+Überlieferung hat demnach Zusätze und Änderungen eingeführt. Balder
+kämpft mit Hother um den Besitz der Nanna; Nanna, die Kühne&#x2060;<a id="FNanchor_457_457" href="#Footnote_457_457" class="fnanchor">[457]</a>
+ist eine Frauengestalt wie etwa Hilde, die Streit unter tapfern
+Helden veranlasst. Balder erliegt nur einer bestimmten Waffe und
+wird von seinem Bruder gerächt. Die jüngere Sage führt Loki ganz neu
+ein. Loki verkörpert das Böse unter den nordischen Göttern, daher
+musste er auch diese Unthat übernehmen. Dass Loki aber dem späten
+nordischen Heidentum angehört und im Teufel sein Vorbild hat, ist sehr
+wahrscheinlich; ebenso dass Baldr in der isländischen Sage Züge von
+Christus annahm.&#x2060;<a id="FNanchor_458_458" href="#Footnote_458_458" class="fnanchor">[458]</a> Die Verschmelzung des lichten weissen Baldr mit
+dem weissen Christus (an. <i>hvíta-kristr</i>) wurde bewirkt infolge
+von Erzählungen, welche die Nordleute in England vom „<i>bealdor</i>“,
+wie bei den Angelsachsen Christus heisst, vom Herrn vernahmen. Damit
+ergab sich notwendig die Gegnerschaft zwischen Loki und Baldr, Lucifer
+und Christus. Baldrs Lichtwesen, ursprünglich im eigentlichen Sinn
+als Ausfluss seiner glänzenden Heldengestalt genommen, wurde nun
+bildlich verstanden, der strahlende Held wurde zum Gott der Reinheit
+und Unschuld. Der tapfere Ritter wandelte sich zum thatenlosen,
+sanften, duldenden Gott. Hod verliert gleichmässig die kräftigen
+Züge, die ihm früher zukamen. Er wird das blinde Werkzeug Lokis, wie
+Lucifer den blinden Kriegsknecht heranführt, damit er Christi Seite
+durchbohre. Loki wird darauf in Fesseln geschlagen, wie Lucifer in der
+Hölle gefesselt liegt und erst am jüngsten Tage wieder loskommt. Mit
+Hods Vernachlässigung verliert auch die Blutrache an ihm merklich an
+Bedeutung, da alles Gewicht auf Loki entfällt. Besondere Bewandtniss
+hat es aber <span class="pagenum" id="Page_379">[S. 379]</span>mit dem Mistelzweig, den Frigg allein nicht vereidigt
+hatte. Auch Christus hatte alles Holz in Eid genommen mit Ausnahme
+eines Kohlstengels in Judas Garten, an dem Christus auch gehenkt
+wurde. <i>Mistelteinn</i> begegnet in nordischer Sage mehrfach als
+Schwertname.&#x2060;<a id="FNanchor_459_459" href="#Footnote_459_459" class="fnanchor">[459]</a> Bei Saxo fällt Balder nur durch ein besonderes
+Schwert, das Hother dem Miming abgewinnt, und darin liegt wol die
+ältere Sagenform vor. War vielleicht der von Saxo verschwiegene Name
+des Schwertes <i>Mistelteinn</i>? In diesem Falle würde sich manches
+Rätsel der isländischen Fassung lösen. Der Schwertname Mistelteinn,
+buchstäblich verstanden, ergab die Sage, Baldr sei durch einen
+Mistelzweig umgekommen. Ähnlich wurde ja auch Freys goldener Eberhelm
+zum goldenen Eber, Mimirs Quellenhaupt zum abgeschnittenen Kopf des
+weisen Wassergeistes. So lassen sich die Abweichungen des isländischen
+Berichtes einigermaassen erklären. Jedenfalls ist die isländische
+Fassung leichter und ungezwungener aus der Saxos abzuleiten als
+umgekehrt, und daraus ist zu schliessen, dass bei Saxo die Baldrsage
+ursprünglicher und älter erscheint als in den nordischen Quellen. Da
+letztere fürs 9./10. Jahrhundert vorauszusetzen sind, zeigt Saxos
+Darstellung eine noch frühere Gestalt der Baldrsage. Nur ein Zug findet
+keine vollständig befriedigende Erklärung, freilich weder auf dem einen
+noch auf dem andern Weg. Warum ist Nanna im isländischen Bericht Baldr
+ganz in Liebe ergeben und bis zum Tode getreu, während sie bei Saxo
+dem Hotherus gehört? Wenn die isländischen Quellen Hod zurückdrängen,
+ergibt sich allerdings auch für Nanna eine veränderte Stellung. Aus
+andern Ursachen, durch Lokis Tücke, erfolgt Baldrs Tod. Soll die Frau
+nicht gänzlich aus der Sage schwinden, so kann sie nur in Verbindung
+mit Baldr sich halten. Die Wirkung des rührenden Bildes vom Morde
+des reinen Gottes wird erhöht, wenn das liebende Weib ihm zur Seite
+steht, dessen Herz vom Todesstosse mit getroffen wird. Man kann auch
+annehmen, dass vielleicht Saxo Nannas Verhältniss zu Balder nach eignem
+Ermessen, weil er den Sohn Odins nicht mit günstigen Augen betrachtet,
+absichtlich kälter und ablehnender schilderte, als seine Vorlagen,
+dass Nanna in der ursprünglichen Sage so zwischen Hod und Baldr stand,
+dass <span class="pagenum" id="Page_380">[S. 380]</span>sie mehr zum Gotte neigte. Es könnte schliesslich in diesem Zug
+auch der isländische Bericht ursprünglich sein, Baldr gewann das Weib
+und darum erschlug ihn Hod, Nanna aber starb mit dem Geliebten. Dann
+hätte Saxo willkürlich, was ihm wol zuzutrauen ist, Nanna dem Hotherus
+gegeben.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mit kühnster Kombination und durch Heranziehung sehr zweifelhafter
+Sagen, die demselben Mythus entwachsen sein sollen, stellt Detter&#x2060;<a id="FNanchor_460_460" href="#Footnote_460_460" class="fnanchor">[460]</a>
+eine eigenartige Urform der Baldrsage fest. Darnach handelt es sich
+ursprünglich um zwei Brüder, Baldr und Váli (Wanilo, d.&#8239;h. der Wane),
+zwei Freyshelden. Odin, der einäugige blinde Kampfgott, sucht mit
+gewohnter tückischer List Streit unter den Brüdern zu erregen. Seinen
+Speer in Gestalt des unscheinbaren Mistelzweigs spielt er dem Váli
+in die Hände, der damit den Baldr erschiesst. Nicht Loki ist der
+Anstifter des Unheils, Odin selber steht im Hintergrund und lenkt die
+Schicksalsfäden so, dass ein Held zur Wal fällt. Eine solche Sage geht
+weit über das, was in den Quellen überliefert ist, hinaus.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Ursprung_der_Baldrsage_5"><b>5. Ursprung der
+Baldrsage.</b></h5>
+
+<p>Die Entstehung der Baldrsage wird verschiedenartig erklärt. Die
+beliebte mythologische Auslegung sieht in Baldr das Licht, das zu
+Mittsommer die Höhe seiner Herrschaft erreicht, dann aber sich
+neigt. Wenn die Tage sich kürzen, stirbt Baldr. Dass der Lichtgott
+von den Mächten der Finsterniss befehdet wird und ihnen erliegt, ist
+ein naheliegender Gedanke. Doch alle Deutungen im einzelnen sind
+verfehlt. Bugge und Kauffmann betrachten die Sage als reine Dichtung;
+Bugge&#x2060;<a id="FNanchor_461_461" href="#Footnote_461_461" class="fnanchor">[461]</a> meint, die dänische Baldrsage, Saxos Bericht entstamme der
+mittelalterlichen Trojanersage, Erzählungen von Paris-Alexander und
+Achilles. Gewiss finden sich viele merkwürdige Übereinstimmungen,
+jedoch anderer äusserlicherer Art, als die zwischen dem isländischen
+Baldr und Christus, wo die ganze Art der Auffassung dem heimischen
+nordischen Wesen fremdartig ist. Auch lässt sich weit eher ein
+Bekanntwerden der Nordleute mit Vorstellungen von Christi Tod denken
+als mit den mittelalterlichen Trojaromanen. <span class="pagenum" id="Page_381">[S. 381]</span>Kauffmann&#x2060;<a id="FNanchor_462_462" href="#Footnote_462_462" class="fnanchor">[462]</a> hält
+eine Heldensage für die Grundlage des Baldrmythus. „Weder Baldr noch
+seine Gemahlin Nanna noch sein Gegner Hod waren ursprünglich Götter,
+sie alle haben einst auf Erden gewaltet.“ Baldrs Name bezeichnet
+ihn als kühnen Kriegsfürsten. Er wurde Odins Sohn etwa wie Hermod,
+Sigmund, Bragi, und endlich versetzte ihn die Sage völlig unter die
+Asen. Bei dieser Auffassung bleibt natürlich kein Zeugniss eines ags.
+oder eines deutschen Balderdienstes bestehen. Wir hätten gar keinen
+altgermanischen Götternamen Balder anzunehmen, vielmehr nur das
+Hauptwort <i>balder</i>, Fürst, König, welches zum Eigennamen erhoben
+wurde. Ein göttlicher Baldr wäre allein der nordischen Göttersage des
+9. und 10. Jahrhunderts zuzuweisen.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Baldrdienst_6"><b>6. Baldrdienst.</b></h5>
+
+<p>Von einer Verehrung oder Anrufung Baldrs ist nirgends in den
+alten geschichtlichen Quellen des Nordens die Rede. Nur die wenig
+zuverlässige, in der Hauptsache erdichtete Fridthjofssaga im 14.
+Jahrhundert berichtet von einem Hofe in der norwegischen Landschaft
+Sogn, der „im Baldrshag“ (<i>i Baldrshagi</i>) hiess. Dort war
+ein befriedeter Platz und ein grosser Tempel mit einer Umzäumung
+ringsherum. Im Tempel waren viele Götter, aber Baldr wurde doch am
+meisten verehrt. Dort durfte man weder Vieh noch Menschen Schaden
+anthun und Männer durften dort nicht Umgang mit Frauen haben. Bei
+Festen wurden die Götterbilder von Frauen gesalbt, am Feuer gewärmt und
+mit Tüchern abgetrocknet. Örtlichkeiten wurden in Norwegen, Schweden
+und Dänemark frühzeitig nach Baldr benannt.&#x2060;<a id="FNanchor_463_463" href="#Footnote_463_463" class="fnanchor">[463]</a> In allen nordischen
+Ländern ist Baldrs Braue (<i>brá</i>) als Blumenname gebräuchlich für
+Vereinsblütler mit den weissesten Strahlen und gelber Scheibe. Schon
+Snorri erwähnt die Blume, die in ihren Farben Baldr glich, den man sich
+licht und glänzend, mit weissen Wimpern und goldgelbem Haar dachte.
+Wenn Baldr seit Urzeiten ein Name des Licht- und Sonnengottes war,
+so konnte die Blume als irdisches Bild der Sonne sehr wol nach ihm
+genannt werden. Dass die Johannisfeuer von alter Zeit her <i>Baldrs
+bål</i>, Baldrs Holzstoss benannt wurden oder überhaupt mit Baldrs
+Scheiterhaufen etwas <span class="pagenum" id="Page_382">[S. 382]</span>zu thun hatten, ist eine Meinung, die nur auf
+dem 13. Gesang von Tegnérs Frithjofssage beruht. Tegnér schöpfte nicht
+aus alter Überlieferung. Auch J. Grimms Behauptung&#x2060;<a id="FNanchor_464_464" href="#Footnote_464_464" class="fnanchor">[464]</a>, am 2. Mai, am
+„Pfultage“ seien Feuer zu Ehren Baldrs oder Phols entfacht worden, hat
+keine feste Gewähr.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Baldr_ausserhalb_des_Nordens_7"><b>7. Baldr ausserhalb des
+Nordens.</b></h5>
+
+<p>Schwer zu entscheiden ist, ob Baldr auch ausserhalb des Nordens
+bekannt war. Im Ags. kommt <i>bealdor</i> nicht als Eigenname, nur
+als Hauptwort vor. Wenn aber <i>Bældæg</i>, Wodans Sohn, welchen
+die Stammtafeln von Bernicia und Wessex aufführen, mit Baldr
+gleichzustellen ist, wie schon Snorri&#x2060;<a id="FNanchor_465_465" href="#Footnote_465_465" class="fnanchor">[465]</a> vermutete, dann dürfte
+allerdings der Lichtgott auch den Angelsachsen zuzusprechen sein. Bei
+den Hochdeutschen ist der Personenname <i>Paltar</i>&#x2060;<a id="FNanchor_466_466" href="#Footnote_466_466" class="fnanchor">[466]</a> gebräuchlich,
+der allerdings ebenso aus dem Appellativum wie aus dem Götternamen
+geflossen sein kann; denn auch Wotan kommt als Mannsname vor. Wie
+das Wort im Merseburger Zauberspruch aufzufassen sei, darüber gehen
+die Anschauungen weit auseinander, wie überhaupt über die Anzahl und
+Bedeutung der im Segen genannten Gottheiten keinerlei Gewissheit
+herrscht. Das Lied erzählt: Phol und Wodan ritten zu Walde, da wurde
+dem Fohlen Balders (<i>demo balderes volon</i>) der Fuss ausgerenkt.
+Sogleich erwiesen die Himmlischen die grösste Sorgfalt, ihn wieder
+einzurichten. Doch weder Sinthgund noch Sunna, Frija noch Fulla
+vermochten es, erst Wodan, der Zauberkundige selbst konnte den Fuss
+beschwören und heilen. Der Spruch zielt deutlich darauf hin, Wodans
+Übermacht in helles Licht zu rücken, namentlich gegenüber seinem
+Begleiter, dem rätselhaften Phol. J. Grimms <span class="pagenum" id="Page_383">[S. 383]</span>Annahme stellt Phol und
+Balder einander gleich, es sei ein Gott, der mit zwei verschiedenen
+Namen bezeichnet werde. „Das erlahmte, in seinem Gange aufgehaltene
+Pferd Balders empfängt vollen Sinn, sobald man ihn sich als Lichtgott
+oder Taggott vorstellt, durch dessen Hemmung und Zurückbleiben grosses
+Unheil auf der Erde erfolgen muss.“ Wenn die oben vorgetragene
+Ansicht richtig ist, dass Wodan sich allmälig an die Stelle des Tiuȥ
+aufschwang, wenn Baldr als eine aus dem Lichtgott abgezweigte Gestalt
+angeschaut werden darf, wenn Baldr nur Tiuȥ unter anderm Namen ist,
+dann erhielte der Spruch eine tiefe Bedeutung. Eine Sage mag vielleicht
+einst von Balders Ritt auf dem strahlenden Sonnenrosse erzählt haben,
+wie es strauchelte und lahmte, aber vom Gott geheilt wurde. Dass der
+Tag heranreitet, spricht der Volksglaube aus (Myth. 699), dass dem
+lichten Reiter von den Mächten der Finsterniss nachgestellt wird,
+dass ihm Unfall und Untergang droht, ist begreiflich. Doch erhebt
+er sich auch wieder siegreich. Dem leuchtenden Ritter gesellt sich
+Wodan auf seinem Sturmrosse. Sie reiten zusammen. Um Wodans Macht zu
+zeigen, wird ihm allein die Heilung zugeschrieben. Dadurch erscheint
+er grösser und gewaltiger als Balder, sein Sieg über den älteren Gott
+ist entschieden. Wer im oberdeutschen Paltar einen Nachklang vom Gott
+Balder, den der thüringische Merseburger Segen schildert, anerkennen
+will, darf allerdings im Hinblick auf Bældæg und Baldr behaupten,
+dass Balder bei allen Germanen ein Name des Tiuȥ, war, dass Balder
+als besondere Gestalt sich losgelöst hatte. Die nordische Baldrsage
+wird jedoch dadurch keineswegs als gemeingermanisch erwiesen. Ist aber
+„<i>balder</i>“ nur Hauptwort, so bedeutet „<i>demo balderes volon</i>“
+dem Fohlen des Herrn, worunter Phol oder Wodan verstanden sein muss.
+Beim Fehlen anderer Zeugnisse und weil ahd. Paltar ebenso aus balder
+wie aus Balder, aus dem Appellativ wie aus dem Götternamen erklärt
+werden kann, bleibt die Frage eines deutschen Balderkultes offen.&#x2060;<a id="FNanchor_467_467" href="#Footnote_467_467" class="fnanchor">[467]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_384">[S. 384]</span></p>
+
+<h5 class="s4" id="Phol_8"><b>8. Phol.</b></h5>
+
+<p>Wer aber ist <em class="gesperrt">Phol</em>?&#x2060;<a id="FNanchor_468_468" href="#Footnote_468_468" class="fnanchor">[468]</a> J. Grimm glaubt, dem Namen auch sonst
+zu begegnen, Pholesouwa, zwischen 774 und 780 erwähnt, jetzt Pfalsau
+bei Passau, Pholespiunt, erwähnt um 1138, jetzt Pfalzpoint an der
+Altmühl in Bayern, Pholesbrunno, jetzt Pfulsborn in Thüringen. Auen,
+eingehegte Feldstücke (<i>piunt</i>), Brunnen (vgl. das dänische
+Baldersbrönd bei Saxo) seien dem Gotte Phol geweiht gewesen; Phol
+aber sei nur ein anderer Name des Balder. Ortsnamen mit Phol begegnen
+hauptsächlich in Oberdeutschland, in Gegenden, welche der römischen
+Kultur am nächsten lagen, vereinzelt reichen sie nach Thüringen
+hinein, während sie in Norddeutschland fehlen. Beachtung verdient
+aber der ags. „<i>Polesléah</i>“, Hain des Pol, da er dem Sinne und
+der Bildungsweise nach genau übereinstimmt mit „<i>Balderes lêg</i>“,
+Hain des Balder. In England gab es also heilige Haine, die dem
+Balder-Pol geweiht waren.&#x2060;<a id="FNanchor_469_469" href="#Footnote_469_469" class="fnanchor">[469]</a> Sollte Phol, Pol eine Verderbniss aus
+Apollo sein? Möglicherweise bildete sich wie <i>Mercur-Wodan</i>,
+<i>Hercules-Donar</i>, <i>Hercules-Magusanus</i>, <i>Mars-Thingsus</i>
+eine römisch-deutsche Formel <i>Apollo-Balder</i> und wurde das
+Fremdwort im Volksmunde zu Pol, <span class="pagenum" id="Page_385">[S. 385]</span>nach der hds. Verschiebung zu
+Phol. Allerdings sind Apollo und Balder wesensgleich und können
+daher einander gegenüber gestellt worden sein. Aber diese Deutung
+unterliegt auch mehrfachen Bedenken. Die Ortsnamen lassen auch
+andere Erklärungen zu, man kann an den Pfahl- oder Pohlgraben, die
+Teufelsmauer denken, auch Pfuhl bietet sich dar, besonders wenn man
+die Formen <i>Pfoalsowa</i> und <i>Phůlsouua</i> in Betracht zieht.
+Die Zusammengehörigkeit des Götternamens mit den Ortsnamen ist nicht
+sicher. Im Zauberspruch kann Phol für Vol stehen, was der Stab <i>Vol:
+vuoren</i> nahe legt. Vol lässt viele Deutungen zu, man kann einen
+Gott oder eine Göttin der Fülle (vgl. <i>Volla</i> an. <i>Fulla</i>,
+griech. <i>Plutos</i>) dahinter suchen. Eine allseitig befriedigende
+und sichere Lösung ist noch nicht geglückt.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Angebliche_Baldrsagen_9"><b>9. Angebliche Baldrsagen.</b></h5>
+
+<p>Dass in Baldr und Wali das göttliche Brüderpaar der germanischen
+Dioskuren nachlebe, sucht Müllenhoff zu erweisen. Die deutsche
+Heldensage soll die Dioskuren in den Hartungen, zwei Brüdern bewahren.
+Besonders eine Schweizersage&#x2060;<a id="FNanchor_470_470" href="#Footnote_470_470" class="fnanchor">[470]</a> wird angezogen, deren wesentlicher
+Inhalt so lautet: Zwei Brüder Baltram (Baldr) und Sintram zogen
+zur Jagd und kamen zu einem Drachenloch. Der Wurm fuhr heraus und
+verschlang Baltram. Sintram aber setzte sich zur Wehr und bezwang
+den Drachen. Aus dem gespaltenen Leibe des Untiers befreite er den
+noch lebenden Baltram. Man muss viel Einbildungskraft besitzen, um
+bei dieser Sage an Baldr und Wali zu denken. Nur dass beidemale zwei
+Brüder vorkommen und der eine den andern rächt, lässt sich vergleichen.
+Der Zug ist aber so allgemeiner Art und alles Einzelne ist so
+grundverschieden, dass man lieber von einer so ungewissen Beziehung
+Abstand nehmen wird.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Vom hl. Gangolf wird erzählt, wie er eine Quelle versetzt oder neu aus
+dem Boden springen lässt, als er aus einem Feldzug heimkehrt. Sein Weib
+buhlt mit einem Kleriker und wird der Sünde überführt. Der Kleriker
+wird aus dem Hause gejagt, kehrt aber zurück, um den Heiligen zu
+ermorden. Er trifft ihn in die <span class="pagenum" id="Page_386">[S. 386]</span>Hüfte. Dem todwunden Gangolf erscheinen
+Engelscharen, die ihm seinen Eintritt in den himmlischen Freudensaal
+ankündigen. Am Grabe Gangolfs zu Toul geschahen wunderbare Heilungen.
+Damit vergleicht Laistner&#x2060;<a id="FNanchor_471_471" href="#Footnote_471_471" class="fnanchor">[471]</a> die Urgestalt der Baldrsage: Baldrs
+Frau Nanna hielt zu einem andern, Hotherus. Dieser, von seinem Gegner
+wiederholt besiegt, flieht in die Wildniss, schöpft aber auf Zureden
+von Zauberweibern neue Hoffnung, beschleicht Baldr und verwundet ihn
+in die Seite. Baldr stirbt erst nach einigen Tagen. In der Nacht
+zuvor erscheint ihm Hel und kündigt ihm den Tod an. Die Ähnlichkeit
+zwischen der Baldrsage und Gangolfs Legende ist verschwindend und
+durch willkürliche Änderungen der ersteren erzwungen. Die Züge, welche
+einander gleichen, sind auch sonst häufig, können also nichts für die
+Sage, der sie sich gerade anheften, beweisen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Sage Nr. 52 bei Müllenhoff, Sagen aus Schleswig-Holstein und
+Lauenburg S. 373 ist verdächtig: Bei Boldersleben sieht man auf einer
+Anhöhe noch die Spuren eines Schlosses. Da hat früher ein König Bolder
+gesessen und dem Ort den Namen gegeben. Er geriet mit einem König
+Hother in Hadersleben in Streit und erschlug ihn. Bolder liegt in
+Boldershöi begraben; vor mehreren Jahren pflügte man Knochen aus, die
+von ihm herrührten.</p>
+
+<h4 id="VII_Forseti"><b>VII. Forseti.</b></h4>
+
+<p>Forseti (Vorsitzer) heisst ein Sohn des Baldr und der Nanna, der
+Tochter Neps. Er besitzt im Himmel den Saal, welcher Glitnir (der
+Glänzende) heisst, und alle, die mit schwierigen Händeln zu ihm kommen,
+gehen versöhnt fort. Dort ist die beste Gerichtsstätte, von der Götter
+und Menschen wissen. Im Grimnirliede 15 heisst es: Glitnir ruht auf
+goldenen Säulen, das Dach ist mit Silber gedeckt. Dort weilt Forseti
+die meisten Tage und begleicht alle Streitsachen. In Forseti ist die
+richterliche Obergewalt verkörpert. Da er im Himmelsglanze thront, darf
+er als Ausfluss des Himmelsgottes gedacht werden. Er vertritt eine
+Seite seines allumfassenden Wesens. Im nordischen Recht wirkt keine
+Spur dieses göttlichen Oberrichters nach. Auch sonst deutet <span class="pagenum" id="Page_387">[S. 387]</span>nichts
+auf eine Verehrung des Forseti, nur ein Hain in Norwegen trägt seinen
+Namen.&#x2060;<a id="FNanchor_472_472" href="#Footnote_472_472" class="fnanchor">[472]</a></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Helgoland hiess in der Heidenzeit <i>Fositesland</i>. Die Insel war
+einem Gott, dessen Name verschieden als <i>Fosite</i>, <i>Fosete</i>,
+<i>Foseti</i>&#x2060;<a id="FNanchor_473_473" href="#Footnote_473_473" class="fnanchor">[473]</a> überliefert ist, geweiht. Heiligtümer erhuben sich,
+und solche Verehrung genoss die Stätte, dass niemand von den Herden,
+die dort weideten, und von sonst einer Sache sich zu nehmen getraute.
+Aus einer dort hervorsprudelnden Quelle durfte nur schweigend geschöpft
+werden. Als die Bekehrer sich am Eigentum der Götter vergriffen,
+glaubte das Volk, sie würden mit Wahnsinn geschlagen oder jähen Todes
+sterben. Durch Looswurf erforschte König Radbod den Willen der Götter,
+ob sie den Tod der Christen verlangten oder nicht.&#x2060;<a id="FNanchor_474_474" href="#Footnote_474_474" class="fnanchor">[474]</a> Es handelt sich
+also um ein grosses <span class="pagenum" id="Page_388">[S. 388]</span>Heiligtum der Friesen, dem Fosite geweiht ist
+das Land. Unverletzlich sind seine Tempel, die Quelle, die weidenden
+Herden. Wir erhalten ein anschauliches Bild von allem Zubehör des
+Gottesdienstes auf heiliger Aue.</p>
+
+<p>Nach J. Grimms Vorgang glaubt man, den friesischen Fosite mit dem
+nordischen Forseti gleichsetzen zu dürfen. Sind sie wirklich eins, dann
+fragt es sich nur, wie ihr Verhältniss zu erklären ist. Schwerlich darf
+man auf einen altgermanischen Gott schliessen, der sich unabhängig
+bei Friesen und Nordleuten entwickelte. Da er bei den Friesen im
+Kulte lebt, gehört er mit grösserem Recht ursprünglich ihnen zu.
+Andrerseits ergänzt Forseti des friesischen Gottes Wesen. Der höchste
+Richter im himmlischen Glanze thronend kann nur eine Hauptgottheit,
+etwa Tiuȥ sein. In bestimmter Eigenschaft als Wahrer des Rechtes,
+unter besonderem Namen als Fosite verehrten die Friesen den Tiuȥ. Die
+nordischen Wikinger suchten im 8. und 9. Jahrhundert besonders häufig
+Friesland heim und liessen sich auch längere Zeit dort nieder. Dadurch
+entwickelte sich ein reger Verkehr und Austausch unter Friesen und
+Nordleuten, wobei Fosite als Forseti nach dem Norden gelangt sein kann.
+Dass er zu Baldr in Beziehung gesetzt wurde, mag ihre verwandte Art
+veranlasst haben. Sind doch beide Götter aus Tiuȥ abgezweigt, ein Teil
+seines Wesens. Auch Baldr fällt <span class="pagenum" id="Page_389">[S. 389]</span>Urteilsprüche und versteht schön zu
+reden, worin er sich mit Forseti berührt.</p>
+
+<p>Ist Fosite-Forseti Hauptgott und oberster Richter, dann darf vermutet
+werden, dass die schöne Sage von der Einsetzung des friesischen
+Rechtes ebenfalls mit dem geheimnissvollen, ungenannten Gott auf ihn
+zielt. Aber die Gleichung Fosite-Forseti ist eben nur Vermutung, keine
+erwiesene Thatsache.</p>
+
+<p>Nach der Sage werden die 12 <i>Asegen</i> (Gesetzsprecher) als
+„<i>Foerspreken</i>“ auf Befehl König Karls d. Gr. von den 7
+friesischen Seelanden erwählt, um zu verkünden, was friesisches Recht
+sei. Sie erklärten, dem Befehl des Königs nicht nachkommen zu können.
+Zwei Tage lang bitten sie um Frist, auch die drei folgenden erklären
+sie es ausser stand zu sein. Als sie aber am sechsten Tage nicht
+verkündeten, was Rechtens sei, erklärte Karl, sie hätten alle den Tod
+verwirkt. Er gestattet ihnen die Wahl, ob er sie töten solle, ob sie
+eigene, unfreie Leute werden wollen, oder ob er sie in einem Schiff
+ohne Ruder, Segel und Tau ins Meer aussetzen soll. Sie wählen das
+letzte und werden ausgesetzt. In der grössten Verzweiflung ermahnt sie
+einer von ihnen, der von Wydekens des ersten Asega Geschlecht war, Gott
+um Rettung zu bitten. Wie Christus zu seinen Jüngern bei verschlossenen
+Thüren gekommen sei und ihnen geholfen habe, so werde er auch ihnen
+einen dreizehnten senden, der ihnen lehre, was Rechtens sei, und sie
+zum Lande führe. Sie fielen auf die Knie, beteten, und der dreizehnte,
+ihnen allen gleich, sass plötzlich im Schiff. Er hatte eine Achse
+(oder Axt?) auf der Achsel und steuerte damit zum Ufer. Er warf die
+Achse ans Land und warf ein Stück Rasen auf. Da entsprang eine Quelle
+Wassers, die den Durst aller stillte. Den Weg, den der Gott zu Lande
+nahm, nannte man <i>Eeswey</i>, die Stätte, wo sie sich niederliessen,
+<i>Axenthove</i>. Der dreizehnte lehrte den zwölfen alles, was Rechtens
+sei, und verschwand, als er sie belehrt hatte. Die zwölfe traten vor
+König Karl, der sie von den Meereswogen verschlungen wähnte. Karl
+bestätigte, was sie als Recht verkündigten. So entstand das friesische
+Recht.&#x2060;<a id="FNanchor_475_475" href="#Footnote_475_475" class="fnanchor">[475]</a> Dass mit diesem dreizehnten Asegen der <i>és</i>, <span class="pagenum" id="Page_390">[S. 390]</span>der
+Hauptgott der Friesen gemeint ist, steht ausser Zweifel. Er mag mit
+Fosete eins sein. Aber sein Abzeichen ist rätselhaft. Dürfte eine Axt
+darunter verstanden werden, dann ergäbe sich Beziehung auf Donar. Aber
+unklar bliebe, wie der ês mit einer Streitaxt steuern konnte.</p>
+
+<h4 id="VIII_Ullr"><b>VIII. Ullr.</b></h4>
+
+<p>Ullr muss bedeutender gewesen sein, als die Überlieferung auf den
+ersten Blick erkennen lässt. Sein Name besagt: der Herrliche, der
+Majestätische&#x2060;<a id="FNanchor_476_476" href="#Footnote_476_476" class="fnanchor">[476]</a> und kann demnach ein Beiwort einer unbekannten
+erhabenen Gottheit sein. Leider haben die Skalden seine Gestalt in
+den Hintergrund gedrängt, nur seine unaufgeklärte Verwandtschaft zu
+Sif und Thor und sein Schildmythus kommt zur Sprache. Dagegen scheint
+ihm im wirklichen Leben grössere Bedeutung zugekommen zu sein. Manche
+erblicken in Ullr seiner Thätigkeit halber einen Gott des Winters oder
+wenigstens eine hohe Gottheit in ihrer winterlichen, die sommerlichen
+Kräfte des Lichtes und der Wärme vernichtenden Lebensthätigkeit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_391">[S. 391]</span></p>
+
+<p>Ullr heisst ein Sohn der Sif, Thors Stiefsohn. Er ist im Bogenschiessen
+und Schneeschuhlaufen so tüchtig, dass niemand darin mit ihm
+wetteifern kann. Schön ist er von Ansehn und besitzt alle Vorzüge
+eines Kriegsmannes; darum ist es auch gut, ihn in Zweikämpfen
+anzurufen. Ydalir, Eibenthal heisst ein Ort, wo Ullr sich vormals die
+hohe Halle erbaut.&#x2060;<a id="FNanchor_477_477" href="#Footnote_477_477" class="fnanchor">[477]</a> Von Eibenholz wurden die Bögen gefertigt,
+weshalb ein Ort, wo Eiben wachsen, ein passender Wohnsitz für den
+trefflichen Bogenschützen ist. In seiner Bewaffnung und Lebensweise,
+als bogenbewehrter Jäger, der auf Schneeschuhen die Schneefelder und
+Schneeberge durcheilt, erinnert Ullr an die Finnen und Lappen. Die
+Vorstellung eines solchen Gottes kann offenbar nur im nördlichen
+Skandinavien entstanden sein. Darum mag er auch im Bunde mit den
+winterlichen Mächten gedacht sein. Obwol er sich der Art der Finnen
+und Lappen anbequemt, bleibt er aber doch ein schöner, stattlicher,
+kampftüchtiger Germane. Die ihm beigelegten Namen Schneeschuh-Gott,
+Bogen-Gott, Jagd-Gott, Schild-Gott bestätigen Snorris Schilderung.
+Wenn der Schild in der skaldischen Kenning als Ulls Schiff umschrieben
+wird&#x2060;<a id="FNanchor_478_478" href="#Footnote_478_478" class="fnanchor">[478]</a>, so scheint damit auf eine Sage angespielt zu sein,
+wonach Ullr seinen Schild als Fahrzeug gebrauchte. Dazu steht Saxos
+Bericht, Ollerus sei auf einem Knochen wie auf einem Schiffe übers
+Meer gefahren. Nur hat Saxo vermutlich zwei verschiedene Dinge
+zusammengeworfen, dass Ullr auf Knochen, d.&#8239;h. auf Schlittschuhen,
+die in primitiver Weise aus Knochen verfertigt waren, über den Schnee
+läuft, und dass Ullr auf seinem Schilde wie auf einem Schiffe übers
+Wasser setzt.</p>
+
+<p>Obschon ausser dem, was Saxo von Ollerus erzählt, nichts weiteres
+bekannt ist, muss Ullr doch als eine in der nordischen Götterwelt fest
+wurzelnde, in lebhafter Verehrung stehende Gestalt angesehen werden.
+Im Grimnirliede 42 wünscht der zwischen zwei Feuern gepeinigte Odin
+dem Agnar, der ihm Erleichterung schafft, die Huld Ulls und aller
+Götter. Darin ist jedenfalls ein <span class="pagenum" id="Page_392">[S. 392]</span>feierlicher Heilswunsch enthalten.
+Im Atliliede 31 wird ein Eidschwur bei Ulls Ring erwähnt. Solche
+Auszeichnung wird nur höheren wichtigeren Göttern zu teil. Ausserdem
+sind sehr viele Ortsnamen, Tempel, Heiligtum, Hain, Hügel, Gehöft,
+Acker, Vorgebirge, Insel, Strom und Wasserfall in Norwegen und Schweden
+mit Ulls Namen gebildet&#x2060;<a id="FNanchor_479_479" href="#Footnote_479_479" class="fnanchor">[479]</a>, woraus ein umfangreicher und häufiger
+Dienst des Gottes erschlossen werden darf.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als Odin nach der Bezwingung der Rind von den andern Göttern in die
+Verbannung geschickt worden war, da beriefen sie den Ollerus nicht nur
+zur Herrschaft, sondern auch zur göttlichen Würde. Obwol sie ihn nur
+aushilfsweise zum Priester erwählt hatten, so bekleideten sie ihn doch
+mit vollen Ehren, damit er nicht als Verwalter eines fremden Amtes,
+sondern als der rechtmässige Nachfolger in der Würde erscheine. Damit
+gar nichts am Ansehen fehle, legten sie ihm sogar Odins Namen bei, um
+dadurch jede der Neuerung anhaftende Gehässigkeit auszuschliessen.
+Nachdem Ollerus etwa 10 Jahre über die Genossenschaft der Götter
+gewaltet, hatten die Götter Mitleid mit dem in hartem Banne weilenden
+Odin, und weil er genug gebüsst zu haben schien, vertauschte er sein
+niedriges, schmutziges Aussehen wieder mit dem früheren Glanze. Schon
+die Hälfte der Frist hatte den einstigen schweren Schimpf getilgt.
+Zwar gab es Leute, welche ihn für unwürdig erachteten, die einstige
+Würde neu zu gewinnen, weil er mit seinen Schauspielerkünsten und
+durch seine Weiberverkleidung den göttlichen Namen geschändet habe.
+Einige versichern, er habe durch Schmeichelei und Geld die verlorene
+Ehre und Herrlichkeit wieder erkauft und nur durch Entrichtung einer
+grossen Summe seine Rückkehr sich verschafft. Ollerus, von Odin aus
+Byzanz verjagt, flüchtete nach Schweden, wo er bei seinem Bestreben,
+im neuen Lande die Denkzeichen seines guten Rufes wiederherzustellen,
+von den Dänen erschlagen wurde. Es geht die Sage, er sei so sehr in
+Blendwerken erfahren gewesen, dass er auf einem Knochen, den er mit
+kräftigen Zaubersprüchen beschrieben hatte, wie auf einem Schiffe
+über die Meere fahren konnte und nicht langsamer als mit Rudern die
+Wasserfläche durcheilte. Odin aber, im Neubesitze der Abzeichen seiner
+Würde, <span class="pagenum" id="Page_393">[S. 393]</span>gewann in allen Erdteilen so glänzenden Ruhm, dass alle Völker
+ihn wie das der Welt neu geschenkte Licht hoch hielten und kein Ort
+des Erdkreises vorhanden war, welcher der Macht seiner Gottheit nicht
+gehorchte.&#x2060;<a id="FNanchor_480_480" href="#Footnote_480_480" class="fnanchor">[480]</a></p>
+
+<p>Ollerus erscheint hier gleichbedeutend mit Mitothin und Wili und
+We, die Odin für eine Zeitlang des Reiches und Weibes berauben. Es
+wurde bereits darauf hingewiesen, dass vielleicht eine Erinnerung
+daran, dass Odin einst ältere Götter, den Tiuȥ verdrängte, sich in
+solchen Sagen erhielt. Nach natursymbolischer Auslegung soll Odin
+hier als Gott des Lichts und der Wärme gelten, den zeitweilig Ullr,
+der Gott des winterlichen Dunkels, verdrängt, der im Herbste weicht,
+im Frühling siegreich wiederkehrt. Jedenfalls kann es keine geringe
+Gottheit gewesen sein, welcher die Vertretung Odins zuerteilt wird.
+Wenn Ullr seinem Namen nach der Herrliche, Majestätische ist, so
+verdient Beachtung, dass gegen Odin gerade der Vorwurf erhoben wird,
+er habe den reinen Glanz der Gottheit durch seine niedrigen Thaten
+befleckt. Da tritt der Herrliche als Richter und Rächer, als Herr der
+Ordnung hervor, um den fleckig gewordenen Ehrenschild wiederum rein
+erschimmern zu lassen. Darum ist es nicht ungereimt, bei Ullr an den
+höchsten Gott der Germanen zu denken, der in zahlreichen Spaltungen
+als Freyr, Heimdall, Baldr gerade im Norden begegnet. Hängt er aber
+je im innersten Grunde seines Wesens mit Tiuȥ zusammen, so ist doch
+die Entwicklung, die er im einzelnen durchmachte, entschieden und
+ausschliesslich nordisch.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Da Ullr seinem Namen nach germanisch ist und auch seine Gegnerschaft
+zu Odin von Tiuȥ übernommen haben kann, andrerseits jedoch als
+Bogenschütze, Schneeschuhläufer und Zauberer an die Art der Finnen
+erinnert, ist endlich auch zu erwägen, ob Ullr nicht aus einer
+Mischung nordgermanischer und finnischer Vorstellungen hervorging. Die
+Feindschaft der beiden Götter weist auf die Verdrängung des Ulldienstes
+durch Odinsgläubige. Darin mögen die alten Gegensätze des Tiuȥ- und
+Wodandienstes, aber auch die des nordischen Odinsglaubens und des
+finnischen Heidentums und Zauberwesens nachwirken. Die geschichtliche
+Grundlage <span class="pagenum" id="Page_394">[S. 394]</span>kann im siegreichen Übergewicht der Nordleute über die
+alteingesessenen Finnen, deren Spuren auch sonst sich bemerklich
+machen, beruhen.&#x2060;<a id="FNanchor_481_481" href="#Footnote_481_481" class="fnanchor">[481]</a></p>
+
+<h4 id="IX_Widar"><b>IX. Widar.</b></h4>
+
+<p>Widar nennt man den schweigsamen Asen. Er besitzt einen dicken Schuh
+und ist beinahe so stark wie Thor. In allen Gefahren setzen die Götter
+grosses Vertrauen auf ihn.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Unterholz &#8195; <span class="mleft5">und üppiges Gras</span></div>
+ <div class="verse indent10">Füllt Widi, Widars Land;</div>
+ <div class="verse indent0">Dort springt der Recke &#8195;vom Rücken des Rosses.</div>
+ <div class="verse indent10">Den Vater zu rächen bereit.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Seine That, die Rache für Odin, ist in der Vǫlospǫ́ geschildert:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Widar kommt dann, &#8195;&#8195;&#8195; &#8239;&#8194;Walvaters Sohn,</div>
+ <div class="verse indent0">Der gewaltige Held, &#8195;&#8195;&#8195; &#8239;&#8194;mit dem Wolf zu kämpfen:</div>
+ <div class="verse indent0">Die Klinge stösst er &#8195;&#8195;&#8195; &#8194; dem Kinde des Riesen</div>
+ <div class="verse indent0">Durch den Rachen ins Herz&#8239;&#8195;und rächt den Vater.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Ergänzend erzählt Snorri: Der Wolf verschlingt Odin und das ist des
+Gottes Tod. Dann aber eilt Widar herbei und tritt mit einem Fusse
+dem Wolfe in den Unterkiefer. Er besitzt nämlich den Schuh, zu dem
+das Leder alle Zeit zuvor gesammelt ist und zwar aus den Flicken,
+welche die Menschen vor den Zehen und an der Ferse aus ihren Schuhen
+schneiden; und darum soll ein jeder, der gewillt ist, den Asen zu Hilfe
+zu kommen, diese Flicken fortwerfen. Mit der einen Hand fasst nun
+Widar den Oberkiefer des Wolfes und reisst ihm den Rachen entzwei; und
+dadurch findet der Wolf seinen Tod. Wenn aber die Lohe des Weltbrandes
+erlischt, dann wohnen Widar und Wali, die Bluträcher Odins und Baldrs,
+im Heiligtum der Götter. Die Riesin Grid, bei welcher Thor auf seiner
+Fahrt zu Geirröd einkehrt und welche den Gott mit ihrem eigenen
+Stärkegürtel und mit ihren <span class="pagenum" id="Page_395">[S. 395]</span>Eisenhandschuhen ausstattet, ist die Mutter
+Widars des Schweigsamen.&#x2060;<a id="FNanchor_482_482" href="#Footnote_482_482" class="fnanchor">[482]</a> Beim Gelage Ägirs räumt Widar auf Odins
+Geheiss Loki seinen Platz und schenkt ihm ein. Von allen Anwesenden
+wird allein Widar mit Lokis Lästerungen verschont.&#x2060;<a id="FNanchor_483_483" href="#Footnote_483_483" class="fnanchor">[483]</a></p>
+
+<p>Widar ist der Krieger aus dem Waldland&#x2060;<a id="FNanchor_484_484" href="#Footnote_484_484" class="fnanchor">[484]</a>, aus der mit Buschwerk und
+hohem Gras bewachsenen Heide. „Wer einen Begriff von der Heide hat,
+von ihrem Gestrüppe, der dicken, schwellenden Gras- und Moosschicht an
+ihrem Boden, von ihrer Stille, die den Sinn gefangen hält, der wird
+verstehen, weshalb sie sich dem Germanen in einem Gott verkörperte, der
+einen dicken oder eisernen, d.&#8239;h. unzerstörbaren Schuh besitzt und sich
+in Schweigen hüllt“ (Roediger).</p>
+
+<h4 id="X_Wali"><b>X. Wali.</b></h4>
+
+<p>Wali oder Ali heisst ein Sohn des Odin und der Rind. Er ist kühn in
+Schlachten und kann vortrefflich schiessen. Seine Hauptthat, von der
+allein erzählt wird, bildet die Rache an Hod für Baldrs Tod. Darum
+heisst er der Rächer Baldrs, der Feind und Töter des Hod. Im Westen
+bringt Rind den Wali zur Welt, eine Nacht alt zieht Odins Sohn in
+den Kampf; die Hände nicht wäscht er, das Haupt nicht kämmt er, ehe
+er Baldrs Feind auf den Holzstoss bringt. In zweimaligem Bilde soll
+die Pflicht der Blutrache, die mit Hintansetzung von allem andern
+zuerst erfüllt <span class="pagenum" id="Page_396">[S. 396]</span>werden muss, als die höchste und unaufschiebbare
+Forderung hervorgehoben werden. Märchen und Mythen wissen von Helden,
+die in voller Kraft und vollständig gerüstet zum Kampfe kommen und
+gleich nach der Geburt einen Feind erlegen. Andererseits begegnet
+die uralte germanische Sitte, wonach Männer geloben, die Haare nicht
+zu schneiden oder zu kämmen, ehe sie eine besondere Pflicht erfüllt.
+Freilich schliessen sich beide Züge eigentlich aus. Sie enthalten beide
+denselben Gedanken, nur nach zwei Seiten, dass Blutrache die eiligste
+und erste Pflicht sei. Mit Widar zusammen weilt Wali nach dem Weltbrand
+in den Sälen der Götter.&#x2060;<a id="FNanchor_485_485" href="#Footnote_485_485" class="fnanchor">[485]</a></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Widar und Wali haben ein gemeinsames Amt zugewiesen erhalten, die
+Blutrache. Da sie nur die Rachethat vollbringen und sonst nichts mehr
+von ihnen verlautet, als dass sie in der neuen Welt beisammen wohnen,
+steht soviel fest, dass diese Götter in der Gestalt und Thätigkeit
+wenigstens, wie sie auf uns gelangten, nicht sehr alt sein können.
+Zunächst wird Baldrs und Odins Tod vorausgesetzt. Mag Baldrs Fall älter
+sein, Odins Untergang ist vom Weltende nicht zu lösen. Und darum kann
+auch Widar nicht aus urgermanischer Sage stammen. Wo ein Held fällt,
+verlangt das germanische Rechtsgefühl den Rächer. Insofern sind Widar
+und Wali mit ethischer Notwendigkeit von dem Entwickelungsgange der
+Sagendichtung gefordert. Dass sie die Herrschaft in der neuen Welt
+führen, ist begreiflich, da sie die Überlebenden sind, gleichwie Modi
+und Magni dann den gefallenen Thor ersetzen müssen. Dass Wali und
+Widar überhaupt erst mit der nordischen Sage vom Untergang der Götter
+aufkamen, ist <span class="pagenum" id="Page_397">[S. 397]</span>wahrscheinlich. Kauffmanns Versuch, ältere Bestandteile,
+Züge des grossen germanischen Waldesgottes an ihnen nachzuweisen,
+gewann kein sicheres Ergebniss.</p>
+
+<h4 id="XI_Hoenir"><b>XI. Hönir.</b></h4>
+
+<p>Über Hönir schwebt undurchdringliches Dunkel, weil die Überlieferung
+der mit ihm verknüpften Mythen teilweise unverständlich ist und weil
+auch der Name des Gottes keiner befriedigenden Deutung sich fügt. Er
+erscheint bei der Weltschöpfung, beim Wanenkrieg, nach dem Weltende
+im neuen Paradies, aber meistens als stumme, thatenlose Person,
+welche andern das Handeln überlässt.&#x2060;<a id="FNanchor_486_486" href="#Footnote_486_486" class="fnanchor">[486]</a> Hönir gehört zur wandernden
+Götterdreiheit Odin, Hönir, Lodurr oder Loki. Die Götter verleihen dem
+ersten Menschenpaar Hauch (<i>ǫnd</i>), Seele (<i>óþ</i>), Gebärde,
+Wärme, blühende Farbe (<i>la̍</i>, <i>læte</i>, <i>lito góþa</i>).
+Hönir verleiht die Seele, den Geist des Menschen. Mit Odin und Loki ist
+Hönir auf der Fahrt, wie sie mit dem Riesen Thjazi, dem Räuber der Idun
+zusammentreffen und wie sie bei Hreidmar einkehren, nachdem sie seinen
+ottergestaltigen Sohn erlegt. In einem färöischen Lied, das vielleicht
+auf eine ältere verlorene nordische Sage zurückgeht, treten wiederum
+Odin, Hönir und Loki auf. Ein Bauer verliert im Brettspiel seinen
+Sohn an einen Riesen und muss ihn hingeben, wenn er ihn nicht vor dem
+vielkundigen Unhold zu verstecken vermag. In dieser Not werden Odin,
+Hönir, Loki nach einander angerufen; Odin lässt in einer Nacht einen
+Acker heranwachsen und heisst den Knaben des Bauern mitten im Acker
+eine Ähre, mitten in der Ähre ein Gerstenkorn sein. Als nun der Riese,
+das schneidende Schwert in der Hand, den Arm voll Getreides rafft, da
+schlüpft ihm das Gerstenkorn von der Faust heraus und Odin bringt den
+Bauersleuten den Sohn zurück. Hönir weist diesen an, als sieben Schwäne
+über den Sund fliegen und zwei sich niederlassen, mitten im Nacken
+des einen eine Feder zu sein; als aber der Riese den Schwan fängt und
+ihm den Hals abschlägt, fliegt die Feder heraus. Loki, der letzte
+Helfer verwandelt den Knaben zu einem Korn im Rogen eines Flunders;
+<span class="pagenum" id="Page_398">[S. 398]</span>denselben Fisch erangelt nachher der Riese und zählt jedes Korn im
+Rogen. Das rechte entschlüpft ihm aus der Faust, und als er dem spurlos
+über den Sand hinfliehenden Knaben nachwatet, lässt Loki ihn sich in
+einen zu diesem Zweck erbauten Bootschuppen verrennen und schlägt ihn
+tot. So ist der Bauernsohn gerettet.&#x2060;<a id="FNanchor_487_487" href="#Footnote_487_487" class="fnanchor">[487]</a> Will man einen tieferen
+Sinn aus dem Liede deuten, so hat Uhland am ehesten Recht, wenn er
+in dem dreifach verwandelten Bauernsohn den in die Natur gelegten
+schöpferischen Trieb erkennt, welchen die Riesen bedrohen, die Götter
+beschirmen. Die drei Nahrungsquellen des friedlichen nordischen Bauern,
+Ackerbau, Seevögeljagd, Fischfang sind gleichsam drei mächtigen Göttern
+unterstellt. Aber schwerlich ist schon in älterer Sage eine solche
+Verteilung der betreffenden Berufszweige an Odin, Hönir, Loki erfolgt.
+Da wäre sicherlich Thor für Odin als Beschützer der Landwirtschaft
+gewählt worden. Die Verbindung scheint vielmehr dem Schöpfer des
+färöischen Liedes zuzuschreiben zu sein. Darum ist es gewagt, daraus
+dass Hönir über die Schwäne Gewalt hat, auf sein ursprüngliches Wesen
+schliessen zu wollen, weil man Gefahr läuft, die Erfindung eines
+einzelnen späteren Dichters für uralten Mythus zu nehmen.</p>
+
+<p>Nachdem Hönir das erste Menschenpaar beseelte und begeistigte,
+erscheint um so seltsamer die Rolle, welche ihm beim Friedensschluss
+zwischen Asen und Wanen zugeteilt wird. Die Asen gaben gegen Freyr und
+Njord den Hönir als Geisel und sagten, er tauge sehr wol zum Häuptling.
+Er war ein grosser und überaus schöner Mann. Mit ihm sandten die Asen
+den Mann, der Mimir hiess; der war der Allerklügste. Dafür gaben die
+Wanen den Kwasir hin. Als Hönir nach Wanenheim kam, wurde er sogleich
+zum Häuptling gemacht. Mimir gab ihm allen Rat ein. Wenn Hönir bei
+Dingversammlungen oder Verhandlungen zugegen und Mimir abwesend war,
+und eine schwierige Sache vor ihn gebracht wurde, antwortete er immer
+auf dieselbe Weise: Mögen andre raten! Da ahnten die Wanen, dass sie
+beim Geiseltausch von den Asen getäuscht wurden. Sie ergriffen Mimir,
+enthaupteten ihn und schickten seinen Kopf an die Asen zurück. So
+berichtet die Ynglingasaga im 4. Kapitel. Darnach ist Hönir zwar schön
+<span class="pagenum" id="Page_399">[S. 399]</span>und stattlich, aber schwach im Geiste und unselbständig im Urteil. Er
+braucht stets Mimirs Beirat, sonst weiss er sich nicht zu helfen.</p>
+
+<p>Hönir heisst bei den Skalden Sitz-, Fahrt-, Redegenosse Odins. Auf
+seine Bundesgenossenschaft mit Odin und Loki spielt namentlich Thjodolf
+in der Haustlǫng an. Die Namen „der schnelle Ase“, „Langfuss“,
+„Lehmkönig“ (<i>aurkonungr</i>, oder „Nässekönig“, der sich im Lehm, in
+der Nässe aufhält) entstammen wahrscheinlich verlorenen Sagen und sind
+für uns, nachdem einmal die betreffenden Geschichten verloren gingen,
+vollkommen unverständlich. Im neuen Paradies kehrt auch Hönir wieder.
+Er wird „den Looszweig kiesen“&#x2060;<a id="FNanchor_488_488" href="#Footnote_488_488" class="fnanchor">[488]</a>, d.&#8239;h. ihm wird wieder sein altes
+Loos, unter den Asen zu weilen, zu teil. Möglicherweise soll aber auch
+damit gesagt sein, dass Hönir dann in der Welt das Loos zieht, durchs
+Loos die Zukunft erforscht und das Schicksal entscheidet.</p>
+
+<p>Viele Erklärungsversuche sind umsonst an dem rätselhaften Gott gemacht
+worden.&#x2060;<a id="FNanchor_489_489" href="#Footnote_489_489" class="fnanchor">[489]</a> Einigen gilt Hönir als Ausfluss des höchsten Gottes
+der Germanen. Ein Sonnenwesen scheint er Weinhold. Uhland will den
+Namen auf ein verlorenes Zeitwort *<i>hanan</i> *<i>hôn</i> (mit
+<i>canere</i> verwandt) zurückführen. Der Name bedeute einen Schall
+und das hänge mit seiner Gabe an die ersten Menschen, <i>óþr</i>,
+Dichtkunst, Gesang zusammen. Auf Uhlands Etymologie greifen auch
+Detter und Heinzel&#x2060;<a id="FNanchor_490_490" href="#Footnote_490_490" class="fnanchor">[490]</a> wieder zurück, Hönir wird zu einem Zeitwort
+<i>hæna</i>, canere, gestellt. Hönir bedeutet Sänger, es ist ein
+ursprünglicher Beiname Odins. Hönir und Bragi gleichen sich in manchen
+Dingen. Müllenhoff nimmt den Hönir für einen Wassergott. Dazu könnte
+auch Uhlands Erklärung des Namens, wenn auch in anderem Sinne dienen:
+Hönir der Schallende, Rauschende, wie lat. <i>canorus</i> gebraucht
+wird. <span class="pagenum" id="Page_400">[S. 400]</span>Hoffory leitet Hönir aus urgermanischem *<i>hohnijaȥ</i> ab;
+<i>Tiuȥ hohnijaȥ</i> sei, wie etwa Ζεὺς κυκνεῖος, der schwangleiche
+Himmelsgott. Kauffmann denkt an <i>hóđ</i> (ahd. <i>huota</i>) und
+findet den Begriff Hüter in Hönir; es ist der grosse Waldesgott
+der Germanen, aus dem nach Kauffmann soviele Götter hervorgingen.
+Roediger sucht dem Hönir mit natursymbolischer Auslegung nahe zu
+kommen. Er sieht einen Wolkengott in ihm. Die Wolke ist Gefährte
+des Sturmes, wie Hönir und Odin zusammen gehen. Wolken sind Schwäne
+im blauen Himmelssee. Die Wolke ist hohl und leer, wie Hönir ein
+Hohlkopf. Aber der Wassergott Mimir vermag ihr Gehalt zu geben,
+den Regen. Die erregbare menschliche Gemütsstimmung wird mit den
+wechselnden Wolkengebilden verglichen; nach dem altdeutschen Ezzolied
+gibt Gott dem Menschen „<i>von den wolchen daȥ muot</i>“, wie Hönir
+den Menschen beseelt. So lässt sich immerhin manches für Hönir als
+Wolkenwesen sagen, mehr als für die übrigen Erklärungsversuche. Der
+Name soll aus *<i>hauhnijaȥ</i> (zu *<i>hauhni</i>, dän. <i>höine</i>
+die Höhe) stammen und bedeuten: der in der Höhe lebt. Etymologische
+Namenerklärungen, welche zum Verständniss des mit dem Namen behafteten
+Wesens dienen sollen, haben immer besondere Schwierigkeiten, zumal wenn
+die Wortwurzel nicht klar ist. Soviel Erklärer soviel Erklärungen!
+Trotz allem bleibt Hönir rätselhaft nach wie vor. Da er bei der
+Menschenschöpfung auftaucht und in der neuen Welt wiederkehrt, liegt
+offenbar sein Ursprung in der Weltlehre, d.&#8239;h. Hönir ist wol aus der
+Fremde zugewandert. Sicher wird auch Hönir noch einmal auf diese Art
+befriedigende Deutung finden, wenngleich E. H. Meyers Versuch, Hönir
+aus Henoch abzuleiten, verfehlt erscheinen muss.</p>
+
+<h4 id="XII_Bragi_der_Dichtergott" title="XII. Bragi der Dichtergott"><b>XII. Bragi der
+Dichtergott.</b>&#x2060;<a id="FNanchor_491_491" href="#Footnote_491_491" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[491]</span></a></h4>
+
+<p>Snorri berichtet in der Gylfaginning Kap. 26: Bragi ist einer der Asen.
+Er ist ausgezeichnet durch Weisheit, besonders aber durch Redeklugheit
+und Sprachgewandtheit. Am meisten ist er jedoch in der Dichtkunst
+erfahren und daher wird auch diese nach ihm <i>bragr</i> genannt,
+wie auch Männer oder Frauen, die sich vor andern durch dichterische
+Begabung hervorthun, den Namen <span class="pagenum" id="Page_401">[S. 401]</span><i>bragarmenn</i> führen. Die Gemahlin
+Bragis heisst Idun. Als Benennungen Bragis führt die Snorra Edda 1, 266
+an: Gemahl der Idun, der Skaldenkunst Urheber, der langbärtige Ase,
+Odins Sohn. Als der Langbärtige (<i>síđskeggja</i>) erinnert Bragi
+an den Gott der Dichter, an Odin, der ebenso <i>Síđskeggr</i> und
+<i>Langbarđr</i>, Tief- und Langbart heisst.</p>
+
+<p>Als Odins Hofskalde, welcher in Walhall den Ehrendienst als Begrüsser
+der Gäste mit dem Willkommentrunke versieht, erscheint Bragi im
+Preislied auf Eirik. Odin bespricht sich mit dem klugen Bragi über
+die Herankunft dieses Heldenkönigs, vor dem es tost und kracht, als
+kehrte Baldr zurück zu Odins Sälen, und schickt Sigmund und Sinfjotli
+zu seinem Empfang entgegen. Im Lied auf Hakon den Guten werden Hermod
+und Bragi aufgerufen, ihm entgegen zu gehen und Bragi reicht ihm
+feierlich den Becher zum Willkomm: „Aller Einherjer Frieden sollst du
+haben; empfange Bier bei den Göttern. Acht Brüder hast du schon hier
+innen, o Bekämpfer der Jarle“. Snorri gibt einem Abschnitt der Edda
+eine Einkleidung, welche den Bragi als Gesellschafter beim Gelage
+und trefflichen Sagenerzähler erscheinen lässt. Odin hatte den Ägir
+zu einem Gastmahl nach Walhall entboten. Dem Ägir wurde der Platz
+neben Bragi gewiesen, sie tranken und unterhielten sich zusammen.
+Bragi erzählte von vielen Begebenheiten, die sich bei den Göttern
+zugetragen hatten. So legt Snorri einen grossen Teil der Göttersage
+dem Bragi in den Mund und macht den kunstreichen Skald zu einem ebenso
+ausgezeichneten Sagenerzähler. In Skaldschaft und Saga ist aber der
+Nordleute höchste Geistesthätigkeit beschlossen. Bragi ist der Skalden
+bester&#x2060;<a id="FNanchor_492_492" href="#Footnote_492_492" class="fnanchor">[492]</a>,
+Denkrunen sind auf seiner Zunge eingeritzt.&#x2060;<a id="FNanchor_493_493" href="#Footnote_493_493" class="fnanchor">[493]</a></p>
+
+<p>Als Loki unter die bei Ägir versammelten Asen tritt und Aufnahme
+heischt, ergreift Bragi zuerst das Wort. Wie er willkommene Gäste in
+Wallhall grüsst, so verweigert er dem unlieben Loki Sitz und Stätte
+beim Gelage; denn die Asen wissen, wem sie Zutritt zum Festmahl
+verstatten. Auch hier also gebärdet sich Bragi als berufener und
+bestellter Sprecher der Götter. Odin selbst muss freilich trotzdem
+Loki auf dessen Mahnung einlassen; da entbietet der Böse allen Göttern
+und Göttinnen Gruss, bloss nicht dem Bragi. Der will ihm Ross, Schwert
+und Ringe aus seinem Reichtum gewähren zur Busse, damit er nicht den
+Asen Missgunst <span class="pagenum" id="Page_402">[S. 402]</span>(wegen des unfreundlichen Empfanges) erzeige. Aber
+Loki greift ihn gerade an seiner friedlichen, zum Vergleich so rasch
+bereiten Gesinnung an: Du bist im Gefecht der furchtsamste und beim
+Schuss der scheueste. Da bricht Bragi zornig los:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wenn ich draussen wär’&#8195;&#8195;und drinnen nicht</div>
+ <div class="verse indent9">Bei Ägir sässe im Saal,</div>
+ <div class="verse indent0">Dein Haupt trüg ich&#8195;&#8195;&#8195;&#8194; in der Hand gar bald:</div>
+ <div class="verse indent9">Das wär für die Lüge der Lohn.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Loki erwidert:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Im Sessel bist kühn du,&#8195;&#8195;doch säumig zur That,</div>
+ <div class="verse indent8">Bragi, du Zierde der Bank!</div>
+ <div class="verse indent0">Zum Zweikampf geh’,&#8195;&#8195; wenn zornig du bist,</div>
+ <div class="verse indent8">Der Dreiste bedenkt sich nicht lang.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Die Skalden der nordischen Könige sind tapfere Helden, in Liederkunst
+wie in der Waffenführung gleich geübt. Viele haben ihre Treue in
+Schlachten bewährt und mit dem Tode besiegelt. Doch kam es auch vor,
+dass ein Skald sein verlorenes Leben mit einem Gedicht rettete. Bragi
+Boddason löste sein Leben aus der Gewalt des Schwedenkönigs Bjorn durch
+eine Drápa, ein Preislied, das er in einer Nacht verfertigt hatte,
+und ebenso befreite Egill sein Haupt aus der Gewalt König Eiriks.
+Auf solche Fälle bezieht sich wol Loki, indem er übertreibend und
+verdrehend den Skald als feig verhöhnt, weil er mit schönen Worten
+sich dort noch zu befreien wisse, wo der tapfere Mann rettungslos dem
+Tod verfallen sei. Idun beschwört nun Bragi bei ihren Kindern und
+Wunschsöhnen, den Loki nicht weiter zu lästern. Da sie sich auf Kinder
+und Wunschkinder beruft, muss angenommen werden, dass der Lokasenna die
+Ehe zwischen Bragi und Idun bereits bekannt ist, dass sogar Sprösslinge
+dieses Bundes vorausgesetzt werden. Wunschsöhne Bragis sind vielleicht
+die menschlichen Dichter, welche nach ihrem Tod in Walhall wohnten.&#x2060;<a id="FNanchor_494_494" href="#Footnote_494_494" class="fnanchor">[494]</a></p>
+
+<p>Der Skald Egill Skallagrimsson spielt zweimal auf Bragi an, wobei er
+sich auch auf Mythen bezieht. Leider ist die Überlieferung dermaassen
+verderbt und ausserdem die Anspielung so kurz und dunkel gehalten, dass
+die dem Dichter vorschwebenden Sagen gar nicht oder doch nur unsicher
+und unbestimmt wieder erschlossen werden können. Die Schlussstrophe der
+Hǫfuðlausn beginnt: Der König möge sich so seiner Schätze erfreuen, wie
+<span class="pagenum" id="Page_403">[S. 403]</span>Bragi seines Auges! Was das bedeutet, ist dunkel. Im Sonatorrek 2 und
+3 ist vom Raube des Dichtermetes, den Odin aus Riesenheim entführte,
+die Rede, wobei der fehllose Bragi auflebte.&#x2060;<a id="FNanchor_495_495" href="#Footnote_495_495" class="fnanchor">[495]</a> Soll damit die Geburt
+Bragis an dieses Ereigniss geknüpft werden? Gab es eine Sage, welche
+den Dichtergott Bragi als den Sohn Odins und der Gunnlod, die den Met
+hütete, ansah? Wie Odin in Liebe bei der Riesenmaid ruhte, als er den
+köstlichen Met erlangte, hätte er auch den besten Skald Bragi erzeugt.
+Über blosse Vermutungen kommt die Erklärung der Stelle nicht hinaus,
+weshalb Bragis Herkunft von Gunnlod immer sehr zweifelhaft bleibt.</p>
+
+<p>Bragi, der Gott, hat jedenfalls Beziehungen zu Bragi Boddason, der,
+obzwar noch der Sagenzeit verfangen, doch als geschichtliche Gestalt
+um und nach 800 zu betrachten ist.&#x2060;<a id="FNanchor_496_496" href="#Footnote_496_496" class="fnanchor">[496]</a> Bragi Boddason, geschichtlich
+beurkundet und doch mehrfach in Sage und Dichtung verwoben, steht an
+der Spitze der langen Reihe norwegischer und isländischer Skalden.
+Es erhebt sich die Frage, ob Bragi Boddason der Skald nach dem Gotte
+seinen Namen hat, ob beide Namen etwa unabhängig entstanden und
+im Wortsinne den vortrefflichsten Skalden, den Dichterfürsten bei
+Göttern und Menschen bezeichnen, endlich ob etwa der Skald Bragi zur
+Verherrlichung des Standes unter die Asen versetzt wurde. Alle drei
+Möglichkeiten lassen sich mit Wahrscheinlichkeitsgründen stützen, keine
+als sichere Thatsache nachweisen. Dass Bragi weder ein altgermanischer
+noch ein volkstümlich nordischer Dichtergott war, sondern erst in
+später Zeit, etwa im 9. Jahrhundert, unter den <span class="pagenum" id="Page_404">[S. 404]</span>Skalden aufkam, wird
+ziemlich allgemein angenommen. Ist ihm doch nirgends eine in den Grund
+der Mythen eingreifende Wirksamkeit zugewiesen. Odin ist das göttliche
+Urbild des Sängers, er ist der Urquell dichterischer Begeisterung.
+Neben ihm ist für Bragi kein Raum. Bragi bedeutet der Fürst, der Erste.
+Das Wort begegnet als Eigenname wie als Appellativum, wenigstens in
+der Mehrzahl <i>bragnar</i>, die Fürsten, Helden und in der starken
+Form <i>bragr</i>.&#x2060;<a id="FNanchor_497_497" href="#Footnote_497_497" class="fnanchor">[497]</a> Bragi kann ebenso der erste unter Dichtern
+wie unter Kriegsleuten wie unter Göttern (Thor ist <i>ásabragr</i>)
+heissen. In der altnordischen Sprache ist aber Bragi gewöhnlich der
+Dichterfürst. Bragi könnte auch als Beiname oder später gebildete
+Bezeichnung des ältesten und berühmtesten der Skalden aufgefasst
+werden. Mogk glaubt, Bragi könnte ein Beiname Odins gewesen sein und
+nach und nach als Sondergestalt, etwa wie Freyr, Baldr, Heimdallr aus
+Tiuȥ, sich entwickelt haben. Falls aber der Skald Bragi samt seinem
+Namen, der Sängerahn im wallenden Bart, als zweifellos der Wirklichkeit
+angehörig gelten darf, hat die von Uhland und Mogk vertretene Ansicht,
+dass Bragi bei den Asen selbst kein andrer sei als der nach Asgard
+erhobene Bragi der Alte, Boddis Sohn, am meisten Wahrscheinlichkeit für
+sich. Bragi erscheint in Gesellschaft des Sigmund, Sinfjotli, Hermod.
+Sind nun diese Helden, geschichtliche und sagenhafte, nach ihrem
+Erdenlauf zu Odins Mahl und Ehrendienst berufen, warum nicht auch, auf
+seine Weise, ein berühmter Skald? Das Bild von Walhall, Odin und die
+Einherjer, der König und seine Gefolgschaft wird erst vollständig durch
+den Hofskalden, der hochgeehrt nahe beim Herrn seinen Sitz erhält.
+Was überhaupt von Thaten Bragis verlautet, lässt ihn ausschliesslich
+als diensttuenden Hofbeamten erscheinen. Darum wird sein Ursprung
+auch in irdischen Verhältnissen zu suchen sein, und dass die Skalden
+den ersten <span class="pagenum" id="Page_405">[S. 405]</span>und ältesten ihrer Schar zu diesem Ehrenamt erkoren, ist
+wol begreiflich. Wird ihm Idun, die Hüterin der verjüngenden Äpfel
+vermählt, so besagt das poetische Bild wol nur, dass Idun seinem Alter
+Kraft und Jugendfrische wahrt. In ihren Hauptmythen ist Idun aber
+unvermählt.</p>
+
+<h4 id="XIII_Requalivahanus"><b>XIII. Requalivahanus.</b></h4>
+
+<p class="center mbot1"><i>Deo Requalivahano Q. Aprianus fructus ex imperio pro
+se et suis v. s. l. m.</i></p>
+
+<p>Diese Inschrift trägt ein Stein aus dem 2. Jahrh. n. Chr., der 1883
+in der Nähe von Blatzheim bei Cöln aufgefunden wurde.&#x2060;<a id="FNanchor_498_498" href="#Footnote_498_498" class="fnanchor">[498]</a> Der Name
+des Gottes ist aus germanischen Wortstämmen gefügt. Seine Bedeutung
+und etwaige Beziehung auf einen der uns sonst bekannten Götter zu
+erschliessen, ist noch nicht geglückt. Trotz allen gelehrten und
+geistvollen Erklärungsversuchen zeigt sich auch hier die Unmöglichkeit,
+aus den allein von Inschriften gebotenen, allgemeinen Benennungen
+irgendwie sichere, brauchbare Ergebnisse für die Geschichte der
+germanischen Mythologie zu gewinnen. Der erste Wortstamm ist zweifellos
+germ. <i>*rekwaȥ</i> (got. <i>riqis</i>; an. <i>røkkr</i>) Finsterniss,
+Dunkelheit. Derselbe Stamm ist auch sonst in gotischen Eigennamen
+nachzuweisen: <i>Reccared, Reccesuinth, Requisindus, Riccifrida,
+Riccila</i> u.&#8239;ä. (vgl. Kögel, AnzfdA. 18, 59). Schwieriger ist der
+zweite Stamm festzustellen. Die Erklärer gehen schon darin auseinander,
+dass sie das Suffix <i>-hanus</i> teils mit der Latinisierung des
+germanischen Wortes in Zusammenhang bringen, teils der ursprünglichen
+Wortbildung zuweisen, d.&#8239;h. dass sie entweder auf einen germanischen
+Stamm <i>livan-</i> oder <i>livahan-</i> schliessen. Die Wurzel stellen
+Holthausen und Kauffmann zu an. <i>lifa</i>, Leben und ähnlichen
+Bildungen, und nehmen <i>liƀa</i> „lebend“ wie in den Eigennamen
+<i>Heriliva</i>, <i>Gundiliva</i>, die im Heere, im Kriege Lebende,
+oder <i>liƀahs</i> „lebensvoll“, „lebendig“ an. <i>Requalivahanus</i>
+ist der in der Finsterniss als Herrscher waltet, der im Dunkel wohnt.
+Im Ahd. begegnet das ähnlich gebildete Eigenschaftswort <i>ubarlibo</i>
+„überlebend“. Später dachte Holthausen an <i>*liwa</i> im Sinne von
+<span class="pagenum" id="Page_406">[S. 406]</span>Hinterlassenschaft, Erbe, zum Zeitwort <i>lîhwan</i>, leihen, übrig
+lassen. Requalivahanus ist, dem die Finsterniss überlassen wird, der
+die Finsterniss als Hinterlassenschaft besitzt, dem die Finsterniss
+als Erbe anfiel. Much vermutet ein germanisches Eigenschaftswort
+<i>lîwaȥ</i>, <i>lîwahaȥ</i>, farbig, nach irischem <i>lî</i>
+die Farbe, gall. <i>Lîvius</i>, <i>Lîvo</i>, lat. <i>livor</i>,
+<i>liveo</i>, <i>lividus</i>. Requalivahanus bedeutet wie mhd.
+<i>vinstervar</i> den, der die Farbe der Finsterniss trägt, den
+Dunkelfarbigen. An einen Ortsnamen endlich denkt v. Grienberger. Das
+latinisierte Adjectiv requalivânus meint einen Gott von Requaliva. In
+<i>liwa</i> sei ein germanisches Wort für Gewässer enthalten, und so
+ist Requaliva wie <i>Schwarzleo</i> einfach Schwarzbach, Schwarzwasser,
+Schwarzach, Schwarzensee oder dgl. ein Gewässer von dunkler Farbe oder
+ein Gewässer im finstern, schattigen Walde.</p>
+
+<p>Wenn schon die Namendeutung über unsichere Vermutungen nicht
+hinausgelangt und nur einen sehr allgemeinen Sinn ergibt, so ist
+es mit der mythologischen Auslegung noch viel schlimmer bestellt.
+Dass Requalivahanus im Finstern haust, muss angenommen werden. Die
+nächstliegende Beziehung geht unstreitig auf Tod und Unterwelt. Zeus
+und Pluto heissen σκότιος, sofern sie in der Finsterniss leben. Das
+Beiwort kann aber manchen Göttern zukommen, etwa Wodan als dem Walgott,
+so lang er die Seelen der Toten im dunkeln Schooss der Berge bei sich
+versammelt, oder Baldr, der zur Hölle stieg. Einen germanischen Pluto,
+der der Finstere hiesse, wie Hel die Schwarze, kennen wir nicht. Am
+wenigsten ist Kauffmanns Auslegung begründet, der im Requalivahanus
+den grossen Waldesgott der Germanen, aus dem auch Widar und Wali, „der
+Starke von oben“, den die Vǫlospǫ́ geheimnissvoll erwähnt, Mitothin,
+Ullr und viele andere stammen sollen, erkennen will. Requalivahanus ist
+für uns völlig rätselhaft. Es ist ein Beiname, der etwa dem griech.
+σκότιος entspricht. Ob er einem der uns sonst bekannten germanischen
+Götter gebührt oder einem Gotte, von dem wir sonst gar nichts wissen,
+ist nicht festzustellen.</p>
+
+<h4 id="XIV_Loki"><b>XIV. Loki.</b></h4>
+
+<h5 class="s4" id="Lokis_Wesen_und_Namen_1"><b>1. Lokis Wesen und Namen.</b></h5>
+
+<p>Loki ist der Beschliesser, der Endiger.&#x2060;<a id="FNanchor_499_499" href="#Footnote_499_499" class="fnanchor">[499]</a> In seinem Namen
+offenbart sich seine Art, sein Streben geht auf das Weltende. Er
+<span class="pagenum" id="Page_407">[S. 407]</span>wirkt beständig auf den Abbruch der Macht der Götter hin und führt
+endlich den Untergang, die volle Vernichtung heran. Im Hinblick auf
+die Götterdämmerung und den Weltbrand ist sein Name und seine Gestalt
+geschaffen; daher reicht Loki ebensowenig wie die Vorstellung vom
+Weltende über die nordische Überlieferung in die gemeingermanische
+und damit heidnisch-deutsche zurück, sein Ursprung liegt nur zum
+kleinsten Teil im echt nordischen, heimischen Heidentum, vielmehr in
+der altchristlichen Mythologie. Loki setzt zum vollen Verständniss
+die Lehre vom Werden und Vergehen der Welt voraus, da er von Anfang
+bis zu Ende darin thätig ist. Ihn gesondert darzustellen hält
+insofern schwer, als eigene Lokisagen nur in geringer Anzahl sich
+darbieten, andererseits er aber in die Ereignisse der Göttersagen
+häufig entscheidend im guten oder schlimmen Sinn eingreift. Darum
+musste schon mehrfach auf ihn Bezug genommen werden. Loki setzt
+nicht bloss den grössten Teil der nordischen Göttersagen voraus,
+sondern auch den Versuch, die Gesamtheit der Göttersagen unter der
+Absicht einer einheitlichen Entwicklung zusammenzufassen. In der
+nordischen Mythologie, wie sie uns in den Kunstgedichten der Skalden
+im 9. und 10. Jahrhundert entgegentritt, ist Loki die treibende
+Kraft. Betrachtet man die übrigen Götter der nordischen Sage, so
+erkennt man deutlich einen selbständigen Grundstock von bestimmten
+Zügen und Eigenschaften, welche jede dieser Gestalten von mitunter
+hohem und höchstem Alter und unabhängiger, eigentümlicher Entstehung
+und Entwicklung erscheinen lässt. Daneben zeigen sich Spuren, wie
+<span class="pagenum" id="Page_408">[S. 408]</span>und wo diese Gestalten mit dem bereits Vorhandenen sich abfanden.
+Endlich wird ihnen eine gewisse Teilnahme am Weltwerden und Vergehen
+eingeräumt. Aber ihr eigentliches Wesen wird von der ihnen in der
+Weltlehre gewiesenen Stellung kaum berührt. Darüber sind alle Forscher
+einig, dass die nordische Mythologie, welche die einzelnen Göttersagen
+als Glieder einer grossartigen Entwicklungsgeschichte nimmt, worin
+das Einzelne nur als Teil einer in weitem Rahmen und auf tiefem
+Hintergrund aufgebauten Gesamtheit, als besonderer Abschnitt des
+tragischen Weltendramas erscheint, dass diese nordische Mythologie
+ausschliesslich den nordischen Dichtern gehört und verhältnissmässig
+jung ist. Mit dieser Mythologie aber steht und fällt Loki. Bringt man
+bei den andern Göttern ihren Anteil am Weltendrama in Abzug, so tritt
+dadurch ihre Gestalt nur umso heller und schärfer ins Licht, da sie
+ja ihren Ursprung aus älteren und völlig verschiedenen Verhältnissen
+ableiten. Wendet man das gleiche Verfahren auf Loki an, so bleibt
+fast nichts mehr übrig. Wer sich der thatsächlichen Wahrheit nicht
+verschliesst, dass Weltschöpfung, Baldrs Tod, Weltende jedenfalls
+mit altchristlicher Mythologie auffällige Verwandtschaft zeigen, die
+sich ungleich leichter aus der Annahme von Entlehnungen, als aus der
+Behauptung selbständiger unabhängiger Entwicklung beiderseits erklärt,
+wird auch geneigt sein, das Rätsel, welches Loki bei Ableugnung
+fremder Bestandteile in der nordischen Mythologie bietet, dadurch
+zu lösen, dass er ihn zu Lucifer, dem Teufel, dessen Rolle Loki
+zugestandenermaassen im Norden spielt, in Beziehung setzt. Dadurch
+wird zwar nicht alles, aber doch vieles an Loki, namentlich seine
+Wandlung aus dem Genossen der Götter und Blutsbruder Odins zum Teufel,
+zum feindseligen Riesen, dessen dämonische Art allmälig immer stärker
+hervorbricht, verständlich werden. Eine sklavische, unselbständige
+Nachahmung Lucifers ist Loki nicht, vielmehr eine eigenartige, durch
+das fremde Vorbild nur angeregte dichterische Schöpfung. Abgesehen
+von mancherlei Verschiebungen, z.&#8239;B. dass schon der göttliche Loki
+riesischer Abkunft ist, und von vielen Neubildungen und Zusätzen ist er
+ganz den nordisch-germanischen Zuständen angepasst.</p>
+
+<p>Eine weitere Eigenschaft Lokis ist noch in Rücksicht zu ziehen. Ein
+<em class="gesperrt">Dämon des Feuers</em>, welcher auch sonst unter dem Namen Logi, die
+persönlich gewordene Lohe&#x2060;<a id="FNanchor_500_500" href="#Footnote_500_500" class="fnanchor">[500]</a> vorkommt, scheint vielleicht <span class="pagenum" id="Page_409">[S. 409]</span>wegen
+des anklingenden Namens und, da ja wirklich die Welt im Feuer endigt
+(<i>logi-loki</i>: Lohe-Endiger), mit Loki verschmolzen zu sein,
+teilweise auch ein Dämon der versengenden, verzehrenden Gluthitze
+<i>Lóđurr</i> (aind. <i>Vṛtra</i>, der im Verein mit anderen Dämonen
+das befruchtende Wasser zurückhält und damit Trockenheit und Dürre
+verursacht). Die Namen von Lokis Eltern, <i>Fárbauti</i>, der
+gefährlich Schlagende, d.&#8239;i. der Sturmwind und <i>Nál</i>, Nadel
+am Nadelbaum oder <i>Laufey</i>, Laubinsel machen seine Feuernatur
+deutlich. Der Sturmwind schlägt die flammende Lohe aus dem Gehölz,
+besagen die Namen von Lokis Vater und Mutter in dichterischem Bild.&#x2060;<a id="FNanchor_501_501" href="#Footnote_501_501" class="fnanchor">[501]</a></p>
+
+<p>Auf Island soll die Redensart gegangen sein, Loki fährt über die Äcker,
+wenn ein Brand oder Hitze die Wiesen versengte. Lokis Spähne heissen
+die zum Feueranzünden verwendeten Spähne. Lokis Brand ist der Name des
+Hundssterns (Sirius). <i>Loka daun</i>, Lokis Geruch ist Schwefeldampf,
+was aber stark an Lucifer gemahnt. Loki trinkt Wasser, sagt man in
+Dänemark von der wasserziehenden Sonne. In Nordjütland ist Lokis Hafer
+ein dem Vieh schädliches Unkraut, wie auch der Teufel Unkraut sät.
+Knistert das Feuer, so heisst es: Loki prügelt seine Kinder. Schweben
+Dünste in der Sonnenhitze auf der Erde, so treibt Loki seine Geissen
+aus. Vögel, die sich mausern, gehen unter Lokis Egge. Kinder, die
+einen Zahn verlieren, werfen ihn in Småland ins Feuer mit den Worten:
+Loki, gib mir einen Beinzahn, hier hast du einen Goldzahn. Auf Lokis
+Abenteuer hören bedeutet in Dänemark auf Lügen Acht geben. Nach diesen
+im Volke noch fortlebenden Vorstellungen&#x2060;<a id="FNanchor_502_502" href="#Footnote_502_502" class="fnanchor">[502]</a> erscheint Loki als
+Feuer, Hitze und Teufel. Dieselben Reden gehen häufig sonst vom Teufel
+und sind also jedenfalls von ihm auf Loki übertragen worden, nicht
+umgekehrt.</p>
+
+<p>Loki kommt auch und zwar schon bei den älteren Skalden <span class="pagenum" id="Page_410">[S. 410]</span>unter anderen
+Namen vor. Er heisst <i>Loptr</i>, der Luftige.&#x2060;<a id="FNanchor_503_503" href="#Footnote_503_503" class="fnanchor">[503]</a> Was der Name
+besagt, ist unklar, ob damit ein persönlich gedachter Dämon des
+Luftreiches gemeint ist, etwa wie Kari neben Logi die Luft neben
+der Lohe verkörpert, oder ob auf die leibliche Beschaffenheit Lokis
+angespielt wird. Nach gelehrter Auffassung nämlich bestehen die Leiber
+der Dämonen aus Feuer und Luft. Endlich lässt sich Loptr auch als der
+durch die Luft Fliegende denken.</p>
+
+<p>„Unverkennbare Wesensgleichheit herrscht zwischen dem indischen Vrtra,
+dem Dämon der Sommerhitze, welcher das himmlische Gewässer einschliesst
+und daher von Indra bekämpft und endlich getötet wird, worauf er in
+Gestalt eines Wurmes (Ahi) niederstürzt, und dem nordischen Loki, dem
+Gott der Hitze, der von Thor (dem Donnerer gleich Indra) beständig
+feindselig betrachtet und schliesslich auch gefangen genommen wird,
+dem Vater des gleicherweise von Thor einst bekämpften Midgardwurmes.“
+So sagt Noreen&#x2060;<a id="FNanchor_504_504" href="#Footnote_504_504" class="fnanchor">[504]</a> und sucht die Behauptung durch den Nachweis zu
+stützen, <i>Lóđurr</i> aus älterem <i>Vlóđurr</i> sei mit <i>Vṛtra</i>
+gleich. Ganz anders erklären Detter und Heinzel (Beiträge 18, 560) den
+Namen Lodur (bei Saxo Lotherus). Sie verweisen auf an. <i>lóđ</i>,
+Ertrag des Bodens und erblicken in Lóður einen Gott der Fruchtbarkeit,
+einen Beinamen des Freyr. Die Dreiheit Odin, Hönir, Lodur zielt auf die
+vereinigten Asen und Wanen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Im Mittelalter treten oft drei Teufel Lucifer, Beelzebub, Satanas in
+Nachäffung der Dreieinigkeit auf. Ebenso stehen neben Loki die Brüder
+<i>Býleistr</i> oder <i>Býleiftr</i> und <i>Helblindi</i>. Der letztere
+<span class="pagenum" id="Page_411">[S. 411]</span>Name, nur der Snorra Edda bekannt, ahmt Bezeichnungen des Teufels
+nach, der manchmal als blind bezeichnet wird und im Angelsächsischen
+und Deutschen sehr viele Benennungen aufweist, welche mit <i>helle</i>
+begannen. Býleistr, Býleiftr ist vielleicht durch Umdeutung aus
+Beelzebub entstanden. Selbständig oder in besonderen Sagen erscheinen
+die Brüder Lokis nicht.&#x2060;<a id="FNanchor_505_505" href="#Footnote_505_505" class="fnanchor">[505]</a></p>
+
+<h5 class="s4" id="Die_Sagen_von_Loki_2"><b>2. Die Sagen von Loki.</b></h5>
+
+<p>Snorri sagt von Loki: Zu den Asen wird auch der gerechnet, den manche
+den Verleumder der Asen oder den Urheber des Trugs und die Schande
+aller Götter und Menschen nennen. Sein Name ist Loki oder Lopt; er ist
+der Sohn des Riesen Farbauti. Seine Mutter heisst Laufey oder Nal,
+seine Brüder Býleipt und Helblindi. Loki ist schön und anmutig von
+Aussehen, aber böse von Gemütsart und höchst unbeständigen Wesens. Er
+brachte die Asen oft arg in Verlegenheit, hat sie aber auch oft durch
+seine List aus schlimmer Lage befreit. Seine Gattin heisst Sigyn und
+beider Sohn ist Nari oder Narfi.&#x2060;<a id="FNanchor_506_506" href="#Footnote_506_506" class="fnanchor">[506]</a></p>
+
+<p>Loki ist Gott und Teufel in einer Person. In den Urtagen in die
+Gemeinschaft der Asen aufgenommen und am Schöpfungswerke thätig, schön
+und schmuck von Gestalt, kehrt er allmälig ganz andre Seiten hervor.
+Wie das leise Verderben schleicht er rastlos unter den Göttern umher
+und führt die von seinem boshaften Rat Getäuschten in Schaden und
+Unfall. Als Lügenvater und Trugstifter nimmt er sich den reinsten und
+besten der Götter, Baldr zum Widerspiel. Darauf hin wird er verstossen.
+In finstrer Höhle liegt bei Saxo der zum hässlichen Teufel gewandelte
+Loki. Durch Baldrs Tod ist das geistig-sittliche Weltgesetz gelöst.
+Wie alle die rohen und wilden Naturkräfte unaufhaltsam hereinbrechen
+und das Weltende naht, wird er seiner Fesseln ledig und zieht selber
+an ihrer Spitze zum Zerstörungswerk einer Welt, die er einst, solange
+er noch rein unter den Himmlischen geweilt, mit auferbaut hatte. Lokis
+Geschick, seine Wandlung vom Gott zum Teufel, seine Feindschaft zum
+lichten Baldr hat eine auffallende Ähnlichkeit mit Lucifers Fall, wie
+auch diejenigen anerkennen müssen, welche nicht zugeben wollen, dass
+Loki in der Hauptsache <span class="pagenum" id="Page_412">[S. 412]</span>nichts anderes ist, als der in die nordische
+Göttersage und Weltlehre übersetzte Lucifer.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Odin, Hönir und Loki oder, wie er auch genannt wird, Lodur wandern
+zusammen. So erschaffen sie die ersten Menschen, den Hauch gab Odin,
+Hönir die Seele, Lodur die Wärme und leuchtende Farben.&#x2060;<a id="FNanchor_507_507" href="#Footnote_507_507" class="fnanchor">[507]</a> Statt der
+Dreiheit Odin, Hönir, Lodur setzt Snorri Burs Söhne, Odin, Wili, We
+ein. Mit Odin und Hönir zieht Loki auch in den Geschichten von Iduns
+Raube und vom Hort des Andwari über Land. Seinen klugen Rat bewährt
+er, indem er Thor zur Heimholung des Hammers verhilft. Da wirkt er nur
+Gutes, indem er selber den Asen bei Bekämpfung ihrer Feinde beisteht.
+In der Lokasenna 9 beruft Loki sich auf einen mit Odin eingegangenen
+Blutbrüderbund:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Gedenkst du, Odin,&#8195;dass in der Urzeit</div>
+ <div class="verse indent7">Wir beide das Blut gemischt?</div>
+ <div class="verse indent0">Nimmer des Biers&#8194; &#8195;zu geniessen schwurst du,</div>
+ <div class="verse indent7">Man böte denn beiden es dar.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Die feierlichsten, heiligsten Bande haben also dereinst Loki mit Odin
+verknüpft. Als Odins Freund bezeichnen ihn die Skalden.&#x2060;<a id="FNanchor_508_508" href="#Footnote_508_508" class="fnanchor">[508]</a> Aber bald
+wird sein Rat zweideutig und falsch. Loki sucht in mehreren Erzählungen
+den Feinden der Götterwelt Macht über Asgard zu verschaffen und nur
+gezwungen lässt er sich dazu bewegen, das drohende Unheil mit listiger
+Falschheit abzuwenden.</p>
+
+<p>Odin, Loki und Hönir fuhren über Berge und öde Wälder. In einem
+Thale sahen sie eine Rinderheerde. Davon nahmen sie einen Ochsen und
+fingen an, ihn zu sieden. In der Eiche über ihnen sass ein Adler, der
+verhinderte das Garsieden des Fleisches, bis die Asen ihm Anteil an der
+Mahlzeit versprachen. Aber weil der Adler gierig die besten Stücke an
+sich nahm, stiess Loki mit einer Stange nach ihm. Die Stange blieb im
+Leibe des Adlers stecken. Der Adler flog auf, Lokis Hände hafteten fest
+an der Stange, so dass er geschleift wurde. Da bat er, von Schmerzen
+gepeinigt, um Gnade. Der Adler war aber der Riese Thjazi, und er
+sagte, er werde ihn nicht loslassen, wenn er nicht Idun samt ihren
+Äpfeln ihm brächte. Loki versprach es und lockte in der <span class="pagenum" id="Page_413">[S. 413]</span>That Idun aus
+Asgard in einen Wald hinaus unter dem Vorwand, er wolle ihr kostbare
+Äpfel zeigen. Sie solle zum Vergleich ihre eigenen mitbringen. Da kam
+der Riese Thjazi und flog mit ihr in seine Behausung. Die Asen aber
+wurden ohne Iduns Äpfel alt und grau und bedrohten den Loki, bis er in
+Falkengestalt nach Riesenheim flog, Idun zur Nuss verwandelte und sie
+auf diese Art zurücktrug. Thjazi verfolgte ihn in Adlergestalt. Die
+Götter aber entzündeten schnell ein Feuer, worin der heraneilende Adler
+verbrannte.&#x2060;<a id="FNanchor_509_509" href="#Footnote_509_509" class="fnanchor">[509]</a></p>
+
+<p>Wie hier Idun, so verhandelt Loki ein ander Mal Freyja an einen
+ungeschlachten Riesen. Darauf spielt die Vǫlospǫ́ an:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">25 Da gingen zu Sitze &#8195;&#8195;&#8239;&#8194; die Götter alle,</div>
+ <div class="verse indent2">&#160;Die heiligen Herrscher, &#8195; und hielten Rat:</div>
+ <div class="verse indent2">&#160;Wer die ganze Luft &#8195;&#8195;&#8195;mit Gift erfüllte</div>
+ <div class="verse indent2">&#160;Und der Brut der Riesen&#8195;die Braut des Od gab.</div>
+ <div class="verse indent0">26 Nur Thor schlug zu, &#8195;&#8194; &#8194; voll trotzigen Mutes</div>
+ <div class="verse indent2">&#160;— Selten sitzt er, &#8195;&#8195; &#8195;&#8239; wenn er solches vernimmt —</div>
+ <div class="verse indent2">&#160;Da wankten die Eide, &#8195;&#8195;die Worte und Schwüre,</div>
+ <div class="verse indent2">&#160;Die festen Verträge, &#8195; &#8195;&#8239; die man vordem schloss.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Ergänzend berichtet Gylfaginning im 42. Kapitel: Ein Werkmeister aus
+dem Riesenland hatte sich verpflichtet, den Göttern eine Burg im
+Verlauf eines Winters aufzuführen, wenn man ihm Freyja zur Frau gebe
+und Sonne und Mond abtrete. Zur Arbeit, verlangte er, solle man ihm nur
+den Beistand seines Rosses Swadilfari verstatten. Auf Lokis Rat wurden
+diese Bedingungen angenommen. Als das Werk der Vollendung sich nahte,
+bereuten die Götter das leichtsinnig gegebene Versprechen und bedrohten
+Loki mit dem Tode, wenn er nicht Rat schaffe. Durch List, indem er in
+Stutengestalt den Hengst Swadilfari an sich lockte, gelang es ihm, die
+Arbeit so aufzuhalten, dass der Werkmeister am Ziel nicht fertig wurde.
+Als der Riese über den Verlust seines ausbedungenen Lohnes in Zorn
+geriet, erschlug ihn Thor mit dem Hammer. Loki brachte von Swadilfari
+ein Füllen zur Welt, Sleipnir, Odins Ross.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_414">[S. 414]</span></p>
+
+<p>Wenn Loki Idun und Freyja, die jugendschönen Göttinnen, ohne Bedenken
+den Riesen überliefert, so beschädigt er dadurch den ganzen Bestand
+der Götterwelt, indem er ihre Lebens- und Liebeskraft, Licht und Wärme
+dem Erbfeinde preisgibt. Er trachtet, die Götter zu verderben, indem
+er ihrem Dasein die erhaltenden Kräfte entzieht. Wie ein Vorspiel zu
+Baldrs Tod und zur Weltvernichtung erscheint der Angriff auf Idun und
+Freyja.</p>
+
+<p>Noch ernstlicher wird der Götterstaat gefährdet, wenn Loki den
+gewaltigen Beschirmer der Welt, Thor, den Riesen auszuliefern versucht.
+Zwar verhilft er dem Thor wieder zum Hammer, als Thrym ihn stahl;
+auch auf der Fahrt zu Utgardloki, seinem Doppelgänger, begleitet
+Loki den starken Gott ohne schlimme Absicht. Als aber Loki einmal im
+Falkengewand zum Riesen Geirröd geflogen war und dabei gefangen wurde,
+zwang ihn Geirröd, zur Lebenslösung den Thor ohne Handschuhe, Gürtel
+und Hammer, also machtlos in sein Gehöft zu bringen, was wirklich
+auch geschah. Doch endigte der Streich, wie oben erzählt wurde, zum
+Schaden Geirröds. Im Hymirliede sind zwei Strophen eingeschoben (37/8),
+wonach Loki der Arge Schuld daran war, dass einer der Böcke lahmte,
+weil Thjalfi gegen des Gottes Gebot den Schenkelknochen gespalten
+hatte, um zum Mark zu kommen.&#x2060;<a id="FNanchor_510_510" href="#Footnote_510_510" class="fnanchor">[510]</a> Die Sage hat wol tieferen Sinn,
+wenn Loki, der Abkömmling der Riesen, insgeheim und hinterlistig
+gegen Thor, den Bezwinger der Unholde, wirkt. So ist Loki das leise
+schleichende, allzeit wache Verderben unter den Asen. Immer ist er zur
+Hand, wo sich Gelegenheit bietet, die Grundpfeiler der bestehenden
+Weltordnung zu unterwühlen, ein geheimer Bundesgenosse der lauernden
+Mächte des Verderbens, stets bereit, die Widerstandsfähigkeit der
+Götter abzuschwächen, damit die am Tage der Vernichtung schrankenlos
+hervorbrechenden teuflischen Geister umso leichteres Spiel haben. Als
+seine Pläne durch die Vorsicht und die Entschlossenheit der Götter
+durchkreuzt werden, führt er den Hauptschlag und tötet den guten
+Baldr. Doch diese offene Kriegserklärung zerreisst das ohnehin schon
+gelockerte Band, Loki wird aus der himmlischen Schar in die Hölle
+verstossen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_415">[S. 415]</span></p>
+
+<p>Unter Heimdall wurde erzählt, wie Loki und Heimdall um den Besitz des
+Halsgeschmeides der Freyja mit einander am Singasteine kämpfen. Eine
+ziemlich junge, erst im Ausgange des 14. Jahrhunderts aufgezeichnete
+Sage&#x2060;<a id="FNanchor_511_511" href="#Footnote_511_511" class="fnanchor">[511]</a> erzählt, wie Loki das Halsband raubte: Odin sagte dem Loki
+alles, was er angriff, und legte ihm oft grosse Aufgaben vor, die er
+alle löste. Loki erfuhr alles, was geschah, und sagte es dem Odin
+wieder. Da hörte er einmal, Freyja habe von den Zwergen gegen ihre
+Gunst einen Halsschmuck bekommen, und er sagte es dem Odin. Da befahl
+ihm der, den Schmuck zu stehlen, und wie sehr er auch vorstellte, dass
+das unmöglich sei, es half nichts und Odin sagte, er dürfe nicht eher
+wiederkommen, als bis er den Schmuck bringe. Da ging Loki heulend
+fort und alle freuten sich, dass es ihm schlecht ging. Wie er nun zu
+Freyjas Kammer kam, war sie verschlossen und er konnte nicht hinein. Es
+war aber eine harte Kälte und er fror. Da ward er zur Fliege und flog
+um alle Riegel und in alle Ritze, aber nirgends konnte er hindurch.
+Endlich erspürte er ganz oben am Giebel ein Loch so gross wie ein
+Nadelöhr. Da hinein schlüpfte er und so kam er in das Gemach. Alles
+schlief und Freyja lag mit dem Schmucke am Halse auf einem Bett. Weil
+sie aber auf dem Schlosse lag, wandelte sich Loki in einen Floh und
+stach sie in die Wange. Da drehte sich Freyja um, schlief aber ruhig
+weiter und Loki konnte nun den Schmuck nehmen. Da schloss er das Gemach
+von innen auf und eilte zu Odin. Als Freyja am Morgen erwachte und
+das Halsband verschwunden und die Thüren offen sah, da erriet sie den
+Streich, ging zu Odin und verlangte zurück, was ihr gestohlen sei. Odin
+aber warf ihr die Weise vor, wie sie zu dem Schmucke kam und bestimmte,
+sie solle ihn nicht wieder erhalten, bis sie zwei Könige, deren jeder
+zwanzig Unterkönige habe, zum Kriege verhetze. Sie müssten fallen,
+aber sogleich wieder aufstehen und weiter kämpfen, und alle Gefallenen
+der Heere ebenso, und das müsste währen, bis ein Christ diese Männer
+bekämpfe. Dann sollten sie Ruhe finden. Das versprach Freyja und darauf
+erhielt sie ihr Halsband zurück.</p>
+
+<p>Die Verbindung der Sage vom Raube des Halsbands mit der Hjadningensage
+ist jedenfalls jung und hat keine Gewähr in der <span class="pagenum" id="Page_416">[S. 416]</span>älteren
+Überlieferung. Sie entstand nur dadurch, dass Freyja beschuldigt
+wurde, den langen Krieg erregt zu haben. Dass aber Loki das Halsband
+stahl, ist sagenecht; schon beim Skald Thjodolf heisst er Dieb des
+Brisinghalsbandes.&#x2060;<a id="FNanchor_512_512" href="#Footnote_512_512" class="fnanchor">[512]</a> Freilich ist damit nicht bewiesen, dass alle
+Einzelheiten des späten Berichtes schon der ursprünglichen Sage
+angehörten. Wenn das Halsband richtig als Gestirn oder glänzende
+Lichterscheinung gedeutet wird, das der Himmelsgöttin zu eigen ist,
+so lässt sich mythologisch weiter erklären, dass Loki der Endiger
+das Licht raubt, dass Heimdall, dem überall die Frühe, der Aufgang
+angehört, das Geschmeide siegreich zurückbringt. Im Auftrag Odins
+geschah aber schwerlich dieser Diebstahl nach der ursprünglichen
+Überlieferung. Loki folgte mit dieser That nur seinem eigenen bösen,
+auf den Schaden der Götter und Abbruch ihrer Macht gerichteten Antrieb.
+Wie er den Diebstahl vollbrachte, erinnert wiederum stark an die Art
+des Teufels, der Herr der Fliegen und Flöhe ist, und nicht verschmäht,
+in Gestalt solchen Ungeziefers aufzutreten.&#x2060;<a id="FNanchor_513_513" href="#Footnote_513_513" class="fnanchor">[513]</a></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Odin, Hönir und Loki fuhren über Land. An einem Wasserfall warf Loki
+einen Otter, der einen Lachs verzehrte, mit einem Steine tot. Wie
+sie bei Hreidmar einkehrten, behauptete dieser, Otr sei sein Sohn
+und verlangte zur Busse von den Asen, sie sollten den Otterbalg mit
+Gold füllen und von aussen ganz mit Gold bedecken. Loki schaffte
+das Gold und den Ring des Zwerges Andwari herbei. Als der Zwerg den
+Ring verfluchte, lobte dies Loki und fügte hinzu, der Fluch solle
+auf jeden Besitzer des Ringes übergehen. Als ihn Hreidmar empfing,
+sprach Loki, es solle sich Andwaris Wort erfüllen und der Ring jedem,
+der ihn besitze, Tod bringen. Dieser Fluch hat seitdem seine Kraft
+bewährt.&#x2060;<a id="FNanchor_514_514" href="#Footnote_514_514" class="fnanchor">[514]</a> In dieser Sage zeigt Loki seine teuflische Freude an dem
+Unheil, das aus dem Fluche aufschiesst, und sucht es nach Kräften zu
+fördern.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Loki muss den Vorwurf hören: Acht Winter sei er im Innern der Erde
+gewesen, Kühe melkend als Weib: er sei der weibische <span class="pagenum" id="Page_417">[S. 417]</span>Ase (<i>ǫ́ss
+ragr</i>), der Kinder gebar.&#x2060;<a id="FNanchor_515_515" href="#Footnote_515_515" class="fnanchor">[515]</a> Als Riesin Thokk, welche durch
+Nichtweinen Baldrs Rückkehr aus der Hölle verhindert, erschien Loki
+wirklich in Gestalt eines Weibes, ebenso erfragte er von Frigg das
+Geheimniss, wodurch allein Baldr verwundet werden könne, als Stute
+warf er vom Hengste Swadilfari den Sleipnir. Ob mit dem Vorwurf etwa
+mit absichtlicher Entstellung auf verlorene Sagen angespielt wird,
+ist nicht bekannt. Weibliche Verkleidung nahmen auch Odin bei Rind,
+Thor und Loki als Freyja und deren Zofe bei der Heimholung des Hammers
+an. Die Auslegung, Loki sei als das im Innern der Erde thätige Feuer
+gedacht, das als Weib aufgefasst werde, weil es Wachstum hervorbringe,
+die acht Winter seien die acht Wintermonate, während welcher die Wärme,
+die auf der Erdoberfläche den Frostriesen weichen musste, sich unter
+die Erde zurückgezogen habe und hier im Verborgenen wirke, die von Loki
+gemelkten Kühe endlich seien die warmen Quellen, die auch im Winter
+durch Eis und Schnee hindurch ihr mitunter milchfarbenes Gewässer
+emporsenden, befriedigt in ihrer Allgemeinheit und beim Mangel aller
+Einzelheiten des fraglichen Mythus, welcher den Vorwurf veranlasste,
+keineswegs. Die arge Beschuldigung, als Weib behandelt worden zu sein
+und Kinder geboren zu haben, wird auch sonst gegen Männer erhoben.&#x2060;<a id="FNanchor_516_516" href="#Footnote_516_516" class="fnanchor">[516]</a>
+Sie soll wol nur Lokis Argheit im <span class="pagenum" id="Page_418">[S. 418]</span>schlimmsten Sinne zeigen. Ist er
+doch auch sonst unkeusch und verführt Göttinnen zur Unzucht. Die
+Druckgeister, welche als incubi und succubi mit den Menschen sich
+vermischen, werden aber gerne als Teufel aufgefasst, und so wird
+auch Lokis Buhlerei als Ausfluss seiner Teufelsart am ehesten sich
+erklären.&#x2060;<a id="FNanchor_517_517" href="#Footnote_517_517" class="fnanchor">[517]</a></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Im Gedicht von Lokis Wortstreit (Lokasenna) tritt Loki unter die bei
+Ägir zum Gelage versammelten Götter und Göttinnen. Nur indem er Odin an
+die Blutbrüderschaft erinnert, erhält er unter den misstrauischen Asen
+einen Sitz eingeräumt. Loki trinkt den Hochheiligen zu, erhebt aber
+zugleich seine Schelte, indem er mit Bragi, „dem feigen Bänkehüter“,
+beginnt. Alle Anwesenden, die sich ins Gespräch mischen, werden von
+Loki mit überlegenem Witz und grosser Schlagfertigkeit höhnisch auf
+ihre schwachen Seiten hingewiesen. Dabei wird zum Teil auf bekannte,
+zum Teil auf verlorene Sagen angespielt. Loki weiss geschickt mittelst
+Übertreibungen und Verdrehungen jedem Gegner etwas Ungünstiges
+anzuhängen. Die Göttinnen Idun, Gefjon, Frigg, Freyja, Skadi, Sif
+werden mit dem Vorwurf der Buhlerei bedacht. Zum Teil rühmt sich Loki
+selber, ihre Gunst genossen zu haben. Endlich erscheint polternd und
+drohend Thor. Zwar bekommt auch er seine Verlegenheit auf der Fahrt zu
+Utgardloki zu hören, wie er jedoch dadurch unbeirrt den Hammer gegen
+Loki aufhebt, bequemt sich dieser dazu, den Saal zu räumen, mit dem
+Wunsch, nie mehr solle Ägir ein Gelage abhalten, feurige Lohe solle
+über seine Habe hin spielen. Damit ist auf den Weltbrand gedeutet. Der
+Schöpfer der Lokasenna besass einen scharfen Blick für die Gebrechen
+und sittlichen Mängel der Göttersagen, deren volle Bekanntschaft <span class="pagenum" id="Page_419">[S. 419]</span>er
+voraussetzt. Er dichtete wol gegen Ende des 10. Jahrhunderts, als bei
+dem Verfall des Heidentums und beim Eindringen des Christentums manche
+Freidenker jeden Glauben aufgaben. Er verrät treffende Auffassung der
+einzelnen Göttercharaktere, insbesondere des Loki, wenn er diesem
+Geiste der Verneinung die Aburteilung des Götterstaates in den Mund
+legt. Die eigenartige Anschauung eines einzelnen Mannes, nicht eine in
+den Zusammenhang des Ganzen tiefer eingreifende Sage liegt offenbar in
+dieser merkwürdigen Dichtung vor.&#x2060;<a id="FNanchor_518_518" href="#Footnote_518_518" class="fnanchor">[518]</a></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Loki der Sohn der Laufey hatte einst aus Bosheit der Sif alles Haar
+abgeschnitten. Als Thor dies erfuhr, fasste er Loki mit seinen Händen
+und würde ihm alle Knochen zerschlagen haben, wenn er ihm nicht den
+Eid geleistet hätte, dass er die Schwarzelben dazu bewegen wolle,
+der Sif aus Gold neues Haar anzufertigen, welches wachsen solle wie
+natürliches Haar. Hierauf begab sich Loki zu den Zwergen, die Iwaldis
+Söhne hiessen, und diese machten das Haar sowie auch das Schiff
+Skidbladnir und den Speer Gungnir, den Odin besitzt. Darauf wettete
+Loki um seinen Kopf mit einem Zwerge namens Brokk, dass dessen Bruder
+Sindri nicht drei Gegenstände herstellen könne, die den eben genannten
+an Wert gleichkämen. Loki suchte auch in Gestalt einer Stechfliege die
+Arbeit der Brüder zu stören. Trotzdem brachten sie den Ring Draupnir,
+Freys Goldeber, Thors Hammer fertig. Die Asen entschieden, der Hammer
+sei das beste der Kleinode und der wirksamste Schutz wider die Riesen.
+So hatte Brokk gewonnen. Loki erbot sich, sein Haupt zu lösen; darauf
+wollte der Zwerg nicht eingehen. „So greife mich denn“, sprach Loki;
+aber als er ihn fassen wollte, war er schon weit entfernt. Loki hatte
+nämlich Schuhe, die ihn durch Luft und Meer trugen. Nun bat der Zwerg
+Thor, dass er den Loki greifen möge, und Thor that das. Nun wollte der
+Zwerg ihm den Kopf abschlagen, Loki sagte jedoch, er habe wol Recht
+auf seinen Kopf, aber nicht auf seinen Hals. Da nahm der Zwerg Messer
+und Faden und wollte dem Loki die Lippen zusammennähen und zunächst
+Löcher <span class="pagenum" id="Page_420">[S. 420]</span>in die Lippen stechen, aber das Messer schnitt nicht. Der
+Zwerg meinte, dass der Pfriemen seines Bruders tauglicher sein würde,
+und sobald er diesen genannt hatte, war er auch zur Stelle, und der
+Pfriemen durchschnitt die Lippen. Er nähte nun Lokis Lippen zusammen,
+Loki aber riss den Faden aus dem Saume heraus. Dieser Faden, mit dem
+Lokis Mund zugenäht war, heisst Wartari. So erzählen die Skáldskaparmál
+Kap. 3.</p>
+
+<p>Im Grimnirliede 43 wird Skidbladnir als Werk der Söhne Iwaldis erwähnt,
+ohne dass Lokis Teilnahme erhellt. In der Lokasenna 54 spielt Loki
+darauf an, dass er mit Sif Buhlschaft trieb, und auch das Harbardslied
+48 scheint hierauf Bezug zu nehmen. Dann würde dem Berichte Snorris
+immerhin Gewähr älterer Überlieferung gegeben. Vielleicht wird Loki
+als das Erdfeuer zu den unterirdischen Zwergen, denen er gleichsam die
+Schmiede heizt, in Zusammenhang gebracht. Andererseits ist Merkur der
+Gott der Erfindungen, und gerade in dieser Sage wie sonst allein noch
+in der Sage vom Nibelungenhort wird Loki mit Merkurs Flügelschuhen
+begabt. Letztere sind zweifellos aus der antiken Sage entlehnt, wie
+überhaupt neben Lucifer auch antike Gestalten, Merkur und Apollo auf
+Loki eingewirkt haben.&#x2060;<a id="FNanchor_519_519" href="#Footnote_519_519" class="fnanchor">[519]</a> Die Wette, auf die Loki sich einlässt,
+mag auch fremdem Vorbild, etwa Apollo und Marsyas, nachgeahmt sein,
+wenngleich es sich um Anfertigung anderer Gerätschaften handelt und
+auch sonst die nordische Sage anders sich entwickelt.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Loki_als_Verderber_Baldrs_3"><b>3. Loki als Verderber
+Baldrs.</b></h5>
+
+<p>Die Asen Odin, Bragi, Tyr, Freyr, Njord, Widar waren bei Ägir dem
+Meergott versammelt. Ägir hatte zwei Dienstleute, Fimafeng (den
+behend Greifenden) und Eldir. Statt des Feuers diente helles Gold
+zur Beleuchtung. Die Gäste rühmten sehr, wie gut die Dienstleute
+Ägirs waren. Loki mochte das nicht hören und erschlug den Fimafeng.
+Da schüttelten die Asen ihre Schilde und erhoben ein Geschrei wider
+Loki und trieben ihn in den Wald hinaus. Dann setzten sie sich wieder
+zum Trank nieder. Loki aber kehrte zurück. (Im Wortwechsel rühmte er
+sich offen, den Tod Fimafengs verursacht zu haben.) Darauf versteckte
+<span class="pagenum" id="Page_421">[S. 421]</span>sich Loki, nachdem er die Gestalt eines Lachses angenommen hatte, im
+Wasserfall Franang. Dort fingen ihn die Asen. Er ward mit den Därmen
+seines Sohnes Narfi&#x2060;<a id="FNanchor_520_520" href="#Footnote_520_520" class="fnanchor">[520]</a> gefesselt; sein Sohn Wali wurde in einen Wolf
+verwandelt. Skadi nahm einen Giftwurm und befestigte ihn über Lokis
+Antlitz, so dass Gift darüber hin tropfte. Sigyn, Lokis Frau, sass
+daneben und hielt eine Schale, um das Gift aufzufangen. Wenn die Schale
+voll war, trug sie das Gift hinaus. Inzwischen aber träufelte Gift auf
+Loki herab. Da zuckte Loki so heftig, dass die Erde erbebte. Das wird
+jetzt als Erdbeben bezeichnet.</p>
+
+<p>Die Sage von Lokis Fesselung scheint in einem verlorenen Liede
+behandelt worden zu sein, welches seinem Inhalt nach in kurzem Auszug
+dem Lied von Lokis Wortstreit (Lokasenna) voraus und nachgestellt
+wurde&#x2060;<a id="FNanchor_521_521" href="#Footnote_521_521" class="fnanchor">[521]</a>, so dass die schwere Strafe über Loki scheinbar wegen seiner
+Schmähungen auf die Götter und Göttinnen verhängt wurde, während
+dagegen die eigentliche Unthat, der Totschlag Fimafengs an heiliger
+Friedensstätte, ohne weitere Folgen für Loki bleibt. Vermutlich hat
+der Aufzeichner der Lokasenna fälschlicherweise die Sage von Lokis
+Unthat und Bestrafung als Einkleidung des Scheltgedichtes genommen.
+Die eingeklammerten Worte deuten den ursprünglichen Inhalt an, wie
+Loki frech seiner That sich rühmte. Statt dieses Wortwechsels, den der
+Zusammenhang erfordert, trat die Beschimpfung der Götter ein. Dass die
+Sage von Lokis Totschlag und Bestrafung unbedenklich von der Lokasenna
+losgelöst werden darf, bezeugen die übrigen Berichte, die Lokis
+Fesselung unmittelbar auf Baldrs Tod folgen lassen, die überhaupt zur
+Ergänzung und zum Verständniss heranzuziehen sind.</p>
+
+<p>Gylfaginning Kap. 50 erzählt: Als die Götter erfuhren, dass Loki Baldr
+getötet und in Gestalt der Riesin Thokk die Auslösung Baldrs aus der
+Hölle verhindert hatte, ergrimmten sie wider ihn. Er aber rettete sich
+auf einen Felsen. In seinem Hause dort hatte er vier Thüren, damit er
+nach allen Himmelsgegenden <span class="pagenum" id="Page_422">[S. 422]</span>ausschauen könne. Am Tage aber hielt er
+sich in Lachsgestalt im Wasserfall Franang auf. Ihm kam es in den Sinn,
+dass die Asen mit List ihm nachstellen könnten. Da nahm er Flachsgarn
+und machte Maschen, so wie man später Netze fertigte. Da sah er die
+Asen heran kommen, denn Odin hatte ihn von Hlidskjalf aus bemerkt. Loki
+warf das Netz ins Feuer und sprang ins Wasser. Kwasir, der sehr klug
+war, kam zuerst hinzu; er sah, dass die Arbeit, die Loki gemacht hatte,
+zum Fischfang sehr nützlich war, und sie fertigten nach der Asche, zu
+der das Netz verbrannt war, ein neues. Die Asen gingen zum Wasserfall,
+Thor hielt den einen Zipfel vom Netz, die übrigen Götter den andern.
+Loki legte sich zwischen zwei Steine und sie zogen das Netz über ihn
+weg. Nun versuchten sie es zum zweiten Mal und beschwerten das Netz
+so, dass nichts drunter wegschlüpfen konnte. Loki schwamm vor dem Netz
+her; als es nicht mehr weit zur See war, sprang er über die Netzleine
+und schwamm in den Wasserfall zurück. Die Asen hatten bemerkt, wohin
+er fuhr, und sie verteilten ihre Schar auf beide Ufer, Thor watete
+mitten im Fluss. So schritten sie gegen das Meer zu. Loki sah, dass
+es lebensgefährlich war, ins Meer zu schwimmen, deshalb sprang er
+abermals übers Netz. Thor aber ergriff ihn mit den Händen, und obwol er
+hindurch zu gleiten suchte, hielt er ihn doch am Schwanz fest. Darum
+ist der Lachs hinten so schmal. Nun war Loki gefangen und durfte keine
+Schonung erwarten. Er wurde in eine Höhle gebracht. Sie nahmen drei
+grosse Steine, richteten sie auf und schlugen in jeden ein Loch. Lokis
+Söhne, Wali und Narfi, wurden ergriffen. Den Wali verwandelten die Asen
+zum Wolf, da zerriss er den Narfi. Da nahmen die Asen seine Därme und
+banden damit den Loki auf den scharfen Kanten der drei Steine fest.
+Einer stand unter seinen Schultern, der zweite unter seinen Lenden, der
+dritte unter seinen Kniegelenken. Die Fesseln aber wurden zu Eisen.
+Skadi befestigte einen Giftwurm über seinem Antlitz. Aber Sigyn hielt
+eine Schale darunter, um das herabtropfende Gift aufzufangen. Wenn
+aber die Schale voll ist und Sigyn sie ausgiesst, tropft inzwischen
+Gift auf Lokis Angesicht. Da windet er sich so gewaltig, dass die Erde
+erzittert. Dort liegt er bis zur Götternacht.</p>
+
+<p>Im Anschluss an Baldrs Tod schildert auch die Vǫlospǫ́ (35)
+Lokis Strafe: Gebunden sah ich im zerklüfteten Bergwald&#x2060;<a id="FNanchor_522_522" href="#Footnote_522_522" class="fnanchor">[522]</a> die
+<span class="pagenum" id="Page_423">[S. 423]</span>Unholdsgestalt, den argen Loki; bei ihrem Manne sitzt dort Sigyn,
+nicht freudig gesinnt.</p>
+
+<p>Eine nur in der einen Handschrift der Vǫlospǫ́, in der Hauksbók
+erhaltene Halbstrophe sagt: Sie sieht aus Walis Därmen Kampfbande
+winden, sehr fest waren die Fesseln.</p>
+
+<p>Endlich erzählt Saxo&#x2060;<a id="FNanchor_523_523" href="#Footnote_523_523" class="fnanchor">[523]</a>, wie Thorkillus den furchtbaren in
+entlegenem, ewig umnachtetem Lande hausenden Ugarthilocus aufsucht.
+Thorkillus und seine Gesellen drangen durch enge Öffnung in eine mit
+Schlangen erfüllte Höhle. Dann kamen sie zu einem auf sandigem Bett
+ruhig dahinflutenden Wasser, das sie durchwateten. Darauf gelangten
+sie in eine noch tiefer liegende Höhle, von der aus ein finsteres,
+scheussliches Loch sich aufthat. Dort lag Ugarthilocus, die Hände und
+Füsse mit schweren Ketten belastet; seine stinkenden Haare glichen an
+Grösse und Steifheit Speeren aus Horn. Thorkillus zog eines aus seinem
+Kinn heraus, um es als Wahrzeichen seiner Höllenfahrt vorweisen zu
+können. Saxo berichtet nicht, warum Loki in Fesseln geschlagen ist.
+Auch fehlt jede Anspielung auf Sigyn. Aber ihm schwebt die gleiche
+Vorstellung vor, und vielleicht ist wie in der Baldrsage seine
+Darstellung einfacher und altertümlicher, indem sie weder auf Baldrs
+Tod noch auf Sigyn Bezug nimmt, sondern allein auf den gebundenen, in
+finsterer Höhle schmachtenden teuflischen Dämon sich beschränkt.</p>
+
+<p>Der isländische Bericht erfordert nach mehreren Seiten hin Aufhellung.
+Dass Loki an geweihter Friedensstätte einen Totschlag beging,
+veranlasste seine Bestrafung. Schwerlich handelte es sich aber um
+eine so untergeordnete Person, den „Diener“ Ägirs, Fimafeng, wie die
+Einleitung zur Lokasenna behauptet. In der Gylfaginning und Vǫlospǫ́
+geht Baldrs Mord voran. Ebenso wird er für die Sage der Lokasenna
+vorauszusetzen sein. Unter Fimafeng, der nirgends sonst vorkommt,
+verbirgt sich Baldr. Neben die sonst bekannten Erzählungen, wie Loki
+den Hod zum tötlichen Wurf auf Baldr veranlasste, tritt eine neue, der
+zufolge Loki allein thätig gewesen zu sein scheint. Hiebei mögen die
+<span class="pagenum" id="Page_424">[S. 424]</span>Rechtszustände besonders ausgemalt worden sein.&#x2060;<a id="FNanchor_524_524" href="#Footnote_524_524" class="fnanchor">[524]</a> Loki erschlug
+den Fimafeng in der Halle, da griffen die anwesenden sieben Zeugen zu
+den Waffen, um auf handhafter That an dem Totschläger die Strafe zu
+vollstrecken, den Frevler für friedlos auszurufen und zu töten. Loki
+entzog sich seinem Schicksal, am Thatort von den Zeugen erschlagen
+zu werden, durch die Flucht in den Wald. Von dort aus konnte der
+Verbrecher gesetzliche Verhandlung seiner Sache verlangen und sich
+eine Gnadenfrist erkaufen bis zum Urteilsspruch. Darum kehrte auch
+Loki zurück. Im Wortstreit mit den Göttern gab er aber durch offene
+Prahlerei, Baldr-Fimafeng getötet zu haben, seinen Gegnern das volle
+Recht, ihn zu greifen und abzuurteilen. Die altgermanische Sage
+überhaupt, insbesondere aber die nordische liebt es, Rechtsverhältnisse
+ausführlich zu schildern. Darum ist eine solche Lokisage sehr
+wahrscheinlich. Was die über Loki verhängte Strafe betrifft, so
+liegen zum Teil Missverständnisse und daraus hervorgegangene irrige
+Ausdeutungen jüngerer Sagenschreiber vor. Im Osten ausserhalb der
+bewohnten Welt, in Utgard, in einem zerklüfteten Bergwald verbüsste
+Loki seine Strafe. Gefesselt wurde er als Ächter in den Wald getrieben,
+er wurde „<i>Warg</i>“ d.&#8239;h. Wolf. Wölfe heissen die friedlosen
+Waldgänger und mehrfach lässt sich nachweisen, dass eine spätere
+Zeit die oft bildlichen Benennungen nimmer richtig verstand, sondern
+wörtlich nahm. Warum freilich Lokis Söhne zum Wolf werden, nicht er
+selbst, wie dies teilweise beim Fenrir der Fall sein mag, indem die
+Fesselung dieses wölfischen Unholds nur die Fesselung des geächteten
+Wolfes Loki wiederholt, das lässt sich nicht mehr feststellen.&#x2060;<a id="FNanchor_525_525" href="#Footnote_525_525" class="fnanchor">[525]</a>
+Andererseits erinnert der gefesselte Loki&#x2060;<a id="FNanchor_526_526" href="#Footnote_526_526" class="fnanchor">[526]</a>, dessen Zuckungen
+die Erde erbeben machen, <span class="pagenum" id="Page_425">[S. 425]</span>besonders nach Saxos Schilderungen an den
+Teufel. Loki wird zur Strafe für Baldrs Ermordung ergriffen und
+gebunden, um erst am Ende dieser Welt zu entkommen. Die Zeit, da Loki
+von seinen Banden loskommt, ist mit dem Untergang der Götter und der
+Welt gleichbedeutend. So wird der Teufel von Christus in der Hölle
+gebunden und liegt in Fesseln. Im Mittelalter war es eine allgemein
+angenommene Vorstellung, die oft in Bildern sich aussprach, dass
+der Teufel gebunden liegt; erst am jüngsten Tag soll er los kommen.
+Daher rührt auch die Redensart: Der Teufel ist los! Die Zeit, da er
+loskommt, wird dabei zugleich als diejenige Zeit bezeichnet, in der
+alles in Verwirrung ist und die Welt vor dem Untergange steht. Ebenso
+gilt das Loskommen des Fenriswolfes für ein Zeichen des bevorstehenden
+Weltendes. Zweifellos sind die Teufelssagen die Quelle der Vorstellung
+vom gefesselten Loki und Fenrir, die vor dem Weltbrande loskommen. Die
+treue Sigyn, welche über Loki die Schale hält, bleibt unerklärt.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Die_Teufelsbrut_4"><b>4. Die Teufelsbrut.</b></h5>
+
+<p>Im Lied von Hyndla 42/3 werden die Unholde genannt, die von Loki
+abstammen.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Den Wolf zeugte Loki&#8195;&#8195;&#8195;mit der wilden Angrboda</div>
+ <div class="verse indent0">Und den Sleipnir gebar er &#8195; dem Swadilfari;</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Scheusal schien &#8195;&#8195; &#8195; das schlimmste von allen,</div>
+ <div class="verse indent0">Das von Byleipts&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8194; &#8239;Bruder stammte.</div>
+ <div class="verse indent0">Es frass Loki &#8195; <span class="mleft5">ein Frauenherz,</span></div>
+ <div class="verse indent0">Er fands halbverkohlt&#8195;&#8195;&#8195;&#8239;in der heissen Asche,</div>
+ <div class="verse indent0">Durch das leidige Weib&#8195;&#8195; &#8239;ward Loptr schwanger:</div>
+ <div class="verse indent0">Dort stammen alle&#8195;&#8195;&#8195;&#8195; &#8239;die Unholde her.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Wenn eine Religion einmal einen Teufel hat, so schiebt sie ihm auch
+alles Böse unter, die Unholde werden zur Brut des Teufels. Darum ist
+Loki Vater der Trolle, besonders aber werden solche Ungeheuer als seine
+Kinder bezeichnet, welche im letzten Kampf den Göttern Tod bringen. So
+sagt Gylfaginning Kap. 34: Angrboda heisst eine Riesin in Jotunheim,
+mit ihr erzeugte Loki drei Kinder: das eine ist der Fenriswolf, das
+zweite Jormungand (die ungeheure erdumgürtende Seeschlange), das dritte
+Hel. Diese drei Geschwister wurden in Jotunheim aufgezogen. Die Götter
+erfuhren durch Orakel, dass ihnen durch diese Kinder grosses <span class="pagenum" id="Page_426">[S. 426]</span>Unheil
+bevorstehe, und meinten, dass sie Schlimmes wegen ihrer mütterlichen
+Abstammung, noch Schlimmeres aber wegen ihrer väterlichen zu erwarten
+hätten. Darum sandte Allvater die Götter zu den Kindern und liess sie
+sich holen, und als sie bei ihm angelangt waren, warf er die Schlange
+in das tiefe Meer, das alle Länder umgibt, und darin wuchs die Schlange
+so gewaltig, dass sie nun ebenfalls um alle Länder sich schlingt mitten
+im Meere und sich selbst in den Schwanz beisst. Die Ei schleuderte
+er nach Niflheim hinab und gab ihr Macht über neun Welten, damit sie
+denen, die zu ihr gelangen, ihren Aufenthaltsort anweise. Den Wolf
+zogen die Asen bei sich auf und Tyr allein hatte soviel Mut, ihm
+seine Speise zu reichen. Da nun die Götter sahen, wie sehr er täglich
+wuchs, und alle Weissagungen meldeten, dass er ihnen grosses Unheil
+bringen würde, so schien es ihnen rätlich, eine sehr starke Fessel zu
+verfertigen, die sie Leding nannten. Der Wolf zerbrach aber diese und
+eine zweite, Dromi genannte Fessel. Da wurde Skirnir nach Swartalfaheim
+beordert, um von Zwergen die Fessel Gleipnir anfertigen zu lassen. Sie
+war aus sechs Dingen gemacht: aus dem Geräusch der Katze und dem Barte
+des Weibes, aus den Wurzeln des Berges und den Sehnen des Bären, dem
+Hauche des Fisches und dem Speichel des Vogels. Die Fessel war glatt
+und weich wie ein seidenes Band. Die Asen nahmen den Wolf auf den See
+Amswartnir und auf die Insel Lyngwi mit und fesselten ihn mit Gleipnir.
+Der Wolf verlangte, Tyr solle zum Pfande dafür, dass keine Zauberei und
+Hinterlist im Spiele sei, die rechte Hand ihm in seinen Rachen legen.
+Da nahmen die Asen das Ende der Schnur, welches Gelgja heisst, und
+zogen es durch einen grossen Felsstein, der Gjoll genannt wird, und
+legten diesen tief in der Erde fest. Dann nahmen sie noch einen grossen
+Stein, mit Namen Thwiti, und versenkten den noch tiefer und benutzten
+ihn als Taupfahl. Nun war der Wolf gefesselt und vermochte die Bande
+nicht zu zerreissen. Aber Tyr verlor seine Hand. Der Wolf riss seinen
+Rachen furchtbar auf und schnappte gewaltig um sich. Da schoben sie ihm
+ein Schwert in das Maul, so dass der Griff im Unterkiefer seine Stütze
+fand, die Spitze aber im oberen Gaumen steckte. Er heult entsetzlich,
+Geifer rinnt aus seinem Maule, das ist der Fluss, welcher Wan heisst.
+Dort liegt der Wolf bis zum Untergange der Götter.</p>
+
+<p>Die Erzählung, wie Allvater die Kinder Lokis, die Teufelsbrut ins
+Meer und in die Unterwelt schleuderte, ist schwerlich <span class="pagenum" id="Page_427">[S. 427]</span>alt&#x2060;<a id="FNanchor_527_527" href="#Footnote_527_527" class="fnanchor">[527]</a>, aber
+schon die älteren Skalden kennen diese Unholde als Kinder Lokis. Dass
+die persönlich gewordene Hel mit Loki verbunden erscheint, ist so
+natürlich, wie Teufel und Hölle zusammengehören. Die grosse Seeschlange
+ist insofern eine Nachahmung des Leviathan, als sie sich rings um die
+Erde legt.&#x2060;<a id="FNanchor_528_528" href="#Footnote_528_528" class="fnanchor">[528]</a> Schlangen und Drachen stellt aber biblischer Glaube
+mit dem Teufel, dem Höllenwurme, der Höllenschlange gleich. Der Wolf
+Fenrir ist einerseits aus den Ungetümen, die nach dem Volksglauben
+Sonne und Mond zu verschlingen drohen und dadurch die Welt gefährden,
+hervorgegangen&#x2060;<a id="FNanchor_529_529" href="#Footnote_529_529" class="fnanchor">[529]</a>, andererseits wiederholt er nur Loki selber, er ist
+der „Warg“ Loki und wird daher auf gleiche Weise gefesselt. Wenn der
+Teufel loskommt, wenn Loki-Fenrir der Bande ledig wird, geht die Welt
+unter.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Loki_beim_Weltende_5"><b>5. Loki beim Weltende.</b></h5>
+
+<p>Wie die Mächte des Verderbens gegen die Götter zur Weltvernichtung
+heranrücken, da kommt auch Loki aus seinen Banden und vollbringt, was
+er lange erstrebt. Die Vǫ́lospǫ́ 51 sagt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es segelt von Norden&#8195;&#8195;über die See ein Schiff</div>
+ <div class="verse indent0">Mit den Leuten der Hel,&#8195;und Loki steuert;</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Wolfe folgen&#8195;&#8195; &#8195;die wilden Gesellen,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit ihnen ist Byleipts&#8195;&#8195;Bruder im Zuge.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Die Gylfaginning Kap. 51 berichtet, dass der alte Streit zum Austrag
+kommt: Loki kämpft mit Heimdall und beide töten sich <span class="pagenum" id="Page_428">[S. 428]</span>gegenseitig. Zu
+den Vorzeichen des jüngsten Gerichts gehört es, dass Meer und Hölle die
+Toten auswerfen und dass die Dämonen im Gefolge des Antichrists zum
+Kampfe sich erheben.&#x2060;<a id="FNanchor_530_530" href="#Footnote_530_530" class="fnanchor">[530]</a></p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 id="Die_Goettinnen">Die Göttinnen.</h3>
+
+</div>
+
+<p>Unter den Göttern treten uns Hauptgestalten entgegen wie Tiuȥ, Donar,
+Wodan, die von allen oder doch von den meisten Stämmen verehrt wurden.
+In allen Mythologien, besonders aber in der germanischen gehören die
+Göttinnen einer späteren Glaubensschicht an; sie sind jünger als die
+Götter. Nur Frija ist der Mehrzahl der germanischen Völker bekannt;
+ihre Gestalt ist vielleicht aus vorgermanischer Zeit übernommen. Ein
+Kultus der Erdgöttin darf wol auch den ältesten Glaubensvorstellungen
+der Germanen zugeschrieben werden. Himmel und Erde scheinen das älteste
+Götterpaar gewesen zu sein. Die Erde ist die grosse Lebensmutter, in
+deren Schooss aber alles auch wieder zurückfällt. Sie erscheint in
+blühender Lenzespracht und in winterlicher Erstarrung. Darum sind Leben
+und Tod ihr unterthan. Zahlreiche Mythen wuchsen aus dem Grunde dieser
+einfachen Naturanschauung. Unter vielen Namen und Gestalten mag die
+Erdgöttin durch die deutsche Göttersage wandeln. Sie ist aber zugleich
+die liebe Gemahlin des hohen, lichten Himmelsherrn und nimmt daher,
+über den Wolken thronend, an seinem Wesen teil. Sie ist das göttliche
+Urbild der irdischen Frauen, wie im Gotte der Held und Fürst sich in
+höchster Vollendung verkörpert. Die alten Quellen, die unverdächtige
+Zeugnisse des Heidentums darbieten, lassen eine Vielheit von Göttinnen
+erkennen, deren Art leider selten uns deutlich geschildert wird. Die
+Göttinnen scheinen bei den einzelnen Stämmen sehr verschieden gewesen
+zu sein. Möglicherweise ist aber die Vielheit nur äusserlich, indem
+es sich oft um mehrere Namen einer und derselben Göttin handelt.
+Sicheres lässt sich darüber nicht sagen, da häufig unsre Wissenschaft
+mit den Namen auch zu Ende geht und nur Vermutungen über das Wesen der
+Göttinnen uns möglich sind.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_429">[S. 429]</span></p>
+
+<h4 id="I_Frija_und_ihr_Kreis"><b>I. Frija und ihr Kreis.</b></h4>
+
+<h5 class="s4" id="Frija_1"><b>1. Frija.</b></h5>
+
+<p>Die höchste germanische Göttin führt keinen eigentlichen Namen,
+vielmehr ein allmälig zum Range eines Namens erhobenes Nennwort:
+<em class="gesperrt">Frija</em>, die Geliebte, die Gattin, wie Hera schlechthin auch
+des Zeus liebe Genossin, φίλη ἄκοιτις heisst.&#x2060;<a id="FNanchor_531_531" href="#Footnote_531_531" class="fnanchor">[531]</a> Dass Frija <span class="pagenum" id="Page_430">[S. 430]</span>allen
+Westgermanen und den Nordleuten, wahrscheinlich überhaupt allen
+Germanen, als die Gemahlin des höchsten Gottes, einst des Tiuȥ;,
+bekannt war, ist mit Sicherheit anzunehmen. Der sechste Wochentag,
+<i>dies Veneris</i>, der Freitag erhielt von ihr den Namen. Wörter wie
+got. <i>frijôn</i>, an. <i>frjá</i> lieben, das altdeutsche Urwort
+für mhd. <i>vrîen</i>, nhd. <i>freien</i> erhielten dem Sprachgefühl
+den in Frija ruhenden Begriff „Liebe“ lebendig und darum ist Venus
+die interpretatio romana für die deutsche Göttin. Ausserhalb des
+Nordens lassen sich jedoch nur spärliche unmittelbare Zeugnisse für
+sie aufbringen. Nach der langobardischen Sage weilt <i>Fría</i>
+(überliefert ist die Form <i>Frea</i>) mit Wodan als seine Gattin
+im Himmel und mischt sich in Siegvaters Geschäft. Nach Galfrid von
+Monmouth (Buch 6) berichtet Hengist von den obersten sächsischen
+Gottheiten, von Woden und von der mächtigsten Göttin, welcher der
+<i>Friday</i> geweiht sei, also von <i>Fríg</i>. Im Merseburger
+Heilzauber, auf mitteldeutschem thüringischem Gebiet erscheint
+<i>Frîja</i> zugleich mit Volla, ihrer Schwester, unter den Göttinnen,
+die vergeblich sich bemühen, den ausgerenkten Fuss des Fohlens wieder
+einzurichten, was allein Wodan vermag. Damit sind die Nachrichten über
+Frija bereits erschöpft. Durchweg scheint Frija als Wodans Gemahlin
+gedacht zu sein. Ebenso steht es in den nordischen Quellen, aus denen
+mehr zu erfahren ist.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Frigg_2"><b>2. Frigg.</b></h5>
+
+<p>Frigg&#x2060;<a id="FNanchor_532_532" href="#Footnote_532_532" class="fnanchor">[532]</a> ist Odins Gattin, die höchste der Asinnen. Wie Odin selbst
+weiss sie die Schicksale der Menschen voraus, obwol sie <span class="pagenum" id="Page_431">[S. 431]</span>keine
+Weissagungen ausspricht. Fensalir&#x2060;<a id="FNanchor_533_533" href="#Footnote_533_533" class="fnanchor">[533]</a>, Meersäle heisst ihr stattlicher
+Saal. Dort beweint sie Walhalls Weh, den Tod Baldrs, den sie vergeblich
+abzuwenden getrachtet hatte. Wie Frîa bei den Langobarden Wodans
+Willen entgegen handelte, scheinen auch Spuren vorhanden, dass Frigg
+andrer Meinung war und sie bethätigte, als ihr Gemahl. Im Eingang zum
+Grimnirliede wird auf eine solche Sage angespielt. Odin und Frigg
+sassen einmal auf Hlidskjalf und schauten über alle Welt. Odin sprach:
+Siehst du, wie dein Pflegling Agnar in der Höhle mit einem Riesenweibe
+Kinder zeugt? Aber Geirröd, mein Pflegesohn, sitzt nun als König in
+seinem Land. Frigg antwortete: Er ist so karg mit der Kost, dass er
+seine Gäste hungern lässt, wenn er meint, dass deren zu viele gekommen
+seien. Odin sagte, das sei die grösste Lüge; da wetteten beide, wer
+Recht behielte. Frigg sandte ihr Kammermädchen Fulla zu Geirröd und
+liess dem Könige sagen, er möchte sich vor den Hexenkünsten eines
+Zauberers in acht nehmen, der in sein Land gekommen sei; er wäre, fügte
+sie hinzu, leicht daran zu erkennen, dass kein Hund, so bissig er auch
+sei, ihn anzufallen wage. Das war nun eine böse Verleumdung, dass König
+Geirröd nicht gerne seinen Gästen Speise gebe; aber dennoch liess
+er den Mann festnehmen, vor dem die Hunde zurückwichen. Um Recht zu
+behalten und ihrem Wunsche zum Sieg zu verhelfen, greift Frigg ebenso
+mit Erfolg zur List wie die Frîa der Langobardensage. Odin will in
+Verkleidung Geirröd versuchen; durch die listige Botschaft veranlasst
+Frigg den sonst freigebigen Geirröd, den unter dem Namen Grimnir
+einsprechenden Odin hart zu behandeln. So verspürt Odin an seinem
+eigenen Leibe, dass Geirröd gegen Fremde ungastlich sich benimmt,
+dass Friggs Beschuldigung begründet ist. Hier wie dort wird der
+göttliche Gemahl durch der Göttin Schlauheit übertrumpft. Das Lied von
+Wafthrudnir hebt mit einer Beratung der Gatten an, woraus zu ersehen
+ist, dass Odin wichtige Angelegenheiten mit Frigg bespricht. Er will
+Wafthrudnir ausforschen, sie ist dagegen, <span class="pagenum" id="Page_432">[S. 432]</span>weil der Riese besondere
+Stärke besitzt. Wie Odin dennoch sich auf den Weg macht, entlässt ihn
+Frigg mit dem Reisesegen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Reise gesund, &#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8195; gesund komm wieder!</div>
+ <div class="verse indent4">Gesund wandre den Weg!</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht fehle dir Weisheit, &#8195;Vater der Menschen,</div>
+ <div class="verse indent4">Wenn mit dem Riesen du reden musst.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Frigg ist über die Ehe gesetzt. Denn die Göttin Lofn hat von Allvater
+und Frigg die Erlaubniss erhalten, Ehen zwischen den Menschen zu Stande
+zu bringen, denen vorher ein Hinderniss im Wege stand. König Rerir und
+seine Frau bekamen lange Zeit keine Kinder. Das behagte ihnen wenig
+und sie riefen inbrünstig zu den Göttern, ihnen Nachkommenschaft zu
+gewähren. Da erhörte Frigg ihr Flehen und ebenso Odin. So spendet
+also Frigg Fruchtbarkeit. Ob Friggs Schuhe, die Fulla verwahrt,
+rechtssymbolische Bedeutung haben, da der Schuh bei Adoption und
+Ehe Anwendung fand, ist in Ermanglung genauerer Nachrichten nicht
+festzustellen. Welche Bewandtniss es um Friggs Truhe hat, ob darin
+wie in einem Füllhorn die Gaben des Glückes verwahrt werden, bleibt
+ebenfalls unerklärlich.</p>
+
+<p class="mtop1">Von Friggas Buhlerei erzählt Saxo.&#x2060;<a id="FNanchor_534_534" href="#Footnote_534_534" class="fnanchor">[534]</a> Zum Zeichen ihrer Verehrung für
+Odin, der damals in ganz Europa Ansehen genoss, sandten die nordischen
+Fürsten eine goldene Bildsäule Odins, mit schweren Armspangen
+geschmückt, nach Byzanz. Frigga, Odins Weib, liess durch Goldschmiede
+das Bild des Goldes berauben, um sich selber damit zu schmücken.
+Odin gebot, die Leute aufzuhängen. Das Bildniss aber, das er durch
+Zauberei gegen Berührung mit Stimme begabt hatte, stellte er auf einen
+besonderen Sockel. Frigga aber zog ihren eigenen Schmuck der Ehre ihres
+<span class="pagenum" id="Page_433">[S. 433]</span>Gatten vor und gab sich einem ihrer vertrauten Diener hin, durch
+dessen Geschicklichkeit sie das Bild zerstörte und das Gold zum eigenen
+Putz verwandte. Darauf musste Odin infolge dieser Schmach aus dem Lande
+weichen und dem Mitodin Platz machen. In der nordischen Überlieferung
+trifft ein ähnlicher Vorwurf die Göttin; es heisst in der Lokasenna 26:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schweige, du Frigg,&#8195; Fjorgyns Weib!</div>
+ <div class="verse indent4">Du, Metze, warst immer männertoll:</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Wili und We &#8195;&#8195;hat Widrirs Gattin</div>
+ <div class="verse indent4">Ihre Gunst beiden gegönnt.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Friggs doppelte Buhlerei in Saxos Erzählung von Mitodin, dass sie sich
+zunächst um den Goldschmuck einem Diener ergibt und dann in Mitodins
+Besitz gerät, weist auf Verschmelzung zweier ursprünglich getrennter
+Mythen. Dass sie in Mitodins Gewalt fällt, gleicht Lokis Vorwurf
+von Friggs Buhlschaft mit Odins Brüdern Wili und We. Diese eheliche
+Untreue entstand zum Teil dadurch, dass Frija einst dem Tiuȥ gehörte
+und von ihm auf Wodan überging. Ihre ursprüngliche Zugehörigkeit zu
+einem andern als Odin haftete noch in der Erinnerung, und daraus
+erwuchs diese Sage. Eine andere hiervon verschiedene und unabhängige
+Sage, welche in nordischer Überlieferung an Freyjas Namen geknüpft ist
+und erst unter den Freyjamythen näher erörtert werden soll, erzählte
+von der Göttin, die ihre Gunst verschenkte, um dadurch ein goldenes
+Geschmeide zu erwerben. Ob bereits Saxos Quellen die sonst mit Freyja
+verbundene Geschichte auf Frigg übertrugen, ob Saxo selber erst Frigg
+und Freyja zusammenwarf und die im Grunde einander ähnlichen Berichte
+verschmolz, bleibt eine offene Frage.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Frigg soll noch im schwedischen Volksglauben&#x2060;<a id="FNanchor_535_535" href="#Footnote_535_535" class="fnanchor">[535]</a> sich erhalten haben.
+Von der Heilighaltung des Donnerstags, an welchem Haus und Hof für
+den Besuch göttlicher Wesen hergerichtet werden, geht die Redensart
+„<i>helga Toregud och Frigge</i>“, den Gott Thor und Frigge heilig
+halten. Denn merkwürdigerweise erscheint Frigge in Gesellschaft
+Thors, nicht Odins. Frigg wird zum Spinnen und <span class="pagenum" id="Page_434">[S. 434]</span>zur Frauenarbeit in
+Beziehung gebracht. Während der Donnerstagsweihe darf keine Spindel
+und kein Spinnrocken berührt werden. Denn am Abend, heisst es, spinne
+Frigge selber. Am Donnerstag Abend sah man vordem einen Greis und ein
+altes Weib am Spinnrocken sitzen. Nach alter Sage sind es Thor und
+Frigge, welche spinnen. Das Sternbild des Orion heisst in Schweden
+<i>Friggetenen</i> und <i>Friggerocken</i>, Spindel und Rocken der
+Frigge. In einem Segen gegen Pferdekrankheit wird Frygge genannt.
+Inwieweit echte und glaubhafte Sage hier vorliegt, lässt sich nicht
+entscheiden. <i>Friggjargras</i> heisst im Isländischen eine Pflanze
+(gymnadenia odoratissima), welche, unters Kissen gelegt, Liebeslust
+erweckt. Übrigens gibt es im Norden auch Mariengras, Frauenhaar und
+fürs Sternbild die Bezeichnung Marienrocken.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Die_aus_Frigg_abgezweigten_Goettinnen_3"><b>3. Die aus Frigg
+abgezweigten Göttinnen.</b></h5>
+
+<p>Einige Göttinnen, denen keine umfassende, sondern nur beschränkte
+Wirksamkeit zugeschrieben wird, scheinen aus Frija abgezweigt zu sein,
+zum Teil schon frühzeitig, falls sie auch ausserhalb des Nordens
+begegnen, zum Teil erst später unter den Skalden.&#x2060;<a id="FNanchor_536_536" href="#Footnote_536_536" class="fnanchor">[536]</a> Sie dürfen
+gleichsam als Eigenschaften und Beiwörter der Frija gelten und ergänzen
+demnach unsre Kenntniss vom Wesen der Hauptgöttin, worin alle die
+einzelnen Gestalten aufgehen. Besondere Sagen dieser Göttinnen fehlen,
+nur von ihren Eigenschaften hören wir Einiges, das meiste durch Snorre.
+Gleich <span class="pagenum" id="Page_435">[S. 435]</span>hinter Frigg, als zweite der Asinnen, zählt er <i>Sága</i> auf,
+die in Sökkwabekk den von kühlen Wellen umrauschten Saal hat. Täglich
+trinken Odin und Sága zusammen aus goldenen Schalen. Die Behausung der
+Sága in der Wassertiefe vergleicht sich den Fensalir, den Meersälen
+der Frigg. Der vertraute tägliche Verkehr mit Odin, der Aufenthalt in
+den Fluten sind ebenso der Sága wie der Frigg eigentümlich, weshalb
+vermutet wird, Sága sei Frigg unter anderem Namen. Doch mag man auch in
+Sága eine Wasserfrau, ein Seitenstück zu Mimir annehmen.</p>
+
+<p><i>Fulla</i> ist eine Jungfrau; sie geht mit ausgeschlagenem Haar und
+hat ein goldenes Band um das Haupt; sie trägt Friggs Truhe und bewahrt
+ihr Schuhzeug; auch ist sie in ihre heimlichen Pläne eingeweiht.
+Als Vertraute der Frigg hilft sie Odin zu überlisten, indem sie dem
+König Geirröd die heimtückische Warnung vor den Hexenkünsten eines
+Zauberers überbringt. Im Merseburger Spruch ist <i>Volla</i> Frîjas
+Schwester. Wenn auch Fulla nur als <i>eskimær</i>, Kammermädchen der
+Frigg bezeichnet wird, so ergibt sich doch ihre besondere der Frigg
+fast gleiche Bedeutung daraus, dass Nanna aus der Hölle Frigg und
+Fulla mit Geschenken, mit einem Kopftuch und einem goldenen Fingerring
+beehrt. Der Name bedeutet Fülle, Überfluss, und ist wie die göttliche
+<i>Copia</i>, <i>Abundantia</i> der Römer aufzufassen. In Fulla wird
+die Göttin Frija nach ihrer Reichtum und Segen spendenden Thätigkeit
+persönlich.</p>
+
+<p>Zu Liebe und Ehe gehören <i>Sjofn</i> und <i>Lofn</i>. Sjofn ist
+eifrig bemüht, die Menschen zur Liebe zu entflammen, Männer sowol wie
+Frauen, daher wird nach ihrem Namen die Liebe <i>sjofni</i> genannt.
+Lofn erhört gern die Gebete und ist mild; sie hat von Allvater und
+Frigg die Erlaubniss erhalten, Ehen zwischen Menschen zu Stande zu
+bringen, denen vorher ein Hinderniss im Wege stand. Nach ihrem Namen
+heisst die Erlaubniss <i>lof</i>. Bei den älteren Dichtern finden
+sich diese allegorischen Gestalten nicht. Dagegen nennt schon Kormak
+die <i>Eir</i>, die Ärztin unter den Asen. Es ist die verkörperte
+Pflege, von an. <i>eira</i>, pflegen, schonen. Auch im Liede von
+Fjolswid 38 erscheint Eir neben andern freundlichen, schützenden,
+hilfreichen Jungfrauen der Menglod, welche auf dem Berge der Heilmittel
+(<i>Lyfjaberg</i>) gedacht ist.</p>
+
+<p><i>War</i> hört auf die Eide und heimlichen Abmachungen der Menschen,
+der Männer wie der Frauen; darum heissen solche Verpflichtungen
+<i>várar</i> (Gelübde). War ist auch weise und wissbegierig, <span class="pagenum" id="Page_436">[S. 436]</span>so dass
+ihr nichts verborgen bleiben kann. Im Lied von Thrym 30 heisst es:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Bringt nun den Hammer,&#8195; die Braut zu weihen,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Mjolnir legt&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8239; in des Mädchens Schooss,</div>
+ <div class="verse indent0">In Wars Namen &#8195;&#8195; &#8195; &#8195; weiht unsern Bund!</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Also eines der schönsten und älteren Eddalieder bringt die Hüterin
+der Eide mit der Ehe, dem Hauptgeschäfte der obersten Göttin, in
+Zusammenhang.</p>
+
+<p><i>Hlin</i> ist angewiesen, die Menschen zu schützen, die Frigg vor
+irgend einer Gefahr behüten will; daher kommt die Redeweise, dass
+derjenige sich anlehnt (<i>hleinir</i>), der sich in Acht nimmt. In der
+Vǫlospǫ́ steht Hlin geradezu für Frigg, die also offenbar nur allgemein
+als hilfreiche Schützerin so zubenannt ist.</p>
+
+<p><i>Syn</i> hütet die Thüren in der Halle und schliesst sie vor denen,
+die nicht hineingehen sollen. Auch ist sie bei den Thingversammlungen
+in solchen Streitsachen zur Schützerin bestellt, wo Männer etwas zu
+leugnen haben. Daher stammt die Redensart: Syn ist vorgeschoben, wenn
+jemand etwas zu leugnen hat. Syn, die Ableugnung stammt jedenfalls vom
+Zeitwort <i>synja</i>, leugnen. Der Name Syn findet sich schon beim
+Skald Egil Skallagrimsson und bei Eilif Guðrunarson.</p>
+
+<p><i>Snotra</i> ist weise und von feinem Anstand; nach ihrem Namen
+werden kluge Männer oder Frauen <i>snotr</i> genannt. Wie man sieht,
+sucht Snorri die betreffenden Ausdrücke aus den Namen der Göttinnen
+herzuleiten, während natürlich das Umgekehrte der Fall ist.</p>
+
+<p><i>Gna</i> wird von Frigg in ihren Angelegenheiten nach verschiedenen
+Orten entsendet. Sie hat ein Ross, das durch Luft und Meer zu schreiten
+vermag und Hofwarpnir (Hufwerfer) heisst. Es geschah einmal, dass ein
+Wane sie erblickte, als sie durch die Luft ritt. Er sprach:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wer fliegt dort, &#8195; <span class="mleft5">wer fährt dort,</span></div>
+ <div class="verse indent9">Wer läuft durch die Luft?</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Sie antwortete:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nicht flieg ich, &#8195;&#8195;<span class="mleft5">doch fahr ich,</span></div>
+ <div class="verse indent10">Durchlaufe die Luft</div>
+ <div class="verse indent0">Auf dem Rücken Hofwarpnirs,&#8195;den die rasche Gardrofa</div>
+ <div class="verse indent10">Vom Hengste Hamskerpir empfing.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_437">[S. 437]</span></p>
+
+<p>Endlich werden <i>Sol</i> (die Sonne) und <i>Bil</i> (Mondabnahme)
+zu den Asinnen gerechnet. Im Merseburger Zauberspruch entsprechen
+vielleicht <i>Sunna</i>, die Sonne, und <i>Sinthgunt</i>, die den Weg
+Erkämpfende. Siegreich über die Finsterniss beschreitet die Sonne ihre
+Bahn. Da Frija auch Sonnengöttin ist, kann der Name auf sie zielen.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Freyja_4"><b>4. Freyja.</b></h5>
+
+<p><i>Freyja</i>&#x2060;<a id="FNanchor_537_537" href="#Footnote_537_537" class="fnanchor">[537]</a> ist nach Frigg die angesehenste unter den Göttinnen,
+Sie ist die Schwester des Freyr, Njords Tochter. Sie hat den Wohnsitz
+im Himmel, der Folkwang heisst, und wenn sie zum Kampfe sich begibt,
+so empfängt sie die eine Hälfte der Gefallenen und Odin die andere. So
+steht im Grimnirliede 14</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Folkwang nenn ich, &#8195; Freyja entscheidet,</div>
+ <div class="verse indent8">Wer die Sitze dort fülle im Saal;</div>
+ <div class="verse indent0">Von den toten Helden&#8194; wählt sie täglich die Hälfte,</div>
+ <div class="verse indent8">Die andre fällt Odin zu.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Dort in Folkwang, auf dem Volksgefilde, erhebt sich die Halle
+Sessrymnir, die an Sitzen geräumige. Wenn sie eine Reise unternehmen
+will, so fährt sie mit ihren Katzen und sitzt in einem Wagen. Sie ist
+gern zur Hilfe bereit, wenn Menschen sie anrufen. Im Liede von Oddruns
+Klage 8 spricht die aus den Geburtswehen befreite Borgny den Heilwunsch
+über Oddrun:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">So mögen dir helfen&#8195;&#8195; die holden Wesen,</div>
+ <div class="verse indent0">Freyja und Frigg&#8195;&#8195;&#8239; &#8195; und noch viele Götter,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie du mich befreitest&#8195; aus Fährde und Not.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Gut ist es, in Liebesangelegenheiten Freyja anzurufen. Ihr gefällt
+das Liebeslied. Zu den weiteren Eigenschaften der Freyja gehört das
+Brisingenhalsband, das lichte Geschmeide, und das Falkenhemd, das Loki
+mehrmals von ihr entlehnt. In der Ynglingasaga Kap. 4 wird von Freyja
+berichtet, sie habe zuerst unter den Asen den bei den Wanen längst
+gebräuchlichen Zauber (<i>seiđr</i>) geübt.</p>
+
+<p>Von der Göttin Freyja findet sich ausserhalb des Nordens keine Spur.
+Während Frija gemeingermanisch ist, bleibt Freyja auf Norwegen
+und Island beschränkt. Zumal auf Island gedieh der Freyjakult am
+meisten, dort verdrängte sie geradezu die Frigg, <span class="pagenum" id="Page_438">[S. 438]</span>wie sie auch in der
+spätisländischen Dichtung, den <i>Skíđarímur</i>, Odins Frau genannt
+wird. Freyja ist im Norden zu Freyr gebildet wie <i>gyđja</i> zu
+<i>gođ</i>, <i>Finna</i> zu <i>Finnr</i>.&#x2060;<a id="FNanchor_538_538" href="#Footnote_538_538" class="fnanchor">[538]</a> Ihre Art stimmt zu
+ihrem späten Ursprung, indem sie als Nachahmung bereits vorhandener
+Vorbilder sich erweist. Als Schwester Freys, Tochter Njords ist sie
+natürlich auch den Wanen zugehörig, <i>vanabrúđr</i>, <i>vanadís</i>,
+<i>vanagođ</i> d.&#8239;h. Wanengöttin. Im Hyndlaliede 5 u. 7 reitet sie
+auf dem goldborstigen Eber Hildiswini, welchen die Zwerge Dain und
+Nabbi ihr schufen, sie ist also mit Freys Eigentum ausgestattet.
+Im übrigen aber wiederholt Freyja die Frigg, indem dieselben oder
+doch sehr ähnliche Mythen von ihr berichtet werden. Dabei lässt
+sich erkennen, dass die Sagen ursprünglich allein an Frigg haften
+und nur dort, wo Freyja im Vordergrund stand, auf diese übertragen
+wurden. Es handelt sich schwerlich um eine urgermanische Spaltung
+einer Göttin in zwei demzufolge wesensverwandte Gestalten, vielmehr
+um eine spätere nordische Abzweigung der Freyja aus Frigg. Deshalb
+geht Freyja zu einem guten Teil in Frigg auf. Die Freyjamythen dienen
+mehrfach dazu, das Bild der Frigg zu ergänzen. Endlich scheinen auch
+fremdartige Bestandteile, Züge der Venus mit Freyja verschmolzen,
+die sich somit als eine Schöpfung der Wikingerzeit herausstellt. Die
+verschiedenartigsten Motive sind zu einem eigenartigen neuen Gesamtbild
+vereinigt.</p>
+
+<p>Wenn sich Freyja mit Odin in die gefallenen Helden teilt, wenn sie
+in geräumiger Halle ihnen Sitze anweist, so kann eine derartige
+Vorstellung nur dort aufkommen, wo Freyja den höchsten Rang unter den
+Göttinnen einnimmt. Nur die Hauptgöttin, Odins Gemahlin, kann gleiches
+Recht mit dem Gotte beanspruchen. Sessrymnir ist ein zweites Walhall,
+wo nicht Walvater, sondern Walfreyja, die Herrin der Wal, den Vorsitz
+hat. Wie Odin als König und Häuptling an der Spitze der Einherjer
+steht, so wird <span class="pagenum" id="Page_439">[S. 439]</span>Freyja die erste der Walküren. Wenn Wingolf das
+Heiligtum der Göttinnen heisst und andrerseits die Wunschsöhne Odins
+in Walhall und Wingolf Aufnahme finden, könnte Wingolf mit Sessrymnir
+gleich sein, eine Halle, die unter Walfreyjas Obhut steht. Zu den
+Walküren stellt sich Freyja auch dadurch, dass sie in Walhall einmal
+das Schenkamt übt, was ja sonst Sache der Wunschmädchen ist. Wie der
+Riese Hrungnir mit prahlerischen Reden in Asgard gross that, wagte
+Freyja allein, ihm einzuschenken. Übrigens blieb Freyja als Führerin
+der Walküren und Eignerin der Wal ein dichterischer Versuch, indem die
+Vorstellung dieser zweiten Totenhalle unter Freyja weder allgemein noch
+vollständig ausgebildet erscheint. Freyja und Sessrymnir erlangten
+kaum dieselbe Bedeutung und Anerkennung wie Odin und Walhall; hier
+tritt uns der dichterische Glaube vieler, dort der weniger entgegen.
+Mit Frigg gleichgesetzt begegnet aber Freyja namentlich auf Island. Am
+Allding 998 suchte der Priester Dankbrand den Isländern das Christentum
+aufzudrängen, doch ohne grossen Erfolg. Hjallti Skeggjason, der bereits
+Christ war, gab seinem Ärger über den missglückten Bekehrungsversuch
+in einem Schmähvers&#x2060;<a id="FNanchor_539_539" href="#Footnote_539_539" class="fnanchor">[539]</a> auf die Heidengötter Ausdruck: „Ich will
+nicht wider die Götter bellen: ein Hund dünkt mir Freyja. Jedenfalls
+ist eines von beiden, Odin oder Freyja, ein Hund.“ Hjallti wurde wegen
+dieser Lästerung des Landes verwiesen. In dieser Schelte will Hjallti
+die ersten isländischen Götter treffen und nennt Freyja und Odin. Das
+Verhältniss zwischen beiden ist wol als ein eheliches aufzufassen,
+Freyja steht für Frigg.</p>
+
+<p>In den Tagen Olafs des Heiligen hielten die Bauern um Drontheim zu
+Anfang des Winters Gastmähler und Opfer um gute Jahreszeit. Da wurde
+alle Minne dem Thor geweiht und dem Odin, der Freyja und den Asen.
+Wahrscheinlich liegt aber hier ein Versehen des Schreibers der Saga
+vor: dem Odin, Thor und <span class="pagenum" id="Page_440">[S. 440]</span>Freyr, der Götterdreiheit, die auch Adam von
+Bremen für den Uppsalatempel nennt, wurde der Minnebecher geweiht.&#x2060;<a id="FNanchor_540_540" href="#Footnote_540_540" class="fnanchor">[540]</a></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>In der folgenden Sage, wo eine Verwechselung ausgeschlossen ist,
+spielt Freyja die Rolle der Frigg und befindet sich wol im ehelichen
+Verhältniss zu Odin.</p>
+
+<p>König Alfrek hatte zwei Frauen, Signy und Geirhild. Die konnte er ihrer
+Uneinigkeit wegen nicht beide behalten. Da sagte er, er wolle diejenige
+behalten, welche das beste Bier gebraut haben würde, wenn er von der
+Fahrt zurückkäme. Sie wetteiferten nun im Brauen. Signy rief Freyja an
+und Geirhild Hott (d.&#8239;i. Odin unter dem Namen Hǫttr, der mit dem Hute).
+Dieser gab statt der Gähre seinen Speichel und so bestand Geirhilds
+Bier die Probe. Doch hatte sie ihr Kind, den nachmaligen König Wikar,
+für die Hilfe dem Odin zu eigen geben müssen.&#x2060;<a id="FNanchor_541_541" href="#Footnote_541_541" class="fnanchor">[541]</a> Die Wette, welche
+zwischen den Frauen zum Austrag kommt, ist von der Beihilfe der Götter
+abhängig. Da messen sich Odin und Freyja ebenso wie sonst Odin und
+Frigg, Wodan und Frîa, nur dass diesmal Odin gewinnt. Freyja vertritt
+aber vollständig Frigg.</p>
+
+<p>Eine hervorragende Stellung wird der Freyja auch durch folgenden Zug
+des isländischen Glaubens zugeteilt. Der Skald Egill hatte beschlossen,
+keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen und zu sterben. Seine Tochter
+Thorgerd wollte ihm folgen und sagte: Ich habe kein Nachtmahl zu mir
+genommen und werde keines mehr nehmen als bei Freyja. Ich will meinen
+Vater nicht überleben.&#x2060;<a id="FNanchor_542_542" href="#Footnote_542_542" class="fnanchor">[542]</a> Wie Helden hoffen, noch abends bei Odin
+Gast zu sein, spricht hier eine Jungfrau einen ähnlichen Gedanken in
+Bezug auf Freyja aus. Daraus darf der wenigstens teilweise herrschende
+Glaube erschlossen werden, dass Freyja die verstorbenen Frauen zu sich
+versammle. Allerdings wird Walfreyja <span class="pagenum" id="Page_441">[S. 441]</span>damit kaum zu vereinigen sein,
+beide Vorstellungen schliessen sich aus. Alter Glaube mag aber zum
+Gotte die Männer, zur Göttin die Frauen gewiesen haben.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Freyja_und_Brisingamen_5"><b>5. Freyja und
+Brisingamen.</b></h5>
+
+<p>Freyja, Njords Tochter, war die Geliebte Odins von Asgard. Vier
+Zwerge, kunstreiche Schmiede, wohnten in der Nähe der Königshalle. Als
+Freyja einmal ihre Höhle besuchte, erblickte sie ein schönes, goldenes
+Halsband, das jene anfertigten. Nach seinem Besitze verlangend bot
+sie den Zwergen Silber, Gold und andere Kostbarkeiten dafür. Jene
+erwiderten, solcher Dinge bedürften sie nicht, doch wollten sie das
+Halsband an Freyja verkaufen, wenn jeder von ihnen eine Nacht ihr
+beiwohnen dürfe. Sie stimmte zu, und in den nächsten vier Nächten bekam
+jeder der Zwerge, die Alfrigg, Berlingr, Dvalinn und Grerr hiessen,
+den ausbedungenen Lohn. Der Bericht fährt weiter, wie Loki auf Odins
+Geheiss der Freyja das Halsband stahl. Als Freyja ihren Schmuck von
+Odin zurückverlangte, erhielt sie ihn nur gegen das Versprechen,
+zwei gleich mächtige Könige in einen unaufhörlichen Kampf gegen
+einander zu hetzen. So erzählt der im 14. Jahrhundert auf Island
+niedergeschriebene Sörla Þättr.&#x2060;<a id="FNanchor_543_543" href="#Footnote_543_543" class="fnanchor">[543]</a> Die Sage ist als Einleitung der
+Geschichte von Hedin und Hilde, deren Kämpfe von Freyja zur Einlösung
+ihres Versprechens veranlasst werden, vorangestellt. Mögen auch die
+Einzelheiten der Erzählung jung sein, in der Hauptsache ist sie aus
+älterer Überlieferung geschöpft. Bereits im Lied von Thrym (12, 14,
+18) ist Freyja im Besitze des Schmuckes <i>Brísingamen</i>&#x2060;<a id="FNanchor_544_544" href="#Footnote_544_544" class="fnanchor">[544]</a>, Ulfr
+Uggason dichtete, wie Loki ihn raubte und Heimdall ihn zurückgewann.
+<i>Brísingar</i> ist vermutlich eine Benennung der ursprünglichen
+Eigentümer und Verfertiger des Halsbandes. Jene kunstreichen Zwerge
+<span class="pagenum" id="Page_442">[S. 442]</span>sind oder vertreten die <i>Brísingar</i>. Da nun Freyja ebenfalls von
+Anfang an mit dem Vorwurfe der Buhlerei bedacht wird, lässt sich sehr
+wol die Erzählung, wie sie in den Besitz dieses „<i>Brísinga men</i>“
+kam, als einer der Gründe hierfür annehmen. Wenn Saxo von Frigga weiss,
+sie habe sich „<i>uni familiarium</i>“ um goldenen Schmuck ergeben,
+so wird die nämliche Sage gemeint sein, nur mit Verwechslung zwischen
+Freyja und Frigg. Wenn endlich die am Rande des Himmels auf einem Berge
+schlafende Lichtgöttin, die Sonnenjungfrau, welche der rasche Tag, der
+Held Swipdag sich gewinnt, den Namen <i>Menglod</i>, die Halsbandfrohe
+führt, so vereinigen sich alle diese Züge zu einem von der Gemahlin des
+Tiuȥ einst geltenden Mythus.</p>
+
+<p>Frija wird von den Brisingen, den Göttern des Zwielichts, dem reissigen
+Brüderpaar griechischer und indischer Sage, aus dem nächtigen Dunkel
+heraufgeführt. Die Brisingen sollen die Braut dem Tiuȥ zuführen,
+trachten aber selber nach ihrer Liebe. Ein glänzendes Halsband, das
+<i>Brísinga men</i>, von ihnen selbst gefertigt, bieten sie der Göttin
+für ihre Gunst. Und sie willigt ein, der goldene Schmuck bringt ihre
+Treue zu Fall. Frija wird einmal als die alleinige Eignerin des
+Schmuckes, der glänzenden Sonne, gedacht worden sein und darum Menglod
+heissen. Nur in Norwegen und auf Island nahm später Freyja, wie so
+häufig, auch hier ihre Stelle ein. Saxos oben erwähnte Erzählung bringt
+also zwei an und für sich ganz verschiedene, nach Alter und Ursprung
+weit auseinander liegende Berichte in Verbindung, die allerdings
+denselben Grundgedanken, Frijas Untreue, enthalten. Der eine Mythus
+entstand, so lange Frija noch dem Tiuȥ allein gehörte, der andre, als
+Wodan-Odin ihn verdrängte.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Freyja_und_die_Riesen_6"><b>5. Freyja und die Riesen.</b></h5>
+
+<p>Freyja wird mehrmals von Riesen zum Weibe begehrt, und nur dem
+Dazwischentreten Thors ist es zu danken, dass sie den Göttern erhalten
+bleibt. So verlangt Thrym die Göttin gegen Herausgabe des Hammers. Der
+Riesenbaumeister, welcher den Göttern eine Burg zu bauen versprochen
+hatte, bedang sich als Lohn Freyja, dazu Sonne und Mond. Loki hatte zur
+Annahme des Vertrages geraten. Hrungnir wollte Freyja und Sif mit sich
+fortführen und alle andern Götter töten. Freyja als Schwester Freys mag
+in solchen Sagen die schöne Jahreszeit, Glanz und <span class="pagenum" id="Page_443">[S. 443]</span>Wärme der Sonne, die
+Grundbedingung des Wachstums und Gedeihens bedeuten.&#x2060;<a id="FNanchor_545_545" href="#Footnote_545_545" class="fnanchor">[545]</a> Darum stellen
+ihr die rauhen Riesen, die entfesselten Elemente, die winterlichen
+Stürme nach. Ohne Licht und Wärme verdirbt die Welt, und nach dem
+Verderben der Götter- und Menschenwelt trachten die Riesen. Die Wanen
+haben manche Züge mit den Elben gemeinsam, und so gleicht Freyja einer
+Lichtelbin. Elbinnen werden vom wilden Jäger, von den entfesselten
+Elementen verfolgt. Auf der Grundlage solchen allgemein bezeugten
+Aberglaubens mochten Sagen erwachsen wie die eben erwähnten.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Freyja_als_Venus_vulgivaga_7"><b>7. Freyja als Venus
+vulgivaga.</b></h5>
+
+<p>Im Lied von Thrym erscheint Freyja streng und herb. Als Loki an sie
+das Ansinnen stellt, mit dem Brautschleier geschmückt nach Riesenheim
+zu fahren, da schnaubt Freyja vor Zorn, dass die Burg erbebt und das
+Brisingenhalsband zerbrochen niederfällt.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">„Die Männertollste&#8195; müsste ich heissen,</div>
+ <div class="verse indent0">Reiste ich mit dir&#8195;&#8195;ins Riesenland.“</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Als sie den Zwergen um das Brisingenhalsband sich ergab, war sie andern
+Sinns. Auch die von Loki in der Lokasenna erhobenen Vorwürfe werfen ein
+sehr schlimmes Licht auf die Göttin:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">30. Schweige du, Freyja,&#8195;&#8195;&#8194;&#8239; dich kenne ich völlig,</div>
+ <div class="verse indent10">Du bist nicht von Fehlern frei:</div>
+ <div class="verse indent3">Von den Asen und Elben,&#8195; die hier innen sind,</div>
+ <div class="verse indent10">Hast du jeden gern beglückt.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Noch ärgerer Frevel war es, als die Götter Freyja im Bette des eigenen
+Bruders, des Freyr, ertappten. Die böse Schelte wird durch keine
+entsprechende Sage gerechtfertigt, überhaupt wurzelt sie schwerlich
+in nordischer Überlieferung, sondern ist antiken Ursprunges. Da
+heisst es freilich, Venus sei so schamlos gewesen, dass sie mit einem
+jeden buhlte, sogar mit ihrem Vater und Bruder.&#x2060;<a id="FNanchor_546_546" href="#Footnote_546_546" class="fnanchor">[546]</a> Eine Übertragung
+von Zügen der Venus war umso leichter, als der Frijatag aus <i>dies
+Veneris</i> bereits Frija und Venus in Zusammenhang brachte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_444">[S. 444]</span></p>
+
+<p>Anknüpfungspunkte für die Wandlung der Freyja zur Venus vulgivaga
+boten allerdings auch die nordischen Sagen selber. Freyja buhlt mit
+den Zwergen; wo Frigg als Gattin Odins zugleich festgehalten wird,
+sinkt Freyja ihrer Vertraulichkeit mit Odin halber zur Buhlerin des
+Gottes, zu seiner <i>friđla</i>, herab. Weil Thor die Freyja vor den
+begehrlichen Riesen schirmt, heisst er <i>langvinr þrungvar</i>&#x2060;<a id="FNanchor_547_547" href="#Footnote_547_547" class="fnanchor">[547]</a>,
+alter Freund der Freyja, was zweideutig ausgelegt werden konnte. Als
+Freyja von Ottar, einem edlen Norweger um Beistand angerufen wurde
+und, um die ihm notwendige Kenntniss der Vergangenheit zu erlangen,
+die Hilfe der Riesin Hyndla in Anspruch nimmt, schleudert auch diese
+ihr Schmähungen nach. „Dem Odr liefst du lüstern nach und auch andre
+schlüpften dir unter die Schürze. Du schweifst zur Nacht draussen wie
+Heidrun die Ziege unter den Böcken.“&#x2060;<a id="FNanchor_548_548" href="#Footnote_548_548" class="fnanchor">[548]</a></p>
+
+<h5 class="s4" id="Freyja_und_Odr_8"><b>8. Freyja und Odr.</b></h5>
+
+<p>Freyja war dem Manne vermählt, der Odr heisst. Die Tochter der
+beiden ist Hnoss (Kleinod); sie war so schön, dass nach ihrem Namen
+kostbare Gegenstände <i>hnossir</i> genannt werden. Odr zog fort
+in ferne Lande; Freyja aber blieb weinend zurück und ihre Thränen
+sind rotes Gold. Freyja hat viele Namen; das kommt daher, dass sie
+sich selbst verschieden benannte, als sie zu fremden Völkern kam, um
+den Odr zu suchen. Sie heisst Mardoll, Horn, Gefn, Syr. Als <i>Óþs
+mær</i>, Ods Braut kennt bereits die Vǫlospǫ́ 25 die Freyja. Schon
+im Abschnitt über Wodan wurde darauf hingewiesen, dass die Sagen
+vom Wode, der einer Frau nachreitet, damit zusammenhängen können.
+Wer in der Zaubrerin <i>Gullweig</i>, der Goldigen, welche in Odins
+Halle verbrannt den Anlass zum Wanenkriege gab, eine aus der nach der
+Ynglingasaga gleichfalls zauberkundigen Freyja abgezweigte Gestalt
+annehmen will, kann auch hierin eine Spur jener Volkssage finden.
+Die Sage von Freyja und Odr kehrt das Verhältniss der vom Wode und
+von der Elbin um; die Gestalt der die Lande durchschweifenden,
+goldene <span class="pagenum" id="Page_445">[S. 445]</span>Thränen weinenden Göttin sieht nicht germanisch aus. Die
+wunderlichen Namen wie <i>Mardoll</i>&#x2060;<a id="FNanchor_549_549" href="#Footnote_549_549" class="fnanchor">[549]</a> (aus dem Meer aufleuchtend
+oder hell glänzend), <i>Syr</i> (<i>dea Syria?</i>), <i>Hǫrn</i> oder
+<i>Horn</i> (<i>cornuta</i>, Mondessichel) kommen gerade hier vor
+und gemahnen an Entlehnung. Zur Erklärung pflegt man Jahresmythen
+heranzuziehen: der sommerliche Gott entschwinde mit dem Herbst der
+Gattin, die trauernd und verlassen zurückbleibe. Freyja und Odr bilden
+den Gegensatz zu den Werbungssagen Freys und Swipdags um Gerd und
+Menglod, Odins um Rind u.&#8239;ä. Aber diese allgemeine Formel reicht nicht
+aus, sie lässt die goldweinende und trauernd umherschweifende Freyja
+unerklärt. Die Weichheit, die über dieser Erzählung lagert, erinnert
+an orientalisch-griechische Mythen. Dort mag vielleicht der Ursprung
+der Sage zu suchen sein. Aber Sicheres ist noch nicht ermittelt. Nur
+soviel steht fest, dass der Mythus von Odr und Freyja allein dem
+Norden gehört, nicht germanisch ist. Die zum Vergleich herangezogenen
+deutschen Sagen, die hohes Alter der Mythe erweisen sollten, sind
+gefälscht oder mindestens anders, ohne Beziehung auf Odr und Freyja, zu
+erklären.&#x2060;<a id="FNanchor_550_550" href="#Footnote_550_550" class="fnanchor">[550]</a></p>
+
+<h5 class="s4" id="Freyjakult_9"><b>9. Freyjakult.</b></h5>
+
+<p>Für den Freyjadienst zeugt ausser dem zweifelhaften Minnebecher,
+welcher Nachrichten des 14. Jahrhunderts zufolge der Göttin geweiht
+wurde, die Strophe 10 des Hyndlaliedes, wo Freyja ihrem Verehrer
+nachrühmt:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_446">[S. 446]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Er türmte aus Steinen&#8195;&#8239; den Altar mir auf —</div>
+ <div class="verse indent0">Der Gneis ist nun&#8195;&#8195;&#8195;zu Glas zerschmolzen&#x2060;<a id="FNanchor_551_551" href="#Footnote_551_551" class="fnanchor">[551]</a> —</div>
+ <div class="verse indent0">Gefärbt ward er&#8195; &#8195; &#8195; mit frischem Stierblut —</div>
+ <div class="verse indent0">Ottar glaubte &#8195; &#8195;&#8195;&#8195; an die Asinnen stets.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Mit Nerthus fuhr ein Priester umher, mit dem Bilde des Freyr eine
+Priesterin. Damit scheint die Umfahrt des göttlichen Ehepaares
+angedeutet, dessen eine Hälfte durch einen Menschen vertreten war.
+Dass mit Freyr unter der Gestalt seiner Priesterin Freyja umfuhr, ist
+möglich, wird aber in der Quelle nicht angedeutet.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Gefjon_10"><b>10. Gefjon.</b></h5>
+
+<p>In Gefjon&#x2060;<a id="FNanchor_552_552" href="#Footnote_552_552" class="fnanchor">[552]</a> verbirgt sich wol niemand anders als Freyja, wenigstens
+wird dasselbe von ihr erzählt. Der Name gehört vielleicht zu
+<i>Gefn</i>&#x2060;<a id="FNanchor_553_553" href="#Footnote_553_553" class="fnanchor">[553]</a>, wie ein ausdrücklich der Freyja zugelegter Beiname
+lautet. Der Gefjon dienen diejenigen, welche als Jungfrauen sterben. So
+hofft auch Thorgerd, Egils Tochter, Abends bei Freyja zu gasten. In der
+Lokasenna entspinnt sich folgendes Gespräch zwischen Loki und Odin.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Loki:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schweige du, Gefjon,&#8195; nimmer vergess ichs,</div>
+ <div class="verse indent2">Wer zur Lust dich verlockt;</div>
+ <div class="verse indent0">Der blonde Bursche&#8195;&#8195;bot dir den Schmuck,</div>
+ <div class="verse indent2">Da schlangst du die Schenkel um ihn.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_447">[S. 447]</span> </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Odin:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Toll bist du &#8195;&#8195;&#8195; &#8195; und thöricht, Loki,</div>
+ <div class="verse indent4">Wenn du Gefjons Grimm erregst,</div>
+ <div class="verse indent0">Denn sie weiss&#8195;&#8195;&#8195; die Weltgeschicke</div>
+ <div class="verse indent4">Alle ebenso gut wie ich.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Dass Gefjon Odins vertraute Mitwisserin ist, dass sie um goldenen
+Schmuck sich preisgab, passt sowol auf Freyja als auf Frigg. Demnach
+kann Gefjon ebensowol unmittelbar und selbständig aus Frigg abgezweigt
+sein wie mittelbar aus Freyja. Für letztere spricht der mutmaassliche
+Zusammenhang der Namen Gefjon und Gefn. In einem um 1300 verfassten,
+doch vielleicht auf 100 Jahre älterer Grundlage beruhenden isländischen
+Gedichte, im sog. Volsa þáttr, beteuert ein Mädchen bei Gefjon und
+den andern Göttern. Gewöhnlich werden im Eide nur hervorragende
+Gottheiten angerufen. Der Skald Thjodolf&#x2060;<a id="FNanchor_554_554" href="#Footnote_554_554" class="fnanchor">[554]</a> braucht für den Begriff
+Frau die Umschreibung <i>ǫl-Gefn</i> und <i>ǫl-Gefjon</i>, Kormak
+<i>men-Gefn</i>. In der älteren Dichtung wird Gefjon nur ein Name
+der Freyja gewesen sein. Der Verfasser der Lokasenna aber verstand
+eine besondere Göttin darunter, denn er lässt Gefjon neben Frigg und
+Freyja auftreten, obschon er nichts Besonderes und Eigentümliches von
+ihr weiss. Auch Snorre, welcher Gefn nicht von Freyja scheidet, führt
+Gefjon gesondert auf.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Von Gefjon geht noch eine merkwürdige Sage.&#x2060;<a id="FNanchor_555_555" href="#Footnote_555_555" class="fnanchor">[555]</a> König Gylfi herrschte
+über das Land, das jetzt Schweden heisst. Von ihm wird erzählt, dass
+er einem fahrenden Weibe zum Dank für das Vergnügen, das sie ihm durch
+ihre Künste bereitet hatte, so viel Ackerland zugestand, als vier
+Ochsen in einem Tage und einer Nacht umpflügen könnten. Das Weib aber
+war vom Geschlechte der Asen und hiess Gefjon; sie nahm vier Ochsen,
+ihre eignen Söhne, die sie fern im Norden in Jotunheim einem Riesen
+geboren hatte, und spannte sie vor den Pflug. Der Pflug ging so scharf
+und tief, dass er das Land herausriss, und die Ochsen schleppten es gen
+Westen in das Meer hinaus, bis sie in einem <span class="pagenum" id="Page_448">[S. 448]</span>Sunde stehen blieben. Hier
+festigte Gefjon das Land und gab ihm den Namen Selund (Seeland). Dort
+aber, wo das Land herausgerissen war, entstand ein See, der jetzt in
+Schweden Log (der Mälarsee) genannt wird; und es liegen so die Buchten
+im Log, wie die Vorgebirge in Selund. Davon erzählt der Skald Bragi der
+Alte.</p>
+
+<p>Die Ynglingasaga verknüpft diese Geschichte mit der Einwanderung der
+Götter aus Sachsen über Dänemark nach Südschweden. Aus Odinsey in
+Fühnen entsandte Odin die Gefjon nordwärts über den Sund, um Land
+zu suchen. Da kam sie zu Gylfi, der ihr Ackerland gewährte. Darauf
+fuhr sie nach Jotunheim und gebar einem Riesen vier Söhne, welche
+sie zu Ochsen verwandelte und vor den Pflug spannte. Da zog sie das
+schwedische Ackerland hinaus ins Meer, westlich gegenüber Odinsey, und
+es heisst nun Selund. Dort nahm sie ihren Wohnsitz. Skjold, Odins Sohn,
+der Ahnherr des dänischen Königsstammes der Skjoldungen, freite um sie,
+und sie hausten zu Hleidra. Auch hier wird Bragis Strophe als Zeugniss
+der Erzählung angeführt.</p>
+
+<p>Man hat schon daran gezweifelt, ob die pflügende Gefjon mit der
+göttlichen eins sei, ob nicht bloss Namensgleichheit vorliege. Gering
+in seiner Eddaverdeutschung unterscheidet zwischen der Göttin Gefjon
+und der landpflügenden Riesin Gefjon. Doch lässt sich die Trennung
+beider nicht als begründet erweisen. Sagen von Landerwerbung wie hier
+durch Umpflügen, wobei meistens die Voraussetzung herrscht, dass der
+Land Gewährende einen weit geringeren Teil abzutreten gewillt ist, als
+ihm dann wirklich abgenommen wird, kommen oft vor. Das älteste Beispiel
+ist Dido. Die Sagen sind oft örtlich, d.&#8239;h. sie entspringen besonderen
+Namen oder Merkmalen des Landes, wie hier die Buchten und Landzungen
+von Seeland und im Mälarsee die Vergleichungspunkte geben. Warum
+aber gerade Gefjon zur Begründerin der dänischen Insel wurde, bleibt
+rätselhaft.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Idun_11"><b>11. Idun.</b></h5>
+
+<p>Idun&#x2060;<a id="FNanchor_556_556" href="#Footnote_556_556" class="fnanchor">[556]</a> heisst die Gemahlin Bragis. Sie bewahrt in ihrer Truhe die
+Äpfel, welche die Götter geniessen müssen, wenn sie <span class="pagenum" id="Page_449">[S. 449]</span>anfangen zu
+altern: davon werden sie wieder jung, und so wird es bleiben bis zum
+Untergang der Götter. Sehr viel haben die Götter der Hut und Sorgfalt
+Iduns anvertraut. Einmal wäre es aber doch beinahe übel abgelaufen.
+Der Riese Thjazi, der in Adlergestalt den mit einer Stange nach ihm
+schlagenden Loki gefangen hatte, sagte, er werde ihn nicht loslassen,
+wenn er nicht Idun mit ihren Äpfeln herbrächte. Loki versprach das und
+führte in der That die Idun hinaus. Er lockte sie nämlich unter dem
+Vorwande fort, dass er ihr Äpfel zeigen wolle, die ihr überaus kostbar
+erscheinen würden, und bat sie, ihre eigenen Äpfel mitzunehmen, damit
+sie einen Vergleich anstellen könne. Und so ging sie mit ihm. Da kam
+der Riese Thjazi in Adlergestalt und flog mit ihr nach Thrymheim. Den
+Asen erging es schlimm beim Verschwinden der Idun, sie wurden schnell
+alt und grau. Sie versammelten sich und fragten einander nach Idun.
+Sie war zuletzt gesehen worden, wie sie mit Loki aus Asgard ging. Da
+wurde Loki ergriffen und zum Ding geschleppt und mit Folter und Tod
+bedroht. Dadurch erschreckt gelobte er, er wolle Idun in Riesenheim
+suchen, wenn Freyja ihm ihr Falkenhemd leihe. Wie ers erhielt, flog
+er gen Norden nach Riesenheim und kam zur Wohnung des Riesen Thjazi,
+als dieser gerade auf die See hinaus gerudert war. Er verwandelte die
+Idun, die allein zu Hause war, in eine Nuss und flog mit ihr davon. Als
+Thjazi heimkam und Idun vermisste, schlüpfte er in sein Adlergewand und
+flog ihnen nach; wie aber die Asen den Falken herankommen sahen, nahmen
+sie einen Haufen Hobelspähne und zündeten sie an. Der Adler vermochte
+seinen Flug nicht schnell genug zu hemmen, sein Gefieder fing Feuer,
+und nun töteten sie den Riesen innerhalb des Gitters von Asgard.</p>
+
+<p>Auf eine sonst verlorene Sage spielt Lokis Schelte an:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Schweige du, Idun, &#8195;&#8195;&#8195;die von allen Weibern</div>
+ <div class="verse indent4">Am meisten nach Männern jagt!</div>
+ <div class="verse indent0">Um ihn wandst du &#8195;&#8195;&#8195; die weissen Arme,</div>
+ <div class="verse indent4">Der die Brust deines Bruders durchstiess!</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_450">[S. 450]</span></p>
+
+<p>In der Sage von Idun, der Hüterin der Äpfel, verschmolzen mehrere
+Bestandteile mit einander. Dass der Idun von Riesen nachgestellt wird,
+erinnert an die ähnlichen Sagen von Freyja. Die Feindschaft der Riesen
+gegen die Götterwelt kommt dadurch zum besondern Ausdruck, dass mit
+Idun auch die Äpfel, die Quelle der Jugendkraft, den Göttern entzogen
+werden. So erscheint der Bestand der Welt bedroht, wenn Idun in die
+Hände der Riesen fällt. Alle diese Beziehungen, auch den Vorwurf der
+Buhlerei wol nach dem Muster der Freyja, mögen nordische Skalden
+selbständig geschaffen haben. Wie bei Freyja versucht Uhland auch bei
+Idun natursymbolische Auslegung des Mythus. In Idun ist das frische
+Sommergrün an Gras und Laub persönlich geworden. Iduns Raub durch den
+Riesenadler Thjazi stellt die Entblätterung der Bäume und Entfärbung
+der Wiesen durch den rauhen Hauch der Herbst- und Winterwinde dar. Im
+Frühling bringt Loki, die warme Luft, das Grün zurück. Diese Deutung
+ist zu allgemein, um als befriedigende Lösung gelten zu können. Iduns
+Verhältniss zum Riesen, die Rolle, die Loki dabei spielt, ist der
+Sage vom Riesenbaumeister, der Freyja verlangt, auf Lokis Rat sie
+zugesprochen erhält, durch Lokis List aber sie auch wieder verliert,
+in der Hauptsache nachgeahmt. Das unterscheidende Merkmal der Idunsage
+bilden aber <em class="gesperrt">Iduns Äpfel</em>, deren Herkunft aus christlicher und
+antiker Mythologie Bugge nachgewiesen hat. Seinen Aufstellungen kann
+ein Unbefangener nicht widersprechen, schon um der Äpfel willen,
+die auf Island nie vorkamen und auch in Norwegen kaum anders als
+mit den Klostergärten Eingang fanden. In Dänemark, wo die Frucht
+früher begegnet, fehlt wieder die Idunsage. Iduns Äpfel stammen also
+jedenfalls aus der Fremde. Aus dem Kreise biblischer Vorstellungen
+scheint eine Volkssage entwickelt zu sein von einem Apfelbaum, der über
+einer Quelle sich erhebt. Die Äpfel und das Wasser verleihen ewiges
+Leben. Ebenso wirken die Äpfel in den Gärten der Hesperiden. Welcher
+Kranke davon geniesst, wird sofort gesund. In Irland geht eine Sage,
+wie drei Brüder in Falkengestalt die Wunderäpfel Hisbernas rauben. Sie
+werden von den Töchtern eines Königs, welche Greifengestalt annehmen,
+verfolgt, entkommen aber glücklich. Die irische Sage, obwol nur in
+jüngerer Fassung überliefert, scheint in höheres Alter zurückzureichen.
+Sie ist zweifellos, wie schon der Name Hisberna lehrt, aus den
+Hesperidenäpfeln entwickelt. In einer ähnlichen Gestalt dürfte sie
+einst den Wikingern auf Irland <span class="pagenum" id="Page_451">[S. 451]</span>bekannt geworden sein. Von den Äpfeln
+und ihrer wunderbaren Eigenschaft, von ihrem Raube hörten die Nordleute
+und daraus schufen sie die Geschichte von Idun und ihren Äpfeln. Der
+Name Idun meint Erneuung, Verjüngung; er wird wol erst mit der Sage
+selber, welche die Äpfel in die Verwahrung der Göttin gab, entstanden
+sein. Somit stellt sich der Idunmythus als ein ziemlich spätes
+Erzeugniss der nordischen Skalden heraus. Die Grundlagen bestimmen sich
+in Kürze dahin, dass die Göttin selbst und ihr persönliches Verhältniss
+zu Thjazi und Loki in Anlehnung an Freyjasagen erdichtet wurde, während
+die Äpfel als Heilmittel gegen das Alter christlichen oder antiken
+Vorstellungen entstammen. Die Art und Weise, wie Loki Idun, zur Nuss
+verwandelt, zurückholt, vergleicht sich der irischen Sage vom Raube
+der Hisbernaäpfel. Im Anfang der Erzählung sind Idun und die Äpfel
+auseinander gehalten, am Schluss trägt Loki eine Nuss nach Asgard heim.
+Das deutet auf Verwirrung. Man erwartet, dass Loki die Äpfel, deren die
+alternden Asen dringend bedürfen, zurückträgt, die Idun durch irgend
+eine List aus der Gewalt des Riesen löst.</p>
+
+<p>Die Göttin der Jugend, dem bärtigen Sängerahn Bragi vermählt, ist ein
+schönes dichterisches Bild.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Menglod_12"><b>12. Menglod.</b></h5>
+
+<p>Menglod, die Halsbandfrohe, darf als ein Name der Frigg-Freyja gedeutet
+werden und darum geht auch der von ihr erzählte Mythus eigentlich
+auf Frija. In Swipdag, ihrem Erlöser und Gemahl, im raschen Tage,
+erkennt man den lichten Tags- und Himmelsgott. Frija-Menglod scheint
+die Jungfrau Sonne, die am Rande des Himmels auf einem Berge schläft,
+umgeben von loderndem Feuer, der flammenden Morgenröte. Tag, Sonne,
+Morgenröte verkörpert die Dichterphantasie als besondere Gestalten
+oder Zustände. Der Wohnsitz, wo die schöne Göttin mit hilf- und
+segensreichen Genossinnen thront, ist von wabernder Lohe und andern
+Schrecknissen umzogen und jedem unzugänglich, selbst dem erwarteten
+Geliebten, wie er in erster Dämmerung, im Morgenwind als Windkald,
+Kalds Sohn, erscheint. Alle Hindernisse aber schwinden, sobald er
+sich mit seinem rechten Namen, Swipdag, Solbjorts (des Sonnenhellen)
+Sohn nennt und sich in seiner wahren <span class="pagenum" id="Page_452">[S. 452]</span>Gestalt zeigt. Selten ist ein
+Mythus durch die Namen der Hauptgestalten gleich durchsichtig wie
+hier. Soviel Schwierigkeiten der Erklärung aller Einzelheiten in den
+Fjǫlsvinnsmǫ́l auch entgegenstehen, der Grundgedanke der Dichtung tritt
+mit zweifelloser Deutlichkeit zu Tage: wie der Tag die Sonne zum Weib
+gewann. Swipdag kann nur aus Tiuȥ abgezweigt sein, und darum reicht die
+Sage in hohes Alter zurück. Sie entstand, solang die sonnige Göttin,
+Frija die Halsbandfrohe, allein dem lichten Tagesgott zu eigen war, ehe
+der brausende mächtige Sturmwind sie an sich gerafft hatte.&#x2060;<a id="FNanchor_557_557" href="#Footnote_557_557" class="fnanchor">[557]</a></p>
+
+<h5 class="s4" id="Schlussbemerkungen_13"><b>13. Schlussbemerkungen.</b></h5>
+
+<p>In seiner Abhandlung über Frija und den Halsbandmythus gelangte
+Müllenhoff&#x2060;<a id="FNanchor_558_558" href="#Footnote_558_558" class="fnanchor">[558]</a> zu dem Ergebniss, nachdem er die Überlieferung über
+Frigg mit Hilfe der Sagen von Freyja, Menglod u.&#8239;A. ergänzt hatte, dass
+die Ausbildung dieser Mythen der Zeusreligion der Germanen angehöre,
+dass die Sagen in uralten Vorstellungen des indogermanischen Volkes
+wurzeln. „Wir behaupten, dass die Frija, die Sonnen- oder Morgengöttin
+bei den Germanen, einst die Gemahlin des Irmintiu war und erst an Wodan
+überging, als dieser sich zum Himmelsgott aufschwang, dass sie die
+ursprüngliche, einzig wahre Inhaberin des grossen Halsbandes war, und
+dass der Streit, der sich daran schloss, so verlief, dass er mit dem
+Tode der Knaben, die sie in der Frühe auf ihrer Laufbahn geleiteten,
+durch den höchsten Gott ein Ende nahm, dass das Halsband ihr mit oder
+wenigstens nicht ohne ihres Mannes Willen geraubt, dann durch den guten
+Gott der Frühe zurückerkämpft und wiedergegeben wurde. Wir erblicken
+nunmehr die ganze Kette von Mythen, die unter wechselnden Gestalten,
+vom ersten Morgengrauen beginnend, die glanzvolle Erscheinung der
+Himmelskönigin, auch das Verschwinden ihres Lichtes am Abendhimmel
+schildern und so den Verlauf eines Tages umschreiben.“</p>
+
+<p>J. Grimm, Mythologie 284 urteilte so: „Die Wichtigkeit dieser Sage
+von der Göttin Halsschmuck steigt aber noch, wenn wir griechische
+Mythen hinzuhalten. Brísingamen ist nichts anderes als Afrodites ὅρμος
+(Hymn. in Ven. 88) und die Kette wiederum ihr Gürtel, der κεστὸς ἱμὰς
+ποικίλος, den sie am Busen trägt, <span class="pagenum" id="Page_453">[S. 453]</span>dessen Zauber alle Götter und
+Sterbliche bewältigt. Von ihrem Hals (ἀπὸ στήθεσφιν) löst und leiht
+sie ihn der Here, die den Zeus damit reizen will, das wird in einem
+uralter Göttersage vollen Liede (Il, 14, 214–218) erzählt. Wie den ἱμάς
+Here und Afrodite wechselsweise tragen, schreibt die nordische Fabel
+das Geschmeide bald der Frigg, bald der Freyja zu, denn jenes Gold
+der Frigga bei Saxo fällt mit Brísingamen zusammen. Dazu tritt eine
+andere Ähnlichkeit. Freyja besitzt nach derselben Erzählung ein schönes
+und so starkes Gemach, dass, wenn die Thüre verschlossen war, niemand
+ohne ihren Willen hinein kommen konnte. Mit welcher List Loki dennoch
+eindrang und ihr das Halsband raubte, wird berichtet. Homer meldet es
+nicht, wol aber weiss er Il. 14, 165–168 von Heres θάλαμος,</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent6">τόν οἱ φίλος υἱὸς ἔτευξεν</div>
+ <div class="verse indent0">Ἥφαιστος, πυκινὰς δὲ θύρας σταθμοῖσιν ἐπῆρσε</div>
+ <div class="verse indent0">κληῖδι κρυπτῇ, τὴν δ’ οὐ θεὸς ἄλλος ἀνῷγεν.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Was stimmt genauer zu jenem unnahbaren Gemach der Freyja, zumal
+des ἱμάς gleich darauf gedacht wird? Hefäst, der seiner Mutter das
+kunstreiche Zimmer baute, halte ich zu den Zwergen, die der Freyja
+das Halsband schmiedeten. Die Identität der Frigg und Freyja mit Here
+und Afrodite muss auch nach diesem Mythus wirklich einleuchten.“ Ist
+Freyjas Halsband das der Afrodite, dann fällt allerdings Müllenhoffs
+Beweis, weil dann Entlehnung, nicht Urverwandtschaft anzunehmen wäre;
+weil Afrodite keine urgriechische, indogermanische Göttin ist, bedingt
+die Anerkennung einer engeren Verwandtschaft zwischen ihr und einer
+germanischen Göttin zugleich die Annahme, dass die Freyja einen Teil
+ihres Wesens durch Afrodite-Venus erhielt. Auf fremden Ursprung weist
+endlich noch das Gespann der Freyja. Es kommt nichts Genaueres in
+einer Sage vor, nur allgemein ist Freyja Besitzerin der zwei Katzen
+genannt, mit denen sie im Wagen fährt.&#x2060;<a id="FNanchor_559_559" href="#Footnote_559_559" class="fnanchor">[559]</a> Das Tiger- und Löwengespann
+orientalischer Gottheiten ist nach Bugge (Christiania Morgenbladet 16.
+Aug. 1881) Vorbild für Freyjas (Tiger-?) Katzen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_454">[S. 454]</span></p>
+
+<h4 id="II_Die_Erdgottin"><b>II. Die Erdgöttin.</b></h4>
+
+<p>Die Verehrung der mütterlichen Erde ist auch unter den Germanen
+nachweisbar. Himmel und Erde scheinen überhaupt das älteste Götterpaar
+aller Mythologien zu sein. Der Himmel ist die männliche, zeugende,
+befruchtende Gottheit, die Erde die empfangende und gebärende.
+Im Norden heisst sie mit einfach schönem Namen <i>Jord</i>,
+Erde. Ihr Gemahl ist Odin, ihr Sohn Thor.&#x2060;<a id="FNanchor_560_560" href="#Footnote_560_560" class="fnanchor">[560]</a> Aber dieses
+Verwandtschaftsverhältniss ist nicht ursprünglich. Einst war der
+Himmelsgott der Gemahl der Jord, die er mit Licht und Wärme im Lenz aus
+der Gewalt finstrer Riesen befreite und segnete, wie Freyr die Gerd.
+Das alte Verhältniss tritt aus einer zweiten Benennung noch zu Tage.
+Thors Mutter heisst auch <i>Fjǫrgyn</i>. Jord und Fjorgyn sind eins.
+Neben der Fjorgyn steht ein männlicher Fjorgynn, als dessen Gattin
+einmal Frigg bezeichnet wird.&#x2060;<a id="FNanchor_561_561" href="#Footnote_561_561" class="fnanchor">[561]</a> Da derselbe Name von Gott und Göttin
+gebraucht wird, muss ein altes Beiwort der Gottheit darin verborgen
+sein. Wirklich lässt sich auch Fjorgynn als Beiname des Himmelsgottes
+nachweisen. Zu Grunde liegt der urgermanische Wortstamm <i>fergu</i>
+(<i>quercus</i>). Im Litauischen heisst der Donnergott ebenfalls
+<i>Perkunas</i>, so dass das Beiwort also bereits vorgermanisch sein
+muss. Der Sinn des Namens ist <i>zur Eiche gehörig</i>, <i>auf Eichen
+bezüglich</i>, <i>eichen</i> (<i>querceus</i>). Der litauische Donnerer
+führt also eigentlich den Namen Eichengott. Dem Juppiter und dem Donar
+war die Eiche geheiligt. Somit war *<i>fergunjaȥ</i> eine Benennung
+des Himmelsgottes in seiner Eigenschaft als Donnerer, ein Beiname
+Donars, dessen Bedeutung frühzeitig verloren ging. *<i>fergunjô</i>
+wird ursprünglich wol die Gattin des Donar geheissen <span class="pagenum" id="Page_455">[S. 455]</span>haben, jedenfalls
+empfing die Göttin den Namen erst vom Gott, dem er seit Urzeiten und
+einstens sicher allein gehörte. Denn Fjorgynn und Fjorgyn bildeten
+einmal ein Paar, Himmel und Erde. Und damals schon wird die Erdgöttin
+von ihrem göttlichen Gemahl den Zunamen erhalten haben. Hernach blieb
+er ihr, Fjorgynn aber ging auf den inzwischen an die Spitze des
+Götterstaates getretenen Odin über. Dem alten Eigentümer, Thor selber,
+kam er abhanden, nur noch ein loser, unverstandener Zusammenhang zeigt
+sich darin, dass er Fjorgyns Sohn heisst.</p>
+
+<p>Ein angelsächsischer Flursegen&#x2060;<a id="FNanchor_562_562" href="#Footnote_562_562" class="fnanchor">[562]</a>, der freilich erst aus christlicher
+Zeit überliefert ist und darum mancherlei christliche Züge einmischt,
+zeigt den Kult der Erde am lebendigsten. Da werden neben Gott, Maria
+und den Heiligen auch unmittelbar, als wären es persönliche Wesen, Erde
+und Himmel (<i>eorđe and upheofen</i>) um Fruchtbarkeit angefleht.
+Merkwürdig klingt folgende Anrufung: <i>Erce, Erce, Erce, eorþan
+módor!</i> Es vergönne der allwaltende, ewige Herrscher, dass die
+Äcker wachsen und gedeihen, in Fruchtbarkeit wetteifern; er gönne
+des Kornes Wachstum, der breiten Gerste, des weissen Waizens, aller
+Erde Wachstum. Das Wort <i>Erce</i> scheint Erde zu bedeuten, und
+die Erde selber wurde sicherlich einst allein angerufen. Warum aber
+<i>Erce</i> Mutter der Erde genannt wird, bleibt unklar. Vielleicht
+ist irgend eine Verderbniss der Überlieferung anzunehmen. Besonders
+schön und anschaulich ist das Gebet, unter welchem man den Pflug in
+Bewegung setzt und die erste Furche zieht. „Heil dir, Erde, Mutter der
+Menschen, sei du wachsend in Gottes Umarmung, mit Nahrung erfüllt zum
+Nutzen der Menschen!“ Der angelsächsischen Anrufung „<i>hál wes þu,
+folde, fira móder</i>“ entspricht genau Brynhilds Gruss beim Erwachen
+aus dem Zauberschlafe: Heil euch, Götter, Heil euch, Göttinnen, Heil
+dir, fruchtbare Erde (<i>heil siá en fjǫlnýta fold</i>)! Beidemal wird
+die Erde „<i>fold</i>“ genannt. Offenbar wirkt im ags. Segen und im
+nordischen Tagesgrusse eine altgermanische Formel <span class="pagenum" id="Page_456">[S. 456]</span>nach, ein Gebet
+an die Erdgöttin, die Mutter der Menschen, Urquell alles Lebens ist.
+Deutlich wird ihr Liebes- und Ehebund mit dem Himmelsgotte erwähnt. Aus
+solchen feierlichen Opfergebeten mögen Lieder und Mythen entspringen,
+wie das Lied von Freyr und Gerd. Im englisch-nordischen Gebet an
+<i>Fold</i>, die in des Gottes Umarmung fruchtbar wird, liegt gleichsam
+der Keim der schönen mythischen Dichtung, die aus den Skírnismǫ́l
+hervorleuchtet.</p>
+
+<p>Zu den Erdgöttinnen wird seit Finn Magnusen auch die spröde <i>Rind</i>
+gerechnet, welche Odin bezwingt, um mit ihr den Bous (Búi) oder Wali,
+Baldrs Rächer zu erzeugen.&#x2060;<a id="FNanchor_563_563" href="#Footnote_563_563" class="fnanchor">[563]</a> Rind ist die unbebaute, harte und
+unfruchtbare Erde, die sich dem belebenden Lichte der hellen Sommerzeit
+(Odin als Vertreter des Tiuȥ) nicht leicht erschliesst. Ist es aber
+geschehen, so kann Feldbau auf dem früher wüsten Lande stattfinden. Búi
+ist der Bauer; neben Wali steht auch der Name Áli, die Verkörperung der
+keimenden Saat. Die Geschichte Odins und Rindas ist freilich romantisch
+aufgeputzt und als Ganzes genommen nicht alt. Aber ein Mythus mag
+immerhin schliesslich zu Grunde liegen, wie Licht und Wärme die spröde
+harte Erdrinde gefügig und fruchtbar machen.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Nerthus"><b>Nerthus.</b></h5>
+
+<p>Sieben Stämme an der Nordsee verehrten insgesamt die <i>Nerthus</i>.
+Auf einer Insel war ihr heiliger Hain; drin stand, von einem Tuche
+bedeckt, ihr Wagen, den nur der Priester anrühren durfte. Dieser
+erkennt, wenn die Göttin ihr Heiligtum aufsucht. Er begleitet sie, wenn
+sie auf ihrem mit Kühen bespannten Wagen unter grosser Feierlichkeit
+umherfährt. Überall herrscht Festfreude und Waffenruhe, bis derselbe
+Priester die am Umgang mit den Menschen gesättigte Göttin ihrem
+Heiligtum zurückgibt. Dann werden Wagen, Tücher, ja die Gottheit
+selbst im einsamen See gebadet. Die dienenden Knechte werden gleich
+ertränkt.&#x2060;<a id="FNanchor_564_564" href="#Footnote_564_564" class="fnanchor">[564]</a> Tacitus <span class="pagenum" id="Page_457">[S. 457]</span>deutet Nerthus als <i>terra mater</i>, weil
+die Umfahrt der römischen Göttermutter auf einem von Rindern gezogenen
+Wagen am 27. März, ferner das Bad, dem das Bild der Göttin samt
+dem Fahrzeug unterzogen wurde, lebhaft an den germanischen Brauch
+erinnerten. Wie bereits bemerkt, feierten die Schweden die Umfahrt
+des von einer Priesterin geleiteten Freyr, des Sohnes des Njord
+(<i>Nerþuȥ</i>), wovon sie fruchtbares Jahr erhofften. Zweifellos
+entspringt die Nerthusfeier demselben Glauben, der im Mittelalter und
+in der Neuzeit in zahllosen Volksbräuchen, in Bittgängen um Ackersegen
+nachwirkt. Der Grundgedanke liegt in der feierlichen Einholung der
+im Lenze neu erwachten Geister des Wachstums und Gedeihens. Als
+Maigraf, Maigräfin, Maikönig, Maikönigin werden die Frühlingsgeister
+bewillkommnet. Fürs 12. Jahrh. ist ein niederländischer Brauch bezeugt.
+Zu Ostern und Pfingsten wählten Priester und Kleriker unter Teilnahme
+des gesamten Volkes aus den Frauen der Priester eine aus, schmückten
+sie mit Krone und Purpur, setzten sie auf einen Thron und erwählten
+sie zur Königin. Dann sangen sie den ganzen Tag über unter Begleitung
+von Musikinstrumenten Lieder und erwiesen ihr wie einem Götzenbilde
+Ehren.&#x2060;<a id="FNanchor_565_565" href="#Footnote_565_565" class="fnanchor">[565]</a> Beim Frühlingsfest fehlen niemals Chorgesänge und Reigen.
+Auch die Nerthusfeier wird unter Tanz und Liederklang begangen
+worden sein. Wenn das erste Grün im heiligen Hain sprosste, ersah
+der Priester darin das Zeichen der nahenden Göttin. Dann begann die
+Umfahrt, welche den Lenz einbrachte und die Gefilde mit Fruchtbarkeit
+segnete. Die Wassertauche findet sich auch sonst bei Ackerbräuchen,
+beim Pflugumziehen. Sie kann als Regenzauber gedeutet werden. Die
+ertränkten Knechte sind als Opfer zu verstehen, welche die Bundesstämme
+der Gottheit um gute Jahreszeit, um rechte Verteilung von Sonne und
+Regen darbringen. Kögel nimmt den See als den Eingang zur Unterwelt.
+Dort weilt Nerthus in den Wintermonaten, im Frühling zieht sie hervor
+durch Fluren und Auen, im Herbst kehrt sie zurück in den Schooss der
+Erde, wenn die Pflanzenwelt abstirbt. Das wird bildlich durch Auszug
+und Rückkehr angedeutet. Darf der begleitende Priester als Vertreter
+des Gottes, des Gemahles der Nerthus gelten, wie umgekehrt dem Freyr
+eine Priesterin gesellt ist, deren Schwangerschaft die Schweden für
+ein gutes Zeichen ansehen, so ist in dem umziehenden göttlichen Paare
+die Zeugungskraft <span class="pagenum" id="Page_458">[S. 458]</span>des Lenzes verkörpert. Nerthus ist somit die Göttin
+der fruchttragenden Erde, der Fruchtbarkeit überhaupt. Sie weilt unter
+den Menschen, so lange die Pflanzenwelt dem Lichte entgegensprosst.
+Sehnsüchtig wird ihre Ankunft nach der langen Winternacht und
+Todesstarrheit erhofft, mit lautem, festlichem Schalle, mit Gesang und
+Reigen ihr Einzug gefeiert.</p>
+
+<h4 id="III_Germanische_Gottinnen_auf_romischen_Inschriften_und_bei_antiken">
+<b>III. Germanische Göttinnen auf römischen Inschriften und bei antiken
+Autoren.</b></h4>
+
+<p>Von einigen Göttinnen der Germanen kennen wir nur die Namen, welche
+inschriftlich oder bei den antiken Autoren überliefert sind. Nur selten
+steht noch eine dürftige Bemerkung über ihre Art oder ihren Dienst
+dabei. Mit diesen Göttinnen weiss die mythologische Forschung nicht
+viel anzufangen. Nur selten ist der Sinn der Namen zu erraten, und
+selbst wo er völlig klar ist, bleibt doch die Hauptsache dunkel, da
+die Namen oft nur sehr allgemeine Bedeutung haben. Hätten wir z.&#8239;B.
+allein den Namen Frija überliefert, so fände die Etymologie leicht
+aind. priyâ, die Geliebte, die Gemahlin. Aber damit wüssten wir nichts
+über ihre Art. Ist nun gar die Etymologie dunkel, so bleiben alle
+Lösungsversuche im höchsten Grade unsicher.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Tanfana_1"><b>1. Tanfana.</b></h5>
+
+<p>Tanfana oder Tamfana hiess die marsische Hauptgöttin. Die Deutschen
+feierten eben ein grosses Fest, erzählt Tacitus, und froh hatten sie
+die Nacht bei ihren Gelagen hingebracht, noch lagen sie sorglos ihren
+Rausch verschlafend auf Bänken und neben den Tischen, an denen sie
+geschmaust und gezecht hatten, umher, als Germanicus über sie kam. Er
+verteilte sein Heer in vier Haufen, zehn deutsche Meilen in die Runde
+liess er alles mit Feuer und Schwert verwüsten, Alt und Jung, Mann
+und Weib niederhauen und das hochberühmte Heiligtum der Tanfana —
+<i>celeberrimum illis gentibus templum, quam Tanfanae vocabant</i> —
+dem Erdboden gleichmachen.&#x2060;<a id="FNanchor_566_566" href="#Footnote_566_566" class="fnanchor">[566]</a> Die Zeit dieses Überfalles war <span class="pagenum" id="Page_459">[S. 459]</span>das
+Spätjahr 14. Im Herbst pflegten die Germanen grosse Feste zu feiern
+zum Danke für die Ernte. Bei Angelsachsen und Nordleuten führt der
+Oktober und November den Namen Opfermonat. Den Festesfrieden benutzte
+Germanicus zu seinem Streifzug. Zum Herbstfeste waren die Marsen beim
+altberühmten Stammesheiligtum versammelt. Das Dankopfer galt einer
+Göttin, Tanfana.&#x2060;<a id="FNanchor_567_567" href="#Footnote_567_567" class="fnanchor">[567]</a> Tanfana ist vermutlich ein Name der Mutter Erde,
+und darum wurde ihr das Dankesfest für den Ackersegen dargebracht.
+Möglicher Weise ist der Name damit in Verbindung zu bringen. Müllenhoff
+vermutet, Tanfana sei die Opfergöttin, wie <i>Juppiter dapalis</i>, zu
+dem der römische Bauer vor der Aussaat betete und dem er ein Opfermahl,
+die <i>daps</i>, spendete, ein Opfergott ist. Der Name der Göttin
+erkläre sich aus ihrer Festzeit, dem grossen Herbstopfer, Tanfana sei
+die Opferempfangende. Tanfana kann aber auch die Spendende, Segnende,
+Reichtum Gewährende bedeuten, wie Fulla, Volla, Gefjon, Copia. Auch
+dieser Name passt auf eine Göttin des Erntesegens und des Herbstopfers.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Baduhenna_2"><b>2. Baduhenna.</b></h5>
+
+<p>Auf friesischem Boden wird ein Hain der Baduhenna erwähnt, wo im
+Jahre 28 n. Chr. 900 Römer im Kampfe fielen.&#x2060;<a id="FNanchor_568_568" href="#Footnote_568_568" class="fnanchor">[568]</a> Aus der <span class="pagenum" id="Page_460">[S. 460]</span>flüchtigen
+Angabe ist gar nichts für diese friesische Göttin zu entnehmen. Ob
+der Name aus zwei Stämmen zusammengesetzt oder aus einem Stamme
+mit Ableitungssilbe weitergebildet wurde, ist unklar. Im ersten
+Falle konnte die friesische Form etwa <i>Baduwini</i> lauten.
+<i>Baduwini</i>, die Kampfesfrohe, vergleicht sich dem Frauennamen
+<i>Siguwini</i>, die Siegesfrohe. Als Zusammensetzung <i>badu-wenna</i>
+(got. <i>winno</i>, Leidenschaft, ahd. <i>winna</i>, Streit) kann der
+Name auch „kampfwütig“ bedeuten.&#x2060;<a id="FNanchor_569_569" href="#Footnote_569_569" class="fnanchor">[569]</a> Jedenfalls steckt <i>badu</i>-,
+„Kampf“, im Namen, und daher scheint der Göttin Beziehung zu Schlacht
+oder Walfeld zuzukommen.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Die_Alaisiagae_3"><b>3. Die Alaisiagae.</b></h5>
+
+<p>Die Inschrift, welche dem Mars Thingsus gewidmet ist, gilt auch
+<i>duabus Alaisiagis Bede et Fimmilene</i>. Darunter sind wol Göttinnen
+zu verstehen, die irgend welche Beziehung zu Mars Thingsus gehabt haben
+müssen. Da nun aber schon dieser Gott für uns rätselhaft ist, sind
+es die Alaisiagen noch viel mehr, zumal die Etymologie ihrer Namen
+nicht gelingen will.&#x2060;<a id="FNanchor_570_570" href="#Footnote_570_570" class="fnanchor">[570]</a> Ursprünglich wurde Tiuȥ als Gerichtsgott,
+als Befehlshaber des in Thing und Heer versammelten Volkes gefasst.
+Da wies Heinzel auf die im Schulzenrecht des westerlauwerschen
+Friesland genannten <i>bodthing</i> und <i>fimelthing</i> hin. In der
+Benennung dieser Dingversammlungen sollten dieselben Wortstämme wie
+in den Namen der Alaisiagen wiederkehren. War Tiuȥ über das Allding
+des Volkes gesetzt, so lag es nahe, anzunehmen, die kleineren Dinge
+seien unter den Schutz der Göttinnen gestellt worden. Ist doch auch
+die nordische Syn bei den Dingversammlungen in solchen Streitsachen
+zur Schützerin bestellt, wo Männer etwas zu leugnen haben. Weinhold
+vermutete noch Schreibfehler für *<i>alaisagiis</i> (<i>êsago</i>); es
+seien die Gesetzessprecherinnen. Somit schien das Denkmal irgend einem
+Rechtsfalle zu entstammen. Aber <i>bodthing</i> und <i>fimelthing</i>
+sind späte Einrichtungen <span class="pagenum" id="Page_461">[S. 461]</span>der Friesen, der etymologische Zusammenhang
+mit den Namen der Inschrift ist zweifelhaft, Mars Thingsus ist nicht
+der übers Ding waltende Tiuȥ.</p>
+
+<p>Freilich haben die übrigen Auslegungen ebensowenig ein befriedigendes
+Ergebniss zu erzielen vermocht. Kauffmann nimmt als Grundwort
+<i>al-aisiag-</i> an, das zu ahd. <i>êrên</i>, an. <i>eira</i>,
+„schonen“, gehöre. Alaisiagen seien die Allhilfreichen. Bede ist
+Dativ zu friesisch *<i>Bêd</i>. Der Name steht im Ablaut mit as.
+<i>gibada</i>, „Trost“, mhd. <i>bate</i>, „Nutzen“, „Hilfe“; er
+besagt etwa helfende Trösterin. Zu Fimmilene wird im Nominativ eine
+germanische <i>Fimilô</i> angenommen (zu an. <i>fimr</i>, „hurtig“,
+„behend“). Es sind demnach göttliche Hilfespenderinnen, die Trost und
+rasche Abwehr drohender Gefahr gewähren.</p>
+
+<p>Ganz anders urteilt wiederum Siebs. Er geht von an. <i>eisa</i>,
+„eilen“, „stürmen“, aus, das urgermanisch *<i>aisjan</i> lauten
+müsste. Alaisiagen wären die gewaltig Einherstürmenden. Bede wird
+mit as. <i>undar-badôn</i>, „erschrecken“, in Verbindung gebracht.
+<i>Bêdô</i> sei die Schreckerin, die Bedrängerin, die Verkörperung
+des Wirbelwindes. <i>Fimilô</i> heisst Bewegung, Wehen des Windes;
+im Nds. bedeutet <i>fimmeln</i> „flattern“, „hin und her fahren“;
+<i>Svipul</i>, die Bewegliche, ist ein Walkürenname. Der Denkstein
+gilt dem Himmels- und Wettergott Tiuȥ und den beiden gewaltig
+einherfahrenden Göttinnen, der schreckenden <i>Bêd</i> und der
+stürmenden <i>Fimila</i>.</p>
+
+<p>Diese drei grundverschiedenen Auslegungen zeigen, wieviele
+Möglichkeiten der blossen etymologischen Erklärung sich darbieten,
+wie unsicher und unbestimmt aber alle auf diesem Wege allein erholten
+Vermutungen stets bleiben müssen. Nach wie vor ist das Wesen der
+Göttinnen uns vollkommen dunkel.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Hlodyn_und_Hludana_4" title="Hlodyn und Hludana"><b>4. Hlodyn
+und Hludana.</b>&#x2060;<a id="FNanchor_571_571" href="#Footnote_571_571" class="fnanchor"><span class="s5 vat">[571]</span></a></h5>
+
+<p>Hlodyn ist Widars Mutter, die an einer andern Stelle Grid, die Heftige,
+Ungestüme, genannt und als Riesin bezeichnet wird. Die Snorra Edda
+fasst Hlodyn als einen Namen der Jord, der Erdgöttin, auf. Zum Beweise
+wird eine Weise des Skald Vǫlu-Steinn aus dem 10. Jahrh. angezogen,
+wonach die Steine als Hlodyns <span class="pagenum" id="Page_462">[S. 462]</span>Knochen bezeichnet werden.&#x2060;<a id="FNanchor_572_572" href="#Footnote_572_572" class="fnanchor">[572]</a> Die
+Kenningar, in denen sonst noch Hlodyn vorkommt, lassen sie ebenfalls
+mit Jord gleichbedeutend erscheinen.</p>
+
+<p>In Niederdeutschland, am Rhein, in Geldern und Friesland sind Steine
+einer <i>dea Hludana</i> gesetzt. In Friesland weihten die Pächter der
+Fischerei (<i>conductores piscatus</i>) der Hludana das Denkzeichen.
+Obschon die Namen weder in der Wurzel noch in der Ableitungssilbe genau
+zusammentreffen, pflegt man doch seit Thorlacius (1782) beide für
+gleich zu erachten. Es sei eine und dieselbe Göttin in deutscher und
+nordischer Namenform. Darf Hludana wie Hlodyn als Erdgöttin gefasst
+werden, so wäre ein Name der grossen Erdmutter darunter zu vermuten.
+Doch seine Bedeutung bleibt uns verschlossen. Jeder Erklärer findet
+eine eigene Auslegung, die in ihrer Allgemeinheit keine sichere Gewähr
+bietet. <i>Hlóđyn</i> wird gewöhnlich zu <i>hlađa</i>, <i>hlađan</i>,
+aufrichten, aufladen, gestellt. An. bedeutet <i>hlađ</i>, Haufen,
+<i>hlóđ</i> Herd. Daraus wurde eine Göttin des Herdfeuers erschlossen.
+Indess scheint für <i>hlóđ</i> Erdhaufe, Erdhügel als Grundbedeutung
+angenommen werden zu müssen. Hloðyn besagt also nur Erde. Kauffmann
+nimmt <i>hlôþa</i> für die Hochstufe zu <i>holþa</i>, hold. <i>Hludana
+Hlođyn</i> ist die holde, gütige Freundin der Menschen, ein Beiwort,
+das auf jede Göttin passt. Immerhin bleibt die Verschiedenheit des
+Wurzelvokales bedenklich. Der römische Steinmetz hätte germ. <i>ô</i>
+mit <i>u</i> gegeben, meinte also eigentlich <i>Hlôdana</i>. Müllenhoff
+leitete Hludana aus <i>hluda</i>-κλυτός, dem bekannten Stamm unsrer
+Eigennamen Hludwig, Hludhari u.&#8239;a.; es sei die „berühmte“ Göttin. Aber
+dann fügt sich wieder nicht Hlóðyn, wo langes ô feststeht. So bleibt
+vorerst noch alles unsicher, vielleicht überhaupt die Gleichheit der
+Göttinnen. Wer an der Verschiedenheit der Wurzelvokale <span class="pagenum" id="Page_463">[S. 463]</span>keinen Anstoss
+nimmt, mag die abweichenden Bildungssilben mit Kauffmann aus der Kurz-
+und Vollform eines Namens erklären: <i>Hlôþô</i> zu <i>Hlôþawini</i>
+(<i>Hlóđyn</i>) wie Liuba zu Liubwini, Siga zu Siguwini u.&#8239;a.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Isis-Nehalennia_5"><b>5. Isis-Nehalennia.</b></h5>
+
+<p>Römische Kaufleute pflegten an den Küsten der Völker, welche sie des
+Handels wegen aufsuchten, den einheimischen Gottheiten Dankopfer
+darzubringen und Weihaltäre zu errichten. Dabei wandten sie die übliche
+Auslegung an, indem sie aus irgend welchen äusseren Ähnlichkeiten
+die fremden Götter ihren eigenen gleich setzten, indem sie etwa eine
+germanische Göttin für eine Erscheinungsform einer römischen hielten.
+Dem entsprechend wurde auch das Altardenkmal ausgeführt. Glaubte ein
+römischer Unterthan irgendwo an fremder Küste einer Göttin zu begegnen,
+welche ihm der Isis gleich zu sein schien, so wurde der Isis ein
+Weihstein, worauf ihre gewöhnlichen Abzeichen vorkamen, errichtet. Auf
+dem römischen Denkmal stand entweder der römische Göttername allein,
+oder trat der germanische erläuternd hinzu (<i>Marti Thingso</i>,
+<i>Mercurio Channini</i>, <i>Herculi Magusano</i> u.&#8239;ä.); endlich
+konnte auch nur der Name der fremden Gottheit allein in latinisierter
+Form eingesetzt werden, wobei dann die von den römischen Steinmetzen
+auf den Altären angebrachten Abbildungen dem Kundigen umso deutlicher
+das Wesen der Gottheit anzeigten. Die Ausführung der Steine ist also
+hauptsächlich von der interpretatio romana abhängig. Hatte man einmal
+diese oder jene Gottheit der Heimat in der Fremde wiederzuerkennen
+vermeint, so wurde sie auch nach römischer Art dargestellt, nicht
+etwa in dem Bestreben, im Bilde die hervorragenden Eigenschaften
+der fremden Gottheit festzuhalten. Man darf daher nicht die ganze
+bildliche Darstellung solcher Steine ohne weiteres ins Germanische
+umsetzen, wie es Hoffory bei Mars Thingsus, Jaekel (ZfdPh. 24, 289 ff.)
+bei der Nehalennia thut. Gibt sich doch im Altarbild meistens nur
+dieselbe allgemeine, mitunter höchst oberflächliche Ansicht des
+römischen Beobachters kund, welche auch in der interpretatio zum
+Ausdruck gelangte. Wenn Tiuȥ, Wodan, Frija, Donar mit Mars, Merkur,
+Venus, Juppiter übersetzt werden, so ist damit nur erwiesen, dass den
+Römern gewisse Ähnlichkeiten auffielen, aber nicht dass alle Züge der
+römischen auf die germanischen Gottheiten passen. <span class="pagenum" id="Page_464">[S. 464]</span>Gelangt also nur
+einseitige Mitteilung römischerseits über eine germanische Göttin auf
+uns, so ist grösste Vorsicht erforderlich. Oft ist nicht mehr als der
+blosse germanische Göttername zu lernen, dessen Erklärung die grössten
+Schwierigkeiten entgegenstehen. Dass einige in die Augen fallende Züge
+der interpretatio und der bildlichen Darstellung der verglichenen
+Gottheit ebenfalls zugehören, ist nicht zu bezweifeln. Aber schwer,
+wenn nicht unmöglich, ist zu bestimmen, welche Eigenschaften der
+interpretierten Gottheit überwiesen werden dürfen, welche nur im Banne
+der einmal feststehenden römischen Anschauung hinzutraten. Hatte ein
+römischer Handelsmann z.&#8239;B. an fremder Küste die Isis gefunden, so
+stellte er sich zuerst seine Isis vor und übersah die wesentlichen,
+bedeutenden Unterschiede zwischen ihr und der nichtrömischen Göttin.
+Verbanden sich im Banne der einmal festgestellten Auslegung allerlei
+ungehörige Vorstellungen mit der fremden Göttergestalt, so blieben auch
+wieder deren wichtigste und nötigste Eigenschaften völlig verborgen.
+Hätten wir von Wodan und Frija nur die Namen und die römische
+Auslegung Merkur und Venus überkommen, so wären unsere Begriffe
+gewiss ebenso schief wie ungenügend. In dieser Lage befinden wir uns
+aber allen Nachrichten gegenüber, die uns nur aus römischer Umgebung
+oder durch römische Vermittlung, durch Inschriften und römische
+Geschichtschreiber, also einseitig, ohne die Ergänzung und Berichtigung
+germanischer Denkmäler, bekannt sind.</p>
+
+<p>Nach der Meldung des Tacitus&#x2060;<a id="FNanchor_573_573" href="#Footnote_573_573" class="fnanchor">[573]</a> brachte ein Teil des grossen,
+zwischen Elbe und Weichsel ansässigen Suevenvolkes der Isis Opfer dar.
+Ihr Abzeichen war ein Schiff. Tacitus und seine Gewährsleute waren der
+Anschauung, es handle sich um einen aus Rom nach Germanien verpflanzten
+Kult; und mit einem gewissen Recht. Denn zweifellos erhuben sich an
+der suevischen Küste Isissteine, welche zu der Nachricht Anlass gaben.
+Diese Isissteine <span class="pagenum" id="Page_465">[S. 465]</span>waren von Römern, die in der Ostsee Handel trieben,
+aufgerichtet worden. Aber sie galten derjenigen Isis, welche die
+Reisenden bei den Sueven zu entdecken glaubten. Hinter dem römischen
+Altar steht ein germanischer Kult, der ihn veranlasste. Es war eine
+Göttin, als deren Abzeichen ein Schiff galt. Vermutlich hatte sie,
+wie die Wanen, Beziehung zur Schifffahrt und damit zu Handel und
+Wolstand. Sie glich unter anderm auch darin der Isis, der am 5. März
+ein feierlicher Umzug gehalten und ein Schiff (<i>navigium Isidis</i>)
+dargebracht wurde. Die Wiedereröffnung der Fahrt in Strom und Meer,
+die mit Anbruch des Frühlings den Schiffen sich aufthaten, wurde so
+alljährlich festlich begangen.</p>
+
+<p>Anderwärts tauchen Spuren einer ähnlichen Göttin auf. In Deutz am
+Rhein und an der batavischen Küste, auf der der Scheldemündung
+vorgelagerten Insel Walcheren, fanden sich zahlreiche, von römischen
+Kaufleuten wegen glücklich vollbrachten Handelsfahrten der Göttin
+<i>Nehalennia</i> geweihte Altäre. Auf der Insel Walcheren fanden
+sich 1647 und 1870 im Dünensande 22 mehr oder weniger gut erhaltene
+Denksteine dieser Göttin.&#x2060;<a id="FNanchor_574_574" href="#Footnote_574_574" class="fnanchor">[574]</a> Hier muss eine Hauptstätte ihres Kultes,
+vermutlich ein römischer Tempel, bestanden haben. Von den Bildern der
+Steine zeigen einige die Nehalennia als Beschützerin der Schiffer;
+sie hat den linken Fuss auf den Steven eines Schiffes gestellt und
+stützt sich auf ein Ruder zu ihrer Rechten. Kauffmann wies nach, dass
+die Nehalenniabilder Zug um Zug aus dem Isiskult entnommen sind,
+dass die Nehalennia demnach den Kaufleuten als die Isis erschien.
+Offenbar ist es dieselbe Göttin, von den Römern als Isis aufgefasst,
+der sie an der suebischen und batavischen Küste und am Rheine Altäre
+aufstellten. Durch Tacitus hören wir, dass das Schiff ihr Abzeichen
+war, auf den Altären steht ihr deutscher Name, Nehalennia. Was auch
+sonst noch von dieser germanischen Göttin <span class="pagenum" id="Page_466">[S. 466]</span>erzählt worden sein mag,
+ihre Beziehung zur Seefahrt ist sicher. Darum begrüssten sie die
+Römer an den Ufern der Ost- und Nordsee als Isis und empfahlen ihre
+Schiffe und ihre Ladung dem Schutze der Nehalennia. Damit endet aber
+auch unsere Kenntniss vom Wesen dieser Göttin. Nicht einmal soviel ist
+klar, ob sie auch bei den Sueven Nehalennia hiess, oder ob dieser Name
+nur am Rhein und bei den Batavern ihr beigelegt war. Die Erklärung
+des Namens macht Schwierigkeit. Kauffmann denkt an ein germanisches
+Beiwort *<i>nêwolos</i>, *<i>nêalas</i>, zu urgerm. *<i>nêwô</i> mhd.
+<i>nâwe</i>, wie <i>navalis</i> aus <i>navis</i> entwickelt ist. Daraus
+wäre eine Weiterbildung *<i>nêalenî</i>, gen. <i>nêalenniôs</i>.
+Im Namen <i>Nehalennia</i>, „<i>navalis</i>“, „<i>zu den Schiffen
+gehörig</i>“, läge eine Andeutung ihrer Art. Nehalennia ist die
+Schiffsgöttin. Njords Heimat ist <i>nóatún</i>, die Schiffsstätte, und
+an die Wanen erinnert Nehalennia insofern, als beide die Schifferei
+beschirmen. Die germanische Ablautsform <i>nêu</i>-: <i>nôu</i>-
+erscheint in <i>Nêalenî</i> und <i>nóatún</i>, mhd. <i>nâwe</i> und an.
+<i>nór</i>. Nehalennia ist dann aber kein eigentlicher Name, vielmehr
+ein Beiname einer Göttin, welche zur Seefahrt Beziehung hat. Freilich
+hat Kauffmanns Erklärung gegen sich, dass der zweifellos sicher
+überlieferte Name Nehalennia zu Nealennia zurechtgemacht werden muss.
+Das <i>h</i> sei nur Trennungszeichen zwischen Vokalen, wie es auch
+sonst vorkomme, z.&#8239;B. Tuihanti für Tuianti, Flehum für Flevum u.&#8239;drgl.
+Eine andere Erklärung geht von einem idg. Grundwort *<i>neqos</i>
+(νέκυς) aus, dem urgerm. *<i>nehuaz</i>, westgerm. *<i>nehaz</i>
+entspräche, wie got. <i>saíƕan</i> und <i>aƕa</i> gegen ahd.
+<i>sehan</i> und <i>aha</i>. Daraus ergibt sich im Namen der Göttin ein
+Anklang ans Reich des Todes. Wie das aus ihrem Wesen zu rechtfertigen
+ist, bleibt dunkel.</p>
+
+<p>Im Jahre 694 besuchte der hl. Willibrord auf einer Missionsreise
+Walcheren und zerstörte ein dort befindliches heidnisches Heiligtum.
+Der Tempelhüter widersetzte sich dem Vorhaben der christlichen Priester
+mit bewaffneter Hand, aber ohne Erfolg. Kauffmann&#x2060;<a id="FNanchor_575_575" href="#Footnote_575_575" class="fnanchor">[575]</a> vermutet,
+dass mit dem Heidentempel derjenige der Nehalennia gemeint sei. Die
+heimische Bevölkerung wird den römischen Tempel und die Bilder, die zu
+Ehren der Landesgöttin aufgerichtet waren, nicht gemieden haben, und
+als die Römer aus dem Lande wichen, wurden die Germanen ihre Erben,
+die alleinigen Besitzer des alten Heiligtumes. Erst der christliche
+Eifer <span class="pagenum" id="Page_467">[S. 467]</span>schlug die Bilder in Stücke und verwarf die Trümmer, die im 17.
+Jahrhundert wieder ans Tageslicht kamen, am Meeresstrand. „Manch fromme
+deutsche Mutter mag in der Halle des Tempels den Steuermann und sein
+Schiff der Nehalennia anbefohlen haben, nachdem das jüngere Geschlecht
+den Widerwillen gegen Tempelbauten überwunden hatte.“</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Mit Nehalennia-Isis dürfen vielleicht einige mittelalterliche
+Bräuche&#x2060;<a id="FNanchor_576_576" href="#Footnote_576_576" class="fnanchor">[576]</a> in Verbindung gebracht werden. Ums Jahr 1133 liess ein
+Bauer aus Inden im Jülichischen im nahen Walde ein Schiff zimmern, das
+auf Rädern lief und durch vorgespannte Menschen an Stricken zuerst
+nach Mastricht, wo Mastbaum und Segel hinzukamen, dann hinauf nach
+Tungern, Looz und so weiter im Lande umhergezogen wurde, überall
+unter grossem Zulauf und Geleite des Volkes. Wo es anhielt, war
+Freudengeschrei, Jubelsang und Tanz, namentlich der von ausgelassener
+Lust erfüllten Frauen, um das Schiff herum bis in die späte Nacht.
+Die Ankunft des Schiffes sagte man den Städten an, welche ihre Thore
+öffneten und es einholten. Die Weber wurden zum Schiffszug gezwungen,
+dafür durften sie dem übrigen Volke den Zutritt wehren und Pfänder
+erheben. Die Geistlichen sahen mit scheelen Augen auf das sündhafte
+heidnische Werk und dachten es zu hintertreiben. Sie nannten das Schiff
+ein Abzeichen böser Geister, ein Teufelsspiel, es sei in heidnischer
+Gesinnung aufgeschlagen, böse Geister hielten darin Umzug, es könne
+ein Schiff des Neptun oder Mars, des Bacchus oder der Venus heissen;
+man solle es verbrennen oder sonst wegschaffen. Aber die weltliche
+Obrigkeit hatte den Umzug gestattet und schützte ihn, es hing von
+den einzelnen Ortschaften ab, dem heranfahrenden Schiff Einlass zu
+gewähren; wie es scheint, galt es in der Volksmeinung für schimpflich,
+es nicht weiter gefördert zu haben. Über Duras und Léau sollte das
+Schiff nach Löwen gebracht werden. Von den Geistlichen angefacht, that
+der Graf von Löwen dem Umzug mit Gewalt Einhalt, so dass die Feier
+des Schiffszuges auf diese Weise blutig endigte. Aus allem geht aber
+die lebhafte Teilnahme der Zeitgenossen am Schiffszug, dem Überrest
+eines heidnischen Brauches, deutlich hervor. <span class="pagenum" id="Page_468">[S. 468]</span>Auf schwäbischem Boden,
+also bei den Nachkommen der alten Sueven, verbietet noch um 1530 ein
+Ulmer Ratsprotokoll, am Nikolasabend Fastnachtskleider anzuziehen,
+den Pflug und mit den Schiffen herum zu fahren. Die Gewohnheit des
+Pflugumziehens, um fruchtbares Jahr und Gedeihen der Aussaat zu
+erhalten, ist weit verbreitet.&#x2060;<a id="FNanchor_577_577" href="#Footnote_577_577" class="fnanchor">[577]</a> Es geschah um Neujahr oder zur
+Fastenzeit. Der Ulmer Ratsbeschluss stellt offenbar den Schiffszug mit
+dem Pflugumziehen auf dieselbe Stufe. Immerhin verdient Beachtung,
+dass die Umfahrt des Schiffes im späteren Volksbrauch bei den Stämmen
+erscheint, bei denen im Altertum Dienst der Nehalennia-Isis nachweisbar
+ist. Das auf Rädern umgehende Schiff ist allerdings nicht notwendig
+auf die germanische Göttin zu beziehen. Es kommt auch bei den Griechen
+in Verbindung mit Dionysus vor&#x2060;<a id="FNanchor_578_578" href="#Footnote_578_578" class="fnanchor">[578]</a> und muss also von Alters her mit
+den bacchischen Kulten zusammenhängen. Es darf ans navigium Isidis und
+an Carnevalsbräuche erinnert werden.&#x2060;<a id="FNanchor_579_579" href="#Footnote_579_579" class="fnanchor">[579]</a> Nur unter Vorbehalt seien
+hier, alter Gewohnheit gemäss, die Volksbräuche des Schiffsumzugs mit
+Isis-Nehalennia, überhaupt mit germanischer Mythologie in Beziehung
+gebracht. Die Berechtigung dafür ist stark anzuzweifeln.</p>
+
+<p>Vereinigt man die besprochenen Thatsachen, so ergibt sich: Vom Rhein
+bis zur Weichsel wurde eine Göttin verehrt, welche die Seefahrt
+beschützte. Die Römer wurden durch sie an ihre Isis erinnert. Am
+Rhein und bei den Batavern hiess sie Nehalennia. Ein Schiff war ihr
+Abzeichen. Wenn im Lenz das Eis von den Strömen sich löste und die
+Schifffahrt neu beginnen konnte, dann wurde die Göttin durch Umtragung
+ihres Schiffes mit Opfern und Reigen gefeiert.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Die_Muetter_6"><b>6. Die Mütter.</b></h5>
+
+<p>In Frankreich, Oberitalien, Britannien, im linksrheinischen Germanien,
+namentlich im Ubierlande, finden sich zahlreiche, mehr als 400
+Weihsteine, welche den „Müttern“ (<i>matrones</i>, <i>matres</i>,
+<i>matrae<span class="pagenum" id="Page_469">[S. 469]</span></i>) meistens von Legionssoldaten gesetzt sind.&#x2060;<a id="FNanchor_580_580" href="#Footnote_580_580" class="fnanchor">[580]</a> Diese
+Mütter, mitunter in der Dreizahl erscheinend, führen verschiedenartige
+Beinamen, darunter auch solche, deren germanische Herkunft nicht
+anzuzweifeln ist (z.&#8239;B. <i>Aufaniabus</i>, <i>Gavadiabus</i>,
+<i>Vatviabus</i> oder <i>Vatvims</i>, <i>Saitchamims</i> oder
+<i>Saithamiabus</i>, <i>Aflims</i> oder <i>Afliabus</i>). Die Dative
+auf <i>-ims</i> sind unter allen Umständen germanisch; zur Etymologie
+der Namen bieten die germanischen Sprachen auch wirklich Anhaltspunkte.
+Es fragt sich nur, ob etwa aus den Beinamen etwas über das Wesen
+germanischer Göttinnen zu lernen ist. Die Mütter gehören ursprünglich
+zu den Glaubensvorstellungen der Gallier. Von ihnen aus verbreiteten
+sie sich zu den Germanen, jedoch nur zu germanischen Söldnern, die im
+römischen Heere dienten, und zu den verwälschten Stämmen. Im innern
+Germanien schlug der Mütterkult niemals Wurzel und kann demnach auch
+schwerlich zum echten Bestande der germanischen Mythologie gezählt
+werden. Die Mütter sind Schutzgöttinnen von Örtlichkeiten, ähnlich den
+<i>genii loci</i>. Als solche sind sie allgemein und überall möglich
+und doch wieder für jeden Ort, jede Stadt besonders bestimmt. Wie
+die Matrone über dem Hauswesen, so walten die Mütter schützend und
+segnend über dem Gemeinwesen. Jeder Ort, jedes Land und Volk, das
+Lager, die Garnison, die Provinz, alle konnten dem Schutze besonderer
+Mütter unterstellt werden. Ein Legionär weiht sein Denkmal matribus
+omnium gentium, den Müttern aller Völker, er empfiehlt sich dadurch
+den Schutzgottheiten aller Länder, in welche ihn das Schicksal etwa
+verschlagen möchte. Diese Inschrift ist besonders lehrreich, indem sie
+beweist, dass es sich keineswegs um die eigentlichen Landesgöttinnen
+handelt, vielmehr um einen durchaus subjektiven, gallisch-römischen
+Begriff, der überall Anwendung finden konnte und nur allgemein
+Schutzgöttinnen des betreffenden Ortes oder Landes, nicht etwa die
+dort wirklich verehrten Gottheiten bezeichnet. Die Beinamen der Mütter
+sind dementsprechend durchweg aus örtlichen Beziehungen zu deuten. Die
+suebischen, germanischen Mütter sind vollkommen den pannonischen und
+dalmatischen gleichzuachten, <span class="pagenum" id="Page_470">[S. 470]</span>sie bestehen allein in der Vorstellung
+des Weihers der Altarinschrift und beziehen sich keineswegs auf
+wirklichen germanischen Glauben. Die Auslegung der Beinamen hat
+in erster Linie mit dem örtlichen Ursprung zu rechnen. Wenn nun
+germanische Wörter vorkommen, so sind sie sicherlich auf germanische
+Ortsnamen zurückzuführen. Die <i>Matres Gavadiae</i> hängen mit dem
+Zeitwort <i>wadan</i>, <i>waten</i> zusammen und entstammen wol einem
+Ortsnamen im Sinne von <i>Furt</i>. An der Diemel ist später ein
+<i>Wetiun</i> bezeugt, das aus demselben Stamm gebildet ist. Der Dativ
+<i>Vatvims</i> gehört zu einem german. <i>watwî</i>, Wasserland, und
+stellt sich zu den vielen mit „Aue“ zusammengesetzten Ortsnamen. Solche
+Mütter mit germanischen Beinamen sind demnach befriedigend zu erklären:
+sie sind die Schutzgeister germanischer Örter. Deutsche im römischen
+Heeresdienste nahmen den Matronenkult an und stellten damit die ferne
+Heimat unter göttlichen, mütterlichen Schutz.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Dea_Sandraudiga_und_dea_Vercana_7"><b>7. Dea Sandraudiga und
+dea Vercana.</b></h5>
+
+<p>Mit der <i>dea Sandraudiga</i>&#x2060;<a id="FNanchor_581_581" href="#Footnote_581_581" class="fnanchor">[581]</a> eines nordbrabantischen Steines,
+den die <i>„cultores templi“</i> gestiftet, ist nichts anzufangen. Der
+Name zerfällt in germanische Bestandteile, got. <i>audags</i>, an.
+<i>auđigr</i>, reich, glücklich, und <i>sandr-</i>, wahr, wahrhaft,
+wie in Eigennamen, z.&#8239;B. Sandrimer. Wer die „wahrhaft reiche“ Göttin
+ist, etwa eine spendende Folla, lässt sich nicht bestimmen. Die <i>dea
+Vercana</i>&#x2060;<a id="FNanchor_582_582" href="#Footnote_582_582" class="fnanchor">[582]</a> auf dem Rande einer Brunnenschale und auf einem Stein
+aus dem Nemetergau (Ernstweiler bei Zweibrücken) deckt sich lautlich
+mit Athenes Beinamen Ἐργάνη, Wirkerin, Göttin des Webens und Spinnens.
+Ob die <i>dea Vagdavercustis</i>&#x2060;<a id="FNanchor_583_583" href="#Footnote_583_583" class="fnanchor">[583]</a>, welcher der Decurio Simplicius
+Super in Geldern einen Stein setzte, germanisch ist und zur Vercana
+gehört, bleibt unentschieden. Der Stamm <i>„werk“</i> begegnet in
+beiden Namen, und zwar auf der Stufe germanischer Verschiebung. Aber im
+übrigen ist alles dunkel.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_471">[S. 471]</span></p>
+
+<h4 id="IV_Totengottinnen"><b>IV. Totengöttinnen.</b></h4>
+
+<h5 class="s4" id="Die_Hel_1"><b>1. Die Hel.</b></h5>
+
+<p>Got. <i>halja</i>, an. <i>hel</i>, ags. <i>hell</i>, as. ahd.
+<i>hella</i> geben den räumlichen Begriff „Untererde“, <i>infernus</i>
+und dienen zur Übertragung von ᾅδης, <i>gehenna</i>, <i>infernus</i>.
+Gemeint ist der Aufenthaltsort der abgeschiedenen Seelen, die
+Totenwelt. Erst nach und nach entwickelte sich die Bedeutung
+„Strafort“. Will die ältere Sprache die mit der christlichen Hölle
+verknüpften Qualen anzeigen, so erhält das Wort einen entsprechenden
+Zusatz, besonders <i>wîti</i>, „Strafe“ (an. <i>helvíti</i>, ags.
+<i>hellewíte</i>, ahd. <i>hellawîȥȥi</i>). Obwol der Begriff Hölle bei
+Goten und Westgermanen nur in christlichen Schriften vorkommt, braucht
+daraus doch nicht geschlossen zu werden, dass er erst mit der Bekehrung
+entstand. Besonders die nordische Überlieferung spricht gegen eine
+derartige Annahme. <i>Halja</i> darf als ein gemeingermanischer uralter
+Begriff gelten, und es fragt sich nur, was die heidnische Zeit darunter
+verstand. Da die ältesten Zeugnisse übereinstimmend die unterirdische
+Behausung der Toten mit Hölle bezeichnen, da diese Bedeutung auch dort
+fortlebt, wo sich noch andere Vorstellungen daneben entwickelten, da
+diese letzteren ungezwungen aus der Grundbedeutung abzuleiten sind,
+darf mit Sicherheit angenommen werden, dass das gemeingermanische Wort
+<i>halja</i> auch eine gemeingermanische Glaubensvorstellung erweist,
+eine Schattenwelt, der ursprünglich alle Toten verfielen, wo die vom
+Leibe gelösten Seelen fortlebten. Im Norden finden wir denselben
+<i>räumlichen</i> Begriff in Redensarten, die noch heute fortdauern.
+<i>Hel</i> heisst das Reich des Todes, dann Tod überhaupt. Zur Hölle
+gehen, fahren, schlagen, wird für sterben, totschlagen gesagt; in
+der Hölle, aus der Hölle bezeichnet klar das Räumliche. Zwischen Tod
+und Leben schweben heisst bildlich zwischen Welt und Hölle liegen
+(<i>at liggja á milli heims ok heljar</i>). Noch bewahrt der dänische
+und schwedische Ausdruck <i>ihjel</i>, <i>ihäl</i>, eigentlich in
+die Hölle, im Sinne „zu Tode“ schlagen, bringen u.&#8239;s.&#8239;w. deutlich
+die ursprüngliche Vorstellung. <i>Helgrind</i>, das Höllenthor,
+verschliesst das Land des Todes und thut sich nur selten wiedergehenden
+oder beschworenen Geistern auf. <i>Helvegr</i> ist der Weg zur
+Unterwelt, dem der westfälische <i>Hellweg</i>, Totenweg entspricht.
+<i>Helskór</i> ist der Schuh, welcher dem Toten zur Höllenwanderung
+mitgegeben wird. <i>Helreiđ</i> ist die Höllenfahrt, <span class="pagenum" id="Page_472">[S. 472]</span>die Brynhild auf
+einem Wagen fährt. Noch zahlreiche ähnliche Anwendungen des Wortes,
+wofür die Wörterbücher von Sveinbjörn Egilsson und Fritzner Belege in
+Hülle und Fülle gewähren, lassen über seine Bedeutung keinerlei Zweifel
+aufkommen. Dass die Hölle freudlos und lichtlos gedacht wurde, wie fast
+jeder Aufenthaltsort der Seelen, darf wol vermutet werden. Aber sie war
+kein Aufenthalt der Verdammten, die dort Strafen verbüssen mussten.
+Noch im 10. Jahrh., beim Siege der Sachsen über die Franken 915, sangen
+die Spielleute: Wo gäbe es wol eine Hölle so gross, dass sie die ganze
+grosse Wal zu bergen vermöchte.&#x2060;<a id="FNanchor_584_584" href="#Footnote_584_584" class="fnanchor">[584]</a> Die Gefallenen waren doch sicher
+nicht lauter verdammte Bösewichter.</p>
+
+<p>Im Norden steht aber neben <i>hel</i> <em class="gesperrt">die Hel</em>, <i>die persönlich
+gedachte Beherrscherin der Toten</i>. J. Grimm und nach ihm viele
+vermeinten, in diesem <i>persönlichen</i> Begriff das Ursprüngliche
+zu finden, der sich erst in den <i>örtlichen</i>, von Goten und
+Westgermanen allein bewahrten, aufgelöst habe. Der Ort empfing von
+der Besitzerin den Namen. Aber der Schluss ist gewagt. Zwar entsteht
+leicht der Glaube an eine Gottheit der Unterwelt, die beide im Namen
+sich decken. In unserem Falle leuchtet aber der örtliche Sinn so
+stark hervor, dass nur voreingenommene Ansicht das klare Verhältniss
+umkehren wird. Eine germanische <i>halja</i> ist unbedenklich, eine
+<i>Halja</i> aber unerweislich. Hört man auf die Zeugnisse, so wird
+man auch nicht ohne zwingende Gründe darüber hinaus trachten. Da nun
+<i>halja</i> allen Germanen bekannt war, <i>Hel</i> aber nur im Norden
+vorkommt und auch hier eigentlich nur in der Skaldendichtung, so liegt
+der Schluss nahe, <em class="gesperrt">im Norden entwickelte sich aus der örtlichen hel
+die persönliche Hel</em>. Einer persönlichen Halja hätte schwerlich
+der Zugang in die biblischen Schriften offen gestanden, eine örtliche
+halja, ein Seelenheim zu übernehmen, schien ungefährlich. Bei der
+nordischen Hel lassen sich auch wiederum mehrere Entwicklungsstufen
+unterscheiden, indem ihr Reich, das einst allen Toten offen stand,
+nur einen Teil der Menschheit empfängt, während die andern in die
+Gemeinschaft Odins, der Freyja, der Ran gewählt oder zu Elben
+und Trollen entrückt werden, indem endlich, unter Einwirkung der
+christlichen Hölle, die sittliche Beschaffenheit der Menschen ihre
+Zuweisung an die Hel bestimmt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_473">[S. 473]</span></p>
+
+<p>Durch tiefe, dunkle Thäler geht der Weg zur <i>hel</i>.&#x2060;<a id="FNanchor_585_585" href="#Footnote_585_585" class="fnanchor">[585]</a> Zu Fuss,
+zu Pferd, zu Wagen mag er von den Verstorbenen zurückgelegt werden.
+Der Höllenfluss Gjoll trennt die Welt des Todes von der Menschenwelt,
+eine goldbelegte Brücke, von der Riesin Modgud bewacht, führt darüber.
+Am Eingang in die Hölle ist auch die Felshöhle Gnipahellir gedacht,
+wo der Hund <i>Garmr</i> (Kerberos)&#x2060;<a id="FNanchor_586_586" href="#Footnote_586_586" class="fnanchor">[586]</a> lauert. Hier dringt bereits
+ein fremdartiger Zug aus antiker Sage in die nordische Vorstellung
+vom Totenreiche herein. Weiterhin schliesst ein Gitter mit einer
+Pforte die Behausung der Hel ab. Das Totenreich wird auch als eine
+von finsterem Nebel erfüllte Welt bezeichnet, als <i>niflhel</i>
+oder <i>niflheim</i>.&#x2060;<a id="FNanchor_587_587" href="#Footnote_587_587" class="fnanchor">[587]</a> Auch über der christlichen Hölle lagert,
+trotzdem sie von Feuer erfüllt ist, stellenweise Nebel und Finsterniss.
+Drinnen erhebt sich der Hel Haus, ihr hoher Saal. Das Leben bei ihr
+ist zunächst nicht viel anders gedacht, als das irdische. Vornehmen
+Ankömmlingen wird ein würdiger Empfang bereitet. Zu Ehren Baldrs sind
+die Bänke mit Ringen besät, die schönen Dielen mit Gold bedeckt. Met
+ist für ihn gebraut, der klare Trank steht da, vom Schilde bedeckt.
+Baldr nimmt in Hels Halle den Hochsitz ein.&#x2060;<a id="FNanchor_588_588" href="#Footnote_588_588" class="fnanchor">[588]</a> Was Hel besitzt,
+hält sie fest. Nur ausnahmsweise wird Baldr auf der Asen Ansuchen
+Rückkehr verstattet, wenn alle Wesen, lebende und tote, um ihn Thränen
+vergiessen. Die Hel tritt in keiner Sage eigentlich handelnd hervor.
+Sie bleibt immer nur begrifflich, wie überhaupt oft schwer zu sagen
+ist, ob in einer Redensart die örtliche oder persönliche Hel gemeint
+ist. So begegnet im Norden das Bild schwarz wie die Hölle, woraus
+der Beiname <i>heljarskinn</i>, Höllenhaut für einen Menschen mit
+hässlicher, schmutziger Hautfarbe, sich erklärt. Im Gegensatz zur
+leuchtenden reinen Gottheit gelten auch uns Tod, Teufel und Hölle als
+schwarz. Der <i>hellemôr</i> ist bei mittelhochdeutschen Dichtern der
+Teufel. Die Bilder entstammen der Anschauung vom dunkeln Totenreich,
+von der nebelfinstern Hölle. Eine begreifliche, aber entartende
+Phantasie <span class="pagenum" id="Page_474">[S. 474]</span>hüllt auch die Höllengeister in schwarze Farbe. Aus den
+angeführten Redensarten <i>blár sem hel</i>, <i>heljarskinn</i>
+braucht man nicht zu schliessen, dass von Anfang an die Nordleute
+die Hel in schwarze Teufelsfarbe kleideten, denn der Vergleich kann
+ebenso sehr auf hel als auf Hel zielen. Was Snorri im 13. Jahrhundert
+von Hel erzählt, beruht auf starker christlicher Einwirkung und ist
+fürs Heidentum nicht bindend. Nach der Bekehrung hat man im Norden
+mit drei Helbegriffen zu rechnen: der heidnischen hel und Hel und der
+christlichen hel. Alle drei haben in den Vorstellungen der Dichter sich
+oft wunderlich vermischt.</p>
+
+<p>Dass sich in der Hölle Straförter befanden, nahmen die Skaldengedichte
+des 10. Jahrhunderts an. Die Vǫlospǫ́ 38 sagt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Einen Saal seh ich stehen&#8194;&#8194;&#8194;der Sonne fern,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf Nastrand, die Thüren&#8194;&#8194;&#8194;nach Norden gerichtet;</div>
+ <div class="verse indent0">Durchs Rauchloch strömte&#8194;&#8194;ein Regen von Gift,</div>
+ <div class="verse indent0">Denn die Wände des Saales&#8194;&#8239;sind umwunden von Schlangen.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p><i>Nástrǫnd</i> bedeutet Totenstrand, und dieser Ortsname weist aufs
+Totenreich. Der Verfasser der Vǫlospǫ́ hatte demnach zweifellos
+die Vorstellung, dass es in der Hölle Qualörter gäbe, und er
+malte sich den höllischen Saal furchtbar genug aus. Dass er aber
+damit echt germanische, heidnische Anschauungen wiederholt, ist
+sehr unwahrscheinlich. Derlei düstre Schreckbilder entstammen der
+christlichen Mythologie, aus der einmal doch der wesentliche Inhalt
+der Vǫlospǫ́ geschöpft ist.&#x2060;<a id="FNanchor_589_589" href="#Footnote_589_589" class="fnanchor">[589]</a> Die 39. Strophe des Gedichtes im
+Verein mit Reginsmǫ́l 4 ergibt die Vorstellung eines wilden, eisigen
+Höllenstromes, der spitze Waffen in seinen Wogen führt. Meineidige,
+Mörder, Ehebrecher müssen zur Strafe drin waten. Auch hier dürfte
+der höllische Strafort nicht aus dem Bestande der germanischen halja
+geholt, sondern durch christliche Einflüsse entstanden sein. Doch
+können volkstümliche Elemente mit verwertet sein. Alt und allgemein
+scheint der Glaube, dass der Verstorbene, dem zu diesem Behufe der
+Schuh in den Sarg gelegt wurde, eine lange gefahrvolle Wanderung über
+Gestein und durch Dornicht zurücklegen, endlich auch durch den Fluss,
+der <span class="pagenum" id="Page_475">[S. 475]</span>die Welt der Toten und Lebenden trennt, waten müsse.&#x2060;<a id="FNanchor_590_590" href="#Footnote_590_590" class="fnanchor">[590]</a> Leicht
+entsteht daraus die Vorstellung einer Strafe, indem der eine länger,
+der andere kürzer, je nach seiner Art zu wandern hat, insbesondere wenn
+die Einbildungskraft mit Höllenstrafen erfüllt ist.</p>
+
+<p>Wenn Snorri in Gylfag. Kap. 3 behauptet, die Seelen der Rechtschaffenen
+werden bei Allvater in Gimle weilen, die bösen dagegen kommen zur Hel
+und von dort nach Niflheim, so denkt er hier vollkommen christlich
+und verweist die Guten in den Himmel, die Bösen in die Hölle. Ganz
+anders unterscheidet er Gylfag. Kap. 20 und 24, wonach die im Kampfe
+Gefallenen zu Odin und Freyja eingehen, während nach Gylfag. 43 zur
+Hel diejenigen gelangen, die an Krankheiten oder Altersschwäche
+starben. Also nicht die Lebensweise, sondern die Todesart entscheidet,
+und das ist heidnische Anschauung. Man erwartet nun, diese in den
+alten Gedichten durchweg bestätigt zu finden, wenigstens dort, wo
+ausgesprochener Odinsglaube herrscht. Aber dem ist nicht so. Wie
+einerseits Walhall seine Thore auch denen öffnet, die nicht an Wunden
+starben, so nimmt die Hel Waffentote zu sich. In Wirklichkeit sind
+eben Hel und Walhall eins, das grosse, allumfassende Seelenreich,
+Walhall ist nur ein Versuch, für Bevorzugte ein eigenes Heim zu
+schaffen, aber immer bricht der alte Glaube von der Hel durch. So
+steigt der schwertdurchbohrte Baldr zur Hel hinab. In den Atlamǫ́l
+herrscht durchgehends die Annahme, dass die Gefallenen zur Hel fahren.
+Besonders fällt auf, dass Brynhild den Hjalmgunnar zur Hel schickt
+(Helreiþ 8). Man sollte meinen, die Walküre müsse den Mann, dessen Tod
+im Kampfe sie veranlasst, nach Walhall kiesen. In der Fóstbrœðrasaga
+Kap. 4 träumt ein Mann von einem andern, die Hel werde als Hausfrau ihn
+umarmen. Bald darauf wurde jener auch erschlagen. Angantyr mit seinen
+Brüdern war im Kampfe gefallen; der Hügel wurde über ihm gewölbt. Als
+aber seine Tochter Herwor mit Zauber ihn aufweckt, um das treffliche
+Tyrfingschwert vom toten Vater zu erhalten, heisst es: Auf that sich
+die Höllenpforte (<i>helgrind</i>). Der Skald Egil erschlug drei
+Männer, welche König Eirik zu seiner Verfolgung ausgesandt hatte. Da
+sang er: Allzu lang zögern sie mit der Rückkehr zum König, da sie zu
+dem hohen Saal der Hölle gefahren.&#x2060;<a id="FNanchor_591_591" href="#Footnote_591_591" class="fnanchor">[591]</a> Im Lied von Gudruns Aufreizung
+<span class="pagenum" id="Page_476">[S. 476]</span>19/20 wird Sigurd von Gudrun ermahnt an sein Versprechen, aus der Hel
+(<i>or heljo</i>) heimzukehren.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Aufs schwarze Streitross&#8195; schwinge dich, Sigurd,</div>
+ <div class="verse indent0">Hierher lenke &#8195;&#8195;&#8194;<span class="mleft3">den hurtigen Renner.</span></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Mithin ist Sigurd in der Hölle gedacht, während Sigmund und Sinfjotli
+dem Eirikslied zufolge in Walhall weilen.</p>
+
+<p>Was bei Snorri&#x2060;<a id="FNanchor_592_592" href="#Footnote_592_592" class="fnanchor">[592]</a> und sonst noch von Hel erzählt wird, entstammt
+später Erfindung und zeigt auch fremdartige Bestandteile. Hel ist Lokis
+Tochter, weil Hölle und Lucifer unzertrennlich sind. Mit dem Fenrir
+und der Weltschlange, ihren Geschwistern, wurde Hel in Riesenheim
+aufgezogen. Allvater Odin schleuderte die Hel nach Niflheim und gab ihr
+Macht über neun Welten, damit sie denen, die zu ihr gelangen, ihren
+Aufenthaltsort anweise. Sie hat dort eine grosse Wohnstätte und die
+Wälle sind überaus hoch und die Thore weit. Eljudnir (Plagebereiter)
+heisst ihr Saal, Hungr ihre Schüssel und Sult (Hunger) ihr Messer,
+ihr Knecht Ganglati (zum Gehen träge), ihre Magd Ganglot, fallendes
+Unheil das Thor, die Schwelle, die hineinführt, Geduldermüder, Kor
+(Krankenbett) ihr Lager, bleiches Unglück das Betttuch oder der
+Vorhang. Sie ist zur Hälfte schwarz und zur Hälfte fleischfarben, so
+dass sie leicht zu erkennen ist, und sieht mit ihrem herabhängenden
+Kopfe recht grimmig aus. Solche Vorstellungen gefallen sich in der
+Ausmalung eines trostlosen Schreckensortes und entspringen zweifellos
+der christlichen Hölle. Auf diesen Gedankenkreis weist schon Loki hin.
+Noch im Heidentum erscheint Hel als Lokis Tochter und Schwester der
+Ungetüme, und so mag schon frühzeitig die Hölle als Ort des Schreckens
+gedacht worden sein, obwol die ältere Vorstellung vom blossen
+Totenreich daneben noch fortdauert. Das Gleiche ist auch in Deutschland
+zu beobachten, wo nach J. Grimm, Myth. 761, erst im 13. Jahrh. Hölle
+im Sinne von Aufenthalt der Verdammten sich festsetzte, während zuvor
+meistens der alte Sinn des Wortes noch vorherrscht.</p>
+
+<p>Wenn Loki zum Weltbrand mit den höllischen Heerscharen heranfährt,
+gemahnt auch dieser Zug an christliche Vorstellungen vom Weltende.&#x2060;<a id="FNanchor_593_593" href="#Footnote_593_593" class="fnanchor">[593]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_477">[S. 477]</span></p>
+
+<p>Wer von Hels Äpfeln genoss, muss bei ihr bleiben. So wenigstens lässt
+sich eine Stelle der jungen Saga af Viga-Styr ok Heiðarvigum, Kap. 26
+auslegen.&#x2060;<a id="FNanchor_594_594" href="#Footnote_594_594" class="fnanchor">[594]</a> So wird Proserpina durch den Genuss des Granatapfels
+gezwungen, in der Unterwelt zu verweilen; auch deutsche Sagen bieten
+Beispiele, dass lebende Menschen durch den Genuss von Speisen im
+Seelenreiche den Toten anheimfallen.</p>
+
+<p>In dem vollständig christlichen Sólarljóð, das vermutlich erst dem
+17. Jahrh. angehört, sagt der Geist des toten Vaters zum Sohne: Hels
+Bande umstrickten mich. Ich wollte sie zerreissen; aber sie waren
+stark. Überall bedrückte mich Angst. Jeden Abend entboten Hels Mädchen
+mir heim zu sich. Die Sonne, das Tagesgestirn, sah ich versinken; die
+Pforte der Hel hörte ich dumpf ertönen.</p>
+
+<p>Aus biblischen Stellen fliesst die Unersättlichkeit der Hölle,
+das Öffnen ihres Mundes und dadurch der Versuch, sie persönlich
+darzustellen, wie J. Grimm in älteren und jüngeren deutschen Schriften
+beobachtet. In mhd. Gedichten spricht die Hölle mit dem Teufel. J.
+Grimm sieht darin eine Nachwirkung der persönlichen germanischen
+Halja. Aber dem steht entgegen, dass der örtliche Begriff der älteste
+und ursprünglichste, der persönliche der abgeleitete ist. Da Hel
+von Anfang an als Lokis Tochter erscheint, also in Verbindung mit
+dem Teufel, ist die Möglichkeit vorhanden, dass eine persönliche
+Hel im Norden überhaupt erst unter christlicher Einwirkung aufkam.
+Ihre Persönlichkeit ist ebenso wenig weiter ausgeführt, als es bei
+der christlichen Hölle der Fall ist; sie verharrt in ihrer farblosen
+Allgemeinheit. Eine echt nordische ursprüngliche Hel wäre wol kräftiger
+und lebendiger gestaltet worden. Die persönliche nordische Hel
+unterscheidet sich durch nichts von den entsprechenden Ansätzen zur
+Persönlichkeit der christlichen Hölle und ist daher letzterer gleich zu
+achten, ja sogar daraus zu erklären.&#x2060;<a id="FNanchor_595_595" href="#Footnote_595_595" class="fnanchor">[595]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_478">[S. 478]</span></p>
+
+<h5 class="s4" id="2_Die_Ran"><b>2. Die Ran.</b></h5>
+
+<p>Ran, die Räuberin&#x2060;<a id="FNanchor_596_596" href="#Footnote_596_596" class="fnanchor">[596]</a>, welche einmal unter die Asinnen gerechnet
+wird, ist Ägirs des Meergottes Weib. Sie haben neun Töchter mitsammen,
+die persönlich gewordenen Wellen. Als die Götter in der von Golde
+erleuchteten Halle des Ägir beim Gelage sich versammelten, gewahrten
+sie, dass Ran ein Netz besass, das sie nach allen Menschen, die auf
+die See gingen, ausstellte. Als Loki den Zwerg Andwari fangen wollte,
+ging er zu Ran und borgte sich ihr Netz. In den Gedichten wird häufig
+beschrieben, wie Ran ihre Beute erjagt, aber dabei verlautet nichts
+mehr vom Netze. Von einer Riesin, die Helgis des Hjorwardsohnes
+Schiffe zum Scheitern zu bringen suchte, wird gesagt, sie wollte
+sie der Ran geben. Von Helgis des Hundingtöters Schiff, das der
+Sturmgefahr entronnen, heisst es: Kräftig riss sich aus Rans Krallen
+das Gischtross Helgis. Also herrscht die Vorstellung, Ran greife mit
+den Händen nach dem in Seegefahr befindlichen Schiffe. Kurz zuvor ist
+von den unholden Wogentöchtern Ägirs die Rede, welche die Schiffe
+umzustürzen trachteten. In Seesturm und Wogenprall schien den Skalden
+die Ran selber thätig zu sein. Im 11. Jahrh. sagt der Skald Ref: das
+Wogenpferd (d.&#8239;i. Schiff) reisst die rot bemalte Brust aus dem Rachen
+der Ran (<i>or munni Ránar</i>). Den Tod seines ertrunkenen Sohnes
+betrauernd sang Egill: Ran hat mich sehr niedergeschlagen. Ein anderes
+Bild braucht die Fóstbrœðrasaga: <span class="pagenum" id="Page_479">[S. 479]</span>Die Töchter der Ran versuchten die
+Bursche und trugen ihnen ihre Umarmung an. Die junge, dem 14. Jahrh.
+angehörige Fridthjofssaga gefällt sich besonders in der Schilderung
+der Ran. Bei einem gefährlichen Sturme sagt Fridthjof: Jetzt muss ich
+wahrlich der Ran Bett besteigen, ein andrer wird das der Ingibjörg
+einnehmen. Weiterhin wird berichtet: Es steht zu erwarten, sprach
+Fridthjof, dass einige von unsern Leuten zur Ran fahren werden. Wir
+werden nicht viel gleich sehen, wenn wir dahin kommen, wenn wir uns
+nicht prächtig schmücken. Es scheint mir rätlich, dass jedermann
+einiges Gold bei sich trage; da hieb er den Ring entzwei, das Geschenk
+der Ingibjörg, und teilte ihn unter seine Leute aus und sprach die
+Weise: Diesen roten Ring, den Halfdan besass, muss man entzwei hauen,
+ehe uns Ägir verdirbt. Gold soll man sehen an den Gästen, ehe wir der
+Gastung bedürfen. Das taugt vornehmen Recken mitten in Rans Sälen.
+Fridthjof schilt die Ran ein grausames, fühlloses Weib (<i>siđlaus
+kona</i>). Obwol die Beutegier der grausamen Meeresgöttin auf diese
+Art anschaulich geschildert wird, ist doch der Aufenthalt in den Sälen
+der Ran keineswegs mit düstern Farben ausgemalt. Wer im Kampf mit den
+Gewalten des Meeres erliegt, wird dadurch zu den Sälen der Seegötter
+geladen und dort ebenso ehrenvoll aufgenommen und gehalten, als
+derjenige, den eine andre Todesart in die Gemeinschaft anderer Götter
+und Geister ruft. Aus der Zeit kurz nach Annahme des Christentums auf
+Island wird berichtet: Da hielt man es für gewiss, dass die Leute
+bei Ran wol aufgenommen worden seien, wenn zur See umgekommene Leute
+ihr Erbmahl besuchten; denn da war noch der alte Aberglaube wenig
+geschwächt, obwol die Leute getauft waren und Christen genannt werden
+mochten. Um die Mitte des 11. Jahrh. singt der Isländer Sneglu-Halli,
+wenn er den Untergang seines Schiffes voraussagen will: Deutlich
+sehe ich, wie ich bei Ran sitze; einige sind beim Schmaus mit den
+Hummern; klar ist’s, dass man beim Dorsche gaste. Das Verhältniss der
+Ertrinkenden zur Ran ist dasselbe wie das Verhältniss der durch Waffen
+Gefallenen zu Odin. Nur ist weder hier noch dort der Glaube allgemein
+und ausnahmslos. Wie auch waffentote Männer zur Hölle fahren, so
+kommen auch Ertrunkene mitunter anderswohin als zur Behausung der Ran.
+Thorstein und seine Genossen waren ertrunken. Man erwartet, dass sie
+zur Ran kämen. Aber ein Hirte sieht, wie die Seelen der Verstorbenen in
+den Berg Helgafell eingehen und <span class="pagenum" id="Page_480">[S. 480]</span>von den Geistern mit grossem Schalle
+und Hörnerklang begrüsst werden.&#x2060;<a id="FNanchor_597_597" href="#Footnote_597_597" class="fnanchor">[597]</a></p>
+
+<p>Ran, als Meergöttin und Gemahlin Ägirs, darf als eine Schöpfung der
+Skalden betrachtet werden. Doch erhebt sie sich aus den Gebilden der
+allgemeinen Volkssage, aus den Wassergeistern, die im räuberischen
+Wesen ihr vollkommen gleichen, die ebenso wie sie freundliche und
+feindliche Seiten aufweisen.</p>
+
+<h4 id="V_Nordisch-finnische_Gottinnen"><b>V. Nordisch-finnische
+Göttinnen.</b></h4>
+
+<h5 class="s4" id="Skadi_1"><b>1. Skadi.</b></h5>
+
+<p>Über Skadi, des Riesen Thjazi Tochter, die im Riesenland haust, auf
+Schneeschuhen läuft und Wild mit dem Bogen schiesst, die durch die
+Vermählung mit Njord in den Kreis der Asinnen eintritt, deren Gunst
+genossen zu haben, Loki sich rühmt, wurde schon berichtet.&#x2060;<a id="FNanchor_598_598" href="#Footnote_598_598" class="fnanchor">[598]</a> Hier
+ist noch der Sage zu gedenken (Ynglingasaga Kap. 9), wonach sie die
+Gemeinschaft mit Njord aufgab und dem Odin sich vermählte. Sie hatten
+manche Söhne mit einander, einer hiess Säming. Davon dichtete Eywind
+im Haleygjatal: Ihn erzeugte der Asen Urheber mit der Riesin, als der
+Freund der Helden und Skadi in der Menschenwelt hausten und manche
+Söhne die Schlittschuhgöttin von Odin empfing. Auf Säming leitete Jarl
+Hakon der Reiche (970–995) seine Ahnen zurück. Die Volsungasaga scheint
+Sigi als den Sprössling Odins und der Skadi betrachtet zu haben.
+Der mächtige Mann Skadi, dessen Knecht Bredi, der geschickteste und
+glücklichste Jäger, von Sigi, dem hochfertigen Sohne Odins, weil er es
+ihm auf der Jagd zuvorthut, erschlagen wird, gleicht der riesischen
+Göttin Skadi, die als Jägerin auf Schneeschuhen im norwegischen Gebirge
+umherstreift. Vermutlich wurde einst Sigi wie Säming für einen Sohn
+Odins und der Skadi ausgegeben, der erst wegen seines frevelhaften
+Eingriffs in den Betrieb der Mutter deren Land räumen musste. Der Name
+der Göttin, Skadi, der Form nach männlich, gab zu dem Missverständnisse
+<span class="pagenum" id="Page_481">[S. 481]</span>des Verfassers der Vǫlsungasaga Anlass, welcher die Skadi zu einem
+mächtigen Manne machte.&#x2060;<a id="FNanchor_599_599" href="#Footnote_599_599" class="fnanchor">[599]</a></p>
+
+<p>Für Skadis Wesen zeugt am deutlichsten ihr Sohn Säming, der ein
+Vertreter der skandinavischen Urbevölkerung, der Finnen und Lappen,
+zu sein scheint. Müllenhoff in der Altertumskunde 2, 55 f. erklärt
+Skadi auf diese Weise.&#x2060;<a id="FNanchor_600_600" href="#Footnote_600_600" class="fnanchor">[600]</a> Gleichwie andere Gestalten der nordischen
+Mythologie, z.&#8239;B. Ullr, Thorgerd Hölgabrud und Irpa finnische Art
+an sich haben, so auch Skadi. „Der norwegische Mythus lässt die
+als Mannweib gedachte und daher masculinisch, wol im Sinne wie as.
+<i>scatho</i>, ags. <i>sceađa</i>, <i>latro</i>, <i>hostis</i>,
+benannte Göttin Skadi im alten Reiche ihres Vaters, des Riesen Thjazi,
+auf dem Gebirge ganz nach Finnenart als Jägerin auf Schneeschuhen
+hausen, auch nachdem sie zur Sühne für den Tod des von den Asen
+erschlagenen Vaters mit dem reichen Wanen, dem als Handels- und
+Schifffahrtsgotte am Seestrand wohnenden Njord vermählt ist. — Als
+Vertreterin des Finnentums wird sie angesehen, wenn sie mit Odin ausser
+andren Ahnen edler Geschlechter vor allen den Säming, den Ahnen der
+Herrscher von Halogaland, also derjenigen Landschaft, wo Lappen und
+Germanen zusammen lebten wie nirgendwo sonst, erzeugt haben soll.
+Denn altn. Sámr, das wie Finnr als Name, als Adjectiv in dem Sinne
+‚schwärzlich von Aussehen‘ gebraucht wird, scheint durchaus dasselbe
+mit lapp. <i>Sabme</i>, plur. <i>Samek</i>, wie die Lappen sich selbst
+und ihr Land <i>Same-ædnam</i> benennen, so dass das davon gebildete
+Patronymicum Sæmingr nur den aus der Ehe eines Germanen mit einer
+Lappin Entsprossenen anzeigt. In diesen Mythen tritt unverkennbar die
+Ansicht entgegen, dass Lappen und Finnen die älteste Bevölkerung des
+Landes waren, die durch die im Dienste der Asen und Wanen stehende der
+Nordmannen zurückgedrängt wurde.„ Der Name Skadi hängt wol mit dem
+ältesten Landesnamen <i>Skadinavia</i> (nicht Skandinavia) zusammen.
+Diese Landesbenennung entlehnten aber die im Norden eindringenden
+Germanen von den Lappen. Dass Skadi eine Riesentochter ist, besagt
+ebenso, dass ihre Heimat in den unwirtlichen nordischen Gegenden
+Skandinaviens, <span class="pagenum" id="Page_482">[S. 482]</span>wo neben Lappen und Finnen auch die Trolle hausen, zu
+suchen ist.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Thorgerd_Hoelgabrud_2"><b>2. Thorgerd Hölgabrud.</b></h5>
+
+<p>Wenn man auf ihren Ursprung achtet, steht Thorgerd der Skadi am
+nächsten. In Halogaland, wo Germanen und Finnen zusammen hausten,
+kam die Verehrung der Thorgerd Hölgabrud oder Hölgatroll auf. Skadi
+begegnet nur in der Göttersage, aber keine tiefer eingreifende
+Thätigkeit ist ihr verliehen; dagegen erfahren wir von eifrigem, der
+Thorgerd geweihtem Dienste.&#x2060;<a id="FNanchor_601_601" href="#Footnote_601_601" class="fnanchor">[601]</a> Snorri berichtet (SE. 1, 400): So
+wird erzählt, dass König Hölgi, nach dem Halogaland genannt ist, der
+Vater der Thorgerd Hölgabrud war. Beide wurden durch Opfer verehrt.
+Saxo (B. III S. 116) weiss von Helgo, dem König von Halogaland, dass
+er um Thora, die Tochter des Guso, des Königs der Finnen und Bjarmier,
+warb. Aus beiden Berichten ergibt sich eine Sage, wonach Hölgi (d.&#8239;i.
+<i>Hálogi</i>, <i>Háleygr</i>), der mythische Ahnherr des Geschlechtes
+der Haleygjerjarle, mit der Finnin Thorgerd, die eben daher den
+Beinamen <i>Hölgabrud</i>, <i>Braut des Hölgi</i>, führt, vermählt
+war. Thorgerd und ihre Schwester Irpa wurden die Schutzgöttinnen der
+haleygischen Jarle. Jarl Hakon, der berühmteste dieses Stammes, der
+970–995 Norwegen beherrschte und das Heidentum wieder aufrichtete, war
+ihrem Dienste ergeben. Über Irpa ist aus den Quellen nichts Näheres
+zu erfahren. Detter meint, der Thorgerdmythus stehe in Zusammenhang
+mit der Sage von Helgi, Thora und Yrsa. Helgi zeugt mit Thora auf
+der Insel Thorö bei Dänemark eine Tochter namens Yrsa. Als diese
+herangewachsen war, kam Helgi nochmals auf die Insel und machte die
+Yrsa, die er nicht als seine Tochter erkannte, zu seinem Weibe. Als er
+die Wahrheit erfuhr, gab er sich aus Reue den Tod. Irpa, die Braune,
+das Bastardkind, soll mit Yrsa gleich sein. Daher erklärt sich, dass
+bei Snorri Hölgabrud als Hölgis Tochter erscheint. Ursprünglich waren
+Thorgerd und Irpa beide Hölgis Bräute. Wie diese berühmte nordische
+Sage mit dem haleygischen Jarlsgeschlecht verwoben wurde, bleibt
+dunkel. So viel ist gewiss, frühzeitig wurde der Mythus an Halogaland
+geknüpft und nahm Züge finnisch-lappischen <span class="pagenum" id="Page_483">[S. 483]</span>Aberglaubens an. Hölgis
+Grabhügel bestand nach Snorri SE. 1, 400 aus einer Schicht Gold und
+Silber und einer zweiten Schicht Erde und Stein; darnach nannten die
+Skalden das Gold die Grabhügeldecke Hölgis. Dem finnischen Gotte
+Jumali war nach der Heimskringla S. 382 ff. ein ähnlicher Opferhügel
+geweiht. Der Hügel war aus Gold, Silber und Erde errichtet. Thorgerd
+und Irpa erzeigen ihre Hilfe durch Wettermachen, Pfeilschiessen aus
+allen Fingern, Zauberei, also durch die Künste, um deren willen gerade
+die Finnen berühmt waren.&#x2060;<a id="FNanchor_602_602" href="#Footnote_602_602" class="fnanchor">[602]</a> Die Verehrung der Thorgerd und Irpa
+wurde ausschliesslich vom Jarl Hakon im südlichen Norwegen ausgeübt und
+scheint nur durch ihn aus dem hohen Norden, wo Nordleute und Finnen mit
+einander vermischt waren, herunter verpflanzt worden zu sein.</p>
+
+<p>Die Njálssaga Kap. 88 weiss von einem Tempel im Gudbrandsdal, der
+dem Jarl Hakon und Gudbrand gehörte. Drin sass Thorgerd Hölgabrud in
+Lebensgrösse, einen Goldring an der Hand und ein Tuch um den Kopf.
+Vigahrappr beraubte sie des Kopftuches und des Ringes. Hierauf nahm er
+den Ring Thors an sich, der auf seinem Wagen stand. Endlich zog er auch
+der Irpa ihren Goldring ab. Hierauf steckte er den Tempel in Brand.
+Man hat sich dieser Beschreibung nach im Tempel drei Götterbilder zu
+denken, Thor auf seinem Wagen in der Mitte, zu seinen Seiten Thorgerd
+und Irpa. Alle drei waren wol gekleidet und mit goldenen Ringen
+geschmückt. In der Færeyingasaga Kap. 23 wird von einem andern Tempel
+des Jarls im Drontheimischen erzählt. Hakon und Sigmund Brestisson
+gingen mit einander in den Wald. Sie kamen zu einem freien Platz,
+worauf ein Haus stand. Eine Einfassung von Pfählen war umher. Das
+Haus war sehr schön und das Schnitzwerk war mit Gold und Silber
+verziert. Hakon und Sigmund gingen in das Haus hinein. Da waren viele
+Götzenbilder, viele Glasfenster waren an dem Hause, dass es überall
+frei von Schatten war. Eine Frau war in dem Hause quer vor dem Eingang,
+und sie war prächtig geschmückt. Der Jarl warf sich ihr zu Füssen und
+lag lange. Darauf erhob er sich und sagte zu Sigmund, sie wollten ihr
+ein Opfer geben und auf den Stuhl vor ihr Silber legen. Das aber, sagte
+Hakon, werden wir zum Zeichen haben ob sie meine Bitten erhören will,
+wenn sie den Ring loslässt, den sie an ihrer Hand hat, und der Ring,
+Sigmund, wird dir Glück <span class="pagenum" id="Page_484">[S. 484]</span>bringen. Nun zog der Jarl an dem Ringe und es
+däuchte Sigmund, als ob sie die Hand zusammen drücke und dem Jarl den
+Ring verweigere. Der Jarl warf sich zum zweiten Male vor ihr nieder
+und Sigmund bemerkte, dass er weinte. Als er aufstand und wieder an
+dem Ringe zog, ging er auch wirklich los. Der Jarl reichte Sigmund
+den Ring und sagte, er solle ihn niemals weggeben. In der späten Saga
+von Thorleif Jarlaskald (Flateyjarbók 1, 213) ist vom selben Tempel
+der Schwestern Thorgerd Hörgabrud und Irpa die Rede, und von einem
+Speer, den Hakon aus dem Tempel entnahm und welcher früher dem Hörgi
+(d.&#8239;i. Hölgi) gehört hatte. Vielleicht war ursprünglich Hölgi, nicht
+Thor, zwischen den Schwestern aufgestellt gewesen. Die Beschreibung
+des Tempels mit Glasfenstern erinnert an eine Kirche, wie sie im alten
+Norwegen, das die eigenartigen Holzkirchen erbaute, nicht vorkam; des
+Jarls Gebet ist auch nicht echte Heidenart. Endlich ist das Bild,
+das den Ring nicht hergeben will, der Venus mittelalterlicher Sagen
+ähnlich. Wir haben es mit lauter romantischen, jungen Zusätzen zu
+thun, denen keine Gewähr für die wahre heidnische Sitte zukommt. Der
+Bericht der Harðarsaga Kap. 19 (Islendinga sögur 2, 59) ist vollends
+unbrauchbar. Da ist Thorgerd Schwester des gespenstischen Wikingers
+Soti. Auf Island erhebt sich ihr ein Tempel. Grimkell ging dorthin,
+um mit Thorgerd Rates zu pflegen. Da sah er, wie sich die Götter
+geschäftig zur Ausfahrt rüsteten. Thorgerd wollte Grimkell verlassen
+und zu seiner Tochter übergehen. Im Zorne darüber legte Grimkell Feuer
+an den Tempel. Noch am selben Tage starb er plötzlich.</p>
+
+<p>Echter scheint der Beistand zu sein, welchen Thorgerd dem Jarl Hakon im
+Kampfe leistet. Schon Bischof Bjarni (um 1200) in der <i>Jómsvíkinga
+drápa</i> 32 weiss, dass die Hölgabrud ein Hagelwetter über Hakons
+Feinde schickt. Genaueres erzählt die Saga.&#x2060;<a id="FNanchor_603_603" href="#Footnote_603_603" class="fnanchor">[603]</a> In der Schlacht gegen
+die Jomswikinger im Jahre 987 oder 988 wandte sich Jarl Hakon, als
+seine Sache schlimm stand, an Thorgerd. Mit wenig Leuten fuhr er auf
+eine bewaldete Insel. In einer Waldlichtung warf er sich gen Norden
+auf die Knie nieder und bat Thorgerd um Beistand. Aber sie blieb taub.
+Da glaubte der Jarl, sie sei ihm zornig und bot ihr verschiedene
+Opfer an. Aber sie wollte nichts annehmen, und seine Sache dünkte ihm
+hoffnungslos. Da verhiess er ihr schliesslich Menschenopfer. Doch
+<span class="pagenum" id="Page_485">[S. 485]</span>sie wollte das von ihm versprochene Menschenopfer nicht annehmen.
+Da erhöhte er sein Angebot und verhiess ihr alle Leute, nur nicht
+sich selber und seine Söhne Eirik und Svein. Der Jarl hatte einen
+vielversprechenden 7 Winter alten Sohn mit Namen Erling. Diesen wählte
+sich Thorgerd als Opfer. Als sein Gebet und Opfer erhört war, schien
+es dem Jarl wieder besser zu werden. Er überantwortete sein Kind dem
+Skopti, seinem Knechte, welcher es nach Opferbrauch tötete. Darauf
+kehrte der Jarl mit neuer Zuversicht zu seinen Schiffen zurück. Er
+sagte: Ich weiss, wir werden die Jomswikinger besiegen; denn ich habe
+den Schwestern Thorgerd und Irpa um Sieg geopfert und sie werden
+mich so wenig trügen wie früher. Der Kampf, welcher während Hakons
+Abwesenheit geruht hatte, entbrannte von neuem. Der Jarl fuhr dem
+Führer der Wikinger, Sigwaldi, entgegen im Vertrauen auf Hölgabrud
+und Irpa. Da zog im Norden mit grosser Schnelligkeit ein drohendes,
+finsteres Wetter auf. Gegen Nachmittag stieg plötzlich das Gewölk empor
+und Hagel brach los mit Blitz und Donner, so dass alle Jomswikinger
+dagegen zu kämpfen hatten. So stark war das Hagelwetter, dass die
+Leute nicht dagegen Stand halten konnten. Sie hatten zuvor wegen
+der Hitze die Kleider abgelegt; obwol sie nun von Frost geschüttelt
+wurden, gingen sie doch mannhaft ins Gefecht. Da erblickte zuerst
+Haward die Hölgabrud im Gefolge Hakons, bald aber sahen sie auch andere
+geistersichtige Leute. Ihnen dünkte, als der Hagel etwas nachliess,
+dass von jedem Finger der Unholdin ein Pfeil flog, und jedesmal wurde
+ein Mann dadurch getötet. Sie sagten es Sigwaldi, der erwiderte: Mir
+scheint, wir haben hier nicht gegen Menschen zu kämpfen, vielmehr
+gegen die schlimmsten Trolle. Als das Unwetter etwas abnahm, rief der
+Jarl Hakon nochmals eindringlich zu Thorgerd und ihrer Schwester Irpa,
+und mahnte sie, wieviel er ihnen gab, indem er seinen Sohn um Sieg
+opferte. Da begann der Hagelsturm von neuem, und Haward erblickte zwei
+gleich gestaltete Weiber auf Hakons Schiff, genau so wie er zuvor eine
+gesehen hatte. Da gebot Sigwaldi zu fliehen, weil er es nicht mit zwei
+Unholdinnen aufnehmen wollte. So gewann Hakon mit Thorgerds Hilfe den
+Sieg.</p>
+
+<p>Um sich am Skald Thorleif zu rächen, rief Jarl Hakon zu Thorgerd
+Hörgabrud und ihrer Schwester Irpa, damit sie einen Zauber nach
+Island schickten, der den Thorleif zu Schaden brächte. Aus einem
+Holzklotz wurde eine Menschenfigur angefertigt und <span class="pagenum" id="Page_486">[S. 486]</span>vermittelst der
+Zauberkünste des Jarls und der Schwestern das Herz eines getöteten
+Mannes hineingelegt. Der Holzmann wurde auf die Füsse gestellt,
+Thorgard genannt und durch teuflischen Zauber dahin gebracht, dass er
+gehen und reden konnte. Dann wurde der Spuk nach Island geschickt und
+durchbohrte den Thorleif mit dem Speer, den Hakon ihm aus dem Tempel
+der Schwestern gegeben und den einst Hörgi besessen hatte.&#x2060;<a id="FNanchor_604_604" href="#Footnote_604_604" class="fnanchor">[604]</a> Wie ein
+Troll äussert sich also Thorgerd, weshalb sie auch Hölgatroll heisst.
+Überhaupt stellt die jüngere Überlieferung sie auf eine Stufe mit den
+Unholdinnen. Es ist schwer, über die ursprüngliche Art der Thorgerd ins
+Reine zu kommen. Soviel ist sicher, Hakon verehrte sie als Schutzgöttin
+seines Stammes und errichtete ihr Tempel. Im Kampfe half sie ihm mit
+Wetterzauber. Dass Hakon Trolle anbetete, ist wenig wahrscheinlich. Der
+Jarl erweist sich sonst als eifriger Opferer und ehrt Thor und Odin.
+Trotz ihrer unholden, fremdartigen Weise hat er aber doch zu seinen
+Stammesgöttern am meisten Vertrauen. Schwerlich hat allein spätere,
+christliche Anschauung die Thorgerd so düster dargestellt; denn ebenso
+hätte sie mit Thor und Odin verfahren müssen. Schon von Anfang an
+musste der Thorgerd etwas Dämonisches anhaften. Auch hier bietet das
+Heimatland ihres Kultes Aufschluss: nordgermanische und finnische
+Glaubensvorstellungen sind mit einander verschmolzen. Darum mangelt der
+Thorgerd der Adel echt nordischer Göttinnen, und steht sie den Trollen
+näher.</p>
+
+<h4 id="VI_Die_Sonnengoettin"><b>VI. Die Sonnengöttin.</b></h4>
+
+<p>Ein eigentlicher, mythologisch ausgebildeter Sonnendienst begegnet
+bei den Germanen nicht. Zwar Caesar&#x2060;<a id="FNanchor_605_605" href="#Footnote_605_605" class="fnanchor">[605]</a> spricht von der germanischen
+Religion, als wäre sie ein blosser Glaube an Elementargewalten, an
+Sonne, Mond und Feuer. Dem gegenüber enthüllt sich uns schon aus
+des Tacitus Bericht ein reicher Götterglaube, der in hohes Altertum
+zurückreicht. Caesar hat nur lückenhafte Kenntniss und meint, die
+Gesamtheit zu überblicken. Beim Halsband der Frija spielen nach
+Müllenhoff Sonnenmythen herein. <span class="pagenum" id="Page_487">[S. 487]</span>Wenn nun die Sonne zwar zu keiner
+vergeistigten, persönlich wirkenden und handelnden Göttin Anlass gab,
+so eignet doch dem Volksglauben die Neigung, von Frau Sonne und Herrn
+Mond zu reden.&#x2060;<a id="FNanchor_606_606" href="#Footnote_606_606" class="fnanchor">[606]</a> Damit ist der erste Ansatz zur Mythologie einer
+Sonnengöttin gegeben, aber eine Weiterbildung scheint nie erfolgt zu
+sein. Im 7. Jahrhundert predigt der heilige Eligius unter den Franken
+<i>nullus dominos solem aut lunam vocet neque per eos juret</i>. Im
+Merseburger Zauberspruch tritt <i>Sunna</i> neben <i>Sinthgunt</i>
+auf. Am weitesten gedieh die Vorstellung von der Sonnengöttin im
+Norden, wahrscheinlich unter dem Einfluss antiker Gelehrsamkeit.
+<i>Mundilföri</i> hatte zwei Kinder: <i>Mani</i> hiess der Sohn und
+<i>Sol</i>&#x2060;<a id="FNanchor_607_607" href="#Footnote_607_607" class="fnanchor">[607]</a> die Tochter. Diese wurde mit <i>Glen</i> vermählt,
+Die Götter zürnten wegen des Hochmuts, dass sie solche Namen führten,
+und setzten sie an den Himmel. Sol liessen sie die Pferde lenken,
+die den Wagen der Sonne zogen, welchen die Götter aus einem Funken
+geschaffen hatten, der aus Muspellsheim flog. Die Pferde heissen Arwakr
+(Frühwach) und Alswid (Allklug). Unter dem Bug der Pferde befestigten
+die Götter zwei Blasebälge, um sie abzukühlen. Diese werden in einigen
+Liedern Isarnkol (Eisenkühle) genannt. Mani lenkt den Lauf des Mondes
+und waltet über Neumond und Vollmond. Die Sonne fährt schnell,
+denn nahe sind ihre Verfolger, die Wölfe Skoll und Hati. Nach dem
+Wafthrudnirliede 47 gebiert die Sonne, welche Alfrodul, Elbenstrahl,
+genannt wird, eine Tochter. Wenn Fenrir die Sol verschlang, wenn die
+Götter vergingen, dann wird die Maid auf den Wegen der Mutter fahren.</p>
+
+<p>In diesen Berichten lagern mehrere Schichten ganz verschiedener
+Vorstellungen übereinander. Aus dem Volksglauben stammen die
+persönlich gedachte Sol und der Wolf, der das Tagesgestirn verfolgt.
+Dem Lichtgotte war ein Ross zu eigen. Daran mag die Vorstellung von
+Sonnenpferden anknüpfen. Alswid, der Alleswissende, kann sogar seinen
+Namen vom Rosse des Tiuȥ haben. Die gehegten heiligen Rosse hielten die
+Germanen für Mitwisser der Gottheit. Aber alles andre ist fremdartig.
+Schon die Genealogie der Sol gemahnt an antike Muster. Die Mythographen
+gefielen sich besonders in derlei Stammbäumen von Tag, Nacht, Äther
+u.&#8239;dgl. Der von zwei Rossen gezogene Sonnenwagen ist <span class="pagenum" id="Page_488">[S. 488]</span>dem der antiken
+Sage nachgebildet. Nirgends sonst zeigt sich auf germanischem Gebiete
+eine Spur davon. Im Namen des <i>Arwakr</i> klingt <i>Eous</i>, das
+eine der Sonnenrosse, an. Für die kühlenden Blasebälge lässt sich die
+unmittelbare Quelle nicht feststellen. So liegt auch hier im Mythus
+von Sol, wie so häufig im Norden, eine aus heimischen und fremden
+Bestandteilen zusammengesetzte Sage vor.</p>
+
+<h4 id="VII_Angebliche_Goettinnen"><b>VII. Angebliche Göttinnen.</b></h4>
+
+<h5 class="s4" id="Eostre_und_Hrede_1"><b>1. Eostre und Hrede.</b></h5>
+
+<p>Die germanische Sprache besitzt einen Wortstamm <i>austra-</i> im
+Sinne von östlich, morgenlich.&#x2060;<a id="FNanchor_608_608" href="#Footnote_608_608" class="fnanchor">[608]</a> Wie Mittag, Mitternacht, Abend,
+so wurde der Begriff „Morgen“, „Morgenröte“ zur Bezeichnung der
+Himmelsgegend verwandt. Bei Aufnahme der Jahresteilung nach 12 Monaten
+wurde der April bei den Deutschen und Angelsachsen Ostermond genannt,
+wahrscheinlich als der Monat des wieder aufgehenden und wachsenden
+Morgenlichtes. Dass die Germanen eine *<i>Austrô</i>, eine Göttin
+der Morgenröte wie die Inder eine <i>Ušas</i>, die Griechen eine
+<i>Eos</i>, die Römer eine <i>Aurora</i> verehrten, ist möglich, aber
+durch kein Zeugniss aus dem Heidentum erwiesen. Die Osterbräuche
+erklären sich aus dem Frühlingsfeste, das den Germanen wie allen
+Völkern eigen war, aber auf keine bestimmte Gottheit zu beziehen ist.
+Dass der April als der Monat des Morgenlichtes benannt wurde, ist
+begreiflich. Dass eine Göttin des Morgenlichtes, <i>Eostre</i> die
+Göttin des Frühlings, in jenen Zeiten ein Fest hatte und dem Monat,
+in welchem nach der neuen römischen Jahresteilung ihre Feier fiel,
+den Namen verlieh, ist eine Meinung Bädas&#x2060;<a id="FNanchor_609_609" href="#Footnote_609_609" class="fnanchor">[609]</a>, die keinerlei Gewähr
+hat. Die zahlreichen Monatsnamen <span class="pagenum" id="Page_489">[S. 489]</span>unter den Germanen stammen aus allen
+möglichen, insbesondere landwirtschaftlichen Beziehungen, niemals aber
+sind sie von Götternamen hergenommen. Wol aber wird umgekehrt der Monat
+oft persönlich gedacht, selbst unter den römischen Namen. Darum ist
+Bädas Meinung, es habe unter den Angelsachsen Göttinnen namens Eostre
+und Hreda gegeben, wenig glaubhaft.</p>
+
+<p>Die von J. Grimm in der Mythologie 266 ff. aufgestellten altdeutschen
+Göttinnen <i>Hruoda</i>, <i>Ostara</i>, <i>Ricen</i>&#x2060;<a id="FNanchor_610_610" href="#Footnote_610_610" class="fnanchor">[610]</a>,
+<i>Zisa</i>&#x2060;<a id="FNanchor_611_611" href="#Footnote_611_611" class="fnanchor">[611]</a> sind aus den Glaubensvorstellungen der alten Deutschen
+zu streichen.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Frau_Holle_Berchte_und_andre_weise_Frauen_2"><b>2. Frau
+Holle, Berchte und andre weise Frauen.</b></h5>
+
+<p>Unter vielen Namen, die nach den verschiedenen Gegenden wechseln,
+erscheint zu gewissen Zeiten, namentlich in den Zwölften und zu Fasten,
+nach neuerer Volkssage ein gespenstisches Weib, das die Wohnungen
+der Menschen, die Spinnstube heimsucht, das Speiseopfer empfängt, an
+dessen Namen auch sonst allerlei Geistersagen anknüpften. Man hat
+lange Zeit mit dieser Erscheinung des späteren, mittelalterlichen und
+neuzeitlichen Volksglaubens Missbrauch getrieben, indem darin Spuren
+vom Umzug der altgermanischen Hauptgöttin gesucht wurden. Zum Nachweise
+sollten die oft recht zweifelhaft überlieferten und willkürlich
+gedeuteten Namen dienen. J. Grimm, A. Kühn, Schwartz, Simrock und
+ihnen folgend fast alle neueren Sagenforscher haben sich täuschen
+lassen und allzu schnell Volksbräuche neueren Ursprungs in ihren
+Einzelheiten zum germanischen Götterglauben in Beziehung gebracht.
+Freke, Fricke, Fru Gode, Fru Wode erinnerten an Frija, Wodans Frau,
+obwol sprachliche und sachliche Gründe entgegen stehen; Frau Holda
+und Berchta, womit <i>Bjort</i>, Menglods Jungfrau, sich <span class="pagenum" id="Page_490">[S. 490]</span>verglich,
+galten als alte Beinamen. Frija, die holde, lichte, wie sie zu heiligen
+Zeiten unter den Menschen Umfahrt hielt, haftete noch bis zur Gegenwart
+herab im Bauernglauben. Dass Holda und Berchta meistens gar nicht
+hold und schön erscheinen, sondern im Gegenteil als hässliche Hexen,
+that nichts, indem das Christentum das edle und hoheitvolle Bild der
+göttlichen Frau ins Schlimme verkehrt hatte. Und mitunter fanden sich
+ja doch auch bei diesen Gestalten freundlichere Züge, in denen hinter
+der verunstaltenden Maske das wahre Wesen der gütigen und schönen
+Göttin hervorbrechen konnte. Hafteten die Namen der alten Götter in
+den Wochentagen und vielleicht auch hie und da in Ortsnamen, warum
+nicht auch in der mündlichen Überlieferung des gemeinen Mannes, in den
+uralten bäuerlichen Bräuchen, in denen ja thatsächlich und unleugbar
+ein gutes Stück Heidentum noch fortlebt? Dass sie vorwiegend erst in
+den Sagensammlungen unseres Jahrhunderts auftauchen, ist nicht zu
+verwundern, weil man früher der Volkssage nur selten und beiläufig
+Beachtung schenkte. Überdies lassen sich auch einzelne der fraglichen
+Göttinnen bis ins 14. Jahrh. zurück verfolgen, woraus ihr Alter und
+ihre Echtheit erhellt. Mögen auch einige der Namen ihren Anklang an die
+Heidengötter dem frommen Übereifer moderner Forscher verdanken&#x2060;<a id="FNanchor_612_612" href="#Footnote_612_612" class="fnanchor">[612]</a>,
+so bleibt doch immerhin in älteren Quellen ein unanfechtbarer Rest
+bestehen. Soweit scheint die Beweisführung begründet und geglückt. Und
+doch hält sie nicht Stand. Unerklärt bleiben diejenigen Namen, welche
+keinen Zusammenhang mit den heidnischen Göttinnen zeigen, unerklärt
+bleibt das eigentliche Wesen der Erscheinung, wovon allein ausgegangen
+werden muss. Das Heidentum selber zeigt die fraglichen Beiwörter nicht
+in Verbindung mit Frija, was allerdings in Anbetracht unserer dürftigen
+und lückenhaften Kenntniss nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Aber
+weit leichter wird auf andrem Weg eine befriedigende Erklärung erzielt,
+die nicht über das Sichere und thatsächlich Gegebene, den Volksbrauch
+und Aberglauben hinausgreift, und somit einer die Thatsachen bei
+Seite schiebenden Auslegung vorzuziehen ist. Die deutsche Mythologie
+hat die gemeinsame Grundlage aller dieser gespenstischen vielnamigen
+Frauen hervorzuheben, dann die etwaigen weiteren Zuthaten, in denen
+<span class="pagenum" id="Page_491">[S. 491]</span>keineswegs dieselbe Übereinstimmung herrscht, die vielmehr mancherlei
+Sonderbildungen aufweisen. Das Alter jeder einzelnen Erscheinung ist so
+gut als möglich zu belegen, aber eine Anknüpfung ans Heidentum nicht
+gewaltsam zu erzwingen, wo die Umstände eine solche nicht gebieten,
+eher verbieten.</p>
+
+<p>Aus dem Glauben an Gespenster, Seelen, Maren, Elbe, entspringen
+zahllose Volksgebräuche, so auch die, welche den wiedergehenden und
+umziehenden Geistern einen gewissen Dienst gewähren. In den Zwölften
+darf kein Flachs auf dem Wocken, kein Garn auf Spinnrad und Haspel
+mehr sein, sonst bekommen böse Wesen Macht darüber und spinnen ihn
+ab, zünden ihn an oder machen ihn durch Besudelung unbrauchbar. Oft
+greift eine Hand zum Fenster herein, wirft Spindeln herein, die zur
+Strafe schnell vollgesponnen werden müssen. Die Spinnarbeit soll an den
+bestimmten Abenden gethan sein und ruhen. Offenbar zielt der Brauch auf
+Feiertagsheiligung, welche mit Aussetzen der Werktagsarbeit bethätigt
+wird. Die Säumigen überrascht ein Geisterbesuch, der Teufel oder
+gespenstische Frauen mit hexenhaftem Aussehen. Die Arbeitseinstellung
+deutet manchmal auch darauf, dass dem unheimlichen Besuch der sonst
+dem Menschen gehörige Platz eingeräumt wird. Neben der Einstellung der
+Spinnarbeit begegnet auch das Speiseopfer in zwiefacher Art: dass den
+einkehrenden Geistern Speisen angerichtet werden, dass die Leute an
+den Tagen nur bestimmte Nahrung zu sich nehmen. Die einsprechenden mit
+Opfer geehrten Geister bringen ein gutes Jahr, Gedeihen des Hausstandes
+und der Feldfrucht. Wer eine andere als die altherkömmliche Speise
+an dem betreffenden Tage zu sich nahm, dem schneidet das Gespenst
+den Bauch auf und füllt ihn mit Häckerling oder gibt ihm wenigstens
+einen Tritt. An den allgemeinen, in Arbeitsruhe und Speisegebot
+sich äussernden Brauch knüpfen nun die Sagen von der dem Bruche des
+Feiertags folgenden Strafe, von der Macht böser Geister, welcher
+der Nachlässige verfällt, die in der Hauptsache ebenfalls zusammen
+stimmen und eigentlich nur in der Benennung der zukehrenden Frau unter
+sich abweichen. Die Namen der Erscheinung entstammen verschiedenen
+Anschauungen, die teilweise verständlich sind. In Mitteldeutschland
+ist <i>Frau Holle</i> oder <i>Hulda</i> bekannt. Das Gebiet der
+Volkssagen, welche sie nennen, reicht im Norden bis zum Harz, im Osten
+bis in die Gegend von Halle und Leipzig; von hier aus südwestlich ins
+Mainthal nach Unterfranken. Vereinzelt reicht <span class="pagenum" id="Page_492">[S. 492]</span>Frau Holle auch nach
+Oestreich und Siebenbürgen. Nebenformen lauten Frau Rolle oder Frau
+Wolle. Ältere Belege als aus dem 16. Jahrhundert, wo „<i>Fraw Hulde mit
+der Potznasen</i>“ bei Luther, Erasmus Alberus, in Hexenprocessakten
+vorkommt, fehlen.&#x2060;<a id="FNanchor_613_613" href="#Footnote_613_613" class="fnanchor">[613]</a> Frau Holle gehört zu den <i>Hollen</i>. Die
+Hollen in Mitteldeutschland entsprechen den obds. Holden. Schon ahd.
+begegnet <i>holdo</i> für Genius, mhd. <i>holde</i>, der Geist,
+<i>waȥȥerholde</i>, der Wassergeist. Hollenzopf entspricht dem Alp-,
+Wichtel-, Weixelzopf, der von tückischen Elben verursachten Verwirrung
+der Haare. Einkehrende „Hollen“ sind gemeint, denen die zwölf Nächte
+geweiht sind. Aus dem Geisterschwarm erhebt sich in der Frau Holle, der
+Unholdin, eine einzelne Gestalt. Das Weib empfing hier seinen Namen aus
+der naheliegenden Vermischung mit den schweifenden Gespenstern, den
+Hollen, denen es ja auch von Rechts wegen zugehört.</p>
+
+<p>In Oberdeutschland und streckenweise auch in Mitteldeutschland treffen
+wir die <i>Berchta</i> oder <i>Perchta</i>&#x2060;<a id="FNanchor_614_614" href="#Footnote_614_614" class="fnanchor">[614]</a>, bei welcher die
+<span class="pagenum" id="Page_493">[S. 493]</span>grauenhafte Seite noch mehr hervorgekehrt wird, als bei Holda, von
+der auch einige mildere Züge überliefert sind. Berchta ist völlig
+Kinderscheuche, wie solches überhaupt den umziehenden Geistern
+nachgesagt wird. Im Gebirge um Traunstein sagt man den Kindern am
+Vorabend des Erscheinungsfestes, wenn sie böse seien, werde die
+<i>Berchte</i> kommen und ihnen den Bauch aufschneiden. Isst man fette
+Kuchen, so glitscht ihr Messer ab. Schon Hans Vintler nennt <i>Frau
+Precht mit der langen nas</i>. Ein mhd. Gedicht (von der Hagen,
+Gesamtabenteuer LIV) ermahnt die Kinder:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>ir sult fast eȥȥen, daȥ ist mîn bete,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>daȥ iuch Berhte niht trete.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Der Bercht wird Essen und Trinken zugerichtet. Im Pinzgau findet in
+den Rauchnächten ein Mummenschanz, das Berchtenlaufen, statt. J.
+Grimm war auf der rechten Spur, als er die Frau zum Erscheinungsfest
+in unmittelbare Beziehung setzte. Doch gab er das bereits richtig
+gefundene Ergebniss wieder dran, um eine altdeutsche Göttin
+aufzustellen. Im Ahd. befestigte sich die Übertragung <i>giperahta
+naht</i>, die leuchtende Nacht, für Epiphania wegen der himmlischen
+Lichterscheinung, die den Hirten auf dem Felde widerfuhr. Urkunden
+des Mittelalters datieren mit der Dativform: <i>perhtentag</i>,
+<i>perhtennaht</i>. Daraus entwickelte sich die im Sinne einer
+Kalenderheiligen persönlich gedachte <i>Perhtennaht</i> d.&#8239;h.
+<i>Nacht der Perhte</i>, wie entsprechend bei den Italienern aus
+<i>Epiphania</i> (<i>befania</i>) die Kinderscheuche <i>Befana</i>
+ward, wie in Baiern die <i>Luz</i>, die <i>Pfinz</i> aus
+<i>Lucientag</i> und <i>Pfingsten</i>, Frau <i>Fasten</i>&#x2060;<a id="FNanchor_615_615" href="#Footnote_615_615" class="fnanchor">[615]</a> aus
+der <i>Fastenzeit</i> sich entfalteten. Überall herrscht dieselbe
+Vorstellung von der umziehenden Frau, die aber diesmal nach dem
+Kalendertage ihren Namen empfing. Vor dem 14. Jahrh. ist Berchta nicht
+nachweisbar, dann aber gewinnt sie stetig an Ausbreitung. Dass eine
+Gestalt, deren Art im Gespensterglauben, deren Benennung im Kalender
+wurzelt, unmöglich den germanischen Göttinnen zugesellt werden darf,
+leuchtet ohne Weiteres ein.</p>
+
+<p>„<i>Daȥ mære von der Stempen</i>“ zeigt diese in den Ostalpen heimische
+Gestalt der Berchte gleich geartet.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>„Eȥȥet hînte fast durch mîn bete,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>daȥ iuch diu Stempe niht entrete“.</i></div>
+<span class="pagenum" id="Page_494">[S. 494]</span>
+ <div class="verse indent0"><i>daȥ kintlîn dô von forhten aȥ,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>eȥ sprach „veterlîn, waȥ ist daȥ;,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>daȥ du die Stempen nennest?</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>sag mir, ob dus erkennest“.</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>der vater sprach: „daȥ sag ich dir,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>du solt eȥ wol gelouben mir,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>eȥ ist so griuwelich getân,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>daȥ ich dirȥ niht gesagen kan:</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>wan swer des vergiȥȥet,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>daȥ er niht fast iȥȥet,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>ûf den kumt eȥ und trit in“.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Wie eine Mare kommt hier <i>Stempe</i> (die Stampferin, Treterin,
+Drückerin) über den Menschen, der die gebotene Speise nicht zu sich
+nimmt, und von ihren Mareneigenschaften haben wol auch Stempe und die
+fränkische <i>Trempe</i> (die Trampel)&#x2060;<a id="FNanchor_616_616" href="#Footnote_616_616" class="fnanchor">[616]</a> den Namen erhalten.</p>
+
+<p>Im 18. Jahrhundert wurde <i>Fru Freke</i>&#x2060;<a id="FNanchor_617_617" href="#Footnote_617_617" class="fnanchor">[617]</a> in Niedersachsen ebenso
+geehrt, wie Holda in Obersachsen. Der Name Freke ist unklar, doch
+sicherlich ohne Zusammenhang mit Frija, weil die beiden Namen lautlich
+gar nichts mit einander gemein haben.</p>
+
+<p><i>De olle Haksche</i>, die Hexe, versieht das Geschäft der
+Rockenbesudelung bei Halberstadt. Wenn Kuhn und Schwartz auch Frau
+Harke&#x2060;<a id="FNanchor_618_618" href="#Footnote_618_618" class="fnanchor">[618]</a> damit betrauen, mag eine Verwechslung mit der Riesin
+Harke vom Harkenberg bei Camern in der Mark mit unterlaufen. <i>Frau
+Gode</i>&#x2060;<a id="FNanchor_619_619" href="#Footnote_619_619" class="fnanchor">[619]</a>, die namentlich mit der wilden Jagd verwebt ist und
+darum in den Zwölften umzieht, verunreinigt in Mecklenburg und in
+der Prignitz den Rocken derer, die nicht abgesponnen <span class="pagenum" id="Page_495">[S. 495]</span>haben. Im
+Voigtlande besorgt es die <i>Werre</i>&#x2060;<a id="FNanchor_620_620" href="#Footnote_620_620" class="fnanchor">[620]</a>, die Verwirrerin, wol da
+sie Flachs und Haar nach Elbenart verwirrt. Sie besichtigt, ob alle
+Rocken abgesponnen sind; wo es nicht der Fall ist, verunreinigt sie
+den Flachs. Am heiligen Abend muss ein besonderer Brei aus Mehl und
+Wasser gegessen werden; wer es unterlässt, dem reisst sie den Leib auf.
+Schon um 1640 ist die fürchterliche <i>Werra</i> bekannt. Am Zürchersee
+heisst die Garnverwirrerin <i>de Chlungere</i>&#x2060;<a id="FNanchor_621_621" href="#Footnote_621_621" class="fnanchor">[621]</a>, weil sie faulen
+Mägden <i>Chlungel</i>, Kneuel in das unabgesponnene Garn bringt.
+Was von den <i>Fronfastenweibern</i>, Frau Fasten in Schwaben und in
+der Schweiz, berichtet wird, muss ebenso beurteilt werden. Aus dem
+Geisterschwarm erhebt sich eine Gestalt und erhält den Namen nach der
+Schwarmzeit.</p>
+
+<p>Somit erkennen wir einen über das gesamte deutsche Gebiet verbreiteten
+Brauch, der aus dem Gespensterglauben gekeimt ist. Die Erscheinung
+der vielnamigen Hexe ist nicht davon loszulösen. Nicht die geringste
+Spur weist auf einen Zusammenhang des umziehenden Weibes mit einer
+altgermanischen Göttin, am allerwenigsten die Namen, die erst im
+späteren Mittelalter, in einer längst christlichen Zeit, aus den
+verschiedensten Beziehungen entsprangen. Nur insofern, als die
+allgemeinen Grundlagen des Gespensterglaubens im Altertum dieselben
+waren, wie in der Neuzeit, könnten ähnliche Vorstellungen schon in der
+Heidenzeit als möglicherweise vorhanden gedacht werden. Damit ist aber
+gar nichts gesagt, indem die uns überkommene Form eben nicht heidnisch
+ist. Nur eine Ausnahme liesse sich anführen: in Schweden soll Frigg
+die Spinnstube besuchen.&#x2060;<a id="FNanchor_622_622" href="#Footnote_622_622" class="fnanchor">[622]</a> Hier liegen, falls die Sage Glauben
+verdient, die Verhältnisse wesentlich anders, indem überhaupt die
+alten Götternamen treuer gewahrt erscheinen, vermutlich durch gelehrte
+Beihilfe irgend welcher Art oder auch nur durch blosse Personifikation
+der Wochentagsnamen. Aber wenn auch die Namen, so sind doch keineswegs
+ebenso die alten Mythen erhalten. Denn Frigge ist Thors Weib und die
+Donnerstagsheiligung gilt beiden zusammen. Das vereinzelte und nicht
+ganz unverdächtige schwedische Zeugniss kann unmöglich die Behauptung
+rechtfertigen, die spätere Volkssage vom Weib der Zwölften oder der
+Fasten sei einst von der hehren Göttin Frija gegangen. Sollte <span class="pagenum" id="Page_496">[S. 496]</span>neben
+dem Gespensterkult zu jenen Zeiten im Heidentum auch Gottesdienst
+gepflegt worden sein, so war er wesentlich anders, öffentliche Sache
+des Volkes, mit bedeutungsvoller Feierlichkeit geübt. Die besprochene
+Erscheinung gehört aber zum Geisterglauben.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Dasselbe Weib, das als Frau Gode oder Wode, Berchte, Holle, Fuik die
+Spinnstuben heimsucht, begegnet aber auch noch in Verbindung mit
+andern abergläubischen Vorstellungen, die jedoch nicht die gleiche
+allgemeine Verbreitung zeigen und darum nur wie vereinzelte Zuthaten
+zur gemeinsamen Sage erscheinen. Vielleicht würde sich dadurch eine
+Erweiterung und Erhöhung ihres Wesens ergeben, eine Anknüpfung an
+heidnische Göttinnen ermöglichen lassen. Die nach dieser Richtung
+gemachten Versuche erweisen sich ebenso hinfällig, wie der vorige,
+weil sie die weit einfachere und näher liegende Erklärung, die einen
+Zusammenhang mit germanischen Göttinnen ausschliesst, geflissentlich
+vermeiden. Das wütende Heer unter Wode und andern Führern zieht in
+den Zwölften und sonst noch häufig um. Wie die Concilienbeschlüsse
+bei Burchard von Worms zeigen, fanden frühzeitig im christlichen
+Mittelalter Vermischungen biblischer und antiker Sagen mit dem
+Aberglauben zunächst des romanischen, dann aber auch des germanischen
+Volkes statt. Die jüdische Königstochter Herodias, die des Johannes
+Enthauptung bewirkt hatte, und Diana, die nächtliche Mondgöttin, die
+wilde Jägerin traten an die Spitze des wilden Heeres. Man glaubte von
+Frauen, dass sie zu gewissen Zeiten zum Dienste der Diana und Herodias
+in die Schar ihrer Gespenster gerufen würden. Zahlreiche gespenstische
+Unholdinnen, auf Tieren reitend, fuhren in deren Gefolge nächtlicher
+Weile weithin durch die Lande. In vielen mittelalterlichen Schriften
+wird dieser allgemeine und weitverbreitete Aberglaube erwähnt. Man
+erkennt deutlich seinen Ursprung: die nachtfahrenden Hexen erhielten
+eine Anführerin aus dem Kreise antiker und biblischer Vorstellungen.
+Somit haben wir eine bestimmte, hieraus hervorgegangene Form des wilden
+Heeres vor uns, welche erst verhältnissmässig spät, in christlicher
+Zeit aufkommen konnte. Wenn nun Frau Holle, Berchte, Gode zuweilen auch
+im wütenden Heere oder als wilde Jägerinnen erscheinen, so hängt dies
+zweifellos hiermit zusammen. J. Grimm&#x2060;<a id="FNanchor_623_623" href="#Footnote_623_623" class="fnanchor">[623]</a> meint freilich, Herodias
+und Diana <span class="pagenum" id="Page_497">[S. 497]</span>seien an Stelle der deutschen „Göttinnen“ getreten. Doch
+wie hätten deutsche Göttinnen auf romanischem Gebiete der Herodias und
+Diana Anknüpfung an die Hexenschar vermitteln sollen? Ausserdem ist ihr
+hohes Alter sehr fraglich. Herodias und Diana hatten sich vermutlich
+schon an die Spitze der wilden Schar gesetzt, ehe die Holle, Berchte
+u.&#8239;s.&#8239;w. im Volksglauben auftauchten. Desshalb verhält sich die Sache
+umgekehrt. Die Holle, Berchte, Gode verdrängten die älteren Gestalten
+der Diana und Herodias. Die „<i>turba daemonum in similitudinem
+mulierum transformata</i>“, die Schar der Unholdinnen&#x2060;<a id="FNanchor_624_624" href="#Footnote_624_624" class="fnanchor">[624]</a> zog
+besonders in den Zwölften, und da kehrte auch das gespenstische Weib
+in den Spinnstuben ein. Alle Geister gehören schliesslich ins wilde
+Heer. Dass die unheimliche Gestalt manchmal auch als oberste der Hexen
+an Stelle der Diana und Herodias oder auch des Wode gedacht wurde, ist
+wol zu verstehen. Trat einmal irgendwo eine abergläubische Vorstellung,
+stark in den Vordergrund, in Mitteldeutschland etwa Frau Holle, auf
+einzelnen Strecken der norddeutschen Tiefebene Frau Gode, so ergab sich
+ohnehin leicht ihr Übergewicht über die andern geisterhaften Wesen. Nur
+eine Abart der Sage vom wilden Heere ist es, wenn die Frau mit einem
+Wagen erscheint, der am Kreuzwege zerbricht. Ein des Weges kommender
+Mann wird von ihr aufgefordert, den Schaden zu bessern, damit sie
+weiter fahren kann. Zum Lohn seiner Arbeit erhält er die abgefallenen
+Spähne, die sich am andern Tag zu Gold verwandeln. Die Frau in
+ihrer Beziehung zum wilden Heer reicht ebensowenig wie die einzeln
+umherziehende aus dem Kreise des Gespensterglaubens der Zwölften und
+anderer Schwarmzeiten hinaus. Abgesehen davon, dass Diana und Herodias
+ihr Vorbild abgaben, weist auch hier kein einziger Zug aufs germanische
+Heidentum, auf die göttliche Frija. Ja es scheint fraglich, ob in der
+Heidenzeit ein Weib neben Wode die Schar hätte führen können, und dann
+wäre es sicherlich keine der hohen Göttinnen, am wenigsten Frija, des
+lichten Tiuȥ Weib gewesen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_498">[S. 498]</span></p>
+
+<p>Frau Holle wohnt in Teichen oder in Bergen. Im 17. Jahrh. weiss
+Prätorius, dass sie im Hörselberge sitzt. Er stellt sie also der
+Venus, der mit den Seelen Abgeschiedener, nach christlicher Meinung
+Ungetaufter und Verdammter, im Berge hausenden Elbin gleich.
+Kinderseelen, die Heimchen oder bei Berchte die Berchteln, werden
+ihr zugewiesen. Die Neugeborenen kommen aus ihrem Brunnen. Oft sieht
+man sie mit den Heimchen im Lande umziehen. Ihre Umfahrt verleiht
+den Äckern Fruchtbarkeit. Hier tritt mit einem Male eine ganz andere
+Gestalt uns entgegen, anstatt der hässlichen Kinderscheuche eine milde,
+gütige Frau. Sollte darin etwa die Göttin nachwirken? Doch warum
+begegnen solche Züge so selten und nicht überall, nur bei Berchte und
+Holle? Auch gehören diese Sagen zu den jüngsten. Das Kinderparadies
+unter der Obhut einer milden, guten Frau erscheint zu weich, um ins
+deutsche Heidentum zurück verlegt zu werden. Von Maria wird nun ganz
+dasselbe erzählt.&#x2060;<a id="FNanchor_625_625" href="#Footnote_625_625" class="fnanchor">[625]</a> In Köln werden die Kinder aus dem Brunnen der
+St. Kunibertskirche geholt. Dort sitzen sie um die Mutter Gottes herum,
+welche ihnen Brei gibt und mit ihnen spielt. Es ist nicht dunkel im
+Brunnen, sondern tageshell. In Jugenheim a. d. Bergstrasse sitzt Maria
+mit Johannes im Brunnen, geigt den darin befindlichen Kindern und
+spielt mit ihnen. Von holden weissen Frauen, die nicht näher bezeichnet
+werden, gehen noch viele ähnliche Sagen.&#x2060;<a id="FNanchor_626_626" href="#Footnote_626_626" class="fnanchor">[626]</a> Durch Brunnen und Seen
+steigen Menschen öfters zu den wundersamen Gefilden der freundlichen
+Elben hinab. Ihre Seelen gehen in die Gemeinschaft der guten Holden.
+Vergleicht man hiermit die betreffenden Holdasagen, so wird auch über
+deren Entstehung kaum ein Zweifel möglich sein. Maria und die Heiligen
+nahmen sehr viel vom Wesen der guten Geister an. An Brunnen, da früher
+die Wasserfrau Verehrung genoss, erhub sich später ein Marienbild.
+Nach der Ammenrede kommen die Kinder aus dem Brunnen. Alles das wirkt
+zusammen zu den erwähnten Mariensagen. Frau Holle mit den Heimchen
+entstammt denselben Vorbedingungen. Man kann nur schwanken, ob die
+Entwicklung der Hollesagen selbständig und unabhängig verlief, oder ob
+blosse Nachahmungen der Mariensagen <span class="pagenum" id="Page_499">[S. 499]</span>vorliegen. Letzteres, dünkt noch
+eher glaubhaft, zumal im Hinblick auf andere Berührungen zwischen Holle
+und Maria. Frau Holle als die holde Frau verstanden gab leicht Anlass
+zu ihrer Verschmelzung mit Maria.</p>
+
+<p>Frau Holle wird im Himmel, über den Wolken thronend, gedacht. Daher
+die Redensart, wenn es schneie, schüttle Frau Holle die Betten aus,
+deren Federn fliegen. Da ist also Holle doch einmal eine hehre
+himmlische Göttin. Im Kindermärchen belohnt sie das brave, fleissige
+Kind mit Gold, das faule bestraft sie mit Pech. Diese Eigenschaft
+Holdas darf, wie J. Grimm, Myth. 246 Anm., erkannte, mit einem Namen
+der Maria verglichen werden. Am 5. August feierte die Kirche das
+Fest der <i>Maria ad nives, notre dame aux neiges</i>. Aus dem 16.
+Jahrhundert, aus der sächsischen Chronik des Pomarius (1588) bringen
+die Brüder Grimm in den Deutschen Sagen Nr. 462 eine hieher gehörige
+Erzählung. Kaiser Ludwig setzte einmal, als er durch einen Wald ritt,
+sein Marienbild auf einen Stein. Als ers darauf wieder zu sich nehmen
+wollte, vermochte er es nicht von der Stätte zu bringen. Da kam eine
+Stimme vom Himmel: So ferne und weit ein Schnee fallen wird, so gross
+und weit sollst du einen Dom bauen, zu Marien Ehre! Und alsbald hub
+es an vom Himmel zu schneien auf die Stätte.&#x2060;<a id="FNanchor_627_627" href="#Footnote_627_627" class="fnanchor">[627]</a> Die Schnee-Maria
+ist somit eine legendarische, nicht bloss auf Deutschland beschränkte
+Gestalt. Allein schon deshalb fällt J. Grimms Behauptung, es sei
+eine Eigenschaft Holdas auf Maria übergegangen. Das Verhältniss ist
+umgekehrt, Frau Holle ist der Maria nachgeahmt.&#x2060;<a id="FNanchor_628_628" href="#Footnote_628_628" class="fnanchor">[628]</a></p>
+
+<p>Wenn in einigen norddeutschen Landstrichen Fru Gode, Fru Gaue, de gaue
+Fru dasselbe Ernteopfer erhält, wie Wode, so beruht dies entweder auf
+der Frau Wode, der wilden Jägerin, der Diana-Herodias, oder es lässt
+sich ein segnender Flurgang der guten Frau, der Maria, denken.&#x2060;<a id="FNanchor_629_629" href="#Footnote_629_629" class="fnanchor">[629]</a></p>
+
+<p>Zieht man aus der Betrachtung der gesamten Überlieferung <span class="pagenum" id="Page_500">[S. 500]</span>den
+Schluss, so bleibt das unanfechtbare Hauptergebniss, dass in diesen
+Gestalten der spätmittelalterlichen und neueren Volkssage ein Nachhall
+germanischer Göttinnen nicht nachweisbar ist. Wol aber bieten sich
+ungezwungen andere ausreichende Erklärungen. Die gespenstische Frau
+wurzelt im Volksaberglauben; treten manchmal, namentlich an Frau
+Holle, mildere Züge hervor, so zeigt sich Zusammenhang mit Maria und
+den guten Holden. So verschiedenartig die Bestandteile sind, aus denen
+die umgehende Frau des Volksglaubens sich entfaltete, nirgends wirkt
+heidnischer Götterglaube nach. Sowenig wie früher bei Zisa, Frau Eysen
+(Isis) gelehrter Übereifer sich als gerechtfertigt erwies, gelang es
+den neueren Sagenforschern auf die Dauer, die Holda, Berchta, Fricka
+als germanische Göttinnen zu kanonisieren. Doch leben sie wenigstens im
+wirklichen Aberglauben, nur nicht, wie man wähnte, als verblasste und
+erniedrigte Göttinnen.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_501">[S. 501]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="DRITTES_HAUPTSTUCK">
+ DRITTES HAUPTSTÜCK.
+ </h2>
+
+</div>
+
+<h3 id="Von_der_Weltschoepfung_und_vom_Weltende"><b>Von der Weltschöpfung und
+vom Weltende.</b></h3>
+
+<p>Die Frage, wie die Welt entstand, ob und wie sie vergeht, setzt eine
+ziemlich hohe Stufe des Denkens voraus, falls die Antwort darauf in
+Gestalt einer Entwicklungsgeschichte der Welt gegeben wird. Hier
+liegen die Keime zur Naturphilosophie, die in ihren Anfängen leicht an
+kosmogonische Sagen anknüpft. Nur begabte und gesittete Völker werden
+zu einer fein gegliederten Lehre von den ersten und letzten Dingen
+fortschreiten. Die nächste Frage ist, woher kam die Welt, erst lange
+nachher erhebt sich die Frage, wohin geht die Welt. Denn die bestehende
+von den Göttern eingesetzte Weltordnung erscheint dem einfachen
+Heidenglauben ewig und unwandelbar. Höchstens denkt er darüber nach,
+wie es so kam. Das lehrt die griechische Mythologie. Der Heide wird den
+Stoff als das erste setzen, den göttlichen Geist, der den Stoff sich
+unterwirft, erst allmälig daraus hervorgehen lassen, im Gegensatz zur
+christlichen Lehre, welche in Gott den Anfang und das Ende aller Dinge
+erblickt. Im Heidentum entwickelt sich eine Weltlehre nur beiläufig,
+im Anschluss an die Götterlehre, an die Theogonie, gleichsam zur
+Rechtfertigung der waltenden Götter, welche ihre gebietende Stellung
+den dämonischen Wesen abgerungen haben und gegen sie behaupten werden.
+Die Absicht geht dahin, die bestehende Ordnung als die Vollendung
+der Weltentwicklung, als den Sieg der Göttermacht hinzustellen. Die
+Hauptteilnahme gehört den gegenwärtigen Zuständen des Götterstaates,
+nicht den vergangenen oder künftigen. Anders im Christentum, wo das
+Ewige, Göttliche das Zeitliche, Weltliche überragt. Da erscheint das
+Weltleben nur als ein Übergang. Ganz andere Bedeutung gewinnt die
+Kosmogonie und Eschatologie, auf welche ein Hauptgewicht der Lehre
+fällt. Die Glaubensboten mussten vor allem auf diese Erkenntniss
+hinwirken und hatten eifrig von der göttlichen Weltschöpfung und
+<span class="pagenum" id="Page_502">[S. 502]</span>vom Weltende, vom jüngsten Gericht, von der ewigen Seligkeit und
+von den ewigen Strafen zu predigen. Wo sie heidnische kosmogonische
+oder theogonische Vorstellungen vorfanden, widerlegten, sie diese
+mit dem Hinweis auf den ewigen Gott, der vor dem Weltstoffe da war,
+nicht wie die Heidengötter aus dem Stoff hervorging, geschaffen oder
+gezeugt wurde. Die Kosmologien der verschiedenen Völker, unabhängig vom
+reinen christlichen Gottesbegriff, gleichen einander in Einzelheiten
+oft aufs genauste. Da von einer Uroffenbarung der Menschheit oder
+von einer urarischen Weltlehre nicht die Rede sein kann, sind die
+zahlreichen Übereinstimmungen nur aus Zufall oder durch Entlehnung
+zu erklären. Gewiss ist die Wahrscheinlichkeit unleugbar, dass viele
+Völker durchaus unabhängig und selbständig diese Fragen aufwarfen
+und ähnlich beantworteten. Die Natur gewährt den Stoff zur Antwort,
+das Denken des menschlichen Geistes kann aus übereinstimmenden
+gleichen Voraussetzungen manchmal auch unwillkürlich zu denselben
+Schlüssen gelangen, falls die Grundlagen sehr einfach sind. Aber
+wenn sich Gleichungen in einer zusammenhängenden, stufenreichen
+und sinnvollen Reihenfolge von Schöpfungsakten einstellen, wenn
+Einzelheiten, die einem kunstvollen, willkürlichen Gedankengang
+entspringen, zusammenstimmen, so liegt die Annahme der Entlehnung
+nahe. Nachahmung und Entlehnung scheinen um so glaublicher, wo die
+allgemeinen Verhältnisse ein Einströmen fremder Einflüsse ermöglichen.
+Die nordische Mythologie enthält eine sehr ausführliche Weltlehre.
+Da erhebt sich nun die Frage, ob dieselbe auch für die deutschen
+Stämme in Anspruch genommen werden darf, ob sie gemeingermanisch
+oder ausschliesslich nordisch ist, ob sie auf nordgermanischem Boden
+aus lauter heimischen Vorstellungen erwuchs, oder ob fremde, antike
+oder christliche Einflüsse darin zu erkennen sind. Zunächst sind die
+Zeugnisse zu prüfen, welche für das Dasein ähnlicher Sagen unter den
+deutschen Stämmen angeführt zu werden pflegen.</p>
+
+<h4 id="I_Deutsche_Sagen_uber_den_Ursprung_der_Goetter_und_Menschen">
+<b>I. Deutsche Sagen über den Ursprung der Götter und Menschen.</b></h4>
+
+<p>Dass die Germanen eine Theogonie und Anthropogonie, Lieder vom Ursprung
+der Götter und Menschen besassen, wird durch Tacitus Germania Kap. 2
+bezeugt. Sie priesen in alten Gesängen den <span class="pagenum" id="Page_503">[S. 503]</span>erdgeborenen Gott Tuisto
+und seinen Sohn Mannus, die Urheber und Erzeuger ihres Volkes. Dem
+Mannus schrieben sie drei Söhne zu, nach welchen die Ingaevonen,
+Erminonen, Istaevonen genannt sind. In diesem Mythus war vom Ursprung
+der Menschheit überhaupt, dann vom Ursprung der germanischen Stämme
+im besonderen erzählt. Aus der Erde ging ein göttliches Wesen hervor,
+Tuisto, der Zwitter. Der zeugte Mannus&#x2060;<a id="FNanchor_630_630" href="#Footnote_630_630" class="fnanchor">[630]</a>, d.&#8239;i. den Urmenschen; also
+nicht geschaffen, sondern auf natürlichem Wege von den Göttern gezeugt
+ist die Menschheit. Die Stammväter der germanischen Völkerschaften sind
+Söhne des Urmenschen. Wenn andererseits die Ingaevonen, Erminonen,
+Istaevonen den Namen ihrer Stämme dem Tiuȥ beilegten, so betrachteten
+sie sich damit aber auch als seine unmittelbaren Nachkommen. Demnach
+scheinen im Mythus, auf welchen Tacitus anspielt, zwei ursprünglich
+selbständige und eigentlich unvereinbare Sagen zusammengeschweisst
+worden zu sein. Die Sagen vom gottgezeugten Urmenschen und von den
+Tiuȥsöhnen, die unabhängig neben einander entstanden sein müssen,
+wurden einander untergeordnet und daraus ergab sich die von Tacitus
+berichtete Reihenfolge.&#x2060;<a id="FNanchor_631_631" href="#Footnote_631_631" class="fnanchor">[631]</a> Tacitus fügt hinzu, es gebe noch mehr
+Göttersöhne, nach denen Völkerschaften genannt seien — <i>pluris deo
+ortos plurisque gentis appellationes</i>. Für die germanische Theogonie
+lernen wir nur, dass die Erde als Göttermutter galt. Aber es lässt sich
+nicht bestimmen, ob Tuisto unmittelbar aus der Erde entsprosste oder ob
+der Himmel sein Vater war, ob wir das uralte Götterpaar Himmel und Erde
+auch an den Anfang der germanischen Götterlehre stellen dürfen.</p>
+
+<p>Kauffmann&#x2060;<a id="FNanchor_632_632" href="#Footnote_632_632" class="fnanchor">[632]</a> hat auf einen für die Bekehrungsgeschichte zweifellos
+<span class="pagenum" id="Page_504">[S. 504]</span>überaus lehrreichen und wichtigen Brief aus den Jahren 723 bis 725
+hingewiesen, worin der Bischof Daniel von Winchester dem Bonifacius
+Ratschläge erteilt, wie er bei der Heidenbekehrung vorgehen solle.
+Kultgebräuche und Göttersagen (<i>ritus et fabulae</i>) dürfen nicht
+schlechtweg heruntergesetzt und verpönt, müssen vielmehr aus inneren
+Gründen als unhaltbar erwiesen werden. Der Bekehrer hat sich mit
+dem Gedankenkreise der Heiden vertraut zu machen, ihre Anschauungen
+und Begriffe kennen zu lernen, um sie hierauf zu widerlegen. Daniel
+schreibt das Verfahren genau vor <span class="pagenum" id="Page_505">[S. 505]</span>und geht darum auf die heidnischen
+Vorstellungen der deutschen Stämme ein. Es fragt sich nun, wie
+diese beschaffen waren. Zunächst ist mit der Theogonie (<i>deorum
+genealogia</i>) zu beginnen. Die Göttersage berichtet von Erzeugung und
+Geburt der einzelnen Götter und stellt die einen an Macht und Ansehen
+über die andern. Dagegen hat der Bekehrer den Satz zu verfechten, dass
+Wesen, welche der Zeugung und Geburt unterliegen, eher Menschen als
+Götter seien. Und wenn die Götter in Urzeiten Kinder bekamen, warum sie
+sich jetzt der Zeugung enthielten? Andernfalls wäre freilich die Zahl
+der Götter unbegrenzt, und die Sterblichen könnten nie wissen, welcher
+der Mächtigste sei. Die Opferspenden an die Götter seien unnötig, wenn
+diese doch alles beherrschen würden. Die ganze Beweisführung zielt
+allein dahin, dass der eine allmächtige und allewige Gott seinem Wesen
+nach darum den Heidengöttern überlegen sei, weil diese eben zeitlich
+und menschlich, nur wie mächtige irdische Könige gedacht sind. Die
+Vielheit der Götter und ihre Verwandtschaftsverhältnisse geben dem
+Christen Anlass, seinen Gottesbegriff als den höheren und reineren
+entgegenzuhalten. Eine zweite Hauptfrage betrifft den Bestand der Welt:
+ist die Welt ewig oder einmal erschaffen; dann aber bedarf sie eines
+Schöpfers. Ehe die Welt besteht, ist zweifellos kein Raum für gezeugte
+Götter. Doch könnten die Heiden die Welt für uranfänglich halten
+— <i>quod multis refutare ac convincere documentis argumentisque
+stude</i>. Gesetzt aber, es wäre so, wer gebot der Welt vor den
+geborenen Göttern? wie konnten sie eine vor ihnen vorhandene Welt sich
+unterwerfen? von wem und wann wurde die erste Gottheit eingesetzt oder
+erzeugt? Die Fragen sind geschickt gestellt, der Christ findet immer
+den einen Bescheid, auf den der Bekehrer hindrängt: der eine ewige
+und allmächtige Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde. Wird aber
+dadurch eine deutsche Kosmogonie „eine Vǫlospǫ́ der mitteldeutschen
+Stämme“, wie Kögel behauptet, wahrscheinlich? Eher das Gegenteil, das
+Fehlen ausgebildeter kosmogonischer Sagen. Wer die nordische Weltsage
+den Fragen gegenüber hält, ist um Auskunft nicht verlegen. Der Urstoff
+ist ewig und unerschaffen, daraus erhub sich Ymir und der erste
+Gott, Buri. Von ihm stammte Bur, der Odin und seine Brüder erzeugte.
+Diese schufen Himmel und Erde aus Ymirs Leib. Ehe die jetzige Welt
+bestand, hausten die Götter gleich Ymir im eisigen Urstoffe. Hätte
+der kluge Bischof solche Antworten zu gewärtigen gehabt, so würde er
+seine Fragen sicher anders geordnet haben. Auf eine <span class="pagenum" id="Page_506">[S. 506]</span>dem nordischen
+Bericht auch nur einigermaassen ähnliche deutsche Schöpfungssage kann
+aus Daniels Brief nimmermehr geschlossen werden. Er betrifft nur die
+Göttersage (Theogonie) und das Opfer und folgert: solche zeitliche
+menschenähnliche Götter können diese Welt weder geschaffen haben noch
+sie beherrschen. Sie sind in Zeit und Raum befangen. Gott aber ist
+ausser Zeit und Raum und darum ihnen überlegen.</p>
+
+<p>Zum Nachweis einer fränkisch-deutschen Kosmogonie liesse sich besser
+der Bericht Gregors von Tours 2, 29–31 heranziehen, wie dies auch
+von J. Grimm, Myth. 96 geschah. Chrothild spricht zu ihrem Gemahle
+Chlodowech, den sie für die Taufe einnehmen will, gegen seine Götzen
+Saturnus, Juppiter, Mars und Merkur. Mit den lateinischen Namen an
+Stelle der fränkischen Donar, Tiu, Wodan, kamen auch Bezüge auf die
+antike Mythologie herein, so dass es schwierig ist, die etwa zu Grunde
+liegenden fränkischen Anschauungen unverfälscht abzuklären. Als die
+Königin den Christengott rühmt, der Himmel und Erde und Meer und Alles,
+was darinnen ist, mit seinem Worte aus dem Nichts erschuf, hält ihr
+der König entgegen: <i>deorum nostrorum jussione cuncta creantur ac
+prodeunt. deus vero vester nihil posse manifestatur, et quod magis
+est, nec de deorum genere esse probatur</i>. Chlodowech will sagen,
+in unsrer Göttersage, in Wodans Stammbaum ist kein Platz für den
+Christengott. Unsere Götter aber haben die Welt gemacht. Fränkische
+Lieder mögen demnach die Götter als die Schöpfer bezeichnet haben, etwa
+im Sinne der Vǫlospǫ́, dass Himmel und Erde von ihnen aus dem Chaos
+gehoben und wohnlich eingerichtet wurde. Eine fränkische Theogonie
+wird ebenfalls vorausgesetzt, welche die Götter in fest gegliedertem
+Stammbaum von einander ableitet. Doch haben wir keine Gewähr, in wie
+weit das von Gregor mitgeteilte Gespräch nicht nur auf erfundenen
+Phrasen beruht. Aufs blosse Wort der Götter wird die Welt schwerlich
+entstanden sein. Dieser Bescheid des Königs ist vielleicht gar nicht
+so wörtlich und wirklich zu nehmen, vielmehr ein blosser rednerischer
+Trumpf auf den Vorhalt der Königin. Mehr Vertrauen, wie auch J.
+Grimm betont, verdient der Einwurf des Götterstammbaumes. Lieder
+theogonischen Inhaltes bezeugt ja schon Tacitus. Der Theogonie gesellen
+sich allerdings leicht auch Andeutungen über Ursprung und Ordnung
+der Welt. Odins Beinamen Gautr für einen germanischen Götternamen
+zu erklären, ist vielleicht gestattet. Aber darin einen „Giesser“,
+d.&#8239;h. Schöpfer, also die Vorstellung <span class="pagenum" id="Page_507">[S. 507]</span>eines den Germanen bekannten
+schöpferischen Gottes zu sehen, ist falsch, wie im Abschnitt über Wodan
+gezeigt wurde.</p>
+
+<p>Das altsächsische Bruchstück aus dem Ende des 8. Jahrh., <i>das
+sog. Wessobrunner Gebet</i>&#x2060;<a id="FNanchor_633_633" href="#Footnote_633_633" class="fnanchor">[633]</a>, muss häufig dafür herhalten, ein
+heidnisches niederdeutsches Gedicht kosmogonischen Inhaltes zu
+erweisen, weil ein paar Verse, welche den Zustand vor der Weltschöpfung
+schildern, an die Vǫlospǫ́ anklingen. Allein die Übereinstimmung kann
+auf Zufall beruhen, da in beiden Denkmälern derselbe Grundgedanke
+in der gleichen Weise Ausdruck erhält. Der vorweltliche Zustand
+wird durch die Verneinung dessen, was die sichtbare Welt vor Augen
+stellt, beschrieben. Besteht aber ein Zusammenhang, dann bedarf es
+keines gemeinsamen heidnischen Gedichtes, vielmehr gibt die Bibel den
+gemeinschaftlichen Hintergrund. Alle Begriffe, die im Wessobrunner
+Gebet vorkommen, lassen sich aus der Bibel, aus der Genesis Kap. 1
+und aus Psalm 89, 2, belegen. Die Vǫlospǫ́ kann aber von zahlreichen
+christlichen Einflüssen nicht freigesprochen werden.</p>
+
+<p>Das bayerische Gedicht aus dem 9. Jahrh., <i>das sog. Muspilli</i>
+wurde auch auf heidnische Nachklänge hin untersucht. Während Kögel
+im Anschluss an J. Grimm, Myth. 771 ff. wiederum diesen heidnischen
+Spuren das Wort redet, bescheidet sich Kelle S. 146 mit der letzten
+Verteidigungsstellung der Verfechter des Heidentums: „Heidnisch
+ist in dem deutschen Gedichte vom Weltgerichte sicher nichts als
+<i>mûspilli</i>.“ Gerade dieses Wort ist aber der allersicherste und
+deutlichste Beweis für die christliche Herkunft des Gedankens vom
+Weltbrand, wie unten im Anschluss an Bugge, Studien S. 447 ff. gezeigt
+werden soll.</p>
+
+<p>Die aus mündlicher Überlieferung aufgezeichnete Volkssage dieses und
+des vorigen Jahrhunderts weiss von einer künftigen fürchterlichen
+Schlacht.&#x2060;<a id="FNanchor_634_634" href="#Footnote_634_634" class="fnanchor">[634]</a> Sie ist ans Walserfeld bei Salzburg oder <span class="pagenum" id="Page_508">[S. 508]</span>an den
+Kirchhof zu Nortorf in Holstein geknüpft, kommt aber auch sonst in
+deutschen Gauen häufig vor. Wenn der dürre Baum auf der Walser Heide
+anhebt zu grünen und Früchte zu tragen, wenn der Fliederbusch zu
+Nortorf so hoch gewachsen ist, dass ein Pferd darunter angebunden
+werden kann, dann bricht in der ganzen Welt Krieg aus. Dann reitet
+ein Kaiser zum Baum oder Strauch, hängt seinen Schild auf oder bindet
+sein Pferd an, und nun beginnt die letzte blutige Schlacht, aus der
+nur wenige Leute übrig bleiben. Darauf kommt der Weltfrieden, andere
+Quellen aber sagen, der Antichrist und das Weltende. Nach dem Vorgange
+J. Grimms war es lange Zeit üblich, die Sage für einen Nachklang
+der germanischen Götterschlacht, die dem Weltbrand vorausgeht, zu
+betrachten. Der Baum erinnerte an die Weltesche, die erbebt und
+rauscht, wenn die höllischen Mächte einmal losbrechen. Aber dieser
+Schluss hat sich als voreilig herausgestellt. Diese allgemeine
+Weissagung einer letzten grossen Weltschlacht gehört, wie die älteren
+Fassungen deutlich zeigen, zur mittelalterlichen Kaisersage und
+entstammt einer alten morgenländischen und durchaus christlichen
+Sage, die mit dem deutschen Heidentum gar nichts zu schaffen hat.
+Der Schauplatz ist in den älteren Fassungen auch keine deutsche
+Heide, sondern das heilige Land. Im Mittelalter ging auf Grund einer
+byzantinischen Weissagung die Legende von einem letzten römischen
+Kaiser, der siegreich über alle Feinde nach Jerusalem ziehen und dort
+seine Krone niederlegen oder seinen Schild am dürren Baume, der alsbald
+frisch ergrünt, aufhängen werde. Damit ist der biblischen Prophezeiung
+gemäss das letzte Weltreich vorüber und der Antichrist und das Weltende
+folgen alsogleich. Die Sage von der letzten Weltschlacht ist mithin
+zum Beweise einer deutschen „Götterdämmerung“ nicht zu verwenden.
+Sie ist aber ein lehrreiches und warnendes Beispiel, wie vorsichtig
+die mythologische Auslegung den neueren Volkssagen gegenüber sich zu
+verhalten hat. Ihre oft allgemeine Form verführt allerdings zu solchen
+Versuchen, die aber schon durch die älteren Fassungen völlig unhaltbar
+erscheinen müssen. Denn da treten immer zahlreicher und bestimmter
+Einzelheiten hervor, welche die Sage dem Gebiete germanischer
+Mythologie entziehen. So möchte noch manche Erscheinung des neueren
+Volksglaubens, die für die Geschichte <span class="pagenum" id="Page_509">[S. 509]</span>des deutschen Heidenglaubens
+beansprucht wird, allein schon durch die Kenntniss älterer,
+vollständigerer und bestimmterer Fassung hinfällig werden. Die stetig
+zeugende und schaffende sagenbildende Kraft, die nicht unterschätzt
+werden darf, bewegt sich oft nur scheinbar in uralt heidnischem Geleise.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Damit sind die Quellenzeugnisse ausserhalb des Nordens erschöpft. Eine
+germanische Theogonie, die aber im Laufe der Zeiten und unter den
+verschiedenen Stämmen sehr vielgestaltig und veränderlich gewesen sein
+mag, ist zweifellos. Schon die geschichtliche Entwickelung, wenn anders
+mit Recht das allmälige Aufkommen Wodans über Tiuȥ angenommen wird,
+brachte Wandel und Wechsel in den Götterstaat. Der höchste Gott hat die
+andern als Söhne oder Brüder um sich geschart, da bildet sich leicht
+auch die Sage von seinen Ahnen. Die gebietende Machtstellung musste
+gegen Nebenbuhler und andere Feinde erkämpft und behauptet werden. In
+den angelsächsischen Stammtafeln hat Wodan nicht bloss Nachfahren,
+sondern auch Vorfahren. Für eine ausgebildete Kosmogonie spricht kein
+zweifelloses Zeugniss. Für die germanische Sage vom Weltbrand ist
+nicht der Schatten eines Beweises zu erbringen. Damit muss auch der
+deutschen und germanischen Göttersage die tiefe Tragik der nordischen
+abgesprochen werden. Wol war auch jene vom freudigen, todverachtenden
+Heldentum erfüllt, aber der düstre Schatten eines unentrinnbaren
+Verderbens mit dem versöhnenden Ausblick auf eine neue, milde und reine
+Welt des ewigen Friedens blieb dem Schicksal der deutschen Götter
+vermutlich ferne.</p>
+
+<h4 id="II_Die_nordische_Schoepfungslehre">
+<b>II. Die nordische Schöpfungslehre.</b></h4>
+
+<p>Die folgende Darstellung der nordischen Weltlehre geht darauf aus,
+in möglichst deutlichen Umrissen die in den Skaldengedichten des
+9./10. Jahrhunderts vorhandenen Vorstellungen zu schildern. Für den
+vermutlichen Ursprung der einzelnen Bilder beschränke ich mich auf
+kurze Andeutungen. Weltanfang und Weltende umfassen die gesamte
+Göttersage im grossen, erhabenen Rahmen, der die einzelnen Mythen
+in völlig neuem Lichte, als Handlungen im geschlossenen Weltendrama
+erscheinen lässt. Eine gewaltige erschütternde Dichtung baut sich
+auf, eine wundervolle, <span class="pagenum" id="Page_510">[S. 510]</span>tiefernste Göttersage, wie kein andres Volk
+sie besitzt. Gleichviel, woher die Anregung kam, der unvergängliche
+Wert der dichterischen Schöpfung, welche den krönenden Abschluss der
+germanischen Religionsgeschichte bildet, bleibt ungekränkt bestehen.
+Aber es war eine Dichtung auserwählter Kreise, kein echter, überzeugter
+Volksglaube, wie folgende Erzählung aus der Bekehrungszeit zu beweisen
+scheint.</p>
+
+<p>Sveinn und sein Sohn Finn stritten sich um die Macht der Heidengötter,
+die Finn verachtete. Sein Vater hielt ihm das vor, weil Thor so viele
+und grosse Heldenthaten verrichtet habe, durch die Berge gefahren
+sei und Felsen zertrümmert habe, Odin aber über den Sieg der Männer
+entschieden habe. Finn antwortete: Das ist sehr geringe Macht, Klippen
+oder Steine zu zerbrechen und an solchen sich abzuarbeiten, oder den
+Sieg so zu verleihen, wie Odin ihn verlieh, mit Betrug, nicht aber
+mit Gewalt. Der dagegen scheint mir mächtig, der am Anfang die Berge
+gesetzt hat, die ganze Welt und die See. Was könnt ihr mir aber von
+diesem sagen? Darüber wurde von Sveinn wenig gesprochen. Finn Sveinsson
+thut das Gelübde, in den Dienst des Königs zu treten, der der Oberste
+ist und vor allen anderen hervorragt. Er ergibt sich wie Christophorus
+schliesslich dem Christus, weil er so gewaltig war, dass er eine
+Heerfahrt in die Hölle that und dort den Thor band, den obersten der
+Heidengötter.&#x2060;<a id="FNanchor_635_635" href="#Footnote_635_635" class="fnanchor">[635]</a></p>
+
+<p>Der Aufzeichnung kommt freilich kein hohes Alter zu. Aber sie ist
+trotzdem merkwürdig genug, indem sie die nordische Schöpfungslehre
+als gar nicht vorhanden betrachtet. Ähnlich sind noch andere Stellen.
+In der durchaus ungeschichtlichen Sage von Orvar-Odd werden die
+heidnischen Nordleute, welche auf einer Reise nach Aquitanien in
+eine Kirche gelangen, nach ihrem Glauben gefragt. Sie antworten: Wir
+bauen auf unsre Macht und Stärke und glauben nicht an Thor und Odin.
+Der Einheimische erwidert: Wir glauben an den, der Himmel und Erde
+geschaffen hat, die See, die Sonne und den Mond. Odd sprach: Der muss
+gross sein, der alles das gezimmert hat. Aus den letzten Zeiten des
+Heidentums hören wir von Leuten, die aus eigner freier Überzeugung
+den Heidenglauben als unvollkommen verwarfen und nur auf sich selbst
+vertrauten oder aber einer geläuterten Gottesverehruug, dem Bilde des
+von fernher ihnen vorschwebenden Christengottes, sich <span class="pagenum" id="Page_511">[S. 511]</span>zuwandten.&#x2060;<a id="FNanchor_636_636" href="#Footnote_636_636" class="fnanchor">[636]</a>
+Thorkell Mani, der von allen Heiden am besten gesittet war, liess sich
+in seiner Todeskrankheit in den Sonnenschein hinaustragen und befahl
+sich in die Hände des Gottes, der die Sonne geschaffen habe. Der alte
+Ingimund im Vatnsdal, der früher eifrig dem Freyr gedient hatte, war
+ein überaus tüchtiger und treuer Mann; sein Sohn Thorstein preist die
+Güte seines Vaters und meint: Das wird unserm Vater von dem vergolten
+werden, der die Sonne geschaffen hat und alle Welt. Ein andermal
+spricht derselbe Thorstein: Nun will ich den anrufen, der die Sonne
+geschaffen hat, denn ihn halte ich für den Mächtigsten. Diese und
+andre Stellen betonen die Schöpferkraft des Christengottes, den sie
+mit bewusster Absicht Odin und den andern Göttern gegenüber stellen.
+Dass Odin und seine Brüder Himmel und Erde und die Gestirne schufen,
+dass sie den Lauf der Sonne und des Mondes regelten, wie es in alten
+Liedern und der Edda heisst, kann demnach kein allgemeiner, lebendiger
+Glaube gewesen sein. Sonst hätte sich doch der Heide ebenso auf die
+Schöpferkraft seiner angestammten Götter berufen müssen. Die nordische
+Weltlehre scheint mithin eine Dichtung, kein eigentlicher Volksglaube,
+mit dem die Bekehrung zu rechnen hatte.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Das_Chaos_der_Urzustand_und_die_Urwesen_1">
+<b>1. Das Chaos, der Urzustand und die Urwesen.</b></h5>
+
+<p>Den Anfang aller Dinge bezeichnet die nordische Weltlehre mit der
+Verneinung dessen, das für uns sichtbar besteht: Da war nicht Sand,
+noch See, noch kalte Woge, nicht Erde gab es, noch Oberhimmel, nur
+gähnende Kluft (<i>ginnunga gap</i>)&#x2060;<a id="FNanchor_637_637" href="#Footnote_637_637" class="fnanchor">[637]</a>, doch nirgends <span class="pagenum" id="Page_512">[S. 512]</span>Gras. Es
+wird ein <i>Chaos</i> oder besser <i>Chasma</i>, <i>Hiatus</i>,
+gähnender Schlund gesetzt. Der Begriff des Abgrundes, der Kluft liegt
+in <i>gap</i>, der des Weiten, Gähnenden im dazu gestellten Genitiv
+<i>ginnunga</i>. Mit <i>ginnunga gap</i> ist der leere Raum gemeint.
+Der leere Raum entstand aber, wie die Gylfaginning ergänzend hinzufügt,
+dadurch, dass der wesenlose Urstoff im Norden und Süden zu finsterm
+Nebel, zu Wasser und Eis und zu Feuer sich verdichtete. „Viele Jahre
+vor der Erschaffung der Erde war Niflheim (die Welt des Nebels, des
+Dunkels) entstanden; mitten drin liegt der Brunnen, der Hwergelmir (der
+in kesselförmiger Vertiefung rauschende) heisst. Aus ihm ergiessen sich
+viele Flüsse. Zuerst bestand jedoch die Gegend, welche Muspellsheim
+heisst; diese ist hell und heiss, und sie kann von niemand, der dort
+nicht zu Hause ist, betreten werden.“ Über Ursprung und Sinn des Namens
+Muspell wird weiter unten gehandelt. In der Schöpfungssage tritt
+damit nur die Feuerwelt der Nebelwelt gegenüber, worin einerseits die
+Anschauung von Feuer und Wasser als den Urelementen, andererseits wol
+auch die christliche Vorstellung einer Wasser- und Feuerhölle anklingt.
+In Niflheim und Hwergelmir sind eigentlich zwei Elemente angedeutet:
+der Nebel, d.&#8239;h. die dunkle Luft, und das Wasser. In Gestalt von zwölf
+Flüssen, die kalte, feuchte Luftschichten mit sich führen, entströmt
+das Wasser dem Urquell und verdichtet sich zu Eis, womit offenbar der
+Übergang des Flüssigen zum Festen erklärt werden soll. Somit werden die
+Elemente als uranfänglich betrachtet, welche zunächst geschieden an den
+Grenzen des leeren Raumes lagern. Bald aber dringen sie herein und aus
+ihrer Vermischung, insbesondere durch die belebende Kraft des Feuers,
+erstehen die ersten organischen Gebilde.</p>
+
+<p>Die Gylfaginning fährt in ihrem Berichte fort: „Diese Flüsse, die
+Eliwagar heissen, waren soweit von ihrem Ursprunge fortgekommen, dass
+die darin enthaltene giftige Flüssigkeit (d.&#8239;h. die bitterkalte Flut)
+erstarrte wie die Schlacke in der Esse. Dort befand sich Eis, welches
+stehen blieb und nicht mehr vorrückte; <span class="pagenum" id="Page_513">[S. 513]</span>da legte sich Reif darauf und
+auch das Nass der Giftflut gefror zu Reif, und so schob sich eine
+Reifschicht über die andere nach <i>ginnunga gap</i> hinein. Der
+nördliche Teil der gähnenden Kluft füllte sich mit dicken, schweren
+Eis- und Reifmassen, die Sprühregen und Winde hervorbrachten. Der
+südliche Teil wurde lauer durch die Funken, welche aus Muspellsheim
+hereinflogen. Wie die grimmige Kälte aus Niflheim kam, so war alles in
+der Nähe von Muspellsheim heiss und hell. <i>Ginnunga gap</i> ward so
+lau wie windstille Luft. Als die heisse Luft den Reif erreichte, so
+dass er zu schmelzen und zu tropfen begann, da entstand ein Wesen, wie
+ein Mensch gestaltet. Sein Name war Ymir, den die Reifriesen Örgelmir
+(den gewaltig Rauschenden) nennen, und er ist der Stammvater ihres
+Geschlechts.“ So sagt auch Wafthrudnir (Vafþr. 31):</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Aus den Eliwagar &#8195;&#8195;troff ätzendes Gift,</div>
+ <div class="verse indent2">Das türmte sich, bis ein Thurs draus ward;</div>
+ <div class="verse indent0">Das ist der Ursprung &#8195;unsres Geschlechtes,</div>
+ <div class="verse indent2">Drum ist rauh der Riesen Sinn.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Der leere Raum erfüllt sich allmälig mit den Elementen, die sich zu
+einer Riesengestalt verdichten. Die Riesen bewohnen überhaupt die
+unwirtlichen, den Menschen unzugänglichen Gegenden. So ist jener erste
+Riese im Ureise der nordischen Vorstellung völlig angemessen und
+ebenso gut denkbar, wie die Riesen im Eise des nächtigen Polarmeeres,
+welche Hymir verkörpert. Das Gesamtbild der von Wasser, Nebel und Eis
+erfüllten Urwelt, deren Nacht vom Süden her allmälig Licht und mildere
+Luft empfängt, ist deutlich genug der nordischen Natur entnommen. Dort
+spielen sich die in der Gylfaginning geschilderten Vorgänge immer von
+neuem ab. Dass dem Urstoff ein organisches Gebilde entwächst, berichten
+auch andere Kosmogonien. Die dem Chaos entspringenden Kinder Erebos
+und Nyx sind keineswegs abstrakt als Zustände, vielmehr persönlich,
+als titanische, riesenhafte Wesen gedacht, ja Chaos selber gilt
+später auch für persönlich. So wird auch der Abyssus der biblischen
+Schöpfungslehre als ein im Abgrund eingesiedelter Riese gedacht und
+dargestellt. Nach der Vǫlospǫ́ sind <i>Ymir</i> und <i>ginnunga gap</i>
+gleichzeitig und mit Recht: sie verhalten sich wie <i>Chaos</i> und
+<i>chaos</i>, <i>Abyssus</i> und <i>abyssus</i>. Auf der einen Seite
+steht die geistigere, des abstrakten Denkens fähige Vorstellung, auf
+der andern die sinnliche, die nur Gestalten begreift. Die Gylfaginning
+<span class="pagenum" id="Page_514">[S. 514]</span>philosophiert, wie der Urstoff zum riesenhaften Urleib werden konnte,
+wie in beiden die gleichen Grundkräfte der Natur wirken.</p>
+
+<p><i>Ymir</i> (zu <i>ymja</i>, rauschen) besagt dasselbe wie
+<i>Örgelmir</i>, den rauschenden, brausenden Urstoff, das Gewässer
+des Meeres, zum riesenmässigen Urleibe geformt. Sobald aber ein
+menschenähnliches Gebilde dem Chaos entstiegen, vollzieht sich auch
+die weitere Entwicklung auf dem Wege natürlicher Zeugung. Dass im
+ersten Leibe beide Geschlechter vereinigt waren, wusste wol auch die
+germanische Theogonie und Anthropogonie. Tuisto ist ja vielleicht
+der Zwitter, ebenso Ymir (Vafþr. 33). Als er schlief, geriet er in
+Schweiss, da wuchs ihm unter dem linken Arme Mann und Weib, sein
+eigner Fuss zeugte mit dem andern einen Sohn, und so erwuchsen ihm
+Nachkommen. Denn von Ymirs Geschlecht sind alle die Riesen (Hyndl.
+34). Ymirs-Örgelmirs Sohn und Enkel heissen Thrudgelmir und Bergelmir,
+von letzterem stammt das jüngere Reifriesengeschlecht, nachdem das
+ältere in der grossen Flut umkam. Zu beachten ist das Festhalten des
+gleichen Stammes in den Namen <i>Hwergelmir</i>, <i>Örgelmir</i>,
+<i>Thrudgelmir</i>, <i>Bergelmir</i>. Hwergelmir, der Urquell aller
+Gewässer, ist das rauschende Element selber, aus dem sich auch die
+Riesen erheben. Man wird an die griechische Lehre vom Okeanos als dem
+Anfang aller Dinge erinnert. Okeanos ist ebenso das flüssige Element
+selbst wie dessen Beherrscher, also sachlich und persönlich gedacht.
+So liegen in der nordischen Weltlehre verschiedene Anschauungen neben
+einander, indem das erste Geschöpf dem Chaos, den Elementen, dem
+Urflüssigen entwächst. Kann man allenfalls dem naiven dichterischen
+Glauben den Gedanken zutrauen: Im Anfang war das Wasser und der Riese
+des Wassers, oder im Anfang war das Chaos und der Riese des Chaos,
+so ist der Versuch, die Entstehung dieses Urgeschöpfes zu erklären,
+jedenfalls ein Stück mittelalterlicher Physik und gewiss nicht
+selbständig in den Köpfen isländischer Gelehrter entstanden.&#x2060;<a id="FNanchor_638_638" href="#Footnote_638_638" class="fnanchor">[638]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_515">[S. 515]</span></p>
+
+<p>Als der Reif weiter schmolz, entstand die Kuh Audumla daraus. Vier
+Milchströme rannen aus ihren Zitzen und damit nährte sie den Ymir. Die
+Kuh aber fristete dadurch ihr Leben, dass sie die Reifsteine beleckte,
+welche salzig waren. Am ersten Tag nun, als sie leckte, kam eines
+Mannes Haar zum Vorschein, am zweiten Tage der Kopf und am dritten
+der ganze Mann. Sein Name war Buri; er war der Vater des Bur, welcher
+Bestla, die Tochter des Riesen Bolthorn, zur Frau nahm. Dies Paar hatte
+drei Söhne, Odin, Wili und We. Nur bei Snorri steht dieser wunderliche
+und dunkle Bericht. Der Name Audumla widerstrebt der Deutung. Ihr Amt
+ist ein zwiefaches. Sie nährt den Ymir, wozu sich anderwärts ähnliches
+nachweisen lässt. Zeus hat eine Ziege zur Amme; in Sage und Legende
+treten häufig Tiere als Nährmütter der Menschenkinder auf. Da noch kein
+andres Leben herrscht, muss die Sage der Audumla denselben Ursprung
+beilegen wie dem Ymir. Wer in Audumla die Nass und Fruchtbarkeit
+spendende Wolke sieht, weil in einigen Mythologien, namentlich in der
+indischen, die Wolken oft als Milchkühe erscheinen, verkennt doch zu
+sehr den Unterschied zwischen südlicher und hochnordischer Natur.
+Unerhört aber ist, dass die Kuh die Götter zum Leben erweckt. Riesen
+und Götter sind nach der nordischen Weltsage nicht erschaffen wie
+Menschen und Zwerge, sondern von selber aus dem Chaos aufgegangen; die
+Riesen früher als die Götter, wie auch die Titanen vor den lichten
+Göttern da sind. Buri und Bur, Wili und We, diese Namen entstammen
+der christlichen Dreiheit, wie bereits oben gezeigt wurde. Ein spät
+erfundener Stammbaum führt Odins Sippe in die Weltanfänge hinauf.
+Während Zeus einem Titanen entsprosst, berührt sich Odin nur mutterhalb
+mit den Riesen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>So waren die elementaren Naturmächte, die wilden, ungebändigten
+Riesen, und die ordnenden, geistigen, göttlichen Gewalten bereits vor
+Erschaffung des Himmels und der Erde vorhanden. „In den Asen erscheint
+eine edle, gelungene zweite Hervorbringung <span class="pagenum" id="Page_516">[S. 516]</span>gegenüber der ersten
+halbmissratenen riesischen. An den Riesen war ein Übermaass des plumpen
+Leibes aufgewandt; bei den Asen gelangten Leib und Seele zu vollem
+Gleichgewicht, und neben unendlicher Stärke und Schönheit entfaltete
+sich durchdringender, schöpferischer Geist“ (J. Grimm, Mythol. 529).
+Alsbald beginnt aber auch der Kampf zwischen ihnen, welcher das ganze
+Dasein der Götter in der nordischen Sage erfüllt. Die Götter bändigen
+die ungezügelten Elemente, um geordnete, wirtliche und wohnliche
+Zustände dem Chaos entgegenzustellen. Aber es bedarf steter, scharfer
+Wachsamkeit, den Bestand des Gewonnenen zu sichern. Am Ende stürzt
+doch alles wieder vor den entfesselten Elementargewalten zusammen. Die
+Riesen rächen ihre lange Unterjochung an den Göttern. Aus den Trümmern
+taucht eine neue vollkommene, sündlose Welt unter einem andern ewigen
+Gotte empor. Auch Zeus ringt seine Macht den Titanen und Giganten ab.
+Doch gewaltiger und heldenhafter ist Odins That, und das in der Zukunft
+drohende Ende, dessen Herannahen die Götter wissen, verleiht der
+nordischen Göttersage eine mit Recht bewunderte erhabene Tragik.</p>
+
+<p>Die Söhne Burs töteten den Ymir, und es lief aus seinem Körper so viel
+Blut, dass sie darin das ganze Geschlecht der Reifriesen ertränkten.
+Nur einer entkam mit seinen Angehörigen: ihn nennen die Riesen
+Bergelmir. Er begab sich mit seiner Frau in ein Boot und rettete sich
+darin. Von ihm stammen die jüngeren Geschlechter der Reifriesen.</p>
+
+<p>Wafthrudnir erzählt (Vafþr. 35):</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ungezählte Winter&#8195;&#8195;&#8194; vor der Erde Schöpfung</div>
+ <div class="verse indent9">Geschah Bergelmirs Geburt;</div>
+ <div class="verse indent0">Als Frühstes weiss ich,&#8195; dass der erfahrene Riese</div>
+ <div class="verse indent9">Im Boote geborgen ward.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Die Angaben des Liedes und der Gylfaginning stimmen nicht vollständig
+überein. Hier besteigt der Riese mit seiner Frau das Boot&#x2060;<a id="FNanchor_639_639" href="#Footnote_639_639" class="fnanchor">[639]</a>, dort
+wird er allein hineingelegt, vielleicht als Kind, falls nicht die
+Bezeichnung <i>„enn fróþe jǫtonn“</i>, der erfahrene Riese, dagegen
+spricht. Die nordische Sinflut&#x2060;<a id="FNanchor_640_640" href="#Footnote_640_640" class="fnanchor">[640]</a> fällt noch in die chaotische,
+<span class="pagenum" id="Page_517">[S. 517]</span>urweltliche Zeit. Sie entsteht aus dem Blute des erschlagenen Ymir zur
+Vernichtung seiner Nachkommen. Die Götter versuchen durch Totschlag
+und Überschwemmung ihre Gegner zu verderben. Auch die nordische Flut
+wird zur Strafe wilden Übermutes von den Göttern verursacht. Dass
+die Flut mit Ymir zusammenhängt, findet vielleicht in den Worten der
+Genesis 7, 11 <i>rupti omnes fontes abyssi</i>, wodurch die biblische
+Flut herbeigeführt wird, Erklärung, sobald nämlich hier, wie an andern
+Stellen Abyssus persönlich gedacht wird.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Die_Schoepfung_der_Erde_und_des_Himmels_2">
+<b>2. Die Schöpfung der Erde und des Himmels.</b></h5>
+
+<p>Die Söhne Burs erhuben nun die Lande und erschufen den schönen Midgard,
+und zwar aus dem Riesenleibe.&#x2060;<a id="FNanchor_641_641" href="#Footnote_641_641" class="fnanchor">[641]</a></p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Aus Ymirs Fleisch &#8195;&#8195;&#8195;&#8195; &#8239;ward die Erde geschaffen,</div>
+ <div class="verse indent5">Aus dem Blute das brausende Meer,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Berge aus dem Gebein,&#8195; die Bäume aus den Haaren,</div>
+ <div class="verse indent5">Aus dem Schädel das schimmernde Himmelsdach.</div>
+ <div class="verse indent0">Doch aus seinen Wimpern&#8195;&#8195;schufen weise Götter</div>
+ <div class="verse indent5">Midgard dem Menschengeschlecht;</div>
+ <div class="verse indent0">Aus dem Hirne endlich &#8195;&#8195;&#8195;sind all die hartgesinnten</div>
+ <div class="verse indent5">Wetterwolken gemacht.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Gylfaginning Kap. 8 fügt noch bei, die Götter hätten den erschlagenen
+Ymir in die Mitte von Ginnunga Gap geschleppt und dort aus seinem
+Leibe die Welt gebildet. Aus dem Schädel fertigten sie den Himmel und
+setzten ihn über die Erde auf vier vorstehenden Stützen, und unter
+jede Stütze setzten sie einen Zwerg, den Austri, Westri, Nordri und
+Sudri. Um die Erde rings herum legten sie das Meer. Himmel und Erde
+sind also zum Riesenleibe in Beziehung gesetzt. Die Himmelswölbung
+wird dem gewölbten Riesenschädel verglichen, folgerichtig sind die das
+Himmelsgewölbe erfüllenden Wolken aus dem Gehirn Ymirs entsprungen.
+<span class="pagenum" id="Page_518">[S. 518]</span>Der Riesenleib ist der Erde gleich, was ins einzelne ausgemalt
+eine Zusammenstellung von Blut und Wasser, Bein und Stein, Haar und
+Pflanzen ergibt. Dass Midgard aus den Wimpern erschaffen ist, deutet
+auf eine schützende Umzäunung, vielleicht auf einen am Rande der
+Erdscheibe herumlaufenden Waldgürtel. Snorri nennt aber Midgard einen
+Wall (<i>borg</i>), den die Götter wegen der feindlichen Gesinnung
+der an den Meeresküsten angesiedelten Riesen rund um die Erde
+errichtet hätten. Auch in andern Mythologien finden sich Ansätze oder
+ähnlich durchgeführte Gleichungen zwischen Himmel und Erde und einem
+Riesenleib. In mittelalterlichen Schriften begegnen Spekulationen
+über das Verhältniss des <i>Makrokosmos</i> und <i>Mikrokosmos</i>.
+Adams Leib ist aus acht Teilen gebildet, worunter die Gleichungen
+Erde und Fleisch, Stein und Bein, Meer und Blut, Pflanzen und Haar,
+Wolken und Gedanken wiederkehren. Der Unterschied zwischen der
+heidnischen und christlichen Lehre besteht darin, dass dort die ganze
+Natur der auseinander gefallene Urmensch ist, hier der Mensch aus
+natürlichen Elementen zusammengesetzt wird. War man früher geneigt,
+die christliche Vorstellung aus der heidnischen abzuleiten, so dringt
+neuerdings die umgekehrte Auffassung durch, dass die Ymirsage von der
+Adamsage abhängig sei. Schliesslich ist die Möglichkeit beiderseitiger
+selbständiger und unabhängiger Entstehung nicht abzuweisen, nachdem
+ähnliche Gedanken bei den verschiedensten Völkern und zu verschiedenen
+Zeiten auftauchen.</p>
+
+<p>Aus den Funken aus Muspellsheim machten die Götter Himmelslichter. Dann
+ordneten sie den Lauf der Sonne, des Mondes und der Sterne, die Folge
+von Tag und Nacht und die Jahreszählung. Von Süden her beschien die
+Sonne den Erdengrund, da entsprosste grünes Gras.</p>
+
+<p>Darauf schufen die Götter in der Mitte der Welt Asgard, das Götterheim.
+Dort ist ein Ort, der Hlidskjalf (Thürbank, Thürschwelle) heisst. Von
+dort aus kann Odin die ganze Welt übersehen. Der Hochsitz Hlidskjalf,
+der Übersicht über die ganze Welt gewährt, ferner Namen einzelner
+Götterburgen wie Breidablik (Breitglanz), Glitnir (der Glänzende),
+Himinbjorg (Himmelsberg) zeigen deutlich, dass Asgard im Himmel über
+Midgard liegend gedacht ist.&#x2060;<a id="FNanchor_642_642" href="#Footnote_642_642" class="fnanchor">[642]</a></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_519">[S. 519]</span></p>
+
+<p>Wenn ausserdem einige Male noch von Jǫtunheim&#x2060;<a id="FNanchor_643_643" href="#Footnote_643_643" class="fnanchor">[643]</a>, der Riesenwelt,
+Alfheim&#x2060;<a id="FNanchor_643a_643" href="#Footnote_643_643" class="fnanchor">[643]</a>, der Albenwelt, die Rede ist, so soll damit nur allgemein
+der Aufenthaltsort dieser Wesen bezeichnet werden. Eine bestimmte
+Welt, wie Midgard und Asgard, ist nicht damit gemeint. Anders verhält
+es sich mit Muspellsheim und Niflheim&#x2060;<a id="FNanchor_644_644" href="#Footnote_644_644" class="fnanchor">[644]</a>, die ja schon in Snorris
+Schöpfungsberichte am Anfange erschienen. Niflheim oder Niflhel gilt
+als die Totenwelt, als die Nebelhölle, als die Unterwelt. Einige
+Male wird nach christlichem Vorbilde auch noch von der untersten
+Hölle gesprochen. Dass die Hölle unter Midgard sich ausdehnt, mag
+altgermanischer Glaube sein. Der Aufenthalt der Toten, die im Grabe
+geborgen werden, muss ja als unterirdisch gedacht werden.</p>
+
+<p>Die Vǫlospǫ́ 2 und die Vafþrúþnesmǫ́l 43 erwähnen neun Welten,
+<i>nio heimar</i>. Auf Grund dieser Stellen ist auch in der Snorra
+Edda beiläufig von neun Welten die Rede.&#x2060;<a id="FNanchor_645_645" href="#Footnote_645_645" class="fnanchor">[645]</a> Aber nirgends werden
+sie aufgezählt, vor allem nirgends im Weltgebäude vorausgesetzt. So
+einfach und klar das Weltbild der vom Himmel (Asgard) überwölbten
+Erde (Midgard) sich darbietet, so unmöglich ist die Vorstellung von
+neun Welten, will man sie gleichberechtigt mit jenen im Weltganzen
+unterbringen. In den Liedern erscheint <span class="pagenum" id="Page_520">[S. 520]</span>die Neunzahl beidemal im selben
+Zusammenhang und im selben Sinn: wer die neun Welten durchfuhr, weiss
+alles. Die neun Welten scheinen nur typisch gezählt zu sein.&#x2060;<a id="FNanchor_646_646" href="#Footnote_646_646" class="fnanchor">[646]</a> Die
+Vǫlva und Wafthrudnir wollen damit sagen, dass sie bei allen Wesen
+und in aller Welt geweilt, alles durchforscht haben und darum alles
+Weltwissen besitzen. Ein ähnlicher Gedanke liegt auch dem Alwisliede zu
+Grunde. Thor verlangt vom weisen Zwerge Bescheid, wie einzelne Begriffe
+in den vielen Welten genannt werden, und Alwis antwortet demnach, wie
+Erde, Himmel, Sonne, Mond, Wind, Wolke, Meer, Feuer u.&#8239;s.&#8239;w. bei Asen,
+Wanen, Menschen, Riesen, Zwergen, Elben heissen. Darum scheint es ein
+vergebliches Bemühen, die neun Welten als bestimmte Örtlichkeiten
+aufzusuchen, eher sind die verschiedenen Wesenklassen gemeint, deren
+Aufenthaltsorte ja zuweilen auch als „<i>heimr</i>“ bezeichnet werden.
+Die Neunzahl mag bildlich zu verstehen sein als der Inbegriff des
+Vorhandenen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die nordische Weltvorstellung ist so zu denken: Midgard ist rings vom
+Meere umgeben, Meer und Erde bilden eine kreisrunde Scheibe, über
+welche sich der Himmel wölbt. Der ganze Weltbau, Himmel und Erde und
+Meer, schwebt im leeren Raum (<i>ginnunga gap</i>). Dort war ja Ymir
+zerstückelt worden. Wer sich allzuweit auf das erdumgürtende Meer
+hinauswagt, gelangt schliesslich zu den Grenzen der Welt und läuft
+Gefahr, in den gähnenden leeren Raum zu stürzen. So ist <i>ginnunga
+gap</i> im 11. Jahrhundert bei Adam von Bremen ein geographischer
+Begriff, die Grenze des Weltmeers im hohen Norden.&#x2060;<a id="FNanchor_647_647" href="#Footnote_647_647" class="fnanchor">[647]</a> Midgard ist
+die wirkliche Erde, wo Menschen wohnen. Über ihr steht die himmlische
+Götterwelt, Asgard, unter ihr dehnt sich die Hölle, Niflheim, aus.
+Ausser Asgard, Midgard und der Hölle gab es ursprünglich wol nur
+Utgard. Darunter sind unwirtliche, dem Anbau widerstrebende, öde und
+wilde Landstrecken gemeint; dorthin sind Trolle und Riesen versetzt.
+Bei der Fahrt Thors nach Utgard, ins Riesenland, ist es jenseits des
+Meeres gedacht. Nach ihrer Landung haben die Gesellen noch einen
+breiten und weiten Wald zu durchwandern. <span class="pagenum" id="Page_521">[S. 521]</span>Nach der Gylfaginning werden
+die Riesen längs der Meeresküste angesiedelt. Die Vorstellungen über
+die Lage von Utgard schwanken. Ursprünglich galt wol die Anschauung,
+dass die Riesen streckenweise am diesseitigen Gestade, vor dem
+Schutzwall Midgards, hausten, im Ost- und Nordgebirge Norwegens.
+Denn jenseits des Meeres ist Ginnunga Gap. Im 9. und 10. Jahrhundert
+erweiterten sich die geographischen Begriffe der Nordleute beträchtlich
+infolge der Entdeckungsfahrten. Um 880 wurde das Nordkap umschifft, um
+874 Island entdeckt, gegen Ende des 10. Jahrhunderts Grönland. Infolge
+davon scheint Utgard jenseits des Meeres verlegt worden zu sein.
+Handelt es sich ja doch auch um kein rechtes bewohnbares Land, vielmehr
+um wüste Gegenden. Da die Riesen schon vor Erschaffung von Midgard und
+Asgard im chaotischen Urzustände, im Ginnunga Gap heimisch waren, so
+fällt Utgard mit Ginnunga Gap gewissermaassen zusammen.</p>
+
+<p>Wie viel von diesen Vorstellungen gemeingermanisch sind, lässt sich
+einigermaassen bestimmen. Schwerlich die Schöpfung, wol aber die
+Einrichtung der Welt dachten sich auch die andern Stämme gleich.
+Denn derselbe Name für die bewohnte Erde (got. <i>midjungards</i>,
+ahd. <i>mittil-mittingart</i>, as. <i>middilgard</i>, ags.
+<i>middangeard</i>) geht überall durch. Midgard ist der mittlere,
+eingefriedigte Raum, das mittlere Gehege. Der Begriff „Mitte“ geht von
+der natürlichen Anschauung aus, wonach die Erde im Mittelpunkt der
+Welt steht. Möglicherweise ist auch wie im griechischen μεσόγαια das
+Binnenland gemeint im Hinblick auf das umgürtende Erdmeer. Als Erdkreis
+und Himmelskugel stellt sich die Welt dem Auge dar. Dass die Götter im
+Himmel hausen, ist von selbst verständlich und wird im langobardischen
+Wodansliede bezeugt. Auch die Hölle ist allen Germanen bekannt. Die
+Namen Asgard, Utgard u.&#8239;a. sind aber auf den Norden beschränkt.
+Die Grundzüge des Weltbildes scheinen somit gemeingermanisch,
+die Einzelheiten und die Sagen von ihrem Ursprung müssen wir
+als ausschliesslich nordisch betrachten, so lange anderweitige
+unzweifelhafte Überlieferung versagt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Noch einige Sagen, die auf Tag und Nacht, Sonne und Mond Bezug nehmen,
+stehen in äusserlichem Zusammenhang mit der Kosmologie. Aber man
+merkt beim ersten Blick, dass sie viel jünger sind. Ihr Ursprung
+liegt teilweise in dem Bestreben nach der Personifikation bestimmter
+Erscheinungen und Vorgänge des <span class="pagenum" id="Page_522">[S. 522]</span>Naturlebens. Auch fremde Vorbilder
+mögen teilweise eingewirkt haben.</p>
+
+<p>Tag und Nacht sind von Allvater an den Himmel gesetzt. Er gab ihnen
+zwei Pferde und zwei Wagen, auf denen sie um die Erde fahren. Die Nacht
+fährt mit Hrimfaxi, der die Erde mit seinen Gebisstropfen betaut; der
+Tag hat den Skinfaxi, von dessen Mähne Luft und Erde erglänzt.&#x2060;<a id="FNanchor_648_648" href="#Footnote_648_648" class="fnanchor">[648]</a>
+Auch in Deutschland trifft man das Bild des einher reitenden Tages,
+der begrüsst wird wie eine freundliche Gottheit. Bældæg, heller Tag,
+war des Lichtgottes Namen bei den Angelsachsen. Die vom Zauberschlaf
+erwachte Brynhild ruft mit feierlichem Grusse den Tag und die Söhne des
+Tages (Lichtgottheiten), die Nacht und die Tochter der Nacht (Jord, die
+Erde) an. Bereits die zahlreichen Redensarten, die von Tag und Nacht
+gebräuchlich sind, drängen auf Personifikation hin. Mit dem Tage mag in
+früherer Zeit leicht auch das Bild des Lichtgottes verschmolzen sein.
+Der Tag auf Skinfaxi, dem hellmähnigen Rosse, mag aus dem reisigen
+Himmelsgotte, aus Baldr-Bældæg entwickelt sein. Aber die auf dem Wagen
+stehenden, rosselenkenden Gestalten des Tages und der Nacht sowie der
+Sonne erinnern stark an antike Mythen von Helios mit den sonnenhellen,
+von Nyx mit den dunkeln Rossen. Auf die Nachwirkung altarischer Sagen
+zu schliessen, scheint nicht ratsam; denn das, was die Edda von Tag und
+Nacht erzählt, zeigt keine tiefere Verflechtung mit den Grundzügen der
+Götter- und Weltgeschichte. Nur die Begriffsnamen sind zu notdürftiger,
+unselbständiger Persönlichkeit gelangt. Den Verdacht der Entlehnung und
+Nachahmung bestärkt die Genealogie: der Riese Norwi oder Narfi&#x2060;<a id="FNanchor_649_649" href="#Footnote_649_649" class="fnanchor">[649]</a> in
+Jotunheim <span class="pagenum" id="Page_523">[S. 523]</span>ist Vater der Nacht. Zuerst ist Nott dem Naglfari vermählt,
+dann mit Onar, endlich mit Delling.&#x2060;<a id="FNanchor_650_650" href="#Footnote_650_650" class="fnanchor">[650]</a> Der ersten Ehe entsprosst
+Aud, der zweiten Jord, der dritten Dag. Diese Reihe von Zeugungen
+titanischer Wesen hat auffallende Ähnlichkeit mit der hesiodischen
+Theogonie. Aus dem Chaos gingen Erebos und Nox hervor. Mit Erebos
+erzeugte Nox den Äther und Dies. Die Erde, Tartaros und Eros (Amor)
+erhielten in den verschiedenen lateinischen Genealogien, welche in den
+mittelalterlichen Schriften im Anschluss an Hesiod erscheinen, unter
+den Vor- und Nachfahren ihre Stelle. Die nordischen Namen sind zum Teil
+Übersetzungen der griechisch-lateinischen wie Nott-Nox, Nor-Erebus,
+Dag-Dies, Jord-Terra; zum Teil vielleicht volksetymologische
+Umbildungen wie Aud-Äther, Onar-Amor. Naglfari mag den Tartaros
+vertreten.</p>
+
+<p>Das Bild des Sonnenwagens schildert das Grimnirlied 37 und 38.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Arwakr und Alswid &#8195;&#8195;&#8194; ziehn aufwärts die Sonne,</div>
+ <div class="verse indent7">Ziehn matt sich und müde daran,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch inmitten der Buge &#8195;brachten milde Asen</div>
+ <div class="verse indent7">Klüglich kühlende Eisen an.</div>
+ <div class="verse indent0">Swalin heisst er, &#8195;&#8195;&#8195;&#8195;der Sonnenschild,</div>
+ <div class="verse indent7">Der vor der glänzenden Göttin steht,</div>
+ <div class="verse indent0">Felsen und Fluten, &#8195;&#8195;&#8195; weiss ich, wird Feuer verzehren,</div>
+ <div class="verse indent7">Fällt er einstmals ab.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Die Namen der Rosse bedeuten frühwach (Eous) und allklug. Dem Norden
+eigen sind die Blasebälge — denn nach Gylfaginning sind unter den
+„kühlenden Eisen“ solche zu verstehen —, welche die in der Sonnenglut
+ermattenden Pferde immer neu abkühlen und erfrischen. Eigentümlich
+ist der Sonnenschild Svalin (der abkühlende), welcher die Erde vor
+dem Verbrennen bewahrt. Vielleicht ist eine Vermischung zweier
+Vorstellungen im Spiele. Die Sonne wird auch „Himmelsschild“&#x2060;<a id="FNanchor_651_651" href="#Footnote_651_651" class="fnanchor">[651]</a>
+genannt. Sonnenwagen <span class="pagenum" id="Page_524">[S. 524]</span>und Sonnenschild scheinen vereinigt. Märchenhaft
+klingt der Bericht der Gylfaginning, Kap. 11: Mundilföri hatte zwei
+Kinder: Mani (Mond) hiess der Sohn und Sol die Tochter. Diese wurde mit
+Glen (glänzend) vermählt. Die Götter zürnten wegen des Hochmuts, dass
+sie solche Namen führten, und setzten sie an den Himmel. Sol liessen
+sie die Pferde lenken, die den Wagen der Sonne zogen, welche die Götter
+aus einem Funken geschaffen hatten, der aus Muspellsheim flog.&#x2060;<a id="FNanchor_652_652" href="#Footnote_652_652" class="fnanchor">[652]</a>
+Man erkennt das Bestreben, die späte märchenhafte Erfindung von der
+Abstammung der Sonne mit der alten echten Sage, die das Himmelslicht
+als Geschöpf der Götter bezeichnet, in notdürftigen Einklang zu
+bringen. Die Mondflecken&#x2060;<a id="FNanchor_653_653" href="#Footnote_653_653" class="fnanchor">[653]</a> gaben zu allerlei Erzählungen unter den
+verschiedenen Völkern der Erde Anlass, so auch zu folgender nordischer,
+die a. a. O. steht: Mani lenkt den Lauf des Mondes und waltet über
+Neumond und Vollmond. Er hob von der Erde die beiden Kinder Bil und
+Hjuki zu sich empor, als sie vom Brunnen kamen, der Byrgir heisst;
+ihr Wassergefäss hiess Sägr und die Stange, an der sie es auf den
+Achseln trugen, Simul. Widfinn hiess der Vater dieser Kinder, die
+den Mond begleiten, wie man das von der Erde aus sehen kann. Also
+zwei Gestalten, die einen Wassereimer an der Stange auf den Schultern
+trugen, sah man in den Mondflecken.</p>
+
+<p>Der weitverbreitete Volksglaube, der in Sonnen- und Mondsfinsternissen
+Untiere erblickt, welche die Gestirne zu verschlingen drohen,
+zeigt sich auch im Norden in den Wölfen Skoll und Hati, dem Sohne
+Hrodwitnirs, d.&#8239;i. Fenrirs.&#x2060;<a id="FNanchor_654_654" href="#Footnote_654_654" class="fnanchor">[654]</a> Nach Vafþr. 47 verschlingt Fenrir
+selber die Sonne, die aber eine Tochter gebiert, welche nach dem Falle
+der Götter die Pfade der Mutter fahren <span class="pagenum" id="Page_525">[S. 525]</span>wird. Bei ganzer Verfinsterung
+nimmt der Volksglaube ein vollständiges Verschlingen, aber auch
+eine Erneuung, eine Wiedergeburt des Gestirnes an. Hati ist der
+<i>mánagarmr</i>, der Mondhund, da er den Mond verschlingen wird. Ein
+Riesenweib ostwärts von Midgard im Walde Jarnwid (Eisenwald, Urwald)
+hat die Teufelsbrut geboren. Einst wird das Himmelsgestirn, die Sonne,
+vom Verfolger errafft werden, dann kommt Finsterniss und wüstes Wetter
+über die Welt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Zwischen Erde und Himmel schlugen die Götter eine Brücke, Bifrost, den
+bebenden, zitternden, beweglichen Weg oder <i>ásbrú</i>, Asenbrücke,
+den Regenbogen.&#x2060;<a id="FNanchor_655_655" href="#Footnote_655_655" class="fnanchor">[655]</a> Sie erglänzt in drei Farben, ist ausserordentlich
+fest und mit grosser Kunst verfertigt. Aber so stark sie ist, wird sie
+doch zerbrechen, wenn Muspells Söhne kommen und hinüber reiten. Ihre
+Pferde müssen dann über breite Ströme schwimmen und so beenden sie den
+Ritt. Denn nichts in der Welt ist so fest, dass es bestehen könnte,
+wenn die Söhne Muspells verheerend hereinbrechen.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Die_Schoepfung_der_Zwerge_und_der_Menschen_3">
+<b>3. Die Schöpfung der Zwerge und der Menschen.</b></h5>
+
+<p>Nachdem die Erde erschaffen und Asgard wohnlich eingerichtet war,
+gedachten die Götter daran, Midgard mit lebenden Wesen, mit Zwergen
+und Menschen zu bevölkern. Sie sassen darüber zu Rate, wer der Zwerge
+Schar aus Brimirs Blut und Blains Gliedern erschaffen sollte. Es
+entstanden die mächtigen Zwerge Motsognir und Durin und viele andere,
+welche in der Erde Menschenbilder nach Durins Angabe verfertigten.
+Den kurzen Bericht der Vǫlospǫ́ 10 ff. ergänzt und verdeutlicht die
+Gylfaginning Kap. 14. Brimir und Blain sind Beinamen Ymirs. Dadurch
+wird erst die Entstehung der Zwerge klar, welche mit der Weltschöpfung
+verknüpft ist. Wie Maden in Ymirs Fleische, so waren die Zwerge unter
+der Oberfläche im Erdboden drunten gewachsen; so hatten sie zuerst als
+Maden Leben gewonnen. Nach der Bestimmung der Götter erhielten sie
+aber jetzt menschlichen Verstand und menschliche Gestalt. Doch leben
+sie wie vorher in der Erde und im Gestein. Also nicht der Lebenskeim
+der Zwerge, die von selbst im Riesenleibe wucherten, wol aber die
+Lebensform <span class="pagenum" id="Page_526">[S. 526]</span>ist von den Göttern gesetzt. Die Riesen sind älter als die
+Götter und von ihnen unabhängig, aber die Zwerge sind ihre Geschöpfe.</p>
+
+<p>Über den Ursprung der Menschen gingen bei den germanischen Stämmen
+verschiedene Sagen. Der Urmensch Mannus ist von einem göttlichen
+oder riesischen Wesen erzeugt. Die Istvaeonen, Ingwaeonen, Erminonen
+waren Göttersöhne. Edle Geschlechter entstammen unmittelbar von
+den Göttern, von Odin, Freyr, Tyr. Alle Menschen sind Heimdalls
+Kinder. Aber die Menschen sind auch aus der elementaren Naturkraft
+entsprungen, aus Felsen und Bäumen gewachsen. Die Semnonen verehrten
+im heiligen Hain den Ursprung ihres Volkes (<i>initia gentis</i>).
+Das Handwerksburschenlied weiss von Sachsen, wo die schönen Mädchen
+auf den Bäumen wachsen. Im Froschmeuseler ist Aschanes mit seinen
+Sachsen aus den Harzfelsen gewachsen. Entsprechende Züge bietet die
+griechische Sage dar. Endlich sind die Menschen von andern höheren
+Wesen geformt, gestaltet und beseelt. Wozu die Zwerge im Erdinnern
+Menschenbilder schufen, erfahren wir nicht. Aber wir hören, wie die
+Götter am Ursprung der Menschheit gewirkt. Die Vǫlospǫ́ 17/18 erzählt:
+Drei Asen, mächtig und hold, fanden im Lande kraftlos Ask und Embla,
+unsichern Looses. Hauch und Seele hatten sie nicht, noch Gebärde noch
+Wärme noch blühende Farben. Odin gab den Hauch, Hönir die Seele, Lodur
+die Wärme und leuchtende Farben. Die Gylfaginning Kap. 9 erzählt den
+Hergang so: Als Burs Söhne am Meeresstrande wandelten, fanden sie zwei
+Hölzer und schufen aus ihnen Menschen. Der erste gab ihnen die Seele,
+der zweite das Leben, der dritte Gehör und Gesicht, und es hiess der
+Mann Ask und die Frau Embla. Von ihnen stammt das Menschengeschlecht.
+Die beiden Berichte stimmen nicht genau überein, im Liede fehlt die
+bestimmte Angabe, in welcher Beschaffenheit Ask und Embla aufgefunden
+wurden. Auch die Übersetzung der Stelle der Gylfaginning bereitet
+Schwierigkeiten. <i>Fundu tré tvau</i> bedeutet wörtlich: zwei Hölzer;
+<i>tré</i> kann ebenso Baumstamm, Baum bedeuten, als <i>trémann</i>,
+d.&#8239;i. Menschenbild, aus Holz gefertigt. Da an beiden Stellen nur von
+einer Beseelung und Belebung, nicht aber von einer Gestaltung die Rede
+ist, möchte man glauben, dass die Götter hölzerne Menschenbilder,
+vielleicht von den Zwergen geschnitzt, vorfanden und sie belebten. Die
+Schöpfung der Menschen wäre somit von Zwergen begonnen, von Göttern
+vollbracht worden. <span class="pagenum" id="Page_527">[S. 527]</span>Der Name des Stammvaters der Menschen, Askr,
+Esche, weist auf seinen Ursprung aus Eschenholz zurück. Hesiod meldet,
+das eherne Geschlecht sei von Zeus ἐκ μελιᾶν, aus Eschen, geschaffen
+worden. Ob auch in Embla ein Baumname steckt (Ulme?), ist zweifelhaft.
+Jedenfalls steht im Hintergrunde die uralte Vorstellung, dass die
+ersten Menschen aus Bäumen gewachsen seien. Aber neu hinzugefügt
+ist, dass dieses Herauswachsen nicht von selbst erfolgte, sondern
+durch die Beteiligung göttlicher Wesen. Zunächst wurde das Holz
+gestaltet, dann belebt. Und in diesen Zuthaten sind fremde Einwirkungen
+unverkennbar. Vorbild ist die biblische Schöpfungssage mit der
+üblichen mittelalterlichen Auslegung. Hauptsächlich in zwei Punkten
+zeigt sich dieser Einfluss. Die Beseelung geht von der Götterdreiheit
+aus. Im Mittelalter galt allgemein die Anschauung, gestützt auf die
+Pluralwendung der Vulgata: <i>faciamus hominem</i>, dass bei der
+Menschenschöpfung die Dreieinigkeit thätig gewesen sei. Ferner beruht
+der gleiche Stabreim <i>Askr und Embla</i> mit <i>Adam und Eva</i> kaum
+auf Zufall. Wir haben in der nordischen Menschenschöpfung&#x2060;<a id="FNanchor_656_656" href="#Footnote_656_656" class="fnanchor">[656]</a> ein
+lehrreiches Beispiel dafür, wie heimische und fremde Vorstellungen sich
+mit einander vermischten.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Der_Weltbaum_4" title="Der Weltbaum">
+<b>4. Der Weltbaum.</b>&#x2060;<a id="FNanchor_657_657" href="#Footnote_657_657" class="fnanchor"><span class="s5 vam">[657]</span></a>
+</h5>
+
+<p>Ein völlig verschiedenes Weltbild bietet sich im Weltbaume dar,
+welcher unter mehreren Namen als <i>Yggdrasil</i>, <i>Mimameid</i>,
+<i>Lärad</i> vorkommt. Von ihm hören wir in der Vǫlospǫ́, im
+Grimnirlied und in den Fjǫlsvinnsmǫ́l; einiges trägt die Gylfaginning
+nach. Die Seherin kannte den Baum schon in Urzeiten, als er ein
+Schössling war, der noch nicht über den Erdboden heraufgetrieben hatte
+(Vǫl. 2).</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vǫl. 19 &#8195;Eine Esche kenn ich,&#160;&#8195;&#8194; &#8239;&#8195;&#160;Yggdrasil heisst sie,</div>
+ <div class="verse indent6">&#160;&#8195;Den gewaltigen Baum&#160; &#8195;&#8195;&#8239;&#160;netzt weisses Nass;</div>
+ <div class="verse indent6">&#160;&#8195;Von dort kommt der&#160; Tau,&#8195; &#160;der die Thäler befeuchtet;</div>
+ <div class="verse indent6">&#160;&#8195;Immergrün steht er&#160; &#8195;&#8195; &#8195; &#160;an der Urd Quelle.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_528">[S. 528]</span> </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Grimn. 31 Drei Wurzeln sendet&#160; &#8195;&#8195;&#8194; &#8239;&#160;nach drei Seiten</div>
+ <div class="verse indent17">Yggdrasils Esche aus:</div>
+ <div class="verse indent10">Unter der einen wohnt Hel, &#8239;unter der andern die Riesen,</div>
+ <div class="verse indent17">Die dritte das Menschenvolk deckt.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Im Liede von Fjolswid 13/14 wird des Baumes gedacht.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent24">Swipdag.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Ich frage, Fjolswid, &#8195;&#8195; &#8239;und fordre Antwort,</div>
+ <div class="verse indent18">Künde mir, was ich wissen will:</div>
+ <div class="verse indent10">Wie heisst der Baum,&#8195;&#8195;der mit breiten Ästen</div>
+ <div class="verse indent18">Die weite Welt überwölbt?</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent24">Fjolswid.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Mimameid heisst er,&#8195;&#8195;&#8194; kein Mensch weiss es,</div>
+ <div class="verse indent18">Aus welchen Wurzeln er wuchs.</div>
+ <div class="verse indent10">Niemand ahnt’s,&#8195;&#8195;&#8195;&#8195; was ihn niederstreckt,</div>
+ <div class="verse indent18">Feuer nicht fällt ihn noch Stahl.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Baum des Mimi (auch Mim oder Mimir genannt) heisst die Esche, weil
+nach Vǫl. 27 u. 29 Mimirs Quelle am Fusse des heiligen Baumes rauscht,
+der von ihren Fluten benetzt wird. Der goldene Hahn Widofnir sitzt
+als Wächter gegen die Riesen in Mimameids Geäst nach Fjǫls. 17/18.
+Heimdalls Horn, das dereinst zum letzten Kampfe ertönen wird, ruht
+bis dahin unter der Esche Yggdrasil geborgen (Vǫl. 27). An der Esche
+Yggdrasil sitzen die Götter alle Tage zu Gericht. Thor durchwatet
+täglich mehrere Flüsse, um dahin zu gelangen (Grímn. 29). In den
+Zweigen der Esche sitzt ein Adler, dem grosses Wissen verliehen ist;
+zwischen seinen Augen sitzt der Habicht, der Wedrfolnir heisst. Ein
+Eichhörnchen mit Namen Ratatosk (Rattenzahn) läuft an der Esche auf und
+ab und trägt dem Nidhogg (d.&#8239;i. schadengierig hauend), dem Wurme an der
+Wurzel unten, und dem Adler die gehässigen Worte zu, die beide über
+einander äussern (Grímn. 32, Gylfag. Kap. 16). Vier Hirsche laufen in
+den Zweigen der Esche und beissen die Triebe ab. Viele Schlangen sind
+unten bei Nidhogg (Grímn. 33/4).</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Grímn. 35 Yggdrasils Esche&#8195;&#8195;&#8195;&#8194;&#8239;muss Ungemach leiden</div>
+ <div class="verse indent16">Mehr als ein Menschenkind ahnt:</div>
+ <div class="verse indent9"> Oben frisst der Hirsch,&#8195; es fault die eine Seite,</div>
+ <div class="verse indent16">Während Nidhogg die Wurzeln benagt.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Nach Grímn. 25/6 erhebt sich der Baum Lärad in Walhall. Auf dem Dache
+der Halle stehen die Ziege Heidrun und der <span class="pagenum" id="Page_529">[S. 529]</span>Hirsch Eikthyrnir und
+verzehren die Zweige. Dieselbe Vorstellung scheint hier zu herrschen.
+Lärad ist wol als der Wipfel der Weltesche zu denken. Yggdrasil heisst
+<i>mjǫtviđr</i>, Baum mit dem rechten Maasse, d.&#8239;h. der das Maass
+gibt, das Schicksal zumisst, Beim Weltkampfe erbebt und ächzt der alte
+Baum. Aber er überdauert den Brand. Nach Vafþr. 45 verbirgt sich das
+Menschenpaar, von dem die Geschlechter in der erneuten Welt stammen, in
+Hoddmimirs Holz. Mimirs Holz ist gleich Mimameid, die Weltesche. Mit
+Hilfe der Beschreibung in Gylfaginning Kap. 15 ergibt sich folgendes
+Bild vom Weltbaum: Die Esche ist der grösste und beste aller Bäume.
+Ihre Zweige erstrecken sich über alle Welt und ragen über den Himmel
+empor. Drei Wurzeln treibt der Baum, zu den Menschen (die Gylfag. sagt
+sinnlos: zu den Asen, bei denen doch nur der Gipfel sein kann), zu den
+Riesen, zur Hölle. Unter der Höllenwurzel liegt der Brunnen Hwergelmir
+und Nidhogg benagt sie von unten; unter der Wurzel, die zu den
+Reifriesen sich verästet, ist Mimirs Brunnen; unter der dritten Wurzel
+befindet sich der Brunnen der Urd. Die Wurzeln, unter denen Quellen
+hervorbrechen, sind unter Midgard in Niflheim und im Riesenheim,
+also an den Grenzen von Midgard, auf Midgard selber belegen. Der
+Stamm erhebt sich aus der Mitte der Erde. Das Gezweig und die Krone
+überwölben die Erde und erfüllen den Himmel.</p>
+
+<p>Im Weltbaum Yggdrasil vermischen sich heimische und fremde Bestandteile
+in ganz besonderer Art. Heilige Bäume, in deren Schatten Gericht
+gehalten wird, aus deren Wurzeln Quellen hervorsprudeln, die von
+weissagenden Frauen bewohnt sind, begegnen oft im germanischen Glauben.
+Solche Züge finden sich auch im Bilde Yggdrasils. Aber damit ist weder
+Name noch Bedeutung des Weltbaumes hinreichend erklärt. Yggdrasil ist
+zusammengesetzt aus <i>Yggr</i> „der Fürchterliche“, einer Bezeichnung
+Odins, und <i>drasill</i>, einer in der Skaldensprache üblichen
+Bezeichnung für Pferd, der Name besagt Odins Pferd. Nun war es eine im
+Nordischen ebenso wie im Deutschen und Englischen allgemein verbreitete
+Ausdrucksweise, den Gehenkten als Reiter und den Galgen als sein
+Pferd zu bezeichnen. Odins Pferd ist also eine Umschreibung für Odins
+Galgen. Der Name Yggdrasil meint demnach den Baum, der Odins Galgen
+war. Offenbar ist die Bedeutung, die man dem Baum in seiner Eigenschaft
+als Symbol der Welt beilegte, eben in der Thatsache begründet, dass
+er Odins Galgen war. <span class="pagenum" id="Page_530">[S. 530]</span>Auch Christi Kreuz heisst in einem englischen
+Gedichte des 14. Jahrh., das aber den Ausdruck schwerlich schuf,
+sondern aus älterer Überlieferung schöpfte, <i>Christi Pferd</i>. Damit
+ist der Weg zur Erklärung Yggdrasils gewiesen. Zug für Zug erweist
+Bugge die vollkommene Übereinstimmung zwischen den mit Yggdrasil
+und den im Mittelalter mit dem Kreuze verknüpften Vorstellungen.
+Das Verhältniss kann nur so gedacht werden, dass Yggdrasil unter
+der Einwirkung der Kreuzessagen entstand, nicht etwa so, dass in
+letzteren heidnische Erinnerungen nachwirken. Denn die Vorstellungen
+vom Kreuze haften bereits in solchen altchristlichen Schriften, wo
+eine germanische Einwirkung mit Rücksicht auf Zeit und Ort durchaus
+unmöglich ist. Das Kreuz wurde in den bekanntesten christlichen Hymnen
+als ein Baum besungen, der seine Lebenskraft aus einer Quelle an seiner
+Wurzel sog, als ein Baum mit Laub und Früchten. So lautet noch ein mhd.
+Rätsel, dessen Lösung der Kreuzesbaum ist: Ein edler Baum ist in einem
+Garten gewachsen, der mit grosser Kunst angelegt ist. Seine Wurzel
+reicht zum Grund der Hölle, sein Wipfel berührt den Thron Gottes,
+seine breiten Zweige halten die ganze Welt umfasst. Der Baum steht in
+voller Pracht und herrlich im Laub. Wir haben auf der einen Seite die
+Yggdrasilsesche, die der beste aller Bäume heisst. Ihr Wipfel ragt
+über den Himmel empor, ihre Zweige breiten sich über alle Welt und die
+Hölle liegt unter einer ihrer Wurzeln. Auf der andern Seite haben wir
+in christlichen Darstellungen den Kreuzesbaum, hervorgegangen aus einer
+Verschmelzung des Kreuzes mit dem paradiesischen Baum des Lebens und
+dem der Erkenntniss, den besten aller Bäume. Mit seinem Wipfel erreicht
+er den Himmel, mit seinen Zweigen oder Armen umfasst er alle Welt, und
+mit seiner Wurzel oder seinem Fusse reicht er bis in die unterirdische
+Totenwelt. Wenn Nidhogg und andere Würmer an der zur Hölle reichenden
+Wurzel Yggdrasils nagen, so knüpft diese Vorstellung zum Teil an die
+Schlange am Baume der Erkenntniss an und an die schlangenerfüllte
+Hölle, den „Wurmsaal“ (<i>wyrmsele</i>), wie in ags. Gedichten die
+Hölle benannt ist. Mimir, der Quellgeist, der am Fusse des heiligen
+Baumes wohnt, ist nordischen Ursprungs. Dass man aber Mimirs Haupt
+unter Yggdrasil dachte, mag durch die christliche Vorstellung
+veranlasst sein, dass der Kreuzesbaum über Adams Schädel steht. Endlich
+bedürfen die Tiere an der Weltesche noch der Aufklärung. In Nordengland
+befinden sich mehrere aus dem 7./9. Jahrh. stammende Steinkreuze, deren
+Schmalseiten mit Rankenwerk <span class="pagenum" id="Page_531">[S. 531]</span>bedeckt sind. In dem Rebengezweige sitzen
+Tiere übereinander, Drachen, Eichhörnchen, Vögel, welche von dem Laube
+fressen. Solche bildliche Darstellungen, welche sich den Nordleuten auf
+ihren Fahrten nach England darboten, gaben den Anlass, den Kreuzesbaum
+mit Tieren zu bevölkern. Auf englische Herkunft der Tiere am nordischen
+Weltbaum deutet bestimmt der Name des Eichhorns Ratatoskr, Rattenzahn.
+Sowol <i>rati</i>, Ratte, als auch <i>toskr</i> (ags. <i>tusc</i>) sind
+englische Lehnwörter. Die Tiere Yggdrasils sind zu einander in ein
+Verhältniss gebracht, wie es zwischen den Tieren auf der Weinranke der
+englischen Kreuze nicht besteht. Da tritt eben die umbildende Phantasie
+der Nordleute in Thätigkeit, vielleicht angeregt durch eine Fabel.
+Im Wipfel einer Eiche nistete ein Adler, mitten im Baum hatte eine
+Wildkatze ihr Loch, an den Wurzeln hauste ein Wildschwein mit seinen
+Jungen. Durch falsche, bösartige Doppelzüngigkeit brachte die Katze den
+Adler und das Wildschwein ins Verderben, indem sie Hass- und Neidworte
+vom einen zum andern trug.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Dass ein Baum, welcher dem höchsten Gott wie einem Geopferten zum
+Galgen dient, davon seinen Namen erhält und in dieser Eigenschaft
+zum heiligen Symbole der Welt erhoben wird</em>, streitet bestimmt
+gegen die Vorstellung von heiligen Bäumen und vom obersten Gott,
+wie wir sie bei heidnischen Völkern anzutreffen gewohnt sind. Alle
+Ungereimtheit schwindet, sobald wir des Kreuzes gedenken. Yggdrasil ist
+eine Nachahmung des Kreuzesbaumes, wie er im Glauben der christlichen
+Völker des Mittelalters lebte. Erst in der Wikingerzeit kann der Mythus
+entstanden sein.</p>
+
+<h4 id="III_Weltuntergang"><b>III. Weltuntergang.</b></h4>
+
+<p>Eine zusammenhängende Schilderung vom Schicksale der Götter, vom
+Untergang und von der Erneuerung der Welt schöpfen wir hauptsächlich
+aus der Vǫlospǫ́, wozu ergänzend einige Stellen des Wafthrudnirliedes
+und des Hyndlaliedes treten. Die Gylfaginning Kap. 51–53 beruht auf
+denselben Quellen, hat aber einiges missverstanden, umgestellt und
+hinzugefügt. Auf die 57. Strophe der Vǫlospǫ́, worin die Verfinsterung
+der Sonne, das Herabfallen der Sterne, das Versinken der Erde im Meer,
+der Weltbrand geschildert sind, beziehen sich die Skalden Kormak um
+935 und <span class="pagenum" id="Page_532">[S. 532]</span>Arnor jarlaskald um 1065.&#x2060;<a id="FNanchor_658_658" href="#Footnote_658_658" class="fnanchor">[658]</a> Die Preislieder auf die Könige
+Eirik und Hakon, zwischen 940–950 und 961–970 verfasst, gedenken
+der schrecklichen Zukunft, da der Wolf Fenrir los wird und über den
+Wohnsitz der Götter und Menschen hin rennt.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Am Morgen der Zeiten, nachdem die Schöpfung vollbracht ist, verleben
+die Götter ihr Goldalter auf dem Idafeld, in Edens Gefilden.&#x2060;<a id="FNanchor_659_659" href="#Footnote_659_659" class="fnanchor">[659]</a></p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vǫl. 7. Auf Idafeld kamen &#8195;&#8195; die Asen zusammen,</div>
+ <div class="verse indent6">Altäre zu schaffen &#8195; &#8195; und Tempel zu bauen;</div>
+ <div class="verse indent6">Sie gründeten Essen, &#8194;&#8195;das Gold zu schmieden,</div>
+ <div class="verse indent6">Hämmerten Zangen&#8195;&#8195;&#8239;und Handwerkszeug.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vǫl. 8. Im Hofe übten sie &#8194;&#8195;&#8195; heiter das Brettspiel —</div>
+ <div class="verse indent6">An blitzendem Golde&#8194;&#8195;gebrach’s ihnen nicht —</div>
+ <div class="verse indent6">Bis die mächtigen drei&#8195; Mädchen kamen,</div>
+ <div class="verse indent6">Die Töchter der Riesen&#8195;aus Thursenheim.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Unter diesen drei Mädchen glaubt man die drei Nornen verstehen zu
+dürfen, obschon niemals von deren riesischer Abkunft die Rede ist.
+Ihr Erscheinen schliesst die goldene Friedenszeit ab. Nun schildert
+die Seherin die Hauptbegebenheiten der Götter. Mit dem Totschlag
+der Gullweig in Walhall hebt der erste Streit zwischen Asen und
+Wanen an, der erste Weltkrieg. Die gebrochene Götterburg stellte der
+Riesenbaumeister wieder her. Aber er ward um seinen Lohn, um Freyja,
+Sonne und Mond, die er sich ausbedungen hatte, betrogen.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vǫl. 26. Da wankten die Eide,&#8194;&#8195;die Worte und Schwüre,</div>
+ <div class="verse indent9">Die festen Verträge,&#8195; die man vordem schloss.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Gewaltthat, Krieg, Wortbruch führen eine neue schwere Zeit herauf, die
+bis zum Ende von rastlosem Kampfe erfüllt bleibt. Nachdem einmal der
+Gedanke an einen Untergang der Welt sich befestigt hatte, gewannen alle
+Handlungen der Götter eine tiefere <span class="pagenum" id="Page_533">[S. 533]</span>und weitere Bedeutung. Namentlich
+Thors Kämpfe mit den Unholden müssen in ein ganz neues Licht rücken.
+An den Grenzen der Welt lauern die Riesen, um hereinbrechend das alte
+Chaos wieder an Stelle der Weltordnung zu setzen. Die Götter haben
+die Aufgabe, den Bestand der Schöpfung zu sichern. Sorgenvoll sieht
+Odin die drohenden Anzeichen des nahenden Verderbens sich mehren,
+aber ernst gefasst schreitet er dem Verhängniss entgegen, heldenhaft
+reitet er endlich zum letzten Kampfe. Heimdalls Horn wird am Weltbaum
+verborgen, bis sein gellender Klang zum letzten Kampfe ruft. Aus Mimirs
+Quell schöpft Odin gegen Verpfändung seines einen Auges Weisheit.
+Krieg verbreitet sich unter den Menschen, weithin über die Erde reiten
+die Walküren. Unheilverkündende Träume erschrecken die Asen, von der
+Seherin, die er aus dem Todesschlafe aufsingt, holt Odin die düstre
+Kunde vom Falle Baldrs. Der lichte Gott ist tot, aber in Wali ersteht
+ihm ein Rächer, der Anstifter des Unheils, Loki, wird in Fesseln
+geschlagen. Ostwärts im Eisenwalde (im Urwalde) bringt ein altes
+Riesenweib Fenrirs Brut zur Welt, aus welcher der unholdsgestaltige
+Erraffer der Sonne hervorgeht. Der nährt sich vom Fleisch Gefallener
+und rötet mit rotem Blute den Sitz der Götter, der Sonnenschein
+verdüstert sich, in den Sommern darauf kommt wüstes Wetter. Nachdem
+das Untier gross geworden, greift es also die Sonne an und verwandelt
+ihren hellen Schein in blutrote Farbe, wie bei der Verfinsterung zu
+sehen ist. Die Gylfaginning berichtet von einem schrecklichen Winter,
+dem Fimbulwinter, der dem Weltende vorangeht. Dann tritt Schneegestöber
+aus allen Himmelsrichtungen ein, es gibt scharfen Frost und Stürme,
+und von der Sonne hat man keinen Nutzen. Es kommen drei Winter hinter
+einander und kein Sommer dazwischen; vorher aber gehen schon drei andre
+Winter, in denen in der ganzen Welt Krieg sich erhebt. Auf diese dem
+Weltuntergang vorausgehenden Naturereignisse beziehen sich die Worte
+des Hyndlaliedes 44:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es steigt das Meer&#8195; &#8195; &#8195;&#8195;im Sturme zum Himmel,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Länder verschlingt es, &#8195;die Luft wird eisig;</div>
+ <div class="verse indent0">Schneemassen bringt &#8239;&#8195;&#8195;&#8195;der schneidende Wind,</div>
+ <div class="verse indent0">Doch den Regen hemmt &#8195;&#8195;der Rat des Schicksals.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Zugleich mit der Verschlechterung des Wetters und im Gefolge der
+überhandnehmenden Kriege tritt ein arger Verfall der Sitten ein.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_534">[S. 534]</span></p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vǫl. 45. Es befehden sich Brüder&#8239;&#8195; &#8195;und fällen einander,</div>
+ <div class="verse indent9">Die Banden des Bluts &#8195; &#8195;brechen Schwestersöhne,</div>
+ <div class="verse indent9">Arg ist’s in der Welt,&#8239; &#8195; &#8195; viel Unzucht gibt es —</div>
+ <div class="verse indent9">Beilzeit, Schwertzeit,&#8239;&#8195; &#8195; es bersten die Schilde,</div>
+ <div class="verse indent9">Windzeit, Wolfzeit, &#8195;&#8195;&#8195; ehe die Welt versinkt —</div>
+ <div class="verse indent9">Nicht einer der Menschen&#8195;wird den andern schonen.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>An Riesenheims Mark auf einem Bühle sitzt der frohe Eggther, der
+schwertbewehrte Held, die Harfe schlagend. Ihm zu Häupten, im
+Vogelwalde, schreit der rote Hahn, Fjalar geheissen. Bei den Asen kräht
+Gullinkambi, der goldkämmige Hahn und weckt die Helden in Heervaters
+Halle. In der Erde Tiefen, in der Hölle kräht ein russbrauner Hahn.
+So dämmert der Schlachttag heran; beim Erkrähen der Hähne, am frühen
+Morgen erwachen die Götter und die zum letzten Kampf in Walhall
+versammelten Einherjer, aber auch ihre Feinde, die Riesen und die Leute
+der Hölle. Mims Söhne fangen an zu spielen, die Gewässer geraten in
+unruhige Bewegung; Odin raunt noch mit Mims Haupte. Da ertönt Heimdalls
+gellendes Horn und verkündigt das Ende. Yggdrasil erbebt, der alte
+Baum rauscht. Der gefesselte Teufel, Loki und Fenrir, wird frei; alle
+erschauern auf den Höllenpfaden, ehe er dahin läuft. Wie stehts bei den
+Asen, wie stehts bei den Alben? Ganz Riesenheim tobt. Im Rat versammelt
+sind die Asen. Die Zwerge, der Felswände Bewohner, stöhnen vor den
+steinernen Thüren. So ist am Tage der Entscheidung die gesamte von den
+schrecklichen Vorzeichen erregte Welt in Aufruhr und Verwirrung.</p>
+
+<p>Jetzt brechen die höllischen Mächte los. Garm, der Höllenhund, bellt
+wütend. Fenrir bricht die Bande und rennt dahin. Von Osten her fährt
+Hrym, den Schild im Arme. Im Riesenzorn wälzt sich die Weltschlange
+durch die Wogen. Der Adler krächzt, Leichen zerreissend. Naglfar&#x2060;<a id="FNanchor_660_660" href="#Footnote_660_660" class="fnanchor">[660]</a>,
+das Schiff, in dem die Riesen <span class="pagenum" id="Page_535">[S. 535]</span>heranfahren, wird flott. Von Norden her
+segelt ein Schiff mit den Leuten der Hölle; Loki ist Steuermann. Dem
+Wolfe folgt ein wildes Heer. Von Süden her kommt Surt mit Feuer und
+Schwert. Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln, die Menschen fahren
+zur Hölle, der Himmel birst. Diese Schilderung zeigt, wie Riesen und
+Teufel, die entfesselten Elemente, Wasser und Feuer, von allen Seiten
+her über Midgard hereinbrechen und die Menschen dahin raffen. Das Meer
+steigt im Wogenschwall empor und speit die Riesenschlange aus, die
+Hölle entsendet den Teufel in doppelter Gestalt, Loki und Fenrir, die
+Feuerhölle den Surt. Riesen und Teufel sind die geschworenen Feinde
+der Götter, wie die fortgesetzten Kämpfe zwischen ihnen bezeugen. Am
+jüngsten Tage rücken sie mit voller Macht heran, um den entscheidenden
+Schlag zu führen.</p>
+
+<p>Auf einem weiten Gefilde, Wigrid oder Oskopnir, das tausend Meilen im
+Geviert misst, treffen die seligen Götter und ihre Gegner zusammen.
+Nach altgermanischem Brauche wurde auch die Stätte des Völkerkampfes
+vorher bestimmt. Nach dem Grimnirliede hat Walhall 540 Thore; 800
+Einherjer gehen aus einem jeden Thore hervor, um mit dem Wolfe zu
+kämpfen. Man vermisst die Walküren und Raben, die sonst des Gottes
+feierlichen Aufzug begleiten. Walvater Odin unterm Goldhelm, den
+Speer in der Faust, reitet dem Wolfe Fenrir entgegen. Er erliegt dem
+Untier. Da schreitet Widar hervor, der tritt dem Wolfe in den Rachen
+und stösst ihm die Klinge ins Herz; so rächt er den Vater. Freyr
+kämpft mit Surt und fällt, da er sein treffliches Schwert entbehrt.
+Thor erschlägt die Midgardschlange, aber nur neun Schritte noch weicht
+er vor dem Gifte des Untiers zurück und fällt dann tot zu Boden. Die
+Gylfaginning berichtet noch von zwei weiteren Kämpferpaaren, die sich
+gegenseitig töten, Tyr und der Höllenhund Garm, Heimdall und Loki
+streiten mit einander. Die alte Feindschaft, die zwischen Tyr und Garm,
+Heimdall und Loki besteht, kommt damit zum Austrag. Von der Beteiligung
+der Einherjer am letzten Kampf wird nichts erzählt, obwol nach dem
+Eiriksliede die tapferen Könige im Hinblick auf die letzte Schlacht zu
+Odin versammelt werden, nach der Vǫl. 43 die Helden in Heervaters Saal
+beim Hahnkraht erwachen und nach dem Grimnirlied, aus Walhalls Thoren
+zum Kampfe ausziehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_536">[S. 536]</span></p>
+
+<p>Die Götter sind gefallen, da erhebt sich <i>Muspell</i>, Surt
+schleudert Feuer über die Erde und verbrennt die ganze Welt. Die Sonne
+wird schwarz, die Erde sinkt ins Meer, vom Himmel schwinden die hellen
+Sterne. Dampf und Feuer sprühen auf, heisse Lohe bedeckt den Himmel.</p>
+
+<p>Aufsteigt zum andern Male eine frisch ergrünende Erde aus dem Meere.
+Über schäumendem Wasserfall fliegt der Adler, der an der Felswand nach
+Fischen jagt. Auf Idafeld finden sich die Asen zusammen und sprechen
+über die gewaltigen Ereignisse, die geschahen. Dort werden sich auch im
+Grase die wundersamen goldenen Täflein finden, die einst in Urzeiten
+die Asen besessen haben. Auf unbesätem Acker wachsen Ähren, alles Böse
+wird gut, Baldr erscheint. Baldr und Hod bewohnen Odins Siegeshalle,
+das Heiligtum der Walgötter. Hönir wählt sich den Looszweig, erforscht
+durch Looswurf die Zukunft; im weiten Himmel wohnen die Söhne der
+Brüder Odins. Widar und Wali walten im Götterheiligtum, wenn Surts Lohe
+verlischt; Modi und Magni werden den Mjolnir besitzen, nachdem Thors
+Kampf beendigt ist. Die Hauptgötter der alten Welt, Odin, Thor, Freyr,
+Tyr, Heimdall, kehren also nicht mehr wieder, ein jüngeres Geschlecht
+löst sie ab. Nur Baldr der Gute und Hönir erscheinen auch in der neuen
+Welt, sonst werden allein die Söhne der Brüder Odins, die Rächer Widar
+und Wali, und die Söhne Thors genannt. Eine neue Sonne leuchtet;
+ehe der Wolf sie verschlang, gebar die alte Sonne eine Tochter,
+welche die Wege der Mutter befährt, wenn die Götter dahin sind. Ein
+neues Menschengeschlecht wird gross. Lif und Lifthrasir, Leben und
+Lebenskraft, hatten sich im Stamme des Weltbaumes verborgen und vom
+Morgentau genährt. Und davon leben die Leute dann. Im goldgedeckten
+Gimle werden die Guten und Tüchtigen wohnen, wenn der allgewaltige,
+hehre Herrscher, dessen Name nicht genannt wird, von oben her zum
+jüngsten Gericht kommt. Von unten her, vom nächtigen Fels, kommt
+der arge Drache geflogen, Nidhogg, der in der Hölle die Leiber der
+Bösewichter frass und an der Wurzel der Weltesche nagte.&#x2060;<a id="FNanchor_661_661" href="#Footnote_661_661" class="fnanchor">[661]</a> Überm
+Felde schwebend trägt der auf seinen Fittichen die Leichen. Doch nun
+muss er versinken.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_537">[S. 537]</span></p>
+
+<p>So verlaufen <i>ragna rök</i>&#x2060;<a id="FNanchor_662_662" href="#Footnote_662_662" class="fnanchor">[662]</a>, die Schicksale der Götter in
+deutlich gegliederter Reihenfolge. Die Vorzeichen des nahenden Endes
+äussern sich in Naturerscheinungen und in der Auflösung der sittlichen
+Ordnung unter den Menschen. Dann bricht der Kampftag an, der den Fall
+der Götter heranführt. Die Welt endigt im Feuer, aber sie ersteht
+wieder in neuer, verklärter Gestalt. Jetzt naht der grosse ungenannte
+Gott zum Weltgericht, die Guten wohnen in ewiger Wonne bei ihm, mit
+den Leibern der Bösen versinkt der Höllendrache. Die Übereinstimmung
+mit den christlichen Vorstellungen von den Vorzeichen des jüngsten
+Tages, vom Weltbrand, von der Welterneuung, vom Weltgericht fällt ohne
+weiteres in die Augen, sie erstreckt sich bis in Einzelheiten hinein
+und kann unmöglich auf blossem Zufall beruhen. Die nordische Sage ist
+ohne die christliche Lehre von den letzten Dingen gar nicht denkbar,
+sie muss in den letzten Jahrhunderten des Heidentums entstanden sein,
+als die Nordleute mit den christlichen Völkern in Deutschland und
+Frankreich, England und Irland in Berührung kamen. Bei den zahlreichen
+Fällen von Glaubensmischung, welche die Geschichtsquellen im 9./10.
+Jahrh. bezeugen, ist die Kenntniss christlicher Vorstellungen unter
+den heidnischen Nordleuten gar nicht unwahrscheinlich. Doch darf
+keineswegs an eine äusserliche Nachahmung der christlichen Eschatologie
+gedacht werden, vielmehr liegt darin nur die Anregung zu einer neuen,
+besonderen, von nordischem Geiste erfüllten Dichtung. Darum ist
+ebensosehr die Selbständigkeit und Eigenart der nordischen Sage zu
+betonen.</p>
+
+<p>Durchaus neu und nordisch ist die Auffassung des jüngsten Tages als
+eines Schlachttages. Zwar bietet die christliche Eschatologie bei
+der Erscheinung des Antichrists ebenfalls Kämpfe, und eine besondere
+Sage liess den Elias mit dem Antichrist geradewegs fechten, wie das
+baierische Gedicht Muspilli und <span class="pagenum" id="Page_538">[S. 538]</span>anderweitige Überlieferung&#x2060;<a id="FNanchor_663_663" href="#Footnote_663_663" class="fnanchor">[663]</a>
+beweisen. Jedoch können diese Züge kaum als Vorbild der grossen
+Götterschlacht gelten. Die Posaune des Engels weckt die Toten zum
+Gericht auf, in der nordischen Sage ruft Heimdalls Horn zum Kampfe.
+Wie die Götter in ihrem Aussehen, Thun und Treiben nur veredelte
+Menschen sind, so beschliessen sie auch ihre Laufbahn, wie es Helden
+geziemt, auf dem längst vorher bestimmten Kampfgefilde. In ihren
+teuflischen Gegnern mögen eher christliche Vorbilder nachwirken, da
+ja, wie das Sprichwort sagt, am jüngsten Tage der Teufel losbricht.
+Ein unentrinnbares Schicksal schwebt über den Walhallgöttern, der
+Heldentod, den der kampffrohe Recke sich am Ende seines Lebens
+wünscht. Sie suchen das Verhängniss aufzuhalten und sind um die
+Zukunft ernstlich besorgt, aber sie wissen’s auch gross und stark zu
+tragen, sie fallen stolz und stumm. Über ihren Leichen lodert der
+Weltbrand.&#x2060;<a id="FNanchor_664_664" href="#Footnote_664_664" class="fnanchor">[664]</a> Den Grundgedanken der christlichen Eschatologie, die
+doch den Menschen zunächst angeht, konnte das Heidentum nicht fassen.
+Nur die Thatsache des Weltbrandes kehrt wieder, die Handelnden aber
+sind die Götter, nicht die Menschen. Die Auferstehung klingt in der
+Sage von Lif und Lifthrasir nach; das Weltgericht ist jedenfalls im
+gleichen Sinne wie in der christlichen Lehre gedacht, denn die Guten
+wohnen in ewiger Seligkeit bei Allvater, die Bösen verdammt der
+höchste Richter mit Nidhogg in die Hölle. Von den Vorzeichen ab, die
+nur nordischer Natur gemäss auch einen schrecklichen langen Winter
+hervorheben, verläuft die nordische Eschatologie in allen wesentlichen
+Punkten gleich mit der christlichen. Wir vermissen einzig eine deutlich
+erkennbare Nachahmung des Antichrists, bewundern dagegen als nordische
+Zuthat den Untergang der Götter. Dieser scheint mit bedingt durch das
+Hervortreten Allvaters. Dass auch einige Götter in der neuen Welt
+wiederkehren, ist in der sittlichen Auffassung begründet, welche die
+Gerechten überhaupt der ewigen Seligkeit zuweist. Darum kommt vor
+allen Baldr zurück. Aber die Herrschaft im neuen Himmel steht nicht
+mehr bei den Heidengöttern. Es dürfte schwer halten, die unmittelbaren
+Quellen anzugeben, aus denen die Nordleute schöpften. Das Eindringen
+der christlichen <span class="pagenum" id="Page_539">[S. 539]</span>Ideen mag nach und nach, zu verschiedenen Zeiten
+und in verschiedenen Ländern erfolgt sein. Gelehrte, absichtliche
+Überführung scheint ausgeschlossen. Vielmehr handelt es sich um
+allmäliges Bekanntwerden christlicher Vorstellungen, welche die
+Nordleute auf ihren Fahrten aufzunehmen Gelegenheit hatten. Ernste
+Gemüter wurden dadurch zum Nachdenken über den heidnischen Glauben
+angeregt, sie sagten sich von den Opfergöttern los und empfahlen sich
+einer unbekannten, erhabenen, mächtigeren Gottheit. Dem gleichen Ziele
+streben die Dichter zu, welche die alten Götter heldenhaft zu Grunde
+gehen lassen, um nach ihnen auf den starken Herrscher von oben her
+hinzuweisen, dem alles gehorcht. Am deutlichsten tritt der christliche
+Einfluss an zwei Begriffen zu Tage, die noch näher betrachtet werden
+müssen, an <i>múspell</i> und an dem <i>starken Herrscher von
+oben</i>. Múspell legt die Vermutung nahe, dass die Nordleute in
+Niederdeutschland christliche Anschauungen aufnahmen. Ausserdem mögen
+namentlich die Angelsachsen manches vermittelt haben.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das Wort <i>mûspilli</i>&#x2060;<a id="FNanchor_665_665" href="#Footnote_665_665" class="fnanchor">[665]</a> begegnet im Altsächsischen und
+Althochdeutschen in geistlichen Gedichten des 9. Jahrh. Das baierische
+<span class="pagenum" id="Page_540">[S. 540]</span>Gedicht enthält eine Schilderung des Weltbrandes: „Da zieht der
+Sühnetag ins Land, heimzusuchen die Menschen mit dem Feuer. Da vermag
+kein Verwandter dem andern vor dem <i>mûspille</i> zu helfen.“ Die
+Begriffe <i>stûatago</i>, Sühnetag und <i>mûspilli</i> decken sich.
+Im Heliand 2591 wird die Wendung gebraucht: „<i>mûdspelles</i> Macht
+fährt über die Menschen, das Ende dieser Welt“; 4358 „<i>mûtspelli</i>
+kommt in düstrer Nacht wie ein Dieb“; gleichbedeutende Begriffe
+sind <i>duomes dag</i>, Gerichtstag, und <i>the lazto dag theses
+liohtes</i>, der jüngste Tag dieser Welt. Die Grundform des Wortes
+scheint <i>mûdspelli</i>, <i>mûdspilli</i> zu sein, im Ahd. mit Ausfall
+des dentalen Lautes <i>mûspilli</i>, der Sinn Weltende durch Feuer,
+Weltbrand. Die nordischen Gedichte Vǫl. 51 und Lokas. 42 bringen den
+Ausdruck <i>múspelz syner</i>, Múspells Söhne. Darunter sind die
+Mächte des Verderbens verstanden, welche beim Weltuntergang über die
+Grenzen Midgards hereinbrechen. Dass auch im Norden mit <i>múspell</i>
+nicht bloss Weltende überhaupt, sondern Weltbrand gemeint ist, lehrt
+die Auffassung der Gylfaginning Kap. 4, 5, 8, 11. Dort wird im Süden
+die Feuerwelt <i>Muspellsheim</i> gedacht, über welche Surtr&#x2060;<a id="FNanchor_666_666" href="#Footnote_666_666" class="fnanchor">[666]</a>
+die Herrschaft hat; in der Hand hält er ein glühendes Schwert und
+am Ende der Welt wird er kommen und alle Götter besiegen und die
+Welt mit Feuer verbrennen. Surtr bedeutet der Schwarze. Meines
+Erachtens ist dieser Feuerriese eine Nachahmung des Teufels, der im
+Ags. der Schwarze, der schwarze Geist, der schwarze Feind (<i>se
+bláca</i>, <i>se bláca gæst</i>, <i>se swearta féond</i>) und noch
+im Mhd. der <i>hellemôr</i> genannt wird. In der mittelalterlichen
+Vorstellung ist die Hölle ebenso ein eisiger, nebliger, dunkler, wie
+ein feuriger, flammenerfüllter Ort. Daraus sonderten sich im Norden
+zwei Welten, die Nebelhölle mit Loki und die Feuerhölle mit Surt. Am
+jüngsten Tage aber kommen die Teufel los, die bisher zurückgehalten
+worden waren. Die nordische Anwendung des Begriffes <i>múspell</i>
+ist natürlich ursprünglich bildlich gemeint, <i>múspells</i> Söhne
+sind die feindlichen Gewalten, welche den Weltbrand veranlassen, die
+Feuergeister. Die Gylfaginning nimmt das Bild <span class="pagenum" id="Page_541">[S. 541]</span>wörtlich und gelangt so
+zur Vorstellung einer Welt, wo diese Dämonen bis zu ihrem Hervorbrechen
+am jüngsten Tage weilen. Dass <i>Muspellsheim</i> und <i>Niflheim</i>
+an den Anfang der Welt versetzt werden, erklärt sich aus der Lehre
+von den Elementen, welche der Verfasser dieses Abschnittes mit den
+älteren Sagen verknüpft. Den Namen <i>mûdspelli</i> finden wir also in
+Deutschland nur als Glied einer christlichen Vorstellungsreihe, während
+er zugleich auch der nordischen Mythologie angehört. Daraus wurde
+vorschnell geschlossen, Wort und Begriff sind urgermanisch, heidnisch
+und vom Christentum angenommen. <i>Mûdspelli</i> ist zusammengesetzt
+aus <i>mûd</i> und <i>spelli</i>. <i>Spelli</i>, <i>spilli</i> ist
+abgeleitet von as. ags. ahd. <i>spell</i>, got. <i>spill</i>, Rede,
+Verkündigung, Weissagung. <i>Mûd</i> aber scheint ein Lehnwort, das
+lateinische <i>mundus</i>. Auf niederdeutschem Gebiet, bei Sachsen
+oder Friesen wurde <i>mundus</i> zu <i>mûd</i> entstellt in Anlehnung
+an Wörter wie <i>mûd</i>, <i>kûd</i>, <i>gûđ</i>, für hochdeutsch
+<i>mund</i>, <i>kund</i>, <i>gund</i>, aus <i>*mundspelli</i> bildete
+sich <i>mûdspelli</i>. Aus Niederdeutschland gelangte der in der
+frühesten Bekehrungszeit etwa um 700 oder in der ersten Hälfte des 8.
+Jahrh. geprägte Ausdruck zu den Hochdeutschen und nach dem Norden.
+<i>Mûdspelli</i> bedeutet, was vom <i>mundus</i> verkündigt, geweissagt
+ist, Prophezeihung von der Welt. Das Wichtigste und Grösste, was von
+der Welt verkündigt wird, ist aber das Weltende. Die christlichen
+Sendboten werden diese Kunde eindringlich den Heiden gepredigt haben.
+Das Furchtbare ergreift die Phantasie am mächtigsten, das Weltende
+und seine Vorzeichen beschäftigten im Mittelalter lebhaft den Geist
+der Menschen. Dass aber ein lateinisches Wort mit einem deutschen
+verbunden wurde, hat nichts Auffälliges. In der Anfangszeit der
+Bekehrung besass die deutsche Sprache kein Wort für den umfassenden
+Begriff <i>„Welt“</i>, d.&#8239;h. Himmel und Erde und was drinnen ist. Denn
+das altdeutsche <i>weralt</i> heisst Menschheit und nahm erst allmälig
+in der christlichen Zeit die erweiterte Bedeutung an. Für „Erde“ gab
+es wol Wörter, aber die genügten nicht, um die Vorstellung, welche das
+lateinische <i>mundus</i> längst besass, zu erwecken. So mussten die
+Missionäre zunächst wol oder übel beim lateinischen Ausdruck beharren.
+Der neue Begriff wurde den Deutschen in Gestalt eines Fremdwortes
+beigebracht, bis die Sprache nach und nach aus eignem Wortschatz
+den Gedanken auszudrücken lernte. So scheint also die Wortbildung
+<i>mûdspelli</i> gar nicht unmöglich und unglaubhaft. Das rechte
+Verständniss für die Zusammensetzung erlosch wol binnen kurzem, aber
+das Wort haftete im <span class="pagenum" id="Page_542">[S. 542]</span>Sinne von Weltuntergang im Feuer, Weltbrand. So
+gelangte es nach dem Süden und nach dem Norden.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Von oben kommt&#8195; der allgewalt’ge</div>
+ <div class="verse indent0">Hehre Herrscher&#8195;&#8194;zum höchsten Gericht</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>singt die Seherin, und übereinstimmend lauten ihre Worte im Hyndlaliede
+45:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch ein Gott wird kommen,&#8195; noch grösser an Macht,</div>
+ <div class="verse indent0">Nimmer wag ich’s, &#8195;&#8195;&#8194; &#8195;&#8195; seinen Namen zu melden:</div>
+ <div class="verse indent0">Nur wenige können&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;noch weiter sehen,</div>
+ <div class="verse indent0">Als Walvaters Kampf&#8195;&#8195;&#8195;&#8195; mit dem Wolf beginnt.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Vom Wohnsitze dieses Gottes berichtet die Seherin in Strophe 64 der
+Vǫl.:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Einen Saal seh ich stehen — &#8195;die Sonn’ überstrahlt er —</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Gold gedeckt&#8195;&#8195;&#8195; &#8195; &#8195; auf Gimles Höhen:</div>
+ <div class="verse indent0">Dort werden wohnen&#8195;&#8195;&#8195;&#8195; wackere Scharen</div>
+ <div class="verse indent0">Und ein Glück geniessen,&#8195; &#8195; das nimmer vergeht.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Nach dieser Stelle wäre Gimle der Name des Berges, auf welchem sich der
+Saal erhebt, worin die Gerechten in der erneuerten Welt wohnen werden.
+Dagegen nennt Snorri den Saal selber Gimle, und dies passt auch besser
+zur Bedeutung des Wortes.&#x2060;<a id="FNanchor_667_667" href="#Footnote_667_667" class="fnanchor">[667]</a> Gimle besteht aus an. <i>gimr</i>,
+einem Lehnwort, wie ags. <i>gim</i> aus lat. <i>gemma</i> entnommen,
+und aus <i>hlé</i>, Obdach. Gimle ist also „Edelsteindach“, ein Saal
+mit goldenem, edelsteinverziertem Dache. Die Gylfaginning im Kapitel
+3, wie sie von dem durchaus christlich gedachten ewigen Allvater
+erzählt, berichtet: „Rühmlicher, als dass er Himmel und Erde machte,
+ist das, dass er den Menschen schuf und ihm Leben und Seele gab. Der
+Leib zwar verwest, doch alle die Seelen der Rechtschaffenen werden bei
+ihm weilen an dem Orte, der Gimle heisst; die Bösen dagegen kommen zur
+Hel und von dort nach Niflheim, unten in der neunten Welt.“ Weiterhin
+bemerkt die Gylfaginning Kap. 17 zu Vǫl. 64: „Am südlichen Ende des
+Himmels ist der Ort, der von allen der schönste ist und glänzender
+als die Sonne: er heisst Gimle und wird bestehen, <span class="pagenum" id="Page_543">[S. 543]</span>wenn auch Himmel
+und Erde untergehen, und die rechtschaffenen Menschen werden dort in
+Ewigkeit wohnen. Gangleri fragte: Wer hütet diesen Ort, wenn Surts
+Lohe Himmel und Erde verbrennt? Har antwortete: So sagt man, dass im
+Süden über unserm Himmel ein andrer sich erhebt, der Widblain (der
+weithin Blaue) heisst und über diesem ein dritter, der Andlang (der
+Entgegengerichtete, vor den Blicken Liegende) genannt wird: an diesem
+meinen wir, dass jener Ort (Gimle) sich befinde.“ Dieser allgewaltige
+Herrscher, der vom obersten Himmel herab zum jüngsten Gerichte
+heranfährt, welcher als der Ewige und Unendliche nach dem Untergang des
+Zeitlichen und Räumlichen hervortritt, ist der Gott des neuen Glaubens,
+wofür schon die ebenfalls christliche Vorstellung von der Dreiheit
+der Himmel&#x2060;<a id="FNanchor_668_668" href="#Footnote_668_668" class="fnanchor">[668]</a> zeugt. Zu einem so geistigen und geheimnissvollen
+Gottesbegriff wäre das Heidentum aus sich selber heraus nie gelangt.
+In Gimle ist das himmlische Jerusalem, das aus Gold und Edelsteinen
+erglänzte, nicht zu verkennen. Aus diesen Stellen der alten Gedichte,
+welche den gewaltigen Herrscher von oben über die erneute Welt setzen,
+folgert die Gylfaginning Kap. 3 und 5 den Allvater, der ewig lebt und
+über alles in seinem Reiche, Grosses und Kleines waltet, der Himmel,
+Erde und Luft erschuf, der durch seine Kraft Ymir aus dem Urstoffe
+belebte, der vor alledem da war. So ist das Endliche vom Unendlichen
+umgrenzt: die Gylfaginning hebt mit Allvater an, dann aber treten
+die endlichen Göttergestalten, die echtheidnischen, allein hervor.
+Wie sie verschwinden und vergehen, erscheint wiederum der Ewige und
+Allmächtige. Der Versuch des vorweltlichen Allvaters ist freilich
+missglückt. Was ihm zugeschrieben wird, verrichten später die Asen.
+Nur mit dem zweideutigen Begriffe „Allvater“, den Snorri sowol auf
+den ewigen Christengott als auch auf Odin bezieht, sucht er über die
+Widersprüche, in die er sich verwickelt, hinwegzutäuschen.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_544">[S. 544]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="VIERTES_HAUPTSTUCK">
+ VIERTES HAUPTSTÜCK.
+ </h2>
+
+</div>
+
+<h3 id="Die_gottesdienstlichen_Formen"><b>Die gottesdienstlichen
+Formen.</b></h3>
+
+<h4 id="I_Der_Goetterdienst_im_allgemeinen_und_das_Opferwesen"><b>I. Der
+Götterdienst im allgemeinen und das Opferwesen.</b></h4>
+
+<p>Papst Gregor richtete um 600 ein Schreiben an den Bischof Augustinus,
+der die Angelsachsen bekehren sollte.&#x2060;<a id="FNanchor_669_669" href="#Footnote_669_669" class="fnanchor">[669]</a> Darin hiess es: Erstens muss
+man nicht die Tempel der Götzen zerstören, sondern die Götzen. Man
+mache Weihwasser und besprenge damit die Tempel; man errichte Altäre
+und lege Reliquien hinein. Sind der Angelsachsen Tempel gut gebaut,
+so entziehe man sie dem Dienste der Götzen dadurch, dass man sie zu
+christlichen Tempeln umweihe, und zwar aus dem Grunde, damit dieses
+heidnische Volk <span class="pagenum" id="Page_545">[S. 545]</span>desto williger an die gewohnten Anbetungsstätten
+komme. Zweitens, weil die Angelsachsen ihren Göttern noch viele Stiere
+zu opfern gewohnt sind, so ist es geboten, ihnen diese Feierlichkeit zu
+belassen; nur muss man derselben einen christlichen Sinn unterlegen.
+Und so sollen sie am Tage der Kirchweih und an den Gedächtnisstagen der
+heiligen Märtyrer, deren Reliquien zur Schau zu stellen sind, sich aus
+Baumzweigen Hütten rings um diejenigen Kirchen herrichten, welche aus
+Götzentempeln zu christlichen Tempeln umgeweiht werden und sollen so
+diese Feierlichkeit beim christlichen Mahle begehen, so dem heidnischen
+Götzen keine Tieropfer mehr darbringen, vielmehr behufs der Sättigung,
+Gott zum Lobe, Tiere schlachten und dem Geber aller guten Gaben für die
+Speisen danken. Diesen Menschen muss man einige äusserliche Freuden
+lassen, damit sie desto leichter zu den inneren Freuden hingeführt
+werden, denn es unterliegt keinem Zweifel, dass es unmöglich ist,
+diesen harten Gemütern auf einmal alles wegzunehmen, und zwar deshalb,
+weil derjenige, welcher einen hohen Standpunkt zu gewinnen bemüht ist,
+dies nur schritt-, nicht sprungweise erreicht.</p>
+
+<p>Gregors Worte dürfen füglich unsern Betrachtungen über den
+Gottesdienst der heidnischen Germanen voranstehen, weil dadurch
+deutlich ausgesprochen ist, dass die heidnischen Kultusformen in der
+christlichen Zeit vielfach weiter leben. Zwar befolgten die Bekehrer
+nicht immer so milde Grundsätze, wie Gregor anempfiehlt. Mit Brand und
+Bruch ward oft genug der Götterdienst der Heiden niedergelegt. Aber im
+Grunde kam das gleiche Ergebniss heraus, hier eine freiwillige, dort
+eine widerstrebende Bewahrung heidnischer Bräuche. Mithin darf auch
+mancher spätere und nur in christlicher Fassung überlieferte Zug zur
+Aufhellung ursprünglich heidnischer Zustände verwertet werden.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Der_Goetterdienst_in_der_Rechtsordnung_1"><b>1. Der
+Götterdienst in der Rechtsordnung.</b></h5>
+
+<p>Der Götterglaube durchdringt das gesamte Leben des germanischen
+Volkes. Rechtswesen und Kriegswesen, Ding und Heerfahrt sind ebenso
+religiös geweiht, wie alle wichtigeren Ereignisse des Einzellebens
+von religiösen Handlungen begleitet sind. Die Nachrichten, die
+natürlich wieder am reichlichsten aus nordischen Quellen zu erholen
+sind, zeigen den Götterglauben mit vielen <span class="pagenum" id="Page_546">[S. 546]</span>Bräuchen, mit der gesamten
+sittlichen Lebensauffassung aufs engste verknüpft. Die allgemeinen
+religiösen Formen scheinen bei allen Stämmen ziemlich gleichartig
+gewesen zu sein, die grossen Unterschiede, welche die Göttersagen,
+d.&#8239;h. die Gebilde einzelner Dichter, aufweisen, stossen uns hier
+nicht so sehr auf. Freilich hören wir auch selten von Einzelheiten,
+selbst der Name der angerufenen Gottheit bleibt meistens verschwiegen.
+Aber der Gottesdienst wurzelt in uraltem Herkommen und wird von den
+Veränderungen der Göttersage wenig berührt.</p>
+
+<p>An der Spitze der germanischen Volksstämme steht in den ältesten
+Zeiten der Adel, eine kleine, stets sich vermindernde Schar edler
+Geschlechter, aus denen die Könige gewählt wurden. Das Wesen des
+Adels tritt in einer sagenumwobenen Ahnenreihe zu Tage, an deren
+Ursprung Götter stehen. So sind die angelsächsischen Könige und
+damit auch die sächsischen, jütischen, anglischen Wodans Söhne,
+ebenso die fränkischen Walsungen. Der Ahnherr der Könige ist oft dem
+Stammesheros, nach dem das Volk sich nennt, gleichgestellt und dabei
+ein Göttersohn, so vermutlich Ingo, Irmino, Istvo als Söhne des Tiuȥ.
+Die Amaler entstammen den <i>ansîȥ</i>, den Göttern. Nordische Könige
+werden Freys oder Tys Gesippte genannt. Das Volk zeigt überall treue
+Anhänglichkeit an seinen Adel, in welchem es den Göttern sich verwandt
+fühlt. So ragt der Götterglaube in die Ständeordnung herein. Unter
+sich selber stufen die Stämme eines Volkes wol nach den ältesten
+und vornehmsten Adelsgeschlechtern sich ab, so die Semnonen mit dem
+schaurig-heiligen Walde, wo Tiuȥ waltet, wohin die ersten Anfänge des
+Volkes zurückdeuten, neben den übrigen Sueven. Wie spätere Sagenbildung
+bis zu dem Gedanken, alle Menschen seien Gottes (Heimdalls) Kinder,
+vorschreitet, ist beiläufig erwähnt worden. Für den Glauben der Urzeit,
+als die Germanen ins Licht geschichtlicher Überlieferung eintreten,
+haben wir mit der Thatsache zu rechnen, dass die Volksstämme in ihren
+ältesten und vornehmsten Adligen, denen das Königtum anvertraut wurde,
+Abkömmlinge der Volksgötter ehrten.</p>
+
+<p>Über die friesischen Götter sagt Richthofen&#x2060;<a id="FNanchor_670_670" href="#Footnote_670_670" class="fnanchor">[670]</a> auf Grund der
+Quellenzeugnisse: Die heidnischen Friesen verehren Götter und machen
+sich Bilder von ihren Göttern. Ihnen sind Güter aller Art geweiht,
+sie haben Tempel, Äcker, Wälder, Seen, Quellen, <span class="pagenum" id="Page_547">[S. 547]</span>weidende Tiere,
+Schätze; ihnen wird geopfert, auch Menschenopfer fallen, vor allem von
+solchen, die ihre Heiligtümer verletzten. Darum kam Willebrord mit
+seinen Genossen fast ums Leben. Sie, die Unbesiegbaren, entscheiden
+unmittelbar der Menschen Geschick, verkünden befragt durch das Loos
+ihren Willen. Sie sind der Urquell allen Rechtes, es ist von ihnen
+geschaffen, von dem geheimnissvollen Fremdling, der unter den zwölf
+Asegen erschien und sie des Landrechts unterwies; sie verkünden es
+durch ihre Priester, die Asegen, die Rechtsverkündiger, und bringen es
+im Gottesurteil zur Geltung.</p>
+
+<p>Ding und Dingstätte sind dem Schutze der Götter geweiht.&#x2060;<a id="FNanchor_671_671" href="#Footnote_671_671" class="fnanchor">[671]</a> Den
+eigentlichen Verhandlungen voran gehen sakrale Bräuche, deren Zweck
+eben darin beruht, den Beistand der Götter zum Gerichte anzurufen. Als
+Gerichtstage galten noch in christlicher Zeit besonders Dienstag und
+Donnerstag, woraus zu vermuten ist, dass Donar und Tiuȥ des Gerichtes
+walteten. In uralter Zeit fanden Menschenopfer zur Heiligung der
+Dingstätte statt, ein Brauch, den die spätere mildere Zeit in Norwegen
+zur Freigebung eines Unfreien verwandelte. Mit dem Opfer waren die
+üblichen Trünke verbunden, was ebenfalls noch aus späteren Bestimmungen
+der christlichen nordischen Rechte hervorgeht. Mit feierlichem Opfer an
+die Gottheit werden die Gau- und Volksgerichte angehoben haben. Dieses
+Opfer mag in den allgemeinen üblichen Formen verlaufen sein. Dann
+folgte die Heiligung, die Hegung des Dinges, welche der Priester oder
+der leitende Fürst oder König besorgte. Diese besteht in feierlichen
+Erklärungen, die in der Verkündigung des Dingfriedens gipfeln, und ist
+mit einer räumlichen Einfriedigung, Hegung des Verhandlungsplatzes etwa
+mittels Pflock und Seil verbunden. Innerhalb der Dingstätte herrscht
+ein heiliger Frieden, dessen Grenzen durch die Hegung abgemarkt
+werden. Auf Island bezeichnet <i>Þinghelgi</i>, Dingheiligung den
+Dingfrieden, die Dinghegung und Dingstätte, <i>vébǫnd</i>, Weihbande,
+heilige Bänder, heissen die um die Dingstätte gezogenen Schnüre.
+Der Priester sprach das feierliche Gebot des Stillschweigens aus.
+Zur Eröffnung des Gerichtes leiten die Hegungsfragen, die an die
+Gerichtsgemeinde oder an ein einzelnes Mitglied gestellten Fragen
+des Richters, ob es Dinges Zeit und Ort sei, ob das Gericht gehörig
+<span class="pagenum" id="Page_548">[S. 548]</span>gehegt, gespannt oder besetzt sei, ob er den Gerichtsfrieden
+gebieten solle. Vielleicht wurden diese altertümlichen Hegungsfragen
+in der Urzeit vom Vorsitzenden Richter an die Priester gestellt,
+welche darüber die Loose zu befragen und den Willen der Götter zu
+erkunden hatten. Diese bestätigten hierauf die gehörige Erfüllung der
+Einhegungsförmlichkeiten. Dann wurde Stille geboten und der heilige
+Dingfriede gesetzt. Die Mitwirkung der Götter äussert sich wiederum
+beim Eide. Der Schwörende musste einen Gegenstand berühren, der sich
+auf die als Zeugen des Eides und Rächer des Meineides angerufenen
+Götter bezog. Uralt ist der germanische Waffeneid, meist aufs
+Schwert, das nach Ammianus bei den Quaden göttliche Verehrung genoss,
+abgelegt. Zeuge mag der „<i>Schwertgott</i>“, Saxnôt, Tiuȥ gewesen
+sein. Goten und Nordgermanen schwuren auf Ringe, die zuvor in das Blut
+des Opfertieres getaucht worden waren. Eine nordische Eidformel ist
+überliefert: Ich schwöre auf den Ring einen gesetzlichen Eid, so wahr
+mir Freyr, Njord und der allmächtige Ase (Thor) helfe, zu klagen, zu
+verteidigen, zu zeugen, Wahrspruch oder Urteil zu fällen nach bestem
+Wissen und Gewissen und nach Rechtsbrauch. Das Gottesurteil, das
+Ordal dient nach altem Rechtsbrauch als Beweismittel. Die Elemente,
+Feuer und Wasser, die Loose werden befragt. Die Götter offenbaren ihr
+Wissen um die Vergangenheit bei gewissen Handlungen. Das Ordal dient
+übrigens im ältesten Rechte nicht bloss als Beweismittel, sondern es
+wird auch angewendet, um den Willen der Götter zu erkunden, ob ihnen
+der bereits überführte Verbrecher oder der gefangene Feind als Opfer
+genehm sei. Das germanische Recht bestraft schwere Verbrechen auf
+zweifache Art. Der Missethäter wird aus dem Frieden gethan und in Wald
+und Wildniss gewiesen. Dort schweift er wie ein Wolf umher, sein Leben
+ist verwirkt, er kann von jedermann getötet werden. Das Recht entzieht
+dem, der es gebrochen, seinen Schutz, besonders den Frieden. Ob er
+zu Grunde geht, bleibt aber dem Schicksal, der waltenden Gottheit,
+überlassen. Es gibt aber Verbrechen, Neidingswerke, die nicht allein
+Menschensatzungen zerreissen, die auch den Zorn der Götter hervorrufen.
+Auf solchen Verbrechen steht Todesstrafe.&#x2060;<a id="FNanchor_672_672" href="#Footnote_672_672" class="fnanchor">[672]</a> Der Missethäter wird
+der Gottheit als Opfer gegeben, auf dass die Rache der Götter, welche
+durch die Unthat gereizt wurde, von der Rechtsgenossenschaft abgewandt
+werde. <span class="pagenum" id="Page_549">[S. 549]</span>Demnach ist die heidnische Todesstrafe ein Kultakt, ein Opfer.
+Daher rührt noch das umständliche Ritual, das den Todesstrafen des
+Mittelalters anhaftet. Ganz bestimmt wird das Hängen, das Ertränken,
+das Rückenbrechen als Opferhandlung bezeugt. Die Kriegsgefangenen
+wurden aufgehängt, dem Tiuȥ und Wodan geweiht, aber ebenso auch
+Verräter und Heerflüchtige zur Sühne ihrer Schandthat. Neben den
+Tempeln befanden sich Teiche, in denen die Opfer ertränkt wurden; die
+Sklaven der Nerthus versinken im heiligen See; in gleicher Weise werden
+nach Tacitus Feiglinge, Schwächlinge und Unzüchtige in Sümpfen versenkt
+und mit Dornen bedeckt. Kriegsgefangene aus der Schlacht im Teutoburger
+Wald wurden lebendig begraben. Auch diese Opferhandlung begegnet als
+besondere Todesstrafe. Wo die Westisländer sich zum Ding versammelten,
+an der Dingstätte, in der Nähe des Tempels sah man in den Tagen Aris
+noch den Gerichtsring, in dem die Leute zum Opfer verurteilt wurden; in
+dem Ringe stand der Thorsstein, an welchem die Leute gebrochen wurden,
+die man zum Opfer gebrauchte, und man sah noch die Blutfarbe an dem
+Stein. Beim Allding des Jahres 1000 werfen die christlichen Isländer
+den heidnischen vor, sie wählten die schlechtesten Leute, um sie ihren
+Göttern zu geben, und opfern sie mit einem abscheulichen Tode und einem
+ihrer Missethaten wegen ihrer würdigen, sie stürzen sie von Bergen
+herab oder in Felsschluchten. Mit der Auffassung der Todesstrafe als
+eines Sühneopfers hängen die umständlichen Formen zusammen. Beim Hängen
+dient der Weidenstrang anstatt des Strickes, der dürre laublose Baum
+anstatt des Galgens; Hunde werden mitgehängt u.&#8239;dgl. Kauffmann&#x2060;<a id="FNanchor_673_673" href="#Footnote_673_673" class="fnanchor">[673]</a>
+betrachtet auch die Ächtung als eine Kulthandlung. Der Verfehmte, der
+wie ein Tier wehrlos und selbst gefesselt in den Wald gejagt und dem
+Tod preisgegeben wurde, sei es, dass er verhungert und verschmachtet
+oder von Tieren zerrissen wird, sei ein unmittelbares Opfer an die
+Gottheit; nur dass die Gottheit im schauerlichen unheimlichen Bannwalde
+selber das Urteil vollstreckt und an sich nimmt, während sonst der
+Mensch das Blut des Opfers vergiesst. Das germanische Strafrecht beruht
+auf dem Grundgedanken der Sühnung. Wo durch Missethat der Zorn der
+Götter gereizt ist, tritt „öffentliche“ Strafe ein, die einzig mögliche
+Sühne, der Opfertod.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_550">[S. 550]</span></p>
+
+<p>Wie die Götter das Recht einsetzten und seiner Handhabung walteten,
+so nahm das Recht auch wiederum darauf Bedacht, dass der Dienst der
+Götter gehörige Pflege fand. Im Norden gab es gesetzliche Bestimmungen,
+die von vornherein ausschliesslich auf den Schutz der Religion und
+des Kultes gerichtet waren. So heisst es vom ältesten isländischen
+Landrecht von 930: „Das war der Anfang der heidnischen Gesetze, dass
+man keine Schiffe mit Köpfen in der See haben sollte, oder wenn
+man solche hätte, da sollte man den Kopf abnehmen, ehe das Land in
+Sicht käme, und nicht zum Lande segeln mit aufgesperrten Köpfen
+oder gähnenden Rachen, so dass die Landgeister darüber erschräken.“
+Die Vorschrift nimmt also Bedacht, dass die Landgeister durch die
+heranfahrenden Drachenschiffe mit ihren schrecklichen Bildnissen nicht
+beunruhigt werden sollten. Es scheint überhaupt, dass bereits in der
+heidnischen Zeit religiöse Gebote ganz in derselben Weise an die Spitze
+der Gesetze gestellt wurden, wie später das Christenrecht deren ersten
+Abschnitt zu bilden pflegte.&#x2060;<a id="FNanchor_674_674" href="#Footnote_674_674" class="fnanchor">[674]</a></p>
+
+<h5 class="s4" id="Der_Goetterdienst_im_Kriege_2"><b>2. Der Götterdienst im
+Kriege.</b></h5>
+
+<p>Der Gottesdienst durchdrang weihend die germanischen Kriege, die
+nach alter Volkssitte eingeleitet, geführt und beendigt wurden.&#x2060;<a id="FNanchor_675_675" href="#Footnote_675_675" class="fnanchor">[675]</a>
+Der Brauch der Germanen, Ort und Zeit des Kampfes dem Gegner vorher
+zu bestimmen, lebt in nordischer Göttersage insofern nach, als
+Wigrid, das weite Walfeld, wo die guten Götter und Surtr im Kampfe
+zusammenstossen, im voraus bekannt ist. Mit Haselstäben wurde Dingplatz
+und Schlachtfeld abgegrenzt, gehegt und dadurch wahrscheinlich dem
+Schutze der Gottheit unterstellt. Der Kriegsgott zog mit den deutschen
+Völkern in die Schlacht und war in ihrem Lager. Zum sichtbaren Zeichen
+seiner Gegenwart standen die Bilder und Symbole, welche im Frieden
+an den heiligen Bäumen der geweihten Waldplätze über den Opferfesten
+der Gau- und Volksgemeinden schwebten, bei den Abteilungen des
+Heeres. Es war das Amt des Priesters, jene Bilder und Zeichen von
+den Bäumen herabzunehmen und während des Zuges <span class="pagenum" id="Page_551">[S. 551]</span>zu hüten. Ehe ein
+Krieg unternommen oder eine Schlacht begonnen ward, forschten die
+Deutschen nach dem Willen des Gottes. Er wurde befragt, ob er dem
+Kampfe günstig sei. Ungünstige Zeichen bei den Opfern wurden sorgsam
+beachtet; man zog dann Friedensverhandlungen dem Kampfe vor. Wie einmal
+die Alemannen unter Leuthari in Campanien wider den Rat ihrer Seher
+sich mit Narses schlugen, wurden sie besiegt. Mittel der Erforschung
+war Looswurf, den im Kriegsfalle, wie auch sonst in öffentlichen
+Dingen der Priester vollzog. Aus den Eingeweiden und dem rinnenden
+Blute der Opfertiere wurde geweissagt. Man horchte auf die Stimmen,
+das schwellende Schlachtgeschrei (<i>barditus</i>), das Wiehern der
+Tempelrosse. Der Zweikampf diente als Erforschungsmittel. Einen
+Gefangenen aus dem feindlichen Volke stellten die Deutschen einem
+auserlesenen Manne vom eigenen Stamme, jeden mit seinen volkstümlichen
+Waffen, gegenüber und nahmen den Sieg des einen oder des andern als
+Vorbedeutung des bevorstehenden Krieges. Weissagende Frauen, wie Weleda
+bei den Bructerern, hatten grossen Einfluss auf die kriegerischen
+Unternehmungen des Volkes. Blutiges Menschenopfer musste den Grimm
+der Götter besänftigen und sühnen. Denn der Götter Zorn, Odins Grimm,
+ist die vernichtende Niederlage. Darum wurde das Feindesheer zur
+Feindschaft des Gottes verflucht: Zornig ist euch Odin! Schwankte der
+Sieg während des Kampfes, so wurden neue Opfer gebracht, um den noch
+immer zürnenden Gott günstig zu stimmen. Die Kampftoten, die Wal, waren
+zugleich ein Dankopfer an den Gott. So ehrten die Goten den Tiuȥ als
+den Herrn des Krieges mit Menschenopfern; daher weihten sie ihm die
+Erstlinge der Kriegsbeute und alle Gefangenen. Die nordischen Völker
+des 5. Jahrhunderts brachten dem Tiuȥ als vornehmstes Opfer den ersten
+Kriegsgefangenen, indem sie ihn hängten oder ins Dorngebüsch warfen
+oder sonst jämmerlich töteten. Der Frankenkönig Theudebert opferte
+an der Pobrücke die gotischen Frauen und Kinder und warf ihre Leiber
+in den Fluss als Erstlingsopfer des Krieges. Das Blut aller Christen
+gelobte der heidnische Gotenkönig Radagais seinen Göttern bei dem Zug
+nach Italien (405), wenn sie ihm den Sieg gäben. So wurde es auch im
+Norden gehalten, wo das dritte grosse Opferfest zu Sommers Anfang, wenn
+die Jahreszeit für Heerfahrten und Seezüge anbrach, gehalten wurde,
+das <i>sigrblót</i>. Harald Hilditonn, König von Dänemark, betet in
+der Brawallaschlacht zu Odin und gelobt ihm für den <span class="pagenum" id="Page_552">[S. 552]</span>Sieg alle Toten
+des Walfeldes. Während einer Seeschlacht, die Jarl Hakon in Norwegen
+um 989 gegen eingefallene Wikinger schlägt, wendet sich sein Glück.
+Da fährt er ans Land und opfert seinen eigenen siebenjährigen Sohn
+um Sieg. Eirik von Schweden ergab sich selber vor der Schlacht gegen
+Styrbjorn dem Odin für den Sieg: er gelobte, nach zehn Jahren sterben
+zu wollen. Die früheren Opfer, die er dem Gotte gebracht, hatten diesen
+nicht freundlich gestimmt. Da trat ein grosser Mann mit breitem Hut zu
+ihm; der reichte ihm einen Rohrstengel und hiess ihn denselben über
+die Schaar Styrbjorns mit den Worten schiessen: Odin hat euch alle!
+Eirik that also, und als er geworfen, zeigte sich ihm ein Speer in der
+Luft, der flog über das Volk Styrbjorns und blendete dieses und den
+Styrbjorn selbst. So gewann Eirik den Sieg mit Odins Hilfe, Björn aber
+und viele der Seinen fielen in der Schlacht. Bei einem feindlichen
+Zusammentreffen zwischen dem Goden Snorri und Steinthor warf letzterer
+nach alter Sitte sich zum guten Zeichen einen Speer über die Gegner
+und verwundete dabei einen Verwandten des Snorri. Gizur, Heidreks
+Pflegesohn, ritt den einbrechenden Landesfeinden entgegen, um ihnen den
+Schlachtplatz anzusagen. Er reitet so nahe heran, dass die Feinde ihn
+hören können, und ruft dann laut:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Erschreckt ist euer Volk, dem Tod verfallen euer Führer.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Kriegsfahne ist über euch erhoben, feind ist euch Odin.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich lade euch nach Dylgja und auf die Dunheide</div>
+ <div class="verse indent0">Zur Schlacht zwischen den Jǫsurbergen.</div>
+ <div class="verse indent0">Und so lasse Odin den Speer fliegen,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie ich voraus verkünde.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Der Speerwurf erscheint hier als Zeichen der Kriegsankündigung, und
+zugleich zur guten Vorbedeutung. Aus dem Fluge des Speeres ergab
+sich ein Wahrzeichen über den Ausgang des Kampfes, da der Flug unter
+Anrufung Odins geschah. In der Sage von Eirik leiht der Gott die eigene
+Waffe seinem Schützling, wie er in anderem Falle dem Dag seinen Speer
+gab, damit er den erschlagenen Vater an Helgi räche. Wie diejenigen,
+welche sich Odin weihten, mit dem Ger sich verwundeten und ihr Blut dem
+Gotte opferten, so ist die nach dem Feind geworfene Waffe das Zeichen
+für das grosse Blutopfer, das in dem Tod aller Feinde dem grimmen
+Todes- und Kriegsgotte gelobt wird. Mit Speerschuss eröffnete Odin den
+ersten Weltkrieg, den der Götter <span class="pagenum" id="Page_553">[S. 553]</span>und Wanen. Speerwurf als Kampfansage
+ist eine uralte religiöse Handlung, ebenso von Persern, Griechen und
+Römern als von den Germanen geübt. Der germanische Gerwurf geschah als
+Opferhandlung für den Walgott, einst für Tiuȥ, dann für Odin.</p>
+
+<p>Der Gottesdienst, welcher das kriegerische Leben der Germanen
+durchdrang, brach auch in den Liedern hervor, mit denen sie ins Gefecht
+vorrückten. Mit Anrufung des Donar (Hercules) traten nach Tacitus die
+Deutschen in die Schlacht. Rauher, wilder Gesang der Goten, Preis der
+Götter und Helden, gellte den Römern in den Ohren. Die Götter und die
+Helden schwebten geistig über den Häuptern der todbereiten Männer und
+weihten ihre Waffen.</p>
+
+<p>Bei der Anrufung der Götter vor dem Kriege um den Sieg war gelobt
+worden, die Feinde ihnen dafür zu opfern. Dem Gelübde folgte die
+Erfüllung. Nach dem grossen Siege von Arausio (im Jahre 105) vollzogen
+die Kimbern die furchtbare Vernichtung aller Lebenden und Toten. Das
+erbeutete Gold und Silber ward ins Wasser geworfen, die Gewänder
+wurden zerrissen, die Rüstungen zerhauen, die Reitzeuge zerstört,
+die Rosse im Flusse ertränkt, die lebenden Gefangenen an die Bäume
+gehenkt. Die ganze ungeheure Beute, die sie in den beiden römischen
+Lagern gemacht, vernichteten die Deutschen nach alter Kriegssitte.
+Ein andres Bild solcher Opferstätte bot das Walfeld des Varus, wie es
+Germanicus im sechsten Jahre nach der Schlacht (15 n. Chr.) fand. So
+wie die Römer gefallen waren, lagen ihre Gebeine unbestattet, samt den
+Waffenresten und Pferdegerippen; an die Baumstämme waren die Schädel
+genagelt; in den nahen Wäldern standen die Opfersteine, an denen die
+Tribunen und Centurionen der ersten Züge geopfert worden waren. Die
+andern Gefangenen hingen an den Galgen oder waren in Gruben lebendig
+begraben worden, wie die Soldaten, die durch Flucht davon gekommen,
+dem Germanicus erzählten. Nicht mutwillige oder wütende Grausamkeit
+hatte diese schauervolle That bewirkt, sondern die Pflicht gegen den
+Kriegsgott, welcher das Opfer verlangte, nachdem er die Bitte und das
+Gelöbniss erhört und den Sieg gegeben hatte. In gleicher Weise haben
+die Hermunduren nach ihrem Siege über die Chatten am Salzflusse alles,
+was an lebenden Menschen und Tieren in ihre Hände gefallen war, dem
+Tiuȥ und Wodan geopfert. Und ebenso wird von den Goten berichtet,
+dass sie alle Gefangenen dem Tiuȥ zu opfern pflegten. Die Sachsen
+bestimmten <span class="pagenum" id="Page_554">[S. 554]</span>aus den Kriegsgefangenen durchs Loos den zehnten Mann und
+opferten diese Ausgeloosten mit gleicher qualvoller Art den Göttern.
+Im besonderen war es das Blut der Menschen und Tiere, welches der
+Gott empfing. Die Götter dürsten nach Blut und darum heisst bei den
+Skalden das Blut <i>Gauts tafn</i>, Odins Opfer. Mit dem Blut aus
+selbst gestochener Wunde erkauften die Nordgermanen die Hilfe Odins
+und Aufnahme in sein Gefolge. Mit der Speerwunde gaben sie sich dem
+Gotte zu Eigen und zeichneten sich mit seiner Marke als ihm gehörig. So
+wird Wikar von Starkad aufgeknüpft, durchbohrt und dem Odin geweiht.
+Blut- und Hangopfer, die der düstre Gott fordert, sind hier vereint.
+Die Leiber der Gefallenen gehören den Tieren des Todesgottes, den
+Raben und Wölfen. Unsre alte Poesie klingt noch davon wieder, wie die
+dunklen Raben, die Adler und die Habichte schreien, und die wilden
+grauen Wölfe, des Wettergottes Hunde, am Abend vor der Schlacht ihr
+Lied anstimmen, in der Hoffnung auf Atzung; wie die Heervögel, die
+schlachthungrigen, vom Blut benetzten, auf den Spuren der Kämpfer
+fliegen und das Schlachtlied singen mitten unter den Speeren. „Der hat
+oft die Are gesättigt“, war ein Lob für tapfre Männer. „Deinen Leib
+will ich den Vögeln hinlegen und dein Haupt von hinnen führen“, ruft
+der Held dem Feinde zu.</p>
+
+<p>Ein Dankopfer für den Sieg war, den isländischen Quellen zufolge,
+auch bei Zweikämpfen fromme Sitte. Egill und Atli hatten sich zum
+Holmgang gefordert. Als Opfertier war ein grosser alter Stier zur
+Stelle gebracht, den sollte der Sieger schlagen. Atli fiel. Da lief
+Egill rasch zu dem Tier, griff mit der einen Hand in sein Maul, mit
+der andern in die Hörner und schleuderte es herum, dass es das Genick
+brach. Kormak hatte den Thorward im Zweikampfe verwundet; er hieb das
+Rind als Siegopfer sofort nieder, mit dem Blute bestrich er eine nahe
+Elbenhöhle und bereitete aus dem Fleische den Elben ein Mahl, weil
+elbische Einflüsse über dem Kampfe gewesen waren.</p>
+
+<p>Vom Beschluss zum Kriege bis zum blutigen Siege durchdringt das
+religiöse Element die germanischen Heere und treibt auch den einzelnen
+Mann. Der Krieg war ein furchtbarer Opferdienst.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_555">[S. 555]</span></p>
+
+<h5 class="s4" id="Der_Goetterdienst_im_alltaeglichen_Leben_3"><b>3. Der
+Götterdienst im alltäglichen Leben.</b></h5>
+
+<p>Wie das öffentliche Leben des ganzen Volkes, so stand auch das des
+Einzelnen in engster Verbindung mit dem Götterglauben.&#x2060;<a id="FNanchor_676_676" href="#Footnote_676_676" class="fnanchor">[676]</a> Deutlich
+tritt bereits bei der Namengebung religiöser Brauch hervor. Wenn dem
+Kinde ein mit einem Götternamen gebildeter Eigenname beigelegt wurde,
+so soll es damit in des Gottes Schutz gestellt werden. Am meisten
+ist die Benennung nach Göttern im heidnischen Norden üblich, jedoch
+zeigen deutliche Spuren, dass es in Deutschland ebenso gehalten
+wurde. Mit As und Regin, im Niederdeutschen Os, im Hochdeutschen Ans
+zusammengesetzte Namen, die grossenteils noch heute üblich sind, wie
+die ähnlicher Vorstellung entsprungenen christlichen Namen Gotthold,
+Gottlieb, Gottfried u.&#8239;dgl., drücken die allgemeine Unterordnung
+unter die Gottheit aus, wohin auch Helgi und Helga (russisch Olga),
+der und die Geheiligte, und die mit <i>vé</i>, d.&#8239;h. Heiligtum,
+Weihtum, verbundenen gehören. Foerstemanns altdeutsches Namenbuch
+und jedes beliebige nordische Namenverzeichniss bieten unter den
+Schlagwörtern Beispiele in Hülle und Fülle. Alfr, Freyr, Gautr, sowie
+die im Norden ungemein beliebten Zusammensetzungen mit Thor, Freyr,
+Ing, Alf sind hierfür Zeugen. Asen und Alfen nehmen die Menschen in
+Schutz. Ob die dem nordischen Gautr und Freyr entsprechenden deutschen
+Gôȥ und Frô auf Götternamen weisen, ob nicht vielmehr die zu Grunde
+liegenden Appellativa nur im Norden zum Range eines Götternamens sich
+erhoben, ist zweifelhaft. In Deutschland werden Wodan und Balder
+als Namen geführt, im Norden auch Idun. Wenn auch der grösste Teil
+der überlieferten Namen erst der späteren Zeit angehört und, wie es
+so häufig auch noch heute geschieht, nur gewohnheitsmässig, ohne
+Verständniss des eigentlichen Sinnes, angewandt wurde, so liegt doch
+zweifellos ursprünglich bewusster Brauch zu Grunde, ein im Namen
+angedeutetes Schutzverhältniss zum Gotte.</p>
+
+<p>Im Norden war es Sitte, das Kind mit Wasser zu begiessen. Dieser Brauch
+ist allerdings religiös, ahmt jedoch die christliche Taufe nach.&#x2060;<a id="FNanchor_677_677" href="#Footnote_677_677" class="fnanchor">[677]</a>
+Die Eingehung der Ehe war mit religiösen Bräuchen <span class="pagenum" id="Page_556">[S. 556]</span>verknüpft. Adam
+von Bremen weiss, dass dem Freyr bei Hochzeiten geopfert wurde,
+das Lied von Thrym zeigt, dass der Hammer Thors, der auch sonst zu
+mancherlei Weihen diente, dabei gebraucht wurde. Ein feierliches Mahl
+und Trinken, wobei die üblichen Sprüche und Gelübde nicht fehlten,
+schloss sich an. Auf der Nordendorfer Gewandspange werden Wodan
+und Donar zu einer Weihhandlung angerufen, die jedenfalls auch nur
+das Privatleben betrifft. Die Besitznahme von Land verlangt nach
+isländischem Rechtsbrauch Weihe durch Feuer, die Erstreckung der
+Grenzen wurde in Norwegen durch Hammerwurf festgestellt. Wer die
+Wohnung wechselte, begann den Umzug mit segnenden Weihesprüchen.
+Bei Eingehung der Blutbrüderschaft rief man die Götter zu Zeugen
+der übernommenen Verpflichtungen an. Unter Androhung des Zornes der
+Götter verbietet man dem Gegner die Benützung des strittigen Gutes vor
+rechtlichem Austrag der Sache. Wer eine Vorschrift der Rechtsordnung
+versäumte, dem zürnten die Götter. Die Brüder Helgi und Grim hatten
+einen verübten Totschlag nicht den Gesetzen gemäss angezeigt; dafür
+sandten die Götter einen schweren Sturm über sie. Wo immer der Mensch
+höherer Hilfe und höheren Rates zu bedürfen meinte, da wandte er
+sich vertrauensvoll mit Opfer und Gebet an die Götter, und wenn der
+Staat das einemal um gutes Jahr und Frieden, ein andermal um Sieg zu
+opfern pflegte, so betete und opferte auch der Einzelne um Rache an
+einem Gegner, um Heilung einer Wunde, um Holz zu einem Hausbau, um
+Anrichtung oder Abwendung von Schaden, um Speise während drückender
+Hungersnot, um Aufklärung über die Zukunft, um Rat über das unter
+schwierigen Umständen einzuhaltende Verfahren. Die Norweger, die nach
+Island übersiedelten, traten selten ohne Rat und Beistand Thors die
+Reise an. Darum sind auch Thorsköpfe auf dem Hochsitzpfeiler des Hauses
+geschnitzt, darum trägt man kleine Hämmer als Schmuckgegenstände und
+Götterbilder bei sich. Das Einzelopfer, das der Hausvater für sein
+Ingesinde darbringt, richtet sich als Bitt- und Dankopfer zumal in
+der bäuerlichen Wirtschaft hauptsächlich an seelische und elbische
+Wesen. Der älteste Gottesdienst ist der, den die Hausgenossenschaft den
+Ahnengeistern darbringt. Bei der Entfaltung des Glaubens an Götter,
+denen die Geschicke des Volkes anvertraut sind, schränkt sich Seelen-
+und Elbenkult namentlich auf Haus und Gemeinde <span class="pagenum" id="Page_557">[S. 557]</span>ein. Mithin ist das
+Einzelopfer ein wichtiger Bestandteil der Religionsübung, welche dem
+Privatleben zufällt. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass auch der
+Einzelne den grossen und mächtigen Göttern seines Volkes eine eifrige
+Pflege widmet. Manche schliessen mit ihren Lieblingsgöttern einen
+schier menschlich gedachten Bund, ein Verhältniss gegenseitiger treuer
+Freundschaft und Zuneigung, das auf der einen Seite die Pflicht zu
+Dienst und Gehorsam, auf der andern die Pflicht zu Schutz und Schirm
+hervorkehrt, etwa wie es zwischen einem König oder Häuptling und seinem
+bevorzugten Gefolgsmann besteht. So war Thorolf aus Mostr in Norwegen
+ein besonderer Freund Thors; seinen Sohn Steinn schenkte er dem Thor
+und nannte ihn daher Thorstein. Dieser verfährt nachher ebenso, macht
+seinen Sohn zum Tempelpriester und heisst ihn Thorgrim. Der Grönländer
+Thorhall betrachtet den rotbärtigen Thor als seinen verlässigsten
+Freund. Dem Hrafnkell ist Freyr befreundet; Hrafnkell gab dem Gotte die
+Hälfte seiner Habe zu Eigen. Thorkell hat den Freyr zum Freunde und
+so auch die beiden Freysgoden, Thorgrim und Thord. Man wundert sich
+bloss, dass sie nicht auch den Namen ihres Gottes führen, sondern wie
+die Thorsdiener heissen. Sigurd der Wurmtöter ist <i>Freys vinr</i>,
+Freys Freund. Prachtvoll führt die Sagendichtung bei Odin, der den
+jugendlichen Heldengeist weckt, leitet und endlich zu sich nimmt, solch
+persönliche Neigung und Schirmherrschaft zwischen Gott und Helden uns
+vor. Aber eine solche Freundschaft kann auch schnell zerrissen werden,
+wenn die Götter einmal ihren Schützling im Stich lassen. So gelangt
+der trotz seines eifrigen Opferdienstes von seinen Feinden besiegte
+Hrafnkell zur Verleugnung jeglichen Götterglaubens. Dem Grimkell,
+einem eifrigen Opferer, weissagt die Thorgerd Hölgabrud seinen Tod;
+aus Zorn darüber legt er Feuer an ihren Tempel. Übrigens plündern und
+brennen auch gläubige Heiden die Göttertempel ihrer Feinde, worauf
+sie allerdings auch der Acht anheimfallen. Das Verhältniss einzelner
+Leute zu Haus- und Folgegeistern, zu Kobolden und Fylgjen ist beim
+Geisterglauben geschildert.</p>
+
+<p>Beim Tode des Menschen greift der Glaube wiederum mit allerlei Bräuchen
+und Vorstellungen ein. In der Göttersage weiht Thor Baldrs Holzstoss
+mit seinem Hammer; die Runensteine, die Denkmäler wurden öfters dem
+Schutze des starken Gottes empfohlen: Möge Thor diese Runen weihen! Man
+wies den Verstorbenen förmlich und feierlich nach Walhall. Der Glaube,
+dass <span class="pagenum" id="Page_558">[S. 558]</span>der Tote eine weite Fahrt ins Jenseits zurückzulegen habe,
+veranlasste die in alten Quellen häufig erwähnten, in den Gräbern auch
+wirklich entdeckten mannigfachen Zugaben. Dem Toten folgten Pferde,
+Wagen, Schiff, damit er so die Reise mache, oder wenigstens wurden ihm
+Schuhe beigelegt, um die weiten dornichten und steinichten Wegstrecken
+durchwandern zu können. Streng wurde die Besorgung und richtige
+Bestattung der Leiche beachtet. Die Vorstellungen vom Schicksal
+nach dem Tode waren auch unter der Dauer des Walhallglaubens sehr
+verschiedenartig. Man dachte, die Seele des Abgeschiedenen gehe zu den
+mannigfachen Klassen von Geistern, zu den Göttern oder zum allgemeinen
+Totenreich, zur Hölle. Wie bereits in den betreffenden Abschnitten
+aufgezeigt ward, war kein fester, einheitlicher Glaube vorhanden. Odin
+ladet vornehme, tüchtige, waffentote Helden gen Walhall. Aber dennoch
+fährt mancher, der diese Bedingungen vollauf erfüllt, zur Hölle, und
+mancher geht in Walhall ein, ohne auf dem Walfeld geblieben zu sein.
+Thor nimmt sich die Bauern; die Weiber fahren zu Freyja, der aber
+andererseits auch die Hälfte der Wal zugewiesen wird, die Jungfrauen zu
+Gefjon. Allen steht ein herrliches, freudenreiches Leben bevor. Aber
+auch die Riesen und Unholde aller Art, die Elbe und Zwerge holen sich
+ihre Beute. Der Überrest der Menschheit, die ganze feige und thatenlose
+Menge, die weder Gott noch Dämon mag und die ruhmlos auf dem Siechbett
+dahinstirbt, bevölkert die Hölle. Zur Hölle gehen alle die Toten, die
+nicht durch besondere Wahl von anderer Seite ihr entzogen werden.
+Diesen Stand nehmen im allgemeinen die nordischen Überlieferungen
+des 9./10. Jahrhunderts ein. Endlich war auch der Erbschaftsantritt
+mit einem Opferfeste verbunden. Im selben Jahre, da der Erblasser
+gestorben war, hielt der zur Erbschaft Berufene ein feierliches
+Gastmahl; mancherlei Minne wurde da getrunken, endlich aber sollte beim
+Hauptbecher der Erbe ein feierliches Gelübde thun und dadurch sich erst
+das Recht erwerben auf den Sitz und den Nachlass des Verstorbenen.</p>
+
+<p>Von dem Augenblicke an, da der Knabe, mit Wasser begossen, seinen Namen
+beigelegt erhielt, bis zu dem andern, da über dem Leichname des Greises
+die Flamme zusammenschlug oder der Grabhügel sich wölbte, geleitete
+seine Religion den Nordmann treu durch das Leben, alle wichtigen
+Ereignisse weihend, verschönernd und verklärend.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_559">[S. 559]</span></p>
+
+<h5 class="s4" id="Gebet_und_Opfer_4"><b>4. Gebet und Opfer.</b></h5>
+
+<p>Gebet und Opfer gehören fürs Heidentum unlöslich zusammen, eines ohne
+das andere ist kaum denkbar. Das Gebet ist gleichsam die Begründung
+des Opfers. Die Gabe, die einem höheren Wesen gespendet wird, soll
+verpflichten oder sühnen, wozu und wofür, spricht das Gebet aus. Das
+Gebet wird aber auch nicht ohne Not, ohne Spende oder wenigstens
+Gelübde einer solchen gethan.</p>
+
+<p>Beim heidnischen Gebet&#x2060;<a id="FNanchor_678_678" href="#Footnote_678_678" class="fnanchor">[678]</a> pflegte man im allgemeinen ähnlicher
+Gebärden, wie beim christlichen. Man neigte den Leib und warf sich
+wol auch nieder, namentlich wo man das Gebet im Heiligtum vor den
+Götterbildern verrichtete. Die Hände wurden vors Gesicht gehalten, als
+wäre man geblendet vom Glanze der Gottheit, oder auch umgekehrt suchte
+der Blick den Himmel. Das Haupt wurde beim Gottesdienst, bei Gebet
+und Opfer gewöhnlich entblösst, wenigstens heissen gotische Priester
+ausdrücklich <i>pileati</i>, mit Hüten versehen, da sie bedeckten
+Hauptes opferten. Die Richtung des Betenden war gen Norden im Gegensatz
+zu den Christen, welche gen Osten beteten. Bestimmte Gebetsformeln
+waren wol vorhanden. Im Norden begegnet das Verbum <i>duga</i>, taugen,
+für gnädig sein. Also scheint der göttliche Beistand etwa mit den
+Worten: „Ich bitte die Götter, dass sie mir taugen (helfen)“, angefleht
+worden zu sein.</p>
+
+<p>Der echt germanische Ausdruck für opfern, das ja aus lateinischem
+offerre entlehnt ist, lautet <i>blôtan</i>. Das Wort ist gotisch,
+angelsächsisch, altnordisch (<i>blóta</i>) und althochdeutsch
+(<i>pluoȥan</i>) bezeugt. Die ursprüngliche Bedeutung und Konstruktion
+ist aus dem Gotischen und Nordischen ersichtlich: einen mit Opfer
+ehren. So heisst im Gotischen <i>blôtan fraujan</i>, den Herrn mit
+Opfer ehren, entsprechend im Nordischen <i>blóta þór</i>. Das Opfer
+ist got. <i>blôstr</i>, ahd. <i>pluostar</i>, oder an. <i>blót</i>,
+ahd. <i>ploaȥ</i>, also lauter durchgehende gemeingermanische Wörter.
+Der heidnische Begriff verschwindet frühzeitig im Deutschen, wol damit
+die daran geknüpften heidnischen Erinnerungen vergessen werden, um
+dem Lehnwort, das die Kirchensprache einführte, Platz zu machen. Im
+Nordischen begegnen neben <i>blót</i>, <i>blóta</i> auch die Wörter
+<i>fórn</i> stf., <i>fórna</i>.</p>
+
+<p>Weitere Bezeichnungen für „Opfer“ liegen vor in got. <i>hunsl</i>, ags.
+<i>húsel</i>, an. <i>húsl</i>; wie die urverwandten Wörter lehren,
+liegt darin der Begriff „heilig“, es ist das Sakrament, die heilige
+Handlung <span class="pagenum" id="Page_560">[S. 560]</span>darin angezeigt.&#x2060;<a id="FNanchor_679_679" href="#Footnote_679_679" class="fnanchor">[679]</a> Ahd. <i>kelt</i>, as. <i>geld</i>,
+ ags.
+<i>gield</i> meint die Spende, das Entgelt, das der Mensch den Göttern
+entrichtet. Lehrreich ist das angelsächsische Wort <i>lác</i> für
+Opfer. Der germanische Ausdruck <i>laikaȥ</i>, Leich, steht für das aus
+der Vereinigung von Tanz und Lied hervorgegangene Kunsterzeugniss.&#x2060;<a id="FNanchor_680_680" href="#Footnote_680_680" class="fnanchor">[680]</a>
+Dass im Angelsächsischen die Bedeutung „Gabe“ überwog und <i>lác</i>
+geradewegs Opfer ist, erklärt sich nur aus der uralten festen
+Zugehörigkeit des <i>laikaȥ</i> zur Opferhandlung, die von Spiel und
+Tanz und Lied begleitet war. Das gotische <i>sauþs</i> im Sinne von
+Opfer bedeutet Sud, das Gesottene, und zielt auf das gesottene Fleisch
+des geschlachteten Opfertieres. Altnordisch <i>sauđr</i>, Widder, meint
+wol eigentlich nur das zum Sud auserlesene Opfertier.</p>
+
+<p>Beim Opfer sind zwei Arten zu unterscheiden, ein <em class="gesperrt">privates</em> und
+ein <em class="gesperrt">öffentliches</em>. Ersteres gilt in der Regel den Geistern in
+Haus und Hof, Feldern und Wäldern, Berg und Thal, Wind und Wasser,
+Licht und Wärme, und den Seelen der Abgeschiedenen. Wo die Geister
+hausen, wird geopfert ohne besondere Zurüstung und Feierlichkeit. Die
+Spenden sind einfach, Speisen, Milch und Honig, Blumen und Früchte.
+Geopfert wird um Gedeihen der Wirtschaft, um Gesundheit und Reichtum,
+zur Abwehr von Schaden. Der Hausvater ist Priester und Opferer. Solche
+Opfer sind einfacher und ärmlicher; die Geschichte gedenkt ihrer kaum,
+weil sie alltägliche Vorkommnisse sind, nicht der Mühe der Erwähnung
+oder gar eingehender Schilderung wert. Um so fester und länger
+haften sie in der Volkssitte. Dass neben dem Geisterglauben auch der
+Götterglauben für den privaten Gottesdienst in Betracht kommt, wurde
+schon gesagt. Aber auch hier fehlen uns Nachrichten über feste Regeln,
+in denen die Kulthandlungen verlaufen.</p>
+
+<p>Ganz anders beim öffentlichen Opfer, das die Gemeinde oder die
+Gesamtheit des Volkes, der König, Häuptling oder bestellte Priester
+darbringt. Da herrscht grosse Feierlichkeit, blutige Tier- und
+Menschenopfer fallen der Wichtigkeit der Sache gemäss, die ja
+das Schicksal eines Gemeinwesens betrifft. Opferplätze, Tempel
+sind gewöhnlich zur Vornahme der Handlung bestimmt. In der Regel
+richtet sich das öffentliche Gemeinde- oder Staatsopfer an die
+Volksgötter, doch unter Umständen mögen auch <span class="pagenum" id="Page_561">[S. 561]</span>Geister das Staatsopfer
+entgegennehmen. So etwa die Flussgeister des Po, denen nach Prokop 2,
+25 die Franken, um ungeschädigte Überfahrt zu erhalten, die gefangenen
+gotischen Frauen und Kinder opfern und in die Wogen werfen. Die
+Wichtigkeit der Angelegenheit, besonders insofern sie viele, nicht
+einen Einzelnen berührt, scheint den Ausschlag für die Grösse und
+Feierlichkeit des Opfers zu geben. J. Grimm, Mythologie 37, stellt die
+Grundzüge des Opferdienstes also dar: „Beweggründe der Opfer waren
+überall, entweder den Göttern Dank für ihre Wolthaten abzustatten
+oder ihren Zorn zu versöhnen, die Götter sollten gnädig erhalten oder
+wieder gnädig gemacht werden, also zwei Hauptarten, dankende und
+sühnende Opfer. Wenn das Mahl begangen, ein Wild erlegt, ein Erstling
+vom Vieh geboren, Getreide geerntet wurde, gebührte dem verleihenden
+Gott voraus ein Teil der Speise, des Tranks und des Ertrags; dagegen
+sobald Hungersnot, Misswachs, Seuche über das Volk hereinbrach,
+säumte es wiederum nicht, abwendende Gaben darzubringen. Solche
+Sühnopfer haben ihrer Natur nach etwas Unständiges, während die dem
+gnädigen Gott zu leistenden gern in regelmässig wiederkehrende Feste
+übergehen. Eine dritte Art von Opfern ist, wodurch der Ausgang eines
+Unternehmens erforscht, und die Hilfe des Gottes, dem es gebracht
+wird, herbeigeführt werden soll. Doch war Weissagung auch ohne Opfer
+thunlich. Ausserdem gab es besondere Opfer für einzelne Gelegenheiten,
+z.&#8239;B. bei Königswahlen, Geburten, Hochzeiten und Leichenbestattungen,
+die meistens auch mit feierlichen Mahlzeiten verbunden wurden.“</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Menschenopfer</em>&#x2060;<a id="FNanchor_681_681" href="#Footnote_681_681" class="fnanchor">[681]</a> sind also die wichtigsten und höchsten; für
+Tiuȥ, Wodan, Donar, Odin, Thor, Freyr, Fosite, Thorgerd Hölgabrud
+sind sie mehrfach bezeugt. Zu beachten ist das umständliche dabei
+angewandte Ritual. Die Gottheit soll das blutige Opfer unter besondern
+Förmlichkeiten erhalten. Vielleicht war auch für die Wahl der Todesart
+das Loos entscheidend, das unter den Friesen bestimmte, ob die Götter
+ein Opfer forderten oder nicht.&#x2060;<a id="FNanchor_682_682" href="#Footnote_682_682" class="fnanchor">[682]</a> Nach Sidonius Apollinaris opferten
+die Sachsen, ehe sie <span class="pagenum" id="Page_562">[S. 562]</span>die Anker zur Heimfahrt lichteten, den zehnten
+Mann der Gefangenen um gute Reise. Die dem Tode zu Weihenden wurden
+ausgeloost: <i>super collectam turbam periturorum mortis iniquitatem
+sortis aequitate dispergere</i>. Mit langen grausamen Qualen wurde das
+Opfer den Göttern gegeben. Prokop 2, 15 erzählt von den Skandinaviern,
+dass sie die zu Opfern verwendeten Menschen nicht mit dem Messer
+schlachten, sondern aufhängen, in die Dornen werfen oder sonst qualvoll
+töten. Starkad opfert den König Wikar dem Odin, indem er ihn an
+einem Baume aufhängt und mit dem Speere durchbohrt. In Hleidra auf
+Seeland und zu Uppsala hängen die Leiber der Geopferten an Bäumen.
+Zu Uppsala war aber auch ein Opfersumpf, eine Quelle, worein die
+Leute versenkt wurden. Bei den Friesen&#x2060;<a id="FNanchor_683_683" href="#Footnote_683_683" class="fnanchor">[683]</a> wurden an den Festen der
+Götter die Opfer durchs Schwert hingerichtet, an den Galgen gehängt
+oder mit Stricken erdrosselt. Die im Bereich der Flut Ausgesetzten
+ertränkte das hereinströmende Wasser. Wer Göttertempel schändete, wurde
+nach friesischem Gesetz an den Meeresstrand geführt, an den Ohren
+aufgeschlitzt, entmannt und den Göttern geopfert. Am Steine Thors wurde
+den Opfern auf Island der Rücken gebrochen. Von Bergen und Felsklippen
+wurden andre heruntergestürzt. Den König Olaf Trételgja verbrannten
+die Schweden in seinem Hause und weihten ihn so dem Odin. Die grausame
+nordische Sitte des Schneidens des Blutadlers, wobei der Sieger seinem
+Gegner die Rippen längs des Rückgrates mit dem Schwerte abtrennte
+und durch die so gebildete Öffnung die Lunge herausnahm, war eine
+Kulthandlung. Aber auch ein Schlachten am Altar war üblich nach Tacitus
+ann. 13, 57. Die Normannen opferten dem Thor vor ihren Zügen, wie Dudo
+(vgl. oben S. 253) erzählt. Dem Opfer wurde das Haupt zerschmettert,
+Gehirn und Herz blossgelegt und nach der Zukunft durchforscht. Die
+Ragnarssaga (Fornaldarsögur 1, 264) gedenkt des <i>hlunnrođ</i>, der
+Rollenrötung. Wenn ein Schiff vom Stapel gelassen wurde, lief es über
+Rollen und den Leib eines Menschen, der mit seinem Blute den Kiel
+rötete. Dieses Sühnopfer bezweckt wol, das Schiff gegen Gefahr zu
+feien. Denselben Gedanken enthält der Sǫrla-þáttr Kap. 7, wenn Hedin
+sein Drachenschiff <span class="pagenum" id="Page_563">[S. 563]</span>über den Leib der Königin, der Gattin Hognis in
+See gehen lässt. Die häufige Volkssage vom Einmauern eines lebendigen
+Menschen oder Tieres in den Grundstein von Gebäuden und Brücken deutet
+ebenso auf altes Sühnopfer zurück.&#x2060;<a id="FNanchor_684_684" href="#Footnote_684_684" class="fnanchor">[684]</a> Waren Altäre oder Opfersteine
+beim Menschenopfer zur Stelle, so wurden sie mit dem frischen Blute
+bestrichen.</p>
+
+<p>In der Regel wurden nur Kriegsgefangene, erkaufte Sklaven&#x2060;<a id="FNanchor_685_685" href="#Footnote_685_685" class="fnanchor">[685]</a> und
+Verbrecher geopfert. Bei der Einführung des Christentums auf Island, am
+Allding des Jahres 1000, gelobten die Heiden ihren Götzen zwei Menschen
+aus jedem Landesviertel. Dem gegenüber beschlossen die Christen,
+ebenso viele treffliche und tüchtige Männer dem Dienste des Herrn zu
+weihen. Geringschätzig weisen sie darauf hin, dass die Heiden nur die
+schlechtesten Leute auswählen, um sie ihren Göttern zu geben und sie
+mit einem grausamen Tode zu opfern. So erzählt die Kristnisaga. Aber
+es gab Ausnahmen. In äusserster Not, wenn die Götter unversöhnlich
+zürnten, opferte das Volk zur Abwendung des Grimmes seine Häuptlinge
+und Könige. Vor dem grossen heidnischen Winteropfer zu Märi in Norwegen
+lud der König Olaf Tryggvason die angesehensten Häuptlinge der Gegend
+zu einem Gastmahle ein; er erklärte ihnen bei dieser Gelegenheit, dass
+er, wenn er zum Heidentume zurückzukehren genötigt werden sollte, zur
+Versöhnung der heidnischen Götter, die er so schwer beleidigt habe, ein
+grosses Menschenopfer für nötig halte, und zwar werde er dabei nicht,
+wie sonst, Sklaven oder Verbrecher, sondern die vornehmsten Häuptlinge
+des Landes opfern, unter denen er sechs eben Anwesende nannte; seien
+sie damit nicht einverstanden, so müssten sie eben zu seinem, dem
+christlichen Glauben übertreten. Diese Drohung wirkt, die Häuptlinge
+ziehen die Bekehrung vor.&#x2060;<a id="FNanchor_686_686" href="#Footnote_686_686" class="fnanchor">[686]</a></p>
+
+<p>In den Tagen König Domaldis entstand in Schweden eine grosse Hungersnot
+und Elend. Da hielten die Schweden Opfer <span class="pagenum" id="Page_564">[S. 564]</span>zu Uppsala; den ersten Herbst
+opferten sie Ochsen und der Jahrgang wurde dadurch nicht besser. Und
+den andern Herbst begannen sie ein Menschenopfer; aber der Jahrgang
+war derselbe oder noch schlechter. Und den dritten Herbst kamen die
+Schweden in grosser Zahl nach Uppsala, als da Opfer sein sollte;
+da hielten die Häuptlinge Rat, und sie kamen darin überein, dass
+das Missjahr von ihrem Könige Domaldi herkommen werde, und zugleich
+darüber, dass sie ihn opfern sollten um gutes Jahr für sich, und ihn
+angreifen und ihn töten, und mit seinem Blute die Altäre bestreichen,
+und so thaten sie. Nachmals unter Olaf trételgja wiederholt sich
+derselbe Vorgang. Da entstand ein grosses Missjahr und Hunger; das
+gaben sie ihrem Könige schuld, sowie die Schweden gewohnt sind, ihrem
+Könige sowol das gute als das Missjahr schuld zu geben. König Olaf war
+ein geringer Opferer; das gefiel den Schweden übel, und sie meinten,
+daher komme das Missjahr. Da zogen die Schweden ein Heer zusammen,
+machten einen Angriff auf König Olaf und umringten sein Haus und
+verbrannten ihn darin und schenkten ihn dem Odin und opferten ihn um
+ein gutes Jahr. Diese von der Ynglingasaga Kap. 18 und 47 überlieferten
+Erzählungen sind freilich sagenhaft, jedoch der Grundgedanke, den
+sie behandeln, gehört der Wirklichkeit an. Wenn der Zorn der Götter
+in besonders hohem Maasse erregt ist, nehmen sie nicht mit den
+gewöhnlichen Opfern vorlieb. Da muss der König und Häuptling selber als
+Sühneopfer sterben, um dem Volk die verwirkte Gnade der Himmlischen
+wieder zu gewinnen. Denselben Gedanken des Sühneopfers, wenn auch
+abgeschwächt, zeigt die geschichtliche Thatsache, dass die Burgunder
+bei einem Unglück im Kriege oder bei Misswachs ihren König zwingen,
+sein Amt niederzulegen.&#x2060;<a id="FNanchor_687_687" href="#Footnote_687_687" class="fnanchor">[687]</a> Noch eine lehrreiche Sage bietet sich dar.
+König Wikar wollte mit seinen Leuten von Agdir nach Hordaland segeln;
+da traf es sich, dass sie vor starkem Gegenwind lange bei einigen
+kleinen Inseln liegen bleiben mussten. Sie fragten darum die Götter,
+was sie thun sollten, um günstigen Wind zu erhalten. Die Antwort war,
+dass man als Opfer für Odin einen Mann des Heeres, der durchs Loos
+auszuwählen sei, aufhängen sollte. Das Loos traf den König Wikar
+selbst, Am andern Tag bringt Starkad den König förmlich und feierlich
+zum Opfer, indem er ihn an einem Baumzweig <span class="pagenum" id="Page_565">[S. 565]</span>aufhängt und mit dem Speer
+durchsticht, wobei er sprach: Nun gebe ich dich dem Odin. Hier also
+wählt sich Odin selber durchs Loos den Häuptling der Schar.</p>
+
+<p>An zweiter Stelle stehen <em class="gesperrt">Tieropfer</em>&#x2060;<a id="FNanchor_688_688" href="#Footnote_688_688" class="fnanchor">[688]</a>, welche an den
+gewöhnlichen Festen, meist als Dankopfer üblich waren. Sie sind
+weit unschuldiger als die grausamen wahnvollen Menschenopfer. Schon
+Tacitus weiss, dass Tiuȥ und Donar mit geeigneten Tieropfern —
+<i>concessis animalibus</i> — verehrt wurden. Essbare Tiere wurden
+zum Opfer gewählt; sie gelten als Speise, welche dem Gotte geboten
+wird, und wurden beim Opferschmaus auch unter den Teilnehmern am
+Opfer ausgeteilt. Das Volk beteiligte sich unter dem Vorsitze der
+Könige und Häuptlinge an der Mahlzeit und trat dadurch in Gemeinschaft
+mit dem heiligen Opfer. In den ältesten Zeiten wurden vornehmlich
+Rosse geopfert. Pferdefleisch wurde von den Germanen mit Vorliebe
+genossen; der Genuss von Pferdefleisch, weil er eben namentlich
+mit der Opferhandlung verknüpft war, ist daher in der christlichen
+Zeit als heidnischer Brauch strengstens verpönt. Pferdefleisch soll
+König Hakon von Norwegen essen, als sein Volk ihn zur Teilnahme
+am Opferdienst zwingen will; noch in den Tagen Olafs des Heiligen
+wurden Pferde in Norwegen gegessen. Die Isländer behielten sich das
+Rossfleischessen bei Annahme des Christentums ausdrücklich vor. Die
+heidnischen Schweden wurden von König Olaf Tryggvason verächtlich
+als Rossfresser bezeichnet. Beim dänischen Hauptopfer zu Hleidra
+wurden Rosse geschlachtet. Die Alamannen übten nach Agathias den
+Brauch, den Thüringern wurde zur Zeit des Bonifacius der Genuss des
+Pferdefleisches untersagt. Das Fleisch assen die Opfergenossen,
+das Haupt der Tiere gehörte dem Gotte und wurde an den Baumstämmen
+des Opferhaines befestigt. Demnächst folgte das Rinderopfer, für
+Alamannen, Thüringer, Angeln und Nordleute ausdrücklich bezeugt. Die
+Schweden unter König Domaldi opferten dem Freyr Ochsen, der Isländer
+Thorkell gab dem Freyr einen alten Ochsen, Oddr Sindri einen Stier.
+Bei feierlichem Zweikampfe opferte der Sieger einen Stier. Des Opfers
+goldgehörnter, also geschmückter Kühe gedenkt das Lied von Helgi dem
+Hjorwardssohne. Überhaupt ist Aufputz der Opfertiere, vielleicht
+auch Auswahl nach bestimmter Farbe wahrscheinlich. Freyr und Freyja
+erhalten Eber; das Ferkel scheint bei den Deutschen beliebtes
+<span class="pagenum" id="Page_566">[S. 566]</span>Opfertier gewesen zu sein, wenigstens dient ahd. <i>friscing</i>
+(Frischling) zur Übersetzung von lat. <i>hostia</i>, <i>victima</i>,
+<i>holocaustum</i>. Auch Widder und Böcke stehen unter den Opfertieren.
+Von einem Ziegenopfer der Langobarden spricht Gregor der Grosse in den
+Dialogen 3, 28; die Langobarden bringen dem Teufel, also einem ihrer
+Götter ein Ziegenhaupt dar, indem sie zu des Gottes Ehren einen Reigen
+aufführen und Lieder absingen — <i>caput caprae, hoc ei per circuitum
+currentes carmine nefando dedicantes</i>. Für „Opfertier“ besass die
+altdeutsche Sprache ein besonderes Wort: ahd. <i>zebar</i>, ags.
+<i>tifer</i>, im Altfranzösischen und Portugiesischen als germanisches
+Lehnwort <i>toivre</i> Vieh, <i>zebro</i>, <i>zebra</i> Ochse, Kuh.
+Damit scheint im wesentlichen das opferbare, essbare Vieh gemeint
+zu sein, während mhd. <i>unzifer</i>, nhd. <i>Ungeziefer</i> die
+Gesamtheit der unreinen, zum Opfer nicht geeigneten Tiere begreift.
+Die nordische Sprache verwendet dafür das Wort <i>tafn</i>, urverwandt
+mit lat. <i>dapes</i>, Opfermahl. Wenn Hunde und Wölfe neben Menschen
+an Bäumen hängen, so gehören diese Tiere darum doch nicht zum
+„<i>zebar</i>“; ihr Fleisch wurde ja auch keineswegs für gewöhnlich
+und gar beim Opferschmause verspeist. Sie bilden nur eine Zugabe zum
+Menschenopfer und dienen vermutlich zur Verschärfung des Rituals der
+Todesstrafe. Ein einziges Mal, beim dänischen Opfer zu Hleidra, das
+Dietmar von Merseburg beschreibt, begegnen auch Hähne und Habichte,
+doch wol nur infolge irrtümlicher Verwechslung von Opferbrauch und
+Bestattungsbrauch. Endlich ist noch zu erwähnen, dass das Tieropfer,
+wol besonders beim kleineren Privatopfer oder auch um einer grossen
+Menge, die beim eigentlichen Opferschmause nicht unterkam, Beteiligung
+zu gönnen, symbolisch gebracht worden zu sein scheint, in Form von
+gebackenen Tierfiguren. Schon der <i>indiculus superstitionum</i> 26
+aus dem 8. Jahrhundert nennt Bilder aus Backwerk, <i>simulacra de
+consparsa farina</i>. Die Tierbilder unsrer Weihnachtsgebäcke sind
+jedem gegenwärtig.</p>
+
+<p>Vom eigentlichen <em class="gesperrt">Hergang beim Opfer</em>&#x2060;<a id="FNanchor_689_689" href="#Footnote_689_689" class="fnanchor">[689]</a> enthalten nordische
+Quellen einen zusammenhängenden Bericht, während sonst nur wenige
+verstreute Bemerkungen vorliegen. In den Briefen des Bonifacius zum
+Jahr 732 begegnet ein Priester des Donar, der Opferfleisch genoss
+— <i>presbyter Jovi mactans et immolatitias <span class="pagenum" id="Page_567">[S. 567]</span>carnes vescens</i>.
+Nach den Dialogen Gregors des Grossen 3, 27 wurden 40 gefangene
+Christen von den Langobarden genötigt, Opferfleisch zu essen. Also
+schlachteten die Priester die Opfertiere und nahmen mit dem Volke am
+Schmause teil. Des Opferkessels geschieht Meldung. Nach Strabo 7, 2
+befanden sich im cimbrischen Heere grauhaarige, weissgekleidete, mit
+ehernem Gürtel umgürtete, barfüssige Priesterinnen. Diese führten
+die gefangenen Feinde zu einem geräumigen ehernen Kessel. Auf einer
+Leiter hinaufsteigend durchschnitt die Priesterin die Kehle des Opfers
+über dem Kessel, dass das Blut, aus dem geweissagt wurde, hineinrann.
+Der Kessel dient somit hier zur Aufnahme des Blutes. Anders bei den
+Schwaben, deren Opferfest Columban störte. Er fand viel Volks, im
+Begriff ein Wodansopfer zu begehen, um eine biergefüllte grosse Kufe
+herum sitzen. Reigen und Gesang gehören zur Opferfeier. Die Langobarden
+tanzen um das aufgehängte Ziegenhaupt. Opferlieder für die Götter
+erklangen bei allen Opferfesten. Von einem germanischen Feste&#x2060;<a id="FNanchor_690_690" href="#Footnote_690_690" class="fnanchor">[690]</a>,
+das mit einem Opfermahle und mit fröhlichem Gesänge verbunden war,
+hören wir bei Gelegenheit der Schilderung des Feldzuges des Germanicus
+im Jahre 14 nach Christus.&#x2060;<a id="FNanchor_691_691" href="#Footnote_691_691" class="fnanchor">[691]</a> Im 10. Jahrhundert aufgezeichnet ist
+ein aus dem 6. Jahrhundert stammendes schwer zu deutendes gotisches
+Neujahrsspiel, das am byzantinischen Hofe aufgeführt zu werden pflegte.
+Mit heidnischem Kulte hat es aber nicht zu schaffen. Im Volke übliche
+Wettläufe sollen mit alten Opferbräuchen zusammen hängen. Spiel, Tanz,
+Gesang, wenn sie sich beim Opfer einstellen, dienen nicht allein
+weltlicher Belustigung, sie haben vielmehr sakrale Bedeutung und stehen
+in Zusammenhang mit der Kulthandlung des Opfers.</p>
+
+<p>Der nordische Opferbrauch verlief folgendermaassen. Die Opfer wurden
+im Tempel vor den Götterbildern geschlachtet; ihr Blut sammelte man
+in dem eigens hierzu bestimmten Blutkessel, <span class="pagenum" id="Page_568">[S. 568]</span>man sprengte es sodann
+mit Sprengwedeln über das versammelte Volk, und bestrich damit die
+Götterbilder, Altäre oder Opfersteine und die Wände des Tempels.
+Die geschlachteten Menschenleiber wurden hierauf wol an den Bäumen
+aufgehängt oder in den Opfersumpf versenkt. Die Tiere aber dienten zum
+Opferschmause, nachdem vielleicht die Häupter ebenfalls den Göttern
+aufgehängt worden waren. Nun wurde das Fleisch in Kesseln gekocht,
+gesotten. Nie wurde das Opferfleisch gebraten; von diesem Sieden
+heissen daher in Schweden die Teilnehmer am Opfer <i>sudnautar</i>,
+Sudgenossen. Vom Opferstein und Opferkessel sind nordische Eigennamen
+wie Steinn, Vésteinn, Freysteinn, Þorsteinn und Ketill, Asketill,
+Þorketill, verkürzt Askell, Þorkell, Freyskell, endlich Bolli
+hergenommen. Die Kessel hingen über Feuern, die in der Halle des
+Tempels zwischen den Bankreihen der beiden Langseiten am Boden
+brannten. Man ass das also zubereitete Fleisch und Fett und trank die
+Brühe. Ans Mahl schloss sich der Trunk. Man trank sich gegenseitig über
+die Feuer hinweg zu. Dem Leiter des Opfers, der den Hochsitz einnahm,
+lag es ob, die Opferspeise und den Opfertrank zu weihen und die
+feierlichen Trinksprüche auszubringen. Darauf hub das Minnetrinken&#x2060;<a id="FNanchor_692_692" href="#Footnote_692_692" class="fnanchor">[692]</a>
+an, man trank Odins Becher um Sieg und Macht, Freys und Njords Becher
+um gutes Jahr und Frieden. So geht das Opfer in ein heiteres Gelage
+über. Häufig kam es vor, dass bei den feierlichen Opferfesten von
+Leuten, die sich hervorthun wollten, förmliche Gelübde abgelegt
+wurden, die auf die Vollbringung irgend eines gewagten Unternehmens
+abzielten. Natürlich konnte ein Opfermahl nicht unmittelbar an die
+Opferhandlung in dem Falle sich anschliessen, wenn das Opfer eine
+beratende Versammlung, ein Ding einleitete. Bei Menschenopfern,
+welche grosse Volksdinge eröffneten, fällt der Schmaus ohnehin weg.
+Tieropfer, wenn sie Dingversammlungen vorausgingen, setzen freilich
+auch die daran anschliessende Mahlzeit voraus. Denn ein Brandopfer,
+wobei das Tier auf dem <span class="pagenum" id="Page_569">[S. 569]</span>Holzstoss in Asche verwandelt wurde, scheint
+nur bei der Totenfeier, nicht beim Götteropfer üblich gewesen zu sein.
+Vielleicht folgte der Schmaus erst nach Schluss der Verhandlungen,
+am Abend und in der Nacht des Dingtages. Beim Opfermahl mag allerlei
+weltliche Lustbarkeit geübt worden sein, über welche jedoch nichts
+weiter verlautet. Nur einmal, beim Uppsalaopfer berichtet Saxo etwas
+derartiges. Der rauhe Kämpe Starkad verliess Schweden und begab sich
+nach Dänemark, da er sich über Spiel und Tanz beim Opferfeste in
+Uppsala ärgerte.&#x2060;<a id="FNanchor_693_693" href="#Footnote_693_693" class="fnanchor">[693]</a> Was für Spiele damit gemeint sind, lässt sich
+nicht feststellen. Dass einige der Volksspiele, die im Mittelalter
+und noch heute vorkommen, aus Opferfesten der Heidenzeit stammen, so
+namentlich der Schwerttanz, ist möglich und wahrscheinlich, aber im
+Einzelnen kaum mehr sicher festzustellen.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Opfer_bei_Ackerbau_und_Viehzucht_5"
+title="Opfer bei Ackerbau und Viehzucht."><b>5. Opfer bei Ackerbau und Viehzucht.</b>&#x2060;<a id="FNanchor_694_694" href="#Footnote_694_694" class="fnanchor"><span class="s5 vam">[694]</span></a></h5>
+
+<p>Seit undenklicher Zeit lodern zu bestimmten Zeiten Feuer auf, die mit
+allerlei Bräuchen verknüpft noch heute fortdauern. Zu Fastnacht, zu
+Ostern, am 1. Mai, am Johannistag, an Michaeli werden in deutschen
+Gauen solche Feuer angezündet. Eingehende Untersuchung aller mit den
+von Hirten und Bauern entfachten Feuern zusammenhängenden Bräuche kam
+zum Schluss, dass diese Feuer die letzten Überreste altgermanischer
+Opfer seien. Vergleicht man alle Berichte, so ergibt sich nach und
+nach ein umständliches Verfahren, das sich zwar nirgends im ganzen
+Umfange, wol aber fast überall stückweise erhielt. Das Feuer ist der
+Mittelpunkt einer ursprünglichen regelrechten Opferhandlung, die man
+in ihren Grundzügen mit Hilfe der weitschichtigen Überlieferung wieder
+herzustellen versuchte. Wir erkennen Gemeindeopfer, <span class="pagenum" id="Page_570">[S. 570]</span>welche von Hirten
+und Bauern als Bitt- und Dankopfer, unter Umständen auch zur Sühne und
+Abwehr drohender Nöte dargebracht wurden. Ob diese Opfer schon in der
+Heidenzeit an festen Tagen stattfanden, ist nicht sicher zu bestimmen.
+Wenn auch nicht der Tag, so war aber doch die Zeit durch Ackerbau
+und Viehzucht im allgemeinen, nach einzelnen Gauen klimatischer
+Verhältnisse halber freilich etwas schwankend, vorgezeichnet. Die
+Gemeinde trat zum Opfer zusammen beim Austrieb und Heimtrieb des
+Viehes, also etwa im Mai und September, wenn eine plötzliche Seuche
+einbrach oder drohte, was namentlich im Hochsommer der Fall war. Die
+Bauerngemeinde opferte nach beendigter Aussaat bei Winters Schluss
+oder um den 1. Mai, zur Sonnenwende gegen Gewitter- und Hagelschaden,
+im Herbst nach der Ernte. Auch zu Mittwinter wurde um Fruchtbarkeit
+des kommenden Jahres geopfert. So ergeben sich etwa vier jährliche
+Hauptopfer, die ziemlich gleichmässig verliefen. Wir betrachten
+zunächst ein <em class="gesperrt">Hirten-</em>, dann ein <em class="gesperrt">Bauernopfer</em>.</p>
+
+<p>Wenn eine verheerende Viehseuche den Viehstand einer Gemeinde
+schädigte, so wurde der erzürnten Gottheit ein Opfer dargebracht. Das
+stattlichste Tier derjenigen Gattung, die am meisten von der Krankheit
+zu leiden hatte, wurde ausgewählt, bekränzt, in feierlichem Zuge zu
+einer heiligen Stätte geleitet und dort geopfert. Das Opfer geschah
+entweder durch Eingraben des Tieres oder durch Köpfen. Die Tierhäupter
+wurden am Dachfirst oder sonst irgendwo aufbewahrt und dienten zur
+Abwehr der Seuche. Man gab freiwillig ein oder auch mehrere Stücke der
+Herde, um den Rest von der Seuche zu verschonen. Mit dem Tieropfer
+scheinen ursprünglich die <i>Notfeuer</i>&#x2060;<a id="FNanchor_695_695" href="#Footnote_695_695" class="fnanchor">[695]</a> verbunden gewesen zu
+sein, die ebenfalls zur Abwehr von Krankheiten entfacht wurden. Alles
+Feuer im Dorfe wurde sorgsam ausgelöscht und früh vor Sonnenaufgang
+oder auch erst nach Sonnenuntergang zog die Gemeinde <span class="pagenum" id="Page_571">[S. 571]</span>auf den für
+die heilige Handlung auserlesenen Platz. Unter feierlichem Schweigen
+wurden hier von Jünglingen trockene Hölzer durch Reibung in Brand
+gesetzt. Mit der auf diese Weise gewonnenen Flamme wurde dann ein
+Holzstoss entzündet, zu dem jede Familie etwas beigesteuert haben
+musste. Hierauf wurde die Herde durch die Flamme getrieben, zuerst
+Schweine, dann Kühe, Pferde und Gänse. Auch die Menschen sprangen
+hindurch und schwärzten sich dabei gegenseitig das Gesicht mit den
+heilkräftigen Kohlen. Fruchtbäume, Wiesen und Felder wurden mit
+brennenden Scheiten geräuchert. Zum Schluss nahm jede Familie etwas
+Feuer und einen abgelöschten Brand mit sich. Ersteres diente dazu, das
+erloschene Herdfeuer wieder anzuzünden; das verkohlte Scheit sicherte,
+in die Krippe gelegt, das Gedeihen der Rinder. Die rückständige
+Notfeuerasche ward als Mittel gegen Raupenfrass und Misswachs auf die
+Felder gestreut oder auch dem Vieh unter dem Futter mit eingegeben.
+Das Notfeuer wurde entzündet, wenn die Seuche eingetreten war; aber
+auch vorbeugend brannte es. Zumal im Hochsommer, wenn die Gluthitze
+die Luft mit Peststoff erfüllt, war Anlass zu Notfeuern, die zu einer
+ständigen Sitte wurden. Im Brauche der Johannisfeuer leben solche
+ständigen, jährlichen Notfeuer fort. Man hoffte dadurch Viehseuchen
+fürs ganze Jahr bannen zu können. Beim Notfeuer begegnen Spuren
+ursprünglich dargebrachter Opfer. Das Johannis-Notfeuer war mit einem
+Mahle verbunden, auch Minnetrinken war dabei üblich, endlich Tanz und
+Lustbarkeit. Verknüpft man, wozu Gründe vorhanden sind, das Viehopfer
+und das Notfeuer mit einander, so ergibt sich das altgermanische
+Opfer in den wesentlichsten Zügen. Ein bekränztes Opfertier wird zur
+Opferstätte geleitet, dort geschlachtet, das Haupt wird aufbewahrt,
+den Göttern geweiht, Haut und Knochen und Eingeweide werden in dem
+umständlich und aussergewöhnlich entfachten Feuer, dem reinigende
+Kraft eignet, zu Asche verbrannt. Das Fleisch der Opfertiere diente
+zum Schmaus, der, in ein Gelage auslaufend, die Feier beschloss.
+Die Volksbräuche haben bald diesen, bald jenen Zug aufbewahrt, die
+sich aber alle zu einer uralten einheitlichen Handlung vereinigen.
+Die Bräuche des Viehopfers und Notfeuers sind indogermanisch, sie
+entstanden bei Hirtenvölkern gleichmässig. Sie mögen mithin im Grunde
+älter sein, als der germanische Götterglaube und erhielten sich auch
+länger als dieser, obzwar nur trümmerhaft. Im germanischen Heidentum
+aber vollzog sich <span class="pagenum" id="Page_572">[S. 572]</span>das Opfer nach den auch sonst üblichen Formen
+und war wol an die zuständigen Hauptgötter der einzelnen Stämme,
+also an Tiuȥ, Wodan und Donar gerichtet. Das Opfer war wol meist ein
+Gemeindeopfer, nur bei besonders ausgebreiteter und verheerender
+Seuche ein Volksopfer. Ursprünglich unständig und nur in Notfällen
+dargebracht, verwandelte es sich bald auch in ein jährlich wiederholtes
+sommerliches Opfer zur Erhaltung des Viehstandes.</p>
+
+<p>Gegen Ende Februar, wenn die winterliche Macht dem neuen Frühling zu
+weichen begann, feierten die heidnischen Germanen ein Opferfest. Man
+wollte dadurch vor allem Gedeihen für die Wintersaat und überhaupt
+Fruchtbarkeit für das Jahr erlangen; so galt es, die über Himmel, Erde
+und Wetter waltenden Gottheiten durch Bittopfer gnädig zu stimmen,
+durch Sühneopfer zu versöhnen. Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse,
+Hähne, Flachs und Speisen wurden Wodan, Frija und Donar gespendet. Zum
+Opferfeuer und zum Opfermahl steuerten die Gemeindemitglieder bei.
+Waren die Vorbereitungen getroffen, so zog die Gemeinde auf das mit
+Wintersaat bestellte Kornfeld, auf die Wiese oder auf einen Hügel in
+der Nähe des Dorfes und errichtete dort den Scheiterhaufen, auf den,
+hoch oben in Gestalt einer Strohpuppe, der winterliche Dämon gesetzt
+ward. Die Tiere wurden geschlachtet, das Feuer entzündet. Um das Feuer
+ging ein jubelnder Reigen. Die Bursche schwärmten mit Fackeln, lärmend
+mit Peitschen knallend, mit Schellen läutend und Lieder singend, auf
+den Feldern umher, um die dem Wachstum gefährlichen bösen Geister aus
+den Äckern zu vertreiben, aber auch um den neuen Lenz und das Korn
+aufzuwecken. Zu demselben Zweck rollte man brennende Reisigbündel über
+die grünende Saat oder trieb mit Stroh umflochtene und dann angezündete
+Räder die Anhöhen hinab in die Felder. In Süddeutschland ist das
+Schlagen brennender Holzscheiben üblich, deren Flug die Saat der
+reinigenden Kraft des Feuers teilhaftig macht. Fackellauf, Radtreiben,
+Scheibenschlagen&#x2060;<a id="FNanchor_696_696" href="#Footnote_696_696" class="fnanchor">[696]</a> verbreiten das heilige Opferfeuer über das
+Saatfeld. Flamme, Rauch und verkohlte Überreste enthielten zauberische
+Heilkraft. Man stellte Weissagungen auf Ernteausfall und Witterung an.
+Zum Schluss folgte ein feierliches Mahl, bei welchem ein jeder von
+den verschiedenen Opfergaben bekam, um so auch für seine Person der
+Segnungen teilhaftig zu werden. Durchs <span class="pagenum" id="Page_573">[S. 573]</span>niedergebrannte Feuer sprangen
+die Teilnehmer am Opfer. Die verkohlten Überreste wurden als Talismane
+heim genommen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Meistens bestand die Gemeinde weder ausschliesslich aus Bauern,
+noch aus lauter Hirten; sie war aus beiden gemischt. Darum nimmt
+die Opferfeier sowol auf Ackerbau als auch auf Viehzucht Rücksicht.
+Da die Gemeindeopfer der Hirten und Bauern zeitlich nicht weit
+auseinanderlagen, ergab sich um so leichter eine gemeinsame Feier,
+deren wesentlichen Gang Jahn am Schlusse seines Buches übersichtlich
+dargestellt hat. Wir wiederholen seine Schilderung (S. 326 ff.), die,
+wenn auch nicht in den Einzelheiten, so doch in den Grundzügen der
+Wirklichkeit entsprechen wird.</p>
+
+<p>Naht der Juli mit seiner stechenden, tötlichen Hitze, seinen schweren,
+Unheil bringenden Gewittern, rückt der Tag heran, an dem die Sonne
+auf ihrer Himmelsbahn den Höhepunkt erreicht, dass sie fast senkrecht
+auf die Erde herabscheint, so befinden sich Hirt und Bauer in
+grösster Aufregung. Jener fürchtet, dass die verpestete Luft, in der
+giftspeiende Drachen und Krebse herumfliegen und böse, allem Wachstum
+feindliche Dämonen ihr Wesen treiben, seinem Viehstand verderbliche
+Seuchen zuführt, dieser dagegen ist in Sorge, dass ein Hochgewitter
+oder ein heftiger Hagelschauer die in der Blüte stehende und schon
+reifende Frucht vernichten und dadurch mit einem Schlage seine ganzen
+Erntehoffnungen zerstören werde. Darum rüsten beide gemeinsam ein
+grosses Opferfest aus, um von den Gottheiten der Luft und des Himmels,
+der Erde und des Wassers und des Wetters, von Wodan, Tiu, Frija, Donar,
+gnädigen Schutz für ihr gefährdetes Eigentum zu erflehen.</p>
+
+<p>Vor allen Dingen gilt es da, den Göttern angenehme Opfertiere
+auszulesen: Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse und Hühner, auch
+Hunde und Katzen. Zu dem Zwecke wählt man entweder nach eignem
+Gutdünken die schönsten und stärksten Stücke der Herde aus, oder man
+lässt die Gottheit selbst entscheiden. Letzteres geschieht in der
+Weise, dass man immer dasjenige Tier von einer jeglichen Gattung Vieh,
+welches nach dem Willen der Gottheit als letztes die zur Feier des
+Tages besonders abgesteckte Festweide betritt, mit Blumen bekränzt und
+dadurch zum Opfer bestimmt.</p>
+
+<p>Zugleich mit der Auswahl der Opfertiere geht ein kleines <span class="pagenum" id="Page_574">[S. 574]</span>Opfer, an
+dem sich nur Hirten beteiligen dürfen. Während die Herde auf dem Wege
+zur Festweide ist, eilt der Gemeindehirt zu einem heiligen Baum oder
+Strauch und schneidet davon mehrere Ruten ab. Diese werden sodann, mit
+Feldblumen durchflochten, in Besen zusammengebunden und denjenigen
+Tieren der einzelnen Herden, welche als erste auf der vorher noch von
+keinem Geschöpf betretenen Hutung anlangen, an den Schweif gebunden,
+damit auf diese Weise der heilige Mittsommertau recht frisch in den
+Reiserbesen aufgefangen werde und letztere dadurch noch grössere
+Zauberkraft erhalten.</p>
+
+<p>Darauf nimmt der Oberhirt der Gemeinde einen der Zauberbesen in die
+Hand und schlägt damit unter dem Hersagen eines Segensspruches jedes
+Stück Vieh dreimal auf den Rücken, wodurch alle schädlichen Hexen
+und Krankheit bringenden elbischen Geister aus dem Körper der Tiere
+vertrieben werden. Ist dies geschehen, so werden die Kühe gemolken und
+aus der gewonnenen Milch, in die man zuvor heilige Kräuter geworfen
+hat, und aus Eiern ein Opfermahl hergerichtet. Alle Hirten müssen
+daran teilnehmen, denn der Genuss der Opferspeisen ist von grossem
+Einfluss auf das Gedeihen des Viehstandes, und darum lässt man auch
+das Vieh nicht leer ausgehen, sondern gibt ihm die in der Opfermilch
+befindlichen Blumen zu fressen. Am Schlusse des Mahles übergibt der
+Oberhirt jedem Hofbesitzer einen der heiligen Besen, mit welchem dieser
+die Ställe und Scheuern seines Gehöftes kehrt, um auch dieses von
+schädlichen Krankheitsgeistern zu reinigen. Sodann wird der Besen als
+schützender Talisman auf dem Misthaufen aufgepflanzt oder oben an dem
+Hofthore befestigt.</p>
+
+<p>Nach dem Vertreiben der Hexen und dem damit verbundenen Hirtenopfer
+erscheinen sämtliche erwachsene Mitglieder der Gemeinde und putzen die
+am Morgen ausgewählten Opfertiere auf das festlichste aus. Man bekränzt
+sie mit Blumen, ziert sie mit bunten, farbigen Bändern und schmückt
+die Hörner der Böcke und Rinder mit Flittergold. Sodann treten die
+Ackerbauern zusammen und ziehen mit den Opfertieren in feierlichem
+Zuge, ein Götterbild an der Spitze, zuerst durch die Ortschaft,
+dann aber um die ganze Feldmark der Gemeinde herum. An deren vier
+Ecken wird Halt gemacht und ein Gebet gesprochen, in welchem man von
+Donar gnädigen Schutz der Saaten vor Wetterschlag und Hagelschauer
+erfleht. Der Umzug endigt bei dem heiligen Quell des Dorfes, dem
+festlich geschmückten Ortsbrunnen, worin <span class="pagenum" id="Page_575">[S. 575]</span>die Göttin, welche der Erde
+Fruchtbarkeit und Feuchtigkeit verleiht, wohnt und waltet. Ein jeder
+von den Teilnehmern an der feierlichen Handlung tritt hier einzeln
+an den Quell heran, wirft ein mit Blumen geschmücktes Gebäck als
+Opfergabe hinein und thut dann von dem heiligen Wasser einen Trunk.
+Nachdem er sich ferner aus dem Wasserstande heraus den glücklichen oder
+unglücklichen Ausfall der kommenden Ernte geweissagt hat, schöpft er
+schliesslich noch für seinen Hausbedarf ein eigens dazu mitgebrachtes
+Gefäss voll des heiligen Wassers, welches er dann späterhin in Fällen
+der Not als kräftiges Mittel gegen allerhand Übel und Krankheiten,
+gegen Hexen und böse Geister gebraucht.</p>
+
+<p>Während Hirten und Ackerbauern sich mit dem Vertreiben der schädlichen
+Dämonen aus der Herde und mit dem Bittgang um die Felder beschäftigt
+haben, sind indes die Kinder im Orte von Haus zu Haus gezogen und
+haben unter dem Absingen von Liedern, in denen auf den reichlichen
+Geber alles Heil und Glück, auf den kargen Geizhals dagegen alles
+Unglück dieser Welt herabgewünscht wird, Holz, Stroh und anderen
+Brennstoff eingesammelt. Damit sind sie sodann auf den Dorfplatz oder
+eine Anhöhe in der Nähe des Ortes geeilt und haben dort einen grossen
+Scheiterhaufen errichtet. Hoch oben auf die Spitze desselben setzen
+sie eine aus Stroh geflochtene Puppe, welche das persönlich gedachte
+Unglück (die Hexe, den bösen Geist, den bösen Säemann, den Hagel)
+darstellen soll.</p>
+
+<p>Mittlerweile ist es Abend geworden. Die Bauern sind mit dem Bittgang
+und der Quellenverehrung fertig, und die ganze Gemeinde versammelt
+sich nun mit den Opfertieren bei dem Scheiterhaufen. Es beginnt nun
+der wichtigste Teil des ganzen Festes. Ein Paar keuscher Jünglinge ist
+bemüht, in der uralten Weise durch Aneinanderreihen zweier trockener
+Hölzer die heilige Opferflamme zu gewinnen. Andere beschäftigen sich
+damit, dem altherkömmlichen Brauche gemäss, die Opfertiere durch
+Hauptabschneiden zu töten. Die abgeschnittenen Köpfe werden sodann
+nebst den Rümpfen der lediglich zum Sühnopfer bestimmten Hunde und
+Katzen, sowie der Haut, dem Knochengerüst, den Eingeweiden und
+Genitalien der Rosse, Rinder, Schweine, Böcke, Gänse und Hühner auf
+den Holzstoss gelegt, jedoch nicht eher, als bis sich jeder von den
+Teilnehmern am Opfer etwas davon angeeignet hat, sei es nun ein Knochen
+oder ein Stückchen Haut oder ein wenig geronnenes Blut. Solchen
+Opferresten wohnen <span class="pagenum" id="Page_576">[S. 576]</span>nämlich grosse Zauberkräfte inne. Gibt man z.&#8239;B.
+von dem Opferblut einem Kranken ein, so weicht sofort die Sucht von
+ihm; gräbt man einen Opferknochen in das Saatfeld, so bleiben Unwetter
+und Hagelschauer der Frucht fern u.&#8239;s.&#8239;w.</p>
+
+<p>Nachdem die Tiere geschlachtet sind, ist endlich auch die mühselige
+Arbeit des Feuergewinns mit Erfolg gekrönt worden. Die durch die
+Reibung erhitzten Hölzer haben Feuer gefangen. Schnell wird dasselbe
+angefacht und dann damit der Scheiterhaufen angesteckt, welcher, kaum
+entzündet, auch schon nur eine einzige grosse Flamme bildet. Alles
+jauchzt und jubelt und tanzt unter dem Singen alter, feierlicher Weisen
+um den brennenden Holzstoss herum. Aufmerksam blickt auch ein jeder
+nach der Farbe und dem Zug des Rauches und dem Aussehen des gestirnten
+Himmels; denn daraus lässt sich gar manches weissagen über die
+Aussichten bei der nächsten Ernte, über die kommende Witterung, über
+die Gegend, wo man im nächsten Jahre am besten aussäen kann, ja selbst
+über Liebe, Ehe und Tod.</p>
+
+<p>Die jungen Burschen reissen darauf aus dem Scheiterhaufen brennende
+Scheite heraus, zünden an seiner Glut Reiserwellen, lange Kienfackeln
+und mit Stroh umflochtene Räder an und laufen dann damit, schreiend
+und lärmend, mit Peitschen knallend und mit Schellen läutend, über die
+Felder hin, um dadurch die dem Wachstum feindlichen Dämonen aus den
+Saaten zu vertreiben. Die älteren Leute und die Frauen dagegen sieden
+in den herbeigebrachten Opferkesseln das Opferfleisch, bereiten die
+Opferkuchen und die anderen Opferspeisen zu und brauen Bier und Met
+für den heiligen Minnetrank. Aber ehe es zum fröhlichen Opferschmaus
+geht, muss noch eine wichtige Handlung vorgenommen werden: das Springen
+der Menschen durch das Opferfeuer und das Treiben der Herden über die
+dampfenden und im Erlöschen begriffenen Kohlen. Denn der Rauch des
+Opferfeuers übt nicht allein auf den Acker dämonenvertreibende Macht
+aus, sondern er befreit auch den menschlichen und tierischen Körper von
+den ihm innewohnenden elbischen Geistern und bewahrt ihn dadurch vor
+tötlichen Krankheiten und Seuchen.</p>
+
+<p>Ist auch dieser letzte grosse Läuterungs- und Reinigungsakt glücklich
+vorüber, so beginnt der Opferschmaus, bei dem es sehr heiter und
+fröhlich zugeht. Niemand darf sich davon ausschliessen, selbst der
+zufällig vorüberwandernde Fremdling muss an dem Mahle teilnehmen.
+Welches Gemeindeglied hätte sich aber auch <span class="pagenum" id="Page_577">[S. 577]</span>einem solchen Feste
+entzogen, bei welchem sogar der übermässigste Genuss von Speise und
+Trank nicht allein keine nachteiligen Folgen nach sich ziehen konnte,
+sondern im Gegenteil dem Geniessenden die grössten Vorteile brachte.
+Denn je mehr Minne jemand trinkt, um so stärker und schöner wird er,
+und je mehr er isst, um so sicherer kann er sein, dass er das ganze
+Jahr hindurch von Krankheiten verschont bleibt. Zum Schlusse — es
+mag wol oft der helle Morgen gekommen sein, ehe ein solches deutsches
+Opferfest beendet war — nimmt ein jeder etwas von den Kohlen und der
+Asche des Feuers und den übrig gebliebenen Resten des Opferschmauses
+mit sich nach Hause, um die Dinge dort in allerhand Nöten als kräftige
+Heilmittel zu gebrauchen. Ausserdem erhält noch jede Familie ein
+brennendes Scheit von dem Opferfeuer, mit welchem sodann auf dem Hofe
+das vorher sorgfältig ausgelöschte Herdfeuer wieder neu entzündet wird,
+damit auf diese Weise auch das Haus der Segnungen des Opfers teilhaftig
+werde.</p>
+
+<p>So ging es bei dem Mittsommeropfer her und ganz ähnlich verliefen auch
+die andern Jahresopfer unserer heidnischen Vorfahren.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Von Opfern, welche der einzelne Hausstand brachte, seien nur die
+bei der Aussaat und nach der Ernte erwähnt. Der Hausvater und sein
+Ingesinde brachten ein Brotopfer, mit Trankopfer verbunden, bei dem
+Treiben des ersten Pfluges in den Acker für die mütterliche Göttin
+Erde, damit sie aus ihrem Schoosse heraus dem Lande die erforderliche
+Feuchtigkeit und dadurch der Saat Gedeihen gebe; ein Körneropfer
+beim Ausstreuen der ersten Handvoll Saatkorn für den Windgott, dass
+er die Frucht vor Vogel-, Wild-, Mäuse- und Würmerfrass bewahre;
+nach vollendeter Bestellung des Saatfeldes ein Eier- oder Hahnopfer
+für den Wettergott, um von ihm gnädigen Schutz vor Hagelschauer
+und Wetterschlag zu erbitten. Dabei wurden zauberkräftige Gebete
+gesprochen, etwa wie die angelsächsische Flurbesegnung mit dem
+feierlichen Anruf: Heil dir Erde, wachse in des Gottes Umarmung,
+erfülle dich mit Frucht den Menschen zu Nutze.&#x2060;<a id="FNanchor_697_697" href="#Footnote_697_697" class="fnanchor">[697]</a> Kleinere Opferfeuer
+mögen auch dabei entzündet worden sein. Das letzte Ährenbüschel <span class="pagenum" id="Page_578">[S. 578]</span>aber
+gehörte dem Wode und seinem Pferde als Dankopfer. Auch hier fehlten
+die Weihsprüche nicht. Daneben begegnen Hahn- und Bocksopfer als
+Erntebrauch, wol mit Beziehung auf Donar. Hirtenopfer werden in Milch,
+Butter und Käse bestanden haben; dazu gehören die Viehbesegnungen, die
+allerdings nur in christlicher Fassung uns überkommen sind.</p>
+
+<p>So greift der Opferdienst in die ganze Acker- und Viehwirtschaft des
+Einzelnen wie der Gesamtheit fortwährend ein. Wenn diese Opferbräuche
+auch in der christlichen Zeit nicht versäumt wurden, darf füglich
+angenommen werden, dass das Heidentum nicht weniger eifrig dem
+Opferdienst oblag.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Festliche_Umzuege_6"><b>6. Festliche Umzüge.</b></h5>
+
+<p>Noch heute ist „begehen“ die gewöhnliche Bezeichnung für die Feier
+eines Festes. Das Wort besagt aber eigentlich „einen feierlichen Umzug
+halten“. Ein Aufzug&#x2060;<a id="FNanchor_698_698" href="#Footnote_698_698" class="fnanchor">[698]</a> gehörte zum Opfer und Gottesdienst. Unter
+verschiedenen Formen und mit verschiedener Bedeutung treffen wir
+solche Festzüge im germanischen Heidentum. Am klarsten und genauesten
+kennen wir den Zug bei der Nerthusfeier und bei der schwedischen
+Freysfeier. Den Wagen der Nerthus schirrte der Priester und begleitete
+seine Umfahrt durch die Gaue der verbündeten Völkerschaften. Wohin der
+Wagen kam, wurde Fest und Frieden gehalten. Vermutlich zog das Volk,
+wie später beim Sommerempfang, dem Wagen der Göttin entgegen, um sie
+feierlich einzuholen. Das Volk nahm den heiligen Wagen in geordnetem
+Zuge in die Mitte und führte ihn zu sich heim; der weiter fahrenden
+Göttin wurde dann später Geleit gegeben. Spiel und Tanz fehlten dem
+Aufzug so wenig wie den Frühlingsfesten. Freyr besuchte, auf dem
+Wagen fahrend und von einer Priesterin geleitet, zur Winterszeit die
+schwedischen Gaue. Der Gott wurde festlich eingeholt und gefeiert. Sein
+Umzug segnete das Land zur Fruchtbarkeit. Der Gotenkönig Athanarich
+befahl, das Bild eines gotischen Gottes auf einem Wagen vor den
+Wohnungen aller des Christentums Verdächtigen herumzuführen. Weigerten
+sie sich, niederzufallen und zu opfern, so sollte ihnen das <span class="pagenum" id="Page_579">[S. 579]</span>Haus über
+dem Kopfe angezündet werden.&#x2060;<a id="FNanchor_699_699" href="#Footnote_699_699" class="fnanchor">[699]</a> Also auch derselbe Brauch eines
+umfahrenden Wagens. Der Schiffszug in den Niederlanden hing vielleicht
+einstens mit dem Isis-Nehalenniadienste zusammen. Der Grundgedanke
+dieser Feier scheint der Einzug der Gottheit ins Land zu sein. Aufzüge
+scheinen überhaupt jedem Opfer eigentümlich zu sein. Flurgänge, um
+Ackerland fruchtbar zu machen, wobei Götterbilder herumgeführt wurden,
+bezeichnet der <i>indiculus superstitionum</i> als heidnische Sitte:
+<i>de simulacro quod per campos portant</i>. Die Kirche hat sich des
+Brauches bemächtigt, der in den Flurgängen der Gemeinde mit Priester
+und Heiltum statt des alten Götterbildes fortlebt. Romanischer Glaube
+mag übrigens in deutschen Festzügen mehrfach nachwirken.</p>
+
+<p>Der feierlichste Aufzug war der zur Schlacht. Die Götter schritten,
+ihre Anwesenheit durch die heiligen Feldzeichen bekundend, den
+Heerscharen voran, aus deren Mitte feierlicher Gesang, besonders zu
+Ehren Donars, erscholl. Es mag ein kurzes Lied mythischen Inhaltes
+gewesen sein, das, eine Ruhmthat des Gottes ins Gedächtniss rufend,
+diese als Beispiel göttlichen Heldentums hinstellte. Darauf ertönte
+der Kriegsruf, der unter den vor den Mund gehaltenen Schilden tosend
+anschwellende <i>barditus</i>.&#x2060;<a id="FNanchor_700_700" href="#Footnote_700_700" class="fnanchor">[700]</a> Wie die kurze vorgeschickte
+Göttersage zum Zaubersegen, etwa in den Merseburger Sprüchen, so
+mag sich das Donarlied zum <i>barditus</i> verhalten haben, einem
+brausenden, dem Feinde fürchterlichen Hurra, unter dem die Germanen
+nach Beendigung des Schlachtliedes den Sturmlauf begannen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_580">[S. 580]</span></p>
+
+<h5 class="s4" id="Staendige_Jahresfeste_7"><b>7. Ständige Jahresfeste.</b></h5>
+
+<p>Gab es bei den Germanen eigentliche Festzeiten, die sich jährlich
+an bestimmten Tagen wiederholten? Die Frage ist darum schwer zu
+beantworten, weil die ursprüngliche Jahresteilung der Germanen nur
+mangelhaft bekannt ist. Das Jahr zerlegten die Germanen in zwei
+Hälften, Winter und Sommer, denn diese Wörter gehen durch alle
+Sprachen gleichmässig hindurch. Ob die andern Jahreszeiten, Lenz und
+Herbst schon der Urzeit angehören, ist zweifelhaft. Das Jahr hub mit
+dem Winter, im Oktober vielleicht in der Tag- und Nachtgleiche oder
+im November, an. In der altdeutschen Sprache hat das Wort Winter
+geradewegs auch die Bedeutung Jahr. Zu Winters Anfang und zu Sommers
+Anfang waren grössere Opferfeste üblich, die nicht bloss in der
+Gemeinde, sondern in der Völkerschaft, im ganzen Lande gefeiert wurden.
+Da kamen die Volksgenossen zum Herbstding und Frühlingsding aus Nah
+und Fern zusammen, da wurden Opfer und Gottesdienst gefeiert, Gericht
+gehalten, Volksfeste begangen u.&#8239;dgl. mehr. Ein festes Datum für die
+Zusammenkünfte lässt sich nicht behaupten. Es war wol auch nach Klima
+und Landesbeschaffenheit verschieden und wurde eben allgemein auf den
+ersten Winter- oder Sommermond verlegt. Ostern, die Märzfelder der
+Merowinger, die Maifelder der Karolinger, die zahllosen Frühlingsfeste,
+die im Volksbrauche auch unter dem Christentum fortlebten, die uralten
+Volksspiele vom Einholen des Sommers, vom Streit zwischen Sommer und
+Winter, Feste, die sich im allgemeinen zwischen Fasten und Pfingsten
+abspielen, andererseits die herbstlichen Kirchweih- und Schlachtfeste
+dürften einzelne Züge aus den altgermanischen Winter- und Sommeropfern
+bewahren. Aber ein Gesamtbild lässt sich nimmer gewinnen. Denn das alte
+grosse Volksfest ist mit Gemeindefesten der Bauern und Hirten vermischt
+und auf verschiedene Tage des römisch-christlichen Kalenders verstreut.
+Ausserdem sind viele fremdartige und junge Bräuche eingedrungen.
+Es versteht sich wol von selbst, dass eine Vereinigung des ganzen
+Volkes nicht allzu oft stattfinden konnte. Denn die Reise zum Ding
+war zeitraubend. Andererseits forderten aber die Angelegenheiten des
+Volkes solche Versammlungen, die aber keineswegs bloss dem Opferfeste,
+vielmehr ebenso dem Gerichte und der Beratung, die im Heidentum
+vom Gottesdienste gar nicht zu trennen sind, gewidmet waren. Darum
+betont J. Grimm in den Rechtsaltertümern <span class="pagenum" id="Page_581">[S. 581]</span>S. 245, 821 ff. mit Fug die
+ursprüngliche Zusammengehörigkeit von Volksding und Volksopfer. Je
+nach Umständen wird bald die eine, bald die andere Bedeutung stärker
+hervorgetreten sein. Im Christentum fiel das Opfer weg, aber Volksding
+und Volksfest hafteten. Die Frühlingsfeste, welche in Verbindung
+mit Waffenübungen und Schützenfesten stehen, weisen zurück auf eine
+Zeit, wo die Ankunft des Frühlings nicht nur mit einem Danke an die
+Götter für das, was die Natur gab, sondern mit einer Zusammenkunft
+der gesamten waffenfähigen Mannschaft begrüsst wurde, wo die während
+des Winters nicht geübten Fertigkeiten bei Kampfspielen erneuert und
+die Kriegszüge des Sommers beschlossen wurden. Sie erinnern an die
+fränkischen März- und Maifelder, wo die Musterung im Vordergrund
+steht. Die wesentlichen Merkmale jener Versammlung im Herbst und
+Frühling waren etwa diese: Gebet und Opfer um gutes Jahr und glückliche
+Unternehmungen, Beratungen über Angelegenheiten des Volkes, zu
+Sommersanfang besonders über bevorstehende Feldzüge, Waffenmusterung,
+Gerichte, Umzüge und Volksspiele, Opferschmaus und Gelage. Besonders
+im Norden finden wir den alten Brauch der Volksdinge am besten auch
+unter der christlichen Religion bewahrt. Die Norweger hatten neben dem
+<i>Heradsding</i>, dem Ding der Hundertschaft, <i>Volklandsdinge</i>.
+In vier grossen Verbänden traten die Norweger zusammen. Die Isländer
+vereinigten sich im Herbst und Frühling in kleineren Verbänden, im Juni
+zum <i>Allding</i>. Zugleich hören wir im Norden von besonders grossen
+Opferfesten der Dänen und Schweden. Die Zeiten der nordischen Dinge
+sind allerdings teilweise eigenartig und ohne Zusammenhang mit den
+altgermanischen ungebotenen Dingen, namentlich auf Island allein durch
+die Landesbeschaffenheit bestimmt.</p>
+
+<p>Weil die ungebotenen Dinge der Germanen vielfach zu Winters und Sommers
+Anfang stattfanden, weil zur selben Zeit der Volksbrauch noch allerlei
+Spiele und Feste kennt, weil die Germanen das Jahr in Winter und
+Sommer einteilten, wird man nicht fehlgehen, wenn man dahin ständige
+Festzeiten der heidnischen Germanen verlegt, die im grösseren Verband,
+unter Teilnahme des ganzen Volkes, als Volksfeste gefeiert wurden.</p>
+
+<p>Noch weitere Volksfeste scheinen vorhanden gewesen zu sein. Zu
+Mittwinter wurde <i>jul</i> gefeiert. Das nordische <i>jól</i>,
+<i>júl</i> begegnet auch im englischen <i>yule</i>; in Pommern ist Jul
+eine Bezeichnung für <span class="pagenum" id="Page_582">[S. 582]</span>die Weihnachtszeit, scheint aber aus Schweden
+oder Dänemark eingeführt zu sein. Im Gotischen und Angelsächsischen
+kommt dasselbe Wort als Monatsname vor: ags. <i>æra geola</i>,
+<i>æftera geola</i>&#x2060;<a id="FNanchor_701_701" href="#Footnote_701_701" class="fnanchor">[701]</a>,
+erster und zweiter Julmonat, zur Bezeichnung des Januar und Februar,
+got. <i>fruma jiuleis</i>, erster Julmonat zur Bezeichnung des
+November. Ist der Monat nach dem Feste oder das Fest nach dem Monat
+benannt? Der Ursprung des Wortes liegt im Dunkel. Weinhold dachte
+an Entlehnung aus lateinischem <i>julius</i>, die Mittwintermonate
+(December, Januar) hätten die Germanen bei Annahme des römischen
+Kalenders mit dem Namen des Mittsommermonats belegt. Andere Erklärungen
+suchen Urverwandtschaft mit lateinischem <i>joculus</i>; Jul sei die
+heitere Festzeit.&#x2060;<a id="FNanchor_702_702" href="#Footnote_702_702" class="fnanchor">[702]</a> Das heidnische Julfest der Nordleute fand im
+Januar nach Dreikönig statt und währte drei Tage. Die Zeit gibt für
+Dänemark Thietmar von Merseburg an, für Norwegen die Bezeichnung
+<i>Þorrablót</i>, das Þorriopfer. Þorri ist ein Monatsname, dem Januar
+entsprechend. Þorri hub zwischen dem 9. und 16. Januar an. König Hakon
+verfügte, dass man das Julfest in Norwegen um dieselbe Zeit feiern
+sollte, wie die Christen Weihnachten.</p>
+
+<p>In Deutschland ist kein sicheres Zeugniss des heidnischen
+Mittwinterfestes vorhanden. Wol spielen die Zwölften, die Zwölfnächte
+zwischen Weihnacht und Dreikönig im Volksaberglauben eine grosse
+Rolle.&#x2060;<a id="FNanchor_703_703" href="#Footnote_703_703" class="fnanchor">[703]</a> Da sind alle Geister los und suchen die Menschen heim.
+Der Wode, Frau Holle, die Percht, das wütende Heer ziehen um und
+werden mit Opfer geehrt. Alle Arbeit ruht, besonderes Backwerk wird
+zubereitet, festlicher Schmaus gehalten. Das sind die Loosnächte, in
+denen die Zukunft erforscht werden kann, welche die Witterung und damit
+die Fruchtbarkeit des kommenden Jahres anzeigen. Da ereignen sich
+allerlei wundersame <span class="pagenum" id="Page_583">[S. 583]</span>Dinge. Erwägt man, dass das nordische Julfest
+auf die christliche Weihnachtszeit verlegt wurde, so kann man auch
+für Deutschland solches annehmen und den Weihnachtsaberglauben vom
+alten Mittwinteropfer ableiten. Aber er kann ebensowol vom heidnischen
+Jahresanfang, vom Winterbeginn oder Herbstopfer auf Weihnachten und
+Neujahr verlegt worden sein.</p>
+
+<p>Nordische Berichte reden von drei grossen Jahresopfern, die
+im allgemeinen wol auch mit den germanischen Jahresopfern
+übereinstimmen.&#x2060;<a id="FNanchor_704_704" href="#Footnote_704_704" class="fnanchor">[704]</a> Die Ynglingasaga (Kap. 8) sagt: „Da sollte
+man opfern gegen den Winter zu für gutes Jahr (<i>í móti vetrs til
+árs</i>), mitten im Winter sollte man opfern für Wachstum (<i>at
+miđjum vetri til gróđrar</i>), das dritte Mal gegen Sommer (<i>at
+sumri</i>); das war das Siegesopfer.“ Die jüngere Olafssaga Helga Kap.
+104 berichtet: „Das ist ihre Sitte, ein Opfer zu haben im Herbste
+und da den Winter zu begrüssen; ein andres Opfer haben sie mitten im
+Winter, das dritte gegen Sommer, da begrüssen sie den Sommer.“ Von dem
+Halogaländer Sigurd Thorisson berichtet dieselbe Saga im Kap. 112:
+„Er war so gewohnt, so lange das Heidentum währte, drei Opfer jeden
+Winter zu haben, eines bei Winters Anfang, das zweite um Mittwinter,
+das dritte gegen Sommer; nachdem aber das Christentum allgemein üblich
+geworden war, behielt er die alte Gewohnheit wegen der Gastmähler. Da
+hatte er im Herbst ein Freundesmahl, im Winter ein Julgelage, wozu er
+wieder zahlreiche Leute zu sich einlud; ein drittes Mahl hielt er auf
+Ostern, und da hatte er wieder viele Leute. So hielt er es fort, so
+lange er lebte.“ Vom südnorwegischen Bauern Harekr wird erzählt: „Drei
+Hauptmahle hielt er in jedem Jahre, eine Julgasterei und Mittwinters
+und zu Ostern.“ In der Gislasaga Surssonar I, 27 heisst es vom Isländer
+Thorgrim: „Er gedachte zu Winters Anfang ein Herbstgelage zu haben, den
+Winter zu begrüssen und dem Freyr zu opfern.“ Die Opferzeiten berühren
+ebenso den Einzelnen wie die Allgemeinheit. War die Dingzeit einmal
+anders gelegt, so wurde natürlich das Jahresopfer, sofern die alte
+Festzeit bestehen blieb, auch von einzelnen Leuten gefeiert. Mit dem
+Opfer verbanden sich Spiele, wo mehr Leute zusammenkamen. So erzählt
+die Eyrbyggjasaga Kap. 43: „Das war die Sitte der Breidfirdinger im
+Herbste, dass sie Ballspiele hielten um den Beginn des Winters unter
+Oexl südlich von Knorr; da heisst es seitdem <i>leikskála vellir</i>
+<span class="pagenum" id="Page_584">[S. 584]</span>(Ebene der Spielhütten), und die Leute kamen dahin aus der ganzen
+Umgegend; da waren grosse Spielhütten errichtet; die Leute wohnten da
+und sassen da einen halben Monat oder länger.“ Neben dem Julgelage
+werden auch Julgeschenke (in der Egilssaga Kap. 70) und Spiele
+(Holmverjasaga Kap. 22) erwähnt. Beim Sommeropfer zu Uppsala nennt die
+Olafssaga Helga Kap. 75 einen Jahrmarkt. Das sommerliche Volksopfer
+in Norwegen bezeugt die Egilssaga Kap. 49: „Das war im Frühjahr, dass
+zu Gaular ein grosses Opfer sein sollte gegen Sommer. Dort war der
+ansehnlichste Haupttempel; dahin kam eine gewaltige Menge aus Firdir
+und aus Fjalir und aus Sogn und nahezu alle angesehenen Leute.“
+So lange die ständigen, ungebotenen Volksdinge und die Volksopfer
+zusammenfielen, war der Besuch des grossen Jahresopfers für die
+Volksgenossen Pflicht, von der man sich nur gegen Entrichtung einer
+Steuer loskaufen konnte. Denn so wird es beim Ding auch später immer
+gehalten.</p>
+
+<p>Nur eine einzige Quelle, die keinen Glauben verdient, die Hervararsaga
+(Kap. 12), verlegt das Julfest in den Februar.&#x2060;<a id="FNanchor_705_705" href="#Footnote_705_705" class="fnanchor">[705]</a> Dem Þorriopfer
+begegnet ein Goiopfer. Goi entspricht dem Februar und fängt zwischen
+dem 9./16. Februar unsres Kalenders an. Nun ist mit dem Goiopfer
+offenbar das schwedische Hauptopfer zu Uppsala gemeint, das aber
+deutlich als Sommeropfer sich ausweist und nach dem Scholiasten Adams
+von Bremen erst später um die Zeit der Frühlingstag- und Nachtgleiche
+gefeiert wurde. Diese Zeitbestimmung ist die ursprüngliche und
+richtige. Es <span class="pagenum" id="Page_585">[S. 585]</span>handelt sich um das germanische Opfer zu Sommers
+Anfang. Dasselbe scheint nachmals weiter zurück verlegt worden zu
+sein, von März oder April in den Februar. Über das Opfer berichtet
+die Olafssaga helga Kap. 75: „In Schweden war das alte Landessitte,
+so lange das Heidentum währte, dass ein Hauptopfer zu Uppsalir sein
+sollte im Goi des Winters; da sollte man opfern um Jahr und Frieden
+und um Sieg für seinen König, und dahin sollten die Leute kommen aus
+dem ganzen Schwedenreiche, da sollte ein Ding aller Schweden sein; da
+war auch Markt und eine Kaufversammlung, und der Markt währte eine
+Woche; nun aber seit das Christentum allgemein angenommen war und
+die Könige nicht mehr in Uppsalir sitzen mochten, da war der Markt
+verlegt und auf Lichtmess gehalten worden und dabei ist es seitdem
+geblieben; er währt nun nicht länger als drei Tage und da ist nun das
+Ding der Schweden und dahin kommen sie aus dem ganzen Lande.“ Ein dem
+Mittwinter entsprechendes Mittsommerfest gab es nicht. Nur irrtümlich
+spricht die Olafssaga Tryggvasonar in der Heimskringla Kap. 72 von
+einem <i>miđsumarsblót</i> anstatt des <i>miđsvetrarblót</i>.&#x2060;<a id="FNanchor_706_706" href="#Footnote_706_706" class="fnanchor">[706]</a> Die
+Johannistrünke dürfen auch nicht hergezogen werden, noch weniger das
+sommerliche, im Juni abgehaltene Allding der Isländer, das allein in
+der isländischen Landesbeschaffenheit begründet ist. Die Gemeinde hatte
+wol Ursache, zu Mittsommer zu opfern, aber das Volk trat schwerlich im
+Sommer zu grossen ungebotenen Versammlungen zusammen. Somit bleiben nur
+die Opferfeste zu Winters und Sommers Anfang, ferner das Julfest, drei
+ständige germanische Opferzeiten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Ständige grosse, das ganze Volk umfassende Opferfeste sind schon
+frühzeitig bezeugt.&#x2060;<a id="FNanchor_707_707" href="#Footnote_707_707" class="fnanchor">[707]</a> Im uralten Semnonenhain versammelten sich zu
+bestimmter Frist Abordnungen aller suebischen Völkerschaften, um den
+allwaltenden Tiuȥ mit Menschenopfern zu ehren. Die Jahreszeit dieses
+Opferfestes ist nicht angegeben, auch nicht, ob es sich jährlich oder
+erst nach einer Anzahl von Jahren wiederholte. Aber andere Zeugnisse
+lassen deutlich die Hauptopferzeiten erkennen.</p>
+
+<p>Germanicus benutzte zweimal die Zeiten germanischen Festesfriedens,
+um unvermutet über die sorglosen Festgenossen herzufallen.&#x2060;<a id="FNanchor_708_708" href="#Footnote_708_708" class="fnanchor">[708]</a> <span class="pagenum" id="Page_586">[S. 586]</span>Es
+waren wol ständige Feste, von denen die Römer Kunde hatten. Im Jahre
+14 kam er über die Marsen, welche der Tanfana opferten. Es war im
+Spätherbst nach der Ernte und gegen Winters Anfang, also das Fest
+des neu anbrechenden Jahres. Im folgenden Jahre, gleich im Anfang
+des Frühlings, als grade eine ungewöhnliche Dürre herrschte, machte
+Germanicus einen ähnlichen Einfall ins Land der Chatten und zog auf
+den Hauptort Mattium, das er verbrannte. Vermutlich wurde dort das
+Frühlingsfest, das Sommeropfer begangen.</p>
+
+<p>Widukind weiss von einem Feste der Sachsen am 1. Oktober. Drei Tage
+lang währte die Feier, die auch dem Andenken der Toten galt.&#x2060;<a id="FNanchor_709_709" href="#Footnote_709_709" class="fnanchor">[709]</a>
+Widukind sucht allerdings in dieser bei Scheidungen an der Unstrut
+abgehaltenen Feier ein Siegesfest der Sachsen über die Thüringer. Aber
+man erkennt leicht, dass es um ein ständiges, auch in christlicher Form
+fortlebendes Fest sich handelt, das keineswegs aus einem einzelnen
+Ereigniss hervorging. Erwägt man die Zeit, so ist auf das germanische
+Opfer zu Winters Anfang, zum heidnischen Neujahr zu schliessen. Dass
+die Toten dabei bedacht wurden, ist auch sonst bei den germanischen
+Opfern nachzuweisen. Sie galten nicht nur den Göttern, sondern
+ebenso sehr den Seelen. Namentlich Winters-, d.&#8239;h. Jahresanfang, im
+christlichen Kalender Allerseelen und Neujahr, die Zwölften, kehren den
+Seelenkult stark hervor. Dasselbe Fest wurde, von dem Berichterstatter
+ähnlich missdeutet, am 28. September zu Augsburg gefeiert.&#x2060;<a id="FNanchor_710_710" href="#Footnote_710_710" class="fnanchor">[710]</a> Die
+Überlieferung nennt einen <i>dies deae Cisae</i>, worin Laistner einen
+missverstandenen „<i>Cisatag</i>“, „<i>Sisatag</i>“ sieht. Neben
+ahd. <i>sisesang</i>, Totenlied, <i>nenia</i>, wäre <i>*sisetag</i>
+eigentlich ein <i>Kartag</i>, ein Tag der <span class="pagenum" id="Page_587">[S. 587]</span>Klagelieder. Das Fest zu
+Winters Anfang, zu Michaeli, war zugleich eine allgemeine Totenfeier
+und trug davon sogar einen besondern Namen. Die germanische Jahreswende
+scheint nicht bloss eine Zeit der Lustbarkeit, sondern auch der Klage
+um die Verstorbenen gewesen zu sein.</p>
+
+<p>Auch im Norden ging die Verehrung von Disen und Alfen neben der
+Verehrung der Götter an den hohen Jahresfesten her. <i>Alfablót</i>,
+Alfenopfer, fällt mit Jul zusammen; denn nach der grossen Olafssaga
+helga Kap. 80 kam der Skald Sighvat spät im Winter zu einem Gehöft,
+wo das <i>alfablót</i> gefeiert wurde. In der Vigaglúmssaga Kap. 6
+heisst es: „Da war zu Winters Anfang ein Gastmahl bereitet und ein
+<i>dísablót</i> gehalten und alle sollten diese Erinnerung feiern.“ Das
+schwedische Opferfest führte den Namen <i>dísaþing</i>. Mithin gelten
+nach nordischem und deutschem Brauch die grossen ständigen Jahresopfer
+den Göttern und Geistern. Letzteren wurde wol besonders Winters Anfang
+und Mittwinter geweiht, da der Aberglaube mit Vorliebe jene Zeiten den
+schwärmenden Geisterscharen zuweist.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Von besonderer Art sind die Feste, welche nur selten, nach Ablauf
+mehrerer Jahre und dann mit grosser Feierlichkeit vom ganzen Lande
+begangen werden.</p>
+
+<p>Thietmar von Merseburg&#x2060;<a id="FNanchor_711_711" href="#Footnote_711_711" class="fnanchor">[711]</a> erzählt von den Dänen: „Es ist ein Ort in
+jenen Gegenden, namens Lederun (Leire, Hleidra), die Hauptstadt jenes
+Reiches im Gau Selon (Seeland), wo immer nach Verlauf von neun Jahren
+im Monat Januar um die Zeit, wo wir die Erscheinung Christi feiern,
+alle zusammen kamen und ihren Göttern 99 Menschen und ebenso viele
+Pferde nebst Hunden und Hähnen, die man in Ermangelung der Habichte
+darbrachte, opferten, indem sie für gewiss glaubten, dass diese ihnen
+bei den Göttern der Unterwelt Dienste leisten und dieselben wegen ihrer
+begangenen Missethaten mit ihnen aussöhnen würden.“</p>
+
+<p>Adam von Bremen&#x2060;<a id="FNanchor_712_712" href="#Footnote_712_712" class="fnanchor">[712]</a>
+ schildert ein ähnliches schwedisches <span class="pagenum" id="Page_588">[S. 588]</span>Landesopfer:
+„Alle neun Jahre wird zu Uppsala ein allen Schweden gemeinsames
+Opfer gefeiert. In Bezug auf dieses Fest findet keine Befreiung von
+Leistungen statt. Die Könige und das Volk, alle schicken ihre Gaben
+nach Uppsala, und diejenigen, die bereits das Christentum angenommen
+haben, kaufen sich von jenen Ceremonien los. Das Opfer ist folgender
+Art. Von jeder Gattung männlicher Geschöpfe werden neun dargebracht,
+mit deren Blut es Brauch ist, die Götter zu sühnen. Die Körper aber
+werden in dem Haine aufgehängt, der zunächst am Tempel liegt. Dieser
+Hain ist nämlich den Heiden so heilig, dass jeder Baum durch den Tod
+oder die Verwesung der Geopferten geheiligt erachtet wird. Dort hängen
+auch Hunde und Rosse neben den Menschen und von solchen vermischt
+durch einander hängenden Körpern habe er, erzählte mir ein Christ,
+72 gesehen. Die Lieder, die bei der Vollziehung eines solchen Opfers
+gesungen werden, sind vielerlei und unehrbar. Neun Tage werden Schmäuse
+und dergleichen Opfer gefeiert. An jedem Tage opfern sie einen Menschen
+nebst anderen Geschöpfen, so dass es in neun Tagen 72 Geschöpfe werden,
+die man opfert. Dies Opfer findet statt um die Frühlings Tag- und
+Nachtgleiche.“ Zum Beweise, wie streng die Nichtachtung des Opfers
+geahndet wurde, erzählt das Scholion 136, wie der christliche König
+Anunder deshalb aus seinem Reiche vertrieben wurde.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_589">[S. 589]</span></p>
+
+<p>Zum richtigen Verständniss der beiden grossen nordischen Opfer muss
+zunächst ein Irrtum Thietmars berichtigt werden. Er vermischt Opfer-
+und Bestattungsbräuche. Die Tiere wurden nicht darum geschlachtet,
+dass die zum Opfer getöteten Menschen in der Unterwelt davon Gebrauch
+machten; solches war nur der Leichenfeier eigen. Beim Opfer fielen
+Menschen und Tiere den Göttern zu. In der Hauptsache verlaufen das
+dänische und schwedische Landesopfer gleich. Beide fanden nur alle neun
+Jahre statt, die Neunzahl spielt beiderseits bei den Opfern eine Rolle.
+Vielleicht sind die 99 Menschen in Dänemark neben den 9 in Schweden
+doch zu hoch gegriffen. Neun Tage dauert das schwedische Fest. Das
+dänische Opfer fiel mit dem Julfest zusammen, das schwedische mit dem
+Sommeropfer.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Man muss dem Umstand Rechnung tragen, dass wir die ursprünglichen
+germanischen Jahresfeste nur unsicher aus der überlieferten
+Zeitrechnung, aus dem römischen Kalender und der christlichen Festfolge
+zu erschliessen vermögen. Zweifellos hingen die einstigen Hauptfeste
+mit der Jahresteilung zusammen. Als aber, noch im Heidentum, der
+römische Kalender eindrang, fanden Verschiebungen aller Art statt, die
+christliche Festfolge vermehrte noch die Verwirrung. So wurden die
+Jahresfeste verlegt und auf verschiedene Tage verteilt. Man gelangt
+nur zum allgemeinen Satze, dass für die Volksopfer die Jahresteilung,
+für Gemeindeopfer Ackerbau und Viehzucht maassgebend gewesen zu sein
+scheinen.</p>
+
+<p>Die siebentägige Woche und die Einteilung des Jahres in zwölf
+Monate&#x2060;<a id="FNanchor_713_713" href="#Footnote_713_713" class="fnanchor">[713]</a> kam den Germanen aus der Fremde, durch die Römer zu und
+zwar noch vor der Bekehrung, sonst wären die heidnischen Götternamen
+nicht für die Wochentage gewählt worden. Damals muss die interpretatio
+romana schon sehr fest eingebürgert gewesen sein, denn allgemein und
+ohne Schwanken werden die dies Martis, Mercurii, Jovis, Veneris dem
+Tiu, Wodan, Donar und der Frija zugeteilt. Die Monate, sofern sie
+germanisch bezeichnet wurden, heissen nach Zeit und Wetter, Pflanzen
+und Tieren, Geschäften in Haus und Feld, nicht nach religiösen
+Vorstellungen. <span class="pagenum" id="Page_590">[S. 590]</span>Erst später wurden gleich einigen Kalendertagen
+auch Monatsnamen persönlich gedacht und spielen deshalb im jüngeren
+Volksglauben eine Rolle.</p>
+
+<h4 id="II_Das_Tempelwesen"><b>II. Das Tempelwesen.</b></h4>
+
+<h5 class="s4" id="Heilige_Haine_1"><b>1. Heilige Haine.</b></h5>
+
+<p>Das Waldleben hatte von jeher tiefen Einfluss auf alle Verhältnisse
+des germanischen Volkes, so auch auf Glauben und Gottesdienst. „In
+dem Wehen, unter dem Schatten uralter Wälder fühlte sich die Seele
+des Menschen von der Nähe waltender Gottheiten erfüllt.“&#x2060;<a id="FNanchor_714_714" href="#Footnote_714_714" class="fnanchor">[714]</a> Die
+ältesten Zeugnisse heben den Waldkultus hervor, der Wald war die
+Behausung der Götter. Heilige Haine vertreten geradezu eigentliche
+erbaute Tempel. Bei echt germanischen Tempeln fehlt auch nicht der
+Wald, es sei denn, die Natur versage ihn wie auf Island. Die ältesten
+germanischen Bezeichnungen lehren: Tempel ist zugleich Wald. „Was
+wir uns als gebautes, gemauertes Haus denken, löst sich auf, je
+früher zurückgegangen wird, in den Begriff einer von Menschenhänden
+unberührten, durch selbstgewachsene Bäume gehegten und eingefriedigten
+heiligen Stätte. Da wohnt die Gottheit und birgt ihr Bild in
+rauschenden Blättern der Zweige.“&#x2060;<a id="FNanchor_715_715" href="#Footnote_715_715" class="fnanchor">[715]</a> „Die Götter, im Wald und auf
+der Berghöhe gegenwärtig, bedurften keiner gebauten Wohnung, keines
+sie darstellenden Bildes. Am deutlichsten hat das Tacitus von den
+Germanen ausgesprochen: <i>ceterum nec cohibere parietibus deos, neque
+in ullam humani oris speciem assimilare ex magnitudine coelestium
+arbitrantur: lucos ac nemora consecrant, deorumque nominibus appellant
+secretum illud, quod sola reverentia vident</i>. Nur Bäume hegten den
+Gott und über Bäumen stand der Himmel offen. Als aber allmälig feste
+Niederlassungen erfolgten und als der friedliche Ackerbauer selbst ein
+Haus bezogen hatte, lag der Gedanke nah, auch für die Götter bleibende
+Wohnstätten zu errichten, und aus feierlichen Steinkreisen auf dem
+Waldgebirg gingen Höfe oder Tempel hervor. Die ältesten Ausdrücke
+unsrer wie der griechischen Sprache können sich von dem Begriff des
+heiligen Haines noch nicht losreissen, sondern gehen von diesem aus und
+erst unmerklich in die Vorstellung einer erbauten Stätte über.“&#x2060;<a id="FNanchor_715a_715" href="#Footnote_715_715" class="fnanchor">[715]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_591">[S. 591]</span></p>
+
+<p>Die altgermanischen Wörter für Heiligtum, Opferstätte schwanken in
+ihrer Bedeutung zwischen Hain und Tempel, weil eben zum Gottesdienste
+einerseits heilige gehegte Wälder, andrerseits aufgerichtete Gebäude
+dienten. Das ahd. <i>haruc</i>&#x2060;<a id="FNanchor_716_716" href="#Footnote_716_716" class="fnanchor">[716]</a> geben die Glossen mit <i>lucus</i>,
+<i>nemus</i>, <i>fanum</i>, <i>ara</i> wieder, ags. <i>hearh</i>&#x2060;<a id="FNanchor_717_717" href="#Footnote_717_717" class="fnanchor">[717]</a>
+wird entsprechend als <i>lucus</i>, <i>sacellus</i>, <i>fanum</i>
+ausgelegt. Im Nordischen bedeutet <i>hǫrgr</i>&#x2060;<a id="FNanchor_718_718" href="#Footnote_718_718" class="fnanchor">[718]</a> ursprünglich
+Steinhaufen, vielleicht geschichteter Steinaltar oder Steinkreis als
+Hag um den Opferplatz, wie solche noch in England und Skandinavien zu
+sehen sind. Zugleich aber nimmt <i>hǫrg</i> die allgemeine Bedeutung
+„Heiligtum“, die besondere „kleiner Tempel“ an.&#x2060;<a id="FNanchor_719_719" href="#Footnote_719_719" class="fnanchor">[719]</a> Ahd. <i>paro</i>
+(gen. <i>parawes</i>)&#x2060;<a id="FNanchor_720_720" href="#Footnote_720_720" class="fnanchor">[720]</a>, ags. <i>bearo</i> (gen. <i>bearwes</i>),
+welche <i>lucus</i> und <i>arbor</i> ausdrücken, deuten auf den
+heiligen Hain oder Baum.</p>
+
+<p>In den germanischen Sprachen begegnet unter verschiedenen Formen
+ein Wort für sich allein und in Zusammensetzungen; es lautet
+<i>weh</i>, <i>weg</i> (an. <i>vé</i>, ags. <i>weoh</i>, <i>weg</i>,
+as. <i>weg</i>) <i>wih</i>, <i>wig</i> (gotländisch, dän., schwed.
+<i>vî</i>, ags. <i>wih</i>, <i>wig</i>, as. ahd. <i>wih</i>). Die
+Grundbedeutung ist Kultstätte (as. <i>friduwih</i>, befriedete
+Kultstätte) und demnach, wie die ahd. Glosse „<i>forst edo haruc
+edo uuih</i>“ lehrt, auch heiliger Hain, ferner Kultgegenstand
+(<i>idolum</i>, <i>ara</i>, <i>vexillum</i>).&#x2060;<a id="FNanchor_721_721" href="#Footnote_721_721" class="fnanchor">[721]</a></p>
+
+<p>Ahd. <i>lôh</i> (<i>lucus</i>), das wie nord. <i>lundr</i> in
+vielen deutschen Ortsnamen erscheint&#x2060;<a id="FNanchor_722_722" href="#Footnote_722_722" class="fnanchor">[722]</a>, weist wol manchmal auf
+ursprünglichen Opferhain. Am besten unterrichtet Tacitus an vielen
+Stellen über den Waldkult der Germanen.&#x2060;<a id="FNanchor_723_723" href="#Footnote_723_723" class="fnanchor">[723]</a> Bei den Nahanarvalen ist
+ein altehrwürdiger Hain (<i>lucus antiquae religionis</i>), wo den
+Alcis gedient wird. Bei <span class="pagenum" id="Page_592">[S. 592]</span>den Semnonen steht der uralte schauerliche
+Opferwald, den man nur gefesselt betreten darf (<i>silva auguriis
+patrum et prisca formidine sacra</i>); dort versammeln sich Abgesandte
+aller Suevenstämme. Der Nerthus ist ein unberührter Hain (<i>castum
+nemus</i>) geweiht, worin allerdings auch ein templum sich erhebt. Die
+Feldzeichen der Stämme, Tierbilder und Abzeichen der Götter, die dem
+Heere voran in die Schlacht getragen wurden, befanden sich gewöhnlich
+im geweihten Walde. Im Donarswald (<i>in silvam Herculi sacram</i>)
+versammeln sich die Völker zur Schlacht. In den heiligen Hain
+(<i>sacrum in nemus</i>) ruft Civilis den Adel zusammen. Opfersteine,
+bei denen die gefangenen Feinde geschlachtet wurden, traf man in
+den Wäldern (<i>lucis propinquis barbarae arae apud quas tribunos
+mactaverant</i>). Die Häupter getöteter Opfertiere bleichten an den
+Baumstämmen.</p>
+
+<p>Im tiefsten, dunkelsten Urwald, wo kein Holz geschlagen werden darf,
+ist das Heiligtum der Götter, da stehen die Opfersteine, da werden
+Menschen und Tiere geschlachtet oder aufgehängt, da werden die heiligen
+Feldzeichen der Völker aufbewahrt. Dort ist aber auch Volksversammlung
+und Gericht. Vermutlich war ein besonderer Teil des Urwaldes zum
+eigentlichen Gottesdienst abgegrenzt, während fürs Ding gelichtete,
+wenigstens von Buschwerk und Unterholz gerodete Strecken erforderlich
+scheinen. Der den Göttern geweihte uralte, wilde Bannwald rief einen
+schauerlichen Eindruck hervor, ebenso aus ehrfürchtiger Scheu vor
+der unmittelbaren Gegenwart der Götter wie wegen der blutigen Opfer,
+wegen der verwesenden Leichen und bleichenden Gebeine. Nicht bloss den
+Römern, auch den germanischen Volksgenossen selber war ein solcher
+Urwald unheimlich. Die Schrecken der Vorzeit hafteten auch später
+vornehmlich am Tempelhain, so an dem zu Uppsala, während die übrigen
+Örtlichkeiten der frohen Feste halber wol einen freundlicheren Anblick
+boten. Der eigentliche Opferplatz, wo die Gottheit die Opfer empfing,
+war der furchtbare Mittelpunkt des Gottesdienstes.</p>
+
+<p>Die Bekehrer hatten oft mit heiligen Wäldern, insbesondere mit heiligen
+Bäumen zu thun. Der Wald gilt ohnehin als Aufenthalt der Geister, der
+Baum als beseelt; somit wird er leicht zur Behausung, zum Heiligtum
+der Götter. Bonifacius fällte bei Geismar die Donarseiche und erbaute
+aus ihrem Holz eine Peterskapelle. Unter Sachsen und Friesen&#x2060;<a id="FNanchor_724_724" href="#Footnote_724_724" class="fnanchor">[724]</a>
+dauerte die Verehrung der <span class="pagenum" id="Page_593">[S. 593]</span>Haine am längsten fort. Bischof Unwan von
+Bremen liess im Anfang des 11. Jahrh. bei abgelegenen Bewohnern seines
+Sprengels solche Wälder, in denen geopfert wurde, ausrotten. Nach einem
+Treffen, das im Jahre 779 zwischen Franken und Sachsen geschah, liess
+sich ein schwerwunder Sachse aus seiner Burg heimlich in einen dem
+höchsten Gott geweihten Hain tragen. Schon in alten Urkunden ist von
+<i>Heiligenforst</i> bei Strassburg, <i>Heiligenloh</i> im Hoyaschen,
+<i>Heiligelo</i> bei Alkmaar in Holland, <i>Heiligenholtz</i> bei
+Zwifalten, <i>Halahtre</i> in Westfalen die Rede.&#x2060;<a id="FNanchor_725_725" href="#Footnote_725_725" class="fnanchor">[725]</a> Diese Namen
+bewahren das Andenken heidnischer Götterwälder, die der Benutzung des
+Volkes entzogen, dem Dienste der Götter geheiligt waren.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Tempelbauten_2"><b>2. Tempelbauten.</b></h5>
+
+<p>Aus dem Walde wuchs allmälig der gezimmerte Tempel&#x2060;<a id="FNanchor_726_726" href="#Footnote_726_726" class="fnanchor">[726]</a> hervor,
+vielleicht Anfangs in der Art, dass um einen besonders heiligen Baum,
+der als Sitz der Gottheit galt, eine Hütte aus Holz und Zweigen
+aufgeführt wurde. Derlei mag der <i>indiculus superstitionum</i> IV
+„<i>de casulis id est fanis</i>“, von kleinen Tempelchen, im Auge
+haben. Man gedenkt der Halle König Vǫlsungs, die freilich weltlichen
+Zwecken dient, aber möglicherweise einen altfränkischen Waldtempel
+darstellt. „König Wolsung Hess eine herrliche Halle machen und zwar
+auf die Art, dass eine grosse Eiche in der Halle stund; die Zweige
+des Baumes mit schönen Blättern breiteten sich übers Dach, der Stamm
+reichte in die Halle hinunter.“&#x2060;<a id="FNanchor_727_727" href="#Footnote_727_727" class="fnanchor">[727]</a> Hernach stösst Odin das Schwert
+für Sigmund in den Stamm dieser Eiche. Darf man eine Wodanseiche im
+fränkischen Urwald, um welche ein Tempel gezimmert war, worin der
+Gott seinen Lieblingen sich offenbarte, als letzten Ausgangspunkt
+dieser Sagenbildung vermuten? Die sächsische <i>Irminsûl</i> muss hier
+erwogen werden. Im nordischen Hause stützen eine oder zwei Säulenreihen
+als Grundpfeiler den ganzen Bau. Besonders wichtig sind die zwei am
+Hochsitz befindlichen sog. <i>ǫndvegissúlur</i>, an denen <span class="pagenum" id="Page_594">[S. 594]</span>Götterbilder
+eingeschnitzt sind, denen abergläubische Verehrung erwiesen wird.
+Die nach Island fahrenden Norweger nehmen ihre Hauptsäulen mit und
+stellen sie in der neuen Heimat ebenso in die Mitte des Hauses. Auch im
+Tempelbau, der vom Hausbau nicht wesentlich abwich, kehren diese Säulen
+wieder. Karl der Grosse zerstörte im Jahre 772 einen Hauptsitz des
+sächsischen Aberglaubens, die unweit Eresburg in Westfalen errichtete
+<i>irminsûl</i>, die Hauptsäule.&#x2060;<a id="FNanchor_728_728" href="#Footnote_728_728" class="fnanchor">[728]</a> Er verbrannte das sächsische
+Heiligtum. Im tiefen Wald, wol im Osning, im heiligen Götterhain,
+ragte die Säule auf, die bald als fanum, bald als idolum bezeichnet
+wird. Später wurde an ihrer Stelle eine Peterskirche gebaut. Rudolf
+von Fulda erzählt vom Baumkult der Sachsen und erklärt die irminsûl
+als einen grossen, unter freiem Himmel hoch aufgerichteten Holzstamm,
+eine Hauptsäule.&#x2060;<a id="FNanchor_729_729" href="#Footnote_729_729" class="fnanchor">[729]</a> Was ist nun in Wirklichkeit unter der sächsischen
+Säule zu verstehen? Ihr eignete wol dieselbe religiöse Bedeutung
+wie der nordischen Haussäule. Durch eingeschnitztes Götterbild mag
+vielleicht auch sie zum Heiligtum, zum Idol, geweiht gewesen sein. Sie
+stand aber allein im Freien und diente so als Symbol. Der aufgerichtete
+Grundpfeiler, die Hauptsäule vertrat vielleicht symbolisch den Tempel,
+der ursprünglich um den heiligen Baum, nachher um die hölzerne
+Hauptsäule gezimmert war. Für den germanischen Tempel der Urzeit,
+dessen Einrichtung nirgends genau geschildert ist, lernen wir nur
+das eine, dass sein Ursprung an den heiligsten Baum des geweihten
+Forstes, an die uralte mächtige Göttereiche anknüpfte. Den Baum löste
+bei späterem kunstvollerem Bau die im Mittelpunkt aufgerichtete
+hochragende Hauptsäule, ein gewaltiger verarbeiteter Baumstamm ab. Wie
+der Götterbaum den Grundpfeiler des heiligen Gebäudes abgab, so scheint
+er auch das Götterbild, das zunächst an ihm haftete, veranlasst zu
+haben. So wuchs, wol auch unter der <span class="pagenum" id="Page_595">[S. 595]</span>Anregung römischer Kultur, aus
+dem ursprünglichen Gottesdienst im Urwalde die gezimmerte Behausung
+der Götter und ihre bildliche Darstellung heraus. Der Götterbaum als
+<i>irminsûl</i> entfaltet beides.</p>
+
+<p>Zur Zeit des Tacitus ist die Kultstätte meistens der heilige Hain.
+Aber an zwei Stellen ist zweifellos vom Tempel im Haine die Rede.
+Nachdem der Priester die Nerthus an Festtagen umhergeführt hat, gibt er
+sie ihrem Heiligtum zurück (<i>satiatam conversatione mortalium deam
+templo reddit</i>). Im Jahre 14 machten die Legionen des Germanicus
+den marsischen Tanfanatempel dem Erdboden gleich (<i>celeberrimum
+illis gentibus templum, quod Tanfanae vocabant, solo aequatur</i>).
+Die Bekehrer hatten nicht bloss Göttereichen zu fällen, sondern
+auch Tempelbauten niederzulegen, zu verbrennen oder zum Dienste des
+Christentums umzuweihen. Allmälig hatten sich die im Walde gebauten
+Tempel vermehrt, mitunter wurden auch römische Bauten, gemauerte
+steinerne Tempel dem germanischen Götterdienst nutzbar gemacht. Als
+Radegund, die Gemahlin Chlotars, aus Thüringen nach Frankreich zog,
+führte sie ihr Weg in der Nähe eines fränkischen Tempels vorüber.
+Die glaubenseifrige Christin gebot ihren Leuten, den Heidentempel
+anzuzünden. Die Franken wehrten sich, aber Radegund setzte ihren
+Willen trotzdem durch. Das Heiligtum wurde verbrannt, hernach aber
+Frieden gestiftet. So erzählt die vita sanctae Radegundis (<i>acta
+Bened. sec.</i> 1 S. 327) aus dem 6. Jahrh. Gregor von Tours
+(<i>vitae patr.</i> 6) weiss von einem mit Zieraten erfüllten Tempel
+zu Köln (<i>fanum quoddam diversis ornamentis refertum</i>), worin
+die Barbaren beim Opfer Schmaus und Gelage hielten. Dort standen
+auch Götterbilder. Kranke Glieder wurden in hölzerner Nachbildung
+aufgehängt. Bei den Angelsachsen gab es eingehegte Tempel (<i>fana
+cum septis</i>), die ziemlich vollkommen gewesen sein müssen, sonst
+hätte schwerlich Gregor dem Augustin anempfohlen, christliche Kirchen
+daraus zu machen. Die ags. Sprache gewährt auch ein germanisches Wort
+für den Begriff „Altar“. Im Walde genügte der Opferstein, im Tempel
+erhub sich ein Altar, <i>wigbed</i> (aus älterem <i>wihbéod</i>), der
+Tempeltisch.&#x2060;<a id="FNanchor_730_730" href="#Footnote_730_730" class="fnanchor">[730]</a> Er diente wol wie der nordische <i>stallr</i> zur
+Aufnahme heiliger Gerätschaften, des Eidringes, <span class="pagenum" id="Page_596">[S. 596]</span>der Opferblutschale
+u.&#8239;dergl.&#x2060;<a id="FNanchor_731_731" href="#Footnote_731_731" class="fnanchor">[731]</a> Sächsische Tempel (fana) nennt das <i>capitulare de
+partibus Saxoniae</i>. Den friesischen Göttern&#x2060;<a id="FNanchor_732_732" href="#Footnote_732_732" class="fnanchor">[732]</a> waren in allen
+Teilen des Landes Tempel errichtet. Darin lagerten oft Schätze. Genauer
+beschrieben ist aber nur Fosites Heiligtum auf Helgoland.</p>
+
+<p>Der hl. Willebrord brach auf Walchern ein altehrwürdiges, von
+einem tapferen Wächter behütetes Heiligtum.&#x2060;<a id="FNanchor_733_733" href="#Footnote_733_733" class="fnanchor">[733]</a> Da im Dünensande
+vor Walcheren Trümmer römischer Steinbauten und Nehalenniasteine
+sich vorfanden, handelt es sich vermutlich um einen Tempel aus der
+Römerzeit, den die Germanen nach Abzug der Römer zum Dienste ihrer
+eigenen Götter benutzten. Überhaupt muss man mit der Möglichkeit
+rechnen, dass die auf römisches Gebiet einrückenden Germanen, hier
+und da ihre Opferstätten in verlassene römische Tempel verlegten.
+Nahmen die germanischen Söldner doch auch ebenso willig den Brauch
+bildergeschmückter Weihsteine von ihren römischen Kameraden an, nicht
+bloss zum Kaiserkult und zum Dienst der römischen Truppengenien,
+sondern <span class="pagenum" id="Page_597">[S. 597]</span>auch zu Ehren heimischer Volksgötter. Wo steinerne
+Tempelbauten unter Germanen erwähnt werden, liegt dieser Verdacht sehr
+nahe. In des Jonas von Bobbio <i>vita Columbani</i> Kap. 17 (J. Grimm,
+Myth. 73) ist von römischen Thermen, mit Steinbildern geschmückt,
+die Rede, denen die Burgunden bei Luxeuil in Franche comté Verehrung
+erwiesen. Echt germanische Tempel waren aus Holz gefertigt, allenfalls
+aus Rasenstücken und rohen Steinen kunstlos geschichtet, aber nicht aus
+kunstvoll behauenen Steinen regelrecht gemauert.&#x2060;<a id="FNanchor_734_734" href="#Footnote_734_734" class="fnanchor">[734]</a></p>
+
+<p>Am ausführlichsten ist das Heiligtum des Fosite auf Helgoland
+geschildert, wohin Willebrord zwischen 690 und 714 verschlagen wurde.
+Für die dem Gotte geheiligte Stätte hatten die Friesen die höchste
+Verehrung. Alles, Tempel, Äcker, Wälder, Quellen, weidende Tiere,
+Schätze gehörten dem Gotte. Keiner der Heiden des Landes wagte,
+Tiere, die dort weideten, oder irgend welchen Gegenstand des Landes
+zu berühren, nur schweigend schöpften sie das Wasser der Quelle, die
+dort entsprang. Nach König Redbads Satzung galt es für ein des Todes
+würdiges Verbrechen, als Willebrords Gefährten Tiere der Insel zu
+ihrer Nahrung schlachteten, und Willebrord drei Leute in der heiligen
+Quelle taufte. Drei Tage liess König Redbad das Loos ziehen; dadurch
+entschieden die Götter bei einem der Gefährten Willebrords, dass er
+getötet werden musste; er selbst und die andern durften die Insel
+verlassen. Das Volk ums Jahr 700 glaubte, jeden, der das geweihte Land
+nicht in tiefster Verehrung betrete, müsse die Strafe des Gottes,
+Raserei oder sofortiger Tod treffen. Im 11. Jahrhundert, als bereits
+das Christentum eingezogen war, herrschte noch der Glaube, dass jeder,
+der auf der Insel das geringste raube, Schiffbruch oder schweren Tod
+erleiden müsse, daher denn alle, von tiefer Furcht erfüllt, bereit
+waren, von ihrem Seeraub den <span class="pagenum" id="Page_598">[S. 598]</span>zehnten Teil den Eremiten darzubringen,
+die auf dem Lande angesiedelt waren.</p>
+
+<p>Hier finden wir alle wesentlichen Merkmale des germanischen Heiligtums,
+Wald, Tempel, Opferquelle, Tempelgut an Hort und Herde, alles unter
+besonderem unverletzlichem Frieden. Mit der Schilderung des friesischen
+Heiligtums stimmt die des schwedischen Haupttempels überein, die wir
+Adam von Bremen&#x2060;<a id="FNanchor_735_735" href="#Footnote_735_735" class="fnanchor">[735]</a> verdanken.</p>
+
+<p>Das Schwedenvolk hat einen sehr berühmten Tempel, der Uppsala heisst
+und nicht weit von der Stadt Sigtun liegt. In diesem Tempel, der ganz
+von Gold gebaut ist, betet das Volk die Bildnisse dreier Götter an,
+und zwar so, dass der mächtigste von ihnen, Thor, mitten im Saale
+seinen Thron hat; rechts und links sitzen Wodan und Fricco. Nahe bei
+diesem Tempel steht ein sehr grosser Baum, der seine Zweige weithin
+ausbreitet und im Winter wie im Sommer immer grün ist. Welcher Art
+derselbe ist, weiss niemand. Dort ist auch eine Quelle, wo die Heiden
+Opfer anzustellen und einen Menschen lebendig zu versenken pflegen.
+Wenn dieser nicht wiedergefunden wird, so ist der Wunsch des Volkes
+bestätigt. Den Tempel umgibt eine goldene Kette, die am Giebel des
+Gebäudes hängt und den Herankommenden entgegenblinkt. Das folgende
+Kapitel 27 schildert auch noch den beim Tempel gelegenen Hain, dessen
+Bäume durch die verwesenden Körper geopferter Menschen schaurig geweiht
+waren. Der uralte schaurige Bannwald steht hier noch wie ein Denkmal
+vergangener Zeiten neben dem freundlichen Bild des Tempels und des
+über der Quelle rauschenden immergrünen Baumes. Beachtenswert ist die
+goldene Kette, die den Tempel umgibt. Sie erinnert an die <i>vébǫnd</i>
+des nordischen Rechtes, an die heiligen Schnüre, die, an Haselstangen
+geknüpft, das Gericht abgrenzten.</p>
+
+<p>Genaues über Bau und Einrichtung des Tempels berichten <span class="pagenum" id="Page_599">[S. 599]</span>nur
+norwegisch-isländische Quellen.&#x2060;<a id="FNanchor_736_736" href="#Footnote_736_736" class="fnanchor">[736]</a> Der nordische Tempel, in Norwegen
+aus Holz&#x2060;<a id="FNanchor_737_737" href="#Footnote_737_737" class="fnanchor">[737]</a>, auf Island auch aus Torf, Steinen oder Lavablöcken
+erbaut, entspricht aber schwerlich dem altgermanischen.</p>
+
+<p>Thorolf, der in Norwegen einen Tempel besessen hatte, brach ihn
+ab, nahm die Erde, die unter dem Altar gewesen war, und das meiste
+Holzwerk mit, liess in Island den Ort seiner Niederlassung durch seine
+Hochsitzpfeiler, auf welchen Thor eingeschnitzt war, bestimmen und
+schritt alsbald zum Wiederaufbau seines Gotteshauses. „Da liess er
+den Tempel erbauen, und es war das ein grosses Haus; es waren Thüren
+an den Seitenwänden und nahe an dem einen Ende; innerhalb standen da
+die Hochsitzpfeiler und darin waren Nägel, die hiessen Götternägel
+(<i>reginnaglar</i>). Im innern Teile des Hauses war ein Haus in der
+Art, wie nun der Chor in den Kirchen ist, und es stand da eine Erhöhung
+mitten auf dem Boden und ein Altar, und darauf lag ein Ring ohne Ende
+von zwei (andere Lesarten: neun, zwanzig) Unzen Gewicht, und auf den
+sollte man alle Eide schwören; den Ring sollte der Häuptling an der
+Hand tragen bei allen Volksversammlungen. Auf der Erhöhung sollte
+auch der Blutkessel stehen und darin der Blutzweig, als wäre es ein
+Sprengwedel, und damit sollte man aus dem Kessel das Blut spritzen,
+welches <i>hlaut</i> genannt wurde; das war solches Blut, wenn Tiere
+geschlachtet wurden, die man den Göttern opferte. Um die Erhöhung
+herum waren in dem Nebenhause den Göttern ihre Plätze angewiesen.“
+In der Kjalnesingasaga wird vom Goden Thorgrim erzählt: „Er war ein
+eifriger Opferer; er liess einen grossen Tempel errichten auf seinem
+Hofe, der war 120 Fuss lang und 60 Fuss breit; Thor <span class="pagenum" id="Page_600">[S. 600]</span>wurde da zumeist
+verehrt; da war es innen rund gemacht wie eine Haube (d.&#8239;h. gewölbt);
+das war alles mit Tapeten behängt und mit Fenstern versehen; da stand
+Thor in der Mitte und beider Hand andere Götter. Vorn davor stand
+eine Erhöhung, mit grosser Kunstfertigkeit gemacht und oben mit Eisen
+getäfelt; darauf sollte ein Feuer sein, das nie erlöschen sollte; das
+nannten sie das geweihte Feuer. Auf dieser Erhöhung sollte ein grosser
+Ring liegen, aus Silber (andere Lesart: aus Gold) gemacht; den sollte
+der Tempelgode an der Hand tragen bei allen Volksversammlungen; auf den
+sollte man alle Eide schwören wegen Klagsachen. Auf der Erhöhung sollte
+auch ein grosser Kessel stehen von Kupfer; darein sollte man all das
+Blut lassen, das von dem Vieh käme, das dem Thor geschenkt würde, oder
+von den Menschen; das nannten sie <i>hlaut</i> und <i>hlautbolli</i>.
+Mit dem Blute sollte man die Menschen bespritzen und das Gut.“ Wie
+die Tempel zu den Opferfesten benützt wurden, lernen wir aus der
+Hákonarsaga góða: „Das war alte Sitte, wenn ein Opfer sein sollte, dass
+alle Bauern dahin kommen sollten, wo der Tempel war, und dahin ihre
+Sachen bringen, deren sie bedurften, solange das Opfermahl währte. Bei
+diesem Mahle sollten alle Leute Bier haben; da wurde auch allerhand
+Vieh geschlachtet, und ebenso Pferde, all das Blut aber, das daher kam,
+das nannte man <i>hlaut</i>, aber <i>hlautbollar</i> (Blutkessel) das,
+worin das Blut enthalten war; und <i>hlautteinar</i> (Blutzweige),
+die waren gemacht wie die Sprengwedel; damit sollte man die Altäre
+völlig bespritzen, und ebenso die Wände des Tempels von aussen und von
+innen, und so auch das Blut über die Leute sprengen; das Fleisch aber
+sollte man zur Bewirtung der Leute brauchen. Feuer sollte mitten auf
+dem Boden im Tempel sein, und darüber die Kessel, und die Vollbecher
+sollte man über das Feuer bringen; der aber, der das Mahl hielt und der
+Häuptling war, sollte den Vollbecher weihen und alle Opferspeise. Da
+trank man Odins, Njords, Freys Becher und das Gedächtniss angesehener
+Blutsfreunde. Sigurd Jarl war der freigebigste der Männer; er that ein
+Werk, das sehr berühmt war, dass er ein grosses Opfermahl zu Hladir
+hielt und alle Kosten allein trug.“</p>
+
+<p>Die grossen Tempel waren prächtig ausgeschmückt; an der Tempelthüre
+zu Hladir und auch anderwärts war ein goldener Thürring angebracht.
+Bei den skandinavischen Tempeln darf man an reiches Holzschnitzwerk
+denken. Im Innern hingen bei Festen Teppiche. Auch Goldverzierungen
+an Säulen und Wänden, an <span class="pagenum" id="Page_601">[S. 601]</span>Gerätschaften und Götterbildern scheinen
+üblich gewesen zu sein. Vom schwedischen Tempel zu Uppsala sagt Adam,
+allerdings übertreibend, er sei ganz aus Gold gewesen. In Wirklichkeit
+handelte es sich wol nur um reiche goldene Zierat. Die freilich wenig
+glaubhafte längere Saga von den Droplaugssöhnen&#x2060;<a id="FNanchor_738_738" href="#Footnote_738_738" class="fnanchor">[738]</a> erwähnt eines
+von einem Gehege umschlossenen isländischen Tempels, der von Gold und
+Silber erglänzte. Darin waren Bilder Thors und Freys, der Frigg und der
+Freyja, angethan mit prächtigen Gewändern.</p>
+
+<p>Den Angaben der alten Quellen begegnen die Überreste isländischer
+Tempel, die Sigurður Vigfússon untersuchte. Vom nordischen Tempel
+gewinnen wir etwa folgendes Bild:</p>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="langhaus">
+ <img class="w100" src="images/langhaus.jpg" alt="Skizze eines zweiteiligen nordischen Tempels">
+</figure>
+
+<p>Der Hof bestand aus zwei Gebäuden, aus einem Langhause und aus
+einem kleineren halbrunden Anbau. Das Langhaus war ganz wie die
+gewöhnlichen Hallen eingerichtet, hatte seine Bänke längs den Wänden
+und den zwischen den Hauptsäulen befindlichen Hochsitz. Es diente
+zur Abhaltung der Opferschmäuse, wobei Feuer auf dem Boden zwischen
+den Sitzreihen angezündet waren. Über den Feuern hingen die Kessel
+zum Sieden des Opferfleisches. Das eigentliche Heiligtum bildete der
+Anbau, das <i>afhús</i>, das einen eigenen Eingang hatte und mit der
+Halle durch keine Thüröffnung verbunden war. Das <i>afhús</i> war ein
+überwölbter Halbrundbau, angelehnt an die schmale Giebelseite des
+Langhauses. In der Mitte des Halbkreises war der mit Eisen gedeckte
+Altar (<i>stallr</i>, <i>stalli</i>), auf dem geweihtes Feuer brannte
+und heilige Geräte, Ring, Blutkessel, Sprengwedel standen. In den
+alten Opfersteinen hatte eine runde Vertiefung das Blut aufgefangen,
+beim kunstvolleren Altar diente eine besondere Schale, ein kleiner
+Kessel (<i>hlautbolli</i>) <span class="pagenum" id="Page_602">[S. 602]</span>dazu. Hinter dem Altare an der Rückwand des
+Halbrundes standen die Götterbilder auf einer bankartigen Erhöhung.
+Das <i>afhús</i> durften wol nur wenige Auserlesene, vor allen der
+Gode zum Vollzug der Opferhandlung betreten, das Langhaus nahm die
+„Sudgenossen“, die Opferteilnehmer auf.</p>
+
+<p>Um den Tempel ging ein mannshoher Zaun mit verschliessbaren Thüren, der
+<i>skíđgarđr</i>, <i>stafgarđr</i>.&#x2060;<a id="FNanchor_739_739" href="#Footnote_739_739" class="fnanchor">[739]</a></p>
+
+<p>Die Anlage des nordischen Tempels erinnert stark an die Kirche mit
+Langschiff, Chor und Apsis, nur dass zwischen Chor und Langschiff keine
+Verbindung besteht. Diese Übereinstimmung ist schwerlich zufällig.
+Wir kennen nordische Tempel erst aus einer Zeit, da die Nordleute
+längst mit christlichen Kulturvölkern im Verkehre waren. Da konnte der
+Kirchenbau leicht auf den Tempelbau übertragen werden. Jedenfalls ist
+schon wegen des Verdachtes nachgeahmter Formen nicht die geringste
+Gewähr dafür, den verhältnissmässig so späten nordischen Tempel für ein
+Abbild des altgermanischen zu nehmen.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Goetterbilder_3"><b>3. Götterbilder.</b></h5>
+
+<p>Tacitus berichtet Ann. 2, 45, dass die Germanen zur Zeit Armins durch
+die langen Kämpfe mit den Römern sich gewöhnt hätten, Feldzeichen
+zu folgen. In der Germania Kap. 7 erzählt er, dass die Feldzeichen
+bestanden aus <i>effigies</i> und <i>signa</i> &#x2060;<a id="FNanchor_740_740" href="#Footnote_740_740" class="fnanchor">[740]</a>, dass sie von
+Priestern in heiligen Hainen aufbewahrt und gleichsam als Vertreter
+der Götter von dort in den Kampf getragen wurden.&#x2060;<a id="FNanchor_741_741" href="#Footnote_741_741" class="fnanchor">[741]</a> Unter
+<i>signa</i> sind Attribute und Waffen der Götter, also etwa Wodans
+Speer, Donars Hammer, Tiuȥ Schwert zu verstehen, unter <i>effigies</i>
+Tierbilder, plastische, auf Tragstangen befestigte Bilder verschiedener
+symbolischer, den einzelnen Stammgöttern geheiligter Tiere, <i>ferarum
+imagines</i>, wie sie Tacitus Hist. 4, 22 nennt, wie wir sie auch sonst
+und durch Abbildungen auf der <span class="pagenum" id="Page_603">[S. 603]</span>antoninischen Säule bezeugt finden. Es
+waren Bilder von Drachen, Wölfen, Stieren, Ebern, Adlern und Raben.</p>
+
+<p>Gab es neben diesen symbolischen Feldzeichen, die zur Zeit Armins
+erst aufkamen, auch wirkliche Götterbilder? Germania Kap. 9 „<i>neque
+in ullam humani oris speciem assimulare ex magnitudine caelestium
+arbitrantur</i>“ ist rhetorische Phrase, aber bei den Alcis (Germania
+Kap. 43) behauptet Tacitus bestimmt, es seien keine Bilder vorhanden
+gewesen (<i>nulla simulacra</i>). Bei der Nerthusumfahrt könnte man
+allerdings an ein Bild denken. Aber es kann auch hier beim Symbol
+geblieben sein, ein Wagen, ein Schiff fuhr um, unsichtbar dachte man
+darin Nerthus oder Nehalennia zugegen. Späterer Brauch, wo wirkliche
+Bilder umher geführt wurden, ist für die Urzeit nicht maassgebend.
+Freilich wenn mit Wagen und Decke, <i>si credere velis, numen
+ipsum</i>, die Göttin selbst im heiligen See gebadet wurde, muss
+ein Bild da gewesen sein. Es dürfte sich wol wie mit dem Tempelbau
+verhalten. Ursprünglich genügte der Wald als Opferstätte, die Götter
+waren unsichtbar zugegen, hernach aber wurde ein Haus gezimmert und
+ein Bild darin aufgestellt. Zur Zeit des Tacitus löste die neue Sitte
+eben den älteren tempel- und bilderlosen Kult ab, wobei das Vorbild
+der Römer maassgebend war. Zur Zeit der Bekehrung herrschten in allen
+germanischen Ländern Tempel und Götterbilder vor.&#x2060;<a id="FNanchor_742_742" href="#Footnote_742_742" class="fnanchor">[742]</a></p>
+
+<p>Deutsche Söldner im römischen Heerdienst lernten von ihren Kameraden
+den Brauch, bildergeschmückte Weihsteine aufzustellen. So erhuben sich
+Altäre dem Herkules-Donar, Mars-Thingsus-Tiuȥ, der Isis-Nehalennia.
+Aber diese Weihsteine, welche die Inschriften tragen, die Bildwerke,
+die den Schmuck abgeben, sind bis auf den letzten Meisselstrich
+römisch, sie entstammen römischem <span class="pagenum" id="Page_604">[S. 604]</span>Kulte und sind von römischen
+Steinmetzen hergestellt.&#x2060;<a id="FNanchor_743_743" href="#Footnote_743_743" class="fnanchor">[743]</a> Die Germanen haben sie nur veranlasst,
+bezahlt, allenfalls dem römischen Götternamen ein latinisiertes
+germanisches Beiwort beigefügt.</p>
+
+<p>Aus rohen Steinen, Steinpfeilern und Holzpfählen, die man aufrichtete,
+mag allmälig das symbolartige Götterbild entstanden sein. Erwägt
+man die <i>irminsûl</i> der Sachsen und die norwegisch-isländische
+Hauptsäule mit ihrem abergläubischen Kulte und mit den daran
+eingeschnitzten Götterbildern, so möchte man in solchen roh geformten,
+vielleicht zunächst nur mit Köpfen versehenen Holzpfählen die Anfänge
+germanischer Götzenbilder vermuten.&#x2060;<a id="FNanchor_744_744" href="#Footnote_744_744" class="fnanchor">[744]</a></p>
+
+<p>Das älteste Zeugniss eines holzgeschnitzten Götterbildes führt in die
+zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts zu den Goten. Athanarich liess eine
+Bildsäule auf einem Wagen (ξόανον ἐφ’ ἀρμάξης ἑστώς) herumführen mit
+dem Befehl, die Leute sollten davor niederfallen und opfern (Sozomenus,
+hist. eccl. 6,37). Die Nachrichten aus der Bekehrungszeit lauten sehr
+allgemein und geben keinen genauen Begriff von den Götzen, welche die
+Glaubensboten vorfanden. Auch muss man in Betracht ziehen, dass mit
+den Götterbildern, namentlich denen aus Stein oder Metall, schwerlich
+ursprünglich germanische gemeint sein werden, denn diese waren aus Holz
+gemacht, vielmehr Überreste aus der Römerzeit, die aber in den Dienst
+des germanischen Glaubens übernommen worden waren. Nach Gregor von
+Tours 2, 29–31 spricht Chrothild zu Chlodowech, den sie bekehren will:
+Eure Götter sind aus Stein, Holz oder Metall gemacht. Columban und der
+hl. Gallus trafen im Jahre 612 bei Bregenz am Bodensee einen Sitz der
+Abgötterei, drei vergoldete Erzbilder, die das Volk anbetete.&#x2060;<a id="FNanchor_745_745" href="#Footnote_745_745" class="fnanchor">[745]</a> Sie
+waren in der Wand einer Aureliakapelle angebracht. Das Volk hatte sich
+vom Christenglauben wieder ihnen als den alten und echten Schutzgöttern
+des Landes zugewandt. Der Heilige zerschlug sie und warf sie in den
+See und brachte das Christentum wieder zu Ehren. Wahrscheinlich hatten
+die Alamannen, als sie in die althelvetische Gegend vorrückten, diese
+Bilder römischer Schutzgenien, <i>tutores hujus loci</i>, vorgefunden
+und ihnen Verehrung erwiesen. Mussten sie doch die Bilder der auch
+ihnen vertrauten Landgeister darin <span class="pagenum" id="Page_605">[S. 605]</span>erkennen; und auf neu gewonnenem
+Boden galt es, diese für sich günstig zu stimmen. Die Friesen beteten
+nach der vita Willehadi (MG. 2, 380) Steine und stumme, taube Bilder
+an (<i>lapides, simulacra muta et surda</i>).&#x2060;<a id="FNanchor_746_746" href="#Footnote_746_746" class="fnanchor">[746]</a> Am lebhaftesten hat
+sich der Bilderdienst bei den Nordleuten entwickelt, schon darum, weil
+bei ihnen das Heidentum länger währte.&#x2060;<a id="FNanchor_747_747" href="#Footnote_747_747" class="fnanchor">[747]</a> Meistens standen mehrere
+Bilder, nach ihrem Range geordnet, in einem Tempel, der demnach nicht
+einem einzigen, sondern einer Mehrheit von Göttern geweiht war. In
+Uppsala nennt Adam von Bremen drei Bildsäulen, Thor in der Mitte, links
+und rechts von ihm Odin und Freyr. Nach der Eyrbyggjasaga Kap. 4 und
+Kjalnesingasaga Kap. 2 wurden in den isländischen Tempeln zu Hof und
+Hofstadir neben Thor auch andre Götter aufgestellt, wahrscheinlich
+Freyr, Njord und Odin. In einem Tempel, den Hakon Jarl und Gudbrand
+gemeinsam besassen, stand Thor auf seinem Wagen neben Thorgerd und
+Irpa (Njála Kap. 89). In Hrafnkels Tempel (Hrafnkelssaga S. 23)
+standen neben Freyr mehrere andere Götter. Die späte Friðthjofssaga
+nennt Baldr neben anderen Götzen. Die Nachricht der Jómsvíkingasaga
+Kap. 12 von einem gotländischen Tempel mit hundert Götterbildern
+ist natürlich stark übertrieben. Die Götterbilder waren zumeist aus
+Holz geschnitzt, bekleidet und mit Gold und Silber geschmückt. Ihr
+Vorkommen ist keineswegs bloss auf die Tempel beschränkt. Thors Bild
+ist auf den Hauptsäulen des Hauses eingeschnitzt, auf der Rücklehne
+eines Stuhles, auf dem Vordersteven eines Heerschiffes. Man trug
+allenfalls ein aus Zahn geschnitztes Bildniss Thors, ein aus Silber
+geschmiedetes Bildniss Freys in der Tasche, um es jeden Augenblick
+anbeten zu können. Götterbilder aus Teig oder Thon, wahrscheinlich zum
+Hausgebrauch bestimmt, erwähnt ein norwegisches Rechtsbuch (Eidsifja
+Þings lǫg 1,24). Wenn der Isländer Olafr pá aufs Getäfel seines
+Wohnhauses zu Hjarðarholt Darstellungen aus der Götter- und Heldensage
+einschnitzen lässt, worauf Ulf Uggason der Skald in der zweiten Hälfte
+des zehnten Jahrhunderts seine berühmte Húsdrápa dichtete, so gehört
+eine <span class="pagenum" id="Page_606">[S. 606]</span>derartige Verwendung der Mythen kaum mehr zum eigentlichen Kult;
+sie mag nur beiläufig erwähnt sein.</p>
+
+<p>Die hölzernen Götterbilder müssen zuweilen lebensgross und kostbar
+gekleidet gewesen sein. Gunnar Helming brachte den Freysgötzen zu Fall
+und that seine Gewänder um. Er vertrat bei der Priesterin und dem Volke
+gegenüber völlig die Rolle des Gottes. Das gold- und silbergeschmückte,
+hammerbewehrte Thorsbild im Gudbrandsdal, das Olaf der Heilige
+zerschlägt, war ebenfalls sehr gross. Die wolgekleidete Thorgerd
+Hölgabrud war lebensgross, ihren goldenen Fingerring steckt Sigmund
+Brestisson an seinen Finger.</p>
+
+<p>Der Bilderdienst scheint im Norden gegen das Ende des Heidentums so
+sehr entartet zu sein, dass man schliesslich zwischen Göttern und
+Götterbildern keinen Unterschied mehr machte. So nur ist der Betrug
+möglich, den sich Gunnar mit dem Freysbilde erlaubt. Dem Thorsbilde zu
+Hunthorp in Norwegen setzte man Speise vor und meinte, dass es diese
+verzehre. Vom Thorsbilde zu Raudsey meinte man, es gehe spazieren und
+lasse sich auf einen Kampf mit dem christlichen Könige ein. Grimkels
+Göttin Thorgerd zieht mit den andern Götzen aus ihrem Tempel und redet
+mit ihrem Verehrer; Thorgerds Bild bewegt den Arm und vermag einen
+Ring zu geben oder vorzuenthalten. Man traut den Götzen auch zu, dass
+sie sich selbst aus ihrem brennenden Tempel zu retten im Stande seien.
+Aber alle diese Nachrichten betreffen die späteste Zeit des Heidentums
+und sind in ziemlich späten Quellen überliefert. Wir erkennen nicht
+sicher, ob der nordische Bilderdienst wirklich so tief entartete, oder
+ob nur spätere christliche Übertreibung diesen bedenklichen Verfall
+dem ausgehenden Heidentum einschwärzte. Es ist ein arger Abstand, aber
+auch ein grosser Zeitunterschied zwischen dem urdeutschen Gottesdienst,
+wo der ehrwürdige heilige Hain zum Tempel der Gottheit diente, deren
+Gegenwart im Rauschen der Baumwipfel nur geahnt wurde, und dem
+spätnordischen Götzendienst.</p>
+
+<p>Die altgermanischen Götterbilder waren aus Holz geschnitzt, Darauf
+weist die Bezeichnung des gotischen Bildes mit ξόανον, Schnitzbild; im
+Norden heissen die Bilder Holzgötter (<i>trégođ</i>) oder geschnitzte
+Götter (<i>skurđgođ</i>).</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_607">[S. 607]</span></p>
+
+<h5 class="s4" id="Tempelfrieden_4"><b>4. Tempelfrieden.</b></h5>
+
+<p>Ein besonderer Gottesfrieden ward im Heidentum den geweihten Stätten
+und Festzeiten beigelegt. Wer ihn brach, that ein Neidingswerk und
+verfiel dem Zorne der Götter, dem Opfertode. Des Festesfriedens bei
+der Nerthusumfahrt gedenkt Tacitus, im Leben des Willebrord vernehmen
+wir vom helgoländer Gottesfrieden. Im Norden ist der Tempel ein
+<i>griđastađr</i>, eine Stätte besonderen Friedens. <i>Hofshelgi</i>,
+Tempelheiligkeit heisst der Tempelfrieden. Es war nicht erlaubt,
+mit Waffen in der Hand den Tempel zu betreten. Das besagt die
+Egilssaga Kap. 49: „Die Leute da innen waren alle waffenlos, denn
+da war Tempelheiligkeit.“ In der Vatnsdælasaga Kap. 17 wendet sich
+Ingimund zu Rafn mit den Worten: „Es ist nicht Sitte, Waffen in den
+Tempel mitzunehmen, und du wirst den Zorn der Götter erfahren, wenn
+nicht Bussen erlegt werden.“ Wer den Gottesfrieden durch Gewaltthat
+verletzte, ward Wolf im Heiligtum, <i>vargr í véum</i>, geächtet,
+friedlos. Schuldbeladene Leute durften im Tempel nicht verweilen. Das
+friesische Recht setzt Opfertod auf die Verletzung der Tempel (<i>lex
+Frisionum addit. sap. tit.</i> 12). Ebenso erblickt das nordische
+Recht darin unsühnbaren Frevel. Nach der Njála Kap. 89 hatte Hrappr
+den dem Gudbrand und Hakon Jarl gemeinsamen Tempel verbrannt. Der Jarl
+lässt eifrige Verfolgung des Missethäters eintreten und sagt: „Der
+Mann, der das gethan hat, wird weggejagt werden aus Walhall und nie
+dahin kommen.“ Nach der Kjalnesingasaga Kap. 5, 11, 12 hatte Bui auf
+Island einen Tempel angezündet. Der Gode Thorgrim nennt die That ein
+beispielloses Verbrechen, andere schelten sie ein Neidingswerk, ein
+todeswürdiges Verbrechen. <i>Hofshelgi</i> mochte auch auf weiteren
+Umkreis über die eingehegte Opferstätte hinaus ausgedehnt werden. So
+ist ganz Helgoland befriedet. Der Isländer Thorolf richtete auf der
+Spitze des Vorgebirges Thorsnes eine grosse Friedensstätte ein. Da
+durfte der Boden weder durch vergossenes Blut noch mit menschlicher
+Notdurft verunreinigt werden. Nachmals entsteht unter den Dingleuten
+Kampf, die Stätte wird mit Blut befleckt. Da gilt der Platz als durch
+das vergossene Blut entweiht, das Ding und die zweifellos damit
+verbundene Opferstätte werden verlegt.&#x2060;<a id="FNanchor_748_748" href="#Footnote_748_748" class="fnanchor">[748]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_608">[S. 608]</span></p>
+
+<h5 class="s4" id="Tempelgut_5"><b>5. Tempelgut.</b></h5>
+
+<p>Zum germanischen Tempel gehörte Besitztum an liegenden und lebenden
+Gütern, aber auch an Schätzen. Ganz Helgoland war dem Fosite eigen. Wie
+auf Helgoland Fosites Herden weideten, so wurden beim Freystempel zu
+Drontheim heilige Pferde des Gottes unterhalten (Flateyjarbók 1, 337)
+und bei den alten Deutschen nach Tacitus Germ. 10 in heiligen Hainen
+werkheilige weisse Rosse, aus deren Wiehern die Zukunft vorausgesagt
+ward. Über gotisches Tempelgut belehrt ein Fundstück. Die Runenschrift
+auf dem zu Pietroassa in Rumänien gefundenen goldenen Armring wird</p>
+
+<p class="center">GUTANIO WI HAILAG</p>
+
+<p class="p0">gelesen und gedeutet: das gotische heilige Göttereigen
+(Tempelgut).&#x2060;<a id="FNanchor_749_749" href="#Footnote_749_749" class="fnanchor">[749]</a> Der westgotische Goldhort, von dem einige Stücke
+sich erhielten, war vermutlich der heilige unter dem Schutze der
+Götter stehende und diesen zugehörige Kult- und Stammesbesitz, dessen
+Verwaltung und Aufbewahrung den Königen und Priestern zukam.</p>
+
+<p>Dass die altfriesischen Götter neben Gütern aller Art auch Schätze
+an Gold und Silber&#x2060;<a id="FNanchor_750_750" href="#Footnote_750_750" class="fnanchor">[750]</a> besassen, beweist die Lebensbeschreibung des
+Liudger Kap. 14 und 15. Bischof Alberich entsandte den Liudger um 776
+aus Utrecht in die östlich der Laubach gelegenen friesischen Gaue, um
+die dortigen Heidentempel zu zerstören. Er nahm aus ihnen die Schätze,
+von denen zwei Drittel der König Karl, ein Drittel Utrecht erhielt.
+Es war ein grosser Tempelschatz erbeutet worden (<i>attulerunt magnum
+thesaurum, quem in delubris invenerant</i>). Als König Karl 772
+die sächsische Irminsul und ihren Tempel drei Tage lang zerstörte,
+erbeutete er dabei Gold und Silber (<i>aurum vel argentum, quod ibi
+repperit, abstulit</i>).</p>
+
+<p>Beim isländischen Tempel hören wir näheres darüber.&#x2060;<a id="FNanchor_751_751" href="#Footnote_751_751" class="fnanchor">[751]</a> Zuweilen
+werden Tempel ein für allemal mit liegendem Gute seitens des Erbauers
+oder auch späterer Schenker ausgestattet. So berichtet die Landnáma
+4 Kap. 2: „Eine Bergwiese lag noch <span class="pagenum" id="Page_609">[S. 609]</span>zwischen dem Lande des Thorstein
+torfi und des Hakon, ohne von jemandem in Besitz genommen zu sein;
+die legten sie zum Tempel, und sie heisst fortan <i>Hofsteigr</i>
+(Tempelwiese).“ Ebenda 5 Kap. 3 heisst es vom Goden Jǫrundr zu
+Svertingsstaðir: „Er errichtete da einen grossen Tempel; ein Landstück
+lag noch ungenommen östlich des Fljot, zwischen Krossa und Joldusteinn;
+das Land umfuhr Jǫrundr mit Feuer und legte es zum Tempel.“ Ebenda 5
+Kap. 2: „Asbjorn heiligte das von ihm in Besitz genommene Land dem
+Thor und nannte es Thorsmork.“ Von einzelnen Personen und ganzen
+Gemeinden wurden Weihgeschenke an die Tempel gemacht. Bei einer
+schweren Hungersnot wurde auf Island, der Vigaskútusaga Kap. 7 zufolge,
+in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts der Vorschlag gemacht,
+die Kinder auszusetzen und die alten Leute zu töten, zugleich durch
+das Geloben von Weihegeschenken an die Tempel den Zorn der Götter zu
+besänftigen. Die Islendingabók Kap. 2 erzählt von einer Schenkung,
+die Grímr geitskór, Ulfljots Pflegebruder, an die isländischen Tempel
+machte. Grimr hatte das Land bereist, um eine passende Stätte für das
+allsommerlich abzuhaltende Allding ausfindig zu machen; dafür hatte er
+von jedem Isländer einen Pfennig empfangen. Er aber gab dann dieses Gut
+zu den Tempeln. Die Haupttempel des Landes wurden durch eine besondere
+Steuer, den Tempelzoll (<i>hoftollr</i>) unterhalten. Der Gode erhob
+von seinen Dingleuten diese Abgabe zur Unterhaltung des Tempels und
+zur Bestreitung der Opferkosten, wozu er ausserdem aus eigenen Mitteln
+beisteuerte. So sagt die Eyrbyggjasaga Kap. 4: „Zum Tempel sollten alle
+Leute Zoll geben; aber der Gode sollte den Tempel aus eigenen Mitteln
+erhalten, so dass er nicht zerfiel, und die Opferfeste darin abhalten.“
+In der Egilssaga Kap. 87 wird berichtet: „Oddr war da Häuptling im
+Borgarfjord südlich der Hvita; er war Hofsgode und hatte einen Tempel,
+zu dem alle Leute südlich der Skardsheide Tempelzoll bezahlten.“ In
+der Kjalnesingasaga Kap. 2 heisst es vom Tempel des Goden Thorgrim:
+„Da sollten alle Leute Tempelzoll dazu bezahlen. Das Vieh, welches zum
+Opfer gegeben wurde, sollte man zur Gastung der Leute anwenden, wenn
+Opferfeste gehalten wurden.“ Demnach war das Vermögen des heidnischen
+Tempels ganz ähnlich wie das Kirchengut der christlichen Zeit und
+bestand ebenso wie dieses aus gesetzlichen Abgaben und frommen
+Schenkungen. Der Þorsteins þáttr uxafóts Kap. 1 bemerkt auch richtig:
+„Jedermann sollte zum Tempel geben, wie nun zur Kirche Zehnt.“</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_610">[S. 610]</span></p>
+
+<h5 class="s4" id="Staats_und_Privattempel_6"><b>6. Staats- und
+Privattempel.</b></h5>
+
+<p>Die gemeinsamen Opfer einer grösseren Anzahl von Volksgenossen oder
+gar des Gesamtvolkes erforderten entsprechende Opferstätten. Es gab
+Haupttempel, Heiligtümer, an denen die Gau- oder Landesbewohner
+Anteil hatten, neben zahlreichen kleineren Tempeln, die von der
+Gemeinde oder von einzelnen vermöglichen Leuten errichtet worden
+waren. Hauptopferstätte fürs Volk der Sueven, vielleicht überhaupt
+der Erminonen, ist der Semnonenhain, ein Haupttempel der ingwaeischen
+Nordseestämme stand auf der Nerthusinsel, für die Marsen, vielleicht
+für alle Istwaeonen war es das Tanfanaheiligtum. Bei den Friesen
+war Helgoland das Volksheiligtum, auch nach der Insel Walchern
+strömten die Leute von weither zusammen, bei den Sachsen scheint
+der <i>Irminsûl</i> diese Bedeutung zugekommen zu sein. Genaueren
+Einblick ins Tempelwesen gewähren die nordischen Länder. In Dänemark
+gab es vier Hauptopferstätten&#x2060;<a id="FNanchor_752_752" href="#Footnote_752_752" class="fnanchor">[752]</a>, Viborg (<i>Vébjorg</i>) in
+Jütland, Odense (<i>Ođins vé</i>) in Fünen, Ringsted-Hleidra, das
+Thietmar von Merseburg beschreibt, in Seeland, Lund (an. <i>lundr</i>,
+der Opferhain) in Schonen. Ziemlich im Mittelpunkt der einzelnen
+Landesteile lagen die Haupttempel, wo die Landesbewohner zu den
+ständigen Opferfesten sich versammelten. Der Haupttempel auf Seeland
+scheint zugleich das dänische Volksheiligtum gewesen zu sein, wo alle
+neun Jahre das grosse dänische Volksopfer gefeiert wurde. Meistens,
+doch nicht regelmässig, waren die Haupttempel bei den Dingstätten
+errichtet, weil Recht und Religion mit einander unzertrennlich
+verknüpft waren, und weil der Bequemlichkeit halber wol meistens
+Ding- und Opferzeiten zusammenfielen. In Schweden war zu Uppsala der
+Reichstempel, auch hier mit dem grossen, alle neun Jahre stattfindenden
+Landesopfer. Eine Gliederung in verschiedene Opfer und demnach wol auch
+in mehrere Tempel zeigt sich auch auf Gotland, worüber die Gutasaga
+Kap. 1 angibt: „Das gesamte Land hatte für sich ein höchstes Opfer mit
+Leuten. Ausserdem hielt jedes Drittel ein Opfer für sich; die kleineren
+Dinge hatten geringere Opfer mit Vieh, Speise und Trank.“ Norwegen
+zerfiel in Volklande (<i>fylki</i>) und Hundertschaften (<i>herǫđ</i>).
+Das Fylki hatte mehrere kleinere Tempel, welche dem Bedürfniss <span class="pagenum" id="Page_611">[S. 611]</span>der
+<i>herǫđ</i> dienten, aber daneben einen Haupttempel (<i>hofuđhof</i>)
+zum Gottesdienst des ganzen Volklandes. Ja selbst mehrere Volklande
+mochten zu einem gemeinsamen Dingverbande mit einem Haupttempel sich
+zusammenthun. Die Egilssaga Kap. 49 gedenkt eines Haupttempels in der
+Landschaft Gaular, bei welchem die Leute aus Firdir, Fjalir und Sogn
+zusammenzukommen pflegten. Der Tempel zu Hladir war Fylkishof für
+das Strindafylki und Haupttempel für die ganze Landschaft Drontheim,
+der zu Skiringssal Haupttempel für die Landschaft Vikin (Sǫgubrot af
+fornkonungum Kap. 10). Ausser den grossen Tempeln gab es in Norwegen
+zahlreiche kleinere öffentliche und private, deren Andenken viele
+Ortsnamen festhalten.&#x2060;<a id="FNanchor_753_753" href="#Footnote_753_753" class="fnanchor">[753]</a></p>
+
+<p>Endlich ist die Entstehung des isländischen Freistaates zur Kenntniss
+des Hofwesens von Belang.&#x2060;<a id="FNanchor_754_754" href="#Footnote_754_754" class="fnanchor">[754]</a> Begüterte Norweger, die im Stammlande
+einen eigenen Tempel besessen hatten, nahmen dessen Grundpfeiler und
+anderes Holzwerk mit nach Island hinüber, um sofort in der neuen Heimat
+den Tempel wieder aufzurichten. An solche Tempelbesitzer (Goden) und
+ihr Herrschaftsgebiet (Godord) knüpft die Entstehung der isländischen
+Staatsverfassung an, indem die Regierung in ihre Gewalt gegeben wurde.
+Die Bezirksverfassung vom Jahre 965 regelte die Anzahl der Godord. Man
+teilte die Insel in vier Viertel, deren jedes drei, das Nordviertel
+aber vier Dingverbände in sich schliessen sollte. Jeder Dingverband
+bestand aus drei Godorden mit je einem Haupttempel (<i>hofuđhof</i>).
+Somit gab es auf Island 39 Goden, die Besitzer und Vorsteher von
+39 Haupttempeln. Sicherlich mochte nach wie vor jeder nach freiem
+Belieben und Vermögen sich Tempel erbauen, aber denen kam nicht die
+Bedeutung des Haupttempels zu, vielmehr nur untergeordnete private
+Stellung. Man sieht aber auch aus dieser isländischen Verfassung
+deutlich die wol gemeingermanische Unterscheidung zwischen staatlichem,
+öffentlichem und privatem Tempel, welche der des Staatsopfers und
+des Einzelopfers entspricht. Die heidnische Tempelverfassung wirkt
+vielleicht auch noch in der norwegischen Kirchenordnung nach,
+welche <i>fylkiskirkjur</i> oder <i>hǫfuđkirkjur</i>, die den
+heidnischen <i>hǫfuđhof</i>, den <span class="pagenum" id="Page_612">[S. 612]</span>Staatstempeln, den Volksheiligtümern
+entsprachen, neben den kleineren, privater Pflege überlassenen
+<i>herađskirkjur</i> (Hundertschaftskirchen) und <i>hœgindiskirkjur</i>
+(Bequemlichkeitskirchen, Privatkapellen) unterschied.</p>
+
+<h4 id="III_Das_Priesterwesen"><b>III. Das Priesterwesen.</b></h4>
+
+<h5 class="s4" id="Die_aeltesten_Nachrichten_von_germanischen_Priestern_1">
+<b>1. Die ältesten Nachrichten von germanischen Priestern.</b></h5>
+
+<p>Einen Priesterstand, der den Gottesdienst für sich allein und
+ausschliesslich gepachtet und höheres Wissen geistlicher Geheimlehren
+für sich in Anspruch genommen hätte, kannten die Germanen nicht. So
+sagt Caesar (bell. gall. 6, 21) von den Germanen im Vergleich zu
+den Galliern: <i>neque druides habent, qui rebus divinis praesint,
+neque sacrifciis student</i>. Gleich hell und durchsichtig, ohne
+mystisches Halbdunkel, standen die Götter vor dem geistigen Auge
+aller Volksgenossen wie vor den wenigen, die sich besonders dem
+Dienste der Himmlischen geweiht hatten. Und dieser Dienst konnte von
+jedem versehen werden, wo es Not that, es war kein Geheimdienst.
+Ob Caesar den Germanen nur Priester vom Schlage der gallischen
+Druiden oder Priester überhaupt absprechen will, ist nicht sicher zu
+entscheiden. Vielleicht verrichteten bei den Stämmen, mit denen er
+zu thun hatte, Könige und Häuptlinge das Priesteramt. Wer z.&#8239;B. das
+norwegische Opfer im 9. und 10. Jahrh. beobachtete, musste ebenso
+die Überzeugung gewinnen, Könige und Jarle, also weltliche Fürsten,
+keine Priester leiten den Gottesdienst. Bei Tacitus aber finden
+wir ausdrücklich Priester erwähnt, und ihr Amt ziemlich ebenso wie
+auch sonst in den germanischen Quellen selber geschildert. Es gab
+Staatspriester (<i>sacerdos civitatis</i>), die den Gottesdienst in
+den öffentlichen Angelegenheiten versahen, wo grössere Feierlichkeit
+und gründlicheres Wissen erfordert wurde, während in Privatsachen
+der Hausvater des Amtes waltete, kein Priester verlangt wurde. Aber
+die Staatspriester waren nur religiöse Hilfsbeamte der herrschenden
+und leitenden Könige und Fürsten, wenn sie mit dem Volke tagten, die
+Priester waren dafür Bürgen, dass die göttliche Satzung nicht verletzt
+wurde, dass der unheilvolle Grimm der Götter vom Volke abgewandt, dass
+ihre Gunst ihm erhalten blieb. Sie verkörperten gleichsam das Rechts-
+und Religionsbewusstsein. <span class="pagenum" id="Page_613">[S. 613]</span>Die Versammlung des Volkes im Ding- und
+Heerverband ist unzertrennlich vom Gottesdienste, beim Volksopferfest
+ist der Gottesdienst überhaupt der eigentliche Zweck. Da traten nun
+die Priester in Thätigkeit, wovon Tacitus folgende Einzelheiten
+erzählt. Die Priester verkündeten den Anfang der Verhandlung und
+den Dingfrieden, dessen Bruch sie im Namen der Götter zu strafen
+hatten (<i>silentium per sacerdotes, quibus tum et coercendi jus est,
+imperatur.</i> Germ. 11). Alle Strafgewalt an Leib und Leben stand
+allein den Priestern zu auf Grund der Anschauung, dass Neidingswerke,
+schwere Verbrechen, den Zorn der Götter erweckten, welche zur Sühne den
+Opfertod des Verbrechers heischten. Zum Vollzug des blutigen Opfers
+waren aber zunächst diejenigen berufen, die im unmittelbaren Dienste
+der Götter stehend diese vertraten (<i>ceterum neque animadvertere
+neque vincire, ne verberare quidem nisi sacerdotibus permissum,
+non quasi in poenam nec ducis jussu, sed velut deo imperante, quem
+adesse bellantibus credunt.</i> Germ. 7). Die heiligen Feldzeichen
+holen gleichfalls die Priester aus den Hainen und tragen sie zur
+Schlacht (<i>effigiesque et signa quaedam detracta lucis in proelium
+ferunt.</i> Germ. 7). In allen öffentlichen Angelegenheiten befragt der
+Staatspriester das Loos. Im Verein mit dem König oder Herzog geleitet
+er den heiligen Wagen, den die weissen gottgeweihten Rosse ziehen,
+und achtet auf das Schnauben und Wiehern der Schimmel (Germ. 10). Im
+eigentlichen Gottesdienst sehen wir den Priester der Nerthus (Germ.
+40), welcher die nahende Gegenwart der Göttin erkennt, ehrfurchtsvoll
+ihre Umfahrt begleitet und sie zuletzt in ihr Heiligtum zurückführt.
+Bei den Nahanarvalen wird der Priester als Pfleger des heiligen Haines
+der Alcis erwähnt (Germ. 43). Diese gelegentlichen Anspielungen lassen
+das Amt der Priester lange nicht überschauen, aber doch in seiner
+vollen Ausdehnung ahnen. Ursprünglich scheint ein besonderer Priester
+nur für den öffentlichen Gottesdienst nötig gewesen zu sein. Ihm lag
+die Pflege der gemeinsamen Volksheiligtümer und Opferstätten, der
+Wälder und Tempel ob. Dort versah er auch den Opferdienst. Da der
+Gottesdienst der heidnischen Germanen, wie oben gezeigt wurde, das
+gesamte Staatsleben, Rechts- und Kriegswesen weihend und strafend
+durchzieht, war der Staatspriester auch dazu verpflichtet, wo im
+öffentlichen Leben des Gesamtvolkes der Gottesdienst zur Äusserung
+gelangte, für den richtigen Vollzug Sorge zu tragen. So wurde er zum
+obersten Opferer und Rechtweiser im Volke, zum berufensten <span class="pagenum" id="Page_614">[S. 614]</span>Erforscher
+und Verkündiger des Willens der Götter. Seines Rates bedurften König
+und Volk, wenn schwere Schicksalsentscheidung bevorstand.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Germanische_Benennungen_des_Priesters_2">
+<b>2. Germanische Benennungen des Priesters.</b></h5>
+
+<p>Die germanischen Sprachen bewahren einige Bezeichnungen des Priesters,
+die sich auf die wichtigsten in seine Hand gelegten Ämter beziehen.
+Der burgundische Oberpriester wird als <i>sinisto</i>, als der
+älteste und vornehmste&#x2060;<a id="FNanchor_755_755" href="#Footnote_755_755" class="fnanchor">[755]</a>, d.&#8239;h. als altadliger Herr angeführt. Auf
+Gottesdienst, Opfer und Tempelpflege weisen die Ausdrücke <i>gudja</i>,
+<i>gođi</i>, <i>cotinc</i>; <i>blôstreis</i> und <i>pluostrari</i>
+hiess der Priester bei Goten und Hochdeutschen, sofern er opferte,
+<i>harugari</i> und <i>parawari</i> als Hüter des heiligen Waldes oder
+Tempels. Als <i>êwart</i> und <i>êsago</i> ist er Hüter und Verkündiger
+des geltenden Rechtes, das als göttliche Einrichtung betrachtet und
+daher priesterlicher Hut unterstellt ward. Die gebräuchlichsten und
+lehrreichsten Benennungen sind folgende.</p>
+
+<p>Wulfila Überträgt ἱερεύς durch <i>gudja</i>. Dasselbe Wort kehrt auch
+bei andern Germanen wieder. Eine ahd. Glosse (Graff, <i>Diutiska</i> 1,
+187) gewährt <i>cotinc tribunus</i>. <i>cotinc</i>, d.&#8239;i. <i>goding</i>
+ist eine deutliche Ableitung zu einem ähnlichen Wort wie got.
+<i>gudja</i>, an. <i>gođi</i>, <i>guđi</i>.&#x2060;<a id="FNanchor_756_756" href="#Footnote_756_756" class="fnanchor">[756]</a> In dieser Benennung
+des Priesters, die von seiner Stellung zu den Göttern (<i>guđ</i>)
+hergenommen ist, tritt auch sein Rechtsamt (<i>cotinc tribunus</i>)
+hervor. Am besten sind wir vom nordischen Goden unterrichtet.&#x2060;<a id="FNanchor_757_757" href="#Footnote_757_757" class="fnanchor">[757]</a>
+Dabei muss aber scharf unterschieden werden zwischen den dänischen und
+norwegischen Goden einerseits, und den isländischen andererseits, da
+auf Island das Godenamt zu völlig neuer und eigenartiger Entwickelung
+gelangte. Thorolf pflegte auf der Insel Mostr in Norwegen eines
+Thorstempels, <span class="pagenum" id="Page_615">[S. 615]</span>war also Gode des Thor. Wie er nach Island fuhr, nahm
+er seinen Tempel mit hinüber und baute ihn daselbst von neuem auf
+(Eyrbyggjasaga Kap. 3 und 4). Thorhadd der Alte war Hofgode zu Märi
+im Drontheimischen. Er begehrte nach Island, brach seinen Tempel ab
+und nahm die Tempelerde und die Hauptsäulen mit sich; er kam nach
+dem Stodwarfjord und legte dem ganzen Meerbusen die Heiligkeit des
+märischen Landes bei (Landnáma 4 Kap. 6). Diese norwegischen Goden sind
+Vorsteher und Besitzer von Tempeln, die ihnen eigentümlich gehörten.
+Öffentliche Staats- oder Landestempel hätten sie nicht so ohne weiteres
+abbrechen und überführen können. Reiche, angesehene Leute konnten sich
+einen eignen Tempel halten, dem sie als Goden vorstanden. Sie scheinen
+dabei ein gewisses Hoheitsrecht über die Leute ausgeübt zu haben,
+welchen sie aus freier gegenseitiger Übereinkunft Beteiligung an Tempel
+und Opfer verstatteten. Aber das Verhältniss war in Norwegen privater
+Art und auf gottesdienstliche Verrichtungen beschränkt. Für Dänemark
+bezeugt Saxo (Buch 8 S. 381) einen <i>Lyuthguthi</i>, das Sögubrot af
+Fornkonungum einen <i>Gautr guđi</i>. Endlich begegnen auf Runensteinen
+ein <i>Ruulfr Nuraguþi</i> und ein <i>Ali Sauluaguþi</i>&#x2060;<a id="FNanchor_758_758" href="#Footnote_758_758" class="fnanchor">[758]</a>, d.&#8239;h.
+<i>Hrólfr Nóragođi</i>, Hrolf des Nori Gode, <i>Ali Sǫlvagođi</i>, Ali
+des Solvi Gode. Darnach scheint der Gode ein Beamter im Dienste eines
+andern gewesen zu sein, ein priesterlicher Gehilfe des weltlichen
+Häuptlings, wie der <i>sacerdos</i> neben den <i>reges</i> und
+<i>principes</i>. Der norwegische Gode ist mithin Besitzer eines
+Tempels, worin er den Gottesdienst verrichtet, der dänische Gode
+ist der priesterliche Hilfsbeamte des Häuptlings. Im einen Fall war
+sein Amt wol ausschliesslich auf den Gottesdienst beschränkt, im
+andern lag ihm auch die Rechtspflege beim Dinge ob, eben das Amt
+des Staatspriesters. Dass die Bezeichnung Gode ausschliesslich aufs
+priesterliche Amt, auf Tempelpflege und Opferdienst sich beschränken
+konnte, beweist die Femininbildung <i>gyđja</i>&#x2060;<a id="FNanchor_759_759" href="#Footnote_759_759" class="fnanchor">[759]</a> zu <i>guđi</i>.
+Nicht nur in erdichteten Sagen oder mythischen Überlieferungen, sondern
+auch in völlig zuverlässigen, isländischen Geschichtsquellen wird von
+<i>gyđjur</i> gesprochen, also von Frauen, die den Godentitel und
+<span class="pagenum" id="Page_616">[S. 616]</span>das Godenamt führten. Weltliche Herrscherrechte waren den Frauen
+natürlich versagt, priesterliche Handlungen aber erlaubt. Somit ist
+der Gode zunächst Priester, Opferer und nur nebenbei als solcher Hüter
+des göttlichen und weltlichen Rechtes. Auf Island freilich kam die
+ganze Staatsgewalt in die Hände der Goden, welche die regierenden
+Herrn wurden. Aber die isländische Godenwürde gedieh zu völlig
+eigenartiger Entfaltung.&#x2060;<a id="FNanchor_760_760" href="#Footnote_760_760" class="fnanchor">[760]</a> In der ersten Zeit der Besiedelung,
+von 874 ab herrschte auf Island gar keine staatliche Ordnung. Denn
+die Ansiedler waren unabhängig von einander angefahren und hatten,
+wo es ihnen gefiel, Land in Besitz genommen. An die Tempelbesitzer,
+die Goden, d.&#8239;h. an solche, die auch auf Island Tempel zu errichten
+im stande gewesen waren, schlossen sich die Umwohner zur Ausübung
+des Gottesdienstes an. Der Gode ward Vorsteher einer Tempelgemeinde,
+in welcher er auch die notwendigen weltlichen Hoheitsrechte allmälig
+ausüben musste, Leitung der Dingversammlung und der Gerichte. Die
+Tempelgemeinden waren die von selbst erwachsenen Verbände, an welche
+die von den Verhältnissen erforderte Staatsordnung anknüpfte. So
+erweiterte sich die ursprünglich alleinige Tempelvorsteherschaft zur
+allseitigen Herrschergewalt, welcher die norwegische Häuptlingschaft
+zum Vorbild diente. Im Jahr 965 wurde die Zahl der staatlich
+anerkannten Goden und ihrer Tempel, der Hǫfuðhof auf 39 festgesetzt.
+Der isländische Gode ist allerdings vorwiegend ein weltlicher
+Herrscher, ursprünglich aber war er nur Priester, Besitzer eines
+Tempels und Vorsteher der Gemeinde.</p>
+
+<p>Die altdeutsche Sprache bewahrt zwei Wörter, die über das
+altgermanische Priesteramt willkommenen Aufschluss geben. Ahd.
+<i>êwart</i> und <i>êwarto</i>, mhd. <i>êwart</i> und <i>êwarte</i>,
+as. <i>êward</i> wird vom christlichen Priester gebraucht, obschon
+das Wort einst auf den heidnischen geprägt ist; es bedeutet „der
+des Gesetzes (<i>êwa</i>) wartet“. Hüter und Wahrer des von den
+Göttern gesetzten Rechtes war aber der Priester. Dass der Ausdruck
+ins Christentum überging, versteht sich daraus, dass mit <i>êwa</i>
+auch das alte und neue Testament bezeichnet wurde. In diesem Sinne
+war der <i>êwart</i> auch im Christentum Wahrer der <i>êwa</i>. Dass
+<i>êwart</i> aber einstens den heidnischen Priester meinte, lehrt das
+andere Wort as. <i>êosago</i>, ahd. <i>êsago êasagâri</i>, fries.
+<i>âsega</i> d.&#8239;h. Gesetz- oder Rechtsverkünder. Im Heliand <span class="pagenum" id="Page_617">[S. 617]</span>wird
+<i>êosago</i> auf die Schriftgelehrten angewandt. Die Bezeichnungen
+<i>êwart</i> und <i>êsago</i> lehren, der germanische Priester ist der
+Wächter und Verkündiger des Gesetzes, er hat das geltende Recht dem
+Volke vorzutragen, das Recht zu weisen und den Rechtsbruch zu ahnden.</p>
+
+<p>Der friesische <i>âsega</i>&#x2060;<a id="FNanchor_761_761" href="#Footnote_761_761" class="fnanchor">[761]</a> steht neben dem Vorsitzenden des
+Dinges und neben den Urteilern, dem Volke. Sein Amt ist weder zu
+richten noch zu urteilen, vielmehr das Recht zu wissen, die geltenden
+Satzungen vollauf inne zu haben und jederzeit über das geltende Recht
+zu belehren. Da gewinnt die Sage von den zwölf Asegen, die von einem
+Gotte des Rechtes unterwiesen wurden, damit sie es in den friesischen
+Gauen einführten, tiefen, uralten Sinn. Die Rechtweiser sind vom Gotte
+selber mit ihrem Amte betraut, sie sprechen im Namen des Gottes das
+von ihm gelehrte Recht. Noch im 12./13. Jahrh. meint aber Asega im
+Friesischen nicht allein den Rechtweiser, sondern auch den Priester,
+wie im Deutschen Ewart. Der Schluss liegt nahe: in ältester Zeit war
+eben der Priester und der Rechtweiser eine und dieselbe Person. Beim
+Ding vollzog der Priester Opfer und Recht, er besorgte den Dienst der
+Götter und vermittelte dem Volke ihren Willen, der auch im Rechte
+kundbar ward.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Adelige_Herkunft_und_Tracht_3">
+<b>3. Adelige Herkunft und Tracht.</b></h5>
+
+<p>Der Staatspriester wurde wie der König aus den ersten
+Adelsgeschlechtern und zwar auf Lebensdauer gewählt.&#x2060;<a id="FNanchor_762_762" href="#Footnote_762_762" class="fnanchor">[762]</a> Keine
+Krisis erschütterte seine Stellung. Er ist, wie Ammianus 28,5 sagt,
+<i>perpetuus, obnoxius discriminibus nullis ut reges</i>. Der
+burgundische Name „<i>sinistus</i>“ scheint anzuzeigen, dass der
+Priester als der <span class="pagenum" id="Page_618">[S. 618]</span>Älteste, d.&#8239;h. als der Vornehmste und Adligste im
+Volke galt, dass er den <i>seniores</i>, den <i>seigneurs</i>, den
+adligen Herrn angehörte. Jordanes Kap. 5 erklärt ausdrücklich, Könige
+und Priester der Goten seien dem Adel entnommen (<i>pileatos, qui
+inter eos generosi extabant, ex quibus eis et reges et sacerdotes
+ordinabantur</i>). Nach einer andern Stelle, im Kap. 11, werden die
+Edelsten und Weisesten zu Priestern gemacht (<i>elegit nobilissimos
+prudentioresque viros ... fecitque sacerdotes</i>). Der Zusammenhang
+zwischen der hohen Geistlichkeit und den hohen Adelsfamilien im
+Mittelalter setzt vielleicht die alte Gewohnheit, dass die Priester
+adlig sein müssen, fort. Der Alcispriester war vermutlich ein Mitglied
+des wandalischen Königsgeschlechtes der Hasdinge.</p>
+
+<p>Über Tracht und Aufzug der germanischen Priester verlautet nur
+weniges und ungenügendes. Tacitus (Germ. 43) gedenkt eines sacerdos
+<i>muliebri ornatu</i> bei den Nahanarvalen, was Müllenhoff (ZfdA.
+12, 346) auf den Haarschmuck bezieht. Es waren Priester mit weichem,
+langwallendem Haare, <i>haȥdingôs</i>, an. <i>haddingjar</i>, d.&#8239;h.
+Männer im Frauenhaar (an. <i>haddr</i>). Im Gegensatz hierzu hiessen
+die gotischen Priester <i>pileati</i>, mit Hüten versehen, weil sie
+bedeckten Hauptes die Opferhandlung vollzogen, während das übrige Volk
+im freien Haarschmuck (<i>capillati</i>) verharrte (Jordanes Kap.
+5 und 11). An Hut und Haar scheinen demnach die Priester besondere
+Auszeichnungen geführt zu haben. Im weissen Gewande schritten die
+gotischen Priester (<i>cum vestibus candidis</i>, Jord. Kap. 10).
+Dem angelsächsischen Priester war es verboten, Waffen zu tragen und
+anders als auf einer Stute zu reiten (<i>non enim licuerat, pontificem
+sacrorum vel arma ferre vel praeterquam in equa equitare</i>, Bäda
+hist. eccl. 2, 13). Zur Ausrüstung des Priesters gehörte wol auch ein
+Eidring&#x2060;<a id="FNanchor_763_763" href="#Footnote_763_763" class="fnanchor">[763]</a>, den er bei allen öffentlichen Handlungen am Arme trug. Er
+diente zur feierlichen Eidesabnahme, die demnach dem Priester oblag,
+besonders zum Gerichtseid. Der Ring wurde beim Opfer mit Blut gerötet.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_619">[S. 619]</span></p>
+
+<h5 class="s4" id="Im_Norden_leiten_die_weltlichen_Herrscher_das_Opfer_4">
+<b>4. Im Norden leiten die weltlichen Herrscher das Opfer.</b></h5>
+
+<p>In Norwegen gab es wol Hofgoden, Besitzer von Tempeln, die sie
+mit nach Island nahmen, jedoch tritt nirgends bei Schilderung der
+grossen Volklands- oder Hundertschaftsopfer ein Gode hervor; der
+weltliche Herrscher, der König, Jarl oder Herse erscheint als
+der alleinige Vorsitzende und Leiter des Opfers.&#x2060;<a id="FNanchor_764_764" href="#Footnote_764_764" class="fnanchor">[764]</a> Dass es in
+Norwegen niemals Staatspriester gab, darf daraus nicht geschlossen
+werden. Das Vorhandensein von Goden und Lǫgmenn weist deutlich auf
+den altgermanischen Priester und auf seine Ämter im Gottesdienst
+und Volksding hin. Jedoch scheint er in den letzten Zeiten des
+Heidentums vor dem weltlichen Herrscher völlig zurückgetreten zu sein,
+vermutlich infolge der Sonderentwicklung des Gesetzsprecheramts, das
+aber den eigentlich religiösen Charakter verlor. Beim Ding wirkte
+der ursprüngliche Priester nur als <i>lǫgmann</i>, die Opferhandlung
+vollzog der König oder Jarl. Untergeordnete priesterliche Gehilfen,
+Tempel- und Opferdiener, wird es wol immer gegeben haben, aber
+staatsrechtlich treten diese natürlich nirgends hervor. Zum Beweise,
+dass die weltlichen Herren Opferleiter sind, dient der Bericht der
+Hákonarsaga góða Kap. 16.&#x2060;<a id="FNanchor_765_765" href="#Footnote_765_765" class="fnanchor">[765]</a> Sigurd, der Jarl zu Hladir, war der
+eifrigste Opferer und so war auch sein Vater Hakon; der Jarl Sigurd
+hielt alle Opfermahle da im Dingverband von Drontheim ab im Namen
+des Königs. Sigurd Jarl war der freigebigste der Männer; er that ein
+Werk, das sehr berühmt war, dass er ein grosses Opferfest zu Hladir
+hielt und allein alle Kosten trug. Der christliche König Hakon wird
+von den heidnischen Bauern in Drontheim genötigt, altem Brauch gemäss
+beim grossen Opferfest zu Winters Anfang den Vorsitz zu führen.
+Im folgenden Jahre muss er das Julfest feiern. Dabei ist von acht
+namentlich angeführten Volklandshäuptlingen die Rede, die in der ganzen
+Landschaft Drontheim, d.&#8239;h. in den zum Dingverband vereinigten acht
+Volklanden dem Opferdienst vorstanden. Dem König und den Jarlen obliegt
+der Opferdienst, kein Gode wird erwähnt. Zu Hunthorp im Gudbrandsdal
+in Norwegen lebte ein Mann namens Dala Gudbrand, <span class="pagenum" id="Page_620">[S. 620]</span>dessen Herrschaft
+in den Thälern der eines Königs vergleichbar war, obwol er nur ein
+Hersir (Vorsteher eines Herads, einer Hundertschaft) hiess. Der berief
+alle Leute aus der Umgegend zum Thorstempel nach Hunthorp. Olaf der
+Heilige liess das Thorsbild zerschlagen und zwang die Leute zum
+Christentum.&#x2060;<a id="FNanchor_766_766" href="#Footnote_766_766" class="fnanchor">[766]</a> Hier also ist der Hersir Eigentümer des Heradstempels
+und Vorsteher des Gottesdienstes im Gau. Im Drontheimischen wird auch
+einmal ein gewöhnlicher, aber angesehener Bauer, Ölver von Eggja, mit
+zwölf anderen Männern als Vorsteher der Opfermahlzeiten zu Winters
+Anfang, Mittwinter und Sommers Anfang bezeichnet.&#x2060;<a id="FNanchor_767_767" href="#Footnote_767_767" class="fnanchor">[767]</a></p>
+
+<h5 class="s4" id="Priesterinnen_5">
+<b>5. Priesterinnen.</b></h5>
+
+<p>Da der Priester ursprünglich Gottesdienst und Rechtspflege vereinigte,
+ist ohne weiteres klar, dass das Priesteramt, sofern es von Frauen
+besorgt wurde, gewöhnlich nur einen Teil davon, Opferdienst und
+Tempelpflege umfassen konnte. Priesterliche Frauen und Jungfrauen
+sind aber altbezeugt, doch mehr Wahrsagerinnen als eigentliche
+Priesterinnen.&#x2060;<a id="FNanchor_768_768" href="#Footnote_768_768" class="fnanchor">[768]</a> Dem ganzen weiblichen Geschlechte wohnte nach
+dem Glauben der Deutschen prophetische Gabe bei (Tac. Germ. 8).
+Caesar (bell. gall. 1, 50) erzählt, dass die deutschen Hausmütter
+durch Loosung und Wahrsagekunst (<i>sortibus et vaticinationibus</i>)
+erforschen mussten, ob eine Schlacht zu liefern sei oder nicht. Man
+hörte auch in Sachen, die das Volk angingen, auf den Rat und Ausspruch
+weiser Frauen. Zu Loos und Zukunftsdeuterei gehört aber auch Opfer
+und Beschwörung, Zauberei, und so vollziehen Frauen zuweilen bei
+wichtigen öffentlichen Angelegenheiten das Opfer. Nach Strabo 7, 2
+befanden sich kimbrische Wahrsagerinnen unter den Frauen, die das Heer
+geleiteten. Es sind grauhaarige, barfüssige Weiber in weissem Gewand,
+das ein eherner Gürtel umschliesst, mit linnenen Mänteln angethan.
+Sie führen die Kriegsgefangenen zu einem grossen ehernen Kessel und
+durchschneiden ihnen darüber die Kehle. Aus dem hervorströmenden
+<span class="pagenum" id="Page_621">[S. 621]</span>Blute weissagen sie. Andere prophezeiten aus den Eingeweiden den
+Ihren den Sieg. Während der Schlacht schlugen sie auf die abgenommenen
+Deckfelle der grossen Wanderwagen und machten damit gewaltigen Lärm,
+der gewiss Zauberwirkung haben sollte. Ein paar Jahrhunderte später
+erzählt Eunapius (excerpt. ed. Bonn. 82) von den Westgoten, die in das
+römische Reich einbrachen, wie jeder Stamm (φυλή) die Heiligtümer der
+Heimat mit sich führte, samt Priestern und Priesterinnen. Weinhold
+meint: Diese gotischen Priesterinnen (ἱέρειαι) werden wir aus den
+kimbrischen Seherinnen (προμάντεις) erklären dürfen. Es sind die
+Wahrsagerinnen, die über Wagen und Gewinnen im Kriege entscheidende
+Stimme hatten, während den Priestern altem Brauche gemäss (Tacitus,
+Germ. 7) die Götterbilder und die heiligen Zeichen während des
+Feldzuges anvertraut wurden. Unter Kaiser Vespasian war den Römern die
+Brukterin Weleda&#x2060;<a id="FNanchor_769_769" href="#Footnote_769_769" class="fnanchor">[769]</a> bekannt geworden, die weithin hochgeehrt ward,
+nachdem sie die Vernichtung der römischen Legionen durch die Bataver
+vorausgesagt hatte. Sie wohnte in einem Turme und zeigte sich den
+Abgesandten der umwohnenden Stämme nicht selbst; einer ihrer Verwandten
+vermittelte Frage und Antwort. Man ehrte sie durch allerlei Geschenke.
+Vornehme Gefangene, besondere Triumphstücke der Beute sandte man ihr
+zu. Die Römer selbst verschmähten nicht, sich an sie zu wenden und
+sie aufzufordern, ihren Einfluss auf die Deutschen zur Beilegung des
+Krieges zu verwenden. Sie soll schliesslieh von den Römern gefangen
+worden sein. Als eine ältere, berühmte Seherin nennt Tacitus in der
+Germ. 8 die Albrûna (handschriftlich Auriniam, von Wackernagel als
+Albrûna gedeutet), die wahrscheinlich in den Feldzügen unter Drusus
+und Tiberius ihr Ansehen erwarb.&#x2060;<a id="FNanchor_770_770" href="#Footnote_770_770" class="fnanchor">[770]</a> Unter Domitian stand Ganna bei
+den Semnonen in hohen Ehren (Dio Cass. 67, 5). Dem Drusus, als er die
+Weser überschritten hatte und sich der Elbe näherte, trat im Lande der
+Cherusker eine übermenschliche Frau (γυνή τις μείζων ἢ κατὰ ἀνθρώπου
+<span class="pagenum" id="Page_622">[S. 622]</span>φύσιν) entgegen, wehrte ihm weiter vorzudringen und weissagte sein
+nahes Ende (Dio Cass. 55, 1). Später übte nach der Sage vom Ursprung
+der Langobarden bei diesem Volk Gambara durch Weisheit und Voraussicht
+grossen Einfluss. Im Jahr 577 zog König Gunthram eine Frau „<i>habentem
+spiritum phitonis, ut ei quae erant eventura narraret</i>“ zu Rat
+(Greg. Tur. 5, 14); einer noch weit jüngeren Thiota, die aus Alamannien
+nach Mainz gekommen war, gedenken fuldische Annalen im Jahr 847 (MG. 1,
+365).</p>
+
+<p>Im Norden treffen wir Tempelpflegerinnen, Tempelbesitzerinnen unter der
+Bezeichnung <i>gyđjur</i>; das weibliche Seitenstück zum <i>gođi</i>
+oder <i>guđi</i>. Tempeldienst, Opfer und Weissagung wird ihr Amt
+gewesen sein. Dem Nerthuspriester steht die schwedische Freyspriesterin
+(Fornmanna sögur 2, 73 ff.) gegenüber. Sie wird als Freys Frau (<i>kona
+Freys</i>) bezeichnet; zum Dienste Freys ward ein junges, schönes Weib
+(<i>kona ung ok friđ</i>) genommen. Dass eine Frau am Landestempel zu
+Uppsala allein Dienst that, ist höchst unwahrscheinlich. Auch gedenkt
+Adam von Bremen 4, 27 der Staatspriester (<i>sacerdotes, qui sacrificia
+populi offerant</i>). Immerhin aber bleibt im Hinblick auf die gyðjur
+in Norwegen und Island die Thatsache bestehen, dass Frauen im Norden
+zum Tempeldienst zugelassen wurden. Die 60 Priesterinnen im grossen
+Tempel in Biarmland (Fornaldarsögur 3, 627) sind natürlich fabelhaft.
+Die weissagenden Frauen (<i>spákonur</i>, <i>vǫlvur</i>) greifen in den
+privaten, nicht in den öffentlichen Kult ein.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Die_Wissenschaft_der_Priester_6">
+<b>6. Die Wissenschaft der Priester.</b></h5>
+
+<p>Gebundene, kunstvoll gefügte Rede stand in Urzeiten vorwiegend im
+Dienste der Religion. Im Liede wurden bei Opfer und Festen die Götter
+gepriesen. Heilige Hymnen bilden daher den ältesten Bestand der
+Dichtkunst, und so eröffnen auch die altgermanischen <i>Leiche</i>&#x2060;<a id="FNanchor_771_771" href="#Footnote_771_771" class="fnanchor">[771]</a>
+die Geschichte germanischer Poesie. Wo aber ein priesterlicher Leiter
+oder Vorsteher des Gottesdienstes vorhanden ist, ruht auch die mit dem
+Gottesdienst verknüpfte Dichtkunst in seiner Hand. Erst später löst
+der weltliche Sänger den geistlichen ab. Der germanische Priester war
+einmal auch <span class="pagenum" id="Page_623">[S. 623]</span>der germanische Sänger. Neben genauer Kenntniss des
+Opferwesens musste der Staatspriester erschöpfende Wissenschaft aller
+göttlichen Dinge besitzen, Göttersage, Rechtskunde, deren Vortrag
+im Zusammenhang und lehrhafte Anwendung im einzelnen, z.&#8239;B. beim
+Heilzauber, bei Verträgen und Dingformeln fiel ihm zu. Alles das musste
+aber in feierlich gestabter Rede, in dichterischer Form, gesagt und
+gesungen werden.</p>
+
+<p>In merkwürdig übereinstimmender Form hat sich das episch-mythische
+Lied bei den vedischen Indern und bei den Germanen entwickelt. Die
+mythische Erzählung ist aus Prosa und strophisch angeordneten Versen
+gemischt. In poetische Form werden nur die Reden und die wichtigsten
+Stellen der Handlung gekleidet, das übrige ergänzt der vortragende
+Priester nach Gutdünken durch erzählende Prosa. Diese gemischte
+Form wies Oldenberg&#x2060;<a id="FNanchor_772_772" href="#Footnote_772_772" class="fnanchor">[772]</a> in der ältesten indischen Litteratur nach.
+Einzelne Hymnen des Rigveda sind scheinbar Bruchstücke; sie waren eben
+dazu bestimmt, durch Prosaerzählung ergänzt zu werden, und solche
+prosaische Zwischensätze begegnen auch wirklich in der Überlieferung.
+Nach ihrem Muster ergänzt bieten die Hymnen, von denen eben nur die
+metrisch verfassten Stücke zur Aufzeichnung gelangten, etwas Ganzes,
+Abgeschlossenes, eine aus gebundener und ungebundener Rede gemischte
+Erzählung. Hierzu stimmen nun mehrere der ältesten Eddalieder, in
+denen ebenso die gemischte Form die herrschende ist. Müllenhoff (ZfdA.
+23, 151 ff.) sagt darüber: „Zwei Formen der epischen Überlieferung,
+prosaische Erzählung mit bedeutsamen Reden — Wechsel- oder Einzelreden
+— der handelnden Personen in poetischer Fassung und erzählende epische
+Lieder in vollständig durchgeführter strophischer Form finden wir
+im Norden neben einander in Gebrauch und keineswegs ist die Prosa
+der gemischten Form nur eine Auflösung oder ein späterer Ersatz der
+gebundenen Rede.“ Innerhalb der Edda und auch in der Saxo vorliegenden
+Überlieferung waren viele Götter- und Heldenlieder als Wechsel-
+oder Einzelrede, dramatisch bewegt, in einen freien prosaischen
+Rahmen eingestellt. Am schönsten ist die Wechselrede im Skirnirliede
+durchgeführt, wie Skirnir für Freyr um die schöne Gerd wirbt, oder
+im Grimnirlied, wie Odin dem Agnar die <span class="pagenum" id="Page_624">[S. 624]</span>Herrlichkeit von Walhall
+verkündigt. Die Gedichte sind freilich so spät, dass sie nur als
+Ausläufer und Nachklänge einer uralten, vielleicht gemeingermanischen
+Gattung gelten können. Merkwürdig aber berührt die Einstimmung mehrerer
+mit dem Gottesdienst aufs engste verbundenen Dichtformen der Inder
+und Germanen, die vielleicht auf gemeinsamen Ursprung hinweisen. Da
+hier wie dort gerade die Göttersage, und wol in Nachahmung derselben
+auch die Heldensage, so behandelt wurde, liegt der Schluss nahe, dass
+dereinst die Priester an hohen Festen einzelne Mythen, die mit der
+Kulthandlung in Zusammenhang standen, also z.&#8239;B. beim Tiuȥfeste des
+Gottes Brautwerbung, die Erweckung der bräutlichen Erdgöttin, ihre
+Befreiung aus den Banden des winterlichen Todesschlafes, in dieser aus
+gebundener und ungebundener Rede gemischten Kunstform zum Vortrag zu
+bringen pflegten, dass überhaupt die Mythendichtung, die Erzählung von
+den Thaten der Götter, das Preislied und feierliche Gebet ursprünglich
+allein von den priesterlichen Sängern ausging.</p>
+
+<p>Erscheint uns hier der Priester als Dichter und Sänger von
+wechselreichen, kunstvoll gestabten Götterliedern, der dem Volksglauben
+die Weihe poetischer Gestaltung verlieh, so war er nicht weniger
+Verkündiger des Rechts, <i>êsago</i>. Das germanische Recht wendet sich
+nicht bloss an den nüchternen Verstand, sondern auch ans Gemüt.&#x2060;<a id="FNanchor_773_773" href="#Footnote_773_773" class="fnanchor">[773]</a>
+Die alten Volksrechte bedienen sich häufig poetischer Ausdrucksmittel.
+Sie gebrauchen ähnliche bildliche Wendungen wie die epischen Gedichte,
+sie reden vom helllichten Tage und von leuchtender Sonne, von der
+nebeldüstern Nacht, vom glänzenden Gold und vom weissen Silber, vom
+grünen Rasen, vom hohen Helm und roten Schild, vom wilden Meer und vom
+salzigen See, vom heissen Hunger, von glühender Glut. Der Deich heisst
+ein goldener Reif, der um ganz Friesland liegt. Die Unendlichkeit von
+Zeit und Raum spricht sich in den Wendungen aus: so weit als der Wind
+von den Wolken weht und die Welt steht, so weit als Wind weht und Kind
+schreit, Gras grünt und Blume blüht. Hochpoetisch ist die ergreifende
+Schilderung der drei Nöte im friesischen Recht. „Das ist die erste Not:
+wo immer ein Kind gefangen und gefesselt wird nördlich über das Meer
+<span class="pagenum" id="Page_625">[S. 625]</span>oder südlich in das Gebirge, so muss die Mutter ihres Kindes Besitz
+verpfänden und veräussern, und ihr Kind lösen und sein Leben retten.
+Die zweite Not ist diese: wenn da schlimme Jahre kommen und der heisse
+Hunger über das Land fährt, und das Kind Hungers sterben würde, so muss
+die Mutter ihres Kindes Besitz verpfänden und veräussern und ihm damit
+kaufen Kuh und Korn, und solche Dinge, womit sie ihm das Leben retten
+kann. Die dritte Not ist diese: wo immer das Kind ist stocknackt oder
+hauslos, und dann die nebeldüstre Nacht und der bitterkalte Winter über
+die Umfriedungen sich herabsenkt, so fährt da jeglicher Mann in seinen
+Hof und in sein Haus, und das wilde Tier sucht den hohlen Baum und der
+Berge Schlüfte, um sein Leben zu erhalten; dann weint das unmündige
+Kind und jammert über seine nackten Glieder und seine Hauslosigkeit,
+und betrauert seinen Vater, der ihm helfen sollte wider den kalten
+Winter und wider den heissen Hunger, dass er so tief und so dunkel
+unter Eichenbrettern und Erde eingeschlossen und festgehalten und
+bedeckt ist. Deshalb muss die Mutter ihres Kindes Besitz verpfänden und
+veräussern, weil sie die Verantwortung und Fürsorge dafür hat, so lange
+es noch nicht volljährig ist.“ Anstatt einfach zu bestimmen, wenn das
+Waisenkind durch Brand oder Raub ins Elend gerät, darf die Mutter die
+ihr anvertrauten Mündelgelder angreifen, wird mit so eindringlicher
+Kraft dem empfindenden Gemüt die Not vorgeführt, dass das Urteil nicht
+anders fallen kann, als es muss so geschehen. Der Rechtweiser wird zum
+Dichter, der das Herz des Hörers tief bewegt. Gewaltig sind auch die
+Flüche, welche das ganze Unheil des Verfehmten, seine Rechtlosigkeit,
+wo immer er auch hinkehre, lebendig schildern. Wer beschworenen Frieden
+(<i>trygđamál</i>, <i>gridamál</i>) bricht, soll geächtet sein, so weit
+Menschen landflüchtig sein können, soweit Christenleute in die Kirche
+gehen und Heidenleute in ihren Tempeln opfern, soweit Feuer brennt
+und Erde grünt, Kind nach der Mutter schreit und Mutter Kind gebiert,
+Holz Feuer nährt, Schiff schreitet, Schild blinket, Sonne den Schnee
+schmelzt, Feder fliegt, Föhre wächst, Habicht fliegt den sommerlangen
+Tag und der Wind steht unter seinen Flügeln, Himmel sich wölbt, Welt
+gebaut ist, Winde brausen, Wasser zur See strömt und Männer Korn
+säen. Ihm sollen versagt sein Kirchen und Gotteshäuser, guter Leute
+Gemeinschaft und jederlei Wohnung, die Hölle ausgenommen.&#x2060;<a id="FNanchor_774_774" href="#Footnote_774_774" class="fnanchor">[774]</a> Die
+Verfehmung geschieht <span class="pagenum" id="Page_626">[S. 626]</span>durch das sinnliche Ausmalen alles dessen, was
+dem Missethäter entzogen wird.</p>
+
+<p>An vielen Stellen der altgermanischen Gesetze bricht deren einstige
+teilweise dichterische Gestalt deutlich durch. Längst sind die
+zahlreichen stabreimenden Formeln hervorgehoben, die ebenso wie die
+epischen Formeln dem erzählenden Gedichte den Rechtssatzungen ein
+eigenartiges Gepräge verleihen und mit bewusster poetischer Absicht
+geschaffen und wirkungsvoll angewandt sind. Aber auch regelrechte
+Stabreimverse begegnen in den nordischen, englischen und friesischen
+Rechten. Zumal die letzteren zeigen viele rhythmische Gesätze. Daraus
+ist zu schliessen, dass dereinst der Rechtsvortrag, wenigstens
+teilweise, in feierlich gehobener, formelhaft gestabter Rede geschah.
+Zu den Spuren, die auf einstige poetische Form, auf Stabreimverse,
+hinweisen, stehen ebensoviele Nachklänge schwungvoller, bilderreicher
+und doch schlichter Dichtersprache. Der Priester-Sänger verkündigte
+auch das Recht wie die Göttersagen in kunstreich gefügten Stabreimen.</p>
+
+<p>Im Veda begegnet eine Sammlung von Rätselfragen und Rätselsprüchen,
+deren Entstehung in priesterlichen Kreisen zu suchen ist.&#x2060;<a id="FNanchor_775_775" href="#Footnote_775_775" class="fnanchor">[775]</a> Es
+war Sitte, dass der leitende Priester beim Opfer den, der dasselbe
+darbrachte, mit ritualen und mythologischen Fragen ausforschte. So
+wird beim Pferdeopfer der das Opfer spendende König gefragt nach dem
+äussersten Ende der Erde, nach dem Nabel der Welt, nach dem Samen des
+Hengstes, nach dem höchsten Himmel des Wortes, worauf der Opferer
+antwortet, dass der Opferaltar das äusserste Ende der Erde, das
+Opfer der Nabel der Welt, der Somasaft der Same des Hengstes, der
+Brahmapriester des Wortes höchster Himmel sei. Solche Fragen kamen
+gegen den Schluss grosser Opfer häufig vor. Nicht bloss dem Opferer
+wurden von einem der Priester Rätsel zur Lösung vorgelegt, sondern auch
+die Priester mussten einander Rätsel aufgeben und der Gefragte hatte
+sie auf die vorgeschriebene Weise zu beantworten. So fragt ein Priester
+den anderen: Wer wandelt <span class="pagenum" id="Page_627">[S. 627]</span>wol allein? Wer wol wird wieder geboren? Was
+wol ist das Mittel gegen den Schnee? Was wol die grosse Hinstreuung?
+Darauf antwortet der Gefragte: Die Sonne wandelt allein, der Mond wird
+wieder geboren, das Feuer ist das Mittel gegen Schnee, die Erde die
+grosse Hinstreuung. Nun wird wieder gefragt: Welches Licht ist wol der
+Sonne gleich? Welcher Strom ist wol dem Meere gleich? Wer begiesst die
+Erde am meisten? Von wessen Mutter wird man nicht gekannt? Die Antwort
+lautet: Das Wahre ist das der Sonne gleiche Licht, der Himmel der dem
+Meere gleiche Strom, Indra begiesst die Erde am meisten, von der Mutter
+der Kuh wird man nicht gekannt. Die Dinge, um welche die Rätsel fragen,
+sind bald der Natur, bald dem Geistesleben entnommen. Himmel und Erde,
+Sonne und Mond, das Luftreich, der Regen und seine Entstehung, der
+Sonnenlauf, das Jahr, die Jahreszeiten, Monate, Tage und Nächte sind
+beliebte Gegenstände bildlicher Einkleidung, ihre Enträtselung und
+die Form, in der das geschah, galten als die höchste Weisheit. Die
+Rätsellieder sind nun bei den Germanen sehr reich entfaltet und weisen
+in Einzelheiten wie im Zusammenhang auf hohes Alter. Namentlich die
+altnordische Dichtung enthält auffallend viele Rätsellieder, bei denen
+zweierlei zu beachten ist, dass Odin die Rätselfragen stellt, also
+auch hierin unerreichter Meister aller Weisheit ist, dass die Rätsel
+sich mit Vorliebe auf mythologische Dinge beziehen. Im Wafthrudnirlied
+legt Odin dem weisen Riesen alle möglichen Fragen vor, deren
+Beantwortung genaue Kenntniss der nordischen Mythologie bis in alle
+Einzelheiten voraussetzt. Als Gest zeigt er sich dem König Heidrek in
+der Rätselkunde überlegen, auch hier aber treten Rätsel mythologischen
+Inhaltes zwischen den allgemeinen mehrmals hervor; die letzte Frage
+lautet wie im Wafthrudnirliede: Was raunte Odin dem toten Baldr ins
+Ohr? Im Alwisliede erfragt Thor vom Zwerg die Sprache der verschiedenen
+Welten. Bekannt ist die Eigenart der nordischen Skaldenkunst, die in
+ihren vielverschlungenen, der Göttersage entnommenen Umschreibungen
+und Bildern eigentlich fortwährend mythologische Rätsel aufgibt.
+Den Anstoss hierzu erhielt sie wol kaum aus sich selber, eher aus
+der mythologischen, ursprünglich priesterlichen Rätseldichtung. Der
+Grundgedanke, dem letztere entspringt, ist bei den Skalden nur auf
+die Spitze getrieben. Man darf nun freilich nicht schliessen, dass
+diese Lieder, so wie wir sie kennen, bei Opfern gebraucht worden
+wären, sondern nur, dass diese <span class="pagenum" id="Page_628">[S. 628]</span>eigentümliche Kunstgattung des
+mythologischen Rätselliedes möglicher Weise aus dem Gottesdienst
+entsprungen sein kann. Da mag das Rätsellied einmal wie bei den
+Indern dazu gedient haben, unter Opferleitern und Opfergenossen die
+Kenntnis der vorzunehmenden Handlung, der damit verknüpften Bräuche und
+Mythen, festzustellen. Der fragende Gott ist als Vorbild des fragenden
+Priesters gedacht.</p>
+
+<p>War der Priester beim Vortrag der Mythen und Rechtssatzungen
+mehr Epiker, so bethätigt er sich anderwärts mehr lyrisch, als
+<em class="gesperrt">Spruchdichter</em>. In höchstes Altertum reichen die meistens
+zu Heilzwecken geübten Besegnungen, die Zaubersprüche zurück. Sie
+ruhen auf allgemein menschlicher Grundlage, nehmen jedoch bestimmte
+zeitliche und örtliche Färbung an. Erwachsen auf dem Boden der niederen
+Mythologie, suchen sie stets gerne Anschluss an die herrschende
+höhere Mythologie, an den Götterglauben. Priester und Zauberer waren
+die ursprünglichen Schöpfer, Kenner und Wahrer solcher kräftiger
+Heilsprüche, deren allgemeine Auffassung etwa dahin geht: Siechtum ist
+durch Unholde verursacht. Heilung wird erreicht durch Vertreibung der
+Unholde mit Hilfe guter Geister und Götter. Den ererbten Formelschatz
+haben die germanischen Priester gestabt und an den Götterglauben
+angeschlossen.</p>
+
+<p>Zaubersprüche gehören bei den Indogermanen zu den ältesten Spuren
+dichterischer Bethätigung.&#x2060;<a id="FNanchor_776_776" href="#Footnote_776_776" class="fnanchor">[776]</a> Für den Vortrag war Gesang mit
+gedämpfter, murmelnder Stimme vorgeschrieben. Daher das griechische
+ἐπᾴδειν, lat. <i>carmen</i>, frz. <i>charme</i>, lat. <i>magicum
+susurramen</i>, Zaubergemurmel. Die germanischen Sprachen kennen
+mehrere Bezeichnungen, welche auf den Vortrag solcher Poesien
+schliessen lassen.&#x2060;<a id="FNanchor_777_777" href="#Footnote_777_777" class="fnanchor">[777]</a> Zu <i>bigalan</i>, besingen, ἐπᾴδειν gehört
+<i>galdra-</i> (an. <i>galdr</i>, ags. <i>gealdor</i>, ahd. as.
+<i>galdar</i>) oder <i>galstra-</i> (ahd. <i>galstar</i>). Neben
+dem alten starken Verbum bigalan steht das schwache <i>begalôn
+incantare</i> (<i>enchanter</i>). Der Sinn von <i>galdra-</i> ist
+Zaubersang. <span class="pagenum" id="Page_629">[S. 629]</span>Im Nordischen begegnet auch <i>ljóđ</i>, Lied, im engeren
+Sinne von Zauberlied. Die Formel, die den Zauber wirken sollte, wurde
+demnach gesungen. Neben <i>galdra-</i> und teilweise damit begrifflich
+zusammenfallend trifft man <i>rûnô</i>. Das Wort „Rune“, das durch alle
+germanischen Sprachen hindurch geht, ist mit griech. ἐρέϝω, ἐρευνάω
+verwandt. Aus derselben Wurzel, nur mit anderem Ablaut, stammt an.
+<i>reyna</i>, prüfen, erforschen, <i>raun</i>, Versuch. Vielleicht
+bedeutete <i>rûnô</i> ursprünglich Befragung, bald aber verstand
+man unter Runen die heimlichen Mittel, durch welche gefragt wurde.
+Sehr früh ist <i>rûnô</i> Zauberlied. In dieser Bedeutung entlehnten
+die Finnen zu Anfang unserer Zeitrechnung das Wort. Die Rune wurde
+<i>geraunt</i>, leise geflüstert. <i>Galdra-</i> ist Zaubersang,
+<i>rûnô</i> Zaubergemurmel. Vielleicht waren beide Arten des Vortrags
+vereinigt in dem mit gedämpfter Stimme gesungenen, gemurmelten Liede.
+Rune ist ausserdem das Zauberzeichen, das im Verein mit dem Sange den
+Zauber erst wirksam machte. Endlich wird mit Rune auch der Buchstabe,
+das Schriftzeichen benannt, nachdem die Germanen die römischen
+Buchstaben sehr frühzeitig zu einer eigenartigen Schriftgattung
+umgebildet hatten. Der allgemeine Begriff „Geheimniss“ ist wol aus
+<i>raunen</i>, heimlich flüstern, und dem Zauberwesen, das an den
+Runen haftete, geleitet. Beschwören (ahd. <i>biswerian</i>) weist
+auf denselben Gedankenkreis. Es steht zu Surren, Schwirren, Schwarm
+(slav. <i>svirja</i>, flüstre) und besagt also auch das Summen der
+Zauberformel, die wir als gesummtes Lied oder geraunten Spruch zu
+denken haben.</p>
+
+<p>Aus der ahd. Zeit sind zwei Zaubersegen, die sog. Merseburger Sprüche,
+erhalten, deren Aufbau von grösster Wichtigkeit ist. Dem eigentlichen
+Spruche voran geht eine kleine Erzählung, welche zeigen soll, wann der
+Spruch erfolgreiche Anwendung fand. So lautet der zweite Spruch:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Phol und Wuodan &#8195;&#8195;&#8195; &#8194;&#8239;<span class="mleft3">fuhren zu Holz,</span></div>
+ <div class="verse indent0">Da ward Balders Fohlen &#8195;&#160;&#8239;<span class="mleft3">sein Fuss verrenkt.</span></div>
+ <div class="verse indent0">Da besang (<i>biguol</i>) es Sinhtgunt,&#8195; Sunna ihre Schwester,</div>
+ <div class="verse indent0">Da besang es Friia, &#8195;&#8195;&#8195; &#8239;<span class="mleft3">Volla ihre Schwester,</span></div>
+ <div class="verse indent0">Da besang es Wuodan,&#8195;&#8195; <span class="mleft3">wie er wol konnte:</span></div>
+ <div class="verse indent12">Sei es Beinverrenkung,</div>
+ <div class="verse indent12">Sei es Blutverrenkung,</div>
+ <div class="verse indent12">Sei es Gliederverrenkung.</div>
+ <div class="verse indent6">Bein zu Bein,&#8195;&#8194;&#8239;Blut zu Blut,</div>
+ <div class="verse indent6">Glied zu Glied,&#8195;als ob sie geleimt seien!</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_630">[S. 630]</span></p>
+
+<p>Es wird also eine Sage aus der Götterwelt erzählt. Auf einer Jagdfabrt
+nahm Balders Ross Schaden. Niemand konnte es heilen, nur Wodan mit
+Hilfe des Segens. Diese Erzählung ist als Beispiel vorangestellt, wie
+damals soll der Segen auch jetzt und immerdar helfen. Auf diese Art
+wurden öfters Sprüche mit epischen Eingängen versehen; so nimmt der
+erste Merseburger Spruch und ein ags. Segen gegen Hexenstich Bezug
+auf das Walten der Kampfgöttinnen. Von wem solche epische Eingänge
+verfasst sind, ist unschwer einzusehen. Den Priestern kommt die Wahrung
+kräftiger Zauberlieder zu; durch epische Einleitungen aber stellten sie
+einen tieferen, innerlichen Zusammenhang mit dem Götterglauben her.
+Diese Gattung des epischen Zauberspruches, wo nicht bloss die Formel
+geraunt, sondern eine kleine Geschichte zuvor feierlich erzählt wurde,
+hiess bei den Germanen <i>spell</i>.&#x2060;<a id="FNanchor_778_778" href="#Footnote_778_778" class="fnanchor">[778]</a></p>
+
+<p>Odin ist Meister aller Runenweisheit und Galdr, Gott der Skalden, sein
+Geist durchweht und belebt die Dichtung; Fosite ist Rechtweiser. Damit
+ist die Kunst gebundener Rede und feierlichen Vortrages jeden Inhalts,
+die Kunst des Zauberliedes von den Göttern eingesetzt. Zunächst
+an göttliche Weisheit aber reicht der Priester. Die Stellung des
+altgermanischen Priesters darf nicht gering angeschlagen werden. Alle
+Bedingungen zur erhabenen Ausnahmestellung des vertrauten Mitwissers
+der Götter waren vorhanden und hätten ebenso entfaltet werden können,
+wie wir es beim indischen Priestertum der Brahmanen, beim keltischen
+der Druiden erfüllt sehen. Eine germanische Priesterherrschaft aber
+gedieh trotzdem nicht, weil der gesunde, kräftige Volksgeist dagegen
+war. Die Könige und Herzöge, die weltlichen Leiter der Volksgeschicke,
+wachten darüber, dass der Priester niemals die Schranken seines
+Amtes überschritt. Der Priester vertrat wol die Gottheit beim Ding
+und sorgte, dass ihr Dienst richtig vollzogen, dass jeder Frevel
+gesühnt wurde. Er verkörperte aber nur das religiöse und rechtliche
+Bewusstsein, konnte mahnend dem Bruche göttlicher Satzung entgegen
+treten, aber nur als Berater, nicht als Lenker und Richter. Die
+Führerschaft stand ihm nicht zu. Der weltliche Sänger und später
+der weltliche Gesetzsprecher teilten sich gar bald in die einst dem
+Priester allein gehörigen Ämter. Der Hausvater aber bedurfte des
+Priesters nicht, er mochte höchstens seinen Rat angehen. Brahmanen
+und Druiden brachten es <span class="pagenum" id="Page_631">[S. 631]</span>fertig, dass nichts ohne geistliche
+Mitwirkung geschah. Die Germanen beschränkten den Priester auf die
+gottesdienstlichen öffentlichen Verrichtungen und nahmen, wo es ihnen
+gut dünkte, seinen weisen Rat in Anspruch.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Die_Priester_als_Erforscher_der_Zukunft_7">
+<b>7. Die Priester als Erforscher der Zukunft.</b></h5>
+
+<p>Tacitus schildert in einer vielbesprochenen Stelle das Loosen&#x2060;<a id="FNanchor_779_779" href="#Footnote_779_779" class="fnanchor">[779]</a>,
+dessen Verfahren er einfach nennt. Der Zweig eines fruchttragenden
+Baumes wird in Stäbchen zerlegt, die Stäbchen werden mit gewissen
+Zeichen versehen und blindlings und zufällig über ein weisses Tuch hin
+verstreut. Alsdann hebt bei öffentlicher Beratung der Staatspriester,
+bei Privatangelegenheiten der Hausvater, nachdem er zuvor die Götter
+angerufen hat, gen Himmel schauend dreimal je ein Stäbchen auf und
+deutet die zuvor auf die Stäbchen eingeschnittenen Zeichen. Lauten sie
+verneinend, so unterlässt man für diesen Tag eine weitere Befragung;
+stimmen sie zu, so wird noch weiterhin die Beglaubigung durch
+Vorzeichen in Anspruch genommen.</p>
+
+<p>Man darf jedenfalls dem Berichte des Tacitus auch ein Opfer <span class="pagenum" id="Page_632">[S. 632]</span>beifügen,
+ohne welches im Heidentum feierliches Gebet kaum möglich scheint.
+Somit ergeben sich folgende Hauptpunkte des Verfahrens: Zurichtung der
+Loose, bestehend in Holzstäbchen mit eingeritzten Zeichen, Opfer und
+Gebet an die Götter, deren Willen erkundet werden soll, Looswurf und
+Aufnahme dreier Loose, Auslegung der aufgehobenen Loose nach den darin
+eingeritzten Zeichen, daraufhin Beschluss, ob die Befragung fortgesetzt
+oder aufgegeben werden soll. Schwer ist über zwei Dinge Klarheit zu
+gewinnen, ob die Befragung der Loose auf ein blosses <i>ja</i> oder
+<i>nein</i> oder auf einen förmlichen Orakelspruch ausgeht; ferner
+welcher Art die eingeritzten Zeichen waren. Aus dem ganzen Zusammenhang
+möchte eher auf einfache Befragung um ja oder nein geschlossen
+werden, zumal da überdies noch Vorzeichen in Betracht kommen. Aber
+die eingeritzten Zeichen, von deren Auslegung die Rede ist, weisen
+wieder eher auf einen förmlichen Orakelspruch, den der Priester wol in
+feierlichem Stabreim verkündigte. Welcher Art die Zeichen waren, ist
+auch nicht zu sagen. Man denkt an die Runen, worunter aber mystische,
+magische Zeichen, nicht die späteren Schriftrunen verstanden werden
+müssen. Wol kommen diese im Norden auch zu zauberhaftem Gebrauche vor.
+Man raunte eine Zauberformel und ritzte die Anfangsrune des wichtigsten
+Begriffes. So schneidet Skirnir (Skirn. 37) der Gerd einen <i>Thurs</i>
+(die Rune ᚦ) und drei andere Runen, die den Zauber ungestillter
+Liebessehnsucht bewirken. Um Sieg zu gewinnen, wurde die Rune Tyrs
+ᛏ aufs Schwert geritzt, um gegen Frauentrug sich zu feien, die Rune
+<i>Nauþ</i> ᚾ aufs Horn, den Rücken der Hand und den Fingernagel gemalt
+(Sigrdr. 6/7). Die Verwendung der Schreiberunen zu Zauberzwecken in der
+Art, dass die Rune den Hauptbegriff der Zauberformel festbannte, steht
+also ausser Frage. Umgekehrt mochte auch eine Weissagung aus zufällig
+aufgelesenen Runen entnommen werden, sofern eine bestimmte Beziehung
+zwischen einer Anzahl von Formeln und Zeichen bestand. Wenn z.&#8239;B. Tyr
+oder Nauþ; (d.&#8239;h. Not) herauskam, wurde Sieg oder Not geweissagt. Aber
+zur Zeit des Tacitus und Caesar waren die in den ersten Jahrhunderten
+unserer Zeitrechnung von den Römern entlehnten germanischen
+Schreiberunen wol noch gar nicht vorhanden. Doch das Wort Rune ist
+freilich älter als seine Anwendung auf die Schrift, und so mögen schon
+die Zeichen auf den Holzstäbchen Runen gewesen sein. Ihre Form und ihr
+Gehalt bleibt uns rätselhaft, aber grosse Wahrscheinlichkeit besteht,
+dass es ähnlich zuging <span class="pagenum" id="Page_633">[S. 633]</span>wie bei den späteren Schreiberunen, wenn sie,
+vielleicht eben an Stelle älterer magischer Runen, zum Zauber benützt
+werden. Man muss eine bestimmte Anzahl von Zeichen denken, die dem
+Loosenden ihrer Bedeutung nach völlig vertraut waren. Die aufgelesenen
+Zeichen liessen sich zu einer Weissagung vereinigen. Wenn das Gebet in
+feierlichen Stäben und Formeln ging, so war auch der Weissagespruch aus
+altehrwürdigen Formeln gereimt, welche eben durch die Loose gesucht
+wurden. Wenn nicht Tacitus verschiedene Dinge zusammenwarf, so waren
+diese Zeichen nicht geheim, denn jeder Familienvater mochte für seinen
+Hausstand das Loos werfen. Man sollte allerdings eher meinen, dass das
+Verfahren mit den Looszeichen, die einen Spruch ergaben, schwieriger
+und nur wenigen im Volke, vor allen den Priestern vertraut war; denn es
+ist nicht einfach, sondern setzt tieferes Wissen voraus, Kenntniss der
+Zeichen und ihrer Bedeutung und Fähigkeit, daraus einen gestabten oder
+doch formelhaften Spruch zu finden. Die gewöhnliche Loosung auf ja oder
+nein aber ist höchst einfach, sie bedarf nur eines oder zweier Zeichen
+und kann jeder Zeit und von jedem ohne besondere Weisheit geübt werden.
+Im gegebenen Falle hätte etwa ein dreimaliges <i>ja</i> Ausführung des
+Vorhabens veranlasst, ein dreimaliges <i>nein</i> oder unentschiedene
+Auskunft dagegen Einstellung.</p>
+
+<p>Dass aber unter Priestern und weissagenden Frauen schon früh die
+divinatorische Loosung, das Fragen nach förmlichem Spruche, vorkam,
+lehrt Caesar, bell. gall. I Kap. 50. Bei den Germanen herrschte die
+Sitte, dass die Frauen durch Looswurf und Orakelspruch (<i>sortibus
+et vaticinationibus</i>) entschieden, ob ein Treffen zu liefern sei
+oder nicht. Der aus den Loosen gewonnene Spruch lautete dahin, dass
+die Germanen Unsieg hätten, wenn sie vor Neumond kämpften (<i>non esse
+fas Germanos superare, si ante novam lunam proelio contendissent</i>).
+Dieser Spruch kann nicht aus blossem ja oder nein abgeleitet sein.</p>
+
+<p>Aus nordischer Überlieferung ergeben sich mehrere Beispiele
+divinatorischer Loosung, leider ohne genauere Beschreibung des
+Verfahrens, das meistens als allgemein bekannt, keineswegs als
+Geheimkunst vorausgesetzt zu sein scheint. Das Hymirlied hebt damit
+an, dass die Götter, die ein Gelage zurüsten wollten, die Zweige
+schüttelten und das Opferblut beschauten (<i>hristo teina ok á hlaut
+sǫo</i>), da fanden sie, bei Ägir sei Überfluss. Bei ihm wird denn
+auch schliesslich nach Einholung des Kessels Hymirs das <span class="pagenum" id="Page_634">[S. 634]</span>Festgelage
+abgehalten. Für Kultgebräuche erfahren wir aus der Stelle, dass, um
+einen Orakelspruch zu erhalten, ein Opfer angerichtet wurde. Die
+Weissagung oder die Antwort der angerufenen Gottheit erfolgte aus
+dem Blute des geschlachteten Tieres und aus den (mit eingeritzten
+Zeichen versehenen) durch einander geschüttelten Looszweigen. Nach
+der Gautrekssaga Kap. 7 segelte König Wikar nordwärts von Agdir nach
+Hordaland in Norwegen und bekam heftigen Gegenwind. Da fällten sie
+den Span um günstigen Wind, und es fiel so, dass Odin einen Mann
+verlangte, der ihm zum Opfer aus der Mannschaft durch das Loos bestimmt
+und gehängt werden sollte (<i>þeir feldu spán til byrjar ok fell svá
+at Óðinn vildi þiggja man at hlutfalli at hanga or herinum</i>).
+Darauf wurde die Ausloosung vorgenommen, und es kam König Wikars Loos
+heraus (<i>ok kom upp hlutr Víkars konungs</i>). Gewöhnlich heisst
+es: <i>fella blótspán</i>, den Opferspan fällen.&#x2060;<a id="FNanchor_780_780" href="#Footnote_780_780" class="fnanchor">[780]</a> Gemeint ist wol
+dasselbe wie mit den Zweigen, nämlich bezeichnete Holzstückchen. Mit
+dem Looswurf war Opfer verbunden, daher der Name <i>blótspánn</i>. Man
+opferte, warf die Loose, las den Spruch daraus und that darnach. In der
+Gautrekssaga schliesst sich einfache Ausloosung der divinatorischen
+Befragung unmittelbar an. Diese hatte den allgemeinen Bescheid
+erbracht, Odin verlange ein Menschenopfer, jene wählte das Opfer aus
+der Schar der Genossen aus. Die Mitwirkung eines Priesters ist weder
+hier noch dort erwähnt. In der Hervararsaga Kap. 11 (Fornaldar sögur 1,
+451) wird erzählt: Zu der Zeit war in Reidgotaland grosser Misswachs,
+so dass es zur Verödung des Landes zu kommen schien; da wurden Loose
+von weisen Männern gemacht und der Opferspan dabei gefällt (<i>váru
+þá gǫrđir hlutir af vísendamǫnnum ok feldr blótspánn til</i>) und so
+erging das Orakel (<i>en svá gekk fréttin</i>), dass nicht eher wieder
+ein gutes Jahr kommen würde, als bis der vornehmste Knabe im Lande
+geopfert werde. Hier ist beachtenswert, dass weise Männer die Loose
+herstellen; also wird zur divinatorischen Loosung doch ein höheres
+Wissen vorausgesetzt. Die Vita Anskarii <span class="pagenum" id="Page_635">[S. 635]</span>Kap. 18 berichtet von einem
+Schweden, der an der Vertreibung des Bekehrers Gauzbert teilgenommen
+hatte, dass er hinterher den Zorn der Götter zu fürchten angefangen
+habe. Da suchte er einen Weissager auf (<i>qua de re, sicut moris est
+ibi, quendam adivit divinum</i>), damit dieser durchs Loos erkunde,
+welchen Gott er beleidigt habe und wie er ihn versöhnen könne. Jener
+verrichtete die üblichen Gebräuche (<i>quae circa cultum hujusmodi
+observare solebat</i>) und erklärte, keiner der Heidengötter, wol
+aber der Christengott zürne ihm. Im Kap. 19 erfragen die Dänen durch
+Loosung, wohin sie sich wenden sollten, um Beute zu machen. Da fiel
+das Loos auf eine entfernte Stadt im Lande der Slaven. Beispiele für
+einfache Frage um ja oder nein bietet die Vita im Kap. 19, 27, 30.
+Aus Layamons Brut zieht Müllenhoff, zur Runenlehre S. 40 f. noch eine
+Stelle an, wo der Herzog Ascanius nach denen, die des teuflischen
+Sanges mächtig sind, über Land sendet, um zu erfahren, was sein Weib
+im Schooss trüge. Da warfen sie die Loose und fanden an der Kraft des
+unheilvollen Liedes, dass die Frau mit einem Sohne ginge. Hier wird der
+Beschwörungslieder gedacht, die zur Weissagung nötig waren. Denn das
+höhere Wesen, das um die Zukunft befragt wurde, musste mit Gebet oder
+Beschwörung dazu gebracht werden, das Gewünschte zu offenbaren.</p>
+
+<p>Es war Sitte, die Götter mit Loosung zu befragen, ob ihnen ein Opfer
+genehm sei oder nicht. Bestand von vornherein die Absicht, ein Opfer
+darzubringen, so genügte die einfache Frage auf ja oder nein. Manchmal
+aber, wie in der Sage von Wikar und vielleicht auch, als die Schweden
+ihre Könige Domaldi und Olaf opferten, wurde in schweren Zeiten das
+Loos auf allgemeine Befragung des göttlichen Willens geworfen. Erst
+der Ausspruch zeigte, dass die Götter ein blutiges Menschenopfer
+heischten. War keine bestimmte Persönlichkeit genannt, so mochte
+gewöhnliches Ausloosen einen oder mehrere aus einer grösseren Menge
+ausscheiden. Auch ins Strafrecht reicht die Sitte der Loosung herein
+und erhielt sich unter den Friesen&#x2060;<a id="FNanchor_781_781" href="#Footnote_781_781" class="fnanchor">[781]</a> bis ins Christentum. Der
+Grund ist leicht zu erkennen. Hatte ein Neidingswerk den Grimm der
+Götter erregt, und war der Missethäter unbekannt, so boten sich die
+Volksgenossen zum Loose, zum Gottesurteil, damit <span class="pagenum" id="Page_636">[S. 636]</span>die Gottheit selber
+zur Sühne den Schuldigen herausgreife. Nach Caesar bell. gall. 1,
+53 erzählt der aus der Gefangenschaft der Sueven gerettete Valerius
+Procillus, es sei dreimal über ihn das Loos geworfen worden, ob er
+alsbald verbrannt oder auf später aufbewahrt werden solle; das Loos
+fiel für ihn günstig (<i>se praesente, de se ter sortibus consultum,
+utrum igni statim necaretur an in aliud tempus reservaretur. sortium
+beneficio se esse incolumem</i>). In Alchuines Vita des hl. Willibrord
+Kap. 10 wird vom König Redbad berichtet, er habe über den gefangenen
+Willibrord und seine Genossen je dreimal an drei Tagen hinter einander
+das Loos geworfen (<i>per tres dies semper tribus vicibus sortes suo
+more mittebat</i>); mit Gottes Hilfe fielen die Loose den Gefangenen
+günstig, nur einen einzigen traf das Todesloos (<i>damnatorum
+sors</i>), der das Martyrium erleiden musste.</p>
+
+<p>Die Vita Willehadi Kap. 3 berichtet, dass Willehad ums Jahr 778 östlich
+der Laubach durch Ermahnungen an die Landesbewohner, den Aberglauben
+aufzugeben, ihren Zorn erregte. Wegen seiner Lästerungen gegen die
+Götter hätten sie ihn für des Todes würdig erklärt. Einige aber hätten
+dazu geraten, ihn nicht ohne weiteres zu töten, sondern erst das Loos
+zu befragen, damit die Götter zeigten, ob er den Tod verdient habe,
+sonst ihn freizulassen, worauf denn nach der Sitte der Heiden das Loos
+geworfen worden sei, ob er leben oder sterben solle (<i>secundum morem
+gentilium missa est sors super eo, vivere an mori debuisset</i>).
+Nach Gottes Fügung habe über Willehad das Loos des Todes (<i>sors
+mortis</i>) nicht fallen können. Der hl. Wulfram rettete zweimal
+friesische Knaben vom Opfertod, zu dem sie durchs Loos bestimmt waren
+(Vita Wulframmi Kap. 6 und 8, ASS. 3, 1, 359 und 361).</p>
+
+<p>Das friesische Recht bestimmt: Wird bei einem Auflauf einer getötet,
+so können in Ermanglung anderer Beweismittel gegen den Schuldigen bis
+zu sieben durch den Kläger wegen der Tötung angeklagt werden, und
+jeder von den sieben kann sich mit zwölf Eideshelfern frei schwören.
+Ist das geschehen, so werden die sieben zur Kirche geführt und Loose
+am Altar über sie geworfen. Zwei Stäbchen werden geschnitten, das eine
+mit einem Kreuze bezeichnet, das andere bleibt unbezeichnet; beide
+werden mit reiner Wolle umhüllt auf den Altar gelegt. Darauf ergreift
+ein Priester, wenn er da ist, sonst ein unschuldiger Knabe eins von den
+Loosen; ist es das mit dem Kreuze bezeichnete, so gelten die sieben,
+für welche die Eide geschworen sind, für unschuldig; wo <span class="pagenum" id="Page_637">[S. 637]</span>nicht, so
+folgt ein weiteres Verfahren: jeder von den sieben hat sein eigenes
+Stäbchen mit seiner Marke zu zeichnen, so dass er und die andern
+erkennen können, dass es das seinige ist.&#x2060;<a id="FNanchor_782_782" href="#Footnote_782_782" class="fnanchor">[782]</a> Die sieben Stäbchen
+werden wieder mit reiner Wolle umhüllt, wieder auf den Altar oder auf
+die Reliquien gelegt, und es nimmt der Priester oder Knabe vom Altar
+hinter einander die einzelnen Stäbchen und fragt, wem das Stäbchen
+gehöre. Wer als letzter sein Stäbchen erhält, gilt für den Schuldigen,
+die andern sechs als unschuldig. Das Verfahren ist durchaus heidnisch,
+die Anpassung an christliche Verhältnisse rein äusserlich, sie
+beschränkt sich darauf, christliche Heiltümer an Stelle der heidnischen
+zu setzen.</p>
+
+<p>Mit den angeführten Stellen ist die Sitte, durch Looswurf die Gottheit
+um Auskunft anzurufen, hinreichend bezeugt. Es wurde eine Frage
+vorgelegt, die Antwort ergab sich aus der Art der Fragestellung
+als einfaches ja oder nein, aber auch als förmlicher Spruch. Die
+Befragung geschah mit Loosen, mit Holzstäbchen, die mit auszulegenden
+Zeichen, im Norden auch mit den gewöhnlichen Schreiberunen versehen
+waren. Opfer leitete die Handlung ein, unter Absingen von Gebeten
+oder Beschwörungen wurden die vermutlich auch schon unter besondern
+Förmlichkeiten zugerichteten Loose ausgeworfen und aufgelesen, hierauf
+je nach der Frage mit kürzerem oder längerem Spruche gedeutet.
+Möglicherweise stammt die dreifache Bezeichnung des Begriffes „lesen“
+in den germanischen Sprachen — ahd. as. afries. <i>lesan</i>, an.
+<i>lesa</i>; ags. <i>rǽdan</i>, engl. <i>read</i>, eigentlich „raten“;
+got. <i>siggwan</i> — aus der alten Gewohnheit des divinatorischen
+Loosens.&#x2060;<a id="FNanchor_783_783" href="#Footnote_783_783" class="fnanchor">[783]</a> Die deutsch-nordische Bezeichnung hält sich ans Auslesen
+und Aufnehmen der beritzten Stäbchen, die englische ans Raten und
+Deuten, die gotische endlich an den feierlichen Vortrag des Spruches,
+der in Liedesweise gesungen ward. In wichtigen Angelegenheiten oblag
+dem Priester diese Loosung, welche Vertrautheit mit der Dichtung
+verlangt. Es war Kenntniss der Lieder vonnöten, wodurch Götter und
+Geister zur Offenbarung ihres Willens oder zukünftiger Ereignisse
+herangezwungen wurden, ferner unter Umständen auch die Fähigkeit, <span class="pagenum" id="Page_638">[S. 638]</span>aus
+den eingeritzten Zeichen der Stäbchen die darin angedeuteten Formeln
+abzulesen und zu Verkündigungen zusammenzusetzen. Looswurf, mit Opfer,
+Zauberlied und Zeichendeuterei verknüpft, entstammt dem Heidentum
+und war priesterliches Amt. Darum ist solches Loosen auch späterhin
+als heidnischer Greuel verfehmt und verachtet. Das unschuldige Loos,
+das nur zur Ausscheidung eines einzelnen oder mehrerer aus einer
+Menge diente, konnte ruhig weiter bestehen und fand auch bis auf die
+Gegenwart bei Aufteilung von Gemeindeland und ähnlichen Dingen immer
+Verwendung.</p>
+
+<p>Eine seltsame Loosung begegnet in der Jómsvíkingasaga Kap. 42.&#x2060;<a id="FNanchor_784_784" href="#Footnote_784_784" class="fnanchor">[784]</a>
+Der Jarl Hakon besass eine Wage mit zwei silbernen, ganz vergoldeten
+Schalen, dazu zwei Loose, ein silbernes und ein goldenes, beide mit
+Götterbildern versehen. Darin lag eine wundersame Kraft, weshalb der
+Jarl in allen wichtigen Angelegenheiten sich dieser Loose bediente.
+Er legte sie in die Wagschalen und bestimmte, was jedes von ihnen für
+ihn bedeuten sollte. Wenn die Loosung gut ausfiel und das, was er sich
+wünschte, herauskam, da wurde das Loos, das seinen Willen bedeutete,
+unruhig in der Schale und gab einen Klang von sich. Die Sache ist wol
+so zu denken, dass die gleich schweren Loose, deren eines, was man
+wünschte, das andere, was man nicht wünschte, bezeichnete, in die
+Schalen gelegt wurden. Dasjenige Loos, das zuerst in Bewegung kam und
+stieg, dachte man, werde in Erfüllung gehen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Um die Zukunft zu erforschen, wurde auch eifrig auf Vorzeichen
+geachtet und zwar nicht bloss auf solche, die sich zufällig von selber
+einstellten, sondern namentlich auf solche, die mit Opfer und Gebet
+oder Beschwörung von den Göttern oder Geistern verlangt worden waren.
+Auf Vorzeichen, die einem zufällig begegnen, achtet ja noch der heutige
+Aberglaube. Ein schönes Beispiel fürs Heidentum gewährt das Reginslied
+20 ff., wo Odin die dem Helden günstigen Zeichen aufzählt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">20. Viele Vorzeichen sind,&#8195;&#8194;&#8239;wenn das Volk sie wüsste,</div>
+ <div class="verse indent7">Günstig beim Schwingen des Schwerts!</div>
+ <div class="verse indent3">Heilbringender Angang&#8195; für Helden ist es,</div>
+ <div class="verse indent7">Wenn ein schwarzer Rab’ sie umschwebt.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_639">[S. 639]</span> </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">21. Ein andrer ist’s, &#8195; <span class="mleft3">wenn zum Ausgang fertig</span></div>
+ <div class="verse indent7">Zur Thüre hinaus du trittst</div>
+ <div class="verse indent3">Und auf der Strasse&#8239;<span class="mleft3">stehend findest</span></div>
+ <div class="verse indent7">Ruhmgieriger Recken zwei.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">22. Günstig auch ist’s, &#8239;<span class="mleft3">wenn den grauen Wolf</span></div>
+ <div class="verse indent7">Unter Eschen du heulen hörst,</div>
+ <div class="verse indent3">Und Glück verspricht’s, &#8195;&#160;erspähst du den Gegner</div>
+ <div class="verse indent7">Eher als er dich sieht.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">24. Fürchte Gefahr, &#8195; &#160;<span class="mleft3">wenn dein Fuss gestrauchelt</span></div>
+ <div class="verse indent7">Auf dem Weg, den du wanderst zum Streit;</div>
+ <div class="verse indent3">Böse Disen stehn dir &#8195; &#8195; &#8239;zu beiden Seiten</div>
+ <div class="verse indent7">Und wünschen dir Wunden an.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Keine Art von Aberglauben hat durchs ganze Mittelalter tiefere Wurzel
+geschlagen als die Vorbedeutungen, die man unter den Benennungen
+<i>aneganc, widerganc, widerlouf</i> verstand.&#x2060;<a id="FNanchor_785_785" href="#Footnote_785_785" class="fnanchor">[785]</a> Tier, Mensch,
+Sache, auf die man frühmorgens, wenn der Tag noch frisch ist, beim
+ersten Ausgang oder Unternehmen einer Reise unerwartet stiess,
+bezeichneten Heil oder Unheil und mahnten, das Begonnene fortzusetzen
+oder wieder aufzugeben. Aber hier ist nicht der zufälligen Vorzeichen
+zu gedenken, sondern derer, die mit Kultbräuchen unter Einwirkung von
+Priestern und Weissagern von den höheren Mächten erbeten wurden.</p>
+
+<p>Tacitus spricht im Kap. 10 auch von den Vorzeichen und nennt allgemein
+Befragung der Vogelstimmen&#x2060;<a id="FNanchor_786_786" href="#Footnote_786_786" class="fnanchor">[786]</a> und des Vogelfluges. Leute, die der
+Vogelsprache kundig sind, erfahren die Zukunft. Das Zeichen, das die
+Vögel mit Flug und Stimme geben, gilt allen Völkern und so auch den
+Germanen für gut oder böse, verheisst Glück und Unglück, ermuntert
+und warnt bei allem Vorhaben. Wie befiederte Worte rauschen sie durch
+die Luft, der Kundige versteht es, sie zu deuten. Wohin und woher sie
+fliegen, legt er ebenso als Zeichen aus wie ihre Gestalt und Stimme.
+Prokop bell. got. 4, 20 erzählt, wie Hermigisel, König der Warner,
+<span class="pagenum" id="Page_640">[S. 640]</span>über Feld reitend, auf einem Baum einen Vogel erblickte und krähen
+hörte. Auf Vogelgesang sich verstehend, sagte der König seinem Gefolge,
+es werde ihm sein Tod nach vierzig Tagen geweissagt. In der Rigsþula
+45 wird von Konr dem Jungen, dem Sohne des Jarl gerühmt, er verstand
+die Stimmen der Vögel zu deuten. Im Lied von Helgi dem Hjorwardssohne
+1–4 spricht Atli mit einem weisen Vogel, der im Haine Glasir haust. Dem
+Sigmund und der Borghild verheisst ein Rabe die künftige Heldengrösse
+ihres Sohnes Helgi (Helgakv. Hund. 1, 5/6). Sigurd, dem der Genuss
+von Fafnirs Herz dazu verhalf, hörte in den Reden der Spechtmeisen
+(<i>igđur</i>) sein künftiges Schicksal (Reginsm. 32 ff.). Nach Sigurds
+Ermordung ruft ein Rabe zum Adler im Baumesgipfel, dass Atli es rächen
+werde. Gunnar versteht das Gerede der Vögel (Brot af Sigurþarkviþu
+5 u. 13). Also namentlich Königen und Edelingen eignet die Gabe,
+Vogelstimmen auszulegen. Sicherlich verstanden sich ebenso die
+opfernden Priester darauf. Jarl Hakon opferte vor einem Kriegszug dem
+Odin. Als zwei laut krächzende Raben während des Opfers geflogen kamen,
+sah er darin ein gutes, glückverheissendes Zeichen (Heimskringla,
+Olafssaga Tryggvasonar Kap. 28).</p>
+
+<p>Tacitus&#x2060;<a id="FNanchor_787_787" href="#Footnote_787_787" class="fnanchor">[787]</a> berichtet ferner von weissen, zu keinem Menschendienste
+benützten Rossen, die in Hainen und Wäldern auf öffentliche Kosten
+gehegt wurden. Diese werden an den heiligen Wagen gespannt, worauf
+der Priester und König oder Fürst des Staates sie begleitet und auf
+ihr Schnauben und Wiehern achtet. Kein Vorzeichen geniesst grössere
+Glaubwürdigkeit nicht allein beim Volk, sondern auch bei den Edelingen,
+bei den Priestern. Sich selber halten sie für die Diener, jene Rosse
+aber für die vertrauten Mitwisser der Götter. In Norwegen bei Drontheim
+weideten Freys Rosse im Umkreis seines Tempels, vermutlich zum selben
+Zweck. Der <i>indiculus superstitionum</i> XIII handelte <i>de auguriis
+vel avium vel equorum</i> und auch der heutige Aberglaube (J. Grimm,
+Nr. 239) hält Pferdegewieher für ein Glückszeichen.</p>
+
+<p>Opferschau vollzieht der weissagende Priester (<i>sacerdos
+sortilegus</i>) <span class="pagenum" id="Page_641">[S. 641]</span>bei den Menschenopfern, welche die Normannen nach
+Dudos Erzählung vor der Ausfahrt zu vollbringen pflegten. Dem Opfer
+wurde der Schädel zerschmettert und das Gehirn blossgelegt; dann
+wurde aus den Herzfasern des zu Boden Gestreckten geweissagt. Die
+Wahrsagerinnen der Kimbern fällen ihren Spruch aus dem Blute, das aus
+der durchschnittenen Kehle des Opfers in den Kessel strömte (Strabo
+7, 2). Die nordische Sprache gebraucht das Wort „<i>hlaut</i>“ für
+Opferblut. Im Hymirlied 1 gewinnen die Götter eine Weissagung, indem
+sie Looszweige warfen und das Blut beschauten (<i>hristo teina ok á
+hlaut sǫo</i>). <i>Hlautbolli</i> ist die Schale, die das Blut der
+geopferten Tiere aufnimmt, <i>hlautteinn</i> oder <i>hlautviđr</i> der
+ins Blut getauchte Zweig. Die Etymologie von <i>hlaut</i> (zu got.
+<i>hlauts</i>, d.&#8239;h. Loosen und Wahrsagen)&#x2060;<a id="FNanchor_788_788" href="#Footnote_788_788" class="fnanchor">[788]</a> lehrt die Thatsache der
+Opferschau, der Weissagung aus dem Opferblut. Denn das Opferblut heisst
+ja sicher nur darum „Loosung“, weil es zur Loosung diente.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Zauberlieder_8"><b>8. Zauberlieder.</b></h5>
+
+<p>Der Zauber, der in Lied (<i>galdr</i>, <i>rúnar</i>) und Zeichen
+(<i>rúnar</i>) beschlossen liegt, galt im Norden für eine höchst
+wertvolle, nicht im geringsten unehrliche Kunst, und so hielten
+es, wie die mit <i>rûna</i> gebildeten zahlreichen Frauennamen
+lehren, auch die übrigen Germanen. Ist doch Odin selber Urheber und
+Erfinder des Runenzaubers (<i>galdrs fadir</i>) und weiss die aus
+dem Schlummer erweckte Brynhild dem Sigurd nicht besser zu lohnen
+als mit Unterweisung in der Runenkunde. Bei der Anwendung von Runen
+war Lied und Zeichen vereinigt, beim Galdr wird meistens allein das
+Lied erwähnt. Beim nordischen Runenzauber wird das Lied gesungen,
+und darauf werden die entsprechenden Zeichen, meist die Anlaute der
+Hauptbegriffe, eingeritzt. Denn im Norden trat ja die Schreiberune an
+Stelle der alten bei Tacitus vorkommenden magischen Zeichen. Brynhild
+gedenkt der Siegrunen, die unter Anrufung Tyrs aufs Schwert zu ritzen
+sind, der Bierrunen, welche gegen Zaubertränke unter Segenssprüchen
+aufs Trinkhorn, auf den Rücken der Hand, auf den Fingernagel zu
+ritzen, der Bergerunen, die auf die innere Handfläche geritzt, bei
+Absingen von Liedern (Oddrúnargrátr <span class="pagenum" id="Page_642">[S. 642]</span>6) aus Kindesnöten lösten, der
+Brandungsrunen, die auf Schiffsteven, Steuer und Ruder eingebrannt
+gegen Seesturm nützten, der Zweigrunen, die auf Rinde und Holz
+eines gen Osten die Äste ausbreitenden Baumes eingeschnitten zum
+Arzte machten, der Gerichtsrunen (<i>málrúnar</i>), beim Dinge zu
+gebrauchen, der Geistesrunen (<i>hugrúnar</i>), um feinen Verstand
+zu gewinnen. Im Skirnirlied 32–36 spricht Skirnir einen Fluch und
+ritzt zugleich die Runen auf den Zweig (<i>gambanteinn</i>); um ihn
+wieder aufzuheben, schabt er die eingeschnittenen Zeichen ab (<i>svá
+ek þat af ríst, sem ek þat á reist</i>). Nach der Egilssaga Kap. 60
+errichtet der vom König Eirik schwer gekränkte Skald Egil diesem eine
+Schimpfstange (<i>níđstǫng</i>), indem er eine Haselstange auf einem
+Felsen dem Lande zu aufpflanzt, mit einem darauf gesetzten dem Lande
+zugewendeten Pferdskopfe. Dazu spricht er die Worte: Hier setze ich
+eine Schimpfstange und richte diesen Schimpf gegen den König Eirik und
+die Königin Gunnhild; ich richte diesen Schimpf gegen die Landwichte,
+welche dieses Land bewohnen, so dass sie alle auf verirrten Wegen gehen
+mögen und keiner seine Heimat finde oder erreiche, ehe sie den König
+Eirik und die Königin Gunnhild aus dem Lande getrieben haben. Dieselben
+Worte schnitt er mit Runen auf die Stange ein. Das Einritzen der Formel
+scheint hier wie in andern ähnlichen Fällen, die Maurer, Bekehrung
+2, S. 65, Anm. 66, zusammenstellt, allerdings mehr in der Absicht zu
+geschehen, den Schimpf zur allgemeinen Kenntniss zu bringen. Doch steht
+wol immer noch im letzten Hintergrund dieses Brauches die Anschauung,
+dass Runenzauber nur durch Lied und Zeichen zugleich wirksam werde.
+Der Skald Egil macht auch sonst von seiner Runenkunde Gebrauch. Wie
+ihn einmal (Kap. 44) die zauberkundige Königin Gunnhild mit einem
+Trinkhorn vergiften will, ritzt er Runen in das Horn, schneidet sich
+in die hohle Hand und rötet die Runen mit dem Blute: da zerspringt das
+Horn und der Trank läuft zur Erde. Der Bericht der Saga darf wol noch
+dahin ergänzt werden, dass Egil zum Runenritzen die gehörige Formel
+raunte. Der Unkundige konnte aber auch mit verkehrten oder verstellten
+Zeichen Unheil anrichten. Egil kommt (Kap. 75) zu einer norwegischen
+Bauerntochter, die heftig erkrankt ist. Ein Bauernsohn aus der
+Nachbarschaft hatte ihr vergebens mit Runen zu helfen versucht, es war
+darauf hin nur schlimmer geworden. Egil untersuchte ihr Bett und fand
+unter dem Kopfkissen einen Walfischknochen mit eingeschnitzten Runen,
+die aber falsch waren. <span class="pagenum" id="Page_643">[S. 643]</span>Er schabte sie ab, verbrannte das Abgeschabte
+im Feuer und ritzte neue Runen, die er unters Kissen der Kranken legte.
+Alsbald erwachte das Mädchen aus ihrer Betäubung und wurde gesund.</p>
+
+<p>Odin rühmt sich in den Hǫ́vamǫ́l 139/40, 146/163 der Runen und Lieder,
+die er weiss und deren Wirkungskreis er aufzählt. Dabei scheinen
+<i>rúnar</i> und <i>ljóþ</i> im Sinne von Zauberliedern gleichbedeutend
+zu sein, wenn schon in Strophe 142/4 wieder die rúnar als Zeichen
+gemeint sind. So denkt sich Snorri (Ynglingasaga Kap. 7) in dem Satze
+„<i>međ rúnum ok ljóđum þeim er galdrar heita</i>“ die Runen als
+Zeichen neben den Liedern. Beim Galdr ist seltener von Zeichen die
+Rede, gewöhnlich nur vom Zaubersang. Doch scheint auch hier Zeichen
+oder Gebärde nötig gewesen zu sein.</p>
+
+<p>Frauennamen auf <i>rûn</i>&#x2060;<a id="FNanchor_789_789" href="#Footnote_789_789" class="fnanchor">[789]</a>, die allen germanischen Stämmen
+gemeinsam sind, erweisen das Vorhandensein des Runenzaubers. Häufig
+trifft man dieselben Appellativa als Namen, und damit ist der Ursprung
+solcher Namen angezeigt. <i>Haljarûna</i> ist Höllenzauber, aber auch
+die dieses Zaubers kundige und mächtige Frau; der Begriff gewinnt
+persönliche Bedeutung und wird so zum Namen. Siegrunen zu ritzen und
+zu singen muss der verstehen, der Sieg erringen will; Sigrûn, Hildrûn,
+Rûnhild, Guntrûn, Badurûn, Ortrûn sind Frauen, die Sieg-, Kampf-,
+Schwertrunen wissen. Fridurûn bringt Friede. Alarûn (Aleraune) ist
+aller Runen mächtig. <i>Ǫlrúnar</i> beschützen vor Zaubertrank, Ǫlrún
+begegnet zugleich als Name. <i>Málrúnar</i> bedarf man beim Ding,
+der Name Dômarûna gehört wol zu <i>dôm</i>, Gericht. Albrûn kennt
+Elbenzauber. Wolfrûn gehört vielleicht zum Heere, dessen Spuren der
+leichengierige Wolf und Rabe folgt. Weniger deutlich sind Namen wie
+Heidrún (fränk. Chaiderûna), Goldrûn, Adalrûn, Wolarûn, Baldrûn,
+Berhtrûn. Weisheit und Vorsicht überhaupt legen den Frauen die Namen
+auf <i>leis</i>, <i>rût</i>, <i>snot</i>, <i>wîs</i> und <i>war</i>
+bei; aber die übermenschlichen Eigenschaften der Voraussicht in die
+Zukunft und der zauberischen Einwirkung auf dieselbe werden den
+Trägerinnen der Namen in <i>rûn</i> zugeteilt. Da der Zusammenhang des
+Runenzaubers und der Frauennamen im Norden völlig klar am Tage liegt,
+da die andern <span class="pagenum" id="Page_644">[S. 644]</span>Germanen dieselben Namen besitzen, darf auch ihnen
+unbedingt der Runenzauber zugewiesen werden.</p>
+
+<p>Die 18 Lieder Odins vermögen allgemein in allen Anliegen, Kümmernissen
+und Schmerzen zu helfen, ärztlich zu heilen, Feindeswaffen stumpf zu
+machen, Fesseln zu sprengen, Geschoss im Fluge zu hemmen, schädlichen
+Zauber auf den, der ihn entsendet, zurückzulenken, Flamme zu löschen,
+Hass unter Männern zu versöhnen, Wind und Woge zu sänftigen,
+nachtfahrende Hexen zu verwirren, Krieger heil aus der Schlacht zu
+führen, Tote aufzuwecken, bei der Taufe ein Kind gegen Waffen zu feien,
+Frauenneigung zu gewinnen, Berge und Hügel aufzuschliessen und Schätze
+zu heben und noch andere heimliche Dinge mehr. Gróa singt ihrem Sohne
+allerlei Galdr, von der Schulter zu schieben, was schlimm ihm dünkt,
+in Urds Schutze zu wandern, anschwellende Ströme zu mindern, Feindes
+Herz zur Versöhnung zu gewinnen, Fesseln zu sprengen, Meer und Wind zu
+gebieten, gegen schneidende Kälte sich zu schützen, vor gespenstischer
+Weiber Trug sich zu retten, im Wortstreit weise zu sein. Wie genau
+Lieder (<i>ljóþ</i>, <i>galdr</i>) und Runen zusammengreifen, ergeben
+die Stellen in der Rigsþula 44/6 und in den Sigrdrifumál, welche der
+Runenkunde (d.&#8239;h. dem Zeichen und Spruch) dieselben Zauberkräfte
+zuteilen, welche in den Hǫ́vamǫ́l und im Groogaldr den Liedern und
+Galdrar beigemessen sind. Konr der Junge war kundig der Runen, der
+lange wirkenden Lebensrunen; er wusste Krieger zu schützen, Schwerter
+stumpf zu machen, Meer zu beschwichtigen. Mit dem Jarl Rig stritt er
+in der Runenkunde, er war listig und wusste es besser. Da erwarb er
+sich das Recht, Rig zu heissen und Runen zu wissen. Solche Zauberlieder
+(<i>rúnar</i>, <i>ljóp</i>, <i>galdrar</i>, ursprünglich wol
+<i>spell</i> genannt) umgeben also den Menschen in allen Lebenslagen
+mit mächtigstem Schutze. Sie wirken dem, der sie kennt, und denen er
+wol will, Heil, sie geben ihm Macht, die Zukunft zu erforschen.</p>
+
+<p>Eine besondere Art von Zauberei heisst <i>útiseta</i>,
+Draussensitzen.&#x2060;<a id="FNanchor_790_790" href="#Footnote_790_790" class="fnanchor">[790]</a> Sie bestand darin, dass der Kundige die Nacht über
+unter freiem Himmel draussen sass und mit unbekannten Zauberhandlungen,
+am meisten wol durch Beschwörung Geister und Tote <span class="pagenum" id="Page_645">[S. 645]</span>aufweckte (<i>vekja
+upp trǫll</i>), um von ihnen die Zukunft zu erfahren oder überhaupt
+von verborgenen Dingen Wissenschaft zu erhalten. Damit ist der
+<i>valgaldr</i>, das Totenlied, verwandt. Ein altgermanischer Ausdruck
+dafür scheint got. <i>haljarûna</i>&#x2060;<a id="FNanchor_791_791" href="#Footnote_791_791" class="fnanchor">[791]</a>, ahd. <i>hellirûna</i>,
+ags. <i>helrûna</i> gewesen zu sein. Er bedeutet Höllenzauber, wie
+später die stärkste und unwiderstehlichste Beschwörung Höllenzwang
+genannt wird, weiterhin die des Höllenzaubers mächtige Frau. Gemeint
+ist das Zauberlied, das die Höllengeister aufruft. Saxo erzählt eine
+Totenbeschwörung, bei welcher eine auf Holz geritzte Zauberformel,
+also eine Rune, den Toten zum Reden zwang.&#x2060;<a id="FNanchor_792_792" href="#Footnote_792_792" class="fnanchor">[792]</a> Valgaldr und Haljarûna
+erweisen wiederum die Gleichheit von Galdr und Rune. Den Geisterbann
+wie alles Orakelwesen verdammte das Christentum als sündhaft, aber
+dem Heidentum war er keineswegs ehrenrührig, vielmehr ein erlaubtes
+Mittel, sich in den Besitz übernatürlicher Kenntnisse zu setzen. Übt
+ihn doch Odin selber. Er ritt hinunter zur Hölle, wo er das Grab der
+Vǫlva wusste; er sang ihr den starken Totenzauber, bis sie genötigt aus
+dem Todesschlafe sich erhub und ihm Rede stand über Baldrs Schicksal
+(Baldrs Draumar 4). In den Hǫ́vamǫ́l 157 weiss Odin, wie er den
+Gehängten vom Galgen herab zur Zwiesprache zwingt mit geritzten und
+gefärbten Runen. Es ist also ein Valgaldr, bei dem Zauberzeichen zur
+Anwendung kommen, aber zugleich ein Lied; wird es doch als zwölftes
+der Hauptlieder des zaubermächtigen Gottes aufgezählt. Der junge Held
+Swipdag weckt vor seiner gefährlichen Werbefahrt die tote Mutter aus
+dem Grabe, um von ihr heilsame Zauberlieder zu empfangen.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Erwache, Groa! &#8194;Erwache, du Gute,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich rufe dir durch des Todes Thor!</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Herwor tritt zum feuerumwaberten Grabhügel, in dem ihr Vater Angantyr
+und seine Brüder, die Arngrimssöhne ruhen. <span class="pagenum" id="Page_646">[S. 646]</span>„Erwache, Angantyr, dich
+weckt Herwor, deine einzige Tochter. Gib mir aus dem Grabe das scharfe
+Schwert, das dem Swafrlami Zwerge schweissten. Euch Arngrimssöhne
+alle unter den Wurzeln der Bäume weck ich auf mit Helm und Brünne und
+scharfem Schwert, mit Schild und Geschirr und rotem Geere. So möge es
+euch sein zwischen den Rippen, als ob ihr im Ameisenhaufen modert,
+gebt ihr mir nicht das gute Schwert, das Toten nicht taugt!“ Also ein
+Wecklied und, so er säumt, schwere Drohung singt den Toten aus dem
+Grabe herauf.</p>
+
+<p>Eine Totenbeschwörung ohne Erwähnung von Zauberliedern erzählt die
+Færeyingasaga Kap. 40. Der listige Thrand, der, obwol getauft, doch
+im Herzen grundheidnisch geblieben war, wollte wissen, wie Sigmund
+Brestisson ums Leben kam, ob er ertrank, als er sich selbdritt
+durch Schwimmen zu retten suchte, oder ob er das Land erreichte
+und dort erschlagen ward. Da liess Thrand im Hause desjenigen, der
+des Todschlags verdächtig war, vier Gitter am Boden zum Viereck
+zusammensetzen und liess um die Gitter herum neun Plätze am Boden
+einmerken. Grosse Feuer waren angezündet. Thrand setzte sich auf einen
+Stuhl zwischen die Feuer und die Gitter und verbot den Anwesenden, ihn
+anzureden. Nachdem er eine Zeit lang gesessen war, kamen die Geister
+der Ertrunkenen und auch Sigmunds Gestalt, blutig, den Kopf in der
+Hand, in die Stube herein. Als sie verschwunden waren, erhob sich
+Thrand, stöhnend vor Erschöpfung, und erklärte, dass Sigmund ermordet
+sei.</p>
+
+<h5 class="s4" id="Wahrsager_und_Zauberer_9"><b>9. Wahrsager und
+Zauberer.</b></h5>
+
+<p>Nahe ans Priestertum, oft kaum von ihm zu scheiden, rührt Zauberei
+und Wahrsagerei, nur dass der Priester meist offen an die Volksgötter
+sich wendet, während über dem Treiben der Zauberer und Wahrsager etwas
+Geheimes liegt. Sie handeln mehr im Auftrage einzelner als auf Geheiss
+des ganzen Volkes, sie rufen häufiger zu Gespenstern und Geistern
+als zu den hohen himmlischen Göttern, sie kehren ihre Macht oft zu
+bösen unehrlichen Thaten. Zauberei und Wahrsagerei kann teilweise als
+eine niedere Gattung des Priestertums bezeichnet werden. Der enge
+Zusammenhang mit dem Gespensterglauben und der Umstand, dass Zauberer
+und Wahrsager meistens im Dienste einzelner, seltener im Dienste einer
+grösseren Gemeinschaft ihres Amtes walten, bewahrten dieses <span class="pagenum" id="Page_647">[S. 647]</span>niedere
+Priestertum, das vom Aberglauben unzertrennlich ist, vor dem Untergang.
+Auch im Christentum wucherte es, freilich oft sinnlos entstellt, weiter.</p>
+
+<p>Es gibt Leute, denen besondere Fähigkeiten angeboren sind,
+Sonntagskinder, Geistersichtige, mit dem zweiten Gesicht Begabte.
+Solchen werden ohne weiteres Geister und Geschehnisse, die andern
+Leuten verborgen sind, offenbar, sie blicken in die Vergangenheit
+und in die Zukunft, sie erschauen gleichzeitige, aber weit entfernte
+Begebenheiten. Ihre Seele ist von Raum und Zeit unabhängig, was sie
+erfährt, wird aber ihrer leiblichen Persönlichkeit bewusst, und
+darum sind sie im Stande, wunderbare Auskünfte zu erteilen. Von
+solchen Hellsehern unterscheiden sich die gewerbsmässigen Wahrsager
+dadurch, dass sie nur mit Hilfe bestimmter Förmlichkeiten, mit Opfer,
+Beschwörung, mit magischem Zeichen, also durch die sog. Zauberkunst
+in den Besitz übernatürlichen Wissens gelangen. Unmittelbar aus den
+heiligsten, das gesamte Wissen des Heidentums in sich begreifenden
+Geschäften, aus Gottesdienst und Dichtkunst muss zugleich aller
+Zauberei Ursprung geleitet werden. Opfern und Singen tritt über
+in die Vorstellung von Zaubern; Priester und Dichter, Vertraute
+der Götter und göttlicher Eingebung teilhaft, grenzen an Weissager
+und Zauberer. Zauber und Weissagung sind uralt und allen Völkern
+gemeinsam; sie reichen zurück in die Uranfänge der Menschheit und
+wurzeln in der niederen Mythologie. Sie sind die ältesten Kultformen,
+die dazu dienen, dem Menschen die Geisterwelt unterthan zu machen.
+Hier liegen die Anfänge des eigentlichen Priestertums. Ebenso wie der
+niedere Volksaberglaube unter jedem höheren Götterglauben im Grunde
+gleichmässig fortwuchert, so steht auch der Zauberer dem Priester
+zur Seite. Hier sollen nur die Formen des Zauberwesens in Betracht
+gezogen werden, die im germanischen Heidentum neben dem öffentlichen
+Priestertum auftreten. Die Berichte sind fast alle mangelhaft, indem
+sie nur eine Seite, Opfer, Beschwörung, Zeichen, Gebärde und Werkzeug,
+Weissagung hervorheben, während in Wirklichkeit wol immer das ganze
+Verfahren mit allen förmlichen Einzelheiten zur Anwendung gelangte.
+Nicht nur die christliche Zeit verdammte die Zauberei, sondern auch
+schon das Heidentum, allerdings wol nur die heimliche, schädliche
+Zauberkunst. Es gab auch erlaubte, hilfreiche und erlösende Zauberei,
+eine weisse Kunst neben der schwarzen. Der Zauberer und Wahrsager,
+sofern er erlaubter Kunst pflegt, vertritt <span class="pagenum" id="Page_648">[S. 648]</span>gewissermaassen den
+Privatpriester, der dort amtiert, wo die Fähigkeiten und das Wissen des
+Einzelnen nimmer ausreichen, mit Hilfe überirdischer Mächte Unheil zu
+bannen und Segen zu erwirken.</p>
+
+<p>Ahd. <i>zoubar</i> wird mit <i>incantatio</i>, <i>divinatio</i>, also
+mit Beschwörung und Wahrsagerei glossiert, an. taufr heisst auch
+Amulet, ags. <i>téafor</i> Rötel, Menige, vermutlich Zauberfarbe,
+womit die magischen Zeichen, die Runen ausgemalt wurden. Zauberer, der
+Zauber treibt, ist ein weiter, allgemeiner und umfassender Begriff, wie
+ja die heutige Sprache darunter alle einzelnen Handlungen, aus denen
+die Zauberei besteht, einrechnet. Der nds. Ausdruck <i>wicken</i>,
+weissagen, zaubern, wozu ags. <i>wicce</i>, engl. <i>witch</i>
+gehört, ist in seinem Ursprung nicht klar. Ags. <i>wítega</i>, ahd.
+<i>wîȥago</i>, an. <i>vitki</i> meint den Weissager. An. <i>spámađr</i>
+und <i>spákona</i> bedeuten Wahrsager und Wahrsagerin, <i>forspár</i>
+heisst der Zukunft kundig, <i>fjǫlkunnigr</i> im allgemeinen
+vielkundiger Zauberer. Mit <i>spákona</i> gleichbedeutend, wenn auch
+etymologisch weit abstehend, wird <i>vǫlva</i> als Bezeichnung weiser
+Frauen gebraucht. Ahd. <i>kalstarari</i> steht zu <i>kalstar</i>,
+<i>galstar</i> und meint den der Zauberlieder Kundigen. Im Nordischen
+wird <i>trollskapr</i>, <i>trolldom</i> auch von Zauberei gesagt,
+natürlich bloss von böser, schädlicher Schwarzkunst, und somit der
+Zauberer auf eine Stufe mit den Trollen gestellt. Das Wort Büssen im
+Sinne von Bessern, Heilen wendet das westfälische <i>böten</i> in Bezug
+auf alte Zaubermittel des Volkes gegenüber der gelehrten Arzneikunst
+an. Ahd. <i>hlioȥari</i>, mhd. <i>lieȥære</i> gehört zu <i>hlioȥan</i>,
+<i>lieȥen</i>, Loose werfen, und steht dem lat. <i>sortilegus</i>,
+<i>sortiarius</i> (frz. <i>sorcier</i>) gleich. Der Zauberer ist
+also, wie der Priester, ein Looser, der aus den Loosen die Zukunft
+liest. Im Ags. bedeutet <i>hléođor</i> Orakel, <i>hléođorstede</i>
+Orakelplatz, <i>hléodorcwide</i> Orakelspruch. Im Ahd. begegnet
+<i>hleotharâȥȥo</i> oder <i>hleodarsiȥȥeo</i> als negromanticus,
+hariolus glossiert. <i>Wîȥagun</i> und <i>leodarseȥȥun</i> werden
+gleichbedeutend gebraucht. Dazu steht das Femininum <i>hleodarsâȥa</i>
+vaticinium: gemeint ist das Niedersitzen zu Orakelzwecken&#x2060;<a id="FNanchor_793_793" href="#Footnote_793_793" class="fnanchor">[793]</a>, das im
+11. Jahrhundert Burchard von Worms beschreibt. In der Neujahrsnacht
+setzte man sich schwertumgürtet aufs Dach des Hauses, um zu ergründen,
+was das Jahr bringen werde. Andere setzten sich zu gleichem Zweck an
+einem Kreuzwege auf eine <span class="pagenum" id="Page_649">[S. 649]</span>Rindshaut. Man gedenkt der nordischen Sitte
+des Draussensitzens (<i>útiseta</i>, <i>sitja úti</i>), um Geister
+zu bannen. Es gab also Leute, die zur Nacht an bestimmten Plätzen
+niedersassen und Geister beschworen, um von ihnen Weissagung zu
+erlangen. Der ahd. Ausdruck lehrt, dass gewerbsmässige „Orakelsitzer“
+auf diese Art die Zukunft erforschten. Mithin ergeben sich auch aus
+den Benennungen die wichtigsten Ämter des Zauberers ziemlich genau
+übereinstimmend mit denen des Priesters, als Opfern, Beschwören,
+Runenmalen, Loosewerfen, Spähen, Weissagen, Heilen, im schlimmen Sinne
+aber Verwirren und Schädigen. Waren in den rein gottesdienstlichen
+Verrichtungen bereits den öffentlichen Priestern hochberühmte weise
+Frauen zur Seite getreten, so geschieht dies noch weit mehr im
+Zauberwesen, dessen sich vorwiegend Frauen, die Hexen, und mit starker
+Hervorkehrung der schlimmen Seite bemächtigen.</p>
+
+<p>Die Saga von Eirik dem Roten&#x2060;<a id="FNanchor_794_794" href="#Footnote_794_794" class="fnanchor">[794]</a> beschreibt das Verfahren einer
+solchen Vǫlva. Gegen Ende des 10. Jahrh. herrschte in Grönland
+grosser Notstand, Hunger und Siechtum. Infolge starken Unwetters
+waren Jagd und Fischerei wenig ergiebig gewesen. Da lebte eine weise
+Frau (<i>spákona</i>) mit Namen Thorbjorg, die kleine Vǫlva genannt.
+Von neun Schwestern war sie allein am Leben geblieben. Thorbjorg
+pflegte im Winter auf Gastgebot umherzufahren. Diejenigen, welche
+Unterweisung über ihr Schicksal und über das bevorstehende Jahr
+wünschten, entboten sie zumeist zu sich. Thorkel, der grösste Bauer
+der grönländischen Siedelung, wollte wissen, wann das herrschende
+Missjahr zu Ende gehen werde. Da lud er die weise Frau zu sich ein
+und rüstete ihr guten Empfang, wie er beim Besuch solcher Frauen
+üblich war. Ein Kissen mit Hühnerfedern gefüllt wurde auf den Hochsitz
+gelegt, als sie abends mit dem ihr entgegengesandten Mann eintraf.
+Sie war also gekleidet: sie trug einen dunkelblauen Mantel, der am
+Rand von oben bis unten mit Steinen besetzt war. Um den Hals hatte
+sie Glasperlen. Auf dem Kopfe hatte sie eine Mütze aus schwarzem
+Lammsfell, mit weissem Katzenpelz gefüttert. In der Hand trug sie
+einen Stab mit einem messingbeschlagenen, steinverzierten Knopfe. Sie
+hatte einen Gürtel um, an dem ein grosser Beutel hing, der das nötige
+Zauberzeug (<i>taufr</i>) enthielt. <span class="pagenum" id="Page_650">[S. 650]</span>An den Füssen hatte sie Schuhe
+aus rauhem Kalbsfell mit langen und starken Riemen, an deren Enden
+grosse Messingknöpfe sassen. An den Händen hatte sie Handschuhe aus
+Katzenpelz, innen weiss und zottig. Sie wurde ehrerbietig begrüsst und
+von Thorkel zum Hochsitz geleitet. Er bat sie, Herde, Vieh und Haus in
+Augenschein zu nehmen. Sie sprach bei allem nur wenig. Abends wurden
+Tische aufgetragen. Thorbjorg bekam Grütze mit Geismilch gekocht; ihre
+Speise war aus den Herzen aller Tiere, die es an Ort und Stelle gab,
+zubereitet. Sie gebrauchte einen messingnen Löffel und ein ehernes
+Messer mit einem Heft aus Walrosszahn; die Spitze war abgebrochen. Als
+die Tische abgetragen waren, fragte Thorkel, wie es ihr mit dem Haus
+und den Leuten schiene, und wenn sie Offenbarung erhielte über das,
+worüber er sie gefragt hatte und was das Volk zu wissen wünschte. Sie
+erwiderte, sie könne das nicht vor dem nächsten Morgen verkündigen,
+nachdem sie die Nacht darüber geschlafen. Andern Tags gegen Abend
+ward alles in Stand gesetzt, dass sie Zauber (<i>seiđ</i>) üben
+könnte. Sie verlangte, man solle ihr Frauen, die sich auf die zum
+Seid nötigen Lieder (<i>frœđi</i>), die sog. <i>varđlokkur</i> (d.&#8239;i.
+Geisterlockungen?) verstünden, herbeischaffen; da fand sich niemand,
+der sie wusste, obschon in den nächstliegenden Höfen nachgefragt ward.
+Da sagte Gudrid: Zwar bin ich weder zauberkundig noch eine weise
+Frau; aber meine Pflegmutter auf Island lehrte mich Lieder, die sie
+<i>varđlokkur</i> nannte. Die Lieder und was dazu gehört, sind aber
+derart, dass ich sie als Christin nicht ausüben kann. Da bat Thorkel so
+lange und inständig, bis sie endlich doch einwilligte. Thorbjorg setzte
+sich auf den Zaubersessel (<i>seidhjallr</i>) und die Frauen bildeten
+ein Kreis darum, Gudrid sang das Lied so schön und gut, dass niemand
+von den Anwesenden jemals einen schöneren Gesang gehört zu haben
+glaubte. Auch die Wahrsagerin meinte, der Sang sei schön anzuhören, und
+dankte ihr, als sie zu Ende war; sie sagte, nun seien viele Geister
+(<i>natúrur</i>) erschienen, denen das Lied wolgefiel und die zuvor
+keinen Beistand noch Gehorsam hätten leisten wollen. Nun sind mir auch
+viele Dinge ersichtlich, die mir und andern zuvor verborgen waren.
+Ich kann dir sagen, Thorkel, dass das Hungerjahr nur noch den Winter
+über dauern und im Frühling Besserung eintreten wird. Auch die Seuche,
+die hier geherrscht hat, wird sich über Erwarten schnell bessern. Der
+Gudrid weissagte sie eine ansehnliche Heirat. Dann gingen die Leute
+zu der Weissagerin <span class="pagenum" id="Page_651">[S. 651]</span>und jeder fragte das, was er am meisten zu wissen
+verlangte. Sie war gut mit ihren Aussagen und es schlug wenig fehl,
+was sie sagte. Hierauf begab sie sich wieder auf einen andern Hof, wo
+man ihrer Dienste bedurfte. Nach der Víga-Glúmssaga Kap. 12 zog die
+Oddbjorg auf Island herum. Sie richtete ihre Weissagungen günstiger
+oder ungünstiger ein, je nachdem man sie besser oder schlechter
+bewirtete. Die Orvar-Oddssaga Kap. 2 gedenkt einer Volva und Seidkona
+namens Heidr, welche durch ihre Wissenschaft ungeschehene Dinge voraus
+wusste und von Gastmahl zu Gastmahl zog, den Leuten den Gang der
+Witterung und ihre Schicksale vorauszusagen. Mit fünfzehn Knaben und
+fünfzehn Mädchen, vermutlich den Gehilfen ihrer Zauberkunst zieht sie
+herum, durch nächtlichen Seiðr erfährt sie, was sie zu wissen begehrt,
+und die Leute erhalten dann von ihr Bescheid auf allerlei Fragen.
+Wie sie den Ingjaldr in Wiken besucht, geht er ihr wie einem hohen
+Gaste mit vielem Gefolge entgegen und ladet sie förmlich ein, sein
+Haus zu betreten. Als ein ungläubiger Zuhörer, Oddr, sie beleidigt,
+packt sie ihre Sachen zusammen und zieht weiter, obwol Ingjald mit
+reichen Geschenken sie zu halten sucht. In der Vatnsdœlasaga Kap.
+10 und Landnáma 3, 2 wird von einer Finnin, die aber auch Vǫlva
+genannt wird, namens Heidr berichtet. Im Hause des Norwegers Ingjald
+nimmt sie allgeehrt den Hochsitz ein; die Leute fragen sie (<i>gengu
+til frétta</i>) um ihr künftiges Geschick. Zwei jungen Helden, dem
+Ingimund und Grim, welche nichts von ihr wissen wollen, weissagt sie
+ihre künftige Fahrt nach Island und gibt zum Wahrzeichen an, dass
+Ingimunds silbernes Freysbild aus seinem Beutel verschwinde und erst
+auf Island beim Eingraben der Hauptsäulen des Hauses wieder gefunden
+werde. Alles trifft genau nach ihrer Aussage ein. Dieselbe Saga Kap.
+44 weiss von einer isländischen Spákona Thordis, welche am Ding bei
+schwierigen Rechtsstreitigkeiten um Rat angegangen wird. Ihre Tracht
+war ein schwarzer Mantel mit Kapuze, ihr Stab, Hognudr benannt, besass
+die Kraft, einem Mann, dessen linke Wange man dreimal damit berührte,
+das Gedächtniss zu rauben und wieder zu geben, wenn man darauf mit dem
+Stabe an die rechte Wange schlug.</p>
+
+<p>Den weissagenden Frauen ist gemeinsam das Umherziehen im Lande,
+das Aufsuchen der Gastmähler, um dort ihre Kunst zu üben. Sie
+treiben nächtlichen Seid mit Beschwörungsliedern, wodurch Geister
+herangezwungen werden, durch welche ihnen <span class="pagenum" id="Page_652">[S. 652]</span>ihre Wissenschaft von der
+Zukunft vermittelt wird.&#x2060;<a id="FNanchor_795_795" href="#Footnote_795_795" class="fnanchor">[795]</a> Sie haben besondere Tracht und führen
+einen Stab (<i>valr</i>), nach welchem sie auch <i>vǫlor</i>, d.&#8239;h.
+Stabträgerinnen&#x2060;<a id="FNanchor_796_796" href="#Footnote_796_796" class="fnanchor">[796]</a> genannt werden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_653">[S. 653]</span></p>
+
+<p>Das grossartige, vielbesprochene Gedicht, das die Geschicke der Götter
+und der Welt von Anfang bis zum Ende erzählt, ist einer Vǫlva in den
+Mund gelegt und heisst daher <i>vǫlospǫ́</i>, Weissagung der Vǫlva.
+Die Volven, die im nordischen Volksglauben begegnen, befassen sich nur
+mit gewöhnlicher Wahrsagerei. Sie verkünden die künftige Witterung,
+allenfalls auch bevorstehende wichtige Ereignisse im Leben des
+Einzelnen oder der Gemeinde. Ganz anders jene Seherin, die im Geiste
+der hebräischen Propheten oder der hellenistischen Sibyllen die Zukunft
+der Welt enthüllt. Da der Inhalt des Gedichtes als fremd erwiesen ist,
+so unterliegt die Einkleidung nicht weniger diesem Verdacht. Zwar soll
+nicht behauptet werden, dass Wort und Begriff Vǫlva aus der Sibylle
+abzuleiten sei, wol aber, dass eine nordische Vǫlva, ein fahrendes
+Zauberweib, als Seherin und Prophetin in so erhabenem Stile nicht
+denkbar ist ohne das Vorbild der Sibylle.&#x2060;<a id="FNanchor_797_797" href="#Footnote_797_797" class="fnanchor">[797]</a></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wie man sich Zauberzwang dachte, zeigt die allerdings erst im 14.
+Jahrhundert verfasste Bósasaga (hrsg. von Jiriczek 1893) im Kap. 5.
+Bosi und sein Freund Herraud sollen getötet werden, da zwingt die
+galdrkundige Busla den König Hring, seine schlimme Absicht aufzugeben.
+Am Abend ging Busla in das Haus, worin Hring schlief, und hub die Bitte
+an, die Buslabitte (Buslubæen) heisst und hernach hochberühmt wurde.
+Darin sind viele schlimme Worte, die Christenleute nicht im Munde
+haben sollen. „Höre die Buslubæn, bald wird sie gesungen, so dass man
+sie hören soll in aller Welt, unheilvoll allen, die sie vernehmen, am
+schlimmsten aber dem, dem ich sie vorspreche. Mögen die Wichte irre
+gehen, Beispielloses geschehe, Felsen erbeben, Welt erzittere, Wetter
+tobe, gibst du nicht Frieden dem Herraud und Schutz dem Bosi. Dein Herz
+sollen sonst Würmer zernagen, dein Ohr nicht mehr hören, dein Auge aus
+dem Kopfe springen.“ Dem König wird angewünscht, dass bei Segelfahrt
+das Tauwerk zerreisse, die Segel in Fetzen gehen, das Steuer zerbreche,
+dass beim Ritt das Zaumwerk reisse, das Pferd lahme, die Pfade und Wege
+in Unholdshänden stehen, dass ihm auf dem Lager wie im Feuer, auf dem
+Hochsitz wie auf Wogen zu Mute sei. Will er zur Liebsten, so <span class="pagenum" id="Page_654">[S. 654]</span>soll er
+sich verirren. Der König wollte aufspringen, aber war ans Bett gebannt;
+seine Diener erwachten nicht. Da hub Busla das zweite Drittel ihres
+Liedes an. „Trolle, Alfen, Zaubernornen (<i>töfrnornir</i>), Bergriesen
+sollen deine Hallen verbrennen, Reifriesen sollen dich hassen, Hengste
+dich treten, Stroh dich stechen, Sturm dich betäuben, Weh dir werden,
+thust du nicht meinen Willen.“ Endlich hub Busla die Verse an, die
+Syrpuverse heissen, in denen der stärkste Zauber (<i>mestr galdr</i>)
+ruht. Nicht ists erlaubt, sie nach Sonnenuntergang herzusagen. Und so
+heisst es gegen Ende: „Sechse mögen her kommen, sag mir ihre Namen,
+alle ungebunden, ich will sie dir zeigen: errätst du sie nicht richtig,
+so sollen dich Hunde tot beissen und soll dein Saal zur Hölle sinken:</p>
+
+<p class="center">ᚱ.&#8194;ᚨ.&#8194;ᚦ.&#8194;Υ.&#8194;ᛉ.&#8194;ᚢ.</p>
+
+<p class="p0">Rate diese Namen, sonst soll alles Schlimme über dich ergehen, das ich
+dir angewünscht habe, ausser du erfüllst mein Verlangen.“ Wie eine
+Mare kommt Busla über den schlafenden König und quält ihn mit immer
+stärkeren Verwünschungen, bis er ihr den Willen thut. Neben dem Galdr,
+der das bewirkt, begegnet auch noch das Runenzeichen, freilich nicht in
+der ursprünglichen Anwendung. So, glaubte man, übten die Hexen zumal
+auf Schlafende ihre schädigende Macht aus mit Alpdruck und Verwünschung.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Eine besondere Art von Zauberei hiess im Norden <i>seidr</i>, das
+Ausüben derselben <i>síđa</i>, <i>efla seiđ</i>, <i>fremja seiđ</i>,
+<i>setja seiđ</i>.&#x2060;<a id="FNanchor_798_798" href="#Footnote_798_798" class="fnanchor">[798]</a> Seid wird von Männern (<i>seiđmađr</i>,
+<i>seiđberandi</i>) und besonders auch von Frauen (<i>seiđkona</i>)
+getrieben. Das Wesen solcher Zauberleute wird als ein absonderliches
+geschildert; einzelne Angaben über die Art ihrer Heimlichkeiten fehlen.
+Nur soviel ist zu entnehmen, dass der Seid bei Nacht geschah, dass
+der Zauberer auf einem Stuhle sass (<i>seiđhjallr</i>), dass es auch
+dabei besonderer Lieder und Formeln bedurfte. Man bediente sich des
+Seids zur Erregung von Sturm und Unwetter (<i>gjǫrningaveđr</i>) und
+zur Stillung, wobei der Zaubernde in Walfischgestalt oder auf einem
+Walfisch reitend mitten in den Wogen, das gefährdete Schiff umkreisend,
+erscheinen kann, um Nacht und Nebel auf die Feinde zu werfen, um Feinde
+zu töten, <span class="pagenum" id="Page_655">[S. 655]</span>um irgendwie Schaden zu stiften, um jemand gegen Eisen fest
+zu machen, um die Zukunft zu erkunden. Den Liedern (<i>frœđi</i>,
+<i>galdr</i>, <i>varđlokkur</i>), welche beim Seid gesungen wurden,
+wohnte ganz besondere bezaubernde Kraft inne. In der Laxdœlasaga Kap.
+37 ist davon die Rede. Zwei Isländer, Hrutr und Thorleikr lagen in
+Fehde. Thorleikr nahm die Hilfe des zauberkundigen Kotkell und seiner
+Frau Grima in Anspruch, um Hrutr zu schaden. Kotkell, Grima und ihre
+Söhne fuhren bei Nacht zum Hofe Hruts und stellten einen gewaltigen
+Seid an. Als der Seidgesang anhub, wussten die, welche im Hause
+weilten, nicht recht, was es bedeuten sollte; aber der Sang war sehr
+schön anzuhören. Hrutr allein kannte das Lied und verbot jedem, in
+dieser Nacht aus dem Hause zu schauen, und befahl allen, sich womöglich
+wach zu halten, dann werde nichts Schlimmes geschehen. Trotzdem fielen
+alle in Schlaf; Hrutr blieb am längsten wach, zuletzt entschlief auch
+er. Kari hiess ein Sohn Hruts, der war damals 12 Winter alt und der
+hoffnungsvollste von den Söhnen Hruts, den er sehr liebte. Gegen ihn
+war der Zauber gerichtet, daher konnte er nicht schlafen, sondern wurde
+immer unruhiger. Endlich sprang er auf und sah hinaus. Er näherte sich
+dem Seid und fiel tot nieder.</p>
+
+<p>Vergleicht man den Seid mit den übrigen Zauberbräuchen, so herrscht
+inhaltlich kein durchgreifender Unterschied, indem alle grossenteils
+zum selben Zwecke dienen. Die Wahrsagerinnen (vǫlur) um Rat anzugehen,
+galt im Heidentum nicht für schimpflich; aber die Vǫlva Thorbjorg übt
+auch Seid, um die Zukunft zu erfahren. Die Ynglingasaga Kap. 16 erzählt
+von der Finnin Huldr, die als Volva und Seidkona bezeichnet wird. Mit
+ihrer Zauberkunst soll sie im Auftrag der Finnenkönigin Drifa den
+Wanlandi aus Uppsala nach Finnland zurückzaubern oder töten. Sie kam
+als Mare über den Schlafenden und drückte ihn zu Tode. Eine Reihe von
+Stellen lehrt unzweideutig, dass der Seid bereits im Heidentum für
+ehrenrührig und verwerflich galt. Harald harfagri liess seinen eignen
+Sohn Rognwald, weil er ein Seidmann geworden war, mit achtzig solcher
+Zauberer durch dessen Bruder Eirik in den Flammen umkommen (Fornmanna
+sögur 1, 10 ff.). In geringschätziger Weise gedenkt die Vǫlospǫ́ 22
+der Gullweig, die als wahrsagende Vǫlva von Haus zu Haus zog und
+hirnverrückenden Seid trieb; auf ihrem Gewerbe stand Todesstrafe, denn
+Gullweig wird mit Geeren durchbohrt und verbrannt, als sie <span class="pagenum" id="Page_656">[S. 656]</span>unter den
+Asen erscheint. Darauf hin nennt Snorri in der Ynglingasaga Kap. 4
+die Freyja als die Erfinderin des zuvor den Asen unbekannten Seids.
+In derselben Saga Kap. 7 wird der Seid als die schlimmste Art des
+Zaubers bezeichnet, welche zu lernen Männer ebendarum sich geschämt
+hätten. In der Lokasenna 24 entgegnet Loki der argen Schelte, er
+sei ein Weib gewesen und habe geboren, mit dem ebenso schmählichen
+Vorwurf, Odin habe als Vǫlva auf Samsey Seid verübt und sei als Hexe
+über Land gefahren.&#x2060;<a id="FNanchor_799_799" href="#Footnote_799_799" class="fnanchor">[799]</a> Worin liegt nun der eigentliche Gegensatz
+zwischen den übrigen erlaubten Zauberkünsten und dem Seid? Zweifellos
+unterschied bereits das germanische Heidentum zwischen anständigem,
+vom Gottesdienst geweihtem Zauber und sträflichem, verabscheutem
+Missbrauch. Das Ehrenrührige scheint in der ausgesprochenen Absicht,
+Schaden anzustiften, belegen zu sein. Erlaubter Zauber schützte und
+übte allenfalls Notwehr, böser Zauber trachtete mit feiger Heimlichkeit
+nach Schaden. Es ist doch ein anderes, sich einem Feinde gegenüber
+möglichst viel Vorteile zu verschaffen, als ihn aus der Ferne zu
+vernichten. Der Runenzauber betont, Wind und Woge zu beschwichtigen,
+der Seiðr sucht ein Zauberwetter zu erregen. Hier ist auf Schutz, dort
+auf Schaden Bedacht genommen. In den Runen und Galdrn mögen mehr die
+Volksgötter, im Seid die Gespenster hervorgetreten sein. Im Valgaldr
+ist freilich kein Unterschied, ob Odin oder ein Seidmann ihn übt.
+Abgesehen von den moralischen Bedenken, die am heimlichen schädlichen
+Zauber an und für sich haften, geht auf die Leute, die ihn ausüben,
+viel vom Wesen der Geister, mit denen sie ständigen Verkehr pflegen,
+über. Daher übler Zauber Trolldom und Trollskap, Trollentum und
+Trollenschaft heisst und die Benennungen Seiðkonur und Trǫllkonur mit
+einander abwechseln. Schon im Heidentum standen bei den Westgermanen
+die Hexen, die schädlichen Zauberinnen, in tiefer Verachtung. Die
+Hexe ist auf den Schaden anderer mit Saatverderben, Hagelmachen,
+Milchverhexen aus. Sie fährt bei Nacht aus, sie verwandelt sich in
+Tiergestalt und tritt als Märe auf. Ist die jüngste <span class="pagenum" id="Page_657">[S. 657]</span>von Noreen&#x2060;<a id="FNanchor_800_800" href="#Footnote_800_800" class="fnanchor">[800]</a>
+vorgeschlagene Deutung des Wortes berechtigt, so gehört die Hexe zu
+den feindlichen, hassenden, unholden Waldgeistern. Das Zauberweib,
+das nur Schlimmes thut und die Dienste unholder Geister in Anspruch
+nimmt, wird selber unhold. Die christliche Zeit verfolgte die Hexen
+seit dem 14. Jahrh., nachdem Ketzerei und Teufelsbuhlschaft als neue
+Vorwürfe hinzugekommen waren. Bringt man diese deutlich erkennbaren
+fremden Bestandteile in Abzug, so bleibt die Hexe in der Gestalt übrig,
+in der schon die Heiden sie ebenso tief verachteten und mitunter
+strafrechtlich verfolgten wie die Seiðkona. Gotischer Hexen thut
+Jordanes Kap. 24 Erwähnung. König Filimer vertrieb die verdächtigen,
+unheimlichen Zauberweiber, die Haljarunen, die Höllenzauberinnen,
+aus der Gemeinschaft des Volkes in die Wüste, wo unreine Geister
+(<i>spiritus immundi per eremum vagantes</i>) sich ihrer bemächtigten
+und die Hunnen mit ihnen erzeugten. Die Hexen werden somit in die
+Gemeinschaft der Unholde gewiesen, denen sie ihres Zaubergewerbes
+halber am nächsten stehen und die in der wüsten, unbebauten Wildniss
+daheim sind.</p>
+
+<p>Mithin schliessen wir, Seiðr ist Hexerei; beide scheiden sich vom
+erlaubten Zauber dadurch, dass sie vorwiegend auf den Schaden
+anderer gerichtet sind und mit Hilfe feindseliger, unholder Geister
+wirksam werden. Beim nordischen Seid ist aber noch ein weiterer
+Umstand zu erwägen, der sein fremdartiges Wesen erklären könnte,
+der wahrscheinliche Zusammenhang mit <em class="gesperrt">finnischer</em> Zauberei.
+Die norwegische Landschaft Halogaland grenzt an Finnmark, den Herd
+alles Zauberwesens, wohin man von Norwegen herüberkam, um sich
+Rat zu erfragen oder in geheime Kunst einweihen zu lassen, wo die
+Eindringenden von mannigfachem Blendwerk beirrt und befallen wurden
+und von wo die kundigsten Zauberleute mit ihren Fertigkeiten in andre,
+vornehmlich die nächstgelegenen Länder ausgingen. Als die Bekehrung
+vom Süden Norwegens zum Norden aufstieg, begegnete sie gerade dort
+hartnäckigem Widerstande eifriger Opferer und Zauberer (<i>blótmenn</i>
+und <i>seiđmenn</i>). Beziehungen zwischen norwegischen Opferern und
+finnischen Zauberern sind mehrfach zu belegen. Harald harfagri war mit
+Snäfrid, des Finnenkönigs Svasi <span class="pagenum" id="Page_658">[S. 658]</span>Tochter vermählt; beider Sohn ist
+Rognwald, der Seidmann, der seiner Mutter nach geartet war; von ihm
+stammte der zauberkundige Eywind Kelda, der mit einem grossen Geleite
+von Seidmenn und Zauberleuten dem König Olaf Tryggvason entgegen trat.
+Eywind Kinnrifas Geburt hing mit der Befragung zauberkundiger Finnen
+zusammen. König Olaf selber, obwol Christ, holte einmal bei einem
+weisen Finnen Rat und Voraussage ein. Thorir Hund verschaffte sich
+von den Finnen ein Zaubergewand aus Renntierfellen, das allen Waffen
+widerstand, und mit welchem angethan er in der Schlacht bei Stiklastad
+an der Spitze der Haleygjer dem König Olaf entgegentrat und, vor dessen
+Schwertschlag durch diesen Finnenzauber geborgen, ihn mit dem Speere
+durchstach. Noch die norwegischen Christenrechte strafen das Fahren
+zu den Finnen und den Glauben an ihre Wahrsagerei.&#x2060;<a id="FNanchor_801_801" href="#Footnote_801_801" class="fnanchor">[801]</a> Die Vǫlva
+Heidr, die nach der Landnáma dem Ingimund die Fahrt und Ansiedlung in
+Island vorhersagt, heisst in der Vatnsdœlasaga Kap. 10 eine Finnin.
+Mit Hilfe von drei Finnen erprobt Ingimund nach Kap. 12 die Wahrheit
+ihrer Aussage. Die Finnenkünste bestehen also in Wettermachen und
+Zaubernebel, Pfeilschiessen und hiebfestem Fellgewand, Hellseherei,
+Wissen von verborgenen und künftigen Dingen. War doch schon bei Skadi
+und Thorgerd Hölgabrud Einwirkung finnischen Glaubens zu erkennen,
+so dass es nicht wunder nehmen kann, wenn auch die Zauberkünste im
+nördlichen Norwegen durch Aufnahme finnischer Bestandteile vermehrt
+wurden. Zwar ein tieferer Einfluss des Finnentums, wodurch die
+innere Selbständigkeit skandinavischen Götterdienstes gefährdet
+worden wäre, liegt nicht vor. Die Zaubersegen, gute wie böse,
+nützliche wie schädliche, waren den übrigen Germanenstämmen mit den
+nordischen gemein, diese suchten nur ihren angestammten Besitz aus dem
+gleichartigen Schatze der nachbarlichen Finnen zu erweitern, von denen
+das Zauberwesen mit besondrer Vorliebe und Kennerschaft gepflegt wurde.</p>
+
+<p>Besteht die Vermutung finnischer Einflüsse beim nordischen Seid zu
+recht; so wäre damit sein Ursprung auf den nördlichen an Finnland
+grenzenden Teil Norwegens zurückzuführen, wo die <span class="pagenum" id="Page_659">[S. 659]</span>gemeingermanische
+Vorstellung schädlicher Hexerei, mit finnischem Zauber vermischt, diese
+eigenartige Form annahm.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Traumdeuterei spielt im Volksglauben eine grosse Rolle. Ist doch der
+Traum von den Draugen, den Gespenstern verursacht. Im Traum verkehrt
+die Seele des Schlafenden mit den Gespenstern, diesen aber ist die
+Gabe der Weissagung eigen. Der Traum zeigt entweder die Zukunft
+genau wie das zweite Gesicht an, oder er gewährt nur Vorzeichen,
+die ausgelegt werden müssen. Da tritt die Traumdeuterei ein, die
+meist mit Hilfe allgemein bekannter abergläubischer Auslegung von
+jedem Träumenden selber geübt wird, aber in schwierigen Fällen die
+Befragung von besonders erfahrenen Leuten erfordert. Die Wahrsager
+und Wahrsagerinnen werden sich gewiss auch mit Auslegung von Träumen
+befasst haben, obwol kein Fall ausdrücklich erwähnt wird. Den Typus
+gewerbsmässiger Traumdeuter bildete namentlich die mittelalterliche
+romantische Litteratur aus, welcher Gestalten wie Drauma-Jón, Jon der
+Traumdeuter&#x2060;<a id="FNanchor_802_802" href="#Footnote_802_802" class="fnanchor">[802]</a> entstammen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Zur Ausübung der Zauberei werden häufig bestimmte örtliche und
+zeitliche Umstände gefordert. Da die Zauberei von der Geisterwelt
+abhängig ist, so kommen vorwiegend die Schwarmzeiten der Geister in
+Betracht, also die grossen, besonders die winterlichen Jahresfeste,
+im christlichen Kalender Neujahr und die Zwölften, Allerseelen und
+noch viele andere bestimmte Tage, die zur Loosung günstig sind. Die
+Beschwörung gelingt besser bei Nacht als bei Tag, darum liebt der
+Zauber das Dunkel und scheut das Licht. Die Geister gehen gern an
+gewissen Orten, wie auf Gräbern und Kirchhöfen, auf Richtplätzen, an
+Kreuzwegen, um und sind natürlich auch dort am besten zu treffen und
+um Hilfe anzurufen. Doch lassen sich überall giltige Regeln nicht
+aufstellen, indem aussergewöhnliche Vorfälle auch ausserordentliche
+Zauberhandlungen mit sich brachten.</p>
+
+<p class="mbot2">Nicht nur in zahlreichen mündlich fortgepflanzten Besprechungen und
+im Brauche festgehaltenen Handlungen, deren Sinn aber fast immer
+völlig entstellt und unverständlich geworden ist, sondern auch in viel
+gebrauchten schriftlichen Anweisungen, die <span class="pagenum" id="Page_660">[S. 660]</span>im Druck verbreitet sind,
+lebt das Zauberwesen mit Opfer, Beschwörung und Spruch noch heute
+fort.&#x2060;<a id="FNanchor_803_803" href="#Footnote_803_803" class="fnanchor">[803]</a></p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="s3" id="Nachtraege">Nachträge.</h2>
+
+</div>
+
+<div class="s5">
+
+<p id="Nachtrag_Welderich"><a href="#Waldriesen">S. 188</a>. Welderich, urspr. Waltrich, in umgekehrter Folge Richwalt,
+hat mit Wald, silva, nichts zu schaffen, dürfte aber in den späteren
+Gedichten als Wälderherr verstanden worden sein.</p>
+
+<p><a href="#Footnote_153_153">S. 201 Anm. 1</a>. Die Glosse <i>turpines zui</i> (Steinmeyer-Sievers, Ahd.
+Glossen 3,4) hat mit Ziu nichts zu schaffen. Henning, Über die St.
+Gallischen Sprachdenkmäler S. 18 und Anm. zur Glosse sucht jedenfalls
+andere als mythologische Anknüpfung.</p>
+
+<p id="Nachtrag_Garmangabis"><a href="#Footnote_583_583">S. 470 Anm. 3</a>. Zur <i>dea Garmangabis</i>, der „aus der immer bereiten
+Fülle des Reichtums Spendenden“ vgl. Kauffmann, Beiträge 20, 526 ff.;
+sie soll der Nerthus gleich sein.</p>
+
+<p id="Nachtrag_Muspilli"><a href="#Footnote_665_665">S. 539 Anm. 1</a>. Neue Belege zum germanischen Wort <i>mott</i>
+(Deutsches Wörterbuch 6, 2600 f.), <i>motta</i>, <i>mota</i> im Sinne
+von schwarze Erde, Wasen (vgl. Muspilli 58 <i>daȥ preila uuasal
+allaȥ uarprinnit</i>) bei Bruckner, Die Sprache der Langobarden S.
+6 f. Dürften wir die germanischen Wörter <i>mû</i> und <i>mut</i>,
+<i>mot</i> doch in erweiterter Bedeutung annehmen, so könnte auf lat.
+<i>mundus</i> verzichtet werden. Sachlich wird nichts geändert, ob
+der erste Teil der Zusammensetzung <i>mud-spilli</i> lateinisch oder
+deutsch ist. Wie die Vǫlo-spǫ́ den Weltbrand <em class="gesperrt">verkündigt</em>, so
+mud-<i>spilli</i>, die <em class="gesperrt">Weissagung</em> von der Welt. Es möchte der
+Ausdruck auch unter Einfluss des lateinischen und deutschen Wortes
+zugleich mit volksetymologischer Umbildung entstanden sein.</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_661">[S. 661]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Namenverzeichniss">
+ Namenverzeichniss.
+ </h2>
+
+</div>
+
+<ul class="index">
+ <li class="ifrst">A.</li>
+
+ <li class="indx">Adelung, F. <a href="#Page_8">8</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ägir <a href="#Page_162">162</a>. <a href="#Page_169">169</a>. <a href="#Page_174">174 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Ägirs Töchter <a href="#Page_177">177</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Alf <a href="#Page_124">124</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Afhus <a href="#Page_601">601</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Agathias <a href="#Page_62">62</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ahnendienst <a href="#Page_92">92 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Alaisiagae <a href="#Page_460">460 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Alb <a href="#Page_124">124</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Alberich <a href="#Page_126">126 ff.</a> <a href="#Page_129">129</a>. <a href="#Page_133">133</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Albleich <a href="#Page_128">128</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Alfar <a href="#Page_123">123 f.</a> <a href="#Page_133">133 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Alh <a href="#Footnote_726_726">593 Anm. 2</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ali <a href="#Page_395">395</a>. <a href="#Footnote_485_485">396 Anm.</a></li>
+
+ <li class="indx">Alkîȥ <a href="#Page_214">214</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Alp <a href="#Page_124">124</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Alptraum <a href="#Page_74">74 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Alswid <a href="#Page_487">487</a>. <a href="#Page_523">523</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Altar <a href="#Page_595">595 f.</a> <a href="#Page_601">601</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Alwis <a href="#Page_282">282 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Ammianus Marcellinus <a href="#Page_62">62</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Angang <a href="#Page_639">639</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Angrboda <a href="#Page_425">425</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ans <a href="#Page_194">194</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ansîȥ <a href="#Page_93">93</a>. <a href="#Page_194">194</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Appian <a href="#Page_61">61</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Aptrganga <a href="#Page_85">85</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Arngrímr Jónsson <a href="#Page_3">3</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Arnkiel, Trogillus <a href="#Page_4">4</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Arnold, Chr. <a href="#Page_5">5</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Arwakr <a href="#Page_487">487</a>. <a href="#Page_488">488</a>. <a href="#Page_523">523</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Asega <a href="#Page_617">617</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Asgard <a href="#Page_200">200</a>. <a href="#Page_518">518</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ask <a href="#Page_526">526 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Askafroa <a href="#Page_153">153</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Áss <a href="#Page_194">194 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Aud <a href="#Page_523">523</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Audumla <a href="#Page_515">515</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Aurwandil <a href="#Page_269">269 f.</a></li>
+
+
+ <li class="ifrst">B.</li>
+
+ <li class="indx">Baduhenna <a href="#Page_459">459 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Bäda <a href="#Page_63">63</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Bäldäg <a href="#Footnote_447_447">366 Anm. 3</a>. <a href="#Page_382">382</a>. <a href="#Page_522">522</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Baldr <a href="#Page_366">366 ff.</a> <a href="#Page_420">420 ff.</a> <a href="#Page_533">533</a>. <a href="#Page_536">536</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Barditus <a href="#Page_579">579</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Bastian <a href="#Page_26">26</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Baugi <a href="#Page_338">338</a>. <a href="#Page_352">352</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Bede <a href="#Page_460">460 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Beli <a href="#Page_236">236</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Berchta <a href="#Page_492">492 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Berge als Aufenthalt der Seelen <a href="#Page_88">88 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Bergelmir <a href="#Page_514">514</a>. <a href="#Page_516">516</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Bergriesen <a href="#Page_185">185 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Berserker <a href="#Page_102">102 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Bestla <a href="#Page_355">355</a>. <a href="#Page_515">515</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Beyla <a href="#Page_234">234 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Bifrost <a href="#Page_525">525</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Bil <a href="#Page_437">437</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Billings Maid <a href="#Page_337">337</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Bilskirnir <a href="#Page_262">262</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Bilwis <a href="#Page_157">157 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Björn Jónsson <a href="#Page_3">3</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Bjorn <a href="#Page_335">335</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Blain <a href="#Page_525">525</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Blôstreis <a href="#Page_614">614</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Blót <a href="#Page_559">559</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Blótspánn <a href="#Page_634">634</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Bodn <a href="#Page_338">338</a>. <a href="#Page_352">352</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Bolthorn <a href="#Page_349">349</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Bǫlverk <a href="#Page_337">337 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Bǫnd <a href="#Page_196">196</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Bous <a href="#Page_307">307</a>. <a href="#Page_367">367</a>. <a href="#Page_376">376 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Bragi <a href="#Page_400">400 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Bragi, Skald <a href="#Page_45">45 f.</a> <a href="#Page_403">403 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Breidablik <a href="#Page_367">367</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Brimir <a href="#Page_525">525</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Brísingamen <a href="#Page_363">363</a>. <a href="#Page_441">441 f.</a> <a href="#Page_452">452 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Brokk <a href="#Page_419">419 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Bruni <a href="#Page_331">331</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Brynhild <a href="#Page_320">320 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Brynjulfr Sveinsson <a href="#Page_3">3</a>. <a href="#Page_67">67 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Bugge, Sophus <a href="#Page_44">44 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Bur <a href="#Page_355">355</a>. <a href="#Page_515">515</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Buri <a href="#Page_355">355</a>. <a href="#Page_515">515</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Buslubæen <a href="#Page_653">653</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Byggwir <a href="#Page_234">234 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Byleiftr <a href="#Page_410">410 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Byleistr <a href="#Page_410">410 f.</a></li>
+
+
+ <li class="ifrst">C.</li>
+
+ <li class="indx">Caesar <a href="#Page_61">61</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Caesarius v. Heisterbach <a href="#Page_65">65</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Chlungere <a href="#Page_495">495</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ciesburg <a href="#Page_205">205</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Cisatag <a href="#Page_586">586</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Claudianus <a href="#Page_62">62</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Clüver, Philip <a href="#Page_1">1</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Cofgodas <a href="#Page_141">141</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Cotinc <a href="#Page_614">614</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Crantz, A. <a href="#Page_5">5</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Creutzer <a href="#Page_11">11</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Cyuuari <a href="#Page_205">205 f.</a></li>
+
+
+ <li class="ifrst">D.</li>
+
+ <li class="indx">Dagr <a href="#Page_190">190</a>. <a href="#Page_523">523</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Delling <a href="#Page_523">523</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Diana <a href="#Page_496">496</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Diar <a href="#Footnote_149_149">195 Anm. 2</a>. <a href="#Page_309">309</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Dietmar v. Merseburg <a href="#Page_63">63</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Dioskuren <a href="#Page_215">215 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Disen <a href="#Page_100">100</a>. <a href="#Page_104">104 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Dökkalfar <a href="#Page_126">126</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Dofri <a href="#Page_185">185</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Doggele <a href="#Page_76">76</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Donar <a href="#Page_193">193</a>. <a href="#Page_243">243 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Drachen <a href="#Page_178">178 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Draugen <a href="#Page_85">85 ff.</a> <a href="#Page_149">149</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Draupnir <a href="#Page_312">312</a>. <a href="#Page_371">371</a>. <a href="#Page_419">419</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Druckerle <a href="#Page_76">76</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Dürs <a href="#Page_161">161</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Dürstengejeg <a href="#Page_181">181</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Dult <a href="#Page_567">567</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Dumbr <a href="#Page_191">191</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Durin <a href="#Page_525">525</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Duris <a href="#Page_161">161</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Dvergmál <a href="#Page_135">135</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Dvergr <a href="#Page_134">134</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">E.</li>
+
+ <li class="indx">Eccard, J. G. <a href="#Page_4">4</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Edda des Snorri <a href="#Page_69">69</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Eddalieder <a href="#Page_66">66 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Eggther <a href="#Page_534">534</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Eidesleistung <a href="#Page_548">548</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Eidring <a href="#Page_599">599 f.</a> <a href="#Page_618">618</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Eikthyrnir <a href="#Page_314">314</a>. <a href="#Page_529">529</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Einherjar <a href="#Page_313">313 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Eir <a href="#Page_435">435</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Eiriksmǫ́l <a href="#Page_317">317</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Elbe <a href="#Page_122">122 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Elbenschuss <a href="#Page_132">132</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Eldr <a href="#Page_189">189</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Elf <a href="#Page_124">124</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Eliwagar <a href="#Page_513">513</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Embla <a href="#Page_526">526 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Ent <a href="#Page_162">162</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Enz <a href="#Page_162">162</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Eostre <a href="#Page_488">488 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Eoten <a href="#Page_161">161</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Er <a href="#Page_210">210</a>. <a href="#Page_213">213</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Erfiǫl <a href="#Page_92">92</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Erminonen <a href="#Page_207">207 f.</a> <a href="#Page_503">503</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Esago <a href="#Page_614">614</a>. <a href="#Page_616">616 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Etan <a href="#Page_161">161</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ewart <a href="#Page_614">614</a>. <a href="#Page_616">616 f.</a></li>
+
+
+ <li class="ifrst">F.</li>
+
+ <li class="indx">Fárbauti <a href="#Page_184">184</a>. <a href="#Page_409">409</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Fasolt <a href="#Page_181">181</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Feldelbe <a href="#Page_156">156 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Feldzeichen <a href="#Page_602">602 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Fenja <a href="#Page_187">187</a>. <a href="#Page_241">241</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Fenrir <a href="#Page_178">178</a>. <a href="#Page_424">424 ff.</a> <a href="#Page_524">524</a>. <a href="#Page_534">534</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Festzeiten <a href="#Page_580">580 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Festzüge <a href="#Page_578">578 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Feuerriesen <a href="#Page_189">189 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Fimafeng <a href="#Page_420">420 f.</a> <a href="#Page_423">423</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Fimmilene <a href="#Page_460">460 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Finnur Jónsson <a href="#Page_41">41 f.</a> <a href="#Page_44">44 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Finn Magnusen <a href="#Page_12">12</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Fjalar <a href="#Page_351">351</a>. <a href="#Page_534">534</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Fjorgyn <a href="#Page_264">264</a>. <a href="#Page_454">454</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Fold <a href="#Page_455">455 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Folkwang <a href="#Page_314">314</a>. <a href="#Page_437">437</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Forniot <a href="#Page_169">169</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Forseti <a href="#Page_386">386 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Fosite <a href="#Page_387">387 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Fossegrim <a href="#Page_146">146</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Frau Gode <a href="#Page_494">494</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Frau Holle <a href="#Page_491">491 f.</a> <a href="#Page_498">498</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Frau Hütt <a href="#Page_186">186</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Fréa Ingwina <a href="#Page_233">233 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Fréawine <a href="#Page_242">242</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Freyfaxi <a href="#Page_226">226</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Freyja <a href="#Page_221">221</a>. <a href="#Page_288">288</a>. <a href="#Page_414">414 ff.</a> <a href="#Page_437">437 ff.</a> <a href="#Page_453">453</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Freyr <a href="#Page_218">218 ff.</a> <a href="#Page_535">535</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Freys Eber <a href="#Page_224">224</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Freysgoden <a href="#Page_226">226 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Freys leikr <a href="#Page_231">231</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Freys vinr <a href="#Page_227">227</a>. <a href="#Page_242">242</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Frigg <a href="#Page_306">306 ff.</a> <a href="#Page_430">430 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Frijô <a href="#Page_193">193</a>. <a href="#Page_215">215 ff.</a> <a href="#Page_299">299 f.</a> <a href="#Page_429">429 ff.</a> <a href="#Page_452">452 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Frodi <a href="#Page_240">240 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Fronfastenweib <a href="#Page_495">495</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Frôwin <a href="#Page_242">242</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Fru Freke <a href="#Page_494">494</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Fulla <a href="#Page_431">431</a>. <a href="#Page_432">432</a>. <a href="#Page_435">435</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Fylgja <a href="#Page_98">98 ff.</a></li>
+
+
+ <li class="ifrst">G.</li>
+
+ <li class="indx">Gâchschepfen <a href="#Page_104">104</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Galar <a href="#Page_351">351</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Galdr <a href="#Page_628">628 ff.</a> <a href="#Page_641">641</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Galstr <a href="#Page_628">628 ff.</a> <a href="#Page_648">648</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gandr <a href="#Page_119">119</a>. <a href="#Footnote_795_795">652 Anm. 1</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gandreið <a href="#Page_119">119</a>. <a href="#Footnote_795_795">652 Anm. 1</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gangrad <a href="#Page_341">341</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Garmangabis <a href="#Footnote_583_583">470 Anm. 3</a>. <a href="#Nachtrag_Garmangabis">Nachträge</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Garmr <a href="#Page_473">473</a>. <a href="#Page_534">534</a>. <a href="#Page_535">535</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gaut <a href="#Page_301">301</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Géat <a href="#Page_301">301</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gebet <a href="#Page_559">559 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Gefn <a href="#Page_446">446 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Gefjon <a href="#Page_446">446 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Geirröd <a href="#Page_183">183</a>. <a href="#Page_274">274 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Geirvíf <a href="#Page_109">109</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Geld <a href="#Page_560">560</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gemeindeopfer <a href="#Page_573">573 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Gerd <a href="#Page_162">162</a>. <a href="#Page_235">235 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Gerstenberg <a href="#Page_6">6</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Geruthus <a href="#Page_278">278 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Gervasius von Tilbury <a href="#Page_65">65</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gespenster <a href="#Page_85">85 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Gest <a href="#Page_341">341 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Gimle <a href="#Page_536">536</a>. <a href="#Page_542">542 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Ginnunga gap <a href="#Page_511">511 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Gjallarhorn <a href="#Page_361">361</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gjalp <a href="#Page_275">275</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gladsheim <a href="#Page_313">313</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Glasir <a href="#Page_314">314</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gna <a href="#Page_436">436</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gnípa <a href="#Page_185">185</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gode <a href="#Page_611">611</a>. <a href="#Page_614">614 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Godord <a href="#Page_611">611</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Göranson, J. <a href="#Page_8">8</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Görres <a href="#Page_11">11</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Götterbilder <a href="#Page_602">602 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Götterdämmerung <a href="#Footnote_662_662">537 Anm.</a></li>
+
+ <li class="indx">Golther, W. <a href="#Page_49">49</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gott <a href="#Page_194">194</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gräter, D. <a href="#Page_7">7</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gregor v. Tours <a href="#Page_63">63</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Greip <a href="#Page_275">275</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Grendel <a href="#Page_173">173</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Grid <a href="#Page_275">275</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Grim <a href="#Page_146">146</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Grimm, Brüder <a href="#Page_65">65</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Grimm, Jacob <a href="#Page_16">16 ff.</a> <a href="#Page_65">65</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Grimnir <a href="#Page_340">340</a>. <a href="#Page_357">357</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Grönjette <a href="#Page_181">181</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Grundtvig, N. F. S. <a href="#Page_7">7</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Groa <a href="#Page_269">269 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Gruppe, Otto <a href="#Page_35">35 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Gudja <a href="#Page_614">614</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gudmund <a href="#Page_278">278</a>. <a href="#Page_280">280 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Gullinkambi <a href="#Page_534">534</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gullweig <a href="#Page_221">221</a>. <a href="#Page_444">444</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gungnir <a href="#Page_311">311 f.</a> <a href="#Page_419">419</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gunnlod <a href="#Page_185">185</a>. <a href="#Page_337">337 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Gyðja <a href="#Page_615">615</a>. <a href="#Page_622">622</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gylfi <a href="#Page_222">222</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Gymir <a href="#Page_175">175</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">H.</li>
+
+ <li class="indx">Haffrú <a href="#Page_146">146</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hagazusa <a href="#Page_116">116</a>. <a href="#Footnote_800_800">657 Anm. 1</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hakelberg <a href="#Page_285">285</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Haksche <a href="#Page_494">494</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Haljarûna <a href="#Page_643">643</a>. <a href="#Page_645">645</a>. <a href="#Page_657">657</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hamingja <a href="#Page_100">100 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Hammer Thors <a href="#Page_245">245</a>. <a href="#Page_251">251 f.</a> <a href="#Page_419">419</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hammerich, Martin <a href="#Page_40">40</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hamr <a href="#Page_100">100 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Har <a href="#Page_338">338 f.</a> <a href="#Page_355">355</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Harbard <a href="#Page_256">256 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Harbardslied <a href="#Page_256">256 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Harlunge <a href="#Page_217">217</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hartunge <a href="#Page_217">217</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Haruc <a href="#Page_591">591</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Harugari <a href="#Page_614">614</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hati <a href="#Page_487">487</a>. <a href="#Page_524">524</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hauch <a href="#Page_7">7</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Haȥusa <a href="#Page_116">116</a>. 657 <a href="#Footnote_800_800">Anm. 1</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Heiddraupnir <a href="#Page_347">347</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Heidrun <a href="#Page_314">314</a>. <a href="#Page_528">528</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Heimdall <a href="#Page_359">359 ff.</a> <a href="#Page_533">533</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hel <a href="#Page_425">425 f.</a> <a href="#Page_471">471 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Helblindi <a href="#Page_410">410 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Helskor <a href="#Page_92">92</a>. <a href="#Page_471">471</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Henneberg <a href="#Page_14">14</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hercules magusanus <a href="#Footnote_225_225">243 Anm. 3</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Herfjotr <a href="#Page_112">112</a>. <a href="#Page_113">113 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Hermod <a href="#Page_357">357</a>. <a href="#Page_371">371 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Herodias <a href="#Page_496">496 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Hexen <a href="#Page_116">116 ff.</a> <a href="#Page_656">656 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Himinbjorg <a href="#Page_361">361</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hiune <a href="#Page_161">161</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hjálmvítr <a href="#Page_109">109</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hlaut <a href="#Page_600">600</a>. <a href="#Footnote_779_779">631 Anm. 1</a>. <a href="#Page_641">641</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hleodarsâȥȥo <a href="#Page_648">648</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hléoðor <a href="#Page_648">648</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hler <a href="#Page_169">169</a>. <a href="#Page_175">175</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hlidskjalf <a href="#Page_324">324</a>. <a href="#Page_518">518</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hlin <a href="#Page_436">436</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hlioȥari <a href="#Page_648">648</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hlodyn <a href="#Page_461">461 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Hlorridi <a href="#Page_282">282</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hludana <a href="#Page_461">461 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Hnikar <a href="#Page_332">332</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hnoss <a href="#Page_444">444</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hod <a href="#Page_368">368 ff.</a> <a href="#Page_536">536</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hoddrofnir <a href="#Page_347">347</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hölle <a href="#Page_471">471 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Hönir <a href="#Page_397">397 ff.</a> <a href="#Page_536">536</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hof <a href="#Page_599">599 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Hofshelgi <a href="#Page_607">607</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hoftollr <a href="#Page_609">609</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hǫfuðhof <a href="#Page_611">611</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hǫ́konarmǫ́l <a href="#Page_318">318 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Hollunderfrau <a href="#Page_153">153</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Holzleute <a href="#Page_153">153 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Hǫpt <a href="#Page_196">196</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hǫrgr <a href="#Page_591">591</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Horn <a href="#Page_445">445</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hotherus <a href="#Page_373">373 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Hrani <a href="#Page_334">334</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hrede <a href="#Page_489">489</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hrimfaxi <a href="#Page_522">522</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hrimgerd <a href="#Page_177">177</a>. <a href="#Page_184">184</a>. <a href="#Page_186">186</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hrímþursar <a href="#Page_184">184</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hrungnir <a href="#Page_182">182</a>. <a href="#Page_183">183</a>. <a href="#Page_267">267 ff.</a> <a href="#Page_282">282</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hugi <a href="#Page_277">277 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Hugr <a href="#Page_84">84 f.</a> <a href="#Page_101">101</a>. <a href="#Page_102">102</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Huldufolk <a href="#Page_133">133</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hüne <a href="#Page_161">161</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hûn <a href="#Page_162">162</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Húsl <a href="#Page_559">559 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Hwergelmir <a href="#Page_512">512</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Hymir <a href="#Page_175">175 f.</a> <a href="#Page_240">240</a>. <a href="#Page_270">270 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Hyrrokin <a href="#Page_189">189</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">I.</li>
+
+ <li class="indx">Idafeld <a href="#Page_532">532</a>. <a href="#Page_536">536</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Idisi <a href="#Page_104">104 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Idisiaviso <a href="#Page_111">111</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Idun <a href="#Page_197">197</a>. <a href="#Page_414">414</a>. <a href="#Page_448">448 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Ing <a href="#Page_208">208</a>. <a href="#Page_233">233 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Ingunarfreyr <a href="#Page_233">233 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Ingvæonen <a href="#Page_207">207 f.</a> <a href="#Page_233">233 f.</a> <a href="#Page_503">503</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ingwine <a href="#Page_208">208</a>. <a href="#Page_233">233 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Ingwo <a href="#Page_209">209</a>. <a href="#Page_233">233 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Irmino <a href="#Page_209">209 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Irminsul <a href="#Page_210">210</a>. <a href="#Page_593">593 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Istvaeonen <a href="#Page_207">207 f.</a> <a href="#Page_503">503</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Íviþja <a href="#Page_185">185</a>. <a href="#Page_188">188</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Iwaldi <a href="#Page_419">419</a>. <a href="#Page_420">420</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">J.</li>
+
+ <li class="indx">Jafnhar <a href="#Page_355">355</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Jahn, Ulrich <a href="#Page_39">39</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Jahresopfer <a href="#Page_580">580 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Járnviþja <a href="#Page_188">188</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Jessen, E. <a href="#Page_41">41</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Jord <a href="#Page_264">264</a>. <a href="#Page_454">454 ff.</a> <a href="#Page_523">523</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Jordanes <a href="#Page_63">63</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Jǫrmungandr <a href="#Page_178">178</a>. <a href="#Page_425">425 f.</a> <a href="#Page_534">534 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Jǫtonmóþr <a href="#Page_163">163</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Jǫtonn <a href="#Page_161">161</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Jul <a href="#Page_581">581 f.</a></li>
+
+
+ <li class="ifrst">K.</li>
+
+ <li class="indx">Kanne <a href="#Page_11">11</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Kari <a href="#Page_169">169 f.</a> <a href="#Page_184">184</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Kauffmann, F. <a href="#Page_49">49</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Keyser, R. <a href="#Page_40">40</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Keysler, J. G. <a href="#Page_5">5</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Kirchmaier, Seb. <a href="#Page_2">2</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Klabautermann <a href="#Page_123">123</a>. <a href="#Page_144">144 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Klemm, G. <a href="#Page_13">13</a>. <a href="#Page_14">14</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Kobold <a href="#Page_123">123</a>. <a href="#Page_141">141 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Korngeister <a href="#Page_156">156 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Kuhn, Adalbert <a href="#Page_26">26 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Kveldriða <a href="#Page_117">117</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Kwasir <a href="#Page_351">351 f.</a> <a href="#Page_422">422</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">L.</li>
+
+ <li class="indx">Lachmann <a href="#Page_25">25</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Lärad <a href="#Page_314">314</a>. <a href="#Page_528">528 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Laikaȥ <a href="#Page_560">560</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Laistner, Ludwig <a href="#Page_34">34</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Landvættir <a href="#Page_125">125</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Laufey <a href="#Page_184">184</a>. <a href="#Page_409">409</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Leirwor <a href="#Page_186">186</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Lif <a href="#Page_536">536</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Lifthrasir 536,</li>
+
+ <li class="indx">Lippert, Julius <a href="#Page_33">33</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ljósalfar <a href="#Page_126">126</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ljúflingar <a href="#Page_133">133</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Lodur <a href="#Page_409">409</a>. <a href="#Page_410">410</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Löfviska <a href="#Page_153">153</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Lofn <a href="#Page_435">435</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Logi <a href="#Page_169">169 f.</a> <a href="#Page_189">189</a>. <a href="#Page_277">277 f.</a> <a href="#Page_408">408</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Logmann <a href="#Footnote_761_761">617 Amn. 1</a>. <a href="#Page_619">619</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Lǫgsǫgumann <a href="#Footnote_761_761">617 Anm. 1</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Lôh <a href="#Page_591">591</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Loki <a href="#Page_363">363 f.</a> <a href="#Page_370">370</a>. <a href="#Page_378">378</a>. <a href="#Page_406">406 ff.</a> <a href="#Page_533">533</a>. <a href="#Page_535">535</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Loosen <a href="#Page_631">631 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Loptr <a href="#Page_410">410</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Lundr <a href="#Page_591">591</a>. <a href="#Page_611">611</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">M.</li>
+
+ <li class="indx">Magni <a href="#Page_263">263</a>. <a href="#Page_269">269</a>. <a href="#Page_536">536</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Magnus Olafsson <a href="#Page_3">3</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Mallet <a href="#Page_6">6</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Mani <a href="#Page_487">487</a>. <a href="#Page_524">524</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Mannhardt, Wilhelm <a href="#Page_29">29 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Mannus <a href="#Page_206">206</a>. <a href="#Page_503">503</a>. <a href="#Page_526">526</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Mardoll <a href="#Page_445">445</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Maren <a href="#Page_75">75 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Margýgr <a href="#Page_177">177</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Marmenill <a href="#Page_150">150 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Mars Thingsus <a href="#Page_204">204 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Matronen <a href="#Page_468">468 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Maurer, Konrad <a href="#Page_40">40</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Meili <a href="#Page_263">263</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Menglod <a href="#Page_237">237 f.</a> <a href="#Footnote_536_536">434 Anm.</a> <a href="#Page_442">442</a>. <a href="#Page_451">451 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Menja <a href="#Page_187">187</a>. <a href="#Page_241">241</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Menschenopfer <a href="#Page_561">561 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Menschenschöpfung <a href="#Page_526">526 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Mermeit <a href="#Page_146">146</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Mermeut <a href="#Page_181">181</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Merminne <a href="#Page_146">146</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Merwîp <a href="#Page_146">146</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Merwunder <a href="#Page_146">146</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Metod <a href="#Page_105">105</a>. <a href="#Page_195">195 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Meyer, Elard Hugo <a href="#Page_31">31 ff.</a> <a href="#Page_47">47 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Meyer, Siebrand <a href="#Page_5">5</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Meyfiskur <a href="#Page_147">147</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Midgard <a href="#Page_517">517 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Miðgarðsormr <a href="#Page_178">178</a>. <a href="#Page_271">271 f.</a> <a href="#Page_534">534 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Mimameid <a href="#Page_528">528</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Mime <a href="#Page_180">180</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Miming <a href="#Page_180">180</a>. <a href="#Page_373">373</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Mimir <a href="#Page_179">179 f.</a> <a href="#Page_310">310</a>. <a href="#Page_346">346 ff.</a> <a href="#Page_528">528</a>. <a href="#Page_530">530</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Minnetrinken <a href="#Page_568">568</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Mistelteinn <a href="#Page_370">370</a>. <a href="#Page_379">379</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Mitodin <a href="#Page_307">307 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Mjolnir <a href="#Page_262">262</a>. <a href="#Page_266">266 f.</a> <a href="#Page_436">436</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Mjǫtviðr <a href="#Page_529">529</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Modi <a href="#Page_263">263</a>. <a href="#Page_536">536</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Mogk, E. <a href="#Page_48">48</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Mokkurkalfi <a href="#Page_183">183</a>. <a href="#Page_268">268 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Moosleute <a href="#Page_153">153 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Motsognir <a href="#Page_525">525</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Müllenhoff <a href="#Page_25">25</a>. <a href="#Page_39">39</a>. <a href="#Page_44">44</a>. <a href="#Page_50">50</a>. <a href="#Page_53">53</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Müller, Max <a href="#Page_27">27 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Müller, P. E. <a href="#Page_9">9</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Müller, Wilhelm <a href="#Page_22">22</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Mone <a href="#Page_11">11</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Mütterkult <a href="#Page_468">468 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Munch, P. A. <a href="#Page_40">40</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Mundilföri <a href="#Page_487">487</a>. <a href="#Page_524">524</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Muspell <a href="#Page_536">536</a>. <a href="#Page_539">539 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Muspellsheim <a href="#Page_513">513</a>. <a href="#Page_519">519</a>. <a href="#Page_540">540</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Muspilli <a href="#Page_507">507</a>. <a href="#Page_539">539 ff.</a> <a href="#Nachtrag_Muspilli">Nachträge</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Myrkriða <a href="#Page_117">117</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">N.</li>
+
+ <li class="indx">Naglfar <a href="#Page_534">534</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Naglfari <a href="#Page_523">523</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Nahtvarn <a href="#Page_117">117</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Nahtvrouwe <a href="#Page_117">117</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Nál <a href="#Page_184">184</a>. <a href="#Page_409">409</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Namengebung <a href="#Page_247">247 f.</a>; <a href="#Page_555">555</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Nanna <a href="#Page_371">371 ff.</a> <a href="#Page_378">378</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Narfi <a href="#Page_421">421</a>. <a href="#Page_422">422</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Nástrand <a href="#Page_474">474</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Nehalennia <a href="#Page_463">463 ff.</a> <a href="#Page_596">596</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Nerthus <a href="#Page_218">218 ff.</a> <a href="#Page_230">230</a>. <a href="#Page_456">456 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Neun Welten <a href="#Page_519">519</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Nidhogg <a href="#Page_528">528</a>. <a href="#Page_536">536</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Niflheim <a href="#Page_519">519</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Nihhus <a href="#Page_146">146</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Nixe <a href="#Page_145">145 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Njord <a href="#Page_218">218 ff.</a> <a href="#Page_225">225</a>. <a href="#Page_238">238 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Nök <a href="#Page_147">147</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Nor <a href="#Page_522">522 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Nornagest <a href="#Page_106">106</a>. <a href="#Page_343">343</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Nornen <a href="#Page_104">104 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Norwi <a href="#Page_522">522 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Notfeuer <a href="#Page_570">570 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Nótt <a href="#Page_190">190</a>. <a href="#Page_523">523</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Nyerup <a href="#Page_12">12</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Nykur <a href="#Page_177">177</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">O.</li>
+
+ <li class="indx">Odin <a href="#Page_197">197</a>. <a href="#Page_221">221 ff.</a> <a href="#Page_256">256 f.</a> <a href="#Page_303">303 ff.</a> <a href="#Page_392">392</a>. <a href="#Page_514">514</a>. <a href="#Page_517">517</a>. <a href="#Page_526">526</a>. <a href="#Page_529">529</a>. <a href="#Page_533">533</a>. <a href="#Page_535">535</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Odins Namen <a href="#Page_355">355 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Odr <a href="#Page_285">285</a>. <a href="#Page_288">288</a>. <a href="#Page_444">444 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Odrerir <a href="#Page_197">197</a>. <a href="#Page_338">338</a>. <a href="#Page_350">350 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Oehlenschläger <a href="#Page_7">7</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Örgelmir <a href="#Page_513">513 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Olaus Magnus <a href="#Page_3">3</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ollerus <a href="#Page_307">307 ff.</a> <a href="#Page_391">391 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Omeis, M. D. <a href="#Page_2">2</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Onar <a href="#Page_523">523</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Opfer <a href="#Page_559">559 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Orosius <a href="#Page_62">62</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Os <a href="#Page_194">194</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Oskopnir <a href="#Page_535">535</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">P.</li>
+
+ <li class="indx">Parawari <a href="#Page_614">614</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Paro <a href="#Page_591">591</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Paulus Diaconus <a href="#Page_63">63</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Petersen, Henry <a href="#Page_42">42</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Petersen, N. M. <a href="#Page_40">40</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Pfannenschmid, H. <a href="#Page_39">39</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Phol <a href="#Page_383">383 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Plinius <a href="#Page_61">61</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Plutarch <a href="#Page_61">61</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Priester <a href="#Page_612">612 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Priesterinnen <a href="#Page_620">620 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Procop <a href="#Page_62">62</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">R.</li>
+
+ <li class="indx">Ragna rök <a href="#Page_537">537</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ran <a href="#Page_177">177</a>. <a href="#Page_478">478 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Ratatosk <a href="#Page_528">528</a>. <a href="#Page_531">531</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Regan <a href="#Page_105">105</a>. <a href="#Page_195">195 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Regin <a href="#Page_105">105</a>. <a href="#Page_195">195 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Requalivahanus <a href="#Page_405">405 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Resenius, P. <a href="#Page_4">4</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Riesen <a href="#Page_159">159 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Riesenbauten <a href="#Page_165">165 f.</a> <a href="#Page_273">273 f.</a> <a href="#Page_413">413</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Riesenheim <a href="#Page_164">164</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Rig <a href="#Page_365">365</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Rindr <a href="#Page_306">306 f.</a> <a href="#Page_339">339</a>. <a href="#Page_456">456</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Risi <a href="#Page_161">161</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Rockenphilosophie <a href="#Page_65">65</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Rohde, Erwin <a href="#Page_34">34</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Roskwa <a href="#Page_276">276</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Rudbeck, O. <a href="#Page_8">8</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Rühs, Fr. <a href="#Page_8">8</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Runen <a href="#Page_340">340</a>. <a href="#Page_629">629</a>. <a href="#Page_641">641 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Runse <a href="#Page_186">186</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Rydberg, V. <a href="#Page_48">48</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">S.</li>
+
+ <li class="indx">Sækona <a href="#Page_146">146</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Säming <a href="#Page_481">481</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sæmund <a href="#Page_4">4</a>. <a href="#Page_68">68</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Saga <a href="#Page_345">345 f.</a> <a href="#Page_435">435</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Salige Fräulein <a href="#Page_153">153 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Sandraudiga <a href="#Page_470">470</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sauþs <a href="#Page_560">560</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Saxnot <a href="#Page_213">213 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Saxo <a href="#Page_70">70 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Schede, Elias <a href="#Page_2">2</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Schefferus, J. <a href="#Page_4">4</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Schicksal <a href="#Page_105">105</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Schicksalsfrauen <a href="#Page_105">105 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Schildmädchen <a href="#Page_323">323 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Schimmelmann, J. <a href="#Page_8">8</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Schrat <a href="#Page_76">76</a>. <a href="#Page_125">125 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Schrettele <a href="#Page_76">76</a>. <a href="#Page_125">125 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Schrezlein <a href="#Page_76">76</a>. <a href="#Page_125">125 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Schütze, M. G. <a href="#Page_5">5</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Schwanmädchen <a href="#Page_114">114 ff.</a> <a href="#Page_321">321</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Schwartz, Wilhelm <a href="#Page_26">26 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Seelen <a href="#Page_80">80 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Seelenheim <a href="#Page_87">87 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Seelenkult <a href="#Page_90">90 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Segen <a href="#Page_64">64</a>. <a href="#Page_110">110</a>. <a href="#Page_628">628 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Seiðr <a href="#Page_650">650</a>. <a href="#Page_654">654 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Sendíngar <a href="#Page_85">85</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Serles <a href="#Page_186">186</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sessrymnir <a href="#Page_437">437</a>. <a href="#Page_439">439</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sif <a href="#Page_262">262 f.</a> <a href="#Page_419">419 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Sigewíf <a href="#Page_109">109</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sigmund <a href="#Page_329">329 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Sigrfljóð <a href="#Page_109">109</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sigrmeyjar <a href="#Page_109">109</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sigyn <a href="#Page_421">421</a>. <a href="#Page_422">422 f.</a> <a href="#Page_424">424</a>. <a href="#Page_425">425</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Simrock <a href="#Page_24">24</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sindri <a href="#Page_419">419 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Sinisto <a href="#Page_614">614</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sinthgunt <a href="#Page_437">437</a>. <a href="#Page_487">487</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sjofn <a href="#Page_435">435</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Skadi <a href="#Page_238">238 ff.</a> <a href="#Page_480">480 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Skaldengedichte <a href="#Page_67">67</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Skéaf <a href="#Page_209">209</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Skidbladnir <a href="#Page_224">224 f.</a> <a href="#Page_310">310</a>. <a href="#Page_419">419</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Skinfaxi <a href="#Page_522">522</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Skirnir <a href="#Page_235">235 f.</a> <a href="#Page_426">426</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Skogsfrú <a href="#Page_153">153</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Skogssnufa <a href="#Page_153">153</a>. <a href="#Page_154">154</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Skoll <a href="#Page_487">487</a>. <a href="#Page_524">524</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Skougmann <a href="#Page_153">153</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Skrato <a href="#Page_76">76</a>. <a href="#Page_125">125 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Skrímsl <a href="#Page_177">177</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Skrymir <a href="#Page_167">167</a>. <a href="#Page_277">277</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Skuld <a href="#Page_108">108</a>. <a href="#Page_316">316</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Skurðgoð <a href="#Page_606">606</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sleipnir <a href="#Page_274">274</a>. <a href="#Page_311">311 f.</a> <a href="#Page_417">417</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Snorri Sturluson <a href="#Page_52">52</a>. <a href="#Page_69">69</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Snotra <a href="#Page_436">436</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sögur <a href="#Page_69">69 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Sol <a href="#Page_437">437</a>. <a href="#Page_487">487</a>. <a href="#Page_524">524</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Son <a href="#Page_338">338</a>. <a href="#Page_352">352</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sozomenus <a href="#Page_62">62</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Spákona <a href="#Page_648">648</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Spámaðr <a href="#Page_648">648</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Speerwurf <a href="#Page_552">552 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Spell <a href="#Page_630">630</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Spurcalien <a href="#Footnote_705_705">584 Anm. 1</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Stallr <a href="#Page_595">595</a>. <a href="#Page_601">601</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Starkad <a href="#Page_176">176</a>. <a href="#Page_257">257 f.</a> <a href="#Page_329">329</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Stempe <a href="#Page_493">493 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Stephanius <a href="#Page_3">3</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Strabo <a href="#Page_61">61</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Strömkarl <a href="#Page_146">146</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sueton <a href="#Page_62">62</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Suhm <a href="#Page_10">10</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sumar <a href="#Page_190">190</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Sunna <a href="#Page_437">437</a>. <a href="#Page_487">487</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Surtr <a href="#Page_189">189 f.</a> <a href="#Page_535">535</a>. <a href="#Page_540">540</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Suttung <a href="#Page_182">182</a>. <a href="#Page_337">337 f.</a> <a href="#Page_352">352</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Swadilfari <a href="#Page_273">273 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Swalin <a href="#Page_523">523</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Swasud <a href="#Page_190">190</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Swipdag <a href="#Page_237">237 f.</a> <a href="#Page_451">451</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Syn <a href="#Page_436">436</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Syr <a href="#Page_445">445</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">T.</li>
+
+ <li class="indx">Tacitus <a href="#Page_62">62</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Tafn <a href="#Page_566">566</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Tains <a href="#Footnote_779_779">631 Anm. 1</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Tálardísir <a href="#Page_105">105</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Tanfana <a href="#Page_458">458 f.</a> <a href="#Page_586">586</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Tanngniost <a href="#Page_262">262</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Tanngrisnir <a href="#Page_262">262</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Taufr <a href="#Page_648">648</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Téafor <a href="#Page_648">648</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Teinn <a href="#Footnote_779_779">631 Anm. 1</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Tempel <a href="#Page_593">593 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Tempelgut <a href="#Page_608">608 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Thjalfi <a href="#Page_269">269</a>. <a href="#Page_276">276 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Thjazi <a href="#Page_182">182</a>. <a href="#Page_238">238</a>. <a href="#Page_281">281</a>. <a href="#Page_449">449</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Thjodreyrir <a href="#Page_354">354</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Thokk <a href="#Page_372">372</a>. <a href="#Page_417">417</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Thor <a href="#Footnote_223_223">243 Anm. 1</a>. <a href="#Page_247">247 ff.</a> <a href="#Page_414">414</a>. <a href="#Page_533">533</a>. <a href="#Page_535">535</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Thorgerd Hölgabrud <a href="#Page_482">482 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Thorkillus <a href="#Page_278">278 ff.</a> <a href="#Page_423">423</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Thors Böcke <a href="#Page_276">276</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Thridi <a href="#Page_355">355</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Thrud <a href="#Page_263">263</a>. <a href="#Page_282">282</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Thrudgelmir <a href="#Page_514">514</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Thrudheim <a href="#Page_262">262</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Thrudwang <a href="#Page_262">262</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Thrym <a href="#Page_162">162</a>. <a href="#Page_183">183</a>. <a href="#Page_266">266 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Thrymheim <a href="#Page_182">182</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Thund <a href="#Page_315">315</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Thuris <a href="#Page_161">161</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Tiergestalt der Seelen <a href="#Page_81">81 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Tieropfer <a href="#Page_565">565 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Tifer <a href="#Page_566">566</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Tiuȥ <a href="#Page_193">193</a>. <a href="#Page_195">195</a>. <a href="#Page_200">200 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Tívar <a href="#Page_52">52</a>. <a href="#Page_195">195</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Todesstrafe <a href="#Page_548">548 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Toki <a href="#Page_343">343</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Toraka <a href="#Page_283">283</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Totenpflege <a href="#Page_91">91</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Traum als Draugenerscheinung <a href="#Page_85">85</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Trautvetter <a href="#Page_14">14</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Trégoð <a href="#Page_606">606</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Trempe <a href="#Page_494">494</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Troll <a href="#Page_117">117</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Trollabotnar <a href="#Page_280">280</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Trollskapr <a href="#Page_648">648</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Trude <a href="#Page_76">76</a>. <a href="#Page_117">117</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Türs <a href="#Page_161">161</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Tuisto <a href="#Page_206">206</a>. <a href="#Page_503">503</a>. <a href="#Page_514">514</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Tumbo <a href="#Page_191">191</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Túnriða <a href="#Page_117">117</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Turet <a href="#Page_253">253</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Turville <a href="#Page_253">253</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Twerg <a href="#Page_134">134</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Tylor <a href="#Page_26">26</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Tyr <a href="#Page_211">211 ff.</a> <a href="#Page_426">426</a>. <a href="#Page_535">535</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Týverk <a href="#Page_212">212</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">U.</li>
+
+ <li class="indx">Ugarthilocus <a href="#Page_279">279</a>. <a href="#Page_423">423</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Uggerus <a href="#Page_332">332</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Uhland <a href="#Page_15">15 f.</a> <a href="#Page_39">39</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ulfahamir <a href="#Page_102">102 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Ullr <a href="#Page_307">307 ff.</a> <a href="#Page_390">390 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Ungeziefer <a href="#Page_566">566</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Unhulda <a href="#Page_116">116</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Unhulþo <a href="#Page_116">116</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Uppregin <a href="#Page_200">200</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Uppsalir <a href="#Page_225">225</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Uppvakníngar <a href="#Page_85">85</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Urðr <a href="#Page_104">104 ff.</a> <a href="#Page_529">529</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Utgard <a href="#Page_280">280</a>. <a href="#Page_520">520 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Utgardloki <a href="#Page_277">277 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Utiseta <a href="#Page_644">644 f.</a> <a href="#Page_648">648 f.</a></li>
+
+
+ <li class="ifrst">V.</li>
+
+ <li class="indx">Vættr <a href="#Page_125">125</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Vagdavercustis <a href="#Page_470">470</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Valgaldr <a href="#Page_645">645</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Valkyrja <a href="#Page_109">109</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Vanir <a href="#Page_196">196</a>. <a href="#Page_220">220 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Varðlokkur <a href="#Page_650">650</a>. <a href="#Footnote_795_795">652 Anm. 1</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Vårdträdt <a href="#Page_156">156</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Vargr <a href="#Page_102">102 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Vé <a href="#Page_196">196</a>. <a href="#Page_306">306</a>. <a href="#Page_355">355</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Véar <a href="#Page_196">196</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Vébǫnd <a href="#Page_547">547</a>. <a href="#Page_598">598</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Veder <a href="#Page_184">184</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Veorr <a href="#Footnote_227_227">244 Anm. 1</a>. <a href="#Footnote_247_247">252 Anm. 2</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Verðandi <a href="#Page_108">108</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Vercana <a href="#Page_470">470</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Vetr <a href="#Page_184">184</a>. <a href="#Page_190">190</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Vindljóni <a href="#Page_184">184</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Vindsvalr <a href="#Page_184">184</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Vindr <a href="#Page_184">184</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Vingnir <a href="#Page_282">282</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Vintler, Hans <a href="#Page_65">65</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Vodskov, H. S. <a href="#Page_37">37</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Vogelstimme <a href="#Page_639">639 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Volla <a href="#Page_430">430</a>. <a href="#Page_435">435</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Vǫlva <a href="#Page_648">648 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Vorzeichen <a href="#Page_638">638 ff.</a></li>
+
+
+ <li class="ifrst">W.</li>
+
+ <li class="indx">Wado <a href="#Page_176">176</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wælcyrje <a href="#Page_109">109</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wälder, heilige <a href="#Page_591">591 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Wafthrudnir <a href="#Page_163">163</a>. <a href="#Page_341">341</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wahrsager <a href="#Page_646">646 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Waihts <a href="#Page_125">125</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Waitz, Theodor <a href="#Page_26">26</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Walaskjalf <a href="#Page_324">324</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Waldelbe <a href="#Page_153">153 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Waldfänken <a href="#Page_153">153</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Waldfrauen <a href="#Page_117">117</a>. <a href="#Page_153">153 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Waldriesen <a href="#Page_188">188 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Walgrind <a href="#Page_315">315</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Walhall <a href="#Page_289">289 f.</a> <a href="#Page_313">313 ff.</a> <a href="#Page_324">324</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wali <a href="#Page_367">367</a>. <a href="#Page_368">368</a>. <a href="#Page_395">395 ff.</a> <a href="#Page_421">421</a>. <a href="#Page_422">422</a>. <a href="#Page_533">533</a>. <a href="#Page_536">536</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Walküren <a href="#Page_109">109 ff.</a> <a href="#Page_315">315 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Walriderske <a href="#Page_77">77</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wanenkrieg <a href="#Page_220">220 ff.</a> <a href="#Page_305">305 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">War <a href="#Page_435">435 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Wasad <a href="#Page_190">190</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wasserelbe <a href="#Page_145">145 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Wasserlisse <a href="#Page_146">146</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wassermann <a href="#Page_146">146 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Wasserriesen <a href="#Page_172">172 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Wate <a href="#Page_176">176</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Watzmann <a href="#Page_186">186</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Waȥȥerholde <a href="#Page_146">146</a>.</li>
+
+ <li class="indx">We siehe Vé.</li>
+
+ <li class="indx">Wechselbalg <a href="#Page_139">139</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wegtam <a href="#Page_340">340</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Weh <a href="#Page_591">591</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Weinhold, Karl <a href="#Page_39">39</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Weirdsisters <a href="#Page_105">105</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Welderich <a href="#Page_188">188</a>. <a href="#Nachtrag_Welderich">Nachträge</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Weltbaum <a href="#Page_527">527 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Weltende <a href="#Page_531">531 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Weltlehre <a href="#Page_501">501 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Weltschöpfung <a href="#Page_509">509 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Werre <a href="#Page_495">495</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Werwölfe <a href="#Page_101">101 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Wettermachen <a href="#Page_120">120</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wicce <a href="#Page_648">648</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wichte <a href="#Page_125">125 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Widar <a href="#Page_394">394 f.</a> <a href="#Page_535">535</a>. <a href="#Page_536">536</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Widolf <a href="#Page_188">188</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Widolt <a href="#Page_188">188</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Widukind <a href="#Page_63">63</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wiedergänger <a href="#Page_85">85</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wiedergeburt <a href="#Page_96">96 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Wigbed <a href="#Page_595">595</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wigrid <a href="#Page_535">535</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wih <a href="#Page_591">591</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wikingerzeit <a href="#Page_43">43</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wildleute <a href="#Page_153">153 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Wili <a href="#Page_355">355</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Windin <a href="#Page_184">184</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wingolf <a href="#Page_314">314</a>. <a href="#Page_439">439</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wítega <a href="#Page_648">648</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wîȥago <a href="#Page_648">648</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wodan <a href="#Page_193">193</a>. <a href="#Page_242">242</a>. <a href="#Footnote_229_229">245 Anm. 1</a>. <a href="#Page_293">293 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Wode <a href="#Page_284">284 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Wolf, J. W. <a href="#Page_24">24</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Worm, Ole <a href="#Page_3">3</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wrisi <a href="#Page_161">161</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Wütendes Heer <a href="#Page_284">284 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Wurd <a href="#Page_104">104 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Wyrd <a href="#Page_105">105</a>.</li>
+
+
+ <li class="ifrst">Y.</li>
+
+ <li class="indx">Yggdrasil <a href="#Page_349">349 f.</a> <a href="#Page_527">527 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Yggr <a href="#Page_349">349 f.</a> <a href="#Page_529">529</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ylf <a href="#Page_124">124</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ymir <a href="#Page_170">170</a>. <a href="#Page_184">184</a>. <a href="#Page_513">513 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Ynglingar <a href="#Page_208">208</a>. <a href="#Page_233">233 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Yngvefreyr <a href="#Page_233">233 f.</a></li>
+
+ <li class="indx">Yngvi <a href="#Page_208">208</a>. <a href="#Page_233">233 f.</a></li>
+
+
+ <li class="ifrst">Z.</li>
+
+ <li class="indx">Zauberer <a href="#Page_646">646 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Zauberformeln <a href="#Page_64">64</a>. <a href="#Page_110">110</a>. <a href="#Page_628">628 ff.</a> <a href="#Page_641">641 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Zebar <a href="#Page_566">566</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Zimmersche Chronik <a href="#Page_65">65</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Zio <a href="#Page_200">200 ff.</a></li>
+
+ <li class="indx">Zisa <a href="#Page_489">489</a>. <a href="#Page_586">586</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Ziuwari <a href="#Page_205">205</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Zoubar <a href="#Page_648">648</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Zwerge <a href="#Page_128">128</a>. <a href="#Page_134">134 ff.</a> <a href="#Page_525">525 f.</a></li>
+
+
+ <li class="ifrst">Þ.</li>
+
+ <li class="indx">Þinghelgi <a href="#Page_547">547</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Þunorrád <a href="#Footnote_231_231">246 Amn. 1</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Þurs <a href="#Page_161">161</a>.</li>
+
+ <li class="indx">Þyrs <a href="#Page_161">161</a>.</li>
+</ul>
+
+<hr class="tb">
+
+<p class="s5 center padtop5">Druck von J. B.
+<em class="gesperrt">Hirschfeld</em> in Leipzig.</p>
+
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_1_1" href="#FNanchor_1_1" class="label">[1]</a> Über das Leben Schedes (geb. 1615 zu Kadau in Mähren,
+gest. 1641 zu Warschau) vgl. Bolte, allgem. deutsche Biographie 30, 662
+f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_2_2" href="#FNanchor_2_2" class="label">[2]</a> Über das mythologische Studium im 16., 17. u. 18. Jh.,
+sowie über die aus der Mythologie geschöpften nordischen Dichtungen am
+Ausgang des 18. u. Anfang des 19. Jhs. handelt ausführlich E. Nyerup,
+Wörterbuch der skandinavischen Mythologie, Kopenhagen 1816 S. 1–60;
+Köppen, literarische Einleitung in die nordische Mythologie, Berlin
+1837.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_3_3" href="#FNanchor_3_3" class="label">[3]</a> Über die Wiederaufnahme der isländischen
+Altertumsforschung vgl. Gudbrand Vigfússon, corpus poeticum boreale 1,
+XX ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_4_4" href="#FNanchor_4_4" class="label">[4]</a> Vgl. Golther, die Edda in deutscher Nachbildung in der Zs.
+f. vergleichende Literaturgeschichte, N. F. 6, 275 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_5_5" href="#FNanchor_5_5" class="label">[5]</a> Bereits im MA. wurden solche Sammlungen veranstaltet,
+jedoch im grossen Stil und im Hinblick auf mythologische und
+religionsgeschichtliche Verwertung erst im 19. Jahrhundert. Eine
+erschöpfende Bibliographie könnte Bogen füllen. Ich begnüge mich
+mit einem Hinweis auf bibliographische Zusammenstellungen in E. H.
+Meyers Mythologie S. 28 ff., 56; in Pauls Grundriss der germanischen
+Philologie II, 1, 738 ff. (nordische Sagen von Lundell), ebd. 777 ff.
+(deutsche Sagen von John Meier), ebd. 856 ff. (englische Sagen von
+A. Brandl); II, 2, 273 ff. gibt Mogk einen Gesamtüberblick über die
+bisherigen Leistungen auf diesem Gebiet, wo jetzt auch Zeitschriften
+und Vereine eine rege Thätigkeit entfalten.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_6_6" href="#FNanchor_6_6" class="label">[6]</a> Eine sehr ausführliche Übersicht über die wichtigsten
+Versuche, die Entstehung des Kultus und des Mythos zu erklären, gibt O.
+Gruppe, die griechischen Kulte und Mythen in ihren Beziehungen zu den
+orientalischen Religionen, Bd. I Leipzig 1887 S. 1–278.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_7_7" href="#FNanchor_7_7" class="label">[7]</a> Anthropologie der Naturvölker, 6 Bände, 1859–65.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_8_8" href="#FNanchor_8_8" class="label">[8]</a> Der Mensch in der Geschichte, 3 Bde, Leipzig 1860.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_9_9" href="#FNanchor_9_9" class="label">[9]</a> Urgeschichte der Menschheit, Lpz. 1867; Anfänge der
+Kultur, Lpz. 1873.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_10_10" href="#FNanchor_10_10" class="label">[10]</a> Vgl. Hillebrand, Vedische Mythologie I, Breslau 1891;
+Oldenberg, Die Religion des Veda, Berlin 1894.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_11_11" href="#FNanchor_11_11" class="label">[11]</a> Eine Würdigung Mannhardts gibt E. H. Meyer, AnzfdA. 11,
+141 ff. Der Entwicklungsgang des immer mit sich selbst ringenden,
+stetig vorwärts strebenden Forschers wird trefflich geschildert. In der
+Einleitung in die antiken Wald- und Feldkulte kennzeichnet Mannhardt
+selber seine Stellung zu den Hauptströmungen der mythologischen
+Forschung.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_12_12" href="#FNanchor_12_12" class="label">[12]</a> Vgl. die Besprechung Kaufmanns im AnzfdA. 18, 21 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_13_13" href="#FNanchor_13_13" class="label">[13]</a> Vgl. Oldenberg, Religion des Veda S. 34 ff. über die
+indogermanische Götterwelt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_14_14" href="#FNanchor_14_14" class="label">[14]</a> Vgl. Sars, udsigt over den norske historie, I deel,
+Kristiania 1877; Steenstrup, Normannerne, 4 Bände, Kopenhagen
+1876–82.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_15_15" href="#FNanchor_15_15" class="label">[15]</a> Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 157.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_16_16" href="#FNanchor_16_16" class="label">[16]</a> Vgl. Noreen, fornnordisk religion, mytologi och teologi.
+Ein Vortrag gehalten zu Upsala 9. März 1892.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_17_17" href="#FNanchor_17_17" class="label">[17]</a> Zur Bekehrungsgeschichte vgl. Rettberg, Kirchengeschichte
+Deutschlands, 2 Bde, Göttingen 1846/8; Friedrich, Kirchengeschichte
+Deutschlands, 2 Bde 1867/9; Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands,
+2 Bde. Leipzig 1887 und 1890; die Bekehrung der Friesen schildert
+Richthofen, Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 348 ff.;
+über die Bekehrung des Nordens vgl. Maurer, die Bekehrung des norweg.
+Stammes zum Christentum, 2 Bde, München 1855/6; Bd. 1 § 3, 10, 21, 35
+behandelt auch die Christianisierung Dänemarks und Schwedens; vgl.
+ferner Bang, Udsigt over den norske kirkes historie, Kristiania 1884;
+A. D. Jörgensen, Den nordiske kirkes grundlæggelse, Köbenhavn 1874/8;
+A. Taranger, Den angelsaksiske kirkes inflydelse paa den norske,
+Kristiania 1890/91.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_18_18" href="#FNanchor_18_18" class="label">[18]</a> Über die Quellen der germanischen Mythologie vgl. die
+ausführliche Zusammenstellung bei E. H. Meyer, Germanische Mythologie
+S. 15–60.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_19_19" href="#FNanchor_19_19" class="label">[19]</a> Das Wessobrunner Gebet (Müllenhoff-Scherer, Denkmäler<sup>3</sup>
+Nr. I) und das Muspilli (ebenda Nr. III) wurden lange als mythologische
+Denkmäler verwendet, ohne die geringste Berechtigung. Ihr Inhalt
+ist durchaus christlich. Fürs Muspilli wiesen Zarncke, Berichte der
+sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften 1866 S. 191 ff. u. F.
+Vetter, Zum Muspilli, Wien 1872 S. 106 ff., Heinzel, Zeitschrift f. d.
+österreichischen Gymnasien 43, 1892, S. 748 christlichen Gedankeninhalt
+nach. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 317 ff. vermutet
+wiederum heidnische Spuren darin, während die meisten Forscher das
+Heidentum allmälig ganz auf den Ausdruck Muspilli eingeschränkt haben.
+Bei Besprechung des Begriffes Muspilli, Muspell wird diese Frage
+erörtert werden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_20_20" href="#FNanchor_20_20" class="label">[20]</a> Vgl. Ältere tirolische Dichter hrsg. von Zingerle, Bd.
+1, 1874 die pluemen der tugent des Hans Vintler 7693–7995; 8197–8244;
+die Anmerkungen des Herausgebers weisen u.&#8239;a. auf ähnliche Stellen
+mittelalterlicher Verfasser z.&#8239;B. auf Berthold von Regensburg und
+Geiler von Kaisersberg in der Emeis (A. Stöber, Zur Geschichte des
+Volksaberglaubens im Anfang des 16. Jahrhunderts, Basel 1855).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_21_21" href="#FNanchor_21_21" class="label">[21]</a> Vgl. E. H. Meyer, Mythologie S. 28 ff.; John Meier,
+Grundriss der germanischen Philologie II, 1, 776 ff.; Brandl, ebenda
+837 ff., Mogk, ebenda II, 2, 265 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_22_22" href="#FNanchor_22_22" class="label">[22]</a> Die Quellen der nordischen Mythologie dürfen nur im
+engsten Zusammenhang mit Kultur- und Litteraturgeschichte benutzt
+werden. Für die nordische Literatturgeschichte verweise ich auf die
+Darstellung Mogks im Grundriss der germ. Philologie II, 1, 71 ff. und
+auf Finnur Jónssons oldnorske og oldislandske litteraturs historie Bd.
+1 Kopenhagen 1895.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_23_23" href="#FNanchor_23_23" class="label">[23]</a> Die beste Ausgabe der Liedersammlung verdanken wir Sofus
+Bugge 1867. Eine grosse Ausgabe mit Kommentar und Wörterbuch bereitet
+Sijmons vor, wovon der erste Halbband, die Götterlieder enthaltend,
+1888 erschien. Der Codex erschien 1891 in vorzüglicher fototypischer
+Nachbildung, besorgt von Wimmer und Finnur Jónsson. Die brauchbarste
+Verdeutschung, nach welcher in diesem Handbuch citiert wird, lieferte
+H. Gering, Leipzig 1892.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_24_24" href="#FNanchor_24_24" class="label">[24]</a> Vgl. Axel Olrik, kilderne til Sakses oldhistorie I u. II
+Kopenhagen 1892 u. 94.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_25_25" href="#FNanchor_25_25" class="label">[25]</a> Vgl. Lundell, Skandinavische Volkspoesie im Grundriss der
+germanischen Philologie II, 1, 719–749.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_26_26" href="#FNanchor_26_26" class="label">[26]</a> Die Bedeutung, die dem Alptraum bei der Mythenbildung
+zukommt, hebt Laistner, Rätsel der Sphinx, Berlin 1889, hervor. Höchst
+geistvoll ist die Entwicklung der Sage, der Mythologie auf der stetigen
+Grundlage des Alptraumes nachgewiesen. Jedoch mit seinen Namendeutungen
+geht Laistner entschieden zu weit. Die Namen müssten in Urzeiten mit
+durchsichtiger, auf den Alptraum unmittelbar bezüglicher Bedeutung
+entstanden und fest gehalten sein. Die Einkleidung, in welcher die
+heutige Volkssage sich darbietet, ist aber meistens sehr jung und
+ohne unmittelbaren, bewussten Zusammenhang mit dem ursprünglichen
+abergläubischen Kerne. Statt auf diesen abergläubischen Kern sich zu
+beschränken, legt Laistner ohne Bedenken die ganze darum gewachsene
+Sagendichtung aus.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_27_27" href="#FNanchor_27_27" class="label">[27]</a> Die wichtigsten Züge des Alpglaubens verzeichnet Wuttke,
+Der deutsche Volksaberglaube § 402 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_28_28" href="#FNanchor_28_28" class="label">[28]</a> Über Seelen als Lufthauch Mannhardt, Germanische Mythen,
+Berlin 1858, S. 269 f.; 300 ff.; 404 f.; 709.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_29_29" href="#FNanchor_29_29" class="label">[29]</a> Ein altes Zeugniss vom Zusammenhang des Maren- und
+Gespensterglaubens bietet Gervasius von Tilbury Kap. 86 <i>ut autem
+moribus et auribus hominum satisfaciamus, constituamus, hoc esse
+foeminarum ac virorum quorundam infortunia, quod de nocte celerrimo
+volatu regiones transcurrunt, domus intrant, dormientes opprimunt,
+ingerunt somnia gravia, quibus planctus excitant</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_30_30" href="#FNanchor_30_30" class="label">[30]</a> Einen ähnlichen Typus gewährt Birlinger, Volkstümliches
+aus Schwaben 1, 103: die Seele kriecht als weisse Maus aus dem Munde
+einer Magd und wird ein <i>„schrättele“</i> d.&#8239;h. ein Alp, der Baum und
+Ross bedrückt und plagt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_31_31" href="#FNanchor_31_31" class="label">[31]</a> Vielleicht gehört auch die Geschichte vom Rattenfänger
+zu Hameln (Grimm, Deutsche Sagen 1 Nr. 245) hierher, nur muss
+Verwirrung eingerissen sein. Die Ratten waren ursprünglich selber die
+Kinderseelen, die der Spielmann in den Berg lockte.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_32_32" href="#FNanchor_32_32" class="label">[32]</a> Vgl. Grimm, Deutsche Sagen 2, Nr. 433; dieselbe
+Geschichte, nur dass die Seele als Rauchwölkchen (<i>bláleitr
+gufuhnođrinn</i>) erscheint, findet sich auf Island; vgl. Maurer,
+isländ. Volkssagen der Gegenwart S. 81 ff. Jón Árnason, <i>íslenzkar
+þjóđsögur</i> 1, 356 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_33_33" href="#FNanchor_33_33" class="label">[33]</a> Die zahlreichen nordischen Träume, worin die Seelen in
+Tiergestalt erscheinen, verzeichnet W. Henzen, Über die Träume in der
+altnordischen Sagenlitteratur, Leipzig 1890, S. 34 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_34_34" href="#FNanchor_34_34" class="label">[34]</a> Über die Etymologie des Wortes „Traum“ vgl. W. Henzen,
+Über die Träume in der altnordischen Sagenlitteratur, Leipzig 1890, S.
+1 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_35_35" href="#FNanchor_35_35" class="label">[35]</a> Vgl. Wackernagel, Kleinere Schriften 2, 399 ff.; E. Kuhn,
+in Jahns Volkssagen aus Pommern S. VIII.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_36_36" href="#FNanchor_36_36" class="label">[36]</a> Über das wilde Heer Uhland, Schriften 7, 605 ff.; eine
+Zusammenstellung der verschiedenen Sagenformen bei E.H. Meyer, German.
+Mythologie, S. 236 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_37_37" href="#FNanchor_37_37" class="label">[37]</a> Reiche Litteratur verzeichnet Koberstein, Weimarer
+Jahrbücher 1, 73 ff; Golther, Die Sage von Tristan u. Isolde, München
+1887, S. 27 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_38_38" href="#FNanchor_38_38" class="label">[38]</a> Bräuche bei Tod und Begräbniss s. bei Wuttke,
+Volksaberglaube § 721 ff.; fürs Nordische Weinhold, Altnordisches Leben
+S. 474 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_39_39" href="#FNanchor_39_39" class="label">[39]</a> Zum Totenschuh J. Grimm, Myth. 795; 3, 249; Müllenhoff,
+Altertumskunde 5, 114.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_40_40" href="#FNanchor_40_40" class="label">[40]</a> Über den Ahnenkult vgl. Gudbrand Vigfusson, Corpus
+poeticum boreale 1, 413 ff. Gudbrand dehnt aber den Ahnenkult viel zu
+weit aus, indem er den gesamten Seelen-und Elbenkult begreift.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_41_41" href="#FNanchor_41_41" class="label">[41]</a> Jordanes, Kap. 13 <i>iam proceres suos, quorum quasi
+fortuna vincebant, non puros homines, sed semideos, id est ansis,
+vocaverunt.</i> Zum Beispiel zählt er den sagen- und liederumwobenen
+Stammbaum der Amaler auf.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_42_42" href="#FNanchor_42_42" class="label">[42]</a> Adam 4, 26 <i>colunt et deos ex hominibus factos, quos
+pro ingentibus factis immortalitate donant, sicut in vita sancti
+Anscarii leguntur Hericum regem fecisse.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_43_43" href="#FNanchor_43_43" class="label">[43]</a> <i>Vita Anskarii</i> Kap. 26 MG. 2, 711 <i>Contigit
+eo ipso tempore, ut quidam illo (ad Byrca) adveniens diceret, se in
+conventu deorum, qui ipsam terram possidere credebantur, affuisse, et
+ab eis missum, ut haec regi et populis nunciaret: „Vos, inquam, nos
+vobis propitios diu habuistis, et terram incolatus vestri cum multa
+abundantia nostro adiutorio in pace et prosperitate longo tempore
+tenuistis; vos quoque nobis sacrificia et vota debita persolvistis,
+grataque nobis vestra fuerunt obsequia. at nunc et sacrificia solita
+sub-trahitis, et vota spontanea segnius offertis, et, quod magis nobis
+displicet, alienum deum super nos introducitis. si itaque nos vobis
+propitios habere vultis, sacrificia omissa augete, et vota maiora
+persolvite; alterius quoque dei culturam, qui contraria nobis docet,
+ne apud vos recipiatis, et eius servicio ne intendatis. porro si etiam
+plures deos habere desideratis, et nos vobis non sufficimus, Ericum
+quondam regem vestrum nos unanimes in collegium nostrum asciscimus,
+ut sit unus de numero deorum.“ — — — templum in honore supradicti
+regis dudum defuncti statuerunt, et ipsi tanquam deo vota et sacrificia
+offerre coeperunt.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_44_44" href="#FNanchor_44_44" class="label">[44]</a> Müllenhoff, Altertumskunde 5, 69.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_45_45" href="#FNanchor_45_45" class="label">[45]</a> Über den Wiedergeburtsglauben der Germanen und die darauf
+beruhenden Taufbräuche vgl. Jiriczek, Mitteilungen der schlesischen
+Gesellschaft für Volkskunde 1894/5, S. 34 f.; Maurer, Zeitschrift des
+Vereins für Volkskunde 1895, S. 99.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_46_46" href="#FNanchor_46_46" class="label">[46]</a> Über diesen Glauben vgl. W. Hertz, Der Werwolf, Beitrag
+zur Sagengeschichte. Stuttgart 1862.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_47_47" href="#FNanchor_47_47" class="label">[47]</a> Fylgjur als Wölfe im Traum erscheinend in der Njálssaga
+123; Fornaldar sögur 2, 413; 3, 77, 213, 560; Droplaugar sona saga 22;
+þorðar saga hreðu 38; Gíslasaga Súrssonar 24.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_48_48" href="#FNanchor_48_48" class="label">[48]</a> Fälle davon bei Hertz, Werwolf S. 54 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_49_49" href="#FNanchor_49_49" class="label">[49]</a> Kögel, Pauls Grundriss I, S. 1017 Anm. erklärt ahd.
+<i>ƕeriƕolf</i> aus *<i>ƕariƕulf</i>, *<i>ƕaȥiƕulf</i> (zu got.
+<i>ƕasjan</i> as. <i>ƕerian</i> kleiden). Werwolf ist also eigentlich
+Wolfsgewand, úlfshamr; ähnlich bedeutet vielleicht berserkr
+Bärengewand.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_50_50" href="#FNanchor_50_50" class="label">[50]</a> Vgl. Mackel, Die german. Elemente in der französ. und
+provenzal. Sprache. Heilbronn 1887, S. 14.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_51_51" href="#FNanchor_51_51" class="label">[51]</a> Über Berserker als Werwölfe Maurer, Bekehrung 2, 108 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_52_52" href="#FNanchor_52_52" class="label">[52]</a> Glücks- und Schicksalsgeister in ihrer Marenabkunft
+erweist Laistner, Rätsel der Sphinx 2, 342 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_53_53" href="#FNanchor_53_53" class="label">[53]</a> Kögel, Beiträge 16, 502 ff. nimmt eine urgermanische
+Zusammensetzung <i>ĭ̄ƕ</i> + <i>dîs</i> an, wodurch die nord. Wörter
+<i>jódis</i> und <i>dís</i> und die westgerm. <i>ĭ̄dĭ̄s</i> als
+zusammengehörig erwiesen werden. <i>ĭ̄ƕ</i> ist etymologisch unklar, zu
+nord. <i>dís</i> steht got. <i>filu-deisei</i>, Klugheit. <i>idisi</i>
+und <i>dísir</i> sind demnach kluge, weise Frauen. Frühzeitig wurden
+auch die Kampfjungfrauen so bezeichnet. Zur Etymologie vgl. noch v.
+Grienberger, ZfdPh. 27, 441.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_54_54" href="#FNanchor_54_54" class="label">[54]</a> Schade, Altdeutsches Wörterbuch<sup>2</sup> 1, 657 deutet
+<i>norni</i> aus *<i>norhni</i>, Verschlingung, Verknüpfung, als nornen
+agentis Verschlingerin, Verknüpferin der Schicksalsfäden, zum verb.
+ahd. <i>snerhan</i> mhd. <i>snerhen</i>, verflechten, verknüpfen; vgl.
+Graff, Ahd. Sprachschatz 6, 850; über den Wechsel von anlautendem sn: n
+vgl. Noreen, Abriss der urgermanischen Lautlehre, S. 208; die Erklärung
+ist aber sehr unsicher. Die Ableitung der deutschen „Nonnen“ (Panzer,
+Beitrag zur deutschen Mythologie 1, 163, 184; Mannhardt, Germ. Mythen
+532 u. 705; Simrock Myth. 351) aus „Nornen“ ist sehr fragwürdig.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_55_55" href="#FNanchor_55_55" class="label">[55]</a> Über den Fatalismus der Nordleute und seine Wirkung auf
+das Verhalten der Menschen vgl. Maurer, Bekehrung 2, 162 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_56_56" href="#FNanchor_56_56" class="label">[56]</a> Über Schicksalsfrauen im deutschen Volksglauben
+Mannhardt, German. Mythen, Berlin 1858, S. 541 ff.; Fr. Panzer, Beitrag
+zur deutschen Mythologie I, 1848, S. 1 ff., II 1855, S. 119 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_57_57" href="#FNanchor_57_57" class="label">[57]</a> Nornagreytur in der antiquarisk tidskrift 1849, S. 308;
+färösk anthologi ved Hammershaimb og Jakob Jakobsen Bd. 2, 1891, S.
+225.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_58_58" href="#FNanchor_58_58" class="label">[58]</a> Vgl. z.&#8239;B. Isidors etym. 8, 11, 92 <i>tria fata finguntur
+propter trina tempora: praeteritum ... praesens ... futurum ... quas
+parcas tres esse voluerunt, unam quae vitam hominis ordiatur, alteram
+quae contexat, tertiam quae rumpat</i>. Die Stelle war im Mittelalter
+hinlänglich verbreitet, mit Unrecht leugnet J. Grimm, Myth. 377 Anm.
+ihre Beziehungen zur isländischen Nornendreizahl; muss er doch selbst
+S. 378 zugestehen, dass nur Wurd ausserhalb des Nordens vorkommt, von
+den zwei andern aber nicht eine Spur.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_59_59" href="#FNanchor_59_59" class="label">[59]</a> Vgl. Golther, Der Valkyrjenmythus in den Abhandlungen der
+Münchener Akademie der Wissenschaften, 1. Klasse, 18. Band, 2. Abth. S.
+401 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_60_60" href="#FNanchor_60_60" class="label">[60]</a> Merkwürdig ist die Stelle bei Burchard von Worms (J.
+Grimm, Myth. 3, 409), welche Hexen als kämpfende Weiber zeigt:
+<i>credidisti quod quaedam mulieres credere solent, ut tu cum aliis
+diaboli membris in quietae noctis silentio clausis januis in aerem
+usque ad nubes subleveris, et ibi cum aliis pugnes, et ut vulneres
+alias, et tu vulnera ab eis accipias</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_61_61" href="#FNanchor_61_61" class="label">[61]</a> Vgl. Grein-Wülcker, Bibliothek der ags. Poesie I, 317;
+Wülcker, Kleinere ags. Dichtungen. Halle 1882, S. 33; zur Erklärung
+Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 93 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_62_62" href="#FNanchor_62_62" class="label">[62]</a> Zur Erklärung des Spruches vgl. Müllenhoff und Scherer,
+Denkmäler 2<sup>3</sup>, S. 43 ff.; Kögel, Litteraturgeschichte I, 1, 89 f.; v.
+Grienberger, ZfdPh. 27, 433 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_63_63" href="#FNanchor_63_63" class="label">[63]</a> Bei Saxo Buch III, S. 112 wird von Hotherus erzählt:
+<i>inter venandum errore nebulae perductum incidisse in quoddam
+sylvestrium virginun conclave, a quibus proprio nomine salutatus,
+quaenam essent, perquirit. illae suis ductibus auspiciisque maxime
+bellorum fortunam gubernari testantur; saepe enim se nemini conspicuas
+procliis interesse, clandestinisque subsidiis optatos amicis praebere
+successus ... quippe conciliare prospera, adversa infligere posse pro
+libito memorabant.</i> — Die Mädchen gewähren dem Hother eine hieb-
+und stossfeste Brünne und raten ihm listig, wie er den Sieg erlangen
+könne. Man kann zweifeln, ob hier in Saxos Quelle von Kampfgöttinnen
+oder Odins Walküren die Rede war. Im letzteren Fall hätte Saxo die
+Beziehung zu Odin getilgt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_64_64" href="#FNanchor_64_64" class="label">[64]</a> Asmundarsaga in den Fornaldar sögur 2, 483.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_65_65" href="#FNanchor_65_65" class="label">[65]</a> Haraldssaga hardráða, Fornmanna sögur 6, 402.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_66_66" href="#FNanchor_66_66" class="label">[66]</a> Über herfjǫtur vgl. Maurer in Wolfs Zeitschrift für
+deutsche Mythologie und Sittenkunde Bd. 2, 341 ff.; Bekehrung 2, 401 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_67_67" href="#FNanchor_67_67" class="label">[67]</a> Die Hds. liest <i>alvitr</i>; Sven Grundtvig, Saemundar
+Edda 2. Aufl. Kopenhagen 1874, S. 215 ff. bessert <i>álmvítr</i>, wie
+<i>hjálmvítr</i>, und erklärt: bogenführender Wicht, Bogenjungfrau.
+Die Walküren wären somit mit Helm (<i>hjálmvítr</i>), Brünne
+(<i>Brynhildr</i>), Schild (<i>skjaldmey</i>, Schildmagd), Speer und
+vielleicht auch Bogen (<i>álmvítr</i>) bewehrt gewesen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_68_68" href="#FNanchor_68_68" class="label">[68]</a> Saxo, Buch 6, S. 266 <i>ubi Fridlevus noctu speculandi
+gratia cum inusitatum quendam icti aeris sonum cominus percepisset,
+fixo gradu suspiciens trium olorum superne clangentium hoc aure carmen
+excepit .... denique post ipsas alitum voces lapsum ab alto cingulum
+literas carminis interpretes praeferebat.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_69_69" href="#FNanchor_69_69" class="label">[69]</a> Über <i>unhulþô</i>, <i>unholda</i> vgl. Kauffmann,
+Beiträge 18, 151 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_70_70" href="#FNanchor_70_70" class="label">[70]</a> Zur Erklärung des Wortes Hexe vgl. Weigandt, Deutsches
+Wörterbuch 1, 804; ältere Erklärung bei Schade, Altdeutsches Wb. 1,
+363; die Trennung der ahd. Wörter im Gegensatz zur früheren Auffassung,
+wonach <i>haȥusa</i> aus <i>hagaȥusa</i> verkürzt sein sollte,
+vertreten Kauffmann, Beiträge 18,155 Anm. 1 und Noreen, Indogerman.
+Forschungen 4, 326.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_71_71" href="#FNanchor_71_71" class="label">[71]</a> Über <i>trute</i>, welche noch heute die bayerische
+Mundart kennt, vgl. Grimm, Wörterb. 2, 1453 f.; Schmeller, Bayr. Wb. I<sup>2</sup>,
+648 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_72_72" href="#FNanchor_72_72" class="label">[72]</a> Sievers, Indogerm. Forschungen 4, 339: Bei <i>troll</i>
+möchte man an Zusammenhang mit got. <i>trudan</i>, an. <i>trođa</i>,
+ahd. <i>tretan</i> denken, an. <i>troll</i> aus <i>trođla</i>,
+<i>trolla</i> das Treten, Alpdrücken, Alp.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_73_73" href="#FNanchor_73_73" class="label">[73]</a> Vgl. Soldans Geschichte der Hexenprocesse, neu bearbeitet
+von H. Heppe, 2 Bde, Stuttgart 1880.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_74_74" href="#FNanchor_74_74" class="label">[74]</a> Vgl. den ags. Segen gegen <i>hægtessan gescot</i>,
+<i>hægtessan geweorc</i> bei Grein-Wülcker, Bibliothek der ags.
+Poesie 1, 317. Neben <i>hægtessan gescot</i> steht <i>ylfagescot</i>,
+Elbenschuss.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_75_75" href="#FNanchor_75_75" class="label">[75]</a> Vgl. Thorsteins saga bœrjarmagns in den Fornmanna sögur
+3, 175 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_76_76" href="#FNanchor_76_76" class="label">[76]</a> Ketils saga hængs in. den Fornaldar sögur 2, 131.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_77_77" href="#FNanchor_77_77" class="label">[77]</a> Über die Wichte und Elbe und ihre Sagen bieten die
+verschiedenen Sagensammlungen der Neuzeit reiches Material. Schon
+die deutschen Sagen der Brüder Grimm enthalten fast alle Haupttypen.
+Über die Elfen handeln die Brüder ausführlich in der Einleitung der
+irischen Elfenmärchen, Leipzig 1826; jetzt auch abgedruckt in W. Grimms
+kleineren Schriften I, 438 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_78_78" href="#FNanchor_78_78" class="label">[78]</a> Die Alfar als Seelen erklärt Fritzner, Ordbog 1<sup>2</sup>, 187.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_79_79" href="#FNanchor_79_79" class="label">[79]</a> Vgl. Laistner, Nebelsagen, Stuttgart 1879.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_80_80" href="#FNanchor_80_80" class="label">[80]</a> Altdeutsche Namen mit Alb- zusammengesetzt verzeichnet
+Foerstemann, Namenbuch 1, 54 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_81_81" href="#FNanchor_81_81" class="label">[81]</a> Über den Namen Albi vgl. Wrede, Sprache der Ostgoten,
+Strassburg 1891, S. 103.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_82_82" href="#FNanchor_82_82" class="label">[82]</a> Über die Etymologie des Wortes, das mit aind. <i>ṛbhu</i>
+verwandt scheint und auf eine idg. Wurzel <i>elbh olbh</i> zurückweist,
+vgl. Kuhn in der Zs. f. vergl. Sprachforschung 4, 109; Curtius,
+Griech. Etym.<sup>4</sup> 293; Laistner, Rätsel der Sphinx 1, 452 ff. Das idg.
+Wort bedeutet betrügen, listig, geschickt sein. Den Elben eignet wie
+den ṛbhus Kunstfertigkeit, sie sind dem Menschen hilfreich, aber auch
+trügerisch und tückisch.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_83_83" href="#FNanchor_83_83" class="label">[83]</a> Vgl. J.Grimm, Myth. 447 ff.; 3, 138; Schmeller, Bayer.
+Wörterbuch 2, 610 ff.; 614 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_84_84" href="#FNanchor_84_84" class="label">[84]</a> Über die Zwergensage im Ortnit vgl. Seemüller, ZfdA. 26,
+201 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_85_85" href="#FNanchor_85_85" class="label">[85]</a> J. Grimm, Myth. 2, 1109; Haupt, ZfdA. 4, 389; Kuhn,
+Westfäl. Sagen 2, 19.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_86_86" href="#FNanchor_86_86" class="label">[86]</a> Über die <i>álfar</i> vgl. Maurer, Isländische Volkssagen
+der Gegenwart S. 2 ff.; Jón Árnason, þjóðsögur 1, 1 ff.; Lehmann-Filhés,
+Isländische Volkssagen 1, 3 ff.; Hammershaimb, færösk anthologi 1, 327.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_87_87" href="#FNanchor_87_87" class="label">[87]</a> Vgl. Maerlant, Spiegel historial 1, 6 von den Alven; Jón
+Árnason, <i>þjóđsögur íslenzkar</i> 1, 5; ebenda wird das huldufolk in
+Holz und Haide, Hügeln und Gestein aus dem Schwank von Evas ungleichen
+Kindern abgeleitet; ein Elbe als ein mit Lucifer gefallener Engel schon
+bei Caesarius von Heisterbach 5, 36.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_88_88" href="#FNanchor_88_88" class="label">[88]</a> Die wichtigsten Typen der Koboldssagen, von denen jede
+Sagensammlung zahlreiche Beispiele darbietet, enthalten die Deutschen
+Sagen Nr. 72/8; vgl. namentlich die trefflichen Erzählungen von Hütchen
+und Hinzelmann. Ein altes Zeugniss vom Hausgeist steht bei Gervasius
+von Tilbury <i>otia imperialia</i> p. 180. <i>in Anglia daemones
+quosdam habent ... istis insitum est quod simplicitatem fortunatorum
+colonorum amplectuntur, et cum nocturnas propter domesticas operas
+agunt vigilias, subito clausis januis ad ignem calefiunt et ranunculas
+ex sinu projectas prunis impositas comedunt, senili vultu, facie
+corrugata, statura pusilli, dimidium pollicis non habentes. panniculis
+consertis induuntur et si quid gestandum in domo fuerit aut onerosi
+operis agendum, ad operandum se jungunt, citius humana facilitate
+expediunt.</i> Sie führen den einsamen Reiter zur Nacht gern irre und
+erheben ein Gelächter, wenn er, von ihnen getäuscht, in den Morast
+gerät.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_89_89" href="#FNanchor_89_89" class="label">[89]</a> Die Erklärung des Wortes Kobold nach dem Deutschen
+Wörterbuch 5, 1548 ff., vgl. auch Kluge, Etym. Wb. unter Kobold. Dem
+Wortsinne nach ist schwed. <i>tomtekarl</i>, <i>tomtegubbe</i> d.&#8239;h.
+Hausmann, Hausgreis, norweg. <i>tomtevätte</i> Hauswicht, unsrem Kobold
+gleichbedeutend.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_90_90" href="#FNanchor_90_90" class="label">[90]</a> Über den Butzenmann und andere Koboldsnamen handelt
+ausführlich, ein geistvoller Aufsatz Laistners, ZfdA. 32, 145 ff. Die
+Grundbedeutung der Koboldsnamen geht fast immer auf poltern, schrecken,
+Mummerei.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_91_91" href="#FNanchor_91_91" class="label">[91]</a> Überhaupt nähern sich die vielfach gehegten Hausschlangen
+und Hausunken dem Begriffe guter hilfreicher Hausgeister. Sie werden
+täglich mit Milch gefüttert. Sie spielen mit dem Kinde und bringen ihm
+Gedeihen. Sie leben ungestört in Hof und Stall. Werden sie verletzt
+oder getötet, weichen sie vom Haus, so geht das Glück mit ihnen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_92_92" href="#FNanchor_92_92" class="label">[92]</a> Während der Kobold einerseits streng auf das gebührende
+Speiseopfer hält, zeigt er sich wiederum durch anderweitige Gaben eher
+gekränkt. Werden den hilfreichen Elben Kleider angefertigt und zurecht
+gelegt, so fliehen sie mit dem klagenden Rufe „ausgelohnt, ausgelohnt“
+davon und kehren nimmer wieder.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_93_93" href="#FNanchor_93_93" class="label">[93]</a> Sagen vom Klabautermann bei Temme, Volkssagen aus Pommern
+S. 302; Wolfs Zs. f. Mythologie 2, 141 ff.; Müllenhoff, Sagen aus
+Schleswig, Holstein und Lauenburg 318 ff.; zur Etymologie Deutsches
+Wörterbuch 5, 888; Laistner, Nebelsagen S. 334.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_94_94" href="#FNanchor_94_94" class="label">[94]</a> Ebenso J. Köhler, Volksbrauch, Aberglauben und Sagen im
+Voigtlande, Leipzig 1867, S. 476.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_95_95" href="#FNanchor_95_95" class="label">[95]</a> Baier in Wolfs Zs. f. Myth. 2, 141; Temme, Volkssagen aus
+Pommern und Rügen, Berlin 1840, S. 302.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_96_96" href="#FNanchor_96_96" class="label">[96]</a> Die ahd. Form lautet <i>nihhus</i>, crocodilus, die ags.
+<i>nicor</i>, Wassergeist, Wasserungetüm, an. <i>nykr-vatnahestur</i>,
+Flusspferd, dän. <i>nökk</i>, schwed. <i>nekk</i>. Aus der ahd.
+Form entwickelt sich mhd. <i>niches</i>, <i>nickes</i>, woraus nhd.
+<i>nix</i> entsteht; im Nds. begegnet wie im Ags. das r-Suffix,
+<i>nicker</i>. Das Fem. ist ahd. <i>nihhussa</i>, <i>nihhessa</i>,
+lympha, woraus mhd. <i>nickese</i>, nhd. <i>nixe</i>. Zu Grunde liegt
+vermutlich eine germ. Wurzel <i>niq</i> aus vorgerm. <i>nig</i>
+(sanskrit <i>nij</i>, griech. νίπτω, sich waschen, baden), so dass Nix
+eigentlich der Badende, der Taucher wäre. Vgl. Kluge, Etym. Wörterbuch
+unter Nix; über die Verschiedenheit der Ableitungssilben Noreen, Abriss
+der urgerm. Lautlehre S. 65 und 136. An. <i>nykr</i> ist aus älterem
+<i>nikwir</i> zu erklären (Noreen, An. Grammatik<sup>2</sup> § 72, 5), aus der an.
+Form entstehen regelrecht die neunordischen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_97_97" href="#FNanchor_97_97" class="label">[97]</a> Weinhold, Zs. d. Vereins f. Volkskunde 5, 124 hält den
+schlesischen Namen der Wasserjungfer Wasserlisse, Lisse für eine
+Verderbniss aus Wassernixe.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_98_98" href="#FNanchor_98_98" class="label">[98]</a> Witzschel, Sagen aus Thüringen 1, 236, 279, 285.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_99_99" href="#FNanchor_99_99" class="label">[99]</a> Auch Weinhold, Zs. d. Vereins f. Volkskunde 5, 112 denkt
+bei den fischschwänzigen Nixen an die Meerweiber des ausgehenden
+Altertums, die dem deutschen Volke namentlich aus dem romanischen und
+gotischen Baustil seit dem 10. Jh. vor Augen kamen. Freilich meint er
+auch selbständige Bildung annehmen zu dürfen, aber mit Unrecht.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_100_100" href="#FNanchor_100_100" class="label">[100]</a> Nixensagen in den Deutschen Sagen Nr. 49–69; 83;
+305–308.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_101_101" href="#FNanchor_101_101" class="label">[101]</a> Vgl. Maurer, Isländ. Volkssagen der Gegenwart S. 172 f.;
+Jón Árnason, Þjóðsögur 1, 633; Lehmann-Filhés, Isländ. Volkssagen 2, 16
+f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_102_102" href="#FNanchor_102_102" class="label">[102]</a> Nach Lehmann-Filhés, Isländ. Volkssagen 1, 65 f.;
+weiteres bei Maurer, Isländische Volkssagen der Gegenwart S. 31 f.; Jón
+Árnason, Þjóđsögur 1, 132 ff.; vgl. auch Hammershaimb, Färösk anthologi
+1, 335.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_103_103" href="#FNanchor_103_103" class="label">[103]</a> Vgl. Mannhardt, Wald- und Feldkulte. I. Der Baumkultus
+der Germanen, II. Antike Wald- und Feldkulte, Berlin 1875 u. 1877;
+Mythologische Forschungen, Strassburg 1884.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_104_104" href="#FNanchor_104_104" class="label">[104]</a> Vgl. Mannhardt, Roggenwolf und Roggenhund, Danzig 1865,
+2. Aufl. 1866; Die Korndämonen, Berlin 1867.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_105_105" href="#FNanchor_105_105" class="label">[105]</a> Laistner, Rätsel der Sphinx 1, 31, 52; 2, 71.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_106_106" href="#FNanchor_106_106" class="label">[106]</a> Über den <i>Bilwis</i> vgl. J. Grimm, Myth. 441 ff.;
+Schmeller, Bayer. Wörterbuch 1, 230; 2, 1037 ff.; Mannhardt, Antike
+Wald- und Feldkulte 175 f.; Laistner, Rätsel der Sphinx 2, 262, 266,
+286; Nebelsagen 315 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_107_107" href="#FNanchor_107_107" class="label">[107]</a> Vgl. Weinhold, Die Riesen des germanischen Mythus, in
+den Sitzungsberichten der Wiener Akademie der Wissenschaften Band 26,
+1858, S. 225–306.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_108_108" href="#FNanchor_108_108" class="label">[108]</a> Vgl. die Deutschen Sagen der Brüder Grimm Nr. 45;
+Weiteres bei Laistner, Nebelsagen S. 256.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_109_109" href="#FNanchor_109_109" class="label">[109]</a> Ob die von Tacitus Germ. 46 erwähnten <i>Etionas als
+itjans</i>, gefrässige Riesen gedeutet werden können (Müllenhoff,
+Altertumskunde 2, 354), bleibe dahingestellt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_110_110" href="#FNanchor_110_110" class="label">[110]</a> Vgl. Kögel, AnzfdA. 18, 49; aus derselben Wurzel ist der
+Volksname <i>ermun-duri</i> und <i>thuringi</i> gebildet, und das nord.
+Zeitwort <i>þora</i>, wagen. Die frühere Erklärung z.&#8239;B. noch Mogk im
+Grundriss 1, 1041 zieht skrt. <i>tṛš</i> lechzen, gierig sein, heran,
+indem das s in <i>þurs</i> als wurzelhaft betrachtet wird, was es aber
+schwerlich ist.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_111_111" href="#FNanchor_111_111" class="label">[111]</a> Zur Etymologie von Hüne vgl. J. Grimm, Myth. 491;
+Deutsche Grammatik 2, 462; Müllenhoff, ZfdA. 13, 576; Kögel, AnzfdA.
+18, 50; anders Kluge im Etym. Wb. unter Hüne.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_112_112" href="#FNanchor_112_112" class="label">[112]</a> Teufelssagen, die aus alten Riesensagen stammen,
+verzeichnet J. Grimm, Myth. 972 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_113_113" href="#FNanchor_113_113" class="label">[113]</a> Zur Stelle vgl. Vilmar, Deutsche Altertümer im Heliand
+S. 10; die ags. Stellen, welche <i>enta geƕeorc</i> nennen, bei Grein,
+Ags. Sprachschatz 1, 228.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_114_114" href="#FNanchor_114_114" class="label">[114]</a> Zur Sage vom Riesenbaumeister J. Grimm, Myth. 514 ff.;
+3, 158; Menzel, Odin 19 ff.; Scheibles Kloster 9, 7 ff.; Kuhn, Westfäl.
+Sagen 1, 29; 248 ff.; Simrock, Myth.<sup>5</sup> 55 ff.; Henne am Rhyn, Die
+deutsche Volkssage 242 ff.; Faye, Norske folkesagn 14 ff.; E. H. Meyer,
+Myth. 153.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_115_115" href="#FNanchor_115_115" class="label">[115]</a> Die Erklärung des Namens, der im Ags. als <i>Forneot</i>
+wiederkehrt, ist <i>Forn-jótr</i>, alter Riese, Urriese, oder
+<i>For-njótr</i>, Vorbesitzer des Landes, Oberherr (Uhland, Schriften
+6, 22; Falk, Beiträge 14, 9); Noreen, fornnordisk religion S. 2 schlägt
+<i>fórn-njótr</i>, Opfergeniesser, vor.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_116_116" href="#FNanchor_116_116" class="label">[116]</a> Von Forniots Geschlecht berichten die Fornaldar sögur 2,
+3 ff.; von Halogi ebenda 2, 383 ff.; zur Sage vgl. Uhland, Schriften 6,
+20 ff.; Mogk, Grundriss 1, 1040.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_117_117" href="#FNanchor_117_117" class="label">[117]</a> Vita St. Galli MG. II. 7 <i>volvente deinceps cursu
+temporis electus dei Gallus retia lymphae laxabat in silentio noctis,
+sed inter ea audivit demonem de culmine montis pari suo clamantem,
+qui erat in abditis maris. Quo respondente, „adsum“ montanus e
+contra: „surge“ inquit „in adjutorium mihi; ecce peregrini venerunt,
+qui me de templo ejecerunt;“ nam deos conterebant, quo incolae isti
+colebant; insuper et eos ad se convertebant; „veni, veni, adjuva nos
+expellere eos de terris!“ Marinus demon respondit: „en unus illorum
+est in pelago, cui nunquam nocere potero. Volui enim retia sua ledere,
+sed me victum proba lugere. Signo orationis est semper clausus, nec
+umquam somno oppressus.“ Electus vero Gallus haec audiens munivit se
+undique signaculo crucis dixitque ad cos: „in nomine Jesu Christi
+praecipio vobis, ut de locis istis recedatis, nec aliquem hic ledere
+praesumatis!“</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_118_118" href="#FNanchor_118_118" class="label">[118]</a> Vgl. die Armanns Saga; Maurer, Bekehrung 1, 234 Anm. 13.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_119_119" href="#FNanchor_119_119" class="label">[119]</a> Über Beowulf vgl. Müllenhoff, ZfdA. 7, 419 ff.; Beowulf,
+Untersuchungen über das Epos, Berlin 1889; Sarrazin, Beowulf-Studien,
+Berlin 1888; ten Brink, Beowulf, Untersuchungen, Strassburg 1888;
+Uhland, Schriften 8, 479 ff.; Laistner, Nebelsagen S. 88 ff.; 264 ff.;
+Kögel, ZfdA. 37, 268 ff.; Literaturgeschichte I, 1, 109 ff. Dass ein
+Unhold, und zwar häufig ein Wassergeist, eine menschliche Behausung
+unbrauchbar macht, bis ein beherzter Mann ihn daraus vertreibt, ist
+ein beliebter Märchenzug; vgl. Simrock, Beowulf 177 ff.; Laistner,
+Rätsel der Sphinx 2, 15 ff. Der Name Grendel macht Schwierigkeit.
+Den deutschen Sprachen ist das Wort <i>grendel</i>, <i>grindel</i> =
+Riegel, ganz geläufig. Der Teufel heisst Höllriegel. Sollte Grendels
+Name und seine Mutter aus christlichen Volksvorstellungen vom Teufel
+stammen? Das Beowulf-Gedicht ist mit Teufelsaberglauben ja vertraut und
+verweist den Wasserriesen ausdrücklich zu den Teufeln. Unter Beziehung
+aufs mndl. Wörterbuch 2, 2129 erklärt Kögel ZfdA. 37, 275 Grendel
+als Schlange, und leitet den Namen aus dem Zeitwort <i>grinden</i>,
+knirschen, zischen, brausen. Grendel ist die brausende Wasserschlange,
+die hereintosende Sturmflut. Da in der SE. 2, 480 <i>grindilt</i>
+eine Bezeichnung des Sturmes ist, und das Wort möglicherweise zu
+<i>grenja</i>, heulen, tosen (vom Sturm und Wasser gebraucht) steht,
+wurde auch diese Etymologie vorgeschlagen; vgl. Mogk, Grundriss 1,
+1043.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_120_120" href="#FNanchor_120_120" class="label">[120]</a> <i>ægir</i> ist aus <i>âgu̯iaz</i> entfaltet und
+steht zu got. <i>ahua</i>, lat. <i>aqua</i>; völlig verschieden ist
+<i>œgir</i>, der Schrecker, zum ablautenden Zeitwort <i>agan</i>,
+<i>ôg</i> fürchten, an. <i>œgiask</i> sich fürchten; vgl. K. Gislason,
+aarböger f. nord. oldkyndighed og historie 1876, S. 313 ff.; Noreen,
+Abriss der urgermanischen Lautlehre S. 59; von Ägir erzählen Hym.,
+Lokas., Bragar; über seine Deutung vgl. Uhland, Schriften 6, 92 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_121_121" href="#FNanchor_121_121" class="label">[121]</a> Vgl. Weinhold, Riesen S. 235 f.; zu <i>hlé</i>, Obdach,
+gestellt ist Hlér der Deckende, Schützende.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_122_122" href="#FNanchor_122_122" class="label">[122]</a> Die Stellen, welche Gymir nennen, sammelt Sveinbjörn
+Egilsson, Lexicon 282; Gymir fällt im Wortsinn mit Hlér zusammen, es
+bedeutet Schützer, zum Verbum <i>geyma</i>, bewahren, beschützen;
+Kaufmann, Beiträge 18, 175.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_123_123" href="#FNanchor_123_123" class="label">[123]</a> Von Hymir erzählt die Hymeskviþa u. Gylfag. Kap. 48,
+wo der Name Ymir und Eymir verschrieben ist; vgl. K. Gislason in
+Danske vidensk. selsk. skr. 5, 4 (1874), S. 435 ff. Hymir steht wol zu
+<i>humr</i> m., <i>hum</i> n., Dämmerung, Dunkelheit, graue Meerflut.
+Hymirs Wesen erklärt Uhland, Schriften 6, 91 f.; in den Beiträgen
+18, 170 ff. deutet Kauffmann Hymir als den Dümmling, den Blöden, zu
+<i>hýma</i>, dösig sein.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_124_124" href="#FNanchor_124_124" class="label">[124]</a> Über Wado vgl. Müllenhoff, ZfdA. 6, 62 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_125_125" href="#FNanchor_125_125" class="label">[125]</a> Über Starkad Aludreng, d.&#8239;h. Spross des Ala vgl. der
+Hervararsaga Kap. 1 und die Gautrekssaga Kap. 3; dazu Uhland, Schriften
+6, 101 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_126_126" href="#FNanchor_126_126" class="label">[126]</a> Über Meerungeheuer vgl. Maurer, Isländische Volkssagen
+30 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_127_127" href="#FNanchor_127_127" class="label">[127]</a> Über die Weltschlange Vǫl. 50; Hym. 22/4; Gylfag. Kap.
+34, 47, 48, 51; vgl. ferner unten im Abschnitt über Thor.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_128_128" href="#FNanchor_128_128" class="label">[128]</a> Über Fenrir Vǫl. 40, 53, 54; Vafþ. 46/7; Hyndl. 40;
+Gylfag. Kap. 34 u. 51; dazu die Abschnitte über Tyr und Odin.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_129_129" href="#FNanchor_129_129" class="label">[129]</a> Gr. δράκων, lat. <i>draco</i>, ags. <i>draca</i>, an.
+<i>dreki</i>, ahd. <i>traccho</i>. Litteratur über den Drachen als
+Giessbach bei Laistner, Nebelsagen 256 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_130_130" href="#FNanchor_130_130" class="label">[130]</a> Über Mimir vgl. Uhland, Schriften 6, 197 ff.; Weinhold,
+Riesen 243 ff.; Müllenhoff, Altertumskunde 5, 101 ff., und unten
+im Abschnitt über Odin. Namen, die mit Mimir zusammengesetzt sind,
+verzeichnet Fürstemann, Namenbuch 1, 931 ff. (Mimo, Mimilo, Mimolt,
+Mimidrud, Mimihilt, Mimigard) u. 2<sup>2</sup> (Ortsnamen) S. 1099 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_131_131" href="#FNanchor_131_131" class="label">[131]</a> Litteratur zum wilden Jäger bei E. H. Meyer, Mythologie
+236 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_132_132" href="#FNanchor_132_132" class="label">[132]</a> Abgedruckt nach einer Münchener Handschrift von
+J. Grimm, Myth. 3, 493 f.; ebenda 494 der deutsche Segen. Nach
+Wackernagel, ZfdA. 6, 290 f. steht der im Ahd. belegte Name
+<i>Scrâƕunc</i>, zu mhd. <i>schrâ</i>, Hagel, Reif, Schnee, als Wetter-
+und Hagelmacher neben Fasolt und Mermeut, den Wind- und Wetterriesen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_133_133" href="#FNanchor_133_133" class="label">[133]</a> Hrungnir wird von Weinhold, Riesen 272 Anm. aus
+an. <i>hrang</i>, Schall, Getöse, und <i>hringja</i>, läuten,
+<i>hringla</i>, klingeln als der Schallende, Rauschende erklärt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_134_134" href="#FNanchor_134_134" class="label">[134]</a> Vgl. J. Aasen, norsk ordbog 348; J.E. Rietz, ordbok
+öfver svenska allmogespråket 379.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_135_135" href="#FNanchor_135_135" class="label">[135]</a> Hrímþursar in Vafþr. 33; Skírn. 35; Grímn. 31; Hǫ́v. 108
+und an mehreren Stellen der SE.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_136_136" href="#FNanchor_136_136" class="label">[136]</a> Vgl. <i>bergrisar</i>, <i>bergbúar</i>,
+<i>bergjarlar</i>, <i>bergdanir</i>, <i>bergmærir</i>,
+<i>bergstjórar</i> (Bergbeherrscher), <i>bergýrar</i> (Bergauerstiere),
+<i>bjarga gætir</i> (montium custos), <i>hraundrengr</i> (Gesteins-
+oder Lavaleute), <i>hraunbúar</i> (Lavabauern), <i>hraunhvalr</i>
+(Lavaseehund), <i>gljúfrskeljungr</i> (Klippenseehund),
+<i>fjallagyldir</i> (Bergwolf), <i>gitja grundar gramr</i> (Beherrscher
+des Klüftelandes), <i>hellis burr</i> (Höhlensohn), <i>fjǫro þjóđ</i>
+(Strandvolk) u.&#8239;s.&#8239;w.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_137_137" href="#FNanchor_137_137" class="label">[137]</a> Vgl. J. Grimm, Myth. 518; 3, 158; ZfdA. 4, 503 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_138_138" href="#FNanchor_138_138" class="label">[138]</a> Die Watzmannssagen bei Vernaleken, Alpensagen 101;
+Panzer, Beitrag zur deutschen Mythologie 1, 245 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_139_139" href="#FNanchor_139_139" class="label">[139]</a> Vgl. Weinhold, Riesen 268.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_140_140" href="#FNanchor_140_140" class="label">[140]</a> Zum Mühlenlied Finnur Jónsson, den oldnorske og
+oldislandske litteraturs historie 1, 214 ff.; ein Mühlenmärchen, dessen
+Verhältniss zum Grottasǫngr aufzuklären ist, bietet Jón Árnason,
+íslenzkar þjóðsögur 2, 9 ff.; Lehmann-Filhés, Isländische Volkssagen
+2, 45 ff.; Uhlands Deutung, Schriften 7, 106 ff.; über Wunschmühlen
+Laistner, Nebelsagen 324 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_141_141" href="#FNanchor_141_141" class="label">[141]</a> In der Vǫlsungasaga Kap. 1 erscheint übrigens ebenso
+die Tochter des Riesen Hrimnir namens Hljod als Wunschmaid Odins, eine
+Riesin als Walküre.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_142_142" href="#FNanchor_142_142" class="label">[142]</a> Über den wilden Mann vgl. Mannhardt, Der Baumkultus der
+Germanen S. 105 und öfters; über Waldriesinnen ebenda S. 88 ff.; über
+die rauhe Else S. 108 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_143_143" href="#FNanchor_143_143" class="label">[143]</a> Zu <i>hyrr</i>, Feuer und <i>rok</i>, Wirbel; so
+Weinhold, Riesen S. 278; Bugge, Studien S. 230, Anm. 4 schlägt
+die Lesart Hyrrokkin vor und erklärt <i>hyr-hrokkin</i>, die
+Feuergekräuselte; bei der Lesart Hyrrokin stellt er <i>rokin</i> zu
+<i>rjúka</i>, rauchen, dampfen, also die feurig Rauchende.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_144_144" href="#FNanchor_144_144" class="label">[144]</a> Über Surt vgl. Vǫl. 52; Vafþr. 50/1; Gylfag. Kap. 4,
+5, 13, 51 sowie unten im Abschnitt über den Weltbrand. Eine grosse
+Lavahöhle Islands ist nach Surt benannt, <i>Surtshellir</i>; nach der
+Landnáma 3 Kap. 10 dichtete ein Isländer ein Lied zu Ehren des Riesen
+in der Höhle. Die Pechkohle heisst auf Island <i>Surtar brandur</i>;
+vgl. Jón Árnason, Þjóðsögur íslenzkar 1, 142; 657; 665.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_145_145" href="#FNanchor_145_145" class="label">[145]</a> Vgl. Uhlands Abhandlung über die deutschen Volkslieder,
+Abschnitt I Sommer und Winter.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_146_146" href="#FNanchor_146_146" class="label">[146]</a> Der Segen bei Müllenhoff-Scherer, Denkmäler<sup>3</sup> IV, 6; dazu
+die Anmerkungen im 2. Bande S. 53; vgl. J. Grimm, Kl. Schriften 2, 147;
+Myth. 3, 153; Kögel, Litteraturgeschichte I, 1, 265.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_147_147" href="#FNanchor_147_147" class="label">[147]</a> Zur Etymologie Kluge, Etym. Wb. unter Gott; Brugmann,
+Grundriss 2, 212; Feist, Gotische Etymologie, Strassburg 1888 S. 46;
+im Altind. lautet die Participialform <i>hutá</i>, <i>hûtá</i>, im
+Avest. <i>zûta</i>; im Veda ist <i>puruhûta</i> ein stehendes Beiwort
+des vielgerufenen Indra. Ältere Erklärungsversuche des Wortes Gott
+verzeichnet Schade, Altdeutsches Wörterbuch 1<sup>2</sup>, 342.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_148_148" href="#FNanchor_148_148" class="label">[148]</a> Die Runeninschrift von Kragehul (Dänemark) zeigt den
+Namen <i>asugisalas</i> für <i>ansugisalas</i> (an. <i>Ásgísl</i>);
+vgl. Noreen An. Gr.<sup>2</sup> S. 260; in der Þrymskviþa 16 ist vielleicht
+<i>ǫ́sur</i> für <i>ǫ́ss</i> zu lesen, vgl. Symons, Die Lieder der Edda
+I, 1 S. XV.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_149_149" href="#FNanchor_149_149" class="label">[149]</a> Urverwandt ist aind. <i>devas</i>, gr. δῖος, lat.
+<i>divus</i>, air. <i>dia</i>. Die an. <i>díar</i>, welche beim
+Skald Kormak und in der Ynglingasaga begegnen, sind der irischen
+Sprache entlehnt, vgl. Bugge, Studien S. 30. Wie sich der Dativ
+sing, <i>tívor</i> in Vǫl. 32 zu dem Plur. <i>tívar</i> und dem dazu
+gehörigen Sing. <i>tír</i> (Noreen, An. Grammatik<sup>2</sup> § 72 Anm. 7)
+verhält, ist rätselhaft. Es wird ein Nom. Sing. <i>tívurr</i>, Gott,
+angesetzt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_150_150" href="#FNanchor_150_150" class="label">[150]</a> Die Stellen, wo ausserdem im Ags. <i>meotudsceaft</i> im
+Sinne von Verhängniss, Tod, vorkommt (im Crist 888 bedeutet es jüngstes
+Gericht), bei Grein, Ags. Sprachschatz 2, 240; über <i>regano</i> und
+<i>metodogiscapu</i> vgl. Vilmar, Deutsche Altertümer im Heliand, 2.
+Ausg. Marburg 1862, S. 12 ff. u. 16; <i>metod</i> als Richter erklärt
+Kauffmann, Beiträge 18, 180 mit Hinweis auf gr. μεδέων und irisch
+<i>coimdiu</i> aus *<i>com-mediu</i> „Richter“.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_151_151" href="#FNanchor_151_151" class="label">[151]</a> Diese Auslegung Odrerirs schlägt Bugge, Studien über die
+Entstehung der nordischen Götter und Heldensagen S. 563 f. vor.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_152_152" href="#FNanchor_152_152" class="label">[152]</a> Zum Alter der Vǫlospǫ́ en skamma vgl. Finnur Jónsson,
+Litteraturs historie 1, 204.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_153_153" href="#FNanchor_153_153" class="label">[153]</a> Über die Form des idg. <i>*di̯eu̯-</i> <i>*dii̯eu̯-</i>
+(zur Wurzel <i>dĭ̄u̯</i>) Brugmann, Grundriss der vergl. Grammatik
+d. idg. Spr. II S. 451; an. <i>Týr</i> &lt; <i>Tieuȥ</i> Noreen An.
+Gr.<sup>2</sup> § 68, 7; ags. <i>Tíƕ, Tíg</i> zu erschliessen aus überliefertem
+<i>Tíƕes-Tigesdæg</i>, Sievers Ags. Gr.<sup>2</sup> § 250, 1 Anm. 2; das Fries.
+gewährt <i>Tiesdi</i>, <i>Tisdei</i>, Richthofen, Afries. Wb. 1084;
+ahd. <i>Zio</i>, <i>Ziu</i>, aus überliefertem <i>Ziestag</i>, Graff,
+Ahd. Sprachschatz 5, 358, 361, mhd. <i>zîstag</i>, Lexer, Mhd. Wb.
+III 1136, schwäb. <i>zisteg</i>, <i>zeisteg</i>, Schmeller, Bair. Wb.
+II 1071. Zu den Verderbnissen in <i>zinstag</i>, <i>dingstag</i>,
+<i>dienstag</i> Grimm, Deutsches Wb. II 1119, Andresen, ZfdA. 30,
+415, Kluge, Etym. Wb. unter Dienstag. Ob die ahd. Glosse <i>ziu</i>,
+turbines hergehört? J. Grimm, Myth. 184 erklärte „Wetter der Schlacht“
+„Mars trux oder saevus“. In Deutschland sind keine Orts- oder
+Eigennamen mit Sicherheit auf Zio zurückzuführen. Ziolf Förstemann II,
+1658 gehört nicht her. Über <i>Ciesburg Ciuuari</i> vgl. S. 205 Anm.
+<i>Teƕesley</i> in England neben <i>Thursley</i> (<i>Thunresléah</i>)
+und <i>Wanborough</i> (<i>Wódenesbeorh</i>) weist vielleicht auf ags.
+<i>Tíƕesléah</i>; Kemble, the Saxons in England I, 351. Ganz anders
+erklärt Bremer (Indogerm. Forschungen 3, 301 f.) den Namen. Auf
+Grund von ags. <i>Tíƕ</i>, afries. <i>Tî</i> an. <i>tífar</i>, mhd.
+<i>zîstac</i> setzt er urgerm. <i>Tîƕaȥ</i> = lat. <i>dívus</i>, aind.
+<i>dēva</i>, air. <i>dia</i>, lit. <i>dë̃vas</i> in der Bedeutung
+„Gott, göttlich“ an. Ahd. <i>Zîo</i> wurde zu <i>Zî</i> und <i>Zio</i>
+(Braune Ahd. Gr. § 108 Anm. 2, § 43, Anm. 6). Ein Zusammenhang mit dem
+griech. lat. aind. Himmelsgott sei ausgeschlossen; vgl. auch Kögel,
+Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, S. 14 Anm.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_154_154" href="#FNanchor_154_154" class="label">[154]</a> Tac. Hist. IV 64 <i>igitur Tencteri, Rheno discreta
+gens, missis legatis mandata apud concilium Agrippinensium edi iubent,
+quae ferocissimus e legatis in hunc modum protulit: redisse vos in
+corpus nomenque Germaniae communibus deis et praecipuo deorum Marti
+grates agimus.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_155_155" href="#FNanchor_155_155" class="label">[155]</a> Tac. Germ 9 <i>Herculem ac Martem concessis animalibus
+placant.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_156_156" href="#FNanchor_156_156" class="label">[156]</a> Tac. Germ. 39 <i>vetustissimos nobilissimosque Sueborum
+Semnones memorant; fides antiquitatis religione firmatur. Stato tempore
+in silvam auguriis patrum et prisca formidine sacram omnes eiusdem
+sanguinis populi legationibus coeunt caesoque publice homine celebrant
+barbari ritus horrenda primordia. est et alia luco reverentia: nemo
+nisi vinculo ligatus ingreditur, ut minor et potestatem numinis prae se
+ferens. si forte prolapsus est, attolli et insurgere haud licitum: per
+humum evolvuntur. eoque omnis superstitio respicit, tanquam inde initia
+gentis, ibi regnator omniun deus, cetera subiecta atque parentia.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_157_157" href="#FNanchor_157_157" class="label">[157]</a> Tac. An. XIII, 57 <i>sed bellum Hermunduris prosperum,
+Chattis exitiosius fuit, quia victores diversam aciem Marti ac Mercurio
+sacravere, quo voto equi viri, cuncta viva occidioni dantur. et minae
+quidem hostiles in ipsos vertebant.</i> Zur Erklärung der Worte vgl. J.
+Grimm, Myth. 999 Anm.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_158_158" href="#FNanchor_158_158" class="label">[158]</a> Prokop, <i>bell. got. 2, 15</i> von den Thuliten d.&#8239;h.
+den Skandinaviern: θύουσι δὲ ἐνδελεχέστατα ἱερεῖα πάντα καὶ ἐναγίζουσι.
+τῶν δὲ ἱερείων σφισὶ τὸ κάλλιστον ἀνθρωπός ἔστιν, ὅνπερ ἄν δοριάλωτον
+ποιήσαιντο πρῶτον. τοῦτον γὰρ τῷ Ἄρει θύουσιν, ἐπεὶ θεὸν αὐτὸν
+νομίζουσι μέγιστον εἶναι.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_159_159" href="#FNanchor_159_159" class="label">[159]</a> Jord. Get. 5 <i>quem Martem Gothi semper asperrima
+placavere cultura. nam victimae eius mortes fuere captorum, opinantes
+bellorum praesulem aptius humani sanguinis effusione placandum. huic
+praedae primordia vovebantur, huic truncis suspendebantur exuviae.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_160_160" href="#FNanchor_160_160" class="label">[160]</a> Amm. Marc. XVII, 12 von den Quaden: <i>eductis
+mucronibus, quos pro numinibus colunt, iuravere se permansuros in
+fide.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_161_161" href="#FNanchor_161_161" class="label">[161]</a> Jord. Get. 35 <i>cum pastor quidam gregis unam buculam
+conspiceret claudicantem, nec causam tanti vulneris inveniret,
+sollicitus vestigia cruoris insequitur, tandemque venit ad gladium,
+quem depascens herbas incauta calcaverat, effossumque protinus ad
+Attilam defert. quo ille munere gratulatus, ut erat magnanimis,
+arbitratur se mundi totius principem constitutum et per Martis gladium
+potestatem sibi concessam esse bellorum.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_162_162" href="#FNanchor_162_162" class="label">[162]</a> Tac. Germ. 24 <i>genus spectaculorum unum atque in omni
+coetu idem. nudi iuvenes, quibus id ludicrum est, inter gladios se
+atque infestas frameas saltu iaciunt. exercitatio artem paravit, ars
+decorem, non in quaestum tamen aut mercedem: quamvis audacis lasciviae
+pretium est voluptas spectantium.</i> Vgl. Müllenhoff, Über den
+Schwerttanz (in den Festgaben für Gustav Homeier) Berlin 1872; weitere
+Litteratur gibt John Meier in Pauls Grundriss II 1, 835.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_163_163" href="#FNanchor_163_163" class="label">[163]</a> Tac. Germ. 10 <i>proprium gentis equorum quoque
+praesagia ac monitus experiri. publice aluntur isdem nemoribus ac
+lucis, candidi et nullo mortali opere contacti; quos pressos sacro
+curru sacerdos ac rex vel princeps civitatis comitantur hinnitusque
+ac fremitus observant. nec ulli auspicio maior fides, non solum apud
+plebem, sed apud proceres, apud sacerdotes; se enim ministros deorum,
+illos conscios putant.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_164_164" href="#FNanchor_164_164" class="label">[164]</a> Panzer, Beitrag zur deutschen Mythologie 1,
+291. Chr. Petersen, Hufeisen und Rosstrappen im Archiv der
+schlesw.-holst.-lauenb. Gesellschaft für vaterländ. Geschichte Band 19,
+194 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_165_165" href="#FNanchor_165_165" class="label">[165]</a> Im November 1883 wurden zu Housesteads am Hadrianswall
+in England zwei Altäre und ein hoher giebelartiger Aufsatz gefunden mit
+bildlichen Darstellungen und Inschriften versehen. Die Reliefbilder
+sind durchaus römisch und so auszulegen. Eine mit Helm, Speer und
+Schild bewaffnete Kriegergestalt, zu ihrer Rechten ein Vogel, steht
+in der Mitte eines bogenförmigen Halbrunds. Auf beiden Seiten sind
+nackte Figuren mit Kränzen und Stäben angebracht. Es ist Mars mit der
+Gans und zwei Viktorien oder Eroten. Eine Beziehung auf germanische
+Vorstellungen, wie Hoffory in dem Relief des Aufsatzes sie findet,
+ist unstatthaft. Die Inschriften der Altäre lauten: <i>Deo Marti et
+duabus Alaisiagis et numinibus Augustorum Germani cives Tuihanti
+cunei Frisiorum Ver. Ser. Alexandriani v[otum] s[olverunt] l[ibenter]
+m[erito]. Deo Marti Thingso et duabus Alaesiagis Bede et Fimmilene et
+numinibus Augustorum Germani cives Tuihanti v. s. l. m.</i></p>
+
+<p>Hierzu vgl. die Abhandlungen von Hübner, Westdeutsche Zeitschrift
+3, 120, 287; Mommsen, Hermes 19, 232; Scherer, Sitzungsberichte der
+Berliner Akademie 1884, 571; Brunner, Zeitschrift der Savignystiftung
+(1884) 5, 226; W. Pleyte, mededeelingen d. kon. akad. van wetenschappen
+(afdeel. letterkunde) 3, 2, 110; F. Möller, Westd. Zeitschrift 5, 321;
+M. Ihm, Bonner Jahrbücher 1883, 173 ff.; R. Schröder, Rechtsgeschichte
+1, 17, 36; Hoffory, Gött. Nachrichten 1888, 426; Weinhold, ZfdPh. 21,
+1; Jäckel ebenda 22, 257; Hübner, Römische Herrschaft in Westeuropa,
+Berlin 1890, 57 ff.; Heinzel, Wiener Sitzungsberichte phil.-hist.
+Klasse Bd. 119, 50 ff.; Kauffmann, Beiträge 16, 200; Siebs, ZfdPh. 24,
+434 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_166_166" href="#FNanchor_166_166" class="label">[166]</a> Die Glosse <i>Cyuuari suapa</i> steht in der
+Wessobrunner Handschrift (Müllenhoff-Scherer, Denkm. 3. Aufl. II 1
+f.) aus dem Ende des 8. Jahrh.; Laistner vermutet urspr.: <i>recia
+suapolant reciuuari suapa. Civitas Augustensis id est Ciesburc</i>,
+findet sich in einem alten Verzeichniss von Städtenamen der Germania
+prima Bouquet, recueil des historiens des Gaules et de la France II,
+10; Bachlechner, ZfdA. 8, 587; Chroniken deutscher Städte 4, 281
+Anm. 7. Verwertet wurden die Schwaben als Ziuleute von J. Grimm,
+Myth. 180; Müllenhoff, Schmidts Zeitschr. 8, 247 und öfters. Zur
+Frage sehr beachtenswert L. Laistner, Württb. Vierteljahrshefte für
+Landesgeschichte N. F. 1892, 2 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_167_167" href="#FNanchor_167_167" class="label">[167]</a> Germania 2 <i>celebrant carminibus antiquis, quod
+unum apud illos memoriae et annalium genus est, Tuistonem deum terra
+editum et filium Mannum originem gentis conditoresque. Manno tris
+filios assignant, e quorum nominibus proximi oceano Ingaevones, medii
+Herminones, ceteri Istaevones vocentur.</i> Bei Plinius hist. nat. 4.
+99 <i>Germanorum genera quinque: Vandili, quorum pars Burgundiones,
+Varinnae, Charini, Gutones; alterum genus Ingvaeones, quorum pars
+Cimbri, Teutoni et Chaucorum gentes; proximi autem Rheno Istvaeones
+quorum pars Cimbri (l. Sigambri?); mediterranei Hermiones, quorum
+Suebi, Hermunduri, Chatti, Cherusci; quinta pars Peucini, Bastarnae
+supra dictis contermini Dacis.</i> Plinius, an welchen Tacitus
+wahrscheinlich sich anlehnt, weiss nichts von den Stammesheroen. In
+der um 520 verfassten fränkischen Völkertafel erscheinen aber <i>tres
+fratres, Erminus, Inguo el Istio</i>. Müllenhoff, Abhandlungen der
+Berliner Akademie 1862, S. 532 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_168_168" href="#FNanchor_168_168" class="label">[168]</a> Zur Wortbildung von Tuisto oder Tuisco vgl. Brugmann,
+Grdr. II 468 und 507; got. <i>tvis</i> auseinander; mhd. <i>zƕis</i>,
+aisl. <i>tvisvar</i> 2mal; ahd. <i>zƕisk</i>, <i>zƕiski</i>, zweifach;
+aisl. <i>tvistr</i>, zwiespältig; engl. <i>tƕist</i> zweifädiger
+Strick; nhd. <i>zƕist</i>; gr. δίς, lat. <i>bis</i> &lt; <i>duis</i>. Zur
+Auslegung Wackernagel ZfdA. 6, 19; Müllenhoff, ebenda 9, 261. Schade,
+Altdeutsches Wörterbuch 2. Aufl. S. 974 f. weist auf mundartliches nhd.
+<i>tƕister</i>, „Zwitter“ hin.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_169_169" href="#FNanchor_169_169" class="label">[169]</a> Müllenhoff, über Tuisco und seine Nachkommen in der
+allgemeinen Zeitschrift für Geschichte, hrsg. von A. Schmidt, Bd. 8,
+209 ff.; Scherer, Sybels histor. Zeitschrift, N. F. 1, 160; Müllenhoff,
+ZfdA. 10, 562; ebenda 23, 1 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen
+Litteratur I, 1, 13 ff.; Hoffory, Gött. gelehrte Anzeigen vom 1.
+März 1888 und Nachrichten der kgl. Gesellschaft der Wissenschaften
+zu Göttingen 1888, No. 15; vgl. auch Hoffory, Eddastudien I Berlin
+1889, 101 ff., 153 ff.; Ludwig Laistner, Germanische Völkernamen, in
+den württembergischen Vierteljahrsheften für Landesgeschichte, N. F.
+1892, 1 ff Auch bei den meisten andern neueren Gelehrten tritt die
+hieratische Auslegung der germ. Völkernamen merklich zurück.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_170_170" href="#FNanchor_170_170" class="label">[170]</a> Runenlied 68.</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>Ing ƕæs ærest mid Eastdenum</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>geseƕen secgun, oþ he siđđan est</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>ofer ƕæg geƕat, ƕæn æfter ran:</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>đus heardingas đone hæle nemdun.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Heardingas ist nicht als Eigenname, sondern appellativ im Sinn von
+Helden, Männern zu fassen. J. Grimm, Myth. 316; Müllenhoff, ZfdA. 23,
+11. Eigennamen mit Ingu- sammelt Müllenhoff, ZfdA. 9, 250.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_171_171" href="#FNanchor_171_171" class="label">[171]</a> Müllenhoff, ZfdA. 7, 410 ff.; Müllenhoff, Beovulf,
+Untersuchungen über das ags. Epos und die älteste Geschichte der
+germanischen Seevölker, Berlin 1889, S. 6 ff.; Binz, Beiträge 20, 147
+ff. Dass die Mythen von Skéaf auf Ingvo zurückgehen, führt Müllenhoff
+a. a. O. 11 aus. Dem Göttermythus entstammt die spätere Sage vom
+Schwanritter, die nach den Niederlanden verlegt wurde.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_172_172" href="#FNanchor_172_172" class="label">[172]</a> Widukind 1, 12 nach dem Sieg der Sachsen über die
+Thüringer bei Scheidungen: <i>Mane autem facto ad orientalem portam
+ponunt aquilam, aramque victoriae construentes, secundum errorem
+paternum, sacra sua propria veneratione venerati sunt, nomine Martem,
+effigie columpnarum imitantes Herculem, loco Solem, quem Graeci
+appellant Apollinem. ex hoc apparet aestimationem illorum utcumque
+probabilem, qui Saxones originem duxisse putant de Graecis, quia
+Hirmin, vel Hermis graece, Mars dicitur; quo vocabulo ad laudem vel ad
+vituperationem usque hodie etiam ignorantes utimur.</i> Um die Stelle
+richtig zu verstehen, muss man erst Widukinds gelehrte Weisheit von
+Apollo, Hermis und Hercules absondern; hiezu Müllenhoff, Schmidts
+Zeitschrift 8, 242 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_173_173" href="#FNanchor_173_173" class="label">[173]</a> Müllenhoff, Allgem. Zeitschrift f. Gesch. Hrsg. von
+Adolf Schmidt, Band 8, 268.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_174_174" href="#FNanchor_174_174" class="label">[174]</a> Über Týr vgl. Gylfag. Kap. 25, 34, 51. Hym. 5,
+Lokas. 38–40, Sigrdr. 6. <i>Týs áttungr</i> heissen die Könige
+Egill Tunnadólgr und Sigurd jarl in der Ynglingasaga, Kap. 30 und
+der Haraldssaga Gráfelds, Kap. 6. Für Eigennamen und sonstige
+Zusammensetzungen, in denen Týr vorkommt, vgl. Sveinbjörn Egilsson,
+Lexicon poeticum 828.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_175_175" href="#FNanchor_175_175" class="label">[175]</a> Göttingische gelehrte Anzeigen 1891, S. 193 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_176_176" href="#FNanchor_176_176" class="label">[176]</a> Stephens, aarböger for nordisk oldkyndighed og
+historie 1875, S. 109 ff. Tyr auf Thor zu beziehen, wie H. Petersen,
+gudedyrkelse S. 97 will, geht nicht an.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_177_177" href="#FNanchor_177_177" class="label">[177]</a> J. Grimm, Mythologie 182; Mogk, Pauls Grundriss I,
+1055; Schmeller, Bayer. Wb. I, 127; im ags. Runenlied steht <i>tír</i>
+und <i>ear</i> für das Zeichen ᛠ, W. Grimm, Über deutsche Runen,
+Göttingen 1821, Tafel III; <i>ziu</i> im cod. Vind. 64, ebenda Tafel I,
+<i>aer</i> im cod. Sang. 270, Tafel II.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_178_178" href="#FNanchor_178_178" class="label">[178]</a> In der Stammtafel der Ostsachsen begegnen die Namen
+<i>Seaxnéat</i>(Mars), <i>Gesecg</i> und <i>Andsecg</i> (Symmachus
+und Antimachus), <i>Sveppa</i> (einer, der Getümmel anrichtet),
+<i>Sigefugel</i> (siegverkündendes Zeichen), <i>Heđca</i> und
+<i>Bedeca</i> (viri caedis et stragis), alles Beiwörter eines und
+desselben Wesens: die Momente der Schlacht sind als Söhne des
+Kriegsgottes dargestellt. Müllenhoff, Schmidts Zs. f. Gesch. S, 249;
+ZfdA. 11, 291. Die Stammtafeln übersichtlich bei Grimm, Myth. 3, 377
+ff.; O. Haack, Zeugnisse zur aengl. Heldensage, Kieler Dissert. 1893,
+23 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_179_179" href="#FNanchor_179_179" class="label">[179]</a> Den Volksnamen als einen ‚hieratischen‘ leiten J. Grimm,
+Myth. 185, Müllenhoff, Schmidts Zeitschrift 8, 252, vom Gott ab; die
+oben vorgetragene Ansicht vertritt Laistner, württb. Vierteljahrshefte
+f. Landesgeschichte, N. F. 1892, S. 29.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_180_180" href="#FNanchor_180_180" class="label">[180]</a> Tac. Germ. 43 <i>apud Nahanarvalos antiquae religionis
+lucus ostenditur. praesidet sacerdos muliebri ornatu, sed deos
+interpretatione Romana Castorem Pollucemque memorant. ea vis numini,
+nomen Alcis, nulla simulacra, nullum peregrinae superstitionis
+vestigium; ut fratres tamen, ut juvenes venerantur</i>. Vgl.
+Myriantheus, Die Açvins oder arischen Dioskuren, München 1876.
+Müllenhoff, ZfdA. 12, 346 ff. 30, 217 ff. Roediger, Zeitschrift des
+Vereins f. Volkskunde l, 241 ff. Wolfskehl, German. Werbungssagen,
+Darmstadt 1893, S. 18 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_181_181" href="#FNanchor_181_181" class="label">[181]</a> Tas. Germ. 40, <i>Reudigni deinde et Aviones et Anglii
+et Varini et Eudoses et Suardones et Nuithones fluminibus aut silvis
+muniuntur. nec quisquam notabile in singulis, nisi quod in commune
+Nerthum, id est terram matrem, colunt eamque intervenire rebus hominum,
+invehi populis arbitrantur. est in insula oceani castum nemus,
+dicatumque in eo vehiculum, veste contectum; attingere uni sacerdoti
+concessum. is adesse penetrali deam intellegit vectamque bubus feminis
+multa cum veneratione prosequitur. laeti tunc dies, festa loca,
+quaecumque adventu hospitioque dignatur. non bella ineunt, non arma
+sumunt; clausum omne ferrum; pax et quies tunc tantum nota, tunc tantum
+amata, donec idem sacerdos satiatam conversatione mortalium deam templo
+reddat. mox vehiculum et vestes et, si credere velis, numen ipsum
+secreto lacu abluitur. servi ministrant, quos statim idem lacus haurit.
+arcanus hinc terror sanctaque ignorantia, quid sit illud, quod tantum
+perituri vident.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_182_182" href="#FNanchor_182_182" class="label">[182]</a> Die Bedeutung des Namens ergibt sich aus den andern
+german. Sprachen. Freyr weist auf urgerm. <i>fraujaz</i>; neben der
+starken Form, welche der Göttername bewahrt, steht sonst die schwache,
+das Thema <i>fraujan</i>, im got. <i>frauja</i> as. <i>frôio</i>
+ags. <i>frígea</i>, daneben Ableitungen ohne j (Kluge, Nominale
+Stammbildungslehre der altgerm. Dialekte, Halle 1886, § 14) ags.
+<i>fréa</i> as. <i>frô frao</i> ahd. <i>frô</i>. Das Wort wird dem
+weltlichen Herrn, mit Vorliebe aber Gott beigelegt. Wulfila übersetzt
+κύριος damit. Vgl. Kluge, Etymol. Wb. unter „frohn“. Eine neue
+Deutung schlägt Kögel (ZfdA. 37, 272) vor. Der Göttername urgerm.
+<i>*Fraƕias</i>, an. <i>Freyr</i> ist von dem adj. <i>fraƕa-</i>
+froh, heiter, sanft abgeleitet, wie sanskrit Bhavya von Bhava. Nur
+diese Ableitung wird dem Wesen des Gottes, in dem die milde, wärmende
+Frühjahrssonne verkörpert ist, völlig gerecht. Dagegen ist got.
+<i>frauja</i> Herr nebst dem entsprechenden Femin, ahd. <i>frouƕa</i>
+(aus <i>frauƕjâ</i>) fern zu halten. <i>frauja</i> ist eine
+Steigerungsform zu <i>*fraƕa</i>, ahd. as. <i>frô</i> ags. <i>fréa</i>
+Herr; dieses adj. <i>*fraƕa</i> ist wurzelverwandt mit aind.
+<i>pûrva</i> der vordere, got. <i>fruma</i> der erste. Der Gleichklang
+von <i>fraƕa</i> froh und <i>fraƕa</i>-Herr beruht also auf Zufall.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_183_183" href="#FNanchor_183_183" class="label">[183]</a> Zu idg. <i>nertu-</i> Fick, Vergleichendes Wb. d. idg.
+Sprachen I, 4. Aufl. 98, 503; Kauffmann, Beiträge 18, 145. Ältere
+Erklärungsversuche stellt Schade. Altd. Wb. I, 645 zusammen. Kögel,
+Gesch. d. deutschen Litt. I, 1, 22 und Noreen, Abriss der urgerm.
+Lautlehre 209 vergleichen Nerthus mit νέρτεροι, „die Unterirdischen“,
+νέρτατος u. Ä.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_184_184" href="#FNanchor_184_184" class="label">[184]</a> Über den Zusammenhang von Nerthus mit Njord-Freyr u.
+über die Wanen Uhland, Schriften 6, 150 ff.; 7, 494 ff. Müllenhoff,
+Schmidts Zeitschrift f. Gesch. 8, 227 ff.; Deutsche Alterthumskunde
+5, 1, 39 ff., 95 ff.; Weinhold. Über den Mythus vom Wanenkrieg,
+Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1890, S. 611 ff. Spuren vom
+Wanenkrieg glauben Detter und Heinzel, Beiträge 18, 542 ff. in mehreren
+Erzählungen Saxos nachweisen zu können. Ganz anders erklärt H. E.
+Meyer, Völuspa. S. 93 ff. den Wanenkrieg aus christlichen Vorstellungen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_185_185" href="#FNanchor_185_185" class="label">[185]</a> Njord heisst <i>vananiđr</i>, <i>vanr</i> Skáldsk. Kap.
+6; Vafþm. 39,</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">In Wanaheim ward er &#8195; von weisen Mächten geschaffen,</div>
+ <div class="verse indent7">und als Geisel den Göttern gesandt;</div>
+ <div class="verse indent0">doch dereinst wird er kehren &#8195; am Ende der Welt</div>
+ <div class="verse indent7">zu den weisen Wanen zurück.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Freyr heisst <i>vaningi</i> Skírn. 38; <i>vanaguđ</i> Skáldsk. Kap. 7;
+Freyja <i>vanadís</i> Gylfag. Kap. 35; Skáldsk. Kap. 20 <i>vanagođ</i>;
+ebenda Kap. 37 <i>vanabrúđr</i>. Sonst steht der Ausdruck noch in der
+Ynglingasaga.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_186_186" href="#FNanchor_186_186" class="label">[186]</a> Im Heliand begegnet ein Adj. <i>ƕanum</i>, hell,
+glänzend, dazu Adv. <i>ƕanamo</i> und Subst. <i>ƕanamî</i>. Vielleicht
+gehören dazu die ahd. Eigennamen <i>Wanine</i>, <i>Wanilo</i>, mit
+Umlaut <i>Wenilo</i>, <i>Wenila</i>. Ob <i>ƕänum</i> oder <i>ƕânum</i>
+anzusetzen ist, darüber gehen die Ansichten auseinander. Entweder
+gehören die nord. <i>vanir</i> oder das an. <i>vænu</i>, schön dazu.
+Zum Wort J. Grimm, Gött. gel. Anz. 1831 n. 8, S. 74; Geschichte der ds.
+Spr. 653 f.; Vilmar, Deutsche Altertümer im Heliand, Marburg 1845, 17
+ff.; Müllenhoff, Schmidts Zeitschr. 8, 240; Behaghel, Germania 21, 143;
+Sievers, Heliand S. 505 zu 168 u. S. 539 zu 5766. Aus den verwandten
+Sprachen bietet sich zum Vergleich <i>Venus</i>, <i>venustus</i>,
+sanskrit <i>vanas</i>, Reiz, Wonne. Noreen, Abriss der urgerm.
+Lautlehre, Strassburg 1894, S. 50 u. 53 zieht aind. <i>vanam</i>,
+Wasser heran, ags. <i>ƕos</i> an. <i>vás</i> (aus <i>ƕans</i>)
+Nässe und erklärt Vanir als Seegötter. Der altschwedische Seename
+<i>Væ̂nir</i> stehe im Ablaut zu Vanir. Freyr und Njord als Seegötter
+wären teilweise wol zu verstehen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_187_187" href="#FNanchor_187_187" class="label">[187]</a> Als Gylfis Verblendung (Gylfaginning) erzählt Snorri
+seine nordische Mythologie. König Gylfi wandert nach Asgard, um die
+Macht der Asen zu erkunden. Diese, welche seine Ankunft voraus wussten,
+machten ihm als Blendwerk eine hohe Halle vor. Von drei Männern auf
+drei Hochsitzen erhält Gylfi Belehrung über die gesamte Göttersage.
+Zum Schluss verschwand die Halle mit starkem Getöse und Gylfi sah sich
+plötzlich allein auf freiem Feld.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_188_188" href="#FNanchor_188_188" class="label">[188]</a> Über Freyr ausser den Skírnismǫ́l Lokas. 35–37; 42–44;
+Grímn. 5, 43; Hyndl. 31; Sigurþarkv. skamma 24; Gylfag. Kap. 24, 34,
+37, 43, 49, 51; Skáldsk. Kap. 3.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_189_189" href="#FNanchor_189_189" class="label">[189]</a> Freys Goldhelm bei Munch, norr. gudesagn S. 11; Noreen,
+Uppsalastudier 207; Uhland, Schriften 6, 159 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_190_190" href="#FNanchor_190_190" class="label">[190]</a> Über Njord Lokas. 34–36; Vafþr. 38, 39; Grímn. 16;
+Gylfag. Kap. 23, 24; Bragar. Kap. 2.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_191_191" href="#FNanchor_191_191" class="label">[191]</a> Vatnsdœlasaga S. 80.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_192_192" href="#FNanchor_192_192" class="label">[192]</a> <i>Uppsalir</i> sind die hohen, hochliegenden Säle, wie
+<i>Uppland</i> die Hochlande. Dass damit eigentlich die Himmelssäle
+(vgl. <i>upphiminn</i>) gemeint seien, behauptet Noreen, fornnordisk
+religion, mythologi och teologi (Vortrag vom 9. März 1892) S. 8.
+<i>Freyr í Uppsǫlom</i> sei eigentlich der Herr im Himmel und diese
+Bezeichnung verursachte die feste Anknüpfung des Freysdienstes an
+Uppsala in Schweden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_193_193" href="#FNanchor_193_193" class="label">[193]</a> <i>Freys áttungr</i> Ynglingasaga Kap. 33; Haralds saga
+hárfagra Kap. 13; <i>Freys afspringr</i> Ynglingasaga Kap. 23.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_194_194" href="#FNanchor_194_194" class="label">[194]</a> Vgl. die Hrafnkelssaga Freysgoða. Über das Ross Faxi
+Vatnsdœlasaga Kap. 34; über Eiðfaxi Landnáma III Kap. 8.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_195_195" href="#FNanchor_195_195" class="label">[195]</a> Þorðr Freysgoði Landnáma IV Kap. 10; die Freysgyðlingar
+ebenda IV Kap. 13 und V Kap. 15; zu Þorgrim Gisla saga Súrssonar hrsg.
+von K. Gislason S. 32 und 116. <i>Freys vinr</i> heisst Sigurd in
+der Sigurþarkv. skamma 24; <i>Fréaƕine</i> in den ags. Stammtafeln,
+<i>Froƕinus</i> bei Saxo Gramm. und in ahd. Urkunden; vgl. J. Grimm,
+Myth. 192.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_196_196" href="#FNanchor_196_196" class="label">[196]</a> Aus dem Strassburger Blutsegen (Müllenhoff-Scherer,
+Denkmäler IV, 6), wo die Namen <i>Vro unde Lazakere</i> in einer sonst
+verderbten Überlieferung vorkommen, entnimmt J. Grimm, Kl. Schriften 2,
+48 eine Bestätigung des Frokultes; vgl. dazu MSD. II<sup>3</sup> 52; Kögel, Gesch.
+d. deutschen Litt I, 1, 263 f., wo auch weitere unsichere Vermutungen
+über den Mythengehalt des Segens.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_197_197" href="#FNanchor_197_197" class="label">[197]</a> Vigaglúmssaga Kap. 9 u. 26.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_198_198" href="#FNanchor_198_198" class="label">[198]</a> Brandkrossa þáttr hrsg. von G. Þorðarson S. 59.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_199_199" href="#FNanchor_199_199" class="label">[199]</a> Hervararsaga, hrsg. von Bugge, S. 233 u. 332.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_200_200" href="#FNanchor_200_200" class="label">[200]</a> In der um 1330 auf Island verfassten ausführlicheren
+Olafssaga Tryggvasonar Flateyjarbók I. 337 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_201_201" href="#FNanchor_201_201" class="label">[201]</a> In der ausführlichen Olafssaga Tryggvasonar Flateyjarbók
+I, 400 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_202_202" href="#FNanchor_202_202" class="label">[202]</a> Kristnisaga K. 6; Gudbrand Vigfússon, <i>biskupa
+sögur</i> I 10.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent4"><i>heldr getu vér at valdi,</i></div>
+ <div class="verse indent4"><i>vera munu bǫnd í londum,</i></div>
+ <div class="verse indent4"><i>geisar á međ ísi,</i></div>
+ <div class="verse indent4"><i>ásríki gný slíkum.</i></div>
+ <div class="verse indent0">Var. (<i>allríkr Freyr [gný] slíkum.</i>)</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Götter sind im Lande, der Fluss geht mit Eis; wir glauben, solchen
+Tosens walte der Asen Macht (Var. der allherrschende Freyr).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_203_203" href="#FNanchor_203_203" class="label">[203]</a> Haralds saga Hárfagra Kap. 16.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>úti vill jól drekka, ef skul einn ráđa,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>fylkir framlyndi, ok Freys leik heyja.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Der tapfere Fürst will draussen (auf Heerfahrt) das Julgelage und die
+Festzeit feiern. Man darf nicht übersetzen: Kampf erheben, <i>Freys
+leik</i> = <i>Hildar leik</i>, der Ausdruck steht parallel zu <i>jól
+drekka</i>. Vgl. Simrock, Myth. 5, 324; H. Petersen, om nordboernes
+gudedyrkelse og gudetro S. 88.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_204_204" href="#FNanchor_204_204" class="label">[204]</a> Hákonar saga góða Kap. 16; nach der späten isl. Bósasaga
+Kap. 12 wird Freyjas Minne neben der Thors und Odins getrunken;
+natürlich liegt hier Verwechslung vor, eine Formel, die ursprünglich
+Thor, Odin und Freyr nannte, schwebt dem Verfasser vor.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_205_205" href="#FNanchor_205_205" class="label">[205]</a> Die Eidformel der Ulfljótslǫg nach Hauksbók und Melabók,
+Islendinga sögur I 258 u. 334; Ares Isländerbuch, hrsg. von W. Golther,
+Halle 1892, S. 32.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_206_206" href="#FNanchor_206_206" class="label">[206]</a> Vatnsdæla Saga in den Fornsögur, hrsg. von Guðbrandr
+Vigfüsson S. 19, 22, 186, 190.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_207_207" href="#FNanchor_207_207" class="label">[207]</a> Hallfredarsaga Kap. 5; grosse Olafssaga Tryggvasonar
+Kap. 154.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_208_208" href="#FNanchor_208_208" class="label">[208]</a> Egils saga Skallagrimssonar Kap. 58.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_209_209" href="#FNanchor_209_209" class="label">[209]</a> Vafþr. 38 von Njord in einem allerdings vermutlich
+eingeschobenen Vers: <i>hofum ok hǫrgom, hann rǽþr-hundmǫrgom</i>.
+Ausser dem schwedischen und drontheimischen Haupttempel Freys sind auf
+Island die Ingimunds im Vatnsdal und Hrafnkells bekannt. Ortsnamen mit
+Frö und Njord in Schweden bei Lundgren, språkliga intyg om hednisk
+gudatro i Sverige, Göteborg 1878, S. 66 u. 74; in Norwegen bei O. Rygh,
+minder om guderne i norske stedsnavne im Anhang zur 2. Aufl. von Munch,
+norröne gude- og heltesagn. <i>Freville</i>, das 2 mal neben 10 maligem
+<i>Turville</i> in der Normandie begegnet, weist auf Frö zurück;
+Petersen, nordboernes gudedyrkelse, S. 47.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_210_210" href="#FNanchor_210_210" class="label">[210]</a> Die Vígaglúms saga K. 19 berichtet von Vigfúss, der
+wegen Todschlags des Landes verwiesen wird. Da er trotzdem in Uppsalir
+bleibt, wird er zur vollen Acht verurteilt (<i>alsekr</i>). <i>en þvi
+skyldu eigi sekir menn þar vera, at Freyr leyfđi eigi, er hof þat átti
+er þar var.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_211_211" href="#FNanchor_211_211" class="label">[211]</a> Saxo I (Ausg. von P. E. Müller) S. 50 [Hadingus]
+<i>propitiandorum numinum gratia Frö deo rem divinam furvis hostiis
+fecit. quem litationis morem annuo feriarum circuitu repetitum posteris
+imitandum reliquit. Fröblod Sveones vocant.</i> Saxo <span class="antiqua">VIII</span> S.
+383 <i>Sveonum fortissimi hi fuere: Ar, Backi, Keclu, Karll, Croc
+agrestis, Guthfast, Gummi e Gyslamarchia. qui quidem Frö dei necessarii
+erant et fidissimi numinum arbitri. Ingi quoque et Oly, Alver, Folki,
+patre Elrico nati, Ringonis militiam amplectuntur .... iidem quoque ad
+Frö deum generis sui principium referebant.</i> Saxo <span class="antiqua">XI</span> S. 278
+<i>Starcatherus Sveonum fines ingreditur. ubi cum filiis Frö septennio
+feriatus, ab his tandem ad Haconem Daniae tyrannum se contulit, quod
+apud Upsalam sacrificiorum tempore constitutus effoeminatus corporum
+motus scenicosque mimorum plausus ac mollia nolarum crepitacula
+fastidiret.</i> Saxo <span class="antiqua">III</span> S. 120 <i>Frö quoque deorum satrapa
+sedem haud procul Upsala cepit, ubi veterem litationis morem, tot
+gentibus ac seculis usurpatum, tristi infandoque piaculo mutavit.
+siquidem humani generis hostias mactare aggressus, foeda superis
+libamenta persolvit.</i> Nach Adam von Bremen 4, 27 stehen im Tempel zu
+Uppsala drei Götterbilder, Thor als der mächtigste in der Mitte, links
+und rechts Wodan und Fricco. <i>tertius est Fricco, pacem voluptatemque
+largiens mortalibus, cujus etiam simulacrum fingunt ingenti priapo;
+si nuptiae celebrandae sunt, (sacrificia offerunt) Fricconi.</i>
+Adams Fricco beruht auf einer Namensverwechslung mit Frigg. Saxo gibt
+die ostnordische Form <i>Frö</i> für das westnord. <i>Freyr</i>,
+<i>Fröyr</i>, vgl. wn. <i>dröyma</i>, <i>dreyma</i>, <i>öy</i>,
+<i>ey</i> zu on. <i>dröma, ö</i>; Noreen, Gesch. d. nord. Sprachen §
+143 (in Pauls Grundriss I, S. 479).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_212_212" href="#FNanchor_212_212" class="label">[212]</a> Zur Erklärung des Namens Yngvefreyr und Ingunarfreyr
+Noreen, Uppsalastudier 223.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_213_213" href="#FNanchor_213_213" class="label">[213]</a> Munch, Das heroische Zeitalter der nord. germ.
+Völker, S. 20, Anm. 2. „Von dem Ing oder Ingwi haben vermutlich alle
+ingwinsche oder gotische Fürstengeschlechter ursprünglich ihre Herkunft
+abgeleitet, wie es auch nicht an Beispielen fehlt, dass der Name mehr
+als einem Geschlecht beigelegt worden ist.“</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_214_214" href="#FNanchor_214_214" class="label">[214]</a> Lokas. 43–46; 56. <i>byggwir</i> bedeutet Anwohner;
+Zusammensetzungen wie <i>hrein</i>-, <i>jarđbyggvir</i> u.&#8239;a.
+Sveinbjörn Egilsson, lex. poet. 89; <i>beyggvir</i> stellt man zu
+<i>beygja</i>, biegen. Die natursymbolische Auslegung bei Uhland
+Schriften 6, 96 (Bieger und Biegung sind Sommerlüfte, die nur leicht
+und schmeichelnd Gezweig und Halme biegen) und Müllenhoff, ZfdA. 7,
+420 (Bieger und Buckel, Windgottheiten, die gleichmässige Senkung und
+Erhebung der Wellen andeutend) ist doch zu wenig begründet. Byggwir und
+Beyla sind nach Sievers, Beiträge 18, 583 f. „Herr Gerstenkorn und Frau
+Bohne“, eine passende Dienerschaft des Fruchtbarkeit spendenden Freyr.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_215_215" href="#FNanchor_215_215" class="label">[215]</a> Skírnesǫ́l; daraus Gylfag. Kap. 37. Vgl. Uhland,
+Schriften 6, 417 ff.; Niedner, ZfdA. 30, 132 ff.; Finnur Jónsson,
+Litteraturs historie I, 171 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_216_216" href="#FNanchor_216_216" class="label">[216]</a> Zu Freys Kampf mit Beli vgl. die Vermutungen Detters in
+den Beiträgen 18, 89.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_217_217" href="#FNanchor_217_217" class="label">[217]</a> Die Svipdagsmǫ́l (Groogaldr und Fjǫlsvinsmǫ́l) nach
+Sijmons, die Lieder der Edda I. 196 ff. Vgl. Bugge, Danmarks gaml.
+folkeviser II, 667 ff.; Bugge, forbindelsen mellem Grógaldr og
+Fjölsvinnsmál oplyst ved sammenligning med den dansk-svenske folkevise
+om Sveidal (forhandl. i videnskabs-selsk. i Christiania 1860); Bugge,
+norrœn fornkvæði, Christiania 1867, S. 352 ff.; 445ᵃ. Zur mythischen
+Grundlage, Müllenhoff, ZfdA. 30, 219. Zum Liede Finnur Jónsson,
+Litteraturs historie, I, 217 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_218_218" href="#FNanchor_218_218" class="label">[218]</a> Noreen, Uppsalastudier 208 ff. sucht in mythischen
+Königssagen der Schweden einen Nachklang der von ihm anders ausgelegten
+Göttersage: der Sonnengott (Freyr, Skirner, Suipdagr, Vanlandi, d.&#8239;h.
+der aus dem Vanenlande, Vísburr) besiegt einen winterlichen Riesen
+(Frosti, den Frost, oder den Nordsturm Þiazi, Beli), aber nimmt ein
+Weib aus ihrem Geschlecht, das Nordlicht (Gerðr, Menglǫð, Skiǫlf) oder
+die glänzende Schneetrift (Drífa) oder den Nordwind (Skaði), doch
+nur indem er seine eigenen Gaben, den Sonnenstrahl (das Schwert oder
+das Halsband) dafür fahren lässt. Dadurch verfällt er dem Tod. Die
+geistvollen Deutungen Noreens haben fast durchweg den Fehler, dass sie
+allzu einseitig auf Etymologie begründet sind und daher keine sichere
+Gewähr besitzen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_219_219" href="#FNanchor_219_219" class="label">[219]</a> Über Njord und Skadi Bragar. Kap. 2; Gylfag. Kap. 23.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_220_220" href="#FNanchor_220_220" class="label">[220]</a> Über Hading und Regnild Saxo I S. 50 ff. Das Gedicht
+lautet:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>Hadingus:</i> <i>Quid moror in latebris opacis,</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>collibus implicitus scruposis,</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>nec mare more sequor priori?</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>eripit ex oculis quietem</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>agminis increvitans lupini</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>stridor et usque polum levatus</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>questus inutilium ferarum</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>impatiensque rigor leonum.</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>tristia sunt iuga vastitasque</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>pectoribus truciora fisis.</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>officiunt scopuli rigentes</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>difficilisque situs locorum</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>mentibus aequor amare svetis.</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>nam freta remigiis probare,</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>officii potioris esset,</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>mercibus ac spoliis ovare,</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>aera aliena sequi locello,</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>aequoreis inhiare lucris,</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>quam salebras nemorumque flexus</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>et steriles habitare saltus.</i></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>Regnild:</i>&#8195;<i>me canorus angit ales immorantem littori</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>et soporis indigentem garriendo concilat.</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>hinc sonorus aestuosae motionis impetus</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>ex ocello dormientis mite demit otium,</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>nec sinit pausare noctu mergus alte garrulus,</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>auribus fastidiosa delicatis inserens,</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>nec volentem decubare recreari sustinet,</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>tristiore flexione dirae vocis obstrepens.</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>tutius sylvis fruendum dulciusque censeo.</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>quis minor quietis usus luce, nocte carpitur,</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>quam marinis immorari fluctuando motibus.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_221_221" href="#FNanchor_221_221" class="label">[221]</a> Die Sage von Frodi Skáldsk. Kap. 8; Frotho bei Saxo
+Buch II, Frotho III Buch V, Fridlev Buch VI; über Fruote M. Haupt,
+Vorrede zum Engelhart S. XI f. Vgl. W. Müller, ZfdA. 3, 43; Munch, das
+heroische Zeitalter der nordgerman. Völker, Lübeck 1854, S. 33 ff.;
+Uhland, Schriften I, 99 ff.; 495 ff. Die Namen in den ags. Stammtafeln
+J. Grimm, Myth. 3, 386 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_222_222" href="#FNanchor_222_222" class="label">[222]</a> Wenn, wie Kögel ZfdA. 37, 272 behauptet, der Gottname
+Frawias vom Appellativum got. <i>frauja</i>, ahd. as. <i>frô</i>, ags.
+<i>fréa</i> zu trennen ist, dann machen allerdings die mit Frôi-,
+Frewi- zusammengesetzten deutschen Eigennamen den Kult des Frawias
+wahrscheinlich. Der an. Freygerð begegnet die deutsche Frewigarda. Die
+Eigennamen (Förstemann, Namenbuch 1, 414 ff.) weisen auf die Sitte,
+nach dem Gotte Kinder zu benennen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_223_223" href="#FNanchor_223_223" class="label">[223]</a> Der Name lautet ahd. <i>Donar</i>, as. <i>Thunaer</i>(im
+sächs. Taufgelöbniss MSD. Nr. LI, Braune ahd. Lesebuch Nr. XXXXV), ags.
+<i>þunor</i>. An. ist <i>þórr</i> überliefert; das Metrum verlangt für
+die älteren Lieder die unverkürzte Form <i>þonarr</i>, Sijmons, Edda I,
+XXIV; der Dativ <i>þonre</i> wurde zu <i>þóre</i>, durch Formausgleich
+drang die einsilbige Form auch in die andern Kasus; Noreen, An. Gr.<sup>2</sup> §
+239, 3; 294, 2. Der german. Grundform <i>þunaraȥ</i> entspricht genau
+der keltische <i>Tanaros</i> (aus der Weihinschrift <i>Jovi Tanaro</i>
+zu erschliessen). Bei Kelten und Germanen scheint gleichmässig die
+Vorstellung eines besonderen Donnergottes entstanden zu sein, während
+der alte Himmelsgott, von den Römern durch Mars wiedergegeben,
+wesentlich die kriegerische Thätigkeit ausübte; vgl. Much, ZfdA. 35,
+372 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_224_224" href="#FNanchor_224_224" class="label">[224]</a> Ahd. <i>donarestag</i>, bei Notker <i>toniristag</i>;
+ags. <i>þunres dæg</i>, aengl. <i>þunres dai</i>, zu <i>þors- þurs-
+Thursday</i> weiter entwickelt; an. <i>þorsdagr</i>. Belege zu den
+Formen der einzelnen german. Sprachen und Mundarten gibt Grimm,
+Myth. 112 ff. DWB. 2, 1252. So zahlreich die nord. Eigennamen auf
+<i>þórr</i> sich darbieten, aus Deutschland sind nur <i>Donarpreht</i>,
+<i>Donarad</i>, <i>Albthonar</i> (Förstemann, Altdeutsches Namenbuch
+1199) nachweisbar. In wie weit die Ortsnamen <i>Donarsberg</i> in
+der Rheinpfalz und in Hessen, <i>Donarsfeld</i>, <i>Donarsreut</i>
+(Förstemann, Altd. Namenbuch II<sup>2</sup> Ortsnamen S. 1456) mit dem Gott
+zusammenhängen, ist zweifelhaft. In England weist Kemble, the Saxons
+I 347 in Surrey <i>þunresfeld</i>, in Essex <i>þunresléah</i> nach.
+Über einen alten <i>Donarsberg</i> in Schwaben bei Nordendorf,
+dem vielleicht Kultbedeutung eignete, vgl. Henning, Die deutschen
+Runendenkmäler S. 93.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_225_225" href="#FNanchor_225_225" class="label">[225]</a> Auf Inschriften, welche von Batavern herrühren, begegnet
+zum Namen Hercules ein germanisches Beiwort: <i>Herculi magusano</i>(3
+mal) <i>macusano</i>(2 mal) <i>magusan</i> (2 mal). Es scheint eine
+aus einem german. Dativ <i>magusani</i> latinisierte Form. Ein german.
+Verbaladjectiv zu <i>magan</i>, vermögen, kräftig sein, liegt zu
+Grunde: <i>magusô magusê</i>, Dat. <i>magusani</i>. Der „starke“
+Hercules ist Donar, im Nord, als <i>þrúþugr áss</i> starker Gott, und
+Vater des <i>Magni</i> (der Kraft) bezeichnet. Vgl. Kauffmann, Beiträge
+14, 554 ff. v. Grienberger, Beiträge 19, 527 stellt <i>magusanus</i> zu
+kelt. <i>magos</i> Feld und leugnet Beziehung zu Magni und überhaupt
+zum deutschen Donar. Dass <i>Hercules saxanus</i>, den man oft als
+germanische Gottheit auffasste, römisch war, erweist E. H. Meyer,
+Beiträge 18, 106 ff.; das latein. Beiwort begegnet auch bei der <i>bona
+dea subsaxana</i> am Aventin.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_226_226" href="#FNanchor_226_226" class="label">[226]</a> Ausser dem <i>dies Jovis</i> wird Juppiter zur
+Übersetzung von Donar verwendet in der Vita Bonifacii (MG. 2, 343).
+<i>quorum consultu alque consilio arborem quandam mirae magnitudinis,
+quae prisco paganorum vocabulo appellabatur robur Jovis, in loco, qui
+dicitur Gaesmere, servis dei secum astantibus, succidere tentavit.
+cumque mentis constantia confortatus arborem succidisset, magna
+quippe aderat copia paganorum, qui et inimicum deorum suorum intra
+se diligentissime devotabant, sed ad modicum quidem arbore praecisa
+confestim immensa roboris moles, divino desuper flatu exagitata,
+palmitum confracto culmine, corruit, et quasi superni nutus
+solatio in quatuor etiam partes disrupta est, et quatuor ingentis
+magnitudinis aequali longitudine trunci, absque fratrum labore
+astantium, apparuerunt. quo viso prius devotantes pagani etiam versa
+vice benedictionem domino pristina abjecta maledictione credentes
+reddiderunt. tunc autem summae sanctitatis antistes consilio inito
+cum fratribus ex supradictae arboris materia oratorium construxit,
+illudque in honore S. Petri apostoli dedicavit.</i> In den Briefen des
+Bonifacius (Nr. 25 vom Jahr 723) wird ein <i>presbyter Jovi mactans</i>
+erwähnt. In Radperts Lobgesang auf den heiligen Gallus wenden die
+Bekehrer die Bewohner von Tuggen am Züricher See vom Donarsdienste ab:
+(MSD. XII, 3)</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>Castro de Turegum &#8195; adnauigant Tucconium.</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>docent fidem gentem: &#8195; Jouem linquunt ardentem.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Im <i>indiculus superstitionum et paganiarum</i> (Heyne, Ands.
+Denkm. Nr. IX) ist die Rede von Wodans- und Donarsopfern: <i>de
+sacris Mercurii vel Jovis</i>; <i>de feriis quae faciunt Jovi vel
+Mercurio</i>. Für die Franken ist der <i>sermo s. Eligii</i> († 659)
+wichtig: <i>nullus diem Jovis absque festivitatibus sanctis nec in majo
+nec ullo tempore in otio observet</i>. Grimm, Myth. 3, 402. Über neuen
+Donnerstags-Aberglauben Wuttke, Aberglaube § 70.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_227_227" href="#FNanchor_227_227" class="label">[227]</a> Tac. Germ. 3 <i>fuisse apud eos et Herculem memorant,
+primumque omnium virorum fortium ituri in proelia canunt</i>. — Germ.
+9 <i>Martem et Herculem concessis animalibus placant.</i> — Ann. 2, 12
+<i>Caesar transgressus Visurgim indicio perfugae cognoscit delectum ab
+Arminio locum pugnae; convenisse et alias nationes in silvam Herculi
+sacram.</i> Nach Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 17
+heisst Donar wegen seiner Beziehung zur Schlacht, als <i>primus fortium
+virorum, * Wihuȥ</i> (ahd. <i>Wigur</i>, an. <i>Véorr</i>) der Kämpfer.
+Anders erklärt Noreen, Arkiv for nord. filologi 6, 306 den Namen, s.
+unten S. 251 Anm. 2.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_228_228" href="#FNanchor_228_228" class="label">[228]</a> Gaismar könnte „Sprudelquell“ (zu <i>*gîsan</i>,
+<i>gais</i> und <i>mari</i>), den hl. See, Opferquell oder Opfersumpf
+bei der Göttereiche bedeuten; vgl. J. Grimm. Geschichte der deutschen
+Sprache 578; Arnold, Ansiedlungen und Wanderungen deutscher Stämme,
+Marburg 1877, S. 114 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_229_229" href="#FNanchor_229_229" class="label">[229]</a> Auf der Nordendorfer Spange, etwa aus dem 7. Jh.
+stammend, stehen die Runen</p>
+
+<div class="csstab">
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell">LOGAÞORE</div>
+ <div class="csscell padleft2">ᛚᛟᚷᚧᛟᚱᛖ</div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell">WODAN</div>
+ <div class="csscell padleft2">ᚹᛟᛞᚨᚿ</div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell"><span class="mleft3">L</span></div>
+ <div class="csscell padleft2"><span class="mleft2">ᛚ</span></div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell">WIGIÞONAR</div>
+ <div class="csscell padleft2">ᚹᛁᚷᛁᚧᛟᚾᚨᚱ</div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Die Götternamen Wodan und Þonar, bei welch letzterem nur das
+übergeschriebene L Bedenken erregt, dürfen der Gewandspange des
+alemannischen Gräberfeldes wol bestimmt zugewiesen werden. Offenbar
+wird ihre Hilfe zu irgend einer feierlichen Handlung erfleht.
+<i>ƕîgi</i> ist Imperativ zu *<i>ƕîgian</i>, weihen, also Þonar,
+weihe, heilige! *<i>lôga</i> stf. meint Einsetzung, Verheiratung;
+afries. <i>logia</i> verheiraten, *<i>þoren</i> (an. <i>þora</i>)
+bedeutet ereilen, ersiegen. Man denke an den Brauch der Raubehe, die
+dem kriegerischen Wodan unterstellt gewesen sein mag, an den Wettlauf
+um die Braut u.&#8239;dergl. „Die Heirat ersiege, Wodan, weihe, Donar!“ Ein
+alter feierlicher Hochzeitswunsch würde auf einer Gewandspange, einem
+passenden Hochzeitsgeschenk sich sehr wol ausnehmen. Darum verdient
+Hennings Erklärung immerhin den Vorzug, wenn gleich ein sicheres und
+unzweifelhaftes Ergebniss damit nicht erreicht ist. Zur Nordendorfer
+Spange Dietrich, ZfdA. 14, 75 f.; C. Hofmann, Sitzungsberichte der
+Münchener Akademie 1866 Band 2, 138 ff., 207 f. Stephens, runic monuments
+I, 574 ff.; III, 157; Henning, Die deutschen Runendenkmäler, Strassburg
+1889, S. 87 ff. Über die gefälschte Runenschrift WODANAHAILAG auf der
+Spange von Kehrlich bei Andernach Henning, a. a. O. 156.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_230_230" href="#FNanchor_230_230" class="label">[230]</a> Kemble, Salomon and Saturnus, London 1848, S. 177 sieht
+mythologischen Nachklang im Kampf der Gottheit mit dem Teufel, „<i>se
+đunor hit đrysceđ mid đære fýrenan æcxe</i>“ der Donner zerschmettert
+ihn mit feuriger Axt. Wol liegt ein anschauliches Bild diesen Worten zu
+Grunde, der Donner wirft ein Geschoss nieder. Aber es ist fraglich, ob
+wir es mit einer poetischen Vorstellung, oder mit einer Erinnerung an
+den Hammer werfenden Gott zu thun haben. Im Sinne Kembles entscheidet
+auch Stephens, Aarböger f. nord. oldkyndighed 1883, S. 348 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_231_231" href="#FNanchor_231_231" class="label">[231]</a> <i>đunurrád</i>, Donnerfahrt (ags. <i>râd</i>, an.
+<i>reiđ</i>, ahd. <i>reita</i>, Wagen, Fahrt, Ritt) wird Psalm 103,
+7 <i>tonitruum (a voce tonitrui tui, from stefne đunurrâde)</i>
+übersetzt; Stevenson in publications of the Sursee society 1844, II,
+14. Dem ags. <i>Thunorrád</i> vergleicht sich norweg. <i>Thorsreia</i>
+J. Grimm, Myth. 3, 62. <i>Thunorrád</i> stellt J. Grimm, Grammatik
+3, 353 zu schwed. <i>åska</i> = <i>ås-aka</i>, Asenfahrt. Wenn im
+Exeterbuch der Blitz „<i>rynegiestes wæpn</i>“ heisst, so darf das
+nicht als Waffen des Wagongottes (Kemble, the Saxons in England 1,
+347) ausgelegt werden. Die Stelle bezeugt nur, dass der Blitz als
+die Waffe eines persönlich gedachten Gewitterherrn gedacht wurde. Zu
+<i>rynegäst</i> Grein, Glossar 2, 386, der an profluvii hospes, Herr
+des Gewitterregens denkt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_232_232" href="#FNanchor_232_232" class="label">[232]</a> Bei den Ditmarschen sagt man: <i>nu faert de Olde all
+wedder da baƕen unn haut mit syn Ex anne Räd</i>; Müllenhoff, Sagen,
+Märchen und Lieder aus Schleswig-Holstein und Lauenburg Nr. 480. Ebenda
+S. 447 ein Riese mit einem von Böcken gezogenen Wagen. Was aus späterem
+Brauch und Glauben hergehört, verzeichnet E. H. Meyer, Myth. S. 205.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_233_233" href="#FNanchor_233_233" class="label">[233]</a> Vgl. Scherer, Sitzungsberichte der Berliner Akademie
+1885, 577 ff. Müllenhoff-Scherer, Denkmäler, 3. Aufl., bes. von
+Steinmeyer II 300 f. Da weder Text noch Auslegung und Beziehung auf die
+Mythologie sicher sind, verzichte ich auf die Anführung und verweise
+hiefür auf die Denkmäler und auf Kögel, Geschichte der deutschen
+Litteratur I, 1, 266.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_234_234" href="#FNanchor_234_234" class="label">[234]</a> Vgl. besonders Henry Petersen, om Nordboernes
+gudedyrkelse og gudetro i hedenold. Kjöbenhavn 1876.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_235_235" href="#FNanchor_235_235" class="label">[235]</a> Thorsbilder in der Olafssaga Tryggvasonar (der
+Heimskringla) Kap. 76; Njálssaga Kap. 89; Olafssaga Tryggvasonar
+(Fornmanna sögur) Kap. 203; Adam von Bremen 4, 26; Hallfreðarsaga Kap.
+6. Flateyjarbók 1, 320 beschreibt das Thorsbild im drontheimischen
+Haupttempel also: Thor sass in der Mitte als der meist geehrte. Er war
+gross und ganz mit Gold und Silber geschmückt. Thor sass im Wagen,
+der war sehr prächtig. Zwei wol gebildete Böcke aus Holz waren davor
+gespannt. Wagen und Böcke gingen auf Rädern. Die Hörner der Böcke
+waren mit Silber überzogen. Alles war mit wunderbarer Geschicklichkeit
+gemacht.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_236_236" href="#FNanchor_236_236" class="label">[236]</a> Über die Personen- und Ortsnamen, die aus Götternamen
+gebildet wurden, Henry Petersen, om Nordboernes gudedyrkelse og gudetro
+S. 38 ff.; für Schweden Lundgren, språklig intyg om hednisk gudatro i
+Sverige, Göteborg 1878; für Norwegen O. Rygh in Munchs norröne gude-ok
+heltesagn, ny udgave Christiania 1880. Selbst in der Normandie sind
+noch heute 10 <i>Turville</i> und 2 <i>Freville</i> d.&#8239;h. Thorstad und
+Freystad nachzuweisen, Petersen a. a. O. 47 nach dem itinéraire de la
+Normandie, Caen 1828. Die Häufigkeit der Anwendung von Thor und Freyr
+steht da etwa im selben Verhältniss wie auf Island.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_237_237" href="#FNanchor_237_237" class="label">[237]</a> Eyrbyggjasaga Kap. 3 und 4, 7 und 10; Landnáma II Kap.
+12. Vgl. Maurer, die Entstehung des isl. Staates S. 211 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_238_238" href="#FNanchor_238_238" class="label">[238]</a> Landnáma III K. 12.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_239_239" href="#FNanchor_239_239" class="label">[239]</a> Landnáma III K. 7.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_240_240" href="#FNanchor_240_240" class="label">[240]</a> Landnáma V K. 2.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_241_241" href="#FNanchor_241_241" class="label">[241]</a> Vígaglúmssaga K. 9.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_242_242" href="#FNanchor_242_242" class="label">[242]</a> Olafssaga Tryggvasonar des Oddr K. 69; jüngere Saga K.
+252, 253, 255.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_243_243" href="#FNanchor_243_243" class="label">[243]</a> Gudbrand Vigfússon, corpus poeticum boreale II, 2 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_244_244" href="#FNanchor_244_244" class="label">[244]</a> Hym. 11 <i>vinr verliþa</i>, <i>Veorr heiter sá.
+véorr</i> erklärt Noreen, Arkiv f. nordisk filologi 6, 306 ff., an.
+Grammatik<sup>2</sup> §127 aus *<i>vé-vǫrđr</i> Wächter des Heiligtums. Nach
+Kögel, Gesch. d. deutschen Litteratur I, 1, 17 stammt <i>Véorr</i>
+aus urgerm. <i>Wihuȥ</i> der Kämpfer. Donar ist der erste Held
+(<i>Hercules primus fortium virorum</i>); vgl. S. 244 Anm. 1. Die
+folgende Darstellung hauptsächlich nach Petersen a. a. O. 50 ff. Auf
+dem Virringstein in Jütland stehen die Worte ÞUR UIKI ÞISI KUML, auf
+dem Glavendrupstein in Fühnen ÞUR UIKI ÞASI RUNAR. Abbildungen der
+Hämmer Petersen 52, 53, 54; vgl. auch 75, 76, 78 kleine Hämmer als
+Schmuckgegenstände.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_245_245" href="#FNanchor_245_245" class="label">[245]</a> Þrymsk. 30; dem Gebrauch des Hammers zur Brautweihe
+kommt nach E. H. Meyer, Germ. Myth. S. 212/3 nicht rechtliche, vielmehr
+phallische Bedeutung zu.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_246_246" href="#FNanchor_246_246" class="label">[246]</a> Bósa Kap. 12.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_247_247" href="#FNanchor_247_247" class="label">[247]</a> Faye, norske folkesagn, Christiania 1844, S. 3.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_248_248" href="#FNanchor_248_248" class="label">[248]</a> Hákonarsaga góða K. 18.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_249_249" href="#FNanchor_249_249" class="label">[249]</a> Saxo XIII S. 236 <i>inusitati ponderis malleos, quos
+ioviales vocabant ... prisca virorum religione cultos ... cupiens
+enim antiquitas tonitruorum causas usitata, rerum similitudine
+comprehendere, malleos, quibus coeli fragores cieri credebat, ingenti
+aere complexa fuerat.</i> Weihe des Holzstosses Gylfag. K. 49.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_250_250" href="#FNanchor_250_250" class="label">[250]</a> Hammerwurf im deutschen Recht J. Grimm, Rechtsaltertümer
+S. 64.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_251_251" href="#FNanchor_251_251" class="label">[251]</a> Über den Thorsdag als Gerichtstag Petersen, Gudedyrkelse
+67 ff.; auch in Deutschland haften heilige Bräuche am Donnerstag,
+Grimm, Deutsches Wörterb. 2, 1252; H. E. Meyer, Myth. § 291. In der
+Vígaglúmssaga Kap. 25 legt Glúmr einen feierlichen Reinigungseid ab:
+<i>vinn ek hofseiđ; at baugi ok segi ek þat æsi.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_252_252" href="#FNanchor_252_252" class="label">[252]</a> Der Name Þormóðr wird Asmóðr gleich gesetzt Landináma 5,
+10 S. 307.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_253_253" href="#FNanchor_253_253" class="label">[253]</a> Dudo, <i>de moribus et actis Normannorum</i> I, 1 (in
+den mémoires de la société des antiquaires de Normandie Band 23,
+1858, S. 129 f.) <i>in expletione suarum expulsionum atque exituum
+sacrificabant olim venerantes Thur, deum suum. cui non aliquod
+pecudum neque pecorum, nec Liberi patris nec Cereris litantes donum,
+sed sanguinem mactabant humanam, holocaustorum omnium putantes
+pretiosissimum; eo quod, sacerdote sortilego praedestinante, iugo boum
+una vice diriter icebantur in capite; collisoque unicuique singulari
+ictu sorte electo cerebro, sternebatur in tellure, perquirebaturque
+levorsum fibra cordis, scilicet vena. cuius exhausto sanguine ex more
+suo sua suorumque capita linientes, librabant celeriter navium carbasa
+ventis, illosque tali negotio putantes placare, velociter navium
+insurgebant remis</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_254_254" href="#FNanchor_254_254" class="label">[254]</a> Roman de Rou hrsg. von Andresen Bd. II 3915</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>De sa gent ou il ert enmie,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>poinst le cheual, criant „Toirie“</i>.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Ob man, wie es früher geschah, in dem hs. <i>Cuire Tuirie</i> eine
+Verderbniss des Schlachtrufes <i>„Tur aie“</i> annehmen darf, ist
+zweifelhaft. Andresen versteht darunter einen Ortsnamen Thury.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>Un deu soleient aurer</i>, Bd. I 192</div>
+ <div class="verse indent0"><i>qu’il soleient Tur(c) apeler;</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>mult l’amoent, mult s’i fioent,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>humes uis li sacrefioent,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>del sanc de l’ume s’arosoent.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Die Stelle ist aus Dudo entnommen.</p>
+
+<p>Über den bösen Geist <i>Toret</i> Bd. II 4591 ff.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>Plusors distrent por uerite,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>que un diable aueit priue,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>ne sai s’esteit luitun ou non,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>ne quel iert ne de quel façon.</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>Toret se faiseit apeler</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>e Toret se faiseit nomer.</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>quant Maugier parler i uoleit,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>Toret apelout si ueneit;</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>plusors le poeient oir,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>mais nul d’els nel poeit choisir.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Maugier kommt durch Ertrinken ums Leben. Seinen Tod weiss er voraus.
+Offenbar liegt eine alte Sage zu Grund, die von einem Verkehr zwischen
+Thor und einem seiner Freunde erzählte.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_255_255" href="#FNanchor_255_255" class="label">[255]</a> Jüngere Olafssaga helga K. 72.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_256_256" href="#FNanchor_256_256" class="label">[256]</a> Olafssaga Tryggvasonar, Flateyjarbók 1, 283.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_257_257" href="#FNanchor_257_257" class="label">[257]</a> Olafssaga helga, Flateyjarbók 2, 184.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_258_258" href="#FNanchor_258_258" class="label">[258]</a> Ältere Olafssaga helga K. 33–8; jüngere Olafssaga K.
+107–8.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_259_259" href="#FNanchor_259_259" class="label">[259]</a> Adam von Bremen 4, 26 sagt vom Uppsalatempel: <i>in
+hoc templo, quod totum ex auro paratum est, statuas trium deorum
+veneratur populus, ita ut potentissimus eorum Thor in medio solium
+habeat triclinio, hinc et inde locum possident Wodan et Fricco. quorum
+significationes eiusmodi sunt: Thor, inquiunt, praesidet in aere, qui
+tonitrus et fulmina, ventos imbresque, serena et fruges gubernat. alter
+Wodan, id est furor, bella gerit, hominique ministrat virtutem contra
+inimicos. tertius est Fricco, pacem voluptatemque largiens mortalibus.
+cuius etiam simulacrum fingunt ingenti priapo. Wodanem vero sculpunt
+armatum, sicut nostri Martem sculpere solent. Thor autem cum sceptro
+Iovem simulare videtur. 4, 27 si pestis et famis imminet, Thor ydolo
+lybatur, si bellum Wodani, si nuptiae celebrandae sunt, Fricconi.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_260_260" href="#FNanchor_260_260" class="label">[260]</a> Eiríks saga rauđa K. 13; Þorfinns saga Karlsefnis K. 14.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_261_261" href="#FNanchor_261_261" class="label">[261]</a> Hárbarþsljóþ; die mythologische Erklärung Uhlands
+(Schriften 6, 52 ff.) ist bei diesem Lied ganz verfehlt. Es hebt sich
+auf sozialem Hintergrund ab, vgl. Liliencron, ZfdA. 10, 180 ff.;
+Niedner, ZfdA. 31, 217 ff. Finnur Jónsson, Litteraturshistorie 1, 148
+ff.; aarböger f. nord. oldkyndighed og historie 1888, 139 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_262_262" href="#FNanchor_262_262" class="label">[262]</a> Grímn. 29.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_263_263" href="#FNanchor_263_263" class="label">[263]</a> Gautrekssaga in den Fornaldur sögur III 32 ff.; die Sage
+in ihrer überlieferten Fassung ist jung und gehört wol ins 14. Jahrh.,
+aber Starkads Geschichte ist alt und vermutlich auch der Zug, dass er
+in Odins Gunst, in Thors Abgunst stand. Über Starkads Reckentum Uhland,
+Schriften 6, 101 ff.; 7, 242 ff. Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5,
+301 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_264_264" href="#FNanchor_264_264" class="label">[264]</a> Flóamannasaga Kap. 20 u. 21.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_265_265" href="#FNanchor_265_265" class="label">[265]</a> Jüngere Olafssaga Tryggvasonar K. 145–146; K. 148.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_266_266" href="#FNanchor_266_266" class="label">[266]</a> Njálssaga K. 102.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_267_267" href="#FNanchor_267_267" class="label">[267]</a> Jüngere Olafssaga K. 203.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_268_268" href="#FNanchor_268_268" class="label">[268]</a> Finn Magnusen, Lexicon myth. S. 651 Anm. <i>Var ikke
+Torden, lagde Trolde verden öde</i>.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>Var ei Torden og haarde stöd</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>da lagde Trolde verden öd.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_269_269" href="#FNanchor_269_269" class="label">[269]</a> Ausführliche Olafssaga Tryggvasonar K. 213
+(Fornmannasögur 2, 182).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_270_270" href="#FNanchor_270_270" class="label">[270]</a> <i>Bilskirnir</i>, der einen Augenblick (<i>bil</i>)
+leuchtende (<i>skirnir</i>), der Blitz. Thor hiess als Gewittergott
+Herr des Blitzes, <i>gramr</i>, <i>stýrandi bilskirnis</i> vgl. SE.
+I 252, 256; <i>bilskirnir</i> später als Eigenname gefasst ergab aus
+der erwähnten Verwendung „Bilskirnirs Beherrscher“ leicht örtlichen
+Begriff; vgl. Noreen, fornnordisk religion S. 6.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_271_271" href="#FNanchor_271_271" class="label">[271]</a> Über Sif Hárb. 48; Lokas. 53, 54; Skáldsk. Kap. 3.
+Uhlands Auslegung (Schriften 6, 45): „Sif die schönhaarige Göttin ist
+das Getreidefeld, dessen goldener Schmuck im Spätsommer abgeschnitten,
+dann aber von unsichtbar wirkenden Erdgeistern wieder neu gewoben
+wird“ — ist nicht begründet. Zu Sifs Haar vgl. den Pflanzennamen
+(adiantum) <i>capillus Veneris</i>, Frauenhaar, Marienhaar bei J.
+Grimm, Myth. 280; Blaas, Germania 23, 155 ff. Zur oben vorgetragenen
+Ansicht E. H. Meyer, Germ. Myth. S. 204; Noreen, fornnordisk religion
+S. 6. Dass Sif Snorra Edda I 585 unter den Namen der Jord steht, darf
+nicht zu so weitgehenden mythologischen Deutungen missbraucht werden.
+Einmal Fagrskinna 65, 1 heisst eine Riesin Sif. In der neuisländischen
+Volkssage (Jón Árnason, Þjoðsögur íslenzkar I 216) ist Sifa ein
+Trollenweib. Schwerlich gehört die Riesin irgendwie zu Thors Frau.
+Dass Sif in die Zeit der späteren, allegorischen Namengebung falle und
+keine Verehrung beim norwegischen Volke genoss, sagt auch Mogk, Das
+angebliche Sifbild im Tempel zu Gudbrandsdalir, Beiträge 14, 90 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_272_272" href="#FNanchor_272_272" class="label">[272]</a> <i>Magna faþer</i> Hárb. 9, 53; vgl. Skáldsk. Kap. 1;
+Vafþr. 51; Hym. 35 <i>faþer Móþa. Meili</i> Hárb. 9 und beim Skald
+Thjodolf in der Haustlong (SE. I 278).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_273_273" href="#FNanchor_273_273" class="label">[273]</a> Jǫrþ Gylfag. Kap. 9 und 36; Fjǫrgyn Vǫl. 56; Hárb. 56;
+Fjǫrgynn als Beiname Odins Lokas. 26; Gylfag. Kap. 9. Zu Grunde liegt
+ein german. Adj. <i>*ferguniaȥ</i>, <i>*ferguniô</i> zu <i>*fergu-</i>,
+idg. <i>perqunios</i> zu <i>perqu-</i>, lat. <i>quercus</i>. Vgl. aind.
+<i>Parjanya</i>; kelt. erkunia, griech. ἑρκύνιος δρυμός der Eichwald.
+Gemeint ist die Gottheit, die im Eichwald haust, im Eichwald verehrt
+wird. Man denke an die Donarseichen und an Ζεὺς φηγοναῖος. Himmel und
+Erde, das uralte Götterpaar, bei den Germanen im Eichwald verehrt, ist
+mit den im Nordischen erhaltenen Beinamen gemeint. Thor als Sohn der
+Erde dürfte jüngeren Ursprungs sein und ist erst nach der Lostrennung
+von Tiuȥ möglich. Vgl. H. Hirt, Indogerm. Forschungen I 479 ff. Dass
+Hlóþyn Vǫl. 55 nicht Thors, sondern Widars Mutter ist, behauptet
+Kauffmann, Beiträge 18, 135 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_274_274" href="#FNanchor_274_274" class="label">[274]</a> Hym. 11 <i>vinr verliþa</i>; 18 <i>brjótr
+bergdana</i>; 19 <i>þurs ràþbane</i>; 14 <i>gýgjar grøtir</i>; 23
+<i>orms einbane</i>; in der <i>Húsdrápa banda vinr</i>, bei Egill
+<i>landáss</i>; weiteres sammelt Gudbrand Vigfusson, corpus II 464.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_275_275" href="#FNanchor_275_275" class="label">[275]</a> Saxo II S. 71 Regnerus sagt: <i>se, Thor deo excepto,
+nullam monstrigenae virtutis potentiam expavere, cujus virium
+magnitudini nihil humanarum divinarumque rerum digna possit aequalitate
+conferri</i>. Der Sinn ist: Regner sei ebenso unerschrocken gegen
+alle dämonischen Wesen wie der unvergleichliche Thor. Saxo III S. 118
+Othinus und Thoro helfen dem Balderus im Kampf gegen Hötherus. <i>Thoro
+inusitato clavae libratu cuncta clypeorum obstacula lacerabat</i>.
+Nichts konnte ihm widerstehen: <i>ni Hötherus, inclinata suorum acie
+celerius advolans, clavam praeciso manubrio inutilem reddidisset. quo
+telo defecti divi subitam dedere fugam</i>. Saxo VI S. 274 <i>tradunt
+enim quidam, quod a gigantibus editus [Starcatherus] monstruosi
+generis habitum inusitata manuum numerositate prodiderit, asseruntque,
+Thor deum quatuor ex his, affluentis naturae vitio procreatas,
+elisis nervorum compagibus avulsisse, atque ab integritate corporis
+prodigiales digitorum eruisse complexus, ita ut, duabus tantum
+relictis, corpus, quod ante in giganteae granditatis statum effluxerat
+ejusque formam informi membrorum multitudine repraesentabat, postmodum
+meliore castigatum simulacro brevitatis humanae modulo caperetur</i>.
+Hieran schliesst Saxo eine Auseinandersetzung des Inhalts, die Götter
+seien Menschen mit Zauberkunst begabt gewesen. Zur interpretatio
+romana: <i>ea enim, quae apud nostros Thor vel Othini dies dicitur,
+apud illos Jovis vel Mercurii feria nuncupatur</i>. Saxo VII S. 324
+dem Haldanus hilft im Kampf gegen die Schweden ein mächtiger Kämpe,
+dessen Hilfe Haldanus anrief: <i>accito Thorone</i>, etwa im Nordischen
+<i>hann hét á þór</i>. Der wälzt einen zermalmenden Felsblock auf
+die Schweden. Ursprünglich war natürlich vom Gott die Rede, der als
+Urheber der Bergstürze gilt; vgl. Uhland, Schriften 6, 114. <i>ob cujus
+facti virtutem [Haldanus] Bierggrami cognomen accepit, quod vocabulum
+ex montium et feritatis nuncupatione compactum videtur. igitur apud
+Sveones tantus haberi coepit, ut magni Thor filius existimatus, divinis
+a populo honoribus donaretur ac publico dignus libamine censeretur</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_276_276" href="#FNanchor_276_276" class="label">[276]</a> Þrymskvilþa; die daraus hervorgegangene Volksdichtung
+<i>Tord af Havsgard</i> in Sv. Grundtvigs Danmarks gamle folkeviser
+Bd. I Nr. 1; dazu Bd. IV, 580 ff.; vgl. Uhland, Schriften 6, 57 ff.
+Versuch einer Auslegung; Finnur Jónsson, litteraturs historie 1,
+159 ff. Der Name des Riesen ist vom Hauptwort <i>þrymr</i>, Getöse
+genommen. Ausserhalb des Liedes begegnet der Riese Þrymr nur in den
+Verzeichnissen von Jotunnamen SE. I 549; II 470, 553, 615. Auch in
+norwegischer Volkssage findet sich eine Erinnerung an den Raub des
+Hammers, Faye, norske folkesagn S. 3 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_277_277" href="#FNanchor_277_277" class="label">[277]</a> Haustlǫng des Skald Thjodolf; Skáldsk. Kap. 1. Zur
+Auslegung Uhland, Schriften 6, 27 ff.; H. E. Meyer, Myth. 148;
+Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde I<sup>2</sup> 32 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_278_278" href="#FNanchor_278_278" class="label">[278]</a> Hym. 16; Hárb. 14, 15; Lokas. 61; Grottasǫngr 9; bei
+Bragi SE. I 256.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_279_279" href="#FNanchor_279_279" class="label">[279]</a> Gylfaginning Kap. 48; Ulf Uggason und Eystein Valdason
+im corpus II 24 und 26. Weitere Skaldenstellen sammelt Finn Magnusen im
+Lex. myth. 187 f.; 208. Das Angeln des Wurms beziehen Bugge, Studien
+S. 11 und E. H. Meyer, Myth. 145, ferner Bröndsted in der norsk
+historisk tidskrift II 3, 1882 S. 21 ff. und Bang ebenda S. 222 ff. auf
+den Leviathan. Über den Fang des Leviathan vgl. Diemer, Beiträge zur
+älteren deutschen Sprache und Litteratur, 4. Teil, Wien 1867 S. 45 ff.;
+R. Köhler, Germania 13, 158 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_280_280" href="#FNanchor_280_280" class="label">[280]</a> Hymiskviþa; über ihre Entstehung aus willkürlicher
+Verknüpfung verschiedenartiger Sagen Finnur Jónsson, litteraturs
+historie 1, 153 ff. Uhlands Auslegung (Schriften 6, 90 ff.) scheitert
+schon daran, dass die Verbindung der Mythen für alt und ursprünglich
+erachtet wird. Zur Erklärung aus dem Märchen Bugge, Studien 26.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_281_281" href="#FNanchor_281_281" class="label">[281]</a> Gylfag. Kap. 42; Vol. 25 und 26. Zur Volkssage Grimm,
+Myth. 514 ff.; 3, 158; Simrock, Myth. 55 ff.; Bugge, Studien 269 ff.
+Vgl. oben S. 166 Anm. 1.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_282_282" href="#FNanchor_282_282" class="label">[282]</a> Eilifs þorsdrápa; Skáldsk. Kap. 2; Uhland, Schriften 6,
+77 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_283_283" href="#FNanchor_283_283" class="label">[283]</a> Hym. 37, 38; Gylfag. Kap. 44; zur Wiederbelebung
+Wolf, Beiträge z. deutschen Myth. I 88 ff. <i>post coenam sanctus
+Germanus omnia ossa vituli super pellem vituli componi fecit et ad
+ejus orationem vitulus sine mora surrexit.</i> Bei einem Hexenmahl zu
+Ferrara wird ein Ochse verzehrt. Dann befiehlt die domina: <i>congeri
+jubet ossa omnia mortui bovis super corium ejus extensum ipsumque per
+quatuor partes super ossa revolvens virgaque percutiens, vivum bovem
+reddit.</i> Weiteres bei Zingerle, Tiroler Sagen Nr. 14, 15, 586, 587,
+725; Simrock, Myth.<sup>5</sup> 240; Mannhardt, Baumkultus der Germanen S. 116.
+Thjalfi ist wahrscheinlich mit Thielvar, dem Entdecker und Besiedler
+Gutlands eins; Uhland, Schriften 6, 35 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_284_284" href="#FNanchor_284_284" class="label">[284]</a> Gylfaginning Kap. 45–47; auf das Abenteuer mit Skrymir
+spielen Hárb. 26, Lokas. 60 und 62 an. Im übrigen wird nichts davon
+erwähnt. Skrymir steht nur noch unter den Riesennamen der Snorra Edda.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_285_285" href="#FNanchor_285_285" class="label">[285]</a> Saxo VIII S. 426 <i>procedentes perfractam scopuli
+partem nec procul in editiore quodam suggestu senem pertuso corpore
+discissae rupis plagae adversum residere conspiciunt. praeterea
+foeminas tres corporeis oneratas strumis ac veluti dorsi firmitate
+defectas junctos occupasse discubitus. cupientes cognoscere socios
+Thorkillus, qui probe rerum causas noverat, docet, Thor divum gigantea
+quondam insolentia lacessitum per obluctantis Geruthi praecordia
+torridam egisse chalybem, eademque ulterius lapsa, convulsi montis
+latera pertudisse; foeminas vero vi fulminum tactas infracti corporis
+damno ejusdem numinis attentati poenas pependisse firmabat</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_286_286" href="#FNanchor_286_286" class="label">[286]</a> Saxo VIII S. 431 <i>qua [aqua] transita paulo
+devexiorem situ speluncam aggreditur. ex qua item atrum obscoenumque
+conclave visentibus aperitur. intra quod Ugarthilocus manus pedesque
+immensis catenarum molibus oneratus aspicitur; cujus olentes pili tam
+magnitudine quam rigore corneas aequaverant hastas</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_287_287" href="#FNanchor_287_287" class="label">[287]</a> Über Trollebotn, das von Unholden erfüllte Nordmeer
+zwischen Bjarmland und Grönland vgl. Grönlands historiske mindesmaerker
+3, 212; monumenta hist. norv. 76; Storm, arkiv f. nordisk filologi 7,
+345. Den Typus der spätern Sage von der Fahrt in die Trollengründe
+zeigt am besten die norwegische Ballade bei Landstad, norske folkeviser
+Nr. 1.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_288_288" href="#FNanchor_288_288" class="label">[288]</a> Über das Aussehen des Trollenheims und der Hölle E. H.
+Meyer, German. Myth. § 205, 210, 234. Über den gefesselten Teufel,
+Grimm, Myth. 963; 3, 297. Loki ist Lucifer in schmucker Gestalt,
+Utgardloki der hässliche Teufel, Bugge, Studien 79.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_289_289" href="#FNanchor_289_289" class="label">[289]</a> Die Gudmundsage in der Saga von Thorstein boejarmagn
+(Fornmannasögur III 174 ff.) und im Þáttr von Helgi Thorrisson (Fms.
+III 135); vgl. noch Hervararsaga Kap. 1. Die Thorsteinssaga, die
+auch vom Besuch bei Geirröd weiss, ist überhaupt ein märchenhafter
+Ausläufer der Thorsmythen, ähnlich wie Saxos Thorkilgeschichte. Zur
+Sage vgl. P. E. Müller, <i>notae uberiores</i> zu Saxo I 245 ff.;
+Maurer, Bekehrung 1, 330; Uhland, Schriften 3, 38 ff.; 8, 110; Simrock,
+Myth.<sup>5</sup> 259; Müllenhoff, Altertumskunde 5, 116 und 118; Heinzel, Wiener
+Sitzungsberichte 1885, Band 109, S. 697 ff.; Bugge, Arkiv f. nordisk
+filologi 5, 26.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_290_290" href="#FNanchor_290_290" class="label">[290]</a> So Hárb. 19 und Bragi SE. 1, 318, 2 gegen Bragar. 2.
+Thrivaldi SE. 1, 256; Leikn SE. 1, 259. Thorbjorn Dísarskald SE. 1,
+260. Auf ähnliche Kämpfe mit Riesen und Riesinnen spielen die Hárb. 20,
+29, 37, 39 an.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_291_291" href="#FNanchor_291_291" class="label">[291]</a> Die Namen mit Erklärungsversuchen bei Finn Magnusen,
+Lex. myth. 636 f. Vgl. SE. 1, 252 ff.; 553; 555. SE. 1, 252 <i>fóstri
+Víngnis ok Hlóru</i>. Gudbrand Vigfússon, corpus poeticum boreale II
+464 stellt skaldische Umschreibungen Thors zusammen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_292_292" href="#FNanchor_292_292" class="label">[292]</a> Alvismál; Uhland, Schriften 6, 46 ff.; Finnur Jónsson,
+Litteraturshistorie 1,165 ff. In Bragis Ragnars drápa heisst der Schild
+„<i>ilja blaþ þjófs þrúþar</i>“ Fuss-Sohlenblatt des Diebs der Thrud,
+weil Hrungnir den Schild unter die Füsse wirft; vgl. Gering, kvæþabrot
+Braga ens gamla, Halle 1886, S. 15.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_293_293" href="#FNanchor_293_293" class="label">[293]</a> Tord af Havsgard, Grundtvig, Danmarks gamle folkeviser
+I 1 ff. Die Sage von Urebö bei Faye, norske sagn 3 ff. Schwedische
+Thorssagen in ziemlicher Anzahl führt Lundgren, språkliga intyg om
+hednisk gudatro i Sverige S. 41 ff. an. Das meiste findet sich bei
+Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne, Stockholm 1864.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_294_294" href="#FNanchor_294_294" class="label">[294]</a> Der Ausdruck ist zuerst aus dem 12. Jahrh. zu belegen,
+in des Pfaffen Konrad Rolandslied S. 204, 16 heisst Pharaos vom Meer
+verschlungenes Heer <i>sîn ƕôtigeȥ her</i>; in Konrads von Heimesfurt
+„<i>Urstende</i>“ aus der ersten Hälfte des 13. Jahrh. werden die
+Juden, welche den Heiland überfallen, <i>daȥ ƕuetunde her</i> genannt.
+Im Moritz von Craon 1563 und in Strickers Karl 6810 steht <i>daȥ
+ƕüetende her</i>. Michel Behaim im Gedicht von den Wienern 176, 5
+redet von „<i>schreien und ƕufen als ob es ƕer das ƕutend her</i>“.
+Zingerle, Findlinge 2, 128 „<i>des tûvels ƕûtendeȥ her</i>“. Im Gedicht
+von Heinrich dem Löwen nach der Handschrift von 1474 (Massmann, Denkm.
+deutscher Spr. u. Litt. S. 132) heisst es: „<i>da qƕam er under das
+ƕoden her, da die bösen geiste ir ƕonung han</i>.“ Bei Geiler von
+Kaisersberg wird das <i>ƕütede</i> oder <i>ƕütische</i> heer (Omeiss 36
+ff.), bei Hans Sachs I, III, 696 <i>das ƕüetend her</i> erwähnt. Bei v.
+d. Hagen Gesamtabenteuer Nr. 55, 1290 begegnet die Beschwörung:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>bî deus salter ich dich sƕer</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>und bî ƕutungis her.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Also darf die Bezeichnung wütiges, wütisches oder wütendes Heer als
+ziemlich alt erachtet werden. <i>ƕoden her</i>, <i>ƕutungis her</i>
+sind nur abgeschliffene participia praesentis vgl. Weinhold, Mhd.
+Grammatik § 219 und 401 und dürfen nicht persönlich im Sinne von
+Eigennamen ausgelegt werden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_295_295" href="#FNanchor_295_295" class="label">[295]</a> Auf schwäbisch-alemannischem Gebiet begegnet das
+<i>Wuetes</i> oder <i>Muotesheer</i>, auch schlechthin <i>’s Wuetes</i>
+genannt; vgl. E. Meier, Sagen aus Schwaben 1, 103 ff.; Birlinger,
+Volkstümliches aus Schwaben 1, 89 ff.; <i>Wuetes heer</i> auch in
+Bayern, Panzer, Bayer. Sagen 2, 67; Schmeller, Wb. 2, 1056; <i>Wotn</i>
+mit Frau Holke in Östreich, Vernaleken, Mythen und Bräuche in Östreich
+23 ff. <i>Wudesheer</i> in der Eifel, Wolfs Zeitschrift f. Myth.
+1, 316. Die nds. Sagen vom <i>Wode</i> bei Müllenhoff, Sagen der
+Herzogtümer Schleswig-Holstein und Lauenburg 372 ff.; Bartsch, Sagen
+aus Mecklenburg 1, 3 ff. Alle norddeutschen Sagen zusammenfassend
+bespricht W. Schwartz, Der heutige Volksglaube und das alte Heidentum,
+2. Aufl. Berlin 1862. In Schweden heisst es beim Sturm: <i>det är Odens
+jagt</i>, <i>Oden far förbi</i>, <i>Oden jagar</i>. Der Volksglaube
+kennt auch <i>Odens</i> Pferd und Hunde; vgl. Hyltén-Cavallius, Wärend
+och Wirdarne S. 214 ff.; Lundgren, språkliga intyg om gudatro i Sverige
+S. 29 ff. Das älteste Zeugniss steht im Reinfried von Braunschweig um
+1300 (Bartsch’s Ausgabe 479), wo es von einer Ritterschaar heisst,
+sie fuhr <i>„rûschent sam daz Wuotes her“</i>. Aus dem Anfang des
+16. Jahrh. bietet die Zimmersche Chronik (Baracks Ausgabe 4, 787ᵃ)
+<i>„Wuotes her“</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_296_296" href="#FNanchor_296_296" class="label">[296]</a> Got. <i>ƕôds</i>, wütend, besessen; an. <i>óđr</i>
+wütend; ags. <i>ƕôd</i>, toll, wütend; ahd. <i>ƕuot</i> (Otfrid I
+19, 18 <i>gote-ƕuoto</i>, der Wüterich, von Herodes). <i>Wôd</i> als
+Eigenname des Thüringerkönigs steht im ags. Gedicht Wîdsîð 30.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_297_297" href="#FNanchor_297_297" class="label">[297]</a> Die Sagen von Hakelberg oder Hakelbernd bei Kuhn und
+Schwartz, Norddeutsche Sagen Nr. 203, 265, 281. Kuhn, Märkische Sagen
+S. 23. P. Zimmermann, Die Sage von Hackelberg, dem wilden Jäger, in
+der Zeitschrift des Harzvereins 12, 1879, 1 ff. <i>halcolberand</i>,
+Mantelträger als altsächsischen Beinamen des Wode erklärt J. Grimm,
+Myth. 875.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_298_298" href="#FNanchor_298_298" class="label">[298]</a> Die schwäbische Sage kennt das Gespenst als
+Schimmelreiter, Breit-, Lang-, Schlapphut, E. Meier, Sagen aus Schwaben
+1, 93, 99.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_299_299" href="#FNanchor_299_299" class="label">[299]</a> Hákonarsaga Sverrissonar Kap. 20 (Fornmanna sögur 9,
+55); zum Rodensteiner, Uhland, Schriften 7, 609. Vgl. auch Zingerle,
+Tiroler Sagen Nr. 5.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_300_300" href="#FNanchor_300_300" class="label">[300]</a> Von deutschen Sagen gehören hierher die Geschichten
+von Heinrich dem Löwen, Reinfried von Braunschweig, vom Möringer, von
+Thedel von Walmoden u.&#8239;dgl. Simrock, Myth.<sup>5</sup> 179 ff. Die Haddingsage bei
+Saxo 1, 12 ff. Der Anruf, der im Lübecker Schwerttanzspiel noch im 16.
+Jahrh. begegnet: <i>hellige Wode, nû lên mi dîn pêrd!</i> weist auf den
+Glauben, dass der Wode seine Günstlinge aufs Pferd nimmt. Müllenhoff,
+ZfdA. 20, 13.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_301_301" href="#FNanchor_301_301" class="label">[301]</a> Die wilde Jagd auf ein Weib E. H. Meyer S. 247. Der Wode
+als Verfolger der Frauen bei Müllenhoff, Sagen aus Schleswig, Holstein
+und Lauenburg Nr. 500; Bartsch, Sagen aus Meklenburg 1, S. 7/8, 11/12;
+Oden bei Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne S. 215.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_302_302" href="#FNanchor_302_302" class="label">[302]</a> <i>Oþs mey</i> heisst Freyja in Vol. 25; auf das
+Liebesverhältniss geht Hyndl. 48 „dem Od liefst du immer sehnsüchtig
+nach“. Einar Skulason (SE. I 424) in der ersten Hälfte des 12. Jhs.
+nennt Freyja <i>Oþs beþvina</i>, Ods Bettgenossin, die dem Geliebten
+nachweint. Sonst ist Od nicht nachzuweisen. Die Sage erwähnt kurz
+Gylfaginning Kap. 35.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_303_303" href="#FNanchor_303_303" class="label">[303]</a> Dass die Sage stark umgebildet wurde, vielleicht unter
+dem Einfluss der antiken Erzählung von Venus und Adonis (Bugge,
+Christiania Morgenbladet vom 16. Aug. 1881), unterliegt kaum einem
+Zweifel; vgl. auch H. Falk. aarböger for nordisk oldkyndighed og
+historie 1891 S. 275; Weinhold im Mythus vom Wanenkrieg (Berliner
+Sitzungsberichte 1890 S. 611 ff.) meint, Odin als wilder Jäger verfolge
+die Gullweig-Freyja, die Sonnenfrau. Also auch da wäre mittelbar die
+Jagd auf die Frau nachweisbar.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_304_304" href="#FNanchor_304_304" class="label">[304]</a> Chron. Urspergense ad ann. 1123.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_305_305" href="#FNanchor_305_305" class="label">[305]</a> Reginsmǫ́l 18 <i>karl af bjargi</i>; <i>Fjallgautr</i>
+SE. 1, 258; <i>Fjallgeiguđr</i> SE. 2, 555.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_306_306" href="#FNanchor_306_306" class="label">[306]</a> Ynglingasaga Kap. 15. Die Strophe des Ynglingatals,
+die von Sveigdir erzählt, scheint allerdings eine ganz andere Sage
+vorauszusetzen: den Mythus von der hinter dem Berg hinabsinkenden
+Sonne, Odins Besuch bei Gunnlod im Berge; vgl. Noreen, Uppsalastudier
+200 ff. Aber Snorri geht offenbar von der Vorstellung aus, man komme zu
+Odin durch Eintritt in den Schooss der Berge.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_307_307" href="#FNanchor_307_307" class="label">[307]</a> Rietz, svenskt dialekt-lexicon S. 789 <i>Valhall</i>,
+Namen einiger Berge, auf denen vorzeiten Felsen zum Herabstürzen
+(<i>ättestupor</i>) waren. Ein solcher findet sich in Blekingen
+(Hellaryds sokn) nahe der Kirche und nach alter Sage stürzten sich die
+Leute in den unterhalb des Berges belegenen <i>Valsee</i> (Totensee),
+der jetzt fast ganz vertrocknet ist. Ein solcher Felsen kommt auch
+beim Berg Valhall in Vestergötland (Kylingareds sokn) vor; ebenso auf
+dem Berg Valhall in Gemshögs sokn. Auf dem Hålleberg in Vestergötland
+heisst der Gipfel Valhall und die Sage erzählt, dass die, welche
+sich herabstürzten, in einem jetzt überwachsenen Teich, der Odins
+Quelle (<i>Ons-källa</i>) hiess, gewaschen wurden. — Die Felsen zum
+Herabstürzen begegnen in der jungen Gautrekssaga K. 1 u. 2, wo die
+alten Leute sich herunter stürzen, um zu Odin nach Walhall zu fahren.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_308_308" href="#FNanchor_308_308" class="label">[308]</a> Walhall als unterirdisches Totenreich fasst Schullerus,
+Beiträge 12, 227 u. 258 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_309_309" href="#FNanchor_309_309" class="label">[309]</a> <i>drauga dróttinn</i>, <i>hanga dróttinn</i> Yngl. Kap.
+7; bei den Skalden <i>hangatýr</i>, <i>hangaguđ</i>, SE. 1, 84, 230,
+232 u.&#8239;ö. <i>galga valdr</i>, Islendinga sögur 1, 307.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_310_310" href="#FNanchor_310_310" class="label">[310]</a> J. Grimm, Myth. 1, 141 nach Gryse’s 1593 erschienenem
+Spegel des antichristischen pawestdoms. <i>„daher denn ok noch
+an dissen orden dar heiden gewanet, bi etliken ackerlüden solker
+avergelövischer gebruk in anropinge des Woden tor tid der arne gespöret
+ƕerd, und ok oft desülve helsche jeger, sonderliken im winter des
+nachtes up dem velde, mit sinen jagethunden sik hören let.“</i> Vgl.
+auch Bartsch, Sagen aus Mecklenburg 2, 307. Die weiteren nds. Bräuche
+bei Grimm a. a. O. Von diesen Wodeopfern handelt ausführlich aber
+unkritisch U. Jahn, Die deutschen Opferbräuche S. 163 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_311_311" href="#FNanchor_311_311" class="label">[311]</a> Den bayer. Brauch des <i>Waude-Opfers</i> verzeichnet
+Panzer, Beitrag zur deutschen Myth. 2, 216; J. Grimm, Myth. 3, 59;
+<i>Woude</i> für <i>Wuode</i>, ou = uo Weinhold, Bayr. Gr. § 103.
+Das <i>Wudfutter</i> U. Jahn, Die deutschen Opferbräuche 1884 S.
+165; übers <i>Guetisheer</i> Rochholz, Schweizersagen aus dem Aargau
+1, 91. Über das schwed. <i>Odinsopfer</i> J. Grimm, Myth. 1, 140;
+Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne 212. Was mit Wodan und seinen
+Beziehungen zum Ackerbau zusammenhängt, sammelt U. Jahn a. a. O.
+besonders S. 163 ff.; nur zieht er allzuviel Unbrauchbares heran z.&#8239;B.
+den <i>„Vergodendeel“</i>, dessen wahre Bedeutung Knoop, Zeijtschr. f.
+Volkskunde 3, 41 ff. erkannte.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_312_312" href="#FNanchor_312_312" class="label">[312]</a> Ynglingasaga Kap. 8; Lokka táttur 10 bei Hammershaimb,
+færöiske kvæder 1, 140.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_313_313" href="#FNanchor_313_313" class="label">[313]</a> Die urgermanische Form des Namens war <i>ƕôdanaȥ</i>,
+as. <i>Wôdan</i>, ags. <i>Wóden</i>, anorw. aisl. <i>Oþenn Ođinn</i>,
+aschw. <i>Oþan</i>; zu den nordischen Formen Noreen, An. Gr. 1.
+Aufl. § 167, 3b; ebenda 2. Aufl. § 228, 1. Über Suffix -<i>ana</i>
+Kluge, Nominale Stammbildungslehre § 20, Brugmann, Grundriss 2 § 67,
+S. 144. Im Althochdeutschen kommt zwar der Gott selber nicht vor,
+aber der Name teils als Appellativum <i>ƕuotan</i>, <i>tyrannus</i>,
+<i>herus malus</i> in Glossen, teils als Mannsname <i>Wuotan</i>
+in Urkunden; Belege bei J. Grimm, Myth. 1, 120; 3, 48 ff. Der ahd.
+Name ist natürlich vom Gott abgeleitet und zeigt, dass Wodan in der
+späteren Zeit des Heidentums auch im Süden nicht unbekannt war. Die
+Erklärung des Namens hat vom Begriff „<i>Wut</i>“ auszugehen. J.
+Grimm, Myth. 1, 121 schlug vor das Verb. <i>ƕadan ƕôd</i>, an. <i>vađa
+óđ</i>, waten, durchdringen. Wôdan sei demnach das allmächtige,
+alldurchdringende Wesen, <i>qui omnia permeat</i>. Die Ableitung ist
+viel zu geistig. Zimmer, ZfdA. 19, 172, 179 f., Mannhardt, ebenda 22,
+4 stellen den indischen Windgott <i>Vâta</i> als Urbild des german.
+Wodan auf. Ihnen folgen Mogk und E. H. Meyer. Doch <i>vâta</i> ist
+idg. <i>u̯éto</i>, gr. ἀϝήτες Brugmann, Grundriss 2 § 79, S. 210,
+eine Nebenform zu <i>u̯ento</i>, Wind, und entspricht lautlich
+keineswegs Wodan. Im Anschluss an Zimmers Behauptung zeigt V. Rydberg,
+undersökningar i germanisk mythologi 2, 29 ff. das glänzende Bild
+des <i>Vàta-Vâyu</i> als Sturm- und Kriegsgott, natürlich um Wodans
+Gestalt als indogermanisch zu retten. Man lernt nur, wie sich eine
+solche Göttergestalt aus der Naturbeseelung, aus dem persönlich
+gedachten Sturm auch anderswo entwickeln kann. Kluge (bei Bradke,
+Dyâus Asura, Halle 1885, S. X Anm.) vermutet idg. <i>u̯âtenós</i>
+(lat. <i>vates</i>, air. <i>fáith</i>), germ. <i>ƕôdanaȥ</i>, Herr des
+Gesanges. Gleich der Deutung J. Grimms nimmt auch die Kluges Wodan in
+seiner höchsten und letzten Entwicklung zum Ausgangspunkt, verzichtet
+auf die nächstliegende natürliche Anknüpfung und sucht eine künstliche
+auf. Das Rechte sah schon Adam von Bremen, wenn er sagt: <i>Wodan id
+est furor</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_314_314" href="#FNanchor_314_314" class="label">[314]</a> Die Übersetzung Wodans mit Merkur ist sehr treffend,
+da beide Götter einander wesensgleich sind. Merkur ist Windgott und
+stürmischer Liebhaber, Seelenführer, Förderer der Fruchtbarkeit,
+Gott der Erfindung und Listen u.&#8239;s.&#8239;f. Er trägt Hut und Stab, die
+Wünschelrute. Vgl. Roscher, Hermes als Windgott, Leipzig 1878, S. 104
+ff. Nur die kriegerische Seite, das Heldentum, gehört Wodan allein.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_315_315" href="#FNanchor_315_315" class="label">[315]</a> Tac. Germ. 9 <i>deorum maxime Mercurium colunt, cui
+certis diebus humanis quoque hostiis litare fas habent.</i> Ann. 13,
+57 im Krieg zwischen Hermunduren und Chatten wird das feindliche
+Heer dem Tiuȥ und Wodan zum Opfer geweiht. Im Gespräch zwischen
+Chrothild und Chlodowech, wo die heidnischen Götter dem Christengott
+gegenübergestellt werden (Gregor Tur. hist. Franc. 2, 29), finden sich
+zwar offenbar gelehrte Bezüge auf klassische Mythen; mit Mars und
+Merkur können aber auch Tiu und Wodan gemeint sein. Dass Mercurius
+die interpretatio romana für Wodan ist, bezeugt ausser <i>dies
+Mercurii</i> = <i>Wodans dag</i> Paulus Diaconus I, 9 <i>Wodan sane,
+quem adiecta litera Gƕodan dixerunt, ipse est, qui apud Romanos
+Mercurius dicitur.</i> Jonas von Bobbio, vita Columbani <i>illi aiunt,
+deo suo Wodano, quem Mercurium vocant alii, se velle litare</i>.
+In einem alten aus dem 10. Jahrh. stammenden Bücherverzeichniss
+von Werlamacester (J. Grimm, Myth. 1, 110) heisst es: <i>coluerunt
+Mercurium, Woden anglice appellatum</i>. Bei Galfred von Monmouth lib.
+6 sagt Hengist zu Vortigern: <i>ingressi sumus maria, regnum tuum duce
+Mercurio petivimus. colimus maxime Mercurium, quem Woden lingua nostra
+appellamus. huic veteres nostri dicaverunt quartam septimanae feriam,
+quae usque in hodiernum diem nomen Wodenesdai de nomine ipsius sortita
+est. post illum colimus deam inter ceteras potentissimam, cui et
+dicaverunt sextam feriam, quam de nomine eius Fredai vocamus</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_316_316" href="#FNanchor_316_316" class="label">[316]</a> Über Wodans allmäliges Aufkommen vgl. Müllenhoff, ZfdA.
+18, 251; 23, 8; 30, 219.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_317_317" href="#FNanchor_317_317" class="label">[317]</a> Auf einem Weihstein im obern Ahrthal bei Blankenheim
+steht</p>
+
+<p class="center">MERCVRI<br>
+&#160;CHANNINI</p>
+
+<p>was Siebs ZfdPh. 24, 1 ff. als <i>Mercurio Channini</i> liest und aus
+germanischer Sprache zu deuten sucht. <i>Channini</i> soll Dativ eines
+wg. Nom. Sing, <i>χanniê</i> sein, dessen Form ahd. as. <i>*henno</i>,
+afries. ags. <i>*henna</i> wäre. Dazu stellt sich der unerklärte mhd.
+Ausruf <i>iâ henne</i>! Henne der Teufel bei Agricola; sächs. fries.
+<i>henneklêd</i>, Totenkleid. Ob Freund Hein, der Tod, daraus etwa
+verderbt ist? χ<i>anni̯ê</i> wäre als Töter zu deuten, der Stein
+ist Wodan dem Totengott, dem Seelenführer geweiht. Wodan-Mercurius
+zur Zeit des Tacitus war also nach Siebs Totengott. Much, ZfdA. 35,
+207 u. Anzeiger 17, 184 stellt <i>hanno</i> zu an. <i>hannarr</i>
+geschickt, kunstfertig, griech. κοννεῖν, kennen. Es sei Wodan, der
+listenreiche Gott gemeint. Aber der nord. Zwergname <i>Hannarr</i>
+ist sehr bedenklich für diese Etymologie. Scherer, Berliner
+Sitzungsberichte 1884, 1, 577 dachte an eine Verkürzung: <i>Mercurio
+Channini[fatium]</i>, an Wodan der Canninefaten. Alle Deutungen sind
+ganz unsicher.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_318_318" href="#FNanchor_318_318" class="label">[318]</a> Belege bei J. Grimm, Myth. 1, 114 f.; 3, 47. Frühzeitig
+bietet sich ags. <i>Wódnes dag</i>; mfries. aus dem 14. Jahrh. zu
+belegen, Richthofen, Fries. Wb. 1142, <i>Wonsdeg</i>; die mndl.
+Form lautet schon im 13. Jahrh. <i>Woensdach</i>; fürs Niederrhein.
+bieten Urkunden des 14/15. Jahrh. <i>Gudestag</i>, <i>Gudenstag</i>.
+Ortsnamen mit Wodan bei Grimm, Myth. 1, 138 ff., 3, 58 f.; W. Arnold,
+Ansiedlungen und Wanderungen deutscher Stämme, Marburg 1877, S. 335;
+die engl. Namen bei Kemble, the Saxons 1, 343.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_319_319" href="#FNanchor_319_319" class="label">[319]</a> Die um 772 verfasste Taufformel bei Müllenhoff-Scherer,
+Denkmäler LI <i>ec forsacho allum dioboles uuercum and uuordum Thunaer
+ende Uuôden ende Saxnôte ende allum thêm unholdum thè hira genôtas
+sint</i>. Im <i>indiculus superstitionum</i> ist <i>de sacris Mercurii
+vel Iovis</i> und <i>de feriis quae faciunt Iovi vel Mercurio</i> die
+Rede.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_320_320" href="#FNanchor_320_320" class="label">[320]</a> Jonas von Bobbio, <i>vita Columbani</i>, kurz nach
+620 (Mabillon, ann. Bened. 2, 26) <i>sunt etenim inibi vicinae
+nationes Suevorum; quo cum moraretur et inter habitatores illius loci
+progrederetur, reperit eos sacrificium profanum litare velle, vasque
+magnum, quod vulgo cupam vocant, quod viginti et sex modios amplius
+minusve capiebat, cerevisia plenum in medio habebant positum. ad quod
+vir dei accessit et sciscitatur, quid de illo fieri vellent? illi
+aiunt: deo suo Wodano, quem Mercurium vocant alii, se velle litare.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_321_321" href="#FNanchor_321_321" class="label">[321]</a> Alles auf Woden bezügliche stellte Kemble, The Saxons
+in England 1,335–46 zusammen. Die ags. Genealogien bei J. Grimm, Myth.
+3, 377 ff.; die um 600 geschriebene <i>vita Kentigerni</i> (<i>Acta
+sanctorum</i> 1, 820) nennt <i>Woden principalem deum Anglorum</i>.
+In den Denksprüchen des Exeterbuchs 133 bei Wülcker. Kleinere ags.
+Dichtungen, Halle 1882, S. 48</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>Wóden ƕorhte ƕeos, ƕuldor alƕalda</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>rúme roderas: þæt is ríce god</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>wird Wodan als der, welcher Teuflisches wirkte, dem wahren allwaltenden
+Gott, dem Schöpfer der Himmel gegenübergestellt. In <i>ƕeos</i> steckt
+jedenfalls <i>ƕóh ƕó</i> (as. <i>ƕáh</i>, got. <i>ƕâhs</i>), Böses.
+Übles, denn der ags. Spruch gibt die Psalterstelle <i>omnes dii gentium
+daemonia, dominus autem coelos fecit</i>, wieder; Vgl. Strobl, ZfdA.
+31, 59; an <i>ƕeo</i> = <i>ƕih</i>, Tempel, Heiligtum, ist nicht zu
+denken. Im Neunkräutersegen (Wülcker, a. a. O. 35) werden neun Kräuter
+aufgezählt, die gegen Gift wirksam sind. Ein Wurm naht und will sie
+zerreissen. Da nahm Woden neun herrliche Zweige und schlug die Natter,
+dass sie in acht (Stücke auseinander fiel und) entfloh.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">32&#8194;<i>đá genam Wóden VIIII ƕuldortánas</i></div>
+ <div class="verse indent3"><i>slóh đá đá næddran, đæt heo on VIII tofléah.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Woden ist also auch hier ähnlich wie im Merseburger Zaubersegen im
+Besitz kräftigen Zaubers, mit dem er das Böse bannt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_322_322" href="#FNanchor_322_322" class="label">[322]</a> Aethelweard im 10. Jahrh. Chron. lib. II Kap. 2 sagt
+von Hengist und Horsa: <i>hi nepotes fuere Uuoddan regis barbarorum,
+quem post, infanda dignitate, ut deum honorantes, sacrificium obt
+ulerunt pagani, victoriae causa sive virtutis. — — Wothen, qui et rex
+multarum gentium, quem pagani nunc ut deum colunt aliqui.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_323_323" href="#FNanchor_323_323" class="label">[323]</a> Die Sage steht in der um 670 entstandenen <i>origo
+gentis Langobardorum</i> in <i>MG. leges</i> 4, 641; ausführlicher
+erzählt Paulus Diaconus <i>de gestis Langobardorum</i> 1, 7 u. 8; die
+Texte auch bei Carl Meyer, Sprache und Sprachdenkmäler der Langobarden,
+Paderborn 1877, S. 108 u 118. Die Sage gebe ich nach der Übersetzung
+von O. Abel, Paulus Diaconus und die übrigen Geschichtschreiber der
+Langobarden, Berlin 1849 S. 1 ff. Vgl. auch Bethmann, Archiv 10, 351
+ff. Die Brüder Grimm gaben die Erzählung in den Deutschen Sagen, Bd.
+2, Nr. 390. Dass dem Berichte der lateinischen Quellen unmittelbar ein
+stabreimendes langobardisches Lied zu Grunde liegt, erweisen Kögel,
+Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 107 ff.; Bruckner, Die
+Sprache der Langobarden, Strassburg 1895, S. 19 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_324_324" href="#FNanchor_324_324" class="label">[324]</a> Im Codex Exoniensis wird auf ein Liebesabenteuer
+<i>Géats</i> angespielt.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>We đæt Mæđhilde&#8239;&#8195;&#8195;monge gefrunon</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>wurdon grundléase&#8195;&#8194;Géates frige</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>đæt him séo sorglufu&#8195;slǽp ealle binom.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Wir vernahmen, dass Géats Liebe zu Mæðhild so bodenlos war, dass ihm
+Liebessorge den Schlaf raubte. Wenn Géat, Gautr Beinamen Wodans sind,
+dann mag auch diese Sage zu Odins Liebesgeschichten zu zählen sein.
+Kemble, The Saxons 1, 370.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_325_325" href="#FNanchor_325_325" class="label">[325]</a> Eine Erklärung der vom Verbum <i>geotan gaut gutum
+gotans</i> gebildeten Volksnamen (<i>Gautôs</i> und <i>Gutans
+Gotans</i>), in denen der Begriff überströmender Menge (ags. <i>mid
+géotendan here</i>) liegt, gab Laistner, Württb. Vierteljahrshefte f.
+Landesgesch. N. F. 1892, S. 9/10. Damit verbietet sich die Meinung von
+selbst, das Volk sei nach dem Gott benannt; vgl. E. H. Meyer, Myth.
+S. 234. Für uralten Zusammenhang der Namen Wodan und Gaut können die
+ags. Namen <i>Sigegéat</i> und <i>Wódelgéat</i>, ahd. <i>Wuotilgôȥ</i>
+angeführt werden, d.&#8239;h. Gaut als der sieghafte Wodan. Zur Etymologie
+des Volksnamens vgl. noch Axel Erdmann, om folknamen Göter och Goter in
+der antiquarisk tidskrift för Sverige 1891, del 11, nr. 4.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_326_326" href="#FNanchor_326_326" class="label">[326]</a> Genaueres über die Walsungensage und Wodans Eingreifen
+wird unten bei Behandlung der nordischen Berichte mitgeteilt. Dass
+schon Wodan, nicht erst Odin die Geschicke der Helden lenkte, erwies
+Müllenhoff, ZfdA. 23, 116 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_327_327" href="#FNanchor_327_327" class="label">[327]</a> Im ags. Gespräch zwischen Salomo und Saturn heisst es:
+Sag mir, wer zuerst Buchstaben setzte? Ich sage dir, Mercurius der
+Riese (<i>se gygand</i>). Ob mit Kemble, The Saxons in England 1, 339
+unter Merkur Wodan zu nehmen ist, ob vom deutschen oder römischen Gott
+und seinen Fähigkeiten geredet wird, lässt sich nicht entscheiden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_328_328" href="#FNanchor_328_328" class="label">[328]</a> Vgl. Dahn, Bausteine 1, 1879 Wodan und Donar als
+Ausdruck des deutschen Volksgeistes.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_329_329" href="#FNanchor_329_329" class="label">[329]</a> Saxo III S. 129 <i>dii, quibus praecipue apud Byzantium
+sedes habebatur, Othinum .... collegio suo submovendum duxerunt</i>.
+Saxo I S. 42 <i>ea tempestate cum Othinus quidam Europa tota falso
+divinitatis titulo censeretur, apud Upsalam tamen crebriorem diversandi
+usum habebat</i>. Die nordischen Könige schicken seine goldene
+Bildsäule nach Byzanz. Also schon Saxo weiss von einer Abstammung
+des schwedischen Odinkultes aus dem Osten. Snorri erzählt das
+Hierhergehörige im Formáli der Edda Kap. 8–11, und in der Ynglingasaga
+Kap. 1–5.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_330_330" href="#FNanchor_330_330" class="label">[330]</a> In der ausführlichen Olafssaga helga, Fornmanna sögur
+5, 239 <i>Ólafr konungr kristnađi þetta ríki allt: ǫll blót braut hann
+niđr ok ǫll gođ, sem pór Engilsmannagođ ok Ođin Saxagođ ok Skjǫld
+Skánungagođ ok Frey Sviagođ ok Gođorm Danagođ</i>. In Schonen und
+Dänemark werden Könige als Götter aufgeführt. Thor als englischer Gott
+ist ein Missverständniss. Vielleicht soll damit der Hauptgott der in
+England ansässigen Nordleute gekennzeichnet werden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_331_331" href="#FNanchor_331_331" class="label">[331]</a> Vgl. oben im Kapitel über Freyr S. 220 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_332_332" href="#FNanchor_332_332" class="label">[332]</a> <i>Odins vi</i> bei H. Petersen, gudedyrkelse og gudetro
+S. 104 ff. Schwedische Odinsplätze verzeichnet Lundgren, språkliga
+intyg om hednisk gudatro i Sverige S. 34 ff., norwegische sammelt O.
+Rygh in der Neuausgabe von Munch’s norr. gude- og heltesagn, vgl. den
+Index.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_333_333" href="#FNanchor_333_333" class="label">[333]</a> Ynglingasaga Kap. 3; darauf bezieht sich auch Lokas. 26,
+wenn Loki Frigg vorhält, sie habe als Odins Weib doch Wili und We Gunst
+gegönnt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_334_334" href="#FNanchor_334_334" class="label">[334]</a> Saxo III S. 126 ff. Rindr als Mutter Walis wird im Liede
+Baldrs draumar 11 erwähnt. Der Skald Kormak (937–976) singt (SE. I,
+236) <i>seiþ Yggr til Rindar</i>: Odin bezauberte Rindr, womit offenbar
+auf dieselbe Sage, die Saxo kennt, angespielt ist. Ob Hǫ́v. 95–101 mit
+Billings Maid, die den liebeverlangenden Gott foppt, Rindr gemeint ist,
+lässt sich nicht mit Gewissheit behaupten. Doch ist es wol möglich.
+Vgl. Finnur Jónsson, litteraturs historie I, 234. Weitere Vermutung
+über das Verhältniss Odins zu Ollerus vgl. im Abschnitt über Ullr.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_335_335" href="#FNanchor_335_335" class="label">[335]</a> Die Sage von Mitothin Saxo I S. 42 ff. Zur Erklärung
+von <i>mitoth-inn</i>, aisl. <i>mjǫtuđr-inn</i>, ags. <i>meotod</i>,
+and. <i>metod</i> vgl. Munch, det norske folks historie 1, 217; Das
+heroische Zeitalter der nord. germ. Völker 30 Anm. 2; unabhängig kam
+neuerdings Kauffmann, Beiträge 18, 188 zur selben Erklärung.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_336_336" href="#FNanchor_336_336" class="label">[336]</a> Das Schiff Skidbladnir wird sonst allein dem Freyr
+zugeschrieben.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_337_337" href="#FNanchor_337_337" class="label">[337]</a> Odins kriegerisches Aussehen nach Gylfag. Kap. 51
+(SE. 1, 190); Gylfag. Kap. 49 (SE. 1, 176); Saxo II S. 106 <i>Othin
+armipotens, uno contentus ocello, albo clypeo tectus, flectit equum,
+horrendus Friggae maritus</i> vgl. Yggr, der Schreckliche. Adam von
+Bremen 4, 26 <i>Wodanem sculpunt armatum sicut nostri Martem sculpere
+solent</i>. Odin mit Helm und Schwert Sigrdr. 14; über Gungnir Skáldsk.
+Kap. 3; die Sagen über Gungnir stellt A. Raszmann, in Ersch-Grubers
+Encyklopädie I. Section, Bd. 97 (1878), S. 281 ff. zusammen. Über
+Sleipnir Gylfag. Kap. 42; zur Erklärung des Namens als Läufer, Springer
+(*<i>sklæipnir: hlaupa</i>) Noreen, An. Gr.<sup>2</sup> § 149, 1; § 256. Odin als
+Wanderer wird in den folgenden Sagen, welche sein Eingreifen in die
+Geschicke der Menschen zeigen, geschildert. Mantel, Hut, Ross gehören
+schon dem deutschen Wodan, wahrscheinlich auch Speer und Helm.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_338_338" href="#FNanchor_338_338" class="label">[338]</a> Draupnir findet sich schon bei Kormak, corpus poet. 2,
+66. In den Eddaliedern kommt zwar der Name nicht vor, aber Skírn. 21
+bezieht sich deutlich darauf. Über Draupnir Skáldsk. Kap. 3 und Gylfag.
+Kap. 49 (nach dem Text des Codex Wormianus und Regius). SE. 1, 260
+heisst Baldr „<i>Draupnis eigandi</i>“.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_339_339" href="#FNanchor_339_339" class="label">[339]</a> Ólafssaga Tryggvasonar (Heimskringla) Kap. 28.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_340_340" href="#FNanchor_340_340" class="label">[340]</a> Reginsmǫ́l 20.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_341_341" href="#FNanchor_341_341" class="label">[341]</a> Hákonar saga góða (Heimskringla) Kap. 16 u. 18.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_342_342" href="#FNanchor_342_342" class="label">[342]</a> Die jüngere Olafssaga helga Kap. 101 (Fornmanna sögur 5,
+233).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_343_343" href="#FNanchor_343_343" class="label">[343]</a> Skirnesmǫ́l 33</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>reiþr’s þér Óþenn, &#8195; reiþr’s þér ása bragr,</i></div>
+ <div class="verse indent9"><i>þik skal Freyr fiask.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Beim Fluch auf Eirik ruft der Skald Egil Freyr, Njord und den Landas
+(Thor) an. Aber auch Odin und alle andern Götter: <i>reiþr sé rǫgn ok
+Oþenn</i>. Gudbrand Vigfusson, corpus poet. 2, 72.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_344_344" href="#FNanchor_344_344" class="label">[344]</a> Walhall ist geschildert in den Grimnesmǫ́l; vgl. auch
+Vafþrúþnesmǫ́l 41; Gylfag. Kap. 14, 20, 24, 30–41. Bragar. 1.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_345_345" href="#FNanchor_345_345" class="label">[345]</a> Vingolf begegnet nur SE. I 38, 62, 84. Eine Strophe,
+wo der sterbende Hadding singt: „Sehen kann ich Fjolnirs Mädchen (die
+Walküren), euch hat Odin mir gesandt; gern wollte ich nach Vingolf
+folgen und mit den Einherjern Bier trinken“ bei Finn Magnusen, Lex.
+Myth. 557. Zur Deutung des Namens „Halle der Liebenden?“ Braune,
+Beiträge 14, 369; Finnur Jónsson, arkiv f. nord. filologi 7, 280;
+Kaufmann, ZfdA. 36, 32.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_346_346" href="#FNanchor_346_346" class="label">[346]</a> J. Grimm, Myth. 135 Anm. macht auf eine merkwürdige
+Ähnlichkeit aufmerksam. Basil und Gregor dem Grossen gab eine weisse
+Taube, die auf der Schulter oder auf dem Haupte sass, Worte der
+Weisheit ein. Nach einem Kindermärchen (Nr. 33) setzen sich zwei
+Tauben auf des Pabstes Schulter und sagen ihm alles ins Ohr, was er
+vorzunehmen hat.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_347_347" href="#FNanchor_347_347" class="label">[347]</a> Über Heidrun und Eikthyrnir Bugge, Studien S. 506 ff.; H.
+Falk, aarböger for nordisk oldkyndighed og historie, 2. Reihe, 6. Band,
+1891, S. 280.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_348_348" href="#FNanchor_348_348" class="label">[348]</a> Nur SE. I 84 Gylfag. Kap. 20 heissen die Einherjer
+<i>óskasynir</i>. Lokas. 16 <i>óskmegir</i> geht nicht auf sie; zu der
+dunkeln Strophe Bugge, Beiträge 13, 188 ff. Übrigens müsste der Ausdruck
+gleich verstanden werden als <i>filius adoptivus</i>, was durch
+<i>óskmǫgr</i>, <i>óskasonr</i> übersetzt wird.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_349_349" href="#FNanchor_349_349" class="label">[349]</a> Die Stelle in den Bjarkamǫ́l (Saxo II S. 81)</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent20"><i>en, maxime Rolvo,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>magnates cecidere tui, pia stemmata cessant.</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>non humile obscurumque genus, non funera plebis</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>Pluto rapit vilesque animas, sed fata potentum</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>implicat et claris complet Phlegethonta figuris —</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>muss wol so in die nordische Mythensprache aus den antiken
+Verzierungen umgesetzt werden: O grosser Hrolf, deine Edelinge fielen,
+dahingestreckt liegen die treuen Geschlechter. Nicht niederes Volk von
+dunkler Herkunft, nicht Leichen des Pöbels und wertlose Seelen rafft
+Walvater dahin, der Mächtigen Schicksal verflicht er in der Schlacht,
+mit ruhmvollen Helden erfüllt er Walhall. Also tapfere, edelgeborene
+Helden versammelt Odin in seinen Saal. Dazu Hárb. 24</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Zu Odin kommen die Edlen, &#8195; die das Eisen wegrafft,</div>
+ <div class="verse indent2">Und der Tross der Knechte zu Thor.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_350_350" href="#FNanchor_350_350" class="label">[350]</a> <i>Valmeyjar</i> begegnet nur SE. I, 420. Zur
+Schilderung ihrer Erscheinung Vǫl. 31; Helg. Hjǫrv. 28; Helg. Hund.
+II 15, 6; ihre Namen Vǫl. 31; Grimn. 36; SE. I 557 wo sie <i>Ođins
+meyjar</i> heissen; Njálssaga Kap. 157.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_351_351" href="#FNanchor_351_351" class="label">[351]</a> Gudbrand Vigfusson, corpus poeticum boreale I, 255 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_352_352" href="#FNanchor_352_352" class="label">[352]</a> So Ulf Uggason in der Húsdrápa.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_353_353" href="#FNanchor_353_353" class="label">[353]</a> Prosa nach Helg. Hund. II 37.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_354_354" href="#FNanchor_354_354" class="label">[354]</a> Krákumál 29 corpus poet. II 345.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_355_355" href="#FNanchor_355_355" class="label">[355]</a> Finn Magnusen, Lex. Myth. 557. Auch diese Strophe ist
+nicht alt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_356_356" href="#FNanchor_356_356" class="label">[356]</a> Wie Walvater und die <i>óskmegir</i> auf einander
+zielen, so auch <i>óskmeyjar</i> und <i>Ođins meyjar</i>, <i>Herjans
+nǫnnor</i>. In der Volsungasaga Kap. 1 schickt Odin <i>óskmey sína</i>,
+<i>dóttur Hrímnis jǫtuns</i>, seine Adoptivtochter, die leibliche
+Tochter Hrímnirs aus. Brynhild, nach nord. Sage Budlis leibliche
+Tochter wird <i>óskmær</i>, Oddrúnargrátr 15; auch hier ist zu denken
+Wunschtochter Odins.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_357_357" href="#FNanchor_357_357" class="label">[357]</a> Saxo II nach Uhland 7, 202 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_358_358" href="#FNanchor_358_358" class="label">[358]</a> Zeugnisse für die hier erwähnten bewaffneten
+Germanenfrauen und für die nordischen Schildjungfrauen sind gesammelt
+bei Grolther, Der Valkyrjenmythus in den Abhandlungen der Münchener
+Akademie I. Kl. 18. Band, 2. Abth. S. 406 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_359_359" href="#FNanchor_359_359" class="label">[359]</a> <i>Hliđskjalf</i> Thürbank von <i>hliđ</i>, Thüre, Thor
+und <i>skjalf</i>, ags. <i>scylfe</i>, mnds. <i>schelf</i>, engl.
+<i>shelf</i>. Über Hlidskjalf die Prosaeinleitung zum Grimnirlied,
+Gylfag. Kap. 9 und 17.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_360_360" href="#FNanchor_360_360" class="label">[360]</a> Die Halle <i>valhǫll</i> in der Atlakviþa 2 und 15, die
+Dingbude Sturlunga IV Kap. 48; V K. 12 und 30.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_361_361" href="#FNanchor_361_361" class="label">[361]</a> Vol. 24.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_362_362" href="#FNanchor_362_362" class="label">[362]</a> Eyrbyggja Kap. 44.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_363_363" href="#FNanchor_363_363" class="label">[363]</a> Styrbjarnar þáttr Kap. 2; Fms. 5, 250.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_364_364" href="#FNanchor_364_364" class="label">[364]</a> Hervararsaga Kap. 28 (Fornaldar sögur 1, 105).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_365_365" href="#FNanchor_365_365" class="label">[365]</a> In der Helgakviþa Hund. II.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_366_366" href="#FNanchor_366_366" class="label">[366]</a> Gautrekssaga Kap. 7 (Fornaldar sögur 3, 31 ff.); nach
+Uhland, Schriften 6, 359.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_367_367" href="#FNanchor_367_367" class="label">[367]</a> Hálfssaga Kap. I, Fornaldar sögur 2, 25 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_368_368" href="#FNanchor_368_368" class="label">[368]</a> Jüngere Olafssaga helga Kap. 204.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_369_369" href="#FNanchor_369_369" class="label">[369]</a> Saxo IX S. 446.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_370_370" href="#FNanchor_370_370" class="label">[370]</a> Ynglingasaga Kap. 29.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_371_371" href="#FNanchor_371_371" class="label">[371]</a> Ynglingasaga Kap. 18.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_372_372" href="#FNanchor_372_372" class="label">[372]</a> Ynglingasaga Kap. 47.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_373_373" href="#FNanchor_373_373" class="label">[373]</a> Hromundarsaga Greipssonar Kap. 2; Fornald. s. 2, 366.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_374_374" href="#FNanchor_374_374" class="label">[374]</a> Hervararsaga Kap. 5; Fornald. s. 1, 423.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_375_375" href="#FNanchor_375_375" class="label">[375]</a> Ragnarssaga Kap. 9; Fornald. s. 265.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_376_376" href="#FNanchor_376_376" class="label">[376]</a> Landnáma 5 Kap. 10; Islendinga sögur 1, 307.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_377_377" href="#FNanchor_377_377" class="label">[377]</a> Hálfssaga Kap. 11 u. 13; Fornaldar sögur 2, 39 u. 45.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_378_378" href="#FNanchor_378_378" class="label">[378]</a> Ynglingasaga Kap. 16.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_379_379" href="#FNanchor_379_379" class="label">[379]</a> Ynglingasaga Kap. 52.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_380_380" href="#FNanchor_380_380" class="label">[380]</a> Krákumál 29.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_381_381" href="#FNanchor_381_381" class="label">[381]</a> Weinhold, Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1891,
+II S. 566 erklärt den Unterschied so: „Was in den dänisch-norwegischen
+Vorstellungen von Odins Walhalla ausgesponnen ist, von der vornehmen
+Gesellschaft, in welche schöne Schild- und Helmmädchen einführen, ist
+jüngeres Erzeugniss der Wikingerzeit. Die Bekenner anderer Kulte als
+des Odinkults waren ausgeschlossen; sie wurden der Wanin Freyja oder
+dem Bauerngotte Thor überlassen.“ Man muss noch die Hel, Ran, die
+Trolle und Elben hinzusetzen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_382_382" href="#FNanchor_382_382" class="label">[382]</a> Lokasenna 22; ähnlich Hárb. 25; der Skald Egill tadelt
+im Sonartorrek Odins Willkür und Gewaltherrschaft.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_383_383" href="#FNanchor_383_383" class="label">[383]</a> Gautrekssaga, Fornaldar sögur 3, 17 ff, 32 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_384_384" href="#FNanchor_384_384" class="label">[384]</a> Eingang zum Grimnirliede.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_385_385" href="#FNanchor_385_385" class="label">[385]</a> Vǫlsungasaga Kap. 1 u. 2; über Odins Eingreifen und
+dessen Bedeutung Müllenhoff, ZfdA. 23, 116 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_386_386" href="#FNanchor_386_386" class="label">[386]</a> Vǫlsungasaga Kap. 3 u. 11.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_387_387" href="#FNanchor_387_387" class="label">[387]</a> Vǫlsungasaga Kap. 12.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_388_388" href="#FNanchor_388_388" class="label">[388]</a> Die Sage von Harald bei Saxo VII u. VIII, S. 361 ff.;
+der isländische Bericht im <i>Sögubrot af nokkrum fornkonungum í Dana
+ok Svía veldi</i> (Fornaldar sögur 1, 361 ff.). Vgl. Uhland, Schriften
+7, 234 ff. Dass Odin Könige und Freunde gegen einander verhetzt, wird
+auch Hárb. 24 u. Helg. Hund. II, 33 gesagt. In der späten Erzählung
+Sǫrlaþáttr (Fornaldar sögur I S. 391 ff. Flateyjarbók I 275 ff.)
+veranlasst Freyja auf Odins Geheiss den Kampf zweier mächtiger Könige,
+der in alle Ewigkeit währen soll. Es ist der Hedeninge sagenberühmte
+Geisterschlacht. Odins und Freyjas Einmischung scheint aber junge
+Erfindung in Nachahmung antiker Sagen. Bugge, Studien 99 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_389_389" href="#FNanchor_389_389" class="label">[389]</a> Saxo V S. 238.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_390_390" href="#FNanchor_390_390" class="label">[390]</a> Reginsmǫ́l.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_391_391" href="#FNanchor_391_391" class="label">[391]</a> Vǫlsungasaga Kap. 13 u. 18.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_392_392" href="#FNanchor_392_392" class="label">[392]</a> Saxo II S. 61.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_393_393" href="#FNanchor_393_393" class="label">[393]</a> Vǫlsungasaga Kap. 18.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_394_394" href="#FNanchor_394_394" class="label">[394]</a> Saxo VIII S. 415.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_395_395" href="#FNanchor_395_395" class="label">[395]</a> Vǫlsungasaga Kap. 42.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_396_396" href="#FNanchor_396_396" class="label">[396]</a> Hrolfssaga Kraka (Fornaldar sögur I) Kap. 38 ff. 47 ff.
+Saxo II S. 106. Bjarco fragt Ruta:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>Et nunc ille ubi sit, qui vulgo dicitur Othin,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>armipotens, uno semper contentus ocello?</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>dic mihi, Ruta, precor, usquam si conspicis illum?</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Hierauf lässt ihn Ruta durch den eingestemmten Arm spähen. Bjarco sagt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>Si potero horrendum Friggae spectare maritum,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>quantumcunque albo clypeo sit tectus et altum</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>flectat equum, Lethra nequaquam sospes abibit:</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>fas est belligerum bello prosternere divum.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Vgl. Uhland Schriften 7, 144, 151, 154, 160. Ob im Namen Hrani
+<i>rani</i>, Schweinsschnauze, <i>svinfylking</i>, <i>caput
+porcinum</i> d.&#8239;h. keilförmige Schlachtordnung, als deren Erfinder Odin
+gilt, anklingt, steht dahin; vgl. Bugge, norrön fornkvædi S. 339.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_397_397" href="#FNanchor_397_397" class="label">[397]</a> Ketilssaga Hængs Kap. 5; Fornaldar sögur 2, 132, 135,
+139.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_398_398" href="#FNanchor_398_398" class="label">[398]</a> Harðarsaga Grimkelssonar Kap. 15.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_399_399" href="#FNanchor_399_399" class="label">[399]</a> <i>Frá dauđa Sinfjǫtla</i>; Vǫlsungasaga Kap. 10, J.
+Grimm, Myth. 790 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_400_400" href="#FNanchor_400_400" class="label">[400]</a> Hallfreðarsaga Kap. 5 (Fornsögur hrsg. von Gudbrand
+Vigfusson und Th. Möbius S. 91). Ein Beiname Odins ist <i>farmaguđ</i>
+Gylf. Kap. 20, <i>farmatýr</i> Grimn. 48, Eyvind SE. II 160, d.&#8239;h.
+Gott der Frachten, Schiffslasten. Vielleicht ist auch hier Odin als
+Beschützer der Schifffahrt und des Handels gleich Merkur bezeichnet; W.
+Müller, System der altds. Religion 187; J. Grimm, Myth. 3, 55; Simrock,
+Myth.<sup>5</sup> 169; E. H. Meyer, Myth. 233.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_401_401" href="#FNanchor_401_401" class="label">[401]</a> Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne 218 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_402_402" href="#FNanchor_402_402" class="label">[402]</a> Hǫ́vomǫ́l 95–101; 102–109; Bragar. Kap. 4. Vgl. Finnur
+Jónsson, Litteraturshistorie 1, 233 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_403_403" href="#FNanchor_403_403" class="label">[403]</a> Über die verschiedenen Teile der Hǫ́vamǫ́l vgl.
+Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 250 ff. Dass überall in allen
+Stücken Odin der Sprecher ist, weist gegen Müllenhoff Finnur Jónsson,
+Litteraturshistorie 1, 224 ff. nach.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_404_404" href="#FNanchor_404_404" class="label">[404]</a> <i>Galdrs faþer</i> heisst Odin Baldrs Dr. 3; Aufzählung
+der Zauberlieder Hǫ́vamǫ́l 146 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_405_405" href="#FNanchor_405_405" class="label">[405]</a> Der Skald Kormak sagt: <i>seiþ Yggr til Rindar</i> SE.
+1, 236; Saxo III 128 <i>quam [Rindam] protinus cortice carminibus
+adnotato contingens lymphanti similem reddidit.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_406_406" href="#FNanchor_406_406" class="label">[406]</a> Sigrdr. 13; Odins Runenkunde behandelt in unnachahmlich
+schöner Weise Uhland, Schriften 6, 225 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_407_407" href="#FNanchor_407_407" class="label">[407]</a> Die Grimnesmǫ́l sind durch zahlreiche Einschaltungen
+verderbt. Unter den Versuchen, den alten und echten Kern, „eine
+Offenbarung Odins in seiner ganzen Herrlichkeit und Furchtbarkeit“,
+herauszulösen, sind die wichtigsten Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde
+5, 159 ff. und Finnur Jónsson, Litteraturs historie 1, 141 ff. Die
+Einkleidung des Liedes hält Bugge, Studien 456 für eine Nachahmung der
+Vindicta Salvatoris.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_408_408" href="#FNanchor_408_408" class="label">[408]</a> Über die Vafþrúþmesmǫ́l Müllenhoff, Altertumskunde
+5, 237 ff; Finnur Jónsson, Litteraturshistorie 1, 137 ff. Der Name
+<i>Vafþrúþner</i>, der sonst nirgends vorkommt, heisst nach Gudbrand
+Vigfusson dictionary 673ᵇ u. 747ᵃ „der im Verwickeln, in Rätseln
+Starke“ und wäre also für den Inhalt des Gedichtes, das Wettgespräch
+erfunden; so auch Müllenhoff a. a. O. 237/8.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_409_409" href="#FNanchor_409_409" class="label">[409]</a> Über die Gestsagen vgl. Uhland, Schriften 6, 305
+ff.; 7, 321 ff. Die Quellen sind die Hervararsaga Kap. 12; Olafssaga
+Tryggvasonar (Heimskringla) Kap. 71; jüngere Olafssaga Tryggvasonar
+Kap. 197/8 (Fornmanna sögur 2, 138); Olafssaga helga, Anhang in den
+Fornmanna sögur 5, 171 ff. Þáttr Tóka Tókasonar (Fornm. sögur 5, 299)
+und Nornagests þáttr.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_410_410" href="#FNanchor_410_410" class="label">[410]</a> Vǫl. 17/8; Bragar. Kap. 2; Skáldsk. Kap. 5. Vgl. Bugge,
+Studien S. 16.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_411_411" href="#FNanchor_411_411" class="label">[411]</a> Ulf Uggason nennt die Dichtkunst <i>Grímnis gjǫf</i>,
+SE. 1, 250; den Dichter <i>Yggs ǫl-beri</i> SE. 1, 466.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_412_412" href="#FNanchor_412_412" class="label">[412]</a> Gautrekssaga Kap. 7 <i>Odinn mælti: ek gef honum
+skáldskap, at hann skal eigi seinna yrkja enn mæla</i>. Entsprechend
+bei Saxo VI 278 <i>Othinus Starcatherum non solum animi fortitudine,
+seil etiam condendorum carminum peritia illustravit.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_413_413" href="#FNanchor_413_413" class="label">[413]</a> Grimnesmǫ́l 7; Gylfag. Kap. 35; der Name kommt häufig
+bei den Skalden vor, bei Kormak corpus poet. 2, 334 und öfters; vgl.
+Sveinbjörn Egilsson, Lex. poet. 678. Der Name hat langes <i>á</i>,
+<i>Sága</i>, wie der Genitiv <i>Ságu</i> z.&#8239;B. in <i>Ságunes</i> Helg.
+Hund. I, 40 lehrt. Damit ist jeder Zusammenhang mit <i>saga</i>,
+Gen. <i>sǫgu</i>, den J. Grimm, Myth. 863 und Mogk, Pauls Grdr. 1,
+1079 behaupten, ausgeschlossen. Sága ist unerklärlich und mit dem
+Namen bleibt uns auch ihr eigentliches Wesen, warum Odin zu ihr
+geht, verborgen. Wer Saga für richtig hält, denkt daran, dass Odin
+geschichtliche Weisheit bei ihr schöpft, dass er Weisheit trinkt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_414_414" href="#FNanchor_414_414" class="label">[414]</a> Über Mimir Vǫl. 27–29; 46; Sigrdr. 13, 14; Vafþr.
+45; Fjǫlsv. 14; Gylfag. Kap. 12; Ynglingasaga Kap. 4; Mimirs Freund
+heisst Odin schon bei den Skalden des 10. Jahrhunderts SE. 1, 233
+Anm. 19, 238, 240. Über Mimir handelt vortrefflich Uhland, Schriften
+6, 197 ff.; vgl. auch Weinhold, Die Riesen des germ. Mythus (Wiener
+Sitzungsberichte 26, 1858) S. 243 ff. u. Müllenhoff, Deutsche
+Altertumskunde 5, 101 ff. Über den Namen, dem kurzes <i>ĭ</i> zukommt
+und der mit Μέμνων, <i>memor</i> urverwandt ist (ags. <i>mimor</i>,
+<i>mimerian</i>) Sievers, Beiträge 6, 286, 314, 354 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_415_415" href="#FNanchor_415_415" class="label">[415]</a> Odin am Galgen Bugge, Studien 317 ff. Vgl. schon Munch,
+Das heroische Zeitalter der nord. germ. Völker S. 22 Anm. 2. Kauffmann,
+Beiträge 15, 195 ff. wendet sich gegen die Ableitung aus christl.
+Vorstellungen. Seine Ausführungen sind auf ziemlich willkürlich
+zurecht gemachter Überlieferung aufgebaut, 140 wird als ursprünglich
+angesehen (gegen Müllenhoff, Altertumskunde 5, 270) und dann mit
+„<i>prolepsis</i>“ in den Zusammenhang gezwungen. Die Hauptsache, dass
+Odin sich selber opfert und dass der Baum darum Weltbaum ist, findet
+gar keine Berücksichtigung. Christlichen Ursprung nimmt auch E. H.
+Meyer, Völuspa 23 ff. an.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_416_416" href="#FNanchor_416_416" class="label">[416]</a> Anspielungen auf den Dichtermet bei den Skalden sammelt
+Gudbrand Vigfusson, Corpus poeticum II, 462 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_417_417" href="#FNanchor_417_417" class="label">[417]</a> Nach dieser Stelle, nach Hǫ́v. 140, ist Odrerir Name
+des Kessels, der den Trank aufbewahrt, nach Hǫ́v. 106 ist der Met
+selber damit gemeint. Der Name haftet am Kessel auch beim Skald Einar
+skálaglamm, wenn er die Dichtkunst als „die Woge Odrerirs“ bezeichnet.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_418_418" href="#FNanchor_418_418" class="label">[418]</a> Bragar. 3 u. 4; daher gehören auch Hǫ́v, 13/4:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Über Gastungen schwebt&#8195;der Vergessenheit Reiher,</div>
+ <div class="verse indent8">Der den Verstand uns stiehlt;</div>
+ <div class="verse indent0">Dieses Vogels Gefieder&#8195;&#8195;umfächelte mich,</div>
+ <div class="verse indent8">Als in Gunnlods Grotte ich sass.</div>
+ <div class="verse indent0">Trunken ward ich,&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;ward todtrunken</div>
+ <div class="verse indent8">In des sinnreichen Fjalar Saal;</div>
+ <div class="verse indent0">Am besten ist’s,&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;bringt man vom Trunke</div>
+ <div class="verse indent8">Einen klaren Kopf nach Haus.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Da wird also dem Trank berauschende Wirkung zugeschrieben, worauf der
+Name Suttung aus <i>suþ-þungr</i>, vom Sud beschwert, betrunken, auch
+hinweist. Für Suttung steht hier Fjalar, der [Met]berger, Metbewahrer
+(zu <i>fela</i>, bergen). Im Grimnirlied 50 hat Odin den Raub des
+Odrerir im Auge:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Swidur und Swidrir&#8195;hiess ich bei Sokmimir</div>
+ <div class="verse indent5">Und täuschte den Thursengreis;</div>
+ <div class="verse indent0">Midwidnirs Sohne&#8195;&#8194;zum Mörder ward ich,</div>
+ <div class="verse indent5">Dem Trefflichen, ich allein.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Swidrir und Swidur, der Brennende, heisst Odin als Sonnengott. Bei
+Sonnenuntergang kehrt er im Berge ein. Sokmimir, Streiterreger,
+ist Suttung, der Berauschte, da im Rausche leicht Streit auskommt.
+Midvidnir ist der mit Met Fesselnde. Alle Namen des Riesen, der Odrerir
+inne hat, entstammen demselben Gedanken: der Berauschende. Über weitere
+mit dem Met zusammenhängende Züge vgl. Noreen, Uppsalastudier 198 u.
+205 ff. Kwasir kommt nur Gylfag. Kap. 50 noch einmal vor: er erkannte
+als der weiseste der Asen das Netz, das Loki ins Feuer geworfen hatte,
+noch in der Asche als Vorrichtung zum Fischfang. Yngl. Kap. 4 erzählt
+von der Edda abweichend, die Wanen hätten ihn als den Klügsten in ihrer
+Schar den Asen vergeiselt. In Gedichten findet er sich nur bei Einar
+skálaglamm aus dem Ende des 10. Jahrhunderts, der die Dichtung „Kvásis
+dreyra“, Blut des Kwasir nennt SE. 1, 244.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_419_419" href="#FNanchor_419_419" class="label">[419]</a> A. Kuhn, die Herabkunft des Feuers und des Göttertranks.
+Berlin 1859, S. 138 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_420_420" href="#FNanchor_420_420" class="label">[420]</a> Orions Erzeugung Ovid. fast. 5, 495–535; Hygin, fab.
+195. Die Übereinstimmung merkt J. Grimm, Myth. Vorrede XXXIV an. Wenn
+Simrock, Myth.<sup>5</sup> 224 die Übereinstimmung soweit gehen lässt, dass Orion
+aus dem Speichel der Götter entsteht, so ist das eigene Erfindung. Die
+hässliche Geschichte entstand durch volksetymologische Vergleichung des
+Namens Orion, Urion mit Urin.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_421_421" href="#FNanchor_421_421" class="label">[421]</a></p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>afl gól hann ǫ́som,&#8195;en ǫlfom frama,</i></div>
+ <div class="verse indent8"><i>hyggjo Hroptatý.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Zu Thiodreyrir Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 273 ff., der aber
+keine befriedigende Erklärung weiss.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_422_422" href="#FNanchor_422_422" class="label">[422]</a> Hǫ́v. 44</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>nam ek at mǫnnom&#8195;þeim enom aldrǿnom,</i></div>
+ <div class="verse indent7"><i>es búa í heimes haugom.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Gering, Edda S. 49 Anm. 6 versteht Tote darunter, was namentlich wegen
+Str. 45 angezeigt ist; Mogk, Grundriss 1, 1078 schliesst auf einen Alb,
+ein bejahrtes Männlein im Hügel der Erde, einen alten vielkundigen
+Zwerg, etwa wie Thjodreyrir.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_423_423" href="#FNanchor_423_423" class="label">[423]</a> Bur als Vater Odins, Wilis und Wes begegnet ausser
+Gylfag. Kap. 6 nur Vǫl. 4 und Hyndl. 31; Buri nur beim Skald Thorwald
+Blendaskald um 1120 (Corpus poet. 2, 250); Bestla und Bolthorn Hǫ́v.
+140. Über die Herkunft der Namen Buri, Bur und Vili, Vé (<i>vé</i>,
+Gen. <i>véa</i>, Pl. <i>véar</i> ist das schwache Adj. wie etwa ahd.
+<i>ƕîho</i>, sanctus) aus der Dreieinigkeit vgl. E. H. Meyer, Völuspa
+S. 66 u. 81 f.; die eddische Kosmogonie S. 67 f.; Mythologie 265 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_424_424" href="#FNanchor_424_424" class="label">[424]</a> Hauptquelle der Odinsnamen sind die Grimnesmǫl 46 ff.;
+weiteres bieten die Skaldengedichte und die SE. Versuche, die Namen
+zu sammeln und auszulegen bei Finn Magnusen, Lex. myth. 365 ff.;
+Snorra Edda Bd. 4, 821 f.; viel Gutes bietet Sveinbjörn Egilsson, Lex.
+poet, unter den einzelnen Namen. Aus Skaldengedichten stellt Gudbrand
+Vigfusson, Corpus poet. 2, 461 f. einiges zusammen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_425_425" href="#FNanchor_425_425" class="label">[425]</a> Detter, Beiträge 18, 202 f. stellt Odins Name <i>hár</i>
+zu got. <i>haihs</i>, einäugig (vgl. got. <i>faihs</i>, ahd. <i>fè</i>,
+an. <i>fár</i>). Hár ist also der einäugige Gott. Die spätere Zeit
+missverstand <i>hár</i> (got. <i>hauhs</i>) und deutete <i>hávi</i>,
+der Hohe.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_426_426" href="#FNanchor_426_426" class="label">[426]</a> Hyndl. 2 u. 3. Die Sage von Hermod ist nicht
+überliefert. Wahrscheinlich kommt ihr hohes Alter zu. In den
+Hǫ́konarmǫ́l ist Hermod in Walhall und begrüsst mit Bragi den König.
+Bei Baldrs Tod wird Hermod, der ein Sohn Odins heisst, zur Hel
+entsandt, Baldr loszubitten; Gylfag. Kap. 49. In den ags. Stammtafeln
+steht Heremod unter Wodans Ahnen. Im Béow. 902 ff. u. 1710 ist Heremod
+ein dänischer König, in der Jugend durch Gottes Gunst über alle Helden
+erhoben, im Alter aber so unmild und blutgierig, dass ihn die eignen
+Leute verliessen. Die Sage wurde also bereits von Angeln oder Jüten
+nach Britannien geführt. Wie den Sigmund betrachtete die Sage auch
+Hermod als Abkömmling Odins. Der Gott begabte ihn und nahm ihn am Ende
+seiner Laufbahn nach Walhall.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_427_427" href="#FNanchor_427_427" class="label">[427]</a> Heimdallr, die schwache Form Heimdali in der Vísa
+der Grettissaga (Islendinga sögur 1, 231). Der Name zerlegt sich
+in <i>heimr</i>, Welt und *<i>dallr</i>, ein verlorenes an.
+Eigenschaftswort, das im Ags. <i>dealt</i>, stolz, berühmt erhalten
+ist; so Bugge, norrœn fornkvæði S. 68; J. Grimm, Myth. 3, 81. Als
+lichtester der Götter wird Heimdall in der Þrymsk. 14 bezeichnet:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>Þá kvaþ þat Heimdallr,&#8195;hvítastr ása,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>visse vel fram&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;&#8194; sem vaner aþrer.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Man darf nicht übersetzen: „Er wusste wol die Zukunft wie andre
+Wanen“ und schliessen: also war Heimdall eigentlich ein Wane (Mogk,
+Grdr. 1, 1057), sondern „wie sonst die Wanen“, eine Konstruktion, die
+bekanntlich im Griech. ganz gewöhnlich ist; vgl. Gering, Glossar S. 8
+s. v. <i>annarr</i>. Heimdall heisst auch <i>Vindhler</i> SE. 1, 266 u.
+500, d.&#8239;h. der den Wind stillt. Unklar ist sein Name <i>Hallinskíđi</i>
+SE. 1, 100. Seltsamer Weise stehen die Namen <i>Heimdali</i> und
+<i>Hallinskíđi</i> auch unter den Bezeichnungen des Widders (SE. 1,
+589 u. 588), ohne dass ein Grund dafür ersichtlich ist. Über Heimdall
+Uhland, Schriften 6, 14; Müllenhoff, Schmidts Zeitschr. f. Geschichte
+8, 250 ff.; ZfdA. 30, 245 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_428_428" href="#FNanchor_428_428" class="label">[428]</a> Kögel, Indogerman. Forschungen 4, 313 erklärt
+<i>hai-mo</i> als <i>m</i>-Ableitung neben <i>hai-do</i>, Glanz,
+<i>hai-dro</i>, glänzend, heiter. Vgl. fries. <i>hêmliacht</i>,
+Hell-Licht; somit ist Heimdallr der Hellstrahlende, nicht der über die
+Welt Strahlende.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_429_429" href="#FNanchor_429_429" class="label">[429]</a> So erklären E. H. Meyer, Myth. 228 und Noreen,
+fornnordisk religion, mytologi och teologi S. 7 den Gott.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_430_430" href="#FNanchor_430_430" class="label">[430]</a> Nach Ulf Uggason, Húsdrápa und Gylfag. Kap. 49.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_431_431" href="#FNanchor_431_431" class="label">[431]</a> Gylfag. Kap. 27.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_432_432" href="#FNanchor_432_432" class="label">[432]</a> Himmelberge sind hohe, in die Wolken reichende
+Berge, oft als Eigennamen wie an. <i>himinfjǫll</i>, altdeutsch
+<i>himilinberg</i>, Himmelsberg u.&#8239;a. Vgl. J. Grimm, Myth. 2, 662 Anm.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_433_433" href="#FNanchor_433_433" class="label">[433]</a> Lokas. 48.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_434_434" href="#FNanchor_434_434" class="label">[434]</a> Vǫl. 27, wozu Bugge, Studien 579 und Vǫl. 46.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_435_435" href="#FNanchor_435_435" class="label">[435]</a> Über die Bedeutung des Wortes <i>nadd-gǫfugr</i>,
+eigentlich berühmt durch Spitze (<i>naddr</i> bedeutet eine kleine
+Spitze oder einen spitzen Keil, dann Nagel, Geschoss u.&#8239;s.&#8239;w.)
+Roediger, ZfdPh. 27, 8 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_436_436" href="#FNanchor_436_436" class="label">[436]</a> Str. 39 ist ins Hyndlalied eingeschaltet aus dem
+zweiten Gudrunlied 22. Dort passen die Verse allein, da darin von den
+Bestandteilen eines Zaubertrankes die Rede ist. Damit fallen alle
+mythologischen Deutungen von selbst.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_437_437" href="#FNanchor_437_437" class="label">[437]</a> Str. 40 ist stark verderbt. Sie kann auch auf Thor
+gehen, als Sohn der Jǫrð (<i>sá vas aukenn jarþar megne</i>) und Gemahl
+der Sif (<i>sif sifjaþan sjǫtom gǫrvǫllom</i>).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_438_438" href="#FNanchor_438_438" class="label">[438]</a> Die Töchter der Ran SE. 1, 500; ihre Namen sind
+freilich von denen der Heimdallsmütter durchaus verschieden. Über den
+Seemannsglauben der heutigen Isländer Jón Árnason, þjóðsögur 1, 660;
+deutsch bei Lehmann-Filhés, Isländische Volkssagen, Neue Folge, Berlin
+1891, S. 35. W. Müller, Geschichte und System der altdsch. Rel. S. 229
+deutete zuerst die Heimdallsmütter als Töchter der Ran, was Müllenhoff,
+Schmidts Zeitschrift f. Geschichte 8, 251 billigte.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_439_439" href="#FNanchor_439_439" class="label">[439]</a> Im sögubrot af nokkrum fornkonungum Kap. 3 (Fornaldar
+sögur 1, 373); auch im Corpus poeticum boreale 1, 125. Kauffmann,
+Beiträge 18, 173 knüpft weitgehende Folgerungen daran. Nach Bugge,
+Studien 37 Anm. 1 muss statt „<i>heimdallr</i>“ „<i>havđr</i>“ gelesen
+werden; Hod, Baldrs Bruder sei gemeint.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_440_440" href="#FNanchor_440_440" class="label">[440]</a> Skáldsk. Kap. 8 SE. 1, 264.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_441_441" href="#FNanchor_441_441" class="label">[441]</a> SE. 1, 268.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_442_442" href="#FNanchor_442_442" class="label">[442]</a> ZfdA. 30, 228.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_443_443" href="#FNanchor_443_443" class="label">[443]</a> Über Heimdalls Schwert SE. 1, 100; 264; 538; zur Deutung
+Müllenhoff, ZfdA. 30, 252 ff., wo folgender Wortlaut als ursprünglich
+angesetzt wird: [<i>Heimdallar sverđ hǫfuđ heitir, svá er sagt, at hann
+var lostinn manns hǫfđi igǫgnum.</i>] <i>um þat er kveđit í Heimdallar
+galdri, ok er siđan kallat hǫfuđ miǫtuđr Heimdallar: sverđit heitir
+manns miǫtuđr.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_444_444" href="#FNanchor_444_444" class="label">[444]</a> In der erst um 1300 niedergeschriebenen, mit
+romantischen und fabelhaften Bestandteilen versetzten Grettissaga,
+in welcher auch die vísur meist jung sind, heisst es: <i>verđ ek
+Heimdala at hirđa hjǫr; bjǫgom svá fjǫrvi</i>. Die fragliche Strophe,
+da sie auch in der Landnáma (Islendinga sögur 1, 231) steht, ist aber
+vermutlich eine der wenigen älteren. Vgl. Gudbrand Vigfusson, Corpus
+poet. bor. 2, 114.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_445_445" href="#FNanchor_445_445" class="label">[445]</a> Vǫl. 1 bittet die Wolwa um Gehör <i>allar helgar kinder
+meire ok minne mǫgo Heimdallar</i>. Über die Rigsþula Finnur Jónsson,
+Litteraturshistorie 1, 186 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_446_446" href="#FNanchor_446_446" class="label">[446]</a> So J. Grimm, Myth. 3, 81; Bugge, Studien 17 behauptet:
+St. Michael wird zu Heimdall umgewandelt, ohne den Gedanken weiter
+auszuführen. Die Deutungen E. H. Meyers, Völuspa 17, 21, 26 treffen
+schwerlich das Richtige; doch verdient die Vergleichung der Geburt
+Heimdalls mit der Christi Beachtung. H. Falk, aarböger f. nord.
+oldkyndighed 2, 6 (1891), S. 270 Anm. glaubt, man habe Heimdall
+mit einem Widderkopf sich vorgestellt. Deshalb heisse der Widder
+auch <i>heimdalli</i> und andererseits der Gott nach dem Widder
+<i>hallinskiđi</i>. Des Widders Haupt ist seine Waffe, sein Schwert,
+daher ist „<i>hǫfuđ Heimdallar sverđ</i>“. Der widderköpfige Heimdall
+ist dem <i>corniger Ammon</i>, dem gehörnten Juppiter, nachgeahmt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_447_447" href="#FNanchor_447_447" class="label">[447]</a> Eine idg. Wurzel „<i>bhal</i>“ liegt im griech. φαλός
+und φάλιος, weiss, glänzend, vor und bildete wol auch ein germanisches
+Adjektiv *<i>balaȥ</i>, got. *<i>bals</i>, in der schwachen Form
+<i>bala</i> als Rossname wie griech. φάλιος gebräuchlich. Vgl. den
+Rossnamen „<i>belche</i>“=<i>bläss.</i> Im Ags. begegnet <i>Bældæg</i>,
+heller Tag. Ein idg. <i>bhaltos</i> 1) hell, schimmernd, glänzend;
+2) schnell, kühn, zeigt sich in lit. <i>baltas</i>, weiss, germ.
+<i>balþaz</i>, kühn. Aus <i>bhal-tṛ́</i> wird germ. <i>balđr</i>,
+der Leuchtende, Licht verbreitende. Ob in dem German. <i>balđr</i>
+die beiden Bedeutungen „hell“ und „schnell“ vorlagen, woraus der
+kühne Lichtgott und der Fürst (an. <i>baldr</i>, ags. <i>bealdor</i>)
+unabhängig erwuchsen, ob der Göttername in der ags. und an. Dichtung
+zum Hauptwort für König, Fürst herabsank, lässt sich nicht sagen. Vgl.
+E. Schröder, ZfdA. 35, 237 ff. Die Wurzel zeigt sich germ. in mehreren
+Ableitungen: 1) <i>bhal-os</i>, φαλός, <i>balaȥ</i>, got. <i>bala</i>,
+ags. <i>bæl</i>, ahd. <i>bal</i>, <i>pal</i> in Eigennamen; 2)
+<i>bhal-nós</i> in Eigennamen wie <i>Ballo</i>, <i>Ballomer</i>;
+3) <i>bhal-tos</i>, lit. <i>baltas</i>, germ. <i>balþaȥ</i>, got.
+<i>balþs</i>, an. <i>baltr</i>, ahd. <i>bald</i>; 4) <i>bhal-tṛ́</i>,
+germ. <i>balđr</i>, an. <i>baldr</i>, ags. <i>bealdor</i>, ahd.
+<i>balder</i>. Zur Baldrsage kommt vor allem die Schrift von Bugge,
+Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen,
+München 1889, S. 34/313, auch wenn man ihren Ergebnissen nicht
+beipflichtet, als die wichtigste und wertvollste sagengeschichtliche
+Arbeit in Betracht.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_448_448" href="#FNanchor_448_448" class="label">[448]</a> P. E. Müller in der Ausgabe des Saxo S. 120 führt
+an, die dänische Volkssage dieses Jahrh. lasse den Quell dadurch
+entspringen, dass Balders Pferd mit seinem Hufe scharrte. Vgl. Thiele,
+danske folkesagn 2, 341.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_449_449" href="#FNanchor_449_449" class="label">[449]</a> Grímn. 12.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_450_450" href="#FNanchor_450_450" class="label">[450]</a> Gylfag. Kap. 22; nach Bragar. Kap. 2 darf Skadi einen
+der Götter zum Manne wählen, aber nur die Füsse sehen. Sie nimmt den
+mit den schönsten Füssen, in der Hoffnung, es sei Baldr. Es ist aber
+Njord.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_451_451" href="#FNanchor_451_451" class="label">[451]</a> Über das Alter von Baldrs Draumar vgl. Finnur Jónsson,
+Litteraturshistorie 1, 148.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_452_452" href="#FNanchor_452_452" class="label">[452]</a> <i>Hotvetna grét—býsn þótti þat—Baldr ór helju</i>,
+Hrafns saga biskups in biskupa sögur 1, 648; <i>grátaguđ</i>, „den
+beweinten Gott“, nannten die Skalden Baldr nach SE. 1, 260; im Lied auf
+Ivar Viðfaðmi (Fornaldar sögur 1, 373) ist Baldr der, den alle Götter
+beweinten.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_453_453" href="#FNanchor_453_453" class="label">[453]</a> Vafþr. 54; ebenso fragt Odin-Gest König Heidrek in der
+Hervararsaga (Bugges Ausgabe S. 263).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_454_454" href="#FNanchor_454_454" class="label">[454]</a> <i>Hverr es Halfdán Snjalli međ ásom? hann vas Baldr međ
+ásom es ǫll regin gréto</i>; Fornaldar sögur 1, 373; Corpus poetieum 1,
+124.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_455_455" href="#FNanchor_455_455" class="label">[455]</a> Gylfag. Kap. 49; Bugge, Studien S. 51 Anm. stellt aus
+Friggs Worten zwei Halbstrophen her:</p>
+
+<div class="csstab">
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell br"><i>Munat vǫ́pn Baldri</i>&#8195;</div>
+ <div class="csscell">&#8195;<i>vex viđar teinungr</i></div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell br"><i>né viđir granda,</i>&#8195;</div>
+ <div class="csscell">&#8195;<i>fyr vestan hǫll,</i></div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell br"><i>hefk af ǫllum</i>&#8195;</div>
+ <div class="csscell">&#8195;<i>ungr sá þottumk</i></div>
+ </div>
+ <div class="cssrow">
+ <div class="csscell br"><i>eiđa þegua.</i>&#8195;</div>
+ <div class="csscell">&#8195;<i>eiđs at krefja.</i></div>
+ </div>
+</div>
+
+</div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_456_456" href="#FNanchor_456_456" class="label">[456]</a> Sakses oldhistorie, norröne sagaer og danske sagn,
+Köbenhavn 1894, S. 13 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_457_457" href="#FNanchor_457_457" class="label">[457]</a> Nanna zu an. <i>nenna</i>, got. <i>nanþjan</i>, ahd.
+<i>ginenden</i>, wagen; so erklärt J. Grimm, Myth. 202. Vgl. Bugge,
+Studien 178. Vom selben Stamm sind die deutschen Namen <i>Nando</i>,
+<i>Nandger</i>, <i>Nandƕin</i>, <i>Nandung</i>, <i>Ferdi-nand</i>
+gebildet. Nanna erwähnt der Skald Kormak, Corpus poet. 2, S. 64. 25 u.
+66, 75. Vǫl. 31 heissen die Walküren <i>Herjans nǫnnor</i>, wodurch
+ebenfalls der Name Nanna vorausgesetzt wird.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_458_458" href="#FNanchor_458_458" class="label">[458]</a> Christliche Einflüsse im isländischen Baldrmythus
+erweisen Bugge, Studien S. 34 ff.; E. H. Meyer. Völuspa S. 137 ff.; 157
+ff.; 198; 220.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_459_459" href="#FNanchor_459_459" class="label">[459]</a> <i>Mistelteinn</i> als Schwertname in SE. 1. 564;
+Hervararsaga, Bugges Ausgabe S. 206; Hromundarsaga (Fornaldar sögur 2,
+371); in Zusammensetzungen bedeutet „<i>tein</i>“ häufig Schwert, wie
+<i>benteinn</i>, <i>bifteinn</i>, <i>eggteinn</i>, <i>hjǫrteinn</i>,
+<i>hræteinn</i>, <i>sárteinn</i>, <i>valteinn</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_460_460" href="#FNanchor_460_460" class="label">[460]</a> Beiträge 18, 82 ff.; 19, 495 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_461_461" href="#FNanchor_461_461" class="label">[461]</a> Studien 83 ff. Vgl. namentlich S. 153 die
+Zusammenstellung der beiderseits entsprechenden Züge.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_462_462" href="#FNanchor_462_462" class="label">[462]</a> Mythologie 82 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_463_463" href="#FNanchor_463_463" class="label">[463]</a> Ortsnamen in den nordischen Ländern und sonstige Spuren,
+die auf Bekanntschaft mit der Baldrsage hinweisen, verzeichnet Bugge,
+Studien 287 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_464_464" href="#FNanchor_464_464" class="label">[464]</a> Mythologie 581.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_465_465" href="#FNanchor_465_465" class="label">[465]</a> Im Formáli Kap. 10SE. 1, 26 <i>annar son Óđins hét
+Beldeg, er vér kǫllum Baldr</i>. Im Kap. 9 wird auch richtig Oðin mit
+Woden zusammengestellt. Während fast alle Forscher Baldr und Bældæg als
+gleich betrachten, was namentlich E. Schröders Erklärung ZfdA. 35, 237
+ff. erhärtet, leugnet Bugge, Studien 312/3 jeden Zusammenhang.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_466_466" href="#FNanchor_466_466" class="label">[466]</a> <i>Paltar</i> belegt J. Grimm, Myth. 201 aus
+Meichelbeck, Historia Frisingensis I, 2 Nr. 450, 460, 611 und Myth. 3,
+78 aus Monumenta boica 9, 23 und 837; <i>Baldor</i> servus Polypt. de
+S. Remig. 55ᵃ. Der Ortsname Baldebrunno (Myth. 207) gehört nur, wenn
+man „bessert“ in Baldersbrunno, zum Gott. Jüngere Namen mit Balder
+können aus älterem Baldheri stammen, Myth. 201 Anm.; 1210.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_467_467" href="#FNanchor_467_467" class="label">[467]</a> Die Göttlichkeit Balders vertritt J. Grimm, Myth. 201
+ff. und nach seinem Vorgang nahm man allgemein Balder in diesem Sinn.
+Dagegen erklärte Bugge, Studien 303 ff. „<i>demo balderes volon</i>“,
+dem Fohlen des Herrn mit Zustimmung Kauffmanns, Beiträge 15, 207 und
+Steinmeyers, Müllenhoff-Scherer, Denkmäler, 3. Aufl., 2. Band S. 47.
+Die Auffassung Grimms brachten E. Schröder, ZfdA. 35, 237 ff. und
+Gering, ZfdPh. 20, 145 ff. wieder zu Ehren. Vgl. auch F. Losch, Balder
+und der weisse Hirsch, Stuttgart 1892; hierzu R. M. Meyer, AnzfdA. 19,
+209 ff. Den Strassburger Blutsegen (Müllenhoff-Scherer, Denkmäler Nr.
+IV, 6 mit den Anm. in Band II S. 52 ff.) stellt Kögel, Geschichte der
+deutschen Litteratur I, 1, 262 ff. so her:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>Genzan unde Jordan &#8195;giengen sament scôzzôn,</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>thô verscôz Genzan &#8195; Jordane the sîtun.</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>Vrô unde Lâzakêre &#8195;&#8194;&#8239;giengen fold petrettôn:</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>verstände thiz pluot &#8195; stant pluot fasto.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Eine Parallelfassung des Spruches setzt Christ und Judas für Genzan und
+Jordan. In der Heidenzeit sollen Balder und Hadu dafür gestanden sein.
+Damit werde die Baldersage für Deutschland bezeugt. Balder ward in der
+Seite verwundet. Vrô und Lâzakêre wurden entsandt, um Erde zu betreten.
+Das Rasenstück, auf die Wunde gelegt, stillte das Blut. Das ist
+natürlich alles sehr ungewiss und darf zu keinen bindenden Schlüssen
+über deutschen Götterglauben verführen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_468_468" href="#FNanchor_468_468" class="label">[468]</a> Ortsnamen mit Phol J. Grimm, ZfdA. 2, 252 ff.; Myth.
+206 ff.; 3, 79; dass die Ortsnamen mit Pfahl (oder auch Pfuhl)
+zusammenhängen, ist sehr wol möglich; vgl. W. Arnold, Ansiedlungen
+und Wanderungen deutscher Stämme, Marburg 1877, S. 22. Apollo-Balder
+erklärt Gering, ZfdPh. 26, 146. Hierzu noch Kauffmann ebd. 26, 456 ff.
+und Gerings Erwiderung S. 462 ff. In Phôl, Pôl, erkennt Bugge, Studien
+301, den Apostel Paulus. An Vol denkt Scherer bei Mannhardt, Myth.
+Forschungen (in Quellen und Forschungen 51, XXVII); als Nom. Sing. zum
+Gen. Volla nimmt Kauffmann, Beiträge 15, 208 ff. das Wort. Aber die
+Göttin könnte kaum vor Wodan genannt sein, ebensowenig die Vol als
+Frija (Bugge, Studien 305). Zu Phol. vgl. noch von Grienberger, ZfdPh.
+27, 453 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_469_469" href="#FNanchor_469_469" class="label">[469]</a> Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur 91 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_470_470" href="#FNanchor_470_470" class="label">[470]</a> Die Sage von Baltram und Sintram bei den Brüdern
+Grimm, Deutsche Sagen Nr. 220; Wackernagel, ZfdA. 6, 158; vgl. dazu
+Müllenhoff, ZfdA. 12, 329 und 353; Bugge, Studien 310 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_471_471" href="#FNanchor_471_471" class="label">[471]</a> Laistner, Nebelsagen, Stuttgart 1879, S. 196 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_472_472" href="#FNanchor_472_472" class="label">[472]</a> Forseti ist nur Grímn. 15 und Gylfag. Kap. 32 mit den
+oben angeführten Worten erwähnt, sonst völlig unbekannt. Bugge, Studien
+290 Anm. 2: „Der Hofname <i>Forsetelund</i> in Onsö, Smaalenene (Matr.
+119), <i>í Fosætte lundi</i> Röde Bog S. 515, deutet auf Verehrung des
+Forseti hin. Er kann von den Norwegern gekannt und verehrt worden sein,
+ehe er zu Baldrs Sohn gemacht wurde.“</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_473_473" href="#FNanchor_473_473" class="label">[473]</a> Der Gott hiess nach Alchuine <i>Fosite</i>, die Insel
+<i>Fositesland</i>. Altfried hat <i>Fosetesland</i>, Adam von Bremen
+<i>Fosetisland</i>. Da beide aus Alchuine schöpfen, ist unsicher, wie
+der Name eigentlich lautete, <i>Fosite, Fosete, Foseti</i>. Will man
+mit J. Grimm den Namen zum nordischen Forseti halten, so kann nur alter
+Schreibfehler angenommen werden. Denn Forsete konnte sich lautlich
+nicht zu Fosete entwickeln. Richthofen, Untersuchungen über friesische
+Rechtsgeschichte, 2. Teil, Berlin 1882, S. 434 f. Die Ansicht Grimms
+von der Zusammengehörigkeit des Forseti und Fosete wird allgemein
+geteilt, besonders von Müllenhoff, Altertumskunde 5, 39 und Mogk,
+Pauls Grundriss 1, 1066. Kauffmann, Beitr. 18, 181 äussert Bedenken.
+Zu Forseti: Fosete vgl. das norwegische <i>í Fosætte lundi</i> bei
+Bugge, Studien 290 Anm. 2. F. Buitenrust Hettema, in tijdschr. v. ned.
+taal- en letterkunde 1893, S. 281–288, führt den Fosete, Fosite, Foste
+(letztere Form entnommen aus den „<i>delubra Jovis et Foste</i>“ in
+der um 1400 gefälschten <i>vita Suiberti</i>) auf <i>Donar fôsite</i>,
+Donar, den Furchtbaren, zurück. <i>Fôsite</i> sei zu schwed.
+<i>fasa</i>, ags. <i>fésian</i>, „schaudern“ und zu dem Namen der
+<i>Fosi</i> (Tac.) an der Elbe zu stellen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_474_474" href="#FNanchor_474_474" class="label">[474]</a> Der heilige Willebrord wurde einmal zwischen 690
+und 714 nach Helgoland verschlagen. <i>Alchuine</i> in der <i>vita
+Willebrordi</i> Kap. 10, Jaffé, <i>Bibliotheca rerum germanicarum</i>
+VI, 1873, S. 47 erzählt: <i>et dum pius verbi Dei praedicator
+iter agebat, pervenit in confinio Fresonum et Danorum ad quandam
+insulam, quae a quodam deo suo Fosite ab accolis terrae Fositesland
+appellabatur, quia in ea eiusdem dei fana fuere constructa. qui locus
+a paganis in tanta veneratione habebatur, ut nihil in ea vel animalium
+ibi pascentium vel aliarum quarumlibet rerum auisquam gentilium tangere
+audebat, nec etiam a fonte qui ibi ebulliebat aquam haurire nisi tacens
+praesumebat. quo cum vir Dei tempestate iactatus est, mansit ibidem
+aliquot dies, quousque sepositis tempestatibus opportunum navigandi
+tempus adveniret. Sed parvipendens stultam loci illius religionem vel
+ferocissimum regis animum, qui violatores sacrorum illius atrocissima
+morte damnare solebat, igitur tres homines in eo fonte cum invocatione
+sanctae trinitatis baptizavit; sed et animalia in ea terra pascentia in
+cibaria suis mactare praecepit. quod pagani intuentes arbitrabantur,
+eos vel in furorem verti vel etiam veloci morte perire; quos cum
+nihil mali cernebant pati, stupore perterriti regi tamen Rabbodo quod
+videbant, factum retulerunt. qui nimio furore succensus in sacerdotem
+Dei vivi suorum iniurias deorum ulcisci cogitabat, et per tres dies
+semper tribus vicibus sortes suo more mittebat, et numquam damnatorum
+sors, deo vero defendente suos, super servum Dei aut aliquem ex suis
+cadere potuit; nisi unus tantum ex sociis sorte monstratus et martyrio
+coronatus est.</i> Danach Altfried in der <i>Vita Liudgeri</i> I Kap.
+19. Liudger zerstörte die dem Fosete erbauten Tempel und errichtete
+statt ihrer Kirchen; aus der heiligen Quelle taufte er die Bewohner
+der Insel. Das geschah nach 785. Die Kirchen hatten keinen Bestand.
+Nach Adam von Bremen 4. Kap. 3 ist Fosetisland Helgoland (Heiligland).
+Erst in den Tagen Adalberts von Bremen (1072) sei es entdeckt und durch
+Erbauung eines Klosters zum Wohnsitz für Einsiedler gemacht worden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_475_475" href="#FNanchor_475_475" class="label">[475]</a> Richthofen, Fries. Rechtsquellen 439 ff.; Untersuchungen
+über fries. Rechtsgeschichte 2, 459 ff. Die Aufzeichnung entstammt erst
+dem 14. Jahrh. und wurde im 16. Jahrh. gedruckt. Die wichtigsten Worte
+lauten im Original: <i>Da sagen se een tretteensta oen der stioerne
+sitten, ende een axa op synre aexla</i> (Var. <i>ene gildene axe ƕt
+siner axla</i>), <i>deer hy mey toe lande stioerde toienst straem ende
+ƕynd. Da se toe lande coemen, da ƕorp hy mitter axa op dat land, ende
+ƕorp een tura op</i> (Var. <i>ene turƕe op</i>); <i>da ontsprongh deer
+een burna, al daerom haet dat to Axenthove. Ende to Eeswey comen se to
+land ende seten om dae burna ..... al deerom schillet aldeer in da land
+ƕessa trettien aesgen, ende hyara domen schillet hya dela to Axenthove
+ende to Eeswey</i>. Die niederdeutsche Fassung der Sage lässt den
+Dreizehnten ein Krummholz in der Hand führen, J. Douwama im <i>boeck
+der partijen</i>, um 1526 verfasst, eine Axt, ein Beil. Die Quelle
+nennt er <i>Axsborn</i>. Sollte der hammerbewehrte Donar gemeint sein?
+So erklärt E. H. Meyer, German. Myth. § 251, S. 188. Eine Verwechslung
+zwischen Axe und Ax (Axt) ist ja begreiflich. Beziehung auf Wodan,
+Richthofen, Untersuchungen 2, 463 ist nicht gerechtfertigt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_476_476" href="#FNanchor_476_476" class="label">[476]</a> Mit Ullr ist got. <i>ƕulþus</i>, Herrlichkeit,
+verwandt, vgl. Noreen, An. Gramm.<sup>2</sup> §215; <i>ƕulþus</i> erscheint in
+ostgotischen Eigennamen, vgl. Wrede, Über die Sprache der Ostgoten
+in Italien (Quellen und Forschungen 68), Strassburg 1891, S. 85 u.
+147, z.&#8239;B. Sigiswuldus; altdeutsche Namen in Förstemanns Namenbuch
+1, 1338 Wuldebert, Wuldulf. Zu Ullr vgl. Simrock, Myth.<sup>5</sup> 290;
+Kauffmann, Beiträge 18, 188; Rödiger, ZfdPh. 27, 11 ff. Munch, Die
+nord. german. Völker S. 223 „ein solcher Name scheint demnach eher ein
+Beiname des höchsten Gottes sein zu müssen, als irgend eine besondere
+Persönlichkeit bezeichnen zu können.“ Ullr und <i>ƕulþus</i> stellte
+zuerst Bachlechner, ZfdA. 8, 201 ff. zusammen; dazu Weinhold, Riesen,
+Wiener Sitzungsberichte 26, 1858, S. 264 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_477_477" href="#FNanchor_477_477" class="label">[477]</a> Von Ullr berichtet Gylfag. Kap. 31; Grímn. 5; seine
+Namen SE. 1, 266.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_478_478" href="#FNanchor_478_478" class="label">[478]</a> Die Skaldenstellen, welche den Schild das Schiff
+Ulls nennen, stehen SE. 1, 246, 346, 414, 420; vgl. auch Sveinbjörn
+Egilsson, Lex. poet. 831. Much, Beiträge 20, 35 f. meint, der
+Schneeschuh (<i>skíđ</i>) Ulls sei als sein Schiff und Fahrzeug
+bildlich bezeichnet worden. <i>skíđ</i>, „Schneeschuh“ sei irrtümlich
+als <i>skíđ</i>, „Schild“ (vgl. kelt. <i>skēto</i>, Schild) gefasst
+und durch das gangbare skjǫldr ersetzt worden. Die Kenning <i>skjaldar
+áss</i> sei eigentlich <i>*skiđs áss</i> und gleichbedeutend mit
+<i>ǫndráss</i>, Schlittschuhgott.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_479_479" href="#FNanchor_479_479" class="label">[479]</a> Ortsnamen mit Ullr aus Norwegen sammelt O. Rygh in P. A.
+Munchs norröne gudesagn 2. udg. Christiania 1880; vgl. das Register;
+aus Schweden Lundgren, språkliga intyg, Göteborg 1878, S. 71 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_480_480" href="#FNanchor_480_480" class="label">[480]</a> Die Sage von Ollerus bei Saxo III S. 130 f., die andern
+Berichte wurden bereits im Abschnitt über Odin (vgl. oben S. 306 ff.),
+soweit sie hergehören, mitgeteilt. Zu Ollerus P. E. Müller, Notae
+uberiores 122 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_481_481" href="#FNanchor_481_481" class="label">[481]</a> Vgl. W. Müller, Zur Mythologie der griechischen und
+deutschen Heldensage, Heilbronn 1889, S. 101 u. 159, der hier mit Recht
+den „historischen“ Mythus der natursymbolischen Deutung vorzieht.
+Dass Odin unter dem Namen Brúni dem Finnenkönig Gusi im Streit um die
+Herrschaft gegenüber tritt, dass hier dieselbe Sage wie die von Odin
+und Ullr vorliege, dass also die geschichtliche Thatsache des Sieges
+der Nordgermanen über die Finnen im mythischen Gewande behandelt werde,
+sucht Detter, ZfdA. 32, 449 ff. zu erweisen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_482_482" href="#FNanchor_482_482" class="label">[482]</a> Dass Widar nach Vǫl. 53 R der Sohn Odins und der Hlodyn
+genannt wird, dass demnach Hlodyn und Grid gleich und wol nur aus der
+Erdgöttin abgezweigt sind, erweist Kauffmann, Beiträge 18, 135 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_483_483" href="#FNanchor_483_483" class="label">[483]</a> Von Widar weiss nur die Liedersammlung und die Snorra
+Edda. Die Stellen, die in Betracht kommen, sind Vǫl. 54, Grimn. 17,
+Vafþr. 51, Lokas. 10, Gylfag. Kap. 29, 33, 43, 51, Bragar. Kap. 1,
+Skáldsk. Kap. 2. Vgl. ausserdem die Benennungen Widars als Eigner des
+Eisenschuhes, Feind und Töter des Fenriswolfes, Rächer der Götter,
+Bewohner der Vatershalle, Sohn Odins und Bruder der Götter SE. 1,
+266. Ortsnamen mit Widar sammelt Kauffmann, Beiträge 18, 157 Anm.
+<i>Viþarshof</i>, <i>Viþarsgarþr</i> nach M. Arnesen, minder om hedensk
+gudsdyrkelse S. 62; <i>Widarsleff</i>, Lundgren språkliga íntyg S. 78;
+<i>Viđarhellisgjógv</i> bei Hammershaimb, færösk antologi 350, 3.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_484_484" href="#FNanchor_484_484" class="label">[484]</a> <i>Viđarr</i> als <i>viđ-hari</i> zu <i>viđr</i>, Wald,
+stellt Rödiger, ZfdPh. 27, 5; Grimm, Myth. 3, 245 <i>Viđarr</i>, ahd.
+<i>Witheri</i>; Kauffmann, Beiträge 18, 168 Anm., der überhaupt in
+Widar den Hauptgott der Germanen, den grossen Waldesgott erblickt,
+erklärt Widar als „Gott, der einen Stab, ein Reis vom Weidenholz
+führt.“</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_485_485" href="#FNanchor_485_485" class="label">[485]</a> Von Váli berichten Vǫl. 33, Baldrs Dr. 11, Vafþr. 51,
+Hyndl. 30, Gylfag. Kap. 30, 36, 53; seine Namen SE. 1, 266. Unklar
+bleibt sein Verhältniss zu Váli, dem Sohne Lokis, der Vǫl. H. 35
+und Gylfag. Kap. 50 erscheint; Kauffmann, Beiträge 18, 168 glaubt
+nachweisen zu können, dass nur Váli als Sohn Odins bezeugt und aus
+Missverständniss zu Lokis Sohn geworden sei. Viðarr und Váli seien
+thatsächlich nur Namen einer und derselben Gottheit, die, wo die
+Weltordnung bedroht ist, sie mit sicherer Kraft in den Fugen hält. Auf
+Váli geht wol auch Grógaldr 6, wo Gróa den Zauber singt, den einst Rind
+dem Ran (Wali?) gesungen; vgl. Sijmons zur Stelle. Zur Sage Bugge,
+Studien 215 ff.; Sievers, Beiträge 18, 582 f. erklärt Váli aus Vǫnli,
+Vǫli, d.&#8239;i. Wanula, Wanila und ebenso Ali aus Anula, Anila. Váli,
+Vǫnli knüpft somit an die <i>vanir</i> an. Einer Deutung enthält sich
+Sievers, sie wird von Detter, Beiträge 19, 509 versucht.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_486_486" href="#FNanchor_486_486" class="label">[486]</a> Über Hönir Vol. 18 u. 63; seine Namen SE. 1, 266 f.
+Die Stellen der Haustlǫng, die sein Verhältniss zu Odin und Loki
+voraussetzen, SE. 1, 308, 310, 314; Hönirs Vergeiselung an die Wanen
+Ynglingasaga Kap. 4.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_487_487" href="#FNanchor_487_487" class="label">[487]</a> Das färöische Lied „<i>Lokka táttur</i>“ bei V. U.
+Hammershaimb, färöiske kväder, Kopenhagen 1851, Bd. 1, 140 ff. Zur
+Erklärung des Liedes Uhland, Schriften 6, 193 ff.; 7, 367 ff. Eine
+deutsche Übersetzung gibt auch Simrock, Mythologie<sup>5</sup> 106 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_488_488" href="#FNanchor_488_488" class="label">[488]</a> Vǫl. 63</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>þá kná Hœ́ner</i>&#8195;&#8195;<i>hlautviþ kjósa</i>;</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>zur Auslegung der Stelle Müllenhoff, Altertumskunde 5, 100 f.; Gering,
+Edda S. 15, Anm. 1; Kauffmann, Beiträge 18, 189 erklärt, dass Hönir in
+der zukünftigen Welt jedem Einzelnen sein Loos zuteilt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_489_489" href="#FNanchor_489_489" class="label">[489]</a> Über Hönir vgl. Weinhold, ZfdA. 7, 24 f.f, wozu Mogk,
+Grundriss 1, 1086, der an den slavischen Hennil, Hainal, den Gott
+der Morgenröte, denkt; Uhland, Schriften 6, 188 ff.; Müllenhoff,
+Altertumskunde 1, 34; Hoffory, Gött. gel. Anz. 1888, S. 161;
+Nachrichten d. Gött. Gesellschaft, Dec. 1888; Eddastudien 108 ff.;
+Kauffmann, Beiträge 18, 175 u. 189; Rödiger, ZfdPh. 27, 9 f.; Detter u.
+Heinzel. Beiträge 18, 542 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_490_490" href="#FNanchor_490_490" class="label">[490]</a> Beiträge 18, 547 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_491_491" href="#FNanchor_491_491" class="label">[491]</a> Über Bragi vgl. Uhland, Schriften 6, 277 ff.; Mogk,
+Beiträge 12, 383 ff.; Bugge, Beiträge 13, 187 ff.; Mogk, Beiträge 14,
+81 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_492_492" href="#FNanchor_492_492" class="label">[492]</a> Grímn. 44.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_493_493" href="#FNanchor_493_493" class="label">[493]</a> Sigrdr. 16.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_494_494" href="#FNanchor_494_494" class="label">[494]</a> Zur Erklärung von Lokas. 16 Bugge, Beiträge 13, 188 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_495_495" href="#FNanchor_495_495" class="label">[495]</a> Die Stelle der Hǫfuðlausn lautet nach Finnur Jónssons
+Ausgabe</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>njóte bauga &#8195; sem Brage auga!</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Im Sonatorrek 3 heisst es, nachdem von der Entführung des Trankes die
+Rede war:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>lastalauss &#8195;&#8195; es lifnaþe</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>á „nockvers“&#8195;nǫkkva Brage.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>In „<i>nockvers</i>“ vermutet Bugge Verderbniss für „<i>nǫ́ttvers</i>“,
+Nachtaufenthalt, „<i>á nǫttvers nǫkkva</i>“ umschreibt im Bett. Die
+älteren Deutungen bei Sveinbjörn Egilsson Lex. poet. 604 f. Bragis
+Erzeugung durch Odin und Gunnlod lesen aus den Worten heraus Gisli
+Brynjúlfsson, antiquarisk tidsskrift 1855/7, S. 148 ff. und Bugge,
+Beiträge 13, 195 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_496_496" href="#FNanchor_496_496" class="label">[496]</a> Über Bragi Boddason Uhland, Schriften 6, 281 ff.; SE. 3,
+307 ff. Gering, <i>kvæþa brot Braga ens gamla</i>, Halle 1886; Bugge,
+<i>bidrag til den ældste skaldedigtnings historie</i>, Christiania
+1894, wo die Echtheit der dem Bragi zugeschriebenen Gedichte mit
+starken Gründen angefochten wird.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_497_497" href="#FNanchor_497_497" class="label">[497]</a> Bragi als Heldenname Helgakv. Hund. 2, 18; SE. 1,
+522; im Ortsnamen Bragalund Helgakv. Hund. 2, 8; <i>bragnar</i>
+steht für *<i>bragar</i>, dem alten regelrechten Plural zum Singular
+<i>bragi</i>, Noreen, An. Gramm.<sup>2</sup> § 334, 4. <i>bragr</i> im Sinne
+von <i>princeps</i> in <i>bragr ása, kvenna, karla</i> u.&#8239;s.&#8239;f. bei
+Uhland, Schriften 6, 294; Mogk, Beiträge 14, 82 ff. Ags. <i>brego</i>,
+der Herrscher, wird gleich angewandt, vgl. J. Grimm, Myth. 215; es
+steht im Wurzelablaut zu an. <i>bragr</i>, Sievers, Beiträge 11, 355.
+<i>bragafull</i>, Bragibecher, ist nur falsche Lesart minderwertiger
+Handschriften statt <i>bragarfull</i>. Vgl. Gudbrand Vigfusson,
+Dictionary S. 76; Mogk, Beiträge 14, 83; man darf nicht mit Uhland
+a. a. O. 279 ff. dem feierlichen Odins, Freys, Njords Vollhorn einen
+entsprechenden Bragibecher gegenüber stellen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_498_498" href="#FNanchor_498_498" class="label">[498]</a> Den Stein machte Zangemeister in den Bonner Jahrbüchern
+des Vereins von Altertumsfreunden im Rheinlande, Heft 81, 78 ff.
+bekannt; ebenda gibt Holthausen eine Deutung; vgl. ferner Holthausen,
+Beiträge 16, 342 ff.; Much u. Schröder, ZfdA. 35, 375 ff.; Kauffmann,
+Beiträge 18, 190 ff.; Rödiger, ZfdPh. 27, 12 f.; v. Grienberger,
+Beiträge 19, 528 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_499_499" href="#FNanchor_499_499" class="label">[499]</a> Loki verhält sich zu <i>lúka</i>, schliessen, wie
+<i>broti</i> zu <i>brjóta</i>, <i>skoti</i> zu <i>skjóta</i>. Vgl.
+<i>lok</i>, der Schluss, das Ende. So erklärte Uhland, Schriften 6,
+14. Bugge, Studien 73 ff. glaubt, dass der Name Loki unter dem Einfluss
+von Lucifer (gespr. Lukifer) entstand, als Abkürzung und nordische
+Umbildung des fremden Namens aufgefasst werden müsse; vgl. noch
+Bugge, bidrag til den ældste skaldedigtnings historie S. 122. Auch
+J. Grimm, Myth. 3, 82, deutet Ähnliches an: „man könnte gar noch auf
+eine Kürzung aus Lucifer fallen“. Als Beiname einer geschichtlichen
+Persönlichkeit, des Thorbjorn Loki, steht der Name in der Landnáma 2.
+Kap. 23 (Islendinga sögur 1, 132). Von besondern Arbeiten über Loki
+vgl. Weinhold, ZfdA. 7, 1 ff. Nach Weinhold ist Loki ursprünglich eine
+gütige, mächtige Gottheit („der Hauptkern des Gottes ist und bleibt die
+eine Seite des alten Himmelsgottes“, Mogk, Pauls Grundriss 1, 1088) und
+erst später zu einem bösartigen Dämon herabgesunken. Lokis Abfall vom
+Guten zum Bösen ist freilich zweifellos und wird auch von Wislicenus,
+Loki, Zürich 1867 nach Gebühr hervorgehoben. Aber man darf darum nicht
+gleich Loki mit einem der germanischen Hauptgötter zusammenwerfen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_500_500" href="#FNanchor_500_500" class="label">[500]</a> Logi als Bruder der Elemente Wasser (Hlér) und Luft
+(Kári) und Sohn des Riesen Fornjótr erscheint im Fundinn Noregr
+(Fornaldarsögur 2, 3 ff.); ausserdem Gylfag. Kap. 46, wo Loki in
+schwankhafter Weise sich selber in doppelter Gestalt gegenüber
+gestellt wird, dem Logi und dem Utgardaloki, dem Schadfeuer und dem
+Höllenfürsten.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_501_501" href="#FNanchor_501_501" class="label">[501]</a> Lokis Eltern erklärt Bugge, Studien 80.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_502_502" href="#FNanchor_502_502" class="label">[502]</a> Über Lokis Fortdauer in Redensarten des nordischen
+Volkes vgl. Finn Magnusen, Lex. myth. 232; J. Grimm, Myth. 221 f.;
+Bugge, a. a. O. 80 f. Vol. 25 Loki hatte die Luft vergiftet (<i>lævi
+blandit</i>), meint wol die verderbliche Schwüle.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_503_503" href="#FNanchor_503_503" class="label">[503]</a> Loptr steht Lokas. 6; Hyndl. 43; Fjǫlsv. 26; Haustlǫng
+31 (corpus 2, 15; SE. 1, 310) und Eilifs þorsdrápa SE. 1, 290.
+Loptr ist übrigens ein gebräuchlicher nordischer Personenname, vgl.
+Islendingasögur 1, 428 im Register und Loptr Pálsson SE. 3, 672, Loptr
+Hálfdánson ebenda 751; im Frauennamen Lopthœna begegnet derselbe Stamm
+wie in deutschen Namen mit Luft, z.&#8239;B. Lufthildis. Bugge, Studien 81
+verweist auf die schon bei Tatian zum Ausdruck gelangte Auffassung,
+dass die Leiber der Dämonen aus Feuer und Luft seien.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_504_504" href="#FNanchor_504_504" class="label">[504]</a> Nordisk tidskrift for filologi, ny række 4. Bd. S. 28
+ff. Die idg. Grundform des ind. <i>vṛtrá-s</i> wird als <i>vartrás
+valtrás</i> angesetzt, woraus germ. <i>vlôđraz</i> abzuleiten ist.
+<i>vṛtras</i> heisst der Deckende, Verhehlende, Hemmende, von der
+Wurzel <i>var</i> bedecken, hehlen, abschliessen, abwehren gebildet.
+Vgl. auch Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre 102. Der Name Loðurr
+begegnet Vǫl. 18; Haleygja tal im Corpus poet. boreale 1, 253.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_505_505" href="#FNanchor_505_505" class="label">[505]</a> Über die Namen und ihre Erklärung vgl. Bugge, Studien 75
+f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_506_506" href="#FNanchor_506_506" class="label">[506]</a> Gylfag. Kap. 33; als Ase wird Loki SE. 1, 84, 142, 268,
+556 bezeichnet.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_507_507" href="#FNanchor_507_507" class="label">[507]</a> Die Menschenschöpfung Vol. 17/18; Gylfag. Kap. 9.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_508_508" href="#FNanchor_508_508" class="label">[508]</a> SE. 1, 268 heisst Loki <i>Ođins sinni ok sessi</i>,
+Odins Fahrt- und Bankgenosse; Odin heisst <i>Lođurs vinr</i> in der
+Haralds saga hárfagra Kap. 13; Islendingadrápa 1; weiteres bei Gudbrand
+Vigfusson, corpus 2, 471.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_509_509" href="#FNanchor_509_509" class="label">[509]</a> So berichtet der Skald Thjodolf in der Haustlǫng und
+danach Snorri in den Bragar. Kap. 3. Snorri fügt noch bei, wie Skadi,
+des Riesen Tochter, zur Rache heranstürmt, aber versöhnt einen der
+Asen, Njord, zum Mann nimmt. Loki muss sie zum Lachen bringen. Er
+bindet eine Schnur an seine Scham und an den Bart einer Ziege. Beide
+ziehen und schreien vor Schmerz. Dann fällt Loki in den Schooss der
+Skadi, dass sie lachen muss.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_510_510" href="#FNanchor_510_510" class="label">[510]</a> Möglicher Weise zielt die Bezeichnung Lokis als
+Bocksdieb, <i>þjófr jǫtna hafrs</i> SE. 1, 268 auf dieses Ereigniss.
+Aber im „Bocke der Riesen“ kann auch eine andre Kenning stecken.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_511_511" href="#FNanchor_511_511" class="label">[511]</a> Sörlaþáttr der Olafssaga Tryggvasonar in den Fornaldar
+sögur 1, 391 ff. und in der Flateyjarbók 1, 275 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_512_512" href="#FNanchor_512_512" class="label">[512]</a> SE. 1, 312 in der Haustlǫng heisst Loki <i>girþiþjófr
+Brísings</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_513_513" href="#FNanchor_513_513" class="label">[513]</a> Die Fliegengestalt des Teufels bei Grimm, Myth. 950 f.;
+3, 295; Bugge, Studien 76.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_514_514" href="#FNanchor_514_514" class="label">[514]</a> Reginsm. 1–12, Skaldsk. Kap. 4.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_515_515" href="#FNanchor_515_515" class="label">[515]</a> Lokas. 23 u. 33; vgl. Hirschfeld, Untersuchungen zur
+Lokas. S. 37 f. u. 44, wo die Deutungen Weinholds, ZfdA. 7, 11 ff.
+und Finn Magnusens, Edda 2, 211 mitgeteilt sind. Die natursymbolische
+Auslegung vertritt auch Gering, Edda S. 34. Hyndl. 43 frisst Lopt
+ein Frauenherz, das halbverkohlt in der Asche liegt, und wird davon
+schwanger.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_516_516" href="#FNanchor_516_516" class="label">[516]</a> In der Helgakv. Hund, 1, 38/40 beschuldigt Sinfjotli den
+Gudmund, eine Hexe gewesen zu sein und von ihm neun Wölfe empfangen
+zu haben. Auf den deutschen Bischof Friedrich, der gegen Ende des 10.
+Jahrh. auf Island das Christentum verkündigte, und seinen Beschützer
+Thorwald Kodransson machte ein heidnischer Dichter den Spottvers:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es gebar neun Kinder&#8195;&#8239;Bischof Friedrich,</div>
+ <div class="verse indent0">Sie alle zeugte&#8195;&#8195;&#8195;&#8195;der eine Thorwald.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Vgl. Kristnisaga Kap. 4. Über seinen Feind Thorstein Hallsson liess
+der Isländer Thorhadd das Gerücht aussprengen, dass er jede neunte
+Nacht ein Weib werde und mit Männern Umgang pflege; Þorsteins
+þáttr Siðuhallssonar Kap. 3. Auf diesem schmählichen Vorwurf stand
+Friedlosigkeit; Vigsloði Kap. 105: „Dies sind die drei Worte, auf denen
+sämtlich der Waldgang steht, wenn die Rede der Leute so sehr schlimm
+wird; wenn einer den andern weibisch schimpft oder sagt, er habe sich
+belegen oder beschlafen lassen, und man soll so klagen wie wegen andrer
+Vollbussworte und man hat gegen diese drei Worte den Totschlag frei“.
+Dass alte Sagen oder Kultgebräuche missverstanden oder böswillig
+verdreht wurden, ist möglich; ein Kult wenigstens, derjenige der Alcis,
+verlangte weibliche Haartracht des Priesters, vgl. Wolfskehl, German.
+Werbungssagen S. 6 ff. Auf uralten Aberglauben an die Möglichkeit des
+Geschlechtswechsels führt Weinhold, Ztschr. d. Vereins f. Volkskunde 5,
+127 ff. die Sagen vom Kleidertausch zwischen Mann und Weib und von der
+Weibischkeit der Männer zurück.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_517_517" href="#FNanchor_517_517" class="label">[517]</a> Man kann aber auch an antiken Ursprung denken.
+Hermes-Merkur wurde später auch mit Hermaphroditus, dem Sohne des
+Hermes und der Aphrodite verwechselt. So heisst es z.&#8239;B. bei Albericus
+<i>de deorum imaginibus libellus 6 de Mercurio: qui de viro in feminam
+et de femina in masculum se mutabat, cum volebat: et ideo pingebatur
+cum utroque sexu.</i> Loki hat aber sicher einige Züge, z.&#8239;B. die
+Flügelschuhe, von Merkur.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_518_518" href="#FNanchor_518_518" class="label">[518]</a> M. Hirschfeld, Untersuchungen zur Lokasenna (<i>acta
+germanica</i> 1), Berlin 1889; Finnur Jónsson, litteraturs historie
+1, 178 ff. Über glaubenslose Leute aus der Übergangszeit, denen der
+Verfasser der Lokas. entweder selbst angehört oder die er wenigstens
+dabei im Auge hat, vgl, Maurer, Die Bekehrung des norwegischen Stammes
+I 158 Anm. 16; 160; 163; II 247 ff.; 316 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_519_519" href="#FNanchor_519_519" class="label">[519]</a> Verwandte Züge zwischen Merkur und Loki zählt J. G.
+v. Hahn, Sagwissenschaftliche Studien, Jena 1876, S. 162 auf. Bugge,
+Studien 267 ff. sucht Loki mit Apollo zu verknüpfen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_520_520" href="#FNanchor_520_520" class="label">[520]</a> Nach der Kenning der Vǫl. 35 „<i>ór Vala þǫrmom</i>“,
+aus Walis Därmen seien die Fesseln gefertigt, muss hier wie auch
+Gylfag. Kap. 50 geändert werden: mit den Därmen seines Sohnes Wali.
+Vgl. Kaufmann, Beiträge 18, 165.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_521_521" href="#FNanchor_521_521" class="label">[521]</a> Dass die Eingangs- und Schlussprosa der Lokasenna
+eine unabhängige Überlieferung enthalte, behaupten Jessen, ZfdPh. 3,
+72, Hirschfeld, Untersuchungen zur Lokasenna, Berlin 1889 (<i>acta
+germanica</i> 1), S. 11 u. 32; Kauffmann, Beiträge 18, 160.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_522_522" href="#FNanchor_522_522" class="label">[522]</a> <i>Hvera lundr</i>, Wald der Klüfte, deutet Kauffmann,
+Beiträge 18, 165, indem er <i>hverr</i> = Gebirgskessel, Kluft,
+wie Hym. 26 <i>hverr holtriđa</i>, Schlucht der Waldberge, nimmt.
+Jessen, ZfdPh. 3, 37 u. Müllenhoff, Altertumskunde 5, 9 verstanden
+„<i>hverr</i>“ als Kessel heisser Quellen; es seien die heissen Quellen
+Islands gemeint. Gegen diese Auffassung, welche „<i>lundr</i>“ Wald
+unerklärt lässt, vgl. auch Finnur Jónsson, litteraturs historie 1, 132.
+Er sieht im hveralund „en vild bjærgegn med mange huler“.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_523_523" href="#FNanchor_523_523" class="label">[523]</a> Saxo Buch 8, S. 431 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_524_524" href="#FNanchor_524_524" class="label">[524]</a> Über die Rechtsaltertümer der Lokisage vgl. Kauffmann,
+Beiträge 18, 159 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_525_525" href="#FNanchor_525_525" class="label">[525]</a> Kauffmann, Beiträge 18, 164 ff. vermutet Missverständniss
+der alten Kenning, Lokis Bande seien aus „Walis Därmen“ gefertigt
+worden. Walis Därme bedeute Zweige, indem Wali ein Waldgott sei. Die
+Stricke waren aus Gezweig geflochten. Narfi, ein Riese, sei mit Loki
+gleich, also auch ein „Wolf“. Narfi-Wolf wörtlich verstanden führte zur
+Vorstellung, Narfi als Wolf habe Wali zerrissen und dann seien dessen
+Därme als Fesseln gebraucht worden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_526_526" href="#FNanchor_526_526" class="label">[526]</a> Zum gefesselten Loki vgl. Bugge, Studien 56 f. Die
+entsprechenden Teufelssagen bei Grimm. Myth. 962; Mannhardt, German.
+Mythen S. 86 f.; Simrock, Myth.<sup>5</sup> 114 f. Über Sigyn gibt E. H. Meyer,
+Völuspa 154 ff. Andeutungen, die er jedoch selbst nur als blosse
+Vermutung hinstellt, die keineswegs befriedigen. Simrocks Vergleich
+zwischen Sigyn und Wolframs Sigune a. a. O. ist belanglos.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_527_527" href="#FNanchor_527_527" class="label">[527]</a> Bugge, Studien 511 vergleicht die <i>duodecim caeli
+signa</i>, wo Saturnus infolge einer Gefahr verheissenden Weissagung
+den Neptun in die Tiefe des Meeres, den Pluto in die Unterwelt
+versenkt. Lokas. 10 u. Haustlǫng heisst Loki Vater des Wolfes, in
+Eilifs Þorsdrápa Vater der Schlange; im Ynglingatal ist Hel Lokis
+Tochter. Die Skaldenstellen, welche diese Verwandtschaftsverhältnisse
+voraussetzen, sammelt Gudbrand Vigfusson, corpus 2,471.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_528_528" href="#FNanchor_528_528" class="label">[528]</a> Bäda <i>de ratione temporum: Leviathan animal terram,
+complectitur tenetque caudam ore suo</i>; vgl. Finn Magnusen, Lex.
+myth. 212; J. Grimm, Myth. 166 u. 950; Diemer, Beiträge zur älteren
+deutschen Sprache u. Litteratur. 4. Teil. Wien 1867. S. 45; R. Köhler,
+Germania 13, 158 ff.; Bugge, Studien 12.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_529_529" href="#FNanchor_529_529" class="label">[529]</a> Fenrir als Verfolger des Mondes (<i>álfrǫđult</i>
+der Elbensonne) Vafþr. 46; dass Fenrir eine Wiedergeburt Lokis sei,
+behauptet schon J. Grimm, Myth. 224; über seine Fesselung Kauffmann,
+Beiträge 18, 161 ff. Bei Loki und Fenrir muss auch in Anschlag gebracht
+werden, dass der Teufel bereits bei den Kirchenvätern und im ganzen
+Mittelalter als Wolf bezeichnet wurde; vgl. J. Grimm, Myth. 948; 3,
+294.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_530_530" href="#FNanchor_530_530" class="label">[530]</a> Vgl. E. H. Meyer, Völuspa 198 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_531_531" href="#FNanchor_531_531" class="label">[531]</a> Der Name der Göttin lautete urgerm. <i>Frijô</i> = idg.
+<i>prijâ</i>, woraus westgerm. <i>Frîja</i> und nord. <i>Frigg</i>
+lautlich sich entwickeln mussten; vgl. Kögel, Beiträge 9, 544,
+Brugmann, Grundriss 1, 128, Noreen, Abriss der urgerm. Lautlehre,
+Strassburg 1894, S. 160 f. Ahd. begegnet <i>Frîja</i> im Merseburger
+Zauberspruch; aus den Formen des Wochentagnamens ahd. <i>frîadag</i>,
+<i>frîjetag</i>, <i>frîgetag</i>, <i>frîtach</i> ergeben sich
+<i>Frîja</i> und <i>Frîa</i> neben einander, vgl. Braune, Ahd. Gramm. §
+117 über den Ausfall von intervokalischem j. Langobardisch <i>Frea</i>
+ist wol nur verschrieben für <i>Frîa</i>, wie <i>fulcfree</i> für
+<i>fulcfrî</i>, vgl. Carl Meyer, Sprache und Sprachdenkmäler der
+Langobarden, Paderborn 1877, S. 263 u. 286; als lautliche Entwicklung
+(<i>ija</i> &gt; <i>ea</i>) fasst Bruckner, Sprache der Langobarden
+S. 78 diese Erscheinung auf. Nach dem überlieferten Tagnamen
+<i>Frígedæg</i> hiess die Göttin bei den Angelsachsen <i>Frig</i>.
+Zum Namen vgl. Müllenhoff, Denkmäler 2<sup>3</sup>, 46 f. u. ZfdA. 30, 217.
+Afries. <i>frîgendei</i>, <i>frîendei</i>, mndl. <i>vrîdach</i> zeigt
+Bekanntschaft der Göttin bei Friesen und Niederfranken. Mhd. heisst der
+Tag <i>frîetac</i>, <i>frîtac</i>, woraus nhd. <i>Freitag</i>. Da der
+Wochentag übers gesamte wg. Gebiet nach Frija benannt ist, muss die
+Göttin auch bei allen Stämmen Verehrung genossen haben. Im Norden ist
+Frigg genügend bezeugt, aber kein Friggjardagr; an. <i>frjádagr</i>
+ist aus Deutschland entlehnt, Fritzner, Ordbog 1<sup>2</sup>, 486. Verdächtig
+aber sind eine Anzahl von Zeugnissen, die man für das Fortleben des
+Frijaglaubens im MA. und in der Neuzeit in Anspruch nahm, so die
+<i>Frigaholda</i> einer Madrider Handschrift, die J. Grimm, Kleine
+Schriften 5, 416 ff. mit der Göttin in Verbindung brachte, vgl. jetzt
+dazu Kauffmann, Beiträge 18, 150 Anm., wonach <i>friga</i> vielleicht
+Schreibfehler einer Glosse <i>striga</i>, und besonders die nach Kuhn
+und Schwartz in norddeutschen Sagen noch vorhandenen Namen <i>frû
+Frîen</i>, <i>Vrëen</i>, <i>Fricke</i>, <i>Frëke</i> u.&#8239;s.&#8239;w., wogegen
+O. Knoop in Veckenstedts ZfVolkskunde 2, 449 ff. Verdächtig scheint
+auch der nordenglische Tanz mit Anrufung „der vornehmsten Riesen“,
+die sie Wodan und seine Frau Frigga nennen, was J. M. Kemble aus dem
+Mund eines „old Yorkshireman“ gehört haben will; vgl. J. Grimm, Myth.
+281. Altdeutsche Namen mit <i>frî</i>- (Förstemann, Namenbuch 2<sup>2</sup>,
+582 f.) stehen zum Adj. und dürfen nicht von der Göttin abgeleitet
+werden; der Name <i>Fricco</i> (Förstemann, Namenbuch 1, 419 f; 2<sup>2</sup>,
+584 ff.) samt seinen Ableitungen gehört zum Adj. <i>frech</i> im alten
+Sinne von kampfgierig, verwegen, kühn und hat mit der Göttin nichts
+zu thun. Offenbar ist neben altgerm. <i>freka</i>- eine Ableitung
+<i>frikkjan</i>- anzunehmen; vgl. afz. <i>frique</i>, neuprovenz.
+<i>fricaud</i>, munter, lebhaft. Weil Adam von Bremen für den
+nordischen Freyr den Namen <i>Fricco</i> gebraucht, haben J. Grimm,
+Myth. 278 ff. und nach ihm andere eine deutsche <i>Fricca</i>, der an.
+<i>Frigg</i>, bei Saxo latinisiert <i>Frigga</i>, gegenübergesetzt. Die
+neuere Lautgeschichte erweist diese Annahme als irrig, <i>Frigg</i>
+kann im Deutschen nur <i>Frîja</i>, <i>Frîa</i> heissen, unmöglich
+<i>Fricca</i>. Bei Adam liegt ein Versehen vor. Er wusste von Freyr,
+Freyja und Frigg, dazu war ihm der deutsche Name <i>Fricco</i>
+geläufig. Daraus kombinierte er das Verhältniss <i>Freyja</i>:
+<i>Freyr</i> = <i>Frigg</i>: <i>Fricco</i>. Fricco muss als eine
+Erfindung Adams betrachtet werden und darf nun und nimmermehr zum
+Ausgang sprachlicher und mythologischer Unmöglichkeiten dienen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_532_532" href="#FNanchor_532_532" class="label">[532]</a> Über Frigg vgl. Vǫl. 34; Lokas. 29; Gylfag. Kap. 9; 20;
+35; Frigg in der Baldrsage Gylfag. Kap. 49. Friggs Beziehung zur Ehe
+Gylfag. Kap. 35 (SE. 1, 116) und Vǫlsungasaga Kap. 1. Ihre Attribute,
+Truhe und Schuhe, sind aus Gylfag. Kap. 35 zu entnehmen, wo es von
+Fulla heisst: sie trägt Friggs Truhe und bewahrt ihr Schuhzeug. Im
+Eingang zum Grimnirlied heisst Fulla <i>eski-mær</i>, d.&#8239;h. Mädchen,
+welches die Truhe (<i>eski</i>) einer vornehmen Herrin in Verwahrung
+hat. Über die Bedeutung von Friggs Schuhen und Kästchen vgl. W.
+Müller, Geschichte und System der altdeutschen Religion S. 276 f.
+Wenn der Frigg SE. 1, 284 u. 304 ein Falkenhemd zugeschrieben wird,
+so liegt hier deutlich Verwechslung mit Freyja vor, nicht ältere
+Sagenüberlieferung, wonach auch Frigg mit dem Fluggewand begabt gewesen
+wäre; vgl. SE. 3, 2, 780 im Index.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_533_533" href="#FNanchor_533_533" class="label">[533]</a> Zur Erklärung des Namens Fensalir Bugge, Studien über
+die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen 214 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_534_534" href="#FNanchor_534_534" class="label">[534]</a> Saxo I S. 42 ff. <i>cujus conjunx Frigga, quo cultior
+progredi posset, ascitis fabris aurum statuae detrahendum curavit.
+quibus Othinus suspendio consumtis statuam in crepidine collacavit,
+quam etiam mira artis industria ad humanos tactus vocalem reddidit.
+at nihilominus Frigga, cultus sui nitorem divinis mariti honoribus
+anteponens, uni familiarium se stupro subjecit; cujus ingenio
+simulacrum demolita, aurum publicae superstitioni consecratum ad
+privati luxus instrumentum convertit.</i> Der Vorwurf der Buhlerei
+Friggs mit Vili und Vé begegnet in der Lokasenna 26 und in der
+Ynglingasaga Kap. 3. Odin war lange Zeit abwesend, die Asen erwarteten
+seine Rückkehr nicht mehr. Da teilten seine Brüder Vili und Vé sein
+Erbe und nahmen sein Weib Frigg miteinander. Kurz darauf kam Odin
+zurück und nahm sich wieder seine Frau. Zur Auslegung der Sage vgl.
+Müllenhoff, ZfdA. 30, 220.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_535_535" href="#FNanchor_535_535" class="label">[535]</a> Über den schwedischen Volksglauben vgl.
+Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne S. 236 f.; Rietz, svensk
+dialektlexicon 165; Friggjargras nach J. Grimm, Myth. 279, Jón
+Árnason, íslenzkar þjóðsögur 1, 646; nach Asbjörnsen, norske folke- og
+huldreeventyr 1, 201 u. 206 geht <i>Stor Frigg</i> mit elbischem Vieh.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_536_536" href="#FNanchor_536_536" class="label">[536]</a> Über die Göttinnen vgl. Snorre in Gylfag. Kap. 35;
+der Skald Kormak (937–967) nennt Sága, Hlín, Eir, Vár, Gná. Wie die
+Göttinnen nur die eine Hauptgöttin Frigg vervielfältigen, so die in den
+Fjǫlsvinnsmǫ́l 38 aufgezählten Jungfrauen ihre Herrin Menglod, in der
+ebenfalls Frigg sich verbirgt. Die hilfreichen Mädchen heissen Hlif
+(Beschützerin), Hlifthrasa (Schutz-?), Thiodwara (Volksbewahrerin),
+Bjort (die Glänzende), Bleik (die Weisse), Blid (die Freundliche),
+Frid (die Schöne), Aurboda (die Goldspenderin), Eir (die Pflegerin).
+Zu den Göttinnen im allgemeinen Uhland, Schriften 6, 139 ff. Die
+Handschriften der SE. 1, 116 u. 2, 274 unterscheiden zwischen Vár und
+Vǫr. Vgl. darüber Müllenhoff, ZfdA. 16, 152; Mogk, Beitr. 6, 529 ff.;
+Bugge, Aarböger f. nord. oldkyndighed 1875, S. 216 f.; Sijmons, Edda
+I, 1, 148 Anm. Sunna betrachtet Kauffmann, Beitr. 15, 209 als Gen. von
+Sunn = an. Syn; Eir vergleicht er (Beitr. 16, 201 ff.) den Alaisiagen,
+den Allhilfreichen; gegen Kauffmanns Gleichstellung von Sunna und Syn
+Gering, ZfdPh. 26, 149. Über Sinhtgunt Müllenhoff, Denkmäler 2<sup>3</sup>, 46;
+Bugge, Studien 297 f., wo eine Mondgöttin behauptet wird.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_537_537" href="#FNanchor_537_537" class="label">[537]</a> Über Freyja Gylfag. Kap. 24 u. 35; Grímn. 14;
+Ynglingasaga Kap. 4 u. 13. Freyjas Namen SE. 1, 304.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_538_538" href="#FNanchor_538_538" class="label">[538]</a> <i>Freyja</i> kennt die an. Sprache auch als
+Appellativum, so in <i>húsfreyja</i>, wofür auch das vielleicht aus
+dem Deutschen entlehnte <i>húsfrú</i> eintritt; für <i>frú</i> hat
+die ältere Sprache <i>frauva</i>, <i>froua</i>, <i>frúva</i>, vgl.
+Noreen, An. Gr.<sup>2</sup> § 340,1. Snorre betont den Zusammenhang: <i>af hennar
+nafni er þat tignarnafn, er ríkiskonur eru kallađar frúvor (frúr)</i>.
+<i>snyrtifreyja</i>, <i>fægifreyja</i> sind schwerlich eigentliche
+Wörter, vielmehr skaldische Umschreibungen für den Begriff Frau. Dem
+nordischen <i>Freyr</i> (urgerm. <i>fraujaȥ</i>) steht möglicherweise
+wegen der ags. und altdeutschen Namen <i>Fréaƕine</i>, <i>Frôƕin</i>
+ein <i>Fréa</i>, <i>Frô</i> (urgerm. <i>fraƕô</i>) gegenüber. Aber von
+einer deutschen <i>Frouƕa</i> ist keine Spur nachweisbar.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_539_539" href="#FNanchor_539_539" class="label">[539]</a> Der <i>kviđlingr</i> lautet in der ausführlichen
+Olafssaga Tryggvasonar Kap. 217:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>vil ek eigi gođ geyja&#8194;&#8195;grey þykki mér Freyja</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>æ mun annat tveggja&#8195;Óđinn grey eđa Freyja.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Ähnlich lautet der Vers in der Njálssaga Kap. 102. Ari in der
+Íslendingabók Kap. 7 und Kristnisaga Kap. 9 haben nur die erste
+Hälfte der Strophe, die Schelte auf Freyja, ohne Odin zu nennen.
+Zur Überlieferung Njála, Köbenhavn 1875–79, Bd. II, 504 ff.; Finnur
+Jónsson, Íslendingabók, Kaupmannahöfn 1887, S. XXXV.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_540_540" href="#FNanchor_540_540" class="label">[540]</a> Jüngere Olafssaga helga Kap. 101 f (Flateyjarbók 1,
+283); das gleiche Versehen in der Bósasaga Kap. 12, wo dem Thor, Odin
+und der Freyja (statt dem Freyr) Minne getrunken wird; vgl. Petersen,
+om nordboernes gudedyrkelse og gudetro S. 94. Man muss berücksichtigen,
+dass die spätere Bearbeitung der Olafssaga und die Bósasaga
+zeitlich mit den Skíðarímur (14. Jahrh.), wo Freyja Odins Weib ist,
+zusammenfallen. Das Versehen ist kein äusserliches, vielmehr war den
+Schreibern, welche Freyja statt Freyr den Hauptgöttern Thor und Odin
+zur Seite stellten, Freyja die wichtigste und höchste Asin, und durfte
+somit, wie früher ehestens Frigg, mit Odin zusammen genannt werden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_541_541" href="#FNanchor_541_541" class="label">[541]</a> Hálfssaga Kap. 1.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_542_542" href="#FNanchor_542_542" class="label">[542]</a> Egilssaga Kap. 81.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_543_543" href="#FNanchor_543_543" class="label">[543]</a> Der Sörlaþáttr in den Fornaldar sögur 1, 391 und in der
+Flateyjarbók 1, 275. Über Brísingamen Müllenhoff, ZfdA. 12, 304; über
+das Halsband in seiner Beziehung zu Freyja Müllenhoff, ZfdA. 30, 220 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_544_544" href="#FNanchor_544_544" class="label">[544]</a> <i>Brísinga men</i> gehört der altgerman. Sage
+an, im Béowulf 1199 ist mit „<i>brosinga mene</i>“, das zu einem
+reichen Hort gehört, offenbar dasselbe gemeint. An. <i>brísingar</i>
+bedeutet die Zusammenflechter, die kunstreichen Verfertiger und würde
+auf schmiedende Zwerge wol passen. Dass die Künstler nachmals zu
+Zwergen wurden, versteht sich daraus, dass die Zwerge im Besitz der
+Schmiedekunst sind. Dem Wortstamme verwandt ist mhd. <i>brîsen</i>,
+einfassen, schnüren.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_545_545" href="#FNanchor_545_545" class="label">[545]</a> Uhland, Schriften 6, 58; 154.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_546_546" href="#FNanchor_546_546" class="label">[546]</a> Bugge, Studien 11; in der im 6. Jahrh. verfassten
+Abhandlung <i>de origine idolorum</i> sagt der Bischof Martinus von
+Braga von der Venus: <i>etiam cum patre suo Jove et cum fratre suo
+Marte meretricata est</i>; Mai class. auct. 3, 382.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_547_547" href="#FNanchor_547_547" class="label">[547]</a> So Eilif Guðrúnarson SE. 1, 300.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_548_548" href="#FNanchor_548_548" class="label">[548]</a> Auf Freyjas Buhlerei gehen die Anspielungen Hyndl. 47 u.
+48. Über das Gedicht Finnur Jónsson, Litteraturshistorie 1, 195 ff. Die
+Entstehungszeit bestimmt Finnur auf 950–975. Den Schutz, welchen Freyja
+dem Ottar gewährt, betrachtet Hyndla als unerlaubtes Verhältniss.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_549_549" href="#FNanchor_549_549" class="label">[549]</a> Kögel, Indogerm. Forschungen 4, 313 erklärt
+<i>mardǫll</i> als die Hellglänzende, <i>mar-</i>, <i>mari-</i> im
+Sinne von glänzend (vgl. μαρμαίρω bei Fick, Vgl. Wörterbuch I<sup>4</sup> 515)
+begegnet in deutschen Frauennamen <i>Meridrûd</i>, <i>Meripurc</i>,
+<i>Merihilt</i>, <i>Merisƕind</i> u.&#8239;ä. In einem isländischen Märchen,
+das um 1700 aufgezeichnet wurde, heisst ein Mädchen <i>Mærþöll</i>;
+wenn sie weint, verwandeln sich ihre Thränen in Gold; vgl. Jón
+Árnason, Þjóðsögur og æfintýri íslenzkar 2, 424 f. Die goldene Thränen
+weinende Mærþöll (Mardǫll-Freyja) ist hier gelehrten Ursprungs, nicht
+nachwirkende echte Volkssage.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_550_550" href="#FNanchor_550_550" class="label">[550]</a> Zur Herkunft der fremden Züge in Freyjas Art Bugge,
+Christiania Morgenbladet vom 16. Aug. 1881; gefälscht ist die
+Geschichte von <i>Woud</i> und <i>Freid</i>, Schönwerth, Sagen u.
+Sitten aus der Oberpfalz 2, 312 ff., obwol J. Grimm, Kleinere Schriften
+5, 427 f. und danach M. Hirschfeld, Lokasenna 28 ff. sie für echt
+halten; weitere angebliche Freyjasagen s. bei Mannhardt, Germanische
+Mythen, Berlin 1858, S. 288 Anm. 1 u. 295, Anm. 5.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_551_551" href="#FNanchor_551_551" class="label">[551]</a> D.&#8239;h. das Gestein zerschmolz durch die Hitze zahlreicher
+Opferfeuer zu Glas; Ottar ist ein eifriger Opferer.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_552_552" href="#FNanchor_552_552" class="label">[552]</a> Über Gefjon Gylfag. Kap. 35; Lokas. 20, 21; Volsa-Þáttr,
+hrsg. von Guðbrandr Vigfússon in Nordiske oldskrifter 27, 133 ff. und
+Corpus poeticum boreale 2, 381 f.; die Bauerntochter beteuert: <i>þess
+sver ek viđ Gefjon ok viđ gođin önnor</i>. Über den Namen Gefjon
+Bugge, Beiträge 12, 417; er vergleicht die inschriftlichen <i>Junones
+Gabiae</i>, <i>matronis Gabiabus</i>, <i>Alagabiabus</i> (Kern, Revue
+celtique 2, 156) und stellt dazu got. gabei, Reichtum. Urverwandt sei
+<i>copia</i>. Gefjon wäre etwa einer <i>Copia</i> zur Seite zu setzen.
+Vgl. noch Much, ZfdA. 35, 316 f.; dagegen Kauffmann, Zeitschr. d.
+Vereins f. Volkskunde 1892, S. 42 Anm.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_553_553" href="#FNanchor_553_553" class="label">[553]</a> Dass <i>Gefn</i> mit ags. <i>geofon</i>, as.
+<i>geƀan</i>, „Meer“ zusammenhänge und auch Gefjon hierher gehöre
+(J. Grimm, Myth. 219), also etwa eine Seegöttin, eine Wanin (Noreen,
+Abriss der urgerm. Lautlehre, Strassburg 1894, S. 50 u. 53, Vaner „die
+Seegötter“) bedeute, behauptet auch Much, ZfdA. 35, 327. Die Beziehung
+ist zu unsicher, würde aber zu Freyja als der Schwester des Freyr
+passen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_554_554" href="#FNanchor_554_554" class="label">[554]</a> SE. 1, 312 u. 282; corpus 2, 15 u. 17; ebenda 67.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_555_555" href="#FNanchor_555_555" class="label">[555]</a> Gefjon als Pflügerin Gylfag. Kap. 1; Ynglingasaga Kap.
+5. Auf Grimms Etymologie gestützt, erklärt Weinhold (Riesen des germ.
+Mythus S. 241) die Gefjon als Meerriesin, die Mythe vom Landpflügen
+als die Erinnerung an eine furchtbare Sturmflut, die vom Norden
+hereinstürmend in unvordenklicher Zeit Seeland von der skandinavischen
+Halbinsel losriss.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_556_556" href="#FNanchor_556_556" class="label">[556]</a> Über Idun Gylfag. Kap. 26; Bragar. 2; Lokasenna 17. Der
+Skald Thjodolf in der Haustlǫng behandelt den Mythus vom Raube der
+Idun, SE. 1, 306–314. Über Iduns Benennungen unter den Skalden SE.
+1, 304. <i>Iđunn</i>, auch als Frauenname auf Island bezeugt (Arkiv
+f. nordisk filologi 5, 24 Anm.), bedeutet Erneuung, Verjüngung; der
+Name ist gebildet vom Präfix <i>iđ</i> iterum und vom in Frauennamen
+häufigen Suffix <i>-unn</i>, vgl. Uhland, Schriften 6, 69, Bugge,
+Arkiv 5, 24. Sie trägt ihn offenbar als Bewahrerin der Äpfel, die
+„<i>ellilyf</i>“, Heilmittel gegen Alter heissen. Über die Idunsage und
+ihre Deutung Uhland, Schriften 6, 69 ff. und Bugge, Arkiv för nordisk
+filologi 5, 1 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_557_557" href="#FNanchor_557_557" class="label">[557]</a> Zur Deutung der Fjǫlsvinnsmǫ́l vgl. Müllenhoff, ZfdA.
+30, 219.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_558_558" href="#FNanchor_558_558" class="label">[558]</a> ZfdA. 30, 217 ff. Die oben ausgehobenen Stellen ebenda
+S. 243 u. 259.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_559_559" href="#FNanchor_559_559" class="label">[559]</a> SE. 1, 304 heisst Freyja <i>eigandi fressa</i>, Eignerin
+der Katzen; SE. 1, 96 e<i>kr hón kǫttum tveim ok sitr í reiđ</i>; SE.
+1, 176 <i>Freyja reiđ kǫttum sinum</i>. Snorri versteht also unter
+„<i>fress</i>“ Kater, Katze, wie z.&#8239;B. auch Grágás II 192 <i>kattbelgir
+af gǫmlum fressum</i>. Unter den <i>heiti</i> für <i>bjǫrn</i>, Bär,
+steht <i>fress</i> SE. 1, 478 u. bei Kormak. Vgl. Sveinbjörn Egilsson,
+Lex. poet. 202.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_560_560" href="#FNanchor_560_560" class="label">[560]</a> Sohn der Jord heisst Thor Þrym. 1; Lokas. 58; beim Skald
+Ǫlvir SE. 1, 254; in der Haustlǫng SE. 1, 278. Über Jord als Odins Weib
+Gylfag. Kap. 9; nach Gylf. Kap. 10 und einer Strophe Hallfreds SE. 1,
+320 u. 460 ist sie die Tochter des Riesen Onar und der Riesin Nótt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_561_561" href="#FNanchor_561_561" class="label">[561]</a> Frigg heisst Lokas. 26 <i>Fjǫrgyns mǽr</i>, d.&#8239;h.
+Fjorgyns Geliebte, wie Freyja <i>Oþs mǽr</i>, Ods Geliebte ist; SE. 1,
+54 u. 304 ist der Ausdruck missverstanden, <i>mær</i> = <i>dóttir</i>
+gefasst, also Fjǫrgyns Tochter. Fjǫrgyn als Thors Mutter Vol. 56;
+Hárb. 56; SE. 1, 476; 585; Oddrúnargrátr 10 steht <i>á fjǫrgynju</i>
+= <i>á jǫrđu</i>. Zur Etymologie des Namens Hirt, Indogermanische
+Forschungen 1, 479 ff.; Kauffmann, Beiträge 18, 140; Noreen, Abriss
+der urgerm. Lautlehre S. 131. Von idg. <i>perqos</i> (<i>quercus</i>)
+abgeleitet sind kelt. <i>erkunia</i>, ἑρκύνιος δρυμός (Eichwald), got.
+<i>faírguni</i>, Berg, mhd. <i>Virgunnia</i> (Eichenwald, Name des
+Böhmerwaldes und Erzgebirges).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_562_562" href="#FNanchor_562_562" class="label">[562]</a> Den ags. Segen bei Grein-Wülker, Bibliothek der
+ags. Poesie, Bd. 1, 1883, S. 312 ff.; die Litteratur darüber bei
+Wülker, Grundriss zur Geschichte der ags. Litteratur, Leipzig 1885,
+S. 347 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 39
+ff.; <i>Erce</i> erklärt Kögel als eine Weiterbildung zum Grundwort
+<i>ero</i>, „Erde“ (über <i>ero</i> Kögel, Pauls Grundriss 2, 1, 196
+und Müllenhoff-Scherer, Denkmäler 2<sup>3</sup>, 3); es verhalte sich dazu wie
+<i>scinca</i>, „Schinken“ zu <i>scina</i>, „Beinschiene“, <i>zinko</i>,
+„Zacken“ zu <i>zinna</i>, <i>funcho</i>, „Funke“ zu got. <i>fôn</i>,
+<i>funins</i>, „Feuer“. Brynhilds Tagesgruss in den Sigrdrífumál 4.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_563_563" href="#FNanchor_563_563" class="label">[563]</a> Lex. myth. 401; zur obigen Deutung Weinhold, Die Riesen
+im germ. Mythus, Wien 1858, S. 60 ff. Kauffmann, Beiträge 18, 169 f.
+führt Rindr auf Vrindr, „die Göttin mit dem Zauberstab“ zurück und
+stellt sie der Hlodyn und Grid zur Seite; dagegen Rödiger, ZfdPh. 27, 6
+f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_564_564" href="#FNanchor_564_564" class="label">[564]</a> Über Nerthus wurde bereits unter Freyr (S. 219, Anm.
+2) das Notwendige mitgeteilt. Für die Bedeutung des Nerthusfestes
+vgl. Mannhardt, Wald- u. Feldkulte 1, 567 ff.; Kögel, Geschichte d.
+deutschen Litteratur I, 1, 21 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_565_565" href="#FNanchor_565_565" class="label">[565]</a> J. Grimm, Myth. 748, Nachträge 1225.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_566_566" href="#FNanchor_566_566" class="label">[566]</a> Annalen 1, 51; zur Feststellung der Lesart des Namens
+Müllenhoff, ZfdA. 9, 258; 23, 23.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_567_567" href="#FNanchor_567_567" class="label">[567]</a> Überliefert ist tāfanę, was in Tanfanae oder Tamfanae
+aufzulösen ist. Den Nasal erachten J. Grimm und Müllenhoff als
+infigiert, wie λαμβάνω zu λαβ-, τύμπανον zu τύπ-τω u.&#8239;ä.; sie
+deuten demnach, als ob <i>Taƀana</i> stünde. J. Grimm, Gesch. d.
+deutschen Spr. 232, 622, 828; Kleinere Schriften 5, 418 ff. rät
+auf eine germanische Göttin des Herdes und Feuers, Vesta, Ἑστία,
+skythisch <i>Tabiti</i>; die idg. Wurzel läge in <i>tepere</i>, aind.
+<i>tapas</i>, Hitze. Müllenhoff, ZfdA. 9, 258; 23, 23 ff. vergleicht
+an. <i>tafn</i>, „Opfertier“ und die idg. Wurzel <i>dap</i>, welche im
+lat. <i>daps</i>, <i>dapinare</i>, griech. δάπτω, δάπανος, δαψιλής,
+δέπας erscheint. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 19
+Anm. erinnert an isl. <i>þamb</i>, Schwellung, Fülle, <i>þǫmb</i>,
+Fülle, Gespanntheit; <i>þamba</i>, in vollen Zügen trinken; norweg.
+<i>temba</i>, füllen, stopfen; <i>temba</i>, grosse Mahlzeit. Dann
+meint des Tacitus Schreibung Tamfana eine germanische <i>Thamfana</i>,
+<i>þamƀana</i>. Immerhin ist Kögels Versuch besser als die andern,
+nachdem die Wurzel „<i>dap</i>“ sonst nirgends Nasalinfix aufweist.
+Unmöglich ist die Erklärung Jaekels, ZfdPh. 24, 306 ff., wonach Tamfana
+aus <i>Tamna</i>(zu Wurzel <i>dam</i>, δαμάω, <i>domare</i>) entstand
+und die alles bezwingende Todesgöttin bedeutet.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_568_568" href="#FNanchor_568_568" class="label">[568]</a> Tac. Ann. 4, 73 <i>apud lucum quem Baduhennae vocant</i>.
+Nach Müllenhoff, Schmids Zeitschr. f. Geschichtswissenschaft 8, 264
+und ZfdA. 9, 240 f. ist <i>h</i> Trennungszeichen und <i>Baduennae</i>
+zu lesen. Man denkt beim Suffix an kelt. <i>Arduenna</i>, Zeuss Gramm.
+celtica<sup>2</sup> 774. Siebs, ZfdPh. 24, 1 ff. erklärt <i>Baduhenna</i> als
+Beiname Wodans, der im Kampfe tötende Walvater; das ist abgesehen von
+anderm sprachlich unmöglich.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_569_569" href="#FNanchor_569_569" class="label">[569]</a> Vgl. v. Grienberger, Beiträge 19, 531 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_570_570" href="#FNanchor_570_570" class="label">[570]</a> Die Litteratur über den Stein wurde bereits im Abschnitt
+über Tiuȥ S. 204 Anm. 2 mitgeteilt. Zum oben Vorgetragenen Heinzel,
+Westd. Ztschr. 3, 292; Weinhold, ZfdPh. 21, 1 ff.; Kaufmann, Beiträge
+16, 201 ff.; Siebs, ZfdPh. 24, 434 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_571_571" href="#FNanchor_571_571" class="label">[571]</a> <i>Hlóþyn</i> begegnet Vǫl. 55; dass sie Widars, nicht
+Thors Mutter ist, zeigt Kauffmann, Beiträge 18, 136 ff.; <i>Hlóþyn</i>
+gleich Jord SE. 1, 474; in der Olafssaga Tryggvasonar Fms. 1, 123
+<i>hlóþyn markar</i>, terra silvae; in der Hervararsaga Fas. 1,
+469 <i>í hlóþynjar skaut</i>, in gremium terrae. Die wichtigsten
+Inschriften der <i>dea Hludana</i> sind die rheinischen von Birten und
+Iversheim (vgl. Brambach, Corpus inscriptionum rhenanarum 150; Bonner
+Jahrbücher 50, 184) und die friesische (W. Pleyte, in den Verslagen der
+kon. akad. letterkunde 3, 6, 58). Über die Göttin Sculo Thorlacius,
+<i>de Hludana</i>, <i>Germanorum gentilium dea</i>, Havniae 1782;
+Müllenhoff, Schmidts Ztschr. f. Geschichtswissenschaft 8, 264 Anm.;
+Jäkel, ZfdPh. 23, 129 ff.; Siebs, ZfdPh. 24, 457 ff.; Kauffmann, Beiträge
+18, 134 ff.; Rödiger, ZfdPh. 27, 3. Gegen Mogk, Grundriss 1, 1094
+Kauffmann a. a. O. 142. Bugge, Studien 19 u. 575 trennt Hlóðyn, die er
+aus Latona ableitet, von Hludana.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_572_572" href="#FNanchor_572_572" class="label">[572]</a> Wol nach Ovid, Metam. 1, 393: <i>magna parens terra est,
+lapides in corpore terrae ossa reor dici.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_573_573" href="#FNanchor_573_573" class="label">[573]</a> Germania Kap. 9 <i>pars Sueborum et Isidi sacrificat:
+unde causa et origo peregrino sacro, parum comperi, nisi quod signum
+ipsum in modum liburnae figuratum docet advectam religionem</i>. Zu
+Isis M. Haupt, Moriz von Craun S. 4; Kauffmann, Beiträge 16, 217 ff.
+Die von Aventinus (Chronik 1566 fol. 37) angedeutete, durch Simrock
+Myth.<sup>5</sup> 372 ff. aufgenommene Ansicht, der Name der deutschen Göttin,
+etwa <i>Îsa</i>, Avent. <i>fraƕ Eysen</i> (vgl. auch J. Grimm, Myth.
+244) habe Isis bei Tacitus hervorgerufen als den nächstliegenden,
+ähnlich klingenden Namen, bedarf keiner ernstlichen Widerlegung. Die
+Litteratur über die suevische Isis verzeichnet Drexler in Roschers
+Lexicon der griech. u. röm. Mythologie 2, 548 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_574_574" href="#FNanchor_574_574" class="label">[574]</a> Die Nehalenniadenkmäler mit Abbildungen bei L. J. F.
+Janssen, de romeinsche beelden en gedenksteenen van Zeeland. Middelburg
+1845; die rhein. Inschriften bei Brambach, Corpus inscriptionum
+rhenanarum Nr. 441 u. 442. Das Material verwerten neuerdings die
+Abhandlungen von Jäkel, ZfdPh. 24, 289 ff. und Kauffmann, Beiträge
+16, 211 ff. Die letztgenannte treffliche Arbeit ist für die oben
+vorgetragenen Ansichten maassgebend. Dem gegenüber hat Muchs
+Aufsatz, ZfdA. 35, 324 ff. wenig Bedeutung. Detter, ZfdA. 31, 208
+stellt Nehalennia zu νέκυς; das Grundwort <i>nehal</i> kehre in an.
+<i>njól</i>, die Nacht, wieder. Dagegen Noreen, An. Gr.<sup>2</sup> § 106a u.
+231; Abriss der urgerm. Lautlehre S. 14 u. 113, wonach <i>niól</i> aus
+<i>niƀol</i> abzuleiten ist.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_575_575" href="#FNanchor_575_575" class="label">[575]</a> A. a. O. 228 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_576_576" href="#FNanchor_576_576" class="label">[576]</a> Die Bräuche des Schiffsumzuges bei J. Grimm, Myth. 237
+ff.; 3, 86. Weiteres bei J. W. Wolff, Beiträge zur deutschen Mythologie
+1, 1852, 149 ff. Die Hauptstelle für die niederländische Umfahrt in des
+Abtes Rudolf († 1138) Klosterchronik von St. Trond, Buch 12, Kap. 11–14
+(MG Script. 10, S. 310 ff.).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_577_577" href="#FNanchor_577_577" class="label">[577]</a> Vgl. darüber Mannhardt, Wald- und Feldkulte 1, 553 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_578_578" href="#FNanchor_578_578" class="label">[578]</a> Dümmler, Rhein. Museum, N. F. 43, 355 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_579_579" href="#FNanchor_579_579" class="label">[579]</a> Das Schiff auf Rädern im Moriz von Craon gehört gewiss
+zum Carneval und hat mit dem german. Heidentum nichts zu schaffen. Vgl.
+E. Schröder, Zwei altdeutsche Rittermären, Berlin 1894, S. XXVIII; das
+niederrheinische Schiff mag ebendaher stammen. Seine mythologische
+Bedeutung wird mindestens sehr zweifelhaft.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_580_580" href="#FNanchor_580_580" class="label">[580]</a> Das gesamte Material bei Ihm, Der Mütter- und
+Matronenkult und seine Denkmäler, Bonner Jahrbücher des Vereins von
+Altertumsfreunden im Rheinlande, Heft 83, 1887, S. 1–200; Much, ZfdA.
+31, 354 ff. u. 35, 315 ff. germanische Matronennamen; Muchs Deutungen
+sind überaus unsicher, da sie nicht von den Ortsnamen ausgehen;
+Kauffmann, Der Matronenkultus in Germanien. Ztschr. d. Vereins f.
+Volkskunde, 1892, S. 24 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_581_581" href="#FNanchor_581_581" class="label">[581]</a> Zur <i>dea Sandraudiga</i> J. Grimm, Geschichte der
+deutschen Sprache 588; Grienberger, ZfdA. 35, 390.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_582_582" href="#FNanchor_582_582" class="label">[582]</a> Zu <i>dea Vercana</i> Much, ZfdA. 31, 357 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_583_583" href="#FNanchor_583_583" class="label">[583]</a> Zu <i>dea Vagdavercustis</i> Grienberger, ZfdA.
+35, 393 ff.; seine Erklärung, „die Lebenskraft wirkende“, die
+spendende Erdgöttin, ist sehr unsicher, zumal <i>vagda</i> = ahd.
+<i>kiuuegida</i>, „vegetamen“; man würde mindestens <i>*ƕagida</i>
+erwarten; ebenso die Ableitung <i>vercustis</i>, der zulieb ein
+unbelegtes <i>„ƕerkos“</i> behauptet wird. Von weiteren Göttinnen z.&#8239;B.
+<i>dea Garmangabis</i>, Grienberger, ZfdA. 38, 189 ff., wird hier
+besser geschwiegen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_584_584" href="#FNanchor_584_584" class="label">[584]</a> Widukind, Res gestae Saxonicae I, 23 MG. Script. 3, 428
+<i>ut a mimis declamaretur, ubi tantus ille infernus esset, qui tantam
+multitudinem caesorum capere posset</i>. Dass hinter <i>infernus</i>
+as. <i>hella</i> steht, meint J. Grimm, Myth. 761.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_585_585" href="#FNanchor_585_585" class="label">[585]</a> Die Höllenfahrt beschreiben Baldrs Draumar 2 u. 3;
+Gylfag. Kap. 49; Helreiþ Brynhildar.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_586_586" href="#FNanchor_586_586" class="label">[586]</a> Bugge, Studien 179 erklärt Garmr aus Kerberos verderbt.
+Noreen, An. Gramm.<sup>2</sup> § 248 fasst Garmr als Metathesis zu Gramr, der
+Grimmige.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_587_587" href="#FNanchor_587_587" class="label">[587]</a> Niflhel Baldrs. Dr. 2; Vafþr. 43; SE. 1, 136; Niflheim
+SE. 1, 38; 40; 68; 106; 136.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_588_588" href="#FNanchor_588_588" class="label">[588]</a> Baldrs Draumar 6, 7; Gylfag. K. 49 SE. 1, 178.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_589_589" href="#FNanchor_589_589" class="label">[589]</a> Die mittelalterlichen Christen meinten, die Leiber der
+Ungläubigen und Unbussfertigen müssten in der Hölle grausigem Gewürm
+zur Nahrung dienen. Den Angelsachsen ist die Hölle ein Schlangensaal
+(<i>ƕyrmsele</i>); vgl. Bugge, Studien über die Entstehung der
+nordischen Götter- und Heldensagen S. 482 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_590_590" href="#FNanchor_590_590" class="label">[590]</a> Über die Wanderung nach dem Tode und den eisigen,
+Schneiden mit sich führenden Höllenfluss vgl. Müllenhoff, Deutsche
+Altertumskunde 5, 113 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_591_591" href="#FNanchor_591_591" class="label">[591]</a> Egilssaga Kap. 45 <i>til hásalar Heljar helgengnir</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_592_592" href="#FNanchor_592_592" class="label">[592]</a> Die Schilderung der Hel Gylfag. Kap. 34; über die Sage,
+wie sie von Allvater hinunter nach Niflheim geschleudert wird, Bugge,
+Studien 511.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_593_593" href="#FNanchor_593_593" class="label">[593]</a> Gylfag. Kap. 51 SE. 1, 190 <i>þar er ok þá Loki kominn
+ok Hrymr, ok međ honum allir Hrímþursar, en Loka fylgja allir Heljar
+sinnar</i>. Danach bessert Bugge Str. 51 der Vǫl., was Sijmons annimmt:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><i>kjóll ferr norþan:&#8195;&#8195;koma mono Heljar</i></div>
+ <div class="verse indent0"><i>of lǫg lýþer, &#8195;&#8195;&#8195;&#8195;en Loke stýrer.</i></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Die Hss. haben <i>austan</i> statt <i>norþan</i>, <i>muspellz</i> statt
+<i>heljar</i>; aber SE. setzt die Lesart Bugges voraus.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_594_594" href="#FNanchor_594_594" class="label">[594]</a> Íslendinga sögur 2, 361 <i>an mér ǫlselja Heljar
+eplis</i>, die Frau gönnt mir Hels Äpfel, d.&#8239;h. will meinen Tod. Zur
+Stelle Sveinbjörn Egilsson, Lex. poet. 318. Deutsche Seitenstücke zur
+griechischen Mythe bei W. Müller, Niedersächsische Sagen S. 372 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_595_595" href="#FNanchor_595_595" class="label">[595]</a> Myth. 291; 3, 94. Unter den vielen Sagen von
+verwünschten Jungfrauen, die Panzer, Beitrag z. deutschen Myth. 1,
+München 1848, behandelt, kommt auch einmal eine schwarz und weiss
+gefärbte Jungfrau, vom Volk die <i>Held</i> genannt, vor; daraus eine
+germanische Halja zu erschliessen, wie es seit Panzer beliebt, ist
+nicht zu billigen. Die Sagen fallen ins Bereich des Gespensterglaubens,
+in den die höllische Verdammniss oft hereinspielt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_596_596" href="#FNanchor_596_596" class="label">[596]</a> <i>Rán</i> bedeutet Raub. Über die Ran vgl. SE. 1,
+338; Reginsmǫ́l Prosaeingang; Helgakv. Hj. 18; Helg. Hund. I, 31;
+die Strophe des Ref, SE. 1, 326; Fóstbrœðrasaga älterer Text Kap.
+4, jüngerer Text Kap. 6; Friðþjofssaga Kap. 6; Eyrbyggjasaga Kap.
+54; Sneglu-Halla þáttr (Fornmannasögur 6, 376); Egill im Sonartorrek
+7. Thjodolf in der Haustlǫng nennt Ran, indem er das Meer als
+<i>Rán-himinn</i> bezeichnet. Das Netz der Ran führt Bugge, Studien
+20 f. auf das Netz der Aranea zurück; <i>Aranea casses in alto
+suspendit</i> sei missverstanden, <i>in alto</i> als in der Meerestiefe
+gefasst worden. Übrigens hat nach Kuhns märk. Sagen, S. 374, der
+Wassermann auch ein Netz, und der Vita Sulpicii († 614) zufolge wird in
+einem Wasserstrudel von Geistern mit Stricken den Menschen nachgestellt
+(<i>repente funibus daemoniacis circumplexus amittebat crudeliter
+vitam</i>); vgl. W. Müller, System der altdeutschen Religion S. 375
+Anm. 4.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_597_597" href="#FNanchor_597_597" class="label">[597]</a> Eyrbyggjasaga Kap. 11.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_598_598" href="#FNanchor_598_598" class="label">[598]</a> Vgl. oben S. 238 ff.; Detter, Beiträge 18, 76 ff. sucht
+Spuren des Skaðimythus in andern Sagen nachzuweisen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_599_599" href="#FNanchor_599_599" class="label">[599]</a> So Müllenhoff, ZfdA. 23, 117.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_600_600" href="#FNanchor_600_600" class="label">[600]</a> Dass Skadi eine Vertreterin der Finnen und Lappen, der
+vorgermanischen Bevölkerung des Nordens sei, behaupten W. Müller,
+Zur Mythologie der griechischen und deutschen Heldensage S. 101
+und Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 2, 55 ff.; über den Namen
+Skandinavia Müllenhoff, a. a. O. 357 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_601_601" href="#FNanchor_601_601" class="label">[601]</a> Über Thorgerd Hölgabrúðr, die in späterer Verderbniss
+auch als <i>Hörđabrúđr</i>, <i>höldabrúđr</i>, <i>hörgabrúđr</i>
+erscheint, vgl. G. Storm, Arkiv for nordisk filologi 2, 124 ff.;
+Detter, ZfdA. 32, 394 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_602_602" href="#FNanchor_602_602" class="label">[602]</a> Belege sammelt Uhland, Schriften 6, 403.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_603_603" href="#FNanchor_603_603" class="label">[603]</a> In der Jómsvíkinga saga Kap. 44 (Fornmannasögur 11, 134
+ff.).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_604_604" href="#FNanchor_604_604" class="label">[604]</a> Þáttr Þorleifs jarlaskálds, Flateyjarbók 1, 213.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_605_605" href="#FNanchor_605_605" class="label">[605]</a> B. G. 6, 21 <i>deorum numero eos solos ducunt, quos
+cernunt et quorum aperte opibus iuvantur, Solem et Vulcanum et Lunam,
+reliquos ne fama quidem acceperunt</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_606_606" href="#FNanchor_606_606" class="label">[606]</a> J. Grimm, Myth. 666 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_607_607" href="#FNanchor_607_607" class="label">[607]</a> Über Sol und die Sonnenpferde Vafþr. 23, 47; Grimn.
+37; Sigrdr. 15; Gylfag. Kap. 11 u. 12. Vgl, E. H. Meyer, Die eddische
+Kosmogonie S. 105 f.; Mythologie 293 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_608_608" href="#FNanchor_608_608" class="label">[608]</a> Aind. <i>usrâ</i>, lit. <i>auszrà</i>, „Morgenröte“,
+kehrt im german. Stamm <i>austra-</i>, „Osten“, wieder; vgl.
+<i>Ôstrogotha</i>; <i>Austro-</i>, <i>Austar-</i> in Eigennamen; an.
+<i>austr</i>, as. ahd. <i>ôstar</i>, „ostwärts“, dazu <i>ôstrun</i>,
+ags. <i>éastro</i>, „Ostern“. Vgl. Brugmann, Grundriss 2, 185; Noreen,
+Abriss der urgerm. Lautlehre 167; Kluge, Etym. Wb. unter Osten und
+Ostern.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_609_609" href="#FNanchor_609_609" class="label">[609]</a> Bäda <i>de tempor. rat.</i> cap. 13 <i>eosturmonath
+qui nunc pascalis mensis interpretatur, quondam a dea illorum, quae
+Eostre vocabatur et cui in illo festa celebrabant, a cuius nomine nunc
+paschale tempus cognominant, consueto antiquae observationis vocabulo
+gaudia novae solemnitatis vocantes.</i> — <i>Hredmônath</i> (März)
+<i>a dea illorum Hreda cui in illo mense sacrificabant, nominatur</i>.
+Diese angeblichen Göttinnen sind von Bäda erfunden und haben so
+wenig Gewähr als die ndl. <i>Leva</i>, nach der <i>leumaent</i>,
+<i>laumaent</i>, der Laubmond, heissen soll. Wir haben auch nicht
+persönlich gewordene, vom Volk geglaubte Monate zu denken wie im isl.
+<i>Þorri</i>, <i>Gói</i>, <i>Einmanuđr</i>, <i>Harpa</i>, in der
+rheinfränkisch-märkischen <i>Sporkele</i>, <i>Spurkele</i> (Februar).
+Vgl. Weinhold, Die deutschen Monatsnamen, Halle 1869 im alphabetischen
+Verzeichniss der germanischen Namen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_610_610" href="#FNanchor_610_610" class="label">[610]</a> Ricen vermutet J. Grimm, Myth. 268 Anm. †; dagegen
+Sievers, Beiträge 16, 366 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_611_611" href="#FNanchor_611_611" class="label">[611]</a> Zisa ist von den Gelehrten im Mittelalter aus dem
+Namen Augsburgs Cisburg oder aus dem Cisatag (*<i>sisetag</i> =
+<i>kartag</i>, Tag der Totenklage) gefolgert; vgl. Bachlechner, ZfdA.
+8, 587 f.; Laistner, Würtemb. Vierteljahrshefte f. Landesgeschichte,
+Neue Folge; 1892, S. 5. Vgl. oben S. 205.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_612_612" href="#FNanchor_612_612" class="label">[612]</a> So z.&#8239;B. die Frie und Fricke, der „<i>vergodendel</i>“,
+als Teil des <i>frô Wodan</i>, wogegen Knoop, Ztschr. f. Volkskunde 2,
+449 ff. u. 3, 41 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_613_613" href="#FNanchor_613_613" class="label">[613]</a> Walahfrid Strabo in einem lat. Gedicht im 8. Jahrh.
+erwähnt <i>Hulda</i>, weshalb J. Grimm, Myth. 3, 87 die Holda schon in
+die ahd. Zeit verlegt. Aber es ist gar nicht die angebliche deutsche
+Göttin gemeint, vielmehr die <i>biblische Wahrsagerin Hulda</i>, vgl.
+Müllenhoff, ZfdA. 12, 404; Schmeller, B. W. 1<sup>2</sup>, 1084; E. H. Meyer,
+Myth. 273; Kauffmann, Beiträge 18, 146. Ebensowenig hält die von J.
+Grimm, Myth. 245 und ebenda 3, 407, Kl. Schriften 5, 416 ff. aus
+Handschriften des Burchard von Worms († 1024) entnommene <i>Holda</i>
+oder <i>Frigaholda</i> stand; vgl. Kauffmann, Beiträge 18, 145 ff. Die
+Hauptquellen für die Holdasagen des 17. Jahrh. bilden die Schriften des
+Prätorius, ausgeschöpft von den Brüdern Grimm in den Deutschen Sagen 1,
+Nr. 4–8; weiteres Myth. 246 ff., 3, 87 f.; Mannhardt, German. Mythen
+255 ff. Ortsnamen wie Frau Hollenteich, Frau Hollenberg u.&#8239;dgl. stammen
+ursprünglich wol von den „<i>hollen</i>“ und sind erst dort auf „Frau
+Holle“ bezogen worden, wo diese umging. Das Hollenloch in Kuhns Sagen
+aus Westfalen 1, 193 zeigt einen solchen Ortsnamen in ursprünglicher
+Bedeutung; Hollenloch ist die Elben-, Zwergenhöhle. Die isländ.
+Bezeichnung <i>huldufólk</i>, <i>huldumađur</i>, <i>huldukona</i>, die
+norweg. <i>huldrefolk</i>, wozu die norweg. Waldfrau <i>Hulla</i>,
+<i>Huldra</i>, <i>Huldre</i>, die isl. Hexe <i>Huld</i> gehören, darf
+man nicht derart zu den deutschen Hollen und Frau Holle stellen, als
+handelte es sich um eine gemeingerm. Anschauung. Ausgangspunkt für die
+nordischen Elbennamen bildet an. <i>hulda</i> „Decke“, verwandt mit
+ahd. <i>hulid</i>, ags. <i>hulu</i> „Hülle“ vgl. Noreen, Abriss der
+urgerm. Lautlehre S. 171. Es sind die verhüllten d.&#8239;h. mit Tarnkappen
+unsichtbaren Elbe gemeint. Gleichwie Holle einzeln aus den Hollen ragt,
+hebt sich dann allerdings auch im neunorweg. Volksglauben Huldra aus
+den Huldren.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_614_614" href="#FNanchor_614_614" class="label">[614]</a> Die Berchtasagen gibt Börner, Volkssagen aus dem
+Orlagau, Altenburg 1838, S. 153 u.&#8239;ö. Das Übrige bei Grimm, Myth. 250
+ff.; 3, 88 ff.; Schmeller, B. Wb. 1<sup>2</sup>, 269 ff.; Zingerle, ZfdM. 3, 203
+ff. Auch Müllenhoff, ZfdA. 30, 240 stellt die Gleichung <i>Berhta</i>:
+<i>berhten naht</i> = <i>Befana</i>: <i>epiphania</i> auf.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_615_615" href="#FNanchor_615_615" class="label">[615]</a> Sagen vom Fronfastenweib Stöber in der Alsatia 1852,
+145; 1856/7, 134. Über die Personifikation von Kalendertagen und Festen
+überhaupt vgl. Mannhardt, Wald- und Feldkulte 2, 184 Anm. 2.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_616_616" href="#FNanchor_616_616" class="label">[616]</a> Stempe und Trempe bei Grimm, Myth. 255 f.; 3, 90. <i>Daȥ
+mære von der Stempen</i> oder <i>von Berchten mit der langen nas</i> in
+Haupts Altdeutschen Blättern 1, 105 und v. d. Hagens Gesamtabenteuern
+Nr. LIV.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_617_617" href="#FNanchor_617_617" class="label">[617]</a> Fru Freke nach Eccard de orig. Germanorum 1750, p.
+398; J. Grimm, Myth. 281. Kuhn und Schwartz stellen de Fuik, Fui (den
+Teufel) und erfundene Namen wie Frîe, Frê, Frick zu Freke, wogegen
+Knoop, Ztschr. f. Volkskunde 2, 449 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_618_618" href="#FNanchor_618_618" class="label">[618]</a> Über Frau Harke Knoop, Ztschr. f. Volkskunde 4, 81 ff.
+Eine „Frau Hacke“, die etwa mit der Harke zusammenhängen könnte, aus
+einem Liede Hartmanns von Aue schon fürs 13. Jahrh. zu entnehmen, wie
+A. Höfer, Germania 15, 411 ff. versucht, bedarf keiner ernstlichen
+Zurückweisung mehr.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_619_619" href="#FNanchor_619_619" class="label">[619]</a> Über Frau Gode nach dieser Seite Kuhn und Schwartz,
+Norddeutsche Sagen S. 413; Bartsch, Sagen aus Mecklenburg 1, 23 f. Zum
+Wesen der Frau vgl. Knoop, am Urquell 5, 9 ff; 45 ff.; 69 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_620_620" href="#FNanchor_620_620" class="label">[620]</a> J. Grimm, Myth. 251 Anm.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_621_621" href="#FNanchor_621_621" class="label">[621]</a> J. Grimm a. a. O.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_622_622" href="#FNanchor_622_622" class="label">[622]</a> Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne 236 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_623_623" href="#FNanchor_623_623" class="label">[623]</a> Die Sagen von Herodias und Diana bei J. Grimm, Myth.
+260 ff.; Schmeller, B. Wb. 1<sup>2</sup>, 270. Herodias soll nach dem in den
+Niederlanden um 1100 verfassten Gedicht Reinardus späterhin Pharaildis
+geheissen haben. Faro, Faramann, Faraburg sind german. Namen mit
+demselben Stammwort, Pharaildis ist Farahild. Die mit Fara gebildeten
+Namen zählt Henning, ZfdA. 36, 325 auf. Willkürlich deutet J. Grimm den
+Namen zu mnl. Verelde = Frau Hilde, Holde um.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_624_624" href="#FNanchor_624_624" class="label">[624]</a> Kaufmann, Beiträge 18, 150.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_625_625" href="#FNanchor_625_625" class="label">[625]</a> Wolff, Beiträge zur deutschen Mythologie 1, 163 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_626_626" href="#FNanchor_626_626" class="label">[626]</a> Mannhardt, German. Mythen 256. Panzer, Beitrag zur
+deutschen Mythologie 2, 1855, 13 f. verzeichnet eine Mariensage, welche
+an die bekannte Geschichte vom Thränenkrüglein (Börner, Sagen aus
+dem Orlagau 142 f.) erinnert. Man darf Kindern, die zu Marias Schar
+verstarben, nicht nachweinen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_627_627" href="#FNanchor_627_627" class="label">[627]</a> Von dem plötzlichen Schneefalle sagt Ludwig nach
+Pomarius: <i>dit is tomalen hilde snee</i>. Der Verf. sucht ein
+Wortspiel: Hildesheim sei nach Hildesnee (plötzlichem Schnee) genannt;
+im Nds. bedeutet <i>hilde</i>, <i>hille</i> rasch, plötzlich. Es ist
+überkühn, mit J. Grimm, Myth. 246, Simrock, Myth.<sup>5</sup> 368 an den Schnee
+der Frau Hilde (Verelde, Pharaildis) und Frau Holda zu denken und
+darauf hin die Schneesage der german. Göttin zu überweisen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_628_628" href="#FNanchor_628_628" class="label">[628]</a> Wie Grimm, Myth. 3, 87 f. nach Gegenbach anmerkt, heisst
+es auch im Elsass beim Schneefall: <i>d’ engele hans bed gemacht, d’
+fedre fliege runder</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_629_629" href="#FNanchor_629_629" class="label">[629]</a> Knoop, Am Urquell 5, 9 ff.; 45 ff.; 69 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_630_630" href="#FNanchor_630_630" class="label">[630]</a> Mannus ist zum eranisch-indischen Manu zu stellen, über
+welchen Spiegel, Die arische Periode und ihre Zustände, Leipzig 1887,
+S. 271 ff. nachzulesen ist.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_631_631" href="#FNanchor_631_631" class="label">[631]</a> Über die Anthropogonie der Germanen vgl. Wackernagel,
+ZfdA. 6, 15 ff.; Müllenhoff, Schmidts allgemeine Zeitschrift f.
+Geschichtswissenschaft 8, 209 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen
+Litteratur I, 1, 12 ff.; Kögels Zusammenstellung von Buri, Bur mit
+Mannus a. a. O. 16 kann ich nicht billigen; die von ihm behauptete
+Gleichheit der Genealogie des Tacitus und der nordischen Berichte
+scheint mir gezwungen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_632_632" href="#FNanchor_632_632" class="label">[632]</a> ZfdPh. 25, 401 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen
+Litteratur I, 1, 32 ff. Die wichtigsten Sätze aus Daniels Brief an
+Bonifacius (Jaffé, <i>Monumenta Moguntina</i> 71 ff.) sind folgende:
+<i>Neque enim contraria eis de ipsorum quamvis falsorum deorum
+genealogia astruere debes .... secundum eorum opinionem. quoslibet ab
+aliis generatos per conplexum mariti ac femine concede eos asserere;
+ut saltim modo hominum natos deos ac deas homines potius, non deos
+fuisse, et cepisse, qui ante non erant, probes. cum vero, initium
+habere deos, utpote alios ab aliis generatos, coacti didicerint,
+item interrogandi: utrum initium habere hunc mundum an sine initio
+semper exstitisse arbitrentur. si initium habuit, quis hunc creavit?
+cum procul dubio ante constitutionem saeculi nullatenus genitis diis
+inveniunt subsistendi vel habitandi locum. mundum enim non hunc
+visibilem tantum, caelum et terram, sed cuncta etiam extensa locorum
+spatia — quae ipsi quoque pagani suis imaginare cogitationibus possunt
+— dico. quodsi sine initio semper exstitisse mundum contenderint —
+quod multis refutare ac convincere documentis argumentisque stude —
+tamen altercantes interroga: quis ante natos deos mundo imperaret? quis
+regeret? quo modo autem suo subdere dominatui vel sui juris facere
+mundum, ante se semper subsistentem, potuerunt? unde autem vel a quo
+vel quando substitutus aut genitus primus deus vel dea fuerat? vel si
+jam non generant, quando vel cur cessaverunt a concubitu et partu;
+si autem adhuc generant, infinitus jam deorum effectus numerus est.
+et quis tam inter tot tantosque potentior sit, incertum mortalibus
+est; et valde cavendum, ne in potentiorem quis offendat. utrum
+autem pro temporali ac praesenti, an potius pro aeterna et futura
+beatudine colendi di sint, arbitrantur? si pro temporali, in quo jam
+feliciores pagani christianis sunt, dicant. quid autem se suis conferre
+sacrificiis lucri diis suspicantur pagani, cuncta sub potestate
+habentibus? vel cur, in potestate sibi subjectorum fieri, permittunt
+ipsi dii, quod ipsis tribuant? si talibus indigent, cur non ipsi
+magis potiora elegerunt? si autem non indigent, superflue jam talibus
+hostiarum conlationibus placare se passe deos pulant. haec et similia
+multa alia, quae nunc enumerare longum est, non quasi insultando vel
+inritando eos, sed placide ac magna obicere moderatione debes. et per
+intervalla nostris, id est christianis, hujuscemodi conparandae sunt
+dogmatibus superstitiones, et quasi e latere tangendae; quatenus magis
+confuse quam exasperate pagani erubescant pro tam absurdis opinionibus
+et ne, nos latere ipsorum ritus ac fabulas, estiment. hoc quoque
+inferendum: si omnipotentes sunt dii et benefici et justi, non solum
+suos remunerant cultores, verum etiam puniunt contemptores, et si haec
+utraque temporaliter faciunt, cur ergo parcunt christianis, totum pene
+orbem ab eorum cultura avertentibus idolaque evertentibus? et cum ipsi,
+id est christiani, fertiles terras vinique et olei feraces ceterisque
+opibus habundantes possident provincias, ipsis autem, id est paganis,
+frigore semper rigentes terras cum eorum diis reliquerunt; in quibus,
+jam tamen toto orbe pulsi, falso regnare putantur.</i> — — —</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_633_633" href="#FNanchor_633_633" class="label">[633]</a> Über das Wessobrunner Gebet vgl. Müllenhoff u. Scherer,
+Denkmäler II, 1 ff., wo natürlich heidnische Herkunft behauptet
+wird; ebenso Müllenhoff, Altertumskunde 5, 15 u. 68; auch Kögel,
+Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 271 findet das Bild von der
+Weltschöpfung „heidnisch untermalt“; dagegen vertritt Kelle, Geschichte
+der deutschen Litteratur, Berlin 1892, S. 75 ff. die oben vorgetragene
+Ansicht, dass nicht kosmogonische Vorstellungen des Heidentums, sondern
+alttestamentliche Ideen den Inhalt des Gedichtes bilden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_634_634" href="#FNanchor_634_634" class="label">[634]</a> Die Sagen über die letzte Weltschlacht sammelt und
+deutet zuerst J. Grimm, Myth. 908 ff.; dazu Müllenhoff, Sagen aus
+Schleswig, Holstein und Lauenburg S. L u. 378 ff.; Kuhn und Schwartz,
+Norddeutsche Sagen S. 495 ff.; Sagen aus Westfalen 1, 204 ff.; Simrock,
+Mythologie S. 148 ff. und andere mehr. Über die Zubehör zur deutschen
+Kaisersage vgl. G. Voigt, Sybels historische Zeitschrift 26, 131 ff.;
+J. Häussner, Die deutsche Kaisersage, Bruchsal 1882; J. Häussner,
+Unsere Kaisersage, Berlin 1884.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_635_635" href="#FNanchor_635_635" class="label">[635]</a> Jüngere Olafssaga Kap. 201 ff.; vgl. E. H. Meyer,
+Kosmogonie 16 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_636_636" href="#FNanchor_636_636" class="label">[636]</a> Über solche ernste Heidengemüter vgl. Munch, det norske
+folks historie I, 2, 272, 279; Maurer, Bekehrung 2, 253 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_637_637" href="#FNanchor_637_637" class="label">[637]</a> <i>ginnunga gap</i> erscheint gleichsam umgekehrt in
+<i>gapanda gin</i>, gähnender Rachen in der Flateyjarbók 1, 530.
+<i>gap</i> steht zu <i>gapa</i>, gaffen, gähnen. <i>ginnung</i> ist
+abgeleitet vom Adj. <i>*ginnr</i> (ags. <i>ginn</i>, weit, geräumig;
+vgl. auch das an. ags. mhd. Substantiv <i>gin</i>, der Rachen). Über
+die weitere Geschichte dieses Wortstammes vgl. Mogk, Beiträge 8,
+153 ff.; Mogks frühere Schlussfolgerung, <i>ginnunga</i> sei Gen.
+sing, zu <i>Ginnungi</i>, dem persönlich gedachten Chaos, zu welcher
+im Griechischen und Nordischen vorliegenden Vorstellung bereits
+die Indogermanen sich bekannt hätten, ist hinfällig. Besteht ein
+Zusammenhang zwischen dem persönlichen Chaos, dem Riesen Abyssus der
+christlichen Mythologie, über welchen Meyer, Völuspa 57, Eddische
+Kosmogonie 74 nachzulesen ist, und Ymir, so beruht er auf später
+Entlehnung und Nachahmung, nicht auf Urverwandtschaft, <i>ginnunga
+gap</i>, von Adam v. Bremen 4, Kap. 38 mit <i>immane abyssi
+baratrum</i> wiedergegeben, erscheint auch in der Geographie der alten
+Nordleute. Die Norweger versetzten es in den Norden, die Isländer in
+die Gegend zwischen Winland und Grönland. Vgl. G. Storm, Arkiv f. nord.
+filologi 6, 340 ff. Im Mhd. wird <i>ginunge</i> von der Hölle gesagt:
+<i>diu helle heiȥit ouch barathrum daȥ kît sƕarziu ginunge ƕan sie
+ginit biȥ an den jungisten tac</i> (Benecke-Müller, Mhd. Wb. 1, 527).
+Dahin gehört wol auch nds. <i>ovelgünne</i>, ein Ausdruck für Hölle im
+Sinne von Übelloch; vgl. J. Grimm. Myth. 953; Schiller-Lübben, Mnds.
+Wb. 3, 248.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_638_638" href="#FNanchor_638_638" class="label">[638]</a> Man vgl. Stellen wie Servius zu Ecl. 6, 31 ff.:
+<i>variae sunt philosophorum opiniones de rerum origine. nam alii
+dicunt omnia ex igni procreari ut Anaxagoras. alii ex humore ut Thales
+Milesius: unde est, Oceanumque patrem rerum. alii ex quattuor elementis
+ut Empedocles, secundum quem ait Lucretius: ex imbri, terra, atque
+anima nascuntur et igni. Epicurei vero nihil horum comprobant, sed
+dicunt duo esse rerum principia, corpus et inane.... et corpus esse
+volunt atomos ... inane vero dicunt spatium in quo sunt atomi. de his
+itaque duobus principiis volunt ista quattuor procreari, ignem, aerem,
+aquam, terram: ex his caetera....</i> Dass das Chaos als leerer Raum,
+gähnender Schlund gefasst wird, mag im Bedeutungswandel des Wortes
+liegen; im späteren Latein wird Chaos im Sinne von chasma, hiatus
+gebraucht, Belege bei Forcellini, totius latinitatis lexicon Bd. 2;
+Lucas 16, 26 überträgt die Vulgata χάσμα μέγα mit chaos magnum. Die
+nordische Kosmogonie übersetzt solche naturphilosophische antike
+Anschauungen auf die heimische Naturumgebung, vielleicht im Anschluss
+an ältere Sagen, die wissenschaftlich gerechtfertigt werden sollen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_639_639" href="#FNanchor_639_639" class="label">[639]</a> Im nord. Texte steht <i>lùđr</i>, was nach Fritzner,
+Ordbog II<sup>2</sup> 567 f. einen ausgehöhlten Baumstamm, einen Trog, der zur
+Wiege wie zum Fahrzeug dienen konnte, bedeutet, wie lat. <i>alveus</i>
+und <i>scapha</i>. Auch Deukalion und Pyrrha werden in keinem
+gewöhnlichen Schiffe, sondern in einer <i>Lade</i> (λάρναξ) gerettet,
+Noah in der <i>arca</i>. Die Übereinstimmung, dass auch in der
+nordischen Sinflut kein gewöhnliches Schiff vorkommt, ist schwerlich
+zufällig.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_640_640" href="#FNanchor_640_640" class="label">[640]</a> Eine Übersicht der hierher gehörigen Sagen gewährt R.
+Andree, Die Flutsagen, Braunschweig 1891; S. 44 werden berechtigte
+Zweifel an der Ursprünglichkeit der Eddasage ausgesprochen, S. 140
+steht sie aber, allerdings mit einem Fragezeichen, unter den „echten“,
+d.&#8239;h. selbständig aufgekommenen Flutsagen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_641_641" href="#FNanchor_641_641" class="label">[641]</a> Grímn. 40, 41; Vafþr. 21; Gylfag. Kap. 7; zur
+Erschaffung Adams aus acht Teilen J. Grimm, Myth. 531 ff.;
+Müllenhoff-Scherer, Denkmäler<sup>3</sup> 2, 171; E. H. Meyer, Völuspa 36, 61;
+Kosmogonie S. 77 ff.; Myth. 146; zur Frage überhaupt R. M. Meyer, ZfdA.
+37, 1 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_642_642" href="#FNanchor_642_642" class="label">[642]</a> Nach Gylfaginning Kap. 9 befindet sich die Asenburg
+in der Mitte der Welt, <i>í miđjum heimi</i>, und vom Hochsitz
+Hlidskjalf aus übersieht man alle Welten. Somit herrscht allerdings die
+Anschauung, die Weinhold, Altnordisches Leben S. 358 also bestimmt:
+„Die Erde zerlegten die Nordländer in drei Teile: am Meeresstrande
+waren Aussengart (<i>útigarđr</i>) oder die Riesenwelt; von ihm durch
+eine Landwehr burgartig geschieden Mittelgart (<i>miđgarđr</i>) oder
+das Land der Menschen, und als kleinster der drei concentrischen Ringe
+Asgard, die Burg der Götter. Darüber ist das Himmelszelt an vier Enden
+geknüpft.“ So mag sich das Weltbild in den Augen Snorris und aller
+Euhemeristen ausnehmen, welche Asgard wol als hohen in den Himmel
+ragenden Berg auf die Erde verlegen. Der alte Heidenglaube aber dachte
+die Asen im Himmel wohnend und damit fallen die drei concentrischen
+Kreise.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_643_643" href="#FNanchor_643_643" class="label">[643]</a> Jǫtonheimr Vǫl. 48; Jǫtonheimar in SE. 1, 30, 54, 62
+u.&#8239;ö.; Alfheimr Grímn. 5, SE. I, 78; selten begegnen Vanaheimar S. I,
+92 und Svartálfaheimr SE. I, 108, 352.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_644_644" href="#FNanchor_644_644" class="label">[644]</a> Über Niflheim vgl. den Abschnitt Hel. Niflhel steht
+Baldrs Dr. 2, Vafþr. 43. Ebenda sagt der Riese: ich fuhr nieder nach
+Niflhel, wohin die Leute aus der Hölle versterben; ähnlich Gylfag. Kap.
+3 böse Menschen fahren zur Hel und von da nach Niflhel (Niflheim in der
+Handschrift U).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_645_645" href="#FNanchor_645_645" class="label">[645]</a> Die neun Heime oder Himmel SE. I, 592, II, 485 sind
+keiner Überlieferung gemäss, nur Skaldengelehrsamkeit des 12. Jahrh.
+Die Versuche neuerer Mythologen, die neun Welten herzustellen, z.&#8239;B. W.
+Müllers, Altd. Religion S. 155 f.; Weinholds, Altnord. Leben S. 359; R.
+Keysers, samlede afhandlinger 273; Simrocks, Myth. 43 f. werden ebenso
+zu Schanden. Vgl. auch Gering, Edda S. 66 Anm. 1.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_646_646" href="#FNanchor_646_646" class="label">[646]</a> Über typische Anwendung der Neunzahl vgl. J. Grimm,
+Rechtsaltertümer 215 f. Die Möglichkeit, dass christliche Vorstellungen
+von neun Himmeln und Höllen hereinspielen, vgl. E. H. Meyer, Völuspa
+44 ff., Myth. 173 u. 191, will ich nicht in Abrede stellen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_647_647" href="#FNanchor_647_647" class="label">[647]</a> Storm, Arkiv f. nord. filologi 7, 342.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_648_648" href="#FNanchor_648_648" class="label">[648]</a> Vafþr. 12, 14, 25; Sgrdr. 3; Gylfag. Kap. 10. Den Aud
+und Onar kennt der Skald Hallfred (geb. um 968) SE. I, 320 u. 322; über
+Nacht und Tag vgl. das Kap. XXIII in J. Grimms Myth., wo reichliche
+Belege für die in der gewöhnlichen und poetischen Sprache üblichen
+Personifikationen verzeichnet sind. Den Zusammenhang mit Hesiod betont
+W. Müller, Geschichte und System der altdeutschen Religion S. 172 f.,
+jedoch ohne die oben vorgetragenen Schlüsse.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_649_649" href="#FNanchor_649_649" class="label">[649]</a> So liest Snorri; in Vafþr. 25 steht der Dativ
+<i>Nǫrve</i>, ebenso Alvíssmǫl 29; daraus ist der Nom. <i>Nǫrr</i>
+zu erschliessen, welchen man mit as. <i>naru</i>, ags. <i>nearu</i>
+stf. die Enge, Klemme, Bedrängniss, und <i>nearu</i>, Adj. enge,
+beklemmend, bedrängend vergleicht und als Bedränger erklärt. In den
+neuaufgefundenen as. Genesisbruchstücken 286 steht <i>narouua naht</i>,
+eine Formel, welche im Hinblick auf <i>Nótt</i> und <i>Nǫrr</i> volle
+Beachtung verdient. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur,
+Ergänzungsheft zu Band 1, S. 12 f. kommt in der Anmerkung zur Stelle
+zum Schluss, dass ein Stamm <i>narƕa-</i>, dunkel, finster, von
+dem bisher allein bekannten <i>narƕa-</i>, enge, zu trennen sei.
+<i>Nǫrr</i> bedeutet mithin der Finstere, Dunkle, und übersetzt genau
+Erebus wie Nótt die Nox.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_650_650" href="#FNanchor_650_650" class="label">[650]</a> Der Ausdruck „<i>fyr Dellings durom</i>“ vor Dellings
+Thoren, der in den Hǫ́v. 160 und in den Rätseln der Hervararsaga
+(Fornaldarsögur 1, 468 ff.) begegnet, bedeutet: am hellen lichten Tage,
+wenn Delling, des Tages Vater sein Thor offen und seinen Sohn entsendet
+hat. Vgl. Müllenhoff, Altertumskunde 5, 273 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_651_651" href="#FNanchor_651_651" class="label">[651]</a> <i>himintarga</i> bei Eilifr Guðrúnarson SE. 1, 292;
+Ennius bei Varro 7, 73 nennt die Sonne <i>caeli clipeus</i>; J. Grimm,
+Myth. 665; 3, 205. Falk, aarböger f. nordisk oldkyndighed og historie
+1891, 2. Reihe Bd. 6, 273.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_652_652" href="#FNanchor_652_652" class="label">[652]</a> Die Geschichte war im 10. Jahrh. bereits bekannt.
+Mundilföri als Vater der Sol und des Mani begegnet Vafþr. 23, Glen
+beim Isländer Skuli Thorsteinsson (geb. um 980) SE. I, 330. Wird
+Mundilföri richtig als „Achsenschwinger“, der den Drehstock treibt
+(<i>mundil</i> zu <i>mǫndull</i>, Stock, mit dem der Mühlstein gedreht
+wird), gedeutet, dann gibt der Name vermutlich den Begriff <i>Polus</i>
+wieder, die Himmelsachse, um die Sonne und Mond und alle Gestirne
+kreisen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_653_653" href="#FNanchor_653_653" class="label">[653]</a> Über Mondflecken J. Grimm, Myth. 679 ff.; 3, 209.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_654_654" href="#FNanchor_654_654" class="label">[654]</a> Grímn. 39; Vǫl. 40, 41; Gylfag. Kap. 12 u. 51; über
+Finsternisse J. Grimm, Myth. 668 ff.; 3, 206. Der schwedische,
+dänische, norwegische Volksglauben kennt noch jetzt den
+Sonnenwolf (<i>solvarg</i>, <i>solulv</i>), den Isländern ist die
+Sonnenfinsterniss „<i>úlfakreppa</i>“, Wolfsnot; vgl. Maurer, Island.
+Volkssagen 185, Jón Árnason, þjóðsögur 1, 658 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_655_655" href="#FNanchor_655_655" class="label">[655]</a> Bifrǫst wird erwähnt Grímn. 44, Fafnismǫ́l 15; Gylfag.
+Kap. 13.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_656_656" href="#FNanchor_656_656" class="label">[656]</a> Über die Menschenschöpfung vgl. E. H. Meyer, Völuspa 81
+ff., Kosmologie 110 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_657_657" href="#FNanchor_657_657" class="label">[657]</a> Über Yggdrasil vgl. die erschöpfende Untersuchung von
+Bugge in den Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und
+Heldensagen S. 421–560.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_658_658" href="#FNanchor_658_658" class="label">[658]</a> Die Stellen bei Gudbrand Vigfusson im Corpus 2, 65 u.
+197; zur Strophe Kormaks Bugge, Studien 443; om versene i Kormaks saga
+(aarböger f. nord. oldkyndighed 1889) S. 6 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_659_659" href="#FNanchor_659_659" class="label">[659]</a> <i>á Iđavelli</i>; in Anlehnung an ags. <i>ed-</i>, an.
+<i>iđ-</i>, wieder, ist das Idafeld, auf dem sich die Götter auch in
+der neuerstandenen Welt wieder versammeln, etwa aus einem in England
+gehörten <i>*Edanƕong</i> entsprungen; vgl. Bugge, Studien 445 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_660_660" href="#FNanchor_660_660" class="label">[660]</a> <i>naglfar</i> ist eigentlich das Totenschiff, das
+Gespensterschiff, indem <i>nagl</i> vermutlich zu νέκυς, νεκρός
+gehört; vgl. Detter, ZfdA. 31, 208; Noreen, Altnord. Grammatik<sup>2</sup> § 251,
+3; Abriss der urgerm. Lautlehre S. 132 u. 178. Mit Riesen und Teufeln
+rücken auch die Totengespenster gegen die Lichtgötter heran. Der Name
+<i>Naglfar</i> wurde missverstanden, wie die Gylfag. Kap. 51 lehrt:
+„Naglfar das Schiff kommt los, das aus den Nägeln verstorbener Menschen
+gefertigt wurde. Und deshalb soll man niemand mit unbeschnittenen
+Nägeln sterben lassen, denn jeder, der das thut, fördert dadurch sehr
+die Vollendung des Schiffes Naglfar, von dem Götter und Menschen
+wünschen, dass es spät fertig werde.“ An die falsche Etymologie und
+an einen Brauch der Totenpflege knüpft sich demnach ein Aberglaube,
+der, wie J. Grimm, Myth. 775 Anm. richtig bemerkt, die ungeheure Ferne
+und das langsame Zustandekommen des Weltendes in der Art mancher
+Märchenzüge ausdrücken soll; solche Anzeichen des Weltendes stellt auch
+die Anm. zu Myth. 911 zusammen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_661_661" href="#FNanchor_661_661" class="label">[661]</a> Níþhǫggr, der schadengierig Hauende, wird Vǫl. 39,
+66; Grímn. 32, 35; Gylfag. Kap. 15, 16, 52 erwähnt; vgl. dazu Bugge,
+Studien über die Entstehung der nord. Götter- und Heldensagen S. 480
+ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_662_662" href="#FNanchor_662_662" class="label">[662]</a> <i>Ragna rök</i> steht Vǫl. 44, Baldrs Dr. 14, Atlamǫ́l.
+21; Vafþr. 38 u. 55 stehen gleichbedeutend <i>tíva rök</i> und <i>ragna
+rök</i>. Das Wort gehört zu <i>rekja</i>, aufwickeln und bedeutet
+Entwickelung oder Verlauf einer Begebenheit von Anfang bis zu Ende,
+Schicksal, dann im besonderen das letzte Schicksal, der Untergang. So
+besagt also <i>ragna rök</i> Untergang der Götter, Weltende. Nur in
+der Lokasenna 39 heisst es <i>ragna rökkr</i>, Finsterniss, Dunkel
+der Götter, „<i>Götterdämmerung</i>“. Die Snorra Edda hat immer den
+letzteren, offenbar auf einem Missverständniss beruhenden Ausdruck, dem
+nicht die geringste sachliche Berechtigung zukommt. Vgl. Müllenhoff,
+ZfdA. 16, 146 ff.; Gering, Glossar zu den Liedern der Edda, Paderborn
+1887, S. 132.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_663_663" href="#FNanchor_663_663" class="label">[663]</a> Heinzel, Ztschr. f. österr. Gymn. 43 (1892) S. 748 weist
+aus russischen Quellen ähnliche Schilderung des Zweikampfes zwischen
+Elias und dem Antichrist nach, wie sie im Mûspilli begegnen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_664_664" href="#FNanchor_664_664" class="label">[664]</a> Vgl. Dahn, Das Tragische in der germanischen Mythologie,
+Bausteine 1, 1879.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_665_665" href="#FNanchor_665_665" class="label">[665]</a> Zur Erklärung des Ausdrucks Bugge, Studien 447 ff.;
+Kögel, Grundriss der german. Philologie 2, 1, 212 Anm. versucht eine
+andere Deutung, die seltsamer Weise bei E. H. Meyer, Mogk, Steinmeyer
+Denkmäler 2, 38 Aufnahme fand, obschon sie sprachlich und sachlich
+unmöglich ist. <i>spelli</i> soll Vernichtung heissen wegen an.
+<i>spell</i> Schaden, <i>spilla</i> schädigen. Im Westgermanischen
+lautet das Verbum aber as. <i>spildian</i>, ags. <i>spildan</i>
+(ags. <i>spillan</i> ist späteres Lehnwort aus dem Nordischen), ahd.
+<i>spildan</i>. Wenn anders nicht Entlehnung aus dem Nordischen
+behauptet werden soll, müsste das von Kögel angesetzte Wort
+<i>speldi</i>, <i>spildi</i> lauten. Der erste Teil des Kompositums
+soll in ahd. <i>mû-ƕerf</i>, Maulwurf wiederkehren, <i>mû</i> ist
+synonym zu ahd. <i>molta</i>, got. <i>mulda</i>, Staub, Erde;
+<i>mudspilli</i> entstand in Anlehnung an mhd. <i>mot</i>, schwarze
+Torferde, Moor, Morast. Auch wenn man das sehr zweifelhafte Dasein
+von <i>mû</i> = <i>molta</i> zugesteht, ist doch die Bedeutung von
+<i>mûspilli</i>, Erdvernichtung, Weltende höchst fragwürdig. <i>mû</i>
+würde wie <i>molta</i> nur Staub heissen; selten und erst spät
+nimmt das Wort z.&#8239;B. an. <i>mold</i>, die erweiterte Bedeutung von
+<i>tellus</i> an. Wäre Weltbrand und Weltende eine gemeingermanische
+Vorstellung, so müsste man entschieden ein anderes Wort erwarten;
+denn <i>mûspeldi</i> könnte nichts andres heissen als Vernichtung
+des Staubes. Neuerdings erklärt Kögel mit Hinweis auf Sievers,
+Indogerm. Forschungen 4, 335 ff., wonach urgerm. <i>þl</i>&#8239;:&#8239;<i>đl</i>
+&gt; ahd. <i>dl</i>&#8239;:&#8239;<i>ll</i> (vgl. <i>stadel</i> und <i>stall</i>),
+<i>spillî</i>, die Splitterung aus <i>spiđli</i> (urgerm. <i>þl</i>
+bewahrt mhd. <i>spidel</i>, Splitter und as. <i>spildian</i>
+aus urgerm. <i>spiþlian</i>, wie <i>nâlda</i> zu <i>nêþla</i>).
+<i>Muspilli</i> ist die Weltzersplitterung. Aber von einem Zerschellen
+des Erdballes kann wol die Neuzeit, schwerlich das german. Heidentum
+fabeln.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_666_666" href="#FNanchor_666_666" class="label">[666]</a> Surtr, dessen Name auch in schwacher Form Surti
+erscheint Vafþr. 50, begegnet noch im isländischen Surtarbrandr,
+worunter eine harzige, verkohlte Erde verstanden wird. Surtshellir
+heissen vulkanische Felsenhöhlen auf Island. Vgl. Finn Magnusen,
+Myth. Lex. 457; Jón Árnason, Þjóðsögur 1, 665. Im Vorbeigehen sei die
+wunderliche Annahme Finns a. a. O. erwähnt, der in Surt den höchsten
+Lichtgott, den starken Herrscher von oben erblickte.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_667_667" href="#FNanchor_667_667" class="label">[667]</a> Gimle kommt nur Vǫl. 64 vor; sonst Gylfag. Kap. 3, 17 u.
+52. An letzterer Stelle ist die Lesart von U <i>á Gimlé meþ Surti</i>
+gegen W <i>á Gimlé á himni</i> ein Fehler; Surtr hat mit Gimle nichts
+zu thun. Zur Etymologie und Bedeutung vgl. Müllenhoff, Altertumskunde
+5, 30 ff.; Schullerus, Beiträge 12, 270; Bugge, Studien 444 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_668_668" href="#FNanchor_668_668" class="label">[668]</a> H. E. Meyer, Völuspa 45.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_669_669" href="#FNanchor_669_669" class="label">[669]</a> Gregor schreibt an Mellitus: <i>cum ergo Deus omnipotens
+vos ad reverentissimum virum fratrem nostrum Augustinum episcopum
+perduxerit, dicite ei quid diu mecum de causa Anglorum cogitans
+tractavi, videlicet, quia fana idolorum destrui in eadem gente
+minime debeant; sed ipsa, quae in eis sunt, idola destruantur, aqua
+benedicta fiat, in eisdem fanis aspergatur, altaria construantur,
+reliquiae ponantur. quia, si fana eadem bene constructa sunt, necesse
+est ut a cultu daemonum in obsequium veri Dei debeant commutari; ut
+dum gens ipsa eadem fana sua non videt destrui, de corde errorem
+deponat et Deum verum cognoscens ac adorans ad loca, quae consuevit,
+familiarius concurrat. et quia boves solent in sacrificio daemonum
+multos occidere, debet eis etiam hac de re aliqua solemnitas immutari;
+ut die dedicationis, vel natalitii sanctorum martyrum, quorum illic
+reliquiae ponuntur, tabernacula sibi circa easdem aecclesias, quae
+ex fanis commutatae sunt, de ramis arborum faciant, et religiosis
+conviviis solemnitatem celebrent, nec diabolo iam animalia immolent,
+sed ad laudem Dei in esu suo animalia occidant, et donatori omnium
+de salietate sua gratias referant; ut dum eis aliqua exterius gaudia
+reservantur, ad interiora gaudia consentire facilius valeant.</i> Bäda,
+<i>Hist. eccl.</i> I 30; weiteres auf Opfer und heidnische Bräuche
+bezügliches Bäda II 5, 9, 13, 15; III 8, 30; IV 22, 27. Heidnische
+Bräuche, die in Bussordnungen und Synodalbeschlüssen der Angelsachsen
+erwähnt werden, sammelt Kemble, The Saxons in England, London 1849, Bd.
+I, 523 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_670_670" href="#FNanchor_670_670" class="label">[670]</a> Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte Teil 2,
+419 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_671_671" href="#FNanchor_671_671" class="label">[671]</a> Über die sakralen Eigenschaften des germanischen Rechtes
+vgl. Brunner, Deutsche Rechtsgeschichte 1, 1887, S. 144 ff.; Amira,
+Grundriss der germ. Philologie II, 2, 177, 185, 193.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_672_672" href="#FNanchor_672_672" class="label">[672]</a> Den sakralen Charakter der Todesstrafe erweist Amira,
+Über Zweck und Mittel der germanischen Rechtsgeschichte, München 1876,
+S. 58 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_673_673" href="#FNanchor_673_673" class="label">[673]</a> Beiträge 18, 177 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_674_674" href="#FNanchor_674_674" class="label">[674]</a> Vgl. Maurer, Die Eingangsformel der altnord. Rechts- und
+Gesetzbücher in den Münchener Sitzungsberichten 1886, S. 317 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_675_675" href="#FNanchor_675_675" class="label">[675]</a> Das Folgende im Anschluss an Weinhold, Beiträge zu den
+deutschen Kriegsaltertümern in den Sitzungsberichten der Berliner
+Akademie d. Wiss. 1891, II, S. 543 ff., besonders S. 556–567.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_676_676" href="#FNanchor_676_676" class="label">[676]</a> Über den Einfluss der heidnischen Religion aufs
+Privatleben vgl. besonders Maurer, Bekehrung 2, 226 ff.; 46 ff.; 72 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_677_677" href="#FNanchor_677_677" class="label">[677]</a> Vgl. Konrad Maurer, Über die Wasserweihe des
+germanischen Heidentums, Münchener Akademieabhandlung 1880; Müllenhoffs
+Entgegnung, AnzfdA. 7, 404 ff. bewegt sich in einem Tone, dass sie
+bloss als Kuriosum angemerkt werden kann; zu ihrer sachlichen Bedeutung
+vgl. Bugge, Studien 399 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_678_678" href="#FNanchor_678_678" class="label">[678]</a> Zum Gebet vgl. J. Grimm, Myth. 28 ff.; Maurer, Bekehrung
+2, 203 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_679_679" href="#FNanchor_679_679" class="label">[679]</a> Brugmann, Grundriss der vergleichenden Grammatik der
+idg. Sprachen 1, 160, 305; die verwandten Wörter lit. <i>szƕentas</i>,
+preuss. <i>sƕints</i>, kirchen-slav. <i>svętŭ</i> ok</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_680_680" href="#FNanchor_680_680" class="label">[680]</a> Über <i>laikaȥ</i> Kögel, Geschichte der deutschen
+Litteratur I, 1, 8 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_681_681" href="#FNanchor_681_681" class="label">[681]</a> Menschenopfer verzeichnet schon P. G. Schütze, <i>De
+cruentis Germanorum gentilium victimis humanis</i>, Leipzig 1743; vgl.
+J. Grimm, Myth. 38 ff.; Maurer, Bekehrung 2, 196 ff. Löhers Aufsatz
+über angebliche Menschenopfer bei den Germanen, in den Münchener
+Sitzungsberichten 1882, 373, wo Menschenopfer allen Zeugnissen zum
+Trotz geleugnet werden, verdient keine ernstliche Zurückweisung.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_682_682" href="#FNanchor_682_682" class="label">[682]</a> Über den Looswurf bei den Friesen, wodurch der Wille
+der Götter erforscht wurde, ob und welches Opfer sie verlangten, vgl.
+Richthofen, Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 450 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_683_683" href="#FNanchor_683_683" class="label">[683]</a> Die Zeugnisse für die friesischen Opfer sammelt
+Richthofen, Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 454;
+über Menschenopfer der Sachsen vgl. Richthofen, Zur lex Saxonum, Berlin
+1868, S. 204 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_684_684" href="#FNanchor_684_684" class="label">[684]</a> Über Menschenopfer bei Landplagen, die aus späteren
+Volkssagen noch ersichtlich sind, vgl. U. Jahn, Die deutschen
+Opfergebräuche, Breslau 1884, S. 63 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_685_685" href="#FNanchor_685_685" class="label">[685]</a> Sieht sich doch im Jahr 732 Papst Gregor III.
+veranlasst, an Bonifacius zu schreiben, er müsse die Christen in
+Germanien schwer bestrafen, welche Sklaven zum Opfer an die Heiden
+verkauften. <i>Et hoc inter alia discrimen agi in partibus illis
+dixisti, quod quidam ex fidelibus ad immolandum paganis sua venumdent
+mancipia. hoc ut magnopere corrigere debeas, frater, commendemus.</i>
+Jaffé, Bibliotheca 3, 94.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_686_686" href="#FNanchor_686_686" class="label">[686]</a> Jüngere Olafssaga Tryggvasonar Kap. 165; Heimskringla
+Kap. 74.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_687_687" href="#FNanchor_687_687" class="label">[687]</a> Ammianus Marcellinus XXVIII, 5, § 14.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_688_688" href="#FNanchor_688_688" class="label">[688]</a> Tieropfer bei J. Grimm, Myth. 40 ff.; Maurer, Bekehrung
+2, 198 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_689_689" href="#FNanchor_689_689" class="label">[689]</a> Über den Hergang beim Opfer J. Grimm, Myth. 49 ff.;
+über das nordische Opfer Maurer, Bekehrung 2, 199 ff.; H. Petersen, om
+nordboernes gudedyrkelse og gudetro 25 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_690_690" href="#FNanchor_690_690" class="label">[690]</a> Die germanische Bezeichnung für „Fest“ lebt im
+oberdeutschen „<i>dult</i>“, got. <i>dulþs</i>, ahd. <i>tuld</i>, mhd.
+<i>dult</i> (vgl. Schmeller, Bayer. Wörterbuch I<sup>2</sup> 502 f.) noch weiter.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_691_691" href="#FNanchor_691_691" class="label">[691]</a> Tac. Ann. 1, 65 <i>nox per diversa inquies, cum barbari
+festis epulis, laeto cantu aut truci sonore subiecta vallium ac
+resultantis saltus complerent</i>. Über Opferleiche und Spiele vgl.
+Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 7 ff.; 19 ff.; 24 ff.;
+über das gotische Spiel Conrad Müller, ZfdPh. 14, 442 ff.; Kögel a. a.
+O. 34 ff.; dagegen C. Kraus, Beiträge 20, 224 ff., wo jede Beziehung
+des got. Spieles zum german. Kult geleugnet wird. Über den Wettlauf im
+deutschen Volksleben vgl. Weinhold, Zs. d. Vereins f. Volkskunde 3, 1
+ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_692_692" href="#FNanchor_692_692" class="label">[692]</a> Die heidnische Sitte des Minnetrinkens lebt in
+der christlichen Gertrudenminne und Johannisminne fort; vgl. J.
+Grimm, Myth. 53 ff.; Zingerle, Johannissegen und Gertrudenminne,
+Sitzungsberichte der Wiener Akademie Bd. 40, 1862, 177 ff. Besonders
+deutlich tritt die Ablösung des heidnischen Brauches durch den
+christlichen im Norden hervor. Dem König Olaf Tryggvason erscheint
+der heilige Bischof Martinus im Traume und sagt, es sei Landessitte
+gewesen, Thors, Odins und andrer Asen Minne bei den Gastmählern zu
+trinken, in Zukunft aber solle zu Ehren Gottes, seiner selbst und aller
+Heiligen getrunken werden. Vgl. Maurer, Bekehrung 1, 285.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_693_693" href="#FNanchor_693_693" class="label">[693]</a> Saxo S. 278 <i>quod apud Upsalam sacrificiorum tempore
+constitutus effoeminatos corporum motus scenicosque mimorum plausus ac
+mollia nolarum crepitacula fastidiret</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_694_694" href="#FNanchor_694_694" class="label">[694]</a> Nach U. Jahn, Die deutschen Opfergebräuche bei Ackerbau
+und Viehzucht. Breslau 1884; vgl. auch H. Pfannenschmid, German.
+Erntefeste im heidnischen und christlichen Kultus, Hannover 1878;
+Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, Berlin 1869, § 423
+ff. Ich wiederhole im Texte die Ergebnisse Jahns, aber mit Vorbehalt.
+Jahns Methode, alle überlieferten Einzelheiten heutiger Volksbräuche in
+einem grossen, heidnisch-germanischen Gesamtbild aufgehen zu lassen,
+ist bedenklich. Der geschichtlichen Entwicklung, den vielen späteren
+Neuerungen ist viel zu wenig Rechnung getragen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_695_695" href="#FNanchor_695_695" class="label">[695]</a> Über das Notfeuer J. Grimm, Myth. 570; Jahn, Die
+deutschen Opferbräuche S. 26 ff., wo fast das gesamte überlieferte
+Material ausgeschöpft ist. Schon im <i>indiculus superstitionum</i>
+treffen wir das Feuer: <i>de igne fricato de ligno id est nodfyr</i>.
+Das Wesentliche ist eben die Erzeugung des wilden Feuers, das
+unmittelbar und neu hervorspringt, nicht schon im Dienste der
+Menschen abgenutzt ward. Daher scheint auch der Name zu stammen,
+der zum Zeitwort <i>niuƕan</i>, <i>nûan</i>, reiben, steht; vgl. O.
+Schade, Altdeutsches Wörterbuch 1, 659 u. 654; schwedisch heisst es
+<i>vrideld</i>, <i>gnideld</i> zu <i>vrida</i>, drehen, <i>gnida</i>,
+reiben, also ebenfalls geriebenes, durch Reibung oder Drehung
+entfachtes Feuer.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_696_696" href="#FNanchor_696_696" class="label">[696]</a> Über Scheibentreiben vgl. Vogt in d. Zs. d. Vereins f.
+Volkskunde 3, 350 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_697_697" href="#FNanchor_697_697" class="label">[697]</a> Die angelsächsische Flurbesegnung bei Grein-Wülker,
+Bibliothek der ags. Poesie 1, 312 ff.; Wülker, Grundriss der ags. Litt.
+347 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen Litt. I, 1, 40 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_698_698" href="#FNanchor_698_698" class="label">[698]</a> Über Aufzüge, mit Chorgesang verbunden vgl. J. Grimm,
+Myth. 159, 560; W. Müller, Altdeutsche Religion 113 f.; Müllenhoff,
+De antiquissima Germanorum poesi chorica S. 10 ff.; 21 ff.; Kögel,
+Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, S. 6, 30 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_699_699" href="#FNanchor_699_699" class="label">[699]</a> Sozomenus, Historia ecclesiastica 6, 37.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_700_700" href="#FNanchor_700_700" class="label">[700]</a> Über Schlachtgesang und Kriegsgeschrei vgl. Müllenhoff,
+De antiquissima Germanorum poesi chorica S. 16 ff.; Kögel, Geschichte
+der deutschen Litteratur I, 1, 17 ff. Tacitus Germ. 3 nennt allerdings
+den Gesang der Lieder barditus (<i>carmina, quorum relatu, quem
+barditum vocant, accendunt animos</i>). Über barditus vgl. Vegetius, De
+re milit. 3, 18; Ammianus 31, 7, 11, wo der Kriegsruf gemeint ist und
+barritus steht. Barditus gehört entweder zu an. <i>barđi</i>, Schild,
+und bedeutet „Schildruf“, „Schildgeschrei“ oder zu <i>bard</i> (barba)
+und bedeutet „Bartruf“. Von Thor heisst es, dass er zornig den Bart
+schüttelte (Þrymskv. 1 <i>skegg nam at hrista</i>); zornig bläst er in
+seinen roten Bart und erhebt den donnernden Bartruf (<i>skeggrǫdd</i>,
+<i>skeggraust</i>) gegen seinen Feind (Fornmanna sögur 1, 303 Olafssaga
+Tryggvasonar).</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_701_701" href="#FNanchor_701_701" class="label">[701]</a> Bäda, <i>de temporum ratione</i> Kap. 13 gewährt die
+Form <i>giuli</i>; <i>december giuli eodem quo ianuarius nomine
+vocatur</i>. Spätere ags. Denkmäler ziehen die Form <i>geola</i> vor;
+vgl. J. Grimm, Gesch. der ds. Spr. 79 ff.; Weinhold, Die deutschen
+Monatsnamen, Halle 1869.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_702_702" href="#FNanchor_702_702" class="label">[702]</a> Jul aus urgerm. <i>*jehƕela</i>, ags. <i>gehhol</i>,
+<i>geohhol</i> = <i>joculus</i> erklären Kluge, Englische Studien 9,
+311 ff; Bugge, Arkiv f. nordisk filologi 4, 135. Diez, Etym. Wörterbuch
+der roman. Sprachen, 5. Aufl. 1887, S. 166, Körting, Latein.-roman.
+Wörterbuch 1891, S. 425, leiten frz. <i>joli</i>, it. <i>giulivo</i>
+von altnord. <i>jól</i>, dem Freudenfeste, ab.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_703_703" href="#FNanchor_703_703" class="label">[703]</a> Den Weihnachtsaberglauben bezeugen reichlich alle
+Sagensammlungen im Norden und Süden. Den besten Überblick gewährt A.
+Tille, Deutsche Weihnachten, Leipzig 1893, 148 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_704_704" href="#FNanchor_704_704" class="label">[704]</a> Zeugnisse für die nordischen Jahresopfer sind gesammelt
+bei Maurer, Bekehrung 2, 232 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_705_705" href="#FNanchor_705_705" class="label">[705]</a> Der Behauptung H. Petersens, Nordboernes gudedyrkelse
+og gudetro S. 27, dass das heidnische Julfest auf Ende Januar oder
+Anfang Februar fiel, kann ich nicht zustimmen. Sie hat nur in der
+Hervararsaga schwache Gewähr, während andre Zeugnisse dagegen
+sprechen. Die <i>Spurcalien</i> im Februar, deren Aldhelm († 709)
+und der indiculus gedenken, welche die homimilia de sacrilegiis als
+<i>dies spurcos</i> erwähnt, weisen allerdings auf ein den nds.
+Stämmen gehöriges heidnisches Opferfest hin. Aber es ist schwerlich
+ein grosses Volksopfer gemeint, vielmehr ein Gemeindeopfer. Der
+Name ist keinesfalls germanischen Ursprungs, sondern von lat.
+<i>spurcus</i>, <i>spurcitia</i> nach der Analogie von Vulcanalia,
+Saturnalia, Neptunalia u.&#8239;ä. gebildet und soll den Brauch der deutschen
+Bauern verächtlich als etwas Wüstes, Schmutziges (vgl. <i>spurciliae
+gentilitatis</i>) hinstellen; vgl. Caspari in der Ausgabe der
+homilia de sacrilegiis S. 36 f. Ob der ndl.-nds. Name des Februar
+<i>Sporkele</i>, <i>Spurkele</i>, der im Volksmunde wie auch andere
+Tag- und Monatnamen personificiert wurde, von den <i>Spurcalien</i> zu
+leiten oder anders zu erklären ist, lässt sich nicht bestimmen. Vgl.
+Weinhold, Die deutschen Monatsnamen S. 56 f.; zum Namen Sporkel vgl.
+noch Ehrismann, Beiträge 20, 64 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_706_706" href="#FNanchor_706_706" class="label">[706]</a> Vgl. Maurer, Bekehrung 2, 237, Anm. 186.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_707_707" href="#FNanchor_707_707" class="label">[707]</a> Tacitus, Germ. Kap. 39.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_708_708" href="#FNanchor_708_708" class="label">[708]</a> Über die Zeiten vgl. Müllenhoff, Schmidts allgemeine
+Zeitschrift für Geschichte 8, 266 ff.; ZfdA. 23, 25.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_709_709" href="#FNanchor_709_709" class="label">[709]</a> Widukind 1, 12 <i>per triduum igitur dies victoriae
+agentes et spolia hostium dividentes exequiasque caesorum celebrantes
+laudibus ducem in coelum attollunt, divinum ei animum inesse
+coelestemque virtutem acclamantes, qui sua constantia tantam eos egerit
+perficere victoriam. acta sunt autem haec omnia, ut maiorum memoria
+prodit, die Kal. Octobris, qui dies erroris religiosorum sanctione
+virorum mutati sunt in ieiunia et orationes, oblationes quoque omnium
+nos praecedentium christianorum</i>. Vgl. Müllenhoff, Schmidts
+allgemeine Zeitschrift für Geschichte 8, 254.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_710_710" href="#FNanchor_710_710" class="label">[710]</a> Vgl. J. Grimm, Mythologie S. 269 ff.; Müllenhoff,
+Schmidts allgemeine Zeitschrift für Geschichte 8, 254; Laistner,
+Württembergische Vierteljahrshefte für Landesgeschichte 1892, S. 5;
+über Nachklänge solcher Jahreswendefeste H. Pfannenschmid, Germanische
+Erntefeste 164 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_711_711" href="#FNanchor_711_711" class="label">[711]</a> Thietmar 1, 9; MG. 3, 739 <i>est unus in his
+partibus</i> (sc. <i>Northmannorum et Danorum</i>) <i>locus, caput
+istius regni, Lederun nomine, in pago, qui Selon dicitur, ubi post
+9 annos mense januario, post hoc tempus quo nos theophaniam domini
+celebramus, omnes convenerunt, et ibi diis suismet 99 homines et
+totidem equos, cum canibus et gallis pro accipitribus oblatis,
+immolant, pro certo, ut predixi, putantes, hos eisdem erga inferos
+servituros et commissa crimina apud eosdem placaturos</i>. Zur Stelle
+J. Grimm, Myth. S. 42 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_712_712" href="#FNanchor_712_712" class="label">[712]</a> Adam 4, 27 MG. 7, 380 <i>solet quoque post novem annos
+communis omnium Sueoniae provintiarum sollempnitas in Ubsola celebrari.
+ad quam videlicet sollempnitatem nulli praestatur immunitas. reges et
+populi, omnes et singuli sua dona transmittunt ad Ubsolam, et quod
+omni poena crudelius est, illi qui iam induerunt christianitatem,
+ab illis se redimunt cerimoniis. sacrificium itaque tale est. ex
+omni animante, quod masculinum est, novem capita offeruntur, quorum
+sanguine deos placari mos est. corpora autem suspenduntur in lucum,
+qui proximus est templo. is enim lucus tam sacer est gentilibus, ut
+singulae arbores eius ex morte vel tabo immolatorum divinae credantur.
+ibi etiam canes et equi pendent cum hominibus, quorum corpora mixtim
+suspensa narravit mihi aliquis christianorum 72 vidisse. ceterum
+neniae, quae in eiusmodi ritu libationis fieri solent, multiplices
+et inhonestae, ideoque melius reticendae</i>. Im Kap. 28 wird ein
+Priester, <i>qui ad Ubsolam demonibus astare solebat</i>, erwähnt.
+Scholion 136 <i>nuper rex Sueonum christianissimus Anunder, cum
+sacrificium gentis statutum nollet demonibus offerre, depulsus a regno,
+dicitur a conspectu concilii gaudens abisse, quoniam dignus habebatur
+pro nomine Jesu Christi contumeliam pati</i>. Scholion 137 <i>novem
+diebus commessationes et eiusmodi sacrificia celebrantur: unaquaque die
+offerunt hominem unum cum ceteris animalibus, ita ut per novem dies 72
+fiant animalia quae offeruntur. hoc sacrificium fit circa aequinoctium
+vernale</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_713_713" href="#FNanchor_713_713" class="label">[713]</a> Weinhold, Über die deutsche Jahrteilung, Kiel 1862;
+Weinhold, Die deutschen Monatsnamen, Halle 1869; Kluge, Die deutschen
+Namen der Wochentage, im wissenschaftlichen Beiheft Nr. 8 zur Ztschr.
+des allgemeinen deutschen Sprachvereins 1895.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_714_714" href="#FNanchor_714_714" class="label">[714]</a> J. Grimm, Mythologie 59 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_715_715" href="#FNanchor_715_715" class="label">[715]</a> J. Grimm, Geschichte der deutschen Sprache 116.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_716_716" href="#FNanchor_716_716" class="label">[716]</a> Vgl. Graff, Ahd. Sprachschatz 4, 1015.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_717_717" href="#FNanchor_717_717" class="label">[717]</a> Vgl. Wright-Wülcker, Anglo-saxon and old-english
+glossaries 1, 433, 501, 503, 517, 519.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_718_718" href="#FNanchor_718_718" class="label">[718]</a> Sveinbjörn Egilsson, Lex. poeticum 380; Fritzner, Oldn.
+ordbog 2<sup>2</sup>, 191; Sigurður Vigfússon, árbók hins íslenzka fornleifafélags
+1880/1, S. 89 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_719_719" href="#FNanchor_719_719" class="label">[719]</a> Noreen, Abriss der urgermanischen Lautlehre S. 229
+vergleicht lat. carcer, Einfriedigung.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_720_720" href="#FNanchor_720_720" class="label">[720]</a> Graff, Diutiska 1, 150 <i>qui ad aras sacrificat, de za
+demo paraƕe ploaȥit</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_721_721" href="#FNanchor_721_721" class="label">[721]</a> Die Geschichte des Wortes mit Angabe aller Belege
+behandelt R. Henning, Die deutschen Runendenkmäler, Strassburg 1889, S.
+23 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_722_722" href="#FNanchor_722_722" class="label">[722]</a> Vgl. <i>Heiligenloh</i>, J. Grimm, Myth. 65; Arnold,
+Ansiedlungen und Wanderungen deutscher Stämme, Marburg 1877, S. 117.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_723_723" href="#FNanchor_723_723" class="label">[723]</a> Über heilige Wälder spricht Tacitus in der Germ. 7, 39,
+40, 43; Ann. 1, 61; 2, 12; 4, 73; Hist. 4, 14; 4, 22. Germ. 9 „<i>lucos
+ac nemora consecrant deorumque nominibus appellant secretum illud,
+quod sola reverentia vident</i>“, ist rhetorische Phrase, wie der
+Zusammenhang mit dial. de orat. 12 lehrt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_724_724" href="#FNanchor_724_724" class="label">[724]</a> Vgl. J. Grimm, Myth. 64, wo die vita Meinwerci Kap. 17,
+MG. 11, 114 u. MG. 2, 377 Anm. k ausgehoben ist.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_725_725" href="#FNanchor_725_725" class="label">[725]</a> J. Grimm, Myth. 65; Förstemann, Ortsnamen<sup>2</sup> 700.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_726_726" href="#FNanchor_726_726" class="label">[726]</a> Das germanische Wort für den Tempel war got. <i>alhs</i>
+(bei Wulfila für ναός u. ἱερόν gebraucht), as. ahd. <i>alah</i>,
+ags. <i>ealh</i>. Damit sind zahlreiche Personen- und Ortsnamen
+(Förstemann 2<sup>2</sup>, 40), welche auf altdeutsche Tempel schliessen
+lassen, zusammengesetzt; vgl. <i>Alahstat</i>, <i>Alahdorf</i>,
+<i>Alahesfeld</i>, <i>Alahesheim</i>, <i>Alahpah</i>, <i>Alacfurd</i>,
+<i>Alacmar</i> u.&#8239;ä.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_727_727" href="#FNanchor_727_727" class="label">[727]</a> Vǫlsungasaga Kap. 2.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_728_728" href="#FNanchor_728_728" class="label">[728]</a> Die hergehörigen Stellen aus MG. sammelt J. Grimm,
+Myth. 104 ff.; W. Müller, Altdeutsche Religion S. 71 bringt die
+<i>irminsûl</i> mit den nordischen Hauspfeilern in Verbindung.
+Mannhardt, Baumkult der Germanen S. 303 ff. erklärt die Irmensäule als
+den Lebensbaum des Volkes, der neben dem Maibaum der Gemeinde und dem
+Baum des Einzelhofes aus ähnlichen Grundvorstellungen entwickelt sei.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_729_729" href="#FNanchor_729_729" class="label">[729]</a> MG. 2, 676 <i>truncum quoque ligni non parvae
+magnitudinis in altum erectum sub divo colebant, patria eum lingua
+irminsul appellantes, quod latine dicitur universalis columna, quasi
+sustinens omnia</i>. Damit scheint eine Deutung als Säule des Irmin-Tiu
+ausgeschlossen, <i>irmin</i> hat den in Zusammensetzungen ganz
+gewöhnlichen und geläufigen Sinn „gross, gewaltig“.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_730_730" href="#FNanchor_730_730" class="label">[730]</a> Über die Formen und Etymologie des Wortes,
+<i>ƕigbed</i>, <i>ƕeobed</i>, <i>ƕeofod</i> vgl. Kluge, Beiträge 8,
+527; Sievers, Ags. Grammatik<sup>2</sup> § 43 Anm. 4; § 222 Anm. 1.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_731_731" href="#FNanchor_731_731" class="label">[731]</a> „Man hat es zwar ohne weiteres angenommen, aber bisher
+m. W. noch durch kein einziges Zeugniss belegt, dass die alten
+Deutschen Altäre, wie die Griechen und Römer gehabt hätten; weil sie
+ihre Opfer nicht verbrannten, überhaupt nach der ganzen Weise ihres
+Kultus scheinen doch Altäre für sie sehr überflüssige Dinge gewesen zu
+sein.“ Müllenhoff, Schmidts Zeitschrift f. Geschichte 8, 242.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_732_732" href="#FNanchor_732_732" class="label">[732]</a> Friesische Tempel erweisen die mit <i>fran</i> (ahd.
+<i>vrônô</i>, <i>sanctus</i>) gebildeten Ortsnamen, wodurch heiliges,
+göttergeweihtes Land angezeigt ist; aber auch von bestimmten Tempeln in
+allen Gauen und von deren Brand und Bruch hören wir; vgl. Richthofen,
+Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 439 ff.; die
+altfriesische Bezeichnung für den Tempel war <i>alac</i>, a. a. O. 442
+f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_733_733" href="#FNanchor_733_733" class="label">[733]</a> Alchuine vita Willibrordi Kap. 14 [Willibrordus]
+<i>pervenit ad quandam vittam Walichrum nomine in qua antiqui
+erroris idolum remansit. guod cum vir dei zelo fervens confringeret
+praesente eiusdem idoli custode, qui nimio furore succensus quasi dei
+sui iniuriam vindicaret, in impetu animi insanientis gladio caput
+sacerdotis Christi percussit. sed deo defendente servum suum, nullam
+ex ictu ferientis laesuram sustinuit. socii vero illius hoc videntes
+pessimam praesumptionem impii hominis morte vindicare concurrerunt. sed
+a viro dei pio animo de manibus eorum liberatus est reus ac dimissus.
+qui tamen eodem die daemoniaco spiritu arreptus est et die tertio
+infeliciter miseram vitam finivit</i>. Nach Aufzeichnungen aus dem 13.
+Jahrh. handelte es sich um ein dem Mercurius-Wodan geweihtes Idol;
+Richthofen, Untersuchungen über fries. Rechtsgeschichte 2, 434. In
+Wirklichkeit aber war das um 694 auf einer Missionsreise von Willibrord
+zerstörte Heiligtum wahrscheinlich ein Überbleibsel aus der Römerzeit,
+der Nehalennia-Isis-Tempel; vgl. Kaufmann, Beiträge 16, 229 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_734_734" href="#FNanchor_734_734" class="label">[734]</a> Man hat schon versucht (vgl. z.&#8239;B. Much, Germanische
+Grabmäler und Tempelbauten, in den Mitteilungen der anthropologischen
+Gesellschaft in Wien, Bd. 5, 1875, S. 173 ff.), in Erdwerken,
+Kingwällen und terassenförmig abgestuften Hügeln Spuren germanischer
+Heiligtümer, die auf Anhöhen in Wald und Haide lagen, nachzuweisen.
+Hag und Wall schlossen die Weihstätte, die nur der Priester betreten
+durfte, vor unberufenen Besuchern ab. Jedoch fehlen sichere Nachweise
+des germanischen Ursprungs und sakralen Zweckes solcher Bauten. Über
+Rundwälle in Norddeutschland vgl. Behla, Baltische Studien 24, 251 ff.,
+290; weitere Litteratur bei E. H. Meyer, Myth. S. 56 f. § 86.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_735_735" href="#FNanchor_735_735" class="label">[735]</a> Adam 4, 26 MG. 7, 379 <i>nobilissimum illa gens templum
+habet, quod Ubsola dicitur, non longe positum ab Sictona civitate.
+in hoc templo, quod totum ex auro paratum est, statuas trium deorum
+veneratur populus, ita ut potentissimus eorum Thor in medio solium
+habeat triclinio; hinc et inde locum possident Wodan et Fricco</i>.
+Scholion 134 <i>prope illud templum est arbor maxima late ramos
+extendens, semper viridis in hieme et aestate, cuius illa generis
+sit, nemo scit, ibi etiam est fons, ubi sacrificia paganorum solent
+exerceri et homo vivus immergi. qui dum non invenitur, ratum erit
+votum populi</i>. Scholion 135 <i>catena aurea templum illud circumdat
+pendens supra domus fastigia, lateque rutilans advenientibus, eo quod
+ipsum delubrum in planitie situm montes in circuitu habeat ad instar
+theatri</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_736_736" href="#FNanchor_736_736" class="label">[736]</a> Die Hauptstellen über isländischen und norwegischen
+Tempelbau sind Eyrbyggja Kap. 4, Kjalnesingasaga Kap, 2, Hákonarsaga
+góða Kap. 16. Vgl. Maurer, Bekehrung 2, 190 ff.; H. Petersen, om
+Nordboernes gudedyrkelse og gudetro S. 21 ff., 33 ff.; Gudbrand
+Vigfusson, Corpus poeticum boreale 1, 403 ff.; Sigurður Vigfússon, um
+hof og blótsiðu í fornöld, in der árbók hins íslenzka fornleifafélags
+1880/1, S. 79 ff.; ebenda 1882, S. 3 ff. Die eigentliche Bezeichnung
+des nordischen Tempels ist <i>hof</i>; <i>Freys-</i>, <i>Ođins-</i>,
+<i>Þórshof</i> vgl. Fritzner, Ordbog 2<sup>2</sup>, 31; die häufige Formel <i>hof
+og hǫrgr</i> meint Haupttempel und kleinen Tempel, oder Opferstätte,
+Heiligtum. Allgemeine Ausdrücke sind <i>gođahús</i>, <i>blóthús</i>,
+Opferhaus.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_737_737" href="#FNanchor_737_737" class="label">[737]</a> Dass die eigentümlichen norwegischen Holzkirchen aus der
+Nachahmung des Basilikastiles hervorgingen und somit keinesfalls mit
+der Bauart der heidnischen Tempel zusammenhängen, ist von Dietrichson
+und Munthe, Die Holzbaukunst Norwegens, Berlin 1893, eingehend
+nachgewiesen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_738_738" href="#FNanchor_738_738" class="label">[738]</a> Die Stelle der im 16. Jahrh. verfassten längeren
+Droplaugarsonasaga gibt Sigurður Vigfússon, árbók hins íslenzka
+fornleifafélags 1882, S. 36 ff.; Kålund, Fljótsdœla hin meiri eller
+den laengre Droplaugarsonasaga, Köbenhavn 1883, S. 108 ff.; über die
+Entstehungszeit der Sage vgl. Kålunds Einleitung.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_739_739" href="#FNanchor_739_739" class="label">[739]</a> Den Tempelhag erwähnen die Kjalnesingasaga Kap. 4,
+Færeyingasaga Kap. 23 u.&#8239;a.; Bäda, Hist. eccl. 2, 13 nennt <i>aras et
+fana idolorum cum septis, quibus erant circumdata</i>, also ein Gehege
+um die Opferstätten.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_740_740" href="#FNanchor_740_740" class="label">[740]</a> Über <i>effigies</i> u. <i>signa</i> vgl. Müllenhoff, De
+antiquissima Germanorum poesi chorica, Kiel 1847, S. 13. Lindenschmit,
+Handbuch der deutschen Altertumskunde, I, Braunschweig 1880/9, S. 278
+ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_741_741" href="#FNanchor_741_741" class="label">[741]</a> Vgl. Weinhold, Sitzungsberichte der Berliner Akademie
+1891, 556.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_742_742" href="#FNanchor_742_742" class="label">[742]</a> Zeugnisse über germanische Götterbilder sammelt J.
+Grimm, Myth. S. 94 ff.; früher glaubte man, deutsche Götterbilder zu
+besitzen; eine Übersicht über diese fragwürdigen Götzen gibt G. Klemm,
+Handbuch der germanischen Altertumskunde, Dresden 1836, S. 347 ff;
+Tafel XIX–XXI sind die wunderlichen Gestalten abgebildet. Heutzutage
+glaubt niemand mehr an deren Echtheit. Teils stammen diese Bilder gar
+nicht von deutschen, sondern ausserdeutschen Völkern, teils gehören
+sie dem späten Mittelalter an. Irgend welche Beziehung zum Kult, also
+der Beweis, dass es Götzen sind, fehlt gänzlich. Als missglückt muss
+auch der Versuch, in altchristlichen Bildwerken heidnische Anklänge
+zu finden, bezeichnet werden, wie er u.&#8239;a. von Panzer, Beitrag zur
+deutschen Mythologie, 2. Bd. München 1855, S. 1 ff., 308 ff.; J. W.
+Wolf, Beiträge zur deutschen Mythologie 1. Bd. Göttingen 1852, S. 106
+ff.; Simrock, Myth.<sup>5</sup> 518 f. gemacht wurde.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_743_743" href="#FNanchor_743_743" class="label">[743]</a> Vgl. Siebourg, Westdeutsche Zeitschrift 7, 100.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_744_744" href="#FNanchor_744_744" class="label">[744]</a> Vgl. W. Müller, Altdeutsche Religion S. 71; Grimm, Myth.
+3, 42.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_745_745" href="#FNanchor_745_745" class="label">[745]</a> Vgl. Vita St. Galli in MG. 2, 7; ferner Walafrid Strabo
+in seiner vita St. Galli, Acta Bened. sec. 2, p. 233.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_746_746" href="#FNanchor_746_746" class="label">[746]</a> Götterbilder der Friesen, auch solche aus Stein, die
+aber wie Nehalennia auf Walcheren römischen Ursprungs gewesen sein
+mögen, erwähnen die Lebensbeschreibungen der Bekehrer mehrfach;
+Richthofen, Untersuchungen über friesische Rechtsgeschichte 2, 421 f.;
+sächsische Götterbilder a. a. O. 449.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_747_747" href="#FNanchor_747_747" class="label">[747]</a> Die nordischen Götterbilder verzeichnet Maurer,
+Bekehrung 2, 192 ff.; über die Götter, denen Tempel mit Bildern
+geweiht waren, vgl. auch Sigurður Vigfússon, árbók hins íslenzka
+fornleifafélags 1892, S. 17 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_748_748" href="#FNanchor_748_748" class="label">[748]</a> Eyrbyggjasaga Kap. 4, 9, 10.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_749_749" href="#FNanchor_749_749" class="label">[749]</a> R. Henning, Die deutschen Runendenkmäler, Strassburg
+1889, S. 27 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_750_750" href="#FNanchor_750_750" class="label">[750]</a> Über Tempelschätze vgl. Richthofen, Untersuchungen über
+friesische Rechtsgeschichte 2, 1, 431.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_751_751" href="#FNanchor_751_751" class="label">[751]</a> Über die Begabung der isländischen Tempel vgl. Maurer,
+Bekehrung 2, 212 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_752_752" href="#FNanchor_752_752" class="label">[752]</a> Über die dänischen Haupttempel vgl. H. Petersen, om
+Nordboernes gudedyrkelse og gudetro i hedenold S. 7 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_753_753" href="#FNanchor_753_753" class="label">[753]</a> Ein Verzeichniss der in den Quellen genannten und aus
+Ortsnamen zu erschliessenden Tempel Norwegens gibt Munch, Nordmændenes
+ældste gudeog heltesagn, Christiania 1854, S. 164 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_754_754" href="#FNanchor_754_754" class="label">[754]</a> Über die isländischen Tempel und ihre Bedeutung vgl.
+Maurer, Island S. 38 ff., S. 54 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_755_755" href="#FNanchor_755_755" class="label">[755]</a> Ammianus Marcellinus 28, 5 <i>nam sacerdos omnium
+maximus apud Burgundios vocatur sinistus et est perpetuus,
+obnoxius discriminibus nullis ut reges</i>. Got. burg. <i>sinista
+sinisto</i> ist der Superlativ zu einem sonst verlorenen Positiv
+<i>*sins</i> (aind. <i>sanas</i>, air. <i>sen</i>, lit. <i>sẽnas</i>,
+lat. <i>senex</i>), wovon das got. <i>sineigs</i> (senex) und
+<i>siniskalk</i> d.&#8239;h. Altknecht, abgeleitet sind; vgl. Feist,
+Grundriss der got. Etymologie, Strassburg 1888, S. 100; Brugmann,
+Grundriss der vergleichenden Grammatik der idg. Sprachen, Band 2, S.
+248 u. 407.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_756_756" href="#FNanchor_756_756" class="label">[756]</a> Über das lautliche Verhältniss zwischen got.
+<i>gudja</i>, aisl. <i>guđe</i>, <i>gođe</i> vgl. Noreen, Abriss der
+urgerman. Lautlehre S. 176.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_757_757" href="#FNanchor_757_757" class="label">[757]</a> Vgl. Maurer, Zur Urgeschichte der Godenwürde in ZfdPh.
+4, 125 ff.; über <i>goding</i>, <i>cotinc</i> Weinhold, ZfdPh. 21, 11.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_758_758" href="#FNanchor_758_758" class="label">[758]</a> Bei Thorsen, De danske runemindesmærker 1, 334–338 Anm.
+1.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_759_759" href="#FNanchor_759_759" class="label">[759]</a> <i>Þuríđr hofgyđja</i>, Landnáma 4 Kap. 10;
+<i>Þúríđr gyđja</i>, ebenda 3 Kap. 4; Vatnsdæla Kap. 27; <i>Þorlaug
+gyđja</i>, Landnáma 1 Kap. 21; <i>Friđgerđr gyđja</i>, Kristnisaga
+Kap. 2; Þorvalds þáttr víðfǫrla Kap. 4; <i>Steinvǫr hofgyđja</i>,
+Vopnfirðingasaga S. 10.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_760_760" href="#FNanchor_760_760" class="label">[760]</a> Über die isländischen Goden vgl. Maurer, Die Entstehung
+des isländ. Staats und seiner Verfassung, München 1852, S. 82 ff.;
+Island von seiner ersten Entdeckung bis zum Untergange des Freistaates,
+München 1874, S. 36 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_761_761" href="#FNanchor_761_761" class="label">[761]</a> Über den friesischen <i>âsega</i>, insbesondere auch
+über seinen Zusammenhang mit dem nordischen <i>lǫgmann</i>, dem
+isländischen <i>lǫgsǫgumann</i> vgl. Richthofen, Untersuchungen
+über friesische Rechtsgeschichte 2, 455 ff., 487 ff. Über den
+nordischen Gesetzsprecher, der sich aber allmälig als Sonderamt aus
+dem ursprünglichen Priestertum losgelöst zu haben scheint, vgl.
+Maurer, Das Alter des Gesetzsprecheramtes in Norwegen, München 1875;
+Sitzungsberichte der Münchener Akademie 1887, phil.-hist. Klasse II,
+3, 363 ff. und die dort verzeichnete Litteratur; zur ganzen Frage vgl.
+Richard Schröder, Gesetzsprecheramt und Priestertum bei den Germanen in
+der Zeitschrift für Rechtsgeschichte 1883, Germanistische Abteilung, 4.
+Band, S. 215 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_762_762" href="#FNanchor_762_762" class="label">[762]</a> Vgl. Müllenhoff, ZfdA. 12, 346 ff.; über den
+Zusammenhang zwischen Priestertum und Adel, J. Grimm, Rechtsaltertümer
+267 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_763_763" href="#FNanchor_763_763" class="label">[763]</a> Dass der Eidring, der auf dem Altar des isländischen
+Tempels lag, aber bei jeder Rechtshandlung vom Goden an der Hand
+getragen wurde, auch in Deutschland und bei den Goten vorkam (vgl. den
+Eigennamen <i>Eidring</i> in einer Lorscher Urkunde vom Jahre 834 und
+die <i>brachiales</i> bei Mansi, Concil. 3, 617), schliesst Müllenhoff,
+ZfdA. 17, 428 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_764_764" href="#FNanchor_764_764" class="label">[764]</a> Über die Vereinigung von weltlicher Oberhoheit,
+insbesondere Königtum, und Opferleitung im Norden vgl. H. Petersen, om
+nordboernes gudedyrkelse og gudetro i hedenold, Kjöbenhavn 1876, S. 1
+ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_765_765" href="#FNanchor_765_765" class="label">[765]</a> Die Berichte über Hakons Teilnahme am Opfer bei Maurer,
+Bekehrung 1, 158 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_766_766" href="#FNanchor_766_766" class="label">[766]</a> Vgl. die ältere Olafssaga helga Kap. 33/8; die jüngere
+Kap. 107/8; Maurer, Bekehrung 1, 532 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_767_767" href="#FNanchor_767_767" class="label">[767]</a> Vgl. die ältere Olafssaga helga Kap. 112/5; die jüngere
+Kap. 101/4; Maurer, Bekehrung 1, 528 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_768_768" href="#FNanchor_768_768" class="label">[768]</a> Über germanische Priesterinnen und Weissagerinnen vgl.
+J. Grimm, Myth. 84 ff.; 374 ff.; Weinhold, Die deutschen Frauen, 2. Aufl.
+Wien 1882, Bd. 1, S. 62 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_769_769" href="#FNanchor_769_769" class="label">[769]</a> Über Weleda vgl. Tacitus Germ. 8; Hist. 4, 61, 65; 5,
+22, 24; Statius, Silv. 1, 4, 90; Müllenhoff, Zur Runenlehre S. 55; der
+Name Weleda ist vielleicht nur eine Standesbezeichnung „weise Frau,
+Seherin“, gleich urkelt. <i>velet</i>, Seher, Dichter; vgl. Windisch,
+Philol. Wochenschrift, 1883, S. 930 und A. Fick, Vergleichendes
+Wörterbuch der idg. Sprachen, 4. Aufl., Bd. 2, 1894, S. 277.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_770_770" href="#FNanchor_770_770" class="label">[770]</a> Über Albrûna, die mit elbischer Runenkraft Begabte, vgl.
+Müllenhoff, Zur Runenlehre S. 51, 53.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_771_771" href="#FNanchor_771_771" class="label">[771]</a> Über die germanischen Chorlieder, die als <i>laikaȥ</i>,
+mhd. <i>leich</i> bezeichneten Hymnen, die aber natürlich vom Chore
+nur gesungen, nicht auch gedichtet wurden, vgl. Kögel, Geschichte der
+deutschen Litteratur I, 1, 7 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_772_772" href="#FNanchor_772_772" class="label">[772]</a> Ztschr. d. deutschen morgenländischen Gesellschaft
+37, 1883, S. 54 ff, 67 ff., u. ebenda Bd. 39, 1885, S. 52 ff.; die
+Vergleichung der indischen Form mit der germanischen führt Kögel,
+Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 98 durch.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_773_773" href="#FNanchor_773_773" class="label">[773]</a> Die Poesie im germanischen Recht behandelt Kögel,
+Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 97 u. 242 ff., wo der
+Nachweis versucht wird, dass die friesische Rechtspoesie zum grossen
+Teile stabreimend war; vgl. J. Grimm, Rechtsaltertümer S. 31 ff. über
+die Formeln.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_774_774" href="#FNanchor_774_774" class="label">[774]</a> Über solche Formeln vgl. J. Grimm, Rechtsaltertümer 39
+ff.; die ausführlichste nordische Formel bietet die Heiðarvígasaga in
+den Ĭslendinga sögur 2, 379 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_775_775" href="#FNanchor_775_775" class="label">[775]</a> Vgl. Haug, Sitzungsberichte der Münchener Akademie 1875,
+2, S. 457 ff. Vedische Rätselfragen und Rätselsprüche; den Zusammenhang
+mit dem mythologischen Rätselliede der Nordleute heben Wilmanns, ZfdA.
+20, 252 ff., Müllenhoff, Altertumskunde 5, 238 u. Kögel, Geschichte der
+deutschen Litteratur I, 1, 64 hervor.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_776_776" href="#FNanchor_776_776" class="label">[776]</a> Über die Gleichheit indischer und germanischer
+Segenssprüche vgl. A. Kühn, Ztschr. f. vergl. Sprachforschung 13, 49
+ff.; 113 ff. Die indischen Sprüche enthält namentlich der Atharvaveda.
+Die Atharvans und Angiras sind Priestergeschlechter, die demnach als
+die besten Gewährsmänner auf dem Gebiete der Spruchdichtung betrachtet
+wurden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_777_777" href="#FNanchor_777_777" class="label">[777]</a> Über die germanischen Wörter für Zauberlied und ihre
+Bedeutung vgl. Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 79 ff.;
+E. Schröder, ZfdA. 37, 259 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_778_778" href="#FNanchor_778_778" class="label">[778]</a> Vgl. E. Schröder, Über das Spell, ZfdA. 37, 241 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_779_779" href="#FNanchor_779_779" class="label">[779]</a> Germ. 10 <i>auspicia sortesque ut qui maxime observant:
+sortium consueludo simplex. virgam frugiferae arbori decisam in
+surculos amputant eosque notis quibusdam discretos super candidam
+vestem temere ac fortuito spargunt. mox, si publice consultetur,
+sacerdos civitatis, sin privatim, ipse pater familiae, precatus deos
+caelumque suspiciens ter singulos tollit, sublatos secundum impressam
+ante notam interpretatur. si prohibuerunt, nulla de eadem re in eundem
+diem consultatio; sin permissum, auspiciorum adhuc fides exigitur.</i>
+Über die Sitte des Loosens vgl. Müllenhoff, Zur Runenlehre, Halle
+1852, S. 33; Homeyer, Über das germanische Loosen, Monatsberichte der
+Berliner Akademie, December 1853; R. Keyser, Samlede afhandlinger S.
+372 ff.; Mogk in den „Kleineren Beiträgen zur Geschichte von Docenten
+der Leipziger Hochschule“, Festschrift zum deutschen Historikertag in
+Leipzig, 1894, S. 81 ff. Über Wahrsagerei im heutigen Brauche vgl.
+Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube, Berlin 1869, § 327 ff. Die
+germanischen Wörter für dieses Verfahren lauten folgendermaassen: got.
+<i>hlauts</i>, ags. <i>hlýt</i> oder <i>hlét</i>, as. <i>hlôt</i>,
+ahd. <i>hlôȥ</i>, überall ursprünglich Masculinum, ist das Nomen
+actionis des „<i>lieȥens</i>“, des Loosens und des Wahrsagens, dann
+das, wodurch dies geschieht, κλῆρος, sors, das Looszeichen; das nord.
+Femin. und Neutrum <i>hlaut</i> ist das, woraus oder mit dessen Hilfe
+geweissagt wird, das Opferblut. An. <i>hlutr</i>, ags. <i>hlot</i>,
+nds. <i>lott</i>, ahd. <i>hluȥ</i>, mhd. <i>luȥ</i> ist eigentlich
+<i>portio</i>, das Erlooste. Vgl. Gudbrand Vigfusson, dictionary 269;
+Müllenhoff, Altertumskunde 5, 155. Das Stäbchen, worauf die Zeichen
+standen, hiess got. <i>tains</i>, an. <i>teinn</i>, afries. <i>tên</i>,
+ags. <i>tân</i>, ahd. mhd. <i>zein</i>.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_780_780" href="#FNanchor_780_780" class="label">[780]</a> Die Hauptstellen, wo vom <i>fella blótspán</i> die Rede
+ist, sammelt Fritzner, Ordbog I<sup>2</sup>, 160. In der Fagrskinna 40 heisst es:
+er fällte den Opferspan, und es ward offenbar, dass er die passende
+Tageszeit zum Schlagen haben sollte. Auch hier bestimmt der Ausspruch
+der Loose die Schlacht. Vgl. noch Landnáma 3, 8. In der Livländ.
+Reimchronik 2483 u. 7239 heisst es wie im Nordischen „der Span fällt“
+statt „das Loos fällt“; J. Grimm, Myth. 3, 321.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_781_781" href="#FNanchor_781_781" class="label">[781]</a> Zum friesischen Looswurf vgl. Richthofen, Untersuchungen
+über friesische Rechtsgeschichte 2, 450 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_782_782" href="#FNanchor_782_782" class="label">[782]</a> Lex Frisionum tit. 14 <i>tunc unusquisque illorum septem
+faciat suam sorlem i. e. tenum de virga et signet signo suo, ut eam
+tam ille quam caeteri qui circumstant cognoscere possint</i>. Es sind
+vermutlich die Hausmarken der einzelnen Leute gemeint, die vielfache
+Verwendung beim Loosen fanden, vgl. Homeyer, Die Haus- und Hofmarken,
+Berlin 1870.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_783_783" href="#FNanchor_783_783" class="label">[783]</a> Vgl. E. Schröder, ZfdA. 37, 262.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_784_784" href="#FNanchor_784_784" class="label">[784]</a> Fornmannasögur 11, 128 ff.; Flateyjarbók 1, 188 ff.; zur
+Stelle R. Keyser, Samlede afhandlinger S. 376.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_785_785" href="#FNanchor_785_785" class="label">[785]</a> Über Angang und andere von selber sich darbietende
+Vorzeichen vgl. J. Grimm, Myth. 1072 ff.; Vorzeichen aus nordischen
+Quellen bei Maurer, Bekehrung 2, 122 ff.; das meiste Material steht bei
+A. Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 2. Aufl. Berlin
+1869, § 262 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_786_786" href="#FNanchor_786_786" class="label">[786]</a> Ahd. <i>fogalrarta</i> (<i>rarta</i> = got.
+<i>razda</i>, Stimme), <i>fogilrartôd</i> wird mit <i>auspicium,
+augurium</i> glossiert; ebenso ags. <i>fugelhƕâte</i>; vgl. J. Grimm,
+Myth. 3, 324. Über Augurien und Auspicien vgl. W. Wackernagel, ἔπεα
+πτερόεντα in den Kleineren Schriften 3, 196 ff., 205 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_787_787" href="#FNanchor_787_787" class="label">[787]</a> Germ. Kap. 10 <i>proprium gentis equorum quoque
+praesagia ac monitus experiri. publice aluntur isdem nemoribus ac
+lucis, candidi et nullo mortali opere contacti; quos pressos sacro
+curru sacerdos ac rex vel princeps civitatis comitantur hinnitusque
+ac fremitus observant. nec ulli auspicio maior fides, non solum apud
+plebem, sed apud proceres, apud sacerdotes; se enim ministros deorum,
+illos conscios putant.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_788_788" href="#FNanchor_788_788" class="label">[788]</a> Zur Etymologie von <i>hlaut</i> vgl. Gudbrand Vigfusson,
+Dictionary 269; Müllenhoff, Altertumskunde 5, 155; vgl. auch oben S.
+631 Anm. 1.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_789_789" href="#FNanchor_789_789" class="label">[789]</a> Über Frauennamen auf <i>rûn</i> und ihre Bedeutung vgl.
+Müllenhoff, Zur Runenlehre S. 44 ff.; mit, <i>rûn</i> gebildete Namen
+bei Förstemann, Namenbuch 1, 1062 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_790_790" href="#FNanchor_790_790" class="label">[790]</a> Über <i>spáfarar ok útiseta</i>, d.&#8239;h. draussensitzen,
+um die Zukunft mit Hilfe der Geister zu erforschen, was in Norges gamle
+love 1, 19 verboten wird, vgl. S. 648 Anm.; für die spätere Zeit vgl.
+Jón Árnason, íslenzkar þjóðsögur 1, 436 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_791_791" href="#FNanchor_791_791" class="label">[791]</a> Über got. <i>haljarûna</i>, welche aus Jordanes 24
+<i>magas mulieres, quas patrio sermone haliurunnas cognominant</i>,
+erschlossen wird, vgl. Müllenhoff, Zur Runenlehre S. 44 ff.; mit ahd.
+<i>hellirûna</i> gleichbedeutend begegnet <i>dohotrunu</i> d.&#8239;i.
+<i>dôtrûna</i>. Die sächsischen <i>dâdsisas super defunctos</i>, die
+Totengesänge, betrachtet Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur
+I, 1, 52 als das Gegenteil vom <i>valgaldr</i>, als einen Zauber,
+der die Rückkehr des Verstorbenen auf die Erde, also das Wiedergehen
+verhinderte.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_792_792" href="#FNanchor_792_792" class="label">[792]</a> Den Valgaldr schildert Saxo I S. 12 mit den Worten:
+<i>diris admodum carminibus ligno insculptis iisdemque linguae defuncti
+per Hadingum suppositis hac voce cum horrendum auribus carmen edere
+coegit.</i></p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_793_793" href="#FNanchor_793_793" class="label">[793]</a> Über das Orakelsitzen vgl. J. Grimm, Myth. 3, 306;
+Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 29 f.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_794_794" href="#FNanchor_794_794" class="label">[794]</a> Hrsg. von G. Storm, Kopenhagen 1893, S. 14 ff.; Reeves,
+The finding of Wineland the good, London 1890, S. 108 ff., 126 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_795_795" href="#FNanchor_795_795" class="label">[795]</a> Dass Wahrsagerei mit Hilfe von Geistern geschieht,
+spricht die Homilia de sacrilegiis III 5 deutlich aus: <i>qui diuinos
+uel diuinas id est pitonissas, per quos demones responsa dant,
+consulit</i> ... In der Eirikssaga rauða heissen solche weissagende
+Geister <i>natúrur</i>, Naturwesen. Die Lieder, mit denen sie
+beschworen werden, heissen nach der Hauksbók <i>varđlokkur</i>, nach
+der Handschrift Am. 557 <i>vardlokr</i> (vgl. das Facsimile bei
+Reeves, The finding of Wineland the good S. 109 u. 127). Wol dieselbe
+Art von Liedern sind im Grógaldr 7 gemeint: <i>urþar lokur</i>.
+<i>varđlokkur</i> begegnet im schott. <i>warlock</i>, böser Geist.
+<i>Varđlokkur</i> sind Zauberlieder, aber der etymologische Sinn ist
+dunkel. <i>Varđ-</i> ist deutsch <i>wart-</i>, an. <i>Varđrún</i> zu
+<i>Wartrûn</i>; <i>warten</i> heisst bewahren, schützen. <i>Lokkur</i>
+kann zu <i>lokka</i> gehören, etwa Lockung; <i>lokur</i> sind
+Riegel, Schlösser. Die Bedeutung wird nicht klarer. Schwerlich
+liegt in <i>varđ-</i> der Begriff Geist, Gespenst, es müsste
+denn zu <i>urđr</i> (<i>urđir</i>, Schicksalsgöttinnen) gehören,
+oder wie norwegisch <i>vord</i>, schwed. <i>vård</i>, Wächter,
+Schutzgeist, aus engerer Bedeutung sich zum Begriff „Geist“ überhaupt
+erweitert und verallgemeinert haben. Die Geister scheinen aber an.
+<i>gandar</i> genannt worden zu sein. <i>Gand</i> begegnet in deutschen
+(<i>Ganthar</i>, <i>Gantfrid</i>, <i>Gantrih</i> bei Förstemann,
+Namenbuch 1, 468) und nord. (<i>Gandalfr</i>, <i>Gandvik</i>) Namen.
+Gleichviel welchen Ursprungs das german. Wort sein mag, die Bedeutung
+Zaubergegenstand und zauberhaftes Wesen, Gespenst, scheint sicher;
+vgl. Müllenhoff, Altertumskunde 5, 110; Fritzner, Ordbog I<sup>2</sup>, 544;
+Kögel, Litteraturgeschichte I, 1, 52. Wie man die Gandar beschwor,
+zeigt die Vǫl. 28/30. Die Volva sitzt zur Beschwörung draussen
+(<i>ein sat úte</i>), als Odin zu ihr trat. Er gab Ringe und Halsband
+zur Entlohnung hin und empfing dafür von der Volva weise Kunde und
+Weissagung der Geister (<i>spǫ́ ganda</i>), welche die Volva zu diesem
+Behufe beschworen hatte. Nach Vǫl. 22 sind die <i>gandar</i> auch bei
+Heids Zauberei, bei ihrem Seid, im Spiele (<i>vitte ganda</i>). Die
+Fóstbrœðrasaga Kap. 9 erzählt: „Es ereignete sich, dass Thordis nachts
+im Schlafe sich übel geberdete, und die Leute sprachen davon, dass man
+sie wecken solle. Ihr Sohn Bodwar sprach: Lasst meine Mutter ihres
+Traumes geniessen, denn es kann sein, dass der Alten etwas erscheint,
+das sie wissen will. Und sie ward nicht geweckt. Als sie aber erwachte,
+holte sie schwer Atem. Ihr Sohn Bodwar sprach: Du gehubst dich übel im
+Schlafe, Mutter; ist dir etwas erschienen? Thordis antwortete: Weit
+herum habe ich diese Nacht die Geister getrieben (<i>víđa hefi ek
+gǫndum rennt i nótt</i>) und habe nun Dinge erfahren, die ich zuvor
+nicht wusste.“ <i>Gandreiđ</i>, Zauberritt, heisst in der Njálssaga
+Kap. 126 die Erscheinung eines gespenstischen Reiters vor grossen
+Ereignissen, vgl. Maurer, Bekehrung 2, 404.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_796_796" href="#FNanchor_796_796" class="label">[796]</a> Diese Auslegung gab Finn Magnusen, den äldre Edda,
+Kopenhagen 1821, Bd. 1, 5; Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5,
+42; Heinzel, AnzfdA. 12, 49 Anm. vermutet Zusammenhang mit slav.
+<i>volchvŭ</i>?</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_797_797" href="#FNanchor_797_797" class="label">[797]</a> Vgl. E. H. Meyer, Völuspa S. 9 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_798_798" href="#FNanchor_798_798" class="label">[798]</a> Über <i>seiđr</i> vgl. Uhland, Schriften 6, 392 ff.;
+Maurer, Bekehrung 2, 136 ff.; R. Keyser, Samlede afhandlinger 363 f. Für
+den Zusammenhang zwischen Seid und Finnenzauber sind Uhlands treffliche
+Bemerkungen maassgebend.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_799_799" href="#FNanchor_799_799" class="label">[799]</a> Lokas. 24 ist mit Bugge, Studien 138 <i>vitku líke</i>
+für Hds. <i>vitka líke</i> zu lesen. Nie wird Odin <i>seiđlmađr</i>
+benannt, seine Galdr und Runen bilden ja eben den Gegensatz zum
+unehrlichen <i>Seiđr</i>. Yngl. Kap. 7 „Odin verstand sich auf die
+Fähigkeit, die am mächtigsten wirkt, und übte sie, die Seid heisst“
+enthält einen offenkundigen Irrtum; Snorri sagt selber kurz vorher Kap.
+4, Seid sei den Asen fremd gewesen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_800_800" href="#FNanchor_800_800" class="label">[800]</a> Noreen, Indogerm. Forschungen 4, 326 nimmt zwei
+Formen, ahd. <i>hazusa</i> und <i>hagazusa</i> aus <i>haga-hazusa</i>
+an. <i>Hazusa</i> ist Participbildung zu got. <i>hatan</i>,
+ahd. <i>hazzên</i>; <i>hazusa</i> ist die Feindliche, Unholde,
+<i>hagazusa</i> die feindliche Waldfrau; vgl. auch Kaufmann, Beiträge
+18, 155 Anm. 1.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_801_801" href="#FNanchor_801_801" class="label">[801]</a> Die Ausdrücke dafür sind <i>finnfǫr, trúa á Finna,
+fara til Finna, gera finnfarar, fara til Finnmerkr at spyrja spá</i>.
+Der Name Finnen umfasst in der alten Zeit auch die Lappen. Über die
+Zauberkunst dieser Völker, die so häufig als Lehrmeister der Nordleute
+erscheinen, vgl. Fritzner, Lappernes hedenskab og trolldomskunst in der
+norsk historisk tidskrift 1, 4, 164 f.; 184 ff.; 208 ff.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_802_802" href="#FNanchor_802_802" class="label">[802]</a> Drauma-Jónssaga hrsg. von H. Gering, Halle 1893.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_803_803" href="#FNanchor_803_803" class="label">[803]</a> Vgl. Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube, Berlin 1869,
+§ 220 ff. Zauberbücher sind Fausts dreifacher Höllenzwang, seit Ende des
+16. Jhrh. oft gedruckt (vgl. Düntzer in Scheibles Kloster 5, 116), eine
+Anleitung zum Geisterbann; das Romanusbüchlein, in diesem Jahrh. in
+Süddeutschland verbreitet, eine Sammlung von Gebeten und Segensformeln,
+des Albertus Magnus egyptische Geheimnisse, der wahrhaftige feurige
+Drache oder Herrschaft über die himmlischen und höllischen Geister und
+über die Mächte der Erde und der Luft, der wahre geistliche Schild, das
+6. u. 7. Buch Mose u.&#8239;dgl. mehr. In dem Wuste von Unsinn taucht auch
+öfters manche Erinnerung an ältere sinnvollere Zauberbräuche auf.</p></div>
+</div>
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+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77891 ***</div>
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