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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78383 ***
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+
+ =antiqua=
+ ~gesperrt~
+ +fett+
+
+ Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+ Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben
+ gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden
+ nicht korrigiert. Poetische Formulierungen sind unverändert geblieben.
+
+
+
+
+ Empfindungen aus meinem Leben.
+
+ [Illustration]
+
+ ~WIEN~,
+
+ gedruckt bey Joseph Kurzböcken kais. kön. illyrischen
+ und aller orientalischen Sprachen Hofbuchdruckern,
+ und Buchhändlern.
+
+ 1774.
+
+
+
+
+Vorrede.
+
+
+Da man meistens noch niedere und falsche Begriffe von den schönen
+Wissenschaften hat; so möchte ich gern ein kleines Liecht
+vorausstellen, welches die Schatten zerstreuen soll, womit finstere
+Köpfe die schönere Natur anschwärzen. Will die fühllose Dummheit
+ihr kaltes Herz nie zu einer edlen Empfindung erwärmen, so soll sie
+wenigstens ihre unheiligen Blicke wegwenden; sie soll sich in die ewige
+Nacht ihrer Unwissenheit einhüllen, und mich ungekränkt und unbemerkt
+den sanften und stillen Umgang der Musen genießen lassen.
+
+Wisse, unbilliges Vorurtheil! wahre Poesie ist Würde und Hoheit des
+Menschen — vergieb mir diesen stolzen Ausdruck, ergeht nicht auf meine
+Person; sondern auf die Sache, die ich behandle.
+
+Die höchste Würde des Menschen bestehet in der Hoheit seines Geistes,
+und in dem Adel seines Herzens, die Erhebung des Geistes der sich mit
+einer außerordentlichen Fülle äußert, ist Begeisterung, die gereinigte
+Zärtlichkeit eines gefühlvollen Herzen, ist ihr Adel: der höchste Grad
+der Begeisterung und Zärtlichkeit, wo sich Wahrheit und Natur mit aller
+Stärke und Anmuth schildern, ist der höchste Grad der Dichtkunst.
+
+Ihr, derer lieblose, verwilderte Herzen keiner feinen Empfindung fähig
+sind, die ihr die Erhöhung der menschlichen Seele, das Gefühl des
+wahren Schönen, den Enthusiasmus der Weisheit und Tugend nicht kennet!
+eitle, unbedeutende, kriechende Geschöpfe! die ihr auf niederen Gewinn
+bedacht, nur nach eurem Futter wiehert; nie euern Verstand speiset, und
+schon zu leben glaubet, wenn ihr gleich dem Vieh, esset, schlaffet, und
+euch begattet, — widerleget, wenn ihr könnt!
+
+Uebrigens habe ich nur die ächte Dichtkunst vertheitigen wollen, deren
+Ausdruck Harmonie, und deren Inhalt begeisterte Weisheit ist. — Denn
+bloß zum Zeitvertreib witzig zu tändeln, die Einbildungskraft auf
+Kosten des Verstandes zu unterhalten, oder durch den unverschämten
+Muthwillen der in der Brumft gehenden Litteraturstuzer die
+grobe Sinnlichkeit zu reizen, ist wohl der Endzweck der schönen
+Wissenschaften nicht. Sie sind zur Beglückung des Menschen, zu seinem
+edleren Vergnügen, und nicht zur Nahrung seiner Ausschweifungen
+geschaffen.
+
+Und die unmännlichen Figuranten, die sich ewig mit süssen Kleinigkeiten
+beschäftigen; die, wann sie schwätzen, zu denken, und wann sie
+schwärmen zu empfinden glauben; die die Natur durch Künsteley ersetzen
+wollen; beständig mit Endsilben in Geburtsnöthen liegen, und sich mit
+Ach und Weh begeistern — soll man diese auch Dichter nennen? nein,
+Stümper, die die Wissenschaften entehren. Lichtwer weist ihnen ihre
+Stellen an.
+
+ Ihr Thoren, lernt dafür nähn,
+ hobeln, oder schmieden!
+ Minervens Priesterthum ist
+ Stümpern nicht beschieden.
+
+Weder diesen, noch mir selbst will ich das Wort reden; ich habe nur
+zeigen wollen, was für ein Ziel ich mir gestecket habe: wie weit ich es
+erreiche, müssen unparteyische Kenner entscheiden, derer Einsicht ich
+meine Versuche willig unterwerfe.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+~Inhalt.~
+
+
+ Seite.
+
+ I. Aussöhnung mit meinem Schicksale. 1.
+ II. Die zärtliche Schwermuth. 12.
+ III. Aufmunterung. 14.
+ IV. Die Weisheit im Schoose der Natur. 19.
+ V. Die Begeisterung. 27.
+ VI. Das Glück der Zärtlichkeit. 29.
+ VII. Verträulichkeit zwischen Liebe und Natur. 31.
+ VIII. Schutzort der Weisheit. 35.
+ IX. Einladung auf das Land. 37.
+ X. Die Gaben des Weisen. 39.
+ XI. Sehnsucht nach Vergnügen. 41.
+ XII. Meine Geliebte. 43.
+ XIII. Das freywillige Leiden. 44.
+ XIV. Kampf einer Leidenschaft. 48.
+ XV. Die Quelle des Unmuths. 50.
+ XVI. Erinnerung an die Jahre der Unschuld. 55.
+ XVII. Der Gottesacker. 59.
+ XVIII. Die philosophische Melancholie. 68.
+ XIX. Die Mitternacht. 79.
+ XX. Die Seele an ihren schlaffenden Leib. 87.
+ XXI. Die Ruhe. 91.
+ XXII. Meine Grabschrift. 95.
+
+
+
+
+~Aussöhnung~ mit meinem Schicksale.
+
+
+[Illustration]
+
+Mein Geist drang mit einem edlen Unwillen sich von dem Pöbel hinweg;
+aber meine Glieder fühlen noch die Mühe, womit sie den unsicheren
+Weg zurück gelegt haben. Wie schwer ist das Geblüt in meinen Adern
+geworden; seit dem ich in deinen feindseligen Mauern, o Stadt!
+gewandelt habe! Hart ist das Pflaster, worauf glänzende Sorgen, mit
+Thorheit beladen, wo drückende Laster prächtig einher treten! Nun bin
+ich — der Vorsicht sey Dank — hinaus aus dem Schwarm der Lieblosen. Wie
+weit wollt ihr mir noch nachschleichen, ihr schwarzen Gedanken der
+Schwermuth und des Kummers? Verlaßt mich, ach verlaßt mich! ich habe
+genug mit Unglück und Verfolgungen gekämpfet. Ich fliehe euch nicht,
+ich hasse euch nicht, ihr Menschen, o nein, mein Herz klopfet stets zu
+eurem Besten; es fließt vor Empfindung gegen die Redlichen über, die
+des Mitleids und der Gegenliebe fähig sind, und die übrigen bedaure
+ich ihres Unglückes wegen, daß sie Menschenfeinde sind. Ich fliehe
+nicht sie, nur ihre Lieblosigkeit. Das Leben ist kurz: schwermüthiger
+Tiefsinn, Ernst und Kummer fangen an, meine Nerven zu schwächen, und
+heimlich meine Gesundheit zu untergraben. Ich bedarf der Erquickung.
+Genug ward ich bey dem inneren Ruf meiner Seele von den lauten Stimmen
+der Dummheit und des Eigennutzes übertäubt, ungerecht gegen mich
+selbst, Muth und Zutrauen zu verlieren. Ein heißhungriches Geschrey
+tönte mir überall entgegen: das Studium der Wahrheit und Pflichten
+ist nicht zum Brod gewinnen; Weisheit und Tugend, Erhabenheit des
+Geistes, Adel des Herzens sind unbekannte Nahmen. Ich ward in meinen
+zartesten Jahren zum rauhen Pöbel verstossen, wo ich verkennet und
+ungetröstet, mich im Verborgenen nach Menschenliebe sehnte, und ach!
+vergebens sehnte. Die schweren Seufzer meiner Betrübniß haben meine
+Brust beklemmet, und nun will ich wieder einmal freyen Athem hohlen. —
+In deinem wohlthätigen Schoose, liebreiche und weisheitsvolle Natur!
+Will ich von meinem Schicksale ausruhen, und aus deiner inbegriffenen
+Göttlichkeit überirdische Hofnung, und den Trost des Mitleids schöpfen,
+den mir die Sterblichen versagen. — Verlaßt mich, ach verlaßt mich,
+ihr schwarzen Gedanken der Schwermuth und des Kummers! Zurück! Hier
+sind die Gränzen der unverdorbenen Natur. Mit unverwandtem Blicke will
+ich mich dem Schutzorte der Unschuld nähern. O Glück! Noch etliche
+Schritte, und dann bin ich der Natur im Arm! Schon ist der Boden
+gelinder und die Luft reiner. Zephir bringt Wohlgeruch auf seinen
+Flügeln, und ich athme Gesundheit in mich. — Sey mir gesegnet, heiliges
+Dunkel, das ehrfurchtvoll in diesen verjährten Tannen schwebet! kein
+feindseliger Sturm müße je durch diese ruhige Dämmerung fahren. — Ich
+will hinein gehen. —
+
+Hier ist der wundersame Baum, der von obenher seinen Ursprung genommen
+hat, seine Wurzeln kriechen an Felsen. — Sie haben einen bequemen
+Sitz geflochten; ich will hier ruhen — Sein Stamm neiget sich unter
+mir herunter, als wollte er der Erde seiner Mutter danken, die ihm
+Nahrung auch ausser ihrem Schoose reichet! Aber er hebt sich wieder
+von der Mitte empor. Sein Saamen wuchs wie der Gedanken des Weisen,
+von sich gegen die Erde, und von der Erde gegen den Himmel. — Hier
+ist der Sitz der Begeisterung, hoch von Natur, nicht durch Zwang und
+Uebermuth, abseits vom Getümmel, ungebahnt für träge Unwissenheit, weit
+erhaben über die Denkmäler der Ueppigkeit und Herrschsucht, worunter
+die niedern Seelen wie Gewürme im Schutthaufen herum kriechen. Die
+Spitze der Thürme, die falsche Hoheit in die Luft gehoben hat, um über
+Mitmenschen hinaus zu sehen, reichen nicht zu meinen Füßen. Ich bin
+verborgen und sicher. Voll erhabener Wildheit hangen die Zotten des
+Reisicht über mir her; und ewig grünende Fichten streuen ehrwürdige
+Schatten auf den Felsen, dessen bemooste Höhlung mir zur weichen Lehne
+dienet. Horchende Stille wachet einsam in diesem Tempel der Schöpfung,
+den nie unheilige Blicke entweyhten; denn der Pöbel verirret sich nicht
+in dein Heiligthum, o Natur! Dein Freund ist der einsame Dichter, der
+aus dem Gedränge verscheuchet, dem Felsen die Gefühllosigkeit seiner
+Mitmenschen klaget. Hier ist das Vaterland meiner Empfindungen, hier
+ists, wo mein Geist, in die Zaubergegend der Dichtkunst hingerücket,
+von dem Nektar der begeisternden Weisheit kostete. — Kommet ihr
+ländlichen Kamönen, einzige Trösterinnen meines Lebens! reichet mir
+noch einen stärkenden Trunk und weyhet mich euren Geheimnißen ein;
+schließet mir eure verborgenen Schätze auf: ich will mit Popen und
+St. John die Kleinigkeiten der Welt dem niederen Ehrgeize und dem
+Stolze der Könige lassen. In euren liebvollen und freundlichen Wohnsitz
+will ich vergessen, daß es störische und harte Menschen giebt; in
+Unschuld und Ruhe, in Gesundheit und Freyheit will ich künftig meines
+Lebens froh werden. Mäßigkeit wird die Bewegungen meines Geblüts
+besänftigen, und mein Herz nur den gereinigten Empfindungen der Natur
+und Menschenliebe offen seyn. In einer ruhmlosen Hütte will ich ein
+redliches Alter erreichen, unbeneidet, genügsam und sicher. Verborgen
+vor dem Hof sollen meine Tage so still und ruhig dahin gleiten wie
+die kleinen Silberwellen durch das einsame Veilchenthal. Nie wird ihr
+heller Boden von kriegerischen Rossen zerwühlet, nie ihr klares Naß
+von schwärmenden Städtern trübe gemacht. Bey einem stillen häußlichen
+Glücke will ich zwischen Lilien und Rosen, den Spuren der Unschuld und
+Liebe treten, und auf den sanften Boden der Natur wandeln. Dort wo
+Gebüsche unter hangenden Felsen den Eingang mit feyerlicher Dämmerung
+decken, in der träumerische Grotte wird mich meine Muse in süsse
+Begeisterung einschlummern. Oft werde ich den einsamen Hügel besuchen,
+wo mein Herz hinschmolz, und mein Geist in sanfte Wehmuth zerfloß. Oft
+werde ich am Abend empfindungsvoll mich unter den Schatten eines Baumes
+vergessen. Oft wird zum Dank der Wohlthaten meines Schöpfers, oft
+zum Andenken meiner Freunde eine zärtliche Thräne auf den blumichten
+Hügel hingleiten, worauf ich mein Haupt stütze; dann wird aus der
+nahen Hütte meine fromme Gattinn kommen, und meiner Empfindung den
+stillen Beyfall in ihren sanften Blicken zulächeln; sie wird mit ihrer
+Hand mein gerührtes Herz fühlen, und mit mir die erhabene Wollust
+der Zärtlichkeit und tugendhafter Gesinnungen theilen. An ihrem Arm
+will ich — — Süsser Traum! Von welch entzückenden Vorstellungen ward
+mein Geist betrunken! Hab Dank, wohlthätige Muse! Daß du Mitleid mit
+meinem Schicksale hast, und Oel in meine Wunde gießest. Begeistre mich
+mit Hofnung; wenn auch in dem Rathschluße des Ewigen mir nie so ein
+schmeichelhaftes Glück sollte vorbehalten seyn. Gott, du kannst kein
+Mißfallen an unschuldigen Wünschen deiner Geschöpfe haben; du selbst
+hast den Trieb zum Vergnügen tief in ihre Herzen gepflanzet, du hast
+sie zur Glückseligkeit bestimmet. Du magst diese Bestimmung hier
+schon oder dort erfüllen; ich will sie mit Dank zum voraus empfinden,
+und mich durch die Hofnung der Zukunft mit Standhaftigkeit für das
+Gegenwärtige bewaffnen. Ich hoffe und wünsche; — aber, Herr! was du
+thust, ist gerecht; sollte auch hienieden mein Leiden beschlossen seyn.
+In der Schule des Unglücks verlernet man Leichtsinn und Thorheit, und
+vor den Blicken des Geistes verschwindet der Nebel, der die höhere
+Aussicht verdunkelt. Mich stärket der grosse Gedanken der Ewigkeit,
+wodurch mein Geist, vom Staube ungesättiget, sich mit dem Vorgeschmack
+der Seligkeit nähret; mich tröstet die Hoffnung, daß meine Seele, durch
+Trübsale gebessert, sich von eingebildeten Bedürfnissen entwähne, und
+einst zum Genuße deiner Wohlthaten fähiger seyn wird. Die sanfte und
+stille Landlust, Unschuld und Einfalt, diese schöne Natur, die so
+voller Spuren der Liebe ist, und die Erinnerung, Herr! daß ich mich
+bestrebet habe, dir zu gefallen und rechtschaffen zu seyn, o die wird
+mir jedes Ungemach meines Lebens versüssen. In deiner Vorsicht will ich
+mich ganz beruhigen; keine Klage wider den Lauf der Dinge soll jemals
+meinen Lippen entfahren; mit einem Blicke in deine göttliche Weisheit
+werde ich alle menschliche Thorheit vergessen, und wie leicht vergesse
+ich dann auch das Glück der Welt, — das mich bisher getäuscht hat.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die zärtliche Schwermuth.
+
+
+ Am stillen Hügel, den der Schatten
+ Des Baumes deckt, wo unverrathen
+ Mein Herz geheime Wehmuth nährt;
+ Wo durchs Gebüsch die blassen Stralen
+ Des Mondes einsam, schüchtern fallen
+ Und nichts die leisen Seufzer stört.
+
+ Hier wo verschwiegne Dunkelheiten
+ Den Trauerflor um mich verbreiten,
+ Hier sinken, von dem harten Loos
+ Des Schicksals müde, meine Glieder
+ Auf schwarz bethautem Mose nieder —
+ Hin in der stillen Schwermuth Schoos.
+
+ Dir Nacht vertrau ich meinen Kummer,
+ Der meinen Geist in düstern Schlummer
+ Der Wehmuth senkt: verhüll mein Leid;
+ Laß mich in deine Tiefe weinen,
+ Und meinen Schmerz mit dir vereinen;
+ Sey Zeuge meiner Zärtlichkeit.
+
+ Ach dieses Herzens tiefe Wunden!
+ Die noch kein Mitleid mir verbunden!
+ Ach sie verbluten! Liebe quillt
+ Heraus — verkennte Menschenliebe.
+ Kommt, theilt mit mir die sanften Triebe
+ Dieß Herz — das allzu zärtlich fühlt.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Aufmunterung.
+
+
+ Auf träger Geist! die Zeit verflieht;
+ Der Lenz, der Jugend Flor verblüht:
+ Sey dankbar und genieß dein Gut!
+ Sey Jüngling! Lern voll edlen Muth,
+ Wann stürmend Ungewitter blitzen,
+ Mit Weisheit dich, und grauer Klugheit schützen.
+
+ * * * * *
+
+ Der Gram entehrt, ermuntre dich!
+ Er setzt die Seele unter sich
+ Bis zur Unthätigkeit herab,
+ Und baut aus uns ein wandelnd Grab.
+ Die Embrionen edler Thaten
+ Erstickt in dir des Unmuths düstrer Schatten.
+
+ * * * * *
+
+ In Tiefsinn wandelst du herum,
+ Gleich deinem Schatten traurig stumm;
+ Geselligkeit und freyer Muth
+ Weicht vom Gesicht; dein junges Blut
+ Eilt nicht mehr froh, von Gram gehemmet,
+ Der in den Adern schleicht, dein Herz beklemmet.
+
+ * * * * *
+
+ Dein scheuer Blick, dein trüber Sinn
+ Kriecht niedrig an der Erde hin.
+ Flieh, flieh von dir, von deinem Gram!
+ Soll Unmuth, unverdiente Scham.
+ Und Blödigkeit die Stirn umhüllen?
+ Die Ehre ist im Herzen: lern sie fühlen.
+
+ * * * * *
+
+ Vor andern arm, verachtet, klein,
+ Lern, ohne Zeugen groß zu seyn.
+ Sey standhaft; denn auch dein Geschick
+ Steht in der Vorsicht Buch. Dein Glück,
+ Das itzt noch schläft, wird einst erwachen,
+ Und doppelt dich die Freuden Fühlen machen.
+
+ * * * * *
+
+ Noch lebt so mancher Menschenfreund,
+ Der Kunst mit Redlichkeit vereint,
+ Der Recht und Tugend noch vertheidigt,
+ Den Deine Armuth nicht beleidigt,
+ Der Menschen gerne glücklich siehet,
+ Zum Mitleid nicht zu vornehm, dich nicht fliehet;
+
+ * * * * *
+
+ Der an den Seufzern Antheil nimmt,
+ Die Thräne, die im Auge schwimmt,
+ Als Freund zu trocknen sich bemüht;
+ Als Freund, wann er dich fehlen sieht,
+ Dir nachsichtvoll entgegen eilet,
+ Und den Verstand von Wahn und Irrthum heilet.
+
+ * * * * *
+
+ Noch läßt das Schicksal — Deiner Jugend
+ Den Trieb zur Redlichkeit und Tugend;
+ Noch kann dein zärtliches Gefühl,
+ Wenn dich das Glück auch hassen will,
+ Im stillen Schatten seelger Linden
+ Des Frühlings Lust, und die Natur empfinde.
+
+ * * * * *
+
+ Sey größer, als dein Unglück ist,
+ Erhabner, als die niedre List
+ Und Frechheit eines Pöbels reicht,
+ Der, Würmern gleich, im Finstern schleicht,
+ Der das, woran er stoßt, nur fühlet,
+ Durch sich gestraft, im Stoffe Blindlings wühlet.
+
+ * * * * *
+
+ Ist dieser Vorzug dir zu klein;
+ so must du selbst unedel seyn.
+ Ein edler Geist, in sich beglückt,
+ Zu stolz, was ihm die Welt entrückt,
+ Um Pupentand, und Eitelkeiten
+ Den Müssigen, den Thoren zu beneiden,
+
+ * * * * *
+
+ Kriecht sklavisch nicht um Ehr und Glück
+ Ihm schwärzt kein niedres Bubenstück.
+ Die heitern Mienen im Gesicht.
+ Gelassen thut er seine Pflicht;
+ Sieht aufrecht auf der Tugend Wegen,
+ Sich selbst bewußt, der Ewigkeit entgegen.
+
+
+
+
+Die Weisheit im Schoose der Natur.
+
+
+ Wer küßt und drückt und lästert,
+ hat Verstand;
+ Wer redlich spricht, gehöret auf das
+ Land.
+
+ Kleist.
+
+ * * * * *
+
+ Du Wohnsitz stiller Musen,
+ Empfang mich, heitre Flur,
+ Auf deinem grünen Busen!
+ Sanft lächelnde Natur,
+ Aus deinem reichen Schoose
+ Trink ich des Frühlings Lust,
+ So wie den Thau die Rose,
+ Nun in die freye Brust.
+
+ * * * * *
+
+ Ein Blick der Weisheit stralet
+ Aus jedem Reiz hervor,
+ Und bessre Freude wallet
+ In meiner Brust empor.
+ Ich brauch, mich zu beglücken,
+ Nur Mensch, nicht reich zu seyn;
+ Ein edleres Entzücken
+ Nimmt meine Seele ein,
+
+ * * * * *
+
+ Rührt, ohne zu verletzen,
+ Mein jugendlich Gemüth
+ Mit zärtlichen Ergötzen.
+ Ein reineres Geblüt
+ Wallt schon durch meine Glieder;
+ Der Geist wird heiterer,
+ Er öffnet sich hier wieder,
+ Denkt frey, und fühlet mehr.
+
+ * * * * *
+
+ Hier drohn nicht rasche Pferde
+ Dem müden Wanderer;
+ Kein Wagen, von der Heerde
+ Vergoldter Diener schwer,
+ Worin der Unterthanen,
+ Der Bürger theure Last,
+ Müd vom Verdienst der Ahnen,
+ Mit dummen Lächeln rastt.[A]
+
+ * * * * *
+
+ Durchlauchtgen Rossen schnauben
+ Nicht feile Menschen vor.
+ In Schatten sicherer Lauben
+ Irrt froher Hirten Chor
+ Mit sanften Schäferinnen.
+ Lieb und Zufriedenheit
+ Geht segnend neben ihnen,
+ Nicht Rangsucht, Stolz und Neid.
+
+ * * * * *
+
+ Der Menschheit Recht verdrehet
+ Kein hochgebohrnes Thier,
+ Das sich in Sänften blähet;
+ Nur Menschen sieht man hier.
+ Die Tugend giebt den Titel,
+ Die Eintracht den Gewinnst;
+ Nicht Zufall, Rang und Mittel
+ Verdrängen das Verdienst.
+
+ * * * * *
+
+ Zum Laster ungeschicket,
+ Das sich aus Hochmuth neigt,
+ Krumm, heuchlerisch gebücket,
+ In heiligen Tempeln schleicht,
+ Und das im Harmeline
+ Bey Hof mit frechen Schritt
+ Und tückisch hoher Miene
+ Bis zu dem Fürsten tritt,
+
+ * * * * *
+
+ Durch Einfalt glücklich, irret
+ Im Thal die Schäferinn;
+ In Unschuld, sittsam führet
+ Sie ihre Lämmer hin,
+ Wo ruhig ihre Jugend
+ Der Schöpfung Freuden fühlt;
+ Wo unbemerkte Tugend
+ Dem Schöpfer sich enthült.
+ Frey wandelt in Gesträuchen
+ Ihr Fuß längst einem Bach;
+ Nicht freche Buben schleichen
+ Dort ihrer Unschuld nach.
+ Die Kunst des süssen Herren,
+ Der geil aus Wohlstand spricht,
+ Geld, Ordensband entehren
+ Verwaiste Mädchen nicht.
+
+ * * * * *
+
+ Hier schwärmt durch grüne Schatten
+ Kein Midas, groß durch Gold,
+ Berühmt durch fremde Thaten,
+ Der seinem Bauch nur hold,
+ Standtsmäßig auszuschweifen,
+ Und durch des Bürgers Schweiß
+ Sich Tafeln aufzuhäufen,
+ Sich fett zu prassen weiß.
+
+ * * * * *
+
+ Taub, Mitleid zu empfinden,
+ Zu fühllos, selbst sein Glück
+ In anderer Glück zu finden,
+ Sieht er sich nicht zurück,
+ Der Große, wann Bedrängte
+ Mit Thränen nach ihm sehn;
+ Wann ohne Schuld gekränkte
+ Um seinen Beystand flehn.
+
+ * * * * *
+
+ Dich, sanfte Stimm vom Himmel,
+ Natur! Dich überschreyt
+ Das irdische Getümel
+ Der prächtgen Eitelkeit!
+ Weg ihr verhaßten Thürme,
+ Wo, in den Schlamm getaucht,
+ Dieß irdische Gewürme
+ Nur giftge Laster haucht!
+
+ * * * * *
+
+ In lärmenden Pallästen,
+ Da herrscht die Weisheit nicht;
+ Nur feige Schmeichler mästen
+ Sich, wo der Bösewicht
+ Und Thor den Lüsten frohnet,
+ Wo Fleiß und Tugend trauert,
+ Wo Tod im Lächeln wohnet,
+ Und das Verderben lauert,
+
+ * * * * *
+
+ Wo alle Mienen trügen,
+ Sich Mädchen klug durch Geld,
+ Und schön durch Schminke lügen,
+ Dem Wuchrer preis gestellt!
+ Wo tausend wilde Triebe,
+ Der Leidenschaft Gewühl
+ Die zärtlich keusche Liebe,
+ Das reinere Gefühl
+
+ * * * * *
+
+ Der Menschlichkeit ersticken;
+ Wo Untreu, Buhlerey
+ Aus finstern Mauern blicken;
+ Wo faule Schwelgerey,
+ In Schlössern stolz bewachet,
+ Wo hämisch Schadenfreud
+ Aus halben Vorhang lachet,
+ Im Sitz der Ueppigkeit.
+
+ * * * * *
+
+ Fern von der Gratulanten,
+ Betrüger, Schmeichler Heer,
+ Von Stutzern und Pedanten,
+ Kann ich hier ruhiger
+ Natur, Nach deinem leisen,
+ Verborgnen Triebwerk spähn;
+ Dich und die stillen Weisen
+ Des Alterthums verstehn!
+
+ * * * * *
+
+ Nicht in betrogne Spiele
+ Des Witzes eingewebt; —
+ In feyerlicher Stille,
+ Von Grazien umschwebt,
+ In edler Einfalt glänzet
+ Sie, auf beblümten Pfad,
+ Die Weisheit, unumgränzet,
+ Verscheucht von Hof und Stadt.
+
+[A] Die Wahrheit wird von selbst die Verehrungswürdigen, die den Adel
+nicht nur in ihren Wappen, sondern auch in ihrer Seele führen, gegen
+die =Usurpatores= ihrer Vorrechte vertretten.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Begeisterung.
+
+
+Welch eine geheimnißvolle Schönheit dringet überall aus deinen
+manigfältigen und wundervollen Scenen hervor, o Natur! Meine Sinnen
+sind trunken von deinen zauberischen Reizen! mein Geist ist ganz voll,
+ganz in die Tiefe einer unbekannten Anmuth hingerissen! — Was fühle
+ich? Wie ahnungsvoll, wie stark klopfet es in meinem Herzen! — Ja,
+hier ist die Quelle der Liebe, sie fließet durch mich, und ergießet
+sich in die ganze Natur. — Wie wallen meine Adern! Feuer ist in meiner
+Brust, und meine Augen sind mit heissem Oele durchströmmet! — — Sättige
+mich, Natur! mit deiner Schönheit! in dich, in deine inbegriffene
+Göttlichkeit bin ich entzücket. Ihr Geschöpfe, Ausflüße der Gottheit,
+von kleinsten bis zum größten, alles, was in der Natur ist, was lebet
+und schwebet, was mich umgiebt, seyd mir gesegnet! gedeyhet mir, neiget
+euch gefällig zu meinem Wohl; theilet eure Richtigkeit, Ordnung und
+Schönheit, theilet euch mir mit, drücket die Spuren eures Ursprungs
+euer Glückseligkeit tief in mein Herz, nähret meine Begeisterung mit
+der Weisheit und meine Empfindungen mit der Seeligkeit eures Schöpfers;
+damit meine Handlungen nach dem erhabensten Muster, nach den ewigen
+Gesetzen der Schöpfung gebildet werden.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Das Glück der Zärtlichkeit.
+
+
+ Ein Herz, das durch erhabne Triebe,
+ Durch Zärtlichkeit und Menschenliebe
+ Von der Natur geadelt ist,
+ Ein fühlbar Herz ist jene Quelle,
+ Die unversieglich in die Seele
+ Der Liebe süsse Wollust gießt.
+
+ * * * * *
+
+ Ein Geist, der frey und edel denket,
+ Durch niedern Vortheil nicht gelenket,
+ Nicht prächtgen Sklaven zinnsbar ist,
+ Wo Sanftmuth, edle Einfalt wohnet,
+ Zufriedne stille Tugend thronet,
+ Die stets wohlthätig überfließt;
+
+ * * * * *
+
+ Ein redlich Antlitz, sanfte Blicke,
+ Wo bey des Nächsten Ungelücke
+ Des Mitleids edle Zähre fließt:
+ Sind Güter, die der Thor nicht kennet,
+ Der fühllos auf dem Throne gähnet,
+ Wo er der Menschheit Recht vergißt.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Verträulichkeit zwischen Liebe und Natur.
+
+
+ In einer hohen Felsengrotte
+ mit Gebüsch umwachsen.
+
+Verbirg mich, dämmerndes Gebüsch! in deine heilige Stille! Einsames
+Dunkel! schütze meine Sinnen vor dem Blendwerke des Ehrgeizes und
+der Wollust, die aufrührisch in mein zu weiches Herz stürmen! hier
+sey die Ruhe wieder meiner Seele geschenket, die unter dem Joche
+schmachtet, das allgemeine Thorheit den Menschen aufleget. Unwillig,
+daß sich ihre kräftigen Aeußerungen unter den sclavischen Hauffen
+verirret, kehret sie wieder auf die einfache Pfade der Natur zurück.
+Friede mit euch, ihr Gegenstände der ländlichen Einfalt! Flöße mir
+hier, unverdorbene Natur, deine Unschuld und Heiterkeit ein! Hier soll
+mein Herz nur sanfte Regungen fühlen, und ihre reine Zärtlichkeit in
+dieser verschwiegenen Grotte ausgiessen. Das Geheimniß einer Liebe,
+die in meinem Innersten brennet, und womit eine Gottheit diesen Staub
+begeistert, sey dir, holdselige, freundliche Natur, allein anvertrauet!
+Du verspottest, sie nicht, diese verborgenen Triebe, die du selbst in
+meinen Busen geleget, diesen Funken der Gottheit, der die Menschen
+belebet, um sie zu beglücken, Menschen, die in ihr eigenes Eingeweyd
+wüthen, und das eingefleischte Gesetz ihrer Wesenheit, das heiligste
+Geschenk der Natur — Die Liebe verkennen; oder mißbrauchen; die sich
+aus der Kränklichkeit der Einbildung, oder des Körpers einen Beruf
+lügen, in der Unterdrückung der sanften, geselligen Neigungen, in der
+Untüchtigkeit und Verwahrlosung der Lebensgeister, in der trägen,
+unentwickelten Einförmigkeit ihres Daseyns ein Verdienst suchen, und
+um einseitige, lieblose Absichten zu erreichen, das Grundgesetz der
+Schöpfung durch leeres Aussenwerk, durch eitle Gepränge unkennbar
+machen. Ungerechte, die ihr die Natur hintergehen wollet, und der
+edelsten Thätigkeit unseres Daseyns durch Zwang, Künsteley und stolz
+ewige Dämme setzet! Dämme, von welchen unsere Leidenschaften mit
+Ungestüm in unser Gemüth zurück brausen, gleich jenem Bach, der ruhig
+und still in seinem Rinnsale nach dem Ziele eilet, bis er an einem
+Felsen zerbrellet. Erbost wühlet er in seinen eigenen Grund, und
+sprühet unruhig um sich her. Doch weg ihr stürmischen Bilder aus meiner
+Seele! störet nicht meine friedlichen, einsamen Betrachtungen! Stilles,
+ruhiges Vergnügen will ich itzt in mich athmen, und nur gelinde Weste
+sollen meine Schläfe umsäuseln. Hier, wo jede Spur in der Schöpfung
+von Wohlthun und Liebe des Schöpfers zeuget, hier herrschet nicht
+feige Eitelkeit, nicht fühllose Dummheit, die Unthat für Keuschheit,
+und wohlthätige Liebe zur Beleidigung rechnet. Dieses sanfte Gefühl
+der Menschheit wird nicht durch Pracht, Rang und Wucher, nicht durch
+Leichtsinn und Meineyd mißhandelt — aber ach! kehret nicht so oft
+zurück, ihr traurigen Gestalten des Hofes! Laßt mich, in Frieden
+unter diesem bemoosten Felsen hier ruhen! verträglich will ich mit mir
+selbst, und mit dieser schönern Natur seyn; vertraut will ich ihr meine
+geheimen Wünsche entdecken; meine Gedanken sollen sich sanft und frey
+entwickeln, wie diese Sprossen des Frühlings um mich aus dem Schoose
+der Natur hervorkeimen. Besänftiget durch ihren Einfluß, begeistert
+von ihrer Schönheit, will ich hier auf diesem samtenen Moose in süße
+Hofnungen einschlummern.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Schutzort der Weisheit
+
+
+ Noch seyd ihr, unschuldvolle Freuden
+ Der Schöpfung! Trost in meinem Leiden.
+ Wann harte Menschen mich verscheun,
+ Soll euch mein Herz noch offen seyn.
+ Ich will, die Leyer in den Händen,
+ In seligern Gefilden wandeln;
+ Gold soll mein heitres Aug nicht blenden,
+ Kein falsches Glück mich mehr mißhandeln.
+
+ * * * * *
+
+ Natur! in deinem Arm beschützet
+ Die Weisheit mich, wann Bosheit blitzet.
+ Hier will, wann Vorurtheil und Neid
+ Voll schwarzen Geifer um sich speyt,
+ Ich über niedre Bubenstücke
+ Und Dummheit, die im Finstern irren;
+ Hier will ich über mein Geschicke
+ In stiller Wollust triumphiren.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Einladung auf das Land
+
+
+ Ihr Freunde, und ihr Schönen,
+ Besucht die stille Flur,
+ Die anmuthvollen Scenen
+ Der Unschuld, und Natur!
+
+ * * * * *
+
+ Eilt, dankbar zu genießen
+ Nach weiser Vorsicht Ziel:
+ Das Leben zu versüssen,
+ Gab sie uns das Gefühl.
+
+ * * * * *
+
+ Die fremde Pracht der Speisen
+ Verderbt die Sinnen nur;
+ Es gnüget hier dem Weisen
+ Die Einfalt der Natur.
+ Wo mit den zarten Zweigen
+ Die reiffen Früchte sich
+ Gefällig zu ihm neigen,
+ Da speist er königlich.
+
+ * * * * *
+
+ Die Einfalt reiner Sitten
+ Herrscht unter reiner Luft,
+ In ländlich stillen Hütten,
+ Bey Florens Blumenduft.
+
+ * * * * *
+
+ Kommt, dort im Grünen wollen
+ Wir, eins dem andern gleich,
+ Uns Früchte, Blumen hollen,
+ — Dann sind wir groß, und reich.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Gaben des Weisen.
+
+
+ Daß sich das Wasser in dem Magen
+ Mit den Speisen kann vertragen,
+ Das kann wohl seyn:
+ Jedoch der Rebensaft
+ Giebt auch der Seele Kraft.
+ Das Wasser rinnt so todt hinein.
+ Der Necktar öffnet unsere Herzen
+ Bey seinem Witz und keuschen Scherzen:
+ Ein Weiser trinkt gleich Göttern Wein.
+
+ * * * * *
+
+ Daß Schreiberey und Rechnen nütze,
+ Der Gradus vor dem Hunger schütze,
+ Das kann wohl seyn:
+ Jedoch des Dichters Glut
+ Begeistert unser Blut;
+ Flößt edlere Empfindung ein;
+ Kann unser Herz erhaben rühren;
+ Den trägen Geist zum Aether führen:
+ Ein Weiser muß ein Dichter seyn.
+
+ * * * * *
+
+ Daß es sich gut in Klöstern lebe,
+ Kastraten, alte Jungfern gebe,
+ Das kann wohl seyn:
+ Jedoch der Menschheit Trieb
+ Erzeugt in uns die Lieb
+ Ihn schuf die Vorsicht allgemein,
+ Nicht, daß wir wieder ihn vernichten,
+ Nein, nur zum rechten Endzweck richten.
+ Ein Weiser muß auch menschlich seyn.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Sehnsucht nach Vergnügen.
+
+
+ Willst du durch Gram und Mißvergnügen
+ Um meiner Jugend frohen Scherz,
+ Verhängniß, ewig mich betrügen?
+ Soll ein der Freude offnes Herz
+ Nicht über deine Härte siegen?
+
+ * * * * *
+
+ Hab ich, als Bürger, leer an Schätzen,
+ Als Mensch kein Recht auf edle Lust?
+ Soll ich beym Pöbel mich ergötzen?
+ Soll ich das Leere meiner Brust
+ Durch Niederträchtigkeit besetzen?
+
+ * * * * *
+
+ Soll ich die Freuden nie genießen,
+ Die Jugend, Lieb und Freundschaft giebt?
+ Soll stets mein Geist in Gram zerfließen?
+ Kein Mädchen, das mich zärtlich liebt,
+ Kein Freund mein Schicksal mir versüßen?
+
+ * * * * *
+
+ Die Jugend glüht auf meinen Wangen,
+ Die Freude lächelt auf der Flur:
+ Soll ich stets wünschen, nie erlangen?
+ Hab ich umsonst von der Natur
+ Ein zärtliches Gefühl empfangen?
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Meine Geliebte.
+
+
+ Das nicht vom stolzen Zwange schwillet,
+ Mit buhlerischer Sprödigkeit
+ Auf unverschämte Buhler schielet,
+ Ein Kind, voll sanfter Heiterkeit,
+ Das fühlend denkt, und edel fühlet;
+
+ * * * * *
+
+ Wo reine Lust im Busen schwimmet,
+ Ein edler Geist bey Witz und Scherz
+ Im jugendlichen Auge glimmet, —
+ Solch seltner Mädchen treues Herz,
+ Ach, wär doch eins für mich bestimmet!
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Das freywillige Leiden.
+
+
+ Nach dem Französischen des Thibault, Grafen
+ von Champagan und König von Navarra.
+ Aus dem 12ten Jahrhundert.
+
+ O dürft ich deiner Augen
+ Zauberblicke nicht sehen!
+ O könnt ich, Doris! Die Töne
+ Der reizenden Stimme nicht hören;
+ So würde mein Leiden sich enden.
+ Ach! aber ach, mein Herz verblutet
+ Sich ohne dich! und meine Augen
+ Sind trüb, und meine Ohren
+ Sind nur an deine Stimm gewöhnet.
+ Ich will dich lieber sehen,
+ Ich will dich lieber hören,
+ Und lieber alles leiden.
+
+ * * * * *
+
+ Doch leid ich ohne Hofnung,
+ Und hoffe stets vergebens;
+ Die Wehmuth wird mich tödten.
+
+ * * * * *
+
+ =Las! Si javois pouvoir doublier
+ Sa beauté, sa beauté, son biendire,
+ Et son tres doux, tres doux regarder,
+ Finiroit mon Martyre;
+ Mais las! mon cœur je nen puis ôter,=
+
+ * * * * *
+
+ =Et grande affolage
+ Mest desperer.=
+
+ * * * * *
+
+ Doch eben diese Wehmuth,
+ Der Liebe süsse Wehmuth
+ Versüsset alles Leiden;
+ Die Liebe giebt mir Kräfte.
+ Und wie, wie könnt ich, Doris!
+ Wie deine Zauberblicke,
+ Den sanften Ton vergessen?
+ Ich will dich lieber sehen,
+ Ich will dich lieber hören,
+ Und lieber alles leiden.
+
+ * * * * *
+
+ =Mais telle Servage
+ Donne Courage
+ Atout endurer.
+ Et puis comment, comment oublier
+ Sa beaute, sa beaute, son biendire?
+ Et son tres doux, tres doux regarder?
+ Mieux aime mon Martyre.=
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kampf einer Leidenschaft.
+
+
+O Liebe! stürme nicht so sehr in meiner Brust, höre auf diese Adern
+zu durchwühlen, mächtigste der Leidenschaften! Verschone, o verschone
+dieses Herz! Hier, ja, hier fühle ich die wüthende Aufruhr: wie pocht
+es!
+
+Ihr Elemente, zur Bereinigung geschaffen, warum empöret ihr euch in
+mir? Ist dieß die harmonische Oekonomie, welche die Seele mit dem
+Körper führen sollte? Soll eine Hand die andere verletzen? Sollen
+gemeinschaftliche Theile sich von ihrer Bestimmung, von dem ganzen
+entfernen? Uebermüthige Knochen selbsten einander aufreiben, und durch
+die Raserey überflüssiger Gesundheit ihren eigenen Körper untergraben?
+Wenn kein schwarzer Trübsinn die Säfte stocket, sollen sie von
+jugendlichen Unsinn aufschwellen, und die Däme der Natur zerreißen?
+Soll ich ein kranker Philosoph, oder ein gesunder Thor seyn? Wer zeiget
+mir den Mittelweg? — Du o Tugend! mitten in seinem Kampfe wirft mein
+Geist noch einen schmachtenden Blick nach dir: rette, o rette ihn!
+
+Besänftige dich, tobendes Gemüth! Warum willst du mich, lieblose
+Leidenschaft, aus dem Geleise der Natur hinaus reißen? Vereinige dich
+mit der Tugend; wo nicht, so flieh, so flieh mich auf ewig.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Quelle des Unmuths.
+
+
+Flieht, flieht ihr melancholischen Schatten! soll nie ein Schimmer
+zufriedener Hoffnung durch meine finstere Seele dringen? Mein Blick
+mit schwerer Sehnsucht immerhin zu Boden sinken? Soll mein Gesicht
+sich stets in Wolken hüllen — nie lächeln? — Weg, weg schleichender,
+unwürdiger Trübsinn! — Dort im Thale, wo würbelnd, grüne Dunkelheiten
+das Aug mit angenehmen Phantasien täuschen, wo eine heimlich anziehende
+Kraft mich mir selbst, und meinem Grame entäußert; der Bäche leises
+Gemurmel, das sich labyrintisch unter Stauden verbirgt; der kunstlosen
+Sänger freyere Conzerte, und die rührenden Gemälde der Natur sollen
+dort den in sich geschrumpften Geist zur Heiterkeit öffnen, und durch
+die besänftigten Sinnen in das empörte Herz Frieden, und Erquickung
+flößen. Dort herrschet der edlen Einfalt glückliche Ruhe; Gesundheit
+träufelt von bethauten Früchten, und dustet aus dem ländlichen Boden;
+Genügsamkeit, und harmonische Freude sumset fern durch die Tiefe des
+Waldes. Die kleineren Geschöpfe, zu klein von Thoren gesehen, zu
+groß von Weisen begriffen zu werden, locken das junge, benachbarte
+Echo. Ueber Blumen gauckelnd oder über die leichten Spitzen des
+Grases, ruffen sie der mütterlichen Natur Dank zu, und ihrem Schöpfer
+verständig, frolocken ihre Sprachen durch die munteren Gefilde — und
+ich allein, o mich verworffenen! Ich soll durch schmachtenden Unmuth
+diese blühenden Triften entweihen? Wie, wann sich die Sonne den Blumen
+entzieht, die schüchterne Nacht den Boden schwärzet, so verfinstern
+meine trüben Blicke die jugendliche Röthe. Auf den Wangen Rosen, und im
+Herzen Dörner; unfühlbar gegen die stillen Reize der Schöpfung, soll
+ich so manchen Frühling ohne Genuß verblühen sehn? Nein! so tief soll
+mich mein Schicksal nicht beugen. Wenn schon die größere Welt mir ihre
+Freuden versaget, so seyd doch ihr, ihr Freuden der Schöpfung, Für alle
+Menschen geschaffen!
+
+Ruhig fließet der Bach durch den Rinnsal, der ihm in dem allgemeinen
+Plane der Schöpfung ausgezeichnet ist. Von wirthlichen Schatten
+umwölbt, erfrischet sein hellbrauner Grund das Auge des Wanderers, der
+sich in den Spiegel hinabneiget, sein frisches Naß in den lächzenden
+Gaumen zu schlürfen. Sanft gleitet er über Kiesel dahin, und tragt
+Blüthen, und Wohlgeruch auf seiner gekräuselten Silberfläche.
+
+So fließen die Tage des Weisen in stiller Genügsamkeit fort: dankbar
+nimmt er die Freuden mit sich, die ihm die wohlthätige Natur auf
+seinem Pfade darbeut; voll Sanftmuth und Liebe führet er seine nach
+Glücke dürstende Mitmenschen zu jener Quelle, aus welcher er itzund
+Zufriedenheit schöpfet, und von der sie so oft sich verirren; dadurch
+verdoppelt er sein Vergnügen, genießet, was er andern mittheilet, und
+ist glücklich. Der Thor feindet die Natur an, irret heißhungerig durch
+Rosengebüsche, und ritzt sich an Dörnern: tückische Leidenschaften
+verfinstern seine Seele; schleichen aufrührisch in das Geblüt, und
+ersticken daselbst die sanfteren Empfindungen.
+
+Mürrisches Geschöpf! sieh die Natur in ihrer zweckvollen Thätigkeit!
+wie willig jeder Theil an das Ganze sich schmieget! welche Richtigkeit
+in ihren Durchkreutzungen! welche Harmonie in ihrer Manigfaltigkeit!
+Soll diese, in allen übrigen eine weisheitsvolle Wohlthäterinn, gegen
+den Menschen allein Stiefmutter seyn? Willst du Kurzsichtiger, dich
+unter das Gestirn setzen, um über Elemente zu richten? Willst du dich
+erkühnen in den allerweisesten Plane der Schöpfung Verbesserungen
+vorzuschlagen? du, der du allein demselben entstehest! Reiße das
+Unkraut aus deinem Herzen; bringe deine Triebe in Richtigkeit, und
+versöhne dich mit der Natur — mit dir selbst. In dir ist die Quelle,
+aus welcher, wenn sie Eigensinn, und Stolz trübe gemacht, schwarze
+Galle, Unmuth, und Verzweiflung fließen. Deine trübe Seele sieht dann
+auf alles, was um sie ist, wie durch ein gefärbtes Glas. Dir lächelt
+der Frühling vergebens; dir düften die Blumen nicht mehr; dein Ohr
+ist jeder Harmonie verstopfet; du stampfest unwillig auf den Boden,
+und zerquetschest die schönsten Blumen, die sich sanft unter deine
+Füsse geschmieget. Armer Unglücklicher! wie ist dir zu helfen, da du
+mitten in den Scenen der Anmuth den eckeln Spröden spielest? Nimm
+deine Einbildungskraft zu Hülf, baue dir eine andere Welt, und sey
+glücklicher, als du hier seyn könntest — wenn du klug wärest.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Erinnerung an die Jahre der Unschuld.
+
+
+ Die Jahre sind vorbey geflossen,
+ Wo ich, ins Grüne hingegossen,
+ Voll heimlich süsser Trunkenheit
+ Empfindungen der Zärtlichkeit
+ In unerfahrner Unschuld träumte,
+ Wo meine ahnungsvolle Brust,
+ Von innen dunkel sich bewußt,
+ Entzückt in ländlich stiller Lust,
+ Nur Regungen der Liebe keimte.
+
+ * * * * *
+
+ Wie heiter irrten meine Blicke —
+ Noch ungestört durch das Geschicke,
+ Und nicht durch niedre Leidenschaft
+ Mit ungestüm dahin geraft —
+ Hin von des Berges halben Höhen,
+ Dem Feilchenthal, der Quelle hold
+ Die einsam über Kiesel rollt,
+ Der Sonne glänzend Morgengold,
+ Die Schätze der Natur zu sehen.
+
+ * * * * *
+
+ Noch eh des Urtheils Kräfte reiffen,
+ Die eigne Bosheit zu begreiffen;
+ Da, wo noch kein verbotnes Ach
+ Die stillen Freuden unterbrach;
+ Noch eh durch die verderbten Sinnen
+ Ich Zwist und Tücke, jene Spur
+ Des Fluchs, durch dich, O Welt! erfuhr,
+ Wie friedsam schien mir die Natur!
+ Wie offen waren meine Mienen!
+
+ * * * * *
+
+ Umschwebt von frohen Amoretten,
+ Lauscht ich in Florens Blumenbetten,
+ Auf junge Weste; sah am Bach
+ Den Spielen kleiner Wellen nach,
+ Durch Büsche schlüpft ich, gleich der Sonne,
+ Im Hayn mit leichten Füssen fort —
+ Oft stund ich plötzlich still: ein Ort
+ Von gäher Aussicht zeigte dort
+ Mir tausend Scenen voller Wonne.
+
+ * * * * *
+
+ Ich stund betäubt; im Antlitz glühte
+ Ein fremdes Feuer, das vom Geblüte
+ Sanft wallend stieg: ein Reiz zoh ihn,
+ Den truncknen Geist ins Tiefe hin.
+ Ich fühlte, ohne zu verstehen.
+ Ein Etwas, ein geheimer Zug
+ Bewog mein Herz, das stärker schlug;
+ Mein Aug konnt sich nicht satt genug
+ Die anmuthvolle Schöpfung sehen.
+
+ * * * * *
+
+ Ihr seyd dahin, ihr goldnen Stunden!
+ Nach euch hab ich nicht mehr empfunden,
+ Was Unschuld, jugendlicher Scherz,
+ Ein folgsam, unentweihtes Herz
+ Für Freuden aus der Schöpfung ziehet.
+ Ihr Fluren, wo der Frühling lacht!
+ Seitdem mich Ehrgeiz, Stolz und Pracht
+ Für eure Einfalt fühllos macht,
+ Ist euer Schmuck für mich verblühet.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der Gottesacker.
+
+
+Hier ist also jener unfruchtbare Acker der Verwesung, wo der Saamen
+unzähliger Geschlechter ersticket, wo Menschen ins vorige Nichts
+zurück faulen. Hier liegt sie zerbrochen, die wunderbare Maschine, die
+von Allmacht gebaut und mit Unsterblichkeit belebt war. Hier modert
+im Staube der Staub, in dem ein Geist sich entwickelt, die Gottheit
+gedacht hat. Hier liegen die Bürger der glänzenden Welt, nun Bürger des
+dunklen Schattenreichs. Hier ist der Ruhepunkt irdischer Bestrebungen.
+Hieher, ihr Sterblichen! wo wollt ihr anders hinwandern als in den Tod!
+
+Hier ist der Sammelplatz, wohin das Verhängniß uns ausirrenden
+Pilgrimen die Loosung gegeben. Hier will ich der blassen Schwermuth
+zur Seite, unter zerschelten Gebeinen und verstümmelten Statuen,
+unter fatalen Gräbern herumwandeln; hier— kalt tritt das Geblüt in
+meinen Adern zurück, ein heimlicher Schauer schweret mich abwärts. — —
+Entsetzet euch nicht, baufällige Knochen, über die Ueberbleibsel eures
+Gleichen zu klettern! Feiger Körper, was bebst du zurück? Laßt mich
+verzärtelte Sinnen! laßt mich! hier will ich ganz Geist die Spuren des
+Verhängnißes tretten; steif will ich dem Tode ins Angesicht schauen.
+
+Zeige mir, despotischer Würger, zeige mir deine Eroberungen, die
+aufgethürmten Leichen, meine Mitmenschen; und empfang mich Sterblichen
+dann auch! wisse, du kömmst mir nicht unerwartet; lange schon hab ich
+dich gedacht; vertraut will ich in deine Arme sinken. Empfang mich
+hier in dem Vorgemach der Ewigkeit! hier haben meine Mitgefährten
+die gröberen Hüllen zurückgelassen, nachdem ihr entbundener Geist
+der düsteren Sphäre entflohen. Ich bin ein Mitglied dieser erblaßten
+Gesellschaft. Ich kenne deine Gewißheit; zeige mir deine Schreckniße!
+denn sieh, ich bebe nicht, ich will sie bewundern, und mit
+unerschrockener Ahnung in deine kalten Finsterniße hinab staunen.
+
+Oedes Thal der Verwelkung, wo zarte Sprößlinge frühzeitig geknücket,
+und verjährte Eichen aus den Wurzeln gerissen liegen, gleich einer
+winterlichen Einöde, durch welche ein reissender Sturmwind geheulet,
+oder ein feindliches Heer gestreifet hat. Die Natur wurde hier durch
+die verheerende Macht des Todes verfolget. Zeichen seines Lagers,
+nackte Kreutze hat er auf melancholischen Hügeln ausgestecket. Ein
+gottischer Kreuzgang, wo Fama in Leichenschleyer verhüllt, gegen die
+Krüfte hinab trauert, wirft ernste Schatten in die einsamen Ecke. Dürre
+Schedeln, zerspaltene Gerüppe, wie verdorrte ausgeweydete Eichen, die
+ein Donner zu Boden geschmettert, liegen in wilder Vermischung dahin
+geworffen. Ist daß die redliche Stirn meines Freundes? der edle Stolz
+seiner Mienen? Wo ist das gefühlvolle Lächlen meiner Geliebten? die
+glühende Unschuld auf ihren Wangen? Und welche Spuren finde ich jener
+frommen Verträulichkeit in den sanften Gesichtszügen meiner Schwester?
+Geliebte, Freunde, Geschwistert liegen in wüster Vereinigung, Meiner,
+Ihrer selbst unbewußt! die zärtliche Gattin, aus dem Schoose der
+stillen häußlichen Glückseligkeit gerissen, verweset nun mit ihrem
+nachgestorbenen Gatten in ungeseliger Fühllosigkeit: beyde vom Tode
+getrennet, vereiniget! alle gemißhandelt, entstellet!
+
+Das ist unser Loos, elende Menschen! Das war das ihrige! Nun ruhen
+sie hier in tiefes Schweigen verhüllet — sie ruhen, denn ihre Kämpfe
+sind vorbey; dieß sind noch die Spuren des menschlichen Elends; noch
+lese ich in denselben die Empörung der Natur! wie sie ihre ganze
+noch übrige Kraft aus dem Innersten zusammen gehollet, den lezten
+Seufzer von sich gestossen hat; noch seh ich die sich ohnmächtig
+regenden, dahin sterbenden Blicke — itzt — itzt fällt der Vorhang über
+diese verloschenen Lichter des Geistes, der sich aus seinem Kerker
+losgefesselt hat. Feyerliches Entsetzen, nächtlicher Tiefsinn dämmert
+in schwarzen Gemächern; bethränte, blasse Gesichter harren in stummer
+Entrüstung umher. Der Leichenglocke ächzender Sterbeton durchbebet
+die kalten Gewölber — Dort bringen sie ein Behältniß voll Erde, in
+welche der Schöpfer Unsterblichkeit blies, dort bringen sie ihn,
+den Abkömmling Adams, den Menschen, den Unsterblichen — den Todten.
+Seine Famillie, seine Freunde schleichen, wie gebeugte Phantomen, in
+finsterer Pracht einher; ihre Thränen bezeichnen den Pfad, der einst
+ihnen selbsten, der uns allen zu wandern verhängt ist.
+
+Fühlet euch, Menschen! der Tod wandelt in eurem Geblüte; jede Minute
+schlägt euer Puls Theile des Daseyns hinweck! Ihr lebet — ihr sterbet.
+Sehet hinab zu euren Füssen! in solch schaudervolle Höhlen werden
+eure aufgethürmten Anschläge, die tobenden Wünsche, eure irdischen
+Hoffnungen stürzen. Durchforschet mit denkenden Blicken dieß Eingeweyde
+der Erde, das mit Gebeine durchwühlt ist. Grausenvolle Verwüstung! wie
+ein durch Ueberschwemmung zerrissenes Gestad! Hier ruhen die Trümmer
+der erschütterten Menschheit! hier trauert die zerstörte Natur!
+
+Glieder, welche die Gesellschaft der Lebendigen verworffen, ein
+gleiches Loos zusammen gerafft hat, zerschleuderte Körper, von
+thätigen Geistern durch die Welt geschleppet, befördern sich durch
+gemeinschaftliche Faulniß ihre Vernichtung. Hier sind der brausenden
+Thätigkeit ewige Däme gesetzet; Berge von Leichen schwellen sich über
+diese Schranken der Natur; Millionen Geschlechter stürzen aus dem
+Wirbel der Welt in die Tiefe der Ewigkeit. — Ewigkeit! Zukunft! welche
+geheimnißvolle, glänzende Aussicht! welch ein Weg führet dahin? Ein
+Weg voll Nacht, die Auflösung der Natur: von Nichts ins Etwas, von der
+Zernichtung ins Unendliche — Mensch, welch ein Räthsel bist du dir?
+Du kommst aus dem Nichts, um in kurzen wieder zerstöret zu werden, du
+hörest auf, um ewig seyn zu können.
+
+Noch hauche ich Leben von mir, noch klopfet mein Puls, eine Hand kann
+die andere noch fühlen, noch blühet mein Gesicht, noch kann ich das
+blasse Antlitz des Todes betrachten — Bald wird man an mir des Todes
+Ebenbild schauen!— Schon fühle ich den kalten Schauer, der durch die
+Gräber fährt, in meinen Gebeinen. Aus einer ahnungsvollen Dunkelheit
+thauet auf meinen Geist Betäubung herab; kalte Todestropfen träufeln
+auf die Stirn, und meine Sinnen erstarren bey dem stummen Anblick des
+Verhängnißes. So sinket der Staub, der dich denket, in sich selbst
+zurück, tiefeste Vorsicht! So verliert sich der Geist in seiner
+eigenen Dunkelheit, wann er sich in übermenschliche Sphären waget! wie
+undurchdringlich sind deine Rathschlüße! wir verworren deine Wege! im
+scheuslichen Dunkel, unserer eigenen Schritte unbewust, wandern wir
+dem Tode entgegen. Wir taummeln im nächtlichen Sumpfe, und blinken
+liechtscheu in die Ferne der Zukunft; gaukelnde Schatten täuschen unser
+träummerisches Daseyn. Erst dort wissen wir, was wir hier gewesen,
+aber hier wissen wir nicht, was wir dort seyn werden. Blöd wähnen die
+Sinnen im Gesichtskreise des Gegenwärtigen herum, und die Phantasie
+schweifet ausser demselben im Raume: jene wähnen was wir sind; und
+diese träumet, was wir seyn werden. Zwischen Seyn und Werden tritt
+der Tod in die Mitte. Dieser sondert Gedanken vom Stoffe; reisset von
+der Seele die mummischen Lappen, und bauet seinen Triumph auf Nichts.
+Unumschränkt herrschet er hier im entvölkerten Gebiete; täglich mehret
+sich sein Reich mit ausgestorbenen Familien, alle Opfer seiner Wuth,
+die seinem Machtspruche gehuldiget. Geschöpfe von Gott, Glückseligkeit
+dürstende Geschöpfe, sie, denen Unendlichkeit gewiß, die Welt zu eng
+war, schrumpfen hier ins Nichts zusammen. Tiefsinnig schweigende
+Statuen, aus welchen das Verhängniß staunet, panegyrischer Marmor soll
+ihr faulendes Andenken versteinern; doch Jahrhunderte von Jahrhunderten
+verdrängt, wälzen sich in die Nacht der Vergessenheit zurück. Nichts
+bleibt übrig von dem, was vergehet (und alles vergeht) als leere Töne
+in die Luft gehauchet, als ein flüchtiges Gerücht, daß es nicht mehr
+ist; nichts überlebet den Tod, als ein todter Laut, ein röchelndes
+Echo der Natur, von den Klippen der Welt zurück geseufzet.
+
+Wer hienieden nach Wesenheit haschet, der greift Elemente, und wer
+Elemente festhalten will, der greift nach Nebel. Berge entwerfen
+in herbstliche Thäler nur einen welken Schatten von den verblüthen
+Schätzen des Frühlings. So mähet die Zeit um sich, bis der Tod selbst,
+über die angerichtete Verwüstung erstaunt, und durch seine eigene
+Kräfte aufgerieben, in die allgemeine Niederlage fällt; bis Berge und
+Klippen an einander stürzen, und die Welt, aus ihren Angeln gerissen,
+den Tod der ganzen Natur vollendet.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die philosophische Melancholie.
+
+
+ Die stille Schwermuth zeugt die
+ göttlichsten Gedanken;
+ Sie hebet unsern Geist aus seinen
+ engen Schranken:
+ Es herrscht ein sanfter Ernst auf
+ heiliger Weisheit Bahn,
+ Und zeiget uns den Weg zu bessern
+ Welten an.
+
+ Kronegk.
+
+Sanfte Melancholie! Tochter der Nacht, in ernsten Stunden gebohren, du
+höhere Wollust der Seele! bezaubre durch deine stille Umschattung den
+Geist; damit er, in holden Schlummer erhabener Empfindungen gewiegt,
+weit über den Staub sich in tiefer Betrachtung der Zukunft verliere.
+Flöße tröstendes Entzücken in das Gefühl der Unsterblichkeit: lehre
+mich denken, und staunen!
+
+Oeffne mir, ernste Weisheit! deinen heiligen Busen, und laß mich Labsal
+in mein schmilzendes Herz saugen! komm, Urania! keuscheste der Musen!
+laß mich müden von zeitlichen Ungemach in deine Arme sinken! fühle
+meine Brust: Liebe wallet in derselben, komm, und theile sie mit mir;
+dieses Feuer, das durch meine Adern eilet, brennet sonst in sich selbst
+zurück. Sey du, Tochter des Himmels! Der Gegenstand meiner Liebe, die
+Sterbliche verachten, oder verkennen! einer Liebe, die allzu enge
+eingeschlossen, ihr eigenes Behältniß verzehret.
+
+Dein sanfter Einfluß ist ein kühlender Thau am Morgen meines Lebens.
+
+Liebst du den Jüngling, der voll Ehrfurcht deine weisen Eingebungen
+aufhorcht; o so sey mir zu Seite! begeistre mich mit feyerlichen
+Tiefsinn! laß in erhabener Stille männliche Gedanken aus der Tiefe
+meiner Seele empor steigen, wie die Todten aus den Gräbern durch die
+Stimme der Ewigkeit gewecket! laß deinen rührenden Ernst die gekränkte
+Sehnsucht der menschlichen Natur in die Höhe lenken!
+
+Weisheit giebt uns unser Herz zurück, dessen Zärtlichkeit, durch
+heuchlerische Liebkosungen eines Scheinglückes gemißhandelt, endlich
+aufhöret, für die verrätherische Gegenwärtigkeit zu schmachten. Deine
+heilsame Trauer, tiefdenkende Melancholie! ist der Seele, was die
+Thränen dem Körper. Du schließest vor uns unser Innerstes auf, und
+schaffest der Betrübniß Ausgang. Die schweren Seufzer, die das Herz
+stossen, schütteln die Last von demselben, und der harte Stein, den
+das Verhängniß auf unsere Schwachheit gewälzet hat, schmilzt in sanfte
+Thränen, in welchen der Schmerz wegfließt. — Laß meine Seele über
+das Loos der Menschheit weinen! Wer reichet sonst dem von irdischen
+Tändeleyen betrogenen Geiste einen wichtigen Stoff, an dem er sich
+würdig entwickeln, und seine Unsterblichkeit denken kann? Wo findet er
+wider die Verfolgungen der gleißenden Laster eine Freystatt, als in der
+düsteren Grotte der Schwermuth, in der einsamen Betrachtung, in der
+stillen Hofnung eines künftigen, besseren Lebens?
+
+Statt prächtigen Kleinigkeiten nachzujagen, müde vom Kampfe des Lebens,
+sinket mein Geist in melancholischen Schlummer dahin, durchdenket die
+Tiefe der Ewigkeit — und alles wird Nacht in der Schöpfung; die ganze
+Natur schwärzet sich mit dem Schatten des Todes. Die Pracht der Erde,
+der Glanz der Welt verschwindet unter mir.
+
+Da ihr mich leider, lange genug getäuschet habt, da ich euren
+Unbestand, ihr zeitlichen Güter! einsehe; so will ich über euch hinweg,
+jenseits dieser Welt meine bethränten Blicke kehren; nicht mehr, nein,
+nicht mehr will ich mein Herz an euch heften: Euer blendender Schimmer
+ist verloschen; ihr seyd nun nakt, und bloß vor meinen Augen; die Welt
+hat den Putz ihrer Eitelkeit ausgezogen; öde und entstellt trauert die
+Natur. Wie schnell hat die wandernde Sonne diesem Abend wieder unseren
+Gesichtskreis verlassen! O unbefestigte Dauer irdischer Auftritte!
+Ich strecke voll Sehnsucht meine Arme aus, und will Gegenstände der
+Glückseligkeit, des Vergnügens und der Liebe umfassen; allein es faulet
+alles unter meinen Füßen weg; ich steh auf nichts als Gräbern, und
+greiffe nichts, als Zerstörung. Eh noch als dieser wohlthätige Baum,
+woran ich mein trauerndes Haupt stütze, sinket mein Körper in die
+finstere Erde hinab.
+
+Finsterniß und Tod ist hienieden; Liecht und Leben kömmt von oben: dort
+ist ewiger Tag. Nur einsame stille Funken der Hoffnung blinken aus der
+Zukunft herab, gleich jenen Edelgesteinen des Firmamentes, die von fern
+her in stiller Majestät glänzen, und derer hellere Gegend uns zeiget,
+daß wir im Dunkeln stehn.
+
+Verlassen, traurig und schüchtern irre ich in diesen Thälern herum. —
+Ihr furchtsamen Glieder! Stützet noch eine kurze Zeit diesen morschen
+Körper. Reiche mir deine Hand, O Vorsicht! damit ich auf dem Pfade des
+Todes tröstlich dort hinüberschreiten möge, wo meine Seele, entkleidet
+von allem, was trüglich und eitel ist, in ihr glückseliges Vaterland
+aufgenommen wird. Was Geist ist, kann sie nun, durch diese Hülle
+verfinstert, nicht sehen; dort wird sie sich selbst, dort wird ihr die
+Gottheit sichtbar, in deren Vereinigung das Liecht der Wahrheit als der
+Morgenstern ewiger Glückseligkeit aufgehet.
+
+Vergebens suche ich hier unter Täuschung, und Nacht den Gegenstand
+meiner Liebe. Oben ist er: auf, meine Seele! laß die heiße Flamme in
+dir zur Gottheit hinauf lodern; sie ist der würdigste, und erhabenste
+Gegenstand, von dessen Herrlichkeit nur ein dunkler Wiederschein in der
+Natur verborgen schwebet. Ihr Vorwürfe der menschlichen Begierden, ihr
+sollt meine Seele nicht mehr fesseln; ich will euch schon itzt, eh ich
+muß, entbehren lernen: in euer Hinfälligkeit will ich die untrügsame
+Zukunft ausspüren, und dich, o Unsterblichkeit, dich, o Ewigkeit!
+denken.
+
+Die du mit dem schwarzen Schleyer der Finsterniß die ganze Natur
+umhüllest, und die gewesenen Gegenstände des Schimmers zu Monumente
+des Schröcken machest — öde Nacht! begünstige meinen Gesang! fülle
+mit deinen bedeutenden Bildern die Einbildung; damit mein Geist die
+schweigenden Spuren der Allmacht in stummer Geschäftigkeit durchstaune;
+damit er, wann der Leib mit den Sinnen zur trunknen Vergessenheit dahin
+starret, in den mystischen Tiefen der mitternächtlichen Dämmerung
+herum schwebe, und unter heilige Phantasien versenket, in süsse
+Schwermuth zerfließe — jene weise, erhabene Schwermuth, welche der
+Selbstgenügsamkeit des leichtsinnigen Thoren ewig ungefühlt bleibet.
+
+Dein schwarzer Pinsel male mir an allem, was stolz und Eitelkeit über
+den Staub empor gethürmet hat, und was einst der Schutt seiner eigenen
+Nichtigkeit seyn wird — finstere Gräber; damit ich, mit dem Tode
+vertraut, nur vor einem unheiligen Leben erbebe.
+
+Ihr schaudernden Thäler, voll melancholischer Krümungen! Ihr dürren
+Anger, wo schwarze, in Finsterniß zerflossene Bäume auf einsamen
+Hügeln trauern, wie auf Gräbern, wo ächzende Phatomen sitzen! und ihr
+ausgestorbenen Gründe, voll staunenden Ernstes! seyd mir ein dunkler
+Abriß des Todes!
+
+Wie dort die Eiche mit sich verlängernder Dunkelheit einsam empor
+raget, so steh ich itzt, durch Betäubung versteinert, auf dem verödeten
+Schauplatze der Natur. Rings um mich her tritt stille Erwartung und
+einsamer Schrecken auf; Ernst und Schauder schwängern die Finsterniß;
+und Hügel und Thäler verwildern vor meinen Blicken. Drohend strecken
+die Tannen ihre schwarzen Aeste aus, wie Schatten von Risen, die mit
+wüthenden Armen den Aether zerreißen. Die Zotten des wüsten Gestades
+hangen in den räuberischen Fluß, der mit tückischen Murren den Boden
+naget, und zwischen schlangenhaarichten Felbern in unwirthbare Haine
+hinein wühlt.
+
+Schattengebirge reichen dort bis an das gestirnte Vorgebäude der
+Seeligkeit. In stiller Sehnsucht irret mein Geist in denselben, und
+dringt ins Ewige. Trächtige Heere zerrissener Wolken steigen über den
+Horizont, wie ungeheure Felsenstücke, in prächtiger Unordnung herauf.
+Ein schwarzes Chaos scheinet die donnerschwangeren Lasten aus Nacht
+und Grauen hervor zu drängen. Fürchterlich herrlich wälzen sie sich im
+endlosen Raume, und Gottheit ists, die majestätisch unter den Wolken
+hervor drohet. Schüchtern verbergen sich Weste zwischen zitternde
+Laube. Unter ihrem leisen Gemurmel schlummert furchtsam das Echo im
+starrenden Haine, und mit heiligen Schauer unterreden sich Schatten
+in einsamen Thälern von der Gottheit. Himmel und Erde verkündigen
+Allmacht; die ganze Natur ist schüchtern, und feyert ehrfurchtsvoll dem
+Ewigen. Ewigkeit! — Gottheit! — Angebettete Geheimniße! — Ich fühle —
+ich bewundere — ich staune! heilige Ahnungen durchströmmen mein Blut;
+der Geist wallet unruhig durch dasselbe, er suchet Ausgang; meine Brust
+athmet stärker, Begeisterung reißt mich dahin — Schwacher Sterblicher!
+dein Körper hält dich zurück: gefesselt an das Loos der Menschheit,
+eilet der Geist umsonst zu seiner Aufklärung. Begnüge dich mit der
+Hoffnung, bald auf den Wink des Beherrschers der Schicksale da oben
+zu schweben, woher ein stiller Einfluß schon dich ganz zu berauschen
+vermag. Begnüge dich, überirdische Seele, mit ihrem Vorgeschmack!
+einst — bezaubernder Gedanken! einst wirst du sie — die ganze
+Seeligkeit trinken.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Mitternacht.
+
+
+ Welch tiefen Ernst verbreiten
+ Die einsam stillen Dunkelheiten!
+ In Schlummer, Furcht und Nacht
+ Liegt nun das Irdische verhüllet;
+ Von bessrer Hoffnung angefüllet,
+ Ist nun mein Geist erwacht.
+
+ * * * * *
+
+ Ich kann in höhern Sphären
+ Itzt reinre Harmonien hören,
+ Da alles horcht und denkt,
+ Da das Gepolter reicher Thoren,
+ Die Pracht der Höfe Aug und Ohren
+ Itzt nicht mehr abwärts lenkt.
+
+ * * * * *
+
+ Der Städte stolz Getümmel
+ Steigt nicht mehr frech bis zu dem Himmel
+ Mit ihrem Staub empor.
+ Ein stiller Ernst, ein drohender Schatten
+ Bedeckt die unverschämten Thaten
+ Mit einem schwarzen Flor.
+
+ * * * * *
+
+ Es staunt in dunkeln Bildern,
+ Und einer Gottheit Spuren schildern
+ Bey blassen Schimmer sich.
+ Tiefsinnig schwillt von ihrer Fülle
+ Die ganze Schöpfung; schüchtern, stille
+ Feyert die Natur um mich.
+
+ * * * * *
+
+ Zum Wunder dieser Erden
+ Stellt des Gestirnes feurge Heerden
+ Der Himmel schaarweis aus;
+ Dem Aug, von heilger Ahnung trunken,
+ Wallt Gottesblick aus jedem Funken
+ Geheimnißvoll heraus.
+
+ * * * * *
+
+ In unermeßnen Höhen
+ Der Frommen Zukunft auszuspähen,
+ Erweitert sich mein Geist;
+ Prophetischer Trost hat mich entzücket,
+ Da ich des Himmels Bau erblicket,
+ Der so viel Wunder weist.
+
+ * * * * *
+
+ Voll von geheimen Trieben
+ Schwillt itzt, was Grosses auszuüben,
+ Unruhig meine Brust;
+ Geschwinder wallet jeder Tropfen
+ Des Bluts, mir macht ein innres Klopfen
+ Unsterblichkeit bewußt.
+
+ * * * * *
+
+ Es lodern reine Flammen
+ In mir, die von der Gottheit stammen,
+ Zur Ewigkeit hinauf.
+ Entbrannt vom höhern Gegenstande,
+ Zerreißt der Geist die irdischen Bande,
+ Und flieht zum Ursprung auf.
+
+ * * * * *
+
+ Voll feurigem Entzücken,
+ Seh ich itzt mit erhabnen Blicken
+ Ins Buch der Ewigkeit.
+ Erhabnster Geist, der alle Geister
+ Aus Nichts schuf, unerschaffner Meister,
+ Dein Pfad ist Herrlichkeit!
+
+ * * * * *
+
+ Das Größte in den Dingen
+ Weißt du aus Nichts hervor zu bringen,
+ Unendlich mächtiger Geist!
+ Das Kleinste unter deinen Werken
+ Kann uns viel tausendmal bestärken,
+ Daß du das größte seyst.
+
+ * * * * *
+
+ Ihr, von euch selbst verführet,
+ Die ihr im Staube euch verlieret,
+ Verkennt nicht euren Gott!
+ Seht ihn in Allmacht eingehüllet,
+ Seht, wie mit Donner angefüllet,
+ Euch jede Wolke droht.
+
+ * * * * *
+
+ Er straft — an jedem Orte
+ Herrscht Beben; Donner sind die Worte;
+ Sein Wink stürze Welten um:
+ Er droht — und die Natur erzittert,
+ Das Meer schäumt Wuth, die Erde splittert.
+ Er winkt — Erd, Meer wird stumm.
+
+ * * * * *
+
+ Gott! unbegriffner Namen!
+ Dein Ursprung heißt: von Niemand stammen.
+ Dein End: unendlich seyn.
+ Dein Thun: auf Wunder Wunder häufen.
+ Du bists, den Niemand kann begreifen,
+ Als Gott, als du allein!
+
+ * * * * *
+
+ O Herr! durch deine Größe
+ Seh ich beschämt itzt meine Blöße.
+ Kurzsichtiger Verstand!
+ Ein Nichts will Gott, will Alles deuten,
+ Ein Sterblicher Unsterblichkeiten,
+ Ein Wurm, verhüllt in Sand!
+
+ * * * * *
+
+ Hier, wo durch Wahn verführet,
+ Die Seel im Schutt des Eiteln irret,
+ Und mit dem Stoffe ringt,
+ Und, selbst geblendet von dem Schimmer
+ Des Lichts, nie in die Heiligthümer
+ Des Ueberirdischen dringt,
+
+ * * * * *
+
+ Wo sie sich selbst nicht kennet,
+ Ach! Hier ist es ihr nicht vergönnet,
+ Den Himmel auszuspähn.
+ Erlaube, von den Seligkeiten
+ In unerfahrnen Trunkenheiten
+ Das Aussenwerk zu sehn!
+ Erlaub demüthgen Blicken,
+ Daß sie mit heiligem Entzücken
+ Hinschmachten zu der Höh,
+ Wo nach der Nacht im ewigen Liechte
+ Ich einst mit hellerem Gesichte
+ Ganz deine Wunder seh.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Seele an ihren schlaffenden Leib.
+
+
+Ruhe sanft, unaufgeklärter Gefährte dieses schwächeren Lebens! ruhe sie
+durch diese dunkleren Stunden des Daseyns! erholle dich — vielleicht
+zum letztenmal — im finsteren irdischen Thale. Lebe sie durch diese
+todten Stunden der Nächte, bis mir und dir vergönnet seyn wird, in
+den heiteren Gefilden des ewigen Frühlings zu wandeln. Erholle dich,
+müder Fremdling! denn mit anbrechendem Tage sollst du wieder deine
+beschwerliche Reise fortsetzen. Unsicher ist diese Herberg hienieden,
+und kurz die Erquickung; aber sey getröstet, bald wirst du von allem
+Ungemach — im sicheren Grabe ausruhen.
+
+Und du, aufrührisches Herz! klopfe nicht so, und wecke durch deine
+Begierden den schlaffenden Wanderer nicht! —Noch stosset die Brust
+halbe Seufzer hervor. Da die Natur in nächtlicher Todesstille
+schlummert, da die Sinnen betäubt, und die Glieder unthätig liegen,
+noch itzt wachet der Schmerz, und drücket dem Jüngling Thränen aus. Sie
+starren auf seinem Antlitz, und benarben die glühenden Wangen. Das Loos
+des Menschen beängstiget mit melancholischen Bildern die Phantasie,
+und trauert auf den erstorbenen Mienen. Unglücklicher Sterblicher! nur
+durch die Unsterblichkeit glücklich, laß die Hofnung der Zukunft dein
+Gesicht erheitern! — versieget, oder eilet flüchtiger über die rötheren
+Wangen: euch hat sie noch nicht das Alter ausgefurchet, kein blasser
+Neid, kein schwarzes Gewissen gehöhlet! — doch nein, fließet, ihr
+sanften Thränen! ihr seyd Zeugen der Ungenügsamkeit an dem Irdischen:
+— keine Thränen des Weichlings, Thränen der Unsterblichkeit sind sie;
+diese hoffende Sehnsucht schwimmt in ihrem halb verschlossenen Liechte.
+
+Die Handvoll Erde, hier liegt sie, und trauert um ihren Liebling, den
+Tag, indessen ich, meiner Würde bewußt, über Wolken dahin schwimme,
+Triebe der Unsterblichkeit aus erhabneren Sphären sammle, und sie
+mitleidig auf den weichen, mit Unkraut bewachsenen Boden des Herzens
+verpflanze.
+
+Täusche nicht, schwarzer Morpheus! Die Einbildungskraft mit über
+Schatten dahin gauckelnden Tändeleyen der Höfe! täusche sie nicht mit
+auf Sand gebauten Schlößern zeitlicher Glückseligkeit! denn sie werden
+wie Träume vor den aufgeklärten Stralen der Zukunft verschwinden: so
+wird die noch hinter den Bergen glimmende Morgensonne anbrechen; die
+Nacht und ihre düsteren Kinder, die Nebeln siegreich zerstreuen; über
+die Welt mit vollem Glanze herschen, und der ganzen schmachtenden Natur
+neues Leben, und Herrlichkeit mittheilen.
+
+ Schon hat die Nacht
+ Ihr trauriges Gefieder
+ Zum leztenmale geschüttelt,
+ schon schmilzt sie hinter die Berge
+ Dämpfend zurück
+ In den Abgrund des Undings;
+
+ Denn itzund droht
+ Das Liecht den Finsternissen.
+ Es schlief der Aether im Nebel;
+ Er wacht. Schon schwimmet in Wolken
+ Milderes Weiß,
+ Das allmählich erröthet.
+
+ Schon brennt er dort
+ Mit rothgestreiften Stralen,
+ Der Phönix, zwischen den Bergen
+ Im goldnen Neste herüber:
+ Hofnung glänzt so
+ Aus der seligen Zukunft.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Ruhe.
+
+
+Du Freude, und ihr ruhigen Tage, wo seyd ihr? in der Kindheit, in der
+Jugend, oder im Alter? Unvermögen lallet aus dem Kinde; sein Gefühl
+— oder wie nenn ich die Gährung emprionischer Säfte? — gleichet dem
+Chaos, mit dem es vor kurzen noch rang: kaum ist man als Kind seiner
+selbst sich bewußt. Als Jüngling ganz Gefühl, aber unreif zur Wahl und
+Mäßigung. Im kalten Alter, des Genußes der Güter unfähiger, weis man
+die Regeln des Lebens — und stirbt.
+
+So brausen die Tage des Menschen in rastloser Bestrebung nach Ruhe
+vorüber! nur im kalten Schoose des Todes trocknen die Schweistropfen
+unserer Müseligkeit. Wären wir hier ruhig, so könnten wir nicht
+unsterbliche Seelen haben. Soll ein unauflöslicher Geist an
+Gegenständen der Vernichtung, sollen mit der Gottheit vertraute
+Geschöpfe, mit dem Vieh sinnlich an dem Gegenwärtigen kleben? Zur
+Unendlichkeit überlodernde Flammen, können sie im Schlamme des
+Zeitlichen verlöschen? Zu sehr sind wir für eine Ewigkeit geschaffen,
+als daß ein Etwas von so mystischem Selbstgefühle, fähig bis zur
+Gottheit hinauf zu denken, hienieden sich sättige.
+
+Ruhe auf der Reise zur Glückselligkeit entehret den Wanderer. Geduld
+ist seine Zufriedenheit und Hofnung sein Genuß. Dann erst wann er
+seine Laufbahn vollendet, die Wüste des Lebens durchgewandert hat,
+in jenen seligen Gefilden wird sein heisser Durst nach Vergnügen die
+ächte Quelle finden. Aus jener Urquelle aller seligen Freude wird er
+seine eigene schöpfen; aber ihr reiner Ausfluß verirret sich nicht
+zur trüben Erde herab, und irdische Gefässe fassen ihn nicht. Das
+Behältniß unserer Empfindsamkeit, der Wohnsitz der Seele ist von einer
+Handvoll gebrechlicher Erde gebildet; die äussere Form ist Schatten
+und Liecht, das Innere hinfälliger Staub, ohne Festigkeit, ohne Dauer.
+Hier drähet sich alles unter der Sonne in unruhigen Wirbel herum, und
+reibet sich auf. Hier ist Zerrüttung, Unsicherheit, Zusammenstoß und
+Wechsel der Dinge, ein beständiger Tod der Materie, der eine Minute
+nach der andern unser Daseyn auslöschet. Ein Abend sieht stets auf
+die verflossenen Zerstreuungen des Tages mit müder Gleichgiltigkeit
+zurück, und jede Periode des Menschenalters entdecket neuen Betrug in
+unseren Vergnügungen. Die Zeit entehret ihr eigenes Andenken, wenn sie
+sich nicht über sich selbst hinaus setzet; zeitliche Geschäfte und
+Ergötzungen bekommen erst ihren Werth von der Ewigkeit, erst dadurch,
+daß sie nicht augenblickliche Lust, nicht Täuschung und Possen; sondern
+unvergängliche Wahrheit, Weisheit und Tugend zum Grund haben. Alles,
+was in der Zeit nur für die Zeit geschieht, führet heimlichen Eckel,
+und Reue nach sich. Diese Zeit, in die sich der unsterbliche Geist zu
+seiner Erniedrigung einschränken muß, machet uns das Bedürfniß der
+Ewigkeit fühlen; in ihr beunruhigen wir uns über die Unvollkommenheit
+dessen, was hienieden ist, so sehr, als wir selbsten nicht vollkommen
+sind. Vollkommene Ruhe ist nicht das Loos der Menschen! — Menschen
+ruhig? nein, wir müßten entweder ganz Seele, mit Engeln Seligkeit
+athmen; oder ganz Körper seyn, mit dem Wurme genügsam über den Staub zu
+herrschen.
+
+Stärke mich, o Vorsicht, noch eine kurze Zeit auf dem Wege zur
+Ewigkeit! stärke mich durch Hofnung und Gedult! Ihr Menschen, unter
+denen ich gelebet, und so oft gefehlet habe, vergebet, daß ich euch
+beleidiget — vielleicht oft durch Liebe beleidiget habe! hasset mich
+darum nicht! vergönnet mir, ihr Brüder! den Frieden unter euch! seht,
+wenige Schritte, und dann bin ich am ausgesteckten Ziele — am Grabe.
+
+Dort finde ich dich, sehnlich gewünschte Ruhe, in jener heiligen
+Stille, welche die öden Gefilde der Verwesung durchschauert! und
+du, ernste Freude! Wonne der Zukunft, nach der ich so oft in heilig
+melancholischen Tiefsinn geschmachtet, du steigst mir jenseits des
+Grabes als eine ewige Morgensonne herauf. Nun ist er mit Kothe
+verschwistert, dort wird er, der befremdete Geist, den Klumpen von sich
+streifen, und über die Gränzen der gebrechlichen Natur hinaustretten;
+dort werde ich aufhören, ihr gebrechlicher Theil — ein Mensch zu seyn.
+
+In meiner Leiche werden vielleicht, schmeichelhafter Gedanken!
+redliche Freunde — den Freund, den Redlichen beweinen. Ein heiliger,
+ahnungsvoller Schauer wird dann meine zurückgelassenen Reisegefährten
+anhalten, wenn sie bey meinem Leichensteine vorüberwandernd, diesen
+Machtspruch des Verhängnisses eingeätzet finden.
+
+ +Er ist todt, euer Freund, mit dessen Hofnung zu leben ihr erst
+ kurz die eurige vertauschet hättet. Verweilet, und betrachtet
+ die wenigen Ueberbleibsel! erkennet in ihm euer Loos, in dem
+ durchlöcherten Gerüppe! des Todes unerbittliche Pfeile wütheten
+ durch alle Gebeine. Entfleischet liegen sie da, die Grundsäulen
+ der menschlichen Maschine, die Stützen des Lebens, die verwäisten
+ Knochen; wie die rindlosen Wurzeln sich in der wüsten Einöde
+ zwischen Moder und Faulniß dahin strecken. Er ist todt, euer
+ Freund, und hat im Grabe die Ruhe gefunden, — die ihm kein Alter,
+ die ihm eine Welt nicht gegönnet.+
+
+[Illustration]
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78383 ***
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+
+a {color: black; text-decoration: none;}
+
+</style>
+</head>
+
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78383 ***</div>
+
+<!-- Transcribers note -->
+
+<div class="transnote">
+<p class="transhead">Anmerkungen zur Transkription</p>
+
+<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet.</em>
+Im Original in Antiqua gesetzter
+Text ist <span class="antiqua">so markiert</span>.</p>
+
+<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche
+und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber
+dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht
+korrigiert. Poetische Formulierungen sind unverändert geblieben.</p>
+
+</div>
+
+<!-- Cover picture -->
+
+<figure class="figcenter coverpic">
+ <img alt="Cover picture" src="images/cover.jpg">
+</figure>
+
+<!-- Title page -->
+
+<!-- Main header -->
+
+<div class="chapter">
+<h1>
+Empfindungen
+<br>
+<span class="h1-05">aus</span>
+<br>
+<span class="h1-08">meinem Leben.</span>
+</h1>
+</div>
+
+<!-- Front page picture -->
+
+<figure class="figcenter front-deco">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/coverillustr.jpg">
+</figure>
+
+<hr class="chap">
+<p class="center gesperrt">WIEN,</p>
+
+<p class="center">gedruckt bey Joseph Kurzböcken kais. kön. illyrischen<br>
+und aller orientalischen Sprachen Hofbuchdruckern,<br>
+und Buchhändlern.</p>
+<p class="center ">1774.</p>
+
+<hr class="chap">
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak" id="Vorrede">
+ Vorrede.
+ </h2>
+</div>
+
+
+<p class="drop-cap">Da man meistens noch
+niedere und falsche Begriffe
+von den schönen
+Wissenschaften hat; so
+möchte ich gern ein kleines Liecht
+vorausstellen, welches die Schatten
+zerstreuen soll, womit finstere
+Köpfe die schönere Natur anschwärzen.
+Will die fühllose Dummheit
+ihr kaltes Herz nie zu einer edlen
+Empfindung erwärmen, so soll sie
+wenigstens ihre unheiligen Blicke
+wegwenden; sie soll sich in die
+ewige Nacht ihrer Unwissenheit
+einhüllen, und mich ungekränkt und
+unbemerkt den sanften und stillen
+Umgang der Musen genießen
+lassen.</p>
+
+<p>Wisse, unbilliges Vorurtheil!
+wahre Poesie ist Würde und
+Hoheit des Menschen — vergieb
+mir diesen stolzen Ausdruck, ergeht
+nicht auf meine Person; sondern
+auf die Sache, die ich behandle.</p>
+
+<p>Die höchste Würde des Menschen
+bestehet in der Hoheit seines
+Geistes, und in dem Adel
+seines Herzens, die Erhebung
+des Geistes der sich mit einer außerordentlichen
+Fülle äußert, ist Begeisterung,
+die gereinigte Zärtlichkeit
+eines gefühlvollen Herzen,
+ist ihr Adel: der höchste Grad
+der Begeisterung und Zärtlichkeit,
+wo sich Wahrheit und Natur mit
+aller Stärke und Anmuth schildern,
+ist der höchste Grad der
+Dichtkunst.</p>
+
+<p>Ihr, derer lieblose, verwilderte
+Herzen keiner feinen Empfindung
+fähig sind, die ihr die Erhöhung
+der menschlichen Seele, das Gefühl
+des wahren Schönen, den
+Enthusiasmus der Weisheit und
+Tugend nicht kennet! eitle, unbedeutende,
+kriechende Geschöpfe!
+die ihr auf niederen Gewinn bedacht,
+nur nach eurem Futter
+wiehert; nie euern Verstand speiset,
+und schon zu leben glaubet,
+wenn ihr gleich dem Vieh, esset,
+schlaffet, und euch begattet, —
+widerleget, wenn ihr könnt!</p>
+
+<p>Uebrigens habe ich nur die
+ächte Dichtkunst vertheitigen wollen,
+deren Ausdruck Harmonie,
+und deren Inhalt begeisterte
+Weisheit ist. — Denn bloß zum
+Zeitvertreib witzig zu tändeln, die
+Einbildungskraft auf Kosten des
+Verstandes zu unterhalten, oder
+durch den unverschämten Muthwillen
+der in der Brumft gehenden
+Litteraturstuzer die grobe Sinnlichkeit
+zu reizen, ist wohl der
+Endzweck der schönen Wissenschaften
+nicht. Sie sind zur Beglückung
+des Menschen, zu seinem
+edleren Vergnügen, und nicht zur
+Nahrung seiner Ausschweifungen
+geschaffen.</p>
+
+<p>Und die unmännlichen Figuranten,
+die sich ewig mit süssen
+Kleinigkeiten beschäftigen; die,
+wann sie schwätzen, zu denken,
+und wann sie schwärmen zu empfinden
+glauben; die die Natur
+durch Künsteley ersetzen wollen;
+beständig mit Endsilben in Geburtsnöthen
+liegen, und sich mit
+Ach und Weh begeistern — soll
+man diese auch Dichter nennen?
+nein, Stümper, die die Wissenschaften
+entehren. Lichtwer weist
+ihnen ihre Stellen an.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ihr Thoren, lernt dafür nähn,</div>
+ <div class="verse indent2">hobeln, oder schmieden!</div>
+ <div class="verse indent0">Minervens Priesterthum ist</div>
+ <div class="verse indent2">Stümpern nicht beschieden.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p>Weder diesen, noch mir selbst
+will ich das Wort reden; ich habe
+nur zeigen wollen, was für ein Ziel
+ich mir gestecket habe: wie weit ich
+es erreiche, müssen unparteyische
+Kenner entscheiden, derer Einsicht
+ich meine Versuche willig unterwerfe.</p>
+
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_a007.jpg">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak gesperrt" id="Inhalt">Inhalt.</h2>
+</div>
+
+<table>
+
+ <tbody>
+ <tr><td></td><td> </td><td>Seite.</td></tr>
+ <tr><td>I.</td><td><a href="#Aussohnung">Aussöhnung mit meinem Schicksale.</a></td><td class="tdr"> 1.</td></tr>
+ <tr><td>II.</td><td><a href="#Die">Die zärtliche Schwermuth.</a></td><td class="tdr">12.</td></tr>
+ <tr><td>III.</td><td><a href="#Aufmunterung">Aufmunterung.</a></td><td class="tdr">14.</td></tr>
+ <tr><td>IV.</td><td><a href="#Die_1">Die Weisheit im Schoose der Natur.</a></td><td class="tdr">19.</td></tr>
+ <tr><td>V.</td><td><a href="#Die_2">Die Begeisterung.</a></td><td class="tdr">27.</td></tr>
+ <tr><td>VI.</td><td><a href="#Das">Das Glück der Zärtlichkeit.</a></td><td class="tdr">29.</td></tr>
+ <tr><td>VII.</td><td><a href="#Vertraulichkeit">Verträulichkeit zwischen Liebe und Natur.</a></td><td class="tdr">31.</td></tr>
+ <tr><td>VIII.</td><td><a href="#Schutzort">Schutzort der Weisheit.</a></td><td class="tdr">35.</td></tr>
+ <tr><td>IX.</td><td><a href="#Einladung">Einladung auf das Land.</a></td><td class="tdr">37.</td></tr>
+ <tr><td>X.</td><td><a href="#Die_3">Die Gaben des Weisen.</a></td><td class="tdr">39.</td></tr>
+ <tr><td>XI.</td><td><a href="#Sehnsucht">Sehnsucht nach Vergnügen.</a></td><td class="tdr">41.</td></tr>
+ <tr><td>XII.</td><td><a href="#Meine">Meine Geliebte.</a></td><td class="tdr">43.</td></tr>
+ <tr><td>XIII.</td><td><a href="#Das_1">Das freywillige Leiden.</a></td><td class="tdr">44.</td></tr>
+ <tr><td>XIV.</td><td><a href="#Kampf">Kampf einer Leidenschaft.</a></td><td class="tdr">48.</td></tr>
+ <tr><td>XV.</td><td><a href="#Die_4">Die Quelle des Unmuths.</a></td><td class="tdr">50.</td></tr>
+ <tr><td>XVI.</td><td><a href="#Erinnerung">Erinnerung an die Jahre der Unschuld.</a></td><td class="tdr">55.</td></tr>
+ <tr><td>XVII.</td><td><a href="#Der">Der Gottesacker.</a></td><td class="tdr">59.</td></tr>
+ <tr><td>XVIII.</td><td><a href="#Die_5">Die philosophische Melancholie.</a></td><td class="tdr">68.</td></tr>
+ <tr><td>XIX.</td><td><a href="#Die_6">Die Mitternacht.</a></td><td class="tdr">79.</td></tr>
+ <tr><td>XX.</td><td><a href="#Die_7">Die Seele an ihren schlaffenden Leib.</a></td><td class="tdr">87.</td></tr>
+ <tr><td>XXI.</td><td><a href="#Die_8">Die Ruhe.</a></td><td class="tdr">91.</td></tr>
+ <tr><td>XXII.</td><td><a href="#Grabschrift">Meine Grabschrift.</a></td><td class="tdr">95.</td></tr>
+ </tbody>
+</table>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<div class="chapter">
+ <h2 class="nobreak center h2-big" id="Aussohnung">
+<span class="gesperrt">Aussöhnung</span><br>
+<span class="h1-05">mit</span><br>
+<span class="h1-08">meinem Schicksale.</span>
+ </h2>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_3">[Pg 3]</span></p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width60">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b003.jpg">
+</figure>
+
+<p class="drop-cap">Mein Geist drang mit einem
+edlen Unwillen sich von dem
+Pöbel hinweg; aber meine
+Glieder fühlen noch die Mühe, womit
+sie den unsicheren Weg zurück gelegt
+haben. Wie schwer ist das Geblüt in
+meinen Adern geworden; seit dem ich
+in deinen feindseligen Mauern, o Stadt!
+gewandelt habe! Hart ist das Pflaster,
+worauf glänzende Sorgen, mit Thorheit
+beladen, wo drückende Laster prächtig
+einher treten! Nun bin ich — der
+Vorsicht sey Dank — hinaus aus dem
+Schwarm der Lieblosen. Wie weit wollt
+ihr mir noch nachschleichen, ihr schwarzen
+<span class="pagenum" id="Page_4">[Pg 4]</span>Gedanken der Schwermuth und des
+Kummers? Verlaßt mich, ach verlaßt
+mich! ich habe genug mit Unglück und
+Verfolgungen gekämpfet. Ich fliehe
+euch nicht, ich hasse euch nicht, ihr Menschen,
+o nein, mein Herz klopfet stets zu
+eurem Besten; es fließt vor Empfindung
+gegen die Redlichen über, die des Mitleids
+und der Gegenliebe fähig sind, und
+die übrigen bedaure ich ihres Unglückes
+wegen, daß sie Menschenfeinde sind.
+Ich fliehe nicht sie, nur ihre Lieblosigkeit.
+Das Leben ist kurz: schwermüthiger
+Tiefsinn, Ernst und Kummer fangen an,
+meine Nerven zu schwächen, und heimlich
+meine Gesundheit zu untergraben.
+Ich bedarf der Erquickung. Genug
+ward ich bey dem inneren Ruf meiner
+Seele von den lauten Stimmen der
+Dummheit und des Eigennutzes übertäubt,
+ungerecht gegen mich selbst,
+Muth und Zutrauen zu verlieren. Ein
+heißhungriches Geschrey tönte mir
+überall entgegen: das Studium der
+Wahrheit und Pflichten ist nicht
+zum Brod gewinnen; Weisheit und
+Tugend, Erhabenheit des Geistes, Adel
+<span class="pagenum" id="Page_5">[Pg 5]
+</span>des Herzens sind unbekannte Nahmen.
+Ich ward in meinen zartesten Jahren
+zum rauhen Pöbel verstossen, wo ich
+verkennet und ungetröstet, mich im Verborgenen
+nach Menschenliebe sehnte,
+und ach! vergebens sehnte. Die schweren
+Seufzer meiner Betrübniß haben
+meine Brust beklemmet, und nun will
+ich wieder einmal freyen Athem hohlen. —
+In deinem wohlthätigen Schoose, liebreiche
+und weisheitsvolle Natur! Will ich von
+meinem Schicksale ausruhen, und aus
+deiner inbegriffenen Göttlichkeit überirdische
+Hofnung, und den Trost des Mitleids
+schöpfen, den mir die Sterblichen
+versagen. — Verlaßt mich, ach verlaßt
+mich, ihr schwarzen Gedanken der Schwermuth
+und des Kummers! Zurück! Hier
+sind die Gränzen der unverdorbenen Natur.
+Mit unverwandtem Blicke will ich
+mich dem Schutzorte der Unschuld nähern.
+O Glück! Noch etliche Schritte, und
+dann bin ich der Natur im Arm! Schon
+ist der Boden gelinder und die Luft reiner.
+Zephir bringt Wohlgeruch auf seinen
+Flügeln, und ich athme Gesundheit
+in mich. — Sey mir gesegnet, heiliges
+<span class="pagenum" id="Page_6">[Pg 6]</span>Dunkel, das ehrfurchtvoll in diesen verjährten
+Tannen schwebet! kein feindseliger
+Sturm müße je durch diese ruhige
+Dämmerung fahren. — Ich will hinein
+gehen. —</p>
+
+<p>Hier ist der wundersame Baum,
+der von obenher seinen Ursprung genommen
+hat, seine Wurzeln kriechen an
+Felsen. — Sie haben einen bequemen
+Sitz geflochten; ich will hier ruhen —
+Sein Stamm neiget sich unter mir herunter,
+als wollte er der Erde seiner
+Mutter danken, die ihm Nahrung auch
+ausser ihrem Schoose reichet! Aber er
+hebt sich wieder von der Mitte empor.
+Sein Saamen wuchs wie der Gedanken
+des Weisen, von sich gegen die Erde,
+und von der Erde gegen den Himmel. —
+Hier ist der Sitz der Begeisterung,
+hoch von Natur, nicht durch Zwang und
+Uebermuth, abseits vom Getümmel,
+ungebahnt für träge Unwissenheit,
+weit erhaben über die Denkmäler der
+Ueppigkeit und Herrschsucht, worunter die
+niedern Seelen wie Gewürme im Schutthaufen
+herum kriechen. Die Spitze
+der Thürme, die falsche Hoheit in die
+<span class="pagenum" id="Page_7">[Pg 7]</span>Luft gehoben hat, um über Mitmenschen
+hinaus zu sehen, reichen nicht zu meinen
+Füßen. Ich bin verborgen und sicher.
+Voll erhabener Wildheit hangen
+die Zotten des Reisicht über mir her;
+und ewig grünende Fichten streuen ehrwürdige
+Schatten auf den Felsen, dessen
+bemooste Höhlung mir zur weichen
+Lehne dienet. Horchende Stille wachet
+einsam in diesem Tempel der Schöpfung,
+den nie unheilige Blicke entweyhten;
+denn der Pöbel verirret sich nicht in dein
+Heiligthum, o Natur! Dein Freund ist
+der einsame Dichter, der aus dem Gedränge
+verscheuchet, dem Felsen die Gefühllosigkeit
+seiner Mitmenschen klaget.
+Hier ist das Vaterland meiner Empfindungen,
+hier ists, wo mein Geist, in
+die Zaubergegend der Dichtkunst hingerücket,
+von dem Nektar der begeisternden
+Weisheit kostete. — Kommet ihr
+ländlichen Kamönen, einzige Trösterinnen
+meines Lebens! reichet mir noch einen
+stärkenden Trunk und weyhet mich
+euren Geheimnißen ein; schließet mir
+eure verborgenen Schätze auf: ich will
+mit Popen und St. John die Kleinigkeiten
+<span class="pagenum" id="Page_8">[Pg 8]</span>der Welt dem niederen Ehrgeize
+und dem Stolze der Könige lassen. In
+euren liebvollen und freundlichen Wohnsitz
+will ich vergessen, daß es störische
+und harte Menschen giebt; in Unschuld
+und Ruhe, in Gesundheit und Freyheit
+will ich künftig meines Lebens froh werden.
+Mäßigkeit wird die Bewegungen meines
+Geblüts besänftigen, und mein Herz nur
+den gereinigten Empfindungen der Natur
+und Menschenliebe offen seyn. In
+einer ruhmlosen Hütte will ich ein redliches
+Alter erreichen, unbeneidet, genügsam
+und sicher. Verborgen vor dem
+Hof sollen meine Tage so still und ruhig
+dahin gleiten wie die kleinen Silberwellen
+durch das einsame Veilchenthal.
+Nie wird ihr heller Boden von kriegerischen
+Rossen zerwühlet, nie ihr klares
+Naß von schwärmenden Städtern trübe
+gemacht. Bey einem stillen häußlichen
+Glücke will ich zwischen Lilien und Rosen,
+den Spuren der Unschuld und Liebe treten,
+und auf den sanften Boden der
+Natur wandeln. Dort wo Gebüsche unter
+hangenden Felsen den Eingang mit
+feyerlicher Dämmerung decken, in der
+<span class="pagenum" id="Page_9">[Pg 9]</span>träumerische Grotte wird mich meine
+Muse in süsse Begeisterung einschlummern.
+Oft werde ich den einsamen Hügel
+besuchen, wo mein Herz hinschmolz,
+und mein Geist in sanfte Wehmuth zerfloß.
+Oft werde ich am Abend empfindungsvoll
+mich unter den Schatten
+eines Baumes vergessen. Oft wird zum
+Dank der Wohlthaten meines Schöpfers,
+oft zum Andenken meiner Freunde
+eine zärtliche Thräne auf den blumichten
+Hügel hingleiten, worauf ich mein Haupt
+stütze; dann wird aus der nahen Hütte
+meine fromme Gattinn kommen, und
+meiner Empfindung den stillen Beyfall
+in ihren sanften Blicken zulächeln; sie
+wird mit ihrer Hand mein gerührtes
+Herz fühlen, und mit mir die erhabene
+Wollust der Zärtlichkeit und tugendhafter
+Gesinnungen theilen. An ihrem Arm
+will ich — — Süsser Traum! Von
+welch entzückenden Vorstellungen ward
+mein Geist betrunken! Hab Dank, wohlthätige
+Muse! Daß du Mitleid mit meinem
+Schicksale hast, und Oel in meine
+Wunde gießest. Begeistre mich mit
+Hofnung; wenn auch in dem Rathschluße
+<span class="pagenum" id="Page_10">[Pg 10]</span>des Ewigen mir nie so ein schmeichelhaftes
+Glück sollte vorbehalten seyn.
+Gott, du kannst kein Mißfallen an unschuldigen
+Wünschen deiner Geschöpfe
+haben; du selbst hast den Trieb zum
+Vergnügen tief in ihre Herzen gepflanzet,
+du hast sie zur Glückseligkeit bestimmet.
+Du magst diese Bestimmung hier
+schon oder dort erfüllen; ich will sie mit
+Dank zum voraus empfinden, und mich
+durch die Hofnung der Zukunft mit
+Standhaftigkeit für das Gegenwärtige
+bewaffnen. Ich hoffe und wünsche;
+— aber, Herr! was du thust, ist gerecht;
+sollte auch hienieden mein Leiden beschlossen
+seyn. In der Schule des Unglücks
+verlernet man Leichtsinn und Thorheit,
+und vor den Blicken des Geistes verschwindet
+der Nebel, der die höhere Aussicht
+verdunkelt. Mich stärket der grosse
+Gedanken der Ewigkeit, wodurch mein
+Geist, vom Staube ungesättiget, sich
+mit dem Vorgeschmack der Seligkeit nähret;
+mich tröstet die Hoffnung, daß
+meine Seele, durch Trübsale gebessert,
+sich von eingebildeten Bedürfnissen entwähne,
+und einst zum Genuße deiner
+<span class="pagenum" id="Page_11">[Pg 11]</span>Wohlthaten fähiger seyn wird. Die
+sanfte und stille Landlust, Unschuld und
+Einfalt, diese schöne Natur, die so voller
+Spuren der Liebe ist, und die Erinnerung,
+Herr! daß ich mich bestrebet
+habe, dir zu gefallen und rechtschaffen
+zu seyn, o die wird mir jedes Ungemach
+meines Lebens versüssen. In deiner Vorsicht
+will ich mich ganz beruhigen; keine
+Klage wider den Lauf der Dinge
+soll jemals meinen Lippen entfahren;
+mit einem Blicke in deine göttliche Weisheit
+werde ich alle menschliche Thorheit
+vergessen, und wie leicht vergesse ich dann
+auch das Glück der Welt, — das mich
+bisher getäuscht hat.</p>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b011.jpg">
+</figure>
+
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_12">[Pg 12]</span></p>
+
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die">
+ Die zärtliche Schwermuth.
+ </h2>
+</div>
+
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><p class="drop-cap-poem">Am stillen Hügel,
+den der Schatten</p></div>
+ <div class="verse indent0">Des Baumes deckt, wo unverrathen</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Herz geheime Wehmuth nährt;</div>
+ <div class="verse indent0">Wo durchs Gebüsch die blassen Stralen</div>
+ <div class="verse indent0">Des Mondes einsam, schüchtern fallen</div>
+ <div class="verse indent0">Und nichts die leisen Seufzer stört.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hier wo verschwiegne Dunkelheiten</div>
+ <div class="verse indent0">Den Trauerflor um mich verbreiten,</div>
+ <div class="verse indent0">Hier sinken, von dem harten Loos</div>
+ <div class="verse indent0">Des Schicksals müde, meine Glieder</div>
+ <div class="verse indent0">Auf schwarz bethautem Mose nieder —</div>
+ <div class="verse indent0">Hin in der stillen Schwermuth Schoos.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dir Nacht vertrau ich meinen Kummer,</div>
+ <div class="verse indent0">Der meinen Geist in düstern Schlummer</div>
+ <div class="verse indent0">Der Wehmuth senkt: verhüll mein Leid;</div>
+ <div class="verse indent0">Laß mich in deine Tiefe weinen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und meinen Schmerz mit dir vereinen;</div>
+ <div class="verse indent0">Sey Zeuge meiner Zärtlichkeit.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_13">[Pg 13]</span> </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ach dieses Herzens tiefe Wunden!</div>
+ <div class="verse indent0">Die noch kein Mitleid mir verbunden!</div>
+ <div class="verse indent0">Ach sie verbluten! Liebe quillt</div>
+ <div class="verse indent0">Heraus — verkennte Menschenliebe.</div>
+ <div class="verse indent0">Kommt, theilt mit mir die sanften Triebe</div>
+ <div class="verse indent0">Dieß Herz — das allzu zärtlich fühlt.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b013.jpg">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_14">[Pg 14]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Aufmunterung">
+ Aufmunterung.
+ </h2>
+</div>
+
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><p class="drop-cap-poem">Auf
+ träger Geist! die Zeit verflieht;</p></div>
+ <div class="verse indent0">Der Lenz, der Jugend Flor verblüht:</div>
+ <div class="verse indent0">Sey dankbar und genieß dein Gut!</div>
+ <div class="verse indent0">Sey Jüngling! Lern voll edlen Muth,</div>
+ <div class="verse indent0">Wann stürmend Ungewitter blitzen,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Weisheit dich, und grauer Klugheit schützen.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Gram entehrt, ermuntre dich!</div>
+ <div class="verse indent0">Er setzt die Seele unter sich</div>
+ <div class="verse indent0">Bis zur Unthätigkeit herab,</div>
+ <div class="verse indent0">Und baut aus uns ein wandelnd Grab.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Embrionen edler Thaten</div>
+ <div class="verse indent0">Erstickt in dir des Unmuths düstrer Schatten.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_15">[Pg 15]</span> </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">In Tiefsinn wandelst du herum,</div>
+ <div class="verse indent0">Gleich deinem Schatten traurig stumm;</div>
+ <div class="verse indent0">Geselligkeit und freyer Muth</div>
+ <div class="verse indent0">Weicht vom Gesicht; dein junges Blut</div>
+ <div class="verse indent0">Eilt nicht mehr froh, von Gram gehemmet,</div>
+ <div class="verse indent0">Der in den Adern schleicht, dein Herz beklemmet.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dein scheuer Blick, dein trüber Sinn</div>
+ <div class="verse indent0">Kriecht niedrig an der Erde hin.</div>
+ <div class="verse indent0">Flieh, flieh von dir, von deinem Gram!</div>
+ <div class="verse indent0">Soll Unmuth, unverdiente Scham.</div>
+ <div class="verse indent0">Und Blödigkeit die Stirn umhüllen?</div>
+ <div class="verse indent0">Die Ehre ist im Herzen: lern sie fühlen.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Vor andern arm, verachtet, klein,</div>
+ <div class="verse indent0">Lern, ohne Zeugen groß zu seyn.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_16">[Pg 16]</span> <div class="verse indent0">Sey standhaft; denn auch dein Geschick</div>
+ <div class="verse indent0">Steht in der Vorsicht Buch. Dein Glück,</div>
+ <div class="verse indent0">Das itzt noch schläft, wird einst erwachen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und doppelt dich die Freuden Fühlen machen.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Noch lebt so mancher Menschenfreund,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Kunst mit Redlichkeit vereint,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Recht und Tugend noch vertheidigt,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Deine Armuth nicht beleidigt,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Menschen gerne glücklich siehet,</div>
+ <div class="verse indent0">Zum Mitleid nicht zu vornehm, dich nicht fliehet;</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der an den Seufzern Antheil nimmt,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Thräne, die im Auge schwimmt,</div>
+ <div class="verse indent0">Als Freund zu trocknen sich bemüht;</div>
+ <div class="verse indent0">Als Freund, wann er dich fehlen sieht,</div>
+<span class="pagenum" id="Page_17">[Pg 17]</span> <div class="verse indent0">Dir nachsichtvoll entgegen eilet,</div>
+ <div class="verse indent0">Und den Verstand von Wahn und Irrthum heilet.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Noch läßt das Schicksal — Deiner Jugend</div>
+ <div class="verse indent0">Den Trieb zur Redlichkeit und Tugend;</div>
+ <div class="verse indent0">Noch kann dein zärtliches Gefühl,</div>
+ <div class="verse indent0">Wenn dich das Glück auch hassen will,</div>
+ <div class="verse indent0">Im stillen Schatten seelger Linden</div>
+ <div class="verse indent0">Des Frühlings Lust, und die Natur empfinde.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Sey größer, als dein Unglück ist,</div>
+ <div class="verse indent0">Erhabner, als die niedre List</div>
+ <div class="verse indent0">Und Frechheit eines Pöbels reicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Der, Würmern gleich, im Finstern schleicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Der das, woran er stoßt, nur fühlet,</div>
+ <div class="verse indent0">Durch sich gestraft, im Stoffe Blindlings wühlet.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_18">[Pg 18]</span> </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ist dieser Vorzug dir zu klein;</div>
+ <div class="verse indent0">so must du selbst unedel seyn.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein edler Geist, in sich beglückt,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu stolz, was ihm die Welt entrückt,</div>
+ <div class="verse indent0">Um Pupentand, und Eitelkeiten</div>
+ <div class="verse indent0">Den Müssigen, den Thoren zu beneiden,</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Kriecht sklavisch nicht um Ehr und Glück</div>
+ <div class="verse indent0">Ihm schwärzt kein niedres Bubenstück.</div>
+ <div class="verse indent0">Die heitern Mienen im Gesicht.</div>
+ <div class="verse indent0">Gelassen thut er seine Pflicht;</div>
+ <div class="verse indent0">Sieht aufrecht auf der Tugend Wegen,</div>
+ <div class="verse indent0">Sich selbst bewußt, der Ewigkeit entgegen.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b018.jpg">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_19">[Pg 19]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die_1">
+ Die Weisheit im Schoose der Natur.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wer küßt und drückt und lästert,</div>
+ <div class="verse indent7">hat Verstand;</div>
+ <div class="verse indent0">Wer redlich spricht, gehöret auf das</div>
+ <div class="verse indent10">Land.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent11">Kleist.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<hr class="tb">
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2"><p class="drop-cap-poem">Du Wohnsitz stiller Musen,</p></div>
+ <div class="verse indent0">Empfang mich, heitre Flur,</div>
+ <div class="verse indent2">Auf deinem grünen Busen!</div>
+ <div class="verse indent0">Sanft lächelnde Natur,</div>
+ <div class="verse indent2">Aus deinem reichen Schoose</div>
+ <div class="verse indent0">Trink ich des Frühlings Lust,</div>
+ <div class="verse indent2">So wie den Thau die Rose,</div>
+ <div class="verse indent0">Nun in die freye Brust.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_20">[Pg 20]</span>
+</div>
+
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein Blick der Weisheit stralet</div>
+ <div class="verse indent0">Aus jedem Reiz hervor,</div>
+ <div class="verse indent0">Und bessre Freude wallet</div>
+ <div class="verse indent0">In meiner Brust empor.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich brauch, mich zu beglücken,</div>
+ <div class="verse indent0">Nur Mensch, nicht reich zu seyn;</div>
+ <div class="verse indent0">Ein edleres Entzücken</div>
+ <div class="verse indent0">Nimmt meine Seele ein,</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Rührt, ohne zu verletzen,</div>
+ <div class="verse indent0">Mein jugendlich Gemüth</div>
+ <div class="verse indent0">Mit zärtlichen Ergötzen.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein reineres Geblüt</div>
+ <div class="verse indent0">Wallt schon durch meine Glieder;</div>
+ <div class="verse indent0">Der Geist wird heiterer,</div>
+ <div class="verse indent0">Er öffnet sich hier wieder,</div>
+ <div class="verse indent0">Denkt frey, und fühlet mehr.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hier drohn nicht rasche Pferde</div>
+ <div class="verse indent0">Dem müden Wanderer;</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Wagen, von der Heerde</div>
+ <div class="verse indent0">Vergoldter Diener schwer,</div>
+<span class="pagenum" id="Page_21">[Pg 21]</span>
+ <div class="verse indent0">Worin der Unterthanen,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Bürger theure Last,</div>
+ <div class="verse indent0">Müd vom Verdienst der Ahnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Mit dummen Lächeln rastt.&#x2060;<a id="FNanchor_A_1" href="#Footnote_A_1" class="fnanchor">[A]</a></div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Durchlauchtgen Rossen schnauben</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht feile Menschen vor.</div>
+ <div class="verse indent0">In Schatten sicherer Lauben</div>
+ <div class="verse indent0">Irrt froher Hirten Chor</div>
+ <div class="verse indent0">Mit sanften Schäferinnen.</div>
+ <div class="verse indent0">Lieb und Zufriedenheit</div>
+ <div class="verse indent0">Geht segnend neben ihnen,</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht Rangsucht, Stolz und Neid.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Menschheit Recht verdrehet</div>
+ <div class="verse indent0">Kein hochgebohrnes Thier,</div>
+ <div class="verse indent0">Das sich in Sänften blähet;</div>
+ <div class="verse indent0">Nur Menschen sieht man hier.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Tugend giebt den Titel,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Eintracht den Gewinnst;</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht Zufall, Rang und Mittel</div>
+ <div class="verse indent0">Verdrängen das Verdienst.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_22">[Pg 22]</span> </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Zum Laster ungeschicket,</div>
+ <div class="verse indent0">Das sich aus Hochmuth neigt,</div>
+ <div class="verse indent0">Krumm, heuchlerisch gebücket,</div>
+ <div class="verse indent0">In heiligen Tempeln schleicht,</div>
+ <div class="verse indent0">Und das im Harmeline</div>
+ <div class="verse indent0">Bey Hof mit frechen Schritt</div>
+ <div class="verse indent0">Und tückisch hoher Miene</div>
+ <div class="verse indent0">Bis zu dem Fürsten tritt,</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Durch Einfalt glücklich, irret</div>
+ <div class="verse indent0">Im Thal die Schäferinn;</div>
+ <div class="verse indent0">In Unschuld, sittsam führet</div>
+ <div class="verse indent0">Sie ihre Lämmer hin,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo ruhig ihre Jugend</div>
+ <div class="verse indent0">Der Schöpfung Freuden fühlt;</div>
+ <div class="verse indent0">Wo unbemerkte Tugend</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Schöpfer sich enthült.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_23">[Pg 23]</span> <div class="verse indent0">Frey wandelt in Gesträuchen</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr Fuß längst einem Bach;</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht freche Buben schleichen</div>
+ <div class="verse indent0">Dort ihrer Unschuld nach.</div>
+ <div class="verse indent0">Die Kunst des süssen Herren,</div>
+ <div class="verse indent0">Der geil aus Wohlstand spricht,</div>
+ <div class="verse indent0">Geld, Ordensband entehren</div>
+ <div class="verse indent0">Verwaiste Mädchen nicht.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hier schwärmt durch grüne Schatten</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Midas, groß durch Gold,</div>
+ <div class="verse indent0">Berühmt durch fremde Thaten,</div>
+ <div class="verse indent0">Der seinem Bauch nur hold,</div>
+ <div class="verse indent0">Standtsmäßig auszuschweifen,</div>
+ <div class="verse indent0">Und durch des Bürgers Schweiß</div>
+ <div class="verse indent0">Sich Tafeln aufzuhäufen,</div>
+ <div class="verse indent0">Sich fett zu prassen weiß.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Taub, Mitleid zu empfinden,</div>
+ <div class="verse indent0">Zu fühllos, selbst sein Glück</div>
+ <div class="verse indent0">In anderer Glück zu finden,</div>
+ <div class="verse indent0">Sieht er sich nicht zurück,</div>
+<span class="pagenum" id="Page_24">[Pg 24]</span> <div class="verse indent0">Der Große, wann Bedrängte</div>
+ <div class="verse indent0">Mit Thränen nach ihm sehn;</div>
+ <div class="verse indent0">Wann ohne Schuld gekränkte</div>
+ <div class="verse indent0">Um seinen Beystand flehn.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Dich, sanfte Stimm vom Himmel,</div>
+ <div class="verse indent0">Natur! Dich überschreyt</div>
+ <div class="verse indent0">Das irdische Getümel</div>
+ <div class="verse indent0">Der prächtgen Eitelkeit!</div>
+ <div class="verse indent0">Weg ihr verhaßten Thürme,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo, in den Schlamm getaucht,</div>
+ <div class="verse indent0">Dieß irdische Gewürme</div>
+ <div class="verse indent0">Nur giftge Laster haucht!</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">In lärmenden Pallästen,</div>
+ <div class="verse indent0">Da herrscht die Weisheit nicht;</div>
+ <div class="verse indent0">Nur feige Schmeichler mästen</div>
+ <div class="verse indent0">Sich, wo der Bösewicht</div>
+ <div class="verse indent0">Und Thor den Lüsten frohnet,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo Fleiß und Tugend trauert,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo Tod im Lächeln wohnet,</div>
+ <div class="verse indent0">Und das Verderben lauert,</div>
+<span class="pagenum" id="Page_25">[Pg 25]</span> </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wo alle Mienen trügen,</div>
+ <div class="verse indent0">Sich Mädchen klug durch Geld,</div>
+ <div class="verse indent0">Und schön durch Schminke lügen,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Wuchrer preis gestellt!</div>
+ <div class="verse indent0">Wo tausend wilde Triebe,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Leidenschaft Gewühl</div>
+ <div class="verse indent0">Die zärtlich keusche Liebe,</div>
+ <div class="verse indent0">Das reinere Gefühl</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Menschlichkeit ersticken;</div>
+ <div class="verse indent0">Wo Untreu, Buhlerey</div>
+ <div class="verse indent0">Aus finstern Mauern blicken;</div>
+ <div class="verse indent0">Wo faule Schwelgerey,</div>
+ <div class="verse indent0">In Schlössern stolz bewachet,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo hämisch Schadenfreud</div>
+ <div class="verse indent0">Aus halben Vorhang lachet,</div>
+ <div class="verse indent0">Im Sitz der Ueppigkeit.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Fern von der Gratulanten,</div>
+ <div class="verse indent0">Betrüger, Schmeichler Heer,</div>
+ <div class="verse indent0">Von Stutzern und Pedanten,</div>
+ <div class="verse indent0">Kann ich hier ruhiger</div>
+<span class="pagenum" id="Page_26">[Pg 26]</span> <div class="verse indent0">Natur, Nach deinem leisen,</div>
+ <div class="verse indent0">Verborgnen Triebwerk spähn;</div>
+ <div class="verse indent0">Dich und die stillen Weisen</div>
+ <div class="verse indent0">Des Alterthums verstehn!</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nicht in betrogne Spiele</div>
+ <div class="verse indent0">Des Witzes eingewebt; —</div>
+ <div class="verse indent0">In feyerlicher Stille,</div>
+ <div class="verse indent0">Von Grazien umschwebt,</div>
+ <div class="verse indent0">In edler Einfalt glänzet</div>
+ <div class="verse indent0">Sie, auf beblümten Pfad,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Weisheit, unumgränzet,</div>
+ <div class="verse indent0">Verscheucht von Hof und Stadt.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_A_1" href="#FNanchor_A_1" class="label">[A]</a> Die Wahrheit wird von selbst die Verehrungswürdigen,
+die den Adel nicht nur in ihren
+Wappen, sondern auch in ihrer Seele führen,
+gegen die <span class="antiqua">Usurpatores</span> ihrer Vorrechte
+vertretten.</p></div>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b026.jpg">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_27">[Pg 27]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die_2">
+ Die Begeisterung.
+ </h2>
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Welch eine geheimnißvolle Schönheit
+dringet überall aus deinen manigfältigen
+und wundervollen Scenen hervor, o Natur!
+Meine Sinnen sind trunken von
+deinen zauberischen Reizen! mein Geist
+ist ganz voll, ganz in die Tiefe einer unbekannten
+Anmuth hingerissen! — Was
+fühle ich? Wie ahnungsvoll, wie stark
+klopfet es in meinem Herzen! — Ja,
+hier ist die Quelle der Liebe, sie fließet
+durch mich, und ergießet sich in die ganze
+Natur. — Wie wallen meine Adern!
+Feuer ist in meiner Brust, und meine
+Augen sind mit heissem Oele durchströmmet!
+— — Sättige mich, Natur! mit
+deiner Schönheit! in dich, in deine inbegriffene
+Göttlichkeit bin ich entzücket.
+Ihr Geschöpfe, Ausflüße der Gottheit,
+von kleinsten bis zum größten, alles, was
+in der Natur ist, was lebet und schwebet,
+was mich umgiebt, seyd mir gesegnet!
+gedeyhet mir, neiget euch gefällig
+<span class="pagenum" id="Page_28">[Pg 28]</span>zu meinem Wohl; theilet eure Richtigkeit,
+Ordnung und Schönheit, theilet
+euch mir mit, drücket die Spuren eures
+Ursprungs euer Glückseligkeit tief in mein
+Herz, nähret meine Begeisterung mit der
+Weisheit und meine Empfindungen mit
+der Seeligkeit eures Schöpfers; damit
+meine Handlungen nach dem erhabensten
+Muster, nach den ewigen Gesetzen der
+Schöpfung gebildet werden.</p>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b028.jpg">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_29">[Pg 29]</span></p>
+
+
+ <h2 class="nobreak" id="Das">
+ Das Glück der Zärtlichkeit.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">
+ <p class="drop-cap-poem drop-cap-poem-narrow">Ein
+ Herz, das durch erhabne Triebe,</p></div>
+ <div class="verse indent0">Durch Zärtlichkeit und Menschenliebe</div>
+ <div class="verse indent0">Von der Natur geadelt ist,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein fühlbar Herz ist jene Quelle,</div>
+ <div class="verse indent0">Die unversieglich in die Seele</div>
+ <div class="verse indent0">Der Liebe süsse Wollust gießt.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein Geist, der frey und edel denket,</div>
+ <div class="verse indent0">Durch niedern Vortheil nicht gelenket,</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht prächtgen Sklaven zinnsbar ist,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo Sanftmuth, edle Einfalt wohnet,</div>
+ <div class="verse indent0">Zufriedne stille Tugend thronet,</div>
+ <div class="verse indent0">Die stets wohlthätig überfließt;</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ein redlich Antlitz, sanfte Blicke,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo bey des Nächsten Ungelücke</div>
+<span class="pagenum" id="Page_30">[Pg 30]</span> <div class="verse indent0">Des Mitleids edle Zähre fließt:</div>
+ <div class="verse indent0">Sind Güter, die der Thor nicht kennet,</div>
+ <div class="verse indent0">Der fühllos auf dem Throne gähnet,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo er der Menschheit Recht vergißt.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b030.jpg">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_31">[Pg 31]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Vertraulichkeit">
+ Verträulichkeit zwischen Liebe und Natur.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">In einer hohen Felsengrotte</div>
+ <div class="verse indent0">mit Gebüsch umwachsen.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+ <hr>
+
+<p class="drop-cap">Verbirg
+mich, dämmerndes Gebüsch!
+in deine heilige Stille! Einsames Dunkel!
+schütze meine Sinnen vor dem Blendwerke
+des Ehrgeizes und der Wollust, die
+aufrührisch in mein zu weiches Herz stürmen!
+hier sey die Ruhe wieder meiner
+Seele geschenket, die unter dem Joche
+schmachtet, das allgemeine Thorheit den
+Menschen aufleget. Unwillig, daß sich
+ihre kräftigen Aeußerungen unter den sclavischen
+Hauffen verirret, kehret sie wieder
+auf die einfache Pfade der Natur zurück.
+Friede mit euch, ihr Gegenstände der
+ländlichen Einfalt! Flöße mir hier, unverdorbene
+Natur, deine Unschuld und
+Heiterkeit ein! Hier soll mein Herz nur
+<span class="pagenum" id="Page_32">[Pg 32]</span>sanfte Regungen fühlen, und ihre reine
+Zärtlichkeit in dieser verschwiegenen Grotte
+ausgiessen. Das Geheimniß einer Liebe,
+die in meinem Innersten brennet, und
+womit eine Gottheit diesen Staub begeistert,
+sey dir, holdselige, freundliche Natur,
+allein anvertrauet! Du verspottest,
+sie nicht, diese verborgenen Triebe, die du
+selbst in meinen Busen geleget, diesen
+Funken der Gottheit, der die Menschen
+belebet, um sie zu beglücken, Menschen,
+die in ihr eigenes Eingeweyd wüthen,
+und das eingefleischte Gesetz ihrer Wesenheit,
+das heiligste Geschenk der Natur
+— Die Liebe verkennen; oder mißbrauchen;
+die sich aus der Kränklichkeit
+der Einbildung, oder des Körpers einen
+Beruf lügen, in der Unterdrückung der
+sanften, geselligen Neigungen, in der
+Untüchtigkeit und Verwahrlosung der Lebensgeister,
+in der trägen, unentwickelten
+Einförmigkeit ihres Daseyns ein Verdienst
+suchen, und um einseitige, lieblose Absichten
+zu erreichen, das Grundgesetz der
+Schöpfung durch leeres Aussenwerk,
+durch eitle Gepränge unkennbar machen.
+Ungerechte, die ihr die Natur
+<span class="pagenum" id="Page_33">[Pg 33]</span>hintergehen wollet, und der edelsten Thätigkeit
+unseres Daseyns durch Zwang,
+Künsteley und stolz ewige Dämme setzet!
+Dämme, von welchen unsere Leidenschaften
+mit Ungestüm in unser Gemüth zurück
+brausen, gleich jenem Bach, der ruhig
+und still in seinem Rinnsale nach dem
+Ziele eilet, bis er an einem Felsen zerbrellet.
+Erbost wühlet er in seinen eigenen
+Grund, und sprühet unruhig um
+sich her. Doch weg ihr stürmischen Bilder
+aus meiner Seele! störet nicht meine
+friedlichen, einsamen Betrachtungen!
+Stilles, ruhiges Vergnügen will ich itzt
+in mich athmen, und nur gelinde Weste
+sollen meine Schläfe umsäuseln. Hier,
+wo jede Spur in der Schöpfung von
+Wohlthun und Liebe des Schöpfers zeuget,
+hier herrschet nicht feige Eitelkeit,
+nicht fühllose Dummheit, die Unthat für
+Keuschheit, und wohlthätige Liebe zur
+Beleidigung rechnet. Dieses sanfte Gefühl
+der Menschheit wird nicht durch
+Pracht, Rang und Wucher, nicht durch
+Leichtsinn und Meineyd mißhandelt —
+aber ach! kehret nicht so oft zurück, ihr
+traurigen Gestalten des Hofes! Laßt mich,
+<span class="pagenum" id="Page_34">[Pg 34]</span>in Frieden unter diesem bemoosten Felsen
+hier ruhen! verträglich will ich mit
+mir selbst, und mit dieser schönern Natur
+seyn; vertraut will ich ihr meine geheimen
+Wünsche entdecken; meine Gedanken
+sollen sich sanft und frey entwickeln,
+wie diese Sprossen des Frühlings
+um mich aus dem Schoose der Natur
+hervorkeimen. Besänftiget durch ihren
+Einfluß, begeistert von ihrer Schönheit,
+will ich hier auf diesem samtenen Moose
+in süße Hofnungen einschlummern.</p>
+
+<figure class="figcenter side-deco">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b034.jpg">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_35">[Pg 35]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Schutzort">
+ Schutzort der Weisheit
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><p class="drop-cap-poem">Noch
+ seyd ihr, unschuldvolle Freuden</p></div>
+ <div class="verse indent0">Der Schöpfung! Trost in meinem Leiden.</div>
+ <div class="verse indent0">Wann harte Menschen mich verscheun,</div>
+ <div class="verse indent0">Soll euch mein Herz noch offen seyn.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich will, die Leyer in den Händen,</div>
+ <div class="verse indent0">In seligern Gefilden wandeln;</div>
+ <div class="verse indent0">Gold soll mein heitres Aug nicht blenden,</div>
+ <div class="verse indent0">Kein falsches Glück mich mehr mißhandeln.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_36">[Pg 36]</span> </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Natur! in deinem Arm beschützet</div>
+ <div class="verse indent0">Die Weisheit mich, wann Bosheit blitzet.</div>
+ <div class="verse indent0">Hier will, wann Vorurtheil und Neid</div>
+ <div class="verse indent0">Voll schwarzen Geifer um sich speyt,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich über niedre Bubenstücke</div>
+ <div class="verse indent0">Und Dummheit, die im Finstern irren;</div>
+ <div class="verse indent0">Hier will ich über mein Geschicke</div>
+ <div class="verse indent0">In stiller Wollust triumphiren.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b036.jpg">
+</figure>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_37">[Pg 37]</span></p>
+
+
+ <h2 class="nobreak" id="Einladung">
+ Einladung auf das Land
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">
+ <p class="drop-cap-poem drop-cap-poem-narrow5">Ihr
+ Freunde, und ihr Schönen,</p></div>
+ <div class="verse indent0">Besucht die stille Flur,</div>
+ <div class="verse indent0">Die anmuthvollen Scenen</div>
+ <div class="verse indent0">Der Unschuld, und Natur!</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Eilt, dankbar zu genießen</div>
+ <div class="verse indent0">Nach weiser Vorsicht Ziel:</div>
+ <div class="verse indent0">Das Leben zu versüssen,</div>
+ <div class="verse indent0">Gab sie uns das Gefühl.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die fremde Pracht der Speisen</div>
+ <div class="verse indent0">Verderbt die Sinnen nur;</div>
+ <div class="verse indent0">Es gnüget hier dem Weisen</div>
+ <div class="verse indent0">Die Einfalt der Natur.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_38">[Pg 38]</span> <div class="verse indent0">Wo mit den zarten Zweigen</div>
+ <div class="verse indent0">Die reiffen Früchte sich</div>
+ <div class="verse indent0">Gefällig zu ihm neigen,</div>
+ <div class="verse indent0">Da speist er königlich.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Einfalt reiner Sitten</div>
+ <div class="verse indent0">Herrscht unter reiner Luft,</div>
+ <div class="verse indent0">In ländlich stillen Hütten,</div>
+ <div class="verse indent0">Bey Florens Blumenduft.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Kommt, dort im Grünen wollen</div>
+ <div class="verse indent0">Wir, eins dem andern gleich,</div>
+ <div class="verse indent0">Uns Früchte, Blumen hollen,</div>
+ <div class="verse indent0">— Dann sind wir groß, und reich.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width40">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b038.jpg">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_39">[Pg 39]</span></p>
+
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die_3">
+ Die Gaben des Weisen.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><p class="drop-cap-poem">Daß
+ sich das Wasser in dem Magen</p></div>
+ <div class="verse indent0">Mit den Speisen kann vertragen,</div>
+ <div class="verse indent3">Das kann wohl seyn:</div>
+ <div class="verse indent2">Jedoch der Rebensaft</div>
+ <div class="verse indent2">Giebt auch der Seele Kraft.</div>
+ <div class="verse indent0">Das Wasser rinnt so todt hinein.</div>
+ <div class="verse indent0">Der Necktar öffnet unsere Herzen</div>
+ <div class="verse indent0">Bey seinem Witz und keuschen Scherzen:</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Weiser trinkt gleich Göttern Wein.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Daß Schreiberey und Rechnen nütze,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Gradus vor dem Hunger schütze,</div>
+ <div class="verse indent3">Das kann wohl seyn:</div>
+ <div class="verse indent2">Jedoch des Dichters Glut</div>
+ <div class="verse indent2">Begeistert unser Blut;</div>
+<span class="pagenum" id="Page_40">[Pg 40]</span> <div class="verse indent0">Flößt edlere Empfindung ein;</div>
+ <div class="verse indent0">Kann unser Herz erhaben rühren;</div>
+ <div class="verse indent0">Den trägen Geist zum Aether führen:</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Weiser muß ein Dichter seyn.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Daß es sich gut in Klöstern lebe,</div>
+ <div class="verse indent0">Kastraten, alte Jungfern gebe,</div>
+ <div class="verse indent3">Das kann wohl seyn:</div>
+ <div class="verse indent2">Jedoch der Menschheit Trieb</div>
+ <div class="verse indent2">Erzeugt in uns die Lieb</div>
+ <div class="verse indent0">Ihn schuf die Vorsicht allgemein,</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht, daß wir wieder ihn vernichten,</div>
+ <div class="verse indent0">Nein, nur zum rechten Endzweck richten.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Weiser muß auch menschlich seyn.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b040.jpg">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_41">[Pg 41]</span></p>
+
+
+ <h2 class="nobreak" id="Sehnsucht">
+ Sehnsucht nach Vergnügen.
+ </h2>
+</div>
+
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><p class="drop-cap-poem">Willst
+ du durch Gram und Mißvergnügen</p></div>
+ <div class="verse indent0">Um meiner Jugend frohen Scherz,</div>
+ <div class="verse indent0">Verhängniß, ewig mich betrügen?</div>
+ <div class="verse indent0">Soll ein der Freude offnes Herz</div>
+ <div class="verse indent0">Nicht über deine Härte siegen?</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hab ich, als Bürger, leer an Schätzen,</div>
+ <div class="verse indent0">Als Mensch kein Recht auf edle Lust?</div>
+ <div class="verse indent0">Soll ich beym Pöbel mich ergötzen?</div>
+ <div class="verse indent0">Soll ich das Leere meiner Brust</div>
+ <div class="verse indent0">Durch Niederträchtigkeit besetzen?</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Soll ich die Freuden nie genießen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Jugend, Lieb und Freundschaft giebt?</div>
+ <div class="verse indent0">Soll stets mein Geist in Gram zerfließen?</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Mädchen, das mich zärtlich liebt,</div>
+ <div class="verse indent0">Kein Freund mein Schicksal mir versüßen?</div>
+<span class="pagenum" id="Page_42">[Pg 42]</span> </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die Jugend glüht auf meinen Wangen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Freude lächelt auf der Flur:</div>
+ <div class="verse indent0">Soll ich stets wünschen, nie erlangen?</div>
+ <div class="verse indent0">Hab ich umsonst von der Natur</div>
+ <div class="verse indent0">Ein zärtliches Gefühl empfangen?</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b042.jpg">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_43">[Pg 43]</span></p>
+
+
+ <h2 class="nobreak" id="Meine">
+ Meine Geliebte.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><p class="drop-cap-poem">Das
+ nicht vom stolzen Zwange schwillet,</p></div>
+ <div class="verse indent0">Mit buhlerischer Sprödigkeit</div>
+ <div class="verse indent0">Auf unverschämte Buhler schielet,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Kind, voll sanfter Heiterkeit,</div>
+ <div class="verse indent0">Das fühlend denkt, und edel fühlet;</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wo reine Lust im Busen schwimmet,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein edler Geist bey Witz und Scherz</div>
+ <div class="verse indent0">Im jugendlichen Auge glimmet, —</div>
+ <div class="verse indent0">Solch seltner Mädchen treues Herz,</div>
+ <div class="verse indent0">Ach, wär doch eins für mich bestimmet!</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b043.jpg">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_44">[Pg 44]</span></p>
+
+
+ <h2 class="nobreak" id="Das_1">
+ Das freywillige Leiden.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Nach dem Französischen des Thibault, Grafen</div>
+ <div class="verse indent2">von Champagan und König von Navarra.</div>
+ <div class="verse indent2">Aus dem 12ten Jahrhundert.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><p class="drop-cap-poem">O
+ dürft ich deiner Augen</p></div>
+ <div class="verse indent0">Zauberblicke nicht sehen!</div>
+ <div class="verse indent0">O könnt ich, Doris! Die Töne</div>
+ <div class="verse indent0">Der reizenden Stimme nicht hören;</div>
+ <div class="verse indent0">So würde mein Leiden sich enden.</div>
+ <div class="verse indent0">Ach! aber ach, mein Herz verblutet</div>
+ <div class="verse indent0">Sich ohne dich! und meine Augen</div>
+ <div class="verse indent0">Sind trüb, und meine Ohren</div>
+ <div class="verse indent0">Sind nur an deine Stimm gewöhnet.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich will dich lieber sehen,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich will dich lieber hören,</div>
+ <div class="verse indent0">Und lieber alles leiden.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch leid ich ohne Hofnung,</div>
+ <div class="verse indent0">Und hoffe stets vergebens;</div>
+ <div class="verse indent0">Die Wehmuth wird mich tödten.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_45">[Pg 45]</span> </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Las! Si javois pouvoir doublier</span></div>
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Sa beauté, sa beauté, son biendire,</span></div>
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Et son tres doux, tres doux regarder,</span></div>
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Finiroit mon Martyre;</span></div>
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Mais las! mon cœur je nen puis ôter,</span></div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Et grande affolage</span></div>
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Mest desperer.</span></div>
+<span class="pagenum" id="Page_46">[Pg 46]</span> </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Doch eben diese Wehmuth,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Liebe süsse Wehmuth</div>
+ <div class="verse indent0">Versüsset alles Leiden;</div>
+ <div class="verse indent0">Die Liebe giebt mir Kräfte.</div>
+ <div class="verse indent0">Und wie, wie könnt ich, Doris!</div>
+ <div class="verse indent0">Wie deine Zauberblicke,</div>
+ <div class="verse indent0">Den sanften Ton vergessen?</div>
+ <div class="verse indent0">Ich will dich lieber sehen,</div>
+ <div class="verse indent0">Ich will dich lieber hören,</div>
+ <div class="verse indent0">Und lieber alles leiden.</div>
+
+<span class="pagenum" id="Page_47">[Pg 47]</span> </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Mais telle Servage</span></div>
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Donne Courage</span></div>
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Atout endurer.</span></div>
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Et puis comment, comment oublier</span></div>
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Sa beaute, sa beaute, son biendire?</span></div>
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Et son tres doux, tres doux regarder?</span></div>
+ <div class="verse indent0"><span class="antiqua">Mieux aime mon Martyre.</span></div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b047.jpg">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_48">[Pg 48]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Kampf">
+ Kampf einer Leidenschaft.
+ </h2>
+</div>
+
+<p class="drop-cap">O Liebe! stürme nicht so sehr in meiner
+Brust, höre auf diese Adern zu durchwühlen,
+mächtigste der Leidenschaften!
+Verschone, o verschone dieses Herz! Hier,
+ja, hier fühle ich die wüthende Aufruhr:
+wie pocht es!</p>
+
+<p>Ihr Elemente, zur Bereinigung geschaffen,
+warum empöret ihr euch in
+mir? Ist dieß die harmonische Oekonomie,
+welche die Seele mit dem Körper
+führen sollte? Soll eine Hand die andere
+verletzen? Sollen gemeinschaftliche
+Theile sich von ihrer Bestimmung, von
+dem ganzen entfernen? Uebermüthige
+Knochen selbsten einander aufreiben, und
+durch die Raserey überflüssiger Gesundheit
+ihren eigenen Körper untergraben?
+Wenn kein schwarzer Trübsinn die Säfte
+stocket, sollen sie von jugendlichen
+Unsinn aufschwellen, und die Däme der
+<span class="pagenum" id="Page_49">[Pg 49]</span>Natur zerreißen? Soll ich ein kranker
+Philosoph, oder ein gesunder Thor seyn?
+Wer zeiget mir den Mittelweg? — Du
+o Tugend! mitten in seinem Kampfe
+wirft mein Geist noch einen schmachtenden
+Blick nach dir: rette, o rette ihn!</p>
+
+<p>Besänftige dich, tobendes Gemüth!
+Warum willst du mich, lieblose Leidenschaft,
+aus dem Geleise der Natur hinaus
+reißen? Vereinige dich mit der Tugend;
+wo nicht, so flieh, so flieh mich
+auf ewig.</p>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b049.jpg">
+</figure>
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_50">[Pg 50]</span></p>
+
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die_4">
+ Die Quelle des Unmuths.
+ </h2>
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Flieht, flieht ihr melancholischen Schatten!
+soll nie ein Schimmer zufriedener
+Hoffnung durch meine finstere Seele
+dringen? Mein Blick mit schwerer
+Sehnsucht immerhin zu Boden sinken?
+Soll mein Gesicht sich stets in Wolken
+hüllen — nie lächeln? — Weg, weg
+schleichender, unwürdiger Trübsinn! —
+Dort im Thale, wo würbelnd, grüne
+Dunkelheiten das Aug mit angenehmen
+Phantasien täuschen, wo eine heimlich
+anziehende Kraft mich mir selbst, und
+meinem Grame entäußert; der Bäche
+leises Gemurmel, das sich labyrintisch
+unter Stauden verbirgt; der kunstlosen
+Sänger freyere Conzerte, und die rührenden
+Gemälde der Natur sollen dort
+<span class="pagenum" id="Page_51">[Pg 51]</span>den in sich geschrumpften Geist zur Heiterkeit
+öffnen, und durch die besänftigten
+Sinnen in das empörte Herz Frieden,
+und Erquickung flößen. Dort herrschet der
+edlen Einfalt glückliche Ruhe; Gesundheit
+träufelt von bethauten Früchten,
+und dustet aus dem ländlichen Boden;
+Genügsamkeit, und harmonische Freude
+sumset fern durch die Tiefe des Waldes.
+Die kleineren Geschöpfe, zu klein
+von Thoren gesehen, zu groß von Weisen
+begriffen zu werden, locken das
+junge, benachbarte Echo. Ueber Blumen
+gauckelnd oder über die leichten
+Spitzen des Grases, ruffen sie der mütterlichen
+Natur Dank zu, und ihrem Schöpfer
+verständig, frolocken ihre Sprachen
+durch die munteren Gefilde — und ich
+allein, o mich verworffenen! Ich soll
+durch schmachtenden Unmuth diese blühenden
+Triften entweihen? Wie, wann
+sich die Sonne den Blumen entzieht,
+die schüchterne Nacht den Boden schwärzet,
+so verfinstern meine trüben Blicke
+die jugendliche Röthe. Auf den Wangen
+Rosen, und im Herzen Dörner;
+unfühlbar gegen die stillen Reize der
+<span class="pagenum" id="Page_52">[Pg 52]</span>Schöpfung, soll ich so manchen Frühling
+ohne Genuß verblühen sehn? Nein! so
+tief soll mich mein Schicksal nicht beugen.
+Wenn schon die größere Welt mir
+ihre Freuden versaget, so seyd doch ihr,
+ihr Freuden der Schöpfung, Für alle
+Menschen geschaffen!</p>
+
+<p>Ruhig fließet der Bach durch den
+Rinnsal, der ihm in dem allgemeinen
+Plane der Schöpfung ausgezeichnet ist.
+Von wirthlichen Schatten umwölbt, erfrischet
+sein hellbrauner Grund das Auge
+des Wanderers, der sich in den
+Spiegel hinabneiget, sein frisches Naß
+in den lächzenden Gaumen zu schlürfen.
+Sanft gleitet er über Kiesel dahin, und
+tragt Blüthen, und Wohlgeruch auf seiner
+gekräuselten Silberfläche.</p>
+
+<p>So fließen die Tage des Weisen in
+stiller Genügsamkeit fort: dankbar nimmt
+er die Freuden mit sich, die ihm die
+wohlthätige Natur auf seinem Pfade
+darbeut; voll Sanftmuth und Liebe
+führet er seine nach Glücke dürstende
+Mitmenschen zu jener Quelle, aus welcher
+er itzund Zufriedenheit schöpfet, und
+von der sie so oft sich verirren; dadurch
+<span class="pagenum" id="Page_53">[Pg 53]</span>verdoppelt er sein Vergnügen, genießet,
+was er andern mittheilet, und ist glücklich.
+Der Thor feindet die Natur an,
+irret heißhungerig durch Rosengebüsche,
+und ritzt sich an Dörnern: tückische Leidenschaften
+verfinstern seine Seele; schleichen
+aufrührisch in das Geblüt, und ersticken
+daselbst die sanfteren Empfindungen.</p>
+
+<p>Mürrisches Geschöpf! sieh die Natur
+in ihrer zweckvollen Thätigkeit! wie
+willig jeder Theil an das Ganze sich schmieget!
+welche Richtigkeit in ihren Durchkreutzungen!
+welche Harmonie in ihrer Manigfaltigkeit!
+Soll diese, in allen übrigen
+eine weisheitsvolle Wohlthäterinn, gegen
+den Menschen allein Stiefmutter seyn?
+Willst du Kurzsichtiger, dich unter das
+Gestirn setzen, um über Elemente zu
+richten? Willst du dich erkühnen in den
+allerweisesten Plane der Schöpfung Verbesserungen
+vorzuschlagen? du, der du allein
+demselben entstehest! Reiße das Unkraut
+aus deinem Herzen; bringe deine
+Triebe in Richtigkeit, und versöhne dich
+mit der Natur — mit dir selbst. In
+dir ist die Quelle, aus welcher, wenn
+sie Eigensinn, und Stolz trübe gemacht,
+<span class="pagenum" id="Page_54">[Pg 54]</span>schwarze Galle, Unmuth, und Verzweiflung
+fließen. Deine trübe Seele sieht
+dann auf alles, was um sie ist, wie durch
+ein gefärbtes Glas. Dir lächelt der
+Frühling vergebens; dir düften die Blumen
+nicht mehr; dein Ohr ist jeder Harmonie
+verstopfet; du stampfest unwillig
+auf den Boden, und zerquetschest die
+schönsten Blumen, die sich sanft unter
+deine Füsse geschmieget. Armer Unglücklicher!
+wie ist dir zu helfen, da du mitten
+in den Scenen der Anmuth den
+eckeln Spröden spielest? Nimm deine
+Einbildungskraft zu Hülf, baue dir eine
+andere Welt, und sey glücklicher, als
+du hier seyn könntest — wenn du klug
+wärest.</p>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width40">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b054.jpg">
+</figure>
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_55">[Pg 55]</span></p>
+
+
+ <h2 class="nobreak" id="Erinnerung">
+ Erinnerung an die Jahre der Unschuld.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><p class="drop-cap-poem">Die
+ Jahre sind vorbey geflossen,</p></div>
+ <div class="verse indent0">Wo ich, ins Grüne hingegossen,</div>
+ <div class="verse indent0">Voll heimlich süsser Trunkenheit</div>
+ <div class="verse indent0">Empfindungen der Zärtlichkeit</div>
+ <div class="verse indent0">In unerfahrner Unschuld träumte,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo meine ahnungsvolle Brust,</div>
+ <div class="verse indent0">Von innen dunkel sich bewußt,</div>
+ <div class="verse indent0">Entzückt in ländlich stiller Lust,</div>
+ <div class="verse indent0">Nur Regungen der Liebe keimte.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wie heiter irrten meine Blicke —</div>
+ <div class="verse indent0">Noch ungestört durch das Geschicke,</div>
+ <div class="verse indent0">Und nicht durch niedre Leidenschaft</div>
+ <div class="verse indent0">Mit ungestüm dahin geraft —</div>
+<span class="pagenum" id="Page_56">[Pg 56]</span> <div class="verse indent0">Hin von des Berges halben Höhen,</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Feilchenthal, der Quelle hold</div>
+ <div class="verse indent0">Die einsam über Kiesel rollt,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Sonne glänzend Morgengold,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Schätze der Natur zu sehen.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Noch eh des Urtheils Kräfte reiffen,</div>
+ <div class="verse indent0">Die eigne Bosheit zu begreiffen;</div>
+ <div class="verse indent0">Da, wo noch kein verbotnes Ach</div>
+ <div class="verse indent0">Die stillen Freuden unterbrach;</div>
+ <div class="verse indent0">Noch eh durch die verderbten Sinnen</div>
+ <div class="verse indent0">Ich Zwist und Tücke, jene Spur</div>
+ <div class="verse indent0">Des Fluchs, durch dich, O Welt! erfuhr,</div>
+ <div class="verse indent0">Wie friedsam schien mir die Natur!</div>
+ <div class="verse indent0">Wie offen waren meine Mienen!</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Umschwebt von frohen Amoretten,</div>
+ <div class="verse indent0">Lauscht ich in Florens Blumenbetten,</div>
+ <div class="verse indent0">Auf junge Weste; sah am Bach</div>
+ <div class="verse indent0">Den Spielen kleiner Wellen nach,</div>
+<span class="pagenum" id="Page_57">[Pg 57]</span> <div class="verse indent0">Durch Büsche schlüpft ich, gleich der Sonne,</div>
+ <div class="verse indent0">Im Hayn mit leichten Füssen fort —</div>
+ <div class="verse indent0">Oft stund ich plötzlich still: ein Ort</div>
+ <div class="verse indent0">Von gäher Aussicht zeigte dort</div>
+ <div class="verse indent0">Mir tausend Scenen voller Wonne.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich stund betäubt; im Antlitz glühte</div>
+ <div class="verse indent0">Ein fremdes Feuer, das vom Geblüte</div>
+ <div class="verse indent0">Sanft wallend stieg: ein Reiz zoh ihn,</div>
+ <div class="verse indent0">Den truncknen Geist ins Tiefe hin.</div>
+ <div class="verse indent0">Ich fühlte, ohne zu verstehen.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Etwas, ein geheimer Zug</div>
+ <div class="verse indent0">Bewog mein Herz, das stärker schlug;</div>
+ <div class="verse indent0">Mein Aug konnt sich nicht satt genug</div>
+ <div class="verse indent0">Die anmuthvolle Schöpfung sehen.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ihr seyd dahin, ihr goldnen Stunden!</div>
+ <div class="verse indent0">Nach euch hab ich nicht mehr empfunden,</div>
+ <div class="verse indent0">Was Unschuld, jugendlicher Scherz,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein folgsam, unentweihtes Herz</div>
+<span class="pagenum" id="Page_58">[Pg 58]</span> <div class="verse indent0">Für Freuden aus der Schöpfung ziehet.</div>
+ <div class="verse indent0">Ihr Fluren, wo der Frühling lacht!</div>
+ <div class="verse indent0">Seitdem mich Ehrgeiz, Stolz und Pracht</div>
+ <div class="verse indent0">Für eure Einfalt fühllos macht,</div>
+ <div class="verse indent0">Ist euer Schmuck für mich verblühet.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width40">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b058.jpg">
+</figure>
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_59">[Pg 59]</span></p>
+
+
+ <h2 class="nobreak" id="Der">
+ Der Gottesacker.
+ </h2>
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Hier ist also jener unfruchtbare Acker
+der Verwesung, wo der Saamen unzähliger
+Geschlechter ersticket, wo Menschen
+ins vorige Nichts zurück faulen.
+Hier liegt sie zerbrochen, die wunderbare
+Maschine, die von Allmacht gebaut und
+mit Unsterblichkeit belebt war. Hier modert
+im Staube der Staub, in dem ein
+Geist sich entwickelt, die Gottheit gedacht
+hat. Hier liegen die Bürger der
+glänzenden Welt, nun Bürger des dunklen
+Schattenreichs. Hier ist der Ruhepunkt
+irdischer Bestrebungen. Hieher,
+ihr Sterblichen! wo wollt ihr anders
+hinwandern als in den Tod!</p>
+
+<p>Hier ist der Sammelplatz, wohin das
+Verhängniß uns ausirrenden Pilgrimen die
+Loosung gegeben. Hier will ich der blassen
+Schwermuth zur Seite, unter zerschelten
+Gebeinen und verstümmelten Statuen, unter
+fatalen Gräbern herumwandeln; hier—
+<span class="pagenum" id="Page_60">[Pg 60]</span>kalt tritt das Geblüt in meinen Adern
+zurück, ein heimlicher Schauer schweret
+mich abwärts. — — Entsetzet euch nicht,
+baufällige Knochen, über die Ueberbleibsel
+eures Gleichen zu klettern! Feiger
+Körper, was bebst du zurück? Laßt mich
+verzärtelte Sinnen! laßt mich! hier will
+ich ganz Geist die Spuren des Verhängnißes
+tretten; steif will ich dem Tode
+ins Angesicht schauen.</p>
+
+<p>Zeige mir, despotischer Würger,
+zeige mir deine Eroberungen, die aufgethürmten
+Leichen, meine Mitmenschen;
+und empfang mich Sterblichen dann auch!
+wisse, du kömmst mir nicht unerwartet;
+lange schon hab ich dich gedacht; vertraut
+will ich in deine Arme sinken. Empfang
+mich hier in dem Vorgemach der Ewigkeit!
+hier haben meine Mitgefährten die
+gröberen Hüllen zurückgelassen, nachdem
+ihr entbundener Geist der düsteren Sphäre
+entflohen. Ich bin ein Mitglied dieser
+erblaßten Gesellschaft. Ich kenne deine
+Gewißheit; zeige mir deine Schreckniße!
+denn sieh, ich bebe nicht, ich will sie bewundern,
+und mit unerschrockener Ahnung
+<span class="pagenum" id="Page_61">[Pg 61]</span>in deine kalten Finsterniße hinab
+staunen.</p>
+
+<p>Oedes Thal der Verwelkung, wo
+zarte Sprößlinge frühzeitig geknücket, und
+verjährte Eichen aus den Wurzeln gerissen
+liegen, gleich einer winterlichen Einöde,
+durch welche ein reissender Sturmwind
+geheulet, oder ein feindliches Heer
+gestreifet hat. Die Natur wurde hier
+durch die verheerende Macht des Todes
+verfolget. Zeichen seines Lagers, nackte
+Kreutze hat er auf melancholischen
+Hügeln ausgestecket. Ein gottischer Kreuzgang,
+wo Fama in Leichenschleyer verhüllt,
+gegen die Krüfte hinab trauert,
+wirft ernste Schatten in die einsamen
+Ecke. Dürre Schedeln, zerspaltene Gerüppe,
+wie verdorrte ausgeweydete Eichen,
+die ein Donner zu Boden geschmettert,
+liegen in wilder Vermischung dahin
+geworffen. Ist daß die redliche
+Stirn meines Freundes? der edle Stolz
+seiner Mienen? Wo ist das gefühlvolle
+Lächlen meiner Geliebten? die glühende
+Unschuld auf ihren Wangen? Und welche
+Spuren finde ich jener frommen Verträulichkeit
+in den sanften Gesichtszügen
+<span class="pagenum" id="Page_62">[Pg 62]</span>meiner Schwester? Geliebte, Freunde,
+Geschwistert liegen in wüster Vereinigung,
+Meiner, Ihrer selbst unbewußt!
+die zärtliche Gattin, aus dem Schoose
+der stillen häußlichen Glückseligkeit gerissen,
+verweset nun mit ihrem nachgestorbenen
+Gatten in ungeseliger Fühllosigkeit:
+beyde vom Tode getrennet, vereiniget!
+alle gemißhandelt, entstellet!</p>
+
+<p>Das ist unser Loos, elende Menschen!
+Das war das ihrige! Nun ruhen sie hier
+in tiefes Schweigen verhüllet — sie ruhen,
+denn ihre Kämpfe sind vorbey; dieß sind
+noch die Spuren des menschlichen Elends;
+noch lese ich in denselben die Empörung
+der Natur! wie sie ihre ganze noch übrige
+Kraft aus dem Innersten zusammen
+gehollet, den lezten Seufzer von sich gestossen
+hat; noch seh ich die sich ohnmächtig
+regenden, dahin sterbenden
+Blicke — itzt — itzt fällt der Vorhang
+über diese verloschenen Lichter des Geistes,
+der sich aus seinem Kerker losgefesselt
+hat. Feyerliches Entsetzen, nächtlicher
+Tiefsinn dämmert in schwarzen Gemächern;
+bethränte, blasse Gesichter
+harren in stummer Entrüstung umher.
+<span class="pagenum" id="Page_63">[Pg 63]</span>Der Leichenglocke ächzender Sterbeton
+durchbebet die kalten Gewölber — Dort
+bringen sie ein Behältniß voll Erde, in
+welche der Schöpfer Unsterblichkeit blies,
+dort bringen sie ihn, den Abkömmling
+Adams, den Menschen, den Unsterblichen
+— den Todten. Seine Famillie,
+seine Freunde schleichen, wie gebeugte
+Phantomen, in finsterer Pracht einher;
+ihre Thränen bezeichnen den Pfad, der
+einst ihnen selbsten, der uns allen zu
+wandern verhängt ist.</p>
+
+<p>Fühlet euch, Menschen! der Tod
+wandelt in eurem Geblüte; jede Minute
+schlägt euer Puls Theile des Daseyns
+hinweck! Ihr lebet — ihr sterbet. Sehet
+hinab zu euren Füssen! in solch schaudervolle
+Höhlen werden eure aufgethürmten
+Anschläge, die tobenden Wünsche, eure
+irdischen Hoffnungen stürzen. Durchforschet
+mit denkenden Blicken dieß Eingeweyde
+der Erde, das mit Gebeine durchwühlt
+ist. Grausenvolle Verwüstung!
+wie ein durch Ueberschwemmung zerrissenes
+Gestad! Hier ruhen die Trümmer
+der erschütterten Menschheit! hier trauert
+die zerstörte Natur!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_64">[Pg 64]</span></p>
+
+<p>Glieder, welche die Gesellschaft der
+Lebendigen verworffen, ein gleiches Loos zusammen
+gerafft hat, zerschleuderte
+Körper, von thätigen Geistern durch die
+Welt geschleppet, befördern sich durch
+gemeinschaftliche Faulniß ihre Vernichtung.
+Hier sind der brausenden Thätigkeit
+ewige Däme gesetzet; Berge von
+Leichen schwellen sich über diese Schranken
+der Natur; Millionen Geschlechter stürzen
+aus dem Wirbel der Welt in die Tiefe der
+Ewigkeit. — Ewigkeit! Zukunft! welche
+geheimnißvolle, glänzende Aussicht!
+welch ein Weg führet dahin? Ein Weg voll
+Nacht, die Auflösung der Natur:
+von Nichts ins Etwas, von der Zernichtung
+ins Unendliche — Mensch, welch ein Räthsel
+bist du dir? Du kommst aus dem
+Nichts, um in kurzen wieder zerstöret zu
+werden, du hörest auf, um ewig seyn
+zu können.</p>
+
+<p>Noch hauche ich Leben von mir,
+noch klopfet mein Puls, eine Hand kann
+die andere noch fühlen, noch blühet mein
+Gesicht, noch kann ich das blasse Antlitz
+des Todes betrachten — Bald wird
+man an mir des Todes Ebenbild schauen!—
+<span class="pagenum" id="Page_65">[Pg 65]</span>Schon fühle ich den kalten Schauer,
+der durch die Gräber fährt, in meinen
+Gebeinen. Aus einer ahnungsvollen
+Dunkelheit thauet auf meinen Geist Betäubung
+herab; kalte Todestropfen träufeln
+auf die Stirn, und meine Sinnen
+erstarren bey dem stummen Anblick des
+Verhängnißes. So sinket der Staub,
+der dich denket, in sich selbst zurück, tiefeste
+Vorsicht! So verliert sich der Geist
+in seiner eigenen Dunkelheit, wann er
+sich in übermenschliche Sphären waget!
+wie undurchdringlich sind deine Rathschlüße!
+wir verworren deine Wege! im
+scheuslichen Dunkel, unserer eigenen
+Schritte unbewust, wandern wir dem
+Tode entgegen. Wir taummeln im
+nächtlichen Sumpfe, und blinken liechtscheu
+in die Ferne der Zukunft; gaukelnde
+Schatten täuschen unser träummerisches
+Daseyn. Erst dort wissen wir,
+was wir hier gewesen, aber hier wissen
+wir nicht, was wir dort seyn werden.
+Blöd wähnen die Sinnen im Gesichtskreise
+des Gegenwärtigen herum, und
+die Phantasie schweifet ausser demselben
+<span class="pagenum" id="Page_66">[Pg 66]</span>im Raume: jene wähnen was wir sind;
+und diese träumet, was wir seyn werden.
+Zwischen Seyn und Werden tritt
+der Tod in die Mitte. Dieser sondert
+Gedanken vom Stoffe; reisset von der
+Seele die mummischen Lappen, und
+bauet seinen Triumph auf Nichts. Unumschränkt
+herrschet er hier im entvölkerten
+Gebiete; täglich mehret sich
+sein Reich mit ausgestorbenen Familien,
+alle Opfer seiner Wuth, die seinem
+Machtspruche gehuldiget. Geschöpfe
+von Gott, Glückseligkeit dürstende
+Geschöpfe, sie, denen Unendlichkeit gewiß,
+die Welt zu eng war, schrumpfen
+hier ins Nichts zusammen. Tiefsinnig
+schweigende Statuen, aus welchen
+das Verhängniß staunet, panegyrischer
+Marmor soll ihr faulendes Andenken
+versteinern; doch Jahrhunderte von
+Jahrhunderten verdrängt, wälzen sich in die
+Nacht der Vergessenheit zurück. Nichts
+bleibt übrig von dem, was vergehet (und alles
+vergeht) als leere Töne in die Luft gehauchet,
+als ein flüchtiges Gerücht, daß
+es nicht mehr ist; nichts überlebet den
+Tod, als ein todter Laut, ein röchelndes
+<span class="pagenum" id="Page_67">[Pg 67]</span>Echo der Natur, von den Klippen der
+Welt zurück geseufzet.</p>
+
+<p>Wer hienieden nach Wesenheit
+haschet, der greift Elemente, und wer
+Elemente festhalten will, der greift
+nach Nebel. Berge entwerfen in herbstliche
+Thäler nur einen welken Schatten
+von den verblüthen Schätzen des Frühlings.
+So mähet die Zeit um sich, bis
+der Tod selbst, über die angerichtete Verwüstung
+erstaunt, und durch seine eigene
+Kräfte aufgerieben, in die allgemeine
+Niederlage fällt; bis Berge und
+Klippen an einander stürzen, und die
+Welt, aus ihren Angeln gerissen, den
+Tod der ganzen Natur vollendet.</p>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b067.jpg">
+</figure>
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_68">[Pg 68]</span></p>
+
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die_5">
+ Die philosophische Melancholie.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Die stille Schwermuth zeugt die</div>
+ <div class="verse indent3">göttlichsten Gedanken;</div>
+ <div class="verse indent0">Sie hebet unsern Geist aus seinen</div>
+ <div class="verse indent3">engen Schranken:</div>
+ <div class="verse indent0">Es herrscht ein sanfter Ernst auf</div>
+ <div class="verse indent2">heiliger Weisheit Bahn,</div>
+ <div class="verse indent0">Und zeiget uns den Weg zu bessern</div>
+ <div class="verse indent8">Welten an.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent10">Kronegk.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<hr>
+
+<p class="drop-cap">Sanfte Melancholie! Tochter der
+Nacht, in ernsten Stunden gebohren,
+du höhere Wollust der Seele! bezaubre
+durch deine stille Umschattung den
+Geist; damit er, in holden Schlummer
+erhabener Empfindungen gewiegt, weit
+über den Staub sich in tiefer Betrachtung
+der Zukunft verliere. Flöße tröstendes
+Entzücken in das Gefühl der Unsterblichkeit:
+<span class="pagenum" id="Page_69">[Pg 69]</span>lehre mich denken, und
+staunen!</p>
+
+<p>Oeffne mir, ernste Weisheit! deinen
+heiligen Busen, und laß mich Labsal
+in mein schmilzendes Herz saugen!
+komm, Urania! keuscheste der Musen!
+laß mich müden von zeitlichen Ungemach
+in deine Arme sinken! fühle meine Brust:
+Liebe wallet in derselben, komm, und
+theile sie mit mir; dieses Feuer, das
+durch meine Adern eilet, brennet sonst
+in sich selbst zurück. Sey du, Tochter des
+Himmels! Der Gegenstand meiner Liebe,
+die Sterbliche verachten, oder verkennen!
+einer Liebe, die allzu enge eingeschlossen,
+ihr eigenes Behältniß verzehret.</p>
+
+<p>Dein sanfter Einfluß ist ein kühlender
+Thau am Morgen meines Lebens.</p>
+
+<p>Liebst du den Jüngling, der voll
+Ehrfurcht deine weisen Eingebungen aufhorcht;
+o so sey mir zu Seite! begeistre
+mich mit feyerlichen Tiefsinn! laß
+in erhabener Stille männliche Gedanken
+<span class="pagenum" id="Page_70">[Pg 70]</span>aus der Tiefe meiner Seele empor
+steigen, wie die Todten aus den Gräbern
+durch die Stimme der Ewigkeit gewecket!
+laß deinen rührenden Ernst die
+gekränkte Sehnsucht der menschlichen Natur
+in die Höhe lenken!</p>
+
+<p>Weisheit giebt uns unser Herz zurück,
+dessen Zärtlichkeit, durch heuchlerische
+Liebkosungen eines Scheinglückes gemißhandelt,
+endlich aufhöret, für die
+verrätherische Gegenwärtigkeit zu schmachten.
+Deine heilsame Trauer, tiefdenkende
+Melancholie! ist der Seele, was
+die Thränen dem Körper. Du schließest
+vor uns unser Innerstes auf, und
+schaffest der Betrübniß Ausgang. Die
+schweren Seufzer, die das Herz stossen,
+schütteln die Last von demselben, und
+der harte Stein, den das Verhängniß
+auf unsere Schwachheit gewälzet hat,
+schmilzt in sanfte Thränen, in welchen
+der Schmerz wegfließt. — Laß meine
+Seele über das Loos der Menschheit weinen!
+Wer reichet sonst dem von irdischen
+Tändeleyen betrogenen Geiste einen
+<span class="pagenum" id="Page_71">[Pg 71]</span>wichtigen Stoff, an dem er sich würdig
+entwickeln, und seine Unsterblichkeit
+denken kann? Wo findet er wider die
+Verfolgungen der gleißenden Laster eine
+Freystatt, als in der düsteren Grotte der
+Schwermuth, in der einsamen Betrachtung,
+in der stillen Hofnung eines künftigen,
+besseren Lebens?</p>
+
+<p>Statt prächtigen Kleinigkeiten nachzujagen,
+müde vom Kampfe des Lebens,
+sinket mein Geist in melancholischen
+Schlummer dahin, durchdenket die Tiefe
+der Ewigkeit — und alles wird Nacht
+in der Schöpfung; die ganze Natur
+schwärzet sich mit dem Schatten des Todes.
+Die Pracht der Erde, der Glanz
+der Welt verschwindet unter mir.</p>
+
+<p>Da ihr mich leider, lange genug
+getäuschet habt, da ich euren Unbestand,
+ihr zeitlichen Güter! einsehe; so will ich
+über euch hinweg, jenseits dieser Welt
+meine bethränten Blicke kehren; nicht
+mehr, nein, nicht mehr will ich mein Herz
+an euch heften: Euer blendender Schimmer
+ist verloschen; ihr seyd nun nakt,
+<span class="pagenum" id="Page_72">[Pg 72]</span>und bloß vor meinen Augen; die Welt
+hat den Putz ihrer Eitelkeit ausgezogen;
+öde und entstellt trauert die Natur.
+Wie schnell hat die wandernde Sonne
+diesem Abend wieder unseren Gesichtskreis
+verlassen! O unbefestigte Dauer irdischer
+Auftritte! Ich strecke voll Sehnsucht
+meine Arme aus, und will Gegenstände
+der Glückseligkeit, des Vergnügens
+und der Liebe umfassen; allein
+es faulet alles unter meinen Füßen weg;
+ich steh auf nichts als Gräbern, und
+greiffe nichts, als Zerstörung. Eh noch
+als dieser wohlthätige Baum, woran
+ich mein trauerndes Haupt stütze, sinket
+mein Körper in die finstere Erde hinab.</p>
+
+<p>Finsterniß und Tod ist hienieden;
+Liecht und Leben kömmt von oben: dort
+ist ewiger Tag. Nur einsame stille Funken
+der Hoffnung blinken aus der Zukunft
+herab, gleich jenen Edelgesteinen
+des Firmamentes, die von fern her in
+stiller Majestät glänzen, und derer hellere
+Gegend uns zeiget, daß wir im
+Dunkeln stehn.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_73">[Pg 73]</span></p>
+
+<p>Verlassen, traurig und schüchtern
+irre ich in diesen Thälern herum. —
+Ihr furchtsamen Glieder! Stützet noch eine
+kurze Zeit diesen morschen Körper. Reiche
+mir deine Hand, O Vorsicht! damit
+ich auf dem Pfade des Todes tröstlich
+dort hinüberschreiten möge, wo
+meine Seele, entkleidet von allem, was
+trüglich und eitel ist, in ihr glückseliges
+Vaterland aufgenommen wird. Was
+Geist ist, kann sie nun, durch diese Hülle
+verfinstert, nicht sehen; dort wird sie
+sich selbst, dort wird ihr die Gottheit
+sichtbar, in deren Vereinigung das Liecht
+der Wahrheit als der Morgenstern ewiger
+Glückseligkeit aufgehet.</p>
+
+<p>Vergebens suche ich hier unter Täuschung,
+und Nacht den Gegenstand meiner
+Liebe. Oben ist er: auf, meine
+Seele! laß die heiße Flamme in dir
+zur Gottheit hinauf lodern; sie ist der
+würdigste, und erhabenste Gegenstand,
+von dessen Herrlichkeit nur ein dunkler
+Wiederschein in der Natur verborgen
+schwebet. Ihr Vorwürfe der menschlichen
+<span class="pagenum" id="Page_74">[Pg 74]</span>Begierden, ihr sollt meine Seele
+nicht mehr fesseln; ich will euch schon
+itzt, eh ich muß, entbehren lernen:
+in euer Hinfälligkeit will ich die untrügsame
+Zukunft ausspüren, und dich, o
+Unsterblichkeit, dich, o Ewigkeit! denken.</p>
+
+<p>Die du mit dem schwarzen Schleyer
+der Finsterniß die ganze Natur umhüllest,
+und die gewesenen Gegenstände
+des Schimmers zu Monumente des
+Schröcken machest — öde Nacht!
+begünstige meinen Gesang! fülle mit
+deinen bedeutenden Bildern die Einbildung;
+damit mein Geist die schweigenden
+Spuren der Allmacht in stummer
+Geschäftigkeit durchstaune; damit er,
+wann der Leib mit den Sinnen zur
+trunknen Vergessenheit dahin starret, in
+den mystischen Tiefen der mitternächtlichen
+Dämmerung herum schwebe, und
+unter heilige Phantasien versenket, in
+süsse Schwermuth zerfließe — jene weise,
+erhabene Schwermuth, welche der
+Selbstgenügsamkeit des leichtsinnigen Thoren
+ewig ungefühlt bleibet.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_75">[Pg 75]</span></p>
+
+<p>Dein schwarzer Pinsel male mir
+an allem, was stolz und Eitelkeit über
+den Staub empor gethürmet hat, und
+was einst der Schutt seiner eigenen
+Nichtigkeit seyn wird — finstere Gräber;
+damit ich, mit dem Tode vertraut,
+nur vor einem unheiligen Leben erbebe.</p>
+
+<p>Ihr schaudernden Thäler, voll melancholischer
+Krümungen! Ihr dürren
+Anger, wo schwarze, in Finsterniß zerflossene
+Bäume auf einsamen Hügeln
+trauern, wie auf Gräbern, wo ächzende
+Phatomen sitzen! und ihr ausgestorbenen
+Gründe, voll staunenden Ernstes!
+seyd mir ein dunkler Abriß des Todes!</p>
+
+<p>Wie dort die Eiche mit sich verlängernder
+Dunkelheit einsam empor raget,
+so steh ich itzt, durch Betäubung
+versteinert, auf dem verödeten Schauplatze
+der Natur. Rings um mich her
+tritt stille Erwartung und einsamer
+Schrecken auf; Ernst und Schauder
+<span class="pagenum" id="Page_76">[Pg 76]</span>schwängern die Finsterniß; und Hügel und
+Thäler verwildern vor meinen Blicken.
+Drohend strecken die Tannen ihre schwarzen
+Aeste aus, wie Schatten von Risen,
+die mit wüthenden Armen den
+Aether zerreißen. Die Zotten des wüsten
+Gestades hangen in den räuberischen
+Fluß, der mit tückischen Murren den
+Boden naget, und zwischen schlangenhaarichten
+Felbern in unwirthbare Haine
+hinein wühlt.</p>
+
+<p>Schattengebirge reichen dort bis
+an das gestirnte Vorgebäude der Seeligkeit.
+In stiller Sehnsucht irret mein
+Geist in denselben, und dringt ins Ewige.
+Trächtige Heere zerrissener Wolken
+steigen über den Horizont, wie ungeheure
+Felsenstücke, in prächtiger Unordnung
+herauf. Ein schwarzes Chaos
+scheinet die donnerschwangeren Lasten aus
+Nacht und Grauen hervor zu drängen.
+Fürchterlich herrlich wälzen sie sich im
+endlosen Raume, und Gottheit ists,
+die majestätisch unter den Wolken hervor
+drohet. Schüchtern verbergen sich
+<span class="pagenum" id="Page_77">[Pg 77]</span>Weste zwischen zitternde Laube. Unter
+ihrem leisen Gemurmel schlummert furchtsam
+das Echo im starrenden Haine,
+und mit heiligen Schauer unterreden
+sich Schatten in einsamen Thälern von
+der Gottheit. Himmel und Erde verkündigen
+Allmacht; die ganze Natur
+ist schüchtern, und feyert ehrfurchtsvoll
+dem Ewigen. Ewigkeit! — Gottheit! — Angebettete
+Geheimniße! — Ich fühle —
+ich bewundere — ich staune! heilige Ahnungen
+durchströmmen mein Blut; der
+Geist wallet unruhig durch dasselbe, er
+suchet Ausgang; meine Brust athmet
+stärker, Begeisterung reißt mich dahin
+— Schwacher Sterblicher! dein Körper
+hält dich zurück: gefesselt an das
+Loos der Menschheit, eilet der Geist
+umsonst zu seiner Aufklärung. Begnüge
+dich mit der Hoffnung, bald auf den
+Wink des Beherrschers der Schicksale
+da oben zu schweben, woher ein
+stiller Einfluß schon dich ganz zu berauschen
+vermag. Begnüge dich, überirdische
+Seele, mit ihrem Vorgeschmack!
+<span class="pagenum" id="Page_78">[Pg 78]</span>einst — bezaubernder Gedanken! einst
+wirst du sie — die ganze Seeligkeit
+trinken.</p>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b078.jpg">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_79">[Pg 79]</span></p>
+
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die_6">
+ Die Mitternacht.
+ </h2>
+</div>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0"><p class="drop-cap-poem">Welch
+ tiefen Ernst verbreiten</p></div>
+ <div class="verse indent0">Die einsam stillen Dunkelheiten!</div>
+ <div class="verse indent0">In Schlummer, Furcht und Nacht</div>
+ <div class="verse indent0">Liegt nun das Irdische verhüllet;</div>
+ <div class="verse indent0">Von bessrer Hoffnung angefüllet,</div>
+ <div class="verse indent0">Ist nun mein Geist erwacht.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ich kann in höhern Sphären</div>
+ <div class="verse indent0">Itzt reinre Harmonien hören,</div>
+ <div class="verse indent0">Da alles horcht und denkt,</div>
+ <div class="verse indent0">Da das Gepolter reicher Thoren,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Pracht der Höfe Aug und Ohren</div>
+ <div class="verse indent0">Itzt nicht mehr abwärts lenkt.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_80">[Pg 80]</span> </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Der Städte stolz Getümmel</div>
+ <div class="verse indent0">Steigt nicht mehr frech bis zu dem Himmel</div>
+ <div class="verse indent0">Mit ihrem Staub empor.</div>
+ <div class="verse indent0">Ein stiller Ernst, ein drohender Schatten</div>
+ <div class="verse indent0">Bedeckt die unverschämten Thaten</div>
+ <div class="verse indent0">Mit einem schwarzen Flor.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es staunt in dunkeln Bildern,</div>
+ <div class="verse indent0">Und einer Gottheit Spuren schildern</div>
+ <div class="verse indent0">Bey blassen Schimmer sich.</div>
+ <div class="verse indent0">Tiefsinnig schwillt von ihrer Fülle</div>
+ <div class="verse indent0">Die ganze Schöpfung; schüchtern, stille</div>
+ <div class="verse indent0">Feyert die Natur um mich.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Zum Wunder dieser Erden</div>
+ <div class="verse indent0">Stellt des Gestirnes feurge Heerden</div>
+<span class="pagenum" id="Page_81">[Pg 81]</span> <div class="verse indent0">Der Himmel schaarweis aus;</div>
+ <div class="verse indent0">Dem Aug, von heilger Ahnung trunken,</div>
+ <div class="verse indent0">Wallt Gottesblick aus jedem Funken</div>
+ <div class="verse indent0">Geheimnißvoll heraus.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">In unermeßnen Höhen</div>
+ <div class="verse indent0">Der Frommen Zukunft auszuspähen,</div>
+ <div class="verse indent0">Erweitert sich mein Geist;</div>
+ <div class="verse indent0">Prophetischer Trost hat mich entzücket,</div>
+ <div class="verse indent0">Da ich des Himmels Bau erblicket,</div>
+ <div class="verse indent0">Der so viel Wunder weist.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Voll von geheimen Trieben</div>
+ <div class="verse indent0">Schwillt itzt, was Grosses auszuüben,</div>
+ <div class="verse indent0">Unruhig meine Brust;</div>
+ <div class="verse indent0">Geschwinder wallet jeder Tropfen</div>
+ <div class="verse indent0">Des Bluts, mir macht ein innres Klopfen</div>
+ <div class="verse indent0">Unsterblichkeit bewußt.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_82">[Pg 82]</span> </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Es lodern reine Flammen</div>
+ <div class="verse indent0">In mir, die von der Gottheit stammen,</div>
+ <div class="verse indent0">Zur Ewigkeit hinauf.</div>
+ <div class="verse indent0">Entbrannt vom höhern Gegenstande,</div>
+ <div class="verse indent0">Zerreißt der Geist die irdischen Bande,</div>
+ <div class="verse indent0">Und flieht zum Ursprung auf.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Voll feurigem Entzücken,</div>
+ <div class="verse indent0">Seh ich itzt mit erhabnen Blicken</div>
+ <div class="verse indent0">Ins Buch der Ewigkeit.</div>
+ <div class="verse indent0">Erhabnster Geist, der alle Geister</div>
+ <div class="verse indent0">Aus Nichts schuf, unerschaffner Meister,</div>
+ <div class="verse indent0">Dein Pfad ist Herrlichkeit!</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Das Größte in den Dingen</div>
+ <div class="verse indent0">Weißt du aus Nichts hervor zu bringen,</div>
+<span class="pagenum" id="Page_83">[Pg 83]</span> <div class="verse indent0">Unendlich mächtiger Geist!</div>
+ <div class="verse indent0">Das Kleinste unter deinen Werken</div>
+ <div class="verse indent0">Kann uns viel tausendmal bestärken,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß du das größte seyst.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Ihr, von euch selbst verführet,</div>
+ <div class="verse indent0">Die ihr im Staube euch verlieret,</div>
+ <div class="verse indent0">Verkennt nicht euren Gott!</div>
+ <div class="verse indent0">Seht ihn in Allmacht eingehüllet,</div>
+ <div class="verse indent0">Seht, wie mit Donner angefüllet,</div>
+ <div class="verse indent0">Euch jede Wolke droht.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Er straft — an jedem Orte</div>
+ <div class="verse indent0">Herrscht Beben; Donner sind die Worte;</div>
+<span class="pagenum" id="Page_84">[Pg 84]</span> <div class="verse indent0">Sein Wink stürze Welten um:</div>
+ <div class="verse indent0">Er droht — und die Natur erzittert,</div>
+ <div class="verse indent0">Das Meer schäumt Wuth, die Erde splittert.</div>
+ <div class="verse indent0">Er winkt — Erd, Meer wird stumm.</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Gott! unbegriffner Namen!</div>
+ <div class="verse indent0">Dein Ursprung heißt: von Niemand stammen.</div>
+ <div class="verse indent0">Dein End: unendlich seyn.</div>
+ <div class="verse indent0">Dein Thun: auf Wunder Wunder häufen.</div>
+ <div class="verse indent0">Du bists, den Niemand kann begreifen,</div>
+ <div class="verse indent0">Als Gott, als du allein!</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">O Herr! durch deine Größe</div>
+ <div class="verse indent0">Seh ich beschämt itzt meine Blöße.</div>
+<span class="pagenum" id="Page_85">[Pg 85]</span> <div class="verse indent0">Kurzsichtiger Verstand!</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Nichts will Gott, will Alles deuten,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Sterblicher Unsterblichkeiten,</div>
+ <div class="verse indent0">Ein Wurm, verhüllt in Sand!</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Hier, wo durch Wahn verführet,</div>
+ <div class="verse indent0">Die Seel im Schutt des Eiteln irret,</div>
+ <div class="verse indent0">Und mit dem Stoffe ringt,</div>
+ <div class="verse indent0">Und, selbst geblendet von dem Schimmer</div>
+ <div class="verse indent0">Des Lichts, nie in die Heiligthümer</div>
+ <div class="verse indent0">Des Ueberirdischen dringt,</div>
+ </div>
+ <hr class="tb">
+
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent0">Wo sie sich selbst nicht kennet,</div>
+ <div class="verse indent0">Ach! Hier ist es ihr nicht vergönnet,</div>
+ <div class="verse indent0">Den Himmel auszuspähn.</div>
+ <div class="verse indent0">Erlaube, von den Seligkeiten</div>
+ <div class="verse indent0">In unerfahrnen Trunkenheiten</div>
+ <div class="verse indent0">Das Aussenwerk zu sehn!</div>
+<span class="pagenum" id="Page_86">[Pg 86]</span> <div class="verse indent0">Erlaub demüthgen Blicken,</div>
+ <div class="verse indent0">Daß sie mit heiligem Entzücken</div>
+ <div class="verse indent0">Hinschmachten zu der Höh,</div>
+ <div class="verse indent0">Wo nach der Nacht im ewigen Liechte</div>
+ <div class="verse indent0">Ich einst mit hellerem Gesichte</div>
+ <div class="verse indent0">Ganz deine Wunder seh.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b086.jpg">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_87">[Pg 87]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die_7">
+ Die Seele an ihren schlaffenden Leib.
+ </h2>
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Ruhe sanft, unaufgeklärter Gefährte dieses
+schwächeren Lebens! ruhe sie durch
+diese dunkleren Stunden des Daseyns!
+erholle dich — vielleicht zum letztenmal —
+im finsteren irdischen Thale. Lebe sie durch
+diese todten Stunden der Nächte, bis
+mir und dir vergönnet seyn wird, in den heiteren
+Gefilden des ewigen Frühlings zu
+wandeln. Erholle dich, müder Fremdling!
+denn mit anbrechendem Tage sollst
+du wieder deine beschwerliche Reise fortsetzen.
+Unsicher ist diese Herberg hienieden,
+und kurz die Erquickung; aber sey
+getröstet, bald wirst du von allem Ungemach
+— im sicheren Grabe ausruhen.</p>
+
+<p>Und du, aufrührisches Herz! klopfe
+nicht so, und wecke durch deine Begierden
+den schlaffenden Wanderer nicht! —Noch
+<span class="pagenum" id="Page_88">[Pg 88]</span>stosset die Brust halbe Seufzer hervor.
+Da die Natur in nächtlicher Todesstille
+schlummert, da die Sinnen betäubt,
+und die Glieder unthätig liegen,
+noch itzt wachet der Schmerz, und drücket
+dem Jüngling Thränen aus. Sie
+starren auf seinem Antlitz, und benarben
+die glühenden Wangen. Das Loos des
+Menschen beängstiget mit melancholischen
+Bildern die Phantasie, und trauert auf
+den erstorbenen Mienen. Unglücklicher
+Sterblicher! nur durch die Unsterblichkeit
+glücklich, laß die Hofnung der Zukunft
+dein Gesicht erheitern! — versieget,
+oder eilet flüchtiger über die rötheren
+Wangen: euch hat sie noch nicht
+das Alter ausgefurchet, kein blasser Neid,
+kein schwarzes Gewissen gehöhlet! —
+doch nein, fließet, ihr sanften Thränen!
+ihr seyd Zeugen der Ungenügsamkeit an
+dem Irdischen: — keine Thränen des
+Weichlings, Thränen der Unsterblichkeit
+sind sie; diese hoffende Sehnsucht schwimmt
+in ihrem halb verschlossenen Liechte.</p>
+
+<p>Die Handvoll Erde, hier liegt sie,
+und trauert um ihren Liebling, den Tag,
+indessen ich, meiner Würde bewußt, über
+<span class="pagenum" id="Page_89">[Pg 89]</span>Wolken dahin schwimme, Triebe der Unsterblichkeit
+aus erhabneren Sphären
+sammle, und sie mitleidig auf den weichen,
+mit Unkraut bewachsenen Boden des
+Herzens verpflanze.</p>
+
+<p>Täusche nicht, schwarzer Morpheus!
+Die Einbildungskraft mit über Schatten
+dahin gauckelnden Tändeleyen der
+Höfe! täusche sie nicht mit auf Sand
+gebauten Schlößern zeitlicher Glückseligkeit!
+denn sie werden wie Träume vor
+den aufgeklärten Stralen der Zukunft
+verschwinden: so wird die noch hinter
+den Bergen glimmende Morgensonne anbrechen;
+die Nacht und ihre düsteren
+Kinder, die Nebeln siegreich zerstreuen;
+über die Welt mit vollem Glanze herschen,
+und der ganzen schmachtenden
+Natur neues Leben, und Herrlichkeit
+mittheilen.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+ <div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent3">Schon hat die Nacht</div>
+ <div class="verse indent2">Ihr trauriges Gefieder</div>
+ <div class="verse indent0">Zum leztenmale geschüttelt,</div>
+ <div class="verse indent0">schon schmilzt sie hinter die Berge</div>
+ <div class="verse indent3">Dämpfend zurück</div>
+ <div class="verse indent2">In den Abgrund des Undings;</div>
+<span class="pagenum" id="Page_90">[Pg 90]</span> </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent3">Denn itzund droht</div>
+ <div class="verse indent2">Das Liecht den Finsternissen.</div>
+ <div class="verse indent0">Es schlief der Aether im Nebel;</div>
+ <div class="verse indent0">Er wacht. Schon schwimmet in Wolken</div>
+ <div class="verse indent3">Milderes Weiß,</div>
+ <div class="verse indent2">Das allmählich erröthet.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent3">Schon brennt er dort</div>
+ <div class="verse indent2">Mit rothgestreiften Stralen,</div>
+ <div class="verse indent0">Der Phönix, zwischen den Bergen</div>
+ <div class="verse indent0">Im goldnen Neste herüber:</div>
+ <div class="verse indent3">Hofnung glänzt so</div>
+ <div class="verse indent2">Aus der seligen Zukunft.</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<figure class="figcenter side-deco side-deco-width30">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b090.jpg">
+</figure>
+
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_91">[Pg 91]</span></p>
+
+ <h2 class="nobreak" id="Die_8">
+ Die Ruhe.
+ </h2>
+</div>
+
+<p class="drop-cap">Du Freude, und ihr ruhigen Tage,
+wo seyd ihr? in der Kindheit, in der
+Jugend, oder im Alter? Unvermögen
+lallet aus dem Kinde; sein Gefühl —
+oder wie nenn ich die Gährung emprionischer
+Säfte? — gleichet dem Chaos, mit
+dem es vor kurzen noch rang: kaum ist
+man als Kind seiner selbst sich bewußt.
+Als Jüngling ganz Gefühl, aber unreif
+zur Wahl und Mäßigung. Im kalten
+Alter, des Genußes der Güter unfähiger,
+weis man die Regeln des Lebens —
+und stirbt.</p>
+
+<p>So brausen die Tage des Menschen
+in rastloser Bestrebung nach Ruhe vorüber!
+nur im kalten Schoose des Todes
+trocknen die Schweistropfen unserer Müseligkeit.
+Wären wir hier ruhig, so
+könnten wir nicht unsterbliche Seelen haben.
+Soll ein unauflöslicher Geist an Gegenständen
+der Vernichtung, sollen mit
+<span class="pagenum" id="Page_92">[Pg 92]</span>der Gottheit vertraute Geschöpfe, mit dem
+Vieh sinnlich an dem Gegenwärtigen kleben?
+Zur Unendlichkeit überlodernde
+Flammen, können sie im Schlamme des
+Zeitlichen verlöschen? Zu sehr sind wir
+für eine Ewigkeit geschaffen, als daß ein
+Etwas von so mystischem Selbstgefühle,
+fähig bis zur Gottheit hinauf zu denken,
+hienieden sich sättige.</p>
+
+<p>Ruhe auf der Reise zur Glückselligkeit
+entehret den Wanderer. Geduld ist
+seine Zufriedenheit und Hofnung sein Genuß.
+Dann erst wann er seine Laufbahn
+vollendet, die Wüste des Lebens durchgewandert
+hat, in jenen seligen Gefilden
+wird sein heisser Durst nach Vergnügen
+die ächte Quelle finden. Aus
+jener Urquelle aller seligen Freude wird
+er seine eigene schöpfen; aber ihr reiner
+Ausfluß verirret sich nicht zur trüben Erde
+herab, und irdische Gefässe fassen
+ihn nicht. Das Behältniß unserer Empfindsamkeit,
+der Wohnsitz der Seele ist
+von einer Handvoll gebrechlicher Erde gebildet;
+die äussere Form ist Schatten
+und Liecht, das Innere hinfälliger Staub,
+ohne Festigkeit, ohne Dauer. Hier
+<span class="pagenum" id="Page_93">[Pg 93]</span>drähet sich alles unter der Sonne in
+unruhigen Wirbel herum, und reibet sich
+auf. Hier ist Zerrüttung, Unsicherheit,
+Zusammenstoß und Wechsel der Dinge,
+ein beständiger Tod der Materie, der
+eine Minute nach der andern unser Daseyn
+auslöschet. Ein Abend sieht stets
+auf die verflossenen Zerstreuungen des
+Tages mit müder Gleichgiltigkeit zurück,
+und jede Periode des Menschenalters entdecket
+neuen Betrug in unseren Vergnügungen.
+Die Zeit entehret ihr eigenes
+Andenken, wenn sie sich nicht über sich
+selbst hinaus setzet; zeitliche Geschäfte
+und Ergötzungen bekommen erst ihren
+Werth von der Ewigkeit, erst dadurch,
+daß sie nicht augenblickliche Lust, nicht
+Täuschung und Possen; sondern unvergängliche
+Wahrheit, Weisheit und Tugend
+zum Grund haben. Alles, was
+in der Zeit nur für die Zeit geschieht,
+führet heimlichen Eckel, und Reue nach
+sich. Diese Zeit, in die sich der unsterbliche
+Geist zu seiner Erniedrigung
+einschränken muß, machet uns das Bedürfniß
+der Ewigkeit fühlen; in ihr beunruhigen
+wir uns über die Unvollkommenheit
+<span class="pagenum" id="Page_94">[Pg 94]</span>dessen, was hienieden ist, so
+sehr, als wir selbsten nicht vollkommen
+sind. Vollkommene Ruhe ist nicht das
+Loos der Menschen! — Menschen
+ruhig? nein, wir müßten entweder ganz
+Seele, mit Engeln Seligkeit athmen;
+oder ganz Körper seyn, mit dem Wurme
+genügsam über den Staub zu herrschen.</p>
+
+<p>Stärke mich, o Vorsicht, noch eine
+kurze Zeit auf dem Wege zur Ewigkeit!
+stärke mich durch Hofnung und Gedult!
+Ihr Menschen, unter denen ich
+gelebet, und so oft gefehlet habe, vergebet,
+daß ich euch beleidiget — vielleicht
+oft durch Liebe beleidiget habe!
+hasset mich darum nicht! vergönnet mir,
+ihr Brüder! den Frieden unter euch!
+seht, wenige Schritte, und dann bin ich
+am ausgesteckten Ziele — am Grabe.</p>
+
+<p>Dort finde ich dich, sehnlich gewünschte
+Ruhe, in jener heiligen Stille, welche
+die öden Gefilde der Verwesung
+durchschauert! und du, ernste Freude!
+Wonne der Zukunft, nach der ich so oft
+in heilig melancholischen Tiefsinn geschmachtet,
+du steigst mir jenseits des
+<span class="pagenum" id="Page_95">[Pg 95]</span>Grabes als eine ewige Morgensonne herauf.
+Nun ist er mit Kothe verschwistert,
+dort wird er, der befremdete Geist,
+den Klumpen von sich streifen, und über
+die Gränzen der gebrechlichen Natur hinaustretten;
+dort werde ich aufhören, ihr
+gebrechlicher Theil — ein Mensch zu
+seyn.</p>
+
+<p>In meiner Leiche werden vielleicht,
+schmeichelhafter Gedanken! redliche
+Freunde — den Freund, den Redlichen
+beweinen. Ein heiliger, ahnungsvoller
+Schauer wird dann meine zurückgelassenen
+Reisegefährten anhalten, wenn sie bey
+meinem Leichensteine vorüberwandernd,
+diesen Machtspruch des Verhängnisses
+eingeätzet finden.</p>
+
+<blockquote>
+<p class="nobreak" id="Grabschrift"><b>Er ist todt, euer Freund,
+mit dessen Hofnung zu leben
+ihr erst kurz die eurige vertauschet
+hättet. Verweilet, und betrachtet
+die wenigen Ueberbleibsel!
+erkennet in ihm euer Loos,
+in dem durchlöcherten Gerüppe!
+des Todes unerbittliche
+Pfeile wütheten durch alle Gebeine.
+<span class="pagenum" id="Page_96">[Pg 96]</span>Entfleischet liegen sie da,
+die Grundsäulen der menschlichen
+Maschine, die Stützen des Lebens,
+die verwäisten Knochen;
+wie die rindlosen Wurzeln sich
+in der wüsten Einöde zwischen
+Moder und Faulniß dahin strecken.
+Er ist todt, euer Freund,
+und hat im Grabe die Ruhe
+gefunden, — die ihm kein Alter,
+die ihm eine Welt nicht
+gegönnet.</b></p>
+</blockquote>
+
+<figure class="figcenter side-deco">
+ <img alt="" class="w100" data-role="presentation"
+ src="images/i_b096.jpg">
+</figure>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78383 ***</div>
+</body>
+</html>
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Binary files differ
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+This book, including all associated images, markup, improvements,
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