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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:30:27 -0700 |
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If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this eBook. + +Title: Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzählung + +Author: Johanna Spyri + +Release Date: April 1, 2005 [eBook #7888] +Last Updated: October 5, 2023 + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: Delphine Lettau and Mike Pullen + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WISELIS WEG GEFUNDEN WIRD +ERZÄHLUNG *** + + + + +Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzählung + +Johanna Spyri + + + + +1. Kapitel +(Auf dem Schlittenweg) + + +Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einem Berghang. +Ich kann hier nicht sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig +beschreiben. Wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. +Oben auf der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, +voll schöner Blumen von allen Arten. Das gehört dem Oberst Ritter +und heißt Auf dem Hang. Von da geht es hinunter. Dann stehen auf +einem kleinen, ebenen Platz die Kirche und daneben das Pfarrhaus. +Dort hat die Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre fröhliche +Kindheit verlebt. + +Etwas weiter unten kommen das Schulhaus und noch einige Häuser, und +dann steht links am Weg noch ein Häuschen ganz allein. Davor liegt +auch ein Gärtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein +paar Resedastöckchen, daneben aber sind Beete mit Zichorien und +Spinat bepflanzt, mit einer niederen Hecke von +Johannisbeersträuchern umgeben. Alles ist da immer in bester +Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg wieder bergab +den ganzen langen Hang hinunter bis auf die große Straße, die an +der Aare entlang ins Land hinausführt. + +Dieser ganze lange Hang bildete zur Winterszeit den herrlichsten +Schlittenweg, der weit und breit zu finden war. Zehn Minuten lang +konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen. +Denn war man vom Haus des Obersten an bei diesem ersten, steilen +Absatz einmal recht in Fahrt gekommen, so gingen die Schlitten +vorwärts ohne Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestraße. + +Diese unvergleichliche Schlittenbahn machte auch das Lebensglück +einer großen Schar von Kindern aus, die alle, sobald nur die alte +Schulstubentür sich öffnete, herausstürzten, ihre Schlitten vom +Haufen rissen, den sie im Vorhof bildeten, und mit Windeseile zum +Schlittenweg rannten, wo die Stunden verflogen, man wußte nicht, +wie. Denn unten am Berg war man immer so schnell und beim +Hinaufsteigen dachte man so eifrig ans nächste Hinunterfahren, daß +man rasch wieder oben war. + +So brach immer zum großen Schrecken der Kinder die Nacht viel zu +früh herein, denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen +mußten. Da folgte dann gewöhnlich noch ein ziemlich stürmisches +Ende, denn da wollte man schnell noch einmal fahren und dann noch +einmal und dann nur noch ein einziges Mal. Und so mußte dann alles +noch in größter Eile zugehen, das Aufsitzen und das Abfahren und +wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da war auch ein Gesetz +errichtet worden, daß keiner hinunterfahren sollte, während die +anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle abfahren +und miteinander alle zurückkehren, damit kein Gedränge und +Schlittenverwickelungen entstehen könnten. Manchmal aber gab es +doch allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen +drangvollen Schlußfahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa +noch zu kurz kommen wollte. + +So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die +Schlittenbahn laut knisterte unter den Füßen der Kinder und der +Schnee nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte +darauf fahren können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber +waren alle glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im +angestrengten Lauf den ganzen Berg hinaufgelaufen und hatten ihre +Schlitten nachgezogen. Und nun wurden die Schlitten rasch gewendet, +die Kinder stürzten sich darauf, denn es hatte Eile. Drüben stand +schon hell der Mond am Himmel, und die Betglocke hatte auch schon +geläutet. + +Die Buben hatten aber alle gerufen: “Noch einmal! Noch einmal!” +Und die Mädchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es +eine Verwirrung und einen großen Lärm. Drei Buben wollten durchaus +auf demselben Platz mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte +auch nur einen Zentimeter zurückweichen und später abfahren. So +drückten sie einander auf die Seite hin, und der breite Chäppi +wurde von den beiden anderen so gegen den Rand des Weges hin +gestoßen, daß er ganz in den Schnee hineinsank mit seinem schweren +Schlitten und fühlte, daß er unter ihm stecken blieb. + +Eine große Wut ergriff ihn bei dem Gedanken, daß die anderen nun +abfahren würden. Er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf ein +kleines, schmales Mädchen, das neben ihm im Schnee stand. Es war +ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schürze gewickelt, um es +wärmer zu haben. Aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen +dünnen Körperchen. Das schien dem Chäppi ein passendes Wesen zu +sein um seine Wut daran auszulassen. + +“Kannst du einem nicht aus dem Weg gehen, du lumpiges Ding? Du +brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen +Schlitten. Wart nur, ich will dir schon aus dem Weg helfen.” Damit +stieß der Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kind +eine Schneewolke entgegenzuwerfen. + +Es floh zurück, so daß es bis an die Knie in den Schnee sank, und +sagte schüchtern: “Ich wollte nur zusehen.” + +Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee, als +ihn von hinten eine so erschütternde Ohrfeige traf, daß er fast vom +Schlitten fiel. “Wart du!” rief er außer sich vor Erbitterung, +denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte. Mit +geballter Hand drehte er sich um, seinen Feind zu treffen. + +Da stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zum +Abfahren zurecht gestellt. Er schaute nun ganz ruhig auf den +Chäppi nieder und sagte: “Probier’s!” Es war Chäppis Klassengenosse, +der elfjährige Otto Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine +Meinungsverschiedenheiten auszutragen hatte. Otto war ein +schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so breit wie der +Chäppi. Aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren, daß Otto +eine merkwürdige Gewandtheit in Händen und Füßen besaß, gegen die +der Chäppi sich nicht zu helfen wußte. + +Er schlug nicht zu, aber die geballte Hand hielt er immer noch hoch, +und wuterfüllt rief er: “Laß du mich gehen, ich habe nichts mit +dir zu tun!” + +“Aber ich mit dir”, entgegnete Otto kriegerisch. “Was brauchst du +das Wiseli dorthinein zu jagen und es noch mit Schnee zu +überschütten? Ich habe es gesehen, du Feigling. Fällt über ein +kleines Kind her, das sich nicht wehren kann!” Damit kehrte er +verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte sich dem Schneefeld zu, +wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte. “Komm heraus +aus dem Schnee, Wiseli”, sagte Otto mit Beschützermiene. “Siehst +du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen +Schlitten, und hast du nur zusehen müssen? Da, nimm meinen und +fahr einmal hinunter, schnell, siehst du, da fahren sie schon.” + +Das bleiche, schüchterne Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. +Zwei-, dreimal hatte es zugeschaut, wie eines nach dem andern auf +seinem Schlitten saß, und gedacht: Wenn ich nur ein einziges Mal +ganz hinten aufsitzen dürfte. Nun sollte es allein hinunterfahren +dürfen und dazu auf dem allerschönsten Schlitten mit dem Löwenkopf +vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht und hoch +mit Eisen beschlagen war. + +Vor lauter Glück stand Wiseli ganz unschlüssig da und schaute nach +dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu prügeln gedenke zur Strafe +für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz abgekühlt da, so als wäre +gar nichts geschehen. Und Otto stand so schutzverheißend daneben, +daß das Wiseli seinen Mut zusammennahm, um sein Glück zu erfassen. +Es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da nun Otto +mahnte: “Schnell, Wiseli, fahr ab”, so gehorchte es, und hinunter +ging’s wie vom Wind getragen. + +In der kürzesten Zeit hörte Otto die ganze Gesellschaft wieder +herankeuchen, und er rief der Kleinen entgegen: “Wiseli, bleib +unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu! +Nachher müssen wir gehen.” Das glückliche Wiseli setzte sich noch +einmal hin und genoß noch einmal die langersehnte Freude. Dann +brachte es den Schlitten zurück und dankte ganz schüchtern seinem +Wohltäter und rannte eilig davon. + +Otto fühlte sich sehr befriedigt. “Wo ist das Miezi?” rief er in +die Gesellschaft hinein, die sich allmählich zerstreute. + +“Da ist es”, ertönte eine fröhliche Kinderstimme, und aus dem +Knäuel heraus trat ein rundes, kleines Mädchen, das der Bruder Otto +als kräftiger Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm zum +väterlichen Haus lief. Denn es war heute spät geworden. Die +erlaubte Zeit des Schlittenfahrens war lange überschritten. + + + + +2. Kapitel +(Daheim, wo’s gut ist) + + +Als Otto und seine Schwester durch den langen, steinernen Hausflur +hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr +Licht in die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. +“So, endlich!” sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. “Die +Mutter hat schon nach euch gefragt, aber da war kein Bein zu sehen. +Und acht Uhr hat’s geschlagen--vor wer weiß wie langer Zeit.” Die +alte Trine war schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter +der beiden Kinder zur Welt kam. So hatte sie große Rechte im Haus +und fühlte sich durchaus als Familienmitglied, eigentlich als +Oberhaupt, denn an Alter und Erfahrung war sie die erste. Die alte +Trine war vernarrt in beide Kinder ihrer Herrschaft und sehr stolz +auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften. Das ließ sie aber nicht +merken, sondern sprach immer in entrüstetem Ton mit ihnen, denn das +fand sie erzieherisch. + +“Schuhe aus, Pantoffeln an!” rief sie jetzt. Der Befehl wurde aber +gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort kniete sie vor +Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, und zog +ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand inzwischen +mitten in der Stube und rührte sich nicht, was sonst nicht ihre Art +war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein paarmal +hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen sollte auf +dem Sessel sitzen. Aber es stand noch auf demselben Platz. + +“Nun, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann trocknen die +Schuhe von selbst”, sagte die Trine. + +“Pst! pst! Trine, ich habe etwas gehört. Wer ist in der großen +Stube?” fragte Miezchen und hob den Zeigefinger. + +“Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht hinein. +Jetzt setz dich”, mahnte Trine. + +Aber anstatt zu sitzen, sprang Miezchen hoch und rief: “Jetzt habe +ich’s wieder gehört, so lacht der Onkel Max.” + +“Was?” schrie Otto und war mit einem Satz bei der Tür. + +“Wart! wart!” schrie Miezchen nach und wollte gleich mit zur Tür +hinaus. Aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den Stuhl gesetzt, +die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den zappelnden +Füßchen. Doch gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen zur Tür +hinaus und hinüber in die große Stube und direkt auf den Onkel Max +los, der richtig dort im Lehnstuhl saß. + +Da war nun ein großer Freudenlärm und ein Grüßen und ein +Willkommenrufen in allen Tönen, und in das Lachen der Kinder +stimmte der Onkel Max mit ein. Es dauerte einige Zeit, bis sich +der Tumult etwas gelegt hatte und die Festfreude einen ruhigen +Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder war der Besuch des +Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der Onkel Max war ihr +besonderer Freund. Er war fast immer auf Reisen und kam nur alle +paar Monate einmal zu Besuch. Dann gab er sich aber mit den +Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an. Und was er für +wunderbar herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das +war mit nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig +und zauberhaft. Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in +allen Winkeln der Erde umher. Und aus jedem brachte er etwas +Eigentümliches mit. + +Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum, und die +dampfende Schüssel brachte völlige Besänftigung in die aufgeregten +Gemüter. Denn von der Schlittenbahn wurde immer ein richtiger +Appetit mitgebracht. “So”, sagte der Papa und blickte über den +Tisch hinüber, wo an der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig +arbeitete. “So, so, heute hat also das Miezchen keine Hand für +seinen Papa, noch habe ich keinen Gruß bekommen. Und jetzt ist +keine Zeit mehr dazu.” + +Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und +sagte: “Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Absicht getan, und +jetzt will ich gleich...” Und damit stieß sie mit großer +Anstrengung den Sessel zurück. + +Aber der Papa rief: “Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestörung! Da +gib die Hand über den Tisch hin, das übrige wollen wir dann +nachholen. So ist’s recht, Miezchen.” + +“Wie hat man eigentlich das Kind getauft, Marie? Ich war zwar auch +dabei, aber ich habe keine Ahnung, welcher Name in der Kirche +ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?” sagte der Onkel lachend. + +“Du warst wirklich dabei, Max”, entgegnete seine Schwester, “da du +der Pate des Kindes bist. Es erhielt damals den Namen Marie. Sein +Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den Namen noch recht +unnütz vervielfältigt.” + +“O nein, Mama, wirklich nicht unnütz”, rief Otto ernsthaft. +“Siehst du, Onkel, das geht nach ganz bestimmten Regeln. Wenn das +kleine Ding ordentlich und sanftmütig ist, dann nenne ich es +Miezchen. Das geschieht aber selten, und im gewöhnlichen Leben +nenne ich es daher Miezi. Wird es aber böse, dann sieht es ganz +aus wie ein kleiner wilder Kater und muß Miez genannt werden, der +Miez.” + +“Ja, ja, Otto”, tönte es nun zurück, “und wenn du böse wirst, dann +siehst du ganz aus wie ein--wie ein...” + +“Wie ein Mann”, ergänzte Otto, und da dem Miezchen eben kein +Vergleich einfiel, so arbeitete es jetzt um so emsiger an seinem +Brei herum. + +Der Onkel lachte laut auf. “Das Miezchen hat recht”, rief er, “es +ist besser, sich um seine Geschäfte zu kümmern, als auf Schmähungen +zu antworten.” “Aber, Kinder”, setzte er nach einer Weile hinzu, +“nun bin ich fast ein Jahr nicht hier gewesen, und ihr habt mir +noch gar nichts erzählt. Was habt ihr denn inzwischen alles +erlebt?” + +Die neuesten Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der Kinder. So +wurde gleich mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die eben +erlebte Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt +hatte, wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte +und endlich doch noch zu zwei Fahrten kam. + +“So ist’s recht, Otto”, sagte der Papa. “Du mußt deinem Namen Ehre +machen, für die Wehrlosen und Verfolgten mußt du dich immer +einsetzen. Wer ist das Wiseli?” + +“Du kannst das Kind und seine Mutter kaum kennen”, sagte die Mama, +zu ihrem Mann gewandt. “Aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter +recht gut. Du kannst dich doch noch auf den mageren Leineweber +besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er hatte ein einziges Kind +mit großen braunen Augen, das oft bei uns im Pfarrhaus war und so +schön singen konnte. Erinnerst du dich?” + +Bevor aber die weiteren Erinnerungen besprochen wurden, steckte die +alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: “Der Schreiner +Andres möchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er +nicht stört.” Diese harmlosen Worte verursachten große Verwirrung +in der Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlöffel, mit dem +sie soeben dem Onkel entgegenkommen wollte, beiseite und sagte +eilig: “Entschuldigt mich!” Rasch ging sie hinaus. Otto sprang so +stürmisch auf, daß er seinen Stuhl umwarf und dann selbst darüber +stürzte, als er davonlaufen wollte. Das Miezchen hatte ähnliche +Taten vor, aber der Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr +gesehen und hielt es nun mit beiden Armen fest. Aber es zappelte +jämmerlich und schrie: “Laß los, Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß +gehen.” + +“Wohin denn, Miezchen?” + +“Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf mir, Papa.” + +“Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lasse +ich dich los.” + +“Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der +Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los.” Nun stürmte auch +das Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max +brach in Gelächter aus und rief: “Wer ist denn der Schreiner Andres, +um den deine ganze Familie sich zu reißen scheint ?” + +“Das mußt du besser wissen als ich”, entgegnete der Oberst. “Es +wird wohl ein Jugendfreund von dir sein und das Fieber der +Verehrung wird auch dich noch ergreifen. Es muß in eurer Familie +sein, bei uns hat es die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel +sagen, daß der Schreiner Andres der Grundstein meines Hauses ist, +auf dem alles feststeht. Und sicher werde alles auseinanderbrechen, +sollte das Haus diesen Halt verlieren. Der Schreiner Andres ist +hier Rat, Trost, Heil und Hilfe in der Bedrängnis. Will meine Frau +ein Hausgerät haben, von dem sie gar nicht weiß, wie es aussehen +soll und wozu man es braucht--der Schreiner Andres erfindet es und +fertigt es an. Bricht Feuers- oder Wassersnot in der Küche oder im +Waschhaus aus, der Schreiner Andres greift in die Elemente und +bringt das Feuer ins Stocken und das Wasser in Fluß. Macht mein +Sohn einen recht dummen Streich, der Schreiner Andres bringt alles +wieder in Ordnung. Schmeißt meine Tochter das sämtliche Hausgerät +entzwei, der Schreiner Andres leimt es wieder zusammen. So ist der +Schreiner Andres die stützende Säule meines Hauses, und wenn diese +zusammenbrechen würde, so gingen wir alle in Trümmer.” + +Die Mutter war inzwischen wieder eingetreten, und ihr zuliebe +schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres sehr +eingehend. Onkel Max lachte schallend. + +“Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!” sagte die Mutter. “Ich weiß schon, +was ich an dem Schreiner Andres habe.” + +“Und ich auch”, bemerkte der Vater mit spöttischem Lächeln. + +“Und ich auch!” behauptete das Miezchen herzhaft. + +“Und ich auch!” sagte Otto seufzend, dem der Knöchel noch von +seinem Sturz über den Stuhl hin weh tat. + +“So, nun sind wir alle einer Meinung”, bemerkte die Mutter, “nun +können die Kinder in Frieden zu Bett gehen.” + +Auf diese Anzeige hin drohte dem Frieden gleich eine Störung. Aber +es half nichts, die alte Trine stand schon vor der Tür und achtete +darauf, daß die Hausordnung nicht überschritten wurde. Die Kinder +mußten sich verabschieden, und gleich nachher verschwand die Mutter +auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß die +Mutter zum Nachtgebet an ihre Betten gekommen war. + +Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den +Herren zurück und setzte sich gemütlich hin. + +“Endlich”, sagte da der Oberst aufatmend, als habe er eine harte +Schlacht hinter sich. “Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem +Schreiner Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch +etwas übrigbleibt.” + +“Und siehst du, Max”, sagte die Mutter lachend, “wenn mein Mann +noch so spottet--er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so +gern wie wir alle. Gestehe es nur ein, Otto! Eben hat mir Andres +auch für dich noch einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche +Summe gebracht und bittet um deine Hilfe.” + +“Das ist wahr”, sagte der Oberst, “einen ordentlicheren, +fleißigeren, zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich +Weib und Kind und Hab und Gut und alles anvertrauen wie keinem +anderen. Das ist der ehrlichste Mann in unserer ganzen Gemeinde +und noch weit darüber hinaus.” + +“Jetzt siehst du, Max”, sagte die Frau lachend, “ich konnte doch +nicht mehr sagen.” + +Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst unversehens +gefallen war. Dann entgegnete er: “Nun habt ihr mir alle so viel +von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich wirklich wissen möchte, +woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht +hier gesehen?” + +“Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max”, entgegnete seine +Schwester. “Du mußt dich noch an den Andres erinnern, mit dem wir +zur Schule gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei Brüder +zusammen in derselben Klasse mit dir waren? Der ältere war damals +schon ein rechter Taugenichts. Er war nicht dumm, aber tat nichts +und blieb darum stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder +in eine Klasse zusammen, in der du auch warst. Du mußt dich gewiß +erinnern, er hieß Jörg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er +bewarf uns, wo er konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Äpfeln und +Birnen und dann mit Schneebällen, und rief uns überall nach: +‘Aristokratenbrut!’” + +“Oh, der!” rief Onkel Max lachend, “ja, nun weiß ich auf einmal +alles. Richtig, ‘Aristokratenbrut’ rief er uns +beständig nach. Ich möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den +Sinn kam. Er war ein widerwärtiger Kerl. Da sah ich ihn einmal +einen viel kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln. Dem +half ich aber, dafür rief er mir mindestens zwölfmal nach: +‘Aristokratenbrut!’ Ach, nun weiß ich auch auf einmal, wer der +andere war. Das war der magere, kleine Andres, sein Bruder, das +ist gewiß euer Andres. Und dann ist das auch der Andres mit den +Veilchen, nicht wahr, Marie? Oh, jetzt verstehe ich schon die +dicke Freundschaft.” Onkel Max lachte aufs neue auf. + +“Was für Veilchen? Das muß ich wissen”, fiel der Oberst ein. + +“Oh, die Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als wäre sie +gestern geschehen”, sagte der Onkel ganz angeregt von seinen +Erinnerungen. “Die muß ich dir erzählen, Otto. Du weißt +vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorf in jenen +glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, +der fand, daß alle Mängel der Schulkinder aus ihnen heraus- und +alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt +werden könnten. So war er gezwungen, sehr viel zu prügeln, um den +einen oder andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf +einmal. Einmal nun war ihm der magere Andres unter die Hand +gekommen. Dem schlug er nun so kräftig seine wohlgemeinte +Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres laut aufschrie. In diesem +Augenblick stand meine kleine Schwester, die kürzlich in die Schule +eingetreten war und sich noch nicht so recht in die dort +herrschenden Gebräuche eingelebt hatte, plötzlich auf von ihrem +Sitz in der ersten Bank. Sie lief eilig zur Tür. Der Schullehrer +hielt inne mit seiner Arbeit und rief ihr nach: ‘Wohin läufst +du?’ Marie kehrte sich um. Die hellen Tränen liefen ihr über +die Backen, und sie sagte ganz aufrichtig: ‘Ich will heimgehen +und es dem Papa sagen.’ ‘Wart, ich will dir!’ rief jetzt der +Schullehrer überrascht und stürzte vom Andres weg auf die kleine +Marie los. Die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm +und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin. Dann sagte er +noch einmal: ‘Wart, ich will dir!’ Damit war aber alles abgetan. +Auch der Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen +friedlichen Ausgang. Aber die Tränen, die meine Schwester für den +Andres vergossen hatte, und ihr Einschreiten gegen den Tyrannen +wurden nicht vergessen. Von dem Tag an lag jeden Morgen ein Strauß +Veilchen auf ihrem Platz und durchduftete den ganzen Schulraum. +Und nachher kam noch ein anmutigerer Duft von dem Platz her, denn +da lagen große Erdbeersträuße mit den prächtigsten dunkelroten +Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren. Und so ging es das +ganze Jahr durch immerfort. Wie sich dann aber die Freundschaft zu +dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt ist, +das muß meine Schwester wissen und uns mitteilen.” + +Der Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tränen und der +Veilchen und forderte seine Frau auf, weiter zu erzählen. + +Sie sagte lachend: “Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ansicht +nach das ganze Jahr durch, Max. Das ist aber nicht ganz so. Aber +der gute Andres wurde wirklich das ganze Jahr durch nicht müde, mir +irgend etwas Erfreuliches aus Feld und Wald zu suchen und an meinen +Platz zu legen, solange wir miteinander zur Schule gingen. Er trat +dann lange vor mir aus und kam in die Lehre zu einem Schreiner in +der Stadt. Er kam aber oft nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus +den Augen. Und als mein Mann dieses Gut kaufte und wir uns eben +verheiratet hatten, handelte es sich darum, daß Andres sich etwas +ankaufen und sich selbständig niederlassen wollte. Er hatte seine +Eltern verloren und stand ganz allein, aber als tüchtiger Arbeiter +da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem sauberen kleinen +Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es aber nicht +ankaufen, da der Verkäufer sofort bares Geld haben wollte und +Andres erst etwas verdienen mußte. Aber wir kannten ihn und seine +Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen an für ihn, und er hat es +keinen Augenblick zu bereuen gehabt.” + +“Nein, wahrhaftig nicht”, fiel der Oberst ein. “Der brave Andres +hat längst sein Gut vollständig abgezahlt, und seither bringt er +mir jedes Jahr um diese Zeit eine ganz hübsche Summe, den Gewinn +seiner Jahresarbeit. Die lege ich ihm gut an. Er ist jetzt schon +ein wohlhabender Mann, und nun nimmt sein Besitztum jährlich sehr +zu. Er kann sein Häuschen noch zu einem großen Haus machen, der +brave Andres. Es ist nur schade, daß er wie ein Einsiedler lebt +und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen kann.” + +“Hat er denn keine Frau und keine Familie? Und wo ist der +bitterböse Jörg schließlich hingekommen?” fragte Onkel Max weiter. + +“Nein, er hat gar niemanden”, antwortete die Schwester. “Er lebt +völlig allein, wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, +traurige Geschichte erlebt, die ich mit angesehen habe und die ihm +gewiß alle Lust genommen hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder +Jörg ist hier einige Jahre herumgestrolcht. Er hat nie gearbeitet, +sondern gehofft, durch furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, +die keine Lumpen waren wie er, endlich doch noch sein Glück zu +machen. Und als ihm dies nicht gelang, auch der gute Andres ihm +endlich nicht mehr aus seinen Schulden und allem Bösen heraushelfen +konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er verschwunden. Wohin, +hat man nie recht gewußt. Jedermann war froh, daß er fort war.” + +“Was war denn die traurige Geschichte, Marie?” fragte der Bruder. +“Die muß ich auch noch wissen.” + +“Und ich auch”, sagte der Oberst und zündete zu der Erzählung +vergnüglich eine neue Zigarre an. + +“Aber Otto”, bemerkte die Frau Oberst, “dir habe ich dieses +Erlebnis wohl schon sechsmal erzählt.” + +“So?” entgegnete ruhig der Oberst. “Es gefällt mir, wie es scheint.” + +“So fang an!” ermunterte der Onkel. + +“Du mußt dich noch an das Kind erinnern können, Max”, begann seine +Schwester, “von dem ich heute abend schon einmal gesprochen habe, +das ganz in unserer Nähe wohnte. Es gehörte dem bleichen, mageren +Leineweber, den wir immer sein Weberschifflein hin- und herwerfen +hörten, wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und +nett aus und hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne +braune Haare. Es hieß Aloise.” + +“In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt”, warf Onkel Max ein. + +“Oh, ich weiß schon, warum”, fuhr seine Schwester fort. “Wir +nannten sie auch nie so, besonders du nicht. Wisi nannten wir sie, +zum Schrecken unserer seligen Mama. Weißt du denn nicht mehr, wie +oft du selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten +mit Mama und es so leise tönte: ‘Man muß das Wisi holen, +sonst geht’s nicht’?” + +Jetzt stieg die Erinnerung mit einemmal in Onkel Max’ Gedächtnis +auf. Er lachte auf und rief: “Oh, das ist’s, das Wisi, ja gewiß, +das Wisi kenne ich. Ich sehe es deutlich vor Augen mit dem +lustigen Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauflos +sang. Ich mochte es gern, das Wisi. Es war auch nett anzusehen. +Das ist wahr. Die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, +wenn ich ‘Wisi’ sagte. Ich habe aber nie gewußt, wie +das Wisi eigentlich hieß.” + +“Freilich hast du das gewußt”, bemerkte die Schwester, “denn +jedesmal sagte die Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schönen +Namen Aloise ein Wisi zu machen.” + +“Das habe ich wohl jedesmal überhört”, meinte Onkel Max. “Aber wo +ist denn das Wisi hingekommen?” + +“Du weißt, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir +sind miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur +sechsten. Da kann ich mich ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre +durch der Andres als treuster Freund und Beschützer dem Wisi zur +Seite stand in Freud und Leid. Und es konnte den Freund gut +brauchen. Meistens, wenn es zur Schule kam und die Tafel mit +Rechnungen bedeckt bringen sollte wie wir anderen auch, da stand +nicht eine Zahl darauf. Es legte sie aber mit dem lustigsten +Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden Augenblick stand +alles darauf, was darauf stehen sollte. Denn der Andres hatte +schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt. Oft +geschah es auch, daß Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen +eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte +im Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt. Und wenn +dann Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb +regelmäßig alles auf dem Andres sitzen. Nicht daß er von jemand +angeklagt wurde, sondern er selbst sagte gleich halblaut, er meine, +er habe die Scheibe zerdrückt. Und er glaube auch, er habe an dem +Pflaumenbaum gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder +wußten immer ganz gut, wie es war. Aber wir ließen es so gehen. +Wir waren so gewöhnt daran, daß es so sei, und dann hatten wir alle +das lustige Wisi so gern, daß wir’s ihm immer gönnten, wenn es +ungestraft davonkam. Und Äpfel und Birnen und Nüsse hatte Wisi +immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres. Denn was er +nur hatte und erlangen konnte, das stecke er alles dem Wisi in den +Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn sein +könne, daß der stille Andres gerade das allerlustigste und +aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe. Und dann +sann ich darüber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres +besonders gern habe. Es war wohl immer freundlich zu ihm, aber so +war es auch mit den anderen. Und als ich einmal ernstlich unsere +Mama fragte, wie das wohl sei, da schüttelte sie ein wenig den Kopf +und sagte: ‘Ich fürchte, ich fürchte, diese artige Aloise ist +ein wenig leichtsinnig und kann noch in eine schwere Schule kommen.’ +Diese Worte gaben mir viel zu denken und kamen mir immer +wieder in den Sinn.” + +Die Frau Oberst sah lächelnd vor sich hin. “Als wir dann zusammen +in den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmäßig am +Sonntagabend zu uns herüber, und wir sangen zusammen am Klavier +Choräle. Daran hatte es damals sehr große Freude, es konnte alle +die schönen Lieder auswendig und sang sie mit heller Stimme. Wir +hatten auch unsere Freude an den Abenden, Mama und ich, und auch +darüber, daß Wisi so gern in den Unterricht ging und ihn sich +wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein großes Mädchen geworden +und sah recht gut aus. Seine lustigen Augen hatte es noch, und +wenn es auch nie so kräftig aussah wie die Bauernmädchen im Dorf, +so hatte es doch eine blühende Gesichtsfarbe und war netter als sie +alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er +kam aber immer über den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu +uns ins Pfarrhaus, und am liebsten sprach er dann immer mit mir von +den vergangenen Tagen der Schule. Und dann kamen wir immer bald +auf das Wisi zu sprechen. Das kam so im Zusammenhang, und +schließlich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging +ganz das Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und während +alle Welt längst das Wisi nie anders also so genannt hatte, nannte +er es unwandelbar das ‘Wiseli’. Und das kam dann so +ganz eigen zärtlich heraus. + +Da kam auch ein Sonntag, als das Wisi und ich noch nicht achtzehn +Jahre alt waren. Gegen Abend trat er bei uns ein und sah ganz +rosig aus. Und als wir nun mit Mama zusammensaßen, da sagte Wisi, +es sei gekommen, uns mitzuteilen, daß es sich mit dem jungen +Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im Dorfe +wohnte. Sie könnten gleich heiraten, da er eine gute Anstellung +habe unten in der Fabrik, und so hätten sie denn schon alles +festgesetzt, daß sie gleich in zwölf Tagen zusammenkommen könnten. +Ich war so erstaunt und so traurig, daß ich kein Wort sagen konnte. +Eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz bekümmert +aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte ihm +vor, wie leichtsinnig es sei, daß es sich so schnell mit dem +Fabrikarbeiter eingelassen habe. Es kenne ihn ja kaum, und da sei +doch ein anderer, der ihm Jahre lang nachgegangen sei und ihm +gezeigt habe, wie lieb er es habe. Und zuletzt fragte sie es +dringend, ob denn nicht alles noch rückgängig gemacht werden oder +doch eine gute Zeitlang hinausgeschoben werden könne. Es könne +noch bei seinem Vater bleiben, es sei ja noch so jung. Da fing +Wisi zu weinen an und sagte, es habe ganz bestimmt sein Wort +gegeben, alles sei eingerichtet auf die Zeit und dem Vater sei’s +recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber das arme Wisi weinte +immer ärger. Da nahm sie es bei der Hand und zog es zum Klavier +hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir zusammen sangen. +Sie sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: ‘Trockne nun +deine Tränen, wir wollen noch einmal zusammen singen.’ Dann +schlug sie uns das Lied auf, und wir sangen zusammen: + +(‘Befiehl du deine Wege, +Und was dein Herze kränkt, +Der allertreusten Pflege +Des, der den Himmel lenkt.) + +(‘Der Wolken, Luft und Winden +Gibt Wege, Lauf und Bahn, +Der wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann.’) + +Wisi ging dann wieder getröstet von uns, die Mutter hatte ihm noch +einige freundliche Worte gesagt. + +Aber mich hatte die Sache recht traurig gemacht. Ich hatte ein +ganz bestimmtes Gefühl, daß das arme Wisi seine frohen Tage nun +hinter sich hatte, und dann tat mir der Andres unsäglich leid. Was +würde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein Wort, aber ein +paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war noch stiller +geworden als vorher. Ich habe auch seither nie mehr sein +stillfröhliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft gezeigt +hat.” + +“Der arme Kerl!” rief Onkel Max aus. “Hat er denn keine andere +Frau genommen?” + +“Ach, nein, Max”, entgegnete seine Schwester ein wenig strafend, +“wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen. Er ist ja die +Treue selbst.” + +“Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester”, erwiderte der +Bruder begütigend. “Ich konnte doch nicht voraussehen, daß dein +vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an +sich trägt. Aber das Wisi, erzähl weiter von ihm. Ich hoffe +wirklich, das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde +mir leid tun.” + +“Ich merke schon, Max”, sagte die Schwester, “daß du es heimlich +mit dem Wisi hältst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres, +dem es doch fast das Herz abgedrückt hat, daß das Wisi für ihn +verloren war.” + +“Doch, doch”, versicherte der Onkel, “ich kann ihm nachfühlen, wie +unglücklich er war. Aber weiter, wie ging’s mit dem Wisi? Es hat +doch seine lustigen Augen nicht verweint?” + +“Doch, ich glaube schon”, fuhr die Schwester fort. “Ich habe Wisi +nicht mehr oft gesehen, es hatte viel zu tun. Ich glaube, der Mann +war nicht eben böse, aber er hatte etwas Rohes, er konnte so grob +und unfreundlich sein, auch mit seinen kleinen Kindern. Wisi hatte +gewiß wenig Freude mehr. Es hatte mehrere nette Kinder, aber sie +waren alle sehr zart, es verlor sie wieder eins nach dem andern. +Fünf hatte es begraben müssen, nur ein einziges ist ihm geblieben, +ein feines, zartes Geschöpfchen, ein kleines Wiseli. Es ist nicht +viel größer als unser Miezchen und ist doch gut drei Jahre älter. +Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten, daß man +deutlich sehen konnte, was kommen würde. Und nun ist es auch da, +eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin. Ich fürchte, es ist +gar keine Hoffnung mehr.” + +“Nein!” rief Onkel Max erschrocken aus. “Das kann doch nicht sein, +ist’s wirklich wahr? Kann man da nichts machen, Marie? Wir wollen +doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen.” + +“Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen”, sagte die Schwester +traurig. “Da war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all +die Arbeit und Anstrengung viel zu zart.” + +“Und was macht nun der Mann?” fragte Onkel Max. + +“Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi +auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde +ihm in der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, daß man +ihn halbtot nachhause brachte. Danach konnte er nicht mehr +arbeiten. Er muß kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. +Wisi hatte ihn nun auch noch zu verpflegen zu allem andern. Er +starb dann ungefähr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt +Wisi allein mit dem Kind.” + +“Und so blieb von allem gar nichts mehr übrig als ein kleines +Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird’s doch +nicht kommen müssen. Das Wisi kann noch gesund werden und alles +noch kommen, wie es hätte sein sollen von Anfang an.” + +“Nein, nein, dazu ist es zu spät”, entgegnete die Schwester sehr +bestimmt. “Das arme Wisi hat seinen Leichtsinn schwer büßen müssen. +Aber jetzt ist es spät geworden.” Und fast erschrocken stand sie +auf, denn über dem Gespräch war die Mitternachtsstunde +vorübergegangen. + +Seit einiger Zeit schon war der Oberst ganz still geworden, er +hatte sich in seinen Lehnstuhl zurückgelegt und war fest +eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar keinen Schlaf, denn mit der +Erzählung von dem armen Wisi waren ihm alle Jugenderinnerungen so +lebendig aufgestiegen, daß er noch eine Menge von Dingen und +Persönlichkeiten besprechen wollte. Aber seine Schwester war +unerbittlich, sie hielt die Lampe in der Hand und drängte zum +Aufbruch. + +So half denn nichts. Um aber nicht allein die unwillkommene +Störung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so +gewaltigen Ruck an seinem Stuhl, daß der Oberst mit einem Schrecken +emporschoß, als sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber +sein Schwager klopfte ihm friedlich auf die Schulter und sagte: “Es +war nur eine leise Mahnung von seiten deiner Frau, daß wir uns +zurückziehen möchten.” Der Rückzug wurde dann vollzogen, und bald +stand das Haus auf der Höhe ganz still im Mondschein da. Und unten +am Berg stand eins, da sollte es auch bald still werden. Jetzt +brannte noch ein schwaches Lämpchen drinnen und warf seinen matten +Schimmer durch das schmale Schubfenster in die monderhellte Nacht +hinaus. + + + + +3. Kapitel +(Auch noch daheim) + + +Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten nach Hause gingen, +rannte das kleine Wiseli aus allen Kräften den Berg hinunter. Denn +es wußte, daß es länger fortgeblieben war, als die Mutter erwartete, +und das tat es sonst nicht. Aber heute war sein Glück so groß +gewesen, daß es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte. +Jetzt lief es um so schneller und wäre fast in einen Mann +hineingerannt, der eben aus der Tür des Häuschens trat, als es +hineinstürmen wollte. Er ging ihm aber ganz leise aus dem Weg, und +das Wiseli sprang vorwärts in die Stube hinein und auf die Mutter +zu, die auf einem kleinen Stuhl am Fenster saß und zu Wiselis +Erstaunen noch kein Licht angezündet hatte. + +“Mutter, bist du böse, daß ich so lang ausgeblieben bin?” rief es +und umarmte sie. + +“Nein, nein, Wiseli”, antwortete sie freundlich. “Aber ich bin +froh, daß du da bist.” + +Jetzt fing das Wiseli der Mutter von seinem großen Erlebnis zu +erzählen an, wie gut der Otto zu ihm gewesen war und wie es zweimal +mit dem allerschönsten Schlitten hatte den Berg hinunterfahren +können. Als es dann mit seiner Erzählung fertig war und die Mutter +noch immer so still dasaß, fiel ihm erst ein, daß sie das sonst +nicht tat. Es fragte verwundert: “Aber warum hast du noch kein +Licht, Mutter?” + +“Ich bin so müde heute abend, Wiseli”, antwortete sie. “Ich konnte +nicht aufstehen und Licht machen. Hol das Lämpchen herein und +bring mir einen Schluck Wasser mit, ich habe so großen Durst.” + +Wiseli lief in die Küche und kam bald zurück, in der einen Hand das +Licht und in der andern eine Flasche, in der ein roter Saft +schimmerte, so hell und einladend, daß die durstende Kranke erfreut +ausrief: “Was bringst du mir Schönes, Wiseli?” + +“Ich weiß nicht”, sagte das Kind, “es stand auf dem Küchentisch, +sieh, wie es funkelt.” + +Die Mutter nahm die Flasche in die Hand und roch daran. “Oh”, +sagte sie, “wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib mir schnell ein +wenig Wasser dazu, Wiseli.” + +Das Kind goß roten Saft in ein Glas und füllte es mit Wasser, und +mit durstigen Zügen trank die Mutter den erquickenden Beerensaft. +“Oh, wie das erfrischte” sagte sie und übergab das leere Glas dem +Kind. “Stell es weg, Wiseli, aber nicht weit. Mir ist, ich könnte +alles austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese +Flasche gebracht? Gewiß die Trine, es kommt von der Frau Oberst.” + +“War denn die Trine bei dir in der Stube, Mutter?” fragte das Kind. + +“Nein.” + +“Dann ist es nicht die Trine, das weiß ich”, sagte das Wiseli +bestimmt. “Sie geht jedesmal in die Stube, wenn sie etwas bringt. +Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er dies nicht +mitgebracht?” + +“Ach was, Wiseli”, fiel die Mutter ganz lebhaft ein. “Was sagst du +denn? Der Schreiner Andres war nie bei mir, was fällt dir denn +ein?” + +“Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier drinnen”, beteuerte +Wiseli. “Gerade, als ich hereinkam, trat er so schnell aus der Tür, +daß ich fast gegen ihn rannte. Hast du denn nichts gehört?” + +Die Mutter war eine Zeit lang ganz still, dann sagte sie: “Ich habe +schon gehört, daß jemand leise die Küchentür aufmachte. Erst +meinte ich, du seist es, und--es ist wahr, erst nachher hörte ich +dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, daß es der Schreiner +Andres war, der zu unserer Tür herauskam?” + +Wiseli war seiner Sache sicher. Es konnte so genau der Mutter +sagen, wie der Rock und die Kappe vom Schreiner Andres aussahen und +wie er erschrocken war, als es so mit einemmal an ihn heranrannte, +daß die Mutter auch davon überzeugt wurde. Sie sagte wie für sich: +“Dann war es der Andres, er hat gewußt, was mir so gut tun könnte.” + +“Jetzt fällt mir noch etwas ein, Mutter”, rief auf einmal das +Wiseli ganz erregt aus. “Jetzt weiß ich gewiß, wer einmal den +großen Topf Honig in die Küche gestellt hat, von dem du so gern +gegessen hast, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen. Weißt du, +Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir +etwas Suppe brachte, und sie sagte, sie wisse von all dem nichts. +Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Küche +gestellt.” + +“Das glaube ich auch”, sagte die Mutter und wischte sich über die +Augen. + +“Es ist ja nichts Trauriges”, sagte Wiseli ein wenig erschrocken, +als sie die Mutter immer wieder über die Augen wischen sah. + +“Du mußt ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es +ihm einmal, ich lasse ihm danken für alles Gute. Er hat es so gut +mit mir gemeint. Komm, setz dich ein wenig zu mir”, fuhr sie leise +fort. “Gib mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag +mir das Verslein, was ich dich gelehrt habe.” + +Wiseli holte noch einmal Wasser und goß von dem frischen Saft +hinein, und die Mutter trank noch einmal begierig davon. Dann +legte sie müde ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und +winkte das Wiseli zu sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu +hart, holte ein Kissen aus ihrem Bett herbei und legte es +sorgfältig unter den Kopf. Dann setzte es sich dicht neben sie auf +den Schemel und hielt ihre Hand fest in den seinigen. Und wie sie +gewünscht hatte, sagte es nun andächtig sein Verslein auf. + +(“Befiehl du deine Wege, +Und was dein Herze kränkt, +Der allertreusten Pflege +Des, der den Himmel lenkt.) + +(“Der Wolken, Luft und Winden +Gibt Wege Lauf und Bahn, +Der wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann.”) + + +Als Wiseli zu Ende war, sah es, daß die Mutter am Einschlafen war. +Sie sagte nur noch leise: “Denk daran, Wiseli! Und wenn du einmal +keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann +denk in deinem Herzen: + +(“Er wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann.”) + +Nun legte die Mutter sich müde hin und schlief ein, und Wiseli +wollte sie nicht wecken. Es legte sich mäuschenstill an sie heran, +und bald schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte +Lampe in dem stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von +selbst erlosch und das Häuschen dunkel dastand auf dem hellen +Mondscheinplatz. + +Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen +ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen hinein, +wie sie immer im Vorbeigehen tat. Da sah sie, wie Wiselis Mutter +auf dem Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte. +Das kam ihr so sonderbar vor, sie mußte nachsehen, was da geschehen +sei. Sie machte ein wenig die Tür auf und fragte: “Was hast du, +Wiseli? Ist die Mutter kränker geworden?” + +Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stammelte: “Ich--weiß nicht, +was die Mutter hat.” + +Das arme Kind ahnte, was mit der Mutter war, aber es konnte ja +nicht begreifen, daß es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, +aber sie war entschlafen für das ganze Erdenleben. Sie hörte nicht +mehr, wie ihr Wiseli nach ihr rief. Die Nachbarin trat zu dem +Kissen am Fenster und schaute die schlafende Frau an. Dann trat +sie erschrocken zurück und sagte: “Geh schnell, Wiseli, lauf und +hol deinen Onkel, er soll auf der Stelle herkommen. Du hast ja +sonst niemanden, und es muß sich jemand um alles kümmern. Lauf, +ich will warten, bis du wieder kommst.” + +Das Kind lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen. +Sein Herz war so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr, +daß Wiseli sich plötzlich mitten auf dem Weg hinsetzen und laut +weinen mußte. Denn jetzt wurde es ihm immer deutlicher bewußt, daß +die Mutter nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und +lief weiter, aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhören, denn in +seinem Herzen wurde der Jammer immer größer. + +Am Buchenrain, eine Viertelstunde von der Kirche entfernt, stand +das Haus des Onkels, wo Wiseli jetzt eben ankam und weinend unter +die Tür trat. Die Tante stand in der Küche und fragte kurz: “Was +ist mit dir?” + +Wiseli sagte halblaut unter Schluchzen, die Nachbarin habe es +geschickt, der Onkel möge schnell zur Mutter kommen. + +Die Tante sah das Kind an, sie mochte denken, es sei schlimm mit +der Mutter. Denn weniger mürrisch, als sie sonst redete, erklärte +sie: “Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist jetzt +nicht da.” + +Da kehrte Wiseli wieder um und lief zurück. Die Nachbarin stand +vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es war ihr zu +unheimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich ganz +nahe zur Mutter, so wie es nachts neben ihr gesessen hatte. Da saß +es ganz still und weinte, und von Zeit zu Zeit sagte es halblaut: +“Mutter!” + +Sie gab keine Antwort mehr. Da beugte Wiseli sich zu ihr und sagte: +“Mutter, du hörst mich, wenn du jetzt schon im Himmel bist und ich +dich nicht mehr hören kann.” + +So saß das Wiseli noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als +schon die Mittagszeit vorüber war. Da trat der Onkel in das +Stübchen, schaute sich ein wenig darin um und rief dann die +Nachbarin herein. “Sie müssen die Frau hier zurecht machen, Sie +wissen schon, wie ich meine”, sagte er, “so daß alles fertig ist +zum Wegholen. Dann nehmen Sie den Schlüssel an sich, daß da nichts +wegkommt.” Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: “Wo sind deine +Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein Bündelchen, +dann gehen wir.” + +“Wohin gehen wir denn?” fragte Wiseli zaghaft. + +“Heim gehen wir”, war die Antwort, “an den Buchenrain, da kannst du +bei uns sein. Du hast niemanden mehr auf der Welt als deinen Onkel.” + +Das Wiseli erschrak. Zum Buchenrain sollte es gehen und da daheim +sein. Es hatte von jeher eine große Furcht vor der Tante gehabt +und jedesmal eine Zeitlang vor der Tür gewartet, wenn es dem Onkel +etwas hatte berichten müssen, aus lauter Angst, die Tante würde mit +ihm schimpfen. Dann war der älteste Sohn da, der gewalttätige +Chäppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die warfen allen +Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein. + +Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. “Du mußt +dich nicht fürchten, Kleines”, sagte der Onkel freundlich. “Es +sind zwar mehr Leute bei uns im Haus als hier, aber das ist um so +lustiger für dich.” + +Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knöpfte je +zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander. Dann band es sein Tüchlein +um den Kopf und stand fertig da. + +“So”, sagte der Onkel, “nun gehen wir.” Er schritt zur Tür. + +Auf einmal schluchzte Wiseli laut auf. “Dann muß ja die Mutter +ganz allein sein.” Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie +fest. + +Der Onkel stand ein wenig verblüfft da. Er wußte nicht recht, wie +er dem Kinde erklären sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es +das nicht von selbst begriff. Denn Erklären war nicht seine Sache, +das hatte er nie probiert. Er sagte also: “Komm jetzt, komm! Ein +Kleines, wie du eins bist, muß folgen. Komm und mach nur kein +Geschrei, das hilft gar nichts.” + +Wiseli würgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem Onkel +zur Tür. Nur einmal sah es noch zurück und sagte ganz leise: +“Behüte dich Gott, Mutter!” + +Dann wanderte es mit seinem Bündelchen am Arm aus dem kleinen Haus, +wo es daheim gewesen war. Eben als die beiden miteinander +querfeldein gingen, kam von oben herunter die Trine, einen +gedeckten Korb am Arm. Noch stand die Nachbarin unter der Tür und +schaute dem Onkel und dem Kind nach. Die Trine trat auf sie zu und +sagte: “Heute bringe ich der kranken Frau was Gutes, aber ein wenig +spät. Wir haben den Herrn Onkel zum Besuch, da wird es immer spät.” + +“Und wenn Sie auch am Morgen früh gekommen wären, so wären Sie zu +spät gekommen heute. Sie ist in der Nacht gestorben.” + +“Ist das wirklich wahr?” rief die Trine erschrocken aus. “Ach, du +mein Gott, was wird meine Frau sagen.” Damit kehrte die Trine um +und lief ihren Weg zurück. + +Die Nachbarin trat in das stille Stübchen und machte Wiselis Mutter +so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bett liegen mußte. + + + + +4. Kapitel +(Beim Onkel) + + +Als das Wiseli mit dem Onkel in das Haus am Buchenrain trat, da +kamen die drei Buben aus der Scheune gestürzt und liefen hinter den +beiden her in die Stube. Alle drei starrten das Wiseli an. Aus +der Küche kam die Tante herein und schaute das Wiseli ebenfalls an, +als wenn sie es noch nie gesehen hätte. + +Der Onkel setzte sich hinter den Tisch und sagte: “Ich meine, man +könnte etwas essen. Das Kleine hat, denke ich, heute noch wenig +gehabt. Komm, setz dich”, sagte er, zu Wiseli gewandt, das immer +noch auf demselben Fleck stand, sein Bündelchen in der Hand. Es +gehorchte. Jetzt holte die Tante Most und Käse und legte das große +Schwarzbrot auf den Tisch. Der Onkel schnitt ein tüchtiges Stück +ab und legte eine Scheibe Käse darauf, dann schob er es vor das +Kind hin. “Da, iß, Kleines, du wirst Hunger haben.” + +“Nein, ich danke”, sagte Wiseli leise. Es hätte keinen Bissen +hinunterschlucken können, denn Leid und Angst und Weh schnürten ihm +so den Hals zu, daß es kaum atmen konnte. + +Die Buben standen immer noch da und starrten es an. “Mußt dich +nicht fürchten”, sagte der Onkel ermunternd, “iß nur zu.” Aber das +Wiseli saß unbeweglich da und rührte sein Brot nicht an. Die Tante +war bis jetzt auch stehengeblieben und hatte das Kind angeschaut +von oben bis unten, mit beiden Armen in die Seite gestemmt. +“Wenn’s dir nicht recht ist, so kannst du’s bleiben lassen”, sagte +sie nun, drehte sich um und ging wieder in die Küche. + +Als der Onkel sich gestärkt hatte, stand er auf und sagte: “Nimm’s +in die Tasche, nachher hast du sicher Hunger. Mußt dich nur nicht +fürchten.” Damit ging er auch in die Küche hinaus. Wiseli wollte +gehorchen und das Käsebrot in die Tasche stecken, aber diese war +viel zu klein. Es legte das Brot wieder auf den Tisch. + +“Ich will dir schon helfen”, sagte Chäppi, schnappte das Brot vom +Tisch weg und wollte abbeißen. Es flog aber in die Luft, denn der +Hans hatte von unten herauf Chäppis Hand einen tüchtigen Stoß +gegeben, damit ihm die Beute entfalle und er sie erwische. In dem +Augenblick aber huschte der Rudi schnell auf den Boden und haschte +den Fang weg. Jetzt stürzten die beiden Größeren auf ihn, und +einer fiel über den anderen her. Und nun gab es ein Schlagen und +Raufen und Lärmen und Heulen, daß es dem Wiseli angst und bange +wurde. + +Der Vater öffnete wieder die Küchentür und rief: “Was ist los?” + +Da schrien die drei Buben am Boden alle durcheinander. + +“Das Wiseli wollte nichts!” + +“Das Wiseli hatte keinen Hunger!” + +“Weil das Wiseli keins wollte!” + +Da rief der Vater noch lauter: “Wenn das nicht aufhört da drinnen, +so will ich mit dem Lederriemen kommen!” Dann schlug er die Tür +wieder zu. Das ‘da drinnen’; hörte aber noch nicht auf, +sondern als die Tür zu war, ging’s erst recht los. Denn der Hans +hatte entdeckt, daß es das wirksamste Mittel sei, den Feind zu +erschrecken, ihm in die Haare zu fahren, was die anderen sogleich +auch begriffen. Und so rissen sie nun alle drei jeder mit beiden +Händen an den Haaren eines anderen und schrien dazu fürchterlich. + +In der Küche saß die Tante auf einem Schemel und schälte Kartoffeln. +Als ihr Mann die Stubentür wieder geschlossen hatte, fragte sie: +“Was hast du mit dem Kind vor? Warum hast du es gleich mit +heimgenommen?” + +“Es wird, denke ich, bei jemandem sein müssen. Ich bin der +Patenonkel und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst +es ja schon brauchen. Das Wiseli kann dir im Haushalt helfen. Du +sagst ja immer, die Buben machen dir viel Arbeit.” + +“Das wird eine schöne Hilfe sein. Du kannst ja hören, wie es +zugeht drinnen in der ersten Viertelstunde schon, daß es da ist.” + +“Das habe ich schon manchmal gehört, schon bevor das Kleine da war. +Es hat, denke ich, nicht viel damit zu tun”, sagte der Onkel ruhig. + +“So”, entgegnete die Tante eifrig, “hast du denn nicht gehört, daß +sie alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?” + +“Sie schreien doch immer”, meinte der Onkel. “Mit der Kleinen +wirst du, denke ich, noch fertig werden. Sie ist kein bösartiges +Kind, das habe ich schon gemerkt. Sie kann auch folgen, besser als +die Buben.” + +Das war der Tante fast zu viel. “Ich meine, es sei nicht nötig, +daß man es jetzt schon gegen die Buben aufhetzt”, sagte sie und riß +die Häute immer schneller von den Kartoffeln. “Und dann möchte ich +nur wissen, wo das Kind schlafen soll.” + +Der Onkel schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und her, +dann sagte er ruhig: “Man kann nicht alles an einem Tag machen. Es +wird wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben, denke ich, und +das wird es wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer +gehen. Heute kann es auf der Ofenbank schlafen, da ist’s ja warm. +Dann kann man einen Vorschlag machen, wo es in unsere Kammer +hineingeht. Da kann man sein Bett hineinschieben.” + +“Ich habe mein Lebtag nie gehört, daß man zuerst das Kind bringt +und dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehört. Und dann +möchte ich auch wissen, wer das bezahlen muß, wenn man noch bauen +soll, um des Kindes willen.” + +“Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so muß sie uns auch +etwas für den Unterhalt geben”, erklärte der Onkel. “Ich nehme es +dann noch immer billiger an, als ein anderer es tun würde. Es +fühlt sich auch am wohlsten bei uns.” + +Mit dieser Überzeugung ging der Onkel in den Stall hinaus und rief +noch zurück, der Chäppi soll ihm nachkommen. Es war schwierig für +die Tante, sich Gehör zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie +den Auftrag ausrichten wollte. Da rauften und schrien die drei +noch immer. “Es wundert mich nur, daß du so zusiehst und kein Wort +zum Frieden sagst,” rief die Tante dem Wiseli zu, das sich scheu an +die Wand drückte und sich kaum zu rühren wagte. + +Nun wurde der Chäppi in den Stall geschickt, und die beiden anderen +liefen ihm nach. “Kannst du stricken?” fragte dann die Tante das +Wiseli. Es sagte schüchtern ja, Strümpfe könne es stricken. “So +nimm die”, sagte die Tante und nahm aus dem Schrank einen großen +braunen Strumpf heraus mit einem Garn, fast so dick wie Wiselis +Finger. “Du bist am Fuß, gib acht, daß er nicht zu kurz wird, er +ist für den Onkel.” + +Nun ging sie wieder in die Küche, und Wiseli setzte sich auf die +Ofenbank und mußte den langen Strumpf auf seinem Schoß +zusammenhalten. Der war so schwer, daß er ihm ganz die Hände +herunterzog, wenn er hing, so daß es die Nadeln nicht führen konnte. +Es hatte aber kaum recht angefangen mit seiner Arbeit, als die +Tante wieder hereinkam. “Du kannst jetzt herauskommen in die +Küche”, sagte sie. “Du kannst sehen, wie ich alles mache, so +kannst du mir an die Hand gehen nach und nach.” + +Wiseli gehorchte und sah draußen der Tante zu, soviel es konnte. +Aber immer schossen ihm wieder die Tränen in die Augen, und dann +sah es nichts mehr. Denn es mußte denken, wie es gewesen war, wenn +es der Mutter nachlief in die Küche, und wie sie mit ihm redete und +es immer wieder streichelte. Es fühlte aber, daß es nicht weinen +dürfe, und schluckte und schluckte, daß es fast meinte, es werde +erwürgt. Die Tante sagte ein paarmal: “Gib acht! So weißt du’s +nachher.” + +So ging es eine gute Zeitlang, dann hörte man ein lautes Gestampfe +auf dem Hausgang. “Mach schnell die Tür auf, sie kommen”, sagte +die Tante. Denn der Lärm kam vom Onkel und den Buben her, die +draußen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli machte die +Tür zu Stube auf, und die Tante hob eine große Pfanne vom Feuer und +lief damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen Haufen gebratener +Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch schüttete. Dann rannte sie +zurück, brachte ein großes Becken voll saurer Milch herein und +sagte: “Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so können +sie essen.” + +Wiseli zog schnell die Schublade auf, da lagen fünf Löffel und fünf +Messer, die legte es hin, und nun war der Abendtisch fertig. Der +Onkel und die Buben waren hereingekommen und saßen gleich auf den +Bänken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am Tisch stand ein +Stuhl, darauf hin wies nun der Onkel und sagte: “Es kann, denke ich, +dort sitzen, oder nicht?” + +“Freilich”, sagte die Tante, die auch einen Stuhl für sich bereit +hatte, auf der Seite gegen die Küche zu. Sie saß aber nur eine +Sekunde darauf still, dann lief sie wieder in die Küche, kam zurück +und setzte sich geschwind wieder zu einem Löffel voll Milch nieder. +Dann lief sie von neuem hinaus. Es wußte niemand, warum das so +sein mußte, denn das Kochen war ja beendet. Aber es war immer so, +und wenn der Onkel einmal sagte: “Sitz doch und iß einmal”, so kam +sie erst recht in Eile und sagte, sie habe nicht Zeit, so lange zu +sitzen, und draußen werde wohl jemand nachsehen müssen. Als sie +jetzt zum zweitenmal hereingeschossen kam und eilig eine Kartoffel +schälte, fiel ihr Wiselis Untätigkeit auf, das neben ihr saß, die +Hände in den Schoß gelegt. “Warum ißt du nicht?” fuhr sie es an. + +“Es hat keinen Löffel”, sagte Rudi, der auf der anderen Seite neben +ihm saß und schon lange den Grund herausgefunden hatte, warum +jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange noch +etwas da ist. + +“Ja so”, sagte die Tante. “Wem wäre es aber auch in den Sinn +gekommen, daß man auf einmal sechs Löffel haben muß? Man brauchte +ja immer nur fünf, und ein Messer wird auch sein müssen. Warum +kannst du aber auch nichts sagen? Du wirst wohl wissen, daß man +zum Essen einen Löffel braucht.” Diese Worte waren an das Wiseli +gerichtet. + +Es schaute die Tante scheu an und sagte leise: “Es ist gleich, ich +brauche keinen, ich habe keinen Hunger.” + +“Warum nicht?” fragte die Tante. “Bist du’s anders gewöhnt? Ich +habe nicht im Sinn, was zu ändern.” + +“Es ist wohl besser, wenn man das Kleine zuerst ein wenig in Ruhe +läßt. Man muß ihm keine Angst machen”, sagte der Onkel +beschwichtigend. “Es wird schon besser werden.” + +Nun ließ man das Wiseli in Ruhe, die anderen aßen weiter. Das Kind +saß unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch einmal +die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte, denn +der Fleck sei krank geworden, da mußte er noch einmal hinaus. Der +Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden +mit den Händen in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die +Schiefertafel abgewaschen, und als die Tante damit fertig war, +sagte sie zu Wiseli: “Du hast gesehen, wie ich’s mache, das kannst +du von nun an tun.” + +Jetzt setzte sich der Chäppi wieder hinter den Tisch. Er hatte +seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten, +seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst +starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen +Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasaß, denn es +konnte keine Masche sehen in seinem Winkel. Und sich an den Tisch +zu setzen, auf dem die trübe Öllampe stand, wagte es nicht. + +“Du wirst auch etwas tun können”, rief auf einmal Chäppi erbost zu +ihm hinüber, “du bist nicht das Geschickteste in der Schule.” + +Wiseli wußte nicht, was es sagen sollte, es war ja gar nicht in der +Schule gewesen heute und es wußte nicht, was zu tun war. Es war ja +überhaupt ganz aus aller Ordnung und Fassung. “Wenn ich rechnen +muß, so mußt du auch, oder dann tu ich’s auch nicht”, rief der +Chäppi wieder. Wiseli hielt sich mäuschenstill. “So, dann ist’s +recht”, fuhr Chäppi lärmend fort, “so tu ich keinen Strich mehr an +der Arbeit.” Damit warf er seinen Griffel weg. + +“So, so, dann tu ich auch nichts”, rief der Hans aus und steckte +ganz erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das +Lernen war ihm das Bitterste, das er kannte. + +“Ich will es schon dem Lehrer sagen, wer an allem schuld ist”, fing +Chäppi wieder an, “du kannst dann nur sehen, wie es dir geht.” So +hätte Chäppi wohl noch eine Zeitlang seinem bösen Wesen Luft +gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall zurückgekommen +wäre. Er trug zwei große, leere Futtersäcke auf der Schulter +herein und kam damit auf den Tisch zu. + +“Mach Platz”, sagte er zu Chäppi, der beide Ellbogen auf den Tisch +gestemmt hielt und den Kopf in die Hände stützte. Dann breitete er +die Säcke aus, faltete sie zusammen, noch einmal und noch einmal. +Danach ging er zur Ofenbank und legte das Paket darauf hin. “So”, +sagte er befriedigt, “das ist gut. Und wo hast du dein Bündelchen, +Kleines?” + +Wiseli holte es aus einer Ecke hervor, wo es bis jetzt gelegen +hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der Onkel das Bündelchen +am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank hin drückte, daß es +nicht so ganz kugelrund bleibe. + +“So, da kannst du schlafen”, sagte er nun zu Wiseli. “Frieren mußt +du nicht, der Ofen ist heiß, und auf das Bündelchen kannst du den +Kopf legen. So liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist’s +auch Zeit. Rasch ins Bett!” Damit nahm er die Öllampe vom Tisch +und ging zur Küche, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei +der Tür wandte er sich noch einmal um und sagte: “Schlaf gut. Mußt +nicht mehr nachdenken heute, denn es kommt dann schon besser.” + +Dann ging er hinaus. Nun kam die Tante noch einmal herein mit +einem Öllämpchen in der Hand und betrachtete das Lager. “Kannst du +liegen da?” fragte sie. “Du hast es ja warm hier am Ofen, manches +hat kein Bett und muß dazu erst noch frieren. Es kann dir auch +noch so gehen, sei du nur froh, daß du einstweilen unter einem +guten Dach bist. Gute Nacht!” + +“Gute Nacht!” sagte Wiseli leise. Die Tante hatte es aber +jedenfalls nicht gehört, denn sie war schon halb draußen, als sie +gute Nacht wünschte, und hatte die Tür gleich hinter sich zugemacht. +Jetzt saß Wiseli da in der dunklen Stube, alles war auf einmal +ganz still ringsum, es hörte keinen Ton mehr. Der Mond schien ein +wenig durch das eine Fenster herein, so daß Wiseli wieder erkennen +konnte, wo die Ofenbank war, worauf es schlafen sollte. Es ging +nun gleich hin und setzte sich auf sein Lager. + +Zum erstenmal heute, seit es die Mutter verlassen hatte, war es nun +allein und konnte sich besinnen. Die ganze Zeit bis jetzt war es +in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte ihm Angst und +Furcht eingeflößt, was es gesehen und gehört hatte, seit es von der +Mutter weg war. Und noch hatte es gar nicht weiter gedacht, nur +von einem Augenblick auf den anderen sich gefürchtet. Nun saß es +da, zum erstenmal in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar +und deutlich kam ihm nun der Gedanke, daß es sie nie mehr sehen +werde, daß es nie mehr mit ihr reden und sie hören könnte. Jetzt +kam auf einmal ein solches Gefühl der Verlassenheit über das Wiseli, +daß es ihm gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und +verloren auf der Welt und gar kein Mensch kümmere sich mehr um es, +und so müsse es nun ganz allein und im Dunkeln bleiben und umkommen. + +Und über das Wiseli kam ein solches Elend, daß es den Kopf auf sein +Bündelchen drückte, ganz bitterlich zu weinen anfing und trostlos +sagte: “Mutter, kannst du mich nicht hören? Mutter, hörst du mich +nicht?” + +Aber die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen +schlimm gehe und er leiden müsse, dann sei er froh, daß er zum +lieben Gott im Himmel schreien könne. Der höre ihn immer an und +wolle ihm gern helfen, wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhören +wollen oder helfen können. Das kam dem Wiseli in den Sinn, und es +richtete sich wieder auf und stieß schluchzend hervor: “Ach, lieber +Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist mir so angst, und die Mutter +hört mich nicht mehr!” Und so betete es zwei- oder dreimal, und +dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger. Es fühlte sich +getröstet, da doch der liebe Gott im Himmel noch da war, zu dem es +eben gerufen hatte. So war es doch nicht ganz, ganz allein. + +Jetzt erinnerte es sich auch an die Worte, die ihm die Mutter ganz +zuletzt noch gesagt hatte: “Wenn du einmal keinen Weg mehr vor dir +siehst und es dir ganz schwer wird...” So war es jetzt schon +gekommen, und doch hatte es noch nicht gewußt, wie das kommen +konnte, als die Mutter so sagte. Dann, hatte sie gesagt, solle es +daran denken, wie es heiße in seinem Lied: + +(“Er wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann.”) + +Jetzt verstand auch Wiseli mit einemmal, was die Worte bedeuteten, +die es vorher nur so hingesagt hatte, denn es hatte noch nie Angst +gehabt. Aber jetzt war es ja geradeso, daß es gar keinen Weg mehr +vor sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus. Denn vor ihm +stand gar nichts mehr als ein großer Schrecken vor jedem Augenblick +im Haus des Onkels. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein +Herz, wie es wieder und wieder so sagte: + +(“Er wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann.”) + +So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben +Gott im Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von +niemanden mehr gehört wird. Nie bis jetzt hatte es gewußt, wie gut +das tun kann. Es faltete jetzt ganz still seine Hände und fing +sein Lied von vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor +dem lieben Gott sagen und zu ihm beten. Es sagte auch jedes Wort +mit seinem ganzen Herzen, wie nie zuvor: + +(“Befiehl du deine Wege, +Und was dein Herze kränkt, +Der allertreusten Pflege +Des, der den Himmel lenkt.) + +(Der Wolken, Luft und Winden +Gibt Wege, Lauf und Bahn, +Er wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann.”) + + +Es war eine beruhigende Zuversicht ins Herz des Kindes gefallen. +Nachdem es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt hatte, +legte es seinen Kopf wieder auf das Bündelchen und schlief +augenblicklich ein. + +Jetzt träumte das Wiseli, es sehe einen schönen, weißen Weg vor +sich, ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging +zwischen lauter roten Nelken und Rosen durch und war so verlockend +anzusehn, daß man gleich hätte darauf hüpfen und springen mögen. +Und neben dem Wiseli stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei +der Hand, wie immer, und dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte: +“Sieh, Wiseli, das ist dein Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt: + +(“Er wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann?”) + +Und das Wiseli war sehr glücklich in seinem Traum, und auf seinem +Bündelchen schlief es so gut, als läge es in einem weichen Bett. + + + + +5. Kapitel +(Wie es weitergeht und Sommer wird) + + +Als die alte Trine mit dem Bericht auf den Berghang zurückkam, daß +Wiselis Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Patenonkel +geholt worden sei, entstand ein großer Aufruhr im Haus. Die Mutter +klagte, daß sie den Besuch bei der Kranken nicht mehr gemacht hatte, +den sie zu machen sich schon seit einigen Tagen bestimmt +vorgenommen hatte. Aber sie hatte keine Ahnung gehabt, daß das +Ende der armen Frau so nahe sein konnte. + +Otto lief aufgeregt im Zimmer auf und ab und rief immer wieder: “Es +ist eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn +er ihm etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine Rippen +zählen, wie manche davon noch ganz ist!” + +“Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?” +unterbrach die Mutter den Sohn. + +“Vom Chäppi”, erwiderte er. “Was kann er dem Wiseli alles tun, +wenn es mit ihm zusammen wohnen muß! Das ist eine Ungerechtigkeit! +Aber er soll es nur probieren...” Hier wurde Otto wieder +unterbrochen, denn ein wiederholtes, heftiges Stampfen übertönte +seine Stimme. + +“Was machst du für ein hirnerschütterndes Gerumpel, du Miez hinter +dem Ofen!” rief er aus, indem sich seine Aufregung nun nach dieser +Seite wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und stampfte +noch einmal mit großer Gewalt auf den Boden, denn es war bemüht, +seine Füße wieder in die völlig nassen Stiefel hinein zu zwingen, +die ihm die alte Trine vor kurzer Zeit mit der größten Mühe +ausgezogen hatte. + +Die Arbeit war sehr schwierig, und feuerrot vor Anstrengung keuchte +Miezchen hervor: “Kein Mensch kann in diese Stiefel hineinkommen +ohne Stampfen.” + +“Und warum müssen denn die Stiefel wieder an die Füße, da ich sie +gerade eben heruntergezogen habe, damit sie nicht mehr dran sind?” +rief die Trine, die noch im Zimmer stand. + +“Ich gehe zum Buchenrain und hole auf der Stelle das Wiseli zu uns, +es kann mein Bett haben”, erklärte das Miezchen entschlossen. + +Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das Miezchen +zugeschritten, hob es in die Höhe, setzte es fest auf einen Stuhl +und zog mit einem Ruck den halb angezwängten Stiefel wieder weg. +Aber sie beschwichtigte das zappelnde Kind, indem sie zustimmend +sagte: “Schon recht! Schon recht! Aber ich will’s schon für dich +besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Strümpfe und zwei Paar Schuhe +dafür naßzumachen. Dein Bett kannst du schon hergeben, du kannst +dann in die Rumpelkammer hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz +genug.” + +Aber das Miezchen hatte ganz andere Gedanken. Es hatte entdeckt, +daß es sich plötzlich von einem großen und täglich wiederkehrenden +Ungemach befreien könne, und nahm sich fest vor, es zu tun. Jeden +Abend nämlich, gerade wenn Miezchen im besten Zug der Unterhaltung +war, erklang auf einmal der Befehl, ins Bett zu gehen. Hierauf +erfolgten jedesmal große innere, häufig auch äußere Kämpfe, die +waren peinlich und dazu noch nutzlos. Wenn es nun sein Bett an das +Wiseli verschenkt hatte, so war mit einemmal allem abgeholfen, denn +da war keins mehr vorhanden, und Miezchen konnte für immer +aufbleiben. + +Diese Aussicht beglückte das Miezchen so sehr, daß alle seine +Gedanken darauf gerichtet waren und es erst gar nicht bemerkte, wie +die schlaue Trine nur darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen +Stiefel habhaft zu werden, ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli +zu holen. Als sie nun befriedigt mit ihren Stiefeln davonging und +Miezchen die Täuschung entdeckte, fing es so mörderisch zu schreien +an, daß Otto sich beide Ohren zuhalten und die Mutter ernstlich +einschreiten mußte. + +Sie versprach dann dem Miezchen, die Sache mit dem Papa besprechen +zu wollen, sobald er erst wieder zuhause sein würde. Denn er war +an dem Morgen dieses Tages mit Onkel Max abgereist, um einen lange +verabredeten Besuch bei einem alten Freund zu machen. So wurden +denn endlich die Ruhe und der Friede im Haus wiederhergestellt. + +Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem Ausflug zurück, und +die Mutter hielt Wort. Noch am Abend seiner Rückkehr besprach sie +mit dem Vater den Tod von Wiselis Mutter und seine neue Unterkunft. +Und es wurde gleich beschlossen, der Vater sollte am folgenden Tag +hingehen, um sich mit dem Herrn Pfarrer zu beraten, was für Wiseli +getan werden könnte. + +Dies wurde ausgeführt, und der Oberst brachte die Nachricht, daß am +vergangenen Sonntag, zwei Tage vorher, der Gemeindevorstand die +Sache schon geordnet hatte, wie sie nun bleiben würde. Wiseli +sollte ein Unterkommen haben, und da seine Mutter nichts +hinterlassen hatte, mußte die Gemeinde für das Kind sorgen, bis es +selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der Patenonkel sich +gleich angeboten, das Kind für eine geringe Summe bei sich zu +behalten. Er war als rechtschaffener Mensch bekannt, und da seine +Forderung so billig war, wurde ihm das Kind vom Vorstand sehr +bereitwillig zuerkannt. Und so war es denn fest und unabänderlich, +daß Wiselis neue Heimat das Haus des Onkels geworden war. + +“Es ist eigentlich gut so”, sagte der Oberst zu seiner Frau. “Das +Kind ist wohlversorgt. Was hätte man auch mit ihm machen wollen ? +Es ist ja noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu werden, und +alle elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus nehmen. Da +müßtest du ein Waisenhaus gründen.” + +Seine Frau war ein wenig bestürzt über die Nachricht, daß schon +alles festgesetzt sei. Sie hatte gehofft, es würde sich noch eine +andere Unterkunft für das Kind finden. Denn das zarte Wiseli in +dem Haus zu wissen, wo es viel Roheit hören und fühlen mußte, tat +ihr sehr leid. Doch hätte auch sie keinen Rat gewußt, und nun war +auch weiter nichts mehr zu tun, als die Sache hinzunehmen und sich +ab und zu um das Kind zu kümmern. + +Als am Morgen darauf Otto und Miezchen hörten, wie es mit Wiseli +stehe, da brach freilich noch einmal ein Sturm los. Otto erklärte, +Wiseli ginge es nun so wie Daniel in der Löwengrube, und probierte +dabei seine Faust auf dem Tisch--offenbar mit dem heimlichen +Wunsch, sie so auf Chäppis Rücken niedersausen zu lassen. Das +Miezchen lärmte und heulte ein wenig, teils aus Mitleid für Wiseli, +teils für sich selbst und seine vereitelten Hoffnungen auf ein +glückliches Entrinnen aus der täglichen Betthaft. Aber auch diese +Aufregung legte sich wie jede andere, und die Tage gingen wieder +ihren gewohnten Gang. + +Inzwischen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt im +Haus des Onkels. Sein Bett war angekommen. Es schlief nicht mehr +auf der Ofenbank, sondern, wie der Onkel gesagt hatte, in einem +Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer des Ehepaars und +derjenigen der Buben. In dem Verschlag hatten gerade sein Bett +Platz und eine kleine Kiste, worin seine Kleider lagen und auf die +es steigen mußte, um in sein Bett zu kommen, denn da war sonst gar +kein Raum mehr. Um sich morgens zu waschen, mußte es an den +Brunnen gehen, und wenn es kalt war, so sagte die Tante, das könne +es bleiben lassen und sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn +es wärmer sei. Aber daran war Wiseli nicht gewöhnt. Seine Mutter +hatte es gelehrt, sich recht sauber zu halten, und Wiseli wollte +lieber frieren als so ausschauen, wie es die Mutter ungern sehen +würde. + +Daheim war es anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in +der Stube sich hatte fertig machen können und sie dabei immer so +freundliche Worte mit ihm geredet hatte, dann den Kaffee auf den +Tisch stellte und sie beide nebeneinander saßen, wenn es fröhlich +sein Brot aß, ehe es zur Schule gehen mußte. Das war jetzt ganz +anders, und alles war so anders, sein ganzes Leben vom Morgen bis +zum Abend so anders, daß oft beim Erinnern an die Mutter und an die +Tage, die es bei ihr verbracht hatte, dem Wiseli das Wasser in die +Augen schoß. Und es schnürte ihm so das Herz zusammen, daß es +meinte, es könne nicht mehr weiterleben. + +Aber es wehrte sich tapfer, denn der Onkel sah es ungern, wenn es +weinte, oder traurig war. Und die Tante schimpfte dann mehr als je, +sie konnte es gar nicht leiden. + +Am liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg allein +in seinen Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken und +sein Lied sagen konnte. Da kam ein großer Trost in sein Herz. Es +dachte dann an seinen schönen Traum und war ganz sicher, daß der +liebe Gott ihm einen Weg suche, so wie ihn die Mutter gezeigt hatte. +Manchmal überlegte es auch, wie viele Menschen auf der Welt leben, +für die der liebe Gott zu sorgen und Wege bereit zu machen hat. +Und dann stieg ihm der Zweifel auf, ob er es vielleicht vergesse +über all den vielen. Aber da kam ihm gleich der gute Trost ins +Herz, daß ja die Mutter droben im Himmel sei und gewiß den lieben +Gott bitten würde, seinen Weg nicht zu vergessen. + +Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und froh, und es +wurde nie mehr so unglücklich wie am ersten Abend auf der Ofenbank. +Jeden Abend schlief es mit der frohen Zuversicht im Herzen ein: + +(“Er wird auch Wege finden +Wo dein Fuß gehen kann.”) + +So verging der Winter, und der sonnige Frühling kam. Die Bäume +wurden grün, und alle Wiesen standen voller Schlüsselblumen und +weißer Anemonen. Und im Wald rief lustig der Kuckuck, und schöne, +warme Lüfte zogen durch das Land und machten alle Herzen fröhlich, +so daß jeder wieder gern leben mochte. + +Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein, wenn +es am Morgen in die Schule ging und nachher wieder zum Buchenrain +zurückkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich daran zu erfreuen, +denn es mußte nun hart arbeiten. Jeder Augenblick, der neben der +Schule übrigblieb, mußte zu irgendeiner Arbeit benutzt werden. Und +manchen halben Tag der Woche mußte es daheim bleiben und durfte +nicht zur Schule gehen, weil da viel Nötigeres zu tun war, wie der +Onkel und hauptsächlich die Tante sagten. + +Die Frühlingsarbeiten hatten im Feld begonnen, und im Garten war +allerhand zu tun. Da mußte es mithelfen, und wenn die Tante +draußen war, mußte es kochen und nachher das Geschirr abwaschen, +den Trog für die Schweinchen zurecht machen und in die Scheune +hinübertragen. Neben alledem mußten die Hemden und Hosen der Buben +geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, daß Wiseli nie +wußte, wie es fertig werden sollte. Den ganzen Tag durch hieß es +an allen Ecken, wo es Arbeit gab: “Das kann das Kind machen, es hat +ja sonst nichts zu tun.” Dem Wiseli wurde es manchmal ganz +schwindlig, weil es gar nicht wußte, wo anfangen und wie alles zu +Ende bringen. Es wußte auch, wenn es mit dem Kartoffelsamen zum +Acker rannte, wo der Onkel schaufelte, würde die Tante sicher +schimpfen, daß es nicht zuvor in der Küche Feuer fürs Abendessen +gemacht hatte. Und machte Wiseli zuvor das Feuer an, so zankte +wieder der Chäppi, daß es nicht zuerst das Loch in seinem +Jackenärmel hatte flicken können. Er hatte es ihm ja schon lang +gesagt, und jedes rief ihm zu: “Warum machst du denn das nicht? Du +hast ja sonst nichts zu tun!” + +So war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule gehen konnte, da +hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wußte, was es tun mußte. Und +dazu war das auch der Ort, wo es noch freundliche Worte hörte. +Denn in jeder Pause oder nach dem Unterricht kam der Otto zu Wiseli, +redete freundlich mit ihm und brachte immer wieder eine Einladung +von seiner Mutter, daß es etwa am Sonntagabend zu ihnen komme. Sie +wollten dann zusammen spielen. Das konnte nun Wiseli nie ausführen, +denn am Sonntag mußte es den Kaffee machen, und die Tante erlaubte +ihm nicht, fortzugehen an dem einzigen Tag, da es ihr etwas helfen +könne, wie sie sagte. Aber es tat doch dem Wiseli sehr wohl, daß +Otto es immer wieder einlud, und allein schon, daß er freundlich +mit ihm sprach wie sonst niemand. + +Noch einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule ging. Es +mußte jedesmal an dem sauberen Gärtchen vom Schreiner Andres +vorbeigehen, da schaute es so gern hinein und paßte da an der +niederen Hecke immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den +Schreiner Andres zu sehen. Denn es hatte ihm ja noch etwas von der +Mutter auszurichten, das hatte es nicht vergessen. Aber in das +Haus hineinzugehen, dazu war Wiseli zu schüchtern. Es kannte den +Mann auch zu wenig, um einen solchen Schritt zu tun. Auch hatte es +eine eigene Art von Scheu vor ihm, weil er so still war und es nur +immer, wo es ihn traf, freundlich angesehen, aber fast nie etwas zu +ihm gesagt hatte. Seit dem Tod der Mutter hatte Wiseli den +Schreiner Andres nie mehr gesehen, wie oft es auch an der Hecke +gestanden und nach ihm ausgeschaut hatte. + +Mai und Juni waren vorbei, und die langen Sommertage waren gekommen, +da es auf dem Feld immer mehr Arbeit gibt. Es war heiß geworden. +Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom Onkel hinausgerufen wurde +und mit einem großen, schweren Rechen das Heu zusammenbringen oder +mit der breiten Holzgabel wieder auseinanderwerfen mußte, damit es +an der Sonne trockne. + +Oft mußte es so den ganzen Tag draußen helfen, und am Abend war es +dann so müde, daß es seine Arme kaum mehr bewegen konnte. Das +hätte es aber nicht geachtet, denn es dachte, das müsse so sein. +Aber wenn es dann etwa am Abend einen Augenblick still saß, dann +rief ihm der Chäppi gleich zu: “Du wirst so gut Rechnungen zu +machen haben wie ich. Du meinst, du müssest nichts tun, und in der +Schule kannst du ja nie etwas.” + +Das tat dem Wiseli weh, denn es hätte gern fleißig alles gelernt +und wäre gern regelmäßig zur Schule gegangen, damit es alles gut +begreifen und erlernen könnte. Und es wußte recht gut, daß es fast +überall zurück war. Es mußte ja so oft unterbrechen und hatte dann +gar keinen Zusammenhang, wußte auch gar nicht, was für Aufgaben zu +machen waren. + +Wenn es dann ohne Hausarbeiten in die Schule kam und dazu +ungeschickt antwortete und vieles gar nicht wußte, schämte es sich +sehr--besonders, wenn der Lehrer ihm dann vor allen Kindern sagte: +“Das hätte ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du warst immer am +klügsten.” Dann meinte es oft, es müsse in den Boden sinken vor +Scham, und nachher weinte es auf dem ganzen Heimweg. + +Aber dem Chäppi durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht, was +zu machen sei. Sonst schimpfte und lärmte er so lange, bis die +Tante hereinkam und auf Chäppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht +seine Nachlässigkeit vorwarf. Dann unterdrückte das Kind manchmal +seine Tränen, und erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen +freien Lauf lassen. Und sie kamen dann auch recht heiß und schwer, +denn es war ihm so, als hätten der liebe Gott und die Mutter es +ganz vergessen und kein Mensch auf der Welt kümmere sich um sein +Leben. + +In seinem Kummer konnte es oft lange sein Trostlied nicht sagen. +Es kam aber zu keiner Ruhe und konnte nie einschlafen, bis es die +Worte wieder recht zusammengefunden und sie mit Andacht hatte sagen +können, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht recht im Herzen +aufgehen wollte. + +So war das Wiseli auch eingeschlafen an einem schönen Juliabend, +und am Morgen darauf stand es zaghaft unten am Tisch, als die Buben +zur Schule aufbrachen. Es wagte nicht zu fragen, ob es auch gehen +dürfe, denn die Tante schien keine Zeit zu einer Antwort zu haben +und der Onkel hatte das Haus schon verlassen. + +Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das +offene Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen hinsprangen +und über ihren Köpfen die weißen Schmetterlinge in der Morgensonne +umherflogen. Die Tante hatte eine große Wäsche vorbereitet. Mußte +es wohl diese Woche am Waschtrog zubringen? Richtig, sie rief +schon nach ihm aus der Küche. Jetzt rief auch der Onkel nach +Wiseli. Er stand am Brunnen und sah es am Fenster. “Mach, mach, +Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja weit voraus. Das Heu ist +drinnen, mach, daß du in die Schule kommst!” + +Das ließ sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfaßte es +seinen Schulsack und lief zur Tür hinaus. + +“Sag dem Lehrer”, rief der Onkel ihm nach, “du wurdest jetzt eine +Zeitlang nicht fehlen. Er soll’s nicht so genau nehmen, wir haben +viel mit dem Heu zu tun gehabt.” + +Wiseli lief glücklich davon. So mußte es sich nicht an den +Waschtrog stellen, es durfte die ganze Woche in die Schule gehen. +Wie war es schön ringsum! Von allen Bäumen pfiffen die Vögel, und +das Gras duftete, und in der Sonne leuchteten die roten Margeriten +und die gelben Butterblumen. Wiseli konnte nicht stehenbleiben, es +war keine Zeit dazu. Aber es fühlte, wie schön die Landschaft war, +und lief voller Freuden mittendurch. + +Am selben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen Schulstube in +den sonnigen Abendschein hinausstürmen wollten, rief der Lehrer in +den Tumult hinein: “Wer hat in dieser Woche Ordnungsdienst?” + +“Der Otto, der Otto!” rief die ganze Schar und stürmte davon. + +“Otto”, sagte der Lehrer in ernstem Ton, “gestern ist hier nicht +aufgeräumt worden. Einmal will ich dir verzeihen. Aber laß mich +das nicht zweimal sehen, sonst müßte ich dich bestrafen.” + +Otto schaute einen Augenblick auf all die Nußschalen und +Papierfetzen und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und +aufgelesen sein sollten. Dann wandte er eilig den Kopf weg und +lief ebenfalls hinaus, denn der Lehrer war auch schon durch seine +Tür verschwunden. Draußen stand Otto auf dem sonnigen Platz, +schaute in den goldenen Abend hinaus und dachte: Jetzt könnte ich +heimgehen, und dann kriegte ich die Kappe voll Kirschen. Und dann +könnte ich auf dem Braunen ins Feld hinausreiten, wenn der Knecht +das Heu holt, und nun soll ich drinnen auf dem Boden Papierfetzen +zusammenlesen? + +Und Otto wurde durch seine Gedanken so aufgeregt, daß er ganz +grimmig vor sich hin sagte: “Ich wollte, es käme gerade jetzt der +jüngste Tag, und das Schulhaus und alles miteinander flöge in +tausend Stücken in die Luft.” Es blieb aber ringsum still und ruhig, +und von dem alles beendenden Erdbeben waren keine Anzeichen da. +Da kehrte sich endlich Otto wieder der Schultür zu, mit zornigem +Gesicht, denn er wußte ja, in den sauren Apfel mußte nun gebissen +werden. Oder morgen folgte die erniedrigende Strafe des +Nachsitzens. + +Er trat ein, aber beim ersten Schritt blieb er verwundert stehen. +Völlig aufgeräumt lag die Schulstube vor ihm, keine Fetzchen und +kein Stäubchen nirgends mehr zu sehen. Die Fenster standen offen, +und die Abendluft strömte in die geputzte Stube hinein. + +In dem Augenblick trat der Lehrer aus seinem Zimmer und schaute +überrascht um sich und auf den Otto, der mit großen Augen dastand. +Dann ging er zu dem Jungen und sagte ermunternd: “Du darfst +wirklich dein Werk anstaunen, das hätte ich dir nicht zugetraut. +Du bist ein guter Schüler, aber im Aufräumen hat du heute alle +übertroffen, was sonst bei dir nicht der Fall war.” Damit ging der +Lehrer fort, und als sich Otto noch mit einem letzten Blick +überzeugt hatte, daß er die Wirklichkeit vor sich sah, sprang er +vor Freude in zwei Sätzen die Treppe hinunter und über den Platz +weg. Er stürmte den Berghang hinauf, und erst als er der Mutter +das wunderbare Ereignis mitteilte, fing er an zu überlegen, wie es +sich zugetragen haben könnte. + +“Aus Versehen wird wohl keiner für dich aufgeräumt haben”, sagte +die Mutter. “Hast du etwa einen guten Freund, der sich so +edelmütig für dich aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein +könnte.” + +“Ich weiß es”, sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehört +hatte. + +“Wer war es denn?” rief Otto, teils neugierig, teils ungläubig. + +“Der Mauserhans”, erklärte Miezchen mit voller Überzeugung, “weil +du ihm vor einem Jahr einen Apfel gegeben hast.” + +“Ja, oder der Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht +genommen habe vor ein paar Jahren. Das wäre wohl ebenso +wahrscheinlich, du Wunder von einem Miez.” Damit rannte Otto davon, +denn jetzt war’s höchste Zeit, wenn er den Ritt ins Heu nicht +versäumen wollte. + +Inzwischen sprang das Wiseli mit vergnügtem Herzen den Berg +hinunter, vorbei an Schreiner Andres’ Gärtchen. Dann machte es +aber plötzlich kehrt und lief wieder zurück, denn es hatte im +Vorbeilaufen so schöne, rote Nelken gesehen in dem Garten, die +mußte es noch einmal ansehen, wenn es auch schon ein wenig spät war. +Es dachte: Den Buben komme ich doch nach, die machen erst auf +allen Wegen noch Kugelschieben. + +Die Nelken leuchteten in der Abendsonne so schön und dufteten so +herrlich über die niedere Hecke herüber dem Wiseli zu, daß es fast +nicht mehr von der Stelle fort wollte, so gut gefiel es ihm da. Da +trat auf einmal der Schreiner Andres aus seiner Tür heraus in das +Gärtchen und kam auf das Wiseli zu. Er gab ihm die Hand über die +Hecke und er sagte freundlich. “Willst du eine Nelke, Wiseli?” + +“Ja, gern”, antwortete es, “und dann sollte ich Ihnen auch noch +etwas ausrichten von der Mutter.” + +“Von der Mutter?” fragte der Schreiner Andres erstaunt und ließ die +Nelken aus der Hand fallen, die er eben abgebrochen hatte. + +Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie auf. Dann sah es zu +dem Mann auf, der ganz still dastand, und sagte: “Ja, noch zu +allerletzte als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von +dem guten Saft getrunken, den Sie in die Küche gestellt haben. Und +er hat ihr so gut geschmeckt, und dann hat sie mir aufgetragen, ich +soll Ihnen sagen, sie danke Ihnen vielmal dafür und auch noch für +alles Gute. Und sie sagte noch: ‘Er hat es gut mit mir +gemeint’.” Jetzt sah Wiseli, wie dem Schreiner Andres große +Tränen über die Wangen hinunterliefen. Er wollte etwas sagen, aber +es kam nichts heraus. Dann drückte er dem Wiseli fest die Hand, +wandte sich ab und ging ins Haus hinein. + +Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine +Mutter geweint, und es selbst hatte nur weinen dürfen, wenn es +niemand sah. Denn der Onkel wollte ja kein Geschrei, hatte er +gesagt, und vor der Tante durfte es noch weniger weinen. Und nun +war auf einmal jemand da, dem kamen die Tränen, weil es etwas von +der Mutter gesagt hatte. Dem Wiseli wurde es so zumute, als wäre +der Schreiner Andres sein liebster Freund auf der Welt, und es +faßte eine große Liebe zu ihm. Jetzt rannte es mit seinen Nelken +davon und war wie der Blitz am Buchenrain angelangt. Und das war +gut, denn eben sah es, wie die beiden Buben dem Haus zuliefen, und +es durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen. + +An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, daß es gar +nicht begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein können und gar +keine Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der +liebe Gott hatte es gewiß nicht vergessen, das wollte es nicht mehr +denken. Heute hatte er ihm ja so viel Freude bereitet, und beim +Einschlafen sah Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiner Andres +vor sich mit den Tränen darauf. + +Am folgenden Tag, es war nun Mittwoch, erlebte Otto die gleiche +Überraschung wie am Tag vorher, denn er hatte sich nicht enthalten +können, mit den andern aus der Schulstube hinauszurennen im ersten +Augenblick der Befreiung. Als er dann an seine Arbeit gehen wollte +und die Tür aufmachte--da war schon alles getan und die Stube in +bester Ordnung. + +Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde zu erregen. Auch war +er dem unbekannten Wohltäter so dankbar, daß es ihn drängte, das +auszusprechen. Am Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache +zugehe. + +Als nun die Schulstunden zu Ende waren und alles fortlief, stand +Otto einen Augenblick nachdenklich an seinem Platz. Er wußte nicht +recht, wo er am besten dem Wohltäter auflauern konnte. Aber mit +einemmal faßte ihn eine Schar rüstiger Kerle, seine Klassengenossen, +an allen Ecken an, und die Stimmen riefen durcheinander: “Komm +heraus! Heraus mit dir! Wir machen Räuber, du bist der Anführer.” + +Otto wehrte sich ein wenig. “Ich muß ja diese Woche Ordnung +machen”, rief er. + +“Ach, was”, erwiderten sie, “wegen einer Viertelstunde. Komm!” + +Otto ließ sich fortreißen, in der Stille verließ er sich schon ein +wenig auf seinen unbekannten Freund, der ihn vor der Strafe +schützen würde. Er fand es unbeschreiblich angenehm, eine solche +Fürsorge im Rücken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr +als eine Stunde, und Otto wäre verloren gewesen. Er lief keuchend +zur Schulstube zurück, um sich seinem Schicksal zu stellen, und +stieß dabei die Tür mit solchem Gepolter auf, daß der Lehrer +augenblicklich aus seiner Stube ins Lehrzimmer trat. + +“Was hast du gewollt, Otto?” fragte der Lehrer. + +“Nur noch einmal nachsehen”, stotterte Otto, “ob auch sicher alles +in Ordnung sei.” + +“Musterhaft”, bemerkte der Lehrer. “Dein Eifer ist löblich, aber +die Türen dabei halb einzuschlagen, ist nicht notwendig.” + +Otto ging gutgelaunt davon. Am Freitag war er entschlossen, den +Fleck nicht zu räumen, bis er im klaren war, denn da kam für ihn +nur noch der Samstagmorgen. Da wurde freilich immer noch groß +Ordnung gemacht. + +“Otto”, rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke vier Uhr schlug, +“trag mir schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer, er gibt dir +Bücher zurück. In fünf Minuten bist du wieder da zum Aufräumen.” + +Das war Otto nicht ganz recht, aber er mußte gehen. Außerdem +konnte er ja gleich wieder da sein. In wenig Sprüngen war er im +Pfarrhaus. + +Der Herr Pfarrer unterhielt sich noch mit jemandem. Die Frau +Pfarrerin rief Otto in den Garten hinaus, er mußte ihr berichten, +wie es der Mama gehe und dem Papa und dem Miezchen und dem Onkel +Max und den Verwandten in Deutschland. Und dann kam der Herr +Pfarrer, und Otto mußte erklären, wie er zu dem Auftrag gekommen +war und was ihm der Lehrer sonst noch gesagt habe. Endlich hatte +dann Otto seine Bücher erhalten, und pfeilschnell war er drüben, +riß die Tür der Schulstube auf--alles in Ordnung, alles still, +kein menschliches Wesen zu sehen. + +Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach den +grausigen Fetzen bücken müssen, dachte Otto befriedigt. Aber wer +hat die schreckliche Arbeit getan, ohne daß er mußte? Das wollte +er nun um jeden Preis wissen. + +Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto ließ +alle Kinder hinausgehen, und als nun die Schulstube leer war, trat +er vor die Tür hinaus, schloß sie zu und lehnte sich mit dem Rücken +daran. So mußte er doch gewiß sehen, ob da jemand hineingehen +würde, denn damit wollte er lieber beginnen als mit der schweren +Arbeit. Er stand und stand--es kam niemand. Er hörte die Uhr +halb zwölf schlagen--es kam niemand. Am Nachmittag stand aber ein +Ausflug bevor, es sollte heute früh zu Mittag gegessen werden. Er +sollte so schnell wie möglich zuhause sein. Er mußte also hinein +an die Arbeit, es grauste ihm. Er öffnete die Tür--da--Otto riß +noch mehr als das erstemal die Augen auf--wirklich, es war alles +getan, schöner als je. + +Dem Otto wurde es ganz eigentümlich zumute. Ob da irgendwelche +Geister ihre Hände im Spiel hatten? Ganz leise, wie nie sonst, +schlich er zur Tür hinaus. Gerade in diesem Augenblick kam ebenso +leise etwas aus des Lehrers Küche geschlichen, und auf einmal stand +das Wiseli ganz nahe vor ihm. Beide fuhren zusammen vor Schrecken, +und das Wiseli wurde so rot, als hätte es der Otto bei einem +Unrecht erwischt. Jetzt ging ihm ein Licht auf. + +“Sicher hast du das für mich gemacht die ganze Woche lang, Wiseli”, +rief er aus. “Das tut doch gewiß sonst kein Mensch, wenn er nicht +muß.” + +“Ich habe es aber so gern getan”, gab Wiseli zur Antwort. + +“Nein, nein, das mußt du nicht sagen, Wiseli. So etwas kann kein +Mensch auf der Welt gern tun”, sagte Otto überzeugt. + +“Doch--gewiß”, versicherte Wiseli, “ich habe die ganze Zeitlang +mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun durfte, +und während ich aufräumte, habe ich mich erst recht immerzu gefreut, +weil ich immer gedacht habe: jetzt kommt der Otto und findet alles +fertig und ist froh.” + +“Aber wie bist du denn darauf gekommen, daß du das für mich tun +wolltest?” fragte Otto verwundert. + +“Ich wußte schon, daß du es nicht gern tust, und ich habe schon +immer gedacht, wenn ich nur einmal dem Otto etwas geben könnte, wie +du mir den Schlitten, weißt du noch? Aber ich hatte nie etwas.” + +“Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du für +mich jetzt getan hast. Das will ich dir auch nicht vergessen, +Wiseli.” Und Otto gab ihm ganz gerührt die Hand. Wiselis Augen +leuchteten vor Freude wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto +noch wissen, wie es denn wieder in die Stube hineingekommen sei, da +er doch gewartet hatte, bis alle Kinder draußen waren. + +“Oh, ich bin gar nicht hinausgegangen”, sagte Wiseli. “Ich verbarg +mich schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehst schon noch ein +wenig hinaus wie jeden Tag vorher.” + +“Aber wie konntest du immer hinaus, ohne daß ich dich sah?” wollte +Otto noch wissen. + +“Wenn du mit den anderen herumliefst, konnte ich schon hinaus. Ich +paßte schon auf. Und gestern und heute, als ich nicht sicher war, +ging ich durch die Stube des Lehrers und fragte die Frau Lehrerin, +ob sie etwas für mich zu tun habe, sie gibt mir manchmal einen +Auftrag auszurichten, und dann ging ich durch die Küche fort. +Gestern war ich gerade hinter der Küchentür, als du in die +Schulstube ranntest.” + +Jetzt kannte Otto die ganze Geistergeschichte. Er gab dem Wiseli +noch einmal die Hand. “Danke, Wiseli”, sagte er herzlich. Und +dann lief eins da hinaus, das andere dort hinaus, und beide waren +froh und zufrieden. + + + + +6. Kapitel +(Das Alte und auch etwas Neues) + + +Der Sommer war vergangen, und auch die schönen Herbsttage waren zu +Ende. Es wurde kühl und nebelig am Abend, und in den feuchten +Wiesen fraßen die Kühe das letzte Gras ab. Hier und da flackerten +auf den Wiesen kleine Feuer auf, denn die Hirtenbuben brieten +Kartoffeln und wärmten sich die Hände. + +An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule heim und +erklärte seiner Mutter, er müsse nachsehen, was das Wiseli mache. +Denn seit den Herbstferien war es noch nicht in die Schule gekommen, +acht Tage lang nicht. Otto steckte seine Vesperäpfel zu sich und +lief davon. Am Buchenrain angekommen, sah er den Rudi vor der +Haustür am Boden sitzen und von einem Haufen Birnen, die neben ihm +lagen, eine nach der anderen zerreißen. + +“Wo ist das Wiseli?” fragte Otto. + +“Draußen”, war die Antwort. + +“Wo draußen?” + +“Auf der Wiese.” + +“Auf welcher Wiese?” + +“Ich weiß nicht.” Und Rudi kaute weiter an seinen Birnen. + +“Du stirbst einmal nicht am Gescheitsein”, bemerkte Otto und ging +auf gut Glück zur großen Wiese, die sich vom Haus bis gegen den +Wald hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter +einem Birnbaum und ging darauf zu. Richtig, da bückte sich Wiseli, +um die Birnen zusammenzulesen. Dort saß der Chäppi rittlings auf +seinem Birnenkorb, und zuhinterst lag der Hans rücklings über den +vollen Korb hin und schaukelte sich so darauf, daß der Korb jeden +Augenblick umzustürzen drohte. Chäppi sah ihm zu und lachte. + +Als Wiseli den Otto herankommen sah, leuchtete sein Gesicht auf. +“Guten Abend, Wiseli”, rief er von weitem, “warum bist du so lange +nicht in die Schule gekommen?” + +Wiseli streckte erfreut dem Otto die Hand entgegen. “Wir haben so +viel zu tun, darum durfte ich nicht kommen”, sagte es. “Sieh nur, +wie viel Birnen es gibt! Ich muß vom Morgen bis zum Abend auflesen, +soviel ich nur kann.” + +“Du hast ja ganz nasse Schuhe und Strümpfe”, erwiderte Otto. “Hier +ist’s nicht gemütlich. Frierst du nicht, wenn du so naß bist?” + +“Ich fröstle nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher heiß vom +Auflesen.” In diesem Augenblick gab der Hans seinem Korb einen +solchen Ruck, daß alles übereinander auf den Boden hinrollte. Der +Hans, der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen Richtungen +hin. + +“Oh, oh!” sagte Wiseli kläglich. “Nun muß man die alle wieder +zusammenlesen.” + +“Und die auch”, rief Chäppi und lachte, als die Birne, die er +geworfen hatte, das Wiseli an der Schläfe traf, daß es ganz bleich +wurde und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen schoß. + +Kaum hatte Otto das gesehen, als er auf den Chäppi losfuhr, ihn +samt seinem Korb umwarf und ihn fest im Genick packte. “Hör auf, +ich muß ersticken”, gurgelte der Chäppi. Jetzt lachte er nicht +mehr. + +“Du sollst daran denken, daß du es mit mir zu tun hast, wenn du so +mit dem Wiseli umgehst”, rief Otto zornig. “Hast du genug? Willst +du daran denken?” + +“Ja, ja, laß nur los!” bat Chäppi, mürbe gemacht. + +Nun ließ Otto los. “Jetzt hast du’s gespürt”, sagte er; “wenn du +dem Wiseli noch einmal etwas zuleide tust, so packe ich dich so, +daß du noch einen Schrecken hast davon, wenn du siebzig Jahre alt +bist. Auf Wiedersehen, Wiseli.” Damit drehte sich Otto um und ging +mit seinem Zorn nachhause. + +Hier suchte er gleich seine Mutter auf und erzählte ihr empört, daß +das Wiseli eine solche Behandlung erdulden müsse. Er war auch ganz +entschlossen, auf der Stelle zum Herrn Pfarrer zu gehen und den +Onkel und seine ganze Familie anzuklagen, damit man ihnen das +Wiseli entreiße. + +Die Mutter hörte zu, bis Otto sich ein wenig beruhigt hatte, dann +sagte sie: “Lieber Junge, das würde gar nichts nutzen, das Kind +würde man dem Onkel nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so +etwas hörte. Er meint es selbst nicht böse mit dem Kind, und es +ist kein genügender Grund da, ihm Wiseli wegzunehmen. Ich weiß, +daß das arme Kind jetzt ein hartes Brot ißt. Ich habe es auch +nicht vergessen, ich schaue immer danach aus, ob mir der liebe Gott +nicht einen Weg zeigt, wie dem Kind geholfen werden könnte. Die +Sache liegt mir auch am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn +du inzwischen das Wiseli schützen und den groben Chäppi ein wenig +zähmen kannst, ohne selbst dabei grob zu werden, so bin ich ganz +damit einverstanden.” + +Otto beruhigte sich bei dem Gedanken, daß die Mutter nach einem +anderen Weg für das Wiseli ausschaute. Er selber dachte alle +möglichen Rettungswege aus, aber alle führten in die Luft hinauf +und hatten keinen Boden. Und er sah ein, daß das Wiseli darauf +nicht gehen konnte. Als er dann zu Weihnachten seine Wünsche +aufschreiben durfte, da schrieb er ganz verzweifelt mit ungeheuren +Buchstaben, so als müßte man sie vom Himmel herunter lesen können, +auf sein Papier: ‘Ich wünsche, daß das Christkind das Wiseli +befreit.’ + +Nun war der kalte Januar wieder da, und der Schlittenweg war so +prächtig glatt und fest, daß die Kinder gar nicht genug bekommen +konnten, die herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eine helle +Mondnacht nach der anderen, und Otto hatte auf einmal den Einfall, +am allerschönsten müßte das Schlittenfahren im Mondschein sein. +Die ganze Gesellschaft sollte sich am Abend um sieben Uhr +zusammenfinden und die Mondscheinfahrten ausführen, denn es war der +Tag des Vollmonds. Da mußte es prächtig werden. + +Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen, und die +Schlittbahngenossen trennten sich gegen fünf Uhr wie gewöhnlich, da +die Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder zusammenzufinden. + +Weniger Anklang fand der Vorschlag bei Ottos Mutter, als er ihr +mitgeteilt wurde. Sie ließ sich gar nicht von der Begeisterung +hinreißen, mit der die Kinder beide auf einmal und in den lautesten +Tönen ihr das Wundervolle dieser Unternehmung schilderten. Sie +hielt ihnen die Kälte des späten Abends vor, die Unsicherheit der +Fahrten bei dem ungewissen Licht und alle Gefahren, die besonders +das Miezchen bedrohen könnten. + +Aber die Einwände blieben wirkungslos, und Miezchen bettelte +inständig, als hinge seine einzige Lebensfreude an dieser +Schlittenfahrt. Otto versprach auch, er wurde auf Miezchen +aufpassen und immer in seiner nächsten Nähe bleiben. + +Endlich willigte die Mutter ein. Mit großem Jubel und wohlverpackt +zogen die Kinder ein paar Stunden nachher in die helle Nacht hinaus. +Es ging alles ganz nach Wunsch, die Schlittenbahn war +unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der dunklen Stellen, wo der +Mondschein nicht hinfiel, erhöhte den Reiz der Unternehmung. Eine +Menge Kinder hatte sich eingefunden, alle waren in der fröhlichsten +Stimmung. + +Otto ließ sie alle vorausfahren, dann kam er, und zuletzt mußte das +Miezchen kommen, damit ihm keiner in den Rücken fahren konnte. So +hatte es Otto eingerichtet, er konnte sich dabei auch immer von +Zeit zu Zeit mit einem Blick vergewissern, ob Miezchen nachkomme. + +Als nun alles so gut ging, fiel einem der Buben ein, nun müßte +einmal der ganze Zug anhängen, nämlich ein Schlitten an den anderen +gebunden werden. So wollte man hinunterfahren, das müßte im +Mondenschein ein ganz besonderer Spaß werden. Unter großem Lärm +und allgemeiner Zustimmung ging man gleich ans Werk. + +Für Miezchen fand Otto die Fahrt doch ein wenig gefährlich, denn +manchmal gab es dabei einen großartigen Umsturz sämtlicher +Schlitten und Kinder. Das konnte er für das kleine Wesen nicht +riskieren. Er ließ seinen Schlitten zuletzt anbinden, der +Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter +dem Bruder her. Nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen +Schlitten langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurückblieb, denn +er war in der Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und die lange, +lange Kette sauste die glatte Bahn hinunter. + +Mit einemmal hörte Otto ein furchtbares Geschrei, und er kannte die +Stimme. Es war Miezchens Stimme. Was war da geschehen? Otto +hatte keine Wahl, er mußte die Lustpartie zu Ende machen, wie groß +auch sein Schrecken war. Aber kaum unten angelangt, riß er sein +Schlittenseil los und rannte den Berg hinauf. Alle anderen liefen +hinter ihm drein, denn fast alle hatten das Geschrei vernommen und +wollten auch sehen, was los war. An der halben Höhe des Berges +stand das Miezchen neben seinem Schlitten, schrie aus Leibeskräften +und weinte. Atemlos stürzte Otto heran und rief: “Was hast du? +Was hast du?” + +“Er hat mich--er hat mich--er hat mich”, stieß Miezchen +schluchzend hervor und kam nicht weiter vor Aufregung. + +“Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?” rief Otto. + +“Der Mann dort, der Mann, er hat mich--er hat mich totschlagen +wollen und hat mir--und hat mir--furchtbare Worte nachgerufen.” +So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei. + +“So sei doch nur still jetzt, Miezchen, tu doch nicht so. Er hat +dich ja doch nicht totgeschlagen. Hat er dich denn wirklich +geschlagen?” fragte Otto ganz zahm, denn er hatte Angst. + +“Nein. Aber er wollte, mit einem Stecken--so hat er ihn gehoben +und gesagt: ‘Wart du!’ Und ganz furchtbare Worte hat er +mir nachgerufen.” + +“So hat er dir eigentlich gar nichts getan”, sagte Otto und atmete +beruhigt auf. + +“Aber er hat ja--er hat ja--und ihr wart alle schon weit fort, +und ich war ganz allein.” Und vor Mitleid mit sich selbst brach +Miezchen noch einmal in lautes Weinen aus. + +“Bscht! Bscht!” beschwichtigte Otto. “Sei doch still jetzt, ich +gehe nun nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr. +Und wenn du nun gleich ganz still sein willst, so gebe ich dir den +roten Zuckerhahn vom Christbaum.” + +Das wirkte. Mit einemmal trocknete Miezchen seine Tränen und gab +keinen Laut mehr von sich. Denn den großen roten Zuckerhahn vom +Christbaum zu bekommen, war Miezchens allergrößter Wunsch gewesen. +Er war aber bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen, und Miezchen +hatte den Verlust nie verschmerzen können. Wie nun alles in +Ordnung war und die Kinder den Berg hinaufstiegen, wurde besprochen, +was es für ein Mann gewesen sein könne, der das Miezchen habe +totschlagen wollen. + +“Ach was, totschlagen”, rief Otto dazwischen. “Ich habe schon +lange gemerkt, wer es war. Wir haben ja im Herunterfahren den +großen Mann mit dem dicken Stock auch angetroffen, er mußte unseren +Schlitten ausweichen, in den Schnee hinein. Das machte ihn böse, +und als er dann hintennach das Miezi allein antraf, hat er es ein +wenig erschreckt und seinen Zorn an ihm ausgelassen.” + +Diese Erklärung fand allgemeine Zustimmung. Das war ja so +natürlich, daß jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn +gekommen. So wurde die Sache vergessen und lustig drauflos +gerodelt. Endlich aber mußte auch dieses Vergnügen ein Ende nehmen, +denn es hatte längst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da +aufgebrochen werden sollte. + +Auf dem Heimweg schärfte der Otto dem Miezchen ein, zuhause nichts +zu erzählen von dem Vorfall, sonst könnte die Mutter Angst bekommen. +Und dann dürften sie nie mehr im Mondschein Schlitten fahren. +Den Zuckerhahn würde Miezchen gleich bekommen, aber es müsse +versprechen, nichts zu erzählen. + +Miezchen versprach hoch und heilig, kein Wort zu sagen. Die Spuren +seiner Tränen waren auch längst verschwunden und konnten nichts +mehr verraten. + +Längst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und der +rote Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Träume und erfüllte sein +Herz mit einer so großen Freude, daß es im Schlaf lächelte. Da +klopfte es unten an die Haustür, so laut, daß der Oberst und seine +Frau vom Tisch auffuhren, an dem sie eben gemütlich gesessen und +sich über ihre Kinder unterhalten hatten. Und die alte Trine rief +in strafendem Ton zum Fenster hinaus: “Was ist das für eine Manier!” + +“Es ist ein großes Unglück geschehen”, tönte es von unten herauf. +“Der Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den Schreiner +Andres tot gefunden.” + +Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau hatten +genug gehört, denn auch sie waren zum offenen Fenster gegangen. +Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und lief zum Haus +des Schreiners. Als er in die Stube trat, fand er schon eine Menge +Leute da. Man hatte den Friedensrichter und Gemeindeamtmann geholt, +und eine Schar Neugieriger und Teilnehmender war mit ihnen +gekommen. Andres lag am Boden in einer Blutlache und gab kein +Lebenszeichen von sich. Der Oberst trat näher. + +“Ist denn jemand zum Doktor gelaufen?” fragte er. + +Es war niemand dorthin gegangen. Da sei ja doch nichts mehr zu +machen, meinten die Leute. + +“Lauf, was du kannst, zum Doktor”, befahl der Oberst einem Burschen. +“Sag ihm, ich lasse ihn bitten, er soll auf der Stelle kommen.” +Dann half er selbst den Andres vom Boden aufheben und in die Kammer +hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt trat der Oberst an die +schwatzenden Leute heran, um zu hören, wie der Vorfall sich +zugetragen hatte, ob jemand etwas Näheres wisse. + +Der Müllerssohn trat vor und erzählte, er sei vor einer halben +Stunde vorbeigekommen, und da er noch Licht gesehen habe in des +Schreiners Stube, habe er im Vorbeigehen schnell fragen wollen, ob +seine Aussteuersachen auch rechtzeitig fertig werden. Er habe die +Tür der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am +Boden gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend +ein Goldstück entgegengestreckt, als er hereingetreten sei. Er +habe dann den Leuten zugerufen, daß der Gemeindeamtmann kommen +solle. + +Der Matten-Joggi, der so hieß, weil er unten in der ‘Matte’, im Tal +wohnte, war ein schwachsinniger Mensch, der davon lebte, daß ihn +die Bauern mithelfen ließen. Er schleppte Steine und Sand, las +Obst auf oder machte im Winter Holzbündelchen. Daß er Böses getan +hätte, hatte man bis jetzt nicht gehört. Der Müllerssohn hatte ihm +gesagt, er solle da bleiben, bis auch der Präsident noch da sein +werde. So stand Joggi noch immer in einer Ecke, hielt seine Hand +fest zugeklemmt und lachte halblaut. + +Jetzt trat der Doktor in die Stube und hinter ihm her auch noch der +Präsident. Der Gemeindevorstand stellte sich nun mitten ins Zimmer +und verhörte die Leute. Der Doktor ging sofort in die Kammer +hinein, und der Oberst folgte ihm. Der Doktor untersuchte genau +den unbeweglichen Körper. + +“Da haben wir’s”, rief er plötzlich aus, “hier auf den Hinterkopf +ist Andres geschlagen worden, da ist eine große Wunde.” + +“Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?” + +“Nein, er atmet ganz leise, aber er ist böse dran.” + +Nun brauchte der Doktor Wasser und Schwämme und Weißzeug und noch +vieles. Die Leute draußen liefen alle durcheinander und suchten +und rissen alles von der Wand und aus dem Küchenkasten und brachten +Haufen von Sachen in die Kammer hinein, aber nichts von dem, das +der Doktor brauchte. + +“Da muß eine Frau her, die Verstand hat und weiß, was ein Kranker +nötig hat”, rief der Doktor ungeduldig. Alle schrien durcheinander. +Aber wenn einer eine wußte, so rief ein anderer: “Die kann nicht +kommen.” + +“Einer soll auf den Hang laufen”, befahl der Oberst. “Meine Frau +soll mir die Trine herunterschicken!” Sofort lief ein Mann davon. + +“Deine Frau wird dir aber nicht danken”, sagte der Doktor, “denn +ich lasse die Pflegerin drei bis vier Tage und Nächte nicht vom +Bett weg.” + +“Keine Sorge”, entgegnete der Oberst, “für den Andres gäbe meine +Frau alles her, nicht nur die alte Trine.” + +Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man +hatte hoffen können. Denn sie stand schon lange mit einem großen +Korb am Arm bereit, und die Frau Oberst stand neben ihr und +lauschte, ob einer gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen können, +daß der Andres wirklich tot sei, und hatte überlegt, was man +brauchen könnte, um ihm wieder auf die Beine zu helfen. So hatte +sie Schwamm und Verbandzeug, Wein und Öl und warme Flanelle in +einen Korb gepackt, und Trine mußte nur hinunterlaufen, als der +Bote kam. Der Doktor war sehr zufrieden. + +“Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, daß die ganze +Bande zum Haus hinauskommt!” rief er und schloß die Tür zu, +nachdem der Oberst hinausgetreten war. Der Gemeinderat war noch am +Beratschlagen. Da aber der Oberst erklärte, nun müsse alles das +Haus verlassen, faßten die Männer den Beschluß, vorläufig müsse der +Joggi eingesperrt werden. Dann wollte man weitersehen. + +Also mußten zwei Männer den Joggi in die Mitte nehmen, damit er +nicht davonlief, und ihn so zum Armenhaus bringen und in eine +Kammer sperren. Der Joggi ging aber ganz willig davon und lachte, +und von Zeit zu Zeit guckte er vergnügt in seine Faust hinein. + +Gleich am anderen Morgen ging die Frau Oberst voller Sorge zum +Häuschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der Kammer und +brachte die frohe Nachricht, Andres sei gegen Morgen schon ein +wenig zum Bewußtsein gekommen. Auch der Doktor sei schon dagewesen +und habe den Kranken über Erwarten gut angetroffen. Ihr aber habe +er eingeschärft, daß sie keinen Menschen in die Kammer hineinlasse, +Andres dürfe auch noch kein Wort reden, wenn er auch wollte, nicht. +Nur der Doktor und die Wärterin sollen vor seine Augen kommen, +erklärte die Trine in großem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst +einverstanden, und erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach +Hause zurück. + +So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Frau Oberst zum Haus +des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hören, ob etwas +fehle, das dann schnell herbeigeschafft werden mußte. Otto und +Miezchen mußten jeden Tag aufs neue besänftigt werden, daß sie +ihren kranken Freund noch nicht besuchen durften. Aber da war +immer noch keine Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch +unentbehrlich, wurde auch täglich vom Doktor gelobt für ihre +sorgfältige Pflege. + +Nach Ablauf der acht Tage schlug der Doktor seinem Freund, dem +Oberst, vor, nun einmal den Kranken zu besuchen, zu der Zeit, da er +selbst dort sein würde. Denn jetzt war der Augenblick gekommen, da +Andres wieder reden durfte. Und der Doktor wollte ihn in Gegenwart +des Obersten darüber befragen, was er selbst von dem unglücklichen +Vorfall wisse. + +Andres freute sich, als er dem Herrn Oberst die Hand drücken durfte. +Er hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle +Sorgfalt für seine Genesung kam. Dann besann er sich, so gut er +konnte, um die Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wußte +aber nur folgendes zu sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die er +jährlich dem Herrn Oberst zur Verwahrung brachte. Diese wollte er +noch einmal überzählen, um seiner Sache sicher zu sein. Er hatte +sich am späteren Abend hingesetzt, den Rücken gegen die Fenster und +die Tür gekehrt. Mitten im Zählen hörte er jemanden hereinkommen. +Ehe er aber aufgeschaut hatte, fiel ein furchtbarer Schlag auf +seinen Kopf. Von da an wußte er nichts mehr. + +Also hatte Andres Geld auf dem Tisch liegen gehabt. Davon war aber +gar nichts mehr gesehen worden, nur das einzige Stück in Joggis +Hand. Wo könnte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn +wirklich Joggi der Übeltäter war? Als Andres vernahm, wie der +Joggi gefunden worden und nun eingesperrt sei, wurde er ganz +unruhig. + +“Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi”, sagte er. +“Der tut ja keinem Kind etwas zuleide, der hat mich nicht +geschlagen.” + +Andres hatte aber auch gegen keinen anderen Menschen den leisesten +Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen +Menschen, der ihm so etwas hätte antun wollen. + +“Es kann auch ein Fremder gewesen sein”, bemerkte der Doktor, der +die niedrigen Fenster ansah. “Wenn Sie da beim hellen Licht Geld +auf dem Tisch liegen haben und zählen, so kann das von außen jeder +sehen und Lust zum Teilen bekommen.” + +“Ich habe nie an so etwas gedacht, es war immer alles offen,” sagte +der Andres gelassen. + +“Es ist gut, daß Sie noch etwas im Trockenen haben, Andres”, +bemerkte der Oberst. “Lassen Sie sich das nicht zu Herzen gehen. +Das wichtigste ist, daß Sie wieder gesund werden.” + +“Gewiß, Herr Oberst”, erwiderte Andres und schüttelte ihm die Hand. +“Ich habe nur zu danken. Der liebe Gott hat mir ja sonst schon +viel mehr gegeben, als ich brauche.” + +Die Herren verließen den friedlichen Andres, und vor der Tür sagte +der Doktor: “Dem ist wohler als dem anderen, der ihn +zusammenschlagen wollte.” + +Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte erzählt, die alle Buben in +der Schule beschäftigte und in große Teilnahme versetzte. Auch +Otto brachte sie nach Hause und mußte sie jeden Tag ein paarmal +wiederholen, denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte sie ihm +aufs neue großen Eindruck. + +Als man den Joggi an dem Abend lachend ins Armenhaus gebracht hatte, +da war er aufgefordert worden, sein Goldstück an einen seiner +Führer abzugeben, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber +klemmte seine Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben. +Aber die beiden waren stärker als er. Sie rissen ihm mit Gewalt +die Faust auf. Und der Friedensrichterssohn, der von dem Joggi +manchen Kratzer während der Arbeit erhalten hatte, sagte, als er +das Goldstück endlich in der Hand hielt: “So, jetzt wart nur, Joggi, +du wirst schon deinen Lohn bekommen. Wart nur, bis sie kommen, +sie werden dir’s dann schon zeigen.” + +Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu jammern, +denn er glaubte, er werde geköpft. Und seither aß er nicht und +trank nicht und stöhnte und jammerte fortwährend, denn die Furcht +und Angst vor dem Köpfen verfolgte ihn ständig. Schon zweimal +waren der Präsident und der Gemeindeamtmann bei ihm gewesen und +hatten ihm gesagt, er soll nur alles sagen, was er getan habe, er +werde nicht geköpft. + +Er wußte nichts zu sagen, als daß er beim Andres ins Fenster +geschaut habe, und der sei am Boden gelegen. Er sei zu ihm +hineingegangen und habe ihn ein wenig gestoßen, da sei er tot +gewesen. Da habe er etwas glänzen gesehen in einer Ecke und habe +es geholt, und dann sei der Müllerssohn gekommen und dann noch +viele. Hatte der Joggi so viel erzählt, so fing er wieder zu +stöhnen an und hörte nicht mehr auf. + + + + +7. Kapitel +(Wie es dem Kranken und jemand anderem besserging) + + +Seit dem Tag, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine +Frau auch nicht mehr draußen in der Stube, wenn sie kam, um nach +dem Kranken zu sehen. Täglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte +sich eine Weile an sein Bett zu einer gemütlichen kleinen +Unterhaltung und freute sich jedesmal über die Fortschritte der +Genesung. Zweimal schon waren auch Otto und Miezchen dagewesen und +hatten ihrem Freund Stärkungen mitgebracht. + +Andres sagte ganz gerührt zu der Trine, wenn selbst ein König krank +wäre, man könnte ihm nicht mehr Teilnahme zeigen. Der Doktor war +sehr zufrieden mit Andres, und als er einmal beim Herauskommen auf +den eintretenden Oberst traf, sagte er zu ihm: “Es geht Andres +schon viel besser. Deine Frau kann nun ihre Trine wieder +heimnehmen, die hat gute Dienste geleistet. Nur sollte ab und zu +jemand kommen. Der arme, verlassene Kerl muß doch essen und hat +keine Frau und kein Kind. Vielleicht weiß deine Frau Rat.” + +Der Oberst richtete den Auftrag aus, und am folgenden Morgen sagte +seine Frau, als sie den Andres besuchte: “Jetzt muß ich etwas mit +Ihnen besprechen, Andres. Ist es Ihnen recht?” + +“Gewiß, gewiß, mehr als recht”, erwiderte er und stützte seinen +Kopf auf den Ellbogen. + +“Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es Ihnen +schon so gut geht”, fing sie an. + +“Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir”, fiel der Andres ein, “ich +wollte sie jeden Tag heimschicken. Ich weiß ja, daß sie Ihnen +fehlt.” + +“Ich hätte sie nicht hereingelassen, wenn sie Ihnen gefolgt hätte”, +fuhr die Frau Oberst fort. “Aber jetzt ist es anders, da der +Doktor sie entläßt. Er sagte aber, was ich auch längst dachte. +Jemand sollte noch für ein paar Wochen Ihr Essen kochen oder es bei +mir holen und allerlei kleine Hilfsleistungen ausführen. Ich habe +nun gedacht, Andres, Sie könnten für diese Zeit das Wiseli +aufnehmen.” + +Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehört, als er von +seinem Ellbogen auf und in die Höhe schoß. + +“Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht”, rief er und wurde +ganz rot vor Anstrengung. “So etwas können Sie nicht denken. Ich +sollte hier drinnen im Bett liegen, und draußen in der Küche sollte +das schwache Kind für mich arbeiten! Ach, um Himmels willen, wie +dürfte ich noch an seine Mutter unter der Erde denken, wie würde +sie mich ansehen, wenn sie so etwas wüßte! Nein, nein, Frau Oberst, +meiner Lebtag nicht, lieber nicht essen, lieber nicht mehr +aufkommen--als so etwas.” + +Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig zu Ende reden lassen. Jetzt, als +er sich auf sein Kissen zurücklegte, sagte sie besänftigend: “Es +ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres. Überlegen +Sie doch einmal. Sie wissen ja, wo das Wiseli versorgt ist. +Meinen Sie, es habe dort nichts zu tun oder nur besonders leichte +Arbeit? Recht tüchtig muß es heran und bekommt so wenig +freundliche Worte dazu. Würden Sie ihm etwa auch keine geben? +Wissen Sie, was Wiselis Mutter tun würde, wenn sie jetzt neben uns +stände? Mit Tränen würde sie Ihnen danken, wenn Sie das Kind jetzt +in Ihr Haus nehmen würden, wo es gute Tage hätte. Das weiß ich, +und Sie sollten sehen, wie gern es Ihnen helfen würde.” + +Jetzt mußte dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er +wischte sich die Augen, dann sagte er: “Ach, ach! Wie könnte ich +aber zu dem Kind kommen? Sie geben es gewiß nicht weg, und dann +müßte man ja doch auch wissen, ob es wollte.” + +“Es ist jetzt schon gut, kümmern Sie sich nicht weiter darum, +Andres”, sagte die Frau Oberst fröhlich und stand von ihrem Sessel +auf. “Ich will nun selbst sehen, wie’s geht, denn mir liegt die +Sache nach allen Seiten hin am Herzen.” + +Damit nahm sie Abschied von Andres. Als sie aber schon unter der +Tür war, rief er ihr ängstlich nach: “Aber nur, wenn es will, das +Wiseli, nur, wenn es will--bitte, Frau Oberst!” + +Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig zu ihm +kommen oder dann gar nicht, und verließ das Haus. Sie ging aber +nicht den Berg hinauf, sondern hinunter zum Buchenrain, denn sie +wollte gleich versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so +gern haben wollte. + +Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem +Patenonkel zusammen, als er ins Haus gehen wollte. Er begrüßte sie, +ein wenig erstaunt über den Besuch, und sie teilte ihm gleich beim +Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei und wie sehr sie +hoffe, keinen abschlägigen Bescheid zu bekommen. Denn es liege ihr +viel daran, daß das Wiseli die Pflege zu Ende führen könne. Da die +Tante in der Küche die Unterhaltung hörte, kam sie auch herein und +war noch erstaunter als ihr Mann, den Besuch vorzufinden. + +Er erklärte ihr, warum die Frau Oberst gekommen sei, und sie meinte +gleich, das sei schon nichts, von dem Kind werde niemand eine +besondere Hilfe erwarten. Da sagte aber der Mann, was recht sei, +müsse man gelten lassen. Das Wiseli könne helfen, wo es sei, es +sei sehr tüchtig. Er würde das Kind nicht einmal gern weggehen +lassen, es sei folgsam und gelehrig. So für vierzehn Tage wollte +er nichts dagegen haben, daß es den Andres ein wenig verpflege. +Bis dahin werde er wohl wieder auf sein, daß es heim könne. Denn +länger könnte es dann nicht fort sein, dann komme schon so +allerhand Arbeit, denn da müsse man sich schon auf den Frühling +vorbereiten. + +“Ja, ja”, fügte die Frau hinzu, “ich habe nicht vor, immer wieder +von vorn mit ihm anzufangen. Jetzt habe ich ihm alles mit Mühe +gezeigt, das kann es nun anwenden. Der Andres soll nur selber ein +Kind anlernen, wenn er eins braucht.” + +“Ja, wegen vierzehn Tagen”, sagte der Mann beschwichtigend, “da +wollen wir auch nichts sagen. Man muß einander schon einen +Gefallen tun.” + +“Ich danke Ihnen”, sagte nun die Frau Oberst und stand auf. “Der +Andres wird Ihnen gewiß auch recht dankbar sein. Kann ich das +Wiseli gleich mit mir nehmen?” + +Die Tante meinte, es werde nicht so stark pressieren. Aber der +Mann fand es am besten so. Je schneller Wiseli gehe, desto früher +sei es wieder da, meinte er. Denn er bestand auf den vierzehn +Tagen. Wiseli wurde herbeigerufen, und der Onkel sagte ihm, es +solle schnell sein Bündelchen Kleider zusammenpacken, weiter nichts. +Wiseli gehorchte. Fragen durfte es nicht, warum. Seit es sein +Bündelchen in das Haus gebracht hatte, war gerade ein Jahr +vergangen. Es war nichts Neues hinzugekommen als sein schwarzes +Röcklein, das hatte es an. Es war aber nun abgetragen und hing wie +ein Fetzchen an dem Kind herab. Und Wiseli schaute ein wenig scheu +die Frau Oberst an, als es nun mit seinem leichten Bündelchen +dastand. + +Sie verstand den schüchternen Blick und sagte: “Komm nur, Wiseli, +wir gehen nicht weit, es geht schon so.” + +Dann nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und als Wiseli dem +Onkel die Hand gab, sagte er: “Du kommst bald wieder heim, du +brauchst dich nicht groß zu verabschieden.” + +Schweigend und sehr verwundert ging das Wiseli hinter der Frau +Oberst her, die rasch über den beschneiten Feldweg schritt, so als +befürchtete sie, man könnte sie samt dem Wiseli wieder zurückholen. +Als aber der Buchenrain nicht mehr zu sehen war, drehte sie sich +um und bleib stehen. + +“Wiseli”, sagte sie freundlich, “kennst du den Schreiner Andres?” + +“Ja, freilich”, antwortete Wiseli, und seine Augen leuchteten auf, +als es den Namen hörte. Die Frau Oberst war erstaunt. + +“Er ist krank”, fuhr sie fort. “Willst du ihn ein wenig verpflegen +und etwa vierzehn Tage bei ihm bleiben?” + +Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: “Ja, gern!” sagte der +Frau Oberst sein Gesicht. Das wurde ganz von Freudenröte +übergossen. Die Frau Oberst sah das gern. Doch mußte sie sich +wundern, daß Wiseli eine so besondere Freude zeigte. Denn sie +wußte nichts von seinem Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli +hatte es nie vergessen. + +Sie gingen nun wieder weiter. Aber nach einer Weile fügte die Frau +Oberst noch hinzu: “Du mußt es dann dem Schreiner Andres sagen, daß +du so gern zu ihm gekommen bist, Wiseli. Er glaubt es sonst nicht. +Vergiß es nicht.” + +“Nein, nein”, versicherte das Kind, “ich denke schon daran.” + +Nun waren sie bei dem Haus angekommen. Hier hielt es die Frau +Oberst für richtig, das Wiseli seinen Weg allein machen zu lassen. +Denn nach allem, was sie bemerkt hatte, mußte es ihm nicht schwer +werden, ihn zu finden. Sie verabschiedete das Kind an der Ecke und +sagte ihm, am Morgen werde sie wieder herunterkommen und sehen, wie +es ihm in dem neuen Haushalt gehe. Und wenn der Schreiner Andres +etwas brauche, das nicht da sei, so solle es zu ihr kommen. + +Wiseli ging nun zuversichtlich durch das Gärtchen und machte die +Haustür auf. Es wußte, daß der Andres drinnen in der Kammer hinter +der Stube liege. So trat es leise in die Stube ein. Darin war +niemand, aber es war schön aufgeräumt, noch von der alten Trine her. +Wiseli schaute alles gut an, wie es sein müsse. + +An der Wand hinten in der Stube stand ein Bett. Der Vorhang davor +war fast zugezogen, aber Wiseli konnte doch sehen, wie schön und +sauber es aussah, und es fragte sich, wer da schlafe. Jetzt +klopfte es leise an die Kammertür, und auf den Ruf des Andres trat +es ein und blieb ein wenig scheu an der Tür stehen. Andres +richtete sich auf in seinem Bett. + +“Ach, ach”, sagte er, halb erfreut und halb erschrocken, “bist du +es, Wiseli? Komm, gib mir die Hand.” Wiseli gehorchte. “Bist du +auch nicht ungern zu mir gekommen?” + +“Nein, nein”, antwortete Wiseli. + +Aber der Schreiner Andres war noch nicht beruhigt. + +“Ich meine nur, Wiseli”, fuhr er wieder fort, “du wärst vielleicht +lieber nicht gekommen. Aber die Frau Oberst ist so gut, und du +hast ihr vielleicht einen Gefallen tun wollen.” + +“Nein, nein”, versicherte Wiseli noch einmal, “sie hat gar nicht +gesagt, daß es ihr ein Gefallen sei. Sie hat mich gefragt, ob ich +gehen wolle, und ich wäre auf der ganzen Welt nirgends so gern +hingegangen wie zu Ihnen.” + +Diese Worte mußten den Andres ganz beruhigt haben. Er fragte +nichts mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen zurück und +schaute stumm das Wiseli an. Dann mußte er sich auf einmal +umdrehen und immer wieder über seine Augen wischen. + +“Was muß ich jetzt tun?” fragte Wiseli, als er sich immer noch +nicht umkehrte. + +Jetzt wandte er sich zu dem Kind und sagte freundlich: “Ich weiß es +gewiß nicht. Wiseli, tu du nur, was du willst, wenn du nur ein +wenig bei mir bleiben willst.” + +Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. Seit es die Stimme seiner +Mutter zum letztenmal hörte, hatte niemand mehr so zu ihm geredet. +Es war gerade, als spüre es die Liebe seiner Mutter wieder in +Andres’ Worten. Es mußte mit beiden Händen seine Hand nehmen, so +wie es oft die Hand der Mutter gefaßt hatte. Und so stand es eine +Weile an dem Bett, und es war so glücklich, daß es gar nichts sagen +konnte. Aber es dachte: Jetzt weiß es die Mutter auch und ist froh. + +Gerade so dachte der Andres: “Jetzt weiß es die Mutter auch und ist +froh.” + +Dann sagte das Wiseli: “Jetzt muß ich Ihnen gewiß etwas kochen, es +ist schon über Mittag. Was muß ich kochen?” + +“Koch du nur, was du willst”, sagte der Andres. Aber dem Wiseli +war es darum zu tun, es dem Kranken recht zu machen. Und es fragte +so lange hin und her, bis es gemerkt hatte, was er essen müsse-- +eine gute Suppe und ein Stück von dem Fleisch, das im Kasten war. +Und dann bestand er darauf, das Wiseli müsse noch einen Milchbrei +für sich kochen. + +Es wußte recht gut Bescheid in der Küche, denn es hatte wirklich +etwas gelernt bei der Tante, wenn auch unter harten Worten. Das +konnte es nun gut brauchen. So hatte es in kurzer Zeit alles +bereit gemacht, und der Kranke wünschte, daß es ein Tischchen an +sein Bett rücke und neben ihm sitze zum Essen, damit er es auch +sehen könne und wisse, daß es noch da sei. Ein so vergnügtes +Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht genossen, und auch der +Schreiner Andres nicht. + +Als sie damit zu Ende waren, stand das Kind auf. Aber Andres sah +das nicht gern und sagte: “Wohin willst du, Wiseli? Willst du +nicht noch ein wenig dableiben, oder wird es dir ein bißchen +langweilig bei mir?” + +“Nein, gewiß nicht”, versicherte Wiseli. “Aber nach dem Essen muß +man immer abwaschen und alles wieder sauber auf das Gestell +hinaufräumen.” + +“Ich weiß schon, wie man’s macht”, gestand Andres. “Ich habe +gedacht, heute nur, so zum erstenmal, könntest du ja nur alles +zusammenstellen und dann etwa morgen auf einmal aufwaschen.” + +“Wenn aber die Frau Oberst das sähe, so müßte ich mich fast zu Tode +schämen.” Und Wiseli machte ein ganz ernsthaftes Gesicht zu seiner +Versicherung. + +“Ja. Ja, du hast recht”, beschwichtigte Andres das Kind. “Mach +nur alles, wie du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist.” + +Nun ging das Wiseli an seine Arbeit und putzte und räumte und +ordnete, daß alles glänzte in der Küche. Dann stand es einen +Augenblick still, schaute ringsum und sagte ganz befriedigt: “So, +nun kann die Frau Oberst kommen.” + +Dann ging es wieder in die Stube hinein und warf einen fröhlichen +Blick auf das schöne, große Bett hinter dem Vorhang, denn der +Schreiner Andres hatte ihm gesagt, da müsse es schlafen. Der +kleine Kasten in der Ecke gehöre auch ihm, da könne es seine Sachen +hineinräumen. Es legte nun die Sachen aus seinem Bündelchen alle +ordentlich hinein, das war auch sehr bald getan, denn es war wenig +darin. Und nun ging es in die Kammer und setzte sich voller Freude +wieder an das Bett des Kranken, der schon lange nach der Tür +geschaut hatte, ob es noch nicht komme. + +Kaum war Wiseli wieder an dem Bett, so fragte es: “Haben Sie auch +einen Strumpf, an dem ich stricken kann?” + +“Nein, nein”, antwortete Andres, “du hast ja jetzt gearbeitet, und +wir wollen nun ein wenig vergnügt zusammen reden, über allerlei.” + +Aber Wiseli war gut geschult worden--zuerst in unvergeßlicher +Freundlichkeit von der Mutter und dann von der Tante mit Worten, +die auch nicht vergessen wurden, vor lauter Furcht, sie wieder zu +hören. Es sagte ganz überzeugt: “Ich darf nicht nur so dasitzen, +weil es doch nicht Sonntag ist. Aber ich kann reden und +gleichzeitig an dem Strumpf stricken.” + +Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte das Wiseli +von neuem, nur immer zu tun, was es meine. Und einen Strumpf könne +es auch holen, wenn es wolle, er habe aber keinen. Nun holte +Wiseli den seinigen und setzte sich damit wieder an das Bett hin. +Und es hatte recht gehabt, es konnte gut reden und stricken +gleichzeitig. + +Der Schreiner Andres hatte aber auch gleich ein Gespräch angefangen, +das dem Wiseli das allerwillkommenste war. Er hatte gleich von +der Mutter zu reden begonnen, und Wiseli hatte so gern geantwortet, +denn noch nie und mit keinem Menschen hatte es von seiner Mutter +reden können. Und es dachte doch immer an sie und alles, was es +mit ihr erlebt hatte. Nun wollte der Schreiner Andres so gern von +allem wissen, immer noch mehr, und das Wiseli erzählte fort und +fort, als könne es nicht mehr aufhören. Und der Andres hörte +gespannt zu. + +In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach dem anderen. +Für jeden geringsten Dienst, den es leistete, dankte ihm der Andres, +als ob es ihm die größte Wohltat erwiesen hätte. Und was es nur +tat, gefiel dem guten Mann, und er mußte es loben dafür. Er wurde +in wenigen Tagen so frisch und munter bei der Pflege, daß er +aufstehen wollte. Der Doktor war ganz erstaunt, wie gut es ihm +ging und wie fröhlich der Schreiner Andres auf einmal aussah. Er +saß nun den ganzen Tag am Fenster, wo die Sonne hinkam, und schaute +dem Wiseli nach auf Schritt und Tritt, so als ob er es gar nie +genug sehen könnte--wie es einen Kasten aufmachte und dann wieder +zu, wie ihm unter den Händen alles sauber und ordentlich wurde, wie +er es vorher nie gesehen hatte. + +Das Wiseli aber war glücklich in dem stillen Häuschen, da es nur +liebevolle Worte hörte, und unter den freundlichen Augen, die es +immerfort begleiteten. Es durfte gar nicht daran denken, wie bald +die vierzehn Tage zu Ende sein würden und es wieder zum Buchenrain +zurückkehren mußte. + + + + +8. Kapitel +(Es geschieht etwas Unerwartetes) + + +In dem Haus auf dem Hang wurde viel vom Schreiner Andres und dem +Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging die Frau Oberst nachsehen, +wie es dem Kranken gehe, und jedesmal brachte sie wieder einen +erfreulicheren Bericht nach Hause. + +Das versetzte alle in die freudigste Stimmung. Otto und Miezchen +machten einen Plan, wie ein großes Genesungsfest gefeiert werden +müßte in Schreiner Andres Stube, aber noch bevor Wiseli zum +Buchenrain zurückkehrte. Das sollte eine Hauptfreude und für +Andres und Wiseli eine große Überraschung werden. + +Es mußte aber noch ein Fest gefeiert werden vorher, denn heute war +der Geburtstag des Vaters und schon am frühen Morgen hatten +allerlei von Otto und Miezchen erfundene Feierlichkeiten +stattgefunden. Doch der Hauptmoment des Tages war jetzt gekommen, +beim Mittagessen. Ganz feierlich hatten Otto und Miezchen sich +schon hingesetzt in großer Erwartung all der Dinge, die da kommen +sollten. + +Nun erschienen auch Vater und Mutter, und die frohe Mahlzeit nahm +ihren Anfang. Nachdem das erste Gericht vergnüglich verzehrt +worden war, erschien eine zugedeckte Schüssel. Das war das +Geburtstagsgericht. Der Deckel wurde aufgehoben, und ein +prächtiger Blumenkohl stand da, so frisch, als hätte man ihn eben +im Garten geholt. + +“Das ist ja eine prächtige Blume”, sagte der Vater, “die muß man +loben. Aber eigentlich”, fuhr er etwas enttäuscht fort, “suchte +ich etwas anderes unter dem Deckel, Artischocken suchte ich. Kann +man die nicht auch finden irgendwo, wie Blumenkohl? Du weißt, +liebe Marie, ich schaue an gedeckten Tischen immer nur nach +Artischocken aus.” + +Mit einemmal schrie das Miezchen: “Eben! Eben! Geradeso hat er +gerufen--zweimal, furchtbar, und so hat er den Stecken aufgehoben +und so.” Und Miezchen fuhr ganz aufgeregt mit ihren Armen in der +Luft herum. Aber urplötzlich schwieg sie und fuhr schnell herunter +mit ihren Armen bis unter den Tisch und war ganz blutrot geworden. +Und ihr gegenüber saß Otto und warf ihr zornige Blicke zu. + +“Was ist das für eine seltsame Verherrlichung meines Geburtstags?” +fragte der Vater erstaunt. “Über den Tisch hin schreit meine +Tochter, als wollte man sie umbringen, und unter dem Tisch versetzt +mir mein Sohn so entsetzliche Stiefelstöße, daß ich blaue Flecken +bekomme. Ich möchte wissen, Otto, wo du diese angenehme +Unterhaltung gelernt hast.” + +Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis unter die Haare +hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem Tisch einige deutliche +Mahnungen geben wollen, daß es schweigen solle, hatte aber den +unrechten Platz getroffen und mit seinem Stiefel das Bein des +Vaters bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt. Er konnte nicht +mehr aufschauen. + +“Nun, Miezchen”, fing der Vater wieder an, “was ist denn aus deiner +Räubergeschichte geworden? Du kamst ja gar nicht zu Ende. Also-- +‘Artischocke’ hat der furchtbare Mann dich genannt und +den Stecken erhoben, und dann?” + +“Dann, dann”, stotterte Miezchen kleinlaut, denn es hatte begriffen, +daß es auf einmal alles verraten hatte und daß der Otto den +Zuckerhahn zurückfordern würde, “dann hat er mich doch nicht +totgeschlagen.” + +“So, das war nett von ihm”, sagte der Vater lachend. “Und dann +weiter?” + +“Dann weiter gar nichts mehr”, wimmerte Miezchen. + +“So, so, die Geschichte nimmt also ein fröhliches Ende. Der +Stecken bleibt in der Luft, und Miezchen geht als kleine +Artischocke nach Hause. Jetzt wollen wir gleich anstoßen auf alle +wohlgeratenen Artischocken und auf Schreiner Andres’ Gesundheit!” + +Damit erhob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft stimmte +ein. Es standen aber alle ein wenig still vom Tisch auf, denn in +jedem waren allerlei Gedanken aufgestiegen. Nur der Vater blieb +gelassen, setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine Zigarre an. + +Otto schlich ins andere Zimmer hinüber, drückte sich in eine Ecke +und dachte darüber nach, wie es sein werde, wenn alle anderen +wieder im Mondschein rodeln würden und er nie mehr dabei sein +dürfte. Denn er wußte, daß die Mutter dies von nun an verbieten +würde. + +Miezchen kroch ins Schlafzimmer hinein, kauerte sich neben dem Bett +auf das Schemelchen nieder, nahm den roten Zuckerhahn auf den Schoß +und war sehr traurig, daß es ihn zum letztenmal sehen sollte. + +Die Mutter blieb eine Zeitlang nachdenklich am Fenster stehen. +Ihre Gedanken mußten sie immer mehr und aufregender beschäftigen, +denn jetzt fing sie an im Zimmer hin und her zu gehen. Und +plötzlich verließ sie es und lief hierhin und dahin, suchte nach +dem Miezchen. Sie fand es endlich hinter seinem Bett auf dem +Schemel, in seine traurigen Betrachtungen versunken. + +“Miezchen”, sagte die Mutter, “jetzt erzähl mir, wo und wann ein +Mann dir drohte und was er dir nachgerufen hat.” + +Miezchen erzählte, was es wußte, es kann aber nicht viel mehr +heraus, als es schon gesagt hatte: Nachgerufen hatte ihm der Mann +das Wort, das der Papa am Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die +Mutter kehrte in das Zimmer zurück, wo der Vater saß, ging zu ihm +und sagte in erregtem Ton: “Ich muß es dir wirklich sagen, es kommt +mir immer wahrscheinlicher vor.” + +Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau +an. + +“Siehst du”, fuhr sie fort, “die Szene am Tisch hat mich auf einen +Gedanken gebracht, und je mehr ich ihn verfolge, je fester +gestaltet er sich vor meinen Augen.” + +“Setz dich doch und erzähl mir, was du meinst”, sagte der Oberst, +ganz neugierig geworden. + +Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr fort: “Du hast +Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich erschreckt worden +von dem Mann, von dem sie sprach. Es war nicht Spaß gewesen. +Darum ist es klar, daß er das Kind nicht ‘Artischocke’ +genannt hat. Wird er es nicht viel eher ‘Aristokratin’ +oder ‘Aristokratenbrut’ genannt haben? Du weißt, wer +uns früher diesen Titel nachrief, meinem Bruder und mir. Diesen +Augenblick habe ich von Miezchen gehört, daß der Vorfall sich an +dem Abend ereignet hatte, als Kinder im Mondschein auf der +Schlittenbahn waren. Am selben Abend wurde Andres halb erschlagen +gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jörg verschwunden. Und +im ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, wird sein +Bruder überfallen, dem kein anderer je etwas zuleide getan hat als +er. Gibt dir das nicht auch zu denken?” + +“Da könnte was dran sein”, entgegnete der Oberst nachdenklich. “Da +muß ich sofort etwas unternehmen.” + +Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten später +fuhr er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr der +Oberst jeden Tag einmal in die Stadt, um zu hören, ob Berichte +eingegangen seien. Am vierten Tag, als er am Abend nach Hause kam +und seine Frau noch an Miezchens Bett saß, ließ er sie schnell +rufen, denn er hatte ihr etwas Wichtiges zu erzählen. + +Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst teilte seiner Frau +mit, was er in der Stadt gehört hatte. Auf seine Aussagen hin +hatte die Polizei heimlich nach dem Jörg gesucht, und er war ohne +große Mühe gefunden worden. Denn er war ganz sicher, daß kein +Mensch ihn gesehen hatte, da er nur nachts in sein Dorf gekommen +und gleich wieder verschwunden war. + +So war er zunächst nur zur Stadt hinuntergegangen und hatte sich in +den Wirtshäusern herumgetrieben. Als er nun festgenommen und +verhört wurde, leugnete er zuerst alles. Als er aber hörte, der +Oberst Ritter habe schlagende Beweise gegen ihn vorzubringen, da +entfiel ihm der Mut. Denn er dachte, der Herr Oberst müsse ihn +gesehen haben, sonst wäre es unmöglich, daß er gerade auf ihn +gekommen wäre, da er frisch aus neapolitanischen Kriegsdiensten +zurückgekommen war. Daß ein einziges Wort, das er einem kleinen +Kind zugerufen hatte, ihn hatte verraten können, davon hatte er +keine Ahnung. + +Er fing dann an, furchtbar auf den Oberst zu schimpfen, und sagte, +er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut werde ihn noch ins +Unglück bringen. Im weiteren Verhör gestand er dann, er habe +seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm leihen wollen. Als er ihn +durch das erleuchtete Fenster erblickte, wie er eben eine gute +Summe vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den Andres +niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Töten habe er ihn nicht +wollen, nur ein wenig bewußtlos machen, damit er ihn nicht kenne. +Der größte Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden. Diese wurde +ihm abgenommen, und der Jörg wurde ins Gefängnis gesteckt. + +Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure Aufregung +im ganzen Dorf, denn eine solche Geschichte war noch nie +vorgefallen, seit es bestand. Besonders in der Schule kam alles +aus der Ordnung, so sehr interessierten sich alle Schüler für die +aufregende Begebenheit. Otto war einige Tage ganz außer Atem, da +er beständig da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein näherer +Umstand von der Sache zu hören war. + +Am dritten Abend nach der Verbreitung der Nachricht kam er aber so +aufgeregt nach Hause gestürzt, daß ihn die Mutter ermahnen mußte, +erst einen Augenblick still zu sitzen, da er vor Atemlosigkeit kein +Wort hervorbrachte und doch durchaus wieder eine Neuigkeit erzählen +wollte. Endlich konnte er sie loswerden. Man hatte den Joggi, der +bis dahin eingesperrt geblieben war, herausholen wollen. Aber der +arme Tropf fürchtete sich, und nun glaubte er, man hole ihn zum +Köpfen ab. Er weigerte sich, die Kammer zu verlassen. Dann hatten +zwei Männer ihn mit aller Gewalt herausgeschleppt, er hatte aber so +geschrien, daß alle Leute herbeiliefen. Und dann hatte er sich +noch mehr gefürchtet, und auf einmal war er davongeschossen wie ein +Pfeil und in die nächste Scheune hinein in den hintersten Winkel +des Stalles. Da hockte er ganz zusammengesunken mit einem +furchtbar erschrockenen Gesicht, und kein Mensch konnte ihn von der +Stelle bringen. Schon seit gestern hockte er so da, und der Bauer +hatte gesagt, wenn er nicht bald aufstehe, wolle er ihn mit der +Heugabel fortbringen. + +“Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder”, sagte die +Mutter, als Otto fertig erzählt hatte. “Der arme Joggi! Was muß +er nun leiden in seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da +er nicht versteht, was man ihm erklären könnte. Und der arme, +gutmütige Joggi ist ja ganz unschuldig. Ach, Kinder, hättet ihr +mir doch gleich das ganze Erlebnis erzählt, als ihr am Abend von +der Schlittenbahn kamt. Eure Heimlichtuerei hat nur Unglück +gebracht. Könnten wir doch den armen Menschen trösten und wieder +fröhlich machen!” + +Das Miezchen war ganz weich geworden. “Ich will ihm den roten +Zuckerhahn geben”, sagte es schluchzend. + +Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas +verächtlich: “Ja, einen Zuckerhahn einem erwachsenen Menschen geben! +Behalt du den nur für dich.” Aber dann bat er die Mutter, ihm und +Miezchen zu erlauben, dem Joggi etwas zu essen in den Stall zu +bringen. Er hatte gar nichts gehabt, seit er dort kauerte, zwei +ganze Tage lang. + +Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sofort ein Korb geholt +und Wurst und Brot und Käse hineingesteckt. Dann gingen die Kinder +den Berg hinunter, zum Stall. + +Mit einem ganz weißen, erschrockenen Gesicht kauerte der Joggi +hinten im Winkel und rührte sich nicht. Die Kinder kamen ein wenig +näher. Otto zeigte ihm den offenen Korb und sagte: “Komm hervor, +Joggi, das ist alles für dich zum Essen.” + +Joggi bewegte sich nicht. + +“Komm doch, Joggi”, mahnte Otto weiter. “Siehst du, sonst kommt +der Bauer und sticht dich mit der Heugabel hervor.” + +Joggi stieß einen entsetzten Ton aus und krümmte sich noch enger +zusammen. + +Jetzt ging Miezchen vorwärts und kam ganz nahe an den Joggi heran, +hielt den Mund an sein Ohr und flüsterte hinein: “Komm du nur mit +mir, Joggi, sie dürfen dich nicht köpfen. Der Papa hilft dir schon, +und siehst du, das Christkindlein hat dir einen roten Zuckerhahn +gebracht.” Und Miezchen nahm ganz heimlich den Zuckerhahn aus +seiner Tasche und steckte ihn dem Joggi zu. + +Diese heimlichen Trostesworte hatten eine wunderbar wirksame Kraft. +Der Joggi schaute das Miezchen an, ganz ohne Schrecken, dann +schaute er auf seinen roten Zuckerhahn. Und dann fing er an zu +lachen, was er seit vielen Tagen nicht mehr getan hatte. Dann +stand er auf, und nun ging Otto voran aus dem Stall, dann kam das +Miezchen, und ihm folgte der Joggi auf dem Fuß. + +Draußen sagte Otto dem Joggi: “Das kannst du mitnehmen, wir gehen +nun heim und du auch, dort hinunter.” + +Da schüttelte Joggi den Kopf und stellte sich hinter das Miezchen. +So gingen alle drei weiter, den Hang hinauf, voran der Otto, dann +Miezchen, dann der Joggi. Die Mutter sah den Zug herankommen, und +ihr Herz wurde ganz erleichtert, als sie sah, wie der Joggi hinter +dem Miezchen herschritt, den roten Zuckerhahn in der Hand hielt und +immerfort vergnüglich lachte. + +So traten die drei ins Haus und in die Stube, und hier holte das +Miezchen geschäftig einen Stuhl, nahm den Eßkorb zur Hand und +winkte dem Joggi, daß er komme. Als er dann am Tisch saß, legte es +alles, was im Korb war, vor ihn hin und sagte: “Iß du jetzt nur, +Joggi, und iß du nur alles auf und sei nun ganz fröhlich.” + +Da lachte der Joggi und aß die beiden großen Würste und das ganze +Brot und das ungeheure Stück Käse und dann noch die Krumen. Den +roten Zuckerhahn hielt er die ganze Zeit über fest mit seiner +linken Hand, schaute ihn an von Zeit zu Zeit und lachte vergnügt, +denn Wurst und Brot hatte er wohl auch schon bekommen. Aber einen +roten Zuckerhahn hatte ihm in seinem ganzen Leben noch niemand +geschenkt. + +Endlich ging der Joggi den Hang hinunter. Voller Freude schauten +die Mutter, Otto und Miezchen ihm nach. Er hielt seinen Zuckerhahn +bald in der einen, bald in der anderen Hand, lachte immerzu und +hatte seinen Schrecken ganz vergessen. + +Seit drei Tagen hatte die Frau Oberst den Schreiner Andres nicht +besucht. Es hatte sich so vieles ereignet in diesen Tagen, daß sie +gar nicht begriff, wie die Zeit dahingegangen war. Doch konnte sie +ja beruhigt sein, sie wußte, daß der Andres gut verpflegt und dazu +auf dem besten Weg der Genesung war. + +Ihr Mann hatte gleich am Morgen nach seiner Rückkehr aus der Stadt +den Andres besucht, um ihm die Entdeckung und die Festnahme seines +Bruders selbst mitzuteilen. Andres hatte ganz ruhig zugehört und +dann gesagt: “Er hat es so haben wollen. Es wäre doch besser +gewesen, er hätte mich um ein wenig Geld gebeten. Ich hätte es ihm +ja gegeben. Aber er hat immer lieber geprügelt als geredet.” + +Jetzt trat die Frau Oberst am sonnigen Wintermorgen aus ihrer Tür +und stieg fröhlich den Berg hinunter. Denn sie beschäftigte sich +in ihrem Innern mit einem Gedanken, der ihr gut gefiel. Als sie +die Haustür aufmachte beim Schreiner Andres, kam Wiseli eben aus +der Stube heraus. Seine Augen waren ganz aufgeschwollen und +hochrot vom Weinen. Es gab der Frau Oberst nur flüchtig die Hand +und lief scheu in die Küche hinein, um sich zu verstecken. + +So hatte die Frau Oberst das Wiseli noch nie gesehen. Was konnte +da geschehen sein? Sie trat in die Stube. Da saß am sonnigen +Fenster der Andres und sah aus, als sei ein noch nie erlebtes +Unheil über ihn hereingebrochen. + +“Was ist denn hier geschehen?” fragte die Frau Oberst und vergaß im +Schrecken guten Tag zu sagen. + +“Ach, Frau Oberst”, stöhnte Andres, “ich wollte, das Kind wäre nie +in mein Haus gekommen!” + +“Was”, rief sie noch erschrockener aus, “das Wiseli? Kann dieses +Kind Ihnen ein Leid angetan haben?” + +“Ach, um Himmels willen, nein, Frau Oberst, so meine ich es nicht”, +entgegnete Andres aufgeregt. “Aber nun ist das Kind bei mir +gewesen und hat mir ein Leben gemacht in meinem Häuschen, wie im +Paradies. Und jetzt muß ich das Kind wieder hergeben, und alles +wird viel öder und leerer um mich her sein als vorher. Ich kann es +nicht aushalten. Sie können sich gar nicht denken, wie lieb mir +das Kind ist. Ich kann es nicht aushalten, wenn sie mir’s +wegnehmen. Morgen muß es gehen, der Onkel hat schon zweimal den +Buben geschickt. Es müsse nun zurückkommen, morgen müsse es sein. +Und dann ist noch etwas, das mir fast das Herz zersprengt. Seitdem +der Onkel den Buben geschickt hat, ist das Kind ganz still geworden +und weint heimlich. Es will es nicht so zeigen, aber man kann’s +sehen, es fällt ihm schwer zu gehen. Und morgen muß es sein. Ich +übertreibe nicht, Frau Oberst. Aber das kann ich sagen. Alles, +was ich seit dreißig Jahren erspart und erarbeitet habe, gäbe ich +seinem Onkel, wenn er mir das Kind ließe.” + +Die Frau Oberst hatte den aufgeregten Andres zu Ende reden lassen. +Jetzt sagte sie ruhig: “Das würde ich nicht tun an Ihrer Stelle. +Ich würde es ganz anders machen.” + +Andres schaute sie fragend an. + +“Seht, Andres, so würde ich es machen. Ich würde sagen: ‘All +mein wohlverdientes Gut will ich jemandem zurücklassen, der mir +lieb ist. Ich will das Wiseli an Kindesstatt annehmen, ich will +sein Vater sein, und es soll als mein Kind in meinem Haus bleiben.’ +Würde Ihnen das nicht gefallen, Andres?” + +Der Andres hatte lautlos zugehört, und seine Augen waren immer +größer geworden. Jetzt ergriff er die Hand der Frau Oberst und +drückte sie. + +“Kann man das wirklich machen? Könnte ich sagen: das Wiseli ist +mein Kind, mein eigenes Kind, und niemand hat mehr ein Recht an dem +Kind, und kein Mensch kann es mir mehr nehmen?” + +“Das können Sie, Andres”, versicherte die Frau Oberst. “Sobald das +Wiseli Ihr Kind ist, hat kein Mensch mehr ein Recht auf das Kind. +Sie sind der Vater. Und weil ich mir gedacht hatte, Sie könnten +den Wunsch haben, das Wiseli zu behalten, so habe ich meinen Mann +gebeten, heute nicht fortzugehen, falls Sie etwa zur Stadt in die +Kanzlei fahren würden, daß alles bald festgesetzt werde, denn zu +Fuß können Sie noch nicht gehen.” + +Andres wußte gar nicht, was er tat vor Aufregung und Freude. Er +lief dahin und dorthin und suchte den Sonntagsrock. Dann rief er +immer wieder: “Ist es auch sicher wahr? Kann’s auch sein?” Dann +stand er wieder vor der Frau Oberst und fragte: “Kann es jetzt sein, +gleich jetzt, heute noch?” + +“Gleich jetzt”, versicherte sie. Doch gab sie nun dem Schreiner +Andres die Hand zum Abschied, sie mußte gehen und ihrem Mann +mitteilen, daß Andres schon reisefertig sei. + +“Sie sollten es dem Wiseli erst am Abend sagen, wenn alles gut +eingeleitet ist”, bemerkte die Frau Oberst noch unter der Tür. + +“Ja, sicher, sicher”, gab Andres zur Antwort. “Jetzt brächte ich +ohnehin kein Wort hervor.” + +Als die Tür sich schloß, setzte sich Andres auf seinen Stuhl und +zitterte an Händen und Füßen so sehr, daß er meinte, er könne nie +mehr aufstehen. So waren ihm die Freude und Aufregung in alle +Glieder gefahren. Es dauerte kaum eine halbe Stunde, da kam schon +der Wagen des Obersten angefahren und hielt am Gärtchen des +Schreiners. Und zu Wiselis unbeschreiblichem Erstaunen stieg der +Knecht von seinem Sitz herunter, kam herein, und nach wenigen +Minuten sah es, wie er wieder herauskam, den Schreiner Andres mit +beiden Armen festhielt und ihm dann in den Wagen half. + +Wiseli schaute dem Fuhrwerk nach, als bewege sich etwas Unfaßliches +vor seinen Augen, denn der Schreiner Andres hatte kein Wort mehr zu +ihm sagen können, nicht einmal, daß er ausfahren werde. + +Jetzt ging Wiseli in die Stube hinein und setzte sich ans Fenster, +wo sonst der Schreiner Andres saß. Und es konnte nichts anderes +mehr denken als nur immerzu: Heute ist der letzte Tag, und morgen +muß ich zum Onkel gehen. + +Als der Mittag herankam, ging Wiseli in die Küche hinaus und machte +zurecht, was der Andres essen sollte. Aber er kam nicht, und es +wollte nichts essen, wenn er nicht dabei war. So ging es wieder +hinein, und sofort stand der traurige Gedanke wieder vor ihm. + +Aber endlich wurde es so müde vom Nachdenken, daß sein Kopf ihm auf +die Schulter fiel und es fest einschlief. Aber noch im Schlaf +mußte es immer sagen: “Und morgen muß ich zum Onkel gehen.” Und +Wiseli sah nicht, wie leise der helle Abendschein in die Stube fiel +und einen schönen Tag verkündigte. + +Wiseli schreckte hoch, als jemand die Stubentür öffnete. Es war +der Schreiner Andres. Das Glück leuchtete ihm aus den Augen wie +heller Sonnenschein, so hatte ihn Wiseli noch nie gesehen. Es +schaute verwundert zu ihm auf. Jetzt mußte er auf seinen Stuhl +sitzen und Atem holen vor Rührung, nicht vor Erschöpfung. Dann +rief er mit triumphierender Stimme: “Es ist wahr, Wiseli, es ist +alles wirklich wahr! Die Herren haben alle ja gesagt. Du gehörst +mir, ich bin dein Vater, sag mir einmal ‘Vater’!” + +Wiseli war ganz schneeweiß geworden. Es stand da und starrte den +Andres an, aber es sagte kein Wort und bewegte sich nicht. + +“Ja so”, fing Andres wieder an, “du kannst es ja nicht begreifen, +es kommt mir alles durcheinander vor Freude. Jetzt will ich von +vorn anfangen. Siehst du, Wiseli, jetzt eben habe ich es in der +Kanzlei unterschrieben. Du bist jetzt mein Kind, und ich bin dein +Vater, und du bleibst hier bei mir für immer und gehst nie mehr +zurück zum Onkel. Hier bist du daheim, hier bei mir.” + +Jetzt hatte Wiseli alles begriffen. Auf einmal sprang es auf den +Andres zu, umfaßte ihn mit beiden Armen und rief: “Vater! Vater!” +Der Andres brachte kein Wort mehr hervor und das Wiseli auch nicht, +denn es kam so viel zusammen im Herzen und in den Gedanken, daß es +ganz überwältigt wurde. Aber mit einemmal war es, als ob ihm ein +helles Licht aufginge. Es schaute den Andres mit leuchtenden Augen +an und rief: “O Vater, jetzt weiß ich, wie es zugegangen ist und +wer uns geholfen hat.” + +“So, so, und wer denn, Wiseli?” fragte er. + +“Die Mutter!” war die rasche Antwort. + +“Die Mutter?” wiederholte Andres, ein wenig erstaunt. “Wie meinst +du das, Wiseli?” + +Jetzt erzählte das Kind, wie es die Mutter gesehen hatte, ganz +deutlich, wie sie es bei der Hand genommen und ihm einen sonnigen +Weg gezeigt und gesagt hatte: Sieh, Wiseli, das ist dein Weg. + +“Und jetzt, Vater”, fuhr Wiseli eifrig fort, “jetzt ist mir auf +einmal in den Sinn gekommen, wie der Weg war, gerade so, wie der +draußen im Garten, wenn die Sonne darauf scheint und die Nelken so +rot glühen und auf der anderen Seite die Rosen. Und die Mutter hat +ihn schon gekannt und hat gewiß das ganze Jahr den lieben Gott +gebeten, daß ich auf den Weg kommen dürfe. Sie hat schon gewußt, +wie gut ich es bei dir haben würde, wie sonst nirgends auf der +ganzen Welt. Das glaubst du jetzt auch, Vater, daß alles so +gegangen ist, nicht wahr, seit du weißt, daß die Mutter mir den Weg +bei den Nelken gezeigt hat?” + +Der gute Andres konnte nichts sagen, die hellen Tränen liefen ihm +die Wangen hinunter. Dabei aber lachte ihm eine solche Freude aus +den nassen Augen, daß es dem Wiseli nicht bange wurde. + +Als er aber endlich etwas sagen wollte, da hörte man nichts davon. +Denn in dem Augenblick wurde mit einem Krach die Tür aufgeschlagen, +und herein sprang mit einem Satz bis mitten in die Stube der Otto. +Dann machte er noch einen großen Sprung über einen Stuhl und rief: +“Juhe, wir haben gewonnen, und das Wiseli ist erlöst!” + +Hinter ihm stürzte das Miezchen hervor, rannte gleich auf seinen +Freund los und sagte mit bedeutungsvollem Winken gegen die Tür hin: +“Jetzt, Andres, wirst du gleich sehen, was zum Genesungsfest kommt!” + +Und da kam schon der Bäckerjunge herein mit einem so ungeheuren +Brett auf dem Kopf, daß er in der Tür steckenblieb und nicht damit +weiter konnte. Aber von hinten kam eine kräftige Hand, die hob und +schob und stützte das wankende Gebäude, bis es glücklich in der +Stube angelangt und auf den Tisch gesetzt war, den es gänzlich +bedeckte. Denn Otto und Miezchen hatten Sparbüchsen geopfert und +zum Genesungsfest den allergrößten Rahmkuchen machen lassen, den +ein Mensch machen könnte. Da er nun zu klein geworden wäre als +runder Kuchen, so hatte man ihn viereckig gemacht, so daß er den +Ofen ausfüllte von vorn bis hinten und nun den ganzen Tisch +bedeckte. + +Auf den Boden stellte nun die Trine, die hinter dem Bäckerjungen +hilfreich hereingekommen war, ihren großen Korb. Da waren ein +schöner Braten darin und Wein dazu, denn die Frau Oberst hatte +gesagt, heute habe der Andres gewiß noch keinen Bissen gegessen. +Und vielleicht das Wiseli ebenfalls nicht, und so war es auch. +Jetzt merkte auch das Wiseli, daß es hungrig war, als es alle die +einladenden Sachen vor sich sah. + +Nun setzte sich die ganze Gesellschaft an den Tisch, und man konnte +gar nicht absehen, wer von allen das fröhlichste Gesicht hatte. +Vor allem mußte der Riesenkuchen in der Mitte zerschnitten und die +Hälfte auf den Boden gelegt werden, daß man Platz bekam. Nun +folgte ein fröhliches Festessen, denn jedem, der an diesem Tisch +saß, war sein höchster Wunsch in Erfüllung gegangen. + +Als es nun spät geworden war unter all der Freude und man endlich +vom Tisch aufstehen mußte, sagte Andres: “Heute habt ihr ein Fest +bereitet. Aber am Sonntag will ich auch eins bereiten, dann kommt +ihr wieder. Und das soll das Fest des Einstands sein für mein +Töchterchen.” + +Nun schüttelten sich alle die Hände in der frohen Aussicht auf ein +neues herrliches Fest und auf die immerwährende Befriedigung, das +Wiseli beim Schreiner Andres zu wissen. In der Tür aber gab Wiseli +dem Otto noch einmal die Hand und sagte: “Ich danke dir +hunderttausendmal für alles Gute, Otto. Der Chäppi hat mir auch +nie mehr etwas an den Kopf geworfen, weil er nicht durfte. Das +habe ich nur dir zu danken.” + +“Und ich danke dir auch, Wiseli”, entgegnete Otto. “Ich habe gar +nie mehr die Fetzen auflesen müssen in der Schule. Das habe ich +nur dir zu danken.” + +Nun war in dem Stübchen alles still geworden, und der Mondschein +kam leise durchs Fenster herein, bei dem der Schreiner Andres saß, +während Wiseli abräumte. Dann kam das Kind zu ihm und sagte: +“Vater, soll ich dir nicht den Liedervers der Mutter laut vorbeten? +Ich habe ihn heute abend immer wieder leise für mich sagen müssen. +Den will ich gewiß mein ganzes Leben lang nie vergessen.” + +Andres wollte den Vers hören, und Wiseli schaute zu den Sternen auf +und sagte tief aus seinem Herzen heraus: + +(“Befiehl du deine Wege, +Und was dein Herze kränkt, +Der allertreusten Pflege +Des, der den Himmel lenkt.) + +(Der Wolken, Luft und Winden +Gibt Wege, Lauf und Bahn, +Der wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann.”) + + +Von diesem Tag an war und blieb das allerglücklichste Haus im +ganzen Dorf und im ganzen Land das Häuschen des Schreiners Andres +mit dem sonnigen Nelkengarten. Wo seither das Wiseli sich blicken +ließ, da waren alle Leute so freundlich mit ihm, daß es nur staunen +mußte. Denn vorher hatten sie es nie beachtet, und der Onkel und +die Tante gingen nie am Haus vorbei, ohne schnell hereinzukommen, +ihm die Hand zu geben und zu sagen, es solle auch zu ihnen kommen. + +Über diese Wendung war das Wiseli froh, denn es hatte immer +heimlich Angst gehabt beim Gedanken, was der Onkel zu allem sagen +werde. So war Wiseli von aller Furcht befreit und war fröhlich. +Im stillen aber dachte es: Der Otto und seine Familie waren gut mit +mir, als es mir schlechtging und ich niemanden mehr auf der Welt +hatte. Aber die anderen Leute sind erst freundlich mit mir +geworden, seit es mir gutgeht und ich einen Vater habe. Ich weiß +ganz gut, wer es am besten mit mir meint. + + +Ende dieses Projekt Gutenber Etextes Wie Wiselis Weg gefunden wird +Erzählung von Johanna Spyri. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WISELIS WEG GEFUNDEN WIRD +ERZÄHLUNG *** + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the +United States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ +concept and trademark. 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Hart was the originator of the Project +Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be +freely shared with anyone. For forty years, he produced and +distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of +volunteer support. + +Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in +the U.S. unless a copyright notice is included. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online +at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Kapitel<br> +(Auf dem Schlittenweg)</h2> +</div> + + +<p>Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einem Berghang. +Ich kann hier nicht sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig +beschreiben. Wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. +Oben auf der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, +voll schöner Blumen von allen Arten. Das gehört dem Oberst Ritter +und heißt Auf dem Hang. Von da geht es hinunter. Dann stehen auf +einem kleinen, ebenen Platz die Kirche und daneben das Pfarrhaus. +Dort hat die Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre fröhliche +Kindheit verlebt.</p> + +<p>Etwas weiter unten kommen das Schulhaus und noch einige Häuser, und +dann steht links am Weg noch ein Häuschen ganz allein. Davor liegt +auch ein Gärtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein +paar Resedastöckchen, daneben aber sind Beete mit Zichorien und +Spinat bepflanzt, mit einer niederen Hecke von +Johannisbeersträuchern umgeben. Alles ist da immer in bester +Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg wieder bergab +den ganzen langen Hang hinunter bis auf die große Straße, die an +der Aare entlang ins Land hinausführt.</p> + +<p>Dieser ganze lange Hang bildete zur Winterszeit den herrlichsten +Schlittenweg, der weit und breit zu finden war. Zehn Minuten lang +konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen. +Denn war man vom Haus des Obersten an bei diesem ersten, steilen +Absatz einmal recht in Fahrt gekommen, so gingen die Schlitten +vorwärts ohne Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestraße.</p> + +<p>Diese unvergleichliche Schlittenbahn machte auch das Lebensglück +einer großen Schar von Kindern aus, die alle, sobald nur die alte +Schulstubentür sich öffnete, herausstürzten, ihre Schlitten vom +Haufen rissen, den sie im Vorhof bildeten, und mit Windeseile zum +Schlittenweg rannten, wo die Stunden verflogen, man wußte nicht, +wie. Denn unten am Berg war man immer so schnell und beim +Hinaufsteigen dachte man so eifrig ans nächste Hinunterfahren, daß +man rasch wieder oben war.</p> + +<p>So brach immer zum großen Schrecken der Kinder die Nacht viel zu +früh herein, denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen +mußten. Da folgte dann gewöhnlich noch ein ziemlich stürmisches +Ende, denn da wollte man schnell noch einmal fahren und dann noch +einmal und dann nur noch ein einziges Mal. Und so mußte dann alles +noch in größter Eile zugehen, das Aufsitzen und das Abfahren und +wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da war auch ein Gesetz +errichtet worden, daß keiner hinunterfahren sollte, während die +anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle abfahren +und miteinander alle zurückkehren, damit kein Gedränge und +Schlittenverwickelungen entstehen könnten. Manchmal aber gab es +doch allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen +drangvollen Schlußfahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa +noch zu kurz kommen wollte.</p> + +<p>So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die +Schlittenbahn laut knisterte unter den Füßen der Kinder und der +Schnee nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte +darauf fahren können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber +waren alle glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im +angestrengten Lauf den ganzen Berg hinaufgelaufen und hatten ihre +Schlitten nachgezogen. Und nun wurden die Schlitten rasch gewendet, +die Kinder stürzten sich darauf, denn es hatte Eile. Drüben stand +schon hell der Mond am Himmel, und die Betglocke hatte auch schon +geläutet.</p> + +<p>Die Buben hatten aber alle gerufen: “Noch einmal! Noch einmal!” +Und die Mädchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es +eine Verwirrung und einen großen Lärm. Drei Buben wollten durchaus +auf demselben Platz mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte +auch nur einen Zentimeter zurückweichen und später abfahren. So +drückten sie einander auf die Seite hin, und der breite Chäppi +wurde von den beiden anderen so gegen den Rand des Weges hin +gestoßen, daß er ganz in den Schnee hineinsank mit seinem schweren +Schlitten und fühlte, daß er unter ihm stecken blieb.</p> + +<p>Eine große Wut ergriff ihn bei dem Gedanken, daß die anderen nun +abfahren würden. Er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf ein +kleines, schmales Mädchen, das neben ihm im Schnee stand. Es war +ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schürze gewickelt, um es +wärmer zu haben. Aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen +dünnen Körperchen. Das schien dem Chäppi ein passendes Wesen zu +sein um seine Wut daran auszulassen.</p> + +<p>“Kannst du einem nicht aus dem Weg gehen, du lumpiges Ding? Du +brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen +Schlitten. Wart nur, ich will dir schon aus dem Weg helfen.” Damit +stieß der Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kind +eine Schneewolke entgegenzuwerfen.</p> + +<p>Es floh zurück, so daß es bis an die Knie in den Schnee sank, und +sagte schüchtern: “Ich wollte nur zusehen.”</p> + +<p>Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee, als +ihn von hinten eine so erschütternde Ohrfeige traf, daß er fast vom +Schlitten fiel. “Wart du!” rief er außer sich vor Erbitterung, +denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte. Mit +geballter Hand drehte er sich um, seinen Feind zu treffen.</p> + +<p>Da stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zum +Abfahren zurecht gestellt. Er schaute nun ganz ruhig auf den +Chäppi nieder und sagte: “Probier’s!” Es war Chäppis Klassengenosse, +der elfjährige Otto Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine +Meinungsverschiedenheiten auszutragen hatte. Otto war ein +schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so breit wie der +Chäppi. Aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren, daß Otto +eine merkwürdige Gewandtheit in Händen und Füßen besaß, gegen die +der Chäppi sich nicht zu helfen wußte.</p> + +<p>Er schlug nicht zu, aber die geballte Hand hielt er immer noch hoch, +und wuterfüllt rief er: “Laß du mich gehen, ich habe nichts mit +dir zu tun!”</p> + +<p>“Aber ich mit dir”, entgegnete Otto kriegerisch. “Was brauchst du +das Wiseli dorthinein zu jagen und es noch mit Schnee zu +überschütten? Ich habe es gesehen, du Feigling. Fällt über ein +kleines Kind her, das sich nicht wehren kann!” Damit kehrte er +verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte sich dem Schneefeld zu, +wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte. “Komm heraus +aus dem Schnee, Wiseli”, sagte Otto mit Beschützermiene. “Siehst +du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen +Schlitten, und hast du nur zusehen müssen? Da, nimm meinen und +fahr einmal hinunter, schnell, siehst du, da fahren sie schon.”</p> + +<p>Das bleiche, schüchterne Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. +Zwei-, dreimal hatte es zugeschaut, wie eines nach dem andern auf +seinem Schlitten saß, und gedacht: Wenn ich nur ein einziges Mal +ganz hinten aufsitzen dürfte. Nun sollte es allein hinunterfahren +dürfen und dazu auf dem allerschönsten Schlitten mit dem Löwenkopf +vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht und hoch +mit Eisen beschlagen war.</p> + +<p>Vor lauter Glück stand Wiseli ganz unschlüssig da und schaute nach +dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu prügeln gedenke zur Strafe +für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz abgekühlt da, so als wäre +gar nichts geschehen. Und Otto stand so schutzverheißend daneben, +daß das Wiseli seinen Mut zusammennahm, um sein Glück zu erfassen. +Es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da nun Otto +mahnte: “Schnell, Wiseli, fahr ab”, so gehorchte es, und hinunter +ging’s wie vom Wind getragen.</p> + +<p>In der kürzesten Zeit hörte Otto die ganze Gesellschaft wieder +herankeuchen, und er rief der Kleinen entgegen: “Wiseli, bleib +unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu! +Nachher müssen wir gehen.” Das glückliche Wiseli setzte sich noch +einmal hin und genoß noch einmal die langersehnte Freude. Dann +brachte es den Schlitten zurück und dankte ganz schüchtern seinem +Wohltäter und rannte eilig davon.</p> + +<p>Otto fühlte sich sehr befriedigt. “Wo ist das Miezi?” rief er in +die Gesellschaft hinein, die sich allmählich zerstreute.</p> + +<p>“Da ist es”, ertönte eine fröhliche Kinderstimme, und aus dem +Knäuel heraus trat ein rundes, kleines Mädchen, das der Bruder Otto +als kräftiger Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm zum +väterlichen Haus lief. Denn es war heute spät geworden. Die +erlaubte Zeit des Schlittenfahrens war lange überschritten.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="2_Kapitel">2. Kapitel<br> +(Daheim, wo’s gut ist)</h2> +</div> + + +<p>Als Otto und seine Schwester durch den langen, steinernen Hausflur +hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr +Licht in die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. +“So, endlich!” sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. “Die +Mutter hat schon nach euch gefragt, aber da war kein Bein zu sehen. +Und acht Uhr hat’s geschlagen—vor wer weiß wie langer Zeit.” Die +alte Trine war schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter +der beiden Kinder zur Welt kam. So hatte sie große Rechte im Haus +und fühlte sich durchaus als Familienmitglied, eigentlich als +Oberhaupt, denn an Alter und Erfahrung war sie die erste. Die alte +Trine war vernarrt in beide Kinder ihrer Herrschaft und sehr stolz +auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften. Das ließ sie aber nicht +merken, sondern sprach immer in entrüstetem Ton mit ihnen, denn das +fand sie erzieherisch.</p> + +<p>“Schuhe aus, Pantoffeln an!” rief sie jetzt. Der Befehl wurde aber +gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort kniete sie vor +Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, und zog +ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand inzwischen +mitten in der Stube und rührte sich nicht, was sonst nicht ihre Art +war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein paarmal +hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen sollte auf +dem Sessel sitzen. Aber es stand noch auf demselben Platz.</p> + +<p>“Nun, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann trocknen die +Schuhe von selbst”, sagte die Trine.</p> + +<p>“Pst! pst! Trine, ich habe etwas gehört. Wer ist in der großen +Stube?” fragte Miezchen und hob den Zeigefinger.</p> + +<p>“Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht hinein. +Jetzt setz dich”, mahnte Trine.</p> + +<p>Aber anstatt zu sitzen, sprang Miezchen hoch und rief: “Jetzt habe +ich’s wieder gehört, so lacht der Onkel Max.”</p> + +<p>“Was?” schrie Otto und war mit einem Satz bei der Tür.</p> + +<p>“Wart! wart!” schrie Miezchen nach und wollte gleich mit zur Tür +hinaus. Aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den Stuhl gesetzt, +die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den zappelnden +Füßchen. Doch gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen zur Tür +hinaus und hinüber in die große Stube und direkt auf den Onkel Max +los, der richtig dort im Lehnstuhl saß.</p> + +<p>Da war nun ein großer Freudenlärm und ein Grüßen und ein +Willkommenrufen in allen Tönen, und in das Lachen der Kinder +stimmte der Onkel Max mit ein. Es dauerte einige Zeit, bis sich +der Tumult etwas gelegt hatte und die Festfreude einen ruhigen +Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder war der Besuch des +Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der Onkel Max war ihr +besonderer Freund. Er war fast immer auf Reisen und kam nur alle +paar Monate einmal zu Besuch. Dann gab er sich aber mit den +Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an. Und was er für +wunderbar herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das +war mit nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig +und zauberhaft. Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in +allen Winkeln der Erde umher. Und aus jedem brachte er etwas +Eigentümliches mit.</p> + +<p>Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum, und die +dampfende Schüssel brachte völlige Besänftigung in die aufgeregten +Gemüter. Denn von der Schlittenbahn wurde immer ein richtiger +Appetit mitgebracht. “So”, sagte der Papa und blickte über den +Tisch hinüber, wo an der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig +arbeitete. “So, so, heute hat also das Miezchen keine Hand für +seinen Papa, noch habe ich keinen Gruß bekommen. Und jetzt ist +keine Zeit mehr dazu.”</p> + +<p>Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und +sagte: “Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Absicht getan, und +jetzt will ich gleich...” Und damit stieß sie mit großer +Anstrengung den Sessel zurück.</p> + +<p>Aber der Papa rief: “Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestörung! Da +gib die Hand über den Tisch hin, das übrige wollen wir dann +nachholen. So ist’s recht, Miezchen.”</p> + +<p>“Wie hat man eigentlich das Kind getauft, Marie? Ich war zwar auch +dabei, aber ich habe keine Ahnung, welcher Name in der Kirche +ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?” sagte der Onkel lachend.</p> + +<p>“Du warst wirklich dabei, Max”, entgegnete seine Schwester, “da du +der Pate des Kindes bist. Es erhielt damals den Namen Marie. Sein +Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den Namen noch recht +unnütz vervielfältigt.”</p> + +<p>“O nein, Mama, wirklich nicht unnütz”, rief Otto ernsthaft. +“Siehst du, Onkel, das geht nach ganz bestimmten Regeln. Wenn das +kleine Ding ordentlich und sanftmütig ist, dann nenne ich es +Miezchen. Das geschieht aber selten, und im gewöhnlichen Leben +nenne ich es daher Miezi. Wird es aber böse, dann sieht es ganz +aus wie ein kleiner wilder Kater und muß Miez genannt werden, der +Miez.”</p> + +<p>“Ja, ja, Otto”, tönte es nun zurück, “und wenn du böse wirst, dann +siehst du ganz aus wie ein—wie ein...”</p> + +<p>“Wie ein Mann”, ergänzte Otto, und da dem Miezchen eben kein +Vergleich einfiel, so arbeitete es jetzt um so emsiger an seinem +Brei herum.</p> + +<p>Der Onkel lachte laut auf. “Das Miezchen hat recht”, rief er, “es +ist besser, sich um seine Geschäfte zu kümmern, als auf Schmähungen +zu antworten.” “Aber, Kinder”, setzte er nach einer Weile hinzu, +“nun bin ich fast ein Jahr nicht hier gewesen, und ihr habt mir +noch gar nichts erzählt. Was habt ihr denn inzwischen alles +erlebt?”</p> + +<p>Die neuesten Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der Kinder. So +wurde gleich mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die eben +erlebte Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt +hatte, wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte +und endlich doch noch zu zwei Fahrten kam.</p> + +<p>“So ist’s recht, Otto”, sagte der Papa. “Du mußt deinem Namen Ehre +machen, für die Wehrlosen und Verfolgten mußt du dich immer +einsetzen. Wer ist das Wiseli?”</p> + +<p>“Du kannst das Kind und seine Mutter kaum kennen”, sagte die Mama, +zu ihrem Mann gewandt. “Aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter +recht gut. Du kannst dich doch noch auf den mageren Leineweber +besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er hatte ein einziges Kind +mit großen braunen Augen, das oft bei uns im Pfarrhaus war und so +schön singen konnte. Erinnerst du dich?”</p> + +<p>Bevor aber die weiteren Erinnerungen besprochen wurden, steckte die +alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: “Der Schreiner +Andres möchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er +nicht stört.” Diese harmlosen Worte verursachten große Verwirrung +in der Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlöffel, mit dem +sie soeben dem Onkel entgegenkommen wollte, beiseite und sagte +eilig: “Entschuldigt mich!” Rasch ging sie hinaus. Otto sprang so +stürmisch auf, daß er seinen Stuhl umwarf und dann selbst darüber +stürzte, als er davonlaufen wollte. Das Miezchen hatte ähnliche +Taten vor, aber der Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr +gesehen und hielt es nun mit beiden Armen fest. Aber es zappelte +jämmerlich und schrie: “Laß los, Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß +gehen.”</p> + +<p>“Wohin denn, Miezchen?”</p> + +<p>“Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf mir, Papa.”</p> + +<p>“Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lasse +ich dich los.”</p> + +<p>“Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der +Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los.” Nun stürmte auch +das Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max +brach in Gelächter aus und rief: “Wer ist denn der Schreiner Andres, +um den deine ganze Familie sich zu reißen scheint ?”</p> + +<p>“Das mußt du besser wissen als ich”, entgegnete der Oberst. “Es +wird wohl ein Jugendfreund von dir sein und das Fieber der +Verehrung wird auch dich noch ergreifen. Es muß in eurer Familie +sein, bei uns hat es die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel +sagen, daß der Schreiner Andres der Grundstein meines Hauses ist, +auf dem alles feststeht. Und sicher werde alles auseinanderbrechen, +sollte das Haus diesen Halt verlieren. Der Schreiner Andres ist +hier Rat, Trost, Heil und Hilfe in der Bedrängnis. Will meine Frau +ein Hausgerät haben, von dem sie gar nicht weiß, wie es aussehen +soll und wozu man es braucht—der Schreiner Andres erfindet es und +fertigt es an. Bricht Feuers- oder Wassersnot in der Küche oder im +Waschhaus aus, der Schreiner Andres greift in die Elemente und +bringt das Feuer ins Stocken und das Wasser in Fluß. Macht mein +Sohn einen recht dummen Streich, der Schreiner Andres bringt alles +wieder in Ordnung. Schmeißt meine Tochter das sämtliche Hausgerät +entzwei, der Schreiner Andres leimt es wieder zusammen. So ist der +Schreiner Andres die stützende Säule meines Hauses, und wenn diese +zusammenbrechen würde, so gingen wir alle in Trümmer.”</p> + +<p>Die Mutter war inzwischen wieder eingetreten, und ihr zuliebe +schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres sehr +eingehend. Onkel Max lachte schallend.</p> + +<p>“Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!” sagte die Mutter. “Ich weiß schon, +was ich an dem Schreiner Andres habe.”</p> + +<p>“Und ich auch”, bemerkte der Vater mit spöttischem Lächeln.</p> + +<p>“Und ich auch!” behauptete das Miezchen herzhaft.</p> + +<p>“Und ich auch!” sagte Otto seufzend, dem der Knöchel noch von +seinem Sturz über den Stuhl hin weh tat.</p> + +<p>“So, nun sind wir alle einer Meinung”, bemerkte die Mutter, “nun +können die Kinder in Frieden zu Bett gehen.”</p> + +<p>Auf diese Anzeige hin drohte dem Frieden gleich eine Störung. Aber +es half nichts, die alte Trine stand schon vor der Tür und achtete +darauf, daß die Hausordnung nicht überschritten wurde. Die Kinder +mußten sich verabschieden, und gleich nachher verschwand die Mutter +auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß die +Mutter zum Nachtgebet an ihre Betten gekommen war.</p> + +<p>Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den +Herren zurück und setzte sich gemütlich hin.</p> + +<p>“Endlich”, sagte da der Oberst aufatmend, als habe er eine harte +Schlacht hinter sich. “Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem +Schreiner Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch +etwas übrigbleibt.”</p> + +<p>“Und siehst du, Max”, sagte die Mutter lachend, “wenn mein Mann +noch so spottet—er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so +gern wie wir alle. Gestehe es nur ein, Otto! Eben hat mir Andres +auch für dich noch einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche +Summe gebracht und bittet um deine Hilfe.”</p> + +<p>“Das ist wahr”, sagte der Oberst, “einen ordentlicheren, +fleißigeren, zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich +Weib und Kind und Hab und Gut und alles anvertrauen wie keinem +anderen. Das ist der ehrlichste Mann in unserer ganzen Gemeinde +und noch weit darüber hinaus.”</p> + +<p>“Jetzt siehst du, Max”, sagte die Frau lachend, “ich konnte doch +nicht mehr sagen.”</p> + +<p>Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst unversehens +gefallen war. Dann entgegnete er: “Nun habt ihr mir alle so viel +von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich wirklich wissen möchte, +woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht +hier gesehen?”</p> + +<p>“Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max”, entgegnete seine +Schwester. “Du mußt dich noch an den Andres erinnern, mit dem wir +zur Schule gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei Brüder +zusammen in derselben Klasse mit dir waren? Der ältere war damals +schon ein rechter Taugenichts. Er war nicht dumm, aber tat nichts +und blieb darum stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder +in eine Klasse zusammen, in der du auch warst. Du mußt dich gewiß +erinnern, er hieß Jörg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er +bewarf uns, wo er konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Äpfeln und +Birnen und dann mit Schneebällen, und rief uns überall nach: +‘Aristokratenbrut!’”</p> + +<p>“Oh, der!” rief Onkel Max lachend, “ja, nun weiß ich auf einmal +alles. Richtig, ‘Aristokratenbrut’ rief er uns +beständig nach. Ich möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den +Sinn kam. Er war ein widerwärtiger Kerl. Da sah ich ihn einmal +einen viel kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln. Dem +half ich aber, dafür rief er mir mindestens zwölfmal nach: +‘Aristokratenbrut!’ Ach, nun weiß ich auch auf einmal, wer der +andere war. Das war der magere, kleine Andres, sein Bruder, das +ist gewiß euer Andres. Und dann ist das auch der Andres mit den +Veilchen, nicht wahr, Marie? Oh, jetzt verstehe ich schon die +dicke Freundschaft.” Onkel Max lachte aufs neue auf.</p> + +<p>“Was für Veilchen? Das muß ich wissen”, fiel der Oberst ein.</p> + +<p>“Oh, die Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als wäre sie +gestern geschehen”, sagte der Onkel ganz angeregt von seinen +Erinnerungen. “Die muß ich dir erzählen, Otto. Du weißt +vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorf in jenen +glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, +der fand, daß alle Mängel der Schulkinder aus ihnen heraus- und +alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt +werden könnten. So war er gezwungen, sehr viel zu prügeln, um den +einen oder andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf +einmal. Einmal nun war ihm der magere Andres unter die Hand +gekommen. Dem schlug er nun so kräftig seine wohlgemeinte +Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres laut aufschrie. In diesem +Augenblick stand meine kleine Schwester, die kürzlich in die Schule +eingetreten war und sich noch nicht so recht in die dort +herrschenden Gebräuche eingelebt hatte, plötzlich auf von ihrem +Sitz in der ersten Bank. Sie lief eilig zur Tür. Der Schullehrer +hielt inne mit seiner Arbeit und rief ihr nach: ‘Wohin läufst +du?’ Marie kehrte sich um. Die hellen Tränen liefen ihr über +die Backen, und sie sagte ganz aufrichtig: ‘Ich will heimgehen +und es dem Papa sagen.’ ‘Wart, ich will dir!’ rief jetzt der +Schullehrer überrascht und stürzte vom Andres weg auf die kleine +Marie los. Die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm +und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin. Dann sagte er +noch einmal: ‘Wart, ich will dir!’ Damit war aber alles abgetan. +Auch der Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen +friedlichen Ausgang. Aber die Tränen, die meine Schwester für den +Andres vergossen hatte, und ihr Einschreiten gegen den Tyrannen +wurden nicht vergessen. Von dem Tag an lag jeden Morgen ein Strauß +Veilchen auf ihrem Platz und durchduftete den ganzen Schulraum. +Und nachher kam noch ein anmutigerer Duft von dem Platz her, denn +da lagen große Erdbeersträuße mit den prächtigsten dunkelroten +Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren. Und so ging es das +ganze Jahr durch immerfort. Wie sich dann aber die Freundschaft zu +dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt ist, +das muß meine Schwester wissen und uns mitteilen.”</p> + +<p>Der Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tränen und der +Veilchen und forderte seine Frau auf, weiter zu erzählen.</p> + +<p>Sie sagte lachend: “Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ansicht +nach das ganze Jahr durch, Max. Das ist aber nicht ganz so. Aber +der gute Andres wurde wirklich das ganze Jahr durch nicht müde, mir +irgend etwas Erfreuliches aus Feld und Wald zu suchen und an meinen +Platz zu legen, solange wir miteinander zur Schule gingen. Er trat +dann lange vor mir aus und kam in die Lehre zu einem Schreiner in +der Stadt. Er kam aber oft nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus +den Augen. Und als mein Mann dieses Gut kaufte und wir uns eben +verheiratet hatten, handelte es sich darum, daß Andres sich etwas +ankaufen und sich selbständig niederlassen wollte. Er hatte seine +Eltern verloren und stand ganz allein, aber als tüchtiger Arbeiter +da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem sauberen kleinen +Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es aber nicht +ankaufen, da der Verkäufer sofort bares Geld haben wollte und +Andres erst etwas verdienen mußte. Aber wir kannten ihn und seine +Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen an für ihn, und er hat es +keinen Augenblick zu bereuen gehabt.”</p> + +<p>“Nein, wahrhaftig nicht”, fiel der Oberst ein. “Der brave Andres +hat längst sein Gut vollständig abgezahlt, und seither bringt er +mir jedes Jahr um diese Zeit eine ganz hübsche Summe, den Gewinn +seiner Jahresarbeit. Die lege ich ihm gut an. Er ist jetzt schon +ein wohlhabender Mann, und nun nimmt sein Besitztum jährlich sehr +zu. Er kann sein Häuschen noch zu einem großen Haus machen, der +brave Andres. Es ist nur schade, daß er wie ein Einsiedler lebt +und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen kann.”</p> + +<p>“Hat er denn keine Frau und keine Familie? Und wo ist der +bitterböse Jörg schließlich hingekommen?” fragte Onkel Max weiter.</p> + +<p>“Nein, er hat gar niemanden”, antwortete die Schwester. “Er lebt +völlig allein, wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, +traurige Geschichte erlebt, die ich mit angesehen habe und die ihm +gewiß alle Lust genommen hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder +Jörg ist hier einige Jahre herumgestrolcht. Er hat nie gearbeitet, +sondern gehofft, durch furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, +die keine Lumpen waren wie er, endlich doch noch sein Glück zu +machen. Und als ihm dies nicht gelang, auch der gute Andres ihm +endlich nicht mehr aus seinen Schulden und allem Bösen heraushelfen +konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er verschwunden. Wohin, +hat man nie recht gewußt. Jedermann war froh, daß er fort war.”</p> + +<p>“Was war denn die traurige Geschichte, Marie?” fragte der Bruder. +“Die muß ich auch noch wissen.”</p> + +<p>“Und ich auch”, sagte der Oberst und zündete zu der Erzählung +vergnüglich eine neue Zigarre an.</p> + +<p>“Aber Otto”, bemerkte die Frau Oberst, “dir habe ich dieses +Erlebnis wohl schon sechsmal erzählt.”</p> + +<p>“So?” entgegnete ruhig der Oberst. “Es gefällt mir, wie es scheint.”</p> + +<p>“So fang an!” ermunterte der Onkel.</p> + +<p>“Du mußt dich noch an das Kind erinnern können, Max”, begann seine +Schwester, “von dem ich heute abend schon einmal gesprochen habe, +das ganz in unserer Nähe wohnte. Es gehörte dem bleichen, mageren +Leineweber, den wir immer sein Weberschifflein hin- und herwerfen +hörten, wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und +nett aus und hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne +braune Haare. Es hieß Aloise.”</p> + +<p>“In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt”, warf Onkel Max ein.</p> + +<p>“Oh, ich weiß schon, warum”, fuhr seine Schwester fort. “Wir +nannten sie auch nie so, besonders du nicht. Wisi nannten wir sie, +zum Schrecken unserer seligen Mama. Weißt du denn nicht mehr, wie +oft du selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten +mit Mama und es so leise tönte: ‘Man muß das Wisi holen, +sonst geht’s nicht’?”</p> + +<p>Jetzt stieg die Erinnerung mit einemmal in Onkel Max’ Gedächtnis +auf. Er lachte auf und rief: “Oh, das ist’s, das Wisi, ja gewiß, +das Wisi kenne ich. Ich sehe es deutlich vor Augen mit dem +lustigen Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauflos +sang. Ich mochte es gern, das Wisi. Es war auch nett anzusehen. +Das ist wahr. Die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, +wenn ich ‘Wisi’ sagte. Ich habe aber nie gewußt, wie +das Wisi eigentlich hieß.”</p> + +<p>“Freilich hast du das gewußt”, bemerkte die Schwester, “denn +jedesmal sagte die Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schönen +Namen Aloise ein Wisi zu machen.”</p> + +<p>“Das habe ich wohl jedesmal überhört”, meinte Onkel Max. “Aber wo +ist denn das Wisi hingekommen?”</p> + +<p>“Du weißt, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir +sind miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur +sechsten. Da kann ich mich ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre +durch der Andres als treuster Freund und Beschützer dem Wisi zur +Seite stand in Freud und Leid. Und es konnte den Freund gut +brauchen. Meistens, wenn es zur Schule kam und die Tafel mit +Rechnungen bedeckt bringen sollte wie wir anderen auch, da stand +nicht eine Zahl darauf. Es legte sie aber mit dem lustigsten +Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden Augenblick stand +alles darauf, was darauf stehen sollte. Denn der Andres hatte +schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt. Oft +geschah es auch, daß Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen +eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte +im Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt. Und wenn +dann Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb +regelmäßig alles auf dem Andres sitzen. Nicht daß er von jemand +angeklagt wurde, sondern er selbst sagte gleich halblaut, er meine, +er habe die Scheibe zerdrückt. Und er glaube auch, er habe an dem +Pflaumenbaum gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder +wußten immer ganz gut, wie es war. Aber wir ließen es so gehen. +Wir waren so gewöhnt daran, daß es so sei, und dann hatten wir alle +das lustige Wisi so gern, daß wir’s ihm immer gönnten, wenn es +ungestraft davonkam. Und Äpfel und Birnen und Nüsse hatte Wisi +immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres. Denn was er +nur hatte und erlangen konnte, das stecke er alles dem Wisi in den +Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn sein +könne, daß der stille Andres gerade das allerlustigste und +aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe. Und dann +sann ich darüber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres +besonders gern habe. Es war wohl immer freundlich zu ihm, aber so +war es auch mit den anderen. Und als ich einmal ernstlich unsere +Mama fragte, wie das wohl sei, da schüttelte sie ein wenig den Kopf +und sagte: ‘Ich fürchte, ich fürchte, diese artige Aloise ist +ein wenig leichtsinnig und kann noch in eine schwere Schule kommen.’ +Diese Worte gaben mir viel zu denken und kamen mir immer +wieder in den Sinn.”</p> + +<p>Die Frau Oberst sah lächelnd vor sich hin. “Als wir dann zusammen +in den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmäßig am +Sonntagabend zu uns herüber, und wir sangen zusammen am Klavier +Choräle. Daran hatte es damals sehr große Freude, es konnte alle +die schönen Lieder auswendig und sang sie mit heller Stimme. Wir +hatten auch unsere Freude an den Abenden, Mama und ich, und auch +darüber, daß Wisi so gern in den Unterricht ging und ihn sich +wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein großes Mädchen geworden +und sah recht gut aus. Seine lustigen Augen hatte es noch, und +wenn es auch nie so kräftig aussah wie die Bauernmädchen im Dorf, +so hatte es doch eine blühende Gesichtsfarbe und war netter als sie +alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er +kam aber immer über den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu +uns ins Pfarrhaus, und am liebsten sprach er dann immer mit mir von +den vergangenen Tagen der Schule. Und dann kamen wir immer bald +auf das Wisi zu sprechen. Das kam so im Zusammenhang, und +schließlich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging +ganz das Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und während +alle Welt längst das Wisi nie anders also so genannt hatte, nannte +er es unwandelbar das ‘Wiseli’. Und das kam dann so +ganz eigen zärtlich heraus.</p> + +<p>Da kam auch ein Sonntag, als das Wisi und ich noch nicht achtzehn +Jahre alt waren. Gegen Abend trat er bei uns ein und sah ganz +rosig aus. Und als wir nun mit Mama zusammensaßen, da sagte Wisi, +es sei gekommen, uns mitzuteilen, daß es sich mit dem jungen +Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im Dorfe +wohnte. Sie könnten gleich heiraten, da er eine gute Anstellung +habe unten in der Fabrik, und so hätten sie denn schon alles +festgesetzt, daß sie gleich in zwölf Tagen zusammenkommen könnten. +Ich war so erstaunt und so traurig, daß ich kein Wort sagen konnte. +Eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz bekümmert +aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte ihm +vor, wie leichtsinnig es sei, daß es sich so schnell mit dem +Fabrikarbeiter eingelassen habe. Es kenne ihn ja kaum, und da sei +doch ein anderer, der ihm Jahre lang nachgegangen sei und ihm +gezeigt habe, wie lieb er es habe. Und zuletzt fragte sie es +dringend, ob denn nicht alles noch rückgängig gemacht werden oder +doch eine gute Zeitlang hinausgeschoben werden könne. Es könne +noch bei seinem Vater bleiben, es sei ja noch so jung. Da fing +Wisi zu weinen an und sagte, es habe ganz bestimmt sein Wort +gegeben, alles sei eingerichtet auf die Zeit und dem Vater sei’s +recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber das arme Wisi weinte +immer ärger. Da nahm sie es bei der Hand und zog es zum Klavier +hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir zusammen sangen. +Sie sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: ‘Trockne nun +deine Tränen, wir wollen noch einmal zusammen singen.’ Dann +schlug sie uns das Lied auf, und wir sangen zusammen:</p> + +<p class="poetry">(‘Befiehl du deine Wege,<br> +Und was dein Herze kränkt,<br> +Der allertreusten Pflege<br> +Des, der den Himmel lenkt.)</p> + +<p class="poetry">(‘Der Wolken, Luft und Winden<br> +Gibt Wege, Lauf und Bahn,<br> +Der wird auch Wege finden,<br> +Wo dein Fuß gehen kann.’)</p> + +<p>Wisi ging dann wieder getröstet von uns, die Mutter hatte ihm noch +einige freundliche Worte gesagt.</p> + +<p>Aber mich hatte die Sache recht traurig gemacht. Ich hatte ein +ganz bestimmtes Gefühl, daß das arme Wisi seine frohen Tage nun +hinter sich hatte, und dann tat mir der Andres unsäglich leid. Was +würde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein Wort, aber ein +paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war noch stiller +geworden als vorher. Ich habe auch seither nie mehr sein +stillfröhliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft gezeigt +hat.”</p> + +<p>“Der arme Kerl!” rief Onkel Max aus. “Hat er denn keine andere +Frau genommen?”</p> + +<p>“Ach, nein, Max”, entgegnete seine Schwester ein wenig strafend, +“wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen. Er ist ja die +Treue selbst.”</p> + +<p>“Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester”, erwiderte der +Bruder begütigend. “Ich konnte doch nicht voraussehen, daß dein +vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an +sich trägt. Aber das Wisi, erzähl weiter von ihm. Ich hoffe +wirklich, das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde +mir leid tun.”</p> + +<p>“Ich merke schon, Max”, sagte die Schwester, “daß du es heimlich +mit dem Wisi hältst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres, +dem es doch fast das Herz abgedrückt hat, daß das Wisi für ihn +verloren war.”</p> + +<p>“Doch, doch”, versicherte der Onkel, “ich kann ihm nachfühlen, wie +unglücklich er war. Aber weiter, wie ging’s mit dem Wisi? Es hat +doch seine lustigen Augen nicht verweint?”</p> + +<p>“Doch, ich glaube schon”, fuhr die Schwester fort. “Ich habe Wisi +nicht mehr oft gesehen, es hatte viel zu tun. Ich glaube, der Mann +war nicht eben böse, aber er hatte etwas Rohes, er konnte so grob +und unfreundlich sein, auch mit seinen kleinen Kindern. Wisi hatte +gewiß wenig Freude mehr. Es hatte mehrere nette Kinder, aber sie +waren alle sehr zart, es verlor sie wieder eins nach dem andern. +Fünf hatte es begraben müssen, nur ein einziges ist ihm geblieben, +ein feines, zartes Geschöpfchen, ein kleines Wiseli. Es ist nicht +viel größer als unser Miezchen und ist doch gut drei Jahre älter. +Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten, daß man +deutlich sehen konnte, was kommen würde. Und nun ist es auch da, +eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin. Ich fürchte, es ist +gar keine Hoffnung mehr.”</p> + +<p>“Nein!” rief Onkel Max erschrocken aus. “Das kann doch nicht sein, +ist’s wirklich wahr? Kann man da nichts machen, Marie? Wir wollen +doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen.”</p> + +<p>“Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen”, sagte die Schwester +traurig. “Da war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all +die Arbeit und Anstrengung viel zu zart.”</p> + +<p>“Und was macht nun der Mann?” fragte Onkel Max.</p> + +<p>“Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi +auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde +ihm in der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, daß man +ihn halbtot nachhause brachte. Danach konnte er nicht mehr +arbeiten. Er muß kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. +Wisi hatte ihn nun auch noch zu verpflegen zu allem andern. Er +starb dann ungefähr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt +Wisi allein mit dem Kind.”</p> + +<p>“Und so blieb von allem gar nichts mehr übrig als ein kleines +Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird’s doch +nicht kommen müssen. Das Wisi kann noch gesund werden und alles +noch kommen, wie es hätte sein sollen von Anfang an.”</p> + +<p>“Nein, nein, dazu ist es zu spät”, entgegnete die Schwester sehr +bestimmt. “Das arme Wisi hat seinen Leichtsinn schwer büßen müssen. +Aber jetzt ist es spät geworden.” Und fast erschrocken stand sie +auf, denn über dem Gespräch war die Mitternachtsstunde +vorübergegangen.</p> + +<p>Seit einiger Zeit schon war der Oberst ganz still geworden, er +hatte sich in seinen Lehnstuhl zurückgelegt und war fest +eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar keinen Schlaf, denn mit der +Erzählung von dem armen Wisi waren ihm alle Jugenderinnerungen so +lebendig aufgestiegen, daß er noch eine Menge von Dingen und +Persönlichkeiten besprechen wollte. Aber seine Schwester war +unerbittlich, sie hielt die Lampe in der Hand und drängte zum +Aufbruch.</p> + +<p>So half denn nichts. Um aber nicht allein die unwillkommene +Störung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so +gewaltigen Ruck an seinem Stuhl, daß der Oberst mit einem Schrecken +emporschoß, als sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber +sein Schwager klopfte ihm friedlich auf die Schulter und sagte: “Es +war nur eine leise Mahnung von seiten deiner Frau, daß wir uns +zurückziehen möchten.” Der Rückzug wurde dann vollzogen, und bald +stand das Haus auf der Höhe ganz still im Mondschein da. Und unten +am Berg stand eins, da sollte es auch bald still werden. Jetzt +brannte noch ein schwaches Lämpchen drinnen und warf seinen matten +Schimmer durch das schmale Schubfenster in die monderhellte Nacht +hinaus.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="3_Kapitel">3. Kapitel<br> +(Auch noch daheim)</h2> +</div> + + +<p>Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten nach Hause gingen, +rannte das kleine Wiseli aus allen Kräften den Berg hinunter. Denn +es wußte, daß es länger fortgeblieben war, als die Mutter erwartete, +und das tat es sonst nicht. Aber heute war sein Glück so groß +gewesen, daß es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte. +Jetzt lief es um so schneller und wäre fast in einen Mann +hineingerannt, der eben aus der Tür des Häuschens trat, als es +hineinstürmen wollte. Er ging ihm aber ganz leise aus dem Weg, und +das Wiseli sprang vorwärts in die Stube hinein und auf die Mutter +zu, die auf einem kleinen Stuhl am Fenster saß und zu Wiselis +Erstaunen noch kein Licht angezündet hatte.</p> + +<p>“Mutter, bist du böse, daß ich so lang ausgeblieben bin?” rief es +und umarmte sie.</p> + +<p>“Nein, nein, Wiseli”, antwortete sie freundlich. “Aber ich bin +froh, daß du da bist.”</p> + +<p>Jetzt fing das Wiseli der Mutter von seinem großen Erlebnis zu +erzählen an, wie gut der Otto zu ihm gewesen war und wie es zweimal +mit dem allerschönsten Schlitten hatte den Berg hinunterfahren +können. Als es dann mit seiner Erzählung fertig war und die Mutter +noch immer so still dasaß, fiel ihm erst ein, daß sie das sonst +nicht tat. Es fragte verwundert: “Aber warum hast du noch kein +Licht, Mutter?”</p> + +<p>“Ich bin so müde heute abend, Wiseli”, antwortete sie. “Ich konnte +nicht aufstehen und Licht machen. Hol das Lämpchen herein und +bring mir einen Schluck Wasser mit, ich habe so großen Durst.”</p> + +<p>Wiseli lief in die Küche und kam bald zurück, in der einen Hand das +Licht und in der andern eine Flasche, in der ein roter Saft +schimmerte, so hell und einladend, daß die durstende Kranke erfreut +ausrief: “Was bringst du mir Schönes, Wiseli?”</p> + +<p>“Ich weiß nicht”, sagte das Kind, “es stand auf dem Küchentisch, +sieh, wie es funkelt.”</p> + +<p>Die Mutter nahm die Flasche in die Hand und roch daran. “Oh”, +sagte sie, “wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib mir schnell ein +wenig Wasser dazu, Wiseli.”</p> + +<p>Das Kind goß roten Saft in ein Glas und füllte es mit Wasser, und +mit durstigen Zügen trank die Mutter den erquickenden Beerensaft. +“Oh, wie das erfrischte” sagte sie und übergab das leere Glas dem +Kind. “Stell es weg, Wiseli, aber nicht weit. Mir ist, ich könnte +alles austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese +Flasche gebracht? Gewiß die Trine, es kommt von der Frau Oberst.”</p> + +<p>“War denn die Trine bei dir in der Stube, Mutter?” fragte das Kind.</p> + +<p>“Nein.”</p> + +<p>“Dann ist es nicht die Trine, das weiß ich”, sagte das Wiseli +bestimmt. “Sie geht jedesmal in die Stube, wenn sie etwas bringt. +Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er dies nicht +mitgebracht?”</p> + +<p>“Ach was, Wiseli”, fiel die Mutter ganz lebhaft ein. “Was sagst du +denn? Der Schreiner Andres war nie bei mir, was fällt dir denn +ein?”</p> + +<p>“Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier drinnen”, beteuerte +Wiseli. “Gerade, als ich hereinkam, trat er so schnell aus der Tür, +daß ich fast gegen ihn rannte. Hast du denn nichts gehört?”</p> + +<p>Die Mutter war eine Zeit lang ganz still, dann sagte sie: “Ich habe +schon gehört, daß jemand leise die Küchentür aufmachte. Erst +meinte ich, du seist es, und—es ist wahr, erst nachher hörte ich +dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, daß es der Schreiner +Andres war, der zu unserer Tür herauskam?”</p> + +<p>Wiseli war seiner Sache sicher. Es konnte so genau der Mutter +sagen, wie der Rock und die Kappe vom Schreiner Andres aussahen und +wie er erschrocken war, als es so mit einemmal an ihn heranrannte, +daß die Mutter auch davon überzeugt wurde. Sie sagte wie für sich: +“Dann war es der Andres, er hat gewußt, was mir so gut tun könnte.”</p> + +<p>“Jetzt fällt mir noch etwas ein, Mutter”, rief auf einmal das +Wiseli ganz erregt aus. “Jetzt weiß ich gewiß, wer einmal den +großen Topf Honig in die Küche gestellt hat, von dem du so gern +gegessen hast, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen. Weißt du, +Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir +etwas Suppe brachte, und sie sagte, sie wisse von all dem nichts. +Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Küche +gestellt.”</p> + +<p>“Das glaube ich auch”, sagte die Mutter und wischte sich über die +Augen.</p> + +<p>“Es ist ja nichts Trauriges”, sagte Wiseli ein wenig erschrocken, +als sie die Mutter immer wieder über die Augen wischen sah.</p> + +<p>“Du mußt ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es +ihm einmal, ich lasse ihm danken für alles Gute. Er hat es so gut +mit mir gemeint. Komm, setz dich ein wenig zu mir”, fuhr sie leise +fort. “Gib mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag +mir das Verslein, was ich dich gelehrt habe.”</p> + +<p>Wiseli holte noch einmal Wasser und goß von dem frischen Saft +hinein, und die Mutter trank noch einmal begierig davon. Dann +legte sie müde ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und +winkte das Wiseli zu sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu +hart, holte ein Kissen aus ihrem Bett herbei und legte es +sorgfältig unter den Kopf. Dann setzte es sich dicht neben sie auf +den Schemel und hielt ihre Hand fest in den seinigen. Und wie sie +gewünscht hatte, sagte es nun andächtig sein Verslein auf.</p> + +<p class="poetry">(“Befiehl du deine Wege,<br> +Und was dein Herze kränkt,<br> +Der allertreusten Pflege<br> +Des, der den Himmel lenkt.)</p> + +<p class="poetry">(“Der Wolken, Luft und Winden<br> +Gibt Wege Lauf und Bahn,<br> +Der wird auch Wege finden,<br> +Wo dein Fuß gehen kann.”)</p> + + +<p>Als Wiseli zu Ende war, sah es, daß die Mutter am Einschlafen war. +Sie sagte nur noch leise: “Denk daran, Wiseli! Und wenn du einmal +keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann +denk in deinem Herzen:</p> + +<p class="poetry">(“Er wird auch Wege finden,<br> +Wo dein Fuß gehen kann.”)</p> + +<p>Nun legte die Mutter sich müde hin und schlief ein, und Wiseli +wollte sie nicht wecken. Es legte sich mäuschenstill an sie heran, +und bald schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte +Lampe in dem stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von +selbst erlosch und das Häuschen dunkel dastand auf dem hellen +Mondscheinplatz.</p> + +<p>Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen +ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen hinein, +wie sie immer im Vorbeigehen tat. Da sah sie, wie Wiselis Mutter +auf dem Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte. +Das kam ihr so sonderbar vor, sie mußte nachsehen, was da geschehen +sei. Sie machte ein wenig die Tür auf und fragte: “Was hast du, +Wiseli? Ist die Mutter kränker geworden?”</p> + +<p>Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stammelte: “Ich—weiß nicht, +was die Mutter hat.”</p> + +<p>Das arme Kind ahnte, was mit der Mutter war, aber es konnte ja +nicht begreifen, daß es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, +aber sie war entschlafen für das ganze Erdenleben. Sie hörte nicht +mehr, wie ihr Wiseli nach ihr rief. Die Nachbarin trat zu dem +Kissen am Fenster und schaute die schlafende Frau an. Dann trat +sie erschrocken zurück und sagte: “Geh schnell, Wiseli, lauf und +hol deinen Onkel, er soll auf der Stelle herkommen. Du hast ja +sonst niemanden, und es muß sich jemand um alles kümmern. Lauf, +ich will warten, bis du wieder kommst.”</p> + +<p>Das Kind lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen. +Sein Herz war so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr, +daß Wiseli sich plötzlich mitten auf dem Weg hinsetzen und laut +weinen mußte. Denn jetzt wurde es ihm immer deutlicher bewußt, daß +die Mutter nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und +lief weiter, aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhören, denn in +seinem Herzen wurde der Jammer immer größer.</p> + +<p>Am Buchenrain, eine Viertelstunde von der Kirche entfernt, stand +das Haus des Onkels, wo Wiseli jetzt eben ankam und weinend unter +die Tür trat. Die Tante stand in der Küche und fragte kurz: “Was +ist mit dir?”</p> + +<p>Wiseli sagte halblaut unter Schluchzen, die Nachbarin habe es +geschickt, der Onkel möge schnell zur Mutter kommen.</p> + +<p>Die Tante sah das Kind an, sie mochte denken, es sei schlimm mit +der Mutter. Denn weniger mürrisch, als sie sonst redete, erklärte +sie: “Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist jetzt +nicht da.”</p> + +<p>Da kehrte Wiseli wieder um und lief zurück. Die Nachbarin stand +vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es war ihr zu +unheimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich ganz +nahe zur Mutter, so wie es nachts neben ihr gesessen hatte. Da saß +es ganz still und weinte, und von Zeit zu Zeit sagte es halblaut: +“Mutter!”</p> + +<p>Sie gab keine Antwort mehr. Da beugte Wiseli sich zu ihr und sagte: +“Mutter, du hörst mich, wenn du jetzt schon im Himmel bist und ich +dich nicht mehr hören kann.”</p> + +<p>So saß das Wiseli noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als +schon die Mittagszeit vorüber war. Da trat der Onkel in das +Stübchen, schaute sich ein wenig darin um und rief dann die +Nachbarin herein. “Sie müssen die Frau hier zurecht machen, Sie +wissen schon, wie ich meine”, sagte er, “so daß alles fertig ist +zum Wegholen. Dann nehmen Sie den Schlüssel an sich, daß da nichts +wegkommt.” Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: “Wo sind deine +Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein Bündelchen, +dann gehen wir.”</p> + +<p>“Wohin gehen wir denn?” fragte Wiseli zaghaft.</p> + +<p>“Heim gehen wir”, war die Antwort, “an den Buchenrain, da kannst du +bei uns sein. Du hast niemanden mehr auf der Welt als deinen Onkel.”</p> + +<p>Das Wiseli erschrak. Zum Buchenrain sollte es gehen und da daheim +sein. Es hatte von jeher eine große Furcht vor der Tante gehabt +und jedesmal eine Zeitlang vor der Tür gewartet, wenn es dem Onkel +etwas hatte berichten müssen, aus lauter Angst, die Tante würde mit +ihm schimpfen. Dann war der älteste Sohn da, der gewalttätige +Chäppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die warfen allen +Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein.</p> + +<p>Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. “Du mußt +dich nicht fürchten, Kleines”, sagte der Onkel freundlich. “Es +sind zwar mehr Leute bei uns im Haus als hier, aber das ist um so +lustiger für dich.”</p> + +<p>Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knöpfte je +zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander. Dann band es sein Tüchlein +um den Kopf und stand fertig da.</p> + +<p>“So”, sagte der Onkel, “nun gehen wir.” Er schritt zur Tür.</p> + +<p>Auf einmal schluchzte Wiseli laut auf. “Dann muß ja die Mutter +ganz allein sein.” Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie +fest.</p> + +<p>Der Onkel stand ein wenig verblüfft da. Er wußte nicht recht, wie +er dem Kinde erklären sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es +das nicht von selbst begriff. Denn Erklären war nicht seine Sache, +das hatte er nie probiert. Er sagte also: “Komm jetzt, komm! Ein +Kleines, wie du eins bist, muß folgen. Komm und mach nur kein +Geschrei, das hilft gar nichts.”</p> + +<p>Wiseli würgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem Onkel +zur Tür. Nur einmal sah es noch zurück und sagte ganz leise: +“Behüte dich Gott, Mutter!”</p> + +<p>Dann wanderte es mit seinem Bündelchen am Arm aus dem kleinen Haus, +wo es daheim gewesen war. Eben als die beiden miteinander +querfeldein gingen, kam von oben herunter die Trine, einen +gedeckten Korb am Arm. Noch stand die Nachbarin unter der Tür und +schaute dem Onkel und dem Kind nach. Die Trine trat auf sie zu und +sagte: “Heute bringe ich der kranken Frau was Gutes, aber ein wenig +spät. Wir haben den Herrn Onkel zum Besuch, da wird es immer spät.”</p> + +<p>“Und wenn Sie auch am Morgen früh gekommen wären, so wären Sie zu +spät gekommen heute. Sie ist in der Nacht gestorben.”</p> + +<p>“Ist das wirklich wahr?” rief die Trine erschrocken aus. “Ach, du +mein Gott, was wird meine Frau sagen.” Damit kehrte die Trine um +und lief ihren Weg zurück.</p> + +<p>Die Nachbarin trat in das stille Stübchen und machte Wiselis Mutter +so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bett liegen mußte.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="4_Kapitel">4. Kapitel<br> +(Beim Onkel)</h2> +</div> + + +<p>Als das Wiseli mit dem Onkel in das Haus am Buchenrain trat, da +kamen die drei Buben aus der Scheune gestürzt und liefen hinter den +beiden her in die Stube. Alle drei starrten das Wiseli an. Aus +der Küche kam die Tante herein und schaute das Wiseli ebenfalls an, +als wenn sie es noch nie gesehen hätte.</p> + +<p>Der Onkel setzte sich hinter den Tisch und sagte: “Ich meine, man +könnte etwas essen. Das Kleine hat, denke ich, heute noch wenig +gehabt. Komm, setz dich”, sagte er, zu Wiseli gewandt, das immer +noch auf demselben Fleck stand, sein Bündelchen in der Hand. Es +gehorchte. Jetzt holte die Tante Most und Käse und legte das große +Schwarzbrot auf den Tisch. Der Onkel schnitt ein tüchtiges Stück +ab und legte eine Scheibe Käse darauf, dann schob er es vor das +Kind hin. “Da, iß, Kleines, du wirst Hunger haben.”</p> + +<p>“Nein, ich danke”, sagte Wiseli leise. Es hätte keinen Bissen +hinunterschlucken können, denn Leid und Angst und Weh schnürten ihm +so den Hals zu, daß es kaum atmen konnte.</p> + +<p>Die Buben standen immer noch da und starrten es an. “Mußt dich +nicht fürchten”, sagte der Onkel ermunternd, “iß nur zu.” Aber das +Wiseli saß unbeweglich da und rührte sein Brot nicht an. Die Tante +war bis jetzt auch stehengeblieben und hatte das Kind angeschaut +von oben bis unten, mit beiden Armen in die Seite gestemmt. +“Wenn’s dir nicht recht ist, so kannst du’s bleiben lassen”, sagte +sie nun, drehte sich um und ging wieder in die Küche.</p> + +<p>Als der Onkel sich gestärkt hatte, stand er auf und sagte: “Nimm’s +in die Tasche, nachher hast du sicher Hunger. Mußt dich nur nicht +fürchten.” Damit ging er auch in die Küche hinaus. Wiseli wollte +gehorchen und das Käsebrot in die Tasche stecken, aber diese war +viel zu klein. Es legte das Brot wieder auf den Tisch.</p> + +<p>“Ich will dir schon helfen”, sagte Chäppi, schnappte das Brot vom +Tisch weg und wollte abbeißen. Es flog aber in die Luft, denn der +Hans hatte von unten herauf Chäppis Hand einen tüchtigen Stoß +gegeben, damit ihm die Beute entfalle und er sie erwische. In dem +Augenblick aber huschte der Rudi schnell auf den Boden und haschte +den Fang weg. Jetzt stürzten die beiden Größeren auf ihn, und +einer fiel über den anderen her. Und nun gab es ein Schlagen und +Raufen und Lärmen und Heulen, daß es dem Wiseli angst und bange +wurde.</p> + +<p>Der Vater öffnete wieder die Küchentür und rief: “Was ist los?”</p> + +<p>Da schrien die drei Buben am Boden alle durcheinander.</p> + +<p>“Das Wiseli wollte nichts!”</p> + +<p>“Das Wiseli hatte keinen Hunger!”</p> + +<p>“Weil das Wiseli keins wollte!”</p> + +<p>Da rief der Vater noch lauter: “Wenn das nicht aufhört da drinnen, +so will ich mit dem Lederriemen kommen!” Dann schlug er die Tür +wieder zu. Das ‘da drinnen’; hörte aber noch nicht auf, +sondern als die Tür zu war, ging’s erst recht los. Denn der Hans +hatte entdeckt, daß es das wirksamste Mittel sei, den Feind zu +erschrecken, ihm in die Haare zu fahren, was die anderen sogleich +auch begriffen. Und so rissen sie nun alle drei jeder mit beiden +Händen an den Haaren eines anderen und schrien dazu fürchterlich.</p> + +<p>In der Küche saß die Tante auf einem Schemel und schälte Kartoffeln. +Als ihr Mann die Stubentür wieder geschlossen hatte, fragte sie: +“Was hast du mit dem Kind vor? Warum hast du es gleich mit +heimgenommen?”</p> + +<p>“Es wird, denke ich, bei jemandem sein müssen. Ich bin der +Patenonkel und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst +es ja schon brauchen. Das Wiseli kann dir im Haushalt helfen. Du +sagst ja immer, die Buben machen dir viel Arbeit.”</p> + +<p>“Das wird eine schöne Hilfe sein. Du kannst ja hören, wie es +zugeht drinnen in der ersten Viertelstunde schon, daß es da ist.”</p> + +<p>“Das habe ich schon manchmal gehört, schon bevor das Kleine da war. +Es hat, denke ich, nicht viel damit zu tun”, sagte der Onkel ruhig.</p> + +<p>“So”, entgegnete die Tante eifrig, “hast du denn nicht gehört, daß +sie alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?”</p> + +<p>“Sie schreien doch immer”, meinte der Onkel. “Mit der Kleinen +wirst du, denke ich, noch fertig werden. Sie ist kein bösartiges +Kind, das habe ich schon gemerkt. Sie kann auch folgen, besser als +die Buben.”</p> + +<p>Das war der Tante fast zu viel. “Ich meine, es sei nicht nötig, +daß man es jetzt schon gegen die Buben aufhetzt”, sagte sie und riß +die Häute immer schneller von den Kartoffeln. “Und dann möchte ich +nur wissen, wo das Kind schlafen soll.”</p> + +<p>Der Onkel schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und her, +dann sagte er ruhig: “Man kann nicht alles an einem Tag machen. Es +wird wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben, denke ich, und +das wird es wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer +gehen. Heute kann es auf der Ofenbank schlafen, da ist’s ja warm. +Dann kann man einen Vorschlag machen, wo es in unsere Kammer +hineingeht. Da kann man sein Bett hineinschieben.”</p> + +<p>“Ich habe mein Lebtag nie gehört, daß man zuerst das Kind bringt +und dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehört. Und dann +möchte ich auch wissen, wer das bezahlen muß, wenn man noch bauen +soll, um des Kindes willen.”</p> + +<p>“Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so muß sie uns auch +etwas für den Unterhalt geben”, erklärte der Onkel. “Ich nehme es +dann noch immer billiger an, als ein anderer es tun würde. Es +fühlt sich auch am wohlsten bei uns.”</p> + +<p>Mit dieser Überzeugung ging der Onkel in den Stall hinaus und rief +noch zurück, der Chäppi soll ihm nachkommen. Es war schwierig für +die Tante, sich Gehör zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie +den Auftrag ausrichten wollte. Da rauften und schrien die drei +noch immer. “Es wundert mich nur, daß du so zusiehst und kein Wort +zum Frieden sagst,” rief die Tante dem Wiseli zu, das sich scheu an +die Wand drückte und sich kaum zu rühren wagte.</p> + +<p>Nun wurde der Chäppi in den Stall geschickt, und die beiden anderen +liefen ihm nach. “Kannst du stricken?” fragte dann die Tante das +Wiseli. Es sagte schüchtern ja, Strümpfe könne es stricken. “So +nimm die”, sagte die Tante und nahm aus dem Schrank einen großen +braunen Strumpf heraus mit einem Garn, fast so dick wie Wiselis +Finger. “Du bist am Fuß, gib acht, daß er nicht zu kurz wird, er +ist für den Onkel.”</p> + +<p>Nun ging sie wieder in die Küche, und Wiseli setzte sich auf die +Ofenbank und mußte den langen Strumpf auf seinem Schoß +zusammenhalten. Der war so schwer, daß er ihm ganz die Hände +herunterzog, wenn er hing, so daß es die Nadeln nicht führen konnte. +Es hatte aber kaum recht angefangen mit seiner Arbeit, als die +Tante wieder hereinkam. “Du kannst jetzt herauskommen in die +Küche”, sagte sie. “Du kannst sehen, wie ich alles mache, so +kannst du mir an die Hand gehen nach und nach.”</p> + +<p>Wiseli gehorchte und sah draußen der Tante zu, soviel es konnte. +Aber immer schossen ihm wieder die Tränen in die Augen, und dann +sah es nichts mehr. Denn es mußte denken, wie es gewesen war, wenn +es der Mutter nachlief in die Küche, und wie sie mit ihm redete und +es immer wieder streichelte. Es fühlte aber, daß es nicht weinen +dürfe, und schluckte und schluckte, daß es fast meinte, es werde +erwürgt. Die Tante sagte ein paarmal: “Gib acht! So weißt du’s +nachher.”</p> + +<p>So ging es eine gute Zeitlang, dann hörte man ein lautes Gestampfe +auf dem Hausgang. “Mach schnell die Tür auf, sie kommen”, sagte +die Tante. Denn der Lärm kam vom Onkel und den Buben her, die +draußen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli machte die +Tür zu Stube auf, und die Tante hob eine große Pfanne vom Feuer und +lief damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen Haufen gebratener +Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch schüttete. Dann rannte sie +zurück, brachte ein großes Becken voll saurer Milch herein und +sagte: “Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so können +sie essen.”</p> + +<p>Wiseli zog schnell die Schublade auf, da lagen fünf Löffel und fünf +Messer, die legte es hin, und nun war der Abendtisch fertig. Der +Onkel und die Buben waren hereingekommen und saßen gleich auf den +Bänken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am Tisch stand ein +Stuhl, darauf hin wies nun der Onkel und sagte: “Es kann, denke ich, +dort sitzen, oder nicht?”</p> + +<p>“Freilich”, sagte die Tante, die auch einen Stuhl für sich bereit +hatte, auf der Seite gegen die Küche zu. Sie saß aber nur eine +Sekunde darauf still, dann lief sie wieder in die Küche, kam zurück +und setzte sich geschwind wieder zu einem Löffel voll Milch nieder. +Dann lief sie von neuem hinaus. Es wußte niemand, warum das so +sein mußte, denn das Kochen war ja beendet. Aber es war immer so, +und wenn der Onkel einmal sagte: “Sitz doch und iß einmal”, so kam +sie erst recht in Eile und sagte, sie habe nicht Zeit, so lange zu +sitzen, und draußen werde wohl jemand nachsehen müssen. Als sie +jetzt zum zweitenmal hereingeschossen kam und eilig eine Kartoffel +schälte, fiel ihr Wiselis Untätigkeit auf, das neben ihr saß, die +Hände in den Schoß gelegt. “Warum ißt du nicht?” fuhr sie es an.</p> + +<p>“Es hat keinen Löffel”, sagte Rudi, der auf der anderen Seite neben +ihm saß und schon lange den Grund herausgefunden hatte, warum +jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange noch +etwas da ist.</p> + +<p>“Ja so”, sagte die Tante. “Wem wäre es aber auch in den Sinn +gekommen, daß man auf einmal sechs Löffel haben muß? Man brauchte +ja immer nur fünf, und ein Messer wird auch sein müssen. Warum +kannst du aber auch nichts sagen? Du wirst wohl wissen, daß man +zum Essen einen Löffel braucht.” Diese Worte waren an das Wiseli +gerichtet.</p> + +<p>Es schaute die Tante scheu an und sagte leise: “Es ist gleich, ich +brauche keinen, ich habe keinen Hunger.”</p> + +<p>“Warum nicht?” fragte die Tante. “Bist du’s anders gewöhnt? Ich +habe nicht im Sinn, was zu ändern.”</p> + +<p>“Es ist wohl besser, wenn man das Kleine zuerst ein wenig in Ruhe +läßt. Man muß ihm keine Angst machen”, sagte der Onkel +beschwichtigend. “Es wird schon besser werden.”</p> + +<p>Nun ließ man das Wiseli in Ruhe, die anderen aßen weiter. Das Kind +saß unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch einmal +die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte, denn +der Fleck sei krank geworden, da mußte er noch einmal hinaus. Der +Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden +mit den Händen in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die +Schiefertafel abgewaschen, und als die Tante damit fertig war, +sagte sie zu Wiseli: “Du hast gesehen, wie ich’s mache, das kannst +du von nun an tun.”</p> + +<p>Jetzt setzte sich der Chäppi wieder hinter den Tisch. Er hatte +seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten, +seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst +starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen +Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasaß, denn es +konnte keine Masche sehen in seinem Winkel. Und sich an den Tisch +zu setzen, auf dem die trübe Öllampe stand, wagte es nicht.</p> + +<p>“Du wirst auch etwas tun können”, rief auf einmal Chäppi erbost zu +ihm hinüber, “du bist nicht das Geschickteste in der Schule.”</p> + +<p>Wiseli wußte nicht, was es sagen sollte, es war ja gar nicht in der +Schule gewesen heute und es wußte nicht, was zu tun war. Es war ja +überhaupt ganz aus aller Ordnung und Fassung. “Wenn ich rechnen +muß, so mußt du auch, oder dann tu ich’s auch nicht”, rief der +Chäppi wieder. Wiseli hielt sich mäuschenstill. “So, dann ist’s +recht”, fuhr Chäppi lärmend fort, “so tu ich keinen Strich mehr an +der Arbeit.” Damit warf er seinen Griffel weg.</p> + +<p>“So, so, dann tu ich auch nichts”, rief der Hans aus und steckte +ganz erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das +Lernen war ihm das Bitterste, das er kannte.</p> + +<p>“Ich will es schon dem Lehrer sagen, wer an allem schuld ist”, fing +Chäppi wieder an, “du kannst dann nur sehen, wie es dir geht.” So +hätte Chäppi wohl noch eine Zeitlang seinem bösen Wesen Luft +gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall zurückgekommen +wäre. Er trug zwei große, leere Futtersäcke auf der Schulter +herein und kam damit auf den Tisch zu.</p> + +<p>“Mach Platz”, sagte er zu Chäppi, der beide Ellbogen auf den Tisch +gestemmt hielt und den Kopf in die Hände stützte. Dann breitete er +die Säcke aus, faltete sie zusammen, noch einmal und noch einmal. +Danach ging er zur Ofenbank und legte das Paket darauf hin. “So”, +sagte er befriedigt, “das ist gut. Und wo hast du dein Bündelchen, +Kleines?”</p> + +<p>Wiseli holte es aus einer Ecke hervor, wo es bis jetzt gelegen +hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der Onkel das Bündelchen +am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank hin drückte, daß es +nicht so ganz kugelrund bleibe.</p> + +<p>“So, da kannst du schlafen”, sagte er nun zu Wiseli. “Frieren mußt +du nicht, der Ofen ist heiß, und auf das Bündelchen kannst du den +Kopf legen. So liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist’s +auch Zeit. Rasch ins Bett!” Damit nahm er die Öllampe vom Tisch +und ging zur Küche, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei +der Tür wandte er sich noch einmal um und sagte: “Schlaf gut. Mußt +nicht mehr nachdenken heute, denn es kommt dann schon besser.”</p> + +<p>Dann ging er hinaus. Nun kam die Tante noch einmal herein mit +einem Öllämpchen in der Hand und betrachtete das Lager. “Kannst du +liegen da?” fragte sie. “Du hast es ja warm hier am Ofen, manches +hat kein Bett und muß dazu erst noch frieren. Es kann dir auch +noch so gehen, sei du nur froh, daß du einstweilen unter einem +guten Dach bist. Gute Nacht!”</p> + +<p>“Gute Nacht!” sagte Wiseli leise. Die Tante hatte es aber +jedenfalls nicht gehört, denn sie war schon halb draußen, als sie +gute Nacht wünschte, und hatte die Tür gleich hinter sich zugemacht. +Jetzt saß Wiseli da in der dunklen Stube, alles war auf einmal +ganz still ringsum, es hörte keinen Ton mehr. Der Mond schien ein +wenig durch das eine Fenster herein, so daß Wiseli wieder erkennen +konnte, wo die Ofenbank war, worauf es schlafen sollte. Es ging +nun gleich hin und setzte sich auf sein Lager.</p> + +<p>Zum erstenmal heute, seit es die Mutter verlassen hatte, war es nun +allein und konnte sich besinnen. Die ganze Zeit bis jetzt war es +in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte ihm Angst und +Furcht eingeflößt, was es gesehen und gehört hatte, seit es von der +Mutter weg war. Und noch hatte es gar nicht weiter gedacht, nur +von einem Augenblick auf den anderen sich gefürchtet. Nun saß es +da, zum erstenmal in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar +und deutlich kam ihm nun der Gedanke, daß es sie nie mehr sehen +werde, daß es nie mehr mit ihr reden und sie hören könnte. Jetzt +kam auf einmal ein solches Gefühl der Verlassenheit über das Wiseli, +daß es ihm gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und +verloren auf der Welt und gar kein Mensch kümmere sich mehr um es, +und so müsse es nun ganz allein und im Dunkeln bleiben und umkommen.</p> + +<p>Und über das Wiseli kam ein solches Elend, daß es den Kopf auf sein +Bündelchen drückte, ganz bitterlich zu weinen anfing und trostlos +sagte: “Mutter, kannst du mich nicht hören? Mutter, hörst du mich +nicht?”</p> + +<p>Aber die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen +schlimm gehe und er leiden müsse, dann sei er froh, daß er zum +lieben Gott im Himmel schreien könne. Der höre ihn immer an und +wolle ihm gern helfen, wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhören +wollen oder helfen können. Das kam dem Wiseli in den Sinn, und es +richtete sich wieder auf und stieß schluchzend hervor: “Ach, lieber +Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist mir so angst, und die Mutter +hört mich nicht mehr!” Und so betete es zwei- oder dreimal, und +dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger. Es fühlte sich +getröstet, da doch der liebe Gott im Himmel noch da war, zu dem es +eben gerufen hatte. So war es doch nicht ganz, ganz allein.</p> + +<p>Jetzt erinnerte es sich auch an die Worte, die ihm die Mutter ganz +zuletzt noch gesagt hatte: “Wenn du einmal keinen Weg mehr vor dir +siehst und es dir ganz schwer wird...” So war es jetzt schon +gekommen, und doch hatte es noch nicht gewußt, wie das kommen +konnte, als die Mutter so sagte. Dann, hatte sie gesagt, solle es +daran denken, wie es heiße in seinem Lied:</p> + +<p class="poetry">(“Er wird auch Wege finden,<br> +Wo dein Fuß gehen kann.”)</p> + +<p>Jetzt verstand auch Wiseli mit einemmal, was die Worte bedeuteten, +die es vorher nur so hingesagt hatte, denn es hatte noch nie Angst +gehabt. Aber jetzt war es ja geradeso, daß es gar keinen Weg mehr +vor sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus. Denn vor ihm +stand gar nichts mehr als ein großer Schrecken vor jedem Augenblick +im Haus des Onkels. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein +Herz, wie es wieder und wieder so sagte:</p> + +<p class="poetry">(“Er wird auch Wege finden,<br> +Wo dein Fuß gehen kann.”)</p> + +<p>So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben +Gott im Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von +niemanden mehr gehört wird. Nie bis jetzt hatte es gewußt, wie gut +das tun kann. Es faltete jetzt ganz still seine Hände und fing +sein Lied von vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor +dem lieben Gott sagen und zu ihm beten. Es sagte auch jedes Wort +mit seinem ganzen Herzen, wie nie zuvor:</p> + +<p class="poetry">(“Befiehl du deine Wege,<br> +Und was dein Herze kränkt,<br> +Der allertreusten Pflege<br> +Des, der den Himmel lenkt.)</p> + +<p class="poetry">(Der Wolken, Luft und Winden<br> +Gibt Wege, Lauf und Bahn,<br> +Er wird auch Wege finden,<br> +Wo dein Fuß gehen kann.”)</p> + + +<p>Es war eine beruhigende Zuversicht ins Herz des Kindes gefallen. +Nachdem es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt hatte, +legte es seinen Kopf wieder auf das Bündelchen und schlief +augenblicklich ein.</p> + +<p>Jetzt träumte das Wiseli, es sehe einen schönen, weißen Weg vor +sich, ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging +zwischen lauter roten Nelken und Rosen durch und war so verlockend +anzusehn, daß man gleich hätte darauf hüpfen und springen mögen. +Und neben dem Wiseli stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei +der Hand, wie immer, und dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte: +“Sieh, Wiseli, das ist dein Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt:</p> + +<p class="poetry">(“Er wird auch Wege finden,<br> +Wo dein Fuß gehen kann?”)</p> + +<p>Und das Wiseli war sehr glücklich in seinem Traum, und auf seinem +Bündelchen schlief es so gut, als läge es in einem weichen Bett.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="5_Kapitel">5. Kapitel<br> +(Wie es weitergeht und Sommer wird)</h2> +</div> + + +<p>Als die alte Trine mit dem Bericht auf den Berghang zurückkam, daß +Wiselis Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Patenonkel +geholt worden sei, entstand ein großer Aufruhr im Haus. Die Mutter +klagte, daß sie den Besuch bei der Kranken nicht mehr gemacht hatte, +den sie zu machen sich schon seit einigen Tagen bestimmt +vorgenommen hatte. Aber sie hatte keine Ahnung gehabt, daß das +Ende der armen Frau so nahe sein konnte.</p> + +<p>Otto lief aufgeregt im Zimmer auf und ab und rief immer wieder: “Es +ist eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn +er ihm etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine Rippen +zählen, wie manche davon noch ganz ist!”</p> + +<p>“Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?” +unterbrach die Mutter den Sohn.</p> + +<p>“Vom Chäppi”, erwiderte er. “Was kann er dem Wiseli alles tun, +wenn es mit ihm zusammen wohnen muß! Das ist eine Ungerechtigkeit! +Aber er soll es nur probieren...” Hier wurde Otto wieder +unterbrochen, denn ein wiederholtes, heftiges Stampfen übertönte +seine Stimme.</p> + +<p>“Was machst du für ein hirnerschütterndes Gerumpel, du Miez hinter +dem Ofen!” rief er aus, indem sich seine Aufregung nun nach dieser +Seite wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und stampfte +noch einmal mit großer Gewalt auf den Boden, denn es war bemüht, +seine Füße wieder in die völlig nassen Stiefel hinein zu zwingen, +die ihm die alte Trine vor kurzer Zeit mit der größten Mühe +ausgezogen hatte.</p> + +<p>Die Arbeit war sehr schwierig, und feuerrot vor Anstrengung keuchte +Miezchen hervor: “Kein Mensch kann in diese Stiefel hineinkommen +ohne Stampfen.”</p> + +<p>“Und warum müssen denn die Stiefel wieder an die Füße, da ich sie +gerade eben heruntergezogen habe, damit sie nicht mehr dran sind?” +rief die Trine, die noch im Zimmer stand.</p> + +<p>“Ich gehe zum Buchenrain und hole auf der Stelle das Wiseli zu uns, +es kann mein Bett haben”, erklärte das Miezchen entschlossen.</p> + +<p>Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das Miezchen +zugeschritten, hob es in die Höhe, setzte es fest auf einen Stuhl +und zog mit einem Ruck den halb angezwängten Stiefel wieder weg. +Aber sie beschwichtigte das zappelnde Kind, indem sie zustimmend +sagte: “Schon recht! Schon recht! Aber ich will’s schon für dich +besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Strümpfe und zwei Paar Schuhe +dafür naßzumachen. Dein Bett kannst du schon hergeben, du kannst +dann in die Rumpelkammer hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz +genug.”</p> + +<p>Aber das Miezchen hatte ganz andere Gedanken. Es hatte entdeckt, +daß es sich plötzlich von einem großen und täglich wiederkehrenden +Ungemach befreien könne, und nahm sich fest vor, es zu tun. Jeden +Abend nämlich, gerade wenn Miezchen im besten Zug der Unterhaltung +war, erklang auf einmal der Befehl, ins Bett zu gehen. Hierauf +erfolgten jedesmal große innere, häufig auch äußere Kämpfe, die +waren peinlich und dazu noch nutzlos. Wenn es nun sein Bett an das +Wiseli verschenkt hatte, so war mit einemmal allem abgeholfen, denn +da war keins mehr vorhanden, und Miezchen konnte für immer +aufbleiben.</p> + +<p>Diese Aussicht beglückte das Miezchen so sehr, daß alle seine +Gedanken darauf gerichtet waren und es erst gar nicht bemerkte, wie +die schlaue Trine nur darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen +Stiefel habhaft zu werden, ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli +zu holen. Als sie nun befriedigt mit ihren Stiefeln davonging und +Miezchen die Täuschung entdeckte, fing es so mörderisch zu schreien +an, daß Otto sich beide Ohren zuhalten und die Mutter ernstlich +einschreiten mußte.</p> + +<p>Sie versprach dann dem Miezchen, die Sache mit dem Papa besprechen +zu wollen, sobald er erst wieder zuhause sein würde. Denn er war +an dem Morgen dieses Tages mit Onkel Max abgereist, um einen lange +verabredeten Besuch bei einem alten Freund zu machen. So wurden +denn endlich die Ruhe und der Friede im Haus wiederhergestellt.</p> + +<p>Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem Ausflug zurück, und +die Mutter hielt Wort. Noch am Abend seiner Rückkehr besprach sie +mit dem Vater den Tod von Wiselis Mutter und seine neue Unterkunft. +Und es wurde gleich beschlossen, der Vater sollte am folgenden Tag +hingehen, um sich mit dem Herrn Pfarrer zu beraten, was für Wiseli +getan werden könnte.</p> + +<p>Dies wurde ausgeführt, und der Oberst brachte die Nachricht, daß am +vergangenen Sonntag, zwei Tage vorher, der Gemeindevorstand die +Sache schon geordnet hatte, wie sie nun bleiben würde. Wiseli +sollte ein Unterkommen haben, und da seine Mutter nichts +hinterlassen hatte, mußte die Gemeinde für das Kind sorgen, bis es +selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der Patenonkel sich +gleich angeboten, das Kind für eine geringe Summe bei sich zu +behalten. Er war als rechtschaffener Mensch bekannt, und da seine +Forderung so billig war, wurde ihm das Kind vom Vorstand sehr +bereitwillig zuerkannt. Und so war es denn fest und unabänderlich, +daß Wiselis neue Heimat das Haus des Onkels geworden war.</p> + +<p>“Es ist eigentlich gut so”, sagte der Oberst zu seiner Frau. “Das +Kind ist wohlversorgt. Was hätte man auch mit ihm machen wollen ? +Es ist ja noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu werden, und +alle elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus nehmen. Da +müßtest du ein Waisenhaus gründen.”</p> + +<p>Seine Frau war ein wenig bestürzt über die Nachricht, daß schon +alles festgesetzt sei. Sie hatte gehofft, es würde sich noch eine +andere Unterkunft für das Kind finden. Denn das zarte Wiseli in +dem Haus zu wissen, wo es viel Roheit hören und fühlen mußte, tat +ihr sehr leid. Doch hätte auch sie keinen Rat gewußt, und nun war +auch weiter nichts mehr zu tun, als die Sache hinzunehmen und sich +ab und zu um das Kind zu kümmern.</p> + +<p>Als am Morgen darauf Otto und Miezchen hörten, wie es mit Wiseli +stehe, da brach freilich noch einmal ein Sturm los. Otto erklärte, +Wiseli ginge es nun so wie Daniel in der Löwengrube, und probierte +dabei seine Faust auf dem Tisch—offenbar mit dem heimlichen +Wunsch, sie so auf Chäppis Rücken niedersausen zu lassen. Das +Miezchen lärmte und heulte ein wenig, teils aus Mitleid für Wiseli, +teils für sich selbst und seine vereitelten Hoffnungen auf ein +glückliches Entrinnen aus der täglichen Betthaft. Aber auch diese +Aufregung legte sich wie jede andere, und die Tage gingen wieder +ihren gewohnten Gang.</p> + +<p>Inzwischen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt im +Haus des Onkels. Sein Bett war angekommen. Es schlief nicht mehr +auf der Ofenbank, sondern, wie der Onkel gesagt hatte, in einem +Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer des Ehepaars und +derjenigen der Buben. In dem Verschlag hatten gerade sein Bett +Platz und eine kleine Kiste, worin seine Kleider lagen und auf die +es steigen mußte, um in sein Bett zu kommen, denn da war sonst gar +kein Raum mehr. Um sich morgens zu waschen, mußte es an den +Brunnen gehen, und wenn es kalt war, so sagte die Tante, das könne +es bleiben lassen und sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn +es wärmer sei. Aber daran war Wiseli nicht gewöhnt. Seine Mutter +hatte es gelehrt, sich recht sauber zu halten, und Wiseli wollte +lieber frieren als so ausschauen, wie es die Mutter ungern sehen +würde.</p> + +<p>Daheim war es anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in +der Stube sich hatte fertig machen können und sie dabei immer so +freundliche Worte mit ihm geredet hatte, dann den Kaffee auf den +Tisch stellte und sie beide nebeneinander saßen, wenn es fröhlich +sein Brot aß, ehe es zur Schule gehen mußte. Das war jetzt ganz +anders, und alles war so anders, sein ganzes Leben vom Morgen bis +zum Abend so anders, daß oft beim Erinnern an die Mutter und an die +Tage, die es bei ihr verbracht hatte, dem Wiseli das Wasser in die +Augen schoß. Und es schnürte ihm so das Herz zusammen, daß es +meinte, es könne nicht mehr weiterleben.</p> + +<p>Aber es wehrte sich tapfer, denn der Onkel sah es ungern, wenn es +weinte, oder traurig war. Und die Tante schimpfte dann mehr als je, +sie konnte es gar nicht leiden.</p> + +<p>Am liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg allein +in seinen Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken und +sein Lied sagen konnte. Da kam ein großer Trost in sein Herz. Es +dachte dann an seinen schönen Traum und war ganz sicher, daß der +liebe Gott ihm einen Weg suche, so wie ihn die Mutter gezeigt hatte. +Manchmal überlegte es auch, wie viele Menschen auf der Welt leben, +für die der liebe Gott zu sorgen und Wege bereit zu machen hat. +Und dann stieg ihm der Zweifel auf, ob er es vielleicht vergesse +über all den vielen. Aber da kam ihm gleich der gute Trost ins +Herz, daß ja die Mutter droben im Himmel sei und gewiß den lieben +Gott bitten würde, seinen Weg nicht zu vergessen.</p> + +<p>Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und froh, und es +wurde nie mehr so unglücklich wie am ersten Abend auf der Ofenbank. +Jeden Abend schlief es mit der frohen Zuversicht im Herzen ein:</p> + +<p class="poetry">(“Er wird auch Wege finden<br> +Wo dein Fuß gehen kann.”)</p> + +<p>So verging der Winter, und der sonnige Frühling kam. Die Bäume +wurden grün, und alle Wiesen standen voller Schlüsselblumen und +weißer Anemonen. Und im Wald rief lustig der Kuckuck, und schöne, +warme Lüfte zogen durch das Land und machten alle Herzen fröhlich, +so daß jeder wieder gern leben mochte.</p> + +<p>Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein, wenn +es am Morgen in die Schule ging und nachher wieder zum Buchenrain +zurückkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich daran zu erfreuen, +denn es mußte nun hart arbeiten. Jeder Augenblick, der neben der +Schule übrigblieb, mußte zu irgendeiner Arbeit benutzt werden. Und +manchen halben Tag der Woche mußte es daheim bleiben und durfte +nicht zur Schule gehen, weil da viel Nötigeres zu tun war, wie der +Onkel und hauptsächlich die Tante sagten.</p> + +<p>Die Frühlingsarbeiten hatten im Feld begonnen, und im Garten war +allerhand zu tun. Da mußte es mithelfen, und wenn die Tante +draußen war, mußte es kochen und nachher das Geschirr abwaschen, +den Trog für die Schweinchen zurecht machen und in die Scheune +hinübertragen. Neben alledem mußten die Hemden und Hosen der Buben +geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, daß Wiseli nie +wußte, wie es fertig werden sollte. Den ganzen Tag durch hieß es +an allen Ecken, wo es Arbeit gab: “Das kann das Kind machen, es hat +ja sonst nichts zu tun.” Dem Wiseli wurde es manchmal ganz +schwindlig, weil es gar nicht wußte, wo anfangen und wie alles zu +Ende bringen. Es wußte auch, wenn es mit dem Kartoffelsamen zum +Acker rannte, wo der Onkel schaufelte, würde die Tante sicher +schimpfen, daß es nicht zuvor in der Küche Feuer fürs Abendessen +gemacht hatte. Und machte Wiseli zuvor das Feuer an, so zankte +wieder der Chäppi, daß es nicht zuerst das Loch in seinem +Jackenärmel hatte flicken können. Er hatte es ihm ja schon lang +gesagt, und jedes rief ihm zu: “Warum machst du denn das nicht? Du +hast ja sonst nichts zu tun!”</p> + +<p>So war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule gehen konnte, da +hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wußte, was es tun mußte. Und +dazu war das auch der Ort, wo es noch freundliche Worte hörte. +Denn in jeder Pause oder nach dem Unterricht kam der Otto zu Wiseli, +redete freundlich mit ihm und brachte immer wieder eine Einladung +von seiner Mutter, daß es etwa am Sonntagabend zu ihnen komme. Sie +wollten dann zusammen spielen. Das konnte nun Wiseli nie ausführen, +denn am Sonntag mußte es den Kaffee machen, und die Tante erlaubte +ihm nicht, fortzugehen an dem einzigen Tag, da es ihr etwas helfen +könne, wie sie sagte. Aber es tat doch dem Wiseli sehr wohl, daß +Otto es immer wieder einlud, und allein schon, daß er freundlich +mit ihm sprach wie sonst niemand.</p> + +<p>Noch einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule ging. Es +mußte jedesmal an dem sauberen Gärtchen vom Schreiner Andres +vorbeigehen, da schaute es so gern hinein und paßte da an der +niederen Hecke immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den +Schreiner Andres zu sehen. Denn es hatte ihm ja noch etwas von der +Mutter auszurichten, das hatte es nicht vergessen. Aber in das +Haus hineinzugehen, dazu war Wiseli zu schüchtern. Es kannte den +Mann auch zu wenig, um einen solchen Schritt zu tun. Auch hatte es +eine eigene Art von Scheu vor ihm, weil er so still war und es nur +immer, wo es ihn traf, freundlich angesehen, aber fast nie etwas zu +ihm gesagt hatte. Seit dem Tod der Mutter hatte Wiseli den +Schreiner Andres nie mehr gesehen, wie oft es auch an der Hecke +gestanden und nach ihm ausgeschaut hatte.</p> + +<p>Mai und Juni waren vorbei, und die langen Sommertage waren gekommen, +da es auf dem Feld immer mehr Arbeit gibt. Es war heiß geworden. +Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom Onkel hinausgerufen wurde +und mit einem großen, schweren Rechen das Heu zusammenbringen oder +mit der breiten Holzgabel wieder auseinanderwerfen mußte, damit es +an der Sonne trockne.</p> + +<p>Oft mußte es so den ganzen Tag draußen helfen, und am Abend war es +dann so müde, daß es seine Arme kaum mehr bewegen konnte. Das +hätte es aber nicht geachtet, denn es dachte, das müsse so sein. +Aber wenn es dann etwa am Abend einen Augenblick still saß, dann +rief ihm der Chäppi gleich zu: “Du wirst so gut Rechnungen zu +machen haben wie ich. Du meinst, du müssest nichts tun, und in der +Schule kannst du ja nie etwas.”</p> + +<p>Das tat dem Wiseli weh, denn es hätte gern fleißig alles gelernt +und wäre gern regelmäßig zur Schule gegangen, damit es alles gut +begreifen und erlernen könnte. Und es wußte recht gut, daß es fast +überall zurück war. Es mußte ja so oft unterbrechen und hatte dann +gar keinen Zusammenhang, wußte auch gar nicht, was für Aufgaben zu +machen waren.</p> + +<p>Wenn es dann ohne Hausarbeiten in die Schule kam und dazu +ungeschickt antwortete und vieles gar nicht wußte, schämte es sich +sehr—besonders, wenn der Lehrer ihm dann vor allen Kindern sagte: +“Das hätte ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du warst immer am +klügsten.” Dann meinte es oft, es müsse in den Boden sinken vor +Scham, und nachher weinte es auf dem ganzen Heimweg.</p> + +<p>Aber dem Chäppi durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht, was +zu machen sei. Sonst schimpfte und lärmte er so lange, bis die +Tante hereinkam und auf Chäppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht +seine Nachlässigkeit vorwarf. Dann unterdrückte das Kind manchmal +seine Tränen, und erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen +freien Lauf lassen. Und sie kamen dann auch recht heiß und schwer, +denn es war ihm so, als hätten der liebe Gott und die Mutter es +ganz vergessen und kein Mensch auf der Welt kümmere sich um sein +Leben.</p> + +<p>In seinem Kummer konnte es oft lange sein Trostlied nicht sagen. +Es kam aber zu keiner Ruhe und konnte nie einschlafen, bis es die +Worte wieder recht zusammengefunden und sie mit Andacht hatte sagen +können, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht recht im Herzen +aufgehen wollte.</p> + +<p>So war das Wiseli auch eingeschlafen an einem schönen Juliabend, +und am Morgen darauf stand es zaghaft unten am Tisch, als die Buben +zur Schule aufbrachen. Es wagte nicht zu fragen, ob es auch gehen +dürfe, denn die Tante schien keine Zeit zu einer Antwort zu haben +und der Onkel hatte das Haus schon verlassen.</p> + +<p>Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das +offene Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen hinsprangen +und über ihren Köpfen die weißen Schmetterlinge in der Morgensonne +umherflogen. Die Tante hatte eine große Wäsche vorbereitet. Mußte +es wohl diese Woche am Waschtrog zubringen? Richtig, sie rief +schon nach ihm aus der Küche. Jetzt rief auch der Onkel nach +Wiseli. Er stand am Brunnen und sah es am Fenster. “Mach, mach, +Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja weit voraus. Das Heu ist +drinnen, mach, daß du in die Schule kommst!”</p> + +<p>Das ließ sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfaßte es +seinen Schulsack und lief zur Tür hinaus.</p> + +<p>“Sag dem Lehrer”, rief der Onkel ihm nach, “du wurdest jetzt eine +Zeitlang nicht fehlen. Er soll’s nicht so genau nehmen, wir haben +viel mit dem Heu zu tun gehabt.”</p> + +<p>Wiseli lief glücklich davon. So mußte es sich nicht an den +Waschtrog stellen, es durfte die ganze Woche in die Schule gehen. +Wie war es schön ringsum! Von allen Bäumen pfiffen die Vögel, und +das Gras duftete, und in der Sonne leuchteten die roten Margeriten +und die gelben Butterblumen. Wiseli konnte nicht stehenbleiben, es +war keine Zeit dazu. Aber es fühlte, wie schön die Landschaft war, +und lief voller Freuden mittendurch.</p> + +<p>Am selben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen Schulstube in +den sonnigen Abendschein hinausstürmen wollten, rief der Lehrer in +den Tumult hinein: “Wer hat in dieser Woche Ordnungsdienst?”</p> + +<p>“Der Otto, der Otto!” rief die ganze Schar und stürmte davon.</p> + +<p>“Otto”, sagte der Lehrer in ernstem Ton, “gestern ist hier nicht +aufgeräumt worden. Einmal will ich dir verzeihen. Aber laß mich +das nicht zweimal sehen, sonst müßte ich dich bestrafen.”</p> + +<p>Otto schaute einen Augenblick auf all die Nußschalen und +Papierfetzen und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und +aufgelesen sein sollten. Dann wandte er eilig den Kopf weg und +lief ebenfalls hinaus, denn der Lehrer war auch schon durch seine +Tür verschwunden. Draußen stand Otto auf dem sonnigen Platz, +schaute in den goldenen Abend hinaus und dachte: Jetzt könnte ich +heimgehen, und dann kriegte ich die Kappe voll Kirschen. Und dann +könnte ich auf dem Braunen ins Feld hinausreiten, wenn der Knecht +das Heu holt, und nun soll ich drinnen auf dem Boden Papierfetzen +zusammenlesen?</p> + +<p>Und Otto wurde durch seine Gedanken so aufgeregt, daß er ganz +grimmig vor sich hin sagte: “Ich wollte, es käme gerade jetzt der +jüngste Tag, und das Schulhaus und alles miteinander flöge in +tausend Stücken in die Luft.” Es blieb aber ringsum still und ruhig, +und von dem alles beendenden Erdbeben waren keine Anzeichen da. +Da kehrte sich endlich Otto wieder der Schultür zu, mit zornigem +Gesicht, denn er wußte ja, in den sauren Apfel mußte nun gebissen +werden. Oder morgen folgte die erniedrigende Strafe des +Nachsitzens.</p> + +<p>Er trat ein, aber beim ersten Schritt blieb er verwundert stehen. +Völlig aufgeräumt lag die Schulstube vor ihm, keine Fetzchen und +kein Stäubchen nirgends mehr zu sehen. Die Fenster standen offen, +und die Abendluft strömte in die geputzte Stube hinein.</p> + +<p>In dem Augenblick trat der Lehrer aus seinem Zimmer und schaute +überrascht um sich und auf den Otto, der mit großen Augen dastand. +Dann ging er zu dem Jungen und sagte ermunternd: “Du darfst +wirklich dein Werk anstaunen, das hätte ich dir nicht zugetraut. +Du bist ein guter Schüler, aber im Aufräumen hat du heute alle +übertroffen, was sonst bei dir nicht der Fall war.” Damit ging der +Lehrer fort, und als sich Otto noch mit einem letzten Blick +überzeugt hatte, daß er die Wirklichkeit vor sich sah, sprang er +vor Freude in zwei Sätzen die Treppe hinunter und über den Platz +weg. Er stürmte den Berghang hinauf, und erst als er der Mutter +das wunderbare Ereignis mitteilte, fing er an zu überlegen, wie es +sich zugetragen haben könnte.</p> + +<p>“Aus Versehen wird wohl keiner für dich aufgeräumt haben”, sagte +die Mutter. “Hast du etwa einen guten Freund, der sich so +edelmütig für dich aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein +könnte.”</p> + +<p>“Ich weiß es”, sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehört +hatte.</p> + +<p>“Wer war es denn?” rief Otto, teils neugierig, teils ungläubig.</p> + +<p>“Der Mauserhans”, erklärte Miezchen mit voller Überzeugung, “weil +du ihm vor einem Jahr einen Apfel gegeben hast.”</p> + +<p>“Ja, oder der Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht +genommen habe vor ein paar Jahren. Das wäre wohl ebenso +wahrscheinlich, du Wunder von einem Miez.” Damit rannte Otto davon, +denn jetzt war’s höchste Zeit, wenn er den Ritt ins Heu nicht +versäumen wollte.</p> + +<p>Inzwischen sprang das Wiseli mit vergnügtem Herzen den Berg +hinunter, vorbei an Schreiner Andres’ Gärtchen. Dann machte es +aber plötzlich kehrt und lief wieder zurück, denn es hatte im +Vorbeilaufen so schöne, rote Nelken gesehen in dem Garten, die +mußte es noch einmal ansehen, wenn es auch schon ein wenig spät war. +Es dachte: Den Buben komme ich doch nach, die machen erst auf +allen Wegen noch Kugelschieben.</p> + +<p>Die Nelken leuchteten in der Abendsonne so schön und dufteten so +herrlich über die niedere Hecke herüber dem Wiseli zu, daß es fast +nicht mehr von der Stelle fort wollte, so gut gefiel es ihm da. Da +trat auf einmal der Schreiner Andres aus seiner Tür heraus in das +Gärtchen und kam auf das Wiseli zu. Er gab ihm die Hand über die +Hecke und er sagte freundlich. “Willst du eine Nelke, Wiseli?”</p> + +<p>“Ja, gern”, antwortete es, “und dann sollte ich Ihnen auch noch +etwas ausrichten von der Mutter.”</p> + +<p>“Von der Mutter?” fragte der Schreiner Andres erstaunt und ließ die +Nelken aus der Hand fallen, die er eben abgebrochen hatte.</p> + +<p>Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie auf. Dann sah es zu +dem Mann auf, der ganz still dastand, und sagte: “Ja, noch zu +allerletzte als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von +dem guten Saft getrunken, den Sie in die Küche gestellt haben. Und +er hat ihr so gut geschmeckt, und dann hat sie mir aufgetragen, ich +soll Ihnen sagen, sie danke Ihnen vielmal dafür und auch noch für +alles Gute. Und sie sagte noch: ‘Er hat es gut mit mir +gemeint’.” Jetzt sah Wiseli, wie dem Schreiner Andres große +Tränen über die Wangen hinunterliefen. Er wollte etwas sagen, aber +es kam nichts heraus. Dann drückte er dem Wiseli fest die Hand, +wandte sich ab und ging ins Haus hinein.</p> + +<p>Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine +Mutter geweint, und es selbst hatte nur weinen dürfen, wenn es +niemand sah. Denn der Onkel wollte ja kein Geschrei, hatte er +gesagt, und vor der Tante durfte es noch weniger weinen. Und nun +war auf einmal jemand da, dem kamen die Tränen, weil es etwas von +der Mutter gesagt hatte. Dem Wiseli wurde es so zumute, als wäre +der Schreiner Andres sein liebster Freund auf der Welt, und es +faßte eine große Liebe zu ihm. Jetzt rannte es mit seinen Nelken +davon und war wie der Blitz am Buchenrain angelangt. Und das war +gut, denn eben sah es, wie die beiden Buben dem Haus zuliefen, und +es durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen.</p> + +<p>An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, daß es gar +nicht begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein können und gar +keine Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der +liebe Gott hatte es gewiß nicht vergessen, das wollte es nicht mehr +denken. Heute hatte er ihm ja so viel Freude bereitet, und beim +Einschlafen sah Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiner Andres +vor sich mit den Tränen darauf.</p> + +<p>Am folgenden Tag, es war nun Mittwoch, erlebte Otto die gleiche +Überraschung wie am Tag vorher, denn er hatte sich nicht enthalten +können, mit den andern aus der Schulstube hinauszurennen im ersten +Augenblick der Befreiung. Als er dann an seine Arbeit gehen wollte +und die Tür aufmachte—da war schon alles getan und die Stube in +bester Ordnung.</p> + +<p>Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde zu erregen. Auch war +er dem unbekannten Wohltäter so dankbar, daß es ihn drängte, das +auszusprechen. Am Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache +zugehe.</p> + +<p>Als nun die Schulstunden zu Ende waren und alles fortlief, stand +Otto einen Augenblick nachdenklich an seinem Platz. Er wußte nicht +recht, wo er am besten dem Wohltäter auflauern konnte. Aber mit +einemmal faßte ihn eine Schar rüstiger Kerle, seine Klassengenossen, +an allen Ecken an, und die Stimmen riefen durcheinander: “Komm +heraus! Heraus mit dir! Wir machen Räuber, du bist der Anführer.”</p> + +<p>Otto wehrte sich ein wenig. “Ich muß ja diese Woche Ordnung +machen”, rief er.</p> + +<p>“Ach, was”, erwiderten sie, “wegen einer Viertelstunde. Komm!”</p> + +<p>Otto ließ sich fortreißen, in der Stille verließ er sich schon ein +wenig auf seinen unbekannten Freund, der ihn vor der Strafe +schützen würde. Er fand es unbeschreiblich angenehm, eine solche +Fürsorge im Rücken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr +als eine Stunde, und Otto wäre verloren gewesen. Er lief keuchend +zur Schulstube zurück, um sich seinem Schicksal zu stellen, und +stieß dabei die Tür mit solchem Gepolter auf, daß der Lehrer +augenblicklich aus seiner Stube ins Lehrzimmer trat.</p> + +<p>“Was hast du gewollt, Otto?” fragte der Lehrer.</p> + +<p>“Nur noch einmal nachsehen”, stotterte Otto, “ob auch sicher alles +in Ordnung sei.”</p> + +<p>“Musterhaft”, bemerkte der Lehrer. “Dein Eifer ist löblich, aber +die Türen dabei halb einzuschlagen, ist nicht notwendig.”</p> + +<p>Otto ging gutgelaunt davon. Am Freitag war er entschlossen, den +Fleck nicht zu räumen, bis er im klaren war, denn da kam für ihn +nur noch der Samstagmorgen. Da wurde freilich immer noch groß +Ordnung gemacht.</p> + +<p>“Otto”, rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke vier Uhr schlug, +“trag mir schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer, er gibt dir +Bücher zurück. In fünf Minuten bist du wieder da zum Aufräumen.”</p> + +<p>Das war Otto nicht ganz recht, aber er mußte gehen. Außerdem +konnte er ja gleich wieder da sein. In wenig Sprüngen war er im +Pfarrhaus.</p> + +<p>Der Herr Pfarrer unterhielt sich noch mit jemandem. Die Frau +Pfarrerin rief Otto in den Garten hinaus, er mußte ihr berichten, +wie es der Mama gehe und dem Papa und dem Miezchen und dem Onkel +Max und den Verwandten in Deutschland. Und dann kam der Herr +Pfarrer, und Otto mußte erklären, wie er zu dem Auftrag gekommen +war und was ihm der Lehrer sonst noch gesagt habe. Endlich hatte +dann Otto seine Bücher erhalten, und pfeilschnell war er drüben, +riß die Tür der Schulstube auf—alles in Ordnung, alles still, +kein menschliches Wesen zu sehen.</p> + +<p>Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach den +grausigen Fetzen bücken müssen, dachte Otto befriedigt. Aber wer +hat die schreckliche Arbeit getan, ohne daß er mußte? Das wollte +er nun um jeden Preis wissen.</p> + +<p>Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto ließ +alle Kinder hinausgehen, und als nun die Schulstube leer war, trat +er vor die Tür hinaus, schloß sie zu und lehnte sich mit dem Rücken +daran. So mußte er doch gewiß sehen, ob da jemand hineingehen +würde, denn damit wollte er lieber beginnen als mit der schweren +Arbeit. Er stand und stand—es kam niemand. Er hörte die Uhr +halb zwölf schlagen—es kam niemand. Am Nachmittag stand aber ein +Ausflug bevor, es sollte heute früh zu Mittag gegessen werden. Er +sollte so schnell wie möglich zuhause sein. Er mußte also hinein +an die Arbeit, es grauste ihm. Er öffnete die Tür—da—Otto riß +noch mehr als das erstemal die Augen auf—wirklich, es war alles +getan, schöner als je.</p> + +<p>Dem Otto wurde es ganz eigentümlich zumute. Ob da irgendwelche +Geister ihre Hände im Spiel hatten? Ganz leise, wie nie sonst, +schlich er zur Tür hinaus. Gerade in diesem Augenblick kam ebenso +leise etwas aus des Lehrers Küche geschlichen, und auf einmal stand +das Wiseli ganz nahe vor ihm. Beide fuhren zusammen vor Schrecken, +und das Wiseli wurde so rot, als hätte es der Otto bei einem +Unrecht erwischt. Jetzt ging ihm ein Licht auf.</p> + +<p>“Sicher hast du das für mich gemacht die ganze Woche lang, Wiseli”, +rief er aus. “Das tut doch gewiß sonst kein Mensch, wenn er nicht +muß.”</p> + +<p>“Ich habe es aber so gern getan”, gab Wiseli zur Antwort.</p> + +<p>“Nein, nein, das mußt du nicht sagen, Wiseli. So etwas kann kein +Mensch auf der Welt gern tun”, sagte Otto überzeugt.</p> + +<p>“Doch—gewiß”, versicherte Wiseli, “ich habe die ganze Zeitlang +mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun durfte, +und während ich aufräumte, habe ich mich erst recht immerzu gefreut, +weil ich immer gedacht habe: jetzt kommt der Otto und findet alles +fertig und ist froh.”</p> + +<p>“Aber wie bist du denn darauf gekommen, daß du das für mich tun +wolltest?” fragte Otto verwundert.</p> + +<p>“Ich wußte schon, daß du es nicht gern tust, und ich habe schon +immer gedacht, wenn ich nur einmal dem Otto etwas geben könnte, wie +du mir den Schlitten, weißt du noch? Aber ich hatte nie etwas.”</p> + +<p>“Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du für +mich jetzt getan hast. Das will ich dir auch nicht vergessen, +Wiseli.” Und Otto gab ihm ganz gerührt die Hand. Wiselis Augen +leuchteten vor Freude wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto +noch wissen, wie es denn wieder in die Stube hineingekommen sei, da +er doch gewartet hatte, bis alle Kinder draußen waren.</p> + +<p>“Oh, ich bin gar nicht hinausgegangen”, sagte Wiseli. “Ich verbarg +mich schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehst schon noch ein +wenig hinaus wie jeden Tag vorher.”</p> + +<p>“Aber wie konntest du immer hinaus, ohne daß ich dich sah?” wollte +Otto noch wissen.</p> + +<p>“Wenn du mit den anderen herumliefst, konnte ich schon hinaus. Ich +paßte schon auf. Und gestern und heute, als ich nicht sicher war, +ging ich durch die Stube des Lehrers und fragte die Frau Lehrerin, +ob sie etwas für mich zu tun habe, sie gibt mir manchmal einen +Auftrag auszurichten, und dann ging ich durch die Küche fort. +Gestern war ich gerade hinter der Küchentür, als du in die +Schulstube ranntest.”</p> + +<p>Jetzt kannte Otto die ganze Geistergeschichte. Er gab dem Wiseli +noch einmal die Hand. “Danke, Wiseli”, sagte er herzlich. Und +dann lief eins da hinaus, das andere dort hinaus, und beide waren +froh und zufrieden.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="6_Kapitel">6. Kapitel<br> +(Das Alte und auch etwas Neues)</h2> +</div> + + +<p>Der Sommer war vergangen, und auch die schönen Herbsttage waren zu +Ende. Es wurde kühl und nebelig am Abend, und in den feuchten +Wiesen fraßen die Kühe das letzte Gras ab. Hier und da flackerten +auf den Wiesen kleine Feuer auf, denn die Hirtenbuben brieten +Kartoffeln und wärmten sich die Hände.</p> + +<p>An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule heim und +erklärte seiner Mutter, er müsse nachsehen, was das Wiseli mache. +Denn seit den Herbstferien war es noch nicht in die Schule gekommen, +acht Tage lang nicht. Otto steckte seine Vesperäpfel zu sich und +lief davon. Am Buchenrain angekommen, sah er den Rudi vor der +Haustür am Boden sitzen und von einem Haufen Birnen, die neben ihm +lagen, eine nach der anderen zerreißen.</p> + +<p>“Wo ist das Wiseli?” fragte Otto.</p> + +<p>“Draußen”, war die Antwort.</p> + +<p>“Wo draußen?”</p> + +<p>“Auf der Wiese.”</p> + +<p>“Auf welcher Wiese?”</p> + +<p>“Ich weiß nicht.” Und Rudi kaute weiter an seinen Birnen.</p> + +<p>“Du stirbst einmal nicht am Gescheitsein”, bemerkte Otto und ging +auf gut Glück zur großen Wiese, die sich vom Haus bis gegen den +Wald hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter +einem Birnbaum und ging darauf zu. Richtig, da bückte sich Wiseli, +um die Birnen zusammenzulesen. Dort saß der Chäppi rittlings auf +seinem Birnenkorb, und zuhinterst lag der Hans rücklings über den +vollen Korb hin und schaukelte sich so darauf, daß der Korb jeden +Augenblick umzustürzen drohte. Chäppi sah ihm zu und lachte.</p> + +<p>Als Wiseli den Otto herankommen sah, leuchtete sein Gesicht auf. +“Guten Abend, Wiseli”, rief er von weitem, “warum bist du so lange +nicht in die Schule gekommen?”</p> + +<p>Wiseli streckte erfreut dem Otto die Hand entgegen. “Wir haben so +viel zu tun, darum durfte ich nicht kommen”, sagte es. “Sieh nur, +wie viel Birnen es gibt! Ich muß vom Morgen bis zum Abend auflesen, +soviel ich nur kann.”</p> + +<p>“Du hast ja ganz nasse Schuhe und Strümpfe”, erwiderte Otto. “Hier +ist’s nicht gemütlich. Frierst du nicht, wenn du so naß bist?”</p> + +<p>“Ich fröstle nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher heiß vom +Auflesen.” In diesem Augenblick gab der Hans seinem Korb einen +solchen Ruck, daß alles übereinander auf den Boden hinrollte. Der +Hans, der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen Richtungen +hin.</p> + +<p>“Oh, oh!” sagte Wiseli kläglich. “Nun muß man die alle wieder +zusammenlesen.”</p> + +<p>“Und die auch”, rief Chäppi und lachte, als die Birne, die er +geworfen hatte, das Wiseli an der Schläfe traf, daß es ganz bleich +wurde und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen schoß.</p> + +<p>Kaum hatte Otto das gesehen, als er auf den Chäppi losfuhr, ihn +samt seinem Korb umwarf und ihn fest im Genick packte. “Hör auf, +ich muß ersticken”, gurgelte der Chäppi. Jetzt lachte er nicht +mehr.</p> + +<p>“Du sollst daran denken, daß du es mit mir zu tun hast, wenn du so +mit dem Wiseli umgehst”, rief Otto zornig. “Hast du genug? Willst +du daran denken?”</p> + +<p>“Ja, ja, laß nur los!” bat Chäppi, mürbe gemacht.</p> + +<p>Nun ließ Otto los. “Jetzt hast du’s gespürt”, sagte er; “wenn du +dem Wiseli noch einmal etwas zuleide tust, so packe ich dich so, +daß du noch einen Schrecken hast davon, wenn du siebzig Jahre alt +bist. Auf Wiedersehen, Wiseli.” Damit drehte sich Otto um und ging +mit seinem Zorn nachhause.</p> + +<p>Hier suchte er gleich seine Mutter auf und erzählte ihr empört, daß +das Wiseli eine solche Behandlung erdulden müsse. Er war auch ganz +entschlossen, auf der Stelle zum Herrn Pfarrer zu gehen und den +Onkel und seine ganze Familie anzuklagen, damit man ihnen das +Wiseli entreiße.</p> + +<p>Die Mutter hörte zu, bis Otto sich ein wenig beruhigt hatte, dann +sagte sie: “Lieber Junge, das würde gar nichts nutzen, das Kind +würde man dem Onkel nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so +etwas hörte. Er meint es selbst nicht böse mit dem Kind, und es +ist kein genügender Grund da, ihm Wiseli wegzunehmen. Ich weiß, +daß das arme Kind jetzt ein hartes Brot ißt. Ich habe es auch +nicht vergessen, ich schaue immer danach aus, ob mir der liebe Gott +nicht einen Weg zeigt, wie dem Kind geholfen werden könnte. Die +Sache liegt mir auch am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn +du inzwischen das Wiseli schützen und den groben Chäppi ein wenig +zähmen kannst, ohne selbst dabei grob zu werden, so bin ich ganz +damit einverstanden.”</p> + +<p>Otto beruhigte sich bei dem Gedanken, daß die Mutter nach einem +anderen Weg für das Wiseli ausschaute. Er selber dachte alle +möglichen Rettungswege aus, aber alle führten in die Luft hinauf +und hatten keinen Boden. Und er sah ein, daß das Wiseli darauf +nicht gehen konnte. Als er dann zu Weihnachten seine Wünsche +aufschreiben durfte, da schrieb er ganz verzweifelt mit ungeheuren +Buchstaben, so als müßte man sie vom Himmel herunter lesen können, +auf sein Papier: ‘Ich wünsche, daß das Christkind das Wiseli +befreit.’</p> + +<p>Nun war der kalte Januar wieder da, und der Schlittenweg war so +prächtig glatt und fest, daß die Kinder gar nicht genug bekommen +konnten, die herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eine helle +Mondnacht nach der anderen, und Otto hatte auf einmal den Einfall, +am allerschönsten müßte das Schlittenfahren im Mondschein sein. +Die ganze Gesellschaft sollte sich am Abend um sieben Uhr +zusammenfinden und die Mondscheinfahrten ausführen, denn es war der +Tag des Vollmonds. Da mußte es prächtig werden.</p> + +<p>Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen, und die +Schlittbahngenossen trennten sich gegen fünf Uhr wie gewöhnlich, da +die Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder zusammenzufinden.</p> + +<p>Weniger Anklang fand der Vorschlag bei Ottos Mutter, als er ihr +mitgeteilt wurde. Sie ließ sich gar nicht von der Begeisterung +hinreißen, mit der die Kinder beide auf einmal und in den lautesten +Tönen ihr das Wundervolle dieser Unternehmung schilderten. Sie +hielt ihnen die Kälte des späten Abends vor, die Unsicherheit der +Fahrten bei dem ungewissen Licht und alle Gefahren, die besonders +das Miezchen bedrohen könnten.</p> + +<p>Aber die Einwände blieben wirkungslos, und Miezchen bettelte +inständig, als hinge seine einzige Lebensfreude an dieser +Schlittenfahrt. Otto versprach auch, er wurde auf Miezchen +aufpassen und immer in seiner nächsten Nähe bleiben.</p> + +<p>Endlich willigte die Mutter ein. Mit großem Jubel und wohlverpackt +zogen die Kinder ein paar Stunden nachher in die helle Nacht hinaus. +Es ging alles ganz nach Wunsch, die Schlittenbahn war +unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der dunklen Stellen, wo der +Mondschein nicht hinfiel, erhöhte den Reiz der Unternehmung. Eine +Menge Kinder hatte sich eingefunden, alle waren in der fröhlichsten +Stimmung.</p> + +<p>Otto ließ sie alle vorausfahren, dann kam er, und zuletzt mußte das +Miezchen kommen, damit ihm keiner in den Rücken fahren konnte. So +hatte es Otto eingerichtet, er konnte sich dabei auch immer von +Zeit zu Zeit mit einem Blick vergewissern, ob Miezchen nachkomme.</p> + +<p>Als nun alles so gut ging, fiel einem der Buben ein, nun müßte +einmal der ganze Zug anhängen, nämlich ein Schlitten an den anderen +gebunden werden. So wollte man hinunterfahren, das müßte im +Mondenschein ein ganz besonderer Spaß werden. Unter großem Lärm +und allgemeiner Zustimmung ging man gleich ans Werk.</p> + +<p>Für Miezchen fand Otto die Fahrt doch ein wenig gefährlich, denn +manchmal gab es dabei einen großartigen Umsturz sämtlicher +Schlitten und Kinder. Das konnte er für das kleine Wesen nicht +riskieren. Er ließ seinen Schlitten zuletzt anbinden, der +Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter +dem Bruder her. Nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen +Schlitten langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurückblieb, denn +er war in der Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und die lange, +lange Kette sauste die glatte Bahn hinunter.</p> + +<p>Mit einemmal hörte Otto ein furchtbares Geschrei, und er kannte die +Stimme. Es war Miezchens Stimme. Was war da geschehen? Otto +hatte keine Wahl, er mußte die Lustpartie zu Ende machen, wie groß +auch sein Schrecken war. Aber kaum unten angelangt, riß er sein +Schlittenseil los und rannte den Berg hinauf. Alle anderen liefen +hinter ihm drein, denn fast alle hatten das Geschrei vernommen und +wollten auch sehen, was los war. An der halben Höhe des Berges +stand das Miezchen neben seinem Schlitten, schrie aus Leibeskräften +und weinte. Atemlos stürzte Otto heran und rief: “Was hast du? +Was hast du?”</p> + +<p>“Er hat mich—er hat mich—er hat mich”, stieß Miezchen +schluchzend hervor und kam nicht weiter vor Aufregung.</p> + +<p>“Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?” rief Otto.</p> + +<p>“Der Mann dort, der Mann, er hat mich—er hat mich totschlagen +wollen und hat mir—und hat mir—furchtbare Worte nachgerufen.” +So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei.</p> + +<p>“So sei doch nur still jetzt, Miezchen, tu doch nicht so. Er hat +dich ja doch nicht totgeschlagen. Hat er dich denn wirklich +geschlagen?” fragte Otto ganz zahm, denn er hatte Angst.</p> + +<p>“Nein. Aber er wollte, mit einem Stecken—so hat er ihn gehoben +und gesagt: ‘Wart du!’ Und ganz furchtbare Worte hat er +mir nachgerufen.”</p> + +<p>“So hat er dir eigentlich gar nichts getan”, sagte Otto und atmete +beruhigt auf.</p> + +<p>“Aber er hat ja—er hat ja—und ihr wart alle schon weit fort, +und ich war ganz allein.” Und vor Mitleid mit sich selbst brach +Miezchen noch einmal in lautes Weinen aus.</p> + +<p>“Bscht! Bscht!” beschwichtigte Otto. “Sei doch still jetzt, ich +gehe nun nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr. +Und wenn du nun gleich ganz still sein willst, so gebe ich dir den +roten Zuckerhahn vom Christbaum.”</p> + +<p>Das wirkte. Mit einemmal trocknete Miezchen seine Tränen und gab +keinen Laut mehr von sich. Denn den großen roten Zuckerhahn vom +Christbaum zu bekommen, war Miezchens allergrößter Wunsch gewesen. +Er war aber bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen, und Miezchen +hatte den Verlust nie verschmerzen können. Wie nun alles in +Ordnung war und die Kinder den Berg hinaufstiegen, wurde besprochen, +was es für ein Mann gewesen sein könne, der das Miezchen habe +totschlagen wollen.</p> + +<p>“Ach was, totschlagen”, rief Otto dazwischen. “Ich habe schon +lange gemerkt, wer es war. Wir haben ja im Herunterfahren den +großen Mann mit dem dicken Stock auch angetroffen, er mußte unseren +Schlitten ausweichen, in den Schnee hinein. Das machte ihn böse, +und als er dann hintennach das Miezi allein antraf, hat er es ein +wenig erschreckt und seinen Zorn an ihm ausgelassen.”</p> + +<p>Diese Erklärung fand allgemeine Zustimmung. Das war ja so +natürlich, daß jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn +gekommen. So wurde die Sache vergessen und lustig drauflos +gerodelt. Endlich aber mußte auch dieses Vergnügen ein Ende nehmen, +denn es hatte längst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da +aufgebrochen werden sollte.</p> + +<p>Auf dem Heimweg schärfte der Otto dem Miezchen ein, zuhause nichts +zu erzählen von dem Vorfall, sonst könnte die Mutter Angst bekommen. +Und dann dürften sie nie mehr im Mondschein Schlitten fahren. +Den Zuckerhahn würde Miezchen gleich bekommen, aber es müsse +versprechen, nichts zu erzählen.</p> + +<p>Miezchen versprach hoch und heilig, kein Wort zu sagen. Die Spuren +seiner Tränen waren auch längst verschwunden und konnten nichts +mehr verraten.</p> + +<p>Längst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und der +rote Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Träume und erfüllte sein +Herz mit einer so großen Freude, daß es im Schlaf lächelte. Da +klopfte es unten an die Haustür, so laut, daß der Oberst und seine +Frau vom Tisch auffuhren, an dem sie eben gemütlich gesessen und +sich über ihre Kinder unterhalten hatten. Und die alte Trine rief +in strafendem Ton zum Fenster hinaus: “Was ist das für eine Manier!”</p> + +<p>“Es ist ein großes Unglück geschehen”, tönte es von unten herauf. +“Der Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den Schreiner +Andres tot gefunden.”</p> + +<p>Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau hatten +genug gehört, denn auch sie waren zum offenen Fenster gegangen. +Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und lief zum Haus +des Schreiners. Als er in die Stube trat, fand er schon eine Menge +Leute da. Man hatte den Friedensrichter und Gemeindeamtmann geholt, +und eine Schar Neugieriger und Teilnehmender war mit ihnen +gekommen. Andres lag am Boden in einer Blutlache und gab kein +Lebenszeichen von sich. Der Oberst trat näher.</p> + +<p>“Ist denn jemand zum Doktor gelaufen?” fragte er.</p> + +<p>Es war niemand dorthin gegangen. Da sei ja doch nichts mehr zu +machen, meinten die Leute.</p> + +<p>“Lauf, was du kannst, zum Doktor”, befahl der Oberst einem Burschen. +“Sag ihm, ich lasse ihn bitten, er soll auf der Stelle kommen.” +Dann half er selbst den Andres vom Boden aufheben und in die Kammer +hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt trat der Oberst an die +schwatzenden Leute heran, um zu hören, wie der Vorfall sich +zugetragen hatte, ob jemand etwas Näheres wisse.</p> + +<p>Der Müllerssohn trat vor und erzählte, er sei vor einer halben +Stunde vorbeigekommen, und da er noch Licht gesehen habe in des +Schreiners Stube, habe er im Vorbeigehen schnell fragen wollen, ob +seine Aussteuersachen auch rechtzeitig fertig werden. Er habe die +Tür der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am +Boden gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend +ein Goldstück entgegengestreckt, als er hereingetreten sei. Er +habe dann den Leuten zugerufen, daß der Gemeindeamtmann kommen +solle.</p> + +<p>Der Matten-Joggi, der so hieß, weil er unten in der ‘Matte’, im Tal +wohnte, war ein schwachsinniger Mensch, der davon lebte, daß ihn +die Bauern mithelfen ließen. Er schleppte Steine und Sand, las +Obst auf oder machte im Winter Holzbündelchen. Daß er Böses getan +hätte, hatte man bis jetzt nicht gehört. Der Müllerssohn hatte ihm +gesagt, er solle da bleiben, bis auch der Präsident noch da sein +werde. So stand Joggi noch immer in einer Ecke, hielt seine Hand +fest zugeklemmt und lachte halblaut.</p> + +<p>Jetzt trat der Doktor in die Stube und hinter ihm her auch noch der +Präsident. Der Gemeindevorstand stellte sich nun mitten ins Zimmer +und verhörte die Leute. Der Doktor ging sofort in die Kammer +hinein, und der Oberst folgte ihm. Der Doktor untersuchte genau +den unbeweglichen Körper.</p> + +<p>“Da haben wir’s”, rief er plötzlich aus, “hier auf den Hinterkopf +ist Andres geschlagen worden, da ist eine große Wunde.”</p> + +<p>“Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?”</p> + +<p>“Nein, er atmet ganz leise, aber er ist böse dran.”</p> + +<p>Nun brauchte der Doktor Wasser und Schwämme und Weißzeug und noch +vieles. Die Leute draußen liefen alle durcheinander und suchten +und rissen alles von der Wand und aus dem Küchenkasten und brachten +Haufen von Sachen in die Kammer hinein, aber nichts von dem, das +der Doktor brauchte.</p> + +<p>“Da muß eine Frau her, die Verstand hat und weiß, was ein Kranker +nötig hat”, rief der Doktor ungeduldig. Alle schrien durcheinander. +Aber wenn einer eine wußte, so rief ein anderer: “Die kann nicht +kommen.”</p> + +<p>“Einer soll auf den Hang laufen”, befahl der Oberst. “Meine Frau +soll mir die Trine herunterschicken!” Sofort lief ein Mann davon.</p> + +<p>“Deine Frau wird dir aber nicht danken”, sagte der Doktor, “denn +ich lasse die Pflegerin drei bis vier Tage und Nächte nicht vom +Bett weg.”</p> + +<p>“Keine Sorge”, entgegnete der Oberst, “für den Andres gäbe meine +Frau alles her, nicht nur die alte Trine.”</p> + +<p>Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man +hatte hoffen können. Denn sie stand schon lange mit einem großen +Korb am Arm bereit, und die Frau Oberst stand neben ihr und +lauschte, ob einer gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen können, +daß der Andres wirklich tot sei, und hatte überlegt, was man +brauchen könnte, um ihm wieder auf die Beine zu helfen. So hatte +sie Schwamm und Verbandzeug, Wein und Öl und warme Flanelle in +einen Korb gepackt, und Trine mußte nur hinunterlaufen, als der +Bote kam. Der Doktor war sehr zufrieden.</p> + +<p>“Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, daß die ganze +Bande zum Haus hinauskommt!” rief er und schloß die Tür zu, +nachdem der Oberst hinausgetreten war. Der Gemeinderat war noch am +Beratschlagen. Da aber der Oberst erklärte, nun müsse alles das +Haus verlassen, faßten die Männer den Beschluß, vorläufig müsse der +Joggi eingesperrt werden. Dann wollte man weitersehen.</p> + +<p>Also mußten zwei Männer den Joggi in die Mitte nehmen, damit er +nicht davonlief, und ihn so zum Armenhaus bringen und in eine +Kammer sperren. Der Joggi ging aber ganz willig davon und lachte, +und von Zeit zu Zeit guckte er vergnügt in seine Faust hinein.</p> + +<p>Gleich am anderen Morgen ging die Frau Oberst voller Sorge zum +Häuschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der Kammer und +brachte die frohe Nachricht, Andres sei gegen Morgen schon ein +wenig zum Bewußtsein gekommen. Auch der Doktor sei schon dagewesen +und habe den Kranken über Erwarten gut angetroffen. Ihr aber habe +er eingeschärft, daß sie keinen Menschen in die Kammer hineinlasse, +Andres dürfe auch noch kein Wort reden, wenn er auch wollte, nicht. +Nur der Doktor und die Wärterin sollen vor seine Augen kommen, +erklärte die Trine in großem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst +einverstanden, und erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach +Hause zurück.</p> + +<p>So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Frau Oberst zum Haus +des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hören, ob etwas +fehle, das dann schnell herbeigeschafft werden mußte. Otto und +Miezchen mußten jeden Tag aufs neue besänftigt werden, daß sie +ihren kranken Freund noch nicht besuchen durften. Aber da war +immer noch keine Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch +unentbehrlich, wurde auch täglich vom Doktor gelobt für ihre +sorgfältige Pflege.</p> + +<p>Nach Ablauf der acht Tage schlug der Doktor seinem Freund, dem +Oberst, vor, nun einmal den Kranken zu besuchen, zu der Zeit, da er +selbst dort sein würde. Denn jetzt war der Augenblick gekommen, da +Andres wieder reden durfte. Und der Doktor wollte ihn in Gegenwart +des Obersten darüber befragen, was er selbst von dem unglücklichen +Vorfall wisse.</p> + +<p>Andres freute sich, als er dem Herrn Oberst die Hand drücken durfte. +Er hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle +Sorgfalt für seine Genesung kam. Dann besann er sich, so gut er +konnte, um die Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wußte +aber nur folgendes zu sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die er +jährlich dem Herrn Oberst zur Verwahrung brachte. Diese wollte er +noch einmal überzählen, um seiner Sache sicher zu sein. Er hatte +sich am späteren Abend hingesetzt, den Rücken gegen die Fenster und +die Tür gekehrt. Mitten im Zählen hörte er jemanden hereinkommen. +Ehe er aber aufgeschaut hatte, fiel ein furchtbarer Schlag auf +seinen Kopf. Von da an wußte er nichts mehr.</p> + +<p>Also hatte Andres Geld auf dem Tisch liegen gehabt. Davon war aber +gar nichts mehr gesehen worden, nur das einzige Stück in Joggis +Hand. Wo könnte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn +wirklich Joggi der Übeltäter war? Als Andres vernahm, wie der +Joggi gefunden worden und nun eingesperrt sei, wurde er ganz +unruhig.</p> + +<p>“Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi”, sagte er. +“Der tut ja keinem Kind etwas zuleide, der hat mich nicht +geschlagen.”</p> + +<p>Andres hatte aber auch gegen keinen anderen Menschen den leisesten +Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen +Menschen, der ihm so etwas hätte antun wollen.</p> + +<p>“Es kann auch ein Fremder gewesen sein”, bemerkte der Doktor, der +die niedrigen Fenster ansah. “Wenn Sie da beim hellen Licht Geld +auf dem Tisch liegen haben und zählen, so kann das von außen jeder +sehen und Lust zum Teilen bekommen.”</p> + +<p>“Ich habe nie an so etwas gedacht, es war immer alles offen,” sagte +der Andres gelassen.</p> + +<p>“Es ist gut, daß Sie noch etwas im Trockenen haben, Andres”, +bemerkte der Oberst. “Lassen Sie sich das nicht zu Herzen gehen. +Das wichtigste ist, daß Sie wieder gesund werden.”</p> + +<p>“Gewiß, Herr Oberst”, erwiderte Andres und schüttelte ihm die Hand. +“Ich habe nur zu danken. Der liebe Gott hat mir ja sonst schon +viel mehr gegeben, als ich brauche.”</p> + +<p>Die Herren verließen den friedlichen Andres, und vor der Tür sagte +der Doktor: “Dem ist wohler als dem anderen, der ihn +zusammenschlagen wollte.”</p> + +<p>Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte erzählt, die alle Buben in +der Schule beschäftigte und in große Teilnahme versetzte. Auch +Otto brachte sie nach Hause und mußte sie jeden Tag ein paarmal +wiederholen, denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte sie ihm +aufs neue großen Eindruck.</p> + +<p>Als man den Joggi an dem Abend lachend ins Armenhaus gebracht hatte, +da war er aufgefordert worden, sein Goldstück an einen seiner +Führer abzugeben, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber +klemmte seine Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben. +Aber die beiden waren stärker als er. Sie rissen ihm mit Gewalt +die Faust auf. Und der Friedensrichterssohn, der von dem Joggi +manchen Kratzer während der Arbeit erhalten hatte, sagte, als er +das Goldstück endlich in der Hand hielt: “So, jetzt wart nur, Joggi, +du wirst schon deinen Lohn bekommen. Wart nur, bis sie kommen, +sie werden dir’s dann schon zeigen.”</p> + +<p>Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu jammern, +denn er glaubte, er werde geköpft. Und seither aß er nicht und +trank nicht und stöhnte und jammerte fortwährend, denn die Furcht +und Angst vor dem Köpfen verfolgte ihn ständig. Schon zweimal +waren der Präsident und der Gemeindeamtmann bei ihm gewesen und +hatten ihm gesagt, er soll nur alles sagen, was er getan habe, er +werde nicht geköpft.</p> + +<p>Er wußte nichts zu sagen, als daß er beim Andres ins Fenster +geschaut habe, und der sei am Boden gelegen. Er sei zu ihm +hineingegangen und habe ihn ein wenig gestoßen, da sei er tot +gewesen. Da habe er etwas glänzen gesehen in einer Ecke und habe +es geholt, und dann sei der Müllerssohn gekommen und dann noch +viele. Hatte der Joggi so viel erzählt, so fing er wieder zu +stöhnen an und hörte nicht mehr auf.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="7_Kapitel">7. Kapitel<br> +(Wie es dem Kranken und jemand anderem besserging)</h2> +</div> + + +<p>Seit dem Tag, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine +Frau auch nicht mehr draußen in der Stube, wenn sie kam, um nach +dem Kranken zu sehen. Täglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte +sich eine Weile an sein Bett zu einer gemütlichen kleinen +Unterhaltung und freute sich jedesmal über die Fortschritte der +Genesung. Zweimal schon waren auch Otto und Miezchen dagewesen und +hatten ihrem Freund Stärkungen mitgebracht.</p> + +<p>Andres sagte ganz gerührt zu der Trine, wenn selbst ein König krank +wäre, man könnte ihm nicht mehr Teilnahme zeigen. Der Doktor war +sehr zufrieden mit Andres, und als er einmal beim Herauskommen auf +den eintretenden Oberst traf, sagte er zu ihm: “Es geht Andres +schon viel besser. Deine Frau kann nun ihre Trine wieder +heimnehmen, die hat gute Dienste geleistet. Nur sollte ab und zu +jemand kommen. Der arme, verlassene Kerl muß doch essen und hat +keine Frau und kein Kind. Vielleicht weiß deine Frau Rat.”</p> + +<p>Der Oberst richtete den Auftrag aus, und am folgenden Morgen sagte +seine Frau, als sie den Andres besuchte: “Jetzt muß ich etwas mit +Ihnen besprechen, Andres. Ist es Ihnen recht?”</p> + +<p>“Gewiß, gewiß, mehr als recht”, erwiderte er und stützte seinen +Kopf auf den Ellbogen.</p> + +<p>“Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es Ihnen +schon so gut geht”, fing sie an.</p> + +<p>“Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir”, fiel der Andres ein, “ich +wollte sie jeden Tag heimschicken. Ich weiß ja, daß sie Ihnen +fehlt.”</p> + +<p>“Ich hätte sie nicht hereingelassen, wenn sie Ihnen gefolgt hätte”, +fuhr die Frau Oberst fort. “Aber jetzt ist es anders, da der +Doktor sie entläßt. Er sagte aber, was ich auch längst dachte. +Jemand sollte noch für ein paar Wochen Ihr Essen kochen oder es bei +mir holen und allerlei kleine Hilfsleistungen ausführen. Ich habe +nun gedacht, Andres, Sie könnten für diese Zeit das Wiseli +aufnehmen.”</p> + +<p>Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehört, als er von +seinem Ellbogen auf und in die Höhe schoß.</p> + +<p>“Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht”, rief er und wurde +ganz rot vor Anstrengung. “So etwas können Sie nicht denken. Ich +sollte hier drinnen im Bett liegen, und draußen in der Küche sollte +das schwache Kind für mich arbeiten! Ach, um Himmels willen, wie +dürfte ich noch an seine Mutter unter der Erde denken, wie würde +sie mich ansehen, wenn sie so etwas wüßte! Nein, nein, Frau Oberst, +meiner Lebtag nicht, lieber nicht essen, lieber nicht mehr +aufkommen—als so etwas.”</p> + +<p>Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig zu Ende reden lassen. Jetzt, als +er sich auf sein Kissen zurücklegte, sagte sie besänftigend: “Es +ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres. Überlegen +Sie doch einmal. Sie wissen ja, wo das Wiseli versorgt ist. +Meinen Sie, es habe dort nichts zu tun oder nur besonders leichte +Arbeit? Recht tüchtig muß es heran und bekommt so wenig +freundliche Worte dazu. Würden Sie ihm etwa auch keine geben? +Wissen Sie, was Wiselis Mutter tun würde, wenn sie jetzt neben uns +stände? Mit Tränen würde sie Ihnen danken, wenn Sie das Kind jetzt +in Ihr Haus nehmen würden, wo es gute Tage hätte. Das weiß ich, +und Sie sollten sehen, wie gern es Ihnen helfen würde.”</p> + +<p>Jetzt mußte dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er +wischte sich die Augen, dann sagte er: “Ach, ach! Wie könnte ich +aber zu dem Kind kommen? Sie geben es gewiß nicht weg, und dann +müßte man ja doch auch wissen, ob es wollte.”</p> + +<p>“Es ist jetzt schon gut, kümmern Sie sich nicht weiter darum, +Andres”, sagte die Frau Oberst fröhlich und stand von ihrem Sessel +auf. “Ich will nun selbst sehen, wie’s geht, denn mir liegt die +Sache nach allen Seiten hin am Herzen.”</p> + +<p>Damit nahm sie Abschied von Andres. Als sie aber schon unter der +Tür war, rief er ihr ängstlich nach: “Aber nur, wenn es will, das +Wiseli, nur, wenn es will—bitte, Frau Oberst!”</p> + +<p>Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig zu ihm +kommen oder dann gar nicht, und verließ das Haus. Sie ging aber +nicht den Berg hinauf, sondern hinunter zum Buchenrain, denn sie +wollte gleich versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so +gern haben wollte.</p> + +<p>Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem +Patenonkel zusammen, als er ins Haus gehen wollte. Er begrüßte sie, +ein wenig erstaunt über den Besuch, und sie teilte ihm gleich beim +Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei und wie sehr sie +hoffe, keinen abschlägigen Bescheid zu bekommen. Denn es liege ihr +viel daran, daß das Wiseli die Pflege zu Ende führen könne. Da die +Tante in der Küche die Unterhaltung hörte, kam sie auch herein und +war noch erstaunter als ihr Mann, den Besuch vorzufinden.</p> + +<p>Er erklärte ihr, warum die Frau Oberst gekommen sei, und sie meinte +gleich, das sei schon nichts, von dem Kind werde niemand eine +besondere Hilfe erwarten. Da sagte aber der Mann, was recht sei, +müsse man gelten lassen. Das Wiseli könne helfen, wo es sei, es +sei sehr tüchtig. Er würde das Kind nicht einmal gern weggehen +lassen, es sei folgsam und gelehrig. So für vierzehn Tage wollte +er nichts dagegen haben, daß es den Andres ein wenig verpflege. +Bis dahin werde er wohl wieder auf sein, daß es heim könne. Denn +länger könnte es dann nicht fort sein, dann komme schon so +allerhand Arbeit, denn da müsse man sich schon auf den Frühling +vorbereiten.</p> + +<p>“Ja, ja”, fügte die Frau hinzu, “ich habe nicht vor, immer wieder +von vorn mit ihm anzufangen. Jetzt habe ich ihm alles mit Mühe +gezeigt, das kann es nun anwenden. Der Andres soll nur selber ein +Kind anlernen, wenn er eins braucht.”</p> + +<p>“Ja, wegen vierzehn Tagen”, sagte der Mann beschwichtigend, “da +wollen wir auch nichts sagen. Man muß einander schon einen +Gefallen tun.”</p> + +<p>“Ich danke Ihnen”, sagte nun die Frau Oberst und stand auf. “Der +Andres wird Ihnen gewiß auch recht dankbar sein. Kann ich das +Wiseli gleich mit mir nehmen?”</p> + +<p>Die Tante meinte, es werde nicht so stark pressieren. Aber der +Mann fand es am besten so. Je schneller Wiseli gehe, desto früher +sei es wieder da, meinte er. Denn er bestand auf den vierzehn +Tagen. Wiseli wurde herbeigerufen, und der Onkel sagte ihm, es +solle schnell sein Bündelchen Kleider zusammenpacken, weiter nichts. +Wiseli gehorchte. Fragen durfte es nicht, warum. Seit es sein +Bündelchen in das Haus gebracht hatte, war gerade ein Jahr +vergangen. Es war nichts Neues hinzugekommen als sein schwarzes +Röcklein, das hatte es an. Es war aber nun abgetragen und hing wie +ein Fetzchen an dem Kind herab. Und Wiseli schaute ein wenig scheu +die Frau Oberst an, als es nun mit seinem leichten Bündelchen +dastand.</p> + +<p>Sie verstand den schüchternen Blick und sagte: “Komm nur, Wiseli, +wir gehen nicht weit, es geht schon so.”</p> + +<p>Dann nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und als Wiseli dem +Onkel die Hand gab, sagte er: “Du kommst bald wieder heim, du +brauchst dich nicht groß zu verabschieden.”</p> + +<p>Schweigend und sehr verwundert ging das Wiseli hinter der Frau +Oberst her, die rasch über den beschneiten Feldweg schritt, so als +befürchtete sie, man könnte sie samt dem Wiseli wieder zurückholen. +Als aber der Buchenrain nicht mehr zu sehen war, drehte sie sich +um und bleib stehen.</p> + +<p>“Wiseli”, sagte sie freundlich, “kennst du den Schreiner Andres?”</p> + +<p>“Ja, freilich”, antwortete Wiseli, und seine Augen leuchteten auf, +als es den Namen hörte. Die Frau Oberst war erstaunt.</p> + +<p>“Er ist krank”, fuhr sie fort. “Willst du ihn ein wenig verpflegen +und etwa vierzehn Tage bei ihm bleiben?”</p> + +<p>Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: “Ja, gern!” sagte der +Frau Oberst sein Gesicht. Das wurde ganz von Freudenröte +übergossen. Die Frau Oberst sah das gern. Doch mußte sie sich +wundern, daß Wiseli eine so besondere Freude zeigte. Denn sie +wußte nichts von seinem Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli +hatte es nie vergessen.</p> + +<p>Sie gingen nun wieder weiter. Aber nach einer Weile fügte die Frau +Oberst noch hinzu: “Du mußt es dann dem Schreiner Andres sagen, daß +du so gern zu ihm gekommen bist, Wiseli. Er glaubt es sonst nicht. +Vergiß es nicht.”</p> + +<p>“Nein, nein”, versicherte das Kind, “ich denke schon daran.”</p> + +<p>Nun waren sie bei dem Haus angekommen. Hier hielt es die Frau +Oberst für richtig, das Wiseli seinen Weg allein machen zu lassen. +Denn nach allem, was sie bemerkt hatte, mußte es ihm nicht schwer +werden, ihn zu finden. Sie verabschiedete das Kind an der Ecke und +sagte ihm, am Morgen werde sie wieder herunterkommen und sehen, wie +es ihm in dem neuen Haushalt gehe. Und wenn der Schreiner Andres +etwas brauche, das nicht da sei, so solle es zu ihr kommen.</p> + +<p>Wiseli ging nun zuversichtlich durch das Gärtchen und machte die +Haustür auf. Es wußte, daß der Andres drinnen in der Kammer hinter +der Stube liege. So trat es leise in die Stube ein. Darin war +niemand, aber es war schön aufgeräumt, noch von der alten Trine her. +Wiseli schaute alles gut an, wie es sein müsse.</p> + +<p>An der Wand hinten in der Stube stand ein Bett. Der Vorhang davor +war fast zugezogen, aber Wiseli konnte doch sehen, wie schön und +sauber es aussah, und es fragte sich, wer da schlafe. Jetzt +klopfte es leise an die Kammertür, und auf den Ruf des Andres trat +es ein und blieb ein wenig scheu an der Tür stehen. Andres +richtete sich auf in seinem Bett.</p> + +<p>“Ach, ach”, sagte er, halb erfreut und halb erschrocken, “bist du +es, Wiseli? Komm, gib mir die Hand.” Wiseli gehorchte. “Bist du +auch nicht ungern zu mir gekommen?”</p> + +<p>“Nein, nein”, antwortete Wiseli.</p> + +<p>Aber der Schreiner Andres war noch nicht beruhigt.</p> + +<p>“Ich meine nur, Wiseli”, fuhr er wieder fort, “du wärst vielleicht +lieber nicht gekommen. Aber die Frau Oberst ist so gut, und du +hast ihr vielleicht einen Gefallen tun wollen.”</p> + +<p>“Nein, nein”, versicherte Wiseli noch einmal, “sie hat gar nicht +gesagt, daß es ihr ein Gefallen sei. Sie hat mich gefragt, ob ich +gehen wolle, und ich wäre auf der ganzen Welt nirgends so gern +hingegangen wie zu Ihnen.”</p> + +<p>Diese Worte mußten den Andres ganz beruhigt haben. Er fragte +nichts mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen zurück und +schaute stumm das Wiseli an. Dann mußte er sich auf einmal +umdrehen und immer wieder über seine Augen wischen.</p> + +<p>“Was muß ich jetzt tun?” fragte Wiseli, als er sich immer noch +nicht umkehrte.</p> + +<p>Jetzt wandte er sich zu dem Kind und sagte freundlich: “Ich weiß es +gewiß nicht. Wiseli, tu du nur, was du willst, wenn du nur ein +wenig bei mir bleiben willst.”</p> + +<p>Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. Seit es die Stimme seiner +Mutter zum letztenmal hörte, hatte niemand mehr so zu ihm geredet. +Es war gerade, als spüre es die Liebe seiner Mutter wieder in +Andres’ Worten. Es mußte mit beiden Händen seine Hand nehmen, so +wie es oft die Hand der Mutter gefaßt hatte. Und so stand es eine +Weile an dem Bett, und es war so glücklich, daß es gar nichts sagen +konnte. Aber es dachte: Jetzt weiß es die Mutter auch und ist froh.</p> + +<p>Gerade so dachte der Andres: “Jetzt weiß es die Mutter auch und ist +froh.”</p> + +<p>Dann sagte das Wiseli: “Jetzt muß ich Ihnen gewiß etwas kochen, es +ist schon über Mittag. Was muß ich kochen?”</p> + +<p>“Koch du nur, was du willst”, sagte der Andres. Aber dem Wiseli +war es darum zu tun, es dem Kranken recht zu machen. Und es fragte +so lange hin und her, bis es gemerkt hatte, was er essen müsse— +eine gute Suppe und ein Stück von dem Fleisch, das im Kasten war. +Und dann bestand er darauf, das Wiseli müsse noch einen Milchbrei +für sich kochen.</p> + +<p>Es wußte recht gut Bescheid in der Küche, denn es hatte wirklich +etwas gelernt bei der Tante, wenn auch unter harten Worten. Das +konnte es nun gut brauchen. So hatte es in kurzer Zeit alles +bereit gemacht, und der Kranke wünschte, daß es ein Tischchen an +sein Bett rücke und neben ihm sitze zum Essen, damit er es auch +sehen könne und wisse, daß es noch da sei. Ein so vergnügtes +Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht genossen, und auch der +Schreiner Andres nicht.</p> + +<p>Als sie damit zu Ende waren, stand das Kind auf. Aber Andres sah +das nicht gern und sagte: “Wohin willst du, Wiseli? Willst du +nicht noch ein wenig dableiben, oder wird es dir ein bißchen +langweilig bei mir?”</p> + +<p>“Nein, gewiß nicht”, versicherte Wiseli. “Aber nach dem Essen muß +man immer abwaschen und alles wieder sauber auf das Gestell +hinaufräumen.”</p> + +<p>“Ich weiß schon, wie man’s macht”, gestand Andres. “Ich habe +gedacht, heute nur, so zum erstenmal, könntest du ja nur alles +zusammenstellen und dann etwa morgen auf einmal aufwaschen.”</p> + +<p>“Wenn aber die Frau Oberst das sähe, so müßte ich mich fast zu Tode +schämen.” Und Wiseli machte ein ganz ernsthaftes Gesicht zu seiner +Versicherung.</p> + +<p>“Ja. Ja, du hast recht”, beschwichtigte Andres das Kind. “Mach +nur alles, wie du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist.”</p> + +<p>Nun ging das Wiseli an seine Arbeit und putzte und räumte und +ordnete, daß alles glänzte in der Küche. Dann stand es einen +Augenblick still, schaute ringsum und sagte ganz befriedigt: “So, +nun kann die Frau Oberst kommen.”</p> + +<p>Dann ging es wieder in die Stube hinein und warf einen fröhlichen +Blick auf das schöne, große Bett hinter dem Vorhang, denn der +Schreiner Andres hatte ihm gesagt, da müsse es schlafen. Der +kleine Kasten in der Ecke gehöre auch ihm, da könne es seine Sachen +hineinräumen. Es legte nun die Sachen aus seinem Bündelchen alle +ordentlich hinein, das war auch sehr bald getan, denn es war wenig +darin. Und nun ging es in die Kammer und setzte sich voller Freude +wieder an das Bett des Kranken, der schon lange nach der Tür +geschaut hatte, ob es noch nicht komme.</p> + +<p>Kaum war Wiseli wieder an dem Bett, so fragte es: “Haben Sie auch +einen Strumpf, an dem ich stricken kann?”</p> + +<p>“Nein, nein”, antwortete Andres, “du hast ja jetzt gearbeitet, und +wir wollen nun ein wenig vergnügt zusammen reden, über allerlei.”</p> + +<p>Aber Wiseli war gut geschult worden—zuerst in unvergeßlicher +Freundlichkeit von der Mutter und dann von der Tante mit Worten, +die auch nicht vergessen wurden, vor lauter Furcht, sie wieder zu +hören. Es sagte ganz überzeugt: “Ich darf nicht nur so dasitzen, +weil es doch nicht Sonntag ist. Aber ich kann reden und +gleichzeitig an dem Strumpf stricken.”</p> + +<p>Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte das Wiseli +von neuem, nur immer zu tun, was es meine. Und einen Strumpf könne +es auch holen, wenn es wolle, er habe aber keinen. Nun holte +Wiseli den seinigen und setzte sich damit wieder an das Bett hin. +Und es hatte recht gehabt, es konnte gut reden und stricken +gleichzeitig.</p> + +<p>Der Schreiner Andres hatte aber auch gleich ein Gespräch angefangen, +das dem Wiseli das allerwillkommenste war. Er hatte gleich von +der Mutter zu reden begonnen, und Wiseli hatte so gern geantwortet, +denn noch nie und mit keinem Menschen hatte es von seiner Mutter +reden können. Und es dachte doch immer an sie und alles, was es +mit ihr erlebt hatte. Nun wollte der Schreiner Andres so gern von +allem wissen, immer noch mehr, und das Wiseli erzählte fort und +fort, als könne es nicht mehr aufhören. Und der Andres hörte +gespannt zu.</p> + +<p>In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach dem anderen. +Für jeden geringsten Dienst, den es leistete, dankte ihm der Andres, +als ob es ihm die größte Wohltat erwiesen hätte. Und was es nur +tat, gefiel dem guten Mann, und er mußte es loben dafür. Er wurde +in wenigen Tagen so frisch und munter bei der Pflege, daß er +aufstehen wollte. Der Doktor war ganz erstaunt, wie gut es ihm +ging und wie fröhlich der Schreiner Andres auf einmal aussah. Er +saß nun den ganzen Tag am Fenster, wo die Sonne hinkam, und schaute +dem Wiseli nach auf Schritt und Tritt, so als ob er es gar nie +genug sehen könnte—wie es einen Kasten aufmachte und dann wieder +zu, wie ihm unter den Händen alles sauber und ordentlich wurde, wie +er es vorher nie gesehen hatte.</p> + +<p>Das Wiseli aber war glücklich in dem stillen Häuschen, da es nur +liebevolle Worte hörte, und unter den freundlichen Augen, die es +immerfort begleiteten. Es durfte gar nicht daran denken, wie bald +die vierzehn Tage zu Ende sein würden und es wieder zum Buchenrain +zurückkehren mußte.</p> + + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> + +<div class="chapter"> +<h2 class="nobreak" id="8_Kapitel">8. Kapitel<br> +(Es geschieht etwas Unerwartetes)</h2> +</div> + + +<p>In dem Haus auf dem Hang wurde viel vom Schreiner Andres und dem +Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging die Frau Oberst nachsehen, +wie es dem Kranken gehe, und jedesmal brachte sie wieder einen +erfreulicheren Bericht nach Hause.</p> + +<p>Das versetzte alle in die freudigste Stimmung. Otto und Miezchen +machten einen Plan, wie ein großes Genesungsfest gefeiert werden +müßte in Schreiner Andres Stube, aber noch bevor Wiseli zum +Buchenrain zurückkehrte. Das sollte eine Hauptfreude und für +Andres und Wiseli eine große Überraschung werden.</p> + +<p>Es mußte aber noch ein Fest gefeiert werden vorher, denn heute war +der Geburtstag des Vaters und schon am frühen Morgen hatten +allerlei von Otto und Miezchen erfundene Feierlichkeiten +stattgefunden. Doch der Hauptmoment des Tages war jetzt gekommen, +beim Mittagessen. Ganz feierlich hatten Otto und Miezchen sich +schon hingesetzt in großer Erwartung all der Dinge, die da kommen +sollten.</p> + +<p>Nun erschienen auch Vater und Mutter, und die frohe Mahlzeit nahm +ihren Anfang. Nachdem das erste Gericht vergnüglich verzehrt +worden war, erschien eine zugedeckte Schüssel. Das war das +Geburtstagsgericht. Der Deckel wurde aufgehoben, und ein +prächtiger Blumenkohl stand da, so frisch, als hätte man ihn eben +im Garten geholt.</p> + +<p>“Das ist ja eine prächtige Blume”, sagte der Vater, “die muß man +loben. Aber eigentlich”, fuhr er etwas enttäuscht fort, “suchte +ich etwas anderes unter dem Deckel, Artischocken suchte ich. Kann +man die nicht auch finden irgendwo, wie Blumenkohl? Du weißt, +liebe Marie, ich schaue an gedeckten Tischen immer nur nach +Artischocken aus.”</p> + +<p>Mit einemmal schrie das Miezchen: “Eben! Eben! Geradeso hat er +gerufen—zweimal, furchtbar, und so hat er den Stecken aufgehoben +und so.” Und Miezchen fuhr ganz aufgeregt mit ihren Armen in der +Luft herum. Aber urplötzlich schwieg sie und fuhr schnell herunter +mit ihren Armen bis unter den Tisch und war ganz blutrot geworden. +Und ihr gegenüber saß Otto und warf ihr zornige Blicke zu.</p> + +<p>“Was ist das für eine seltsame Verherrlichung meines Geburtstags?” +fragte der Vater erstaunt. “Über den Tisch hin schreit meine +Tochter, als wollte man sie umbringen, und unter dem Tisch versetzt +mir mein Sohn so entsetzliche Stiefelstöße, daß ich blaue Flecken +bekomme. Ich möchte wissen, Otto, wo du diese angenehme +Unterhaltung gelernt hast.”</p> + +<p>Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis unter die Haare +hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem Tisch einige deutliche +Mahnungen geben wollen, daß es schweigen solle, hatte aber den +unrechten Platz getroffen und mit seinem Stiefel das Bein des +Vaters bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt. Er konnte nicht +mehr aufschauen.</p> + +<p>“Nun, Miezchen”, fing der Vater wieder an, “was ist denn aus deiner +Räubergeschichte geworden? Du kamst ja gar nicht zu Ende. Also— +‘Artischocke’ hat der furchtbare Mann dich genannt und +den Stecken erhoben, und dann?”</p> + +<p>“Dann, dann”, stotterte Miezchen kleinlaut, denn es hatte begriffen, +daß es auf einmal alles verraten hatte und daß der Otto den +Zuckerhahn zurückfordern würde, “dann hat er mich doch nicht +totgeschlagen.”</p> + +<p>“So, das war nett von ihm”, sagte der Vater lachend. “Und dann +weiter?”</p> + +<p>“Dann weiter gar nichts mehr”, wimmerte Miezchen.</p> + +<p>“So, so, die Geschichte nimmt also ein fröhliches Ende. Der +Stecken bleibt in der Luft, und Miezchen geht als kleine +Artischocke nach Hause. Jetzt wollen wir gleich anstoßen auf alle +wohlgeratenen Artischocken und auf Schreiner Andres’ Gesundheit!”</p> + +<p>Damit erhob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft stimmte +ein. Es standen aber alle ein wenig still vom Tisch auf, denn in +jedem waren allerlei Gedanken aufgestiegen. Nur der Vater blieb +gelassen, setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine Zigarre an.</p> + +<p>Otto schlich ins andere Zimmer hinüber, drückte sich in eine Ecke +und dachte darüber nach, wie es sein werde, wenn alle anderen +wieder im Mondschein rodeln würden und er nie mehr dabei sein +dürfte. Denn er wußte, daß die Mutter dies von nun an verbieten +würde.</p> + +<p>Miezchen kroch ins Schlafzimmer hinein, kauerte sich neben dem Bett +auf das Schemelchen nieder, nahm den roten Zuckerhahn auf den Schoß +und war sehr traurig, daß es ihn zum letztenmal sehen sollte.</p> + +<p>Die Mutter blieb eine Zeitlang nachdenklich am Fenster stehen. +Ihre Gedanken mußten sie immer mehr und aufregender beschäftigen, +denn jetzt fing sie an im Zimmer hin und her zu gehen. Und +plötzlich verließ sie es und lief hierhin und dahin, suchte nach +dem Miezchen. Sie fand es endlich hinter seinem Bett auf dem +Schemel, in seine traurigen Betrachtungen versunken.</p> + +<p>“Miezchen”, sagte die Mutter, “jetzt erzähl mir, wo und wann ein +Mann dir drohte und was er dir nachgerufen hat.”</p> + +<p>Miezchen erzählte, was es wußte, es kann aber nicht viel mehr +heraus, als es schon gesagt hatte: Nachgerufen hatte ihm der Mann +das Wort, das der Papa am Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die +Mutter kehrte in das Zimmer zurück, wo der Vater saß, ging zu ihm +und sagte in erregtem Ton: “Ich muß es dir wirklich sagen, es kommt +mir immer wahrscheinlicher vor.”</p> + +<p>Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau +an.</p> + +<p>“Siehst du”, fuhr sie fort, “die Szene am Tisch hat mich auf einen +Gedanken gebracht, und je mehr ich ihn verfolge, je fester +gestaltet er sich vor meinen Augen.”</p> + +<p>“Setz dich doch und erzähl mir, was du meinst”, sagte der Oberst, +ganz neugierig geworden.</p> + +<p>Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr fort: “Du hast +Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich erschreckt worden +von dem Mann, von dem sie sprach. Es war nicht Spaß gewesen. +Darum ist es klar, daß er das Kind nicht ‘Artischocke’ +genannt hat. Wird er es nicht viel eher ‘Aristokratin’ +oder ‘Aristokratenbrut’ genannt haben? Du weißt, wer +uns früher diesen Titel nachrief, meinem Bruder und mir. Diesen +Augenblick habe ich von Miezchen gehört, daß der Vorfall sich an +dem Abend ereignet hatte, als Kinder im Mondschein auf der +Schlittenbahn waren. Am selben Abend wurde Andres halb erschlagen +gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jörg verschwunden. Und +im ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, wird sein +Bruder überfallen, dem kein anderer je etwas zuleide getan hat als +er. Gibt dir das nicht auch zu denken?”</p> + +<p>“Da könnte was dran sein”, entgegnete der Oberst nachdenklich. “Da +muß ich sofort etwas unternehmen.”</p> + +<p>Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten später +fuhr er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr der +Oberst jeden Tag einmal in die Stadt, um zu hören, ob Berichte +eingegangen seien. Am vierten Tag, als er am Abend nach Hause kam +und seine Frau noch an Miezchens Bett saß, ließ er sie schnell +rufen, denn er hatte ihr etwas Wichtiges zu erzählen.</p> + +<p>Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst teilte seiner Frau +mit, was er in der Stadt gehört hatte. Auf seine Aussagen hin +hatte die Polizei heimlich nach dem Jörg gesucht, und er war ohne +große Mühe gefunden worden. Denn er war ganz sicher, daß kein +Mensch ihn gesehen hatte, da er nur nachts in sein Dorf gekommen +und gleich wieder verschwunden war.</p> + +<p>So war er zunächst nur zur Stadt hinuntergegangen und hatte sich in +den Wirtshäusern herumgetrieben. Als er nun festgenommen und +verhört wurde, leugnete er zuerst alles. Als er aber hörte, der +Oberst Ritter habe schlagende Beweise gegen ihn vorzubringen, da +entfiel ihm der Mut. Denn er dachte, der Herr Oberst müsse ihn +gesehen haben, sonst wäre es unmöglich, daß er gerade auf ihn +gekommen wäre, da er frisch aus neapolitanischen Kriegsdiensten +zurückgekommen war. Daß ein einziges Wort, das er einem kleinen +Kind zugerufen hatte, ihn hatte verraten können, davon hatte er +keine Ahnung.</p> + +<p>Er fing dann an, furchtbar auf den Oberst zu schimpfen, und sagte, +er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut werde ihn noch ins +Unglück bringen. Im weiteren Verhör gestand er dann, er habe +seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm leihen wollen. Als er ihn +durch das erleuchtete Fenster erblickte, wie er eben eine gute +Summe vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den Andres +niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Töten habe er ihn nicht +wollen, nur ein wenig bewußtlos machen, damit er ihn nicht kenne. +Der größte Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden. Diese wurde +ihm abgenommen, und der Jörg wurde ins Gefängnis gesteckt.</p> + +<p>Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure Aufregung +im ganzen Dorf, denn eine solche Geschichte war noch nie +vorgefallen, seit es bestand. Besonders in der Schule kam alles +aus der Ordnung, so sehr interessierten sich alle Schüler für die +aufregende Begebenheit. Otto war einige Tage ganz außer Atem, da +er beständig da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein näherer +Umstand von der Sache zu hören war.</p> + +<p>Am dritten Abend nach der Verbreitung der Nachricht kam er aber so +aufgeregt nach Hause gestürzt, daß ihn die Mutter ermahnen mußte, +erst einen Augenblick still zu sitzen, da er vor Atemlosigkeit kein +Wort hervorbrachte und doch durchaus wieder eine Neuigkeit erzählen +wollte. Endlich konnte er sie loswerden. Man hatte den Joggi, der +bis dahin eingesperrt geblieben war, herausholen wollen. Aber der +arme Tropf fürchtete sich, und nun glaubte er, man hole ihn zum +Köpfen ab. Er weigerte sich, die Kammer zu verlassen. Dann hatten +zwei Männer ihn mit aller Gewalt herausgeschleppt, er hatte aber so +geschrien, daß alle Leute herbeiliefen. Und dann hatte er sich +noch mehr gefürchtet, und auf einmal war er davongeschossen wie ein +Pfeil und in die nächste Scheune hinein in den hintersten Winkel +des Stalles. Da hockte er ganz zusammengesunken mit einem +furchtbar erschrockenen Gesicht, und kein Mensch konnte ihn von der +Stelle bringen. Schon seit gestern hockte er so da, und der Bauer +hatte gesagt, wenn er nicht bald aufstehe, wolle er ihn mit der +Heugabel fortbringen.</p> + +<p>“Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder”, sagte die +Mutter, als Otto fertig erzählt hatte. “Der arme Joggi! Was muß +er nun leiden in seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da +er nicht versteht, was man ihm erklären könnte. Und der arme, +gutmütige Joggi ist ja ganz unschuldig. Ach, Kinder, hättet ihr +mir doch gleich das ganze Erlebnis erzählt, als ihr am Abend von +der Schlittenbahn kamt. Eure Heimlichtuerei hat nur Unglück +gebracht. Könnten wir doch den armen Menschen trösten und wieder +fröhlich machen!”</p> + +<p>Das Miezchen war ganz weich geworden. “Ich will ihm den roten +Zuckerhahn geben”, sagte es schluchzend.</p> + +<p>Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas +verächtlich: “Ja, einen Zuckerhahn einem erwachsenen Menschen geben! +Behalt du den nur für dich.” Aber dann bat er die Mutter, ihm und +Miezchen zu erlauben, dem Joggi etwas zu essen in den Stall zu +bringen. Er hatte gar nichts gehabt, seit er dort kauerte, zwei +ganze Tage lang.</p> + +<p>Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sofort ein Korb geholt +und Wurst und Brot und Käse hineingesteckt. Dann gingen die Kinder +den Berg hinunter, zum Stall.</p> + +<p>Mit einem ganz weißen, erschrockenen Gesicht kauerte der Joggi +hinten im Winkel und rührte sich nicht. Die Kinder kamen ein wenig +näher. Otto zeigte ihm den offenen Korb und sagte: “Komm hervor, +Joggi, das ist alles für dich zum Essen.”</p> + +<p>Joggi bewegte sich nicht.</p> + +<p>“Komm doch, Joggi”, mahnte Otto weiter. “Siehst du, sonst kommt +der Bauer und sticht dich mit der Heugabel hervor.”</p> + +<p>Joggi stieß einen entsetzten Ton aus und krümmte sich noch enger +zusammen.</p> + +<p>Jetzt ging Miezchen vorwärts und kam ganz nahe an den Joggi heran, +hielt den Mund an sein Ohr und flüsterte hinein: “Komm du nur mit +mir, Joggi, sie dürfen dich nicht köpfen. Der Papa hilft dir schon, +und siehst du, das Christkindlein hat dir einen roten Zuckerhahn +gebracht.” Und Miezchen nahm ganz heimlich den Zuckerhahn aus +seiner Tasche und steckte ihn dem Joggi zu.</p> + +<p>Diese heimlichen Trostesworte hatten eine wunderbar wirksame Kraft. +Der Joggi schaute das Miezchen an, ganz ohne Schrecken, dann +schaute er auf seinen roten Zuckerhahn. Und dann fing er an zu +lachen, was er seit vielen Tagen nicht mehr getan hatte. Dann +stand er auf, und nun ging Otto voran aus dem Stall, dann kam das +Miezchen, und ihm folgte der Joggi auf dem Fuß.</p> + +<p>Draußen sagte Otto dem Joggi: “Das kannst du mitnehmen, wir gehen +nun heim und du auch, dort hinunter.”</p> + +<p>Da schüttelte Joggi den Kopf und stellte sich hinter das Miezchen. +So gingen alle drei weiter, den Hang hinauf, voran der Otto, dann +Miezchen, dann der Joggi. Die Mutter sah den Zug herankommen, und +ihr Herz wurde ganz erleichtert, als sie sah, wie der Joggi hinter +dem Miezchen herschritt, den roten Zuckerhahn in der Hand hielt und +immerfort vergnüglich lachte.</p> + +<p>So traten die drei ins Haus und in die Stube, und hier holte das +Miezchen geschäftig einen Stuhl, nahm den Eßkorb zur Hand und +winkte dem Joggi, daß er komme. Als er dann am Tisch saß, legte es +alles, was im Korb war, vor ihn hin und sagte: “Iß du jetzt nur, +Joggi, und iß du nur alles auf und sei nun ganz fröhlich.”</p> + +<p>Da lachte der Joggi und aß die beiden großen Würste und das ganze +Brot und das ungeheure Stück Käse und dann noch die Krumen. Den +roten Zuckerhahn hielt er die ganze Zeit über fest mit seiner +linken Hand, schaute ihn an von Zeit zu Zeit und lachte vergnügt, +denn Wurst und Brot hatte er wohl auch schon bekommen. Aber einen +roten Zuckerhahn hatte ihm in seinem ganzen Leben noch niemand +geschenkt.</p> + +<p>Endlich ging der Joggi den Hang hinunter. Voller Freude schauten +die Mutter, Otto und Miezchen ihm nach. Er hielt seinen Zuckerhahn +bald in der einen, bald in der anderen Hand, lachte immerzu und +hatte seinen Schrecken ganz vergessen.</p> + +<p>Seit drei Tagen hatte die Frau Oberst den Schreiner Andres nicht +besucht. Es hatte sich so vieles ereignet in diesen Tagen, daß sie +gar nicht begriff, wie die Zeit dahingegangen war. Doch konnte sie +ja beruhigt sein, sie wußte, daß der Andres gut verpflegt und dazu +auf dem besten Weg der Genesung war.</p> + +<p>Ihr Mann hatte gleich am Morgen nach seiner Rückkehr aus der Stadt +den Andres besucht, um ihm die Entdeckung und die Festnahme seines +Bruders selbst mitzuteilen. Andres hatte ganz ruhig zugehört und +dann gesagt: “Er hat es so haben wollen. Es wäre doch besser +gewesen, er hätte mich um ein wenig Geld gebeten. Ich hätte es ihm +ja gegeben. Aber er hat immer lieber geprügelt als geredet.”</p> + +<p>Jetzt trat die Frau Oberst am sonnigen Wintermorgen aus ihrer Tür +und stieg fröhlich den Berg hinunter. Denn sie beschäftigte sich +in ihrem Innern mit einem Gedanken, der ihr gut gefiel. Als sie +die Haustür aufmachte beim Schreiner Andres, kam Wiseli eben aus +der Stube heraus. Seine Augen waren ganz aufgeschwollen und +hochrot vom Weinen. Es gab der Frau Oberst nur flüchtig die Hand +und lief scheu in die Küche hinein, um sich zu verstecken.</p> + +<p>So hatte die Frau Oberst das Wiseli noch nie gesehen. Was konnte +da geschehen sein? Sie trat in die Stube. Da saß am sonnigen +Fenster der Andres und sah aus, als sei ein noch nie erlebtes +Unheil über ihn hereingebrochen.</p> + +<p>“Was ist denn hier geschehen?” fragte die Frau Oberst und vergaß im +Schrecken guten Tag zu sagen.</p> + +<p>“Ach, Frau Oberst”, stöhnte Andres, “ich wollte, das Kind wäre nie +in mein Haus gekommen!”</p> + +<p>“Was”, rief sie noch erschrockener aus, “das Wiseli? Kann dieses +Kind Ihnen ein Leid angetan haben?”</p> + +<p>“Ach, um Himmels willen, nein, Frau Oberst, so meine ich es nicht”, +entgegnete Andres aufgeregt. “Aber nun ist das Kind bei mir +gewesen und hat mir ein Leben gemacht in meinem Häuschen, wie im +Paradies. Und jetzt muß ich das Kind wieder hergeben, und alles +wird viel öder und leerer um mich her sein als vorher. Ich kann es +nicht aushalten. Sie können sich gar nicht denken, wie lieb mir +das Kind ist. Ich kann es nicht aushalten, wenn sie mir’s +wegnehmen. Morgen muß es gehen, der Onkel hat schon zweimal den +Buben geschickt. Es müsse nun zurückkommen, morgen müsse es sein. +Und dann ist noch etwas, das mir fast das Herz zersprengt. Seitdem +der Onkel den Buben geschickt hat, ist das Kind ganz still geworden +und weint heimlich. Es will es nicht so zeigen, aber man kann’s +sehen, es fällt ihm schwer zu gehen. Und morgen muß es sein. Ich +übertreibe nicht, Frau Oberst. Aber das kann ich sagen. Alles, +was ich seit dreißig Jahren erspart und erarbeitet habe, gäbe ich +seinem Onkel, wenn er mir das Kind ließe.”</p> + +<p>Die Frau Oberst hatte den aufgeregten Andres zu Ende reden lassen. +Jetzt sagte sie ruhig: “Das würde ich nicht tun an Ihrer Stelle. +Ich würde es ganz anders machen.”</p> + +<p>Andres schaute sie fragend an.</p> + +<p>“Seht, Andres, so würde ich es machen. Ich würde sagen: ‘All +mein wohlverdientes Gut will ich jemandem zurücklassen, der mir +lieb ist. Ich will das Wiseli an Kindesstatt annehmen, ich will +sein Vater sein, und es soll als mein Kind in meinem Haus bleiben.’ +Würde Ihnen das nicht gefallen, Andres?”</p> + +<p>Der Andres hatte lautlos zugehört, und seine Augen waren immer +größer geworden. Jetzt ergriff er die Hand der Frau Oberst und +drückte sie.</p> + +<p>“Kann man das wirklich machen? Könnte ich sagen: das Wiseli ist +mein Kind, mein eigenes Kind, und niemand hat mehr ein Recht an dem +Kind, und kein Mensch kann es mir mehr nehmen?”</p> + +<p>“Das können Sie, Andres”, versicherte die Frau Oberst. “Sobald das +Wiseli Ihr Kind ist, hat kein Mensch mehr ein Recht auf das Kind. +Sie sind der Vater. Und weil ich mir gedacht hatte, Sie könnten +den Wunsch haben, das Wiseli zu behalten, so habe ich meinen Mann +gebeten, heute nicht fortzugehen, falls Sie etwa zur Stadt in die +Kanzlei fahren würden, daß alles bald festgesetzt werde, denn zu +Fuß können Sie noch nicht gehen.”</p> + +<p>Andres wußte gar nicht, was er tat vor Aufregung und Freude. Er +lief dahin und dorthin und suchte den Sonntagsrock. Dann rief er +immer wieder: “Ist es auch sicher wahr? Kann’s auch sein?” Dann +stand er wieder vor der Frau Oberst und fragte: “Kann es jetzt sein, +gleich jetzt, heute noch?”</p> + +<p>“Gleich jetzt”, versicherte sie. Doch gab sie nun dem Schreiner +Andres die Hand zum Abschied, sie mußte gehen und ihrem Mann +mitteilen, daß Andres schon reisefertig sei.</p> + +<p>“Sie sollten es dem Wiseli erst am Abend sagen, wenn alles gut +eingeleitet ist”, bemerkte die Frau Oberst noch unter der Tür.</p> + +<p>“Ja, sicher, sicher”, gab Andres zur Antwort. “Jetzt brächte ich +ohnehin kein Wort hervor.”</p> + +<p>Als die Tür sich schloß, setzte sich Andres auf seinen Stuhl und +zitterte an Händen und Füßen so sehr, daß er meinte, er könne nie +mehr aufstehen. So waren ihm die Freude und Aufregung in alle +Glieder gefahren. Es dauerte kaum eine halbe Stunde, da kam schon +der Wagen des Obersten angefahren und hielt am Gärtchen des +Schreiners. Und zu Wiselis unbeschreiblichem Erstaunen stieg der +Knecht von seinem Sitz herunter, kam herein, und nach wenigen +Minuten sah es, wie er wieder herauskam, den Schreiner Andres mit +beiden Armen festhielt und ihm dann in den Wagen half.</p> + +<p>Wiseli schaute dem Fuhrwerk nach, als bewege sich etwas Unfaßliches +vor seinen Augen, denn der Schreiner Andres hatte kein Wort mehr zu +ihm sagen können, nicht einmal, daß er ausfahren werde.</p> + +<p>Jetzt ging Wiseli in die Stube hinein und setzte sich ans Fenster, +wo sonst der Schreiner Andres saß. Und es konnte nichts anderes +mehr denken als nur immerzu: Heute ist der letzte Tag, und morgen +muß ich zum Onkel gehen.</p> + +<p>Als der Mittag herankam, ging Wiseli in die Küche hinaus und machte +zurecht, was der Andres essen sollte. Aber er kam nicht, und es +wollte nichts essen, wenn er nicht dabei war. So ging es wieder +hinein, und sofort stand der traurige Gedanke wieder vor ihm.</p> + +<p>Aber endlich wurde es so müde vom Nachdenken, daß sein Kopf ihm auf +die Schulter fiel und es fest einschlief. Aber noch im Schlaf +mußte es immer sagen: “Und morgen muß ich zum Onkel gehen.” Und +Wiseli sah nicht, wie leise der helle Abendschein in die Stube fiel +und einen schönen Tag verkündigte.</p> + +<p>Wiseli schreckte hoch, als jemand die Stubentür öffnete. Es war +der Schreiner Andres. Das Glück leuchtete ihm aus den Augen wie +heller Sonnenschein, so hatte ihn Wiseli noch nie gesehen. Es +schaute verwundert zu ihm auf. Jetzt mußte er auf seinen Stuhl +sitzen und Atem holen vor Rührung, nicht vor Erschöpfung. Dann +rief er mit triumphierender Stimme: “Es ist wahr, Wiseli, es ist +alles wirklich wahr! Die Herren haben alle ja gesagt. Du gehörst +mir, ich bin dein Vater, sag mir einmal ‘Vater’!”</p> + +<p>Wiseli war ganz schneeweiß geworden. Es stand da und starrte den +Andres an, aber es sagte kein Wort und bewegte sich nicht.</p> + +<p>“Ja so”, fing Andres wieder an, “du kannst es ja nicht begreifen, +es kommt mir alles durcheinander vor Freude. Jetzt will ich von +vorn anfangen. Siehst du, Wiseli, jetzt eben habe ich es in der +Kanzlei unterschrieben. Du bist jetzt mein Kind, und ich bin dein +Vater, und du bleibst hier bei mir für immer und gehst nie mehr +zurück zum Onkel. Hier bist du daheim, hier bei mir.”</p> + +<p>Jetzt hatte Wiseli alles begriffen. Auf einmal sprang es auf den +Andres zu, umfaßte ihn mit beiden Armen und rief: “Vater! Vater!” +Der Andres brachte kein Wort mehr hervor und das Wiseli auch nicht, +denn es kam so viel zusammen im Herzen und in den Gedanken, daß es +ganz überwältigt wurde. Aber mit einemmal war es, als ob ihm ein +helles Licht aufginge. Es schaute den Andres mit leuchtenden Augen +an und rief: “O Vater, jetzt weiß ich, wie es zugegangen ist und +wer uns geholfen hat.”</p> + +<p>“So, so, und wer denn, Wiseli?” fragte er.</p> + +<p>“Die Mutter!” war die rasche Antwort.</p> + +<p>“Die Mutter?” wiederholte Andres, ein wenig erstaunt. “Wie meinst +du das, Wiseli?”</p> + +<p>Jetzt erzählte das Kind, wie es die Mutter gesehen hatte, ganz +deutlich, wie sie es bei der Hand genommen und ihm einen sonnigen +Weg gezeigt und gesagt hatte: Sieh, Wiseli, das ist dein Weg.</p> + +<p>“Und jetzt, Vater”, fuhr Wiseli eifrig fort, “jetzt ist mir auf +einmal in den Sinn gekommen, wie der Weg war, gerade so, wie der +draußen im Garten, wenn die Sonne darauf scheint und die Nelken so +rot glühen und auf der anderen Seite die Rosen. Und die Mutter hat +ihn schon gekannt und hat gewiß das ganze Jahr den lieben Gott +gebeten, daß ich auf den Weg kommen dürfe. Sie hat schon gewußt, +wie gut ich es bei dir haben würde, wie sonst nirgends auf der +ganzen Welt. Das glaubst du jetzt auch, Vater, daß alles so +gegangen ist, nicht wahr, seit du weißt, daß die Mutter mir den Weg +bei den Nelken gezeigt hat?”</p> + +<p>Der gute Andres konnte nichts sagen, die hellen Tränen liefen ihm +die Wangen hinunter. Dabei aber lachte ihm eine solche Freude aus +den nassen Augen, daß es dem Wiseli nicht bange wurde.</p> + +<p>Als er aber endlich etwas sagen wollte, da hörte man nichts davon. +Denn in dem Augenblick wurde mit einem Krach die Tür aufgeschlagen, +und herein sprang mit einem Satz bis mitten in die Stube der Otto. +Dann machte er noch einen großen Sprung über einen Stuhl und rief: +“Juhe, wir haben gewonnen, und das Wiseli ist erlöst!”</p> + +<p>Hinter ihm stürzte das Miezchen hervor, rannte gleich auf seinen +Freund los und sagte mit bedeutungsvollem Winken gegen die Tür hin: +“Jetzt, Andres, wirst du gleich sehen, was zum Genesungsfest kommt!”</p> + +<p>Und da kam schon der Bäckerjunge herein mit einem so ungeheuren +Brett auf dem Kopf, daß er in der Tür steckenblieb und nicht damit +weiter konnte. Aber von hinten kam eine kräftige Hand, die hob und +schob und stützte das wankende Gebäude, bis es glücklich in der +Stube angelangt und auf den Tisch gesetzt war, den es gänzlich +bedeckte. Denn Otto und Miezchen hatten Sparbüchsen geopfert und +zum Genesungsfest den allergrößten Rahmkuchen machen lassen, den +ein Mensch machen könnte. Da er nun zu klein geworden wäre als +runder Kuchen, so hatte man ihn viereckig gemacht, so daß er den +Ofen ausfüllte von vorn bis hinten und nun den ganzen Tisch +bedeckte.</p> + +<p>Auf den Boden stellte nun die Trine, die hinter dem Bäckerjungen +hilfreich hereingekommen war, ihren großen Korb. Da waren ein +schöner Braten darin und Wein dazu, denn die Frau Oberst hatte +gesagt, heute habe der Andres gewiß noch keinen Bissen gegessen. +Und vielleicht das Wiseli ebenfalls nicht, und so war es auch. +Jetzt merkte auch das Wiseli, daß es hungrig war, als es alle die +einladenden Sachen vor sich sah.</p> + +<p>Nun setzte sich die ganze Gesellschaft an den Tisch, und man konnte +gar nicht absehen, wer von allen das fröhlichste Gesicht hatte. +Vor allem mußte der Riesenkuchen in der Mitte zerschnitten und die +Hälfte auf den Boden gelegt werden, daß man Platz bekam. Nun +folgte ein fröhliches Festessen, denn jedem, der an diesem Tisch +saß, war sein höchster Wunsch in Erfüllung gegangen.</p> + +<p>Als es nun spät geworden war unter all der Freude und man endlich +vom Tisch aufstehen mußte, sagte Andres: “Heute habt ihr ein Fest +bereitet. Aber am Sonntag will ich auch eins bereiten, dann kommt +ihr wieder. Und das soll das Fest des Einstands sein für mein +Töchterchen.”</p> + +<p>Nun schüttelten sich alle die Hände in der frohen Aussicht auf ein +neues herrliches Fest und auf die immerwährende Befriedigung, das +Wiseli beim Schreiner Andres zu wissen. In der Tür aber gab Wiseli +dem Otto noch einmal die Hand und sagte: “Ich danke dir +hunderttausendmal für alles Gute, Otto. Der Chäppi hat mir auch +nie mehr etwas an den Kopf geworfen, weil er nicht durfte. Das +habe ich nur dir zu danken.”</p> + +<p>“Und ich danke dir auch, Wiseli”, entgegnete Otto. “Ich habe gar +nie mehr die Fetzen auflesen müssen in der Schule. Das habe ich +nur dir zu danken.”</p> + +<p>Nun war in dem Stübchen alles still geworden, und der Mondschein +kam leise durchs Fenster herein, bei dem der Schreiner Andres saß, +während Wiseli abräumte. Dann kam das Kind zu ihm und sagte: +“Vater, soll ich dir nicht den Liedervers der Mutter laut vorbeten? +Ich habe ihn heute abend immer wieder leise für mich sagen müssen. +Den will ich gewiß mein ganzes Leben lang nie vergessen.”</p> + +<p>Andres wollte den Vers hören, und Wiseli schaute zu den Sternen auf +und sagte tief aus seinem Herzen heraus:</p> + +<p class="poetry">(“Befiehl du deine Wege,<br> +Und was dein Herze kränkt,<br> +Der allertreusten Pflege<br> +Des, der den Himmel lenkt.)</p> + +<p class="poetry">(Der Wolken, Luft und Winden<br> +Gibt Wege, Lauf und Bahn,<br> +Der wird auch Wege finden,<br> +Wo dein Fuß gehen kann.”)</p> + + +<p>Von diesem Tag an war und blieb das allerglücklichste Haus im +ganzen Dorf und im ganzen Land das Häuschen des Schreiners Andres +mit dem sonnigen Nelkengarten. Wo seither das Wiseli sich blicken +ließ, da waren alle Leute so freundlich mit ihm, daß es nur staunen +mußte. Denn vorher hatten sie es nie beachtet, und der Onkel und +die Tante gingen nie am Haus vorbei, ohne schnell hereinzukommen, +ihm die Hand zu geben und zu sagen, es solle auch zu ihnen kommen.</p> + +<p>Über diese Wendung war das Wiseli froh, denn es hatte immer +heimlich Angst gehabt beim Gedanken, was der Onkel zu allem sagen +werde. So war Wiseli von aller Furcht befreit und war fröhlich. +Im stillen aber dachte es: Der Otto und seine Familie waren gut mit +mir, als es mir schlechtging und ich niemanden mehr auf der Welt +hatte. Aber die anderen Leute sind erst freundlich mit mir +geworden, seit es mir gutgeht und ich einen Vater habe. Ich weiß +ganz gut, wer es am besten mit mir meint.</p> + + +<p>Ende dieses Projekt Gutenber Etextes Wie Wiselis Weg gefunden wird +Erzählung von Johanna Spyri.</p> + + +<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WISELIS WEG GEFUNDEN WIRD +ERZÄHLUNG ***</div> +<div style='text-align:left'> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Updated editions will replace the previous one—the old editions will +be renamed. +</div> + +<div style='display:block; margin:1em 0'> +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzhlung + +Johanna Spyri + + + +1. Kapitel +(Auf dem Schlittenweg) + + +Drauen vor der Stadt Bern liegt ein Drflein an einem Berghang. +Ich kann hier nicht sagen, wie es heit, aber ich will es ein wenig +beschreiben. Wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. +Oben auf der Anhhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, +voll schner Blumen von allen Arten. Das gehrt dem Oberst Ritter +und heit Auf dem Hang,. Von da geht es hinunter. Dann stehen auf +einem kleinen, ebenen Platz die Kirche und daneben das Pfarrhaus. +Dort hat die Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre frhliche +Kindheit verlebt. + +Etwas weiter unten kommen das Schulhaus und noch einige Huser, und +dann steht links am Weg noch ein Huschen ganz allein. Davor liegt +auch ein Grtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein +paar Resedastckchen, daneben aber sind Beete mit Zichorien und +Spinat bepflanzt, mit einer niederen Hecke von +Johannisbeerstruchern umgeben. Alles ist da immer in bester +Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg wieder bergab +den ganzen langen Hang hinunter bis auf die groe Strae, die an +der Aare entlang ins Land hinausfhrt. + +Dieser ganze lange Hang bildete zur Winterszeit den herrlichsten +Schlittenweg, der weit und breit zu finden war. Zehn Minuten lang +konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen. +Denn war man vom Haus des Obersten an bei diesem ersten, steilen +Absatz einmal recht in Fahrt gekommen, so gingen die Schlitten +vorwrts ohne Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestrae. + +Diese unvergleichliche Schlittenbahn machte auch das Lebensglck +einer groen Schar von Kindern aus, die alle, sobald nur die alte +Schulstubentr sich ffnete, herausstrzten, ihre Schlitten vom +Haufen rissen, den sie im Vorhof bildeten, und mit Windeseile zum +Schlittenweg rannten, wo die Stunden verflogen, man wute nicht, +wie. Denn unten am Berg war man immer so schnell und beim +Hinaufsteigen dachte man so eifrig ans nchste Hinunterfahren, da +man rasch wieder oben war. + +So brach immer zum groen Schrecken der Kinder die Nacht viel zu +frh herein, denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen +muten. Da folgte dann gewhnlich noch ein ziemlich strmisches +Ende, denn da wollte man schnell noch einmal fahren und dann noch +einmal und dann nur noch ein einziges Mal. Und so mute dann alles +noch in grter Eile zugehen, das Aufsitzen und das Abfahren und +wieder die Rckkehr den Berg hinauf. Da war auch ein Gesetz +errichtet worden, da keiner hinunterfahren sollte, whrend die +anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle abfahren +und miteinander alle zurckkehren, damit kein Gedrnge und +Schlittenverwickelungen entstehen knnten. Manchmal aber gab es +doch allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen +drangvollen Schlufahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa +noch zu kurz kommen wollte. + +So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Klte die +Schlittenbahn laut knisterte unter den Fen der Kinder und der +Schnee nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, da man htte +darauf fahren knnen wie auf einer festen Strae. Die Kinder aber +waren alle glhend rot und hei dazu, denn eben waren sie im +angestrengten Lauf den ganzen Berg hinaufgelaufen und hatten ihre +Schlitten nachgezogen. Und nun wurden die Schlitten rasch gewendet, +die Kinder strzten sich darauf, denn es hatte Eile. Drben stand +schon hell der Mond am Himmel, und die Betglocke hatte auch schon +gelutet. + +Die Buben hatten aber alle gerufen: "Noch einmal! Noch einmal!" +Und die Mdchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es +eine Verwirrung und einen groen Lrm. Drei Buben wollten durchaus +auf demselben Platz mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte +auch nur einen Zentimeter zurckweichen und spter abfahren. So +drckten sie einander auf die Seite hin, und der breite Chppi +wurde von den beiden anderen so gegen den Rand des Weges hin +gestoen, da er ganz in den Schnee hineinsank mit seinem schweren +Schlitten und fhlte, da er unter ihm stecken blieb. + +Eine groe Wut ergriff ihn bei dem Gedanken, da die anderen nun +abfahren wrden. Er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf ein +kleines, schmales Mdchen, das neben ihm im Schnee stand. Es war +ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schrze gewickelt, um es +wrmer zu haben. Aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen +dnnen Krperchen. Das schien dem Chppi ein passendes Wesen zu +sein um seine Wut daran auszulassen. + +"Kannst du einem nicht aus dem Weg gehen, du lumpiges Ding? Du +brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen +Schlitten. Wart nur, ich will dir schon aus dem Weg helfen." Damit +stie der Chppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kind +eine Schneewolke entgegenzuwerfen. + +Es floh zurck, so da es bis an die Knie in den Schnee sank, und +sagte schchtern: "Ich wollte nur zusehen." + +Der Chppi stie eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee, als +ihn von hinten eine so erschtternde Ohrfeige traf, da er fast vom +Schlitten fiel. "Wart du!" rief er auer sich vor Erbitterung, +denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte. Mit +geballter Hand drehte er sich um, seinen Feind zu treffen. + +Da stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zum +Abfahren zurecht gestellt. Er schaute nun ganz ruhig auf den +Chppi nieder und sagte: "Probier's!" Es war Chppis Klassengenosse, +der elfjhrige Otto Ritter, der fter mit dem Chppi kleine +Meinungsverschiedenheiten auszutragen hatte. Otto war ein +schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so breit wie der +Chppi. Aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren, da Otto +eine merkwrdige Gewandtheit in Hnden und Fen besa, gegen die +der Chppi sich nicht zu helfen wute. + +Er schlug nicht zu, aber die geballte Hand hielt er immer noch hoch, +und wuterfllt rief er: "La du mich gehen, ich habe nichts mit +dir zu tun!" + +"Aber ich mit dir", entgegnete Otto kriegerisch. "Was brauchst du +das Wiseli dorthinein zu jagen und es noch mit Schnee zu +berschtten? Ich habe es gesehen, du Feigling. Fllt ber ein +kleines Kind her, das sich nicht wehren kann!" Damit kehrte er +verchtlich dem Chppi den Rcken und wandte sich dem Schneefeld zu, +wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte. "Komm heraus +aus dem Schnee, Wiseli", sagte Otto mit Beschtzermiene. "Siehst +du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen +Schlitten, und hast du nur zusehen mssen? Da, nimm meinen und +fahr einmal hinunter, schnell, siehst du, da fahren sie schon." + +Das bleiche, schchterne Wiseli wute gar nicht, wie ihm geschah. +Zwei-, dreimal hatte es zugeschaut, wie eines nach dem andern auf +seinem Schlitten sa, und gedacht: Wenn ich nur ein einziges Mal +ganz hinten aufsitzen drfte. Nun sollte es allein hinunterfahren +drfen und dazu auf dem allerschnsten Schlitten mit dem Lwenkopf +vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht und hoch +mit Eisen beschlagen war. + +Vor lauter Glck stand Wiseli ganz unschlssig da und schaute nach +dem Chppi, ob er es nicht vielleicht zu prgeln gedenke zur Strafe +fr sein Glck. Aber der sa jetzt ganz abgekhlt da, so als wre +gar nichts geschehen. Und Otto stand so schutzverheiend daneben, +da das Wiseli seinen Mut zusammennahm, um sein Glck zu erfassen. +Es setzte sich wirklich auf den schnen Schlitten, und da nun Otto +mahnte: "Schnell, Wiseli, fahr ab", so gehorchte es, und hinunter +ging's wie vom Wind getragen. + +In der krzesten Zeit hrte Otto die ganze Gesellschaft wieder +herankeuchen, und er rief der Kleinen entgegen: "Wiseli, bleib +unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu! +Nachher mssen wir gehen." Das glckliche Wiseli setzte sich noch +einmal hin und geno noch einmal die langersehnte Freude. Dann +brachte es den Schlitten zurck und dankte ganz schchtern seinem +Wohltter und rannte eilig davon. + +Otto fhlte sich sehr befriedigt. "Wo ist das Miezi?" rief er in +die Gesellschaft hinein, die sich allmhlich zerstreute. + +"Da ist es", ertnte eine frhliche Kinderstimme, und aus dem +Knuel heraus trat ein rundes, kleines Mdchen, das der Bruder Otto +als krftiger Schutzmann bei der Hand fate und nun mit ihm zum +vterlichen Haus lief. Denn es war heute spt geworden. Die +erlaubte Zeit des Schlittenfahrens war lange berschritten. + + +2. Kapitel +(Daheim, wo's gut ist) + + +Als Otto und seine Schwester durch den langen, steinernen Hausflur +hereinstrmten, trat die alte Trine aus einer Tr und hielt ihr +Licht in die Hhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. +"So, endlich!" sagte sie, halb zankend, halb wohlgefllig. "Die +Mutter hat schon nach euch gefragt, aber da war kein Bein zu sehen. +Und acht Uhr hat's geschlagen--vor wer wei wie langer Zeit." Die +alte Trine war schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter +der beiden Kinder zur Welt kam. So hatte sie groe Rechte im Haus +und fhlte sich durchaus als Familienmitglied, eigentlich als +Oberhaupt, denn an Alter und Erfahrung war sie die erste. Die alte +Trine war vernarrt in beide Kinder ihrer Herrschaft und sehr stolz +auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften. Das lie sie aber nicht +merken, sondern sprach immer in entrstetem Ton mit ihnen, denn das +fand sie erzieherisch. + +"Schuhe aus, Pantoffeln an!" rief sie jetzt. Der Befehl wurde aber +gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort kniete sie vor +Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, und zog +ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand inzwischen +mitten in der Stube und rhrte sich nicht, was sonst nicht ihre Art +war, so da die alte Trine whrend ihrer Arbeit ein paarmal +hinberschielte. Jetzt war Otto gerstet, und Miezchen sollte auf +dem Sessel sitzen. Aber es stand noch auf demselben Platz. + +"Nun, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann trocknen die +Schuhe von selbst", sagte die Trine. + +"Pst! pst! Trine, ich habe etwas gehrt. Wer ist in der groen +Stube?" fragte Miezchen und hob den Zeigefinger. + +"Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht hinein. +Jetzt setz dich", mahnte Trine. + +Aber anstatt zu sitzen, sprang Miezchen hoch und rief: "Jetzt habe +ich's wieder gehrt, so lacht der Onkel Max." + +"Was?" schrie Otto und war mit einem Satz bei der Tr. + +"Wart! wart!" schrie Miezchen nach und wollte gleich mit zur Tr +hinaus. Aber jetzt wurde es abgefat und auf den StuhI gesetzt, +die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den zappelnden +Fchen. Doch gelang die Arbeit, und nun strzte Miezchen zur Tr +hinaus und hinber in die groe Stube und direkt auf den Onkel Max +los, der richtig dort im Lehnstuhl sa. + +Da war nun ein groer Freudenlrm und ein Gren und ein +Willkommenrufen in allen Tnen, und in das Lachen der Kinder +stimmte der Onkel Max mit ein. Es dauerte einige Zeit, bis sich +der Tumult etwas gelegt hatte und die Festfreude einen ruhigen +Charakter annahm. Denn ein Fest fr die Kinder war der Besuch des +Onkels jedesmal und aus triftigen Grnden. Der Onkel Max war ihr +besonderer Freund. Er war fast immer auf Reisen und kam nur alle +paar Monate einmal zu Besuch. Dann gab er sich aber mit den +Kindern ab, als gehrten sie ihm selber an. Und was er fr +wunderbar herrliche Sachen in allen Taschen fr sie brachte, das +war mit nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig +und zauberhaft. Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in +allen Winkeln der Erde umher. Und aus jedem brachte er etwas +Eigentmliches mit. + +Endlich sa die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum, und die +dampfende Schssel brachte vllige Besnftigung in die aufgeregten +Gemter. Denn von der Schlittenbahn wurde immer ein richtiger +Appetit mitgebracht. "So", sagte der Papa und blickte ber den +Tisch hinber, wo an der Seite der Mutter das Tchterchen fleiig +arbeitete. "So, so, heute hat also das Miezchen keine Hand fr +seinen Papa, noch habe ich keinen Gru bekommen. Und jetzt ist +keine Zeit mehr dazu." + +Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und +sagte: "Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Absicht getan, und +jetzt will ich gleich..." Und damit stie sie mit groer +Anstrengung den Sessel zurck. + +Aber der Papa rief: "Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestrung! Da +gib die Hand ber den Tisch hin, das brige wollen wir dann +nachholen. So ist's recht, Miezchen." + +"Wie hat man eigentlich das Kind getauft, Marie? Ich war zwar auch +dabei, aber ich habe keine Ahnung, welcher Name in der Kirche +ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?" sagte der Onkel lachend. + +"Du warst wirklich dabei, Max", entgegnete seine Schwester, "da du +der Pate des Kindes bist. Es erhielt damals den Namen Marie. Sein +Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den Namen noch recht +unntz vervielfltigt." + +"O nein, Mama, wirklich nicht unntz", rief Otto ernsthaft. +"Siehst du, Onkel, das geht nach ganz bestimmten Regeln. Wenn das +kleine Ding ordentlich und sanftmtig ist, dann nenne ich es +Miezchen. Das geschieht aber selten, und im gewhnlichen Leben +nenne ich es daher Miezi. Wird es aber bse, dann sieht es ganz +aus wie ein kleiner wilder Kater und mu Miez genannt werden, der +Miez." + +"Ja, ja, Otto", tnte es nun zurck, "und wenn du bse wirst, dann +siehst du ganz aus wie ein--wie ein..." + +"Wie ein Mann", ergnzte Otto, und da dem Miezchen eben kein +Vergleich einfiel, so arbeitete es jetzt um so emsiger an seinem +Brei herum. + +Der Onkel lachte laut auf. "Das Miezchen hat recht", rief er, "es +ist besser, sich um seine Geschfte zu kmmern, als auf Schmhungen +zu antworten." "Aber, Kinder", setzte er nach einer Weile hinzu, +"nun bin ich fast ein Jahr nicht hier gewesen, und ihr habt mir +noch gar nichts erzhlt. Was habt ihr denn inzwischen alles +erlebt?" + +Die neuesten Ereignisse erfllten zunchst den Sinn der Kinder. So +wurde gleich mit groer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die eben +erlebte Geschichte erzhlt, wie der Chppi das Wiseli behandelt +hatte, wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte +und endlich doch noch zu zwei Fahrten kam. + +"So ist's recht, Otto", sagte der Papa. "Du mut deinem Namen Ehre +machen, fr die Wehrlosen und Verfolgten mut du dich immer +einsetzen. Wer ist das Wiseli?" + +"Du kannst das Kind und seine Mutter kaum kennen", sagte die Mama, +zu ihrem Mann gewandt. "Aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter +recht gut. Du kannst dich doch noch auf den mageren Leineweber +besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er hatte ein einziges Kind +mit groen braunen Augen, das oft bei uns im Pfarrhaus war und so +schn singen konnte. Erinnerst du dich?" + +Bevor aber die weiteren Erinnerungen besprochen wurden, steckte die +alte Trine ihren Kopf zur Tr herein und rief: "Der Schreiner +Andres mchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er +nicht strt." Diese harmlosen Worte verursachten groe Verwirrung +in der Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlffel, mit dem +sie soeben dem Onkel entgegenkommen wollte, beiseite und sagte +eilig: "Entschuldigt mich!" Rasch ging sie hinaus. Otto sprang so +strmisch auf, da er seinen Stuhl umwarf und dann selbst darber +strzte, als er davonlaufen wollte. Das Miezchen hatte hnliche +Taten vor, aber der Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr +gesehen und hielt es nun mit beiden Armen fest. Aber es zappelte +jmmerlich und schrie: "La los, Onkel, la los. Im Ernst, ich mu +gehen." + +"Wohin denn, Miezchen?" + +"Zum Schreiner Andres. La schnell los! Hilf mir, Papa." + +"Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lasse +ich dich los." + +"Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der +Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt la los." Nun strmte auch +das Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max +brach in Gelchter aus und rief: "Wer ist denn der Schreiner Andres, +um den deine ganze Familie sich zu reien scheint ?" + +"Das mut du besser wissen als ich", entgegnete der Oberst. "Es +wird wohl ein Jugendfreund von dir sein und das Fieber der +Verehrung wird auch dich noch ergreifen. Es mu in eurer Familie +sein, bei uns hat es die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel +sagen, da der Schreiner Andres der Grundstein meines Hauses ist, +auf dem alles feststeht. Und sicher werde alles auseinanderbrechen, +sollte das Haus diesen Halt verlieren. Der Schreiner Andres ist +hier Rat, Trost, Heil und Hilfe in der Bedrngnis. Will meine Frau +ein Hausgert haben, von dem sie gar nicht wei, wie es aussehen +soll und wozu man es braucht--der Schreiner Andres erfindet es und +fertigt es an. Bricht Feuers- oder Wassersnot in der Kche oder im +Waschhaus aus, der Schreiner Andres greift in die Elemente und +bringt das Feuer ins Stocken und das Wasser in Flu. Macht mein +Sohn einen recht dummen Streich, der Schreiner Andres bringt alles +wieder in Ordnung. Schmeit meine Tochter das smtliche Hausgert +entzwei, der Schreiner Andres leimt es wieder zusammen. So ist der +Schreiner Andres die sttzende Sule meines Hauses, und wenn diese +zusammenbrechen wrde, so gingen wir alle in Trmmer." + +Die Mutter war inzwischen wieder eingetreten, und ihr zuliebe +schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres sehr +eingehend. Onkel Max lachte schallend. + +"Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!" sagte die Mutter. "Ich wei schon, +was ich an dem Schreiner Andres habe." + +"Und ich auch", bemerkte der Vater mit spttischem Lcheln. + +"Und ich auch!" behauptete das Miezchen herzhaft. + +"Und ich auch!" sagte Otto seufzend, dem der Knchel noch von +seinem Sturz ber den Stuhl hin weh tat. + +"So, nun sind wir alle einer Meinung", bemerkte die Mutter, "nun +knnen die Kinder in Frieden zu Bett gehen." + +Auf diese Anzeige hin drohte dem Frieden gleich eine Strung. Aber +es half nichts, die alte Trine stand schon vor der Tr und achtete +darauf, da die Hausordnung nicht berschritten wurde. Die Kinder +muten sich verabschieden, und gleich nachher verschwand die Mutter +auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne da die +Mutter zum Nachtgebet an ihre Betten gekommen war. + +Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den +Herren zurck und setzte sich gemtlich hin. + +"Endlich", sagte da der Oberst aufatmend, als habe er eine harte +Schlacht hinter sich. "Siehst du, Max, erst gehrt meine Frau dem +Schreiner Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch +etwas brigbleibt." + +"Und siehst du, Max", sagte die Mutter lachend, "wenn mein Mann +noch so spottet--er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so +gern wie wir alle. Gestehe es nur ein, Otto! Eben hat mir Andres +auch fr dich noch einen Auftrag bergeben, er hat seine jhrliche +Summe gebracht und bittet um deine Hilfe." + +"Das ist wahr", sagte der Oberst, "einen ordentlicheren, +fleiigeren, zuverlssigeren Mann kenne ich nicht. Dem wrde ich +Weib und Kind und Hab und Gut und alles anvertrauen wie keinem +anderen. Das ist der ehrlichste Mann in unserer ganzen Gemeinde +und noch weit darber hinaus." + +"Jetzt siehst du, Max", sagte die Frau lachend, "ich konnte doch +nicht mehr sagen." + +Ihr Bruder lachte mit ber den Eifer, in den der Oberst unversehens +gefallen war. Dann entgegnete er: "Nun habt ihr mir alle so viel +von eurem Wundermann vorerzhlt, da ich wirklich wissen mchte, +woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht +hier gesehen?" + +"Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max", entgegnete seine +Schwester. "Du mut dich noch an den Andres erinnern, mit dem wir +zur Schule gingen. Weit du denn nicht mehr, wie zwei Brder +zusammen in derselben Klasse mit dir waren? Der ltere war damals +schon ein rechter Taugenichts. Er war nicht dumm, aber tat nichts +und blieb darum stecken und kam dann mit dem viel jngeren Bruder +in eine Klasse zusammen, in der du auch warst. Du mut dich gewi +erinnern, er hie Jrg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er +bewarf uns, wo er konnte, mit irgend etwas, mit unreifen pfeln und +Birnen und dann mit Schneebllen, und rief uns berall nach: +'Aristokratenbrut!'" + +"Oh, der!" rief Onkel Max lachend, "ja, nun wei ich auf einmal +alles. Richtig, 'Aristokratenbrut' rief er uns +bestndig nach. Ich mchte nur wissen, wie ihm das Wort in den +Sinn kam. Er war ein widerwrtiger Kerl. Da sah ich ihn einmal +einen viel kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchprgeln. Dem +half ich aber, dafr rief er mir mindestens zwlfmal nach: +'Aristokratenbrut!' Ach, nun wei ich auch auf einmal, wer der +andere war. Das war der magere, kleine Andres, sein Bruder, das +ist gewi euer Andres. Und dann ist das auch der Andres mit den +Veilchen, nicht wahr, Marie? Oh, jetzt verstehe ich schon die +dicke Freundschaft." Onkel Max lachte aufs neue auf. + +"Was fr Veilchen? Das mu ich wissen", fiel der Oberst ein. + +"Oh, die Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als wre sie +gestern geschehen", sagte der Onkel ganz angeregt von seinen +Erinnerungen. "Die mu ich dir erzhlen, Otto. Du weit +vielleicht durch deine Frau, da wir hier im Dorf in jenen +glcklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, +der fand, da alle Mngel der Schulkinder aus ihnen heraus- und +alle Fhigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprgelt +werden knnten. So war er gezwungen, sehr viel zu prgeln, um den +einen oder andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf +einmal. Einmal nun war ihm der magere Andres unter die Hand +gekommen. Dem schlug er nun so krftig seine wohlgemeinte +Ermahnung auf den Rcken, da der Andres laut aufschrie. In diesem +Augenblick stand meine kleine Schwester, die krzlich in die Schule +eingetreten war und sich noch nicht so recht in die dort +herrschenden Gebruche eingelebt hatte, pltzlich auf von ihrem +Sitz in der ersten Bank. Sie lief eilig zur Tr. Der Schullehrer +hielt inne mit seiner Arbeit und rief ihr nach: 'Wohin lufst +du?' Marie kehrte sich um. Die hellen Trnen liefen ihr ber +die Backen, und sie sagte ganz aufrichtig: 'Ich will heimgehen +und es dem Papa sagen.' 'Wart, ich will dir!' rief jetzt der +Schullehrer berrascht und strzte vom Andres weg auf die kleine +Marie los. Die prgelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm +und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin. Dann sagte er +noch einmal: 'Wart, ich will dir!' Damit war aber alles abgetan. +Auch der Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen +friedlichen Ausgang. Aber die Trnen, die meine Schwester fr den +Andres vergossen hatte, und ihr Einschreiten gegen den Tyrannen +wurden nicht vergessen. Von dem Tag an lag jeden Morgen ein Strau +Veilchen auf ihrem Platz und durchduftete den ganzen Schulraum. +Und nachher kam noch ein anmutigerer Duft von dem Platz her, denn +da lagen groe Erdbeerstrue mit den prchtigsten dunkelroten +Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren. Und so ging es das +ganze Jahr durch immerfort. Wie sich dann aber die Freundschaft zu +dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt ist, +das mu meine Schwester wissen und uns mitteilen." + +Der Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Trnen und der +Veilchen und forderte seine Frau auf, weiter zu erzhlen. + +Sie sagte lachend: "Erdbeeren und Veilchen blhen deiner Ansicht +nach das ganze Jahr durch, Max. Das ist aber nicht ganz so. Aber +der gute Andres wurde wirklich das ganze Jahr durch nicht mde, mir +irgend etwas Erfreuliches aus Feld und Wald zu suchen und an meinen +Platz zu legen, solange wir miteinander zur Schule gingen. Er trat +dann lange vor mir aus und kam in die Lehre zu einem Schreiner in +der Stadt. Er kam aber oft nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus +den Augen. Und als mein Mann dieses Gut kaufte und wir uns eben +verheiratet hatten, handelte es sich darum, da Andres sich etwas +ankaufen und sich selbstndig niederlassen wollte. Er hatte seine +Eltern verloren und stand ganz allein, aber als tchtiger Arbeiter +da. Er hatte seine Augen auf das Huschen mit dem sauberen kleinen +Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es aber nicht +ankaufen, da der Verkufer sofort bares Geld haben wollte und +Andres erst etwas verdienen mute. Aber wir kannten ihn und seine +Arbeit. Mein Mann kaufte das Gtchen an fr ihn, und er hat es +keinen Augenblick zu bereuen gehabt." + +"Nein, wahrhaftig nicht", fiel der Oberst ein. "Der brave Andres +hat lngst sein Gut vollstndig abgezahlt, und seither bringt er +mir jedes Jahr um diese Zeit eine ganz hbsche Summe, den Gewinn +seiner Jahresarbeit. Die lege ich ihm gut an. Er ist jetzt schon +ein wohlhabender Mann, und nun nimmt sein Besitztum jhrlich sehr +zu. Er kann sein Huschen noch zu einem groen Haus machen, der +brave Andres. Es ist nur schade, da er wie ein Einsiedler lebt +und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genieen kann." + +"Hat er denn keine Frau und keine Familie? Und wo ist der +bitterbse Jrg schlielich hingekommen?" fragte Onkel Max weiter. + +"Nein, er hat gar niemanden", antwortete die Schwester. "Er lebt +vllig allein, wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, +traurige Geschichte erlebt, die ich mit angesehen habe und die ihm +gewi alle Lust genommen hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder +Jrg ist hier einige Jahre herumgestrolcht. Er hat nie gearbeitet, +sondern gehofft, durch furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, +die keine Lumpen waren wie er, endlich doch noch sein Glck zu +machen. Und als ihm dies nicht gelang, auch der gute Andres ihm +endlich nicht mehr aus seinen Schulden und allem Bsen heraushelfen +konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er verschwunden. Wohin, +hat man nie recht gewut. Jedermann war froh, da er fort war." + +"Was war denn die traurige Geschichte, Marie?" fragte der Bruder. +"Die mu ich auch noch wissen." + +"Und ich auch", sagte der Oberst und zndete zu der Erzhlung +vergnglich eine neue Zigarre an. + +"Aber Otto", bemerkte die Frau Oberst, "dir habe ich dieses +Erlebnis wohl schon sechsmal erzhlt." + +"So?" entgegnete ruhig der Oberst. "Es gefllt mir, wie es scheint." + +"So fang an!" ermunterte der Onkel. + +"Du mut dich noch an das Kind erinnern knnen, Max", begann seine +Schwester, "von dem ich heute abend schon einmal gesprochen habe, +das ganz in unserer Nhe wohnte. Es gehrte dem bleichen, mageren +Leineweber, den wir immer sein Weberschifflein hin- und herwerfen +hrten, wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und +nett aus und hatte groe, lustig glnzende Augen und so schne +braune Haare. Es hie Aloise." + +"In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt", warf Onkel Max ein. + +"Oh, ich wei schon, warum", fuhr seine Schwester fort. "Wir +nannten sie auch nie so, besonders du nicht. Wisi nannten wir sie, +zum Schrecken unserer seligen Mama. Weit du denn nicht mehr, wie +oft du selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten +mit Mama und es so leise tnte: 'Man mu das Wisi holen, +sonst geht's nicht'?" + +Jetzt stieg die Erinnerung mit einemmal in Onkel Max' Gedchtnis +auf. Er lachte auf und rief: "Oh, das ist's, das Wisi, ja gewi, +das Wisi kenne ich. Ich sehe es deutlich vor Augen mit dem +lustigen Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauflos +sang. Ich mochte es gern, das Wisi. Es war auch nett anzusehen. +Das ist wahr. Die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, +wenn ich 'Wisi' sagte. Ich habe aber nie gewut, wie +das Wisi eigentlich hie." + +"Freilich hast du das gewut", bemerkte die Schwester, "denn +jedesmal sagte die Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schnen +Namen Aloise ein Wisi zu machen." + +"Das habe ich wohl jedesmal berhrt", meinte Onkel Max. "Aber wo +ist denn das Wisi hingekommen?" + +"Du weit, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir +sind miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur +sechsten. Da kann ich mich ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre +durch der Andres als treuster Freund und Beschtzer dem Wisi zur +Seite stand in Freud und Leid. Und es konnte den Freund gut +brauchen. Meistens, wenn es zur Schule kam und die Tafel mit +Rechnungen bedeckt bringen sollte wie wir anderen auch, da stand +nicht eine Zahl darauf. Es legte sie aber mit dem lustigsten +Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden Augenblick stand +alles darauf, was darauf stehen sollte. Denn der Andres hatte +schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt. Oft +geschah es auch, da Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen +eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte +im Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschttelt. Und wenn +dann Gericht ber diese Untaten gehalten wurde, dann blieb +regelmig alles auf dem Andres sitzen. Nicht da er von jemand +angeklagt wurde, sondern er selbst sagte gleich halblaut, er meine, +er habe die Scheibe zerdrckt. Und er glaube auch, er habe an dem +Pflaumenbaum gerttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder +wuten immer ganz gut, wie es war. Aber wir lieen es so gehen. +Wir waren so gewhnt daran, da es so sei, und dann hatten wir alle +das lustige Wisi so gern, da wir's ihm immer gnnten, wenn es +ungestraft davonkam. Und pfel und Birnen und Nsse hatte Wisi +immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres. Denn was er +nur hatte und erlangen konnte, das stecke er alles dem Wisi in den +Schulsack. Ich dachte manchmal darber nach, wie es denn sein +knne, da der stille Andres gerade das allerlustigste und +aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe. Und dann +sann ich darber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres +besonders gern habe. Es war wohl immer freundlich zu ihm, aber so +war es auch mit den anderen. Und als ich einmal ernstlich unsere +Mama fragte, wie das wohl sei, da schttelte sie ein wenig den Kopf +und sagte: 'Ich frchte, ich frchte, diese artige Aloise ist +ein wenig leichtsinnig und kann noch in eine schwere Schule kommen.' +Diese Worte gaben mir viel zu denken und kamen mir immer +wieder in den Sinn." + +Die Frau Oberst sah lchelnd vor sich hin. "Als wir dann zusammen +in den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmig am +Sonntagabend zu uns herber, und wir sangen zusammen am Klavier +Chorle. Daran hatte es damals sehr groe Freude, es konnte alle +die schnen Lieder auswendig und sang sie mit heller Stimme. Wir +hatten auch unsere Freude an den Abenden, Mama und ich, und auch +darber, da Wisi so gern in den Unterricht ging und ihn sich +wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein groes Mdchen geworden +und sah recht gut aus. Seine lustigen Augen hatte es noch, und +wenn es auch nie so krftig aussah wie die Bauernmdchen im Dorf, +so hatte es doch eine blhende Gesichtsfarbe und war netter als sie +alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er +kam aber immer ber den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu +uns ins Pfarrhaus, und am liebsten sprach er dann immer mit mir von +den vergangenen Tagen der Schule. Und dann kamen wir immer bald +auf das Wisi zu sprechen. Das kam so im Zusammenhang, und +schlielich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging +ganz das Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und whrend +alle Welt lngst das Wisi nie anders also so genannt hatte, nannte +er es unwandelbar das 'Wiseli'. Und das kam dann so +ganz eigen zrtlich heraus. + +Da kam auch ein Sonntag, als das Wisi und ich noch nicht achtzehn +Jahre alt waren. Gegen Abend trat er bei uns ein und sah ganz +rosig aus. Und als wir nun mit Mama zusammensaen, da sagte Wisi, +es sei gekommen, uns mitzuteilen, da es sich mit dem jungen +Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im Dorfe +wohnte. Sie knnten gleich heiraten, da er eine gute Anstellung +habe unten in der Fabrik, und so htten sie denn schon alles +festgesetzt, da sie gleich in zwlf Tagen zusammenkommen knnten. +Ich war so erstaunt und so traurig, da ich kein Wort sagen konnte. +Eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz bekmmert +aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte ihm +vor, wie leichtsinnig es sei, da es sich so schnell mit dem +Fabrikarbeiter eingelassen habe. Es kenne ihn ja kaum, und da sei +doch ein anderer, der ihm Jahre lang nachgegangen sei und ihm +gezeigt habe, wie lieb er es habe. Und zuletzt fragte sie es +dringend, ob denn nicht alles noch rckgngig gemacht werden oder +doch eine gute Zeitlang hinausgeschoben werden knne. Es knne +noch bei seinem Vater bleiben, es sei ja noch so jung. Da fing +Wisi zu weinen an und sagte, es habe ganz bestimmt sein Wort +gegeben, alles sei eingerichtet auf die Zeit und dem Vater sei's +recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber das arme Wisi weinte +immer rger. Da nahm sie es bei der Hand und zog es zum Klavier +hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir zusammen sangen. +Sie sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: 'Trockne nun +deine Trnen, wir wollen noch einmal zusammen singen.' Dann +schlug sie uns das Lied auf, und wir sangen zusammen: + +('Befiehl du deine Wege, +Und was dein Herze krnkt, +Der allertreusten Pflege +Des, der den Himmel lenkt.) + +('Der Wolken, Luft und Winden +Gibt Wege, Lauf und Bahn, +Der wird auch Wege finden, +Wo dein Fu gehen kann.') + +Wisi ging dann wieder getrstet von uns, die Mutter hatte ihm noch +einige freundliche Worte gesagt. + +Aber mich hatte die Sache recht traurig gemacht. Ich hatte ein +ganz bestimmtes Gefhl, da das arme Wisi seine frohen Tage nun +hinter sich hatte, und dann tat mir der Andres unsglich leid. Was +wrde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein Wort, aber ein +paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war noch stiller +geworden als vorher. Ich habe auch seither nie mehr sein +stillfrhliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft gezeigt +hat." + +"Der arme Kerl!" rief Onkel Max aus. "Hat er denn keine andere +Frau genommen?" + +"Ach, nein, Max", entgegnete seine Schwester ein wenig strafend, +"wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen. Er ist ja die +Treue selbst." + +"Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester", erwiderte der +Bruder begtigend. "Ich konnte doch nicht voraussehen, da dein +vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an +sich trgt. Aber das Wisi, erzhl weiter von ihm. Ich hoffe +wirklich, das lustige Wisi ist nicht unglcklich geworden, es wrde +mir leid tun." + +"Ich merke schon, Max", sagte die Schwester, "da du es heimlich +mit dem Wisi hltst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres, +dem es doch fast das Herz abgedrckt hat, da das Wisi fr ihn +verloren war." + +"Doch, doch", versicherte der Onkel, "ich kann ihm nachfhlen, wie +unglcklich er war. Aber weiter, wie ging's mit dem Wisi? Es hat +doch seine lustigen Augen nicht verweint?" + +"Doch, ich glaube schon", fuhr die Schwester fort. "Ich habe Wisi +nicht mehr oft gesehen, es hatte viel zu tun. Ich glaube, der Mann +war nicht eben bse, aber er hatte etwas Rohes, er konnte so grob +und unfreundlich sein, auch mit seinen kleinen Kindern. Wisi hatte +gewi wenig Freude mehr. Es hatte mehrere nette Kinder, aber sie +waren alle sehr zart, es verlor sie wieder eins nach dem andern. +Fnf hatte es begraben mssen, nur ein einziges ist ihm geblieben, +ein feines, zartes Geschpfchen, ein kleines Wiseli. Es ist nicht +viel grer als unser Miezchen und ist doch gut drei Jahre lter. +Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten, da man +deutlich sehen konnte, was kommen wrde. Und nun ist es auch da, +eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin. Ich frchte, es ist +gar keine Hoffnung mehr." + +"Nein!" rief Onkel Max erschrocken aus. "Das kann doch nicht sein, +ist's wirklich wahr? Kann man da nichts machen, Marie? Wir wollen +doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen." + +"Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen", sagte die Schwester +traurig. "Da war berhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war fr all +die Arbeit und Anstrengung viel zu zart." + +"Und was macht nun der Mann?" fragte Onkel Max. + +"Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi +auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde +ihm in der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, da man +ihn halbtot nachhause brachte. Danach konnte er nicht mehr +arbeiten. Er mu kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. +Wisi hatte ihn nun auch noch zu verpflegen zu allem andern. Er +starb dann ungefhr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt +Wisi allein mit dem Kind." + +"Und so blieb von allem gar nichts mehr brig als ein kleines +Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird's doch +nicht kommen mssen. Das Wisi kann noch gesund werden und alles +noch kommen, wie es htte sein sollen von Anfang an." + +"Nein, nein, dazu ist es zu spt", entgegnete die Schwester sehr +bestimmt. "Das arme Wisi hat seinen Leichtsinn schwer ben mssen. +Aber jetzt ist es spt geworden." Und fast erschrocken stand sie +auf, denn ber dem Gesprch war die Mitternachtsstunde +vorbergegangen. + +Seit einiger Zeit schon war der Oberst ganz still geworden, er +hatte sich in seinen Lehnstuhl zurckgelegt und war fest +eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar keinen Schlaf, denn mit der +Erzhlung von dem armen Wisi waren ihm alle Jugenderinnerungen so +lebendig aufgestiegen, da er noch eine Menge von Dingen und +Persnlichkeiten besprechen wollte. Aber seine Schwester war +unerbittlich, sie hielt die Lampe in der Hand und drngte zum +Aufbruch. + +So half denn nichts. Um aber nicht allein die unwillkommene +Strung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so +gewaltigen Ruck an seinem Stuhl, da der Oberst mit einem Schrecken +emporscho, als sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber +sein Schwager klopfte ihm friedlich auf die Schulter und sagte: "Es +war nur eine leise Mahnung von seiten deiner Frau, da wir uns +zurckziehen mchten." Der Rckzug wurde dann vollzogen, und bald +stand das Haus auf der Hhe ganz still im Mondschein da. Und unten +am Berg stand eins, da sollte es auch bald still werden. Jetzt +brannte noch ein schwaches Lmpchen drinnen und warf seinen matten +Schimmer durch das schmale Schubfenster in die monderhellte Nacht +hinaus. + + +3. Kapitel +(Auch noch daheim) + + +Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten nach Hause gingen, +rannte das kleine Wiseli aus allen Krften den Berg hinunter. Denn +es wute, da es lnger fortgeblieben war, als die Mutter erwartete, +und das tat es sonst nicht. Aber heute war sein Glck so gro +gewesen, da es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte. +Jetzt lief es um so schneller und wre fast in einen Mann +hineingerannt, der eben aus der Tr des Huschens trat, als es +hineinstrmen wollte. Er ging ihm aber ganz leise aus dem Weg, und +das Wiseli sprang vorwrts in die Stube hinein und auf die Mutter +zu, die auf einem kleinen Stuhl am Fenster sa und zu Wiselis +Erstaunen noch kein Licht angezndet hatte. + +"Mutter, bist du bse, da ich so lang ausgeblieben bin?" rief es +und umarmte sie. + +"Nein, nein, Wiseli", antwortete sie freundlich. "Aber ich bin +froh, da du da bist." + +Jetzt fing das Wiseli der Mutter von seinem groen Erlebnis zu +erzhlen an, wie gut der Otto zu ihm gewesen war und wie es zweimal +mit dem allerschnsten Schlitten hatte den Berg hinunterfahren +knnen. Als es dann mit seiner Erzhlung fertig war und die Mutter +noch immer so still dasa, fiel ihm erst ein, da sie das sonst +nicht tat. Es fragte verwundert: "Aber warum hast du noch kein +Licht, Mutter?" + +"Ich bin so mde heute abend, Wiseli", antwortete sie. "Ich konnte +nicht aufstehen und Licht machen. Hol das Lmpchen herein und +bring mir einen Schluck Wasser mit, ich habe so groen Durst." + +Wiseli lief in die Kche und kam bald zurck, in der einen Hand das +Licht und in der andern eine Flasche, in der ein roter Saft +schimmerte, so hell und einladend, da die durstende Kranke erfreut +ausrief: "Was bringst du mir Schnes, Wiseli?" + +"Ich wei nicht", sagte das Kind, "es stand auf dem Kchentisch, +sieh, wie es funkelt." + +Die Mutter nahm die Flasche in die Hand und roch daran. "Oh", +sagte sie, "wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib mir schnell ein +wenig Wasser dazu, Wiseli." + +Das Kind go roten Saft in ein Glas und fllte es mit Wasser, und +mit durstigen Zgen trank die Mutter den erquickenden Beerensaft. +"Oh, wie das erfrischte" sagte sie und bergab das leere Glas dem +Kind. "Stell es weg, Wiseli, aber nicht weit. Mir ist, ich knnte +alles austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese +Flasche gebracht? Gewi die Trine, es kommt von der Frau Oberst." + +"War denn die Trine bei dir in der Stube, Mutter?" fragte das Kind. + +"Nein." + +"Dann ist es nicht die Trine, das wei ich", sagte das Wiseli +bestimmt. "Sie geht jedesmal in die Stube, wenn sie etwas bringt. +Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er dies nicht +mitgebracht?" + +"Ach was, Wiseli", fiel die Mutter ganz lebhaft ein. "Was sagst du +denn. Der Schreiner Andres war nie bei mir, was fllt dir denn +ein?" + +"Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier drinnen", beteuerte +Wiseli. "Gerade, als ich hereinkam, trat er so schnell aus der Tr, +da ich fast gegen ihn rannte. Hast du denn nichts gehrt?" + +Die Mutter war eine Zeit lang ganz still, dann sagte sie: "Ich habe +schon gehrt, da jemand leise die Kchentr aufmachte. Erst +meinte ich, du seist es, und--es ist wahr, erst nachher hrte ich +dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, da es der Schreiner +Andres war, der zu unserer Tr herauskam?" + +Wiseli war seiner Sache sicher. Es konnte so genau der Mutter +sagen, wie der Rock und die Kappe vom Schreiner Andres aussahen und +wie er erschrocken war, als es so mit einemmal an ihn heranrannte, +da die Mutter auch davon berzeugt wurde. Sie sagte wie fr sich: +"Dann war es der Andres, er hat gewut, was mir so gut tun knnte." + +"Jetzt fllt mir noch etwas ein, Mutter", rief auf einmal das +Wiseli ganz erregt aus. "Jetzt wei ich gewi, wer einmal den +groen Topf Honig in die Kche gestellt hat, von dem du so gern +gegessen hast, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen. Weit du, +Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir +etwas Suppe brachte, und sie sagte, sie wisse von all dem nichts. +Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Kche +gestellt." + +"Das glaube ich auch", sagte die Mutter und wischte sich ber die +Augen. + +"Es ist ja nichts Trauriges", sagte Wiseli ein wenig erschrocken, +als sie die Mutter immer wieder ber die Augen wischen sah. + +"Du mut ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es +ihm einmal, ich lasse ihm danken fr alles Gute. Er hat es so gut +mit mir gemeint. Komm, setz dich ein wenig zu mir", fuhr sie leise +fort. "Gib mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag +mir das Verslein, was ich dich gelehrt habe." + +Wiseli holte noch einmal Wasser und go von dem frischen Saft +hinein, und die Mutter trank noch einmal begierig davon. Dann +legte sie mde ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und +winkte das Wiseli zu sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu +hart, holte ein Kissen aus ihrem Bett herbei und legte es +sorgfltig unter den Kopf. Dann setzte es sich dicht neben sie auf +den Schemel und hielt ihre Hand fest in den seinigen. Und wie sie +gewnscht hatte, sagte es nun andchtig sein Verslein auf. + +("Befiehl du deine Wege, +Und was dein Herze krnkt, +Der allertreusten Pflege +Des, der den Himmel lenkt.) + +("Der Wolken, Luft und Winden +Gibt Wege Lauf und Bahn, +Der wird auch Wege finden, +Wo dein Fu gehen kann.") + + +Als Wiseli zu Ende war, sah es, da die Mutter am Einschlafen war. +Sie sagte nur noch leise: "Denk daran, Wiseli! Und wenn du einmal +keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann +denk in deinem Herzen: + +("Er wird auch Wege finden, +Wo dein Fu gehen kann.") + +Nun legte die Mutter sich mde hin und schlief ein, und Wiseli +wollte sie nicht wecken. Es legte sich muschenstill an sie heran, +und bald schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte +Lampe in dem stillen Stbchen fort, immer matter, bis sie von +selbst erlosch und das Huschen dunkel dastand auf dem hellen +Mondscheinplatz. + +Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen +ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stbchen hinein, +wie sie immer im Vorbeigehen tat. Da sah sie, wie Wiselis Mutter +auf dem Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte. +Das kam ihr so sonderbar vor, sie mute nachsehen, was da geschehen +sei. Sie machte ein wenig die Tr auf und fragte: "Was hast du, +Wiseli? Ist die Mutter krnker geworden?" + +Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stammelte: "Ich--wei nicht, +was die Mutter hat." + +Das arme Kind ahnte, was mit der Mutter war, aber es konnte ja +nicht begreifen, da es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, +aber sie war entschlafen fr das ganze Erdenleben. Sie hrte nicht +mehr, wie ihr Wiseli nach ihr rief. Die Nachbarin trat zu dem +Kissen am Fenster und schaute die schlafende Frau an. Dann trat +sie erschrocken zurck und sagte: "Geh schnell, Wiseli, lauf und +hol deinen Onkel, er soll auf der Stelle herkommen. Du hast ja +sonst niemanden, und es mu sich jemand um alles kmmern. Lauf, +ich will warten, bis du wieder kommst." + +Das Kind lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen. +Sein Herz war so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr, +da Wiseli sich pltzlich mitten auf dem Weg hinsetzen und laut +weinen mute. Denn jetzt wurde es ihm immer deutlicher bewut, da +die Mutter nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und +lief weiter, aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhren, denn in +seinem Herzen wurde der Jammer immer grer. + +Am Buchenrain, eine Viertelstunde von der Kirche entfernt, stand +das Haus des Onkels, wo Wiseli jetzt eben ankam und weinend unter +die Tr trat. Die Tante stand in der Kche und fragte kurz: "Was +ist mit dir?" + +Wiseli sagte halblaut unter Schluchzen, die Nachbarin habe es +geschickt, der Onkel mge schnell zur Mutter kommen. + +Die Tante sah das Kind an, sie mochte denken, es sei schlimm mit +der Mutter. Denn weniger mrrisch, als sie sonst redete, erklrte +sie: "Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist jetzt +nicht da." + +Da kehrte Wiseli wieder um und lief zurck. Die Nachbarin stand +vor der Tr, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es war ihr zu +unheimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich ganz +nahe zur Mutter, so wie es nachts neben ihr gesessen hatte. Da sa +es ganz still und weinte, und von Zeit zu Zeit sagte es halblaut: +"Mutter!" + +Sie gab keine Antwort mehr. Da beugte Wiseli sich zu ihr und sagte: +"Mutter, du hrst mich, wenn du jetzt schon im Himmel bist und ich +dich nicht mehr hren kann." + +So sa das Wiseli noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als +schon die Mittagszeit vorber war. Da trat der Onkel in das +Stbchen, schaute sich ein wenig darin um und rief dann die +Nachbarin herein. "Sie mssen die Frau hier zurecht machen, Sie +wissen schon, wie ich meine", sagte er, "so da alles fertig ist +zum Wegholen. Dann nehmen Sie den Schlssel an sich, da da nichts +wegkommt." Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: "Wo sind deine +Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein Bndelchen, +dann gehen wir." + +"Wohin gehen wir denn?" fragte Wiseli zaghaft. + +"Heim gehen wir", war die Antwort, "an den Buchenrain, da kannst du +bei uns sein. Du hast niemanden mehr auf der Welt als deinen Onkel." + +Das Wiseli erschrak. Zum Buchenrain sollte es gehen und da daheim +sein. Es hatte von jeher eine groe Furcht vor der Tante gehabt +und jedesmal eine Zeitlang vor der Tr gewartet, wenn es dem Onkel +etwas hatte berichten mssen, aus lauter Angst, die Tante wrde mit +ihm schimpfen. Dann war der lteste Sohn da, der gewaltttige +Chppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die warfen allen +Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein. + +Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. "Du mut +dich nicht frchten, Kleines", sagte der Onkel freundlich. "Es +sind zwar mehr Leute bei uns im Haus als hier, aber das ist um so +lustiger fr dich." + +Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knpfte je +zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander. Dann band es sein Tchlein +um den Kopf und stand fertig da. + +"So", sagte der Onkel, "nun gehen wir." Er schritt zur Tr. + +Auf einmal schluchzte Wiseli laut auf. "Dann mu ja die Mutter +ganz allein sein." Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie +fest. + +Der Onkel stand ein wenig verblfft da. Er wute nicht recht, wie +er dem Kinde erklren sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es +das nicht von selbst begriff. Denn Erklren war nicht seine Sache, +das hatte er nie probiert. Er sagte also: "Komm jetzt, komm! Ein +Kleines, wie du eins bist, mu folgen. Komm und mach nur kein +Geschrei, das hilft gar nichts." + +Wiseli wrgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem Onkel +zur Tr. Nur einmal sah es noch zurck und sagte ganz leise: +"Behte dich Gott, Mutter!" + +Dann wanderte es mit seinem Bndelchen am Arm aus dem kleinen Haus, +wo es daheim gewesen war. Eben als die beiden miteinander +querfeldein gingen, kam von oben herunter die Trine, einen +gedeckten Korb am Arm. Noch stand die Nachbarin unter der Tr und +schaute dem Onkel und dem Kind nach. Die Trine trat auf sie zu und +sagte: "Heute bringe ich der kranken Frau was Gutes, aber ein wenig +spt. Wir haben den Herrn Onkel zum Besuch, da wird es immer spt." + +"Und wenn Sie auch am Morgen frh gekommen wren, so wren Sie zu +spt gekommen heute. Sie ist in der Nacht gestorben." + +"Ist das wirklich wahr?" rief die Trine erschrocken aus. "Ach, du +mein Gott, was wird meine Frau sagen." Damit kehrte die Trine um +und lief ihren Weg zurck. + +Die Nachbarin trat in das stille Stbchen und machte Wiselis Mutter +so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bett liegen mute. + + +4. Kapitel +(Beim Onkel) + + +Als das Wiseli mit dem Onkel in das Haus am Buchenrain trat, da +kamen die drei Buben aus der Scheune gestrzt und liefen hinter den +beiden her in die Stube. Alle drei starrten das Wiseli an. Aus +der Kche kam die Tante herein und schaute das Wiseli ebenfalls an, +als wenn sie es noch nie gesehen htte. + +Der Onkel setzte sich hinter den Tisch und sagte: "Ich meine, man +knnte etwas essen. Das Kleine hat, denke ich, heute noch wenig +gehabt. Komm, setz dich", sagte er, zu Wiseli gewandt, das immer +noch auf demselben Fleck stand, sein Bndelchen in der Hand. Es +gehorchte. Jetzt holte die Tante Most und Kse und legte das groe +Schwarzbrot auf den Tisch. Der Onkel schnitt ein tchtiges Stck +ab und legte eine Scheibe Kse darauf, dann schob er es vor das +Kind hin. "Da, i, Kleines, du wirst Hunger haben." + +"Nein, ich danke", sagte Wiseli leise. Es htte keinen Bissen +hinunterschlucken knnen, denn Leid und Angst und Weh schnrten ihm +so den Hals zu, da es kaum atmen konnte. + +Die Buben standen immer noch da und starrten es an. "Mut dich +nicht frchten", sagte der Onkel ermunternd, "i nur zu." Aber das +Wiseli sa unbeweglich da und rhrte sein Brot nicht an. Die Tante +war bis jetzt auch stehengeblieben und hatte das Kind angeschaut +von oben bis unten, mit beiden Armen in die Seite gestemmt. +"Wenn's dir nicht recht ist, so kannst du's bleiben lassen", sagte +sie nun, drehte sich um und ging wieder in die Kche. + +Als der Onkel sich gestrkt hatte, stand er auf und sagte: "Nimm's +in die Tasche, nachher hast du sicher Hunger. Mut dich nur nicht +frchten." Damit ging er auch in die Kche hinaus. Wiseli wollte +gehorchen und das Ksebrot in die Tasche stecken, aber diese war +viel zu klein. Es legte das Brot wieder auf den Tisch. + +"Ich will dir schon helfen", sagte Chppi, schnappte das Brot vom +Tisch weg und wollte abbeien. Es flog aber in die Luft, denn der +Hans hatte von unten herauf Chppis Hand einen tchtigen Sto +gegeben, damit ihm die Beute entfalle und er sie erwische. In dem +Augenblick aber huschte der Rudi schnell auf den Boden und haschte +den Fang weg. Jetzt strzten die beiden Greren auf ihn, und +einer fiel ber den anderen her. Und nun gab es ein Schlagen und +Raufen und Lrmen und Heulen, da es dem Wiseli angst und bange +wurde. + +Der Vater ffnete wieder die Kchentr und rief: "Was ist los?" + +Da schrien die drei Buben am Boden alle durcheinander. + +"Das Wiseli wollte nichts" + +"Das Wiseli hatte keinen Hunger!" + +"Weil das Wiseli keins wollte!" + +Da rief der Vater noch lauter: "Wenn das nicht aufhrt da drinnen, +so will ich mit dem Lederriemen kommen!" Dann schlug er die Tr +wieder zu. Das 'da drinnen'; hrte aber noch nicht auf, +sondern als die Tr zu war, ging's erst recht los. Denn der Hans +hatte entdeckt, da es das wirksamste Mittel sei, den Feind zu +erschrecken, ihm in die Haare zu fahren, was die anderen sogleich +auch begriffen. Und so rissen sie nun alle drei jeder mit beiden +Hnden an den Haaren eines anderen und schrien dazu frchterlich. + +In der Kche sa die Tante auf einem Schemel und schlte Kartoffeln. +Als ihr Mann die Stubentr wieder geschlossen hatte, fragte sie: +"Was hast du mit dem Kind vor? Warum hast du es gleich mit +heimgenommen?" + +"Es wird, denke ich, bei jemandem sein mssen. Ich bin der +Patenonkel und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst +es ja schon brauchen. Das Wiseli kann dir im Haushalt helfen. Du +sagst ja immer, die Buben machen dir viel Arbeit." + +"Das wird eine schne Hilfe sein. Du kannst ja hren, wie es +zugeht drinnen in der ersten Viertelstunde schon, da es da ist." + +"Das habe ich schon manchmal gehrt, schon bevor das Kleine da war. +Es hat, denke ich, nicht viel damit zu tun", sagte der Onkel ruhig. + +"So", entgegnete die Tante eifrig, "hast du denn nicht gehrt, da +sie alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?" + +"Sie schreien doch immer", meinte der Onkel. "Mit der Kleinen +wirst du, denke ich, noch fertig werden. Sie ist kein bsartiges +Kind, das habe ich schon gemerkt. Sie kann auch folgen, besser als +die Buben." + +Das war der Tante fast zu viel. "Ich meine, es sei nicht ntig, +da man es jetzt schon gegen die Buben aufhetzt", sagte sie und ri +die Hute immer schneller von den Kartoffeln. "Und dann mchte ich +nur wissen, wo das Kind schlafen soll." + +Der Onkel schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und her, +dann sagte er ruhig: "Man kann nicht alles an einem Tag machen. Es +wird wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben, denke ich, und +das wird es wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer +gehen. Heute kann es auf der Ofenbank schlafen, da ist's ja warm. +Dann kann man einen Vorschlag machen, wo es in unsere Kammer +hineingeht. Da kann man sein Bett hineinschieben." + +"Ich habe mein Lebtag nie gehrt, da man zuerst das Kind bringt +und dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehrt. Und dann +mchte ich auch wissen, wer das bezahlen mu, wenn man noch bauen +soll, um des Kindes willen." + +"Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so mu sie uns auch +etwas fr den Unterhalt geben", erklrte der Onkel. "Ich nehme es +dann noch immer billiger an, als ein anderer es tun wrde. Es +fhlt sich auch am wohlsten bei uns." + +Mit dieser berzeugung ging der Onkel in den Stall hinaus und rief +noch zurck, der Chppi soll ihm nachkommen. Es war schwierig fr +die Tante, sich Gehr zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie +den Auftrag ausrichten wollte. Da rauften und schrien die drei +noch immer. "Es wundert mich nur, da du so zusiehst und kein Wort +zum Frieden sagst." rief die Tante dem Wiseli zu, das sich scheu an +die Wand drckte und sich kaum zu rhren wagte. + +Nun wurde der Chppi in den Stall geschickt, und die beiden anderen +liefen ihm nach. "Kannst du stricken?" fragte dann die Tante das +Wiseli. Es sagte schchtern ja, Strmpfe knne es stricken. "So +nimm die", sagte die Tante und nahm aus dem Schrank einen groen +braunen Strumpf heraus mit einem Garn, fast so dick wie Wiselis +Finger. "Du bist am Fu, gib acht, da er nicht zu kurz wird, er +ist fr den Onkel." + +Nun ging sie wieder in die Kche, und Wiseli setzte sich auf die +Ofenbank und mute den langen Strumpf auf seinem Scho +zusammenhalten. Der war so schwer, da er ihm ganz die Hnde +herunterzog, wenn er hing, so da es die Nadeln nicht fhren konnte. +Es hatte aber kaum recht angefangen mit seiner Arbeit, als die +Tante wieder hereinkam. "Du kannst jetzt herauskommen in die +Kche", sagte sie. "Du kannst sehen, wie ich alles mache, so +kannst du mir an die Hand gehen nach und nach." + +Wiseli gehorchte und sah drauen der Tante zu, soviel es konnte. +Aber immer schossen ihm wieder die Trnen in die Augen, und dann +sah es nichts mehr. Denn es mute denken, wie es gewesen war, wenn +es der Mutter nachlief in die Kche, und wie sie mit ihm redete und +es immer wieder streichelte. Es fhlte aber, da es nicht weinen +drfe, und schluckte und schluckte, da es fast meinte, es werde +erwrgt. Die Tante sagte ein paarmal: "Gib acht! So weit du's +nachher." + +So ging es eine gute Zeitlang, dann hrte man ein lautes Gestampfe +auf dem Hausgang. "Mach schnell die Tr auf, sie kommen", sagte +die Tante. Denn der Lrm kam vom Onkel und den Buben her, die +drauen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli machte die +Tr zu Stube auf, und die Tante hob eine groe Pfanne vom Feuer und +lief damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen Haufen gebratener +Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch schttete. Dann rannte sie +zurck, brachte ein groes Becken voll saurer Milch herein und +sagte: "Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so knnen +sie essen." + +Wiseli zog schnell die Schublade auf, da lagen fnf Lffel und fnf +Messer, die legte es hin, und nun war der Abendtisch fertig. Der +Onkel und die Buben waren hereingekommen und saen gleich auf den +Bnken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am Tisch stand ein +Stuhl, darauf hin wies nun der Onkel und sagte: "Es kann, denke ich, +dort sitzen, oder nicht?" + +"Freilich", sagte die Tante, die auch einen Stuhl fr sich bereit +hatte, auf der Seite gegen die Kche zu. Sie sa aber nur eine +Sekunde darauf still, dann lief sie wieder in die Kche, kam zurck +und setzte sich geschwind wieder zu einem Lffel voll Milch nieder. +Dann lief sie von neuem hinaus. Es wute niemand, warum das so +sein mute, denn das Kochen war ja beendet. Aber es war immer so, +und wenn der Onkel einmal sagte: "Sitz doch und i einmal", so kam +sie erst recht in Eile und sagte, sie habe nicht Zeit, so lange zu +sitzen, und drauen werde wohl jemand nachsehen mssen. Als sie +jetzt zum zweitenmal hereingeschossen kam und eilig eine Kartoffel +schlte, fiel ihr Wiselis Unttigkeit auf, das neben ihr sa, die +Hnde in den Scho gelegt. "Warum it du nicht?" fuhr sie es an. + +"Es hat keinen Lffel", sagte Rudi, der auf der anderen Seite neben +ihm sa und schon lange den Grund herausgefunden hatte, warum +jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange noch +etwas da ist. + +"Ja so", sagte die Tante. "Wem wre es aber auch in den Sinn +gekommen, da man auf einmal sechs Lffel haben mu? Man brauchte +ja immer nur fnf, und ein Messer wird auch sein mssen. Warum +kannst du aber auch nichts sagen? Du wirst wohl wissen, da man +zum Essen einen Lffel braucht." Diese Worte waren an das Wiseli +gerichtet. + +Es schaute die Tante scheu an und sagte leise: "Es ist gleich, ich +brauche keinen, ich habe keinen Hunger." + +"Warum nicht?" fragte die Tante. "Bist du's anders gewhnt? Ich +habe nicht im Sinn, was zu ndern." + +"Es ist wohl besser, wenn man das Kleine zuerst ein wenig in Ruhe +lt. Man mu ihm keine Angst machen", sagte der Onkel +beschwichtigend. "Es wird schon besser werden." + +Nun lie man das Wiseli in Ruhe, die anderen aen weiter. Das Kind +sa unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch einmal +die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte, denn +der Fleck sei krank geworden, da mute er noch einmal hinaus. Der +Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden +mit den Hnden in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die +Schiefertafel abgewaschen, und als die Tante damit fertig war, +sagte sie zu Wiseli: "Du hast gesehen, wie ich's mache, das kannst +du von nun an tun." + +Jetzt setzte sich der Chppi wieder hinter den Tisch. Er hatte +seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten, +seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst +starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen +Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasa, denn es +konnte keine Masche sehen in seinem Winkel. Und sich an den Tisch +zu setzen, auf dem die trbe llampe stand, wagte es nicht. + +"Du wirst auch etwas tun knnen", rief auf einmal Chppi erbost zu +ihm hinber, "du bist nicht das Geschickteste in der Schule." + +Wiseli wute nicht, was es sagen sollte, es war ja gar nicht in der +Schule gewesen heute und es wute nicht, was zu tun war. Es war ja +berhaupt ganz aus aller Ordnung und Fassung. "Wenn ich rechnen +mu, so mut du auch, oder dann tu ich's auch nicht", rief der +Chppi wieder. Wiseli hielt sich muschenstill. "So, dann ist's +recht", fuhr Chppi lrmend fort, "so tu ich keinen Strich mehr an +der Arbeit." Damit warf er seinen Griffel weg. + +"So, so, dann tu ich auch nichts", rief der Hans aus und steckte +ganz erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das +Lernen war ihm das Bitterste, das er kannte. + +"Ich will es schon dem Lehrer sagen, wer an allem schuld ist", fing +Chppi wieder an, "du kannst dann nur sehen, wie es dir geht." So +htte Chppi wohl noch eine Zeitlang seinem bsen Wesen Luft +gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall zurckgekommen +wre. Er trug zwei groe, leere Futterscke auf der Schulter +herein und kam damit auf den Tisch zu. + +"Mach Platz", sagte er zu Chppi, der beide Ellbogen auf den Tisch +gestemmt hielt und den Kopf in die Hnde sttzte. Dann breitete er +die Scke aus, faltete sie zusammen, noch einmal und noch einmal. +Danach ging er zur Ofenbank und legte das Paket darauf hin. "So", +sagte er befriedigt, "das ist gut. Und wo hast du dein Bndelchen, +Kleines?" + +Wiseli holte es aus einer Ecke hervor, wo es bis jetzt gelegen +hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der Onkel das Bndelchen +am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank hin drckte, da es +nicht so ganz kugelrund bleibe. + +"So, da kannst du schlafen", sagte er nun zu Wiseli. "Frieren mut +du nicht, der Ofen ist hei, und auf das Bndelchen kannst du den +Kopf legen. So liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist's +auch Zeit. Rasch ins Bett!" Damit nahm er die llampe vom Tisch +und ging zur Kche, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei +der Tr wandte er sich noch einmal um und sagte: "Schlaf gut. Mut +nicht mehr nachdenken heute, denn es kommt dann schon besser." + +Dann ging er hinaus. Nun kam die Tante noch einmal herein mit +einem llmpchen in der Hand und betrachtete das Lager. "Kannst du +liegen da?" fragte sie. "Du hast es ja warm hier am Ofen, manches +hat kein Bett und mu dazu erst noch frieren. Es kann dir auch +noch so gehen, sei du nur froh, da du einstweilen unter einem +guten Dach bist. Gute Nacht!" + +"Gute Nacht!" sagte Wiseli leise. Die Tante hatte es aber +jedenfalls nicht gehrt, denn sie war schon halb drauen, als sie +gute Nacht wnschte, und hatte die Tr gleich hinter sich zugemacht. +Jetzt sa Wiseli da in der dunklen Stube, alles war auf einmal +ganz still ringsum, es hrte keinen Ton mehr. Der Mond schien ein +wenig durch das eine Fenster herein, so da Wiseli wieder erkennen +konnte, wo die Ofenbank war, worauf es schlafen sollte. Es ging +nun gleich hin und setzte sich auf sein Lager. + +Zum erstenmal heute, seit es die Mutter verlassen hatte, war es nun +allein und konnte sich besinnen. Die ganze Zeit bis jetzt war es +in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte ihm Angst und +Furcht eingeflt, was es gesehen und gehrt hatte, seit es von der +Mutter weg war. Und noch hatte es gar nicht weiter gedacht, nur +von einem Augenblick auf den anderen sich gefrchtet. Nun sa es +da, zum erstenmal in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar +und deutlich kam ihm nun der Gedanke, da es sie nie mehr sehen +werde, da es nie mehr mit ihr reden und sie hren knnte. Jetzt +kam auf einmal ein solches Gefhl der Verlassenheit ber das Wiseli, +da es ihm gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und +verloren auf der Welt und gar kein Mensch kmmere sich mehr um es, +und so msse es nun ganz allein und im Dunkeln bleiben und umkommen. + +Und ber das Wiseli kam ein solches Elend, da es den Kopf auf sein +Bndelchen drckte, ganz bitterlich zu weinen anfing und trostlos +sagte: "Mutter, kannst du mich nicht hren? Mutter, hrst du mich +nicht?" + +Aber die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen +schlimm gehe und er leiden msse, dann sei er froh, da er zum +lieben Gott im Himmel schreien knne. Der hre ihn immer an und +wolle ihm gern helfen, wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhren +wollen oder helfen knnen. Das kam dem Wiseli in den Sinn, und es +richtete sich wieder auf und stie schluchzend hervor: "Ach, lieber +Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist mir so angst, und die Mutter +hrt mich nicht mehr!" Und so betete es zwei- oder dreimal, und +dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger. Es fhlte sich +getrstet, da doch der liebe Gott im Himmel noch da war, zu dem es +eben gerufen hatte. So war es doch nicht ganz, ganz allein. + +Jetzt erinnerte es sich auch an die Worte, die ihm die Mutter ganz +zuletzt noch gesagt hatte: "Wenn du einmal keinen Weg mehr vor dir +siehst und es dir ganz schwer wird..." So war es jetzt schon +gekommen, und doch hatte es noch nicht gewut, wie das kommen +konnte, als die Mutter so sagte. Dann, hatte sie gesagt, solle es +daran denken, wie es heie in seinem Lied: + +("Er wird auch Wege finden, +Wo dein Fu gehen kann.") + +Jetzt verstand auch Wiseli mit einemmal, was die Worte bedeuteten, +die es vorher nur so hingesagt hatte, denn es hatte noch nie Angst +gehabt. Aber jetzt war es ja geradeso, da es gar keinen Weg mehr +vor sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus. Denn vor ihm +stand gar nichts mehr als ein groer Schrecken vor jedem Augenblick +im Haus des Onkels. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein +Herz, wie es wieder und wieder so sagte: + +("Er wird auch Wege finden, +Wo dein Fu gehen kann.") + +So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben +Gott im Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von +niemanden mehr gehrt wird. Nie bis jetzt hatte es gewut, wie gut +das tun kann. Es faltete jetzt ganz still seine Hnde und fing +sein Lied von vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor +dem lieben Gott sagen und zu ihm beten. Es sagte auch jedes Wort +mit seinem ganzen Herzen, wie nie zuvor: + +("Befiehl du deine Wege, +Und was dein Herze krnkt, +Der allertreusten Pflege +Des, der den Himmel lenkt.) + +(Der Wolken, Luft und Winden +Gibt Wege, Lauf und Bahn, +Er wird auch Wege finden, +Wo dein Fu gehen kann.") + + +Es war eine beruhigende Zuversicht ins Herz des Kindes gefallen. +Nachdem es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt hatte, +legte es seinen Kopf wieder auf das Bndelchen und schlief +augenblicklich ein. + +Jetzt trumte das Wiseli, es sehe einen schnen, weien Weg vor +sich, ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging +zwischen lauter roten Nelken und Rosen durch und war so verlockend +anzusehn, da man gleich htte darauf hpfen und springen mgen. +Und neben dem Wiseli stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei +der Hand, wie immer, und dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte: +"Sieh, Wiseli, das ist dein Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt: + +("Er wird auch Wege finden, +Wo dein Fu gehen kann?") + +Und das Wiseli war sehr glcklich in seinem Traum, und auf seinem +Bndelchen schlief es so gut, als lge es in einem weichen Bett. + + +5. Kapitel +(Wie es weitergeht und Sommer wird) + + +Als die alte Trine mit dem Bericht auf den Berghang zurckkam, da +Wiselis Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Patenonkel +geholt worden sei, entstand ein groer Aufruhr im Haus. Die Mutter +klagte, da sie den Besuch bei der Kranken nicht mehr gemacht hatte, +den sie zu machen sich schon seit einigen Tagen bestimmt +vorgenommen hatte. Aber sie hatte keine Ahnung gehabt, da das +Ende der armen Frau so nahe sein konnte. + +Otto lief aufgeregt im Zimmer auf und ab und rief immer wieder: "Es +ist eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn +er ihm etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine Rippen +zhlen, wie manche davon noch ganz ist!" + +"Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?" +unterbrach die Mutter den Sohn. + +"Vom Chppi", erwiderte er. "Was kann er dem Wiseli alles tun, +wenn es mit ihm zusammen wohnen mu! Das ist eine Ungerechtigkeit! +Aber er soll es nur probieren..." Hier wurde Otto wieder +unterbrochen, denn ein wiederholtes, heftiges Stampfen bertnte +seine Stimme. + +"Was machst du fr ein hirnerschtterndes Gerumpel, du Miez hinter +dem Ofen!" rief er aus, indem sich seine Aufregung nun nach dieser +Seite wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und stampfte +noch einmal mit groer Gewalt auf den Boden, denn es war bemht, +seine Fe wieder in die vllig nassen Stiefel hinein zu zwingen, +die ihm die alte Trine vor kurzer Zeit mit der grten Mhe +ausgezogen hatte. + +Die Arbeit war sehr schwierig, und feuerrot vor Anstrengung keuchte +Miezchen hervor: "Kein Mensch kann in diese Stiefel hineinkommen +ohne Stampfen." + +"Und warum mssen denn die Stiefel wieder an die Fe, da ich sie +gerade eben heruntergezogen habe, damit sie nicht mehr dran sind?" +rief die Trine, die noch im Zimmer stand. + +"Ich gehe zum Buchenrain und hole auf der Stelle das Wiseli zu uns, +es kann mein Bett haben", erklrte das Miezchen entschlossen. + +Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das Miezchen +zugeschritten, hob es in die Hhe, setzte es fest auf einen Stuhl +und zog mit einem Ruck den halb angezwngten Stiefel wieder weg. +Aber sie beschwichtigte das zappelnde Kind, indem sie zustimmend +sagte: "Schon recht! Schon recht! Aber ich will's schon fr dich +besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Strmpfe und zwei Paar Schuhe +dafr nazumachen. Dein Bett kannst du schon hergeben, du kannst +dann in die Rumpelkammer hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz +genug." + +Aber das Miezchen hatte ganz andere Gedanken. Es hatte entdeckt, +da es sich pltzlich von einem groen und tglich wiederkehrenden +Ungemach befreien knne, und nahm sich fest vor, es zu tun. Jeden +Abend nmlich, gerade wenn Miezchen im besten Zug der Unterhaltung +war, erklang auf einmal der Befehl, ins Bett zu gehen. Hierauf +erfolgten jedesmal groe innere, hufig auch uere Kmpfe, die +waren peinlich und dazu noch nutzlos. Wenn es nun sein Bett an das +Wiseli verschenkt hatte, so war mit einemmal allem abgeholfen, denn +da war keins mehr vorhanden, und Miezchen konnte fr immer +aufbleiben. + +Diese Aussicht beglckte das Miezchen so sehr, da alle seine +Gedanken darauf gerichtet waren und es erst gar nicht bemerkte, wie +die schlaue Trine nur darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen +Stiefel habhaft zu werden, ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli +zu holen. Als sie nun befriedigt mit ihren Stiefeln davonging und +Miezchen die Tuschung entdeckte, fing es so mrderisch zu schreien +an, da Otto sich beide Ohren zuhalten und die Mutter ernstlich +einschreiten mute. + +Sie versprach dann dem Miezchen, die Sache mit dem Papa besprechen +zu wollen, sobald er erst wieder zuhause sein wrde. Denn er war +an dem Morgen dieses Tages mit Onkel Max abgereist, um einen lange +verabredeten Besuch bei einem alten Freund zu machen. So wurden +denn endlich die Ruhe und der Friede im Haus wiederhergestellt. + +Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem Ausflug zurck, und +die Mutter hielt Wort. Noch am Abend seiner Rckkehr besprach sie +mit dem Vater den Tod von Wiselis Mutter und seine neue Unterkunft. +Und es wurde gleich beschlossen, der Vater sollte am folgenden Tag +hingehen, um sich mit dem Herrn Pfarrer zu beraten, was fr Wiseli +getan werden knnte. + +Dies wurde ausgefhrt, und der Oberst brachte die Nachricht, da am +vergangenen Sonntag, zwei Tage vorher, der Gemeindevorstand die +Sache schon geordnet hatte, wie sie nun bleiben wrde. Wiseli +sollte ein Unterkommen haben, und da seine Mutter nichts +hinterlassen hatte, mute die Gemeinde fr das Kind sorgen, bis es +selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der Patenonkel sich +gleich angeboten, das Kind fr eine geringe Summe bei sich zu +behalten. Er war als rechtschaffener Mensch bekannt, und da seine +Forderung so billig war, wurde ihm das Kind vom Vorstand sehr +bereitwillig zuerkannt. Und so war es denn fest und unabnderlich, +da Wiselis neue Heimat das Haus des Onkels geworden war. + +"Es ist eigentlich gut so", sagte der Oberst zu seiner Frau. "Das +Kind ist wohlversorgt. Was htte man auch mit ihm machen wollen ? +Es ist ja noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu werden, und +alle elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus nehmen. Da +mtest du ein Waisenhaus grnden." + +Seine Frau war ein wenig bestrzt ber die Nachricht, da schon +alles festgesetzt sei. Sie hatte gehofft, es wrde sich noch eine +andere Unterkunft fr das Kind finden. Denn das zarte Wiseli in +dem Haus zu wissen, wo es viel Roheit hren und fhlen mute, tat +ihr sehr leid. Doch htte auch sie keinen Rat gewut, und nun war +auch weiter nichts mehr zu tun, als die Sache hinzunehmen und sich +ab und zu um das Kind zu kmmern. + +Als am Morgen darauf Otto und Miezchen hrten, wie es mit Wiseli +stehe, da brach freilich noch einmal ein Sturm los. Otto erklrte, +Wiseli ginge es nun so wie Daniel in der Lwengrube, und probierte +dabei seine Faust auf dem Tisch--offenbar mit dem heimlichen +Wunsch, sie so auf Chppis Rcken niedersausen zu lassen. Das +Miezchen lrmte und heulte ein wenig, teils aus Mitleid fr Wiseli, +teils fr sich selbst und seine vereitelten Hoffnungen auf ein +glckliches Entrinnen aus der tglichen Betthaft. Aber auch diese +Aufregung legte sich wie jede andere, und die Tage gingen wieder +ihren gewohnten Gang. + +Inzwischen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt im +Haus des Onkels. Sein Bett war angekommen. Es schlief nicht mehr +auf der Ofenbank, sondern, wie der Onkel gesagt hatte, in einem +Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer des Ehepaars und +derjenigen der Buben. In dem Verschlag hatten gerade sein Bett +Platz und eine kleine Kiste, worin seine Kleider lagen und auf die +es steigen mute, um in sein Bett zu kommen, denn da war sonst gar +kein Raum mehr. Um sich morgens zu waschen, mute es an den +Brunnen gehen, und wenn es kalt war, so sagte die Tante, das knne +es bleiben lassen und sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn +es wrmer sei. Aber daran war Wiseli nicht gewhnt. Seine Mutter +hatte es gelehrt, sich recht sauber zu halten, und Wiseli wollte +lieber frieren als so ausschauen, wie es die Mutter ungern sehen +wrde. + +Daheim war es anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in +der Stube sich hatte fertig machen knnen und sie dabei immer so +freundliche Worte mit ihm geredet hatte, dann den Kaffee auf den +Tisch stellte und sie beide nebeneinander saen, wenn es frhlich +sein Brot a, ehe es zur Schule gehen mute. Das war jetzt ganz +anders, und alles war so anders, sein ganzes Leben vom Morgen bis +zum Abend so anders, da oft beim Erinnern an die Mutter und an die +Tage, die es bei ihr verbracht hatte, dem Wiseli das Wasser in die +Augen scho. Und es schnrte ihm so das Herz zusammen, da es +meinte, es knne nicht mehr weiterleben. + +Aber es wehrte sich tapfer, denn der Onkel sah es ungern, wenn es +weinte, oder traurig war. Und die Tante schimpfte dann mehr als je, +sie konnte es gar nicht leiden. + +Am liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg allein +in seinen Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken und +sein Lied sagen konnte. Da kam ein groer Trost in sein Herz. Es +dachte dann an seinen schnen Traum und war ganz sicher, da der +liebe Gott ihm einen Weg suche, so wie ihn die Mutter gezeigt hatte. +Manchmal berlegte es auch, wie viele Menschen auf der Welt leben, +fr die der liebe Gott zu sorgen und Wege bereit zu machen hat. +Und dann stieg ihm der Zweifel auf, ob er es vielleicht vergesse +ber all den vielen. Aber da kam ihm gleich der gute Trost ins +Herz, da ja die Mutter droben im Himmel sei und gewi den lieben +Gott bitten wrde, seinen Weg nicht zu vergessen. + +Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und froh, und es +wurde nie mehr so unglcklich wie am ersten Abend auf der Ofenbank. +Jeden Abend schlief es mit der frohen Zuversicht im Herzen ein: + +("Er wird auch Wege finden +Wo dein Fu gehen kann.") + +So verging der Winter, und der sonnige Frhling kam. Die Bume +wurden grn, und alle Wiesen standen voller Schlsselblumen und +weier Anemonen. Und im Wald rief lustig der Kuckuck, und schne, +warme Lfte zogen durch das Land und machten alle Herzen frhlich, +so da jeder wieder gern leben mochte. + +Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein, wenn +es am Morgen in die Schule ging und nachher wieder zum Buchenrain +zurckkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich daran zu erfreuen, +denn es mute nun hart arbeiten. Jeder Augenblick, der neben der +Schule brigblieb, mute zu irgendeiner Arbeit benutzt werden. Und +manchen halben Tag der Woche mute es daheim bleiben und durfte +nicht zur Schule gehen, weil da viel Ntigeres zu tun war, wie der +Onkel und hauptschlich die Tante sagten. + +Die Frhlingsarbeiten hatten im Feld begonnen, und im Garten war +allerhand zu tun. Da mute es mithelfen, und wenn die Tante +drauen war, mute es kochen und nachher das Geschirr abwaschen, +den Trog fr die Schweinchen zurecht machen und in die Scheune +hinbertragen. Neben alledem muten die Hemden und Hosen der Buben +geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, da Wiseli nie +wute, wie es fertig werden sollte. Den ganzen Tag durch hie es +an allen Ecken, wo es Arbeit gab: "Das kann das Kind machen, es hat +ja sonst nichts zu tun." Dem Wiseli wurde es manchmal ganz +schwindlig, weil es gar nicht wute, wo anfangen und wie alles zu +Ende bringen. Es wute auch, wenn es mit dem Kartoffelsamen zum +Acker rannte, wo der Onkel schaufelte, wrde die Tante sicher +schimpfen, da es nicht zuvor in der Kche Feuer frs Abendessen +gemacht hatte. Und machte Wiseli zuvor das Feuer an, so zankte +wieder der Chppi, da es nicht zuerst das Loch in seinem +Jackenrmel hatte flicken knnen. Er hatte es ihm ja schon lang +gesagt, und jedes rief ihm zu: "Warum machst du denn das nicht? Du +hast ja sonst nichts zu tun!" + +So war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule gehen konnte, da +hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wute, was es tun mute. Und +dazu war das auch der Ort, wo es noch freundliche Worte hrte. +Denn in jeder Pause oder nach dem Unterricht kam der Otto zu Wiseli, +redete freundlich mit ihm und brachte immer wieder eine Einladung +von seiner Mutter, da es etwa am Sonntagabend zu ihnen komme. Sie +wollten dann zusammen spielen. Das konnte nun Wiseli nie ausfhren, +denn am Sonntag mute es den Kaffee machen, und die Tante erlaubte +ihm nicht, fortzugehen an dem einzigen Tag, da es ihr etwas helfen +knne, wie sie sagte. Aber es tat doch dem Wiseli sehr wohl, da +Otto es immer wieder einlud, und allein schon, da er freundlich +mit ihm sprach wie sonst niemand. + +Noch einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule ging. Es +mute jedesmal an dem sauberen Grtchen vom Schreiner Andres +vorbeigehen, da schaute es so gern hinein und pate da an der +niederen Hecke immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den +Schreiner Andres zu sehen. Denn es hatte ihm ja noch etwas von der +Mutter auszurichten, das hatte es nicht vergessen. Aber in das +Haus hineinzugehen, dazu war Wiseli zu schchtern. Es kannte den +Mann auch zu wenig, um einen solchen Schritt zu tun. Auch hatte es +eine eigene Art von Scheu vor ihm, weil er so still war und es nur +immer, wo es ihn traf, freundlich angesehen, aber fast nie etwas zu +ihm gesagt hatte. Seit dem Tod der Mutter hatte Wiseli den +Schreiner Andres nie mehr gesehen, wie oft es auch an der Hecke +gestanden und nach ihm ausgeschaut hatte. + +Mai und Juni waren vorbei, und die langen Sommertage waren gekommen, +da es auf dem Feld immer mehr Arbeit gibt. Es war hei geworden. +Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom Onkel hinausgerufen wurde +und mit einem groen, schweren Rechen das Heu zusammenbringen oder +mit der breiten Holzgabel wieder auseinanderwerfen mute, damit es +an der Sonne trockne. + +Oft mute es so den ganzen Tag drauen helfen, und am Abend war es +dann so mde, da es seine Arme kaum mehr bewegen konnte. Das +htte es aber nicht geachtet, denn es dachte, das msse so sein. +Aber wenn es dann etwa am Abend einen Augenblick still sa, dann +rief ihm der Chppi gleich zu: "Du wirst so gut Rechnungen zu +machen haben wie ich. Du meinst, du mssest nichts tun, und in der +Schule kannst du ja nie etwas." + +Das tat dem Wiseli weh, denn es htte gern fleiig alles gelernt +und wre gern regelmig zur Schule gegangen, damit es alles gut +begreifen und erlernen knnte. Und es wute recht gut, da es fast +berall zurck war. Es mute ja so oft unterbrechen und hatte dann +gar keinen Zusammenhang, wute auch gar nicht, was fr Aufgaben zu +machen waren. + +Wenn es dann ohne Hausarbeiten in die Schule kam und dazu +ungeschickt antwortete und vieles gar nicht wute, schmte es sich +sehr--besonders, wenn der Lehrer ihm dann vor allen Kindern sagte: +"Das htte ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du warst immer am +klgsten." Dann meinte es oft, es msse in den Boden sinken vor +Scham, und nachher weinte es auf dem ganzen Heimweg. + +Aber dem Chppi durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht, was +zu machen sei. Sonst schimpfte und lrmte er so lange, bis die +Tante hereinkam und auf Chppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht +seine Nachlssigkeit vorwarf. Dann unterdrckte das Kind manchmal +seine Trnen, und erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen +freien Lauf lassen. Und sie kamen dann auch recht hei und schwer, +denn es war ihm so, als htten der liebe Gott und die Mutter es +ganz vergessen und kein Mensch auf der Welt kmmere sich um sein +Leben. + +In seinem Kummer konnte es oft lange sein Trostlied nicht sagen. +Es kam aber zu keiner Ruhe und konnte nie einschlafen, bis es die +Worte wieder recht zusammengefunden und sie mit Andacht hatte sagen +knnen, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht recht im Herzen +aufgehen wollte. + +So war das Wiseli auch eingeschlafen an einem schnen Juliabend, +und am Morgen darauf stand es zaghaft unten am Tisch, als die Buben +zur Schule aufbrachen. Es wagte nicht zu fragen, ob es auch gehen +drfe, denn die Tante schien keine Zeit zu einer Antwort zu haben +und der Onkel hatte das Haus schon verlassen. + +Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das +offene Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen hinsprangen +und ber ihren Kpfen die weien Schmetterlinge in der Morgensonne +umherflogen. Die Tante hatte eine groe Wsche vorbereitet. Mute +es wohl diese Woche am Waschtrog zubringen? Richtig, sie rief +schon nach ihm aus der Kche. Jetzt rief auch der Onkel nach +Wiseli. Er stand am Brunnen und sah es am Fenster. "Mach, mach, +Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja weit voraus. Das Heu ist +drinnen, mach, da du in die Schule kommst!" + +Das lie sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfate es +seinen Schulsack und lief zur Tr hinaus. + +"Sag dem Lehrer", rief der Onkel ihm nach, "du wurdest jetzt eine +Zeitlang nicht fehlen. Er soll's nicht so genau nehmen, wir haben +viel mit dem Heu zu tun gehabt." + +Wiseli lief glcklich davon. So mute es sich nicht an den +Waschtrog stellen, es durfte die ganze Woche in die Schule gehen. +Wie war es schn ringsum! Von allen Bumen pfiffen die Vgel, und +das Gras duftete, und in der Sonne leuchteten die roten Margeriten +und die gelben Butterblumen. Wiseli konnte nicht stehenbleiben, es +war keine Zeit dazu. Aber es fhlte, wie schn die Landschaft war, +und lief voller Freuden mittendurch. + +Am selben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen Schulstube in +den sonnigen Abendschein hinausstrmen wollten, rief der Lehrer in +den Tumult hinein: "Wer hat in dieser Woche Ordnungsdienst?" + +"Der Otto, der Otto!" rief die ganze Schar und strmte davon. + +"Otto", sagte der Lehrer in ernstem Ton, "gestern ist hier nicht +aufgerumt worden. Einmal will ich dir verzeihen. Aber la mich +das nicht zweimal sehen, sonst mte ich dich bestrafen. + +Otto schaute einen Augenblick auf all die Nuschalen und +Papierfetzen und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und +aufgelesen sein sollten. Dann wandte er eilig den Kopf weg und +lief ebenfalls hinaus, denn der Lehrer war auch schon durch seine +Tr verschwunden. Drauen stand Otto auf dem sonnigen Platz, +schaute in den goldenen Abend hinaus und dachte: Jetzt knnte ich +heimgehen, und dann kriegte ich die Kappe voll Kirschen. Und dann +knnte ich auf dem Braunen ins Feld hinausreiten, wenn der Knecht +das Heu holt, und nun soll ich drinnen auf dem Boden Papierfetzen +zusammenlesen? + +Und Otto wurde durch seine Gedanken so aufgeregt, da er ganz +grimmig vor sich hin sagte: "Ich wollte, es kme gerade jetzt der +jngste Tag, und das Schulhaus und alles miteinander flge in +tausend Stcken in die Luft." Es blieb aber ringsum still und ruhig, +und von dem alles beendenden Erdbeben waren keine Anzeichen da. +Da kehrte sich endlich Otto wieder der Schultr zu, mit zornigem +Gesicht, denn er wute ja, in den sauren Apfel mute nun gebissen +werden. Oder morgen folgte die erniedrigende Strafe des +Nachsitzens. + +Er trat ein, aber beim ersten Schritt blieb er verwundert stehen. +Vllig aufgerumt lag die Schulstube vor ihm, keine Fetzchen und +kein Stubchen nirgends mehr zu sehen. Die Fenster standen offen, +und die Abendluft strmte in die geputzte Stube hinein. + +In dem Augenblick trat der Lehrer aus seinem Zimmer und schaute +berrascht um sich und auf den Otto, der mit groen Augen dastand. +Dann ging er zu dem Jungen und sagte ermunternd: "Du darfst +wirklich dein Werk anstaunen, das htte ich dir nicht zugetraut. +Du bist ein guter Schler, aber im Aufrumen hat du heute alle +bertroffen, was sonst bei dir nicht der Fall war." Damit ging der +Lehrer fort, und als sich Otto noch mit einem letzten Blick +berzeugt hatte, da er die Wirklichkeit vor sich sah, sprang er +vor Freude in zwei Stzen die Treppe hinunter und ber den Platz +weg. Er strmte den Berghang hinauf, und erst als er der Mutter +das wunderbare Ereignis mitteilte, fing er an zu berlegen, wie es +sich zugetragen haben knnte. + +"Aus Versehen wird wohl keiner fr dich aufgerumt haben", sagte +die Mutter. "Hast du etwa einen guten Freund, der sich so +edelmtig fr dich aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein +knnte." + +"Ich wei es", sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehrt +hatte. + +"Wer war es denn?" rief Otto, teils neugierig, teils unglubig. + +"Der Mauserhans", erklrte Miezchen mit voller berzeugung, "weil +du ihm vor einem Jahr einen Apfel gegeben hast." + +"Ja, oder der Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht +genommen habe vor ein paar Jahren. Das wre wohl ebenso +wahrscheinlich, du Wunder von einem Miez." Damit rannte Otto davon, +denn jetzt war's hchste Zeit, wenn er den Ritt ins Heu nicht +versumen wollte. + +Inzwischen sprang das Wiseli mit vergngtem Herzen den Berg +hinunter, vorbei an Schreiner Andres' Grtchen. Dann machte es +aber pltzlich kehrt und lief wieder zurck, denn es hatte im +Vorbeilaufen so schne, rote Nelken gesehen in dem Garten, die +mute es noch einmal ansehen, wenn es auch schon ein wenig spt war. +Es dachte: Den Buben komme ich doch nach, die machen erst auf +allen Wegen noch Kugelschieben. + +Die Nelken leuchteten in der Abendsonne so schn und dufteten so +herrlich ber die niedere Hecke herber dem Wiseli zu, da es fast +nicht mehr von der Stelle fort wollte, so gut gefiel es ihm da. Da +trat auf einmal der Schreiner Andres aus seiner Tr heraus in das +Grtchen und kam auf das Wiseli zu. Er gab ihm die Hand ber die +Hecke und er sagte freundlich. "Willst du eine Nelke, Wiseli?" + +"Ja, gern", antwortete es, "und dann sollte ich Ihnen auch noch +etwas ausrichten von der Mutter." + +"Von der Mutter?" fragte der Schreiner Andres erstaunt und lie die +Nelken aus der Hand fallen, die er eben abgebrochen hatte. + +Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie auf. Dann sah es zu +dem Mann auf, der ganz still dastand, und sagte: "Ja, noch zu +allerletzte als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von +dem guten Saft getrunken, den Sie in die Kche gestellt haben. Und +er hat ihr so gut geschmeckt, und dann hat sie mir aufgetragen, ich +soll Ihnen sagen, sie danke Ihnen vielmal dafr und auch noch fr +alles Gute. Und sie sagte noch: 'Er hat es gut mit mir +gemeint'." Jetzt sah Wiseli, wie dem Schreiner Andres groe +Trnen ber die Wangen hinunterliefen. Er wollte etwas sagen, aber +es kam nichts heraus. Dann drckte er dem Wiseli fest die Hand, +wandte sich ab und ging ins Haus hinein. + +Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine +Mutter geweint, und es selbst hatte nur weinen drfen, wenn es +niemand sah. Denn der Onkel wollte ja kein Geschrei, hatte er +gesagt, und vor der Tante durfte es noch weniger weinen. Und nun +war auf einmal jemand da, dem kamen die Trnen, weil es etwas von +der Mutter gesagt hatte. Dem Wiseli wurde es so zumute, als wre +der Schreiner Andres sein liebster Freund auf der Welt, und es +fate eine groe Liebe zu ihm. Jetzt rannte es mit seinen Nelken +davon und war wie der Blitz am Buchenrain angelangt. Und das war +gut, denn eben sah es, wie die beiden Buben dem Haus zuliefen, und +es durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen. + +An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, da es gar +nicht begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein knnen und gar +keine Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der +liebe Gott hatte es gewi nicht vergessen, das wollte es nicht mehr +denken. Heute hatte er ihm ja so viel Freude bereitet, und beim +Einschlafen sah Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiner Andres +vor sich mit den Trnen darauf. + +Am folgenden Tag, es war nun Mittwoch, erlebte Otto die gleiche +berraschung wie am Tag vorher, denn er hatte sich nicht enthalten +knnen, mit den andern aus der Schulstube hinauszurennen im ersten +Augenblick der Befreiung. Als er dann an seine Arbeit gehen wollte +und die Tr aufmachte--da war schon alles getan und die Stube in +bester Ordnung. + +Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde zu erregen. Auch war +er dem unbekannten Wohltter so dankbar, da es ihn drngte, das +auszusprechen. Am Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache +zugehe. + +Als nun die Schulstunden zu Ende waren und alles fortlief, stand +Otto einen Augenblick nachdenklich an seinem Platz. Er wute nicht +recht, wo er am besten dem Wohltter auflauern konnte. Aber mit +einemmal fate ihn eine Schar rstiger Kerle, seine Klassengenossen, +an allen Ecken an, und die Stimmen riefen durcheinander: "Komm +heraus! Heraus mit dir! Wir machen Ruber, du bist der Anfhrer." + +Otto wehrte sich ein wenig. "Ich mu ja diese Woche Ordnung +machen", rief er. + +"Ach, was", erwiderten sie, "wegen einer Viertelstunde. Komm!" + +Otto lie sich fortreien, in der Stille verlie er sich schon ein +wenig auf seinen unbekannten Freund, der ihn vor der Strafe +schtzen wrde. Er fand es unbeschreiblich angenehm, eine solche +Frsorge im Rcken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr +als eine Stunde, und Otto wre verloren gewesen. Er lief keuchend +zur Schulstube zurck, um sich seinem Schicksal zu stellen, und +stie dabei die Tr mit solchem Gepolter auf, da der Lehrer +augenblicklich aus seiner Stube ins Lehrzimmer trat. + +"Was hast du gewollt, Otto?" fragte der Lehrer. + +"Nur noch einmal nachsehen", stotterte Otto, "ob auch sicher alles +in Ordnung sei." + +"Musterhaft", bemerkte der Lehrer. "Dein Eifer ist lblich, aber +die Tren dabei halb einzuschlagen, ist nicht notwendig." + +Otto ging gutgelaunt davon. Am Freitag war er entschlossen, den +Fleck nicht zu rumen, bis er im klaren war, denn da kam fr ihn +nur noch der Samstagmorgen. Da wurde freilich immer noch gro +Ordnung gemacht. + +"Otto", rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke vier Uhr schlug, +"trag mir schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer, er gibt dir +Bcher zurck. In fnf Minuten bist du wieder da zum Aufrumen." + +Das war Otto nicht ganz recht, aber er mute gehen. Auerdem +konnte er ja gleich wieder da sein. In wenig Sprngen war er im +Pfarrhaus. + +Der Herr Pfarrer unterhielt sich noch mit jemandem. Die Frau +Pfarrerin rief Otto in den Garten hinaus, er mute ihr berichten, +wie es der Mama gehe und dem Papa und dem Miezchen und dem Onkel +Max und den Verwandten in Deutschland. Und dann kam der Herr +Pfarrer, und Otto mute erklren, wie er zu dem Auftrag gekommen +war und was ihm der Lehrer sonst noch gesagt habe. Endlich hatte +dann Otto seine Bcher erhalten, und pfeilschnell war er drben, +ri die Tr der Schulstube auf--alles in Ordnung, alles still, +kein menschliches Wesen zu sehen. + +Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach den +grausigen Fetzen bcken mssen, dachte Otto befriedigt. Aber wer +hat die schreckliche Arbeit getan, ohne da er mute? Das wollte +er nun um jeden Preis wissen. + +Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto lie +alle Kinder hinausgehen, und als nun die Schulstube leer war, trat +er vor die Tr hinaus, schlo sie zu und lehnte sich mit dem Rcken +daran. So mute er doch gewi sehen, ob da jemand hineingehen +wrde, denn damit wollte er lieber beginnen als mit der schweren +Arbeit. Er stand und stand--es kam niemand. Er hrte die Uhr +halb zwlf schlagen--es kam niemand. Am Nachmittag stand aber ein +Ausflug bevor, es sollte heute frh zu Mittag gegessen werden. Er +sollte so schnell wie mglich zuhause sein. Er mute also hinein +an die Arbeit, es grauste ihm. Er ffnete die Tr--da--Otto ri +noch mehr als das erstemal die Augen auf--wirklich, es war alles +getan, schner als je. + +Dem Otto wurde es ganz eigentmlich zumute. Ob da irgendwelche +Geister ihre Hnde im Spiel hatten? Ganz leise, wie nie sonst, +schlich er zur Tr hinaus. Gerade in diesem Augenblick kam ebenso +leise etwas aus des Lehrers Kche geschlichen, und auf einmal stand +das Wiseli ganz nahe vor ihm. Beide fuhren zusammen vor Schrecken, +und das Wiseli wurde so rot, als htte es der Otto bei einem +Unrecht erwischt. Jetzt ging ihm ein Licht auf. + +"Sicher hast du das fr mich gemacht die ganze Woche lang, Wiseli", +rief er aus. "Das tut doch gewi sonst kein Mensch, wenn er nicht +mu." + +"Ich habe es aber so gern getan", gab Wiseli zur Antwort. + +"Nein, nein, das mut du nicht sagen, Wiseli. So etwas kann kein +Mensch auf der Welt gern tun", sagte Otto berzeugt, + +"Doch--gewi", versicherte Wiseli, "ich habe die ganze Zeitlang +mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun durfte, +und whrend ich aufrumte, habe ich mich erst recht immerzu gefreut, +weil ich immer gedacht habe: jetzt kommt der Otto und findet alles +fertig und ist froh." + +"Aber wie bist du denn darauf gekommen, da du das fr mich tun +wolltest?" fragte Otto verwundert. + +"Ich wute schon, da du es nicht gern tust, und ich habe schon +immer gedacht, wenn ich nur einmal dem Otto etwas geben knnte, wie +du mir den Schlitten, weit du noch? Aber ich hatte nie etwas." + +"Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du fr +mich jetzt getan hast. Das will ich dir auch nicht vergessen, +Wiseli." Und Otto gab ihm ganz gerhrt die Hand. Wiselis Augen +leuchteten vor Freude wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto +noch wissen, wie es denn wieder in die Stube hineingekommen sei, da +er doch gewartet hatte, bis alle Kinder drauen waren. + +"Oh, ich bin gar nicht hinausgegangen", sagte Wiseli. "Ich verbarg +mich schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehst schon noch ein +wenig hinaus wie jeden Tag vorher." + +"Aber wie konntest du immer hinaus, ohne da ich dich sah?" wollte +Otto noch wissen. + +"Wenn du mit den anderen herumliefst, konnte ich schon hinaus. Ich +pate schon auf. Und gestern und heute, als ich nicht sicher war, +ging ich durch die Stube des Lehrers und fragte die Frau Lehrerin, +ob sie etwas fr mich zu tun habe Sie gibt mir manchmal einen +Auftrag auszurichten, und dann ging ich durch die Kche fort. +Gestern war ich gerade hinter der Kchentr, als du in die +Schulstube ranntest." + +Jetzt kannte Otto die ganze Geistergeschichte. Er gab dem Wiseli +noch einmal die Hand. "Danke, Wiseli", sagte er herzlich. Und +dann lief eins da hinaus, das andere dort hinaus, und beide waren +froh und zufrieden. + + +6. Kapitel +(Das Alte und auch etwas Neues) + + +Der Sommer war vergangen, und auch die schnen Herbsttage waren zu +Ende. Es wurde khl und nebelig am Abend, und in den feuchten +Wiesen fraen die Khe das letzte Gras ab. Hier und da flackerten +auf den Wiesen kleine Feuer auf, denn die Hirtenbuben brieten +Kartoffeln und wrmten sich die Hnde, + +An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule heim und +erklrte seiner Mutter, er msse nachsehen, was das Wiseli mache. +Denn seit den Herbstferien war es noch nicht in die Schule gekommen, +acht Tage lang nicht. Otto steckte seine Vesperpfel zu sich und +lief davon. Am Buchenrain angekommen, sah er den Rudi vor der +Haustr am Boden sitzen und von einem Haufen Birnen, die neben ihm +lagen, eine nach der anderen zerreien. + +"Wo ist das Wiseli?" fragte Otto. + +"Drauen", war die Antwort. + +"Wo drauen?" + +"Auf der Wiese." + +"Auf welcher Wiese?" + +"Ich wei nicht." Und Rudi kaute weiter an seinen Birnen. + +"Du stirbst einmal nicht am Gescheitsein", bemerkte Otto und ging +auf gut Glck zur groen Wiese, die sich vom Haus bis gegen den +Wald hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter +einem Birnbaum und ging darauf zu. Richtig, da bckte sich Wiseli, +um die Birnen zusammenzulesen. Dort sa der Chppi rittlings auf +seinem Birnenkorb, und zuhinterst lag der Hans rcklings ber den +vollen Korb hin und schaukelte sich so darauf, da der Korb jeden +Augenblick umzustrzen drohte. Chppi sah ihm zu und lachte. + +Als Wiseli den Otto herankommen sah, leuchtete sein Gesicht auf. +"Guten Abend, Wiseli", rief er von weitem, "warum bist du so lange +nicht in die Schule gekommen?" + +Wiseli streckte erfreut dem Otto die Hand entgegen. "Wir haben so +viel zu tun, darum durfte ich nicht kommen", sagte es. "Sieh nur, +wie viel Birnen es gibt! Ich mu vom Morgen bis zum Abend auflesen, +soviel ich nur kann." + +"Du hast ja ganz nasse Schuhe und Strmpfe", erwiderte Otto. "Hier +ist's nicht gemtlich. Frierst du nicht, wenn du so na bist?" + +"Ich frstle nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher hei vom +Auflesen." In diesem Augenblick gab der Hans seinem Korb einen +solchen Ruck, da alles bereinander auf den Boden hinrollte. Der +Hans, der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen Richtungen +hin. + +"Oh, oh!" sagte Wiseli klglich. "Nun mu man die alle wieder +zusammenlesen." + +"Und die auch", rief Chppi und lachte, als die Birne, die er +geworfen hatte, das Wiseli an der Schlfe traf, da es ganz bleich +wurde und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen scho. + +Kaum hatte Otto das gesehen, als er auf den Chppi losfuhr, ihn +samt seinem Korb umwarf und ihn fest im Genick packte. "Hr auf, +ich mu ersticken", gurgelte der Chppi. Jetzt lachte er nicht +mehr. + +"Du sollst daran denken, da du es mit mir zu tun hast, wenn du so +mit dem Wiseli umgehst", rief Otto zornig. "Hast du genug? Willst +du daran denken?" + +"Ja, ja, la nur los!" bat Chppi, mrbe gemacht. + +Nun lie Otto los. "Jetzt hast du's gesprt", sagte er; "wenn du +dem Wiseli noch einmal etwas zuleide tust, so packe ich dich so, +da du noch einen Schrecken hast davon, wenn du siebzig Jahre alt +bist. Auf Wiedersehen, Wiseli." Damit drehte sich Otto um und ging +mit seinem Zorn nachhause. + +Hier suchte er gleich seine Mutter auf und erzhlte ihr emprt, da +das Wiseli eine solche Behandlung erdulden msse. Er war auch ganz +entschlossen, auf der Stelle zum Herrn Pfarrer zu gehen und den +Onkel und seine ganze Familie anzuklagen, damit man ihnen das +Wiseli entreie. + +Die Mutter hrte zu, bis Otto sich ein wenig beruhigt hatte, dann +sagte sie: "Lieber Junge, das wrde gar nichts nutzen, das Kind +wrde man dem Onkel nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so +etwas hrte. Er meint es selbst nicht bse mit dem Kind, und es +ist kein gengender Grund da, ihm Wiseli wegzunehmen. Ich wei, +da das arme Kind jetzt ein hartes Brot it. Ich habe es auch +nicht vergessen, ich schaue immer danach aus, ob mir der liebe Gott +nicht einen Weg zeigt, wie dem Kind geholfen werden knnte. Die +Sache liegt mir auch am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn +du inzwischen das Wiseli schtzen und den groben Chppi ein wenig +zhmen kannst, ohne selbst dabei grob zu werden, so bin ich ganz +damit einverstanden." + +Otto beruhigte sich bei dem Gedanken, da die Mutter nach einem +anderen Weg fr das Wiseli ausschaute. Er selber dachte alle +mglichen Rettungswege aus, aber alle fhrten in die Luft hinauf +und hatten keinen Boden. Und er sah ein, da das Wiseli darauf +nicht gehen konnte. Als er dann zu Weihnachten seine Wnsche +aufschreiben durfte, da schrieb er ganz verzweifelt mit ungeheuren +Buchstaben, so als mte man sie vom Himmel herunter lesen knnen, +auf sein Papier: 'Ich wnsche, da das Christkind das Wiseli +befreit.' + +Nun war der kalte Januar wieder da, und der Schlittenweg war so +prchtig glatt und fest, da die Kinder gar nicht genug bekommen +konnten, die herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eine helle +Mondnacht nach der anderen, und Otto hatte auf einmal den Einfall, +am allerschnsten mte das Schlittenfahren im Mondschein sein. +Die ganze Gesellschaft sollte sich am Abend um sieben Uhr +zusammenfinden und die Mondscheinfahrten ausfhren, denn es war der +Tag des Vollmonds. Da mute es prchtig werden. + +Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen, und die +Schlittbahngenossen trennten sich gegen fnf Uhr wie gewhnlich, da +die Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder zusammenzufinden. + +Weniger Anklang fand der Vorschlag bei Ottos Mutter, als er ihr +mitgeteilt wurde. Sie lie sich gar nicht von der Begeisterung +hinreien, mit der die Kinder beide auf einmal und in den lautesten +Tnen ihr das Wundervolle dieser Unternehmung schilderten. Sie +hielt ihnen die Klte des spten Abends vor, die Unsicherheit der +Fahrten bei dem ungewissen Licht und alle Gefahren, die besonders +das Miezchen bedrohen knnten. + +Aber die Einwnde blieben wirkungslos, und Miezchen bettelte +instndig, als hinge seine einzige Lebensfreude an dieser +Schlittenfahrt. Otto versprach auch, er wurde auf Miezchen +aufpassen und immer in seiner nchsten Nhe bleiben. + +Endlich willigte die Mutter ein. Mit groem Jubel und wohlverpackt +zogen die Kinder ein paar Stunden nachher in die helle Nacht hinaus. +Es ging alles ganz nach Wunsch, die Schlittenbahn war +unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der dunklen Stellen, wo der +Mondschein nicht hinfiel, erhhte den Reiz der Unternehmung. Eine +Menge Kinder hatte sich eingefunden, alle waren in der frhlichsten +Stimmung. + +Otto lie sie alle vorausfahren, dann kam er, und zuletzt mute das +Miezchen kommen, damit ihm keiner in den Rcken fahren konnte. So +hatte es Otto eingerichtet, er konnte sich dabei auch immer von +Zeit zu Zeit mit einem Blick vergewissern, ob Miezchen nachkomme. + +Als nun alles so gut ging, fiel einem der Buben ein, nun mte +einmal der ganze Zug anhngen, nmlich ein Schlitten an den anderen +gebunden werden. So wollte man hinunterfahren, das mte im +Mondenschein ein ganz besonderer Spa werden. Unter groem Lrm +und allgemeiner Zustimmung ging man gleich ans Werk. + +Fr Miezchen fand Otto die Fahrt doch ein wenig gefhrlich, denn +manchmal gab es dabei einen groartigen Umsturz smtlicher +Schlitten und Kinder. Das konnte er fr das kleine Wesen nicht +riskieren. Er lie seinen Schlitten zuletzt anbinden, der +Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter +dem Bruder her. Nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen +Schlitten langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurckblieb, denn +er war in der Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und die lange, +lange Kette sauste die glatte Bahn hinunter. + +Mit einemmal hrte Otto ein furchtbares Geschrei, und er kannte die +Stimme. Es war Miezchens Stimme. Was war da geschehen? Otto +hatte keine Wahl, er mute die Lustpartie zu Ende machen, wie gro +auch sein Schrecken war. Aber kaum unten angelangt, ri er sein +Schlittenseil los und rannte den Berg hinauf. Alle anderen liefen +hinter ihm drein, denn fast alle hatten das Geschrei vernommen und +wollten auch sehen, was los war. An der halben Hhe des Berges +stand das Miezchen neben seinem Schlitten, schrie aus Leibeskrften +und weinte. Atemlos strzte Otto heran und rief: "Was hast du? +Was hast du?" + +"Er hat mich--er hat mich--er hat mich", stie Miezchen +schluchzend hervor und kam nicht weiter vor Aufregung. + +"Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?" rief Otto. + +"Der Mann dort, der Mann, er hat mich--er hat mich totschlagen +wollen und hat mir--und hat mir--furchtbare Worte nachgerufen." +So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei. + +"So sei doch nur still jetzt, Miezchen, tu doch nicht so. Er hat +dich ja doch nicht totgeschlagen. Hat er dich denn wirklich +geschlagen?" fragte Otto ganz zahm, denn er hatte Angst. + +"Nein. Aber er wollte, mit einem Stecken--so hat er ihn gehoben +und gesagt: 'Wart du!' Und ganz furchtbare Worte hat er +mir nachgerufen." + +"So hat er dir eigentlich gar nichts getan", sagte Otto und atmete +beruhigt auf. + +"Aber er hat ja--er hat ja--und ihr wart alle schon weit fort, +und ich war ganz allein." Und vor Mitleid mit sich selbst brach +Miezchen noch einmal in lautes Weinen aus. + +"Bscht! Bscht!" beschwichtigte Otto. "Sei doch still jetzt, ich +gehe nun nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr. +Und wenn du nun gleich ganz still sein willst, so gebe ich dir den +roten Zuckerhahn vom Christbaum." + +Das wirkte. Mit einemmal trocknete Miezchen seine Trnen und gab +keinen Laut mehr von sich. Denn den groen roten Zuckerhahn vom +Christbaum zu bekommen, war Miezchens allergrter Wunsch gewesen. +Er war aber bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen, und Miezchen +hatte den Verlust nie verschmerzen knnen. Wie nun alles in +Ordnung war und die Kinder den Berg hinaufstiegen, wurde besprochen, +was es fr ein Mann gewesen sein knne, der das Miezchen habe +totschlagen wollen. + +"Ach was, totschlagen", rief Otto dazwischen. "Ich habe schon +lange gemerkt, wer es war. Wir haben ja im Herunterfahren den +groen Mann mit dem dicken Stock auch angetroffen, er mute unseren +Schlitten ausweichen, in den Schnee hinein. Das machte ihn bse, +und als er dann hintennach das Miezi allein antraf, hat er es ein +wenig erschreckt und seinen Zorn an ihm ausgelassen." + +Diese Erklrung fand allgemeine Zustimmung. Das war ja so +natrlich, da jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn +gekommen. So wurde die Sache vergessen und lustig drauflos +gerodelt. Endlich aber mute auch dieses Vergngen ein Ende nehmen, +denn es hatte lngst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da +aufgebrochen werden sollte. + +Auf dem Heimweg schrfte der Otto dem Miezchen ein, zuhause nichts +zu erzhlen von dem Vorfall, sonst knnte die Mutter Angst bekommen. +Und dann drften sie nie mehr im Mondschein Schlitten fahren. +Den Zuckerhahn wrde Miezchen gleich bekommen, aber es msse +versprechen, nichts zu erzhlen. + +Miezchen versprach hoch und heilig, kein Wort zu sagen. Die Spuren +seiner Trnen waren auch lngst verschwunden und konnten nichts +mehr verraten. + +Lngst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und der +rote Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Trume und erfllte sein +Herz mit einer so groen Freude, da es im Schlaf lchelte. Da +klopfte es unten an die Haustr, so laut, da der Oberst und seine +Frau vom Tisch auffuhren, an dem sie eben gemtlich gesessen und +sich ber ihre Kinder unterhalten hatten. Und die alte Trine rief +in strafendem Ton zum Fenster hinaus: "Was ist das fr eine Manier!" + +"Es ist ein groes Unglck geschehen", tnte es von unten herauf. +"Der Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den Schreiner +Andres tot gefunden." + +Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau hatten +genug gehrt, denn auch sie waren zum offenen Fenster gegangen. +Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und lief zum Haus +des Schreiners. Als er in die Stube trat, fand er schon eine Menge +Leute da. Man hatte den Friedensrichter und Gemeindeamtmann geholt, +und eine Schar Neugieriger und Teilnehmender war mit ihnen +gekommen. Andres lag am Boden in einer Blutlache und gab kein +Lebenszeichen von sich. Der Oberst trat nher. + +"Ist denn jemand zum Doktor gelaufen?" fragte er. + +Es war niemand dorthin gegangen. Da sei ja doch nichts mehr zu +machen, meinten die Leute. + +"Lauf, was du kannst, zum Doktor", befahl der Oberst einem Burschen. +"Sag ihm, ich lasse ihn bitten, er soll auf der Stelle kommen." +Dann half er selbst den Andres vom Boden aufheben und in die Kammer +hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt trat der Oberst an die +schwatzenden Leute heran, um zu hren, wie der Vorfall sich +zugetragen hatte, ob jemand etwas Nheres wisse. + +Der Mllerssohn trat vor und erzhlte, er sei vor einer halben +Stunde vorbeigekommen, und da er noch Licht gesehen habe in des +Schreiners Stube, habe er im Vorbeigehen schnell fragen wollen, ob +seine Aussteuersachen auch rechtzeitig fertig werden. Er habe die +Tr der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am +Boden gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend +ein Goldstck entgegengestreckt, als er hereingetreten sei. Er +habe dann den Leuten zugerufen, da der Gemeindeamtmann kommen +solle. + +Der Matten-Joggi, der so hie, weil er unten in der 'Matte', im Tal +wohnte, war ein schwachsinniger Mensch, der davon lebte, da ihn +die Bauern mithelfen lieen. Er schleppte Steine und Sand, las +Obst auf oder machte im Winter Holzbndelchen. Da er Bses getan +htte, hatte man bis jetzt nicht gehrt. Der Mllerssohn hatte ihm +gesagt, er solle da bleiben, bis auch der Prsident noch da sein +werde. So stand Joggi noch immer in einer Ecke, hielt seine Hand +fest zugeklemmt und lachte halblaut. + +Jetzt trat der Doktor in die Stube und hinter ihm her auch noch der +Prsident. Der Gemeindevorstand stellte sich nun mitten ins Zimmer +und verhrte die Leute. Der Doktor ging sofort in die Kammer +hinein, und der Oberst folgte ihm. Der Doktor untersuchte genau +den unbeweglichen Krper. + +"Da haben wir's", rief er pltzlich aus, "hier auf den Hinterkopf +ist Andres geschlagen worden, da ist eine groe Wunde." + +"Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?" + +"Nein, er atmet ganz leise, aber er ist bse dran." + +Nun brauchte der Doktor Wasser und Schwmme und Weizeug und noch +vieles. Die Leute drauen liefen alle durcheinander und suchten +und rissen alles von der Wand und aus dem Kchenkasten und brachten +Haufen von Sachen in die Kammer hinein, aber nichts von dem, das +der Doktor brauchte. + +"Da mu eine Frau her, die Verstand hat und wei, was ein Kranker +ntig hat", rief der Doktor ungeduldig. Alle schrien durcheinander. +Aber wenn einer eine wute, so rief ein anderer: "Die kann nicht +kommen." + +"Einer soll auf den Hang laufen", befahl der Oberst. "Meine Frau +soll mir die Trine herunterschicken!" Sofort lief ein Mann davon, + +"Deine Frau wird dir aber nicht danken", sagte der Doktor, "denn +ich lasse die Pflegerin drei bis vier Tage und Nchte nicht vom +Bett weg." + +"Keine Sorge", entgegnete der Oberst, "fr den Andres gbe meine +Frau alles her, nicht nur die alte Trine." + +Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man +hatte hoffen knnen. Denn sie stand schon lange mit einem groen +Korb am Arm bereit, und die Frau Oberst stand neben ihr und +lauschte, ob einer gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen knnen, +da der Andres wirklich tot sei, und hatte berlegt, was man +brauchen knnte, um ihm wieder auf die Beine zu helfen. So hatte +sie Schwamm und Verbandzeug, Wein und l und warme Flanelle in +einen Korb gepackt, und Trine mute nur hinunterlaufen, als der +Bote kam. Der Doktor war sehr zufrieden. + +"Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, da die ganze +Bande zum Haus hinauskommt!" rief er und. schlo die Tr zu, +nachdem der Oberst hinausgetreten war. Der Gemeinderat war noch am +Beratschlagen. Da aber der Oberst erklrte, nun msse alles das +Haus verlassen, faten die Mnner den Beschlu, vorlufig msse der +Joggi eingesperrt werden. Dann wollte man weitersehen. + +Also muten zwei Mnner den Joggi in die Mitte nehmen, damit er +nicht davonlief, und ihn so zum Armenhaus bringen und in eine +Kammer sperren. Der Joggi ging aber ganz willig davon und lachte, +und von Zeit zu Zeit guckte er vergngt in seine Faust hinein. + +Gleich am anderen Morgen ging die Frau Oberst voller Sorge zum +Huschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der Kammer und +brachte die frohe Nachricht, Andres sei gegen Morgen schon ein +wenig zum Bewutsein gekommen. Auch der Doktor sei schon dagewesen +und habe den Kranken ber Erwarten gut angetroffen. Ihr aber habe +er eingeschrft, da sie keinen Menschen in die Kammer hineinlasse, +Andres drfe auch noch kein Wort reden, wenn er auch wollte, nicht. +Nur der Doktor und die Wrterin sollen vor seine Augen kommen, +erklrte die Trine in groem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst +einverstanden, und erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach +Hause zurck. + +So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Frau Oberst zum Haus +des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hren, ob etwas +fehle, das dann schnell herbeigeschafft werden mute. Otto und +Miezchen muten jeden Tag aufs neue besnftigt werden, da sie +ihren kranken Freund noch nicht besuchen durften. Aber da war +immer noch keine Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch +unentbehrlich, wurde auch tglich vom Doktor gelobt fr ihre +sorgfltige Pflege. + +Nach Ablauf der acht Tage schlug der Doktor seinem Freund, dem +Oberst, vor, nun einmal den Kranken zu besuchen, zu der Zeit, da er +selbst dort sein wrde. Denn jetzt war der Augenblick gekommen, da +Andres wieder reden durfte. Und der Doktor wollte ihn in Gegenwart +des Obersten darber befragen, was er selbst von dem unglcklichen +Vorfall wisse. + +Andres freute sich, als er dem Herrn Oberst die Hand drcken durfte. +Er hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle +Sorgfalt fr seine Genesung kam. Dann besann er sich, so gut er +konnte, um die Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wute +aber nur folgendes zu sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die er +jhrlich dem Herrn Oberst zur Verwahrung brachte. Diese wollte er +noch einmal berzhlen, um seiner Sache sicher zu sein. Er hatte +sich am spteren Abend hingesetzt, den Rcken gegen die Fenster und +die Tr gekehrt. Mitten im Zhlen hrte er jemanden hereinkommen. +Ehe er aber aufgeschaut hatte, fiel ein furchtbarer Schlag auf +seinen Kopf. Von da an wute er nichts mehr. + +Also hatte Andres Geld auf dem Tisch liegen gehabt. Davon war aber +gar nichts mehr gesehen worden, nur das einzige Stck in Joggis +Hand. Wo knnte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn +wirklich Joggi der beltter war? Als Andres vernahm, wie der +Joggi gefunden worden und nun eingesperrt sei, wurde er ganz +unruhig. + +"Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi", sagte er. +"Der tut ja keinem Kind etwas zuleide, der hat mich nicht +geschlagen." + +Andres hatte aber auch gegen keinen anderen Menschen den leisesten +Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen +Menschen, der ihm so etwas htte antun wollen. + +"Es kann auch ein Fremder gewesen sein", bemerkte der Doktor, der +die niedrigen Fenster ansah. "Wenn Sie da beim hellen Licht Geld +auf dem Tisch liegen haben und zhlen, so kann das von auen jeder +sehen und Lust zum Teilen bekommen." + +"Ich habe nie an so etwas gedacht, es war immer alles offen," sagte +der Andres gelassen. + +"Es ist gut, da Sie noch etwas im Trockenen haben, Andres", +bemerkte der Oberst. "Lassen Sie sich das nicht zu Herzen gehen. +Das wichtigste ist, da Sie wieder gesund werden." + +"Gewi, Herr Oberst", erwiderte Andres und schttelte ihm die Hand. +"Ich habe nur zu danken. Der liebe Gott hat mir ja sonst schon +viel mehr gegeben, als ich brauche." + +Die Herren verlieen den friedlichen Andres, und vor der Tr sagte +der Doktor: "Dem ist wohler als dem anderen, der ihn +zusammenschlagen wollte." + +Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte erzhlt, die alle Buben in +der Schule beschftigte und in groe Teilnahme versetzte. Auch +Otto brachte sie nach Hause und mute sie jeden Tag ein paarmal +wiederholen, denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte sie ihm +aufs neue groen Eindruck. + +Als man den Joggi an dem Abend lachend ins Armenhaus gebracht hatte, +da war er aufgefordert worden, sein Goldstck an einen seiner +Fhrer abzugeben, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber +klemmte seine Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben. +Aber die beiden waren strker als er. Sie rissen ihm mit Gewalt +die Faust auf. Und der Friedensrichterssohn, der von dem Joggi +manchen Kratzer whrend der Arbeit erhalten hatte, sagte, als er +das Goldstck endlich in der Hand hielt: "So, jetzt wart nur, Joggi, +du wirst schon deinen Lohn bekommen. Wart nur, bis sie kommen, +sie werden dir's dann schon zeigen." + +Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu jammern, +denn er glaubte, er werde gekpft. Und seither a er nicht und +trank nicht und sthnte und jammerte fortwhrend, denn die Furcht +und Angst vor dem Kpfen verfolgte ihn stndig. Schon zweimal +waren der Prsident und der Gemeindeamtmann bei ihm gewesen und +hatten ihm gesagt, er soll nur alles sagen, was er getan habe, er +werde nicht gekpft. + +Er wute nichts zu sagen, als da er beim Andres ins Fenster +geschaut habe, und der sei am Boden gelegen. Er sei zu ihm +hineingegangen und habe ihn ein wenig gestoen, da sei er tot +gewesen. Da habe er etwas glnzen gesehen in einer Ecke und habe +es geholt, und dann sei der Mllerssohn gekommen und dann noch +viele. Hatte der Joggi so viel erzhlt, so fing er wieder zu +sthnen an und hrte nicht mehr auf. + + +7. Kapitel +(Wie es dem Kranken und jemand anderem besserging) + + +Seit dem Tag, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine +Frau auch nicht mehr drauen in der Stube, wenn sie kam, um nach +dem Kranken zu sehen. Tglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte +sich eine Weile an sein Bett zu einer gemtlichen kleinen +Unterhaltung und freute sich jedesmal ber die Fortschritte der +Genesung. Zweimal schon waren auch Otto und Miezchen dagewesen und +hatten ihrem Freund Strkungen mitgebracht. + +Andres sagte ganz gerhrt zu der Trine, wenn selbst ein Knig krank +wre, man knnte ihm nicht mehr Teilnahme zeigen. Der Doktor war +sehr zufrieden mit Andres, und als er einmal beim Herauskommen auf +den eintretenden Oberst traf, sagte er zu ihm: "Es geht Andres +schon viel besser. Deine Frau kann nun ihre Trine wieder +heimnehmen, die hat gute Dienste geleistet. Nur sollte ab und zu +jemand kommen. Der arme, verlassene Kerl mu doch essen und hat +keine Frau und kein Kind. Vielleicht wei deine Frau Rat." + +Der Oberst richtete den Auftrag aus, und am folgenden Morgen sagte +seine Frau, als sie den Andres besuchte: "Jetzt mu ich etwas mit +Ihnen besprechen, Andres. Ist es Ihnen recht?" + +"Gewi, gewi, mehr als recht", erwiderte er und sttzte seinen +Kopf auf den Ellbogen. + +"Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es Ihnen +schon so gut geht", fing sie an. + +"Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir", fiel der Andres ein, "ich +wollte sie jeden Tag heimschicken. Ich wei ja, da sie Ihnen +fehlt." + +"Ich htte sie nicht hereingelassen, wenn sie Ihnen gefolgt htte", +fuhr die Frau Oberst fort. "Aber jetzt ist es anders, da der +Doktor sie entlt. Er sagte aber, was ich auch lngst dachte. +Jemand sollte noch fr ein paar Wochen Ihr Essen kochen oder es bei +mir holen und allerlei kleine Hilfsleistungen ausfhren. Ich habe +nun gedacht, Andres, Sie knnten fr diese Zeit das Wiseli +aufnehmen." + +Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehrt, als er von +seinem Ellbogen auf und in die Hhe scho. + +"Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht", rief er und wurde +ganz rot vor Anstrengung. "So etwas knnen Sie nicht denken. Ich +sollte hier drinnen im Bett liegen, und drauen in der Kche sollte +das schwache Kind fr mich arbeiten! Ach, um Himmels willen, wie +drfte ich noch an seine Mutter unter der Erde denken, wie wrde +sie mich ansehen, wenn sie so etwas wte! Nein, nein, Frau Oberst, +meiner Lebtag nicht, lieber nicht essen, lieber nicht mehr +aufkommen--als so etwas." + +Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig zu Ende reden lassen. Jetzt, als +er sich auf sein Kissen zurcklegte, sagte sie besnftigend: "Es +ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres. berlegen +Sie doch einmal. Sie wissen ja, wo das Wiseli versorgt ist. +Meinen Sie, es habe dort nichts zu tun oder nur besonders leichte +Arbeit? Recht tchtig mu es heran und bekommt so wenig +freundliche Worte dazu. Wrden Sie ihm etwa auch keine geben? +Wissen Sie, was Wiselis Mutter tun wrde, wenn sie jetzt neben uns +stnde? Mit Trnen wrde sie Ihnen danken, wenn Sie das Kind jetzt +in Ihr Haus nehmen wrden, wo es gute Tage htte. Das wei ich, +und Sie sollten sehen, wie gern es Ihnen helfen wrde." + +Jetzt mute dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er +wischte sich die Augen, dann sagte er: "Ach, ach! Wie knnte ich +aber zu dem Kind kommen? Sie geben es gewi nicht weg, und dann +mte man ja doch auch wissen, ob es wollte." + +"Es ist jetzt schon gut, kmmern Sie sich nicht weiter darum, +Andres", sagte die Frau Oberst frhlich und stand von ihrem Sessel +auf. "Ich will nun selbst sehen, wie's geht, denn mir liegt die +Sache nach allen Seiten hin am Herzen." + +Damit nahm sie Abschied von Andres. Als sie aber schon unter der +Tr war, rief er ihr ngstlich nach: "Aber nur, wenn es will, das +Wiseli, nur, wenn es will--bitte, Frau Oberst!" + +Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig zu ihm +kommen oder dann gar nicht, und verlie das Haus. Sie ging aber +nicht den Berg hinauf, sondern hinunter zum Buchenrain, denn sie +wollte gleich versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so +gern haben wollte. + +Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem +Patenonkel zusammen, als er ins Haus gehen wollte. Er begrte sie, +ein wenig erstaunt ber den Besuch, und sie teilte ihm gleich beim +Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei und wie sehr sie +hoffe, keinen abschlgigen Bescheid zu bekommen. Denn es liege ihr +viel daran, da das Wiseli die Pflege zu Ende fhren knne. Da die +Tante in der Kche die Unterhaltung hrte, kam sie auch herein und +war noch erstaunter als ihr Mann, den Besuch vorzufinden. + +Er erklrte ihr, warum die Frau Oberst gekommen sei, und sie meinte +gleich, das sei schon nichts, von dem Kind werde niemand eine +besondere Hilfe erwarten. Da sagte aber der Mann, was recht sei, +msse man gelten lassen. Das Wiseli knne helfen, wo es sei, es +sei sehr tchtig. Er wrde das Kind nicht einmal gern weggehen +lassen, es sei folgsam und gelehrig. So fr vierzehn Tage wollte +er nichts dagegen haben, da es den Andres ein wenig verpflege. +Bis dahin werde er wohl wieder auf sein, da es heim knne. Denn +lnger knnte es dann nicht fort sein, dann komme schon so +allerhand Arbeit, denn da msse man sich schon auf den Frhling +vorbereiten. + +"Ja, ja", fgte die Frau hinzu, "ich habe nicht vor, immer wieder +von vorn mit ihm anzufangen. Jetzt habe ich ihm alles mit Mhe +gezeigt, das kann es nun anwenden. Der Andres soll nur selber ein +Kind anlernen, wenn er eins braucht." + +"Ja, wegen vierzehn Tagen", sagte der Mann beschwichtigend, "da +wollen wir auch nichts sagen. Man mu einander schon einen +Gefallen tun." + +"Ich danke Ihnen", sagte nun die Frau Oberst und stand auf. "Der +Andres wird Ihnen gewi auch recht dankbar sein. Kann ich das +Wiseli gleich mit mir nehmen?" + +Die Tante meinte, es werde nicht so stark pressieren. Aber der +Mann fand es am besten so. Je schneller Wiseli gehe, desto frher +sei es wieder da, meinte er. Denn er bestand auf den vierzehn +Tagen. Wiseli wurde herbeigerufen, und der Onkel sagte ihm, es +solle schnell sein Bndelchen Kleider zusammenpacken, weiter nichts. +Wiseli gehorchte. Fragen durfte es nicht, warum. Seit es sein +Bndelchen in das Haus gebracht hatte, war gerade ein Jahr +vergangen. Es war nichts Neues hinzugekommen als sein schwarzes +Rcklein, das hatte es an. Es war aber nun abgetragen und hing wie +ein Fetzchen an dem Kind herab. Und Wiseli schaute ein wenig scheu +die Frau Oberst an, als es nun mit seinem leichten Bndelchen +dastand. + +Sie verstand den schchternen Blick und sagte: "Komm nur, Wiseli, +wir gehen nicht weit, es geht schon so." + +Dann nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und als Wiseli dem +Onkel die Hand gab, sagte er: "Du kommst bald wieder heim, du +brauchst dich nicht gro zu verabschieden." + +Schweigend und sehr verwundert ging das Wiseli hinter der Frau +Oberst her, die rasch ber den beschneiten Feldweg schritt, so als +befrchtete sie, man knnte sie samt dem Wiseli wieder zurckholen. +Als aber der Buchenrain nicht mehr zu sehen war, drehte sie sich +um und bleib stehen. + +"Wiseli", sagte sie freundlich, "kennst du den Schreiner Andres?" + +"Ja, freilich", antwortete Wiseli, und seine Augen leuchteten auf, +als es den Namen hrte. Die Frau Oberst war erstaunt. + +"Er ist krank", fuhr sie fort. "Willst du ihn ein wenig verpflegen +und etwa vierzehn Tage bei ihm bleiben?" + +Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: "Ja, gern!" sagte der +Frau Oberst sein Gesicht. Das wurde ganz von Freudenrte +bergossen. Die Frau Oberst sah das gern. Doch mute sie sich +wundern, da Wiseli eine so besondere Freude zeigte. Denn sie +wute nichts von seinem Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli +hatte es nie vergessen. + +Sie gingen nun wieder weiter. Aber nach einer Weile fgte die Frau +Oberst noch hinzu: "Du mut es dann dem Schreiner Andres sagen, da +du so gern zu ihm gekommen bist, Wiseli. Er glaubt es sonst nicht. +Vergi es nicht." + +"Nein, nein", versicherte das Kind, "ich denke schon daran." + +Nun waren sie bei dem Haus angekommen. Hier hielt es die Frau +Oberst fr richtig, das Wiseli seinen Weg allein machen zu lassen. +Denn nach allem, was sie bemerkt hatte, mute es ihm nicht schwer +werden, ihn zu finden. Sie verabschiedete das Kind an der Ecke und +sagte ihm, am Morgen werde sie wieder herunterkommen und sehen, wie +es ihm in dem neuen Haushalt gehe. Und wenn der Schreiner Andres +etwas brauche, das nicht da sei, so solle es zu ihr kommen. + +Wiseli ging nun zuversichtlich durch das Grtchen und machte die +Haustr auf. Es wute, da der Andres drinnen in der Kammer hinter +der Stube liege. So trat es leise in die Stube ein. Darin war +niemand, aber es war schn aufgerumt, noch von der alten Trine her. +Wiseli schaute alles gut an, wie es sein msse. + +An der Wand hinten in der Stube stand ein Bett. Der Vorhang davor +war fast zugezogen, aber Wiseli konnte doch sehen, wie schn und +sauber es aussah, und es fragte sich, wer da schlafe. Jetzt +klopfte es leise an die Kammertr, und auf den Ruf des Andres trat +es ein und blieb ein wenig scheu an der Tr stehen. Andres +richtete sich auf in seinem Bett. + +"Ach, ach", sagte er, halb erfreut und halb erschrocken, "bist du +es, Wiseli? Komm, gib mir die Hand." Wiseli gehorchte. "Bist du +auch nicht ungern zu mir gekommen?" + +"Nein, nein", antwortete Wiseli. + +Aber der Schreiner Andres war noch nicht beruhigt. + +"Ich meine nur, Wiseli", fuhr er wieder fort, "du wrst vielleicht +lieber nicht gekommen. Aber die Frau Oberst ist so gut, und du +hast ihr vielleicht einen Gefallen tun wollen." + +"Nein, nein", versicherte Wiseli noch einmal, "sie hat gar nicht +gesagt, da es ihr ein Gefallen sei. Sie hat mich gefragt, ob ich +gehen wolle, und ich wre auf der ganzen Welt nirgends so gern +hingegangen wie zu Ihnen." + +Diese Worte muten den Andres ganz beruhigt haben. Er fragte +nichts mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen zurck und +schaute stumm das Wiseli an. Dann mute er sich auf einmal +umdrehen und immer wieder ber seine Augen wischen. + +"Was mu ich jetzt tun?" fragte Wiseli, als er sich immer noch +nicht umkehrte. + +Jetzt wandte er sich zu dem Kind und sagte freundlich: "Ich wei es +gewi nicht. Wiseli, tu du nur, was du willst, wenn du nur ein +wenig bei mir bleiben willst." + +Wiseli wute gar nicht, wie ihm geschah. Seit es die Stimme seiner +Mutter zum letztenmal hrte, hatte niemand mehr so zu ihm geredet. +Es war gerade, als spre es die Liebe seiner Mutter wieder in +Andres' Worten. Es mute mit beiden Hnden seine Hand nehmen, so +wie es oft die Hand der Mutter gefat hatte. Und so stand es eine +Weile an dem Bett, und es war so glcklich, da es gar nichts sagen +konnte. Aber es dachte: Jetzt wei es die Mutter auch und ist froh. + +Gerade so dachte der Andres: "Jetzt wei es die Mutter auch und ist +froh." + +Dann sagte das Wiseli: "Jetzt mu ich Ihnen gewi etwas kochen, es +ist schon ber Mittag. Was mu ich kochen?" + +"Koch du nur, was du willst", sagte der Andres. Aber dem Wiseli +war es darum zu tun, es dem Kranken recht zu machen. Und es fragte +so lange hin und her, bis es gemerkt hatte, was er essen msse-- +eine gute Suppe und ein Stck von dem Fleisch, das im Kasten war. +Und dann bestand er darauf, das Wiseli msse noch einen Milchbrei +fr sich kochen. + +Es wute recht gut Bescheid in der Kche, denn es hatte wirklich +etwas gelernt bei der Tante, wenn auch unter harten Worten. Das +konnte es nun gut brauchen. So hatte es in kurzer Zeit alles +bereit gemacht, und der Kranke wnschte, da es ein Tischchen an +sein Bett rcke und neben ihm sitze zum Essen, damit er es auch +sehen knne und wisse, da es noch da sei. Ein so vergngtes +Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht genossen, und auch der +Schreiner Andres nicht. + +Als sie damit zu Ende waren, stand das Kind auf. Aber Andres sah +das nicht gern und sagte: "Wohin willst du, Wiseli? Willst du +nicht noch ein wenig dableiben, oder wird es dir ein bichen +langweilig bei mir?" + +"Nein, gewi nicht", versicherte Wiseli. "Aber nach dem Essen mu +man immer abwaschen und alles wieder sauber auf das Gestell +hinaufrumen." + +"Ich wei schon, wie man's macht", gestand Andres. "Ich habe +gedacht, heute nur, so zum erstenmal, knntest du ja nur alles +zusammenstellen und dann etwa morgen auf einmal aufwaschen." + +"Wenn aber die Frau Oberst das she, so mte ich mich fast zu Tode +schmen." Und Wiseli machte ein ganz ernsthaftes Gesicht zu seiner +Versicherung. + +"Ja. Ja, du hast recht", beschwichtigte Andres das Kind. "Mach +nur alles, wie du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist." + +Nun ging das Wiseli an seine Arbeit und putzte und rumte und +ordnete, da alles glnzte in der Kche. Dann stand es einen +Augenblick still, schaute ringsum und sagte ganz befriedigt: "So, +nun kann die Frau Oberst kommen." + +Dann ging es wieder in die Stube hinein und warf einen frhlichen +Blick auf das schne, groe Bett hinter dem Vorhang, denn der +Schreiner Andres hatte ihm gesagt, da msse es schlafen. Der +kleine Kasten in der Ecke gehre auch ihm, da knne es seine Sachen +hineinrumen. Es legte nun die Sachen aus seinem Bndelchen alle +ordentlich hinein, das war auch sehr bald getan, denn es war wenig +darin. Und nun ging es in die Kammer und setzte sich voller Freude +wieder an das Bett des Kranken, der schon lange nach der Tr +geschaut hatte, ob es noch nicht komme. + +Kaum war Wiseli wieder an dem Bett, so fragte es: "Haben Sie auch +einen Strumpf, an dem ich stricken kann?" + +"Nein, nein", antwortete Andres, "du hast ja jetzt gearbeitet, und +wir wollen nun ein wenig vergngt zusammen reden, ber allerlei." + +Aber Wiseli war gut geschult worden--zuerst in unvergelicher +Freundlichkeit von der Mutter und dann von der Tante mit Worten, +die auch nicht vergessen wurden, vor lauter Furcht, sie wieder zu +hren. Es sagte ganz berzeugt: "Ich darf nicht nur so dasitzen, +weil es doch nicht Sonntag ist. Aber ich kann reden und +gleichzeitig an dem Strumpf stricken." + +Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte das Wiseli +von neuem, nur immer zu tun, was es meine. Und einen Strumpf knne +es auch holen, wenn es wolle, er habe aber keinen. Nun holte +Wiseli den seinigen und setzte sich damit wieder an das Bett hin. +Und es hatte recht gehabt, es konnte gut reden und stricken +gleichzeitig. + +Der Schreiner Andres hatte aber auch gleich ein Gesprch angefangen, +das dem Wiseli das allerwillkommenste war. Er hatte gleich von +der Mutter zu reden begonnen, und Wiseli hatte so gern geantwortet, +denn noch nie und mit keinem Menschen hatte es von seiner Mutter +reden knnen. Und es dachte doch immer an sie und alles, was es +mit ihr erlebt hatte. Nun wollte der Schreiner Andres so gern von +allem wissen, immer noch mehr, und das Wiseli erzhlte fort und +fort, als knne es nicht mehr aufhren. Und der Andres hrte +gespannt zu. + +In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach dem anderen. +Fr jeden geringsten Dienst, den es leistete, dankte ihm der Andres, +als ob es ihm die grte Wohltat erwiesen htte. Und was es nur +tat, gefiel dem guten Mann, und er mute es loben dafr. Er wurde +in wenigen Tagen so frisch und munter bei der Pflege, da er +aufstehen wollte. Der Doktor war ganz erstaunt, wie gut es ihm +ging und wie frhlich der Schreiner Andres auf einmal aussah. Er +sa nun den ganzen Tag am Fenster, wo die Sonne hinkam, und schaute +dem Wiseli nach auf Schritt und Tritt, so als ob er es gar nie +genug sehen knnte--wie es einen Kasten aufmachte und dann wieder +zu, wie ihm unter den Hnden alles sauber und ordentlich wurde, wie +er es vorher nie gesehen hatte. + +Das Wiseli aber war glcklich in dem stillen Huschen, da es nur +liebevolle Worte hrte, und unter den freundlichen Augen, die es +immerfort begleiteten. Es durfte gar nicht daran denken, wie bald +die vierzehn Tage zu Ende sein wrden und es wieder zum Buchenrain +zurckkehren mute. + + +8. Kapitel +(Es geschieht etwas Unerwartetes) + + +In dem Haus auf dem Hang wurde viel vom Schreiner Andres und dem +Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging die Frau Oberst nachsehen, +wie es dem Kranken gehe, und jedesmal brachte sie wieder einen +erfreulicheren Bericht nach Hause. + +Das versetzte alle in die freudigste Stimmung. Otto und Miezchen +machten einen Plan, wie ein groes Genesungsfest gefeiert werden +mte in Schreiner Andres Stube, aber noch bevor Wiseli zum +Buchenrain zurckkehrte. Das sollte eine Hauptfreude und fr +Andres und Wiseli eine groe berraschung werden. + +Es mute aber noch ein Fest gefeiert werden vorher, denn heute war +der Geburtstag des Vaters und schon am frhen Morgen hatten +allerlei von Otto und Miezchen erfundene Feierlichkeiten +stattgefunden. Doch der Hauptmoment des Tages war jetzt gekommen, +beim Mittagessen. Ganz feierlich hatten Otto und Miezchen sich +schon hingesetzt in groer Erwartung all der Dinge, die da kommen +sollten. + +Nun erschienen auch Vater und Mutter, und die frohe Mahlzeit nahm +ihren Anfang. Nachdem das erste Gericht vergnglich verzehrt +worden war, erschien eine zugedeckte Schssel. Das war das +Geburtstagsgericht. Der Deckel wurde aufgehoben, und ein +prchtiger Blumenkohl stand da, so frisch, als htte man ihn eben +im Garten geholt. + +"Das ist ja eine prchtige Blume", sagte der Vater, "die mu man +loben. Aber eigentlich", fuhr er etwas enttuscht fort, "suchte +ich etwas anderes unter dem Deckel, Artischocken suchte ich. Kann +man die nicht auch finden irgendwo, wie Blumenkohl? Du weit, +liebe Marie, ich schaue an gedeckten Tischen immer nur nach +Artischocken aus." + +Mit einemmal schrie das Miezchen: "Eben! Eben! Geradeso hat er +gerufen--zweimal, furchtbar, und so hat er den Stecken aufgehoben +und so." Und Miezchen fuhr ganz aufgeregt mit ihren Armen in der +Luft herum. Aber urpltzlich schwieg sie und fuhr schnell herunter +mit ihren Armen bis unter den Tisch und war ganz blutrot geworden. +Und ihr gegenber sa Otto und warf ihr zornige Blicke zu. + +"Was ist das fr eine seltsame Verherrlichung meines Geburtstags?" +fragte der Vater erstaunt. "ber den Tisch hin schreit meine +Tochter, als wollte man sie umbringen, und unter dem Tisch versetzt +mir mein Sohn so entsetzliche Stiefelste, da ich blaue Flecken +bekomme. Ich mchte wissen, Otto, wo du diese angenehme +Unterhaltung gelernt hast." + +Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis unter die Haare +hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem Tisch einige deutliche +Mahnungen geben wollen, da es schweigen solle, hatte aber den +unrechten Platz getroffen und mit seinem Stiefel das Bein des +Vaters bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt. Er konnte nicht +mehr aufschauen. + +"Nun, Miezchen", fing der Vater wieder an, "was ist denn aus deiner +Rubergeschichte geworden? Du kamst ja gar nicht zu Ende. Also-- +'Artischocke' hat der furchtbare Mann dich genannt und +den Stecken erhoben, und dann?" + +"Dann, dann", stotterte Miezchen kleinlaut, denn es hatte begriffen, +da es auf einmal alles verraten hatte und da der Otto den +Zuckerhahn zurckfordern wrde, "dann hat er mich doch nicht +totgeschlagen." + +"So, das war nett von ihm", sagte der Vater lachend. "Und dann +weiter?" + +"Dann weiter gar nichts mehr", wimmerte Miezchen. + +"So, so, die Geschichte nimmt also ein frhliches Ende. Der +Stecken bleibt in der Luft, und Miezchen geht als kleine +Artischocke nach Hause. Jetzt wollen wir gleich anstoen auf alle +wohlgeratenen Artischocken und auf Schreiner Andres' Gesundheit!" + +Damit erhob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft stimmte +ein. Es standen aber alle ein wenig still vom Tisch auf, denn in +jedem waren allerlei Gedanken aufgestiegen. Nur der Vater blieb +gelassen, setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine Zigarre an. + +Otto schlich ins andere Zimmer hinber, drckte sich in eine Ecke +und dachte darber nach, wie es sein werde, wenn alle anderen +wieder im Mondschein rodeln wrden und er nie mehr dabei sein +drfte. Denn er wute, da die Mutter dies von nun an verbieten +wrde. + +Miezchen kroch ins Schlafzimmer hinein, kauerte sich neben dem Bett +auf das Schemelchen nieder, nahm den roten Zuckerhahn auf den Scho +und war sehr traurig, da es ihn zum letztenmal sehen sollte. + +Die Mutter blieb eine Zeitlang nachdenklich am Fenster stehen. +Ihre Gedanken muten sie immer mehr und aufregender beschftigen, +denn jetzt fing sie an im Zimmer hin und her zu gehen. Und +pltzlich verlie sie es und lief hierhin und dahin, suchte nach +dem Miezchen. Sie fand es endlich hinter seinem Bett auf dem +Schemel, in seine traurigen Betrachtungen versunken. + +"Miezchen", sagte die Mutter, "jetzt erzhl mir, wo und wann ein +Mann dir drohte und was er dir nachgerufen hat." + +Miezchen erzhlte, was es wute, es kann aber nicht viel mehr +heraus, als es schon gesagt hatte: Nachgerufen hatte ihm der Mann +das Wort, das der Papa am Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die +Mutter kehrte in das Zimmer zurck, wo der Vater sa, ging zu ihm +und sagte in erregtem Ton: "Ich mu es dir wirklich sagen, es kommt +mir immer wahrscheinlicher vor." + +Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau +an. + +"Siehst du", fuhr sie fort, "die Szene am Tisch hat mich auf einen +Gedanken gebracht, und je mehr ich ihn verfolge, je fester +gestaltet er sich vor meinen Augen." + +"Setz dich doch und erzhl mir, was du meinst", sagte der Oberst, +ganz neugierig geworden. + +Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr fort: "Du hast +Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich erschreckt worden +von dem Mann, von dem sie sprach. Es war nicht Spa gewesen. +Darum ist es klar, da er das Kind nicht 'Artischocke' +genannt hat. Wird er es nicht viel eher 'Aristokratin' +oder 'Aristokratenbrut' genannt haben? Du weit, wer +uns frher diesen Titel nachrief, meinem Bruder und mir. Diesen +Augenblick habe ich von Miezchen gehrt, da der Vorfall sich an +dem Abend ereignet hatte, als Kinder im Mondschein auf der +Schlittenbahn waren. Am selben Abend wurde Andres halb erschlagen +gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jrg verschwunden. Und +im ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, wird sein +Bruder berfallen, dem kein anderer je etwas zuleide getan hat als +er. Gibt dir das nicht auch zu denken?" + +"Da knnte was dran sein", entgegnete der Oberst nachdenklich. "Da +mu ich sofort etwas unternehmen." + +Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten spter +fuhr er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr der +Oberst jeden Tag einmal in die Stadt, um zu hren, ob Berichte +eingegangen seien. Am vierten Tag, als er am Abend nach Hause kam +und seine Frau noch an Miezchens Bett sa, lie er sie schnell +rufen, denn er hatte ihr etwas Wichtiges zu erzhlen. + +Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst teilte seiner Frau +mit, was er in der Stadt gehrt hatte. Auf seine Aussagen hin +hatte die Polizei heimlich nach dem Jrg gesucht, und er war ohne +groe Mhe gefunden worden. Denn er war ganz sicher, da kein +Mensch ihn gesehen hatte, da er nur nachts in sein Dorf gekommen +und gleich wieder verschwunden war. + +So war er zunchst nur zur Stadt hinuntergegangen und hatte sich in +den Wirtshusern herumgetrieben. Als er nun festgenommen und +verhrt wurde, leugnete er zuerst alles. Als er aber hrte, der +Oberst Ritter habe schlagende Beweise gegen ihn vorzubringen, da +entfiel ihm der Mut. Denn er dachte, der Herr Oberst msse ihn +gesehen haben, sonst wre es unmglich, da er gerade auf ihn +gekommen wre, da er frisch aus neapolitanischen Kriegsdiensten +zurckgekommen war. Da ein einziges Wort, das er einem kleinen +Kind zugerufen hatte, ihn hatte verraten knnen, davon hatte er +keine Ahnung. + +Er fing dann an, furchtbar auf den Oberst zu schimpfen, und sagte, +er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut werde ihn noch ins +Unglck bringen. Im weiteren Verhr gestand er dann, er habe +seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm leihen wollen. Als er ihn +durch das erleuchtete Fenster erblickte, wie er eben eine gute +Summe vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den Andres +niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Tten habe er ihn nicht +wollen, nur ein wenig bewutlos machen, damit er ihn nicht kenne. +Der grte Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden. Diese wurde +ihm abgenommen, und der Jrg wurde ins Gefngnis gesteckt. + +Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure Aufregung +im ganzen Dorf, denn eine solche Geschichte war noch nie +vorgefallen, seit es bestand. Besonders in der Schule kam alles +aus der Ordnung, so sehr interessierten sich alle Schler fr die +aufregende Begebenheit. Otto war einige Tage ganz auer Atem, da +er bestndig da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein nherer +Umstand von der Sache zu hren war. + +Am dritten Abend nach der Verbreitung der Nachricht kam er aber so +aufgeregt nach Hause gestrzt, da ihn die Mutter ermahnen mute, +erst einen Augenblick still zu sitzen, da er vor Atemlosigkeit kein +Wort hervorbrachte und doch durchaus wieder eine Neuigkeit erzhlen +wollte. Endlich konnte er sie loswerden. Man hatte den Joggi, der +bis dahin eingesperrt geblieben war, herausholen wollen. Aber der +arme Tropf frchtete sich, und nun glaubte er, man hole ihn zum +Kpfen ab. Er weigerte sich, die Kammer zu verlassen. Dann hatten +zwei Mnner ihn mit aller Gewalt herausgeschleppt, er hatte aber so +geschrien, da alle Leute herbeiliefen. Und dann hatte er sich +noch mehr gefrchtet, und auf einmal war er davongeschossen wie ein +Pfeil und in die nchste Scheune hinein in den hintersten Winkel +des Stalles. Da hockte er ganz zusammengesunken mit einem +furchtbar erschrockenen Gesicht, und kein Mensch konnte ihn von der +Stelle bringen. Schon seit gestern hockte er so da, und der Bauer +hatte gesagt, wenn er nicht bald aufstehe, wolle er ihn mit der +Heugabel fortbringen. + +"Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder", sagte die +Mutter, als Otto fertig erzhlt hatte. "Der arme Joggi! Was mu +er nun leiden in seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da +er nicht versteht, was man ihm erklren knnte. Und der arme, +gutmtige Joggi ist ja ganz unschuldig. Ach, Kinder, httet ihr +mir doch gleich das ganze Erlebnis erzhlt, als ihr am Abend von +der Schlittenbahn kamt. Eure Heimlichtuerei hat nur Unglck +gebracht. Knnten wir doch den armen Menschen trsten und wieder +frhlich machen!" + +Das Miezchen war ganz weich geworden. "Ich will ihm den roten +Zuckerhahn geben", sagte es schluchzend. + +Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas +verchtlich: "Ja, einen Zuckerhahn einem erwachsenen Menschen geben! +Behalt du den nur fr dich." Aber dann bat er die Mutter, ihm und +Miezchen zu erlauben, dem Joggi etwas zu essen in den Stall zu +bringen. Er hatte gar nichts gehabt, seit er dort kauerte, zwei +ganze Tage lang. + +Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sofort ein Korb geholt +und Wurst und Brot und Kse hineingesteckt. Dann gingen die Kinder +den Berg hinunter, zum Stall. + +Mit einem ganz weien, erschrockenen Gesicht kauerte der Joggi +hinten im Winkel und rhrte sich nicht. Die Kinder kamen ein wenig +nher. Otto zeigte ihm den offenen Korb und sagte: "Komm hervor, +Joggi, das ist alles fr dich zum Essen." + +Joggi bewegte sich nicht. + +"Komm doch, Joggi", mahnte Otto weiter. "Siehst du, sonst kommt +der Bauer und sticht dich mit der Heugabel hervor." + +Joggi stie einen entsetzten Ton aus und krmmte sich noch enger +zusammen. + +Jetzt ging Miezchen vorwrts und kam ganz nahe an den Joggi heran, +hielt den Mund an sein Ohr und flsterte hinein: "Komm du nur mit +mir, Joggi, sie drfen dich nicht kpfen. Der Papa hilft dir schon, +und siehst du, das Christkindlein hat dir einen roten Zuckerhahn +gebracht." Und Miezchen nahm ganz heimlich den Zuckerhahn aus +seiner Tasche und steckte ihn dem Joggi zu. + +Diese heimlichen Trostesworte hatten eine wunderbar wirksame Kraft. +Der Joggi schaute das Miezchen an, ganz ohne Schrecken, dann +schaute er auf seinen roten Zuckerhahn. Und dann fing er an zu +lachen, was er seit vielen Tagen nicht mehr getan hatte. Dann +stand er auf, und nun ging Otto voran aus dem Stall, dann kam das +Miezchen, und ihm folgte der Joggi auf dem Fu. + +Drauen sagte Otto dem Joggi: "Das kannst du mitnehmen, wir gehen +nun heim und du auch, dort hinunter." + +Da schttelte Joggi den Kopf und stellte sich hinter das Miezchen. +So gingen alle drei weiter, den Hang hinauf, voran der Otto, dann +Miezchen, dann der Joggi. Die Mutter sah den Zug herankommen, und +ihr Herz wurde ganz erleichtert, als sie sah, wie der Joggi hinter +dem Miezchen herschritt, den roten Zuckerhahn in der Hand hielt und +immerfort vergnglich lachte. + +So traten die drei ins Haus und in die Stube, und hier holte das +Miezchen geschftig einen Stuhl, nahm den Ekorb zur Hand und +winkte dem Joggi, da er komme. Als er dann am Tisch sa, legte es +alles, was im Korb war, vor ihn hin und sagte: "I du jetzt nur, +Joggi, und i du nur alles auf und sei nun ganz frhlich." + +Da lachte der Joggi und a die beiden groen Wrste und das ganze +Brot und das ungeheure Stck Kse und dann noch die Krumen. Den +roten Zuckerhahn hielt er die ganze Zeit ber fest mit seiner +linken Hand, schaute ihn an von Zeit zu Zeit und lachte vergngt, +denn Wurst und Brot hatte er wohl auch schon bekommen. Aber einen +roten Zuckerhahn hatte ihm in seinem ganzen Leben noch niemand +geschenkt. + +Endlich ging der Joggi den Hang hinunter. Voller Freude schauten +die Mutter, Otto und Miezchen ihm nach. Er hielt seinen Zuckerhahn +bald in der einen, bald in der anderen Hand, lachte immerzu und +hatte seinen Schrecken ganz vergessen. + +Seit drei Tagen hatte die Frau Oberst den Schreiner Andres nicht +besucht. Es hatte sich so vieles ereignet in diesen Tagen, da sie +gar nicht begriff, wie die Zeit dahingegangen war. Doch konnte sie +ja beruhigt sein, sie wute, da der Andres gut verpflegt und dazu +auf dem besten Weg der Genesung war. + +Ihr Mann hatte gleich am Morgen nach seiner Rckkehr aus der Stadt +den Andres besucht, um ihm die Entdeckung und die Festnahme seines +Bruders selbst mitzuteilen. Andres hatte ganz ruhig zugehrt und +dann gesagt: "Er hat es so haben wollen. Es wre doch besser +gewesen, er htte mich um ein wenig Geld gebeten. Ich htte es ihm +ja gegeben. Aber er hat immer lieber geprgelt als geredet." + +Jetzt trat die Frau Oberst am sonnigen Wintermorgen aus ihrer Tr +und stieg frhlich den Berg hinunter. Denn sie beschftigte sich +in ihrem Innern mit einem Gedanken, der ihr gut gefiel. Als sie +die Haustr aufmachte beim Schreiner Andres, kam Wiseli eben aus +der Stube heraus. Seine Augen waren ganz aufgeschwollen und +hochrot vom Weinen. Es gab der Frau Oberst nur flchtig die Hand +und lief scheu in die Kche hinein, um sich zu verstecken. + +So hatte die Frau Oberst das Wiseli noch nie gesehen. Was konnte +da geschehen sein? Sie trat in die Stube. Da sa am sonnigen +Fenster der Andres und sah aus, als sei ein noch nie erlebtes +Unheil ber ihn hereingebrochen. + +"Was ist denn hier geschehen?" fragte die Frau Oberst und verga im +Schrecken guten Tag zu sagen. + +"Ach, Frau Oberst", sthnte Andres, "ich wollte, das Kind wre nie +in mein Haus gekommen!" + +"Was", rief sie noch erschrockener aus, "das Wiseli? Kann dieses +Kind Ihnen ein Leid angetan haben?" + +"Ach, um Himmels willen, nein, Frau Oberst, so meine ich es nicht", +entgegnete Andres aufgeregt. "Aber nun ist das Kind bei mir +gewesen und hat mir ein Leben gemacht in meinem Huschen, wie im +Paradies. Und jetzt mu ich das Kind wieder hergeben, und alles +wird viel der und leerer um mich her sein als vorher. Ich kann es +nicht aushalten. Sie knnen sich gar nicht denken, wie lieb mir +das Kind ist. Ich kann es nicht aushalten, wenn sie mir's +wegnehmen. Morgen mu es gehen, der Onkel hat schon zweimal den +Buben geschickt. Es msse nun zurckkommen, morgen msse es sein. +Und dann ist noch etwas, das mir fast das Herz zersprengt. Seitdem +der Onkel den Buben geschickt hat, ist das Kind ganz still geworden +und weint heimlich. Es will es nicht so zeigen, aber man kann's +sehen, es fllt ihm schwer zu gehen. Und morgen mu es sein. Ich +bertreibe nicht, Frau Oberst. Aber das kann ich sagen. Alles, +was ich seit dreiig Jahren erspart und erarbeitet habe, gbe ich +seinem Onkel, wenn er mir das Kind liee." + +Die Frau Oberst hatte den aufgeregten Andres zu Ende reden lassen. +Jetzt sagte sie ruhig: "Das wrde ich nicht tun an Ihrer Stelle. +Ich wrde es ganz anders machen." + +Andres schaute sie fragend an. + +"Seht, Andres, so wrde ich es machen. Ich wrde sagen: 'All +mein wohlverdientes Gut will ich jemandem zurcklassen, der mir +lieb ist. Ich will das Wiseli an Kindesstatt annehmen, ich will +sein Vater sein, und es soll als mein Kind in meinem Haus bleiben.' +Wrde Ihnen das nicht gefallen, Andres?" + +Der Andres hatte lautlos zugehrt, und seine Augen waren immer +grer geworden. Jetzt ergriff er die Hand der Frau Oberst und +drckte sie. + +"Kann man das wirklich machen? Knnte ich sagen: das Wiseli ist +mein Kind, mein eigenes Kind, und niemand hat mehr ein Recht an dem +Kind, und kein Mensch kann es mir mehr nehmen?" + +"Das knnen Sie, Andres", versicherte die Frau Oberst. "Sobald das +Wiseli Ihr Kind ist, hat kein Mensch mehr ein Recht auf das Kind. +Sie sind der Vater. Und weil ich mir gedacht hatte, Sie knnten +den Wunsch haben, das Wiseli zu behalten, so habe ich meinen Mann +gebeten, heute nicht fortzugehen, falls Sie etwa zur Stadt in die +Kanzlei fahren wrden, da alles bald festgesetzt werde, denn zu +Fu knnen Sie noch nicht gehen." + +Andres wute gar nicht, was er tat vor Aufregung und Freude. Er +lief dahin und dorthin und suchte den Sonntagsrock. Dann rief er +immer wieder: "Ist es auch sicher wahr? Kann's auch sein?" Dann +stand er wieder vor der Frau Oberst und fragte: "Kann es jetzt sein, +gleich jetzt, heute noch?" + +"Gleich jetzt", versicherte sie. Doch gab sie nun dem Schreiner +Andres die Hand zum Abschied, sie mute gehen und ihrem Mann +mitteilen, da Andres schon reisefertig sei. + +"Sie sollten es dem Wiseli erst am Abend sagen, wenn alles gut +eingeleitet ist", bemerkte die Frau Oberst noch unter der Tr. + +"Ja, sicher, sicher", gab Andres zur Antwort. "Jetzt brchte ich +ohnehin kein Wort hervor." + +Als die Tr sich schlo, setzte sich Andres auf seinen Stuhl und +zitterte an Hnden und Fen so sehr, da er meinte, er knne nie +mehr aufstehen. So waren ihm die Freude und Aufregung in alle +Glieder gefahren. Es dauerte kaum eine halbe Stunde, da kam schon +der Wagen des Obersten angefahren und hielt am Grtchen des +Schreiners. Und zu Wiselis unbeschreiblichem Erstaunen stieg der +Knecht von seinem Sitz herunter, kam herein, und nach wenigen +Minuten sah es, wie er wieder herauskam, den Schreiner Andres mit +beiden Armen festhielt und ihm dann in den Wagen half. + +Wiseli schaute dem Fuhrwerk nach, als bewege sich etwas Unfaliches +vor seinen Augen, denn der Schreiner Andres hatte kein Wort mehr zu +ihm sagen knnen, nicht einmal, da er ausfahren werde. + +Jetzt ging Wiseli in die Stube hinein und setzte sich ans Fenster, +wo sonst der Schreiner Andres sa. Und es konnte nichts anderes +mehr denken als nur immerzu: Heute ist der letzte Tag, und morgen +mu ich zum Onkel gehen. + +Als der Mittag herankam, ging Wiseli in die Kche hinaus und machte +zurecht, was der Andres essen sollte. Aber er kam nicht, und es +wollte nichts essen, wenn er nicht dabei war. So ging es wieder +hinein, und sofort stand der traurige Gedanke wieder vor ihm. + +Aber endlich wurde es so mde vom Nachdenken, da sein Kopf ihm auf +die Schulter fiel und es fest einschlief. Aber noch im Schlaf +mute es immer sagen: "Und morgen mu ich zum Onkel gehen." Und +Wiseli sah nicht, wie leise der helle Abendschein in die Stube fiel +und einen schnen Tag verkndigte. + +Wiseli schreckte hoch, als jemand die Stubentr ffnete. Es war +der Schreiner Andres. Das Glck leuchtete ihm aus den Augen wie +heller Sonnenschein, so hatte ihn Wiseli noch nie gesehen. Es +schaute verwundert zu ihm auf. Jetzt mute er auf seinen Stuhl +sitzen und Atem holen vor Rhrung, nicht vor Erschpfung. Dann +rief er mit triumphierender Stimme: "Es ist wahr, Wiseli, es ist +alles wirklich wahr! Die Herren haben alle ja gesagt. Du gehrst +mir, ich bin dein Vater, sag mir einmal 'Vater'!" + +Wiseli war ganz schneewei geworden. Es stand da und starrte den +Andres an, aber es sagte kein Wort und bewegte sich nicht. + +"Ja so", fing Andres wieder an, "du kannst es ja nicht begreifen, +es kommt mir alles durcheinander vor Freude. Jetzt will ich von +vorn anfangen. Siehst du, Wiseli, jetzt eben habe ich es in der +Kanzlei unterschrieben. Du bist jetzt mein Kind, und ich bin dein +Vater, und du bleibst hier bei mir fr immer und gehst nie mehr +zurck zum Onkel. Hier bist du daheim, hier bei mir." + +Jetzt hatte Wiseli alles begriffen. Auf einmal sprang es auf den +Andres zu, umfate ihn mit beiden Armen und rief: "Vater! Vater!" +Der Andres brachte kein Wort mehr hervor und das Wiseli auch nicht, +denn es kam so viel zusammen im Herzen und in den Gedanken, da es +ganz berwltigt wurde. Aber mit einemmal war es, als ob ihm ein +helles Licht aufginge. Es schaute den Andres mit leuchtenden Augen +an und rief. "O Vater, jetzt wei ich, wie es zugegangen ist und +wer uns geholfen hat." + +"So, so, und wer denn, Wiseli?" fragte er. + +"Die Mutter!" war die rasche Antwort. + +"Die Mutter?" wiederholte Andres, ein wenig erstaunt. "Wie meinst +du das, Wiseli?" + +Jetzt erzhlte das Kind, wie es die Mutter gesehen hatte, ganz +deutlich, wie sie es bei der Hand genommen und ihm einen sonnigen +Weg gezeigt und gesagt hatte: Sieh, Wiseli, das ist dein Weg. + +"Und jetzt, Vater", fuhr Wiseli eifrig fort, "jetzt ist mir auf +einmal in den Sinn gekommen, wie der Weg war, gerade so, wie der +drauen im Garten, wenn die Sonne darauf scheint und die Nelken so +rot glhen und auf der anderen Seite die Rosen. Und die Mutter hat +ihn schon gekannt und hat gewi das ganze Jahr den lieben Gott +gebeten, da ich auf den Weg kommen drfe. Sie hat schon gewut, +wie gut ich es bei dir haben wrde, wie sonst nirgends auf der +ganzen Welt. Das glaubst du jetzt auch, Vater, da alles so +gegangen ist, nicht wahr, seit du weit, da die Mutter mir den Weg +bei den Nelken gezeigt hat?" + +Der gute Andres konnte nichts sagen, die hellen Trnen liefen ihm +die Wangen hinunter. Dabei aber lachte ihm eine solche Freude aus +den nassen Augen, da es dem Wiseli nicht bange wurde. + +Als er aber endlich etwas sagen wollte, da hrte man nichts davon. +Denn in dem Augenblick wurde mit einem Krach die Tr aufgeschlagen, +und herein sprang mit einem Satz bis mitten in die Stube der Otto. +Dann machte er noch einen groen Sprung ber einen Stuhl und rief: +"Juhe, wir haben gewonnen, und das Wiseli ist erlst!" + +Hinter ihm strzte das Miezchen hervor, rannte gleich auf seinen +Freund los und sagte mit bedeutungsvollem Winken gegen die Tr hin: +"Jetzt, Andres, wirst du gleich sehen, was zum Genesungsfest kommt!" + +Und da kam schon der Bckerjunge herein mit einem so ungeheuren +Brett auf dem Kopf, da er in der Tr steckenblieb und nicht damit +weiter konnte. Aber von hinten kam eine krftige Hand, die hob und +schob und sttzte das wankende Gebude, bis es glcklich in der +Stube angelangt und auf den Tisch gesetzt war, den es gnzlich +bedeckte. Denn Otto und Miezchen hatten Sparbchsen geopfert und +zum Genesungsfest den allergrten Rahmkuchen machen lassen, den +ein Mensch machen knnte. Da er nun zu klein geworden wre als +runder Kuchen, so hatte man ihn viereckig gemacht, so da er den +Ofen ausfllte von vorn bis hinten und nun den ganzen Tisch +bedeckte. + +Auf den Boden stellte nun die Trine, die hinter dem Bckerjungen +hilfreich hereingekommen war, ihren groen Korb. Da waren ein +schner Braten darin und Wein dazu, denn die Frau Oberst hatte +gesagt, heute habe der Andres gewi noch keinen Bissen gegessen. +Und vielleicht das Wiseli ebenfalls nicht, und so war es auch. +Jetzt merkte auch das Wiseli, da es hungrig war, als es alle die +einladenden Sachen vor sich sah. + +Nun setzte sich die ganze Gesellschaft an den Tisch, und man konnte +gar nicht absehen, wer von allen das frhlichste Gesicht hatte. +Vor allem mute der Riesenkuchen in der Mitte zerschnitten und die +Hlfte auf den Boden gelegt werden, da man Platz bekam. Nun +folgte ein frhliches Festessen, denn jedem, der an diesem Tisch +sa, war sein hchster Wunsch in Erfllung gegangen. + +Als es nun spt geworden war unter all der Freude und man endlich +vom Tisch aufstehen mute, sagte Andres: "Heute habt ihr ein Fest +bereitet. Aber am Sonntag will ich auch eins bereiten, dann kommt +ihr wieder. Und das soll das Fest des Einstands sein fr mein +Tchterchen." + +Nun schttelten sich alle die Hnde in der frohen Aussicht auf ein +neues herrliches Fest und auf die immerwhrende Befriedigung, das +Wiseli beim Schreiner Andres zu wissen. In der Tr aber gab Wiseli +dem Otto noch einmal die Hand und sagte: "Ich danke dir +hunderttausendmal fr alles Gute, Otto. Der Chppi hat mir auch +nie mehr etwas an den Kopf geworfen, weil er nicht durfte. Das +habe ich nur dir zu danken." + +"Und ich danke dir auch, Wiseli", entgegnete Otto. "Ich habe gar +nie mehr die Fetzen auflesen mssen in der Schule. Das habe ich +nur dir zu danken." + +Nun war in dem Stbchen alles still geworden, und der Mondschein +kam leise durchs Fenster herein, bei dem der Schreiner Andres sa, +whrend Wiseli abrumte. Dann kam das Kind zu ihm und sagte: +"Vater, soll ich dir nicht den Liedervers der Mutter laut vorbeten? +Ich habe ihn heute abend immer wieder leise fr mich sagen mssen. +Den will ich gewi mein ganzes Leben lang nie vergessen." + +Andres wollte den Vers hren, und Wiseli schaute zu den Sternen auf +und sagte tief aus seinem Herzen heraus: + +("Befiehl du deine Wege, +Und was dein Herze krnkt, +Der allertreusten Pflege +Des, der den Himmel lenkt.) + +(Der Wolken, Luft und Winden +Gibt Wege, Lauf und Bahn, +Der wird auch Wege finden, +Wo dein Fu gehen kann.") + + +Von diesem Tag an war und blieb das allerglcklichste Haus im +ganzen Dorf und im ganzen Land das Huschen des Schreiners Andres +mit dem sonnigen Nelkengarten. Wo seither das Wiseli sich blicken +lie, da waren alle Leute so freundlich mit ihm, da es nur staunen +mute. Denn vorher hatten sie es nie beachtet, und der Onkel und +die Tante gingen nie am Haus vorbei, ohne schnell hereinzukommen, +ihm die Hand zu geben und zu sagen, es solle auch zu ihnen kommen. + +ber diese Wendung war das Wiseli froh, denn es hatte immer +heimlich Angst gehabt beim Gedanken, was der Onkel zu allem sagen +werde. So war Wiseli von aller Furcht befreit und war frhlich. +Im stillen aber dachte es: Der Otto und seine Familie waren gut mit +mir, als es mir schlechtging und ich niemanden mehr auf der Welt +hatte. Aber die anderen Leute sind erst freundlich mit mir +geworden, seit es mir gutgeht und ich einen Vater habe. Ich wei +ganz gut, wer es am besten mit mir meint. + + +Ende dieses Projekt Gutenber Etextes Wie Wiselis Weg gefunden wird +Erzhlung von Johanna Spyri. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzahlung +by Johanna Spyri + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WISELIS WEG GEFUNDEN *** + +This file should be named 7888-8.txt or 7888-8.zip + +Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. 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