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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:59:51 -0700 |
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| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:59:51 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre> +<p>Title: Eros und die Evangelien</p> +<p> Aus den Notizen eines Vagabunden</p> +<p>Author: Waldemar Bonsels</p> +<p>Release Date: September 1, 2010 [eBook #33603]</p> +<p>Language: German</p> +<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> +<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EROS UND DIE EVANGELIEN***</p> +<p> </p> +<h3>E-text prepared by Norbert H. Langkau, Peter Simon,<br /> + and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team<br /> + (http://www.pgdp.net)</h3> +<p> </p> +<p class="mynote"> +Einige Druckfehler sind korrigiert und mit <ins title="nicht korrigierter Text">Popups</ins> notiert. Rechtschreibungsformen +wie »stehen« : »stehn« sind ungeändert.</p> +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="author">Waldemar Bonsels</p> + +<h1>Eros und die Evangelien</h1> + +<p class="subtitle">Aus den Notizen eines Vagabunden</p> + +<p class="center"><br /><br />67. bis 90. Tausend</p> + +<div class="figcenter"> + <img src="images/vignette.png" width="15%" alt="vignette" /> +</div> + +<p class="center">1922</p> + +<hr /> + +<p class="center">Verlag der Literarischen Anstalt<br /> +Rütten & Loening<br /> +Frankfurt a. M.<br /><br /></p> + +<p class="center">Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.<br /> + +Copyright 1920 by Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a. M.<br /> + +Die Einbandzeichnung ist von Walter Tiemann.<br /> + +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.<br /> + +Die holländische Ausgabe im Verlag »Patria«, Amersfort.<br /><br /></p> + +<p class="subtitle">Kapitelfolge</p> + +<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> + <tbody> + <tr> + <td></td> + <td>Seite</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Erstes_Kapitel">Der Tod</a><br /> + </td> + <td class="number">7</td> + </tr> + <tr> + <td><a href="#Zweites_Kapitel">Das Meer</a></td> + <td class="number">109</td> + </tr> + </tbody> +</table> + +<hr /> + +<p class="subtitle"><a name="Erstes_Kapitel" id="Erstes_Kapitel"></a>Erstes Kapitel<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"></a></p> + +<h2>Der Tod</h2> + +<p>Eines Morgens machte ich die Entdeckung, daß sich am +Deckleder eines meiner Stiefel eine Naht zu lösen begann, +so daß eine Spalte klaffte, wenn ich den Fuß streckte. Es +setzte mich in Erstaunen, da meine Stiefel, mit Ausnahme +der Sohlen, eigentlich noch in einem recht brauchbaren +Zustand waren, zumal, wenn man nicht absichtlich den +Blick auf die Absätze richtete, die nicht mehr ganz grade +aussahen. Da ich damals eine für meine Verhältnisse und +Ansprüche angesehene Stellung in einer Buchdruckerei +bekleidete, mußte ich Wert auf meine äußere Erscheinung +legen und begab mich deshalb zu einem Schuhmacher, +der Stevenhagen hieß und in der Nähe meiner Behausung +auf einem Hofe wohnte.</p> + +<p>Er war, wie alle Schuhmacher, ein Mann von Nachdenklichkeit +und Bildung, besonders für die erste seiner +Eigenschaften gaben meine Stiefel ihm Gelegenheit. Er +hielt sie mit einer Unnachsichtigkeit ans Licht, die etwas +Rohes an sich hatte, und sah mich dann mit einem Ernst +an, der meiner Meinung nach in keinem Verhältnis zur +Bedeutung des vorliegenden Falls stand.</p> + +<p>»Es handelt sich vorläufig nur um die Naht, ich +springe nur eben so auf meinem Weg zu Ihnen herein« +sagte ich.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_8" title="8"></a> +»So,« antwortete er mit genauer Beachtung meiner +Worte, »lange werden Sie auf diesen Stiefeln nicht +mehr springen.«</p> + +<p>Der Mann war ohne Takt, er sprach nur zur Sache, +ohne in Betracht zu ziehen, daß zu dieser Sache auch eine +Person gehörte. Zudem kostete er die zufällige Überlegenheit, +die die Lage ihm einbrachte, zu auffällig aus. Ich +hätte auch vielleicht besser daran getan, nichts davon zu +sagen, daß ich nur auf einen Sprung zu ihm gekommen +sei. Wenn ich die Stiefel mürrisch und wortlos hingehalten, +ins Zimmer gespuckt und geflucht hätte, so wäre +ihm von mir und meinen Stiefeln ein Gesamtbild entstanden, +das er besser überblickt und ohne inneren Widerstand +hingenommen hätte. Offenbar war er jetzt der Meinung, +daß ich beabsichtigt hatte, mehr zu scheinen, als ich +war, daß ich gewissermaßen den schlimmen Zustand meiner +Bekleidung als zufällig hinzustellen beabsichtigte, und mich +für etwas besseres hielt, als andere Leute mit zerschlissenen +Stiefeln.</p> + +<p>Ich dachte, am besten ist es, man spricht offen mit dem +Mann über diese Dinge, und ich hätte es sicher getan, +wenn draußen nicht der Regen vom grauen Himmel geströmt +wäre. Die eintönige Pflicht meines Tages lag mir +schwer im Sinn. Der Sommer ging zur Neige und die +ratlose Trauer über mein Geschick und meine Zukunft +quälte mich. Welch eine Kluft gähnte zwischen meinen +Erwartungen und den Aussichten, die sich mir boten, ich +lebte Tag um Tag nur von meiner Hoffnung, sie war +mein Brot. Solche Leute sind vom Sonnenschein abhängig, +wer dagegen weiß, was er zu tun hat, tut es auch<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"></a> +im Regen, und ein Ziel läßt sich selbst im Sturm verfolgen, +aber die Hoffnung hängt vom Licht und von der +Wärme ab, wie ein Keim in der Erde.</p> + +<p>Ich fühlte, während die Geräte des Handwerkers erklangen, +die Unruhe mit ihrem tödlichen Nachbarn, dem +Hang zu zerstören, in mir wachsen. So erhob ich mich +von meinem Sitz auf der Fensterbank und schritt auf +Strümpfen durch die angelegte Tür auf den Hausflur +hinaus, nur um mich zu bewegen, in meinem hilflosen +Ungenügen. Die Stube des Schuhmachers lag zu ebener +Erde, ein finsterer Gang führte weiter in das eng und +dürftig gebaute Hinterhaus hinein, rechts und links waren +Türen und am Ende eine Treppe, auf der es zum ersten +Stockwerk emporging. Da vernahm ich in der Dämmerung +ein hoffnungsloses Weinen, es wurde durch kein +Schluchzen unterbrochen, es klang wie ein öder, stiller +Gesang. Unter diesen Lauten, die mich festhielten, wo ich +stand, brach in meiner Brust eine Quelle auf und mir +war, als sei ihre Leere, an der ich eben noch gelitten hatte, +ausgefüllt wie durch eine jähe Begünstigung. Es wurde +mir warm und ich empfand Dankbarkeit, ohne daß ich +mir darüber klar zu werden vermochte, wie dies geschah, +aber wie im Gehorsam gegen einen inneren Befehl, öffnete +ich die Tür, hinter der die Stimme zu klagen schien, und +trat in ein niedriges Zimmer ein, in dem eine Frau an +einem Herd vor dem erlöschenden Feuer kniete und dicht am +Fenster ein Bett stand, in dem ein Mädchen schlief. Aber +es war alles still im Raum.</p> + +<p>Von den nur leicht verhangenen Scheiben fiel der +glanzlose Tagesschein, eine stille Lichtdecke, auf das Gesicht<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"></a> +der Ruhenden, das weiß und unwirklich schimmernd +in das lose Haar eingebettet lag, das schwarz wie Kohle +war. Die Arme waren zur Rechten und zur Linken an +den Körper angelegt, der sich unter der leichten Decke +abhob, grade gebettet wie bei einer Toten. Aber die +Ruhende lebte, denn ich sah, wie ihre Brust sich unter ihren +Atemzügen hob und senkte, aber ich erkannte zugleich, daß +sie krank war und an der Grenze ihres Lebens stand. Ich +sagte zu der Frau, die sich langsam aufrichtete und mich +wortlos ansah:</p> + +<p>»Wenn Sie erlauben, werde ich Sie besuchen.«</p> + +<p>Die Frau gab mir zögernd die Hand, nickte langsam +und schob mir einen Stuhl hin, den sie mit ihrer Schürze +abwischte.</p> + +<p>»Schickt Sie jemand zu uns?« fragte sie.</p> + +<p>Die anfängliche Ratlosigkeit ihres von Entbehrungen +elenden Gesichts wich einer ruhigen Aufmerksamkeit, die +ohne Neugier in meinen Zügen zu lesen trachtete. Ich +antwortete nicht auf ihre Frage, weil sie meine Antwort +nicht verstanden hätte und weil ich keine Worte machen +wollte, die meinem inneren Zustand nicht entsprachen. +Die Traurigkeit gibt den Menschen eine eigenartige Freiheit, +weil sie die Augen aus dem Wirrsal der kleinen +Sorgen auf ein einziges Ziel richtet, so dunkel es auch +sein mag, sie hat mit der Freude die Ausschließlichkeit +gemeinsam und richtet unsere innere Haltung aus den +Regionen der täglichen Beengung in eine Welt höherer +Erwartung empor. Vielleicht vermochte diese Frau deshalb +das Seltsame meiner unvermuteten Ankunft nicht +als etwas Ungewöhnliches oder Hinderndes zu betrachten, +<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"></a> +sie nahm sie gleichmütiger hin als es andere, in ihren Gewohnheiten +gesicherte Menschen, getan hätten.</p> + +<p>»Wie geht es Ihrer Tochter?« fragte ich.</p> + +<p>Diese Frage wirkte nicht ungewöhnlich, denn eine +Mutter setzt immer voraus, daß die Welt von ihrem +Kummer um ihr Kind erfüllt ist, so antwortete sie einfach:</p> + +<p>»Wenn Asja nur ein einziges Mal eine Klage aussprechen +wollte, wäre mir wohler. Ich habe immer gedacht, +diese Krankheit bliebe den Leidenden verborgen, +aber sie weiß sie und spricht ohne Kummer von ihrem +Tod.«</p> + +<p>»Vielleicht ist dies eine Erleichterung«, antwortete ich.</p> + +<p>»Es ist doch mein Kind«, sagte sie und sah mich an.</p> + +<p>Darauf vermochte ich keine Antwort zu geben und sah +zu Asja hinüber. Die Ruhe ihres Gesichts erfüllte das +Zimmer. Die Lider über den Augen waren das hellste +der bleichen Landschaft dieses Angesichts aus Menschenarmut, +Schlaf und Ferne. Neben dem Bett stand auf +einem kleinen Tischchen eine Tasse, eine Kerze und ein +Krug. Ein Buch in rotem Einband, aus dem ein paar +lose Blätter Papier hervorschauten, lag zwischen einer +Blumenvase und einem Stück Brot.</p> + +<p>»Liest Asja viel?« fragte ich.</p> + +<p>Die Mutter nickte. »Ich gehe um Bücher, aber die +Leute leihen sie ungern. Wenn Sie Bücher hätten ...«</p> + +<p>»Ich kann bringen,« antwortete ich, »heute noch.«</p> + +<p>Die Mutter lächelte.</p> + +<p>»Das wäre wirklich schön, Asja wird mit Ihnen +darüber sprechen, was in den Büchern zu lesen steht. +Wenn man Tag für Tag und Nacht für Nacht auf +<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"></a> +einem Fleck daniederliegt, wird man dankbar und ist mit +weniger zufrieden, als die Menschen wissen, die alles +haben, und gehen und leben, wie sie wollen. Wenn die +Toten noch Empfindungen hätten, so wären sie sicher +dankbar für jeden Wassertropfen, der durch ihre Sargwand +sickert. Ich hätte gewiß noch Kraft, vieles zu tun, +was dem Kind Hilfe brächte, aber es gibt keine mehr für +uns, und das Warten, ohne etwas bewirken zu können, +macht mutlos, weil keine Hoffnung mehr da ist ... Oft +überwältigt mich dies Leben jetzt und ich meine, es nicht +mehr ertragen zu können.«</p> + +<p>»Als ich an Ihrer Tür vorüberging, dachte ich +dasselbe.«</p> + +<p>»Wenn Sie noch bleiben wollen, bis Asja erwacht ...« +sagte die Frau mit zögernder Erwartung. Sie hatte ein +Tuch um die Schultern gelegt, eine Tasche über den Arm +gehängt und schickte sich nun an, das Zimmer zu verlassen.</p> + +<p>»Herr Stevenhagen hat meine Stiefel, es kann noch +eine Weile dauern, so bleibe ich also noch ...«</p> + +<p>»Asja wird sich freuen, daß man sie besucht.«</p> + +<p>Sie stellte noch eine kleine Glocke neben das Bett, +seufzte auf, mit einem langen Blick auf die Kranke, und +gab mir die Hand. »Wenn Sie an die Bücher denken +wollen?«</p> + +<p>Ich versprach es und begleitete sie an die Tür. Sie +kam noch einmal zurück: Es stünde Kaffee im Rohr, +wenn ich etwas wollte, oder vielleicht auch, daß Asja +darum bäte. Sie selbst ginge bis zum Mittag in die +Papierfabrik.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_13" title="13"></a> +Als die Tür sich geschlossen hatte, sah ich zu der Schlafenden +hinüber und begegnete ihrem Blick, der groß und +dunkel auf mir ruhte. Ein kaum bemerkbares Lächeln, +ein wenig schelmisch, belebte ihre Züge und wurde zu einem +leisen Lachen, als ich meine Gegenwart zu begründen +suchte.</p> + +<p>»Ich weiß schon,« sagte sie, »Sie warten auf Ihre +Stiefel. Aber warum tun Sie es bei uns?«</p> + +<p>»Sie haben gewacht?«</p> + +<p>»Die Mutter findet schwer fort, wenn ich nicht schlafe, +und da es doch sein muß, daß sie geht, schlafe ich, damit +sie leichter fortfindet. Wie kommen Sie zu uns?«</p> + +<p>»Als ich über den Hausflur ging, hörte ich jemanden +weinen und trat ein, man kann nie wissen ...«</p> + +<p>»Niemand hat in diesem Zimmer geweint.«</p> + +<p>»Mir schien es so.«</p> + +<p>»Sie wollen mir Bücher bringen? Da bin ich doch +gespannt, was es sein wird. Haben Sie viele Bücher?«</p> + +<p>»Wenn ich ehrlich sein soll, so habe ich überhaupt +keine, sie sind mir abhanden gekommen, oder liegen auf +dem Dachboden meines Elternhauses, das nicht in dieser +Stadt <ins title="ist">ist.</ins> Aber ich werde welche beschaffen, das wird +mir nicht schwer.«</p> + +<p>»Machen Sie sich keine Mühe«, sagte sie langsam, +lächelte und sah vor sich nieder. In ihrer Ablehnung, die +keinesfalls Bescheidenheit war, lag trotzdem nichts von +einer Kränkung.</p> + +<p>Mir war zumut, als habe die Welt, in der ich mich +eben noch befunden hatte, sich jählings gegen eine andere +vertauscht, als sei ich aus einer lauen, bedrückenden Luft, +<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"></a> +die von Bedürftigkeit und einem vagen Hang zu bereitwilligem +Mitleid gesättigt war, plötzlich in einen herben +Windzug geraten und in einen <ins title="Bereich">Bereich</ins>, in dem es nicht zu +helfen galt, sondern zu bestehen. Ein leiser Unwille, dessen +ich mich schämte, machte mich unsicher. Ich dachte: da +sieht man es nun, jetzt sitzt du hier.</p> + +<p>Aber als ich dann den Blick hob und ihn ruhig in die +Augen dieses Mädchens senkte, begriff ich, auf welche +Art ich ihr mit dem Gefühl des Mitleids Unrecht getan +hatte. Es wird das beste sein, ich sage es ihr, dachte ich, +und begann zögernd:</p> + +<p>»Als ich dies Zimmer betrat und Umschau in ihm gehalten +hatte, als ich Ihre Mutter und Sie gewahr +geworden war, hatte ich das quälende Schuldbewußtsein, +in das uns Mitleid zu stürzen vermag, aber seit ich nun +in der ruhigen Helligkeit Ihrer Augen stehe, bin ich nichts +mehr schuldig, Ihre Augen machen das Herz frei.«</p> + +<p>Das Mädchen richtete sich auf, stützte sich auf ihre +Ellenbogen und sah mich in so großem Erstaunen an, daß +ich, wie vor mir selbst, erschrak. Was habe ich denn gesagt? +dachte ich. Ein leiser Schwindel ergriff mich, ich +besann mich, als hätte ich jahrelang etwas Unnennbares +vergessen, das ich heimlich dennoch gesucht hatte.</p> + +<p>»So bist du nun doch gekommen,« sagte das Mädchen +schüchtern und langsam, aber mit großer Deutlichkeit, +und als ich den Blick wieder hob, sah ich, daß sie so bleich +war, wie das Leinen ihres Betts.</p> + +<p>Da ich keinen Mut hatte, zu glauben, fragte ich +zögernd:</p> + +<p>»Wen hast du erwartet?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_15" title="15"></a> +»Es gibt für uns alle nur einen Menschen, zu dem +wir du sagen.«</p> + +<p>Nie hat mein Herz so schmerzhaft geschwankt wie unter +diesen Worten, nie war es so von unfaßbaren Gewalten +hin und her geworfen. Hoffnung und Mut, Zweifel, +Aberglauben und Zuversicht stürzten sich wie Lichtströme +und Nachtwolken über mich. Die Welt und die Menschen +haben mich verdorben, dachte ich, denn wie kann mein +Glaube am Tor dieser Wohltat zaudern, was hindert +mich, den Garten zu betreten und zu sein, was ich bin, +und zugleich immer zu erweisen gehofft habe, mir selbst +und allen? Ich schäme mich, ein Mensch zu sein, dachte +ich, daran sind wir alle krank. Aber darüber ward die +Helligkeit der Genesung, die mir entgegenströmte und die +zugleich aus mir hervorbrach, so mächtig in mir, daß ihr +Licht meine Augen blendete.</p> + +<p>Asja erhob sich von ihrem Lager, trat auf mich zu und +legte ihren Arm um meinen Hals. Ich sah ihr Gesicht +dicht vor meinem und unter der nun ruhig gewordenen +und zuversichtlichen Aufmerksamkeit ihrer Blicke, wußte +ich, daß ich bestehen würde. Da begriff ich, was Dank +ist; wieviel erlebte ich doch in diesen Augenblicken, ein +ganzes Leben vermag es nicht auszumessen. Ich glaube, +in Wahrheit leben wir alle nur ein paar Augenblicke, +alles andere ist Ahnung, Erinnerung und Hoffnung. Dies +aber war Wahrheit, und so sagte ich es Asja, denn sonst +wußte ich im drohenden Ernst meines Glücks nichts zu +sagen.</p> + +<p>Die Lichtabgründe ihrer großen Augen schienen das +einzige zu sein, vor dem ich mich befand. Sie lag nun +<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"></a> +wieder still und grade vor mir auf ihrem Lager und sah +mich an. Eine Weile sprach keiner von uns, ich ließ mich +so an ihrem Bett nieder, daß ich ihr gegenüber saß, sie +öffnete meine Hand und legte die ihre hinein, warm und +fest, mit dem Rücken nach unten, als bettete sie sie in ein +lebendiges Lager.</p> + +<p>»Bist du sehr krank?« fragte ich.</p> + +<p>Sie nickte und lächelte.</p> + +<p>»Wirst du gesund werden?«</p> + +<p>Sie schüttelte den Kopf, aber ihr Lächeln blieb.</p> + +<p>Ich befand mich in einem Zustand überbotenen Gefühls, +wie in einem Seelenraum, der weder Glück noch +Schmerz zu fassen vermag, mir war zumut, als zöge das +Leben ohne mich an mir vorüber, und ich fühlte doch, daß +ich zum erstenmal ganz in seinem Strom trieb. Es sind +die Ufer, die dahinziehen, dachte ich, es erscheint mir als +stünde ich selber still und als zögen die Ufer dahin, aber +in Wahrheit bin ich es, der zum erstenmal in die Bewegung +des Lebens geraten ist und ich sehe nun, wie die +Werte alten Bestands davonziehen.</p> + +<p>Sie ist krank und wird sterben, dachte ich dann, sonderbar +nüchtern, aber zu erfassen oder zu glauben vermochte +ich den Sinn meines Gedankens nicht. Es kann nicht +wahr sein, wie ich es bisher für wahr gehalten habe, sann +ich schwerfällig, denn was bedeutet sonst dieses Lächeln, +dieses Lächeln, das ich aus alter Erinnerung her kenne? +So lächelte meine Mutter, wenn sie mir scherzend eine +arge Botschaft brachte, hinter der sich im Grunde doch +eine frohe Verheißung verbarg, sie, die damals noch alles +möglich machen konnte, was mein Kinderherz begehrte, +<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"></a> +und von der ich wußte, daß sie es zuletzt doch tun würde, +da mein Leid ihr schmerzlicher war als mir ...</p> + +<p>Da sagte Asja:</p> + +<p>»Die Gesunden ahnen das Wesen der Krankheit nicht +und fürchten sie immer. Wer aber krank gewesen ist, +weiß, daß die Erinnerung an diese Zeit nicht immer trüb +und trostlos ist, wie vorher die Befürchtung war, sondern +daß eine Helligkeit über diesen Tagen und Nächten liegen +kann, die sogar die Schmerzen vergessen läßt. Dieses Licht +bricht aus der Freiheit, in die uns unsere Anspruchslosigkeit +führt, die sich langsam mehr und mehr mit unserem +Daniederliegen einstellt. Krank zu werden ist viel schmerzlicher, +als krank zu sein, denn zu Anfang fühlt sich unsere +Seele noch an die Welt der Sinne gebunden, in der sie +gefangen lag, und wir verstehen ihre neue Freiheit nur +langsam. Aber sie stellt sich wider unseren Willen ein, +und mehr und mehr gelangen wir aus den Regionen des +Vergänglichen in die Bereiche des Unvergänglichen. Alle +Krankheiten sind Entfesselungen der Seele aus der Welt +der Sinne. Ich glaube, daß der Tod der hellste Wipfel +dieser Höhen der Freiheit für unser Bewußtsein zu werden +vermag.«</p> + +<p>Das Mädchen sprach eifrig und einfach, aber ohne den +Wunsch zu überzeugen, ich habe niemals im Leben etwas +so deutlich gehört wie den Sinn dieser Stimme. Es war +als stünde eine aufrechte Gestalt hinter der liegenden, eine +andere, die doch dieselbe war, ein Wesen, das keiner +Worte bedurfte, um sich verständlich zu machen, sondern +das klar und selbstverständlich dadurch sprach, daß es so +und nicht anders beschaffen war. Eine schweigsame Herrlichkeit<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"></a> +der Verkündigung ging von ihr aus, wie von +Wert und Unwert genesen.</p> + +<p>Draußen schien der Morgen sich ein wenig aufzuhellen, +es regnete nicht mehr und der Lichtschimmer, der ins +Zimmer fiel, verriet, daß Wolken und Sonnenschein sich +hoch über uns im Freien vermischten. Die Gegenstände +des Zimmers, das sorgfältig geordnet war, nahmen in +meinen Augen eine nüchterne Selbständigkeit an, wie +Wesen von Sinn und Lebendigkeit, die in einer erstarrten +Bereitschaft warteten. Ich betrachtete diese Dinge und +die Eigenart dieser Morgenstunde beschäftigte mich. Solche +Morgenstunden in einem Wohnzimmer sind mir fremd +geworden, dachte ich, wo war ich denn stets um diese +Zeit? Seit meiner frühsten Kindheit habe ich grade diese +Stunden nicht mehr erlebt. Wenn ich krank war und +nicht zur Schule konnte, erfuhr ich sie, oder Sonntags, +aber schon dann waren sie anders.</p> + +<p>Asjas Hand lag immer noch in der meinen. Sie hatte +die Augen geschlossen und ich sah auf ihr Gesicht nieder. +Das Lebenslicht der Züge floß über die mattfarbigen +Formen der Schläfen und Wangen, deren Töne sich nicht +unterschieden, alles war in ein ruhiges Blaß gebettet. +Die Bogen der Brauen waren breit und tiefschwarz und +die Augenlider am hellsten. Die Wimpern auf den +Wangen ruhten dicht und dunkel, wie aus Samt, +und der Mund, dessen Lippen kaum einen Schimmer +von rot trugen, war von einer Lebendigkeit, die mich erbeben +ließ. Ich sah mit Grauen und Andacht auf diese +schwermütige Süße, von der es wie Frühlingssonnenschein +aufstieg.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_19" title="19"></a> +Mich ergriff ein Taumel von Armut und Gram, der +mich durch und durch verwandelte, aber zugleich blühte +mein Herz. Da wußte ich: Dies ist der Anfang und das +Ende. Es ist die Bestätigung, dachte ich, und nahm das +Urteil hin. Ich hatte das Empfinden uralt zu sein, und +maß und erkannte dies Bewußtsein doch in der Allgewalt +einer unbestürmbaren Jugend. Schlag deine Augen auf +und sprich wieder zu mir, ich bin verwirrt und möchte +doch meine Sicherheit nicht an Wesen und Dingen zurückgewinnen, +an die ich nun nicht mehr glauben kann, +und die ich niemals wieder lieben werde. In einem einzigen +Augenblick hat das Lebenssinnbild deines Mundes +eine Welt in Trümmer geworfen. —</p> + +<p>Wir haben noch mancherlei miteinander gesprochen, +dieses und jenes, wie der Augenblick es uns eingab, aber +wenn auch von nichtigen Dingen die Rede gewesen sein +mag, so war doch alles, was uns im Geist begegnete, von +jener reinen Wichtigkeit des Wesens, die die Achtung +und die beglückende Vorsicht der Liebe schaffen. Ich ahnte +die Durchsichtigkeit der Welt, in der diese Seele lebte +und meine Begierde wachte mächtig in mir auf, wie +Durst. Als ich gewahrte, daß das Mädchen müde wurde, +ohne daß sie die Erschöpfung ihres Körpers selbst spürte, +verließ ich sie und ging, ohne ihr zu versprechen, daß ich +wiederkommen würde, denn es verstand sich von selbst, und +mir wäre eine solche Zusage vorgekommen, als hätte ich +gesagt, daß es Tag sei, oder wieder Nacht werden würde. —</p> + +<p>Irgendwo, mir aus weiter Ferne der Erinnerung noch +dunkel bekannt, wie auf einem anderen Stern, saß der +Schuster Stevenhagen, der meine Stiefel in Kur genommen<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"></a> +hatte. Er sah mich erstaunt an, als ich bei ihm +eintrat, wies nur schweigend in einen Zimmerwinkel und +rückte den Schuh auf seinen Knien wieder in den Lichtkegel +der gläsernen Wasserkugel, hinter der eine Lampe +brannte. Ich suchte mein Eigentum unter den arg mitgenommenen +Fremdlingen heraus, die wie eine Schar +flüchtig geordneter Landstreicherpaare am Boden umherstanden, +und fragte nach meiner Schuldigkeit.</p> + +<p>»Das läßt sich aufbringen«, sagte der Alte.</p> + +<p>Ich ließ mich auf einem Hocker nieder und zog die +Stiefel an.</p> + +<p>»Wo sind Sie gewesen?« fragte der Schuster.</p> + +<p>Ich sagte es ihm und er hielt in seiner Arbeit inne, +wandte sich mir zu und sah mich an.</p> + +<p>»Kennen Sie Asja?«</p> + +<p>»Ja,« sagte ich, »noch nicht lange, aber für immer.«</p> + +<p>Er fuhr fort mich prüfend zu betrachten, lächelte, scheinbar +dankbar über dieses Bekenntnis, schwieg aber und +wandte sich endlich seiner Arbeit wieder zu. Als ich ihm +Geld zum Wechseln gab, schob er die Münze fort, schüttelte +den Kopf und forderte mich durch eine Bewegung +auf, das Geld zurückzunehmen.</p> + +<p>Ich verstand plötzlich, nahm die Münze und ging +davon.</p> + +<p>Ist es so, dachte ich draußen, als ich ziellos und doch +eilig die nasse Straße durchschritt, daß es genügt mit dir +bekannt zu sein, Asja, um alle zu Freunden zu haben, die +von dir wissen?</p> + +<p>Die Gesichter der Menschen, der Lärm der Straße +und die Mauerwände der Häuser begannen auf mich zu +<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"></a> +drücken. Wenn ich doch Horizonte, Wiesen und Pflanzen +sähe, dachte ich, ich würde meinen Glauben besser zu +wahren wissen und meine Fröhlichkeit würde standhalten. +Was ruft ihr mich an, bemächtigt euch meiner und zerrt +mir die Seele aus dem Leib, ihr Namen und Bilder, +Inschriften und Auslagen, Glocken und Stimmen? +Eure traurige Hast und leere Mühe, eure Sucht ohne +Sehnsucht und euer Weh ohne Heimweh verführen und +verraten mich und machen mir alles verächtlich, um dessen +willen ich allein leben möchte. Ihr betrügt die Seele um +die Heimat.</p> + +<p>Über solchen Gedanken kam mir in den Sinn, daß ich +Asja Bücher versprochen hatte, und wenn ihre Worte, +die mich gleichmütig und zurückhaltend nach diesem Vorsatz +gefragt hatten, auch kein sonderlich starkes Vertrauen +zum Wert dessen verraten haben mochten, was ich etwa +bringen würde, so beschloß ich doch mein Vorhaben auszuführen +und das Mädchen womöglich auf das angenehmste +zu enttäuschen.</p> + +<p>Während ich über die Straße dahinschritt durch den +Regen, überfiel mich plötzlich der Gedanke an meine Beschäftigung, +an meine Tagespflicht, an die Druckerei und +meinen Brotherrn. Seit drei Stunden wartete man auf +mich, ich war unentschuldigt ausgeblieben, in Gefahr +ernstlich verstimmt zu haben und entlassen zu werden. +Aber als ich auf eine Erklärung sann und erwog, ob ich +die Angelegenheiten Asjas nicht besser in meinen freien +Mittagsstunden erledigen sollte, überkam mich ein jäher +Entschluß, der mir das Bewußtsein einer beseligenden Freiheit +einbrachte. Ich nahm mir vor, überhaupt nicht mehr +<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"></a> +in die Druckerei zu gehen, und meine alte Verpflichtung +gegen eine wertvollere einzutauschen, gegen die, Asja zu +Diensten zu sein so lange sie noch lebte. Was galten mir +äußerliche Verluste gegen das Glück der inneren Entbundenheit, +in der ich nach diesem Vorsatz, wie neugestärkt, +dahinschritt. Eine noch ungewisse Ahnung, daß ich Vergängliches +gegen Unvergängliches eintauschte, erfüllte mich +durch und durch mit Fröhlichkeit. Auch wußte ich, daß +es mir für den Fall der Not nicht schwer fallen würde, +wieder irgendeine Beschäftigung zu finden, die mich vor +Hunger schützte, wie sie einem Menschen stündlich zu +Gebote steht, der bereit ist jede Arbeit zu übernehmen.</p> + +<p>Es mochte zwischen zehn und elf Uhr sein. Ich genoß +für eine kurze Weile diese ungewöhnliche Stunde, die ich +in den letzten Wochen nur mit Bedrücktheit und Verlangen +von dem nüchternen Zifferblatt der Geschäftsuhr +abgelesen hatte. Es galt aber sie zu nützen, und ich überdachte, +auf welche Art ich mich am besten in den Besitz +von Büchern zu setzen vermöchte. Meine Barmittel waren +gering und ich sah ein, daß ich nicht nur der Gelegenheit, +Bücher zu erwerben, sondern zugleich auch eines wohlmeinenden +Rates und teilnehmender Fürsorge bedurfte. Da erinnerte +ich mich dessen, daß ich zuweilen Korrekturbogen aus +der Buchdruckerei zu einem wohlgebildeten und sehr vermögenden +Herrn gebracht hatte, der Doktor der Philosophie, +Kunsthistoriker und Schriftsteller war. Ich war genötigt +gewesen, im Vorzimmer dieses Herrn auf dessen Einblick +in die Satzproben zu warten und hatte, als der Diener +in das Arbeitszimmer trat, einmal durch die Tür eine gewaltige +Bücherwand erblickt, die bis an die Decke hinauf +<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"></a> +in den gedämpften Gold- und Farbtönen alter und neuer +Bücher glitzerte. Ohne Besinnen entschloß ich mich einen +Versuch zu machen, hier zu Büchern zu gelangen, und +indem das Ungewöhnliche meines Vorhabens mir die +Brust ein wenig beengte, erwachte zugleich jene unbändige +Lust am Wagnis und am Besonderen, jener Hang, alle +Fesseln einer hergebrachten Lebensform gegen die einfache +Bewegung eines mutigen Menschentums einzutauschen, +der mir meine ganze Jugend hindurch viel Leid und +Seligkeit eingebracht hat, Erniedrigungen und Triumphe, +Haß und Liebe.</p> + +<p>Während ich den Weg in die Gartenvorstadt nahm, +in der das Landhaus des wohlbekannten, ja auf seinem +Gebiet berühmten Mannes lag, verbannte ich alle +Vorsätze zu einer bestimmten Art des Auftretens aus +meinen Erwägungen und beschloß, mich ganz der Gunst +oder Ungunst des Augenblicks zu überlassen und nur dem +zu gehorchen, was die Lage mir eingab und zumutete. +Werde ich abgewiesen, dachte ich, so befinde ich mich bald +wieder an dieser Stelle der Straße, auf der ich mich jetzt +bewege, und ich befinde mich hier sehr wohl. Aber dann +wurden meine Gedanken in einen verschleierten Ernst hinübergezogen, +denn Asjas Gestalt stand vor ihnen auf und +ihr Lächeln begleitete mich. Da glaubte ich zu wissen, +daß alles kommen würde, wie es kommen mußte, und +fühlte mich im Recht.</p> + +<p>Als ich an dem hohen, eisernen Gartentor anlangte, +setzte ich die Glocke in Bewegung und wartete darauf, +daß der Hausdiener den Kiesweg herabkommen würde, +um die Gruppe der Lebensbäume herum, die den seitlichen<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"></a> +Eingang zum Haus verdeckte. Es war aber diesmal +ein Stubenmädchen. Sie machte nicht auf, sondern +fragte mich durch das Gitter, was ich wollte.</p> + +<p>»Hinein«, sagte ich einfach.</p> + +<p>»Ach so,« meinte sie und musterte mich, »Sie kommen +von der Druckerei.«</p> + +<p>Sie wartete meine Antwort nicht ab, sondern zog die +Gittertür auf, schloß sie sorgfältig hinter mir und schritt +mir dann voran, bis in das Wartezimmer, das ich kannte. +Vorsichtig begab sie sich dann an die Tür zum Arbeitszimmer, +beugte sich vor, zögerte eine Weile und pochte +dann leise und außerordentlich zurückhaltend dreimal. Es +sah aus, als wäre die schwere Eichentür zerbrechlich. Mir +schien, daß der Gemeinte, wie manche verwöhnten Leute, +durch allzu große Rücksicht auf seine Wünsche ungeduldig +wurde, denn es ertönte ein sehr unfreundliches »Was ist +los?« und das Stubenmädchen wagte kaum die Tür zu +öffnen. Sie tat es, nachdem sie mir einen inhaltslosen +Blick zugeworfen hatte, einen Blick, wie ihn Leute haben, +deren innere Augen anders gerichtet sind als die äußern.</p> + +<p>»Ein junger Mann von der Druckerei ist da«, sagte +sie auf der Schwelle.</p> + +<p>»Also. Was bringt er? Geben Sie her!«</p> + +<p>Das Mädchen winkte mit der Hand eifrig zu mir +hinüber, damit ich ihr einhändigen sollte, was sie für +ihren Herrn bei mir vermutete.</p> + +<p>»Ich bringe nichts,« sagte ich, »ich möchte den Herrn +Doktor sprechen.«</p> + +<p>Jetzt trat sie ganz ein, lehnte aber die Tür nur hinter sich +an, so daß ich die laute männliche Stimme deutlich vernahm.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_25" title="25"></a> +»Etwas abholen? Ich habe nichts, es ist alles geschickt +worden.«</p> + +<p>Als die Tür sich wieder öffnete, rief der Herr Doktor +mich selbst an:</p> + +<p>»Was ist denn? So kommen Sie herein.«</p> + +<p>Ich trat ein und war erstaunt über die vornehme +Pracht dieses großen Zimmers. Ein schwerer roter Teppich +fing mich auf, von den Erkerfenstern brach gedämpftes +Licht auf den mächtigen Schreibtisch, der mitten im Raum +stand, umlagert bis zur Decke hinauf von hohen Bücherschränken +und <ins title="-borten">-borden</ins>, die in die Wände eingelassen +waren. Ein dunkler Eichentisch mit rundlehnigen Ledersesseln +bot sich zur Rechten, aus dämmrigem Hintergrund, +den Augen dar, und neben ihm stand ein breites Ruhebett, +belastet mit gewirkten Decken und einer großen Menge +vielfarbiger Kissen, deren Zahl ich in der Eile auf etwa +hundert schätzte.</p> + +<p>Der Herr Doktor saß an seinem Schreibtisch und hatte +sich mir zugewandt, die eine Hand auf die Lehne des +Sessels aufgestützt, so daß er über seinen emporgestemmten +Ellenbogen hinweg nach mir hinübersah. Zwischen den +Fingern hielt er eine Zigarre, so groß und dick wie ein +Tannenzapfen, von der eine hellblaue Rauchlinie emporstieg, +deren lichtes Leben wundervoll über die Dämmerung +des Hintergrunds dahinzog.</p> + +<p>Mir schien, als mißfiele dem Herrn die Aufmerksamkeit +nicht, die ich seinem Zimmer entgegenbrachte, erst +nach einer Weile sagte er mit einem etwas selbstgefälligen +Lächeln:</p> + +<p>»Also, was ist denn?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_26" title="26"></a> +Ich trug mein Anliegen in einfachen Worten vor, +ohne daß ich ihnen durch ungebührliche Wendungen oder +unbescheidene Selbstverständlichkeit den Anschein einer +heimlichen Anmaßung verlieh, es war nicht meine Schuld, +daß unser Gespräch bald darauf einen Fortgang nahm, +der den Hausherrn aufbrachte.</p> + +<p>»Bücher wollen Sie von mir?« fragte er gedehnt und +mit einer Betonung, als hätte ich von einem Schreiner +einen Schuh verlangt. »So ohne weiteres, das ist denn +doch ... muß ich sagen, ein höchst sonderbares Anliegen. +Wer sind Sie denn überhaupt, ich meine eigentlich ...«</p> + +<p>»Ich will Ihnen meinen Namen und meine Adresse +später aufschreiben, wenn Sie mir Bücher gegeben haben. +Als ich im Auftrag der Druckerei einmal bei Ihnen +war, sah ich durch die Türspalte den Reichtum an +Büchern, über den Sie verfügen, und ich dachte an Sie, +als ich heute früh bei der Kranken war.«</p> + +<p>»Und daraufhin ... ich glaube, Sie sind verrückt. +Nehmen Sie es mir nicht übel, aber einem daraufhin +ohne weiteres mit dieser Bitte zu kommen, ist denn doch +wohl mehr als ungewöhnlich. Sie glauben wohl in mir +einen Dummen gefunden zu haben?«</p> + +<p>»Nein,« sagte ich, »man kommt nicht immer gleich +auf das Rechte.«</p> + +<p>Der Angeredete schien den Satz daraufhin zu prüfen, +ob sein Sinn eindeutig sei, und schaute dabei auf den +Teppich nieder, als läse er ihn noch einmal in seinen Ornamenten +nach, dann erhob er sich und schritt auf mich zu.</p> + +<p>»Das war allerdings kaum das Rechte, so mir nichts +dir nichts bei mir einzufallen. Gibt es nicht Buchhändler +<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"></a> +oder, wenn es Ihnen an Barmitteln fehlen sollte, Leihbibliotheken +genug? Aber es wird wohl zuguterletzt auf +etwas anderes herauskommen.«</p> + +<p>Er zog seine Geldbörse und begann mit kurzsichtigen +Augen darin zu suchen, während sein Finger die Münzen +hin und her schob. »Wundert mich nur, wie Sie es +fertiggebracht haben, bei mir einzudringen. Sie haben +das Vertrauen Ihres Chefs mißbraucht, mein Lieber ... +Bücher! Wie lange kennen Sie denn dieses Mädchen +schon?«</p> + +<p>Ich wollte bei der Auswahl des Geldstückes nicht +stören und wartete deshalb ab, auf welches die Wahl +meines erzürnten und unfreiwilligen Gastgebers fiele. In +Erfahrung gebracht habe ich es niemals, denn es wurde +mir mit viel Takt in der geschlossenen Hand geboten; +jeder andere hätte die Münze sicherlich zwischen zwei +Fingern erhoben dargereicht.</p> + +<p>»Sie sind sehr freundlich,« sagte ich ohne zurückzutreten, +»aber mir ist mit einer kleinen Geldsumme nicht +gedient. Wenn Sie keine Bücher verleihen wollen, so +muß ich unverrichteter Sache wieder meines Wegs gehen. +Aber ich will es nicht tun, ohne einen letzten Versuch zu +machen, Sie davon zu überzeugen, daß weder ein unbedachter +und leichtfertiger Einfall, noch die Gier nach +einem unverdienten Vorteil mich zu Ihnen geführt haben. +Wenn ich den Reichtum an Unterhaltung, Belehrung +und Erhebung, an menschlicher Freude und menschlichem +Erleiden überdenke, den Sie in Ihrem Zimmer angesammelt +haben, all das erschlossene und unerschlossene Glück, +das diese Bände bergen, so erscheint es mir für einen +<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"></a> +Augenblick ungerecht, daß diese farbige Welt mit ihren +Landschaften der Seele und der Erde hier verborgen und +unbenutzt liegen soll, während ein paar Häuser weiter ein +Mensch, der dies alles und mehr in kurzer Zeit für immer +aufgeben muß, Verlangen danach trägt, für eine Stunde +seine Armut und sein Geschick zu vergessen.«</p> + +<p>Es entstand eine kleine Pause, als ich schwieg. Ein +sonderbarer Blick voll Gift und Staunen traf mich, +haftete wider Willen an meinen Zügen, umglitt mich, +verächtlich geworden, und löste sich endlich in einem Lächeln, +voll Neugier und Herablassung.</p> + +<p>»Schon gut, schon gut,« sagte er, »Sie werden mich +nicht beschwatzen.«</p> + +<p>Nach diesen häßlichen Worten brach plötzlich eine befangene +Gutmütigkeit im Ausdruck seines Gesichts durch, +die ich nicht erwartet hatte, und die ich mir nicht erklären +konnte, obgleich sie das einzige war, was auf mich wirkte. +Wahrscheinlich hat er mir zuvor seine Kraft beweisen +wollen, ehe er mir seine Schwäche verrät, dachte ich und +darüber wurde ich mutlos, denn ich erkannte aufs neue, +was unter den Menschen als stark gilt und was als +schwach.</p> + +<p>Da es in meiner Art und unbewußten Neigung lag, +den Fortgang eines Wegs immer dort zu suchen, wo ich +am tiefsten durch das Wirrwarr der Erscheinungswelt +blickte, sprach ich als Antwort von dem, was ich erkannte +und sagte:</p> + +<p>»Nun Sie mir durch Ihr Wort bewiesen haben, +wie wohl Sie gegen meine Tücke gewappnet sind, wird +Ihr Herz einen freien Weg für seine Güte finden können.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_29" title="29"></a> +Mein Gegenüber lachte breit und ungeschickt auf, so +daß ich ihn für einen Augenblick bedauerte, aber ich gab +dieser Ablehnung nicht nach, sondern wappnete mich aufs +neue, ich war entschlossen, zu meinem Ziel zu kommen. +Ein leise quälender Zweifel nagte tief in mir und für +einen Augenblick haßte ich diesen Mann, der den Wert +der feinen Fügung meiner Gedanken verstieß, als spräche +ein Narr zu ihm. Ich haßte die Kraft in ihm, die nichts +als Roheit war, die ich hassen werde, solange ich atme, +die am Tor aller Vernunft und Freiheit lauert und sich +Männlichkeit nennt. Da er nun auch noch sagte: »Das +war nicht schlecht geantwortet«, verzagte ich fast, denn +ein Lob aus der Welt, die wir verachten, ist ärger als ein +Tadel aus der Welt, die wir lieben.</p> + +<p>»Woher kommen Sie denn eigentlich, wer sind Sie, haben +Sie eine Schule besucht? Nun antworten Sie einmal.«</p> + +<p>»Lassen Sie mich in Ruh«, sagte ich schroff. »So +wohlfeil werden Sie Ihr Gefühl der Überlegenheit, das +Sie vermissen wie eine Krücke, nicht zurückbekommen. +Was geht Sie das an, woher ich komme? Wollen Sie +mir ein Mittel geben, Sie sichtbar zu täusche, damit es +Ihnen leichter wird, mir nicht zu glauben? Sie glauben +mir längst. Ich lasse mich nicht auf ein Gebiet locken, +auf dem Sie schon deshalb recht behalten, weil Sie eine +hohe Haltung gegen eine niedrige vertauschen.«</p> + +<p>»Das ist also einfach eine Unverschämtheit«, sagte +mein Gegner freundlich, lachte und setzte sich breit und +sicher mitten auf seinen Sessel.</p> + +<p>»Nehmen Sie Platz«, fuhr er in einem veränderten +Ton wohlwollenden Befehls und skeptischer Neugier fort, +<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"></a> +in dem seine Niederlage lag. »Sie haben vollständig +recht. Ich müßte ein Lump sein, wenn ich das nicht zugäbe. +Aber Bücher bekommen Sie keine.«</p> + +<p>Welch ein armseliger Seitenweg ist diese halbe Freundlichkeit, +dachte ich. Er zieht die Pfeile aus seiner Brust, +bricht sie ab, und tut, als seien sie stumpf gewesen. Eher +werden die Ströme zu den Bergen zurückfließen, als daß +einem Menschen meiner Zeit sein fanatischer Glaube an +den Triumph der Mittelmäßigkeit abhanden kommt. Ich +fürchtete den aufsteigenden Ekel, der mich noch immer entwaffnet +hat, und warf mich übereilig auf die Bahn eines +neuen Mittels. Ich darf nicht auf diese halbe Belustigung +eingehen, wußte ich, dieser Mann reißt mich anders in +seine Niederlage hinein, und am Ende erhalte ich doch +noch die Münze, die er immer noch zwischen den Fingern +drückt, als stammte sie aus einem Taschendiebstahl. Zudem +kam mir über dem Gedanken an diese Münze in den +Sinn, daß ein paar Bücher, die ich vielleicht doch endlich +leihweise erhielt, der Freundin wahrscheinlich wenig genug +bedeuten würden, denn nicht nur ihre Frage nach +meinen Beständen, sondern auch ihre Miene hatten mir +verraten, wie schwer ihrem Anspruch Genüge getan +werden konnte. Auch erschien es mir, als sei der ganze +Kraftaufwand dieser Stunde schon viel zu groß, als daß +ein paar entliehene Bände ihn endlich zu rechtfertigen vermöchten. +Ich mußte viel mehr erreichen. Mein Mißerfolg +lag daran, daß mein Kraftaufwand in keinem Verhältnis +zu meiner Forderung stand; was konnte diesen bedrängten +Ungläubigen mißtrauischer machen, als meine +Anspruchslosigkeit?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_31" title="31"></a> +Während ich sann, betrachtete mein Gegenüber mich +mit unverhohlener Aufmerksamkeit, mit einer etwas benommenen +Neugier, deren Lebenslicht mir aber keineswegs +die Furcht einjagte, er möchte mich mit diesen aufgetanen +Augäpfeln auch durchschauen. So sagte ich, +meiner selbst sicher:</p> + +<p>»Wenn ich den Ring betrachte, den Sie an Ihrem +Finger tragen, der sicher nur einen geringen Teil Ihres +großen Besitzes ausmacht, und bedenke, daß schon in ihm +die Macht liegt, einem Menschen, der bald sterben wird, +noch einmal die irdische Landschaft in Freuden und Ruhe +zu erhellen, so meine ich, Sie müßten ihn mir geben, um +Ihrer Freude und Ruhe willen.«</p> + +<p>Der Angeredete lächelte betroffen und überlegen, aber +nicht mehr mißbilligend. Vielleicht war er mir, ohne es +zu wissen, dankbar dafür, daß ich die Haltung nicht einnahm, +die er vorgeschlagen hatte, und derer er sich heimlich +schämte.</p> + +<p>»An diesen Ring fesselt mich eine Erinnerung, ein +teures Andenken. Nun?«</p> + +<p>Die Herausforderung in diesem letzten Wort empörte +mich, die lässige Aufforderung darin, in meiner Mühe +fortzufahren, war herabwürdigend.</p> + +<p>»Und nun haben Sie dieses Andenken entweiht«, sagte +ich rasch.</p> + +<p>»Was habe ich getan? Junger Mensch — wenn +eines mich wundert, so ist es, daß ich Ihnen nicht längst +die Tür gewiesen habe ...«</p> + +<p>»Ich will Ihnen sagen, wie ich denke, damit Sie sich +nicht erzürnen«, antwortete ich und faßte mich. »Ist dieser +<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"></a> +Ring ein teures Andenken an einen Menschen, der Ihnen +in Liebe nahesteht, oder gestanden hat, so ist er ein Sinnbild +der Gemeinschaft, unvergänglichen Guts, heiligen +Daseins über allem, das verfällt. So ist die Sendung, +die ihn gehen und wirken hieß, mit der er untrennbar behaftet +ist, wie mit seinem Glanz, die des wahrhaftigen +Lebens, und nur indem es sich mit ihm erfüllt, ist die Erinnerung +an den Geber geheiligt. Ich nehme nach Ihren +Worten an, dieser Mensch liegt begraben, Ihnen oder +uns allen; wird es nicht sein, als sei er auferstanden, wenn +die teure Glut in heimlicher Glorie um seine Gabe neu +ersteht, als fiele sie auf ihn zurück, nach dem Kreislauf +ihrer Bestimmung, und schlösse ihn in ihr Licht +ein? Sie aber drängen mit Ihrem Hang nach totem +Besitz den lebendigen Geist in sein kaltes, goldenes Grab +zurück.«</p> + +<p>Es wurde still im Zimmer, der Angeredete sah starr +vor sich hin, ohne daß mir irgendein Zeichen verriet, ob +meine Worte ihn im Guten bewegt oder aufs neue erzürnt +hatten. Dann sah er langsam auf, sein Blick überging +mit beinah trauriger Entschlossenheit die prächtigen +Dinge seines Raums, die Geräte seines Schreibtisches, +die Blätter und Bücher darauf, und wurde endlich, als +habe er sein eigenes Leben verloren, in das Leben des Lichts +gezogen, das durch das Fenster eindrang, und dort verirrte +er sich im wesenlosen Geist der Helligkeit.</p> + +<p>Ich dachte daran, daß Asja nun auf ihrem Lager lag +und in das gleiche Tageslicht schaute, und mir wollte +scheinen, als müßten sich die Blicke dort drüben und draußen +in der Höhe begegnen, so daß der Fremde von dem Ausdruck<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"></a> +in Asjas Zügen überwunden würde, wie vor kurzem +ich selbst, und mir so das Ende des schweren Wegs erspart +bliebe.</p> + +<p>»Hören Sie einmal«, sagte da plötzlich die tiefe Stimme +und das langbärtige Gesicht wandte sich mir zu. »Sei +das, wie es wolle, ich möchte nicht dieses oder jenes, nicht +Wohltaten tun, noch Segen stiften, aber ich möchte einmal +wieder glauben, auch an mich. Sie haben da eine +Erinnerung in mir wachgerufen, auf eine eigene Art +wachgerufen, das will ich Ihnen lassen. Weit mehr +taucht mit ihr mein eigenes Leben vor mir auf, als dasjenige +der Toten, von der dieser Ring stammt. Ich weiß +nicht, wer Sie sind und welch merkwürdiges Unterpfand +des Wesens Ihnen diese Kraft gibt, ich möchte es nicht +prüfen noch ergründen, denn ich fürchte mich vor Eingeständnissen, +für die ich noch nicht alt genug bin. Ich will +Ihnen glauben, lassen Sie sich daran genügen, ich will +es, es ist mir gleichgültig, ob Sie es verdienen. Diesen +Ring selbst werde ich nicht fortgeben, jetzt weniger als je, +denn die Macht seiner Mahnung ist von dieser Stunde +ab größer geworden und ich bedarf ihrer, mehr vielleicht +als andere, mehr sicherlich als Sie. Aber der Sinn, den +Sie diesem Ring beimessen, soll sich nach Ihrer Erwartung +erfüllen, und ich werde Ihnen die Summe zur +Verfügung stellen, die seinen bezahlbaren Wert ausmacht. +Es wird Ihnen gleichgültig sein, ob ich ihn Ihnen abkaufe +oder ein Händler. Dann können Sie Bücher und +alles beschaffen, was Sie wollen und brauchen, oder was +Ihre bedürftige Freundin nötig hat.«</p> + +<p>»Gut. Handeln Sie so.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_34" title="34"></a> +»Sie danken mir nicht, nun das ist wohl auch in Ordnung +so ... Mir liegt die Zeit im Sinn, in der ich noch +so jung und so erwartungsvoll, so zuversichtlich und +gläubig war, wie Sie. Damals, als ich diesen Ring erhielt, +stand ich im Beginn meiner Laufbahn, ich fing +damals an berühmt zu werden, man las mein erstes Buch, +es ist jetzt vergessen. Die Zeit geht eben rasch; nun, es +kamen andere Werke und trugen meinen Namen in die +Welt, aber wissen Sie, was mir über Ihren Worten vorhin +so durch den Sinn gegangen ist — daß diese anderen +Bücher auch einmal — vergessen sein könnten ... Aber +nicht das allein, sondern vielmehr eine seltsame Gewißheit, +als sei jene vergangene Zeit, ohne Ruhm und Besitz, +durch einen ganz bestimmten Wohlstand reicher gewesen, +als die heutige es ist, mit ihrem Erfolg.«</p> + +<p>»Sagen Sie mir das nicht,« lehnte ich ab, »ich wollte +Sie nicht demütigen.«</p> + +<p>»Demütigen? Sonderbarer Mensch ...«</p> + +<p>Unsicher und gequält sah ich ins Leere. Mir war, als +habe ich unrecht getan, aber erst später sollte ich erfahren, +worin dies Unrecht bestanden hatte.</p> + +<p>»Also gut denn,« hörte ich ihn wieder sprechen, »lassen +wir ruhen, was ruht, und leben, was leben soll. Ich biete +Ihnen tausend Mark an Stelle des Rings und der Bücher; +sind Sie einverstanden?«</p> + +<p>»Ja, aber Sie sind es nicht.«</p> + +<p>»Ich bin es. Sie hatten recht, meine Anwandlung zu +Eingeständnissen, meine melancholische Selbstbetrachtung, +abzulehnen. Vielleicht hoffte ich, mich von einer Niederlage +wiederherzustellen, indem ich ein geringes Bild von mir +<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"></a> +entwarf, um, wenn Sie davongingen, in dem Bewußtsein +zurückbleiben zu können, daß ich doch um einiges mehr +sei, als ich Sie zuzugestehen genötigt hatte. Der Ruhm +verdirbt, wir sind unehrliche Leute vor uns selbst geworden, +um die Ehrlichkeit zu retten, um derer willen uns die +anderen, die Welt, Bekenner und Eroberer nennt. Sie +hat noch keinen Wahrhaftigen ihren Erlöser genannt ...«</p> + +<p>»Also tausend Mark wollen Sie geben?«</p> + +<p>Er schwieg, mit schräg gesenktem Blick.</p> + +<p>»Sie nehmen mir die Freude daran«, sagte er langsam +und in erkennbarem Verdruß über sein erneutes, unfreiwilliges +Geständnis. Aber er holte dann zögernd, mit +zurückgelegtem Oberkörper seine Schlüssel hervor, öffnete +ein Schubfach des Schreibtisches, räumte etwas zur +Seite, als seien es seine lästigen Gedanken, und entnahm +einer Stahlkassette eine lederne Brieftasche.</p> + +<p>»Hier,« sagte er kurz und unsicher, als fürchtete er +durch sich selbst bei einem Diebstahl überrascht zu werden, +»nehmen Sie und stiften Sie Segen und Gutes.« Er +tastete an den Geldscheinen herum, als wollte er ihnen +noch einmal, vor dieser Willkür, seine ganze besorgte +Neigung zukommen lassen, und doch schien er diese Finger +zu verachten, die den Wert des Papiers zu genießen trachteten. +»Möge das Geld auf einen Acker fallen, besser bereitet, +als es mein Herz noch ist. Und Sie, Sie selbst ... +Wer sind Sie denn, so reden Sie doch. Dies alles ist +doch höchst eigentümlich. — In die Hosentasche stecken +Sie die Scheine?«</p> + +<p>Plötzlich befiel mich eine wilde, heiße Fröhlichkeit. Es +war mir, als erwachte ich mit dem Bewußtsein dieses +<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"></a> +Erfolges endlich aus einer Welt von Beziehungen, Kräften +und Verstrickungen, die nichts mit jener zu schaffen hatte, +in die ich nun gehen wollte, um der Freundin den Weg +zu ihrer Gesundheit und zu glücklichen Tagen zu ebnen.</p> + +<p>»Ich ——?« fragte ich plötzlich wie verwandelt, »ich +komme mir vor wie Einer, der sich beim Satan eine +Leiter geliehen hat, um Gott in den Himmel steigen zu +lassen.«</p> + +<p>»Auch ein Dank«, sagte er verständnislos und sah +mich beinahe gierig an, mit einem Ausdruck, den ich so +wenig auf seinen Ursprung zu prüfen vermochte, wie er +meine Worte.</p> + +<p>»Grüßen Sie Ihre Freundin,« sagte mein Gastgeber, +als er sah, daß ich meinen Hut nahm, »berichten Sie +mir, lassen Sie sich einmal wieder sehen, tun Sie es, +vielleicht wird Ihre Teufelsleiter doch noch zu einer Brücke +zwischen uns zwei.«</p> + +<p>Ich ließ es offen.</p> + +<p>»Weiß der Kuckuck, was mir dies bedeuten soll, nun, +was geschehen ist, soll recht bleiben, leben Sie wohl. Wie +eilig Sie es haben.«</p> + +<p>Er gab mir die Hand, als sollte ich ihr Gewicht prüfen, +ich fühlte mich erlöst und eilte rasch von dannen, seltsam +benommen in einem merkwürdigen Unterbewußtsein, in +dem mir zumut war, als freute meine Freude mich nicht, +und als sei ich für meine Kraft nicht stark genug gewesen. —</p> + +<p>Wohl drängte es mich, mit meinem Schatz zu Asja +zu eilen, aber ich wartete und begab mich zuvor in meine +Behausung. Ich beschloß, eine Reihe nützlicher und erfreuender<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"></a> +Einkäufe zu machen, führte meinen Vorsatz +jedoch nicht aus, da alles mir in heimlichem Widerspruch +zu den Bedürfnissen dieses Mädchens zu stehen schien. +Auch fehlte es mir an Erfahrungen, und ich schämte mich, +an jene belanglosen oder nur äußerlich nützlichen Dinge +zu denken, für deren Beschaffung den Frauen ein so sonderbares +Talent eigentümlich ist, das in gleichem Maße von +Liebesbereitschaft, wie von glückhafter Schamlosigkeit zeugt. +Sie bringen es fertig, Pulswärmer, Zahnstocher, Pfeifenreiniger, +oder unbedeutende Bruchteile von Nahrungsmitteln +durch Ankauf in ihren Besitz und durch Schenkung +in die Hände geschätzter Persönlichkeiten zu bringen. +Auch auf kleinere Vasen, auf Löschblätter oder Bleistifte +verfallen sie zuweilen, und die Anmut ihrer Darbietungen +läßt uns in bestürzter Rührung erkennen, daß diese Dinge +in kleinen, schwachen Händen zu Sinnbildern der großen, +ewigen Liebe zu werden vermögen. Wir Verdorbenen +und Ungläubigen dagegen vermögen uns nur auf Blumen +oder Bücher zu beschränken, weil wir an die Allmacht der +Liebe nicht glauben können, wenn unsere Gabe nicht schon +ein Sinnbild der Geisteswelt ist.</p> + +<p>Als ich meine Dachkammer betrat, erschien sie mir so +fremdartig, daß ich lächeln mußte, es war gewissermaßen +notwendig, daß ich mich allen Einrichtungsgegenständen +erneut vorstellen mußte, was nicht lange dauerte. Ich +warf meinen Hut aufs Bett, das noch nicht geordnet war, +und sah in das Buch hinein, das von der letzten Nacht +her noch aufgeschlagen neben der Kerze lag. Dies alles +steht jenseits, dachte ich, eine neue Welt beginnt, es hat +sich eine Straße vor mir aufgetan, ich weiß den Weg. +<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"></a> +Eine unbestimmte Traurigkeit machte mich ruhlos, ein +plötzlich erwachtes Bewußtsein für die Sinnlosigkeit alles +dessen, was ich bisher zur Erhaltung meines Daseins begonnen +hatte, überfiel mich und füllte mich mit Zweifeln +am Wert alles Zukünftigen. Auch du wirst alle Fragen +der Brust nicht beantworten, Asja, dachte ich, du selbst +bist die Antwort, und wenn ich dich nicht habe, so werden +meine Kämpfe nicht enden.</p> + +<p>Gegen Mittag kam ein Bote aus der Druckerei, um sich +nach mir zu erkundigen. Ich schrieb auf einen Zettel, daß +ich nicht mehr käme, siegelte den Brief mit dem Wachs +der Kerze und war sicher, daß man mich in Ruhe lassen +würde. Da draußen im Hof die Sonne schien, entschloß +ich mich fortzugehen, aber mein Gewand machte mich +nachdenklich und ich nahm den Spiegel von der Wand. +Offenbar mußte der Kragen gewechselt werden, aber der +andere war in der Wäsche. So nahm ich auch seinen +ausdauernden Gefährten ab, suchte mein Halstuch, ergriff +Stock und Hut und ging davon. Das Tuch machte mich +fröhlich, ich weiß nicht weshalb. Ich, dein Bruder, dachte +ich und sprach zu Asja, möchte in Armut und Schande, +in Lumpen zu dir kommen. Ist es denn wahr, daß ich +von ganzem Herzen glaube, daß deine Augen es nicht +einmal sehen würden, es sei denn aus Erbarmen? Ist es +wahr, daß die Tage der Menschenwertung nach Erfolg +und Besitz eine solche Zuflucht haben, wie dein Sinn +es ist?</p> + +<p>Ich vergaß über solchen Gedanken die Geldsumme, die +ich bei mir trug, wie man auf einem Feldweg die Straßen +der Stadt vergißt. Auch als ich zu Asja kam, dachte ich +<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"></a> +lange Zeit nicht daran, aber als ich mich an ihrem Bett +niederließ, empfand ich eine große Müdigkeit, die mir +fremd war, und ich atmete tief auf und mußte seufzen, +ohne daß ich Kummer hatte.</p> + +<p>Sie nickte und sagte: »Du ruhst dich nun von allem +aus, was dir bisher schwer gewesen ist, weil du allein +warst, deshalb bist du jetzt müde.« Da verlor ich unter +dem Frühling ihrer Augen meine Beherrschung, aber sie +schien kaum darauf zu achten, sondern blieb von wunderbarer +Festigkeit, weil sie die Kraft hatte, die Gabe ihres +Wesens nicht zu verkleinern.</p> + +<p>Ich sagte nach einer Weile, indem ich das Geld hervorzog +und vor ihr auf die Decke des Betts legte:</p> + +<p>»Nun werden gute Tage für dich kommen, du wirst +dieses dunkle Zimmer gegen ein helles mit Sonne vertauschen, +die Stadt gegen das Land. Du wirst gesund +werden.«</p> + +<p>In ihr Gesicht kam ein Zug von Schrecken, ihr +Lächeln verschwand, ihre Augen sahen mich forschend an +und sie unterbrach mich ängstlich:</p> + +<p>»Woher hast du das Geld? Du hattest kein Geld.«</p> + +<p>Ich erzählte von Anfang bis zu Ende alles. Sie +störte meinen Bericht durch kein Wort und keine Frage, +und schwieg auch noch, als ich am Ende war und, unsicher +mit den Geldscheinen spielend, mein Verlangen verriet, +eine Zustimmung von ihr zu hören.</p> + +<p>»Nimm es und bring es zurück«, sagte sie.</p> + +<p>Sie beobachtete die Wirkung ihrer Worte auf mich +kaum, sondern schien nun vielmehr durch etwas anderes +beschäftigt und bewegt; sie fragte unvermutet: +</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_40" title="40"></a> +»Hast du von dem fremden Herrn diese Summe nur +deshalb bekommen, weil du mit ihm gesprochen hast, hast +du ihn überwunden, sie dir zu geben, nur durch den +Willen, hat sich alles so zugetragen, wie du es mir gesagt +hast?«</p> + +<p>»Denke doch jetzt nicht an das Geld, Asja, denke daran, +was es für dich tun soll.«</p> + +<p>»Ach, es war so, wie du gesagt hast! — Ich denke +nicht an das Geld, ich denke an dich.«</p> + +<p>Sie sah mich schweigend an, dann kam Sorge in ihren +Zügen auf und sie bat noch einmal:</p> + +<p>»So nimm es und bring es wieder fort.«</p> + +<p>»Du weist das Geld zurück, Asja?«</p> + +<p>»Alles, was man für Geld haben kann, ist nichts wert. +Ja, ich weise das Geld zurück.«</p> + +<p>»Du wirst sterben, Asja.«</p> + +<p>»Wie wir alle«, sagte sie einfach.</p> + +<p>»O Asja, du machst aus der Not, daß du nicht leben +sollst, die Tugend, daß du sterben willst.«</p> + +<p>Das Mädchen sah mich an, aber ich spürte wohl, +daß sie nicht über den Sinn meiner Worte nachdachte, +sondern daß sie nur die Gesinnung prüfte, die hinter ihnen +stand. Ich empfand plötzlich, daß es bei ihr immer so +gewesen war, und als läge in solcher Prüfung und ihrem +Ergebnis der Ursprung der Harmonie und Gemeinschaftlichkeit, +die zwischen uns geherrscht hatten, und die nicht +zu beugen waren. Ist es dies, dachte ich, und ward abgelenkt, +liegt der Grund aller Mißverständnisse und der +Verwirrung, die so viele befällt, die sich vor anderen erweisen +oder bewähren möchten, darin, daß sie die Gesinnung<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"></a> +nicht zu ermessen vermögen, und sich daher an +das unredliche und mißbrauchte Gezücht der Worte halten, +die der Augenblick eingibt? Asja war nicht in die Befangenheit +eines meiner Worte geraten, sondern sie hatte +darüber hinausgesehen, wie sie auch über die Erscheinungs- +und Tatsachenwelt des Lebens fortzublicken schien — wohin +nur? Ich wußte es noch nicht, aber ich fühlte, daß ich +ihre Freiheit bedroht hatte.</p> + +<p>»Ich will dir antworten,« sagte sie endlich ohne Aufwand +und, wie meistens, mit einem beinahe schmerzlichen +Zögern, »ich mache aus keiner Not eine Tugend, aber +es ist ganz gleichgültig, ob du es so nennst. Wie könnte +ich dir aber so unrecht tun, daß ich dort deine Kräfte zu +recht bestehen ließe, wo sie dich verderben werden? Du +bist so jung, wie willst du verstehen, wieviel du mir bedeutest? +Du kennst dich nicht, und nun sollte ich dieses +Geld nehmen und dir dadurch antworten: So bist du. +— Ich weiß, daß ich sterben werde, aber ich weiß, daß es +so gut ist, und daß ich zu meiner Stunde sterbe und mit +Willen.«</p> + +<p>»Liebst du das Leben nicht, Asja?«</p> + +<p>»Oh, über alles,« sagte sie und ihre Augen glänzten, +»aber ich denke anders darüber als du. Laß uns doch nicht +von diesen Dingen sprechen. Wenn du bei mir bleibst, +wirst du bald alles wissen, auch wenn ich schweige.«</p> + +<p>»Wie meinst du das?«</p> + +<p>»Was ich nicht bin, das will ich auch nicht sagen, +was ich aber bin, wirst du fühlen, ohne daß ich es sage, +und nachher wird dir sein, als hätte ich zu dir gesprochen. +Ach, sei nicht besorgt, gib mir deine Hand und öffne dein +<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"></a> +Herz, laß mich Einkehr bei dir halten, dann wirst du bald +empfinden, wie gut und groß du bist.«</p> + +<p>»O Asja,« sagte ich und erbebte tief, »nun weiß ich, +wie sehr du das Leben liebst, Asja.«</p> + +<p>»Nicht wahr?« sagte sie glücklich, »und ich habe dir +nichts erklärt.«</p> + +<p>Sie lächelte entschuldigend, da sie diese Zustimmung +ausgesprochen hatte, als sei es etwas Geringes, die Fröhlichkeit +ihres Lächelns war von einer Bescheidung, daß ich +sie empfand, als stünde ich über und über in Licht. Welch +ein Wunder geschieht mir, dachte ich, dies alles ist ein +heller Traum, nicht Fleisch und Blut verwaltet dieses +Erlebnis, nicht die alten Dinge der Welt kommen darin +vor. Mir war, als wendete ich mich fort, zu Anderen, +zu Fremden, und riefe ihnen zu: Wie arm waren wir +doch bisher, ihr und ich!</p> + +<p>Aber wieder erwachte der Wille in mir, alles zu tun, +was Menschen zu tun vermögen, um dies Leben dem +Leben zu erhalten, das wir alle vollbringen. Ich empfand, +daß ich irrte, aber ich wußte nicht worin. Welchen +Opfers wäre ich nicht in dieser Stunde fähig gewesen! +So sprach ich denn aufs neue und bat von Herzen darum, +sie möchte ihr Leben zu erhalten suchen. Sie antwortete +mir, sie wolle es nicht so, wie ich es dächte.</p> + +<p>»Sieh,« sagte sie, »was ist denn Leben und was nennst +du so? Ist das kleine Maß deines Daseins vom Aufgang +bis zum Niedergang das Leben? Je mehr wir solch +bemessene Tage, und unseren vergänglichen Wohlstand +darin, so nennen, um so mehr verleugnen wir das Leben. +Das ist sicherlich wahr und du wirst es verstehen lernen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"></a> +»Ich verstehe diesen Gedanken, Asja, aber begreifst du +nicht, daß meine Liebe sich wünscht, daß du bei mir +bleibst? Ich habe dich erst heute gefunden.«</p> + +<p>»Sei ruhig, ich verspreche dir, immer bei dir zu bleiben. +Aber hindere mich nicht, laß mir mein Wesen. Ich bin +nur ein Weg. Was über mich hin zu dir kommt, ist viel +mehr als ich. Wurde dein Herz nicht eben noch befriedigt, +obgleich ich nichts getan habe? Sind nicht meine Augen +und mein Angesicht voll Licht? Woher sollte es kommen, +wenn ich dem Licht nicht zugewandt wäre? Weshalb +ereiferst du dich? Glaube mir doch, damit du fröhlich +sein kannst.«</p> + +<p>»Du willst immer bei mir bleiben?« fragte ich, als +habe ich nur diesen Satz gehört. Eine schmerzhafte, verräterische +Neugier bewegte mich, ich zitterte vor Begierde +und Widerstand und begriff meinen Wunsch nicht, das +Mädchen möchte mir eine Antwort geben, die mir ein +Recht zur spöttischen Abkehr gab. Aber sie antwortete +mir nicht.</p> + +<p>So schwiegen wir lange. Endlich sagte ich:</p> + +<p>»Ich will das Geld nun fortbringen«, und erhob mich, +um zu gehen.</p> + +<p>In diesem Augenblick haßte ich das Angesicht, den +Menschen, der vor mir lag, der, ohne mich anzuschauen, +mich doch zu sehen schien, der sich mit seinem Schweigen +von mir abgewandt hatte, und der mich doch umfing, +und dessen Unterlassen mich leidenschaftlicher beriet, als es +der kühnste Eifer vermocht hätte. Aber mein Trotz war +mächtiger als alles andere in mir, und ich sagte:</p> + +<p>»Nein, Asja!«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_44" title="44"></a> +Mir war, als habe ich alles mit diesem Nein gesagt. +Es klang rauh und böse, wie eine ewige Absage, in dem +stillen, einfachen Raum, und erschütterte mich so mächtig, +als hätte ich den schwachen Körper vor mir durch einen +Schlag verwundet. Da sah das Mädchen zu mir auf, +voll Hilflosigkeit und Schmerz, nahm meine Hand und +küßte sie. Es war kein Kuß der Andacht oder Demut, +sondern ein kindlicher Kuß, eifrig und innig, ein herzliches +Tun.</p> + +<hr /> + +<p>Das Alter wünscht sich noch froh zu sein, aber die +Jugend liebt es, für ihr Glück zu leiden. Der in meiner +Natur ruhende Widerspruch gegen die Freundin vertiefte +sich oft bis zum Schmerz, denn der Jugend ist das Bedürfnis +nach dem Abbild und Widerschein der vollkommenen +Harmonie fremd, sie ist im Eigenen befangen und +je echter sie ist, um so mehr scheut sie sich vor frühzeitiger +Abrundung oder unerprobter Zustimmung. So ist ihr +Widerstand nicht immer Mangel an Ehrfurcht, wie es +häufig denen erscheint, die vom Wert ihrer Darbietungen +überzeugt sind, sondern es ist das Recht der schlummernden +Kraft. Oft erscheint es, als bedürfe diese werdende Kraft +zu ihrem Wachstum des Leids, das sie sich selbst bereitet, +und manche Herzen suchen es.</p> + +<p>So verstehe ich heute, daß mein Gemüt vor dem +Wesen Asjas schwankte, in Sorge sich zu verlieren oder +in Begierde zu begreifen und sich hinzugeben. Aber ich +segne den Widerstand meines Wesens, denn er rief die +Blumen ihrer Seele hervor; nie wird die Liebe jemals +Klage führen, daß ihrem Licht widerstanden worden ist. +<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"></a> +Ihr Wesen ist frei von jeder Absicht, und ihre Wirkung +ist ihre Folge, nicht aber ihr Zweck. Erst wer diese +Wahrheit in sich erlebt hat, wird der Freiheit im Bewußtsein +teilhaftig, mit der ihr Reich in uns beginnt.</p> + +<p>Wenn ich diese Worte niederschreibe, so spreche ich +schon von dem Geistesgut, das dieses besondere Kind darstellte, +denn es wäre unrichtig zu sagen, daß sie es nur +verwaltete, wußte oder besaß. Heute erkenne ich gut, daß +zweierlei Dinge mein Gemüt zu Anfang verschlossen, es +waren die Sorge, mich in ihr völlig zu verlieren und die +Scham. Ich schämte mich ihres Menschentums, der +Allmacht ihres unverhüllten Fühlens und ihrer Tränen. +Wie wenig unterschied ich mich, verglichen mit ihr, von +allen, von denen ich mich so bemerkbar zu unterscheiden +geglaubt hatte. Welch ein geringes Tun war doch mein +Hang gewesen, voreilige Gemeinschaften zu meiden und +meine Ansprüche nicht preiszugeben.</p> + +<p>Wie ungern denke ich an jene Stunde zurück, in der +ich am Tage darauf meinem vornehmen Freund in der +Villenstraße sein Geld zurückbrachte. Er empfing mich +freundlich, aber seine Entrüstung stieg ins Maßlose, als +ich ihm sein verschmähtes Gut überreichte. Ich verließ +ihn eilig, da es mir widerstand, etwas zu erklären, unter +dessen Walten ich selber noch litt, ohne volle Klarheit zu +haben, auch glaubte ich nicht daran, ihn von den Beweggründen +meiner Handlungsweise überzeugen zu können. +Es mag ihm erschienen sein, als wäre er zum Spielball +einer Laune entwürdigt worden, vielleicht auch, daß eine +Ahnung des Geistes ihn quälte, dem ich gehorsam war.</p> + +<p>»Narr!« schrie er, bleich vor Wut.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_46" title="46"></a> +Sein Wort begleitete mich. Als ich in meiner Dachkammer +anlangte, wiederholte ich es mir ohne zu denken, +starrte vor mich hin und ließ die Stunden verstreichen. +Ich muß fort, dachte ich, wieder durch Wälder, über +Heidehügel dahin, an Flußufern entlang, wo das Wasser +mich lebendig begleitet. Habe ich den Aufgang der Sonne +über der Landschaft vergessen, den glitzernden März, die +Sommersonne im Schilf oder die schweigsame Herrlichkeit +der Sternbilder? Aber ich verwarf alles. Das alles +ist es nicht, dachte ich, es ist nur ein Trost, ein Gleichnis, +ein wahrsagerischer Weg auf das Eine zu, nicht mehr. +Warum bin ich so mutlos? Bin ich nicht durch die +Pracht des Vielerlei dahingeschritten, Jahre um Jahre, +um das Eine zu finden, liebte ich nicht alles allein als ein +Sinnbild jenes Einen, vor Hoffnung ruhlos und aus +Zuversicht trunken? Nun scheint sein Licht aus einem +Herzen, es ruft mich und ich zaudere. Ach, ich ahne, wieviel +es ist, dachte ich, weil es längst in mir glimmt. —</p> + +<p>So geschah es, daß ich mit diesen Gedanken eines +Tages zu Asja kam. Sie hob mir beide Arme entgegen +und ich beugte mich, zitternd vor innerer Not, unter ihren +Liebesgruß.</p> + +<p>»Asja, glaubst du an Gott?«</p> + +<p>»Wie fragst du so rasch, so böse?« sagte sie erschrocken.</p> + +<p>»Antworte mir!«</p> + +<p>»O Freund, ich kann nicht sprechen.«</p> + +<p>»So sieh mich an. Antworte auf deine Art, aber +antworte.«</p> + +<p>»Du Lieber, wie es dich quält! Ach, wäre ich, was +du ersehnst!«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_47" title="47"></a> +»Du bist es. Sieh mich an.«</p> + +<p>»Ich glaube an die Liebe«, sagte sie und mir war, als +habe sie mich vergessen. »Ich will kein Bild von Gott. +In der Liebe ist alles beschlossen, der Vater, das ist der +Gehorsam in uns, der Sohn, das ist die Offenbarung in +uns, und der Geist, das ist die Gemeinschaft. Sei doch +ruhig, du Lieber, in deinem Sinn, so brennend und allein. +Es ist alles geschehn. Nicht wir sollen die Liebe erwählen +sondern sie hat uns erwählt.«</p> + +<p>»O Asja, du machst das Herz froh.«</p> + +<p>»Ich tue nichts.«</p> + +<p>»Glaubst du an Christus, sag' es mir.«</p> + +<p>»Wie du doch fragst! So kann ich nicht antworten. +Ich glaube nicht an ihn, aber ich glaube wie er. Er war +reinen Geistes, ein freier Weg der Liebe, die vor ihm war +und immer ist. Sagt nicht er selbst, er sei der Weg? +Sieh, so versteh es. Nicht mit ihm kam die Liebe in die +Welt, sondern durch ihn, wie durch viele vor ihm und +viele nach ihm. Zuweilen erwählt sie einen Menschen, in +dem sie sich ohne Makel offenbart, dann ist es, als sähest +du die Liebe selbst, oder Gott. Sagt er nicht, daß wer +ihn sieht, Gott erblickt, und sagt er nicht, daß Gott die +Liebe sei? Oh, welch eine Offenbarung der Liebe war sein +Wesen! Aber alles, was uns von ihm bekannt ist, ist uns +durch Menschengedanken und -sinne übermacht, es ist +besser, an die Liebe selbst zu glauben, von ihr aus wirst du +ihn verstehen, besser als umgekehrt. Immer ist der Vater +die Quelle.«</p> + +<p>»Der Vater, Asja?«</p> + +<p>»Ja, durch den Gehorsam, sagte ich es dir nicht?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_48" title="48"></a> +»Was nennst du Gehorsam?«</p> + +<p><ins title="»Oh">»Oh,</ins> frag mich nicht, du wirst alles erleben, bald oder +spät, ich aber möchte mich irren, wer wird einem Wort +vertrauen, das so schnell gesagt ist, wie eine Antwort es +herausfordert? Gehorsam sein heißt der Liebe kein Hindernis +bereiten. Es gibt kein anderes Gebot, keinen anderen +Gehorsam.«</p> + +<p>»Und alle Gesetze, die Kirche?«</p> + +<p>»Die Lieblosigkeit, der Zweifel, der Unglaube haben +die Kirche erschaffen. Die Liebe bedarf ihrer nicht. Als +Luther die Gesetze der alten Kirche zertrümmerte, trieb ihn +die Liebe, als er neue erschuf, quälte ihn der Zweifel. Aber +wie spreche ich denn, du drängst mich in meine Armut.«</p> + +<p>»Oh, sprich weiter, Asja.«</p> + +<p>»Nein, ich will nicht sprechen. Ich habe Furcht vor +dem Eigenen in mir. Immer wieder drängt es sich noch +herzu. Es muß aus mir sprechen, ohne mich. Komm, +sieh die Sonne an, erzähle mir. Sprich von dir. Wie +du bei mir von dir sprechen mußt, wird es dich frei und +glücklich machen, denn unter meinen Augen verstehst du +dich. Oh, wie ich dich liebe, weil du durstig bist.«</p> + +<p>»So sag' mir noch eins, nur eines, was ist die Liebe? +Ist sie ein Element, außerhalb unserer, eine Kraft, die in +uns einzieht, eine Gnade, der wir teilhaftig werden? Wo +ist ihr Ursprung, wo ihr Ende, wo ist ihr Sinn?«</p> + +<p>Da hob Asja ihr Kinderhaupt aus dem weißen Kissenlager, +neigte sich mir zu und sah mich an. Mir war, als +bedrohte ihr Auge mich in einem unirdischen Schein, ich +erbebte und tauchte in ihren Blick, der klar und still war. +Ein unbeschreibbares Lächeln voll süßer Traurigkeit trug +<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"></a> +diese Stille zu mir. Da fühlte ich mein Herz wie Feuer +brennen, schwieg und wußte, daß ich nie mehr im Leben +diese Frage stellen würde.</p> + +<hr /> + +<p>Ihr sonderbaren Tage meines Lebens; Menschen, +Wind und Sternbilder, Raum und Stunden aus dieser +Zeit, wo seid ihr? Ich war ausgefüllt von innerem Erleben +und Gesichten, getragen von Fülle und Licht ohne +Ende, und wußte es kaum. Die Dinge der Umwelt zogen +fremd an mir vorüber, ich beachtete sie nicht und begreife +heute schwer, wie es hat möglich sein können, daß ich +mein äußeres Dasein ohne Not fristete. Es geschahen +Wunder, aber ich empfand sie nicht, merkwürdige Umstände +traten ein, die mir alles erleichterten und möglich +machten, ich nahm sie hin, als seien sie selbstverständlich, +wie das Tageslicht oder die Luft. Wenn ich heute zurückdenke, +so staune ich mit heimlichem Erzittern, und wo ich +einst kleine Geschehnisse verwundert belächelte und ihnen +kaum Beachtung schenkte, wo Fügungen eintraten, die ich +Zufälle nannte, ohne mehr als einen Blick auf sie zu verlieren, +die ich rasch vergaß und ohne Dank hinnahm, da +sehe ich heute himmlische Engel, die in gewaltiger Macht +Abgründe überbrückten und Berge versetzten, die die Nacht +zum Tage machten und meine Augen vor allzu blendendem +Erstrahlen schützten. Heute erkenne ich das Gesetz, +das über meinem Leben waltete, das mich, aus mir stammend, +in sich verwob und ward, indem ich war. Du +Eines und du Alles, was suche ich nach deinem Namen? +Es war alles gut! Das ist dein Name.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_50" title="50"></a> +Eines Abends, als ich von Asja kam, empfing meine +Zimmerwirtin mich wartend in meiner Kammer. Sie +schien sich im Raum umgesehen zu haben, der Schrank +stand offen, ich verschloß ihn für gewöhnlich nicht, da er +leer war. Sie hatte ein paar Wäschestücke in der Hand, +die aber wahrscheinlich nicht mir gehörten, und schien auf +dem Tisch umhergesucht zu haben. Als sie mich ansah, +erstarben der Unwille und die Besorgnis auf ihren Zügen, +sie lächelte und setzte sich auf den Bettrand.</p> + +<p>»Soll das so weiter gehen?« fragte sie mütterlich.</p> + +<p>Ich beschloß alles einzusehen, um den Wohlstand +ihres Gesichts nicht zu stören und sagte eifrig:</p> + +<p>»Ich werde es ändern, es wird schon gehen.«</p> + +<p>»Sie gehen nicht mehr in die Druckerei?«</p> + +<p>»Nein, das nicht, ich habe zu tun.«</p> + +<p>»Ich weiß nicht, auf was für Wege Sie so plötzlich +geraten sind,« sagte sie, »aber Abwege sind es nicht.«</p> + +<p>Ich schwieg.</p> + +<p>»Ich möchte Sie um etwas bitten«, fuhr die Frau +fort und sah ein Bild an der Wand an.</p> + +<p>»Es soll alles bezahlt werden«, entgegnete ich rasch. +»Noch ein paar Tage und ich habe Geld. Ich <ins +title="werde ">werde es</ins> bestimmt bekommen.«</p> + +<p>»Woher denn? Aber das wollte ich nicht bitten. Vor +ein paar Tagen haben Sie mir von ihrer neuen Freundin +erzählt, von der Kranken. Wie geht es ihr?«</p> + +<p>»Krank?« fragte ich erstaunt, aber dann besann ich +mich, und antwortete auf ihre Frage.</p> + +<p>Die Frau sah mich still und aufmerksam an. Ihren +Namen habe ich vergessen, aber ihres Gesichts erinnere +<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"></a> +ich mich noch gut, jedoch nur deshalb, weil in seinen +Zügen einst ein Widerschein meines inneren Erlebens +stand. Sie schien verlegen und fuhr unbeholfen fort:</p> + +<p>»Sie haben mir vor ein paar Tagen von diesem Mädchen +erzählt. Wie war doch ihr Name?«</p> + +<p>»Asja.«</p> + +<p>»Ja, Asja. Jetzt denke ich daran und beschäftige mich +damit. Ich wollte Sie nicht wegen Ihrer Schuld +mahnen, deshalb bin ich nicht gekommen; meine Bitte +geht dahin, Sie möchten von Asja noch erzählen, nur so +dies und das, was sie sagt und von ihren Ansichten.«</p> + +<p>»Gewiß,« sagte ich rasch, »aber natürlich.«</p> + +<p>»Früher«, fuhr sie fort, »waren Sie stumm und fast +verschlossen, gingen und kamen wie ein Schatten, aber +Sie hatten, was Sie brauchten. Jetzt sind Sie ärmer +als ein Straßenbettler, essen nicht, Ihre Kleidung verkommt, +Ihr Gesicht ist elend, aber Sie sind fröhlich. +Nicht daß Sie lachten oder scherzten, aber man spürt es +und weiß nicht wie, es bleibt im Zimmer zurück, wenn +Sie fortgegangen sind, es kommt die Stufen herauf, +wenn Ihr Schritt klingt.«</p> + +<p>Sie schwieg befangen und erweckte den Anschein, als +schäme sie sich, oder als habe sie sich verirrt. »Ich meine +ja nur so,« sagte sie und lächelte ausgleichend, »nehmen +Sie es nicht übel, junger Herr. Ich bin nicht arm, lebe +mit den Mietern und arbeite, aber das Leben wirft nichts +Besonderes für unsereinen ab und man hört gern solche +Dinge, wie Sie erzählt haben. Daß einer glücklich ist in +seiner Lebensnot, wie dies Mädchen ... Sie werden +schon verstehen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_52" title="52"></a> +Ich schwieg und sah in das abendliche Licht des Hofs +hinaus. Die gegenüberliegende rötliche Ziegelwand mit +ihren kahlen Fenstern lag im spätherbstlichen Dämmerlicht, +und vom Hofe herauf drangen Geräusche und +Stimmen, es wurden Kisten verladen und in den dumpfen +Lärm der Fuhrwerke drangen Kinderstimmen, dieser grelle, +leere Jubel, der sinnlos und wehmütig klingt, wie das +Zwitschern gefangener Vögel hinter den Stäben ihrer +Käfige.</p> + +<p>Meiner Wirtin mochte sein, als sei sie nach ihrer ihr +selber kaum verständlichen Bitte noch etwas schuldig.</p> + +<p>»Denken Sie nicht an die Miete und das Essen,« +sagte sie, »wer entbehrt denn etwas, es wird schon ins +Reine kommen. Wenn ich bisweilen am Abend mit der +Lampe kommen darf und Sie erzählen mir, sprechen wie +damals, aus der Seele und froh, so soll es gut sein.«</p> + +<p>Ich nickte und blieb dem Fenster zugewandt. Im spiegelnden +Glas sah ich, wie die Alte sich vorbeugte und zur +Seite, um zu erkunden, ob ich mit Wohlwollen oder +widerwillig zustimmte. Dann ging sie still hinaus. —</p> + +<p>Ich fand Asja am andern Nachmittag schlafend. Das +Zimmer schimmerte still im Licht des ersten Schnees, der +vorzeitig gefallen war und auf den schrägen Dächern +draußen lag, den grauen Himmelsschein über sich. Im +Herd brannte ein Holzfeuer, das Zimmer war warm und +licht und schien sonderbar leer. Ich war darin nun längst +ein vertrauter Gast, und auch die Mutter hatte sich an +meine Gegenwart gewöhnt, froh darüber, daß ihr Kind +in den langen Stunden ihres Fortseins Gesellschaft und +Unterhaltung fand. Sie achtete unsere Angelegenheiten +<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"></a> +mit einer Art ehrfürchtiger Scheu, ohne Eifersucht, aber +ein klein wenig zögernd und ablenkend, als gäben wir uns +Hoffnungen hin, die enttäuschen müßten. Aber sie schien +längst damit abgefunden, daß ihre Tochter in einer anderen +Welt lebte als sie selbst, und so wenig sie früher besondere +Teilnahme gezeigt hatte, so gleichmütig beachtete sie die +meine; zumal da Asja in ihrer Gegenwart mit derselben +Gelassenheit und Selbstverständlichkeit sprach, in der sie +früher geschwiegen hatte. Sie empfand meine Schonung +und Sorgfalt gegen ihr Kind, und nur zuweilen sah sie +erstaunt in Asjas leicht erglühtes Gesicht, lächelte nachsichtig, +wohl auch ein wenig stolz, und riet zu Ruhe und +Schlaf, wie der Arzt es sie gelehrt hatte. Mit den ein +wenig aufs Materielle gerichteten Sinnen einer alternden +Frau, die die Last des täglichen Erwerbs und den Wert +der kleinsten Münze kennt, vermutete sie hinter meiner +Erscheinung mehr und anderes, als sich ihr durch den +Augenschein bot, denn sie hatte Sinn für den Gegensatz, +in dem meine Sprechweise und mein Benehmen zu meinem +bedürftigen Wandel standen.</p> + +<p>Ich war an jenem Tag noch von der Frühe her bekümmert +und sorgenvoll, wie so manchen Morgen hindurch, +den ich allein verbrachte und nicht zu verwenden +wußte, da er ein einziges Warten auf die Stunde war, +in der ich Asja zu Gesicht bekommen sollte. Auch war +ich zu jung und ungebärdig, als daß ich in solchen Stunden +des Alleinseins ein volles Genüge an meinem Leben und +Denken empfand; mächtiger als je drängte alles in mir +zu Entschlüssen und Taten, ziellos stand ich im Walten +eines bohrenden Triebs, und meine Ruhlosigkeit peinigte +<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"></a> +mich übermächtig, solange ich nicht Asjas Hand und +Augenlicht auf meiner Stirn fühlte. Es war ein erstes +Bewußtsein von Verantwortlichkeit, das sich vor ihrem +Herzensgut erhob; ich war voll seligen Eifers, aber ohne +Geduld. Meine hohen Entschlüsse setzten mich oft in +heiliges Feuer, aber es lohte sinnlos in mir empor, wie +ein Reisigfeuer auf einer Frühlingswiese, dessen Glut nur +die Überreste des verflossenen Jahrs verzehrt, aber keinen +Keim des Bodens fördert.</p> + +<p>Ich schritt leise durchs Zimmer, legte lautlos Holz +aufs Feuer und sah kniend zu Asja hinüber: sie schlief +fest. Wie meistens lag sie grade ausgestreckt auf dem +Rücken, und die leichte Decke ließ die Linien ihres Körpers +erkennen. Sie war nicht groß, und das farblose Gesicht +mit dem überschmalen Kinn lag im Nachtgrund des +offenen Haars, das den Scheitel mit den Schultern verband, +und grade von der Decke abgeschnitten wurde, merkwürdig +feierlich, wie nach einem Gesetz. Das Schneelicht +machte das Zimmer seltsam unwirklich, es lag jene Erneuerung +aller Dinge im Raum, die mit dem ersten erkennbaren +Wechsel der Jahreszeiten eintritt, und die +solchen Menschen, die allein leben, oft wie ein Rücken +des Zeigers an der großen Lebensuhr des Daseins erscheinen +kann.</p> + +<p>Ich nahm meinen Stuhl sacht vom Tisch fort, stellte +ihn an Asjas Bett und ließ mich nieder. Auf dem kleinen +Tisch neben ihrem Bett lag ein Stück Brot, von dem +die Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Obgleich ich +in Armut lebte und das Brot in dieser Gestalt kannte, +bewegte mich sein Anblick an Asjas Bettstatt bis in die +<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"></a> +Tiefen der Seele, ich begriff nicht, woher die schmerzhafte +Bestürzung voll Rührung kam, und sah das Brot an, +als verklagte es mich.</p> + +<p>Aber je länger ich es betrachtete, zur Stille genötigt +durch die gleichförmige Lebensmelodie der Atemzüge der +Schlafenden, und je andächtiger ich in dies Gesicht sah, +um so inbrünstiger begannen dies Brot und dies Angesicht +zu mir zu reden und trösteten mich.</p> + +<p>Du Brot bewegst mich nicht, weil du Armut verrätst, +dachte ich, denn es ist meiner Rührung eine Gewißheit +zugetan, die keine Bekümmernis ist. Du bist das ewige +Maß, nicht Fülle noch Entbehrung, sondern ein edles und +einfaches Genug. Du bist das Sinnbild der mächtigen +Ausmaße der Seele und des Geistes, du erhältst, ohne zu +gefallen und ohne zu schmeicheln, du befriedigst, ohne daß +Aufwand oder Fülle die Kräfte beanspruchen, du forderst +keine Beachtung, und die Selbstverständlichkeit deines +Gebens wehrt dem Unfrieden. Wie begreife ich, daß einst +Christus dich und dein Wesen mit dem seinen verglich, +daß er dich brach und gab, wie auch sich, als er das Opfer +seiner Liebe und Erkenntnis feierte. Du bist das Sinnbild +der Erhaltung, der Wandlung und Wiedergeburt, +Abschied und Auferstehung.</p> + +<p>»Warum siehst du das Brot an?« fragte Asjas Stimme +plötzlich in mein verlorenes Sinnen hinein, »bist du +hungrig?«</p> + +<p>»Ich habe ewig, ewig Hunger!«</p> + +<p>Sie richtete sich auf, kam mir nah mit dem durchscheinenden +Licht ihrer unstillbaren Augen, und verlangend, +fast zornig, sah es mich unter den angstvoll zusammengezogenen<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"></a> +Brauen an. Die forschende Gier ließ mich erschauern. +Da senkte sie mit einem unaussprechlichen Lächeln +ihre Stirn auf meine Hand:</p> + +<p>»Ach, Bruder ...«</p> + +<hr /> + +<p>Aber die schwermütigen Bewegungen, in die mein +Geist geriet, und die Beunruhigungen, die mit meiner +Liebe zu Asja über mich kamen, zerstörten mir die letzte +Eintracht, in der ich mich zu den Dingen meines Lebens +geglaubt hatte, und so gering meine Zufriedenheit gewesen +sein mochte, nun erst spürte ich, daß ich aufgescheucht +worden war. Wie handle ich nun töricht, dachte ich +oft, daß ich mich auf einen fremden Weg locken +lasse. Stehe ich denn im Zeichen des Abschieds, oder im +Zeichen des Beginns? Aber dann war mir, als begänne +mit allem bewußten Leben in uns Menschen der Abschied +und als erwachten wir nur zur Erde, um Abschied von +ihr zu nehmen. War denn, gemessen am Gang der Tage +und Jahre, das Stündlein Zeit, das ich vielleicht länger +verweilte, als diese zum Abschied so froh Gerüstete, gar +so groß und gewichtig, und flogen die Stunden nicht eilig +und unaufhaltsam dahin, von Hoffnung zu Hoffnung +getrieben, und rissen mich mit auf einem fremden Weg, +der nicht der meine war? Und so beschäftigte mich der +Sinn dieses eigenen Wegs, den ich suchte, und ich sagte +es Asja:</p> + +<p>»Ich finde den Weg nicht!«</p> + +<p>Sie richtete sich auf und sah mich an. Ihre Augen +schienen zu fragen, zu forschen, weit in die Welt hinaus, +<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"></a> +und nichts von der Antwort zu wissen, die sie gab. Es +war Abend, auf dem Tisch brannte eine Kerze, von draußen +hörte man den schon winterlichen Wind, und Asjas Bett +war ein wenig vom Fenster abgerückt worden, das von +unten her zum Teil verhängt worden war, so daß es +kleiner und höher erschien. Wir waren allein und hatten +lange Zeit geschwiegen, bis die Stille des ruhenden Angesichts +mir mehr und mehr zum Spiegel meiner qualvollen +Lebensunruhe ward und mich zugleich ermutigte, +das Schweigen zu brechen.</p> + +<p>»Den Weg?« fragte sie langsam, »du suchst etwas +vor dir und um dich her, was du selbst sein sollst. Wenn +nicht du selbst der Weg bist, so findest du keinen, bist du +es aber, so suchst du nicht mehr. Der Weg für was oder +für wen, fragst du mich? Ich will es sagen: der Weg +der Liebe. Mehr kann niemand finden und sein, und alles +andere Suchen verlohnt sich keiner Lebensmühe, es macht +arm und führt mehr und mehr zur Verlassenheit.</p> + +<p>Bedenke doch recht, wieviele Wege du gefunden, verworfen +und längst vergessen hast. Aber dann sieh weit, +weit hinaus, und betrachte das Verlangen und die Worte +der Erkenntnis derer, deren Namen die Erinnerungskraft +der Menschen bewahrt hat. Aus ältester Zeit her klingt +das Wort: der Weg. Keiner der Vollendeten suchte oder +nannte den Weg; forsche nach, sie alle riefen: Ich bin der +Weg! Begreife nun, welche Gewißheit diese Worte bergen, +die Flut der Liebeskraft zog durch sie in den großen, lebendigen +Strom der Liebe zurück, den wir Gott nennen. So nur +ist er. Glaube mir, die Liebe ist nicht ohne deine Liebeskraft, +erst du und alle sind sie. Der Liebe kein Hindernis +<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"></a> +zu bereiten, das ist der Gehorsam, der zur Vollendung +führt. Sprach nicht auch Christus: Ich bin der Weg? +Die Menschen verstehen dies Wort, als hieße es: Ich +bin der Weg für euch. Nicht so ist Wahrheit darin, +sondern es bedeutet, daß er selbst der Weg der Liebe ist, +die durch ihn hindurch, ohne Hemmung, in die Welt +scheint. Und fährt er nicht fort, in der Zuversicht jener +Allmacht, die ihn mit diesem Gehorsam durchdrang: Ich +bin die Wahrheit und das Leben? Seine Worte bedeuten: +Ich habe der Liebe kein Hindernis bereitet, sie strömt durch +mich, ihren Weg, so rein in die Welt, daß ihr Wesen +offenbar wird, wie Gottes Wesen. So nur vermochte er +frohen Sinns zu rufen: Wer mich sieht, der sieht Gott, +der sieht die Liebe. Meinst du, dies sei sein Vorrecht gewesen? +Es ist das deine. So suche nun keinen Weg +mehr, die Erde hat keine Wege, die zur Ruhe führen, +aber du bist der irdische Weg Gottes, seine Offenbarung +und Auferstehung, sein Leben ... die Seele ist Maria.</p> + +<p>Oft liege ich still, im Tageslicht oder in der Dunkelheit +der dahinziehenden Nacht, und Gedanken kommen +zu mir, wie Lichtvögel, farbige Bilder voll Helligkeit und +Gewißheiten, die mich so erfreuen, daß ich schluchze. Ich +liege in ihrem Glanz, wie der Tauschnee in der Sonne, +fühle mich dahinschwinden, aufsteigen und schweben, in +unfaßlicher Gestalt. So dankbar ist das Herz in solchen +Stunden und die Zeit ist nicht mehr. Dann weiß ich, +daß ich nicht sterbe und nicht den Tod sehe, sondern daß +ich mich verwandle, bevor ich den Tod schmecke. Das ist +kein Traum und seliger Rausch, du Lieber, nicht Schwäche +noch rasche Glaubenswilligkeit, es ist die Zuversicht jener +<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"></a> +Gemeinschaft, wenn ich mein ganzes Sein und Recht zum +Weg der Liebe mache. Bin ich nun ganz in ihr, der +Ewigen, die zu mir kam, so bin ich wie sie, ohne Anfang +und Ende, ein Weg, und Wahrheit und Leben. Das +sei mein irdischer Tod.«</p> + +<p>Ihre Worte waren in ein Flüstern übergegangen und +ihre Augen waren geschlossen, als schliefe sie. Im Schein +der Kerze sah ihr Angesicht wie Stein aus, alt und jung, +zeitlos wie eine Landschaft aus weiter Ferne und so rein +wie Schnee. Ich sah das stille Gebilde aus Fleisch und +Blut an und begriff zum erstenmal im Leben die Hoheit +eines Menschenangesichts, dies Alles und dies Letzte der +Natur, die Quelle und die Mündung ihrer Fülle, das +Sinnbild ihres Triumphs. Vom Keim auf den Wiesen +bis zum Glanz dieser Stirn, welch ein unnennbarer Weg! +Und der Weg ward mir im zweifachen Sinn deutlich, +und zum erstenmal war mir, als formte sich in meiner +Seele ein Gebet, nicht in Gedanken und in Worten, +sondern im Geist und in der Wahrheit. —</p> + +<p>Oft, wenn die Kerze niedergebrannt war und die +Mutter längst in ihrer Kammer schlief, wenn die Nacht +zu uns kam, und ich im Dunkel nichts mehr erkannte, +war mir, als sähe ich Asja deutlicher, als jemals am +Tage. Zuweilen lag ihre Hand in meiner und wir schliefen +beide, sie auf ihrem Lager, ich in meinem alten Korbsessel, +der bei jeder Bewegung knisterte. Brannte im Herd noch +das Feuer, so umflatterte uns der Widerschein von den +Wänden, zeigte uns einander und verbarg uns, aber unsrer +Nähe taten Licht oder Finsternis nicht Schaden an, sie +war im Schlaf und Wachen der Zustand unsres Daseins.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_60" title="60"></a> +Oft war mir, nach solchem Ruhen, wenn ich erwachte +und sandte meine Gedanken erneut zu den Dingen +hinüber, die uns zuvor beschäftigt hatten, als seien sie mir +nun verständlicher geworden und nähergerückt, obgleich +nichts zu ihrer Erklärung getan war, als jene von allem +Denken unabhängige Hingabe, die in der Wohltat der +Ruhe lag, Hand in Hand.</p> + +<p>Mir kamen über solcher Erfahrung merkwürdige Gedanken, +wunderartig und flüchtig, Visionen und geheimnisvollen +Einsichten vergleichbar, voll Trost. Eine neue +Macht erhob ihr Morgenglühn an den fernen Horizonten +meiner Erkenntnis, ich ahnte einen herrlichen Aufgang +des Lichts und vergaß alles, was nicht von diesem Licht +beschienen wurde. Krankheit, Schmerz und Tod, dachte +ich, wo seid ihr in diesem Morgenrot, diesem Lächeln der +hohen Berge der Zuversicht, die keinen Namen haben, +die aber, dem Auge des Geistes erreichbar, alles gering +erscheinen lassen, was nicht im Glauben an die Allmacht +der Liebe liegt. —</p> + +<p>So erstand uns in den armen vier Wänden dieses +kleinen Raums eine Welt, die keiner andern Welt zu +vergleichen war, die uns von Himmel und Erde abschloß, +aber die ihren eigenen Himmel und ihre eigene Erde hatte. +Unsere Gemeinschaft kam und wuchs so selbstverständlich +heran, wie das Tageslicht anbricht, sie war von großer +Herbheit und so ernst, wie nur die Jugend zu sein +vermag.</p> + +<p>Wenn ich nachts, am Abend oder am Tag diese Welt +verließ, so kam ich mir verirrt vor und wie ein verstoßener +Fremdling, aber so zuversichtlich und geborgen zugleich, +<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"></a> +wie ich es im Leben nicht wieder empfunden habe. Ich +wußte das große Geheimnis, daß die Welt nicht an den +Erscheinungsformen, die unsere Sinne wahrnehmen, ermeßbar +ist, sie wurde mir frühzeitig zu einem Gleichnis +und ich fühlte, was uns allein heiter und wahrhaft gerecht +macht. Ich stellte keine Anforderungen, deren Gegenstand +mir zugute kommen sollte, an diese Welt umher, +und wußte doch, daß ich nicht verzichtete und kein Opfer +brachte. Darüber begriff ich, daß nicht der Verzicht uns +beruhigt, sondern die Einkehr. Ich will in der Welt nur +wiederfinden, was ich bin, dachte ich, nicht aber von ihr empfangen, +damit ich sei. Wer sich kennt, findet die Welt nicht +fremd, wer in ihr erst sein Teil sucht, verliert sich in ihr.</p> + +<p>Wenn ich mich aber fragte: Was bin und was habe +ich denn? so wußte ich nur zu sagen, ich liebe aus tiefster +Seele und habe Gemeinschaft. Und darüber begriff ich +mit heißem Erzittern, daß dies alles sei. So sagte ich +denn zu meinem Herzen für immer: Was dich die Liebe +nicht lehrt, das sollst du nicht wissen.</p> + +<p>Aber es kamen Stunden, in denen mich der glühende +Wunsch ergriff, Herz und Mund zu öffnen, um alle an +dem teilnehmen zu lassen, was mich erfüllte. Mir erschien +es, als brenne und verlösche ein Licht im Verborgenen, +und ich müsse aufstehen und seinen Schein verkünden. +Ich sprach darüber einmal mit Asja, voll Ergriffenheit +und betört von Eifer. Sie sah mich an, als +verstünde sie mich nicht, endlich erfaßte sie, was ich meinte +und sagte:</p> + +<p>»Hast du etwas zu sagen, das schön und wahr ist, so +ereifere dich nicht, sage einfach und geduldig, was dich bewegt,<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"></a> +und bemühe dich nicht, der Wahrheit Flügel zu +verschaffen, damit sie zu den Menschen dringt; das ist +die Besorgnis des Zweiflers. Was dagegen Wahrheit +ist, ist es nur deshalb, weil es längst Teil und Gut aller +Wahrhaftigen und Erkennenden ist. So sprich nur, als +sprächest du zu Brüdern. Alles andere ist Torheit.</p> + +<p>Frage nicht danach, ob die Menschen dich verstehen, +darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß du sie verstehst. +Wappne dein Herz nicht, gib es ruhig dahin, sein +Heldentum ist ohne Waffen. Aus Quellen, die sich hell +und wehrlos in die Täler stürzen, wird der große Strom, +das Meer, das Reich. Nur wer auf solche Art sein Herz +preisgibt, weiß, was er tut, wenn er spricht: Dein Reich +komme.</p> + +<p>Oft will es mir erscheinen, als seien die wahrhaftigen +Menschen unsrer Zeit, in der Gemeinschaft ihrer Geistesentwicklung, +heute noch nicht weiter gekommen, als bis +zu dieser Bitte. Das Vaterunser mißt die ganze Geschichte +des Reichs aus, zugleich den einfachen Tag des Lebens. +Es betrifft zugleich die Stunde der Gegenwart, das Wesen +der Welt und dein Wesen, von der Geburt bis zum +Tode. Es ist prophetisch wie sonst kein Wort und einfältig +wahr, wie alles Prophetische. So ist es zugleich +von Anfang bis zu Ende auf diesen Tag zutreffend, wie +es ein Sinnbild der Bahnen aller Geisteskulturen ist, und +endlich der Menschheitsgeschichte selbst. Liegt nicht das +>Geheiligt werde dein Name< in Opfern, Weihrauch und +Domen hinter uns, so sichtbar, als stünde es mit großen +Zeichen über der Vergangenheit? Es wird eine Zeit nach +uns kommen, die wird im Zeichen des dritten Worts +<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"></a> +stehn, das lautet: »Dein Wille geschehe.« Wie weit, weit +liegt noch die Zeit, in der den Menschen das tägliche +Brot die einzige Bitte wird, wo sie keines anderen irdischen +Guts mehr bedürfen, wie nah werden sie der Liebe +sein! Welch eine Zeit aber wird endlich anbrechen, die +mit Zuversicht ausruft: Nun ist dein das Reich, die Kraft +und die Herrlichkeit.«</p> + +<p>Sie schwieg eine kleine Weile und fuhr dann fort, wie +im Bannkreis eines deutlichen Bildes:</p> + +<p>»Es ist wahr, tausend Jahre sind wie ein Tag. Nicht +an Zeit, sondern im Wesen, das ist das Geheimnis. So +sind Gegenwart und Zukunft, Zeit und Ewigkeit einig, +einig in einem Sinn, der sie läutert und der ich bin.«</p> + +<hr /> + +<p>Zuweilen, wenn ich von Asja kam und der Tag noch +dauerte, durchschritt ich die Straßen der lauten Stadt, +mischte mich unter Menschen und betrachtete ihr Tun +und Treiben, als sei ich in eine ganz neue Welt verschlagen, +auf einen fremden Stern. Und ich empfand, +wie gut es sei, dies hier und da zu können, der große Abstand +tat mir wohl und öffnete meine Augen. Es war +kein Unfriede in meinem Bewußtsein, ihnen in der Nähe +des Tages fern zu sein, und ich unterschied zwischen ihnen +und mir ohne Groll.</p> + +<p>Nur wenn langsam ein schlummernder Sinn der Zugehörigkeit, +bei langem Verweilen unter ihnen, in mir +neu erwachte, kam ein sonderbares Lächeln auf, das ich +fürchtete. Es entstand gewissermaßen ohne mich in mir, +und ich ward unruhig und oft zornig vor Sorge.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"></a> +Dann dachte ich: Asja, deine Welt wird in mir versinken, +diese große Welt, die nur der Jugend aufglüht. +Bin ich nicht einzig fähig und erbötig, in ihr zu wandeln, +weil ich jung und ohne Erfahrung bin? Wie aber vermag +ich zu sichern, was du mir gegeben hast, wo ist das +allgemeine Geistesland der Einsicht, Erkenntnis und Bestätigung? +An Stelle deiner Güter werden mich die Tage +mit ihrer Wirklichkeit, mit Stundengewalt und nüchternem +Ermessen wieder in ihren Bannkreis ziehen und +beherrschen. Ich werde wieder bereitwillig in das feine, +verächtliche Lächeln einstimmen, in dem Satan triumphiert +und das den Tod so gewaltig erscheinen läßt, daß wir +ihn nicht bedenken können. Die nahen Menschen mit +ihren wohlbegründeten Rechten, die Uhren und die Pflichten, +der Ernst dem Geringen gegenüber, das vergeht, und die +zugeständnisreiche Geselligkeit, die als Tugend gilt, alle +werden sie wiederkehren, denn sie sind eine gewaltige +Macht. Ich werde denken, wo war ich nur, was trieb +und beherrschte mich, wie habe ich so entfremdet abschweifen +können und mich so weit verirren? Und ich +werde vergessen, daß ich in der Heimat war, denn ich +weiß nicht, was dir Kraft gibt, allein zu sein und im +Hellen zu verharren.</p> + +<p>So sagte ich auch dieses eines Abends Asja, wie groß +doch mein Vertrauen war. Ja, es ist die Zeit meines +Lebens gewesen, in der ich nicht allein war, aber ich wußte +es damals nicht, denn wir Menschen haben weit mehr +Sinn für das, was uns fehlt, als für das, was wir besitzen. +Die wahrhaft Einsamen aber wissen für gewöhnlich +nicht, daß sie es sind.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"></a> +Ich sah nicht, wie schwach und bleich Asja war, erst +viel später, als ich mich einzelner ihrer Worte im Besonderen +erinnerte, tauchte auch ihre weiße Stirn wieder +vor mir auf, der farblose Mund und die übergroßen +Augen. Ich sah und empfand nur die lebendige Kraft, +die von ihr ausströmte, und nahm sie gierig und wie mein +Recht an. Es war gut so und nach ihrem Willen, und +es ist aller Menschen Recht, die Flamme zu sehen und +nicht den dahinwelkenden Docht.</p> + +<p>Sie sagte mir auf meine Frage:</p> + +<p>»Ein rechtfühlendes Herz ist der Mittelpunkt der +ganzen Welt, es gibt kein Bett der Ordnung und Ruhe, +das ihm zu vergleichen ist, und vor seiner Echtheit ordnet +sich immer wieder das Weltgeschehen. Nur, nur daran, +sonst wäre die Erde längst ein Trümmermeer und die +Menschen hätten einander vernichtet. Auch das Wissen ist +ohne das Herz kein Trost, es ist wie eine Leiter, die in die +Helligkeit gebaut wird und endet bald. Erst wenn sein +Geistesweg ein echtes Gemüt umkreist, ist es ein seliger +Ring der Freude, selig durch die Bewegung, nicht aber +durch das Ergebnis, denn die Bewegung in ihm selbst ist +das Ziel, nicht aber ein Ziel als Ende und Zweck. Ein +echtes Gemüt aber ist Quelle und Weg der Liebe, sieh, +so ordnet Gott, der die Liebe ist, die Welt.</p> + +<p>Es hat keine Zeit gegeben, in der die Hoffnung der +Besten nicht wahr und erhaben gewesen ist, es kann keinen +Gott gegeben haben, der nicht aus dieser ordnenden Kraft +der Liebe war. Die Bilder der Götter, die versunken sind, +verstehen wir nicht mehr, aber das Herz ist älter als alle +Götter, sein Gleichtakt im Licht und in der Wahrheit ist +<a class="pagenum" name="Page_66" title="66"></a> +die Stimme und endlich die Gestalt der Gottheit. Die +meisten Menschen brauchen ein Bild von Gott, das sich +in der Schwäche ihrer Herzen spiegelt, aber in einem +starken Gemüt haftet kein Bild, sondern nur Licht und +Wärme. Darum sorge dich nicht, daß du vergessen oder +dich verlieren möchtest, denn das Herz weiß das Gleichnis +vom Wesen zu unterscheiden und den Schattenriß vom +Angesicht.</p> + +<p>Was fragst du mich nach Zeit und Ewigkeit, nach +Ursprung und Ende! Wir wandern durch den Sonnenschein, +die Hand voll Wiesenblumen, hören die Lerche — +und suchen den Frühling. Verwirf alles, alles, Bruder, +und schlag die Augen deiner Seele auf, ist Liebe in deinem +Herzen, so offenbart sie dir dein Teil. Dann rufst du +aus: Es ist alles geschehen, es ist alles gut, es ist vollbracht.«</p> + +<p>»So sag' mir noch ein Wort, nur ein Wort über die +Auferstehung, Asja!«</p> + +<p>Ich war in heftiger Erregung und mir war zumut, +als sei meine Wißbegier in ein Mißverhältnis zu meiner +Andacht geraten, als kniete ich nicht am Altar, sondern +als lüftete ich den Vorhang zum Allerheiligsten. Ich +empfand, daß ich falsch fragte, daß ich kleine und törichte +Maße der Einsicht in den Lichtstrom dieser Seele stellte. +So beruhigte es mich fast, daß Asja nicht antwortete, obgleich +meine persönlichen Liebespflichten und mein unpersönliches +Verlangen nach den Wundern ihrer Worte sich +oft miteinander vermischten, so daß ich sie nicht mehr zu +scheiden vermochte.</p> + +<p>Asja wandte sich ab gegen die Wand, die Linie ihres +Nackens und der Schulter, unter dem Haar, verrieten +<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"></a> +mir eine Miene schweren Leides. Ein unerklärliches +Schuldbewußtsein machte mich unsicher, und aus solcher +Unsicherheit heraus wiederholte ich meine Frage beinahe +unfreundlich. Aber die Herausforderung meiner Stimme +weckte nicht ihren Unwillen, sondern ihre Güte. Sie +wandte sich mir wieder zu und sah mich an:</p> + +<p>»Wie mag ein Mensch fragen, was Auferstehung ist, +dessen Seele nicht in der Schmerzensfinsternis ihres Grabes +liegt? Fragt derjenige, der nicht gefallen ist, die Vorübergehenden, +wie er sich erheben könnte? Wer aber nur +deshalb fragt, weil er fürchtet, er möchte einmal fallen, +der wird keine Antwort erhalten, denn er fragt aus Furcht, +und Furcht ist nicht in der Liebe. Aber die Liebe, die in +der Welt allein zu antworten vermag, kann nur der Liebe +antworten. Sieh, das ist der Irrtum der Jahrhunderte, +in denen unsere Geschlechter um Freiheit ringen, daß sie +hoffen, die Liebe möchte der Lieblosigkeit Antwort geben. +Nur wer aus der Wahrheit ist, hört die Stimme der +Wahrheit, nur wer aus der Liebe ist, hört die Stimme der +Liebe. Ich kann dir auf deine Frage nicht antworten, denn +meine Antwort ist heilig, aber deine Frage ist es nicht. +Jedoch die Stunde wird kommen, in der die Finsternis +der Welt über dir zusammenschlägt, wo du im geistigen +Tode am Boden liegst und weder fragen noch hoffen +kannst. Dann will ich zu dir kommen, ich, deine Liebe, +und zu dir sagen: Stehe auf!«</p> + +<hr /> + +<p>Erst darüber, daß ein Widerschein von Asjas Wesen +sich in dem meinen kundtat, und daß andere ihn wahrnahmen,<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"></a> +begriff ich recht, welch wahrhaftige Heiterkeit +von ihrem Wesen ausging. Ich war in meiner Kindheit +und Jugend zu eng in die Bereiche einer rasch zufriedenen +und kampflos bescheidenen Frömmigkeit geraten, als daß +ich nicht eine leidende Abwehr und einen an Widerwillen +grenzenden Zorn vor jener Bescheidung in einer Gottseligkeit +empfand, die nur Bestand hatte, weil ihren +Trägern alle wahrhaftigen Ansprüche fehlten, und weil +sie die Natur dadurch zu überwinden glaubten, daß sie sie +leugneten und verrieten oder verachteten. So erhoben sich +meine Forschungen vor den Quellen des Glücks dieser +Seele oft bis zum Haß und mein Widerspruch bis zur +Bosheit, ich wollte ihre Ansprüche kennen, bevor ich ihr +Genügen guthieß, und war darin um so stürmischer und +ungerechter, als ich die meinen noch nicht kannte.</p> + +<p>Dann wieder, wenn die herbe Einfalt dieser einfachen +Verkündigung mich überwunden hatte, bat ich ihr zerknirscht +und meinen Trotz verwünschend meine Zweifel +ab, aber sie zürnte mir nicht und war weit eher erstaunt +als nachsichtig.</p> + +<p>»Nie wird die Liebe Klage darüber führen, daß ihrem +Licht widerstanden wird«, sagte sie einfach und ohne ihre +Worte in den Widerstreit meiner Gedanken zu führen. +Sie sagte sie wie für sich, und ihre beinahe arme Gebärde +der Verzagtheit, die sie nur selten verbarg, wenn sie +sprach, gaben der Wahrheit ihrer Worte etwas vom +Himmelsschein auf fernen Angern der Welt, die nie ein +Mensch betritt.</p> + +<p>Aber wie jedes absichtslose, in sich selber selige Erkennen +unsern Geist weit lebendiger anzieht und mächtiger +<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"></a> +fesselt, als alle, noch so leidenschaftlich und glühend ins +Feld geführte Überredung, so erwachte und entflammte +meine Wißbegier weit lebendiger in Asjas herber Zurückhaltung, +als sie je vor ihrem Wunsch sich mitzuteilen erstanden +wäre.</p> + +<p>Am meisten beschäftigte mich nach allem, was ich gehört +hatte, Asjas Stellung zu den Worten und zur +Gestalt Christi, dessen Name und Aussprüche sie oft in +so merkwürdigen Zusammenhängen erwähnte, daß es +mir zuweilen, um der einfach menschlichen und vernünftigen +Auffassung willen, fast praktisch und ins tägliche +Dasein verwoben, dann wieder von solcher Inbrunst +der Liebe erhoben vorkam, daß ich lange kein klares Bild +zu gewinnen vermochte. Ich beneidete sie zuweilen um +ihre von keinem Vorurteil bedrängte Art, seine Erscheinung +und seine Wirkung nicht anders zu nehmen, als sie die +irgend eines sonstigen weisen und großen Menschen hinnahm, +verehrte und wiedergab.</p> + +<p>Sie war auf eine für unsere Zeit ungewöhnliche und +durch keinerlei Vorurteil beeinträchtigte Art an die Evangelien +gekommen, erst in gereifter Jugend, und ohne in +ihrer Kindheit jemals ein Wort daraus vernommen zu +haben oder gar belehrt worden zu sein. Sie fand dies +Buch eines Tages im Winkel eines vergessenen Schranks, +als das Haus ihres wohlhabenden Vaters nach seinem +Tode mit seiner ganzen Habe in die Hände fremder Menschen +überging. Sie las es mit Erstaunen, begierig und +eifrig, aber ohne eine andere Not der Seele, als diejenige, +welche der Durst nach geistigem Gut in einem echten +Gemüt hervorbringt.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"></a> +Wohl hatten Asjas Worte an mich, einst zu Beginn, +ein fruchtbares Leben in meiner Gedankenwelt entfacht, +aber ich begriff die Einheit dieser in ihr wirksamen Erscheinung +Christi nicht, und mein Wille, ihn ruhig zu betrachten +und auf mich wirken zu lassen, wurde immer wieder durch +die Vorstellungen getrübt, die man mich anzuerkennen +gelehrt hatte, und durch die Bilder, die mich von Kind +auf begleitet hatten. Ich entschloß mich schwer zu einer +direkten Frage aus jener Schamhaftigkeit heraus, die die +erklärliche Folge der absichtsvollen Entstellungen ist, unter +denen wir genötigt waren, uns seinem Bild zu nähern. +Es mochte hinzukommen, daß mein Gemüt in dieser Zurückhaltung +den Anschein vermeiden wollte, als habe es Gemeinschaft +mit allen denen, die den großen Namen nennen, um +ein kleines, armes und unerprobtes Herz zu bemänteln.</p> + +<p>Aber die Natur unserer Gespräche brachte es doch mit +sich, daß ich meine heißen Fragen, denen schon so klare +Antwort gegeben worden war, zweiflerisch wiederholte, +denn einem jungen Menschen ist eine allzu endgültige und +umfassende Antwort oft ein zu schwerer Baustein im Gebilde +seiner Entwicklung und er verwirft ihn mit Recht +und nicht mit Unrecht, wie die Weisheit jener Abgeschlossenen +lehrt, die sich niemals in einer eigenen, sondern +nur in fremden Welten bewegt haben.</p> + +<p>Asja sah lange vor sich hin, als warte sie auf etwas, +ihre Züge nahmen an Trauer und Hilflosigkeit zu und +sie begann stockend:</p> + +<p>»Ich denke wohl darüber dies und jenes, aber ich vertraue +meinen Gedanken nicht. Sie erscheinen mir wie +dahinziehende Wolken, und was sie mir an Klarheit +<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"></a> +bringen, liegt nicht in ihnen, sondern über ihnen und scheint +erst durch sie hindurch, sobald sie sich lichten. Mir ist +dann, als sei diese Helligkeit über ihnen immer vorhanden, +vielleicht gewinnt sie ihre Gestalt durch die Gedanken, +aber nicht ihr Wesen. Dann fürchte ich mich aber auszusprechen, +was ich erschaue, denn mir ist, als sei es längst +und immer das Gut und Eigentum aller Wahrhaftigen +und entstünde nicht durch mich, sondern käme nur auch zu +mir, in jenem kleinen Teil, den ich zu bergen vermag. Zu +reden aber verstehe ich immer nur zu jenem kleinen Teil, und +bin voll Furcht, das hohe Wesen über mir zu entstellen. +Ich glaube nicht, daß ein Mensch eine Wahrheit auszusprechen +vermag, die nicht längst vor ihm Wahrheit gewesen +ist und immer sein wird, glücklich sind oft Schweigende, +die schauen und entbehren. Sieh, wer nicht zu +glauben vermag, wähnt die Wahrheit abhängig von +seiner Einsicht, aber sie ist es nicht, sie ist vom Glauben +abhängig, von einem Glauben, den wir wie eine Beschaffenheit +haben müssen.</p> + +<p>Die Menschen rühmen, wie nun auch du, den Gedanken. +Was aber nennen sie ihre Gedanken? Sie lassen +den Wind der vergänglichen Geschehnisse durch die +Kammern ihrer Brust streichen, und wenn es darin ertönt, +so sagen sie: Ich denke. Wer aber macht auch nur +seinen Leib mit der Welt der Sinne zum Bogen, um die +Kräfte seiner Gedanken pfeilgrade ins Licht emporzuschleudern? +Wo blinkt der Panzer gegen den Unrat der +Welt? Wer denkt, indem er Leib und Seele der Flamme +seines Geistes zur Nahrung gibt, vor Kühnheit hilflos +und arm vor Ehrlichkeit?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_72" title="72"></a> +Und selbst dies Denken, wie Feuer gebildet aus dem +Mark des Selbst, ist noch nichtig, mein Freund, es bleibt +ein lichtloses Gleichnis, das in Gleichnissen irrt, wenn +nicht die Gnade der Offenbarung den bereiteten Geist befällt. +Die Offenbarung ist nicht durch die Macht der +Gedanken zu locken, sie bereiten ihr wohl den Weg, aber +ihr Kommen ist Gnade. Ich glaube nicht, daß die Lichtblumen +dieser Gnade nach dem Wert des Ackers fragen, +auf dem sie emporblühen. Sie keimen geheimnisvoll, mit +Vergangenheit und Zukunft im heiligen Bund, dort auf, +wo sie wollen, nicht aber dort, wo ein Mensch will. Die +Kraft des Gedankens allein hat noch kein bleibendes +Geisteswerk, das schön, gut oder erhaben ist, hervorgebracht, +glaube mir, keins; immer geschah die letzte Vollendung +im göttlichen Spiel der Gnade, heiter und mühelos, +und der Empfangende, der erwählte Herd, sprach +seinen Seufzer, dessen Name Gnade ist.</p> + +<p>Begreifst du nun, was es bedeutet, erwählt zu sein? +Die Erwählten sind der Weg. Es gibt kein anderes Gesetz +unserer Beschaffenheit, in dessen Erkenntnis Erlösung +ruht. Nur Erlösung, kein anderer Vorteil, wie ihn die +Vielen suchen, die die Geisteskraft des Einzigen in die kleine +Welt ihrer Begierden vor vergänglichem Bestand getragen +haben. Wie soll sich dort bewähren, wie soll dort +trösten, was der Erlösung gilt?</p> + +<p>Der Ausspruch Christi von den Berufenen und Erwählten, +den ich eben in meine Worte verwoben habe, +bezeichnet ihn, von ihm aus wird er auferstehen, nicht +einst, sondern wieder und wieder, gestern, heute und morgen, +überall, wo die Beschaffenheit eines Menschen seiner Beschaffenheit<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"></a> +gleicht, nicht aber dort, wo seine Größe, entstellt +und zubereitet, den Unberufenen dargeboten wird.</p> + +<p>Er traf keine Bestimmungen, sondern er erkannte Gesetze +und sprach sie aus, obgleich sie Bestehendes zerstörten, +allein um der Wahrheit willen. Niemals aber wird ein +Mensch eine Wahrheit erkennen, aus der er nicht ist. +Sieh, so scheidet Christus, nach uralter Sage von der +Gottheit, das Licht von der Finsternis. Er ist der Weg, +auf dem die Liebe sich offenbart, er ist die Gestalt der +Offenbarung. Sagte ich dir nicht, daß in der großen Dreieinigkeit +der Liebe der Sohn die Offenbarung sei?</p> + +<p>Der heilige Geist aber ist jene Gemeinschaft, die ohne +Willkür und ohne Tun unter denen ist, die beschaffen +sind, zum Weg der Liebe zu werden. Ihr Schein ist von +einer Art, sein Strom ist das Licht der Welt. Es gibt +kein anderes Licht, keine andere Gemeinschaft. Die Erwählten +wissen voneinander zu ihrer Zeit selten etwas und +solche Gemeinschaft hat nichts mit jener Wärme und +Nähe zu tun, die wir Armen, gekettet an die Welt der +Sinne, zu unserm raschen Trost Gemeinschaft nennen. +Sie sind alle allein, denn die Liebe ist Glut und nicht +laues Erwärmen, sie richtet sich nicht in unsern Wohnzelten +ein und hat keine Zuflucht, sie fürchtet die Berührung +der Leiber im Blut und im Wort. Sieh, das bedeutet +es, daß auch der Sohn kein Obdach auf der Erde +hatte, keine Mutter, keine Brüder. In solcher Gemeinschaft +aber, wie ich sie nenne, ist der Tod überwunden, sie +überdauert das Dahinsinken der Leiber, sie ist Auferstehung. +Wo ist die Bitterkeit des Todes, wenn dieser Strom der +Gemeinschaft nicht endet? Sieh, das wird niemand begreifen,<a class="pagenum" name="Page_74" title="74"></a> +der nicht in jener Gemeinschaft steht, er kennt ihr +Wesen nicht, ihm ist der Tod mächtiger und er fürchtet +ihn. Bin ich aber beschaffen, ganz von Licht erfüllt zu +sein, so werde ich Licht und begreife seine Dauer. Es ist +mein Empfangenes, in das ich verwandelt bin. In ihm, +das ich ausstrahle, trete ich aus mir heraus, was bleibt dem +Tod noch, als jene Hülle, die längst nicht mehr ich ist?</p> + +<p>Alle aber, welche fragen: Werde ich einst hier oder +dort sein, die irren. Nur in der Gemeinschaft leuchtet die +Heimat. Gemeinschaft ist das große, das eine Wort des +Bewußtseins, der Heilige Geist; die Quelle in der Höhe, +nicht die Mündung im Tal, nicht Wiederkehr, sondern +Dasein, das Heute als Ewigkeit, die tausend Jahre als +ein Tag. Es gibt keine andere Erlösung. Ich war gehorsam +und die Offenbarung kam zu mir, die zur Gemeinschaft +führte, so sind Vater, Sohn und Geist mir +zum Bild der Liebe geworden und ich sage Gott, ohne +Zweifel und Angst, heiter und wahrhaftig, unaussprechlich +gewiß.«</p> + +<p>Da fragte ich: »So glaubst du nicht an die Erlösung +der Unerwählten?«</p> + +<p>»Nein,« sagte Asja, »die Unerwählten sind es, die +wiederkehren, nicht die Erwählten, denn die Unerwählten +sind es, die noch der vergänglichen Gestalt allein angehören, +dem Wandel der Natur. Sie sind der sinkende Becher, +die Verschüttung und Beerdigung, die Wehmut der +Hoffnung auf eine Heimkehr, die auch sein wird, jedoch +zur Erde, zur Mutter. In diese Wehmut hat die Welt +die Gestalt des Einzigen verwoben, um dieses Irrtums, +dieser Schuld willen sinkt die Kirche in den Staub, die +<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"></a> +sein Wort nicht verstand: Laß die Toten ihre Toten begraben, +sondern die die Hoffnung der innerlich Toten unter +den lebendigen Menschen auf die Gräber wies. Erkennst +du im Bild der Geschichte nicht deutlich, wie Maria, +die Mutter, am Altar auftaucht, jemehr der Christus +selbst verhüllt und verschüttet wird, und wie der Sohn +zum Kinde wird? — Er wird wieder zum Mann werden, +und aus den Schleiern jener Wehmut treten, die die +Erde, die Mutter, das Heimweh der Unberufenen, um +seine helle Stirn gelegt hat. Sie haben ihm den Hirtenstab +gegeben und das Schwert der Entscheidung genommen, +von welchem er gesprochen hat, als er vom Geisteswesen +seines Kommens, vom Sinn seiner Sendung redete.</p> + +<p>Nein, er hat nichts mit dieser Wehmut gemein. Auch +hat er nichts mit denen gemein, die von ihrer Hoffnung +sprechen, irdisch, nach dunkler Wandlung, in erneuter +Gestalt wiederzukehren. Es ist kein Licht in dieser Zuflucht, +keine Erlösung, denn der Wandel der Natur hat +keine Kraft über seine Kreise emporzuheben, allein der +Geist. Er hat das Bewußtsein zum Bett seiner Erstehung, +seine erste Gestalt ist der Glaube, als eine Beschaffenheit, +ihm folgt die Erkenntnis, deren Krone die Offenbarung +ist. Seine letzte Gestalt, die offenbar wird, ist die Liebe, +sie ist Anfang und Ende, das heilige >Gut<, sie ist Gott. +Wehe einer Welt, die glaubt, die Natur vollende sich +in ihrem Wandel bis zu Gott empor. Niemals! Auch +unsere nicht. Nicht wir haben die Liebe erwählt, sondern +die Liebe hat uns erwählt.</p> + +<p>Wer aber fragt, was Liebe sei, der ist wie eine Wasserwoge, +die sich dem Feuer zu verbinden trachtet. Kein +<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"></a> +Strahl aber fragt nach dem Wesen seiner Sonne, denn +er ist ihr Wesen.«</p> + +<hr /> + +<p>Es war sonderbar genug, wie Asjas Leben langsam +in mir ein eigenes Leben begann, als hätte ihr Geist in +meinem Einkehr gehalten, in einer mystischen Hochzeit. +Ihre Worte, schwer, einfach und an Fülle der Offenbarung +fruchtbarem Korn vergleichbar, sanken in mein +Gemüt, keimten und blühten. Ich verlor bald den Sinn +dafür, ob ein Gedanke nach ihren Berührungen aus dem +Boden meiner eigenen Seele emporwuchs, oder ob ich +ihn von ihr übernommen hatte, ohne eigenes Tun. Auf +wunderbare Art verschmolzen mir die Grenzen unsrer +Beschaffenheit in ein Lichtgebilde schöpferischer Vereinigung, +und ich begriff den Sinn der Gemeinschaft.</p> + +<p>Was für die vergänglichen Leiber die Berührungen +des Bluts waren, seine Verschmelzung und Auferstehung +zu einer neuen Einheit, war das im höheren Sinn die +Vereinigung der Seelen durch die Offenbarung, getragen +durch die Gedanken, wiedergeboren im Geist? War hier +Gottes Wiege, wie dort die Wiege des Menschen war, +und waren Gott und Mensch in jenem heiligen Sinn +eins, wie es von Christus heißt, der ein Gott genannt +wird und des Menschen Sohn?</p> + +<p>Im Reich des Geistes aber gab es nicht Mann noch +Weib, ich begriff mit Erschauern den einfachen Sinn +dieser einst so dunklen Worte vom Reich, von der Ewigkeit, +von jener unendlichen Harmonie, die die Heiligen +der Welt ersehnten und erschauten, die ewig ist, da sie +<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"></a> +stets gegenwärtig zu sein vermag. Ich begriff Asjas hellsichtige +Auffassung des Worts, daß tausend Jahre wie +ein Tag sind, nicht in der Dauer, sondern im Wesen.</p> + +<p>So gingen die Monate des Winters herum, Tag +nach Tag, nicht gemessen an Daten und Stunden, nicht +an Wachen und Schlafen, sondern an den Schritten in die +Regionen einer innerlichen Lebenszuversicht. Ich befand +mich in jenen Zeiten außerhalb aller Bedrängnisse, die +durch unsere Befangenheit und Abhängigkeit von der Erscheinungs- +und Tatsachenwelt entstehen, und lebte. Meine +Freiheit und Heiterkeit war zumeist unaussprechlich, die +Erde schien klein und wie eine Gelegenheit von vielen, +wie eine Station der großen Wanderung, ohne Last und +Finsternis. Ich kannte keine Sorgen und glaubte mit einer +flammenden Inbrunst, ohne sagen zu können, an wen oder +an was, ich glaubte an das Licht in mir, und an meine +Liebe.</p> + +<p>So kam es, daß ich Asja seltener fragte und mir an +ihrem Dasein genug sein ließ, vielleicht kam es auch deshalb, +weil sie einmal eine Frage mit Zorn von sich gewiesen +hatte, ich vergesse ihr Wort nicht, es ist wahr +gewesen:</p> + +<p>»Meinst du, es läge mir daran, dich zu überzeugen, +oder ich gäbe dir Ratschläge? Niemals, nimmermehr! +Ich spreche, wie ein Baum blüht, aber nicht, damit +jemand Nutzen davon habe. Die Wirkung des Herzens +macht sich nicht belohnt, verstehe doch dies: weit eher ist +sie ein Lohn. Ein Lohn, wie eine Seligkeit in sich selbst, +der Triumph von Kräften, die längst zurückliegen, ein +Ende, auf daß begonnen werde.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_78" title="78"></a> +Die Menschen haben die Folge der Liebe zu ihrem +Zweck gemacht, und haben die Liebe dadurch entheiligt. +So möchten sie sie nun überall finden — bei Anderen, und +traurig wendet der Engel das Haupt. Sie glauben durch +die Liebe die Welt zu bessern, und empfehlen sie den Ungläubigen +und Lieblosen, den Bedrängten oder Traurigen. +Als die Kriegsknechte das Haupt des Heiligen bespieen, +waren sie schuldloser, als diese Propheten der Liebe, die +niemand berufen hat, als Baal, um sein Reich der Finsternis +zu sichern. Sie raten den Menschen, ihre Seele +zu erhalten, und nennen sich die Priester dessen, der gesagt +hat: Wer da sucht seine Seele zu erhalten, der wird +sie verlieren.</p> + +<p>Weißt du, was das heißt? Es ist der gleiche Geist, +aus dem du zweifelst. Wer seine Seele zu erhalten sucht, +hat nichts gemein mit der Liebe. Das Reich kommt nicht +mit äußerlichen Gebärden ...«</p> + +<p>Sie schwieg und sah mich ratlos und erschrocken an. +Und langsam füllten sich ihre Augen mit Tränen, mir +war, als erblickten diese Augen nichts mehr um sich her. +Sie saß still und aufrecht in ihrem Bett und weinte, +wie ohne Grund und Anlaß, ein verlorenes Kind in der +traurigen Welt, deren Wege voll Steine sind.</p> + +<p>Es mag Menschen geben, dachte ich, die eines Tages +in Tränen ausbrechen, weil es ihnen an Kraft gefehlt hat, +sich zu erweisen. Aber du, Asja, weinst nicht deshalb, +denn du weißt nichts von diesem Wunsch, du weißt nicht +einmal deinen Wert. Du bist geistig arm. Du bist wie +der Klang einer Glocke, oder wie der Morgenschein auf +den Bergen. Wir sind geistig reich, wir wissen von +<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"></a> +Glocken aus Erz und von Bergen aus Gestein, aber das +Reich ist nicht unser. —</p> + +<p>Darüber wurde mir in meinen Gedanken an Asja und +ihre Art das Menschenwesen und die Welt zu schauen, mehr +und mehr deutlich, daß jenes geheimnisvolle Wort der +Evangelien, das von den Berufenen und Erwählten handelt, +wie ein aufklärender Stern der Einsicht über ihren +Betrachtungen und Einschätzungen stand. Meine Jugend +und ihr Innenleben waren zu tief von jenem tätigen Mitleidsgedanken +der Nächstenliebe durchtränkt, der alle Wohlgesinnten +leitet, die unsere Kindheit bewacht haben, als +daß Asjas einsame Haltung mir nicht zuweilen wie voll +unerhörten, kindlichen Hochmuts erschienen wäre. Mir +war, als läge viel Unbarmherzigkeit, ja Grausamkeit in +solcher unerprobten Gewißheit. Wo blieb bei solchem +Glauben und solcher Heilsgewißheit die unübersehbare +Schar aller derer, die nach jenem Worte nicht erwählt +waren? Mein Sinn empörte sich oft bis zum Haß, wenn +ich lange allein war, aber ich schwieg beharrlich, im selbstsüchtigen +Genuß einer vermeintlichen heimlichen Überlegenheit. +Du liegst auf deinem weißen, stillen Ehrenlager +des hochherzigen Abschieds, dachte ich, was bekümmert +dich das große, allmächtige Leben, der heiße +Strom, der unter dem Lichthorst deiner traumhaften +Wolkenburg des Glaubens dahinflutet? Du hörst das +Geschrei der Gebärenden so wenig, wie das Seufzen der +Sterbenden, das gepeitschte Glutmeer des Kampfs der +Geschlechter ist dir wie das seelenlose Brausen des Meers, +und wer ist dein Nächster, den du lieben sollst, wie +dich selbst?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_80" title="80"></a> +Du! antwortete Asjas Stimme in meiner Brust. Und +die Schweigende fuhr fort, in mir zu reden: Hast du geglaubt, +dein Nächster sei der, welcher dir, Körper an +Körper, örtlich am nächsten steht? Gehörst auch du zu +denen, die der Buchstabe tötet und die der Geist nicht zu +befreien vermag? Ihr schleppt den hohen Sinn in die +Gassen des Alltags, und wenn ihr ihn darin zertreten +und beschmutzt, verkleinert und geschändet habt, so verhöhnt +ihr ihn und vermeint, seine Lüge erwiesen zu haben. +Wenn der Falke im Gitterwerk des Hühnerstalls verdirbt, +so fragt ihr den Zerbrochenen: Wo ist dein hoher Flug +über den Wäldern? Dein Nächster ist nicht der, welcher dir +örtlich am nächsten steht, sondern der, dessen Wesen deinem +Wesen am nächsten ist, dessen Seelenkraft und Geistestugend, +dessen Heimweh, Schmerz und Kraft den deinen +gleichen, und dessen Blick dich spiegelt, zugleich Gram und +Schmach, Beseligung und Zuversicht, ein Weckruf und +ein Trost. Ihn wirst du lieben, wie dich selbst, das ist +kein Befehl, sondern eine glückhafte Notwendigkeit, ein +erhabenes und furchtbares Schicksal, eine mystische Pflicht. +Gott aber, den du über alles stellen sollst, das ist die Liebe +selbst, und ohne ihn ist auch dein Nächster dir fremd. +Nur in der Liebe gibt es einen Nächsten, nicht in der +Leidenschaft, noch im Hang nach irdischem Bestand, Vorteil +oder Gewinn, noch nach Gefallen oder Vergnügen +im Leben des Alltäglichen. Welch ein Widerspruch entstünde +zu der wahrsagerischen Verkündigung, daß der Erwählte +Vater und Mutter verlassen würde, wenn sein +Nächster, der Mensch seiner örtlichen Nähe wäre? Denn +wer steht dem Menschen näher, als sein Vater und seine +<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"></a> +Mutter? Du wirst sie verlassen, wenn sie nicht im Geist +deine Nächsten sind, um deinen Nächsten zu suchen.</p> + +<p>Und mit Erschauern erhoben meine Gedanken sich vor +den besonnten Schneewipfeln der Geistesreinheit und Liebeshoheit, +die einst mit Schmerzen und Jubel, die kein Sinn +ermißt, eine Liebesforderung sondergleichen, aus blendend +erhelltem Herzen strahlten. Die Marterblume eines +schweren Lächelns blühte mir aus den Wolkenzügen des +Abendhimmels meines unruhigen Tags und meiner Zeit +entgegen, ich ging ziellos und allein weit vor die Stadt +hinaus, und ich verstand Asjas Wort des Willkommens, +als ich einst zum erstenmal an ihr Lager trat: »Wir +haben alle nur einen Menschen, zu dem wir du sagen«, +und ihr einfaches Versprechen, bei mir zu bleiben. Es verwandelt +sich mir langsam in die Verheißung: Ich bin +bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.</p> + +<p>Als ich in der Abenddämmerung heimschritt, begegnete +mir auf einem verlassenen Feldweg, der auf öde Bauplätze +und so auf die Vorstadt zurückführte, ein Mann, +der etwa zehn Schritte vor mir mitten auf dem Weg +stehenblieb und mich zu erwarten schien. Als ich ihn erreicht +hatte, bemerkte ich seine Absicht, mich anzusprechen, +hielt im Schreiten inne und sah ihn an. Er fragte mich +auf eine Art nach dem Weg, der ich anmerkte, daß er +keine Auskunft erwartete, sondern etwas anderes. Es war +schon zu dunkel, als daß der Anstand von Wesen oder +Kleidung für uns beide deutlich festzustellen gewesen wäre, +bevor wir uns einander nicht ganz genähert hatten, und +ich empfand nun, daß ich enttäuschte, und mir schien, als +gäbe mein Gegenüber in etlicher Befangenheit seine Hoffnung<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"></a> +preis, mehr bei mir zu finden, als er selbst besaß. +So wurde seine Bitte, die er dennoch vorbrachte, auf +eine vertraulichere Stufe kameradschaftlicher Mitteilung +gehoben.</p> + +<p>»Hast du Geld?«</p> + +<p>Ich durchsuchte meine Taschen in großer Verlegenheit, +und um sie zu verbergen, sprach ich von Dingen, die nichts +mit meinem Betreiben zu tun hatten. Er betrachtete mich +verdrossen und abwartend. Als ich endlich ein paar +Münzen fand und sie hinreichte, trat er zurück und winkte +mir ab.</p> + +<p>»Hast du mehr?« fragte er.</p> + +<p>»Nein«, sagte ich.</p> + +<p>»Ist das alles?« wiederholte er seine Frage.</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Behalt's«, sagte er und schritt ohne Gruß davon.</p> + +<p>Ich wandte mich langsam, um auch meinerseits meinen +Weg fortzusetzen, aber als ich die Münzen wieder in +meinem Rock bergen wollte, hatte ich nicht die Kraft +dazu; ich wußte nicht, wem sie gehörten.</p> + +<p>Als ich die Stadt wieder erreicht hatte, umschlich ich +das Haus, in dem Asja wohnte, und sah, daß Licht in +ihrem Zimmer brannte, es war gegen zehn Uhr abends. +Ich konnte ihr Fenster, das auf einen Hof hinausführte, +durch den Mauerspalt zweier Häuser von der Straße +aus sehen. Der Schuster Stevenhagen, der neben dem +Eingang im Hinterhaus seine Wohnung hatte, öffnete mir +auf mein Pochen, wie schon oft, und ließ mich ein.</p> + +<p>»Wie geht es Asja?« fragte er, ohne über mein spätes +Eindringen ein Wort zu verlieren.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_83" title="83"></a> +Ich mußte mich besinnen und erschrak fast darüber, +wie ungewiß meine Vorstellungen von ihrem körperlichen +Zustand waren.</p> + +<p>»Wir werden sie bald verlieren«, fuhr er auf meine +unsichere Auskunft hin fort. »Ihre Mutter war heute +bei mir.« Er sah mich an, als erwarte er von mir irgendein +ungewöhnliches Wort der Erklärung, eine rasche und +zuversichtliche Mitteilung, die seine Befürchtung zunichte +machte, als müsse irgendein Wunder geschehen, von dessen +Art und Wirkung niemand einen Begriff hatte. Ich war +mutlos und schwieg, alles, was mich auf meinem Wege +beruhigt und erhoben hatte, verflog.</p> + +<p>»Vielleicht bringt die Zeit Besserung, weil jetzt der +Frühling kommt«, fügte der Alte hinzu, als sei es nun +an ihm, ein Wort der Beruhigung zu sagen, da von +mir keines gefallen war. Er nickte mir zum Abschied +zu und ließ mich auf dem dunklen Gang allein. Ich +lehnte mich an die Wand und dachte: Es wird Frühling. +Unter Asjas Tür glomm eine schmale, rötliche Lichtlinie, +es war totenstill im Haus. Es wird Frühling, dachte ich, +von den Bergen fallen warme Winde ins Land, über die +Wiesen. Die Wipfel der Buchen färben sich rötlich, und +die Bäche rauschen trüb und eilig zwischen ihren Ufern +dahin, an denen Anemonen und Primeln keimen. Die +Nächte sind voll warmer, glücklicher Unruhe. In der +ländlichen Abgeschiedenheit krähen die Hähne von Hof zu +Hof, da nun die Sonne schon eher aufgeht, über den +Feldern mit grünem Winterkorn. An besonnten Hängen +erklingt über den stäubenden, gelben Weidenblüten das +erste Bienensummen, und hier und da, in der kaum begrünten<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"></a> +Landschaft, zwischen den braunen Winterfarben +der Büsche und Wege, taucht in der glitzernden Märzsonne +ein erstes helles Kleid auf, zwischen den Hecken.</p> + +<p>Aber Frühling, mein Bruder, was tue ich in deiner +Gemeinschaft, wenn Asja begraben liegt? Ich fürchtete +mich vor dem Eintritt in den grauen Raum der Entbehrung, +des Verzichts und des Abschieds, der plötzlich zu +einem Sterbezimmer geworden war, wie einst das erstemal, +als ich ihn vor Monaten betreten hatte. Ich versuchte, +mir gewaltsam jene Güter als meinen und Asjas +Besitz ins Gedächtnis zurückzurufen, die in hohen Stunden +unser Teil gewesen waren, aber es wollte mir nicht gelingen, +die Finsternis erwürgte mich.</p> + +<p>Wie eine unüberschreitbare Feuergrenze zwischen Leben +und Tod brannte am Boden die Lichtlinie der Tür und +ich vergaß, wo ich mich befand und erschauerte, wie in +einem finstern Kerker. Ich entsinne mich meines Entschlusses +nicht mehr, die Tür zu öffnen, wohl aber erblickte +ich gleich darauf Asjas emporgerichtetes Gesicht im Licht +der nahen Kerze, die es beschien, als wäre es allein in der +Welt, und ich taumelte vor Ergriffenheit, wie über alles +Vergleichen und Ermessen schön dies Angesicht war. Es +sah aus der Nacht des Haars auf mich hin, ruhig und +klar, das Lichtgebilde einer vor seligem Triumph trunkenen +Weltenvernunft, ausstrahlend vor Lebendigkeit, still, +ein Bild der Heimat. Und der Frühling, mein Bruder, +den ich fern vermutet und weit von dieser Stätte verbannt +hatte, kam mir aus der warmen Nacht der großen +Augen entgegen, die Lerchenlieder über den Feldern, feuchter +Wind und der süße Duft aus Schollen und Keimen, aus<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"></a> +dem das lichte Blütenkleid sich bildet. Aber die Hoffnung, +sein unruhiges Wesen, war hier in eine lautlose, mächtige +Zuversicht verwandelt. Da wußte ich, daß ich es war, +der zurück mußte, daß aber Asja in Frieden blieb.</p> + +<p>»Hilf mir,« sagte ich, »wer hat dich erwählt? Ich +kann mich nicht von dir trennen und weiß doch, daß es +meine Armut und Schwäche sind, die mich von dir +scheiden werden.«</p> + +<p>Wie immer, erkannte Asja unmittelbar den inneren Zustand, +in dem ich mich befand, sie war weder zu täuschen, +noch irrte sie sich, und die göttlich-dämonische Macht +ihrer Einsicht bestand darin, daß sie niemals bei ihren +Schlüssen aus meinem Ungemach, oder bei dessen Benennung, +von etwas anderem ausging, als von dem unerschütterlichen +Glauben an eines Menschen Wert, Güte und Lebensrecht. +Es ist unausdenkbar, daß jemals ein Mensch, selbst +der schlechteste, solchem Glauben an seinen Wert etwas +geringeres hätte entgegensetzen können, als ein erschrockenes +Glück. Wer hoffte nicht darauf, er möchte einer Erlösung +wert sein, wenn er leidet? Wer aber vermag einer Seele +diese Ahnung ihrer Befreiung eher zu bringen, als der, +welcher ihr altes Kinderrecht der Zugehörigkeit zur Liebe +glaubt? Die Macht eines solchen Glaubens, wenn er +wahrhaftig ist, vermag Berge von Schmach und Finsternis, +von Selbsterniedrigung und Verarmung zu versetzen, +und auf den befreiten Boden bricht wieder das Himmelslicht, +keimt das Leben. Die Macht eines solchen Glaubens, +groß genug, vermag Wüsten der Herzen in fruchtbares +Land zu verwandeln, vom trocknen Firmament brechen die +feuchten Schauer, und der Sand begrünt sich.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_86" title="86"></a> +»Was quält dich?« fragte Asja mich. Oh, über diesen +unvergeßbaren Ernst ihrer Fragen, ich habe ihn niemals +im Leben wiedergefunden. Warum lächeln diejenigen, +welche sich für stärker oder erfahrener halten, und wieviel +ist eine Gabe unter solchem Lächeln noch wert? Ihr +rechnet alle auf freundliche Nachsicht, weil ihr nur die +Hälfte gebt, und weil ihr die Wahrhaftigkeit eines Anspruchs +zu glauben verlernt habt. Euer Lächeln dieser Art +ist der Erweis, daß ihr weder an eine echte Zugehörigkeit, +noch an Gemeinschaft glaubt, ja kaum an Verständnis, +nur an gegenseitige Nachsicht, und an ein ausgleichendes +Mitleid der Hilflosigkeit. Als sei eines Menschen inneres +Erleiden nicht erlaubt, und als sei ihm durch Herablassung +am sichersten beizukommen. An diesem Lächeln gleitet ihr +aneinander vorüber und gebt eure herrliche Liebe in der +armen, kleinen Münze der Freundlichkeit aus, die jeder +selber hat.</p> + +<p>Asjas Augen öffneten mein Herz unter ihrer Frage +bis auf den Grund, und ich sagte einfach, als wüßte sie +schon alles:</p> + +<p>»Das Wort von den Berufenen und Erwählten quält +mich wieder und wieder. Du hast einmal davon gesprochen, +daß das Wesen und Schicksal des Menschen mit diesem +Gesetz offenbar würde, und daß seine furchtbare Wahrheit +der Anfang der Ordnung zu aller Einsicht sei. Du +hast gesagt, dies Wort vor allen andern bezeichnete die +Erkenntnis und Lehre Christi, aber mich läßt die Frage +nicht ruhen, was mit allen jenen geschehen soll, die weder +berufen noch erwählt sind. Sind es nicht Menschen wie +wir, und sind nicht wir wie alle? Dieses Wort aber<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"></a> +schließt aus und sondert, entscheidet und verwirft. Ist das +das Wesen der Liebe?«</p> + +<p>»Ja,« antwortete Asja, »ich habe es gesagt.«</p> + +<p>Ich wartete und hoffte darauf, daß die Sicherheit ihrer +Antwort mir die innere Haltung schenkte, selbst zu sehen, +was ihre Augen schauten, aber es blieb alles ungewiß in +mir, und die Wege meiner Gedanken verirrten sich im +Dunkeln.</p> + +<p>»Sag' mir das Licht, in dem die Unerwählten stehen, +und ich will schweigen und warten«, sagte ich.</p> + +<p>»Sie stehen im Licht der Erwählten«, antwortete Asja. +»Die Liebe scheidet und läßt sich nicht vermischen, das ist +ihre Kraft und Herrlichkeit. Satan mischt und legt die +Namen der Liebe an die laue und falsche Gestalt. Wer +sind die Erwählten, daß du von ihnen sprichst, als seien +sie im Sinn der Welt bevorteilt? Erwählt sein, heißt +von der Liebe erwählt sein, zum Weg ihres Lichts. Glaubst +du, solch heilige Gunst raffte den Wert an sich, um ihn +für sich zu besitzen, gesättigt, zufrieden, selbstsüchtig? Sie +strahlt ihn aus! Und je reiner ein Herz dies Licht ausstrahlt, +um so eher ist es erwählt. Wer hat das große +Wort auf Gunst und Wohlstand des zeitlichen Lebens +ausgelegt? Wer hat es unter den Schein von kleiner +Tugend und armseligen Lohn gestellt und in einen Rangstreit +des Vorteils gezogen? Ich bin betrübt. Wieviel +Angst muß in der Welt sein! Was von der Erlösung +galt, das haben die Menschen in den Widerstreit von +Vorteil und Besitz getragen. Ich habe Angst vor der +Macht des Satan!«</p> + +<p>»Wer ist Satan?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_88" title="88"></a> +»Steht er neben dir, daß du so fragst? Satans Reich +ist überall, wo Gottes Reich nicht ist. Wenn du zum +Bild der Liebe das Bild Gottes setzt, so setze für das +Bild der Nichtliebe das Bild Satans. Sagt nicht der +Böse von ihm! Er möchte euch im Bild dessen überlisten, +was ihr das Gute nennt.«</p> + +<p>Ich raffte mich zu einer raschen Frage auf, aber sie +sah mich drohend an und rief laut:</p> + +<p>»Schweig!«</p> + +<p>Und wieder, wie einst, als eine harte Absage mich betroffen +hatte, neigte sie sich über meine Hand und drückte +ihre Lippen darauf. Erst nach einer Weile hob sie die +Stirn und sagte fröhlich:</p> + +<p>»Ich kenne ein altes Lied, willst du es hören? Es +lautet so:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Ich möchte dich beglücken</span> +<span class="i0">und kann nicht dunkel sein.</span> +<span class="i0">So tritt mit deinem Zweifel</span> +<span class="i0">in meiner Liebe Schein.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Mich quält nur eine Frage:</span> +<span class="i0">Hast du mich lieb, sag an?!</span> +<span class="i0">So bleib in diesem Lichte,</span> +<span class="i0">das ich nicht trüben kann.</span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Frag nicht, weshalb ich frage.</span> +<span class="i0">Aus Zweifel frag ich nicht.</span> +<span class="i0">Es gibt nur eine Klage</span> +<span class="i0">der Liebe, die um <ins title="Licht.">Licht.«</ins></span> +</div></div> + +<hr /> + +<p><a class="pagenum" name="Page_89" title="89"></a> +Es wurde nun Frühling, er wehte auch in die Mauern +der Stadt und verkündete seine Gegenwart überall. Meinem +Kammerfenster gegenüber, an der Hofseite des Nachbarhauses, +hoch am Giebel, begann ein altes Mütterchen +ihren Garten zu pflegen, der nicht größer als eine schmale +Bank war und über der Dachrinne hing. Er hatte ein +kleines grünes Gitter, und die Alte arbeitete mit einem +Blechlöffel in der Erde, unter dem Giebel ihres Dachfensters. +Wenn mittags die Sonne schien, hing sie ihren +Kanarienvogel über dem Garten auf, und seine Stimme +schmetterte in warmen Stunden durch die öden Hallen +der Höfe. Man hörte auch wieder Kinderstimmen, und +überall standen die Fenster offen. Die Weiber schnatterten +auf den Stiegen, und es war schon hell, wenn man des +Morgens erwachte.</p> + +<p>Oft, wenn mich die Luft in der Frühe auf den Straßen +umwehte, sehnte ich mich danach, die Stadt zu verlassen. +Wohl entfloh ich zuweilen ihren Häusermauern, aber das +öde Bereich ihrer Umgebung befriedigte nicht, sondern +stimmte traurig. Einmal hörte ich über den Bauplätzen +und Stadtgärten eine Lerche und erzitterte unter ihrer +Stimme, die mich überwältigte. Ihr Gesang war überredender +und süßer, als ich ihn jemals in der Freiheit der +Fluren draußen vernommen hatte, und ich begriff, daß +ihr Trost nicht wie eine Freude gesucht sein wollte, sondern +wie eine Gnade in unsere Finsternis fallen muß. Und +plötzlich verstand ich in einem ganz neuen Sinn das Wort: +»Wer da sucht seine Seele zu erhalten, der wird sie +verlieren.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_90" title="90"></a> +Ich lauschte dem Singen und vergaß die Stadt und +ihre Beengung. Nun blüht draußen der Frühling über +Wäldern und Wiesen, dachte ich, die Sonne scheint auf +den <ins title="naßen">nassen</ins> +Boden, die Pflanzen keimen und die Äste im +Wind begrünen sich. Ich möchte über den <ins +title="naßen">nassen</ins> Acker +gehen und Samenkörner in die aufgebrochene Erde streuen, +ich möchte die Saat mit meinen Tränen benetzen und auf +dem dunklen Grund niederknien und zu Gott, dem Vater, +beten. Mein Gebet wäre nicht Klage noch Bitte, es +wäre ein unaussprechbarer Dank, ein Dank und Gehorsam +wie das Blühen, das mich umweht und überkommt. +Keine Worte sollten den Geist bedrängen, der +mich durchdringen und erhellen würde, o Frühling, o +Vater, du Liebe! —</p> + +<p>Dies waren die Tage, Stunden und Gesichte meiner +kurzen Jugend auf der Erde, in denen Asja starb. Ich +habe außer der Nacht, in der sie Abschied von mir nahm, +kaum mehr im Gedächtnis, was sich sonst zutrug, und +weiß in meiner Erinnerung dies Erlebnis in keinen Rahmen +äußerer Gewißheiten zu stellen. Das Jahr müßte ich errechnen, +wie ich auch mein Alter nicht mehr weiß, denn +es kamen ruhlose Zeiten des Dahintreibens auf dem uferlosen +Meer des Lebens für mich.</p> + +<p>Wie einer, der graden Blicks in die Sonne schaut, die +Stunde des Tags an ihr nicht festzustellen vermag, so gibt +es Ereignisse in unserm Dasein, deren Einwirkung so +stark ist, daß wir den Widerschein auf den erkennbaren +Dingen um uns her nicht festzustellen vermögen, sie stehen +in unserm Leben, wie Gestirne am Himmel oder wie +Grabhügel auf den Feldern.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_91" title="91"></a> +Der Erdboden verliert seine freundliche, ruhige Gestalt, +wenn der Pflug ihn für die Saat aufreißt, und die +Zugvögel sehen, wie mit neuen Augen, nichts mehr als +ein fernes Ziel, wenn ihre Stunden der Heimkehr kommen. +Aber solche Blindheit ist in Wahrheit der wichtige Zustand +unseres Daseins, in dem wir auf einen Weg gezogen +werden, der zum lebendigen Sein und Schauen +führt, sowohl die Seele, als endlich auch den Geist, der +nicht durch den Gedanken allein geführt wird, sondern +durch jene Macht, die auch den Gedanken zu wollen +scheint.</p> + +<p>Für diese Macht suchen wir alle Gestalt und Namen, +unsere Bewegung hat diesen Sinn. Es gibt Augenblicke, +in denen wir ihn wissen, von ihnen schweigt jeder Mund. +Aber in diesem Schweigen liegen Erinnerung, Mahnung +und Verkündigung und ein erlösendes Glück.</p> + +<p>Es sind Jahre und Jahre über Asjas Todesnacht +dahingegangen; auf dem Acker meines Herzens ist nun +die Saat dieser Stunden aufgebrochen und blüht. Ihr +sollt mich nicht nach diesem oder jenem fragen, denn was +ich auf diesen Blättern darstelle, sind nicht die Saatkörner, +wie sie einst fielen, sondern die Felder in der +Mittagssonne des Lebens.</p> + +<p>Als ich nach einem unruhigen Tag, der mich zerstreut +und gequält hatte, am Abend zu Asja kam, saß sie ruhig +in ihrem Bett und richtete ihre Blicke auf mich, als sei +sie um mich in Sorge. Ich empfand die Aussage ihrer +Züge so deutlich, als sagte sie zu mir: Leb nun wohl.</p> + +<p>So stand unser Beisammensein im Zeichen des Abschieds, +und ich vermochte mich nicht zu fassen, obgleich<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"></a> +ich äußerlich gelassen und geduldig erschienen sein mag. +Aber die kleinen freundlichen Täuschungen, mit denen die +meisten Menschen sich im Guten zu beruhigen und zu +trösten hoffen, hatten keine Bedeutung in unserm Umgang, +und sie gelangen mir nicht, denn Asjas Seele war +von jener Unverführbarkeit, wie nur die aufrichtigen +Menschen sie haben. Sie griff niemals nach einer kleinen +Hilfe und verschmähte jede Schonung, um der Wahrheit +willen.</p> + +<p>Ihre Mutter war noch eine Weile bei uns, und ich +sprach über dieses und jenes mit ihr, aber ohne daß meine +Gedanken bei meinen Worten waren, und ich war in +einer geteilten Haltung von Ablehnung und scheuer Begierde, +sie möchte uns nicht verlassen. Sie wagte nicht in +Asjas Gegenwart mit mir von dem zu sprechen, was sie +auf dem Herzen hatte, und ihren heimlichen Andeutungen, +ich möchte ihr zu einer Unterredung unter vier Augen +Gelegenheit geben, leistete ich nicht Folge. Sie hatte am +Tage eine Besprechung mit dem Arzt gehabt, und wenn +sie auch nicht ahnte, wie nahe der Tod ihrer Tochter +bevorstand, so war sie doch voll jener schwankenden +Ängste, die Herzen durchmachen, die sich bereitwillig täuschen +lassen, wo sie hoffen, und die den geistigen Kräften +des Bedrohten nicht gewachsen sind. Es kam hinzu, daß +Asja sich, ohne Verstellung, in den letzten Tagen zuversichtlicher +und lebendiger gezeigt hatte, als zuvor, besonders +in Dingen, die das äußerliche Dasein betrafen und in +ihrer Teilnahme am Ergehen der Umwelt. Es bewegte +mich tief, daß sie dieser seltsamen Regung erlag, die die +von ihrer Krankheit Befallenen so oft durchmachen, obgleich<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"></a> +die Hoffnungsfreudigkeit, die sie zur Schau trug, +kein Licht auf den Weg ihrer Seele warf, die in einem +andern Licht lag, sondern gewissermaßen ein selbsttätiges +Aufatmen ihres Körpers darstellte, der sich erleichtert +fühlte.</p> + +<p>Sie ordnete Feldblumen in ein kleines Gefäß und +lächelte zuweilen flüchtig zu uns beiden hinüber. Ihre +Gedanken schienen auf den Wiesen zu sein, auf denen die +Blumen gewachsen waren, die ihre Hände bewegten. +Sie schaute die farbigen Kelche in einer Nachdenklichkeit +ohne Trauer an, wie in einer zögernden Erwägung, wie +überhaupt ihr Hang zu allen schönen Gebilden der Natur +wohl beziehungsvoll, aber nicht überschwenglich war.</p> + +<p>Einmal sagte sie leise zu mir, in ein Gespräch hinein, +das ich mit ihrer Mutter führte:</p> + +<p>»Geh nicht fort.«</p> + +<p>Kurz darauf schlief sie ein, ich sah es daran, daß die +Blumen zur Erde niederfielen. Ihre Mutter ging zur +Ruhe in ihre Kammer und bat mich, sie zu wecken, wenn +es schlechter ergehen sollte, aber sie glaube es nicht, da die +Kranke doch nun ruhig schlafe. Sie sah noch einen +Augenblick in das Gesicht Asjas, und ich hatte den +Wunsch es zu verhüllen. Auch legte sie noch eine Kerze +neben den Leuchter und ließ mich nicht ohne einen beinahe +zärtlichen Blick und Händedruck in meinem Korbstuhl +allein.</p> + +<p>Asja hatte mich noch niemals gebeten zu bleiben, zu +gehen oder zu kommen, und ich dachte an ihr Wort und +hörte Hof und Haus ruhig werden, während ich gegen +meine Müdigkeit ankämpfte, die mich jetzt oft überwältigte,<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"></a> +da ich mein äußeres Leben vernachlässigte und +wenig Nahrung zu mir nahm. Ich weiß, daß ich ein +tiefes, merkwürdiges Gefühl einer fast lieblosen Furcht +hatte, wie sie mich fast immer befallen hat, bevor es galt +sich zu erweisen. Ich dachte darüber nach und mir schien, +daß diejenigen, welche vor verantwortungsvollen Handlungen, +die ihnen neu sind, Zuversicht und gedankenlosen +Mut an den Tag legen, sich für gewöhnlich nicht darin +bewähren. Wer aber die Kraft hat, im Schweren zu bestehen, +der hat auch die Vorahnung der Aufgaben, die +es zu bewältigen gilt, darum erscheinen die wahrhaft +Fühlenden zuweilen so kalt und herzlos, wenn es sich um +ein rasches Mitleid und eilfertige Teilnahme handelt. +Wer sich bereitwillig und unbedacht zu einer Tat drängt, +die als bedeutsam erachtet wird, findet für gewöhnlich +geringeres Vertrauen, als derjenige, der zu ihr gerufen +wird, und unter denen, die der Wille der Andern erwählt, +wird wahrscheinlich derjenige der Stärkste sein, der sich +am längsten sträubt.</p> + +<p>Meine Gedanken umwanderten solcherart in ruhloser +Ermattung dies und das, ich fühlte den Schlaf nahen +und kämpfte in willenloser Absicht gegen seine wohltuenden +Dämmerungen. Ich warf einen Blick auf die +Kerze, um mich zu vergewissern, ob kein Schaden entstehen +könnte, wenn sie ohne unsere Beachtung niederbrennen +müßte. Auf dem Tischchen am Bett lag ein +Buch in einem roten Einband und Brot, von dem die +Hand ein Stückchen abgebrochen hatte. Hoch am Fenster +war ein gelblicher Lichtschein erkennbar, der, durch die +Hauswände fallend, von einer Straßenlampe herrührte,<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"></a> +und in dem das Muster der Gardine grau und schattenhaft +sichtbar wurde, im Bereich zweier Lichtherde, denn +die Kerze brannte nur trüb und flackernd. Ich dachte: +Wenn die Morgendämmerung hereinbricht, so werde ich, +wie schon so oft, Asjas leichten Kopf für den Frühschlummer +auf das umgewandte Kissen betten, sie wird +mich anlächeln, und unter ihrem Lächeln und Abschiedswort +werde ich durch die leeren Straßen gehen, die Amseln +in den Gärten hören und die feuchte Morgenluft +des Frühlings auf der Stirn spüren. So war es oft, so +wird es auch diesmal sein, denn wie sollte der Tod, wirklich +der unfaßbare und entscheidende Tod uns nahen, um +uns zu trennen?</p> + +<p>Aber über dieser Zuversicht überkam mich in dunkler +Allmacht ein Schatten von großer Liebesangst, so daß ich +meine Hände mit bebender Gewalt vor mein Gesicht +schlug und glaubte in einen Abgrund von Nacht und +Jammer zu versinken. Ich fühlte, wie über alles lieb ich +Asja hatte, befreite meine heißen Augen und sah sie wieder +an, von einer furchtbaren Ahnung überwältigt. Ich erblickte +ihr zur Hälfte abgewandtes Angesicht, und Grauen +und Wehmut schüttelten mich mit unbarmherziger Gewalt. +Ich mußte mich wieder abwenden, um nicht laut +nach ihr zu rufen. Dies Kinderhaupt in Gottes ganzer +Güte war von einer unirdischen Schönheit, wie nur das +Wesen der Liebe sie verleiht, ungetrübt durch Begehren +und eigenen Sinn, von einer Verletzbarkeit sondergleichen +und bereit zu ertragen, was immer die Fremde bot. Aber +die Last der Erde wurde auf dieser Stirn zur Glorie und +das Kindertum der Züge zu einer so freien Weisheit der<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"></a> +Liebe, daß das Erbarmen, das sie in mir auslösten, sich +wie in heiligem Kreislauf in eine Tröstung verwandelte. +Ist es so, dachte ich, und meine Sinne verloren sich wie +in einen Traum, daß das Erbarmen, das die Unschuld in +uns hervorruft, wenn sie sich von der Lieblosigkeit der +Umwelt abhebt, daß dieses Erbarmen in uns sich in einen +Glauben an unsere Erlösung verwandelt? Fließt der +Segen eines hilflosen Blicks aus solcher Quelle, und +müssen wir um dieser Allmacht willen zu Kindern werden, +um das Reich zu finden?</p> + +<p>Ich schlief ein und träumte, daß ich von der Straße +aus einen großen, dunklen Garten sah, in dessen Tiefe ein +verschwiegenes totenstilles Haus stand. Vor den Fenstern +erhoben sich schwarze mächtige Stämme, wie Säulen, +und die hohen Kronen der Bäume legten die Mauern in +geheimnisvolle Schatten. Aber hoch über dieser Ruhe +mußte es stürmen, denn trotz der toten Versunkenheit +dieses Bildes sah ich die Äste der Bäume sich in den +Scheiben bewegen, sie flatterten wie Fahnen, schwarzgrün +in den dunklen Spiegeln. Dies ist eine alte, vornehme, +unvergängliche Welt, kam mir zum Bewußtsein, hier +wohnt der edle Geist der Menschenfamilie, hier ist Glaube +an den Bestand des Irdischen, und wer es wagt vom +Tode zu sprechen, der wird feierlich ausgewiesen und gilt +als ein Leichtfertiger, der die hohe Würde des Bestehenden +nicht achtet und Zerstörung sät.</p> + +<p>Die Baumstämme standen sehr nahe am Haus, man +mußte sie von den Fenstern aus fast berühren können. +Es war nicht mehr bekannt, wer diese Bäume gepflanzt +hatte, sie erhoben sich wie Hüter der Stille und zugleich<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"></a> +gehörten sie zum ehrwürdigen Wesen dieses starken Baus. +Die Fahnen der Zweige wehten ruhlos in den Spiegeln +der Scheiben; es quälte mich zu erfahren, wer dies Haus +bewohnte und ich wurde mir dessen schmerzhaft bewußt, +wie zerklüftet, wirr und staubig die Heimat der Straße +war, und wie friedlos die Freiheit der Suchenden. Wir +haben unrecht, dachte ich, darum ist es so schwer. Unsere +Liebe ist der Feind der Welt, und wir bringen Unfrieden +in die Seelen und Gärten.</p> + +<p>Da hörte ich eine klagende Stimme, so schmerzdurchzittert, +daß sich mein Herz bäumte. Nur die Seele, die +durch den Schlaf ungerüstet zum Widerstand ist, empfängt +so mächtige Eindrücke, erliegt so ganz dem Zauber +und Gram des Gefühls. Weckte mich nicht einst eine +Geige aus dem Schlaf und war mir nicht, als sänke ein +farbiger Himmel von unaussprechlicher Wohltat auf mich +nieder?</p> + +<p>»O ewige Liebe, erbarm' dich meiner!«</p> + +<p>Das war Asjas Stimme.</p> + +<p>Ich richtete mich in großem Erschrecken auf und +streckte ihr meine Arme entgegen, aber sie sanken mir +nieder, denn Asja sah mich nicht. Sie kniete in ihrem +Bett und ihre großen Augen waren weit geöffnet und in +eine Ferne gerichtet, die sie entführte. Ihre Hände lagen +im Schoß, aber nicht gefaltet, sondern leblos und still, +als habe sie sie für immer vergessen, und als wäre ihrem +Bereich entrückt und ungreifbar, was die Augen schauten. +Die Kerze war niedergebrannt, und Asjas Gesicht lag in +dem verschleierten Licht, das, wie Mondlicht, von außen +in unser Zimmer fiel. Es war ein Ausdruck von so<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"></a> +großer Hilflosigkeit, ja so voller Verzweiflung in ihren +Zügen, daß ich ohne Hoffnung zurückbebte und schweigen +mußte.</p> + +<p>Da sagte sie mit zitternder und schwacher Stimme, +mit einem tiefen Seufzer:</p> + +<p>»Bist du nicht mehr bei mir? Ach hilf mir! Wer +kann mir helfen? Es ist dunkel umher und wird bald +noch dunkler sein. O, es war alles gering, ich habe es +nicht vermocht, ich bin zu schwach für die Marter und +für das Licht gewesen.«</p> + +<p>Sie barg ihr Gesicht in den Händen und sank vor +Schwäche nieder, ohne noch darauf achten zu können, +wie sie lag, als sei sie tödlich verwundet.</p> + +<p>»Bruder, ach Bruder,« klang ihre Klage, »wo ist es +besser? Ich bin nicht gewesen und habe nicht getan, was +ich sein und tun sollte, im Raum ohne Ende, bei den +fremden Menschen hier. Es ist überall Nacht, wer weiß +es? Wie soll sie enden? Ich bin so traurig, daß ich es +nicht ertragen kann.«</p> + +<p>Ihr Körper bebte, wie von mächtigen Stößen erschüttert. +Ihr Gesicht, das nun in meiner Hand lag, flog +und glühte, und ihr Haar deckte sie wie ein schwarzer +Mantel zu. Ein zitternder, durchbrannter Rest ihres +Lebens lag, wie in Nacht verloren, in meinen Händen, +dann warf ein furchtbarer Schmerz, dessen Ursprung +schaurig war, ihr heißes Kinderhaupt empor. Sie sah +mich nicht, ihr nasses Gesicht richtete sich hoch in das +spärliche Licht empor, sie warf die Stirn weit zurück, und +totenstill rang das Elend des armen Gesichts und Leibes +wie mit einer gefesselten und gelästerten Seele.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_99" title="99"></a> +»Ewige Liebe, nimm mich an! Ach, habe Arme, ein +Herz, erblickende Augen, Tränen für mich! O sei Gestalt, +du Liebe, weil ich arm bin, ärmer als alle, so schwach, so +elend, daß ich schreie.«</p> + +<p>Ich kniete leblos an ihrem Bett, hilfloser war ich nie +in meinem Leben. In meinem Fühlen und Wollen riß +ich sie wieder und wieder in meine Arme, preßte sie an +meine Brust und küßte ihr Gesicht, als müßte ich ihren +Schmerz mit meinem Leben zudecken. Aber ich tat es +nicht. Alle Untat, Angst und Müdigkeit der Welt lagen +in meinen Gliedern, keine Tränen lösten die Erstarrung +und kein Seufzer brach den Bann.</p> + +<p>Als habe Asja in ihrem Leben nie ein anderes Wort +zu mir gesagt, so deutlich vernahm ich aus aufgewühlten +Gründen der Seele tief in mir einen Ausspruch ihrer +Lippen, den sie vor langer Zeit in einer versunkenen Stunde +vor mir getan hatte: »Vergiß nie, daß wir der Liebe am +nächsten sind, je hilfloser wir sind.« Der Geist dieses +Worts kam zu uns und hüllte uns voll Erbarmen in +einen großen Glanz ein, als eine unnennbare und übersinnliche +Zuversicht. Es sprach in mir: Du sollst nun +allein sein, Asja, liebe Schwester, wie einst ich, wie alle, +die in Wahrheit Abschied von der Erde nehmen und die +den Abschied von ganzem Herzen gewollt haben.</p> + +<p>Langsam glättete sich nun der Leidenskrampf in Asjas +Zügen, derweil der Morgen am Fenster herandämmerte +und die Stube spärlich aufhellte. Der Körper wurde +schwerer in meinen Armen, sie öffnete mit wehem Atmen +den Mund, als tränke sie einen Trank der Linderung. +Ein leiser Hauch streifte meine Stirn, er erklang und rief<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"></a> +mich: »Mein Bruder«. Darauf sank ihr Gesicht zur +Seite, die Augen schlossen sich, und sie verschied.</p> + +<hr /> + +<p>Der Kirchhof war ein weiter, großer Garten, in dem +zu Anfang, dort wo das eiserne Tor hineinführte, die +Tannen hoch und dicht standen, wie in einem Wald, +kaum daß man alte Grabtafeln im Schatten noch entdeckte, +nur zuweilen erhoben sich aus kleinen Efeubergen +bemooste Steinkreuze unter ihnen. Als die Bäume +niedriger und die Wege zur rechten und linken schmäler +wurden, erblickte ich Rosen und Jasminbüsche, die in +Blüte standen, Flieder und Weißdorn, oft in wilden +farbigen Dickichten, von denen ein berauschender Duft +aufstieg. Da ein Frühlingsregen niederfiel, glänzten die +Blätter und Blüten vor Nässe, und aus ihrer Frische erklangen +die Stimmen der Singvögel.</p> + +<p>Langsam wurden nun auch die Bäumchen und Büsche +immer spärlicher, der Garten lichtete sich zusehends und +die Grabsteine und Kreuze umher hatten helle Farben, +standen, obgleich in graden Reihen, doch wirr und bunt +da, und wäre der Gesang der Vögel nicht über sie dahingeklungen, +durch die Frühlingsluft, hätte ihr Anblick mich +verletzt. So aber standen sie geweiht unter dem warmen, +trüben Himmel, der am Horizont einen rötlichen Lichtstrich +zeigte, obgleich es noch nicht spät am Tage war, es +mochte gegen fünf Uhr nachmittags sein.</p> + +<p>Ich schritt neben der Mutter hinter dem Wagen her, +der Schuster Stevenhagen schien ein wenig Mühe zu +haben uns zu folgen, obgleich der kleine Zug sich langsam<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"></a> +dahinbewegte. Der alte Handwerker sah sonderbar in +seinem sonntäglichen Aufzug aus, aber ich beneidete ihn +doch, denn mein eigenes Gewand war weder feierlich noch +auch nur ansehnlich. Ich hatte meinen Stock mit mir +und nur ein Tuch um den Hals geschlungen, meine Habseligkeiten +führte ich bei mir, in einem Bündel, denn ich +wollte von diesem Grab aus nicht mehr in die Stadt +zurückkehren, sondern hinausgehen, dem Sommer entgegen.</p> + +<p>Es begleiteten uns noch einige Leute, die mir fremd +waren, es mochten Bewohner des Hauses sein, in dem +Asja gestorben war, arme, fremde Gestalten, wie wir, die +niemand kannte. Neben dem Wagen her schritt ein +junger Pfarrer, dessen Gestalt und Bewegungen, in seiner +Amtstracht, mich beschäftigten. Da der Weg schmaler +wurde, blieb er stehen, ließ den Wagen an sich vorüber +und trat an meine Seite.</p> + +<p>»Wir sind gleich am Grab,« sagte er zu mir, »haben +Sie die Tote gekannt?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»So können Sie mir vielleicht irgend etwas sagen, +das Beziehung zu ihrem verflossenen Leben hat, und das +ich in meinen Worten am Grab zum Trost der Mutter +anführen könnte.«</p> + +<p>Der junge Geistliche machte mich sonderbar befangen; +ich werde freundlich und höflich antworten, dachte ich, +aber mir kam nichts in den Sinn, das mir, in Worte +gefaßt, nicht sinnlos erschienen wäre. So schwieg ich +unbeholfen und fühlte den Blick des Mannes forschend +auf mir ruhen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_102" title="102"></a> +»Es ist gut«, sagte er endlich nachsichtig, und, wie +um auszugleichen, daß ich nicht vor ihm bestanden hatte, +fügte er herbeilassend hinzu, ohne daß es mitteilsam wirkte:</p> + +<p>»So will ich denn das Wort aus Johannes über +dieser Toten sagen: Ihr habt nicht mich erwählt, sondern +ich habe euch erwählt.«</p> + +<p>Ich erbebte und legte meine Hand auf den blumenlosen +Sarg. »Asja«, sagte ich.</p> + +<p>»Warum lächeln Sie?« sagte der Geistliche betroffen.</p> + +<p>Ich schaute zu ihm auf, ohne auf ihn zu achten.</p> + +<p>»Ja, ja ...« sagte er in meinen Blick hinein, +»ja ...«</p> + +<p>Er sah mich fortgesetzt verwundert an, der Wagen +hielt, der Sarg wurde herausgehoben und ein paar Schritt +weit vor ein offenes Grab getragen. Aber man hatte sich +geirrt, hob ihn erneut auf und trug ihn ein Stückchen +weiter, es war eine Reihe offener Gruben, vor denen wir +uns befanden.</p> + +<p>In einer Birke, die schon auf freiem Feld stand, sang +ein Vogel. Ich lauschte und wartete, denn ich kannte ihn +nicht, er sang überhell und in klaren, gejubelten Tönen, +ähnlich wie das Rotkehlchen, aber sein Gefieder war hellbraun +und er war kleiner. Ein sanfter Wind strich über +das Feld hin und berührte uns. Zur Seite lag nun der +große alte Friedhof, dessen Bepflanzungen aus Grabhügeln, +Kreuzen und Buschwerk langsam zum hohen +Wald anwuchsen. Ein paar dunkle Gestalten bewegten +sich in naher Ferne zwischen neueren Gräbern, sie blieben +stehen, als die Stimme des Pfarrers durch die stille Luft +scholl, und sahen zu uns hinüber.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_103" title="103"></a> +Die Worte des Sprechenden brachten mich sonderbar +auf, mich ergriff ein mächtiger Zorn, den ich nicht zu +meistern wußte und der meinen Körper wie Fieber schüttelte, +mir kam darüber zum Bewußtsein, wie schwach und hinfällig +ich geworden war, und plötzlich überkam mich ein +Verlangen, mein Gesicht in einem Spiegel zu betrachten, +denn ich kannte mich nicht mehr. Vielleicht war dieser +Zorn auch nichts als Bewegung, die einen Ausweg suchte, +da sie in meinem Schmerz, den ich nur wußte, keinen +Ausweg fand. Da berührte mich der dumpfe Anschlag +von Erde auf dem Holzsarg, ein jeder warf anfänglich +ein Häuflein hinab. Der Geistliche führte der Mutter +die Hand mit der Schaufel und umschlang sie hilfreich, +denn sie wankte. Hierauf übernahmen die Totengräber +die Beendigung dieser Arbeit, die wir nicht abwarteten. +Langsam bewegte sich unser Häuflein wieder auf den +Hauptweg zurück, der Wagen war fort, aber der Vogelgesang +aus den Waldlauben erklang immer noch und es +hatte aufgehört zu regnen. Ich nahm Abschied von der +Mutter, sie sah mich ängstlich an, als ob sie eine Frage +stellen wollte, schwieg aber und nahm wieder den Arm +des Schusters. Mir war, als sagte sie mir mit dieser +Abkehr ein Wort anklagender Enttäuschung, als spräche +sie: »Seht nun, es hat euch nichts genützt, ihr Kinder. +Was habt ihr so viel miteinander gesprochen und waret +so ernst und tatet wichtig und feierlich und glaubtet froh +sein zu dürfen. Hättet ihr auf mich gehört, die Mutter, +so ...« Aber hier brach ihre stumme Gedankenrede ab, +denn dort wie hier stand für sie der Tod, und mutlos +senkte sie die geröteten Augen auf den Weg.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_104" title="104"></a> +Ich blieb zurück, fand zwischen den Tannen einen +schmalen Seitenpfad, den ich einschlug, um so, von den +andern getrennt, einen Ausweg aus dem Garten zu suchen. +Eile hatte ich nicht, mein Weg war das ganze Leben +und ich wußte kein Ziel. Die nassen Zweige der Tannen +warfen Tropfen auf mich, hier und da hoben sich graue +Steinkreuze im feuchten Frühlingsschatten, sie standen in +Duft und Stille feierlich in den Tannendomen und +sonderbar erhaben durch die Lieder der singenden Vögel, +deren Stimmen unermüdlich und überselig die Welt einhüllten, +wie ein klingender Schleier.</p> + +<p>Als ich nahe am Ausgang nach einer guten Weile +wieder den Hauptweg erreichte, auf dem mancherlei Besucher +des Gartens einherschritten, sah ich, daß der junge +Pfarrer in der Nähe der großen eisernen Pforte stand +und scheinbar wartend auf mich hinschaute. Als ich ohne +Gruß an ihm vorüberschritt, trat er auf mich zu.</p> + +<p>»Da sind Sie,« sagte er freundlich, »ich möchte noch +ein Wort mit Ihnen sprechen.«</p> + +<p>Er lenkte die Schritte wieder in den Garten zurück, +denn er schien den begangenen Weg und die Nähe der +Menschen vermeiden zu wollen, und ich folgte ihm. Nach +einer Weile begann er zögernd:</p> + +<p>»Ich bin mir nicht darüber klar, was mich drängt, +noch ein paar Worte an Sie zu richten. Sagen Sie +mir, wer Sie sind und wohin Ihre Straße Sie +führt.«</p> + +<p>»Nein,« antwortete ich ohne Schroffheit, »so nicht. +Was sollen solche Fragen, was kümmert es Sie, wer ich +bin und wohin ich gehe? Wenn Sie etwas zu sagen<a class="pagenum" name="Page_105" title="105"></a> +haben, so reden Sie einfach und nur das, sonst lassen Sie +mich gehen.«</p> + +<p>»Sie haben recht«, sagte er schnell, und dann nach +einer Pause. »Wer war diese Tote?«</p> + +<p>»Ich weiß es noch nicht.«</p> + +<p>»Sie weichen mir aus.«</p> + +<p>»Ja, aber Sie wollen es nicht bemerken und richten +sich nicht danach.«</p> + +<p>»Nicht doch,« bat er herzlich, »ich will offen sein. +Ich habe kraft meines Amts viele Tote zur Ruhe gebracht, +bekannte und unbekannte, aber niemals hat eine +Grablegung mich so mächtig ergriffen, wie soll ich mich +Ihnen erklären, da ich doch selbst wie in einem Bann befangen +bin, den ich nicht verstehe.«</p> + +<p>Da blieb ich stehen und blickte ihn an. Ich sah eine +offene Stirn über suchenden Augen und ein Angesicht, in +dem Zweifel, Mühe und Schmerz ihre Linien zurückgelassen +hatten, jene trüben Lichtbahnen, deren Runen +von allen Gebilden der Schöpfung nur die Gesichter der +Menschen aufweisen. Aber mein Mund blieb versiegelt. +Da fuhr er fort und lächelte befangen:</p> + +<p>»Als wir vorhin miteinander neben dem Sarg dahinschritten, +sagte ich Ihnen, fast wider meinen Willen, das +Wort, über das ich am Grab zu sprechen vorhatte, es ist +mir nicht gelungen, ich weiß, denn ich war tief erregt +über Ihr sonderbares Verhalten im Augenblick vorher. +Sie legten die Hand auf den Sarg, nannten den Namen +der Toten und lächelten so, als sei Ihr Lächeln eine Antwort +auf ein Wort, das aus diesem Sarg zu Ihnen +hinüberklang. Ich bitte Sie herzlich, halten Sie mich<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"></a> +nicht für einen Schwärmer oder für einen ungesicherten +Empfindlichen, der das Wunderliche an Stelle des Vernünftigen +setzt und sich darin gefällt, mehr sehen zu wollen +als andere. Dies ist es nicht, gewiß nicht, aber die Helligkeit +in Ihrem Gesicht, die ich nie vergesse, brach aus dem +Sarg hervor. Gott möge mir vergeben, wenn ich töricht +bin ...«</p> + +<p>Da wandte ich mich ab. Nun legst du deine Hand +auf meine Augen, Asja, und hilfst mir, daß sich endlich +ihr Brennen löst. — Aber meine Kraft war zu Ende.</p> + +<p>Nach einer Weile saßen wir miteinander auf einer +Bank. Mein Nachbar hatte übereifrige Worte der +Entschuldigung gefunden, als sei er es gewesen, der mich +bewegt hätte, aber mir schien es, in der leidenden und +wachen Aufmerksamkeit, die ich niemals auszuschalten +vermag, und die mich verzehrt, als sei er durch den Ausbruch +meines Schmerzes sicherer und unbeteiligter geworden, +ja, als sei er enttäuscht. Darüber fühlte ich mein +Herz heilen, wie unter einem mächtigen Gebot, und begriff, +daß wer sein Leid nur leidet, niemals Träger der +Kraft sein kann, die heilt.</p> + +<p>»Mach' mich nicht schuldig,« sagte ich zu der Toten, +»mach' mich fröhlich!«</p> + +<p>Vorsichtig begann mein Nachbar wieder:</p> + +<p>»Möchte ich Ihnen doch weder voreilig noch allzu +eindringlich erscheinen, wenn ich Sie bitte, mir von der +Toten zu erzählen.«</p> + +<p>»Niemals«, sagte ich.</p> + +<p>Er sah mich erschrocken an, als sei ich wieder ein anderer +geworden.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_107" title="107"></a> +»Gut denn,« sagte er zögernd, »so sollen Sie heute +schweigen, wie Sie es wollen, aber ich möchte doch, Sie +verstünden mich recht. Glauben Sie an Wunder?«</p> + +<p>»Was nennen Sie Wunder? Sie fragen wie ein +Knabe. Entweder glaubt ein Mensch, oder er glaubt +nicht. Glaubt er, so gibt es nichts, das für ihn unmöglich +wäre, wie Menschen von möglich oder unmöglich sprechen. +Glauben heißt schon, das Willkürliche und Zufällige der +vergänglichen Erscheinungen- und Tatsachenwelt für nichts +achten. Die Welt des Glaubens ist einfältig und wunderbar, +wie alles Glück.«</p> + +<p>Ich stand auf und bot ihm die Hand zum Abschied.</p> + +<p>»Bleiben Sie noch,« bat er, »Sie müssen doch fühlen, +was mich bitten läßt. Es drängt und bohrt und arbeitet +in mir, mir ist als müßte dieser Tag mir etwas Unnennbares +bringen. So hören Sie denn, was Sie hören +müssen: ich glaube gewißlich, aber nun sagen Sie mir +das Eine, was ich durchforsche wie trübe Luft, in qualvollem +Eifer, damit die Tropfen fallen und der Himmel +klar wird. Was wußte diese Tote, was wissen Sie? +Ich bin mir kaum über das klar, was ich hier fragen +muß ...«</p> + +<p>»So ist es, Sie wissen nicht, was Sie sagen, am wenigsten +aber, was Sie hören. Jenes Wort, das Sie am +Grabe gesprochen haben, ist mehr und größer, als die +Geistesarbeit einer ganzen lebendigen Jugend zu ermessen vermag. +Es ist das Wort gewesen, mit dem die Tote einst in +mein Leben trat. Sie versprach mir, bei mir zu bleiben, auch +wenn sie stürbe. Das ist das Geheimnis jener Ergriffenheit, +deren Zeuge Sie gewesen sind, ich begriff über Ihrem<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"></a> +Ausspruch den Sinn der Verheißung aufs neue und der +Mantel des Todes sank von der ruhenden Gestalt. Ich +weiß, daß sie lebt, denn ihr Wesen war nichts anderes +mehr, als jenes Licht, das heute und morgen in die +Menschenfinsternis scheint, und ewig.«</p> + +<p>Mein Nachbar schwieg, wie auch ich, und versank +in sich. Er schien nicht zu bemerken, daß ich davonschritt, +vielleicht auch war es ihm recht, daß ich ihn nun allein +ließ, auf seinem Weg zu sich selbst, jenem einzigen Weg, +den wir gehen können, wenn wir wahre Gemeinschaft +mit den Menschen finden sollen.</p> + +<hr /> +<p class="subtitle"><a name="Zweites_Kapitel" id="Zweites_Kapitel"></a>Zweites Kapitel<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"></a></p> + +<h2>Das Meer</h2> + +<p>Nach Asjas Tod vermochte ich mein Leben auf der +Landstraße nicht zu ertragen, mir war, als schleppte ich auf +Schritt und Tritt eine Last mit mir herum, die zu schwer +drückte. Dabei empfand ich weder Trauer noch Schmerz, +sondern nur Verlassenheit und die Tage flossen mir in +einem Gleichmut herum, der mich ängstigte. Ich kann +nicht wahrhaft traurig werden, dachte ich. Dann wieder +fürchtete ich, der Verlust dieses Menschen habe etwas für +alle Zeit in mir zerstört, meine Ruhlosigkeit war furchtbar +und verfolgte mich bis in den Schlaf, der nicht mehr +tief und dunkel war, wie einst, sondern voll nebelhaften +Lichts und ohne Versunkenheit. In ihm erlitt ich zuweilen +eine gegenstandslose Traurigkeit von solcher Inbrunst, daß +ich durch mein Schluchzen geweckt wurde und zornig im +Erwachen eine Gestalt zu erhaschen trachtete, die ich nicht +gesehen hatte. Ich besann mich mühsam und war bekümmert, +diese Traurigkeit verloren zu haben, die mir in +meiner Traumerinnerung wie ein unirdischer Reichtum +vorkam.</p> + +<p>Den Vögeln, den Blumen, den Bäumen sagte ich oft: +ich kenne euch alle längst. Menschen mied ich; gesellte +sich mir hier und da auf der Wanderschaft einer zu, so +vertrieb ich ihn durch meine Schweigsamkeit, denn da ich<a class="pagenum" name="Page_110" title="110"></a> +nicht alles zu sagen vermochte, sagte ich nichts. Nur eines +Mädchens entsinne ich mich aus dieser Zeit noch, zwar +habe ich auch mit ihr nur ein paar Worte gewechselt, +aber ich kann sie nicht vergessen und immer, wenn ich ihrer +gedenke, ist mir zumut, als hätte ich an jenem Tage mir +selbst und ihr wichtige Eingeständnisse gemacht, die mich +beruhigten. Bilder und Gestalten dieses Erlebnisses haben +sich mir sonderbar eingeprägt, wie ein Abschied; wenn +ich an sie zurückdenke, so ermesse ich daran den Zustand +meiner Seele, die beziehungslos aufnahm, was sich ihr +bot, wohl aber deutlich, sinnbildhaft, ein fremder Spiegel.</p> + +<p>Es war ein heißer Tag des Frühlings, der schon in +den Sommer überging, und mein Weg hatte mich durch +eine verlassene Moorlandschaft geführt, in der ich den +Vormittag hindurch niemandem begegnet war. Als ich +das von Weiden- und Erlengebüsch bewachsene Ufer eines +Flusses erreicht hatte, warf ich mich ins Gras nieder, das +in der feuchten Erde so hoch stand, daß es mich wie eine +grüne Flut aufnahm. Es war so still, daß man die Flügel +der Libellen in der Luft des warmen Mittags hörte und +die geheimnisvollen Stimmen des träge dahinziehenden +Wassers. Die Rohrspatzen schrieen im Schilf, in einer +nahen Sumpfniederung, in der das tote Wasser zwischen +den hohen Halmen in der Sonne glitzerte. Ich dachte +an das heiße Leidensband der Straße, wie an eine überstandene +schmerzhafte Krankheit, trocknete meine Stirn +und atmete tief.</p> + +<p>Der sanfte Wind bewegte über meinen Augen die +Halme, sie schaukelten im Himmel. Eine Biene zog daher, +summte bekümmert und ließ sich am Rand des Kelches<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"></a> +einer Blume nieder, die sich mit ihr neigte. Das kleine +Tier zog in die farbige Helligkeit der Blüte ein, in den +strahlenden Sonnentempel, in dessen reiner Halle das +Leben einander suchte und sich begegnete. Langsam wanderte +eine Wolke hoch am Himmel dahin, leuchtete, ward +kleiner und zerging im Blau. Wenn die Wipfel der +Erlen von einem Windhauch berührt wurden, begann +für eine Weile ein geschäftiger Eifer in den Blättern, ein +silberner Strom umfloß sie, der die Augen lockte und in +glückhafte Gefangenschaft nahm. Die Düfte, die vom +durchwärmten Wasser und aus dem feuchten Grund der +Ufer strömten, schläferten ein und führten merkwürdige +Erinnerungen aus den Tagen der Kindheit mit sich, die +zugleich gegenwärtig und vergessen waren, wie ein von +Träumen befangener Blick.</p> + +<p>Ich ließ die Stunden verstreichen, als habe ich mein +ganzes Leben lang auf sie gewartet. Als die Gnadenbahn +der Sonne ihren Höhepunkt überschritten hatte, +vernahm ich ein gedämpftes hölzernes Poltern und ein +Plätschern <ins title="der">des</ins> Wassers, das nicht von der Strömung +kommen konnte. Ich richtete meinen Kopf empor und sah +auf der Silberleiste des Flusses einen Kahn dahintreiben, +in dem ein Mädchen stand, das mit einem groben Ruder +steuerte und auf das Ufer zuhielt, an dem ich lag. Ich +betrachtete ihre von Licht umflossene Gestalt, die jungen +Glieder, die das dürftige und arme Sommerkleid kaum +verhüllte, und das feuchte Haar, das in einem nachlässigen +Knoten in den gebräunten Nacken hing. Es war von +einem seltsamen, farblosen Blond, als hätten Sonne +und Regen ihm seinen Glanz genommen, und doch lag ein<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"></a> +matter Schein darauf. Dicht an meinem Ruheplatz sah ich +nun einen Holzsteg im Sumpf, der, auf morschen Pfählen, +ein wenig in den Fluß hineinragte, zwischen dem Schilf.</p> + +<p>Als das Mädchen den Kahn an die Bretter treiben +ließ und ihn befestigen wollte, erblickte sie mich und sah +mich mit großen, überhellen Augen starr und erschrocken an. +Die Helligkeit dieses Blaus hatte etwas tierhaft Leeres und +Einschüchterndes, es flackerte über dem matten Braun +der Wangen wie ein gespenstiges Lebenswahrzeichen von +sagenhafter Unberührbarkeit. Die Strömung drehte langsam +den Kahn, das Mädchen hielt einen der Pfähle, etwas +geneigt, mit der Hand fest, beugte sich vor und staunte, +bis der Ausdruck meines Gesichts ein ratloses Lächeln in +ihren Zügen hervorbrachte.</p> + +<p>»Was liegst du dort? Woher kommst du?« fragte sie +langsam mit einer tiefen Altstimme.</p> + +<p>Sie zögerte den Kahn zu befestigen und den Steg zu +betreten, vielleicht, weil ich nicht sogleich antwortete. Endlich +erhob ich mich halb unter der Last des schweren goldenen +Sonnenmantels, der lange auf meinen Gliedern und Gedanken +gelegen hatte, und sagte:</p> + +<p>»Ich ruhe und schaue das Licht, die Pflanzen, den +Himmel an, und nun auch dich.«</p> + +<p>Mit leichter Verwirrung sah sie auf mich nieder, sie +schien zu empfinden, daß sich mit mir nicht auf die Art +reden ließ, wie sie es mit den Leuten ihrer Gegend und +Heimat konnte. Aber in einem bescheidenen Stolz verbarg +sie ihre Scheu vor dem Fremden, es war, als wünschte sie +zu bestehen, und ihre heimliche Sorge, ohne Angst, war +rührend und voll kindlicher Gefaßtheit.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_113" title="113"></a> +»Du bist müde, oder vielleicht hungrig, auch lange +unterwegs ...« Ihre Augen musterten mich aufmerksam, +aber ihr Forschen verletzte nicht. Diese Sinne suchten +nach anderen Merkmalen und Zeichen, als die Menschen +es tun, die die Städte in toter Gemeinschaft bewohnen. +Vorsichtig, klug und heiter umwanderten mich die hellen +Lichter der Augen, voll freundlicher Neugier und bereit +zu verstehen.</p> + +<p>Die Würde ihrer Armut rührte mich tief. Mir schien, +als entstammte ihre Gestalt dieser Landschaft so unmittelbar, +wie eine Pflanze dem Wiesengrund. Die Sonnenglut +verwob mir alles zu einem einzigen Teppich des +Lebens, in dem das eine soviel wie das andere galt, +Pflanzen und Wind, Mädchen und Hecken. Ich tat +mir Gewalt an, erhob mich und machte einen Schritt auf +den Steg zu.</p> + +<p>»Komm herüber zu mir,« sagte ich, »ich werde dir +helfen.«</p> + +<p>Sie antwortete nicht, sah mich voll und ruhig an und +löste die Hand vom Pfahl, ohne sich zu rühren, so daß +der Fluß den Kahn langsam vom Steg abtrieb. Ich sah +ihre Gestalt gegen den Himmel, unbeweglich und doch auf +stiller Wanderschaft, wie zuvor die Wolke im Blau. So +entfernte sie sich mehr und mehr von mir, aber sie lächelte +mich an, als käme sie mir entgegen.</p> + +<p>»Komm doch wieder«, sagte ich und trat vom Steg +zurück. Da sie sah, wie ich mich an meinen alten Platz +ins Gras sinken ließ und daß kein Anzeichen von Groll +in meinem Gesicht zu finden war, tauchte sie das Ruder +ein und stieß den Kahn wieder gegen die Flut, bis ihre<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"></a> +Hand den Pfahl im Wasser erreichte, der sich ein wenig +neigte, als sie sich und den Kahn aufs neue daran festhielt. +Er war schwarz und schien so alt wie die Welt, wie lange +mochte er an dieser Stelle im morastigen Grund stecken? +Das Schilf rührte sich unter einem kaum spürbaren Luftzug, +der sich vom Wasser erhob und wieder auf die ziehende +Silberbahn sank.</p> + +<p>»Was wolltest du hier tun?« fragte ich.</p> + +<p>»In der Bachmündung liegt die Fischreuse. Die Fischreuse +...« wiederholte sie erschrocken. Es mochte ihr in +den Sinn gekommen sein, daß sie mir mit dieser Aussage +das Versteck ihres Geräts verraten hatte. Aber da ich +weder danach suchte noch ihr antwortete, sah sie mit Befangenheit +in meine Augen, als habe sie mir mit ihrer +Besorgnis unrecht getan.</p> + +<p>Ja, antwortete ich ihrem Blick, ohne zu sprechen, es +gibt eine fröhliche Traurigkeit. Du hast mir kein Unrecht +getan, weshalb wächst deine Unsicherheit? Ich will nicht +mehr mit dir reden, denn ich weiß alles. Was ich aber +nicht erlebt habe, ist dennoch mein Eigentum, es ist wie +die Zukunft, süß wie die Keime der Pflanzen, wie die +Liebe des Bluts und wie die Nacht.</p> + +<p>Da löste das Mädchen, wie geängstigt durch mein +Schweigen, in einer kaum sichtbaren Regung die Hand +vom Pfahl, sie wagte nicht zu sprechen und schlug die +Augen nieder, damit die sonderbare Frage meiner Blicke +sie nicht erreichen konnte. Die willkommene Strömung +faßte wieder den Kahn, drehte ihn langsam und nahm +ihn lautlos mit sich fort. Erst als schon die Schilfwände +sie zur Hälfte meinen Blicken verdeckten, hob sie<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"></a> +die Hand und winkte schüchtern ins Grüne, Weite +hinein.</p> + +<p>Erst vereinzelt, dann in Gemeinschaft erklangen nun +wieder die Stimmen der Rohrspatzen und eine Libelle +mit dunkelblauen Flügeln ließ sich auf einem Schilfhalm +dicht vor mir nieder. Als die Sonne mehr und +mehr sank, wehte es kühler vom Wasser her. Der +Sonnenschein umher bekam auf allen Blättern, auf +dem Wiesengrund und in der Weite am Saum des +Waldes, jenen Goldglanz ohne Frische, wie er die +Nachmittage so klar und sonderbar macht in ihrer +Stille. Die Fische begannen zu springen, ein dichter +Schwarm kleiner, weißgeflügelter Insekten spielte über +dem toten Wasserarm in der reinen Luft, und sah sich +tausendfach im Spiegel seiner Lebenswelt: ein blanker, +dunkler Abgrund mit dem Bild des Himmels, Wiege +und Grab ...</p> + +<p>So taucht in meiner Erinnerung zuweilen diese Stunde +empor, die in den Stunden dieser Tage und Nächte merkwürdig +geschieden und in gesonderter Deutlichkeit in mir +zurückgeblieben ist. Sie ist zu Abschied und Verheißung +für mich geworden und steht zwischen Trennung und +Erneuerung, ein wahrsagendes Lebensbild.</p> + +<p>Erst unsere Gedanken machen die Seele zum Geist, +aber zuweilen scheint es, als dächte es in uns, ohne uns, +wir werden zu Zuschauern unserer selbst, schreiten neben +uns dahin und lassen neben uns geschehen und über uns +dahingehen, was wir nicht teilen und doch sind. Es ist +dann, als ob ein uraltes Vermächtnis in uns zu einer +milden Ungeduld erwachte, wir empfinden später, daß wir<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"></a> +Erben sind, die ihr Teil, obgleich sie es nicht erkennen, +doch verwalten.</p> + +<p>Mochte es sein, weil ich am Tage geruht hatte, ich +verspürte mit der herabsinkenden Dämmerung keine Müdigkeit +und schritt durch ein Dorf, in dem ich niemanden +sprach, in die hereinbrechende Nacht hinaus. Es bildeten +sich Wolken, die, ein rotbrauner feiner Rauch aus dem +Herd des Sonnenuntergangs aufzogen und die aufbrechenden +Sterne verschleierten. Sie und die schmale +Mondsichel schienen hinter diesem ziehenden Flor dahinzueilen, +fern und hastig, aber still, wie alles, das nicht dem +Boden der Erde entstammt. Ich stand und sah die Sterne +wandern. Sie stehen still und scheinen doch zu ziehen, +dachte ich, aber hinter dieser Gewißheit gibt es eine andere, +die, daß sie wandern, hoch im Weltall, obgleich es uns so +erscheint, als stünden sie still. Was wir mit unseren +Sinnen allein wahrnehmen ist immer nur richtig oder +unrichtig, aber Wahrheit ist nicht durch die Welt der +Sinne zu erkennen, erst die Geist gewordene Seele lebt in +Regionen, in denen es Wahrheit gibt. Das ist das Ziel. +Ob ich aber gehe oder ruhe, verweile oder dahintreibe, +wer von euch weiß es, ich weiß es nicht. Ruhe sanft, +schlaf wohl, Asja, du ewig Geliebte in der seligen Ruhlosigkeit +deines lebendigen Lebens tief in mir und aller +Liebe.</p> + +<p>Es wurde so dunkel, daß ich kaum noch den Weg erkannte, +obgleich die Augen sich leicht an Finsternis gewöhnen, +wenn sie sich langsam mit ihrem Hereinbrechen, +wie von innen her, öffnen. Ein dichter Buchenwald +begann, dessen Stämme, glatt wie Säulen, ihr schwarzes<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"></a> +nächtiges Blätterdach wie ein Domgewölbe trugen. In +einer Lichtung hörte ich Eulenstimmen, und die Nacht +wurde mir plötzlich lieb und voller Geheimnisse. Ein +sonderbarer Geruch, der mich zugleich beunruhigte und +mir die Brust weitete, machte sich wie ein Zustand bemerkbar, +ich kannte diesen Hauch, aber er entsank immer +wieder meinen Gedanken, so daß ich mich nicht sammelte, +um ihn zu prüfen. Aber meine Unruhe wuchs, ich ging +langsamer, der Wald lichtete sich und der Weg führte +sanft bergan, sandig und über kahles Gelände.</p> + +<p>Als ich die Anhöhe erreicht hatte, sah ich wieder Sterne, +es ging ein kühler, gleichmäßiger Windzug und ich hörte +ein sonderbares gedämpftes Rauschen, als ob der Wind +durch Tannenwipfel zöge. Vor mir lag ein matter, großer +Lichtschimmer, wie durchscheinender Nebel, und mir war, +als sei ich vor eine Schranke geraten, als wanderten aber +zugleich die Blicke von mir fort, so daß ich die Gewalt +über sie verlor, und ein leiser Schwindel befiel mich. Da +erkannte ich jählings, was vor mir lag, und erschrak sehr, +taumelte gegen ein Bäumchen der Straße und schrie laut +auf — das Meer!</p> + +<p>Da lag es vor mir, über sich den mächtigen Dom der +Nacht. Ein Schauer voller Freiheit und Erhobenheit +faßte mich wie Wind, mein Glück war so groß, daß ich +bebte, aber zugleich ergriff mich mit Ungestüm eine grüblerische +Sehnsucht und ein unnennbares Ungenügen. Nie +war ich kleiner und ärmer, nie so wenig dem Glück gewachsen, +das sich in mir und vor mir weitete, als sei das +Meer das Unfaßbarste und zugleich das Ersehnteste des +Lebens. So lehnte ich an dem Straßenbaum in der<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"></a> +Dunkelheit und sah das graue Meer leben und matt +leuchten. Ich schloß die Augen, als trüge nun der Strom +der Seele mich, aus mir selber stammend, über die Weite. +Tief hinter der düsteren Meerwölbung, in Weltenfernen, +mußten bunte Küsten flammen, überhell in der zornigen +Sonne des Orients, heiß und wunderbar ...</p> + +<p>Die dunkle feuchte Luft nahm mich wieder auf, als ich +die Augen öffnete, mir war als sähe ich sie. Das hellere +Band des nahen Strands zog sich zur Linken in einem +weiten freien Bogen dahin, an dessen fernem Ende der +Wald sich bis an die Flut drängte, und dort schimmerte +in seiner schwarzen Mauer ein winziges Lichtlein, so rot +wie ein Farbfleck, seltsam trüb und leblos in der silbrigen +Dämmerwelt der Küstennacht.</p> + +<p>Wenn man wochenlang das Meer befahren hat und +sieht am Horizont endlich die starre, graufarbige Leiste der +Küste, so ist man nicht weniger ergriffen, als wenn sich +unerwartet die lebendigen Wassermassen des Meers vor +uns auftun. Oft ist schon sein Schimmer in der Ferne, +das auch ein Himmelsstreif, ein Strom oder eine Wolkenbank +sein könnte, je nach der Beschaffenheit der Luft, ein +Anblick voll sonderbar erregender Kräfte, es vollzieht sich +ein Wechsel in uns, der unbeschreibbar ist und keinem +anderen Gefühl zu vergleichen, wir verlieren heimlich eine +alte, törichte Erdensicherheit, die unsere Seele in Fesseln +gelegt hatte. In gnädiger Einfalt zeigt sich uns nun die +Erde, unser Stern, für eine kurze Weile in der ungeheuren +Dreieinigkeit von Himmel, Erde und Meer. Wie eine +Last, wie ein häßliches bestaubtes Reisekleid sinkt das Bewußtsein +von tausend kleinen Tages- und Lebenssorgen an<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"></a> +uns nieder, unser Leib erhebt sich, umweht, vom kaum +berührten Boden, und wir wissen, wie feierlich es ist, ein +Mensch zu sein.</p> + +<p>So stand ich lange und sann, bis das rote Licht am +fernen Waldrand mich aufs neue in die Gefangenschaft +seines Daseins nahm, und ohne es recht zu wissen, ging +ich seinem stillen Ruf nach. Es galt, die Meerböschung +wieder ein wenig emporzuklimmen, um festeren Boden zu +gewinnen, denn das Schreiten im Sand ermüdete. Am +Rand eines Kartoffelackers führte ein schmaler Fußweg +entlang, auf der Höhe des Deichs, auf seinem Kamm +ging ich dahin, zwischen Meer und Land. Wie eine +mächtige, ruhende Silbersichel zog sich der Bogen der +Bucht mit seiner helleren Brandung dahin, sie leuchtete +stärker als Himmel und Meer und lebendiger. Die +Landschaft zu meiner Linken ruhte in geheimnisvoller +Dämmerung und duftete nach sommerlicher Abendnässe. +Ich kam an ein Roggenfeld, dessen Halme spärlich standen, +aber im nächtlichen Licht war dieser silbrige Lebensteppich +von beglückender Fülle. Ich strich mit der Hand über die +Ähren, sie rauschten geheimnisvoll und füllten durch ihre +Berührung mein Blut mit einem wunderbaren Dank.</p> + +<p>Der Wald vor mir wuchs an, ich näherte mich langsam +seinem Bereich, und nun schien der rote Lichtschein +bald zu erlöschen, bald wieder aufzuglimmen, jenachdem +die Baumzweige und Büsche ihn meinen Augen verdeckten. +Ich kam an einen verfallenen Gartenzaun aus groben, +genagelten Planken, deren Spalten von Buschwerk durchwachsen +waren und die teilweise lose niederhingen. Es +war so dunkel hinter der Buschhecke, daß ich nichts erkannte,<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"></a> +und still, wie auf einem Kirchhof. Dies mußten Haselnußsträucher +sein, hier duftete Hollunder, oder war es +Jasmin? Die schweren, kühlen Duftwogen standen wie +Wolken über den Schattengründen der Gartentiefe, und +erst meine Bewegungen in der Nachtluft schienen sie zu +mischen. Kein Laut erhob sich, nur der rote Lichtschein +glomm immer noch geheimnisvoll in naher Ferne, höher +nun als vorher, und zuweilen sah ich die Zweige eines +Ahornbaums mit dem gezackten Blätterwerk gegen den +viereckigen Lichthintergrund des offenen Fensters, aus dem +das Licht brach.</p> + +<p>Nahe am Haus hörten die Büsche auf, so daß unter +den Bäumen ein freierer Platz entstand, vielleicht ein +breiter Weg oder ein Rasenrund. Ich erkannte eine schmale +Holzbank, die um den Stamm eines der alten Bäume +geführt war, und beschloß dort zu ruhen und zu prüfen, +ob menschliches Wesen in dem kleinen Lichtbereich herrschte, +dessen Ruf ich gefolgt war, und dessen viereckiges Tor, +wie ein rosa Vorhang, totenstill in der Nacht schwebte.</p> + +<p>Ich nahm meinen Stock fester in die Hand und schritt +zögernd auf die Bank zu, jeden Augenblick konnte ein +Hund hinter dem Haus hervorstürzen, das hätte mühevolle +Beschäftigung gegeben, die ich kannte. Ich wußte +aus Erfahrung, daß man in solchem Fall nicht flüchten +darf, sondern standhalten muß und sich erst nach kurzer, +ruhiger Haltung, langsam, Schritt für Schritt und rückwärts +schreitend, auf den Zaun zurückziehen durfte. Einmal +hatte ich auf einem Hof in der Einöde in einer pechschwarzen +Regennacht mehr als eine Stunde lang einem +großen Hund gegenüber gestanden, der mich gestellt hatte,<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"></a> +und von dem ich nichts sah, als seine Augen. Keiner von +uns rührte sich, wir waren zwei Statuen in der verlorenen +Weltfinsternis, und jeder wartete auf die erste Bewegung +des anderen. Das Tier und ich, wir beide wußten, es +ging um unser Leben, diese Gewißheit verdichtete sich in +unserm Bewußtsein zu einem graunhaft einsamen und +einzigen Mordgedanken. Mit Bewegungen, die langsam +waren wie der Zeiger einer Uhr, gelang es mir, mein +Messer in die Hand zu bekommen und den Arm weit +hinter mich zurückzustrecken, wozu ich mehr als eine +Stunde gebraucht habe. Mit dem Wahnsinn, der Verzweiflung +und dem Todesgrauen, die wie ein langes, +atemloses Sterben gewesen waren, stieß ich jählings im +Dunkeln das Messer unter die beiden glühenden Augen. +Der Zustand mußte ein Ende haben, so oder so. Und +meine Hand war glücklich, es röchelte, wälzte sich scharrend +am Erdboden und ward still. Aber auch ich sank zur +Erde und fand erst, als der Morgen dämmerte, die Kraft +mich davon zu schleppen, bis an einen Wald, in dem ich +lange schlief. —</p> + +<p>Aber hier, unter den Ahornbäumen, blieb es still, nur +die Erinnerung jagte meinen Geist für eine Weile vor sich +her, als verfolgte ihn das Gespenst jenes Erstochenen in +einer gleichen, finstern Nacht, wie es die Nacht seines +Todes gewesen war. Tröste mich in der dunkeln Verlorenheit, +du Licht, dachte ich, irgend ein Mensch wird in +deinem Bereich atmen, ein Mann, ein Weib, vielleicht +ein Kind, das bei der brennenden Kerze eingeschlafen ist. +Ich lauschte hinauf, da vernahm ich in kleinen Abständen +von einander jenes leise knisternde Rascheln, das durch das<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"></a> +Wenden der Buchblätter beim Lesen entsteht. Das war +mir ein gutes Zeichen. Menschen, die nachts in Büchern +mit den Geistern anderer verkehren, sind dem meinen <ins title="verwand">verwandt</ins>, wer in einem Buche liest, +ist schon mein Bruder.</p> + +<p>Da fragte ich laut zum Fenster empor: »Was liest du +für ein Buch?«</p> + +<p>»Himmel, Tod und Wolkenbruch,« antwortete eine +Mädchenstimme, als riefe sie um Hilfe, »wer ist denn da?«</p> + +<p>»Ein Mensch wie du, der die Welt durchwandert, wie +dein Geist das Buch.«</p> + +<p>»Aber wo steckst du denn? Deine Stimme klingt, als +käme sie von der Decke herab.«</p> + +<p>»Ich bin im Garten, unter den Ahornbäumen.«</p> + +<p>»Merkwürdig ...«</p> + +<p>»Sprich von dem Buch, in dem du liest.«</p> + +<p>»Warum nicht gar! Soll ich etwa den ganzen Inhalt +erzählen? Er würde dich kaum erfreuen, denn du gehst +auf besseren Wegen als ich, draußen durch die Sommernacht, +vom Strand her ... Dies Buch dagegen ist von +Tante Mimsey, da wirst du dir schon denken können.«</p> + +<p>»Hast du keine anderen Bücher?«</p> + +<p>»Sag' erst, wer du bist.«</p> + +<p>»Ich bin einer, der die Bücher von Tante Mimsey +nicht liest.«</p> + +<p>»Dann bist du also Vetter Eberhard.«</p> + +<p>»Ich denke nicht daran.«</p> + +<p>»Ach ... er wollte kommen.«</p> + +<p>»Kommt er immer nachts?«</p> + +<p>»Ich kenne ihn noch gar nicht, er ist Student, vielleicht +kommt er nachts und erschreckt mich wie du es<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"></a> +getan hast. Sag' jetzt, wer du bist, sonst muß ich die Unterhaltung +abbrechen. Ich liege hier im Bett, habe nicht einmal +ein Hemd an und spreche mit einem fremden Mann. +Gottlob schläft Tante Mimsey an der andern Seite des +Hauses, wegen der Sperlinge, die hier im Efeu nisten.«</p> + +<p>»So werde ich also zu ihr hinübergehen.«</p> + +<p>»Da kannst du allerlei erleben. Außerdem ist sie schwerhörig, +sie hat eine Ohrentrompete, die auf ihrem Nachttisch +liegt.«</p> + +<p>»So soll ich bleiben?«</p> + +<p>»Sag' erst, wer du bist.«</p> + +<p>»Gut, ich will es sagen, aber versprich mir, wenn du +mich anerkennst, nachdem ich mich dir vorgestellt habe, daß +du zu mir herunterkommst.«</p> + +<p>»Was fällt dir ein, niemals werde ich herunterkommen.«</p> + +<p>»Warte ab, was ich dir sage. Wenn ich gesprochen +habe und du willst nicht herabkommen, so verlangt auch +mich nicht mehr danach, und ich werde meines Wegs +gehen.«</p> + +<p>»Wie unhöflich du bist.«</p> + +<p>»Unhöflich ...«</p> + +<p>»Natürlich! Seit wann kommt eine Dame zuerst zu +einem Herrn? Könntest denn nicht du heraufkommen zu +mir?«</p> + +<p>Nun war es eine Weile still.</p> + +<p>»Geht denn das?« fragte ich endlich. So armselig +kann ein Mensch aus seiner Rolle fallen. Welch eine +törichte Frage das doch war. Die Stimme antwortete +ohne Eifer:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_124" title="124"></a> +»Wenn ich dir sagen muß, ob es geht, so geht es sicher +nicht. Aber erst wolltest du dich vorstellen. Ich verspreche +dir getrost alles, was du willst, denn ich weiß, daß du +schon bei der ersten Bedingung versagst, unter der ich +meine Versprechungen mache. Wenn du dich vorgestellt +hast, so werde ich dich nicht einladen, sondern verabschieden.«</p> + +<p>Was war doch das? Ein mühsam unterdrücktes Gähnen +scholl zu mir herab. Jetzt geht noch das Licht aus und +das Fenster wird geschlossen, dachte ich mutlos. Aber es +geschah etwas weit Schlimmeres: Ich hörte wieder, wie +eine Seite im Buch umgeblättert wurde.</p> + +<p>Nun galt es, einen neuen Anfang zu finden. Ach, +wollte Gott, ich fände einst das Ende so leicht und froh, +wie ich alle Anfänge gefunden habe.</p> + +<p>»Leg' dein Buch fort!« sagte ich laut.</p> + +<p>Es rauschte aus dem Fenster heraus jählings durch die +Luft, raschelte wild im Gezweig und schlug klatschend neben +mir am Boden auf. Das war das Buch.</p> + +<p>»Und jetzt?« fragte es schläfrig aus dem Licht.</p> + +<p>»Jetzt sei still. Glaubst du immer noch, daß du meine +Kräfte beeinträchtigst, wenn du sie bezweifelst? Wieviel +Sinn du doch dafür hast, daß einem Mann vor einem +jungen Weib das Herz schüchtern wird, wenn sie ihm +seinen Ernst durch ihr Spiel raubt und seinen Hang zum +Spiel durch ihren unehrlichen Ernst. Wenn du wissen +willst, wer ich bin, so darf ich nicht über mich, sondern ich +muß über dich sprechen. Du wirst mich hören, als hörte +mich niemand und alle. Spreche ich nicht aus der Nacht +in ein ungewisses Licht empor und glaube immer und<a class="pagenum" name="Page_125" title="125"></a> +immer wieder, es sei der Morgen, der heraufdämmert? +Von mir ist nichts zu sagen, als daß ich immer geglaubt +habe, es sei der Morgen. Auch zuletzt werde ich es glauben, +und dann wird er es sein.</p> + +<p>Aber jetzt ist noch Nacht für mich, und du stehst +mitten darin, so schön wie die Ahnung des Morgens und +oft viel mächtiger. Wenn ich auf dich zugehe, so ist es +auch, als ob ich dem Morgen entgegenginge. Auch du +füllst die Seele wieder und wieder mit Hoffnung und bist +in Wahrheit ein Morgenschein. In der Welt ist es wie +eine Nacht in der Nacht, und es gibt zwei Morgen. Der +eine bricht aus dem Blut hervor, der andere aus dem +Geist, verstehe es wer mag, Gott ist in beiden, denn in +beiden sind Lust und Heimweh, auch Zuversicht der Wiederkehr, +der Dauer, der Ewigkeit und Freiheit.</p> + +<p>Wie soll das Herz sich entscheiden? Ist das nicht +unser einziges Leid? Seit ich nun deine Stimme gehört +habe, ist jeder Morgen aus meinen Sinnen und Gedanken +entschwunden, der nicht der Morgen ist, dessen +Schein aus deinem Liebreiz bricht. Ich weiß nicht, ob +du gut oder schön bist, häßlich oder böse, aber ich weiß, +wie klar und feierlich die Liebe ist, die in meiner Brust erwachen +könnte. Sie zeigt mir dein Lebenswesen als einen +strahlenden Weg, dessen Ende und Ziel der ewige Gott ist, +das große Meer aller Lichtwogen der Freude und aller +Tränenströme. Sieh, so stehe ich hier in meinem Licht, +das von dem deinen angelockt worden ist, in der irdischen +Nacht, keine Sorge quält das Herz, das bereit ist, sich +abzuwenden, denn es gibt jenen andern Morgen, weißt +du noch von ihm?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_126" title="126"></a> +Ihr wißt nichts von ihm, nur wie im Traum hört +ihr von ihm reden und seht ihn fern leuchten, regt euch +sehnsüchtig, lauscht wohl auch, und seid gläubig nach der +Art der Mädchen und Frauen, ein wenig bestürzt, wie vom +Licht benommen und rührender, als daß ein erkennendes +Auge es ohne Tränen zu schauen vermöchte. Aber unsere +Morgenhoffnung lebt nicht als Quelle in eurem Gemüt, +und wenn wir nicht in euch wiederkehren, so war schon +euer Willkommen ein Abschied. Versündige ich mich nun, +oder bin ich gehorsam? <ins title="Sieh">Sieh</ins>, ich möchte mehr wissen, als nur, +daß du hell bist.«</p> + +<p>So sprach ich in der Dunkelheit, bald stockend und +sonderbar traurig, bald von einer jubelnden Gewißheit +des Glücks und des Triumphs erhoben, und stets dachte +ich heimlich, als dächte es neben mir ein anderer: Du +kannst jeden Augenblick still davongehen, du Narr und +Held, und niemand wird wissen, wer geredet hat.</p> + +<p>Als ich schwieg, blieb alles still. Ich hörte ein sonderbares +fernes Geräusch und lauschte. Es war das Meer. +Ein ungestümer Frohsinn ergriff mich jählings. Da +draußen wogt und rauscht es, die mächtige Wasserebene, +unter der Sternenweite. Ich will hinab ans Meer, +dachte ich und schritt auf das Haus zu. Ich will am +Strand schlafen und mich von den Stimmen des Meers +einwiegen lassen, wie wird sein Laut wohltätig sein, ohne +Wissen und Urteil, ohne Einschätzung, wie schon die Toten +ihn vor tausend Jahren vernommen haben und wie die +Kommenden ihn vernehmen, wenn wir unter der Erde sind.</p> + +<p>Ja, es war ein kräftiger alter Efeustock, der am Hause +emporrankte und dessen Schlangenarme, fest im Mauerwerk<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"></a> +verwachsen, wohl einen Menschen tragen konnten, +ohne durch sein Gewicht niedergerissen zu werden. Darin +schliefen jene Spatzen, die Tante Mimsey mied. Wahrscheinlich +würden einige von ihnen aufgescheucht werden. +Wenn ich im Klettern innehielt, hörte ich mein Blut und +das Meer brausen und klopfen. »Wenn wir unter der +Erde sind ...« Wie bald wird es sein, Mut, meine +Seele! Noch bist du über der Erde und schon ein erhebliches +Stückchen höher, als eben noch. Wenn dieser knorrige +Arm der alten, guten Efeustaude standhält, so erreicht +meine Hand das Fensterbrett. Daß die fremde +Freundin dieser Nacht von ihrem Lager aus nicht widersprach! +Sollte ich vor ihr bestanden haben, mit meiner +sonderbaren Rede? Was hatte ich denn gesagt ...</p> + +<p>Nun erreichte ich das Fenster, schwang mich empor, +saß auf dem Brett und schaute in den erhellten Schlafraum. +Ich sah wenig darin, da meine Blicke zuerst allein +durch das von einer Kerze beschienene Angesicht der +Liegenden angezogen wurden, das wie in einem blonden +Lichttal der Haare, etwas zur Seite geneigt, in tiefem +Schlaf vor mir ruhte. Vielleicht verstellte sie sich, wer +wollte es wissen, in dieser holden, schrecklichen Welt von +Nacht, Fremde und süßem Weltzauber aus Kühnheit, +Not und Glauben. Ich schwang mich lautlos auf das +Fensterbrett, wartete still ein wenig, ob das Zittern meiner +Glieder sich legen würde und darüber die hellen Lider vor +mir im Lichtschein sich öffnen möchten, aber beides blieb, +wie es war, und so ließ ich mich leise in den Raum nieder, +trat auf das Bett zu und setzte mich auf den hölzernen +Rand.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_128" title="128"></a> +Ich wurde sonderbar ruhig, als ich dort nun saß. Wie +mit einem tiefen Atemzug kam mir der Gedanke: Da sind +wir nun beieinander, zwei Menschen in der Nacht, was +sonst? Aber langsam überkam mich eine immer tiefer erregende +Angst davor, das Mädchen möchte erwachen, +auch beschämte es mich, sie zu betrachten und in ihren +Zügen zu forschen, ohne daß sie es wußte und hindern +konnte. Es mochte nach ihren Worten mein Recht gewesen +sein, in diesen Raum zu dringen, dagegen in diese +Seele einzudringen, deren unbewachtes Bild das junge +Antlitz spiegelte, widerstand mir schmerzlich. Du sollst +mir das Bild von dir geben, das du selber willst, dachte +ich. So strich ich ruhig mit der Hand über die schöne, klare +Stirn und das weiche Haar, das so zart war, wie die +Haut der Schläfe und das sich nicht von ihr unterschied, +nicht in der Berührung und nicht im Licht. Ich erzitterte +vor der Unschuld dieser Züge, die ich nicht mit dem +kecken und heiteren Aufwand der Worte in Zusammenhang +zu bringen vermochte, die ich vernommen, und die +mich kühn und selbstvergessen gemacht hatten. Die Kinderseligkeit +dieses Angesichts nahm mir jede Willkür und +führte mich mächtig zu mir zurück, als wäre alle Erinnerung +meiner Jugend zu einer blendenden Mahnung geworden.</p> + +<p>Da öffnete die Schlafende die Augen, setzte sich erschrocken +auf und nahm mit beiden Händen meine Hand:</p> + +<p>»Oh, verzeih!« sagte sie herzlich, »du hast so schön gesprochen, +und ich bin eingeschlafen. Wie häßlich von mir. +Aber glaube doch, ich habe das meiste gehört, es war wirklich +sehr schön, besonders der Anfang. Bist du böse?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_129" title="129"></a>»Wer bist du?«</p> + +<p>»Sicher kein Gespenst — du schaust mich an, als sei +ich eins. Bitte gib mir mein Hemd.«</p> + +<p>Ich sah mich um.</p> + +<p>»Dort am Waschtisch.«</p> + +<p>Ich fand dort etwas Helles, leichter als ein Taschentuch, +und reichte es ihr, wie im Traum. Es flatterte auf +wie ein Nebelwölkchen im Licht, senkte sich zwischen den +erhobenen Armen, und das blonde Haar flimmerte wieder +im Kerzenschein. Aus dem losen goldenen Rahmen, aus +betörend zartem Lebensblaß, sahen die Augen mich groß +und sicher an, zugleich hell und dunkel, mit lächelndem +Forschen, ohne Schüchternheit, aber ernst.</p> + +<p>»Also ich heiße Kaja, von Geburt und Titel bin ich +Baronesse, Freifräulein und »gnädige Frau«. Das tut +aber nichts zur Sache, ich lege keinen Wert darauf, und +wer bist du?«</p> + +<p>»Worauf legst du Wert?«</p> + +<p>»Das ist einfach zu sagen: Auf Sonnenschein, auf ein +gutes Buch und kluge Männer.«</p> + +<p>»Ich würde wenigstens sagen: Auf gute Bücher und +einen klugen Mann.«</p> + +<p>»Weshalb? Aus dir wird man nicht klug. Steigst +du in Kammerfenster zu den Mädchen ein, um Predigten +über Moral zu halten?«</p> + +<p>»<ins title="Setzst">Setzt</ins> du +voraus, daß man unmoralisch ist, wenn +man zu einem Mädchen einsteigt?«</p> + +<p>»Du weißt zu antworten. Ich setze es nicht voraus, +aber ihr, ihr alle! Wenn ich es aber bei dir vorausgesetzt +habe, so hoffe ich, nicht enttäuscht zu werden.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_130" title="130"></a> +Ich dachte nach, begriff den kecken Sinn dieser Wendung +und erschrak heiß.</p> + +<p>»Ich weiß, daß ich dich enttäuschen werde«, sagte ich +abweisend.</p> + +<p>»Woher weißt du das? Wie siehst du überhaupt aus? +Dein Gesicht und deine Stimme sind anders als dein Gewand. +Aber sag', wie willst du wissen, daß du mich enttäuschen +wirst?«</p> + +<p>»Du kannst nicht lieben, Kaja.«</p> + +<p>Sie lachte laut und fröhlich auf: »Ich — nicht — +lieben!? Weißt du, ich habe mir zuweilen mancherlei +Vorstellungen davon zu machen versucht, wie ich wohl +auf einen Menschen wirken würde, dem ich mich durch +einen gnädigen Zufall von Anfang an so zu zeigen vermöchte, +wie ich wirklich bin. Aber so kühn meine Phantasie +die Wirkung ermessen hat, auf deine Antwort war +ich nicht gefaßt! Ich soll nicht lieben können? Weshalb +nicht?«</p> + +<p>»Die Liebe ist wie ein Gott aus einem hellen Bereich, +Kaja, der diese Erde betritt: Wenn nur erst sein Fuß +ihren Boden berührt, so umhüllt er sich mit einer Wolkenwoge +von Traurigkeit, Angst und Zögern. So geht +es der Liebe, wenn sie unser Herz befällt.«</p> + +<p>Sie sah mich mit wunderbaren Augen an, wie ein +schönes, lebensvolles Tier, das zugleich erschrickt und seine +Kraft ermißt zu Flucht oder Angriff.</p> + +<p>»Höre doch,« sagte sie herzlich und nahm meine Hand, +»du bist ja verrückt, oder sogar fromm, Herrgottsakrament. +Da wärst du doch besser bei Tante Mimsey hereingeklettert. +Jetzt machst du mich ganz befangen, fromme<a class="pagenum" name="Page_131" title="131"></a> +Leute machen mich verlegen, sie haben immer in ihrer Gesinnung +recht und in ihren Ansichten unrecht, Gesinnungstüchtigkeit +und Dummheit sind eine schreckliche Mischung. +Dumm bist du nicht — aber gesinnungstüchtig? Wie +gut, daß ich mein Hemd anhabe. Ach, nimm doch an, +das Hemd sei jene Wolkenwoge, mit der der Gott sich +umgibt. Es wird dich beruhigen.«</p> + +<p>Ich wollte antworten: >Du verspottest mich<, aber ein +trotziger, wilder Geist ergriff Besitz von mir und gewann +Gewalt über mich. Ist es mein Lebensamt, Klage zu führen, +dachte ich, wo es gilt, Herr der Stunde zu sein, die +ich durchschreite? Ich will mich nach meinem Willen entscheiden, +aber ich werde mich nicht erniedrigen und meine +Flucht meine Entscheidung nennen. Es liegt alles viel +weiter, in großer Ferne, dachte ich bebend, ich werde nicht +umkehren. Lieber nenne ich meine Lebensbegier meine Pflicht, +als daß ich meine Feigheit meine Tugend nenne. Aber +ich fühlte wohl, daß ich in süße und schmachvolle Wirbel +geraten war und mit geblendeten Augen in ein mächtiges +Erdenlicht sah. Die blinde Kraft macht jede Schuld +heilig, es gab nur noch diese Kraft oder die rasche Abkehr, +tausend kleine Engel und Teufel tauchten auf und drohten +mir mit dem ärgsten Bann des Daseins, mit einer unsterblichen +Lächerlichkeit. Da verscheuchte ich die unheilige +Schar der geflügelten Spötter und Versucher und sagte:</p> + +<p>»Du verstellst dich, Kaja.«</p> + +<p>»Wie?« sagte sie und richtete sich in ehrlicher Neugier +auf. »Ich sollte mich verstellen? Bin ich denn häßlich? +Wenn eine schöne Frau sich verstellt, so hat sie immer +einen schwachen oder albernen Mann vor sich.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_132" title="132"></a> +»Wenn aber ein kluger Mann zu einer schönen Frau +sagt: Du verstellst dich, so meint er damit, sie sei immer +noch nicht frei und offen genug für ihre Schönheit.«</p> + +<p>»Ach — so —«</p> + +<p>»Wenn du deinen Körper mit einem Gott vergleichst, +Kaja, wie du es eben getan hast, so gehört er zu denen, +die ohne Wolkenwoge schöner sind.«</p> + +<p>Sie verstand sofort:</p> + +<p>»Siehst du, wie schlecht und böse du bist?« sagte sie +bekümmert. Sie lachte leise auf, wie über sich selbst, als +zwänge mein Verhalten sie sonderbare und unnütze Dinge +zu sagen, Dinge und Worte, derer sie sonst weder bedurft +hatte, noch daß sie sich ihrer jemals auch nur bewußt gewesen +wäre. Ein Hauch holden, unwirschen Zweifels verzog +ihre Lippen, in kindlicher Herablassung, erstaunt und +schüchtern.</p> + +<p>Mich befielen zugleich Zorn und Scham, aber mit +ihnen ein warmer Himmelsschein, tief her aus meiner +Seele, wo sie noch schlief und dem Licht vertraute. Ein +Gefühl von Verantwortlichkeit, das zugleich Gier war, +bemächtigte sich meiner und ein Mitleid, als sei es Erbarmen +und Trotz.</p> + +<p>»Warum quälst du mich?« fragte ich und seufzte.</p> + +<p>— Du große Frühlingsfrage!</p> + +<p>Auf welchen Lippen hast du nicht gelegen und welch +weite Landschaften voller Blüten und Gram hast du nicht +überflogen? Und immer wieder wird die Antwort die +gleiche sein, das wehmütige, staunende Glänzen in den +großen Märzaugen der erwachenden Seele, das süße Zögern +zwischen Angst und Pflicht und das Beben der beseligten<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"></a> +Schwäche, aus der die größte, die eine Kraft emporsteigt, +ihren ersten allmächtigen Lebensschritt in die Zukunft +zu tun, uns verwundet und blutend hinter sich zurücklassend. —</p> + +<p>Das kleine Licht am Bett erlosch unter einer suchenden +Hand, um ein übermächtiges Licht in uns emporströmen +zu lassen, das uns blendete.</p> + +<p>Sie ist dahingegangen und im Strom der Zeit versunken, +diese Nacht, und ich weiß nichts von ihr und +alles. Ich lasse sie in meinem Geiste emporsteigen und +rede von ihr, meine lautlose Stimme zerflattert im nächtlichen +Raum, und niemand hört mich. Und ist diese vergangene +Stunde nicht dennoch jetzt und immer? Beschirmt +von der Nacht, die sanft zu mir hereinscheint, an tausend +Orten der Welt gegenwärtig, wie ein Blütenkranz um die +kreisende Erde gelegt? Die aber, die heute ihre Blumen +und Dornen tragen, lächeln über mich, sie wissen nicht, +wovon ich rede, sie schauen sich an und erglühen tief versunken, +fremd, in heiliger Torheit. Und der Schritt der +Kraft, das lebendige Leben, geht über mein Herz, seinen +Boden, und über die ihren, und fort und fort.</p> + +<hr /> + +<p>Wie gut ich noch weiß, daß mich die Sperlinge weckten, +wahrhaftig, es war das irdische Leben, das helle, +gleiche, namenlose wie zuvor. Mein erster Gedanke, der +wie ein Schreck über mich herfiel, war die Gewißheit, +daß ich ein Mensch auf der Erde sei, aber ich fand mich +nicht in meine Lebenseinzelheiten zurück. Ich umschlang +den goldumsponnenen Nacken neben mir, als stieße dies<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"></a> +helle Fenstertor der fremden Welt draußen mich zurück, +aber eine zarte Schulter stieß mich auch hier fort.</p> + +<p>»Ach, nicht doch,« sagte sie zärtlich, »laß mich doch +schlafen, geh doch nun, es wird ja schon hell, siehst du +nicht? Schau doch hin!«</p> + +<p>Sie selbst öffnete kaum die Augen und wandte sich ab, +als hoffte sie darauf, einen Berg herabzurollen. Ich sprang +empor und sah den Morgen, sah den schimmernden Körper +und sah wieder den Morgen und taumelte mit tiefen +Atemzügen gegen das umwachsene Fensterkreuz. Es lag +alles voll Tau und die Sperlinge riefen, als meinten sie +mich. Der kühle Seewind trug den Geruch des Gartens +zu mir herein, er legte sich auf Stirn, Gesicht und Brust. +Ich faltete die Hände und wünschte mir beten zu können. +Ich muß mit Gott reden, rief ich, wohin soll dieser Strom +von Seligkeit und Liebe fluten? Ist nicht draußen alles +von übergroßer Erwartung so voll, so rein vor Licht, so +kühl vor Frieden, so erfüllt vom Blühen, daß meine Seele +nicht Raum darin findet?</p> + +<p>Vorsichtig stieg ich gleich darauf durchs Fenster hinaus +und die Efeuwand hinab. Ein Star schwatzte im +Ahornwipfel, auf dem leeren Weg lag das Buch, am +Rasenrand, kläglich aus seiner würdigen Form gebracht, +beleidigt ob seiner Ungestalt, wie ein Vorwurf, über den +ich lachen mußte. Ein Tannenpfad führte zum Strand +hinab, es ging noch eine gute Weile durch alten Park. +Rosengruppen und farbige Beete von Blumen wechselten +ab, alles in einer fröhlichen Verwilderung. Auf den Wegen +wuchs Löwenzahn, und langsam gingen die Pfade im Gesträuch +unter, das schon auf sandigem Boden stand. Nur<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"></a> +ein schmaler Weg führte, deutlich geschieden, zum Strand +nieder, und nun öffnete sich vor meinen Augen das Meer +und hinter ihm der erstrahlende Morgenhimmel.</p> + +<p>Vom flachen Deich aus sah ich die ruhigen großen +Wellen nahen und sich im Morgenrot auf den Strand +werfen. Es roch nach Seetang und mir war, als schmeckte +ich den Salzgeruch auf den Lippen. Zur Linken sah ich +die in Deichhügel geduckten Strohdächer eines Dorfs, +auf deren Giebeln bräunliches Licht lag. Es war kein +Segel am Horizont zu sehen, kein Inselland, nur fern +vor dem Ort am Strand machten Fischer ein großes +Boot flott, um auf den Fischfang auszufahren, sie sahen +klein wie Spielzeug aus und bewegten sich träge.</p> + +<p>Ich warf meine Kleider ab und stieg langsam ins +Wasser. Der kalte nasse Sand an meinen Füßen rann +mit den kommenden und weichenden Wellen unter mir +fort, mir war, als schwebte ich, die Erde trug hier nicht +mehr den Menschen, wo das Reich des fremden Elements +begann. Ein Möwenschrei ließ mich den Kopf wenden, +da sah ich die Landschaft liegen, schlafend und bräunlichrot, +noch stieg kein Rauch aus den Hütten.</p> + +<p>Die Bewegung des Meeres und die bebenden Jubelrufe +meiner Seele erschütterten mich so mächtig, daß ich +aufsingen mußte, einen hilflosen, wilden, jauchzenden Gesang, +voll Gram und Andacht, Finsternis und Licht, Gebet +und Blut. Wie oft sang ich doch einst diese armen, +mächtigen Lieder ohne Sinn, die die Natur und die Einsamkeit +mich gelehrt hatten, und die meiner schlafenden +Seele entsprangen, wie Quellen dem Erdgrund. Nun +habe ich längst begonnen zu denken, und wie manches<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"></a> +weiß ich nun, und meine Lust und Trauer sind nicht mehr +mein Teil allein. Aber mein Gesang von einst bleibt wie +ein Grundakkord in allem, und wenn ich ihn fern höre, +so weiß ich wieder, daß unsere Seele niemals völlig wach +sein wird, unser Leib ist ihr Reisegewand und Totenhemd, +ein heiliges Kleid.</p> + +<p>Ich schwamm weit hinaus, geblendet von der aufgehenden +Sonne, die aus dem Meer emporstieg und +Himmel und Wasser in goldenen Glutströmen miteinander +vereinte. Sie schwebte in den durchhellten Elementen, +und erst mit ihrem Aufstieg schied sie wieder Erde, +Wasser und Himmel voneinander.</p> + +<p>Als ich wieder den Strand erreichte, fand ich ein altes +Boot, das umgekehrt im Sand lag, aber so, daß die +Morgensonne unter sein schwarzes Dach schien. Ich +kroch unter diese mächtige Höhlung, wie in den Rachen +eines großen Fisches und wühlte mich ein wenig in den +Sand, um zu schlafen. Langsam nahmen die Musik der +Wogen, das Morgensonnenlicht und der tragende Boden +sich meiner an, und ich wurde ein Teil dieser Elemente +und gab versinkend auf, was mich von ihnen unterschied. +Aber im Traum erwachte mein Geist zu einem eigenmächtigen +Leben, und ich sah große Bilder und weite Landschaften +von solcher Freiheit, daß ich schluchzte. Ein breiter +ruhiger Strom trennte mich von ihnen, die Welt bestand +aus zwei Hälften, auf der einen befand ich selbst +mich, wie im leeren Raum, der sonderbar wogte und +spiegelte, auf der anderen lag bunt und deutlich die Fülle +der irdischen Erscheinungen in ihrer Pracht. Ich sah beblühte +Wiesen, Täler und Berge, Wohnstätten und<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"></a> +Baumgruppen, Quellen und Ströme. Und mitten darin, +wie geboren und erblüht aus diesem lieblichen und mächtigen +Wesen der Natur, stand das Weib, das Haar funkelte, +ihr Leib schimmerte heller als die fernen Wipfel der +Schneeberge und blühte und duftete holdseliger, als alle +Pflanzen im Land. Um ihre Lippen lagen die Stimmen +der Bäume, das Flüstern der Gräser und der Vogelgesang. +Schattige Gründe der Triften, Kelche und Früchte +waren umher, um zu verschönen und den Sinnen nahe +zu bringen, was diese Schultern und Hüften trugen, die +reinen Glieder und der unnennbare Grund und Wesenssinn +des ganzen Leibes, den kein Name benennt und kein +Auge schaut, keine Nähe erreicht und keine Hingabe überwindet. +Es war mir, als gehöre dies lichthafte Locken und +diese betörende Mahnung schon einer zukünftigen Zeit an, +Vergangenheit aber und Ewigkeit lagen, wie eine Einheit, +auf meiner Seite der Welt, die erhaben und traurig war.</p> + +<p>Die spiegelnden Lichtwellen, die mich in meiner heiteren +und klaren Leere umgaben, jener Welt, die ich drüben erblickte, +so nah, und doch von ihr geschieden, sprachen zu +mir und waren ich. Geh hinüber — bleibe hier. Und so +fort und fort erklang es und wiegte mich und lud mich +ein und warnte mich und war mir unaussprechlich wohlgesinnt. —</p> + +<p>Als ich nach vielen Stunden eines tiefen Schlafs erwachte, +mochte es, dem Stand der Sonne nach, gegen +elf Uhr Mittags sein. Ich kroch fröhlich und alsbald +völlig wach und wunderbar belebt aus meiner dunklen Bootmuschel +hervor und taumelte vor Glück und Licht in der +Sonne, die über dem Meer und Strand erstrahlte. Ich<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"></a> +schüttelte den Sand aus meinen Kleidern und brachte sie +in Ordnung und Anstand, wie der schöne Festtag der +Natur es erheischte und vor allem der Besuch, den ich +im freiherrlichen Hause plante. Ich war mir völlig darüber +klar, daß dieser Besuch stattfinden mußte, vermochte +mir allerdings über die Art keine Vorstellung zu machen.</p> + +<p>Es wird sonderbar genug sein, dachte ich, wenn ich +nun nach allen Vorschriften der Sitte dieser jungen Dame +vorgestellt werde, die ich besser kenne, als alle, die ihr Leben +von Anfang an mit ihr geteilt haben. Eine heiße Liebe +zum wunderartigen Dasein überkam mich. Wie sollte ich +nicht Mut zum Gewöhnlichen finden, sann ich, da ich +doch das Ungewöhnliche bestanden habe?</p> + +<p>Ich warf noch einen freundlichen Blick auf mein Boot, +in dem ich meine zukünftige Herberge erblickte, und das +ich nach meinen Gewohnheiten einzurichten beschloß, und +begab mich dann auf gut Glück in den Park zurück. Es +war zwischen den Büschen schon sommerlich warm, und +überall strahlte die Sonne. Schmetterlinge schaukelten +durch den heißen Duft, und die Reiser der Büsche blühten. +Auch sangen noch Vögel in der Kühle der Baumkronen, +denn es war zu Sommers Beginn, die schönste Zeit im +Jahr.</p> + +<p>Wo die Verwilderungen der Strandniederungen in +den gepflegteren Garten übergingen, und die Wege sogar +mit Kies bestreut waren, standen alte, grüne Bänke, manche +waren rund um die Stämme der Buchen herumgeführt. +Ich sah auf einem der Wege eine alte Dame langsam +auf mich zukommen, die ein zerzaustes Huhn an einer +Kette hinter sich herführte. Als sie näher kam, erkannte<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"></a> +ich, daß es kein Huhn war, sondern ein Schoßhündchen. +Der Anblick dieser alten, würdigen Dame beruhigte mich +tief und machte mich fröhlich. Sie war in ein helles +Seidentuch gehüllt und trug einen breitrandigen Hut +aus weichem Stroh, dessen Rand zur Rechten und Linken +bis auf die Schulter niedergebogen war. Von den Schläfen +fielen schneeweiße Ringellöckchen auf die Schultern nieder, +und zwischen ihnen lächelte ein feines, zartes Angesicht +von süßer Welkheit, aller Welt fern, und voll kindlich +hochgemuter Versunkenheit in den Sonnenglanz ihres +späten Lebenstages.</p> + +<p>Als wir auf dem Weg einander näher gekommen +waren, blieb ich stehen, verbeugte mich tief und zog meinen +Hut, so daß er einen großen Bogen machte und den Kies +am Boden berührte. Die alte Dame blieb gleichfalls +stehen, ein wenig mit Aufwand, und hob langsam eine +große, schwarzgerandete Brille, die an einem Stiel befestigt +war, vor ihre Augen. Ich trat näher herzu, um +ihr die Aufgabe zu erleichtern, die sie sich stellte, und sagte +mit großer Höflichkeit, daß mein Weg mich an ihrem +Garten vorübergeführt habe, und daß ich um Verzeihung +bäte, ihn ohne Erlaubnis betreten zu haben.</p> + +<p>Sie nickte bedächtig ein paarmal, betrachtete mich +aufmerksam von oben bis unten durch ihre Brille und +sagte dann leise, mit feiner, gebrechlicher Stimme:</p> + +<p>»Guten Morgen, guten Morgen.«</p> + +<p>Ich wiederholte meinen Gruß und nahm wieder den +Hut ab, wobei ich ein wenig zurücktreten mußte, damit +mein Gruß dies zweite Mal nicht weniger ehrerbietig +ausfiel.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_140" title="140"></a> +Eigentlich erstaunt war meine vornehme Gastgeberin +nicht, kaum ein wenig zögernd, keinesfalls aber ablehnend. +Sie hob nun mit der feinen Hand ein merkwürdiges +Horn empor, das an einer silbernen Kette befestigt an ihrer +Seite hing, und das jenen Hörnern glich, die die alten +Germanen nach der Sage zum Trinken verwandt haben +sollen. Ihre zarte Hand, die aus einer schneeweißen +Ärmelkrause von Spitzen hervorschaute, rührte mich tief, +ich hätte diese Hand an meine Lippen ziehen mögen, um +meine Ehrfurcht kundzutun, vor diesem lieblichen, welken +Lebensgebilde, im warmen Dämmerlicht von vielen, vielen +Daseinsjahren, von Abschied und dankbarer Demut gegen +sein letztes Wirken.</p> + +<p>Aber bevor das sonderbare Horn in seine Bestimmung +eingesetzt werden konnte, ereignete sich ein Vorfall, der Beachtung +forderte, er ging von dem Begleiter der Dame +aus, von dem bereits erwähnten Schoßhündchen, das sich +offenbar erst nun seiner Aufgaben und Verpflichtungen +entsann. Das Tier ging, offenbar durch meinen Gruß +irre gemacht, zum Angriff gegen mich vor. Mit einem +heftigen, sehr hohen Gebell, das durch ein Schnarren +unterbrochen wurde, kam es zur Hälfte unter dem schwarzen +Seidenrock seiner Herrin hervor, verschwand aber sofort +wieder, als seine Gebieterin es durch einen entrüsteten Zuruf +aufklärte. Sie lächelte versöhnlich und sah mich an.</p> + +<p>»Er ist nicht bissig«, teilte sie mit.</p> + +<p>Ich sagte rasch ein paar Worte über seine Anhänglichkeit, +die offenkundig sei, und über seinen Gehorsam. +Inzwischen war das Horn erhoben worden und seine +Spitze hatte die weißen Löckchen zur Seite geschoben und<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"></a> +den Eingang zur Ohrmuschel gefunden. Da erkannte ich +Tante Mimsey, von der Kaja gesprochen hatte, und nahm +erneut Haltung an.</p> + +<p>Tante Mimsey begann von vorn und wiederholte ihr +freundliches: »Guten Morgen«; diesmal fügte sie hinzu: +»Was führt Sie zu uns?«</p> + +<p>Unmittelbar darauf wurde die breite Öffnung des Horns +auf mich gerichtet, man erwartete eine Aufklärung.</p> + +<p>»Ich bin ein wenig schwerhörig«, sagte die alte Dame +freundlich und zog mit dem Augenglas eine wagrechte +Linie durch die Luft, die diesen Umstand ausglich.</p> + +<p>Ich wiederholte mit großem Aufwand meine erklärenden +Worte über meinen Eintritt in diesen Garten, aber +ich kam nicht damit zu Ende, denn Tante Mimsey ließ +ihr Horn sinken und trat einen Schritt zurück.</p> + +<p>»So laut brauchen Sie nicht zu sprechen! Sie brüllen +ja!«</p> + +<p>Ich entschuldigte mich rasch:</p> + +<p>»Ich werde künftig leiser sprechen«, sagte ich.</p> + +<p>Tante Mimsey schüttelte nachsichtig den Kopf:</p> + +<p>»Wenn Sie leise sprechen, kann ich Sie nicht verstehen, +ich bin etwas schwerhörig.«</p> + +<p>Nun schien alles zu Ende und ich war ratlos.</p> + +<p>Aber es war doch nicht so, denn die alte Dame nahm +das Gespräch bereitwillig wieder auf und schien in keiner +Weise durch mein Ungeschick enttäuscht zu sein. Sie +mußte von meinen Worten so viel verstanden haben, daß +sie sich als Besitzerin dieses Gartens anerkannt sah, und +daß meine Absichten keine Anforderungen an sie stellten, +die über eine kleine Morgenunterhaltung hinausgingen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_142" title="142"></a> +»Was sind Sie und was führt Sie denn zu uns hier +ans Meer? Hier verkehren nicht viele Menschen, wir +wohnen hier einsam.«</p> + +<p>Das Horn kam, und ich versuchte, ihm gerecht zu +werden.</p> + +<p>»Ich bin ein Studierender der Naturwissenschaften«, +sagte ich rasch und schnell gefaßt, denn ich sah ein, daß +ich der Vorstellungswelt meiner prüfenden Gastgeberin +ein wenig entgegenkommen mußte. »Ja, ich bin ein Student, +ein armer, ein ärmerer ... Ich bin auf einer Forschungsreise, +es sind zugleich die Sommerferien.«</p> + +<p>Sie ließ es sich noch einmal sagen und schien leicht zu +zweifeln. Ich nahm wahr, daß ich doch sehr laut sprechen +mußte, wenn ich verstanden werden wollte.</p> + +<p>»Was erforschen Sie?« fragte sie. Wir gingen nun +langsam nebeneinander die Gartenwege entlang.</p> + +<p>»Seetiere!«, schrie ich in das Rohr.</p> + +<p>»So, so ...« sagte sie nachdenklich. »Seetiere. Wohl +auch Algen?«</p> + +<p>Sie schien stolz auf diese Unterscheidung zu sein und +musterte mich glücklich mit den lieben, stillen Augen, voll +heiterer Bescheidung.</p> + +<p>»Auch Algen!« rief ich.</p> + +<p>»Wie?« fragte sie bestürzt.</p> + +<p>»Algen auch«, wiederholte ich deutlicher.</p> + +<p>»Nun ja,« meinte sie verwundert, »das sagte ich ja +schon.«</p> + +<p>Wir ließen uns auf eine Bank nieder, die ganz von +Flieder und Jasmin überschattet war. Die Büsche hatten +hier unter den hohen Bäumen lange, hagere Triebe<a class="pagenum" name="Page_143" title="143"></a> +geschossen und blühten nur spärlich, ihr blattloses Gestänge +um uns her wirkte wie ein Gitterwerk.</p> + +<p>Das Hündchen mußte vorsichtig unter der Bank untergebracht +werden, damit die Kette sich nicht verwickelte. +Das kleine Tier trug schwer an dieser Fessel und schien +verstimmt. Soweit seine Stirnzotteln, die wie die Fransen +einer Reisedecke über seine Augen und die Schnauze fielen, es +zuließen, warf es hier und da einen melancholischen Blick +auf seine Herrin und einen äußerst mißtrauischen auf mich.</p> + +<p>»Nieder, Niko!« rief die alte Dame entschlossen. +»Nieder mit dir!«</p> + +<p>Niko verkroch sich.</p> + +<p>»Wollen Sie hier verweilen?« fragte mich das alte +Fräulein. Sie sah mich liebevoll und aufmunternd an, +ich hatte deutlich den Eindruck, nicht abstoßend auf sie +zu wirken.</p> + +<p>»Vielleicht finde ich im Dorf Unterkunft«, antwortete +ich.</p> + +<p>»Das wird schwer halten, aber was gelingt nicht einem +mutigen, jungen Menschen, der vorlieb nimmt und nicht +auf Äußerlichkeiten sieht. Der Jugend ist kein Lager +hart.«</p> + +<p>»Sie wohnen hier sehr schön«, sagte ich und maß +Haus und Park mit einer Armbewegung.</p> + +<p>»Ja,« sagte sie dankbar, »ein schöner Tag.«</p> + +<p>Zuweilen rückte sie plötzlich ein wenig mit der Schulter +beiseite, als erwartete sie einen jähen Überfall der Rede, +der ihr entgehen möchte, oder der zu laut sein könnte. Sie +ist nur noch Grobheiten gewohnt, dachte ich, denn wie +kann man Zartheiten brüllen? Aber ich beschloß doch den<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"></a> +Versuch zu machen, feine und schmiegsame Worte mit +großem Aufwand von Lungenkraft auszustoßen und ihnen +im Rahmen ihres Schallumfangs Milde und Anstand +zu verleihen. Man muß die Verhältnisse berechnen und +alles auf einer anderen Grundlage wieder ausgleichen ... +ich begann zu grübeln.</p> + +<p>»Wir wohnen hier im Sommer auf diesem kleinen +Landsitz,« erzählte mir Tante Mimsey, »ich und meine +Nichte Kaja, ein Kind noch, ein rechtes Kind. Ich ertrage +die Großstadt nicht, die Menschen beängstigen mich, +und ich liebe den Verkehr und die Gesellschaften nicht +mehr. Einmal sah ich eine edle Taube — mein Bruder +hielt Tauben —, die in einen Fabriksaal geraten war, in +dem die Maschinen rasselten und die Arbeiter bohrten +und feilten. Sie flatterte zwischen den Treibriemen hin +und her und war außer sich! So fühle ich mich in der +Großstadt. Meine Brüder bewohnen den Erbsitz, auch +hierzulande, so habe ich mich auf diese kleine Besitzung +zurückgezogen, ich nenne sie meinen Taubenschlag.« Sie +lächelte nachsichtig.</p> + +<p>Ich verstand alles durch eine zustimmende Neigung +des Kopfes, die ich jedesmal wiederholte, wenn ich angesehen +wurde. Da ich nicht zu antworten brauchte, konnte +ich überdenken, auf welche Art es mir am besten gelingen +möchte, die Teilnahme und das Wohlwollen des alten +Fräuleins zu gewinnen und zu festigen, denn mein Entschluß +war gefaßt, unsere Beziehungen fortzuspinnen und ihnen +auf irgendeine Art die natürliche Dauer eines gesellschaftlichen +Verkehrs zu geben. So wählte ich unbewußt +durch das Schweigen, in das mein Grübeln mich senkte,<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"></a> +den besten Weg, denn ich gab meiner Nachbarin Gelegenheit, +sich ungestört mitzuteilen. Wie ich sie später +kennenlernte, hätte ich kein geeigneteres Mittel ersinnen +können, ihre Freundschaft zu gewinnen. Es schien ziemlich +gleichgültig, ob ich zuhörte, denn oft, mitten in mein +Schweigen hinein, stieß sie mit einem erschrockenen »Wie?« +gegen mich vor, während sie meine zustimmenden Bemerkungen +überhörte. Einmal schien es mir jedoch notwendig, +deutlich und freundlich beizupflichten, aber sie schrie nur:</p> + +<p>»Nieder Niko!«</p> + +<p>Ich erfuhr in jener frohen Morgenstunde vielerlei und +verlor nicht einen Augenblick die Geduld, denn ich wußte, +worauf ich wartete. Immer begann die sanfte Klage an +meiner Seite mit einer Schwingung der verzagten und +unverstandenen Seele und verirrte sich langsam in die +Unzuträglichkeiten einer kleinen Alltagssorge. Wie bei +manchen gealterten Gemütern, deren Herkommen mit der +unantastbaren Autorität ihres Standes verknüpft ist, bewegte +auch Tante Mimseys Vorstellungswelt sich noch +um die Achse einer anerkannten Richterlichkeit und eines +oft gefragten Urteils. Sie hatte den Zusammenhang mit +den Lebensrechten und der Interessengemeinschaft der neuen +Generation verloren, hielt aber diese Generation für verloren, +da diese die alten Anschauungen nicht teilte. Nur +ihre Nichte Kaja war für sie der Inbegriff einer im erwiesenen +Geist gesicherter Lebensform heranreifenden Persönlichkeit, +sie erklärte den Charakter und Lebensanstand +ihrer Schutzbefohlenen für das Resultat ihrer Einwirkung +und war stolz auf diesen Triumph ihrer Anschauungen. +Bewegend war die innige und selbstlose Liebe, die<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"></a> +aus allen Einwänden sprach, die sie selber schüchtern wagte, +mehr um für die hellen Tugenden einen Hintergrund zu +haben, als etwa um sich zu beklagen, oder den Wert des +jungen Mädchens in Frage zu stellen.</p> + +<p>»Nur eines bereitet mir Sorge,« sagte sie nachdenklich +und sah mich streng an, »daß das Kind sich nicht entschließen +will, beim Baden in der See den üblichen Badeanzug +anzulegen. Sie tut es nicht, ich weiß es, obgleich +ich es nicht deutlich unterscheiden kann, ich bin etwas +kurzsichtig. Aber der Badeanzug, den sie mitnehmen muß, +ist nachher gewöhnlich trocken. Sie erklärt mir, die Sonne +habe ihn getrocknet, aber nein, nein ... da soll sie ihre +alte Tante doch nicht zum Narren haben. — Kaja, ich +spreche von meiner Nichte Kaja. Sie wird gleich kommen, +dann will ich sie Ihnen vorstellen, sie geht zum Baden +und muß hier vorüberkommen. Vorher ... vorher stelle +ich sie Ihnen vor.«</p> + +<p>Sie richtete ihr Horn auf mich.</p> + +<p>»Ich werde mich sehr freuen«, rief ich.</p> + +<p>»Leider ist Kaja nicht dazu zu bewegen, jemals beim +Bade eine angemessene Bekleidung anzulegen. Ich leide +darunter und hege die Befürchtung, ein unberufenes Auge +möchte Zeuge dieser kindlichen Vorurteile sein. So pflege +ich denn während ihres Bades hier im Park und auch +am Strand, wenn es nicht zu sonnig ist, zu wachen und +Passanten abzulenken. Gottlob gibt es hier keine. Es +wäre ja auch schrecklich!«</p> + +<p>Sie erhob sich, nach einem ängstlichen Blick zur Seeseite, +zerrte Niko, der eingeschlafen war, unter der Bank +hervor und drängte auf das Haus zu.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_147" title="147"></a> +»Sie nehmen vielleicht gern einen Imbiß?« fragte sie +herzlich, aber deutlich in jener befangenen Besorgnis, die +entsteht, wenn eine gute Absicht noch nicht die Form ihrer +Durchführung gefunden hat. Sie zerrte an Nikos Kette, +die sich anscheinend etwas verwickelt hatte, weil er erst +unterwegs erwacht war. Die Kette kam seitlich unter ihm +hervor, so daß er dadurch genötigt war mit schrägem Kurs +unsere Richtung einzuhalten, aber deutlich war es nicht +zu unterscheiden.</p> + +<p>»Helfen Sie!« rief Tante Mimsey, aber Niko +schnarrte und drohte vor Grimm zu ersticken, als ich +mich ihm näherte. Obgleich Tiere mir lieb sind, habe +ich für diesen Hund niemals Zuneigung aufzubringen +vermocht, er war mir nicht angenehm. Wir kamen +an einer Grotte vorüber, in der ich später oft mit Kaja +gesessen habe. Man sieht von dort auf das Meer, +ohne den Strand zu erblicken, durch die Stämme der +Buchen hindurch und unter ihrem Dach dahin. Es ist +ein goldgrüner Rahmen, in dem niemals etwas anderes +erschienen ist, als Himmel oder Meer, Wogen oder +Sterne, Licht oder Nacht. Ich sehe seine Form noch +heute, ein unruhig gerändertes Tor, durch das die Lichtbahnen +der Augen nur unveränderbaren Dingen begegnet +sind. Nur einmal stand auch Kaja mitten darin, +der Mond schien und sie fröstelte leicht im Mantel ihres +Haars ...</p> + +<p>»Wenn Sie meine Nichte Kaja erblicken sollten, so +machen Sie mich bitte darauf aufmerksam«, sagte Tante +Mimsey. »Hier können wir warten, später werden wir +dann etwas zu uns nehmen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_148" title="148"></a> +Bald darauf sah ich es dicht am Haus lebendig schimmern +und mein Herz schlug übermächtig. Hell, rasch, eine +weiße Seligkeit von Sein und Kommen, glitt es wie ein +Frühlingslied hinter dem Vorhang der Büsche dahin, +und das blonde Haar, eine schwere goldene Kappe, lag +um die Schläfen und tief im Nacken. Wie groß sie war!</p> + +<p>»Vielleicht ist sie das ...« stammelte ich und fühlte +deutlich, daß es verächtlich klang.</p> + +<p>»Ja, ja, ja!« rief Tante Mimsey, die nur meine Bewegung +verstanden hatte, und dann laut: »Kaja, Kaja!«</p> + +<p>Das Mädchen sah mich groß und heiter an, als sie +nun auf uns zutrat. Ohne Überraschung musterte sie +mich, nähertretend, aufmerksam und abweisend, und sah +dann ernst und warnend in Tante Mimseys Augen.</p> + +<p>»Um Gottes willen, wen hast du dir da aufgeladen?« +fragte ihr Blick die Tante.</p> + +<p>Ich rückte meinen Hut zurecht und brachte mein eines +Bein in eine gefällige und vornehme Haltung.</p> + +<p>Tante Mimsey verschanzte sich hinter dem Morgenkuß, +aber er ging zu Ende und nun mußte sie sich rechtfertigen.</p> + +<p>»Ein unerwarteter Gast,« sagte sie, »zwar unerwartet, +aber ein junger Student auf der Reise. Er ist Naturforscher +und hier fremd.«</p> + +<p>Kaja machte einen strengen Knicks.</p> + +<p>»Geh zu deinem Bad, mein Kind,« fuhr die Tante +fort, »wir unterhalten uns hier noch ein Weilchen.«</p> + +<p>»Jetzt wirst du zum Christentum bekehrt,« sagte Kaja +zu mir, »nachher komm schwimmen. Du siehst schrecklich +aus im Tageslicht, man schämt sich ja. Also auf Wiedersehen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_149" title="149"></a> +Es war mir ein Rätsel, wie ein Mensch diese Worte +aussprechen konnte und dazu ein Gesicht machen, als sagte +er, betroffen und verlegen: »Guten Morgen, mein Herr, +ich danke Ihnen für die Ehre Ihres Besuchs und hoffe, +daß Sie sich in diesem Hause wohlbefinden werden.«</p> + +<p>Tante Mimsey schien zufrieden, sie nickte gewissermaßen +in sich hinein, und man sah den Bewegungen ihrer Hände +an, daß ihr ein Hindernis als überwunden galt.</p> + +<p>»Eine reizende junge Dame«, sagte ich zurückhaltend.</p> + +<p>»Ja, ja, ja ...« sagte Tante Mimsey leise, als sei es +die Schlußzeile eines Gedichts; sie dachte an etwas anderes.</p> + +<p>Ich bat um die Erlaubnis, mir jetzt im Dorf eine +Unterkunft suchen zu dürfen, und half ihr damit aus ihrer +kleinen Verlegenheit. Während sie sich zu Niko niederbeugte, +schnitt ich mit dem Taschenmesser ihre gestielte +Brille von der Seidenschnur, an der sie befestigt war, und +steckte sie ein, denn ich wollte mit Kaja baden. Auch hatte +ich damit für alle Fälle einen Anlaß später wiederzukommen, +um als glücklicher und ehrlicher Finder empfangen +zu werden. —</p> + +<p>Kaja saß auf einer schmalen Sandbank, im harten +Gras des Strandes und zog sich aus. Sie hatte einen +Platz gewählt, der vom Land aus nicht zu sehen war, da +die Buchen dort bis dicht ans Wasser wuchsen, auf einem +unterspülten Hang.</p> + +<p>»Ich bewundere dich«, sagte sie. »Daß du mit mir +fertig geworden bist, ist keine Heldentat, denn ich habe es +dir leicht gemacht, aber mit Tante <ins title="Mimsey das">Mimsey — das</ins> +will etwas heißen. Es war deutlich, daß sie dir wohlgesinnt +ist.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_150" title="150"></a> +»Ich hatte erwartet, sie würde sich vor mir fürchten. +Bist du noch einmal eingeschlafen?«</p> + +<p>»Wie hast du es nur angefangen? Deine Reden versteht +sie nicht.«</p> + +<p>Ich überwand mit Gewalt meine törichte Unsicherheit, +die sich in meiner lächerlichen Frage kundgetan hatte, und +begriff, daß um Kaja der Seewind strich. Aber die Allmacht +ihrer Unbefangenheit war eine furchtbare Prüfung. +Mir war, als bewürfe mich eine Göttin mit Sonnenstrahlen, +je mehr ihr schimmernder Leib aus den sinkenden +Hüllen emporstieg. Als sie ihr Hemd fortwarf, kehrte +sie mir den Rücken zu und sagte nachsichtig:</p> + +<p>»Man muß dich ja schonen, du Armer.«</p> + +<p>Ich hätte die Hälfte meines Lebens für eine Faust voll +Roheit gegeben, als ich da nun im Sand lag, das Gesicht +in den Händen und bebte.</p> + +<p>»Wir müssen vorsichtig sein«, sagte sie und versuchte +durch die Buchen zu spähen.</p> + +<p>»Ich hab' die Brille«, antwortete ich schluchzend.</p> + +<p>Sie starrte mich an und brach in Lachen aus.</p> + +<p>»Mit der einen Hand betest du, und mit der anderen +raubst du«, stellte sie nachdenklich fest. »Aus dir wird +man nicht klug. Aber vor allen Dingen mußt du jetzt +etwas essen. Sieh das Päckchen dort, es ist für dich.«</p> + +<p>»Daran hast du gedacht, Kaja?«</p> + +<p>Sie sah mich fragend an.</p> + +<p>Ich merkte erst nun, wie hungrig ich war, und unter +diesen Augen war ich es ohne Arg. Ich werde niemals +zu schildern vermögen, woher die Gefahr und Wohltat +dieser Seele kamen, sie strömten auf mich über und<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"></a> +verwandelten mich. Diese Welt ohne Pflichten, Dank und +Schuld war ungreifbar, von heiliger, uranfänglicher Freiheit. +Man vermochte in ihr zu sein, beglückt oder traurig, +aber erreichbar war sie nicht.</p> + +<p>Sie saß nackt im Sand, die Augen gegen das Meer +gerichtet, mitten in der Sonne, und rauchte. Ihr Haar +fiel hinter ihr bis auf den Boden nieder, als schiene die +Sonne durch ihre Stirn und verlöre sich, selig ermüdet, +in mattem goldenen Fluß, im Schatten dieser hellen Schultern. +Nun hob sie es langsam, ohne die Zigarette aus +dem Mund zu nehmen, mit beiden Händen, und barg es +unter einer roten Kappe aus dichtem Stoff, um es beim +Bad vor dem Meerwasser zu schützen. Eine feine blaue +Rauchsäule erhob sich lebendig über ihr und wanderte, +sich leicht zerteilend, lautlos ins Buchengrün empor.</p> + +<p>Kaja legte sich nun langsam auf den Sand zurück und +öffnete sich ganz den Sonnenstrahlen, wie eine blühende +Pflanze. Sie breitete ihre Arme aus, und als sie die +leicht erhobenen Knie ein wenig öffnete, wandte sie mir +gleichzeitig langsam ihr Gesicht zu, und ihre Blicke suchten +und umfaßten mich, zugleich entschuldigend, lauernd und +durstig. Aber von einer Offenheit sondergleichen und gebieterisch, +ja verächtlich, so daß mir war, als saugte das +Lebenslicht ihres Wesens mich in einen blassen Abgrund +von ewiger Selbstverlorenheit.</p> + +<p>Sie gab mir ihr Päckchen Zigaretten herüber, als +würfe sie es fort. Keine Geste schien ihr verächtlicher zu +sein, als die der Darbietung. Dankbar ist sie nicht, dachte +ich, als dächte ein anderer für mich. Eines guten Mannes +gute Frau wird sie niemals, denn wie vermöchte heute<a class="pagenum" name="Page_152" title="152"></a> +eine brave Männerseele sich leicht das Zelt seiner Ehe anders +zu denken, als im Talgrund der Dankbarkeit eines +durch ihn begnadeten Weibes. Ich mußte lachen, und +Kaja sah sich nach mir um.</p> + +<p>»Was ist geschehen?«</p> + +<p>»Ich mußte lachen, weil ich mir dich als Ehegattin +eines braven Mannes vorstellte.«</p> + +<p>»Ja,« sagte sie, »ich weiß schon von heute nacht her, +wie ausschweifend du in deinen Gedanken bist.«</p> + +<p>»Erzähle mir von dir, Kaja.«</p> + +<p>»Hast du noch nicht genug erfahren? Du möchtest +mich endlich kennenlernen, nicht wahr? Wie leichtsinnig +ihr doch seid, daß ihr den Mädchen erlaubt sich zu beschreiben, +wie sie gesehen sein möchten. Es geschieht, weil +ihr nicht selbst sehen könnt, wie sie sind, oder weil ihr es +nicht wagt. Auch in den Büchern, die ich lese ... es ist +immer dasselbe. Erst flehen sie einander um Schonung +an und nennen es Verständnis, dann verstehen sie einander +endlich und werfen sich Täuschung vor. Ein lächerliches +Volk. Jetzt geh ich ins Wasser.«</p> + +<p>Sie erhob sich, und der Sand blühte. Langsam, Schritt +für Schritt, maß sie den feuchten Teppich, ging in Meer +und Himmel über und schien die helle Welt, das schöne +Leben selbst zu sein, dessen Beglückung sie annahm. Als +eine größere Welle heraneilte, deren blendender Schaumkamm +ihre Brust erreicht hätte, warf sie sich ihr entgegen +und verschmolz mit dem kühlen Wasser wie für immer.</p> + +<p>Ich aß und rauchte und zitterte vor Wut, daß ich +beides zu dieser Stunde vermochte, aber es ging, und ich +fühlte eine schmerzende Zweiheit wunderbar in mir heilen.<a class="pagenum" name="Page_153" title="153"></a> +Zugleich aber sank es um mich her nieder, als fielen die +Sterne vom Himmelszelt, als wären alle Wunder zu +Dingen geworden. Habe ich einst gesündigt, oder sündige +ich nun? fragte ich mein Herz, aber als Antwort hörte +ich nur den fühllosen Frohsinn der großen Wellen erklingen, +die sich bildeten und zerwarfen, zergingen und sich +erneuten unter der gleichen Sonne, in deren Himmelsflut +meine Brust sich hob und senkte. Im gleichen Sonnenschein, +Asja, liegt weit in der Ferne, bei der großen Stadt, +dein Grabhügel. —</p> + +<p>In einem frohen Taumel von Glück und Müdigkeit +stampfte ich bald darauf durch die Mittagssonne am +Strand dahin auf das kleine Dorf zu. Ich war nicht +ratlos noch auch nur besorgt, wie es sich einrichten möchte, +daß ich bei Unterkunft und unter gutem Vorwand im +Lande blieb. Ist so Wichtiges, so Lebendiges, so viel +glückliches Tun mir gelungen, so wird sich das Beiwerk +dieser Tage ihrem Sinn fügen, dachte ich und war nach +Art der Seelen frei und unbekümmert, die ein Ziel haben, +einen Mittelpunkt, um den ihr Tun kreist.</p> + +<p>Aber, sonderbar genug, mein Vertrauen wollte immer +wieder von mir hören, wie groß es sei. Ich hatte es +nie zuvor gekannt, daß man Zuversicht gewinnen kann +im glückseligen Aberglauben und wie im Selbstbetrug +einer beinahe heiligen Oberflächlichkeit. Wenn ich mir +sagte, daß ich Kaja liebte mit der ganzen Inbrunst und +aus tiefster Seele, so erschien es mir in der eroberten +Gewißheit und im Wohlstand meines hohen Rechts +doch, als zöge ich diese Liebe herbei, um mich freizusprechen. +Sonderbar und mütterlich lächelte der Weltgeist<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"></a> +mich an, gnädig und zögernd, als sei ihm ein Irrtum +gefällig.</p> + +<p>Es ist die Mittagsstunde im Sand am Meer, dachte +ich, diese gewalttätige Verlassenheit, die die begrünte Erde +vergessen macht. Ich blieb stehen und hörte den Wellen +zu, ihre magischen Stimmen bemächtigten sich meiner, und +ich empfand die Wohltaten, die mit ihrem Ausgleich in +uns mächtig werden. Hart am Strand lag ein verwittertes +Wrack, das schwarze Rippen in den fahlen +Sonnenglanz emporreckte.</p> + +<p>Ich schrieb mit dem Stock ein Wort in den weichen +nassen Sand, den die Flut bespülte, und beobachtete, wie +die Wogen es auslöschten. Ich grub die Buchstaben tiefer +ein und sah abwartend und begierig auf die sanft heraneilenden, +durchsichtigen Wasserhügel, die sich dicht über +den Schriftzügen hoben, als wollten sie ihr Opfer bedrohen, +niederbrachen, wie mit Gelächter, und sich breit +und gelassen verebbend ausbreiteten und zerteilten. Sie +löschten aus, was ich geschrieben hatte und rannen zu sich +selbst zurück. Sie kamen und gingen immer auf die gleiche +Art, ob ich ihnen eine Beute zur Vernichtung bot oder ob +ich stumm ihr geglättetes Sandbett betrachtete.</p> + +<p>Ich begriff ihre gefährliche Weisheit und beschloß mein +Herz zu hüten, aber ihre Macht war eindringlich und +der Gehorsam gegen ihr Gesetz eine süße Wollust. Und +plötzlich mußte ich über alles lächeln, was ich auf der bewohnten +Erde zu beginnen im Sinn hatte, über den +Knabenernst meiner Absichten, über das Lebensgewicht +der kommenden Jahre, voll Streben, Erfolg und Wirken, +über Ziele, Zukunft und Ende. Ihr Wellen werdet euch<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"></a> +im Sonnenlicht oder im ruhigen Mond, bei Regengüssen +oder im Wind erheben, neigen und auf den Sand niederbrechen, +zurückfluten und aufs neue in vergänglichem +Gebilde erstehen, um wiederum zu zerfließen.</p> + +<p>Ich trat hinzu und schrieb Kajas Namen in den Sand. +Die erste Woge verwischte ihn, als sei er tiefer eingeschnitten +und verblaßt, die zweite Woge nahm ihn spurlos +dahin, die dritte fand den tausendjährigen Strand in seiner +alten Wesenheit. Da schrieb ich mit zitternder Hand, ein +leidender Mörder, Asjas Namen in den Sand. Die erste +Woge verwischte ihn, als sei er tiefer eingesunken und +verblaßt, die zweite Woge nahm ihn spurlos dahin, die +dritte fand den tausendjährigen Strand in seiner alten +Wesenheit.</p> + +<p>Aber kaum hatte sich auf meinen Lippen ein ungewisses +Lächeln gebildet, als mir sonderbar deutlich Asjas Worte +über den Wandel der Natur zum Bewußtsein kamen, +und zum erstenmal verstand ich den Sinn: »Der +Wandel der Natur hat keine Kraft über seine Kreise +emporzuheben, allein der Geist.«</p> + +<hr /> + +<p>Das erste Fischerhaus, das ich erreichte, war eine kleine +mit Stroh gedeckte Kate, die, zwischen Kartoffeläckern, +hinter den Deich geduckt, mit ihren Fenstern, wie mit +Augen, eben noch auf die Meerweite hinaussah. Ein +Vorgärtchen, dicht gedrängt voller Buschnelken, Phlox +und Malven, ein Holzstall und weiter abseits im Land +ein Ziehbrunnen machten den sichtbaren Bestand des +kleinen bäuerlichen Anwesens aus. In langen durchsichtigen +Bahnen, braun wie Erde, hingen die Netze, dicht<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"></a> +am Strand, zwischen alten geteerten Pfählen ausgespannt, +und zwei Boote lagen im Sand. Ein Geruch +von Seetang und verdunstendem Meerwasser hauchte mir +warm entgegen und meine frohen Kindertage kamen, wie +Engel, zu mir und ermutigten mich.</p> + +<p>Es schien niemand anwesend zu sein. Am Hauseingang +war eine Ziege angebunden, die still vor sich hinsah +und auf das Meerrauschen zu achten schien. Als ich mich +ihr näherte, sah sie mich an und begann eifrig zu wedeln. +Da ich nicht gewußt hatte, daß Ziegen diese Gewohnheit +an den Tag legen, blieb ich stehen und beschäftigte mich +eine Weile mit ihr. Es schien mir jedoch bald, als ob +dieses eigenartige Wedeln keinesfalls in einer Beziehung +zu ihrem Seelenleben stand, denn es unterblieb und erneuerte +sich ruckweise und willkürlich und ging auch dann +vor sich, wenn mein Verhalten und meine Einwirkung +auf das Tier unterblieben, oder jedenfalls derart waren, +daß sie keine Zustimmung herausforderten.</p> + +<p>Dagegen ließen sich deutlich Wahrzeichen von Wachsamkeit +feststellen, denn als ich den Nacken der Ziege zu +streicheln versuchte, senkte sie mit einer sonderbar störrischen +Gelassenheit den Kopf und ging mit ihren Hörnern gegen +mich vor. Das Seil verhinderte die Ausführung ihres +Vorhabens, jedoch beschloß ich vorsichtiger zu sein und +den Abstand zu wahren, auf den sie Gewicht zu legen +schien.</p> + +<p>Nach einer Weile trat ein alter Mann unter der niedrigen +Tür hervor und musterte mich mit listigen Augen, +wobei sein Gesicht einen Ausdruck zeigte, als lache er mich +heimlich aus. Sein Gesicht war von einem Bart eingerahmt,<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"></a> +der wie ein gelblich-weißer, gleichmäßiger Halbkreis +von Ohr zu Ohr um das Kinn herumlief, er trug +zwei Transtiefel, groß wie Gießkannen, und die kurze +Pfeife in seinem Mundwinkel machte in ihrem Verhältnis +zu seinem Mund den Eindruck auf mich, als nährte +er sich von ihr. Da sie nicht zu brennen schien, bot ich +ihm Feuer an, mußte aber zurücktreten, als er mir gemächlich +eine Rauchwolke ins Gesicht blies. Er fragte +mich auf niederdeutsch, was mein Begehr <ins title="sein">sei</ins>, und da +ich seine Sprache nicht nur verstand, sondern mich ihrer +auch zu bedienen wußte, glaubte ich daran, daß ich mit +ihm übereinkommen und ein Obdach in seinem Hause +finden würde. Aber merkwürdigerweise verstand er mich +nicht. Ob ich ein Franzose sei.</p> + +<p>»Ein Franzose? Nein«, sagte ich auf hochdeutsch.</p> + +<p>»Na, sieh an, es geht ja,« meinte er ermutigend in +seinem Kauderwelsch, »warum sprichst du nicht gleich vernünftig?«</p> + +<p>»Ich habe plattdeutsch gesprochen.«</p> + +<p>Seine winzigen Augen wurden so groß wie Taler.</p> + +<p>»Also das adelige alte Fräulein vom Wasserschloß +schickt Sie zu mir?« fragte er.</p> + +<p>»Ja, die Baronin, meine Freundin ...«</p> + +<p>»Sieh an,« meinte er und blinzelte, aber es schien ihm +keinen besonderen Eindruck zu machen. »Ich würde mich +an die Junge halten, wenn ich in deiner Haut steckte.«</p> + +<p>»Dazu ist die Haut nicht mehr heil genug,« antwortete +ich und wies auf meinen Rock.</p> + +<p>Der Alte spie aus. Es pfiff, ganz bestimmt traf er +irgend ein Ziel draußen auf dem Deich.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_158" title="158"></a> +»Die Weiber, um die es sich lohnt, haben noch keinen +Mann nach seinem Rock gewählt, das bilden sich nur die +Laffen ein, die nichts als ihren Frack besitzen. Aber was +man Grünschnäbeln sagt, ist in den Wind geredet. Eine +Kammer habe ich, was gibst du mir?«</p> + +<p>Wir einigten uns, da ich keinen Grund hatte, eine +Summe zu hoch zu finden, die ich doch nicht bezahlen +konnte.</p> + +<p>»Melden sich Herrschaften als Badegäste bei mir an,« +sagte der Alte, »so kannst du Unterkunft bei deiner Baronin +suchen.«</p> + +<p>Damit war ich einverstanden. Die kleine Kammer zu +ebener Erde enthielt nicht viel mehr als ein Bett, aber der +Boden war mit weißem Sand bestreut, und das Fenster +führte auf das Meer hinaus. Ich legte mein Bündel +gewichtig auf den Holztisch, als sei es schwer von irdischen +Gütern, aber der Alte hob es gelassen auf, wog es, um +das Gewicht nachzuprüfen, und ließ es wieder nieder. Er +sagte: »Nun ja ... wirst auch nur eine Mutter gehabt +haben.«</p> + +<p>Das verstand ich nicht ganz, aber es berührte mich +wohlwollend, denn es stellte eine Art Gemeinschaft +zwischen ihm und mir her, als habe er nach etwas gesucht, +das wir sicherlich beide einmal aufzuweisen gehabt +hatten.</p> + +<p>»Ich habe eine Nichte, die das Haus versieht,« teilte +er mir auf meine Frage mit, ob er allein lebe, »aber halt +dich an deine Schloßmuhme,« fügte er hinzu, »sonst hat's +gespukt.« Er nahm die Kissen vom Bett, um sie fortzutragen, +und ließ nur ein Tuch aus grobem Leinen über<a class="pagenum" name="Page_159" title="159"></a> +dem Rapsstroh liegen, mit dem die Lade angefüllt war wie +eine Krippe.</p> + +<p>Dann gingen wir miteinander durch die zwei andern +Stuben des Hauses und durch den Garten, der Alte zeigte +mir alles. Der Brunnen befand sich weiter draußen im +Feld, die Kartoffelbüschel waren schon groß, wie kleine +Sträuße, bald würden sie blühen. Ja, der sandige Boden +sei für die Kartoffel gerade das rechte. Aber seine Netze +und die Boote waren ihm doch das wichtigste. Ich bot +ihm meine Hilfe beim Fischen an, aber er spie nur aus, +und wir sahen miteinander dem Vogel seiner schmalen +Lippen nach, wie er das Weite suchte. —</p> + +<p>Ich verschlief den Mittag nah am Strand im Halbschatten +eines struppigen Busches. Da ich am Nachmittag +mit dem Alten im Kartoffelacker arbeitete, dessen Pflanzen +gehäufelt werden mußten, verstand es sich von selbst, daß +ich auch sein Brot und seine geräucherten Fische mit ihm +teilte. Gegen fünf Uhr kam seine Nichte aus dem Dorf +zurück, ein siebzehnjähriges Mädchen mit blondem Haar, +so hell wie Flachs. Ihre blauen Augen sahen ernst und +mit Zurückhaltung auf mich, aber ohne andere Einschätzung, +als die einer natürlichen Neugier. Ich wechselte +nur ein paar Worte mit ihr, als wäre es Geld, denn sie +war von unwahrscheinlicher Schüchternheit und nicht gewohnt, +andere Menschen als die Dorfbewohner zu sehen. +Auch wollte ich mich aufmachen, um im Wasserschlößchen +meinen geplanten Besuch zu machen. Gottlob war ein +schöner Tag, denn ich fürchtete mich davor, in den Rahmen +eines wohlbestellten Zimmers treten zu müssen, der Garten +war mir lieber. Ich ließ das Fenster meiner Kammer<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"></a> +leicht angelehnt offen stehen und verabschiedete mich ohne +Erklärungen.</p> + +<p>»Nimm den Butt mit«, sagte der Alte und gab mir +einen großen Fisch.</p> + +<p>Die gestielte Brille Tante Mimseys und dieser platte +Fisch waren mir Gewähr, eine gute Aufnahme zu +finden. Die Sonne stand nun hinter dem Land und das +Meer hatte sein Wesen geändert. Mir war, als sähe +man viel weiter hinaus über seine silberblaue Ebene, und +die <ins title="Möven">Möwen</ins> waren +blendend weiß und schwebten klar geschieden +und ruhig im farbigen Himmel. Alles war +wirklicher und verständlicher, die Lichtmysterien des +Sonnenaufgangs und die blendenden Bewegungen der +Elemente, die brausenden Wogen aus Glanz und Flut +waren gestillt und schienen sich voneinander getrennt zu +haben.</p> + +<p>Ich sah in der Landschaft, hinter Kartoffel- und Buchweizenfeldern, +eine Mühle am Horizont, deren Flügel sich +bewegten, wie Sonntagsspaziergänger. Es verband sich +mit dieser Gestilltheit eine leichte Enttäuschung, wie sie der +erste Tag in einer neuen Lebenswelt in seinem Verlauf mit +sich zu bringen pflegt. Auch sollte ich nun bleiben und +mich einrichten, das war mir fremd.</p> + +<p>Kajas Bild gaukelte in blauen Nachtschleiern und in +den Stürzen der Flut vor meinen Augen, verwoben +in die Elemente der Natur, zugleich Plan und Entzückung, +unerreichbar, um mich her und tief in mir. +Wie ruhlos machst du mich durch die Trennung, Kaja, +und welche Trennung von mir selbst ist die Beruhigung +deiner Nähe.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_161" title="161"></a> +Als ich beim Garten angelangt war, sah ich Tante +Mimsey an einem gedeckten Kaffeetisch sitzen. Ich blickte +durch die Büsche, die die Gartenpforte übergrünten, und +erkannte Niko auf ihrem Schoß, der schlief. Etwas +abseits stand Kaja vor einer Staffelei und malte. Es war +ein friedliches Bild von ländlichem Ruhn und Tun, und +ich fand in der Gewohnheit dieser Stunde die innere +Haltung mich ihr einzufügen.</p> + +<p>»Unser Student!« rief Tante Mimsey sichtlich erfreut +und hielt mir ihre liebe alte Hand hin, als gäbe es nichts +in der Welt, das je zwischen uns treten könnte. Kaja +drehte sich um, knixte steif und wischte ihren Pinsel am +Rasen ab, als ob sie einen Zaun anstriche. Niko sah den +Fisch und flüchtete. Er verschwand lautlos unter dem +Tisch, als ob er herabfiele und kam nicht mehr zum +Vorschein.</p> + +<p>Auch Tante Mimsey verriet Entfremdung, als sie den +Butt erblickte, den sie mit meinen Forschungen in Zusammenhang +brachte, und an dessen Tod sie erst glaubte, +als sie seine Bestimmung erfuhr. Sie dankte mir zärtlich, +ja, der alte Lüdersen sei ihr guter Freund und seine Tochter +Han habe sie auf den Armen getragen. Diese Erinnerung +rührte sie, sie verbarg ihre Bewegung. Als sie nun den +Fisch für tot hielt und ihre Brille mit frohem Dank +zurückgenommen hatte, fragte sie mich, wie ich zu Gott +stünde. Darauf vermochte ich nicht rasch zu antworten, +am wenigsten laut, ich sagte zunächst nur: »Danke gut«, +und überlegte mir die Sache. Kaja erschwerte mir den +geforderten Ernst, denn sie rief, ohne sich umzudrehen, +gleichmütig:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_162" title="162"></a> +»Brüll' einen Bibelspruch, sonst sind wir verloren!«</p> + +<p>Ich faßte mich und schrie: »Der Spruch meiner Einsegnung +war: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts +mangeln. Bisher hat er sich bewährt.«</p> + +<p>»Er wird es auch künftig tun«, sagte Tante Mimsey +liebevoll und schob mir ein großes Stück Kuchen hin.</p> + +<p>War ich nun anfänglich der Meinung, die Stellung +der alten Dame zu religiösen Dingen sei von jener beziehungslosen +Äußerlichkeit, wie sie so oft in welken Gemütern +angetroffen wird, die eher eines undurchdachten +Trostes als eines trostreichen Gedankens bedürfen, so irrte +ich mich, denn das alte Fräulein lebte in den Bildern und +Gestalten der Bibel, wie in ihrem Haus und Garten, +still, heiter und in kindlicher Anhänglichkeit. Ihr Fehler +bestand in der Hauptsache nur darin, daß sie niemanden +für glücklich zu halten vermochte, der ihre Welt nicht +teilte. Da ihr aber das ausgesagte Zugeständnis einer aufrichtigen +Teilnahme genügte, um eine Gemeinschaft für +erwiesen zu halten, war es leicht, ihr Wohlwollen zu finden, +ohne deshalb eine Unwahrheit zu sagen. Ich ärgerte mich +oft über Kaja, die ihre Zustimmung übertrieb, um zu +spotten, und in ihrer ironischen Bereitwilligkeit viel weiter +ging, als nötig war, um im Guten zu befriedigen. Aber +ihr Hohn war von so feiner Schärfe, er verriet eine solche +Kraft der Unterscheidung und des Anspruchs, daß ich an +meinem heimlichen Tadel irre wurde, denn ich empfand +sie als kalt, mich aber als lau.</p> + +<p>Sie ließ an jenem Nachmittag ihre Arbeit, kehrte ihr +Bild auf der Staffelei um und setzte sich zu uns. Ihr +Ausdruck von Arglosigkeit und Unschuld war so vollkommen,<a class="pagenum" name="Page_163" title="163"></a> +so ohne einen Schatten von Verstellung oder +Willkür, daß ich heiß erschrak und oft in einem Gefühl +so schmerzlicher Wehmut in die Reinheit dieser Züge sah, +daß ich glaubte, mein Herz schmerzen zu fühlen, wie in +einem kalten Ring ewiger Rätsel. Ihr leicht geöffneter +Mund, die holde Senkung der Stirn und das liebe +Forschen ihrer Augen überredeten mich so unmittelbar +zu einem wehen und süßen Gehorsam der Hingabe, +daß keine Macht im Himmel und auf Erden mich vom +heiligen Stolz dieser Pflicht geheilt hätte. Ich suchte +mit Angst nach den Merkmalen ihrer schrankenlosen +Sinnenfreiheit, nach den Wahrzeichen ihrer dämonischen +Lust zur Erde, nach den Todesrunen der Wollust +ohne Halt — kein Hauch von Schwüle oder Glut +lag um die klare Stirn, kein Feuer unheiliger Gier +des Bluts zeichnete das reine Weiß der Haut, die Kinderbläue +des heiteren Blicks, den Frieden ihres feinen Wohlstands.</p> + +<p>Diese Kindschaft der Natur, dieser Frohsinn, der dem +farbigen Odem einer Wiesenblume im Morgentau vergleichbar +war, hatte eine furchtbare Wirkung auf die +schmerzenden Glutwunden meiner Seele, und ich begriff +mit Erbeben den höllischen Geist dieser Entstellung aller +Werte, in der die heiligen Feuer meiner Leidenschaft und +Liebe mir unrein erschienen, und ihre dämonische Priesterin +von himmlischer Reinheit. Gott ward in meiner entflammten +und gequälten Vorstellung bald zu einem grausamen +und betrügerischen Spieler, bald zu einem Götzen, +der weit höheren Gesetzen unterworfen war, als sein +Schöpferwesen sie umfaßte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_164" title="164"></a> +Tante Mimseys biblischer Eifer ließ nicht zu, daß +ich mich mit Kaja oder meinem Gedanken beschäftigte, +diesen beiden Elementen, um derer willen mir das Leben +allein lobenswert erschien. Ich fühlte mich unter den +Belehrungen und Darbietungen der alten Dame wie +in einer gemütlichen Tortur, die mich zugleich in Erstaunen +setzte und ungeduldig machte. Wenn ich von +ihren Erörterungen und Erklärungen religiöser Fragen +für einen Augenblick abschweifte und, durch den Gegenstand +angeregt, an Asja dachte, so war mir, als sähe +ich von einem einfältigen Kartenspiel, auf dessen +Blättern bunte, biblische Figuren prangten, über einen +dunklen See zu den Bergen, deren Wipfel in der Sonne lagen.</p> + +<p>»Wir müssen einander lieben,« sagte Tante Mimsey +innig, »die Welt ist an Liebe arm, erst wenn wir diese +Absicht an den Tag legen, wird es besser.«</p> + +<p>»Es tut schon jeder, was er kann«, sagte Kaja, die +mir mit gefalteten Händen gegenübersaß.</p> + +<p>Tante Mimsey zog eine Bibel aus ihrem Täschchen, +gemeinsam mit einem Päckchen von Schriften. Sie schien +nach einem Gegenstand Umschau zu halten, der ihr fehlte; +endlich bat sie ihre Nichte um eine Nadel, und Kaja zog +eine aus ihrem Haar und reichte sie hinüber. Dann hielt +Tante Mimsey die Bibel zwischen beiden Händen so auf +dem Tisch fest, daß sie aufrecht emporstand und forderte +mich auf, mit der Nadel in die leicht zusammengehaltenen +Blätter zu stechen.</p> + +<p>Das war mir neu, und ich zögerte.</p> + +<p>»Mutig«, sagte Kaja freundlich.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_165" title="165"></a> +Ich stach, das Buch öffnete sich an der Stelle des +Spalts, und Tante Mimsey nahm die Brille.</p> + +<p>»Nun werden wir sehen«, sagte sie.</p> + +<p>Ich hatte den alten Habakuk erwischt, von dem ich +bisher nur gewußt hatte, daß er vor Zephanja kommt. +Tante Mimsey vergrößerte mit einer Lupe, was von +seinen Niederschriften gedruckt worden war, um das Zehnfache, +und begann zu lesen.</p> + +<p>»Komm um elf Uhr heute nacht«, sagte Kaja und +sah mich an.</p> + +<p>Langsam, als buchstabierte sie, las das alte Fräulein:</p> + +<p>»Ihre Rosse sind schneller denn die Parder und behender, +denn die Wölfe des Abends. Ihre Reiter ziehen +in großen Haufen von ferne daher, als flögen sie, wie +die Adler zum Aas ... Parder,« erklärte sie über die +Brille fort, »das sind wahrscheinlich Panther, früher sagte +man Parder.«</p> + +<p>Ich nickte Kaja Antwort zu, und mir war, als verströmte +ich mich in meinem Blick, meine Lippen erstarrten +mir wie unter einem herben Schmerz.</p> + +<p>Kaja senkte die Augen, deutlich befangen gemacht durch +meinen Blick, und von ihren hellen Lidern strahlte mir +mein unmögliches Wesen zurück, wie ein Strom von +Traurigkeit.</p> + +<p>Tante Mimsey begann nun, mir den Inhalt des gelesenen +Kapitels auszulegen, sie bezog die Wahrsagungen +des alten Propheten auf das kommende Reich des Heilands +und verglich die angeführten Übeltäter mit den +Feinden der Kirche, mit den Gottlosen der argen Tage, +in denen sie lebte. Sie kam dann zu meiner Überraschung<a class="pagenum" name="Page_166" title="166"></a> +darauf zu sprechen, daß deshalb die Wiederkunft des Herrn +unmittelbar bevorstünde.</p> + +<p>Kaja sah auf die Uhr.</p> + +<p>»Er wird wie ein Dieb in der Nacht kommen«, teilte +Tante Mimsey geheimnisvoll mit und sah warnend drein.</p> + +<p>»Herr Habakuk macht Schule«, meinte Kaja. »Die +Tante wird hellsichtig. Nimm dir heute nacht ein Beispiel +am Dieb und sei pünktlich.«</p> + +<p>Hiernach erhob sie sich artig, küßte der Tante die Hand +und ging, nachdem sie ihren Hofknicks vor mir gemacht +hatte, ins Haus. Nun wäre Andacht möglich gewesen, +wenn es nicht Niko im Sinn gelegen hätte, Kaja zu +folgen. In traumwandlerischer Sinnlosigkeit galoppierte +er unter seiner befestigten Kette, ohne von der Stelle zu +kommen, so daß der Kies flog. Tante Mimsey gewahrte +es nicht, weil sie sich wieder in Habakuk versenkt hatte. +Als ich sie endlich darauf aufmerksam machte, war Niko +atemlos, und sie geriet in große Bestürzung, denn sie hielt +seine stürmische Bestrebung für das Anzeichen einer Verrichtung, +die nicht hinausgeschoben werden durfte. Sie +ließ alles stehen und liegen wie es war, löste die Kette von +der Banklehne und ließ sich von Niko davonzerren. Beim +Haus gab es eine flüchtige Störung, weil das Tier die +Ecke zu rasch umeilte, so daß die alte Dame nicht ohne +Bedrängnis zu folgen vermochte; aber dann entschwand +auch sie meinen Blicken, und es wurde still im sommerlichen +Garten.</p> + +<p>Ich schritt unruhigen Sinns zum Meer hinab, erheitert +und zugleich unbefriedigt. Der Gleichmut der +Meerstimmen zog mich an, und solange ich nicht daran<a class="pagenum" name="Page_167" title="167"></a> +dachte, beruhigte er mich. Mein Ungenügen verwandelte +sich langsam in Traurigkeit, und ich sah den Lichtgang +der sinkenden Sonne auf dem Wasser. Ich glaubte +den weiten Schattenteppich zu erkennen, den die Parkbäume +aufs Meer warfen, die Möwen flogen mit +ruhigem Flügelschlag, rot beschienen, es war so still, +als sei die Welt verlassen. Der Seetang duftete schwül +und fremdartig.</p> + +<p>Ich war den kunterbunten Jahrmarkt der zurückliegenden +Eindrücke nicht mehr gewohnt und sah Kaja wie in +einem Narrenkleid einhergehen. Die Verführungen dieser +arglosen Alltäglichkeiten bedrängten mich bitterlich, obgleich +ich wieder und wieder versuchte, sie als das zu nehmen, was +sie waren, als Stundentand und Sinnenreiz des raschen +Tags. Aber mir war, als gelte es etwas unsagbar Wichtiges +zu retten, das in diesen Einflüssen herabgesetzt wurde +und verdarb. Es fiel Staub darauf, und alles wurde +kleiner und ärmer, es verlor die Feierlichkeit, und umher +standen hämische Verkünder der Erniedrigung.</p> + +<p>Einst fühlte ich die Nacht kommen wie einen Menschen +und vermochte in meinen Gedanken zu verweilen, wo +immer ich wollte. Die Sterne und Stunden waren meine +Geschwister, und ich hatte Zeit, als verteilte ich Ewigkeiten. +Ich lebte allein und ging Gott entgegen, ich sah +die Erde in die Gestirne eingereiht, und es war selig beliebig, +welcher von ihnen mich trug. Jetzt war es die +Erde ... Aber je länger ich im Sande lag, die Stirn +gegen den Himmel, und je weiter die Nacht in tiefer +Klarheit zum Meergesang hereinbrach, um so größer +wurden die Sterne und um so kleiner die Erde.<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"></a>—</p> + +<p>Es mochte dicht vor Mitternacht sein, als Kaja mir +im Garten entgegenkam. Der Mond, eine schmale Silbersichel, +schien nur spärlich durch die Baumkronen zu uns +nieder. Das Mädchen war groß und frauenhaft in diesem +geheimnisvollen Licht, ich erkannte ihre Gewandung nur +undeutlich. Wir sprachen unwillkürlich leise, obgleich kein +äußerer Grund dazu vorlag, das Haus war totenstill und +dunkel und der Park im leeren Land wie eine Insel. Das +Gras duftete feucht, und die Grillen feilten an ihren undeutbaren +Stätten.</p> + +<p>»Wir wollen das Siebengestirn am Himmel suchen,« +sagte Kaja, »komm ans Meer. Ich weiß nicht, warum +es mich vor allen anderen Gestirnen anzieht, wir haben +sicher alle irgendeine Beziehung zu einem besonderen Stern. +Es ist eine geheimnisvolle Undeutlichkeit um dieses Sternenbild, +wenn du es genau zu erkennen trachtest; schließt du +aber die Augen halb, so erstrahlt es am hellsten wie eine +kleine Lichtwolke. Du weißt den siebenten Stern und siehst +ihn nicht, dann wieder siehst du ihn und glaubst es nicht. +Ich beschäftigte mich viel mit den Sternen.«</p> + +<p>Sie sprach mit großem Ernst und wichtigen Gebärden. +Ihr Fuß auf dem Boden war lautlos, es ging eine heimliche +Wärme von ihr aus, ein Sommerduft und -leid. +Ich taumelte und verstand nicht auch nur ein Wort zu +sprechen.</p> + +<p>»Man sollte viel mehr an die Sterne denken, tust du +es? Hast du nicht gemerkt, daß man es immer nur ganz +kurze Zeit kann, es ist doch schade. Ich möchte die Sterne +>tun<, verstehst du das? Wie man die Liebe tut, daß das +Verlangen einmal still wird, und die Seele freundlich<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"></a> +atmet und glücklich ausruht. Ich glaube, die Gestirne +bewegen sich, um einander näher zu kommen ... lachst +du mich aus?«</p> + +<p>Sie nahm ihren Mantel von den Schultern und gab +ihn mir. Sie trug darunter nichts als ihre blasse Mädchenherrlichkeit.</p> + +<p>»Ist der Mantel schwer, daß du seufzt? Als ich ein +kleines Mädchen war, noch fast ein Kind, gab ich den +Sternen Namen. Ein jeder hieß nach den Empfindungen, +die ich hatte, wenn er gerade über mir stand, wenn ich zu +mancherlei Stunden im Boot oder auf dem Küstensand +lag. Dieser hieß >Trauer<, jener >Unverstand<, dieser +>Frohsinn<, und einer hieß >Sünde der Nacht<. Ich +haßte und liebte ihn, er erinnerte mich immer wieder an +das Blutheimweh der Einsamkeit, er flimmerte in allen +Farben. Ich verklagte ihn und sprach: Du hast mir +alles gesagt. Einen anderen nannte ich >Erlöser<, zu ihm +betete ich, bis ich sie alle nicht mehr brauchte. Das war +auf einer Fahrt mit einem jungen Fischer in den Ferien. +Ich war sechzehn Jahre alt. — Hier ist es gut, der Sand +ist noch warm. Wie blaß du in diesem Licht bist, Lieber. +Nun leg deine Kleider ab, wir wollen baden. Ich möchte +dich ruhig betrachten, es tut so wohl, tröstet, kühlt und +heiligt mich. Ich sehe dich jede Nacht so, jede Nacht im +Einschlafen und Traum.«</p> + +<p>»Du hast noch keine Nacht verträumt, seit du mich +kennst, Kaja.«</p> + +<p>»Dich? Habe ich von dir gesprochen? Nein, ich +meine den Mann. Wie soll ich es dir sagen, da ich +doch nicht zu reden verstehe, wie ihr. Oft staune ich<a class="pagenum" name="Page_170" title="170"></a> +über eure Worte und Reden, aber ich höre euch gerne +sprechen, es berührt so nah und wärmend, oft könnte +ich mich in die Worte der Männer betten, wie in +ein Lager von Wohlklang. Ich verstehe die Männer +immer.«</p> + +<p>»Hast du auch mich in der letzten Nacht verstanden, +als ich unter deinem Fenster sprach?«</p> + +<p>»Ja, du wolltest zu mir hinauf, ist es nicht so?«</p> + +<p>»Ja, Kaja, ja. Ich habe nichts als das gesagt.«</p> + +<p>»Wie du glühst! Oh, du bist gut und schön.«</p> + +<p>»Ich weiß nichts mehr und will nichts mehr sagen, als +daß ich zu dir will.«</p> + +<p>»So sprichst du nun, hat aber die Herzglut sich erstürzt, +so wirst du mir viel sagen; auch das Schweigen +ist dann so lieblich, wie Tau. Jedoch ich liebe sehr, wenn +ihr sprecht, ihr wißt ja so wenig, ach, so wenig, ihr Beherrscher +der Erde, ihr süßen, lieben Diener ihrer Weiden. +Wenn eure Worte dann ernst und wichtig erschallen, +gnädig oder wohl auch erzürnt, kühler oder gieriger, nach +eurem Gehorsam, dann begleiten sie die großen Melodien +meines Bluts, klingen über dem Meer, kräuseln freundlich +die wogende Flut, die entzündete, die sich nicht beschwichtigt, +wie euer Sturm. Dann trag ich dich, ob du +mich küßt oder schlägst ...«</p> + +<p>Sie erhob den zurückgelegten Kopf und sah mich verstört +an: »Was sag ich denn nur, sei nicht böse ...« +Sie ließ sich langsam niedersinken und lag nun, als sei +sie an den linden Sandhügel gekreuzigt, die Arme weit +ausgebreitet, in reiner Kühle, ohne Durst. Sie sah mich +Knienden mit Mund und Augen blicklos an, bis sich ihr<a class="pagenum" name="Page_171" title="171"></a> +Knie ein wenig hob und zur Seite neigte, und Landschaft, +Meer und Sterne stürzten in ihren schaurigen Befehl.</p> + +<hr /> + +<p>Der Mond war untergegangen, wir hatten nur noch +Sternlicht am Ufer, und die Nacht war von majestätischer +Größe. Sie erhob sich in einer blauen Sternwand über +dem bewegten Meer, das sich schwarz und mächtig vor +uns ausdehnte. Die Himmelsbilder am Horizont waren +in einen feinen Flor gelegt, aus wärmeren Gründen stieg +es zu herrlicher Klarheit auf. Vielleicht schlief Kaja; oder +lauschte sie, wie ich, auf die Stimmen des Wassers? Ich +fröstelte leicht in dieser Kühle der Nacht und sah das edle, +gesetzmäßige Raummaß des Orion über mir erstrahlen. +Der lose Sand gab jeder kleinen Regung des Körpers +nach, und trug uns, als täte er es leicht und gern. Langsam +wich alles Gefühl für Zeit aus meinem Bewußtsein, +so daß ich nur mein Herz und Blut noch hörte, die Quelle +über dem Sand.</p> + +<p>Zuweilen hob ich die Stirn und schaute über Kajas +entfesselten Leib hin. Sie lag da, als erflehte sie in einem +tiefen Weltentraum, mit allem Sein und Sinnen, die +Liebe des ganzen Alls, Sonne, Regen und Wind. Sie +verschmolz mit dem dämmrighellen Strand und bildete +gegen den Meerhimmel eine Landschaft. Diese vom +Sternlicht sanft beschienenen Höhen und Täler waren +uralt, steinern, ein Weltgesicht und zugleich Form des +zaghaften Gemüts meines von Andacht und Ahnung +wunden Wesens, dessen arme und flüchtige Bewußtheit, +haltlos vor Ergriffenheit, vor dem Geheimnis bebte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_172" title="172"></a> +Da überwältigte mich tief von innen her eine große +Erschütterung, die ich nicht benennen kann, die, ein Geschehnis +ohne Klarheit, doch eine mächtige Wahrheit in +meinem Leben ist. Es zwang mein Gesicht in die Hände, +und ich kämpfte, wie gegen ein Ungeheuer, gegen das +furchtbare, wilde Schluchzen an, das mich ergriff. Es +schüttelte mich, als wollte es mich aus einem langen Schlaf +der Seele erwecken, der aufhören mußte, um nicht überzugehen +in Erstarrung und Tod, und als es sich löste, in +einer Hilflosigkeit ohnegleichen, verströmend wie für immer, +lag ich fest, fest in Kajas Armen und weinte zum erstenmal +darüber, daß Asja gestorben war.</p> + +<p>Ich hörte Kajas tiefe, süße Stimme, sie sprach, ihren +Mund dicht über meinen Augen; ihr Haar fiel wie eine +Wand aus dunklem Nachtgold nah an meiner Wange +nieder. Ihr Körper deckte mich zur Hälfte, kühl und doch +wärmend, wie auch ihr Atem, der, von holder Nähe +überströmend, ihre Worte auf mich niederhauchte, daß +Geist und Sinne sie bei meiner tiefen Schwäche gleicherweise +tranken.</p> + +<p>»Sag doch, o sag, was ich für dich tun kann, Lieber!«</p> + +<p>Ich schloß die Augen, die ganze Erde blühte.</p> + +<p>Sie bettete meine Wange in ihre Hand, in diese Hand, +die die Lust so lieblich regierte und die der Schmerz hilflos +machte. Sie berührte mich so ängstlich wie ein Kind:</p> + +<p>»Du bist ja ein Knabe,« sagte sie, »ein Kind. So +sprich doch, ach, ich bitte dich, sprich!«</p> + +<p>Nach einer Weile fuhr sie klagend fort:</p> + +<p>»Kannst du nicht sprechen? Betrübe ich dich? Ich +bin dir ja gern zu Willen, und du darfst nicht von mir<a class="pagenum" name="Page_173" title="173"></a> +glauben, daß ich arm und häßlich bin. Ich gehöre ja dir, +kannst du es nicht glauben? Geh doch nicht fort tief innen, +wohin treibt es dich denn? Aber sprich doch, sprich doch!«</p> + +<p>Sie schmiegte den leichten, suchenden Leib inniger an +mich, und schaurig still, wie Gewitter am Himmel, +entzündeten Schmerz und Freiheit der Seele in mir +sich über Zorn und Haß zu einem gewalttätigen Opferdank. —</p> + +<p>Sie lachte leise auf, zitternd im Gewinnen, tief erheitert, +doch ohne Stolz, plötzlich in den drohenden Ernst +ihres unerbittlichen Rechts gestellt, im Eigensinn der brennenden +Begabung. In März- und Sommerglut und +hellen Frösten durcheilte ich die weiten Landschaften, die +meine Augen gesehen hatten, Jahre vergingen, in Sekunden +gedrängt, Augenblicke dehnten sich, in Silberfahnen +gestaltgewordener Sehnsucht von Gestirn zu Gestirn gespannt, +das Meer stürzte über die schneidende Firn der +Ohnmacht aller Kraft, und mit der Rückkehr hallte es, mit +der wieder emporsteigenden Nacht, über die gleitenden +Grenzen der Bewußtheit hin: Tausend Jahre sind wie +ein Tag. —</p> + +<p>»Kaja, liebe Kaja, ich will einen weiten, stolzen Weg +des Lebens machen, anders als alle. Ich will einen guten +Gürtel haben, rasche Füße, frohe Augen. Wie offen liegt +die Welt der Tage und Nächte, alles ist frei und nichts +getan.«</p> + +<p>»Du träumst ja schon«, sagte eine Stimme dicht über +mir.</p> + +<p>Zwei Hände zogen liebevoll einen Mantel über mich, +wie eine Decke.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_174" title="174"></a> +»Bald kommt der Morgen, Kaja ... sprach ich nicht +vom Morgen zu dir, als ich dich noch nicht kannte, als +ich im Dunkeln zu dir kam, damals unter dem Fenster?«</p> + +<p>»Friert dich nicht?« fragte die Stimme, »schlaf nun, +bald wird es hell.« —</p> + +<p>Als ich erwachte, stand der Morgenstern über dem +Meer. Er leuchtete so hell am Horizont, daß mir war, +als füllte sein ferner Glanz mich an, als sei mein Leib +durchscheinendes Glas. Das Meer war schon farbig, ein +leichter Wind strich über das Wasser. Neben mir im +Sand sah ich die Spuren des holden Lebens, das mich +diese Nacht erfüllt hatte. Kaja war fort, es war alles +umher still und leer wie am ersten Tag. Eine Fröhlichkeit +ohnegleichen stieg in meiner Seele empor, meine Augen +empfingen das Bild von Meer und Erde im Morgenlicht, +das zu immer größerer Macht anwuchs.</p> + +<hr /> + +<p>Ein paar Tage darauf begleitete ich Han, Lüdersens +Nichte, im Wind über den Deich. Es war ein trüber, +stürmischer Tag und das Meer tobte. Han sah es selten +an, es hatte schon in ihre Wiege geklungen, sie hatte es +schon als Kind im Boot ihres Vaters befahren, aber sie +hörte mir gerne zu, wenn ich über das Meer sprach.</p> + +<p>»Eigentlich sollte ich es dir erzählen«, sagte sie und +lächelte schüchtern.</p> + +<p>»Nein, Han, du gehörst dazu.«</p> + +<p>»Ja,« sagte sie, »so ist es.«</p> + +<p>»Kennst du die Leute vom Wasserschloß? Die alte +Baronin, Proker, den Diener, die Köchin mit der Haube<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"></a> +wie ein Beduinenzelt und Niko? Aber wie solltest du sie +nicht kennen ... das ist ja natürlich.«</p> + +<p>»Ja, ich kenne sie alle,« sagte Han, »auch das junge +Fräulein.«</p> + +<p>»Kaja, ach ja.«</p> + +<p>Han wandte den Kopf mit den braunen, festen Wangen; +das helle Blau ihrer Augen war farbig und hart wie +Glas, ein untrübbares, leeres Licht ohne Wehmut und +Süße. Aber sie schlug die Augen nieder und sagte:</p> + +<p>»Also, dann sprich von ihr ...«</p> + +<p>Ich erschrak.</p> + +<p>»Was ist von ihr zu sagen, sie ist sehr schön. Wenn +man neben ihr dahingeht oder mit ihr redet, so verwandelt +sich alles und bekommt seinen Wert durch sie ...« +Ich stockte und schwieg.</p> + +<p>Der Wind pfiff schneidend, wir gingen vom Deich +hinab, um uns zu schützen, und tappten weiter durch den +losen Sand. An geschützteren Stellen wuchsen Heidekraut +und Ginster, da schritt es sich leichter.</p> + +<p>»Hier hat das Meer einmal den Deich durchbrochen«, +erzählte Han. »Es war eine Sturmflut, alles lag unter +Wasser, und der Leuchtturm und die Station standen auf +einer Insel.«</p> + +<p>Sie erzählte mir dann von ihrem Onkel Lüdersen, der +weite Reisen gemacht hatte; ihre Eltern lebten in der +Stadt. Alles kam herb und mühsam über ihre Lippen, +es war, als täte das Sprechen ihr weh; die Arbeit, die +mit dem ganzen Körper getan werden konnte, ging ihr +gefälliger vonstatten, Schreiten und Rudern und das +Schaffen an den Netzen oder im Garten. Sie sagte:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_176" title="176"></a> +»Sie kam vor vier Jahren das erstemal zu uns, ich +habe die Hände falten müssen, als ich sie sah. Ich brachte +die Koffer auf der Schiebkarre.«</p> + +<p>»Wer? Wer kam?«</p> + +<p>»Das Fräulein doch ...«</p> + +<p>»Ach so, kam sie vor vier Jahren?«</p> + +<p>»Ja, für den Sommer. Das erstemal nur kurz, +weil Veit Geesten ertrank.«</p> + +<p>»Wer war das?«</p> + +<p>»Ein Fischer.«</p> + +<p>»Was hat das mit ihrem Kommen und Gehen zu +tun?«</p> + +<p>»Das war so.«</p> + +<p>»Sag mir doch, was du weißt, Han.«</p> + +<p>»Ich weiß nichts,« sagte sie böse, »ich hab auch nichts +gesagt.« Wir waren uns plötzlich fremd und schwiegen +beide. So ließ ich sie denn allein ihren Weg machen und +legte mich in den Sand, bis der Abend und der Regen +mich heimtrieben. Eine Brigg kämpfte auf hoher See, +sie hatte wenig Segel gesetzt und sah merkwürdig zerzaust +aus, ohne Licht und wie auf einen Fleck gebannt, schaukelte +sie in den grausamen Wasserbergen. Die graue, +große Seewelt um mich her breitete ihre Öde in meinem +Gemüt aus, und ich kämpfte gegen sie, wie draußen das +Schiff gegen die Wogen.</p> + +<p>Wenn ich die Augen schloß, sah ich einen hell erleuchteten +Saal von großer Pracht, der mit festlich gekleideten +Menschen angefüllt war. Eine verborgene Musik spielte, +fröhliches Lachen und das Klingen von Weingläsern erschollen. +Die Kleider der vornehmen Frauen waren aus<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"></a> +kostbaren Stoffen und es schien, als erleuchteten ihre +Schultern und Arme den Saal. Ich suchte mit meinen +Augen Kaja. In einem Winkel der Vorhalle lehnte sich +eine dunkle Herrengestalt über ein Mädchen, das fast noch +ein Kind war. Da sie nicht zu ihm aufsah, musterten +seine Augen sie mit schleichender Habgier, verächtlich und +begierig. Sie lächelte schüchtern vor sich hin, und als sie +die Blicke hob, fing er sein Gesicht und schaute einfältig-gütig +drein. Ein Diener mußte Vorwürfe anhören, er +schwieg, bleich und leblos, wie eine Säule. Endlich +kam Kaja. Sie ging sehr rasch und die geschmeidige +Kraft ihres Körpers wirkte aufreizend, aber ihr Verhalten +gebot Ehrfurcht. Zwei junge Herren begleiteten +sie, ein greiser Ritterlicher empfing sie, und mit der +Huldigung, die er ihr bot, fügte sich der ganze Saal +ihrem Zauber.</p> + +<p>Ich riß die Augen auf. Lüdersen hatte schon Licht, +aber ich ging noch ein paar Schritte über sein Haus +hinaus, um nach dem Wasserschloß auszuspähen. Ein +dunkler Waldfleck in der grauen Strandöde war alles, +was ich sah. Der nasse Sturm trieb mich ins Haus. —</p> + +<p>Aber die feuchten Schleier über der Welt wichen wieder +dem Sommerwind, und als eines Morgens die Sonne +strahlend über dem Meer aufging, glitzerte ihr Licht in +der Feuchtigkeit der Buchenwälder. Der Strand wurde +wieder weiß und säumte das bewegte Meer. Man sah +weit, weit hinaus zur Rechten und Linken. Die Brust +hob sich mit dem frischen Blick und das Gemüt war wie +verwandelt. Es war als würden Himmel, Meer und +Erde für ihre Geduld gelohnt, sie waren neu wie am ersten<a class="pagenum" name="Page_178" title="178"></a> +Tag, und keine Entstellung aus einem Kampf gegen das +Ungemach der trüben Zeit war an ihnen zu finden.</p> + +<p>Ich traf Kaja im Wald, dicht am Strand, wo das +Wasser blau durch die Bäume glitzerte. Sie schritt hell +und rasch durch die goldenen Lichtwege der Sonne und +sang.</p> + +<p>»Da bist du!« rief sie fröhlich, »wo warst du so lange?«</p> + +<p>Das hatte ich sagen und fragen wollen. Sie war ohne +Entzücken und ohne Enttäuschung, von einem beseligenden +Wohlstand in sich selbst, und unter ihrer heiteren Gelassenheit +glitten rasch und schaurig die dunklen Stunden +der letzten Tage und Nächte an mir vorüber. Der Regen +an den trüben Scheiben, der quälende Seewind, der überall +pfiff und rüttelte, dieser unheilige Störenfried voll Beunruhigung, +das feuchte Stroh meines Betts, Hans +tödlich geduldiges Mädchenwesen um mich her, diese halbnackte, +sinnlose Gemahnung, die mich umgeben hatte, wie +ein einfältiger Hohn auf meine Verlassenheit.</p> + +<p>»Was weiß ich«, antwortete Kaja wohlgemut auf +meine Frage, wie sie die Regenzeit verbracht hätte. »Die +Sonne scheint ja, es ist ja vorüber. Tante Mimsey hat +täglich nach dir gefragt, du hast wirklich ihr Herz gewonnen, +brich es nicht und geh zu ihr.«</p> + +<p>Sie sah mich neugierig an.</p> + +<p>»Ach, die <ins title="Tante ..">Tante ...</ins>«, sagte ich.</p> + +<p>»Unterschätz' das nicht,« meinte Kaja, »mit den alten +Weibern hast du die halbe Welt, das wissen die wenigsten. +Was kann dir an den Männern liegen, du bist ja +selber einer.«</p> + +<p>»Hast du Freundinnen, Kaja?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_179" title="179"></a> +»Das brauchtest du nach meiner letzten Weisheit nicht +mehr zu fragen.«</p> + +<p>»Ich frag' auch nur, weil ich bestätigt haben möchte, +daß du keine hast.«</p> + +<p>»Ich hatte eine, damals vor ...«</p> + +<p>»... vor Veit Geesten.«</p> + +<p>»Ja. Wenn du sie gesehen hättest, so würdest du mich +verlassen haben, wie man ein Schiff verläßt, das am Ziel +angelangt ist. Ihr Körper war wie Glas und warme +Seide; sie war so zart und schweigsam, am Tage ging +sie wie eine kleine Heilige still umher, ihre Hände schienen +nach Hilfe zu suchen, und ihre Lippen mußte man berühren, +um zu verstehen, was sie verschwieg. Nachts blühte sie +auf, im Dunkeln, und tanzte auf der Waldwiese im +Mond. Wenn ich über ihr Haar strich, es war weich, +wie laues Wasser und du fühltest es kaum über der Haut, +dann ahnte ich mein Liebesgeschick, den schmerzlichen +Frühling.«</p> + +<p>»Ist sie auch tot?«</p> + +<p>»Aber wieso denn?! Sie hat einen Mann geheiratet, +aus dessen zwei Wangen du ihren Körper hättest formen +können. Als wir uns wiedersahen, wandte sie sich ab. +Sie ist also glücklich. — Du nimmst alles so ernst.«</p> + +<p>Ich dachte, sie weiß nicht, daß ich die Nächte unter +ihrem Fenster gestanden habe, daß ich ruhlos durch die +Wälder geirrt bin und am Meer dahin, bis ich mich im +feuchten Sand bettete, in den ich sank. Han hatte heimlich +heißen Wein in meine Stube gebracht, sie sah die +stumme Schmach meines Leids mit blicklosen Augen, wie +ein Spiegel, der doch das Bild mit sich fortträgt. Oder<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"></a> +weiß Kaja dies alles doch, fragte ich mich, und hat es +durchlebt, wie ich es durchlebt habe? Hat sie gehofft, ihr +Fenster möge von den Steinchen erklingen, die ich im +Dunkeln im Kies ausgewählt und doch nicht emporgeworfen +habe?</p> + +<p>Mein Ungenügen, Zweifel und Zorn wurden zu Blick- +und Sinnengestalt, im Uferlosen meiner Gedanken war +kein Halt zu finden. Der Wert meiner Hoffnung erzitterte +und schmückte Kajas leichtes Kleid am Fall des +Knies, wo er haften blieb, wie mißachtetes Geschmeide, +wie ein verratenes Heil. Ihr Kleid war aus ockerrotem, +hellem Stoff und fiel und schmiegte sich, als sei der leichte +Sommerwind ein Meister, der mit diesen wehenden Hüllen +den jungen Körper maß und prüfte. Die Arme waren +nackt und die langen, schlanken Beine, unsichtbar schauhaft, +wie der Wert im Gold, gingen nicht nur ihre +Frauenschritte auf dem weichen Moosboden, sondern sie +rühmten in lockendem Gleichtakt den Sommerhauch, die +warme Erde und einen hellen, schluchzenden Tod.</p> + +<p>»Pflück' die Blume dort, Kaja!«</p> + +<p>Sie bückte sich nieder, tat es und gab sie mir.</p> + +<p>»Wozu? Was willst du damit?«</p> + +<p>Da sah sie in meine Augen und erbebte fröstelnd in +einem tierhaften Blick von Prüfung und Gunst.</p> + +<p>»Wir gehen baden, komm«, sagte sie rasch und ihre +Neigung des Kopfs, der zaghafte Schritt voran und +ihre Hand in meiner taten einen Himmel von wilder Freiheit +auf. Der Sand und Wogenschlag empfingen uns, +warmer Wind und ein Licht, das uns taumelnd machte +und in eine herbe Verzücktheit von Lust und Unschuld hob.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_181" title="181"></a> +Ihre Kleider wehten von den Hüften wie buntes Licht, +sie lagen bald hier und dort im Sand umher, bei meinen +groben Stiefeln, die einst der Schuster Stevenhagen geflickt +hatte.</p> + +<p>Wie gut macht Nacktheit, sie heilt und reinigt, in +jener herben Kraft der leichten Enttäuschung, die sie nach +den schwülen und süßen Ahnungen des Begehrens mit +sich bringt. Kaja atmete hoch und mächtig, als sie langsam +ins Wasser schritt, denn die Flut war noch kalt. Erregt +und unbedachten, unsicheren Schritts vermochte sie +nichts zu beachten, das ihre Dargebotenheit milderte, sie +lachte nicht und ihr besonnener Ernst im Genuß aller +Sinnesgaben wirkte auch hier wie ein mit Vorbedacht +gesteigerter Wille zur Herrschaft. Sie wandte sich halb +um und rief mir etwas zu, das die Brandung verschlang. +In der ungeheuerlichen Linie der Meerbucht, im Sonnenall +der blau-weißen See- und Strandweite war nur sie +zu sehen, als wäre sie unter dem Himmel allein.</p> + +<p>Die salzige Flut trug uns weit hinaus, die leise Beklemmung, +die das Meer mit sich bringt, sein herber Duft, +die Wasserschwere, der Glanz der grünlichen Wogenberge +verwandelten uns zu neuen Geschöpfen einer freieren +Schickung. Vergehen und Vergessen zogen in unsere +Seelen, wie Wiedergeborene schwebten wir in gelinder +Kampfesmühe über der unsichtbaren Tiefe, im Spiel erlöst, +in weitausholenden Regungen der Glieder befriedigt, +berührt und kühl geborgen, wie kein anderes Element aufzunehmen +vermag.</p> + +<p>Der heiße Sand empfing unsere durchkühlten Körper, +Kaja saß aufrecht und sah in die Weite. Ihr frauenhaftes<a class="pagenum" name="Page_182" title="182"></a> +Mädchenhaupt mit der gehaltenen und klargeschiedenen +Haarfülle, die tief in den Nacken sank, ohne sich +gelockert zu haben, hob sich gegen den ehern schillernden +Himmel ab, in frommer Majestät. Die liebliche Vollendung +der Natur in diesem herrlichen Gebilde erschütterte +mich tief und die Unnahbarkeit dieser Pracht und Fülle +nahm mich in einen Bann von Ehrfurcht. Daß ich gewagt +habe, auch nur zu dir zu beten, erschreckt mich schon, +dachte ich, und nun — ist es denn Wahrheit? — würdest +du mir zürnen, wenn ich nicht mit aller Macht meiner +Seele und meines Leibes der rauhe Diener deines Wunsches +würde? Laß mich die Augen schließen, bis mein Glück +stärker als meine andächtige Besinnung wird, ich kann +nicht schuldig werden durch Willkür und Tun, die Allmacht +der aufschreckenden heißen Pflicht muß zu mir +kommen und mich erwählen. Ich will dein Weg sein, +du Schmerz und Glut, aber niemandes Herr. Aus meiner +Andacht soll deine Fackel brechen, stärker als sie.</p> + +<p>»Ich mag oft nicht haben, wenn du schweigst,« sagte +Kaja plötzlich und lächelte fragend, »dann ist mir, als +sammelte sich in dir dunkles Feuer, und ich fürchte mich. +Leg deine Hand auf meine Brust, oft möchte ich deine +Schwester sein, aber es ist ja Torheit, ich bin keines Menschen +Schwester. — Wenn du mich berührst, wirst du +ruhiger, ich fühle es ... Wie nennst du mich? Ach, +sag nicht solche Namen und Worte, ich weiß, daß du +gut von mir denkst, viel zu gut, und als sähest du mich +durch lauter Zauberspiegel. Ich bin ja so einfach. Ein +Wort genügte, aber das gibt es nicht unter den menschlichen +Worten. Nach diesem Wort sucht ihr Männer<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"></a> +alle, euer Suchen ist so schön. Ich kenne das Wort +auch nicht, aber seinen Sinn. Ich habe und weiß und +behalte ihn heute. Ich bin da, und ihr sagt es mit tausend +Worten. Klug, sagst du, sei ich? Ja, vielleicht bin ich +klug, da ich nichts sein möchte, als das, was ich bin. Du +bist jung, viel jünger als du weißt, viel jünger als ich, +obgleich du mich ein Kind nennst. Ich höre dies und +alles, als hätte ich es schon tausend Jahre lang gehört!«</p> + +<p>»Du fährst auf einem Nachen in der Sonne, Kaja, +das Wasser glitzert und trägt dein leichtes Boot. >Das +Licht spiegelt sich in den Wellen und in meinen Augen!< +rufst du, aber auch tief, tief in den Grund sinkt Licht.«</p> + +<p>»Oft lockt die Tiefe«, sagte sie ernst.</p> + +<p>»Du weißt nichts von ihr, Kaja.«</p> + +<p>»Sie trägt mich,« sagte sie leise, »so ist es gut.«</p> + +<p>»Ja, so ist es gut, liebe Kaja, oh, ich bin glücklich!«</p> + +<p>»Warum sagst du das, als schmerzte es dich; weißt du, +daß ich dich manchmal beneide?«</p> + +<p>»Um was, Kaja?« Durstig suchte ich ihren Blick.</p> + +<p>Sie sah mich groß und suchend an, als sollte ich die +Antwort geben, ihr Kopf kam mir nah und ich spürte +ihren Atem, den Lebensduft der Frage, die sie tat, die +Antwort, die sie gab, die Lippen, den kühlen, blassen Leib.</p> + +<hr /> + +<p>Ich mußte Tante Mimsey besuchen, das sah ich ein, +nach all den Tagen der heißen und herrlichen Freiheit, +die mich durch Wald und Wogen um ihr stilles Haus +geführt hatten. Da ich Kaja die letzten zwei Tage nicht +gefunden hatte, von Schlaf und Trauer wie ein Verwandelter<a class="pagenum" name="Page_184" title="184"></a> +gepeinigt, im Schein der großen Erinnerung, +die wie die Sonne über allen Stunden stand, war mir +der geplante Gang in zweifachem Sinn wichtig, und ich +machte mich zur gewohnten Nachmittagsstunde auf.</p> + +<p>Zu meinem Erstaunen saß zwischen den beiden Damen +am Teetisch ein junger Herr. Was war natürlicher und +was hätte mich mehr in eine planlose Bestürzung werfen +können, aber ich konnte nicht mehr umkehren und nahm +mit Gewalt alle Unbefangenheit zusammen, die ich irgend +aufzubringen vermochte, beschleunigte meinen Schritt und +tat, als wollte ich wieder gehen, noch ehe ich recht angekommen +war.</p> + +<p>Die beiden jungen Leute erhoben sich zur Begrüßung, +Tante Mimseys zarte Hand und ihr liebes Lächeln ermutigten +mich, ich fand darüber meinen Weg, der als ein +Weg zu ihr und nur zu ihr gelten sollte, das wollte ich +deutlich betonen. Wie verständlich war es, dieser liebevollen, +alten Dame eine ehrfürchtige Aufwartung zu +machen. Sie nahm sich meiner gütig an, wie griff sie +gnädig und zart, in dankbarer Gewährung, meine arme +Gabe auf, deren Not sie nicht ahnte.</p> + +<p>Die Hand des jungen Herrn ruhte kurz und fest in +meiner; sichere, lebendige Augen prüften mich unbefangen, +ein klein wenig spöttisch, aber nicht mehr, als man einem +Befremdeten gern verzeiht, da man ihm das Recht zugesteht, +die eigene Befangenheit dahinter zu verbergen. Er +war groß von Gestalt, schlank und kräftig, sein lebensvoller +Blick glitzerte ein wenig, aber nicht hart, sondern +fröhlich und klug. Seine Züge, alles andere als knabenhaft, +waren eindringliche Lebensrunen, die von Erlebnissen<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"></a> +sprachen, aber das Alter schwer erraten ließen. Er überließ +mich nach der Begrüßung ganz Tante Mimsey, es +schien, als sei er gewohnt, daß Menschen und Dinge an ihn +herantraten, seine Zurückhaltung war selbstbewußt. »Eberhard« +verstand ich; wo war doch der Name schon gefallen?</p> + +<p>Kaja war ernst und undurchdringlich wie immer, vielleicht +ein wenig ernster als sonst. Was bedeutete dieser +Ernst? Ich wappnete mein Herz in bebenden Klammern +des Willens zu bestehen, und begriff die Feindschaft nicht, +die in mir erwachte.</p> + +<p>Tante Mimsey glaubte mir schuldig zu sein, mich nach +den Resultaten meiner Forschungen zu fragen, ich mußte +so antworten, daß mir unter gleichmütigeren Fragen einer +späteren Prüfung von anderer Seite zwei Wege offen +blieben.</p> + +<p>»Der Vetter hat uns mit seinem Besuch ganz unerwartet +überfallen«, erzählte mir Kaja und sah an mir +vorüber, während sie sprach, so daß ich nur eine törichte +Antwort geben konnte. Das Gespräch ging stockend und +planlos hin und her, Tante Mimsey schwenkte ihr Horn +in alle Richtungen und verstand nur das, was nicht für +sie bestimmt war. Endlich gab sie es auf, teilzunehmen +und kraute Niko.</p> + +<p>»Sie studieren Naturwissenschaften?«, fragte mich +Vetter Eberhard.</p> + +<p>Kaja sah mich an.</p> + +<p>Im Blick des jungen Mannes lag jetzt ein offenkundiger, +wenn auch durchaus liebenswürdiger Hohn. Er +sah an meiner Kleidung so augenfällig vorbei, daß sie mir +auf dem Körper brannte. Es gab nur eine Rettung:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_186" title="186"></a> +»Ja,« antwortete ich, »wenn Sie es so nennen wollen. +In der Hauptsache beschäftigt mich jedoch der Mensch, +und an ihm vornehmlich sein sonderbarer Hang, Fragen +zu stellen, deren Antworten er nicht zu glauben wünscht.«</p> + +<p>Ich sah Kaja nicht an, obgleich ich alles Heil von +einer noch so feinen Regung ihrer Lippen hätte nehmen +können.</p> + +<p>Vetter Eberhard beugte sich vor, als sei seine Teilnahme +erst nun erwacht.</p> + +<p>»Ach,« sagte er langsam, »da haben Sie ja bei meiner +alten Tante eine gediegene Grundlage, um Ihre Bildung +zu vervollkommnen. Sie hört nur leider etwas schwer.«</p> + +<p>»Gut, daß sich solche Eigenschaften in der Verwandtschaft +nicht immer vererben«, antwortete ich. »Die Gefahr +liegt natürlich nahe. Es soll dann gewöhnlich damit +anfangen, daß man zwar noch die Worte, aber selten +ihren Sinn versteht.«</p> + +<p>Jetzt lachte Kaja, und ich wurde rot vor Zorn. Glaubte +sie mir helfen zu müssen? Ich lehnte ihre Zustimmung ab:</p> + +<p>»Warum lachen Sie?« fragte ich.</p> + +<p>»Wollen Sie sich nicht daran halten, die Fragen der +Menschen zu erforschen und nicht auch noch ihr Lachen?« +antwortete sie kühl.</p> + +<p>Gut, dachte ich, so sind es zwei Feinde. Aber ich +schwieg und sah vor <ins title="mir">mich</ins> + hin. Warum habe ich die Hand +geschlagen, die sich mir bot, dachte ich, warum vermute +ich Gegner, wo harmlose Gefährten des Lebens sind? +Aber willst du denn, daß ich unterliege, Kaja? Willst +du, daß meine schreckliche Hilflosigkeit in den Augen +Gleichgültiger deutlich wird, wie sie den Augen deiner<a class="pagenum" name="Page_187" title="187"></a> +Liebe deutlich geworden ist? Weißt du nicht, daß ich +böse bin aus Scham vor meiner Güte, und stolz vor +Schüchternheit, und hart aus Furcht das Edelste zu teilen?</p> + +<p>Plötzlich hätte ich lachen mögen und <ins title="Beiden">beiden</ins> die Hände +reichen. Vetter Eberhard sah aus, als würde er sie nehmen. +Mit heiterer Unbekümmertheit betrachtete er mich, +es war deutlich, daß der Aufwand meines Verhaltens +ihn leicht befremdete; auch nicht ein Schatten vom Ehrgeiz +zu bestehen, von der Sorge zu unterliegen, trübte das +kluge Gesicht. Er fragte mich nicht mehr, da ich doch +ungern zu antworten schien, auch so waren die Welt und +ihre Dinge prächtig, und Kaja schön darin. Er sprach +mit ihr, als wäre ich nicht da. Seine große Hand lag +auf dem Tisch. Ich maß die Entfernung zwischen ihr +und Kaja. Was meiner Liebe horizonteweit erschien, war +für diese Hand in der Regung eines Augenblicks erreichbar.</p> + +<p>Vetter Eberhard hielt mir sein Zigarrentäschchen hin.</p> + +<p>»Rauchen Sie?« fragte er freundlich.</p> + +<p>Ich lehnte ab, ohne zu danken.</p> + +<p>»Aber nehmen Sie doch bitte«, bat er herzlich. »Sie +rauchen ja, Kaja erzählte mir, daß Sie am Strand Ihre +ganzen Tabakbestände vernichtet haben. Oder ist das +zuviel gesagt?«</p> + +<p>Ich sah ihn an und antwortete:</p> + +<p>»Nein, Sie haben genau so viel gesagt, als Sie mich +wissen lassen wollten.«</p> + +<p>»Wieso? — Also Sie rauchen jetzt nicht ...«</p> + +<p>Meine Blicke gingen zu Kaja. Ich war plötzlich durch +und durch von einer großen, tiefen Ruhe erfüllt. Meine +Augen sahen in ihren Zügen nur ein gleichmäßig-holdes<a class="pagenum" name="Page_188" title="188"></a> +Lächeln von besonnener Arglosigkeit, ihr Mund war ein +wenig geöffnet und sie schien an etwas zu denken, das +unsere Rede nicht betraf. Vielleicht an Tante Mimseys +leise Zurückgesetztheit, an diese zärtliche Beachtung aller +Einzelheiten, die das alte Fräulein so rührend zur Schau +trug, und die ihre Abgeschiedenheit von unserem Tun und +Sprechen zu verbergen trachtete.</p> + +<p>Nun sah Kaja mich an und sagte:</p> + +<p>»Ich möchte dich morgen treffen, wenn du es willst, +vielleicht am Strand, wie sonst?«</p> + +<p>»Wenn ich Sie nun doch um eine Zigarre bitten darf,« +sagte ich leichthin zu meinem Nachbarn, »ich wäre Ihnen +sehr dankbar. Für den Heimweg nehme ich sie gern.«</p> + +<p>»Bitte,« sagte er freundlich, »aber sie ist nicht so leicht, +wie Sie vielleicht glauben.«</p> + +<hr /> + +<p>Meine Nacht war qualvoll, und wandernde Geister +der Zuversicht und Not wechselten miteinander ab, Wolken +zogen über den Mond, der nur selten sein klares Licht +in meine Kammer warf. Der Wind rüttelte an meinem +Fenster, das dürftig gehalten offen stand, und ich hörte +die See rauschen. Nähe und Ferne waren wie Gestalten, +die sich zu mir drängten oder weit abrückten. Bald rang ich +um Schlaf und bald um Kraft, aber beide mieden mich +und die Stimmen der Nacht wurden zu Fieberlauten und +verwandelten sich in vernehmbare Stimmen tief in mir. +Was soll ich dir gestehen, damit du mir Ruhe gibst?</p> + +<p>Erst das heraufdämmernde Licht tröstete mich, aber ich +erhob mich nicht, weil ich die langen Morgenstunden<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"></a> +fürchtete und die entkräftigenden Schwankungen des +Wartens. Ich dachte an den Schlaf, an sein schweres, +süßes Kommen, an diese Wohltat des Versinkens und +an den hellen Gram seiner Täler. Unter den beinahe +finsteren Baumkronen ist es kühl, von großer Weite und +ziellosem Nirgendwo. Die Gedanken kommen nicht aus +den bewußten Tiefen des eigenen Sinnens, sondern sie +schweben als bunte, lautlose Vögel durch den Frieden der +Fluren. Bald dieser, bald jener läßt sich auf unserer +Schulter nieder und achtet auf das Lächeln des atmenden +Mundes. Es sorgt umher für dich und mich, keiner soll +sich am Tun ermüden, fern hinter uns, hinter den Bäumen +der Nebelstrich, das ist der vergangene Tag.</p> + +<p>Endlich hörte ich Han im Hause wirtschaften, die +Eimer klapperten, sie ging zum Brunnen. Ich will gehen +und ihr helfen, dachte ich, und blieb liegen und begleitete +sie in meinen Gedanken. Wir wanden den Eimer, der +seinen Überfluß unten im Dunkeln der Brunnentiefe zurückgab, +langsam gemeinsam herauf. Han hatte über +dem Hemd nur ihren bunten, groben Rock an, und wir +drehten die Winde Arm neben Arm. Sie bückte sich ein +wenig und ich rückte ihr das Tragholz auf die Schultern, +die beiden Eimer hoben sich mit ihr und sie ging langsam +ins Haus. Nein, wir sprachen nicht, Han war noch +schweigsamer geworden.</p> + +<p>Als ich aus dem Hause trat, sah man den Mond +noch. Der Horizont über dem Meer war von mattem, +bräunlichem Rot, das die Erwartung freudig hob. +Weit, groß und leer breitete die aufgehellte Strandwelt +sich aus. Ich dachte an jenen Tag, den ich emporkommen<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"></a> +sah, nachdem ich Kaja zum erstenmal umarmt hatte. Endlich +tauchte die Sonne rot aus dem Meer, aber die Macht +ihrer Strahlen war zu groß für meine übernächtigten +Sinne, ihr Licht betäubte mich und ich schlief ein.</p> + +<p>Ein Traumbild zog durch diesen leichten, wachsamen +Schlaf: Ich sah Kaja nackt am Strand über den feuchten +Sand laufen, dicht an der Brandung, die ihre Schaumseen +nach ihr ausdehnte, als legte sie Teppiche. Kaja lief +wild und sinnlos gegen den jagenden Wind, der ihr aufgelöstes +Haar wie eine große, gelbe Fahne flattern ließ. +Sie lief ein wenig ungeschickt, und mir war, als schrie sie +helle, kurze Schreie, wie über ihr die Möwen. Es waren +zugleich Lust und Schmerz und Seligkeit, die sie dahintrieben, +bis sie sich mit hocherhobenen Armen in den Sand +fallen ließ und klein und sonderbar hell im Hellen am +fernen Strand liegen blieb. —</p> + +<p>Ich mußte mich wohl dicht an jenem Ort zum Schlafen +niedergelegt haben, den Kaja mir genannt hatte, denn ich +schrak von ihrer Stimme empor. Ihr Blick in meine +erwachenden Augen verriet mir, daß sie mein schlafendes +Gesicht betrachtet hatte, ich fand einen Schein in ihren +Augen, dem ich noch niemals begegnet war. Es war eine +wehmütige Erwartung darin, als wenn ihr Mund ein +mütterliches Wort gesprochen hätte.</p> + +<p>»Hast du hier geschlafen?« fragte sie mich.</p> + +<p>»Laß mich ins Wasser, ich schlafe ja noch.«</p> + +<p>»Doch nicht hier, die ganze Nacht?«</p> + +<p>»Nein, nein, Kaja, ich habe prächtig in meinem Bett +geschlafen.«</p> + +<p>»Bleib, wir wollen jetzt nicht <ins title="baden">baden.</ins>«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_191" title="191"></a>Sie sah sich um.</p> + +<p>»Kaja, ich habe viel von dir geträumt, sonderbare Dinge, +wieviel erfuhr ich doch da über dich, wie naiv du bist +und zugleich wie listig, klug und töricht, unvorsichtig und +schlau, aufrichtig und versteckt.« Ich sprach rasch und beiläufig, +als wollte ich erst auf das kommen, was mich +wesentlich bewegte.</p> + +<p>Kaja sah mich groß mit wachsamen Augen an:</p> + +<p>»So füge doch noch hinzu keusch und eine Dirne. Für +mich wird sich alles zu einem Ganzen vereinen, was dir, +im Traum, wie du sagst, so willkürlich zusammengesetzt +erschien, denn ich bin glücklich. Sieh, ich meine oft,« +fuhr sie einlenkend fort, »die Menschen haben verlernt zu +leben, sie glauben, sie dürften das Leben erst >tun<, nachdem +sie es geordnet haben. Darüber lassen sie die Jugend +in grauer Mühe verstreichen. Sie sind schwach, nichts +als das.« Sie lachte leise vor sich hin. »Im Grunde +bauen sie ihre Schranken doch nur aus Angst vor der +Wahrheit des Lebens. Ich gebe zu, sie brauchen sie, aber +mich laß in Ruh.«</p> + +<p>»Wäre die Sitte nur das,« antwortete ich, »so wäre +sie längst zerfallen. Sie hat eine tiefe Beziehung zum +Wert des Menschen.«</p> + +<p>»Warum sprichst du heute von diesen Dingen? Geh +hin und sage das den Männern. Ich bin ein Weib. Ich +fühle mich eurer Gemeinschaft nicht zugehörig, und solange +ich keine Anforderungen an euch stelle, versündige +ich mich nicht, wenn ich gelassen nach meinem Sinn lebe. +Steinigt mich doch! Ich erlaube euch, mich umzubringen, +weitere Zugeständnisse gedenke ich jedoch nicht zu machen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_192" title="192"></a> +Sie hatte Kornblumen gepflückt und zerrte an den +Stielen, um sie kürzer zu machen.</p> + +<p>»Warum sagst du das so hart und häßlich, Kaja? +Das alles ist es ja nicht, wenn du mich doch einmal anhören +wolltest. Weißt du, was du tust, wenn du dich +außerhalb der Sitte stellst ... verzeih, habe ich dich gekränkt?«</p> + +<p>»Was ich tue, fragst du? Ich tue, was ich bin.« Sie +zog die Hand über ihr Haar und runzelte forschend die +Brauen.</p> + +<p>»Oh, Kaja, daß du immer noch glaubst, ich wollte +dich ändern, dich bessern. Ich liebe dich!«</p> + +<p>»Wie schrecklich!« Halb scherzhaft, halb befangen verfolgte +sie die Wirkung ihres kaum gewollten Worts, bereit +es zu mildern.</p> + +<p>»Ja, Kaja, es ist schrecklich. Was weiß dein +Herz davon. Du sollst mich anhören, weil ich nicht +schweigen kann und reden muß, aber ich spreche nicht +in der Hoffnung, dich zu bestimmen. Ich weiß, wer +du bist, aber ich weiß auch, wer ich bin.« Und ich +fügte in meinen Gedanken hinzu: Töricht bin ich, +töricht.</p> + +<p>»Sag es doch gleich, was ich bin,« antwortete Kaja, +»füge doch hinzu, daß du glücklich wärst, wenn du mich +verachten könntest.«</p> + +<p>»Du bist klug wie Feuer.«</p> + +<p>»Ist das Feuer klug?«</p> + +<p>»Auf seine Art. Wer das Feuer anbetet, weiß nichts +von der Liebe.«</p> + +<p>»Leuchtet es nicht?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_193" title="193"></a> +»Ja, indem es wahllos verzehrt, was es zu seinem unruhigen +Dasein braucht. Es >versteht< gleich dir alles, was +es braucht, und alles, was es hindert.«</p> + +<p>»Was du dir doch für sonderbare Gedanken machst«, +sagte sie, einen Augenblick kindlich betroffen. »Du bist ein +gefährlicher Mensch, du raubst der Natur ihre Ruhe.«</p> + +<p>»Ja, Kaja, ja, auch der meinen, bis ich ihren Sinn +begreife. Ich bin ein Mensch, sonst nichts. Glaubst +du denn, ich klagte dich an, um mich zu verteidigen, +oder um zu meinem Recht zu kommen? Nein, nein, +es ist umgekehrt und wird bis zu meinem letzten Atemzug +so sein, daß ich mich gering mache, um zu rechtfertigen. +Es soll nichts von mir gelten, als daß ich +hier keine Ruhe fand, und daß ich mich nie beschied. +In solcher Auflehnung gegen die betrügerische Standhaftigkeit +des Vergänglichen beginnt das Menschenbewußtsein, +erhebt Gott, die Liebe, in uns ihr Wirken. Ich habe +einen neidlosen Blick ewigen Abschieds auf die Lebensbereiche +derer geworfen, die sich kampflos und begnügsam +bescheiden. Wenn ich im Leben einen Todfeind +haben werde, so ist es ihr Frieden, wenn ich etwas +zerstören werde, so werde ich ihre Ruhe zerstören, wenn +meiner ein Kampf wartet, so ist es der Kampf gegen +ihren Gott, der ihre Häuser schirmt und ihren Geist +tötet. Eine furchtbare Macht wird auf meiner Seite +sein, himmlischen Heerscharen vergleichbar, das ist die +Jugend ...«</p> + +<p>Ich schwieg erschrocken. Kaja sah mich mit einem +Blick an, der tief sank, ich kann ihn nicht schildern. Mein +Herz blutete darunter, denn ich fühlte eine Zustimmung<a class="pagenum" name="Page_194" title="194"></a> +voll heiliger Fremdheit und einen Abschied ohne Gemeinschaft. +Aber sie wußte es nicht, sie sagte:</p> + +<p>»Du sprichst wie zu einem Feind. Wir sind doch +allein.«</p> + +<p>»Weshalb sagst du das?«</p> + +<p>»Nur so ... ich habe dir ja auch zugehört. Aber ist +Gott, oder die Liebe, wie du sagst, nicht Ruhe? Wie +willst du zu ihm kommen?«</p> + +<p>»Er wird zu mir kommen, Kaja, er wird, er wird!«</p> + +<p>Ein Schleier von Traurigkeit sank auf ihre Stirn, er +schmerzte mich, als sei meine Hoffnung unsühnbar und +eine ewige Schuld.</p> + +<p>»Ich wäre glücklich auf deine Weise, Kaja, wenn ich +dich mißachten könnte, wenn ich dich nehmen und genießen +könnte, wie du genommen und genossen sein willst. Ich +kann es nicht. Erst wenn ich mich gebe, glaube ich. Sieh, +mich selbst könnte ich vielleicht sogar fortwerfen in Taumel +und Rausch, aber meine Liebe nicht. Sie steht mit +lauter Klage vor deinem Wesen auf, sie sucht die Augen +ihrer selbst, ihren einzigen Blick, und macht mich ungewiß +und ruhlos bis zur Marter. Ach, wie arm du bist, +wenn du glaubst, ich vermißte bei dir äußeren Anstand +oder Einschränkung, ich suche bei dir das Eine, das nie +Aussprechbare. Es ist nicht Zuversicht, nicht Ruhe, nicht +Heimat, alles das ist zu wenig, es gibt kein Wort. Das +Wesen schweigt und weiß ... ich muß wieder fort, Kaja.«</p> + +<p>»Aber wenn es so ist,« sagte Kaja sinnend, indem sie +meine letzten Worte überging, »so müßte doch dein Hinnehmen +nicht abhängig sein von meiner Tugend oder +Untugend.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_195" title="195"></a> +»Wie wahr du sprichst, nicht mein Hinnehmen, aber +meine Hingabe ist davon abhängig! Nicht jenes Glück, +von dem du sprichst, und das du reich und beseligend austeilst, +nicht jenes Glück, das du bist, sondern ein anderes, +das ich zugleich bin und suche, es heißt Glaube. Du füllst +mich mit Trauer und Unruhe, mit einem leidenden heißen +Heimweh nach ewigem Bestand.«</p> + +<p>Sie sah mich unruhig und böse an.</p> + +<p>»Nun mache mir noch einen Heiratsantrag«, rief sie +ungeduldig.</p> + +<p>»Du hast recht«, sagte ich und erstarrte. In diesem +Augenblick begriff ich, daß ein Mensch einen anderen zu +töten vermag. Aber gleichzeitig fühlte ich meine Liebe zu +diesem Mädchen so übermächtig, daß ich die fernen blauen +Berge wie Tand und Plunder hätte dahingeben können +und Gott kreuzigen, für eine einzige Berührung dieses +lieblichen süßen Scheins, der auf ihrer nackten Schulter +lag und im Fall ihres hellen Haars. Aber weder die +Berge noch der holde Schein weichen im Frühling auf +unser Geheiß von uns.</p> + +<p>Da fühlte ich mit Zittern und tiefer Furcht, daß ich +dieser Welt niemals anders Herr zu werden vermöchte, +als indem ich sie ganz erlitt.</p> + +<p>Ich verließ Kaja und schritt in der leicht verschleierten +Sonne auf das Dorf zu. Die Möwen flogen über den +Wellen und der Horizont über dem Wasser verschmolz +in zartem Nebelblau mit dem Himmel, in der Ferne +waren Meer und Himmel eins, nicht wie in der Nacht +die Dinge verschmelzen und ineinander übergehen, sondern +im Licht, in einem Glanz, der nicht blendete. Ich bin wie<a class="pagenum" name="Page_196" title="196"></a> +jenes törichte Kind, dachte ich, das ruhlos wanderte, um +den Ort zu finden, wo die Kuppel des Himmels die Erde +berührt.</p> + +<p>Ich wußte nicht mehr, daß in der Scheidung von +Himmel und Erde der Trost liegt, und nicht in der +Mischung, wie fern war doch Asja mir gerückt, wie ein +Traum. Ich versuchte, an sie zu denken, aber sie entglitt +mir, ernst, ohne Lächeln. Es war mir wichtig, mir klarzumachen, +daß meine Betrübnis daher stammte, daß sie +mir verloren war, aber ich wußte in heimlichen Gründen +der Seele, daß ich mich nur deshalb grämte, weil nun +Tage vergehen würden, an denen ich Kaja nicht sah, und +daß sie nicht allein sein würde.</p> + +<p>Ich hing meine Blicke an die weißen Sommerwolken, +die über dem grünen Bogen der Landschaft, im Blauen, +auf das Meer zu wanderten, aber die Betrübnis, die +mich quälte, ließ sich nicht auf den hellen Wegen der +großen Himmelswanderer entführen. Und ich dachte, vor +Schmerzen blind und taumelnd: Es muß etwas geben, es +muß etwas geben ... warum quält mich mein übergroßes +Glück so sehr? Ich möchte es halten und festigen, +ich möchte ihm ewige Gestalt geben, ich möchte es Gott +ans Herz legen und möchte es glauben, ohne Zweifel und +ohne Not. Ich möchte es glauben, wie das Wasser zu +Tal rinnt, oder wie das Licht scheint, ich möchte es sein +ohne Trennung, ach, wieviel ist ein Glück wert, das +ich habe, das in mir oder bei mir ist, von dem ich sage: +Ich und mein Glück. Ich will es sein, ganz sein! Es darf +keine Macht im Himmel und auf der Erde geben, die es +betasten oder verletzen könnte, ich muß um meines Liebesglücks<a class="pagenum" name="Page_197" title="197"></a> +willen zu Gott werden, sonst sterbe ich vor Ungenügen +und Traurigkeit.</p> + +<p>So dachte ich in jenen Tagen, ich dachte und empfand, +wie in Frühlingstagen, in denen zugleich die Sonne +scheint und warmer Regen niedergeht, in denen der Acker +taut und keimt, in denen die Quellen der Berge sich im +Land trüben und die Morgensonne im Nebel aufgeht, +in denen im heiligen Überschwang unzählige Blüten aufbrechen +und dahinsinken, die nicht bestimmt waren, Früchte +zu tragen.</p> + +<p>Heute weiß ich, daß der Frühling des Bluts und der +Seele in jener holden Ungewißheit verstreichen soll, die +uns mit Ungeduld und unstillbarem Verlangen erfüllt, +und daß seine Qualen und Seligkeit die Ahnung des +Scheidewegs sind, an den wir alle kommen. Der Schoß +der Erde, die warme Brust der Mutter, die Süßigkeit +unseres Traums der Zugehörigkeit zu ihrem dunkeln Reich +der Entstehung liegt im ersten Streit mit dem Widerschein +des Geistes, des Vaters, zu dem wir berufen sind, +bis das Vergängliche und das Unvergängliche sich wie Erde +und Himmel vor den Augen unserer Seele öffnen. Das +ist der Scheideweg, die Stunde unseres Abschieds von +der Mutter, um zum Vater emporzufinden.</p> + +<p>Was uns die Mutter versprochen hat, kann sich nicht +nach unserem Kindersinn erfüllen; Maria weint ohne +Hoffnung unter dem Kreuz und kennt den auferstandenen +Sohn nicht wieder. Aber die Forderung des Sohnes ist +groß in uns geworden, sie trägt kein Verlangen mehr danach, +sich im Vergänglichen zu bewähren, dessen Schönheit +nur ein Gleichnis der Wahrheit ist. Aber je weniger die<a class="pagenum" name="Page_198" title="198"></a> +hohe Forderung sich im Vergänglichen bewähren kann,— +ach sänke doch diese Wahrheit in alle Herzen! — um so +mächtiger blüht ihr Glanz über der Welt auf. Weil es +auf der Erde nicht hat sein können, wie ich gefordert habe, +deshalb fordere ich dreifach und hundertfach! Und wunderbar! +Indem ich nicht ruhe, und mein heiliger Eifer überhand +nimmt, strahlt mir die schöne Welt der vergänglichen +Erscheinungen entgegen, als spräche sie: Bin ich nicht +doch erfüllt, nur deshalb, weil du, aus mir stammend und +mir zugetan, nicht aufgabst zu fordern?</p> + +<hr /> + +<p>Als ich nach einigen Tagen, die ich mit Lüdersen und +Han verbrachte, nachts in den Garten des Wasserschlößchens +schlich, kaum noch ein Mensch, hörte ich Stimmen +in Kajas Zimmer. Tante Mimseys Baß hat sich verdunkelt, +dachte ich und beschloß zu warten, bis es oben still +geworden war. Die Büsche waren vom Regen naß und +es tröpfelte aus dem Ahorn auf mich nieder, die Kühle +der Sommernacht war voller Gerüche, und jeder barg ein +Lebensgeheimnis voll mütterlicher Sanftmut. Wohl +waren die Blüten vollendet, aber ihr Odem lag noch über +den wachsenden Früchten der Pflanzen, eine Erinnerung +voller Hoffnung und Schicksal.</p> + +<p>Wie ein Irrlichtschein klang Kajas leises Lachen durch +die nassen beschienenen Blätter zu mir nieder, aber mit +diesem Klang kam mich ein schauriges Frieren an, es legte +sich wie Eis um mein Herz. Mir war, als ob dieses unnennbare, +zitternde Lachen nicht durch Mund und Augen +aus ihrer Seele brach, sondern wie ein Flimmern von<a class="pagenum" name="Page_199" title="199"></a> +ihrem nackten Leib aufstieg, der in einer furchtbaren +Weise preisgegeben sein mußte. Wie glühende Schneiden +zog es durch meine Glieder und hemmte den Kreislauf +meines Bluts, als stockte der Schlag der Adern in Glassplittern +und Funken.</p> + +<p>Selbst die größte Wachsamkeit der Sinne wird den +Schrei des Schmerzes mit einem Jubelruf verwechseln +können, den Seufzer der Erhobenheit mit dem Stöhnen +der Schmach, das Ja mit dem Nein, wenn es Leben +oder Tod gilt, aber das Ohr der Liebe erkennt ohne zu +irren in der Stille der Nacht oder im Trubel des Marktes +dies eine, dies unfaßbare und doch so überdeutliche Vibrieren +im Odem eines Weibes, dessen Sinne das unheilige +Feuer der Lüsternheit entzündet hat.</p> + +<p>Und nun hörte ich die zärtliche, werbende Stimme +eines Mannes, jenen tiefen singenden Klang, der dem +Ohr des Mannes zu den qualvollsten Geräuschen des +Lebens gehört, und den er an sich selbst nicht ertragen +könnte, wenn er ihn nur einmal mit Bewußtsein vernähme. +Ich entsinne mich, daß eine verlorene Nacht leichtfertiger +Lustbarkeit mich viel später im Leben mit einem +Mädchen zusammenführte, um dessen billige Gunst der +Stunde ich in der Haltlosigkeit eines leichten Rausches +warb, und über deren Schulter ich im Spiegel für einen +kurzen Augenblick mein unbewachtes Gesicht sah. Ich +versteinerte über diesen Zügen und floh wie vor einem +geisterhaften Todfeind in die Nacht hinaus.</p> + +<p>Aber sonderbar, waren diese Geräusche über mir zu +deutlich, zu wahr, als daß ich sie schon im Bewußtsein +verstand? Gibt es eine Wahrnehmungsfähigkeit des<a class="pagenum" name="Page_200" title="200"></a> +Gemüts, rascher als die der Sinne, und sind wir zuweilen +eines Schicksals teilhaftig, bevor es uns betrifft? Es +kam mich ein unterweltliches, sonderbares Lachen an, ein +Lachen von grauser Unbeteiligtheit, urteilsreich, gerecht +und mitleidig. Arme, kleine Kaja, lachte ich vor mich hin, +hat es dich in den Krallen und schüttelt es dich, arme +Verlorene du, in der bunten Süßigkeit deines Irrtums? +Und über diesem Geschehen in mir erwachte jählings etwas +wie eine gutmütige Hilfsbereitschaft: Du Menschenschwester +da oben, du lieber Irgendwer.</p> + +<p>Dann hob mich der stille grause Geist des Geschehens +in eine andere Sphäre der Betrachtung: Sie hat einen +Kerl bei sich, einen Mann im Bett, heimlich bei Nacht, +wie ein Dienstbote, wie —— wie einst mich. War ich +nicht auch ein solcher Bote im Dienst ihrer Vergnügungen +gewesen? Und nun hockte mir ein Gespenst in der Brust und +versuchte, mir die Trostbrocken einer jämmerlichen Richterlichkeit +zuzuwerfen. Aber wohin sollte ich mich wenden? +Über dieser Hilflosigkeit empfand ich, daß ich allein auf der +Erde war, mehr, tiefer und erfahrener als je zuvor, aber +ich mochte mich in die Leere selbst dieser Gewißheit nicht +flüchten, sondern begann leise ein Lied zu pfeifen, das wir +in der Schule hatten singen müssen.</p> + +<p>Es wurde sonderbar still über mir, dann kamen von +einem Menschen, der sich im Zimmer bückte, zwei Hände +zum Vorschein und zogen langsam und leise die beiden +Fensterflügel zu. Eine gläserne Wand war zwischen mir +und Kaja entstanden, für immer.</p> + +<p>Wer in dunkler Nacht bei einem Ungewitter durch +einen Wald gegangen ist, vermag wenig Einzelheiten in<a class="pagenum" name="Page_201" title="201"></a> +seinem Gedächtnis festzuhalten, weil die Bilder unvorhergesehen +wechseln, und die Kraftschläge der Wetter wohl +ein neues, aber ein kaum vom vorhergegangenen unterscheidbares +Bild der Natur hervorbringen. Es ist die +grell, in bengalischem Grün aufflammende Waldwildnis, +ein von Dämonen entfachtes und entzündetes Weltenangesicht, +dessen Bildnis im Strom der niederschüttenden +Wasser und im betäubenden Krachen des Donners verwildert. +Der neue Eindruck folgt so rasch dem kaum +erfaßten, daß sie einander ihr Recht in unserem Geiste +bestreiten und zu einem einzigen Gesamtempfinden von +Grauen, Angst, Ergriffenheit und Andacht verschmelzen. +Wohl bleibt hier ein durchleuchteter Wassersturz, dort +eine wirr aufstürzende und wild gepeitschte Baumkronenwolke +in unsern Sinnen haften, aber wir werden zu +stark von allem aufgenommen, zu hilflos in die Elemente +verwoben, als daß wir ihr Beschauer und Beurteiler +blieben.</p> + +<p>So weiß ich wenig aus den Nachtstunden, die meinem +Erlebnis vor Kajas Zimmerfenster folgten. Es war schon +morgendämmrig, als ich in mein Fenster einstieg. Im +unsicheren Licht sah ich, daß Han sich vom Boden erhob +und zitternd vor mir stand.</p> + +<p>»Lieber ...« sagte sie wie im Traum und schwieg +bebend.</p> + +<p>Was will nur Han zu dieser Stunde in meinem Zimmer? +dachte ich. Han ist die Hausgenossin eines Fischers am +Meer, am Meer, an dem ich weile, aus diesem oder jenem +Grund des Weltwillens, der in meinem Ich waltet.</p> + +<p>»Geh, Han, und schlaf.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_202" title="202"></a> +Sie faltete die Hände und rang sie, gebeugt, über ihren +Knieen.</p> + +<p>»Es wird schon Morgen, kleine Han. Man sieht das +Frühlicht auf deinem Scheitel, der hell schimmert.«</p> + +<p>»Ja,« sagte sie gehorsam und dann stockend: »Du bist +traurig ...«</p> + +<p>»Ja, Han, ich bin traurig, gewiß, sehr traurig. Auch +traurig wird man zuweilen, nimmt dies und das, ein +Mensch, wie es kommt.«</p> + +<p>»Dort steht Brot und Milch,« sagte sie hilflos, »so +iß doch, stärke dich, ich habe Angst, aber ich weiß nicht +warum.«</p> + +<p>So stand sie da, hell und unwirklich, ein matter Lichtschein +in der leeren Morgenstunde im dämmrigen Raum. +Ich sah sie an und hörte ihre Worte, und es lief mir aus +den Augen über mein Gesicht und tropfte auf den Boden +in der Stille, so daß ich es hörte. —</p> + +<p>Als ich am Margen erwachte, stand die Sonne schon +hoch am Himmel. Ihre Strahlen sanken schräg an meinem +Fenster vorüber und streiften die Hauswand, an der farbige +Bohnen blühten. Eine der Blumen, an einer beweglichen +Ranke, saß wie ein kleiner Schmetterling aus Feuer und +schaukelte sich im tiefen Himmelsblau. Aus dem Garten +klang die Stimme Lüdersens und verstummte, es herrschte +draußen wieder die große Sonnenstille des Sommers.</p> + +<p>Ich ging ans Meer und wusch mich. Das Boot war +neu geteert worden und duftete so stark, daß sein Hauch +mich wie eine Glutwelle überfiel. Das Wasser flüsterte +kaum vernehmlich, die Wogen liefen träge und klein nacheinander +heran, niedrig und zögernd, wie von der Lichtflut<a class="pagenum" name="Page_203" title="203"></a> +schläfrig gemacht. Ich sah zum Wasserschlößchen hinüber +und erblickte fern zwei zierliche Gestalten am Ufer, Kajas +rote Kappe leuchtete, und hinter diesen bildhaft feinen, +fernen Strandfigürchen war die Weite lichtblau und verschwommen, +ein Traumtal ohne Ende.</p> + +<p>Ich ging ins Haus zurück und rief Han, die im Garten +arbeitete.</p> + +<p>»Heute Nacht ... vergib,« sagte sie, als sie schüchtern +eintrat, »ich wollte nur ...«</p> + +<p>»Hast du Geld, Han?«</p> + +<p>»Geld?«</p> + +<p>»Antworte.«</p> + +<p>»Ich habe nicht viel zur Hand, ein paar Mark in der +Kommode.«</p> + +<p>»Und anderswo?«</p> + +<p>»In der Kreisstadt habe ich auf der Sparkasse mehr +als hundert Taler.«</p> + +<p>»Gieb mir das Buch für die Sparkasse.«</p> + +<p>Ihr Angesicht hellte sich auf, als bräche die Sonne ins +Zimmer.</p> + +<p>»Ach,« seufzte sie nur und preßte mit einem glücklichen +Lächeln ihre von der Gartenerde rauhe Hand auf die Brust. +»Gleich, sogleich, aber geh derweil nicht fort.«</p> + +<p>Ich sah den Boden an, bis sie zurückkam und mir das +schmale Heft gab, das sorgfältig in eine Zeitung eingewickelt +und mit einem Bändchen verschnürt war.</p> + +<p>»Kommst du wieder?« fragte sie.</p> + +<p>Ich nickte, nahm das Buch und ging fort.</p> + +<p>Es waren fast zwei Stunden Wegs bis zum Städtchen, +es ging zwischen Knicks dahin, über die reifenden Kornfelder,<a class="pagenum" name="Page_204" title="204"></a> +auch hier und da durch Wald. Ich sah Windmühlen +munter am Werk, und hörte die Stimmen der +Goldammern. Überall war das Vieh draußen. Unterwegs +sagte ich mir, daß ich Hans erspartes Geld nicht nehmen +dürfte, aber woher sollte ich die Mittel erlangen, um den +Plan ausführen zu können, der mich beschäftige? Und +war es mir denn ernst mit diesem sonderbaren Plan, der +sich meiner bemächtigt hatte, als ließe sich ein fremder bunter +Vogel auf der Tenne eines Bauernhauses unter den +Vögeln der Heimat nieder? Ich wußte nicht, ob es mir +ernst mit meinem Plan war, wie ich denn überhaupt nicht +wußte, was ich tat, und ein Verbrechen so leicht und unbedacht +hätte vollbringen können, wie eine gute Tat. Eine +gnädige Führung meines Geschicks ließ mich an jenem +Tag diesen Weg finden, fort von der Stätte meiner +Schmach und Schmerzen, gaukelte mir ein törichtes und +einfältiges Beginnen als eine Errettung vor und hielt mich +im Bann der armen lächerlichen Tatkraft meiner verwundeten +Hoffnung, um mich so vor einer Untat zu bewahren, +die mich hätte verderben können.</p> + +<p>Als ich den Ort erreicht hatte, erhob ich die Geldsumme +und erstand mir Kleider, Wäsche und Schuhe, alles, dessen +ich bedurfte, um der äußeren Erscheinung nach in einen +Stand erhoben zu werden, dessen Ansehen mir, an mir +wahrnehmbar, so wichtig erschien wie mein Leben. Ich +erschrak, als ich mich nun in einer spiegelnden Scheibe erblickte +und zog den Hut. Es fehlte mir jetzt nichts mehr, +sogar ein paar Handschuhe besaß ich und einen Stock mit +verziertem Griff. Gegen Mittag saß ich an einem alten +Steinbrunnen am Markt, im Schatten der Kirche und<a class="pagenum" name="Page_205" title="205"></a> +bemerkte plötzlich, daß ich weinte. Darüber mußte ich +lachen, und ich bemühte mich, diesen Umstand der Tränen +zu verbergen, der mir an mir, dem Fremden, peinlich auffiel. +Am liebsten hätte ich mich mit den Vorübergehenden +über diesen Fall in ernsten, gehaltenen Sätzen ausgesprochen, +und ich würde es wohl verstanden haben, mich, wie einen +anvertrauten Schützling, an den mich eine beiläufige Teilnahme +band, in das rechte Licht zu rücken. Man würde +mich angehört haben, dessen war ich gewiß, denn wer verweigert +einem wohlgekleideten jungen Menschen jene flüchtige +Aufmerksamkeit, die die Höflichkeit vorschreibt, wenn +er sittsam zu sprechen versteht?</p> + +<p>Aber ich trachtete nur danach zu verbergen, was mir +geschah, und ein heiteres Angesicht zur Schau zu tragen. +Auf dem Heimweg schreckte mich der Staub der Straße, +weil ich um meine Schuhe in Sorge war. Ich zog sie +aus, um sie zu schonen, sie waren auch zu eng. Es mochte +gegen vier Uhr sein, als ich wieder in Lüdersens Fischerkate +anlangte, er war zum Fischfang draußen und Han empfing +mich unter der offenen Tür des Hauses.</p> + +<p>»Oh Gott!« rief sie, »ja! ja!« Sie schlug jubelnd die +Hände zusammen und wagte nicht mehr, mich mit du anzureden.</p> + +<p>»Sind Sie jetzt fröhlich?« fragte sie stockend und schlug +ihre Augen nieder, um ihr Glück nicht zu verraten.</p> + +<p>Aber ihre Hoffnung peinigte mich, ich erschrak vor einer +in mir aufkeimenden Möglichkeit zu einer Bescheidung, +ich fürchtete ihre Zustimmung und Freude und mir graute +davor, daß ein Trostschimmer in mir aufflammte, als riefe +ein freundlicher Lebensgeist mich zurück, und als gäbe es<a class="pagenum" name="Page_206" title="206"></a> +im Schatten der Begnügsamkeit noch Lebensplätze. Aber +schon ein einziger Gedanke, der mich zu mir selbst hätte +führen können, erschütterte mich grausam, da er mich an +die Abgründe der heimlichen Gewißheit führte, die mich +langsam verzehrte. Ich darf nicht denken, dachte ich, es +gilt doch, mein Eines zu retten. Und plötzlich erbebte ich +vor Zorn über dies Glück um dessen willen ich meine Gedanken +töten sollte.</p> + +<p>Ich gab Han das Geld, das ich nicht gebraucht hatte, +sie erschrak heftig, weil es ihr, nun, da sie es vor Augen +hatte, weit mehr erschien, als es ungeteilt, in ihrer Vorstellung +gewesen war. Mit einem unbewußten Lächeln der +Betrübnis gegen meine Bereitwilligkeit es zurückzugeben, +barg sie es, als wollte sie sagen: Ich heb es für dich auf. +Es gehörte nicht mehr ihr und niemand durfte ihr Glück +schmälern.</p> + +<hr /> + +<p>Wenn ich heute, um sie niederzuschreiben, an die Erlebnisse +denke, die nun folgten, so ist mir zumute, als sei ich, +der heute schreibt, der gleiche, der einst neben mir herschritt, +als ich zum Wasserschlößchen ging, nicht aber der, der +alles selbst erlebte. Denn ich war nicht eins mit mir, wie +wir es sind, wenn wir einfach, unbewußt und frohsinnig +dahinleben, sondern ich war wie aus mir vertrieben und +sah mich mit spottenden Augen dahinschreiten. Auch heute +sehe ich mich noch dahinschreiten, aber meine Augen spotten +nicht mehr. Wohl denen, welchen mit der Erinnerung +Freiheit entsteht und nicht Bitterkeit, Verstehen und nicht +Reue. Nur der Leidenschaft ist diese Wohltat der Erinnerung +vorbehalten und nicht, wie die meisten Menschen<a class="pagenum" name="Page_207" title="207"></a> +glauben, der mattherzigen Anteilnahme der Beweglichen. +Nur aus wahrhaftiger Glut und Tränen steigt uns die +Lebensform der Vergangenheit auf, die uns nie beschämt, +weil wir unser Wachstum darin erkennen und das Gesetz +unseres Daseins.</p> + +<p>Mit den Schmerzen aber ist es mir anders ergangen, +als den Menschen, die ich kenne und die ich oft darum +beneidet habe, daß sie sich ihrem Schmerz ganz hinzugeben +vermochten. Sie können schwer verlieren und leicht +vergessen, aber ich kann leicht verlieren und schwer vergessen. +Wozu mag es wichtig sein? Sagt es mir und +euch, denn ich mag nicht darüber sprechen. Auf einem +schönen Bildwerk des späten Mittelalters sah ich einst +einen Mann, der an einen Pfahl gebunden, und dessen +Körper von Pfeilen durchbohrt war. Er lebte, und seine +ruhigen Augen schienen seine Peiniger zu betrachten. Mir +war, als müsse ich die Pfeile aus seinem Körper ziehen, +damit das erstürzende Blut ihm Erlösung verschaffte, aber +ich wußte, daß seine Augen sich dann schließen würden, +darum wollte ich es nicht, in meinen Gedanken, denn ich +beneidete ihn glühend um das, was er sah. —</p> + +<p>So schritt ich denn im Nebelkleid der ungefaßten Seele +am Strand dahin, den ich gut kannte. Die schwarzen +Rippen des alten Wracks starrten aus dem Sand empor +und fern in den Hügeln erkannte ich, als ich schon dicht +am Garten des Wasserschlößchens war, Kajas vergessene +Staffelei, ein kleines zierliches Gerüst. Ich beschloß vom +Meer her in den Garten einzudringen, da mich dort +die großen, verwilderten Baumgebüsche noch eine Weile +schützten.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_208" title="208"></a> +Als ich den Schatten kaum betreten hatte, hörte ich +Kajas Stimme in der Nähe und blieb stehen. Ich erblickte +sie neben Eberhard unter einer der Buchen, deren Stamm +von einer runden Bank umzogen war, und auf der ich am +Tage meiner Ankunft mit Tante Mimsey gesessen hatte. +Sie trug ihr leichtes helles Kleid aus ockerrotem Seidenbattist, +und ihr Haar war nur flüchtig, in einem feuchten +Knoten, tief zwischen den Schultern gehalten. Offenbar +kam sie vom Baden, denn sie hatte nackte Füße und trug +ihre rote Kappe in der Hand. Wärme und Sommerwesen +hüllten ihre Gestalt sonderbar ein, die helle Farbe +ihres Kleids verwob sich mit dem Licht, das in Goldflecken +durch die Blätter fiel, und die schlanke Fülle ihres Körpers +schien unbedeckt, so vernehmlich und fühlbar war sie allen +Sinnen, denen die Augen nur eine arme, trügerische Hilfe +gewährten. Ich spürte ihren Duft und hörte den Schlag +ihres Bluts, ich schmeckte die bleichen Schatten dieses +Leibes und trank den Ausdruck ihrer Züge wie Wein.</p> + +<p>»Das fehlte mir, Schwesterchen!« rief Vetter Eberhard +mit böser, ein wenig verschleierter Stimme. »Ich bin +nicht dein Narr, und deine Späße gefallen mir nicht. +Für wen hältst du mich? — Wo warst du?«</p> + +<p>Er stand mit gespreizten Beinen da, in einer Haltung, +zu der ihn sein schmucker Reitanzug zu verpflichten schien, +halb abgewandt und den schönen Kopf schräg nach ihr +hinübergerichtet, so daß ich sein jugendlich kühnes Profil +über seiner Schulter sah.</p> + +<p>Kajas Antwort vernahm ich nicht, sie gab sie auf ihre +leise Art, eher mit dem ganzen verhaltenen Wesen als in +Worten deutlich, und sonderbar schüchtern, unterwürfig<a class="pagenum" name="Page_209" title="209"></a> +wie aus Anteillosigkeit, aber zugleich herausfordernd. Bat +sie denn um etwas? Die weiche Anmut ihrer Geste war +betörend, von der ganzen Überlegenheit ihrer Lieblichkeit +getragen und hilflos im unbestürmbaren Anstand ihrer +Zurückhaltung.</p> + +<p>»Du verkennst deine Stellung, Kleine«, sagte der junge +Mann barsch. »Ich habe mir deine Kammertür nicht +geöffnet, um von dir eingeschlossen zu werden. Glaubst du, +deinesgleichen sei mir im Umgang neu und ich mache mir +aus deinem Hemd einen Betschemel? Du bist eine Dirne! +Was dir noch fehlt, ist, daß man es dir deutlich sagt, damit +du endlich zum Genuß deiner Freiheit kommst. Das +willst du! Und das ...«</p> + +<p>Er hieb ihr mit diesen letzten Worten seine Gerte über +die Schulter ... wieder, ein drittes Mal. Er stand da +wie aus hartem Holz, unbeweglich. Lau und hell, ohne +Laut und wie gebrochen sank Kaja an seinen Knieen nieder, +umschlang deren eines und drückte ihre Lippen fest und +heiß darauf.</p> + +<p>»Schöner ... Lieber«, sagte sie deutlich und hob den +Blick zu ihm empor.</p> + +<p>»Nicht jämmerlich werden, meine Kleine,« antwortete +er, »wir wollen im Stil bleiben. Steh auf! Komm +mit!«</p> + +<p>Er nahm sie und trug sie halb in seinem Arm, sie so +fest umschlingend, daß ihr das Gehen beinahe unmöglich +war, aber so schien es ihm recht zu sein. Wie ein nachsichtiger +Sieger neigte er sich ein wenig zu ihr herab, verächtlich +und gierig. Aber so gewalttätig sich mir in Handlung +und Erscheinung das Bild seines Triumphes darbot,<a class="pagenum" name="Page_210" title="210"></a> +sah ich ihn doch als einen gefügigen Sklaven und bebte +vor Kajas Macht. »Das willst du! Und das ...« klang +sein Wort an sie in mir nach, wie der Anprall eines +Steins im zerspringenden Glas nachklingt. —</p> + +<hr /> + +<p>Am anderen Tage traf ich Kaja allein am Strand, sie +sah, daß ich mein Bündel und meinen Stock bei mir +hatte. Ich war stundenlang um das Haus geirrt, um +sie zu finden.</p> + +<p>»Du gehst?« fragte sie.</p> + +<p>»Ja, Kaja, ich gehe.«</p> + +<p>»Also weißt du. Sieh, ich möchte nicht ...«</p> + +<p>Sie sah mich an. Ihren Blick werde ich nie vergessen, +solange ich lebe.</p> + +<p>Wir ließen uns auf einem Sandhügel nieder, ich begann +damit, denn ich vermochte mich nicht mehr aufrecht +zu halten.</p> + +<p>»Wohin du wohl überall kommen magst, Lieber, dir +steht die Welt offen, nichts ist dir verschlossen, und vielleicht +bringst du es zu etwas. Wer weiß ...«</p> + +<p>»Ich werde wohl noch lange wandern, Kaja, vielleicht +immer. Es ist mir nicht gegeben, in Bescheidung zu verweilen, +und welche Gaben meiner Natur erlaubten mir +auch ein Freund meiner Gefährten zu werden? Wir haben +viel miteinander gesprochen, und ich habe dir manches über +mich gesagt, heute verlangt mich nicht danach zu reden, +auch ist es wohl so, daß man über sich einem Menschen +nicht viel mehr zu sagen vermag, als er selber spürt.«</p> + +<p>»Ja, das ist wahr«, meinte Kaja.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_211" title="211"></a> +Es war ein trüber Tag geworden, doch regnete es nicht, +aber das Meer ging bewegt, und sein Rauschen fiel in +unsere Stimmen. Kaja schien leicht zu frösteln, denn sie +war sommerlich bekleidet, und ihre Arme waren unbedeckt, +wie auch ihr Hals und Nacken, die das blonde Haar +trugen, das heute kühl und farbiger wirkte und so schwer +wie ein lebendiges Gut.</p> + +<p>»Ein Ziel hast du wohl nicht, ein bestimmtes ... +oder?«</p> + +<p>Sie lächelte, als bedürfe ihre Frage der Nachsicht, und +ihre Augen, unberührt wie die eines Kindes, senkten sich +und schienen ohne Eifer zu warten.</p> + +<p>»Tante Mimsey möchte dir Lebewohl sagen, sie bat +mich, es dir zu bestellen. Willst du ihr nicht noch die +Hand drücken? Sie hat dich sehr ins Herz geschlossen.«</p> + +<p>»Weiß sie denn, daß ich fort will?«</p> + +<p>»Ach so. Ja. Ich habe es ihr gesagt ...«</p> + +<p>»Du hast es ihr gesagt ...«</p> + +<p>»Wenn man den Weg über unser Dorf nimmt und +sich nach Westen hält, so kommt man in eine schöne Gegend, +die bewaldet ist und Seen hat. Ich war mit einem ... +mit einer Freundin einmal dort, und wir verlebten schöne +Sommertage. Freilich, das Meer ist es nicht ...«</p> + +<p>»Ich kenne solche Gegenden wohl, Kaja, wer so viel +unterwegs ist wie ich, der sieht mancherlei. Solche Orte +haben Beschaulichkeit und Besinnung für sich, und man +verweilt an ihnen, wie um sich zu sammeln oder zu rüsten, +nicht eben ungeduldig, aber voll ungestillter Erwartung. +Solche Wohltaten befriedigen mich nicht, obgleich ich sie +zuweilen aufsuche und über mich ergehen lasse. Die lauen,<a class="pagenum" name="Page_212" title="212"></a> +stillen Wasser erfrischen nicht, und zuweilen ist mir unter +diesen Bäumen, als müßte ich mich auf ihre Wipfel +stemmen, um hoch über sie fort in die Runde zu schauen. +Nein, das Meer ist es nicht.«</p> + +<p>»Mich drängt es jetzt oft in die großen Städte«, meinte +Kaja nach einer Weile. »Mit meiner Mündigkeit werde +ich unabhängig sein. Hier ist es still und langweilig.«</p> + +<p>Ein weißer Schmetterling flatterte heran, ließ sich eine +Weile vor uns auf einen Halm des zähen Deichgrases +nieder und gaukelte dann auf das Meer hinaus. Er entschwand +bald unsern Blicken, die ihm folgten. Kaja ließ +den trockenen Sand durch die Finger gleiten.</p> + +<p>»Dir wird es an nichts fehlen«, nahm sie nach einer +Weile die Unterhaltung aufs neue auf. Wieder begleitete +ein haltloses Lächeln ihre Worte, und diesmal war mir +als verscheuche sie in ihm etwas wie eine flüchtige Regung +des Kummers. Es mußte wohl so sein, denn sie fuhr langsam +fort: »Vielleicht haben manche Stärke, aber du hast +etwas anderes. Ich möchte dir gern etwas darüber sagen, +aber wie soll ich es tun? Ich unterlasse es nicht, weil ich +es für unnütz halte, sondern weil ich es nicht kann. Möchtest +du doch scheiden und glauben, ich sei glücklich; wenn du +das könntest, wie schön wäre das. Ich weiß, daß du keine +Ruhe hast, bevor du nicht gut von andern denken kannst, +das ist deine große Unruhe. Aber nun muß ich fort. Gute +Reise, Lieber.«</p> + +<p>Wir gaben uns nicht mehr die Hände, sondern wandten +uns ab, und ich schritt davon, ohne mich umzusehen. —</p> + +<p>Ja, das war nun einmal ein Gehen, immer Fuß vor +Fuß, als träte ich eine sinnlose Maschine. Ich muß wohl<a class="pagenum" name="Page_213" title="213"></a> +zu Boden geschaut haben, denn ich sehe noch heute den +Sand des Strandes und dann die graue Bahn der Straße +unter mir fließen. Staublinien und Furchen, kleine Steinchen, +Lichtflecke und auch schon herabgesunkene Blätter, +da der Sommer vorgeschritten war. Ich häufe und mehre +etwas zwischen ihr und mir, dachte ich, es wird langsam, +mit jedem neuen Schritt größer. Ich blieb stehen, ohne +den gefesselten Blick zu wenden und lauschte auf etwas. +Es waren die Stimmen der Natur, jene Laute, die wir +längst gewohnt sind zu überhören, die Wanderstimmen +der Luft und das Flüstern von Pflanzen, Insektensummen +und das leise Regen des Wassers in der Sommerstille. +Auch erklang hier und da ein Vogellaut. Auf der Erde +bin ich, dachte ich, ach könnte ich sie, die unerreichbare, +unübersehbare, zwischen dich und mich legen. Aber du sollst +nicht sinnen, mein Haupt, nicht pochen, Herz, ihr tragt +schaurige Ungewitter von Bitternis und Zorn, Schmach +und Wut, und ich darf nicht vergessen, ich darf nicht vergessen!</p> + +<p>Ich kann nicht umkehren und kann nicht vergessen. +Der eine Fuß am Boden rief mit dumpfem Aufschlag: +Vergessen! der andere rief: Umkehren! Und mir war, +als müßte ich diese Rufe wie Steine, Wort für Wort +auflesen, sie häuften sich als ein Berg in meiner Brust, +und ich mußte die Last schleppen. Wie licht hat es mir +doch durch manche Träne des Abschieds einst geschimmert, +aber nun wird es umher dunkler und dunkler.</p> + +<p>Das Licht versank, es wehte kühl aus dem Wald, der +mich aufnahm. Ich schritt tief gebeugt, und meine Hände +hingen herab, mein Schritt klang nicht mehr, denn ich<a class="pagenum" name="Page_214" title="214"></a> +hatte nun Moos und Walderde unter den Füßen, die +ziehende Bahn der Straße hatte ich nicht mehr ertragen +können, mir war zuletzt gewesen, als müßte ich die eilende +unter mir, die sich zwischen mich und mein Leben legte, +mit meinen Händen halten, die Kaja gehalten hatten.</p> + +<p>Der Geruch der dunklen Erde, mütterlich, umfing +mich in der Waldtiefe so mächtig, daß ich an einem +Baumstamm niedersank. Die Berührung meines ganzen +Körpers mit dem Boden tat mir wohl. Noch trug sie +mich, mir war, als sänke die gesammelte Last des Wegs +neben mich in die Pflanzen, und das Moos kühlte die +Stirn; die Kniee, die Arme, alles wurde getragen, und +die Augen schlossen sich.</p> + +<p>Ich schlief vor Schwäche ein, und langsam hellte die +Luft um mich her sich wunderartig auf, so daß die Umrisse +der Bäume und Büsche im Licht vergingen, das immer +klarer wurde. Da trat Asja aus dem hellen Glanz, als +käme meine Liebe zu mir. Sie sah auf mich nieder, und +als ihre Augen den meinen begegneten, erstrahlte mein +Wesen durch und durch. Sie hob ihre Hand und rief +laut:</p> + +<p>»Stehe auf! Stehe auf!«</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EROS UND DIE EVANGELIEN***</p> +<p>******* This file should be named 33603-h.txt or 33603-h.zip *******</p> +<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/3/3/6/0/33603">http://www.gutenberg.org/3/3/6/0/33603</a></p> +<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed.</p> + +<p>Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. + + +Section 3. 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Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://www.gutenberg.org/about/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's +eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, +compressed (zipped), HTML and others. + +Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over +the old filename and etext number. 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