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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78383 ***
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
+ folgenden Symbole gekennzeichnet:
+
+ =antiqua=
+ ~gesperrt~
+ +fett+
+
+ Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+ Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben
+ gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden
+ nicht korrigiert. Poetische Formulierungen sind unverändert geblieben.
+
+
+
+
+ Empfindungen aus meinem Leben.
+
+ [Illustration]
+
+ ~WIEN~,
+
+ gedruckt bey Joseph Kurzböcken kais. kön. illyrischen
+ und aller orientalischen Sprachen Hofbuchdruckern,
+ und Buchhändlern.
+
+ 1774.
+
+
+
+
+Vorrede.
+
+
+Da man meistens noch niedere und falsche Begriffe von den schönen
+Wissenschaften hat; so möchte ich gern ein kleines Liecht
+vorausstellen, welches die Schatten zerstreuen soll, womit finstere
+Köpfe die schönere Natur anschwärzen. Will die fühllose Dummheit
+ihr kaltes Herz nie zu einer edlen Empfindung erwärmen, so soll sie
+wenigstens ihre unheiligen Blicke wegwenden; sie soll sich in die ewige
+Nacht ihrer Unwissenheit einhüllen, und mich ungekränkt und unbemerkt
+den sanften und stillen Umgang der Musen genießen lassen.
+
+Wisse, unbilliges Vorurtheil! wahre Poesie ist Würde und Hoheit des
+Menschen — vergieb mir diesen stolzen Ausdruck, ergeht nicht auf meine
+Person; sondern auf die Sache, die ich behandle.
+
+Die höchste Würde des Menschen bestehet in der Hoheit seines Geistes,
+und in dem Adel seines Herzens, die Erhebung des Geistes der sich mit
+einer außerordentlichen Fülle äußert, ist Begeisterung, die gereinigte
+Zärtlichkeit eines gefühlvollen Herzen, ist ihr Adel: der höchste Grad
+der Begeisterung und Zärtlichkeit, wo sich Wahrheit und Natur mit aller
+Stärke und Anmuth schildern, ist der höchste Grad der Dichtkunst.
+
+Ihr, derer lieblose, verwilderte Herzen keiner feinen Empfindung fähig
+sind, die ihr die Erhöhung der menschlichen Seele, das Gefühl des
+wahren Schönen, den Enthusiasmus der Weisheit und Tugend nicht kennet!
+eitle, unbedeutende, kriechende Geschöpfe! die ihr auf niederen Gewinn
+bedacht, nur nach eurem Futter wiehert; nie euern Verstand speiset, und
+schon zu leben glaubet, wenn ihr gleich dem Vieh, esset, schlaffet, und
+euch begattet, — widerleget, wenn ihr könnt!
+
+Uebrigens habe ich nur die ächte Dichtkunst vertheitigen wollen, deren
+Ausdruck Harmonie, und deren Inhalt begeisterte Weisheit ist. — Denn
+bloß zum Zeitvertreib witzig zu tändeln, die Einbildungskraft auf
+Kosten des Verstandes zu unterhalten, oder durch den unverschämten
+Muthwillen der in der Brumft gehenden Litteraturstuzer die
+grobe Sinnlichkeit zu reizen, ist wohl der Endzweck der schönen
+Wissenschaften nicht. Sie sind zur Beglückung des Menschen, zu seinem
+edleren Vergnügen, und nicht zur Nahrung seiner Ausschweifungen
+geschaffen.
+
+Und die unmännlichen Figuranten, die sich ewig mit süssen Kleinigkeiten
+beschäftigen; die, wann sie schwätzen, zu denken, und wann sie
+schwärmen zu empfinden glauben; die die Natur durch Künsteley ersetzen
+wollen; beständig mit Endsilben in Geburtsnöthen liegen, und sich mit
+Ach und Weh begeistern — soll man diese auch Dichter nennen? nein,
+Stümper, die die Wissenschaften entehren. Lichtwer weist ihnen ihre
+Stellen an.
+
+ Ihr Thoren, lernt dafür nähn,
+ hobeln, oder schmieden!
+ Minervens Priesterthum ist
+ Stümpern nicht beschieden.
+
+Weder diesen, noch mir selbst will ich das Wort reden; ich habe nur
+zeigen wollen, was für ein Ziel ich mir gestecket habe: wie weit ich es
+erreiche, müssen unparteyische Kenner entscheiden, derer Einsicht ich
+meine Versuche willig unterwerfe.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+~Inhalt.~
+
+
+ Seite.
+
+ I. Aussöhnung mit meinem Schicksale. 1.
+ II. Die zärtliche Schwermuth. 12.
+ III. Aufmunterung. 14.
+ IV. Die Weisheit im Schoose der Natur. 19.
+ V. Die Begeisterung. 27.
+ VI. Das Glück der Zärtlichkeit. 29.
+ VII. Verträulichkeit zwischen Liebe und Natur. 31.
+ VIII. Schutzort der Weisheit. 35.
+ IX. Einladung auf das Land. 37.
+ X. Die Gaben des Weisen. 39.
+ XI. Sehnsucht nach Vergnügen. 41.
+ XII. Meine Geliebte. 43.
+ XIII. Das freywillige Leiden. 44.
+ XIV. Kampf einer Leidenschaft. 48.
+ XV. Die Quelle des Unmuths. 50.
+ XVI. Erinnerung an die Jahre der Unschuld. 55.
+ XVII. Der Gottesacker. 59.
+ XVIII. Die philosophische Melancholie. 68.
+ XIX. Die Mitternacht. 79.
+ XX. Die Seele an ihren schlaffenden Leib. 87.
+ XXI. Die Ruhe. 91.
+ XXII. Meine Grabschrift. 95.
+
+
+
+
+~Aussöhnung~ mit meinem Schicksale.
+
+
+[Illustration]
+
+Mein Geist drang mit einem edlen Unwillen sich von dem Pöbel hinweg;
+aber meine Glieder fühlen noch die Mühe, womit sie den unsicheren
+Weg zurück gelegt haben. Wie schwer ist das Geblüt in meinen Adern
+geworden; seit dem ich in deinen feindseligen Mauern, o Stadt!
+gewandelt habe! Hart ist das Pflaster, worauf glänzende Sorgen, mit
+Thorheit beladen, wo drückende Laster prächtig einher treten! Nun bin
+ich — der Vorsicht sey Dank — hinaus aus dem Schwarm der Lieblosen. Wie
+weit wollt ihr mir noch nachschleichen, ihr schwarzen Gedanken der
+Schwermuth und des Kummers? Verlaßt mich, ach verlaßt mich! ich habe
+genug mit Unglück und Verfolgungen gekämpfet. Ich fliehe euch nicht,
+ich hasse euch nicht, ihr Menschen, o nein, mein Herz klopfet stets zu
+eurem Besten; es fließt vor Empfindung gegen die Redlichen über, die
+des Mitleids und der Gegenliebe fähig sind, und die übrigen bedaure
+ich ihres Unglückes wegen, daß sie Menschenfeinde sind. Ich fliehe
+nicht sie, nur ihre Lieblosigkeit. Das Leben ist kurz: schwermüthiger
+Tiefsinn, Ernst und Kummer fangen an, meine Nerven zu schwächen, und
+heimlich meine Gesundheit zu untergraben. Ich bedarf der Erquickung.
+Genug ward ich bey dem inneren Ruf meiner Seele von den lauten Stimmen
+der Dummheit und des Eigennutzes übertäubt, ungerecht gegen mich
+selbst, Muth und Zutrauen zu verlieren. Ein heißhungriches Geschrey
+tönte mir überall entgegen: das Studium der Wahrheit und Pflichten
+ist nicht zum Brod gewinnen; Weisheit und Tugend, Erhabenheit des
+Geistes, Adel des Herzens sind unbekannte Nahmen. Ich ward in meinen
+zartesten Jahren zum rauhen Pöbel verstossen, wo ich verkennet und
+ungetröstet, mich im Verborgenen nach Menschenliebe sehnte, und ach!
+vergebens sehnte. Die schweren Seufzer meiner Betrübniß haben meine
+Brust beklemmet, und nun will ich wieder einmal freyen Athem hohlen. —
+In deinem wohlthätigen Schoose, liebreiche und weisheitsvolle Natur!
+Will ich von meinem Schicksale ausruhen, und aus deiner inbegriffenen
+Göttlichkeit überirdische Hofnung, und den Trost des Mitleids schöpfen,
+den mir die Sterblichen versagen. — Verlaßt mich, ach verlaßt mich,
+ihr schwarzen Gedanken der Schwermuth und des Kummers! Zurück! Hier
+sind die Gränzen der unverdorbenen Natur. Mit unverwandtem Blicke will
+ich mich dem Schutzorte der Unschuld nähern. O Glück! Noch etliche
+Schritte, und dann bin ich der Natur im Arm! Schon ist der Boden
+gelinder und die Luft reiner. Zephir bringt Wohlgeruch auf seinen
+Flügeln, und ich athme Gesundheit in mich. — Sey mir gesegnet, heiliges
+Dunkel, das ehrfurchtvoll in diesen verjährten Tannen schwebet! kein
+feindseliger Sturm müße je durch diese ruhige Dämmerung fahren. — Ich
+will hinein gehen. —
+
+Hier ist der wundersame Baum, der von obenher seinen Ursprung genommen
+hat, seine Wurzeln kriechen an Felsen. — Sie haben einen bequemen
+Sitz geflochten; ich will hier ruhen — Sein Stamm neiget sich unter
+mir herunter, als wollte er der Erde seiner Mutter danken, die ihm
+Nahrung auch ausser ihrem Schoose reichet! Aber er hebt sich wieder
+von der Mitte empor. Sein Saamen wuchs wie der Gedanken des Weisen,
+von sich gegen die Erde, und von der Erde gegen den Himmel. — Hier
+ist der Sitz der Begeisterung, hoch von Natur, nicht durch Zwang und
+Uebermuth, abseits vom Getümmel, ungebahnt für träge Unwissenheit, weit
+erhaben über die Denkmäler der Ueppigkeit und Herrschsucht, worunter
+die niedern Seelen wie Gewürme im Schutthaufen herum kriechen. Die
+Spitze der Thürme, die falsche Hoheit in die Luft gehoben hat, um über
+Mitmenschen hinaus zu sehen, reichen nicht zu meinen Füßen. Ich bin
+verborgen und sicher. Voll erhabener Wildheit hangen die Zotten des
+Reisicht über mir her; und ewig grünende Fichten streuen ehrwürdige
+Schatten auf den Felsen, dessen bemooste Höhlung mir zur weichen Lehne
+dienet. Horchende Stille wachet einsam in diesem Tempel der Schöpfung,
+den nie unheilige Blicke entweyhten; denn der Pöbel verirret sich nicht
+in dein Heiligthum, o Natur! Dein Freund ist der einsame Dichter, der
+aus dem Gedränge verscheuchet, dem Felsen die Gefühllosigkeit seiner
+Mitmenschen klaget. Hier ist das Vaterland meiner Empfindungen, hier
+ists, wo mein Geist, in die Zaubergegend der Dichtkunst hingerücket,
+von dem Nektar der begeisternden Weisheit kostete. — Kommet ihr
+ländlichen Kamönen, einzige Trösterinnen meines Lebens! reichet mir
+noch einen stärkenden Trunk und weyhet mich euren Geheimnißen ein;
+schließet mir eure verborgenen Schätze auf: ich will mit Popen und
+St. John die Kleinigkeiten der Welt dem niederen Ehrgeize und dem
+Stolze der Könige lassen. In euren liebvollen und freundlichen Wohnsitz
+will ich vergessen, daß es störische und harte Menschen giebt; in
+Unschuld und Ruhe, in Gesundheit und Freyheit will ich künftig meines
+Lebens froh werden. Mäßigkeit wird die Bewegungen meines Geblüts
+besänftigen, und mein Herz nur den gereinigten Empfindungen der Natur
+und Menschenliebe offen seyn. In einer ruhmlosen Hütte will ich ein
+redliches Alter erreichen, unbeneidet, genügsam und sicher. Verborgen
+vor dem Hof sollen meine Tage so still und ruhig dahin gleiten wie
+die kleinen Silberwellen durch das einsame Veilchenthal. Nie wird ihr
+heller Boden von kriegerischen Rossen zerwühlet, nie ihr klares Naß
+von schwärmenden Städtern trübe gemacht. Bey einem stillen häußlichen
+Glücke will ich zwischen Lilien und Rosen, den Spuren der Unschuld und
+Liebe treten, und auf den sanften Boden der Natur wandeln. Dort wo
+Gebüsche unter hangenden Felsen den Eingang mit feyerlicher Dämmerung
+decken, in der träumerische Grotte wird mich meine Muse in süsse
+Begeisterung einschlummern. Oft werde ich den einsamen Hügel besuchen,
+wo mein Herz hinschmolz, und mein Geist in sanfte Wehmuth zerfloß. Oft
+werde ich am Abend empfindungsvoll mich unter den Schatten eines Baumes
+vergessen. Oft wird zum Dank der Wohlthaten meines Schöpfers, oft
+zum Andenken meiner Freunde eine zärtliche Thräne auf den blumichten
+Hügel hingleiten, worauf ich mein Haupt stütze; dann wird aus der
+nahen Hütte meine fromme Gattinn kommen, und meiner Empfindung den
+stillen Beyfall in ihren sanften Blicken zulächeln; sie wird mit ihrer
+Hand mein gerührtes Herz fühlen, und mit mir die erhabene Wollust
+der Zärtlichkeit und tugendhafter Gesinnungen theilen. An ihrem Arm
+will ich — — Süsser Traum! Von welch entzückenden Vorstellungen ward
+mein Geist betrunken! Hab Dank, wohlthätige Muse! Daß du Mitleid mit
+meinem Schicksale hast, und Oel in meine Wunde gießest. Begeistre mich
+mit Hofnung; wenn auch in dem Rathschluße des Ewigen mir nie so ein
+schmeichelhaftes Glück sollte vorbehalten seyn. Gott, du kannst kein
+Mißfallen an unschuldigen Wünschen deiner Geschöpfe haben; du selbst
+hast den Trieb zum Vergnügen tief in ihre Herzen gepflanzet, du hast
+sie zur Glückseligkeit bestimmet. Du magst diese Bestimmung hier
+schon oder dort erfüllen; ich will sie mit Dank zum voraus empfinden,
+und mich durch die Hofnung der Zukunft mit Standhaftigkeit für das
+Gegenwärtige bewaffnen. Ich hoffe und wünsche; — aber, Herr! was du
+thust, ist gerecht; sollte auch hienieden mein Leiden beschlossen seyn.
+In der Schule des Unglücks verlernet man Leichtsinn und Thorheit, und
+vor den Blicken des Geistes verschwindet der Nebel, der die höhere
+Aussicht verdunkelt. Mich stärket der grosse Gedanken der Ewigkeit,
+wodurch mein Geist, vom Staube ungesättiget, sich mit dem Vorgeschmack
+der Seligkeit nähret; mich tröstet die Hoffnung, daß meine Seele, durch
+Trübsale gebessert, sich von eingebildeten Bedürfnissen entwähne, und
+einst zum Genuße deiner Wohlthaten fähiger seyn wird. Die sanfte und
+stille Landlust, Unschuld und Einfalt, diese schöne Natur, die so
+voller Spuren der Liebe ist, und die Erinnerung, Herr! daß ich mich
+bestrebet habe, dir zu gefallen und rechtschaffen zu seyn, o die wird
+mir jedes Ungemach meines Lebens versüssen. In deiner Vorsicht will ich
+mich ganz beruhigen; keine Klage wider den Lauf der Dinge soll jemals
+meinen Lippen entfahren; mit einem Blicke in deine göttliche Weisheit
+werde ich alle menschliche Thorheit vergessen, und wie leicht vergesse
+ich dann auch das Glück der Welt, — das mich bisher getäuscht hat.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die zärtliche Schwermuth.
+
+
+ Am stillen Hügel, den der Schatten
+ Des Baumes deckt, wo unverrathen
+ Mein Herz geheime Wehmuth nährt;
+ Wo durchs Gebüsch die blassen Stralen
+ Des Mondes einsam, schüchtern fallen
+ Und nichts die leisen Seufzer stört.
+
+ Hier wo verschwiegne Dunkelheiten
+ Den Trauerflor um mich verbreiten,
+ Hier sinken, von dem harten Loos
+ Des Schicksals müde, meine Glieder
+ Auf schwarz bethautem Mose nieder —
+ Hin in der stillen Schwermuth Schoos.
+
+ Dir Nacht vertrau ich meinen Kummer,
+ Der meinen Geist in düstern Schlummer
+ Der Wehmuth senkt: verhüll mein Leid;
+ Laß mich in deine Tiefe weinen,
+ Und meinen Schmerz mit dir vereinen;
+ Sey Zeuge meiner Zärtlichkeit.
+
+ Ach dieses Herzens tiefe Wunden!
+ Die noch kein Mitleid mir verbunden!
+ Ach sie verbluten! Liebe quillt
+ Heraus — verkennte Menschenliebe.
+ Kommt, theilt mit mir die sanften Triebe
+ Dieß Herz — das allzu zärtlich fühlt.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Aufmunterung.
+
+
+ Auf träger Geist! die Zeit verflieht;
+ Der Lenz, der Jugend Flor verblüht:
+ Sey dankbar und genieß dein Gut!
+ Sey Jüngling! Lern voll edlen Muth,
+ Wann stürmend Ungewitter blitzen,
+ Mit Weisheit dich, und grauer Klugheit schützen.
+
+ * * * * *
+
+ Der Gram entehrt, ermuntre dich!
+ Er setzt die Seele unter sich
+ Bis zur Unthätigkeit herab,
+ Und baut aus uns ein wandelnd Grab.
+ Die Embrionen edler Thaten
+ Erstickt in dir des Unmuths düstrer Schatten.
+
+ * * * * *
+
+ In Tiefsinn wandelst du herum,
+ Gleich deinem Schatten traurig stumm;
+ Geselligkeit und freyer Muth
+ Weicht vom Gesicht; dein junges Blut
+ Eilt nicht mehr froh, von Gram gehemmet,
+ Der in den Adern schleicht, dein Herz beklemmet.
+
+ * * * * *
+
+ Dein scheuer Blick, dein trüber Sinn
+ Kriecht niedrig an der Erde hin.
+ Flieh, flieh von dir, von deinem Gram!
+ Soll Unmuth, unverdiente Scham.
+ Und Blödigkeit die Stirn umhüllen?
+ Die Ehre ist im Herzen: lern sie fühlen.
+
+ * * * * *
+
+ Vor andern arm, verachtet, klein,
+ Lern, ohne Zeugen groß zu seyn.
+ Sey standhaft; denn auch dein Geschick
+ Steht in der Vorsicht Buch. Dein Glück,
+ Das itzt noch schläft, wird einst erwachen,
+ Und doppelt dich die Freuden Fühlen machen.
+
+ * * * * *
+
+ Noch lebt so mancher Menschenfreund,
+ Der Kunst mit Redlichkeit vereint,
+ Der Recht und Tugend noch vertheidigt,
+ Den Deine Armuth nicht beleidigt,
+ Der Menschen gerne glücklich siehet,
+ Zum Mitleid nicht zu vornehm, dich nicht fliehet;
+
+ * * * * *
+
+ Der an den Seufzern Antheil nimmt,
+ Die Thräne, die im Auge schwimmt,
+ Als Freund zu trocknen sich bemüht;
+ Als Freund, wann er dich fehlen sieht,
+ Dir nachsichtvoll entgegen eilet,
+ Und den Verstand von Wahn und Irrthum heilet.
+
+ * * * * *
+
+ Noch läßt das Schicksal — Deiner Jugend
+ Den Trieb zur Redlichkeit und Tugend;
+ Noch kann dein zärtliches Gefühl,
+ Wenn dich das Glück auch hassen will,
+ Im stillen Schatten seelger Linden
+ Des Frühlings Lust, und die Natur empfinde.
+
+ * * * * *
+
+ Sey größer, als dein Unglück ist,
+ Erhabner, als die niedre List
+ Und Frechheit eines Pöbels reicht,
+ Der, Würmern gleich, im Finstern schleicht,
+ Der das, woran er stoßt, nur fühlet,
+ Durch sich gestraft, im Stoffe Blindlings wühlet.
+
+ * * * * *
+
+ Ist dieser Vorzug dir zu klein;
+ so must du selbst unedel seyn.
+ Ein edler Geist, in sich beglückt,
+ Zu stolz, was ihm die Welt entrückt,
+ Um Pupentand, und Eitelkeiten
+ Den Müssigen, den Thoren zu beneiden,
+
+ * * * * *
+
+ Kriecht sklavisch nicht um Ehr und Glück
+ Ihm schwärzt kein niedres Bubenstück.
+ Die heitern Mienen im Gesicht.
+ Gelassen thut er seine Pflicht;
+ Sieht aufrecht auf der Tugend Wegen,
+ Sich selbst bewußt, der Ewigkeit entgegen.
+
+
+
+
+Die Weisheit im Schoose der Natur.
+
+
+ Wer küßt und drückt und lästert,
+ hat Verstand;
+ Wer redlich spricht, gehöret auf das
+ Land.
+
+ Kleist.
+
+ * * * * *
+
+ Du Wohnsitz stiller Musen,
+ Empfang mich, heitre Flur,
+ Auf deinem grünen Busen!
+ Sanft lächelnde Natur,
+ Aus deinem reichen Schoose
+ Trink ich des Frühlings Lust,
+ So wie den Thau die Rose,
+ Nun in die freye Brust.
+
+ * * * * *
+
+ Ein Blick der Weisheit stralet
+ Aus jedem Reiz hervor,
+ Und bessre Freude wallet
+ In meiner Brust empor.
+ Ich brauch, mich zu beglücken,
+ Nur Mensch, nicht reich zu seyn;
+ Ein edleres Entzücken
+ Nimmt meine Seele ein,
+
+ * * * * *
+
+ Rührt, ohne zu verletzen,
+ Mein jugendlich Gemüth
+ Mit zärtlichen Ergötzen.
+ Ein reineres Geblüt
+ Wallt schon durch meine Glieder;
+ Der Geist wird heiterer,
+ Er öffnet sich hier wieder,
+ Denkt frey, und fühlet mehr.
+
+ * * * * *
+
+ Hier drohn nicht rasche Pferde
+ Dem müden Wanderer;
+ Kein Wagen, von der Heerde
+ Vergoldter Diener schwer,
+ Worin der Unterthanen,
+ Der Bürger theure Last,
+ Müd vom Verdienst der Ahnen,
+ Mit dummen Lächeln rastt.[A]
+
+ * * * * *
+
+ Durchlauchtgen Rossen schnauben
+ Nicht feile Menschen vor.
+ In Schatten sicherer Lauben
+ Irrt froher Hirten Chor
+ Mit sanften Schäferinnen.
+ Lieb und Zufriedenheit
+ Geht segnend neben ihnen,
+ Nicht Rangsucht, Stolz und Neid.
+
+ * * * * *
+
+ Der Menschheit Recht verdrehet
+ Kein hochgebohrnes Thier,
+ Das sich in Sänften blähet;
+ Nur Menschen sieht man hier.
+ Die Tugend giebt den Titel,
+ Die Eintracht den Gewinnst;
+ Nicht Zufall, Rang und Mittel
+ Verdrängen das Verdienst.
+
+ * * * * *
+
+ Zum Laster ungeschicket,
+ Das sich aus Hochmuth neigt,
+ Krumm, heuchlerisch gebücket,
+ In heiligen Tempeln schleicht,
+ Und das im Harmeline
+ Bey Hof mit frechen Schritt
+ Und tückisch hoher Miene
+ Bis zu dem Fürsten tritt,
+
+ * * * * *
+
+ Durch Einfalt glücklich, irret
+ Im Thal die Schäferinn;
+ In Unschuld, sittsam führet
+ Sie ihre Lämmer hin,
+ Wo ruhig ihre Jugend
+ Der Schöpfung Freuden fühlt;
+ Wo unbemerkte Tugend
+ Dem Schöpfer sich enthült.
+ Frey wandelt in Gesträuchen
+ Ihr Fuß längst einem Bach;
+ Nicht freche Buben schleichen
+ Dort ihrer Unschuld nach.
+ Die Kunst des süssen Herren,
+ Der geil aus Wohlstand spricht,
+ Geld, Ordensband entehren
+ Verwaiste Mädchen nicht.
+
+ * * * * *
+
+ Hier schwärmt durch grüne Schatten
+ Kein Midas, groß durch Gold,
+ Berühmt durch fremde Thaten,
+ Der seinem Bauch nur hold,
+ Standtsmäßig auszuschweifen,
+ Und durch des Bürgers Schweiß
+ Sich Tafeln aufzuhäufen,
+ Sich fett zu prassen weiß.
+
+ * * * * *
+
+ Taub, Mitleid zu empfinden,
+ Zu fühllos, selbst sein Glück
+ In anderer Glück zu finden,
+ Sieht er sich nicht zurück,
+ Der Große, wann Bedrängte
+ Mit Thränen nach ihm sehn;
+ Wann ohne Schuld gekränkte
+ Um seinen Beystand flehn.
+
+ * * * * *
+
+ Dich, sanfte Stimm vom Himmel,
+ Natur! Dich überschreyt
+ Das irdische Getümel
+ Der prächtgen Eitelkeit!
+ Weg ihr verhaßten Thürme,
+ Wo, in den Schlamm getaucht,
+ Dieß irdische Gewürme
+ Nur giftge Laster haucht!
+
+ * * * * *
+
+ In lärmenden Pallästen,
+ Da herrscht die Weisheit nicht;
+ Nur feige Schmeichler mästen
+ Sich, wo der Bösewicht
+ Und Thor den Lüsten frohnet,
+ Wo Fleiß und Tugend trauert,
+ Wo Tod im Lächeln wohnet,
+ Und das Verderben lauert,
+
+ * * * * *
+
+ Wo alle Mienen trügen,
+ Sich Mädchen klug durch Geld,
+ Und schön durch Schminke lügen,
+ Dem Wuchrer preis gestellt!
+ Wo tausend wilde Triebe,
+ Der Leidenschaft Gewühl
+ Die zärtlich keusche Liebe,
+ Das reinere Gefühl
+
+ * * * * *
+
+ Der Menschlichkeit ersticken;
+ Wo Untreu, Buhlerey
+ Aus finstern Mauern blicken;
+ Wo faule Schwelgerey,
+ In Schlössern stolz bewachet,
+ Wo hämisch Schadenfreud
+ Aus halben Vorhang lachet,
+ Im Sitz der Ueppigkeit.
+
+ * * * * *
+
+ Fern von der Gratulanten,
+ Betrüger, Schmeichler Heer,
+ Von Stutzern und Pedanten,
+ Kann ich hier ruhiger
+ Natur, Nach deinem leisen,
+ Verborgnen Triebwerk spähn;
+ Dich und die stillen Weisen
+ Des Alterthums verstehn!
+
+ * * * * *
+
+ Nicht in betrogne Spiele
+ Des Witzes eingewebt; —
+ In feyerlicher Stille,
+ Von Grazien umschwebt,
+ In edler Einfalt glänzet
+ Sie, auf beblümten Pfad,
+ Die Weisheit, unumgränzet,
+ Verscheucht von Hof und Stadt.
+
+[A] Die Wahrheit wird von selbst die Verehrungswürdigen, die den Adel
+nicht nur in ihren Wappen, sondern auch in ihrer Seele führen, gegen
+die =Usurpatores= ihrer Vorrechte vertretten.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Begeisterung.
+
+
+Welch eine geheimnißvolle Schönheit dringet überall aus deinen
+manigfältigen und wundervollen Scenen hervor, o Natur! Meine Sinnen
+sind trunken von deinen zauberischen Reizen! mein Geist ist ganz voll,
+ganz in die Tiefe einer unbekannten Anmuth hingerissen! — Was fühle
+ich? Wie ahnungsvoll, wie stark klopfet es in meinem Herzen! — Ja,
+hier ist die Quelle der Liebe, sie fließet durch mich, und ergießet
+sich in die ganze Natur. — Wie wallen meine Adern! Feuer ist in meiner
+Brust, und meine Augen sind mit heissem Oele durchströmmet! — — Sättige
+mich, Natur! mit deiner Schönheit! in dich, in deine inbegriffene
+Göttlichkeit bin ich entzücket. Ihr Geschöpfe, Ausflüße der Gottheit,
+von kleinsten bis zum größten, alles, was in der Natur ist, was lebet
+und schwebet, was mich umgiebt, seyd mir gesegnet! gedeyhet mir, neiget
+euch gefällig zu meinem Wohl; theilet eure Richtigkeit, Ordnung und
+Schönheit, theilet euch mir mit, drücket die Spuren eures Ursprungs
+euer Glückseligkeit tief in mein Herz, nähret meine Begeisterung mit
+der Weisheit und meine Empfindungen mit der Seeligkeit eures Schöpfers;
+damit meine Handlungen nach dem erhabensten Muster, nach den ewigen
+Gesetzen der Schöpfung gebildet werden.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Das Glück der Zärtlichkeit.
+
+
+ Ein Herz, das durch erhabne Triebe,
+ Durch Zärtlichkeit und Menschenliebe
+ Von der Natur geadelt ist,
+ Ein fühlbar Herz ist jene Quelle,
+ Die unversieglich in die Seele
+ Der Liebe süsse Wollust gießt.
+
+ * * * * *
+
+ Ein Geist, der frey und edel denket,
+ Durch niedern Vortheil nicht gelenket,
+ Nicht prächtgen Sklaven zinnsbar ist,
+ Wo Sanftmuth, edle Einfalt wohnet,
+ Zufriedne stille Tugend thronet,
+ Die stets wohlthätig überfließt;
+
+ * * * * *
+
+ Ein redlich Antlitz, sanfte Blicke,
+ Wo bey des Nächsten Ungelücke
+ Des Mitleids edle Zähre fließt:
+ Sind Güter, die der Thor nicht kennet,
+ Der fühllos auf dem Throne gähnet,
+ Wo er der Menschheit Recht vergißt.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Verträulichkeit zwischen Liebe und Natur.
+
+
+ In einer hohen Felsengrotte
+ mit Gebüsch umwachsen.
+
+Verbirg mich, dämmerndes Gebüsch! in deine heilige Stille! Einsames
+Dunkel! schütze meine Sinnen vor dem Blendwerke des Ehrgeizes und
+der Wollust, die aufrührisch in mein zu weiches Herz stürmen! hier
+sey die Ruhe wieder meiner Seele geschenket, die unter dem Joche
+schmachtet, das allgemeine Thorheit den Menschen aufleget. Unwillig,
+daß sich ihre kräftigen Aeußerungen unter den sclavischen Hauffen
+verirret, kehret sie wieder auf die einfache Pfade der Natur zurück.
+Friede mit euch, ihr Gegenstände der ländlichen Einfalt! Flöße mir
+hier, unverdorbene Natur, deine Unschuld und Heiterkeit ein! Hier soll
+mein Herz nur sanfte Regungen fühlen, und ihre reine Zärtlichkeit in
+dieser verschwiegenen Grotte ausgiessen. Das Geheimniß einer Liebe,
+die in meinem Innersten brennet, und womit eine Gottheit diesen Staub
+begeistert, sey dir, holdselige, freundliche Natur, allein anvertrauet!
+Du verspottest, sie nicht, diese verborgenen Triebe, die du selbst in
+meinen Busen geleget, diesen Funken der Gottheit, der die Menschen
+belebet, um sie zu beglücken, Menschen, die in ihr eigenes Eingeweyd
+wüthen, und das eingefleischte Gesetz ihrer Wesenheit, das heiligste
+Geschenk der Natur — Die Liebe verkennen; oder mißbrauchen; die sich
+aus der Kränklichkeit der Einbildung, oder des Körpers einen Beruf
+lügen, in der Unterdrückung der sanften, geselligen Neigungen, in der
+Untüchtigkeit und Verwahrlosung der Lebensgeister, in der trägen,
+unentwickelten Einförmigkeit ihres Daseyns ein Verdienst suchen, und
+um einseitige, lieblose Absichten zu erreichen, das Grundgesetz der
+Schöpfung durch leeres Aussenwerk, durch eitle Gepränge unkennbar
+machen. Ungerechte, die ihr die Natur hintergehen wollet, und der
+edelsten Thätigkeit unseres Daseyns durch Zwang, Künsteley und stolz
+ewige Dämme setzet! Dämme, von welchen unsere Leidenschaften mit
+Ungestüm in unser Gemüth zurück brausen, gleich jenem Bach, der ruhig
+und still in seinem Rinnsale nach dem Ziele eilet, bis er an einem
+Felsen zerbrellet. Erbost wühlet er in seinen eigenen Grund, und
+sprühet unruhig um sich her. Doch weg ihr stürmischen Bilder aus meiner
+Seele! störet nicht meine friedlichen, einsamen Betrachtungen! Stilles,
+ruhiges Vergnügen will ich itzt in mich athmen, und nur gelinde Weste
+sollen meine Schläfe umsäuseln. Hier, wo jede Spur in der Schöpfung
+von Wohlthun und Liebe des Schöpfers zeuget, hier herrschet nicht
+feige Eitelkeit, nicht fühllose Dummheit, die Unthat für Keuschheit,
+und wohlthätige Liebe zur Beleidigung rechnet. Dieses sanfte Gefühl
+der Menschheit wird nicht durch Pracht, Rang und Wucher, nicht durch
+Leichtsinn und Meineyd mißhandelt — aber ach! kehret nicht so oft
+zurück, ihr traurigen Gestalten des Hofes! Laßt mich, in Frieden
+unter diesem bemoosten Felsen hier ruhen! verträglich will ich mit mir
+selbst, und mit dieser schönern Natur seyn; vertraut will ich ihr meine
+geheimen Wünsche entdecken; meine Gedanken sollen sich sanft und frey
+entwickeln, wie diese Sprossen des Frühlings um mich aus dem Schoose
+der Natur hervorkeimen. Besänftiget durch ihren Einfluß, begeistert
+von ihrer Schönheit, will ich hier auf diesem samtenen Moose in süße
+Hofnungen einschlummern.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Schutzort der Weisheit
+
+
+ Noch seyd ihr, unschuldvolle Freuden
+ Der Schöpfung! Trost in meinem Leiden.
+ Wann harte Menschen mich verscheun,
+ Soll euch mein Herz noch offen seyn.
+ Ich will, die Leyer in den Händen,
+ In seligern Gefilden wandeln;
+ Gold soll mein heitres Aug nicht blenden,
+ Kein falsches Glück mich mehr mißhandeln.
+
+ * * * * *
+
+ Natur! in deinem Arm beschützet
+ Die Weisheit mich, wann Bosheit blitzet.
+ Hier will, wann Vorurtheil und Neid
+ Voll schwarzen Geifer um sich speyt,
+ Ich über niedre Bubenstücke
+ Und Dummheit, die im Finstern irren;
+ Hier will ich über mein Geschicke
+ In stiller Wollust triumphiren.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Einladung auf das Land
+
+
+ Ihr Freunde, und ihr Schönen,
+ Besucht die stille Flur,
+ Die anmuthvollen Scenen
+ Der Unschuld, und Natur!
+
+ * * * * *
+
+ Eilt, dankbar zu genießen
+ Nach weiser Vorsicht Ziel:
+ Das Leben zu versüssen,
+ Gab sie uns das Gefühl.
+
+ * * * * *
+
+ Die fremde Pracht der Speisen
+ Verderbt die Sinnen nur;
+ Es gnüget hier dem Weisen
+ Die Einfalt der Natur.
+ Wo mit den zarten Zweigen
+ Die reiffen Früchte sich
+ Gefällig zu ihm neigen,
+ Da speist er königlich.
+
+ * * * * *
+
+ Die Einfalt reiner Sitten
+ Herrscht unter reiner Luft,
+ In ländlich stillen Hütten,
+ Bey Florens Blumenduft.
+
+ * * * * *
+
+ Kommt, dort im Grünen wollen
+ Wir, eins dem andern gleich,
+ Uns Früchte, Blumen hollen,
+ — Dann sind wir groß, und reich.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Gaben des Weisen.
+
+
+ Daß sich das Wasser in dem Magen
+ Mit den Speisen kann vertragen,
+ Das kann wohl seyn:
+ Jedoch der Rebensaft
+ Giebt auch der Seele Kraft.
+ Das Wasser rinnt so todt hinein.
+ Der Necktar öffnet unsere Herzen
+ Bey seinem Witz und keuschen Scherzen:
+ Ein Weiser trinkt gleich Göttern Wein.
+
+ * * * * *
+
+ Daß Schreiberey und Rechnen nütze,
+ Der Gradus vor dem Hunger schütze,
+ Das kann wohl seyn:
+ Jedoch des Dichters Glut
+ Begeistert unser Blut;
+ Flößt edlere Empfindung ein;
+ Kann unser Herz erhaben rühren;
+ Den trägen Geist zum Aether führen:
+ Ein Weiser muß ein Dichter seyn.
+
+ * * * * *
+
+ Daß es sich gut in Klöstern lebe,
+ Kastraten, alte Jungfern gebe,
+ Das kann wohl seyn:
+ Jedoch der Menschheit Trieb
+ Erzeugt in uns die Lieb
+ Ihn schuf die Vorsicht allgemein,
+ Nicht, daß wir wieder ihn vernichten,
+ Nein, nur zum rechten Endzweck richten.
+ Ein Weiser muß auch menschlich seyn.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Sehnsucht nach Vergnügen.
+
+
+ Willst du durch Gram und Mißvergnügen
+ Um meiner Jugend frohen Scherz,
+ Verhängniß, ewig mich betrügen?
+ Soll ein der Freude offnes Herz
+ Nicht über deine Härte siegen?
+
+ * * * * *
+
+ Hab ich, als Bürger, leer an Schätzen,
+ Als Mensch kein Recht auf edle Lust?
+ Soll ich beym Pöbel mich ergötzen?
+ Soll ich das Leere meiner Brust
+ Durch Niederträchtigkeit besetzen?
+
+ * * * * *
+
+ Soll ich die Freuden nie genießen,
+ Die Jugend, Lieb und Freundschaft giebt?
+ Soll stets mein Geist in Gram zerfließen?
+ Kein Mädchen, das mich zärtlich liebt,
+ Kein Freund mein Schicksal mir versüßen?
+
+ * * * * *
+
+ Die Jugend glüht auf meinen Wangen,
+ Die Freude lächelt auf der Flur:
+ Soll ich stets wünschen, nie erlangen?
+ Hab ich umsonst von der Natur
+ Ein zärtliches Gefühl empfangen?
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Meine Geliebte.
+
+
+ Das nicht vom stolzen Zwange schwillet,
+ Mit buhlerischer Sprödigkeit
+ Auf unverschämte Buhler schielet,
+ Ein Kind, voll sanfter Heiterkeit,
+ Das fühlend denkt, und edel fühlet;
+
+ * * * * *
+
+ Wo reine Lust im Busen schwimmet,
+ Ein edler Geist bey Witz und Scherz
+ Im jugendlichen Auge glimmet, —
+ Solch seltner Mädchen treues Herz,
+ Ach, wär doch eins für mich bestimmet!
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Das freywillige Leiden.
+
+
+ Nach dem Französischen des Thibault, Grafen
+ von Champagan und König von Navarra.
+ Aus dem 12ten Jahrhundert.
+
+ O dürft ich deiner Augen
+ Zauberblicke nicht sehen!
+ O könnt ich, Doris! Die Töne
+ Der reizenden Stimme nicht hören;
+ So würde mein Leiden sich enden.
+ Ach! aber ach, mein Herz verblutet
+ Sich ohne dich! und meine Augen
+ Sind trüb, und meine Ohren
+ Sind nur an deine Stimm gewöhnet.
+ Ich will dich lieber sehen,
+ Ich will dich lieber hören,
+ Und lieber alles leiden.
+
+ * * * * *
+
+ Doch leid ich ohne Hofnung,
+ Und hoffe stets vergebens;
+ Die Wehmuth wird mich tödten.
+
+ * * * * *
+
+ =Las! Si javois pouvoir doublier
+ Sa beauté, sa beauté, son biendire,
+ Et son tres doux, tres doux regarder,
+ Finiroit mon Martyre;
+ Mais las! mon cœur je nen puis ôter,=
+
+ * * * * *
+
+ =Et grande affolage
+ Mest desperer.=
+
+ * * * * *
+
+ Doch eben diese Wehmuth,
+ Der Liebe süsse Wehmuth
+ Versüsset alles Leiden;
+ Die Liebe giebt mir Kräfte.
+ Und wie, wie könnt ich, Doris!
+ Wie deine Zauberblicke,
+ Den sanften Ton vergessen?
+ Ich will dich lieber sehen,
+ Ich will dich lieber hören,
+ Und lieber alles leiden.
+
+ * * * * *
+
+ =Mais telle Servage
+ Donne Courage
+ Atout endurer.
+ Et puis comment, comment oublier
+ Sa beaute, sa beaute, son biendire?
+ Et son tres doux, tres doux regarder?
+ Mieux aime mon Martyre.=
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Kampf einer Leidenschaft.
+
+
+O Liebe! stürme nicht so sehr in meiner Brust, höre auf diese Adern
+zu durchwühlen, mächtigste der Leidenschaften! Verschone, o verschone
+dieses Herz! Hier, ja, hier fühle ich die wüthende Aufruhr: wie pocht
+es!
+
+Ihr Elemente, zur Bereinigung geschaffen, warum empöret ihr euch in
+mir? Ist dieß die harmonische Oekonomie, welche die Seele mit dem
+Körper führen sollte? Soll eine Hand die andere verletzen? Sollen
+gemeinschaftliche Theile sich von ihrer Bestimmung, von dem ganzen
+entfernen? Uebermüthige Knochen selbsten einander aufreiben, und durch
+die Raserey überflüssiger Gesundheit ihren eigenen Körper untergraben?
+Wenn kein schwarzer Trübsinn die Säfte stocket, sollen sie von
+jugendlichen Unsinn aufschwellen, und die Däme der Natur zerreißen?
+Soll ich ein kranker Philosoph, oder ein gesunder Thor seyn? Wer zeiget
+mir den Mittelweg? — Du o Tugend! mitten in seinem Kampfe wirft mein
+Geist noch einen schmachtenden Blick nach dir: rette, o rette ihn!
+
+Besänftige dich, tobendes Gemüth! Warum willst du mich, lieblose
+Leidenschaft, aus dem Geleise der Natur hinaus reißen? Vereinige dich
+mit der Tugend; wo nicht, so flieh, so flieh mich auf ewig.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Quelle des Unmuths.
+
+
+Flieht, flieht ihr melancholischen Schatten! soll nie ein Schimmer
+zufriedener Hoffnung durch meine finstere Seele dringen? Mein Blick
+mit schwerer Sehnsucht immerhin zu Boden sinken? Soll mein Gesicht
+sich stets in Wolken hüllen — nie lächeln? — Weg, weg schleichender,
+unwürdiger Trübsinn! — Dort im Thale, wo würbelnd, grüne Dunkelheiten
+das Aug mit angenehmen Phantasien täuschen, wo eine heimlich anziehende
+Kraft mich mir selbst, und meinem Grame entäußert; der Bäche leises
+Gemurmel, das sich labyrintisch unter Stauden verbirgt; der kunstlosen
+Sänger freyere Conzerte, und die rührenden Gemälde der Natur sollen
+dort den in sich geschrumpften Geist zur Heiterkeit öffnen, und durch
+die besänftigten Sinnen in das empörte Herz Frieden, und Erquickung
+flößen. Dort herrschet der edlen Einfalt glückliche Ruhe; Gesundheit
+träufelt von bethauten Früchten, und dustet aus dem ländlichen Boden;
+Genügsamkeit, und harmonische Freude sumset fern durch die Tiefe des
+Waldes. Die kleineren Geschöpfe, zu klein von Thoren gesehen, zu
+groß von Weisen begriffen zu werden, locken das junge, benachbarte
+Echo. Ueber Blumen gauckelnd oder über die leichten Spitzen des
+Grases, ruffen sie der mütterlichen Natur Dank zu, und ihrem Schöpfer
+verständig, frolocken ihre Sprachen durch die munteren Gefilde — und
+ich allein, o mich verworffenen! Ich soll durch schmachtenden Unmuth
+diese blühenden Triften entweihen? Wie, wann sich die Sonne den Blumen
+entzieht, die schüchterne Nacht den Boden schwärzet, so verfinstern
+meine trüben Blicke die jugendliche Röthe. Auf den Wangen Rosen, und im
+Herzen Dörner; unfühlbar gegen die stillen Reize der Schöpfung, soll
+ich so manchen Frühling ohne Genuß verblühen sehn? Nein! so tief soll
+mich mein Schicksal nicht beugen. Wenn schon die größere Welt mir ihre
+Freuden versaget, so seyd doch ihr, ihr Freuden der Schöpfung, Für alle
+Menschen geschaffen!
+
+Ruhig fließet der Bach durch den Rinnsal, der ihm in dem allgemeinen
+Plane der Schöpfung ausgezeichnet ist. Von wirthlichen Schatten
+umwölbt, erfrischet sein hellbrauner Grund das Auge des Wanderers, der
+sich in den Spiegel hinabneiget, sein frisches Naß in den lächzenden
+Gaumen zu schlürfen. Sanft gleitet er über Kiesel dahin, und tragt
+Blüthen, und Wohlgeruch auf seiner gekräuselten Silberfläche.
+
+So fließen die Tage des Weisen in stiller Genügsamkeit fort: dankbar
+nimmt er die Freuden mit sich, die ihm die wohlthätige Natur auf
+seinem Pfade darbeut; voll Sanftmuth und Liebe führet er seine nach
+Glücke dürstende Mitmenschen zu jener Quelle, aus welcher er itzund
+Zufriedenheit schöpfet, und von der sie so oft sich verirren; dadurch
+verdoppelt er sein Vergnügen, genießet, was er andern mittheilet, und
+ist glücklich. Der Thor feindet die Natur an, irret heißhungerig durch
+Rosengebüsche, und ritzt sich an Dörnern: tückische Leidenschaften
+verfinstern seine Seele; schleichen aufrührisch in das Geblüt, und
+ersticken daselbst die sanfteren Empfindungen.
+
+Mürrisches Geschöpf! sieh die Natur in ihrer zweckvollen Thätigkeit!
+wie willig jeder Theil an das Ganze sich schmieget! welche Richtigkeit
+in ihren Durchkreutzungen! welche Harmonie in ihrer Manigfaltigkeit!
+Soll diese, in allen übrigen eine weisheitsvolle Wohlthäterinn, gegen
+den Menschen allein Stiefmutter seyn? Willst du Kurzsichtiger, dich
+unter das Gestirn setzen, um über Elemente zu richten? Willst du dich
+erkühnen in den allerweisesten Plane der Schöpfung Verbesserungen
+vorzuschlagen? du, der du allein demselben entstehest! Reiße das
+Unkraut aus deinem Herzen; bringe deine Triebe in Richtigkeit, und
+versöhne dich mit der Natur — mit dir selbst. In dir ist die Quelle,
+aus welcher, wenn sie Eigensinn, und Stolz trübe gemacht, schwarze
+Galle, Unmuth, und Verzweiflung fließen. Deine trübe Seele sieht dann
+auf alles, was um sie ist, wie durch ein gefärbtes Glas. Dir lächelt
+der Frühling vergebens; dir düften die Blumen nicht mehr; dein Ohr
+ist jeder Harmonie verstopfet; du stampfest unwillig auf den Boden,
+und zerquetschest die schönsten Blumen, die sich sanft unter deine
+Füsse geschmieget. Armer Unglücklicher! wie ist dir zu helfen, da du
+mitten in den Scenen der Anmuth den eckeln Spröden spielest? Nimm
+deine Einbildungskraft zu Hülf, baue dir eine andere Welt, und sey
+glücklicher, als du hier seyn könntest — wenn du klug wärest.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Erinnerung an die Jahre der Unschuld.
+
+
+ Die Jahre sind vorbey geflossen,
+ Wo ich, ins Grüne hingegossen,
+ Voll heimlich süsser Trunkenheit
+ Empfindungen der Zärtlichkeit
+ In unerfahrner Unschuld träumte,
+ Wo meine ahnungsvolle Brust,
+ Von innen dunkel sich bewußt,
+ Entzückt in ländlich stiller Lust,
+ Nur Regungen der Liebe keimte.
+
+ * * * * *
+
+ Wie heiter irrten meine Blicke —
+ Noch ungestört durch das Geschicke,
+ Und nicht durch niedre Leidenschaft
+ Mit ungestüm dahin geraft —
+ Hin von des Berges halben Höhen,
+ Dem Feilchenthal, der Quelle hold
+ Die einsam über Kiesel rollt,
+ Der Sonne glänzend Morgengold,
+ Die Schätze der Natur zu sehen.
+
+ * * * * *
+
+ Noch eh des Urtheils Kräfte reiffen,
+ Die eigne Bosheit zu begreiffen;
+ Da, wo noch kein verbotnes Ach
+ Die stillen Freuden unterbrach;
+ Noch eh durch die verderbten Sinnen
+ Ich Zwist und Tücke, jene Spur
+ Des Fluchs, durch dich, O Welt! erfuhr,
+ Wie friedsam schien mir die Natur!
+ Wie offen waren meine Mienen!
+
+ * * * * *
+
+ Umschwebt von frohen Amoretten,
+ Lauscht ich in Florens Blumenbetten,
+ Auf junge Weste; sah am Bach
+ Den Spielen kleiner Wellen nach,
+ Durch Büsche schlüpft ich, gleich der Sonne,
+ Im Hayn mit leichten Füssen fort —
+ Oft stund ich plötzlich still: ein Ort
+ Von gäher Aussicht zeigte dort
+ Mir tausend Scenen voller Wonne.
+
+ * * * * *
+
+ Ich stund betäubt; im Antlitz glühte
+ Ein fremdes Feuer, das vom Geblüte
+ Sanft wallend stieg: ein Reiz zoh ihn,
+ Den truncknen Geist ins Tiefe hin.
+ Ich fühlte, ohne zu verstehen.
+ Ein Etwas, ein geheimer Zug
+ Bewog mein Herz, das stärker schlug;
+ Mein Aug konnt sich nicht satt genug
+ Die anmuthvolle Schöpfung sehen.
+
+ * * * * *
+
+ Ihr seyd dahin, ihr goldnen Stunden!
+ Nach euch hab ich nicht mehr empfunden,
+ Was Unschuld, jugendlicher Scherz,
+ Ein folgsam, unentweihtes Herz
+ Für Freuden aus der Schöpfung ziehet.
+ Ihr Fluren, wo der Frühling lacht!
+ Seitdem mich Ehrgeiz, Stolz und Pracht
+ Für eure Einfalt fühllos macht,
+ Ist euer Schmuck für mich verblühet.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Der Gottesacker.
+
+
+Hier ist also jener unfruchtbare Acker der Verwesung, wo der Saamen
+unzähliger Geschlechter ersticket, wo Menschen ins vorige Nichts
+zurück faulen. Hier liegt sie zerbrochen, die wunderbare Maschine, die
+von Allmacht gebaut und mit Unsterblichkeit belebt war. Hier modert
+im Staube der Staub, in dem ein Geist sich entwickelt, die Gottheit
+gedacht hat. Hier liegen die Bürger der glänzenden Welt, nun Bürger des
+dunklen Schattenreichs. Hier ist der Ruhepunkt irdischer Bestrebungen.
+Hieher, ihr Sterblichen! wo wollt ihr anders hinwandern als in den Tod!
+
+Hier ist der Sammelplatz, wohin das Verhängniß uns ausirrenden
+Pilgrimen die Loosung gegeben. Hier will ich der blassen Schwermuth
+zur Seite, unter zerschelten Gebeinen und verstümmelten Statuen,
+unter fatalen Gräbern herumwandeln; hier— kalt tritt das Geblüt in
+meinen Adern zurück, ein heimlicher Schauer schweret mich abwärts. — —
+Entsetzet euch nicht, baufällige Knochen, über die Ueberbleibsel eures
+Gleichen zu klettern! Feiger Körper, was bebst du zurück? Laßt mich
+verzärtelte Sinnen! laßt mich! hier will ich ganz Geist die Spuren des
+Verhängnißes tretten; steif will ich dem Tode ins Angesicht schauen.
+
+Zeige mir, despotischer Würger, zeige mir deine Eroberungen, die
+aufgethürmten Leichen, meine Mitmenschen; und empfang mich Sterblichen
+dann auch! wisse, du kömmst mir nicht unerwartet; lange schon hab ich
+dich gedacht; vertraut will ich in deine Arme sinken. Empfang mich
+hier in dem Vorgemach der Ewigkeit! hier haben meine Mitgefährten
+die gröberen Hüllen zurückgelassen, nachdem ihr entbundener Geist
+der düsteren Sphäre entflohen. Ich bin ein Mitglied dieser erblaßten
+Gesellschaft. Ich kenne deine Gewißheit; zeige mir deine Schreckniße!
+denn sieh, ich bebe nicht, ich will sie bewundern, und mit
+unerschrockener Ahnung in deine kalten Finsterniße hinab staunen.
+
+Oedes Thal der Verwelkung, wo zarte Sprößlinge frühzeitig geknücket,
+und verjährte Eichen aus den Wurzeln gerissen liegen, gleich einer
+winterlichen Einöde, durch welche ein reissender Sturmwind geheulet,
+oder ein feindliches Heer gestreifet hat. Die Natur wurde hier durch
+die verheerende Macht des Todes verfolget. Zeichen seines Lagers,
+nackte Kreutze hat er auf melancholischen Hügeln ausgestecket. Ein
+gottischer Kreuzgang, wo Fama in Leichenschleyer verhüllt, gegen die
+Krüfte hinab trauert, wirft ernste Schatten in die einsamen Ecke. Dürre
+Schedeln, zerspaltene Gerüppe, wie verdorrte ausgeweydete Eichen, die
+ein Donner zu Boden geschmettert, liegen in wilder Vermischung dahin
+geworffen. Ist daß die redliche Stirn meines Freundes? der edle Stolz
+seiner Mienen? Wo ist das gefühlvolle Lächlen meiner Geliebten? die
+glühende Unschuld auf ihren Wangen? Und welche Spuren finde ich jener
+frommen Verträulichkeit in den sanften Gesichtszügen meiner Schwester?
+Geliebte, Freunde, Geschwistert liegen in wüster Vereinigung, Meiner,
+Ihrer selbst unbewußt! die zärtliche Gattin, aus dem Schoose der
+stillen häußlichen Glückseligkeit gerissen, verweset nun mit ihrem
+nachgestorbenen Gatten in ungeseliger Fühllosigkeit: beyde vom Tode
+getrennet, vereiniget! alle gemißhandelt, entstellet!
+
+Das ist unser Loos, elende Menschen! Das war das ihrige! Nun ruhen
+sie hier in tiefes Schweigen verhüllet — sie ruhen, denn ihre Kämpfe
+sind vorbey; dieß sind noch die Spuren des menschlichen Elends; noch
+lese ich in denselben die Empörung der Natur! wie sie ihre ganze
+noch übrige Kraft aus dem Innersten zusammen gehollet, den lezten
+Seufzer von sich gestossen hat; noch seh ich die sich ohnmächtig
+regenden, dahin sterbenden Blicke — itzt — itzt fällt der Vorhang über
+diese verloschenen Lichter des Geistes, der sich aus seinem Kerker
+losgefesselt hat. Feyerliches Entsetzen, nächtlicher Tiefsinn dämmert
+in schwarzen Gemächern; bethränte, blasse Gesichter harren in stummer
+Entrüstung umher. Der Leichenglocke ächzender Sterbeton durchbebet
+die kalten Gewölber — Dort bringen sie ein Behältniß voll Erde, in
+welche der Schöpfer Unsterblichkeit blies, dort bringen sie ihn,
+den Abkömmling Adams, den Menschen, den Unsterblichen — den Todten.
+Seine Famillie, seine Freunde schleichen, wie gebeugte Phantomen, in
+finsterer Pracht einher; ihre Thränen bezeichnen den Pfad, der einst
+ihnen selbsten, der uns allen zu wandern verhängt ist.
+
+Fühlet euch, Menschen! der Tod wandelt in eurem Geblüte; jede Minute
+schlägt euer Puls Theile des Daseyns hinweck! Ihr lebet — ihr sterbet.
+Sehet hinab zu euren Füssen! in solch schaudervolle Höhlen werden
+eure aufgethürmten Anschläge, die tobenden Wünsche, eure irdischen
+Hoffnungen stürzen. Durchforschet mit denkenden Blicken dieß Eingeweyde
+der Erde, das mit Gebeine durchwühlt ist. Grausenvolle Verwüstung! wie
+ein durch Ueberschwemmung zerrissenes Gestad! Hier ruhen die Trümmer
+der erschütterten Menschheit! hier trauert die zerstörte Natur!
+
+Glieder, welche die Gesellschaft der Lebendigen verworffen, ein
+gleiches Loos zusammen gerafft hat, zerschleuderte Körper, von
+thätigen Geistern durch die Welt geschleppet, befördern sich durch
+gemeinschaftliche Faulniß ihre Vernichtung. Hier sind der brausenden
+Thätigkeit ewige Däme gesetzet; Berge von Leichen schwellen sich über
+diese Schranken der Natur; Millionen Geschlechter stürzen aus dem
+Wirbel der Welt in die Tiefe der Ewigkeit. — Ewigkeit! Zukunft! welche
+geheimnißvolle, glänzende Aussicht! welch ein Weg führet dahin? Ein
+Weg voll Nacht, die Auflösung der Natur: von Nichts ins Etwas, von der
+Zernichtung ins Unendliche — Mensch, welch ein Räthsel bist du dir?
+Du kommst aus dem Nichts, um in kurzen wieder zerstöret zu werden, du
+hörest auf, um ewig seyn zu können.
+
+Noch hauche ich Leben von mir, noch klopfet mein Puls, eine Hand kann
+die andere noch fühlen, noch blühet mein Gesicht, noch kann ich das
+blasse Antlitz des Todes betrachten — Bald wird man an mir des Todes
+Ebenbild schauen!— Schon fühle ich den kalten Schauer, der durch die
+Gräber fährt, in meinen Gebeinen. Aus einer ahnungsvollen Dunkelheit
+thauet auf meinen Geist Betäubung herab; kalte Todestropfen träufeln
+auf die Stirn, und meine Sinnen erstarren bey dem stummen Anblick des
+Verhängnißes. So sinket der Staub, der dich denket, in sich selbst
+zurück, tiefeste Vorsicht! So verliert sich der Geist in seiner
+eigenen Dunkelheit, wann er sich in übermenschliche Sphären waget! wie
+undurchdringlich sind deine Rathschlüße! wir verworren deine Wege! im
+scheuslichen Dunkel, unserer eigenen Schritte unbewust, wandern wir
+dem Tode entgegen. Wir taummeln im nächtlichen Sumpfe, und blinken
+liechtscheu in die Ferne der Zukunft; gaukelnde Schatten täuschen unser
+träummerisches Daseyn. Erst dort wissen wir, was wir hier gewesen,
+aber hier wissen wir nicht, was wir dort seyn werden. Blöd wähnen die
+Sinnen im Gesichtskreise des Gegenwärtigen herum, und die Phantasie
+schweifet ausser demselben im Raume: jene wähnen was wir sind; und
+diese träumet, was wir seyn werden. Zwischen Seyn und Werden tritt
+der Tod in die Mitte. Dieser sondert Gedanken vom Stoffe; reisset von
+der Seele die mummischen Lappen, und bauet seinen Triumph auf Nichts.
+Unumschränkt herrschet er hier im entvölkerten Gebiete; täglich mehret
+sich sein Reich mit ausgestorbenen Familien, alle Opfer seiner Wuth,
+die seinem Machtspruche gehuldiget. Geschöpfe von Gott, Glückseligkeit
+dürstende Geschöpfe, sie, denen Unendlichkeit gewiß, die Welt zu eng
+war, schrumpfen hier ins Nichts zusammen. Tiefsinnig schweigende
+Statuen, aus welchen das Verhängniß staunet, panegyrischer Marmor soll
+ihr faulendes Andenken versteinern; doch Jahrhunderte von Jahrhunderten
+verdrängt, wälzen sich in die Nacht der Vergessenheit zurück. Nichts
+bleibt übrig von dem, was vergehet (und alles vergeht) als leere Töne
+in die Luft gehauchet, als ein flüchtiges Gerücht, daß es nicht mehr
+ist; nichts überlebet den Tod, als ein todter Laut, ein röchelndes
+Echo der Natur, von den Klippen der Welt zurück geseufzet.
+
+Wer hienieden nach Wesenheit haschet, der greift Elemente, und wer
+Elemente festhalten will, der greift nach Nebel. Berge entwerfen
+in herbstliche Thäler nur einen welken Schatten von den verblüthen
+Schätzen des Frühlings. So mähet die Zeit um sich, bis der Tod selbst,
+über die angerichtete Verwüstung erstaunt, und durch seine eigene
+Kräfte aufgerieben, in die allgemeine Niederlage fällt; bis Berge und
+Klippen an einander stürzen, und die Welt, aus ihren Angeln gerissen,
+den Tod der ganzen Natur vollendet.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die philosophische Melancholie.
+
+
+ Die stille Schwermuth zeugt die
+ göttlichsten Gedanken;
+ Sie hebet unsern Geist aus seinen
+ engen Schranken:
+ Es herrscht ein sanfter Ernst auf
+ heiliger Weisheit Bahn,
+ Und zeiget uns den Weg zu bessern
+ Welten an.
+
+ Kronegk.
+
+Sanfte Melancholie! Tochter der Nacht, in ernsten Stunden gebohren, du
+höhere Wollust der Seele! bezaubre durch deine stille Umschattung den
+Geist; damit er, in holden Schlummer erhabener Empfindungen gewiegt,
+weit über den Staub sich in tiefer Betrachtung der Zukunft verliere.
+Flöße tröstendes Entzücken in das Gefühl der Unsterblichkeit: lehre
+mich denken, und staunen!
+
+Oeffne mir, ernste Weisheit! deinen heiligen Busen, und laß mich Labsal
+in mein schmilzendes Herz saugen! komm, Urania! keuscheste der Musen!
+laß mich müden von zeitlichen Ungemach in deine Arme sinken! fühle
+meine Brust: Liebe wallet in derselben, komm, und theile sie mit mir;
+dieses Feuer, das durch meine Adern eilet, brennet sonst in sich selbst
+zurück. Sey du, Tochter des Himmels! Der Gegenstand meiner Liebe, die
+Sterbliche verachten, oder verkennen! einer Liebe, die allzu enge
+eingeschlossen, ihr eigenes Behältniß verzehret.
+
+Dein sanfter Einfluß ist ein kühlender Thau am Morgen meines Lebens.
+
+Liebst du den Jüngling, der voll Ehrfurcht deine weisen Eingebungen
+aufhorcht; o so sey mir zu Seite! begeistre mich mit feyerlichen
+Tiefsinn! laß in erhabener Stille männliche Gedanken aus der Tiefe
+meiner Seele empor steigen, wie die Todten aus den Gräbern durch die
+Stimme der Ewigkeit gewecket! laß deinen rührenden Ernst die gekränkte
+Sehnsucht der menschlichen Natur in die Höhe lenken!
+
+Weisheit giebt uns unser Herz zurück, dessen Zärtlichkeit, durch
+heuchlerische Liebkosungen eines Scheinglückes gemißhandelt, endlich
+aufhöret, für die verrätherische Gegenwärtigkeit zu schmachten. Deine
+heilsame Trauer, tiefdenkende Melancholie! ist der Seele, was die
+Thränen dem Körper. Du schließest vor uns unser Innerstes auf, und
+schaffest der Betrübniß Ausgang. Die schweren Seufzer, die das Herz
+stossen, schütteln die Last von demselben, und der harte Stein, den
+das Verhängniß auf unsere Schwachheit gewälzet hat, schmilzt in sanfte
+Thränen, in welchen der Schmerz wegfließt. — Laß meine Seele über
+das Loos der Menschheit weinen! Wer reichet sonst dem von irdischen
+Tändeleyen betrogenen Geiste einen wichtigen Stoff, an dem er sich
+würdig entwickeln, und seine Unsterblichkeit denken kann? Wo findet er
+wider die Verfolgungen der gleißenden Laster eine Freystatt, als in der
+düsteren Grotte der Schwermuth, in der einsamen Betrachtung, in der
+stillen Hofnung eines künftigen, besseren Lebens?
+
+Statt prächtigen Kleinigkeiten nachzujagen, müde vom Kampfe des Lebens,
+sinket mein Geist in melancholischen Schlummer dahin, durchdenket die
+Tiefe der Ewigkeit — und alles wird Nacht in der Schöpfung; die ganze
+Natur schwärzet sich mit dem Schatten des Todes. Die Pracht der Erde,
+der Glanz der Welt verschwindet unter mir.
+
+Da ihr mich leider, lange genug getäuschet habt, da ich euren
+Unbestand, ihr zeitlichen Güter! einsehe; so will ich über euch hinweg,
+jenseits dieser Welt meine bethränten Blicke kehren; nicht mehr, nein,
+nicht mehr will ich mein Herz an euch heften: Euer blendender Schimmer
+ist verloschen; ihr seyd nun nakt, und bloß vor meinen Augen; die Welt
+hat den Putz ihrer Eitelkeit ausgezogen; öde und entstellt trauert die
+Natur. Wie schnell hat die wandernde Sonne diesem Abend wieder unseren
+Gesichtskreis verlassen! O unbefestigte Dauer irdischer Auftritte!
+Ich strecke voll Sehnsucht meine Arme aus, und will Gegenstände der
+Glückseligkeit, des Vergnügens und der Liebe umfassen; allein es faulet
+alles unter meinen Füßen weg; ich steh auf nichts als Gräbern, und
+greiffe nichts, als Zerstörung. Eh noch als dieser wohlthätige Baum,
+woran ich mein trauerndes Haupt stütze, sinket mein Körper in die
+finstere Erde hinab.
+
+Finsterniß und Tod ist hienieden; Liecht und Leben kömmt von oben: dort
+ist ewiger Tag. Nur einsame stille Funken der Hoffnung blinken aus der
+Zukunft herab, gleich jenen Edelgesteinen des Firmamentes, die von fern
+her in stiller Majestät glänzen, und derer hellere Gegend uns zeiget,
+daß wir im Dunkeln stehn.
+
+Verlassen, traurig und schüchtern irre ich in diesen Thälern herum. —
+Ihr furchtsamen Glieder! Stützet noch eine kurze Zeit diesen morschen
+Körper. Reiche mir deine Hand, O Vorsicht! damit ich auf dem Pfade des
+Todes tröstlich dort hinüberschreiten möge, wo meine Seele, entkleidet
+von allem, was trüglich und eitel ist, in ihr glückseliges Vaterland
+aufgenommen wird. Was Geist ist, kann sie nun, durch diese Hülle
+verfinstert, nicht sehen; dort wird sie sich selbst, dort wird ihr die
+Gottheit sichtbar, in deren Vereinigung das Liecht der Wahrheit als der
+Morgenstern ewiger Glückseligkeit aufgehet.
+
+Vergebens suche ich hier unter Täuschung, und Nacht den Gegenstand
+meiner Liebe. Oben ist er: auf, meine Seele! laß die heiße Flamme in
+dir zur Gottheit hinauf lodern; sie ist der würdigste, und erhabenste
+Gegenstand, von dessen Herrlichkeit nur ein dunkler Wiederschein in der
+Natur verborgen schwebet. Ihr Vorwürfe der menschlichen Begierden, ihr
+sollt meine Seele nicht mehr fesseln; ich will euch schon itzt, eh ich
+muß, entbehren lernen: in euer Hinfälligkeit will ich die untrügsame
+Zukunft ausspüren, und dich, o Unsterblichkeit, dich, o Ewigkeit!
+denken.
+
+Die du mit dem schwarzen Schleyer der Finsterniß die ganze Natur
+umhüllest, und die gewesenen Gegenstände des Schimmers zu Monumente
+des Schröcken machest — öde Nacht! begünstige meinen Gesang! fülle
+mit deinen bedeutenden Bildern die Einbildung; damit mein Geist die
+schweigenden Spuren der Allmacht in stummer Geschäftigkeit durchstaune;
+damit er, wann der Leib mit den Sinnen zur trunknen Vergessenheit dahin
+starret, in den mystischen Tiefen der mitternächtlichen Dämmerung
+herum schwebe, und unter heilige Phantasien versenket, in süsse
+Schwermuth zerfließe — jene weise, erhabene Schwermuth, welche der
+Selbstgenügsamkeit des leichtsinnigen Thoren ewig ungefühlt bleibet.
+
+Dein schwarzer Pinsel male mir an allem, was stolz und Eitelkeit über
+den Staub empor gethürmet hat, und was einst der Schutt seiner eigenen
+Nichtigkeit seyn wird — finstere Gräber; damit ich, mit dem Tode
+vertraut, nur vor einem unheiligen Leben erbebe.
+
+Ihr schaudernden Thäler, voll melancholischer Krümungen! Ihr dürren
+Anger, wo schwarze, in Finsterniß zerflossene Bäume auf einsamen
+Hügeln trauern, wie auf Gräbern, wo ächzende Phatomen sitzen! und ihr
+ausgestorbenen Gründe, voll staunenden Ernstes! seyd mir ein dunkler
+Abriß des Todes!
+
+Wie dort die Eiche mit sich verlängernder Dunkelheit einsam empor
+raget, so steh ich itzt, durch Betäubung versteinert, auf dem verödeten
+Schauplatze der Natur. Rings um mich her tritt stille Erwartung und
+einsamer Schrecken auf; Ernst und Schauder schwängern die Finsterniß;
+und Hügel und Thäler verwildern vor meinen Blicken. Drohend strecken
+die Tannen ihre schwarzen Aeste aus, wie Schatten von Risen, die mit
+wüthenden Armen den Aether zerreißen. Die Zotten des wüsten Gestades
+hangen in den räuberischen Fluß, der mit tückischen Murren den Boden
+naget, und zwischen schlangenhaarichten Felbern in unwirthbare Haine
+hinein wühlt.
+
+Schattengebirge reichen dort bis an das gestirnte Vorgebäude der
+Seeligkeit. In stiller Sehnsucht irret mein Geist in denselben, und
+dringt ins Ewige. Trächtige Heere zerrissener Wolken steigen über den
+Horizont, wie ungeheure Felsenstücke, in prächtiger Unordnung herauf.
+Ein schwarzes Chaos scheinet die donnerschwangeren Lasten aus Nacht
+und Grauen hervor zu drängen. Fürchterlich herrlich wälzen sie sich im
+endlosen Raume, und Gottheit ists, die majestätisch unter den Wolken
+hervor drohet. Schüchtern verbergen sich Weste zwischen zitternde
+Laube. Unter ihrem leisen Gemurmel schlummert furchtsam das Echo im
+starrenden Haine, und mit heiligen Schauer unterreden sich Schatten
+in einsamen Thälern von der Gottheit. Himmel und Erde verkündigen
+Allmacht; die ganze Natur ist schüchtern, und feyert ehrfurchtsvoll dem
+Ewigen. Ewigkeit! — Gottheit! — Angebettete Geheimniße! — Ich fühle —
+ich bewundere — ich staune! heilige Ahnungen durchströmmen mein Blut;
+der Geist wallet unruhig durch dasselbe, er suchet Ausgang; meine Brust
+athmet stärker, Begeisterung reißt mich dahin — Schwacher Sterblicher!
+dein Körper hält dich zurück: gefesselt an das Loos der Menschheit,
+eilet der Geist umsonst zu seiner Aufklärung. Begnüge dich mit der
+Hoffnung, bald auf den Wink des Beherrschers der Schicksale da oben
+zu schweben, woher ein stiller Einfluß schon dich ganz zu berauschen
+vermag. Begnüge dich, überirdische Seele, mit ihrem Vorgeschmack!
+einst — bezaubernder Gedanken! einst wirst du sie — die ganze
+Seeligkeit trinken.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Mitternacht.
+
+
+ Welch tiefen Ernst verbreiten
+ Die einsam stillen Dunkelheiten!
+ In Schlummer, Furcht und Nacht
+ Liegt nun das Irdische verhüllet;
+ Von bessrer Hoffnung angefüllet,
+ Ist nun mein Geist erwacht.
+
+ * * * * *
+
+ Ich kann in höhern Sphären
+ Itzt reinre Harmonien hören,
+ Da alles horcht und denkt,
+ Da das Gepolter reicher Thoren,
+ Die Pracht der Höfe Aug und Ohren
+ Itzt nicht mehr abwärts lenkt.
+
+ * * * * *
+
+ Der Städte stolz Getümmel
+ Steigt nicht mehr frech bis zu dem Himmel
+ Mit ihrem Staub empor.
+ Ein stiller Ernst, ein drohender Schatten
+ Bedeckt die unverschämten Thaten
+ Mit einem schwarzen Flor.
+
+ * * * * *
+
+ Es staunt in dunkeln Bildern,
+ Und einer Gottheit Spuren schildern
+ Bey blassen Schimmer sich.
+ Tiefsinnig schwillt von ihrer Fülle
+ Die ganze Schöpfung; schüchtern, stille
+ Feyert die Natur um mich.
+
+ * * * * *
+
+ Zum Wunder dieser Erden
+ Stellt des Gestirnes feurge Heerden
+ Der Himmel schaarweis aus;
+ Dem Aug, von heilger Ahnung trunken,
+ Wallt Gottesblick aus jedem Funken
+ Geheimnißvoll heraus.
+
+ * * * * *
+
+ In unermeßnen Höhen
+ Der Frommen Zukunft auszuspähen,
+ Erweitert sich mein Geist;
+ Prophetischer Trost hat mich entzücket,
+ Da ich des Himmels Bau erblicket,
+ Der so viel Wunder weist.
+
+ * * * * *
+
+ Voll von geheimen Trieben
+ Schwillt itzt, was Grosses auszuüben,
+ Unruhig meine Brust;
+ Geschwinder wallet jeder Tropfen
+ Des Bluts, mir macht ein innres Klopfen
+ Unsterblichkeit bewußt.
+
+ * * * * *
+
+ Es lodern reine Flammen
+ In mir, die von der Gottheit stammen,
+ Zur Ewigkeit hinauf.
+ Entbrannt vom höhern Gegenstande,
+ Zerreißt der Geist die irdischen Bande,
+ Und flieht zum Ursprung auf.
+
+ * * * * *
+
+ Voll feurigem Entzücken,
+ Seh ich itzt mit erhabnen Blicken
+ Ins Buch der Ewigkeit.
+ Erhabnster Geist, der alle Geister
+ Aus Nichts schuf, unerschaffner Meister,
+ Dein Pfad ist Herrlichkeit!
+
+ * * * * *
+
+ Das Größte in den Dingen
+ Weißt du aus Nichts hervor zu bringen,
+ Unendlich mächtiger Geist!
+ Das Kleinste unter deinen Werken
+ Kann uns viel tausendmal bestärken,
+ Daß du das größte seyst.
+
+ * * * * *
+
+ Ihr, von euch selbst verführet,
+ Die ihr im Staube euch verlieret,
+ Verkennt nicht euren Gott!
+ Seht ihn in Allmacht eingehüllet,
+ Seht, wie mit Donner angefüllet,
+ Euch jede Wolke droht.
+
+ * * * * *
+
+ Er straft — an jedem Orte
+ Herrscht Beben; Donner sind die Worte;
+ Sein Wink stürze Welten um:
+ Er droht — und die Natur erzittert,
+ Das Meer schäumt Wuth, die Erde splittert.
+ Er winkt — Erd, Meer wird stumm.
+
+ * * * * *
+
+ Gott! unbegriffner Namen!
+ Dein Ursprung heißt: von Niemand stammen.
+ Dein End: unendlich seyn.
+ Dein Thun: auf Wunder Wunder häufen.
+ Du bists, den Niemand kann begreifen,
+ Als Gott, als du allein!
+
+ * * * * *
+
+ O Herr! durch deine Größe
+ Seh ich beschämt itzt meine Blöße.
+ Kurzsichtiger Verstand!
+ Ein Nichts will Gott, will Alles deuten,
+ Ein Sterblicher Unsterblichkeiten,
+ Ein Wurm, verhüllt in Sand!
+
+ * * * * *
+
+ Hier, wo durch Wahn verführet,
+ Die Seel im Schutt des Eiteln irret,
+ Und mit dem Stoffe ringt,
+ Und, selbst geblendet von dem Schimmer
+ Des Lichts, nie in die Heiligthümer
+ Des Ueberirdischen dringt,
+
+ * * * * *
+
+ Wo sie sich selbst nicht kennet,
+ Ach! Hier ist es ihr nicht vergönnet,
+ Den Himmel auszuspähn.
+ Erlaube, von den Seligkeiten
+ In unerfahrnen Trunkenheiten
+ Das Aussenwerk zu sehn!
+ Erlaub demüthgen Blicken,
+ Daß sie mit heiligem Entzücken
+ Hinschmachten zu der Höh,
+ Wo nach der Nacht im ewigen Liechte
+ Ich einst mit hellerem Gesichte
+ Ganz deine Wunder seh.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Seele an ihren schlaffenden Leib.
+
+
+Ruhe sanft, unaufgeklärter Gefährte dieses schwächeren Lebens! ruhe sie
+durch diese dunkleren Stunden des Daseyns! erholle dich — vielleicht
+zum letztenmal — im finsteren irdischen Thale. Lebe sie durch diese
+todten Stunden der Nächte, bis mir und dir vergönnet seyn wird, in
+den heiteren Gefilden des ewigen Frühlings zu wandeln. Erholle dich,
+müder Fremdling! denn mit anbrechendem Tage sollst du wieder deine
+beschwerliche Reise fortsetzen. Unsicher ist diese Herberg hienieden,
+und kurz die Erquickung; aber sey getröstet, bald wirst du von allem
+Ungemach — im sicheren Grabe ausruhen.
+
+Und du, aufrührisches Herz! klopfe nicht so, und wecke durch deine
+Begierden den schlaffenden Wanderer nicht! —Noch stosset die Brust
+halbe Seufzer hervor. Da die Natur in nächtlicher Todesstille
+schlummert, da die Sinnen betäubt, und die Glieder unthätig liegen,
+noch itzt wachet der Schmerz, und drücket dem Jüngling Thränen aus. Sie
+starren auf seinem Antlitz, und benarben die glühenden Wangen. Das Loos
+des Menschen beängstiget mit melancholischen Bildern die Phantasie,
+und trauert auf den erstorbenen Mienen. Unglücklicher Sterblicher! nur
+durch die Unsterblichkeit glücklich, laß die Hofnung der Zukunft dein
+Gesicht erheitern! — versieget, oder eilet flüchtiger über die rötheren
+Wangen: euch hat sie noch nicht das Alter ausgefurchet, kein blasser
+Neid, kein schwarzes Gewissen gehöhlet! — doch nein, fließet, ihr
+sanften Thränen! ihr seyd Zeugen der Ungenügsamkeit an dem Irdischen:
+— keine Thränen des Weichlings, Thränen der Unsterblichkeit sind sie;
+diese hoffende Sehnsucht schwimmt in ihrem halb verschlossenen Liechte.
+
+Die Handvoll Erde, hier liegt sie, und trauert um ihren Liebling, den
+Tag, indessen ich, meiner Würde bewußt, über Wolken dahin schwimme,
+Triebe der Unsterblichkeit aus erhabneren Sphären sammle, und sie
+mitleidig auf den weichen, mit Unkraut bewachsenen Boden des Herzens
+verpflanze.
+
+Täusche nicht, schwarzer Morpheus! Die Einbildungskraft mit über
+Schatten dahin gauckelnden Tändeleyen der Höfe! täusche sie nicht mit
+auf Sand gebauten Schlößern zeitlicher Glückseligkeit! denn sie werden
+wie Träume vor den aufgeklärten Stralen der Zukunft verschwinden: so
+wird die noch hinter den Bergen glimmende Morgensonne anbrechen; die
+Nacht und ihre düsteren Kinder, die Nebeln siegreich zerstreuen; über
+die Welt mit vollem Glanze herschen, und der ganzen schmachtenden Natur
+neues Leben, und Herrlichkeit mittheilen.
+
+ Schon hat die Nacht
+ Ihr trauriges Gefieder
+ Zum leztenmale geschüttelt,
+ schon schmilzt sie hinter die Berge
+ Dämpfend zurück
+ In den Abgrund des Undings;
+
+ Denn itzund droht
+ Das Liecht den Finsternissen.
+ Es schlief der Aether im Nebel;
+ Er wacht. Schon schwimmet in Wolken
+ Milderes Weiß,
+ Das allmählich erröthet.
+
+ Schon brennt er dort
+ Mit rothgestreiften Stralen,
+ Der Phönix, zwischen den Bergen
+ Im goldnen Neste herüber:
+ Hofnung glänzt so
+ Aus der seligen Zukunft.
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Die Ruhe.
+
+
+Du Freude, und ihr ruhigen Tage, wo seyd ihr? in der Kindheit, in der
+Jugend, oder im Alter? Unvermögen lallet aus dem Kinde; sein Gefühl
+— oder wie nenn ich die Gährung emprionischer Säfte? — gleichet dem
+Chaos, mit dem es vor kurzen noch rang: kaum ist man als Kind seiner
+selbst sich bewußt. Als Jüngling ganz Gefühl, aber unreif zur Wahl und
+Mäßigung. Im kalten Alter, des Genußes der Güter unfähiger, weis man
+die Regeln des Lebens — und stirbt.
+
+So brausen die Tage des Menschen in rastloser Bestrebung nach Ruhe
+vorüber! nur im kalten Schoose des Todes trocknen die Schweistropfen
+unserer Müseligkeit. Wären wir hier ruhig, so könnten wir nicht
+unsterbliche Seelen haben. Soll ein unauflöslicher Geist an
+Gegenständen der Vernichtung, sollen mit der Gottheit vertraute
+Geschöpfe, mit dem Vieh sinnlich an dem Gegenwärtigen kleben? Zur
+Unendlichkeit überlodernde Flammen, können sie im Schlamme des
+Zeitlichen verlöschen? Zu sehr sind wir für eine Ewigkeit geschaffen,
+als daß ein Etwas von so mystischem Selbstgefühle, fähig bis zur
+Gottheit hinauf zu denken, hienieden sich sättige.
+
+Ruhe auf der Reise zur Glückselligkeit entehret den Wanderer. Geduld
+ist seine Zufriedenheit und Hofnung sein Genuß. Dann erst wann er
+seine Laufbahn vollendet, die Wüste des Lebens durchgewandert hat,
+in jenen seligen Gefilden wird sein heisser Durst nach Vergnügen die
+ächte Quelle finden. Aus jener Urquelle aller seligen Freude wird er
+seine eigene schöpfen; aber ihr reiner Ausfluß verirret sich nicht
+zur trüben Erde herab, und irdische Gefässe fassen ihn nicht. Das
+Behältniß unserer Empfindsamkeit, der Wohnsitz der Seele ist von einer
+Handvoll gebrechlicher Erde gebildet; die äussere Form ist Schatten
+und Liecht, das Innere hinfälliger Staub, ohne Festigkeit, ohne Dauer.
+Hier drähet sich alles unter der Sonne in unruhigen Wirbel herum, und
+reibet sich auf. Hier ist Zerrüttung, Unsicherheit, Zusammenstoß und
+Wechsel der Dinge, ein beständiger Tod der Materie, der eine Minute
+nach der andern unser Daseyn auslöschet. Ein Abend sieht stets auf
+die verflossenen Zerstreuungen des Tages mit müder Gleichgiltigkeit
+zurück, und jede Periode des Menschenalters entdecket neuen Betrug in
+unseren Vergnügungen. Die Zeit entehret ihr eigenes Andenken, wenn sie
+sich nicht über sich selbst hinaus setzet; zeitliche Geschäfte und
+Ergötzungen bekommen erst ihren Werth von der Ewigkeit, erst dadurch,
+daß sie nicht augenblickliche Lust, nicht Täuschung und Possen; sondern
+unvergängliche Wahrheit, Weisheit und Tugend zum Grund haben. Alles,
+was in der Zeit nur für die Zeit geschieht, führet heimlichen Eckel,
+und Reue nach sich. Diese Zeit, in die sich der unsterbliche Geist zu
+seiner Erniedrigung einschränken muß, machet uns das Bedürfniß der
+Ewigkeit fühlen; in ihr beunruhigen wir uns über die Unvollkommenheit
+dessen, was hienieden ist, so sehr, als wir selbsten nicht vollkommen
+sind. Vollkommene Ruhe ist nicht das Loos der Menschen! — Menschen
+ruhig? nein, wir müßten entweder ganz Seele, mit Engeln Seligkeit
+athmen; oder ganz Körper seyn, mit dem Wurme genügsam über den Staub zu
+herrschen.
+
+Stärke mich, o Vorsicht, noch eine kurze Zeit auf dem Wege zur
+Ewigkeit! stärke mich durch Hofnung und Gedult! Ihr Menschen, unter
+denen ich gelebet, und so oft gefehlet habe, vergebet, daß ich euch
+beleidiget — vielleicht oft durch Liebe beleidiget habe! hasset mich
+darum nicht! vergönnet mir, ihr Brüder! den Frieden unter euch! seht,
+wenige Schritte, und dann bin ich am ausgesteckten Ziele — am Grabe.
+
+Dort finde ich dich, sehnlich gewünschte Ruhe, in jener heiligen
+Stille, welche die öden Gefilde der Verwesung durchschauert! und
+du, ernste Freude! Wonne der Zukunft, nach der ich so oft in heilig
+melancholischen Tiefsinn geschmachtet, du steigst mir jenseits des
+Grabes als eine ewige Morgensonne herauf. Nun ist er mit Kothe
+verschwistert, dort wird er, der befremdete Geist, den Klumpen von sich
+streifen, und über die Gränzen der gebrechlichen Natur hinaustretten;
+dort werde ich aufhören, ihr gebrechlicher Theil — ein Mensch zu seyn.
+
+In meiner Leiche werden vielleicht, schmeichelhafter Gedanken!
+redliche Freunde — den Freund, den Redlichen beweinen. Ein heiliger,
+ahnungsvoller Schauer wird dann meine zurückgelassenen Reisegefährten
+anhalten, wenn sie bey meinem Leichensteine vorüberwandernd, diesen
+Machtspruch des Verhängnisses eingeätzet finden.
+
+ +Er ist todt, euer Freund, mit dessen Hofnung zu leben ihr erst
+ kurz die eurige vertauschet hättet. Verweilet, und betrachtet
+ die wenigen Ueberbleibsel! erkennet in ihm euer Loos, in dem
+ durchlöcherten Gerüppe! des Todes unerbittliche Pfeile wütheten
+ durch alle Gebeine. Entfleischet liegen sie da, die Grundsäulen
+ der menschlichen Maschine, die Stützen des Lebens, die verwäisten
+ Knochen; wie die rindlosen Wurzeln sich in der wüsten Einöde
+ zwischen Moder und Faulniß dahin strecken. Er ist todt, euer
+ Freund, und hat im Grabe die Ruhe gefunden, — die ihm kein Alter,
+ die ihm eine Welt nicht gegönnet.+
+
+[Illustration]
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78383 ***