summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/old/65662-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
authorwww-data <www-data@pglaf.org>2026-04-25 23:11:21 -0500
committerwww-data <www-data@pglaf.org>2026-04-25 23:11:21 -0500
commit33f34a5d29d759b3f6faed0873e498bd9949beb5 (patch)
tree70630cd2329fd54e1553a0fdadc8e4f6449228ef /old/65662-0.txt
parent4fc0be105009c387f47e43ab6be75d46f809fc2d (diff)
remove oldHEADmain
Diffstat (limited to 'old/65662-0.txt')
-rw-r--r--old/65662-0.txt18197
1 files changed, 0 insertions, 18197 deletions
diff --git a/old/65662-0.txt b/old/65662-0.txt
deleted file mode 100644
index 1dbfbf1..0000000
--- a/old/65662-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,18197 +0,0 @@
-The Project Gutenberg eBook of Der Zauberberg, by Thomas Mann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Der Zauberberg
- Zweiter Band
-
-Author: Thomas Mann
-
-Release Date: June 21, 2021 [eBook #65662]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG ***
-
- Thomas Mann
-
- Gesammelte Werke
-
-
- 1924
- S. Fischer / Verlag / Berlin
-
- Thomas Mann
-
-
-
-
- Der Zauberberg
-
-
- Roman
-
- Zweiter Band
-
-
- 1924
- S. Fischer / Verlag / Berlin
-
-
- Erste bis zehnte Auflage
- Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung
- Copyright 1924 by S. Fischer, Verlag, A.-G., Berlin
-
-
-
-
- Der Zauberberg
-
-
-
-
- Sechstes Kapitel
-
-
- Veränderungen
-
-Was ist die Zeit? Ein Geheimnis, – wesenlos und allmächtig. Eine
-Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung, verkoppelt und vermengt
-dem Dasein der Körper im Raum und ihrer Bewegung. Wäre aber keine Zeit,
-wenn keine Bewegung wäre? Keine Bewegung, wenn keine Zeit? Frage nur!
-Ist die Zeit eine Funktion des Raumes? Oder umgekehrt? Oder sind beide
-identisch? Nur zu gefragt! Die Zeit ist tätig, sie hat verbale
-Beschaffenheit, sie „zeitigt“. Was zeitigt sie denn? Veränderung! Jetzt
-ist nicht damals, hier nicht dort, denn zwischen beiden liegt Bewegung.
-Da aber die Bewegung, an der man die Zeit mißt, kreisläufig ist, in sich
-selber beschlossen, so ist das eine Bewegung und Veränderung, die man
-fast ebensogut als Ruhe und Stillstand bezeichnen könnte; denn das
-Damals wiederholt sich beständig im Jetzt, das Dort im Hier. Da ferner
-eine endliche Zeit und ein begrenzter Raum auch mit der verzweifeltsten
-Anstrengung nicht vorgestellt werden können, so hat man sich
-entschlossen, Zeit und Raum als ewig und unendlich zu „denken“, – in der
-Meinung offenbar, dies gelinge, wenn nicht recht gut, so doch etwas
-besser. Bedeutet aber nicht die Statuierung des Ewigen und Unendlichen
-die logisch-rechnerische Vernichtung alles Begrenzten und Endlichen,
-seine verhältnismäßige Reduzierung auf null? Ist im Ewigen ein
-Nacheinander möglich, im Unendlichen ein Nebeneinander? Wie vertragen
-sich mit den Notannahmen des Ewigen und Unendlichen Begriffe wie
-Entfernung, Bewegung, Veränderung, auch nur das Vorhandensein begrenzter
-Körper im All? Das frage du nur immerhin!
-
-Hans Castorp fragte so und ähnlich in seinem Hirn, das gleich bei seiner
-Ankunft hier oben zu solchen Indiskretionen und Quengeleien sich
-aufgelegt gezeigt hatte und durch eine schlimme, aber gewaltige Lust,
-die er seitdem gebüßt, vielleicht besonders dafür geschärft und zum
-Querulieren dreist gemacht worden war. Er fragte sich selbst danach und
-den guten Joachim und das seit undenklichen Zeiten dick verschneite Tal,
-obgleich er ja von keiner dieser Stellen irgend etwas einer Antwort
-ähnliches zu gewärtigen hatte, – schwer zu sagen, von welcher am
-wenigsten. Sich selbst legte er solche Fragen eben nur vor, weil er
-keine Antwort darauf wußte. Joachim seinerseits war zur Teilnahme daran
-fast gar nicht zu gewinnen, da er, wie Hans Castorp es eines Abends auf
-französisch gesagt hatte, an nichts dachte als daran, im Flachlande
-Soldat zu sein und mit der bald sich nähernden, bald foppend wieder ins
-Weite schwindenden Hoffnung darauf in einem nachgerade erbitterten
-Kampfe lag, den durch einen Gewaltstreich zu beenden er sich neuerdings
-geneigt zeigte. Ja, der gute, geduldige, rechtliche und so ganz auf
-Dienstlichkeit und Disziplin gestellte Joachim unterlag empörerischen
-Anwandlungen, er begehrte auf gegen die „Gaffky-Skala“, jenes
-Untersuchungssystem, wonach im Laboratorium drunten, oder dem „Labor“,
-wie man gewöhnlich sagte, der Grad erkundet und bezeichnet wurde, in
-welchem ein Patient mit Bazillen behaftet war: ob diese nur ganz
-vereinzelt oder unzählbar massenhaft in dem analysierten Probestoffe
-sich vorfanden, das bestimmte die Höhe der Gaffky-Nummer, und auf diese
-eben kam alles an. Denn völlig untrüglich drückte sie die
-Genesungschance aus, mit der ihr Träger zu rechnen hatte; die Zahl der
-Monate oder Jahre, die jemand noch würde zu verweilen haben, war
-unschwer danach zu bestimmen, angefangen von der halbjährigen
-Stippvisite bis hinauf zu dem Spruche „Lebenslänglich“, der zeitlich
-genommen oft genug nun wieder nur allzu wenig besagte. Gegen die
-Gaffky-Skala denn also empörte Joachim sich, offen kündigte er ihrer
-Autorität den Glauben, – nicht _ganz_ offen, nicht gerade gegen die
-Oberen, aber doch gegen seinen Vetter und sogar bei Tisch. „Ich habe es
-satt, ich lasse mich nicht länger zum Narren haben“, sagte er laut, und
-das Blut stieg ihm in das tief gebräunte Gesicht. „Vor vierzehn Tagen
-hatte ich Gaffky Nr. 2, eine Bagatelle, die besten Aussichten, und heute
-Nr. 9, bevölkert geradezu, von der Ebene nicht mehr die Rede. Da soll
-doch der Teufel klug daraus werden, wie es mit einem steht, es ist nicht
-zum Aushalten. Oben auf Schatzalp liegt ein Mann, ein griechischer
-Bauer, sie haben ihn aus Arkadien hergeschickt, ein Agent hat ihn
-hergeschickt, – ein aussichtsloser Fall, es ist galoppierend bei ihm,
-jeden Tag kann man den Exitus erwarten, aber nie im Leben hat der Mann
-Bazillen im Sputum gehabt. Dagegen der dicke belgische Hauptmann, der
-gesund abging, als ich ankam, war Gaffky Nr. 10 gewesen, nur so
-gewimmelt hatte es bei ihm, und dabei hatte er bloß eine ganz kleine
-Kaverne gehabt. Gaffky kann mir gestohlen werden! Ich mache Schluß, ich
-reise nach Hause, und wenn es mein Tod ist!“ So Joachim; und alle waren
-schmerzlich betreten, den sanften, gesetzten jungen Menschen in solchem
-Aufruhr zu sehen. Hans Castorp konnte nicht umhin, bei Joachims Drohung,
-er werde alles hinwerfen und ins Flachland abreisen, an gewisse
-Äußerungen zu denken, die er auf französisch von dritter Seite
-vernommen. Aber er schwieg; denn sollte er dem Vetter seine eigene
-Geduld als Muster vorhalten, wie Frau Stöhr es tat, die Joachim wirklich
-ermahnte, nicht so lästerlich aufzutrotzen, sondern sich in Demut zu
-schicken und sich ein Beispiel an der Treue zu nehmen, mit welcher sie,
-Karoline, hier oben ausharre und es sich willenszäh versage, in ihrem
-Heim zu Cannstatt als Hausfrau zu schalten und zu walten, um dereinst
-ihrem Mann ein völlig und gründlich genesenes Eheweib in ihrer Person
-zurückzuerstatten? Nein, das mochte Hans Castorp denn doch nicht, zumal
-er seit dem Faschingsfest vor Joachim ein schlechtes Gewissen hatte, –
-das heißt: sein Gewissen sagte ihm, Joachim müsse in dem, worüber sie
-nicht sprachen, wovon Joachim aber zweifellos wußte, etwas wie Verrat,
-Desertion und Treulosigkeit sehen, und zwar in Hinsicht auf ein Paar
-runder brauner Augen, eine schwach begründete Lachlust und ein
-Apfelsinenparfüm, deren Einwirkungen er täglich fünfmal ausgesetzt war,
-vor denen er aber streng und anständig seine Augen auf den Teller
-niederschlug ... Ja, noch in dem stillen Widerstreben, mit dem Joachim
-seinen Spekulationen und Aspekten über die „Zeit“ begegnete, glaubte
-Hans Castorp etwas von dieser militärischen Sittsamkeit, die einen
-Vorwurf für sein Gewissen enthielt, zu spüren. Was aber das Tal, das
-dick verschneite Wintertal betraf, an das Hans Castorp von seinem
-vorzüglichen Liegestuhle aus ebenfalls seine übersinnlichen Fragen
-richtete, so standen seine Zinken, Kuppen, Wandlinien und
-braun-grün-rötlichen Wälder schweigend in der Zeit, umwoben von still
-fließender Erdenzeit bald leuchtend im tiefen Himmelsblau, bald
-qualmverhüllt, bald rötlich angeglüht in der Höhe von scheidender Sonne,
-bald diamanthart glitzernd in Mondnachtzauber, – aber immer im Schnee,
-seit sechs undenklichen, wenn auch huschartig vergangenen Monaten, und
-alle Gäste erklärten, sie könnten den Schnee nicht mehr sehen, er widere
-sie, schon der Sommer habe ihren Ansprüchen in dieser Richtung genügt,
-aber nun Schneemassen tagein, tagaus, Schneehaufen, Schneepolster,
-Schneehänge, das gehe über Menschenkraft, sei Mord für Geist und Gemüt.
-Und sie setzten farbige Brillen auf, grüne, gelbe und rote, wohl auch um
-die Augen zu schonen, doch mehr noch fürs Herz.
-
-Tal und Berge im Schnee seit sechs Monaten schon? Seit sieben! Die Zeit
-schreitet fort, während wir erzählen, – _unsere_ Zeit, die wir dieser
-Erzählung widmen, aber auch die tief vergangene Zeit Hans Castorps und
-seiner Schicksalsgenossen dort oben im Schnee, und sie zeitigt
-Veränderungen. Alles war auf dem besten Wege, sich zu erfüllen, wie Hans
-Castorp es am Faschingstage auf dem Heimwege von „Platz“ zum Zorne Herrn
-Settembrinis mit raschen Worten vorweggenommen hatte: nicht gerade, daß
-schon die Sonnenwende in unmittelbarer Aussicht gewesen wäre, aber
-Ostern war durch das weiße Tal gezogen, der April schritt vor, der Blick
-auf Pfingsten war frei, bald würde der Frühling anbrechen, die
-Schneeschmelze, – nicht aller Schnee würde schmelzen, auf den Häuptern
-im Süden, in den Felsschründen der Rätikonkette im Norden blieb immerdar
-welcher liegen, von dem zu schweigen, der auch allsommermonatlich
-einfallen, aber nicht liegen bleiben würde; doch unbedingt verhieß die
-Umwälzung des Jahres entscheidende Neuerungen binnen kurzem, denn seit
-jener Fastnacht, in der Hans Castorp sich von Frau Chauchat einen
-Bleistift geliehen, ihr später denselben auch wieder zurückgegeben und
-auf Wunsch etwas anderes dafür empfangen hatte, eine Erinnerungsgabe,
-die er in der Tasche trug, waren nun schon sechs Wochen verflossen, –
-doppelt so viele, als Hans Castorp ursprünglich hatte hier oben bleiben
-wollen.
-
-Sechs Wochen verflossen in der Tat seit dem Abend, da Hans Castorp die
-Bekanntschaft Clawdia Chauchats gemacht hatte und dann so viel später
-auf sein Zimmer zurückgekehrt war, als der dienstfromme Joachim auf das
-seine; sechs Wochen seit dem folgenden Tage, der Frau Chauchats Abreise
-gebracht hatte, ihre Abreise für diesmal, ihre _vorläufige_ Abreise nach
-Daghestan, ganz östlich über den Kaukasus hinaus. Daß diese Abreise
-vorläufiger Art, nur eine Abreise für diesmal sein solle, daß Frau
-Chauchat wiederzukehren beabsichtigte, – unbestimmt wann, aber daß sie
-einmal wiederkommen wolle oder auch müsse, des besaß Hans Castorp
-Versicherungen, direkte und mündliche, die nicht in dem mitgeteilten
-fremdsprachigen Dialog gefallen waren, sondern folglich in die
-unsererseits wortlose Zwischenzeit, während welcher wir den
-zeitgebundenen Fluß unserer Erzählung unterbrochen und nur sie, die
-reine Zeit, haben walten lassen. Jedenfalls hatte der junge Mann jene
-Versicherungen und tröstlichen Zusagen erhalten, bevor er auf Nr. 34
-zurückgekehrt war; denn am folgenden Tage hatte er kein Wort mehr mit
-Frau Chauchat gewechselt, sie kaum gesehen, sie zweimal von weitem
-gesehen: beim Mittagessen, als sie in blauem Tuchrock und weißer
-Wolljacke, unter dem Schmettern der Glastür und lieblich schleichend
-noch einmal zu Tische gegangen war, wobei ihm das Herz im Halse
-geschlagen und nur die scharfe Bewachung, die Fräulein Engelhart ihm
-zugewandt, ihn gehindert hatte, das Gesicht mit den Händen zu bedecken;
-– und dann nachmittags 3 Uhr, bei ihrer Abreise, der er nicht eigentlich
-beigewohnt, sondern der er von einem Korridorfenster aus, das den Blick
-auf die Anfahrt gewährte, zugesehen hatte.
-
-Der Vorgang hatte sich abgespielt, wie Hans Castorp ihn während seines
-Aufenthaltes hier oben schon manchmal sich hatte abspielen sehen: der
-Schlitten oder Wagen hielt an der Rampe, Kutscher und Hausknecht
-schnürten die Koffer auf, Sanatoriumsgäste, Freunde dessen, der, genesen
-oder nicht, um zu leben oder zu sterben, die Rückreise ins Flachland
-antrat, oder auch nur solche, die den Dienst schwänzten, um das Ereignis
-auf sich wirken zu lassen, versammelten sich vorm Portal; ein Herr im
-Gehrock von der Verwaltung, vielleicht sogar die Ärzte stellten sich
-ein, und dann kam der Abreisende heraus, – strahlenden Angesichtes meist
-und huldvoll die neugierig Umstehenden und Zurückbleibenden grüßend,
-mächtig belebt für den Augenblick durch das Abenteuer ... Diesmal nun
-war es Frau Chauchat gewesen, die herausgekommen war, lächelnd, den Arm
-voller Blumen, in langem, rauhem, mit Pelz besetztem Reisemantel und
-großem Hut, begleitet von Herrn Buligin, ihrem konkaven Landsmann, der
-ein Stück Weges mit ihr reiste. Auch sie schien freudig erregt, wie
-jeder Abreisende es war, – nur durch den Lebenswechsel, ganz unabhängig
-davon, ob man mit ärztlicher Einwilligung reiste oder nur aus
-verzweifeltem Überdruß, auf eigene Gefahr und mit schlechtem Gewissen
-den Aufenthalt unterbrach. Ihre Wangen waren gerötet, sie plauderte
-beständig, wahrscheinlich auf russisch, während man ihre Knie mit einer
-Pelzdecke umwickelte ... Nicht nur Frau Chauchats Landsleute und
-Tischgenossen, sondern auch zahlreiche andere Gäste waren zur Stelle
-gewesen, Dr. Krokowski hatte kernig lächelnd seine gelben Zähne im Barte
-gezeigt, noch mehr Blumen hatte es gegeben, die Großtante hatte Konfekt,
-„Konfäktchen“, wie sie zu sagen pflegte, das heißt russische Marmelade,
-gespendet, die Lehrerin hatte dort gestanden, der Mannheimer, – dieser
-in einiger Entfernung, trübe spähend, und seine leidvollen Augen waren
-am Hause emporgeglitten, wo sie Hans Castorp am Korridorfenster gewahrt
-und trübe auf ihm verweilt hatten ... Hofrat Behrens hatte sich nicht
-gezeigt; offenbar hatte er sich von der Reisenden schon bei anderer,
-privater Gelegenheit verabschiedet ... Dann hatten unter dem Winken und
-Rufen der Umstehenden die Pferde angezogen, und auch Frau Chauchats
-schräge Augen hatten nun, während die Vorwärtsbewegung des Schlittens
-ein Zurücksinken ihres Oberkörpers gegen das Polster bewirkt hatte, noch
-einmal lächelnd die Front des Berghof-Hauses überflogen und während des
-Bruchteils einer Sekunde auf Hans Castorps Antlitz verweilt ... Bleich
-war der Zurückbleibende auf sein Zimmer geeilt, in seine Loggia, um den
-Schlitten von hier aus noch einmal zu sehen, der mit Geklingel die
-Anfahrtstraße hinab gegen „Dorf“ hingeglitten war, hatte sich dann in
-seinen Stuhl geworfen und aus der Brusttasche die Erinnerungsgabe
-gezogen, das Pfand, das diesmal nicht in bräunlichroten Holzschnitzeln,
-sondern in einem dünn gerahmten Plättchen, einer Glasplatte bestand, die
-man gegen das Licht halten mußte, um etwas an ihr zu finden, – Clawdias
-Innenporträt, das ohne Antlitz war, aber das zarte Gebein ihres
-Oberkörpers, von den weichen Formen des Fleisches licht und geisterhaft
-umgeben, nebst den Organen der Brusthöhle erkennen ließ ...
-
-Wie oft hatte er es betrachtet und an die Lippen gedrückt in der Zeit,
-die seitdem verflossen war, indem sie Veränderung gezeitigt hatte!
-Gewöhnung zum Beispiel an ein Leben hier oben in räumlich weiter
-Abwesenheit Clawdia Chauchats hatte sie gezeitigt, und zwar geschwinder,
-als man hätte denken sollen: die hiesige Zeit war ja besonders danach
-geartet und außerdem zu dem Zwecke organisiert, Gewöhnung zu zeitigen,
-wenn auch nur Gewöhnung daran, daß man sich nicht gewöhnte. Der
-klirrende Knall zu Beginn der fünf übergewaltigen Mahlzeiten war nicht
-mehr zu gewärtigen und trat nicht mehr ein; anderswo, in ungeheuerer
-Entfernung, ließ Frau Chauchat nun Türen zufallen, – eine
-Wesensäußerung, die mit ihrem Dasein, ihrer Krankheit auf ähnliche Art
-vermengt und verbunden war wie die Zeit mit den Körpern im Raum:
-vielleicht _war_ das ihre Krankheit, und nichts weiter ... Aber war sie
-unsichtbar-abwesend, so war sie doch zugleich auch unsichtbar-anwesend
-für Hans Castorps Sinn, – der Genius des Ortes, den er in schlimmer, in
-ausschreitungsvoll süßer Stunde, in einer Stunde, auf die kein
-friedliches kleines Lied des Flachlandes paßte, erkannt und besessen
-hatte, und dessen inneres Schattenbild er auf seinem seit neun Monaten
-so heftig in Anspruch genommenen Herzen trug.
-
-In jener Stunde hatte sein zuckender Mund in fremder Sprache und in der
-angeborenen so manches Ausschreitungsvolle halb unbewußt und halb
-erstickt gestammelt: Vorschläge, Anerbietungen, tolle Entwürfe und
-Willensvorsätze, denen alle Billigung mit Fug und Recht versagt
-geblieben war, – so, daß er den Genius über den Kaukasus begleiten, ihm
-nachreisen, ihn an dem Orte, den die freizügige Laune des Genius sich
-zum nächsten Domizil erwählen werde, erwarten wolle, um sich niemals
-mehr von ihm zu trennen, und andere Unverantwortlichkeiten mehr. Was der
-schlichte junge Mann mitgenommen hatte aus dieser Stunde tiefen
-Abenteuers, war eben nur das Schattenpfand gewesen und die dem Range des
-Wahrscheinlichen sich nähernde Möglichkeit, daß Frau Chauchat zu einem
-vierten Aufenthalt hierher zurückkehren werde, früher oder später, wie
-die Krankheit, die ihr Freiheit gab, es fügen würde. Aber ob früher oder
-später, – Hans Castorp, so hatte es auch beim Abschied wieder geheißen,
-werde dann unbedingt „längst weit fort“ sein; und der geringschätzige
-Sinn dieser Prophezeiung wäre noch schwerer erträglich gewesen, wenn man
-nicht hätte bedenken können, daß gewisse Dinge nicht prophezeit werden,
-damit sie eintreten, sondern damit sie _nicht_ eintreten, gleichsam im
-Sinn der Beschwörung. Propheten dieser Art verhöhnen die Zukunft, indem
-sie ihr sagen, wie sie sich gestalten werde, damit sie sich schäme, sich
-wirklich so zu gestalten. Und wenn der Genius ihn, Hans Castorp, im
-Laufe des mitgeteilten Gesprächs und außerhalb seiner einen „_joli
-bourgeois au petit endroit humide_“ genannt hatte, was etwas wie die
-Übersetzung der Redensart Settembrinis vom „Sorgenkind des Lebens“
-gewesen war, so fragte es sich eben, welcher Bestandteil dieser
-Wesensmischung sich als stärker erweisen würde: der bourgeois oder das
-andere ... Auch hatte der Genius nicht in Betracht gezogen, daß er
-selbst ja verschiedentlich abgereist und wiedergekommen war, und daß
-auch Hans Castorp im rechten Augenblick würde wiederkommen können, –
-obgleich er ja freilich überhaupt nur deshalb noch immer hier oben saß,
-damit er _nicht_ wiederzukommen brauchte: das war ausdrücklich, wie bei
-so vielen, der Sinn seines Verweilens.
-
-_Eine_ spöttische Prophezeiung vom Faschingsabend war eingetroffen: Hans
-Castorp hatte eine schlechte Fieberlinie gehabt, in steiler Zacke, die
-er mit einem Gefühl von Festlichkeit eingezeichnet, war seine Kurve
-damals emporgestiegen und, nach einigem Absinken, als Hochplateau
-fortgelaufen, das sich, nur leicht gewellt, dauernd über der Ebene des
-bisher Gewohnten hielt. Es war eine Übertemperatur, deren Höhe und
-Hartnäckigkeit nach des Hofrats Aussage zu dem lokalen Befund in keinem
-rechten Verhältnis stand. „Sind eben doch vergifteter, als man Ihnen
-zutrauen sollte, Freundchen“, sagte er. „Na, greifen wir mal zu den
-Injektionen! Das wird Ihnen anschlagen. In drei, vier Monaten sind Sie
-wie der Fisch im Wasser, wenn es nach dem Unterfertigten geht.“ So kam
-es, daß Hans Castorp nun zweimal die Woche, am Mittwoch und Sonnabend
-gleich nach der Morgenmotion, sich im „Labor“ drunten einzufinden hatte,
-um seine Einspritzung entgegenzunehmen.
-
-Beide Ärzte verabfolgten dies Heilmittel, bald dieser, bald jener, aber
-der Hofrat tat es als Virtuos, mit einem Schwung, indem er beim Einstich
-zugleich abdrückte. Übrigens kümmerte er sich nicht um die Stelle, wohin
-er stach, so daß der Schmerz zuweilen des Teufels war und der Punkt noch
-lange brennend verhärtet blieb. Ferner wirkte die Injektion stark
-angreifend auf den Gesamtorganismus, erschütterte das Nervensystem wie
-eine Gewaltleistung sportlicher Art, und das zeugte für die ihr
-innewohnende Kraft, die sich auch darin bekundete, daß sie unmittelbar,
-für den Augenblick, die Temperatur sogar erhöhte: so hatte der Hofrat es
-vorausgesagt, und so geschah es denn auch, gesetzmäßig und ohne daß es
-an der vorausgesagten Erscheinung etwas zu beanstanden gab. Die Prozedur
-war rasch abgetan, war man nur erst einmal an der Reihe; im Handumdrehen
-hatte man sein Gegengift unter der Haut, sei es des Schenkels oder
-Armes. Ein paarmal aber, wenn der Hofrat sich eben aufgelegt und vom
-Tabak nicht getrübt zeigte, kam es anläßlich der Injektion doch zu einem
-kleinen Gespräch mit ihm, das Hans Castorp etwa wie folgt zu lenken
-wußte:
-
-„Ich denke noch immer gern an unsere gemütliche Kaffeestunde damals bei
-Ihnen, Herr Hofrat, voriges Jahr im Herbst, wie sich das zufällig so
-machte. Gerade noch gestern, oder ist es schon etwas länger her, habe
-ich meinen Vetter daran erinnert ...“
-
-„Gaffky sieben“, sagte der Hofrat. „Letztes Ergebnis. Der Junge will und
-will sich nun mal nicht entgiften. Und dabei hat er mich noch nie so
-getirrt und geplagt wie neuerdings, daß er weg will und einen
-Schleppsäbel haben, der Kindskopf. Zetert mir über seine fünf
-Vierteljährchen vor, als ob es Äonen wären, die er sich um die Ohren
-geschlagen. Weg will er, so oder so, – sagt er es zu Ihnen auch? Sie
-sollten ihm mal ins Gewissen reden, von Ihnen aus, und das mit
-Nachdruck! Das Mannsbild geht Ihnen in die Binsen, wenn es vorzeitig
-Ihren gemütvollen Nebel schluckt, da oben rechts. So ein Eisenfresser
-braucht nicht viel Hirnschmalz zu haben, aber Sie als der Gesetztere,
-der Zivilist, der Mann bürgerlicher Bildung, Sie sollten ihm den Kopf
-zurechtsetzen, bevor er Dummheiten macht.“
-
-„Tu ich, Herr Hofrat“, antwortete Hans Castorp, ohne die Führung fahren
-zu lassen. „Tu ich öfters, wenn er so aufmuckt, und denke ja auch, er
-wird Räson annehmen. Aber die Beispiele, die man vor Augen hat, sind ja
-nicht immer die besten, das ist das Schädliche. Immer kommen Abreisen
-vor, – Abreisen ins Flachland, eigenmächtig und ohne wahre Befugnis,
-aber es ist eine Festivität, als ob es eine echte Abreise wäre, und hat
-was Verführerisches für schwächere Charaktere. Zum Beispiel neulich ...
-wer ist denn neulich noch abgereist? Eine Dame, vom Guten Russentisch,
-Madame Chauchat. Nach Daghestan, wie erzählt wurde. Nun, Daghestan, ich
-kenne das Klima nicht, es ist am Ende weniger ungünstig als oben am
-Wasser. Aber Flachland ist es doch in unserem Sinn, wenn es vielleicht
-auch gebirgig ist, geographisch genommen, ich bin da nicht so
-beschlagen. Wie will man denn da nun leben, unausgeheilt, wo die
-Grundbegriffe fehlen und niemand von unserer Ordnung hier oben weiß und
-wie es zu halten ist mit Liegen und Messen? Übrigens will sie ja
-ohnedies wiederkommen, hat sie mir gelegentlich mitgeteilt, – wie kamen
-wir überhaupt auf sie? – Ja, damals trafen wir Sie im Garten, Herr
-Hofrat, wenn Sie sich erinnern, das heißt Sie trafen uns, denn wir saßen
-auf einer Bank, ich weiß noch auf welcher, genau könnt’ ich sie Ihnen
-bezeichnen, auf der wir saßen und rauchten. Will sagen, ich rauchte,
-denn mein Vetter raucht ja unbegreiflicherweise nicht. Und Sie rauchten
-auch gerade, und wir offerierten uns gegenseitig noch unsere Marken, wie
-mir eben wieder einfällt, – Ihre Brasil hat mir ausgezeichnet
-geschmeckt, aber man muß damit umgehen wie mit jungen Pferden, glaub
-ich, sonst stößt einem was zu, wie Ihnen damals nach den beiden kleinen
-Importen, als Sie mit wogendem Busen abtanzen wollten, – da es gut
-gegangen ist, kann man ja lachen. Von Maria Mancini hab ich mir übrigens
-neulich wieder einmal ein paar hundert Stück aus Bremen verschrieben,
-ich hänge doch sehr an dem Erzeugnis, es ist mir nach jeder Richtung
-sympathisch. Nur allerdings, die Verteuerung durch Zoll und Porto ist
-ziemlich empfindlich, und wenn Sie mir nächstens noch was Beträchtliches
-zulegen, Herr Hofrat, so bin ich imstande und bekehre mich schließlich
-zu einem hiesigen Kraut, – man sieht in den Fenstern ganz schöne Sachen.
-Und dann durften wir Ihre Bilder sehen, ich weiß es wie heute und hatte
-den größten Genuß davon, – geradezu perplex war ich, was Sie mit der
-Ölfarbe riskieren, ich würd es mich nie unterstehen. Da sahen wir ja
-auch Frau Chauchats Porträt mit seiner erstrangig gemalten Haut, – ich
-darf wohl sagen, ich war begeistert. Damals kannte ich das Modell noch
-nicht, nur vom Ansehen, dem Namen nach. Seitdem, ganz kurz vor ihrer
-diesmaligen Abreise, habe ich sie ja noch persönlich kennen gelernt.“
-
-„Was Sie sagen!“ erwiderte der Hofrat, – ebenso, wenn die Rückbeziehung
-erlaubt ist, wie er erwidert hatte, als Hans Castorp ihm vor seiner
-ersten Untersuchung mitgeteilt, daß er übrigens auch etwas Fieber habe.
-Und weiter sagte er nichts.
-
-„Doch, ja, das habe ich“, bestätigte Hans Castorp. „Erfahrungsgemäß ist
-es gar nicht so leicht, hier oben Bekanntschaften zu machen, aber mit
-Frau Chauchat und mir hat es sich in letzter Stunde doch noch getroffen
-und arrangiert, gesprächsweise sind wir uns ...“ Hans Castorp zog die
-Luft durch die Zähne ein. Er hatte die Spritze empfangen. „Fff!“ machte
-er rückwärts. „Das war sicher ein hochwichtiger Nerv, den Sie da
-zufällig getroffen haben, Herr Hofrat. Oh, ja, ja, es schmerzt
-höllenmäßig. Danke, etwas Massage verbessert die Sache ...
-Gesprächsweise sind wir uns näher gekommen.“
-
-„So! – Na?“ machte der Hofrat. Er fragte kopfnickend, mit jemandes
-Miene, der eine sehr lobende Antwort erwartet und in die Frage zugleich
-die Bestätigung des zu erwartenden Lobes aus eigener Erfahrung legt.
-
-„Ich nehme an, daß es mit meinem Französisch etwas gehapert hat“, wich
-Hans Castorp aus. „Woher soll ichs am Ende auch haben. Aber im rechten
-Augenblick fliegt einen ja manches an, und so ging es denn mit der
-Verständigung doch ganz leidlich.“
-
-„Glaub’ ich. Na?“ wiederholte der Hofrat seine Aufforderung. Von sich
-aus fügte er hinzu: „Niedlich, was?“
-
-Hans Castorp, den Hemdkragen knüpfend, stand mit gespreizten Beinen und
-Ellbogen, das Gesicht zur Decke gewandt.
-
-„Es ist am Ende nichts Neues“, sagte er. „An einem Badeort leben zwei
-Personen oder auch Familien wochenlang unter demselben Dach, in Distanz.
-Eines Tages machen sie Bekanntschaft, finden aufrichtiges Gefallen
-aneinander, und zugleich stellt sich heraus, daß der eine Teil im
-Begriffe ist, abzureisen. So ein Bedauern kommt häufig vor, kann ich mir
-denken. Und da möchte man nun doch wenigstens Fühlung wahren im Leben,
-voneinander hören, das heißt per Post. Aber Frau Chauchat ...“
-
-„Tja, die will wohl nicht?“ lachte der Hofrat gemütlich.
-
-„Nein, sie wollte nichts davon wissen. Schreibt sie Ihnen denn auch nie
-zwischendurch, von ihren Aufenthaltsorten?“
-
-„I, Gott bewahre“, antwortete Behrens. „Das fällt doch der nicht ein.
-Erstens aus Faulheit nicht, und dann, wie soll sie denn schreiben?
-Russisch kann ich nicht lesen, – ich kauderwelsche es wohl mal, wenn Not
-an den Mann kommt, aber lesen kann ich kein Wort. Und Sie doch auch
-nicht. Na, und Französisch oder auch Neuhochdeutsch miaut das Kätzchen
-ja allerliebst, aber schreiben, – da käme sie in die größte
-Verlegenheit. Die Orthographie, lieber Freund! Nein, da müssen wir uns
-schon trösten, mein Junge. Sie kommt ja immer mal wieder, von Zeit zu
-Zeit. Frage der Technik, Temperamentssache, wie gesagt. Der eine hält
-dann und wann Abreise und muß immer wiederkommen, und der andere bleibt
-gleich so lange, daß er nie wiederzukommen braucht. Wenn Ihr Vetter
-jetzt abreist, das sagen Sie ihm nur, so kann es leicht sein, daß Sie
-seinen solennen Wiedereinzug noch hier erleben.“
-
-„Aber Herr Hofrat, wie lange meinen Sie denn, daß ich ...“
-
-„Daß Sie? Daß er! Daß er nicht so lange untenbleiben wird, wie er hier
-oben war. Das meine ich für meine treuherzige Person, und das ist mein
-Auftrag an Sie für ihn, wenn Sie so freundlich sein wollen.“
-
-Ähnlich mochte wohl so ein Gespräch verlaufen, pfiffig gelenkt von Hans
-Castorp, wenn das Ergebnis auch nichtig bis zweideutig gewesen war. Denn
-was das betraf, wie lange man bleiben müsse, um die Wiederkehr eines vor
-der Zeit Abgereisten zu erleben, war es zweideutig gewesen, in Hinsicht
-auf die Entschwundene aber gleich null. Hans Castorp würde nichts von
-ihr hören, solange das Geheimnis von Raum und Zeit sie trennte; sie
-würde nicht schreiben, und auch ihm würde keine Gelegenheit gegeben
-sein, es zu tun ... Warum denn auch übrigens, hätte es sich anders
-verhalten sollen, wenn er es wohl überlegte? War es nicht eine recht
-bürgerliche und pedantische Vorstellung von ihm gewesen, daß sie
-einander schreiben müßten, während ihm doch ehemals zumute gewesen war,
-als sei es nicht einmal nötig oder nur wünschenswert, daß sie
-miteinander _sprächen_? Und hatte er denn auch etwa mit ihr
-„gesprochen“, im Sinne des gebildeten Abendlandes, an ihrer Seite am
-Faschingsabend, oder nicht vielmehr fremdsprachig im Traum geredet, auf
-wenig zivilisierte Weise? Wozu denn also nun schreiben, auf Briefpapier
-oder Ansichtskarten, wie er sie manchmal nach Hause ins Flachland
-richtete, um über die Schwankungen der Untersuchungsergebnisse zu
-berichten? Hatte Clawdia nicht recht, sich vom Schreiben entbunden zu
-fühlen, kraft der Freiheit, welche die Krankheit ihr gab? Sprechen,
-schreiben, – eine hervorragend humanistisch-republikanische
-Angelegenheit in der Tat, Angelegenheit des Herrn Brunetto Latini, der
-das Buch von den Tugenden und Lastern schrieb und den Florentinern
-Schliff gab, sie das Sprechen lehrte und die Kunst, ihre Republik nach
-den Regeln der Politik zu lenken ...
-
-Damit fielen Hans Castorps Gedanken denn auf Lodovico Settembrini, und
-er errötete, wie er damals errötet war, als der Schriftsteller
-unvermutet sein Krankenzimmer betreten hatte, unter plötzlicher
-Erleuchtung desselben. An Herrn Settembrini hätte Hans Castorp ja
-ebenfalls seine Fragen, die übersinnlichen Rätsel betreffend, richten
-können, wenn auch nur im Sinne der Herausforderung und der Quengelei,
-nicht in der Erwartung, von dem Humanisten, dessen Trachten den
-irdischen Lebensinteressen galt, Antwort darauf zu erhalten. Aber seit
-der Faschingsgeselligkeit und Settembrinis bewegtem Abgang aus dem
-Klaviersalon waltete zwischen Hans Castorp und dem Italiener eine
-Entfremdung, die auf das schlechte Gewissen des einen, sowie auf die
-tiefe pädagogische Verstimmung des andern zurückzuführen war und dahin
-wirkte, daß sie einander mieden und wochenlang kein Wort zwischen ihnen
-gewechselt wurde. War Hans Castorp noch ein „Sorgenkind des Lebens“ in
-Herrn Settembrinis Augen? Nein, er war wohl ein Aufgegebener in den
-Augen dessen, der die Moral in der Vernunft und der Tugend suchte ...
-Und Hans Castorp verstockte sich gegen Herrn Settembrini, er zog die
-Brauen zusammen und warf die Lippen auf, wenn sie einander begegneten,
-während Herrn Settembrinis schwarz glänzender Blick mit schweigendem
-Vorwurf auf ihm ruhte. Dennoch löste diese Verstocktheit sich sofort,
-als der Literat nach Wochen, wie gesagt, zum erstenmal wieder das Wort
-an ihn richtete, wenn auch nur im Vorüberstreifen und in Form
-mythologischer Anspielungen, zu deren Verständnis abendländische Bildung
-gehörte. Es war nach dem Diner; sie trafen in der nicht mehr zufallenden
-Glastür zusammen. Settembrini sagte, den jungen Mann überholend und von
-vornherein im Begriff, sich gleich wieder von ihm zu lösen:
-
-„Nun, Ingenieur, wie hat der Granatapfel gemundet?“
-
-Hans Castorp lächelte erfreut und verwirrt.
-
-„Das heißt ... Wie meinen Sie, Herr Settembrini? Granatapfel? Es gab
-doch keine? Ich habe nie im Leben ... Doch, einmal habe ich
-Granatapfelsaft mit Selters getrunken. Es schmeckte zu süßlich.“
-
-Der Italiener, schon vorüber, wandte den Kopf zurück und artikulierte:
-
-„Götter und Sterbliche haben zuweilen das Schattenreich besucht und den
-Rückweg gefunden. Aber die Unterirdischen wissen, daß, wer von den
-Früchten ihres Reiches kostet, ihnen verfallen bleibt.“
-
-Und er ging weiter, in seinen ewig hell gewürfelten Hosen, und ließ im
-Rücken Hans Castorp, der „durchbohrt“ sein sollte von so viel Bedeutung
-und es gewissermaßen auch war, obgleich er, ärgerlich erheitert über die
-Zumutung, es zu sein, vor sich hin murmelte:
-
-„Latini, Carducci, Ratzi-Mausi-Falli, laß mich in Frieden!“
-
-Gleichwohl war er sehr glücklich bewegt über diese erste Anrede; denn
-trotz der Trophäe, dem makabren Angebinde, das er auf dem Herzen trug,
-hing er an Herrn Settembrini, legte großes Gewicht auf sein Dasein, und
-der Gedanke, gänzlich und auf immer von ihm verworfen und aufgegeben zu
-sein, wäre denn doch beschwerender und schrecklicher für seine Seele
-gewesen, als das Gefühl des Knaben, der in der Schule nicht mehr in
-Betracht gekommen war und die Vorteile der Schande genossen hatte, wie
-Herr Albin ... Doch wagte er nicht, von seiner Seite das Wort an den
-Mentor zu richten, und dieser ließ abermals Wochen vergehen, bis er sich
-dem Sorgenzögling wieder einmal näherte.
-
-Das geschah, als auf den in ewig eintönigem Rhythmus anrollenden
-Meereswogen der Zeit Ostern herangetrieben war und auf „Berghof“
-begangen wurde, wie man alle Etappen und Einschnitte dort aufmerksam
-beging, um ein ungegliedertes Einerlei zu vermeiden. Beim ersten
-Frühstück fand jeder Gast neben seinem Gedecke ein Veilchensträußchen,
-beim zweiten Frühstück erhielt jedermann ein gefärbtes Ei, und die
-festliche Mittagstafel war mit Häschen geschmückt aus Zucker und
-Schokolade.
-
-„Haben Sie je eine Schiffsreise gemacht, Tenente, oder Sie, Ingenieur?“
-fragte Herr Settembrini, als er nach Tische in der Halle mit seinem
-Zahnstocher an das Tischchen der Vettern herantrat ... Wie die Mehrzahl
-der Gäste kürzten sie heute den Hauptliegedienst um eine Viertelstunde,
-indem sie sich hier zu einem Kaffee mit Kognak niedergelassen hatten.
-„Ich bin erinnert durch diese Häschen, diese gefärbten Eier an das Leben
-auf so einem großen Dampfer, bei leerem Horizont seit Wochen, in
-salziger Wüstenei, unter Umständen, deren vollkommene Bequemlichkeit
-ihre Ungeheuerlichkeit nur oberflächlich vergessen läßt, während in den
-tieferen Gegenden des Gemütes das Bewußtsein davon als ein geheimes
-Grauen leise fortnagt ... Ich erkenne den Geist wieder, in dem man an
-Bord einer solchen Arche die Feste der _terraferma_ pietätvoll andeutet.
-Es ist das Gedenken von Außerweltlichen, empfindsame Erinnerung nach dem
-Kalender ... Auf dem Festlande wäre heut Ostern, nicht wahr? Auf dem
-Festlande begeht man heut Königs Geburtstag, – und wir tun es auch, so
-gut wir können, wir sind auch Menschen ... Ist es nicht so?“
-
-Die Vettern stimmten zu. Wahrhaftig, so sei es. Hans Castorp, gerührt
-von der Anrede und vom schlechten Gewissen gespornt, lobte die Äußerung
-in hohen Tönen, fand sie geistreich, vorzüglich und schriftstellerisch
-und redete Herrn Settembrini aus allen Kräften nach dem Munde. Gewiß,
-nur oberflächlich, ganz wie Herr Settembrini es so plastisch gesagt
-habe, lasse der Komfort auf dem Ozean-Steamer die Umstände und ihre
-Gewagtheit vergessen, und es liege, wenn er auf eigene Hand das
-hinzufügen dürfe, sogar eine gewisse Frivolität und Herausforderung in
-diesem vollendeten Komfort, etwas dem ähnliches, was die Alten Hybris
-genannt hätten (sogar die Alten zitierte er aus Gefallsucht), oder
-dergleichen, wie „Ich bin der König von Babylon!“, kurz Frevelhaftes.
-Auf der anderen Seite aber involviere („involviere“!) der Luxus an Bord
-doch auch einen großen Triumph des Menschengeistes und der Menschenehre,
-– indem er diesen Luxus und Komfort auf die salzigen Schäume hinaustrage
-und dort kühnlich aufrecht erhalte, setze der Mensch gleichsam den
-Elementen den Fuß auf den Nacken, den wilden Gewalten, und das
-involviere den Sieg der menschlichen Zivilisation über das Chaos, wenn
-er auf eigene Hand diesen Ausdruck gebrauchen dürfe ...
-
-Herr Settembrini hörte ihm aufmerksam zu, die Füße gekreuzt und die Arme
-ebenfalls, wobei er sich auf zierliche Art mit dem Zahnstocher den
-geschwungenen Schnurrbart strich.
-
-„Es ist bemerkenswert“, sagte er. „Der Mensch tut keine nur einigermaßen
-gesammelte Äußerung allgemeiner Natur, ohne sich ganz zu verraten,
-unversehens sein ganzes Ich hineinzulegen, das Grundthema und Urproblem
-seines Lebens irgendwie im Gleichnis darzustellen. So ist es Ihnen
-soeben ergangen, Ingenieur. Was Sie da sagten, kam in der Tat aus dem
-Grunde Ihrer Persönlichkeit, und auch den zeitlichen Zustand dieser
-Persönlichkeit drückte es auf dichterische Weise aus: es ist immer noch
-der Zustand des Experimentes ...“
-
-„_Placet experiri!_“ sagte Hans Castorp nickend und lachend, mit
-italienischem _c_.
-
-„_Sicuro_, – wenn es sich dabei um die respektable Leidenschaft der
-Welterprobung handelt und nicht um Liederlichkeit. Sie sprachen von
-‚Hybris‘, Sie bedienten sich dieses Ausdrucks. Aber die Hybris der
-Vernunft gegen die dunklen Gewalten ist höchste Menschlichkeit, und
-beschwört sie die Rache neidischer Götter herauf, _per esempio_, indem
-die Luxusarche scheitert und senkrecht in die Tiefe geht, so ist das ein
-Untergang in Ehren. Auch die Tat des Prometheus war Hybris, und seine
-Qual am skythischen Felsen gilt uns als heiligstes Martyrium. Wie steht
-es dagegen um jene andere Hybris, um den Untergang im buhlerischen
-Experiment mit den Mächten der Widervernunft und der Feindschaft gegen
-das Menschengeschlecht? Hat das Ehre? Kann das Ehre haben? _Sì o no!_“
-
-Hans Castorp rührte in seinem Täßchen, obgleich nichts mehr darin war.
-
-„Ingenieur, Ingenieur,“ sagte der Italiener mit dem Kopfe nickend, und
-seine schwarzen Augen hatten sich sinnend „festgesehen“, „fürchten Sie
-nicht den Wirbelsturm des zweiten Höllenkreises, der die Fleischessünder
-prellt und schwenkt, die Unseligen, die die Vernunft der Lust zum Opfer
-brachten? _Gran Dio_, wenn ich mir einbilde, wie Sie kopfüber, kopfunter
-umhergepustet flattern werden, so möchte ich vor Kummer umfallen wie
-eine Leiche fällt ...“
-
-Sie lachten, froh, daß er scherzte und Poetisches redete. Aber
-Settembrini setzte hinzu:
-
-„Am Faschingsabend beim Wein, Sie erinnern sich, Ingenieur, nahmen Sie
-gewissermaßen Abschied von mir, doch, es war etwas dem ähnliches. Nun,
-heute bin _ich_ an der Reihe. Wie Sie mich hier sehen, meine Herren, bin
-ich im Begriff, Ihnen Lebewohl zu sagen. Ich verlasse dies Haus.“
-
-Beide verwunderten sich aufs höchste.
-
-„Nicht möglich! Das ist nur Scherz!“ rief Hans Castorp, wie er bei
-anderer Gelegenheit auch gerufen hatte. Er war fast ebenso erschrocken
-wie damals. Aber auch Settembrini erwiderte:
-
-„Durchaus nicht. Es ist, wie ich Ihnen sage. Und übrigens trifft Sie
-diese Nachricht nicht unvorbereitet. Ich habe Ihnen erklärt, daß in dem
-Augenblick, wo sich meine Hoffnung, in irgendwie absehbarer Zeit in die
-Welt der Arbeit zurückkehren zu können, als unhaltbar erweisen werde,
-ich hier meine Zelte abzubrechen und irgendwo im Orte mich für die Dauer
-einzurichten entschlossen sei. Was wollen Sie nun, – dieser Augenblick
-ist eingetreten. Ich kann nicht genesen, es ist ausgemacht. Ich kann
-mein Leben fristen, aber nur hier. Das Urteil, das endgültige Urteil,
-lautet auf lebenslänglich, – mit der ihm eigenen Aufgeräumtheit hat
-Hofrat Behrens es mir verkündet. Gut denn, ich ziehe die Folgerungen.
-Ein Logis ist gemietet, ich bin im Begriffe, meine geringe irdische
-Habe, mein literarisches Handwerkszeug dorthin zu schaffen ... Es ist
-nicht einmal weit von hier, in „Dorf“, wir werden einander begegnen,
-gewiß, ich werde Sie nicht aus den Augen verlieren, als Hausgenosse aber
-habe ich die Ehre, mich von Ihnen zu verabschieden.“
-
-So Settembrinis Eröffnung am Ostersonntag. Die Vettern hatten sich
-außerordentlich bewegt darüber gezeigt. Des längeren noch, und
-wiederholt, hatten sie mit dem Literaten über seinen Entschluß
-gesprochen: darüber, wie er auch privatim den Kurdienst weiter werde
-ausüben können, über die Mitnahme und Fortführung ferner der
-weitläufigen enzyklopädischen Arbeit, die er auf sich genommen, jener
-Übersicht aller schöngeistigen Meisterwerke, unter dem Gesichtspunkt der
-Leidenskonflikte und ihrer Ausmerzung; endlich auch über sein
-zukünftiges Quartier im Hause eines „Gewürzkrämers“, wie Herr
-Settembrini sich ausdrückte. Der Gewürzkrämer, berichtete er, habe den
-oberen Teil seines Eigentums an einen böhmischen Damenschneider
-vermietet, der seinerseits Aftermieter aufnehme ... Diese Gespräche also
-lagen zurück. Die Zeit schritt fort, und mehr als eine Veränderung hatte
-sie bereits gezeitigt. Settembrini wohnte wirklich nicht mehr im
-internationalen Sanatorium „Berghof“, sondern bei Lukaček, dem
-Damenschneider, – schon seit einigen Wochen. Nicht in Form einer
-Schlittenabreise hatte sein Auszug sich abgespielt, sondern zu Fuß, in
-kurzem, gelbem Paletot, der am Kragen und an den Ärmeln ein wenig mit
-Pelz besetzt war, und begleitet von einem Mann, der auf einem
-Schubkarren das literarische und das irdische Handgepäck des
-Schriftstellers beförderte, hatte man ihn stockschwingend davongehen
-sehen, nachdem er noch unterm Portal eine Saaltochter mit den Rücken
-zweier Finger in die Wange gezwickt ... Der April, wie wir sagten, lag
-schon zu einem guten Teil, zu drei Vierteln, im Schatten der
-Vergangenheit, noch war es tiefer Winter, gewiß, im Zimmer hatte man
-knappe sechs Wärmegrade am Morgen, draußen war neungradige Kälte, die
-Tinte im Glase, wenn man es in der Loggia ließ, gefror über Nacht noch
-immer zu einem Eisklumpen, einem Stück Steinkohle. Aber der Frühling
-nahte, das wußte man; am Tage, wenn die Sonne schien, spürte man hie und
-da bereits eine ganz leise, ganz zarte Ahnung von ihm in der Luft; die
-Periode der Schneeschmelze stand in naher Aussicht, und damit hingen die
-Veränderungen zusammen, die sich auf „Berghof“ unaufhaltsam vollzogen, –
-nicht aufzuhalten selbst durch die Autorität, das lebendige Wort des
-Hofrats, der in Zimmer und Saal, bei jeder Untersuchung, jeder Visite,
-jeder Mahlzeit das populäre Vorurteil gegen die Schneeschmelze
-bekämpfte.
-
-Ob es Wintersportsleute seien, fragte er, mit denen er es zu tun habe,
-oder Kranke, Patienten? Wozu in aller Welt sie denn Schnee, gefrorenen
-Schnee brauchten? Eine ungünstige Zeit, – die Schneeschmelze? Die
-allergünstigste sei es! Nachweislich gäbe es im ganzen Tal um diese Zeit
-verhältnismäßig weniger Bettlägrige, als irgendwann sonst im Jahre!
-Überall in der weiten Welt seien die Wetterbedingungen für Lungenkranke
-zu dieser Frist schlechter als gerade hier! Wer einen Funken Verstand
-habe, der harre aus und nutze die abhärtende Wirkung der hiesigen
-Witterungsverhältnisse. Danach dann sei er fest gegen Hieb und Stich,
-gefeit gegen jedes Klima der Welt, vorausgesetzt nur, daß der volle
-Eintritt der Heilung abgewartet worden sei – und so fort. Aber der
-Hofrat hatte gut reden, – die Voreingenommenheit gegen die
-Schneeschmelze saß fest in den Köpfen, der Kurort leerte sich; wohl
-möglich, daß es der sich nähernde Frühling war, der den Leuten im Leibe
-rumorte und seßhafte Leute unruhig und veränderungssüchtig machte, –
-jedenfalls mehrten die „wilden“ und „falschen“ Abreisen sich auch im
-Hause Berghof bis zur Bedenklichkeit. Frau Salomon aus Amsterdam zum
-Beispiel, trotz dem Vergnügen, das die Untersuchungen und das damit
-verbundene Zurschaustellen feinster Spitzenwäsche ihr bereiteten, reiste
-vollständig wilder- und falscherweise ab, ohne jede Erlaubnis und nicht,
-weil es ihr besser, sondern weil es ihr immer schlechter ging. Ihr
-Aufenthalt hier oben verlor sich weit zurück hinter Hans Castorps
-Ankunft; länger als ein Jahr war es her, daß sie eingetroffen war, – mit
-einer ganz leichten Affektion, für die ihr drei Monate zudiktiert worden
-waren. Nach vier Monaten hatte sie „in vier Wochen sicher gesund“ sein
-sollen, aber sechs Wochen später hatte von Heilung überhaupt nicht die
-Rede sein können: sie müsse, hatte es geheißen, mindestens noch vier
-Monate bleiben. So war es fortgegangen, und es war ja kein Bagno und
-kein sibirisches Bergwerk hier, – Frau Salomon war geblieben und hatte
-feinstes Unterzeug an den Tag gelegt. Da sie nun aber nach der letzten
-Untersuchung, im Angesicht der Schneeschmelze, eine neue Zulage von fünf
-Monaten erhalten hatte, wegen Pfeifens links oben und unverkennbarer
-Mißtöne unter der linken Achsel, war ihr die Geduld gerissen, und mit
-Protest, unter Schmähungen auf „Dorf“ und „Platz“, auf die berühmte
-Luft, das internationale Haus Berghof und die Ärzte reiste sie ab, nach
-Hause, nach Amsterdam, einer zugigen Wasserstadt.
-
-War das klug gehandelt? Hofrat Behrens hob Schultern und Arme auf und
-ließ die letzteren geräuschvoll gegen die Schenkel zurückfallen.
-Spätestens im Herbst, sagte er, werde Frau Salomon wieder da sein, –
-dann aber auf immer. Würde er recht behalten? Wir werden sehen, wir sind
-noch auf längere Erdenzeit an diesen Lustort gebunden. Aber der Fall
-Salomon war also durchaus nicht der einzige seiner Art. Die Zeit
-zeitigte Veränderungen, – sie hatte das ja immer getan, aber
-allmählicher, nicht so auffallend. Der Speisesaal wies Lücken auf,
-Lücken an allen sieben Tischen, am Guten Russentisch wie am Schlechten,
-an den längs- wie an den querstehenden. Nicht gerade, daß dies von der
-Frequenz des Hauses ein zuverlässiges Bild gegeben hätte; auch Ankünfte,
-wie jederzeit, hatten stattgefunden; die Zimmer mochten besetzt sein,
-aber da handelte es sich eben um Gäste, die durch finalen Zustand in
-ihrer Freizügigkeit eingeschränkt waren. Im Speisesaal, wie wir sagten,
-fehlte manch einer dank noch bestehender Freizügigkeit; manch einer aber
-tat es sogar auf eine besonders tiefe und hohle Weise, wie Dr.
-Blumenkohl, der tot war. Immer stärker hatte sein Gesicht den Ausdruck
-angenommen, als habe er etwas schlecht Schmeckendes im Munde; dann war
-er dauernd bettlägrig geworden und dann gestorben, – niemand wußte genau
-zu sagen, wann; mit aller gewohnten Rücksicht und Diskretion war die
-Sache behandelt worden. Eine Lücke. Frau Stöhr saß neben der Lücke, und
-sie graute sich vor ihr. Darum siedelte sie an des jungen Ziemßen andere
-Seite über, an den Platz Miß Robinsons, die als geheilt entlassen
-worden, gegenüber der Lehrerin, Hans Castorps linksseitiger Nachbarin,
-die fest auf ihrem Posten geblieben war. Ganz allein saß sie derzeit an
-dieser Tischseite, die übrigen drei Plätze waren frei. Student
-Rasmussen, der täglich dümmer und schlaffer geworden, war bettlägrig und
-galt für moribund; und die Großtante war mit ihrer Nichte und der
-hochbrüstigen Marusja verreist, – wir sagen „verreist“, wie alle es
-sagten, weil ihre Rückkehr in naher Zeit eine ausgemachte Sache war. Zum
-Herbst schon würden sie wieder eintreffen, – war das eine Abreise zu
-nennen? Wie nah war nicht Sommersonnenwende, wenn erst einmal Pfingsten
-gewesen war, das vor der Türe stand; und kam der längste Tag, so gings
-ja rapide bergab, auf den Winter zu, – kurzum, die Großtante und Marusja
-waren beinahe schon wieder da, und das war gut, denn die lachlustige
-Marusja war keineswegs ausgeheilt und entgiftet; die Lehrerin wußte
-etwas von tuberkulösen Geschwüren, die die braunäugige Marusja an ihrer
-üppigen Brust haben sollte, und die schon mehrmals hatten operiert
-werden müssen. Hans Castorp hatte, als die Lehrerin davon sprach, hastig
-auf Joachim geblickt, der sein fleckig gewordenes Gesicht über seinen
-Teller geneigt hatte.
-
-Die muntere Großtante hatte den Tischgenossen, also den Vettern, der
-Lehrerin und Frau Stöhr ein Abschiedssouper im Restaurant gegeben, eine
-Schmauserei mit Kaviar, Champagner und Likören, bei der Joachim sich
-sehr still verhalten, ja, nur einzelnes mit fast tonloser Stimme
-gesprochen hatte, so daß die Großtante in ihrer Menschenfreundlichkeit
-ihm Mut zugesprochen und ihn dabei, unter Ausschaltung zivilisierter
-Sittengesetze, sogar geduzt hatte. „Hat nichts auf sich, Väterchen, mach
-dir nichts draus, sondern trink, iß und sprich, wir kommen bald wieder!“
-hatte sie gesagt. „Wollen wir alle essen, trinken und schwatzen und den
-Gram – Gram sein lassen, Gott läßt Herbst werden, eh wirs gedacht,
-urteile selbst, ob Grund ist zum Kummer!“ Am nächsten Morgen hatte sie
-zur Erinnerung bunte Schachteln mit „Konfäktchen“ an fast alle Besucher
-des Speisesaales verteilt und war dann mit ihren beiden jungen Mädchen
-etwas verreist.
-
-Und Joachim, wie stand es um ihn? War er befreit und erleichtert
-seitdem, oder litt seine Seele schwere Entbehrung angesichts der leeren
-Tischseite? Hing seine ungewohnte und empörerische Ungeduld, seine
-Drohung, wilde Abreise halten zu wollen, wenn man ihn länger an der Nase
-führe, mit der Abreise Marusjas zusammen? Oder war vielmehr die
-Tatsache, daß er vorderhand eben doch noch nicht reiste, sondern der
-hofrätlichen Verherrlichung der Schneeschmelze sein Ohr lieh, auf jene
-andere zurückzuführen, daß die hochbusige Marusja nicht ernstlich
-abgereist, sondern nur etwas verreist war und in fünf kleinsten
-Teileinheiten hiesiger Zeit wieder eintreffen würde? Ach, das war wohl
-alles auf einmal der Fall, alles in gleichem Maße; Hans Castorp konnte
-es sich denken, auch ohne je mit Joachim über die Sache zu sprechen.
-Denn dessen enthielt er sich ebenso streng, wie Joachim es vermied, den
-Namen einer anderen etwas Verreisten zu nennen.
-
-Unterdessen aber, an Settembrinis Tisch, an des Italieners Platz, – wer
-saß dort seit kurzem, in Gesellschaft holländischer Gäste, deren Appetit
-so ungeheuer war, daß jeder von ihnen sich zu Anfang des täglichen
-Fünf-Gänge-Diners, noch vor der Suppe, drei Spiegeleier servieren ließ?
-Es war Anton Karlowitsch Ferge, er, der das höllische Abenteuer des
-Pleura-Choks erprobt hatte! Ja, Herr Ferge war außer Bett; auch ohne
-Pneumothorax hatte sein Zustand sich so gebessert, daß er den größten
-Teil des Tages mobil und angekleidet verbrachte und mit seinem
-gutmütig-bauschigen Schnurrbart und seinem ebenfalls gutmütig wirkenden
-großen Kehlkopf an den Mahlzeiten teilnahm. Die Vettern plauderten
-manchmal mit ihm in Saal und Halle, und auch für die Dienstpromenaden
-taten sie sich dann und wann, wenn es sich eben so traf, mit ihm
-zusammen, Neigung im Herzen für den schlichten Dulder, der von hohen
-Dingen gar nichts zu verstehen erklärte und, dies vorausgesandt, überaus
-behaglich von Gummischuhfabrikation und fernen Gebieten des russischen
-Reiches, Samara, Georgien, erzählte, während sie im Nebel durch den
-Schneewasserbrei stapften.
-
-Denn die Wege waren wirklich kaum gangbar jetzt, sie befanden sich in
-voller Auflösung, und die Nebel brauten. Der Hofrat sagte zwar, es seien
-keine Nebel, es seien Wolken; aber das war Wortfuchserei nach Hans
-Castorps Urteil. Der Frühling focht einen schweren Kampf, der sich,
-unter hundert Rückfällen ins Bitter-Winterliche, durch Monate, bis in
-den Juni hinein, erstreckte. Schon im März, wenn die Sonne schien, war
-es auf dem Balkon und im Liegestuhl, trotz leichtester Kleidung und
-Sonnenschirm, vor Hitze kaum auszuhalten gewesen, und es gab Damen, die
-schon damals Sommer gemacht und bereits beim ersten Frühstück
-Musselinkleider vorgeführt hatten. Sie waren in einem Grade entschuldigt
-durch die Eigenart des Klimas hier oben, das Verwirrung begünstigte,
-indem es die Jahreszeiten meteorologisch durcheinander warf; aber es war
-auch bei ihrem Vorwitz viel Kurzsicht und Phantasielosigkeit im Spiel,
-jene Dummheit von Augenblickswesen, die nicht zu denken vermag, daß es
-noch wieder anders kommen kann, sowie vor allem Gier nach Abwechslung
-und zeitverschlingende Ungeduld: man schrieb März, das war Frühling, das
-war so gut wie Sommer, und man zog die Musselinkleider hervor, um sich
-darin zu zeigen, ehe der Herbst einfiel. Und das tat er, gewissermaßen.
-Im April fielen trübe, naßkalte Tage ein, deren Dauerregen in Schnee, in
-wirbelnden Neuschnee überging. Die Finger erstarrten in der Loggia, die
-beiden Kamelhaardecken traten ihren Dienst wieder an, es fehlte nicht
-viel, daß man zum Pelzsack gegriffen hätte, die Verwaltung entschloß
-sich, zu heizen, und jedermann klagte, man werde um seinen Frühling
-betrogen. Alles war dick verschneit gegen Ende des Monats; aber dann kam
-Föhn auf, vorausgesagt, vorausgewittert von erfahrenen und empfindlichen
-Gästen: Frau Stöhr sowohl, wie die elfenbeinfarbene Levi, wie nicht
-minder die Witwe Hessenfeld spürten ihn einstimmig schon, bevor noch das
-kleinste Wölkchen über dem Gipfel des Granitbergs im Süden sich zeigte.
-Frau Hessenfeld neigte alsbald zu Weinkrämpfen, die Levi wurde
-bettlägrig, und Frau Stöhr, die Hasenzähne störrisch entblößt, bekundete
-stündlich die abergläubische Befürchtung, ein Blutsturz möchte sie
-ereilen; denn die Rede ging, daß Föhnwind dergleichen befördere und
-bewirke. Unglaubliche Wärme herrschte, die Heizung erlosch, man ließ
-über Nacht die Balkontür offen und hatte trotzdem morgens elf Grad im
-Zimmer; der Schnee schmolz gewaltig, er wurde eisfarben, porös und
-löcherig, sackte zusammen, wo er zu Hauf lag, schien sich in die Erde zu
-verkriechen. Ein Sickern, Sintern und Rieseln war überall, ein Tropfen
-und Stürzen im Walde, und die geschaufelten Schranken an den Straßen,
-die bleichen Teppiche der Wiesen verschwanden, wenn auch die Massen
-allzu reichlich gelegen hatten, um rasch zu verschwinden. Da gab es
-wundersame Erscheinungen, Frühlingsüberraschungen auf Dienstwegen im
-Tal, märchenhaft, nie gesehen. Ein Wiesengebreite lag da, – im
-Hintergrunde ragte der Schwarzhornkegel, noch ganz im Schnee, mit dem
-ebenfalls noch tief verschneiten Scalettagletscher rechts in der Nähe,
-und auch das Gelände mit seinem Heuschober irgendwo lag noch im Schnee,
-wenn auch die Decke schon dünn und schütter war, von rauhen und dunklen
-Bodenerhebungen da und dort unterbrochen, von trockenem Grase überall
-durchstochen. Das war jedoch, wie die Wanderer fanden, eine
-unregelmäßige Art von Verschneitheit, die diese Wiese da aufwies, – in
-der Ferne, gegen die waldigen Lehnen hin, war sie dichter, im
-Vordergrund aber, vor den Augen der Prüfenden, war das noch winterlich
-dürre und mißfarbene Gras mit Schnee nur noch gesprenkelt, betupft,
-beblümt ... Sie sahen es näher an, sie beugten sich staunend darüber, –
-das war kein Schnee, es waren Blumen, Schneeblumen, Blumenschnee,
-kurzstielige kleine Kelche, weiß und weißbläulich, es war Krokus, bei
-ihrer Ehre, millionenweise dem sickernden Wiesengrunde entsprossen, so
-dicht, daß man ihn gut und gern hatte für Schnee halten können, in den
-er weiterhin denn auch ununterscheidbar überging.
-
-Sie lachten über ihren Irrtum, lachten vor Freude über das Wunder vor
-ihren Augen, diese lieblich zaghafte und nachahmende Anpassung des
-zuerst sich wieder hervorgetrauenden organischen Lebens. Sie pflückten
-davon, betrachteten und untersuchten die zarten Bechergebilde,
-schmückten ihre Knopflöcher damit, trugen sie heim, stellten sie in die
-Wassergläser auf ihren Zimmern; denn die unorganische Starre des Tales
-war lang gewesen, – lang, wenn auch kurzweilig.
-
-Aber der Blumenschnee wurde mit wirklichem zugedeckt, und auch den
-blauen Soldanellen, den gelben und roten Primeln erging es so, die ihm
-folgten. Ja, wie schwer der Frühling es hatte, sich durchzuringen und
-den hiesigen Winter zu überwältigen! Zehnmal ward er zurückgeworfen,
-bevor er Fuß fassen konnte hier oben, – bis zum nächsten Einbruch des
-Winters, mit weißem Gestöber, Eiswind und Heizungsbetrieb. Anfang Mai
-(denn nun ist es gar schon Mai geworden, während wir von den
-Schneeblumen erzählten), Anfang Mai war es schlechthin eine Qual, in der
-Loggia nur eine Postkarte ins Flachland zu schreiben, so schmerzten die
-Finger vor rauher Novembernässe; und die fünfeinhalb Laubbäume der
-Gegend waren kahl wie die Bäume der Ebene im Januar. Tagelang währte der
-Regen, eine Woche lang stürzte er nieder, und ohne die versöhnenden
-Eigenschaften des hiesigen Liegestuhltyps wäre es überaus hart gewesen,
-im Wolkenqualm, mit nassem, starrem Gesicht, so viele Ruhestunden im
-Freien zu verbringen. Insgeheim aber war es ein Frühlingsregen, um den
-es sich handelte, und mehr und mehr, je länger er dauerte, gab er als
-solcher sich auch zu erkennen. Fast aller Schnee schmolz unter ihm weg;
-es gab kein Weiß mehr, nur hie und da noch ein schmutziges Eisgrau, und
-nun begannen wahrhaftig die Wiesen zu grünen!
-
-Welch milde Wohltat fürs Auge, das Wiesengrün, nach dem unendlichen
-Weiß! Und noch ein anderes Grün war da, an Zartheit und lieblicher
-Weiche das Grün des neuen Grases noch weit übertreffend. Das waren die
-jungen Nadelbüschel der Lärchen, – Hans Castorp konnte auf Dienstwegen
-selten umhin, sie mit der Hand zu liebkosen und sich die Wange damit zu
-streicheln, so unwiderstehlich lieblich waren sie in ihrer Weichheit und
-Frische. „Man könnte zum Botaniker werden,“ sagte der junge Mann zu
-seinem Begleiter, „man könnte wahr und wahrhaftig Lust bekommen zu
-dieser Wissenschaft vor lauter Spaß an dem Wiedererwachen der Natur nach
-einem Winter bei uns hier oben! Das ist ja Enzian, Mensch, was du da am
-Abhange siehst, und dies hier ist eine gewisse Sorte von kleinen gelben
-Veilchen, mir unbekannt. Aber hier haben wir Ranunkeln, sie sehen unten
-ja auch nicht anders aus, aus der Familie der Ranunkulazeen, gefüllt,
-wie mir auffällt, eine besonders reizende Pflanze, zwittrig übrigens, du
-siehst da eine Menge Staubgefäße und eine Anzahl Fruchtknoten, ein
-Andrözeum und ein Gynäzeum, soviel ich behalten habe. Ich glaube
-bestimmt, ich werde mir einen oder den anderen botanischen Schmöker
-zulegen, um mich etwas besser zu informieren auf diesem Lebens- und
-Wissensgebiet. Ja, wie es nun bunt wird auf der Welt!“
-
-„Das kommt noch besser im Juni“, sagte Joachim. „Die Wiesenblüte hier
-ist ja berühmt. Aber ich glaube doch nicht, daß ich sie abwarte. – Das
-hast du wohl von Krokowski, daß du Botanik studieren willst?“
-
-Krokowski? Wie meinte er das? Ach so, er kam darauf, weil Dr. Krokowski
-sich neulich botanisch gebärdet hatte bei einer seiner Konferenzen. Denn
-der ginge freilich fehl, der meinte, die durch die Zeit gezeitigten
-Veränderungen wären so weit gegangen, daß Dr. Krokowski keine Vorträge
-mehr gehalten hätte! Vierzehntägig hielt er sie, nach wie vor, im
-Gehrock, wenn auch nicht mehr in Sandalen, die er nur sommers trug und
-also nun bald wieder tragen würde, – jeden zweiten Montag im Speisesaal,
-wie damals, als Hans Castorp, mit Blut beschmiert, zu spät gekommen war,
-in seinen ersten Tagen. Drei Vierteljahre lang hatte der Analytiker über
-Liebe und Krankheit gesprochen, – nie viel auf einmal, in kleinen
-Portionen, in halb- bis dreiviertelstündigen Plaudereien, breitete er
-seine Wissens- und Gedankenschätze aus, und jedermann hatte den
-Eindruck, daß er nie werde aufzuhören brauchen, daß es immer und ewig so
-weitergehen könne. Das war eine Art von halbmonatlicher „Tausendundeine
-Nacht“, sich hinspinnend von Mal zu Mal ins Beliebige und wohlgeeignet,
-wie die Märchen der Scheherezade, einen neugierigen Fürsten zu befrieden
-und von Gewalttaten abzuhalten. In seiner Uferlosigkeit erinnerte Dr.
-Krokowskis Thema an das Unternehmen, dem Settembrini seine Mitarbeit
-geschenkt, die Enzyklopädie der Leiden; und als wie abwandlungsfähig es
-sich erwies, möge man daraus ersehen, daß der Vortragende neulich sogar
-von Botanik gesprochen hatte, genauer: von Pilzen ... Übrigens hatte er
-den Gegenstand vielleicht ein wenig gewechselt; es war jetzt eher die
-Rede von Liebe und _Tod_, was denn zu mancher Betrachtung teils zart
-poetischen, teils aber unerbittlich wissenschaftlichen Gepräges Anlaß
-gab. In diesem Zusammenhang also war der Gelehrte in seinem östlich
-schleppenden Tonfall und mit seinem nur einmal anschlagenden Zungen-R
-auf Botanik gekommen, das heißt auf die Pilze, – diese üppigen und
-phantastischen Schattengeschöpfe des organischen Lebens, fleischlich von
-Natur, dem Tierreich sehr nahe stehend, – Produkte tierischen
-Stoffwechsels, Eiweiß, Glykogen, animalische Stärke also, fanden sich in
-ihrem Aufbau. Und Dr. Krokowski hatte von einem Pilz gesprochen, berühmt
-schon seit dem klassischen Altertum seiner Form und der ihm
-zugeschriebenen Kräfte wegen, – einer Morchel, in deren lateinischem
-Namen das Beiwort _impudicus_ vorkam, und dessen Gestalt an die Liebe,
-dessen Geruch jedoch an den Tod erinnerte. Denn das war
-auffallenderweise Leichengeruch, den der _Impudicus_ verbreitete, wenn
-von seinem glockenförmigen Hute der grünliche, zähe Schleim abtropfte,
-der ihn bedeckte, und der Träger der Sporen war. Aber bei Unbelehrten
-galt der Pilz noch heute als aphrodisisches Mittel.
-
-Na, etwas stark war das ja gewesen für die Damen, hatte Staatsanwalt
-Paravant gefunden, der, moralisch gestützt durch des Hofrats Propaganda,
-die Schneeschmelze hier überdauerte. Und auch Frau Stöhr, die ebenfalls
-charaktervoll standhielt und jeder Versuchung zu wilder Abreise die
-Stirne bot, hatte bei Tische geäußert, heute sei Krokowski denn aber
-doch „obskur“ gewesen mit seinem klassischen Pilz. „Obskur“, sagte die
-Unselige und schändete ihre Krankheit durch namenlose Bildungsschnitzer.
-Worüber aber Hans Castorp sich wunderte, war, daß Joachim auf Dr.
-Krokowski und seine Botanik anspielte; denn eigentlich war zwischen
-ihnen von dem Analytiker ebensowenig die Rede, wie von der Person
-Clawdia Chauchats oder der Marusjas, – sie erwähnten ihn nicht, sie
-übergingen sein Wesen und Wirken lieber mit Stillschweigen. Jetzt aber
-also hatte Joachim den Assistenten genannt, – in mißlaunigem Tone, wie
-übrigens auch schon seine Bemerkung, daß er die volle Wiesenblüte nicht
-abwarten wolle, recht mißlaunig geklungen hatte. Der gute Joachim,
-nachgerade schien er im Begriff, sein Gleichgewicht einzubüßen; seine
-Stimme schwankte beim Sprechen vor Gereiztheit, er war an Sanftmut und
-Besonnenheit durchaus nicht mehr der alte. Entbehrte er das
-Apfelsinenparfüm? Brachte die Fopperei mit der Gaffky-Nummer ihn zur
-Verzweiflung? Konnte er nicht mit sich selber ins Reine darüber kommen,
-ob er den Herbst hier erwarten oder falsche Abreise halten sollte?
-
-In Wirklichkeit war es noch etwas anderes, wodurch dies gereizte Beben
-in Joachims Stimme kam und weshalb er des botanischen Kollegs von
-neulich in fast höhnischem Tone erwähnt hatte. Von diesem Etwas wußte
-Hans Castorp nichts, oder vielmehr, er wußte nicht, daß Joachim davon
-wußte, denn er selbst, dieser Durchgänger, dies Sorgenkind des Lebens
-und der Pädagogik, er wußte nur zu gut davon. Mit einem Worte, Joachim
-war seinem Vetter auf gewisse Schliche gekommen, er hatte ihn
-unversehens bei einer Verräterei belauscht, ähnlich derjenigen, deren er
-sich am Faschingsdienstag schuldig gemacht, – einer neuen Treulosigkeit,
-verschärft durch den Umstand, an dem nicht zu zweifeln war, daß Hans
-Castorp sie dauernd verübte.
-
-Zum ewig eintönigen Rhythmus des Zeitablaufs, zur kurzweilig
-feststehenden Gliederung des Normaltages, der immer derselbe, der sich
-selbst zum Verwechseln und bis zur Verwirrung ähnlich war, identisch mit
-sich, die stehende Ewigkeit, so daß schwer zu begreifen war, wie er
-Veränderung zu zeitigen vermochte, – zur unverbrüchlichen Alltagsordnung
-also gehörte, wie jedermann sich erinnert, der Rundgang Dr. Krokowskis
-zwischen halb vier und vier Uhr nachmittags durch alle Zimmer, das ist
-über alle Balkons, von Liegestuhl zu Liegestuhl. Wie oft hatte nicht der
-Berghof-Normaltag sich erneut, seit damals, als Hans Castorp in seiner
-horizontalen Lebenslage sich geärgert hatte, weil der Assistent einen
-Bogen um ihn beschrieb und ihn nicht in Betracht zog! Längst war aus dem
-Gaste von damals ein Kamerad geworden, – Dr. Krokowski redete ihn sogar
-häufig mit diesem Namen an bei seiner Kontrollvisite, und wenn das
-militärische Wort, dessen r-Laut er auf exotische Weise durch nur
-einmaliges Anschlagen der Zunge am vorderen Gaumen hervorbrachte, ihm
-auch scheußlich zu Gesichte stand, wie Hans Castorp gegen Joachim
-geurteilt hatte, so paßte es doch nicht schlecht zu seiner stämmigen,
-mannhaft heiteren und zu fröhlichem Vertrauen auffordernden Art, die
-freilich wiederum durch seine Schwarzbleichheit in gewisser Weise Lügen
-gestraft wurde, und der denn doch etwas Bedenkliches jederzeit
-anhaftete.
-
-„Nun, Kamerad, wie gehts, wie stehts!“ sagte Dr. Krokowski, indem er,
-vom russischen Barbarenpaare kommend, an das Kopfende von Hans Castorps
-Lager trat; und der so frischerweise Angeredete, die Hände auf der Brust
-gefaltet, lächelte täglich wieder gepeinigt-freundlich über die
-scheußliche Anrede, indem er des Doktors gelbe Zähne betrachtete, die
-sich in seinem schwarzen Barte zeigten. „Recht wohl geruht?“ fuhr Dr.
-Krokowski dann wohl fort. „Fallende Kurve? Steigende heut? Nun, hat
-nichts auf sich, kommt bis zur Hochzeit schon wieder in Ordnung. Ich
-grüße Sie.“ Und mit diesem Wort, das ebenfalls scheußlich klang, da er
-es wie „gdieße“ sprach, ging er schon weiter, zu Joachim hinüber – es
-handelte sich um einen Rundgang, einen kurzen Blick nach dem Rechten und
-um nichts weiter.
-
-Manchmal freilich auch verweilte Dr. Krokowski sich länger, plauderte,
-breitschultrig dastehend und immer mannhaft lächelnd, mit dem Kameraden
-über dies und jenes, über die Witterung, über Abreisen und Ankünfte,
-über des Patienten Stimmung, seine gute oder schlechte Laune, seine
-persönlichen Verhältnisse auch wohl, seine Herkunft und seine
-Aussichten, bis er „ich gdieße Sie“ sagte und weiterging; und Hans
-Castorp, die Hände zur Abwechslung hinter dem Kopf gefaltet, antwortete
-ihm, ebenfalls lächelnd, auf all das, – mit dem durchdringenden Gefühle
-der Scheußlichkeit, gewiß, aber er antwortete ihm. Sie plauderten
-gedämpft, – obgleich die gläserne Scheidewand die Loggien nicht völlig
-trennte, konnte Joachim die Unterhaltung nebenan nicht verstehen und
-machte übrigens auch nicht den leisesten Versuch dazu. Er hörte seinen
-Vetter sogar vom Liegestuhl aufstehen und mit Dr. Krokowski ins Zimmer
-gehen, vermutlich um ihm seine Fieberkurve zu zeigen; und dort setzte
-dann das Gespräch sich wohl noch eine längere Weile fort, der
-Verzögerung nach zu urteilen, womit der Assistent auf dem inneren Wege
-bei Joachim eintraf.
-
-Worüber plauderten die Kameraden? Joachim fragte nicht; aber sollte
-jemand aus unserer Mitte sich an ihm kein Beispiel nehmen und die Frage
-aufwerfen, so ist allgemein darauf hinzuweisen, wieviel Stoff und Anlaß
-zu geistigem Austausch vorhanden ist zwischen Männern und Kameraden,
-deren Grundanschauungen idealistisches Gepräge tragen, und von denen der
-eine auf seinem Bildungswege dazu gelangt ist, die Materie als den
-Sündenfall des Geistes, als eine schlimme Reizwucherung desselben
-aufzufassen, während der andere, als Arzt, den sekundären Charakter
-organischer Krankheit zu lehren gewohnt ist. Wie manches, meinen wir,
-ließ sich da nicht erörtern und austauschen über die Materie als
-unehrbare Ausartung des Immateriellen, über das Leben als Impudizität
-der Materie, über die Krankheit als unzüchtige Form des Lebens! Da
-konnte, unter Anlehnung an laufende Konferenzen, die Rede gehen von der
-Liebe als krankheitbildender Macht, vom übersinnlichen Wesen des
-Merkmals, über „alte“ und „frische“ Stellen, über lösliche Gifte und
-Liebestränke, über die Durchleuchtung des Unbewußten, den Segen der
-Seelenzergliederung, die Rückverwandlung des Symptoms – und was wissen
-_wir_, – von deren Seite dies alles nur Vorschläge und Vermutungen sind,
-wenn die Frage aufgeworfen wird, was Dr. Krokowski und der junge Hans
-Castorp miteinander zu plaudern hatten!
-
-Übrigens plauderten sie nicht mehr, das lag zurück, nur eine Weile,
-einige Wochen lang war es so gewesen; in letzter Zeit hielt Dr.
-Krokowski sich bei diesem Patienten wieder nicht länger auf als bei
-allen anderen, – „Nun, Kamerad?“ und „Ich gdieße Sie“, darauf
-beschränkte sich nun die Visite meistens wieder. Dafür hatte Joachim
-eine andere Entdeckung gemacht, eben die, die er als Verräterei von
-seiten Hans Castorps empfand, und gemacht hatte er sie völlig
-unwillkürlich, ohne in seiner militärischen Arglosigkeit im mindesten
-auf Späherwegen gegangen zu sein, das darf man glauben. Er war ganz
-einfach an einem Mittwoch aus der ersten Liegekur abgerufen worden,
-hinunterbeordert ins Souterrain, um sich vom Bademeister wiegen zu
-lassen, – und da sah er es also. Er kam die Treppe hinunter, die
-reinlich linoleumbelegte Treppe mit Aussicht auf die Tür zum
-Ordinationszimmer, zu dessen beiden Seiten die Durchleuchtungskabinette
-gelegen waren, links das organische und rechts um die Ecke das um eine
-Stufe vertiefte psychische, mit Dr. Krokowskis Besuchskarte an der Tür.
-Auf halber Höhe der Treppe aber blieb Joachim stehen, denn eben verließ
-Hans Castorp, von der Injektion kommend, das Ordinationszimmer. Mit
-beiden Händen schloß er die Tür, durch die er rasch getreten war, und
-wandte sich, ohne um sich zu blicken, nach rechts, gegen die Tür, an der
-die Karte auf Reißnägeln saß, und die er mit wenigen, lautlos
-vorwärtswiegenden Schritten erreichte. Er klopfte, neigte sich hin beim
-Klopfen und hielt das Ohr zu dem pochenden Finger. Und da des Bewohners
-baritonales „Herein!“ mit dem exotisch anschlagenden r-Laut und dem
-verzerrten Diphthong aus dem Gelasse erschollen war, sah Joachim seinen
-Vetter im Halbdunkel von Dr. Krokowskis analytischer Grube verschwinden.
-
-
- Noch jemand
-
-Lange Tage, die längsten, sachlich gesprochen und mit Bezug auf die
-Anzahl ihrer Sonnenstunden; denn ihrer Kurzweiligkeit vermochte
-astronomische Ausdehnung nichts anzuhaben, weder was jeden einzelnen
-betraf, noch ihre einförmige Flucht. Frühlings-Nachtgleiche lag fast
-drei Monate zurück, Sommersonnenwende war da. Aber das natürliche Jahr
-bei uns hier oben folgte dem Kalender zurückhaltend: erst jetzt, erst
-dieser Tage war endgültig Frühling geworden, ein Frühling noch ohne alle
-Sommerschwere, würzig, dünnluftig und leicht, mit silbrig strahlender
-Himmelsbläue und kindlich kunterbunter Wiesenblüte.
-
-Hans Castorp fand an den Hängen dieselben Blumen wieder, von denen
-Joachim freundlicherweise ihm einige letzte einst zur Begrüßung ins
-Zimmer gestellt: Schafsgarbe und Glockenblumen, – ein Zeichen für ihn,
-daß das Jahr in sich selber lief. Allein was hatte sich nun nicht alles
-aus dem jungen, smaragdenen Grase der Schrägen und Wiesengebreite des
-Grundes an organischem Leben als Stern, Kelch und Glocke oder von
-unregelmäßigerer Gestalt, die sonnige Luft mit trockener Würze
-erfüllend, hervorgebildet: Pechnelken und wilde Stiefmütterchen in
-ganzen Massen, Gänseblümchen, Margueriten, Primeln in gelb und rot, viel
-schöner und größer, als Hans Castorp sie im Flachlande je erblickt zu
-haben meinte, soweit er dort unten darauf achtgegeben; dazu die
-nickenden Soldanellen mit ihren gewimperten Glöckchen, blau, purpurn und
-rosig, eine Spezialität dieser Sphäre.
-
-Er pflückte von all der Lieblichkeit, trug Sträuße heim, ernsten Sinnes
-und nicht sowohl zum Schmuck seines Zimmers, als zur streng
-wissenschaftlichen Bearbeitung, wie er es sich vorgesetzt. Einiges
-floristische Rüstzeug war angeschafft, ein Lehrbuch der allgemeinen
-Botanik, ein handlicher kleiner Spaten zum Ausheben der Pflanzen, ein
-Herbarium, eine kräftige Lupe; und damit wirtschaftete der junge Mann in
-seiner Loggia, – sommerlich gekleidet nun wieder, in einen der Anzüge,
-die er damals gleich mit sich heraufgebracht, – auch dies ein Merkmal
-der Jahresrundung.
-
-Frische Blumen standen in mehreren Wassergläsern auf den Möbelplatten
-des inneren Zimmers, auf dem Lampentischchen zur Seite seines
-vorzüglichen Liegestuhls. Blumen, halb welk, schon matt, aber noch in
-Saft, fanden sich lose auf der Balkonbrüstung, am Boden der Loggia
-verstreut, während andere, wohlausgebreitet, zwischen Löschpapierbogen,
-die ihre Feuchtigkeit tranken, der Presse von Steinen unterlagen, damit
-Hans Castorp die flachen Trockenpräparate mit gummierten Papierstreifen
-in sein Album kleben könnte. Er lag, die Knie hochgezogen, dazu noch
-eins über das andere geschlagen, und während der Rücken des offen
-umgelegten Leitfadens auf seiner Brust einen Dachfirst bildete, hielt er
-das dickgeschliffene Rund des Vergrößerungsglases zwischen seine
-einfachen blauen Augen und eine Blüte, deren Krone er teilweise mit dem
-Taschenmesser entfernt hatte, um besser den Fruchtboden studieren zu
-können, und die hinter der starken Linse zum abenteuerlich fleischigen
-Gebilde schwoll. Da schütteten die Staubbeutel, an der Spitze der
-Filamente, ihren gelben Pollen aus, vom Ovarium starrte der narbige
-Griffel, und legte man einen Schnitt durch ihn, so konnte man den zarten
-Kanal betrachten, durch den die Pollenkörner und -schläuche von
-zuckriger Ausscheidung in die Fruchtknotenhöhle geschwemmt wurden. Hans
-Castorp zählte, prüfte und verglich; er untersuchte Bau und Stellung der
-Kelch- und Blumenblätter wie der männlichen und weiblichen
-Geschlechtsorgane, beaufsichtigte die Übereinstimmung dessen, was er
-sah, mit schematischen und natürlichen Abbildungen, stellte die
-wissenschaftliche Richtigkeit in dem Bau ihm bekannter Pflanzen mit
-Befriedigung fest und ging dazu über, solche, die er nicht zu nennen
-gewußt hätte, an der Hand des Linné nach Abteilung, Gruppe, Ordnung,
-Art, Familie und Gattung zu bestimmen. Da er viel Zeit hatte, gelangen
-ihm einige Fortschritte in botanischer Systematik auf Grund
-vergleichender Morphologie. Unter die getrocknete Pflanze ins Herbarium
-schrieb er kalligraphisch den lateinischen Namen, den die humanistische
-Wissenschaft ihr galanterweise beigelegt, schrieb ihre kennzeichnenden
-Eigenschaften dazu und zeigte es dem guten Joachim, der sich wunderte.
-
-Am Abend betrachtete er die Gestirne. Ein Interesse für das in sich
-laufende Jahr hatte ihn überkommen, – der doch schon einige zwanzig
-Sonnenumläufe auf Erden verbracht und sich noch niemals um dergleichen
-gekümmert hatte. Wenn wir selbst uns unwillkürlich in Ausdrücken wie
-„Frühlings-Nachtgleiche“ bewegten, so geschah es in seinem Geist und
-schon in Hinsicht auf Gegenwärtiges. Denn dieser Art waren die Termini,
-die er neuerdings um sich zu streuen liebte, und auch durch hier
-einschlagende Kenntnisse setzte er seinen Vetter in Erstaunen.
-
-„Jetzt ist die Sonne nahe daran, ins Zeichen des Krebses zu treten,“
-mochte er auf einem Spaziergang beginnen, „bist du dir darüber im
-Klaren? Das ist das erste Sommerzeichen des Tierkreises, verstehst du?
-Es geht nun über den Löwen und die Jungfrau auf den Herbstpunkt zu, den
-einen Äquinoktialpunkt, gegen Ende September, wenn wieder der Sonnenort
-auf den Himmelsäquator fällt, wie neulich im März, als die Sonne in den
-Widderpunkt trat.“
-
-„Das ist mir entgangen“, sagte Joachim mürrisch. „Was redest denn du dir
-da so geläufig zusammen? Widderpunkt? Tierkreis?“
-
-„Allerdings, der Tierkreis; _zodiacus_. Die uralten Himmelszeichen, –
-Skorpion, Schütze, Steinbock, _aquarius_ und wie sie heißen, wie soll
-man sich dafür nicht interessieren! Es sind zwölf, das wirst du
-wenigstens wissen, drei für jede Jahreszeit, die aufsteigenden und die
-niedersteigenden, der Kreis der Sternbilder, durch die die Sonne
-wandert, – großartig meiner Ansicht nach! Stelle dir vor, daß man sie in
-einem ägyptischen Tempel als Deckenbild gefunden hat, – einem Tempel der
-Aphrodite noch dazu, nicht weit von Theben. Die Chaldäer kannten sie
-auch schon, – die Chaldäer, ich bitte dich, dies alte Zauberervolk,
-arabisch-semitisch, hochgelehrt in Astrologie und Wahrsagerei. Die haben
-auch schon den Himmelsgürtel studiert, in dem die Planeten laufen, und
-ihn in die zwölf Sternbildzeichen eingeteilt, die Dodekatemoria, wie sie
-auf uns gekommen sind. Das ist großartig. Es ist die Menschheit!“
-
-„Nun sagst du ‚Menschheit‘, wie Settembrini.“
-
-„Ja, wie er, oder etwas anders. Man muß sie nehmen, wie sie ist, aber
-großartig ist es schon damit. Ich denke viel mit Sympathie an die
-Chaldäer, wenn ich so liege und den Planeten zusehe, die sie auch schon
-kannten, denn alle kannten sie nicht, so gescheit sie waren. Aber die
-sie nicht kannten, kann ich auch nicht sehen, Uranus ist ja erst neulich
-mit dem Fernrohr entdeckt worden, vor hundertzwanzig Jahren.“
-
-„Neulich?“
-
-„Das nenne ich ‚neulich‘, wenn du erlaubst, im Vergleich mit den
-dreitausend Jahren bis damals. Aber wenn ich so liege und mir die
-Planeten besehe, dann werden die dreitausend Jahre auch zu ‚neulich‘,
-und ich denke intim an die Chaldäer, die sie auch sahen und sich ihren
-Vers darauf machten, und das ist die Menschheit.“
-
-„Na, gut; du hast ja großzügige Entwürfe in deinem Kopf.“
-
-„Du sagst ‚großzügig‘, und ich sage ‚intim‘, – wie man es nun nennen
-will. Aber wenn nun also die Sonne in die Wage tritt, in zirka drei
-Monaten, dann haben die Tage wieder so weit abgenommen, daß Tag und
-Nacht gleich sind, und dann nehmen sie weiter ab bis gegen Weihnachten,
-das ist dir bekannt. Willst du aber, bitte, bedenken, daß, während die
-Sonne durch die Winterzeichen geht, den Steinbock, den Wassermann und
-die Fische, die Tage schon wieder zunehmen! Denn dann kommt neuerdings
-der Frühlingspunkt, zum dreitausendstenmal seit den Chaldäern, und die
-Tage wachsen weiter bis übers Jahr, wenn wieder Sommersanfang ist.“
-
-„Selbstverständlich.“
-
-„Nein, das ist eine Eulenspiegelei! Im Winter wachsen die Tage, und wenn
-der längste kommt, 21. Juni, Sommersanfang, dann geht es schon wieder
-bergab, sie werden schon wieder kürzer, und es geht gegen den Winter. Du
-nennst das selbstverständlich, aber wenn man einmal davon absieht, daß
-es selbstverständlich ist, dann kann einem angst und bange werden,
-momentweise, und man möchte krampfhaft nach etwas greifen. Es ist, als
-ob Eulenspiegel es so eingerichtet hätte, daß zu Wintersanfang
-eigentlich der Frühling beginnt und zu Sommersanfang eigentlich der
-Herbst ... Man wird ja an der Nase herumgezogen, im Kreise herumgelockt
-mit der Aussicht auf etwas, was schon wieder Wendepunkt ist ...
-Wendepunkt im Kreise. Denn das sind lauter ausdehnungslose Wendepunkte,
-woraus der Kreis besteht, die Biegung ist unmeßbar, es gibt keine
-Richtungsdauer, und die Ewigkeit ist nicht ‚geradeaus, geradeaus‘,
-sondern ‚Karussell, Karussell‘.“
-
-„Hör’ auf!“
-
-„Sonnwendfeier!“ sagte Hans Castorp, „Sommersonnenwende! Bergfeuer und
-Ringelreihn rund um die lodernde Flamme herum mit angefaßten Händen! Ich
-habe es nie gesehen, aber ich höre, so wird es gemacht von urwüchsigen
-Menschen, so feiern sie die erste Sommernacht, mit der der Herbst
-beginnt, die Mittagsstunde und Scheitelhöhe des Jahres, von wo es
-abwärts geht, – sie tanzen und drehen sich und jauchzen. Worüber
-jauchzen sie in ihrer Urwüchsigkeit, – kannst du dir das begreiflich
-machen? Worüber sind sie so ausgelassen lustig? Weil es nun abwärts geht
-ins Dunkel, oder vielleicht, weil es bisher aufwärts ging und nun die
-Wende gekommen ist, der unhaltbare Wendepunkt, Mittsommernacht, die
-volle Höhe, mit Wehmut im Übermut? Ich sage es, wie es ist, mit den
-Worten, die mir dafür einfallen. Es ist melancholischer Übermut und
-übermütige Melancholie, weshalb die Urwüchsigen jauchzen und um die
-Flamme tanzen, sie tun es aus positiver Verzweiflung, wenn du so sagen
-willst, zu Ehren der Eulenspiegelei des Kreises und der Ewigkeit ohne
-Richtungsdauer, in der alles wiederkehrt.“
-
-„Ich will nicht so sagen,“ murmelte Joachim, „bitte, schiebe es nicht
-auf mich. Es sind ja weitläufige Dinge, mit denen du dich beschäftigst
-des Abends, wenn du liegst.“
-
-„Ja, ich will nicht leugnen, daß du dich nützlicher beschäftigst mit
-deiner russischen Grammatik. Du mußt die Sprache nächstens ja fließend
-beherrschen, Mensch, natürlich ein großer Vorteil für dich, wenn es
-Krieg gibt, was Gott verhüte.“
-
-„Verhüte? Du sprichst wie ein Zivilist. Krieg ist notwendig. Ohne Kriege
-würde bald die Welt verfaulen, hat Moltke gesagt.“
-
-„Ja, dazu hat sie wohl eine Neigung. Und so viel kann ich dir zugeben“,
-setzte Hans Castorp an und wollte eben auf die Chaldäer zurückkommen,
-die ebenfalls Krieg geführt und Babylonien erobert hätten, obgleich sie
-Semiten und also beinahe Juden gewesen seien, – als beide gleichzeitig
-gewahr wurden, daß zwei Herren, die dicht vor ihnen gingen, die Köpfe
-nach ihnen wandten, aufmerksam gemacht durch ihre Reden, gestört in
-eigener Unterhaltung.
-
-Es war auf der Hauptstraße, zwischen dem Kurhaus und dem Hotel
-Belvedere, auf dem Rückweg nach Davos-Dorf. Das Tal lag im Festkleide,
-in zarten, lichten und frohen Farben. Die Luft war köstlich. Eine
-Sinfonie von heiteren Wiesenblumendüften erfüllte die reine, trockene,
-klar durchsonnte Atmosphäre.
-
-Sie erkannten Lodovico Settembrini zur Seite eines Fremden; doch schien
-es, als erkenne er seinerseits sie nicht oder als wünsche er kein
-Zusammentreffen, denn er wandte rasch den Kopf wieder ab und vertiefte
-sich gestikulierend in die Unterhaltung mit seinem Begleiter, wobei er
-sogar rascher vorwärts zu kommen suchte. Als freilich die Vettern,
-rechts neben ihm, durch heitere Verbeugung grüßten, stellte er sich
-wunder wie angenehm überrascht, mit „Sapristi!“ und „Teufel noch
-einmal!“, wollte aber nun wieder zurückhalten, die beiden vorüber- und
-vorangehen lassen, was sie jedoch nicht verstanden, das heißt: nicht
-bemerkten, weil sie keine Vernunft darin sahen. Ehrlich erfreut
-vielmehr, ihm nach längerer Trennung wieder zu begegnen, hielten sie
-sich bei ihm und schüttelten ihm die Hand, indem sie nach seinem Ergehen
-fragten und in höflicher Erwartung dabei zu seinem Gefährten
-hinüberblickten. So zwangen sie ihn, zu tun, was er offenbar lieber
-nicht getan hätte, was aber ihnen als die natürlichste und zu
-gewärtigendste Sache von der Welt erschien: nämlich sie mit jenem
-bekannt zu machen, – was denn also im Gehen und halben Stehenbleiben
-derart geschah, daß Settembrini, vor sich, mit verbindenden
-Handbewegungen und lustigen Reden die Herren miteinander in Beziehung
-setzte, sie vor seiner Brust sich die Hände reichen ließ.
-
-Es stellte sich heraus, daß der Fremde, der Settembrinis Jahre haben
-mochte, dessen Hausgenosse war: der andere Aftermieter Lukačeks, des
-Damenschneiders, Naphta mit Namen, soviel die jungen Leute verstanden.
-Er war ein kleiner, magerer Mann, rasiert und von so scharfer, man
-möchte sagen: ätzender Häßlichkeit, daß die Vettern sich geradezu
-wunderten. Alles war scharf an ihm: die gebogene Nase, die sein Gesicht
-beherrschte, der schmal zusammengenommene Mund, die dickgeschliffenen
-Gläser der im übrigen leicht gebauten Brille, die er vor seinen
-hellgrauen Augen trug, und selbst das Schweigen, das er bewahrte, und
-dem zu entnehmen war, daß seine Rede scharf und folgerecht sein werde.
-Er war barhaupt, wie es sich gehörte, und im bloßen Anzug, – sehr
-wohlgekleidet dabei: sein dunkelblauer Flanellanzug mit weißen Streifen
-zeigte guten, gehalten modischen Schnitt, wie der weltkindlich prüfende
-Blick der Vettern feststellte, die übrigens einem ebensolchen, nur
-rascheren und schärferen, an ihren Personen hinabgleitenden Blick von
-seiner, des kleinen Naphta Seite, begegneten. Hätte Lodovico Settembrini
-seinen faserigen Flaus und seine gewürfelten Hosen nicht mit so viel
-Anmut und Würde zu tragen gewußt, – seine Erscheinung hätte
-unvorteilhaft abstechen müssen von der feinen Gesellschaft. Sie tat es
-jedoch um so weniger, als die Gewürfelten frisch aufgebügelt waren, so
-daß man sie auf den ersten Blick fast für neu hätte halten können, – ein
-Werk seines Quartiergebers zweifellos, nach beiläufiger Überlegung der
-jungen Leute. Wenn aber der häßliche Naphta nach der Güte und
-Weltlichkeit seiner Kleidung den Vettern näher stand als seinem
-Hausgenossen, so ordneten doch nicht allein seine vorgerückteren Jahre
-ihn mit diesem gegen die Jünglinge zusammen, sondern entschieden noch
-etwas anderes, was sich am bequemsten auf die Gesichtsfarbe der beiden
-Paare zurückführen ließ, nämlich darauf, daß die einen braun und
-rotgebrannt, die anderen aber bleich waren: Joachims Gesicht war im
-Laufe des Winters noch bronzefarbener nachgedunkelt, und dasjenige Hans
-Castorps glühte rosenrot unter seinem blonden Scheitel; aber Herrn
-Settembrinis welscher Blässe, die gar edel zu seinem schwarzen
-Schnurrbart stand, hatte die Strahlung nichts anzuhaben vermocht, und
-sein Genosse, obgleich blonden Haares – es war übrigens aschblond,
-metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der fliehenden Stirn über
-den ganzen Kopf zurückgestrichen –, zeigte gleichfalls die mattweiße
-Gesichtshaut brünetter Rassen. Zwei von den vieren trugen Spazierstöcke,
-nämlich Hans Castorp und Settembrini; denn Joachim ging aus
-militärischen Gründen ohne einen solchen, und Naphta legte nach
-erfolgter Vorstellung sogleich wieder die Hände auf dem Rücken zusammen.
-Sie waren klein und zart, wie auch seine Füße sehr zierlich waren,
-übrigens seiner Figur entsprechend. Daß er erkältet wirkte und auf eine
-gewisse schwächliche und unförderliche Art hustete, fiel nicht auf.
-
-Jenen Anflug von Betroffenheit oder Verstimmung beim Gewahrwerden der
-jungen Leute hatte Settembrini sofort mit Eleganz überwunden. Er zeigte
-sich in der besten Laune und machte die drei unter Scherzreden bekannt,
-– zum Beispiel bezeichnete er Naphta als „_Princeps scholasticorum_“.
-Die Fröhlichkeit, sagte er, „halte glanzvoll Hof im Saale seiner Brust“,
-wie Aretino sich ausgedrückt habe, und das sei des Frühlings Verdienst,
-eines Frühlings, den er sich lobe. Die Herren wüßten, daß er gegen die
-Welt hier oben manches auf dem Herzen habe, sooft er es sich bereits
-davon heruntergeredet. Ehre jedoch dem Hochgebirgsfrühling! –
-vorübergehend vermöge er ihn mit allen Greueln dieser Sphäre zu
-versöhnen. Da fehle alles Verwirrende und Aufreizende des Frühlings der
-Ebene. Kein Gebrodel in der Tiefe! Keine feuchten Düfte, kein schwüler
-Dunst! Sondern Klarheit, Trockenheit, Heiterkeit und herbe Anmut. Es sei
-nach seinem Herzen, es sei süperb!
-
-Sie gingen in unregelmäßiger Reihe, nebeneinander alle vier, so weit es
-möglich war, aber bald, wenn Entgegenkommende vorbeigingen, mußte
-Settembrini, der den rechten Flügel hielt, auf die Fahrstraße treten,
-bald löste ihre Front durch das Zurückbleiben und Einlenken einzelner
-Glieder, Naphtas etwa, linkerseits, oder Hans Castorps, der den Platz
-zwischen dem Humanisten und Vetter Joachim hatte, sich vorübergehend
-auf. Naphta lachte kurz, mit einer vom Schnupfen sordinierten Stimme,
-die beim Sprechen an den Klang eines gesprungenen Tellers erinnerte, an
-den man mit dem Knöchel klopft. Indem er mit dem Kopf seitlich zu dem
-Italiener hinüberwies, sagte er mit schleppendem Akzent:
-
-„Man höre den Voltairianer, den Rationalisten. Er lobt die Natur, weil
-sie uns auch bei fertilster Gelegenheit nicht mit mystischen Dämpfen
-verwirrt, sondern klassische Trockenheit wahrt. Wie hieß doch die
-Feuchtigkeit auf lateinisch?“
-
-„Der Humor,“ rief Settembrini über die linke Schulter, „der Humor in der
-Naturbetrachtung unseres Professors besteht darin, daß er, wie die
-heilige Katharina von Siena, an die Wunden Christi denkt, wenn er rote
-Primeln sieht.“
-
-Naphta erwiderte:
-
-„Das wäre eher witzig als humoristisch. Aber es hieße immerhin Geist in
-die Natur tragen. Sie hat es nötig.“
-
-„Die Natur,“ sagte Settembrini mit gesenkter Stimme und nicht mehr
-völlig über die Schulter hinweg, sondern nur noch an ihr hinunter, „hat
-Ihren Geist durchaus nicht nötig. Sie ist selber Geist.“
-
-„Sie langweilen sich nicht mit Ihrem Monismus?“
-
-„Ah, Sie geben also zu, daß es Vergnügungssucht ist, wenn Sie die Welt
-feindlich entzweien, Gott und Natur auseinanderreißen!“
-
-„Es interessiert mich, daß Sie Vergnügungssucht nennen, was ich im Sinne
-habe, wenn ich Passion und Geist sage.“
-
-„Zu denken, daß Sie, der so große Worte für so frivole Bedürfnisse
-setzt, mich manchmal einen Redner nennen!“
-
-„Sie bleiben dabei, daß Geist Frivolität bedeutet. Aber er kann nichts
-dafür, daß er von Hause aus dualistisch ist. Der Dualismus, die
-Antithese, das ist das bewegende, das leidenschaftliche, das
-dialektische, das geistreiche Prinzip. Die Welt feindlich gespalten
-sehen, das ist Geist. Aller Monismus ist langweilig. _Solet Aristoteles
-quaerere pugnam._“
-
-„Aristoteles? Aristoteles hat die Wirklichkeit der allgemeinen Ideen in
-die Individuen verlegt. Das ist Pantheismus.“
-
-„Falsch. Geben Sie den Individuen substantiellen Charakter, denken Sie
-das Wesen der Dinge aus dem Allgemeinen fort in die Einzelerscheinung,
-wie Thomas und Bonaventura es als Aristoteliker taten, so haben Sie die
-Welt aus jeder Einheit mit der höchsten Idee gelöst, sie ist
-außergöttlich und Gott transzendent. Das ist klassisches Mittelalter,
-mein Herr.“
-
-„Klassisches Mittelalter ist eine köstliche Wortverbindung!“
-
-„Ich bitte um Entschuldigung, aber ich lasse den Begriff des Klassischen
-statthaben, wo er am Platze ist, das heißt, wo immer eine Idee auf ihren
-Gipfel kommt. Die Antike war nicht immer klassisch. Ich stelle eine
-Abneigung gegen die ... Freizügigkeit der Kategorien bei Ihnen fest,
-gegen das Absolute. Sie wollen auch nicht den absoluten Geist. Sie
-wollen, der Geist, das sei der demokratische Fortschritt.“
-
-„Ich hoffe uns einig in der Überzeugung, daß der Geist, so absolut er
-sei, niemals den Anwalt der Reaktion wird machen können.“
-
-„Er ist jedoch immer der Anwalt der Freiheit!“
-
-„Jedoch? Freiheit ist das Gesetz der Menschenliebe, nicht Nihilismus und
-Bosheit.“
-
-„Wovor Sie offenbar Angst haben.“
-
-Settembrini warf den Arm über den Kopf. Das Geplänkel brach ab. Joachim
-blickte verwundert von einem zum andern, während Hans Castorp mit
-hochgezogenen Brauen auf seinen Weg niedersah. Naphta hatte scharf und
-apodiktisch gesprochen, wiewohl er es gewesen war, der die weitere
-Freiheit verfochten hatte. Besonders seine Art, mit „Falsch!“ zu
-widersprechen, bei dem „sch“-Laut die Lippen vorzuschieben und dann den
-Mund zu verkneifen, war unangenehm. Settembrini hatte ihm teils auf
-heiterere Weise Widerpart gehalten, teils auch eine schöne Wärme in
-seine Worte gelegt, etwa dort, wo er zur Einigkeit in gewissen
-Grundgesinnungen gemahnt hatte. Jetzt, während Naphta schwieg, begann
-er, den Vettern die Existenz des ihnen Fremden zu erläutern, womit er
-dem Bedürfnis nach Aufklärung entgegenkam, das er nach seinem
-Wortwechsel mit Naphta bei ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen,
-ohne sich darum zu kümmern. Er sei Professor der alten Sprachen in den
-obersten Klassen des Fridericianums, erklärte Settembrini, indem er den
-Stand des Vorzustellenden nach italienischer Art möglichst pomphaft
-herausstrich. Sein Schicksal sei dem seinen, Settembrinis eigenem,
-gleich. Durch seinen Gesundheitszustand vor fünf Jahren heraufgeführt,
-habe er sich überzeugen müssen, daß er des Aufenthaltes für lange Frist
-bedürftig sei, habe sein Sanatorium verlassen und sich privat-ansässig
-gemacht, bei Lukaček, dem Damenschneider. Des hervorragenden Latinisten,
-Zöglings einer Ordensschule, wie er sich etwas unbestimmt ausdrückte,
-habe sich klugerweise die höhere Lehranstalt des Ortes als eines
-Dozenten versichert, der ihr zur Zierde gereiche ... Kurz, Settembrini
-erhob den häßlichen Naphta nicht wenig, obgleich er doch eben noch etwas
-wie einen abstrakten Streit mit ihm gehabt, und obgleich dieser
-streitähnliche Wortwechsel sich sogleich fortsetzen sollte.
-
-Settembrini ging nämlich jetzt dazu über, Herrn Naphta Erläuterungen
-über die Vettern zu geben, wobei sich übrigens zeigte, daß er ihm schon
-früher von ihnen erzählt hatte. Dies sei also der junge Ingenieur mit
-den drei Wochen, bei dem Hofrat Behrens eine feuchte Stelle gefunden
-habe, sagte er, und dies hier jene Hoffnung der preußischen
-Heeresorganisation, Leutnant Ziemßen. Und er sprach von Joachims
-Gemütsempörung und Reiseplänen, um hinzuzufügen, daß man dem Ingenieur
-zweifellos zu nahe treten würde, wenn man ihm nicht dieselbe Ungeduld
-zuschriebe, zur Arbeit zurückzukehren.
-
-Naphta verzog das Gesicht. Er sagte:
-
-„Die Herren haben da einen beredten Vormund. Ich hüte mich, zu
-bezweifeln, daß er Ihre Gedanken und Wünsche zutreffend verdolmetscht.
-Arbeit, Arbeit –, ich bitte, gleich wird er mich einen Feind der
-Menschheit schelten, einen _inimicus humanae naturae_, wenn ich es wage,
-an Zeiten zu erinnern, wo er mit dieser Fanfare den gewohnten Effekt
-durchaus nicht erzielt hätte, nämlich an Zeiten, wo das Gegenteil seines
-Ideals in unvergleichlich höheren Ehren stand. Bernhard von Clairvaux
-etwa lehrte eine andere Stufenfolge der Vollkommenheit, als Herr
-Lodovico sie sich je hat träumen lassen. Wollen Sie wissen, welche? Sein
-unterster Stand befindet sich in der ‚Mühle‘, der zweite auf dem
-‚Acker‘, der dritte und lobenswerteste aber – hören Sie nicht zu,
-Settembrini –, ‚auf dem Ruhebett‘. Die Mühle, das ist das Sinnbild des
-Weltlebens, – nicht schlecht gewählt. Der Acker bedeutet die Seele des
-weltlichen Menschen, darauf der Prediger und geistliche Lehrer wirkt.
-Diese Stufe ist schon würdiger. Auf dem Bette aber –“
-
-„Genug! Wir wissen!“ rief Settembrini. „Meine Herren, jetzt wird er
-Ihnen Zweck und Gebrauch des Lotterbettes vor Augen führen!“
-
-„Ich wußte nicht, daß Sie prüde sind, Lodovico. Wenn man Sie den Mädchen
-zuzwinkern sieht ... Wo bleibt die heidnische Unbefangenheit? Das Bett
-also ist der Ort der Beiwohnung des Minnenden mit dem Gemeinten und als
-Symbolum die beschauliche Abgeschiedenheit von Welt und Kreatur zum
-Zwecke der Beiwohnung mit Gott.“
-
-„Puh! _Andate, andate!_“ wehrte der Italiener fast weinend ab. Man
-lachte. Dann aber fuhr Settembrini mit Würde fort:
-
-„Ah, nein, ich bin Europäer, Okzidentale. Ihre Rangordnung da ist reiner
-Orient. Der Osten verabscheut die Tätigkeit. Lao-Tse lehrte, daß
-Nichtstun förderlicher sei, als jedes Ding zwischen Himmel und Erde.
-Wenn alle Menschen aufgehört haben würden, zu tun, werde vollkommene
-Ruhe und Glückseligkeit auf Erden herrschen. Da haben Sie Ihre
-Beiwohnung.“
-
-„Was Sie nicht sagen. Und die abendländische Mystik? Und der Quietismus,
-der Fénelon zu den Seinen zählen darf, und der lehrte, daß jedes Handeln
-fehlerhaft sei, da tätig sein zu wollen, Gott beleidigen heiße, der
-allein handeln wolle? Ich zitiere die Propositionen von Molinos. Es
-scheint doch, daß die geistige Möglichkeit, das Heil in der Ruhe zu
-finden, allgemeine menschliche Verbreitung besitzt.“
-
-Hier griff Hans Castorp ein. Mit dem Mut der Einfalt mischte er sich ins
-Gespräch und äußerte ins Leere blickend:
-
-„Beschaulichkeit, Abgeschiedenheit. Es hat was für sich, es läßt sich
-hören. Wir leben ja ziemlich hochgradig abgeschieden, wir hier oben, das
-kann man sagen. Fünftausend Fuß hoch liegen wir auf unseren Stühlen, die
-auffallend bequem sind, und sehen auf Welt und Kreatur hinunter und
-machen uns unsere Gedanken. Wenn ich mir’s überlege und soll die
-Wahrheit sagen, so hat das Bett, ich meine damit den Liegestuhl,
-verstehen Sie wohl, mich in zehn Monaten mehr gefördert und mich auf
-mehr Gedanken gebracht, als die Mühle im Flachlande all die Jahre her,
-das ist nicht zu leugnen.“
-
-Settembrini sah ihn mit traurig schimmernden schwarzen Augen an.
-„Ingenieur,“ sagte er gepreßt, „Ingenieur!“ Und er nahm Hans Castorp am
-Arm und hielt ihn ein wenig zurück, gleichsam um hinter dem Rücken der
-anderen privatim auf ihn einzureden.
-
-„Wie oft habe ich Ihnen gesagt, daß man wissen sollte, was man ist, und
-denken, wie es einem zukommt! Sache des Abendländers, trotz aller
-Propositionen, ist die Vernunft, die Analyse, die Tat und der
-Fortschritt, – nicht das Faulbett des Mönches!“
-
-Naphta hatte zugehört. Er sprach nach hinten:
-
-„Des Mönchs! Man dankt den Mönchen die Kultur des europäischen Bodens!
-Man dankt ihnen, daß Deutschland, Frankreich und Italien nicht mit
-Wildwald und Ursümpfen bedeckt sind, sondern uns Korn, Obst und Wein
-bescheren! Die Mönche, mein Herr, haben sehr wohl gearbeitet ...“
-
-„_Ebbè_, nun also!“
-
-„Ich bitte. Die Arbeit des Religiösen war weder Selbstzweck, das heißt:
-Betäubungsmittel, noch lag ihr Sinn darin, die Welt zu fördern oder
-geschäftliche Vorteile zu erlangen. Sie war reine asketische Übung,
-Bestandteil der Bußdisziplin, Heilsmittel. Sie gewährte Schutz gegen das
-Fleisch, diente der Abtötung der Sinnlichkeit. Sie trug also – erlauben
-Sie mir, das festzustellen – völlig unsozialen Charakter. Sie war
-ungetrübtester religiöser Egoismus.“
-
-„Ich bin Ihnen für die Aufklärung sehr verbunden und freue mich, den
-Segen der Arbeit auch gegen den Willen des Menschen sich bewähren zu
-sehen.“
-
-„Ja, gegen seine Absicht. Wir bemerken da nichts Geringeres, als den
-Unterschied zwischen dem Nützlichen und dem Humanen.“
-
-„Ich bemerke vor allem mit Unmut, daß Sie schon wieder Weltentzweiung
-treiben.“
-
-„Ich bedauere, mir Ihr Mißfallen zugezogen zu haben, aber man muß die
-Dinge scheiden und ordnen und die Idee des _Homo Dei_ von unreinen
-Bestandteilen freihalten. Ihr Italiener habt das Wechslergeschäft und
-die Banken erfunden; das verzeih’ euch Gott. Aber die Engländer erfanden
-die ökonomistische Gesellschaftslehre, und das wird der Genius des
-Menschen ihnen niemals verzeihen.“
-
-„Ah, der Genius der Menschheit war auch in den großen ökonomischen
-Denkern jener Inseln lebendig! – Sie wollten sprechen, Ingenieur?“
-
-Das leugnete Hans Castorp, sagte aber dennoch – und Naphta sowohl wie
-Settembrini hörten ihm mit einer gewissen Spannung zu:
-
-„An dem Beruf meines Vetters müssen Sie demnach Gefallen haben, Herr
-Naphta, und einverstanden sein mit seiner Ungeduld, ihn zu ergreifen ...
-Ich bin ja Zivilist durch und durch, mein Vetter macht es mir öfters zum
-Vorwurf. Ich habe nicht mal gedient und bin ganz ausgesprochen ein Kind
-des Friedens und habe sogar schon manchmal gedacht, daß ich sehr gut
-auch Geistlicher hätte werden können, – fragen Sie meinen Vetter, ich
-habe verschiedentlich sowas geäußert. Aber wenn ich von meinen
-persönlichen Neigungen mal absehe – und vielleicht brauch’ ich, genau
-genommen, gar nicht so ganz davon abzusehen –, so habe ich eine Menge
-Verständnis und Neigung für den militärischen Stand. Es hat ja eine
-verteufelt ernsthafte Bewandtnis damit, eine ‚asketische‘, wenn Sie
-wollen – Sie waren vorhin so freundlich, den Ausdruck irgendwie zu
-gebrauchen –, und immer muß er damit rechnen, es mit dem Tode zu tun zu
-bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch der geistliche Stand es zu tun
-hat, – womit denn sonst. Daher hat der Soldatenstand die _bienséance_
-und die Rangordnung und den Gehorsam und die spanische Ehre, wenn ich so
-sagen darf, und es ist ziemlich gleich, ob einer einen steifen
-Uniformkragen trägt oder eine gestärkte Halskrause, es kommt auf
-dasselbe hinaus, auf das ‚Asketische‘, wie Sie vorhin so hervorragend
-sich ausdrückten ... Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, Ihnen meinen
-Gedankengang ...“
-
-„Doch, doch“, sagte Naphta und warf einen Blick zu Settembrini hinüber,
-der seinen Stock drehte und den Himmel betrachtete.
-
-„Und darum meine ich,“ fuhr Hans Castorp fort, „daß die Neigungen meines
-Vetters Ziemßen Ihnen sympathisch sein müßten, nach allem, was Sie
-sagen. Ich denke da nicht an ‚Thron und Altar‘ und solche Verbindungen,
-womit manche Leute, so schlechthin ordnungsliebende und einfach bloß
-wohlgesinnte Leute, die Zusammengehörigkeit manchmal rechtfertigen.
-Sondern ich denke daran, daß die Arbeit des Soldatenstandes, das heißt
-der Dienst – in diesem Falle spricht man von Dienst – absolut nicht um
-geschäftlicher Vorteile willen geschieht und zur ‚ökonomischen
-Gesellschaftslehre‘, wie Sie sagten, gar keine Beziehungen hat, weshalb
-denn auch die Engländer nur wenig Soldaten haben, ein paar für Indien
-und ein paar zu Hause für die Parade ...“
-
-„Es ist zwecklos, daß Sie fortfahren, Ingenieur“, unterbrach ihn
-Settembrini. „Die soldatische Existenz – ich sage das, ohne unserm
-Leutnant zu nahe treten zu wollen – ist geistig indiskutabel, denn sie
-ist rein formal, an und für sich ohne Inhalt, der Grundtypus des
-Soldaten ist der Landsknecht, der sich für diese oder auch jene Sache
-anwerben ließ, – kurzum, es gab den Soldaten der spanischen
-Gegenreformation, den Soldaten der Revolutionsheere, den napoleonischen,
-den Garibaldis, es gibt den preußischen. Lassen Sie mich über den
-Soldaten reden, wenn ich weiß, _wofür_ er sich schlägt!“
-
-„_Daß_ er sich schlägt,“ versetzte Naphta, „bleibt immerhin eine
-greifbare Eigentümlichkeit seines Standes, lassen wir das gut sein. Es
-ist möglich, daß sie nicht hinreicht, diesen Stand in Ihrem Sinne
-‚geistig diskutabel‘ zu machen, aber sie rückt ihn in eine Sphäre,
-worein bürgerlicher Lebensbejahung jeder Einblick verwehrt ist.“
-
-„Was Sie bürgerliche Lebensbejahung zu nennen belieben,“ entgegnete Herr
-Settembrini mit dem vorderen Teil der Lippen, während seine Mundwinkel
-unter dem geschwungenen Schnurrbart sich straff in die Breite zogen und
-sein Hals sich auf ganz eigentümliche Art schräg und ruckweise aus dem
-Kragen herausschraubte, „wird immer bereit gefunden werden, für die
-Ideen der Vernunft und der Sittlichkeit und für ihren rechtmäßigen
-Einfluß auf junge schwankende Seelen in jeder beliebigen Form
-einzutreten.“
-
-Ein Schweigen folgte. Die jungen Leute blickten betroffen vor sich hin.
-Nach einigen Schritten sagte Settembrini, der Kopf und Hals wieder in
-natürliche Stellung gebracht hatte:
-
-„Sie dürfen sich nicht wundern, dieser Herr und ich, wir zanken uns oft,
-aber es geschieht in aller Freundschaft und auf Grund manchen
-Einverständnisses.“
-
-Das tat wohl. Es war ritterlich und human von Herrn Settembrini. Aber
-Joachim, der es ebenfalls gut meinte und das Gespräch harmlos
-fortzuführen gedachte, sagte trotzdem, als stünde er unter irgendeinem
-Druck und Zwang, und gleichsam gegen seinen Willen:
-
-„Zufällig sprachen wir vom Kriege, mein Vetter und ich, vorhin, als wir
-hinter Ihnen gingen.“
-
-„Das hörte ich“, antwortete Naphta. „Ich fing das Wort auf und sah mich
-um. Politisierten Sie? Erörterten Sie die Weltlage?“
-
-„Oh, nein“, lachte Hans Castorp. „Wie sollten wir dazu wohl kommen! Für
-meinen Vetter hier wäre es von Berufs wegen geradezu unpassend, sich um
-Politik zu kümmern, und ich verzichte freiwillig darauf, verstehe
-garnichts davon. Seit ich hier bin, habe ich noch nicht einmal eine
-Zeitung in der Hand gehabt ...“
-
-Settembrini fand das, wie früher schon einmal, tadelnswert. Er zeigte
-sich sofort aufs beste unterrichtet über die großen Verhältnisse und
-beurteilte sie beifällig insofern, als die Dinge einen der Zivilisation
-günstigen Verlauf nähmen. Die europäische Gesamtatmosphäre sei von
-Friedensgedanken, von Abrüstungsplänen erfüllt. Die demokratische Idee
-marschiere. Er erklärte, vertrauliche Informationen zu besitzen,
-dahingehend, das Jungtürkentum beende soeben seine Vorbereitungen zu
-grundstürzenden Unternehmungen. Die Türkei als National- und
-Verfassungsstaat, – welch ein Triumph der Menschlichkeit!
-
-„Liberalisierung des Islam“, spottete Naphta. „Vorzüglich. Der
-aufgeklärte Fanatismus, – sehr gut. Übrigens geht das Sie an“, wandte er
-sich an Joachim. „Wenn Abdul Hamid fällt, ist es mit Ihrem Einfluß in
-der Türkei zu Ende, und England wirft sich zum Protektor auf ... Sie
-müssen die Verbindungen und Informationen unseres Settembrini durchaus
-ernst nehmen“, sagte er zu beiden Vettern, und auch dies klang
-impertinent, da er sie für geneigt zu halten schien, Herrn Settembrini
-nicht ernst zu nehmen. „In national-revolutionären Dingen weiß er
-Bescheid. Bei ihm zu Hause unterhält man gute Beziehungen zum englischen
-Balkankomitee. Was wird aber aus den Abmachungen von Reval, Lodovico,
-wenn Ihre Fortschrittstürken Glück haben? Eduard der Siebente wird den
-Russen die Öffnung der Dardanellen nicht mehr zugestehen können, und
-wenn Österreich sich trotzdem zu einer aktiven Balkanpolitik aufrafft,
-so ...“
-
-„Mit Ihrer Katastrophenprophetie!“ wehrte Settembrini ab. „Nikolaus
-liebt den Frieden. Man verdankt ihm die Konferenzen im Haag, die
-moralische Tatsachen ersten Ranges bleiben.“
-
-„Ei, Rußland mußte sich nach seinem kleinen Mißgeschick im Osten noch
-etwas Erholung gönnen!“
-
-„Pfui, mein Herr. Sie sollten die Sehnsucht der Menschheit nach ihrer
-gesellschaftlichen Vervollkommnung nicht verhöhnen. Das Volk, das solche
-Bestrebungen durchkreuzt, wird sich unzweifelhaft der moralischen
-Ächtung aussetzen.“
-
-„Wozu wäre die Politik auch da, als einander Gelegenheit zu geben, sich
-moralisch zu kompromittieren!“
-
-„Sie huldigen dem Pangermanismus?“
-
-Naphta zuckte die Schultern, die nicht ganz gleichmäßig standen. Er war
-wohl eigentlich etwas schief, zu seiner sonstigen Häßlichkeit. Er
-verschmähte es, zu antworten. Settembrini urteilte:
-
-„Jedenfalls ist es zynisch, was Sie da sagen. In den hochherzigen
-Anstrengungen der Demokratie, sich international durchzusetzen, wollen
-Sie nichts erblicken, als politische List ...“
-
-„Sie verlangen wohl, daß ich Idealismus oder gar Religiosität darin
-erblicke? Es handelt sich um letzte, schwächliche Regungen des Restes
-von Selbsterhaltungsinstinkt, über den ein verurteiltes Weltsystem noch
-verfügt. Die Katastrophe soll und muß kommen, sie kommt auf allen Wegen
-und auf alle Weise. Nehmen Sie die britische Staatskunst. Englands
-Bedürfnis, das indische Glacis zu sichern, ist legitim. Aber die Folgen?
-Eduard weiß so gut wie Sie und ich, daß die Machthaber von Petersburg
-die mandschurische Scharte auswetzen müssen und die Ableitung der
-Revolution so notwendig brauchen wie das liebe Brot. Trotzdem lenkt er –
-er muß es wohl! – den russischen Ausdehnungsdrang nach Europa, weckt
-eingeschlummerte Rivalitäten zwischen Petersburg und Wien –“
-
-„Ach, Wien! Sie sorgen sich um dieses Welthindernis, vermutlich, weil
-Sie in dem morschen Imperium, dessen Haupt es ist, die Mumie des
-Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation erkennen!“
-
-„Und Sie finde ich russophil, vermutlich aus humanistischer Sympathie
-mit dem Cäsaro-Papismus.“
-
-„Mein Herr, die Demokratie hat selbst vom Kreml mehr zu hoffen, als von
-der Hofburg, und es ist eine Schande für das Land Luthers und Gutenbergs
-–“
-
-„Es ist außerdem wahrscheinlich eine Dummheit. Aber auch diese Dummheit
-ist ein Werkzeug der Fatalität –“
-
-„Ach, gehen Sie mir mit der Fatalität! Die menschliche Vernunft braucht
-sich nur stärker zu _wollen_ als die Fatalität, und sie _ist_ es!“
-
-„Gewollt wird immer nur das Schicksal. Das kapitalistische Europa will
-das seine.“
-
-„Man glaubt an das Kommen des Krieges, wenn man ihn nicht hinlänglich
-verabscheut!“
-
-„Ihr Abscheu ist logisch abrupt, solange Sie ihn nicht beim Staate
-selbst beginnen lassen.“
-
-„Der nationale Staat ist das Prinzip des Diesseits, das Sie dem Teufel
-zuschreiben möchten. Machen Sie aber die Nationen frei und gleich,
-schützen Sie die kleinen und schwachen vor Unterdrückung, schaffen Sie
-Gerechtigkeit, schaffen Sie nationale Grenzen ...“
-
-„Die Brennergrenze, ich weiß. Die Liquidation Österreichs. Wenn ich nur
-wüßte, wie Sie sie ohne Krieg zu bewerkstelligen gedenken!“
-
-„Und ich wüßte wahrhaftig gern, wann jemals ich den nationalen Krieg
-verdammt haben soll.“
-
-„Ich höre doch wohl –“
-
-„Nein, das muß ich Herrn Settembrini bestätigen“, mischte sich Hans
-Castorp in den Disput, dem er im Gehen gefolgt war, indem er den jeweils
-Sprechenden mit schrägem Kopfe aufmerksam von der Seite betrachtet
-hatte. „Mein Vetter und ich haben ja schon manchmal den Vorzug gehabt,
-uns mit ihm über diese und ähnliche Dinge zu unterhalten, das heißt,
-natürlich lief es darauf hinaus, daß wir ihm zuhörten, wie er seine
-Meinungen entwickelte und alles klarstellte. Und da kann ich denn
-bestätigen, und auch mein Vetter hier wird sich daran erinnern, daß Herr
-Settembrini mehr als einmal mit großer Begeisterung von dem Prinzip der
-Bewegung und der Rebellion und der Weltverbesserung sprach, das ja an
-sich kein so ganz friedliches Prinzip ist, sollte ich meinen, und daß
-diesem Prinzip noch große Anstrengungen bevorständen, ehe es überall
-gesiegt haben werde und die allgemeine glückliche Weltrepublik
-stattfinden könne. Das waren seine Worte, wenn sie auch natürlich viel
-plastischer und schriftstellerischer waren als meine, das versteht sich
-von selbst. Was ich aber ganz genau weiß und wörtlich behalten habe,
-weil ich als ausgepichter Zivilist direkt etwas darüber erschrak, das
-war, daß er sagte, dieser Tag werde, wenn nicht auf Taubenfüßen, so auf
-Adlerschwingen kommen (über die Adlerschwingen erschrak ich, wie ich
-mich erinnere), und Wien müsse aufs Haupt geschlagen sein, wenn man das
-Glück in die Wege leiten wolle. Man kann also nicht sagen, daß Herr
-Settembrini den Krieg überhaupt verworfen hat. Habe ich recht, Herr
-Settembrini?“
-
-„Ungefähr“, sagte der Italiener kurz, indem er abgewandten Kopfes seinen
-Stock schwenkte.
-
-„Schlimm“, lächelte Naphta häßlich. „Da sind Sie von Ihrem eigenen
-Schüler kriegerischer Neigungen überführt. _Assument pennas ut aquilae
-..._“
-
-„Voltaire selbst hat den Zivilisationskrieg bejaht und Friedrich dem
-Zweiten den Krieg gegen die Türken empfohlen.“
-
-„Statt dessen verbündete er sich mit ihnen, he, he. Und dann die
-Weltrepublik! Ich unterlasse es, mich zu erkundigen, was aus dem Prinzip
-der Bewegung und der Rebellion wird, wenn das Glück und die Vereinigung
-hergestellt sind. In diesem Augenblick würde die Rebellion zum
-Verbrechen ...“
-
-„Sie wissen sehr wohl, und auch diese jungen Herren wissen es, daß es
-sich um einen als unendlich gedachten Fortschritt der Menschheit
-handelt.“
-
-„Alle Bewegung ist aber kreisförmig“, sagte Hans Castorp. „Im Raume und
-in der Zeit, das lehren die Gesetze von der Erhaltung der Masse und von
-der Periodizität. Mein Vetter und ich sprachen vorhin noch davon. Kann
-denn bei geschlossener Bewegung ohne Richtungsdauer von Fortschritt die
-Rede sein? Wenn ich abends so liege und den Zodiakus betrachte, das
-heißt: die Hälfte, die zu sehen ist, und an die alten weisen Völker
-denke ...“
-
-„Sie sollten nicht grübeln und träumen, Ingenieur,“ unterbrach ihn
-Settembrini, „sondern sich entschlossen den Instinkten Ihrer Jahre und
-Ihrer Rasse anvertrauen, die Sie zur Tätigkeit drängen müssen. Auch Ihre
-naturwissenschaftliche Bildung muß Sie der Fortschrittsidee verbinden.
-Sie sehen in ungemessenen Zeiträumen das Leben vom Infusor zum Menschen
-sich fort- und emporentwickeln, Sie können nicht zweifeln, daß dem
-Menschen noch unendliche Vervollkommnungsmöglichkeiten offen stehen.
-Versteifen Sie sich denn aber auf die Mathematik, so führen Sie Ihren
-Kreislauf von Vollkommenheit zu Vollkommenheit und erquicken Sie sich an
-der Lehre unseres achtzehnten Jahrhunderts, daß der Mensch ursprünglich
-gut, glücklich und vollkommen war, daß nur die gesellschaftlichen
-Irrtümer ihn entstellt und verdorben haben, und daß er auf dem Wege
-kritischer Arbeit am Gesellschaftsbau wieder gut, glücklich und
-vollkommen werden soll, werden wird –“
-
-„Herr Settembrini versäumt, hinzuzufügen,“ fiel Naphta ein, „daß das
-Rousseausche Idyll eine vernünftlerische Verballhornung der kirchlichen
-Doktrin von der ehemaligen Staat- und Sündlosigkeit des Menschen ist,
-seiner ursprünglichen Gottesunmittelbarkeit und Gotteskindschaft, zu der
-er zurückkehren soll. Die Wiederherstellung des Gottesstaates nach
-Auflösung aller irdischen Formen liegt aber dort, wo Erde und Himmel,
-Sinnliches und Übersinnliches sich berühren, das Heil ist transzendent,
-und was Ihre kapitalistische Weltrepublik anbelangt, lieber Doktor, so
-ist es recht sonderbar, Sie in diesem Zusammenhang vom „Instinkt“ reden
-zu hören. Das Instinktive ist durchaus auf seiten des Nationalen, und
-Gott selbst hat den Menschen den natürlichen Instinkt eingepflanzt, der
-die Völker veranlaßt hat, sich in verschiedenen Staaten voneinander zu
-sondern. Der Krieg ...“
-
-„Der Krieg,“ rief Settembrini, „selbst der Krieg, mein Herr, hat schon
-dem Fortschritt dienen müssen, wie Sie mir einräumen werden, wenn Sie
-sich gewisser Ereignisse aus Ihrer Lieblingsepoche, ich meine: wenn Sie
-sich der Kreuzzüge erinnern! Diese Zivilisationskriege haben die
-Beziehungen der Völker im wirtschaftlichen und handelspolitischen
-Verkehr aufs glücklichste begünstigt und die abendländische Menschheit
-im Zeichen einer Idee vereinigt.“
-
-„Sie sind sehr duldsam gegen die Idee. Desto höflicher will ich Sie
-dahin berichtigen, daß die Kreuzzüge nebst der Verkehrsbelebung, die sie
-zeitigten, nichts weniger als international ausgleichend gewirkt haben,
-sondern im Gegenteil die Völker lehrten, sich voneinander zu
-unterscheiden und die Ausbildung der nationalen Staatsidee kräftig
-förderten.“
-
-„Sehr zutreffend, soweit das Verhältnis der Völker zur Klerisei in Frage
-kommt. Ja! damals begann das Gefühl staatlich nationaler Ehre sich gegen
-hierarchische Anmaßung zu festigen ...“
-
-„Und dabei ist, was Sie hierarchische Anmaßung nennen, nichts als die
-Idee menschlicher Vereinigung im Zeichen des Geistes!“
-
-„Man kennt diesen Geist, und man bedankt sich.“
-
-„Es ist klar, daß Ihre nationale Manie den weltüberwindenden
-Kosmopolitismus der Kirche verabscheut. Wenn ich nur wüßte, wie Sie den
-Abscheu vor dem Kriege damit zu vereinigen gedenken. Ihr antikisierender
-Staatskult muß Sie zum Verfechter positiver Rechtsauffassung machen, und
-als solcher ...“
-
-„Sind wir beim Recht? Im Völkerrecht, mein Herr, bleibt der Gedanke des
-Naturrechtes und allmenschlicher Vernunft lebendig ...“
-
-„Pah, Ihr Völkerrecht ist abermals nichts als eine Rousseausche
-Verballhornung des _ius divinum_, das weder mit Natur noch Vernunft
-etwas zu schaffen hat, sondern auf Offenbarung beruht ...“
-
-„Streiten wir uns nicht um Namen, Professor! Nennen Sie ungehindert _ius
-divinum_, was ich als Natur- und Völkerrecht verehre. Die Hauptsache
-ist, daß über den positiven Rechten der Nationalstaaten ein
-höher-gültiges, allgemeines sich erhebt und die Schlichtung strittiger
-Interessenfragen durch Schiedsgerichte ermöglicht.“
-
-„Durch Schiedsgerichte! Wenn ich das Wort höre! Durch ein bürgerliches
-Schiedsgericht, das über Fragen des Lebens entscheidet, Gottes Willen
-ermittelt und die Geschichte bestimmt! Gut, soviel von den Taubenfüßen.
-Und wo bleiben die Adlersschwingen?“
-
-„Die bürgerliche Gesittung –“
-
-„Ei, die bürgerliche Gesittung weiß nicht, was sie will! Da schreien sie
-nach Bekämpfung des Geburtenrückganges, fordern, daß die Kosten der
-Kinderaufzucht und der Berufsvorbereitung verbilligt werden. Und dabei
-erstickt man im Gedränge, und alle Berufe sind so überfüllt, daß der
-Kampf um den Eßnapf an Schrecken alle Kriege der Vergangenheit in den
-Schatten stellt. Freie Plätze und Gartenstädte! Ertüchtigung der Rasse!
-Aber wozu Ertüchtigung, wenn die Zivilisation und der Fortschritt
-wollen, daß kein Krieg mehr sei? Der Krieg wäre das Mittel gegen alles
-und für alles. Für die Ertüchtigung und sogar gegen den
-Geburtenrückgang.“
-
-„Sie scherzen. Das ist nicht mehr ernst. Unser Gespräch löst sich auf
-und tut es im rechten Augenblick. Wir sind zur Stelle“, sagte
-Settembrini und zeigte den Vettern das Häuschen, vor dessen Zaunpforte
-sie hielten, mit dem Stock. Es lag nahe dem Eingang von „Dorf“ an der
-Straße, von der nur ein schmales Vorgärtchen es trennte, und war
-bescheiden. Wilder Wein schwang sich aus bloßliegenden Wurzeln um die
-Haustür und streckte einen gebogenen, an die Mauer geschmiegten Arm
-gegen das ebenerdige Fenster zur Rechten hin, das Schaufenster eines
-kleinen Kramladens. Das Erdgeschoß sei des Krämers, erklärte
-Settembrini. Naphtas Logis befinde sich eine Treppe hoch in der
-Schneiderei, und er selbst domiziliere im Dach. Es sei ein friedlicher
-Studio.
-
-Mit überraschend hervorgekehrter Liebenswürdigkeit gab Naphta der
-Hoffnung Ausdruck, daß weitere Begegnungen aus dieser folgen möchten.
-„Besuchen Sie uns“, sagte er. „Ich würde sagen: Besuchen Sie mich, wenn
-Dr. Settembrini hier nicht ältere Rechte auf Ihre Freundschaft hätte.
-Kommen Sie, wann Sie wollen, sobald Sie Lust zu einem kleinen Kolloquium
-haben. Ich schätze den Austausch mit der Jugend, bin auch vielleicht
-nicht ohne alle pädagogische Überlieferung ... Wenn unser Meister vom
-Stuhl“ (er deutete auf Settembrini) „alle pädagogische Aufgelegtheit und
-Berufung dem bürgerlichen Humanismus vorbehalten will, so muß man ihm
-widersprechen. Auf bald also!“
-
-Settembrini machte Schwierigkeiten. Es bestünden solche, sagte er. Die
-Tage des Leutnants hier oben seien gezählt, und der Ingenieur werde
-seinen Eifer im Kurdienst verdoppeln wollen, um ihm sehr bald in die
-Ebene nachfolgen zu können.
-
-Die jungen Leute stimmten beiden zu, dem einen nach dem andern. Sie
-hatten Naphtas Einladung mit Verbeugungen aufgenommen und erkannten im
-nächsten Augenblick die Bedenken Settembrinis mit Kopf und Schultern als
-berechtigt an. So blieb alles offen.
-
-„Wie hat er ihn genannt?“ fragte Joachim, als sie die Wegschleife zum
-„Berghof“ emporstiegen ...
-
-„Ich habe ‚Meister vom Stuhl‘ verstanden,“ sagte Hans Castorp, „und
-denke auch eben darüber nach. Es ist wohl irgend so ein Witz; sie haben
-ja sonderbare Namen füreinander. Settembrini nannte Naphta ‚_princeps
-scholasticorum_‘, – auch nicht übel. Die Scholastiker, das waren ja wohl
-die Schriftgelehrten des Mittelalters, dogmatische Philosophen, wenn du
-willst. Hm. Vom Mittelalter war ja denn auch verschiedentlich die Rede,
-– wobei mir einfiel, wie Settembrini gleich am ersten Tage sagte, es
-mute manches mittelalterlich an bei uns hier oben: wir kamen darauf
-durch Adriatica von Mylendonk, durch den Namen. – Wie hat _er_ dir
-gefallen?“
-
-„Der Kleine? Nicht gut. Er sagte manches, was mir gefiel.
-Schiedsgerichte sind natürlich eine Duckmäuserei. Aber er selbst hat mir
-wenig gefallen, und da kann einer noch so viel Gutes sagen, was habe ich
-davon, wenn er selbst ein zweifelhafter Kerl ist. Und zweifelhaft ist
-er, das kannst du nicht leugnen. Allein schon die Geschichte mit dem
-‚Orte der Beiwohnung‘ war entschieden bedenklich. Und dabei hat er ja
-eine Judennase, sieh ihn dir doch an! So miekrig von Figur sind auch
-immer nur die Semiten. Hast du denn ernstlich vor, den Mann zu
-besuchen?“
-
-„Selbstverständlich werden wir ihn besuchen!“ erklärte Hans Castorp.
-„Die Miekrigkeit, – das ist nur das Militär, das da aus dir spricht.
-Aber die Chaldäer hatten auch solche Nasen und waren doch höllisch auf
-dem Posten, nicht bloß in den Geheimwissenschaften. Naphta hat auch was
-von Geheimwissenschaft, er interessiert mich nicht wenig. Ich will auch
-nicht behaupten, daß ich heute schon klug aus ihm geworden bin, aber
-wenn wir öfter mit ihm zusammenkommen, so werden wir es vielleicht, und
-ich halte es gar nicht für ausgeschlossen, daß wir überhaupt klüger
-werden bei dieser Gelegenheit.“
-
-„Ach, Mensch, du wirst ja immer klüger hier oben, mit deiner Biologie
-und Botanik und deinen unhaltbaren Wendepunkten. Und mit der ‚Zeit‘
-hattest du es gleich am ersten Tage zu tun. Und dabei sind wir doch
-hier, um gesünder, und nicht um gescheuter zu werden, – gesünder und
-ganz gesund, damit sie uns endlich in Freiheit setzen und als geheilt
-ins Flachland entlassen können!“
-
-„Auf den Bergen wohnt die Freiheit!“ sang Hans Castorp leichtsinnig.
-„Sage mir erst mal, was Freiheit ist“, fuhr er sprechend fort. „Naphta
-und Settembrini stritten vorhin ja auch darüber und kamen zu keiner
-Einigung. ‚Freiheit ist das Gesetz der Menschenliebe!‘ sagt Settembrini,
-und das klingt nach seinem Vorfahren, dem Carbonaro. Aber so tapfer der
-Carbonaro war, und so tapfer unser Settembrini selber ist, ...“
-
-„Ja, er wurde ungemütlich, als auf persönlichen Mut die Rede kam.“
-
-„... so glaube ich doch, daß er vor manchem Angst hat, wovor der kleine
-Naphta _nicht_ Angst hat, verstehst du, und daß seine Freiheit und
-Tapferkeit ziemlich ete-pe-tete sind. Meinst du, daß er Mut genug hätte,
-_de se perdre ou même de se laisser dépérir_?“
-
-„Was fängst du an, französisch zu sprechen?“
-
-„Nur so ... Die Atmosphäre hier ist ja so international. Ich weiß nicht,
-wer mehr Gefallen daran finden müßte: Settembrini, von wegen der
-bürgerlichen Weltrepublik, oder Naphta mit seinem hierarchischen
-Kosmopolis. Ich habe scharf aufgepaßt, wie du siehst, aber klar ist die
-Sache mir nicht geworden, ich fand im Gegenteil, die Konfusion war groß,
-die herauskam bei ihren Reden.“
-
-„Das ist immer so. Das wirst du immer so finden, daß bloß Konfusion
-herauskommt beim Reden und Meinungen haben. Ich sage dir ja, es kommt
-überhaupt nicht drauf an, was für Meinungen einer hat, sondern darauf,
-ob einer ein rechter Kerl ist. Am besten ist, man hat gleich gar keine
-Meinung, sondern tut seinen Dienst.“
-
-„Ja, so kannst du sagen, als Landsknecht und rein formale Existenz, die
-du bist. Bei mir ist es was andres, ich bin Zivilist, ich bin
-gewissermaßen verantwortlich. Und mich regt es auf, solche Konfusion zu
-sehen, wie daß der eine die internationale Weltrepublik predigt und den
-Krieg grundsätzlich verabscheut, dabei aber so patriotisch ist, daß er
-partout die Brennergrenze verlangt und dafür einen Zivilisationskrieg
-führen will, – und daß der andere den Staat für Teufelswerk hält und von
-der allgemeinen Vereinigung am Horizonte flötet, aber im nächsten
-Augenblick das Recht des natürlichen Instinktes verteidigt und sich über
-Friedenskonferenzen lustig macht. Unbedingt müssen wir hingehen, um klug
-daraus zu werden. Du sagst zwar, wir sollen hier nicht klüger werden,
-sondern gesünder. Aber das muß sich vereinigen lassen, Mann, und wenn du
-das nicht glaubst, dann treibst du Weltentzweiung, und so was zu
-treiben, ist immer ein großer Fehler, will ich dir mal bemerken.“
-
-
- Vom Gottesstaat und von übler Erlösung
-
-Hans Castorp bestimmte in seiner Loge ein Pflanzengewächs, das jetzt, da
-der astronomische Sommer begonnen hatte und die Tage kürzer zu werden
-begannen, an vielen Stellen wucherte: die Akelei oder _Aquilegia_, eine
-Ranunkulazeenart, die staudenartig wuchs, hochgestielt, mit blauen und
-veilchenfarbnen, auch rotbraunen Blüten und krautartigen Blättern von
-geräumiger Fläche. Die Pflanze wuchs da und dort, massenweis aber
-namentlich in dem stillen Grunde, wo er sie vor nun bald einem Jahre
-zuerst gesehen: der abgeschiedenen, wildwasserdurchrauschten
-Waldschlucht mit Steg und Ruhebank, wo sein voreilig-freizügiger und
-unbekömmlicher Spaziergang von damals geendigt hatte, und die er nun
-manchmal wieder besuchte.
-
-Es war, wenn man es weniger unternehmend anfing, als er damals getan,
-nicht gar so weit dorthin. Stieg man vom Ziel der Schlittlrennen in
-„Dorf“ ein wenig die Lehne hinan, so war der malerische Ort auf dem
-Waldwege, dessen Holzbrücken die von der Schatzalp kommende Bobbahn
-überkreuzten, ohne Umwege, Operngesang und Erschöpfungspausen in zwanzig
-Minuten zu erreichen, und wenn Joachim durch dienstliche Pflichten,
-durch Untersuchung, Innenphotographie, Blutprobe, Injektion oder
-Gewichtsfeststellung ans Haus gefesselt war, so wanderte Hans Castorp
-wohl bei heiterer Witterung nach dem zweiten Frühstück, zuweilen auch
-schon nach dem ersten dorthin, und auch die Stunden zwischen Tee und
-Abendessen benutzte er wohl zu einem Besuch seines Lieblingsortes, um
-auf der Bank zu sitzen, wo ihn einst das mächtige Nasenbluten
-überkommen, dem Geräusche des Gießbachs mit schrägem Kopfe zu lauschen
-und das geschlossene Landschaftsbild um sich her zu betrachten, sowie
-die Menge von blauer Akelei, die nun wieder in ihrem Grunde blühte.
-
-Kam er nur dazu? Nein, er saß dort, um allein zu sein, um sich zu
-erinnern, die Eindrücke und Abenteuer so vieler Monate zu überschlagen
-und alles zu bedenken. Es waren ihrer viele und mannigfaltige, – nicht
-leicht zu ordnen dabei, denn sie erschienen ihm vielfach verschränkt und
-ineinanderfließend, so daß das Handgreifliche kaum vom bloß Gedachten,
-Geträumten und Vorgestellten zu sondern war. Nur abenteuerlichen Wesens
-waren sie alle, in dem Grade, daß sein Herz, beweglich, wie es hier oben
-vom ersten Tage an gewesen und geblieben war, stockte und hämmerte, wenn
-er ihrer gedachte. Oder genügte bereits die Vernunftüberlegung, daß die
-_Aquilegia_ hier, wo ihm einst in einem Zustand herabgesetzter
-Lebenstätigkeit Pribislav Hippe leibhaftig erschienen war, nicht immer
-noch, sondern schon wieder blühte, und daß aus den „drei Wochen“
-demallernächst ein rundes Jahr geworden sein würde, um sein bewegliches
-Herz so abenteuerlich zu erschrecken?
-
-Übrigens bekam er kein Nasenbluten mehr auf seiner Bank am Wildwasser,
-das war vorbei. Seine Akklimatisation, die Joachim ihm sogleich als
-schwierig hingestellt und die ihre Schwierigkeit denn auch bewährt
-hatte, war vorgeschritten, sie mußte nach elf Monaten als vollendet
-gelten, und Weitergehendes in dieser Richtung war kaum zu gewärtigen.
-Der Chemismus seines Magens hatte sich geregelt und angepaßt, Maria
-Mancini schmeckte, die Nerven seiner ausgetrockneten Schleimhäute
-kosteten längst wieder empfänglich die Blume dieses preiswerten
-Fabrikats, das er sich nach wie vor, wenn der Vorrat zur Neige ging, mit
-einer Art von Pietätsgefühl aus Bremen verschrieb, obgleich sehr
-einladende Ware sich in den Schaufenstern des internationalen Kurortes
-empfahl. Bildete Maria nicht eine Art von Verbindung zwischen ihm, dem
-Entrückten, und dem Flachlande, der alten Heimat? Unterhielt und
-bewahrte sie dergleichen Beziehungen nicht wirksamer, als etwa die
-Postkarten, die er dann und wann nach unten an die Onkel richtete, und
-deren Abstände voneinander in demselben Maße größer geworden waren, als
-er sich unter Annahme hiesiger Begriffe eine großartigere
-Zeitbewirtschaftung zu eigen gemacht hatte? Es waren meistens
-Ansichtskarten, der größeren Gefälligkeit halber, mit hübschen Bildern
-des Tales im Schnee wie in sommerlicher Verfassung, und sie boten für
-Schriftliches nur eben soviel Raum, als nötig war, um die neueste
-ärztliche Verlautbarung zu überliefern, das Ergebnis einer Monats- oder
-Generaluntersuchung verwandtschaftlich zu melden, das heißt also: etwa
-mitzuteilen, daß akustisch wie optisch eine unverkennbare Besserung zu
-verzeichnen gewesen, daß er aber noch nicht entgiftet sei, und daß die
-leichte Übertemperatur, in der er immer noch stehe, von den kleinen
-Stellen komme, die eben noch vorhanden seien, aber bestimmt ohne Rest
-verschwinden würden, wenn er Geduld übe, so daß er dann keinesfalls
-wiederzukommen brauche. Er durfte sicher sein, daß darüber hinausgehende
-briefstellerische Leistungen von ihm nicht verlangt und erwartet wurden;
-es war keine humanistisch rednerische Sphäre, an die er sich wandte; die
-Antworten, die er erhielt, waren ebensowenig ergußhafter Art. Sie
-begleiteten meistens die geldlichen Subsistenzmittel, die ihm von zu
-Hause zukamen, die Zinsen seines väterlichen Erbes, die sich in hiesiger
-Münze so vorteilhaft ausnahmen, daß er sie niemals verzehrt hatte, wenn
-eine neue Lieferung eintraf, und bestanden in einigen Zeilen
-Maschinenschrift, gezeichnet James Tienappel, mit Grüßen und
-Genesungswünschen vom Großonkel und manchmal auch von dem seefahrenden
-Peter.
-
-Die Verabfolgung der Injektionen, so meldete Hans Castorp nach Hause,
-hatte der Hofrat neuestens unterbrochen. Sie bekamen diesem jungen
-Patienten nicht, verursachten ihm Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit,
-Gewichtsabnahme und Müdigkeit, hatten die „Temperatur“ zunächst erhöht
-und dann nicht beseitigt. Sie glühte als trockene Hitze subjektiv fort
-in seiner rosenroten Miene, als Mahnung daran, daß die Akklimatisation
-für diesen Sprößling der Tiefebene und ihrer feuchtfröhlichen
-Meteorologie doch eben wohl hauptsächlich in der Gewöhnung daran
-bestand, daß er sich nicht gewöhnte, – was übrigens Rhadamanthys ja
-selber nicht tat, der immer blaue Backen hatte. „Manche gewöhnen sich
-nie“, hatte Joachim gleich gesagt, und dies schien Hans Castorps Fall.
-Denn auch das Genickzittern, das ihn hier oben bald nach der Ankunft zu
-belästigen begonnen, hatte sich nicht wieder verlieren wollen, sondern
-stellte sich im Gehen, im Gespräch, ja selbst hier oben am blau
-blühenden Orte seines Nachdenkens über den Komplex seiner Abenteuer
-unvermeidlich ein, so daß ihm die würdige Kinnstütze Hans Lorenz
-Castorps beinahe schon zur festen Gewohnheit geworden war, – nicht ohne
-ihn selbst, wenn er sie benützte, an die Vatermörder des Alten, die
-Interimsform der Ehrenkrause, an das blaßgoldene Rund der Taufschale, an
-den frommen Ur-Ur-Laut und ähnliche Verwandtschaften unter der Hand zu
-erinnern und ihn so zum Überdenken seines Lebenskomplexes neuerdings
-hinzuleiten.
-
-Pribislav Hippe erschien ihm nicht mehr leibhaftig, wie vor elf Monaten.
-Seine Akklimatisation war vollendet, er hatte keine Visionen mehr, lag
-nicht mit stillgestelltem Leibe auf seiner Bank, während sein Ich in
-ferner Gegenwart weilte – nichts mehr von solchen Zufällen. Deutlichkeit
-und Lebendigkeit dieses Erinnerungsbildes, wenn es ihm denn vorschwebte,
-hielten sich in normalen, gesunden Grenzen; und im Zusammenhange damit
-zog dann Hans Castorp wohl aus seiner Brusttasche das gläserne
-Angebinde, das er dort in einem gefütterten Briefumschlag und hierauf in
-der Brieftasche verwahrt hielt: ein Täfelchen, das, wenn man es in
-gleicher Ebene mit dem Erdboden hielt, schwarz-spiegelnd und
-undurchsichtig schien, aber, gegen das Himmelslicht aufgehoben, sich
-erhellte und humanistische Dinge vorwies: das transparente Bild des
-Menschenleibes, Rippenwerk, Herzfigur, Zwerchfellbogen und
-Lungengebläse, dazu das Schlüssel- und Oberarmgebein, umgeben dies alles
-von blaß-dunstiger Hülle, dem Fleische, von dem Hans Castorp in der
-Faschingswoche vernunftwidriger Weise gekostet hatte. Was Wunder, daß
-sein bewegliches Herz stockte und stürzte, wenn er das Angebinde
-betrachtete und dann fortfuhr, „alles“ zu überschlagen und zu bedenken,
-gelehnt an die schlicht gezimmerte Lehne der Ruhebank, die Arme
-gekreuzt, den Kopf zur Schulter geneigt, im Geräusche des Gießwassers
-und angesichts der blaublühenden Akelei?
-
-Das Hochgebild organischen Lebens, die Menschengestalt schwebte ihm vor,
-wie in jener Frost- und Sternennacht anläßlich gelehrter Studien, und an
-ihre innere Anschauung knüpften sich für den jungen Hans Castorp so
-manche Fragen und Unterscheidungen, mit denen sich abzugeben der gute
-Joachim nicht verpflichtet sein mochte, für die aber er als Zivilist
-sich verantwortlich zu fühlen begonnen hatte, obwohl auch er im
-Flachlande drunten ihrer niemals ansichtig geworden war und vermutlich
-nie ansichtig würde geworden sein, wohl aber hier, wo man aus der
-beschaulichen Abgeschiedenheit von fünftausend Fuß auf Welt und Kreatur
-hinabblickte und sich seine Gedanken machte, – vermöge einer durch
-lösliche Gifte erzeugten Steigerung des Körpers auch wohl, die als
-trockene Hitze im Antlitz brannte. Er dachte an Settembrini im
-Zusammenhang mit jener Anschauung, an den pädagogischen Drehorgelmann,
-dessen Vater in Hellas zur Welt gekommen, und der die Liebe zum
-Hochgebild als Politik, Rebellion und Eloquenz erläuterte, indem er die
-Pike des Bürgers am Altar der Menschheit weihte; dachte auch an den
-Kameraden Krokowski und an das, was er seit einiger Zeit im verdunkelten
-Zimmergelaß mit ihm trieb, besann sich über das doppelte Wesen der
-Analyse und wie weit sie der Tat und dem Fortschritte förderlich sei,
-wie weit dem Grabe verwandt und seiner anrüchigen Anatomie. Er rief die
-Bilder der beiden Großväter neben- und gegeneinander herauf, des
-rebellischen und des getreuen, die Schwarz trugen aus unterschiedlichen
-Gründen, und erwog ihre Würde; ging ferner mit sich zu Rate über so
-weitläufige Komplexe wie Form und Freiheit, Geist und Körper, Ehre und
-Schande, Zeit und Ewigkeit, – und unterlag einem kurzen, aber
-stürmischen Schwindel bei dem Gedanken, daß die Akelei wieder blühte und
-das Jahr in sich selber lief.
-
-Er hatte ein sonderbares Wort für diese seine verantwortliche
-Gedankenbeschäftigung am malerischen Orte seiner Zurückgezogenheit: er
-nannte sie „Regieren“, – gebrauchte dies Spiel- und Knabenwort, diesen
-Kinderausdruck dafür, als für eine Unterhaltung, die er liebte, obwohl
-sie mit Schrecken, Schwindel und allerlei Herztumulten verbunden war und
-seine Gesichtshitze übermäßig verstärkte. Doch fand er es nicht
-unschicklich, daß die mit dieser Tätigkeit verbundene Anstrengung ihn
-nötigte, sich der Kinnstütze zu bedienen; denn diese Haltung stimmte
-wohl mit der Würde überein, die das „Regieren“ angesichts des
-vorschwebenden Hochgebildes ihm innerlich verlieh.
-
-„_Homo Dei_“ hatte der häßliche Naphta das Hochgebild genannt, als er es
-gegen die englische Gesellschaftslehre verteidigte. Was Wunder, daß Hans
-Castorp um seiner zivilistischen Verantwortlichkeit willen und im
-Regierungsinteresse sich gehalten fand, mit Joachim bei dem Kleinen
-Besuch zu machen? Settembrini sah es ungern, – dies deutlich zu spüren,
-war Hans Castorp schlau und dünnhäutig genug. Schon die erste Begegnung
-war dem Humanisten unangenehm gewesen, er hatte sie offensichtlich zu
-verhindern gestrebt und die jungen Leute, namentlich aber ihn selbst –
-so sagte sich das durchtriebene Sorgenkind – vor der Bekanntschaft mit
-Naphta pädagogisch hüten wollen, obgleich ja er für seine Person mit ihm
-verkehrte und disputierte. So sind die Erzieher. Sich selber gönnen sie
-das Interessante, indem sie sich ihm „gewachsen“ nennen; der Jugend aber
-verbieten sie es und verlangen, daß sie sich dem Interessanten nicht
-„gewachsen“ fühle. Ein Glück nur, daß es dem Drehorgelmann im Ernst
-überhaupt nicht zustand, dem jungen Hans Castorp etwas zu verbieten, und
-daß er ja auch gar nicht den Versuch dazu gemacht hatte. Der
-Sorgenzögling brauchte seine Dünnhäutigkeit nur zu verleugnen und
-Unschuld vorzuschützen, so hinderte nichts ihn, der Einladung des
-kleinen Naphta freundlich zu folgen, – was er denn auch getan hatte, mit
-dem wohl oder übel sich anschließenden Joachim, wenige Tage nach dem
-ersten Zusammentreffen, an einem Sonntagnachmittag, nach dem
-Hauptliegedienst.
-
-Es waren wenige Minuten Wegs vom Berghof hinunter zum Häuschen mit der
-weinumkränzten Haustür. Sie traten ein, ließen den Zugang zum
-Krämerladen zur Rechten liegen und erklommen die schmale braune Stiege,
-die sie vor eine Etagentür führte, neben deren Klingel lediglich das
-Namensschild Lukačeks, des Damenschneiders, angebracht war. Die Person,
-die ihnen öffnete, war ein halbwüchsiger Knabe in einer Art von Livree,
-gestreifter Jacke und Gamaschen, ein Dienerchen, kurzgeschoren und
-rotbackig. Ihn fragten sie nach Herrn Professor Naphta und prägten ihm,
-da sie mit Karten nicht ausgestattet waren, ihre Namen ein, die er Herrn
-Naphta – er gebrauchte keinen Titel – zu nennen ging. Die dem Eingang
-gegenüberliegende Zimmertür stand offen und gewährte Einblick in die
-Schneiderei, wo des Feiertags ungeachtet Lukaček mit untergeschlagenen
-Beinen auf einem Tische saß und nähte. Er war bleich und kahlköpfig; von
-einer übergroßen, abfallenden Nase hing ihm der schwarze Schnurrbart mit
-saurem Ausdruck zu seiten des Mundes herab.
-
-„Guten Tag!“ wünschte Hans Castorp.
-
-„Grütsi“, antwortete der Schneider mundartlich, obgleich das
-Schweizerische weder zu seinem Namen noch zu seinem Äußeren paßte und
-etwas falsch und sonderbar klang.
-
-„So fleißig?“ fuhr Hans Castorp nickend fort ... „Es ist ja Sonntag!“
-
-„Eilige Arbeit“, versetzte Lukaček kurz und stichelte.
-
-„Ist wohl was Feines,“ vermutete Hans Castorp, „was rasch gebraucht
-wird, für eine Reunion oder so?“
-
-Der Schneider ließ diese Frage eine Weile unbeantwortet, biß den Faden
-ab und fädelte neu ein. Nachträglich nickte er.
-
-„Wird es hübsch?“ fragte Hans Castorp noch. „Machen Sie Ärmel daran?“
-
-„Ja, Ärmel, es ist für eine Olte“, antwortete Lukaček mit stark
-böhmischem Akzent. Die Rückkehr des Dienerchens unterbrach dies durch
-die Tür geführte Gespräch. Herr Naphta lasse bitten, näher zu treten,
-meldete er und öffnete den jungen Leuten eine Tür, zwei oder drei
-Schritte weiter rechts, wobei er auch noch eine zusammenfallende
-Portiere vor ihnen aufzuheben hatte. Die Eintretenden empfing Naphta, in
-Schleifenschuhen auf moosgrünem Teppich stehend.
-
-Beide Vettern waren überrascht durch den Luxus des zweifenstrigen
-Arbeitszimmers, das sie aufgenommen hatte, ja geblendet durch
-Überraschung; denn die Dürftigkeit des Häuschens, seiner Treppe, seines
-armseligen Korridors ließ dergleichen nicht entfernt erwarten und
-verlieh der Eleganz von Naphtas Einrichtung durch Kontrastwirkung etwas
-Märchenhaftes, was sie an und für sich kaum besaß und auch in den Augen
-Hans Castorps und Joachim Ziemßens nicht besessen hätte. Immerhin, sie
-war fein, ja glänzend, und zwar so, daß sie trotz Schreibtisch und
-Bücherschränken den Charakter des Herrenzimmers eigentlich nicht wahrte.
-Es war zuviel Seide darin, weinrote, purpurrote Seide: die Vorhänge, die
-die schlechten Türen verbargen, waren daraus, die Fenster-Überfälle und
-ebenso die Bezüge der Meubles-Gruppe, die an einer Schmalseite, der
-zweiten Tür gegenüber, vor einem die Wand fast ganz bespannenden Gobelin
-angeordnet war. Es waren Barockarmstühle mit kleinen Polstern auf den
-Seitenlehnen, um einen runden, metallbeschlagenen Tisch gruppiert,
-hinter dem ein mit Seidenplüschkissen ausgestattetes Sofa desselben
-Stiles stand. Die Bücherspinde nahmen die Wandpartien neben den beiden
-Türen ein. Sie waren, wie der Schreibtisch, oder vielmehr der mit einem
-gewölbten Rolldeckel versehene Sekretär, der zwischen den Fenstern Platz
-gefunden hatte, in Mahagoni gearbeitet, mit Glastüren, hinter die grüne
-Seide gespannt war. Aber in dem Winkel links von der Sofagruppe war ein
-Kunstwerk zu sehen, eine große, auf rot verkleidetem Sockel erhöhte
-bemalte Holzplastik, – etwas innig Schreckhaftes, eine Pietà, einfältig
-und wirkungsvoll bis zum Grotesken: die Gottesmutter in der Haube, mit
-zusammengezogenen Brauen und jammernd schief geöffnetem Munde, den
-Schmerzensmann auf ihrem Schoß, eine im Größenverhältnis primitiv
-verfehlte Figur mit kraß herausgearbeiteter Anatomie, die jedoch von
-Unwissenheit zeugte, das hängende Haupt von Dornen starrend, Gesicht und
-Glieder mit Blut befleckt und berieselt, dicke Trauben geronnenen Blutes
-an der Seitenwunde und den Nägelmalen der Hände und Füße. Dies
-Schaustück verlieh dem seidenen Zimmer nun freilich einen besonderen
-Akzent. Auch die Tapete, über den Bücherschränken und an der Fensterwand
-sichtbar, war übrigens offenbar eine Leistung des Mieters: das Grün
-ihrer Längsstreifen war das des weichen Teppichs, der über die rote
-Bodenbespannung gebreitet war. Nur der niedrigen Decke war wenig zu
-helfen gewesen. Sie war kahl und rissig. Doch hing ein kleiner
-venezianischer Lüster daran herab. Die Fenster waren mit cremefarbenen
-Stores verhüllt, die bis zum Boden reichten.
-
-„Da haben wir uns zu einem Kolloquium eingefunden!“ sagte Hans Castorp,
-während seine Augen mehr an dem frommen Schrecknis im Winkel, als an dem
-Bewohner des überraschenden Zimmers hafteten, der es anerkannte, daß die
-Vettern Wort gehalten hätten. Er wollte sie mit gastlichen Bewegungen
-seiner kleinen Rechten zu den seidenen Sitzen leiten, aber Hans Castorp
-ging geradeswegs und gebannt auf die Holzgruppe zu und blieb, Arme in
-die Hüften gestemmt, mit seitwärts geneigtem Kopf davor stehen.
-
-„Was haben Sie denn da!“ sagte er leise. „Das ist ja schrecklich gut.
-Hat man je so ein Leiden gesehn. Etwas Altes, natürlich?“
-
-„Vierzehntes Jahrhundert“, antwortete Naphta. „Wahrscheinlich
-rheinischer Herkunft. Es macht Ihnen Eindruck?“
-
-„Enormen“, sagte Hans Castorp. „Das kann seinen Eindruck auf den
-Beschauer denn doch wohl gar nicht verfehlen. Ich hätte nicht gedacht,
-daß etwas zugleich so häßlich – entschuldigen Sie – und so schön sein
-könnte.“
-
-„Erzeugnisse einer Welt der Seele und des Ausdrucks,“ versetzte Naphta,
-„sind immer häßlich vor Schönheit und schön vor Häßlichkeit, das ist die
-Regel. Es handelt sich um geistige Schönheit, nicht um die des
-Fleisches, die absolut dumm ist. Übrigens auch abstrakt ist sie“, fügte
-er hinzu. „Die Schönheit des Leibes ist abstrakt. Wirklichkeit hat nur
-die innere, die des religiösen Ausdrucks.“
-
-„Das haben Sie dankenswert richtig unterschieden und angeordnet“,
-sagte Hans Castorp. „Vierzehntes?“ versicherte er sich ...
-„Dreizehnhundertsoundso? Ja, das ist das Mittelalter, wie es im Buche
-steht, ich erkenne gewissermaßen die Vorstellung darin wieder, die ich
-mir in letzter Zeit vom Mittelalter gemacht habe. Ich wußte eigentlich
-nichts davon, ich bin ja ein Mann des technischen Fortschritts, soweit
-ich überhaupt in Frage komme. Aber hier oben ist mir die Vorstellung des
-Mittelalters verschiedentlich nahe gebracht worden. Die ökonomistische
-Gesellschaftslehre gab es damals noch nicht, soviel ist klar. Wie hieß
-der Künstler denn wohl?“
-
-Naphta zuckte die Achseln.
-
-„Was liegt daran?“ sagte er. „Wir sollten danach nicht fragen, da man
-auch damals, als es entstand, nicht danach fragte. Das hat keinen
-wunderwie individuellen Monsieur zum Autor, es ist anonym und gemeinsam.
-Es ist übrigens sehr vorgeschrittenes Mittelalter, Gotik, _Signum
-mortificationis_. Sie finden da nichts mehr von der Schonung und
-Beschönigung, mit der noch die romanische Epoche den Gekreuzigten
-darstellen zu müssen glaubte, keine Königskrone, keinen majestätischen
-Triumph über Welt und Martertod. Alles ist radikale Verkündigung des
-Leidens und der Fleischesschwäche. Erst der gotische Geschmack ist der
-eigentlich pessimistisch-asketische. Sie werden die Schrift Innozenz des
-Dritten, ‚_De miseria humanae conditionis_‘, nicht kennen, – ein äußerst
-witziges Stück Literatur. Sie stammt vom Ende des zwölften Jahrhunderts,
-aber erst diese Kunst liefert die Illustrationen dazu.“
-
-„Herr Naphta,“ sagte Hans Castorp nach einem Aufseufzen, „mich
-interessiert jedes Wort von dem, was Sie da hervorheben. ‚_Signum
-mortificationis_‘ sagten Sie? Das werde ich mir merken. Vorher sagten
-Sie etwas von ‚anonym und gemeinsam‘, was auch der Mühe wert scheint,
-darüber nachzudenken. Sie vermuten leider richtig, daß ich die Schrift
-des Papstes – ich nehme an, daß Innozenz der Dritte ein Papst war –
-nicht kenne. Habe ich richtig verstanden, daß sie asketisch und witzig
-ist? Ich muß gestehen, ich habe mir nie vorgestellt, daß das so Hand in
-Hand gehen könnte, aber wenn ich es ins Auge fasse, so leuchtet es mir
-ein, natürlich, eine Abhandlung über das menschliche Elend bietet zum
-Witz schon Gelegenheit, auf Kosten des Fleisches. Ist die Schrift denn
-erhältlich? Wenn ich mein Latein zusammennähme, vielleicht könnte ich
-sie lesen.“
-
-„Ich besitze das Buch“, antwortete Naphta, mit dem Kopf nach einem der
-Schränke weisend. „Es steht Ihnen zur Verfügung. Aber wollen wir uns
-nicht setzen? Sie sehen die Pietà auch vom Sofa aus. Eben kommt unser
-kleines Vespermahl ...“
-
-Es war das Dienerchen, das Tee brachte, dazu einen hübschen
-silberbeschlagenen Korb, worin in Stücke geschnittener Baumkuchen lag.
-Hinter ihm aber, durch die offene Tür, wer trat beschwingten Schrittes
-mit „Sapperlot!“ „_Accidenti!_“ und feinem Lächeln herein? Das war Herr
-Settembrini, wohnhaft eine Treppe höher, der sich einfand, in der
-Absicht, den Herren Gesellschaft zu leisten. Durch sein Fensterchen,
-sagte er, habe er die Vettern kommen sehen und rasch noch eine
-enzyklopädische Seite heruntergeschrieben, die er eben unter der Feder
-gehabt, um sich dann ebenfalls hier zu Gaste zu bitten. Nichts war
-natürlicher, als daß er kam. Seine alte Bekanntschaft mit den
-Berghofbewohnern berechtigte ihn dazu, und dann war auch sein Verkehr
-und Austausch mit Naphta, trotz tiefgehender Meinungsverschiedenheiten,
-ja offenbar überhaupt sehr lebhaft, – wie denn der Gastgeber ihn
-leichthin und ohne Überraschung als Zugehörigen begrüßte. Das hinderte
-nicht, daß Hans Castorp von seinem Kommen sehr deutlich einen doppelten
-Eindruck gewann. Erstens, so empfand er, stellte Herr Settembrini sich
-ein, um ihn und Joachim, oder eigentlich kurzweg ihn, nicht mit dem
-häßlichen kleinen Naphta allein zu lassen, sondern durch seine
-Anwesenheit ein pädagogisches Gegengewicht zu schaffen; und zweitens war
-klar ersichtlich, daß er gar nichts dagegen hatte, sondern die
-Gelegenheit recht gern benutzte, den Aufenthalt in seinem Dach auf eine
-Weile mit dem in Naphtas seidenfeinem Zimmer zu vertauschen und einen
-wohlservierten Tee einzunehmen: er rieb sich die gelblichen, an der
-Kleinfingerseite des Rückens mit schwarzen Haaren bewachsenen Hände,
-bevor er zugriff, und speiste mit unverkennbarem, auch lobend
-ausgesprochenem Genuß von dem Baumkuchen, dessen schmale, gebogene
-Scheiben von Schokoladeadern durchzogen waren.
-
-Das Gespräch fuhr noch fort, sich mit der Pietà zu beschäftigen, da Hans
-Castorp mit Blick und Wort an dem Gegenstand festhielt, wobei er sich an
-Herrn Settembrini wandte und diesen gleichsam mit dem Kunstwerk in
-kritischen Kontakt zu setzen suchte, – während ja der Abscheu des
-Humanisten gegen diesen Zimmerschmuck deutlich genug in der Miene zu
-lesen war, mit der er sich danach umwandte: denn er hatte sich mit dem
-Rücken gegen jenen Winkel gesetzt. Zu höflich, um alles zu sagen, was er
-dachte, beschränkte er sich darauf, Fehlerhaftigkeiten in den
-Verhältnissen und den Körperformen der Gruppe zu beanstanden, Verstöße
-gegen die Naturwahrheit, die weit entfernt seien, rührend auf ihn zu
-wirken, da sie nicht frühzeitlichem Unvermögen, sondern bösem Willen,
-einem grundfeindlichen Prinzip entsprängen, – worin Naphta ihm boshaft
-zustimmte. Gewiß, von technischem Ungeschick könne nicht entfernt die
-Rede sein. Es handle sich um bewußte Emanzipation des Geistes vom
-Natürlichen, dessen Verächtlichkeit durch die Verweigerung jeder Demut
-davor religiös verkündet werde. Als aber Settembrini die
-Vernachlässigung der Natur und ihres Studiums für menschlich abwegig
-erklärte und gegen die absurde Formlosigkeit, der das Mittelalter und
-die ihm nachahmenden Epochen gefrönt hätten, das griechisch-römische
-Erbe, den Klassizismus, Form, Schönheit, Vernunft und naturfromme
-Heiterkeit, die allein die Sache des Menschen zu fördern berufen seien,
-in prallen Worten zu erheben begann, mischte Hans Castorp sich ein und
-fragte, was denn aber bei solcher Bewandtnis mit Plotinus los sei, der
-sich nachweislich seines Körpers geschämt, und mit Voltaire, der im
-Namen der Vernunft gegen das skandalöse Erdbeben von Lissabon revoltiert
-habe? Absurd? Das sei auch absurd gewesen, aber wenn man alles recht
-überlege, so könne man seiner Ansicht nach das Absurde recht wohl als
-das geistig Ehrenhafte bezeichnen, und die absurde Naturfeindschaft der
-gotischen Kunst sei am Ende ebenso ehrenhaft gewesen wie das Gebaren der
-Plotinus und Voltaire, denn es drücke sich dieselbe Emanzipation von
-Fatum und Faktum darin aus, derselbe unknechtische Stolz, der sich
-weigere, vor der dummen Macht, nämlich vor der Natur, abzudanken ...
-
-Naphta brach in Lachen aus, das sehr an den bewußten Teller erinnerte
-und in Husten endigte. Settembrini sagte vornehm:
-
-„Sie schädigen unseren Wirt, indem Sie so witzig sind und erweisen sich
-also undankbar für dies köstliche Gebäck. Ist Dankbarkeit überhaupt Ihre
-Sache? Wobei ich voraussetze, daß Dankbarkeit darin besteht, von
-empfangenen Geschenken einen guten Gebrauch zu machen ...“
-
-Da Hans Castorp sich schämte, setzte er scharmant hinzu:
-
-„Man kennt Sie als Schalk, Ingenieur. Ihre Art, das Gute
-freundschaftlich zu necken, läßt mich keineswegs an Ihrer Liebe zu ihm
-verzweifeln. Sie wissen selbstverständlich, daß nur diejenige Auflehnung
-des Geistes gegen das Natürliche ehrenhaft zu nennen ist, die die Würde
-und Schönheit des Menschen im Auge hat, nicht diejenige, welche, wenn
-sie seine Entwürdigung und Erniedrigung nicht bezweckt, sie doch
-jedenfalls nach sich zieht. Sie wissen auch, welche entmenschte Greuel,
-welche mordgierige Unduldsamkeit die Epoche, der das Artefakt da hinter
-mir sein Dasein verdankt, gezeitigt hat. Ich brauche Sie nur an den
-entsetzlichen Typ der Ketzerrichter, an die blutige Figur eines Konrad
-von Marburg etwa, zu erinnern und an seine infame Priesterwut gegen
-alles, was der Herrschaft des Übernatürlichen entgegenstand. Sie sind
-weit entfernt, Schwert und Scheiterhaufen als Instrumente der
-Menschenliebe anzuerkennen ...“
-
-„In deren Dienst dagegen,“ äußerte Naphta, „arbeitete die Maschinerie,
-mit der der Konvent die Welt von schlechten Bürgern reinigte. Alle
-Kirchenstrafen, auch der Scheiterhaufen, auch die Exkommunikation,
-wurden verhängt, um die Seele vor ewiger Verdammnis zu retten, was man
-von der Vertilgungslust der Jakobiner nicht sagen kann. Ich erlaube mir,
-zu bemerken, daß jede Pein- und Blutjustiz, die nicht dem Glauben an ein
-Jenseits entspringt, viehischer Unsinn ist. Und was die Entwürdigung des
-Menschen betrifft, so fällt ihre Geschichte exakt mit der des
-bürgerlichen Geistes zusammen. Renaissance, Aufklärung und die
-Naturwissenschaft und Ökonomistik des neunzehnten Jahrhunderts haben
-nichts, aber auch nichts zu lehren unterlassen, was irgend tauglich
-schien, diese Entwürdigung zu fördern, angefangen mit der neuen
-Astronomie, die aus dem Zentrum des Alls, dem erlauchten Schauplatz, wo
-Gott und Teufel um den Besitz des beiderseits heiß begehrten Geschöpfes
-kämpften, einen gleichgültigen kleinen Wandelstern machte und der
-großartigen kosmischen Stellung des Menschen, auf der übrigens die
-Astrologie beruhte, vorderhand ein Ende bereitete.“
-
-„Vorderhand?“ Herrn Settembrinis Miene hatte, wie er es lauernd fragte,
-selber etwas von der eines Ketzerrichters und Inquisitors, der darauf
-wartet, daß der Aussagende sich im unzweifelhaft Sträflichen verfange.
-
-„Allerdings. Für ein paar hundert Jahre“, bestätigte Naphta kalt. „Eine
-Ehrenrettung der Scholastik steht, wenn nicht alles täuscht, auch in
-dieser Beziehung bevor, sie ist schon im vollen Gange. Kopernikus wird
-von Ptolemäus geschlagen werden. Die heliozentrische These begegnet
-nachgerade einem geistigen Widerstand, dessen Unternehmungen
-wahrscheinlich zum Ziele führen werden. Die Wissenschaft wird sich
-philosophisch genötigt sehen, die Erde in alle Würden wieder
-einzusetzen, die das kirchliche Dogma ihr wahren wollte.“
-
-„Wie? Wie? Geistiger Widerstand? Philosophisch genötigt sehen? Zum Ziele
-führen? Welche Art von Voluntarismus spricht aus Ihnen? Und die
-voraussetzungslose Forschung? Die reine Erkenntnis? Die Wahrheit, mein
-Herr, die mit der Freiheit so innig verbunden ist, und deren Blutzeugen,
-aus denen Sie Beleidiger der Erde machen wollen, diesem Stern vielmehr
-zur ewigen Zierde gereichen??“
-
-Herr Settembrini hatte eine gewaltige Art, zu fragen. Hochaufgerichtet
-saß er und ließ seine ehrenhaften Worte auf den kleinen Herrn Naphta
-niedersausen, am Ende die Stimme so mächtig hochziehend, daß man wohl
-hörte, wie sicher er war, daß des Gegners Antwort hierauf nur in
-beschämtem Schweigen bestehen könne. Er hatte ein Stück Baumkuchen
-zwischen den Fingern gehalten, während er sprach, legte es aber nun auf
-den Teller zurück, da er nach dieser Fragestellung nicht hineinbeißen
-mochte.
-
-Naphta erwiderte mit unangenehmer Ruhe:
-
-„Guter Freund, es gibt keine reine Erkenntnis. Die Rechtmäßigkeit der
-kirchlichen Wissenschaftslehre, die sich in Augustins Satz ‚Ich glaube,
-damit ich erkenne‘ zusammenfassen läßt, ist völlig unbestreitbar. Der
-Glaube ist das Organ der Erkenntnis und der Intellekt sekundär. Ihre
-voraussetzungslose Wissenschaft ist eine Mythe. Ein Glaube, eine
-Weltanschauung, eine Idee, kurz: ein Wille ist regelmäßig vorhanden, und
-Sache der Vernunft ist es, ihn zu erörtern, ihn zu beweisen. Es läuft
-immer und in allen Fällen auf das ‚_Quod erat demonstrandum_‘ hinaus.
-Schon der Begriff des Beweises enthält, psychologisch genommen, ein
-stark voluntaristisches Element. Die großen Scholastiker des zwölften
-und dreizehnten Jahrhunderts waren einig in der Überzeugung, daß in der
-Philosophie nicht wahr sein könne, was vor der Theologie falsch sei.
-Lassen wir die Theologie aus dem Spiel, wenn Sie wollen, aber eine
-Humanität, die nicht anerkennt, daß in der Naturwissenschaft nicht wahr
-sein kann, was vor der Philosophie falsch ist, das ist keine Humanität.
-Die Argumentation des heiligen Offiziums gegen Galilei lautete dahin,
-daß seine Sätze philosophisch absurd seien. Eine schlagendere
-Argumentation gibt es nicht.“
-
-„Eh, eh, die Argumente unseres armen, großen Galilei haben sich als
-stichhaltiger erwiesen! Nein, lassen Sie uns ernsthaft reden,
-Professore! Beantworten Sie mir vor diesen beiden aufmerksamen jungen
-Leuten die Frage: Glauben Sie an eine Wahrheit, an die objektive, die
-wissenschaftliche Wahrheit, der nachzustreben oberstes Gesetz aller
-Sittlichkeit ist, und deren Triumphe über die Autorität die
-Ruhmesgeschichte des Menschengeistes bilden?!“
-
-Hans Castorp und Joachim wandten die Köpfe von Settembrini zu Naphta,
-der erstere schneller, als der andere. Naphta antwortete:
-
-„Ein solcher Triumph ist nicht möglich, denn die Autorität ist der
-Mensch, sein Interesse, seine Würde, sein Heil, und zwischen ihr und der
-Wahrheit kann es keinen Widerstreit geben. Sie fallen zusammen.“
-
-„Die Wahrheit wäre demnach –“
-
-„Wahr ist, was dem Menschen frommt. In ihm ist die Natur zusammengefaßt,
-in aller Natur ist nur er geschaffen und alle Natur nur für ihn. Er ist
-das Maß der Dinge und sein Heil das Kriterium der Wahrheit. Eine
-theoretische Erkenntnis, die des praktischen Bezuges auf die Heilsidee
-des Menschen entbehrt, ist dermaßen uninteressant, daß jeder
-Wahrheitswert ihr abzusprechen und ihre Nichtzulassung geboten ist. Die
-christlichen Jahrhunderte waren völlig einig über die menschliche
-Unerheblichkeit der Naturwissenschaft. Lactantius, den Konstantin der
-Große zum Lehrer seines Sohnes wählte, fragte gerade heraus, welche
-Seligkeit er denn gewinnen werde, wenn er wisse, wo der Nil entspringt,
-oder was die Physiker vom Himmel faseln. Das beantworten Sie ihm einmal!
-Wenn man die platonische Philosophie jeder anderen vorzog, so darum,
-weil sie sich nicht mit Naturerkenntnis, sondern mit der Erkenntnis
-Gottes abgab. Ich kann Sie versichern, die Menschheit ist im Begriff, zu
-diesem Gesichtspunkt zurückzufinden und einzusehen, daß es nicht Aufgabe
-wahrer Wissenschaft ist, heillosen Erkenntnissen nachzulaufen, sondern
-das Schädliche oder auch nur ideell Bedeutungslose grundsätzlich
-auszuscheiden und mit einem Worte Instinkt, Maß, Wahl zu bekunden. Es
-ist kindisch, zu meinen, die Kirche habe die Finsternis gegen das Licht
-verteidigt. Sie tat dreimal wohl daran, ein ‚voraussetzungsloses‘
-Streben nach Erkenntnis der Dinge, das heißt: ein solches, das sich der
-Rücksicht auf das Geistige, auf den Zweck der Heilserwerbung entschlägt,
-für strafbar zu erklären, und was den Menschen in Finsternis geführt hat
-und immer tiefer führen wird, ist vielmehr die ‚voraussetzungslose‘, die
-aphilosophische Naturwissenschaft.“
-
-„Sie lehren da einen Pragmatismus,“ erwiderte Settembrini, „den Sie nur
-ins Politische zu übertragen brauchen, um seiner ganzen Verderblichkeit
-ansichtig zu werden. Gut, wahr und gerecht ist, was dem Staate frommt.
-Sein Heil, seine Würde, seine Macht ist das Kriterium des Sittlichen.
-Schön! Damit ist jedem Verbrechen Tür und Tor geöffnet, und die
-menschliche Wahrheit, die individuelle Gerechtigkeit, die Demokratie –
-sie mögen sehen, wo sie bleiben ...“
-
-„Ich bringe ein wenig Logik in Vorschlag“, versetzte Naphta. „Entweder
-Ptolemäus und die Scholastik behalten recht, und die Welt ist endlich in
-Zeit und Raum. Dann ist die Gottheit transzendent, der Gegensatz von
-Gott und Welt bleibt aufrecht, und auch der Mensch ist eine dualistische
-Existenz: das Problem seiner Seele besteht in dem Widerstreit des
-Sinnlichen und des Übersinnlichen, und alles Gesellschaftliche ist mit
-Abstand zweiten Ranges. Nur diesen Individualismus kann ich als
-konsequent anerkennen. Oder aber Ihre Renaissance-Astronomen fanden die
-Wahrheit, und der Kosmos ist unendlich. Dann gibt es keine übersinnliche
-Welt, keinen Dualismus; das Jenseits ist ins Diesseits aufgenommen, der
-Gegensatz von Gott und Natur hinfällig, und da in diesem Falle auch die
-menschliche Persönlichkeit nicht mehr Kriegsschauplatz zweier
-feindlicher Prinzipien, sondern harmonisch, sondern einheitlich ist, so
-beruht der innermenschliche Konflikt lediglich auf dem der Einzel- und
-der gesamtheitlichen Interessen, und der Zweck des Staates wird, wie es
-gut heidnisch ist, zum Gesetz des Sittlichen. Eines oder das andere.“
-
-„Ich protestiere!“ rief Settembrini, indem er seine Teetasse dem
-Gastgeber mit ausgestrecktem Arm entgegenhielt. „Ich protestiere gegen
-die Unterstellung, daß der moderne Staat die Teufelsknechtschaft des
-Individuums bedeute! Ich protestiere zum drittenmal, und zwar gegen die
-vexatorische Alternative von Preußentum und gotischer Reaktion, vor die
-Sie uns stellen wollen! Die Demokratie hat keinen anderen Sinn, als den
-einer individualistischen Korrektur jedes Staatsabsolutismus. Wahrheit
-und Gerechtigkeit sind Kronjuwelen individueller Sittlichkeit, und im
-Falle des Konflikts mit dem Staatsinteresse mögen sie wohl sogar den
-Anschein staatsfeindlicher Mächte gewinnen, während sie in der Tat das
-höhere, sagen wir es doch: das überirdische Wohl des Staates im Auge
-haben. Die Renaissance der Ursprung der Staatsvergottung! Welche
-Afterlogik! Die Errungenschaften – ich sage mit etymologischer Betonung:
-die _Errungen_schaften von Renaissance und Aufklärung, mein Herr, heißen
-Persönlichkeit, Menschenrecht, Freiheit!“
-
-Die Zuhörer atmeten aus, denn sie hatten die Luft angehalten bei Herrn
-Settembrinis großer Replik. Hans Castorp konnte sogar nicht umhin, mit
-der Hand, wenn auch zurückhaltenderweise, auf den Tischrand zu schlagen.
-„Brillant!“ sagte er zwischen den Zähnen, und auch Joachim zeigte starke
-Befriedigung, obgleich ein Wort gegen das Preußentum gefallen war. Dann
-aber wandten sich beide dem eben zurückgeschlagenen Interlokutor zu,
-Hans Castorp mit solchem Eifer, daß er den Ellbogen auf den Tisch und
-das Kinn in die Faust stützte, ungefähr wie beim Schweinchen-Zeichnen,
-und Herrn Naphta aus nächster Nähe gespannt ins Gesicht blickte.
-
-Dieser saß still und scharf, die mageren Hände im Schoß. Er sagte:
-
-„Ich suchte Logik in unser Gespräch einzuführen, und Sie antworten mir
-mit Hochherzigkeiten. Daß die Renaissance all das zur Welt gebracht hat,
-was man Liberalismus, Individualismus, humanistische Bürgerlichkeit
-nennt, war mir leidlich bekannt; aber Ihre ‚etymologischen Betonungen‘
-lassen mich kühl, denn das ‚ringende‘, das heroische Lebensalter Ihrer
-Ideale ist längst vorüber, diese Ideale sind tot, sie liegen heute zum
-mindesten in den letzten Zügen, und die Füße derer, die ihnen den Garaus
-machen werden, stehen schon vor der Tür. Sie nennen sich, wenn ich nicht
-irre, einen Revolutionär. Aber wenn Sie glauben, daß das Ergebnis
-künftiger Revolutionen – Freiheit sein wird, so sind Sie im Irrtum. Das
-Prinzip der Freiheit hat sich in fünfhundert Jahren erfüllt und
-überlebt. Eine Pädagogik, die sich heute noch als Tochter der Aufklärung
-versteht und in der Kritik, der Befreiung und Pflege des Ich, der
-Auflösung absolut bestimmter Lebensformen ihre Bildungsmittel erblickt,
-– eine solche Pädagogik mag noch rhetorische Augenblickserfolge
-davontragen, aber ihre Rückständigkeit ist für den Wissenden über jeden
-Zweifel erhaben. Alle wahrhaft erzieherischen Verbände haben von jeher
-gewußt, um was es sich in Wahrheit bei aller Pädagogik immer nur handeln
-kann: nämlich um den absoluten Befehl, die eiserne Bindung, um
-Disziplin, Opfer, Verleugnung des Ich, Vergewaltigung der
-Persönlichkeit. Zuletzt bedeutet es ein liebloses Mißverstehen der
-Jugend, zu glauben, sie finde ihre Lust in der Freiheit. Ihre tiefste
-Lust ist der Gehorsam.“
-
-Joachim richtete sich gerade auf. Hans Castorp errötete. Herr
-Settembrini drehte erregt an seinem schönen Schnurrbart.
-
-„Nein!“ fuhr Naphta fort. „Nicht Befreiung und Entfaltung des Ich sind
-das Geheimnis und das Gebot der Zeit. Was sie braucht, wonach sie
-verlangt, was sie sich schaffen wird, das ist – der Terror.“
-
-Er hatte das letzte Wort leiser als alles Vorhergehende gesprochen, ohne
-eine Körperbewegung; nur seine Brillengläser hatten kurz aufgeblitzt.
-Alle drei, die ihn hörten, waren zusammengezuckt, auch Settembrini, der
-sich aber bald lächelnd wieder faßte.
-
-„Und darf man sich erkundigen,“ fragte er, „wen oder was – Sie sehen,
-ich bin ganz Frage, ich weiß nicht einmal, wie ich fragen soll – wen
-oder was Sie sich als Träger dieses – ich wiederhole ungern das Wort –
-dieses Terrors denken?“
-
-Naphta saß stille, scharf und blitzend. Er sagte:
-
-„Ich stehe zu Diensten. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich unsere
-Übereinstimmung voraussetze in der Annahme eines idealen Urzustandes der
-Menschheit, eines Zustandes der Staat- und Gewaltlosigkeit, der
-unmittelbaren Gotteskindschaft, worin es weder Herrschaft noch Dienst
-gab, nicht Gesetz noch Strafe, kein Unrecht, keine fleischliche
-Verbindung, keine Klassenunterschiede, keine Arbeit, kein Eigentum,
-sondern Gleichheit, Brüderlichkeit, sittliche Vollkommenheit.“
-
-„Sehr gut. Ich stimme zu“, erklärte Settembrini. „Ich stimme zu bis auf
-den Punkt der fleischlichen Verbindung, die offenbar jederzeit
-stattgehabt haben muß, da der Mensch ein höchstentwickeltes Wirbeltier
-ist und nicht anders, als andere Wesen –“
-
-„Wie Sie meinen. Ich konstatiere unser grundsätzliches Einverständnis,
-was den anfänglichen paradiesisch justizlosen und gottesunmittelbaren
-Zustand betrifft, der durch den Sündenfall verloren ging. Ich glaube,
-daß wir noch ein weiteres Stück Weges Seite an Seite bleiben können,
-nämlich indem wir den Staat auf einen der Sünde Rechnung tragenden, zum
-Schutz gegen das Unrecht geschlossenen Gesellschaftsvertrag zurückführen
-und darin den Ursprung der herrschaftlichen Gewalt erblicken.“
-
-„Benissimo!“ rief Settembrini. „Gesellschaftsvertrag ... das ist die
-Aufklärung, das ist Rousseau. Ich hätte nicht gedacht –“
-
-„Ich bitte. Unsere Wege scheiden sich hier. Aus der Tatsache, daß alle
-Herrschaft und Gewalt ursprünglich beim Volke war, und daß dieses sein
-Recht an der Gesetzgebung und seine ganze Gewalt dem Staate, dem Fürsten
-übertrug, folgert Ihre Schule vor allem das revolutionäre Recht des
-Volkes vor dem Königtum. Wir dagegen –“
-
-„Wir?“ dachte Hans Castorp gespannt ... Wer sind „wir“? Ich muß
-unbedingt nachher Settembrini danach fragen, wen er mit „wir“ meint.
-
-„Wir unsererseits,“ sprach Naphta, „vielleicht nicht weniger
-revolutionär als Sie, haben daraus von jeher in erster Linie den Vorrang
-der Kirche vor dem weltlichen Staat gefolgert. Denn wenn die
-Ungöttlichkeit des Staates ihm nicht an der Stirn geschrieben stände,
-würde ein Hinweis auf eben dieses historische Faktum, daß er auf den
-Willen des Volkes und nicht, wie die Kirche, auf göttliche Stiftung
-zurückzuführen ist, genügen, um ihn, wenn nicht geradezu als eine
-Veranstaltung der Bosheit, so doch jedenfalls als eine solche der
-Notdurft und der sündhaften Unzulänglichkeit zu erweisen.“
-
-„Der Staat, mein Herr –“
-
-„Ich weiß, wie Sie über den nationalen Staat denken. ‚Über alles geht
-die Vaterlandsliebe und grenzenlose Ruhmesbegier.‘ Das ist Vergil. Sie
-korrigieren ihn durch etwas liberalen Individualismus, und das ist die
-Demokratie; aber Ihr grundsätzliches Verhältnis zum Staat bleibt dadurch
-völlig unberührt. Daß seine Seele das Geld ist, ficht Sie offenbar nicht
-an. Oder wollen Sie es bestreiten? Die Antike war kapitalistisch, weil
-sie staatsfromm war. Das christliche Mittelalter hat den immanenten
-Kapitalismus des weltlichen Staates klar erkannt. ‚Das Geld wird Kaiser
-sein‘, – das ist eine Prophezeiung aus dem elften Jahrhundert. Leugnen
-Sie, daß das wörtlich eingetroffen, und daß die Verteufelung des Lebens
-damit restlos erreicht ist?“
-
-„Lieber Freund, Sie haben das Wort. Ich bin ungeduldig, mit dem großen
-Unbekannten, dem Träger des Schreckens, bekannt gemacht zu werden.“
-
-„Eine gewagte Neugier bei dem Sprecher einer Gesellschaftsklasse, welche
-Träger der Freiheit ist, die die Welt zugrunde gerichtet hat. Ich kann
-auf Ihre Widerrede zur Not verzichten, denn die politische Ideologie der
-Bürgerlichkeit ist mir bekannt. Ihr Ziel ist das demokratische Imperium,
-die Selbstübersteigerung des nationalen Staatsprinzips ins Universelle,
-der Weltstaat. Der Kaiser dieses Imperiums? Wir kennen ihn. Ihre Utopie
-ist gräßlich, und doch, – wir finden uns an diesem Punkt gewissermaßen
-wieder zusammen. Denn Ihre kapitalistische Weltrepublik hat etwas
-Transzendentes, tatsächlich, der Weltstaat ist die Transzendenz des
-weltlichen Staates, und wir stimmen überein in dem Glauben, daß einem
-vollkommenen Anfangszustande der Menschheit ein in Horizontferne
-liegender vollkommener Endzustand entsprechen soll. Seit den Tagen
-Gregors des Großen, Gründers des Gottesstaates, hat die Kirche es als
-ihre Aufgabe betrachtet, den Menschen unter die Leitung Gottes
-zurückzuführen. Der Herrschaftsanspruch des Papstes wurde nicht um
-seiner selbst willen erhoben, sondern seine stellvertretende Diktatur
-war Mittel und Weg zum Erlösungsziel, Übergangsform vom heidnischen
-Staat zum himmlischen Reich. Sie haben diesen Lernenden hier von
-Bluttaten der Kirche, ihrer strafenden Unduldsamkeit gesprochen, –
-höchst törichterweise, denn Gotteseifer kann selbstverständlich nicht
-pazifistisch sein, und Gregor hat das Wort gesprochen: ‚Verflucht sei
-der Mensch, der sein Schwert zurückhält vom Blute!‘ Daß die Macht böse
-ist, wissen wir. Aber der Dualismus von Gut und Böse, von Jenseits und
-Diesseits, Geist und Macht muß, wenn das Reich kommen soll,
-vorübergehend aufgehoben werden in einem Prinzip, das Askese und
-Herrschaft vereinigt. Das ist es, was ich die Notwendigkeit des Terrors
-nenne.“
-
-„Der Träger! Der Träger!“
-
-„Sie fragen? Sollte Ihrem Manchestertum die Existenz einer
-Gesellschaftslehre entgangen sein, die die menschliche Überwindung des
-Ökonomismus bedeutet, und deren Grundsätze und Ziele mit denen des
-christlichen Gottesstaates genau zusammenfallen? Die Väter der Kirche
-haben Mein und Dein verderbliche Worte und das Privateigentum Usurpation
-und Diebstahl genannt. Sie haben den Güterbesitz verworfen, weil nach
-dem göttlichen Naturrecht die Erde allen Menschen gemeinsam sei und
-daher auch ihre Früchte für den gemeinschaftlichen Gebrauch aller
-hervorbringe. Sie lehrten, daß nur die Habgier, eine Folge des
-Sündenfalls, die Besitzrechte vertritt und das Sondereigentum geschaffen
-habe. Sie waren human genug, antihändlerisch genug, wirtschaftliche
-Tätigkeit überhaupt eine Gefahr für das Seelenheil, das heißt: für die
-Menschlichkeit zu nennen. Sie haben das Geld und die Geldgeschäfte
-gehaßt und den kapitalistischen Reichtum den Brennstoff des höllischen
-Feuers genannt. Das ökonomische Grundgesetz, daß der Preis das Ergebnis
-des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage ist, haben sie von ganzem
-Herzen verachtet und das Ausnutzen der Konjunktur als zynische
-Ausbeutung einer Notlage des Nächsten verdammt. Es gab eine noch
-frevelhaftere Ausbeutung in ihren Augen: die der Zeit, das Unwesen, sich
-für den bloßen Zeitverlauf eine Prämie zahlen zu lassen, nämlich den
-Zins, und auf diese Weise eine allgemein göttliche Einrichtung, die
-Zeit, zum Vorteil des einen und Schaden des anderen zu mißbrauchen.“
-
-„Benissimo!“ rief Hans Castorp, indem er sich vor Eifer der
-Zustimmungsformel Herrn Settembrinis bediente. „Die Zeit ... Eine
-allgemein göttliche Einrichtung ... Das ist hochwichtig ...!“
-
-„Allerdings“, fuhr Naphta fort. „Diese menschlichen Geister haben den
-Gedanken einer selbsttätigen Vermehrung des Geldes als ekelhaft
-empfunden, alle Zins- und Spekulationsgeschäfte unter den Begriff des
-Wuchers fallen lassen und erklärt, daß jeder Reiche entweder ein Dieb
-oder eines Diebes Erbe sei. Sie sind weiter gegangen. Sie betrachteten,
-wie Thomas von Aquino, den Handel überhaupt, das reine Handelsgeschäft,
-das Kaufen und Verkaufen unter Einziehung eines Nutzens, aber ohne
-Bearbeitung, Verbesserung des wirtschaftlichen Gutes, als ein
-schimpfliches Gewerbe. Sie waren nicht geneigt, die Arbeit an und für
-sich sehr hoch zu schätzen, denn sie ist nur eine ethische
-Angelegenheit, keine religiöse, sie geschieht im Dienste des Lebens,
-nicht Gottes. Und wenn es sich denn bloß um das Leben handeln sollte und
-um Wirtschaft, so verlangten sie, daß produktive Werktätigkeit als
-Bedingung wirtschaftlichen Vorteils und als Maßstab der Achtbarkeit
-gelte. Ehrenwert war ihnen der Ackerbauer, der Handwerker, nicht der
-Händler, nicht der Industrielle. Denn sie wollten, daß die
-Produktion sich nach dem Bedürfnis richte, und verabscheuten die
-Massengütererzeugung. Nun denn, – alle diese wirtschaftlichen Grundsätze
-und Maßstäbe halten nach jahrhundertelanger Verschüttung ihre
-Auferstehung in der modernen Bewegung des Kommunismus. Die
-Übereinstimmung ist vollkommen bis hinein in den Sinn des
-Herrschaftsanspruchs, den die internationale Arbeit gegen das
-internationale Händler- und Spekulantentum erhebt, das Weltproletariat,
-das heute die Humanität und die Kriterien des Gottesstaates der
-bürgerlich-kapitalistischen Verrottung entgegenstellt. Die Diktatur des
-Proletariats, diese politisch-wirtschaftliche Heilsforderung der Zeit,
-hat nicht den Sinn der Herrschaft um ihrer selbst willen und in
-Ewigkeit, sondern den einer zeitweiligen Aufhebung des Gegensatzes von
-Geist und Macht im Zeichen des Kreuzes, den Sinn der Weltüberwindung
-durch das Mittel der Weltherrschaft, den Sinn des Überganges, der
-Transzendenz, den Sinn des Reiches. Das Proletariat hat das Werk Gregors
-aufgenommen, sein Gotteseifer ist in ihm, und so wenig wie er wird es
-seine Hand zurückhalten dürfen vom Blute. Seine Aufgabe ist der
-Schrecken zum Heile der Welt und zur Gewinnung des Erlösungsziels, der
-staats- und klassenlosen Gotteskindschaft.“
-
-So Naphtas scharfe Rede. Die kleine Versammlung schwieg. Die jungen
-Leute blickten Herrn Settembrini an. An ihm war es, sich irgendwie zu
-verhalten. Er sagte:
-
-„Erstaunlich. Gewiß, ich gestehe meine Erschütterung, ich hätte das
-nicht erwartet. _Roma locuta._ Und wie, – und wie hat es gesprochen! Vor
-unseren Augen hat er ein hieratisches Saltomortale vollführt, – wenn das
-ein Widerspruch im Beiwort ist, so hat er ihn ‚zeitweilig aufgehoben‘,
-ah, ja! Ich wiederhole: es ist erstaunlich. Halten Sie Einwendungen für
-denkbar, Professor, – Einwendungen lediglich vom Standpunkt der
-Konsequenz? Sie bemühten sich vorhin, uns einen christlichen, auf der
-Zweiheit von Gott und Welt beruhenden Individualismus begreiflich zu
-machen und uns seinen Vorrang vor aller politisch bestimmten
-Sittlichkeit zu beweisen. Wenige Minuten später treiben Sie den
-Sozialismus bis zur Diktatur und zum Schrecken. Wie reimt sich das?“
-
-„Gegensätze,“ sagte Naphta, „mögen sich reimen. Ungereimt ist nur das
-Halbe und Mediokre. Ihr Individualismus, wie ich mir schon anzumerken
-erlaubte, ist eine Halbheit, ein Zugeständnis. Er korrigiert Ihre
-heidnische Staatssittlichkeit durch ein wenig Christentum, ein wenig
-‚Recht des Individuums‘, ein wenig sogenannte Freiheit, das ist alles.
-Ein Individualismus dagegen, der von der kosmischen, der astrologischen
-Wichtigkeit der Einzelseele ausgeht, ein nicht sozialer, sondern
-religiöser Individualismus, der das Menschliche nicht als Widerstreit
-von Ich und Gesellschaft, sondern als den von Ich und Gott, von Fleisch
-und Geist erlebt, – ein solcher, eigentlicher Individualismus verträgt
-sich mit bindungsvollster Gemeinschaft recht wohl ...“
-
-„Anonym und gemeinsam ist er“, sagte Hans Castorp.
-
-Settembrini sah ihn mit großen Augen an.
-
-„Schweigen Sie, Ingenieur!“ befahl er mit einer Strenge, die auf
-Rechnung seiner Nervosität und Anspannung zu setzen war. „Unterrichten
-Sie sich, aber produzieren Sie nicht! – Das ist eine Antwort“, sagte er,
-wieder zu Naphta gewandt. „Sie tröstet mich wenig, aber es ist eine.
-Blicken wir allen Konsequenzen ins Auge ... Mit der Industrie verneint
-der christliche Kommunismus die Technik, die Maschine, den Fortschritt.
-Mit dem, was Sie Händlertum nennen, dem Gelde und Geldgeschäft, das der
-Antike weit höher als Landwirtschaft und Handwerk galt, verneint er die
-Freiheit. Denn es ist ja klar, es beißt in die Augen, daß dadurch, wie
-im Mittelalter, alle privaten und öffentlichen Verhältnisse an den Grund
-und Boden gebunden werden, auch die – es fällt mir nicht eben ganz
-leicht, es auszusprechen – auch die Persönlichkeit. Kann nur der Boden
-ernähren, so ist er es allein, der Freiheit verleiht. Handwerker und
-Bauern, als so ehrenwert sie immer gelten mögen, – besitzen sie keinen
-Boden, so sind sie Hörige dessen, der welchen besitzt. Tatsächlich
-bestand bis tief ins Mittelalter hinein die große Menge selbst der
-Städte aus Hörigen. Sie haben im Gange des Gesprächs dies und das von
-menschlicher Würde verlauten lassen. Unterdessen verfechten Sie eine
-Wirtschaftsmoral, an der die Unfreiheit und Würdelosigkeit der
-menschlichen Persönlichkeit hängt.“
-
-„Über Würde und Würdelosigkeit,“ erwiderte Naphta, „ließe sich reden.
-Vorderhand wäre es mir eine Genugtuung, wenn diese Zusammenhänge Ihnen
-Veranlassung gäben, die Freiheit nicht so sehr als schöne Geste, denn
-als ein Problem zu begreifen. Sie stellen fest, daß die christliche
-Wirtschaftsmoral in ihrer Schönheit und Menschlichkeit Unfreie schafft.
-Ich stelle dagegen, daß die Sache der Freiheit, die Sache der Städte,
-wie man konkreter sagen darf, – daß diese Sache, höchst sittlich, wie
-sie immer sei, historisch verbunden ist mit der unmenschlichsten
-Entartung der Wirtschaftsmoral, mit allen Greueln des modernen Händler-
-und Spekulantentums, mit der Satansherrschaft des Geldes, des
-Geschäftes.“
-
-„Ich muß darauf bestehen, daß Sie sich nicht hinter Zweifel und
-Antinomien zurückziehen, sondern sich klar und unzweideutig zur
-schwärzesten Reaktion bekennen!“
-
-„Der erste Schritt zu wahrer Freiheit und Humanität wäre, sich der
-schlotternden Furcht vor dem Begriff ‚Reaktion‘ zu entschlagen.“
-
-„Nun, es ist genug“, erklärte Herr Settembrini mit leicht bebender
-Stimme, indem er Tasse und Teller von sich schob, die übrigens leer
-waren, und sich vom seidenen Sofa erhob. „Es ist genug für heute, genug
-für einen Tag, wie mir scheint. Professor, wir danken für die
-schmackhafte Bewirtung, für das sehr spirituelle Gespräch. Meine Freunde
-vom Berghof hier ruft die Kur, und ich habe den Wunsch, ihnen, bevor sie
-gehen, meine Klause droben zu zeigen. Kommen Sie, meine Herren! Addio,
-Padre!“
-
-Jetzt hatte er Naphta gar „Padre“ genannt! Hans Castorp vermerkte es mit
-hohen Augenbrauen. Man ließ es geschehen, daß Settembrini den Aufbruch
-leitete, über die Vettern verfügte und nicht in Frage kommen ließ, ob
-Naphta vielleicht sich anzuschließen wünsche. Die jungen Leute
-verabschiedeten sich, ebenfalls dankend, und wurden wiederzukommen
-ermutigt. Sie gingen mit dem Italiener, nicht ohne daß Hans Castorp das
-Buch „_De miseria humanae conditionis_“, einen morschen Pappband,
-leihweise mit auf den Weg bekam. Noch immer saß der sauerbärtige Lukaček
-auf seinem Tisch, das Ärmelkleid für die Alte fertigend, als sie an
-seiner offenen Tür vorüberschritten, um die fast leiterartige Stiege zum
-Dachgeschoß zu gewinnen. Das war übrigens, klar geschaut, gar kein
-Geschoß. Es war einfach der Dachstuhl, mit nacktem Gebälk unter der
-Innenseite der Schindeln und mit der sommerlichen Atmosphäre des
-Speichers, dem Geruch warmen Holzes. Aber der Dachstuhl enthielt zwei
-Kammern, und diese bewohnte der republikanische Kapitalist, sie dienten
-dem schöngeistigen Mitarbeiter an der „Soziologie der Leiden“ als Studio
-und Schlafkabinett. Mit Heiterkeit zeigte er sie den jungen Freunden,
-nannte das Kompartiment separiert und traulich, um ihnen die richtigen
-Worte an die Hand zu geben, deren sie sich zum Lobe bedienen mochten, –
-was sie denn einstimmig taten. Es sei ganz reizend, fanden sie beide,
-separiert und traulich, genau wie er sage. Sie taten einen Blick ins
-Schlafzimmerchen, wo vor der schmalen und kurzen Bettstatt im
-Mansardenwinkel ein kleiner Flickenteppich lag, und wandten sich dann
-dem Arbeitsraum wieder zu, der nicht weniger notdürftig ausgestattet
-war, dabei aber eine gewisse parademäßige und sogar frostige Ordnung
-aufwies. Plumpe und altmodische Stühle, vier an der Zahl, mit
-Sitzflächen aus Stroh, waren symmetrisch zu seiten der Türen
-aufgestellt, und auch der Diwan war an die Wand gerückt, so daß der
-grüngedeckte Rundtisch, auf dem zum Schmuck oder zur Erquickung und
-jedenfalls nüchternerweise eine Wasserflasche mit über den Hals
-gestülptem Glase stand, einsam die Mitte des Zimmers hielt. Bücher,
-gebunden und broschiert, lehnten auf einem kleinen Wandbort schräg
-aneinander, und bei dem offenen Fensterchen ragte hochbeinig ein
-leichtgezimmertes Klapp-Pult mit einem kleinen, dicken Bodenbelag aus
-Filz davor, eben groß genug, um darauf stehen zu können. Hans Castorp
-nahm einen Augenblick probeweise hier Aufstellung, – an Herrn
-Settembrinis Arbeitsstätte, wo er die schöne Literatur zu
-enzyklopädischen Zwecken unter dem Gesichtspunkt der menschlichen Leiden
-behandelte, – stützte die Ellbogen auf die schräge Platte und urteilte,
-daß es sich hier separiert und traulich stehe. So, meinte er, mochte
-Lodovicos Vater einst zu Padua an seinem Pulte gestanden haben, mit
-seiner Nase so lang und fein, – und erfuhr, daß es wirklich das
-Arbeitspult des verstorbenen Gelehrten sei, vor dem er stehe, ja, auch
-die Strohstühle, der Tisch und selbst die Wasserflasche stammten aus
-dessen Besitz, und mehr noch: die Strohstühle hatten sogar schon dem
-Großvater Carbonaro gehört, zu Mailand hatten sie die Wände seines
-Advokatenbureaus geschmückt. Das war eindrucksvoll. Die Physiognomie der
-Stühle gewann etwas politisch Wühlerisches in den Augen der jungen
-Leute, und Joachim verließ den seinen, auf dem er nichtsahnend mit
-übergeschlagenem Beine gesessen hatte, betrachtete ihn mißtrauisch und
-nahm ihn nicht wieder ein. Hans Castorp aber, am Stehpult Settembrinis
-des Älteren, bedachte, wie nun der Sohn daran wirke, indem er die
-Politik des Großvaters mit dem Humanismus des Vaters zur schönen
-Literatur vereinige. Dann gingen sie alle drei. Der Schriftsteller hatte
-sich erboten, die Vettern heimzugeleiten.
-
-Sie schwiegen ein Stück Weges, aber ihr Schweigen handelte von Naphta,
-und Hans Castorp konnte warten: es war gewiß, daß Herr Settembrini auf
-seinen Hausgenossen zu sprechen kommen werde, ja, daß er zu diesem
-Zwecke mit ihnen gegangen sei. Er täuschte sich nicht. Nach einem
-Aufatmen, das einem Anlauf gleichkam, begann der Italiener:
-
-„Meine Herren – ich möchte Sie warnen.“
-
-Da er eine Pause eintreten ließ, so fragte Hans Castorp natürlich mit
-falscher Verwunderung: „Wovor?“ Er hätte wenigstens fragen können: „Vor
-wem?“ aber er faßte sich unpersönlich, um seine ganze Unschuld zu
-bekunden, während doch sogar Joachim genau Bescheid wußte.
-
-„Vor der Persönlichkeit, deren Gäste wir soeben waren,“ antwortete
-Settembrini, „und deren Bekanntschaft ich Ihnen gegen Wunsch und Absicht
-vermittelt habe. Sie wissen, der Zufall wollte es, ich konnte nicht
-umhin; aber ich trage die Verantwortung und trage schwer daran. Es ist
-meine Pflicht, Ihre Jugend wenigstens auf die geistigen Gefahren
-hinzuweisen, die sie im Umgang mit diesem Manne läuft, und Sie übrigens
-zu bitten, den Verkehr mit ihm in weisen Grenzen zu halten. Seine Form
-ist Logik, aber sein Wesen ist Verwirrung.“
-
-„Na, allerdings,“ meinte Hans Castorp, so ganz geheuer sei es ja wohl
-gerade nicht mit Naphta, ein bißchen sonderbar muteten seine Reden wohl
-manchmal an; es hätte ja geradezu geklungen, als wollte er wahrhaben,
-daß die Sonne sich um die Erde drehe. Doch schließlich, wie hätten sie,
-die Vettern, auf den Gedanken kommen sollen, es könne unratsam sein, mit
-einem Freunde von ihm, Settembrini, in gesellschaftlichen Verkehr zu
-treten? Er sage es selbst: durch ihn hätten sie Naphta kennengelernt,
-mit ihm hätten sie ihn getroffen, er gehe mit ihm spazieren, er komme
-zwanglos zu ihm zum Tee herunter; das beweise doch –
-
-„Gewiß, Ingenieur, gewiß.“ Herrn Settembrinis Stimme klang sanft,
-resigniert und enthielt doch ein leises Beben. „Dies läßt sich mir
-erwidern, und darum erwidern Sie es mir. Gut, ich verantworte mich
-bereitwillig. Ich lebe mit diesem Herrn unter einem Dach, Begegnungen
-sind unvermeidlich, ein Wort gibt das andere, man macht Bekanntschaft.
-Herr Naphta ist ein Mann von Kopf – das ist selten. Er ist eine
-diskursive Natur – ich bin es auch. Verurteile mich, wer will, aber ich
-mache Gebrauch von der Möglichkeit, mit einem immerhin ebenbürtigen
-Gegner die Klinge der Idee zu kreuzen. Ich habe niemanden weit und breit
-... Kurz, es ist wahr, ich komme zu ihm, er kommt zu mir, wir
-promenieren auch miteinander. Wir streiten. Wir streiten uns aufs Blut,
-fast jeden Tag, aber ich gestehe, die Gegensätzlichkeit und
-Feindseligkeit seiner Gedanken bildet einen Reiz mehr für mich, mit ihm
-zusammenzutreffen. Ich brauche die Friktion. Gesinnungen leben nicht,
-wenn sie keine Gelegenheit haben, zu kämpfen, und – ich bin in den
-meinen gefestigt. Wie könnten Sie von sich dasselbe behaupten – Sie,
-Leutnant, oder auch Sie, Ingenieur? Sie sind ungewappnet gegen
-intellektuelles Blendwerk, Sie sind der Gefahr ausgesetzt, unter den
-Einwirkungen dieser halb fanatischen und halb boshaften Rabulistik
-Schaden zu nehmen an Geist und Seele.“
-
-Ja, ja, sagte Hans Castorp, wohl wahr, sein Vetter und er, sie seien
-wohl mehr oder weniger bedrohte Naturen. Es sei die Geschichte mit den
-Sorgenkindern des Lebens, er verstehe. Aber demgegenüber könne man ja
-Petrarca anführen mit seinem Wahlspruch, Herr Settembrini wisse schon,
-und hörenswert sei es doch unter allen Umständen, was Naphta so
-vorbringe: man müsse gerecht sein, das mit der kommunistischen Zeit, für
-deren Ablauf niemand eine Prämie bekommen dürfe, sei vorzüglich gewesen,
-und dann habe es ihn auch sehr interessiert, einiges über Pädagogik zu
-hören, was er ohne Naphta wohl nie zu hören bekommen hätte ...
-
-Herr Settembrini preßte die Lippen zusammen, und so beeilte sich Hans
-Castorp hinzuzufügen, daß er selbst sich natürlich jeder Partei- und
-Stellungnahme enthalte, nur eben hörenswert habe er es gefunden, was
-Naphta über die Lust der Jugend gesagt habe. „Erklären Sie mir aber nun
-erst einmal eines!“ fuhr er fort. „Da hat nun dieser Herr Naphta – ich
-sage ‚dieser Herr‘, um anzudeuten, daß ich durchaus nicht unbedingt mit
-ihm sympathisiere, sondern mich im Gegenteil innerlich höchst reserviert
-verhalte –“
-
-„Woran Sie wohltun!“ rief Settembrini dankbar.
-
-„– Da hat er nun also eine Menge gegen das Geld geredet, die Seele des
-Staates, wie er sich ausdrückt, und gegen das Eigentum, weil es
-Diebstahl sei, kurz, gegen den kapitalistischen Reichtum, von dem er,
-glaube ich, sagte, er sei der Brennstoff des höllischen Feuers – so
-drückte er sich annähernd einmal aus, wenn ich nicht irre, und lobte das
-mittelalterliche Zinsverbot in allen Tönen. Und dabei, er selbst ...
-Entschuldigen Sie, aber er muß doch ... Es ist ja eine Überraschung
-sondergleichen, wenn man so bei ihm eintritt. All die Seide ...“
-
-„Ei, ja,“ lächelte Settembrini, „das ist eine charakteristische
-Geschmacksrichtung.“
-
-„... die schönen alten Meubles,“ erinnerte sich Hans Castorp weiter,
-„die Pietà aus dem vierzehnten Jahrhundert ... Der venezianische
-Kronleuchter ... der kleine Heiduck in Livree ... und beliebig viel
-Schokoladebaumkuchen gab es auch ... Er muß doch für seine Person –“
-
-„Herr Naphta,“ antwortete Settembrini, „ist für seine Person so wenig
-Kapitalist wie ich.“
-
-„Aber?“ fragte Hans Castorp ... „Es ist nun ein Aber fällig in Ihrer
-Rede, Herr Settembrini.“
-
-„Nun, die dort lassen keinen darben, der zu ihnen gehört.“
-
-„Wer, ‚die dort‘?“
-
-„Jene Väter.“
-
-„Väter? Väter?“
-
-„Aber, Ingenieur, ich meine die Jesuiten!“
-
-Das gab eine Pause. Die Vettern zeigten größte Betroffenheit. Hans
-Castorp rief:
-
-„Was, Himmel, Kreuz, verflucht nochmal – der Mann ist ein Jesuit?!“
-
-„Sie haben es erraten“, sprach Herr Settembrini fein.
-
-„Nein, nie im Leben hätte ich ... Wer kommt denn auf so was! Darum also
-haben Sie ihn Padre tituliert?“
-
-„Das war eine kleine Höflichkeitsübertreibung“, entgegnete Settembrini.
-„Herr Naphta ist nicht Pater. Die Krankheit ist schuld daran, daß er es
-vorderhand nicht soweit gebracht hat. Aber er hat das Noviziat
-absolviert und die ersten Gelübde getan. Die Krankheit zwang ihn, seine
-theologischen Studien zu unterbrechen. Er hat dann noch einige Jahre als
-Präfekt in einem Ordensinstitut Dienst verrichtet, das heißt: als
-Aufseher, Präceptor, Gouverneur der jungen Zöglinge. Das kam seinen
-pädagogischen Neigungen entgegen. Hier kann er ihnen weiter nachhängen,
-indem er am Fridericianum Lateinisch lehrt. Er ist seit fünf Jahren
-hier. Es ist unsicher geworden, ob und wann er diesen Ort wird verlassen
-dürfen. Aber er ist Angehöriger des Ordens, und wäre er ihm selbst
-lockerer verbunden, es könnte ihm nirgends fehlen. Ich sagte Ihnen, daß
-er für seine Person arm, will sagen: besitzlos ist. Natürlich, das ist
-Vorschrift. Aber der Orden verfügt über ungemessene Reichtümer, und er
-sorgt für die Seinen, wie Sie sahen.“
-
-„Donner – Keil“, murmelte Hans Castorp. „Und ich habe überhaupt nicht
-gewußt und gedacht, daß es sowas in allem Ernste noch gäbe! Ein Jesuit.
-Ja so! ... Aber sagen Sie mir eins: Wenn er nun also von dorther so wohl
-versorgt und versehen ist – warum in aller Welt wohnt er dann ... Ich
-will gewiß Ihrem Logis nicht zu nahe treten, Herr Settembrini, Sie haben
-es reizend bei Lukaček, so angenehm separiert und außerdem besonders
-traulich. Ich meine aber: wenn Naphta es nun doch so dicke hat, um mich
-gewöhnlich auszudrücken – warum nimmt er sich nicht eine andere Wohnung,
-statiöser, mit ordentlichem Aufgang und großen Zimmern, in einem feinen
-Haus? Es hat ja direkt was Verstecktes und Abenteuerliches, wie er da in
-dem Loch mit all seiner Seide ...“
-
-Settembrini zuckte die Achseln.
-
-„Es müssen wohl Takt- und Geschmacksgründe sein,“ sagte er, „die ihn
-dazu bestimmen. Ich nehme an, er verbessert sein antikapitalistisches
-Gewissen, indem er die Zimmer eines Armen bewohnt, und sich schadlos
-hält durch die Art, wie er sie bewohnt. Auch Diskretion wird im Spiele
-sein. Man bindet es den Leuten nicht auf die Nase, wie gut einen der
-Teufel von hinten versorgt. Man schützt eine recht unscheinbare Fassade
-vor und entfaltet dahinter seinen seidenen Priestergeschmack ...“
-
-„Hochmerkwürdig!“ sagte Hans Castorp. „Absolut neu und geradezu
-aufregend für mich, wie ich gestehe. Nein, wir sind Ihnen wirklich zu
-Dank verbunden, Herr Settembrini, für diese Bekanntschaft. Wollen Sie
-glauben, daß wir noch manches liebe Mal hingehen werden und ihn
-besuchen? Das ist ausgemacht. So ein Umgang erweitert ja den Horizont in
-ganz unverhofftem Grade und gibt Einblick in eine Welt, von deren
-Existenz man keine blasse Ahnung hatte. Ein richtiger Jesuit! Und wenn
-ich sage: ‚richtig‘, so gebe ich mir selbst das Stichwort, für das, was
-mir durch den Kopf geht, und was ich denn doch noch bemerken muß. Ich
-frage: Ist er denn richtig? Ich weiß wohl, Sie meinen, daß es überhaupt
-nicht richtig ist mit einem, den der Teufel von hinten versorgt. Was ich
-aber meine, läuft auf die Fragestellung hinaus: Ist er richtig _als
-Jesuit_ – das geht mir im Kopf herum. Er hat da Dinge geäußert – Sie
-wissen, welche ich meine – über den modernen Kommunismus und über den
-Gotteseifer des Proletariats, das seine Hand nicht zurückhalten soll vom
-Blute – kurzum, Dinge, ich sage nichts weiter darüber, aber Ihr
-Großvater mit seiner Bürgerpike war ja das reine Lämmlein dagegen,
-entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise. Geht denn das? Hat das die
-Zustimmung seiner Vorgesetzten? Verträgt es sich mit der römischen
-Lehre, für die doch der Orden in aller Welt intrigieren soll, soviel ich
-weiß? Ist es nicht – wie heißt das Wort – häretisch, abweichend,
-inkorrekt? Das überlege _ich_ mir bezüglich Naphtas und hörte gern, was
-Sie denken.“
-
-Settembrini lächelte.
-
-„Sehr einfach. Herr Naphta ist allerdings in erster Linie Jesuit, ist es
-recht und ganz. Zum zweiten aber ist er ein Mann von Geist – ich würde
-sonst nicht seine Gesellschaft suchen –, und als solcher trachtet er
-nach neuen Kombinationen, Anpassungen, Anknüpfungen, zeitgemäßen
-Abwandlungen. Sie sahen mich selbst überrascht durch seine Theorien. Er
-hatte sich mir so weitgehend noch nicht offenbart. Ich benutzte die
-Anregung, die ihm sichtlich Ihre Gegenwart gewährte, um ihn zu reizen,
-in gewisser Beziehung sein letztes Wort zu sagen. Es lautete schnurrig
-genug, gräßlich genug ...“
-
-„Ja, ja; aber warum ist er nicht Pater geworden? Er hätte doch wohl das
-Alter dazu.“
-
-„Ich sagte Ihnen ja, daß die Krankheit es war, die ihn vorläufig daran
-gehindert hat.“
-
-„Gut, aber meinen Sie nicht: wenn er erstens Jesuit ist und zweitens ein
-Mann von Geist, mit Kombinationen – daß dies zweite, hinzukommende, mit
-der Krankheit zu tun hat?“
-
-„Was wollen Sie damit sagen?“
-
-„Nein, nein, Herr Settembrini. Ich meine nur: er hat eine feuchte
-Stelle, und die hinderte ihn, Pater zu werden. Aber seine Kombinationen
-hätten ihn auch wohl daran gehindert, und insofern – gewissermaßen,
-gehören die Kombinationen und die feuchte Stelle zusammen. Er ist auf
-seine Art auch so was wie ein Sorgenkind des Lebens, ein _joli jésuite_
-mit einem _petite tache humide_.“
-
-Sie hatten das Sanatorium erreicht. Auf der Plattform vorm Hause blieben
-sie noch etwas stehen, bevor sie sich trennten, traten zu einer kleinen
-Gruppe zusammen, während ein paar Patienten, die am Portal
-herumlungerten, ihrem Gespräche zusahen. Herr Settembrini sagte:
-
-„Um es zu wiederholen, meine jungen Freunde, ich warne Sie. Ich kann
-Ihnen nicht verwehren, die einmal gemachte Bekanntschaft zu kultivieren,
-wenn die Neugier Sie dazu treibt. Aber wappnen Sie Herz und Geist dabei
-mit Mißtrauen, lassen Sie es niemals fehlen an kritischem Widerstand.
-Ich werde Ihnen diesen Mann mit einem Worte kennzeichnen. Er ist ein
-Wollüstiger.“
-
-Die Gesichter der Vettern verzogen sich. Dann fragte Hans Castorp:
-
-„Ein ... wie? Erlauben Sie, er ist doch Ordensmann. Da sind ja bestimmte
-Gelübde zu leisten, soviel ich weiß, und außerdem ist er so miekerig und
-leibarm ...“
-
-„Sie reden töricht, Ingenieur“, erwiderte Herr Settembrini. „Das hat mit
-Leibarmut gar nichts zu tun, und was die Gelübde betrifft, so gibt es da
-Vorbehalte. Ich sprach jedoch in einem weiteren und geistigeren Sinn,
-für den ich nachgerade Verständnis bei Ihnen sollte voraussetzen dürfen.
-Erinnern Sie sich wohl noch, wie ich Sie eines Tages auf Ihrem Zimmer
-besuchte – es ist lange her, furchtbar lange –, Sie absolvierten eben
-die Bettruhe nach erfolgter Aufnahme ...“
-
-„Selbstverständlich! Sie traten in der Dämmerung ein und machten Licht,
-ich weiß es wie heute ...“
-
-„Gut, damals kamen wir im Plaudern, wie es gottlob des öfteren
-geschieht, auf höhere Gegenstände. Ich glaube gar, wir sprachen von Tod
-und Leben, von den Würden des Todes, insofern er Bedingung und Zubehör
-des Lebens ist, und von der Fratzenhaftigkeit, der er verfällt, wenn der
-Geist ihn abscheulicherweise als Prinzip isoliert. Meine Herren!“ fuhr
-Herr Settembrini fort, indem er dicht vor die beiden jungen Leute
-hintrat, Daumen und Mittelfinger der Linken gabelförmig gegen sie
-spreizte, gleichsam, um sie zur Aufmerksamkeit zusammenzufassen, und den
-Zeigefinger der Rechten mahnend erhob ... „Prägen Sie sich ein, daß der
-Geist souverän ist, sein Wille ist frei, er bestimmt die sittliche Welt.
-Isoliert er dualistisch den Tod, so wird derselbe durch diesen geistigen
-Willen wirklich und in der Tat, _actu_, Sie verstehen mich, zur eigenen,
-dem Leben entgegengesetzten Macht, zum widersacherischen Prinzip, zur
-großen Verführung, und sein Reich ist das der Wollust. Sie fragen mich,
-warum der Wollust? Ich antworte Ihnen: weil er löst und erlöst, weil er
-die Erlösung ist, aber nicht die Erlösung vom Übel, sondern die üble
-Erlösung. Er löst Sitte und Sittlichkeit, er erlöst von Zucht und
-Haltung, er macht frei zur Wollust. Wenn ich Sie warne vor dem Manne,
-dessen Bekanntschaft ich Ihnen ungern vermittelte, wenn ich Sie
-auffordere, im Verkehr und Diskurs mit ihm Ihre Herzen dreimal mit
-Kritik zu umgürten, so geschieht es, weil alle seine Gedanken
-wollüstiger Art sind, denn sie stehen unter dem Schutze des Todes, –
-einer höchst liederlichen Macht, wie ich Ihnen damals sagte, Ingenieur,
-– ich erinnere mich wohl meines Ausdrucks, ich behalte tüchtige und
-treffliche Äußerungen, die zu tun ich Gelegenheit fand, stets im
-Gedächtnis –, einer gegen Gesittung, Fortschritt, Arbeit und Leben
-gerichteten Macht, vor deren mephitischem Hauch junge Seelen zu schützen
-des Erziehers vornehmste Pflicht ist.“
-
-Man konnte nicht besser sprechen als Herr Settembrini, nicht klarer und
-gerundeter. Hans Castorp und Joachim Ziemßen bedankten sich recht schön
-bei ihm für das Gehörte, empfahlen sich und erstiegen das Berghofportal,
-während Herr Settembrini, eine Treppe über Naphtas seidene Zelle hinaus,
-an sein Humanistenpult zurückkehrte.
-
-Es war der erste Besuch der Vettern bei Naphta, dessen Verlauf wir hier
-festhielten. Seither waren demselben zwei oder drei weitere gefolgt,
-einer sogar in Abwesenheit Herrn Settembrinis; und auch sie lieferten
-dem jungen Hans Castorp Stoff zur Betrachtung, wenn er, indes das
-Hochgebild, genannt _Homo Dei_, seinem inneren Auge vorschwebte, an dem
-blaublühenden Ort seiner Zurückgezogenheit saß und „regierte“.
-
-
- Jähzorn. Und noch etwas ganz Peinliches
-
-So kam der August, und glücklich war unter seinen ersten Tagen
-der Jahrestag von unseres Helden Ankunft bei uns hier oben
-vorübergeschlüpft. Nur gut, daß er vorüber war, – er hatte dem jungen
-Hans Castorp etwas unangenehm vorgestanden. So war es die Regel. Der Tag
-der Ankunft war nicht beliebt, es wurde seiner unter den Voll- und
-Mehrjährigen nicht gedacht, und während doch sonst kein Vorwand zu
-Festivität und Becherklang unbenutzt blieb, die allgemeinen und großen
-Betonungen im Jahresrhythmus und -pulslauf durch möglichst viele private
-und irreguläre vermehrt und Geburtstage, Generaluntersuchungen,
-bevorstehende wilde oder echte Abreisen und dergleichen Anlässe mehr mit
-Schmaus und Pfropfenknall im Restaurant begangen wurden, – widmete man
-diesem Gedenktage nichts als Stillschweigen, ließ sich darüber
-hinweggleiten, vergaß auch wohl wirklich, auf ihn zu achten und durfte
-vertrauen, daß die andern ihn überhaupt nicht so genau im Sinne hatten.
-Auf Gliederung hielt man wohl; man beobachtete den Kalender, den Turnus,
-die äußere Wiederkehr. Aber die Zeit, die sich für den einzelnen mit dem
-Raum hier oben verband, die persönliche und individuelle Zeit also zu
-messen und zu zählen war Sache der Kurzfristigen und Anfänger; die
-Eingesessenen lobten sich in dieser Hinsicht das Ungemessene und
-Achtlos-Ewige, den Tag, der immer derselbe war, und einer setzte mit
-Zartgefühl beim anderen einen Wunsch voraus, den er selber hegte. Es
-hätte für ganz und gar ungeschickt und brutal gegolten, jemandem zu
-sagen, heut sei er drei Jahre hier, – das kam nicht vor. Frau Stöhr
-selbst, so weit es ihr sonst immer fehlen mochte, in diesem Punkt war
-sie taktfest und abgeschliffen, nie wäre ein solcher Verstoß ihr
-untergelaufen. Ihr Kranksein, der Fieberstand ihres Körpers war mit
-großer Unbildung verbunden, gewiß. Noch kürzlich hatte sie bei Tische
-von der „Affektation“ ihrer Lungenspitzen gesprochen und, als das
-Gespräch auf historische Dinge gekommen war, erklärt, Geschichtszahlen
-seien nun einmal ihr „Ring des Polykrates“, was ebenfalls eine gewisse
-Erstarrung der Umsitzenden hervorgerufen hatte. Aber daß sie etwa im
-Februar den jungen Ziemßen an sein Jubiläum hätte erinnern sollen, wäre
-undenkbar gewesen, obgleich sie wahrscheinlich daran gedacht hatte. Denn
-ihr unseliger Kopf war natürlich voll unnützer Daten und Dinge, und sie
-liebte es, anderen nachzurechnen; aber die Sitte hielt sie im Zaum.
-
-So denn auch an Hans Castorps Tage. Sie hatte ihm wohl beim Essen einmal
-bedeutlich zuzuzwinkern versucht, aber da er dem Zeichen mit leerer
-Miene begegnet war, hatte sie sich schleunig zurückgezogen. Auch Joachim
-hatte gegen den Vetter geschwiegen, und doch war er des Datums wohl
-eingedenk gewesen, an dem er den Zu-Besuch-Kommenden von Station „Dorf“
-abgeholt hatte. Aber Joachim, zum Reden von Natur schon nicht sehr
-geneigt, bei weitem nicht so, wie Hans Castorp es wenigstens hier oben
-geworden, von Humanisten und Rabulisten ihrer Bekanntschaft ganz zu
-schweigen, – Joachim hatte sich in letzter Zeit eine besondere und
-auffallende Schweigsamkeit angeeignet, nur Einsilbigkeiten kamen noch
-über seine Lippen, aber in seiner Miene arbeitete es. Es war klar, daß
-sich für ihn mit Station „Dorf“ andere Vorstellungen verbanden als die
-des Abholens und der Ankunft ... Er stand in regem Briefwechsel mit dem
-Flachlande. Entschlüsse reiften in ihm. Vorbereitungen, die er traf,
-näherten sich ihrem Abschluß.
-
-Der Juli war warm und heiter gewesen. Aber mit Anbruch des neuen Monats
-fiel schlechtes Wetter ein, trübe Nässe, Schneeregen, dann
-unzweideutiger Schneefall, und mit Einschaltung einzelner prangender
-Sommertage dauerte das an, über das Monatsende hin, in den September
-hinein. Anfangs hielten die Zimmer sich noch warm von der
-vorhergegangenen Sommerperiode; man hatte zehn Grad darin, das galt für
-behaglich. Aber rasch wurde es kälter und kälter, und man war froh über
-den Schnee, der das Tal bedeckte, denn sein Anblick – nur dieser, der
-Tiefstand der Temperatur allein wäre ohne Folge geblieben – bewog die
-Verwaltung, zu heizen, zuerst nur den Speisesaal, dann auch die Zimmer,
-und man konnte, wenn man, nach geleistetem Liegedienst aus seinen zwei
-Decken gewickelt, von der Loggia hereinkam, mit den feuchtstarren Händen
-die belebten Röhren betasten, deren trockener Hauch freilich das Brennen
-der Wangen verstärkte.
-
-War das der Winter? Die Sinne konnten sich diesem Eindruck nicht
-entziehen, und man klagte, man sei „um den Sommer betrogen“, obgleich
-man, unterstützt von natürlichen und künstlichen Umständen, durch einen
-innerlich wie äußerlich verschwenderischen Zeitverbrauch sich selber um
-ihn betrogen hatte. Die Vernunft wollte wissen, daß noch schöne
-Herbsttage folgen würden; vielleicht sogar serienweise würden sie
-erscheinen und in so warmer Pracht, daß ihnen mit dem Namen des Sommers
-nicht zuviel Ehre würde angetan werden, vorausgesetzt, daß man sich den
-schon flacheren Tageslauf der Sonne, ihren schon zeitigen Abschied aus
-dem Sinne schlug. Aber die Wirkung auf das Gemüt, die der Anblick der
-Winterlandschaft draußen hervorbrachte, war stärker als solche
-Tröstungen. Man stand an seiner geschlossenen Balkontür und starrte mit
-Ekel hinaus in das Gestöber, – Joachim war es, der so stand, und mit
-gepreßter Stimme sagte er:
-
-„Soll nun das wieder losgehen?“
-
-Hans Castorp, hinter ihm im Zimmer, erwiderte:
-
-„Das wäre etwas früh, es kann nicht endgültig sein, aber es gibt sich
-allerdings eine schauderhaft endgültige Miene. Wenn Winter in
-Dunkelheit, Schnee und Kälte und warmen Röhren besteht, dann ist wieder
-Winter, da gibt es nichts zu leugnen. Und wenn man bedenkt, daß ja eben
-erst Winter war und kaum die Schneeschmelze vorüber ist – jedenfalls
-_scheint_ es uns so, nicht wahr, als ob doch gerade erst Frühling
-gewesen wäre, – dann kann einem momentweise schlecht werden, das gebe
-ich zu. Es ist gefährlich für die menschliche Lebenslust, – laß dir
-erläutern, wie ich das meine. Ich meine es so, daß die Welt normaler
-Weise so eingerichtet ist, wie es den Bedürfnissen des Menschen
-entspricht und der Lebenslust zukömmlich ist, das muß man anerkennen.
-Ich will nicht so weit gehen, zu sagen, daß die Naturordnung, zum
-Beispiel also gleich mal die Größe der Erde, die Zeit, die sie zur
-Umdrehung um sich selbst und um die Sonne braucht, der Wechsel der
-Tages- und Jahreszeiten, der kosmische Rhythmus, wenn du willst, – nach
-unserem Bedürfnis bemessen ist, – das wäre wohl frech und einfältig, es
-wäre Teleologie, wie der Denker sagt. Aber die Sache ist einfach so, daß
-unser Bedürfnis und die allgemeinen, grundlegenden Naturtatsachen
-gottlob miteinander in Einklang stehen – gottlob, sage ich, denn es ist
-wirklich ein Anlaß, Gott zu loben –, und wenn im Flachland der Sommer
-kommt oder der Winter, dann ist der vorige Sommer oder Winter genau so
-lange her, daß Sommer und Winter uns wieder neu und willkommen sind, und
-darauf beruht die Lebenslust. Bei uns hier oben nun aber ist diese
-Ordnung und dieser Einklang gestört, erstens weil es hier eigentlich gar
-keine richtigen Jahreszeiten gibt, wie du selbst mal bemerktest, sondern
-bloß Sommertage und Wintertage _pêle-mêle_ durcheinander, und außerdem,
-weil es überhaupt keine Zeit ist, was einem hier vergeht, so daß der
-neue Winter, wenn er kommt, gar nicht neu ist, sondern wieder der alte;
-und daraus erklärt sich das Mißvergnügen, mit dem du da durch die
-Scheibe guckst.“
-
-„Danke sehr“, sagte Joachim. „Und nun, wo du es erklärt hast, da bist
-du, glaub’ ich, so zufrieden, daß du unter anderm auch mit der Sache
-selbst zufrieden bist, obgleich sie doch ... Nein!“ sagte Joachim.
-„Schluß!“ sagte er. „Es ist eine Schweinerei. Das Ganze ist eine
-ungeheuere, ekelhafte Schweinerei, und wenn du für dein Teil ... _Ich_
-...“ Und er verließ raschen Schrittes das Zimmer, zog zornig die Tür
-hinter sich zu, und wenn nicht alles täuschte, so hatten Tränen in
-seinen schönen, sanften Augen gestanden.
-
-Der andere blieb betreten zurück. Er hatte gewisse Entschlüsse des
-Vetters nicht sehr ernst genommen, solange dieser sich in lauten
-Ankündigungen ergangen hatte. Nun aber, da es nur noch schweigend in
-Joachims Miene arbeitete und er sich benahm wie eben, erschrak Hans
-Castorp, weil er begriff, daß dieser Militär der Mann war, zu Taten
-überzugehen, – erschrak bis zum Erblassen und zwar für sie beide, für
-sich und ihn. _Fort possible qu’il va mourir_, dachte er, und da das
-sicherlich eine Wissenschaft aus dritter Hand war, so mischte sich auch
-noch die Pein alten, nie gestillten Verdachtes hinein, während er
-gleichzeitig dachte: Ist es möglich, daß er mich allein hier oben läßt,
-– mich, der ich doch nur gekommen bin, ihn zu besuchen?! um
-hinzuzufügen: das wäre doch toll und schrecklich, – es wäre dermaßen
-toll und schrecklich, daß ich fühle, wie ich ganz kalt im Gesicht werde
-und mein Herz sich regellos aufführt, denn wenn ich allein hier oben
-zurückbleibe – und das tue ich, wenn er abreist; daß ich mit ihm fahre,
-ist platterdings ausgeschlossen –, dann ist es ja – aber nun steht mein
-Herz überhaupt still – dann ist es ja für immer und ewig, denn allein
-finde ich nie und nimmermehr den Weg ins Flachland zurück ...
-
-Soweit Hans Castorps schreckhafter Gedankengang. Noch am selben
-Nachmittag sollte er über den Lauf der Dinge Gewißheit erlangen: Joachim
-erklärte sich, die Würfel fielen, es kam zu Schlag und Entscheidung.
-
-Nach dem Tee stiegen sie ins helle Souterrain hinab zur
-Monatsuntersuchung. Es war Anfang September. Beim Eintritt ins trocken
-durchhauchte Ordinationszimmer fanden sie Dr. Krokowski an seinem
-Schreibtischplatz, während der Hofrat, sehr blau im Gesicht, mit
-untergeschlagenen Armen an der Wand lehnte, in der einen Hand das
-Hörrohr, mit dem er sich gegen die Schulter klopfte. Er gähnte zur Decke
-empor. „Mahlzeit, Kinder!“ sagte er matt und ließ auch fernerhin eine
-recht schlaffe Laune merken, Melancholie, allgemeinen Verzicht.
-Wahrscheinlich hatte er geraucht. Es lagen aber auch sachliche
-Ärgernisse vor, von denen die Vettern schon gehört hatten,
-Anstaltsinterna von sattsam bekannter Art: ein junges Mädchen, Ammy
-Nölting mit Namen, welches, eingetreten zuerst im Herbst vorvorigen
-Jahres und nach neun Monaten, im August, als gesund entlassen, sich vor
-Ablauf des September schon wieder eingefunden hatte, weil sie sich zu
-Hause „nicht wohlgefühlt“ habe, zum Februar abermals völlig geräuschlos
-befunden und dem Flachlande zurückgegeben worden war, aber seit Mitte
-Juli schon wieder ihren Platz am Tische der Iltis einnahm, – diese Ammy
-war 1 Uhr nachts mit einem Leidenden namens Polypraxios, demselben
-Griechen, der beim Faschingsfest durch die Wohlgestalt seiner Beine
-berechtigtes Aufsehen erregt hatte, einem jungen Chemiker, dessen Vater
-am Piräus Farbwerke besaß, in ihrem Zimmer ertappt worden und zwar durch
-eine von Eifersucht verstörte Freundin, die auf demselben Wege in Ammys
-Zimmer gelangt war wie Polypraxios, nämlich über die Balkons, und,
-zerrissen von Schmerz und Wut über das Wahrgenommene, ein furchtbares
-Geschrei erhoben, alles in Bewegung gesetzt und die Sache an die große
-Glocke gehängt hatte. Behrens hatte allen dreien, dem Athener, der
-Nölting und ihrer Freundin, die vor Leidenschaft der eigenen Ehre wenig
-geachtet hatte, den Laufpaß geben müssen und eben jetzt mit seinem
-Assistenten, bei dem übrigens Ammy sowohl wie die Verräterin in
-Privatbehandlung gestanden hatten, die widrige Sache durchgesprochen.
-Auch während der Untersuchung der Vettern fuhr er noch fort, im Tone der
-Schwermut und der Resignation sich darüber auszulassen; denn er war ein
-so fertiger Künstler der Auskultation, daß er zugleich eines Menschen
-Inneres belauschen, von etwas anderem reden und dem Assistenten das
-Erhorchte diktieren konnte.
-
-„Ja, ja, _gentlemen_, die verfluchte _libido_!“ sagte er. „Sie haben
-natürlich noch Ihr Vergnügen an der Chose, Ihnen kann’s recht sein. –
-Vesikulär. – Aber so ein Anstaltschef, der hat davon die Neese _plein_,
-das können Sie mir – Dämpfung – das können Sie mir glauben. Kann ich
-dafür, daß die Phthise nun mal mit besonderer Konkupiszenz verbunden ist
-– leichte Rauhigkeit? Ich habe es nicht so eingerichtet, aber eh’ man
-sich’s versieht, steht man da wie ein Hüttchenbesitzer, – verkürzt hier
-unter der linken Achsel. Wir haben die Analyse, wir haben die
-Aussprache, – ja Mahlzeit! Je mehr die Rasselbande sich ausspricht,
-desto lüsterner wird sie. Ich predige die Mathematik. – Besser hier, das
-Geräusch ist weg. – Die Beschäftigung mit der Mathematik, sage ich, ist
-das beste Mittel gegen die Kupidität. Staatsanwalt Paravant, der stark
-angefochten war, hat sich drauf geworfen, er hat es jetzt mit der
-Quadratur des Kreises und spürt große Erleichterung. Aber die meisten
-sind ja zu dumm und zu faul dazu, daß Gott erbarm’. – Vesikulär. – Sehen
-Sie, ich weiß ganz gut, daß junges Volk hier gar nicht ganz unschwer
-verlumpt und verkommt, und früher habe ich manchmal einzuschreiten
-versucht gegen die Debauchen. Aber dann ist es mir passiert, daß
-irgendein Bruder oder Bräutigam mich ins Gesicht hinein gefragt hat, was
-es mich eigentlich angehe. Seitdem bin ich nur noch Arzt – schwaches
-Rasseln rechts oben.“
-
-Er war fertig mit Joachim, steckte sein Hörrohr in die Kitteltasche und
-rieb sich mit der riesigen Linken die beiden Augen, wie er zu tun
-pflegte, wenn er „abfiel“ und melancholisch war. Halb mechanisch und
-zwischendurch gähnend vor Mißlaune sagte er sein Sprüchlein her:
-
-„Na, Ziemßen, nur immer munter. Ist ja noch immer nicht alles genau so,
-wie es im Physiologiebuche steht, hapert noch da und da, und mit Gaffky
-haben Sie Ihre Angelegenheiten auch noch nicht restlos bereinigt, sind
-sogar in der Skala gegen neulich um eine Nummer aufgerückt, – sechs ist
-es diesmal, aber darum nur keinen Weltschmerz geblasen. Als Sie
-herkamen, waren Sie kränker, das kann ich Ihnen schriftlich geben, und
-wenn Sie noch fünf, sechs Manote – wissen Sie, daß man früher ‚_mânôt_‘
-sagte und nicht ‚Monat‘? War eigentlich viel volltöniger. Ich habe mir
-vorgenommen, nur noch ‚Manot‘ zu sagen –“
-
-„Herr Hofrat“, setzte Joachim an ... Er stand, mit bloßem Oberkörper, in
-geschlossener Haltung, Brust heraus, die Absätze zusammengenommen, und
-war so fleckig im Gesicht wie damals, als Hans Castorp bei bestimmter
-Gelegenheit erstmals bemerkt hatte, daß dies die Art des tief Gebräunten
-sei, blaß zu werden.
-
-„Wenn Sie,“ redete Behrens über seinen Anlauf hin, „noch rund ein halbes
-Jährchen hier stramm Gamaschendienst tun, dann sind Sie ein gemachter
-Mann, dann können Sie Konstantinopel erobern, dann können Sie vor lauter
-Markigkeit Oberbefehlshaber in den Marken werden –“
-
-Wer weiß, was er in seiner Verdüsterung noch alles gekohlt haben würde,
-wenn Joachims unbeirrte Haltung, seine unverkennbare Gewilltheit, zu
-sprechen, und zwar mutig zu sprechen, ihn nicht aus dem Konzept gebracht
-hätte.
-
-„Herr Hofrat,“ sagte der junge Mann, „ich wollte gehorsamst melden, daß
-ich mich entschlossen habe, zu reisen.“
-
-„Nanu? Wollen Sie Reisender werden? Ich dachte, Sie wollten später mal,
-als gesunder Mensch, zum Militär?“
-
-„Nein, ich muß jetzt abreisen, Herr Hofrat, in acht Tagen.“
-
-„Sagen Sie mal, hör’ ich recht? Sie werfen die Flinte hin, Sie wollen
-durchbrennen? Wissen Sie, daß das Desertion ist?“
-
-„Nein, das ist nicht meine Auffassung, Herr Hofrat. Ich muß nun zum
-Regiment.“
-
-„Obgleich ich Ihnen sage, daß ich Sie in einem halben Jahr bestimmt
-entlassen kann, daß ich Sie aber vor einem halben Jahr nicht entlassen
-kann?“
-
-Joachims Haltung wurde immer dienstlicher. Er nahm den Magen herein und
-sagte kurz und gepreßt:
-
-„Ich bin über anderthalb Jahre hier, Herr Hofrat. Ich kann nicht länger
-warten. Herr Hofrat haben ursprünglich gesagt: ein Vierteljahr. Dann ist
-meine Kur immer wieder viertel- und halbjahrsweise verlängert worden,
-und ich bin immer noch nicht gesund.“
-
-„Ist das mein Fehler?“
-
-„Nein, Herr Hofrat. Aber ich kann nicht länger warten. Wenn ich nicht
-ganz den Anschluß verpassen will, so kann ich meine richtige Genesung
-hier oben nicht abwarten. Ich muß jetzt hinunter. Ich brauche noch etwas
-Zeit für meine Equipierung und andere Vorbereitungen.“
-
-„Sie handeln im Einverständnis mit Ihrer Familie?“
-
-„Meine Mutter ist einverstanden. Es ist alles abgemacht. Ich trete
-ersten Oktober als Fahnenjunker bei den Sechsundsiebzigern ein.“
-
-„Auf jede Gefahr?“ fragte Behrens und sah ihn aus blutunterlaufenen
-Augen an ...
-
-„Zu Befehl, Herr Hofrat“, antwortete Joachim mit zuckenden Lippen.
-
-„Na, dann is gut, Ziemßen.“ Der Hofrat wechselte die Miene, gab nach in
-seiner Haltung und ließ in jeder Weise locker. „Is gut, Ziemßen. Rühren
-Sie! Reisen Sie mit Gott. Ich sehe, Sie wissen, was Sie wollen, Sie
-nehmen die Sache auf sich, und soviel stimmt, daß es Ihre Sache ist,
-nicht meine, von dem Augenblick an, wo Sie sie auf sich nehmen. Selbst
-ist der Mann. Sie reisen ohne Garantie, ich stehe für nichts. Aber
-bewahre, es kann ganz gut gehen. Ist ja ein luftiger Beruf, den Sie
-ergreifen. Kann durchaus sein, daß es Ihnen bekommt und daß Sie sich
-herausbeißen.“
-
-„Jawohl, Herr Hofrat.“
-
-„Na, und Sie, junger Mann aus dem Zivilpublikum? Sie wallen wohl mit?“
-
-Das war Hans Castorp, der antworten sollte. Er stand da, ebenso bleich
-wie vor Jahresfrist bei jener Untersuchung, die seine Aufnahme
-herbeigeführt hatte, stand auf demselben Fleck wie damals, und wieder
-war deutlich das Pulsen seines Herzens gegen die Rippen zu sehen. Er
-sagte:
-
-„Ich möchte es von Ihrem Votum abhängig machen, Herr Hofrat.“
-
-„Meinem Votum. Schön!“ Und er zog ihn am Arme an sich, horchte und
-klopfte. Er diktierte nicht. Es ging ziemlich schnell. Als er fertig
-war, sagte er:
-
-„Sie können reisen.“
-
-Hans Castorp stotterte:
-
-„Das heißt ... wieso. Bin ich denn gesund?“
-
-„Ja, Sie sind gesund. Die Stelle links oben ist nicht mehr der Rede
-wert. Ihre Temperatur paßt nicht zu der Stelle. Woher sie kommt, kann
-ich Ihnen nicht sagen. Ich nehme an, daß sie weiter nichts zu bedeuten
-hat. Meinetwegen können Sie reisen.“
-
-„Aber ... Herr Hofrat ... Das ist vielleicht im Augenblick nicht Ihr
-voller Ernst?“
-
-„Nicht mein Ernst? Wieso denn? Was denken Sie denn? Was denken Sie
-überhaupt so beiläufig von mir, möchte ich wissen? Wofür halten Sie
-mich? Für einen Hüttchenbesitzer?!“
-
-Es war Jähzorn. Die Bläue in des Hofrats Gesicht hatte sich ins
-Veilchenfarbene vertieft durch lodernden Zudrang, die einseitige
-Schürzung seiner Lippe mit dem Schnurrbärtchen sich heftig verstärkt, so
-daß die seitlichen Oberzähne sichtbar wurden, er schob den Kopf vor, wie
-ein Stier, seine Augen quollen tränend und blutig.
-
-„Das verbitte ich mir!“ schrie er. „Ich bin erstens überhaupt kein
-Besitzer! Ich bin ein Angestellter hier! Ich bin Arzt! Ich bin _nur_
-Arzt, verstehen Sie mich?! Ich bin kein Kuppelonkel! Ich bin kein Signor
-Amoroso auf dem Toledo im schönen Neapel, verstehen Sie mich wohl?! Ich
-bin ein Diener der leidenden Menschheit! Und sollten Sie sich eine
-andere Auffassung gebildet haben von meiner Person, dann können Sie
-beide zum Kuckuck gehen, in die Binsen oder vor die Hunde, ganz nach
-beliebiger Auswahl! Glückliche Reise!“
-
-Mit langen und breiten Schritten ging er zur Tür hinaus, durch die Tür,
-die ins Vorzimmer des Durchleuchtungsraumes führte, und ließ sie hinter
-sich zukrachen.
-
-Rat suchend blickten die Vettern auf Dr. Krokowski, der sich jedoch in
-seine Papiere vertieft und vergraben zeigte. Sie sputeten sich, in ihre
-Kleider zu kommen. Auf der Treppe sagte Hans Castorp:
-
-„Das war ja schrecklich. Hast du ihn schon mal so gesehen?“
-
-„Nein, so noch nicht. Das sind so Vorgesetzten-Anfälle. Das einzig
-Richtige ist, daß man sie in einwandfreier Haltung über sich ergehen
-läßt. Er war ja natürlich gereizt durch die Geschichte mit Polypraxios
-und der Nölting. Aber hast du gesehen,“ fuhr Joachim fort, und man
-merkte, wie die Freude darüber, daß er seine Sache durchgefochten, in
-ihm aufstieg und ihm die Brust beengte, „hast du gesehen, wie er klein
-beigab und kapitulierte, als er einsah, daß es mein Ernst war? Man muß
-nur Schneid zeigen, sich nur nicht zudecken lassen. Nun habe ich
-sozusagen Erlaubnis, – er selbst hat gesagt, daß ich mich wahrscheinlich
-herausbeißen werde, – und über acht Tage reisen ... in drei Wochen bin
-ich beim Regiment“, verbesserte er sich, indem er Hans Castorp aus dem
-Spiele ließ und seine freudebebende Aussage auf die eigene Person
-beschränkte.
-
-Hans Castorp schwieg. Er sagte nichts über Joachims „Erlaubnis“, noch
-über seine eigene, von der ja allenfalls auch zu reden gewesen wäre. Er
-machte Toilette zur Liegekur, steckte das Thermometer in den Mund,
-schlug mit kurzen und sicheren Griffen, mit voll ausgebildeter Kunst,
-jener geheiligten Praktik gemäß, von der im Flachlande niemand eine
-Ahnung hatte, die beiden Kamelhaardecken um sich und lag dann still, als
-ebenmäßige Walze, auf seinem vorzüglichen Liegestuhl in der kalten
-Feuchte des Frühherbstnachmittags.
-
-Die Regenwolken hingen tief, die Phantasiefahne drunten war eingezogen,
-Schneereste lagen auf den nassen Zweigen der Edeltanne. Aus der unteren
-Liegehalle, von wo vor Jahr und Tag zuerst Herrn Albins Stimme an sein
-Ohr geschlagen, drang leises Gespräch zu dem Diensttuenden herauf,
-dessen Finger und Angesicht sich in Kürze naßkalt versteiften. Er war es
-gewohnt und wußte der hiesigen, ihm längst zur einzig denkbaren
-gewordenen Lebenshaltung Dank für die Gunst, in Geborgenheit liegen und
-alles bedenken zu dürfen.
-
-Es war entschieden, Joachim würde reisen. Radamanth hatte ihn entlassen,
-– nicht _rite_, nicht als gesund, aber mit halber Billigung entlassen
-eben doch, auf Grund und in Anerkennung seiner Standhaftigkeit. Er würde
-hinunterfahren, mit der Schmalspurbahn in die Tiefe nach Landquart, nach
-Romanshorn, dann über den weiten, abgründigen See, über den im Gedichte
-der Reiter ritt, und durch ganz Deutschland nach Hause. Er würde dort
-leben, in der Welt des Flachlandes, unter lauter Menschen, die keine
-Ahnung hatten, wie man leben mußte, die nichts wußten vom Thermometer,
-von der Kunst des Sicheinwickelns, vom Pelzsack, vom dreimaligen
-Lustwandel, von ... es war schwer zu sagen, schwer aufzuzählen, wovon
-alles sie drunten nichts wußten, aber die Vorstellung, daß Joachim,
-nachdem er länger als anderthalb Jahre hier oben verbracht, unter den
-Unwissenden leben sollte, – diese Vorstellung, die nur Joachim betraf,
-und nur ganz von fern und versuchsweise auch ihn, Hans Castorp, –
-verwirrte ihn so, daß er die Augen schloß und eine abwehrende
-Handbewegung machte. „Unmöglich, unmöglich“, murmelte er.
-
-Da es denn aber unmöglich war, so würde er also allein und ohne Joachim
-hier oben weiter leben? Ja. Wie lange? Bis Behrens ihn als geheilt
-entließ, und zwar im Ernst, nicht so wie heute. Aber erstens war das ein
-Zeitpunkt, zu dessen Bestimmung man nur, wie Joachim einst bei
-irgendeiner Gelegenheit, in die Luft hinein die Gebärde des Unabsehbaren
-machen konnte, und zweitens: würde das Unmögliche dann möglicher
-geworden sein? Im Gegenteil eher. Und soviel war loyalerweise zuzugeben,
-daß eine Hand ihm geboten war, jetzt, wo das Unmögliche vielleicht noch
-nicht ganz so unmöglich war, wie es später sein würde, – eine Stütze und
-Führung für ihn, durch Joachims wilde Abreise, auf dem Wege ins
-Flachland, den er von sich aus in Ewigkeit nie zurückfinden würde. Wie
-würde humanistische Pädagogik ihn mahnen, die Hand zu ergreifen und die
-Führung anzunehmen, wenn die humanistische Pädagogik von der Gelegenheit
-erfuhr! Aber Herr Settembrini war nur ein Vertreter – von Dingen und
-Mächten, die hörenswert waren, aber nicht allein, nicht unbedingt; und
-auch mit Joachim stand es so. Er war Militär, jawohl. Er reiste ab –
-beinahe in dem Augenblick, wo die hochbrüstige Marusja zurückkehren
-sollte (am ersten Oktober kehrte sie bekanntlich zurück), während ihm,
-dem zivilistischen Hans Castorp, die Abreise namentlich und abgekürzt
-gesprochen darum unmöglich schien, weil er auf Clawdia Chauchat warten
-mußte, von deren Rückkehr bei weitem noch nichts verlautete. „Das ist
-nicht meine Auffassung“, hatte Joachim gesagt, als Radamanth ihm von
-Desertion gesprochen hatte, was zweifellos in Hinsicht auf Joachim nur
-Kohl und Geschwafel gewesen war von des verdüsterten Hofrats Seite. Aber
-für ihn, den Zivilisten, lagen die Dinge denn doch wohl anders. Für ihn
-(ja, ganz ohne Zweifel, so war es! Um diesen entscheidenden Gedanken aus
-seinem Gefühle emporzuarbeiten, hatte er sich heute hier ins Naßkalte
-gelegt) – für ihn wäre es wirklich Desertion gewesen, die Gelegenheit zu
-ergreifen und wilde oder halbwilde Abreise ins Flachland zu halten,
-Desertion von ausgebreiteten Verantwortlichkeiten, die ihm aus der
-Anschauung des Hochgebildes, genannt _Homo Dei_, hier oben erwachsen,
-Verrat an schweren und erhitzenden, ja seine natürlichen Kräfte
-übersteigenden, doch abenteuerlich beglückenden Regierungspflichten,
-denen er hier in der Loge und am blau blühenden Orte oblag.
-
-Er riß das Thermometer aus dem Munde, so heftig, wie vorher nur einmal:
-nach erster Benutzung, nachdem die Oberin ihm eben das zierliche
-Werkzeug verkauft, und blickte mit ebensolcher Begierde wie damals
-darauf nieder. Merkurius war kräftig emporgewandert, er zeigte
-siebenunddreißig-acht, fast -neun.
-
-Hans Castorp warf die Decken von sich, sprang auf und tat einen
-schnellen Gang ins Zimmer, zur Korridortür und zurück. Dann, wieder in
-horizontaler Lage, rief er leise Joachim an und fragte nach dessen
-Kurve.
-
-„Ich messe nicht mehr“, antwortete Joachim.
-
-„Na, ich habe Tempus“, sagte Hans Castorp, das Wort in Nachfolge Frau
-Stöhrs nach Analogie von „Schampus“ behandelnd; worauf Joachim hinter
-der Glaswand sich schweigend verhielt.
-
-Auch später sagte er nichts, an diesem Tag und den folgenden, forschte
-mit Worten nicht nach des Vetters Plänen und Entschlüssen, die sich ganz
-von selbst, bei knapp gesetzter Frist, offenbaren mußten: durch
-Handlungen oder das Unterlassen von Handlungen, und das taten sie,
-nämlich durch letzteres. Er schien es mit dem Quietismus zu halten, der
-hatte wissen wollen, daß Handeln Gott beleidigen heiße, der es allein
-tun wolle. Jedenfalls hatte Hans Castorps Aktivität in diesen Tagen sich
-auf einen Besuch bei Behrens beschränkt, eine Rücksprache, von der
-Joachim wußte, und deren Verlauf und Ergebnis er sich an fünf Fingern
-ausrechnen konnte. Sein Vetter hatte erklärt, er erlaube sich, auf des
-Hofrats frühere vielfältige Ermahnungen, seinen Fall hier gründlich
-auszuheilen, damit er niemals wiederkommen müsse, mehr Gewicht zu legen,
-als auf das rasche Wort einer unwilligen Minute; er habe 37,8, er könne
-sich nicht als _rite_ entlassen fühlen, und wenn des Hofrats Äußerung
-von neulich nicht etwa als Relegation zu verstehen gewesen sei, zu
-welcher Maßregel Anlaß gegeben zu haben er, Sprecher, sich nicht bewußt
-sei, so habe er, nach ruhiger Überlegung und in bewußtem Gegensatz zu
-Joachim Ziemßen, beschlossen, noch hier zu bleiben und seine völlige
-Entgiftung abzuwarten. Worauf der Hofrat ziemlich wörtlich erwidert
-hatte: „_Bon_ und schön!“ und: „Nichts für ungut!“ und: das heiße er wie
-ein vernünftiger Kerl reden, und: er habe es doch gleich gesehen, daß
-Hans Castorp mehr Talent zum Patienten habe, als dieser Durchgänger und
-Haudegen da. Und so fort.
-
-Dies also war, nach Joachims annähernd genauer Kalkulation, der Hergang
-des Gespräches gewesen, und so sagte er nichts und stellte eben nur
-schweigend fest, daß Hans Castorp sich seinen die Abreise vorbereitenden
-Schritten nicht anschloß. Wieviel hatte aber auch der gute Joachim mit
-sich selber zu tun! Er konnte sich wirklich um Schicksal und Verbleib
-des Vetters nicht weiter kümmern. Ein Sturm wogte in seiner Brust, – man
-kann es sich denken. Nur gut, vielleicht, daß er sich nicht mehr maß,
-sondern sein Instrument, angeblich, indem er es hatte fallen lassen,
-zerbrochen hatte: Messungen hätten beirrende Ergebnisse zeitigen mögen,
-– so furchtbar aufgeregt, bald dunkel glühend, bald bleich vor Freude
-und Spannung, wie Joachim war. Er konnte nicht mehr liegen; den ganzen
-Tag ging er in seinem Zimmer auf und ab, wie Hans Castorp hörte: zu all
-den Stunden, viermal am Tage, in welchen auf „Berghof“ die Horizontale
-herrschte. Anderthalb Jahre! Und nun hinunter ins Flachland, nach Hause,
-nun wirklich zum Regiment, wenn auch nur mit halber Erlaubnis! Das war
-keine Kleinigkeit, in keinem Sinne, Hans Castorp fühlte es dem ruhelos
-wandernden Vetter nach. Achtzehn Monate, den vollen Jahreszirkel und
-dann die Hälfte noch einmal durchlaufen hier oben, tief eingelebt,
-eingefahren in dieses Ordnungsgeleis, diesen unverbrüchlichen
-Lebensgang, den er in siebenmal siebenzig Tagen zu allen Gezeiten
-erprobt, – und nun nach Haus in die Fremde, zu den Unwissenden! Welche
-Akklimatisationsschwierigkeiten mochten da drohen? Und durfte man sich
-wundern, wenn Joachims große Aufregung nicht nur aus Freude bestand,
-sondern auch Bangigkeit, Weh des Abschieds vom durch und durch Gewohnten
-ihn durch sein Zimmer trieb? – Von Marusja hier ganz zu schweigen.
-
-Aber die Freude überwog. Herz und Mund gingen dem guten Joachim über
-davon; er sprach von sich, er ließ des Vetters Zukunft auf sich beruhen.
-Er sprach davon, wie neu und erfrischt alles sein werde, das Leben, er
-selbst, die Zeit – jeder Tag, jede Stunde. Solide Zeit werde er wieder
-haben, langsam gewichtige Jugendjahre. Er sprach von seiner Mutter, Hans
-Castorps Stieftante Ziemßen, die ebenso sanfte, schwarze Augen hatte,
-wie Joachim, und die dieser all die Bergzeit her nicht gesehen, da sie,
-hingehalten von Monat zu Monat, von Halbjahr zu Halbjahr gleich ihm, zu
-einem Besuche des Sohnes sich nie entschlossen hatte. Er sprach mit
-begeistertem Lächeln vom Fahneneid, den er nun baldigst ablegen würde –:
-in Gegenwart der Fahne wurde er unter feierlichen Umständen geleistet,
-ihr selbst, der Standarte wurde er zugeschworen. „Nanu?“ fragte Hans
-Castorp. „Ernstlich? Der Stange? Dem Fetzen Tuch?“ – Ja, allerdings; und
-bei der Artillerie dem Geschütz, symbolischer Weise. – Das seien ja
-schwärmerische Sitten, meinte der Zivilist, empfindsam-fanatische, könne
-man sagen; wozu Joachim stolz und glücklich mit dem Kopfe nickte.
-
-Er ging auf in Vorbereitungen, er beglich seine Schlußnota auf der
-Verwaltung, begann schon Tage vor dem selbstgesetzten Termin mit dem
-Kofferpacken. Sommer- und Winterzeug packte er ein und ließ den Pelzsack
-nebst den Kamelhaardecken vom Hausdiener in Sackleinen nähen:
-vielleicht, daß er sie im Manöver einmal gebrauchen konnte. Er fing an,
-Lebewohl zu sagen. Er machte Abschiedsvisite bei Naphta und Settembrini
-– allein, denn sein Vetter schloß sich nicht an bei diesem Gange und
-fragte auch nicht, was Settembrini zu Joachims bevorstehender Abreise
-und Hans Castorps bevorstehender Nicht-Abreise gemeint und geäußert: ob
-er nun „Szieh, szieh“ oder „Szo, szo“ gesagt hatte, oder beides, oder
-„_Poveretto_“, das mußte ihm gleichgültig bleiben.
-
-Dann kam der Vorabend der Abreise, wo Joachim alles zum letztenmal
-absolvierte, jede Mahlzeit, jede Liegekur, jeden Lustwandel, und von den
-Ärzten, der Oberin Urlaub nahm. Und es tagte der Morgen selbst:
-heißäugig und mit kalten Händen kam Joachim zum Frühstück, denn er hatte
-die ganze Nacht nicht geschlafen, nahm auch kaum einen Bissen zu sich
-und schnellte, als die Zwergin meldete, das Gepäck sei aufgeschnallt,
-hastig vom Stuhl, um von den Tischgenossen zu scheiden. Frau Stöhr
-vergoß Tränen, die leicht fließenden, salzlosen Tränen der Ungebildeten,
-beim Lebewohl und zeigte gleich darauf hinter Joachims Rücken der
-Lehrerin mit Kopfschütteln und gespreizt hin und her gedrehter Hand eine
-faule Miene voll überaus ordinärer Zweifelsucht in Hinsicht auf Joachims
-Befugnis zur Abreise und auf sein Wohlergehen. Hans Castorp sah es,
-indem er im Stehen seine Tasse austrank, um dem Vetter auf dem Fuße zu
-folgen. Noch gab es Trinkgelder zu reichen, den amtlichen Abschiedsgruß
-eines Gesandten der Verwaltung im Vestibül zu erwidern. Wie immer
-standen Patienten bereit, der Abfahrt zuzusehen: Frau Iltis mit dem
-„Sterilett“, die elfenbeinfarbene Levi, der ausschweifende Popów mit
-seiner Braut. Sie winkten mit Tüchern, während der Wagen, am Hinterrad
-gebremst, die Anfahrt hinabschurrte. Joachim hatte Rosen erhalten. Er
-trug einen Hut auf dem Kopf. Hans Castorp nicht.
-
-Der Morgen war prächtig, der erste sonnige nach langer Trübe. Das
-Schiahorn, die Grünen Türme, die Kuppe des Dorfberges standen
-unveränderlich wahrzeichenhaft vor der Bläue, und Joachims Augen ruhten
-darauf. Fast schade, meinte Hans Castorp, daß gerade zur Abreise so
-schönes Wetter geworden. Es läge Bosheit darin, und ein recht
-unwirtlicher Schlußeindruck erleichtere jede Trennung. Worauf Joachim:
-der Erleichterung bedürfe er nicht, und das sei vorzügliches
-Ausbildungswetter, er könne es drunten wohl brauchen. Sonst sprachen sie
-wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und zwischen ihnen, gab es
-freilich nichts Rechtes zu sagen. Auch hatten sie vor sich den Hinkenden
-auf dem Bock neben dem Kutscher.
-
-Hochsitzend, gestoßen auf den harten Kissen des Kabrioletts, hatten sie
-den Wasserlauf, das schmale Geleise zurückgelassen, fuhren sie hin auf
-der unregelmäßig bebauten, der Eisenbahn gleichlaufenden Straße und
-hielten auf steinigem Platz vorm Bahnhofsgebäude von „Dorf“, das nicht
-viel mehr als ein Schuppen war. Hans Castorp erkannte alles mit
-Schrecken wieder. Seit seiner Ankunft vor dreizehn Monaten, bei
-einfallender Dämmerung, hatte er die Station nicht wieder gesehen. „Hier
-bin ich ja angekommen“, sagte er überflüssigerweise, und Joachim
-antwortete nur: „Tja, das bist du“, und entlohnte den Kutscher.
-
-Der rührige Hinkende besorgte alles, den Fahrschein, das Gepäck. Sie
-standen beieinander auf dem Perron, am Miniaturzuge, neben dem kleinen,
-grau gepolsterten Wagenabteil, worin Joachim mit Mantel, Plaidrolle und
-Rosen einen Platz belegt hatte. „Na, dann schwöre du nur deinen
-schwärmerischen Eid!“ sagte Hans Castorp, und Joachim erwiderte: „Wird
-gemacht.“ Was noch? Letzte Grüße trugen sie einander auf, Grüße an die
-dort unten, an die hier oben. Dann zeichnete Hans Castorp nur noch mit
-seinem Stock auf dem Asphalt. Als zum Einsteigen gerufen wurde, fuhr er
-auf, sah Joachim an und dieser ihn. Sie gaben einander die Hand. Hans
-Castorp lächelte unbestimmt; des andren Augen waren ernst und traurig
-dringlich. „_Hans!_“ sagte er – allmächtiger Gott! hatte sich etwas so
-Peinliches schon je in der Welt ereignet? Er redete Hans Castorp mit
-Vornamen an! Nicht mit „Du“ oder „Mensch“, wie sie es ihrer Lebtag
-gehalten hatten, sondern aller Sittensprödigkeit zum Trotz und
-peinlichst überschwänglicher Weise mit Vornamen! „Hans“, sagte er und
-drückte mit dringlicher Angst dem Vetter die Hand, während dieser
-bemerken mußte, daß dem Übernächtigen, Reisefiebrigen, Erschütterten das
-Genick zitterte, wie ihm beim „Regieren“ – „Hans“, sagte er inständig,
-„komm bald nach!“ Dann schwang er sich aufs Trittbrett. Die Tür schlug
-zu, es pfiff, die Wagen stießen aneinander, die kleine Lokomotive zog
-an, der Zug entglitt. Der Reisende winkte durchs Fenster mit dem Hut,
-der Zurückbleibende mit der Hand. Zerwühlten Herzens stand er noch
-lange, allein. Dann ging er langsam den Weg zurück, den Joachim ihn vor
-Jahr und Tag geführt.
-
-
- Abgewiesener Angriff
-
-Das Rad schwang. Der Weiser rückte. Knabenkraut und Akelei waren
-verblüht, die wilde Nelke ebenfalls. Die tiefblauen Sterne des Enzian,
-die Herbstzeitlose, blaß und giftig, zeigten sich wieder im feuchten
-Grase, und über den Waldungen lag es rötlich. Herbstnachtgleiche war
-vorüber, Allerseelen in Sicht und für geübtere Zeitverbraucher wohl auch
-der erste Advent, der kürzeste Tag und das Weihnachtsfest. Noch aber
-reihten sich schöne Oktobertage – Tage von der Art dessen, an dem die
-Vettern des Hofrats Ölgemälde besichtigt hatten.
-
-Seit Joachims Weggang saß Hans Castorp nicht mehr am Tische der Stöhr,
-nicht mehr an demjenigen, von dem Dr. Blumenkohl weggestorben war, und
-an dem Marusja ihre unbegründete Heiterkeit im Apfelsinentüchlein
-erstickt hatte. Neue Gäste saßen jetzt dort, völlig fremde. Unser Freund
-aber hatte, zweieinhalb Monate tief in sein zweites Jahr eingerückt, von
-der Verwaltung einen anderen Platz zugewiesen bekommen, an einem
-Nachbartische, der schräg vor dem alten stand, weiter gegen die linke
-Verandatür, zwischen seinem ehemaligen und dem Guten Russentisch, kurzum
-am Tisch Settembrinis. Ja, an des Humanisten verwaistem Platze saß Hans
-Castorp jetzt, am Tischende wiederum, gegenüber dem Doktor-Sitz, der an
-jeder der sieben Tafeln dem Hofrat und seinem Famulus zum Hospitieren
-aufgespart blieb.
-
-Dort oben, links von dem medizinischen Präsidium, hockte auf mehreren
-Kissen der bucklige Amateur-Photograph aus Mexiko, dessen
-Gesichtsausdruck vermöge sprachlicher Einsamkeit der eines Tauben war,
-und ihm zur Seite hatte das ältliche Fräulein aus Siebenbürgen ihren
-Platz, das, wie schon Herr Settembrini geklagt hatte, das Interesse
-aller Welt für ihren Schwager in Anspruch nahm, obgleich niemand etwas
-von diesem Menschen wußte, noch wissen wollte. Ein Stöckchen mit
-Tulasilberkrücke, dessen sie sich auch bei ihren Dienstpromenaden
-bediente, quer im Nacken, sah man sie zu bestimmten Stunden des Tages an
-der Brüstung ihrer Balkonloge ihre tellerflache Brust in hygienischen
-Tiefatmungen dehnen. Ein tschechischer Mann saß ihr gegenüber, den man
-Herr Wenzel nannte, da niemand seinen Familiennamen auszusprechen
-verstand. Herr Settembrini hatte sich seinerzeit zuweilen darin
-versucht, die krause Konsonantenfolge hervorzustoßen, aus der dieser
-Name bestand, – gewiß nicht in ehrlichem Bemühen, sondern nur um die
-vornehme Hilflosigkeit seiner Latinität an dem wilden Lautgestrüpp
-heiter zu erproben. Obwohl feist wie ein Dachs und von einer selbst
-unter Denen hier oben erstaunlich sich hervortuenden Eßlust, versicherte
-der Böhme seit vier Jahren, daß er sterben müsse. Bei der
-Abendgeselligkeit klimperte er zuweilen auf einer bebänderten Mandoline
-die Lieder seiner Heimat und erzählte von seiner Zuckerrübenplantage,
-auf der lauter hübsche Mädchen arbeiteten. Schon in Hans Castorps Nähe
-folgten dann zu beiden Seiten des Tisches Herr und Frau Magnus, die
-Bierbrauersehegatten aus Halle. Melancholie umgab dieses Paar
-atmosphärisch, da beide lebenswichtige Stoffwechselprodukte, Herr Magnus
-Zucker, Frau Magnus dagegen Eiweiß, verloren. Die Gemütsverfassung,
-namentlich der bleichen Frau Magnus, schien jedes Einschlages von
-Hoffnung zu entbehren; Geistesöde ging wie ein kelleriger Hauch von ihr
-aus, und fast noch ausdrücklicher als die ungebildete Stöhr stellte sie
-jene Vereinigung von Krankheit und Dummheit dar, an der Hans Castorp,
-getadelt deswegen von Herrn Settembrini, geistigen Anstoß genommen
-hatte. Herr Magnus war regeren Sinnes und gesprächiger, wenn auch nur in
-der Art, die ehemals Settembrinis literarische Ungeduld erregt hatte.
-Auch neigte er zum Jähzorn und stieß öfters mit Herrn Wenzel aus
-politischen und sonstigen Anlässen feindlich zusammen. Denn ihn
-erbitterten die nationalen Aspirationen des Böhmen, der sich überdies
-zum Antialkoholismus bekannte und über den Erwerbszweig des Brauers
-moralisch Absprechendes äußerte, wogegen dieser mit rotem Kopf die
-sanitäre Unanfechtbarkeit des Getränkes vertrat, mit dem seine
-Interessen so innig verbunden waren. Bei solchen Gelegenheiten hatte
-früher Herr Settembrini humoristisch ausgleichend gewirkt; Hans Castorp
-aber, an seiner Statt, fand sich wenig geschickt und konnte nicht
-hinreichende Autorität in Anspruch nehmen, ihn darin zu ersetzen.
-
-Nur mit zwei Tischgenossen verbanden ihn persönlichere Beziehungen: A.
-K. Ferge aus Petersburg, sein Nachbar zur Linken, war der eine, dieser
-gutmütige Dulder, der unter dem Gebüsch seines rotbraunen Schnurrbarts
-hervor von Gummischuhfabrikation und fernen Gegenden, dem Polarkreis,
-dem ewigen Winter am Nordkap erzählte, und mit dem Hans Castorp sogar
-zuweilen einen dienstlichen Lustwandel gemeinsam zurücklegte. Der andere
-aber, der sich ihnen dabei, so oft es sich treffen wollte, als Dritter
-anschloß, und der am oberen Tafelende, gegenüber dem mexikanischen
-Buckligen, seinen Platz hatte, war der dünnhaarige Mannheimer mit
-schlechten Zähnen, Wehsal mit Namen, Ferdinand Wehsal und Kaufmann
-seines Zeichens, er, dessen Augen stets mit so trüber Begierde an Frau
-Chauchats anmutiger Person gehangen hatten, und der seit Fastnacht Hans
-Castorps Freundschaft suchte.
-
-Er tat es mit Zähigkeit und Demut, einer von unten blickenden Hingebung,
-die für den Betroffenen viel Widrig-Schauerliches hatte, da er ihren
-komplizierten Sinn begriff, der aber menschlich zu begegnen er sich
-anhielt. Ruhig blickend, da er wußte, daß ein leichtes Zusammenziehen
-der Brauen genügte, um den elend Empfindenden sich ducken und
-zurückschrecken zu lassen, duldete er das dienerische Wesen Wehsals, der
-jede Gelegenheit wahrnahm, sich vor ihm zu verneigen und ihm schön zu
-tun, duldete sogar, daß jener ihm zuweilen beim Lustwandel den
-Überzieher trug – mit einer gewissen Andacht trug er ihn über dem Arm –,
-duldete endlich des Mannheimers Gespräch, das trübe war. Wehsal war
-erpicht, Fragen aufzuwerfen, wie die, ob es Sinn und Verstand habe,
-einer Frau, die man liebe, die aber nichts von einem wissen wolle, seine
-Liebe zu erklären – die _aussichtslose_ Liebeserklärung, was die Herren
-davon hielten. Er für sein Teil halte Höchstes davon, sei der Meinung,
-daß sich unendliches Glück damit verbinde. Wenn nämlich der Akt des
-Geständnisses zwar Ekel errege und viel Selbsterniedrigung berge, so
-stelle er doch für den Augenblick die volle Liebesnähe des begehrten
-Gegenstandes her, reiße diesen ins Vertrauen, in das Element der eigenen
-Leidenschaft, und wenn damit freilich alles zu Ende sei, so sei der
-ewige Verlust mit der Verzweiflungswonne eines Augenblicks nicht
-überzahlt; denn das Bekenntnis bedeute Gewalt, und je größer der
-widerstehende Abscheu dagegen sei, desto genußreicher –. Hier scheuchte
-eine Verfinsterung von Hans Castorps Miene Wehsal zurück, was aber mehr
-in Hinsicht auf die Gegenwart des gutmütigen Ferge geschah, dem, wie er
-oft betonte, alle höheren und schwierigeren Gegenstände völlig fern
-lagen, als aus sittenrichterlicher Steifigkeit auf Seiten unseres
-Helden. Denn, da wir immer gleich weit entfernt bleiben, diesen besser
-oder schlechter machen zu wollen, als er war, so sei mitgeteilt, daß,
-als der arme Wehsal eines abends unter vier Augen mit bleichen Worten
-in ihn drang, ihm von den Erlebnissen und Erfahrungen der
-nachgesellschaftlichen Fastnacht doch um Gottes willen Näheres zu
-vertrauen, Hans Castorp ihm mit ruhiger Güte willfahrte, ohne daß, wie
-der Leser glauben mag, dieser gedämpften Szene irgend etwas niedrig
-Leichtfertiges angehaftet hätte. Dennoch haben wir Gründe, ihn und uns
-davon auszuschließen und fügen nur noch an, daß Wehsal danach mit
-verdoppelter Hingabe den Paletot des freundlichen Hans Castorp trug.
-
-Soviel von Hansens neuer Tischgenossenschaft. Der Platz zu seiner
-Rechten war frei, war nur vorübergehend besetzt, nur einige Tage lang:
-von einem Hospitanten, wie er es einst gewesen, einem Verwandtenbesuch,
-Gast aus dem Flachlande und Sendboten von dort, wie man sagen mochte, –
-mit einem Worte von Hansens Onkel James Tienappel.
-
-Das war abenteuerlich, daß plötzlich ein Vertreter und Abgesandter der
-Heimat neben ihm saß, die Atmosphäre des Alten, Versunkenen, des
-früheren Lebens, einer tiefliegenden „Oberwelt“ noch frisch im Gewebe
-seines englischen Anzugs tragend. Aber es hatte kommen müssen. Längst
-hatte Hans Castorp im stillen mit einem solchen Vorstoß des Flachlandes
-gerechnet und sogar die Persönlichkeit, die sich nun wirklich mit der
-Erkundung betraut zeigte, ganz zutreffend dafür in Aussicht genommen, –
-was eben nicht schwer gewesen war; denn Peter, der seefahrende, kam
-wenig dafür in Frage, und vom Großonkel Tienappel selbst stand fest, daß
-keine zehn Pferde ihn je in diese Gegenden schleppen würden, von deren
-Luftdruckverhältnissen er alles zu fürchten hatte. Nein, James mußte es
-sein, der sich nach dem Abhandengekommenen im heimatlichen Auftrage
-umsehen würde; schon früher war er erwartet. Seit aber Joachim allein
-zurückgekehrt war und im Verwandtenkreis von der hiesigen Sachlage
-Nachricht gegeben hatte, war der Angriff fällig und überfällig, und so
-war denn Hans Castorp nicht im geringsten verblüfft, als, knappe
-vierzehn Tage nach Joachims Abreise, der Concierge ihm ein Telegramm
-überhändigte, das, ahnungsvoll geöffnet, sich als James Tienappels
-kurzfristige Anmeldung erwies. Er hatte auf Schweizer Boden zu tun und
-sich zu dem Gelegenheitsausflug in Hansens Höhe entschlossen. Übermorgen
-war er zu erwarten.
-
-„Gut“, dachte Hans Castorp. „Schön“, dachte er. Und sogar etwas wie
-„Bitte sehr!“ fügte er innerlich hinzu. „Wenn du eine Ahnung hättest!“
-sagte er in Gedanken zu dem sich Nähernden. Mit einem Worte, er nahm die
-Meldung mit großer Ruhe auf, gab sie übrigens an Hofrat Behrens und an
-die Verwaltung weiter, ließ ein Zimmer bereitstellen – das Zimmer
-Joachims war noch zur Verfügung – und fuhr am übernächsten Tage, um die
-Stunde seiner eigenen Ankunft, abends gegen acht also, es war schon
-dunkel, mit demselben harten Vehikel, in dem er Joachim fortgeleitet,
-zum Bahnhof „Dorf“, um den Sendboten des Flachlandes abzuholen, der nach
-dem Rechten sehen wollte.
-
-Zinnoberrot, ohne Hut, im bloßen Anzug, stand er am Rande des
-Bahnsteiges, als das Züglein einrollte, stand unter dem Fenster seines
-Verwandten und forderte ihn auf, nur immer herauszukommen, denn er sei
-da. Konsul Tienappel – er war Vizekonsul, entlastete den Alten auch auf
-diesem ehrenamtlichen Gebiete sehr dankenswert –, verfroren in seinen
-Wintermantel gehüllt, denn wirklich war der Oktoberabend empfindlich
-kalt, nicht viel fehlte und es hätte von klarem Frost die Rede sein
-können, ja, gegen Morgen würde es sicher frieren, entstieg dem Abteil in
-überraschter Heiterkeit, die er in den etwas dünnen, sehr zivilisierten
-Formen des feinen nordwestdeutschen Herrn verlautbarte, begrüßte den
-vetterlichen Neffen unter betonten Ausdrücken der Genugtuung über sein
-vorzügliches Aussehen, sah sich vom Hinkenden aller Sorge um sein Gepäck
-überhoben und erkletterte draußen mit Hans Castorp den hohen und harten
-Sitz ihres Gefährtes. Unter reichem Sternenhimmel fuhren sie dahin, und
-Hans Castorp, den Kopf zurückgelegt und den Zeigefinger in der Luft,
-erläuterte dem Onkel-Cousin die oberen Gefilde, faßte mit Wort und
-Gebärde ein und das andere funkelnde Sternbild zusammen und nannte
-Planeten bei Namen, – während jener, aufmerksam mehr auf die Person
-seines Begleiters als auf den Kosmos, sich innerlich sagte, daß es zwar
-möglich sei und nicht geradezu verrückt anmute, jetzt, hier und sofort
-gerade von Sternen zu sprechen, daß aber doch manches andere näher
-gelegen hätte. Seit wann er denn da oben so sicher Bescheid wisse,
-fragte er Hans Castorp; worauf dieser erwiderte, das sei ein Erwerb der
-abendlichen Liegekur auf dem Balkon im Frühling, Sommer, Herbst und
-Winter. – Wie? bei Nacht liege er auf dem Balkon? – O ja. Und der Konsul
-werde es auch tun. Es werde ihm nichts anderes übrigbleiben.
-
-„Gewiß, selbstvers-tändlich“, sagte James Tienappel entgegenkommend und
-etwas eingeschüchtert. Sein Pflegebruder sprach ruhig und eintönig. Ohne
-Hut, ohne Paletot saß er neben ihm in der frostnahen Frische des
-Herbstabends. „Dich friert wohl gar nicht?“ fragte ihn James; denn er
-selbst zitterte unter dem zolldicken Tuch seines Mantels, und seine
-Sprechweise hatte etwas zugleich Hastiges und Lahmes, da seine Zähne
-eine Neigung bekundeten, aneinanderzuschlagen. „Uns friert nicht“,
-antwortete Hans Castorp ruhig und kurz.
-
-Der Konsul konnte ihn nicht genug von der Seite betrachten. Hans Castorp
-erkundigte sich nicht nach den Verwandten und Bekannten zu Hause. Grüße
-von dort, die James übermittelte, auch diejenigen Joachims, der bereits
-beim Regiment sei und vor Glück und Stolz leuchte, empfing er ruhig
-dankend, ohne auf die Umstände der Heimat weiter einzugehen. Beunruhigt
-durch ein unbestimmtes Etwas, von dem er sich nicht zu sagen wußte, ob
-es von dem Neffen ausging oder etwa in ihm selbst, dem physischen
-Befinden des Reisenden, seinen Ursprung habe, blickte James umher, ohne
-von der Hochtallandschaft viel erkennen zu können, und zog tief die Luft
-ein, die er ausatmend für herrlich erklärte. Gewiß, antwortete der
-andere, nicht umsonst sei sie ja weit berühmt. Sie habe starke
-Eigenschaften. Obgleich sie die Allgemeinverbrennung beschleunige, setze
-der Körper in ihr doch Eiweiß an. Krankheiten, die jeder Mensch latent
-in sich trage, sei sie zu heilen imstande, doch befördere sie sie
-zunächst einmal kräftig, bringe sie vermöge eines allgemeinen
-organischen An- und Auftriebes sozusagen zu festlichem Ausbruch. – Er
-möge erlauben, – festlich? – Allerdings. Ob jener nie bemerkt habe, daß
-der Ausbruch einer Krankheit etwas Festliches habe, eine Art
-Körperlustbarkeit darstelle. – „Gewiß, selbstvers-tändlich“, hastete der
-Onkel mit unbeherrschtem Unterkiefer und teilte dann mit, daß er acht
-Tage bleiben könne, das heiße: eine Woche, sieben Tage also, vielleicht
-auch nur sechs. Da er, wie gesagt, Hans Castorps Aussehen, dank einem
-Kuraufenthalt, der sich ja über alles Erwarten in die Länge gezogen
-habe, hervorragend gut und gekräftigt finde, nehme er an, daß der Neffe
-gleich mit ihm hinunter nach Hause fahren werde.
-
-„Na, na, nur nicht gleich mit dem Kopf durch die Wand“, sagte Hans
-Castorp. Onkel James rede recht wie einer von unten. Er solle sich hier
-bei uns nur erst mal ein bißchen umsehen und einleben, dann werde er
-seine Ideen schon ändern. Es komme auf restlose Heilung an, die
-Restlosigkeit sei das Entscheidende, und ein halbes Jahr habe Behrens
-ihm neulich noch aufgebrummt. Hier redete der Onkel ihn mit „Junge“ an
-und fragte, ob er verrückt sei. „Bist du denn ganz verrückt?“ fragte er.
-Ein Ferienaufenthalt von fünf Vierteljahren sei das nachgerade, und nun
-noch ein halbes! Man habe in des allmächtigen Gottes Namen doch nicht
-soviel Zeit! – Da lachte Hans Castorp ruhig und kurz zu den Sternen
-empor. Ja Zeit! Was nun gerade diese betreffe, die menschliche Zeit, so
-werde James seine mitgebrachten Begriffe zu allererst revidieren müssen,
-bevor er hier oben darüber mitrede. – Er werde in Hansens Interesse
-schon morgen ein ernstes Wörtchen mit dem Herrn Hofrat reden, versprach
-Tienappel. – „Das tu’!“ sagte Hans Castorp. „Er wird dir gefallen. Ein
-interessanter Charakter, forsch und melancholisch zugleich.“ Und dann
-wies er auf die Lichter von Sanatorium Schatzalp hin und erzählte
-beiläufig von den Leichen, die man die Bob-Bahn hinunterbefördere.
-
-Die Herren speisten zusammen im Berghof-Restaurant, nachdem Hans Castorp
-den Gast in Joachims Zimmer eingeführt und ihm Gelegenheit gegeben
-hatte, sich etwas zu erfrischen. Mit H₂CO sei das Zimmer geräuchert
-worden, sagte Hans Castorp, – ebenso gründlich, wie wenn nicht wilde
-Abreise von dort gehalten worden wäre, sondern eine ganz andere, kein
-_exodus_, sondern ein _exitus_. Und da der Onkel sich nach dem Sinn
-erkundigte: „Jargon!“ sagte der Neffe. „Ausdrucksweise!“ sagte er.
-„Joachim ist desertiert, – zur Fahne desertiert, das gibt es auch. Aber
-mach’, damit du noch warmes Essen bekommst!“ Und so saßen sie denn im
-behaglich erwärmten Restaurant einander gegenüber, an erhöhtem Platz.
-Die Zwergin bediente sie hurtig, und James ließ eine Flasche Burgunder
-kommen, die, in einem Körbchen liegend, aufgestellt wurde. Sie stießen
-an und ließen sich von der milden Glut durchrinnen. Der Jüngere sprach
-von dem Leben hier oben im Wandel der Jahreszeiten, von einzelnen
-Erscheinungen des Speisesaals, vom Pneumothorax, dessen Wesen er
-erklärte, indem er den Fall des gutmütigen Ferge heranzog und sich über
-die grasse Natur des Pleura-Choks verbreitete, auch der drei farbigen
-Ohnmachten gedachte, in die Herr Ferge gefallen sein wollte, der
-Geruchshalluzination, die beim Chok eine Rolle gespielt und des
-Gelächters, das er im Abschnappen ausgestoßen. Er bestritt die Kosten
-der Unterhaltung. James aß und trank stark, wie er es gewohnt war und
-mit überdies noch durch Reise und Luftwechsel geschärftem Appetit.
-Dennoch unterbrach er sich zuweilen in der Nahrungsaufnahme, – saß, den
-Mund voller Speisen, die er zu kauen vergaß, Messer und Gabel im
-stumpfen Winkel über dem Teller stillgestellt, und betrachtete Hans
-Castorp unverwandt, scheinbar ohne es zu wissen, auch ohne daß jener
-sich weiter empfindlich dafür gezeigt hätte. Geschwollene Adern
-zeichneten sich an Konsul Tienappels mit dünnem blonden Haar bedeckten
-Schläfen ab.
-
-Von heimatlichen Dingen war nicht die Rede, weder von
-persönlich-familiären, noch städtischen, noch geschäftlichen, noch von
-der Firma Tunder & Wilms, Schiffswerft, Maschinenfabrik und
-Kesselschmiede, die immer noch auf den Eintritt des jungen Praktikanten
-wartete, was aber natürlich so wenig ihre einzige Beschäftigung war, daß
-man sich fragen mochte, ob sie überhaupt noch wartete. James Tienappel
-hatte wohl alle diese Gegenstände während der Wagenfahrt und später
-berührt, aber sie waren zu Boden gefallen und tot liegen geblieben, –
-abgeprallt von Hans Castorps ruhiger, bestimmter und ungekünstelter
-Gleichgültigkeit, einer Art von Unberührbarkeit oder Gefeitheit, die an
-sein Unempfindlichsein gegen die herbstliche Abendkühle, an sein Wort
-„Uns friert nicht“, erinnerte und vielleicht Ursache war, weshalb sein
-Onkel ihn manchmal so unverwandt betrachtete. Auch von der Oberin, den
-Ärzten ging die Unterhaltung, von den Konferenzen Dr. Krokowskis – es
-traf sich, daß James einer davon beiwohnen würde, wenn er acht Tage
-blieb. Wer sagte dem Neffen, daß der Onkel gewillt sei, den Vortrag zu
-besuchen? Niemand. Er nahm es an, setzte es mit so ruhiger Bestimmtheit
-als ausgemacht voraus, daß jenem selbst der Gedanke, er könne etwa nicht
-daran teilnehmen, in unnatürlichem Lichte erscheinen mußte, und daß er
-mit eiligem „Gewiß, selbstvers-tändlich“ jedem Verdachte zuvorzukommen
-suchte, als habe er einen Augenblick Unmögliches geplant. Dies eben war
-die Macht, deren unbestimmte, aber zwingende Empfindung Herrn Tienappel
-unbewußt anhielt, den Vetter zu betrachten, – jetzt übrigens mit offenem
-Munde, denn der Atmungsweg der Nase hatte sich ihm verschlossen,
-obgleich seines Wissens der Konsul keinen Schnupfen hatte. Er hörte
-seinen Verwandten von der Krankheit sprechen, die hier das gemeinsame
-Berufsinteresse aller bildete, und von der Aufnahmelustigkeit für sie;
-von Hans Castorps eigenem bescheidenen, aber langwierigen Fall, dem
-Reiz, den die Bazillen auf die Gewebszellen der Luftröhrenverästelungen
-und der Lungenbläschen ausübten, der Tuberkelbildung und Erzeugung
-löslicher Beschwipsungsgifte, dem Zellenzerfall und Verkäsungsprozeß,
-von dem dann die Frage sei, ob er durch kalkige Petrifizierung und
-bindegewebige Vernarbung zu heilsamem Stillstand gelange oder zu
-größeren Erweichungsherden sich fortbilde, umsichgreifende Löcher fresse
-und das Organ zerstöre. Er hörte von der wild beschleunigten,
-galoppierenden Form dieses Vorganges, die in ein paar Monaten schon, ja
-in Wochen zum Exitus führe, hörte von Pneumotomie, des Hofrats
-meisterlich geübtem Handwerk, von Lungenresektion, wie sie morgen oder
-demnächst bei einer neueingetroffenen Schweren, einer ursprünglich
-reizenden Schottin, vorgenommen werden sollte, die von _Gangraena
-pulmonum_, vom Lungenbrande ergriffen worden sei, so daß eine
-schwärzlich-grüne Verpestung in ihr walte und sie den ganzen Tag
-zerstäubte Karbolsäurelösung einatme, um nicht aus Ekel vor sich selber
-den Verstand zu verlieren: – und plötzlich geschah es dem Konsul, völlig
-unerwartet für ihn selbst und zu seiner größten Beschämung, daß er
-herausplatzte. Prustend lachte er los, besann und beherrschte sich
-freilich sofort mit Schrecken, hustete und suchte das sinnlos Geschehene
-auf alle Weise zu vertuschen, – wobei er übrigens zu seiner Beruhigung,
-die aber neue Beunruhigung in sich trug, wahrnahm, daß Hans Castorp sich
-um den Unfall, der ihm unmöglich entgangen sein konnte, gar nicht
-kümmerte, vielmehr mit einer Achtlosigkeit darüber hinwegging, die sich
-nicht etwa als Takt, Rücksicht, Höflichkeit, sondern als reine
-Gleichgültigkeit und Unberührbarkeit, als eine Duldsamkeit unheimlichen
-Grades kennzeichnete, wie wenn er es längst verlernt hätte, sich durch
-solche Vorkommnisse befremdet zu fühlen. Sei es aber, daß der Konsul
-seinem Heiterkeitsausbruch nachträglich ein Mäntelchen von Vernunft und
-Sinn umzuhängen wünschte oder in welchem Zusammenhange sonst, –
-plötzlich brach er ein Männer- und Klubgespräch vom Zaun, fing mit
-hochgeschwollenen Kopfadern an, von einer sogenannten „Chansonette“,
-einer Bänkelsängerin zu reden, einem ganz tollen Weibsstück, das zurzeit
-in St. Pauli ihr Wesen treibe und mit ihren temperamentgeladenen Reizen,
-die er dem Vetter schilderte, die Herrenwelt der Heimatrepublik in Atem
-halte. Seine Zunge lallte etwas bei diesen Erzählungen, doch brauchte er
-sich davon nicht anfechten zu lassen, da sich die nicht zu befremdende
-Duldsamkeit seines Gegenübers offenbar auch auf diese Erscheinung
-erstreckte. Immerhin wurde ihm die übermächtige Reisemüdigkeit, deren
-Opfer er war, allmählich so deutlich, daß er schon gegen halb 11 Uhr die
-Beendigung des Beisammenseins befürwortete und es innerlich wenig
-begrüßte, daß es in der Halle noch zu einer Begegnung mit dem mehrfach
-erwähnten Dr. Krokowski kam, der zeitunglesend an der Tür eines Salons
-gesessen hatte, und mit dem sein Neffe ihn bekannt machte. Auf die
-stämmig-heitere Anrede des Doktors wußte er fast nichts anderes mehr als
-„Gewiß, selbstvers-tändlich“, zu erwidern und war froh, als sein Neffe
-sich mit der Ankündigung, er werde ihn morgen um 8 Uhr zum Frühstück
-abholen, auf dem Balkonwege aus Joachims desinfiziertem Zimmer in sein
-eigenes begeben hatte und er mit der gewohnten Gute-Nacht-Zigarette sich
-ins Bett des Fahnenflüchtlings fallen lassen konnte. Um ein Haar hätte
-er Feuersbrunst gestiftet, da er zweimal, das glimmende Räucherwerk
-zwischen den Lippen, in Schlaf verfiel.
-
-James Tienappel, den Hans Castorp abwechselnd „Onkel James“ und einfach
-nur „James“ anredete, war ein langbeiniger Herr von gegen Vierzig,
-gekleidet in englische Stoffe und blütenhafte Wäsche, mit
-kanariengelbem, gelichtetem Haar, nahe beisammenliegenden blauen Augen,
-einem strohigen, gestutzten, halb wegrasierten Schnurrbärtchen und
-bestens gepflegten Händen. Gatte und Vater seit einigen Jahren, ohne
-darum genötigt gewesen zu sein, die geräumige Villa des alten Konsuls am
-Harvestehuder Weg zu verlassen, – vermählt mit einer Angehörigen seines
-Gesellschaftskreises, die ebenso zivilisiert und fein, von ebenso
-leiser, rascher und spitzig-höflicher Sprechweise war wie er selbst, gab
-er zu Hause einen sehr energischen, umsichtigen und bei aller Eleganz
-kalt sachlichen Geschäftsmann ab, nahm aber in fremdem Sittenbereich,
-auf Reisen, etwa im Süden des Landes, ein gewisses überstürztes
-Entgegenkommen in sein Wesen auf, eine höflich eilfertige
-Bereitwilligkeit zur Selbstverleugnung, in der sich nichts weniger als
-eine Unsicherheit der eigenen Kultur, sondern im Gegenteil das
-Bewußtsein ihrer starken Geschlossenheit bekundete, nebst dem Wunsche,
-seine aristokratische Bedingtheit zu korrigieren und selbst inmitten von
-Lebensformen, die er unglaublich fand, nichts von Befremdung merken zu
-lassen. „Natürlich, gewiß, selbstvers-tändlich!“ beeilte er sich zu
-sagen, damit niemand denke, er sei zwar fein, aber beschränkt. Hierher
-gekommen nun freilich in einer bestimmten sachlichen Sendung, nämlich
-mit dem Auftrage und der Absicht, energisch nach dem Rechten zu sehen,
-den säumigen jungen Verwandten, wie er sich innerlich ausdrückte,
-„loszueisen“ und daheim wieder einzuliefern, war er sich doch wohl
-bewußt, auf fremdem Boden zu operieren, – schon im ersten Augenblicke
-empfindlich von der Ahnung berührt, daß eine Welt und Sittensphäre ihn
-als Gast aufgenommen habe, die an geschlossener Selbstsicherheit seiner
-eigenen nicht nur nicht nachstand, sondern sie sogar noch darin
-übertraf, so daß seine Geschäftsenergie sofort in Zwiespalt mit seiner
-Wohlerzogenheit geriet und zwar in einen sehr schweren; denn die
-Selbstgewißheit der Wirtssphäre erwies sich als wahrhaft erdrückend.
-
-Dies eben hatte Hans Castorp vorausgesehen, als er des Konsuls Telegramm
-innerlich mit gelassenem „Bitte sehr!“ beantwortet hatte; aber man muß
-nicht denken, daß er bewußt die Charakterstärke der Umwelt gegen seinen
-Onkel ausgenutzt hätte. Dazu war er längst zu sehr ein Teil von ihr, und
-nicht er bediente sich ihrer gegen den Angreifer, sondern umgekehrt, so
-daß alles sich in sachlicher Einfalt vollzog, von dem Augenblick an, wo
-eine erste Ahnung der Aussichtslosigkeit seines Unternehmens den Konsul
-von seines Neffen Person her unbestimmt angeweht hatte, bis zum Ende und
-Ausgang, das mit einem melancholischen Lächeln zu begleiten Hans Castorp
-denn freilich doch nicht umhin konnte.
-
-Am ersten Morgen nach dem Frühstück, bei welchem der Eingesessene den
-Hospitanten mit der Korona der Tischgenossenschaft bekannt gemacht
-hatte, erfuhr Tienappel von Hofrat Behrens, der lang und bunt, gefolgt
-von dem schwarzbleichen Assistenten, in den Saal gerudert kam, um mit
-seiner rhetorischen Morgenfrage „Fein geschlafen?“ flüchtig darin
-herumzustreichen, – erfuhr er, sagen wir, vom Hofrate nicht nur, daß es
-eine glanzvolle Bieridee von ihm gewesen sei, dem vereinsamten Neveu
-hier oben ein bißchen Gesellschaft zu leisten, sondern daß er auch im
-ureigensten Interesse sehr recht daran tue, da er ja offenbar total
-anämisch sei. – Anämisch, er, Tienappel? – Na, und ob! sagte Behrens und
-zog ihm mit dem Zeigefinger ein unteres Augenlid herunter. Hochgradig!
-sagte er. Der Herr Onkel werde direkt schlau handeln, wenn er es sich
-für ein paar Wochen hier auf seinem Balkon der Länge nach bequem mache
-und überhaupt in allen Stücken dem Vorbilde seines Neffen nachstrebe. In
-seinem Zustande könne man gar nichts Aufgeweckteres tun, als mal eine
-Weile so zu leben, wie bei leichter _tuberculosis pulmonum_, die
-übrigens immer vorhanden sei. – „Gewiß, selbstvers-tändlich!“ sagte der
-Konsul rasch und blickte dem hochnackig Davonrudernden noch eine Weile
-eifrig-höflich geöffneten Mundes nach, während sein Neffe gelassen und
-abgebrüht neben ihm stand. Dann traten sie den Lustwandel zur Bank an
-der Wasserrinne an, der das Gegebene war, und danach hielt James
-Tienappel seine erste Liegestunde, angeleitet von Hans Castorp, der ihm
-zum mitgebrachten Plaid die eine seiner Kameldecken lieh – er selbst
-hatte in Anbetracht des schönen Herbstwetters an einer reichlich genug –
-und ihn in der überlieferten Kunst des Sicheinwickelns Griff für Griff
-getreulich unterwies, – ja, er löste, nachdem er den Konsul schon zur
-Mumie gerundet und geglättet, alles noch einmal auf, um ihn auf eigene
-Hand und nur unter verbessernd einspringender Beihilfe die feststehende
-Prozedur wiederholen zu lassen, und lehrte ihn, den Leinenschirm am
-Stuhl zu befestigen und gegen die Sonne zu richten.
-
-Der Konsul witzelte. Noch war der Geist des Flachlandes stark in ihm,
-und er machte sich lustig über das, was er da erlernte, wie er sich
-schon über den abgemessenen Lustwandel nach dem Frühstück lustig gemacht
-hatte. Aber als er das ruhig verständnislose Lächeln sah, mit dem der
-Neffe seinen Scherzen begegnete und worin die ganze geschlossene
-Selbstgewißheit der Sittensphäre sich malte, da wurde ihm angst, er
-fürchtete für seine Geschäftsenergie und beschloß hastig, das
-entscheidende Gespräch mit dem Hofrat in Sachen seines Neffen sofort,
-baldmöglichst, schon diesen Nachmittag herbeizuführen, solange er noch
-Eigengeist, Kräfte von unten zuzusetzen hatte; denn er fühlte, daß diese
-schwanden, daß der Geist des Ortes mit seiner Wohlerzogenheit einen
-gefährlichen Feindesbund gegen sie bildete.
-
-Ferner fühlte er, daß ganz unnötigerweise der Hofrat ihm empfohlen
-hatte, hier oben seiner Anämie wegen sich den Gebräuchen der Kranken
-anzuschließen: das ergab sich von selbst, es bestand, wie es schien, gar
-keine andere Denkbarkeit, und wie weit, vermöge Hans Castorps Ruhe und
-unberührbarer Selbstsicherheit, dies eben nur so schien, wie weit in der
-Tat und unbedingt genommen nichts anderes möglich und denkbar war, das
-war für einen wohlerzogenen Menschen von Anfang an nicht zu
-unterscheiden. Nichts konnte einleuchtender sein, als daß nach der
-ersten Liegekur das ausgiebige zweite Frühstück erfolgte, aus welchem
-der Lustwandel nach „Platz“ hinunter überzeugend sich ergab, – und
-danach wickelte Hans Castorp seinen Onkel wieder ein. Er wickelte ihn
-ein, das war das Wort. Und in der Herbstsonne, auf einem Stuhl, dessen
-Bequemlichkeit völlig unbestreitbar, ja höchst rühmenswert war, ließ er
-ihn liegen, wie er selber lag, bis der erschütternde Gong zu einem
-Mittagessen im Kreise der Patientenschaft rief, das sich als
-erstklassig, tip-top und dermaßen ausgiebig erwies, daß der sich
-anschließende General-Liegedienst mehr als äußerer Brauch, daß er innere
-Notwendigkeit war und aus persönlichster Überzeugung geübt wurde. So
-ging es fort bis zum gewaltigen Souper und zur Abendgeselligkeit im
-Salon mit den optischen Scherzinstrumenten, – es gab gegen eine
-Tagesordnung, die sich mit so milder Selbstverständlichkeit aufdrängte,
-ganz einfach nichts zu erinnern, und auch dann hätte sie keine
-Gelegenheit zu Einwänden geboten, wenn nicht des Konsuls kritische
-Fähigkeiten durch ein Befinden herabgesetzt gewesen wären, das er nicht
-geradezu Übelbefinden nennen wollte, das sich aber aus Müdigkeit und
-Aufregung bei gleichzeitigen Hitze- und Frostgefühlen lästig
-zusammensetzte.
-
-Zur Herbeiführung der unruhig erwünschten Unterredung mit Hofrat Behrens
-war der Dienstweg beschritten worden: Hans Castorp hatte beim
-Bademeister den Antrag gestellt und dieser ihn der Oberin weitergegeben,
-deren eigentümliche Bekanntschaft Konsul Tienappel bei dieser
-Gelegenheit machte, dergestalt, daß sie auf seinem Balkon erschien, wo
-sie ihn liegend fand und durch fremdartige Sitten die Wohlerzogenheit
-des hilflos walzenförmig Gewickelten stark in Anspruch nahm. Das geehrte
-Menschenskind, erfuhr er, möge sich gefälligst ein paar Tage gedulden,
-der Hofrat sei besetzt, Operationen, Generaluntersuchungen, die leidende
-Menschheit gehe vor, nach christlichen Grundsätzen, und da er ja
-angeblich gesund sei, so müsse er sich schon daran gewöhnen, daß er hier
-nicht Nummer Eins sei, sondern zurückstehen und warten müsse. Etwas
-anderes, wenn er etwa eine Untersuchung beantragen wolle, – worüber sie,
-Adriatica, sich weiter nicht wundern würde, er solle sie doch mal
-ansehen, so, Auge in Auge, die seinen seien etwas trübe und flackernd,
-und wie er da so vor ihr liege, sehe es alles in allem nicht viel anders
-aus, als ob auch mit ihm nicht alles so ganz in Ordnung sei, nicht so
-ganz _sauber_, er solle sie recht verstehen, – und ob es sich nun bei
-seinem Antrage um eine Untersuchung oder um eine Privatunterhaltung
-handle. – Um letzteres, selbstvers-tändlich, um eine Privatunterhaltung!
-versicherte der Liegende. – Dann möge er warten, bis er Bescheid
-bekomme. Zu Privatunterhaltungen habe der Hofrat selten Zeit.
-
-Kurz, alles ging anders, als James es sich gedacht hatte, und das
-Gespräch mit der Oberin hatte seinem Gleichgewicht einen nachhaltigen
-Stoß versetzt. Zu zivilisiert, um dem Neffen, dessen Einigkeit mit den
-Erscheinungen hier oben aus seiner unberührbaren Ruhe deutlich
-hervorging, unhöflicherweise zu sagen, wie abschreckend ihm das
-Frauenzimmer dünkte, klopfte er nur vorsichtig mit der Erkundigung bei
-ihm an, die Oberin sei wohl eine recht originelle Dame, – was Hans
-Castorp, nachdem er flüchtig prüfend in die Luft geblickt, ihm halbwegs
-zugab, indem er die Frage zurückgab, ob die Mylendonk ihm ein
-Thermometer verkauft habe. – „Nein, mir? Ist das ihre Branche?“
-entgegnete der Onkel ... Aber das Schlimme war, wie deutlich aus seines
-Neffen Miene hervorging, daß er sich auch dann nicht gewundert haben
-würde, wenn geschehen wäre, wonach er fragte. „Uns friert nicht“, stand
-in dieser Miene geschrieben. Den Konsul aber fror, ihn fror andauernd
-bei heißem Kopfe, und er überlegte, daß, wenn die Oberin ihm tatsächlich
-ein Thermometer angeboten hätte, er es gewiß zurückgewiesen haben würde,
-daß dies aber am Ende nicht richtig gewesen wäre, da man ein fremdes,
-zum Beispiel das des Neffen, zivilisierterweise nicht benutzen konnte.
-
-So vergingen einige Tage, vier oder fünf. Das Leben des Sendboten lief
-auf Schienen, – auf denen, die ihm gelegt waren, und daß es außerhalb
-ihrer laufen könne, schien keine Denkbarkeit. Der Konsul hatte seine
-Erlebnisse, gewann seine Eindrücke, – wir wollen ihn nicht weiter dabei
-belauschen. Er hob eines Tages in Hans Castorps Zimmer ein schwarzes
-Glasplättchen auf, das unter anderem kleinen Privatbesitz, womit der
-Inhaber sein reinliches Heim geschmückt, gestützt von einer geschnitzten
-Miniaturstaffelei, auf der Kommode stand und sich, gegen das Licht
-erhoben, als photographisches Negativ erwies. „Was ist denn das?“ fragte
-der Onkel betrachtend ... Er mochte wohl fragen! Das Porträt war ohne
-Kopf, es war das Skelett eines menschlichen Oberkörpers in nebelhafter
-Fleischeshülle, – ein weiblicher Torso übrigens, wie sich erkennen ließ.
-„Das? Ein Souvenir“, antwortete Hans Castorp. Worauf der Onkel „Pardon!“
-sagte, das Bildnis auf die Staffelei zurückstellte und sich rasch davon
-entfernte. Dies nur als Beispiel für seine Erlebnisse und Eindrücke in
-diesen vier oder fünf Tagen. Auch an einer _Conférence_ des Dr.
-Krokowski nahm er teil, da es undenkbar war, sich davon auszuschließen.
-Und was die erstrebte Privatunterhaltung mit Hofrat Behrens betraf, so
-bekam er am sechsten Tage seinen Willen. Er wurde bestellt und stieg
-nach dem Frühstück, entschlossen, ein ernstes Wort mit dem Manne wegen
-seines Neffen und dessen Zeitverbrauchs zu reden, ins Souterrain hinab.
-
-Als er wieder heraufkam, fragte er mit verminderter Stimme:
-
-„Hast du so etwas schon gehört?!“
-
-Aber es war klar, daß Hans Castorp bestimmt auch so etwas schon gehört
-haben, daß ihn auch dabei nicht frieren werde, und so brach er ab und
-antwortete auf des Neffen wenig gespannte Gegenerkundigung nur: „Nichts,
-nichts“, zeigte aber von Stund an eine neue Gewohnheit: nämlich mit
-zusammengezogenen Brauen und gespitzten Lippen irgendwohin schräg
-aufwärts zu spähen, dann in heftiger Wendung den Kopf herumzuwerfen und
-den beschriebenen Blick in die entgegengesetzte Richtung zu lenken ...
-War auch die Unterredung mit Behrens anders verlaufen, als der Konsul
-gedacht hatte? War auf die Dauer nicht nur von Hans Castorp, sondern
-auch von ihm selbst, James Tienappel, die Rede gewesen, so, daß dem
-Gespräch der Charakter als Privatunterhaltung verloren gegangen war?
-Sein Benehmen ließ darauf schließen. Der Konsul zeigte sich stark
-aufgeräumt, plauderte viel, lachte grundlos und stieß den Neffen mit der
-Faust in die Weiche, indem er ausrief: „Hallo, alter Bursche!“
-Zwischendurch hatte er jenen Blick, dahin und dann plötzlich dorthin.
-Aber seine Augen gingen auch bestimmtere Wege, bei Tische wie auf den
-Dienstwegen und bei der Abendgeselligkeit.
-
-Der Konsul hatte einer gewissen Frau Redisch, Gattin eines polnischen
-Industriellen, die am Tische der zur Zeit abwesenden Frau Salomon und
-des gefräßigen Schülers mit der Rundbrille saß, anfangs keine besondere
-Beachtung geschenkt; und in der Tat war sie nur eine Liegehallendame wie
-eine andere, übrigens eine untersetzte und füllige Brünette, nicht mehr
-die Jüngste, schon etwas angegraut, aber mit zierlichem Doppelkinn und
-lebhaften braunen Augen. Kein Gedanke daran, daß sie sich im Punkte der
-Zivilisation mit Frau Konsul Tienappel drunten im Flachlande hätte
-messen können. Allein am Sonntag Abend, nach dem Souper, in der Halle,
-hatte der Konsul, dank einem dekolletierten schwarzen Paillettenkleid,
-das sie trug, die Entdeckung gemacht, daß Frau Redisch Brüste besaß,
-mattweiße, stark zusammengepreßte Weibesbrüste, deren Teilung ziemlich
-weit sichtbar gewesen war, und diese Entdeckung hatte den reifen und
-feinen Mann bis in den Grund seiner Seele erschüttert und begeistert,
-so, als habe es eine völlig neue, ungeahnte und unerhörte Bewandtnis
-damit. Er suchte und machte Frau Redischs Bekanntschaft, unterhielt sich
-lange mit ihr, zuerst im Stehen, dann im Sitzen, und ging singend
-schlafen. Am nächsten Tage trug Frau Redisch kein schwarzes
-Paillettenkleid mehr, sondern war verhüllt; aber der Konsul wußte, was
-er wußte und blieb seinen Eindrücken treu. Er suchte die Dame auf den
-Dienstwegen abzufangen, um sich plaudernd, auf eine besondere,
-angelegentliche und charmante Art ihr zugewandt und zugeneigt, neben ihr
-zu bewegen, trank ihr bei Tische zu, was sie erwiderte, indem sie
-lächelnd die Goldkapseln blitzen ließ, mit denen mehrere ihrer Zähne
-überkleidet waren, und erklärte sie im Gespräch mit seinem Neffen
-geradezu für ein „göttliches Weib“, – worauf er wieder zu singen begann.
-Dies alles ließ Hans Castorp sich in ruhiger Duldsamkeit gefallen, mit
-einer Miene, als müsse es so sein. Aber die Autorität des älteren
-Verwandten konnte es wenig stärken, und mit des Konsuls Sendung stimmte
-es schlecht überein.
-
-Die Mahlzeit, bei der er Frau Redisch mit erhobenem Glase grüßte, und
-zwar zweimal: beim Fischragout und später beim Sorbett, war dieselbe,
-die Hofrat Behrens am Tische Hans Castorps und seines Gastes einnahm, –
-er hospitierte ja immer reihum an jedem der sieben, und überall war das
-Gedeck an der oberen Schmalseite ihm vorbehalten. Die riesigen Hände vor
-seinem Teller gefaltet, saß er mit seinem geschürzten Bärtchen zwischen
-Herrn Wehsal und dem mexikanischen Buckligen, mit dem er spanisch sprach
-– denn er beherrschte alle Sprachen, auch Türkisch und Ungarisch, – und
-sah mit blau quellenden, rot unterlaufenen Augen zu, wie Konsul
-Tienappel Frau Redisch drüben mit seinem Bordeauxglase salutierte.
-Später im Laufe des Essens hielt der Hofrat einen kleinen Vortrag,
-angefeuert dazu durch James, der ihm über die ganze Länge des Tisches
-hin aus dem Stegreif die Frage vorlegte, wie es sei, wenn der Mensch
-verwese. Der Hofrat habe doch das Körperliche studiert, der Körper sei
-ganz ausgesprochen seine Branche, er sei sozusagen eine Art Körperfürst,
-wenn man sich so ausdrücken dürfe, und nun solle er mal erzählen, wie es
-so zugehe, wenn der Körper sich auflöse!
-
-„Vor allen Dingen platzt Ihnen der Bauch“, versetzte der Hofrat, bei
-aufgelegten Ellbogen über seine gefalteten Hände gebeugt. „Sie liegen da
-auf Ihren Hobelspänen und Ihrem Sägemehl, und die Gase, verstehen Sie,
-treiben Sie auf, sie blähen Sie mächtig, so wie böse Bengels es mit
-Fröschen machen, denen sie Luft einblasen – der reine Ballon sind Sie
-schließlich, und dann hält Ihre Bauchdecke die Hochspannung nicht mehr
-aus und platzt. Pardautz, Sie erleichtern sich merklich, Sie machen es
-wie Judas Ischarioth, als er vom Aste fiel, Sie schütten sich aus. Tja,
-und danach sind Sie eigentlich wieder gesellschaftsfähig. Wenn Sie
-Urlaub bekämen, so könnten Sie Ihre Hinterbliebenen besuchen, ohne
-weiter Anstoß zu erregen. Man nennt das ausgestunken haben. Begibt man
-sich danach an die Luft, so wird man noch wieder ein ganz feiner Kerl,
-wie die Bürger von Palermo, die in den Kellergängen der Kapuziner vor
-Porta Nuova hängen. Trocken und elegant hängen sie da und genießen die
-allgemeine Achtung. Es kommt nur darauf an, ausgestunken zu haben.“
-
-„Selbstvers-tändlich!“ sagte der Konsul. „Ich danke verbindlichst!“ Und
-am nächsten Morgen war er verschwunden.
-
-Er war weg, verreist, mit dem allerfrühesten Züglein in die Ebene
-hinunter – natürlich nicht ohne seine Angelegenheiten geordnet zu haben:
-wer käme auf andere Gedanken! Er hatte seine Rechnung bereinigt, für
-eine stattgehabte Untersuchung das Honorar erlegt, hatte in aller
-Stille, ohne seinem Verwandten ein Sterbenswörtchen zu sagen, seine
-beiden Handkoffer in Bereitschaft gesetzt – wahrscheinlich war das
-abends oder gegen Morgen zu noch nachtschlafener Zeit geschehen – und
-als Hans Castorp um die Stunde des ersten Frühstücks das Zimmer des
-Onkels betrat, fand er es geräumt.
-
-Mit eingestemmten Armen stand er und sagte „So, so“. Hier war es, daß
-ein melancholisches Lächeln sich in seinen Zügen hervorbildete. „Ach
-so“, sagte er und nickte. Da hatte einer Fersengeld gegeben. Hals über
-Kopf, in stummer Eile, als müsse er die Entschlußkraft eines Augenblicks
-wahrnehmen und dürfe beileibe diesen Augenblick nicht verpassen, hatte
-er seine Sachen in die Koffer geworfen und war davon: allein, nicht zu
-zweien, nicht nach Erfüllung seiner ehrenhaften Sendung, aber heilfroh,
-auch nur allein davonzukommen, der Biedermann und Flüchtling zur
-Flachlandsfahne, Onkel James. Na, glückliche Reise!
-
-Hans Castorp ließ niemanden merken, daß er von dem bevorstehenden
-Aufbruch des Verwandtenbesuches nichts gewußt hatte, besonders den
-Hinkenden nicht, der den Konsul zum Bahnhof begleitet. Er bekam eine
-Karte vom Bodensee, des Inhaltes, James habe ein Telegramm erhalten, das
-ihn per sofort geschäftlich in die Ebene berufen habe. Er habe den
-Neffen nicht stören wollen. – Eine Formlüge. – „Angenehmen Aufenthalt
-auch weiterhin!“ – War das Spott? Dann war es ein recht erkünstelter
-Spott, fand Hans Castorp, denn dem Onkel war bestimmt nicht nach Spott
-und Spaß zu Sinn gewesen, als er sich in die Abreise gestürzt hatte,
-sondern er hatte wahrgenommen, innerlich und vorstellungsweise mit
-blassem Entsetzen wahrgenommen, daß, wenn er jetzt, nach achttägigem
-Aufenthalte hier oben, ins Flachland zurückkehrte, es ihm eine gute
-Weile dort unten völlig falsch, unnatürlich und unerlaubt scheinen
-werde, nach dem Frühstück keinen dienstlichen Lustwandel anzutreten und
-sich dann nicht, auf rituelle Art in Decken gewickelt, wagerecht ins
-Freie zu legen, sondern statt dessen sein Kontor aufzusuchen. Und diese
-erschreckende Wahrnehmung war der unmittelbare Grund seiner Flucht
-gewesen.
-
-So endete der Versuch des Flachlandes, den außengebliebenen Hans Castorp
-wieder einzuholen. Der junge Mann machte sich kein Hehl daraus, daß der
-vollkommene Fehlschlag, den er vorhergesehen, für sein Verhältnis zu
-denen dort unten von entscheidender Bedeutung war. Er bedeutete für das
-Flachland achselzuckend-endgültigen Verzicht, für ihn aber die
-vollendete Freiheit, vor welcher sein Herz nachgerade nicht mehr
-erbebte.
-
-
- _Operationes spirituales_
-
-Leo Naphta stammte aus einem kleinen Ort in der Nähe der
-galizisch-wolhynischen Grenze. Sein Vater, von dem er mit Achtung
-sprach, offenbar in dem Gefühl, seiner ursprünglichen Welt nachgerade
-weit genug entwachsen zu sein, um wohlwollend darüber urteilen zu
-können, war dort _schochet_, Schächter, gewesen – und wie sehr hatte
-dieser Beruf sich von dem des christlichen Fleischers unterschieden, der
-Handwerker und Geschäftsmann war. Nicht ebenso Leos Vater. Er war
-Amtsperson und zwar eine solche geistlicher Art. Vom Rabbiner geprüft in
-seiner frommen Fertigkeit, von ihm bevollmächtigt, schlachtbares Vieh
-nach dem Gesetze Mosis, gemäß den Vorschriften des Talmud zu töten,
-hatte Elia Naphta, dessen blaue Augen nach des Sohnes Schilderung einen
-Sternenschein ausgestrahlt hatten, von stiller Geistigkeit erfüllt
-gewesen waren, selbst etwas Priesterliches in sein Wesen aufgenommen,
-eine Feierlichkeit, die daran erinnert hatte, daß in Urzeiten das Töten
-von Schlachttieren in der Tat eine Sache der Priester gewesen war. Wenn
-Leo, oder Leib, wie er in seiner Kindheit genannt worden war, hatte
-zusehen dürfen, wie der Vater auf seinem Hof mit Hilfe eines gewaltigen
-Knechtes, eines jungen Mannes von athletischem jüdischen Schlage, neben
-dem der schmächtige Elia mit seinem blonden Rundbart noch zierlicher und
-zarter erschien, seines rituellen Amtes waltete, wie er gegen das
-gefesselte und geknebelte, aber nicht betäubte Tier das große
-Schachotmesser schwang und es zu tiefem Schnitt in die Gegend des
-Halswirbels traf, während der Knecht das hervorbrechende, dampfende Blut
-in rasch sich füllenden Schüsseln auffing, hatte er dies Schauspiel mit
-jenem Kinderblick aufgenommen, der durch das Sinnliche ins Wesentliche
-dringt und dem Sohn des sternäugigen Elia in besonderem Maße zu eigen
-gewesen sein mochte. Er wußte, daß die christlichen Fleischer gehalten
-waren, ihre Tiere mit dem Schlag einer Keule oder eines Beiles bewußtlos
-zu machen, bevor sie sie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben
-war, damit Tierquälerei und Grausamkeit vermieden werde; während sein
-Vater, obgleich so viel zarter und weiser, als jene Lümmel, dazu
-sternenäugig, wie keiner von ihnen, nach dem Gesetz handelte, indem er
-der Kreatur bei unbetäubten Sinnen den Schlachtschnitt versetzte und sie
-so sich ausbluten ließ, bis sie hinsank. Der Knabe Leib empfand, daß die
-Methode jener plumpen Gojim von einer läßlichen und profanen
-Gutmütigkeit bestimmt war, mit der dem Heiligen nicht die gleiche Ehre
-erwiesen wurde wie mit der feierlichen Mitleidslosigkeit im Brauche des
-Vaters, und die Vorstellung der Frömmigkeit verband sich ihm so mit der
-der Grausamkeit, wie sich in seiner Phantasie der Anblick und Geruch
-sprudelnden Blutes mit der Idee des Heiligen und Geistigen verband. Denn
-er sah wohl, daß der Vater sein blutiges Handwerk nicht aus dem brutalen
-Geschmack, den leibesstarke Christenburschen oder auch sein eigener
-jüdischer Knecht daran finden mochten, erwählt hatte, sondern
-geistigerweise und, bei zarter Leibesbeschaffenheit, im Sinn seiner
-Sternenaugen.
-
-Wirklich war Elia Naphta ein Grübler und Sinnierer gewesen, ein
-Erforscher der Thora nicht nur, sondern auch ein Kritiker der Schrift,
-der mit dem Rabbiner über ihre Sätze disputierte und nicht selten in
-Streit mit ihm geriet. In der Gegend, und zwar nicht nur bei seinen
-Glaubensgenossen, hatte er für etwas Besonderes gegolten, für einen, der
-mehr wußte, als andere – frommerweise zum Teil, zum anderen aber auch
-auf eine Art, die nicht ganz geheuer sein mochte und jedenfalls nicht in
-der gewöhnlichen Ordnung war. Etwas sektiererisch Unregelmäßiges haftete
-ihm an, etwas von einem Gottesvertrauten, Baal-Schem oder Zaddik, das
-ist Wundermann, zumal er in der Tat einmal ein Weib von bösem
-Ausschlage, ein andermal einen Knaben von Krämpfen geheilt hatte und
-zwar mit Blut und Sprüchen. Aber eben dieser Nimbus einer irgendwie
-gewagten Frömmigkeit, bei welchem der Blutgeruch seines Gewerbes eine
-Rolle spielte, war sein Verderben geworden. Denn bei Gelegenheit einer
-Volksbewegung und Wutpanik, hervorgerufen durch den unaufgeklärten Tod
-zweier Christenkinder, war Elia auf schreckliche Weise ums Leben
-gekommen: mit Nägeln gekreuzigt, hatte man ihn an der Tür seines
-brennenden Hauses hängend gefunden, worauf sein Weib, obgleich
-schwindsüchtig und bettlägerig, mit ihren Kindern, dem Knaben Leib und
-seinen vier Geschwistern, sämtlich mit erhobenen Armen schreiend und
-wehklagend, landflüchtig geworden war.
-
-Nicht ganz und gar mittellos, dank Elias Vorsorge, war die geschlagene
-Familie in einem Städtchen des Vorarlbergs zur Ruhe gekommen, wo Frau
-Naphta in einer Baumwollspinnerei Arbeit gefunden hatte, der sie
-nachging, soweit und solange ihre Kräfte es ihr erlaubten, während die
-größeren Kinder die Volksschule besuchten. Wenn aber die geistigen
-Darreichungen dieser Anstalt der Verfassung und den Bedürfnissen von
-Leos Geschwistern hatten genügen mögen, so war, was ihn selbst, den
-Ältesten betraf, dies bei weitem nicht der Fall gewesen. Von der Mutter
-hatte er den Keim der Brustkrankheit, vom Vater aber, außer der
-Zierlichkeit der Gestalt, einen außerordentlichen Verstand geerbt,
-Geistesgaben, die sich früh mit hoffärtigen Instinkten, höherem Ehrgeiz,
-bohrender Sehnsucht nach vornehmeren Daseinsformen verbanden und ihn
-über die Sphäre seiner Herkunft leidenschaftlich hinausstreben ließen.
-Neben der Schule hatte der Vierzehn- und Fünfzehnjährige durch Bücher,
-die er sich zu verschaffen gewußt, seinen Geist auf regellose und
-ungeduldige Weise fortgebildet, seinem Verstand Nährstoff zugeführt. Er
-dachte und äußerte Dinge, die seine hinkränkelnde Mutter veranlaßten,
-den Kopf schief zwischen die Schultern zu ziehen und beide abgezehrten
-Hände emporzuspreizen. Durch sein Wesen, seine Antworten fesselte er im
-Religionsunterricht die Aufmerksamkeit des Kreisrabbiners, eines frommen
-und gelehrten Menschen, der ihn zu seinem Privatschüler machte und
-seinen formalen Trieb mit hebräischem und klassischem Sprachunterricht,
-seinen logischen mit mathematischer Anleitung sättigte. Dafür aber hatte
-der gute Mann recht schlimmen Dank geerntet; es stellte sich je länger
-je mehr heraus, daß er eine Schlange an seinem Busen genährt hatte. Wie
-einst zwischen Elia Naphta und seinem Rabbi, so ging es nun hier: man
-vertrug sich nicht, es kam zwischen Lehrer und Schüler zu religiösen und
-philosophischen Reibereien, die sich immer verschärften, und der
-redliche Schriftgelehrte hatte unter der geistigen Aufsässigkeit, der
-Krittel- und Zweifelsucht, dem Widerspruchsgeist, der schneidenden
-Dialektik des jungen Leo das Erdenklichste zu leiden. Hinzu kam, daß
-Leos Spitzfindigkeit und geistiges Wühlertum neuestens ein
-revolutionäres Gepräge angenommen hatten: die Bekanntschaft mit dem Sohn
-eines sozialdemokratischen Reichsratsmitgliedes und mit diesem
-Massenhelden selbst hatte seinen Geist auf politische Pfade gelenkt,
-seiner logischen Leidenschaft eine gesellschaftskritische Richtung
-gegeben; er führte Reden, die dem guten Talmudisten, dem die eigene
-Loyalität teuer war, die Haare zu Berge steigen ließen und dem
-Einvernehmen zwischen Lehrer und Schüler den Rest gaben. Kurz, es war
-dahin gekommen, daß Naphta von dem Meister verstoßen, auf immer seines
-Studierzimmers verwiesen worden war, und zwar gerade um die Zeit, als
-seine Mutter, Rahel Naphta, im Sterben lag.
-
-Damals aber auch, unmittelbar nach dem Verscheiden der Mutter, hatte Leo
-die Bekanntschaft des Paters Unterpertinger gemacht. Der Sechzehnjährige
-saß einsam auf einer Bank in den Parkanlagen des sogenannten
-Margaretenkopfes, einer Anhöhe westlich des Städtchens, am Ufer der Ill,
-von wo man einen weiten und heiteren Ausblick über das Rheintal genoß, –
-saß dort, verloren in trübe und bittere Gedanken über sein Geschick,
-seine Zukunft, als ein spazierendes Mitglied des Lehrkörpers vom
-Pensionat der Gesellschaft Jesu, genannt „Morgenstern“, neben ihm Platz
-nahm, seinen Hut neben sich legte, ein Bein unter dem Weltpriesterkleid
-über das andere schlug und nach einiger Lektüre in seinem Brevier eine
-Unterhaltung begann, die sich sehr lebhaft entwickelte und für Leos
-Schicksal entscheidend werden sollte. Der Jesuit, ein umgetriebener Mann
-von gebildeten Formen, Pädagog aus Passion, ein Menschenkenner und
-Menschenfischer, horchte auf bei den ersten höhnisch klar artikulierten
-Sätzen, mit denen der armselige Judenjüngling seine Fragen beantwortete.
-Eine scharfe und gequälte Geistigkeit wehte ihn daraus an, und
-weiterdringend stieß er auf ein Wissen und eine boshafte Eleganz des
-Denkens, die durch das abgerissene Äußere des jungen Menschen nur noch
-überraschender wurde. Man sprach von Marx, dessen „Kapital“ Leo Naphta
-in einer Volksausgabe studiert hatte, und kam von ihm auf Hegel, von dem
-oder über den er ebenfalls genug gelesen, um einiges Markante über ihn
-äußern zu können. Sei es aus allgemeinem Hang zur Paradoxie oder aus
-höflicher Absicht, – er nannte Hegel einen „katholischen“ Denker; und
-auf die lächelnde Frage des Paters, wie das begründet werden könne, da
-doch Hegel als preußischer Staatsphilosoph wohl recht eigentlich und
-wesentlich als Protestant zu gelten habe, erwiderte er: gerade das Wort
-„Staatsphilosoph“ bekräftige, daß er im religiösen, wenn auch natürlich
-nicht im kirchlich-dogmatischen Sinn mit seiner Behauptung von Hegels
-Katholizität im Rechte sei. _Denn_ (diese Konjunktion liebte Naphta ganz
-besonders; sie gewann etwas Triumphierend-Unerbittliches in seinem
-Munde, und seine Augen hinter den Brillengläsern blitzten auf, jedesmal,
-wenn er sie einfügen konnte), denn der Begriff des Politischen sei mit
-dem des Katholischen psychologisch verbunden, sie bildeten eine
-Kategorie, die alles Objektive, Werkhafte, Tätige, Verwirklichende, ins
-Äußere Wirkende umfasse. Ihr gegenüber stehe die pietistische, aus der
-Mystik hervorgegangene, protestantische Sphäre. Im Jesuitentum, fügte er
-hinzu, werde das politisch-pädagogische Wesen des Katholizismus evident;
-Staatskunst und Erziehung habe dieser Orden immer als seine Domänen
-betrachtet. Und er nannte noch Goethe, der, im Pietismus wurzelnd und
-gewiß Protestant, eine stark katholische Seite besessen habe, nämlich
-kraft seines Objektivismus und seiner Tätigkeitslehre. Er habe die
-Ohrenbeichte verteidigt und sei als Erzieher ja beinahe Jesuit gewesen.
-
-Mochte Naphta diese Dinge vorgebracht haben, weil er daran glaubte, oder
-weil er sie witzig fand, oder um seinem Zuhörer nach dem Munde zu reden,
-als ein Armer, der schmeicheln muß und wohl berechnet, wie er sich
-nützen, wie schaden kann: der Pater hatte sich um ihren Wahrheitswert
-weniger gekümmert, als um die allgemeine Gescheitheit, von der sie
-zeugten; das Gespräch hatte sich fortgesponnen, Leos persönliche
-Umstände waren dem Jesuiten bald bekannt gewesen, und die Begegnung
-hatte mit der Aufforderung Unterpertingers an Leo geschlossen, ihn im
-Pädagogium zu besuchen.
-
-So hatte Naphta den Boden der _Stella matutina_ betreten dürfen, deren
-wissenschaftlich und gesellschaftlich anspruchsvolle Atmosphäre
-vorstellungsweise längst seine Sehnsucht gereizt hatte; und mehr: es war
-ihm durch diese Wendung der Dinge ein neuer Lehrer und Gönner beschert
-worden, weit besser aufgelegt, als der vormalige, sein Wesen zu schätzen
-und zu fördern, ein Meister, dessen Güte, kühl ihrer Natur nach, auf
-Weltläufigkeit beruhte, und in dessen Lebenskreis einzudringen er größte
-Begierde empfand. Gleich vielen geistreichen Juden war Naphta von
-Instinkt zugleich Revolutionär und Aristokrat; Sozialist – und zugleich
-besessen von dem Traum, an stolzen und vornehmen, ausschließlichen und
-gesetzvollen Daseinsformen teilzuhaben. Die erste Äußerung, welche die
-Gegenwart eines katholischen Theologen ihm entlockt hatte, war, obgleich
-sie sich rein analytisch-vergleichend gegeben hatte, eine
-Liebeserklärung an die römische Kirche gewesen, die er als eine zugleich
-vornehme und geistige, das heißt anti-materielle, gegenwirkliche und
-gegen-weltliche, also revolutionäre Macht empfand. Und diese Huldigung
-war echt und stammte aus seines Wesens Mitte; denn, wie er selbst
-auseinandersetzte, stand das Judentum kraft seiner Richtung aufs
-Irdisch-Sachliche, seines Sozialismus, seiner politischen Geistigkeit
-der katholischen Sphäre weit näher, war ihr ungleich verwandter, als der
-Protestantismus in seiner Versenkungssucht und mystischen Subjektivität,
-– wie denn also auch die Konversion eines Juden zur römischen Kirche
-entschieden einen geistlich zwangloseren Vorgang bedeutete, als die
-eines Protestanten.
-
-Entzweit mit dem Hirten seiner ursprünglichen Religionsgemeinschaft,
-verwaist und verlassen, dazu voller Verlangen nach reinerer Lebensluft,
-nach Daseinsformen, auf die seine Gaben ihm Anrecht verliehen, war
-Naphta, der das gesetzliche Unterscheidungsalter ja längst erreicht
-hatte, zum konfessionellen Übertritt so ungeduldig bereit, daß sein
-„Entdecker“ sich jeder Mühe überhoben sah, diese Seele, oder vielmehr
-diesen ungewöhnlichen Kopf für die Welt seines Bekenntnisses zu
-gewinnen. Schon bevor er die Taufe empfing, hatte Leo auf Betreiben des
-Paters in der „_Stella_“ vorläufige Unterkunft, leibliche und geistige
-Versorgung, gefunden. Er war dorthin übergesiedelt, indem er seine
-jüngeren Geschwister mit größter Gemütsruhe, mit der Unempfindlichkeit
-des Geistesaristokraten der Armenpflege und einem Schicksal überließ,
-wie es ihrer minderen Begabung gebührte.
-
-Grund und Boden der Erziehungsanstalt waren weitläufig, wie ihre
-Baulichkeiten, die Raum für gegen vierhundert Zöglinge boten. Der
-Komplex umfaßte Wälder und Weideland, ein halbes Dutzend Spielplätze,
-landwirtschaftliche Gebäude, Ställe für Hunderte von Kühen. Das Institut
-war zugleich Pensionat, Mustergut, Sportakademie, Gelehrtenschule und
-Musentempel; denn beständig gab es Theater und Musik. Das Leben hier war
-herrschaftlich-klösterlich. Mit seiner Zucht und Eleganz, seiner
-heiteren Gedämpftheit, seiner Geistigkeit und Wohlgepflegtheit, der
-Genauigkeit seiner abwechslungsreichen Tageseinteilung schmeichelte es
-Leos tiefsten Instinkten. Er war überglücklich. Er erhielt seine
-vortrefflichen Mahlzeiten in einem weiten Refektorium, wo
-Schweigepflicht herrschte, wie auf den Gängen der Anstalt, und in dessen
-Mitte ein junger Präfekt auf hohem Katheder sitzend die Essenden mit
-Vorlesen unterhielt. Sein Eifer beim Unterricht war brennend, und trotz
-einer Brustschwäche bot er alles auf, um nachmittags bei Spiel und Sport
-seinen Mann zu stehen. Die Devotion, mit der er alltäglich die Frühmesse
-hörte und Sonntags am feierlichen Amte teilnahm, mußte die
-Väter-Pädagogen erfreuen. Seine gesellschaftliche Haltung befriedigte
-sie nicht weniger. An Festtagen, nachmittags, nach dem Genuß von Kuchen
-und Wein, ging er in grau und grüner Uniform, mit Stehkragen,
-Hosenstreifen und Käppi, in Reihe und Glied spazieren.
-
-Dankbares Entzücken erfüllte ihn angesichts der Schonung, die seiner
-Herkunft, seinem jungen Christentum, seinen persönlichen Verhältnissen
-überhaupt zuteil wurde. Daß es ein Freiplatz war, den er in der Anstalt
-einnahm, schien niemand zu wissen. Die Hausgesetze lenkten die
-Aufmerksamkeit seiner Kameraden von der Tatsache ab, daß er ohne
-Familienanhang, ohne Heimat war. Das Empfangen von Paketen mit
-Lebensmitteln und Leckereien war allgemein verboten. Was etwa dennoch
-kam, wurde verteilt, und auch Leo erhielt davon. Der Kosmopolitismus der
-Anstalt verhinderte jedes auffällige Hervortreten seines Rassengepräges.
-Es waren da junge Exoten, portugiesische Südamerikaner, die „jüdischer“
-aussahen als er, und so kam dieser Begriff abhanden. Der äthiopische
-Prinz, der gleichzeitig mit Naphta Aufnahme gefunden hatte, war sogar
-ein wolliger Mohrentyp, dabei aber sehr vornehm.
-
-In der Rhetorischen Klasse gab Leo den Wunsch zu erkennen, Theologie zu
-studieren, um, wenn er irgend würdig befunden werde, dereinst dem Orden
-anzugehören. Dies hatte zur Folge, daß man seinen Freiplatz aus dem
-„Zweiten Pensionat“, dessen Kosten und Lebenshaltung bescheidener waren,
-in das „Erste“ verlegte. Bei Tische wurde ihm nun von Dienern serviert,
-und sein Schlafabteil stieß einerseits an das eines schlesischen Grafen
-von Harbuval und Chamaré, andererseits an das eines Marquis di
-Rangoni-Santacroce aus Modena. Er absolvierte glänzend und vertauschte,
-getreu seinem Entschluß, das Zöglingsleben des Pädagogiums mit dem des
-Noviziathauses im benachbarten Tisis, einem Leben dienender Demut,
-schweigender Unterordnung und religiösen Trainings, dem er geistige
-Lüste im Sinne früher fanatischer Konzeptionen abgewann.
-
-Unterdessen aber litt seine Gesundheit – und zwar weniger unmittelbar,
-durch die Strenge des Prüflingslebens, in dem es an körperlicher
-Erfrischung nicht fehlte, als von innen her. Die Erziehungspraktiken,
-deren Gegenstand er war, kamen in ihrer Klugheit und Spitzfindigkeit
-seinen persönlichen Anlagen entgegen und forderten sie zugleich heraus.
-Bei den geistigen Operationen, mit denen er seine Tage und noch einen
-Teil seiner Nächte verbrachte, bei all diesen Gewissenserforschungen,
-Betrachtungen, Erwägungen und Beschauungen verstrickte er sich mit
-boshaft querulierender Leidenschaft in tausend Schwierigkeiten,
-Widersprüche und Streitfälle. Er war die Verzweiflung – wenn auch
-zugleich die große Hoffnung – seines Exerzitienleiters, dem er mit
-seiner dialektischen Wut und seinem Mangel an Einfalt alltäglich die
-Hölle heiß machte. „_Ad haec quid tu?_“ fragte er mit funkelnden
-Brillengläsern ... Und dem in die Enge getriebenen Pater blieb nichts
-übrig, als ihn zum Gebet zu ermahnen, damit er zur Ruhe der Seele
-gelange – „_ut in aliquem gradum quietis in anima perveniat_“. Allein
-diese „Ruhe“ bestand, wenn sie erreicht wurde, in einer vollständigen
-Abstumpfung des Eigenlebens und Abtötung zum bloßen Werkzeuge, einem
-geistigen Kirchhofsfrieden, dessen unheimliche äußere Merkmale Bruder
-Naphta in mancher hohl blickenden Physiognomie seiner Umgebung studieren
-konnte, und die zu erreichen ihm nie gelingen würde, es sei denn auf dem
-Wege körperlichen Ruins.
-
-Es sprach für den geistigen Rang seiner Vorgesetzten, daß diese Anstände
-und Beschwerden seinem Ansehen bei ihnen keinen Abbruch taten. Der Pater
-Provinzial selbst zitierte ihn am Ende des zweijährigen Noviziates zu
-sich, unterhielt sich mit ihm, genehmigte seine Aufnahme in den Orden;
-und der junge Scholastiker, der vier niedere Weihen, nämlich die eines
-Türhüters, Meßdieners, Vorlesers und Teufelsbeschwörers empfangen, auch
-die „einfachen“ Gelübde abgelegt hatte und der Sozietät nun endgültig
-angehörte, ging nach dem Kollegienhause des holländischen Falkenburg ab,
-um sein theologisches Studium aufzunehmen.
-
-Damals war er zwanzigjährig, und drei Jahre später hatte unter dem
-Einfluß eines ihm gefährlichen Klimas und geistiger Anstrengungen sein
-ererbtes Leiden solche Fortschritte gemacht, daß sein Verbleib sich bei
-Lebensgefahr verbot. Ein Blutsturz, den er erlitt, alarmierte seine
-Oberen, und nachdem er wochenlang zwischen Leben und Tod geschwebt,
-schickten sie den notdürftig Genesenen an seinen Ausgangspunkt zurück.
-In derselben Erziehungsanstalt, deren Schüler er gewesen, fand er als
-Präfekt, als Aufseher der Alumnen und Lehrer der Humaniora und
-Philosophie Verwendung. Diese Einschaltung war ohnedies Vorschrift, nur,
-daß man von solcher Dienstleistung gemeinhin nach wenigen Jahren ins
-Kolleg zurückkehrte, um das siebenjährige Gottesstudium fortzuführen und
-abzuschließen. Dies war dem Bruder Naphta verwehrt. Er kränkelte fort;
-Arzt und Obere urteilten, der Dienst hier am Orte, in gesunder Luft mit
-den Zöglingen und bei landwirtschaftlicher Betätigung, sei der ihm
-vorläufig angemessene. Er empfing wohl die erste höhere Weihe, gewann
-das Recht, am Sonntag beim feierlichen Amt die Epistel zu singen, – ein
-Recht, das er übrigens nicht ausübte, erstens, weil er vollständig
-unmusikalisch war und dann auch, weil die krankhafte Brüchigkeit seiner
-Stimme ihn zum Singen wenig geschickt machte. Über das Subdiakonat aber
-brachte er es nicht hinaus, – weder zum Diakonat noch gar zur
-Priesterweihe; und da die Blutung sich wiederholte, auch das Fieber
-nicht schwinden wollte, so hatte er auf Ordenskosten zu längerer Kur
-hier oben Aufenthalt genommen, und sie zog sich hin in das sechste Jahr
-– kaum noch als Kur, sondern bereits und nachgerade im Sinne
-kategorischer Lebensbedingung, in dünner Höhe, beschönigt durch einige
-Tätigkeit als Lateinlehrer am Krankengymnasium ...
-
- * * * * *
-
-Diese Dinge nebst Weiterem und Genauerem erfuhr Hans Castorp
-gesprächsweise von Naphta selbst, wenn er ihn in der seidenen Zelle
-besuchte, allein und auch in Begleitung seiner Tischgenossen Ferge und
-Wehsal, die er dort eingeführt hatte; oder wenn er ihm auf einem
-Lustwandel begegnete und in seiner Gesellschaft gegen „Dorf“
-zurückpilgerte, – erfuhr sie gelegentlich, in Bruchstücken und in Form
-zusammenhängender Erzählungen und fand sie nicht nur für seine Person
-hoch merkwürdig, sondern ermunterte auch Ferge und Wehsal, sie so zu
-finden, was sie auch taten: jener freilich, indem er einschränkend in
-Erinnerung brachte, daß alles Höhere ihm fern liege (denn das Erlebnis
-des Pleurachoks war es allein, was ihn je über das menschlich
-Anspruchsloseste hinaus gesteigert hatte), dieser dagegen mit
-sichtlichem Wohlgefallen an der Glückslaufbahn eines einst Gedrückten,
-die nun allerdings, damit die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, zu
-stocken und in dem gemeinsamen Körperübel zu versanden schien.
-
-Hans Castorp für sein Teil bedauerte diesen Stillstand und gedachte mit
-Stolz und Sorge des ehrliebenden Joachim, der mit heldenmütiger
-Kraftanstrengung des Rhadamanthys zähes Gewebe von Rederei zerrissen
-hatte und zu seiner Fahne geflohen war, an deren Schaft er, in Hans
-Castorps Vorstellung, sich nun klammerte, drei Finger seiner Rechten zum
-Treuschwur erhoben. Auch Naphta hatte zu einer Fahne geschworen, auch er
-war unter eine solche aufgenommen worden, wie er selbst sich ausdrückte,
-wenn er Hans Castorp über das Wesen seines Ordens unterrichtete; aber
-offenbar war er ihr weniger treu, mit seinen Abweichungen und
-Kombinationen, als Joachim der seinen, – während freilich Hans Castorp,
-wenn er dem _ci devant-_ oder Zukunftsjesuiten zuhörte, als Zivilist und
-Kind des Friedens sich in seiner Meinung bestärkt fand, daß jeder von
-beiden an dem Beruf und Stande des anderen Gefallen finden und ihn als
-dem eigenen nahe verwandt hätte verstehen müssen. Denn das waren
-militärische Stände, der eine wie der andere, und zwar in allerlei Sinn:
-in dem der „Askese“ sowohl als dem der Rangordnung, des Gehorsams und
-der spanischen Ehre. Letztere namentlich waltete mächtig ob in Naphtas
-Orden, welcher ja auch aus Spanien stammte, und dessen geistliches
-Exerzierreglement, eine Art Gegenstück zu dem, welches später der
-preußische Friederich für seine Infanterie erlassen, ursprünglich in
-spanischer Sprache abgefaßt worden war, weshalb denn Naphta bei seinen
-Erzählungen und Belehrungen sich spanischer Ausdrücke öfters bediente.
-So sprach er von den „_dos banderas_“, von den „zwei Fahnen“, um welche
-die Heere sich zum großen Feldzuge scharten: das höllische und das
-geistliche; in der Gegend von Jerusalem dieses, wo Christus, der
-„_capitan general_“ aller Guten kommandierte, – in der Ebene von Babylon
-das andere, wo Luzifer den „_caudillo_“ oder Häuptling machte ...
-
-War nicht die Anstalt „Morgenstern“ ein richtiges Kadettenhaus gewesen,
-dessen Zöglinge, abgeteilt in „Divisionen“, zu geistlich-militärischer
-_bienséance_ ehrenhaft waren angehalten worden, – eine Verbindung von
-„Steifem Kragen“ und „Spanischer Krause“, wenn man so sagen durfte? Die
-Idee der Ehre und Auszeichnung, die in Joachims Stande eine so glänzende
-Rolle spielte, – wie deutlich, dachte Hans Castorp, tat sie sich hervor
-auch in dem, worin Naphta es leider krankheitshalber nicht weit gebracht
-hatte! Hörte man ihn, so setzte der Orden sich aus lauter höchst
-ehrgeizigen Offizieren zusammen, die nur von dem einen Gedanken beseelt
-waren, sich im Dienste auszuzeichnen. („_Insignes esse_“ hieß es
-lateinisch.) Nach der Lehre und dem Reglement des Stifters und ersten
-Generals, des spanischen Loyola, taten sie mehr, taten herrlicheren
-Dienst als all diejenigen, die nur nach ihrer gesunden Vernunft
-handelten. Vielmehr verrichteten sie ihr Werk „_ex supererogatione_“,
-über Gebühr, nämlich indem sie nicht nur schlechthin der Empörung des
-Fleisches („_rebellio carnis_“) Widerstand leisteten, was eben nicht
-mehr, als Sache jedes durchschnittlich gesunden Menschenverstandes war,
-sondern dadurch, daß sie kämpfend schon gegen die Neigungen der
-Sinnlichkeit, der Eigen- und Weltliebe handelten, auch in Dingen, die
-gemeinhin erlaubt sind. Denn kämpfend gegen den Feind handeln, „_agere
-contra_“, _angreifen_ also, war mehr und ehrenhafter, als nur sich
-verteidigen („_resistere_“). Den Feind schwächen und brechen! hieß es in
-der Felddienstvorschrift, und ihr Verfasser, der spanische Loyola, war
-da wieder ganz eines Sinnes mit Joachims _capitan general_, dem
-preußischen Friederich und seiner Kriegsregel „Angriff! Angriff!“ „Dem
-Feind in den Hosen gesessen!“ „_Attaquez donc toujours!_“
-
-Was aber der Welt Naphtas und derjenigen Joachims namentlich gemeinsam
-war, das war ihr Verhältnis zum Blute und ihr Axiom, daß man seine Hand
-nicht solle davon zurückhalten: darin besonders stimmten sie als Welten,
-Orden und Stände hart überein, und für ein Kind des Friedens war es sehr
-hörenswert, wie Naphta von kriegerischen Mönchstypen des Mittelalters
-erzählte, welche, asketisch bis zur Erschöpfung und dabei voll
-geistlicher Machtbegier, des Blutes nicht hatten schonen wollen, um den
-Gottesstaat, die Weltherrschaft des Übernatürlichen herbeizuführen; von
-streitbaren Tempelherren, die den Tod im Kampf gegen die Ungläubigen für
-verdienstvoller als den im Bette geachtet hatten und, um Christi willen
-getötet zu werden oder zu töten, für kein Verbrechen, sondern für
-höchsten Ruhm. Nur gut, wenn Settembrini bei diesen Reden nicht zugegen
-war! Er gab sonst nur wieder den störenden Drehorgelmann ab und
-schalmeite Frieden, – obgleich da doch der heilige National- und
-Zivilisationskrieg gegen Wien war, zu dem er durchaus nicht nein sagte,
-während freilich Naphta nun gerade diese Passion und Schwäche mit Hohn
-und Verachtung strafte. Wenigstens solange der Italiener von solchen
-Gefühlen warm war, führte er eine christliche Weltbürgerlichkeit dagegen
-ins Feld, wollte jedes Land, und auch wieder kein einziges, Vaterland
-nennen und wiederholte schneidend das Wort eines Ordensgenerals namens
-Nickel, dahin lautend, die Vaterlandsliebe sei „eine Pest und der
-sicherste Tod der christlichen Liebe“.
-
-Versteht sich, es war die Askese, um derentwillen Naphta die
-Vaterlandsliebe eine Pest nannte, – denn was begriff er nicht alles
-unter diesem Wort, was alles lief nicht nach seinem Erachten der Askese
-und dem Gottesreiche zuwider! Nicht nur die Anhänglichkeit an Familie
-und Heimat tat das, sondern auch die an Gesundheit und Leben: sie eben
-machte er dem Humanisten zum Vorwurf, wenn dieser Frieden und Glück
-schalmeite; der Fleischesliebe, der _amor carnalis_, der Liebe zu den
-körperlichen Bequemlichkeiten, _commodorum corporis_, zieh er ihn
-zänkisch und nannte es ihm ins Gesicht hinein stockbürgerliche
-Irreligiosität, auf Leben und Gesundheit auch nur das geringste Gewicht
-zu legen.
-
-Das war das große Kolloquium über Gesundheit und Krankheit, das sich
-eines Tages, schon stark gegen Weihnachten hin, während eines
-Schneespazierganges nach „Platz“ und wieder zurück aus solchen
-Differenzen entwickelte, und alle nahmen sie daran teil: Settembrini,
-Naphta, Hans Castorp, Ferge und Wehsal, – leicht fiebernd sämtlich,
-zugleich betäubt und erregt vom Gehen und Reden im Höhenfrost, zum
-Zittern geneigt ohne Ausnahme und, ob sie sich nun mehr tätig
-verhielten, wie Naphta und Settembrini, oder meist aufnehmend und nur
-mit kurzen Einwürfen das Gespräch begleitend, alle mit so
-angelegentlichem Eifer, daß sie oft selbstvergessen halt machten, eine
-tief beschäftigte, gestikulierende und durcheinander sprechende Gruppe
-bildeten und die Passage versperrten, unbekümmert um fremde Leute, die
-einen Bogen um sie beschreiben mußten und ebenfalls stehen blieben, das
-Ohr hinhielten und staunend ihren ausschweifenden Erörterungen
-lauschten.
-
-Eigentlich war der Disput von Karen Karstedt ausgegangen, der armen
-Karen mit den offenen Fingerspitzen, die neulich gestorben war. Hans
-Castorp hatte nichts von ihrer plötzlichen Verschlechterung und ihrem
-Exitus gewußt; sonst hätte er gern an ihrem Begräbnis kameradschaftlich
-teilgenommen, – bei seiner eingestandenen Vorliebe für Begräbnisse
-überhaupt. Aber die ortsübliche Diskretion hatte gewollt, daß er zu spät
-von Karens Hintritt erfahren hatte, und daß sie schon in den Garten des
-Puttengottes mit der schiefen Schneemütze zu endgültig horizontaler Lage
-eingegangen war. _Requiem aeternam ..._ Er widmete ihrem Andenken einige
-freundliche Worte, was Herrn Settembrini darauf brachte, sich spöttisch
-über Hansens charitative Betätigung, seine Besuche bei Leila Gerngroß,
-dem geschäftlichen Rotbein, der überfüllten Zimmermann, dem
-prahlerischen Sohne _Tous-les-deux’_ und der qualvollen Natalie von
-Mallinckrodt zu äußern und noch nachträglich über die teueren Blumen
-sich aufzuhalten, mit denen der Ingenieur diesem ganzen trostlosen und
-ridikülen Gelichter Devotion erwiesen habe. Hans Castorp hatte darauf
-hingewiesen, daß die Empfänger seiner Aufmerksamkeiten, mit vorläufiger
-Ausnahme der Frau von Mallinckrodt und des Knaben Teddy, ja auch ganz
-ernstlich gestorben seien, worauf Settembrini fragte, ob das sie etwa
-respektabler mache. Es gebe aber doch etwas, entgegnete Hans Castorp,
-was man die christliche Reverenz vor dem Elend nennen könne. Und ehe
-Settembrini ihn zurechtweisen konnte, begann Naphta von frommen
-Ausschreitungen der Liebestätigkeit zu reden, die das Mittelalter
-gesehen, erstaunlichen Fällen von Fanatismus und Verzückung in der
-Krankenpflege: Königstöchter hatten die stinkenden Wunden Aussätziger
-geküßt, hatten sich geradezu mit Absicht an Leprosen angesteckt und die
-Schwären, die sie sich zugezogen, dann ihre Rosen genannt, hatten das
-Wasser ausgetrunken, womit sie Eiternde gewaschen, und danach erklärt,
-nie habe ihnen etwas so gut geschmeckt.
-
-Settembrini tat, als müsse er sich erbrechen. Weniger das physisch
-Ekelhafte an diesen Bildern und Vorstellungen, sagte er, kehre ihm den
-Magen um, als vielmehr der monströse Irrsinn, der sich in einer solchen
-Auffassung von tätiger Menschenliebe bekunde. Und er richtete sich auf,
-gewann wieder heitere Würde, indem er von neuzeitlich fortgeschrittenen
-Formen der humanitären Fürsorge, siegreicher Zurückdrängung der Seuchen
-sprach und Hygiene, Sozialreform nebst den Taten der medizinischen
-Wissenschaft jenen Schrecknissen entgegenstellte.
-
-Mit diesen bürgerlich ehrbaren Dingen, antwortete Naphta, wäre den
-Jahrhunderten, die er soeben angezogen, aber wenig gedient gewesen und
-zwar beiden Teilen nicht: den Kranken und Elenden so wenig wie den
-Gesunden und Glücklichen, die nicht sowohl aus Mitleid, als um des
-eigenen Seelenheiles willen sich ihnen milde erwiesen hätten. Denn
-durch erfolgreiche Sozialreform wären diese des wichtigsten
-Rechtfertigungsmittels verlustig gegangen, jene aber ihres heiligen
-Standes beraubt worden. Darum habe dauernde Erhaltung von Armut und
-Krankheit im Interesse beider Parteien gelegen, und diese Auffassung
-bleibe solange möglich, als es möglich sei, den rein religiösen
-Gesichtspunkt festzuhalten.
-
-Ein schmutziger Gesichtspunkt, erklärte Settembrini, und eine
-Auffassung, deren Albernheit zu bekämpfen er sich beinahe zu gut sei.
-Denn die Idee vom „heiligen Stande“ sowie das, was der Ingenieur
-unselbständigerweise über die „christliche Reverenz vor dem Elend“
-geäußert habe, sei ja Schwindel, beruhe auf Täuschung, fehlerhafter
-Einfühlung, einem psychologischen Schnitzer. Das Mitleid, das der
-Gesunde dem Kranken entgegenbringe und das er bis zur Ehrfurcht
-steigere, weil er sich gar nicht denken könne, wie er solche Leiden
-gegebenenfalles solle ertragen können, – dieses Mitleid sei in hohem
-Grade übertrieben, es komme dem Kranken gar nicht zu und sei insofern
-das Ergebnis eines Denk- und Phantasiefehlers, als der Gesunde seine
-eigene Art, zu erleben, dem Kranken unterschiebe und sich vorstelle, der
-Kranke sei gleichsam ein Gesunder, der die Qualen eines Kranken zu
-tragen habe, – was völlig irrtümlich sei. Der Kranke sei eben ein
-Kranker, mit der Natur und der modifizierten Erlebnisart eines solchen;
-die Krankheit richte sich ihren Mann schon so zu, daß sie miteinander
-auskommen könnten, es gebe da sensorische Herabminderungen, Ausfälle,
-Gnadennarkosen, geistige und moralische Anpassungs- und
-Erleichterungsmaßnahmen der Natur, die der Gesunde naiver Weise in
-Rechnung zu stellen vergesse. Das beste Beispiel sei all dies
-Brustkrankengesindel hier oben mit seinem Leichtsinn, seiner Dummheit
-und Liederlichkeit, seinem Mangel an gutem Willen zur Gesundheit. Und
-kurz, wenn der mitleidig verehrende Gesunde nur selber krank sei und
-nicht mehr gesund, so werde er schon sehen, daß Kranksein allerdings ein
-Stand für sich sei, aber durchaus kein Ehrenstand, und daß er ihn viel
-zu ernst genommen habe.
-
-Hier begehrte Anton Karlowitsch Ferge auf und verteidigte den Pleurachok
-gegen Verunglimpfungen und Despektierlichkeiten. Wie, was, zu ernst
-genommen sein Pleurachok? Da danke er, und da müsse er bitten! Sein
-großer Kehlkopf und sein gutmütiger Schnurrbart wanderten auf und
-nieder, und er verbat sich jede Mißachtung dessen, was er damals
-durchgemacht. Er sei nur ein einfacher Mann, ein Versicherungsreisender,
-und alles Höhere liege ihm fern, – schon dieses Gespräch gehe weit über
-seinen Horizont. Aber wenn Herr Settembrini etwa zum Beispiel auch den
-Pleurachok mit einbeziehen wolle in das, was er gesagt habe, – diese
-Kitzelhölle mit dem Schwefelgestank und den drei farbigen Ohnmachten, –
-dann müsse er schon bitten und danke ergebenst. Denn da sei von
-Herabminderungen und Gnadennarkosen und Phantasiefehlern auch nicht eine
-Spur die Rede gewesen, sondern das sei die größte und krasseste
-Hundsfötterei unter der Sonne, und wer es nicht erfahren habe, wie er,
-der könne sich von solcher Gemeinheit überhaupt keine –
-
-Ei ja, ei ja! sagte Settembrini. Herrn Ferges Collaps werde ja immer
-großartiger, je länger es her sei, daß er ihn erlitten habe, und
-nachgerade trage er ihn wie einen Heiligenschein um den Kopf. Er,
-Settembrini, achte die Kranken wenig, die auf Bewunderung Anspruch
-erhöben. Er sei selber krank, und nicht leicht; aber ohne Affektation
-sei er eher geneigt, sich dessen zu schämen. Übrigens spreche er
-unpersönlich, philosophisch, und was er über die Unterschiede in der
-Natur und Erlebnisart des Kranken und des Gesunden bemerkt habe, das
-habe schon Hand und Fuß, die Herren möchten nur einmal an die
-Geisteskrankheiten denken, an Halluzinationen zum Beispiel. Wenn einer
-seiner gegenwärtigen Begleiter, der Ingenieur etwa, oder Herr Wehsal,
-heute abend in der Dämmerung seinen verstorbenen Herrn Vater in einer
-Zimmerecke erblicken würde, der ihn ansähe und zu ihm spräche, – so wäre
-das für den betreffenden Herrn etwas schlechthin Ungeheuerliches, ein im
-höchsten Grade erschütterndes und verstörendes Erlebnis, das ihn an
-seinen Sinnen, seiner Vernunft irre machen und ihn bestimmen würde,
-alsbald das Zimmer zu räumen und sich in eine Nervenbehandlung zu geben.
-Oder etwa nicht? Aber der Scherz sei eben der, daß den Herren das gar
-nicht begegnen könne, da sie ja geistig gesund seien. Falls es ihnen
-aber begegnete, so wären sie nicht gesund, sondern krank und würden
-nicht, wie ein Gesunder, das heißt: mit Entsetzen und Reißaus, darauf
-reagieren, sondern die Erscheinung hinnehmen, als ob sie ganz in der
-Ordnung sei, und sich in eine Konversation mit ihr einlassen, wie das
-eben die Art der Halluzinanten sei; und zu glauben, für diese bedeute
-die Halluzination ein gesundes Schrecknis, das eben sei der
-Phantasiefehler, der dem Nichtkranken unterlaufe.
-
-Herr Settembrini sprach sehr drollig und plastisch von dem Vater in der
-Ecke. Alle mußten lachen, auch Ferge, obgleich er gekränkt war durch
-Geringschätzung seines infernalischen Abenteuers. Der Humanist
-seinerseits benutzte die erregte Laune, um die Nichtachtbarkeit der
-Halluzinanten und überhaupt aller _pazzi_ des weiteren zu erörtern und
-zu vertreten: diese Leute, meinte er, ließen sich ganz unerlaubt viel
-durchgehen und hätten es öfters sehr wohl in der Hand, ihrer Tollheit zu
-steuern, wie er selbst bei gelegentlichen Besuchen in Narrenspitälern
-gesehen. Denn wenn der Arzt oder ein Fremder auf der Schwelle erscheine,
-so stelle der Halluzinierende meist seine Grimassen, sein Reden und
-Fuchteln ein und benehme sich anständig, solange er sich beobachtet
-wisse, um sich hernach wieder gehen zu lassen. Denn ein Sichgehenlassen
-bedeute die Narrheit zweifellos in vielen Fällen, dergestalt, daß sie
-als Zuflucht vor großem Kummer und als Schutzmaßnahme einer schwachen
-Natur gegen überschwere Schicksalsschläge diene, die klaren Sinnes zu
-bestehen ein solcher Mensch sich nicht zumute. Da aber könnte sozusagen
-jeder kommen, und er, Settembrini, habe schon manchen Narren einzig und
-allein durch seinen Blick, dadurch, daß er seinen Flausen eine Haltung
-unerbittlicher Vernunft entgegengesetzt habe, wenigstens vorübergehend
-zur Klarheit angehalten ...
-
-Naphta lachte höhnisch, während Hans Castorp beteuerte, Herrn
-Settembrini das Gesagte aufs Wort glauben zu wollen. Wenn er sich so
-vorstelle, wie dieser unter dem Schnurrbart gelächelt und den
-Schwachkopf mit unnachgiebiger Vernunft ins Auge gefaßt habe, so
-verstehe er wohl, wie der arme Kerl sich habe zusammennehmen und der
-Klarheit die Ehre geben müssen, wenn er natürlich auch wohl Herrn
-Settembrinis Erscheinen als höchst unwillkommene Störung empfunden haben
-werde ... Aber auch Naphta hatte Irrenanstalten besucht, er entsann sich
-eines Aufenthaltes in dem „Unruhigen Hause“ einer solchen, und da hatten
-Szenen und Bilder sich ihm dargeboten, vor welchen, du lieber Gott,
-Herrn Settembrinis vernunftvoller Blick und züchtiger Einfluß wohl kaum
-verfangen haben würde: Dantische Szenen, groteske Bilder des Grauens und
-der Qual: die nackten Irren im Dauerbade hockend, in allen Posen der
-Seelenangst und des Entsetzensstupors, einige in lautem Jammer
-schreiend, andere mit erhobenen Armen und klaffenden Mündern ein
-Gelächter ausstoßend, worin alle Ingredienzien der Hölle sich gemischt
-hatten ...
-
-„Aha“, sagte Herr Ferge und erlaubte sich, sein eigenes Gelächter in
-Erinnerung zu bringen, das ihm beim Abschnappen entflohen war.
-
-Und kurz denn, Herrn Settembrinis unerbittliche Pädagogik hätte
-vollständig einpacken können vor den Gesichten des Unruhigen Hauses, auf
-welche der Schauder religiöser Ehrfurcht denn doch eine menschlichere
-Rückwirkung gewesen wäre, als jene hochnäsige Vernunftmoralisterei, die
-unser höchstleuchtender Sonnenritter und Vikarius Salomonis hier dem
-Wahnsinn entgegenzusetzen beliebte.
-
-Hans Castorp hatte keine Zeit, sich mit den Titeln zu beschäftigen, die
-Naphta Herrn Settembrini da wieder verlieh. Flüchtig nahm er sich vor,
-der Sache bei erster Gelegenheit auf den Grund zu gehen. Im Augenblick
-aber verzehrte das laufende Gespräch seine Aufmerksamkeit ganz; denn
-Naphta erörterte eben mit Schärfe die allgemeinen Tendenzen, die den
-Humanisten bestimmten, der Gesundheit grundsätzlich alle Ehre zu geben
-und die Krankheit tunlichst zu entehren und zu verkleinern, – in welcher
-Stellungnahme allerdings eine bemerkenswerte und fast löbliche
-Selbstentäußerung sich kundtat, da Herr Settembrini selbst ja krank war.
-Seine Haltung aber, die durch ihre ungemeine Würde nichts an
-Fehlerhaftigkeit einbüßte, ergab sich aus einer Achtung und Andacht vor
-dem Leibe, die gerechtfertigt doch nur gewesen wäre, wenn der Leib sich
-noch in seinem gottesursprünglichen Zustande, statt in dem der
-Erniedrigung – _in statu degradationis_ – befunden hätte. Denn
-unsterblich erschaffen, war er vermöge der Verschlimmerung der Natur
-durch die Erbsünde der Verderbtheit und Abscheulichkeit anheimgefallen,
-sterblich und verweslich, nicht anders, denn als Kerker und Strafzwinger
-der Seele zu betrachten und nur geeignet, das Gefühl der Scham und
-Verwirrung, _pudoris et confusionis sensum_, wie der heilige Ignatius
-sagte, zu erwecken.
-
-Diesem Gefühle, rief Hans Castorp, habe bekanntlich auch der Humanist
-Plotinus Ausdruck verliehen. Aber Herr Settembrini, die Hand aus dem
-Schultergelenk über den Kopf geworfen, forderte ihn auf, die
-Gesichtspunkte nicht zu vermengen und sich lieber rezeptiv zu verhalten.
-
-Unterdessen leitete Naphta die Ehrfurcht, die das christliche
-Mittelalter dem Elend des Leibes gewidmet hatte, aus der religiösen
-Zustimmung ab, die es dem Anblick fleischlichen Jammers gezollt hatte.
-Denn die Schwären des Körpers machten nicht nur dessen Gesunkenheit
-augenfällig, sondern entsprachen auch der venenosen Verderbtheit der
-Seele auf eine erbauliche und geistliche Genugtuung erweckende Weise, –
-während Leibesblüte eine irreführende und das Gewissen beleidigende
-Erscheinung war, welche durch tiefe Erniedrigung vor der Bresthaftigkeit
-zu verleugnen man äußerst guttat. _Quis me liberabit de corpore mortis
-hujus?_ Wer wird mich befreien aus dem Körper dieses Todes? Das war die
-Stimme des Geistes, welche auf ewig die Stimme wahrer Menschheit war.
-
-Nein, das war eine nächtige Stimme, nach Herrn Settembrinis bewegt
-vorgetragener Ansicht, – die Stimme einer Welt, der die Sonne der
-Vernunft und Menschlichkeit noch nicht erschienen war. Ja, obgleich
-venenos für seine leibliche Person, hatte er seinen Geist gesund und
-unverpestet genug erhalten, um dem pfäffischen Naphta in Sachen des
-Leibes auf schöne Art die Spitze zu bieten und sich über die Seele
-lustig zu machen. Er verstieg sich dazu, den Menschenleib als den wahren
-Tempel Gottes zu feiern, worauf Naphta dieses Gewebe für nichts weiter
-als für den Vorhang zwischen uns und der Ewigkeit erklärte, was wieder
-zur Folge hatte, daß Settembrini ihm den Gebrauch des Wortes
-„Menschheit“ endgültig verbot – und so fort.
-
-Mit froststarren Mienen, barhaupt, in ihren Überschuhen aus Gummistoff
-bald die hart knirschende und mit Asche bestreute Schneedecke tretend,
-die den Bürgersteig aufhöhte, bald mit den Füßen durch die lockeren
-Schneemassen des Fahrdammes pflügend, Settembrini in einer Winterjacke,
-deren Biberkragen und Ärmelrevers vermöge enthaarter Stellen gleichsam
-räudig wirkten, die er jedoch elegant zu tragen wußte, Naphta in einem
-schwarzen, fußlangen und hochgeschlossenen Mantel, der mit Pelz nur
-gefüttert war und außen nichts davon sehen ließ, stritten sie um diese
-Prinzipien mit der persönlichsten Angelegentlichkeit, wobei es öfters
-geschah, daß sie sich nicht aneinander, sondern an Hans Castorp wandten,
-dem der eben Redende seine Sache vortrug und vorhielt, indem er auf den
-Gegner nur mit dem Haupte oder dem Daumen deutete. Sie hatten ihn
-zwischen sich, und er, den Kopf hin und her wendend, stimmte bald dem
-einen, bald dem anderen zu oder machte, stehen bleibend, den
-Oberkörper schräg zurückgebeugt und mit der Hand im gefütterten
-Ziegenlederhandschuh gestikulierend, etwas Eigenes, selbstverständlich
-höchst Unzulängliches geltend, indes Ferge und Wehsal die drei
-umkreisten, jetzt vor ihnen, dann hinter ihnen sich hielten oder auch
-eine Reihe mit ihnen bildeten, bis der Verkehr ihre Linie wieder
-auflöste.
-
-Unter dem Einfluß ihrer Zwischenbemerkungen sprang die Debatte auf
-dinglichere Gegenstände ab, behandelte rasch nacheinander und unter
-wachsender Anteilnahme aller die Probleme der Feuerbestattung, der
-körperlichen Züchtigung, der Folter und der Todesstrafe. Es war
-Ferdinand Wehsal, der die Prügelpön aufs Tapet gebracht hatte, und die
-Anregung stand ihm zu Gesichte, wie Hans Castorp fand. Es überraschte
-nicht, daß Herr Settembrini sich in lauteren Worten und unter Anrufung
-der Menschenwürde gegen dies wüste Verfahren aussprach, in der Pädagogik
-sowohl wie nun gar in der Rechtspflege, – während es zwar ebenfalls
-nicht überraschend geschah, aber doch durch eine gewisse düstere
-Frechheit verblüffte, daß Naphta der Bastonade zugunsten redete. Ihm
-zufolge war es absurd, hier von Menschenwürde zu faseln, denn unsere
-wahre Würde beruhte im Geiste, nicht im Fleische, und da die
-Menschenseele nur zu sehr dazu neigte, ihre ganze Lebenslust aus dem
-Leibe zu saugen, so waren Schmerzen, die man diesem zufügte, ein
-durchaus empfehlenswertes Mittel, ihr die Lust am Sinnlichen zu
-versalzen und sie gleichsam aus dem Fleisch in den Geist
-zurückzutreiben, damit dieser wieder zur Herrschaft gelange. Das
-Züchtigungsmittel der Schläge als etwas besonders Schmähliches
-anzusehen, war ein recht alberner Vorwurf. Die heilige Elisabeth war von
-ihrem Beichtiger, Konrad von Marburg, aufs Blut gezüchtigt worden,
-wodurch „ihre Seel’“, wie es in der Legende hieß, „entzuckt“ worden war
-„bis in den dritten Chor“, und sie selbst hatte eine arme alte Frau, die
-zu schläfrig war, um zu beichten, mit Ruten geschlagen. Wollte man sich
-im Ernst unterfangen, die Selbstgeißelungen, denen die Angehörigen
-gewisser Orden und Sekten sowie überhaupt tiefer angelegte Personen sich
-unterzogen hatten, um das Prinzip des Geistigen stark in sich zu machen,
-barbarisch, unmenschlich zu nennen? Daß die gesetzliche Abschaffung der
-Schläge in den Ländern, die sich vornehm dünkten, ein wirklicher
-Fortschritt sei, war ein Glaube, der durch seine Unerschütterlichkeit
-nur an Komik gewann.
-
-Nun, so viel, meinte Hans Castorp, war absolut zuzugeben, daß innerhalb
-des Gegensatzes von Körper und Geist der Körper zweifellos das böse,
-teuflische Prinzip ... verkörperte, haha, also verkörperte, insofern als
-der Körper natürlich Natur war – natürlich Natur, das war auch nicht
-schlecht! – und als die Natur in ihrem Gegensatz zum Geiste, zur
-Vernunft entschieden böse war, – mystisch böse, so konnte man sagen,
-wenn man auf Grund seiner Bildung und seiner Kenntnisse etwas riskierte.
-Diesen Gesichtspunkt festgehalten, war es dann aber nur folgerecht, den
-Körper dementsprechend zu behandeln, nämlich ihm Disziplinierungsmittel
-angedeihen zu lassen, die man ebenfalls, wenn man noch einmal etwas
-riskierte, als mystisch böse bezeichnen konnte. Vielleicht, daß Herr
-Settembrini, wenn er damals, als die Schwäche seines Körpers ihn
-gehindert hatte, zum Fortschrittskongreß nach Barcelona zu fahren, eine
-heilige Elisabeth zur Seite gehabt hätte ...
-
-Man lachte, und da der Humanist auffahren wollte, erzählte Hans Castorp
-rasch von Schlägen, die er selbst einst empfangen: auf seinem Gymnasium
-war in den unteren Klassen diese Strafe teilweise noch getätigt worden,
-es waren Retstöcke vorhanden gewesen, und wenn auch die Lehrer an ihn
-nicht Hand hatten legen mögen, gesellschaftlicher Rücksicht halber, so
-war er doch von einem stärkeren Mitschüler einmal geprügelt worden,
-einem großen Flegel, mit dem biegsamen Stock auf die Oberschenkel und
-die nur mit Strümpfen bekleideten Waden, und das hatte ganz schmählich
-weh getan, infam, unvergeßlich, geradezu mystisch, unter schändlich
-innigem Stoßschluchzen waren ihm die Tränen nur so hervorgestürzt vor
-Wut und ehrlosem Wehsal – Herr Wehsal mochte freundlichst das Wort
-entschuldigen –, und Hans Castorp hatte denn auch gelesen, daß in
-Zuchthäusern bei Empfang der Prügelstrafe die stärksten Raubmörder wie
-kleine Kinder flennten.
-
-Während Herr Settembrini sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte, die in
-sehr abgeschabtem Leder steckten, fragte Naphta mit staatsmännischer
-Kälte, wie man renitente Verbrecher denn anders bändigen wolle, als
-durch Bock und Stock, die übrigens in einem Zuchthause durchaus stilvoll
-am Platze seien; ein humanes Zuchthaus sei eine ästhetische Halbheit,
-ein Kompromiß, und Herr Settembrini, obgleich er ein Schönredner sei,
-verstehe im Grunde nichts von Schönheit. Was nun aber gar die Pädagogik
-betraf, so wurzelte, wenn man Naphta hörte, der Menschenwürde-Begriff
-derer, die das körperliche Zuchtmittel daraus verbannen wollten, in dem
-Liberal-Individualismus der bürgerlichen Humanitätsepoche, einem
-aufgeklärten Absolutismus des Ich, der im Begriffe war, abzusterben und
-neu heraufziehenden, weniger weichlichen Gesellschaftsideen Platz zu
-machen, Ideen der Bindung und Beugung, des Zwanges und des Gehorsams,
-bei denen es ohne heilige Grausamkeit nicht abgehe, und die auch die
-Züchtigung des Kadavers wieder mit anderen Augen werde betrachten
-lassen.
-
-„Daher der Name Kadavergehorsam!“ höhnte Settembrini; und da Naphta
-hinwarf, daß, da Gott unsern Leib zur Strafe der Sünde der gräßlichen
-Schmach der Verwesung anheimgebe, es am Ende kein Majestätsverbrechen
-sei, wenn derselbe Leib auch einmal Prügel bekomme, – so fiel man im Nu
-auf die Leichenverbrennung.
-
-Settembrini feierte sie. Jener Schmach könne abgeholfen werden, sagte er
-froh. Die Menschheit sei aus Gründen der Zweckmäßigkeit wie auch bewogen
-durch ideelle Motive im Begriffe, ihr abzuhelfen. Und er erklärte sich
-für mitbeteiligt an den Vorbereitungen zu einem internationalen Kongreß
-für Feuerbestattung, dessen Schauplatz wahrscheinlich Schweden sein
-würde. Die Ausstellung eines musterhaften, gemäß aller bisher gemachten
-Erfahrung eingerichteten Krematoriums nebst Urnenhalle war geplant, und
-man durfte sich weitgreifender Anregungen und Ermutigungen davon
-versehen. Was für ein zopfig-obsoletes Verfahren, die Erdbestattung, –
-angesichts aller neuzeitlichen Umstände! Die Ausdehnung der Städte! Die
-Verdrängung der raumverzehrenden sogenannten Friedhöfe an die
-Peripherie! Die Bodenpreise! Die Ernüchterung des Bestattungsvorganges
-durch notwendige Benutzung der modernen Verkehrsmittel! Herr Settembrini
-wußte über dies alles nüchtern Treffendes vorzubringen. Er scherzte über
-die Figur des tiefgebeugten Witwers, der alltäglich zum Grabe der teuren
-Abgeschiedenen pilgerte, um an Ort und Stelle mit ihr Zwiesprache zu
-halten. Ein solcher Idylliker mußte vor allem am kostbarsten Lebensgute,
-nämlich der Zeit, sich eines befremdlichen Überflusses erfreuen, und
-übrigens würde der Massenbetrieb des modernen Zentralfriedhofes ihm die
-atavistische Gefühlsseligkeit schon verleiden. Die Vernichtung des
-Leichnams durch Feuersglut, – welche reinliche, hygienische und würdige,
-ja heldische Vorstellung war das, im Vergleich mit derjenigen, ihn der
-elenden Selbstzersetzung und der Assimilation durch niedere Lebewesen zu
-überlassen! Ja, auch das Gemüt kam besser auf seine Rechnung bei dem
-neuen Verfahren, das menschliche Bedürfnis nach Dauer. Denn was im Feuer
-verging, das waren die überhaupt veränderlichen, die schon bei Lebzeiten
-dem Stoffwechsel unterworfenen Bestandteile des Körpers; diejenigen
-dagegen, die am wenigsten an diesem Strome teilnahmen, und die den
-Menschen fast ohne Veränderung durch sein erwachsenes Dasein
-begleiteten, sie waren zugleich die feuerbeständigen, sie bildeten die
-Asche, und mit ihr sammelten die Fortlebenden das, was an dem
-Geschiedenen unvergänglich gewesen war.
-
-„Sehr hübsch“, sagte Naphta; oh, das sei sehr, sehr artig. Des Menschen
-unvergänglicher Teil, die Asche.
-
-Ah, selbstverständlich, Naphta beabsichtigte, die Menschheit in ihrer
-irrationalen Stellung zu den biologischen Tatsachen festzuhalten, er
-behauptete die primitiv religiöse Stufe, auf welcher der Tod ein
-Schrecknis war und von Schauern so geheimnisvoller Art umweht, daß es
-sich verbot, den Blick klarer Vernunft auf dies Phänomen zu richten.
-Welche Barbarei! Das Todesgrauen stammte aus Epochen niederster Kultur,
-wo der gewaltsame Tod die Regel gewesen, und das Entsetzliche, das
-diesem in der Tat anhaftete, hatte sich für das Gefühl des Menschen auf
-lange mit dem Todesgedanken überhaupt vermählt. Immer mehr jedoch wurde
-dank der Entwicklung der allgemeinen Gesundheitslehre und der Festigung
-der persönlichen Sicherheit der natürliche Tod zur Norm, und dem
-modernen Arbeitsmenschen erschien der Gedanke ewiger Ruhe nach
-sachgemäßer Erschöpfung seiner Kräfte nicht im geringsten als
-grauenhaft, sondern vielmehr als normal und wünschenswert. Nein, der Tod
-war weder ein Schrecknis noch ein Mysterium, er war eine eindeutige,
-vernünftige, physiologisch notwendige und begrüßenswerte Erscheinung,
-und es wäre Raub am Leben gewesen, länger, als gebührlich, in seiner
-Betrachtung zu verharren. Darum war denn auch geplant, jenem
-Musterkrematorium und der zugehörigen Urnenhalle, der „Halle des Todes“
-also, eine „Halle des Lebens“ anzubauen, worin Architektur, Malerei,
-Skulptur, Musik und Dichtkunst sich vereinigen sollten, um den Sinn des
-Fortlebenden von dem Erlebnis des Todes, von stumpfer Trauer und
-tatenloser Klage auf die Güter des Lebens zu lenken ...
-
-„Eiligst!“ spottete Naphta. „Damit er den Todesdienst nur ja nicht bis
-zur Ungebühr treibt, ja nicht zu weit geht in der Andacht vor einer so
-simplen Tatsache, ohne die es freilich weder Architektur, noch Malerei,
-noch Skulptur, noch Musik, noch Dichtkunst überhaupt auch nur gäbe.“
-
-„Er desertiert zur Fahne“, sagte Hans Castorp träumerisch.
-
-„Die Unverständlichkeit Ihrer Äußerung, Ingenieur,“ antwortete ihm
-Settembrini, „läßt ihre Tadelhaftigkeit durchschimmern. Das Erlebnis des
-Todes muß zuletzt das Erlebnis des Lebens sein, oder es ist nur ein
-Spuk.“
-
-„Wird man obszöne Symbole anbringen in der ‚Halle des Lebens‘, wie auf
-manchen antiken Särgen?“ fragte Hans Castorp ernsthaft.
-
-Jedenfalls würde es fette Sinnenweide geben, stellte Naphta fest. In
-Marmor und Ölfarbe würde ein klassizistischer Geschmack den Leib prangen
-lassen, diesen Sündenleib, den man der Verwesung entzog, was nicht
-wundernehmen konnte, da man ihn vor lauter Zärtlichkeit nicht einmal
-mehr züchtigen lassen wollte ...
-
-Hier fiel Wehsal mit dem Thema der Folter ein; es stand ihm zu Gesichte.
-Das peinliche Verhör, – wie die Herren darüber dächten. Er, Ferdinand,
-hatte auf Geschäftsreisen immer gern die Gelegenheit benutzt, an alten
-Kulturstätten jene verschwiegenen Orte zu besichtigen, an denen einst
-diese Art von Gewissenserforschung geübt worden war. So kannte er die
-Folterkammern von Nürnberg, von Regensburg, zu Bildungszwecken hatte er
-sich näher dort umgesehen. Allerdings, dort hatte man dem Leibe um der
-Seele willen recht unzärtlich zugesetzt, auf mancherlei sinnreiche
-Weise. Und nicht einmal Geschrei hatte es gegeben. Die Birne in den
-offenen Mund gerammt, die berühmte Birne, an sich schon kein
-Leckerbissen, – und dann hatte Stille geherrscht in aller Geschäftigkeit
-...
-
-„_Porcheria_“, murmelte Settembrini.
-
-Ferge äußerte, die Birne in Ehren und ebenso die ganze stille
-Geschäftigkeit. Aber etwas Gemeineres, als das Abtasten der Pleura, habe
-auch damals niemand ersinnen können.
-
-Das war zu seiner Heilung geschehen!
-
-Die verstockte Seele, die verletzte Gerechtigkeit rechtfertigten nicht
-weniger eine vorübergehende Mitleidlosigkeit. Zweitens war die Folter
-ein Ergebnis rationalen Fortschritts gewesen.
-
-Naphta war wohl nicht völlig bei Sinnen.
-
-Doch, er war es so ziemlich. Herr Settembrini war Schöngeist, und die
-mittelalterliche Geschichte des Rechtsganges war ihm offenbar im
-Augenblick nicht übersichtlich. Sie war in der Tat ein Prozeß
-fortschreitender Rationalisierung und zwar so, daß allmählich, auf Grund
-von Vernunfterwägungen, Gott aus der Rechtspflege ausgeschaltet worden
-war. Das Gottesgericht war gefallen, weil man hatte bemerken müssen, daß
-der Stärkere siege, auch wenn er im Unrecht sei. Leute von der Art des
-Herrn Settembrini, Zweifler, Kritiker, hatten diese Wahrnehmung gemacht
-und es durchgesetzt, daß an die Stelle des alten naiven Rechtsganges der
-Inquisitionsprozeß trat, welcher sich auf Gottes Eingreifen zugunsten
-der Wahrheit nicht länger verließ, sondern darauf abzielte, vom
-Angeklagten das Geständnis der Wahrheit zu erlangen. Keine Verurteilung
-ohne Geständnis, – man mochte sich nur auch heute noch im Volke umhören:
-der Instinkt saß tief, die Beweiskette mochte noch so geschlossen sein,
-die Verurteilung wurde als illegitim empfunden, wenn das Geständnis
-fehlte. Wie es erwirken? Wie die Wahrheit über alle bloßen Anzeichen,
-allen bloßen Verdacht hinaus ermitteln? Wie einem Menschen, der sie
-verhehlte, verweigerte, ins Herz, ins Hirn blicken? War der Geist
-böswillig, so blieb nichts übrig, als sich an den Körper zu wenden, dem
-man beikommen konnte. Die Folter, als Mittel, das unentbehrliche
-Geständnis herbeizuführen, war vernunftgeboten. Wer aber den
-Geständnisprozeß verlangt und eingeführt hatte, das war Herr Settembrini
-gewesen, und also war er auch Urheber der Folter.
-
-Der Humanist bat die übrigen Herren, das nicht zu glauben. Es seien
-diabolische Scherze. Wenn alles sich verhalten hätte, wie Herr Naphta
-lehrte, wenn wirklich die Vernunft Erfinderin des Gräßlichen gewesen
-sei, so beweise das eben nur, wie bitter sie allezeit der Stütze und
-Aufklärung bedürfe, wie wenig die Anbeter des Naturinstinktes Ursache
-hätten, zu befürchten, es könne je zu vernünftig zugehen auf Erden!
-Allein der Vorredner sei sicherlich fehlgegangen. Jener Rechtsgreuel
-könne schon darum nicht auf die Vernunft zurückgeführt werden, weil sein
-Urgrund der Höllenglaube gewesen sei. Man möge sich doch umsehen in
-Museen und Marterkammern: dies Zwacken, Strecken, Schrauben und Sengen
-sei ja offenbar einer kindlich verblendeten Phantasie entsprungen, dem
-Wunsche nach frommer Nachahmung dessen, was an den jenseitigen Stätten
-ewiger Pein geschah. Überdies habe man dem Missetäter wohl gar zu helfen
-gemeint. Man habe angenommen, seine eigene arme Seele ringe nach dem
-Bekenntnis, und nur das Fleisch als Prinzip des Bösen setze sich seinem
-besseren Willen entgegen. So habe man ihm geradezu einen Liebesdienst zu
-erweisen geglaubt, indem man ihm durch die Tortur das Fleisch brach.
-Asketischer Irrwahn ...
-
-Ob auch die alten Römer darin befangen gewesen seien.
-
-Die Römer? _Ma che!_
-
-Indessen hätten auch sie die Folter als Prozeßmittel gekannt.
-
-Logische Verlegenheit ... Hans Castorp suchte darüber hinwegzuhelfen,
-indem er selbstherrlich und als könne es seine Sache sein, ein solches
-Gespräch zu lenken, das Problem der Todesstrafe in die Debatte warf. Die
-Folter war abgeschafft, obgleich ja die Untersuchungsrichter noch immer
-ihre Praktiken hätten, den Angeklagten mürbe zu machen. Aber die
-Todesstrafe schien unsterblich, nicht zu entbehren. Die
-allerzivilisiertesten Völker hielten daran fest. Die Franzosen hatten
-mit ihren Deportationen sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Man wußte
-einfach nicht, was man praktisch mit gewissen menschenähnlichen Wesen
-anfangen sollte, außer, sie einen Kopf kürzer zu machen.
-
-Das seien keine „menschenähnlichen Wesen“, belehrte ihn Herr
-Settembrini; es seien Menschen, wie er, der Ingenieur, und wie der
-Redende selbst, – nur willensschwach und Opfer einer fehlerhaften
-Gesellschaft. Und er erzählte von einem Schwerverbrecher, einem
-vielfachen Mörder, jenem Typ zugehörig, den die Staatsanwälte in ihren
-Plädoyers als „vertiert“, als „Bestien in Menschengestalt“ zu bezeichnen
-pflegten. Dieser Mann hatte die Wände seiner Zelle mit Versen bedeckt.
-Und sie waren keineswegs schlecht gewesen, diese Verse, – viel besser
-als die, welche von Staatsanwälten wohl gelegentlich angefertigt wurden.
-
-Das werfe ein eigentümliches Licht auf die Kunst, erwiderte Naphta. Aber
-sonst sei es in keiner Hinsicht bemerkenswert.
-
-Hans Castorp hatte erwartet, daß Herr Naphta die Hinrichtung werde
-erhalten wissen wollen. Naphta, meinte er, war wohl ebenso revolutionär
-wie Herr Settembrini, aber er sei es im erhaltenden Sinn, ein
-Revolutionär der Erhaltung.
-
-Die Welt, lächelte Herr Settembrini selbstsicher, werde über die
-Revolution des antihumanen Rückschlages zur Tagesordnung übergehen.
-Lieber noch verdächtige Herr Naphta die Kunst, ehe er zugebe, daß sie
-auch den Verworfensten zum Menschen weihe. Mit solchem Fanatismus sei
-lichtsuchende Jugend unmöglich zu gewinnen. Eine internationale Liga,
-deren Ziel die gesetzliche Abschaffung der Todesstrafe in allen
-gesitteten Ländern sei, habe sich soeben gebildet. Herr Settembrini habe
-die Ehre, ihr anzugehören. Der Schauplatz ihres ersten Kongresses sei
-noch zu bestimmen, aber die Menschheit habe Grund, zu vertrauen, daß die
-Redner, die sich dabei würden vernehmen lassen, mit Argumenten gewappnet
-sein würden! Und er führte die Argumente an, darunter das von der immer
-vorhandenen Möglichkeit des Rechtsirrtums, des Justizmordes, sowie das
-von der niemals fahren zu lassenden Hoffnung auf Besserung; sogar „die
-Rache ist mein“ zitierte er, lehrte auch, daß der Staat, wenn es ihm um
-Veredelung und nicht um Gewalt zu tun sei, nicht Böses mit Bösem
-vergelten dürfe, und verwarf den Begriff der „Strafe“, nachdem er vom
-Boden eines wissenschaftlichen Determinismus aus denjenigen der „Schuld“
-bekämpft hatte.
-
-Darauf mußte es „lichtsuchende Jugend“ mit ansehen, wie Naphta den
-Argumenten, einem nach dem anderen, den Hals umdrehte. Er machte sich
-lustig über die Blutscheu und die Lebensverehrung des Menschenfreundes,
-behauptete, daß diese Verehrung des Einzellebens nur den allerplattesten
-bürgerlichen Regenschirmzeitläuften zugehöre, daß aber unter leidlich
-leidenschaftlichen Umständen, sobald eine einzige Idee, die über die der
-„Sicherheit“ hinausgehe, irgend etwas Überpersönliches,
-Überindividuelles also, im Spiele sei – und das sei der allein
-menschenwürdige, im höheren Sinne folglich der normale Zustand –
-allezeit das Einzelleben nicht nur dem höheren Gedanken ohne Federlesen
-geopfert, sondern auch freiwillig, vom Individuum aus, unbedenklich in
-die Schanze geschlagen werden würde. Die Philanthropie seines Herrn
-Widersachers, sagte er, arbeite darauf hin, dem Leben alle schweren und
-todernsten Akzente zu nehmen; auf die Kastration des Lebens gehe sie
-aus, auch mit dem Determinismus ihrer sogenannten Wissenschaft. Aber die
-Wahrheit sei, daß der Begriff der Schuld durch den Determinismus nicht
-nur nicht abgeschafft werde, sondern sogar durch ihn noch an Schwere und
-Schaudern gewönne.
-
-Das war nicht schlecht. Ob er etwa verlange, daß das unselige Opfer der
-Gesellschaft sich ernstlich schuldig fühle und den Weg zur Blutbühne aus
-Überzeugung gehe?
-
-Allerdings. Der Verbrecher sei von seiner Schuld durchdrungen wie von
-sich selbst. Denn er sei, wie er sei, und könne und wolle nicht anders
-sein, und dies eben sei die Schuld. Herr Naphta verlegte Schuld und
-Verdienst aus dem Empirischen ins Metaphysische. Im Tun, im Handeln
-herrsche freilich Determination, hier gebe es keine Freiheit, wohl aber
-im Sein. Der Mensch sei, wie er habe sein wollen und bis zu seiner
-Vertilgung sein zu wollen nicht aufhören werde; er habe eben „für sein
-Leben“ gern getötet und bezahle folglich mit seinem Leben nicht zu hoch.
-Er möge sterben, da er die tiefste Lust gebüßt habe.
-
-Die tiefste Lust?
-
-Die tiefste.
-
-Man kniff die Lippen zusammen. Hans Castorp hüstelte. Wehsal hatte den
-Unterkiefer schief gestellt. Herr Ferge seufzte. Settembrini bemerkte
-fein:
-
-„Man sieht, es gibt eine Art, zu verallgemeinern, die den Gegenstand
-persönlich färbt. Sie hätten Lust, zu töten?“
-
-„Das geht Sie nichts an. Hätte ich es aber getan, so würde ich einer
-humanitären Unwissenheit ins Gesicht lachen, die mich bis zu meinem
-natürlichen Ende mit Linsen füttern wollte. Es hat keinerlei Sinn, daß
-der Mörder den Gemordeten überlebt. Sie haben, unter vier Augen, allein
-miteinander, wie zwei Wesen es nur bei einer zweiten, verwandten
-Gelegenheit noch sind, der eine duldend, der andere handelnd, ein
-Geheimnis geteilt, das sie auf immer verbindet. Sie gehören zusammen.“
-
-Settembrini bekannte kühl, daß ihm das Organ für diesen Todes- und
-Mordmystizismus fehle und daß er es auch nicht vermisse. Nichts gegen
-die religiösen Talente des Herrn Naphta, – sie seien den seinen
-unzweifelhaft überlegen, allein er konstatiere seine Neidlosigkeit. Ein
-unüberwindliches Reinlichkeitsbedürfnis halte ihn einer Sphäre fern, wo
-jene Reverenz vor dem Elend, von der experimentierende Jugend vorhin
-gesprochen, offenbar nicht nur in physischer, sondern auch in seelischer
-Beziehung herrsche, kurz, einer Sphäre, wo Tugend, Vernunft und
-Gesundheit für nichts gälten, Laster und Krankheit dagegen in wunder
-welchen Ehren stünden.
-
-Naphta bestätigte, daß Tugend und Gesundheit in der Tat kein religiöser
-Zustand seien. Es sei viel gewonnen, sagte er, wenn klargestellt sei,
-daß Religion mit Vernunft und Sittlichkeit überhaupt nichts zu tun habe.
-Denn, fügte er hinzu, sie habe nichts mit dem Leben zu tun. Das Leben
-ruhe auf Bedingungen und Grundlagen, die teils der Erkenntnislehre,
-teils dem moralischen Gebiet angehörten. Die ersteren hießen Zeit, Raum,
-Kausalität, die letzteren Sittlichkeit und Vernunft. All diese Dinge
-seien dem religiösen Wesen nicht nur fremd und gleichgültig, sondern
-sogar feindlich entgegengesetzt; denn sie seien es eben, die das Leben
-ausmachten, die sogenannte Gesundheit, das heiße: die Erzphilisterei und
-Urbürgerlichkeit, als deren absolutes und zwar absolut geniales
-Gegenteil die religiöse Welt eben zu bestimmen sei. Übrigens wolle er,
-Naphta, der Lebenssphäre die Möglichkeit des Genies nicht völlig
-absprechen. Es gebe eine Lebensbürgerlichkeit, deren monumentaler
-Biedersinn unbestreitbar sei, eine Philistermajestät, die man
-verehrungswürdig finden möge, sofern man festhalte, daß sie in ihrer
-breitbeinig aufgepflanzten Würde, Hände auf dem Rücken und Brust heraus,
-die inkarnierte Irreligiosität bedeute.
-
-Hans Castorp hob den Zeigefinger, wie in der Schule. Er wünsche nach
-keiner Seite anzustoßen, sagte er, aber hier sei offenbar vom
-Fortschritt die Rede, vom menschlichen Fortschritt, also gewissermaßen
-von Politik und der beredsamen Republik und der Zivilisation des
-gebildeten Westens, und da meine er nun, daß der Unterschied, oder, wenn
-Herr Naphta denn durchaus wolle, der Gegensatz von Leben und Religion
-auf den von Zeit und Ewigkeit zurückzuführen sei. Denn Fortschritt sei
-nur in der Zeit; in der Ewigkeit sei keiner und auch keine Politik und
-Eloquenz. Dort lege man, sozusagen, in Gott den Kopf zurück und schließe
-die Augen. Und das sei der Unterschied von Religion und Sittlichkeit,
-konfus ausgedrückt.
-
-Die Naivität seiner Ausdrucksweise, sprach Settembrini, sei weniger
-bedenklich, als seine Scheu vor dem Anstoß und seine Neigung, dem Teufel
-Zugeständnisse zu machen.
-
-Na, über den Teufel hatten sie ja schon vor Jahr und Tag diskuriert,
-Herr Settembrini und er, Hans Castorp. „_O Satana, o ribellione!_“
-Welchem Teufel er denn nun eigentlich Zugeständnisse gemacht habe. Dem
-mit der Rebellion, der Arbeit und der Kritik oder dem anderen? Es sei ja
-lebensgefährlich, – ein Teufel rechts und einer links, wie man in’s
-Teufels Namen da durchkommen solle!
-
-Auf diese Weise, sagte Naphta, sei die Sachlage, wie Herr Settembrini
-sie zu sehen wünsche, nicht richtig gekennzeichnet. Das Entscheidende in
-seinem Weltbilde sei, daß er Gott und den Teufel zu zwei verschiedenen
-Personen oder Prinzipien mache und „das Leben“, übrigens nach streng
-mittelalterlichem Vorbilde, als Streitobjekt zwischen sie lege. In
-Wirklichkeit aber seien sie eins und einig dem Leben entgegengesetzt,
-der Lebensbürgerlichkeit, der Ethik, der Vernunft, der Tugend, – als das
-religiöse Prinzip, das sie gemeinsam darstellten.
-
-„Was für ein ekelhafter Mischmasch – _che guazzabuglio proprio
-stomachevole_!“ rief Settembrini. Gut und Böse, Heiligkeit und Missetat,
-alles vermengt! Ohne Urteil! Ohne Willen! Ohne die Fähigkeit, zu
-verwerfen, was verworfen sei! Ob Herr Naphta denn wisse, _was_ er
-leugne, indem er vor den Ohren der Jugend Gott und Teufel zusammenwerfe
-und im Namen dieser wüsten Zweieinigkeit das ethische Prinzip verneine!
-Er leugne den _Wert_, – jede Wertsetzung, – abscheulich zu sagen. Schön,
-es gab also nicht Gut noch Böse, sondern nur das sittlich ungeordnete
-All! Es gab auch nicht den Einzelnen in seiner kritischen Würde, sondern
-nur die alles verschlingende und ausgleichende Gemeinschaft, den
-mystischen Untergang in ihr! Das Individuum ...
-
-Köstlich, daß Herr Settembrini sich wieder einmal für einen
-Individualisten hielt! Um es zu sein, mußte man jedoch den Unterschied
-von Sittlichkeit und Glückseligkeit kennen, was bei dem Herrn
-Illuminaten und Monisten schlechterdings nicht der Fall war. Wo das
-Leben stupiderweise als Selbstzweck angenommen und nach einem darüber
-hinausgehenden Sinn und Zweck gar nicht gefragt wurde, da herrschte
-Gattungs- und Sozialethik, Wirbeltiermoralität, aber kein
-Individualismus, – als welcher einzig und allein im Bereich des
-Religiösen und Mystischen, im sogenannten „sittlich ungeordneten All“,
-zu Hause war. Was sie denn sei und wolle, die Sittlichkeit des Herrn
-Settembrini! Sie sei lebengebunden, also nichts als nützlich, also
-unheroisch in erbarmungswürdigem Grade. Sie sei dazu da, daß man alt und
-glücklich, reich und gesund damit werde und damit Punktum. Diese
-Vernunft- und Arbeitsphilisterei gelte ihm als Ethik. Was dagegen Naphta
-betreffe, so erlaube er sich wiederholt, sie als schäbige
-Lebensbürgerlichkeit zu kennzeichnen.
-
-Settembrini ersuchte um Mäßigung, doch war seine eigene Stimme
-leidenschaftlich bewegt, als er es unerträglich fand, daß Herr Naphta
-beständig von „Lebensbürgerlichkeit“ in einem, Gott wußte, warum,
-aristokratisch wegwerfenden Tone redete, wie als ob _das Gegenteil_ –
-und man wußte ja, was das Gegenteil des Lebens sei – etwa gar das
-Vornehmere gewesen wäre!
-
-Neue Schlag- und Stichworte! Jetzt waren sie bei der Vornehmheit, der
-aristokratischen Frage! Hans Castorp, überhitzt und erschöpft von Frost
-und Problematik, taumeligen Urteils auch in Hinsicht auf die
-Verständlichkeit oder fiebrige Gewagtheit seiner eigenen Ausdrucksweise,
-bekannte mit lahmen Lippen, er habe sich den Tod von jeher mit einer
-gestärkten spanischen Krause vorgestellt, oder allenfalls, in kleiner
-Uniform sozusagen, mit Vatermördern, das Leben dagegen mit so einem
-gewöhnlichen modernen kleinen Stehkragen ... Doch erschrak er selbst
-über das Trunken-Träumerische und Gesellschaftsunfähige seiner Rede und
-versicherte, nicht dies habe er sagen wollen. Aber ob es sich nicht so
-verhalte, daß es Leute gebe, gewisse Menschen, die man sich nicht tot
-vorzustellen vermöge, und zwar, weil sie so besonders ordinär seien! Das
-solle heißen: dermaßen lebenstüchtig muteten sie an, daß es einem
-vorkomme, als könnten sie niemals sterben, als seien sie der Weihe des
-Todes nicht würdig.
-
-Herr Settembrini hoffte sich nicht zu täuschen in der Annahme, daß Hans
-Castorp dergleichen nur sage, damit man ihm widerspreche. Der junge Mann
-werde ihn immer bereit finden, ihm in der geistigen Abwehr solcher
-Anfechtungen zur Hand zu gehen. „Lebenstüchtig“ sage er? Und gebrauche
-dies Wort in einem abschätzig gemeinen Sinn? „Lebenswürdig!“ Dieses Wort
-möge er dafür einsetzen, – und die Begriffe würden sich ihm zu wahrer
-und schöner Ordnung fügen. „Lebenswürdigkeit“: und sogleich, auf dem
-Wege leichtester und rechtmäßigster Assoziation, stelle sich auch die
-Idee der Liebenswürdigkeit ein, so innig nahe verwandt jener ersten, daß
-man sagen dürfe, nur das wahrhaft Lebenswürdige sei auch wahrhaft
-liebenswürdig. Beides zusammen aber, das Lebens- und also
-Liebenswürdige, mache das aus, was man das Vornehme nenne.
-
-Hans Castorp fand das reizend und überaus hörenswert. Ganz gewonnen,
-sagte er, habe ihn Herr Settembrini mit seiner plastischen Theorie. Denn
-man möge sagen, was man wolle – und einiges sagen lasse sich ja, zum
-Beispiel, daß Krankheit ein erhöhter Lebenszustand sei und also was
-Festliches habe –: soviel sei gewiß, daß Krankheit eine Überbetonung des
-Körperlichen bedeute, den Menschen gleichsam ganz und gar auf seinen
-Körper zurückweise und zurückwerfe und so der Würde des Menschen bis zur
-Vernichtung abträglich sei, indem sie ihn nämlich zum bloßen Körper
-herabwürdige. Krankheit sei also unmenschlich.
-
-Krankheit sei höchst menschlich, setzte Naphta sofort dagegen; denn
-Mensch sein, heiße krank sein. Allerdings, der Mensch sei wesentlich
-krank, sein Kranksein eben mache ihn zum Menschen, und wer ihn gesund
-machen, ihn veranlassen wolle, seinen Frieden mit der Natur zu
-schließen, „zurück zur Natur zu kehren“ (während er doch nie natürlich
-gewesen sei), alles was sich heute von Regeneratoren, Rohköstlern,
-Freilüftlern, Sonnenbademeistern und so fort prophetisch umhertreibe,
-jede Art Rousseau also erstrebe nichts als seine Entmenschung und
-Vertierung ... Menschlichkeit? Vornehmheit? Der Geist sei es, was den
-Menschen, dies von der Natur in hohem Grade gelöste, in hohem Maße sich
-ihr entgegengesetzt fühlende Wesen vor allem übrigen organischen Leben
-auszeichne. Im Geist also, in der Krankheit beruhe die Würde des
-Menschen und seine Vornehmheit; er sei, mit einem Worte, in desto
-höherem Grade Mensch, je kränker er sei, und der Genius der Krankheit
-sei menschlicher, als der der Gesundheit. Es befremde, daß jemand, der
-den Menschenliebhaber spiele, vor solchen Grundwahrheiten der
-Menschlichkeit die Augen verschließe. Herr Settembrini führe den
-Fortschritt im Munde. Als ob aber nicht der Fortschritt, so weit
-dergleichen existiere, einzig der Krankheit verdankt werde, das heiße:
-dem Genie, – als welches nichts anderes als eben Krankheit sei! Als ob
-nicht die Gesunden allezeit von den Errungenschaften der Krankheit
-gelebt hätten! Es habe Menschen gegeben, die bewußt und willentlich in
-Krankheit und Wahnsinn gegangen seien, um der Menschheit Erkenntnisse zu
-gewinnen, die zur Gesundheit würden, nachdem sie durch Wahnsinn errungen
-worden, und deren Besitz und Nutznießung nach jener heroischen Opfertat
-nicht länger durch Krankheit und Wahnsinn bedingt sei. Das sei der wahre
-Kreuzestod ...
-
-Aha, dachte Hans Castorp, du inkorrekter Jesuit mit deinen Kombinationen
-und deiner Auslegung des Kreuzestodes! Man sieht schon, warum du nicht
-Pater geworden bist, _joli jésuite à la petite tache humide_! Nun brülle
-du, Löwe! wandte er sich innerlich an Herrn Settembrini. Und dieser
-„brüllte“, indem er das alles, was Naphta eben behauptet, für Blendwerk,
-Rabulistik, Weltverwirrung erklärte. „Sagen Sie es doch,“ rief er dem
-Widersacher zu, „sagen Sie es doch, in Ihrer Verantwortlichkeit als
-Erzieher, sagen Sie es vor den Ohren bildsamer Jugend gerade heraus, daß
-Geist – Krankheit sei! Wahrhaftig, damit werden Sie sie zum Geiste
-ermutigen, sie für den Glauben an ihn gewinnen! Erklären Sie
-andererseits Krankheit und Tod für vornehm, Gesundheit und Leben aber
-für gemein, – das ist die sicherste Methode, den Zögling zum
-Menschheitsdienste anzuhalten! _Da vero, è criminoso!_“ Und wie ein
-Ritter trat er für den Adel der Gesundheit und des Lebens ein, für
-denjenigen, welchen die Natur verlieh, und dem es um Geist nicht bange
-zu sein brauchte. Die Gestalt! sagte er, und Naphta sagte hochtrabender
-Weise: „Der Logos!“ Aber der, welcher vom Logos nichts wissen wollte,
-sagte „Die Vernunft!“, während der Mann des Logos „die Passion“
-verfocht. Das war konfus. „Das Objekt!“ sagte der eine, und der andere:
-„Das Ich!“ Schließlich war sogar von „Kunst“ auf der einen und „Kritik“
-auf der anderen Seite die Rede und jedenfalls immer wieder von „Natur“
-und „Geist“ und davon, was das Vornehmere sei, vom „aristokratischen
-Problem“. Aber dabei war keine Ordnung und Klärung, nicht einmal eine
-zweiheitliche und militante; denn alles ging nicht nur gegeneinander,
-sondern auch durcheinander, und nicht nur wechselseitig widersprachen
-sich die Disputanten, sondern sie lagen in Widerspruch auch mit sich
-selbst. Settembrini hatte oft genug rednerische Vivats auf die „Kritik“
-ausgebracht, wo er nun das Gegenteil davon, welches die „Kunst“ sein
-sollte, als das adelige Prinzip in Anspruch nahm; und während Naphta
-mehr als einmal als Verteidiger des „natürlichen Instinktes“ aufgetreten
-war, gegen Settembrini, der Natur als die „dumme Macht“, als bloßes
-Faktum und Fatum traktiert hatte, wovor Vernunft und Menschenstolz nicht
-abdanken durften, faßte jener nun Posto auf seiten des Geistes und der
-„Krankheit“, allwo Adel und Menschheit einzig zu finden seien, indes
-dieser sich zum Anwalt der Natur und ihres Gesundheitsadels aufwarf,
-uneingedenk aller Emanzipation. Nicht weniger verworren stand es mit dem
-„Objekt“ und dem „Ich“, ja, hier war die Konfusion, die übrigens immer
-dieselbe war, sogar am heillosesten und buchstäblich derart, daß niemand
-mehr wußte, wer eigentlich der Fromme und wer der Freie war. Naphta
-verbot Herrn Settembrini mit scharfen Worten, sich einen
-„Individualisten“ zu nennen, denn er leugne den Gegensatz von Gott und
-Natur, verstehe unter der Frage des Menschen, dem innerpersönlichen
-Konflikt, einzig denjenigen der Einzel- und der gesamtheitlichen
-Interessen und sei also auf eine lebengebundene und bürgerliche
-Sittlichkeit eingeschworen, die das Leben als Selbstzweck nehme,
-unheroischerweise auf den Nutzen abziele und im Zweck des Staates das
-moralische Gesetz erblicke; – während dagegen er, Naphta, wohl wissend,
-daß das innermenschliche Problem vielmehr auf dem Widerstreit des
-Sinnlichen und des Übersinnlichen beruhe, den wahren, den mystischen
-Individualismus vertrete und recht eigentlich der Mann der Freiheit und
-des Subjektes sei. War er das aber, wie, dachte Hans Castorp, verhielt
-es sich dann mit der „Anonymität und Gemeinsamkeit“, – um nur gleich
-_eine_ Unstimmigkeit beispielsweise hervorzuheben? Wie ferner mit den
-markanten Dingen, die er im Kolloquium mit Pater Unterpertinger über die
-„Katholizität“ des Staatsphilosophen Hegel zum besten gegeben, über die
-innere Verbundenheit der Begriffe „Politisch“ und „Katholisch“ und die
-Kategorie des Objektiven, die sie gemeinsam bildeten? Hatten nicht
-Staatskunst und Erziehung immer das spezielle Betätigungsfeld von
-Naphtas Orden abgegeben? Und was für eine Erziehung! Herr Settembrini
-war gewiß ein eifriger Pädagog, eifrig bis zum Störenden und Lästigen;
-aber in Hinsicht auf asketisch ich-verächterische Sachlichkeit konnten
-seine Prinzipien mit denen Naphtas überhaupt keinen Wettstreit wagen.
-Absoluter Befehl! Eiserne Bindung! Vergewaltigung! Gehorsam! Der Terror!
-Das mochte wohl seine Ehre haben, aber auf die kritische Würde des
-Einzelwesens nahm es nur wenig Bedacht. Es war das Exerzierreglement des
-preußischen Friederich und des spanischen Loyola, fromm und stramm bis
-aufs Blut; wobei sich nur eines fragte: wie nämlich Naphta eigentlich
-zur blutigen Unbedingtheit kam, da er eingestandenermaßen an gar keine
-reine Erkenntnis und voraussetzungslose Forschung, kurz, nicht an die
-Wahrheit glaubte, die objektive, wissenschaftliche Wahrheit, der
-nachzustreben für Lodovico Settembrini das oberste Gesetz aller
-Menschensittlichkeit bedeutete. Das war fromm und streng von Herrn
-Settembrini, während es von Naphta lax und liederlich war, die Wahrheit
-auf den Menschen zurückzubeziehen und zu erklären, Wahrheit sei, was
-diesem fromme! War es nicht geradezu Lebensbürgerlichkeit und
-Nützlichkeitsphilisterei, die Wahrheit solchermaßen vom Interesse des
-Menschen abhängig zu machen? Eiserne Sachlichkeit war das genau genommen
-nicht, es war mehr von Freiheit und Subjekt darin, als Leo Naphta wahr
-haben wollte, – wenn es auch freilich auf ganz ähnliche Weise „Politik“
-war, wie Herrn Settembrinis lehrhafte Äußerung: Freiheit sei das Gesetz
-der Menschenliebe. Das hieß offenbar, die Freiheit binden, wie Naphta
-die Wahrheit band: nämlich an den Menschen. Es war entschieden mehr
-fromm als frei, und dies wiederum war ein Unterschied, der bei solchen
-Bestimmungen Gefahr lief, abhanden zu kommen. Ach, dieser Herr
-Settembrini! Nicht umsonst war er ein Literat, das hieß: eines
-Politikers Enkel und Sohn eines Humanisten. Auf Kritik und schöne
-Emanzipation war er hochherzig bedacht und trällerte die Mädchen auf der
-Straße an, während den scharfen, kleinen Naphta harte Gelübde banden.
-Und doch war dieser beinahe ein Wüstling vor lauter Freigeisterei und
-jener dagegen ein Tugendnarr, wenn man wollte. Vor dem „absoluten Geist“
-hatte Herr Settembrini Angst und wollte den Geist partout auf den
-demokratischen Fortschritt festlegen, – entsetzt über des militärischen
-Naphta religiöse Libertinage, die Gott und Teufel, Heiligkeit und
-Missetat, Genie und Krankheit zusammenwarf und keine Wertsetzung, kein
-Vernunfturteil, keinen Willen kannte. Wer war denn nun eigentlich frei,
-wer fromm, was machte den wahren Stand und Staat des Menschen aus: der
-Untergang in der alles verschlingenden und ausgleichenden Gemeinschaft,
-der zugleich wüstlingshaft und asketisch war, oder das „kritische
-Subjekt“, bei welchem Windbeutelei und bürgerliche Tugendstrenge
-einander ins Gehege kamen? Ach, die Prinzipien und Aspekten kamen
-einander beständig ins Gehege, an innerem Widerspruch war kein Mangel,
-und so außerordentlich schwer war es zivilistischer Verantwortlichkeit
-gemacht, nicht allein, sich zwischen den Gegensätzen zu entscheiden,
-sondern auch nur, sie als Präparate gesondert und sauber zu halten, daß
-die Versuchung groß war, sich kopfüber in Naphtas „sittlich ungeordnetes
-All“ zu stürzen. Es war die allgemeine Überkreuzung und Verschränkung,
-die große Konfusion, und Hans Castorp meinte zu sehen, daß die
-Streitenden weniger erbittert gewesen wären, wenn sie ihnen selbst nicht
-beim Streite die Seele bedrückt hätte.
-
-Man war miteinander bis zum „Berghof“ hinaufgegangen; dann hatten die
-drei, die dort wohnten, die Auswärtigen bis vor ihr Häuschen
-zurückbegleitet, und dort stand man noch lange im Schnee, indes Naphta
-und Settembrini sich stritten, – pädagogischerweise, wie Hans Castorp
-wohl wußte, und um die Bildsamkeit lichtsuchender Jugend zu bearbeiten.
-Für Herrn Ferge waren das alles viel zu hohe Dinge, wie er wiederholt zu
-verstehen gab, und Wehsal zeigte sich wenig beteiligt, seitdem nicht
-mehr von Prügeln und Folter die Rede war. Hans Castorp grub gesenkten
-Hauptes mit dem Stocke im Schnee und bedachte die große Konfusion.
-
-Schließlich trennte man sich. Man konnte nicht ewig stehen, und das
-Kolloquium war uferlos. Die drei Berghofgäste wandten sich wieder ihrer
-Heimstätte zu, und die beiden pädagogischen Wetteiferer mußten zusammen
-ins Häuschen gehen, der eine, um seine seidene Zelle, der andere, um
-sein Humanistenstübchen mit Stehpult und Wasserflasche zu gewinnen. Hans
-Castorp aber begab sich in seine Balkonloge, die Ohren voll vom Wirrwarr
-und Waffenlärm der beiden Heere, die von Jerusalem und Babylon
-vorrückend unter den _dos banderas_ zu konfusem Schlachtgetümmel
-zusammentrafen.
-
-
- Schnee
-
-Fünfmal täglich kam an den sieben Tischen einhellige Unzufriedenheit zum
-Ausdruck mit dem Witterungscharakter des diesjährigen Winters. Man
-urteilte, daß er seine Verpflichtungen als Hochgebirgswinter sehr
-mangelhaft erfülle, daß er die meteorologischen Kurmittel, denen die
-Sphäre ihren Ruf verdankte, durchaus nicht in dem Umfange bereitstelle,
-wie der Prospekt es verhieß, wie Langjährige es gewohnt waren und
-Neulinge es sich ausgemalt hatten. Gewaltige Ausfälle an Sonne waren zu
-verzeichnen, an Sonnenstrahlung, diesem wichtigen Heilfaktor, ohne
-dessen Mithilfe die Genesung sich zweifellos verzögerte ... Und wie nun
-Herr Settembrini auch über die Aufrichtigkeit denken mochte, mit der die
-Berggäste ihre Genesung und ihre Rückkehr aus der „Heimat“ ins Flachland
-betrieben: jedenfalls verlangten sie ihr Recht, jedenfalls wollten sie
-auf ihre Kosten kommen, auf diejenigen, die ihre Eltern, ihre Gatten für
-sie bestritten, und so murrten sie in ihren Gesprächen bei Tisch, im
-Lift und in der Halle. Auch zeigte die Oberleitung ein volles Einsehen
-in ihre Verpflichtung zu Aushilfe und Schadenersatz. Ein neuer Apparat
-für „künstliche Höhensonne“ wurde angeschafft, da die beiden schon
-vorhandenen der Nachfrage derer nicht genügten, die sich auf
-elektrischem Wege braun brennen lassen wollten, was die jungen Mädchen
-und Frauen gut kleidete und der Männerwelt trotz horizontaler
-Lebensweise ein prächtig sportliches und erobererhaftes Ansehen verlieh.
-Ja, dies Ansehen trug Früchte im Wirklichen; die Frauen, obwohl völlig
-im klaren über die technisch-kosmetische Herkunft dieser Männlichkeit,
-waren dumm oder ausgepicht genug, auf Sinnentrug hinlänglich versessen,
-um sich von der Illusion berauschen und weiblich hinnehmen zu lassen.
-„Mein Gott!“ sagte Frau Schönfeld, eine rothaarige und rotäugige Kranke
-aus Berlin, abends in der Halle zu einem Kavalier mit langen Beinen und
-eingefallener Brust, der sich auf seiner Karte als „_Aviateur diplômé et
-Enseigne de la Marine allemande_“ bezeichnete und mit dem Pneumothorax
-versehen war, übrigens zum Mittagessen im Smoking erschien und dies
-Kleidungsstück abends wieder ablegte, behauptend, bei der Marine sei das
-so Vorschrift, – „mein Gott!“ sagte sie, indem sie den _Enseigne_ gierig
-betrachtete, „wie herrlich braun er ist von Höhensonne! Wie ein
-Adlerjäger sieht er aus, dieser Teufel!“ – „Wart, Nixe!“ flüsterte er im
-Lift an ihrem Ohr, so daß eine Gänsehaut sie überlief, „Sie werden mir
-büßen müssen für Ihr verderbliches Augenspiel!“ Und über die Balkons, an
-den gläsernen Scheidewänden vorbei, fand der Teufel und Adlerjäger den
-Weg zur Nixe ...
-
-Dennoch fehlte viel, daß die künstliche Höhensonne als wirklicher
-Ausgleich für den diesjährigen Fehlbetrag an echtem Himmelslicht
-empfunden worden wäre. Zwei oder drei reine Sonnentage im Monat – Tage,
-die freilich mit tief-tiefer Sammetbläue hinter den weißen Gipfeln, mit
-Diamantengeglitzer und köstlich heißem Brande in den Nacken und die
-Gesichter der Menschen besonders herrlich aus verschwimmendem Nebelgrau
-und dicker Verhüllung hervorstrahlten – zwei oder drei solcher Tage im
-Laufe von Wochen, das war zu wenig für das Gemüt von Leuten, deren
-Schicksal außerordentliche Tröstungsansprüche rechtfertigte, und die
-innerlich auf einen Pakt pochten, welcher ihnen gegen Verzicht auf die
-Freuden und Plagen des Flachland-Menschentums ein zwar lebloses, aber
-ganz leichtes und vergnügliches Leben verbriefte, – sorglos bis zur
-Aufhebung der Zeit und vollkommen günstig. Es half dem Hofrat wenig,
-wenn er daran erinnerte, wie wenig auch unter diesen Umständen noch das
-Berghof-Dasein dem Aufenthalt in einem Bagno oder einem sibirischen
-Bergwerk gleiche, und welche Vorzüge die hiesige Luft, dünn und leicht
-wie sie war, leerer Äther des Alls beinahe, arm an irdischen Zusätzen,
-an Gutem wie Bösem, auch ohne Sonne doch immer noch vor dem Qualm und
-Brodem der Ebene bewahre: Verdüsterung und Protest griffen um sich,
-Drohungen mit wilder Abreise waren an der Tagesordnung, und es kam vor,
-daß sie ausgeführt wurden, trotz solcher Exempel, wie der jüngst
-erfolgten traurigen Rückkehr Frau Salomons, deren Fall nicht schwer,
-wenn auch langwierig gewesen war, durch ihren eigenmächtigen Aufenthalt
-in dem nassen und zugigen Amsterdam aber lebenslänglichen Charakter
-gewonnen hatte ...
-
-Statt der Sonne jedoch gab es Schnee, Schnee in Massen, so kolossal viel
-Schnee, wie Hans Castorp in seinem Leben noch nicht gesehen. Der vorige
-Winter hatte es in dieser Richtung wahrhaftig nicht fehlen lassen, doch
-waren seine Leistungen schwächlich gewesen im Vergleich mit denen des
-diesjährigen. Sie waren monströs und maßlos, erfüllten das Gemüt mit dem
-Bewußtsein der Abenteuerlichkeit und Exzentrizität dieser Sphäre. Es
-schneite Tag für Tag und die Nächte hindurch, dünn oder in dichtem
-Gestöber, aber es schneite. Die wenigen gangbar gehaltenen Wege
-erschienen hohlwegartig, mit übermannshohen Schneewänden zu beiden
-Seiten, alabasternen Tafelflächen, die in ihrem körnig kristallischen
-Geflimmer angenehm zu sehen waren und den Berggästen zum Schreiben und
-Zeichnen dienten, zur Übermittlung von allerlei Nachrichten,
-Scherzworten und Anzüglichkeiten. Aber auch zwischen den Wänden noch
-trat man stark aufgehöhten Grund, so tief auch geschaufelt war, das
-merkte man an lockeren Stellen und Löchern, wo plötzlich der Fuß
-einsank, tief hinab, wohl bis zum Knie: man hatte gut acht zu geben, daß
-man nicht unversehens das Bein brach. Die Ruhebänke waren verschwunden,
-versunken; ein Stück Lehne etwa ragte noch aus ihrem weißen Begräbnis
-hervor. Drunten im Ort war das Straßenniveau so seltsam verlegt, daß die
-Läden im Erdgeschoß der Häuser zu Kellern geworden waren, in die man auf
-Schneestufen von der Höhe des Bürgersteiges hinabstieg.
-
-Und auf die liegenden Massen schneite es weiter, tagaus, tagein, still
-niedersinkend bei mäßigem Frost, zehn, fünfzehn Kältegraden, die nicht
-eben ans Mark gingen, – man spürte sie wenig, es hätten auch fünf oder
-zwei sein können, Windstille und Lufttrockenheit nahmen ihnen den
-Stachel. Es war sehr dunkel am Morgen; man frühstückte beim künstlichen
-Schein der Lüstermonde im Saal mit den lustig schablonierten
-Gewölbegurten. Draußen war das trübe Nichts, die Welt in grauweiße
-Watte, die gegen die Scheiben drängte, in Schneequalm und Nebeldunst
-dicht verpackt. Unsichtbar das Gebirge; vom nächsten Nadelholz
-allenfalls mit der Zeit ein wenig zu sehen: beladen stand es, verlor
-sich rasch im Gebräu, und dann und wann entlud eine Fichte sich ihrer
-Überlast, schüttelte stäubendes Weiß ins Grau. Um zehn Uhr kam die Sonne
-als schwach erleuchteter Rauch über ihren Berg, ein matt gespenstisches
-Leben, einen fahlen Schein von Sinnlichkeit in die nichtig-unkenntliche
-Landschaft zu bringen. Doch blieb alles gelöst in geisterhafter Zartheit
-und Blässe, bar jeder Linie, die das Auge mit Sicherheit hätte
-nachziehen können. Gipfelkonturen verschwammen, vernebelten,
-verrauchten. Bleich beschienene Schneeflächen, die hinter- und
-übereinander aufstiegen, leiteten den Blick ins Wesenlose. Dann schwebte
-wohl eine erleuchtete Wolke, rauchartig, lange, ohne ihre Form zu
-verändern, vor einer Felswand.
-
-Um Mittag zeigte die Sonne, halb durchbrechend, das Bestreben, den Nebel
-in Bläue zu lösen. Ihr Versuch blieb fern vom Gelingen; doch eine Ahnung
-von Himmelsblau war augenblicksweise zu erfassen, und das wenige Licht
-reichte hin, die durch das Schneeabenteuer wunderlich entstellte Gegend
-weithin diamanten aufglitzern zu lassen. Gewöhnlich hörte es auf zu
-schneien um diese Stunde, gleichsam um einen Überblick über das
-Erreichte zu gewähren, ja, diesem Zweck schienen auch die wenigen
-eingestreuten Sonnentage zu dienen, an denen das Gestöber ruhte und der
-unvermittelte Himmelsbrand die köstlich reine Oberfläche der Massen von
-Neuschnee anzuschmelzen suchte. Das Bild der Welt war märchenhaft,
-kindlich und komisch. Die dicken, lockeren, wie aufgeschüttelten Kissen
-auf den Zweigen der Bäume, die Buckel des Bodens, unter denen sich
-kriechendes Holz oder Felsvorsprünge verbargen, das Hockende,
-Versunkene, possierlich Vermummte der Landschaft, das ergab eine
-Gnomenwelt, lächerlich anzusehn und wie aus dem Märchenbuch.
-Mutete aber die nahe Szene, in der man sich mühselig bewegte,
-phantastisch-schalkhaft an, so waren es Empfindungen der Erhabenheit und
-des Heiligen, die der hereinschauende fernere Hintergrund, die getürmten
-Standbilder der verschneiten Alpen erweckten.
-
-Nachmittags zwischen zwei und vier Uhr lag Hans Castorp in der
-Balkonloge und blickte wohlverpackt, den Kopf gestützt von der weder zu
-steil noch zu flach eingestellten Lehne seines vorzüglichen Liegestuhls,
-über die bepolsterte Brüstung hin auf Wald und Gebirge. Der
-grünschwarze, mit Schnee beschwerte Tannenforst stieg die Lehnen hinan,
-und zwischen den Bäumen war aller Boden kissenweich von Schnee. Darüber
-erhob sich das Felsgebirg ins Grauweiß, mit ungeheueren Schneeflächen,
-die von einzelnen, dunkler hervorragenden Felsnasen unterbrochen waren,
-und zart verdunstenden Kammlinien. Es schneite still. Alles verschwamm
-mehr und mehr. Der Blick, in ein wattiges Nichts gehend, brach sich
-leicht zum Schlummer. Ein Frösteln begleitete den Augenblick des
-Hinüberganges, doch gab es dann kein reineres Schlafen als dieses hier
-in der Eiseskälte, dessen Traumlosigkeit von keinem unbewußten Gefühl
-organischer Lebenslast berührt wurde, da das Atmen der leeren,
-nichtig-dunstlosen Luft dem Organismus nicht schwerer fiel, als das
-Nichtatmen den Toten. Beim Erwachen war das Gebirge völlig im
-Schneenebel verschwunden, und nur Stücke davon, eine Gipfelkuppe, eine
-Felsnase, traten wechselnd für einige Minuten hervor, um wieder verhüllt
-zu werden. Dies leise Geisterspiel war äußerst unterhaltend. Man mußte
-scharf achtgeben, um die Schleier-Phantasmagorie in ihren heimlichen
-Wandlungen zu belauschen. Wild und groß zeigte sich, frei im Dunste,
-eine Felsgebirgspartie, von der weder Gipfel noch Fuß zu sehen war. Aber
-da man sie nur eine Minute aus den Augen gelassen, war sie entschwunden.
-
-Dann gab es Schneestürme, die den Aufenthalt in der Balkonlaube
-überhaupt verhinderten, da das stöbernde Weiß massenweise hereintrieb
-und alles, Boden und Möbel, dickauf bedeckte. Ja, es konnte auch stürmen
-in dem gefriedeten Hochtal. Die nichtige Atmosphäre geriet in Aufruhr,
-sie war so ausgefüllt von Flockengewimmel, daß man nicht einen Schritt
-weit sah. Böen von erstickender Stärke versetzten das Gestöber in wilde,
-treibende, seitliche Bewegung, sie wirbelten es von unten nach oben, von
-der Talsohle in die Lüfte empor, quirlten es in tollem Tanz
-durcheinander, – das war kein Schneefall mehr, es war ein Chaos von
-weißer Finsternis, ein Unwesen, die phänomenale Ausschreitung einer über
-das Gemäßigte hinausgehenden Region, worin nur der Schneefink, der
-plötzlich in Scharen zum Vorschein kam, sich heimatlich auskennen
-mochte.
-
-Jedoch liebte Hans Castorp das Leben im Schnee. Er fand es demjenigen am
-Meeresstrande in mehrfacher Hinsicht verwandt: die Urmonotonie des
-Naturbildes war beiden Sphären gemeinsam; der Schnee, dieser tiefe,
-lockere, makellose Pulverschnee, spielte hier ganz die Rolle wie drunten
-der gelbweiße Sand; gleich reinlich war die Berührung mit beiden, man
-schüttelte das frosttrockene Weiß von Schuhen und Kleidern wie drunten
-das staubfreie Stein- und Muschelpulver des Meeresgrundes, ohne daß eine
-Spur hinterblieb, und auf ganz ähnliche Weise mühselig war das
-Marschieren im Schnee wie eine Dünenwanderung, es sei denn, daß die
-Flächen vom Sonnenbrand oberflächlich angeschmolzen, nachts aber hart
-gefroren waren: dann ging es sich leichter und angenehmer darauf, als
-auf Parkett, – genau so leicht und angenehm, wie auf dem glatten,
-festen, gespülten und federnden Sandboden am Saume des Meeres.
-
-Nur waren das Schneefälle und lagernde Massen dies Jahr, die für
-jedermann, ausgenommen den Skiläufer, die Möglichkeit der Bewegung im
-Freien kärglich verengten. Die Schneepflüge arbeiteten; aber sie hatten
-Mühe, die allergebräuchlichsten Pfade und die Hauptstraße des Kurortes
-notdürftig frei zu halten, und die wenigen Wege, die offen standen und
-rasch ins Unzugängliche mündeten, waren dicht begangen, von Gesunden und
-Kranken, von Einheimischen und internationaler Hotelgesellschaft; den
-Fußgängern aber stolperten die Rodelfahrer an die Beine, Herren und
-Damen, welche, zurückgelehnt, die Füße voran, unter Warnungsrufen, deren
-Ton davon zeugte, wie sehr durchdrungen sie von der Wichtigkeit ihres
-Unternehmens waren, auf ihren Kinderschlittchen schlingernd und kippend
-die Abhänge hinunterfegten, um, unten angekommen, ihr Modespielzeug am
-Seile wieder bergan zu ziehen.
-
-Dieser Promenaden war Hans Castorp nun übersatt. Er hegte zwei Wünsche:
-der stärkste davon war der, mit seinen Gedanken und Regierungsgeschäften
-allein zu sein, und diesen hätte seine Balkonloge ihm, wenn auch
-oberflächlich, gewährt. Der andere aber, verbunden mit jenem, galt
-lebhaft einer inniger-freieren Berührung mit dem schneeverwüsteten
-Gebirge, für das er Teilnahme gefaßt hatte, und dieser Wunsch war
-unerfüllbar, solange ein unbewehrter und unbeschwingter Fußgänger es
-war, der sich mit ihm trug; denn sofort hätte ein solcher bis über die
-Brust im Elemente gesteckt, wenn er versucht hätte, über das allerorts
-rasch erreichte Ende der geschaufelten Verkehrspfade hinaus
-vorzudringen.
-
-So beschloß Hans Castorp eines Tages, in diesem seinem zweiten Winter
-hier oben, sich Schneeschuhe zu kaufen und ihren Gebrauch zu erlernen,
-soweit sein sachliches Bedürfnis es eben erforderte. Er war kein
-Sportsmann; war, mangels körperlicher Gesinnung, nie einer gewesen; tat
-auch nicht, als ob er einer sei, wie manche Berghofgäste, die dem
-Ortsgeist und der Mode zu Gefallen sich geckigerweise so kostümierten, –
-Frauenzimmer zumal, Hermine Kleefeld zum Beispiel, die, obgleich
-unzureichende Atmung ihre Nasenspitze und Lippen beständig blau färbte,
-zum Lunch in wollener Hosentracht zu erscheinen liebte, darin sie sich
-nach dem Essen mit gespreizten Knien in einem Korbsessel der Halle recht
-liederlich lümmelte. Hans Castorp wäre, wenn er nach des Hofrats
-Erlaubnis für sein ausschweifendes Vorhaben gefragt hätte, unbedingt
-abschlägig beschieden worden. Sportliche Betätigung war der Gemeinschaft
-derer hier oben, im Berghof wie allerwärts in ähnlichen Anstalten,
-unbedingt verwehrt; denn ohnehin stellte die scheinbar so leicht
-eingehende Atmosphäre strenge Anforderungen an den Herzmuskel, und was
-Hans Castorp persönlich betraf, so war sein aufgewecktes Wort von der
-„Gewöhnung daran, daß er sich nicht gewöhnte“, in voller Kraft
-geblieben, und seine Fieberneigung, die Radamanth von einer feuchten
-Stelle herleitete, bestand zähe fort. Was hätte er sonst auch hier oben
-zu suchen gehabt? So war sein Wunsch und Vorhaben widerspruchsvoll und
-unstatthaft. Nur mußte man ihn auch recht verstehen. Ihn stach nicht der
-Ehrgeiz, es den Freiluftgecken und Schicksportlern gleichzutun, die,
-wäre es eben Parole gewesen, mit ebenso wichtigem Eifer dem Kartenspiel
-im stickigen Zimmer obgelegen hätten. Durchaus fühlte er sich einer
-anderen, gebundeneren Gemeinschaft zugehörig, als dem Touristenvölkchen,
-und unter einem weiteren und neueren Gesichtspunkt noch, auf Grund einer
-entfremdenden Würde und dämpfenden Verpflichtung war ihm zumute, als sei
-es nicht seine Sache, sich obenhin zu tummeln gleich jenen und sich im
-Schnee zu wälzen wie ein Narr. Er hatte keine Eskapaden im Sinn, wollte
-sich schon mäßig halten, und was er plante, hätte Rhadamanthys ihm recht
-wohl gestatten können. Da er’s der Hausordnung halber dennoch verbieten
-würde, beschloß Hans Castorp, hinter seinem Rücken zu handeln.
-
-Gelegentlich sprach er Herrn Settembrini von seinem Vorhaben. Herr
-Settembrini hätte ihn vor Freuden beinahe umarmt. „Aber ja, aber ja
-doch, Ingenieur, um Gottes willen, tun Sie das! Fragen Sie niemanden und
-tun Sie’s, – Ihr guter Engel hat Ihnen das eingeflüstert! Tun Sie’s
-sofort, bevor diese gute Lust Sie wieder verläßt! Ich gehe mit Ihnen,
-ich begleite Sie in das Geschäft, und stehenden Fußes erwerben wir
-miteinander diese gesegneten Utensilien! Auch in die Berge würde ich Sie
-begleiten, würde mit Ihnen fahren, Flügelschuhe an den Füßen, wie
-Mercurio, aber ich darf es nicht ... Eh, dürfen! Ich täte es schon, wenn
-ich es nur ‚nicht dürfte‘, aber ich kann’s nicht, ich bin ein verlorener
-Mann. Dagegen Sie ... es wird Ihnen nicht schaden, durchaus nicht, wenn
-Sie vernünftig sind und nichts übertreiben. Ach was, und schadete es
-Ihnen sogar ein wenig, so wird es immer noch Ihr guter Engel gewesen
-sein, welcher ... Ich sage nichts weiter. Was für ein exzellenter Plan!
-Zwei Jahre hier und noch dieses Einfalls fähig, – ah, nein, Ihr Kern ist
-gut, man hat keinen Grund, an Ihnen zu verzweifeln. Bravo, bravo! Sie
-drehen Ihrem Schattenfürsten dort oben eine Nase, Sie kaufen diese
-Schlittschuhe, Sie lassen sie zu mir schicken oder zu Lukaček, oder zu
-dem Gewürzkrämer drunten in unserem Häuschen. Sie holen sie von dort, um
-sich darauf zu üben, und Sie gleiten dahin ...“
-
-Ganz so geschah es. Unter den Augen Herrn Settembrinis, der den
-kritischen Sachkenner spielte, obgleich er von Sport keine Ahnung hatte,
-erstand Hans Castorp in einem Spezialgeschäft der Hauptstraße ein Paar
-schmucker Ski, hellbraun lackiert, aus gutem Eschenholz, mit prächtigem
-Lederzeug und vorne spitz aufgebogen, kaufte auch die Stäbe mit
-Eisenspitze und Radscheibe dazu und ließ es sich nicht nehmen, alles
-selbst auf der Schulter davonzutragen bis zu Settembrinis Quartier, wo
-mit dem Krämer eine Übereinkunft wegen täglicher Unterstellung der
-Gerätschaften bald getroffen war. Durch vielfache Anschauung über die
-Art ihres Gebrauches unterrichtet, begann er auf eigene Hand, fern von
-dem Gewimmel der Übungsplätze, an einem fast baumfreien Abhang nicht
-weit hinter Sanatorium Berghof, alltäglich darauf herumzustümpern, wobei
-das eine und andere Mal Herr Settembrini aus einiger Entfernung ihm
-zuschaute, auf seinen Stock gestützt, die Füße anmutig gekreuzt,
-Gewandtheitsfortschritte mit Bravorufen begrüßend. Es lief gut ab, als
-Hans Castorp eines Tages, die geschaufelte Wegschleife gegen „Dorf“
-hinuntersteuernd, im Begriffe, die Schneeschuhe zum Krämer
-zurückzubringen, dem Hofrat begegnete. Behrens erkannte ihn nicht,
-obgleich es heller Mittag war und der Anfänger fast mit ihm
-zusammengestoßen wäre. Er hüllte sich in eine Wolke Zigarrenrauchs und
-stapfte vorbei.
-
-Hans Castorp erfuhr, daß man eine Fertigkeit rasch gewinnt, deren man
-innerlich bedürftig ist. Er erhob keine Ansprüche auf Virtuosentum. Was
-er brauchte, war ohne Überhitzung und Atemlosigkeit in ein paar Tagen
-erlernt. Er hielt sich an, die Füße hübsch beieinander zu halten und
-gleichlaufende Spuren zu schaffen, probte aus, wie man sich bei der
-Abfahrt des Stockes zum Lenken bedient, lernte Hindernisse, kleine
-Bodenerhebungen, die Arme ausgebreitet, im Schwunge nehmen, aufgehoben
-und abtauchend wie ein Schiff auf stürmischer See, und fiel seit dem
-zwanzigsten Versuch nicht mehr um, wenn er in voller Fahrt mit
-Telemarkschwung bremste, das eine Bein vorgeschoben, das andere ins Knie
-gebeugt. Allmählich erweiterte er den Umkreis seiner Übungen. Eines
-Tages sah Herr Settembrini ihn im weißlichen Nebel verschwinden, rief
-ihm durch die hohlen Hände eine Warnung nach und ging pädagogisch
-befriedigt nach Hause.
-
-Es war schön im winterlichen Gebirge, – nicht schön auf gelinde und
-freundliche Weise, sondern so, wie die Nordseewildnis schön ist bei
-starkem West, – zwar ohne Donnerlärm, sondern in Totenstille, doch ganz
-verwandte Ehrfurchtsgefühle erweckend. Hans Castorps lange, biegsame
-Sohlen trugen ihn in allerlei Richtung: entlang der linken Lehne gegen
-Clavadel oder rechtshin an Frauenkirch und Glaris vorüber, hinter denen
-der Schatten des Amselfluhmassivs im Nebel spukte; auch in das
-Dischmatal oder hinter dem Berghof empor in Richtung auf das bewaldete
-Seehorn, von dem nur die schneeige Spitze über die Baumgrenze ragte, und
-den Drusatschawald, hinter dem man den bleichen Schattenriß der tief
-verschneiten Rhätikonkette erblickte. Er ließ sich auch mit seinen
-Hölzern von der Drahtseilbahn zur Schatzalp steil aufheben und trieb
-sich gemächlich dort oben, zweitausend Meter hoch entführt, auf
-schimmernden Schrägflächen von Puderschnee herum, die bei sichtigem
-Wetter einen hehren Weitblick über die Landschaft seiner Abenteuer
-boten.
-
-Er freute sich seiner Errungenschaft, vor welcher die Unzugänglichkeit
-sich auftat und Hindernisse fast zunichte wurden. Sie umgab ihn mit
-erwünschter Einsamkeit, der erdenklich tiefsten sogar, einer Einsamkeit,
-die das Herz mit Empfindungen des menschlich Wildfremden und Kritischen
-berührte. Da war wohl zu seiner einen Seite ein Tannenabsturz hinab in
-Schneedunst und andererseits ein Felsenaufstieg mit ungeheueren,
-zyklopischen, gewölbten und gebuckelten, Höhlen und Kappen bildenden
-Schneemassen. Die Stille, wenn er regungslos stehen blieb, um sich
-selbst nicht zu hören, war unbedingt und vollkommen, eine wattierte
-Lautlosigkeit, unbekannt, nie vernommen, sonst nirgends vorkommend. Da
-war kein Windhauch, der die Bäume auch nur aufs leiseste gerührt hätte,
-kein Rauschen, nicht eine Vogelstimme. Es war das Urschweigen, das Hans
-Castorp belauschte, wenn er so stand, auf seinen Stock gestützt, den
-Kopf zur Schulter geneigt, mit offenem Munde; und still und unablässig
-schneite es weiter darin, ruhig hinsinkend, ohne einen Laut.
-
-Nein, diese Welt in ihrem bodenlosen Schweigen hatte nichts Wirtliches,
-sie empfing den Besucher auf eigene Rechnung und Gefahr, sie nahm ihn
-nicht eigentlich an und auf, sie duldete sein Eindringen, seine
-Gegenwart auf eine nicht geheuere, für nichts gutstehende Weise, und
-Gefühle des still bedrohlich Elementaren, des nicht einmal Feindseligen,
-vielmehr des Gleichgültig-Tödlichen waren es, die von ihr ausgingen. Das
-Kind der Zivilisation, fern und fremd der wilden Natur von Hause aus,
-ist ihrer Größe viel zugänglicher als ihr rauher Sohn, der, von
-Kindesbeinen auf sie angewiesen, in nüchterner Vertraulichkeit mit ihr
-lebt. Dieser kennt kaum die religiöse Furcht, mit der jener, die
-Augenbrauen hochgezogen, vor sie tritt, und die sein ganzes
-Empfindungsverhältnis zu ihr in der Tiefe bestimmt, eine beständige
-fromme Erschütterung und scheue Erregung in seiner Seele unterhält. Hans
-Castorp, in seiner langärmeligen Kamelhaarweste, seinen Wickelgamaschen
-und auf seinen Luxusski, kam sich im Grunde sehr keck vor im Belauschen
-der Urstille, der tödlich lautlosen Winterwildnis, und das
-Erleichterungsgefühl, das sich meldete, wenn auf dem Heimweg die ersten
-menschlichen Wohnstätten im Geschleier wieder auftauchten, machte ihm
-seinen vorherigen Zustand bewußt und lehrte ihn, daß stundenlang ein
-heimlich-heiliger Schrecken sein Gemüt beherrscht hatte. Auf Sylt hatte
-er, in weißen Hosen, sicher, elegant und ehrerbietig, am Rande der
-mächtigen Brandung gestanden wie vor einem Löwenkäfig, hinter dessen
-Gitter die Bestie ihren Rachen mit den fürchterlichen Reißzähnen
-schlundtief ergähnen läßt. Dann hatte er gebadet, während ein
-Strandwächter auf einem Hörnchen denjenigen Gefahr zublies, die
-frecherweise versuchten, über die erste Welle hinauszudringen, dem
-herantreibenden Ungewitter auch nur zu nahe zu kommen, und noch der
-letzte Auslauf des Katarakts hatte den Nacken wie Prankenschlag
-getroffen. Von dorther kannte der junge Mensch das Begeisterungsglück
-leichter Liebesberührungen mit Mächten, deren volle Umarmung vernichtend
-sein würde. Was er aber nicht gekannt hatte, war die Neigung, diese
-begeisternde Berührung mit der tödlichen Natur so weit zu verstärken,
-daß die volle Umarmung drohte, – als ein schwaches, wenn auch
-bewaffnetes und von der Zivilisation leidlich ausgestattetes
-Menschenkind, das er war, sich so weit ins Ungeheuerliche vorzuwagen,
-oder doch so lange nicht davor zu fliehen, bis der Verkehr das Kritische
-streifte und ihm kaum noch beliebig Grenzen zu setzen waren, bis es sich
-nicht mehr um Schaumauslauf und leichten Prankenschlag handelte, sondern
-um die Welle, den Rachen, das Meer.
-
-Mit einem Worte: Hans Castorp hatte Mut hier oben, – wenn Mut vor den
-Elementen nicht stumpfe Nüchternheit im Verhältnis zu ihnen, sondern
-bewußte Hingabe und aus Sympathie bezwungenen Todesschrecken bedeutet. –
-Sympathie? – Allerdings, Hans Castorp hegte Sympathie mit den Elementen
-in seiner schmalen, zivilisierten Brust; und da war ein Zusammenhang
-dieser Sympathie mit dem neuen Würdegefühl, dessen er sich beim Anblick
-des schlittelnden Völkchens bewußt geworden, und das ihm eine tiefere
-und größere, weniger hotelbequeme Einsamkeit als die seiner Balkonloge
-hatte schicklich und wünschenswert erscheinen lassen. Von dort aus hatte
-er das hohe Nebelgebirg, den Tanz des Schneesturms betrachtet und sich
-seines Gaffens über die Brustwehr des Komforts hin in seiner Seele
-geschämt. Darum, und nicht aus Sportfexerei noch aus angeborner
-Körperfreudigkeit, hatte er Skilaufen gelernt. Wenn es ihm nicht geheuer
-war dort in der Größe, der schneienden Totenstille – und das war es dem
-Kinde der Zivilisation durchaus nicht –: nun, so hatte er vom nicht
-Geheueren längst hier oben mit Geist und Sinn gekostet. Ein Kolloquium
-mit Naphta und Settembrini war auch nicht just das Geheuerste; ebenfalls
-führte es ins Weglose und Hochgefährliche; und wenn von Sympathie mit
-der großen Winterwildnis auf seiten Hans Castorps die Rede sein konnte,
-so darum, weil er sie, seines frommen Schreckens ungeachtet, als
-passenden Schauplatz für das Austragen seiner Gedankenkomplexe empfand,
-als geziemenden Aufenthalt für einen, der, ohne freilich recht zu
-wissen, wie er dazu kam, mit Regierungsgeschäften, betreffend Stand und
-Staat des _homo Dei_ beschwert war.
-
-Kein Mann war hier, der Vorwitzigen auf einem Hörnchen Gefahr geblasen
-hätte, es sei denn, Herr Settembrini wäre dieser Mann gewesen, als er
-dem entschwindenden Hans Castorp durch die hohlen Hände zugerufen hatte.
-Dieser aber hatte Mut und Sympathie, er achtete des Zurufs in seinem
-Rücken nicht mehr, als er dessen geachtet hatte, der bei gewissen
-Schritten einst in der Faschingsnacht hinter ihm drein geklungen war.
-„_Eh, Ingeniere, un po’ di ragione, sa!_“ Ach ja, du pädagogischer
-Satana mit deiner _ragione_ und _ribellione_, dachte er. Übrigens habe
-ich dich gern. Du bist zwar ein Windbeutel und Drehorgelmann, aber du
-meinst es gut, meinst es besser und bist mir lieber als der scharfe
-kleine Jesuit und Terrorist, der spanische Folter- und Prügelknecht mit
-seiner Blitzbrille, obgleich er fast immer recht hat, wenn ihr euch
-zankt ... euch pädagogisch um meine arme Seele rauft, wie Gott und
-Teufel um den Menschen im Mittelalter ...
-
-Die Beine bepudert, stöckelte er sich irgendwo bleiche Höhen hinan,
-deren Lakengebreite sich in Terrassen, absatzweise erhoben, höher und
-höher, man wußte nicht wohin; es schien, daß sie nirgends hinführten;
-ihre obere Region verschwamm mit dem Himmel, der ebenso nebelweiß war
-wie sie, und von dem man nicht wußte, wo er anfing; kein Gipfel, keine
-Gratlinie war sichtbar, es war das dunstige Nichts, gegen das Hans
-Castorp sich emporschob, und da auch hinter ihm die Welt, das bewohnte
-Menschental, sich sehr bald schloß und den Augen abhanden kam, auch kein
-Laut von dorther mehr zu ihm drang, so war denn seine Einsamkeit, ja
-Verlorenheit, ehe er’s gedacht, so tief, wie er sie sich nur hatte
-wünschen können, tief bis zum Schrecken, der die Vorbedingung des Mutes
-ist. „_Praeterit figura hujus mundi_“, sagte er bei sich in einem
-Latein, das nicht humanistischen Geistes war, – er hatte die Redensart
-von Naphta gehört. Er blieb stehen und sah sich um. Es war überall gar
-nichts und nirgends etwas zu sehen, außer einzelnen ganz kleinen
-Schneeflocken, die aus dem Weiß der Höhe kommend auf das Weiß des
-Grundes niedersanken, und die Stille ringsumher war gewaltig
-nichtssagend. Während sein Blick sich in der weißen Leere brach, die ihn
-blendete, fühlte er sein Herz sich regen, das vom Aufstieg pochte, –
-dies Herzmuskelorgan, dessen tierische Gestalt und dessen Art zu
-schlagen er unter den knatternden Blitzen der Durchleuchtungskammer,
-frevelhafterweise vielleicht, belauscht hatte. Und eine Art von Rührung
-wandelte ihn an, eine einfache und andächtige Sympathie mit seinem
-Herzen, dem schlagenden Menschenherzen, so ganz allein hier oben im
-Eisig-Leeren mit seiner Frage und seinem Rätsel.
-
-Er schob sich weiter, höher hinauf, gegen den Himmel. Manchmal stieß er
-das obere Ende seines Skistockes in den Schnee und sah zu, wie blaues
-Licht aus der Tiefe des Loches dem Stabe nachstürzte, wenn er ihn
-herauszog. Das machte ihm Spaß; er konnte lange stehen bleiben, um die
-kleine optische Erscheinung wieder und wieder zu erproben. Es war so ein
-eigentümliches zartes Berg- und Tiefenlicht, grünlich-blau, eisklar und
-doch schattig, geheimnisvoll anziehend. Es erinnerte ihn an das Licht
-und die Farbe gewisser Augen, schicksalblickender Schrägaugen, die Herr
-Settembrini vom humanistischen Standpunkte aus verächtlich als
-„Tatarenschlitze“ und „Steppenwolfslichter“ bezeichnet hatte, – an früh
-erschaute und unvermeidlich wieder gefundene, an Hippes und Clawdia
-Chauchats Augen. „Gern“, sagte er halblaut in der Lautlosigkeit. „Aber
-mach ihn nicht entzwei: _Il est à visser, tu sais._“ Und im Geiste hörte
-er hinter sich wohllautende Mahnungen zur Vernunft.
-
-Rechts seitwärts in einiger Entfernung nebelte Wald. Er wandte sich
-dorthin, um ein irdisches Ziel vor Augen zu haben, statt weißlicher
-Transzendenz, und fuhr plötzlich ab, ohne daß er im geringsten eine
-Geländesenkung hatte kommen sehen. Die Blendung verhinderte jedes
-Erkennen der Bodengestaltung. Man sah nichts; alles verschwamm vor den
-Augen. Ganz unerwartet hoben Hindernisse ihn auf. Er überließ sich dem
-Gefälle, ohne mit dem Auge den Grad seiner Neigung zu unterscheiden.
-
-Das Gehölz, das ihn angezogen hatte, lag jenseits der Schlucht, in die
-er unversehens hineingefahren. Ihr mit lockerem Schnee bedeckter Grund
-senkte sich nach der Seite des Gebirges hin, wie er bemerkte, als er ihn
-ein Stück in dieser Richtung verfolgte. Es ging abwärts; die
-Seitenschrägen erhöhten sich; wie ein Hohlweg schien die Falte in den
-Berg hineinzuführen. Dann standen die Schnäbel seines Fahrzeugs wieder
-aufwärts; der Boden hob sich, es gab bald keine Seitenwand mehr zu
-ersteigen; Hans Castorps weglose Fahrt ging wieder auf offener Berghalde
-gegen den Himmel.
-
-Er sah das Nadelholz seitlich hinter und unter sich, wandte sich dorthin
-und erreichte in schneller Abfahrt die schneebeladenen Tannen, die sich,
-keilförmig angeordnet, als Ausläufer abschüssig vernebelnder Waldungen
-ins Baumfreie vorschoben. Unter ihren Zweigen rauchte er ausruhend eine
-Zigarette, in seiner Seele immerfort etwas bedrückt, gespannt, beklommen
-von der übertiefen Stille, der abenteuerlichen Einsamkeit, aber stolz,
-sie erobert zu haben, und mutig im Gefühl seines Würdenrechtes auf diese
-Umgebung.
-
-Es war nachmittags um drei Uhr. Bald nach Tische hatte er sich
-aufgemacht, um einen Teil der Großen Liegekur und die Vespermahlzeit zu
-schwänzen und vor Dunkelwerden zurück zu sein. Wohligkeit erfüllte ihn
-bei dem Gedanken, daß mehrere Stunden zum Schweifen im Freien und
-Großartigen vor ihm lagen. Er hatte etwas Schokolade in der Tasche
-seiner Breeches und eine kleine Flasche mit Portwein in der
-Westentasche.
-
-Der Stand der Sonne war kaum zu erkennen, so dicht umnebelt war sie.
-Hinten, in der Gegend des Talausganges, des Gebirgswinkels, den man
-nicht sah, dunkelte das Gewölk, das Gedünste tiefer und schien sich
-vorzuschieben. Es sah nach Schnee aus, mehr Schnee, um dringendem Bedarf
-abzuhelfen, – nach einem ordentlichen Gestöber. Und wirklich fielen die
-kleinen, lautlosen Flocken über der Halde schon reichlicher.
-
-Hans Castorp trat vor, um ein paar davon auf seinen Ärmel fallen zu
-lassen und sie mit den Kenneraugen des Liebhaberforschers zu betrachten.
-Sie schienen formlose Fetzchen, aber er hatte mehr als einmal
-ihresgleichen unter seiner guten Linse gehabt und wußte wohl, aus was
-für zierlichst genauen kleinen Kostbarkeiten sie sich zusammensetzten,
-Kleinodien, Ordenssternen, Brillantagraffen, wie der getreueste Juwelier
-sie nicht reicher und minuziöser hätte herstellen können, – ja, es hatte
-mit all diesem leichten, lockeren Puderweiß, das in Massen den Wald
-beschwerte, das Gebreite bedeckte, und über das seine Fußbretter ihn
-trugen, denn doch eine andere Bewandtnis als mit dem heimischen
-Meersande, an den es erinnerte: das waren bekanntlich nicht Steinkörner,
-woraus es bestand, es waren Myriaden im Erstarren zu ebenmäßiger
-Vielfalt kristallisch zusammengeschossener Wasserteilchen, – Teilchen
-eben der anorganischen Substanz, die auch das Lebensplasma, den
-Pflanzen-, den Menschenleib quellen machte, – und unter den Myriaden von
-Zaubersternchen in ihrer untersichtigen, dem Menschenauge nicht
-zugedachten, heimlichen Kleinpracht war nicht eines dem anderen gleich;
-eine endlose Erfindungslust in der Abwandlung und allerfeinsten
-Ausgestaltung eines und immer desselben Grundschemas, des
-gleichseitig-gleichwinkligen Sechsecks, herrschte da; aber in sich
-selbst war jedes der kalten Erzeugnisse von unbedingtem Ebenmaß und
-eisiger Regelmäßigkeit, ja, dies war das Unheimliche, Widerorganische
-und Lebensfeindliche daran; sie waren zu regelmäßig, die zum Leben
-geordnete Substanz war es niemals in diesem Grade, dem Leben schauderte
-vor der genauen Richtigkeit, es empfand sie als tödlich, als das
-Geheimnis des Todes selbst, und Hans Castorp glaubte zu verstehen, warum
-Tempelbaumeister der Vorzeit absichtlich und insgeheim kleine
-Abweichungen von der Symmetrie in ihren Säulenordnungen angebracht
-hatten.
-
-Er stieß sich ab, schlürfte auf seinen Kufen fort, fuhr am Waldrande den
-dicken Schneebelag der Schräge ins Neblige hinunter und trieb sich,
-steigend und gleitend, ziellos und gemächlich, weiter in dem toten
-Gelände umher, das mit seinen leeren, welligen Gebreiten, seiner
-Trockenvegetation, die aus einzelnen, dunkel hervorstechenden
-Latschenbüschen bestand, und seiner Horizontbegrenzung von weichen
-Erhebungen so auffallend einer Dünenlandschaft glich. Hans Castorp
-nickte zufrieden mit dem Kopf, wenn er stand und sich an dieser
-Ähnlichkeit weidete; und auch den Brand seiner Miene, die Neigung zum
-Gliederzittern, die eigentümliche und trunkene Mischung von Aufregung
-und Müdigkeit, die er spürte, duldete er mit Sympathie, da dies alles
-ihn an nah verwandte Wirkungen der ebenfalls aufpeitschenden und
-zugleich mit schlafbringenden Stoffen gesättigten Seeluft vertraulich
-erinnerte. Er empfand mit Genugtuung seine beschwingte Unabhängigkeit,
-sein freies Schweifen. Vor ihm lag kein Weg, an den er gebunden war,
-hinter ihm keiner, der ihn so zurückleiten würde wie er gekommen war. Es
-hatte anfangs Stangen, eingepflanzte Stöcke, Schneezeichen gegeben, aber
-absichtlich hatte er sich bald von ihrer Bevormundung freigemacht, da
-sie ihn an den Mann mit dem Hörnchen erinnerten und seinem inneren
-Verhältnis zur großen Winterwildnis nicht angemessen schienen.
-
-Hinter verschneiten Felshügeln, zwischen denen er sich, bald rechts,
-bald links lenkend, hindurchschob, lag eine Schräge, dann eine Ebene,
-dann großes Gebirge, dessen weich gepolsterte Schluchten und Pässe so
-zugänglich und lockend schienen. Ja, die Lockung der Fernen und Höhen,
-der immer neu sich auftuenden Einsamkeiten war stark in Hans Castorps
-Gemüt, und auf die Gefahr, sich zu verspäten, strebte er tiefer ins
-wilde Schweigen, ins Nichtgeheure, für nichts Gutstehende hinein, –
-ungeachtet, daß überdies die Spannung und Beklommenheit seines Inneren
-zur wirklichen Furcht wurde angesichts der vorzeitig zunehmenden
-Himmelsdunkelheit, die sich wie graue Schleier auf die Gegend
-herabsenkte. Diese Furcht machte ihm bewußt, daß er es heimlich bisher
-geradezu darauf angelegt hatte, sich um die Orientierung zu bringen und
-zu vergessen, in welcher Richtung Tal und Ortschaft lagen, was ihm denn
-auch in erwünschter Vollständigkeit gelungen war. Übrigens durfte er
-sich sagen, daß, wenn er sofort umkehrte und immer bergab fuhr, das Tal,
-wenn auch möglicherweise fern vom „Berghof“, rasch erreicht sein werde,
-– zu rasch; er würde zu früh kommen, würde seine Zeit nicht ausgenutzt
-haben, während er allerdings, wenn das Schneeunwetter ihn überraschte,
-den Heimweg wohl vorderhand überhaupt nicht finden würde. Darum aber
-vorzeitig flüchtig zu werden, weigerte er sich, – die Furcht, seine
-aufrichtige Furcht vor den Elementen mochte ihn beklemmen wie sie
-wollte. Das war kaum sportsmännisch gehandelt; denn der Sportsmann läßt
-sich mit den Elementen nur ein, solange er sich ihr Herr und Meister
-weiß, übt Vorsicht und ist der Klügere, der nachgibt. Was aber in Hans
-Castorps Seele vorging, war nur mit einem Wort zu bezeichnen:
-Herausforderung. Und soviel Tadel das Wort umschließt, auch wenn – oder
-besonders wenn – das ihm entsprechende frevelhafte Gefühl mit so viel
-aufrichtiger Furcht verbunden ist, so ist doch bei einigem menschlichen
-Nachdenken ungefähr zu begreifen, daß in den Seelengründen eines jungen
-Menschen und Mannes, der jahrelang gelebt hat wie dieser hier, manches
-sich ansammelt, oder, wie Hans Castorp, der Ingenieur, gesagt haben
-würde, „akkumuliert“, was eines Tages als ein elementares „Ach was!“
-oder ein „Komm denn an!“ von erbitterter Ungeduld, kurz eben als
-Herausforderung und Verweigerung kluger Vorsicht sich entlädt. Und so
-fuhr er denn zu auf seinen langen Pantoffeln, glitt noch den Abhang
-hinunter und schob sich über die folgende Halde, auf der in einiger
-Entfernung ein Holzhäuschen, Heuschober oder Almhütte mit
-steinbeschwertem Dache, stand, dem nächsten Berge zu, dessen Rücken
-borstig von Tannen war, und hinter dem Hochgipfel sich nebelhaft
-türmten. Die mit einzelnen Baumgruppen besetzte Wand vor ihm war
-schroff, aber schräg rechtshin mochte man sie in mäßiger Steigung halb
-umgehen und hinter sie kommen, um zu sehen, was da weiter sein werde,
-und an dieses Forschergeschäft machte sich Hans Castorp, nachdem er vor
-dem Feld mit der Sennhütte noch in eine ziemlich tiefe, von rechts nach
-links abfallende Schlucht hinabgefahren war.
-
-Er hatte eben wieder angefangen zu steigen, als denn also, wie zu
-erwarten gestanden, Schneefall und Sturm losgingen, daß es eine Art
-hatte, – der Schneesturm, mit einem Worte, war da, der lange gedroht
-hatte, wenn man von „Drohung“ sprechen kann in Hinsicht auf blinde und
-unwissende Elemente, die es nicht darauf abgesehen haben, uns zu
-vernichten, was vergleichsweise anheimelnd wäre, sondern denen es auf
-die ungeheuerste Weise gleichgültig ist, wenn das nebenbei mit
-unterläuft. „Hallo!“ dachte Hans Castorp und blieb stehen, als der erste
-Windstoß in das dichte Gestöber fuhr und ihn traf. „Das ist eine Sorte
-von Anhauch. Die geht ins Mark.“ Und wirklich war dieser Wind von ganz
-gehässiger Art: die furchtbare Kälte, die tatsächlich herrschte, gegen
-zwanzig Grad unter Null, war nur dann nicht zu spüren und mutete milde
-an, wenn die feuchtigkeitslose Luft still und unbewegt war wie
-gewöhnlich; sobald sie sich aber windig regte, schnitt das wie mit
-Messern ins Fleisch, und wenn es zuging wie jetzt – denn der erste
-fegende Windlauf war nur ein Vorläufer gewesen –, so hätten sieben Pelze
-nicht hingereicht, das Gebein vor eisigem Todesschrecken zu schützen,
-und Hans Castorp trug nicht sieben Pelze, sondern nur eine wollene
-Weste, die ihm sonst auch vollkommen genügt hatte und ihm bei dem
-geringsten Sonnenschein sogar lästig gewesen war. Übrigens bekam er den
-Wind etwas seitlich von hinten, so daß es sich wenig empfahl, umzukehren
-und ihn von vorn zu empfangen; und da diese Überlegung sich mit seinem
-Trotz und mit dem gründlichen „Ach was!“ seiner Seele mischte, so
-strebte der tolle Junge immer noch weiter, zwischen einzeln stehenden
-Tannen hin, um hinter den in Angriff genommenen Berg zu kommen.
-
-Dabei jedoch war gar kein Vergnügen, denn man sah nichts vor
-Flockentanz, der scheinbar ohne zu fallen in dichtestem Wirbelgedränge
-allen Raum erfüllte; die dreinfahrenden Eisböen machten die Ohren mit
-scharfem Schmerze brennen, lähmten die Glieder und ließen die Hände
-ertauben, so daß man nicht mehr wußte, ob man den Pickelstock noch hielt
-oder nicht. Der Schnee wehte ihm hinten in den Kragen und schmolz ihm
-den Rücken hinunter, legte sich ihm auf die Schultern und bedeckte seine
-rechte Flanke; es war ihm, als solle er hier zum Schneemann erstarren,
-seinen Stock steif in der Hand; und all diese Unzuträglichkeit ergab
-sich bei vergleichsweise günstigen Umständen: wendete er sich, so würde
-es schlimmer sein; und doch hatte der Heimweg sich zu einem Stück Arbeit
-gestaltet, das in Angriff zu nehmen er wohl nicht zögern sollte.
-
-So blieb er denn stehen, zuckte zornig mit den Achseln und stellte seine
-Bretter herum. Der Gegenwind verschlug ihm sofort den Atem, so daß er
-der unbequemen Prozedur der Umstellung sich nochmals unterzog, um zu
-Luft zu kommen und mit besserer Fassung dem gleichgültigen Feinde die
-Stirn zu bieten. Bei gesenktem Kopfe und vorsichtig geregeltem
-Atemhaushalt gelang ihm denn auch, in umgekehrter Richtung sich in
-Bewegung zu setzen, – überrascht, trotz böser Erwartungen, von den
-Schwierigkeiten des Vorwärtskommens, die namentlich aus seiner Blindheit
-und seiner Atemknappheit erwuchsen. Jeden Augenblick war er zum
-Haltmachen gezwungen, erstens, um hinter dem Sturme Luft zu schöpfen,
-und dann auch, weil er, geneigten Kopfes aufwärts blinzelnd, nichts sah
-vor weißer Verfinsterung und sich vor dem Anrennen an Bäume, dem
-Geworfenwerden durch Hindernisse hüten mußte. Die Flocken flogen ihm
-massenweise ins Gesicht und schmolzen dort, so daß es erstarrte. Sie
-flogen ihm in den Mund, wo sie mit schwach wässerigem Geschmack
-zergingen, flogen gegen seine Lider, die sich krampfhaft schlossen,
-überschwemmten die Augen und verhinderten jede Ausschau, – die übrigens
-nutzlos gewesen wäre, da die dichte Verschleierung des Blickfeldes und
-die Blendung durch all das Weiß den Gesichtssinn ohnedies fast völlig
-ausschalteten. Es war das Nichts, das weiße, wirbelnde Nichts, worein er
-blickte, wenn er sich zwang, zu sehen. Und nur zuweilen tauchten
-gespenstische Schatten der Erscheinungswelt darin auf: ein
-Latschenbusch, eine Fichtengruppe, die schwache Silhouette des Schobers
-auch, an dem er kürzlich vorübergekommen.
-
-Er ließ ihn liegen, suchte über die Halde hin, wo der Schuppen stand,
-seinen Rückweg. Aber ein Weg war ja nicht vorhanden; eine Richtung zu
-halten, die ungefähre Richtung nach Hause, ins Tal, war weit mehr
-Glücks- als Verstandessache, da man allenfalls die Hand vor Augen, aber
-nicht einmal bis zu den Spitzen seiner Schneeschuhe sah; und hätte man
-auch besser gesehen, so wären doch immer noch ausgiebige Vorkehrungen
-getroffen gewesen, ein Vorwärtskommen aufs äußerste zu erschweren: das
-Gesicht voll Schnee, den Sturm als Widersacher, der die Atmung
-zerstörte, sie abschnitt, das Aufnehmen von Luft wie den Aushauch
-verhinderte und jeden Augenblick zu schnappender Abkehr zwang, – da
-sollte dieser und jener vorwärts kommen, Hans Castorp oder ein anderer,
-Stärkerer, – man blieb stehen, schnappte, drückte sich blinzelnd das
-Wasser aus den Wimpern, klopfte den Harnisch von Schnee herunter, der
-sich einem auf die Frontseite gelegt hatte, und empfand es als
-unvernünftige Zumutung, unter solchen Umständen vorwärts zu kommen.
-
-Hans Castorp kam dennoch vorwärts, das heißt: er kam von der Stelle.
-Allein ob das ein zweckmäßiges Fortkommen, ein Fortkommen in rechter
-Richtung war, und ob es nicht weniger falsch gewesen wäre, zu bleiben,
-wo man war (was aber auch nicht tunlich schien), das stand dahin, es
-sprach sogar die theoretische Wahrscheinlichkeit dagegen, und praktisch
-genommen, schien es Hans Castorp bald, als sei mit dem Grund und Boden
-nicht alles in Ordnung, als habe er nicht den richtigen unter den Füßen,
-das heißt die flache Halde, die er von der Schlucht aufsteigend mit
-großer Mühe wieder gewonnen, und die es vor allem wieder zurückzulegen
-galt. Die Ebene war zu kurz gewesen, er stieg schon wieder. Offenbar
-hatte der Sturm, der von Südwest, aus der Gegend des Talausgangs kam,
-mit seinem wütenden Gegendrucke ihn abgedrängt. Es war ein falsches
-Fortkommen, schon längere Zeit, mit dem er sich abmattete. Blindlings,
-umhüllt von wirbelnder, weißer Nacht, arbeitete er sich nur tiefer ins
-Gleichgültig-Bedrohliche hinein.
-
-„Na, so was!“ sagte er zwischen den Zähnen und machte halt. Pathetischer
-drückte er sich nicht aus, obgleich es ihm einen Augenblick war, als
-griffe eine eiskalte Hand nach seinem Herzen, so daß es aufzuckte und
-dann mit so raschen Schlägen gegen seine Rippen pochte wie damals, als
-Rhadamanthys die feuchte Stelle bei ihm entdeckt. Denn er sah ein, daß
-er kein Recht hatte auf große Worte und Gebärden, da Herausforderung
-sein Teil gewesen und alle Bedenklichkeiten der Lage auf seine eigenste
-Rechnung kamen. „Nicht schlecht“, sagte er und fühlte, daß seine
-Gesichtszüge, die Ausdrucksmuskeln seiner Miene, der Seele nicht mehr
-gehorchten und gar nichts wiederzugeben vermochten, weder Furcht, noch
-Wut, noch Verachtung, denn sie waren erstarrt. „Was nun? Hier schräg
-hinunter und fortan hübsch der Nase nach, immer genau gegen den Wind.
-Das ist zwar leichter gesagt als getan“, fuhr er keuchend und
-abgerissen, aber tatsächlich halblaut sprechend fort, indem er sich
-wieder in Bewegung setzte; „aber geschehen muß etwas, ich kann mich
-nicht hinsetzen und warten, denn dann werde ich zugedeckt von
-hexagonaler Regelmäßigkeit, und Settembrini, wenn er mit seinem Hörnchen
-kommt, um nach mir zu sehen, findet mich hier mit Glasaugen hocken, eine
-Schneemütze schief auf dem Kopf ...“ Er nahm wahr, daß er mit sich
-selber sprach, und zwar etwas sonderbar. Darum verwies er es sich, tat
-es aber wiederum halblaut und ausdrücklich, obgleich seine Lippen so
-lahm waren, daß er auf ihre Benutzung verzichtete und ohne die
-Konsonanten sprach, die mit ihrer Hilfe gebildet werden, was ihn selbst
-an eine frühere Lebenslage erinnerte, in der es ebenso gewesen war.
-„Schweig still und sieh, daß du fortkommst“, sagte er und fügte hinzu:
-„Mir scheint, du faselst und bist nicht ganz klar im Kopf. Das ist
-schlimm in gewisser Hinsicht.“
-
-Allein, daß es schlimm war, unter dem Gesichtspunkt seines Davonkommens,
-war eine reine Feststellung der kontrollierenden Vernunft, gewissermaßen
-einer fremden, unbeteiligten, wenn auch besorgten Person. Für sein
-natürliches Teil war er sehr geneigt, sich der Unklarheit zu überlassen,
-die mit zunehmender Müdigkeit Besitz von ihm ergreifen wollte, nahm
-jedoch von dieser Geneigtheit Notiz und hielt sich gedanklich darüber
-auf. „Das ist die modifizierte Erlebnisart von einem, der im Gebirge in
-einen Schneesturm gerät und nicht mehr heimfindet“, dachte er arbeitend
-und redete abgerissene Brocken davon atemlos vor sich hin, indem er
-deutlichere Ausdrücke aus Diskretion vermied. „Wer nachher davon hört,
-stellt es sich gräßlich vor, vergißt aber, daß die Krankheit – und meine
-Lage ist ja gewissermaßen eine Krankheit – sich ihren Mann schon so
-zurichtet, daß sie miteinander auskommen können. Da gibt es sensorische
-Herabminderungen, Gnadennarkosen, Erleichterungsmaßnahmen der Natur,
-jawohl ... Man muß jedoch dagegen kämpfen, denn sie haben ein doppeltes
-Gesicht, sind zweideutig im höchsten Grad; bei ihrer Würdigung kommt
-alles auf den Gesichtspunkt an. Sie sind gut gemeint und eine Wohltat,
-sofern man eben nicht heimkommen soll, sind aber sehr schlimm gemeint
-und äußerst bekämpfenswert, sofern von Heimkommen überhaupt noch die
-Rede ist, wie bei mir, der ich nicht daran denke, in diesem meinem
-stürmisch schlagenden Herzen nicht daran denke, mich hier von blödsinnig
-regelmäßiger Kristallometrie zudecken zu lassen ...“
-
-Wirklich war er schon stark mitgenommen und bekämpfte die beginnende
-Unklarheit seines Sensoriums auf unklare und fieberhafte Art. Er
-erschrak nicht so, wie er gesunderweise hätte erschrecken sollen, als er
-gewahrte, daß er schon wieder von der ebenen Bahn abgekommen war:
-diesmal offenbar nach der anderen Seite, dorthin, wo die Halde sich
-senkte. Denn er fuhr ab, bei schrägem Gegenwinde, und obgleich er das
-vorderhand nicht hätte tun dürfen, war es für den Augenblick das
-Bequemste. „Schon recht“, dachte er. „Weiter unten werde ich wieder
-Richtung nehmen.“ Und das tat er oder glaubte es zu tun, oder glaubte es
-auch selber nicht recht, oder, noch bedenklicher, es fing an, ihm
-gleichgültig zu werden, ob er es tat oder nicht. So wirkten die
-zweideutigen Ausfälle, die er nur matt bekämpfte. Jene Mischung aus
-Müdigkeit und Aufregung, die den vertrauten Dauerzustand eines Gastes
-bildete, dessen Akklimatisation in der Gewöhnung daran bestand, daß er
-sich nicht gewöhnte, hatte sich in ihren beiden Bestandteilen so weit
-verstärkt, daß von einem besonnenen Verhalten gegen die Ausfälle nicht
-mehr die Rede sein konnte. Benommen und taumelig, zitterte er vor
-Trunkenheit und Exzitation, sehr ähnlich wie nach einem Kolloquium mit
-Naphta und Settembrini, nur ungleich stärker; und so mochte es kommen,
-daß er seine Trägheit im Bekämpfen der narkotischen Ausfälle mit
-betrunkenen Reminiszenzen an solche Erörterungen beschönigte, – trotz
-seiner verächterischen Empörung gegen das Zugedecktwerden durch
-hexagonale Regelmäßigkeit etwas in sich hineinfaselte, des Sinnes oder
-Unsinnes: das Pflichtgefühl, das ihn anhalten wolle, die verdächtigen
-Herabminderungen zu bekämpfen, sei nichts als bloße Ethik, das heiße
-schäbige Lebensbürgerlichkeit und irreligiöse Philisterei. Wunsch und
-Versuchung, sich niederzulegen und zu ruhen, beschlichen in der Gestalt
-seinen Sinn, daß er sich sagte, es sei wie bei einem Sandsturm in der
-Wüste, der die Araber veranlasse, sich aufs Gesicht zu werfen und den
-Burnus über den Kopf zu ziehen. Nur eben den Umstand, daß er keinen
-Burnus habe und daß man eine wollene Weste nicht recht über den Kopf
-ziehen könne, empfand er als Einwand gegen ein solches Verhalten,
-obgleich er kein Kind war und aus mancherlei Überlieferung ziemlich
-genau Bescheid wußte, wie man erfriert.
-
-Nach mäßig rascher Abfahrt und einiger Ebenheit ging es nun wieder
-aufwärts, und zwar recht steil. Das brauchte nicht falsch zu sein, denn
-zwischendurch mußte es bei dem Wege ins Tal auch wieder einmal aufwärts
-gehen, und was den Wind betraf, so hatte er sich wohl launisch gedreht,
-denn Hans Castorp hatte ihn neuerdings im Rücken und fand das
-dankenswert, an und für sich. Beugte ihn übrigens der Sturm oder übte
-die vom dämmerigen Gestöber verschleierte weiche weiße Schrägfläche vor
-ihm eine Anziehung auf seinen Körper aus, so daß er sich ihr zuneigte?
-Nur um ein Hinlehnen würde es sich handeln, wenn man sich ihr überließ,
-und die Versuchung dazu war groß, – ganz so groß, wie es im Buche stand
-und als typisch-gefährlich gekennzeichnet war, was jedoch der
-lebendig-gegenwärtigen Macht der Versuchung durchaus keinen Abbruch tat.
-Sie behauptete individuelle Rechte, wollte sich ins allgemein Bekannte
-nicht einordnen lassen, sich nicht darin wiedererkennen, erklärte sich
-als einmalig und unvergleichbar in ihrer Dringlichkeit, – ohne freilich
-leugnen zu können, daß sie eine Zuflüsterung von bestimmter Seite war,
-die Eingebung eines Wesens in spanischem Schwarz mit schneeweißer,
-gefälteter Tellerkrause, an dessen Idee und prinzipielle Vorstellung
-sich allerlei Düsteres, scharf Jesuitisches und Menschenfeindliches
-knüpfte, allerlei Folter- und Prügelknechtschaft, Herrn Settembrini ein
-Greuel, als welcher sich aber dem gegenüber auch nur lächerlich machte,
-mit seiner Drehorgel und seiner _ragione_ ...
-
-Doch hielt Hans Castorp sich redlich und widerstand der Lockung, sich
-hinzulehnen. Er sah nichts, aber er kämpfte und kam von der Stelle, –
-zweckmäßig oder nicht, aber er tat das Seine und regte sich, den
-lastenden Banden zum Trotz, in die der Froststurm immer schwerer seine
-Glieder schlug. Da ihm der Aufstieg zu steil wurde, lenkte er seitlich,
-ohne sich viel Rechenschaft davon zu geben, und fuhr eine Weile so an
-der Schräge hin. Die verkrampften Lider zu trennen und auszuspähen, war
-eine Anstrengung, deren erprobte Nutzlosigkeit wenig dazu ermutigte, sie
-auf sich zu nehmen. Dennoch sah er zuweilen etwas: Fichten, die
-zusammentraten, einen Bach oder Graben, dessen Schwärze sich zwischen
-überhängenden Schneerändern vom Gelände abzeichnete; und als es zur
-Abwechslung wieder einmal bergab mit ihm ging, übrigens gegen den Sturm,
-gewahrte er vor sich in einiger Ferne, frei schwebend gleichsam im
-fegenden Schleiergewirr, den Schatten einer menschlichen Baulichkeit.
-
-Willkommener, tröstlicher Anblick! Rüstig hat er es geschafft, trotz
-aller Widrigkeiten, daß nun sogar schon menschliche Baulichkeiten
-erschienen, zum Zeichen, das bewohnte Tal sei nahe. Vielleicht waren
-Menschen dort; vielleicht konnte man bei ihnen eintreten, um unter Dach
-und Fach das Ende des Wetters abzuwarten und nötigenfalls Begleitung und
-Führung zu haben, wenn unterdessen die natürliche Dunkelheit sollte
-eingefallen sein. Er hielt auf das chimärische, oft ganz im Wetterdunkel
-verschwindende Etwas zu, hatte noch einen kräfteverzehrenden Aufstieg
-gegen den Wind zu überwinden, um es zu erreichen, und überzeugte sich,
-angekommen, mit Empörung, Staunen, Schrecken und Schwindelgefühl, daß es
-die bekannte Hütte, der Heuschober mit steinbeschwertem Dache war, den
-er auf allerlei Umwegen und mit redlichster Anspannung zurückerobert
-hatte.
-
-Das war des Teufels. Schwere Verwünschungen lösten sich, unter
-Auslassung der Labiallaute, von Hans Castorps erstarrten Lippen. Er
-stocherte sich zu seiner Orientierung um die Hütte herum und stellte
-fest, daß er sie von hinten wieder erreicht und also eine gute Stunde
-lang – seiner Schätzung nach – den reinsten und nichtsnutzigsten Unsinn
-getrieben hatte. Aber so ging es, so stand es im Buche. Man lief im
-Kreise herum, plagte sich ab, die Vorstellung der Förderlichkeit im
-Herzen, und beschrieb dabei irgendeinen weiten, albernen Bogen, der in
-sich selber zurückführte wie der vexatorische Jahreslauf. So irrte man
-herum, so fand man nicht heim. Hans Castorp erkannte das überlieferte
-Phänomen mit einer gewissen Befriedigung, wenn auch mit Schrecken, und
-schlug sich auf den Schenkel vor Grimm und Staunen, weil sich das
-Allgemeine in seinem eigentümlichen, individuellen und gegenwärtigen
-Fall so pünktlich ereignet hatte.
-
-Der einsame Schuppen war unzugänglich, die Tür verschlossen, man konnte
-nirgends hinein. Aber Hans Castorp beschloß dennoch, vorderhand hier zu
-bleiben, denn das vorstehende Dach gewährte die Illusion einer gewissen
-Wirtlichkeit, und die Hütte selbst, an ihrer dem Gebirge zugekehrten
-Seite, die Hans Castorp aufsuchte, bot wirklich einigen Schutz gegen den
-Sturm, wenn man sich mit der Schulter gegen die aus Baumstämmen
-gezimmerte Wand lehnte, da es mit dem Rücken, der langen Schneeschuhe
-wegen, nicht füglich gehen wollte. Schräg angelehnt stand er, nachdem er
-den Skistock neben sich in den Schnee gestoßen, die Hände in den
-Taschen, den Kragen seiner Wolljacke hochgestellt, das äußere Bein als
-Gegenstütze benutzend, und ließ den taumeligen Schädel mit geschlossenen
-Augen an der Bohlenwand ruhen, indem er nur dann und wann, der Schulter
-entlang, über die Schlucht hin zur jenseitigen Bergwand
-hinüberblinzelte, die manchmal matt im Geschleier sichtbar wurde.
-
-Seine Lage war vergleichsweise behaglich. „So kann ich notfalls die
-ganze Nacht stehen,“ dachte er, „wenn ich von Zeit zu Zeit das Bein
-wechsle, mich sozusagen auf die andere Seite lege und mir zwischendurch
-natürlich etwas Bewegung mache, was unerläßlich ist. Wenn auch außen
-verklammt, habe ich doch innerlich Wärme gesammelt bei der Bewegung, die
-ich gemacht, und so war die Exkursion doch nicht ganz nutzlos, wenn ich
-auch umgekommen bin und von der Hütte zur Hütte geschweift ...
-‚Umkommen‘, was ist denn das für ein Ausdruck? Man braucht ihn gar
-nicht, er ist nicht üblich für das, was mir zugestoßen, ganz willkürlich
-setze ich ihn dafür ein, weil ich nicht so ganz klar im Kopfe bin; und
-doch ist es in seiner Art ein richtiges Wort, wie mir scheint ... Nur
-gut, daß ich es aushalten kann, denn das Treiben, das Schneetreiben, das
-Unfug-treiben, kann gut und gern bis morgen früh währen, und wenn es
-auch nur bis zum Dunkelwerden währt, so ist das schlimm genug, denn bei
-Nacht ist die Gefahr des Umkommens, des im Kreise Herumkommens ebenso
-groß wie beim Schneesturm ... Es müßte sogar schon Abend sein, ungefähr
-sechs, – so viel Zeit, wie ich beim Umkommen vertrödelt habe. Wie spät
-ist es denn?“ Und er sah nach der Uhr, obgleich es den starren Fingern
-nicht leicht fiel, sie ohne Gefühl aus den Kleidern zu graben, – nach
-seiner goldenen Springdeckeluhr mit Monogramm, die lebhaft und
-pflichttreu hier in der wüsten Einsamkeit tickte, ähnlich seinem Herzen,
-dem rührenden Menschenherzen in der organischen Wärme seiner Brustkammer
-...
-
-Es war halb fünf. Was Teufel, so viel war es ja beinahe schon gewesen,
-als das Wetter losgegangen war. Sollte er glauben, daß sein Herumirren
-kaum eine Viertelstunde gedauert hatte? „Die Zeit ist mir lang
-geworden“, dachte er. „Das Umkommen ist langweilig, wie es scheint. Aber
-um fünf oder halb sechs wird es regelrecht dunkel, das bleibt bestehen.
-Wird es vorher aufhören, rechtzeitig genug, daß ich vor weiterem
-Umkommen bewahrt bleibe? Darauf könnte ich einen Schluck Portwein
-nehmen, zu meiner Stärkung.“
-
-Dies dilettantische Getränk hatte er zu sich gesteckt, einzig und
-allein, weil es auf „Berghof“ in flachen Fläschchen bereit gehalten und
-Ausflüglern verkauft wurde, wobei selbstverständlich nicht an solche
-gedacht war, die sich unerlaubterweise bei Schnee und Frost im Gebirge
-verirrten und unter solchen Umständen die Nacht erwarteten. Bei minder
-herabgesetzten Sinnen hätte er sich sagen müssen, daß es, unter dem
-Gesichtspunkt des Heimkommens, beinahe das Falscheste war, was er hätte
-zu sich nehmen können; und das sagte er sich auch, nachdem er einige
-Schlucke genommen, die sofort eine Wirkung zeitigten, ganz ähnlich
-derjenigen des Kulmbacher Bieres am Abend seines ersten Tages hier oben,
-als er durch liederlich unbeherrschte Reden von Fischsaucen und
-dergleichen mehr bei Settembrini angestoßen hatte, – bei Herrn Lodovico,
-dem Pädagogen, der sogar die Tollen, die sich gehen ließen, mit seinem
-Blick zur Vernunft anhielt, und dessen wohllautendes Hörnchen Hans
-Castorp eben durch die Lüfte vernahm, zum Zeichen, der rednerische
-Erzieher nähere sich in großen Märschen, um den Schmerzenszögling, das
-Sorgenkind des Lebens aus seiner tollen Lage zu befreien und
-heimzuführen ... Was selbstverständlich lauter Unsinn war und nur von
-dem Kulmbacher herrührte, das er aus Versehen getrunken. Denn erstens
-hatte Herr Settembrini gar kein Hörnchen, sondern nur seine Drehorgel,
-die auf einem Stelzbein auf dem Pflaster stand, und zu deren geläufigem
-Spiel er humanistische Augen an den Häusern emporsandte; und zweitens
-wußte und merkte er gar nichts von dem, was vorging, da er sich nicht
-mehr im Sanatorium „Berghof“, sondern bei Damenschneider Lukaček in
-seinem Speicherstübchen mit der Wasserflasche, oberhalb von Naphtas
-seidener Zelle, befand, – hatte auch gar kein Recht und keine
-Möglichkeit zum Einschreiten, so wenig wie dermaleinst in der
-Faschingsnacht, als Hans Castorp sich in ebenso toller und schlimmer
-Lage befunden, indem er der kranken Clawdia Chauchat _son crayon_,
-seinen Bleistift, Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben hatte ... Wie
-war das übrigens mit der „Lage“? Um sich in einer Lage zu befinden,
-mußte er liegen und nicht stehen, damit das Wort seinen gerechten und
-ordentlichen Sinn, statt eines bloß metaphorischen, gewänne. Horizontal,
-das war die Lage, die einem langjährigen Mitgliede Derer hier oben
-zukam. War er denn nicht daran gewöhnt, bei Schnee und Frost im Freien
-zu liegen, nachts sowohl wie am Tage? Und er machte Anstalt, sich
-niedersinken zu lassen, als ihn die Einsicht durchfuhr, ihn sozusagen
-beim Kragen nahm und aufrecht hielt, daß auch dieses sein
-Gedankengeschwätz von der „Lage“ nur auf Rechnung des Kulmbacher Bieres
-zu setzen war, nur seiner unpersönlichen, als typisch gefährlich im
-Buche stehenden Lust zum Liegen und Schlafen entsprang, die ihn mit
-Sophismen und Wortspielen betören wollte.
-
-„Da ist ein Mißgriff begangen worden“, erkannte er. „Der Portwein war
-nicht das Rechte, die wenigen Schlucke haben mir den Kopf ganz
-übertrieben schwer gemacht, er fällt mir ja auf die Brust, und meine
-Gedanken sind unklares Zeug und fade Witzeleien, denen ich nicht trauen
-darf, – nicht nur die ursprünglichen, die mir zuerst einfallen, sondern
-auch die zweiten, die ich mir kritischerweise über die ersten mache, das
-ist das Unglück. ‚_Son crayon_‘! Das heißt ‚ihr‘ _crayon_, und nicht
-seines, in diesem Fall, und man sagt nur ‚_son_‘, weil ‚_crayon_‘ ein
-Maskulinum ist, alles übrige ist Witzelei. Daß ich mich überhaupt dabei
-aufhalte! Während zum Beispiel die Tatsache viel vordringlicher ist, daß
-mein linkes Bein, gegen das ich mich stütze, auffallend an das hölzerne
-Stelzbein von Settembrinis Drehorgel erinnert, das er immer mit dem Knie
-vor sich herstößt, über das Pflaster hin, wenn er näher unter das
-Fenster tritt und den Sammethut hinhält, damit das Mägdlein droben ihm
-etwas hineinwirft. Und dabei zieht es mich unpersönlicherweise förmlich
-mit Händen, daß ich mich in den Schnee lege. Dagegen hilft nur Bewegung.
-Ich muß mir Bewegung machen, zur Strafe für das Kulmbacher und um das
-Holzbein zu schmeidigen.“
-
-Er stieß sich mit der Schulter ab. Aber sowie er sich von dem Schuppen
-löste, einen Schritt nur vorwärts tat, hieb der Wind wie mit Sensen auf
-ihn ein und trieb ihn an die schützende Wand zurück. Zweifellos war sie
-der ihm gewiesene Aufenthalt, mit dem er sich vorläufig abzufinden
-hatte, wobei es ihm freistand, sich zur Abwechselung mit der linken
-Schulter anzulehnen und sich auf das rechte Bein zu stützen, unter
-einigem Schlenkern des linken, zu dessen Belebung. Bei einem derartigen
-Wetter verläßt man das Haus nicht, dachte er. Mäßige Abwechslung ist
-zulässig, aber keine Neuerungssucht und kein Anbinden mit der
-Windsbraut. Halte dich still und laß immerhin deinen Kopf hängen, da er
-nun einmal so schwer ist. Die Wand ist gut, Holzbalken, es scheint eine
-gewisse Wärme davon auszugehen, soweit hier von Wärme die Rede sein
-kann, diskrete Eigenwärme des Holzes, möglicherweise mehr
-Stimmungssache, subjektiv ... Ah, die vielen Bäume! Ah, das lebendige
-Klima der Lebendigen! Wie es duftet! ...
-
-Es war ein Park, der unter ihm lag, unter dem Balkon, auf dem er wohl
-stand – ein weiter, üppig grünender Park von Laubbäumen, von Ulmen,
-Platanen, Buchen, Ahorn, Birken, leicht abgestuft in der Färbung ihres
-vollen, frischen, schimmernden Blätterschmucks und sacht mit den Wipfeln
-rauschend. Es wehte eine köstliche, feuchte, vom Atem der Bäume
-balsamierte Luft. Ein warmer Regenschauer zog vorüber, aber der Regen
-war durchleuchtet. Man sah bis hoch zum Himmel hinauf die Luft mit
-blankem Wassergeriesel erfüllt. Wie schön! Oh, Heimatodem, Duft und
-Fülle des Tieflandes, lang entbehrt! Die Luft war voller Vogellaut, voll
-zierlich-innigem und süßem Flöten, Zwitschern, Girren, Schlagen und
-Schluchzen, ohne daß eines der Tierchen sichtbar gewesen wäre. Hans
-Castorp lächelte, dankbar atmend. Inzwischen aber ließ alles sich noch
-schöner an. Ein Regenbogen spannte sich seitwärts über die Landschaft,
-voll ausgebildet und stark, die reinste Herrlichkeit, feucht schimmernd
-mit allen seinen Farben, die satt wie Öl ins dichte, blanke Grün
-herniederflossen. Das war ja wie Musik, wie lauter Harfenklang, mit
-Flöten untermischt und Geigen. Das Blau und Violett besonders strömten
-wunderbar. Alles ging zauberisch verschwimmend darin unter, verwandelte,
-entfaltete sich neu und immer schöner. Es war, wie einmal, manches Jahr
-war das schon her, als Hans Castorp einen weltberühmten Sänger hatte
-hören dürfen, einen italienischen Tenor, aus dessen Kehle gnadenvolle
-Kunst und Kräfte sich über die Herzen der Menschen ergossen hatten. Er
-hatte einen hohen Ton gehalten, der schön gewesen war gleich am Anfang.
-Allein allmählig, von Augenblick zu Augenblick hatte der
-leidenschaftliche Wohllaut sich geöffnet, sich schwellend aufgetan, sich
-immer strahlender erhellt. Schleier auf Schleier, den vorher niemand
-wahrgenommen, war gleichsam davon abgesunken – ein letzter noch, der nun
-denn doch, so glaubte man, das äußerste und reinste Licht enthüllt
-hatte, und dann ein aller- und dann ein unwahrscheinlich aberletzter,
-befreiend einen solchen Überschwang von Glanz und tränenschimmernder
-Herrlichkeit, daß dumpfe Laute des Entzückens, die fast wie Ein- und
-Widerspruch geklungen, sich aus der Menge gelöst hatten und ihn selbst,
-den jungen Hans Castorp, ein Schluchzen angekommen war. So jetzt mit
-seiner Landschaft, die sich wandelte, sich öffnete in wachsender
-Verklärung. Bläue schwamm ... Die blanken Regenschleier sanken: da lag
-das Meer – ein Meer, das Südmeer war das, tief-tiefblau, von
-Silberlichtern blitzend, eine wunderschöne Bucht, dunstig offen an einer
-Seite, zur Hälfte von immer matter blauenden Bergzügen weit umfaßt, mit
-Inseln zwischenein, von denen Palmen ragten oder auf denen man kleine,
-weiße Häuser aus Zypressenhainen leuchten sah. Oh, oh, genug, ganz
-unverdient, was war denn das für eine Seligkeit von Licht, von tiefer
-Himmelsreinheit, von sonniger Wasserfrische! Hans Castorp hatte das nie
-gesehen, nichts dergleichen. Er hatte auf Ferienreisen vom Süden kaum
-genippt, kannte die rauhe, die blasse See und hing daran mit kindlichen,
-schwerfälligen Gefühlen, hatte aber das Mittelmeer, Neapel, Sizilien
-etwa oder Griechenland, niemals erreicht. Dennoch _erinnerte_ er sich.
-Ja, das war eigentümlicherweise ein Wiedererkennen, das er feierte.
-„Ach, ja, so ist es!“ rief es in ihm – als hätte er das blaue
-Sonnenglück, das sich da vor ihm breitete, insgeheim und vor sich selbst
-verschwiegen, von je im Herzen getragen: Und dieses „Je“ war weit,
-unendlich weit, so wie das offene Meer zur Linken, dort, wo der Himmel
-zart veilchenfarben darauf niederging.
-
-Der Horizont lag hoch, die Weite schien zu steigen, was daher kam, daß
-Hans den Golf von oben sah, aus einiger Höhe: Die Berge griffen um, als
-Vorgebirge, buschwaldig, in die See tretend, zogen sie sich von der
-Mitte der Aussicht im Halbkreis bis dorthin, wo er saß, und weiter; es
-war Bergküste, wo er auf sonnerwärmten steinernen Stufen kauerte; vor
-ihm fiel das Gestade, moosig-steinig, in Treppenblöcken, mit Gestrüpp,
-zu einem ebenen Ufer ab, wo zwischen Schilf das Steingeröll blauende
-Buchten, kleine Häfen, Vorseen bildete. Und dieses sonnige Gebiet, und
-diese zugänglichen Küstenhöhen, und diese lachenden Felsenbecken, wie
-auch das Meer hinaus bis zu den Inseln, wo Boote hin und wider fuhren,
-war weit und breit bevölkert: Menschen, Sonnen- und Meereskinder, regten
-sich und ruhten überall, verständig-heitere, schöne junge Menschheit, so
-angenehm zu schauen – Hans Castorps ganzes Herz öffnete sich weit, ja
-schmerzlich weit und liebend ihrem Anblick.
-
-Jünglinge tummelten Pferde, liefen, die Hand am Halfter, neben ihrem
-wiehernden, kopfwerfenden Trabe her, zerrten die Bockenden an langem
-Zügel oder trieben sie, sattellos reitend, mit bloßen Fersen die Flanken
-der Gäule schlagend, ins Meer hinein, wobei die Muskeln ihrer Rücken
-unter der goldbraunen Haut in der Sonne spielten und die Rufe, die sie
-tauschten oder an ihre Tiere richteten, aus irgend einem Grunde
-bezaubernd klangen. An einer wie ein Bergsee die Ufer spiegelnden Bucht,
-die weit ins Land trat, war Tanz von Mädchen. Eine, von deren zum Knoten
-hochgenommenem Nackenhaar besonderer Liebreiz ausging, saß, die Füße in
-einer Bodenvertiefung und blies auf einer Hirtenflöte, die Augen über
-ihr Fingerspiel hinweg gerichtet auf die Gefährtinnen, die, lang- und
-weitgewandet, einzeln, die Arme lächelnd ausgebreitet, und zu Paaren,
-die Schläfen lieblich aneinander gelehnt, im Tanze schritten, während im
-Rücken der Flötenden, der weiß und lang und zart und seitlich gerundet
-war, infolge der Stellung der Arme, andere Schwestern saßen oder
-umschlungen standen, zuschauend in ruhigem Gespräch. Weiterhin übte sich
-Jungmannschaft im Bogenschießen. Es war glücklich und freundschaftlich
-zu sehen, wie Ältere noch Ungeschickte, Lockige im Spannen der Sehne, im
-Anlegen unterwiesen, mit ihnen zielten und die vom Rückschlag Taumelnden
-lachend stützten, wenn der Pfeil schwirrend hinausging. Andere angelten.
-Sie lagen bäuchlings auf Uferfelsenplatten, mit einem Beine wippend, und
-hielten die Schnur ins Meer, den Kopf gemächlich plaudernd dem Nachbarn
-zugewandt, der, in schrägem Sitz den Körper reckend, seinen Köder recht
-weit hinauswarf. Wieder andere waren beschäftigt, ein hochbordiges Boot
-mit Mast und Segelstange unter Zerren, Schieben und Stemmen ins Meer zu
-fördern. Kinder spielten und jauchzten zwischen den Wellenbrechern. Ein
-junges Weib, lang hingestreckt, hintüber blickend, zog mit der einen
-Hand das blumige Gewand zwischen den Brüsten hoch, indem sie mit der
-andren verlangend in die Luft nach einer Frucht mit Blättern griff, die
-der Schmalhüftige, zu ihren Häupten aufrecht, ihr mit gestrecktem Arme
-spielend vorenthielt. Man lehnte in Felsennischen, man zögerte am Rande
-des Bades, indem man kreuzweise mit den Händen die eigenen Schultern
-hielt und mit der Zehenspitze die Kühle des Wassers prüfte. Paare
-ergingen sich das Ufer entlang, und am Ohr des Mädchens war dessen Mund,
-der sie vertraulich führte. Langzottige Ziegen sprangen von Platte zu
-Platte, überwacht von einem jungen Hirten, der, eine Hand in der Hüfte,
-mit der andern auf seinen langen Stab gestützt, einen kleinen Hut mit
-hinten aufgeschlagener Krempe auf braunen Locken, am erhöhten Orte
-stand.
-
-„Das ist ja reizend!“ dachte Hans Castorp von ganzem Herzen. „Das ist ja
-überaus erfreulich und gewinnend! Wie hübsch, gesund und klug und
-glücklich sie sind! Ja, nicht nur wohlgestalt – auch klug und
-liebenswürdig von innen heraus. Das ist es, was mich so rührt und ganz
-verliebt macht: der Geist und Sinn, so möcht’ ich sagen, der ihrem Wesen
-zugrunde liegt, in dem sie miteinander sind und leben!“ Er meinte damit
-die große Freundlichkeit und gleichmäßig verteilte höfliche Rücksicht,
-mit der die Sonnenleute verkehrten: eine leichte und unter Lächeln
-verborgene Ehrerbietung, die sie einander, unmerklich fast und doch
-kraft einer deutlich durch alle waltenden Sinnesbindung und
-eingefleischten Idee, auf Schritt und Tritt erwiesen; eine Würde und
-Strenge sogar, doch ganz ins Heitere gelöst und einzig als ein
-unaussprechlicher geistiger Einfluß undüsteren Ernstes, verständiger
-Frömmigkeit ihr Tun und Lassen bestimmend – wenn auch nicht ohne alles
-Zeremoniell. Denn dort auf einem runden, bemoosten Steine saß in braunem
-Kleide, das von der einen Schulter gelöst war, eine junge Mutter und
-stillte ihr Kind. Und jeder, der vorbei kam, grüßte sie auf eine
-besondre Art, in welcher sich alles versammelte, was in dem allgemeinen
-Verhalten der Menschen sich so ausdrucksvoll verschwieg: die Jünglinge,
-indem sie, sich gegen die Mütterliche wendend, leicht, rasch und formell
-die Arme über der Brust kreuzten und lächelnd den Kopf neigten, die
-Mädchen durch das nicht allzu genaue Andeuten einer Kniebeugung, ähnlich
-dem Kirchenbesucher, der im Vorübergehn vorm Hochaltar sich leichthin
-erniedrigt. Doch nickten sie mehrmals lebhaft, lustig und herzlich ihr
-mit dem Kopfe dabei zu, – und diese Mischung von förmlicher Devotion und
-heiterer Freundschaft, dazu die langsame Milde, mit der die Mutter von
-ihrem Würmchen, dem sie das Trinken mit in die Brust gedrücktem
-Zeigefinger bequem machte, aufblickte und den Reverenz Erweisenden mit
-einem Lächeln dankte, durchdrang Hans Castorp gänzlich mit Entzücken. Er
-wurde des Schauens nicht satt und fragte sich dennoch beklommen, ob ihm
-das Schauen denn auch erlaubt sei, ob das Belauschen dieses
-sonnig-gesitteten Glückes ihn, den Unzugehörigen, der sich unedel und
-häßlich und plump gestiefelt vorkam, nicht höchlichst strafbar mache.
-
-Es schien unbedenklich. Ein schöner Knabe, dessen volles, seitlich über
-den Kopf gelegtes Haar vorn über der Stirn vorstand und in die Schläfe
-fiel, hielt sich, gerade unter seinem Sitz, mit auf der Brust
-verschränkten Armen von den Genossen abseits – nicht traurig oder
-trotzig, sondern eben nur gelassen abseits. Und dieser sah ihn, wandte
-den Blick zu ihm hinauf, und seine Augen gingen zwischen dem Späher und
-den Bildern des Strandes, sein Lauschen belauschend, hin und her.
-Plötzlich aber blickte er über ihn hinaus, sah hinter ihn ins Weite, und
-augenblicklich verschwand aus seinem schönen, streng geschnittenen,
-halbkindlichen Gesicht das allen gemeinsame Lächeln höflich
-geschwisterlicher Rücksicht – ja, ohne daß seine Brauen sich verfinstert
-hätten, erstand in seiner Miene ein Ernst, ganz wie aus Stein,
-ausdruckslos, unergründlich, eine Todesverschlossenheit, vor der den
-kaum beruhigten Hans Castorp der blasse Schrecken ankam, nicht ohne eine
-Beitat von unbestimmter Ahnung ihres Sinnes.
-
-Auch er sah rückwärts ... Mächtige Säulen, ohne Sockel, aus
-zylindrischen Blöcken getürmt, in deren Fugen Moos sproßte, ragten
-hinter ihm – die Säulen eines Tempeltors, auf dessen in der Mitte
-offenem Stufenunterbau er saß. Schweren Herzens stand er auf, stieg
-seitlich die Stufen hinab und ging in den tiefen Torweg hinein,
-hindurch, auf einer mit Fliesen belegten Straße fort, die ihn alsbald
-vor neue Propyläen führte. Er durchschritt auch sie, und nun lag vor ihm
-der Tempel, massig, graugrünlich verwittert anzusehen, mit steilem
-Treppensockel und breiter Stirn, die auf den Kapitälen solcher
-gewaltiger und fast gedrungener, nach oben sich verjüngender Säulen lag,
-aus deren Gefüge manchmal ein gekehlter Rundblock, verschoben, seitlich
-austrat. Mit Mühe, auch unter Gebrauch der Hände und seufzend, denn
-immer beengter wurde es ihm ums Herz, erkletterte Hans Castorp die hohen
-Stufen und gewann den Hallenwald der Säulen. Der war sehr tief, er ging
-darin umher wie zwischen den Stämmen des Buchenwaldes am blassen Meer,
-indem er absichtlich die Mitte vermied und auszuweichen suchte. Doch
-schweifte er wieder zu ihr zurück und fand sich, wo die Säulenreihen
-auseinander traten, vor einer Statuengruppe, zwei steinernen
-Frauenfiguren auf einem Sockel, Mutter und Tochter, wie es schien: die
-eine, sitzend, älter, würdiger, recht milde und göttlich, doch mit
-klagenden Brauen über den sternlos leeren Augen, in faltenreicher Tunika
-und Oberkleid, den gewellten Matronenscheitel mit einem Schleier
-bedeckt; die andere, stehend, von jener mütterlich umschlungen, mit
-rundem Jungfrauengesicht, Arme und Hände in die Falten ihres
-Übergewandes geschlungen und darin verborgen.
-
-In der Betrachtung des Standbildes wurde Hans Castorps Herz aus dunklen
-Gründen noch schwerer, angst- und ahnungsvoller. Er getraute sich kaum
-und war doch genötigt, die Gestalten zu umgehen und hinter ihnen die
-nächste doppelte Säulenreihe zurückzulegen: Da stand ihm die metallene
-Tür der Tempelkammer offen, und die Knie wollten dem Armen brechen vor
-dem, was er mit Starren erblickte. Zwei graue Weiber, halbnackt,
-zottelhaarig, mit hängenden Hexenbrüsten und fingerlangen Zitzen,
-hantierten dort drinnen zwischen flackernden Feuerpfannen aufs
-gräßlichste. Über einem Becken zerrissen sie ein kleines Kind, zerrissen
-es in wilder Stille mit den Händen – Hans Castorp sah zartes blondes
-Haar mit Blut verschmiert – und verschlangen die Stücke, daß die spröden
-Knöchlein ihnen im Maule knackten und das Blut von ihren wüsten Lippen
-troff. Grausende Eiseskälte hielt Hans Castorp in Bann. Er wollte die
-Hände vor die Augen schlagen und konnte nicht. Er wollte fliehen und
-konnte nicht. Da hatten sie ihn schon gesehen bei ihrem greulichen
-Geschäft, sie schüttelten die blutigen Fäuste nach ihm und schimpften
-stimmlos, aber mit letzter Gemeinheit, unflätig, und zwar im
-Volksdialekt von Hans Castorps Heimat. Es wurde ihm so übel, so übel wie
-noch nie. Verzweifelt wollte er sich von der Stelle reißen – und so, wie
-er dabei an der Säule in seinem Rücken seitlich hingestürzt, so fand er
-sich, das scheußliche Flüsterkeifen noch im Ohr, von kaltem Grausen noch
-ganz umklammert an seinem Schuppen im Schnee, auf einem Arme liegend,
-mit angelehntem Kopf, die Beine mit den Ski-Hölzern von sich gestreckt.
-
-Es war jedoch kein rechtes und eigentliches Erwachen; er blinzelte nur,
-erleichtert, die Greuelweiber los zu sein, doch war es ihm sonst wenig
-deutlich, noch auch sehr wichtig, ob er an einer Tempelsäule liege oder
-an einem Schober, und er träumte gewissermaßen fort, – nicht mehr in
-Bildern, sondern gedankenweise, aber darum nicht weniger gewagt und
-kraus.
-
-„Dacht ich’s doch, daß das geträumt war“, faselte er in sich hinein.
-„Ganz reizend und fürchterlich geträumt. Ich wußte es im Grunde die
-ganze Zeit, und alles hab ich mir selbst gemacht, – den Laubpark und die
-liebe Feuchtigkeit und dann das Weitere, Schönes wie Scheußliches, ich
-wußte es beinahe im voraus. Wie kann man aber so was wissen und sich
-machen, sich so beglücken und ängstigen? Woher hab ich den schönen
-Inselgolf und dann den Tempelbezirk, wohin die Augen des einen
-Angenehmen, der für sich stand, mich wiesen? Man träumt nicht nur aus
-eigener Seele, möcht ich sagen, man träumt anonym und gemeinsam, wenn
-auch auf eigene Art. Die große Seele, von der du nur ein Teilchen,
-träumt wohl mal durch dich, auf deine Art, von Dingen, die sie heimlich
-immer träumt, – von ihrer Jugend, ihrer Hoffnung, ihrem Glück und
-Frieden ... und ihrem Blutmahl. Da liege ich an meiner Säule und habe im
-Leibe noch die wirklichen Reste meines Traums, das eisige Grauen vor dem
-Blutmahl und auch die Herzensfreude noch von vorher, die Freude an dem
-Glück und an der frommen Gesittung der weißen Menschheit. Es kommt mir
-zu, behaupte ich, ich habe verbriefte Rechte, hier zu liegen und
-dergleichen zu träumen. Ich habe viel erfahren bei Denen hier oben von
-Durchgängerei und Vernunft. Ich bin mit Naphta und Settembrini im
-hochgefährlichen Gebirge umgekommen. Ich weiß alles vom Menschen. Ich
-habe sein Fleisch und Blut erkannt, ich habe der kranken Clawdia
-Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben. Wer aber den Körper, das Leben
-erkennt, erkennt den Tod. Nur ist das nicht das Ganze, – ein Anfang
-vielmehr lediglich, wenn man es pädagogisch nimmt. Man muß die andere
-Hälfte dazu halten, das Gegenteil. Denn alles Interesse für Tod und
-Krankheit ist nichts als eine Art von Ausdruck für das am Leben, wie ja
-die humanistische Fakultät der Medizin beweist, die immer so höflich auf
-lateinisch zum Leben und seiner Krankheit redet und nur eine Abschattung
-ist des einen großen und dringlichsten Anliegens, das ich mir nun mit
-aller Sympathie bei seinem Namen nenne: Es ist das Sorgenkind des
-Lebens, es ist der Mensch und ist sein Stand und Staat ... Ich verstehe
-mich nicht wenig auf ihn, habe viel gelernt bei Denen hier oben, bin
-hoch vom Flachlande hinaufgetrieben, so daß mir Armem fast der Atem
-ausging; doch hab ich nun vom Fuße meiner Säule einen nicht schlechten
-Überblick ... Mir träumte vom Stande des Menschen und seiner
-höflich-verständigen und ehrerbietigen Gemeinschaft, hinter der im
-Tempel das gräßliche Blutmahl sich abspielt. Waren sie so höflich und
-reizend zueinander, die Sonnenleute, im stillen Hinblick auf eben dies
-Gräßliche? Das wäre eine feine und recht galante Folgerung, die sie da
-zögen! Ich will es mit ihnen halten in meiner Seele und nicht mit Naphta
-– übrigens auch nicht mit Settembrini, sie sind beide Schwätzer. Der
-eine ist wollüstig und boshaft, und der andere bläst immer nur auf dem
-Vernunfthörnchen und bildet sich ein, sogar die Tollen ernüchtern zu
-können, das ist ja abgeschmackt. Es ist Philisterei und bloße Ethik,
-irreligiös, so viel ist ausgemacht. Doch will ich’s auch mit des kleinen
-Naphta Teil nicht halten, mit seiner Religion, die nur ein
-_guazzabuglio_ von Gott und Teufel, Gut und Böse ist, eben recht, damit
-das Einzelwesen sich kopfüber hineinstürze, zwecks mystischen
-Unterganges im Allgemeinen. Die beiden Pädagogen! Ihr Streit und ihre
-Gegensätze sind selber nur ein _guazzabuglio_ und ein verworrener
-Schlachtenlärm, wovon sich niemand betäuben läßt, der nur ein bißchen
-frei im Kopfe ist und fromm im Herzen. Mit ihrer aristokratischen Frage!
-Mit ihrer Vornehmheit! Tod oder Leben – Krankheit, Gesundheit – Geist
-und Natur. Sind das wohl Widersprüche? Ich frage: sind das Fragen? Nein,
-es sind keine Fragen, und auch die Frage nach ihrer Vornehmheit ist
-keine. Die Durchgängerei des Todes ist im Leben, es wäre nicht Leben
-ohne sie, und in der Mitte ist des _homo Dei_ Stand – inmitten zwischen
-Durchgängerei und Vernunft – wie auch sein Staat ist zwischen mystischer
-Gemeinschaft und windigem Einzeltum. Das sehe ich von meiner Säule aus.
-In diesem Stande soll er fein galant und freundlich ehrerbietig mit sich
-selber verkehren, – denn er allein ist vornehm, und nicht die
-Gegensätze. Der Mensch ist Herr der Gegensätze, sie sind durch ihn, und
-also ist er vornehmer als sie. Vornehmer als der Tod, zu vornehm für
-diesen, – das ist die Freiheit seines Kopfes. Vornehmer als das Leben,
-zu vornehm für dieses, – das ist die Frömmigkeit in seinem Herzen. Da
-habe ich einen Reim gemacht, ein Traumgedicht vom Menschen. Ich will
-dran denken. Ich will gut sein. Ich will dem Tode keine Herrschaft
-einräumen über meine Gedanken! Denn darin besteht die Güte und
-Menschenliebe, und in nichts anderem. Der Tod ist eine große Macht. Man
-nimmt den Hut ab und wiegt sich vorwärts auf Zehenspitzen in seiner
-Nähe. Er trägt die Würdenkrause des Gewesenen, und selber kleidet man
-sich streng und schwarz zu seinen Ehren. Vernunft steht albern vor ihm
-da, denn sie ist nichts als Tugend, er aber Freiheit, Durchgängerei,
-Unform und Lust. Lust, sagt mein Traum, nicht Liebe. Tod und Liebe, –
-das ist ein schlechter Reim, ein abgeschmackter, ein falscher Reim! Die
-Liebe steht dem Tode entgegen, nur sie, nicht die Vernunft, ist stärker
-als er. Nur sie, nicht die Vernunft, gibt gütige Gedanken. Auch Form ist
-nur aus Liebe und Güte: Form und Gesittung verständig-freundlicher
-Gemeinschaft und schönen Menschenstaats – in stillem Hinblick auf das
-Blutmahl. Oh, so ist es deutlich geträumt und gut regiert! Ich will dran
-denken. Ich will dem Tode Treue halten in meinem Herzen, doch mich hell
-erinnern, daß Treue zum Tode und Gewesenen nur Bosheit und finstere
-Wollust und Menschenfeindschaft ist, bestimmt sie unser Denken und
-Regieren. _Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine
-Herrschaft einräumen über seine Gedanken._ Und damit wach ich auf ...
-Denn damit hab ich zu Ende geträumt und recht zum Ziele. Schon längst
-hab ich nach diesem Wort gesucht: am Orte, wo Hippe mir erschien, in
-meiner Loge und überall. Ins Schneegebirge hat mich das Suchen danach
-auch getrieben. Nun habe ich es. Mein Traum hat es mir deutlichst
-eingegeben, daß ich’s für immer weiß. Ja, ich bin hoch entzückt und ganz
-erwärmt davon. Mein Herz schlägt stark und weiß warum. Es schlägt nicht
-bloß aus körperlichen Gründen, nicht so, wie einer Leiche noch die Nägel
-wachsen; menschlicherweise schlägt es und recht von glücklichen Gemütes
-wegen. Das ist ein Trank, mein Traumwort, – besser als Portwein und Ale,
-es strömt mir durch die Adern wie Lieb’ und Leben, daß ich mich aus
-meinem Schlaf und Traume reiße, von denen ich natürlich sehr wohl weiß,
-daß sie meinem jungen Leben im höchsten Grade gefährlich sind ... Auf,
-auf! Die Augen auf! Es sind deine Glieder, die Beine da im Schnee!
-Zusammenziehn und auf! Sieh da, – gut Wetter!“
-
-Sie hielt gewaltig schwer, die Befreiung aus den Banden, die ihn
-umstrickten und niederhalten wollten; allein der Antrieb, den er sich zu
-schaffen gewußt, war stärker. Hans Castorp warf sich auf den Ellenbogen,
-zog mannhaft die Knie an, riß, stützte und turnte sich empor. Er
-stampfte mit den Brettern den Schnee, schlug sich die Arme um die Rippen
-und schüttelte die Schultern, indem er erregte und angestrengte Blicke
-dahin und dorthin und hinauf zum Himmel sandte, wo blasses Blau sich
-zwischen schleierdünnen, graublauen Wolken zeigte, die sachte zogen und
-die schmale Sichel des Mondes enthüllten. Leichte Dämmerung. Kein Sturm,
-kein Schneefall. Die Bergwand drüben mit dem tannenrauhen Rücken war
-voll und klar zu sehen, lag in Frieden. Schatten reichte bis halb
-hinauf; die obere Hälfte war aufs zarteste rosa belichtet. Was gab es
-denn, und wie verhielt es sich mit der Welt? War Morgen? Und hatte er
-die Nacht hindurch im Schnee gelegen, ohne zu erfrieren, wie es im Buche
-stand? Kein Glied war abgestorben, keines zerbrach ihm klirrend, während
-er stampfte, sich schüttelte und schlug, worin er nicht säumig war,
-indem er zu gleicher Zeit die Sachlage gedanklich zu ergründen suchte.
-Ohren, Fingerspitzen und Zehen waren wohl taub, allein nicht mehr, als
-schon so oft beim nächtlich-winterlichen Liegen in der Loge. Es gelang,
-die Uhr hervorzugraben. Sie ging. Sie war nicht stehen geblieben, wie
-sie zu tun pflegte, wenn er sie abends aufzuziehen vergaß. Sie zeigte
-noch nicht Fünf – bei weitem nicht. Es fehlten zwölf, dreizehn Minuten
-daran. Erstaunlich! Konnte es denn sein, daß er nur zehn Minuten oder
-etwas länger hier im Schnee gelegen und so vieles an Glücks- und
-Schreckensbildern und waghalsigen Gedanken sich vorgefabelt hatte,
-indessen das hexagonale Unwesen sich so schnell verzog, wie es gekommen?
-Dann hatte er anerkennenswertes Glück gehabt, unter dem Gesichtspunkt
-des Heimkommens. Denn zweimal hatte sein Träumen und Fabeln eine Wendung
-genommen, daß er belebt emporgefahren war: einmal vor Grauen und das
-zweitemal vor Freude. Es schien, das Leben hatte es gut gemeint mit
-seinem hochverirrten Sorgenkinde ...
-
-Mochte dem nun aber wie immer sein und mochte er Morgen um sich haben
-oder Nachmittag (ganz ohne Zweifel war es noch immer frühabendlicher
-Nachmittag): auf jeden Fall lag nichts in den Umständen oder in seinem
-persönlichen Zustande, was ihn gehindert hätte, nach Hause zu laufen,
-und das tat denn Hans Castorp, – großzügig, sozusagen in der Luftlinie,
-fuhr er zu Tal, wo, als er eintraf, schon Lichter brannten, obgleich die
-Reste von schneebewahrtem Tageslicht ihm unterwegs vollauf genügt
-hatten. Den Brehmenbühl, am Rande des Mattenwaldes, kam er herunter und
-war halb sechs in „Dorf“, wo er sein Sportgerät beim Krämer
-unterstellte, in Herrn Settembrinis Speicherklause Rast machte und ihm
-Bericht gab, wie er sich nun auch einmal vom Schneesturm habe betreffen
-lassen. Der Humanist war höchlich erschrocken. Er warf die Hand über den
-Kopf, schalt weidlich über solchen gefährlichen Leichtsinn und
-entflammte stehenden Fußes die puffende Spiritusmaschine, dem recht
-Erschöpften Kaffee zu machen, dessen Stärke nicht hinderte, daß Hans
-Castorp noch bei ihm im Stuhle in Schlaf fiel.
-
-Die hochzivilisierte Atmosphäre des „Berghofs“ umschmeichelte ihn eine
-Stunde später. Beim Diner griff er gewaltig zu. Was er geträumt, war im
-Verbleichen begriffen. Was er gedacht, verstand er schon diesen Abend
-nicht mehr so recht.
-
-
- Als Soldat und brav
-
-Immer hatte Hans Castorp kurze Nachrichten von seinem Vetter, erst gute,
-übermütige, dann weniger günstige, endlich solche, die etwas recht
-Trauriges matt beschönigten. Die Reihe der Postkarten fing an mit der
-lustigen Meldung von Joachims Dienstantritt und von der schwärmerischen
-Zeremonie, bei der er, wie Hans Castorp auf seiner Antwortkarte sich
-ausdrückte, Armut, Keuschheit und Gehorsam gelobt hatte. Dann ging es
-heiter fort: die Etappen einer glatten, begünstigten Laufbahn, geebnet
-durch leidenschaftliche Liebe zur Sache und durch die Sympathie der
-Oberen, wurden grüßend und winkend bezeichnet. Da Joachim ein paar
-Semester studiert hatte, war er des Besuches der Kriegsschule überhoben,
-vom Fähnrichsdienst befreit. Neujahr wurde er zum Unteroffizier
-befördert und schickte eine Photographie, die ihn mit den Tressen
-zeigte. Das Entzücken an dem Geist der ehrenstraffen, eisern gefügten
-und dennoch verbissen-humoristisch dem Menschlichen nachgebenden
-Hierarchie, in die er eingefügt war, leuchtete aus jedem seiner knappen
-Rapporte. Er gab Anekdoten von dem romantisch-verzwickten Verhalten
-seines Feldwebels, eines bärbeißigen und fanatischen Soldaten, zu ihm,
-dem fehlbaren jungen Untergebenen, in dem er jedoch den geweihten
-Vorgesetzten von morgen sah, welcher tatsächlich schon im
-Offizierskasino verkehrte. Es war drollig und wild. Dann war von der
-Zulassung zur Offiziersprüfung die Rede. Anfang April war Joachim
-Leutnant.
-
-Augenscheinlich gab es keinen glücklicheren Menschen, keinen, dessen
-Wesen und Wünsche in dieser besonderen Lebensform reiner aufgegangen
-wären. Mit einer Art von verschämter Wonne erzählte er, wie er zum
-erstenmal in seiner jungen Pracht am Rathaus vorübergegangen und dem
-Posten, der zur Ehrenbezeigung stillgestanden sei, aus einiger
-Entfernung abgewinkt habe. Er berichtete von kleinen Verdrießlichkeiten
-und Genugtuungen des Dienstes, von glänzend-wohliger Kameradschaft, von
-der verschmitzten Treue seines Burschen, komischen Zwischenfällen beim
-Exerzieren und in der Instruktionsstunde, von Besichtigungen und
-Liebesmahlen. Auch von gesellschaftlichen Dingen, Visiten, Diners,
-Bällen, war gelegentlich die Rede. Von seiner Gesundheit überhaupt
-nicht.
-
-Bis gegen den Sommer nicht. Dann hieß es, er hüte das Bett, habe sich
-leider krank melden müssen: Katarrhfieber, Angelegenheit von ein paar
-Tagen. Anfang Juni tat er wieder Dienst, aber Mitte des Monats hatte er
-abermals „schlapp gemacht“, klagte bitter über sein „Pech“, und die
-Angst brach durch, er möchte etwa zum großen Manöver, Anfang August, auf
-das er sich von ganzem Herzen freute, nicht auf dem Posten sein. Unsinn,
-im Juli war er kerngesund, wochenlang, so lange, bis eine Untersuchung
-am Horizont erschien, die durch die vermaledeiten Schwankungen seiner
-Temperatur zur Notwendigkeit geworden war, und von der viel abhängen
-würde. Über das Ergebnis dieser Untersuchung hörte Hans Castorp dann
-lange nichts, und als es geschah, war es nicht Joachim, der ihm schrieb,
-– sei es, weil er nicht in der Lage war, zu schreiben, oder weil er sich
-schämte, – sondern seine Mutter, Frau Ziemßen, und sie telegraphierte.
-Sie zeigte an, die Beurlaubung Joachims auf einige Wochen sei
-ärztlicherseits als unumgänglich befunden worden. Hochgebirge indiziert,
-alsbaldige Abreise geraten, Belegung zweier Zimmer erbeten. Rückantwort
-bezahlt. Gezeichnet: Tante Luise.
-
-Es war Ende Juli, als Hans Castorp in seiner Balkonloge diese Depesche
-durchflog, dann las und wieder las. Er nickte leise dazu, nicht nur mit
-dem Kopf, sondern mit dem ganzen Oberkörper, und sagte zwischen den
-Zähnen: „Szo, szo, szo! Szieh, szieh, szieh! – Joachim kommt wieder!“
-durchfuhr ihn plötzlich die Freude. Aber er wurde gleich wieder still
-und dachte: „Hm, hm, schwerwiegende Neuigkeiten. Man könnte sie auch als
-schöne Bescherung bezeichnen. Verdammt, das ist schnell gegangen – schon
-reif für die Heimat! Die Mutter fährt mit –“ (er sagte „die Mutter“,
-nicht „Tante Luise“; sein Gefühl für Verwandtschaft, Familienbeziehungen
-hatte sich unvermerkt bis zur Fremdheit abgeschwächt) – „das ist
-gravierend. Und gerade vor den Manövern, auf die der Gute so brannte!
-Hm, hm, es liegt eine hübsche Portion Gemeinheit darin, höhnische
-Gemeinheit, es ist ein gegen-idealistisches Faktum. Der Körper
-triumphiert, er will es anders als die Seele, und setzt sich durch, zur
-Blamage der Hochfliegenden, die lehren, er sei der Seele untertan. Es
-scheint, sie wissen nicht, was sie sagen, denn wenn sie recht hätten, so
-würfe das ein zweifelhaftes Licht auf die Seele, in einem Fall wie
-diesem. _Sapienti sat_, ich weiß, wie ichs meine. Denn die Frage, die
-_ich_ aufstelle, ist eben, wie weit es verfehlt ist, sie gegeneinander
-zu stellen, wie weit sie vielmehr unter einer Decke stecken und eine
-abgekartete Partie spielen, – das fällt den Hochfliegenden zu ihrem
-Glück nicht ein. Guter Joachim, wer wollte dir und deinem Biereifer zu
-nahe treten! Du meinst es ehrlich – aber was ist Ehrlichkeit, frage ich,
-wenn Körper und Seele nun mal unter einer Decke stecken? Sollte es
-möglich sein, daß du gewisse erfrischende Düfte, eine hohe Brust und ein
-grundloses Gelächter nicht hast vergessen können, die am Tische der
-Stöhr deiner warten? ... Joachim kommt wieder!“ dachte er neuerdings und
-zog sich zusammen vor Freude. „Er kommt in schlechtem Zustande,
-offenbar, aber wir werden wieder zu zweien sein, ich werde nicht mehr so
-ganz auf eigene Hand hier oben leben. Das ist gut. Es wird nicht alles
-genau wie früher sein; sein Zimmer ist ja besetzt: Mistreß Macdonald, da
-hustet sie auf ihre klanglose Art und hat natürlich wieder die
-Photographie ihres kleinen Sohnes neben sich auf dem Tischchen oder auch
-in der Hand. Aber das ist finales Stadium, und wenn das Zimmer noch
-nicht wieder vorgemerkt ist, so ... Vorläufig wird ja ein anderes zu
-haben sein. 28 ist frei, meines Wissens. Ich will gleich auf die
-Verwaltung und namentlich zu Behrens. Ist das eine Neuigkeit, – traurig
-von der einen und famos von der anderen Seite, aber jedenfalls eine
-mächtige Neuigkeit! Ich möchte nur auf den gdießenden Kameraden warten,
-der gleich kommen muß, da es, wie ich sehe, halb vier ist. Ich möchte
-ihn fragen, ob er auch in diesem Falle der Meinung bleibt, daß man das
-Körperliche als sekundär zu betrachten hat ...“
-
-Noch vorm Tee war er im Verwaltungsbureau. Das gedachte Zimmer, am
-selben Korridor wie seines gelegen, stand zur Verfügung. Auch für Frau
-Ziemßen würde sich Unterkunft finden. Er eilte zu Behrens. Er traf ihn
-im „Labor“, eine Zigarre in der einen Hand, in der anderen ein
-Reagenzglas mißfarbenen Inhalts.
-
-„Herr Hofrat, wissen Sie was?“ begann Hans Castorp ...
-
-„Ja, daß der Ärger nicht abreißt“, erwiderte der Pneumotom. „Das ist
-Rosenheim aus Utrecht“, sagte er und wies mit der Zigarre auf das Glas.
-„Gaffky zehn. Und da kommt Fabrikdirektor Schmitz und zetert und
-beschwert sich, daß Rosenheim auf der Promenade ausgespuckt hat, – mit
-Gaffky zehn. Und ich soll ihn rüffeln. Aber wenn ich ihn rüffle, so
-kriegt er Zustände, denn er ist maßlos irritabel und hat mit Familie
-drei Zimmer belegt. Ich kann ihn nicht rausgraulen, ich kriege es mit
-der Generaldirektion zu tun. Da sehen Sie, in was für Konflikte man
-jeden Augenblick gerät, und wenn man auch noch so gern still und
-unbefleckt seines Weges ziehen möchte.“
-
-„Dumme Geschichte“, sagte Hans Castorp mit der Einsicht des Intimen und
-Altsassen. „Ich kenne die Herren. Schmitz ist kolossal korrekt und
-strebsam und Rosenheim reichlich salopp. Vielleicht bestehen aber auch
-noch andere, als hygienische, Reibungsflächen, ich möchte es glauben.
-Schmitz und Rosenheim sind beide befreundet mit Doña Perez aus
-Barcelona, vom Tisch der Kleefeld, das wird es im Grunde wohl sein. Ich
-würde vorschlagen, das betreffende Verbot vielleicht allgemein wieder in
-Erinnerung zu bringen und übrigens ein Auge zuzudrücken.“
-
-„Natürlich drücke ich. Ich kriege ja schon Blepharospasmus vor lauter
-Augenzudrücken. Was treten Sie hier denn an?“
-
-Und Hans Castorp rückte heraus mit seiner traurigen und auch wieder
-famosen Neuigkeit.
-
-Nicht, daß der Hofrat überrascht gewesen wäre. Er wäre es auf keinen
-Fall gewesen, war es aber besonders nicht, weil Hans Castorp ihn,
-gefragt oder ungefragt, über Joachims Ergehen auf dem laufenden gehalten
-und schon im Mai Bettlägerigkeit signalisiert hatte.
-
-„Aha“, machte Behrens. „Na also. Und was habe ich Ihnen gesagt? Was habe
-ich ihm und Ihnen nicht zehn-, sondern hundertmal wörtlich gesagt? Da
-haben Sie’s nun. Dreiviertel Jahr lang hat er seinen Willen und sein
-Himmelreich gehabt. Aber ein nicht restlos entgiftetes Himmelreich,
-dabei ist kein Segen, das hat der Ausbrecher dem ollen Behrens nicht
-glauben wollen. Man soll aber immer dem ollen Behrens glauben, sonst
-zieht man den kürzeren und kommt zu spät zu Verstand. Da hat er es nun
-zum Leutnant gebracht, allerdings, nichts zu sagen. Was hat er davon?
-Gott sieht ins Herze, der sieht nicht auf Rang und Stand, vor dem stehen
-wir alle in unsrer Blöße, ob General oder gemeiner Mann ...“ Er geriet
-ins Kohlen, rieb sich mit der riesigen Hand, zwischen deren Fingern er
-die Zigarre hielt, die Augen und sagte, nun solle Hans Castorp ihm aber
-für diesmal nicht länger lästig fallen. Eine Bude für Ziemßen sei ja
-wohl faßbar, und wenn er komme, solle sein Vetter ihn ohne Verzug ins
-Bett stecken. Ihn, Behrens, betreffend, so trage er keinem was nach, er
-halte die Arme väterlich geöffnet und sei bereit, ein Kalb für den
-Ausreißer zu schlachten.
-
-Hans Castorp telegraphierte. Er erzählte nach rechts und links, daß sein
-Vetter wiederkomme, und alle, die Joachim kannten, waren betrübt und
-erfreut, und zwar beides aufrichtig, denn Joachims propperes,
-ritterliches Wesen hatte die allgemeine Zuneigung gewonnen, und manches
-unausgesprochene Urteil und Gefühl ging in der Richtung, daß er der
-Beste gewesen sei von allen hier oben. Wir haben niemanden persönlich im
-Auge, glauben aber an eine gewisse Genugtuung, die mancher darüber
-empfand, daß Joachim aus dem Soldatenstande zur horizontalen Lebensweise
-zurückkehren mußte und in seiner Propperkeit nun wieder einer der
-Unsrigen sein würde. Frau Stöhr, bekanntlich, hatte sich gleich das ihre
-gedacht; sie fand sich bestätigt in dem ordinären Zweifelsinn, mit dem
-sie Joachims Aufbruch ins Flachland begleitet hatte, und verschmähte
-nicht, sich seiner zu rühmen. „Faul, faul“, machte sie. Sie habe die
-Sache sogleich als faul erkannt und wolle nur hoffen, daß Ziemßen sie
-nicht oberfaul gemacht habe mit seinem Eigensinn. („Oberfaul“ sagte sie
-vor lauter unermeßlicher Gewöhnlichkeit.) Da sei es denn doch viel
-besser, man bleibe gleich bei der Stange, wie sie, die auch ihre
-Lebensinteressen im Flachlande, nämlich in Cannstadt, habe, einen Mann
-und zwei Kinder, sich jedoch zu beherrschen wisse ... Es kam gar keine
-Rückäußerung mehr von Joachim oder Frau Ziemßen. Hans Castorp blieb
-unwissend über Tag und Stunde ihrer Ankunft; zu einem Empfang am Bahnhof
-kam es aus diesem Grunde nicht, sondern drei Tage nach Absendung von
-Hansens Depesche waren sie einfach da, und Leutnant Joachim trat mit
-erregtem Lachen an seines Vetters Dienstlager.
-
-Es war nach begonnener Abendliegekur. Derselbe Zug hatte sie
-hergebracht, mit dem Hans Castorp vor Jahren, die weder kurz noch lang,
-sondern ohne Zeit, in hohem Grade erlebnisreich und dennoch null und
-nichtig gewesen waren, hier oben eingetroffen war, und auch die
-Jahreszeit war dieselbe, sogar genau: der allerersten Augusttage einer.
-Joachim, wie gesagt, trat freudig – ja, für den Augenblick unzweifelhaft
-freudig erregt bei Hans Castorp ein oder vielmehr aus dem Zimmer, das er
-im Geschwindschritt durchmessen, auf den Balkon hinaus und grüßte
-lachend, rasch atmend, gedämpft und abgerissen. Er hatte die weite
-Reise, durch mehrerer Herren Länder, über den meerartigen See und dann
-auf gedrangen Pfaden hoch – hoch herauf wieder zurückgelegt, und da
-stand er nun, als sei er nie weggewesen, von seinem aus der Horizontale
-halb aufgefahrenen Verwandten mit Hallos und Nanus empfangen. Seine
-Farbe war lebhaft, sei es dank dem Freiluftleben, das er geführt, oder
-durch Reiseerhitzung. Direkt, ohne sein Zimmer erst zu betreten, war er
-auf Nr. 34 geeilt, um den Genossen alter Tage, die nun wieder Gegenwart
-wurden, zu begrüßen, während seine Mutter mit ihrer Toilette beschäftigt
-war. Man wollte zu Abend essen in zehn Minuten, natürlich im Restaurant.
-Hans Castorp würde schon noch etwas mitessen können oder doch einen
-Schluck Wein trinken. Und Joachim zog ihn hinüber auf Nr. 28, wo es
-ging, wie einst am Abend von Hansens Ankunft, nur umgekehrt: Joachim,
-fiebrig plaudernd, wusch sich am blitzenden Becken die Hände, und Hans
-Castorp sah ihm zu, – erstaunt übrigens und gewissermaßen enttäuscht,
-den Vetter in Zivil zu sehen. Man merke ihm von seiner Karriere ja gar
-nichts an. Er habe ihn sich immer als Offizier, in Uniform vorgestellt,
-und nun stehe er da in grauem Uni, wie irgend jemand. Joachim lachte und
-fand ihn naiv. Ach nein, die Uniform habe er hübsch zu Hause gelassen.
-Mit der Uniform, müsse Hans Castorp wissen, habe es was auf sich. Nicht
-jedes Lokal besuche man in Uniform. „Ach so. Danke gehorsamst“, sagte
-Hans Castorp. Aber Joachim schien sich keines beleidigenden Sinnes
-seiner Erklärung bewußt zu sein, sondern erkundigte sich nach allen
-Personen und Umständen im „Berghof“ nicht nur ohne jeden Hochmut,
-sondern mit der ganzen angelegentlichen Bewegtheit des Heimgekehrten.
-Dann erschien Frau Ziemßen durch die Verbindungstür, begrüßte den Neffen
-in der Form, die manche Leute bei solchen Gelegenheiten wählen, nämlich
-als sei sie freudig überrascht, ihn hier zu treffen, ein Ausdruck, der
-übrigens durch Abgespanntheit und stillen Kummer, welcher sich offenbar
-auf Joachim bezog, melancholisch gedämpft wurde, – und sie fuhren
-hinunter.
-
-Luise Ziemßen hatte dieselben schönen, schwarzen und sanften Augen wie
-Joachim. Ihr ebenfalls schwarzes, mit Weiß aber schon stark vermischtes
-Haar war durch ein fast unsichtbares Schleiernetz in Form und Sitz
-befestigt, und das paßte zu ihrer Wesenshaltung überhaupt, die besonnen,
-freundlich gemessen und sanft zusammengenommen war und ihr bei
-deutlicher Geistesschlichtheit eine angenehme Würde verlieh. Es war
-klar, und Hans Castorp wunderte sich auch nicht darüber, daß sie sich
-auf Joachims Lustigkeit, auf den raschen Gang seiner Atmung und seiner
-sich überstürzenden Rede, Erscheinungen, die zu seinem Verhalten zu
-Hause und auf der Reise wahrscheinlich in Widerspruch standen und
-tatsächlich seiner Lage widersprachen, nicht verstand und gewissermaßen
-Anstoß daran nahm. Dieser Einzug erschien ihr traurig, und sie glaubte
-sich dementsprechend halten zu sollen. In die Empfindungen Joachims,
-turbulente Empfindungen der Heimkehr, die im Augenblick alles
-Entgegenstehende trunken überwogen und durch das Wiederatmen der Luft,
-unserer unvergleichlich leichten, nichtigen und erhitzenden Luft hier
-oben, wohl noch befeuert wurden, konnte sie sich nicht finden, sie waren
-ihr undurchsichtig. „Mein armer Junge“, dachte sie, und dabei sah sie
-den armen Jungen sich mit seinem Vetter einer ausgelassenen Fröhlichkeit
-hingeben, hundert Erinnerungen auffrischen, hundert Fragen stellen und
-sich mit der Antwort lachend in den Stuhl zurückwerfen. Mehrmals sagte
-sie: „Aber, Kinder!“ Und was sie schließlich sagte, sollte erfreut
-kommen, kam aber mit Befremdung und leisem Tadel: „Joachim, wahrhaftig,
-so habe ich dich lange nicht gesehen. Es scheint, wir müßten hierher
-fahren, damit du wieder wärest wie am Tag deiner Beförderung.“ Worauf es
-denn freilich mit Joachims Lustigkeit zu Ende war. Seine Stimmung schlug
-um, er kam zur Besinnung, schwieg, aß nichts vom Nachtisch, obgleich es
-ein überaus leckeres Schokolade-Soufflé mit Schlagrahm war, das
-erschien, (Hans Castorp hielt sich statt seiner daran, obgleich seit
-Abschluß des übergewaltigen Diners erst eine Stunde vergangen war) und
-blickte endlich überhaupt nicht mehr auf, offenbar weil er Tränen in den
-Augen hatte.
-
-Das war Frau Ziemßens Meinung nun gewiß nicht gewesen. Eigentlich mehr
-anstandshalber hatte sie ein wenig gemäßigten Ernst herbeiführen wollen,
-unwissend, daß gerade das Mittlere und Gemäßigte hier ortsfremd und nur
-die Wahl zwischen Extremen gegeben war. Da sie den Sohn so gebrochen
-sah, schien sie selbst den Tränen nicht fern und war ihrem Neffen
-dankbar für seine Bemühungen, den Tieftraurigen wieder zu beleben. Ja,
-was den Personalbestand angehe, sagte er, so werde Joachim manches
-verändert und erneuert finden, anderes dagegen habe sich während seiner
-Abwesenheit schon wieder hergestellt und sei wie vordem. Die Großtante
-zum Beispiel mit Begleitung sei längst wieder da. Die Damen säßen, wie
-immer, am Tische der Stöhr. Marusja lache viel und herzlich.
-
-Joachim schwieg, Frau Ziemßen dagegen fand sich durch diese Worte an
-eine Begegnung erinnert und an Grüße, die auszurichten seien, ehe sie es
-vergesse, – die Begegnung mit einer Dame, nicht unsympathisch, wenn auch
-alleinstehend und mit etwas gar zu ebenmäßigen Augenbrauen, die in
-München, wo man zwischen zwei Nachtfahrten einen Tag verbracht hatte, im
-Restaurant an ihren und Joachims Tisch herangetreten sei, um Joachim zu
-begrüßen. Eine ehemalige Mitpatientin, – Joachim möge ihr doch helfen
-...
-
-„Frau Chauchat“, sagte Joachim still. Sie halte sich zur Zeit in einem
-Kurort des Allgäus auf und wolle im Herbst nach Spanien gehen. Zum
-Winter werde sie dann wahrscheinlich wieder hierher kommen. Beste Grüße
-von ihr.
-
-Hans Castorp war kein Knabe mehr, er hatte Gewalt über die Gefäßnerven,
-die sein Gesicht hätten erblassen oder erröten lassen können. Er sagte:
-
-„Ach, die war das? Sieh an, da ist sie also wieder hinter dem Kaukasus
-hervorgekommen. Und nach Spanien will sie?“
-
-Die Dame hatte einen Ort in den Pyrenäen genannt. „Hübsche oder doch
-reizvolle Frau. Angenehme Stimme, angenehme Bewegungen. Aber freie
-Manieren, nachlässig“, sagte Frau Ziemßen. „Redet uns einfach an wie
-alte Freunde, fragt und erzählt, obgleich Joachim, wie ich höre,
-eigentlich nie ihre Bekanntschaft gemacht hat. Fremdartig.“
-
-„Das ist der Osten und die Krankheit“, erwiderte Hans Castorp. Mit
-Maßstäben der humanistischen Gesittung dürfe man da nicht herantreten,
-das sei verfehlt. Und da denke er nun darüber nach, daß Frau Chauchat
-also nach Spanien zu gehen beabsichtige. Hm. Spanien, das liege
-andererseits ebensoweit von der humanistischen Mitte ab, – nicht nach
-der weichen, sondern nach der harten Seite; es sei nicht Formlosigkeit,
-sondern Überform, der Tod als Form, sozusagen, nicht Todesauflösung,
-sondern Todesstrenge, schwarz, vornehm und blutig, Inquisition,
-gestärkte Halskrause, Loyola, Eskorial ... Interessant, wie es Frau
-Chauchat in Spanien gefallen werde. Das Türenwerfen werde ihr dort wohl
-vergehen, und vielleicht könne eine gewisse Kompensation der beiden
-außerhumanistischen Lager zum Menschlichen sich vollziehen. Es könne
-aber auch etwas recht boshaft Terroristisches zustande kommen, wenn der
-Osten nach Spanien gehe ...
-
-Nein, er war nicht rot oder blaß geworden, aber der Eindruck, den die
-unverhofften Nachrichten über Frau Chauchat auf ihn gemacht, äußerte
-sich in Reden, auf die denn freilich nur betretenes Schweigen die
-Antwort sein konnte. Joachim war weniger erschrocken; er kannte des
-Vetters Scharfköpfigkeit hier oben von früher her. Aber in Frau Ziemßens
-Augen malte sich größte Bestürzung; sie verhielt sich nicht anders, als
-habe Hans Castorp grobe Unanständigkeiten geäußert, und hob nach einer
-peinlichen Pause die Tafel mit Worten taktvoller Vertuschung auf. Bevor
-man sich trennte, teilte Hans Castorp die Order des Hofrats mit, daß
-Joachim jedenfalls morgen im Bett bleiben solle, bis jener ihn
-untersucht habe. Das Weitere werde sich finden. Dann lagen die drei
-Verwandten bald in ihren offenen Zimmern in der Frische der
-Hochgebirgs-Sommernacht, – ein jeder mit seinen Gedanken, Hans Castorp
-vornehmlich mit dem an Frau Chauchats binnen Halbjahrsfrist zu
-erwartende Wiederkehr.
-
-Und so war denn der arme Joachim zu einer rätlich gewordenen kleinen
-Nachkur wieder in die Heimat eingerückt. Dies Wort von der kleinen
-Nachkur war offenbar die im Flachland ausgegebene Parole, und auch hier
-oben ließ man sie gelten. Selbst Hofrat Behrens nahm die Wendung an,
-obgleich es allein schon vier Wochen Bettlage waren, die er Joachim vor
-allem einmal aufbrummte: die seien nötig, um das Gröbste zu reparieren,
-zur neuen Akklimatisation und um seinen Wärmehaushalt vorläufig etwas zu
-regeln. Sich auf eine Befristung der Nachkur festlegen zu lassen, wußte
-er zu vermeiden. Frau Ziemßen, verständig, einsichtsvoll, durchaus nicht
-sanguinisch, brachte, fern von Joachims Lager, den Herbst, Oktober etwa,
-als Entlassungstermin in Vorschlag, und Behrens stimmte ihr insofern zu,
-als er erklärte, um diese Zeit werde man jedenfalls weiter sein als
-gegenwärtig. Übrigens gefiel er ihr ausgezeichnet. Er war ritterlich,
-sagte „meine gnädigste Frau“, indem er sie mit seinen blutunterlaufenen
-Quellaugen mannentreu anblickte, und sprach so korpsstudentisch
-redensartlich, daß sie bei aller Betrübnis lachen mußte. „Ich weiß ihn
-in besten Händen“, sagte sie, und reiste acht Tage nach ihrer Ankunft
-nach Hamburg zurück, da von der Notwendigkeit irgendwelcher Pflege
-nicht ernstlich die Rede sein konnte und Joachim außerdem ja
-Verwandtengesellschaft hatte.
-
-„Also, sei froh: im Herbst“, sagte Hans Castorp, wenn er auf Nr. 28 an
-seines Vetters Bette saß. „Der Alte hat sich doch einigermaßen gebunden;
-du kannst dich daran halten und damit rechnen. Oktober – das ist so die
-Zeit. Da gehen manche Leute nach Spanien, und du kehrst dann auch zu
-deiner _bandera_ zurück, um dich über Gebühr auszuzeichnen ...“
-
-Sein täglich Geschäft war, Joachim zu trösten, namentlich darüber, daß
-dieser das große Kriegsspiel hier oben versäumen mußte, das in diesen
-Augusttagen begann, – denn das verwand er nicht und äußerte geradezu
-Selbstverachtung der gottverfluchten Schlappheit wegen, der er im
-letzten Augenblick unterlegen war.
-
-„_Rebellio carnis_“, sagte Hans Castorp. „Was willst du da machen? Da
-kann der tapferste Offizier nichts machen, und sogar der heilige
-Antonius wußte ein Lied davon zu singen. In Gottes Namen, Manöver sind
-jedes Jahr, und dann kennst du doch die hiesige Zeit! Es ist ja gar
-keine, du bist nicht lange genug fort gewesen, um nicht ganz leicht
-wieder ins Tempo zu kommen, und eh du die Hand drehst, ist deine kleine
-Nachkur vorbei.“
-
-Immerhin war die Auffrischung des Zeitsinnes, die Joachim durch das
-Leben im Flachlande erfahren hatte, zu bedeutend, als daß er sich vor
-den vier Wochen nicht hätte fürchten sollen. Doch war man ihm vielfach
-behilflich, sie zurückzulegen; die Sympathie, die man allgemein seiner
-propperen Natur entgegenbrachte, äußerte sich in Besuchen von nahe und
-ferner: Settembrini kam, war teilnehmend und charmant und redete
-Joachim, da er ihn immer schon „Leutnant“ genannt hatte, nun
-„_Capitano_“ an; auch Naphta sprach vor, und aus dem Hause selbst ließen
-sich nach und nach die alten Bekannten sehen, indem sie eine dienstfreie
-Viertelstunde benutzten, um sich an sein Bett zu setzen, das Wort von
-der kleinen Nachkur zu wiederholen und sich seine Schicksale erzählen zu
-lassen: die Damen Stöhr, Levi, Iltis und Kleefeld, die Herren Ferge,
-Wehsal und andere mehr. Einige brachten ihm sogar Blumen. Als die vier
-Wochen um waren, stand er auf, da sein Fieber so weit gedämpft war, daß
-er umhergehen konnte, und setzte sich im Speisesaal zu seinem Vetter,
-zwischen ihn und die Brauersgattin Frau Magnus, Herrn Magnus gegenüber,
-an den Eckplatz, den seinerzeit Onkel James und ein paar Tage lang auch
-Frau Ziemßen eingenommen hatten.
-
-So lebten die jungen Leute denn wieder Seite an Seite wie ehedem; ja,
-damit das alte Bild noch vollständiger wieder erstehe, fiel ihm, da
-Mistreß Macdonald, das Bild ihres Knaben in Händen, den letzten Seufzer
-getan, auch sein angestammtes Zimmer, das neben Hans Castorps, wieder
-zu, selbstverständlich nach gründlicher Entkeimung durch H₂CO.
-Eigentlich und gefühlsmäßig gesprochen, war es nun so, daß Joachim an
-Hans Castorps Seite lebte und nicht mehr umgekehrt: dieser war nun der
-Eingesessene, dessen Daseinsform der andere auf kurze Zeit und
-besuchsweise teilte. Denn den Oktobertermin bemühte sich Joachim steif
-und fest im Auge zu behalten, obgleich gewisse Punkte seines
-Zentralnervensystems sich nicht zu humanistischer Norm des Verhaltens
-wollten anhalten lassen und die kompensatorische Wärmeausgabe seiner
-Haut verhinderten.
-
-Auch ihre Besuche bei Settembrini und Naphta sowie die Spaziergänge mit
-diesen beiden feindlich Verbundenen nahmen sie wieder auf, und wenn A.
-K. Ferge und Ferdinand Wehsal sich beteiligten, was öfters geschah, so
-waren sie zu sechsen, und jene Widersacher im Geiste lieferten ihre
-unaufhörlichen Duelle, bei deren Vorführung wir irgendwelche
-Vollständigkeit nicht anstreben könnten, ohne uns ebenso ins
-Desperat-Unendliche zu verlieren, wie sie es täglich taten, vor einem
-stattlichen Publikum, wenn auch Hans Castorp seine arme Seele als
-Hauptgegenstand ihres dialektischen Wettstreites betrachten wollte. Von
-Naphta hatte er erfahren, daß Settembrini Freimaurer sei, – was keinen
-geringeren Eindruck auf ihn gemacht hatte als des Italieners Eröffnung
-über Naphtas jesuitische Herkunft und Versorgtheit. Wiederum war er
-phantastisch überrascht gewesen, zu hören, daß es im Ernst noch
-dergleichen gäbe und hatte den Terroristen mit Fleiß über den Ursprung
-und das Wesen dieser kuriosen Einrichtung ausgeholt, die in einigen
-Jahren ihr zweihundertjähriges Jubiläum würde begehen können. Wenn
-Settembrini über Naphtas geistiges Wesen hinter seinem Rücken, im Tone
-pathetischer Warnung und als von etwas Teuflischem sprach, so machte
-sich Naphta, hinter dem des anderen, über die Sphäre, die dieser
-vertrat, ohne Anstrengung lustig, indem er zu verstehen gab, daß es sich
-da um etwas recht Altmodisches und Rückständiges handle: um bürgerliche
-Aufklärung und eine Freigeisterei von vorgestern, welche nichts weiter
-sei, als armseliger Geisterspuk, sich aber der skurrilen Selbsttäuschung
-hingebe, noch immer revolutionären Lebens voll zu sein. Er sagte: „Was
-wollen Sie, schon sein Großvater war Carbonaro, zu deutsch also
-Köhler. Von ihm hat er den Köhlerglauben an die Vernunft, die
-Freiheit, den Menschheitsfortschritt und diese ganze Mottenkiste
-klassizistisch-bourgeoiser Tugendideologie ... Sehen Sie, was die Welt
-verwirrt, ist das Mißverhältnis, das zwischen der Geschwindigkeit des
-Geistes und der ungeheueren Unbeholfenheit, Langsamkeit,
-Beharrungsträgheit und -kraft der Materie besteht. Man muß zugeben, daß
-dieses Mißverhältnis ausreichen würde, jede Interesselosigkeit des
-Geistes am Wirklichen zu entschuldigen, denn die Regel ist, daß die
-Fermente, die die Revolutionen der Wirklichkeit herbeiführen, ihm längst
-zum Ekel geworden sind. Tatsächlich ist toter Geist dem lebendigen
-widerwärtiger als irgendwelche Basalte, die wenigstens nicht den
-Anspruch erheben, Geist und Leben zu sein. Solche Basalte, Reste
-ehemaliger Wirklichkeiten, die der Geist so weit hinter sich gelassen
-hat, daß er sich weigert, den Begriff des Wirklichen überhaupt noch
-damit zu verbinden, erhalten sich träge fort und bewahren durch ihren
-plumpen und toten Fortbestand das Abgeschmackte leidigerweise davor,
-seiner Abgeschmacktheit inne zu werden. Ich spreche allgemein, aber Sie
-werden die Nutzanwendung auf jenen humanitären Freisinn zu ziehen
-wissen, der glaubt, sich gegen Herrschaft und Autorität noch immer in
-heroischem Stande zu befinden. Ach, und nun gar die Katastrophen,
-vermittelst deren er sich sein Leben beweisen möchte, die verspäteten
-und spektakulösen Triumphe, die er vorbereitet und die er eines Tages zu
-feiern träumt! Beim bloßen Gedanken daran könnte der lebendige Geist
-sich zu Tode langweilen, wüßte er nicht, daß in Wahrheit doch nur er aus
-solchen Katastrophen als Sieger und Nutznießer hervorgehen wird, – er,
-der Elemente des Alten in sich mit Zukünftigstem zu wahrer Revolution
-verschmilzt ... Wie geht es Ihrem Vetter, Hans Castorp? Sie wissen, daß
-ich ihm viel Sympathie entgegenbringe.“
-
-„Danke, Herr Naphta. Dem bringt wohl jedermann aufrichtige Sympathie
-entgegen, ein so braver Junge, wie er ja offensichtlich ist. Auch Herr
-Settembrini mag ihn ausgesprochen gern leiden, wenn er auch einen
-gewissen schwärmerischen Terrorismus, der in Joachims Stande liegt,
-natürlich mißbilligen muß. Da höre ich nun, daß er Logenbruder ist. Sehe
-einer an. Es berührt mich nachdenklich, das muß ich sagen. Es rückt mir
-seine Person in eine neue Beleuchtung und verdeutlicht mir manches. Ob
-er gelegentlich auch seine Füße in den rechten Winkel stellt und seinem
-Händedruck eine besondere Beschaffenheit verleiht? Ich habe nie etwas
-bemerkt ...“
-
-„Über solche Kindereien,“ meinte Naphta, „ist unser guter
-Drei-Punkte-Bruder wohl hinaus. Ich nehme an, daß das Logenzeremoniell
-eine recht kümmerliche Anpassung an den nüchternen Staatsbürgergeist der
-Zeiten erfahren hat. Man würde sich des Rituals von ehedem wohl als
-eines unzivilen Hokuspokus schämen, – nicht mit Unrecht, denn den
-atheistischen Republikanismus als Mysterium einzukleiden, wäre am Ende
-wirklich ungereimt. Ich weiß nicht, mit welchen Schrecknissen man Herrn
-Settembrinis Standhaftigkeit auf die Probe gestellt hat, – ob man ihn
-mit verbundenen Augen durch allerlei Gänge geführt und ihn in finsteren
-Gewölben hat warten lassen, bevor der von gespiegeltem Licht erfüllte
-Bundessaal sich ihm auftat. Ob man ihn feierlich katechisiert und
-angesichts eines Totenkopfes und dreier Lichter seine entblößte Brust
-mit Schwertern bedroht hat. Sie müssen ihn selber fragen, aber ich
-fürchte, Sie werden ihn wenig gesprächig finden, denn sollte es auch
-viel bürgerlicher dabei zugegangen sein, auf jeden Fall hat er
-Verschwiegenheit geloben müssen.“
-
-„Geloben? Verschwiegenheit? Also doch?“
-
-„Gewiß. Verschwiegenheit und Gehorsam.“
-
-„Auch noch Gehorsam. Hören Sie, Professor, jetzt kommt mir vor, als ob
-er gar nicht Ursache hätte, sich über Schwärmerei und Terrorismus im
-Stande meines Vetters aufzuhalten. Verschwiegenheit und Gehorsam! Nie
-hätte ich gedacht, daß ein so freisinniger Mann wie Settembrini sich so
-ausgemacht spanischen Bedingungen und Gelöbnissen unterwerfen könnte.
-Ich spüre da geradezu was Militärisch-Jesuitisches in der Freimaurerei
-...“
-
-„Sie spüren ganz richtig“, erwiderte Naphta. „Ihre Wünschelrute zuckt
-und klopft auf. Die Idee des Bundes überhaupt ist untrennbar und schon
-in der Wurzel verbunden mit der des Unbedingten. Folglich ist sie
-terroristisch, das heißt: antiliberal. Sie entlastet das individuelle
-Gewissen und heiligt im Namen des absoluten Zweckes jedes Mittel, auch
-das blutige, auch das Verbrechen. Man hat Anhaltspunkte, daß auch in
-Maurerlogen ehemals der Bruderbund symbolisch mit Blut besiegelt wurde.
-Ein Bund ist niemals etwas Beschauliches, sondern immer und seinem Wesen
-nach etwas in absolutem Geist Organisatorisches. Sie wissen nicht, daß
-der Gründer des Illuminatenordens, der eine Zeitlang mit der Maurerei
-beinahe verschmolz, ein ehemaliger Angehöriger der Gesellschaft Jesu
-war?“
-
-„Nein, das ist mir natürlich neu.“
-
-„Adam Weishaupt organisierte seinen humanitären Geheimbund ganz nach dem
-Muster des Jesuitenordens durch. Er selbst war Maurer, und die
-angesehensten Logenmänner der Zeit waren Illuminaten. Ich spreche von
-der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, die Settembrini nicht
-zögern wird, Ihnen als eine Zeit der Verderbnis seiner Gilde zu
-kennzeichnen. In Wirklichkeit war sie die ihrer Hochblüte, wie des
-ganzen geheimen Bundeswesens überhaupt, die Zeit, wo die Maurerei
-wahrhaft höheres Leben gewann, ein Leben, von dem sie später durch Leute
-vom Schlage unseres Menschheitsfreundes wieder gereinigt wurde, der
-damals unbedingt zu denen gehört hätte, die ihr Jesuitismus und
-Obskurantismus zum Vorwurf machten.“
-
-„Und dafür gab es Gründe?“
-
-„Ja, – wenn Sie wollen. Die triviale Freigeisterei hatte Gründe dafür.
-Es war die Zeit, wo unsere Väter den Bund mit katholisch-hierarchischem
-Leben zu erfüllen suchten, und wo zu Clermont in Frankreich eine
-jesuitische Freimaurerloge blühte. Es war ferner die Zeit, wo das
-Rosenkreuzertum in die Logen eindrang, – eine sehr merkwürdige
-Brüderschaft, von der Sie sich merken dürfen, daß sie rein rationale
-politisch-gesellschaftliche Verbesserungs- und Beglückungsziele mit
-eigentümlichen Beziehungen zum Geheimwissen des Ostens, zu indischer und
-arabischer Weisheit und magischer Naturerkenntnis verband. Damals
-vollzog sich die Reform und Berichtigung vieler Freimaurerlogen im Sinne
-der strikten Observanz, – einem ausgesprochen irrationalen und
-geheimnisvollen, magisch-alchimistischen Sinn, dem die schottischen
-Hochgrade des Maurertums ihr Dasein verdanken, – Ordensrittergrade, die
-man der alten militärischen Rangstufenordnung von Lehrling, Geselle und
-Meister hinzufügte, Großmeistergrade, die ins Hieratische führten und
-von rosenkreuzerischem Geheimwissen erfüllt waren. Es handelt sich da um
-ein Zurückgreifen auf gewisse geistliche Ritterorden des Mittelalters,
-die Templer insbesondere, Sie wissen, die vor dem Patriarchen von
-Jerusalem das Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams
-ablegten. Noch heute führt ein Hochgrad der Freimaurerhierarchie den
-Titel ‚Großfürst von Jerusalem‘.“
-
-„Mir neu, mir alles ganz neu, Herr Naphta. Ich komme da unserem
-Settembrini auf Schliche ... ‚Großfürst von Jerusalem‘ ist nicht
-schlecht. So sollten Sie ihn bei Gelegenheit scherzweise auch mal
-nennen. Er seinerseits hat Ihnen neulich den Spitznamen ‚_Doctor
-angelicus_‘ gegeben. Das fordert Rache.“
-
-„Oh, es gibt noch eine Menge ähnlich bedeutender Titel für die Hoch- und
-Templergrade der Strikten Observanz. Wir haben da einen Vollkommenen
-Meister, einen Ritter vom Osten, einen Großen Oberpriester, und der
-einunddreißigste Grad heißt sogar der ‚Erhabene Fürst des königlichen
-Geheimnisses‘. Sie bemerken, daß alle diese Namen auf Beziehungen zur
-morgenländischen Mystik deuten. Das Wiedererscheinen des Templers selbst
-bedeutete nichts anderes, als die Aufnahme solcher Beziehungen,
-tatsächlich den Einbruch irrationalen Gärstoffes in eine Ideenwelt
-vernünftig-nützlicher Gesellschaftsverbesserung. Dadurch gewann das
-Maurertum einen neuen Reiz und Glanz, der den Zulauf erklärt, dessen es
-sich damals erfreute. Es zog sämtliche Elemente an sich, die der
-Vernünftelei des Jahrhunderts, seiner humanen Auf- und Abgeklärtheit
-müde waren und nach stärkeren Lebenstränken durstig. Der Erfolg des
-Ordens war derart, daß die Philister klagten, er entfremde die Männer
-dem häuslichen Glück und der weiblichen Würde.
-
-„Nun, hören Sie, Professor, dann muß man es verstehen, daß Herr
-Settembrini sich nicht gern an diese Hochblüte seines Ordens erinnert.
-
-„Nein, er erinnert sich nicht gern daran, daß es Zeiten gab, wo sein
-Bund all die Antipathie auf sich versammelte, die Freigeisterei,
-Atheismus, enzyklopädische Vernunft sonst dem Komplex von Kirche,
-Katholizismus, Mönch, Mittelalter zuwendete. Sie hörten, daß man die
-Maurer des Obskurantismus zieh ...“
-
-„Warum? Ich möchte gern deutlicher hören, wieso.“
-
-„Das will ich Ihnen sagen. Die Strikte Observanz war gleichbedeutend mit
-einer Vertiefung und Erweiterung der Überlieferungen des Ordens, mit
-einer Zurückverlegung seiner historischen Ursprünge in die
-Geheimniswelt, die sogenannte Finsternis des Mittelalters. Die
-Hochmeistergrade der Logen waren Eingeweihte der _physica mystica_,
-Träger magischen Naturwissens, in der Hauptsache große Alchimisten ...“
-
-„Jetzt muß ich mich aus allen Kräften zu besinnen suchen, was es mit der
-Alchimie im Großen-Ganzen noch ungefähr auf sich hatte. Alchimie, das
-ist also Goldmacherei, Stein der Weisen, _Aurum potabile_ ...“
-
-„Ja, populär gesprochen. Etwas gelehrter gesprochen ist sie Läuterung,
-Stoffverwandlung und Stoffveredlung, Transsubstantiation, und zwar zum
-Höheren, Steigerung also, – der _lapis philosophorum_, das
-mann-weibliche Produkt aus Sulfur und Merkur, die _res bina_, die
-zweigeschlechtige _prima materia_ war nichts weiter, nichts Geringeres
-als das Prinzip der Steigerung, der Hinauftreibung durch äußere
-Einwirkungen, – magische Pädagogik, wenn Sie wollen.“
-
-Hans Castorp schwieg. Er blickte augenblinzelnd schräg empor.
-
-„Ein Symbol alchimistischer Transmutation,“ fuhr Naphta fort, „war vor
-allem die Gruft.“
-
-„Das Grab?“
-
-„Ja, die Stätte der Verwesung. Sie ist der Inbegriff aller Hermetik,
-nichts anderes als das Gefäß, die wohlverwahrte Kristallretorte, worin
-der Stoff seiner letzten Wandlung und Läuterung entgegengezwängt wird.“
-
-„‚Hermetik‘ ist gut gesagt, Herr Naphta. ‚Hermetisch‘ – das Wort hat mir
-immer gefallen. Es ist ein richtiges Zauberwort mit unbestimmt
-weitläufigen Assoziationen. Entschuldigen Sie, aber ich muß immer dabei
-an unsere Weckgläser denken, die unsere Hamburger Hausdame – Schalleen
-heißt sie, ohne Frau und Fräulein, einfach Schalleen – in ihrer
-Speisekammer reihenweise auf den Börtern stehen hat, – hermetisch
-verschlossene Gläser mit Früchten und Fleisch und allem möglichen darin.
-Sie stehen Jahr und Tag, und wenn man eines aufmacht, nach Bedarf, so
-ist der Inhalt ganz frisch und unberührt, weder Jahr noch Tag hat ihm
-was anhaben können, man kann ihn genießen, wie er da ist. Das ist nun
-allerdings nicht Alchimie und Läuterung, es ist bloß Bewahrung, daher
-der Name Konserve. Aber das Zauberhafte daran ist, daß das Eingeweckte
-der Zeit entzogen war; es war hermetisch von ihr abgesperrt, die Zeit
-ging daran vorüber, es hatte keine Zeit, sondern stand außerhalb ihrer
-auf seinem Bort. Na, soviel von den Weckgläsern. Es ist nicht viel dabei
-herausgekommen. Pardon. Sie wollten mich, glaube ich, noch weiter
-belehren.“
-
-„Nur wenn Sie es wünschen. Der Lehrling muß wißbegierig und furchtlos
-sein, im Stil unseres Gegenstandes zu reden. Die Gruft, das Grab war
-immer das hauptsächliche Sinnbild der Bundesweihe. Der Lehrling, der zum
-Wissen Einlaß begehrende Grünling, hat unter ihren Schaudern seine
-Unerschrockenheit zu bewähren, der Ordensbrauch will, daß er probeweise
-in sie hinabgeführt wird, und in ihr verweilen muß, um dann an
-unbekannter Bruderhand daraus hervorzugehen. Daher die verworrenen Gänge
-und finsteren Gewölbe, durch die der Novize zu wandern hatte, das
-schwarze Tuch, womit selbst der Bundessaal der Strikten Observanz
-ausgeschlagen war, der Kultus des Sarges, der bei dem Einweihungs- und
-Versammlungszeremoniell eine so wichtige Rolle spielte. Der Weg der
-Mysterien und der Läuterung war von Gefahren umlagert, er führte durch
-Todesbangen, durch das Reich der Verwesung, und der Lehrling, der
-Neophyt, ist die nach den Wundern des Lebens begierige, nach Erweckung
-zu dämonischer Erlebnisfähigkeit verlangende Jugend, geführt von
-Vermummten, die nur Schatten des Geheimnisses sind.“
-
-„Ich danke sehr, Professor Naphta. Vorzüglich. Das wäre also die
-hermetische Pädagogik. Es kann nicht schaden, daß mir auch von ihr mal
-etwas zu Ohren gekommen ist.“
-
-„Um so weniger, als es sich da um eine Führung zum Letzten handelt, zum
-absoluten Bekenntnis des Übersinnlichen und damit zum Ziele. Die
-alchimistische Logenobservanz hat viele edle, suchende Geister in
-späteren Jahrzehnten zu diesem Ziele geführt, – ich muß es nicht nennen,
-denn es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß die Rangstufenfolge der
-schottischen Hochgrade nur ein Surrogat ist der Hierarchie, daß die
-alchimistische Weisheit des Meister-Maurers sich im Mysterium der
-Wandlung erfüllt, und daß die geheime Führung, die die Loge ihren
-Zöglingen angedeihen ließ, sich ebenso deutlich in den Gnadenmitteln
-wiederfindet, wie die sinnbildlichen Spielereien des Bundeszeremoniells
-in der liturgischen und baulichen Symbolik unserer heiligen katholischen
-Kirche.“
-
-„Ach so!“
-
-„Ich bitte, auch das ist noch nicht alles. Ich erlaubte mir schon
-anzudeuten, daß die Ableitung des Logenwesens aus jenen handwerkerlich
-ehrsamen Maurergilden nur eine historische Veräußerlichung ist. Die
-Strikte Observanz wenigstens verlieh ihr weit tiefere menschliche
-Fundamente. Das Geheimnis der Logen hat mit gewissen Mysterien
-unserer Kirche die deutliche Beziehung gemeinsam zu festlichen
-Verschwiegenheiten und heiligen Ausschweifungen der frühesten Menschheit
-... Ich habe, was die Kirche betrifft, das Nacht- und Liebesmahl im
-Auge, den sakramentalen Genuß von Leib und Blut, in Dingen der Loge aber
-–“
-
-„Einen Augenblick. Einen Augenblick für eine Randbemerkung. Es gibt auch
-in dem unbedingten Bundesleben, dem mein Vetter angehört, sogenannte
-Liebesmahle. Er hat mir oft davon geschrieben. Natürlich geht es bis auf
-ein bißchen Betrunkenheit sehr anständig dabei zu, nicht mal so stark
-wie bei den Korpskneipen ...“
-
-„In Dingen der Loge aber den Gruft- und Sargeskult, auf den ich vorhin
-Ihre Aufmerksamkeit lenkte. In beiden Fällen handelt es sich um eine
-Symbolik des Letzten und Äußersten, um Elemente orgiastischer
-Urreligiosität, gelöste und nächtliche Opferdienste zu Ehren von Sterben
-und Werden, Tod, Verwandlung und Auferstehung ... Sie erinnern sich, daß
-die Mysterien der Isis sowohl wie die von Eleusis bei Nacht und in
-finsteren Höhlen begangen wurden. Nun, der ägyptischen Erinnerungen gab
-und gibt es im Maurerwesen eine Menge, und unter den geheimen
-Gesellschaften waren solche, die sich eleusinische Bünde nannten. Es gab
-da Logenfeste, Feste der eleusischen Mysterien und der aphrodisischen
-Geheimnisse, bei denen denn endlich doch die Frau ins Spiel trat, –
-Rosenfeste, auf die jene drei blauen Rosen der Maurerschürze anspielten,
-und die, wie es scheint, ins Bacchantische auszulaufen pflegten ...“
-
-„Nun, nun, was hör’ ich, Professor Naphta. Und all das ist Freimaurerei?
-Und mit alldem soll ich in meiner Vorstellung unseren klargesinnten
-Herrn Settembrini ...“
-
-„Sie täten ihm schweres Unrecht! Nein, von alldem weiß Settembrini
-durchaus nichts mehr. Ich sagte Ihnen ja, daß die Loge durch
-seinesgleichen von allen Elementen höheren Lebens wieder gereinigt
-worden ist. Sie hat sich humanisiert, modernisiert, du lieber Gott. Sie
-ist aus solchen Verirrungen zum Nutzen, zur Vernunft und zum
-Fortschritt, zum Kampf gegen Fürsten und Pfaffen, kurzum zu
-gesellschaftlicher Beglückung zurückgekehrt; man unterhält sich dort
-jetzt wieder über Natur, Tugend, Mäßigung und Vaterland. Ich nehme an:
-auch über das Geschäft. Mit einem Wort, es ist die bourgeoise Misere in
-Klubgestalt ...“
-
-„Schade. Schade um die Rosenfeste. Ich werde Settembrini fragen, ob er
-denn gar nichts mehr davon weiß.“
-
-„Der ehrliche Ritter vom Winkelmaß!“ höhnte Naphta. „Sie müssen
-bedenken, daß es ihm gar nicht leicht geworden ist, zum Bauplatz des
-Menschheitstempels zugelassen zu werden, denn er ist ja arm wie eine
-Kirchenmaus, und dort wird nicht nur höhere Bildung, humanistische
-Bildung, ich bitte sehr, verlangt, sondern man muß auch der bemittelten
-Klasse angehören, um die nicht geringen Aufnahmegebühren und
-Jahresbeiträge erschwingen zu können. Bildung und Besitz, – da haben Sie
-den Bourgeois! Da haben Sie die Grundfesten der liberalen Weltrepublik!“
-
-„Allerdings,“ lachte Hans Castorp; „da haben wir sie klipp und klar vor
-Augen.“
-
-„Dennoch,“ setzte Naphta nach einer Pause hinzu, „möchte ich Ihnen
-raten, diesen Mann und seine Sache nicht allzu leicht zu nehmen, möchte
-Sie, da wir denn einmal von diesen Verhältnissen reden, geradezu
-ersuchen, auf Ihrer Hut zu sein. Das Abgeschmackte ist noch nicht
-gleichbedeutend mit dem Unschuldigen. Die Beschränktheit braucht nicht
-harmlos zu sein. Diese Leute haben viel Wasser in ihren Wein getan, der
-zuzeiten feurig war, aber die Idee des Bundes selbst bleibt stark genug,
-um viel Verwässerung zu vertragen; sie bewahrt Reste von fruchtbarem
-Geheimnis, und es ist ebensowenig daran zu zweifeln, daß die Logen ihre
-Hand im Weltspiel haben, wie daß man in diesem liebenswürdigen Herrn
-Settembrini mehr zu sehen hat, als eben nur ihn selbst, daß Mächte
-hinter ihm stehen, deren Verwandter und Emissär er ist ...“
-
-„Ein Emissär?“
-
-„Nun ja, ein Proselytenmacher, ein Seelenfänger.“
-
-Und was bist du für ein Emissär? dachte Hans Castorp. Laut sagte er:
-
-„Danke, Professor Naphta. Aufrichtig verbunden für Wink und Warnung.
-Wissen Sie was? Ich gehe nun mal eine Etage höher, soweit da oben noch
-von Etage die Rede sein kann, und fühle dem vermummten Bundesbruder ein
-bißchen auf den Zahn. Ein Lehrling muß wißbegierig und furchtlos sein
-... Natürlich auch vorsichtig ... Mit Emissären ist selbstverständlich
-Vorsicht geboten.“
-
-Er durfte ungescheut auch Settembrini um weitere Belehrung ansprechen,
-denn dieser hatte Herrn Naphta in Dingen der Diskretion nichts
-vorzuwerfen und war übrigens nie sonderlich bedacht gewesen, aus seiner
-Zugehörigkeit zu jener harmonischen Gesellschaft ein Geheimnis zu
-machen. Die „_Rivista della Massoneria Italiana_“ lag offen auf seinem
-Tisch; Hans Castorp hatte nur eben nicht acht darauf gegeben. Und als
-er, von Naphta aufgeklärt, das Gespräch auf die königliche Kunst
-gebracht hatte, so, als sei Settembrinis Verbundenheit mit ihr eine
-Sache, über die er sich niemals Zweifel gemacht, da war er nur auf
-geringe Zurückhaltung gestoßen. Zwar gab es Punkte, über die der Literat
-sich nicht herausließ, sondern bei deren Berührung er mit einer gewissen
-Ostentation die Lippen verschloß, offenbar gebunden durch jene
-terroristischen Gelöbnisse, von denen Naphta gesprochen: eine
-Geheimniskrämerei, die äußere Bräuche und seine eigene Stellung
-innerhalb der merkwürdigen Organisation betraf. Sonst aber nahm er sogar
-den Mund sehr voll und gab dem Neugierigen ein bedeutendes Bild von der
-Ausbreitung seiner Liga, die sich in rund zwanzigtausend Logen und
-hundertfünfzig Großlogen fast über die ganze Welt und selbst auf
-Zivilisationen wie Haiti und die Negerrepublik Liberia erstrecke. Auch
-wußte er sich nicht wenig mit allerlei großen Namen, deren Träger Maurer
-gewesen waren oder es heute waren, nannte Voltaire, Lafayette und
-Napoleon, Franklin und Washington, Mazzini und Garibaldi, von Lebenden
-sogar den König von England und außerdem eine Menge Männer, in deren
-Händen die Geschäfte der europäischen Staaten lagen, Mitglieder von
-Regierungen und Parlamenten.
-
-Hans Castorp äußerte Respekt, aber keine Verwunderung. So sei es auch
-mit den studentischen Korpsverbindungen, meinte er. Die hielten auch
-zusammen durchs ganze Leben und wüßten ihre Leute wohl unterzubringen,
-so daß schwerlich jemand im Amtlich-Hierarchischen es zu etwas Rechtem
-bringe, der nicht Korpsbruder gewesen sei. Darum sei es vielleicht nicht
-ganz sinngemäß von Herrn Settembrini, daß er die Zugehörigkeit jener
-Prominenten zur Loge als schmeichelhaft für diese hinstellen wolle; denn
-es sei umgekehrt anzunehmen, daß die Besetzung so vieler wichtiger
-Posten mit Bundesbrüdern eben nur die Macht des Bundes beweise, der
-gewiß mehr, als Herr Settembrini so geradeheraus sagen wolle, seine Hand
-am Weltspiele habe.
-
-Settembrini lächelte. Er fächelte sich sogar mit dem Heft der
-„_Massoneria_“, das er in Händen hielt. Man meine ihm wohl eine Falle zu
-stellen? fragte er. Man gedenke wohl gar, ihn zu unvorsichtigen Aussagen
-über das politische Wesen, den wesentlich politischen Geist der Loge zu
-verleiten? „Unnütze Verschmitztheit, Ingenieur! Wir bekennen uns zur
-Politik, rückhaltlos, offen. Wir achten das Odium für nichts, das in den
-Augen einiger Toren – sie sitzen bei Ihnen zulande, Ingenieur, fast
-nirgends sonst – mit diesem Wort und Titel verbunden ist. Der
-Menschenfreund kann den Unterschied von Politik und Nichtpolitik
-überhaupt nicht anerkennen. Es gibt keine Nichtpolitik. Alles ist
-Politik.“
-
-„Rundweg?“
-
-„Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, die auf die ursprünglich unpolitische
-Natur des Maurergedankens hinzuweisen für gut finden. Aber diese Leute
-spielen mit Worten und ziehen Grenzen, die als imaginär und unsinnig zu
-erkennen es längst an der Zeit ist. Erstens zeigten wenigstens die
-spanischen Logen von allem Anbeginn eine politische Färbung –“
-
-„Kann ich mir denken.“
-
-„Sie können sich wenig denken, Ingenieur. Wähnen Sie nicht, sich von
-Hause aus viel denken zu können, sondern suchen Sie aufzunehmen und zu
-verarbeiten – ich bitte Sie darum in Ihrem eigenen Interesse, wie in dem
-Ihres Landes und im europäischen Interesse – was ich Ihnen zweitens
-einzuprägen im Begriffe bin. Zweitens nämlich war der Maurergedanke
-niemals unpolitisch, zu keiner Zeit, er konnte es nicht sein, und wenn
-er es ja zu sein glaubte, so betrog er sich über sein Wesen. Was sind
-wir? Bauleute und Handlanger an einem Bau. Der Zweck aller ist einer,
-das Beste des Ganzen das Grundgesetz der Verbrüderung. Welches ist
-dieses Beste, dieser Bau? Der kunstgerechte gesellschaftliche Bau, die
-Vollendung der Menschheit, das neue Jerusalem. Was in aller Welt soll da
-Politik oder Nichtpolitik? Das gesellschaftliche Problem, das Problem
-der Koexistenz selbst ist Politik, durch und durch Politik, nichts
-weiter als Politik. Wer sich ihm weiht – und den Menschennamen verdiente
-nicht, wer sich dieser Weihe entzöge – gehört der Politik, der inneren
-wie der äußeren, er versteht, daß die Kunst des freien Maurers
-Regierungskunst ist –“
-
-„Regierungs...“
-
-„Daß die illuminatistische Maurerei den Regentengrad kannte ...“
-
-„Sehr schön, Herr Settembrini. Regierungskunst, Regentengrad, das
-gefällt mir. Aber lassen Sie mich nun eines hören: Sind Sie Christen,
-Sie alle miteinander in Ihrer Loge?“
-
-„_Perchè!_“
-
-„Entschuldigen Sie, ich will anders fragen, allgemeiner und einfacher.
-Glauben Sie an Gott?“
-
-„Ich werde Ihnen antworten. Warum fragen Sie?“
-
-„Ich wollte Sie nicht versuchen vorhin, aber es gibt da eine biblische
-Geschichte, worin jemand den Herrn mit einer römischen Münze versucht
-und zur Antwort bekommt, man solle dem Kaiser geben, was des Kaisers,
-und Gott, was Gottes sei. Mir kommt vor: diese Art zu unterscheiden
-liefert den Unterschied zwischen Politik und Nichtpolitik. Gibt es Gott,
-so gibt es auch diesen Unterschied. Glauben die Freimaurer an Gott?“
-
-„Ich verpflichtete mich, Ihnen zu antworten. Sie sprechen von einer
-Einheit, an deren Herstellung gearbeitet wird, die aber heute zum
-Leidwesen aller Guten noch nicht existiert. Der Weltbund der Freimaurer
-existiert nicht. Wird er hergestellt sein – und ich wiederhole, es wird
-mit aller stillen Emsigkeit an diesem großen Werke gearbeitet – so wird
-ohne Zweifel auch sein religiöses Bekenntnis einheitlich sein, und es
-wird lauten: ‚_Écrasez l’infâme_‘.“
-
-„Obligatorisch? Das wäre nicht tolerant.“
-
-„Dem Problem der Toleranz dürften Sie kaum gewachsen sein, Ingenieur.
-Prägen Sie sich immerhin ein, daß Toleranz zum Verbrechen wird, wenn sie
-dem Bösen gilt.“
-
-„Gott wäre das Böse?“
-
-„Die Metaphysik ist das Böse. Denn sie ist zu nichts gut, als den Fleiß
-einzuschläfern, den wir dem Bau des Gesellschaftstempels zuwenden
-sollen. Und so hat denn schon vor einem Menschenalter der Groß-Orient
-von Frankreich ein Beispiel gegeben, indem er den Namen Gottes aus
-seinen sämtlichen Schriftstücken strich. Wir Italiener sind ihm darin
-nachgefolgt ...“
-
-„Wie katholisch!“
-
-„Sie meinen –“
-
-„Wie enorm katholisch ich das finde, Gott zu streichen!“
-
-„Sie wollen ausdrücken –“
-
-„Nichts Hörenswertes, Herr Settembrini. Achten Sie nicht besonders auf
-mein Geplapper! Es kam mir nur diesen Moment so vor, als ob Atheismus
-etwas kolossal Katholisches sei, und als ob man Gott nur streiche, um
-desto besser katholisch sein zu können.“
-
-Wenn darauf Herr Settembrini eine Pause eintreten ließ, so war klar, daß
-es einzig aus pädagogischer Besonnenheit geschah. Er antwortete nach
-gemessenem Stillschweigen:
-
-„Ingenieur, ich bin weit von dem Wunsche entfernt, Sie in Ihrem
-Protestantismus beirren und kränken zu wollen. Wir sprachen von Toleranz
-... Es ist überflüssig, zu betonen, daß ich dem Protestantismus mehr als
-Duldung, daß ich ihm als dem historischen Opponenten der
-Gewissensknebelung tiefste Bewunderung entgegenbringe. Die Erfindung der
-Buchdruckerkunst und die Reformation sind und bleiben die beiden
-erhabensten Verdienste, die Mitteleuropa sich um die Menschheit erworben
-hat. Ohne Frage. Allein nach dem, was Sie soeben äußerten, zweifle ich
-nicht, daß Sie mich aufs Wort verstehen werden, wenn ich darauf
-hinweise, daß das nur eine Seite der Sache ist, und daß sie ihre zweite
-hat. Der Protestantismus birgt Elemente ... Die Persönlichkeit Ihres
-Reformators selbst barg Elemente ... Ich denke an Elemente der
-Ruheseligkeit und der hypnotischen Versenkung, die nicht europäisch, die
-dem Lebensgesetz dieses tätigen Erdteils fremd und feindlich sind. Sehen
-Sie ihn sich doch an, diesen Luther! Betrachten Sie Bildnisse von ihm,
-jugendliche und spätere! Was ist denn das für ein Schädel, was sind das
-für Backenknochen, was für ein seltsamer Augensitz! Mein Freund, das ist
-Asien! Es sollte mich wundern, es sollte mich höchlichst wundern, wenn
-da nicht Wendisch-Slawisch-Sarmatisches im Spiele gewesen wäre, und wenn
-also nicht die – wer wollte es leugnen – gewaltige Erscheinung dieses
-Mannes eine verhängnisvolle Überbelastung einer der beiden in Ihrem
-Lande so gefährlich gleichstehenden Schalen zu bedeuten gehabt hätte, –
-ein furchtbares Gewicht in die östliche, von welchem die andere, die
-westliche Schale, noch heute überwogen gen Himmel flattert ...“
-
-Von dem humanistischen Klapp-Pult am Fensterchen, vor dem er gestanden,
-war Herr Settembrini an den Rundtisch mit der Wasserflasche getreten,
-näher zu seinem Schüler hin, der auf dem an die Wand gerückten Ruhebette
-saß, ohne Rückenlehne, den Ellenbogen aufs Knie und das Kinn in die Hand
-gestützt.
-
-„_Caro!_“ sagte Herr Settembrini. „_Caro amico!_ Entscheidungen werden
-zu treffen sein, – Entscheidungen von unüberschätzbarer Tragweite für
-das Glück und die Zukunft Europas, und Ihrem Lande werden sie zufallen,
-in seiner Seele werden sie sich zu vollziehen haben. Zwischen Ost und
-West gestellt, wird es wählen müssen, wird es endgültig und mit
-Bewußtsein zwischen den beiden Sphären, die um sein Wesen werben, sich
-entscheiden müssen. Sie sind jung, Sie werden an dieser Entscheidung
-beteiligt sein, sind berufen, sie zu beeinflussen. Darum lassen Sie uns
-das Schicksal segnen, das Sie in diese entsetzlichen Gegenden
-verschlagen hat, zugleich aber mir Gelegenheit gibt, mit meinem nicht
-ungeübten, nicht völlig matten Wort auf Ihre bildsame Jugend einzuwirken
-und ihr die Verantwortlichkeit fühlbar zu machen, die sie –, die Ihr
-Land vor dem Angesicht der Gesittung trägt ...“
-
-Hans Castorp saß, das Kinn in der Faust. Er blickte zum Mansardenfenster
-hinaus, und in seinen einfachen blauen Augen war eine gewisse
-Widerspenstigkeit zu lesen. Er schwieg.
-
-„Sie schweigen“, sprach Herr Settembrini bewegt. „Sie und Ihr Land, Sie
-lassen ein vorbehaltvolles Schweigen walten, dessen Undurchsichtigkeit
-kein Urteil über seine Tiefe gestattet. Sie lieben das Wort nicht oder
-besitzen es nicht oder heiligen es auf eine unfreundliche Weise, – die
-artikulierte Welt weiß nicht und erfährt nicht, woran sie mit Ihnen ist.
-Mein Freund, das ist gefährlich. Die Sprache ist die Gesittung selbst
-... Das Wort, selbst das widersprechendste, ist so verbindend ... Aber
-die Wortlosigkeit vereinsamt. Man vermutet, Sie werden Ihre Einsamkeit
-durch Taten zu brechen suchen. Sie werden Vetter Giacomo“ (Herr
-Settembrini pflegte Joachim der Bequemlichkeit halber „Giacomo“ zu
-nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor Ihr Schweigen treten
-lassen, ‚und zwei mit gewaltigen Streichen erlegt er, die andern
-entweichen‘ –“
-
-Da Hans Castorp zu lachen anfing, lächelte auch Herr Settembrini, für
-den Augenblick auch von dieser Wirkung seines plastischen Wortes
-befriedigt.
-
-„Gut, lachen wir!“ sagte er. „Zur Heiterkeit werden Sie mich immer
-bereit finden. ‚Das Lachen ist ein Erglänzen der Seele‘, sagt ein Alter.
-Auch sind wir abgekommen – auf Dinge, die, wie ich zugebe, mit den
-Schwierigkeiten zusammenhängen, auf die unsere Vorarbeiten zur
-Herstellung des maurerischen Weltbundes stoßen, Schwierigkeiten, die
-namentlich das protestantische Europa entgegenstellt ...“ Und Herr
-Settembrini fuhr fort, mit Wärme von dem Gedanken dieses Weltbundes zu
-sprechen, der von Ungarn aus ins Leben getreten und dessen zu erhoffende
-Verwirklichung bestimmt sei, der Freimaurerei weltentscheidende Macht zu
-verleihen. Er zeigte leichthin Briefe vor, die er von auswärtigen
-Bundesgrößen in dieser Sache empfangen, ein eigenhändiges Schreiben des
-schweizerischen Großmeisters, Bruder Quartier la Tente vom
-dreiunddreißigsten Grade, und erörterte den Plan, das Kunstidiom
-Esperanto zur Bundesweltsprache zu erklären. Sein Eifer erhob ihn zur
-Sphäre der hohen Politik, er richtete sein Auge dahin und dorthin und
-schätzte die Aussichten ab, die der revolutionär-republikanische Gedanke
-in seiner eigenen Heimat, in Spanien, in Portugal besitze. Auch mit
-Personen, die an der Spitze der Großloge der letztgenannten Monarchie
-standen, wollte er briefliche Fühlung unterhalten. Dort reiften
-zweifellos die Dinge der Entscheidung entgegen. Hans Castorp möge an ihn
-denken, wenn in allernächster Zeit da unten die Ereignisse sich
-überstürzen würden. Hans Castorp versprach, das zu tun.
-
-Es will bemerkt sein, daß diese maurerischen Plaudereien, die zwischen
-dem Zögling und jedem der beiden Mentoren gesondert verliefen, noch in
-die Zeit vor Joachims Heimkehr zu Denen hier oben gefallen waren. Die
-Auseinandersetzung, auf die wir nun kommen, ereignete sich schon während
-seiner Wiederanwesenheit und in seiner Gegenwart, neun Wochen nach
-seiner Rückkehr, Anfang Oktober, und Hans Castorp behielt dies
-Beisammensein in der Herbstsonne vor dem Kurhaus in „Platz“, bei
-erfrischenden Getränken, darum allezeit so genau im Gedächtnis, weil
-Joachim ihm damals heimliche Sorge gemacht hatte, – Sorge durch Angaben
-und Erscheinungen, die sonst eben keine Sorge einzuflößen pflegen,
-nämlich durch Halsschmerzen und Heiserkeit: harmlose Belästigungen also,
-die aber dem jungen Castorp in einem irgendwie eigentümlichen Licht
-erschienen, – eben dem Licht, so kann man sagen, das er in der Tiefe von
-Joachims Augen zu gewahren glaubte, diesen Augen, die immer sanft und
-groß gewesen waren, heute aber, genau erst heute, eine gewisse
-unbestimmbare Vergrößerung und Vertiefung von sinnendem und – man muß
-das sonderbare Wort hinzufügen – _drohendem_ Ausdruck nebst jener
-erwähnten stillen Erleuchtung von innen her erfahren hatten, die ganz
-falsch gekennzeichnet wäre, wenn man sagte, sie hätte Hans Castorp nicht
-gefallen, – im Gegenteil, sie gefiel ihm sogar sehr gut, nur daß sie ihm
-dennoch Sorge machte. Und kurz, es ist über diese Eindrücke gar nicht
-anders als verworren, ihrem eigenen Charakter gemäß, zu reden.
-
-Das Gespräch, die Kontroverse – natürlich eine Kontroverse zwischen
-Naphta und Settembrini – angehend, so war sie eine Sache für sich und
-stand mit jenen Sondererörterungen über das Logenwesen nur in lockerem
-Zusammenhang. Außer den Vettern waren auch Ferge und Wehsal dabei
-zugegen, und aller Teilnahme war groß, obgleich nicht alle dem
-Gegenstande gewachsen waren, – Herr Ferge zum Beispiel war es
-ausdrücklich nicht. Aber ein Streit, der geführt wird, als ob es ums
-Leben ginge, außerdem aber mit einem Witz und Schliff, als ob es _nicht_
-ums Leben, sondern nur um ein elegantes Wettspiel ginge – und so wurden
-alle Dispute zwischen Settembrini und Naphta geführt –: ein solcher
-Streit ist selbstverständlich und an und für sich unterhaltend
-anzuhören, auch für den, der wenig davon versteht und seine Tragweite
-nur undeutlich absieht. Sogar ganz Unzugehörige, Umsitzende lauschten
-dem Wortwechsel mit hohen Augenbrauen, gefesselt von Leidenschaft und
-Zierlichkeit der Wechselrede.
-
-Es war, wie gesagt, vor dem Kurhause, nachmittags nach dem Tee. Die vier
-Berghofgäste hatten Settembrini dort getroffen, und von ungefähr hatte
-Naphta sich zugesellt. Sie saßen alle um ein kleines metallenes
-Tischchen herum bei verschiedenen mit Soda verdünnten Getränken, Anis
-und Wermut. Naphta, der hier seine Vespermahlzeit einnahm, hatte sich
-Wein und Kuchen geben lassen, was offenbar eine Erinnerung an seine
-Alumnenzeit darstellte; Joachim befeuchtete seine leidende Kehle oft mit
-Naturlimonade, die er sehr stark und sauer trank, weil das zusammenziehe
-und ihm Erleichterung schaffe, und Settembrini genoß schlechthin
-Zuckerwasser, jedoch durch einen Strohhalm und auf so anmutig
-appetitliche Art, als schlürfe er die kostbarste Erquickung. Er
-scherzte:
-
-„Was höre ich, Ingenieur? Was kommt mir gerüchtweise zu Ohren? Ihre
-Beatrice kehrt wieder? Ihre Führerin durch alle neun kreisenden Sphären
-des Paradieses? Nun, ich will hoffen, daß Sie auch dann die leitende
-Freundeshand Ihres Virgil nicht ganz verschmähen werden! Unser
-Ekklesiast hier wird Ihnen bestätigen, daß die Welt des _medio evo_
-nicht komplett ist, wenn franziskanischer Mystik der Gegenpol
-thomistischer Erkenntnis fehlt.“
-
-Man lachte über soviel spaßhafte Gelehrsamkeit und sah Hans Castorp an,
-der ebenfalls lachend „seinem Virgil“ das Wermutglas entgegenhob. Es ist
-aber kaum zu glauben, was alles aus der, wenn auch geschnörkelten, so
-doch sehr harmlosen Äußerung Herrn Settembrinis sich an unerschöpflichem
-Geisteszwist in der nächsten Stunde ergab. Denn Naphta, freilich
-gewissermaßen herausgefordert, ging sofort zum Angriff über und machte
-sich über den lateinischen Dichter her, den Settembrini bekanntermaßen
-abgöttisch liebte, ja, über Homer stellte, während Naphta ihm, wie
-überhaupt der lateinischen Poesie, schon mehr als einmal die schärfste
-Geringschätzung bezeigt hatte – und eben hierzu auch jetzt die
-Gelegenheit prompt und boshaft ergriff. Es sei eine äußerst gutmütige
-Zeitbefangenheit des großen Dante gewesen, sprach er, diesen
-mittelmäßigen Versifex so feierlich zu nehmen und ihm in seinem Liede
-eine so hohe Rolle zuzuweisen, wenn auch Herr Lodovico dieser Rolle wohl
-eine allzu freimaurerische Bedeutung beilege. Was es denn weiter auf
-sich gehabt habe mit diesem höfischen Laureatus und Speichellecker des
-julischen Hauses, diesem Weltstadtliteraten und Prunkrhetor ohne einen
-Funken von Produktivität, dessen Seele, wenn er eine gehabt habe,
-jedenfalls aus zweiter Hand gewesen, und der überhaupt kein Dichter,
-sondern ein Franzose in augusteischer Allongeperücke gewesen sei!
-
-Herr Settembrini zweifelte nicht, daß der Vorredner Mittel und Wege
-wissen werde, seine Verachtung der römischen Hochzivilisation mit seinem
-Amt als Lateinlehrer zu vereinbaren, doch scheine es nötig, ihn auf den
-schwereren Widerspruch hinzuweisen, in den er sich durch solche Urteile
-mit seinen eigenen Lieblingsjahrhunderten setze, die den Virgilius nicht
-nur nicht verachtet, sondern seiner Größe auf einfältige Art gerecht
-geworden seien, indem sie einen weisheitsmächtigen Zauberer aus ihm
-gemacht hätten.
-
-Recht vergebens, versetzte Naphta, rufe Herr Settembrini die Einfalt
-jener morgendlichen Zeiten zu seiner Hilfe auf, – die Siegerin, die ihre
-Schöpferkraft noch in der Dämonisierung des Überwundenen bewährt habe.
-Übrigens seien die Lehrer der jungen Kirche nicht müde geworden, vor den
-Lügen der alten Philosophen und Dichter zu warnen, insonderheit davor,
-sich mit der üppigen Beredsamkeit des Virgil zu beflecken, und heute, wo
-wieder ein Zeitalter zu Grabe sinke, abermals ein proletarischer Morgen
-tage, sei wahrhaftig die Stunde günstig, ihnen nachzufühlen! So möge
-denn, um alles zu beantworten, Herr Lodovico auch überzeugt sein, daß
-er, Redner, sein bißchen bürgerliche Beschäftigung, worauf
-jener anzuspielen die Güte gehabt habe, mit aller gebotenen
-_reservatio mentalis_ betreibe und sich nicht ohne Ironie in einen
-klassisch-rhetorischen Erziehungsbetrieb einordne, dessen Lebensdauer
-ein Sanguiniker allenfalls noch nach Jahrzehnten berechnen möge.
-
-„Ihr habt sie,“ rief Settembrini, „ihr habt sie studiert, daß ihr
-schwitztet, diese alten Dichter und Philosophen, habt euch ihr kostbares
-Erbe anzueignen versucht, wie ihr das Material der antiken Bauwerke für
-eure Bethäuser benutztet! Denn ihr fühltet wohl, daß ihr aus eigener
-Kraft eurer proletarischen Seele keine neue Kunstform hervorzubringen
-vermöchtet und hofftet, das Altertum mit seinen eigenen Waffen zu
-schlagen. So wird es wieder, so wird es immer gehen! Euere ungehobelte
-Morgendlichkeit wird sich in die Schule begeben müssen bei dem, was zu
-verachten ihr euch und andere bereden möchtet; denn ohne Bildung
-bestündet ihr nicht vor dem Angesicht der Menschheit, und es gibt nur
-_eine_ Bildung: diejenige, die ihr die bürgerliche nennt, und die die
-menschliche ist!“ Eine Frage von Jahrzehnten – das Ende des
-humanistischen Erziehungsprinzips? Nur Höflichkeit hinderte Herrn
-Settembrini, in ein ebenso sorgloses wie spöttisches Gelächter
-auszubrechen. Ein Europa, das sein Ewigkeitsgut zu wahren wisse, werde
-über proletarische Apokalypsen, die man da und dort zu erträumen
-beliebe, in Gemütsruhe zur Tagesordnung klassischer Vernunft übergehen.
-
-Über die Tagesordnung nun gerade, versetzte Naphta beißend, scheine Herr
-Settembrini nicht ganz wohlunterrichtet. Auf der Tagesordnung eben stehe
-als Frage, was jener als ausgemacht zu behandeln für gut finde: nämlich,
-ob die mediterran-klassisch-humanistische Überlieferung eine
-Menschheitssache und darum menschlich-ewig – oder ob sie allenfalls nur
-Geistesform und Zubehör einer Epoche, der bürgerlich-liberalen, gewesen
-sei und mit ihr sterben könne. Dies zu entscheiden, werde Sache der
-Geschichte sein, und es sei Herrn Settembrini immerhin zu empfehlen,
-sich nicht allzu sehr in Sicherheit zu wiegen, daß die Entscheidung im
-Sinn seines lateinischen Konservativismus fallen werde.
-
-Das war eine besondere Unverschämtheit des kleinen Naphta, Herrn
-Settembrini, den erklärten Diener des Fortschritts, einen Konservativen
-zu nennen. Alle empfanden es so und mit besonderer Bitterkeit natürlich
-der Betroffene, der erregt seinen geschwungenen Schnurrbart zwirbelte
-und im Suchen nach einem Gegenschlage dem Feinde Zeit ließ zu
-weiteren Ausfällen gegen das klassische Bildungsideal, den
-rhetorisch-literarischen Geist des europäischen Schul- und
-Erziehungswesens und seinen grammatisch-formalen Spleen, der nichts als
-ein Interessenzubehör der bürgerlichen Klassenherrschaft, dem Volke aber
-längst ein Gelächter sei. Ja, man ahne nicht, wie weidlich das Volk sich
-über unsere Doktortitel und unser ganzes Bildungsmandarinentum lustig
-mache und über die staatliche Volksschule, dies Instrument bourgeoiser
-Klassendiktatur, gehandhabt in dem Wahn, daß Volksbildung verwässerte
-Gelehrtenbildung sei. Diejenige Bildung und Erziehung, die das Volk im
-Kampf gegen das morsche Bürgerreich brauche, wisse es sich längst wo
-anders zu holen als in den obrigkeitlichen Zwangsanstalten, und
-nachgerade pfiffen die Spatzen es von den Dächern, daß unser Schultypus
-überhaupt, wie er sich aus der Klosterschule des Mittelalters entwickelt
-habe, einen lächerlichen Zopf und Anachronismus darstelle, daß niemand
-in der Welt seine eigentliche Bildung mehr der Schule verdanke, und daß
-ein freier, offener Unterricht durch öffentliche Vorträge,
-Ausstellungen, Kinos und so fort jedem Schulunterricht weit überlegen
-sei.
-
-In der Mischung aus Revolution und Dunkelmännertum, die Naphta da seinen
-Zuhörern kredenzte, antwortete ihm Herr Settembrini, überwiege der
-obskurantistische Beisatz in unschmackhafter Weise. Das Gefallen, das
-seine Sorge um die Aufklärung des Volkes erwecke, leide einige Einbuße
-durch die Befürchtung, daß hier vielmehr eine Instinktneigung obwalte,
-Volk und Welt in analphabetische Finsternis zu hüllen.
-
-Naphta lächelte. Analphabetentum! Da glaube man nun ein wahres
-Entsetzenswort ausgesprochen, das Haupt der Gorgo vorgezeigt zu haben,
-überzeugt, daß jedermann pflichtschuldig davor erblassen werde. Er,
-Naphta, bedauere, seinem Gesprächspartner die Enttäuschung bereiten zu
-müssen, daß die Humanistenfurcht vor dem Begriff des Analphabetentums
-ihn einfach erheitere. Man müsse ein Renaissanceliterat, ein Prezioser,
-ein Secentist, ein Marinist, ein Hanswurst des _estilo culto_ sein, um
-den Disziplinen des Lesens und Schreibens eine so übertriebene
-erzieherische Vordringlichkeit beizumessen, daß man sich einbilde,
-Geistesnacht müsse walten, wo ihre Kenntnis fehle. Ob Herr Settembrini
-sich erinnere, daß der größte Dichter des Mittelalters, Wolfram von
-Eschenbach, Analphabet gewesen sei? Damals habe es in Deutschland für
-schimpflich gegolten, einen Knaben, der nicht gerade Geistlicher habe
-werden wollen, zur Schule zu schicken, und diese adlig-volkstümliche
-Verachtung der literarischen Künste sei immer das Merkmal vornehmer
-Wesentlichkeit geblieben, – während der Literat, dieser rechte Sohn des
-Humanismus und der Bürgerlichkeit, allerdings lesen und schreiben könne,
-was der Adlige, der Krieger und das Volk nicht könnten oder nur schlecht
-könnten, – aber weiter könne und verstehe er in aller Welt auch gar
-nichts, sondern sei noch immer ein latinistischer Windbeutel, der die
-Rede verwalte und den rechtschaffenen Leuten das Leben überlasse, –
-weshalb er denn auch aus der Politik einen Beutel voll Wind mache,
-nämlich voll Rhetorik und schöner Literatur, was in der Parteisprache
-Radikalismus und Demokratie heiße – und so fort, und so fort.
-
-Darauf denn nun Herr Settembrini! Allzu kühn, rief er, kehre der andere
-seinen Geschmack an der inbrünstigen Barbarei gewisser Epochen hervor,
-indem er die Liebe zur literarischen Form verhöhne, ohne die allerdings
-keine Menschlichkeit möglich und denkbar sei, allerdings nicht und
-nimmermehr! Vornehmheit? Nur Menschenfeindschaft könne die
-Wortlosigkeit, die rohe und stumme Dinglichkeit auf ihren Namen taufen.
-Vornehm vielmehr sei einzig ein gewisser edler Luxus, die _generosità_,
-die sich darin bekunde, der Form einen menschlichen, vom Inhalt
-unabhängigen Eigenwert beizulegen, – der Kultus der Rede als einer Kunst
-um der Kunst willen, dies Erbe der griechisch-römischen Zivilisation,
-welches die Humanisten, die _uomini letterati_, der Romania, ihr
-wenigstens, zurückgebracht hätten, und das die Quelle jedes weiteren und
-inhaltlichen Idealismus, auch des politischen, sei. „Jawohl, mein Herr!
-Was Sie als Trennung von Rede und Leben verunglimpfen möchten, ist
-nichts als höhere Einheit im Kronrund des Schönen, und mir ist nicht
-bange, auf welche Seite in einem Streit, dessen Wahlfälle Literatur und
-Barbarei heißen, hochherzige Jugend sich immer schlagen wird.“
-
-Hans Castorp, dessen Aufmerksamkeit nur halb beim Gespräch gewesen war,
-da die Person des anwesenden Kriegers und Vertreters vornehmer
-Wesentlichkeit, oder eigentlich der neuartige Ausdruck seiner Augen ihn
-beschäftigte, fuhr etwas zusammen, da er sich durch Herrn Settembrinis
-letzte Worte aufgerufen und angefordert fühlte, machte dann aber ein
-Gesicht, wie damals, als Settembrini ihn zur Entscheidung zwischen „Ost
-und West“ feierlich hatte nötigen wollen: ein Gesicht also voller
-Vorbehalt und Widerspenstigkeit, und schwieg. Alles stellten sie auf die
-Spitze, diese zwei, wie es wohl nötig war, wenn man streiten wollte, und
-haderten erbittert um äußerste Wahlfälle, während ihm doch schien, als
-ob irgendwo inmitten zwischen den strittigen Unleidlichkeiten, zwischen
-rednerischem Humanismus und analphabetischer Barbarei das gelegen sein
-müsse, was man als das Menschliche oder Humane persönlich ansprechen
-durfte. Aber er sprach es nicht an, um nicht beide Geister zu ärgern,
-und sah, eingehüllt in Vorbehalt, wie sie weiter dahin trieben und
-einander feindlich behilflich waren, vom Hundertsten ins Tausendste zu
-kommen, nachdem Settembrini mit seinem kleinen Scherz vom Lateiner
-Virgil den Anstoß gegeben.
-
-Er gab das Wort noch nicht her, er schwang es, er ließ es triumphieren.
-Er warf sich zum Schützer auf des literarischen Genius, feierte die
-Geschichte des Schrifttums von dem Augenblick an, wo zum erstenmal ein
-Mensch, um seinem Wissen und Fühlen Denkmalsdauer zu geben, Wortezeichen
-in einen Stein gegraben hatte. Er sprach von dem ägyptischen Gotte Thot,
-mit dem der dreimalgroße Hermes des Hellenismus identisch gewesen, und
-der als Erfinder der Schrift, Schutzherr der Bibliotheken und Anreger
-aller geistigen Bestrebungen verehrt worden war. Er beugte redend das
-Knie vor diesem Trismegist, dem humanistischen Hermes, dem Meister der
-Palästra, dem die Menschheit das Hochgeschenk des literarischen Wortes,
-der agonalen Rhetorik verdankte, und veranlaßte so Hans Castorp zu der
-Anmerkung: dann sei dieser gebürtige Ägypter offenbar auch ein Politiker
-gewesen und habe in größerem Stile dieselbe Rolle gespielt wie Herr
-Brunetto Latini, der speziell den Florentinern Schliff verliehen und sie
-das Sprechen gelehrt, sowie die Kunst, ihre Republik nach den Regeln der
-Politik zu lenken, – worauf Naphta erwiderte, Herr Settembrini schwindle
-ein bißchen und habe ihm von Thot-Trismegistos ein allzu gelecktes Bild
-gegeben. Denn das sei vielmehr eine Affen-, Mond- und Seelengottheit
-gewesen, ein Pavian mit einer Mondsichel auf dem Kopf und unter dem
-Namen des Hermes vor allem ein Todes- und Totengott: der Seelenzwinger
-und Seelenführer, der schon der späteren Antike zum Erzzauberer und dem
-kabbalistischen Mittelalter zum Vater der hermetischen Alchimie geworden
-sei.
-
-Was, was? In Hansens Gedanken und Vorstellungswerkstatt ging es drunter
-und drüber. Da war der blaubemantelte Tod als humanistischer Rhetor; und
-wenn man den pädagogischen Literaturgott und Menschenfreund näher ins
-Auge faßte, so hockte da statt seiner eine Affenfratze mit dem Zeichen
-der Nacht und der Zauberei an der Stirn ... Er wehrte und winkte ab mit
-der Hand und legte sie dann über die Augen. Aber in das Dunkel, worein
-er sich vor der Verwirrung gerettet, klang Settembrinis Stimme, der
-fortfuhr, die Literatur zu preisen. Nicht nur die betrachtende, auch die
-aktive Größe, rief er, sei allezeit mit ihr verbunden gewesen; und er
-nannte Alexander, Cäsar, Napoleon, nannte den preußischen Friedrich und
-weitere Helden, sogar Lassalle und Moltke. Es focht ihn nicht an, daß
-Naphta ihn ins Chinesische heimschicken wollte, wo die skurrilste
-Vergötterung des Abc herrsche, die je erreicht worden sei, und wo man
-Generalfeldmarschall werde, wenn man alle vierzigtausend Wortzeichen
-tuschen könne, was recht nach dem Herzen eines Humanisten sein müsse.
-Eh, Naphta wußte recht wohl, daß es sich nicht ums Tuschen handelte,
-sondern um die Literatur als Menschheitsimpuls, um ihren Geist, armer
-Spötter! welcher der Geist selber war, das Wunder der Verbindung von
-Analyse und Form. Er war es, der das Verständnis für alles Menschliche
-weckte, die Schwächung und Auflösung dummer Werturteile und
-Überzeugungen betrieb, die Sittigung, Veredelung und Besserung des
-Menschengeschlechtes herbeiführte. Indem er die äußerste moralische
-Verfeinerung und Reizbarkeit schuf, erzog er, fern davon, zu
-fanatisieren, zugleich zum Zweifel, zur Gerechtigkeit, zur Duldung. Die
-reinigende, heiligende Wirkung der Literatur, die Zerstörung der
-Leidenschaften durch die Erkenntnis und das Wort, die Literatur als Weg
-zum Verstehen, zum Vergeben und zur Liebe, die erlösende Macht der
-Sprache, der literarische Geist als edelste Erscheinung des
-Menschengeistes überhaupt, der Literat als vollkommener Mensch, als
-Heiliger: – aus dieser strahlenden Tonart ging Herrn Settembrinis
-apologetischer Lobgesang. Ach, aber auch der Widersacher war nicht auf
-den Mund gefallen; er wußte das englische Halleluja durch schlimme,
-glänzende Einwände zu stören, indem er sich zur Partei der Erhaltung und
-des Lebens schlug gegen den Geist der Zersetzung, welcher sich hinter
-jener seraphischen Gleisnerei verberge. Die Wunderverbindung, von
-welcher Herr Settembrini tremoliert habe, hieß es nun, laufe auf nichts
-als Trug und Gaukelspiel hinaus, denn die Form, die der literarische
-Geist mit dem Prinzip der Untersuchung und Trennung zu vereinigen sich
-rühme, sei nur eine Schein- und Lügenform, keine echte, gewachsene,
-natürliche, keine Lebensform. Der sogenannte Verbesserer des Menschen
-führe wohl Reinigung und Heiligung im Munde, in Wahrheit aber sei es die
-Entmannung und Entblutung des Lebens, worauf er ausgehe; ja, der Geist,
-die eifernde Theorie sei lebensschänderisch, und wer die Leidenschaften
-zerstören wolle, der wolle das Nichts, – das reine Nichts, rein
-allerdings, da „rein“ denn in der Tat das einzige Attribut sei, das
-allenfalls dem Nichts noch könne beigelegt werden. Darin nun aber eben
-zeige Herr Settembrini, der Literat, sich recht als das, was er sei,
-nämlich als Mann des Fortschritts, des Liberalismus und der bürgerlichen
-Revolution. Denn der Fortschritt sei reiner Nihilismus und der liberale
-Bürger ganz eigentlich der Mann des Nichts und des Teufels, ja, er
-leugne Gott, das konservativ und positiv Absolute, indem er zum
-Teuflisch-Gegen-Absoluten schwöre und sich mit seinem Todespazifismus
-noch wunder wie fromm dünke. Er sei aber nichts weniger als fromm,
-sondern ein Hochverbrecher am Leben, vor dessen Inquisition und strenge
-Fehme er peinlich gezogen zu werden verdiene – _et cetera_.
-
-So wußte Naphta zu pointieren, den Lobgesang ins Diabolische zu
-verkehren und sich selbst als die Inkarnation bewahrender Liebesstrenge
-hinzustellen, so daß zu unterscheiden, wo Gott und wo der Teufel, wo Tod
-und wo Leben war, wieder einmal zur reinen Unmöglichkeit wurde. Man wird
-es uns aufs Wort glauben, daß sein Gegenspieler Manns genug war, ihm die
-Antwort nicht schuldig zu bleiben, die hervorragend war, und auf die er
-wieder eine ebenso gute bekam, wonach es noch eine Weile so fortging und
-das Gespräch in früher schon angedeutete Erörterungen einmündete. Aber
-Hans Castorp hörte nicht länger zu, da Joachim zwischendurch geäußert
-hatte, er glaube bestimmt, Erkältungsfieber zu haben und wisse nicht
-recht, wie er sich nun verhalten solle, da Erkältungen hier doch nicht
-„_reçu_“ seien. Die Duellanten waren darüber hinweggegangen, aber Hans
-Castorp hatte, wie wir zeigten, ein besorgtes Auge auf seinen Vetter und
-brach auf mit ihm, mitten in einer Replik, indem er es darauf ankommen
-ließ, ob von dem restlichen Publikum, bestehend aus Ferge und Wehsal,
-ein hinlänglicher pädagogischer Antrieb zur Fortsetzung des Wettstreits
-ausgehen werde.
-
-Unterwegs einigte er sich mit Joachim dahin, daß man in Sachen seiner
-Erkältung und Halsbeschwerden den Dienstweg einschlagen, das heißt also,
-den Bademeister anstellen wolle, die Oberin zu benachrichtigen, worauf
-denn für den Leidenden doch wohl etwas geschehen werde. So war es
-wohlgetan. Noch am Abend, gleich nach dem Diner, klopfte Adriatica bei
-Joachim, als Hans Castorp gerade bei ihm im Zimmer war, und erkundigte
-sich kreischend nach den Wünschen und Klagen des jungen Offiziers.
-„Halsschmerzen? Heiserkeit?“ wiederholte sie. „Menschenskind, was machen
-Sie für Sprünge?“ Und sie unternahm den Versuch, ihm durchdringend ins
-Auge zu blicken, wobei es nicht an Joachim lag, daß ein Ineinander-Ruhen
-ihrer Blicke mißlang: der ihre war es, der beiseite schweifte. Daß sie
-es immer wieder versuchte, wenn es ihr nun doch erfahrungsgemäß einmal
-nicht gegeben war, das Unternehmen durchzuführen! Mit Hilfe einer Art
-von metallenem Schuhlöffel, den sie aus ihrer Gürteltasche zog, sah sie
-dem Patienten in den Schlund, wobei Hans Castorp mit der Nachttischlampe
-leuchten mußte. Während sie, auf den Zehenspitzen stehend, um Joachims
-Zäpfchen herumspähte, sagte sie:
-
-„Sagen Sie mal, geehrtes Menschenkind, – haben Sie sich schon mal
-verschluckt?“
-
-Was war nun darauf zu antworten! Im Augenblick, solange sie spähte, war
-überhaupt keine Möglichkeit, Rede zu stehen; aber auch nachdem sie von
-ihm abgelassen, blieb guter Rat teuer. Natürlich hatte er sich im Leben
-schon ein und das andere Mal verschluckt, beim Essen und Trinken; doch
-das war Menschenlos und konnte bei ihrer Frage nicht wohl gemeint sein.
-Er sagte: Wieso? Er könne sich an das letztemal nicht erinnern.
-
-Na, gut; es sei bloß so ein Einfall von ihr gewesen. Er habe sich also
-erkältet, sagte sie zum Erstaunen der Vettern, da sonst das Wort
-Erkältung doch hier im Hause verpönt war. Zur näheren Untersuchung des
-Halses sei gegebenenfalls des Hofrats Kehlkopfspiegel vonnöten. Sie ließ
-Formamint zurück bei ihrem Weggang, sowie einen Verbandwickel nebst
-Guttapercha zu feuchten Umschlägen für die Nacht, und Joachim machte
-Gebrauch von beidem, meinte auch deutliche Erleichterung zu spüren dank
-diesen Anwendungen und fuhr also fort damit, zumal seine Heiserkeit sich
-nicht klären wollte, ja, in den nächsten Tagen noch stärker wurde,
-obgleich die Halsschmerzen zuweilen fast ganz verschwanden.
-
-Übrigens war sein Erkältungsfieber reine Einbildung gewesen. Der
-objektive Befund war der gewöhnliche, – eben der, welcher, zusammen mit
-den Ergebnissen der hofrätlichen Untersuchungen, den ehrliebenden
-Joachim hier zu einer kleinen Nachkur festhielt, bevor er wieder zur
-Fahne würde eilen können. Der Oktobertermin war sang- und klanglos
-vorübergegangen. Niemand verlor ein Wort darüber, weder der Hofrat, noch
-die Vettern gegeneinander: still und mit niedergeschlagenen Augen gingen
-sie darüber hinweg. Nach dem, was Behrens bei der Monatsuntersuchung dem
-seelenkundigen Famulus in die Feder diktierte, und was die
-photographische Platte zeigte, war allzu klar, daß höchstens von einer
-ganz wilden Abreise hätte die Rede sein können, während es doch diesmal
-galt, im Dienste hier oben mit eiserner Selbstzucht auszuharren, bis zum
-Flachlanddienste, zur Eideserfüllung dort unten endgültige
-Wetterfestigkeit gewonnen wäre.
-
-Dies war die geltende Parole, über die einig zu sein man stillschweigend
-vorgab. Aber die Wahrheit sah so aus, daß einer vom andern nicht so ganz
-sicher war, ob er in tiefster Seele an diese Parole glaubte, und wenn
-man die Augen voreinander niederschlug, so geschah es in diesem Zweifel,
-und es geschah nicht, ohne daß zuvor die Augen sich _getroffen_ hätten.
-Das aber kam öfters vor seit jenem Kolloquium über die Literatur,
-während dessen Hans Castorp zum erstenmal das neuartige Licht im
-Hintergrund von Joachims Augen, sowie den eigentümlich „drohenden“
-Ausdruck darin bemerkt hatte. Namentlich einmal bei Tische kam es vor:
-als nämlich der heisere Joachim sich unversehens ausnehmend heftig
-verschluckte und kaum wieder zu Atem kommen konnte. Da also, während
-Joachim hinter seiner Serviette keuchte und Frau Magnus, seine
-Nachbarin, ihm einer alten Praktik gemäß den Rücken klopfte, trafen sich
-ihre Augen auf eine Art, die Hans Castorp schreckhafter bewegte, als der
-Unfall selbst, der selbstverständlich jedem zustoßen konnte, und dann
-schloß Joachim die seinen und verließ, mit der Serviette verhüllt, Tisch
-und Saal, um sich draußen auszuhusten.
-
-Lächelnd, wenn auch noch etwas blaß, kehrte er nach zehn Minuten zurück,
-eine Entschuldigung wegen der verursachten Störung auf den Lippen, nahm
-wie zuvor an der übergewaltigen Mahlzeit teil, und nachher vergaß man
-sogar, auch nur mit einer Bemerkung auf den trivialen Zwischenfall
-zurückzukommen. Als aber einige Tage später, diesmal nicht beim Diner,
-sondern beim üppigen Gabelfrühstück, sich dasselbe ereignete, übrigens
-ohne daß die Augen sich getroffen hätten, wenigstens nicht diejenigen
-der Vettern, da Hans Castorp, über seinen Teller gebeugt, scheinbar
-unachtsam weiter speiste, mußte man nach aufgehobener Tafel wohl dennoch
-ein Wort daran wenden, und Joachim schalt auf das verdammte
-Frauenzimmer, die Mylendonk, die mit ihrer vom Zaun gebrochenen Frage
-ihm einen Floh ins Ohr gesetzt und ihm etwas eingeredet und angehext
-habe, der Teufel solle sie holen. Ja, offenbar sei es Suggestion, sagte
-Hans Castorp, – amüsant zu konstatieren bei aller Unannehmlichkeit. Und
-Joachim, nachdem man die Sache beim Namen genannt, erwehrte sich fortan
-mit Erfolg der Hexerei, gab acht beim Essen und verschluckte sich nicht
-häufiger mehr, als nichtbehexte Leute am Ende auch: erst neun oder zehn
-Tage später einmal wieder, worüber denn weiter nichts zu sagen war.
-
-Jedoch war er außer der Reihe und Zeit zu Rhadamanthys bestellt. Die
-Oberin hatte ihn angezeigt und wohl nicht einmal dumm daran getan; denn
-da ein Kehlkopfspiegel im Hause war, so schien diese hartnäckige
-Heiserkeit, die stundenweise in wirkliche Stimmlosigkeit ausartete, und
-auch dies Halsweh, das wieder hervortrat, sobald Joachim versäumte,
-seine Kehle durch speicheltreibende Mittel geschmeidig zu halten, ein
-hinlänglicher Anlaß, das klug erdachte Instrument einmal aus dem
-Schranke zu nehmen, – zu schweigen davon, daß, wenn Joachim sich jetzt
-mit normaler Seltenheit verschluckte, dies nur der großen Vorsicht zu
-danken war, die er beim Essen aufwandte, und die ihn bei den Mahlzeiten
-fast regelmäßig in Rückstand hielt.
-
-Der Hofrat also spiegelte, reflektierte und äugte tief und lange in
-Joachims Hals hinunter, worauf der Patient sich auf Hans Castorps
-besonderen Wunsch sogleich in dessen Balkonloge einfand, um Bericht zu
-erstatten. Es sei recht lästig und kitzlich gewesen, teilte er halb
-flüsternd mit, da gerade Hauptliegekur und Schweigegebot waltete, und
-schließlich habe Behrens allerlei von einem Reizungszustand gekohlt und
-gesagt, es müßten jeden Tag Pinselungen vorgenommen werden, gleich
-morgen wolle er zu ätzen anfangen, er müsse nur erst das Medikament
-bereitstellen. Also Reizungszustand und Ätzungen. Hans Castorp, den Kopf
-voller Gedankenverbindungen, die weit liefen und sich auf ganz
-fernstehende Personen, wie den hinkenden Concierge und jene Dame
-erstreckten, die sich die ganze Woche ihr Ohr gehalten und dennoch
-durchaus beruhigt hatte sein können, hatte noch Fragen auf den Lippen,
-brachte sie aber nicht darüber, sondern beschloß, sie dem Hofrat unter
-vier Augen vorzulegen und beschränkte sich gegen Joachim auf den
-Ausdruck seiner Genugtuung, daß das Ärgernis nun der Kontrolle
-unterstehe und der Hofrat die Sache in die Hand genommen habe. Der sei
-ein Hauptkerl und werde schon Remedur schaffen. Worauf Joachim nickte,
-ohne den anderen anzusehen, sich umwandte und in seine Loge hinüberging.
-
-Was war es mit dem ehrliebenden Joachim? In den letzten Tagen waren
-seine Augen so unsicher und scheu geworden. Noch neulich war Oberin
-Mylendonk mit ihrem Durchbohrungsversuch an seinem sanften dunklen Blick
-gescheitert, allein wenn sie jetzt ihr Heil noch einmal versuchte, war
-man wahrhaftig nicht mehr sicher, wie die Sache ablaufen würde.
-Jedenfalls vermied er solche Begegnungen, und wenn es dennoch dazu kam
-(denn Hans Castorp sah ihn viel an), so wurde einem auch dabei nicht
-wohler. Bedrückt blieb Hans Castorp in seinem Abteil zurück, in
-treibender Versuchung, den Chef sogleich zur Rede zu stellen. Doch ging
-das nicht an, da Joachim sein Aufstehen gehört hätte, und so war
-Aufschub geboten und Behrens im Laufe des Nachmittags abzufangen.
-
-Das aber gelang nicht. Sonderbar! Es wollte durchaus nicht gelingen, des
-Hofrats habhaft zu werden, und zwar weder diesen Abend, noch während der
-ganzen beiden folgenden Tage. Natürlich war Joachim etwas hinderlich, da
-er nichts merken sollte, aber das reichte nicht hin, zu erklären,
-weshalb die Unterredung nicht zu erlangen und Radamanth auf keine Weise
-dingfest zu machen war. Hans Castorp suchte und fragte nach ihm im
-ganzen Hause, wurde dahin und dorthin gewiesen, wo er ihn sicher treffen
-werde, und fand ihn dann eben nicht mehr dort. Bei einer Mahlzeit war
-Behrens zugegen, saß aber weit fort, am Schlechten Russentisch und
-verschwand vor dem Dessert. Ein paarmal glaubte Hans Castorp ihn schon
-am Knopf zu halten, er sah ihn auf Treppen und Gängen im Gespräch mit
-Krokowski, mit der Oberin, mit einem Patienten stehen und paßte ihm auf.
-Aber da er nur eben die Augen abgewandt hatte, war Behrens weg.
-
-Am vierten Tage erst kam er zum Ziel. Von seinem Balkon aus sah er den
-Verfolgten im Garten dem Gärtner Anweisungen geben, schlüpfte geschwind
-aus der Decke und eilte hinunter. Eben ruderte der Hofrat mit rundem
-Nacken gegen seine Wohnung davon. Hans Castorp trabte und erlaubte sich
-sogar, zu rufen, fand aber kein Gehör. Endlich, atemlos anlangend,
-brachte er seinen Mann zum Stehen.
-
-„Was haben Sie hier zu suchen!“ herrschte der Hofrat ihn mit quellenden
-Augen an. „Soll ich Ihnen ein Extra-Exemplar der Hausordnung aushändigen
-lassen? Meines Wissens ist Liegekur. Ihre Kurve und die Platte geben
-Ihnen gar kein besonderes Recht, den Freiherrn zu spielen. Man sollte
-hier irgendwo so eine göttliche Diebsscheuche anbringen lassen, die
-Leute, die zwischen zwei und vier im Garten Libertinage treiben, mit
-Aufspießung bedroht! Was wollen Sie eigentlich?“
-
-„Herr Hofrat, ich muß Sie unbedingt einen Augenblick sprechen!“
-
-„Das merke ich, daß Sie sich das schon lange einbilden. Sie stellen mir
-ja nach, als ob ich ein Frauenzimmer und wunder was für ein Lustobjekt
-wäre. Was wollen Sie von mir?“
-
-„Es ist nur wegen meines Vetters, Herr Hofrat, entschuldigen Sie! Er
-wird nun gepinselt ... Ich bin überzeugt, daß damit die Sache auf gutem
-Wege ist. Sie ist doch harmlos, – wollte ich mir nur zu fragen
-erlauben?“
-
-„Sie wollen immer alles harmlos haben, Castorp, so sind Sie. Sie sind
-gar nicht abgeneigt, sich auch einmal mit Nichtharmlosigkeiten
-einzulassen, aber dann behandeln Sie sie, als ob sie harmlos wären, und
-damit glauben Sie sich vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Sie
-sind eine Art von Feigling und Duckmäuser, Mensch, und wenn Ihr Vetter
-Sie einen Zivilisten nennt, so ist das noch sehr euphemistisch
-ausgedrückt.“
-
-„Kann alles sein, Herr Hofrat. Natürlich, die Schwächen meines
-Charakters stehen doch außer Frage. Aber das ist es eben, daß sie im
-Augenblick wohl außer Frage stehen, und was ich Sie schon seit drei
-Tagen bitten wollte, ist nur –“
-
-„Daß ich Ihnen recht angenehm gezuckerten und gepantschten Wein
-einschenke! Sie wollen mich behelligen und mich langweilen, damit ich
-Sie in Ihrer verdammten Duckmäuserei befestige, und damit Sie in
-Unschuld schlafen können, während andere Leute wachen und sich den Wind
-um die Nase wehen lassen.“
-
-„Aber, Herr Hofrat, Sie sind recht streng mit mir. Ich wollte im
-Gegenteil –“
-
-„Ja, Strenge, das ist nun gerade gar nicht Ihre Sache. Da ist Ihr Vetter
-ein anderer Kerl, von anderem Schrot und Korn. Der weiß Bescheid. Der
-weiß _schweigend_ Bescheid, verstehen Sie mich? Der hängt sich den
-Leuten nicht an die Rockschöße, um sich blauen Dunst und Harmlosigkeit
-vormachen zu lassen. Der wußte, was er tat und was er daransetzte, und
-ist ein Mannsbild, das sich auf Haltung versteht und aufs Maulhalten,
-was eine männliche Kunst ist, aber leider nicht die Sache von solchen
-bipedischen Annehmlichkeiten wie Sie. Aber das sage ich Ihnen, Castorp,
-wenn Sie hier Szenen aufführen und ein Geschrei erheben und sich Ihren
-Zivilgefühlen überlassen, so setze ich Sie an die Luft. Denn hier wollen
-Männer unter sich sein, verstehen Sie mich.“
-
-Hans Castorp schwieg. Er wurde jetzt auch fleckig, wenn er sich
-verfärbte. Er war zu kupferrot, um ganz blaß zu werden. Schließlich
-sagte er mit zuckenden Lippen:
-
-„Ich danke sehr, Herr Hofrat. Ich weiß ja nun auch wohl Bescheid, denn
-ich nehme an, daß Sie nicht so – wie soll ich sagen – so feierlich zu
-mir sprechen würden, wenn es nicht ernst wäre mit Joachim. Ich bin auch
-gar nicht für Szenen und für Geschrei, da tun Sie mir unrecht. Und wenn
-es also auf Diskretion ankommt, so stehe ich auch meinen Mann, das
-glaube ich zusagen zu können.“
-
-„Sie hängen an Ihrem Vetter, Hans Castorp?“ fragte der Hofrat, indem er
-plötzlich des jungen Mannes Hand ergriff und ihn mit seinen blauen,
-weißlich bewimperten, blutunterlaufenen Quellaugen von unten anblickte
-...
-
-„Was läßt sich da sagen, Herr Hofrat. Ein so naher Verwandter und so
-guter Freund und mein Kamerad hier oben.“ Hans Castorp schluchzte kurz
-und stellte den einen Fuß auf die Spitze, indem er die Ferse nach außen
-wandte.
-
-Der Hofrat beeilte sich, seine Hand loszulassen.
-
-„Na, dann seien Sie nett mit ihm diese sechs, acht Wochen“, sagte er.
-„Überlassen Sie sich Ihrer angeborenen Harmlosigkeit, das wird ihm das
-Liebste sein. Ich bin auch noch da, und zwar dazu, die Sache so
-kavaliersmäßig und komfortabel wie möglich zu gestalten.“
-
-„_Larynx_, nicht wahr?“ sagte Hans Castorp, indem er dem Hofrat
-zunickte.
-
-„_Laryngea_“, bestätigte Behrens. „Schnell fortschreitende Zerstörung.
-Und mit der Luftröhrenschleimhaut sieht es auch schon böse aus. Kann
-sein, daß das Kommandogeschrei im Dienst da einen _locus minoris
-resistentiae_ geschaffen hat. Aber gefaßt sein müssen wir auf solche
-Diversionen ja immer. Wenig Aussicht, mein Junge; eigentlich wohl gar
-keine. Selbstverständlich soll alles versucht werden, was gut und teuer
-ist.“
-
-„Die Mutter ...“, sagte Hans Castorp.
-
-„Später, später. Eilt ja noch nicht. Sorgen Sie mit Takt und Geschmack
-dafür, daß sie sukzessive ins Bild kommt. Und nun scheren Sie sich auf
-Ihren Posten. Er merkt es ja. Und es muß ihm doch peinlich sein, sich so
-hinter seinem Rücken besprochen zu wissen.“
-
-– Täglich ging Joachim zum Pinseln. Es war ein schöner Herbst, in weißen
-Flanellhosen zum blauen Rock kam er öfters verspätet von der Behandlung
-zum Essen, propper und militärisch, grüßte knapp, freundlich und
-männlich zusammengenommen, indem er seiner Säumigkeit wegen um Pardon
-bat, und setzte sich zu seiner Mahlzeit nieder, die man ihm jetzt
-besonders bereitete, da er bei der gewöhnlichen Kost, der
-Verschluckungsgefahr wegen, nicht mitkam: er erhielt Suppen, Haschees
-und Brei. Schnell hatten die Tischgenossen die Lage begriffen. Sie
-erwiderten seinen Gruß mit nachdrücklicher Höflichkeit und Wärme, indem
-sie ihn „Herr Leutnant“ anredeten. In seiner Abwesenheit befragten sie
-Hans Castorp, und auch von den anderen Tischen kam man zu ihm und
-fragte. Frau Stöhr kam mit gerungenen Händen und lamentierte ungebildet.
-Aber Hans Castorp antwortete nur einsilbig, räumte den Ernst des
-Zwischenfalles ein, leugnete jedoch bis zu einem gewissen Grade, tat es
-ehrenhalber, aus dem Gefühle, Joachim nicht vorzeitig preisgeben zu
-dürfen.
-
-Sie gingen zusammen spazieren, legten dreimal täglich den dienstlichen
-Lustwandel zurück, auf welchen der Hofrat Joachim nun genauestens
-eingeschränkt hatte, damit unnötige Kräfteausgabe vermieden werde. Links
-von seinem Vetter ging Hans Castorp, – sie waren früher so oder auch
-anders gegangen, wie es gerade kam, aber jetzt hielt sich Hans Castorp
-vorwiegend links. Sie sprachen nicht viel, redeten die Worte, die der
-Berghof-Normaltag ihnen auf die Lippen führte, sonst nichts. Über das
-Thema, das zwischen ihnen stand, ist nichts zu reden, zumal zwischen
-Leuten von Sittensprödigkeit, die einander nur äußerstenfalls mit
-Vornamen nennen. Dennoch hob es sich zuweilen drängend und wallend auf
-in Hans Castorps Zivilistenbrust, im Begriffe, sich zu ergießen. Aber es
-war unmöglich. Was schmerzlich-stürmisch emporgeschwollen war, sank
-zurück, und er verstummte.
-
-Joachim ging gebeugten Kopfes neben ihm. Er sah zu Boden, als
-betrachtete er die Erde. Es war so merkwürdig: er ging hier, propper und
-ordentlich, er grüßte Vorübergehende auf seine ritterliche Art, hielt
-auf sein Äußeres und auf _bienséance_ wie immer – und gehörte der Erde.
-Nun, der gehören wir alle über kurz oder lang. Aber so jung und mit so
-gutem, freudigem Willen zum Dienst bei der Fahne ganz kurzfristig ihr zu
-gehören, das ist doch bitter: noch bitterer und unbegreiflicher für
-einen wissend nebenhergehenden Hans Castorp, als für den Erdmann selbst,
-dessen anständig verschwiegenes Wissen eigentlich recht akademischer
-Natur ist, geringen Wirklichkeitscharakter für ihn besitzt und im Grunde
-weniger seine Sache ist, als die der anderen. Tatsächlich ist unser
-Sterben mehr eine Angelegenheit der Weiterlebenden, als unserer selbst;
-denn ob wir es nun zu zitieren wissen oder nicht, so hat das Wort des
-witzigen Weisen jedenfalls volle seelische Gültigkeit, daß, solange wir
-sind, der Tod nicht ist, und daß, wenn der Tod ist, wir nicht sind; daß
-also zwischen uns und dem Tode gar keine reale Beziehung besteht und er
-ein Ding ist, das uns überhaupt nichts und nur allenfalls Welt und Natur
-etwas angeht, – weshalb denn auch alle Wesen ihm mit großer Ruhe,
-Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit und egoistischer Unschuld,
-entgegenblicken. Von dieser Unschuld und Verantwortungslosigkeit fand
-Hans Castorp viel in Joachims Wesen während dieser Wochen und verstand,
-daß jener zwar wisse, daß es ihm aber darum nicht schwer falle, über
-dies Wissen ein anständiges Schweigen zu beobachten, weil seine inneren
-Beziehungen dazu nur locker und theoretisch waren oder, soweit sie
-praktisch in Betracht kamen, durch ein gesundes Schicklichkeitsgefühl
-geregelt und bestimmt wurden, das die Erörterung jenes Wissens
-ebensowenig zuließ wie diejenige so vieler anderer funktioneller
-Unanständigkeiten, deren das Leben sich bewußt und durch die es bedingt
-ist, die es aber nicht hindern, _bienséance_ zu bewahren.
-
-So gingen sie und schwiegen über lebensunziemliche Angelegenheiten der
-Natur. Auch Joachims anfangs so bewegt und zornig geführte Klagen über
-das Versäumnis der Manöver, des militärischen Flachlanddienstes
-überhaupt waren verstummt. Warum aber kehrte statt dessen und trotz
-aller Unschuld so oft der Ausdruck trüber Scheu in seine sanften Augen
-zurück, – jene Unsicherheit, die der Oberin, wenn sie es noch einmal
-hätte darauf ankommen lassen, wahrscheinlich den Sieg gebracht haben
-würde? War es, weil er sich überäugig und hohlwangig wußte? – Denn so
-wurde er zusehends in diesen Wochen, viel mehr noch, als er es schon bei
-seiner Heimkehr vom Flachland gewesen war, und seine braune
-Gesichtsfarbe ward gelblich-lederner von Tag zu Tag. Als ob eine
-Umgebung ihm Grund zur Scham und Selbstverachtung gegeben hätte, die mit
-Herrn Albin auf nichts bedacht war, als darauf, die grenzenlosen
-Vorteile der Schande zu genießen. Wovor und vor wem also duckte und
-verbarg sich sein ehemals so offener Blick? Wie seltsam, die Lebensscham
-der Kreatur, die sich in ein Versteck schleicht, um zu verenden, –
-überzeugt, daß sie in der Natur draußen keinerlei Achtung und Pietät vor
-ihrem Leiden und Sterben zu gewärtigen hat, überzeugt hiervon mit Recht,
-da ja die Schar der schwingenfrohen Vögel den kranken Genossen nicht nur
-nicht ehrt, sondern ihn in Wut und Verachtung mit Schnabelhieben
-traktiert. Doch das ist gemeine Natur, und ein hochmenschliches
-Liebeserbarmen schwoll auf in Hans Castorps Brust, wenn er die dunkle
-Instinktscham in des armen Joachims Augen sah. Er ging links von ihm,
-ausdrücklich tat er es; und da Joachim nun auch etwas unsicher zu Fuße
-wurde, so stützte er ihn wohl, wenn es einen kleinen Wiesenhang zu
-erklettern galt, indem er, die Sittensprödigkeit überwindend, den Arm um
-ihn legte, ja, vergaß noch nachher eine Weile, seinen Arm wieder von
-Joachims Schultern wegzutun, bis dieser ihn halb ärgerlich abschüttelte
-und sagte:
-
-„Na, du, was soll das. Es sieht ja betrunken aus, wie wir daherkommen.“
-
-Aber dann kam ein Augenblick, wo dem jungen Hans Castorp die Trübung von
-Joachims Blick noch in einem anderen Lichte erschien, und das war, als
-Joachim Order erhalten hatte, das Bett zu hüten, Anfang November, – der
-Schnee lag hoch. Damals nämlich war es ihm allzu schwer geworden, auch
-nur die Haschees und Breie sich zuzuführen, da jeder zweite Bissen ihm
-in die falsche Kehle geriet. Der Übergang zu ausschließlich flüssiger
-Nahrung war indiziert, und zugleich verordnete Behrens dauernde
-Bettruhe, der Kräfteersparnis wegen. Es war also am Vorabend von
-Joachims dauernder Bettlägerigkeit, am letzten Abend, da er noch auf den
-Füßen war, daß Hans ihn betraf, – ihn im Gespräch mit Marusja betraf,
-der grundlos viellachenden Marusja mit dem Apfelsinentüchlein und der
-äußerlich wohlgebildeten Brust. Nach dem Diner war das, während der
-Abendgeselligkeit, in der Halle. Hans Castorp hatte sich im Musiksalon
-aufgehalten und kam heraus, um nach Joachim zu sehen: da fand er ihn vor
-dem Kachelkamin neben Marusjas Stuhl, – es war ein Schaukelstuhl, worin
-sie saß, und Joachim hielt ihn mit der Linken an der Rückenlehne nach
-hinten geneigt, so daß Marusja aus liegender Stellung mit ihren braunen
-Kugelaugen in sein Gesicht emporblickte, das er, leise und abgerissen
-sprechend, über das ihre beugte, während sie manchmal lächelnd und
-erregt-geringschätzig mit den Schultern zuckte.
-
-Hans Castorp beeilte sich, zurückzutreten, nicht ohne wahrgenommen zu
-haben, daß noch andere Mitglieder der Gästeschaft auf die Szene, wie das
-zu gehen pflegte, ein belustigtes Auge hatten, – unbemerkt von Joachim,
-oder doch unbeachtet von ihm. Dieser Anblick: Joachim, im Gespräche
-rücksichtslos hingegeben an die hochbrüstige Marusja, mit der er so
-lange an ein und demselben Tisch gesessen, ohne ein einziges Wort mit
-ihr zu wechseln; vor deren Person und Existenz er mit strengem Ausdruck,
-vernünftig und ehrliebend, die Augen niedergeschlagen hatte, obgleich er
-fleckig erblaßte, wenn von ihr die Rede war, – erschütterte Hans Castorp
-mehr, als irgendein Zeichen der Entkräftung, das er in diesen Wochen
-sonst an seinem armen Vetter wahrgenommen. „Ja, er ist verloren!“ dachte
-er und setzte sich still auf einen Stuhl im Musiksalon, um Joachim Zeit
-zu lassen für das, was er sich dort in der Halle an diesem letzten Abend
-noch gönnte.
-
-Von da an also nahm Joachim dauernd die Horizontale ein, und Hans
-Castorp schrieb davon an Luise Ziemßen, schrieb ihr in seinem
-vorzüglichen Liegestuhl, er habe nun seinen früheren gelegentlichen
-Mitteilungen hinzuzufügen, daß Joachim bettlägerig geworden sei und daß
-er zwar nichts gesagt habe, daß ihm aber der Wunsch, seine Mutter bei
-sich zu haben, von den Augen abzulesen sei, und daß Hofrat Behrens
-diesen unausgesprochenen Wunsch ausdrücklich unterstütze. Auch dies
-fügte er zart und deutlich hinzu. Und so war es denn kein Wunder, daß
-Frau Ziemßen die schnellsten Verkehrsmittel in Anspruch nahm, um zu
-ihrem Sohne zu stoßen: schon drei Tage nach Abgang dieses humanen
-Alarmbriefes traf sie ein, und Hans Castorp holte sie bei Schneegestöber
-im Schlitten von Station „Dorf“ ab, – legte, auf dem Bahnsteige stehend,
-bevor das Züglein einfuhr, seine Miene zurecht, daß sie die Mutter nicht
-gleich zu sehr erschrecke, daß diese aber auch nichts Falsches, Munteres
-mit dem ersten Blick darin lese.
-
-Wie oft mochten wohl solche Begrüßungen sich hier schon ereignet haben,
-wie oft dies Aufeinander-Zueilen unter dringlichem und angstvollem
-Forschen des dem Zuge Entstiegenen in den Augen dessen, der ihn in
-Empfang nahm! Frau Ziemßen erweckte den Eindruck, als sei sie von
-Hamburg hierher zu Fuße gelaufen. Erhitzten Gesichtes zog sie Hans
-Castorps Hand an ihre Brust und stellte, gewissermaßen scheu um sich
-blickend, hastige und gleichsam geheime Fragen, denen er auswich, indem
-er ihr dankte, daß sie so rasch gekommen sei, – das sei famos, und wie
-mächtig werde ihr Joachim sich freuen. Tja, der liege nun leider
-vorderhand, es sei wegen der flüssigen Nahrung, die ja natürlich auf den
-Kräftezustand nicht ohne Einfluß sei. Aber da gebe es notfalls noch
-mancherlei Auskünfte, zum Beispiel die künstliche Ernährung. Übrigens
-werde sie ja selber sehen.
-
-Sie sah; und an ihrer Seite sah Hans Castorp. Bis zu diesem Augenblick
-waren ihm die Veränderungen, die sich in den letzten Wochen an Joachim
-vollzogen hatten, gar nicht so bemerklich geworden, – junge Leute haben
-ja nicht viel Blick für solche Dinge. Jetzt aber, neben der von außen
-kommenden Mutter, betrachtete er ihn gleichsam mit ihren Augen, als
-hätte er ihn lange nicht gesehen, und erkannte klar und deutlich, was
-zweifellos auch sie erkannte, was aber ganz gewiß am besten von allen
-dreien Joachim selber wußte, nämlich, daß er ein Moribundus war. Er
-hielt Frau Ziemßens Hand in der seinen, die ebenso gelb und abgezehrt
-war, wie sein Gesicht, von welchem, eben infolge der Abmagerung, seine
-Ohren, dieser leichte Kummer seiner guten Jahre, stärker als ehedem und
-in bedauerlich entstellendem Maße abstanden, das aber bis auf diesen
-Fehler und trotz seiner durch den Stempel des Leidens und durch den
-Ausdruck von Ernst und Strenge, ja Stolz, den es trug, eher noch
-männlich verschönt erschien, – obgleich seine Lippen mit dem schwarzen
-Bärtchen darüber jetzt gar zu voll wirkten gegen die schattigen
-Wangenhöhlen. Zwei Falten hatten sich in die gelbliche Haut seiner Stirn
-zwischen den Augen eingegraben, die, obgleich tief in knochigen Höhlen
-liegend, schöner und größer waren als je, und an denen Hans Castorp sich
-freuen mochte. Denn alle Störung, Trübung und Unsicherheit war, seit
-Joachim lag, daraus geschwunden, und nur jenes früh bemerkte Licht war
-in ihrer ruhigen, dunklen Tiefe zu sehen – und freilich auch jene
-„Drohung“. Er lächelte nicht, während er die Hand seiner Mutter hielt
-und ihr flüsternd Guten Tag und Willkommen sagte. Auch bei ihrem
-Eintritt hatte er nicht einen Augenblick gelächelt, und diese
-Unbeweglichkeit, Unveränderlichkeit seiner Miene sagte alles.
-
-Luise Ziemßen war eine tapfere Frau. Sie löste sich nicht in Jammer auf
-bei ihres braven Sohnes Anblick. Gefaßt und zusammengenommen im Sinne
-ihres durch das kaum sichtbare Schleiernetz befestigten Haares,
-phlegmatisch und energisch, wie man bekanntlich bei ihr zulande war,
-nahm sie Joachims Wartung in die Hand, durch seinen Anblick gerade
-gespornt zu mütterlicher Kampflust und erfüllt von dem Glauben, daß,
-wenn es etwas zu retten gäbe, nur ihrer Kraft und Wachsamkeit die
-Rettung gelingen könne. Um ihrer Bequemlichkeit willen geschah es gewiß
-nicht, sondern nur aus Sinn für das Stattliche, wenn sie einige Tage
-später einwilligte, daß auch eine Pflegeschwester noch zu dem
-Schwerkranken berufen wurde. Es war Schwester Berta, in Wirklichkeit
-Alfreda Schildknecht, die mit ihrem schwarzen Handkoffer an Joachims
-Lager erschien; aber weder bei Tag noch bei Nacht ließ Frau Ziemßens
-eifersüchtige Energie ihr viel zu tun, und Schwester Berta hatte eine
-Menge Zeit, auf dem Korridor zu stehen und, ihr Kneiferband hinter dem
-Ohre, neugierig auszuspähen.
-
-Die protestantische Diakonissin war eine nüchterne Seele. Allein im
-Zimmer mit Hans Castorp und mit dem Kranken, der keineswegs schlief,
-sondern offenen Auges auf dem Rücken lag, war sie imstande, zu sagen:
-
-„Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß ich einen von den
-Herren noch einmal zu Tode pflegen würde.“
-
-Der erschrockene Hans Castorp zeigte ihr mit wilder Miene die Faust,
-aber sie begriff kaum, was er wollte, – weit entfernt, und mit Recht,
-von dem Gedanken, daß es angebracht sein möchte, Joachim zu schonen und
-viel zu sachlich gesonnen, um in Erwägung zu ziehen, daß irgendjemand,
-und nun gar der Nächstbeteiligte, sich über Charakter und Ausgang dieses
-Falles Täuschungen hingeben könne. „Da“, sagte sie, indem sie Kölnisches
-Wasser auf ein Taschentuch goß und es Joachim unter die Nase hielt, „tun
-Sie sich noch ein bißchen gütlich, Herr Leutnant!“ Und wirklich hätte es
-zu jener Zeit wenig Vernunft gehabt, dem guten Joachim ein X für ein U
-zu machen, – es sei denn zum Zwecke tonischer Beeinflussung, wie Frau
-Ziemßen es meinte, wenn sie ihm mit starker, bewegter Stimme von seiner
-Genesung sprach. Denn zweierlei war deutlich und nicht zu verkennen: daß
-Joachim erstens mit klarem Bewußtsein dem Tode entgegenging, und daß er
-es zweitens in Harmonie und Zufriedenheit mit sich selber tat. Erst in
-der letzten Woche, Ende November, als Herzschwäche sich bemerkbar
-machte, vergaß er sich stundenweise, von hoffnungsseliger Unklarheit
-über seinen Zustand umfangen, und sprach von seiner baldigen Rückkehr
-zum Regiment und seiner Beteiligung an den großen Manövern, die er sich
-noch im Gange befindlich dachte. Zu demselben Zeitpunkt war es aber
-auch, daß Hofrat Behrens darauf verzichtete, den Angehörigen Hoffnung zu
-geben und das Ende nur noch für eine Frage von Stunden erklärte.
-
-Eine Erscheinung, so melancholisch wie gesetzmäßig, diese
-vergeßlich-gläubige Selbstbetörung auch männlicher Gemüter zu einer
-Zeit, wo tatsächlich der Zerstörungsprozeß sich seinem letalen Ziele
-nähert, – gesetzmäßig-unpersönlich und überlegen aller individuellen
-Bewußtheit, wie die Schlafverführung, die den Erfrierenden umstrickt,
-und wie das Im-Kreise-Herumkommen des Verirrten. Hans Castorp, den
-Kummer und Herzensweh nicht hinderten, das Phänomen mit Sachlichkeit ins
-Auge zu fassen, knüpfte unbeholfene, wenn auch scharfköpfige
-Betrachtungen daran im Gespräche mit Naphta und Settembrini, als er
-ihnen über das Befinden seines Verwandten Bericht erstattete, und zog
-sich einen Verweis des letzteren zu, indem er meinte, die landläufige
-Auffassung, philosophische Gläubigkeit und auf das Gute vertrauende
-Zuversicht sei ein Ausdruck von Gesundheit, Schwarzseherei und
-Weltverurteilung, aber ein Krankheitsmerkmal, beruhe offenbar auf
-Irrtum; denn sonst könne nicht gerade der trostlos finale Zustand einen
-Optimismus zeitigen, mit dessen schlimmer Rosigkeit verglichen der
-vorangegangene Trübsinn als eine derb-gesunde Lebensäußerung erscheine.
-Gottlob konnte er den Teilnehmenden gleichzeitig melden, daß
-Rhadamanthys innerhalb der Hoffnungslosigkeit der Hoffnung Raum ließ und
-einen sanften, trotz Joachims Jugend quallosen Exitus prophezeite.
-
-„Idyllische Herzaffäre, meine gnädigste Frau!“ sagte er, während er
-Luise Ziemßens Hand in seinen beiden schaufelgroßen hielt und sie mit
-quellenden, tränenden, blutunterlaufenen Blauaugen von unten anblickte.
-„Mir lieb, mir ungeheuer lieb, daß es kordialen Verlauf nimmt, und daß
-er das Glottisödem und sonstige Niedertracht nicht abzuwarten braucht;
-so bleiben ihm viele Schikanen erspart. Das Herz läßt rapide aus, wohl
-ihm, wohl uns, wir können pflichtschuldigst das Unsrige dagegen tun mit
-unserer Kampferspritze, ohne viel Aussicht, ihm damit Weitläufigkeiten
-zu verursachen. Er wird viel schlafen zuletzt und freundlich träumen,
-glaube ich versprechen zu können, und wenn er zuguterletzt nicht gerade
-schlafen sollte, so wird er doch einen knappen, unmerklichen Übertritt
-haben, es wird ihm ziemlich egal sein, verlassen Sie sich darauf. So ist
-das übrigens im Grunde immer. Ich kenne den Tod, ich bin ein alter
-Angestellter von ihm, man überschätzt ihn, glauben Sie mir! Ich kann
-Ihnen sagen, es ist fast gar nichts damit. Denn was unter Umständen an
-Schindereien _vorhergeht_, das kann man ja nicht gut zum Tode rechnen,
-es ist eine springlebendige Angelegenheit und kann zum Leben und zur
-Genesung führen. Aber vom Tode wüßte Ihnen keiner, der wiederkäme, was
-Rechtes zu erzählen, denn man erlebt ihn nicht. Wir kommen aus dem
-Dunkel und gehen ins Dunkel, dazwischen liegen Erlebnisse, aber Anfang
-und Ende, Geburt und Tod, werden von uns nicht erlebt, sie haben keinen
-subjektiven Charakter, sie fallen als Vorgänge ganz ins Gebiet des
-Objektiven, so ist es damit.“
-
-Dies war des Hofrats Art und Weise, Trost zu spenden. Wir wollen hoffen,
-daß sie der verständigen Frau Ziemßen ein bißchen wohltat; und seine
-Zusicherungen trafen denn ja ziemlich weitgehend auch ein. Der schwache
-Joachim schlief viele Stunden lang in diesen letzten Tagen, träumte auch
-wohl, was zu träumen ihm angenehm war, Flachländisch-Militärisches also,
-nehmen wir an; und wenn er erwachte und man ihn nach seinem Befinden
-fragte, so antwortete er, wenn auch undeutlich, stets, daß er sich wohl
-und glücklich fühle, – obgleich er fast keinen Puls mehr hatte und
-schließlich den Einstich der Injektionsspritze überhaupt nicht mehr
-spürte, – sein Körper war unempfindlich, man hätte ihn brennen und
-zwacken können, es wäre den guten Joachim bereits nicht mehr angegangen.
-
-Doch hatten sich seit seiner Mutter Eintreffen noch große Veränderungen
-mit ihm vollzogen. Da ihm das Rasieren beschwerlich geworden war und er
-es seit acht oder zehn Tagen schon unterlassen hatte, sein Bartwuchs
-aber sehr kräftig war, so zeigte sein wächsernes Gesicht mit den sanften
-Augen sich nun von einem schwarzen Vollbart umrahmt, – einem Kriegsbart,
-wie wohl der Soldat ihn im Felde sich stehen läßt, und der ihn übrigens
-schön und männlich kleidete, wie alle fanden. Ja, Joachim war plötzlich
-aus einem Jüngling zum reifen Manne geworden durch diesen Bart und wohl
-nicht nur durch ihn. Er lebte rasch, wie ein abschnurrendes Uhrwerk,
-legte im Hui und Galopp die Altersstufen zurück, die in der Zeit zu
-erreichen ihm nicht vergönnt war, und wurde während der letzten
-vierundzwanzig Stunden zum Greise. Die Herzschwäche brachte eine
-angestrengt wirkende Schwellung seines Gesichtes mit sich, derart, daß
-Hans Castorp den Eindruck gewann, das Sterben müsse zum wenigsten eine
-große Mühsal sein, wenn auch Joachim dank mancher Ausfälle und
-Herabminderungen ihrer nicht gewahr zu werden schien; diese Anschwellung
-aber betraf am stärksten die Lippenpartie, und eine Austrocknung oder
-Enervation des inneren Mundes wirkte ersichtlich damit zusammen, so daß
-Joachim beim Sprechen mummelte wie ein ganz Alter und übrigens an dieser
-Hemmung wirkliches Ärgernis nahm: wäre er ihrer erst ledig, meinte er
-lallend, so werde alles gut sein, doch sie sei eine verwünschte
-Belästigung.
-
-Wie er das meinte: es werde „alles gut“ sein, wurde nicht so ganz klar;
-– die Neigung seines Zustandes zum Zweideutigen trat auffallend hervor,
-er äußerte mehr als einmal Doppelsinniges, schien zu wissen und nicht zu
-wissen und erklärte einmal, offenbar von Vernichtungsgefühl
-durchschauert, mit Kopfschütteln und einer gewissen Zerknirschung: so
-grundschlecht sei er noch niemals daran gewesen.
-
-Dann wurde sein Wesen ablehnend, streng-unverbindlich, ja unhöflich; er
-ließ sich keine Fiktionen und Beschönigungen mehr nahe kommen,
-antwortete nicht darauf, blickte fremd vor sich hin. Namentlich nachdem
-der junge Pfarrer, den Luise Ziemßen berufen, und der zu Hans Castorps
-Bedauern keine gestärkte Krause, sondern nur Bäffchen getragen hatte,
-mit ihm gebetet, nahm seine Haltung amtlich-dienstliches Gepräge an,
-äußerte er Wünsche nur in Form kurzer Befehlsworte.
-
-Um 6 Uhr nachmittags begann er ein eigentümliches Tun: er fuhr
-wiederholt mit der rechten Hand, um deren Gelenk sein goldnes
-Kettenarmband lag, in der Gegend der Hüfte über die Bettdecke hin, indem
-er sie auf dem Rückwege etwas erhob und dann auf der Decke in
-schabender, rechender Bewegung wieder zu sich führte, so, als zöge und
-sammle er etwas ein.
-
-Um 7 Uhr starb er, – Alfreda Schildknecht befand sich auf dem Korridor,
-nur Mutter und Vetter waren zugegen. Er war im Bette herabgesunken und
-befahl kurz, man möge ihn höher stützen. Während Frau Ziemßen, den Arm
-um seine Schultern, der Anordnung nachkam, äußerte er mit einer gewissen
-Hast, er müsse sofort ein Gesuch um Verlängerung seines Urlaubes
-aufsetzen und einreichen, und indem er es sagte, vollzog sich der
-„knappe Übertritt“, – von Hans Castorp im Lichte des rotumhüllten
-Tischlämpchens mit Andacht verfolgt. Sein Auge brach, die unbewußte
-Anstrengung seiner Züge wich, die Mühsalsschwellung der Lippen schwand
-zusehends dahin, Verschönung zu frühmännlicher Jugendlichkeit breitete
-sich über unseres Joachims verstummtes Antlitz, und so war’s geschehen.
-
-Da Luise Ziemßen sich schluchzend abgewandt hatte, war es Hans Castorp,
-der dem Regungs- und Hauchlosen mit der Spitze des Ringfingers die Lider
-schloß, ihm die Hände behutsam auf der Decke zusammenlegte. Dann stand
-auch er und weinte, ließ über seine Wangen die Tränen laufen, die den
-englischen Marineoffizier dort so gebrannt hatten, – dies klare Naß, so
-reichlich-bitterlich fließend überall in der Welt und zu jeder Stunde,
-daß man das Tal der Erden poetisch nach ihm benannt hat; dies
-alkalisch-salzige Drüsenprodukt, das die Nervenerschütterung
-durchdringenden Schmerzes, physischen wie seelischen Schmerzes, unserem
-Körper entpreßt. Er wußte, es sei auch etwas Muzin und Eiweiß darin.
-
-Der Hofrat kam, von Schwester Berta benachrichtigt. Noch vor einer
-halben Stunde war er dagewesen und hatte Kampfer gespritzt; nur eben den
-Augenblick des knappen Übertrittes hatte er verpaßt. „Tja, der hat es
-hinter sich“, sagte er schlicht, indem er sich mit seinem Hörrohr von
-Joachims stiller Brust aufrichtete. Und er drückte den beiden
-Anverwandten die Hände, indem er ihnen zunickte. Danach stand er noch
-eine Weile mit ihnen zusammen am Bett, Joachims unbewegliches,
-kriegerbärtiges Antlitz betrachtend. „Toller Junge, toller Kerl“, sagte
-er über die Schulter, indem er mit dem Kopf auf den Ruhenden wies. „Hat
-es zwingen wollen, wissen Sie, – natürlich war alles Zwang und
-Gewaltsamkeit mit seinem Dienst da unten, – febril hat er Dienst gemacht
-auf Biegen und Brechen. Feld der Ehre, verstehen Sie, – ist uns aufs
-Feld der Ehre echappiert, der Durchgänger. Aber die Ehre, das war der
-Tod für ihn, und der Tod – Sie könnens nach Belieben auch umdrehen, – er
-hat nun jedenfalls ‚Habe die Ehre!‘ gesagt. Toller Bengel das, toller
-Kerl.“ Und er ging ab, lang und gebückt, mit heraustretendem Nacken.
-
-Joachims Überführung in die Heimat war beschlossene Sache, und Haus
-Berghof sorgte für alles, was dazu erforderlich war und sonst schicklich
-und stattlich schien, – Mutter und Vetter brauchten sich kaum zu regen.
-Am nächsten Tage, in seinem seidenen Manschettenhemd, Blumen auf der
-Decke, ruhend in matter Schneehelligkeit, war Joachim noch schöner
-geworden als unmittelbar nach dem Übertritt. Jede Spur der Anstrengung
-war nun aus seinem Gesicht gewichen; erkaltet, hatte es sich zu
-reinster, schweigender Form befestigt. Kurzes Gekräusel seines dunklen
-Haares fiel in die unbewegliche, gelbliche Stirn, die aus einem edlen,
-aber heiklen Stoff zwischen Wachs und Marmor gebildet schien, und in dem
-ebenfalls etwas gekrausten Bart wölbten die Lippen sich voll und stolz.
-Ein antiker Helm hätte diesem Haupte wohl angestanden, wie mehrere der
-Besucher meinten, die sich zum Abschiede einfanden.
-
-Frau Stöhr weinte begeistert im Anblick der Form des ehemaligen Joachim.
-„Ein Held! Ein Held!“ rief sie mehrfach und verlangte, daß an seinem
-Grabe die „Erotika“ von Beethoven gespielt werden müsse.
-
-„Schweigen Sie doch!“ zischte Settembrini sie von der Seite an. Er war
-nebst Naphta gleichzeitig mit ihr im Zimmer und herzlich bewegt. Mit
-beiden Händen wies er die Anwesenden auf Joachim hin, indem er sie zur
-Klage aufforderte. „_Un giovanotto tanto simpàtico, tanto stimàbile!_“
-rief er wiederholt.
-
-Naphta enthielt sich nicht, aus seiner gebundenen Haltung heraus und
-ohne ihn anzublicken, leise und bissig gegen ihn hin zu äußern:
-
-„Ich freue mich, zu sehen, daß Sie außer für Freiheit und Fortschritt
-auch noch für ernste Dinge Sinn haben.“
-
-Settembrini steckte das ein. Vielleicht empfand er eine gewisse, durch
-die Umstände vorübergehend hervorgerufene Überlegenheit von Naphtas
-Position über die seine; vielleicht war es dies augenblickliche
-Übergewicht des Gegners, das er durch die Lebhaftigkeit seiner Trauer
-aufzuwiegen gesucht hatte, und das ihn jetzt schweigen ließ, – auch dann
-noch, als Leo Naphta, die unbeständigen Vorteile seiner Stellung
-ausnutzend, scharf sententiös bemerkte:
-
-„Der Irrtum der Literaten besteht in dem Glauben, daß nur der Geist
-anständig mache. Es ist eher das Gegenteil wahr. Nur wo _kein_ Geist
-ist, gibt es Anständigkeit.“
-
-„Na“, dachte Hans Castorp, „das ist auch so ein pythischer Spruch!
-Kneift man die Lippen zusammen, nachdem man ihn hingesetzt, so herrscht
-Einschüchterung für den Augenblick ...“
-
-Am Nachmittag kam der Metallsarg. Joachims Umlagerung in diesen
-stattlichen, mit Ringen und Löwenköpfen geschmückten Behälter wollte ein
-Mann allein als seine Sache betrachtet wissen, der mit ihm gekommen war:
-ein Verwandter des in Anspruch genommenen Bestattungsinstituts, schwarz
-gekleidet, in einer Art von kurzem Bratenrock und einen Ehering an
-seiner plebejischen Hand, in deren Fleisch der gelbe Reif sozusagen
-eingewachsen, ganz davon überwuchert war. Man war geneigt, zu spüren,
-daß Leichengeruch seinem Bratenrock entströme, was aber auf Vorurteil
-beruhte. Doch ließ der Mann die Spezialisten-Einbildung erkennen, daß
-all sein Tun gleichsam hinter die Kulissen zu fallen habe und nur
-pietätvoll-parademäßige Ergebnisse den Blicken der Hinterbliebenen
-auszusetzen seien, – was geradezu Hans Castorps Mißtrauen erweckte und
-keineswegs nach seinem Sinne war. Er befürwortete zwar, daß Frau Ziemßen
-sich zurückzöge, ließ sich selbst aber nicht hinauskomplimentieren,
-sondern blieb und legte mit Hand an: unter den Achseln faßte er die
-Figur und half sie hinübertragen vom Bett in den Sarg, auf dessen
-Leilach und Troddelkissen Joachims Hülle hoch und feierlich gebettet
-wurde, zwischen Standleuchtern, die Haus Berghof gestellt hatte.
-
-Am wieder nächsten Tage jedoch trat eine Erscheinung auf, die Hans
-Castorp bestimmte, sich innerlich von der Form zu trennen und zu lösen
-und tatsächlich dem Professionisten, dem üblen Hüter der Pietät, das
-Feld zu überlassen. Joachim nämlich, dessen Ausdruck bisher so ernst und
-ehrbar gewesen, hatte in seinem Kriegerbarte zu lächeln begonnen, und
-Hans Castorp verhehlte sich nicht, daß dieses Lächeln die Neigung zur
-Ausartung in sich trug – es erfüllte sein Herz mit Empfindungen der
-Eile. So war es in Gottes Namen denn gut, daß die Abholung bevorstand,
-der Sarg geschlossen und verschraubt werden sollte. Hans Castorp
-berührte, eingeborene Sittensprödigkeit beiseite setzend, seines
-ehemaligen Joachim steinkalte Stirn zum Abschied zart mit den Lippen und
-ging trotz allem Mißtrauen gegen den Mann der Kehrseite mit Luise
-Ziemßen folgsam zum Zimmer hinaus.
-
-Wir lassen den Vorhang fallen, zum vorletzten Mal. Doch während er
-niederrauscht, wollen wir im Geiste mit dem auf seiner Höhe
-zurückgebliebenen Hans Castorp fern-hinab in einen feuchten
-Kreuzesgarten des Flachlandes spähen und lauschen, woselbst ein Degen
-aufblitzt und sich senkt, Kommandoworte zucken und drei Gewehrsalven,
-drei schwärmerische Honneurs hinknallen über Joachim Ziemßens
-wurzeldurchwachsenes Soldatengrab.
-
-
-
-
- Siebentes Kapitel
-
-
- Strandspaziergang
-
-Kann man die Zeit erzählen, diese selbst, als solche, an und für sich?
-Wahrhaftig, nein, das wäre ein närrisches Unterfangen! Eine Erzählung,
-die ginge: „Die Zeit verfloß, sie verrann, es strömte die Zeit“ und so
-immer fort, – das könnte gesunden Sinnes wohl niemand eine Erzählung
-nennen. Es wäre, als wollte man hirnverbrannterweise eine Stunde lang
-ein und denselben Ton oder Akkord aushalten und das – für Musik
-ausgeben. Denn die Erzählung gleicht der Musik darin, daß sie die Zeit
-_erfüllt_, sie „anständig ausfüllt“, sie „einteilt“ und macht, daß
-„etwas daran“ und „etwas los damit“ ist – um mit der wehmütigen Pietät,
-die man Aussprüchen Verstorbener widmet, Gelegenheitsworte des seligen
-Joachim anzuführen: längst verklungene Worte, – wir wissen nicht, ob
-sich der Leser noch ganz im klaren darüber ist, wie lange verklungen.
-Die Zeit ist das _Element_ der Erzählung, wie sie das Element des Lebens
-ist, – unlösbar damit verbunden, wie mit den Körpern im Raum. Sie ist
-auch das Element der Musik, als welche die Zeit mißt und gliedert, sie
-kurzweilig und kostbar auf einmal macht: verwandt hierin, wie gesagt,
-der Erzählung, die ebenfalls (und anders als das auf einmal leuchtend
-gegenwärtige und nur als Körper an die Zeit gebundene Werk der bildenden
-Kunst) nur als ein Nacheinander, nicht anders denn als ein Ablaufendes
-sich zu geben weiß, und selbst, wenn sie versuchen sollte, in jedem
-Augenblick ganz da zu sein, der Zeit zu ihrer Erscheinung bedarf.
-
-Das liegt auf der flachen Hand. Daß aber hier ein Unterschied waltet,
-liegt ebenso offen. Das Zeitelement der Musik ist nur eines: ein
-Ausschnitt menschlicher Erdenzeit, in den sie sich ergießt, um ihn
-unsagbar zu adeln und zu erhöhen. Die Erzählung dagegen hat zweierlei
-Zeit: ihre eigene erstens, die musikalisch-reale, die ihren Ablauf, ihre
-Erscheinung bedingt; zweitens aber die ihres Inhalts, die perspektivisch
-ist, und zwar in so verschiedenem Maße, daß die imaginäre Zeit der
-Erzählung fast, ja völlig mit ihrer musikalischen zusammenfallen, sich
-aber auch sternenweit von ihr entfernen kann. Ein Musikstück des Namens
-„Fünf-Minuten-Walzer“ dauert fünf Minuten, – hierin und in nichts
-anderem besteht sein Verhältnis zur Zeit. Eine Erzählung aber, deren
-inhaltliche Zeitspanne fünf Minuten betrüge, könnte ihrerseits, vermöge
-außerordentlicher Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung dieser fünf
-Minuten, das Tausendfache dauern – und dabei sehr kurzweilig sein,
-obgleich sie im Verhältnis zu ihrer imaginären Zeit sehr langweilig
-wäre. Andererseits ist möglich, daß die inhaltliche Zeit der Erzählung
-deren eigene Dauer verkürzungsweise ins Ungemessene übersteigt, – wir
-sagen „verkürzungsweise“, um auf ein illusionäres oder, ganz deutlich zu
-sprechen, ein krankhaftes Element hinzudeuten, das hier offenbar
-einschlägig ist: sofern nämlich dieses Falls die Erzählung sich eines
-hermetischen Zaubers und einer zeitlichen Überperspektive bedient, die
-an gewisse anormale und deutlich ins Übersinnliche weisende Fälle der
-wirklichen Erfahrung erinnern. Man besitzt Aufzeichnungen von
-Opiumrauchern, die bekunden, daß der Betäubte während der kurzen Zeit
-seiner Entrückung Träume durchlebte, deren zeitlicher Umfang sich auf
-zehn, auf dreißig und selbst auf sechzig Jahre belief oder sogar die
-Grenze aller menschlichen Zeiterfahrungsmöglichkeit zurückließ, – Träume
-also, deren imaginärer Zeitraum ihre eigene Dauer um ein Gewaltiges
-überstieg, und in denen eine unglaubliche Verkürzung des Zeiterlebnisses
-herrschte, die Vorstellungen sich mit solcher Geschwindigkeit drängten,
-als wäre, wie ein Haschischesser sich ausdrückt, aus dem Hirn des
-Berauschten „etwas hinweggenommen gewesen wie die Feder einer
-verdorbenen Uhr“.
-
-Ähnlich also wie diese Lasterträume vermag die Erzählung mit der Zeit zu
-Werke zu gehen, ähnlich vermag sie sie zu behandeln. Da sie sie aber
-„behandeln“ kann, so ist klar, daß die Zeit, die das Element der
-Erzählung ist, auch zu _ihrem Gegenstande_ werden kann; und wenn es
-zuviel gesagt wäre, man könne „die Zeit erzählen“, so ist doch, _von der
-Zeit_ erzählen zu wollen, offenbar kein ganz so absurdes Beginnen, wie
-es uns anfangs scheinen wollte, – so daß denn also dem Namen des
-„Zeitromans“ ein eigentümlich träumerischer Doppelsinn zukommen könnte.
-Tatsächlich haben wir die Frage, ob man die Zeit erzählen könne, nur
-aufgeworfen, um zu gestehen, daß wir mit laufender Geschichte wirklich
-dergleichen vorhaben. Und wenn wir die weitere Frage streiften, ob die
-um uns Versammelten sich noch ganz im klaren darüber seien, wie lange es
-gegenwärtig her ist, daß der unterdessen verstorbene ehrliebende Joachim
-jene Bemerkung über Musik und Zeit ins Gespräch flocht (die übrigens von
-einer gewissen alchimistischen Steigerung seines Wesens zeugt, da solche
-Bemerkungen eigentlich nicht in seiner braven Natur lagen), – so wären
-wir wenig erzürnt gewesen, zu hören, daß man sich wirklich im Augenblick
-nicht mehr so recht im klaren darüber sei: wenig erzürnt, ja zufrieden
-aus dem einfachen Grunde, weil die allgemeine Teilnahme an dem Erleben
-unseres Helden natürlich in unserem Interesse liegt, und weil dieser,
-Hans Castorp, in beregtem Punkte durchaus nicht ganz fest war, und zwar
-schon längst nicht mehr. Das gehört zu seinem Roman, einem Zeitroman, –
-so – und auch wieder so genommen.
-
-Wie lange Joachim eigentlich hier oben mit ihm gelebt, bis zu seiner
-wilden Abreise oder im ganzen genommen; wann, kalendermäßig, diese erste
-trotzige Abreise stattgefunden, wie lange er weggewesen, wann wieder
-eingetroffen und wie lange Hans Castorp selber schon hier gewesen, als
-er wieder eingetroffen und dann aus der Zeit gegangen war; wie lange, um
-Joachim beiseite zu lassen, Frau Chauchat ungegenwärtig gewesen, seit
-wann, etwa der Jahreszahl nach, sie _wieder da_ war (denn sie war wieder
-da), und wieviel Erdenzeit Hans Castorp im „Berghof“ damals verbracht
-gehabt hatte, als sie zurückgekehrt war: bei all diesen Fragen, gesetzt,
-man hätte sie ihm vorgelegt, was aber niemand tat, auch er selber nicht,
-denn er scheute sich wohl, sie sich vorzulegen, hätte Hans Castorp mit
-den Fingerspitzen an seiner Stirn getrommelt und entschieden nicht recht
-Bescheid gewußt, – eine Erscheinung, nicht weniger beunruhigend als jene
-vorübergehende Unfähigkeit, die ihn am ersten Abend seines Hierseins
-befallen hatte, nämlich Herrn Settembrini sein eigenes Alter anzugeben,
-ja, eine Verschlimmerung dieses Unvermögens, denn er wußte nun allen
-Ernstes und dauernd nicht mehr, wie alt er sei!
-
-Das mag abenteuerlich klingen, ist aber so weit entfernt, unerhört oder
-unwahrscheinlich zu sein, daß es vielmehr unter bestimmten Bedingungen
-jederzeit jedem von uns begegnen kann: nichts würde uns, solche
-Bedingungen vorausgesetzt, vor dem Versinken in tiefste Unwissenheit
-über den Zeitverlauf und also über unser Alter bewahren. Die Erscheinung
-ist möglich kraft des Fehlens jedes Zeitorgans in unserem Innern, kraft
-also unserer absoluten Unfähigkeit, den Ablauf der Zeit von uns aus und
-ohne äußeren Anhalt auch nur mit annähernder Zuverlässigkeit zu
-bestimmen. Bergleute, verschüttet, abgeschnitten von jeder Beobachtung
-des Wechsels von Tag und Nacht, veranschlagten bei ihrer glücklichen
-Errettung die Zeit, die sie im Dunklen, zwischen Hoffnung und
-Verzweiflung zugebracht hatten, auf drei Tage. Es waren deren zehn
-gewesen. Man sollte meinen, daß in ihrer höchst beklommenen Lage die
-Zeit ihnen hätte lang werden müssen. Sie war ihnen auf weniger als ein
-Drittel ihres objektiven Umfanges zusammengeschrumpft. Es scheint
-demnach, daß unter verwirrenden Bedingungen die menschliche
-Hilflosigkeit eher geneigt ist, die Zeit in starker Verkürzung zu
-erleben, als sie zu überschätzen.
-
-Niemand bestreitet nun freilich, daß Hans Castorp, wenn er gewollt
-hätte, ohne wirkliche Schwierigkeit aus dem Ungewissen sich rechnerisch
-hätte ins Klare setzen können, – ebenso, wie das der Leser mit leichter
-Mühe zu tun vermöchte, falls das Verschwommene und Versponnene seinem
-gesunden Sinn widerstehen sollte. Was Hans Castorp betraf, so war ihm
-vielleicht nicht gerade besonders wohl darin, allein irgendwelche
-Anstrengung, sich der Verschwommenheit und Versponnenheit zu entringen
-und sich klarzumachen, wie alt er hier schon geworden sei, ließ er
-sich’s auch nicht kosten; und die Scheu, die ihn daran hinderte, war
-eine Scheu seines Gewissens, – obgleich es doch offenbar die schlimmste
-Gewissenlosigkeit ist, der Zeit nicht zu achten.
-
-Wir wissen nicht, ob man es ihm zugute halten soll, daß die Umstände
-seinem Mangel an gutem Willen – wenn man nicht geradezu von seinem bösen
-Willen reden will – so sehr zustatten kamen. Als Frau Chauchat
-wiedergekehrt war (anders, als Hans Castorp es sich hatte träumen lassen
-– aber davon an seinem Orte), hatte wieder einmal Adventszeit geherrscht
-und der kürzeste Tag, Wintersanfang also, astronomisch gesprochen, in
-naher Aussicht gestanden. In Wirklichkeit aber, von theoretischer
-Anordnung abgesehen, in Hinsicht auf Schnee und Frost, hatte man damals
-Gott weiß wie lange schon wieder Winter gehabt, ja, dieser war allezeit
-nur ganz vorübergehend unterbrochen gewesen, von brennenden Sommertagen
-mit einer Himmelsbläue von so übertriebener Tiefe, daß sie ins
-Schwärzliche spielte, – von Sommertagen also, wie sie übrigens auch in
-den Winter fielen, wenn man den Schnee beiseite ließ, der übrigens auch
-in jedem Sommermonat fiel. Wie oft hatte Hans Castorp mit dem seligen
-Joachim über diese große Konfusion geschwatzt, welche die Jahreszeiten
-vermengte, sie durcheinander warf, das Jahr seiner Gliederung beraubte
-und es dadurch auf eine langweilige Weise kurzweilig oder auf eine
-kurzweilige Weise langweilig machte, so daß von Zeit, einer frühen und
-mit Ekel getanen Äußerung Joachims zufolge, überhaupt nicht die Rede
-sein konnte. Was eigentlich vermengt und vermischt wurde bei dieser
-großen Konfusion, das waren die Gefühlsbegriffe oder die
-Bewußtseinslagen des „Noch“ und des „Schon wieder“, – eins der
-verwirrendsten, vertracktesten und verhextesten Erlebnisse überhaupt,
-und ein Erlebnis dabei, das zu kosten Hans Castorp gleich an seinem
-ersten Tage hier oben eine unmoralische Neigung verspürt hatte: nämlich
-bei den fünf übergewaltigen Mahlzeiten im lustig schablonierten
-Speisesaal, wo denn ein erster Schwindel dieser Art, vergleichsweise
-unschuldig noch, ihn angewandelt hatte.
-
-Seitdem hatte dieser Sinnen- und Geistestrug weit größeren Maßstab
-angenommen. Die Zeit, sei ihr subjektives Erlebnis auch abgeschwächt
-oder aufgehoben, hat sachliche Wirklichkeit, sofern sie tätig ist,
-sofern sie „zeitigt“. Es ist eine Frage für Berufsdenker – und nur aus
-jugendlicher Anmaßung hatte also Hans Castorp sich einmal damit
-eingelassen –, ob die hermetische Konserve auf ihrem Wandbort außer der
-Zeit ist. Aber wir wissen, daß auch am Siebenschläfer die Zeit ihr Werk
-tut. Ein Arzt beglaubigt den Fall eines zwölfjährigen Mädchens, das
-eines Tages in Schlaf verfiel und dreizehn Jahre darin verharrte, –
-wobei sie aber kein zwölfjähriges Mädchen blieb, sondern unterdessen zum
-reifen Weibe erblühte. Wie könnte es anders sein. Der Tote ist tot und
-hat das Zeitliche gesegnet; er hat viel Zeit, das heißt: er hat gar
-keine, – persönlich genommen. Das hindert nicht, daß ihm noch Nägel und
-Haare wachsen, und daß alles in allem – aber wir wollen die burschikose
-Redensart nicht wiederholen, die Joachim einmal in diesem Zusammenhange
-gebraucht, und an der Hans Castorp damals flachländischen Anstoß
-genommen hatte. Auch ihm wuchsen Haare und Nägel, sie wuchsen schnell,
-wie es schien, er saß so oft in den weißen Mantel gehüllt auf seinem
-Operationsstuhl beim Coiffeur in der Hauptstraße vom Dorf und ließ sich
-das Haar schneiden, weil an den Ohren sich wieder Fransen gebildet
-hatten, – er saß eigentlich immer dort, oder vielmehr, wenn er saß und
-mit dem schmeichelnd-gewandten Angestellten plauderte, der sein Werk an
-ihm tat, nachdem die Zeit das ihre getan; oder wenn er an seiner
-Balkontür stand und sich mit Scherchen und Feile, seinem schönen
-Samtnecessaire entnommen, die Nägel kürzte, – flog plötzlich mit einer
-Art von Schrecken, dem neugieriges Ergötzen beigemischt
-war, jener Schwindel ihn an: ein Schwindel in des Wortes
-schwankender Doppelbedeutung von Taumel und Betrug, das wirbelige
-Nicht-mehr-unterscheiden von „Noch“ und „Wieder“, deren Vermischung und
-Verwischung das zeitlose Immer und Ewig ergibt.
-
-Wir haben oft versichert, daß wir ihn nicht besser, aber auch nicht
-schlechter zu machen wünschen, als er war, und so wollen wir nicht
-verschweigen, daß er sein tadelnswertes Gefallen an solchen mystischen
-Anfechtungen, die er wohl gar bewußt und geflissentlich hervorrief, oft
-doch auch durch gegenteilige Bemühungen zu sühnen suchte. Er konnte
-sitzen, seine Uhr in der Hand – seine flache, glattgoldene Taschenuhr,
-deren Deckel mit dem gravierten Monogramm er hatte springen lassen, –
-und niederblicken auf ihre mit schwarzen und roten arabischen Ziffern
-doppelt rundum besetzte Porzellankreisfläche, auf der die beiden
-zierlich-prachtvoll verschnörkelten Goldzeiger auseinander wiesen und
-der dünne Sekundenzeiger den geschäftig pickenden Gang um seine
-besondere kleine Sphäre tat. Hans Castorp hielt ihn im Auge, um einige
-Minuten zu hemmen und zu dehnen, die Zeit am Schwanze zu halten. Das
-Weiserchen trippelte seines Weges, ohne der Ziffern zu achten, die es
-erreichte, berührte, überschritt, zurückließ, weit zurückließ, wieder
-anging und wieder erreichte. Es war fühllos gegen Ziele, Abschnitte,
-Markierungen. Es hätte auf 60 einen Augenblick anhalten oder wenigstens
-sonst ein winziges Zeichen geben sollen, daß hier etwas vollendet sei.
-Doch an der Art, wie es sie rasch, nicht anders als jedes andere
-unbezifferte Strichelchen, überschritt, erkannte man, daß ihm die ganze
-Bezifferung und Gliederung seines Weges nur _unterlegt_ war, und daß
-es eben nur ging, ging ... So barg denn Hans Castorp sein
-Glashüttenerzeugnis wieder in der Westentasche und überließ die Zeit
-sich selbst.
-
-Wie sollen wir flachländischer Ehrbarkeit die Veränderungen faßlich
-machen, die in dem inneren Haushalt des jungen Abenteurers sich
-vollzogen? Es wuchs der Maßstab der schwindligen Identitäten. War es bei
-einiger Nachgiebigkeit nicht leicht, ein Jetzt gegen eines von gestern,
-von vor- und vorvorgestern abzusetzen, das ihm geglichen hatte wie ein
-Ei dem andern, so war ein Jetzt auch schon geneigt und fähig, seine
-Gegenwart mit einer solchen zu verwechseln, die vor einem Monat, einem
-Jahre obgewaltet hatte, und mit ihr zum Immer zu verschwimmen. Sofern
-jedoch die sittlichen Bewußtseinsfälle des Noch und Wieder und Künftig
-gesondert blieben, schlich eine Versuchung sich ein, Beziehungsnamen,
-mit denen das „Heute“ sich Vergangenheit und Zukunft bestimmend vom
-Leibe hält, das „Gestern“, das „Morgen“, nach ihrem Sinne zu erweitern
-und sie auf größere Verhältnisse anzuwenden. Unschwer wären Wesen
-denkbar, vielleicht auf kleineren Planeten, die eine Miniaturzeit
-bewirtschafteten und für deren „kurzes“ Leben das flinke Getrippel
-unseres Sekundenzeigers die zähe Wegsparsamkeit des Stundenmessers
-hätte. Aber auch solche sind vorzustellen, mit deren Raum sich eine Zeit
-von gewaltigem Gange verbände, so daß die Abstandsbegriffe des „Eben
-noch“ und „Über ein Kleines“, des „Gestern“ und „Morgen“ in ihrem
-Erlebnis ungeheuer erweiterte Bedeutung gewännen. Das wäre, sagen wir,
-nicht nur möglich, es wäre, im Geiste eines duldsamen Relativismus
-beurteilt und nach dem Satze „Ländlich, sittlich“, auch als legitim,
-gesund und achtbar anzusprechen. Was aber soll man von einem Erdensohne
-denken, des Alters obendrein, für den ein Tag, ein Wochenrund, ein
-Monat, ein Semester noch solche wichtige Rolle spielen sollten, im Leben
-so viele Veränderungen und Fortschritte mit sich bringen, – der eines
-Tages die lästerliche Gewohnheit annimmt oder doch zuweilen der Lust
-nachgibt, statt „Vor einem Jahre“: „Gestern“ und „Morgen“ für „Übers
-Jahr“ zu sagen? Hier ist unzweifelhaft das Urteil „Verirrung und
-Verwirrung“ und damit höchste Besorgnis am Platze.
-
-Es gibt auf Erden eine Lebenslage, gibt landschaftliche Umstände (wenn
-man von „Landschaft“ sprechen darf in dem uns vorschwebenden
-Falle), unter denen eine solche Verwirrung und Verwischung der
-zeitlich-räumlichen Distanzen bis zur schwindligen Einerleiheit
-gewissermaßen von Natur und Rechtes wegen statthat, so daß denn ein
-Untertauchen in ihrem Zauber für Ferienstunden allenfalls als statthaft
-gelten möge. Wir meinen den Spaziergang am Meeresstrande, – ein
-Sichbefinden, dessen Hans Castorp nie ohne größte Zuneigung gedachte, –
-wie wir ja wissen, daß er sich durch das Leben im Schnee an heimatliche
-Dünengefilde gern und dankbar erinnern ließ. Wir vertrauen, daß auch
-Erfahrung und Erinnerung des Lesers uns nicht im Stiche lassen werde,
-wenn wir auf diese wundersame Verlorenheit Bezug nehmen. Du gehst und
-gehst ... du wirst von solchem Gange niemals zu rechter Zeit nach Hause
-zurückkehren, denn du bist der Zeit und sie ist dir abhanden gekommen. O
-Meer, wir sitzen erzählend fern von dir, wir wenden dir unsere Gedanken,
-unsre Liebe zu, ausdrücklich und laut anrufungsweise sollst du in
-unserer Erzählung gegenwärtig sein, wie du es im stillen immer warst und
-bist und sein wirst ... Sausende Öde, blaß hellgrau überspannt, voll
-herber Feuchte, von der ein Salzgeschmack auf unseren Lippen haftet. Wir
-gehen, gehen auf leicht federndem, mit Tang und kleinen Muscheln
-bestreutem Grunde, die Ohren eingehüllt vom Wind, von diesem großen,
-weiten und milden Winde, der frei und ungehemmt und ohne Tücke den Raum
-durchfährt und eine sanfte Betäubung in unserem Kopfe erzeugt, – wir
-wandern, wandern und sehen die Schaumzungen der vorgetriebenen und
-wieder rückwärts wallenden See nach unseren Füßen lecken. Die Brandung
-siedet, hell-dumpf aufprallend rauscht Welle auf Welle seidig auf den
-flachen Strand, – so dort wie hier und an den Bänken draußen, und dieses
-wirre und allgemeine, sanft brausende Getöse sperrt unser Ohr für jede
-Stimme der Welt. Tiefes Genügen, wissentlich Vergessen ... Schließen wir
-doch die Augen, geborgen von Ewigkeit! Nein, sieh, dort in der schaumig
-graugrünen Weite, die sich in ungeheueren Verkürzungen zum Horizont
-verliert, dort steht ein Segel. Dort? Was ist das für ein Dort? Wie
-weit? Wie nah? Das weißt du nicht. Auf schwindelige Weise entzieht es
-sich deinem Urteil. Um zu sagen, wie weit dies Schiff vom Ufer entfernt
-ist, müßtest du wissen, wie groß es an sich selber als Körper ist. Klein
-und nahe oder groß und fern? In Unwissenheit bricht sich dein Blick,
-denn aus dir selber sagt kein Organ und Sinn dir über den Raum Bescheid
-... Wir gehen, gehen, – wie lange schon? Wie weit? Das steht dahin.
-Nichts ändert sich bei unserem Schritt, dort ist wie hier, vorhin wie
-jetzt und dann; in ungemessener Monotonie des Raumes ertrinkt die Zeit,
-Bewegung von Punkt zu Punkt ist keine Bewegung mehr, wenn Einerleiheit
-regiert, und wo Bewegung nicht mehr Bewegung ist, ist keine Zeit.
-
-Die Lehrer des Mittelalters wollten wissen, die Zeit sei eine Illusion,
-ihr Ablauf in Ursächlichkeit und Folge nur das Ergebnis einer
-Vorrichtung unsrer Sinne und das wahre Sein der Dinge ein stehendes
-Jetzt. War er am Meere spaziert, der Doktor, der diesen Gedanken zuerst
-empfing, – die schwache Bitternis der Ewigkeit auf seinen Lippen? Wir
-wiederholen jedenfalls, daß es Ferienlizenzen sind, von denen wir da
-sprechen, Phantasien der Lebensmuße, von denen der sittliche Geist so
-rasch gesättigt ist, wie ein rüstiger Mann vom Ruhen im warmen Sand. An
-den menschlichen Erkenntnismitteln und -formen Kritik zu üben, ihre
-reine Gültigkeit fraglich zu machen, wäre absurd, ehrlos,
-widersacherisch, wenn je ein anderer Sinn damit verbunden wäre, als
-derjenige, der Vernunft Grenzen anzuweisen, die sie nicht überschreitet,
-ohne sich der Vernachlässigung ihrer eigentlichen Aufgaben schuldig zu
-machen. Wir können einem Manne wie Herrn Settembrini nur dankbar sein,
-wenn er dem jungen Menschen, dessen Schicksal uns beschäftigt, und den
-er bei Gelegenheit sehr fein als ein „Sorgenkind des Lebens“
-angesprochen hatte, die Metaphysik mit pädagogischer Entschiedenheit als
-„Das Böse“ kennzeichnete. Und wir ehren das Andenken eines uns lieben
-Verstorbenen am besten, indem wir aussprechen, daß Sinn, Zweck und Ziel
-des kritischen Prinzips nur eines sein kann und darf: der
-Pflichtgedanke, der Lebensbefehl. Ja, indem gesetzgeberische Weisheit
-die Grenzen der Vernunft kritisch absteckte, hat sie an ebendiesen
-Grenzen die Fahne des Lebens aufgepflanzt und es als die soldatische
-Schuldigkeit des Menschen proklamiert, unter ihr Dienst zu tun. Soll man
-es dem jungen Hans Castorp aufs Entschuldigungskonto setzen und
-annehmen, es habe ihn in seiner lästerlichen Zeitwirtschaft, seinem
-schlimmen Getändel mit der Ewigkeit bestärkt, daß, was ein
-melancholischer Schwadroneur seines militärischen Vetters „Biereifer“
-genannt, letalen Ausgang genommen hatte?
-
-
- Mynheer Peeperkorn
-
-Mynheer Peeperkorn, ein älterer Holländer, war eine Zeitlang Gast des
-Hauses „Berghof“, das mit so großem Recht das Beiwort „international“ in
-seinem Schilde führte. Peeperkorns leicht farbige Nationalität – denn er
-war ein Kolonial-Holländer, ein Mann von Java, ein Kaffeepflanzer –
-würde uns kaum vermögen, seine, Pieter Peeperkorns (so hieß er, so
-bezeichnete er sich selbst; „jetzt labt Pieter Peeperkorn sich mit einem
-Schnaps“, pflegte er zu sagen) – würde uns, sagen wir, noch nicht
-bestimmen, seine Person zu elfter Stunde in unsere Geschichte
-einzuführen; denn du großer Gott, in was für Tinten und Abschattungen
-spielte nicht die Gesellschaft des bewährten Instituts, das Hofrat
-Doktor Behrens in vielzüngiger Redensartlichkeit ärztlich leitete! Nicht
-genug, daß neuerdings hier sogar eine ägyptische Prinzessin anwesend
-war, dieselbe, die dem Hofrat einst das bemerkenswerte Kaffeegeschirr
-und die Sphinxzigaretten geschenkt hatte, eine sensationelle Person mit
-nikotingelben beringten Fingern und kurzgeschnittenem Haar, die, von den
-Hauptmahlzeiten abgesehen, bei denen sie Pariser Toiletten trug, in
-Herrensakko und gebügelten Hosen umherging, übrigens von der Männerwelt
-nichts wissen wollte, sondern ihre zugleich träge und heftige Huld
-ausschließlich einer rumänischen Jüdin zuwandte, die schlecht und recht
-Frau Landauer hieß, während doch Staatsanwalt Paravant um Ihrer Hoheit
-willen die Mathematik vernachlässigte und vor Verliebtheit geradezu den
-Narren spielte: nicht genug also mit ihr persönlich, so befand sich
-unter ihrem kleinen Gefolge auch noch ein verschnittener Mohr, ein
-kranker, schwacher Mensch, der aber trotz seiner von Karoline Stöhr gern
-gehechelten Grundverfassung am Leben mehr zu hängen schien als irgend
-jemand, und sich untröstlich zeigte über das Bild, das die Platte von
-seinem Inneren aufwies, nachdem man seine Schwärze durchleuchtet hatte
-...
-
-Verglichen mit solchen Erscheinungen also konnte Mynheer Peeperkorn fast
-farblos wirken. Und wenn dieser Abschnitt unserer Erzählung, wie ein
-früherer, die Überschrift „Noch jemand“ tragen könnte, so braucht
-deshalb niemand zu besorgen, daß hier abermals ein Veranstalter
-geistiger und pädagogischer Konfusion auf den Plan tritt. Nein, Mynheer
-Peeperkorn war keineswegs der Mann, logische Verwirrung in die Welt zu
-tragen. Er war ein völlig anderer Mann, wie wir sehen werden. Daß
-gleichwohl schwere Verwirrung von seiner Person auf unseren Helden
-ausging, begreift sich aus folgendem.
-
-Mynheer Peeperkorn traf mit demselben Abendzuge in Station „Dorf“ ein,
-wie Madame Chauchat, und fuhr mit ihr in demselben Schlitten nach Haus
-Berghof, woselbst er mit ihr zusammen im Restaurant das Abendessen
-einnahm. Es war eine mehr als gleichzeitige, es war eine _gemeinsame_
-Ankunft, und diese Gemeinsamkeit, die ihre Fortsetzung zum Beispiel in
-der Anordnung fand, daß Mynheer seinen Tischplatz neben der
-Wiedergekehrten, am Guten Russentisch angewiesen erhielt, gegenüber dem
-Doktorplatz, dort, wo ehemals der Lehrer Popów seine wilden
-und zweideutigen Aufführungen veranstaltet hatte, – diese
-Zusammengehörigkeit war es, die den guten Hans Castorp verstörte, da
-dergleichen seiner Voraussicht entgangen war. Der Hofrat hatte ihm Tag
-und Stunde von Clawdias Rückkehr auf seine Art angezeigt. „Na, Castorp,
-alter Junge,“ hatte er gesagt, „treues Ausharren wird belohnt.
-Übermorgen abend schleicht das Kätzchen sich wieder herein, ich hab’s
-telegraphisch.“ Aber davon, daß Frau Chauchat nicht allein komme, hatte
-er nichts verlauten lassen, vielleicht weil auch er nichts davon gewußt
-hatte, daß sie und Peeperkorn zusammen kämen und zusammengehörten, –
-wenigstens gab er Überraschung vor, als Hans Castorp ihn am Tage nach
-der gemeinsamen Ankunft gewissermaßen zur Rede stellte.
-
-„Kann ich Ihnen auch nicht sagen, wo sie den aufgegabelt hat“, erklärte
-er. „Eine Reisebekanntschaft offenbar, von den Pyrenäen her, nehme ich
-an. Tja, den müssen Sie nun erst mal in Kauf nehmen, Sie enttäuschter
-Seladon, hilft Ihnen alles nichts. Dicke Freundschaft, verstehen Sie.
-Wie es scheint, haben sie sogar gemeinsame Reisekasse. Der Mann ist
-schwer reich, nach allem, was ich höre. Kaffeekönig in Ruhestand, müssen
-Sie wissen, malaiischer Kammerdiener, opulente Umstände. Übrigens kommt
-er bestimmt nicht zum Spaß, denn außer einer gehörigen alkoholischen
-Verschleimung scheint malignes Tropenfieber vorzuliegen, Wechselfieber,
-verstehen Sie, verschleppt, hartnäckig. Sie werden Geduld mit ihm haben
-müssen.“
-
-„Bitte sehr, bitte sehr“, sagte Hans Castorp von oben herab. „Und du?“
-dachte er. „Wie ist dir zumute? Ganz unbeteiligt bist du doch auch
-nicht, von früher her, wenn mich nicht dieses und jenes täuscht,
-blaubackiger Witwer mit deiner anschaulichen Ölmalerei. Legst allerlei
-Schadenfreude in deine Worte, wie mir scheint, und dabei sind wir doch
-Leidensgenossen, gewissermaßen in Hinsicht auf Peeperkorn.“ – „Kurioser
-Mann, entschieden originelle Erscheinung“, sagte er mit entwerfender
-Gebärde. „Robust und spärlich, das ist der Eindruck, den man von ihm
-gewinnt, den ich wenigstens heute beim Frühstück von ihm gewonnen habe.
-Robust und auch wieder spärlich, mit diesen Eigenschaftswörtern muß man
-ihn meiner Meinung nach kennzeichnen, obgleich sie gewöhnlich nicht für
-vereinbar gelten. Er ist wohl groß und breit und steht gern spreizbeinig
-da, die Hände in seinen senkrechten Hosentaschen vergraben – sie sind
-senkrecht angebracht bei ihm, wie ich bemerken mußte, nicht seitlich,
-wie bei Ihnen und mir und sonst wohl in den höheren Gesellschaftsklassen
-–, und wenn er so dasteht und nach holländischer Weise am Gaumen redet,
-dann hat er unleugbar was recht Robustes. Aber sein Kinnbart ist
-schütter, – lang, aber schütter, daß man die Haare zählen zu können
-glaubt, und seine Augen sind auch nur klein und blaß, ohne Farbe
-geradezu, ich kann mir nicht helfen, und es nützt nichts, daß er sie
-immer aufzureißen sucht, wovon er die ausgeprägten Stirnfalten hat, die
-erst an den Schläfen aufwärts und dann horizontal über seine Stirn
-laufen, – seine hohe, rote Stirn, wissen Sie, um die das weiße Haar zwar
-lang, aber spärlich steht, – die Augen bleiben doch klein und blaß,
-trotz allem Aufreißen. Und seine Schlußweste verleiht ihm was
-Geistliches, trotzdem der Gehrock karriert ist. Das ist mein Eindruck
-von heute morgen.“
-
-„Ich sehe, Sie haben ihn aufs Korn genommen“, antwortete Behrens, „und
-sich den Mann gut angesehen in seiner Eigenart, was ich vernünftig
-finde, denn Sie werden sich mit seinem Vorhandensein arrangieren
-müssen.“
-
-„Ja, das werden wir wohl“, sagte Hans Castorp. – Es ist ihm überlassen
-geblieben, von der Figur des neuen, unerwarteten Gastes ein ungefähres
-Bild zu zeichnen, und er hat seine Sache nicht schlecht gemacht, – wir
-hätten sie auch nicht wesentlich besser machen können. Allerdings war
-sein Beobachtungsposten der günstigste gewesen: wir wissen ja, daß er
-während Clawdias Abwesenheit dem Guten Russentisch nachbarlich
-nahegerückt war, und da der seine mit jenem parallel stand – nur daß der
-andere etwas weiter gegen die Verandatür sich vorschob – und Hans
-Castorp sowohl wie Peeperkorn die nach dem Saalinnern gelegenen
-Schmalseiten einnahmen, so saßen sie sozusagen nebeneinander, Hans
-Castorp etwas hinter dem Holländer, was eine unauffällige Exploration
-erleichterte, – während er Frau Chauchat im Dreiviertelsprofil schräg
-vor sich hatte. Ergänzend wäre seiner begabten Skizze etwa hinzuzufügen,
-daß Peeperkorns Oberlippe rasiert, seine Nase groß und fleischig und
-sein Mund ebenfalls groß und von unregelmäßiger Lippenbildung, gleichsam
-zerrissen war. Ferner waren seine Hände zwar ziemlich breit, aber mit
-langen, spitz zulaufenden Nägeln versehen, und er bediente sich ihrer
-beim Sprechen – bei seinem fast unaufhörlichen, wenn auch für Hans
-Castorp dem Inhalte nach nicht recht greifbaren Sprechen – zu
-auserlesenen, die Aufmerksamkeit spannenden Gebärden, den delikat
-nuancierenden, gepflegten, genauen und reinlichen Kulturgebärden eines
-Dirigenten, den Zeigefinger mit dem Daumen zum Kreise gekrümmt oder die
-flache Hand – breit, aber nagelspitz – behütend, abdämpfend, Achtsamkeit
-fordernd ausgebreitet, – um dann die lächelnde Achtsamkeit, die er
-hervorgerufen, durch die Ungreifbarkeit seiner so stark vorbereiteten
-Äußerung zu enttäuschen, – oder vielmehr nicht eigentlich zu
-enttäuschen, sondern in ein erfreutes Staunen zu verwandeln; denn die
-Stärke, Zartheit und Bedeutsamkeit der Vorbereitung ersetzte in hohem
-Grade noch nachträglich, was ausblieb, und wirkte befriedigend,
-unterhaltend, ja bereichernd durch sich selbst. Zuweilen erfolgte die
-Äußerung überhaupt nicht. Er legte zart seine Hand auf den Unterarm
-seines Nachbarn zur Linken, eines jungen bulgarischen Gelehrten, oder
-auf den Madame Chauchats zu seiner Rechten, hob dann diese Hand schräg
-aufwärts, Schweigen und Spannung gebietend für das, was zu sagen er im
-Begriffe war, und blickte mit hochgezogenen Brauen, so daß die
-rechtwinklig von seiner Stirn zu den äußeren Augenwinkeln laufenden
-Falten sich maskenhaft vertieften, neben dem so Gefesselten auf das
-Tischtuch nieder, indes seine großen, zerrissenen Lippen, geöffnet, im
-Begriffe schienen, höchst Wichtiges zu entlassen. Nach einer Weile
-jedoch atmete er aus, verzichtete, winkte gleichsam „Rührt euch“ und
-wandte sich unverrichteterdinge seinem Kaffee wieder zu, den er sich
-extra stark, in einer eigenen Maschine, hatte servieren lassen.
-
-Nachdem er ihn getrunken, verfuhr er, wie folgt. Er dämmte mit der Hand
-die Unterhaltung zurück, schuf Stille, wie der Dirigent, der das
-Durcheinander der stimmenden Instrumente zum Schweigen bringt und sein
-Orchester, kulturell gebietend, zum Beginn der Aufführung sammelt, –
-denn da sein großes, vom weißen Haar umflammtes Haupt mit den blassen
-Augen, den mächtigen Stirnfalten, dem langen Kinnbart und dem
-bloßliegenden wehen Munde darüber unstreitig bedeutend wirkte, so fügte
-alles sich seiner Gebärde. Alle verstummten, sahen ihn lächelnd an,
-warteten, und da und dort nickte einer ihm zur Ermunterung lächelnd zu.
-Er sagte mit ziemlich leiser Stimme:
-
-„Meine Herrschaften. – Gut. Alles gut. Er–ledigt. Wollen Sie jedoch ins
-Auge fassen und nicht – keinen Augenblick – außer acht lassen, daß –
-Doch über diesen Punkt nichts weiter. Was auszusprechen mir obliegt, ist
-weniger jenes, als vor allem und einzig dies, daß wir verpflichtet sind,
-– daß der unverbrüchliche – ich wiederhole und lege alle Betonung auf
-diesen Ausdruck – der _unverbrüchliche_ Anspruch an uns gestellt ist – –
-_Nein!_ Nein, meine Herrschaften, nicht so! Nicht so, daß ich etwa – Wie
-weit gefehlt wäre es, zu denken, daß ich – – Er–_ledigt_, meine
-Herrschaften! Vollkommen erledigt. Ich weiß uns einig in alldem, und so
-denn: zur Sache!“
-
-Er hatte nichts gesagt; aber sein Haupt erschien so unzweifelhaft
-bedeutend, sein Mienen- und Gestenspiel war dermaßen entschieden,
-eindringlich, ausdrucksvoll gewesen, daß alle und auch der lauschende
-Hans Castorp höchst Wichtiges vernommen zu haben meinten oder, sofern
-ihnen das Ausbleiben sachlicher und zu Ende geführter Mitteilung bewußt
-geworden war, dergleichen doch nicht vermißten. Wir fragen uns, wie
-einem Tauben zumute gewesen wäre. Vielleicht hätte er sich gegrämt, weil
-er den Fehlschluß vom Ausdruck aufs Ausgedrückte gemacht und sich
-eingebildet hätte, durch sein Gebrechen geistig zu kurz zu kommen.
-Solche Leute neigen zu Mißtrauen und Bitterkeit. Ein junger Chinese
-dagegen, am anderen Tischende, der des Deutschen noch wenig mächtig war
-und nicht verstanden, aber gehört und gesehen hatte, bekundete seine
-erfreute Befriedigung durch den Ruf: „_Very well!_“ – und applaudierte
-sogar.
-
-Und Mynheer Peeperkorn kam „zur Sache“. Er richtete sich auf, dehnte die
-breite Brust, knöpfte den karrierten Gehrock über der geschlossenen
-Weste zu, und sein weißes Haupt war königlich. Er winkte eine
-Saaltochter heran – es war die Zwergin –, und obgleich sehr beschäftigt,
-folgte sie sofort seinem bedeutenden Zeichen und stellte sich, Milch-
-und Kaffeekanne in Händen, neben seinen Stuhl. Auch sie konnte nicht
-umhin, ihm mit ihrem großen, ältlichen Gesicht lächelnd und ermunternd
-zuzunicken, in Achtsamkeit gebannt von seinem blassen Blick unter den
-mächtigen Stirnfalten, von seiner erhobenen Hand, deren Zeigefinger sich
-mit dem Daumen zum Kreise vereinigte, während die drei übrigen Finger
-aufwärts standen, von den Lanzenspitzen der Nägel überragt.
-
-„Mein Kind“, sagte er, „– gut. Alles ganz gut soweit. Sie sind klein, –
-was macht mir das? Im Gegenteil! Ich werte es positiv, ich danke Gott
-dafür, daß Sie sind, wie Sie sind, und durch Ihre charaktervolle
-Kleinheit – Nun gut denn! Auch was ich von Ihnen wünsche, ist klein,
-klein und charaktervoll. Vor allem, wie heißen Sie?“
-
-Sie stotterte lächelnd und sagte dann, daß ihr Name Emerentia sei.
-
-„Vortrefflich!“ rief Peeperkorn, indem er sich gegen die Stuhllehne
-zurückwarf und den Arm gegen die Zwergin ausstreckte. Er rief es mit
-einer Betonung, als wollte er sagen: Aber was wollen Sie denn? Alles
-steht wundervoll! – „Mein Kind,“ fuhr er aufs ernsteste und fast mit
-Strenge fort, „– das übertrifft alle meine Erwartungen. Emerentia – Sie
-sprechen es mit Bescheidenheit aus, aber der Name – und in Verbindung
-mit Ihrer Person – kurzum, das eröffnet die schönsten Möglichkeiten. Er
-ist wohl wert, daß man ihm nachhängt und alles Gefühl seiner Brust
-daransetzt, um – in der Koseform – Sie verstehen mich wohl, mein Kind:
-in der _Kose_form – möge es Rentia heißen, aber auch Emchen wäre
-erwärmend, – für den Augenblick halte ich es ohne Schwanken mit Emchen.
-Emchen also, mein Kind, merke auf: Ein wenig Brot, meine Liebe. Halt!
-Steh! Daß ja kein Mißverständnis sich einschleiche! Ich sehe es deinem
-verhältnismäßig großen Gesichte an, daß diese Gefahr – Brot, Renzchen,
-aber nicht gebackenes Brot, – wir haben hier davon die Fülle, in
-allerlei Gestalt. Sondern gebranntes, mein Engel. Gottesbrot, klares
-Brot, kleine Koseform, und zwar der Labung wegen. Ich bin ungewiß, ob
-Ihnen der Sinn dieses Wortes – ich würde vorschlagen, ‚Herzstärkung‘
-dafür einzusetzen, liefe hier nicht die neue Gefahr mit unter, es im
-Sinne gebräuchlicher Leichtfertigkeit – Er–ledigt, Rentia. Erledigt und
-ausgeschlossen. Vielmehr im Sinn unserer Pflicht und heiligen
-Verbindlichkeit – Zum Beispiel also der mir obliegenden Ehrenschuld,
-mich deiner charakteristischen Kleinheit so recht starken Herzens –
-Einen Genever, Geliebte! – Zu erfreuen, wollte ich sagen. Schiedamer,
-Emerenzchen. Eile und bringe mir einen!“
-
-„Einen Genever, echt“, wiederholte die Zwergin, drehte sich einmal um
-sich selbst, in dem Wunsch, ihrer Kannen ledig zu werden, und stellte
-sie dann auf Hans Castorps Tisch, neben sein Besteck, offenbar, weil sie
-Herrn Peeperkorn nicht damit behelligen mochte. Sie eilte, und ihr
-Auftraggeber erhielt sofort das Gewünschte. Das Gläschen war so voll
-geschenkt, daß das „Brot“ an allen Seiten daran herunterlief und den
-Teller benetzte. Er nahm es mit Daumen und Mittelfinger und hob es gegen
-das Licht. „Sohin“, erklärte er, „labt Pieter Peeperkorn sich mit einem
-Schnaps.“ Und er schluckte das Korndestillat, nachdem er es kurz gekaut.
-„Jetzt“, sagte er, „sehe ich Sie alle mit erquickten Augen an.“ Und er
-nahm Frau Chauchats Hand vom Tischtuch, führte sie an die Lippen und
-legte sie dann zurück, worauf er die seine noch einige Zeit darauf ruhen
-ließ.
-
-Ein eigentümlicher, persönlich gewichtiger, wenn auch undeutlicher Mann.
-Die Berghof-Gesellschaft nahm regen Anteil an ihm. Er habe sich kürzlich
-von den Kolonialgeschäften zurückgezogen, hieß es, und das Seine ins
-Trockene gebracht. Man sprach von seinem prächtigen Hause im Haag und
-seiner Villa in Scheveningen. Frau Stöhr nannte ihn einen
-„Geld-Magneten“ (Magnat! Die Fürchterliche!) und konnte dabei auf eine
-Perlenreihe hinweisen, die Madame Chauchat seit ihrer Heimkehr zum
-Abendkleide trug, und die nach Karolinens Meinung wohl kaum als Zeugnis
-transkaukasischer Gattengalanterie verstanden werden durfte, sondern der
-„gemeinsamen Reisekasse“ entstammte. Sie zwinkerte dabei, wies seitlich
-mit dem Kopf auf Hans Castorp und zog in parodistischer Betrübnis den
-Mund herunter, indem sie, unverfeinert durch Krankheit und Leiden, seine
-Mißlage zu rücksichtsloser Verhöhnung ausnutzte. Er bewahrte Haltung. Er
-verbesserte ihren Bildungsschnitzer sogar nicht ohne Witz. Sie habe sich
-versprochen, sagte er. Geldmagnat. Aber Magnet sei auch nicht schlecht,
-denn offenbar habe Peeperkorn viel Anziehendes. Auch der Lehrerin
-Engelhart, als sie ihn matt errötend, scheel lächelnd und ohne ihn
-anzusehen befragte, wie der neue Gast ihm behage, antwortete er mit gut
-bewahrtem Gleichmut. Mynheer Peeperkorn sei eine „verwischte
-Persönlichkeit“, sagte er, – eine Persönlichkeit, aber verwischt. Die
-Genauigkeit dieser Kennzeichnung bewies Objektivität und damit
-Gemütsruhe; sie warf die Lehrerin aus ihrer Position. Und was nun gar
-Ferdinand Wehsal und seinen verzerrten Hinweis auf die unerwarteten
-Umstände betraf, unter denen Frau Chauchat zurückgekehrt war, so bewies
-hier Hans Castorp, daß es Blicke gibt, die an präziser Eindeutigkeit um
-kein Haar dem artikuliertesten Worte nachstehen. „Erbärmlicher!“ besagte
-der Blick, mit dem er den Mannheimer maß, besagte es unter Ausschluß
-jeder auch nur aufs leichteste fehlgehenden Auslegung, und Wehsal
-anerkannte denn auch diesen Blick und steckte ihn ein, ja er nickte
-sogar dazu, indem er seine zerstörten Zähne zeigte, nahm aber doch von
-nun an Abstand davon, auf Spaziergängen mit Naphta, Settembrini und
-Ferge Hans Castorps Paletot zu tragen.
-
-In Gottes Namen, er konnte ihn selber tragen, er trug ihn sogar lieber
-selbst, und nur aus Freundlichkeit hatte er ihn dem Elenden dann und
-wann überlassen. Das aber verkennt wohl niemand in unserer Runde, daß
-Hans Castorp hart betroffen war durch jene völlig unvorhergesehenen
-Umstände, die alle Vorbereitungen zuschanden machten, die er für das
-Wiedersehen mit dem Gegenstand seiner Faschingsabenteuer innerlich
-getroffen hatte. Besser gesagt: sie machten sie überflüssig, und darin
-lag das Beschämende.
-
-Seine Vorsätze waren die zartesten, besonnensten gewesen, weit entfernt
-von täppischem Ungestüm. Kein Gedanke daran, daß er Clawdia etwa vom
-Bahnhof hatte abholen wollen, – und ein Glück nur, daß er diesen
-Gedanken nicht hatte aufkommen lassen! Überhaupt aber war ganz ungewiß
-gewesen, ob eine Frau, der die Krankheit so große Freiheit verlieh, die
-phantastischen Ereignisse einer fernen maskierten und fremdsprachigen
-Traumnacht auch nur werde wahrhaben wollen, oder ob sie wünschen werde,
-unmittelbar daran erinnert zu sein. Nein, keine Zudringlichkeit, kein
-plumper Anspruch! Selbst zugegeben, daß sein Verhältnis zu der
-schrägäugigen Kranken die Grenzen abendländischer Vernunft und Gesittung
-dem Wesen nach hinter sich ließ, – in der Form war vollkommenste
-Zivilisation und für den Augenblick sogar der Schein der
-Gedächtnislosigkeit zu wahren. Ein Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch –
-fürs erste nichts weiter! Ein höfisches Hinzutreten bei späterer
-Gelegenheit, unter leichter Erkundigung nach dem Ergehen der Reisenden
-seit neulich ... Das eigentliche Wiedersehen mochte sich zu seiner
-Stunde als Lohn beherrschter Ritterlichkeit daraus ergeben.
-
-All dieser Zartsinn, wie gesagt, erschien nun hinfällig dadurch, daß ihm
-die Freiwilligkeit und damit alle Verdienstlichkeit genommen war. Die
-Gegenwart Mynheer Peeperkorns schaltete die Möglichkeit einer Taktik,
-die _nicht_ in äußerster Zurückhaltung bestanden hätte, allzu gründlich
-aus. Hans Castorp hatte am Abend der Ankunft von seiner Loge aus den
-Schlitten, auf dessen Bock neben dem Kutscher der malaiische
-Kammerdiener saß, ein gelbes Männchen mit einem Pelzkragen auf dem
-Überzieher und in steifem Hut, im Schritt die Wegschleife heraufkommen
-sehen, und zuseiten Clawdias im Fond hatte, Hut in der Stirn, der Fremde
-gesessen. Diese Nacht hatte Hans Castorp wenig geschlafen. Am Morgen
-hatte es keine Schwierigkeiten bereitet, den Namen des verwirrenden
-Mitkömmlings zu erfahren, mit der Nachricht als Dreingabe, daß beide im
-ersten Stockwerk nachbarliche Vorzugsräumlichkeiten bezogen hätten. Dann
-war das erste Frühstück gekommen, bei dem er, zeitig an seinem Platze
-und blaß genug, auf das Zufallen der Glastür gewartet hatte. Es war
-ausgeblieben. Clawdias Eintritt hatte sich lautlos vollzogen, denn
-hinter ihr hatte Mynheer Peeperkorn die Glastür geschlossen, – groß,
-breit und hochgestirnt, weiß umlodert das mächtige Haupt, war er den
-Spuren der Reisegefährtin gefolgt, die sich mit vertrautem Katzentritt,
-vorgeschobenen Kopfes, ihrem Tisch genähert hatte. Ja, sie war es,
-unverändert. Programmwidrig und selbstvergessen umfaßte Hans Castorp sie
-mit seinem übernächtigen Blick. Es war ihr rötlichblondes, nicht weiter
-kunstreich frisiertes, sondern in einfacher Flechte um den Kopf gelegtes
-Haar, es waren ihre „Steppenwolfslichter“, ihre Nackenrundung, ihre
-Lippen, die voller erschienen, als sie waren, vermöge jener Betonung der
-Wangenknochen, die eine anmutige Höhlung der Wangen selbst bewirkte ...
-Clawdia! dachte er erschauernd, – und er faßte den Unerwarteten ins
-Auge, nicht ohne ein spöttisch-trotziges Kopfaufwerfen gegen die
-maskenhafte Großartigkeit seiner Erscheinung, nicht ohne die
-Aufforderung an sein Herz, sich lustig zu machen über die
-Großmächtigkeit eines gegenwärtigen Besitzrechtes, das durch gewisse
-Vergangenheiten in ein recht schiefes Licht gesetzt wurde: _gewisse_
-Vergangenheiten in der Tat, nicht dunkel unsichere, auf dem Gebiet der
-dilettantischen Ölmalerei gelegen, wie sie ihn selbst wohl zu
-beunruhigen vermocht hatten ... Auch ihre Art, vor dem Platznehmen gegen
-den Saal hin lächelnd Front zu machen, sich gleichsam der Gesellschaft
-zu präsentieren, hatte Frau Chauchat bewahrt, und Peeperkorn leistete
-ihr Gefolgschaft darin, indem er schräg hinter ihr stehend die kleine
-Zeremonie sich vollziehen ließ, um sich danach an seinem Tischende zu
-Clawdias Seite niederzulassen.
-
-Es war nichts gewesen mit dem Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch. Clawdias
-Augen waren bei der „Vorstellung“ über Hans Castorps Person wie über
-seinen ganzen Ort in fernere Gegenden des Saales hinweggeschweift; bei
-der folgenden Zusammenkunft im Speisesaal war es nicht anders gewesen;
-und je mehr Mahlzeiten vergingen, ohne daß die Blicke sich anders
-begegnet wären, als in einem blinden und gleichgültigen Hinstreifen von
-Frau Chauchats Seite, wenn sie sich während des Essens einmal umwandte,
-desto unpassender wurde es, den Kavaliersgruß noch anzubringen. Während
-der kurzen Abendgeselligkeit hielten die Reisegefährten sich in dem
-kleinen Salon: Auf dem Sofa saßen sie nebeneinander, im Kreise ihrer
-Tischgenossen, und Peeperkorn, dessen großartiges Angesicht hochgerötet
-gegen die Weiße seines flammenden Haars und seines Kinnbartes abstach,
-trank die Flasche Rotwein zu Ende, die er sich zum Diner hatte geben
-lassen. Zu jeder Hauptmahlzeit trank er eine, auch anderthalb oder zwei,
-zu schweigen von dem „Brote“, mit dem er schon beim ersten Frühstück
-begann. Offenbar war der königliche Mann der Labung in ungewöhnlichem
-Grade bedürftig. Auch in Gestalt von extrastarkem Kaffee führte er sie
-sich mehrmals am Tage zu: nicht nur in der Frühe, sondern auch mittags
-trank er ihn aus großer Tasse, – nicht nach der Mahlzeit, sondern
-während ihrer und neben dem Wein. Beides, hörte Hans Castorp ihn sagen,
-sei gut gegen das Fieber, – von aller labenden Wirkung ganz abgesehen,
-sehr gut gegen sein intermittierendes Tropenfieber, das ihn schon am
-zweiten Tage für mehrere Stunden an Zimmer und Bett fesselte.
-Quartanfieber nannte der Hofrat es, da es den Holländer ungefähr
-viertägig anwandelte: erst als ein Klappern, dann als ein Glühen und
-dann als ein Schwitzen. Auch eine geschwollene Milz sollte er davon
-haben.
-
-
- _Vingt et un_
-
-So verging eine Zeit, – es waren Wochen, wohl drei bis vier, von uns aus
-geschätzt, da wir uns auf Hans Castorps Urteil und messenden Sinn
-unmöglich verlassen können. Sie glitten dahin, ohne neue Veränderung zu
-zeitigen, sie zeitigten auf seiten unseres Helden gewohnheitsmäßigen
-Trotz gegen unvorgesehene Umstände, die ihm eine verdienstlose
-Zurückhaltung auferlegten; gegen jenen Umstand, der sich selbst Pieter
-Peeperkorn nannte, wenn er einen Schnaps zu sich nahm; an das störende
-Vorhandensein dieses königlichen, gewichtigen und undeutlichen Mannes, –
-störend in der Tat auf viel derbere Weise, als etwa Herr Settembrini
-„hier gestört“ hatte, in alten Tagen. Trotzig-mißlaunige Falten gruben
-sich senkrecht zwischen Hans Castorps Brauen ein, und unter diesen
-Falten betrachtete er fünfmal am Tage die Heimgekehrte, froh immerhin,
-sie betrachten zu können und voller Geringschätzung für eine
-großmächtige Gegenwart, die nicht ahnte, ein wie schiefes Licht die
-Vergangenheit auf sie warf.
-
-Eines Abends nun aber, wie das wohl ohne besonderen Anlaß einmal
-geschehen mochte, hatte die Abendgeselligkeit in Halle und Zimmern sich
-reger als alltäglich gestaltet. Es hatte Musik gegeben, Zigeunerweisen,
-von einem ungarischen Studenten auf der Geige keck exekutiert, worauf
-Hofrat Behrens, der ebenfalls mit Doktor Krokowski auf eine
-Viertelstunde erschienen war, irgend jemanden genötigt hatte, in der
-tieferen Lage des Pianinos die Melodie des „Pilgerchors“ zu spielen,
-während er selbst, daneben stehend, den Diskant des Instrumentes auf
-hüpfende Art mit einer Bürste bearbeitete und so die begleitenden
-Violinfiguren parodierte. Das gab zu lachen. Unter großem Applaus, mit
-wohlwollendem Kopfschütteln, das dem eigenen Übermut galt, verließ der
-Hofrat danach die Konversationsräume. Die Geselligkeit aber spann sich
-hin, noch wurde fortmusiziert, ohne daß gesammelte Aufmerksamkeit dafür
-gefordert worden wäre, man saß bei Domino und Bridge mit Getränken,
-unterhielt sich mit den Scherzinstrumenten, und plauderte da und dort.
-Auch die Gesellschaft des Guten Russentisches hatte sich unter die
-Gruppen der Halle und des Klavierzimmers gemischt. Man sah Mynheer
-Peeperkorn an verschiedenen Stellen, – man konnte nicht umhin, ihn zu
-sehen, sein majestätisches Haupt überragte jede Umgebung, schlug sie
-durch königliche Wucht und Bedeutung, und wenn diejenigen, die ihn
-umstanden, ursprünglich nur durch das Gerücht seines Reichtums mochten
-angezogen worden sein, so war es doch sehr bald seine Persönlichkeit
-selbst und allein, an der sie hingen: lächelnd standen sie und nickten
-ihm zu, ermunternd und selbstvergessen; gebannt durch sein fahles Auge
-unter den mächtigen Stirnfalten, in Spannung gehalten durch die
-Eindringlichkeit seiner langnägeligen Kulturgebärden und ohne über die
-unverständliche Abgerissenheit, Undeutlichkeit und tatsächliche
-Unbrauchbarkeit dessen, was ihnen folgte, sich des leisesten
-Enttäuschungsgefühles bewußt zu werden.
-
-Sehen wir uns unter diesen Verhältnissen nach Hans Castorp um, so finden
-wir ihn im Schreib- und Lesezimmer, jenem Gesellschaftsraum, wo ihm
-einst (dies Einst ist vage; Erzähler, Held und Leser sind nicht mehr
-ganz im klaren über seinen Vergangenheitsgrad) gewichtige Eröffnungen
-über die Organisation des Menschheitsfortschritts zuteil geworden. Es
-war stiller hier; nur ein paar Personen teilten mit ihm den Aufenthalt.
-Jemand schrieb unter einer elektrischen Hängelampe an einem der
-Doppelpulte. Eine Dame mit zwei Zwickern auf der Nase blätterte an der
-Bibliothek sitzend in einem illustrierten Bande. Hans Castorp saß in der
-Nähe des offenen Durchganges zum Klavierzimmer, den Rücken der Portiere
-zugewandt, mit einer Zeitung auf dem Stuhl, der dort eben gestanden
-hatte, einem plüschbezogenen Renaissancestuhl, wenn man ihn sehen will,
-mit hoher, gerader Rückenlehne und ohne Armlehnen. Der junge Mann hielt
-seine Zeitung zwar so, wie man sie hält, um zu lesen, las aber nicht,
-sondern lauschte mit schrägem Kopf auf das abgerissene und mit Gespräch
-durchsetzte Musizieren nebenan, während die Finsternis seiner Brauen
-darauf hindeutete, daß auch dies nur mit halbem Ohre geschah, und daß
-seine Gedanken unmusikalische Wege gingen, dornige Wege der Enttäuschung
-durch Umstände, die einen jungen Mann, der große Wartezeit auf sich
-genommen, am Ende dieser Wartezeit schmählich zum Narren hielten, –
-bittere Wege des Trotzes, auf denen es bestimmt nicht mehr weit war bis
-zu dem Entschluß und seiner Ausführung, die Zeitung auf diesen
-zufälligen und unbequemen Stuhl zu legen, durch jene Tür, durch die nach
-der Halle, hinauszugehen und die frostbeißende Einsamkeit der
-Balkonloge, zu zweien mit Maria Mancini, gegen diese verpfuschte
-Geselligkeit einzutauschen.
-
-„Und Ihr Vetter, Monsieur?“ fragte hinter ihm, über seinem Kopf, eine
-Stimme. Es war eine bezaubernde Stimme für sein Ohr, das nun einmal
-geschaffen war, ihre herbsüße Verschleierung als extreme Annehmlichkeit
-zu empfinden – den Begriff des Angenehmen eben auf einen extremen Gipfel
-getrieben –, es war die Stimme, die vor Zeiten gesagt hatte: „Gern. Aber
-mach ihn nicht entzwei“, eine bezwingende, eine Schicksalsstimme, und
-wenn ihm recht war, so hatte sie nach Joachim gefragt.
-
-Er ließ seine Zeitung langsam sinken und schob das Gesicht etwas höher,
-so daß sein Kopf weiter oben, nur mit dem Haarwirbel an der steilen
-Stuhllehne lag. Er schloß sogar die Augen ein wenig, tat sie aber gleich
-wieder auf, um sie schräg aufwärts, in der Richtung, die seinem Blick
-durch die Haltung seines Kopfes gewiesen war, irgendwohin ins Leere zu
-richten. Der Gute, man hätte sagen mögen, sein Ausdruck habe fast etwas
-Seherisches und Somnambules. Er wünschte, sie möchte noch einmal fragen,
-doch das geschah nicht. So war er nicht einmal sicher, ob sie noch
-hinter ihm stände, als er nach geraumer Zeit, mit sonderbarer Verspätung
-und halber Stimme zur Antwort gab:
-
-„Er ist tot. Er hat Dienst gemacht in der Ebene und ist gestorben.“
-
-Er selbst bemerkte, daß „tot“ das erste betonte Wort war, das wieder
-zwischen ihnen fiel. Er bemerkte zugleich, daß sie aus Mangel an
-Vertrautheit mit seiner Sprache zu leichte Ausdrücke des Mitgefühls
-wählte, als sie hinter und über ihm sagte:
-
-„O weh. Das ist schade. Ganz tot und begraben? Seit wann?“
-
-„Seit einiger Zeit. Seine Mutter nahm ihn mit sich hinunter. Es war ihm
-ein Kriegsbart gewachsen. Es sind drei Ehrensalven über seinem Grabe
-abgegeben worden.“
-
-„Die hatte er verdient. Er war sehr brav. Viel braver als andere Leute,
-gewisse andere.“
-
-„Ja, er war brav. Radamanth sprach immer von seinem Biereifer. Aber sein
-Körper wollte es anders. _Rebellio carnis_, heißt es bei den Jesuiten.
-Er war immer körperlich gesinnt, auf ehrenhafte Weise. Aber sein Körper
-hatte Unehrenhaftes eindringen lassen und schlug seinem Biereifer ein
-Schnippchen. Es ist übrigens moralischer, sich zu verlieren und selbst
-zu verderben, als sich zu bewahren.“
-
-„Ich sehe wohl, man ist immer noch ein philosophischer Taugenichts.
-Radamanth? Wer ist das?“
-
-„Behrens. Settembrini nennt ihn so.“
-
-„Ah, Settembrini, ich weiß. Das war jener Italiener da ... Ich liebte
-ihn nicht. Er war nicht menschlich gesinnt.“ (Die Stimme sprach das Wort
-„mähnschlich“ aus, mit einer gewissen trägen und schwärmerischen
-Dehnung.) „Er war hochmütig.“ (Auf der zweiten Silbe betont.) „Er ist
-nicht mehr da? Ich bin dumm. Ich weiß nicht, was das ist: Radamanth.“
-
-„Etwas Humanistisches. Settembrini ist verzogen. Wir haben weitläufig
-philosophiert in diesen Zeiten, er und Naphta und ich.“
-
-„Wer ist Naphta?“
-
-„Sein Widersacher.“
-
-„Wenn er sein Widersacher ist, möchte ich seine Bekanntschaft machen. –
-Aber habe ich nicht gesagt, daß Ihr Vetter sterben würde, wenn er
-versuchte, in der Ebene Soldat zu sein?“
-
-„Ja, du hast es gewußt.“
-
-„Was fällt Ihnen ein!“
-
-Längeres Stillschweigen. Er widerrief nichts. Er wartete, den Wirbel
-gegen die steile Lehne gedrückt, mit Seherblick auf das Wiederlautwerden
-der Stimme, ungewiß aufs neue, ob sie noch hinter ihm sei, befürchtend,
-das abgerissene Musizieren nebenan möchte das Geräusch sich entfernender
-Schritte verschlungen haben. Endlich jedoch kam es wieder:
-
-„Und Monsieur ist nicht einmal zum Begräbnis des Vetters gefahren?“
-
-Er antwortete:
-
-„Nein, ich habe ihm hier Adieu gesagt, bevor man ihn einschloß, da er
-anfing, zu lächeln. Du glaubst nicht, wie kalt seine Stirne war.“
-
-„Schon wieder! Was für eine Redeweise zu einer Dame, die man kaum
-kennt!“
-
-„Soll ich humanistisch reden statt menschlich?“ (Unwillkürlich dehnte
-auch er das Wort auf schläfrige Weise, ungefähr wie jemand, der sich
-reckt und gähnt.)
-
-„_Quelle blague!_ – Sie waren immer hier?“
-
-„Ja. Ich habe gewartet.“
-
-„Worauf?“
-
-„Auf dich.“
-
-Ein Lachen zu seinen Häupten, hervorgestoßen zugleich mit dem Worte
-„Narr!“ „Auf mich! Man wird dich nicht fortgelassen haben.“
-
-„Doch, Behrens hätte mich einmal fortgelassen, im Jähzorn. Aber es wäre
-nur wilde Abreise gewesen. Denn außer den alten Narben von früher her,
-aus meiner Schulzeit, du weißt, ist da die frische Stelle, die Behrens
-gefunden hat, und die mir das Fieber macht.“
-
-„Immer noch Fieber?“
-
-„Ja, immer etwas. Fast immer. Es wechselt. Aber es ist kein
-Wechselfieber.“
-
-„_Des allusions?_“
-
-Er schwieg. Er machte finstere Brauen über seinem Seherblick. Nach einer
-Weile fragte er:
-
-„Und wo warst _du_?“
-
-Eine Hand schlug auf die Stuhllehne.
-
-„_Mais c’est un sauvage!_ – Wo ich war? Überall. In Moskau“ (die Stimme
-sagte „Muoskau“, – es war eine ähnlich träge Dehnung wie die von
-„mähnschlich“), „in Baku, in deutschen Bädern, in Spanien.“
-
-„O, in Spanien. Wie war es?“
-
-„Soso. Man reist schlecht. Die Leute sind halbe Mohren. Kastilien ist
-sehr dürr und starr. Der Kreml ist schöner als das Schloß oder Kloster
-dort am Fuß des Gebirges ...“
-
-„Der Eskorial.“
-
-„Ja, Philipps Schloß. Ein unmähnschliches Schloß. Mir hat viel besser
-gefallen der Volkstanz in Katalunien, die Sardana, zum Dudelsack. Ich
-habe selbst mitgetanzt. Alle fassen sich an und tanzen Ringelreihn. Der
-ganze Platz ist voll. _C’est charmant._ Es ist mähnschlich. Ich habe mir
-eine kleine blaue Mütze gekauft, wie dort alle Männer und Knaben des
-Volks sie tragen, fast schon ein Fes, die Boina. Ich trage sie in der
-Liegekur und sonst. Monsieur wird urteilen, ob sie mir gut steht.“
-
-„Welcher Monsieur?“
-
-„Der hier im Stuhl.“
-
-„Ich dachte: Mynheer Peeperkorn.“
-
-„Der hat schon geurteilt. Er sagt, sie stände mir reizend.“
-
-„Hat er das gesagt? Zu Ende gesagt? Den Satz zu Ende gesprochen, daß man
-ihn verstehen konnte?“
-
-„Ah, es scheint, man ist mißgelaunt. Man möchte boshaft sein, beißend.
-Man versucht, sich lustig zu machen über Leute, die viel größer und
-besser und mähnschlicher sind als man selber mitsamt seinem ... _avec
-son ami bavard de la Méditerranée, son maître grand parleur_ ... Aber
-ich werde nicht erlauben, daß man meine Freunde –“
-
-„Hast du mein Innenporträt noch?“ unterbrach er die Stimme in
-schwermütigem Tonfall.
-
-Sie lachte. „Ich müßte einmal danach suchen.“
-
-„Ich trage das deine hier. Außerdem habe ich eine kleine Staffelei auf
-meiner Kommode, wo es bei Nacht und –“
-
-Er kam nicht zu Ende. Vor ihm stand Peeperkorn. Er hatte sich nach
-seiner Reisebegleiterin umgesehen; durch die Portiere war er
-hereingekommen und stand vor dem Stuhle dessen, mit dem er sie
-hinterrücks plaudern sah, – stand da wie ein Turm, und zwar dicht vor
-Hans Castorps Füßen, so daß dieser, durch seinen Somnambulismus nicht an
-der Einsicht gehindert, daß es nun aufzustehen und höflich zu sein
-gelte, Mühe hatte, zwischen den beiden von seinem Stuhle emporzukommen,
-– er mußte sich seitlich davon herunterschieben, so daß denn also die
-handelnden Personen in einem Dreieck standen, den Stuhl in ihrer Mitte.
-
-Frau Chauchat genügte einer Forderung des gesitteten Abendlandes, indem
-sie „die Herren“ einander vorstellte. Ein Bekannter von früher her,
-sagte sie in Bezug auf Hans Castorp, – aus Tagen ihres vorigen
-Aufenthalts. Herrn Peeperkorns Existenz bedurfte keiner Erläuterung. Sie
-nannte seinen Namen, und der Holländer, den blassen Blick unter dem
-idolhaften Arabeskenwerk seiner aufmerksam vertieften Stirn- und
-Schläfenfalten auf den jungen Mann gerichtet, reichte ihm die Hand,
-deren breiter Rücken sommersprossig war, – eine Kapitänshand, dachte
-Hans Castorp, wenn man die Nagellanzen beiseite ließ. Zum erstenmal
-stand er unter der unmittelbaren Einwirkung von Peeperkorns wuchtiger
-Persönlichkeit („Persönlichkeit“ – man hatte das Wort beständig im Sinne
-angesichts seiner; man wußte auf einmal, was das war, eine
-Persönlichkeit, wenn man ihn sah, ja mehr noch, man war überzeugt, daß
-eine Persönlichkeit überhaupt nicht anders aussehen könne als er), und
-seine schwanken Jünglingsjahre fühlten sich erdrückt von dem Gewicht
-dieser breitschultrigen, rotgesichtigen, weißumlohten Sechzig, mit dem
-weh zerrissenen Munde und Kinnbart, der lang und schmal auf die
-geistlich geschlossene Weste niederhing. Übrigens war Peeperkorn die
-Artigkeit selbst.
-
-„Mein Herr,“ sagte er, „– durchaus. Nein, erlauben Sie mir, – durchaus!
-Ich mache heute abend Ihre Bekanntschaft, – die Bekanntschaft eines
-vertrauenerweckenden jungen Mannes, – ich tue es mit Bewußtsein, mein
-Herr, ich bin mit ganzer Kraft bei der Sache. Sie gefallen mir, mein
-Herr; ich – bitte sehr! Erledigt. Sie sagen mir zu.“
-
-Da gab es keine Widerrede. Seine Kulturgebärden waren allzu
-peremtorisch, Hans Castorp gefiel ihm. Und Peeperkorn zog Folgerungen
-daraus, die er andeutungsweise verlautbarte, und die durch den Mund
-seiner Reisebegleiterin eine hilfreich-sinngemäße Ergänzung fanden.
-
-„Mein Kind,“ sagte er, „– alles gut. Wie wäre es aber – ich bitte mich
-wohl zu verstehen. Das Leben ist kurz, unser Vermögen, seinen
-Anforderungen gerecht zu werden, es ist nun einmal – Das sind Tatsachen,
-mein Kind. Gesetze. Un–er–bittlichkeiten. Kurzum, mein Kind, kurzum und
-gut. –“ Er verharrte in ausdrucksvoll anheimstellender Geste, die
-Verantwortung ablehnend für den Fall, daß hier trotz seines Hinweises
-ein entscheidender Fehler begangen werden sollte.
-
-Offenbar war Frau Chauchat geübt, die Richtung seiner Wünsche aufs halbe
-Wort zu unterscheiden. Sie sagte:
-
-„Warum nicht. Man könnte noch etwas beieinander bleiben, vielleicht ein
-Spielchen machen und eine Flasche Wein trinken. Was stehen Sie?“ wandte
-sie sich an Hans Castorp. „Regen Sie sich! Wir werden nicht zu dreien
-bleiben, wir müssen Gesellschaft haben. Wer ist noch im Salon?
-Engagieren Sie, wen Sie finden! Holen Sie einige Freunde von den
-Balkons. Wir werden Doktor Ting-Fu von unserem Tische auffordern.“
-
-Peeperkorn rieb sich die Hände.
-
-„Absolut“, sagte er. „Perfekt. Vorzüglich. Eilen Sie, junger Freund!
-Gehorchen Sie! Wir werden einen Kreis bilden. Wir werden spielen und
-essen und trinken. Wir werden fühlen, daß wir – Absolut, junger Mann!“
-
-Hans Castorp fuhr mit dem Lift in den zweiten Stock. Er klopfte bei A.
-K. Ferge an, der seinerseits Ferdinand Wehsal und Herrn Albin aus ihren
-Stühlen in der unteren Liegehalle holte. Man hatte Staatsanwalt Paravant
-und das Ehepaar Magnus noch in der Halle, Frau Stöhr und die Kleefeld
-noch im Salon gefunden. Hier wurde unter dem Mittellüster ein geräumiger
-Spieltisch aufgeschlagen, den man mit Stühlen und kleinen
-Anrichtetischen umgab. Mynheer begrüßte jeden Gast, der sich zugesellte,
-blassen und höflichen Blickes, unter aufmerksam emporgezogenen
-Stirnarabesken. Zu zwölf Personen ließ man sich nieder, Hans Castorp
-zwischen dem majestätischen Gastgeber und Clawdia Chauchat; Karten und
-Spielmarken wurden aufgelegt, denn man hatte sich auf einige Gänge
-_Vingt et un_ geeinigt, und Peeperkorn bestellte in seiner bedeutsamen
-Art bei der herbeigerufenen Zwergin Wein, einen weißen Chablis vom Jahre
-06, drei Flaschen fürs erste, und Süßigkeiten dazu, was eben an
-gedörrtem Südobst und Konfiserie würde aufzutreiben sein. Das
-Händereiben, mit dem er die guten Dinge begrüßte, die aufgetragen
-wurden, war voll von Behagen, und auch in Worten, die auf bedeutende Art
-abrissen, suchte er seine Empfindungen mitzuteilen, mit vollem Gelingen
-in der Tat, soweit eine allgemeine Persönlichkeitswirkung in Frage kam.
-Er legte beide Hände auf die Unterarme seiner Nachbarn, hob den
-lanzenspitzen Zeigefinger und forderte mit umfassendem Erfolge die
-höchste Aufmerksamkeit für die herrliche Goldfarbe des Weins in den
-Römern, für den Zucker, den die Malagatrauben schwitzten, für eine
-gewisse Art kleiner Salz- und Mohnbrezeln, die er göttlich nannte, indem
-er jeden Widerspruch, der sich gegen ein so starkes Wort etwa hätte
-regen wollen, durch eine peremtorische Kulturgebärde im Keime erstickte.
-Er war es, der als erster die Bank übernahm; doch trat er sie bald an
-Herrn Albin ab, da, wenn man ihn recht verstand, das Amt ihn am freien
-Genusse der Umstände hinderte.
-
-Ersichtlich war das Hazard ihm Nebensache. Man spielte um nichts, seiner
-Meinung nach, hatte fünfzig Rappen als kleinsten Einsatz ausgerufen nach
-seinem Vorschlage, doch war das sehr viel für die Mehrzahl der
-Beteiligten; Staatsanwalt Paravant sowohl wie Frau Stöhr wurden
-abwechselnd rot und blaß, und namentlich diese wand sich in furchtbaren
-Kämpfen, wenn sie vor der Frage stand, ob sie bei achtzehn noch kaufen
-sollte. Sie kreischte laut, wenn Herr Albin ihr mit kalter Routine eine
-Karte zuwarf, deren Höhe ihr Wagnis über und über zuschanden machte, und
-Peeperkorn lachte herzlich darüber.
-
-„Kreischen Sie, kreischen Sie, Madame!“ sagte er. „Es klingt schrill und
-lebensvoll und kommt aus tiefster – Trinken Sie, laben Sie Ihr Herz zu
-neuen –“ Und er schenkte ihr ein, schenkte auch seinen Nachbarn und sich
-selber ein, bestellte drei neue Flaschen und stieß mit Wehsal und der
-innerlich verödeten Frau Magnus an, da diese beiden ihm der Belebung am
-bedürftigsten schienen. Rasch färbten die Gesichter sich hoch und höher
-von dem in Wahrheit wundervollen Wein, mit Ausnahme desjenigen Doktor
-Ting-Fus, das unveränderlich gelb blieb, mit jettschwarzen
-Rattenschlitzen darin, und der mit verstecktem Kichern sehr hohe
-Einsätze machte, und zwar mit unverschämtem Glück. Andere wollten nicht
-zurückstehen. Staatsanwalt Paravant forderte schwimmenden Blickes das
-Schicksal heraus, indem er zehn Franken auf eine nur mäßig
-hoffnungsvolle Anfangskarte setzte, überkaufte sich erblassend und
-gewann das Geld, da Herr Albin in trügerischem Vertrauen auf ein As, das
-er erhalten, alle Einsätze hatte dublieren lassen, verdoppelt zurück.
-Das waren Erschütterungen, die sich nicht auf die Person dessen
-beschränkten, der sie sich bereitete. Der Kreis nahm teil daran, und
-selbst Herr Albin, der an kalter Umsicht mit den Croupiers des Kasinos
-von Monte Carlo wetteiferte, wo er Stammgast zu sein erklärte, war
-seiner Erregung nur unzulänglich Herr. Auch Hans Castorp spielte hoch;
-ebenso die Kleefeld und Frau Chauchat. Man ging zu den „Touren“ über,
-spielte „Eisenbahn“, „Meine Tante, deine Tante“ und das gefährliche
-„Différence“. Jubel und Verzweiflungsausbrüche, Entladungen der Wut und
-hysterische Lachanfälle, hervorgerufen durch den Reiz, den das bübische
-Glück auf die Nerven ausübte, ereigneten sich, und sie waren echt und
-ernst, – nicht anders hätten sie lauten können in den Wechselfällen des
-Lebens selbst.
-
-Dennoch war es nicht nur und nicht einmal hauptsächlich das Spiel und
-der Wein, die die seelische Hochspannung des Kreises, diese Erhitzung
-der Mienen, diese Erweiterung der glänzenden Augen oder das zeitigten,
-was man die Angestrengtheit der kleinen Gesellschaft, ihr
-In-Atem-gehalten-sein, ihre fast schmerzhafte Konzentration auf den
-Augenblick hätte nennen können. Vielmehr war all dies auf die Einwirkung
-einer Herrschernatur unter den Anwesenden, auf die der „Persönlichkeit“
-unter ihnen, auf diejenige Mynheer Peeperkorns zurückzuführen, der die
-Führung in seiner gebärdenreichen Hand hielt und alle durch das
-Schauspiel seiner großen Miene, seinen blassen Blick unter dem
-monumentalen Faltenwerk seiner Stirne, durch sein Wort und die
-Eindringlichkeit seiner Pantomimik in den Bann der Stunde zwang. Was
-sagte er? Höchst Undeutliches, und desto Undeutlicheres, je mehr er
-trank. Aber man hing an seinen Lippen, starrte lächelnd und mit
-emporgerissenen Brauen nickend auf das Rund, das sein Zeigefinger mit
-seinem Daumen bildete, und neben welchem die anderen Finger lanzenspitz
-aufragten, während es in seinem königlichen Antlitz sprechend arbeitete,
-und ließ sich ohne Widerstand zu einem Gefühlsdienst anhalten, der weit
-das Maß von hingebender Leidenschaft überstieg, das diese Leute sich
-sonst zuzumuten gewöhnt waren. Er ging über die Kräfte einzelner, dieser
-Dienst. Frau Magnus wenigstens ward unpäßlich. Sie drohte in Ohnmacht
-hinzuschwinden, weigerte sich aber zähe, ihr Zimmer aufzusuchen, sondern
-begnügte sich mit ihrer Lagerung auf der Chaiselongue, woselbst man ihre
-Stirn mit einer nassen Serviette versah, und von wo sie nach einiger
-Erholung in den Kreis zurückkehrte.
-
-Peeperkorn wollte ihr Versagen auf mangelhafte Nahrungszufuhr
-zurückführen. In bedeutend abreißenden Worten, mit erhobenem
-Zeigefinger, ließ er sich in diesem Sinne aus. Man müsse essen,
-ordentlich essen, um den Anforderungen gerecht werden zu können, so gab
-er zu verstehen, und bestellte Stärkung für die Runde, eine Kollation,
-Fleisch, Aufschnitt, Zunge, Gänsebrust, Braten, Wurst und Schinken, –
-Platten voll fetter Leckerbissen, die, mit Butterkugeln, Radieschen und
-Petersilie garniert, prangenden Blumenbeeten glichen. Aber obgleich sie,
-eines vorangegangenen Abendessens ungeachtet, über dessen Gediegenheit
-kein Wort verloren zu werden braucht, frohen Zuspruch fanden, erklärte
-Mynheer Peeperkorn sie nach wenigen Bissen für „Firlefanz“ – und zwar
-mit einem Zorn, der die beängstigende Unberechenbarkeit seiner
-Herrschernatur bekundete. Ja, er wurde kollerig, als jemand den Imbiß in
-Schutz zu nehmen wagte; sein mächtiges Haupt schwoll an, und er schlug
-mit der Faust auf den Tisch, indem er das alles für verdammten Quark
-erklärte, – worauf man denn betreten verstummte, da er am Ende als
-Spender und Wirt das Recht hatte, seine Gaben zu beurteilen.
-
-Übrigens stand der Zorn, so unbegreiflich er anmuten mochte, ihm
-vortrefflich zu Gesichte, wie namentlich Hans Castorp sich bekennen
-mußte. Er entstellte ihn keineswegs, verkleinerte ihn nicht, wirkte in
-seiner Unbegreiflichkeit, die mit den genossenen Weinmengen in Beziehung
-zu setzen niemand in seinem Herzen sich unterstand, so groß und
-königlich, daß alle sich duckten und jedermann sich hütete, von den
-Fleischwaren noch einen Bissen zu nehmen. Frau Chauchat war es, die
-ihren Reisegefährten beschwichtigte. Sie streichelte seine breite, nach
-dem Schlag auf dem Tisch ruhende Kapitänshand und meinte schmeichelnd,
-man könnte ja etwas anderes bestellen, ein warmes Gericht, wenn er
-wolle, und wenn der Küchenchef noch dafür zu gewinnen sein werde. „Mein
-Kind,“ sagte er, „– gut.“ Und mühelos, in voller Würde fand er den
-Übergang von schwerem Koller zu einem gemäßigten Zustande, indem er
-Clawdias Hand küßte. Er wollte Omeletten für sich und die Seinen, – für
-jedermann eine gute Kräuter-Omelette, damit man den Anforderungen
-gerecht werden könne. Und er schickte mit der Bestellung einen
-Hundertfrankenschein in die Küche, um das Personal zum Unterbrechen des
-Feierabends zu bestimmen.
-
-Auch stellte sein Behagen sich völlig wieder her, als die dampfende
-Speise auf mehreren Platten erschien, kanariengelb und grün gesprenkelt,
-einen weichlich warmen Duft von Eiern und Butter im Zimmer verbreitend.
-Man griff zu, gemeinsam mit Peeperkorn und im Genuß überwacht von ihm,
-der mit abgerissenen Worten und zwingenden Kulturgebärden jedermann zu
-aufmerksamster, ja inbrünstiger Würdigung der Gottesgabe anhielt. Er
-ließ holländischen Genever dazu schenken, eine volle Runde, und zwang
-alle, das klare Naß, dem ein gesunder Duft nach Getreide mit einem
-zarten Einschlag von Wacholder entströmte, mit gespannter Andacht zu
-sich zu nehmen.
-
-Hans Castorp rauchte. Auch Frau Chauchat sprach den Mundstückzigaretten
-zu, die sie in einer russischen, mit einer dahinsausenden Troika
-geschmückten Lackdose zu ihrer Bequemlichkeit vor sich auf den Tisch
-gelegt hatte, und Peeperkorn tadelte es nicht, daß seine Nachbarn sich
-diesem Vergnügen überließen, rauchte aber selbst nicht, tat es niemals.
-Verstand man ihn recht, so war seinem Urteile nach der Tabakkonsum
-bereits den überfeinerten Genüssen zuzuzählen, deren Pflege einen Raub
-an der Majestät der schlichten Lebensgaben bedeute, jener Gaben und
-Ansprüche, denen gerecht zu werden unserer Gefühlskraft doch kaum
-gelinge. „Junger Mann,“ sagte er zu Hans Castorp, indem er ihn mit
-seinem blassen Blick und seiner Kulturgebärde bannte, – „junger Mann, –
-das Einfache! Das Heilige! Gut, Sie verstehen mich. Eine Flasche Wein,
-ein dampfendes Eiergericht, ein lauterer Korn, – erfüllen und genießen
-wir das erst einmal, erschöpfen wir es, tun wir ihm wahrhaft Genüge,
-bevor wir – Absolut, mein Herr. Erledigt. Ich habe Personen gekannt,
-Männer und Frauen, Kokainesser, Haschischraucher, Morphinisten – Gut,
-lieber Freund! Perfekt! Mögen sie doch! Wir sollen nicht rechten und
-richten. Aber dem, was vorangehen sollte, dem Einfachen, dem Großen, dem
-Gottesursprünglichen waren diese Leute durchaus alles – Erledigt, mein
-Freund. Verurteilt. Verworfen. Sie waren ihm alles schuldig geblieben!
-Wie Sie auch heißen mögen, junger Mann, – Gut, ich habe es schon gewußt,
-ich habe es wieder vergessen, – nicht im Kokain, nicht im Opium, nicht
-im Laster als solchem beruht die Lasterhaftigkeit. Die Sünde, die nicht
-vergeben werden kann, sie beruht –“
-
-Er hielt inne. Groß und breit, seinem Nachbar zugewandt, verharrte er in
-mächtig ausdrucksvollem Schweigen, das zu verstehen zwang, den
-Zeigefinger erhoben, mit unregelmäßig zerrissenem Munde unter der
-nackten und roten, von der Rasur etwas wunden Oberlippe, angestrengt
-emporgezogen das lineare Faltenwerk seiner kahlen, weiß umflammten
-Stirn, erweitert die kleinen, blassen Augen, in denen Hans Castorp etwas
-wie Entsetzen flackern sah vor dem Verbrechen, der großen Versündigung,
-dem unverzeihlichen Versagen, auf das er angespielt hatte, und das in
-seiner Schrecklichkeit zu ergründen er mit der ganzen bannenden Kraft
-einer undeutlichen Herrschernatur schweigend befahl ... Entsetzen,
-dachte Hans Castorp, von sachlicher Art, aber auch etwas wie
-persönliches Entsetzen, ihn selbst, den königlichen Mann, betreffend, –
-_Angst_ also, aber nicht geringe und kleine Angst, sondern etwas wie
-panischer Schrecken flackerte dort, so schien es, einen Augenblick auf,
-und Hans Castorp war von zu ehrerbietiger Anlage, als daß nicht, aller
-Gründe ungeachtet, die zu feindseliger Einstellung seinerseits gegen
-Frau Chauchats majestätischen Reisebegleiter vorhanden waren, diese
-Beobachtung ihn hätte erschüttern müssen.
-
-Er senkte die Augen und nickte, um seinem erhabenen Nachbarn die
-Genugtuung des Verständnisses zu bereiten.
-
-„Das ist wohl wahr“, sagte er. „Es mag Sünde sein – und ein Zeichen von
-Unzulänglichkeit – den Raffinements zu frönen, ohne den einfachen und
-natürlichen Gaben des Lebens, die so groß und heilig sind, gerecht
-geworden zu sein. Dies ist Ihre Meinung, wenn ich Sie recht verstehe,
-Mynheer Peeperkorn, und obgleich es mir selbst noch nicht eingefallen
-ist, kann ich Ihnen aus eigener Überzeugung zustimmen, da Sie darauf
-hinweisen. Es mag übrigens selten genug vorkommen, daß diesen gesunden
-und einfachen Lebensgaben so recht volle Gerechtigkeit widerfährt.
-Bestimmt sind die meisten Leute zu schlaff und unaufmerksam und
-gewissenlos und innerlich ausgeleiert, um sie ihnen widerfahren zu
-lassen, so wird es wohl sein.“
-
-Der Gewaltige war hoch befriedigt. „Junger Mann,“ sagte er, „– perfekt.
-Wollen Sie mir erlauben – kein Wort weiter. Ich bitte Sie, mit mir zu
-trinken, das Glas bis zum Grunde zu leeren, und zwar Arm um Arm. Dies
-soll noch nicht heißen, daß ich Ihnen das brüderliche Du anbiete, – ich
-war eben im Begriff, es zu tun, besinne mich aber, daß es ein klein
-wenig zu überstürzt wäre. Ich werde es Ihnen höchstwahrscheinlich in
-sehr absehbarer Zeit – Verlassen Sie sich darauf! Wenn Sie aber wünschen
-und darauf bestehen, daß wir sofort –“
-
-Hans Castorp befürwortete andeutend den von Peeperkorn selbst angeregten
-Aufschub.
-
-„Gut, mein Junge. Gut, Kamerad. Unzulänglichkeit – gut. Gut und
-schaudervoll. Gewissenlos, – sehr gut. Gaben – nicht gut. Anforderungen!
-Heilige, weibliche Anforderungen des Lebens an Ehre und Manneskraft –“
-
-Hans Castorp mußte plötzlich erkennen, daß Peeperkorn schwer betrunken
-war. Doch wirkte auch seine Betrunkenheit nicht gering und beschämend,
-nicht als Entwürdigungszustand, sondern verband sich mit der Majestät
-seiner Natur zu einer großartigen und ehrfurchtgebietenden Erscheinung.
-Auch Bacchus selbst, dachte Hans Castorp, stützte sich betrunken auf
-seine enthusiastischen Begleiter, ohne darum an Gottheit einzubüßen, und
-im höchsten Grade kam es darauf an, _wer_ betrunken war, eine
-Persönlichkeit oder ein Leineweber. Er hütete sich innerlichst, im
-Respekt vor dem erdrückenden Reisebegleiter im geringsten nachzulassen,
-dessen Kulturgebärden schlaff geworden waren und dessen Zunge lallte.
-
-„Duzbruder –“ sagte Peeperkorn, den mächtigen Körper in freier und
-stolzer Trunkenheit zurückgeworfen, den Arm auf der Tischplatte
-ausgestreckt und mit der schlaff geballten Faust leicht aufschlagend, „–
-in Aussicht genommen, – in nahe Aussicht, wenn auch Besonnenheit
-zunächst noch – gut. Erledigt. Das Leben – junger Mann – es ist ein
-Weib, ein hingespreitet Weib, mit dicht beieinander quellenden Brüsten
-und großer, weicher Bauchfläche zwischen den ausladenden Hüften, mit
-schmalen Armen und schwellenden Schenkeln und halbgeschlossenen Augen,
-das in herrlicher, höhnischer Herausforderung unsere höchste
-Inständigkeit beansprucht, alle Spannkraft unserer Manneslust, die vor
-ihm besteht oder zuschanden wird, – zuschanden, junger Mann, begreifen
-Sie, was das hieße? Die Niederlage des Gefühls vor dem Leben, das ist
-die Unzulänglichkeit, für die es keine Gnade, kein Mitleid und keine
-Würde gibt, sondern die erbarmungslos und hohnlachend verworfen ist, –
-er–ledigt, junger Mann, und ausgespien ... Schmach und Entehrung sind
-gelinde Worte für diesen Ruin und Bankerott, für diese grauenhafte
-Blamage. Sie ist das Ende, die höllische Verzweiflung, der Weltuntergang
-...“
-
-Der Holländer hatte beim Sprechen den mächtigen Körper mehr und mehr
-zurückgeworfen, während zugleich sein königliches Haupt sich zur Brust
-neigte, als wollte er einschlafen. Bei dem letzten Worte aber ließ er
-die schlaffe Faust ausholend zu schwerem Schlage auf den Tisch fallen,
-so daß der schmächtige Hans Castorp, nervös von Spiel und Wein und von
-der Eigentümlichkeit aller Umstände, zusammenfuhr und ehrfürchtig
-erschrocken auf den Gewaltigen blickte. „Weltuntergang“ – wie das Wort
-ihm zu Gesichte stand! Hans Castorp erinnerte sich nicht, es jemals
-aussprechen gehört zu haben, außer etwa in der Religionsstunde, und das
-war kein Zufall, dachte er, denn wem unter allen Menschen, die er
-kannte, wäre ein solches Donnerwort wohl zugekommen, wer hatte _das
-Format_ dafür – um die Frage richtig zu stellen? Der kleine Naphta hätte
-sich seiner wohl einmal bedienen können; doch wäre das Usurpation und
-scharfes Geschwätz gewesen, während in Peeperkorns Munde das Donnerwort
-seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte Wucht, kurz, biblische
-Größe gewann. „Mein Gott – eine Persönlichkeit!“ empfand er zum
-hundertstenmal. „Ich bin an eine Persönlichkeit geraten, und sie ist
-Clawdias Reisebegleiter!“ Ziemlich benebelt auch seinerseits, drehte er
-sein Weinglas auf dem Tisch um sich selbst, die andere Hand in der
-Hosentasche und ein Auge zugekniffen vor dem Rauch der Zigarette, die er
-im Mundwinkel hielt. Hätte er nicht schweigen sollen, nachdem von
-berufener Seite Donnerworte gesprochen worden? Was sollte da noch seine
-spröde Stimme? Aber an Diskussion gewöhnt durch seine demokratischen
-Erzieher – beide von Natur demokratisch, obgleich der eine sich
-sträubte, es zu sein –, ließ er sich zu einem seiner treuherzigen
-Kommentare verleiten. Er sagte:
-
-„Ihre Bemerkungen, Mynheer Peeperkorn“ (was war das für ein Ausdruck:
-Bemerkungen! Macht man „Bemerkungen“ über den Weltuntergang?), „führen
-meine Gedanken noch einmal auf das zurück, was vorhin über das Laster
-ausgemacht wurde, nämlich daß es in einer Beleidigung der einfachen und,
-wie Sie sagen, heiligen, oder, wie ich sagen möchte, klassischen
-Lebensgaben besteht, der Lebensgaben von Format, sozusagen, zugunsten
-der späten und ausgepichten, der Raffinements, denen man ‚frönt‘, wie
-einer von uns beiden sich ausdrückte, während man sich den großen
-‚weiht‘ und ihnen ‚huldigt‘. Aber hier scheint mir nun eben auch die
-Entschuldigung – verzeihen Sie, ich bin eine zur Entschuldigung geneigte
-Natur, – obgleich Entschuldigung wohl kein Format hat, wie ich deutlich
-fühle – die Entschuldigung also für das Laster zu liegen, und zwar
-gerade insofern es auf ‚Unzulänglichkeit‘, wie wir es nannten, beruht.
-Sie haben über die Schrecken der Unzulänglichkeit Dinge solchen Formates
-gesagt, daß Sie mich aufrichtig betroffen sehen davon. Aber ich meine,
-der Lasterhafte zeigt sich durchaus nicht unempfindlich für diese
-Schrecken, sondern im Gegenteil läßt er ihnen alle Gerechtigkeit
-widerfahren, indem das Versagen seines Gefühls vor den klassischen
-Lebensgaben ihn zum Laster treibt, worin also keine Beleidigung des
-Lebens liegt oder zu liegen braucht, da es ebensogut als Huldigung davor
-aufgefaßt werden kann, und zwar insofern die Raffinements ja Rausch- und
-Erhebungsmittel darstellen, _stimulantia_, wie man sagt, Stützen und
-Steigerungen der Gefühlskräfte, weshalb denn also doch das Leben ihr
-Zweck und Sinn ist, die Liebe zum Gefühl, das Trachten der
-Unzulänglichkeit nach Gefühl ... Ich meine ...“
-
-Was redete er da? War es nicht der demokratischen Unverschämtheit genug,
-„einer von uns beiden“ zu sagen, wo es sich um eine Persönlichkeit und
-um ihn handelte? Zog er den Mut zu dieser Frechheit aus Vergangenheiten,
-die gewisse gegenwärtige Besitzrechte in ein schiefes Licht setzten?
-Stach ihn der Haber, daß er sich obendrein in eine ebenfalls durchaus
-unverschämte Analyse des „Lasters“ verstricken mußte? Nun mochte er
-sehen, wie er sich aus der Sache zog; denn es war klar, daß er
-Fürchterliches heraufbeschworen.
-
-Mynheer Peeperkorn war während der Rede seines Gastes in seiner
-zurückgeworfenen Haltung mit auf die Brust gesenktem Kopfe verharrt, so
-daß man hätte zweifeln können, ob Hans Castorps Worte in sein Bewußtsein
-drangen. Jetzt aber, allmählich, während der junge Mann sich verwirrte,
-begann er, sich von der Lehne aufzurichten, höher und höher, zu voller
-Größe, während zugleich sein majestätisches Haupt rot anschwoll, seine
-Stirnarabesken sich hoben und spannten und seine kleinen Augen sich zu
-blasser Drohung erweiterten. Was bereitete sich vor? Ein Koller, gegen
-den der vorangegangene nur leichte Verstimmung bedeutet hatte, schien im
-Anzuge. Mynheers Unterlippe stemmte sich in mächtigem Grimm gegen die
-obere, so daß die Mundwinkel sich senkten und das Kinn vorgetrieben
-wurde, und langsam hob sich sein rechter Arm von der Tischplatte in
-Haupteshöhe und darüber hinaus, die Faust geballt, großartig ausholend
-zum Vernichtungsschlage gegen den demokratischen Schwätzer, der, in
-Schrecken gejagt und doch auch abenteuerlich erfreut durch das Bild
-ausdrucksvoll königlichen Zornmutes, das sich vor ihm entfaltete, Mühe
-hatte, Furcht und Fluchtneigung zu verbergen. Er sagte eilig
-zuvorkommend:
-
-„Natürlich habe ich mich mangelhaft ausgedrückt. Das Ganze ist eine
-Frage des Formats, nichts weiter. Man kann nicht Laster nennen, was
-Format hat. Das Laster hat niemals Format. Die Raffinements haben
-keines. Aber dem menschlichen Trachten nach Gefühl ist ja von Urzeiten
-her ein Hilfsmittel, ein Rausch- und Begeisterungsmittel an die Hand
-gegeben, das selbst zu den klassischen Lebensgaben gehört und den
-Charakter des Einfachen und Heiligen, also nicht des Lasterhaften trägt,
-ein Hilfsmittel von Format, wenn ich so sagen darf, der Wein also, ein
-göttliches Geschenk an die Menschen, wie schon die alten humanistischen
-Völker behaupteten, die philanthropische Erfindung eines Gottes, mit der
-sogar die Zivilisation zusammenhängt, erlauben Sie mir den Hinweis. Denn
-wir hören ja, daß dank der Kunst, den Wein zu pflanzen und zu keltern,
-die Menschen aus dem Stande der Roheit traten und Gesittung erlangten,
-und noch heute gelten die Völker, bei denen Wein wächst, für gesitteter,
-oder halten sich dafür, als die weinlosen, die Kimerer, was sicher
-bemerkenswert ist. Denn es will sagen, daß Gesittung gar nicht Sache des
-Verstandes und wohlartikulierter Nüchternheit ist, sondern vielmehr mit
-der Begeisterung zu tun hat, dem Rausch und dem gelabten Gefühl, – ist
-das nicht, wenn ich so frei sein darf, Ihnen die Frage vorzulegen, auch
-Ihre Meinung in dieser Angelegenheit?“
-
-Ein Schlingel, dieser Hans Castorp. Oder, wie Herr Settembrini es mit
-schriftstellerischer Feinheit ausgedrückt hatte, ein „Schalk“.
-Unvorsichtig und selbst frech im Verkehr mit Persönlichkeiten – und
-geschickt dann auch wieder, wenn es galt, sich aus der Patsche zu
-ziehen. Da hatte er erstens, in brenzligster Lage und aus dem Stegreif,
-eine Ehrenrettung des Trunkes mit vielem Anstand vollzogen, hatte
-ferner, ganz nebenbei, die Rede auf „Gesittung“ gebracht, von welcher in
-Mynheer Peeperkorns ur-fürchterlicher Haltung allerdings wenig zu spüren
-war, und endlich diese Haltung gelockert und unpassend gemacht, indem er
-dem großartig darin Befangenen eine Frage vorgelegt hatte, die man mit
-erhobener Faust unmöglich beantworten konnte. Der Holländer ließ denn
-auch nach in seiner vorsündflutlichen Grimmgebärde; langsam senkte sein
-Arm sich nieder zum Tisch, sein Haupt schwoll ab, „dein Glück!“ stand in
-seiner nur noch bedingungsweise und nachträglich drohenden Miene zu
-lesen, das Gewitter verzog sich, und überdies mischte nun Frau Chauchat
-sich ein, indem sie ihren Reisebegleiter auf den eingerissenen Verfall
-der Geselligkeit hinwies.
-
-„Lieber Freund, Sie vernachlässigen Ihre Gäste“, sagte sie auf
-französisch. „Sie widmen sich allzu ausschließlich diesem Herrn, mit dem
-Sie zweifellos wichtige Dinge auszumachen haben. Aber unterdessen hat
-das Spiel fast aufgehört, und ich fürchte, man langweilt sich. Wollen
-wir den Abend beschließen?“
-
-Peeperkorn wandte sich sogleich der Tafelrunde zu. Es war richtig:
-Demoralisation, Lethargie, Stumpfsinn hatten um sich gegriffen; die
-Gäste trieben Allotria wie eine unbeaufsichtigte Schulklasse. Mehrere
-waren am Einschlafen. Peeperkorn ergriff sofort die schleifenden Zügel.
-„Meine Herrschaften!“ rief er mit erhobenem Zeigefinger, – und dieser
-lanzenspitze Finger war wie ein winkender Degen oder wie eine Fahne,
-sein Ruf aber gleich dem „Mir nach, wer keine Memme ist!“ des Führers,
-der eine beginnende Deroute zum Stehen bringt. Auch war der Einsatz
-seiner Persönlichkeit sofort von weckender und sammelnder Wirkung. Man
-raffte sich auf, straffte die schlaff gewordenen Mienen und nickte
-lächelnd in des mächtigen Wirtes blasse Augen unter der idolhaften
-Lineatur seiner Stirn. Er bannte alle und hielt sie aufs neue zum
-Dienste an, indem er die Spitze des Zeigefingers zu der des Daumens
-senkte und die anderen langgenagelt daneben aufragen ließ. Er breitete
-die Kapitänshand behütend und zurückdämmend aus und von seinen weh
-zerrissenen Lippen kamen Worte, deren abspringende Undeutlichkeit dank
-ihrem Persönlichkeitsrückhalt zwingendste Macht über die Gemüter übte.
-
-„Meine Herrschaften – gut. Das Fleisch, meine Herrschaften, es ist nun
-einmal – Erledigt. Nein – erlauben Sie mir – ‚schwach‘, so steht es in
-der Schrift. ‚Schwach‘, das heißt geneigt, sich den Anforderungen – Aber
-ich appelliere an Ihre – Kurzum und gut, meine Herrschaften, ich
-_ap–pel–liere_. Sie werden mir sagen: der Schlaf. Gut, meine
-Herrschaften, perfekt, vortrefflich. Ich liebe und ehre den Schlaf. Ich
-veneriere seine tiefe, süße, labende Wollust. Der Schlaf zählt zu den –
-wie sagten Sie, junger Mann? – zu den klassischen Lebensgaben vom
-ersten, vom allerersten – ich bitte sehr – vom obersten, meine
-Herrschaften. Wollen Sie jedoch bemerken und sich erinnern: Gethsemane!
-‚Und nahm zu sich Petrum und die zween Söhne Zebedei. Und sprach zu
-ihnen: Bleibet hie und wachet mit mir‘. Sie erinnern sich? ‚Und kam zu
-ihnen und fand sie schlafend und sprach zu Petro: Könnet Ihr denn nicht
-eine Stunde mit mir wachen?‘ Intensiv, meine Herrschaften.
-Durchdringend. Herzbewegend. ‚Und kam und fand sie aber schlafend, und
-ihre Augen waren voll Schlafs. Und sprach zu ihnen: Ach, wollt Ihr nun
-schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist hie –‘ Meine Herrschaften:
-Durchbohrend, herzversehrend.“
-
-Tatsächlich waren alle in tiefster Seele ergriffen und beschämt. Er
-hatte die Hände vor der Brust über dem schmalen Kinnbart gefaltet und
-das Haupt schräg geneigt. Sein blasser Blick hatte sich gebrochen bei
-dem, was an einsamem Todesschmerz von seinen zerrissenen Lippen
-gekommen. Frau Stöhr schluchzte. Frau Magnus stieß einen hohen Seufzer
-aus. Staatsanwalt Paravant sah sich veranlaßt, vertretungsweise,
-gleichsam als Abgeordneter der Gesellschaft, einige Worte mit gesenkter
-Stimme an den verehrten Gastgeber zu richten, um ihn der allgemeinen
-Gefolgschaft zu versichern. Hier müsse ein Irrtum vorliegen. Man sei
-frisch und munter, flott, fidel und bei der Sache mit Herz und Sinn. Es
-sei ein so schöner, festlicher, schlechthin außerordentlicher Abend, –
-alle verständen und empfänden das, und niemand denke vorläufig daran,
-von dem Lebensgute des Schlafs Gebrauch zu machen. Mynheer Peeperkorn
-könne sich auf seine Gäste verlassen, auf jeden einzelnen von ihnen.
-
-„Perfekt! Vorzüglich!“ rief Peeperkorn und richtete sich auf. Seine
-Hände lösten sich, gingen auseinander und aufwärts, ausgebreitet,
-aufrecht, die Innenflächen nach außen, wie zu heidnischem Gebet. Seine
-großartige Physiognomie, eben noch von gotischem Schmerz beseelt,
-erblühte üppig und heiter; sogar ein sybaritisches Grübchen zeigte sich
-auf einmal in seiner Wange. „Die Stunde ist hie –“ Und er ließ sich die
-Karte geben, setzte einen Hornklemmer auf, dessen Bügel ihm hoch an der
-Stirn emporragte, und bestellte Champagner, drei Flaschen Mumm & Co.,
-_Cordon rouge, très sec_; dazu _petits fours_, köstliche, kegelförmige
-kleine Schlemmerbissen, mit farbigem Zuckerguß überkleidet, von
-zartestem Biskuitcharakter, im Innern benetzt von Schokolade- und
-Pistaziencreme, und auf Papierdeckchen mit reichem Spitzenrande
-angeboten. Frau Stöhr leckte sich alle Finger bei ihrem Genuß. Herr
-Albin löste mit lässiger Routine den ersten Pfropfen aus seiner Haft von
-Draht, ließ den pilzförmigen Kork mit dem Knall einer Kinderpistole dem
-geschmückten Hals entschlüpfen und zur Decke fahren, worauf er die
-Flasche nach elegantem Herkommen zum Einschenken in eine Serviette
-hüllte. Der edle Schaum befeuchtete das Linnen der Anrichtetischchen.
-Man ließ die Flachkelche klingen und leerte das erste Glas auf einen
-Zug, elektrisierte sich den Magen mit dem eiskalten, duftigen Geprickel.
-Die Augen glitzerten. Das Spiel hatte aufgehört, ohne daß man sich
-bemüßigt gesehen hätte, Karten und Geld vom Tische zu räumen. Die
-Gesellschaft überließ sich einem seligen Nichtstun, indem sie ein
-zusammenhangloses Geschwätz tauschte, dessen Elemente bei jedem
-einzelnen aus erhöhtem Gefühle stammten und in irgendeinem Urzustande
-das Schönste versprochen hatten, aus denen aber auf dem Wege zur
-Mitteilung ein fragmentarisch-lippenlahmer, teils indiskreter, teils
-unverständlicher Gallimathias wurde, geeignet, die zornige Scham jedes
-nüchtern Hinzukommenden zu erregen, doch von den Beteiligten ohne
-Beschwer ertragen, da alle sich in dem gleichen verantwortungslosen
-Zustand wiegten. Frau Magnus selbst hatte rote Ohren bekommen und
-gestand, sie fühle, wie Leben sie durchrinne, was aber Herrn Magnus
-nicht lieb zu sein schien. Hermine Kleefeld lehnte mit dem Rücken an der
-Schulter Herrn Albins, indem sie ihm ihren Kelch zum Einschenken
-vorhielt. Peeperkorn, das Bacchanal mit lanzenspitzen Kulturgebärden
-leitend, sorgte für Zufuhr und Nachschub. Er ließ Kaffee kommen nach dem
-Champagner, _Mocca double_, der wiederum von „Brot“ begleitet war und
-von süßen Scharfheiten, Apricots Brandy, Chartreuse, Creme de Vanille
-und Maraschino für die Damen. Später gab es noch saure Fischfilets und
-Bier dazu, endlich Tee, und zwar sowohl chinesischen wie Kamillentee für
-solche, die es nicht vorzogen, beim Sekt oder Likör zu bleiben oder zu
-einem ernsthaften Wein zurückzukehren, wie Mynheer selbst, der sich nach
-Mitternacht zusammen mit Frau Chauchat und Hans Castorp zu einem
-Schweizer Roten von naiv-spritziger Art durchgeläutert hatte, von dem
-er mit wirklichem Durst einen Glasbecher nach dem anderen
-hinunterschüttete.
-
-Noch um ein Uhr dauerte die Festsitzung an, zusammengehalten teils durch
-bleierne Rauscheslähmung, teils durch das eigentümliche Vergnügen,
-sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, teils durch die
-Persönlichkeitswirkung Peeperkorns und durch das abschreckende Beispiel
-Petri und der Seinen, an deren Fleischesschwäche niemand teilhaben
-wollte. Allgemein gesprochen, schien der weibliche Teil weniger
-gefährdet in dieser Hinsicht. Denn während die Männer, rot oder fahl,
-die Beine von sich streckten und die Backen aufbliesen, indem sie nur
-noch mechanisch dann und wann dem Becher zusprachen, von rechter
-Dienstfreudigkeit nicht mehr beseelt, hielten die Frauen sich tätiger.
-Hermine Kleefeld, die nackten Ellbogen auf die Tischplatte gestemmt, die
-Wangen in den Händen, wies lachend dem kichernden Ting-Fu den Schmelz
-ihrer Vorderzähne, indes Frau Stöhr, mit angezogenem Kinn über die
-vorgebogene Schulter kokettierend, den Staatsanwalt ans Leben zu fesseln
-suchte. Mit Frau Magnus war es dahin gekommen, daß sie auf Herrn Albins
-Schoß Platz genommen hatte und ihn an beiden Ohrläppchen zog, was aber
-Herr Magnus eher als Erleichterung zu empfinden schien. Anton
-Karlowitsch Ferge ward aufgefordert, die Geschichte seines Pleura-Choks
-zum besten zu geben, kam aber wegen Zungenschlages nicht zustande damit
-und erklärte ehrlich seinen Bankerott, der als Anlaß zum Trinken
-einstimmig ausgerufen wurde. Wehsal weinte vorübergehend bitterlich, aus
-irgendwelchen Elendstiefen, in welche seinen Mitmenschen Einblick zu
-eröffnen auch seine Zunge nicht mehr imstande war, wurde aber mit Kaffee
-und Kognak seelisch wieder auf die Beine gebracht und erregte übrigens
-durch das Gewimmer seiner Brust, durch sein runzelig bebendes Kinn, das
-von Tränen troff, das bedeutendste Interesse Peeperkorns, der mit
-erhobenem Zeigefinger und hochgezogenen Arabesken die allgemeine
-Aufmerksamkeit für Wehsals Zustand in Anspruch nahm.
-
-„Das ist –“, sagte er. „Das ist nun doch – Nein, erlauben Sie mir:
-Heilig! Trockne ihm das Kinn, mein Kind, nimm meine Serviette! Oder
-besser noch, nein, unterlaß es! Er selber verzichtet darauf. Meine
-Herrschaften, – heilig! Heilig in jederlei Sinn, im christlichen wie im
-heidnischen! Ein Urphänomen! Ein Phänomen vom ersten – vom obersten –
-Nein, nein, das ist – –“
-
-Auf dieses „Das ist“, „Das ist nun doch“ waren überhaupt die
-leitend-erläuternden Äußerungen gestimmt, mit denen er unter genauen,
-wenn auch nachgerade etwas burlesk gewordenen Kulturgebärden seine
-Veranstaltung begleitete. Er hatte eine Art, den Ring, den sein
-gekrümmter Zeigefinger mit dem Daumen bildete, über das Ohr
-emporzuhalten und das Haupt schief-scherzhaft davon abzuwenden, die
-Gefühle erweckte, wie etwa der bejahrte Priester eines fremden Kults sie
-erregen würde, der mit gerafften Gewändern und wunderlicher Grazie vor
-dem Opferaltar tanzte. Dann wieder, breit hingelagert in seiner
-Großartigkeit, den Arm um die benachbarte Stuhllehne geschlungen, zwang
-er alle zu ihrer Bestürzung, sich mit ihm in die lebendige und
-durchdringende Vorstellung des Morgens zu vertiefen, eines frostigen,
-dunklen Wintermorgens, wenn der gelbliche Schein unserer Nachttischlampe
-sich durch die Fensterscheibe hinausspiegelt zwischen kahles Geäst, das
-draußen in eisige, krähenschreiharte Nebelfrühe starrt ...
-Andeutungsweise wußte er diese nüchterne Alltagsanschauung so stark zu
-machen, daß alle erschauerten, besonders da er auch noch des eiskalten
-Wassers gedachte, das man sich etwa in solcher Frühe aus einem großen
-Schwamme über den Nacken drücke, und das er heilig nannte. Das war nur
-eine Abschweifung, eine beispielhafte Unterweisung in Dingen der
-Lebensaufmerksamkeit, ein phantastisches Impromptu, das er fallen ließ,
-um seine dienstliche Eindringlichkeit und Gefühlsgegenwart alsbald der
-festlich gelösten Nachtstunde wieder zuzuwenden. Er zeigte sich verliebt
-in all und jede erreichbare Weiblichkeit, wahllos und ohne Ansehen der
-Person. Er machte der Zwergin Anträge solcher Art, daß das krüppelhafte
-Wesen sein übergroßes, ältliches Gesicht in grinsende Falten legte,
-sagte der Stöhr Artigkeiten eines Kalibers, daß die ordinäre Frau ihre
-Schulter noch ärger vorbog und die Ziererei bis zur völligen
-Verrücktheit trieb, erbat sich von der Kleefeld einen Kuß auf seinen
-großen, zerrissenen Mund und scharmierte selbst mit der trostlosen Frau
-Magnus – dies alles unbeschadet seiner zärtlichen Ergebenheit gegen
-seine Reisebegleiterin, deren Hand er oft mit galanter Andacht an die
-Lippen führte. „Der Wein –“ sagte er – „Die Frauen – – Das ist – Das ist
-nun doch – Erlauben Sie mir – Weltuntergang – – Gethsemane – –“
-
-Gegen zwei Uhr flog die Nachricht auf, „der Alte“ – Hofrat Behrens also
-– nähere sich in Gewaltmärschen den Konversationsräumen. Panik wütete in
-demselben Augenblick unter der entnervten Gästeschaft. Stühle und
-Eiskübel stürzten. Man floh durch das Bibliothekszimmer. Peeperkorn, von
-königlichem Koller ergriffen bei der jähen Auflösung seines
-Lebensfestes, schlug wohl mit der Faust auf und sandte den
-Fortstiebenden etwas von „furchtsamen Sklaven“ nach, ließ sich aber dann
-durch Hans Castorp und Frau Chauchat bis zu einem gewissen Grade mit dem
-Gedanken versöhnen, daß dies Gastmahl, das an sechs Stunden gedauert
-hatte, ohnehin einmal sein Ende habe nehmen müssen, schenkte auch der
-Mahnung an das heilige Labsal des Schlafes sein Ohr und willigte ein,
-sich zu Bette geleiten zu lassen.
-
-„Stütze mich, mein Kind! Stütze mich andererseits, junger Mann!“ sagte
-er zu Frau Chauchat und Hans Castorp. So waren sie seinem schweren
-Körper beim Aufkommen vom Stuhle behilflich, boten ihm ihre Arme dar,
-und eingehängt in beide trat er breitbeinig, das mächtige Haupt auf eine
-seiner hochgezogenen Schultern geneigt und bald den einen, bald den
-anderen seiner Führer durch die Schwankungen seines Schrittes zur Seite
-drängend, den Weg zur Ruhe an. Im Grunde war es wohl ein königlicher
-Luxus, den er sich leistete, indem er sich dieser Art lotsen und stützen
-ließ. Wahrscheinlich hätte er, wenn es ihm darauf angekommen wäre, auch
-allein gehen können, – er verschmähte jedoch diese Anstrengung, die ja
-nur den kleinen und untergeordneten Sinn hätte haben können, seinen
-Rausch schamhaft zu verbergen, während er sich desselben offenbar nicht
-nur durchaus nicht schämte, sondern sich im Gegenteil groß und üppig
-darin gefiel und sich einen königlichen Spaß daraus machte, seine
-dienenden Führer schwankend nach rechts und links zu stoßen. Er selbst
-äußerte unterwegs:
-
-„Kinder, – Unsinn, – man ist natürlich gar nicht – Wenn diesen
-Augenblick – Ihr solltet sehen – Lächerlich –“
-
-„Lächerlich!“ bestätigte Hans Castorp. „Aber ohne jeden Zweifel! Man
-gibt der klassischen Lebensgabe das ihre, indem man sich freimütig
-schwanken läßt zu ihren Ehren. Dagegen im Ernst ... Ich habe doch auch
-mein Teil, aber trotz aller sogenannten Betrunkenheit bin ich mir klar
-bewußt, daß ich die besondere Ehre habe, eine ausgesprochene
-Persönlichkeit zu Bett zu bringen, so wenig vermag der Rausch sogar über
-mich, der ich doch in Hinsicht auf Format überhaupt gar nicht erst in
-Vergleich komme –“
-
-„Na, du, Schwätzerchen“, sagte Peeperkorn und stieß ihn wankend gegen
-das Treppengeländer, indem er Frau Chauchat mit sich zog.
-
-Ersichtlich war das Gerücht vom Nahen des Hofrats ein leerer
-Schreckschuß gewesen. Vielleicht hatte die müde Zwergin ihn abgegeben,
-um die Geselligkeit zu sprengen. Unter diesen Umständen blieb Peeperkorn
-stehen und wollte umkehren, um weiter zu trinken; aber von beiden Seiten
-wurde ihm in besserem Sinne zugeredet, und so ließ er sich wieder in
-Bewegung setzen.
-
-Der malaiische Kammerdiener, dies Männchen in weißer Krawatte und mit
-schwarzseidenen Schuhen an den Füßen, erwartete seinen Gebieter auf dem
-Korridor, vor der Tür des Appartements, und nahm ihn mit einer
-Verneigung in Empfang, zu der er eine Hand auf die Brust legte.
-
-„Küßt euch!“ gebot Peeperkorn. „Küsse diese reizende Frau zum Schluß auf
-die Stirn, junger Mann!“ sagte er zu Hans Castorp. „Sie wird nichts
-dagegen haben und es erwidern. Tut es auf mein Wohl und mit meiner
-Erlaubnis!“ sagte er; aber Hans Castorp weigerte sich dessen.
-
-„Nein, Eure Majestät!“ sagte er. „Entschuldigen Sie, das geht nicht.“
-
-Peeperkorn, an den Kammerdiener gelehnt, zog seine Arabesken hoch und
-verlangte zu wissen, warum das nicht gehe.
-
-„Weil ich mit Ihrer Reisebegleiterin keine Stirnküsse tauschen kann“,
-sagte Hans Castorp. „Ich wünsche recht wohl zu ruhen! Nein, das wäre,
-von allen Seiten gesehen, der reine Unsinn.“
-
-Und da auch Frau Chauchat schon auf ihre Zimmertür zuging, so ließ
-Peeperkorn den Widerspenstigen ziehen, indem er ihm freilich noch eine
-Weile über die eigene Schulter und die des Malaien mit angezogenem
-Faltenwerk nachblickte, erstaunt über eine Unbotmäßigkeit, auf die seine
-Herrschernatur nicht zu stoßen gewohnt sein mochte.
-
-
- Mynheer Peeperkorn (Des Weiteren)
-
-Mynheer Peeperkorn blieb in Haus Berghof während dieses ganzen Winters –
-soviel davon noch übrig war – und bis ins Frühjahr hinein, so daß es
-zuletzt noch zu einem recht denkwürdigen gemeinsamen Ausflug (auch
-Settembrini und Naphta waren dabei) ins Flüelatal und zum dortigen
-Wasserfall kam ... Zuletzt noch? Und danach blieb er also nicht länger?
-– Nein, länger nicht. – Er reiste ab? – Ja und nein. – Ja und nein?
-Bitte, keine Geheimniskrämerei! Man wird sich zu fassen wissen. Auch
-Leutnant Ziemßen ist gestorben, von so vielen minder ehrenhaften Tänzern
-des Todes ganz abgesehen. Der undeutliche Peeperkorn wurde also vom
-malignen Tropenfieber dahingerafft? – Nein, das wurde er nicht, aber
-wozu die Ungeduld? Daß nicht alles auf einmal da ist, bleibt als
-Bedingung des Lebens und der Erzählung zu achten, und man wird sich doch
-wohl gegen die gottgegebenen Formen menschlicher Erkenntnis nicht
-auflehnen wollen! Geben wir der Zeit wenigstens soviel Ehre, wie das
-Wesen unserer Geschichte uns noch erlaubt! Viel ist es ohnehin nicht
-mehr damit, es geht nachgerade holterdiepolter! oder, wenn das zu
-lärmend gesagt ist, es geht husch, husch! Ein Weiserchen mißt unsere
-Zeit, das trippelt, als ob es Sekunden mäße, während es jedesmal, Gott
-weiß, was, zu bedeuten hat, wenn es kaltblütig und ohne Aufenthalt durch
-seinen Höhepunkt geht. Schon Jahre, soviel ist sicher, sind wir hier
-oben, uns schwindelt, das ist ein Lastertraum ohne Opium und Haschisch,
-der Sittenrichter wird uns verurteilen, – und doch stellen wir der
-schlimmen Umnebelung absichtlich viel Verstandeshelligkeit und logische
-Schärfe entgegen! Nicht zufällig, das möge anerkannt werden, haben wir
-uns Köpfe wie die Herren Naphta und Settembrini zum Umgang erwählt,
-statt uns etwa gar mit lauter undeutlichen Peeperkorns zu umgeben, – und
-das führt nun freilich zu einem Vergleich, der in mancher Hinsicht und
-namentlich im Punkte des _Formats_ zugunsten dieser späten Erscheinung
-ausschlagen muß, wie er es denn auch in Hans Castorps Gedanken tat, wenn
-er in seiner Loge lag und sich gestand, daß die beiden überartikulierten
-Erzieher, die seine arme Seele in die Mitte genommen, neben Pieter
-Peeperkorn geradezu verzwergten, so daß er geneigt war, sie zu nennen,
-wie jener in königlich trunkener Neckerei ihn selbst genannt hatte,
-nämlich „Schwätzerchen“, und es sehr gut und glücklich hieß, daß die
-hermetische Pädagogik ihn auch mit einer ausgemachten Persönlichkeit
-noch in Berührung brachte.
-
-Daß diese Persönlichkeit als Clawdia Chauchats Reisebegleiter und also
-als gewaltige Störung auf den Plan trat, war ein Punkt für sich, durch
-den sich Hans Castorp in seinen Wertungen nicht beirren ließ. Er ließ
-sich, wiederholen wir, nicht beirren in seiner aufrichtig
-achtungsvollen, wenn auch zuweilen etwas kecken Teilnahme für einen Mann
-von Format, – nur weil dieser gemeinsame Reisekasse führte mit der Frau,
-von der Hans Castorp sich in der Faschingsnacht einen Bleistift
-geliehen. Das lag nicht in seiner Art, – wobei wir durchaus damit
-rechnen, daß mancher oder manche in unserem Zirkel Anstoß nehmen wird an
-solcher „Temperamentlosigkeit“ und es lieber sehen würde, wenn er
-Peeperkorn gehaßt und gemieden und innerlich von ihm nur als von einem
-alten Esel und kaudernden Trunkenbold gesprochen hätte, statt ihn zu
-besuchen, wenn er vom Wechselfieber gepackt war, an seinem Bette zu
-sitzen, mit ihm zu plaudern – ein Wort, das natürlich nur auf _seine_
-Beiträge zu den Gesprächen paßt, nicht auf die des großartigen
-Peeperkorn – und mit der Neugier eines Bildungsreisenden das Wesen der
-Persönlichkeit auf sich wirken zu lassen. Das aber tat er, und wir
-erzählen es, gleichgültig gegen die Gefahr, daß jemand sich dadurch an
-Ferdinand Wehsal erinnert finden könnte, der Hans Castorps Paletot
-getragen hatte. Diese Erinnerung hat nichts zu sagen. Unser Held war
-kein Wehsal. Elendstiefen waren nicht seine Sache. Er war nur eben kein
-„Held“, das heißt: er ließ sein Verhältnis zum Männlichen nicht durch
-die Frau bestimmen. Unserem Grundsatz getreu, ihn weder besser noch
-schlechter zu machen, als er war, stellen wir fest, daß er es einfach
-ablehnte – nicht bewußt und ausdrücklich, sondern ganz naiverweise es
-ablehnte, sich durch romanhafte Einflüsse um die Gerechtigkeit gegen das
-eigene Geschlecht bringen zu lassen – und um den Sinn für förderliche
-Bildungserlebnisse in dieser Sphäre. Das mag den Frauen mißfallen – wir
-glauben zu wissen, daß Frau Chauchat unwillkürlich Ärgernis daran nahm;
-eine oder die andere spitze Bemerkung, die sie sich entschlüpfen ließ,
-und die wir noch einrücken werden, ließ darauf schließen –, aber
-vielleicht war es diese Eigenschaft, die ihn zu einem so tauglichen
-Streitobjekt der Pädagogik machte.
-
-Pieter Peeperkorn lag viel krank, – daß er es gleich am Tage nach jenem
-ersten Karten- und Sektabend tat, konnte nicht wundernehmen. Fast alle
-Teilnehmer an der ausgedehnten und angespannten Geselligkeit waren übel
-daran, Hans Castorp nicht ausgenommen, der starke Kopfschmerzen hatte,
-sich aber durch diese Last nicht abhalten ließ, dem Gastgeber von
-gestern einen Krankenbesuch zu machen: Durch den Malaien, den er auf dem
-Korridor des ersten Stockwerks traf, ließ er das Anerbieten an
-Peeperkorn ergehen und wurde willkommen geheißen.
-
-Er betrat das zweibettige Schlafzimmer des Holländers durch einen Salon,
-der es von demjenigen Frau Chauchats trennte, und fand es vor dem
-Durchschnittstypus der Berghofgastzimmer ausgezeichnet durch
-Geräumigkeit und Eleganz der Ausstattung. Es gab da seidene Fauteuils
-und Tische mit geschweiften Beinen; ein weicher Teppich bedeckte den
-Boden, und auch die Betten waren nicht vom Schlage gewöhnlicher
-hygienischer Totenbetten, sie waren sogar prachtvoll: aus poliertem
-Kirschholz mit Messingbeschlägen und hatten einen kleinen gemeinsamen
-Himmel – ohne Gardinengehänge –, es war eben nur ein kleiner, schirmend
-vereinigender Baldachin.
-
-Peeperkorn lag in der einen der beiden Bettstätten, Bücher, Briefe und
-Zeitungen auf der rotseidenen Steppdecke, und las durch seinen
-hochragenden Hornzwicker den „Telegraaf“. Kaffeegeschirr stand auf einem
-Stuhle neben ihm und eine halbgeleerte Rotweinflasche – es war der naiv
-Spritzige von gestern Abend – neben Medizingläsern auf dem
-Nachttischchen. Der Holländer trug zu Hans Castorps bescheidenem
-Befremden kein weißes Hemd, sondern ein wollenes mit langen Ärmeln, das
-an den Handgelenken geknöpft und ohne Halskragen war, rund
-ausgeschnitten vielmehr, den breiten Schultern und der mächtigen Brust
-des alten Mannes glatt anliegend: Die menschliche Großartigkeit seines
-Hauptes auf dem Kissen ward noch gehoben, dem Bürgerlichen
-entrückt durch diese Tracht, die seiner Erscheinung ein teils
-volkstümlich-arbeitermäßiges, teils verewigt-büstenartiges Gepräge
-verlieh.
-
-„Durchaus, junger Mann“, sagte er, indem er den Hornzwicker am hohen
-Bügel ergriff und ihn abhob. „Ich bitte sehr, – keineswegs. Im
-Gegenteil.“ Und Hans Castorp setzte sich zu ihm und verbarg seine
-teilnehmende Verwunderung – wenn nicht gar wirkliche Bewunderung das
-Gefühl war, zu dem seine Gerechtigkeit ihn nötigte – hinter freundlich
-aufgewecktem Geschwätz, dem Peeperkorn mit großartigen Abgerissenheiten
-und eindringlichstem Gestenspiel sekundierte. Er sah nicht gut aus,
-gelb, recht leidend und mitgenommen. Gegen Morgen hatte er einen starken
-Fieberanfall gehabt, dessen Mattigkeitsfolgen sich nun mit den Nachwehen
-des Rausches verbanden.
-
-„Wir haben es gestern arg –“, sagte er. „Nein, erlauben Sie, – schlimm
-und arg! Sie sind noch – gut, da hat es nichts weiter – Allein in meinen
-Jahren und bei meiner gefährdeten – Mein Kind“, wandte er sich mit
-zarter, aber entschiedener Strenge an die eben vom Salon her eintretende
-Frau Chauchat, „– alles gut, aber ich wiederhole Ihnen, daß besser hätte
-achtgegeben, daß man mich hätte hindern müssen –.“ Fast etwas wie
-aufziehender Königskoller war in seinen Mienen und seiner Stimme bei
-diesen Worten. Aber man brauchte sich ja nur vorzustellen, was für ein
-Wetter erst ausgebrochen wäre, wenn man ihn ernstlich im Trinken hätte
-stören wollen, um die ganze Unbilligkeit und Unvernunft seines Vorwurfs
-zu ermessen. Dergleichen gehört wohl zur Größe. Seine Reisebegleiterin
-ging denn auch drüber hin, indem sie Hans Castorp, der sich erhoben
-hatte, begrüßte, – übrigens ohne ihm die Hand zu reichen, sondern nur
-mit Lächeln und Winken und der Aufforderung, „doch nur ja“ Platz zu
-behalten, sich „doch nur ja nicht“ in seinem _tête à tête_ mit Mynheer
-Peeperkorn stören zu lassen ... Sie machte sich dies und jenes im Zimmer
-zu schaffen, wies den Kammerdiener an, das Kaffeegeschirr fortzuräumen,
-verschwand auf eine Weile und kehrte auf leisen Sohlen wieder, um im
-Stehen sich ein wenig an dem Gespräch zu beteiligen, oder – wenn wir
-Hans Castorps unbestimmten Eindruck wiedergeben sollen – um es ein wenig
-zu überwachen. Natürlich! Sie konnte in Verbindung mit einer
-Persönlichkeit großen Formats wieder nach Haus Berghof zurückkehren;
-aber wenn derjenige, der hier so lange auf sie gewartet hatte, dann der
-Persönlichkeit die schuldige Reverenz erwies, von Mann zu Mann, so legte
-sie Unruhe und selbst Spitzigkeit an den Tag, mit ihrem „doch nur ja“
-und „nur ja nicht“. Hans Castorp lächelte darüber, indem er sich über
-seine Knie beugte, um das Lächeln zu verbergen, und erglühte
-gleichzeitig innerlich vor Freude.
-
-Er bekam ein Glas Wein eingeschenkt von Peeperkorn, aus der Flasche vom
-Nachttisch. Unter Umständen, wie den heutigen, meinte der Holländer, sei
-es das beste, da wieder anzuschließen, wo man nachts zuvor aufgehört
-habe, und dieser Spritzige tue ja dieselben Dienste wie Sodawasser. Er
-stieß mit Hans Castorp an, und dieser sah trinkend zu, wie die
-sommersprossig-nagelspitze Kapitänshand dort drüben, von dem Knopfbunde
-des wollenen Hemdes am Gelenke umspannt, das Glas emporführte, wie die
-breiten, zerrissenen Lippen seinen Rand erfaßten und der Wein durch die
-auf- und niedersteigende Arbeiter- oder Büstengurgel trieb. Sie sprachen
-dann noch über das Medikament auf dem Nachttisch, diesen braunen Saft,
-von dem Peeperkorn auf Frau Chauchats Mahnung und aus ihrer Hand einen
-Löffel voll einnahm, – es war ein Antipyretikum, Chinin im wesentlichen;
-Peeperkorn gab seinem Gast ein wenig davon zu probieren, um ihn den
-charaktervollen, bitter-würzigen Geschmack des Präparats erfahren zu
-lassen, und äußerte dann mehreres zum Lobe des Chinins, das segensreich
-nicht nur durch seine keimzerstörende Wirkung und seinen heilsamen
-Einfluß auf das Wärmezentrum sei, sondern auch als Tonikum gewürdigt
-werden müsse: es vermindere den Eiweißumsatz, fördere den
-Ernährungszustand, kurz, sei ein echter Labetrank, ein herrliches
-Stärkungs-, Erweckungs- und Belebungsmittel, – ein Rauschmittel übrigens
-ebenfalls; man könne sich leicht einen kleinen Spitz oder Zopf daran
-trinken, sagte er, indem er wie gestern mit Fingern und Kopf großartig
-scherzte und wieder dem tanzenden Heidenpriester dabei glich.
-
-Ja, ein herrlicher Körper, die Fieberrinde! – es waren übrigens noch
-keine dreihundert Jahre, daß die Pharmakologie unseres Erdteils Kunde
-davon gewonnen, und noch kein Jahrhundert, daß die Chemie das Alkaloid,
-worauf seine Tugenden eigentlich beruhten, das Chinin also, entdeckt
-hatte – entdeckt und bis zu einem gewissen Grade analysiert; denn daß
-sie aus seiner Konstitution bis jetzt so recht klug geworden wäre oder
-imstande sei, es künstlich herzustellen, konnte die Chemie nicht
-behaupten. Unsere Arzneimittelkunde tat überall gut, sich ihres Wissens
-nicht lästerlich zu überheben, denn wie mit dem Chinin erging es ihr mit
-so manchem: Sie wußte dies und das von der Dynamik, den Wirkungen der
-Stoffe, allein die Frage, worauf denn diese Wirkungen genau genommen
-zurückzuführen seien, setzte sie oft genug in Verlegenheit. Der junge
-Mann mochte sich doch in der Giftkunde umsehen, – über die elementaren
-Eigenschaften, die die Wirkungen der sogenannten Giftstoffe bedingten,
-würde niemand ihm Auskunft geben. Da waren zum Exempel die
-Schlangengifte, – über welche nicht mehr bekannt war, als daß diese
-tierischen Stoffe einfach in die Reihe der Eiweißverbindungen gehörten,
-aus verschiedenen Eiweißkörpern bestünden, die aber nur in dieser
-bestimmten – nämlich durchaus unbestimmten – Zusammensetzung ihre
-fulminanten Wirkungen taten: in den Blutkreislauf gebracht, Effekte
-zeitigten, über die man sich nur verwundern konnte, da man Eiweiß auf
-Gift nicht zu reimen gewohnt war. Aber mit der Welt der Stoffe, sagte
-Peeperkorn, indem er neben seinem blaßäugig vom Kissen aufgerichteten
-Haupt mit den Stirnarabesken den Exaktheitsring und die Lanzen seiner
-Finger emporhielt, – mit den Stoffen stehe es so, daß alle Leben und Tod
-auf einmal bärgen: alle seien Ptisanen und Gifte zugleich,
-Heilmittelkunde und Toxikologie seien ein und dasselbe, an Giften genese
-man, und was für des Lebens Träger gelte, töte unter Umständen mit einem
-einzigen Krampfschlage in Sekundenfrist.
-
-Er sprach sehr eindringlich und ungewöhnlich zusammenhängend von den
-Ptisanen und Giften, und Hans Castorp hörte ihm mit schrägem Kopfe
-nickend zu, beschäftigt weniger mit dem Inhalt seiner Reden, der ihm am
-Herzen zu liegen schien, als mit dem stillen Erkunden seiner
-Persönlichkeitswirkung, die letzten Endes ebenso unerklärlich war wie
-die Wirkung der Schlangengifte. Dynamik, sagte Peeperkorn, sei alles in
-der Welt der Stoffe, – das Weitere sei völlig bedingt. Auch das Chinin
-sei ein Heilgift, kraftvoll in erster Linie. Vier Gramm davon machten
-taub, schwindelig, kurzatmig, brächten Sehstörungen hervor wie Atropin,
-berauschten wie Alkohol, und die Arbeiter in Chininfabriken hätten
-entzündete Augen und geschwollene Lippen, litten an Hautausschlägen. Und
-er fing an, von der Cinchona, dem Chinabaum, zu erzählen, von den
-Urwäldern der Kordilleren, wo er in dreitausend Meter Höhe seine Heimat
-habe, und von wo seine Rinde als „Jesuitenpulver“ so spät nach Spanien
-gekommen sei, – den Eingeborenen Südamerikas in ihren Kräften seit
-langem bekannt; er schilderte die gewaltigen Cinchonaplantagen der
-niederländischen Regierung auf Java, von wo alljährlich viele Millionen
-Pfund der rötlich zimtähnlichen Rindenröhren nach Amsterdam und London
-verschifft würden ... Die Rinden überhaupt, das Rindengewebe der
-Holzgewächse, von der Epidermis bis zum Cambium, – sie hätten es in
-sich, sagte Peeperkorn, fast immer besäßen sie außerordentliche
-dynamische Tugenden, im Guten wie im Bösen, – die Drogenkunde der
-farbigen Völker sei der unsrigen da weit überlegen. Auf einigen Inseln
-östlich von Neuguinea bereiteten sich die jungen Leute einen
-Liebeszauber, indem sie die Rinde eines bestimmten Baumes, der
-wahrscheinlich ein Giftbaum sei, wie der _Antiaris toxicaria_ von Java,
-der gleich dem Manzanillabaum durch seine Ausdünstung die Luft rings um
-sich her vergiften und Mensch und Tier zu Tode betäuben solle, – indem
-sie also die Rinde dieses Baumes zu Pulver zerrieben, das Pulver mit
-Kokosnußschnitzeln vermischten, die Mischung in ein Blatt rollten und
-brieten. Sie spritzten dann den Saft des Gemengsels der Spröden, der es
-gelte, im Schlaf ins Gesicht, und sie entbrenne für den, der gespritzt
-habe. Zuweilen sei es die Wurzelrinde, die es in sich habe, wie
-diejenige einer Schlingpflanze des Malaiischen Archipels, Strychnos
-Tieuté genannt, aus der die Eingeborenen unter Beigabe von Schlangengift
-das Upas-Radscha bereiteten, eine Droge, die, in die Blutbahn gebracht,
-z. B. durch Pfeilschuß, aufs allerschnellste den Tod herbeiführe, ohne
-daß jemand dem jungen Hans Castorp würde zu sagen wissen, wie das
-eigentlich geschähe. Nur so viel sei deutlich, daß das Upas in
-dynamischer Beziehung dem Strychnin nahe stehe ... Und Peeperkorn, im
-Bette nun vollends aufgerichtet und dann und wann mit leicht zitternder
-Kapitänshand das Weinglas zu seinen zerrissenen Lippen führend, um
-große, durstige Züge zu nehmen, erzählte vom Krähenaugenbaum der
-Koromandelküste, aus dessen orangegelben Beeren, den „Krähenaugen“, das
-allerdynamischste Alkaloid, Strychnin geheißen, gewonnen werde, –
-erzählte mit flüsternd herabgesetzter Stimme und hochgezogener
-Stirnlineatur von dem aschgrauen Geäst, dem auffallend glänzenden
-Blätterwerk und den gelbgrünen Blüten dieses Baumes, so daß dem jungen
-Hans Castorp ein zugleich tristes und hysterisch-buntfarbiges Bild von
-einem Baume vor Augen stand und ihm alles in allem etwas unheimlich
-zumute wurde.
-
-Auch mischte denn jetzt Frau Chauchat sich ein, indem sie sagte, es sei
-nicht gut, die Unterhaltung ermüde Peeperkorn, er könne aufs neue Fieber
-davon haben, und wie ungern immer sie die Entrevue unterbreche, so müsse
-sie Hans Castorp nun doch bitten, es für diesmal genug sein zu lassen.
-Das tat er natürlich, aber noch oft, nach einem Quartananfall, saß er in
-den nächsten Monaten an des königlichen Mannes Bett, während Frau
-Chauchat, das Gespräch leicht überwachend oder sich auch mit einigen
-Worten daran beteiligend, hin und wider ging; und auch in Peeperkorns
-fieberfreien Tagen verbrachte er manche Stunde mit ihm und seiner
-perlengeschmückten Reisebegleiterin. Denn wenn der Holländer nicht
-bettlägerig war, versäumte er selten, nach dem Diner eine kleine,
-wechselnd zusammengesetzte Auswahl der Berghof-Gästeschaft zu Spiel und
-Wein und allerhand weiteren Labungen um sich zu versammeln, sei es im
-Konversationszimmer, wie das erstemal, oder im Restaurant, wobei denn
-Hans Castorp gewohnheitsmäßig seinen Platz zwischen der lässigen Frau
-und dem großartigen Manne hatte; und selbst im Freien bewegte man sich
-miteinander, machte Spaziergänge zusammen, an denen etwa die Herren
-Ferge und Wehsal sich beteiligten und bald auch Settembrini und Naphta,
-die Widersacher im Geiste, denen zu begegnen man nicht hatte verfehlen
-können, und die mit Peeperkorn, wie zugleich denn endlich auch mit
-Clawdia Chauchat bekannt zu machen, Hans Castorp sich geradezu glücklich
-schätzte, – vollständig unbekümmert darum, ob diese Bekanntschaft und
-Verbindung den Disputanten willkommen war oder nicht und in dem stillen
-Vertrauen darauf, daß sie eines pädagogischen Objektes bedurften und
-lieber einen unwillkommenen Anhang in Kauf nehmen, als darauf verzichten
-würden, ihre Gegensätze vor ihm auszutragen.
-
-Er täuschte sich denn auch nicht darin, daß die Mitglieder seines
-buntscheckigen Freundeskreises sich wenigstens daran gewöhnen würden,
-daß sie sich nicht aneinander gewöhnten: Spannungen, Fremdheiten, sogar
-stille Feindseligkeit gab es selbstverständlich genug zwischen ihnen,
-und wir wundern uns selbst, wie es unserem unbedeutenden Helden gelingen
-mochte, sie um sich zusammenzuhalten, – wir erklären es uns mit einer
-gewissen verschmitzten Lebensfreundlichkeit seines Wesens, die ihn alles
-„hörenswert“ finden ließ, und die man Verbindlichkeit selbst in dem
-Sinne nennen könnte, daß sie nicht nur ihm die ungleichartigsten
-Personen und Persönlichkeiten, sondern bis zu einem gewissen Grade sogar
-diese untereinander verband.
-
-Wunderlich hin und her laufende Beziehungen! Es reizt uns, ihre
-verschlungenen Fäden einen Augenblick allgemein sichtbar zu machen, so,
-wie Hans Castorp selbst sie auf diesen Spaziergängen verschmitzten und
-lebensfreundlichen Auges betrachtete. Da war der elende Wehsal, der Frau
-Chauchats schwelend begehrte und Peeperkorn und Hans Castorp niedrig
-verehrte, den einen um der herrschenden Gegenwart, den anderen um der
-Vergangenheit willen. Da war Clawdia Chauchat ihrerseits, die anmutig
-weich schreitende Kranke und Reisende, die Hörige Peeperkorns, und zwar
-gewiß aus Überzeugung, gleichwohl aber immer etwas beunruhigt und
-innerlich spitzig, den Ritter einer fernen Faschingsnacht auf so gutem
-Fuße mit ihrem Gebieter zu sehen. Erinnerte diese Irritation nicht in
-etwas an diejenige, die ihr Verhältnis zu Herrn Settembrini bestimmte?
-Zu diesem Schönredner und Humanisten, den sie nicht leiden konnte und
-den sie hochmütig und unmenschlich nannte? Zu des jungen Hans Castorp
-erzieherischem Freunde, den sie gar zu gern darüber zur Rede gestellt
-hätte, was für Worte es gewesen seien, die er in seinem mediterranen
-Idiom, wovon sie so wenig eine Silbe verstand wie er von dem ihren, nur
-mit weniger sicherer Geringschätzung, dem konvenablen jungen Deutschen
-nachgesandt hatte, diesem hübschen kleinen Bourgeois von guter Familie
-und mit einer feuchten Stelle, als er damals im Begriffe gewesen war,
-sich ihr zu nähern? Hans Castorp, verliebt, wie man zu sagen pflegt
-„über beide Ohren“, doch nicht im vergnügten Sinn dieser Redensart,
-sondern so, wie man liebt, wenn der Fall verboten und unvernünftig liegt
-und sich keine friedlichen kleinen Lieder des Flachlandes darauf singen
-lassen, – arg verliebt also und damit abhängig, unterworfen, leidend und
-dienend, war doch der Mann, in der Sklaverei sich hinlängliche
-Verschmitztheit zu bewahren, um ganz gut zu wissen, welchen Wert seine
-Ergebenheit für die schleichende Kranke mit den bezaubernden
-Tatarenschlitzen etwa haben und behalten mochte: einen Wert, auf den
-sie, wie er bei sich in aller leidenden Unterworfenheit hinzufügte,
-aufmerksam gemacht werden konnte durch das Verhalten Herrn Settembrinis
-zu ihr, das ihren Argwohn nur zu offen bestätigte, nämlich so ablehnend
-war, wie humanistische Höflichkeit es nur irgend gestattete. Das
-Schlimme, oder, in Hans Castorps Augen, eher Vorteilhafte war, daß sie
-in ihren Beziehungen zu Leo Naphta, auf die sie doch Hoffnungen gesetzt,
-die rechte Entschädigung auch nicht fand. Zwar stieß sie hier nicht auf
-jene grundsätzliche Verneinung, die Herr Lodovico ihrem Wesen
-entgegensetzte, und die Gesprächsbedingungen lagen günstiger: sie
-unterhielten sich zuweilen gesondert, Clawdia und der scharfe Kleine,
-über Bücher, über Probleme der politischen Philosophie, in deren
-radikaler Behandlung sie übereinstimmten; und Hans Castorp nahm
-treuherzig teil daran. Aber eine gewisse aristokratische Einschränkung
-des Entgegenkommens, das der Emporkömmling, vorsichtig wie alle
-Emporkömmlinge, ihr bezeigte, mochte ihr doch bemerklich werden; sein
-spanischer Terrorismus stimmte im Grunde mit ihrer türenwerfend
-vagierenden „Mähnschlichkeit“ wenig überein; und hinzu kam als Letztes
-und Feinstes eine leichte, schwer greifbare Gehässigkeit, die sie mit
-weiblichem Spürsinn von seiten _beider_ Widersacher, Settembrinis und
-Naphtas, sich mußte entgegenwehen fühlen (so gut, wie ihr
-Faschingsritter selber sie wehen fühlte), und die ihren Grund in den
-Beziehungen beider zu ihm, Hans Castorp, hatte: die Mißstimmung des
-Erziehers gegen die Frau als störendes und ablenkendes Element, diese
-stille und ursprüngliche Gegnerschaft, die sie vereinigte, weil ihre
-pädagogisch verdichtete Zwietracht sich darin aufhob.
-
-Spielte nicht etwas von dieser Feindseligkeit auch in das Verhalten der
-beiden Dialektiker zu Pieter Peeperkorn hinein? Hans Castorp glaubte es
-zu bemerken, vielleicht weil er es boshafterweise erwartet hatte und im
-ganzen nicht wenig begierig gewesen war, den königlichen Stammler mit
-seinen beiden „Regierungsräten“, wie er sie bei sich manchmal witzweise
-nannte, zusammenzubringen und den Effekt zu studieren. Mynheer wirkte im
-Freien nicht ganz so großartig wie in geschlossenem Raum. Der weiche
-Filzhut, den er tief in die Stirn gerückt trug, und der sein weißes
-Flammenhaar, seine mächtige Stirnlineatur bedeckte, verkleinerte seine
-Züge, ließ sie gleichsam zusammenschrumpfen und setzte selbst seine
-gerötete Nase in ihrer Majestät herab. Auch war sein Gehen weniger gut
-als sein Stehen: Er hatte die Gewohnheit, bei jedem seiner kurzen
-Schritte den ganzen schweren Körper und sogar auch den Kopf etwas
-seitwärts fallen zu lassen nach der Seite des Fußes, den er eben
-vorwärts setzte, was eher gutmütig-greisenhaft als königlich anmutete;
-ging auch meist nicht zu voller Größe aufgerichtet, wie er stand,
-sondern etwas zusammengesunken. Aber auch so noch überragte er Herrn
-Lodovico sowohl wie nun gar den kleinen Naphta um Haupteslänge, – und
-das war es nicht allein, weshalb seine Gegenwart so sehr, vollkommen so
-sehr, wie Hans Castorp es einbildungsweise vorweggenommen, auf die
-Existenz der beiden Politiker drückte.
-
-Das war ein Druck, eine Herabminderung und Beeinträchtigung durch den
-Vergleich, – fühlbar dem durchtriebenen Beobachter, fühlbar aber ohne
-Zweifel auch den Beteiligten, sowohl den schmächtig Überartikulierten
-wie dem großartig Stammelnden. Peeperkorn behandelte Naphta und
-Settembrini überaus höflich und aufmerksam, mit einem Respekt, den Hans
-Castorp ironisch genannt haben würde, wenn ihn nicht volle Einsicht in
-die Unvereinbarkeit dieses Begriffes mit dem des großen Formats daran
-gehindert hätte. Könige kennen keine Ironie, – nicht einmal im Sinn
-eines geraden und klassischen Mittels der Redekunst, geschweige in einem
-verwickelteren Sinn. Und so war es denn eher eine zugleich feine und
-großartige Spötterei zu nennen, was, unter leicht übertriebenem Ernst
-verborgen oder offen zutage liegend, des Holländers Benehmen gegen
-Hansens Freunde kennzeichnete. „Ja – ja – ja –!“ konnte er wohl sagen,
-indem er mit dem Finger nach ihrer Seite drohte, den Kopf mit scherzhaft
-lächelnden zerrissenen Lippen abgewandt. „Das ist – Das sind –. Meine
-Herrschaften, ich lenke Ihre Aufmerksamkeit – – Cerebrum, cerebral,
-verstehen Sie! Nein – nein, perfekt, außerordentlich, das ist, da zeigt
-sich denn doch – –.“ Sie rächten sich, indem sie Blicke tauschten, die
-nach der Begegnung verzweifelt himmelwärts wanderten, und in die sie
-auch Hans Castorp hineinzuziehen trachteten, was er aber ablehnte.
-
-Es kam vor, daß Herr Settembrini den Schüler direkt zur Rede stellte und
-so seine pädagogische Unruhe bekundete.
-
-„Aber, in Gottes Namen, Ingenieur, das ist ja ein dummer alter Mann! Was
-finden Sie an ihm? Kann er Sie fördern? Mir steht der Verstand still!
-Alles wäre klar – ohne eben lobenswert zu sein –, wenn Sie ihn in den
-Kauf nähmen, wenn Sie in seiner Gesellschaft nur die seiner
-gegenwärtigen Geliebten suchten. Aber es ist unmöglich, nicht zu sehen,
-daß Sie sich beinahe mehr um ihn kümmern, als um sie. Ich beschwöre Sie,
-kommen Sie meinem Verständnis zu Hilfe ...“
-
-Hans Castorp lachte. „Durchaus!“ sagte er. „Perfekt! Es ist nun einmal –
-Erlauben Sie mir – Gut!“ Und er suchte auch Peeperkorns Kulturgebärden
-zu kopieren. „Ja, ja“, lachte er weiter, „Sie finden das dumm, Herr
-Settembrini, und jedenfalls ist es undeutlich, was in Ihren Augen wohl
-schlimmer ist, als dumm. Ach, Dummheit. Es gibt so viele verschiedene
-Arten von Dummheit, und die Gescheitheit ist nicht die beste davon ...
-Hallo! Da habe ich was geprägt, glaube ich, ein Wort, ein mot. Wie
-gefällt es Ihnen?“
-
-„Sehr gut. Ich sehe erwartungsvoll Ihrer ersten Aphorismensammlung
-entgegen. Vielleicht ist es noch Zeit, Sie zu bitten, daß Sie darin
-gewissen Betrachtungen Rechnung tragen, die wir gelegentlich über das
-menschenfeindliche Wesen des Paradoxons angestellt haben.“
-
-„Soll geschehen, Herr Settembrini. Soll absolut geschehen. Nein, Sie
-sehen mich gar nicht auf der Jagd nach Paradoxen mit meinem _mot_. Es
-war mir nur darum zu tun, auf die großen Schwierigkeiten hinzuweisen,
-die die Bestimmung von ‚Dummheit‘ und ‚Gescheitheit‘ ... bereitet. Also:
-bereitet, nicht wahr? Das ist so schwer auseinander zu halten, das geht
-so sehr ineinander über ... Ich weiß wohl, Sie hassen das mystische
-_guazzabuglio_ und sind für den Wert, das Urteil, das Werturteil, und da
-gebe ich Ihnen ganz recht. Aber das mit der ‚Dummheit‘ und der
-‚Gescheitheit‘, das ist zuweilen ein komplettes Mysterium, und es muß
-doch erlaubt sein, sich um Mysterien zu kümmern, vorausgesetzt, daß das
-ehrliche Bestreben vorhanden ist, ihnen nach Möglichkeit auf den Grund
-zu kommen. Ich frage Sie folgendes. Ich frage Sie: Können Sie leugnen,
-daß er uns alle in die Tasche steckt? Ich drücke es derb aus, und doch
-können Sie es, soviel ich sehe, nicht leugnen. Er steckt uns in die
-Tasche, und irgendwoher kommt ihm das Recht zu, sich über uns lustig zu
-machen. Woher? Wieso? Inwiefern? Natürlich nicht vermöge seiner
-Gescheitheit. Ich gebe zu, daß von Gescheitheit kaum die Rede sein kann.
-Er ist ja vielmehr ein Mann der Undeutlichkeit und des Gefühls,
-das Gefühl ist geradezu seine Puschel, – verzeihen Sie den
-umgangssprachlichen Ausdruck! Ich sage also: Nicht vor Gescheitheit
-steckt er uns in die Tasche, das heißt nicht aus geistigen Gründen, –
-Sie würden sich das verbitten, und wirklich, es scheidet aus. Aber doch
-auch nicht aus körperlichen! Doch nicht seiner Kapitänsschultern wegen,
-in Hinsicht auf rohe Brachialgewalt und weil er jeden von uns mit der
-Faust niederstrecken könnte, – er denkt gar nicht daran, daß er das
-könnte, und wenn er mal daran denkt, so genügen ein paar zivilisierte
-Worte, um ihn zu beschwichtigen ... Also auch nicht aus körperlichen.
-Und doch spielt ganz ohne Zweifel das Körperliche eine Rolle dabei, –
-nicht im brachialen Sinne, sondern in einem andern, im mystischen, –
-sobald das Körperliche eine Rolle spielt, wird die Sache mystisch –; und
-das Körperliche geht ins Geistige über, und umgekehrt, und sind nicht zu
-unterscheiden, und Dummheit und Gescheitheit sind nicht zu
-unterscheiden, aber die Wirkung ist da, das Dynamische, und wir werden
-in die Tasche gesteckt. Und dafür ist uns nur ein Wort an die Hand
-gegeben, und das heißt ‚Persönlichkeit‘. Man braucht es wohl auch
-vernünftigerweise, so, wie wir alle Persönlichkeiten sind, – moralische
-und juristische und was noch für Persönlichkeiten. Aber nicht so ist es
-hier gemeint. Sondern als ein Mysterium, das über Dummheit und
-Gescheitheit hinausliegt, und um das man sich doch muß kümmern dürfen, –
-teils um ihm nach Möglichkeit auf den Grund zu kommen und teils, soweit
-das nicht möglich ist, um sich daran zu erbauen. Und wenn Sie für Werte
-sind, so ist die Persönlichkeit am Ende doch auch ein positiver Wert,
-sollte ich denken, – positiver als Dummheit und Gescheitheit, im
-höchsten Grade positiv, _absolut_ positiv, wie das Leben, kurzum: ein
-Lebenswert und ganz danach angetan, sich angelegentlich darum zu
-kümmern. Das meinte ich Ihnen erwidern zu sollen auf das, was Sie von
-Dummheit sagten.“
-
-Neuerdings verwirrte und verhaspelte Hans Castorp sich nicht mehr bei
-solchen Expektorationen und blieb nicht stecken. Er sprach seinen Part
-zu Ende, ließ die Stimme sinken, machte Punktum und ging seines Weges
-wie ein Mann, obgleich er noch immer rot dabei wurde und eigentlich
-etwas Furcht hatte vor dem kritischen Schweigen, das seinem Verstummen
-folgen würde, damit er Zeit habe, sich zu schämen. Herr Settembrini ließ
-es walten, dieses Schweigen, und sagte dann:
-
-„Sie leugnen, sich auf der Jagd nach Paradoxen zu befinden. Unterdessen
-wissen Sie genau, daß ich Sie ebenso ungern auf der Jagd nach Mysterien
-sehe. Indem Sie aus der Persönlichkeit ein Geheimnis machen, laufen Sie
-Gefahr, der Götzenanbetung zu verfallen. Sie venerieren eine Maske. Sie
-sehen Mystik, wo es sich um Mystifikation handelt, um eine
-jener betrügerischen Hohlformen, mit denen der Dämon des
-Körperlich-Physiognomischen uns manchmal zu foppen liebt. Sie haben nie
-in Schauspielerkreisen verkehrt? Sie kennen nicht diese Mimenköpfe, in
-denen sich die Züge Julius Cäsars, Goethes und Beethovens vereinigen,
-und deren glückliche Besitzer, sobald sie den Mund auftun, sich als die
-erbärmlichsten Tröpfe unter der Sonne erweisen?“
-
-„Gut, ein Naturspiel“, sagte Hans Castorp. „Aber doch nicht nur ein
-Naturspiel, nicht nur Fopperei. Denn da diese Leute Schauspieler sind,
-müssen sie ja Talent haben, und das Talent ist selbst über Dummheit und
-Gescheitheit hinaus, es ist selbst ein Lebenswert. Mynheer Peeperkorn
-hat auch Talent, sagen Sie, was Sie wollen, und damit steckt er uns in
-die Tasche. Setzen Sie in eine Ecke eines Zimmers Herrn Naphta und
-lassen Sie ihn einen Vortrag über Gregor den Großen und den Gottesstaat
-halten, höchst hörenswert, – und in der andern Ecke steht Peeperkorn mit
-seinem sonderbaren Mund und seinen hochgezogenen Stirnfalten und sagt
-nichts als ‚Durchaus! Erlauben Sie mir – Erledigt!‘ – Sie werden sehen,
-die Leute werden sich um Peeperkorn versammeln, alle um ihn, und Naphta
-wird ganz allein dasitzen mit seiner Gescheitheit und seinem
-Gottesstaat, obgleich er sich dermaßen deutlich ausdrückt, daß es einem
-durch Mark und Pfennig geht, wie Behrens zu sagen pflegt ...“
-
-„Schämen Sie sich der Erfolgsanbetung!“ mahnte ihn Herr Settembrini.
-„_Mundus vult decipi._ Ich verlange nicht, daß man sich um Herrn Naphta
-schart. Er ist ein arger Quertreiber. Aber ich bin geneigt, auf seine
-Seite zu treten angesichts der imaginären Szene, die Sie mit
-tadelnswertem Beifall ausmalen. Verachten Sie nur das Distinkte, Präzise
-und Logische, das human zusammenhängende Wort! Verachten Sie es zu Ehren
-irgendeines Hokuspokus von Andeutung und Gefühlsscharlatanerie, – und
-der Teufel hat Sie schon unbedingt ...“
-
-„Aber ich versichere Sie, er kann oft ganz zusammenhängend sprechen,
-wenn er warm wird“, sagte Hans Castorp. „Er hat mir gelegentlich von
-dynamischen Drogen und asiatischen Giftbäumen erzählt, so interessant,
-daß es fast unheimlich war – das Interessante ist immer etwas unheimlich
-– und interessant war es wieder nicht so sehr an und für sich, als
-eigentlich nur im Zusammenhang mit seiner Persönlichkeitswirkung: die
-machte es zugleich unheimlich und interessant ...“
-
-„Natürlich, Ihre Schwäche für das Asiatische ist bekannt. In der Tat,
-mit solchen Wundern kann ich nicht aufwarten“, erwiderte Herr
-Settembrini mit soviel Bitterkeit, daß Hans Castorp eilig erklärte, die
-Vorzüge seiner Unterhaltung und Belehrung lägen selbstverständlich nach
-einer ganz anderen Seite hin, und es komme niemandem in den Sinn,
-Vergleiche anzustellen, durch die beiden Teilen Unrecht geschehen würde.
-Doch der Italiener überhörte und verschmähte die Höflichkeit. Er fuhr
-fort:
-
-„Auf jeden Fall müssen Sie erlauben, daß man Ihre Sachlichkeit und
-Gemütsruhe bewundert, Ingenieur. Sie streift ein wenig das Groteske, das
-werden Sie einräumen. Wie schließlich alles steht und liegt ... Dieser
-Ölgötze hat Ihnen Ihre Beatrice weggenommen, – ich nenne die Dinge bei
-ihrem Namen. Und Sie? Es ist beispiellos.“
-
-„Temperamentsunterschiede, Herr Settembrini. Unterschiede in Hinsicht
-auf Hitze und Ritterlichkeit des Geblütes. Natürlich, Sie als Mann des
-Südens, Sie würden wohl Gift und Dolch zu Rate ziehen oder jedenfalls
-die Sache gesellschaftlich-leidenschaftlich gestalten, kurz hahnenmäßig.
-Das wäre gewiß sehr männlich, gesellschaftlich-männlich und galant. Mit
-mir aber ist es was anderes. Ich bin gar nicht männlich auf die Art, daß
-ich im Manne nur das nebenbuhlende Mitmännchen erblicke, – ich bin es
-vielleicht überhaupt nicht, aber bestimmt nicht auf diese Art, die ich
-unwillkürlich ‚gesellschaftlich‘ nenne, ich weiß nicht, warum. Ich frage
-mich in meiner tranigen Brust, ob ich ihm denn was vorzuwerfen habe. Hat
-er mir wissentlich etwas angetan? Aber Beleidigungen müssen mit Absicht
-geschehen, sonst sind sie keine. Und was das ‚antun‘ betrifft, da müßte
-ich mich schon an _sie_ halten, und dazu habe ich auch wieder kein
-Recht, – überhaupt nicht und in Hinsicht auf Peeperkorn noch ganz
-besonders nicht. Denn er ist erstens eine Persönlichkeit, was schon
-allein etwas für Frauen ist, und zweitens ist er kein Zivilist, wie ich,
-sondern eine Art von Militär, wie mein armer Vetter, das heißt: er hat
-einen _point d’honneur_, eine Ehrenpuschel, und das ist das Gefühl, das
-Leben ... Ich schwatze da Unsinn, aber ich will lieber ein bißchen
-faseln und dabei etwas Schwieriges halbwegs ausdrücken, als immer nur
-tadellose Hergebrachtheiten von mir geben, – das ist doch vielleicht
-auch so etwas wie ein militärischer Zug in meinem Charakterbilde, wenn
-ich so sagen darf ...“
-
-„Sagen Sie immerhin so“, nickte Herr Settembrini. „Unbedingt wäre das
-ein Zug, den man loben dürfte. Der Mut der Erkenntnis und des Ausdrucks,
-das ist die Literatur, es ist die Humanität ...“
-
-So kamen sie leidlich voneinander bei solcher Gelegenheit; Herr
-Settembrini gab dem Gespräch versöhnlichen Abschluß, wozu er auch gute
-Gründe hatte. Seine Position dabei war keineswegs so unverletzlich, daß
-es ratsam für ihn gewesen wäre, die Strenge sehr weit zu treiben; ein
-Gespräch, das von Eifersucht handelte, war etwas schlüpfriger Boden für
-ihn; an einem bestimmten Punkte hätte er eigentlich antworten müssen,
-daß, in Anbetracht seiner pädagogischen Ader, sein Verhältnis zum
-Männlichen auch nicht durchaus gesellschaftlich-hahnenmäßiger Art sei,
-weshalb der großmächtige Peeperkorn seine Kreise ebenso störe, wie
-Naphta und Frau Chauchat es täten; und zum Schluß durfte er nicht
-hoffen, seinem Schüler eine Persönlichkeitswirkung und natürliche
-Überlegenheit auszureden, der er selbst sich so wenig, wie sein Partner
-in zerebralen Angelegenheiten, zu entziehen vermochte.
-
-Am besten erging es ihnen, wenn geistige Lüfte wehen, wenn sie
-disputieren – die Aufmerksamkeit der Spazierenden an eine ihrer zugleich
-eleganten und leidenschaftlichen, ihrer akademischen und dabei in einem
-Tonfall, als handele es sich um brennendste Tages- und Lebensfragen,
-geführten Debatten fesseln konnten, deren Kosten sie fast allein
-bestritten, und für deren Dauer das anwesende „Format“ gewissermaßen
-neutralisiert war, da es sie nur mit stirnfaltigem Erstaunen und
-undeutlich-spöttischen Abgerissenheiten begleiten konnte. Allein selbst
-unter diesen Umständen übte es seinen Druck, beschattete das Gespräch,
-so daß es an Glanz zu verlieren schien, entweste es auf irgendeine
-Weise, setzte ihm, allen fühlbar, wenn auch seinerseits sicherlich
-unbewußt, oder Gott weiß in welchem Grade bewußt, etwas entgegen, was
-keiner der beiden Sachen zugute kam und wodurch der Zwist in seiner
-entscheidenden Wichtigkeit verblaßte, ja ihm – wir nehmen Anstand, es zu
-sagen – der Stempel des Müßigen aufgedrückt wurde. Oder, anders
-versucht: die witzige Fehde auf Leben und Tod nahm heimlich, auf
-unterirdische und unbestimmte Weise, beständig Bezug auf das ihr zur
-Seite wandelnde Format und entnervte sich an diesem Magnetismus. Anders
-war dieser geheimnisvolle und für die Disputanten sehr ärgerliche
-Vorgang nicht zu kennzeichnen. Man kann nur sagen, daß es, wenn kein
-Pieter Peeperkorn gewesen wäre, zur Parteinahme weit strenger
-verpflichtet hätte, wie beispielsweise Leo Naphta das erz- und
-grundrevolutionäre Wesen der Kirche gegen die Lehrmeinung Herrn
-Settembrinis verteidigte, welcher in dieser geschichtlichen Macht einzig
-die Schutzherrin finsterer Beharrung und Erhaltung erblicken und alle
-zur Umwälzung und Erneuerung bereite Lebens- und Zukunftsfreundlichkeit
-an die entgegengesetzten, einer ruhmreichen Epoche der Wiedergeburt
-antiker Bildung entstammenden Prinzipien der Aufhellung, der
-Wissenschaft und des Fortschritts gebunden wissen wollte und auf diesem
-Bekenntnis mit schönstem Wurf des Wortes und der Gebärde bestand. Da
-machte denn Naphta, kalt und scharf, sich anheischig, zu zeigen – und
-zeigte es auch fast bis zu blendender Unwidersprechlichkeit –, daß die
-Kirche als Verkörperung der religiös-asketischen Idee, im Innersten weit
-entfernt, Parteigängerin und Stütze dessen zu sein, was bestehen wolle,
-der weltlichen Bildung also, der staatlichen Rechtsordnungen, – vielmehr
-von jeher den radikalsten, den Umsturz mit Stumpf und Stiel auf ihre
-Fahne geschrieben habe; daß schlechthin alles, was sich bewahrenswert
-dünke und von den Matten, den Feigen, den Konservativen, den Bürgern zu
-bewahren versucht werde: Staat und Familie, weltliche Kunst und
-Wissenschaft – sich immer nur in bewußtem oder unbewußtem Widerspruch
-zur religiösen Idee gehalten habe, zur Kirche, deren eingeborene Tendenz
-und unverbrüchliches Ziel die Auflösung aller bestehenden weltlichen
-Ordnungen und die Neugestaltung der Gesellschaft nach dem Vorbilde des
-idealen, des kommunistischen Gottesstaates sei.
-
-Das Wort hatte danach Herr Settembrini, und beim Himmel! er wußte etwas
-damit anzufangen. Eine solche Verwechslung des luziferischen
-Revolutionsgedankens mit der Generalrevolte aller schlechten Instinkte,
-sagte er, sei beklagenswert. Die Neuerungsliebe der Kirche habe durch
-die Jahrhunderte darin bestanden, den lebenzeugenden Gedanken zu
-inquirieren, zu erdrosseln, im Rauch ihrer Scheiterhaufen zu ersticken,
-und heute lasse sie sich durch ihre Emissäre für umwälzungsfroh
-erklären, mit der Begründung, ihr Ziel sei es, Freiheit, Bildung und
-Demokratie durch Pöbeldiktatur und Barbarei zu ersetzen. Eh, in der Tat,
-eine schauerliche Art widerspruchsvoller Konsequenz, konsequenten
-Widerspruches ...
-
-An dergleichen Widerspruch und Folgerichtigkeit, entgegnete Naphta,
-lasse sein Gegner es nicht fehlen. Demokrat seiner eigenen Schätzung
-nach, äußere er sich wenig volks- und gleichheitsfreundlich, lege
-vielmehr eine sträfliche aristokratische Hochnäsigkeit zutage, indem er
-das zu stellvertretender Diktatur berufene Weltproletariat als Pöbel
-bezeichne. Aber als Demokrat, in Wahrheit, verhalte er sich offenbar zur
-Kirche, die allerdings, man müsse es auf stolze Art einräumen, die
-vornehmste Macht der Menschheitsgeschichte darstelle, – vornehm im
-letzten und höchsten Verstande, in dem des Geistes. Denn der asketische
-Geist, – wenn es erlaubt sei, in Pleonasmen zu reden – der Geist der
-Weltverneinung und Weltvernichtung sei die Vornehmheit selbst, das
-aristokratische Prinzip in Reinkultur; er könne niemals volkstümlich
-sein, und zu allen Zeiten sei die Kirche im Grunde unpopulär gewesen.
-Ein wenig literarische Bemühung um die Kultur des Mittelalters werde
-Herrn Settembrini dieser Tatsache ansichtig machen, – der derben
-Abneigung, die das Volk – und zwar das Volk im weitesten Sinne – dem
-kirchlichen Wesen entgegengebracht habe, gewisser Mönchsgestalten zum
-Beispiel, die, Erfindungen volkstümlicher Dichterphantasie, dem
-asketischen Gedanken auf bereits recht lutherische Weise Wein, Weib und
-Gesang entgegengestellt hätten. Alle Instinkte weltlichen Heldentums,
-aller Kriegergeist, dazu die höfische Dichtung habe sich in mehr oder
-minder offener Gegenstellung zur religiösen Idee und damit zur
-Hierarchie befunden. Denn das alles sei „Welt“ und Pöbeltum gewesen im
-Vergleich mit dem durch die Kirche dargestellten Adel des Geistes.
-
-Herr Settembrini dankte für die Gedächtnisstärkung. Die Figur des
-Mönches Ilsan aus dem „Rosengarten“ behalte viel Erquickliches gegenüber
-dem hier gepriesenen Grabesaristokratismus, und wenn er, Redner, kein
-Freund des deutschen Reformators sei, auf den eine Anspielung geschehen,
-so finde man ihn doch glühend bereit, alles, was an demokratischem
-Individualismus seiner Lehre zugrunde liege, gegen jederlei
-geistlich-feudale Herrschaftsgelüste über die Persönlichkeit in Schutz
-zu nehmen.
-
-„Ei!“ rief Naphta nun auf einmal. Man wolle der Kirche wohl gar einen
-Mangel an Demokratismus, an Sinn für den Wert der menschlichen
-Persönlichkeit unterstellen? Und die humane Vorurteilslosigkeit des
-kanonischen Rechtes, welches, während das römische die Rechtsfähigkeit
-vom Besitz des Bürgerrechtes abhängig gemacht, das germanische sie an
-Volkszugehörigkeit und persönliche Freiheit gebunden habe, einzig
-kirchliche Gemeinschaft und Rechtgläubigkeit verlangt, sich aller
-staatlichen und gesellschaftlichen Rücksichten entschlagen und die
-Testier- und Sukzessionsfähigkeit von Sklaven, Kriegsgefangenen,
-Unfreien behauptet habe?!
-
-Diese Behauptung, bemerkte Settembrini bissig, sei wohl nicht ohne
-Seitenblick auf die „kanonische Portion“ aufrecht erhalten worden, die
-bei jedem Testament habe abfallen müssen. Im übrigen sprach er von
-„Pfaffendemagogie“, nannte es die Leutseligkeit unbedingter Machtbegier,
-die Unterwelt in Bewegung zu setzen, wenn die Götter begreiflicherweise
-nichts von einem wissen wollten, und meinte, es sei der Kirche offenbar
-auf die Quantität der Seelen mehr angekommen, als auf ihre Qualität, was
-auf tiefe geistige Unvornehmheit schließen lasse.
-
-Unvornehm gesonnen – die Kirche? Herr Settembrini wurde auf den
-unerbittlichen Aristokratismus aufmerksam gemacht, welcher der Idee von
-der Erblichkeit der Schande zugrunde gelegen habe: der Übertragung
-schwerer Schuld auf die – demokratisch gesprochen – doch unschuldigen
-Nachkommen; die lebenslange Makelhaftigkeit und Rechtlosigkeit
-natürlicher Kinder zum Beispiel. Aber er bat, davon stille zu sein, –
-erstens, weil sein humanes Gefühl sich dagegen empöre, und zweitens,
-weil er die Winkelzüge satt habe und in den Kunstgriffen der
-gegnerischen Apologetik den durchaus infamen und teuflischen Kultus des
-Nichts wiedererkenne, der Geist genannt sein wolle, und der die
-eingestandene Unpopularität des asketischen Prinzips als etwas so
-Legitimes, so Heiliges empfinden lasse.
-
-Hier kam nun Naphta denn doch um die Erlaubnis ein, hell herauslachen zu
-dürfen. Man spreche vom Nihilismus der Kirche! Vom Nihilismus des am
-meisten realistischen Herrschaftssystems der Weltgeschichte! Nie habe
-Herrn Settembrini also ein Hauch berührt von der humanen Ironie, mit der
-sie der Welt, dem Fleische beständig Zugeständnisse gewähre, in kluger
-Nachgiebigkeit die letzten Folgerungen des Prinzips verhülle und den
-Geist als regelnden Einfluß walten lasse, ohne der Natur allzu streng zu
-begegnen? Auch von dem priesterlich feinen Begriff der Indulgenz habe er
-folglich nie gehört, unter den sogar ein Sakrament, nämlich das der Ehe,
-falle, welches gar kein positives Gut, gleich den anderen Sakramenten,
-sondern nur ein Schutz gegen die Sünde sei, verliehen einzig zur
-Einschränkung der sinnlichen Begierde und der Unmäßigkeit, so daß das
-asketische Prinzip, das Keuschheitsideal sich darin behaupte, ohne daß
-dem Fleische mit unpolitischer Schärfe entgegengetreten werde?
-
-Wie konnte Herr Settembrini da umhin, sich zu verwahren gegen einen so
-abscheulichen Begriff des „Politischen“, gegen die Gebärde dünkelhafter
-Nachsicht und Klugheit, die der Geist – das, was sich hier Geist nenne –
-sich anmaße gegen sein vermeintlich schuldhaftes und „politisch“ zu
-behandelndes Gegenteil, welches in Wahrheit seiner giftigen Indulgenz
-durchaus nicht bedürfe; gegen die verfluchte Zweiheitlichkeit einer
-Weltdeutung, die das Universum verteufele, nämlich sowohl das Leben, als
-auch zugleich sein erdünkeltes Gegenteil, den Geist: denn wenn jenes
-böse sei, müsse auch dieser, als reine Verneinung, es sein! Und er brach
-eine Lanze für die Unschuld der Wollust, – wobei Hans Castorp an sein
-Humanistenstübchen im Dache mit dem Stehpult, den Strohstühlen und der
-Wasserflasche denken mußte, – während Naphta, behauptend, nie könne
-Wollust ohne Schuld sein, und die Natur habe angesichts des Geistigen
-gefälligst ein schlechtes Gewissen zu haben, die kirchliche Politik und
-Indulgenz des Geistes als „Liebe“ bestimmte, um den Nihilismus des
-asketischen Prinzips zu widerlegen, – wobei Hans Castorp fand, daß das
-Wort „Liebe“ dem scharfen, mageren kleinen Naphta recht sonderbar zu
-Gesichte stehe ...
-
-So ging das weiter, wir kennen das Spiel, Hans Castorp kannte es. Wir
-haben mit ihm einen Augenblick hingehört, um zu beobachten, wie,
-beispielsweise, ein solcher peripatetischer Waffengang sich im Schatten
-der nebenherwandelnden Persönlichkeit ausnahm, und auf welche Weise etwa
-diese Gegenwart ihn insgeheim um den Nerv brachte: nämlich so, daß ein
-heimlicher Zwang zur Bezugnahme auf sie den hin und her springenden
-Funken tötete und eine Erinnerung an jenes Gefühl matter Leblosigkeit
-sich aufdrängte, das uns überkommt, wenn eine elektrische Leitung sich
-als kontaktlos erweist. Gut! so war es. Da war kein Knistern zwischen
-den Widersprüchen mehr, kein Sprung des Blitzes, kein Strom, – die
-Gegenwart, neutralisiert durch den Geist, wie dieser meinen wollte,
-neutralisierte vielmehr den Geist; Hans Castorp ward es mit Staunen und
-Neugier gewahr.
-
-Revolution und Erhaltung, – man blickte auf Peeperkorn, man sah ihn
-daherstapfen, nicht besonders großartig zu Fuß, mit seinem seitwärts
-nickenden Tritt und den Hut in der Stirn; sah seine breiten,
-unregelmäßig zerrissenen Lippen und hörte ihn sagen, indem er scherzhaft
-mit dem Kopf auf die Disputanten deutete: „Ja – ja – ja! Cerebrum,
-cerebral, verstehen Sie! Das ist – Da zeigt sich denn doch –“: und
-siehe, der Steckkontakt war mausetot! Sie versuchten es zum andern,
-griffen zu stärkeren Beschwörungen, kamen auf das „aristokratische
-Problem“, auf Popularität und Vornehmheit. Kein Funke. Magnetisch nahm
-das Gespräch persönlichen Bezug; Hans Castorp sah Clawdias
-Reisebegleiter unter der rotseidenen Steppdecke im Bette liegen, im
-kragenlosen Trikothemd, halb alter Arbeitsmann, halb Königsbüste, – und
-mit mattem Zucken erstarb der Nerv des Streites. Stärkere Spannungen!
-Verneinung hie und Kult des Nichts – hie ewiges Ja und liebende Neigung
-des Geistes zum Leben! Wo blieben Nerv, Blitz und Strom, wenn man auf
-Mynheer blickte, – was unvermeidlich und kraft geheimer Anziehung
-geschah? Kurzum, sie blieben _aus_, und das war, mit Hansens Wort, nicht
-weniger noch mehr als ein Mysterium. Für seine Aphorismensammlung mochte
-er sich notieren, daß man ein Mysterium mit allereinfachsten Worten
-ausspricht – oder es unausgesprochen läßt. Um dieses allenfalls
-auszusprechen, durfte man einzig sagen, aber dies geradezu, daß Pieter
-Peeperkorn mit seiner hochfaltigen Königsmaske und seinem bitter
-zerrissenen Munde jeweils beides war, daß beides auf ihn zu passen und
-in ihm sich aufzuheben schien, wenn man ihn ansah: dies und jenes, das
-eine und das andre. Ja, dieser dumme alte Mann, dies herrscherliche
-Zero! Er lähmte den Nerv der Widersprüche nicht durch Verwirrung und
-Quertreiberei, wie Naphta; er war nicht zweideutig, wie dieser, er war
-es auf ganz entgegengesetzte, auf positive Art, – dies torkelnde
-Mysterium, das offenkundig nicht über Dummheit und Gescheitheit allein,
-das über soviel andre Oppositionen noch hinaus war, die Settembrini und
-Naphta beschworen, um zu erzieherischem Behufe Hochspannung zu erzeugen.
-Die Persönlichkeit, so schien es, war nicht erzieherisch, – und dennoch,
-welche Chance war sie für einen Bildungsreisenden! Wie seltsam, diese
-Zweideutigkeit von einem König zu betrachten, als die Streiter auf Ehe
-und Sünde kamen, auf das Sakrament der Nachsicht, auf Schuld und
-Unschuld der Wollust! Er neigte das Haupt zur Schulter und Brust, die
-wehen Lippen taten sich voneinander, schlaff-klagend klaffte der Mund,
-die Nüstern spannten und verbreiterten sich wie in Schmerzen, die Falten
-der Stirne stiegen und weiteten die Augen zu blassem Leidensblick, – ein
-Bild der Bitternis. Und siehe, im selben Nu erblühte die Martermiene zur
-Üppigkeit! Die schräge Neigung des Hauptes deutete sich um in
-Schalkheit, die Lippen, noch offen, lächelten unsittsam, das
-sybaritische Grübchen, bekannt von früheren Gelegenheiten, erschien in
-einer Wange, – der tanzende Heidenpriester war da, und während er mit
-dem Kopfe scherzhaft in jene cerebrale Richtung deutete, hörte man ihn
-sagen: „Ei, ja, ja ja – perfekt. Das ist – Das sind – Da zeigt sich nun
-– Das Sakrament der Wollust, verstehen Sie – –“
-
-Dennoch, wie wir sagten, am besten waren Hans Castorps herabgesetzte
-Freunde und Lehrer immer noch daran, wenn sie zanken konnten. Sie waren
-in ihrem Elemente alsdann, während das Format es nicht war, und immerhin
-mochte man verschieden urteilen über die Rolle, die er dabei spielte.
-Ganz zweifellos dagegen gestaltete die Lage sich zu ihrem Nachteil, wenn
-es nicht länger um Witz und Wort und Spiritus, sondern um Sachen, um
-Irden-Praktisches, kurz, um Fragen und Dinge ging, in denen
-Herrschernaturen sich eigentlich bewähren: dann wars um sie geschehen,
-sie traten in den Schatten, wurden unscheinbar, und Peeperkorn ergriff
-das Zepter, bestimmte, entschied, beorderte, bestellte und befahl ...
-Was wunder, daß er nach diesem Zustand trachtete und aus der Logomachie
-in ihn hinüberstrebte? Er litt, solange sie herrschte, oder doch, wenn
-sie lange herrschte; doch nicht aus Eitelkeit litt er unter ihr, – Hans
-Castorp war dessen versichert. Die Eitelkeit hat kein Format, und Größe
-ist nicht eitel. Nein, Peeperkorns Verlangen nach Dinglichkeit entsprang
-aus anderen Gründen: aus „Angst“, ganz grob und plump gesagt, aus jenem
-Pflichteifer und Ehrenraptus, dessen Hans Castorp gegen Herrn
-Settembrini versuchsweise erwähnt und den er als einen gewissermaßen
-militärischen Zug hatte ansprechen wollen.
-
-„Meine Herren –“, sagte der Holländer, indem er die Kapitänshand mit den
-Nagellanzen beschwörend und gebietend erhob. „– Gut, meine Herren,
-perfekt, vortrefflich! Die Askese – die Indulgenz – die Sinnenlust – Ich
-möchte das – Durchaus! Höchst wichtig! Höchst strittig! Allein erlauben
-Sie mir – Ich fürchte, wir machen uns eines schweren – Wir entziehen
-uns, meine Herrschaften, wir entziehen uns in unverantwortlicher Weise
-den heiligsten –“ Er atmete tief. „Diese Luft, meine Herrschaften, die
-charaktervolle Föhnluft dieses Tages, mit ihrem zart entnervenden,
-ahnungs- und erinnerungsvollen Einschlag von Frühlingsaroma, – wir
-sollten sie nicht einatmen, um sie in Form von – Ich bitte dringend: wir
-sollten das nicht. Das ist eine Beleidigung. Nur ihr selbst sollten wir
-unsere volle und ganze – oh, unsere höchste und geistesgegenwärtigste –
-Erledigt, meine Herrschaften! Und nur als reine Lobpreisung ihrer
-Eigenschaften sollten wir sie wieder aus unserer Brust – – Ich
-unterbreche mich, meine Herrschaften! Ich unterbreche mich zu Ehren
-dieses –“ Er war stehengeblieben, zurückgebeugt, mit dem Hut die Augen
-beschattend, und alle folgten seinem Beispiel. „Ich lenke“, sagte er,
-„Ihre Aufmerksamkeit in die Höhe, in große Höhe, auf jenen schwarzen,
-kreisenden Punkt dort oben, unter dem außerordentlich blauen, ins
-Schwärzliche spielenden – Das ist ein Raubvogel, ein großer Raubvogel.
-Das ist, wenn mich nicht alles – Meine Herren und Sie, mein Kind, das
-ist ein Adler. Auf ihn lenke ich mit aller Entschiedenheit – Sehen Sie!
-Das ist kein Bussard und kein Geier, – wären Sie so übersichtig, wie ich
-es mit zunehmenden – Ja, mein Kind, gewiß, mit zunehmenden. Mein Haar
-ist bleich, gewiß. So würden Sie so deutlich, wie ich, an der stumpfen
-Rundung der Schwingen – Ein Adler, meine Herrschaften. Ein Steinadler.
-Er kreist gerade über uns im Blauen, schwebt ohne Flügelschlag in
-großartiger Höhe zu unseren – und späht gewiß aus seinen mächtigen,
-weitsichtigen Augen unter den vortretenden Brauenknochen – Der Adler,
-meine Herrschaften, Jupiters Vogel, der König seines Geschlechtes, der
-Leu der Lüfte! Er hat Federhosen und einen Schnabel von Eisen, nur vorne
-plötzlich eisern gekrümmt, und Fänge von ungeheurer Kraft, einwärts
-geschlagene Krallen, die vorderen von der langen rückwärtigen eisern
-umgriffen. Sehen Sie, so!“ Und er versuchte, mit seiner langgenagelten
-Kapitänshand die Adlerklaue darzustellen. „Gevatter, was kreist und
-spähst du!“ wendete er sich wieder nach oben. „Stoß nieder! Schlag ihm
-mit dem Eisenschnabel auf den Kopf und in die Augen, reiß ihm den Bauch
-auf, dem Wesen, das dir Gott – – Perfekt! Erledigt! Deine Fänge müssen
-in Eingeweide verstrickt sein und dein Schnabel triefen von Blut –“
-
-Er war begeistert, und um die Teilnahme der Spaziergänger für Naphtas
-und Settembrinis Antinomien war es getan. Auch wirkte die Erscheinung
-des Adlers noch wortlos nach in den Beschlüssen und Unternehmungen, die
-unter Mynheers Leitung darauf folgten: Es gab Einkehr, es gab ein Essen
-und Trinken, ganz außer der Zeit, jedoch mit einem Appetit, der durch
-das stille Gedenken an den Adler befeuert ward; ein Schmausen und
-Zechen, wie Mynheer es so oft auch außerhalb des Berghofs ins Werk
-setzte, wo es sich eben traf, in „Platz“ und „Dorf“, in einem Wirtshaus
-zu Glaris oder Klosters, wohin man ausflugsweise mit dem Züglein
-gefahren war: Klassische Gaben genoß man unter seiner Herrscherleitung:
-Rahmkaffee mit ländlich Gebackenem oder saftigen Käse auf duftiger
-Alpenbutter, die auch zu heißen, gerösteten Kastanien wundervoll
-mundete, dazu Veltliner Roten, soviel das Herz begehrte; und Peeperkorn
-begleitete das Stegreifmahl mit großen Abgerissenheiten oder forderte
-Anton Karlowitsch Ferge zu reden auf, diesen gutmütigen Dulder, dem
-alles Höhere völlig fremd war, der aber sehr dinghaft von der
-Fabrikation russischer Gummischuhe zu erzählen wußte: Mit Schwefel und
-andren Stoffen versetze man die Gummimasse, und die fertigen, lackierten
-Schuhe würden in einer Hitze von über hundert Grad „vulkanisiert“. Auch
-vom Polarkreis sprach er, denn selbst bis dorthin hatten seine
-Dienstreisen ihn mehrfach geführt: von der Mitternachtssonne und vom
-ewigen Winter am Nordkap. Da sei, sagte er aus seiner knotigen Kehle und
-unter seinem überhängenden Schnurrbart hervor, der Dampfer ganz winzig
-erschienen gegen den ungeheuren Felsen und die stahlgraue Fläche des
-Meeres. Und gelbe Lichtflächen hätten sich am Himmel ausgebreitet, das
-sei das Nordlicht gewesen. Und alles sei ihm, Anton Karlowitsch,
-gespenstisch vorgekommen, die ganze Szenerie und er sich selber mit.
-
-Soweit Herr Ferge, der einzige in der kleinen Gesellschaft, der außer
-allen hin und wieder laufenden Beziehungen stand. Was aber diese betraf,
-so gibt es zwei kurze Unterredungen aufzuzeichnen, zwei wunderliche
-Konversationen unter vier Augen, geführt zu jener Zeit von unserem
-unheldischen Helden mit Clawdia Chauchat und ihrem Reisebegleiter: mit
-jedem einzeln, die eine in der Halle, um eine Abendstunde, während die
-„Störung“ droben im Fieber lag, die andre eines Nachmittags an Mynheers
-Lager ...
-
-Es herrschte Halbdunkel in der Halle an jenem Abend. Die regelmäßige
-Geselligkeit war matt und flüchtig gewesen, und früh hatte die
-Gästeschaft sich zum Spätliegedienst in die Balkonlogen verzogen, soweit
-sie nicht auf kurwidrigen Wegen wandelte, in die Welt hinab, zu Tanz und
-Spiel. Nur eine Lampe brannte irgendwo an der Decke des ausgestorbenen
-Raumes, und auch die anstoßenden Gesellschaftsräume waren kaum erhellt.
-Doch wußte Hans Castorp, daß Frau Chauchat, die das Diner ohne ihren
-Gebieter eingenommen hatte, noch nicht ins erste Stockwerk zurückgekehrt
-war, sondern allein im Schreib- und Lesezimmer verweilte, und darum
-hatte auch er gezögert, hinaufzugehen. Er saß in dem hinteren, durch
-eine flache Stufe erhöhten und durch ein paar weiße Bögen mit
-holzbekleideten Pfeilern vom Hauptraum abgegliederten Teil der Halle,
-saß am Kachelkamin, in solchem Schaukelstuhl wie der, worin Marusja sich
-damals gewiegt, als Joachim sein allereinziges Gespräch mit ihr
-gepflogen, und rauchte eine Zigarette, wie es um diese Stunde hier
-allenfalls statthaft war.
-
-Sie kam, er hörte ihre Schritte, ihr Kleid hinter sich, sie war neben
-ihm, fächelte mit einem Brief, den sie an einer Ecke hielt, in der Luft
-hin und her und sagte mit ihrer Pribislavstimme:
-
-„Der Concierge ist fort. Geben Sie schon ein _timbre poste_!“
-
-Sie trug leichte dunkle Seide diesen Abend, ein Kleid mit rundem
-Halsausschnitt und lockeren Ärmeln, die unten als geknöpfte Manschetten
-knapp um die Handgelenke lagen. Er sah das mit Vorliebe. Sie hatte sich
-mit der Perlenreihe geschmückt, die bleich in der Dämmerung schimmerte.
-Er blickte hinauf in ihr Kirgisengesicht. Er wiederholte:
-
-„_Timbre?_ Ich habe keins.“
-
-„Wie, keins? _Tant pis pour vous._ Nicht in Bereitschaft, einer Dame
-gefällig zu sein?“ Sie warf die Lippen auf und zuckte die Achseln. „Das
-enttäuscht mich. Präzis und zuverlässig solltet Ihr doch sein. Ich habe
-mir eingebildet, Sie hätten in einem Fache Ihres Portefeuilles kleine
-zusammengelegte Bögen von allen Sorten, nach der Wertstaffel geordnet.“
-
-„Nein, wozu?“ sagte er. „Ich schreibe nie Briefe. An wen wohl? Höchst
-selten mal eine Karte, die gleich frankiert ist. An wen sollte ich wohl
-Briefe schreiben? Ich habe niemanden. Ich habe gar keine Fühlung mehr
-mit dem Flachland, die ist mir abhanden gekommen. Wir haben ein Lied in
-unserem Volksliederbuch, worin es heißt: ‚Ich bin der Welt abhanden
-gekommen‘. So steht es mit mir.“
-
-„Nun, dann geben Sie schon wenigstens eine Papyros, verlorener Mensch!“
-sagte sie, indem sie sich ihm gegenüber neben den Kamin auf die mit
-einem leinenen Kissen belegte Bank setzte, ein Bein über das andere
-legte und die Hand ausstreckte. „Es scheint, damit sind Sie versehen.“
-Und sie nahm nachlässig und ohne zu danken aus seiner silbernen Dose die
-Zigarette, die er ihr entgegenschob, und bediente sich an dem
-Taschenfeuerzeug, das er vor ihrem vorgebeugten Gesichte spielen ließ.
-In diesem trägen „Geben Sie schon!“, diesem Nehmen ohne Dank lag
-Üppigkeit der verwöhnten Frau, überdies aber der Sinn menschlicher, oder
-besser gesagt: „mähnschlicher“ Gemeinsamkeit und Besitzgenossenschaft,
-einer wilden und weichen Selbstverständlichkeit des Gebens und Nehmens.
-Er kritisierte es bei sich in verliebtem Sinn. Dann sagte er:
-
-„Ja, damit immer. Damit bin ich allerdings immer versehen. Das muß man
-haben. Wie käme man ohne das wohl aus? Nicht wahr, man nennt das eine
-Leidenschaft, wenn einer so fragt. Ich bin, offen gestanden, gar kein
-leidenschaftlicher Mensch, aber ich habe Leidenschaften, phlegmatische
-Leidenschaften.“
-
-„Es beruhigt mich außerordentlich“, sagte sie, den eingeatmeten Rauch
-heraussprechend, „zu hören, daß Sie kein leidenschaftlicher Mensch sind.
-Übrigens, wie denn auch wohl? Sie müßten aus der Art geschlagen sein.
-Leidenschaft, das ist: um des Lebens willen leben. Aber es ist bekannt,
-daß ihr um des Erlebnisses willen lebt. Leidenschaft, das ist
-Selbstvergessenheit. Aber euch ist es um Selbstbereicherung zu tun.
-_C’est ça._ Sie haben keine Ahnung, daß das abscheulicher Egoismus ist,
-und daß ihr damit eines Tages als Feinde der Menschheit dastehen
-werdet?“
-
-„Hallo, hallo! Gleich Feinde der Menschheit? – Was sagst du da, Clawdia,
-so allgemein? Was hast du Bestimmtes und Persönliches im Sinn, daß du
-sagst, uns sei es nicht um das Leben, sondern um Bereicherung zu tun?
-Ihr Frauen moralisiert doch nicht so ins Blaue hinein. Ach, die Moral,
-weißt du. Die ist ein Streitfall für Naphta und Settembrini. Die fällt
-ins Gebiet der großen Konfusion. Ob einer um seiner selbst willen lebt
-oder um des Lebens willen, das weiß er doch selber nicht, und niemand
-kann es genau und sicher wissen. Ich meine, die Grenze ist fließend. Da
-gibt es egoistische Hingabe und hingebenden Egoismus ... Ich glaube, es
-ist im ganzen, wie es in der Liebe ist. Natürlich ist es wohl
-unmoralisch, daß ich nicht recht darauf achten kann, was du mir sagst
-über Moral, sondern in erster Linie froh bin, daß wir zusammensitzen,
-wie nur einmal bisher und keinmal noch, seit du zurück bist. Und daß ich
-dir sagen kann, wie beispiellos gut dich diese engen Manschetten um
-deine Handgelenke kleiden und diese dünne Seide weit um deine Arme
-herum, – um deine Arme, die ich kenne ...“
-
-„Ich gehe.“
-
-„Geh, bitte, nicht! Ich werde die Umstände berücksichtigen und die
-Persönlichkeiten.“
-
-„Worauf man denn doch wenigstens wird rechnen dürfen bei einem Menschen
-ohne Leidenschaft.“
-
-„Ja, siehst du! Du spottest und schiltst mich aus, wenn ich ... Und du
-willst gehen, wenn ich ...“
-
-„Man ist gebeten, weniger lückenhaft zu sprechen, wenn man verstanden zu
-werden wünscht.“
-
-„Und ich soll also gar nicht, auch kein bißchen teilhaben an deiner
-Übung im Erraten von Lückenhaftigkeiten? Das ist ungerecht, – würde ich
-sagen, wenn ich nicht einsähe, daß es hier nicht um Gerechtigkeit geht
-...“
-
-„Ah, nein. Gerechtigkeit ist eine phlegmatische Leidenschaft. Im
-Gegensatz zur Eifersucht, mit der phlegmatische Leute sich unbedingt
-lächerlich machen würden.“
-
-„Siehst du? Lächerlich. Gönne mir also mein Phlegma! Ich wiederhole: Wie
-käme ich ohne das wohl aus? Wie hätte ich ohne das zum Beispiel das
-Warten aushalten sollen?“
-
-„Bitte?“
-
-„Das Warten auf dich.“
-
-„_Voyons, mon ami._ Ich will mich weiter nicht aufhalten über die Form,
-in der Sie mit närrischer Hartnäckigkeit zu mir reden. Sie werden dessen
-schon müde werden, und schließlich bin ich nicht zimperlich, keine
-entrüstete Bürgersfrau ...“
-
-„Nein, denn du bist krank. Die Krankheit gibt dir Freiheit. Sie macht
-dich – halt, jetzt fällt mir ein Wort ein, das ich noch nie gebraucht
-habe! Sie macht dich genial!“
-
-„Wir wollen über Genie ein andermal reden. Nicht das wollte ich sagen.
-Ich verlange eines. Sie werden nicht fingieren, daß ich mit Ihrem Warten
-– wenn Sie gewartet haben – irgend etwas zu schaffen hätte, daß ich Sie
-dazu ermutigt, es Ihnen auch nur erlaubt hätte. Sie werden mir sofort
-ausdrücklich bestätigen, daß das Gegenteil der Fall ist ...“
-
-„Gern, Clawdia, gewiß. Du hast mich zum Warten nicht aufgefordert, ich
-habe aus freien Stücken gewartet. Ich verstehe vollkommen, daß du
-Gewicht darauf legst ...“
-
-„Sogar Ihre Zugeständnisse haben etwas Impertinentes. Überhaupt sind Sie
-ein impertinenter Mensch, Gott weiß, wieso. Nicht nur im Verkehr mit
-mir, sondern auch sonst. Selbst Ihre Bewunderung, Ihre Unterordnung hat
-etwas Impertinentes. Glauben Sie nicht, daß ich das nicht sehe! Ich
-sollte überhaupt nicht mit Ihnen sprechen deswegen und auch darum nicht,
-weil Sie von Warten zu reden wagen. Es ist unverantwortlich, daß Sie
-noch hier sind. Längst sollten Sie wieder bei Ihrer Arbeit sein, _sur le
-chantier_, oder wo es war ...“
-
-„Jetzt sprichst du ungenial und ganz konventionell, Clawdia. Das ist ja
-nur eine Redensart. Wie Settembrini kannst du es nicht meinen und wie
-denn sonst. Es ist nur so hingesagt, ich kann es nicht ernst nehmen. Ich
-werde nicht wilde Abreise halten, wie mein armer Vetter, der, wie du
-vorhersagtest, gestorben ist, als er versuchte, im Flachlande Dienst zu
-tun, und der es wohl selber wußte, daß er sterben werde, aber lieber
-sterben wollte, als hier weiter Kurdienst machen. Gut, dafür war er
-Soldat. Aber ich bin keiner, ich bin Zivilist, für mich wäre es
-Fahnenflucht, zu tun, wie er, und partout, trotz Radamanths Verbot, im
-Flachlande so ganz direkt dem Nutzen und dem Fortschritt dienen zu
-wollen. Das wäre die größte Undankbarkeit und Untreue gegen die
-Krankheit und das Genie und gegen meine Liebe zu dir, wovon ich alte
-Narben und neue Wunden trage, und gegen deine Arme, die ich kenne, –
-wenn ich auch zugebe, daß es nur im Traume war, in einem genialen Traum,
-daß ich sie kennen lernte, so daß dir selbstverständlich keinerlei
-Konsequenzen und Verpflichtungen und Einschränkungen deiner Freiheit
-daraus erwachsen ...“
-
-Sie lachte, die Zigarette im Munde, daß ihre tatarischen Augen sich
-zusammenzogen, und ließ, gegen die Boiserie zurückgelehnt, die Hände
-neben sich auf die Bank gestützt und ein Bein über das andre geschlagen,
-den Fuß im schwarzen Lackschuh wippen.
-
-„_Quelle générosité! Oh là, là, vraiment_, genau so habe ich mir einen
-_homme de génie_ schon immer vorgestellt, mein armer Kleiner!“
-
-„Laß das gut sein, Clawdia. Ich bin natürlich von Hause aus kein _homme
-de génie_, so wenig wie ich ein Mann von Format bin, du lieber Gott,
-nein. Aber dann bin ich durch Zufall – nenne es Zufall – so hoch
-heraufgetrieben worden in diese genialen Gegenden ... Mit einem Worte,
-du weißt wohl nicht, daß es etwas wie die alchimistisch-hermetische
-Pädagogik gibt, Transsubstantiation, und zwar zum Höheren, Steigerung
-also, wenn du mich recht verstehen willst. Aber natürlich, ein Stoff,
-der dazu taugen soll, durch äußere Einwirkungen zum Höheren
-hinaufgetrieben und -gezwängt zu werden, der muß es wohl im voraus ein
-bißchen in sich haben. Und was ich in mir hatte, das war, ich weiß es
-genau, daß ich von langer Hand her mit der Krankheit und dem Tode auf
-vertrautem Fuße stand und mir schon als Knabe unvernünftigerweise einen
-Bleistift von dir lieh, wie hier in der Faschingsnacht. Aber die
-unvernünftige Liebe ist genial, denn der Tod, weißt du, ist das geniale
-Prinzip, die _res bina_, der _lapis philosophorum_, und er ist auch das
-pädagogische Prinzip, denn die Liebe zu ihm führt zur Liebe des Lebens
-und des Menschen. So ist es, in meiner Balkonloge ist es mir
-aufgegangen, und ich bin entzückt, daß ich es dir sagen kann. Zum Leben
-gibt es zwei Wege: Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der
-andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!“
-
-„Du bist ein närrischer Philosoph“, sagte sie. „Ich will nicht
-behaupten, daß ich alles verstehe in deinen krausen deutschen Gedanken,
-aber es klingt mähnschlich, was du sagst, und du bist zweifellos ein
-guter Junge. Übrigens hast du dich tatsächlich _en philosophe_ benommen,
-man muß es dir lassen ...“
-
-„Zu sehr _en philosophe_ für deinen Geschmack, Clawdia, nicht?“
-
-„Laß die Impertinenzen! Das wird langweilig. Daß du gewartet hast, war
-dumm und unerlaubt. Aber du bist mir nicht böse, weil du umsonst
-gewartet hast?“
-
-„Nun, es war etwas hart, Clawdia, auch für einen Menschen von
-phlegmatischen Leidenschaften, – hart für mich und hart von dir, daß du
-mit ihm zusammen kamst, denn natürlich wußtest du durch Behrens, daß ich
-hier war und auf dich wartete. Aber ich sagte dir ja, daß ich sie nur
-als eine Traumnacht auffasse, die unsrige, und daß ich dir deine
-Freiheit zugestehe. Schließlich habe ich ja nicht umsonst gewartet, denn
-du bist wieder da, wir sitzen beieinander wie damals, ich höre die
-wunderbare Schärfe deiner Stimme, von langer Hand vertraut meinem Ohr,
-und unter dieser weiten Seide sind deine Arme, die ich kenne, – wenn
-freilich oben auch dein Reisebegleiter im Fieber liegt, der große
-Peeperkorn, der dir diese Perlen geschenkt hat ...“
-
-„Und mit dem Sie um Ihrer Bereicherung willen so gute Freundschaft
-halten.“
-
-„Nimms mir nicht übel, Clawdia! Auch Settembrini hat mich deswegen
-gescholten, aber das ist doch nur ein gesellschaftliches Vorurteil. Der
-Mann ist ein Gewinn, – in Gottes Namen, er ist ja eine Persönlichkeit!
-Daß er in Jahren ist, – nun ja. Ich würde es trotzdem ganz begreifen,
-wenn du als Frau ihn ungeheuer liebtest. Du liebst ihn also sehr?“
-
-„Dein Philosophentum in Ehren, deutsches Hänschen“, sagte sie, indem sie
-ihm über das Haar strich, „aber ich würde es nicht für mähnschlich
-halten, dir von meiner Liebe zu ihm zu sprechen!“
-
-„Ach, Clawdia, warum nicht. Ich glaube, die Menschlichkeit fängt an, wo
-ungeniale Leute glauben, daß sie aufhört. Laß uns doch ruhig von ihm
-reden! Du liebst ihn leidenschaftlich?“
-
-Sie beugte sich vor, um die ausgerauchte Zigarette seitlich in den Kamin
-zu werfen und saß dann mit verschränkten Armen.
-
-„Er liebt mich“, sagte sie, „und seine Liebe macht mich stolz und
-dankbar und ihm ergeben. Du wirst das verstehen, oder du bist der
-Freundschaft nicht würdig, die er dir widmet ... Sein Gefühl zwang mich,
-ihm zu folgen und ihm zu dienen. Wie denn wohl sonst? Urteile selbst!
-Ist es denn mähnschenmöglich, sich über sein Gefühl hinwegzusetzen?“
-
-„Unmöglich!“ bestätigte Hans Castorp. „Nein, das war selbstverständlich
-ganz ausgeschlossen. Wie sollte eine Frau es wohl fertigbringen, sich
-über sein Gefühl hinwegzusetzen, über seine Angst um das Gefühl, ihn
-sozusagen in Gethsemane im Stich zu lassen ...“
-
-„Du bist nicht dumm“, sagte sie, und ihre Schrägaugen blickten starr
-versonnen. „Du hast Verstand. Angst um das Gefühl ...“
-
-„Es ist nicht viel Verstand nötig, um zu sehen, daß du ihm folgen
-mußtest, obgleich – oder vielmehr weil – seine Liebe viel Beängstigendes
-haben muß.“
-
-„_C’est exact_ ... Beängstigend. Man hat viel Sorge mit ihm, du weißt,
-viele Schwierigkeiten ...“ Sie hatte seine Hand genommen und spielte
-unbewußt mit ihren Gelenken, blickte aber plötzlich mit
-zusammengezogenen Brauen auf und fragte:
-
-„Halt! Ist es nicht gemein, daß wir über ihn sprechen, wie wir da tun?“
-
-„Gewiß nicht, Clawdia. Nein, weit entfernt. Es ist gewiß nicht mehr als
-menschlich! Du liebst das Wort, du dehnst es so schwärmerisch, ich habe
-es immer mit Interesse aus deinem Munde gehört. Mein Vetter Joachim
-mochte es nicht, aus soldatischen Gründen. Er meinte, es bedeute
-allgemeine Schlappheit und Schlottrigkeit, und so genommen, als
-uferloses guazzabuglio von Duldsamkeit, habe ich auch meine Bedenken
-dagegen, das gebe ich zu. Aber wenn es den Sinn von Freiheit und
-Genialität und Güte hat, dann ist es eben doch eine große Sache damit,
-und wir können es ruhig anführen zugunsten unseres Gesprächs über
-Peeperkorn und die Sorgen und Schwierigkeiten, die er dir macht. Sie
-resultieren natürlich aus seiner Ehrenpuschel, aus seiner Angst vor dem
-Versagen des Gefühls, die ihn die klassischen Hilfs- und Labungsmittel
-so lieben läßt, – wir können in aller Ehrfurcht davon sprechen, denn es
-hat alles Format bei ihm, großartiges Königsformat, und wir erniedrigen
-weder ihn noch uns, wenn wir es menschlich zur Sprache bringen.“
-
-„Es handelt sich nicht um uns“, sagte sie und hatte die Arme wieder
-verschränkt. „Man wäre keine Frau, wenn man nicht um eines Mannes
-willen, eines Mannes von Format, wie du sagst, für den man ein
-Gegenstand des Gefühls und der Angst um das Gefühl ist, auch
-Erniedrigungen in den Kauf nehmen wollte.“
-
-„Unbedingt, Clawdia. Sehr wohl gesprochen. Auch die Erniedrigung hat
-dann Format, und die Frau kann von der Höhe ihrer Erniedrigung herab zu
-denen, die kein Königsformat haben, so geringschätzig sprechen, wie du
-vorhin zu mir in betreff der _timbres poste_, in dem Ton, worin du
-sagtest: ‚Präzis und zuverlässig solltet ihr doch wenigstens sein!‘“
-
-„Du bist empfindlich? Laß das. Wir wollen die Empfindlichkeit zum Teufel
-schicken, – bist du einverstanden? Auch ich bin zuweilen empfindlich
-gewesen, ich will es zugeben, da wir heute abend so beieinander sitzen.
-Ich habe mich geärgert an deinem Phlegma, und daß du dich auf so guten
-Fuß mit ihm stelltest um deines egoistischen Erlebnisses willen. Dennoch
-hat es mich gefreut, und ich war dir dankbar, daß du ihm Ehrfurcht
-erwiesest ... Es war viel Loyalität in deinem Betragen, und wenn auch
-etwas Impertinenz mit unterlief, so mußte ich sie dir am Ende zugute
-halten.“
-
-„Das war sehr gütig von dir.“
-
-Sie sah ihn an. „Es scheint, du bist unverbesserlich. Ich werde dir
-sagen: Du bist ein verschlagener Junge. Ich weiß nicht, ob du Geist
-hast; aber unbedingt besitzest du Verschlagenheit. Gut übrigens, es läßt
-sich damit leben. Es läßt sich Freundschaft damit halten. Wollen wir
-Freundschaft halten, ein Bündnis schließen für ihn, wie man sonst gegen
-jemanden ein Bündnis schließt! Gibst du mir darauf die Hand? Mir ist oft
-bange ... Ich fürchte mich manchmal vor dem Alleinsein mit ihm, dem
-innerlichen Alleinsein, _tu sais_ ... Er ist beängstigend ... Ich
-fürchte zuweilen, es möchte nicht gut ausgehen mit ihm ... Es graut mir
-zuweilen ... Ich wüßte gern einen guten Menschen an meiner Seite ...
-_Enfin_, wenn du es hören willst, ich bin vielleicht deshalb mit ihm
-hierhergekommen ...“
-
-Sie saßen Knie an Knie, er in dem vorwärts gewiegten Stuhl, sie auf der
-Bank. Sie hatte seine Hand gedrückt bei ihren letzten vor seinem Gesicht
-gesprochenen Worten. Er sagte:
-
-„Zu mir? O, das ist schön. O, Clawdia, das ist ganz außerordentlich. Du
-bist mit ihm zu mir gekommen? Und du willst sagen, mein Warten sei dumm
-und unerlaubt und ganz umsonst gewesen? Das wäre im höchsten Grade
-linkisch, wenn ich das Anerbieten deiner Freundschaft nicht zu schätzen
-wüßte, der Freundschaft mit dir für ihn ...“
-
-Da küßte sie ihn auf den Mund. Es war so ein russischer Kuß, von der Art
-derer, die in diesem weiten, seelenvollen Lande getauscht werden an
-hohen christlichen Festen, im Sinne der Liebesbesiegelung. Da aber ein
-notorisch „verschlagener“ junger Mann und eine ebenfalls noch junge,
-reizend schleichende Frau ihn tauschten, so fühlen wir uns, während wir
-davon erzählen, unwillkürlich von ferne an Doktor Krokowskis
-kunstreiche, wenn auch nicht einwandfreie Art erinnert, von der Liebe in
-einem leise schwankenden Sinn zu sprechen, so daß niemand recht sicher
-gewesen war, ob es Frommes oder Leidenschaftlich-Fleischliches damit auf
-sich hatte. Machen wir es wie er, oder machten Hans Castorp und Clawdia
-Chauchat es so bei ihrem russischen Kuß? Aber was würde man sagen, wenn
-wir uns schlechthin weigerten, dieser Frage auf den Grund zu gehen?
-Unserer Meinung nach ist es zwar analytisch, aber – um Hans Castorps
-Redewendung zu wiederholen – „im höchsten Grade linkisch“ und geradezu
-lebensunfreundlich, in Dingen der Liebe zwischen Frommem und
-Leidenschaftlichem „reinlich“ zu unterscheiden. Was heißt da reinlich!
-Was schwankender Sinn und Zweideutigkeit! Wir machen uns unverhohlen
-lustig darüber. Ist es nicht groß und gut, daß die Sprache nur _ein_
-Wort hat für alles, vom Frömmsten bis zum Fleischlich-Begierigsten, was
-man darunter verstehen kann? Das ist vollkommene Eindeutigkeit in der
-Zweideutigkeit, denn Liebe kann nicht unkörperlich sein in der äußersten
-Frömmigkeit und nicht unfromm in der äußersten Fleischlichkeit, sie ist
-immer sie selbst, als verschlagene Lebensfreundlichkeit wie als höchste
-Passion, sie ist die Sympathie mit dem Organischen, das rührend
-wollüstige Umfangen des zur Verwesung Bestimmten, – Charitas ist gewiß
-noch in der bewunderungsvollsten oder wütendsten Leidenschaft.
-Schwankender Sinn? Aber man lasse in Gottes Namen den Sinn der Liebe
-doch schwanken! Daß er schwankt, ist Leben und Menschlichkeit, und es
-würde einen durchaus trostlosen Mangel an Verschlagenheit bedeuten, sich
-um sein Schwanken Sorge zu machen.
-
-Während also die Lippen Hans Castorps und Frau Chauchats sich im
-russischen Kusse finden, verdunkeln wir unser kleines Theater zum
-Szenenwechsel. Denn nun handelt es sich um die zweite der beiden
-Unterredungen, deren Mitteilung wir zusicherten, und nach
-Wiederherstellung der Beleuchtung, der trüben Beleuchtung eines zur
-Neige gehenden Frühlingstages, zur Zeit der Schneeschmelze, erblicken
-wir unseren Helden in schon gewohnter Lebenslage am Bette des großen
-Peeperkorn, in ehrerbietig-freundschaftlichem Gespräch mit ihm. Nach dem
-4-Uhr-Tee im Speisesaal, zu dem Frau Chauchat, wie schon zu den drei
-vorhergehenden Mahlzeiten, allein erschienen war, um unmittelbar danach
-einen _shopping_-Gang nach „Platz“ hinunter anzutreten, hatte Hans
-Castorp sich zu einer seiner üblichen Krankenvisiten bei dem Holländer
-melden lassen, teils, um ihm Aufmerksamkeit zu bezeigen und ihn ein
-wenig zu unterhalten, teils, um sich seinerseits an seiner
-Persönlichkeitswirkung zu erbauen, – kurzum, aus lebensvoll schwankenden
-Motiven. Peeperkorn legte den „Telegraaf“ beiseite, warf den Hornzwicker
-darauf, nachdem er ihn sich am Bügel von der Nase gehoben, und reichte
-dem Besucher die Kapitänshand, während seine breiten, zerrissenen Lippen
-sich mit wundem Ausdruck undeutlich regten. Rotwein und Kaffee waren ihm
-wie gewöhnlich zur Hand: das Kaffeegeschirr stand auf dem Stuhle am
-Bett, braun benetzt vom Gebrauch, – Mynheer hatte seinen
-Nachmittagstrank genommen, stark und heiß, mit Zucker und Rahm, wie
-gewöhnlich, und er schwitzte davon. Sein weiß umflammtes Königsgesicht
-war gerötet, und kleine Tropfen standen ihm auf Stirn und Oberlippe.
-
-„Ich schwitze etwas“, sagte er. „Willkommen, junger Mann. Im Gegenteil.
-Nehmen Sie Platz! Das ist ein Zeichen von Schwäche, wenn einem nach
-Einnahme eines warmen Getränkes sogleich – Wollen Sie mir – Ganz recht.
-Das Taschentuch. Ich danke sehr.“ Übrigens verlor sich die Röte bald und
-machte der gelblichen Blässe Platz, die nach einem malignen Anfall des
-großartigen Mannes Gesicht zu bedecken pflegte. Das Quartanfieber war
-stark gewesen diesen Vormittag, in allen drei Stadien, dem kalten, dem
-glühenden und dem feuchten, und Peeperkorns kleine, blasse Augen
-blickten matt unter der idolhaften Stirnlineatur. Er sagte:
-
-„Es ist – durchaus, junger Mann. Ich möchte durchaus das Wort
-‚anerkennenswert‘ – Absolut. Es ist sehr freundlich von Ihnen, einen
-kranken alten Mann –“
-
-„Zu besuchen?“ fragte Hans Castorp ... „Nicht doch, Mynheer Peeperkorn.
-Ich bin es, der sehr dankbar zu sein hat, daß ich ein bißchen hier
-sitzen darf, ich habe ja unvergleichlich viel mehr davon, als Sie, ich
-komme aus rein egoistischen Gründen. Und was ist denn das für eine
-irreführende Bezeichnung für Ihre Person, – ‚ein kranker alter Mann‘.
-Kein Mensch würde darauf kommen, daß _Sie_ das sein sollen. Es gibt ja
-ein völlig falsches Bild.“
-
-„Gut, gut“, erwiderte Mynheer und schloß für einige Sekunden die Augen,
-das majestätische Haupt mit erhobenem Kinn ins Kissen zurückgelehnt, die
-langgenagelten Finger auf der breiten Königsbrust gefaltet, die sich
-unter dem Trikothemd abzeichnete. „Es ist gut, junger Mann, oder
-vielmehr, Sie meinen es gut, ich bin überzeugt davon. Es war angenehm
-gestern nachmittag – jawohl, noch gestern nachmittag – an jenem
-gastlichen Ort – ich habe seinen Namen vergessen –, wo wir die
-vortreffliche Salamiwurst mit Rühreiern und diesen gesunden Landwein –“
-
-„Großartig war es!“ bestätigte Hans Castorp. „Wir haben es uns alle ganz
-unerlaubt schmecken lassen, – der Küchenchef hier vom Berghof wäre mit
-Recht beleidigt gewesen, wenn er’s gesehen hätte, – kurzum, wir waren
-ohne Ausnahme intensiv bei der Sache! Das war Salami von echtem Schrot
-und Korn, Herr Settembrini war ganz gerührt davon, er aß sie sozusagen
-mit feuchten Augen. Er ist ja ein Patriot, wie Sie wissen werden, ein
-demokratischer Patriot. Er hat seine Bürgerpike am Altar der Menschheit
-geweiht, damit die Salami in Zukunft an der Brennergrenze verzollt
-werde.“
-
-„Das ist unwesentlich“, erklärte Peeperkorn. „Er ist ein ritterlicher
-und heiter gesprächiger Mann, ein Kavalier, obgleich es ihm offenbar
-nicht vergönnt ist, häufig seine Kleidung zu wechseln.“
-
-„Überhaupt nicht!“ sagte Hans Castorp. „Überhaupt nicht vergönnt! Ich
-kenne ihn nun schon lange Zeit und bin sehr befreundet mit ihm, das
-heißt, er hat sich meiner aufs dankenswerteste angenommen, weil er
-nämlich fand, ich wäre ein ‚Sorgenkind des Lebens‘ – das ist so eine
-Redewendung zwischen uns, der Ausdruck ist nicht ohne weiteres
-verständlich – und sich die Mühe gibt, berichtigend auf mich
-einzuwirken. Aber nie habe ich ihn anders gesehen, weder im Sommer noch
-im Winter, als in den gewürfelten Hosen und dem faserigen Doppelreiher,
-er trägt die alten Sachen übrigens mit hervorragendem Anstand, durchaus
-kavaliermäßig, da stimme ich Ihnen entschieden zu. Es ist ein Triumph
-über die Ärmlichkeit, wie er sie trägt, und mir ist diese Ärmlichkeit
-sogar lieber als die Eleganz des kleinen Naphta, bei der einem nie recht
-geheuer ist, sie ist sozusagen des Teufels, und die Mittel dazu bezieht
-er hintenherum, – ich habe einigen Einblick in die Verhältnisse.“
-
-„Ein ritterlicher und heiterer Mann,“ wiederholte Peeperkorn, ohne auf
-die Bemerkung über Naphta einzugehen, „wenn auch – erlauben Sie mir
-diese Einschränkung – wenn auch nicht ohne Vorurteile. Madame, meine
-Reisebegleiterin, schätzt ihn nicht sonderlich, wie Sie vielleicht
-bemerkt haben werden; sie äußert sich ohne Sympathie über ihn,
-zweifellos weil sie derartige Vorurteile aus seinem Verhalten gegen sie
-– Kein Wort, junger Mann. Ich bin weit entfernt, Herrn Settembrini und
-Ihren freundschaftlichen Empfindungen für ihn – Erledigt! Ich denke
-nicht daran, zu behaupten, daß er es je im Punkte jener Artigkeit, die
-ein Kavalier einer Dame – Perfekt, lieber Freund, durchaus einwandfrei!
-Allein es ist da doch eine Grenze, eine Zurückhaltung, eine gewisse
-Re–ku–sa–tion, die Madames Stimmung gegen ihn menschlich in hohem Grade
-–“
-
-„Begreiflich macht. Verständlich macht. In hohem Grade rechtfertigt.
-Verzeihen Sie, Mynheer Peeperkorn, daß ich eigenmächtig Ihren Satz
-beende. Ich kann es riskieren in dem Bewußtsein völligen
-Einverständnisses mit Ihnen. Besonders wenn man in Anschlag bringt, wie
-sehr die Frauen – Sie mögen lächeln, daß ich in meinem zarten Alter so
-allgemein von den Frauen spreche – wie sehr sie in ihrem Verhalten zum
-Manne abhängig sind von dem Verhalten des Mannes zu ihnen, – so gibt es
-da nichts zu verwundern. Die Frauen, so möchte ich mich ausdrücken, sind
-reaktive Geschöpfe, ohne selbständige Initiative, lässig im Sinne von
-passiv ... Lassen Sie mich das, bitte, wenn auch mühsam, etwas weiter
-auszuführen versuchen. Die Frau, soweit ich feststellen konnte,
-betrachtet sich in Liebesangelegenheiten primär durchaus als Objekt, sie
-läßt es an sich herankommen, sie wählt nicht frei, sie wird zum
-wählenden Subjekt der Liebe erst auf Grund der Wahl des Mannes, und auch
-dann noch, erlauben Sie mir, das hinzuzufügen, ist ihre Wahlfreiheit –
-vorausgesetzt nur eben, daß es sich nicht um eine gar zu betrübte Seele
-von Mann handelt, aber selbst das kann nicht als strenge Bedingung
-gelten – ist also ihre Wahlfreiheit sehr beeinträchtigt und bestochen
-durch die Tatsache, _daß_ sie gewählt wurde. Lieber Gott, es werden
-Abgeschmacktheiten sein, was ich da äußere, aber wenn man jung ist, so
-ist einem natürlich alles neu, neu und erstaunlich. Sie fragen eine
-Frau: ‚Liebst du ihn denn?‘ ‚Er liebt mich so sehr!‘ antwortet sie Ihnen
-mit Augenaufschlag oder auch -niederschlag. Nun stellen Sie sich eine
-solche Antwort im Munde von unsereinem vor – verzeihen Sie die
-Zusammenziehung! Vielleicht gibt es Männer, die so antworten müßten,
-aber sie sind doch ausgesprochen ridikül, Pantoffelhelden der Liebe, um
-mich epigrammatisch auszudrücken. Ich möchte wissen, von welcher
-Selbsteinschätzung diese weibliche Antwort eigentlich zeugt. Findet die
-Frau, daß sie dem Manne grenzenlose Ergebenheit schuldet, der ein so
-niederes Wesen wie sie mit seiner Liebeswahl begnadet, oder erblickt sie
-in der Liebe des Mannes zu ihrer Person ein untrügliches Zeichen seiner
-Vorzüglichkeit. Das habe ich mich in stillen Stunden schon beiläufig
-hier und da einmal gefragt.“
-
-„Urdinge, klassische Tatsachen, Sie rühren, junger Mann, mit Ihrem
-gewandten kleinen Wort an heilige Gegebenheiten“, erwiderte Peeperkorn.
-„Den Mann berauscht seine Begierde, das Weib verlangt und gewärtigt, von
-seiner Begierde berauscht zu werden. Daher unsere Verpflichtung zum
-Gefühl. Daher die entsetzliche Schande der Gefühllosigkeit, der
-Ohnmacht, das Weib zur Begierde zu wecken. Trinken Sie ein Glas Rotwein
-mit mir? Ich trinke. Mich dürstet. Die Feuchtigkeitsabgabe dieses Tages
-war erheblich.“
-
-„Ich danke recht sehr, Mynheer Peeperkorn. Es ist zwar nicht meine
-Stunde, aber einen Schluck auf Ihr Wohl zu trinken bin ich immer
-bereit.“
-
-„So nehmen Sie das Weinglas. Es ist nur eins zur Stelle. Ich greife
-aushilfsweise zum Wasserbecher. Ich denke, man tritt diesem kleinen
-Sauser nicht zu nahe, indem man ihn aus schlichtem Gefäße –“ Er schenkte
-ein, unter Beihilfe seines Gastes, mit leicht zitternder Kapitänshand,
-und goß durstig den Rotwein aus dem fußlosen Glase durch seine
-Büstengurgel, genau, als ob es klares Wasser wäre.
-
-„Das labt“, sagte er. „Sie trinken nicht mehr? Dann erlauben Sie, daß
-ich mir noch einmal –“ Er verschüttete etwas Wein beim abermaligen
-Einschenken. Das Einschlaglaken seiner Decke war dunkelrot befleckt.
-„Ich wiederhole“, sagte er mit erhobener Fingerlanze, während in seiner
-anderen Hand das Weinglas zitterte, „ich wiederhole: daher unsere
-Verpflichtung, unsere _religiöse_ Verpflichtung zum Gefühl. Unser
-Gefühl, verstehen Sie, ist die Manneskraft, die das Leben weckt. Das
-Leben schlummert. Es will geweckt sein zur trunkenen Hochzeit mit dem
-göttlichen Gefühl. Denn das Gefühl, junger Mann, ist göttlich. Der
-Mensch ist göttlich, sofern er fühlt. Er ist das Gefühl Gottes. Gott
-schuf ihn, um durch ihn zu fühlen. Der Mensch ist nichts als das Organ,
-durch das Gott seine Hochzeit mit dem erweckten und berauschten Leben
-vollzieht. Versagt er im Gefühl, so bricht Gottesschande herein, es ist
-die Niederlage von Gottes Manneskraft, eine kosmische Katastrophe, ein
-unausdenkbares Entsetzen –“ Er trank.
-
-„Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Glas abnehme, Mynheer Peeperkorn“,
-sagte Hans Castorp. „Ich folge Ihrem Gedankengang zu meiner größten
-Belehrung. Sie entwickeln da eine theologische Theorie, mit der Sie dem
-Menschen eine höchst ehrenvolle, wenn auch vielleicht etwas einseitige
-religiöse Funktion zuschreiben. Es liegt, wenn ich mir das zu bemerken
-erlauben darf, eine gewisse Rigorosität in Ihrer Anschauungsweise, die
-ihr Beklemmendes hat, – verzeihen Sie! Alle religiöse Strenge ist
-natürlich beklemmend für Leute bescheideneren Formates. Ich denke nicht
-daran, Sie korrigieren zu wollen, sondern ich möchte nur einlenkend auf
-Ihre Äußerung über gewisse ‚Vorurteile‘ zurückkommen, die nach Ihrer
-Beobachtung Herr Settembrini Madame, Ihrer Reisebegleiterin,
-entgegenbringt. Ich kenne Herrn Settembrini lange, sehr lange, seit Jahr
-und Tag, seit Jahren und Tagen. Und ich kann Sie versichern, daß seine
-Vorurteile, soweit sie überhaupt bestehen, auf keinen Fall kleinlichen
-und spießbürgerlichen Charakters sind, – lächerlich, so etwas zu denken.
-Es kann sich da einzig und allein um Vorurteile von größerem Stil und
-also unpersönlicher Art handeln, um allgemein pädagogische Prinzipien,
-bei deren Geltendmachung Herr Settembrini offen gestanden mich in meiner
-Eigenschaft als ‚Sorgenkind des Lebens‘ – Aber das führt zu weit. Es ist
-eine überaus weitläufige Angelegenheit, die ich unmöglich in zwei Worten
-–“
-
-„Und Sie lieben Madame?“ fragte Mynheer plötzlich und wandte dem
-Besucher sein Königsantlitz mit dem weh zerrissenen Munde und den
-kleinen blassen Augen unter dem Stirnarabeskenwerk zu ... Hans Castorp
-erschrak. Er stammelte:
-
-„Ob ich ... Das heißt ... Ich verehre Frau Chauchat selbstverständlich
-schon in ihrer Eigenschaft als –“
-
-„Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit zurückdämmender
-Kulturgebärde die Hand ausstreckte. „Lassen Sie mich,“ fuhr er fort,
-nachdem er auf diese Weise Platz geschaffen für das, was er zu sagen
-hatte, „lassen Sie mich wiederholen, daß ich weit von dem Vorwurf
-entfernt bin, dieser italienische Herr habe sich je eines wirklichen
-Verstoßes gegen die Gebote der Ritterlichkeit – Ich erhebe gegen
-niemanden diesen Vorwurf, gegen niemanden. Allein mir fällt auf – Im
-gegenwärtigen Augenblick etwa erfreue ich mich – Gut, junger Mann.
-Durchaus gut und schön. Ich erfreue mich, daran ist kein Zweifel; es
-gereicht mir zur wirklichen Annehmlichkeit. Gleichwohl sage ich mir –
-Ich sage mir kurz und gut: Ihre Bekanntschaft mit Madame ist älter, als
-die unsrige. Sie haben schon ihren vorigen Aufenthalt an diesem Orte mit
-ihr geteilt. Außerdem ist sie eine Frau von reizvollsten Eigenschaften,
-und ich bin nur ein kranker alter Mann. Wie kommt es – Sie ist, da ich
-unpäßlich bin, heute nachmittag, um Einkäufe zu machen, allein und ohne
-Begleitung hinab in den Kurort – Kein Unglück! Bei weitem nicht! Nur
-wäre es zweifellos – Soll ich es dem Einfluß der – wie sagten Sie – der
-pädagogischen Prinzipien Signor Settembrinis zuschreiben, daß Sie dem
-ritterlichen Antriebe – Ich bitte, mich aufs Wort zu verstehen ...“
-
-„Aufs Wort, Mynheer Peeperkorn. O nein. Aber ganz und gar nicht. Ich
-handle absolut selbständig. Im Gegenteil hat mich Herr Settembrini sogar
-gelegentlich – – Ich sehe da zu meinem Bedauern Weinflecke auf Ihrem
-Laken, Mynheer Peeperkorn. Sollte man nicht – Wir pflegten Salz darauf
-zu schütten, solange sie frisch waren –“
-
-„Das ist unwesentlich“, sprach Peeperkorn, indem er seinen Gast im Auge
-behielt.
-
-Hans Castorp verfärbte sich.
-
-„Die Dinge“, sagte er mit falschem Lächeln, „liegen hier doch etwas
-anders als gewöhnlich. Der Ortsgeist, möchte ich es ausdrücken, ist
-nicht der konventionelle. Das Vorrecht hat der Kranke, ob Mann oder
-Frau. Die Vorschriften der Ritterlichkeit treten dagegen zurück. Sie
-sind vorübergehend unpäßlich, Mynheer Peeperkorn, – eine akute
-Unpäßlichkeit, eine Unpäßlichkeit von Aktualität. Ihre Reisebegleiterin
-ist vergleichsweise gesund. Da glaube ich ganz im Sinne von Madame zu
-handeln, wenn ich sie in ihrer Abwesenheit ein bißchen bei Ihnen
-vertrete – soweit hier von Vertretung die Rede sein kann, ha, ha: –
-statt umgekehrt Sie bei ihr zu vertreten und ihr meine Begleitung in den
-Ort hinunter anzubieten. Wie käme ich auch wohl dazu, Ihrer
-Reisebegleiterin meine Ritterdienste aufzudrängen? Dazu habe ich gar
-keinen Rechtstitel und kein Mandat. Ich darf sagen, daß ich viel Sinn
-für positive Rechtsverhältnisse habe. Kurzum, meine Situation, finde
-ich, ist korrekt, sie entspricht der allgemeinen Sachlage, sie
-entspricht namentlich meinen aufrichtigen Empfindungen für Ihre Person,
-Mynheer Peeperkorn, und somit glaube ich auf Ihre Frage – denn Sie
-richteten wohl eine Frage an mich – eine befriedigende Antwort erteilt
-zu haben.“
-
-„Eine sehr angenehme“, erwiderte Peeperkorn. „Ich lausche mit
-unwillkürlichem Vergnügen auf Ihr behendes kleines Wort, junger Mann. Es
-springt über Stock und Stein und rundet die Dinge zur Annehmlichkeit.
-Allein befriedigend, – nein. Ihre Antwort befriedigt mich nicht ganz, –
-verzeihen Sie, wenn ich Ihnen damit eine Enttäuschung bereite.
-‚Rigoros‘, lieber Freund, Sie brauchten dies Wort vorhin in Hinsicht auf
-gewisse von mir geäußerte Anschauungen. Aber auch in Ihren Äußerungen
-liegt eine gewisse Rigorosität, eine Strenge und Gezwungenheit, die mir
-mit Ihrer Natur nicht übereinzustimmen scheint, obgleich sie mir aus
-Ihrem Verhalten in gewisser Beziehung bekannt ist. Ich erkenne sie
-wieder. Es ist die nämliche Gezwungenheit, die Sie bei unseren
-gemeinsamen Unternehmungen, unseren Spaziergängen gegen Madame – gegen
-sonst niemanden – an den Tag legen, und für die Sie mir eine Erklärung –
-das ist eine Schuld, eine Schuldigkeit, junger Mann. Ich irre mich
-nicht. Die Beobachtung hat sich mir zu oft bestätigt, und es ist
-unwahrscheinlich, daß sie sich nicht auch anderen aufgedrängt haben
-sollte, mit dem Unterschiede, daß diese anderen sich möglicherweise, ja
-wahrscheinlich im Besitz der Erklärung des Phänomens befinden.“
-
-Mynheer sprach in ungewöhnlich präzisem und geschlossenem Stil heute
-nachmittag, trotz seiner Erschöpfung durch den malignen Anfall. Es
-fehlte fast jede Abgerissenheit. Im Bette halb sitzend, die mächtigen
-Schultern, das großartige Haupt gegen den Besucher gewandt, hielt er den
-einen Arm über der Bettdecke ausgestreckt, und seine sommersprossige
-Kapitänshand, aufrecht stehend am Ende des Wollärmels, bildete den von
-den Fingerlanzen überragten Exaktheitsring, während sein Mund die Worte
-so scharf und genau, ja plastisch bildete, wie Herr Settembrini es nur
-hätte wünschen können, mit gerolltem Kehl-r in Wörtern wie
-„wahrscheinlich“ und „aufgedrängt“.
-
-„Sie lächeln,“ fuhr er fort, „Sie drehen blinzelnd den Kopf hin und her,
-Sie scheinen sich eines ergebnislosen Nachdenkens zu befleißigen.
-Gleichwohl ist gar kein Zweifel, daß Sie wissen, was ich meine, und um
-was es sich handelt. Ich behaupte nicht, daß Sie nicht zuweilen das Wort
-an Madame richteten oder ihr die Antwort schuldig blieben, wenn die
-Unterhaltung das Umgekehrte mit sich bringt. Aber ich wiederhole, es
-geschieht mit einer bestimmten Gezwungenheit, genauer: einem Ausweichen,
-einem Vermeiden, und zwar, wenn man näher zusieht, dem Vermeiden _einer_
-Form. Man hat, soweit Sie in Frage kommen, den Eindruck, als handelte es
-sich um eine Wette, als hätten Sie ein Vielliebchen mit Madame gegessen
-und dürften sich laut Abmachung nicht der Anredeform gegen sie bedienen.
-Sie vermeiden es folgerecht und ohne Ausnahme, sie anzureden. Sie sagen
-nicht ‚Sie‘ zu ihr.“
-
-„Aber Mynheer Peeperkorn ... Was denn für ein Vielliebchen ...“
-
-„Ich darf Sie auf den Umstand hinweisen, dessen Sie selbst nicht unkund
-sein werden, daß Sie soeben blaß geworden sind bis in die Lippen
-hinein.“
-
-Hans Castorp blickte nicht auf. Gebeugt und angelegentlich beschäftigte
-er sich mit den roten Flecken auf dem Laken. „Dahin mußte es kommen!“
-dachte er. „Darauf wollte es hinaus. Ich habe, glaube ich, selber das
-meine getan, damit es darauf hinausliefe. Ich habe es in gewissem Grade
-darauf angelegt, wie mir in diesem Augenblick bewußt wird. Bin ich
-wahrhaftig so blaß geworden? Es kann wohl sein, denn nun geht es auf
-Biegen und Brechen. Man weiß nicht, was geschieht. Kann ich noch lügen?
-Es ginge wohl, doch will ichs gar nicht. Ich bleibe vorderhand bei
-diesen Blutflecken, Rotweinflecken hier im Laken.“
-
-Auch über ihm schwieg man. Die Stille dauerte wohl zwei oder drei
-Minuten lang, – sie gab zu bemerken, welche Ausdehnung diese winzigen
-Einheiten unter solchen Umständen gewinnen können.
-
-Pieter Peeperkorn war es, der das Gespräch wieder eröffnete.
-
-„Es war an jenem Abend, der mir den Vorzug Ihrer Bekanntschaft gebracht
-hatte“, begann er in singendem Ton und ließ am Schlusse die Stimme
-sinken, als sei das der erste Satz einer längeren Erzählung. „Wir hatten
-ein kleines Fest gefeiert, Speise und Trank genossen, und in gehobener
-Stimmung, in menschlich gelöster und kühner Verfassung suchten wir zu
-vorgerückter Stunde Arm in Arm unser Nachtlager auf. Da geschah es, hier
-vor meiner Tür, beim Abschiede, daß mir die Eingebung kam, die
-Aufforderung an Sie zu richten, Sie möchten mit den Lippen die Stirn der
-Frau berühren, die Sie mir als einen guten Freund von früherem
-Aufenthalte her vorgestellt hatte, und es ihr anheimzugeben, diese
-feierlich-heitere Handlung zum Zeichen der erhöhten Stunde vor meinen
-Augen zu erwidern. Sie verwarfen rundweg meine Anregung, verwarfen sie
-mit der Begründung, Sie empfänden es als unsinnig, mit meiner
-Reisebegleiterin Stirnküsse zu tauschen. Sie werden nicht bestreiten,
-daß das eine Erläuterung war, die selbst der Erklärung bedurft hätte,
-einer Erklärung, die Sie mir bis zur Stunde schuldig geblieben sind.
-Sind Sie gewillt, diese Schuld jetzt abzutragen?“
-
-„So, das hat er also auch gemerkt“, dachte Hans Castorp und wandte sich
-noch näher den Weinflecken zu, indem er mit der gekrümmten Spitze des
-Mittelfingers an einem davon kratzte. „Im Grunde wollte ich wohl damals,
-daß er es merkte und es sich merkte, sonst hätte ichs nicht gesagt. Aber
-was nun? Mir schlägt das Herz nicht wenig. Wird es einen Königskoller
-vom ersten Range geben? Vielleicht täte ich gut, mich nach seiner Faust
-umzusehen, die möglicherweise schon über mir schwebt? Eine
-hoch-eigentümliche und äußerst brenzlige Lage, in der ich mich da
-befinde!“
-
-Plötzlich fühlte er sein Handgelenk, das rechte, von der Hand
-Peeperkorns umfaßt.
-
-„Jetzt faßt er mich am Handgelenk!“ dachte er. „Na, lächerlich, was
-sitze ich da wie ein begossener Pudel! Habe ich mich schuldhaft
-vergangen gegen ihn? Keine Spur. Zuerst hat der Mann in Daghestan sich
-zu beklagen. Und dann dieser und jener. Und dann ich. Und _er_ hat sich
-meines Wissens überhaupt noch nicht zu beklagen. Was schlägt mir also
-das Herz? Es ist hohe Zeit, daß ich mich aufrichte und ihm frank, wenn
-auch ehrerbietig in das großmächtige Antlitz blicke!“
-
-So tat er. Das großmächtige Antlitz war gelb, die Augen blickten blaß
-unter angezogener Stirnlineatur, der Ausdruck der zerrissenen Lippen war
-bitter. Sie lasen einer in des anderen Augen, der große alte und der
-unbedeutende junge Mann, indem der eine fortfuhr, den anderen am
-Handgelenk zu halten. Endlich sprach Peeperkorn leise:
-
-„Sie waren Clawdias Geliebter bei ihrem vorigen Aufenthalt.“
-
-Hans Castorp ließ noch einmal den Kopf sinken, richtete ihn aber gleich
-wieder auf und sagte nach einem tiefen Atemzug:
-
-„Mynheer Peeperkorn! Es widersteht mir im höchsten Grade, Sie zu
-belügen, und ich suche nach einer Möglichkeit, das zu vermeiden. Es ist
-nicht leicht. Ich prahle, wenn ich Ihre Feststellung bestätige, und ich
-lüge, wenn ich sie leugne. Das ist so zu verstehen. Ich habe lange Zeit,
-sehr lange Zeit mit Clawdia – verzeihen Sie – mit Ihrer gegenwärtigen
-Reisebegleiterin zusammen in diesem Hause gelebt, ohne sie
-gesellschaftlich zu kennen. Das Gesellschaftliche schied aus in unseren
-Beziehungen oder in meinen Beziehungen zu ihr, von denen ich sagen will,
-daß ihr Ursprung im Dunklen liegt. Ich habe Clawdia in meinen Gedanken
-nie anders als Du genannt und auch in Wirklichkeit nie anders. Denn der
-Abend, an dem ich gewisse pädagogische Fesseln, von denen schon kurz die
-Rede war, abstreifte und mich ihr näherte – unter einem Vorwand, der mir
-von früher her nahe lag –, war ein maskierter Abend, ein Faschingsabend,
-ein unverantwortlicher Abend, ein Abend des Du, in dessen Verlauf das Du
-auf traumhafte und unverantwortliche Weise vollen Sinn gewann. Er war
-aber zugleich der Vorabend von Clawdias Abreise.“
-
-„Vollen Sinn“, wiederholte Peeperkorn. „Sie haben das sehr artig –“ Er
-ließ Hans Castorp los und begann, sich mit den Flächen seiner
-langnägeligen Kapitänshände beide Gesichtshälften zu massieren,
-Augenhöhlen, Wangen und Kinn. Dann faltete er die Hände auf dem
-weinbesudelten Laken und legte den Kopf auf die Seite, die linke Seite,
-gegen den Gast hin, so daß es einem Abwenden des Gesichtes gleichkam.
-
-„Ich habe Ihnen so richtig wie möglich geantwortet, Mynheer Peeperkorn,“
-sagte Hans Castorp, „und mich gewissenhaft bemüht, weder zuviel noch
-zuwenig zu sagen. Es kam mir vor allem darauf an, Sie bemerken zu
-lassen, daß es gewissermaßen freisteht, jenen Abend des vollen Du und
-des Abschieds mitzählen zu lassen oder nicht, – daß er ein aus aller
-Ordnung und beinahe aus dem Kalender fallender Abend war, ein _hors
-d’œuvre_, sozusagen, ein Extraabend, ein Schaltabend, der
-neunundzwanzigste Februar, – und daß es also nur eine halbe Lüge gewesen
-wäre, wenn ich Ihre Feststellung geleugnet hätte.“
-
-Peeperkorn antwortete nicht.
-
-„Ich habe es vorgezogen,“ fing Hans Castorp nach einer Pause wieder an,
-„Ihnen die Wahrheit zu sagen auf die Gefahr hin, dadurch Ihres
-Wohlwollens verlustig zu gehen, was, ganz offen gestanden, ein
-empfindlicher Verlust für mich wäre, ich kann wohl sagen: ein Schlag,
-ein wirklicher Schlag, den man wohl in Vergleich stellen könnte mit dem
-Schlag, den es für mich bedeutete, als Frau Chauchat nicht allein,
-sondern als Ihre Reisebegleiterin hier wieder eintraf. Ich habe es auf
-diese Gefahr ankommen lassen, weil es längst mein Wunsch gewesen ist,
-daß Klarheit zwischen uns – zwischen Ihnen, dem ich so außerordentlich
-verehrungsvolle Empfindungen entgegenbringe, und mir herrschen möge, –
-das schien mir schöner und menschlicher – Sie wissen, wie Clawdia das
-Wort ausspricht mit ihrer zauberhaft belegten Stimme, so reizend gedehnt
-–, als Verschwiegenheit und Verstellung, und insofern ist mir ein Stein
-vom Herzen gefallen, als Sie vorhin Ihre Feststellung machten.“
-
-Keine Antwort.
-
-„Noch eins, Mynheer Peeperkorn“, fuhr Hans Castorp fort. „Noch eins ließ
-mich wünschen, Ihnen reinen Wein einschenken zu dürfen, nämlich die
-persönliche Erfahrung, wie irritierend die Unsicherheit, das
-Angewiesensein auf halbe Vermutungen in dieser Richtung wirken kann.
-_Sie_ wissen nun, wer es war, mit dem Clawdia, bevor das gegenwärtige
-positive Rechtsverhältnis sich herstellte, das nicht zu respektieren
-natürlich ausgemachter Wahnsinn wäre, einen – einen neunundzwanzigsten
-Februar erlebt, verbracht, begangen – also begangen hat. Ich habe für
-mein Teil diese Klarheit nie gewinnen können, obgleich ich mir klar
-darüber war, daß jeder, der in die Lage kommt, darüber nachzudenken, mit
-solchen Vorgängen, ich meine eigentlich Vorgängern, rechnen muß, und
-obgleich ich ferner wußte, daß Hofrat Behrens, der, wie Sie vielleicht
-wissen, in Öl dilettiert, im Laufe vieler Sitzungen ein hervorragendes
-Porträt von ihr angefertigt hatte, von einer Anschaulichkeit in der
-Wiedergabe der Haut, die unter uns gesagt zu starkem Stutzen Anlaß gibt.
-Das hat mir viel Qual und Kopfzerbrechen verursacht und tut es noch
-heute.“
-
-„Sie lieben sie noch?“ fragte Peeperkorn, ohne seine Stellung zu
-verändern, das heißt: mit abgewandtem Gesicht ... Das große Zimmer sank
-mehr und mehr in Dämmerung.
-
-„Entschuldigen Sie, Mynheer Peeperkorn,“ antwortete Hans Castorp, „aber
-meine Empfindungen für Sie, Empfindungen größter Hochachtung und
-Bewunderung, würden es mir nicht als schicklich erscheinen lassen, Ihnen
-von meinen Empfindungen für Ihre Reisebegleiterin zu sprechen.“
-
-„Und teilt sie“, fragte Peeperkorn mit stiller Stimme, „diese
-Empfindungen auch heute noch?“
-
-„Ich sage nicht,“ versetzte Hans Castorp, „ich sage nicht, daß sie sie
-jemals geteilt hat. Das ist wenig glaubwürdig. Wir haben diesen
-Gegenstand vorhin theoretisch berührt, als wir von der reaktiven Natur
-der Frauen sprachen. An mir ist natürlich nicht viel zu lieben. Was habe
-denn ich für ein Format, – urteilen Sie selbst! Wenn es da zu einem –
-einem neunundzwanzigsten Februar kommen konnte, so ist das einzig und
-allein der weiblichen Bestechlichkeit durch die primäre Wahl des Mannes
-zuzuschreiben, – wozu ich bemerken möchte, daß ich mir renommistisch und
-geschmacklos vorkomme, indem ich mich einen ‚Mann‘ nenne, aber Clawdia
-ist jedenfalls eine Frau.“
-
-„Sie folgte dem Gefühl“, murmelte Peeperkorn mit zerrissenen Lippen.
-
-„Wie sie es in Ihrem Falle weit gehorsamer tat“, sagte Hans Castorp,
-„und wie sie es aller Wahrscheinlichkeit nach schon manches liebe Mal
-getan hat, – darüber muß jeder sich klar sein, der in die Lage kommt –“
-
-„Halt!“ sprach Peeperkorn, immer noch abgewandt, aber mit einer Gebärde
-der flachen Hand gegen seinen Unterredner. „Sollte es nicht gemein sein,
-daß wir so über sie sprechen?“
-
-„Doch nicht, Mynheer Peeperkorn. Nein, da glaube ich Sie völlig
-beruhigen zu können. Es ist ja von menschlichen Dingen die Rede, – das
-Wort „menschlich“ im Sinne der Freiheit und der Genialität genommen, –
-verzeihen Sie den möglicherweise etwas geschraubten Ausdruck, aber der
-Bedarfsfall brachte mich kürzlich dazu, ihn mir anzueignen.“
-
-„Gut, fahren Sie fort!“ befahl Peeperkorn leise.
-
-Auch Hans Castorp sprach leise, auf der Kante seines Stuhles am Bette
-sitzend, gegen den königlichen alten Mann geneigt, die Hände zwischen
-den Knien.
-
-„Denn sie ist ja eine geniale Existenz,“ sagte er, „und der Mann hinter
-dem Kaukasus – Sie wissen doch wohl, daß sie einen Mann hinter dem
-Kaukasus hat – bewilligt ihr ihre Freiheit und Genialität, sei es aus
-Stumpfheit, sei es aus Intelligenz, ich kenne den Burschen nicht.
-Jedenfalls tut er wohl daran, sie ihr zu bewilligen, denn es ist die
-Krankheit, die sie ihr verleiht, das geniale Prinzip der Krankheit, dem
-sie untersteht, und jeder, der in die Lage kommt, wird gut tun, seinem
-Beispiel zu folgen und sich nicht zu beklagen, weder rückwärts noch
-vorwärts ...“
-
-„Sie beklagen sich nicht?“ fragte Peeperkorn und wandte ihm das Antlitz
-zu ... Es schien fahl in der Dämmerung; die Augen blickten bleich und
-matt unter der idolhaften Stirnlineatur, der große, zerrissene Mund
-stand halb geöffnet wie bei einer tragischen Maske.
-
-„Ich dachte nicht,“ antwortete Hans Castorp bescheiden, „daß es sich um
-mich handle. Meine Worte bezwecken, daß _Sie_ sich nicht beklagen,
-Mynheer Peeperkorn, und mir nicht um früherer Vorkommnisse willen Ihr
-Wohlwollen entziehen. Darauf kommt es mir an in dieser Stunde.“
-
-„Dessen ungeachtet“, sagte Peeperkorn, „muß es ein großer Schmerz
-gewesen sein, den ich Ihnen unwissentlich zugefügt habe.“
-
-„Wenn das eine Frage ist“, versetzte Hans Castorp, „und wenn ich sie
-bejahe, so soll das vor allen Dingen nicht heißen, daß ich den enormen
-Vorzug Ihrer Bekanntschaft nicht zu schätzen wüßte, denn dieser Vorzug
-ist ja mit der Enttäuschung, von der Sie sprechen, untrennbar
-verbunden.“
-
-„Ich danke, junger Mann, ich danke. Ich schätze die Artigkeit Ihres
-kleinen Wortes. Allein von unserer Bekanntschaft abgesehen –“
-
-„Es ist schwer, davon abzusehen,“ sagte Hans Castorp, „und es empfiehlt
-sich für mich auch gar nicht, davon abzusehen, um Ihre Frage in aller
-Anspruchslosigkeit zu bejahen. Denn daß es eine Persönlichkeit Ihres
-Formates war, in deren Begleitung Clawdia zurückkehrte, konnte das
-Ungemach, das für mich darin lag, daß sie überhaupt in Begleitung eines
-anderen Mannes zurückkehrte, natürlich nur verstärken und verwickelter
-gestalten. Es hat mir bedeutend zu schaffen gemacht und tut es heute
-noch, das leugne ich nicht, und ich habe mich absichtlich nach Kräften
-an die positive Seite der Sache gehalten, das heißt: an meine
-aufrichtigen Verehrungsgefühle für Sie, Mynheer Peeperkorn, worin
-übrigens nebenbei eine kleine Bosheit gegen Ihre Reisebegleiterin lag;
-denn die Frauen sehen es gar nicht besonders gern, wenn ihre Liebhaber
-zusammenhalten.“
-
-„In der Tat –“, sagte Peeperkorn und verbarg ein Lächeln, indem er mit
-der hohlen Hand über Mund und Kinn strich, als bestünde Gefahr, daß Frau
-Chauchat ihn lächeln sähe. Auch Hans Castorp lächelte diskret, und dann
-nickten sie beide im Einverständnis vor sich hin.
-
-„Diese kleine Rache“, fuhr Hans Castorp fort, „war mir am Ende zu
-gönnen, denn so weit ich in Frage komme, habe ich wirklich einigen
-Grund, mich zu beklagen, – nicht über Clawdia und nicht über Sie,
-Mynheer Peeperkorn, aber mich allgemein zu beklagen, meines Lebens und
-Schicksals wegen, und da ich die Ehre Ihres Vertrauens genieße und dies
-eine so durch und durch eigentümliche Dämmerstunde ist, so will ich mich
-wenigstens andeutungsweise darüber zu äußern versuchen.“
-
-„Ich bitte darum“, sagte Peeperkorn höflich, worauf Hans Castorp
-fortfuhr:
-
-„Ich bin seit langer Zeit hier oben, Mynheer Peeperkorn, seit Jahren und
-Tagen, – genau weiß ich es nicht, wie lange, aber es sind Lebensjahre,
-darum sprach ich von ‚Leben‘, und auch auf das ‚Schicksal‘ werde ich im
-rechten Augenblick noch zurückkommen. Mein Vetter, den ich etwas zu
-besuchen dachte, ein Militär, der es redlich und brav im Sinne hatte,
-aber das half ihm nichts, ist mir hier weggestorben, und ich bin immer
-noch da. Ich war nicht Militär, ich hatte einen Zivilberuf, wie Sie
-vielleicht gehört haben, einen handfesten und vernünftigen Beruf, der
-angeblich sogar in völkerverbindender Richtung wirkt, aber ich war ihm
-nie sonderlich verbunden, das gebe ich zu, und zwar aus Gründen, von
-denen ich nur sagen will, daß sie im Dunklen liegen: Sie liegen da
-zusammen mit den Ursprüngen meiner Empfindungen für Ihre
-Reisebegleiterin – ich nenne sie ausdrücklich so, um zu bekunden, daß es
-mir nicht einfällt, an der positiven Rechtslage rütteln zu wollen –
-meiner Empfindungen für Clawdia Chauchat und meines Duzverhältnisses zu
-ihr, das ich nie verleugnet habe, seit ihre Augen mir zuerst begegneten
-und es mir antaten, – es mir in unvernünftigem Sinne antaten, verstehen
-Sie. Ihr zuliebe und Herrn Settembrini zum Trotz habe ich mich dem
-Prinzip der Unvernunft, dem genialen Prinzip der Krankheit unterstellt,
-dem ich freilich wohl von langer Hand und jeher schon unterstand, und
-bin hier oben geblieben, – ich weiß nicht mehr genau, wie lange, ich
-habe alles vergessen und mit allem gebrochen, mit meinen Verwandten und
-meinem flachländischen Beruf und allen meinen Aussichten. Und als
-Clawdia abreiste, habe ich auf sie gewartet, immer hier oben gewartet,
-so daß ich nun dem Flachland völlig abhanden gekommen und in seinen
-Augen so gut wie tot bin. Das hatte ich im Sinn, als ich von ‚Schicksal‘
-sprach und mir anzudeuten erlaubte, daß es mir allenfalls zustände, mich
-über die gegenwärtige Rechtslage zu beklagen. Ich habe einmal eine
-Geschichte gelesen, – nein, ich habe sie im Theater gesehen, wie ein
-gutmütiger Junge – er war übrigens Militär, wie mein Vetter, – es mit
-einer reizenden Zigeunerin zu tun bekommt, – sie war reizend, mit einer
-Blume hinter dem Ohr, ein wildes, fatales Frauenzimmer, und sie tat es
-ihm dermaßen an, daß er vollständig entgleiste, ihr alles opferte,
-fahnenflüchtig wurde, mit ihr zu den Schmugglern ging und sich in jeder
-Richtung entehrte. Als er soweit war, hatte sie genug von ihm und kam
-mit einem Matador daher, einer zwingenden Persönlichkeit mit
-prachtvollem Bariton. Es endete damit, daß der kleine Soldat, kreideweiß
-im Gesicht und in offenem Hemd, sie vor dem Zirkus mit seinem Messer
-erstach, worauf sie es übrigens geradezu angelegt hatte. Es ist eine
-ziemlich beziehungslose Geschichte, auf die ich da komme. Aber
-schließlich, warum fällt sie mir ein?“
-
-Mynheer Peeperkorn hatte bei Nennung des „Messers“ seine Sitzlage im
-Bette etwas verändert, war kurz beiseite gerückt, indem er rasch das
-Gesicht seinem Gaste zugewandt und ihm forschend ins Auge geblickt
-hatte. Jetzt richtete er sich besser auf, stützte sich auf den Ellbogen
-und sprach:
-
-„Junger Mann, ich habe gehört, und ich bin nun im Bilde. Erlauben Sie
-mir auf Grund Ihrer Mitteilungen eine loyale Erklärung! Wäre mein Haar
-nicht bleich und wäre ich nicht mit malignem Fieber geschlagen, so sähen
-Sie mich bereit, Ihnen von Mann zu Mann, die Waffe in der Hand,
-Genugtuung zu geben für die Unbill, die ich Ihnen unwissentlich angetan,
-und zugleich für diejenige, die meine Reisebegleiterin Ihnen zugefügt,
-und für die ich ebenfalls aufzukommen habe. Perfekt, mein Herr, – Sie
-sähen mich bereit. Wie aber die Dinge liegen, so erlauben Sie mir, einen
-anderen Vorschlag dafür einzusetzen. Es ist der folgende. Ich erinnere
-mich eines gehobenen Augenblicks, gleich zu Anfang unserer
-Bekanntschaft, – ich erinnere mich daran, obgleich ich damals dem Weine
-stark zugesprochen hatte –, eines Augenblicks also, da ich, angenehm
-berührt von Ihrem Naturell, im Begriffe stand, Ihnen das brüderliche Du
-anzubieten, mich aber dann der Einsicht nicht entzog, daß es ein etwas
-übereilter Schritt gewesen wäre. Gut, ich beziehe mich heute auf diesen
-Augenblick, ich komme auf ihn zurück, ich erkläre den damals
-beschlossenen Aufschub für abgelaufen. Junger Mann, wir sind Brüder, ich
-erkläre uns dafür. Sie sprachen von einem Du vollen Sinnes, – auch das
-unsrige wird vollen Sinn haben, den Sinn der Brüderlichkeit im Gefühl.
-Die Genugtuung, die Ihnen mit der Waffe zu geben, Alter und
-Unpäßlichkeit mich hindern, ich biete sie Ihnen in dieser Form, ich
-biete sie Ihnen in Form eines Bruderbundes, wie man ihn sonst wohl gegen
-Dritte, gegen die Welt, gegen jemanden schließt, und den wir im Gefühl
-für jemanden schließen wollen. Nehmen Sie Ihr Weinglas, junger Mann,
-während ich wieder zu meinem Wasserglas greife, durch das diesem
-Sauserchen weiter kein Unrecht geschieht –“
-
-Und mit leicht zitternder Kapitänshand füllte er die Gläser, wobei Hans
-Castorp ihm in ehrerbietiger Bestürzung behilflich war.
-
-„Nehmen Sie!“ wiederholte Peeperkorn. „Kreuzen Sie den Arm mit mir! Und
-trinken Sie auf diese Weise! Trinken Sie aus! – Perfekt, junger Mann.
-Erledigt. Hier meine Hand. Bist du zufrieden?“
-
-„Das ist natürlich gar kein Ausdruck, Mynheer Peeperkorn“, sagte Hans
-Castorp, dem es etwas schwer gefallen war, das volle Glas in einem Zuge
-auszutrinken, und trocknete seine Knie mit dem Taschentuch, da Wein
-darauf hinabgeflossen war. „Ich bin hoch beglückt, will ich lieber
-sagen, und kann es noch gar nicht fassen, wie mir das so auf einmal
-zuteil geworden, – es ist mir, offen gestanden, wie im Traum. Das ist
-eine gewaltige Ehre für mich, – ich weiß nicht, wie ich sie verdient
-haben soll, höchstens auf passive Weise, auf andere gewiß nicht, und man
-darf sich nicht wundern, wenn es mich anfangs abenteuerlich anmutet, die
-neue Anrede über die Lippen zu bringen, wenn ich darüber stolpere, –
-zumal in Clawdias Gegenwart, die vielleicht nach Frauenart nicht ganz
-einverstanden sein wird mit diesem Arrangement ...“
-
-„Laß das meine Sache sein“, erwiderte Peeperkorn, „und das andere Sache
-der Übung und Gewohnheit! Und nun geh, junger Mann! Verlasse mich, mein
-Sohn! Es ist dunkel, der Abend ist völlig hereingebrochen, unsere
-Geliebte kann jeden Augenblick zurückkehren, und eine Begegnung zwischen
-euch wäre eben jetzt vielleicht nicht das Schicklichste.“
-
-„Lebe wohl, Mynheer Peeperkorn!“ sagte Hans Castorp und stand auf. „Sie
-sehen, ich überwinde meine berechtigte Scheu und übe mich schon in der
-tollkühnen Anrede. Richtig, es ist ja finster geworden! Ich könnte mir
-vorstellen, daß plötzlich Herr Settembrini hereinkäme und das Licht
-andrehte, damit Vernunft und Gesellschaftlichkeit Platz griffen, – er
-hat nun einmal die Schwäche. Auf morgen! Ich gehe dermaßen vergnügt und
-stolz von hier fort, wie ich es mir nicht im entferntesten hätte träumen
-lassen. Recht gute Besserung! Es kommen nun mindestens drei fieberfreie
-Tage für dich, an denen Sie allen Anforderungen gewachsen sein werden.
-Das freut mich, als ob ich Du wäre. Gute Nacht!“
-
-
- Mynheer Peeperkorn (Schluß)
-
-Ein Wasserfall ist immer ein anziehendes Ausflugsziel, und kaum wissen
-wir es zu rechtfertigen, daß Hans Castorp, der für fallendes Wasser
-sogar eine besondere Herzensneigung hegte, die malerische Kaskade im
-Walde des Flüelatals noch niemals besucht hatte. Für die Zeit seines
-Zusammenlebens mit Joachim mochte er entschuldigt sein durch die strenge
-Dienstlichkeit seines Vetters, der nicht zum Vergnügen hier gewesen war,
-und dessen sachlich-zweckhafter Sinn ihren Gesichtskreis auf die nächste
-Umgebung von Haus „Berghof“ eingeschränkt hatte. Und nach seinem
-Ausscheiden – nun, auch danach hatte Hans Castorps Verhältnis zur
-hiesigen Landschaft, wenn man von seinen Skiunternehmungen absehen will,
-den Charakter einer konservativen Einförmigkeit bewahrt, deren
-Kontrast zu der Spannweite seiner inneren Erfahrungen und
-„Regierungs“-obliegenheiten sogar nicht ohne einen gewissen bewußten
-Reiz für den jungen Mann gewesen war. Immerhin war seine Zustimmung
-lebhaft, als in seiner engeren Umgebung, diesem kleinen Freundeskreise
-von sieben Personen (ihn selber eingerechnet), der Plan einer Wagenfahrt
-nach jener empfohlenen Örtlichkeit erwogen wurde.
-
-Es war Mai geworden, der Wonnemond einfältigen kleinen Liedern des
-Flachlandes zufolge, – recht frisch und wenig einschmeichelnd von
-Luftbeschaffenheit hier oben, aber die Schneeschmelze konnte für
-abgeschlossen gelten. Zwar hatte es in den letzten Tagen mehrfach
-großflockig geschneit, doch das blieb nicht liegen, es ließ nur etwas
-Nässe zurück; die lagernden Massen des Winters waren versickert,
-verraucht, bis auf vereinzelte Reste dahingeschwunden; die grüne
-Gangbarkeit der Welt bedeutete ein Anerbieten an jede Unternehmungslust.
-
-Ohnehin hatte der gesellige Verkehr der Gruppe während der letzten
-Wochen gelitten unter dem Übelbefinden ihres Oberhauptes, des
-großartigen Pieter Peeperkorn, dessen maligne Tropenmitgift weder den
-Einwirkungen des außerordentlichen Klimas, noch den Antidoten eines so
-hervorragenden Mediziners, wie des Hofrat Behrens, hatte weichen wollen.
-Er war viel bettlägerig gewesen, nicht nur an Tagen, da das
-Quartanfieber in seine schlimmen Rechte trat. Milz und Leber machten ihm
-zu schaffen, wie der Hofrat die dem Patienten Nahestehenden abseits
-bedeutete; auch sein Magen sollte sich nicht in klassischer Verfassung
-befinden, und Behrens unterließ nicht, auf die auch bei einer so
-mächtigen Natur unter diesen Umständen nicht ganz von der Hand zu
-weisende Gefahr chronischer Entkräftung hinzudeuten.
-
-Einem abendlichen Essen und Trinken nur hatte Mynheer in diesen Wochen
-vorgesessen, und auch die gemeinsamen Spaziergänge waren bis auf einen
-nicht sehr ausgedehnten unterblieben. Übrigens empfand Hans Castorp,
-unter uns gesagt, diese Lockerung der Cliquengemeinschaft in gewisser
-Hinsicht als Erleichterung, denn das mit Frau Chauchats Reisebegleiter
-getrunkene Schmollis schuf ihm Beschwerden; es brachte in seine
-öffentliche Konversation mit Peeperkorn dieselbe „Gezwungenheit“,
-dasselbe „Ausweichen“ und gleichsam auf einer Vielliebchenwette
-beruhende „Vermeiden“, das diesem an seinem Verkehr mit Clawdia
-aufgefallen war: mit wunderlichen Behelfen umschrieb er die Anredeform,
-soweit sie sich nicht verschlucken ließ, – aus demselben oder dem
-umgekehrten Dilemma, das sein Gespräch mit Clawdia in Gegenwart anderer,
-auch in alleiniger Gegenwart ihres Meisters, beherrschte, und das sich
-dank der von diesem empfangenen Genugtuung zur formalen Doppelklemme
-vervollständigt hatte.
-
-Nun war denn also der Plan eines Ausflugs zum Wasserfall an der
-Tagesordnung, – Peeperkorn selbst hatte das Ziel bestimmt, und er fühlte
-sich rüstig zu dem Unternehmen. Es war der dritte Tag nach einem
-Quartananfall; Mynheer ließ wissen, daß er ihn zu nutzen wünsche. Zwar
-war er zu den ersten Mahlzeiten des Tages nicht im Speisesaal
-erschienen, sondern hatte sie, wie in letzter Zeit sehr häufig, zusammen
-mit Madame Chauchat in seinem Salon eingenommen; aber schon beim ersten
-Frühstück hatte Hans Castorp durch den hinkenden Concierge Order
-empfangen, sich eine Stunde nach dem Mittagessen zu einer Spazierfahrt
-bereitzuhalten, ferner, diesen Befehl an die Herren Ferge und Wehsal
-weiterzugeben, auch Settembrini und Naphta zu benachrichtigen, daß man
-bei ihnen vorfahren werde, und endlich für die Bestellung zweier
-Landauer auf drei Uhr Sorge zu tragen.
-
-Um diese Stunde traf man sich vor dem Portal von Haus „Berghof“: Hans
-Castorp, Ferge und Wehsal erwarteten dort die Herrschaften aus den
-Fürstenzimmern, indem sie sich damit unterhielten, die Pferde zu
-tätscheln, die ihnen mit schwarzen, feuchten, plumpen Lippen
-Zuckerstücke von der flachen Hand nahmen. Die Reisegenossen erschienen
-mit nur leichter Verspätung auf der Freitreppe. Peeperkorn, dessen
-Königshaupt schmäler geworden schien, lüftete, dort oben in langem,
-etwas abgetragenem Ulster an der Seite Clawdias stehend, seinen weichen,
-runden Hut, und seine Lippen bildeten unhörbar ein allgemeines
-Begrüßungswort. Dann wechselte er einen Händedruck mit jedem der drei
-Herren, die dem Paar bis zum Fuße der Stufen entgegenkamen.
-
-„Junger Mann,“ sagte er dabei zu Hans Castorp, indem er ihm die linke
-Hand auf die Schulter legte, „... wie geht es, mein Sohn?“
-
-„Verbindlichsten Dank! Und andererseits?“ erwiderte der Gefragte ...
-
-Die Sonne schien, es war ein schöner, blanker Tag, aber man hatte doch
-gut getan, Übergangspaletots anzulegen: im Fahren würde man es
-zweifellos kühl haben. Auch Madame Chauchat trug einen warmen Gurtmantel
-aus faserigem, groß kariertem Stoff und sogar ein wenig Pelz um die
-Schultern. Den Rand ihres Filzhutes hatte sie mit einem unter dem Kinn
-gebundenen olivenfarbenen Schleier seitlich niedergebogen, was ihr so
-reizend stand, daß es die Mehrzahl der Anwesenden geradezu schmerzte, –
-nur Ferge nicht, den einzigen, der nicht verliebt in sie war; und diese
-seine Unbefangenheit hatte zur Folge, daß ihm bei der vorläufigen
-Verteilung der Plätze, bis die Externen zur Gesellschaft stoßen würden,
-der Rücksitz gegenüber Mynheer und Madame im ersten Landauer zufiel,
-während Hans Castorp, nicht ohne ein spöttisches Lächeln Clawdias
-aufgefangen zu haben, mit Ferdinand Wehsal das zweite Gefährt bestieg.
-Die schmächtige Person des malaiischen Kammerdieners nahm teil an dem
-Ausflug. Mit einem geräumigen Korbe, unter dessen Deckel die Hälse
-zweier Weinflaschen hervorragten, und den er unter dem Rücksitz des
-vorderen Landauers verwahrte, war er hinter seiner Herrschaft
-erschienen, und in dem Augenblick, als er zur Seite des Kutschers die
-Arme gekreuzt hatte, erhielten die Pferde ihr Zeichen, und mit
-angezogenen Bremsen setzten die Wagen sich die Wegschleife hinab in
-Bewegung.
-
-Auch Wehsal hatte Frau Chauchats Lächeln bemerkt, und die verdorbenen
-Zähne zeigend, äußerte er sich darüber gegen seinen Fahrtgenossen.
-
-„Haben Sie gesehen,“ fragte er, „wie sie sich über Sie lustig machte,
-weil Sie allein mit mir fahren müssen? Ja, ja, wer den Schaden hat,
-braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ärgert und ekelt es Sie sehr, so
-neben mir zu sitzen?“
-
-„Nehmen Sie sich zusammen, Wehsal, und reden Sie nicht so
-niederträchtig!“ verwies ihn Hans Castorp. „Frauen lächeln bei jeder
-Gelegenheit, nur um des Lächelns willen; es ist nutzlos, sich jedesmal
-Gedanken darüber zu machen. Was krümmen Sie sich immer so? Sie haben,
-wie wir alle, Ihre Vorzüge und Nachteile. Zum Beispiel spielen Sie sehr
-hübsch aus dem ‚Sommernachtstraum‘, das kann nicht jeder. Sie sollten es
-nächstens mal wieder tun.“
-
-„Ja, da reden Sie mir nun so von oben herab zu“, erwiderte der elende
-Mensch, „und wissen gar nicht, wieviel Unverschämtheit in Ihrem Trost
-liegt, und daß Sie mich dadurch nur noch tiefer erniedrigen. Sie haben
-gut reden und trösten vom hohen Roß herunter, denn wenn Sie derzeit auch
-ziemlich lächerlich dastehen, so sind Sie doch einmal daran gewesen und
-waren im siebenten Himmel, allmächtiger Gott, und haben ihre Arme um
-Ihren Nacken gefühlt und all das, allmächtiger Gott, es brennt mir im
-Schlunde und in der Herzgrube, wenn ich dran denke, – und sehen im
-Vollbewußtsein dessen, was Ihnen zuteil geworden, auf meine bettelhaften
-Qualen hinab ...“
-
-„Schön ist es nicht, wie Sie sich ausdrücken, Wehsal. Es ist sogar
-hochgradig abstoßend, das brauche ich Ihnen nicht zu verhehlen, da Sie
-mir Unverschämtheit vorwerfen, und abstoßend soll es auch wohl sein, Sie
-legen es geradezu darauf an, sich widrig zu machen und krümmen sich
-unausgesetzt. Sind Sie denn wirklich so ungeheuer verliebt in sie?“
-
-„Fürchterlich!“ antwortete Wehsal kopfschüttelnd. „Das ist nicht zu
-sagen, was ich auszustehen habe von meinem Durst und meiner Begierde
-nach ihr, ich wollte, ich könnte sagen, es wird mein Tod sein, aber man
-kann damit weder leben noch sterben. Während sie weg war, fing es an,
-etwas besser zu gehen, sie kam mir allmählich aus dem Sinn. Aber seitdem
-sie wieder da ist und ich sie täglich vor Augen habe, ist es zuweilen
-derart, daß ich mich in den Arm beiße und in die Luft greife und mir
-nicht zu helfen weiß. So etwas sollte es gar nicht geben, aber man kann
-es nicht wegwünschen, – wen es hat, der kann es nicht wegwünschen, man
-müßte sein Leben wegwünschen, womit es sich amalgamiert hat, und das
-kann man eben nicht, – was hätte man davon, zu sterben? Nachher, – mit
-Vergnügen. In ihren Armen, – herzlich gern. Aber vorher, das ist Unsinn,
-denn das Leben, das ist das Verlangen, und das Verlangen das Leben, und
-kann nicht gegen sich selber sein, das ist die gottverfluchte
-Zwickmühle. Und wenn ich sage ‚gottverflucht‘, so sage ich es auch nur
-redensartlich und so, als ob ich ein anderer wäre, ich selber kann es
-nicht meinen. Es gibt so manche Torturen, Castorp, und wer auf einer
-Tortur ist, der will davon los, will einfach und unbedingt davon los,
-das ist sein Ziel. Aber von der Tortur der Fleischesbegierde kann man
-einzig und allein loswollen auf dem Wege und unter der Bedingung, daß
-sie gestillt wird, – sonst nicht, sonst um keinen Preis! Das ist die
-Einrichtung, und wen es nicht hat, der hält sich nicht weiter dabei auf,
-aber wen es hat, der lernt unsern Herrn Jesum Christum kennen, dem gehen
-die Augen über. Gott im Himmel, was für eine Einrichtung und
-Angelegenheit ist es doch, daß das Fleisch so nach dem Fleische begehrt,
-nur, weil es nicht das eigene ist, sondern einer fremden Seele gehört, –
-wie sonderbar und, recht besehen, wie anspruchslos auch wieder in seiner
-verschämten Freundlichkeit! Man könnte sagen: Wenn es weiter nichts
-will, in Gottes Namen, es sei ihm gewährt! Was will ich denn, Castorp?
-Will ich sie morden? Will ich ihr Blut vergießen? Ich will sie ja nur
-liebkosen! Castorp, lieber Castorp, entschuldigen Sie, daß ich winsele,
-aber sie könnte mir in Gottes Namen zu Willen sein! Es ist doch auch was
-Höheres dabei, Castorp, ich bin doch kein Vieh, in meiner Art bin ich
-doch auch ein Mensch! Die Fleischesbegierde gehet dahin und dorthin, sie
-ist nicht gebunden und nicht fixiert, und darum so heißen wir sie
-viehisch. So sie aber fixiert ist auf eine Menschenperson mit einem
-Angesicht, alsdann so redet unser Mund von der Liebe. Mich verlangt doch
-nicht bloß nach ihrem Körperrumpf und nach der Fleischpuppe ihres
-Leibes, sondern wenn in ihrem Angesicht auch nur ein kleines Etwas
-anders gestaltet wäre, siehe, so verlangte mich’s möglicherweise nach
-ihrem ganzen Leibe gar nicht, und daher so zeiget sich’s, daß ich ihre
-Seele liebe, und daß ich sie mit der Seele liebe. Denn die Liebe zum
-Angesicht ist Seelenliebe ...“
-
-„Wie ist Ihnen denn, Wehsal? Sie sind ja ganz außer sich und schlagen
-hier Gott weiß was für Töne an ...“
-
-„Aber das ist es ja eben, das ist ja auch eben wieder das Unglück,“ fuhr
-der Arme fort, „daß sie eine Seele hat, daß sie ein Mensch ist aus Leib
-und Seele! Denn ihre Seele will nichts von der meinen wissen und also
-ihr Leib nichts von meinem, o Jammer und große Not, und um dessentwillen
-ist mein Verlangen zur Schande verdammt, und mein Leib muß sich winden
-ewiglich! Warum will sie mit Leib und Seele nichts wissen von mir,
-Castorp, und warum ist mein Verlangen ihr ein Greuel?! Bin ich denn kein
-Mann? Ist ein widerwärtiger Mann kein Mann? Ich bin es sogar im höchsten
-Grade, ich schwöre Ihnen, ich würde alles Dagewesene überbieten, wenn
-sie mir das Wonnereich ihrer Arme eröffnete, die so schön sind, weil sie
-zu ihrem Seelenangesicht gehören! Ich würde ihr alle Wollust der Welt
-antun, Castorp, wenn es sich nur um die Leiber handelte und nicht auch
-um die Angesichte, wenn ihre verfluchte Seele nicht wäre, die nichts von
-mir wissen will, und ohne die mich aber auch wieder nach ihrem Leibe gar
-nicht verlangen täte, – das ist des Teufels beschissene Zwickmühle, in
-der ich mich winde ewiglich!“
-
-„Wehsal, pst! leise doch! Der Kutscher versteht Sie ja! Er bewegt zwar
-absichtlich den Kopf nicht, aber ich sehe es doch seinem Rücken an, daß
-er zuhört.“
-
-„Er versteht und hört zu, da haben Sie’s, Castorp! Da haben Sie wieder
-die Einrichtung und Angelegenheit in ihrer Eigenart und ihrem Charakter!
-Wenn ich von Palingenesie spräche oder von ... Hydrostatik, so würde
-er’s nicht verstehen und hätte nicht eine Ahnung und hörte nicht zu und
-interessierte sich gar nicht. Denn das ist nicht populär. Aber die
-höchste und letzte und schauerlich heimlichste Angelegenheit, die
-Angelegenheit vom Fleische und von der Seele, siehe, die ist zugleich
-die populärste Angelegenheit, und jeder versteht sie und kann sich
-lustig machen über den, den es hat, und dem es den Tag zur Lustfolter
-macht und die Nacht zur Schandhölle! Castorp, lieber Castorp, lassen Sie
-mich etwas winseln, denn was habe ich für Nächte! Jede Nacht träume ich
-von ihr, ach, was träume ich nicht alles von ihr, es brennt mir im
-Schlunde und in der Magengegend, wenn ich dran denke! Und immer endet es
-damit, daß sie mir Ohrfeigen gibt, mich ins Gesicht schlägt und manchmal
-auch anspeit, – mit vor Ekel verzerrtem Seelenangesicht speit sie mich
-an, und dann wache ich auf, mit Schweiß und Schmach und Lust bedeckt
-...“
-
-„So, Wehsal, nun wollen wir mal still sein und uns vornehmen, den Mund
-zu halten, bis wir zum Gewürzkrämer kommen und jemand sich zu uns setzt.
-Das ist mein Vorschlag und meine Anordnung. Ich will Sie nicht kränken
-und gebe zu, daß Sie in großen Schwulitäten sind, aber wir hatten zu
-Haus eine Geschichte von einer Person, die damit bestraft wurde, daß ihr
-beim Sprechen Schlangen und Kröten aus dem Munde kamen, mit jedem Wort
-eine Schlange oder Kröte. Es stand nicht im Buch, wie sie sich dem
-gegenüber verhielt, aber ich habe immer angenommen, daß sie sich wohl
-aufs Mundhalten verlegt haben wird.“
-
-„Es ist aber ein Menschenbedürfnis,“ sagte Wehsal kläglich, „ein
-Menschenbedürfnis, lieber Castorp, zu reden und sich das Herz zu
-erleichtern, wenn man in solchen Schwulitäten sitzt wie ich.“
-
-„Es ist sogar ein Menschen_recht_, Wehsal, wenn Sie wollen. Aber es gibt
-Rechte, meiner Meinung nach, von denen man unter Umständen
-vernünftigerweise keinen Gebrauch macht.“
-
-Also waren sie still nach Hans Castorps Anordnung, und übrigens hatten
-die Wagen das weinlaubbewachsene Häuschen des Gewürzkrämers rasch
-erreicht, wo man denn nicht einen Augenblick zu warten hatte: Naphta und
-Settembrini waren schon auf der Straße, dieser in seiner schadhaften
-Pelzjacke, jener dagegen in einem weißlichgelben Frühjahrsüberzieher,
-der überall gesteppt war und geckenhaft anmutete. Man winkte, man
-tauschte Grüße, während die Wagen wendeten, und die Herren stiegen ein:
-Naphta nahm als vierter im vorderen Landauer an Ferges Seite Platz, und
-Settembrini, in glänzender Laune, von klaren Scherzen sprudelnd,
-gesellte sich zu Hans Castorp und Wehsal, wobei dieser ihm seinen Sitz
-im Fond des Wagens überließ, – welchen Herr Settembrini denn in der
-Haltung des Korsofahrers, mit erlesener Lässigkeit, einzunehmen wußte.
-
-Er pries den Genuß des Fahrens, dies Bewegtwerden des Körpers in
-behaglichem Ruhestande und bei wechselnder Szenerie; zeigte sich
-väterlich-verbindlich gegen Hans Castorp und tätschelte sogar dem armen
-Wehsal die Wange, indem er ihn aufforderte, des eigenen unsympathischen
-Ich in der Bewunderung der lichten Welt zu vergessen, auf die er mit
-seiner Rechten im schäbigen Lederhandschuh ausholend deutete.
-
-Sie hatten beste Fahrt. Die Pferde, muntere Blessen alle vier,
-gedrungen, glatt und satt, schlugen in festem Takt die gute Straße, die
-noch nicht staubte. Felsentrümmer, in deren Fugen Gras und Blumen
-sprossen, traten zuweilen an ihren Rand, Telegraphenstangen flohen
-zurück, Bergwälder stiegen auf, anmutige Kurven, die man anstrebte und
-zurücklegte, unterhielten die Wegesneugier, und immer dämmerte teilweis
-noch verschneites Gebirge in sonniger Fernsicht. Das gewohnte Talgebiet
-war verlassen, die Verrückung der alltäglichen Szene erfrischte das
-Gemüt. Bald hielt man am Waldesrand: Von hier aus wollte man zu Fuß den
-Ausflug fortsetzen und das Ziel gewinnen, – ein Ziel, mit dem man schon
-des längeren, ohne es anfangs gewahr geworden zu sein, in schwachem,
-aber sich stetig verstärkendem sinnlichen Kontakte stand. Ein fernes
-Geräusch wurde allen bewußt, sobald die Fahrt eingestellt war, ein
-leises, zuweilen der Wahrnehmung noch wieder entkommendes Zischen,
-Schüttern und Brausen, das zu unterscheiden man einander aufforderte,
-und auf das man gefesselten Fußes horchte.
-
-„Jetzt“, sagte Settembrini, der öfters hier gewesen war, „läßt es sich
-schüchtern an. Aber an Ort und Stelle ist es brutal um diese Jahreszeit,
-– machen Sie sich gefaßt, wir werden unser eigen Wort nicht verstehen.“
-
-So gingen sie denn waldeinwärts, auf einem Wege mit feuchter Nadelstreu,
-voran Pieter Peeperkorn, auf den Arm seiner Begleiterin gestützt, den
-schwarzen weichen Hut in der Stirn, mit seitwärts nickendem Tritt;
-mitten hinter ihnen Hans Castorp, ohne Hut, wie alle übrigen Herren, die
-Hände in den Taschen, mit schrägem Kopfe und leisem Pfeifen um sich
-blickend; dann Naphta und Settembrini, dann Ferge mit Wehsal, zum Schluß
-der Malaie allein, den Vesperkorb am Arm. Sie sprachen über den Wald.
-
-Der Wald war nicht wie andere, er bot einen malerisch eigentümlichen, ja
-exotischen, doch unheimlichen Anblick. Er strotzte von einer Sorte
-moosiger Flechten, war damit behangen, beladen, ganz und gar darin
-eingewickelt, in langen, mißfarbenen Bärten baumelte das verfilzte
-Gewirk der Schmarotzerpflanze von seinen umsponnenen, gepolsterten
-Zweigen: man sah fast keine Nadeln, man sah lauter Moosgehänge, – eine
-schwere, bizarre Entstellung, ein verzauberter und krankhafter Anblick.
-Dem Walde ging es nicht gut, er krankte an dieser geilen Flechte, sie
-drohte ihn zu ersticken, das war die allgemeine Meinung, während der
-kleine Zug auf dem Nadelwege vorwärts schritt, im Ohr das Geräusch des
-Zieles, dem man sich näherte, dies Rumpeln und Zischen, das allmählich
-zum Getöse wurde und Settembrinis Vorhersage wahr zu machen versprach.
-
-Eine Wegbiegung gab den Blick auf die überbrückte Wald- und
-Felsenschlucht frei, in der der Wasserfall niederging; und indem man
-seiner ansichtig wurde, kam auch die Gehörswirkung auf ihren Gipfel, –
-es war ein Höllenspektakel. Die Wassermassen stürzten senkrecht nur in
-einer einzigen Kaskade, deren Höhe aber wohl sieben oder acht Meter
-betrug, und deren Breite ebenfalls beträchtlich war, und schossen dann
-weiß über Felsen weiter. Sie stürzten mit unsinnigem Lärm, in welchem
-sich alle möglichen Geräuscharten und Lauthöhen zu mischen schienen,
-Donnern und Zischen, Gebrüll, Gejohle, Tusch, Krach, Geprassel, Gedröhn
-und Glockengeläut, – wahrhaftig wollten einem die Sinne davon vergehen.
-Die Besucher waren dicht herangetreten auf schlüpfrigem Felsengrunde und
-betrachteten, feucht angeatmet und angesprüht, in Wasserdunst
-eingehüllt, die Ohren überfüllt und dicht verpolstert vom Lärm, dazu
-Blicke tauschend und mit verschüchtertem Lächeln die Köpfe schüttelnd,
-das Schauspiel, diese Dauerkatastrophe aus Schaum und Geschmetter, deren
-irres und übermäßiges Brausen sie betäubte, ihnen Furcht erregte und
-Gehörstäuschungen verursachte. Man glaubte hinter sich, über sich, von
-allen Seiten drohende und warnende Rufe zu hören, Posaunen und rohe
-Männerstimmen.
-
-Geschart hinter Mynheer Peeperkorn – Frau Chauchat unter den andern fünf
-Herren – blickten sie mit ihm in den Schwall. Sie sahen nicht sein
-Gesicht, sahen ihn aber das weiße Flammenhaupt entblößen und die Brust
-in der Frische dehnen. Sie verständigten sich untereinander durch Blicke
-und Zeichen, denn wahrscheinlich wären Worte, selbst unmittelbar ins Ohr
-geschrien, vom Donner des Sturzes übertäubt worden. Ihre Lippen formten
-Worte des Erstaunens und der Bewunderung, die lautlos blieben. Hans
-Castorp, Settembrini und Ferge verabredeten sich durch Kopfwinke, die
-Höhe der Schlucht zu ersteigen, in deren Grunde sie sich befanden, den
-oberen Steg zu gewinnen und die Wasser von dort zu betrachten. Es war
-nicht unbequem: Eine steile Zeile von schmalen, ins Gestein gehauenen
-Stufen führte gleichsam in ein höheres Stockwerk des Waldes empor; sie
-erkletterten sie hintereinander, betraten die Brücke und winkten von
-ihrer Mitte aus, über der Rundung des Falles schwebend, auf das Geländer
-gelehnt, den unteren Freunden. Dann gingen sie vollends hinüber, stiegen
-mühselig ab an der anderen Seite und kamen jenseits des Wildwassers,
-über das auch hier unten eine Brücke ging, den Zurückgebliebenen wieder
-zu Gesichte.
-
-Die Zeichengebung betraf nun die Einnahme der Vespererfrischungen. Sie
-ging von mehreren Seiten dahin, man solle sich zu diesem Behuf aus der
-Lärmzone ein wenig verziehen, um mit entlastetem Gehör und nicht taub
-und stumm die Freimahlzeit zu genießen. Aber man mußte erkennen, daß
-Peeperkorns Willensmeinung dagegen stand. Er schüttelte das Haupt, stieß
-wiederholt den Zeigefinger gegen den Grund, und seine zerrissenen
-Lippen, mit Anstrengung sich auseinanderziehend, bildeten ein „Hier!“
-Was war da zu tun? In solchen Regiefragen war er Herr und Befehlshaber.
-Die Wucht seiner Persönlichkeit hätte den Ausschlag gegeben, selbst wenn
-er nicht, wie immer, Veranstalter und Meister des Unternehmens gewesen
-wäre. Dieses Format ist tyrannisch und autokratisch von je und wird es
-bleiben. Mynheer wollte angesichts des Falles, im Donner vespern, das
-war sein großmächtiger Eigensinn, und wer nicht leer ausgehen wollte,
-mußte hier bleiben. Die Mehrzahl war unzufrieden. Herr Settembrini, der
-die Möglichkeit menschlichen Austausches, eines demokratisch-distinkten
-Geplauders oder auch Disputes abgeschnitten sah, warf mit jener Gebärde
-der Verzweiflung und der Resignation die Hand über den Kopf. Der Malaie
-beeilte sich, die Anordnung seines Gebieters zu vollziehen. Es waren
-zwei Klappsessel da, die er für Mynheer und Madame an der Felsenwand
-aufschlug. Dann breitete er zu ihren Füßen auf einem Tuche den Inhalt
-des Korbes aus: Kaffeegeschirr und Gläser, Thermosflaschen, Gebäck und
-Wein. Man drängte sich zur Verteilung. Dann saß man auf Geröllsteinen,
-auf dem Geländer des Steges, die Tasse mit heißem Kaffee in Händen, den
-Teller mit Kuchen auf den Knien, und vesperte schweigend im Getöse.
-
-Peeperkorn, mit hochgeschlagenem Mantelkragen, den Hut neben sich am
-Boden, trank Portwein aus einem silbernen Becher mit Monogramm, den er
-mehrmals leerte. Und plötzlich begann er zu sprechen. Der wunderliche
-Mann! Es war unmöglich, daß er seine eigene Stimme hörte, geschweige daß
-die anderen eine Silbe hätten verstehen können von dem, was er verlauten
-ließ, ohne daß es verlautete. Er aber erhob den Zeigefinger, streckte,
-den Becher in der Rechten, den linken Arm aus, die flache Hand schräg
-erhoben, und man sah, wie sein Königsantlitz sich redend bewegte, sein
-Mund Worte formte, die tonlos blieben, als würden sie in luftleerem Raum
-gesprochen. Niemand dachte anders, als daß er sein nutzloses Tun, das
-man mit betretenem Lächeln betrachtete, sogleich wieder einstellen
-werde, – er aber fuhr fort, sich unter bannenden, Aufmerksamkeit
-erzwingenden Kulturgebärden seiner Linken in das alles verschlingende
-Getöse hinein zu äußern, indem er die kleinen, müden und blassen,
-gewaltsam aufgerissenen Augen unter gespannten Stirnfalten abwechselnd
-auf einen und den anderen seiner Zuschauer richtete, so daß der eben
-Angeredete gezwungen war, mit hochgezogenen Brauen ihm zuzunicken und
-offenen Mundes die hohle Hand an die Ohrmuschel zu legen, als ob das die
-Heillosigkeit der Sache irgend hätte bessern können. Jetzt stand er
-sogar auf! Den Becher in der Hand, in seinem zerdrückten, fast fußlangen
-Reisemantel, dessen Kragen aufgestellt war, barhäuptig, die hohe,
-idolhaft gefaltete Stirn vom weißen Haar umflammt, stand er am Felsen
-und regte das Antlitz, vor das er dozierend den lanzenüberragten Ring
-seiner Finger hielt, die Undeutlichkeit seines tauben Toastes mit dem
-bannenden Zeichen der Genauigkeit versehend. Man erkannte an seinen
-Gebärden und las von seinen Lippen einzelne Wörter, die man von ihm zu
-hören gewohnt war: „Perfekt“ und „Erledigt“, – nichts weiter. Man sah
-sein Haupt sich schräge neigen, zerrissene Bitternis der Lippen, das
-Bild des Schmerzensmannes. Dann wieder sah man das üppige Grübchen
-erblühen, sybaritische Schalkheit, ein tanzendes Gewänderraffen, die
-heilige Unsittsamkeit des Heidenpriesters. Er hob den Becher, führte ihn
-im Halbkreis vor den Augen der Gäste hin und trank ihn in zwei, drei
-Schlucken so bis zum letzten aus, daß der Boden ganz nach oben stand.
-Dann reichte er ihn mit ausgestrecktem Arme dem Malaien, der das Gefäß,
-Hand auf der Brust, entgegennahm, und gab das Zeichen zum Aufbruch.
-
-Alle verbeugten sich dankend gegen ihn, indem sie sich anschickten, nach
-Geheiß zu tun. Wer am Boden kauerte, sprang auf die Füße, wer auf dem
-Steggeländer saß, ließ sich herab. Der schmächtige Javaner in steifem
-Hut und Pelzkragen raffte die Reste des Mahls und das Geschirr zusammen.
-In derselben schmalen Ordnung, wie man gekommen, kehrte man auf dem
-feuchten Nadelwege, durch den von Flechtenbehang unkenntlich gemachten
-Wald zur Straße zurück, auf der die Wagen hielten.
-
-Hans Castorp stieg diesmal zum Meister und seiner Begleiterin. An der
-Seite des guten Ferge, dem alles Höhere völlig ferne lag, saß er dem
-Paare gegenüber. Es wurde fast nichts gesprochen auf dieser Heimfahrt.
-Mynheer saß, die flachen Hände auf dem Plaid, das seine Knie zusammen
-mit denen Clawdias umhüllte, und ließ den Unterkiefer hängen.
-Settembrini und Naphta stiegen aus und verabschiedeten sich, bevor die
-Wagen Geleise und Wasserlauf überschritten. Wehsal fuhr allein in der
-zweiten Kutsche die Wegschleife hinan und vor das Berghofportal, wo man
-sich trennte. –
-
-War in dieser Nacht Hans Castorps Schlaf durch irgendwelche innere
-Bereitschaft, von der seine Seele nichts wußte, leicht und flüchtig
-gehalten worden, so daß die leiseste Abweichung vom gewohnten
-nächtlichen Frieden des Berghofhauses, eine noch so gedämpfte Unruhe,
-die kaum merkliche Erschütterung durch ein fernes Laufen, genügte, um
-ihn hell und wach zu machen und ihn sich in den Kissen aufsetzen zu
-lassen? Tatsächlich erwachte er längere Zeit bevor es an seine Tür
-klopfte, was kurz nach zwei Uhr geschah. Er antwortete sofort,
-unverschlafen, geistesgegenwärtig und energisch. Es war die hohe und
-ungefestigte Stimme einer im Hause beschäftigten Pflegeschwester, die
-ihn in Frau Chauchats Auftrag ersuchte, sich sogleich im ersten
-Stockwerk einzufinden. Mit verstärkter Energie erklärte er seinen
-Gehorsam, sprang auf, fuhr in die Kleider, strich mit den Fingern das
-Haar aus der Stirn und ging nicht schnell und nicht langsam hinab, in
-Ungewißheit mehr über das Wie, als über das Was der Stunde.
-
-Er fand die Tür zum Peeperkornschen Salon offen stehen und ebenso
-diejenige zum Schlafzimmer des Holländers, wo alle Lichter brannten. Die
-beiden Ärzte, die Oberin von Mylendonk, Madame Chauchat und der
-javanische Kammerdiener waren dort anwesend. Dieser, nicht wie sonst
-gekleidet, sondern in einer Art von Nationaltracht, einer
-breitgestreiften hemdartigen Jacke mit sehr langen und weiten Ärmeln,
-einem bunten Rock statt der Hosen und einer kegelförmigen Mütze aus
-gelbem Tuch auf dem Kopf, angetan ferner mit einem Brustschmuck von
-Amuletten, stand unbeweglich, die Arme gekreuzt, links zu Häupten des
-Bettes, in dem Pieter Peeperkorn mit ausgestreckten Händen auf dem
-Rücken lag. Der Eintretende überblickte bleich die Szene. Frau Chauchat
-wandte ihm den Rücken zu. Sie saß auf einem niederen Fauteuil am Fußende
-des Bettes, den Ellbogen auf die Steppdecke gestützt, das Kinn in der
-Hand, die Finger in die Unterlippe vergraben, und blickte in das Gesicht
-ihres Reisebegleiters.
-
-„N’Abend, mein Junge“, sagte Behrens, der mit Doktor Krokowski und der
-Oberin in leisem Gespräch gestanden hatte, und nickte wehmütig, das
-weiße Schnurrbärtchen geschürzt. Er war im klinischen Kittel, aus dessen
-Brusttasche das Hörrohr ragte, trug gestickte Morgenschuhe und keinen
-Kragen. „Nichts zu machen“, setzte er flüsternd hinzu. „Ganze Arbeit.
-Treten Sie nur ran. Werfen Sie ein Kennerauge auf ihn. Sie werden
-zugeben, daß der ärztlichen Kunst da gründlich vorgebaut worden ist.“
-
-Hans Castorp näherte sich auf Zehenspitzen dem Bett. Die Augen des
-Malaien überwachten ihn bei dieser Bewegung, folgten ihm ohne Drehung
-des Kopfes, so daß sie ihr Weißes zeigten. Er stellte mit einem
-Seitenblick fest, daß Frau Chauchat sich nicht um ihn kümmerte, und
-stand in typischer Haltung am Lager, auf einem Beine ruhend, die Hände
-auf dem Unterleibe zusammengelegt, mit schräg geneigtem Kopf, in
-ehrerbietig sinnender Betrachtung. Peeperkorn lag unter der rotseidenen
-Decke in seinem Trikothemd, wie Hans Castorp ihn so oft gesehen. Seine
-Hände waren schwärzlichblau angelaufen, Teile seines Gesichtes
-ebenfalls. Das schuf beträchtliche Entstellung, obgleich seine
-königlichen Züge sonst unverändert waren. Die idolhafte Faltenlineatur
-der hohen, weiß umloderten Stirn, in vier- oder fünffacher Reihe
-wagerecht gezogen und dann im rechten Winkel beiderseits die Schläfen
-hinablaufend, ausgeprägt durch die habituelle Anspannung eines ganzen
-Lebens, trat auch bei gesenkten Augenlidern, im Ruhestande, stark
-hervor. Die bitter zerrissenen Lippen waren leicht getrennt. Der
-Blaulauf deutete auf jähe Stockung, auf eine gewaltsam-schlagflüssige
-Hemmung der Lebensfunktionen.
-
-Hans Castorp verharrte eine Weile in Andacht, die sich über den
-Sachbestand unterrichtet; er zögerte seine Haltung zu lösen, in
-Erwartung einer Anrede durch die „Witwe“. Da keine erfolgte, wünschte er
-vorläufig nicht zu stören und sah sich nach der Gruppe der übrigen
-Anwesenden in seinem Rücken um. Der Hofrat winkte mit dem Kopfe in der
-Richtung des Salons. Hans Castorp folgte ihm dorthin.
-
-„_Suicidium?_“ fragte er gedämpft und fachlich ...
-
-„Na!“ antwortete Behrens mit wegwerfender Gebärde und fügte hinzu: „Über
-und über. Im Superlativ. Haben Sie sowas in Galanterieware schon mal
-gesehen?“ fragte er, indem er aus der Kitteltasche ein unregelmäßig
-geformtes Etui zog und ihm einen kleinen Gegenstand entnahm, den er dem
-jungen Mann präsentierte ... „Ich nicht. Aber es ist sehenswert. Man
-lernt nicht aus. Kapriziös und erfinderisch. Ich hab es ihm aus der Hand
-genommen. Vorsicht. Wenn Ihnen was auf die Haut tropft, kriegen Sie
-Brandblasen.“
-
-Hans Castorp drehte das rätselhafte Ding zwischen den Fingern. Es war
-aus Stahl, Elfenbein, Gold und Kautschuk, sehr wunderlich anzusehen. Es
-zeigte zwei gebogene, stahlblanke Gabelzinken mit äußerst scharfen
-Spitzen, einen leicht gewundenen elfenbeinernen und mit Gold eingelegten
-Mittelteil, in dem die Zinken bis zu einem gewissen Grade und auf eine
-gewisse elastische Weise, nämlich nach innen, beweglich waren, und
-endete in einer ballonartigen Erweiterung aus halbstarrem schwarzem
-Gummi. Die Größe betrug nur ein paar Zoll.
-
-„Was ist das?“ fragte Hans Castorp.
-
-„Das“, antwortete Behrens, „ist eine organisierte Injektionsspritze.
-Oder, anders herum aufgefaßt, eine mechanische Kopie des Beißzeugs der
-Brillenschlange. Sie verstehen? – Sie scheinen nicht zu verstehen“,
-sagte er, da Hans Castorp fortfuhr, benommen auf das bizarre Instrument
-niederzublicken. „Das sind die Zähne. Sie sind nicht ganz massiv, sie
-sind von einem Haarrohr, einem ganz feinen Kanal durchzogen, dessen
-Austritt Sie hier vorn etwas oberhalb der Spitzen ganz deutlich sehen
-können. Natürlich sind die Röhrchen auch hier an der Zahnwurzel offen,
-und da kommunizieren sie mit dem Ausführungsgang der Gummidrüse, der in
-dem elfenbeinernen Mittelteil verläuft. Beim Zubiß federn die Zähne
-etwas einwärts, das ist deutlich, und üben auf das Reservoir einen
-Druck, der den Inhalt in die Kanäle preßt, so daß in dem Augenblick, wo
-die Spitzen ins Fleisch fassen, die Dosis auch schon in die Blutbahn
-schießt. Es ist ganz einfach, wenn man es so vor Augen hat. Man muß nur
-darauf kommen. Wahrscheinlich ist es nach seinen persönlichen Angaben
-hergestellt.“
-
-„Sicher!“ sagte Hans Castorp.
-
-„Die Ladung kann nicht sehr groß gewesen sein“, fuhr der Hofrat fort.
-„Was sie an Quantität vermissen ließ, muß sie ersetzt haben durch –“
-
-„Dynamik“, ergänzte Hans Castorp.
-
-„Na also. Was es ist, das werden wir schon noch eruieren. Man darf dem
-Ergebnis mit einiger Neugier entgegensehen, es gibt da zweifellos was zu
-lernen. Wetten wir, daß der wachhabende Exot da hinten, der sich heute
-nacht so fein gemacht hat, uns ganz genau Bescheid sagen könnte? Ich
-nehme an, daß eine Kombination von Tierischem und Pflanzlichem vorliegt,
-– vom Guten das Beste jedenfalls, denn die Wirkung muß fulminant gewesen
-sein. Alles spricht dafür, daß es ihm sofort den Atem verschlagen hat,
-Lähmung des Respirationszentrums, wissen Sie, rapider Erstickungstod,
-wahrscheinlich ohne Zwang und Qualen.“
-
-„Gott gebe es!“ sagte Hans Castorp fromm, händigte dem Hofrat das
-unheimliche kleine Werkzeug seufzend wieder ein und kehrte ins
-Schlafzimmer zurück.
-
-Nur der Malaie und Madame Chauchat waren jetzt dort noch anwesend.
-Diesmal hob Clawdia den Kopf nach dem jungen Mann, als er sich dem Bett
-wieder näherte.
-
-„Sie hatten ein Anrecht darauf, daß ich Sie rufen ließ“, sagte sie.
-
-„Es war sehr gütig von Ihnen“, sagte er, „und Sie haben recht. Wir waren
-Duzfreunde. Ich schäme mich in tiefster Seele, daß ich mich dessen
-schämte vor den Leuten und Umschweife gebrauchte. – Sie waren bei ihm in
-seinen letzten Augenblicken?“
-
-„Der Diener benachrichtigte mich, als alles vorüber war“, antwortete
-sie.
-
-„Er war von solchem Format“, fing Hans Castorp wieder an, „daß er das
-Versagen des Gefühls vor dem Leben als kosmische Katastrophe und als
-Gottesschande empfand. Denn er betrachtete sich als Gottes
-Hochzeitsorgan, müssen Sie wissen. Das war eine königliche Narretei ...
-Wenn man ergriffen ist, hat man den Mut zu Ausdrücken, die kraß und
-pietätlos klingen, aber feierlicher sind als konzessionierte
-Andachtsworte.“
-
-„_C’est une abdication_“, sagte sie. „Er wußte von unserer Torheit?“
-
-„Es war mir nicht möglich, sie ihm abzustreiten, Clawdia. Er hatte sie
-erraten aus meiner Weigerung, Sie in seiner Gegenwart auf die Stirn zu
-küssen. Seine Gegenwart ist eher symbolisch, als real, in diesem
-Augenblick, aber wollen Sie mir erlauben, es jetzt zu tun?“
-
-Sie rückte kurz den Kopf gegen ihn, die Augen geschlossen, wie mit einem
-kleinen Winken. Er führte die Lippen an ihre Stirn. Die braunen
-Tieraugen des Malaien überwachten die Szene seitwärts gerollt, so daß
-sie ihr Weißes zeigten.
-
-
- Der große Stumpfsinn
-
-Noch einmal hören wir Hofrat Behrens’ Stimme – horchen wir gut hin! Wir
-vernehmen sie vielleicht zum letztenmal! Einmal endigt selbst diese
-Geschichte; sie hat die längste Zeit gedauert, oder vielmehr: Ihre
-inhaltliche Zeit ist derart ins Rollen gekommen, daß kein Halten mehr
-ist, daß auch ihre musikalische zur Neige geht, und daß vielleicht keine
-Gelegenheit mehr unterkommen wird, den aufgeräumten Tonfall zu
-belauschen der Sprache des redensartlichen Rhadamanthys. Er sagte zu
-Hans Castorp:
-
-„Castorp, alter Schwede, Sie langweilen sich. Sie lassen das Maul
-hängen, ich sehe es alle Tage, die Verdrossenheit steht Ihnen an der
-Stirn geschrieben. Sie sind ein blasierter Balg, Castorp, Sie sind
-verhätschelt mit Sensationen, und wenn Ihnen nicht alle Tage was
-Erstklassiges geboten wird, so mucken und muffen Sie über die
-Sauregurkenzeit. Hab ich recht oder unrecht?“
-
-Hans Castorp schwieg, und da er das tat, so mußte wohl wirklich
-Finsternis walten in seinem Innern.
-
-„Recht hab ich, wie immer“, gab Behrens sich selbst zur Antwort. „Und eh
-Sie mir hier das Gift der Reichsverdrossenheit verbreiten, Sie
-mißvergnügter Staatsbürger, sollen Sie doch sehen, daß Sie durchaus
-nicht von Gott und Welt verlassen sind, sondern daß die Obrigkeit ein
-Auge auf Sie hat, ein unverwandtes Auge, mein Lieber, und rastlos auf
-Ihre Divertierung bedacht ist. Der alte Behrens ist auch noch da. Na,
-nun mal ohne Spaß mein Junge! Es ist mir was eingefallen in Ihrer Sache,
-ich hab mir, weiß Gott, in schlaflosen Nächten für Sie was ausgedacht.
-Man könnte von einer Erleuchtung reden – tatsächlich versprech ich mir
-viel von meiner Idee, das heißt nicht mehr und nicht weniger, als Ihre
-Entgiftung und triumphale Heimkehr in ungeahnter Bälde.“
-
-„Da machen Sie Augen“, fuhr er nach einer Kunstpause fort, obgleich Hans
-Castorp keinerlei Augen machte, sondern ihn ziemlich schläfrig und
-zerstreut betrachtete, „und haben keine Ahnung, wie der alte Behrens es
-meinen könnte. Ich meine es aber so. Mit Ihnen stimmt etwas nicht,
-Castorp, das wird Ihrer werten Apperzeption ja nicht entgangen sein. Es
-stimmt insofern nicht, als Ihre Vergiftungserscheinungen sich schon seit
-längerem auf den zweifellos sehr gebesserten lokalen Zustand nicht mehr
-recht reimen lassen – ich meditiere nicht erst seit gestern darüber. Wir
-haben hier Ihr neuestes Photo ... halten wir den Zauber mal gegen das
-Licht. Sie sehen, da findet der ärgste Nörgler und Schwarzseher, wie
-unser kaiserlicher Herr immer sagt, nicht allzuviel mehr zu erinnern.
-Ein paar Herde sind ganz resorbiert, das Nest ist kleiner geworden und
-schärfer umgrenzt, was, wie Sie gelehrterweise wissen, auf Heilung
-deutet. Aus diesem Befund ist die Unsolidität Ihres Wärmehaushalts nicht
-recht zu erklären, Mann; der Arzt sieht sich in die Notwendigkeit
-versetzt, nach neuen Ursachen zu fahnden.“
-
-Hans Castorps Kopfbewegung drückte leidlich höfliche Neugier aus.
-
-„Nun werden Sie denken, Castorp, der olle Behrens muß zugeben, daß er
-die Behandlung verfehlt hat. Da hätten Sie aber einen Bock geschossen
-und wären der Sachlage nicht gerecht geworden und dem ollen Behrens auch
-nicht. Ihre Behandlung war nicht verfehlt, sie war nur möglicherweise zu
-einseitig orientiert. Die Möglichkeit ist mir aufgegangen, daß Ihre
-Symptome von jeher nicht ausschließlich auf _tuberculosis_
-zurückzuführen gewesen sind, und ich leite diese Möglichkeit aus der
-Wahrscheinlichkeit ab, daß sie heute überhaupt nicht mehr darauf
-zurückzuführen sind. Es muß eine andere Störungsquelle vorhanden sein.
-Nach meiner Meinung haben Sie Kokken.“
-
-„Nach meiner tiefinnersten Überzeugung“, wiederholte verstärkend der
-Hofrat, nachdem er die Kopfbewegung entgegengenommen, die hiernach auf
-seiten Hans Castorps fällig gewesen, „haben Sie Streptos – worüber Sie
-sich übrigens nicht gleich zu entsetzen brauchen.“
-
-(Es konnte von Entsetzen gar nicht die Rede sein. Hans Castorps Miene
-drückte vielmehr eine Art von ironischer Anerkennung, sei es des ihm
-begegnenden Scharfsinns, sei es des neuen Würdenstandes aus, in den der
-Hofrat ihn hypothetisch versetzte.)
-
-„Kein Grund zur Panik!“ variierte dieser sein Zureden. „Kokken hat
-jeder. Streptos hat jeder Esel. Sie brauchen sich gar nichts
-einzubilden. Wir wissen erst seit neulich, daß einer Streptokokken im
-Blut haben kann, ohne irgendwie ansehnliche Infektionserscheinungen zu
-produzieren. Wir stehen vor dem vielen Kollegen noch gar nicht bekannten
-Ergebnis, daß auch Tuberkeln im Blute vorkommen können, ganz ohne
-Konsequenzen. Wir sind keine drei Schritte mehr von der Auffassung
-entfernt, daß die Tuberkulose eigentlich eine Blutkrankheit ist.“
-
-Hans Castorp fand das recht bemerkenswert.
-
-„Wenn ich also sage: Streptos,“ fing Behrens wieder an, „so dürfen Sie
-natürlich nicht an das bekannte schwere Krankheitsbild denken. Ob diese
-Kleinen von den Meinen sich überhaupt bei Ihnen angesiedelt haben, muß
-die baktereologische Blutuntersuchung zeigen. Aber ob Ihre Febrilität
-von ihnen herrührt, gesetzt, daß sie vorhanden sind, das lehrt dann erst
-die Wirkung der Streptovakzinkur, die wir diesfalls einzuleiten haben.
-Das ist der Weg, lieber Freund, und ich verspreche mir, wie gesagt, das
-Unvorhergesehenste davon. So langwierig Tuberkulose ist, so rasch können
-Erkrankungen dieser Art heute geheilt werden, und wenn Sie überhaupt auf
-die Einspritzungen reagieren, so sind Sie in sechs Wochen springgesund.
-Was sagen Sie nun? Ist der olle Behrens auf seinem Posten, he?“
-
-„Es ist ja vorläufig nur eine Hypothese“, sagte Hans Castorp schlaff.
-
-„Eine beweisbare Hypothese! Eine höchst fruchtbare Hypothese!“ versetzte
-der Hofrat. „Sie werden sehen, wie fruchtbar sie ist, wenn auf unseren
-Kulturen die Kokken wachsen. Morgen nachmittag zapfen wir Sie an,
-Castorp; nach allen Regeln der Dorfbaderkunst lassen wir Sie zur Ader.
-Das ist ein Spaß für sich und kann allein schon für Körper und Seele die
-segensreichsten Effekte zeitigen ...“
-
-Hans Castorp erklärte sich zu der Diversion bereit und bedankte sich
-recht schön für das ihm gewidmete Augenmerk. Den Kopf gegen die Schulter
-geneigt, blickte er dem davonrudernden Hofrat nach. Die Ansprache des
-Chefs traf genau in einen kritischen Moment; Radamanth hatte Mienen und
-Stimmung des Berggastes ziemlich richtig gedeutet, und sein neues
-Unternehmen war bestimmt – ausdrücklich dazu bestimmt, die Absicht war
-gar nicht geleugnet worden –, den toten Punkt zu überwinden, auf den
-dieser Gast sich seit kurzem gelangt fand, wie eben aus seiner Mimik zu
-schließen war, die deutlich an diejenige des seligen Joachim erinnerte,
-zur Zeit, als gewisse wilde und trotzige Entschlüsse sich in ihm
-vorbereitet hatten.
-
-Es ist mehr zu sagen. Nicht nur er selbst, Hans Castorp, schien sich auf
-solchem toten Punkte angekommen, sondern ihm war, als ob es mit der
-Welt, mit allem, mit „dem Ganzen“ eben diese Bewandtnis habe, oder
-vielmehr: er fand, daß es schwer sei, hier das Besondere vom Allgemeinen
-zu unterscheiden. Seit dem exzentrischen Ende seiner Verbindung mit
-einer Persönlichkeit; seit der vielfältigen Bewegung, die dieses Ende
-über das Haus gebracht, und seit Clawdia Chauchats neuerlichem
-Ausscheiden aus der Gemeinschaft derer hier oben, dem Lebewohl, das,
-beschattet von der Tragik großen Versagens, im Geiste ehrerbietiger
-Rücksicht, zwischen ihr und dem überlebenden Duzbruder ihres Herrn
-getauscht worden, – seit dieser Wende schien es dem jungen Mann, als sei
-es mit Welt und Leben nicht ganz geheuer; als stehe es auf eine
-besondere Weise und zunehmend schief und beängstigend darum; als habe
-ein Dämon die Macht ergriffen, der, schlimm und närrisch, zwar lange
-schon beträchtlichen Einfluß geübt, jetzt aber seine Herrschaft so
-zügellos offen erklärt habe, daß es wohl geheimnisvollen Schrecken
-einflößen und Fluchtgedanken nahelegen konnte, – der Dämon, des Name
-Stumpfsinn war.
-
-Man wird urteilen, der Erzähler trage dick und romantisch auf, indem er
-den Namen des Stumpfsinns mit dem des Dämonischen in Verbindung bringe
-und ihm die Wirkung mystischen Grauens zuschreibe. Und dennoch fabeln
-wir nicht, sondern halten uns genau an unseres schlichten Helden
-persönliches Erlebnis, dessen Kenntnis uns auf eine Weise, die sich
-freilich der Untersuchung entzieht, gegeben ist, und das schlechthin den
-Beweis liefert, daß Stumpfsinn unter Umständen solchen Charakter
-gewinnen und solche Gefühle einflößen kann. Hans Castorp blickte um sich
-... Er sah durchaus Unheimliches, Bösartiges, und er wußte, was er sah:
-Das Leben ohne Zeit, das sorg- und hoffnungslose Leben, das Leben als
-stagnierend betriebsame Liederlichkeit, das tote Leben.
-
-Geschäftigkeit herrschte darin, Betätigungen von allerlei Art liefen
-nebeneinander her; doch dann und wann artete eine davon zur wilden
-Modewut aus, der alles fanatisch unterlag. So hatte die
-Liebhaberphotographie von jeher in der Berghofwelt eine bedeutende Rolle
-gespielt; schon zweimal aber – denn wer lange genug hier oben verweilte,
-konnte die periodische Wiederkehr solcher Epidemien erleben – war die
-Leidenschaft dafür auf Wochen und Monate zur allgemeinen Narretei
-geworden, so daß niemand war, der nicht, mit besorgter Miene den Kopf
-über eine in die Magengrube gestützte Kamera gebeugt, die Blende hätte
-blinzeln lassen, und das Herumreichen von Abzügen bei Tische kein Ende
-nahm. Plötzlich war es Ehrensache, selbst zu entwickeln. Die zur
-Verfügung stehende Dunkelkammer genügte der Nachfrage bei weitem nicht.
-Man versah Fenster und Balkontüren der Zimmer mit schwarzen Vorhängen;
-und bei Rotlicht hantierte man so lange mit chemischen Bädern, bis Feuer
-auskam und der bulgarische Student vom Guten Russentisch um ein Haar zu
-Asche verbrannt wäre, worauf denn ein Verbot der Anstaltsobrigkeit
-erging. Bald fand man das einfache Lichtbild abgeschmackt;
-Blitzlichtaufnahmen und farbige Photographien nach Lumière kamen in
-Schwung. Man weidete sich an Bildern, auf denen Personen, vom
-Magnesiumblitz jäh betroffen, mit stieren Augen aus fahl verkrampften
-Gesichtern blickten, wie Leichen Ermordeter, die man mit offenen Augen
-aufrecht hingesetzt. Und Hans Castorp bewahrte eine in Pappe gerahmte
-Glasplatte, die ihn, wenn man sie gegen das Licht hielt, zwischen Frau
-Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von denen die erste einen
-himmelblauen, die andere einen blutroten Sweater trug, mit kupferigem
-Angesicht und unter blechgelben Butterblumen, deren eine ihm im
-Knopfloch strahlte, auf einer giftgrünen Waldwiese zeigte.
-
-Es war da ferner das Briefmarkensammeln, das, alle Zeit von einzelnen
-betrieben, zeitweise zu allgemeiner Besessenheit um sich griff.
-Jedermann klebte, schacherte, tauschte. Philatelistische Zeitschriften
-wurden gehalten, Korrespondenzen mit Spezialgeschäften des In- und
-Auslandes, mit Fachvereinen und Privatliebhabern unterhalten und
-erstaunliche Summen zur Gewinnung seltener Wertzeichen selbst von
-solchen aufgebracht, deren häusliche Verhältnisse den monate- oder
-jahrelangen Aufenthalt in der Luxusheilstätte nur knapp gestatteten.
-
-Das dauerte so lange, bis eine andere Geckerei zur Herrschaft gelangte
-und etwa das Anhäufen und unaufhörliche Verzehren von Schokolade der
-erdenklichsten Sorten zum guten Ton wurde. Alle Welt hatte braune
-Münder, und die leckersten Darbietungen der Berghofküche fanden faule
-und krittelnde Genießer, da die Magen mit Milka-Nut, _Chocolat à la
-crème d’amandes_, Marquis-Napolitains und goldgesprenkelten Katzenzungen
-gestopft und davon verstimmt waren.
-
-Das Schweinchenzeichnen mit geschlossenen Augen, inauguriert von
-höchster Stelle an einem verflossenen Faschingsabend und seitdem viel
-gepflegt, hatte fortzeugend zu geometrischen Geduldsübungen geführt,
-denen zeitweise die Geisteskraft aller Berghofgäste und selbst noch die
-letzten Gedanken und Energiebezeugungen Moribunder gehörten. Wochenlang
-stand das Haus im Zeichen einer verwickelten Figur, die sich aus nicht
-weniger als acht großen und kleinen Kreisen und mehreren
-ineinanderliegenden Dreiecken zusammensetzte. Die Aufgabe war, diese
-flächige Vielgestalt freihändig in einem Zug zu beschreiben; das höchste
-Ziel aber, dies endlich auch noch bei sicher verbundenen Augen zu
-vollbringen, – was schließlich, über geringe Schönheitsfehler billig
-hinweggesehen, denn doch nur dem Staatsanwalt Paravant gelang, der
-Hauptträger dieser Scharfsinnsverbohrung war.
-
-Wir wissen, daß er der Mathematik oblag, wissen es vom Hofrat selbst und
-kennen auch die züchtige Triebfeder dieser Hingabe, deren kühlende, den
-Fleischesstachel stumpfende Wirkung wir haben preisen hören, und deren
-allgemeinere Nachfolge gewisse Maßregeln, die man neuerdings zu treffen
-sich gezwungen gesehen hatte, wahrscheinlich unnötig gemacht haben
-würde. Sie bestanden hauptsächlich in der Abriegelung aller
-Balkondurchgänge, an den nicht ganz bis zur Brüstung reichenden
-Milchglasscheidewänden vorbei, durch kleine Türen, die zur Nacht durch
-den Bademeister unter populärem Schmunzeln verschlossen wurden. Sehr
-gesucht waren seitdem die Zimmer im ersten Stock über der Veranda, wo
-man nach Übersteigung der Balustrade über das vorspringende Glasdach
-hin, unter Vermeidung der Türchen, von Abteil zu Abteil gelangen konnte.
-Des Staatsanwalts wegen aber hätte die disziplinäre Neuerung überhaupt
-nicht eingeführt zu werden brauchen. Die schwere Anfechtung, die von der
-Erscheinung jener ägyptischen Fatme auf Paravant ausgegangen, war längst
-überwunden, und sie war die letzte gewesen, die seinem natürlichen Teil
-zu schaffen gemacht. Mit verdoppelter Inbrunst hatte er sich seitdem der
-klaräugigen Göttin in die Arme geworfen, von deren kalmierender Macht
-der Hofrat so Sittliches zu sagen wußte, und das Problem, dem bei Tag
-und Nacht all sein Sinnen gehörte, an das er all jene Persistenz, die
-ganze sportliche Zähigkeit wandte, mit der er ehemals, vor seiner oft
-verlängerten Beurlaubung, welche in völlige Quieszierung überzugehen
-drohte, die Überführung armer Sünder betrieben hatte, – war kein anderes
-als die Quadratur des Kreises.
-
-Der entgleiste Beamte hatte sich im Lauf seiner Studien mit der
-Überzeugung durchdrungen, daß die Beweise, mit denen die Wissenschaft
-die Unmöglichkeit der Konstruktion erhärtet haben wollte, unstichhaltig
-seien, und daß die planende Vorsehung ihn, Paravant, darum aus der
-unteren Welt der Lebendigen entfernt und hierher versetzt habe, weil sie
-ihn dazu ausersehen, das transzendente Ziel in den Bereich irdisch
-genauer Erfüllung zu reißen. So stand es mit ihm. Er zirkelte und
-rechnete, wo er ging und stand, bedeckte Unmassen von Papier mit
-Figuren, Buchstaben, Zahlen, algebraischen Symbolen, und sein gebräuntes
-Gesicht, das Gesicht eines scheinbar urgesunden Mannes, trug den
-visionären und verbissenen Ausdruck der Manie. Sein Gespräch betraf
-ausschließlich und mit furchtbarer Eintönigkeit die Verhältniszahl _pi_,
-diesen verzweifelten Bruch, den das niedrige Genie eines Kopfrechners
-namens Zacharias Dase eines Tages bis auf zweihundert Dezimalstellen
-berechnet hatte –, und zwar rein luxuriöserweise, da auch mit
-zweitausend Stellen die Annäherungsmöglichkeiten an das
-Unerreichbar-Genaue so wenig erschöpft gewesen wären, daß man sie für
-unvermindert hätte erklären können. Alles floh den gequälten Denker,
-denn wen immer ihm an der Brust zu ergreifen gelang, der mußte glühende
-Redeströme über sich ergehen lassen, bestimmt, seine humane
-Empfindlichkeit zu wecken für die Schande der Verunreinigung des
-Menschengeistes durch die heillose Irrationalität dieses mystischen
-Verhältnisses. Die Fruchtlosigkeit ewiger Multiplikation des
-Durchmessers mit pi, um den Umfang –, des Quadrats über dem Halbmesser,
-um den Inhalt des Kreises zu finden, schuf dem Staatsanwalt Anfälle von
-Zweifeln, ob nicht die Menschheit sich die Lösung des Problems seit
-Archimedes’ Tagen viel zu schwer gemacht habe und ob diese Lösung nicht
-in Wahrheit die kindlich einfachste sei. Wie, man sollte die Kreislinie
-nicht rektifizieren und also auch nicht jede Gerade zum Kreise biegen
-können? Zuweilen glaubte Paravant sich einer Offenbarung nahe. Man sah
-ihn öfters noch spät am Abend im verödeten und schlecht erleuchteten
-Speisesaal an seinem Tische sitzen, auf dessen entblößter Platte er ein
-Stück Bindfaden sorgfältig in Kreisform legte, um es plötzlich, mit
-überrumpelnder Gebärde, zur Geraden zu strecken, danach aber, schwer
-aufgestützt, in bitteres Grübeln zu verfallen. Der Hofrat ging ihm
-gelegentlich zur Hand bei solchem schwermütigen Getändel, bestärkte ihn
-überhaupt in seiner Grille. Und auch an Hans Castorp wandte sich der
-Leidende wohl einmal mit seinem geliebten Gram, einmal und wiederholt,
-da er auf viel freundliches Verständnis, auf ein teilnehmendes Gefühl
-für das Geheimnis des Kreises stieß. Er veranschaulichte dem jungen Mann
-die Verzweiflung pi, indem er ihm eine haarscharfe Zeichnung vorwies,
-worin mit äußerster Mühe eine Kreislinie zwischen zwei Polygonen mit
-winzig-zahllosen Seiten, einem eingeschriebenen und einem umschriebenen,
-bis zur letzt-menschenmöglichen Annäherung eingefangen war. Der Rest
-aber, die Krümmung, die sich auf eine ätherisch-geistige Art der
-Rationalisierung durch die berechenbare Umklammerung entzog, – das,
-sagte der Staatsanwalt mit bebendem Unterkiefer, sei pi! Hans Castorp,
-bei aller Empfänglichkeit, zeigte sich weniger reizbar gegen pi, als
-sein Unterredner. Er nannte es eine Eulenspiegelei, riet Herrn Paravant,
-sich bei seinem Haschespiel doch nicht zu ernstlich zu erhitzen und
-sprach von den ausdehnungslosen Wendepunkten, aus denen der Kreis von
-seinem nicht vorhandenen Anfang bis zu seinem nicht vorhandenen Ende
-bestehe, sowie von der übermütigen Melancholie, die in der ohne
-Richtungsdauer in sich selber laufenden Ewigkeit liege, mit so
-gelassener Religiosität, daß vorübergehend eine begütigende Wirkung
-davon auf den Staatsanwalt ausging.
-
-Übrigens bestimmte seine Natur den guten Hans Castorp zum Vertrauten
-mehr als eines Hausgenossen, von dem irgendeine fixe Idee Besitz
-ergriffen, und der darunter litt, daß er bei der leichtlebigen Mehrzahl
-kein Gehör dafür fand. Ein ehemaliger Bildhauer aus der österreichischen
-Provinz, ein schon älterer Mann mit weißem Schnurrbart, einer Hakennase
-und blauen Augen, hatte einen Plan finanzpolitischer Art gefaßt – und
-ihn, unter Markierung entscheidender Stellen durch Pinselstriche von
-Sepiawasserfarbe, in Schönschrift aufgesetzt –, der darauf ausging, daß
-jeder Zeitungsbezieher gehalten sein solle, eine tägliche Teilmenge von
-40 Gramm Altzeitungspapier, gesammelt am ersten jeden Monats,
-abzuliefern, was denn im Jahre rund 14000 Gramm, in zwanzig Jahren aber
-nicht weniger als 288 Kilo ausmachen und, das Kilo zu 20 Pfennigen
-berechnet, einen Wert von 57,60 deutschen Mark darstellen werde. Fünf
-Millionen Abonnenten, so fuhr das Memorandum fort, würden also in
-zwanzig Jahren an Altzeitungswerten die ungeheuere Summe von 288
-Millionen Mark abliefern, wovon ihnen zwei Drittel auf das Neuabonnement
-möchten angerechnet werden, das sich so verbilligen werde, der Rest
-aber, ein Drittel, gegen 100 Millionen Mark, für humanitäre Zwecke, zur
-Finanzierung volkstümlicher Lungenheilstätten, zur Unterstützung
-bedrängter Talente und so weiter, frei werden würde. Der Plan war
-ausgearbeitet bis auf die zeichnerische Darstellung des
-Zentimeterpreisstockes, von dem das Altpapierabholorgan allmonatlich den
-Wert der gesammelten Papiermenge ablesen sollte, und der gelochten
-Formulare, mit denen Vergütungsgelder quittiert werden sollten. Er war
-gerechtfertigt und begründet nach allen Seiten. Die unbesonnene
-Vergeudung und Vernichtung von Zeitungspapier, das von Unaufgeklärten
-dem Spülwasser, dem Feuer ausgesetzt werde, bedeute Hochverrat an
-unserem Walde, an unserer Volkswirtschaft. Papier schonen, Papier sparen
-heiße Zellstoff, den Waldbestand, Menschenmaterial schonen und sparen,
-das bei der Fabrikation von Zellstoff und Papier verbraucht werde, nicht
-minder Menschenmaterial und Kapital. Da ferner Altzeitungspapier auf dem
-Wege über die Packpapier- und Kartonageerzeugung leicht in vierfache
-Werte gesteigert werden könne, so werde es Wirtschaftsfaktor von Belang
-und Unterlage ergiebiger staatlicher und gemeindlicher Besteuerungen
-werden, die Zeitungsleser als Steuersubjekte entlasten. Kurzum, der Plan
-war gut, war eigentlich unwidersprechlich, und wenn ihm
-Unheimlich-Müßiges, ja Finster-Närrisches anhaftete, so eben nur des
-schiefen Fanatismus wegen, womit der vormalige Künstler eine ökonomische
-Idee, und gerade nur diese verfolgte und verfocht, mit der es ihm
-offenbar im Innersten so wenig ernst war, daß er nicht den geringsten
-Versuch unternahm, sie ins Werk zu setzen ... Hans Castorp hörte dem
-Mann mit schrägem Kopfe nickend zu, wenn er mit fiebrig beschwingten
-Worten seinen Heilsgedanken vor ihm propagierte, und untersuchte dabei
-das Wesen der Verachtung und des Widerwillens, die seine Parteinahme für
-den Erfinder gegen die gedankenlose Welt beeinträchtigten.
-
-Einige Berghofinsassen trieben Esperanto und wußten sich etwas damit, in
-dem künstlichen Kauderwelsch bei Tische zu konversieren. Hans Castorp
-blickte sie finster an, indem er übrigens bei sich selber dafür hielt,
-daß sie die Schlimmsten nicht seien. Es gab hier seit kurzem eine Gruppe
-von Engländern, die ein Gesellschaftsspiel eingeführt hatten, welches in
-nichts anderem bestand, als daß ein Teilnehmer an seinen Nachbarn im
-Kreise die Frage richtete: „_Did you ever see the devil with a night-cap
-on?_“, der Gefragte aber zur Antwort gab: „_No! I never saw the devil
-with a night-cap on_“, worauf er die Frage andererseits weitergab – und
-so immer reihum. Das war entsetzlich. Aber dem armen Hans Castorp war
-doch noch schlimmer zumute beim Anblick der Patienceleger, die überall
-im Hause und zu jeder Tageszeit zu beobachten waren. Denn die
-Leidenschaft für diese Zerstreuung war neuestens derart eingerissen, daß
-sie buchstäblich das Haus zur Lasterhöhle machte, und Hans Castorp hatte
-um so mehr Ursache, sich grauenhaft davon berührt zu fühlen, als er
-selber zeitweise ein Opfer – und zwar vielleicht das hingenommenste –
-der Seuche war. Die Elferpatience hatte es ihm angetan: jene Form, bei
-der man die Whistkarte zu je drei Blatt in drei Reihen auslegt und zwei
-Karten, die zusammen elf ausmachen, sowie die drei Bildkarten, wenn sie
-offen daliegen, neu bedeckt, bis bei holdem Glücke das Spiel aufgeht.
-Man sollte nicht für möglich halten, daß Seelenreize, die zur Behexung
-zu führen vermögen, von einem so einfachen Verfahren ausgehen könnten.
-Dennoch erprobte Hans Castorp, gleich so vielen anderen, diese
-Möglichkeit – erprobte sie, da die Ausschweifung niemals heiter ist, mit
-finsteren Brauen. Verfallen den Launen des Kartenkobolds, berückt von
-dieser phantastisch wechselnden Gunst, die zuweilen, in
-leichter Glücksschwebe, von allem Anbeginn die Elferpaare, das
-Bub-Dame-Königsbild sich häufen ließ, so daß das Spiel schon vergeben
-war, bevor noch die dritte Staffel sich vollendet hatte (ein flüchtiger
-Triumph, der die Nerven sogleich zu neuen Versuchen stachelte); dann
-wieder bis zum neunten und letzten Blatt jede einzige Möglichkeit der
-Neubedeckung verweigerte, oder den scheinbar schon sicheren Erfolg durch
-jähe Stockung im letzten Augenblick verflattern ließ, – legte er
-Patience überall und zu allen Tageszeiten, des Nachts unter den Sternen,
-des Morgens im bloßen Pyjama, bei Tische und selbst im Traum. Ihm
-graute, aber er tat es. Und so betraf ihn bei einem Besuche Herr
-Settembrini, ihn „störend“, wie es von jeher seine Sendung gewesen.
-
-„_Accidenti!_“ sprach er. „Sie legen sich die Karten, Ingenieur?“
-
-„So ist es nicht gerade gemeint“, erwiderte Hans Castorp. „Ich lege
-einfach, ich balge mich mit dem abstrakten Zufall. Mich intrigieren
-seine wetterwendischen Faxen, seine Liebedienerei und dann wieder seine
-unglaubliche Widerspenstigkeit. Heute morgen gleich nach dem Aufstehen
-ist die Patience dreimal hintereinander glatt ausgekommen, davon einmal
-in zwei Reihen, was ein Rekord ist. Wollen Sie glauben, daß ich jetzt
-zum zweiunddreißigstenmal auslege, ohne ein einziges Mal auch nur bis
-zur Hälfte des Spieles gekommen zu sein?“
-
-Herr Settembrini blickte ihn, wie sooft schon im Laufe der Jährchen, mit
-traurigen schwarzen Augen an.
-
-„Jedenfalls finde ich Sie präokkupiert“, sagte er. „Es sieht nicht aus,
-als ob ich hier für meine Sorgen Trost, und Balsam für den inneren
-Zwiespalt finden sollte, der mich quält.“
-
-„Zwiespalt?“ wiederholte Hans Castorp und legte ...
-
-„Die Weltlage verwirrt mich“, seufzte der Freimaurer. „Der Balkanbund
-wird zustandekommen, Ingenieur, alle meine Informationen sprechen dafür.
-Rußland arbeitet fieberhaft daran, und die Spitze der Kombination ist
-gegen die österreichisch-ungarische Monarchie gerichtet, ohne deren
-Zertrümmerung kein Punkt des russischen Programms zu verwirklichen ist.
-Begreifen Sie meine Skrupel? Ich hasse Wien mit ganzer Kraft, Sie wissen
-es. Aber soll ich darum die Unterstützung meiner Seele der sarmatischen
-Despotie zuteil werden lassen, die im Begriffe ist, die Brandfackel an
-unseren hochadeligen Erdteil zu legen? Andererseits würde ein auch nur
-gelegentliches diplomatisches Zusammenwirken meines Landes mit
-Österreich mich wie Entehrung treffen. Das sind Gewissensfragen, welche
-–“
-
-„Sieben und vier“, sagte Hans Castorp. „Acht und drei. Bub, Dame, König.
-Es geht ja. Sie bringen mir Glück, Herr Settembrini.“
-
-Der Italiener verstummte. Hans Castorp fühlte seine schwarzen Augen, den
-Blick von Vernunft und Sittlichkeit, in tiefer Trauer auf sich ruhen,
-legte indessen noch eine Weile weiter, bevor er, die Wange in die Hand
-gestützt, mit der falschen und verstockten Unschuldsmiene eines bösen
-Kindes zu dem vor ihm stehenden Mentor aufblickte.
-
-„Ihre Augen“, sprach dieser, „suchen ganz vergebens zu verhehlen, daß
-Sie wissen, wie es um Sie steht.“
-
-„_Placet experiri_“, hatte Hans Castorp die Frechheit zu antworten, und
-Herr Settembrini verließ ihn, – worauf denn freilich der allein
-Gebliebene noch längere Zeit, ohne weiterzulegen, den Kopf in die Hand
-gestützt, an seinem Tische inmitten des weißen Zimmers sitzenblieb,
-grübelnd und im Innersten grauenhaft berührt von dem nicht geheueren und
-schiefen Zustand, worin er die Welt befangen sah, von dem Grinsen des
-Dämons und Affengottes, unter dessen rat- und zügellose Herrschaft er
-sie geraten fand, und des Name „Der große Stumpfsinn“ war.
-
-Ein schlimmer, apokalyptischer Name, ganz danach angetan, geheime
-Beängstigung einzuflößen. Hans Castorp saß und rieb sich Stirn und
-Herzgegend mit den flachen Händen. Er fürchtete sich. Ihm war, als könne
-„das alles“ kein gutes Ende nehmen, als werde eine Katastrophe das Ende
-sein, eine Empörung der geduldigen Natur, ein Donnerwetter und
-aufräumender Sturmwind, der den Bann der Welt brechen, das Leben über
-den „toten Punkt“ hinwegreißen und der „Sauregurkenzeit“ einen
-schrecklichen Jüngsten Tag bereiten werde. Er hatte Lust zu fliehen, wir
-sagten es schon, – und ein Glück denn nur, daß die Obrigkeit das
-vorerwähnte „unverwandte Auge“ auf ihn hatte, daß sie in seinen Mienen
-zu lesen verstand und auf seine Divertierung mit neuen, fruchtbaren
-Hypothesen bedacht war!
-
-Korpsstudentischen Tonfalles hatte sie erklärt, den eigentlichen
-Ursachen der Unsolidität von Hans Castorps Wärmehaushalt auf der Spur zu
-sein, Ursachen, denen nach ihrer wissenschaftlichen Aussage so unschwer
-beizukommen sein würde, daß Heilung, legitime Entlassung ins Flachland
-plötzlich in nahe Aussicht gerückt schienen. Des jungen Mannes Herz
-schlug hoch, von mannigfachen Empfindungen bestürmt, als er zum
-Aderlasse den Arm hinstreckte. Blinzelnd und leicht erblassend
-bewunderte er das herrliche Rubinrot seines Lebenssaftes, der steigend
-den klaren Behälter füllte. Der Hofrat selbst, assistiert von Doktor
-Krokowski und einer Barmherzigen Schwester, vollzog die kleine, aber
-weittragende Operation. Danach verging eine Reihe von Tagen, beherrscht
-für Hans Castorp von der Frage, wie das Hingegebene, außerhalb seiner,
-unter den Augen der Wissenschaft sich bewähren werde.
-
-Es habe natürlich noch nichts gedeihen können, sagte der Hofrat am
-Anfang. Es habe leider noch nichts gedeihen wollen, sagte er später.
-Aber der Morgen kam, wo er, während des Frühstücks, zu Hans Castorp
-trat, der zu dieser Zeit am Guten Russentisch seinen Platz hatte, am
-oberen Ende, dort, wo dereinst sein großer Duzbruder gesessen, und ihm
-unter redensartlichen Glückwünschen eröffnete, der Kettenkokkus sei nun
-doch in einer der angelegten Kulturen zweifelsfrei festgestellt. Ein
-Problem der Wahrscheinlichkeitsrechnung sei es denn nun, ob die
-Vergiftungserscheinungen auf die jedenfalls bestehende kleine
-Tuberkulose oder auf die Streptos, die ja auch nur in bescheidenem Maße
-vorhanden, zurückzuführen seien. Er, Behrens, müsse sich die Sache näher
-und länger besehen. Noch sei die Kultur nicht ausgewachsen. – Er zeigte
-sie ihm im „Labor“: ein rotes Blutgelee, worin man graue Pünktchen
-gewahrte. Das waren die Kokken. (Kokken jedoch hatte jeder Esel, wie
-auch Tuberkeln, und hätte man nicht die Symptome gehabt, so wäre auf
-diesen Befund nicht weiter Gewicht zu legen gewesen.)
-
-Außerhalb seiner, unter den Augen der Wissenschaft, fuhr Hans Castorps
-geronnenes Herzblut fort, sich zu bewähren. Es kam der Morgen, da der
-Hofrat mit redensartlich bewegten Worten berichtete: Nicht nur auf der
-einen Kultur, sondern auch auf allen übrigen seien nachträglich noch
-Kokken gewachsen, und zwar in großen Mengen. Ungewiß, ob es alles
-Streptos seien; mehr als wahrscheinlich nun aber, daß die
-Vergiftungserscheinungen daher rührten, – wenn man auch freilich nicht
-wissen könne, wieviel davon auf Rechnung der zweifellos vorhanden
-gewesenen und nicht ganz überwundenen Tuberkulose zu setzen sei. Die zu
-ziehende Schlußfolgerung? Eine Streptovakzinkur! Die Prognose?
-Außerordentlich günstig – zumal der Versuch jedes Risikos entbehre, auf
-keinen Fall schaden könne. Denn da das Serum ja aus Hans Castorps
-eigenem Blute hergestellt werde, so werde mit der Injektion kein
-Krankheitsstoff in den Körper eingeführt, der nicht schon darin sei.
-Schlimmstenfalls würde sie nutzlos sein, Null im Effekt – aber ob man
-denn das, da Patient ja ohnedies bleiben müsse, als einen schlimmen Fall
-bezeichnen könne!
-
-Nicht doch, so weit wollte Hans Castorp nicht gehen. Er unterwarf sich
-der Kur, obgleich er sie ridikül und ehrlos fand. Diese Impfungen mit
-sich selbst wollten ihm als eine abscheulich freudlose Diversion
-erscheinen, als ein inzestuöser Greuel von Ich zu Ich, frucht- und
-hoffnungslos in seinem Wesen. So urteilte seine hypochondrische
-Unbelehrtheit, die nur im Punkte der Unfruchtbarkeit – und in diesem
-freilich vollkommen – recht behielt. Die Diversion erstreckte sich über
-Wochen. Sie schien zuweilen zu schaden – was selbstverständlich auf
-Irrtum beruhen mußte –, zuweilen auch zu nützen, was sich dann aber
-gleichfalls als Irrtum herausstellte. Das Ergebnis war Null, ohne bei
-Namen genannt und ausdrücklich verkündigt zu werden. Die Unternehmung
-verlief im Sande, und Hans Castorp fuhr fort, Patience zu legen – Aug’
-in Auge mit dem Dämon, dessen zügelloser Herrschaft für sein Gefühl ein
-Ende mit Schrecken bevorstand.
-
-
- Fülle des Wohllauts
-
-Welche Errungenschaft und Neueinführung des Hauses Berghof war es, die
-unsern langjährigen Freund vom Kartentic erlöste und ihn einer anderen,
-edleren, wenn auch im Grunde nicht weniger seltsamen Leidenschaft in die
-Arme führte? Wir sind im Begriffe, es zu erzählen, erfüllt von den
-geheimen Reizen des Gegenstandes und aufrichtig begierig, sie
-mitzuteilen.
-
-Es handelte sich um eine Vermehrung der Unterhaltungsgeräte des
-Hauptgesellschaftsraumes, aus nie rastender Fürsorge ersonnen und
-beschlossen im Verwaltungsgremium des Hauses, beschafft mit einem
-Kostenaufwand, den wir nicht berechnen wollen, den wir aber großzügig
-müssen nennen dürfen, von der Oberleitung dieses unbedingt zu
-empfehlenden Instituts. Ein sinnreiches Spielzeug also von der Art des
-stereoskopischen Guckkastens, des fernrohrförmigen Kaleidoskops und der
-kinematographischen Trommel? Allerdings – und auch wieder durchaus
-nicht. Denn erstens war das keine optische Veranstaltung, die man eines
-Abends – und man schlug die Hände teils über dem Kopf, teils in
-gebückter Haltung vorm Schoße zusammen – im Klaviersalon aufgebaut fand,
-sondern eine akustische; und ferner waren jene leichten Attraktionen
-nach Klasse, Rang und Wert überhaupt nicht mit ihr zu vergleichen. Das
-war kein kindliches und einförmiges Gaukelwerk, dessen man überdrüssig
-war, und das man nicht mehr anrührte, sobald man auch nur drei Wochen
-auf dem Buckel hatte. Es war ein strömendes Füllhorn heiteren und
-seelenschweren künstlerischen Genusses. Es war ein Musikapparat. Es war
-ein Grammophon.
-
-Unsere ernste Sorge ist, dies Wort möchte in einem unwürdigen und
-überholten Sinne mißverstanden und Vorstellungen möchten daran geknüpft
-werden, die einer verjährten Vorform dessen, was uns als Wahrheit
-vorschwebt, nicht aber dieser in unermüdlich fortbildenden Versuchen
-einer musisch gerichteten Technik zur vornehmsten Vollendung
-entwickelten Wahrheit gerecht werden. Ihr Guten! Das war das armselige
-Kurbelkästchen nicht, das ehemals wohl, Drehscheibe und Griffel obenauf,
-Anhängsel eines unförmigen Trompetenschalltrichters aus Messing, von
-einem Wirtshaustische herunter anspruchslose Ohren mit näselndem Gebrüll
-erfüllte. Der mattschwarz gebeizte Schrein, der hier, ein wenig tiefer
-als breit, angeschlossen mit seidenem Kabel an einen elektrischen
-Steckkontakt der Wand, in schlichter Distinktion auf einem Fachtischchen
-stand, zeigte mit jener rohen und vorsintflutlichen Maschinerie
-überhaupt keine Ähnlichkeit mehr. Man öffnete den anmutig sich
-verjüngenden Deckel, dessen innere, vom Grunde gehobene Messingstütze
-ihn in schräg schirmender Lage automatisch feststellte, und man gewahrte
-in flacher Vertiefung die mit grünem Tuch ausgeschlagene Drehscheibe mit
-Nickelrand und dem gleichfalls vernickelten Mittelzapfen, über den das
-Loch der Hartgummiplatte zu fügen war. Man bemerkte ferner, rechts
-seitwärts im Vordergrunde, eine uhrähnlich bezifferte Vorrichtung zur
-Regelung des Tempos, zur Linken den Hebel, mit dem das Drehwerk in Lauf
-zu setzen oder zu stoppen war; links hinten aber den gewunden
-keulenförmigen, in weichen Gelenken beweglichen Hohlarm aus Nickel, mit
-der flachrunden Schalldose an seinem Ende, deren Schraubwerk die
-ziehende Nadel zu tragen bestimmt war. Man öffnete auch die Flügel der
-vorderen Doppeltür und erblickte dahinter ein jalousieartiges Gefüge
-schräg stehender Leisten aus schwarz gebeiztem Holze – nichts weiter.
-
-„Es ist das neueste Modell“, sagte der Hofrat, der mit eingetreten war.
-„Letzte Errungenschaft, Kinder, Ia, ff, was Besseres gibt es nicht in
-dem Janger.“ Er sprach das Wort urkomisch-unmöglich aus, wie etwa ein
-minder gebildeter Verkäufer es anpreisend getan haben würde. „Das ist
-kein Apparat und keine Maschine,“ fuhr er fort, indem er aus einem der
-auf dem Tischchen angeordneten buntfarbigen Blechbüchschen eine Nadel
-nahm und sie befestigte, „das ist ein Instrument, das ist eine
-Stradivarius, eine Guarneri, da herrschen Resonanz- und
-Schwingungsverhältnisse vom ausgepichtesten Raffinemang! ‚Polyhymnia‘
-heißt die Marke, wie die Inschrift hier im inneren Deckel Sie lehrt.
-Deutsches Fabrikat, wissen Sie. Wir machen das mit Abstand am besten.
-Das treusinnig Musikalische in neuzeitlich-mechanischer Gestalt. Die
-deutsche Seele _up to date_. Da haben Sie die Literatur!“ sagte er und
-wies auf ein Wandschränkchen, worin breitrückige Alben aufgereiht
-standen. „Ich übermache Ihnen den ganzen Zauber zu freier Lust, empfehle
-ihn aber dem Schutze des Publikums. Wollen wir mal probeweise eine
-erbrausen lassen?“
-
-Die Kranken baten flehentlich darum, und Behrens zog eines der
-stumm-gehaltvollen Zauberbücher hervor, wandte die schweren Blätter, zog
-aus einer der Kartontaschen, deren kreisförmige Ausschnitte die farbigen
-Titel erkennen ließen, eine Platte und legte sie ein. Mit einem
-Handgriff gab er der Drehscheibe Strom, zögerte zwei Sekunden, bis ihr
-Lauf die volle Geschwindigkeit erreicht hatte, und setzte die feine
-Spitze des Stahlstiftes behutsam auf den Plattenrand. Ein leicht
-wetzendes Geräusch ward hörbar. Er senkte den Deckel darüber, und in
-demselben Augenblick brach durch die offene Flügeltür, zwischen den
-Spalten der Jalousie hervor, nein, aus dem ganzen Körper der Truhe
-Instrumentaltrubel, eine lustig lärmende und drängende Melodie, die
-ersten gliederwerfenden Takte einer Ouvertüre von Offenbach.
-
-Man lauschte mit offenen Mündern lächelnd. Man traute seinen Ohren
-nicht, wie überaus rein und natürlich die Koloraturen der Holzbläser
-lauteten. Eine Geige, sie ganz allein, präludierte phantastisch. Man
-vernahm den Bogenstrich, das Tremolo des Griffes, das süße Gleiten von
-einer Lage in die andere. Sie fand ihre Melodie, den Walzer, das „Ach,
-ich habe sie verloren“. Leicht trug Orchesterharmonie die
-schmeichlerische Weise, und es war zum Entzücken, wie sie, ehrenvoll vom
-Ensemble aufgenommen, als rauschendes Tutti sich wiederholte. Natürlich
-war es nicht so, wie wenn eine wirkliche Kapelle im Zimmer hier
-konzertiert hätte. Der Klangkörper, unentstellt im übrigen, erlitt eine
-perspektivische Minderung; es war, wenn es erlaubt ist, für den
-Gehörsfall ein Gleichnis aus dem Gebiet des Gesichtes einzusetzen, als
-ob man ein Gemälde durch ein umgekehrtes Opernglas betrachtete, so daß
-es entrückt und verkleinert erschien, ohne an der Schärfe seiner
-Zeichnung, der Leuchtkraft seiner Farben etwas einzubüßen. Das
-Musikstück, talentstraff und prickelnd, spielte sich ab in allem Witz
-seiner leichtsinnigen Erfindung. Den Schluß machte die Ausgelassenheit
-selbst, ein drollig zögernd ansetzender Galopp, ein unverschämter
-Cancan, der die Vision in der Luft geschüttelter Zylinder, schleudernder
-Knie, aufstiebender Röcke erzeugte und im komisch-triumphalen Enden kein
-Ende fand. Dann schnappte das Drehwerk selbsttätig ein. Es war aus. Man
-applaudierte von Herzen.
-
-Man rief nach Weiterem und man bekam es: Menschliche Stimme entströmte
-dem Schrein, männlich, weich und gewaltig auf einmal, von Orchester
-begleitet, ein italienischer Bariton berühmten Namens, – und nun konnte
-durchaus von keiner Verschleierung und Entfernung mehr die Rede sein:
-das herrliche Organ erscholl nach seinem vollen natürlichen Umfang und
-Kraftinhalt, und namentlich wenn man in eines der offenen Nebenzimmer
-trat und den Apparat nicht sah, so war es nicht anders, als stände dort
-im Salon der Künstler in körperlicher Person, das Notenblatt in der
-Hand, und sänge. Er sang eine Opernbravourarie in seiner Sprache – _eh,
-il barbiere. Di qualità, di qualità! Figaro qua, Figaro là, Figaro,
-Figaro, Figaro!_ Die Zuhörer wollten sterben vor Lachen über sein
-falsettierendes _parlando_, über den Kontrast dieser Bärenstimme und
-dieser zungenbrecherischen Sprechfertigkeit. Erfahrene mochten die
-Künste seiner Phrasierung, seiner Atemtechnik verfolgen und bewundern.
-Meister des Unwiderstehlichen, Virtuose des welschen _Da
-capo_-Geschmacks, hielt er den vorletzten Ton, vor der Schlußtonika, zur
-Rampe vordringend, wie es schien, und offenbar die Hand in der Luft, auf
-eine Weise aus, daß man in gezogene Bravorufe ausbrach, bevor er
-geendigt hatte. Es war vorzüglich.
-
-Und es gab mehr. Ein Waldhorn vollführte mit schöner Vorsicht
-Variationen über ein Volkslied. Eine Sopranistin schmetterte, stakkierte
-und trillerte eine Arie aus „_La Traviata_“ mit der lieblichsten Kühle
-und Genauigkeit. Der Geist eines Violinisten von Weltruf spielte, wie
-hinter Schleiern, zu einer Klavierbegleitung, die trocken klang,
-wie Spinett, eine Romanze von Rubinstein. Aus der sacht
-kochenden Wundertruhe drangen Glockenklänge, Harfenglissandos,
-Trompetengeschmetter und Trommelwirbel. Schließlich wurden Tanzplatten
-eingelegt. Sogar von dem neuen Import war schon ein und das andere
-Beispiel vorhanden, im exotischen Hafenkneipengeschmack, der Tango,
-berufen, aus dem Wiener Walzer einen Großvatertanz zu machen. Zwei
-Paare, des modischen Schrittes mächtig, zeigten sich darin auf dem
-Teppich. Behrens hatte sich zurückgezogen, nachdem er die Vermahnung
-erteilt, jede Nadel nur einmal zu benutzen und die Platten „ganz ähnlich
-wie rohe Eier“ zu behandeln. Hans Castorp bediente den Apparat.
-
-Warum gerade er? Es hatte sich so gemacht. Mit gedämpfter
-Kurzangebundenheit war er denjenigen entgegengetreten, die nach des
-Hofrats Weggang den Nadel- und Plattenwechsel, die Ein- und Ausschaltung
-des Triebstroms hatten in die Hand nehmen wollen. „Lassen Sie mich das
-tun!“ hatte er gesagt, indem er sie beiseite drängte, und sie waren ihm
-gleichmütig gewichen, erstens, weil er die Miene hatte, als ob er von
-längerer Hand her sich auf die Sache verstände, dann aber, weil ihnen
-sehr wenig daran gelegen war, an der Quelle des Genusses tätig zu sein,
-statt sich bequem und unverbindlich damit bewirten zu lassen, solange es
-sie nicht langweilte.
-
-Nicht so Hans Castorp. Während der Vorführung der neuen Erwerbung durch
-den Hofrat hatte er sich still im Hintergrunde gehalten, ohne Lachen,
-ohne Beifallsrufe, aber die Darbietungen gespannt verfolgend, indes er
-nach gelegentlicher Gewohnheit mit zwei Fingern an einer Augenbraue
-drehte. Mit einer gewissen Unruhe hatte er im Rücken des Publikums
-mehrfach den Standort gewechselt, war ins Bibliothekszimmer getreten, um
-von dort zu lauschen, und hatte sich später, Hände auf dem Rücken und
-mit verschlossenem Gesichtsausdruck, neben Behrens aufgestellt, den
-Schrein im Auge, den einfachen Dienst daran erkundend. In ihm hieß es:
-„Halt! Achtung! Epoche! Das kam zu mir.“ Die bestimmteste Ahnung neuer
-Passion, Bezauberung, Liebeslast erfüllte ihn. Dem Jüngling im
-Flachland, dem beim ersten Blick auf ein Mädchen Amors widerhakiger
-Pfeil unverhofft mitten im Herzen sitzt, ist nicht gar anders zumute.
-Eifersucht beherrschte sofort Hans Castorps Schritte. Öffentliches Gut?
-Schlaffe Neugier hat weder Recht noch Kraft, zu besitzen. „Lassen Sie
-mich das tun!“ sagte er zwischen den Zähnen, und sie waren es ganz
-zufrieden. Sie tanzten noch ein bißchen nach leichtgeschürzten Piecen,
-die er laufen ließ, verlangten auch noch eine Gesangsnummer, ein
-Opernduett, die Barkarole aus „Hoffmanns Erzählungen“, die lieblich
-genug ins Ohr ging, und als er den Deckel schloß, zogen sie ab, flüchtig
-angeregt und schwatzend, in die Liegekur, zur Ruhe. Darauf hatte er
-gewartet. Sie ließen hinter sich alles stehen und liegen wie es mochte,
-die offenen Nadelbüchschen und Albums, die zerstreuten Platten. Das sah
-ihnen ähnlich. Er tat, als schlösse er sich ihnen an, verließ aber
-heimlich ihren Zug auf der Treppe, kehrte in den Salon zurück, schloß
-alle Türen und blieb dort die halbe Nacht, tief beschäftigt.
-
-Er machte sich mit der neuen Erwerbung vertraut, durchmusterte ungestört
-den beigestellten Vortragsschatz, den Inhalt der schweren Alben. Es
-waren deren zwölf, von zweierlei Größe, zu je zwölf Platten; und da
-viele der eng kreisförmig geritzten schwarzen Scheiben doppelseitig
-waren, nicht nur weil manches Stück auch die Kehrseite in Anspruch nahm,
-sondern auch weil einer ganzen Reihe von Tafeln zwei verschiedene
-Darbietungen eingeschrieben waren, so war das ein anfangs schwer
-übersichtliches, ja verwirrendes Eroberungsgebiet schöner Möglichkeiten.
-Er spielte wohl ein Viertelhundert, indem er sich, um nicht zu stören,
-in der Nacht nicht gehört zu werden, gewisser sacht ziehender Nadeln
-bediente, die den Klang verringerten, – aber das war kaum der achte Teil
-dessen, was sich aller Enden lockend zum Versuche anbot. Für heute mußte
-es genug sein, die Titel zu überfliegen und nur dann und wann,
-stichprobeweise, ein Beispiel der stummen Zirkelgraphik dem Schreine
-einzuverleiben, um es zum Tönen zu bringen. Sie waren unterschieden
-durch das farbige Etikett ihres Zentrums, die Hartgummidisken, und durch
-nichts weiter, für das Auge. Eine sah aus wie die andere, ganz oder
-nicht ganz bis zur Mitte mit konzentrischen Kreisen dicht bedeckt; und
-doch barg ihr feines Liniengepräge die erdenklichste Musik, glücklichste
-Eingebungen aus allen Regionen der Kunst, in ausgesuchter Wiedergabe.
-
-Es waren da eine Menge Ouvertüren und Einzelsätze aus der Welt der
-erhabenen Symphonik, gespielt von berühmten Orchestern, deren Leiter
-namhaft gemacht waren. Eine lange Reihe von Liedern sodann, vorgetragen
-zum Klavier, von Mitgliedern großer Opernhäuser, – und zwar sowohl
-Lieder, die das hohe und bewußte Erzeugnis persönlicher Kunst waren, wie
-auch schlichte Volkslieder, wie dann endlich auch noch solche, die
-zwischen diesen beiden Gattungen gleichsam die Mitte hielten, insofern
-sie zwar Produkte geistiger Kunst, aber im Sinn und Geist des Volkes
-tiefecht und fromm empfunden und erfunden waren; künstliche Volkslieder,
-wenn man so sagen durfte, ohne durch das Wort „künstlich“ ihrer
-Innigkeit zu nahe zu treten: eines zumal, das Hans Castorp von
-Kindesbeinen an gekannt hatte, zu dem er aber jetzt eine
-geheimnisvoll-beziehungsreiche Liebe faßte, und von dem die Rede sein
-wird. – Was gab es noch, oder eigentlich, was gab es nicht? Es gab Oper
-die Hülle und Fülle. Ein internationaler Chor gefeierter Sänger und
-Sängerinnen setzte, begleitet von diskret zurücktretendem Orchester, die
-hochgeschulte Gottesgabe seiner Stimmen ein zur Ausführung von Arien,
-Duetten, ganzen Ensembleszenen aus den verschiedenen Gegenden und
-Epochen des musikalischen Theaters: der südlichen Schönheitssphäre einer
-zugleich hoch- und leichtherzigen Hingerissenheit, einer
-deutsch-volkhaften Welt von Schalkheit und Dämonie, der französischen
-Großen und Komischen Oper. War damit ein Ende? O nein. Denn es folgte
-die Serie der Kammermusiken, der Quartette und Trios, der
-Instrumental-Solonummern für Violine, Cello, Flöte, die
-Konzertgesangsnummern mit obligater Violine oder Flöte, die rein
-pianistischen Nummern, – von den bloßen Belustigungen, den Couplets, den
-Zweckplatten, in die kleine Aufspielorchester ihre Weisen geprägt
-hatten, und die nach einer derben Nadel verlangten, nicht erst zu reden.
-
-Hans Castorp sichtete das, ordnete das, übergab es, einsam hantierend,
-zu einem kleinen Teile dem Instrument, das es zu tönendem Leben weckte.
-Er ging mit heißem Kopfe zu ähnlich vorgerückter Stunde
-schlafen, wie nach dem ersten Gelage mit Pieter Peeperkorn
-majestätisch-duzbrüderlichen Angedenkens, und träumte von zwei bis
-sieben von dem Zauberkasten. Er sah im Traume die Drehscheibe um ihren
-Zapfen kreisen, schnell bis zur Unsichtlichkeit und lautlos dabei, in
-einer Bewegung, die nicht nur eben in dem wirbeligen Rundfluß, sondern
-auch noch in einem eigentümlichen seitlichen Wogen bestand, dergestalt,
-daß dem nadeltragenden Gelenkarm, unter dem sie hinzog, ein elastisch
-atmendes Schwingen mitgeteilt wurde, – sehr dienlich, wie man glauben
-mochte, dem _vibrato_ und _portamento_ der Streicher und der
-menschlichen Stimmen; doch unbegreiflich blieb es, im Traum nicht
-weniger als im Wachen, wie das bloße Nachziehen einer haarfeinen Linie
-über einem akustischen Hohlraum und einzig mit Hilfe des
-Schwingungshäutchens der Schallbüchse die reich zusammengesetzten
-Klangkörper wiedererzeugen konnte, die das geistige Ohr des Schläfers
-füllten.
-
-Er war am Morgen zeitig wieder im Salon, schon vor dem Frühstück, und
-ließ, mit gefalteten Händen in einem Sessel sitzend, einen herrlichen
-Bariton aus dem Schreine zur Harfe singen: „Blick’ ich umher in diesem
-edlen Kreise –“. Die Harfe klang vollkommen natürlich, es war
-unverfälschtes und unvermindertes Harfenspiel, was der Schrein außer der
-schwellenden, hauchenden, artikulierenden menschlichen Stimme aus sich
-entließ – durchaus zum Erstaunen. Und Zärtlicheres gab es auf Erden
-nicht, als den Zwiegesang aus einer modernen italienischen Oper, den
-Hans Castorp darauf folgen ließ, – als diese bescheidene und innige
-Gefühlsannäherung zwischen der weltberühmten Tenorstimme, die so
-vielfach in den Alben vertreten war, und einem glashell-süßen kleinen
-Sopran, – als sein „_Da mi il braccio, mia piccina_“ und die simple,
-süße, gedrängt melodische kleine Phrase, die sie ihm zur Antwort gab ...
-
-Hans Castorp zuckte zusammen, da hinter ihm die Tür ging. Es war der
-Hofrat, der zu ihm hereinschaute; – in seinem klinischen Kittel mit dem
-Hörrohr in der Brusttasche stand er dort einen Augenblick, den Türgriff
-in der Hand, und nickte dem Laboranten zu. Dieser erwiderte das Nicken
-über die Schulter hin, worauf das blauwangige Gesicht des Chefs mit dem
-einseitig geschürzten Schnurrbärtchen hinter der zugezogenen Tür
-verschwand und Hans Castorp sich seinem unsichtbar-wohllautenden
-Liebespärchen wieder zuwandte.
-
-Später im Lauf des Tages, nach der Mittagsmahlzeit, nach dem Diner,
-hatte er Zuhörer bei seinem Treiben, wechselndes Publikum, – wenn man
-ihn selbst nicht als solches, sondern als Spender des Genusses
-betrachten wollte. Persönlich neigte er zu dieser Auffassung, und die
-Hausgesellschaft bewilligte sie ihm in dem Sinne, daß sie seiner
-entschlossenen Selbsteinsetzung als Verwalter und Kustos der
-öffentlichen Einrichtung von Anfang an stillschweigend zustimmte. Das
-kostete diese Leute nichts; denn ungeachtet ihres oberflächlichen
-Entzückens, wenn jener tenorale Abgott in Schmelz und Glanz schwelgte,
-die weltbeglückende Stimme in Kantilenen und hohen Künsten der
-Leidenschaft sich verströmte, – trotz dieses laut bekundeten Entzückens
-waren sie ohne Liebe und darum völlig einverstanden, jedem, der da
-wollte, die Sorge zu lassen. Hans Castorp war es, der den Plattenschatz
-in Ordnung hielt, den Inhalt der Alben auf die Innenseite der Deckel
-schrieb, so daß ein jegliches Stück auf Wunsch und Anruf sofort zur Hand
-war, und der das Instrument handhabte: Man sah es ihn mit bald geübten,
-knappen und zarten Bewegungen tun. Was hätten auch die anderen gemacht?
-Sie hätten die Platten geschändet, indem sie sie mit abgenutzten Nadeln
-bearbeiteten, hätten sie offen auf Stühlen herumliegen lassen, mit dem
-Apparat stumpfen Jux getrieben, indem sie ein edles Stück mit Tempo und
-Tonhöhe hundertundzehn laufen ließen oder auch den Zeiger auf Null
-einstellten, so daß es ein hysterisches Tirili oder ein versacktes
-Stöhnen ergab ... Sie hatten das alles schon getan. Sie waren zwar
-krank, aber roh. Und darum trug Hans Castorp nach kurzer Zeit den
-Schlüssel des Schränkchens, worin die Alben und Nadeln aufbewahrt
-wurden, einfach in der Tasche, so daß man ihn rufen mußte, wenn man
-aufgespielt haben wollte.
-
-Spät, nach der Abendgeselligkeit, nach Abzug der Menge, war seine beste
-Zeit. Dann blieb er im Salon oder kehrte heimlich dorthin zurück und
-musizierte allein bis tief in die Nacht. Die Ruhe des Hauses damit zu
-stören, brauchte er weniger zu fürchten, als er anfangs geglaubt hatte
-tun zu müssen, denn die Tragkraft seiner Geistermusik hatte sich ihm als
-von geringer Reichweite erwiesen: so Staunenswertes die Schwingungen
-nahe ihrem Ursprung bewirkten, so bald ermatteten sie, schwach und
-scheinmächtig wie alles Geisterhafte, ferner von ihm. Hans Castorp war
-allein mit den Wundern der Truhe in seinen vier Wänden, – mit den
-blühenden Leistungen dieses gestutzten kleinen Sarges aus Geigenholz,
-dieses mattschwarzen Tempelchens, vor dessen offener Flügeltür er im
-Sessel saß, die Hände gefaltet, den Kopf auf der Schulter, den Mund
-geöffnet, und sich von Wohllaut überströmen ließ.
-
-Die Sänger und Sängerinnen, die er hörte, er sah sie nicht, ihre
-Menschlichkeit weilte in Amerika, in Mailand, in Wien, in Sankt
-Petersburg, – sie mochte dort immerhin weilen, denn was er von ihnen
-hatte, war ihr Bestes, war ihre Stimme, und er schätzte diese Reinigung
-oder Abstraktion, die sinnlich genug blieb, um ihm, unter Ausschaltung
-aller Nachteile zu großer persönlicher Nähe, und namentlich soweit es
-sich um Landsleute, um Deutsche handelte, eine gute menschliche
-Kontrolle zu gestatten. Die Aussprache, der Dialekt, die engere
-Landsmannschaft der Künstler war zu unterscheiden, ihr Stimmcharakter
-sagte etwas aus über des Einzelnen seelischen Wuchs, und daran, wie sie
-geistige Wirkungsmöglichkeiten nutzten oder versäumten, erwies sich die
-Stufe ihrer Intelligenz. Hans Castorp ärgerte sich, wenn sie es fehlen
-ließen. Er litt auch und biß sich auf die Lippen vor Scham, wenn
-Unvollkommenheiten der technischen Wiedergabe mit unterliefen, saß wie
-auf Kohlen, wenn im Lauf einer oft zitierten Platte ein Gesangston
-scharf oder gröhlend verlautete, was namentlich bei den heiklen
-Frauenstimmen so leicht sich ereignete. Doch nahm er das in den Kauf,
-denn Liebe muß leiden. Zuweilen beugte er sich über das Spielwerk, das
-atmend kreiste, wie über einen Fliederstrauß, den Kopf in einer
-Klangwolke; stand vor dem offenen Schrein, das Herrscherglück des
-Dirigenten kostend, indem er mit aufgehobener Hand einer Trompete den
-pünktlichen Einsatz gab. Er hatte Lieblinge in seinem Magazin, einige
-Vokal- und Instrumentalnummern, die zu hören er niemals satt wurde. Wir
-mögen nicht unterlassen, sie anzuführen.
-
-Eine kleine Gruppe von Platten bot die Schlußszenen des pompösen, von
-melodiösem Genie überquellenden Opernwerks, das ein großer Landsmann des
-Herrn Settembrini, der Altmeister der dramatischen Musik des Südens, in
-der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aus solennem Anlaß, bei
-Gelegenheit der Übergabe eines Werkes der völkerverbindenden Technik an
-die Menschheit, im Auftrage eines orientalischen Fürsten geschaffen
-hatte. Hans Castorp wußte bildungsweise ungefähr Bescheid damit, er
-kannte in großen Zügen das Schicksal des Radames, der Amneris und der
-Aida, die ihm auf Italienisch aus dem Kasten sangen, und so verstand er
-so ziemlich, was sie ihm sangen, – der unvergleichliche Tenor, der
-fürstliche Alt mit dem herrlichen Stimmbruch in der Mitte seines
-Umfanges und der silberne Sopran – verstand nicht jedes Wort, aber doch
-eines hie und da mit Hilfe seiner Kenntnis der Situationen und seiner
-Sympathie für diese Situationen, einer vertraulichen Anteilnahme, die
-wuchs, je öfter er die vier oder fünf Platten laufen ließ, und schon zur
-wirklichen Verliebtheit geworden war.
-
-Zuerst setzten Radames und Amneris sich auseinander: Die Königstochter
-ließ den Gefesselten vor sich führen, ihn, den sie liebte und sehnlich
-für sich zu retten wünschte, obgleich er um der barbarischen Sklavin
-willen Vaterland und Ehre hingegeben hatte, – während allerdings, wie er
-sagte, „im Herzensgrunde die Ehre unverletzt geblieben“ war. Diese
-Intaktheit seines Innersten bei aller Schuldbeladenheit jedoch half ihm
-wenig, denn durch sein klar zutage liegendes Verbrechen war er dem
-geistlichen Gerichte verfallen, dem alles Menschliche fremd war, und das
-bestimmt kein Federlesen machen würde, wenn er sich nicht im letzten
-Augenblick dahin besann, der Sklavin abzuschwören und sich dem
-königlichen Alt mit dem Stimmbruch in die Arme zu werfen, der dies, rein
-akustisch genommen, so vollkommen verdiente. Amneris gab sich die
-inbrünstigste Mühe mit dem wohllautenden, aber tragisch verblendeten und
-dem Leben abgewandten Tenor, der immer nur „Ich kann nicht!“ und
-„Vergebens!“ sang, wenn sie ihm mit verzweifelten Bitten anlag, der
-Sklavin zu entsagen, es gelte sein Leben. „Ich kann nicht!“ – „Höre noch
-einmal, entsage ihr!“ – „Vergebens!“ Todwillige Verblendung und wärmster
-Liebeskummer vereinigten sich zu einem Zwiegesang, der außerordentlich
-schön war, aber keine Hoffnung ließ. Und dann begleitete Amneris mit
-ihren Schmerzensrufen die schauerlich-formelhaften Repliken des
-geistlichen Gerichtes, die dumpf aus der Tiefe schollen, und an denen
-der unselige Radames sich überhaupt nicht beteiligte.
-
-„Radames, Radames“, sang dringlich der Oberpriester und führte ihm in
-zugespitzter Form sein Verbrechen des Verrates vor Augen.
-
-„Rechtfertige dich!“ forderten im Chore alle Priester.
-
-Und da der Oberste darauf hinweisen konnte, daß Radames schwieg,
-erkannten alle in hohler Einstimmigkeit auf Felonie.
-
-„Radames, Radames!“ fing der Vorsitzende wieder an. „Du hast das Lager
-vor der Schlacht verlassen.“
-
-„Rechtfertige dich!“ hieß es abermals. „Seht, er schweiget“, durfte der
-stark voreingenommene Verhandlungsleiter zum zweitenmal feststellen, und
-so vereinigten auch diesmal alle Richterstimmen sich mit der seinen in
-dem Wahrspruch: „Felonie!“
-
-„Radames, Radames!“ hörte man den unerbittlichen Ankläger zum
-drittenmal. „Dem Vaterlande, der Ehre und dem Könige brachst du deinen
-Eid.“ – „Rechtfertige dich!“ scholl es aufs neue. Und: „Felonie!“
-erkannte endgültig und mit Schauder die Priesterschaft, nachdem sie
-aufmerksam gemacht worden, daß Radames absolut stillschwieg. So konnte
-denn das Unausbleibliche nicht ausbleiben, daß der Chor, der stimmlich
-gleich beieinander geblieben war, dem Missetäter für Recht verkündete,
-sein Los sei erfüllt, er sterbe den Tod der Verfluchten, unter dem
-Tempel der zürnenden Gottheit habe er lebend ins Grab einzugehen.
-
-Die Entrüstung der Amneris über diese pfäffische Härte mußte man sich
-nach Kräften selber einbilden, denn hier brach die Wiedergabe ab, Hans
-Castorp mußte die Platte wechseln, was er mit stillen und knappen
-Bewegungen, gleichsam mit niedergeschlagenen Augen, tat, und wenn er
-sich wieder zum Lauschen niedergelassen hatte, war es schon des
-Melodramas letzte Szene, die er vernahm: das Schlußduett des Radames und
-der Aida, gesungen auf dem Grunde ihres Kellergrabes, während über ihren
-Köpfen bigotte und grausame Priester im Tempel ihren Kult feierten, die
-Hände spreizten, sich in dumpfem Gemurmel ergingen ... „_Tu – in questa
-tomba?!_“ schmetterte die unbeschreiblich ansprechende, zugleich süße
-und heldenhafte Stimme des Radames entsetzt und entzückt ... Ja, sie
-hatte sich zu ihm gefunden, die Geliebte, um derentwillen er Ehre und
-Leben verwirkt, sie hatte ihn hier erwartet, sich mit ihm einschließen
-lassen, um mit ihm zu sterben, und die Gesänge, die sie in dieser Sache,
-zuweilen unterbrochen von dem dumpfen Getön des Zeremoniells im oberen
-Stockwerk, miteinander tauschten, oder zu denen sie sich vereinigten, –
-sie waren es eigentlich, die es dem einsam-nächtlichen Zuhörer in
-tiefster Seele angetan hatten: in Hinsicht auf die Umstände sowohl, wie
-auf ihren musikalischen Ausdruck. Es war vom Himmel die Rede in diesen
-Gesängen, aber sie selbst waren himmlisch, und sie wurden himmlisch
-vorgetragen. Die melodische Linie, die Radames’ und Aidas Stimmen
-einzeln und dann in Vereinigung unersättlich nachzogen, diese einfache
-und selige, um Tonika und Dominante spielende Kurve, die vom Grundton zu
-lang betontem Vorhalt, einen halben Ton vor der Oktave, aufstieg und
-nach flüchtiger Berührung mit dieser sich zur Quinte wandte, erschien
-dem Lauscher als das Verklärteste, Bewunderungswürdigste, was ihm je
-untergekommen. Doch wäre er in das Lautliche weniger verliebt gewesen,
-ohne die zum Grunde liegende Situation, die sein Gemüt für die daraus
-erwachsende Süße erst recht empfänglich machte. Es war so schön, daß
-Aida sich zu dem verlorenen Radames gefunden hatte, um sein
-Grabesschicksal mit ihm zu teilen in Ewigkeit! Mit Recht protestierte
-der Verurteilte gegen das Opfer so lieblichen Lebens, aber seinem
-zärtlich verzweifelten „_No, no! troppo sei bella_“ war doch das
-Entzücken endgültiger Vereinigung mit derjenigen anzumerken, die er nie
-wiederzusehen gemeint hatte, und dieses Entzücken, diese Dankbarkeit ihm
-deutlich nachzufühlen, bedurfte es für Hans Castorp keines Aufgebotes an
-Einbildungskraft. Was er aber letztlich empfand, verstand und genoß,
-während er mit gefalteten Händen auf die schwarze kleine Jalousie
-blickte, zwischen deren Leisten dies alles hervorblühte, das war die
-siegende Idealität der Musik, der Kunst, des menschlichen Gemüts, die
-hohe und unwiderlegliche Beschönigung, die sie der gemeinen Gräßlichkeit
-der wirklichen Dinge angedeihen ließ. Man mußte sich nur vor Augen
-führen, was hier, nüchtern genommen, geschah! Zwei lebendig Begrabene
-würden, die Lungen voll Grubengas, hier miteinander, oder, noch
-schlimmer, einer nach dem anderen, an Hungerkrämpfen verenden, und dann
-würde an ihren Körpern die Verwesung ihr unaussprechliches Werk tun, bis
-zwei Gerippe unterm Gewölbe lagerten, deren jedem es völlig gleichgültig
-und unempfindlich sein würde, ob es allein oder zu zweien lagerte. Das
-war die reale und sachliche Seite der Dinge – eine Seite und Sache für
-sich, die vor dem Idealismus des Herzens überhaupt nicht in Betracht
-kam, vom Geiste der Schönheit und der Musik aufs Triumphalste in den
-Schatten gestellt wurde. Für Radames’ und Aidas Operngemüter gab es das
-sachlich Bevorstehende nicht. Ihre Stimmen schwangen sich unisono zum
-seligen Oktavenvorhalt auf, versichernd, nun öffne sich der Himmel und
-ihrem Sehnen erstrahle das Licht der Ewigkeit. Die tröstliche Kraft
-dieser Beschönigung tat dem Zuhörer außerordentlich wohl und trug nicht
-wenig dazu bei, daß diese Nummer seines Leibprogramms ihm so besonders
-am Herzen lag.
-
-Er pflegte sich auszuruhen von ihren Schrecken und Verklärungen bei
-einer zweiten Pièce, die kurzläufig, aber von konzentriertem Zauber war,
-– viel friedlicher ihrem Inhalt nach, als jene erste, ein Idyll, aber
-ein raffiniertes Idyll, gemalt und gestaltet mit den zugleich sparsamen
-und verwickelten Mitteln neuester Kunst. Es war ein reines
-Orchesterstück, ohne Gesang, ein symphonisches Präludium französischen
-Ursprungs, bewerkstelligt mit einem für zeitgenössische Verhältnisse
-kleinen Apparat, jedoch mit allen Wassern moderner Klangtechnik
-gewaschen und klüglich danach angetan, die Seele in Traum zu spinnen.
-
-Der Traum, den Hans Castorp dabei träumte, war dieser: Rücklings lag er
-auf einer mit bunten Sternblumen besäten, von Sonne beglänzten Wiese,
-einen kleinen Erdhügel unter dem Kopf, das eine Bein etwas hochgezogen,
-das andere darüber gelegt, – wobei es jedoch Bocksbeine waren, die er
-kreuzte. Seine Hände fingerten, nur zu seinem eigenen Vergnügen, da die
-Einsamkeit über der Wiese vollkommen war, an einem kleinen Holzgebläse,
-das er im Munde hielt, einer Klarinette oder Schalmei, der er
-friedlich-nasale Töne entlockte: einen nach dem anderen, wie sie eben
-kommen wollten, aber doch in geglücktem Reigen, und so stieg das
-sorglose Genäsel zum tiefblauen Himmel auf, unter dem das feine, leicht
-vom Winde bewegte Blätterwerk einzeln stehender Birken und Eschen
-in der Sonne flimmerte. Doch war sein beschauliches und
-unverantwortlich-halbmelodisches Dudeln nicht lange die einzige Stimme
-der Einsamkeit. Das Summen der Insekten in der sommerheißen Luft über
-dem Grase, der Sonnenschein selbst, der leichte Wind, das Schwanken der
-Wipfel, das Glitzern des Blätterwerks, – der ganze sanft bewegte
-Sommerfriede umher wurde gemischter Klang, der seinem einfältigen
-Schalmeien eine immer wechselnde und immer überraschend gewählte
-harmonische Deutung gab. Die symphonische Begleitung trat manchmal
-zurück und verstummte; aber Hans mit den Bocksbeinen blies fort und
-lockte mit der naiven Eintönigkeit seines Spiels den ausgesucht
-kolorierten Klangzauber der Natur wieder hervor, – welcher endlich nach
-einem abermaligen Aussetzen, in süßer Selbstübersteigerung, durch
-Hinzutritt immer neuer und höherer Instrumentalstimmen, die rasch
-nacheinander einfielen, alle verfügbare, bis dahin gesparte Fülle
-gewann, für einen flüchtigen Augenblick, dessen wonnevoll-vollkommenes
-Genügen aber die Ewigkeit in sich trug. Der junge Faun war sehr
-glücklich auf seiner Sommerwiese. Hier gab es kein „Rechtfertige dich!“,
-keine Verantwortung, kein priesterliches Kriegsgericht über einen, der
-der Ehre vergaß und abhanden kam. Hier herrschte das Vergessen selbst,
-der selige Stillstand, die Unschuld der Zeitlosigkeit: Es war die
-Liederlichkeit mit bestem Gewissen, die wunschbildhafte Apotheose all
-und jeder Verneinung des abendländischen Aktivitätskommandos, und die
-davon ausgehende Beschwichtigung machte dem nächtlichen Musikanten die
-Platte vor vielen wert. –
-
-Da war eine dritte ... Es waren eigentlich wiederum mehrere,
-zusammengehörig, ineinandergehend, drei oder vier, denn die Tenorarie,
-die vorkam, nahm allein eine bis zur Mitte beringte Seite für sich in
-Anspruch. Wieder war das etwas Französisches, aus einer Oper, die Hans
-Castorp gut kannte, die er wiederholt im Theater gehört und gesehen und
-auf deren Handlung er einmal sogar gesprächsweise – und zwar in einem
-sehr entscheidenden Gespräch – eine Anspielung gemacht hatte ... Es war
-im zweiten Akt, in der spanischen Schenke, einer geräumigen Spelunke,
-dielenartig, mit Tüchern geschmückt und von defekter maurischer
-Architektur. Carmens warme, ein wenig rauhe, aber durch Rassigkeit
-einnehmende Stimme erklärte, tanzen zu wollen vor dem Sergeanten, und
-schon hörte man ihre Kastagnetten klappern. In demselben Augenblick aber
-erschollen aus einiger Entfernung Trompeten, Clairons, ein wiederholtes
-militärisches Signal, das dem Kleinen nicht wenig in die Glieder fuhr.
-„Halt! Einen Augenblick!“ rief er und spitzte die Ohren wie ein Pferd.
-Und da Carmen „Warum?“ fragte und „was es denn gäbe?“: „Hörst du nicht?“
-rief er, ganz erstaunt, daß ihr das nicht eingehe, wie ihm. Es seien ja
-die Trompeten aus der Kaserne, die das Zeichen gäben. „Zur Heimkehr naht
-die Frist“, sagte er opernhaft. Aber die Zigeunerin konnte das nicht
-begreifen und wollte es vor allem auch gar nicht. Desto besser, meinte
-sie halb dumm, halb frech, da brauchten sie keine Kastagnetten, der
-Himmel selbst schicke ihnen Musik zum Tanz und darum: Lalalala! – Er war
-außer sich. Sein eigener Enttäuschungsschmerz trat ganz zurück hinter
-dem Bemühen, ihr klarzumachen, um was es sich handle, und daß keine
-Verliebtheit der Welt gegen dieses Signal aufkomme. Wie war es denn
-möglich, daß sie etwas so Fundamentales und Unbedingtes nicht verstand!
-„Ich muß nun fort, nach Haus, ins Quartier, zum Appell!“ rief er,
-verzweifelt über eine Ahnungslosigkeit, die ihm das Herz doppelt so
-schwer machte, als es ohnedies gewesen wäre. Da aber mußte man Carmen
-hören! Sie war wütend, sie war in tiefster Seele empört, ihre Stimme war
-ganz und gar betrogene und beleidigte Liebe – oder sie stellte sich so.
-„Ins Quartier? Zum Appell?“ Und ihr Herz? Und ihr gutes, zärtliches
-Herz, das in seiner Schwäche – ja, sie gebe es zu: in seiner Schwäche! –
-bereit gewesen sei, ihm mit Gesang und Tanz die Zeit zu kürzen?
-„Traterata!“ und sie hob mit wildem Hohn die gerollte Hand an den Mund,
-um das Clairon nachzuahmen. „Traterata!“ Und das genüge. Da springe der
-Dummkopf in die Höhe und wolle fort. Gut denn, fort mit ihm! Hier sein
-Helm, sein Säbel und Gehänge! Machen, machen, machen solle er, daß er in
-die Kaserne komme! – Er bat um Erbarmen. Aber sie fuhr fort in ihrem
-glühenden Hohn, indem sie tat, als sei sie er, der beim Schall der
-Hörner sein bißchen Verstand verloren habe. Traterata, zum Appell!
-Barmherziger Himmel, er werde noch zu spät kommen! Nur fort, denn es
-rufe ja zum Appelle, und da störe er selbstverständlich auf wie ein
-Narr, in dem Augenblick, wo sie, Carmen, für ihn habe tanzen wollen.
-Das, das, das sei seine Liebe zu ihr! –
-
-Qualvolle Lage! Sie verstand nicht. Das Weib, die Zigeunerin konnte und
-wollte nicht verstehen. Sie wollte es nicht, – denn ohne jeden Zweifel:
-in ihrer Wut, ihrem Hohn war etwas über den Augenblick und das
-Persönliche Hinausgehende, ein Haß, eine Urfeindschaft gegen das
-Prinzip, das durch diese französischen Clairons – oder spanischen Hörner
-– nach dem verliebten kleinen Soldaten rief, und über das zu
-triumphieren ihr höchster, eingeborener, überpersönlicher Ehrgeiz war.
-Sie besaß ein sehr einfaches Mittel dazu: Sie behauptete, wenn er gehe,
-so liebe er sie nicht; und das war genau das, was zu hören José dort
-drinnen im Kasten nicht ertrug. Er beschwor sie, ihn zu Worte kommen zu
-lassen. Sie wollte nicht. Da zwang er sie – es war ein verteufelt
-ernster Moment. Fatale Klänge lösten sich aus dem Orchester, ein düster
-drohendes Motiv, das sich, wie Hans Castorp wußte, durch die ganze Oper
-bis zum katastrophalen Ausgang zog und auch die Einleitung zu des
-kleinen Soldaten Arie bildete, der neuen Platte, die nun einzulegen war.
-
-„Hier an dem Herzen treu geborgen“ – José sang das wunderschön; Hans
-Castorp ließ die Scheibe auch einzeln, außer dem vertrauten
-Zusammenhange öfters laufen und lauschte stets in achtsamster Sympathie.
-Es war inhaltlich nicht weit her mit der Arie, aber ihr flehender
-Gefühlsausdruck war im höchsten Grade rührend. Der Soldat sang von der
-Blume, die Carmen ihm am Anfang ihrer Bekanntschaft zugeworfen, und die
-im schweren Arrest, worein er um ihretwillen geraten, sein ein und alles
-gewesen sei. Er gestand tief erschüttert, er habe augenblicksweise dem
-Schicksal geflucht, weil es zugelassen hatte, daß er Carmen je mit Augen
-gesehen. Aber gleich habe er die Lästerung bitter bereut und auf den
-Knien zu Gott um ein Wiedersehen gebetet. _Da_ – und dies Da war der
-gleiche hohe Ton, mit dem er unmittelbar vorher sein „Ach, teures
-Mädchen“ begonnen, – _da_ – und nun war in der Begleitung aller
-Instrumentalzauber los, der nur irgend geeignet sein mochte, den
-Schmerz, die Sehnsucht, die verlorene Zärtlichkeit, die süße
-Verzweiflung des kleinen Soldaten zu malen, – _da_ hatte sie vor seinen
-Blicken gestanden in all ihrem schlechthin verhängnishaften Reiz, so daß
-er klar und deutlich das eine gefühlt hatte, daß es „um ihn getan“
-(„getan“ mit einem schluchzenden ganztönigen Vorschlag auf der ersten
-Silbe), auf immer also um ihn getan sei. „Du meine Wonne, mein
-Entzücken!“ sang er verzweifelt in einer wiederkehrenden und auch vom
-Orchester noch einmal auf eigene Hand geklagten Tonfolge, die vom
-Grundton zwei Stufen aufstieg und sich von dort mit Innigkeit zur
-tieferen Quinte wandte. „Dein ist mein Herz“, beteuerte er
-abgeschmackter, aber allerzärtlichster Weise zum Überfluß, indem er sich
-eben dieser Figur bediente, ging dann die Tonleiter bis zur sechsten
-Stufe durch, um hinzuzufügen: „Und ewig dir gehör ich an!“, ließ danach
-die Stimme um zehn Töne sinken und bekannte erschüttert sein „Carmen,
-ich liebe dich!“, dessen Ausklang von einem wechselnd harmonisierten
-Vorhalt schmerzlich verzögert wurde, bevor das „dich“ mit der
-vorhergehenden Silbe sich in den Grundakkord ergab.
-
-„Ja, ja!“ sagte Hans Castorp schwergemut und dankbar und legte auch noch
-das Finale ein, wo alle den jungen José dazu beglückwünschten, daß ihm
-durch das Renkontre mit dem Offizier der Rückweg abgeschnitten war, so
-daß er nun fahnenflüchtig werden mußte, wie Carmen es zu seinem
-Entsetzen schon vorher von ihm verlangt hatte.
-
- „O folg uns in felsige Klüfte,
- wilder, doch rein wehen dort die Lüfte –“
-
-sangen sie ihm im Chor, – man konnte sie ganz gut verstehen.
-
- „Offen die Welt – nicht Sorgen drücken;
- unbegrenzt dein Vaterland;
- und voran: das seligste Entzücken,
- die Freiheit lacht! Die Freiheit lacht!“
-
-„Ja, ja!“ sagte er abermals und ging zu etwas Viertem über, etwas sehr
-Liebem und Gutem.
-
-Daß es wieder etwas Französisches war, ist so wenig unsere Schuld, wie
-es auf unsere Rechnung kommt, daß auch wieder militärischer Geist
-obwaltete. Es war eine Einlage, eine Solo-Gesangsnummer, ein „Gebet“ aus
-der Faust-Oper von Gounod. Jemand trat auf, jemand Erz-Sympathisches,
-der Valentin hieß, den aber Hans Castorp im Stillen anders nannte, mit
-einem vertrauteren, wehmutsvollen Namen, dessen Träger er in hohem Grade
-mit der aus dem Kasten laut werdenden Person identifizierte, obgleich
-diese eine viel schönere Stimme hatte. Es war ein starker und warmer
-Bariton, und sein Gesang war dreiteilig; er bestand aus zwei miteinander
-nahverwandten Eckstrophen, die frommen Charakters, ja, fast im Stile des
-protestantischen Chorals gehalten waren, und einer Mittelstrophe
-keck-chevaleresken Mutes, kriegerisch, leichtsinnig, dabei aber
-ebenfalls fromm; und das war eigentlich das Französisch-Militärische
-daran. Der Unsichtbare sang:
-
- „Da ich nun verlassen soll
- mein geliebtes Heimatland“ –
-
-und er wandte unter diesen Umständen sein Flehen zum Herrn des Himmels,
-daß er ihm unterdessen das holde Schwesterblut schützen möge! Es ging in
-den Krieg, der Rhythmus sprang um, wurde unternehmend, Gram und Sorge
-mochten zum Teufel fahren, er, der Unsichtbare wollte sich dort, wo die
-Schlacht am heißesten, die Gefahr am größten war, keck, fromm und
-französisch dem Feinde entgegenwerfen. Wenn ihn aber Gott zu
-Himmelshöhen rufe, sang er, dann wolle er schützend von dort auf „dich“
-herniedersehen. Mit diesem „dich“ war das Schwesterblut gemeint; aber es
-rührte Hans Castorp trotzdem in tiefster Seele, und diese seine
-Ergriffenheit ließ nicht nach bis zum Schluß, wo der Brave dort drinnen
-zu mächtigen Choralakkorden sang:
-
- „O Herr des Himmels, hör mein Flehn,
- in deinem Schutz laß Margarete stehn!“
-
-Weiter war es nichts mit dieser Platte. Wir glaubten, kurz von ihr reden
-zu sollen, weil Hans Castorp sie so ausnehmend gern hatte, dann aber
-auch, weil sie bei späterer, seltsamer Gelegenheit noch eine gewisse
-Rolle spielte. Für jetzt kommen wir auf ein fünftes und letztes Stück
-aus der Gruppe der engeren Favoriten, – welches nun freilich gar nichts
-Französisches mehr war, sondern etwas sogar besonders und exemplarisch
-Deutsches, auch nichts Opernhaftes, sondern ein Lied, eines jener
-Lieder, – Volksgut und Meisterwerk zugleich und eben durch dieses
-Zugleich seinen besonderen geistig-weltbildlichen Stempel empfangend ...
-Wozu die Umschweife? Es war Schuberts „Lindenbaum“, es war nichts
-anderes, als dies allvertraute „Am Brunnen vor dem Tore“.
-
-Ein Tenorist trug es vor zum Klavier, ein Bursche von Takt und
-Geschmack, der seinen zugleich simplen und gipfelhohen Gegenstand mit
-vieler Klugheit, musikalischem Feingefühl und rezitatorischer Umsicht zu
-behandeln wußte. Wir alle wissen, daß das herrliche Lied im Volks- und
-Kindermunde etwas anders lautet, denn als Kunstgesang. Dort wird es
-meist, vereinfacht, nach der Hauptmelodie strophisch durchgesungen,
-während diese populäre Linie im Original schon bei der zweiten der
-achtzeiligen Strophen in Moll variiert, um beim fünften Vers, überaus
-schön, wieder in Dur einzulenken, bei den darauf folgenden „kalten
-Winden“ aber und dem vom Kopfe fliegenden Hute dramatisch aufgelöst wird
-und sich erst bei den letzten vier Versen der dritten Strophe
-wiederfindet, die wiederholt werden, damit die Weise sich aussingen
-könne. Die eigentlich bezwingende Wendung der Melodie erscheint dreimal
-und zwar in ihrer modulierenden zweiten Hälfte, das drittemal also bei
-der Reprise der letzten Halbstrophe „Nun bin ich manche Stunde“. Diese
-zauberhafte Wendung, der wir mit Worten nicht zu nahe treten mögen,
-liegt auf den Satzfragmenten „So manches liebe Wort“, „Als riefen sie
-mir zu“, „Entfernt von jenem Ort“, und die helle und warme, atemkluge
-und zu einem maßvollen Schluchzen geneigte Stimme des Tenoristen sang
-sie jedesmal mit so viel intelligentem Gefühl für ihre Schönheit, daß
-sie dem Zuhörer auf ungeahnte Weise ans Herz griff, zumal der Künstler
-seine Wirkung durch außerordentlich innige Kopftöne bei den Zeilen „Zu
-_ihm_ mich immerfort“, „Hier _findst_ du deine Ruh“ zu steigern wußte.
-Beim wiederholten letzten Verse aber, diesem „Du fändest Ruhe dort!“
-sang er das „fändest“ das erstemal aus voller, sehnsüchtiger Brust und
-erst das zweitemal wieder als zartestes Flageolett.
-
-Soviel vom Liede und seinem Vortrag. Wir mögen uns wohl schmeicheln, es
-sei uns in früheren Fällen gelungen, unseren Zuhörern ein ungefähres
-Verständnis für die intime Teilnahme einzuflößen, die Hans Castorp den
-Vorzugs-Programmnummern seiner nächtlichen Konzerte entgegenbrachte.
-Allein begreiflich zu machen, was diese letzte, dies Lied, der alte
-„Lindenbaum“ ihm bedeutete, das ist nun freilich ein Unternehmen der
-kitzlichsten Art, und höchste Behutsamkeit der Intonation ist vonnöten,
-wenn nicht mehr verdorben, als gefördert werden soll.
-
-Wir wollen es so stellen: Ein geistiger, das heißt ein bedeutender
-Gegenstand ist eben dadurch „bedeutend“, daß er über sich hinausweist,
-daß er Ausdruck und Exponent eines Geistig-Allgemeineren ist, einer
-ganzen Gefühls- und Gesinnungswelt, welche in ihm ihr mehr oder weniger
-vollkommenes Sinnbild gefunden hat, – wonach sich denn der Grad seiner
-Bedeutung bemißt. Ferner ist die Liebe zu einem solchen Gegenstand
-ebenfalls und selbst „bedeutend“. Sie sagt etwas aus über den, der sie
-hegt, sie kennzeichnet sein Verhältnis zu jenem Allgemeinen, jener Welt,
-die der Gegenstand vertritt, und die in ihm, bewußt oder unbewußt,
-mitgeliebt wird.
-
-Will man glauben, daß unser schlichter Held nach so und so vielen
-Jährchen hermetisch-pädagogischer Steigerung tief genug ins geistige
-Leben eingetreten war, um sich der „Bedeutsamkeit“ seiner Liebe und
-ihres Objektes _bewußt_ zu sein? Wir behaupten und erzählen, daß er es
-war. Das Lied bedeutete ihm viel, eine ganze Welt und zwar eine Welt,
-die er wohl lieben mußte, da er sonst in ihr stellvertretendes Gleichnis
-nicht so vernarrt gewesen wäre. Wir wissen, was wir sagen, wenn wir –
-vielleicht etwas dunklerweise – hinzufügen, daß sein Schicksal
-sich anders gestaltet hätte, wenn sein Gemüt den Reizen der
-Gefühlssphäre, der allgemein geistigen Haltung, die das Lied auf so
-innig-geheimnisvolle Weise zusammenfaßte, nicht im höchsten Grade
-zugänglich gewesen wäre. Eben dieses Schicksal aber hatte Steigerungen,
-Abenteuer, Einblicke mit sich gebracht, Regierungsprobleme in ihm
-aufgeworfen, die ihn zu ahnungsvoller Kritik an dieser Welt, diesem
-ihrem allerdings absolut bewunderungswürdigen Gleichnis, dieser seiner
-Liebe reif gemacht hatten und danach angetan waren, sie alle drei unter
-Gewissenszweifel zu stellen.
-
-Der müßte nun freilich von Liebesdingen rein gar nichts verstehen, der
-meinte, durch solche Zweifel geschähe der Liebe Abtrag. Sie bilden im
-Gegenteil ihre Würze. Sie sind es erst, die der Liebe den Stachel der
-Leidenschaft verleihen, so daß man schlechthin die Leidenschaft als
-zweifelnde Liebe bestimmen könnte. Worin bestanden denn aber Hans
-Castorps Gewissens- und Regierungszweifel an der höheren Erlaubtheit
-seiner Liebe zu dem bezaubernden Liede und seiner Welt? Welches war
-diese dahinter stehende Welt, die seiner Gewissensahnung zufolge eine
-Welt verbotener Liebe sein sollte?
-
-Es war der Tod.
-
-Aber das war ja erklärter Wahnsinn! Ein so wunderherrliches Lied! Reines
-Meisterwerk, geboren aus letzten und heiligsten Tiefen des Volksgemüts;
-ein höchster Besitz, das Urbild des Innigen, die Liebenswürdigkeit
-selbst! Welch häßliche Verunglimpfung!
-
-Ei ja, ja, ja, das war recht schön, so mußte wohl jeder Redliche
-sprechen. Und dennoch stand hinter diesem holden Produkte der Tod. Es
-unterhielt Beziehungen zu ihm, die man lieben mochte, aber nicht
-ohne sich von einer bestimmten Unerlaubtheit solcher Liebe
-ahnungsvoll-regierungsweise Rechenschaft zu geben. Es mochte seinem
-eigenen ursprünglichen Wesen nach nicht Sympathie mit dem Tode, sondern
-etwas sehr Volkstümlich-Lebensvolles sein, aber die geistige Sympathie
-damit war Sympathie mit dem Tode, – lautere Frömmigkeit, das Sinnige
-selbst an ihrem Anfang, das sollte auch nicht aufs Leiseste bestritten
-werden; aber in ihrer Folge lagen Ergebnisse der Finsternis.
-
-Was redete er sich da ein! – Er hätte es sich von euch nicht ausreden
-lassen. Ergebnisse der Finsternis. Finstere Ergebnisse.
-Folterknechtssinn und Menschenfeindlichkeit in spanischem Schwarz mit
-der Tellerkrause und Lust statt Liebe – als Ergebnis treublickender
-Frömmigkeit.
-
-Wahrhaftig, der Literat Settembrini war nicht eben der Mann seines
-unbedingten Vertrauens, aber er erinnerte sich einiger Belehrung, die
-der klare Mentor ihm einst, vor Zeiten, am Anfang seiner hermetischen
-Laufbahn, über „Rückneigung“, die geistige „Rückneigung“ in gewisse
-Welten hatte zuteil werden lassen, und er fand es ratsam, diese
-Unterweisung mit Vorsicht auf seinen Gegenstand zu beziehen. Herr
-Settembrini hatte das Phänomen jener Rückneigung als „Krankheit“
-bezeichnet, – das Weltbild selbst, die Geistesepoche, der die
-Rückneigung galt, mochte seinem pädagogischen Sinn wohl als „krankhaft“
-erscheinen. Wie denn nun aber! Hans Castorps holdes Heimwehlied, die
-Gemütssphäre, der es angehörte, und die Liebesneigung zu dieser Sphäre
-sollten – „krank“ sein? Mit nichten! Sie waren das Gemütlich-Gesundeste
-auf der Welt. Allein das war eine Frucht, die, frisch und prangend
-gesund diesen Augenblick oder eben noch, außerordentlich zu Zersetzung
-und Fäulnis neigte, und, reinste Labung des Gemütes, wenn sie im rechten
-Augenblicke genossen wurde, vom nächsten unrechten Augenblicke an
-Fäulnis und Verderben in der genießenden Menschheit verbreitete. Es war
-eine Lebensfrucht, vom Tode gezeugt und todesträchtig. Es war ein Wunder
-der Seele, – das höchste vielleicht vor dem Angesicht gewissenloser
-Schönheit und gesegnet von ihr, jedoch mit Mißtrauen betrachtet
-aus triftigen Gründen vom Auge verantwortlich regierender
-Lebensfreundschaft, der Liebe zum Organischen, und Gegenstand der
-Selbstüberwindung nach letztgültigem Gewissensspruch.
-
-Ja, Selbstüberwindung, das mochte wohl das Wesen der Überwindung dieser
-Liebe sein, – dieses Seelenzaubers mit finsteren Konsequenzen! Hans
-Castorps Gedanken oder ahndevolle Halbgedanken gingen hoch, während er
-in Nacht und Einsamkeit vor seinem gestutzten Musiksarge saß, – sie
-gingen höher, als sein Verstand reichte, es waren alchimistisch
-gesteigerte Gedanken. O, er war mächtig, der Seelenzauber! Wir alle
-waren seine Söhne, und Mächtiges konnten wir ausrichten auf Erden, indem
-wir ihm dienten. Man brauchte nicht mehr Genie, nur viel mehr Talent,
-als der Autor des Lindenbaumliedes, um als Seelenzauberkünstler dem
-Liede Riesenmaße zu geben und die Welt damit zu unterwerfen. Man mochte
-wahrscheinlich sogar Reiche darauf gründen, irdisch-allzu irdische
-Reiche, sehr derb und fortschrittsfroh und eigentlich gar nicht
-heimwehkrank, – in welchen das Lied zur elektrischen Grammophonmusik
-verdarb. Aber sein bester Sohn mochte doch derjenige sein, der in seiner
-Überwindung sein Leben verzehrte und starb, auf den Lippen das neue Wort
-der Liebe, das er noch nicht zu sprechen wußte. Es war so wert, dafür zu
-sterben, das Zauberlied! Aber wer dafür starb, der starb schon
-eigentlich nicht mehr dafür und war ein Held nur, weil er im Grunde
-schon für das Neue starb, das neue Wort der Liebe und der Zukunft in
-seinem Herzen – –
-
-Das also waren Hans Castorps Vorzugsplatten.
-
-
- Fragwürdigstes
-
-Mit Edhin Krokowskis Konferenzen hatte es im Laufe der Jährchen eine
-unerwartete Wendung genommen. Immer hatten seine Forschungen, die der
-Seelenzergliederung und dem menschlichen Traumleben galten, einen
-unterirdischen und katakombenhaften Charakter getragen; neuerdings aber,
-in gelindem, der Öffentlichkeit kaum merklichem Übergang, hatten sie die
-Richtung ins Magische, durchaus Geheimnisvolle eingeschlagen, und seine
-vierzehntägigen Vorträge im Speisesaal, Hauptattraktion des Hauses,
-Stolz des Prospektes, – diese Vorträge, gehalten in Gehrock und
-Sandalen, hinter gedecktem Tischchen und mit exotisch schleppenden
-Akzenten vor dem unbeweglich lauschenden Berghofpublikum, sie handelten
-nicht mehr von verkappter Liebesbetätigung und Rückverwandlung der
-Krankheit in den bewußt gemachten Affekt, sie handelten von den
-profunden Seltsamkeiten des Hypnotismus und Somnambulismus, den
-Phänomenen der Telepathie, des Wahrtraums und des Zweiten Gesichtes, den
-Wundern der Hysterie, bei deren Erörterung der philosophische Horizont
-sich derart weitete, daß auf einmal solche Rätsel dem Auge der Zuhörer
-erschimmerten, wie das des Verhältnisses der Materie zum Psychischen, ja
-dasjenige des Lebens selbst, welchem beizukommen auf unheimlichstem, auf
-krankhaftem Wege, wie es scheinen mochte, mehr Hoffnung war, als auf dem
-der Gesundheit ...
-
-Wir sagen dies, weil wir es für unsere Pflicht halten, leichtfertige
-Geister zu beschämen, die wissen wollten, Dr. Krokowski habe sich nur
-aus der Sorge, seine Vorträge vor heilloser Monotonie zu bewahren, zu
-rein emotionellen Zwecken also, dem Verborgenen zugewandt. So sprachen
-Lästerzungen, an denen es nirgends fehlt. Es ist wahr, daß bei den
-Montagskonferenzen die Herren hastiger als je ihre Ohren schüttelten, um
-sie hellhöriger zu machen, und daß Fräulein Levi womöglich noch genauer
-als ehemals der Wachsfigur mit dem Triebwerk im Busen dabei glich. Aber
-diese Wirkungen waren so legitim, wie die Entwicklung, die der Geist des
-Gelehrten durchlaufen, und für die er nicht nur Folgerechtheit, sondern
-geradezu Notwendigkeit in Anspruch nehmen durfte. Immer schon hatten
-jene dunklen und weitläufigen Gegenden der menschlichen Seele sein
-Studiengebiet ausgemacht, die man als Unterbewußtsein bezeichnet,
-obgleich man möglicherweise besser täte, von einem Überbewußtsein zu
-reden, da aus diesen Sphären zuweilen ein Wissen emporgeistert, das das
-Bewußtseinswissen des Individuums bei weitem übersteigt und den Gedanken
-nahelegt, es möchten Verbindungen und Zusammenhänge zwischen den
-untersten und lichtlosen Gegenden der Einzelseele und einer durchaus
-wissenden Allseele bestehen. Der Bereich des Unterbewußtseins, „okkult“
-dem eigentlichen Wortsinne nach, erweist sich sehr bald auch als okkult
-im engeren Sinn dieses Wortes und bildet eine der Quellen, woraus die
-Erscheinungen fließen, die man aushilfsweise so benennt. Das ist nicht
-alles. Wer im organischen Krankheitssymptom ein Werk aus dem bewußten
-Seelenleben verbannter und hysterisierter Affekte erblickt, der
-anerkennt die Schöpfermacht des Psychischen im Materiellen, – eine
-Macht, die man als zweite Quelle der magischen Phänomene anzusprechen
-gezwungen ist. Idealist des Pathologischen, um nicht zu sagen:
-pathologischer Idealist, wird er sich am Ausgangspunkt von
-Gedankengängen sehen, die ganz kurzläufig ins Problem des Seins
-überhaupt, das will sagen: in das Problem der Beziehungen von Geist und
-Materie münden. Der Materialist, Sohn einer Philosophie der bloßen
-Robustheit, wird es sich niemals nehmen lassen, das Geistige als ein
-phosphoreszierendes Produkt des Materiellen zu erklären. Der Idealist
-dagegen, ausgehend vom Prinzip der schöpferischen Hysterie, wird geneigt
-und sehr bald entschlossen sein, die Frage des Primats in vollständig
-umgekehrtem Sinn zu beantworten. Alles in allem liegt hier nichts
-Geringeres als die alte Streitfrage vor, was eher gewesen sei: Das Huhn
-oder das Ei, – diese Streitfrage, die eben durch die doppelte Tatsache
-eine so außerordentliche Verwirrung erfährt, daß kein Ei denkbar ist,
-das nicht von einem Huhn gelegt worden wäre, und kein Huhn, das nicht
-sollte aus einem vorausgesetzten Ei gekrochen sein.
-
-Diese Angelegenheiten also erörterte Dr. Krokowski neuerdings in seinen
-Vorträgen. Auf organischem, auf legitimem, auf logischem Wege war er
-dazu gekommen, wir können es nicht sattsam betonen, und nur zum Überfluß
-fügen wir hinzu, daß er in solche Erörterungen eingetreten war, lange
-bevor durch das Erscheinen Ellen Brands auf der Bildfläche die Dinge in
-ein empirisch-experimentelles Stadium traten.
-
-Wer war Ellen Brand? Fast hätten wir vergessen, daß unsere Zuhörer es
-nicht wissen, während uns natürlich der Name geläufig ist. Wer sie war?
-Fast niemand auf den ersten Blick. Ein liebes Ding von neunzehn Jahren,
-Elly gerufen, flachsblond, Dänin, doch nicht einmal aus Kopenhagen,
-sondern aus Odense auf Fünen, woselbst ihr Vater ein Buttergeschäft
-besaß. Sie selbst stand im praktischen Leben, hatte schon ein paar
-Jahre, einen Schreibärmel über dem rechten Arm, als Beamtin der
-Provinzfiliale einer hauptstädtischen Bank auf einem Drehbock über
-dicken Büchern gesessen, – wobei sie Temperatur bekommen hatte. Der Fall
-war unerheblich, er hatte wohl eigentlich nur Verdachtscharakter, wenn
-Elly auch freilich ja zart war, zart und offenbar bleichsüchtig, – dabei
-unbedingt sympathisch, so daß man ihr gern die Hand auf den
-flachsblonden Scheitel gelegt hätte, was denn der Hofrat auch regelmäßig
-tat, wenn er im Speisesaal mit ihr sprach. Nordische Kühle umgab sie,
-eine gläsern-keusche, kindlich-jungfräuliche Atmosphäre, durchaus
-liebenswert, wie der volle und reine Kinderblick ihrer Blauaugen und wie
-ihre Sprache, die spitz, hoch und fein war, ein leicht gebrochenes
-Deutsch mit kleinen typischen Lautfehlern, wie „Fleich“ statt „Fleisch“.
-An ihren Zügen war nichts Bemerkenswertes. Das Kinn war zu kurz. Sie saß
-am Tische der Kleefeld, die sie bemutterte.
-
-Mit diesem Jungfräulein Brand also, dieser Elly, dieser freundlichen
-kleinen dänischen Radfahrerin und Kontorbockhockerin hatte es
-Bewandtnisse, von denen niemand beim ersten und zweiten Anblick ihrer
-klaren Person sich etwas hätte träumen lassen, die aber schon nach ein
-paar Wochen ihres Aufenthaltes hier oben anfingen sich zu entdecken, und
-die in ihrer ganzen Seltsamkeit bloßzulegen Dr. Krokowskis Sache wurde.
-
-Gemeinsame Unterhaltungen gelegentlich der Abendgeselligkeit gaben dem
-Gelehrten ersten Anlaß zum Stutzen. Man übte sich in allerlei
-Ratespielen; ferner im Auffinden versteckter Gegenstände mit Hilfe eines
-Klavierspiels, das anschwoll, wenn man sich dem Verstecke näherte,
-dagegen leiser wurde, wenn man Irrwege einschlug; und man ging in der
-Folge dazu über, demjenigen, der während der Verabredung die Tür hatte
-von außen besehen müssen, das richtige Ausführen bestimmter
-zusammengesetzter Handlungen zuzumuten: z. B. die Ringe zweier gewisser
-Personen zu wechseln; jemanden mit drei Verbeugungen zum Tanze
-aufzufordern; ein bezeichnetes Buch der Bibliothek zu entnehmen und es
-dem und dem zu überreichen und dergleichen mehr. Es ist zu bemerken,
-daß Spiele dieser Art sonst nicht zu den Gewohnheiten der
-Berghof-Gesellschaft gehört hatten. Wer eigentlich die Anregung dazu
-gegeben, war nachträglich nicht festzustellen. Es war gewiß nicht Elly
-gewesen. Dennoch war man erst in ihrer Gegenwart darauf verfallen.
-
-Die Teilnehmer – es waren fast lauter alte Bekannte von uns, und auch
-Hans Castorp war darunter – zeigten sich bei den Versuchen mehr oder
-weniger anstellig oder versagten auch gänzlich. Die Tauglichkeit Elly
-Brands aber erwies sich als außerordentlich, als auffallend, als
-ungebührlich. Ihre sichere Findigkeit im Aufsuchen von Verstecken hatte
-unter Beifall und bewunderndem Gelächter hingehen mögen; bei den
-kombinierten Handlungen jedoch fing man an zu verstummen. Sie führte
-aus, was immer man ihr heimlich vorgeschrieben, führte es aus, sobald
-sie wieder eingetreten, mit sanftem Lächeln, ohne ein Schwanken, auch
-ohne leitende Musik. Sie holte aus dem Speisesaal eine Prise Salz,
-streute sie dem Staatsanwalt Paravant auf den Kopf, nahm ihn danach bei
-der Hand und führte ihn zum Klavier, wo sie mit seinem Zeigefinger den
-Anfang des Liedchens „Kommt ein Vogel geflogen“ spielte. Dann brachte
-sie ihn zu seinem Platze zurück, machte einen Knix vor ihm, zog einen
-Fußschemel herbei und setzte sich abschließend darauf zu seinen Füßen
-nieder, – genau so, wie man es sich unter vielem Kopfzerbrechen für sie
-ausgedacht.
-
-So hatte sie also gehorcht!
-
-Sie errötete; und mit wahrer Erleichterung, sie beschämt zu sehen, fing
-man an, sie im Chore zu schelten, als sie versicherte: Nein, nein, nicht
-so, man möge doch das nicht glauben! Nicht draußen, nicht an der Tür
-habe sie gehorcht, gewiß und wahrhaftig nicht!
-
-Nicht draußen, nicht an der Tür?
-
-„O nein, ents-chuldigen Sie!“ Sie horche hier im Zimmer, wenn sie
-hereinkomme, könne nicht umhin, es zu tun.
-
-Nicht umhin? Im Zimmer?
-
-Es flüstere ihr zu, sagte sie. Es werde ihr zugeflüstert, was sie zu tun
-habe, leise, aber ganz scharf und deutlich.
-
-Das war ein Geständnis, offenbar. Elly war in gewissem Sinne
-schuldbewußt, hatte betrogen. Sie hätte sagen müssen, daß sie für ein
-solches Spiel nicht tauge, da alles ihr zugeflüstert werde. Ein
-Wettstreit verliert jeden menschlichen Sinn, wenn einer der
-Konkurrierenden übernatürliche Vorteile besitzt. Im sportlichen Sinn war
-Ellen plötzlich disqualifiziert, allein auf eine Weise, daß manchem der
-Rücken kalt wurde bei ihrem Bekenntnis. Mehrere Stimmen auf einmal
-riefen nach Dr. Krokowski. Man lief, ihn zu holen, und er kam: stämmig
-und kernig lächelnd, sofort im Bilde, zu heiterem Vertrauen auffordernd
-mit seinem ganzen Wesen. Man hatte ihm atemlos gemeldet, kraß Anormales
-liege vor, es sei eine Allwissende aufgetreten, eine Jungfrau mit
-Stimmen. – Ei, ei, und was weiter? Ruhe, meine Freunde! Wir werden
-sehen. Es war sein Grund und Boden, – schwankend und sumpfig-nachgiebig
-für alle, auf welchem er jedoch mit sicherer Sympathie sich bewegte. Er
-fragte, er ließ sich erzählen. Ei, ei, und da sehe einer! „So steht es
-also mit Ihnen, mein Kind?“ Und er legte, wie jeder gern tat, der
-Kleinen die Hand aufs Haupt. Viel Ursache zur Aufmerksamkeit, doch nicht
-die geringste zum Entsetzen. Er tauchte seine braunen exotischen Augen
-in die hellblauen Ellen Brands, während er sanft mit der Hand von ihrem
-Scheitel über die Schulter zum Arme abwärts strich. Fromm und frömmer
-erwiderte sie seinen Blick, nämlich mehr und mehr von unten, da ihr Kopf
-sich langsam zur Brust und Schulter neigte. Als ihre Augen anfingen,
-sich zu brechen, tat der Gelehrte eine lässige Handbewegung aufwärts vor
-ihrem Gesichtchen, worauf er alle Dinge für wohl bestellt erklärte und
-die ganze erregte Gesellschaft zum Abenddienst schickte, ausgenommen
-Elly Brand, mit der er noch etwas zu „plaudern“ gedachte.
-
-Zu plaudern! Man konnte es sich denken. Niemandem war wohl bei dem Wort,
-einem rechten Wort des fröhlichen Kameraden Krokowski. Jedermann fühlte
-sein Innerstes kalt davon angerührt, auch Hans Castorp, als er verspätet
-seinen vorzüglichen Liegestuhl bezog und sich erinnerte, wie ihm bei
-Ellys ungebührlichen Leistungen und der verschämten Erklärung, die sie
-dafür gegeben, der Boden unter den Füßen geschwankt hatte, so daß eine
-gewisse Übelkeit und körperliche Beängstigung, eine leichte Seekrankheit
-ihn angekommen war. Er hatte niemals ein Erdbeben erlebt, aber er sagte
-sich, daß damit wohl ähnliche Empfindungen unverwechselbaren Schreckens
-verbunden sein müßten, – von der Neugier abgesehen, die Ellen Brands
-fatale Fähigkeiten ihm außerdem einflößten: einer Neugier, die das
-Gefühl ihrer höheren Hoffnungslosigkeit in sich selbst trug, das heißt:
-das Bewußtsein der geistigen Unzugänglichkeit des Gebietes, wonach sie
-tastete, und daher den Zweifel, ob sie nur müßig oder auch sündig sei,
-was sie aber nicht hinderte, zu bleiben, was sie war, nämlich Neugier.
-Hans Castorp hatte, wie jedermann, im Lauf seiner Lebensjahre von Dingen
-der geheimen Natur oder Übernatur dies und jenes vernommen, – der
-seherischen Urtante ist ja Erwähnung geschehen, von der eine
-melancholische Überlieferung auf ihn gekommen. Aber niemals war diese
-Welt, der er eine theoretische und unbeteiligte Anerkennung nicht
-versagt hatte, ihm persönlich auf den Leib gerückt, nie hatte er
-praktische Erfahrungen damit gemacht, und sein Widerstreben gegen solche
-Erfahrungen, ein Geschmackswiderstreben, ein ästhetisches Widerstreben,
-ein Widerstreben humanen Stolzes – wenn wir so anspruchsvolle Ausdrücke
-verwenden dürfen in Hinsicht auf unseren durchaus anspruchslosen Helden
-– kam der Neugier, die sie ihm lebhaft erregten, fast gleich. Er fühlte
-im voraus, fühlte es klar und deutlich, daß diese Erfahrungen, wie sie
-auch fortgehen mochten, nie anders sich würden anlassen können, als
-abgeschmackt, unverständlich und menschlich würdelos. Dennoch brannte er
-darauf, sie zu machen. Er begriff, daß „Müßig oder sündig“, als
-Alternative schon schlimm genug, gar keine Alternative war, sondern daß
-das zusammenfiel, und daß geistige Hoffnungslosigkeit nur die
-außermoralische Ausdrucksform der Verbotenheit war. Das _Placet
-experiri_ aber, ihm eingepflanzt von einem, der _solche_ Versuche
-freilich aufs prallste mißbilligen mußte, saß fest in Hans Castorps
-Sinn; seine Sittlichkeit fiel nachgerade mit seiner Neugier zusammen,
-hatte das wohl eigentlich immer getan: mit der unbedingten Neugier des
-Bildungsreisenden, die vielleicht schon, als sie vom Mysterium der
-Persönlichkeit kostete, nicht mehr weit von dem hier auftauchenden
-Gebiet entfernt gewesen war, und die eine Art von militärischem
-Charakter bekundete dadurch, daß sie dem Verbotenen nicht auswich, wenn
-es sich anbot. So beschloß Hans Castorp, auf dem Posten zu sein und
-nicht beiseite zu stehen, wenn es mit Ellen Brand zu weiteren Abenteuern
-kommen sollte.
-
-Dr. Krokowski hatte ein striktes Verbot ergehen lassen, fernerhin
-laienhafte Experimente mit Fräulein Brands geheimen Gaben anzustellen.
-Er hatte das Kind mit wissenschaftlichem Beschlag belegt, hielt
-Sitzungen mit ihr in seinem analytischen Verlies, hypnotisierte sie, wie
-man hörte, war bestrebt, die in ihr schlummernden Möglichkeiten zu
-entwickeln und zu disziplinieren, ihr seelisches Vorleben zu erforschen.
-Dies tat übrigens auch Hermine Kleefeld, ihre mütterliche Freundin und
-Patronin, und erfuhr unter dem Siegel der Verschwiegenheit dies und das,
-was sie unter demselben Siegel im ganzen Hause verbreitete, bis in die
-Concierge-Loge hinein. Sie erfuhr zum Beispiel, daß der- oder dasjenige,
-was der Kleinen beim Spiele die Aufgaben zugeflüstert hatte, Holger hieß
-– es war der Jüngling Holger, ein _spirit_, ihr wohlvertraut, ein
-abgeschieden-ätherisch Wesen und etwas wie ein Schutzgeist der kleinen
-Ellen. – Er also hatte ihr das mit der Salzprise und Paravants
-Zeigefinger verraten? – Ja, die Schattenlippen liebkosend an ihrem Ohr,
-so daß es leise kitzelte und zum Lächeln reizte, habe er es ihr
-eingeflüstert. – Das müsse angenehm gewesen sein, wenn Holger ihr früher
-in der Schule die Antworten eingesagt habe, wenn sie nicht vorbereitet
-gewesen sei. – Hierauf hatte Ellen geschwiegen. Das habe Holger wohl
-nicht gedurft, sagte sie später. In so ernste Dinge sich einzumischen,
-sei ihm verwehrt, und übrigens habe er die Schulantworten wohl selber
-nicht recht gewußt.
-
-Ferner stellte sich heraus, daß Ellen von jung auf, wenn auch in
-größeren Zeitabständen, Erscheinungen gehabt hatte, – sichtbare und
-unsichtbare. – Was das denn heißen solle: unsichtbare Erscheinungen? –
-Zum Beispiel so. Sie hatte als sechzehnjähriges Mädchen allein im
-Wohnzimmer ihres Elternhauses gesessen, am runden Tisch mit einer
-Handarbeit, am hellen Nachmittag, und neben ihr auf dem Teppich hatte
-ihres Vaters Dogge, die Hündin Freia, gelegen. Der Tisch war mit einer
-bunten Decke, einem solchen türkischen Schal, wie alte Frauen ihn
-dreieckig trugen, bedeckt gewesen: übereck, mit kurz hängenden Zipfeln
-hatte er auf der Platte gelegen. Und plötzlich hatte Ellen gesehen, wie
-der Zipfel ihr gegenüber sich langsam aufgerollt hatte: still,
-sorgfältig und regelmäßig war er aufgerollt worden, ein gutes Stück
-gegen die Mitte der Tischplatte hin, so daß die Rolle schließlich schon
-ziemlich lang gewesen war; und während dies geschehen, hatte Freia, wild
-auffahrend, mit angestemmten Vorderbeinen und gesträubtem Fell sich auf
-die Keulen gesetzt, war heulend ins Nebenzimmer gestürzt, unter das Sofa
-gekrochen und dann ein volles Jahr lang nicht zu bewegen gewesen, einen
-Fuß ins Wohnzimmer zu setzen.
-
-Ob es Holger gewesen sei, fragte Fräulein Kleefeld, der die Schaldecke
-aufgerollt habe. – Die kleine Brand wußte es nicht. – Und was sie sich
-bei dem Vorkommnis denn wohl gedacht habe. – Aber da es absolut
-unmöglich war, sich das Allergeringste dabei zu denken, so hatte auch
-Elly sich weiter nichts dabei gedacht. – Ob sie es ihren Eltern
-berichtet habe. – Nein. – Das war seltsam. Obgleich sich so ganz und gar
-nichts dabei denken ließ, hatte Elly doch das Gefühl gehabt, in diesem
-Fall und in ähnlichen, daß sie es für sich behalten und ein strenges,
-schamhaftes Geheimnis daraus machen müsse. – Ob sie denn schwer daran
-getragen habe. – Nein, nicht besonders schwer. Was denn auch an dem
-Sich-Aufrollen einer Decke viel zu tragen sei. Aber an anderem habe sie
-schwerer getragen. Zum Beispiel hieran:
-
-Vor einem Jahre, ebenfalls in ihrem Elternhaus zu Odense, hatte sie
-frühmorgens, in aller Frische, ihr Zimmer verlassen, das im Erdgeschoß
-gelegen war, und sich über die Diele die Treppe hinauf ins Eßzimmer
-begeben wollen, um, wie es ihre Gewohnheit war, Kaffee zu kochen, bevor
-die Eltern sich einfanden. Fast bis zum Podest, wo die Treppe sich
-wandte, war sie schon gelangt gewesen, da hatte sie auf eben diesem
-Podest, am Rande desselben, dicht an den Stufen, ihre in Amerika
-verheiratete ältere Schwester Sophie stehen sehen – leiblich und
-wirklich. Sie hatte ein weißes Kleid angehabt und sonderbarerweise einen
-Kranz von Wasserrosen, schilfigen Mummeln, auf dem Kopf getragen und die
-Hände an der Schulter gefaltet und hatte ihr zugenickt. „Ja, aber,
-Sophie, bist du da?“ hatte die angewurzelte Ellen halb freudig und halb
-erschrocken gefragt. Da hatte Sophie noch einmal genickt und sich
-darnach verflüchtigt. Sie war durchsichtig geworden; bald war sie nur in
-dem Grade noch sichtbar gewesen, wie eine fließende Strömung heißer
-Luft, und dann überhaupt nicht mehr, so daß der Weg frei gewesen war für
-Ellen. Doch dann hatte sich erwiesen, daß in dieser selbigen
-Morgenstunde Schwester Sophie in New-Jersey an Herzentzündung gestorben
-war.
-
-Nun, meinte Hans Castorp, als die Kleefeld es ihm erzählte, das habe
-doch einigen Verstand, es lasse sich hören. Die Erscheinung hier, der
-Todesfall dort, – immerhin, da sei ein gewisser achtbarer Zusammenhang
-zu ersehen. Und er willigte ein, an einem spiritistischen
-Gesellschaftsspiel, einem Glasrücken, teilzunehmen, das man aus
-Ungeduld, unter heimlicher Umgehung von Dr. Krokowskis eifersüchtigem
-Verbot, mit Ellen Brand zu veranstalten beschlossen hatte.
-
-Nur gewisse Personen wurden zu der Sitzung, deren Schauplatz Hermine
-Kleefelds Zimmer war, vertraulich zugezogen: außer der Gastgeberin, Hans
-Castorp und der kleinen Brand, waren es nur noch die Damen Stöhr und
-Levi sowie Herr Albin, der Tscheche Wenzel und Dr. Ting-Fu. Abends, erst
-mit dem Schlage Zehn, trat man leise zusammen und musterte flüsternd die
-Vorkehrungen, die Hermine getroffen, und die darin bestanden, daß auf
-einem ungedeckten Rundtisch von mittlerer Größe, inmitten des Zimmers,
-ein Weinglas, umgekehrt, den Fuß nach oben, gestellt war, rundum aber,
-am Rande der Tischplatte, in gehörigen Abständen, kleine Beinplättchen,
-Spielmarken nach ihrer gewöhnlichen Bestimmung, lagen, auf die mit Tinte
-und Feder die fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets gezeichnet waren.
-Vorerst reichte die Kleefeld Tee, was dankbar begrüßt wurde, da die
-Damen Stöhr und Levi, ungeachtet der kindlichen Harmlosigkeit des
-Unternehmens, über kalte Extremitäten und Herzklopfen klagten. Nach
-genossener Erwärmung ließ man sich um das Tischchen nieder, und in
-matt-rosiger Beleuchtung, da die Wirtin, der Stimmung zuliebe, das
-Deckenlicht gelöscht und nur das verkleidete Nachttischlämpchen hatte
-brennen lassen, legte jedermann einen Finger seiner Rechten leicht an
-den Fuß des Glases. So wollte es die Methode. Man harrte des
-Augenblicks, wo das Glas ins Rücken geraten würde.
-
-Das mochte leichtlich geschehen, denn die Tischplatte war glatt, der
-Glasrand wohl geschliffen, und der Druck, den die noch so leicht
-aufgelegten, zitternden Finger übten, würde, da er natürlich
-ungleichmäßig war, hier mehr vertikale, dort eher seitliche Richtung
-haben mochte, auf die Dauer sehr hinreichend sein, das Glas zum
-Verlassen seines mittlern Ortes zu bestimmen. An der Peripherie des
-Bewegungsfeldes würde es auf Buchstaben stoßen, und wenn diejenigen, die
-es anlief, in ihrer Zusammensetzung Worte und irgend welchen Sinn
-ergaben, so würde das eine innerlich bis zur Unreinlichkeit verwickelte
-Erscheinung sein, ein Mischprodukt ganz-, halb- und unbewußter Elemente,
-der wunschgetriebenen Nachhilfe Einzelner – ob sie selbst ein solches
-Tun sich nun eingestanden oder nicht – und des geheimen
-Einverständnisses lichtloser Seelenschichten der Allgemeinheit, eines
-unterirdischen Zusammenwirkens zu scheinbar fremden Ergebnissen, an
-denen die Dunkelheiten des Einzelnen mehr oder weniger beteiligt sein
-würden, am stärksten wohl diejenigen der lieblichen kleinen Elly. Dies
-wußten im Grunde alle im voraus, und Hans Castorp, nach seiner Art,
-schwatzte es sogar aus, während man mit zitternden Fingern saß und
-wartete. Auch kamen die kalten Extremitäten und das Herzklopfen der
-Damen, die bedrängte Heiterkeit der Herren eben nur daher, daß sie es
-wußten, daher also, daß sie sich zu einem unreinlichen Spiel mit ihrer
-Natur, einem furchtsam-neugierigen Erproben unbekannter Teile ihres
-Selbst in stiller Nacht zusammengetan hatten und jener Schein- oder
-Halb-Dinglichkeiten harrten, die man magisch nennt. Es war fast nur, um
-der Sache eine Form zu geben, geschah also konventionellerweise, daß man
-unterstellte, durch das Glas würden die Geister Abgeschiedener zu der
-Versammlung reden. Herr Albin war erbötig, das Wort zu führen und mit
-den etwa auftretenden Intelligenzen zu unterhandeln, da er schon früher
-hie und da an spiritistischen Sitzungen teilgenommen.
-
-Zwanzig und mehr Minuten vergingen. Der Stoff zum Flüstern versiegte,
-die erste Spannung gab nach. Man stützte den rechten Arm mit der Linken
-am Ellbogen. Der Tscheche Wenzel war im Begriffe einzunicken. Ellen
-Brand, das Fingerchen leicht aufgelegt, hielt den großen und reinen
-Kinderblick über die nahen Dinge hinweg in den Schein des
-Nachttischlämpchens gerichtet.
-
-Plötzlich kippte das Glas, schlug auf und lief den Umsitzenden unter den
-Händen weg. Sie hatten Mühe, mit ihren Fingern zu folgen. Es rutschte
-bis zum Tischrande, lief ein Stück daran entlang und kehrte dann
-geradlinig ungefähr zur Mitte zurück. Hier schlug es noch einmal auf und
-verhielt sich ruhig.
-
-Der Schrecken aller war teils freudiger, teils banger Art. Frau Stöhr
-erklärte weinerlich, lieber aufhören zu wollen, doch wurde ihr bedeutet,
-daß sie sich früher hätte prüfen müssen und sich nun still zu verhalten
-habe. Die Dinge schienen in Fluß zu kommen. Man stipulierte, daß, um ja
-und nein zu antworten, das Glas nicht erst die Buchstaben sollte
-anlaufen müssen, sondern sich mit ein- und zweimaligem Aufschlagen
-begnügen möge.
-
-„Ist eine Intelligenz zugegen?“ erkundigte sich Herr Albin mit strenger
-Miene über die Köpfe hin ins Leere hinein ... Ein Zögern folgte. Dann
-kippte das Glas und bejahte.
-
-„Wie heißt du?“ fragte Herr Albin fast schroffen Tones, indem er die
-Energie seiner Anrede durch ein Kopfschütteln verstärkte.
-
-Das Glas rückte. Es lief mit Entschiedenheit und im Zickzack von Marke
-zu Marke, indem es zwischendurch immer ein Stück gegen die Tischmitte
-hin zurückkehrte; es lief zum _h_, zum _o_, zum _l_, es schien danach zu
-ermatten, sich zu verwirren, nicht weiter zu wissen, aber es fand sich
-wieder, fand auch das _g_, das _e_ und _r_. Hatte man’s doch gedacht! Es
-war Holger persönlich, der _spirit_ Holger, der das mit der Salzprise
-usw. gewußt, aber freilich in Schulfragen sich nicht eingemischt hatte.
-Er war da, er flutete in den Lüften, er umschwebte das Kränzchen. Was
-fing man nun mit ihm an? Eine gewisse Blödigkeit beherrschte den Kreis.
-Man beriet sich leise und gleichsam hinter der Hand, was man von ihm zu
-wissen begehren sollte. Herr Albin entschied sich, zu fragen, was
-Holgers Stand und Geschäft bei Lebzeiten gewesen sei. Er tat es, wie
-oben, im Tone des Verhörs, streng und mit zusammengezogenen Brauen.
-
-Das Glas schwieg eine Weile. Dann begab es sich kippend und stolpernd
-zum _d_, rückte ab und bezeichnete das _i_. Was wollte das werden? Die
-Spannung war mächtig. Dr. Ting-Fu befürchtete kichernd, Holger sei ein
-Dieb gewesen. Frau Stöhr verfiel in hysterisches Lachen, ohne dadurch
-der Arbeit des Glases Einhalt zu tun, das, wenn auch humpelnd und
-klappernd, zum _c_, zum _h_ glitt, das _t_ berührte und dann, offenbar
-unter fehlerhafter Auslassung einer Letter, mit dem _r_ endigte. Es
-hatte „Dichtr“ buchstabiert.
-
-Was tausend, ein Dichter war Holger gewesen? – Zum Überfluß und nur aus
-Stolz, wie es schien, kippte das Glas und klopfte bejahend. – Ein
-lyrischer Dichter? fragte die Kleefeld, indem sie das _y_ wie _i_
-aussprach, wie Hans Castorp unwillig bemerkte ... Zu solchen
-Spezifikationen schien Holger unlustig. Er gab keine neue Antwort. Er
-buchstabierte die vorige noch einmal, rasch, sicher und klar, das e
-hinzufügend, das er vorhin vergessen.
-
-Gut, gut, also Dichter. Die Verlegenheit wuchs, – eine sonderbare
-Verlegenheit, die den Kundgebungen unkontrollierter Gegenden des eigenen
-Inneren galt, aber durch die gleisnerisch-halbdingliche Gegebenheit
-dieser Kundgebungen doch auch wieder die Richtung ins Außen-Wirkliche
-erhielt. Ob Holger sich wohl und glücklich fühlte in seinem Zustande,
-wollte man wissen. – Das Glas schob träumerischerweise das Wort
-„Gelassen“. Ach so, „gelassen“ also. Nun ja, man wäre von selbst nicht
-darauf gekommen, aber da denn das Glas so buchstabierte, fand man es
-wahrscheinlich und gut gesagt. – Und wie lange Holger sich denn schon in
-seinem gelassenen Zustande befinde? – Jetzt kam wieder etwas, worauf
-niemand verfallen wäre, etwas träumerisch sich selbst Gebendes. Es
-lautete: „Eilende Weile“. – Sehr gut! Es hätte auch „Weilende Eile“
-lauten können, es war ein bauchrednerischer Dichterspruch von außen,
-Hans Castorp namentlich fand ihn vorzüglich. Eine eilende Weile war
-Holgers Zeitelement, natürlich, er mußte die Frager spruchweise
-abfertigen, mit irdischen Worten und Maßgenauigkeiten mochte er freilich
-zu operieren verlernt haben. – Was wollte man also noch von ihm
-erfahren? Die Levi gestand ihre Neugier, zu wissen, wie Holger aussähe,
-beziehungsweise einst ausgesehen habe. Ob er ein schöner Jüngling sei? –
-Sie solle ihn selber fragen, ordnete Herr Albin an, der diesen
-Wissenswunsch unter seiner Würde fand. So fragte sie per du, ob _spirit_
-Holger wohl blonde Locken habe.
-
-„Schöne braune, braune Locken“, zog das Glas, indem es das Wort „braune“
-ausführlich zweimal buchstabierte. Erfreute Heiterkeit herrschte im
-Kreise. Die Damen bekundeten offen Verliebtheit. Sie warfen Kußhände
-schräg gegen den Plafond empor. Dr. Ting-Fu meinte kichernd, Mister
-Holger scheine ja ziemlich eitel zu sein.
-
-Da wurde das Glas zornig und toll! Es lief wie wild und ohne Sinn auf
-dem Tische umher, kippte wütend, fiel um und rollte der Stöhr in den
-Schoß, die schreckensbleich mit gespreizten Armen darauf niederblickte.
-Man führte es behutsam und unter Entschuldigungen an seinen Ort zurück.
-Der Chinese wurde gescholten. Wie er sich habe unterstehen können! Da
-sehe er, wohin solch ein Vorwitz führe! Und wie, wenn Holger nun im
-Zorne auf und davon war und kein Wort mehr verlauten ließ? Man redete
-seinem Glase aufs beste zu. Ob er denn nicht vielleicht etwas dichten
-wolle! Er sei ja ein Dichter gewesen, als er noch nicht in eilender
-Weile gewebt und geschwebt habe. Ach, wie sie alle nach etwas
-Gedichtetem verlangten! Sie würden es so herzlich genießen.
-
-Und siehe, das gute Glas schlug Ja. Wirklich lag etwas
-Gutmütig-Versöhnliches darin, wie es dies tat. Und dann begann _spirit_
-Holger zu dichten und dichtete umständlich, ausführlich und ohne
-Besinnen, wer weiß wie lange, – es schien, als werde er überhaupt nicht
-wieder zum Schweigen zu bringen sein! Es war ein durch und durch
-überraschendes Gedicht, das er bauchrednerisch vorbrachte, während die
-Umsitzenden es bewundernd mit sprachen, eine magische Dingheit, uferlos,
-wie das Meer, von dem es vornehmlich handelte, – Seemist in langen
-Haufen entlang des schmalen Strandes der weit geschwungenen Bucht des
-Insellandes mit steiler Dünenküste. O seht, wie sterbend grün
-die ungeheure Weite ins Ewige verschwebt, wo unter breiten
-Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichem Scheinen
-die Sommersonne den Untergang verzögert! Kein Mund vermöchte zu sagen,
-wann und wie des Wassers silbrig regsamer Widerglanz in lauter
-Perlmutterschimmer sich wandelte, in ein unnennbar Farbenspiel
-blaß-bunt-opalenen Mondsteinglanzes, das alles überzieht ... Ach,
-heimlich, wie er entstanden, erstarb der stille Zauber. Das Meer
-entschlief. Jedoch die sanften Spuren des Sonnenabschieds bleiben dort
-drüben und draußen. Es wird nicht dunkel bis in die tiefe Nacht. Ein
-halbes Geisterlicht waltet im Kiefernwalde der Dünenhöhe und läßt den
-bleichen Sand des Grundes wie Schnee erscheinen. Täuschender Winterwald
-im Schweigen, knackend durchstreift von einer Eule schwerem Flug! Sei
-unser Aufenthalt zu dieser Stunde! So weich der Tritt, so hoch und mild
-die Nacht! Und langsam atmet dort unten tief das Meer und flüstert
-gedehnt im Traum. Verlangt dich’s, es wiederzusehen? So tritt hervor zum
-fahlen Gletschergehänge der Düne und steige vollends im Weichen empor,
-das kühl in deine Schuhe rinnt. Hart buschig fällt das Land und steil
-zum steinigen Strande ab, und immer geistern noch am Rande der
-vergehenden Weite die Reste des Tages ... Laß dich hier oben im Sande
-nieder! Wie ist er todeskühl, wie mehlig-seidenweich! Er fließt dir aus
-der geschlossenen Hand in farblos-dünnem Strahl und bildet ein zartes
-Hügelchen bei sich im Grunde. Erkennst du dies feine Rinnen? Es ist das
-lautlos schmale Strömen durch die Enge des Stundenglases, des ernsten,
-gebrechlichen Geräts, das das Gehäuse des Klausners schmückt. Ein
-aufgeschlagen Buch, ein Totenschädel und im Gestell, im leicht gefügten
-Rahmen das dünne Doppelhohlgebläse, darin ein wenig Sand, dem Ewigen
-entnommen, als Zeit sein heimlich und heilig beängstend Wesen treibt ...
-
-So war _spirit_ Holger bei seiner „lirischen“ Improvisation in
-sonderbarer Gedankenflucht vom heimatlichen Meere auf einen Klausner und
-das Werkzeug seiner Beschaulichkeit gekommen, und er kam noch auf
-manches, auf Menschliches und Göttliches in träumerisch gewagten Worten,
-über die das Kränzchen sich grenzenlos verwunderte, indes es sie
-buchstabierte, und kaum fand man Zeit, seinen entzückten Beifall
-einzuschalten, so rasch ging es im Zickzack vom Hundertsten ins
-Tausendste weiter und wollte gar nicht aufhören, – nach einer Stunde
-noch war dieses Dichtens kein Ende im entferntesten abzusehen, das von
-Mutternot und dem ersten Kusse der Liebenden und von der Krone des
-Leides und Gottes ernster Vatergüte ganz unerschöpflich handelte, sich
-in das Weben der Kreatur vertiefte, in Zeiten und Ländern und im
-Sternenraum sich verlor, einmal sogar der Chaldäer und des Tierkreises
-erwähnte und bestimmt die ganze Nacht hindurch gewährt hätte, wenn nicht
-die Beschwörer endlich doch ihre Finger vom Glase genommen und unter
-besten Danksagungen an Holger erklärt hätten, nun müsse es für diesmal
-genug sein, es sei von ungeahnter Herrlichkeit gewesen und ewig schade,
-daß niemand mitgeschrieben habe, so daß nun das Gedichtete unfehlbar in
-Vergessenheit geraten werde, ja, leider allergrößtenteils schon in
-Vergessenheit geraten sei, vermöge einer gewissen Unhaltbarkeit, wie sie
-Träumen eigne. Das nächste Mal wollte man rechtzeitig einen Schriftwart
-bestellen und zusehen, wie es sich schwarz auf weiß bewahrt und im
-Zusammenhang vorgetragen, wohl ausnehmen werde; für den Augenblick aber,
-und ehe Holger in die Gelassenheit seiner eilenden Weile zurückkehre,
-werde es besser und jedenfalls außerordentlich liebenswürdig von ihm
-sein, wenn er dem Kreise vielleicht noch eine oder die andere sachliche
-Frage beantworten wolle, – noch unbestimmt welche, aber ob er
-gegebenenfalls wohl grundsätzlich und aus besonderer Gefälligkeit bereit
-dazu sein würde?
-
-„Ja“, lautete die Antwort. Doch nun entdeckte sich Ratlosigkeit, was zu
-fragen sei. Es war wie im Märchen, wenn die Fee oder das Männchen eine
-Frage freigeben und man Gefahr läuft, die kostbare Möglichkeit ganz
-müßig zu vertun. Vieles schien wissenswert in Welt und Zukunft, und
-verantwortungsvoll war es, eine Wahl zu treffen. Da niemand zum
-Entschluß kommen mochte, sagte Hans Castorp, einen Finger am Glase, die
-linke Wange in seine Faust gestützt, er wolle hören, wie hoch sich,
-statt der drei Wochen, die er ursprünglich zu bleiben gedacht hatte, die
-Zeit seines Aufenthaltes hier oben belaufen werde.
-
-Gut, da man nichts Besseres wußte, mochte der Geist dies Erste-Beste aus
-der Fülle seiner Kenntnisse künden. Nach einigem Zögern rückte das Glas.
-Es rückte etwas ganz Sonderbares und, wie es scheinen wollte,
-Beziehungsloses, worauf sich einen Vers zu machen, niemandem gelingen
-wollte. Es rückte die Silbe „Geh“ und dann das Wort „Quer“, womit man
-erst recht nichts anzufangen wußte, und danach rückte es etwas von Hans
-Castorps Zimmer, so daß die ganze knappe Anweisung lautete, der Fragende
-solle „quer durch sein Zimmer gehen“. – Quer durch sein Zimmer? Quer
-durch Nummer 34? Was sollte nun das? Während man saß und beriet und die
-Köpfe schüttelte, geschah auf einmal ein schwerer Faustschlag gegen die
-Tür.
-
-Alle erstarrten. War das ein Überfall? Stand Dr. Krokowski draußen, um
-die verbotene Sitzung aufzuheben? Man schaute betreten, man gewärtigte
-den Eintritt des Hintergangenen. Da schlug es krachend mitten auf den
-Tisch, wiederum wie mit voller Faust und gleichsam um klarzustellen, daß
-auch der erste Schlag nicht von außen, sondern von innen gefallen war.
-
-Das war ein minderwertiger Scherz Herrn Albins gewesen! – Er leugnete
-ehrenwörtlich, und übrigens waren alle auch ohne sein Wort so gut wie
-sicher, daß niemand aus ihrer Runde den Schlag geführt hatte. So hatte
-es Holger getan? Sie blickten auf Elly, deren stilles Verhalten allen
-gleichzeitig auffällig geworden war. Sie saß, die Fingerspitzen bei
-hängenden Handgelenken auf der Tischkante, an ihrer Stuhllehne, den Kopf
-zur Schulter geneigt, die Augenbrauen empor-, das Mündchen aber,
-verkleinert, etwas nach unten gezogen, mit einem ganz kleinen Lächeln,
-das zugleich etwas Verstecktes und Unschuldiges hatte, und blickte mit
-blauen Kinderaugen, die nichts sahen, schräg ins Leere. Man rief sie an,
-doch ohne daß sie ein Zeichen von Gegenwart gegeben hätte. In diesem
-Augenblick erlosch das Nachttischlämpchen.
-
-Erlosch? Frau Stöhr, nicht mehr zu halten, schrie Hi und Hu, denn sie
-hatte es knipsen hören. Das Licht war nicht ausgegangen, es war
-abgedreht worden, von einer Hand, die man sehr schonend kennzeichnete,
-wenn man sie eine _fremde_ Hand nannte. War es Holgers Hand? Er war so
-sanft, so diszipliniert und poetisch gewesen bis dahin; jetzt aber hatte
-sein Wesen begonnen, in Büberei und Schabernack auszuarten. Wer stand
-dafür, daß eine Hand, die Faustschläge gegen Tür und Möbel führte und
-bübisch das Licht ausdrehte, nicht irgendjemandem an die Gurgel fuhr? Im
-Finstern rief man nach Zündhölzern, nach einer Taschenlaterne. Die Levi
-kreischte auf, man habe sie am Stirnhaar gezogen. Vor Angst schämte Frau
-Stöhr sich nicht, laut zu Gott zu beten. „Ach du Herr, noch diesmal!“
-schrie sie und wimmerte, es möge Gnade vor Recht ergehen, obgleich man
-die Hölle versucht habe. Dr. Ting-Fu war es, der den gesunden Gedanken
-faßte, das Deckenlicht einzuschalten, so daß alsbald das Zimmer in
-Klarheit lag. Während man feststellte, daß das Nachttischlämpchen in der
-Tat nicht zufällig ausgegangen, sondern abgedreht worden war, und daß
-man nur den verborgenerweise geschehenen Handgriff menschlich zu
-wiederholen brauchte, um es wieder zum Brennen zu bringen, erfuhr Hans
-Castorp persönlich und in der Stille eine Überraschung, die er als
-besondere Aufmerksamkeit der hier sich kundgebenden kindischen
-Dunkelheiten auffassen mochte. Auf seinen Knieen lag ein leichter
-Gegenstand, das „Souvenir“, das einst seinen Onkel erschreckt hatte, als
-er es von des Neffen Kommode genommen: das gläserne Diapositiv, das
-Clawdia Chauchats Innenporträt zeigte, und das bestimmt nicht er, Hans
-Castorp, in dieses Zimmer eingeführt hatte.
-
-Er steckte es zu sich, ohne von der Erscheinung Aufhebens zu machen. Man
-war um Ellen Brand beschäftigt, die immer noch in der beschriebenen
-Haltung, blinden Blickes und mit sonderbar geziertem Gesichtsausdruck an
-ihrem Platze saß. Herr Albin blies sie an und ahmte vor ihrem
-Gesichtchen die aufwärts fächelnde Handbewegung Dr. Krokowskis nach,
-worauf sie sich ermunterte und – unklar, warum – ein wenig weinte. Man
-streichelte, tröstete sie, küßte sie auf die Stirn und schickte sie
-schlafen. Die Levi erklärte sich bereit, die Nacht bei Frau Stöhr zu
-verbringen, da die tiefstehende Frau vor Grauen nicht wußte, wie sie ins
-Bett kommen sollte. Hans Castorp, seinen Apport in der Brusttasche,
-hatte nichts dagegen, den ausgearteten Abend mit den anderen Herren auf
-Albins Zimmer mit einem Kognak zu beschließen, denn er fand, daß
-Vorkommnisse gleich diesen zwar weder auf das Herz noch auf den Geist,
-wohl aber auf die Magennerven Wirkung übten – und zwar eine nachhaltige
-Wirkung, so, wie der Seekranke wohl noch am Lande stundenlang die
-übelkeiterregenden Schwankungen zu spüren meint.
-
-Vorderhand war seine Neugier gestillt. Holgers Gedicht war ja im
-Augenblick nicht übel gewesen, aber die vorausgeahnte innere
-Hoffnungslosigkeit und Abgeschmacktheit des Ganzen hatte sich ihm doch
-so unverkennbar aufgedrängt, daß es, so dachte er, bei diesen wenigen
-Flocken Höllenfeuers, die ihn angestoben, sein Bewenden haben mochte.
-Herr Settembrini, wie sich denken läßt, bestärkte ihn aus allen Kräften
-in diesem Vorsatz, als Hans Castorp ihm von seinen Erlebnissen erzählte.
-„Das,“ rief er, „war alles, was noch gefehlt hatte! O Elend, Elend!“ Und
-kurzerhand erklärte er die kleine Elly für eine abgefeimte Betrügerin.
-
-Sein Zögling sagte nicht ja und nicht nein dazu. Er meinte
-achselzuckend, was Wirklichkeit sei, scheine nicht bis zur
-Unzweideutigkeit klargestellt und folglich auch nicht, was Betrug.
-Vielleicht sei die Grenze fließend. Vielleicht gäbe es Übergänge
-zwischen beidem, Grade der Realität innerhalb der wort- und
-wertungslosen Natur, die sich einer Entscheidung entzögen, der, wie ihm
-scheine, etwas stark Moralisches anhafte. Wie Herr Settembrini über das
-Wort „Gaukelei“ denke, diesen Begriff, in welchem Elemente des Traumes
-und solche der Realität eine Mischung eingingen, die der Natur
-vielleicht weniger fremd sei, als unserem derben Tagesdenken. Das
-Geheimnis des Lebens sei buchstäblich bodenlos, und was Wunder denn,
-wenn gelegentlich Gaukeleien daraus aufstiegen, die – und so fort in
-unseres Helden freundlich zugeständlicher und reichlich laxer Art.
-
-Herr Settembrini wusch ihm den Kopf nach Gebühr und erzielte denn auch
-eine augenblickliche Gewissensstärkung und etwas wie ein Versprechen, an
-solchem Greuel nie wieder teilhaben zu wollen. „Achten Sie“, so forderte
-er, „den Menschen in sich, Ingenieur! Vertrauen Sie dem klaren und
-humanen Gedanken und verabscheuen Sie die Hirnverrenkung, den geistigen
-Pfuhl! Gaukelei? Lebensgeheimnis? _Caro mio!_ Wo der sittliche Mut zu
-Entscheidungen und Unterscheidungen, wie der zwischen Betrug und
-Wirklichkeit, sich zersetzt, da ist es mit dem Leben überhaupt, dem
-Urteile, dem Werte, der bessernden Tat zu Ende, und der Verwesungsprozeß
-moralischer Skepsis beginnt sein schauerliches Werk.“ Der Mensch sei das
-Maß der Dinge, sagte er noch. Sein Recht, über Gut und Böse, Wahrheit
-und Lügenschein erkennend zu befinden, sei unveräußerlich, und wehe dem,
-der ihn im Glauben an dieses schöpferische Recht zu beirren sich
-unterfange! Es sei ihm besser, einen Mühlstein um den Hals im tiefsten
-Brunnen ertränkt zu werden.
-
-Hans Castorp nickte dazu und hielt sich in der Tat fürs erste von diesen
-Unternehmungen fern. Er hörte, daß Dr. Krokowski in seinem analytischen
-Souterrain mit Ellen Brand Sitzungen veranstalte, zu denen ausgewählte
-Mitglieder der Gästeschaft zugezogen wurden. Aber er lehnte die
-Beteiligung gleichgültig ab, – natürlich nicht ohne über die
-Versuchserfolge aus dem Munde der Mitwirkenden und Dr. Krokowskis selbst
-dies und das zu erfahren. Kraftäußerungen von der Art, wie sie im Zimmer
-der Kleefeld wilder und unwillkürlicher Weise sich ereignet hatten:
-Schläge also gegen Tisch und Wände, das Abdrehen der Lampe und anderes,
-weitergehendes, wurden bei diesen Zusammenkünften, nachdem Kamerad
-Krokowski die kleine Elly nach der Kunst hypnotisiert und in
-wachtraumhaften Zustand versetzt hatte, systematisch und unter
-möglichster Gewähr ihrer Echtheit erzielt und geübt. Es hatte sich
-gezeigt, daß eine musikalische Begleitung die Exerzitien erleichterte,
-und so wechselte an diesen Abenden das Grammophon seinen Standort, wurde
-von dem magischen Kreise mit Beschlag belegt. Da aber der Böhme Wenzel,
-der es bei dieser Gelegenheit bediente, ein musikalischer Mann war, der
-das Instrument gewiß nicht mißhandeln und schädigen würde, so konnte
-Hans Castorp es in leidlicher Gemütsruhe übergeben. Aus dem
-Plattenfundus stellte er für den besonderen Dienst ein Album zur
-Verfügung, worin er allerlei Leichtigkeiten, Tänze, kleine Ouvertüren
-und sonstiges Dideldum angeordnet hatte, das, da Elly keineswegs nach
-höheren Tönen verlangte, seinen Zweck vollkommen erfüllte.
-
-Unter diesen Klängen also war, so hörte Hans Castorp, ein Taschentuch
-selbsttätig, oder vielmehr von einer in seinen Falten verborgenen
-„Klaue“ geführt, vom Boden aufgestiegen, des Doktors Papierkorb hatte
-sich schwebend zur Decke erhoben, der Perpendikel einer Wanduhr war „von
-niemandem“ abwechselnd angehalten und wieder in Gang gesetzt, eine
-Tischglocke „genommen“ und geläutet worden und dergleichen trübe
-Nichtigkeiten mehr. Der gelehrte Versuchsleiter war in der glücklichen
-Lage, diese Leistungen mit einem griechischen Namen voll
-wissenschaftlichen Anstandes zu treffen. Es waren, so erläuterte er in
-seinen Vorträgen und in Privatgesprächen „telekinetische“ Erscheinungen,
-Fälle von Fernbewegung; und der Doktor ordnete sie einem Gebiet von
-Phänomenen zu, das die Wissenschaft auf den Namen der Materialisation
-getauft hatte, und auf das sein Sinnen und Trachten bei den Versuchen
-mit Ellen Brand eigentlich gerichtet war.
-
-In seiner Sprache handelte es sich da um biopsychische Projektionen
-unterbewußter Komplexe ins Objektive, um Vorgänge, als deren Quelle man
-die mediale Konstitution, den somnambulen Zustand zu betrachten hatte,
-und die man insofern als objektivierte Traumvorstellungen ansprechen
-mochte, als sich darin ein ideoplastisches Vermögen der Natur bewährte,
-eine unter gewissen Bedingungen dem Gedanken zukommende Fähigkeit,
-Materie an sich zu ziehen und sich zu ephemerer Wirklichkeit darin
-auszuprägen. Diese Materie entströmte dem Körper des Mediums, um sich
-außerhalb seiner zu biologisch-lebendigen Endorganen, Greifgliedern,
-Händen, vorübergehend auszugestalten, die eben jene erstaunlichen
-Unbeträchtlichkeiten vollbrachten, deren Zeuge man in Dr. Krokowskis
-Laboratorium war. Unter Umständen waren sie sichtbar und tastbar, diese
-Glieder, ließen in Paraffin und Gips ihre Form bewahren. Unter weiteren
-Umständen aber brauchte es bei ihrer Ausbildung nicht sein Bewenden zu
-haben. Köpfe, individuelle Menschenantlitze, Phantome in Vollgestalt
-verwirklichten sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einen
-gewissen begrenzten Verkehr mit ihnen zu treten – – und hier begann Dr.
-Krokowskis Lehre überäugig zu werden, begann zu schielen und einen
-ähnlich schwankenden und doppeldeutigen Charakter anzunehmen, wie seinen
-Expektorationen über die „Liebe“ geeignet hatte. Denn nun ging es nicht
-länger unmißverständlich und gewahrten wissenschaftlichen Gesichtes um
-ins Wirkliche gespiegelte Subjektivitäten des Mediums und seiner
-passiven Mithelfer; nun mischten, wenigstens halb und halb, wenigstens
-allenfalls, Ichheiten von außen und jenseits sich in das Spiel; es
-handelte sich – möglicherweise, nicht ganz eingestandenermaßen – um
-Nichtvitales, um Wesen, die die verzwickte und geheime Gunst des
-Augenblicks benutzten, um in die Materie zurückzukehren und sich den
-Rufenden kundzugeben, – kurz, um die spiritistische Beschwörung
-Verstorbener.
-
-Solche Erzeugnisse also waren es, die Kamerad Krokowski bei der Arbeit
-mit den Seinen letztlich anstrebte. Stämmig und kernig lächelnd, zu
-fröhlichem Vertraun auffordernd, strebte er sie an, heimisch für seine
-untersetzte Person im Sumpfig-Verdächtigen und Untermenschlichen und ein
-rechter Führer, denn also sogar für Zaghafte und Zweifelvolle in diesen
-Bezirken. Auch schien, dank Ellen Brands außerordentlichen Gaben, die zu
-entwickeln, zu züchten er sich angelegen sein ließ, der Erfolg ihm zu
-lächeln, nach allem, was Hans Castorp erfuhr. Berührungen einzelner
-Teilnehmer durch materialisierte Hände hatten sich ereignet.
-Staatsanwalt Paravant hatte aus der Transzendenz eine derbe Backpfeife
-empfangen und mit wissenschaftlicher Heiterkeit quittiert, ja, vor
-Begier sogar noch die andere Backe hingehalten, – ungeachtet seiner
-Eigenschaften als Kavalier, Jurist und Alter Herr einer schlagenden
-Verbindung, welche alle ihn zu einem ganz anderen Verhalten würden
-genötigt haben, wäre der Streich vitaler Herkunft gewesen. A. K. Ferge,
-dieser schlichte Dulder, dem alles Höhere fernlag, hatte eines Abends
-ein solches Geisterglied in seiner eigenen Hand gehalten und durch den
-Tastsinn die Richtigkeit und Vollständigkeit seiner Bildung
-festgestellt, worauf es sich seinem Griff, der herzhaft in den Grenzen
-des Respektes gewesen war, auf nicht genau zu beschreibende Weise
-entzogen hatte. Es dauerte geraume Frist, wohl zweieinhalb Monate, bei
-zwei Sitzungen wöchentlich, bis eine Hand so hinterweltlicher Herkunft,
-rötlich angestrahlt von einem mit rotem Papier verdunkelten
-Tischlämpchen, – eines jungen Mannes Hand, wie es hatte scheinen wollen,
-– über der Tischplatte fingernd sich allen Blicken dargestellt und in
-einer irdenen Schüssel mit Mehl ihre Spur hinterlassen hatte. Aber nur
-acht Tage später geschah es, daß eine Gruppe von Mitarbeitern Dr.
-Krokowskis, Herr Albin, die Stöhr, das Ehepaar Magnus, noch gegen
-Mitternacht mit allen Anzeichen verzerrter Begeisterung und fieberigen
-Entzückens in Hans Castorps Balkonloge erschien und dem in beißendem
-Froste Dämmernden in fliegendem Durcheinander berichtete, Ellys Holger
-habe sich sehen lassen, über der Schulter der Somnambulen habe sein Kopf
-sich gezeigt, er habe wirklich „schöne braune, braune Locken“ gehabt und
-so unvergeßlich sanft und melancholisch gelächelt, bevor er verschwand!
-
-Wie stimmte, dachte Hans Castorp, diese edle Trauer mit Holgers
-anderweitigem Benehmen, seinen phantasielosen Kindereien und simplen
-Bubenstücken, der ganz unmelancholischen Tatze, zum Beispiel, zusammen,
-die der Staatsanwalt von ihm eingesteckt? Folgerechte Geschlossenheit
-des Charakters war hier offenbar nicht zu fordern. Vielleicht lag eine
-Gemütsverfassung vor, ähnlich der des bucklichen Männleins im Liede,
-seiner kummervollen und fürbittebedürftigen Bosheit. Holgers Verehrer
-schienen sich darüber keine Gedanken zu machen. Was ihnen am Herzen lag,
-war, Hans Castorp zum Aufgeben seiner Enthaltsamkeit zu bestimmen.
-Unbedingt müsse er der nächsten Sitzung beiwohnen, nun, wo alles so
-prächtig stehe. Denn Elly habe im Schlafe versprochen, das nächste Mal
-jeden beliebigen Verstorbenen vorzuführen, der aus dem Kreise würde
-verlangt werden.
-
-Jeden beliebigen? Hans Castorp hielt sich trotzdem ablehnend. Aber daß
-es jeder beliebige Abgeschiedene sein könne, beschäftigte ihn dennoch in
-einem Maße, daß er im Laufe der nächsten drei Tage zu entgegengesetzten
-Beschlüssen kam. Genau genommen waren es nicht diese drei Tage, sondern
-nur einige Minuten davon, die ihn dazu brachten. Seine Sinnesänderung
-vollzog sich, während er zu einsamer Abendstunde im Musiksalon wieder
-einmal jene Platte laufen ließ, in welche Valentins erzsympathische
-Persönlichkeit eingeprägt war, – während er in seinem Stuhl diesem
-Soldatengebet des scheidenden Braven lauschte, den es aufs Feld der Ehre
-drängte, und der sang:
-
- „Und ruft mich Gott zu Himmelshöhn,
- Will schützend ich auf dich herniedersehn,
- O Margarete!“
-
-Da hob sich, wie immer bei diesem Gesange, aber diesmal durch gewisse
-Möglichkeiten verstärkt und zum Wunsche verdichtet, große Rührung auf in
-Hans Castorps Brust, und er dachte: „Müßig und sündig oder nicht, es
-wäre doch herzlich seltsam und ein sehr liebes Abenteuer. Er, wenn er
-damit zu tun hat, wird es nicht übelnehmen, wie ich ihn kenne.“ Und er
-erinnerte sich des gleichmütig-liberalen, „Bitte, bitte!“, das er einst,
-im Durchleuchtungslaboratorium, aus der Nacht zur Antwort erhalten, als
-er um Erlaubnis zu gewissen optischen Indiskretionen einkommen zu sollen
-geglaubt hatte.
-
-Am nächsten Morgen meldete er seine Teilnahme an der abendlich
-bevorstehenden Sitzung an und gesellte sich eine halbe Stunde nach dem
-Diner zu denen, die, unbeklommen plaudernd, als Habitués des
-Nichtgeheueren, den Weg ins Kellergeschoß einschlugen. Es waren lauter
-wurzelständig Alteingesessene oder doch längst Zugehörige, wie Dr.
-Ting-Fu und der Böhme Wenzel, mit denen er auf der Treppe und dann in
-Dr. Krokowskis Gelaß zusammentraf: die Herren Ferge und Wehsal also, der
-Staatsanwalt, die Damen Levi und Kleefeld, zu schweigen von denen, die
-ihm die Erscheinung von Holgers Haupt gemeldet hatten, und von der
-Mittlerin, Elly Brand.
-
-Das nordische Kind befand sich bereits in des Doktors Obhut, als Hans
-Castorp die mit der Visitenkarte geschmückte Tür durchschritt. An
-Krokowskis Seite, der, bekleidet mit seinem schwarzen Arbeitskittel, in
-väterlichem Sinne den Arm um ihre Schulter geschlungen hielt, erwartete
-sie am Fuße der Stufen, die noch von der Ebene des Souterrains in die
-Wohnung des Assistenten hinabführten, die Gäste und begrüßte sie mit
-ihm. Allerseits war diese Begrüßung von aufgeräumt-unbedenklicher
-Herzlichkeit getragen. Es schien Absicht, die Stimmung von jeder
-feierlichen Beengung freizuhalten. Laut und scherzhaft sprach man
-durcheinander, tauschte aufmunternde Rippenstöße und bekundete auf alle
-Weise seine Unbefangenheit. In Dr. Krokowskis Barte zeigten sich
-beständig mit jenem kernigen und zum Vertrauen auffordernden Ausdruck
-seine gelben Zähne, während er sein „Ich gdieße Sie!“ wiederholte, und
-besonders taten sie das, als er Hans Castorp willkommen hieß, der
-schweigsam war, und dessen Miene schwankte. „Mut, mein Freund!“ schien
-die auf- und rückwärts schüttelnde Kopfbewegung des Wirtes zu sagen,
-während er dem jungen Mann fast derb die Hand drückte. „Wer wird die
-Ohren hängen lassen? Hier gibt es nicht Duckmäusertum noch Frömmelei,
-sondern einzig die männliche Heiterkeit vorurteilsloser Forschung!“ Dem
-pantomimisch so Angeredeten wurde nicht wohler davon. Wir ließen ihn
-sich bei seinen Vorsätzen des Durchleuchtungslaboratoriums erinnern,
-doch diese Ideenverbindung reicht keineswegs hin, um den Zustand seines
-Gemüts zu kennzeichnen. Vielmehr gemahnte dieser ihn selbst sehr lebhaft
-an die eigentümlich und unvergeßlich aus Übermut und Nervosität,
-Wißbegier, Verachtung und Andacht gemischte Verfassung, worin er sich
-vor Jahren befunden, als er sich, etwas bekneipt, mit Kameraden zum
-erstenmal angeschickt hatte, ein Mädchenhaus in Sankt Pauli zu besuchen.
-
-Da man übrigens vollzählig war, so zog Dr. Krokowski sich mit zwei
-Assistentinnen, zu welchen diesmal Frau Magnus und die elfenbeinfarbene
-Levi ernannt worden, zur Leibeskontrolle des Mediums ins Nebengelaß
-zurück, während Hans Castorp mit den neun verbleibenden Teilnehmern das
-Ende dieses regelmäßig und stets ergebnislos wiederholten Aktes
-wissenschaftlicher Strenge im Arbeits- und Ordinationszimmer des Doktors
-erwartete. Der Raum war ihm vertraut von gewissen Plauderstunden her,
-die er eine Zeitlang, hinter Joachims Rücken, hier mit dem
-Analytiker abgehalten. Es war, mit seinem Schreibbureau nebst
-Armsessel und Besucherfauteuil links hinten am Fenster, seiner
-Handbibliothek zu beiden Seiten der Nebentür, seiner von der
-Schreibtischgruppe durch einen mehrteiligen Wandschirm getrennten schräg
-stehenden Wachstuch-Chaiselongue im rechten Hintergrunde, seinem
-Instrumentenglasschrank im dortigen Winkel, der Hippokratesbüste in
-einem anderen und dem Stich nach Rembrandts Anatomie über dem Gaskamin
-an der rechten Seitenwand, alltäglich ein ärztliches Empfangszimmer wie
-andere mehr; doch waren einige für den besonderen Zweck getroffene
-Abänderungen in seiner Einrichtung festzustellen. Der Mahagonirundtisch,
-der gewöhnlich, von Sesseln umgeben, in der Mitte, unter dem
-elektrischen Lüster auf dem fast den ganzen Boden bedeckenden roten
-Teppich seinen Platz hatte, war gegen den linken Winkel des
-Vordergrundes, dorthin, wo die Gipsbüste stand, verrückt, und
-exzentrisch, näher gegen den brennenden und eine trockene Hitze
-ausströmenden Kamin hin, stand ein kleineres, leicht bedecktes
-Tischchen, das ein rot verkleidetes Lämpchen trug, und über dem, von der
-Decke herab, noch eine weitere, ebenfalls mit rotem und außerdem noch
-mit schwarzem Schleierstoff umkleidete Birne hing. Auf und neben dem
-Tischchen standen ein paar berüchtigte Gegenstände: die Tischglocke,
-oder eigentlich zwei von verschiedener Konstruktion, eine Handschelle
-und eine Druckglocke, zum Daraufschlagen, ferner der Teller mit Mehl,
-der Papierkorb. Etwa ein Dutzend Stühle und Sessel unterschiedlichen
-Typs umgaben das Tischchen in einem Halbkreis, dessen eines Ende nahe
-dem Fußende der Chaiselongue und dessen anderes ziemlich genau in der
-Mitte des Zimmers, unter dem Deckenlüster gelegen war. Hier, in der Nähe
-des letzten Sitzes, etwa halbwegs zur Nebentür, hatte auch der
-Musikschrein seinen Platz gefunden. Das Album mit den Leichtigkeiten lag
-auf einem Stuhle daneben. So die Anordnung. Noch waren die roten Lampen
-nicht entzündet. Der Deckenkörper spendete tagweißes Licht. Das Fenster,
-dem der davor stehende Schreibtisch die Schmalseite zukehrte, war mit
-einem dunklen Vorhang verhüllt, vor dem noch ein cremefarbener,
-spitzenartig durchbrochener, ein sogenannter Store, herniederhing.
-
-Nach zehn Minuten kehrte der Doktor mit den drei Damen aus dem Kabinett
-zurück. Das Äußere der kleinen Elly hatte sich verändert. Sie zeigte
-sich nicht mehr in ihren Kleidern, sondern in einer Art Sitzungskostüm,
-einem schlafrockartigen Gewande aus weißem Crepe, das um die Taille von
-einer Gürtelschnur, einer Kordel zusammengehalten wurde und ihre
-schmalen Arme entblößt ließ. Da ihre jungfräuliche Brust sich so weich
-und ungefesselt darunter abzeichnete, schien es, daß sie unter diesem
-Gewande wenig trage.
-
-Sie wurde lebhaft begrüßt. „Hallo, Elly! Wie reizend sie wieder
-aussieht! Die reine Fee! Mach’s gut, mein Engel!“ Sie lächelte über die
-Zurufe, über ihren Aufzug, von dem sie wohl wußte, daß er sie kleidete.
-„Vorkontrolle negativ“, stellte Dr. Krokowski fest. „Frisch ans Werk
-denn, Kameraden!“ fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischem
-Zungen-_r_ hinzu; und Hans Castorp, übel berührt von der Anrede, war im
-Begriff, sich gleich den anderen, die unter Hallos, Geschwätz und
-Schulterschlägen den Halbkreis der Stühle einzunehmen begannen,
-irgendeinen Platz zu suchen, als der Doktor sich persönlich an ihn
-wandte.
-
-„Ihnen, mein Freund (mein Freind)“, sagte er, „der Sie gewissermaßen als
-Gast oder Neuling in unserer Mitte weilen, möchte ich für diesen Abend
-besondere Ehrenrechte zuerkennen. Ich betraue Sie mit der Kontrolle
-unseres Mediums. Wir üben sie, wie folgt.“ Und er bat den jungen Mann an
-das eine Ende des offenen Zirkels, an das der Chaiselongue und dem
-Wandschirm benachbarte, wo Elly, das Gesicht mehr der Eingangstür mit
-den Stufen, als der Zimmermitte zugewandt, einen gewöhnlichen Rohrstuhl
-eingenommen hatte, setzte sich auf einen ebensolchen ihr dicht gegenüber
-und ergriff ihre Hände, indem er ihre beiden Knie zwischen die seinen
-klemmte. „Ahmen Sie das nach!“ befahl er und ließ Hans Castorp für sich
-eintreten. „Sie werden zugeben, daß die Haft vollkommen ist. Zum
-Überfluß erhalten Sie Unterstützung. Mein Fräulein Kleefeld, darf ich
-ersuchen?“ Und die so höfisch-exotisch Beorderte gesellte sich zu der
-Gruppe, indem sie mit ihren beiden Händen Ellys gebrechliche Handgelenke
-umfaßte.
-
-Es war nicht ganz zu vermeiden, daß Hans Castorp in das dem seinen so
-nahe Gesicht des eng von ihm gefesselten jungfräulichen Wunderkindes
-blickte. Ihre Augen begegneten sich, aber Ellys glitten ab und nieder,
-zum Zeichen einer Schamhaftigkeit, die nach Lage der Dinge wohl
-begreiflich war, und sie lächelte dazu ein wenig geziert, mit schrägem
-Kopfe und leicht gespitzten Lippen, wie neulich bei der Glasseance.
-Übrigens flog noch eine andere und weitläufigere Erinnerung ihren
-Aufseher an bei dieser stillen Ziererei. So ungefähr, fiel ihm ein,
-hatte Karen Karstedt gelächelt, als er mit Joachim und ihr an der noch
-unaufgemachten Bettstatt des Friedhofs von „Dorf“ gestanden hatte ...
-
-Der Halbkreis war seßhaft geworden. Es waren dreizehn Personen, nicht
-eingeschlossen den Böhmen Wenzel, der seine Person zur Versorgung
-Polyhymnias freizuhalten gewohnt war und neben dem Apparat, nachdem er
-ihn in Bereitschaft gesetzt, im Rücken der gegen die Zimmermitte hin
-Sitzenden einen Hocker einnahm. Auch seine Guitarre hatte er bei sich.
-Unter dem Mittellüster, dort, wo die gekrümmte Reihe wiederum endigte,
-ließ Dr. Krokowski sich nieder, nachdem er mit einem Handgriff die
-beiden roten Beleuchtungskörper entzündet und mit einem zweiten das
-Deckenweißlicht gelöscht hatte. Sacht glühende Finsternis lag nun über
-dem Zimmer, dessen entferntere Gegenden und Winkel dem Blick überhaupt
-unzugänglich geworden waren. Eigentlich war nur die Platte des
-Tischchens und seine nächste Umgebung schwach rötlich erhellt. Man sah
-kaum seinen Nachbarn während der nächsten Minuten. Nur langsam bequemten
-die Augen sich dem Dunkel und lernten, das zugestandene Licht sich
-zunutzezumachen, das durch das Flämmchengetänzel des Kamins eine gewisse
-Verstärkung erfuhr.
-
-Der Doktor widmete der Beleuchtung einige Worte, entschuldigte ihre
-wissenschaftlichen Mängel. Man möge sich hüten, sie im Sinne der
-Stimmungsmache und Mystifikation zu deuten. Kein Mehr an Licht sei
-leider beim besten Willen vorerst zu erreichen gewesen. Die Natur der
-hier in Frage stehenden und zu studierenden Kräfte bringe es nun einmal
-mit sich, daß sie bei Weißlicht sich nicht zu entwickeln, nicht wirksam
-zu werden vermöchten. Das sei eine bedingende Tatsache, mit der man sich
-vorläufig abzufinden habe. – Hans Castorp war es zufrieden. Das Dunkel
-tat wohl; es milderte die Eigentümlichkeiten der Gesamtlage. Überdies
-erinnerte er sich zur Rechtfertigung des Dunkels an dasjenige, worin man
-sich im Durchleuchtungsraum fromm gesammelt und mit dem man sich die
-Tagaugen gewaschen hatte, bevor man „sah“.
-
-Das Medium, so setzte Dr. Krokowski sein Vorwort fort, das er offenbar
-an Hans Castorp besonders richtete, bedürfe der Einschläferung durch
-ihn, den Arzt, nicht länger. Sie falle, wie der Kontrolleur schon merken
-werde, von selbst in Trance, und, dies geschehen, spreche ihr
-Schutzgeist, der bekannte Holger, aus ihr, an den man sich auch – und
-nicht an sie – mit seinen Wünschen zu wenden habe. Übrigens sei es
-irrtümlich und könne Mißlingen zeitigen, zu glauben, man müsse Willen
-und Gedanken mit Gewalt auf das gewärtigte Phänomen versammeln. Im
-Gegenteil sei eine halb zerstreute und gesprächige Aufmerksamkeit das
-Gebotene. Hans Castorp möge vor allem darauf bedacht sein, die
-Extremitäten des Mediums in untadeliger Obhut zu halten.
-
-„Man bilde die Kette!“ schloß Dr. Krokowski, und so tat man, lachend,
-wenn im Dunkel die Hände der Nachbarn nicht gleich zu finden waren. Dr.
-Ting-Fu, Hermine Kleefeld zunächst sitzend, legte seine Rechte auf ihre
-Schulter und reichte die Linke Herrn Wehsal, der auf ihn folgte. Neben
-dem Doktor saßen Herr und Frau Magnus, an die A. K. Ferge sich schloß,
-welcher, wenn Hans Castorp sich nicht täuschte, die Hand der
-elfenbeinfarbenen Levi zu seiner Rechten hielt, – und so fort. „Musik!“
-befahl Dr. Krokowski; und der Tscheche im Rücken des Doktors und seiner
-Nächsten, ließ laufen und setzte die Nadel auf. „Gespräch!“ kommandierte
-Krokowski wieder, während die ersten Takte einer Ouvertüre von Millöcker
-erschollen; und gehorsam rückte man sich auf, um eine Unterhaltung in
-Gang zu setzen, die von nichts und wieder nichts, hier von den
-Schneeverhältnissen dieses Winters, da von der letzten Speisenfolge,
-dort von einer Arrivée, einer wilden oder legitimen Abreise handelte
-und, halb zugedeckt von der Musik, abreißend und wieder anhebend, sich
-künstlich am Leben hielt. So vergingen einige Minuten.
-
-Die Platte war noch nicht abgelaufen, als Elly heftig zusammenzuckte.
-Ein Zittern durchlief sie, sie seufzte, ihr Oberkörper sank nach vorn,
-so daß ihre Stirn diejenige Hans Castorps berührte, und gleichzeitig
-begannen ihre Arme mit denen der Aufseher sonderbar pumpende, vor- und
-rückwärts stoßende Bewegungen auszuführen.
-
-„Trance!“ meldete kundig die Kleefeld. Die Musik verstummte. Das
-Gespräch brach ab. In die jähe Stille hinein hörte man des Doktors weich
-schleppenden Bariton die Frage tun:
-
-„Ist Holger zur Stelle?“
-
-Elly erzitterte aufs neue. Sie schwankte auf ihrem Stuhl. Dann spürte
-Hans Castorp, wie sie mit beiden Händen fest und kurz die seinen
-drückte.
-
-„Sie drückt mir die Hände“, teilte er mit.
-
-„Er“, verbesserte ihn der Doktor. „Er hat sie Ihnen gedrückt. Er ist
-also gegenwärtig. – Wir gdießen dich, Holger“, fuhr er mit Salbung fort.
-„Sei uns von Herzen willkommen, Gesell! Und laß dich erinnern! Als du
-das letztemal unter uns weiltest, versprachst du, jeden beliebigen
-Abgeschiedenen, sei es ein Menschenbduder oder eine Schwester,
-herbeizurufen und unseren sterblichen Augen sichtbar zu machen, der dir
-aus unserem Kreise genannt werden würde. Bist du gewillt und fühlst du
-dich vermögend, heut dieses Versprechen einzulösen?“
-
-Wieder schauderte Elly. Sie seufzte und zögerte mit der Antwort. Langsam
-führte sie ihre Hände nebst denen der Beisitzer an ihre Stirn, wo sie
-sie eine Weile ruhen ließ. Dann flüsterte sie dicht an Hans Castorps Ohr
-ein heißes „Ja!“
-
-Der Sprechhauch unmittelbar in sein Ohr hinein schuf unserem Freund
-jenes epidermale Gruseln, das man volkstümlich als „Gänsehaut“
-bezeichnet, und dessen Wesen der Hofrat ihm eines Tages erläutert hatte.
-Wir sprechen von einem Gruselreiz, um das rein Körperliche vom
-Seelischen zu unterscheiden; denn von Grauen konnte nicht wohl die Rede
-sein. Was er dachte, war ungefähr: „Na, die vermißt sich ja weitgehend!“
-Zugleich aber wandelte Rührung, ja Erschütterung ihn an, eine verwirrte
-Rührung und Erschütterung, ein Gefühl, geboren aus Verwirrung, aus dem
-täuschenden Umstande nämlich, daß ein junges Blut, dessen Hände er
-hielt, an seinem Ohre ein „Ja“ gehaucht hatte.
-
-„Er hat Ja gesagt“, rapportierte er und schämte sich.
-
-„Gut denn, Holger!“ sprach Dr. Krokowski. „Wir nehmen dich beim Wort.
-Wir alle vertrauen, daß du redlich das Deine tust. Der Name des Teuren,
-nach dessen Manifestation wir verlangen, wird dir sogleich genannt
-werden. Kameraden“, wandte er sich an die Gesellschaft, „heraus mit der
-Sprache! Wer ist es, der einen Wunsch in Bereitschaft hat? Wen soll uns
-Freund Holger zeigen?“
-
-Ein Schweigen folgte. Es wartete jeder auf eine Äußerung des anderen.
-Der einzelne hatte sich wohl in den letzten Tagen geprüft, wohin, zu wem
-seine Gedanken gingen; doch bleibt die Rückkunft Verstorbener, das
-heißt: die Wünschbarkeit solcher Wiederkehr immer ein verwickeltes und
-heikles Ding. Im Grunde und gerade heraus gesprochen besteht sie nicht,
-diese Wünschbarkeit; sie ist ein Irrtum; sie ist, bei Lichte besehen,
-genau so unmöglich, wie die Sache selbst, was sich erweisen würde, höbe
-die Natur die Unmöglichkeit dieser nur einmal auf; und was wir Trauer
-nennen, ist vielleicht nicht sowohl der Schmerz über die Unmöglichkeit,
-unsere Toten ins Leben kehren zu sehen, als darüber, dies gar nicht
-wünschen zu können.
-
-So empfanden dunkel alle, und wiewohl es sich hier um keine ernste und
-praktische Rückkehr ins Leben, sondern um eine rein sentimentale und
-theatralische Veranstaltung handelte, bei der man den Ausgeschiedenen
-eben nur sehen sollte, der Fall also lebensunbedenklich war, so
-fürchteten sie sich doch vor dem Angesichte dessen, an den sie dachten,
-und jeder hätte das Recht, einen Wunsch zu äußern, lieber dem Nächsten
-zugeschoben. Auch Hans Castorp, obgleich er das gutmütig liberale „Bitte
-– bitte!“ aus der Nacht vernahm, hielt sich zurück und war im letzten
-Augenblick ziemlich bereit, einem anderen den Vortritt zu lassen. Da es
-ihm aber zu lange dauerte, so sagte er denn, den Kopf gegen den
-Sitzungsleiter gewandt, mit belegter Stimme:
-
-„Ich möchte meinen verstorbenen Vetter Joachim Ziemßen sehen.“
-
-Das war Befreiung für alle. Von sämtlichen Anwesenden hatten nur Dr.
-Ting-Fu, der Tscheche Wenzel und das Medium selbst den Angeforderten
-nicht gekannt. Die übrigen, Ferge, Wehsal, Herr Albin, der Staatsanwalt,
-Herr und Frau Magnus, die Stöhr, die Levi, die Kleefeld, bekundeten laut
-und froh ihren Beifall, und selbst Dr. Krokowski nickte zufrieden,
-obgleich sein Verhältnis zu Joachim allezeit kühl gewesen war, da dieser
-im Punkte der Analyse sich wenig willfährig erwiesen hatte.
-
-„Sehr wohl“, sagte der Doktor. „Du hörtest, Holger? Im Leben war der
-Genannte dir fremd. Erkennst du ihn im Jenseits der Dinge und bist du
-bereit, ihn uns herbeizuführen?“
-
-Größte Erwartung. Die Schlafende schwankte, seufzte und schauderte. Sie
-schien zu suchen und zu kämpfen, während sie, hin und her sinkend, bald
-an Hans Castorps Ohr, bald an dem der Kleefeld Unverständliches
-flüsterte. Endlich empfing Hans Castorp von ihren beiden Händen den
-Druck, der „Ja“ bedeutete. Er erstattete Meldung, und –
-
-„Gut denn!“ rief Dr. Krokowski. „An die Arbeit, Holger! Musik!“ rief er.
-„Gespräch!“ Und er wiederholte die Einschärfung, daß keinerlei
-Gedankenkrampf und gewaltsame Vorstellung des Erwarteten, sondern einzig
-eine zwanglos schwebende Achtsamkeit der Sache zu dienen vermöge.
-
-Nun folgten die sonderbarsten Stunden, die unseres Helden junges Leben
-bis dahin aufzuweisen hatte; und obgleich uns sein späteres Schicksal
-nicht vollkommen deutlich ist, obgleich wir ihn an einem bestimmten
-Punkt unserer Geschichte aus den Augen verlieren werden, möchten wir
-annehmen, daß es die überhaupt sonderbarsten blieben, die er erlebte.
-
-Es waren Stunden, mehr als zwei, wir sagen es gleich, eine kurze
-Unterbrechung der nun anhebenden „Arbeit“ Holgers oder eigentlich des
-Jungfräuleins Elly mit eingerechnet, – dieser Arbeit, die sich
-entsetzlich in die Länge zog, so daß man endlich an einem Ergebnis zu
-verzagen allgemein im Begriffe war und außerdem aus purem Mitleid oft
-genug sich versucht fühlte, sie verzichtend abzukürzen, denn sie schien
-wirklich erbarmungswürdig schwer und über die zarten Kräfte zu gehen,
-denen sie auferlegt war. Wir Männer, wenn wir dem Menschlichen nicht
-ausweichen, kennen aus einer bestimmten Lebenslage dies unerträgliche
-Erbarmen, das lächerlicherweise von niemandem angenommen wird und
-wahrscheinlich gar nicht am Platze ist, dies empörte „Genug!“, das sich
-unserer Brust entringen will, obgleich „es“ nicht genug sein will und
-darf und so oder so zu Ende geführt werden muß. Man versteht schon, daß
-wir von unserer Gatten- und Vaterschaft sprechen, vom Akt der Geburt,
-dem Ellys Ringen tatsächlich so unzweideutig und unverwechselbar glich,
-daß auch derjenige ihn wiedererkennen mußte, der ihn noch gar nicht
-kannte, wie der junge Hans Castorp, welcher also, da auch er dem Leben
-nicht ausgewichen war, diesen Akt voll organischer Mystik in solcher
-Gestalt kennen lernte, – in was für einer Gestalt! Und zu welchem
-Behufe! Und unter welchen Umständen! Unmöglich konnte man sie anders als
-skandalös bezeichnen, die Merkmale und Einzelheiten dieser animierten
-Wochenstube im Rotlicht, sowohl was die jungfräuliche Person der
-Wöchnerin in ihrem fließenden Schlafrock und mit ihren bloßen Ärmchen,
-wie auch was die weiteren Verhältnisse, die unaufhörliche leichtlebige
-Grammophon-Musik, das künstliche Geschwätz betraf, das der Halbkreis auf
-Befehl zu unterhalten suchte, die Zurufe fröhlich aufmunternder Art, die
-aus ihm immerfort an die Kämpfende ergingen: „Hallo, Holger! Mut! Es
-wird schon! Nicht nachlassen, Holger, und immer heraus damit, so wirst
-du’s schaffen!“ Und keineswegs nehmen wir hier die Person und Lage des
-„Gatten“ aus – wenn wir Hans Castorp, der ja den Wunsch getan, als den
-zugehörigen Gatten betrachten dürfen – des Gatten also, der die Knie der
-„Mutter“ zwischen den seinen, ihre Hände in seinen hielt: diese
-Händchen, die so naß waren, wie der kleinen Leila ihre einst gewesen, so
-daß er beständig seinen Zugriff erneuern mußte, damit sie ihm nicht
-entglitten.
-
-Denn der Gaskamin im Rücken der hier Sitzenden strahlte Hitze.
-
-Mystik und Weihe? Ach nein, es ging laut und abgeschmackt zu im
-Rotdunkel, an welches die Augen sich nachgerade soweit gewöhnt hatten,
-daß sie das Zimmer so ziemlich beherrschten. Die Musik, das Rufen
-erinnerten an Aufpulverungsmethoden der Heilsarmee, erinnerten auch
-denjenigen daran, der, wie Hans Castorp, einem Gottesfest dieser
-aufgeräumten Zeloten noch niemals beigewohnt hatte. Mystisch,
-geheimnisvoll, den Fühlenden zur Frömmigkeit anhaltend, wirkte die Szene
-in keinerlei gespenstischem Sinn, sondern einzig in einem natürlichen,
-organischen – und durch welche nähere und intime Verwandtschaft, das
-sagten wir schon. Ellys Anstrengungen kamen wehenartig, nach
-Ruhezuständen, während welcher sie seitlich schlaff vom Stuhle hing, in
-einer Verfassung von Unzugänglichkeit, die Dr. Krokowski als
-„Tief-Trance“ bezeichnete. Dann wieder fuhr sie auf, stöhnte, warf sich
-hin und her, drängte, rang mit ihren Aufsehern, flüsterte Heißes und
-Sinnloses an ihren Ohren, schien mit seitwärts schleudernden Bewegungen
-etwas aus sich hinausjagen zu wollen, knirschte mit den Zähnen und biß
-einmal sogar in Hans Castorps Ärmel.
-
-Das ging so eine Stunde und länger. Dann fand der Sitzungsleiter es im
-allseitigen Interesse geraten, eine Pause eintreten zu lassen. Der
-Tscheche Wenzel, der erleichternder Abwechselung halber den Musikapparat
-zuletzt geschont und sehr gewandt die Gitarre hatte schollern und tönen
-lassen, stellte sein Instrument beiseite. Man löste aufseufzend die
-Hände. Dr. Krokowski schritt zur Wand, um das Deckenlicht einzuschalten.
-Blendend flammte die weiße Helligkeit auf, daß alle die Nachtaugen blöde
-verkniffen. Elly schlummerte weit vorgebeugt, das Gesicht fast in ihrem
-Schoß. Man sah sie eigentümlich beschäftigt, begriffen in einem Tun, das
-den anderen vertraut schien, dem aber Hans Castorp verwundert und
-aufmerksam zusah: Einige Minuten lang fuhr sie mit der hohlen Hand in
-der Gegend ihrer Hüfte hin und her, – führte die Hand von sich fort und
-mit schöpfender oder rechender Bewegung wieder an sich heran, so, als
-zöge und sammle sie etwas ein. – Dann kam sie in mehrmaligem Aufzucken
-zu sich, blinzelte, auch sie, mit blöden Schlafaugen ins Licht und
-lächelte.
-
-Sie lächelte, – zierlich und etwas verschlossen. Das Erbarmen mit ihrer
-Mühsal schien in der Tat verschwendet. Es sah nicht aus, als sei sie
-besonders erschöpft davon. Vielleicht erinnerte sie sich gar nicht
-daran. Sie saß in des Doktors Besuchersessel an der rückwärtigen
-Breitseite des Schreibtisches am Fenster, zwischen ihm und der
-spanischen Wand, die die Chaiselongue umstand; hatte dem Stuhl eine
-Wendung gegeben, daß sie den Arm auf die Schreibtischplatte stützen
-konnte und ins Zimmer blickte. So saß sie, von gerührten Blicken
-gestreift, mit aufmunterndem Kopfnicken hie und da bedacht, schweigend
-während der ganzen Pause, die fünfzehn Minuten dauerte.
-
-Es war eine richtige Pause, – gelöst und von sanfter Genugtuung im
-Hinblick auf die schon geleistete Arbeit erfüllt. Die Zigarettenbüchsen
-der Herren klappten. Man rauchte mit Behagen und besprach da und dort
-nahe beieinander stehend den Charakter der Sitzung. Viel fehlte, daß man
-an diesem Charakter verzagen, eine endgültige Ergebnislosigkeit hätte
-ins Auge fassen müssen. Es gab Anzeichen, geeignet, solchen Kleinmut
-völlig hintanzuhalten. Diejenigen, die am entgegengesetzten Ende des
-Halbkreises, beim Doktor, gesessen hatten, stimmten darin überein,
-mehrmals und deutlich jenen kühlen Hauch verspürt zu haben, der
-regelmäßig, wenn Phänomene sich vorbereiteten, von der Person des
-Mediums in eine bestimmte Richtung ausgehe. Andere wollten
-Lichterscheinungen bemerkt haben, weiße Flecken, wandernde Ballungen von
-Kraft, die sich vor der spanischen Wand verschiedentlich gezeigt hätten.
-Kurzum, kein Nachlassen! Keine Mattherzigkeit! Holger hatte sein Wort
-gegeben, und man hatte kein Recht, zu zweifeln, daß er es einlösen
-werde.
-
-Dr. Krokowski gab das Zeichen zum Wiederbeginn der Sitzung. Er selbst
-geleitete Elly, während auch die übrigen ihre Plätze wieder aufsuchten,
-zu ihrem Marterstuhl zurück, wobei er ihr Haar streichelte. Alles ging
-wie vorhin; Hans Castorp beantragte zwar seine Ablösung vom Posten des
-ersten Kontrolleurs, wurde aber vom Sitzungsleiter abschlägig
-beschieden. Er lege Wert darauf, sagte dieser, demjenigen, der den
-Wunsch getan, die unmittelbar sinnliche Gewähr zu geben, daß jede
-irreführende Manipulation des Mediums praktisch ausgeschlossen sei. So
-nahm Hans Castorp seine sonderbare Stellung mit Elly wieder ein. Das
-Licht erlosch zum Rotdunkel. Die Musik begann wieder. Wieder folgten
-nach einigen Minuten das jähe Zusammenzucken, die Pumpbewegungen Ellys,
-und diesmal war es Hans Castorp, der „Trance“ meldete. Die skandalöse
-Niederkunft nahm ihren Fortgang.
-
-Wie schrecklich schwer sie vonstatten ging! Sie schien nicht vonstatten
-gehen zu wollen, – und konnte sie denn? Welcher Wahnsinn! Woher hier
-Mutterschaft? Entbindung – wie und wovon? „Helft! Helft!“ stöhnte das
-Kind, während seine Wehen in jenen unförderlichen und gefährlichen
-Dauerkrampf überzugehen drohten, den gelehrte Geburtshelfer als
-Eklampsie bezeichnen. Sie rief nach dem Doktor zwischendurch, daß er ihr
-die Hände auflege. Er tat es unter kernigem Zureden. Die Magnetisierung,
-wenn es denn eine solche war, stärkte sie zu weiterem Ringen.
-
-Also verging die zweite Stunde, während abwechselnd die Gitarre
-schollerte und das Grammophon die Weisen des leichten Albums in den Raum
-warf, dessen Lichtverhältnissen die tagentwöhnten Augen sich wieder
-leidlich angepaßt hatten. Da ereignete sich ein Zwischenfall, – Hans
-Castorp war es, der ihn herbeiführte. Er gab eine Anregung, sprach einen
-Wunsch und Gedanken aus, den er längst, eigentlich von allem Anbeginn,
-gehegt und mit dem er möglicherweise früher hätte hervortreten sollen.
-Eben lag Elly, das Gesicht auf ihren gehaltenen Händen, in „Tieftrance“,
-und Herr Wenzel war im Begriffe die Platte zu wechseln oder sie
-umzudrehen, als unser Freund mit Entschluß begann und sagte, er habe
-einen Vorschlag zu machen, – unbedeutend übrigens, und doch könne seine
-Annahme vielleicht von Nutzen sein. Er habe da ... das heiße: der
-Plattenschatz des Hauses enthalte eine Nummer: aus „Margarete“ von
-Gounod, Gebet des Valentin, Bariton mit Orchester, sehr ansprechend. Er,
-Redner, meine, daß man es einmal mit dieser Platte versuchen sollte.
-
-„Und warum das?“ fragte der Doktor durch das Rotdunkel ...
-
-„Stimmungssache, Gefühlsangelegenheit“, versetzte der junge Mann. Der
-Geist des fraglichen Stückes sei eigentümlich und speziell. Es komme auf
-einen Versuch damit an. Nicht ganz ausgeschlossen, seiner Meinung nach,
-daß dieser Geist und Charakter den Prozeß, um den es hier gehe, werde
-abkürzen können.
-
-„Ist die Platte zur Stelle?“ erkundigte sich der Doktor.
-
-Nein, das war sie nicht. Aber Hans Castorp konnte sie ohne weiteres
-holen.
-
-„Wo denken Sie hin!“ Krokowski wies das unbedingt von der Hand. Wie?
-Hans Castorp wollte gehen und kommen, etwas holen und dann die
-unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen? Unerfahrenheit rede aus ihm.
-Nein, das sei schlechthin unmöglich. Alles wäre zerstört, man könnte von
-vorn beginnen. Auch die wissenschaftliche Exaktheit verbiete, an solch
-willkürliches Aus- und Eingehen nur zu denken. Die Tür sei verschlossen.
-Er, der Doktor, trage den Schlüssel in der Tasche. Und kurz, wenn die
-Platte nicht ohne weiteres greifbar sei, so müsse man – Er redete noch,
-als der Tscheche vom Grammophon her dazwischen warf:
-
-„Die Platte ist hier.“
-
-„Hier?“ fragte Hans Castorp ...
-
-Ja, hier. Margarete, Gebet des Valentin. Bitte sehr. Sie hatte
-ausnahmsweise im leichten Album gesteckt und nicht im grünen Arien-Album
-Nummer II, wohin sie nach der Organisation gehörte. Sie war
-zufälligerweise, außerordentlicherweise, schlampigerweise,
-erfreulicherweise unter die Allotria geraten und brauchte nur eingelegt
-zu werden.
-
-Was sagte Hans Castorp dazu? Er sagte nichts. Der Doktor war es, der
-„Desto besser“ sagte, und mehrere wiederholten es. Die Nadel wetzte, der
-Deckel sank. Und männlich begann es zu choralhaften Klängen: „Da ich nun
-verlassen soll –“
-
-Niemand sprach. Man lauschte. Elly hatte, sobald der Gesang begann, ihre
-Arbeit erneuert. Sie war aufgefahren, zitterte, ächzte, pumpte und
-führte wieder die gleitnassen Hände an ihre Stirn. Die Platte lief. Es
-kam der mittlere Teil, mit umspringendem Rhythmus, die Stelle von Kampf
-und Gefahr, keck, fromm und französisch. Sie ging vorüber, es folgte der
-Schluß, die orchestral verstärkte Reprise des Anfangs, mächtigen Klangs:
-„O, Herr des Himmels, hör’ mein Flehn –“
-
-Hans Castorp hatte mit Elly zu tun. Sie bäumte sich, zog durch verengte
-Kehle die Luft ein, sank dann lang ausseufzend in sich zusammen und
-blieb still. Besorgt beugte er sich über sie, da hörte er die Stöhr mit
-piepender, winselnder Stimme sagen:
-
-„Ziem – ßen –!“
-
-Er richtete sich nicht auf. In seinen Mund trat ein bitterer Geschmack.
-Er hörte eine andere Stimme tief und kalt erwidern:
-
-„Ich sehe ihn längst.“
-
-Die Platte war abgelaufen, der letzte Bläserakkord verklungen. Aber
-niemand stoppte den Apparat. Leer kratzend in der Stille lief die Nadel
-inmitten der Scheibe weiter. Da hob denn Hans Castorp den Kopf, und
-seine Augen gingen, ohne suchen zu müssen, den richtigen Weg.
-
-Es war einer mehr im Zimmer, als vordem. Dort, abseits von der
-Gesellschaft, im Hintergrund, wo die Reste des Rotlichtes sich fast in
-Nacht verloren, so daß die Augen kaum noch dahin drangen, zwischen
-Schreibtisch-Breitseite und spanischer Wand, auf dem gegen das Zimmer
-gedrehten Besucherstuhl des Doktors, wo während der Pause Elly gesessen,
-saß Joachim. Es war Joachim mit den schattigen Wangenhöhlen und dem
-Kriegsbart seiner letzten Tage, in dem die Lippen so voll und stolz sich
-wölbten. Angelehnt saß er und hielt ein Bein über das andere geschlagen.
-Auf seinem abgezehrten Gesicht erkannte man, obgleich es von einer
-Kopfbedeckung beschattet war, den Stempel des Leidens und auch den
-Ausdruck von Ernst und Strenge wieder, der es so männlich verschönt
-hatte. Zwei Falten standen auf seiner Stirn zwischen den Augen, die tief
-in knochigen Höhlen lagen, doch das beeinträchtigte nicht die Sanftmut
-des Blicks dieser schönen, groß-dunklen Augen, der still und freundlich
-spähend auf Hans Castorp, auf diesen allein, gerichtet war. Sein kleiner
-Kummer von ehedem, die abstehenden Ohren waren erkennbar auch unter der
-Kopfbedeckung, der sonderbaren Kopfbedeckung, auf die man sich nicht
-verstand. Vetter Joachim war nicht in Zivil; sein Säbel schien am
-übergeschlagenen Schenkel zu lehnen, er hielt die Hände am Griff, und
-etwas wie eine Pistolentasche glaubte man gleichfalls an seinem Gürtel
-zu unterscheiden. Doch war das auch kein richtiger Waffenrock, was er
-trug. Nichts Blankes noch Farbiges war daran zu bemerken, es hatte einen
-Litewkakragen und Seitentaschen, und irgendwo ziemlich tief saß ein
-Kreuz. Die Füße Joachims wirkten groß und die Beine sehr dünn; sie
-schienen eng eingewickelt, auf sportliche mehr, denn auf militärische
-Art. Und wie war das mit der Kopfbedeckung? Sie sah aus, als hätte
-Joachim sich ein Feldgeschirr, einen Kochtopf aufs Haupt gestülpt und
-ihn durch Sturmband unter dem Kinn befestigt. Doch wirkte das
-altertümlich und landsknechthaft und kriegerisch kleidsam,
-merkwürdigerweise.
-
-Hans Castorp spürte den Atem Ellen Brands auf seinen Händen. Neben sich
-hörte er den der Kleefeld, der beschleunigt ging. Sonst war nichts zu
-vernehmen, als das unaufhörliche wetzende Geräusch der abgelaufenen,
-unter der Nadel weiter rotierenden Platte, die niemand stoppte. Er sah
-sich nach keinem seiner Kumpane um, wollte nichts von ihnen sehen und
-wissen. Schräg hin über die Hände, den Kopf auf seinen Knien, starrte er
-weit vorgebeugt durch das Rotdunkel auf den Besuch im Sessel. Einen
-Augenblick schien sein Magen sich umkehren zu wollen. Es zog ihm die
-Kehle zusammen, und ein vier- oder fünffaches Schluchzen stieß ihn
-innig-krampfhaft. „Verzeih!“ flüsterte er in sich hinein; und dann
-gingen die Augen ihm über, so daß er nichts mehr sah.
-
-Er hörte raunen: „Reden Sie ihn an!“ – Er hörte Dr. Krokowskis
-baritonale Stimme feierlich und heiter seinen Namen nennen und die
-Aufforderung wiederholen. Statt ihr nachzukommen, zog er seine Hände
-unter Ellys Gesicht fort und stand auf.
-
-Wieder rief Dr. Krokowski seinen Namen, diesmal in streng vermahnendem
-Ton. Aber Hans Castorp war mit wenigen Schritten bei den Stufen der
-Eingangstür und schaltete mit knappem Handgriff das Weißlicht ein.
-
-Die Brand war in schwerem Chok zusammengefahren. Sie zuckte in den Armen
-der Kleefeld. Jener Sessel war leer.
-
-Auf den im Stehen protestierenden Krokowski ging Hans Castorp zu, nahe
-vor ihn hin. Er wollte sprechen, aber von seinen Lippen kam kein Wort.
-Mit brüsk heischender Kopfbewegung streckte er die Hand aus. Da er den
-Schlüssel empfangen, nickte er dem Doktor mehrmals drohend ins Gesicht,
-machte kehrt und ging aus dem Zimmer.
-
-
- Die große Gereiztheit
-
-Wie so die Jährchen wechselten, begann etwas umzugehen im Hause Berghof,
-ein Geist, dessen unmittelbare Abstammung von dem Dämon, dessen
-bösartigen Namen wir genannt haben, Hans Castorp ahnte. Mit der
-unverantwortlichen Neugier des Bildungsreisenden hatte er diesen Dämon
-studiert, ja, bedenkliche Möglichkeiten in sich vorgefunden, an dem
-ungeheuerlichen Dienste, den die Mitwelt ihm widmete, ausgiebig
-teilzunehmen. Dem Wesen zu frönen, das jetzt um sich griff, nachdem es
-übrigens, genau wie das alte, keimweise und da und dort sich andeutend
-schon immer vorhanden gewesen, war er nach seiner Gemütsart wenig
-geschaffen. Trotzdem bemerkte er mit Schrecken, daß auch er, sobald er
-sich ein wenig gehen ließ, in Miene, Wort und Gehaben einer Infektion
-unterlag, der niemand in der Runde sich entzog.
-
-Was gab es denn? Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde
-Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem
-Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge. Erbitterter Streit,
-zügelloses Hin- und Hergeschrei entsprang alle Tage zwischen Einzelnen
-und ganzen Gruppen, und das Kennzeichnende war, daß die
-Nichtbeteiligten, statt von dem Zustande der gerade Ergriffenen
-abgestoßen zu sein oder sich ins Mittel zu legen, vielmehr
-sympathetischen Anteil daran nahmen und sich dem Taumel innerlich
-ebenfalls überließen. Man erblaßte und bebte. Die Augen blitzten
-ausfällig, die Münder verbogen sich leidenschaftlich. Man beneidete die
-eben Aktiven um das Recht, den Anlaß, zu schreien. Eine zerrende Lust,
-es ihnen gleichzutun, peinigte Seele und Leib, und wer nicht die Kraft
-zur Flucht in die Einsamkeit besaß, wurde unrettbar in den Strudel
-gezogen. Die müßigen Konflikte, die gegenseitigen Bezichtigungen vor dem
-Angesicht der schlichtungsbemühten, aber brüllender Grobheit selbst
-erschreckend leicht verfallenden Obrigkeit häuften sich im Hause
-Berghof, und wer es bei leidlich gesunder Seele verließ, konnte nicht
-wissen, in welcher Verfassung er zurückkehrte. Ein Mitglied des Guten
-Russentisches, eine recht elegante Provinzdame aus Minsk, noch jung und
-nur leichtkrank – drei Monate und nicht mehr waren ihr zudiktiert –
-begab sich eines Tages in den Ort hinunter zum französischen Blusenhaus,
-um Einkäufe zu machen. Hier zankte sie sich derart mit der Ladnerin, daß
-sie in letzter Erregung zu Hause wieder eintraf, einen Blutsturz erlitt
-und fortan unheilbar war. Ihrem herbeigerufenen Gatten wurde eröffnet,
-daß ihres Bleibens hier oben nun immer und ewig sein müsse.
-
-Das war ein Beispiel dessen, was umging. Widerwillig führen wir weitere
-an. Dieser und jener wird sich des rund bebrillten Schülers oder
-ehemaligen Schülers am Tische Frau Salomons erinnern, dieses dürftigen
-jungen Menschen, der die Gewohnheit hatte, sich seine Speisen auf dem
-Teller zu einem Kleingemengsel zusammenzuschneiden und dieses,
-aufgestützt, in sich hineinzuschlingen, wobei er zuweilen mit der
-Serviette hinter die dicken Augengläser fuhr. So hatte er, immer noch
-ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit hier gesessen,
-geschlungen und sich die Augen gewischt, ohne Anlaß zu einer mehr als
-flüchtig hinstreifenden Beachtung seiner Person zu geben. Jetzt jedoch,
-eines Morgens, beim ersten Frühstück, ganz überraschend und sozusagen
-aus heiterem Himmel, erlitt er einen Zufall und Raptus, der allgemeines
-Aufsehen erregte, den ganzen Speisesaal auf die Beine brachte. Es wurde
-laut in der Gegend, wo er saß; bleich saß er dort und schrie, und es
-galt der Zwergin, die bei ihm stand. „Sie lügen!“ schrie er mit sich
-überschlagender Stimme. „Der Tee ist kalt! Eiskalt ist mein Tee, den Sie
-mir gebracht haben, ich will ihn nicht, versuchen Sie ihn doch selbst,
-bevor Sie lügen, ob er nicht lauwarmes Spülicht ist und von anständigen
-Menschen überhaupt nicht zu trinken! Wie können Sie es wagen, mir
-eiskalten Tee zu bringen, wie können Sie auf den Gedanken verfallen und
-sich einreden, Sie könnten mir solches laue Gesöff vorsetzen mit auch
-nur einiger Aussicht, daß ich es trinke?! Ich trinke es nicht! Ich will
-es nicht!“ kreischte er und fing an, mit beiden Fäusten auf den Tisch zu
-trommeln, daß alles Geschirr der Tafel klirrte und tanzte. „Ich will
-heißen Tee! Siedeheißen Tee will ich, das ist mein Recht vor Gott und
-den Menschen! Ich will es nicht, ich will brühheißen, ich will auf der
-Stelle sterben, wenn ich auch nur einen Schluck – – Verfluchter
-Krüppel!!“ gellte er auf einmal, indem er gleichsam mit einem Ruck den
-letzten Zügel abwarf und zur äußersten Freiheit der Raserei begeistert
-durchstieß. Er hob die Fäuste dabei gegen Emerenzia und zeigte ihr
-buchstäblich seine beschäumten Zähne. Dann fuhr er fort zu trommeln, zu
-stampfen und sein „Ich will“, „Ich will nicht“ zu heulen, – während es
-unterdessen im Saale wie immer ging. Furchtbare und angespannte
-Sympathie ruhte auf dem tobenden Schüler. Einige waren aufgesprungen und
-sahen ihm mit ebenfalls geballten Fäusten, zusammengebissenen Zähnen und
-glühenden Blicken zu. Andere saßen bleich, mit niedergeschlagenen Augen,
-und bebten. Dies taten sie noch, als der Schüler schon längst, in
-Erschöpfung versunken, vor seinem ausgewechselten Tee saß, ohne ihn zu
-trinken.
-
-Was war das?
-
-Ein Mann trat in die Berghofgemeinschaft ein, ein ehemaliger Kaufmann,
-dreißigjährig, schon lange febril, seit Jahren von Anstalt zu Anstalt
-gewandert. Der Mann war Judengegner, Antisemit, war es grundsätzlich und
-sportsmäßig, mit freudiger Versessenheit, – die aufgelesene Verneinung
-war Stolz und Inhalt seines Lebens. Er war ein Kaufmann gewesen, er war
-es nicht mehr, er war nichts in der Welt, aber ein Judenfeind war er
-geblieben. Er war sehr ernstlich krank, hustete schwer beladen und tat
-zwischendurch, als ob er mit der Lunge nieste, hoch, kurz, einmalig,
-unheimlich. Jedoch war er kein Jude, und das war das Positive an ihm.
-Sein Name war Wiedemann, ein christlicher Name, kein unreiner. Er hielt
-sich eine Zeitschrift, genannt „Die arische Leuchte“, und führte Reden
-wie diese:
-
-„Ich komme ins Sanatorium X. in A.. Wie ich mich in der Liegehalle
-installieren will, – wer liegt links von mir im Stuhl? Der Herr Hirsch!
-Wer liegt rechts? Der Herr Wolf! Selbstverständlich bin ich sofort
-gereist“ usw.
-
-„Du hast es nötig!“ dachte Hans Castorp mit Abneigung.
-
-Wiedemann hatte einen kurzen, lauernden Blick. Es sah tatsächlich und
-unbildlich so aus, als hinge dicht vor seiner Nase eine Puschel, auf die
-er boshaft schielte, und hinter der er nichts mehr sah. Die Mißidee, die
-ihn ritt, war zu einem juckenden Mißtrauen, einer rastlosen
-Verfolgungsmanie geworden, die ihn trieb, Unreinheit, die sich in seiner
-Nähe versteckt oder verlarvt halten mochte, hervorzuziehen und der
-Schande zuzuführen. Er stichelte, verdächtigte und geiferte, wo er ging
-und stand. Und kurz, das Betreiben der Anprangerung alles Lebens, das
-nicht den Vorzug besaß, der sein einziger war, füllte seine Tage aus.
-
-Die inneren Umstände nun, mit deren Andeutung wir eben befaßt sind,
-verschlimmerten das Leiden dieses Mannes außerordentlich; und da es
-nicht fehlen konnte, daß er auch hier auf Leben stieß, das den Nachteil
-aufwies, von dem er, Wiedemann, frei war, so kam es unter dem Einfluß
-jener Umstände zu einer Elendsszene, der Hans Castorp beizuwohnen hatte,
-und die uns als weiteres Beispiel für das zu Schildernde dienen muß.
-
-Denn es war da ein anderer Mann, – zu entlarven gab es nichts, was ihn
-betraf, der Fall war klar. Dieser Mann hieß Sonnenschein, und da man
-nicht schmutziger heißen konnte, so bildete Sonnenscheins Person vom
-ersten Tage an die Puschel, die vor Wiedemanns Nase hing, auf die er
-kurz und boshaft schielte, und nach der er mit der Hand schlug, fast
-weniger, um sie zu verjagen, als um sie ins Pendeln zu versetzen, damit
-sie ihn desto besser reize.
-
-Sonnenschein, Kaufmann, wie der andere, von Hause aus, war ebenfalls
-recht ernstlich krank und krankhaft empfindlich. Ein freundlicher Mann,
-nicht dumm und selbst scherzhaft von Natur, haßte er Wiedemann für seine
-Sticheleien und seine Puschelschläge auch seinerseits bald bis zum
-Leiden, und eines Nachmittags lief alles in der Halle zusammen, weil
-Wiedemann und Sonnenschein einander dort auf ausschweifende und
-tierische Weise in die Haare geraten waren.
-
-Es war ein Anblick voll Grauen und Jammer. Sie katzbalgten sich wie
-kleine Jungen, aber mit der Verzweiflung erwachsener Männer, mit denen
-es dahin gekommen ist. Sie gingen einander mit den Krallen ins Gesicht,
-hielten sich an Nase und Kehle, während sie aufeinander losschlugen,
-umschlangen sich, wälzten sich in furchtbarem und radikalem Ernste am
-Boden, spieen nach einander, traten, stießen, zerrten, hieben und
-schäumten. Herbeigeeiltes Bureaupersonal trennte mit Mühe die
-Verbissenen und Verkrallten. Wiedemann, speichelnd und blutend,
-wutverblödeten Angesichts, zeigte das Phänomen der zu Berge stehenden
-Haare. Hans Castorp hatte das noch nie gesehen und nicht geglaubt, daß
-es eigentlich vorkomme. Die Haare standen Herrn Wiedemann starr und
-steif zu Berge, und so stürzte er davon, während Herr Sonnenschein, das
-eine Auge in Bläue verschwunden und eine blutende Lücke in dem Kranz
-lockigen schwarzen Haares, das seinen Schädel umgab, ins Bureau geführt
-wurde, wo er sich niederließ und bitterlich in seine Hände weinte.
-
-So ging es mit Wiedemann und Sonnenschein. Alle, die es sahen, bebten
-noch stundenlang. Es ist vergleichsweise eine Wohltat, im Gegensatz zu
-solcher Misere von einem wahren Ehrenhandel zu erzählen, der ebenfalls
-dieser Periode angehört, und der seinen Namen allerdings, der formalen
-Feierlichkeit wegen, mit der er gehandhabt wurde, bis zur Lächerlichkeit
-verdiente. Hans Castorp wohnte ihm in seinen einzelnen Phasen nicht bei,
-sondern belehrte sich über den verwickelten und dramatischen Hergang nur
-an der Hand von Dokumenten, Erklärungen und Protokollen, die, diese
-Sache betreffend, im Hause Berghof und außerhalb seiner, nämlich nicht
-nur am Ort, im Kanton, im Lande, sondern auch im Auslande und in Amerika
-abschriftlich vertrieben und auch solchen zum Studium zugestellt wurden,
-von denen ohne weiteres sicher sein mußte, daß sie der Angelegenheit
-auch nicht einen Deut von Teilnahme widmen konnten und wollten.
-
-Es war eine polnische Angelegenheit, ein Ehrentrubel, entstanden im
-Schoße der polnischen Gruppe, die sich kürzlich im Berghof
-zusammengefunden hatte, einer ganzen kleinen Kolonie, die den Guten
-Russentisch besetzt hielt – (Hans Castorp, dies hier einzuflechten, saß
-nicht mehr dort, sondern war mit der Zeit an den der Kleefeld, dann an
-den der Salomon und dann an den Fräulein Levis gewandert). Die
-Gesellschaft war dermaßen elegant und ritterlich gewichst, daß man nur
-die Brauen emporziehen und sich innerlich auf alles gefaßt machen
-konnte, – ein Ehepaar, ein Fräulein dazu, das mit einem der Herren in
-freundschaftlichen Beziehungen stand, und sonst lauter Kavaliere. Sie
-hießen von Zutawski, Cieszynski, von Rosinski, Michael Lodygowski, Leo
-von Asarapetian und noch anders. Im Restaurant des Berghofs nun, beim
-Champagner, hatte ein gewisser Japoll in Gegenwart zweier anderer
-Kavaliere über die Gattin des Herrn von Zutawski, wie auch über das dem
-Herrn Lodygowski nahestehende Fräulein namens Kryloff Unwiederholbares
-geäußert. Hieraus ergaben sich die Schritte, Taten und Formalien, die
-den Inhalt der zur Verteilung und Versendung gelangenden Schriftsätze
-bildeten. Hans Castorp las:
-
-„Erklärung, übersetzt aus dem polnischen Original. – Am 27. März 19..
-wandte sich Herr Stanislaw von Zutawski an die Herren Dr. Antoni
-Cieszynski und Stefan von Rosinski mit der Bitte, sich in seinem Namen
-zum Herrn Kasimir Japoll zu begeben, um von demselben auf dem durch das
-Ehrenrecht angezeigten Wege Satisfaktion zu verlangen für ‚die schwere
-Beleidigung und Verleumdung, welche Herr Kasimir Japoll dessen Frau
-Gemahlin Jadwiga von Zutawska im Gespräche mit den Herren Janusz Teofil
-Lenart und Leo von Asarapetian zugefügt hat‘.
-
-„Als von diesem obenerwähnten Gespräch, das Ende November stattgehabt
-hat, vor einigen Tagen Herr von Zutawski mittelbar Kenntnis erhalten
-hat, unternahm er sofort Schritte, um völlige Sicherheit über den
-Tatbestand und das Wesen der geschehenen Beleidigung zu erlangen. Am
-gestrigen Tage, dem 27. März 19.., wurde durch den Mund des Herrn Leo
-von Asarapetian, dem unmittelbaren Zeugen des Gespräches, in welchem die
-beleidigenden Worte und die Insinuationen gefallen sind, die Verleumdung
-und Beleidigung festgestellt; hierdurch wurde Herr Stanislaw von
-Zutawski veranlaßt, sich ungesäumt an die Unterzeichneten zu wenden, um
-ihnen das Mandat zur Einleitung des ehrenrechtlichen Verfahrens gegen
-Herrn Kasimir Japoll zu erteilen.
-
-„Die Unterzeichneten geben folgende Erklärung ab:
-
- ‚1. Unter Zugrundelegung des von einer Partei abgefaßten Protokolls
- vom 9. April 19.., welches in Lemberg von den Herren Zdzistaw
- Zygulski und Tadeusz Kadyj in der Angelegenheit des Herrn Ladislaw
- Goduleczny gegen Herrn Kasimir Japoll verfaßt worden ist, ferner
- unter Zugrundelegung der Erklärung des Ehrengerichtes vom 18. Juni
- 19.., die zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit abgefaßt worden
- ist, welch beide Schriftstücke in gemeinsamem Übereinklang stehend
- feststellen, daß Herr Kasimir Japoll ‚infolge seines wiederholten
- Verhaltens, welches nicht mit dem Begriff der Ehre in Einklang zu
- bringen ist, als Gentleman nicht angesehen werden kann‘,
-
- ‚2. ziehen die Unterzeichneten die aus Obigem sich ergebenden
- Konsequenzen in ihrer vollen Tragweite und stellen die absolute
- Unmöglichkeit fest, daß Herr Kasimir Japoll irgendwie noch
- satisfaktionsfähig wäre.
-
- ‚3. Dieselben erachten für ihre Person als unzulässig, gegen einen
- Mann, der außerhalb des Begriffes der Ehre steht, die
- Ehrenangelegenheit zu führen oder in derselben zu vermitteln.‘
-
-„In Anbetracht dieser Sachlage machen die Unterzeichneten Herrn
-Stanislaw von Zutawski darauf aufmerksam, daß es zwecklos sei, seinem
-Recht auf dem Wege eines ehrenrechtlichen Verfahrens gegen Herrn Kasimir
-Japoll nachzugehen und raten ihm, den strafgerichtlichen Weg
-einzuschlagen, um zu verhindern, daß von seiten einer Persönlichkeit,
-die in dem Maße außerstande ist, Satisfaktion zu leisten, wie es beim
-Herrn Kasimir Japoll der Fall ist, weitere Schädigungen ergehen. –
-(Datiert und gezeichnet:) Dr. Antoni Cieszynski, Stefan von Rosinski.“
-
-Ferner las Hans Castorp:
-
-„Protokoll
-
-„der Zeugen über den Vorgang zwischen Herrn Stanislaw von Zutawski,
-Herrn Michael Lodygowski
-
-„und den Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart in der Bar des
-Kurhauses zu D., am 2. April 19.. zwischen 7½ und 7¾ h abends.
-
-„Da Herr Stanislaw von Zutawski auf Grund der Erklärung seiner
-Vertreter, der Herren Dr. Antoni Cieszynski und Stefan Rosinski, in der
-Angelegenheit des Herrn Kasimir Japoll am 28. März 19.. nach reifer
-Überlegung zu der Überzeugung gekommen war, daß ihm die empfohlene
-strafgerichtliche Verfolgung des Herrn Kasimir Japoll für ‚die schwere
-Beleidigung und Verleumdung‘ seiner Gemahlin Jadwiga keine Satisfaktion
-wird geben können, da:
-
-1. der berechtigte Verdacht bestand, daß Herr Kasimir Japoll im
-gegebenen Augenblick vor Gericht nicht erscheinen und seine weitere
-Verfolgung mit Rücksicht darauf, daß er österreichischer
-Staatsangehöriger ist, nicht nur erschwert, sondern geradezu unmöglich
-sein wird,
-
-2. da außerdem eine gerichtliche Bestrafung des Herrn Kasimir Japoll die
-Beleidigung, durch die Herr Kasimir Japoll den Namen und das Haus des
-Herrn Stanislaw von Zutawski und seiner Gemahlin Jadwiga in
-verleumderischer Weise zu schänden versuchte, nicht zu sühnen vermöchte,
-
-hat Herr Stanislaus von Zutawski den kürzesten, seiner Überzeugung nach
-gründlichsten und in Anbetracht der gegebenen Verhältnisse
-entsprechendsten Weg gewählt, nachdem er indirekt in Erfahrung gebracht
-hat, daß Herr Kasimir Japoll beabsichtigt, hiesigen Ort am nächsten Tage
-zu verlassen,
-
-und hat am 2. April 19.. zwischen 7½ – 7¾ h abends in Gegenwart seiner
-Gemahlin Jadwiga und der Herren Michael Lodygowski und Ignaz von Mellin
-Herrn Kasimir Japoll, der in Gesellschaft des Herrn Janusz Teofil Lenart
-und zweier unbekannter Mädchen in der American Bar hiesigen Kurhauses
-bei alkoholischen Getränken saß, mehrfach geohrfeigt.
-
-„Unmittelbar darauf hat Herr Michael Lodygowski Herrn Kasimir Japoll
-geohrfeigt, indem er hinzufügte, daß dies für die dem Fräulein Krylow
-und ihm zugefügten schweren Beleidigungen sei.
-
-„Sofort danach ohrfeigte Herr Michael Lodygowski Herrn Janusz Teofil
-Lenart für das Herrn und Frau von Zutawski zugefügte unqualifizierbare
-Unrecht, worauf noch,
-
-„ohne einen Augenblick zu verlieren, auch Herr Stanislaus von Zutawski
-Herrn Janusz Teofil Lenart für die verleumderische Besudelung seiner
-Gemahlin sowohl wie Fräulein Krylows wiederholt und mehrfach ohrfeigte.
-
-„Die Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart verhielten sich
-während dieses ganzen Vorganges völlig passiv. (Datiert u. gezeichnet:)
-Michael Lodygowski, Ign. v. Mellin.“
-
-Die inneren Umstände erlaubten Hans Castorp nicht, über dies
-Schnellfeuer offizieller Ohrfeigen zu lachen, wie er es sonst wohl getan
-haben würde. Er erbebte, indem er davon las, und der untadelige Komment
-der einen –, die bübische und schlaffe Ehrlosigkeit der anderen Seite,
-wie beides aus den Dokumenten dem Leser in die Augen sprang, erregten
-ihn in ihrer etwas unlebendigen, aber eindrucksvollen Gegensätzlichkeit
-aufs tiefste. So ging es allen. Weit und breit wurde der polnische
-Ehrenhandel leidenschaftlich studiert und mit zusammengebissenen Zähnen
-besprochen. Etwas ernüchternd wirkte ein Gegenflugblatt des Herrn
-Kasimir Japoll, dahingehend, dem von Zutawski sei ganz genau bekannt
-gewesen, daß er, Japoll, seinerzeit in Lemberg von irgendwelchen
-aufgeblasenen Laffen für satisfaktionsunfähig erklärt worden sei, und
-alle seine sofortigen und ungesäumten Schritte seien das reine
-Affentheater gewesen, da er von vornherein gewußt habe, daß er sich
-nicht werde schlagen müssen. Auch habe von Zutawski einzig und allein
-aus dem Grunde darauf verzichtet, ihn, Japoll, zu verklagen, weil, wie
-jedermann und er selbst ebenfalls recht gut wisse, seine Gemahlin
-Jadwiga ihn mit einer ganzen Geweihsammlung versehen habe, wofür er,
-Japoll, spielend den Wahrheitsbeweis hätte erbringen können, wie denn
-auch mit der allgemeinen Aufführung der Krylow vor Gericht wenig Ehre
-einzulegen gewesen wäre. Übrigens sei nur seine eigene, Japolls,
-Satisfaktionsunfähigkeit erhärtet, nicht auch bereits die seines
-Gesprächspartners Lenart, und von Zutawski habe sich hinter die erstere
-verschanzt, um keine Gefahr zu laufen. Von der Rolle, die Herr
-Asarapetian in der ganzen Sache gespielt habe, wolle er nicht reden. Was
-aber den Auftritt in der Kurhaus-Bar betreffe, so sei er, Japoll, ein
-wenn auch mundscharfer und zum Witz geneigter, so doch äußerst
-schwächlicher Mensch; von Zutawski habe sich mit seinen Freunden und der
-ungewöhnlich kräftigen Zutawska in physischer Überlegenheit befunden,
-zumal die beiden Dämchen, die sich in seiner, Japolls, und Lenarts
-Gesellschaft befunden, zwar lustige Geschöpfe, aber schreckhaft wie die
-Hühner gewesen seien; und so habe er, um eine wüste Schlägerei und
-öffentlichen Skandal zu vermeiden, Lenart, der sich habe zur Wehr setzen
-wollen, veranlaßt, sich ruhig zu verhalten und die flüchtigen
-gesellschaftlichen Berührungen der Herren von Zutawski und Lodygowski in
-Gottes Namen zu dulden, die nicht weh getan hätten und von den
-Umsitzenden als freundschaftliche Neckerei aufgefaßt worden seien.
-
-So Japoll, für den natürlich nicht viel zu retten war. Seine Korrekturen
-vermochten den schönen Kontrast von Ehre und Misere, wie er aus den
-Feststellungen der Gegenseite hervorging, nur oberflächlich zu stören,
-zumal er nicht über die Vervielfältigungstechnik der Zutawskischen
-Partei verfügte, sondern nur ein paar Maschinendurchschläge seiner
-Replik unter die Leute zu bringen wußte. Jene Protokolle dagegen, wie
-gesagt, erhielt jedermann, auch völlig Fernstehende erhielten sie.
-Naphta und Settembrini z. B. hatten sie ebenfalls zugestellt bekommen, –
-Hans Castorp sah sie in ihren Händen, und zu seiner Überraschung
-bemerkte er, daß auch sie mit verbissenen und sonderbar hingerissenen
-Mienen darauf niederblickten. Den heiteren Spott, den er selbst vermöge
-der herrschenden inneren Umstände nicht aufbrachte, von Herrn
-Settembrini wenigstens hatte er ihn erwartet. Aber auch über den klaren
-Geist des Maurers übte die umlaufende Infektion, die Hans Castorp
-beobachtete, offenbar eine Gewalt, die ihm das Lachen verschlug, ihn für
-die aufpeitschenden Reize des Ohrfeigenhandels ernstlich empfänglich
-machte; und außerdem verdüsterte ihn, den Mann des Lebens, sein langsam
-und unter foppenden Rückschlägen zum Guten, aber unaufhaltsam sich
-verschlechternder Gesundheitszustand, den er verwünschte, und dessen er
-sich ingrimmig und mit Selbstverachtung schämte, der ihn aber um diese
-Zeit schon alle paar Tage zwang, das Bett zu hüten.
-
-Naphta, seinem Hausgenossen und Widersacher, erging es nicht besser.
-Auch in seinem organischen Innern schritt die Krankheit fort, die der
-physische Grund – oder muß man sagen: Vorwand gewesen, weshalb seine
-Ordenslaufbahn ein so verfrühtes Ende genommen, und die hohen und dünnen
-Bedingungen, unter denen man lebte, konnten ihrer Ausbreitung nicht
-Einhalt tun. Auch er war oft bettlägerig; der Tellersprung seiner Stimme
-klapperte stärker, wenn er sprach, und er sprach bei erhöhtem Fieber
-mehr noch, schärfer und beißender als ehedem. Jene ideellen Widerstände
-gegen Krankheit und Tod, deren Niederlage vor der Übergewalt einer
-niederträchtigen Natur Herrn Settembrini so schmerzte, mußten dem
-kleinen Naphta fremd sein, und seine Art, die Verschlimmerung seines
-Körperzustandes aufzunehmen, war denn auch nicht Trauer und Gram,
-sondern eine höhnische Aufgeräumtheit und Angriffslust sondergleichen,
-eine Sucht nach geistiger Bezweifelung, Verneinung und Verwirrung, die
-die Melancholie des anderen aufs schwerste reizte und ihre
-intellektuellen Streitigkeiten täglich verschärfte. Hans Castorp,
-natürlich, konnte nur von denen reden, denen er beiwohnte. Aber er war
-so ziemlich gewiß, daß er keine versäumte, daß seine, des pädagogischen
-Objektes, Gegenwart vonnöten war, um bedeutende Kolloquien zu entzünden.
-Und wenn er Herrn Settembrini nicht den Kummer ersparte, Naphtas
-Bosheiten hörenswert zu finden, so mußte er doch zugeben, daß sie
-nachgerade alles Maß und häufig genug die Grenze des geistig Gesunden
-überschritten.
-
-Dieser Kranke besaß nicht die Kraft oder den guten Willen, sich über die
-Krankheit zu erheben, sondern sah die Welt in ihrem Bilde und Zeichen.
-Zum Ingrimm Herrn Settembrinis, der den lauschenden Zögling am liebsten
-aus dem Zimmer gewiesen oder ihm die Ohren zugehalten hätte, erklärte er
-die Materie für ein bei weitem zu schlechtes Material, um den Geist
-darin verwirklichen zu können. Dies anzustreben, sei eine Narrheit. Was
-komme dabei heraus? Eine Fratze! Das Wirklichkeitsergebnis der
-gepriesenen französischen Revolution sei der kapitalistische
-Bourgeoisstaat – eine schöne Bescherung! die man in der Weise zu
-verbessern hoffe, daß man den Greuel universal mache. Die Weltrepublik,
-das werde das Glück sein, sicher! Fortschritt? Ach, es handele sich um
-den berühmten Kranken, der beständig die Lage wechsele, weil er sich
-Erleichterung davon verspreche. Der uneingestandene, aber heimlich ganz
-allgemein verbreitete Wunsch nach Krieg sei davon ein Ausdruck. Er werde
-kommen, dieser Krieg, und das sei gut, obgleich er anderes zeitigen
-werde, als seine Veranstalter sich davon versprächen. Naphta verachtete
-den bürgerlichen Sicherheitsstaat. Er nahm Veranlassung, sich darüber zu
-äußern, als man im Herbst auf der Hauptstraße spazieren ging und bei
-beginnendem Regen plötzlich und wie auf Kommando alle Welt Regenschirme
-über die Köpfe hielt. Das war ihm ein Symbol für die Feigheit und
-ordinäre Verweichlichung, die das Ergebnis der Zivilisation seien. Ein
-Zwischenfall und Menetekel wie der Untergang des Dampfers „Titanic“
-wirke atavistisch, aber wahrhaft erquicklich. Danach großes Geschrei
-nach mehr Sicherheit des „Verkehrs“. Überhaupt immer die größte
-Empörung, sobald die „Sicherheit“ bedroht scheine. Das sei jämmerlich
-und reime sich in seiner humanitären Schlaffheit recht artig auf die
-wölfische Krudität und Niedertracht des wirtschaftlichen Schlachtfeldes,
-das der Bürgerstaat darstelle. Krieg, Krieg! Er sei einverstanden, und
-die allgemeine Lüsternheit danach scheine ihm vergleichsweise ehrenwert.
-
-Sobald aber etwa Herr Settembrini das Wort „Gerechtigkeit“ ins Gespräch
-einführte, und dieses hohe Prinzip als vorbeugendes Mittel gegen innen-
-und außenpolitische Katastrophen empfahl, da zeigte es sich, daß Naphta,
-der kürzlich noch das Geistige für zu gut befunden hatte, als daß seine
-irdische Ausprägung je gelingen könne und solle, eben dies Geistige
-selbst unter Zweifel zu setzen und zu verunglimpfen bestrebt war.
-Gerechtigkeit! War sie ein anbetungswürdiger Begriff? Ein göttlicher?
-Ein Begriff ersten Ranges? Gott und Natur waren ungerecht, sie hatten
-Lieblinge, sie übten Gnadenwahl, schmückten den einen mit gefährlicher
-Auszeichnung und bereiteten dem anderen ein leichtes, gemeines Los. Und
-der wollende Mensch? Für ihn war Gerechtigkeit einerseits eine lähmende
-Schwäche, war der Zweifel selbst – und auf der anderen Seite eine
-Fanfare, die zu unbedenklichen Taten rief. Da also der Mensch, um im
-Sittlichen zu bleiben, stets „Gerechtigkeit“ in diesem Sinne durch
-„Gerechtigkeit“ in jenem Sinne korrigieren mußte, – wo blieben
-Unbedingtheit und Radikalismus des Begriffs? Übrigens war man „gerecht“
-gegen den einen Standpunkt _oder_ gegen den anderen. Der Rest war
-Liberalismus, und kein Hund war heutzutage mehr damit vom Ofen zu
-locken. Gerechtigkeit war selbstverständlich eine leere Worthülse der
-Bürgerrhetorik, und um zum Handeln zu kommen, müsse man vor allen Dingen
-wissen, welche Gerechtigkeit man meine: diejenige, die jedem das Seine,
-oder diejenige, die allen das Gleiche geben wolle.
-
-Wir haben da nur auf gut Glück aus dem Uferlosen ein Beispiel
-herausgegriffen dafür, wie er es darauf anlegte, die Vernunft zu stören.
-Aber noch schlimmer wurde es, wenn er auf die Wissenschaft zu sprechen
-kam, – an die er nicht glaubte. Er glaube nicht an sie, sagte er, denn
-es stehe dem Menschen völlig frei, an sie zu glauben oder nicht. Sie sei
-ein Glaube, wie jeder andere, nur schlechter und dümmer als jeder
-andere, und das Wort „Wissenschaft“ selbst sei der Ausdruck des
-stupidesten Realismus, der sich nicht schäme, die mehr als fragwürdigen
-Spiegelungen der Objekte im menschlichen Intellekt für bare Münze zu
-nehmen oder auszugeben und die geist- und trostloseste Dogmatik daraus
-zu bereiten, die der Menschheit je zugemutet worden sei. Ob etwa nicht
-der Begriff einer an und für sich existierenden Sinnenwelt der
-lächerlichste aller Selbstwidersprüche sei? Aber die moderne
-Naturwissenschaft als Dogma lebe einzig und allein von der
-metaphysischen Voraussetzung, daß die Erkenntnisformen unserer
-Organisation, Raum, Zeit und Kausalität, in denen die Erscheinungswelt
-sich abspiele, reale Verhältnisse seien, die unabhängig von unserer
-Erkenntnis existierten. Diese monistische Behauptung sei die nackteste
-Unverschämtheit, die man dem Geiste je geboten. Raum, Zeit und
-Kausalität, das heiße auf monistisch: Entwicklung, – und da habe man das
-Zentraldogma der freidenkerisch-atheistischen Afterreligion, womit man
-das erste Buch Mosis außer Kraft zu setzen und einer verdummenden Fabel
-aufklärendes Wissen entgegenzustellen meine, als ob Haeckel bei der
-Entstehung der Erde zugegen gewesen sei. Empirie! Der Weltäther sei wohl
-exakt? Das Atom, dieser nette mathematische Scherz des „kleinsten,
-unteilbaren Teilchens“ – bewiesen? Die Lehre von der Unendlichkeit des
-Raumes und der Zeit fuße sicherlich auf Erfahrung? In der Tat, man
-werde, ein wenig Logik vorausgesetzt, zu lustigen Erfahrungen und
-Ergebnissen gelangen mit dem Dogma von der Unendlichkeit und Realität
-des Raumes und der Zeit: nämlich zum Ergebnis des Nichts. Nämlich zur
-Einsicht, daß Realismus der wahre Nihilismus sei. Warum? Aus dem
-einfachen Grunde, weil das Verhältnis jeder beliebigen Größe zum
-Unendlichen gleich null sei. Es gebe keine Größe im Unendlichen und
-weder Dauer noch Veränderung in der Ewigkeit. Im räumlich Unendlichen
-könne es, da jede Distanz dort mathematisch gleich null sei, nicht
-einmal zwei Punkte nebeneinander, geschweige denn Körper, geschweige
-denn gar Bewegung geben. Dies stelle er, Naphta, fest, um der
-Dreistigkeit zu begegnen, mit der die materialistische Wissenschaft ihre
-astronomischen Flausen, ihr windiges Geschwätz vom „Universum“ für
-absolute Erkenntnis ausgäbe. Beklagenswerte Menschheit, die sich durch
-ein prahlerisches Aufgebot nichtiger Zahlen ins Gefühl eigener
-Nichtigkeit habe drängen, um das Pathos der eigenen Wichtigkeit habe
-bringen lassen! Denn es möge noch leidlich heißen, wenn menschliche
-Vernunft und Erkenntnis sich im Irdischen hielten und in dieser Sphäre
-ihre Erlebnisse mit den Subjektiv-Objekten als real behandle. Greife sie
-aber darüber hinaus ins ewige Rätsel, indem sie sogenannte Kosmologie,
-Kosmogonie treibe, so höre der Spaß auf, und die Anmaßung komme auf den
-Gipfel ihrer Ungeheuerlichkeit. Welch ein lästerlicher Unsinn, im
-Grunde, die „Entfernung“ irgendeines Sternes von der Erde nach
-Trillionen Kilometern oder auch Lichtjahren zu berechnen und sich
-einzubilden, mit solchem Zifferngeflunker verschaffe man dem
-Menschengeist Einblick ins Wesen der Unendlichkeit und Ewigkeit, –
-während doch Unendlichkeit mit Größe und Ewigkeit mit Dauer und
-Zeitdistanzen überhaupt und schlechterdings nichts zu schaffen hätten,
-sondern, weit entfernt, naturwissenschaftliche Begriffe zu sein,
-vielmehr geradezu die Aufhebung dessen bedeuteten, was wir Natur
-nennten! Wahrhaftig, die Einfalt eines Kindes, das glaube, die Sterne
-seien Löcher im Himmelszelt, durch welche die ewige Klarheit scheine,
-sei ihm vieltausendmal lieber, als das ganze hohle, widersinnige und
-anmaßende Geschwätz, das die monistische Wissenschaft vom „Weltall“
-verübe!
-
-Settembrini fragte ihn, ob er, seinesteils, in betreff der Sterne jenen
-Glauben hege. Worauf er antwortete, er behalte sich jede Demut und
-Freiheit der Skepsis vor. Daraus war wieder einmal zu ersehen, was er
-unter „Freiheit“ verstand, und wohin ein solcher Begriff davon zu führen
-vermochte. Und wenn nur nicht Herr Settembrini Grund gehabt hätte, zu
-fürchten, Hans Castorp möchte das alles hörenswert finden!
-
-Naphtas Bosheit lag auf der Lauer nach Gelegenheiten, die Schwächen des
-naturbezwingenden Fortschritts zu erspähen, seinen Trägern und Pionieren
-menschliche Rückfälle ins Irrationale nachzuweisen. Aviatiker, Flieger,
-sagte er, seien meist recht üble und verdächtige Individuen, vor allem
-sehr abergläubisch. Sie nähmen Glücksschweine, eine Krähe mit an Bord,
-sie spuckten dreimal dahin und dorthin, sie zögen die Handschuhe von
-glücklichen Fahrern an. Wie sich so primitive Unvernunft mit der ihrem
-Beruf zum Grunde liegenden Weltanschauung reime? – Der Widerspruch, den
-er aufzeigte, ergötzte ihn, bereitete ihm Genugtuung; er hielt sich
-lange darüber auf ... Aber wir greifen im Unerschöpflichen hin und her
-nach Proben von Naphtas Feindseligkeit, während es nur allzu
-Gegenständliches zu erzählen gibt.
-
-Eines Nachmittags im Februar vereinigten sich die Herren, nach Monstein
-auszufliegen, einem Orte, anderthalb Stunden Schlittenfahrt von der
-Stätte ihres Alltags entfernt. Es waren Naphta und Settembrini, Hans
-Castorp, Ferge und Wehsal. In zwei einspännigen Schlitten fuhren sie,
-Hans Castorp mit dem Humanisten, Naphta mit Ferge und Wehsal, der neben
-dem Kutscher saß, um 3 Uhr, gut eingehüllt, vom Domizil der Auswärtigen
-ab und nahmen unter Schellengeläut, das so freundlich durch schneestille
-Landschaft geht, ihren Weg an der rechten Lehne hin, vorbei an
-Frauenkirch und Glaris, gegen Süden. Schneebedeckung rückte rasch aus
-dieser Himmelsrichtung vor, so daß bald nur noch hinten über der
-Rhätikonkette ein blaßblauer Streifen zu sehen war. Der Frost war stark,
-das Gebirge nebelig. Die Straße, die sie führte, schmale, geländerlose
-Plattform zwischen Wand und Abgrund, hob sich steil ins Tannenwilde. Es
-ging schrittweise. Abfahrende Rodler kamen oft auf sie zu, die bei der
-Begegnung absteigen mußten. Hinter Biegungen klang zart und warnend
-fremdes Geläute auf, Schlitten, mit zwei Pferden hintereinander
-bespannt, gingen vorbei, und das Ausweichen forderte Behutsamkeit. Nahe
-dem Ziele tat ein schöner Blick auf eine felsige Partie der Zügenstraße
-sich auf. Man stieg aus den Decken vor dem kleinen Gasthaus von
-Monstein, das sich „Kurhaus“ nannte, und, die Schlitten zurücklassend,
-ging man noch einige Schritte weiter, um gegen Südosten nach dem
-„Stulsergrat“ auszuschauen. Die Riesenwand, dreitausend Meter hoch, war
-nebelverhüllt. Nur irgendwo ragte eine himmelhohe Zacke, überirdisch,
-walhallmäßig fern und heilig unzugänglich aus dem Gedünst hervor. Hans
-Castorp bewunderte das sehr und forderte auch die andern auf, es zu tun.
-Er war es, der mit Unterwerfungsgefühlen das Wort „unzugänglich“
-aussprach und damit Herrn Settembrini Anlaß gab, zu betonen, daß jener
-Fels natürlich sehr wohl betreten sei. Überhaupt gäbe es das kaum noch:
-Unzugänglichkeit und irgendwelche Natur, auf die der Mensch nicht schon
-seinen Fuß gesetzt habe. Eine kleine Übertreibung und Dicktuerei,
-erwiderte Naphta. Und er nannte den Mount Everest, der dem Vorwitz des
-Menschen bis dato eisige Ablehnung entgegengesetzt habe und in dieser
-Reserve dauernd verharren zu wollen scheine. Der Humanist ärgerte sich.
-Die Herren kehrten zum „Kurhaus“ zurück, vor dem neben den eigenen ein
-paar fremde, ausgespannte Schlitten standen.
-
-Man konnte hier wohnen. Im Obergeschoß gab es Hotelzimmer mit Nummern.
-Dort lag auch das Eßzimmer, bäurisch und wohl geheizt. Die Ausflügler
-bestellten einen Imbiß bei der dienstwilligen Wirtin: Kaffee, Honig,
-Weißbrot und Birnenbrot, die Spezialität des Ortes. Den Kutschern ward
-Rotwein geschickt. Schweizerische und holländische Besucher saßen an
-anderen Tischen.
-
-Wir hätten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf Freunde die
-Erwärmung durch den heißen und sehr löblichen Kaffee ein höheres
-Gespräch gezeitigt habe. Doch wären wir ungenau damit, denn dies
-Gespräch war eigentlich ein Monolog Naphtas, der es nach wenigen Worten,
-die andere beigetragen, allein bestritt, – ein Monolog, geführt auf
-recht sonderbare und gesellschaftlich anstößige Art, da der Ex-Jesuit
-sich nämlich, liebenswürdig instruierend, ausschließlich an Hans Castorp
-damit wandte, Herrn Settembrini, der an seiner anderen Seite saß, den
-Rücken zukehrte und auch die beiden anderen Herren völlig unbeachtet
-ließ.
-
-Es wäre schwer gewesen, das Thema seiner Improvisation, der Hans Castorp
-mit halb und halb zustimmendem Kopfnicken folgte, bei Namen zu nennen.
-Einheitlichen Gegenstandes war sie wohl eigentlich nicht, sondern
-bewegte sich locker im Geistigen, da und dort anstreifend und im
-wesentlichen darauf aus, die Zweideutigkeit der geistigen
-Lebenserscheinungen, die irisierende Natur und kämpferische
-Unbrauchbarkeit der daraus abgezogenen großen Begriffe auf eine
-entmutigende Art nachzuweisen und bemerklich zu machen, in wie
-schillerndem Gewande das Absolute auf Erden erscheine.
-
-Allenfalls hätte man seinen Vortrag auf das Problem der Freiheit
-festlegen können, das er im Sinne der Verwirrung behandelte. Unter
-anderem sprach er von der Romantik und dem faszinierenden Doppelsinn
-dieser europäischen Bewegung vom Anfang des 19. Jahrhunderts, vor der
-die Begriffe der Reaktion und der Revolution zunichte würden, sofern sie
-sich nicht zu einem höheren vereinigten. Denn es sei selbstverständlich
-höchst lächerlich, den Begriff des Revolutionären ausschließlich mit dem
-Fortschritt und der siegreich anrennenden Aufklärung verbinden zu
-wollen. Die europäische Romantik sei vor allem eine Freiheitsbewegung
-gewesen: antiklassizistisch, antiakademisch, gerichtet gegen den
-altfranzösischen Geschmack, gegen die Alte Schule der Vernunft, deren
-Verteidiger sie als gepuderte Perückenköpfe verhöhnt habe.
-
-Und Naphta fiel auf die Freiheitskriege, auf Fichte’sche Begeisterungen,
-auf jene rausch- und gesangvolle völkische Erhebung gegen eine
-unerträgliche Tyrannei, – als welche nur leider, he, he, die Freiheit,
-das heiße: die Ideen der Revolution verkörpert habe. Sehr lustig: Laut
-singend habe man ausgeholt, um die revolutionäre Tyrannei zugunsten der
-reaktionären Fürstenfuchtel zu zerschlagen, und das habe man für die
-Freiheit getan.
-
-Der jugendliche Zuhörer werde da des Unterschiedes oder auch Gegensatzes
-von äußerer und innerer Freiheit gewahr – und zugleich der kitzlichen
-Frage, welche Unfreiheit mit der Ehre einer Nation am ehesten, he, he,
-am wenigsten verträglich sei.
-
-Freiheit sei wohl eigentlich mehr noch ein romantischer, als ein
-aufklärerischer Begriff, denn mit der Romantik habe er die unentwirrbare
-Verschränkung menschheitlicher Ausdehnungstriebe und leidenschaftlich
-verengernder Ichbetonung gemeinsam. Individualistischer Freiheitstrieb
-habe den historisch-romantischen Kultus der Nationalen gezeitigt, der
-kriegerisch sei, und den der humanitäre Liberalismus finster nenne,
-wiewohl dieser doch ebenfalls den Individualismus lehre, nur eben ein
-wenig anders herum. Der Individualismus sei romantisch-mittelalterlich
-in seiner Überzeugung von der unendlichen, der kosmischen Wichtigkeit
-des Einzelwesens, woraus die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele,
-die geozentrische Lehre und die Astrologie sich ergäben. Andererseits
-sei Individualismus eine Angelegenheit des liberalisierenden Humanismus,
-welcher zur Anarchie neige und jedenfalls das liebe Individuum davor
-schützen wolle, der Allgemeinheit geopfert zu werden. Das sei
-Individualismus, eins und auch wieder das andere, ein Wort für manches.
-
-Aber das müsse man einräumen, daß Freiheitspathos die glänzendsten
-Freiheitsfeinde, die geistreichsten Ritter des Vergangenen im Kampf mit
-dem andachtslos zersetzenden Fortschritt erzeugt habe. Und Naphta nannte
-Arndt, der den Industrialismus verflucht und den Adelsstand
-verherrlicht, nannte Görres, der die Christliche Mystik verfaßt habe.
-Und ob denn Mystik etwa nichts mit Freiheit zu tun habe? Ob sie etwa
-nicht anti-scholastisch, anti-dogmatisch, anti-priesterlich gewesen sei?
-Man sei freilich gezwungen, in der Hierarchie eine Freiheitsmacht zu
-erblicken, denn sie habe der schrankenlosen Monarchie einen Damm
-entgegengesetzt. Die Mystik des ausgehenden Mittelalters aber habe ihr
-freiheitliches Wesen als Vorläuferin der Reformation bewährt, – der
-Reformation, he, he, die ihrerseits ein unauflösliches Filzwerk von
-Freiheit und mittelalterlichem Rückschlag gewesen sei ...
-
-Luthers Tat ... Ei ja, sie habe den Vorzug, mit derbster Anschaulichkeit
-das fragwürdige Wesen der Tat selbst, der Tat überhaupt zu
-demonstrieren. Ob Naphtas Zuhörer wisse, was eine Tat sei? Eine Tat sei
-beispielsweise die Ermordung des Staatsrats Kotzebue durch den
-Burschenschaftler Sand gewesen. Was habe dem jungen Sand,
-kriminalistisch zu reden, „die Waffe in die Hand gedrückt“?
-Freiheitsbegeisterung, selbstverständlich. Sehe man jedoch näher hin, so
-sei es eigentlich nicht diese, es seien vielmehr Moralfanatismus und der
-Haß auf unvölkische Frivolität gewesen. Allerdings nun wieder habe
-Kotzebue in russischen Diensten, im Dienste der Heiligen Allianz also,
-gestanden; und so habe Sand denn doch wohl für die Freiheit geschossen,
-– was freilich aufs neue der Unwahrscheinlichkeit verfalle kraft des
-Umstandes, daß sich unter seinen nächsten Freunden Jesuiten befunden
-hätten. Kurzum, was immer die Tat auch sein möge, auf jeden Fall sei sie
-ein schlechtes Mittel, sich deutlich zu machen, und zur Bereinigung
-geistiger Probleme trage sie auch nur wenig bei.
-
-„Darf ich mir die Erkundigung erlauben, ob Sie mit Ihren
-_Schlüpfrigkeiten_ bald zu Rande zu kommen gedenken?“
-
-Herr Settembrini hatte es gefragt und zwar mit Schärfe. Er hatte
-gesessen, mit den Fingern auf dem Tisch getrommelt und den Schnurrbart
-gedreht. Jetzt war es genug. Seine Geduld war zu Ende. Aufrecht saß er,
-mehr als aufrecht: – sehr bleich, hatte er sich sozusagen im Sitzen auf
-die Zehen gestellt, so daß nur noch seine Schenkel den Stuhlsitz
-berührten, und so begegnete er blitzenden schwarzen Auges dem Feinde,
-der sich mit geheucheltem Erstaunen nach ihm umgewandt hatte.
-
-„_Wie_ beliebten Sie sich auszudrücken?“ lautete Naphtas Gegenfrage ...
-
-„Ich beliebte“, sagte der Italiener und schluckte hinunter, „– ich
-beliebe mich dahin auszudrücken, daß ich entschlossen bin, Sie daran zu
-hindern, eine ungeschützte Jugend noch länger mit Ihren Zweideutigkeiten
-zu behelligen!“
-
-„Mein Herr, ich fordere Sie auf, nach Ihren Worten zu sehen!“
-
-„Einer solchen Aufforderung, mein Herr, bedarf es nicht. Ich bin
-gewohnt, nach meinen Worten zu sehen, und mein Wort wird präzis den
-Tatsachen gerecht, wenn ich ausspreche, daß Ihre Art, die ohnehin
-schwanke Jugend geistig zu verstören, zu verführen und sittlich zu
-entkräften, eine _Infamie_ und mit Worten nicht streng genug zu
-züchtigen ist ...“
-
-Bei dem Wort „Infamie“ schlug Settembrini mit der flachen Hand auf den
-Tisch und stand, seinen Stuhl zurückschiebend, nun vollends auf, – das
-Zeichen für alle übrigen, ein Gleiches zu tun. Von anderen Tischen
-blickte man aufhorchend herüber, – von einem eigentlich nur, die
-Schweizer Gäste waren schon aufgebrochen, und nur die Holländer
-lauschten mit verdutzten Mienen auf den ausbrechenden Wortwechsel.
-
-Sie standen also alle steif aufrecht an unserem Tisch: Hans Castorp und
-die beiden Gegner und ihnen gegenüber Ferge und Wehsal. Alle fünf waren
-sie blaß, mit erweiterten Augen und zuckenden Mündern. Hätten nicht die
-drei Unbeteiligten den Versuch machen können, beschwichtigend
-einzuwirken, mit einem Scherzwort die Spannung zu lösen, durch irgendein
-menschliches Zureden alles zum Guten zu wenden? Sie unternahmen ihn
-nicht, diesen Versuch. Die inneren Umstände hinderten sie daran. Sie
-standen und bebten, und unwillkürlich ballten ihre Hände sich zu
-Fäusten. Selbst A. K. Ferge, dem alles Höhere erklärtermaßen völlig fern
-lag und der von vornherein gänzlich darauf verzichtete, die Tragweite
-des Streites zu ermessen, – auch er war überzeugt, daß es hier auf
-Biegen und Brechen gehe, und daß man, selbst mit hingerissen, nichts tun
-könne, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Sein gutmütiger
-Schnurrbartbausch wanderte heftig auf und nieder.
-
-Es war still, und so hörte man Naphta mit den Zähnen knirschen. Das war
-für Hans Castorp eine ähnliche Erfahrung, wie die mit Wiedemanns
-gesträubtem Haar: Er hatte gedacht, es sei nur eine Redensart und komme
-in Wirklichkeit nicht vor. Nun aber knirschte Naphta tatsächlich in der
-Stille, ein furchtbar unangenehmes, wildes und abenteuerliches Geräusch,
-das sich aber immerhin als Zeichen einer gewissen fürchterlichen
-Beherrschung erwies, denn er schrie nicht, sondern sagte leise und nur
-mit einer Art von keuchendem Halblachen:
-
-„Infamie? Züchtigen? Werden die Tugendesel stößig? Haben wir die
-pädagogische Schutzmannschaft der Zivilisation so weit, daß sie blank
-zieht? Das nenne ich einen Erfolg, für den Anfang, – leicht erzielt, wie
-ich mit Geringschätzung hinzufüge, denn eine wie gelinde Neckerei hat
-hingereicht, den wachhabenden Tugendsinn in Harnisch zu jagen! Das
-Weitere wird sich finden, mein Herr. Auch die ‚Züchtigung‘, auch diese.
-Ich hoffe, daß Ihre zivilen Grundsätze Sie nicht hindern, zu wissen, was
-Sie mir schuldig sind, sonst wäre ich gezwungen, diese Grundsätze durch
-Mittel auf die Probe zu stellen, die –“
-
-Eine steile Bewegung Herrn Settembrinis ließ ihn fortfahren:
-
-„Ah, ich sehe, das wird nicht nötig sein. Ich bin Ihnen im Wege, Sie
-sind es mir, – gut denn, wir werden den Austrag dieser kleinen Differenz
-an den gehörigen Ort verlegen. Für den Augenblick nur eines. Ihre
-frömmelnde Angst um den scholastischen Begriffsstaat der
-Jakobiner-Revolution sieht in meiner Art, die Jugend zweifeln zu lassen,
-die Kategorien über den Haufen zu werfen und die Ideen ihrer
-akademischen Tugendwürde zu berauben, ein pädagogisches Verbrechen.
-Diese Angst ist nur allzu berechtigt, denn es ist geschehen um Ihre
-Humanität, seien Sie dessen versichert, – geschehen und getan. Sie ist
-schon heute nur noch ein Zopf, eine klassizistische Abgeschmacktheit,
-ein geistiges _Ennui_, das Gähnkrampf erzeugt, und mit dem aufzuräumen
-die neue, _unsere_ Revolution, mein Herr, sich anschickt. Wenn wir als
-Erzieher den Zweifel stiften, tiefer, als euere modeste Aufgeklärtheit
-sich je hat träumen lassen, so wissen wir wohl, was wir tun. Nur aus der
-radikalen Skepsis, dem moralischen Chaos geht das Unbedingte hervor, der
-heilige Terror, dessen die Zeit bedarf. Dies zu meiner Rechtfertigung
-und Ihrer Belehrung. Das Weitere steht auf einem anderen Blatt. Sie
-werden von mir hören.“
-
-„Sie werden Gehör finden, mein Herr!“ rief Settembrini ihm nach, der den
-Tisch verließ und zum Kleiderständer eilte, um sich seines Pelzwerks zu
-bemächtigen. Dann ließ der Freimaurer sich hart auf seinen Stuhl
-zurücksinken und preßte sein Herz mit den Händen.
-
-„_Distruttore! Cane arrabbiato! Bisogna ammazzarlo!_“ stieß er kurzen
-Atems hervor.
-
-Die anderen standen noch immer am Tisch. Ferges Schnurrbart fuhr fort
-auf und ab zu wandern. Wehsal hatte den Unterkiefer schief gestellt.
-Hans Castorp ahmte die Kinnstütze seines Großvaters nach, denn ihm
-zitterte das Genick. Alle bedachten, wie wenig man sich bei der Ausfahrt
-solcher Dinge versehen habe. Alle, Herrn Settembrini nicht ausgenommen,
-bedachten gleichzeitig, welch ein Glück es sei, daß man in zwei
-Schlitten und nicht in einem gemeinsamen gekommen war. Dies erleichterte
-vorderhand einmal die Heimkehr. Aber was dann?
-
-„Er hat Sie gefordert“, sagte Hans Castorp beklommen.
-
-„Allerdings“, antwortete Settembrini und warf zu dem neben ihm Stehenden
-einen Blick empor, um sich gleich danach von ihm abzuwenden und den Kopf
-in die Hand zu stützen.
-
-„Sie nehmen an?“ wollte Wehsal hören ...
-
-„Sie fragen?“ antwortete Settembrini und betrachtete auch ihn einen
-Augenblick ... „Meine Herren“, fuhr er fort und erhob sich vollkommen
-gefaßt, „ich beklage den Ausgang unseres Vergnügens, allein mit solchen
-Zwischenfällen muß jeder Mann im Leben rechnen. Ich mißbillige
-theoretisch das Duell, ich denke gesetzlich. Mit der Praxis jedoch ist
-es eine andere Sache; und es gibt Lagen, wo, – Gegensätze, die – kurzum,
-ich stehe diesem Herrn zur Verfügung. Es ist gut, daß ich in meiner
-Jugend ein wenig gefochten habe. Ein paar Stunden Übung werden mir das
-Handgelenk wieder geläufig machen. Gehen wir! Das Nähere wird zu
-verabreden sein. Ich vermute, daß jener Herr bereits anzuspannen
-befohlen hat.“
-
-Hans Castorp hatte Augenblicke, während der Heimfahrt und nachher, wo
-ihm vor der Ungeheuerlichkeit des Bevorstehenden schwindelte,
-namentlich, als sich herausstellte, daß Naphta von Hieb und Stich nichts
-wissen wollte, sondern auf einem Pistolenduell bestand, – und daß
-tatsächlich er die Waffe zu wählen hatte, da er nach ehrenrechtlichen
-Begriffen der Beleidigte war. Augenblicke, sagen wir, kamen dem jungen
-Mann, wo er seinen Geist aus der allgemeinen Verstrickung und Benebelung
-durch die inneren Umstände bis zu einem gewissen Grade befreien konnte
-und sich vorhielt, daß dies ja Wahnsinn sei, und daß man es verhindern
-müsse.
-
-„Wenn eine wirkliche Beleidigung vorläge!“ rief er im Gespräch mit
-Settembrini, Ferge und Wehsal, den Naphta schon auf der Rückfahrt als
-Kartellträger gewonnen hatte, und der den Verkehr zwischen den Parteien
-vermittelte. „Eine Beschimpfung bürgerlicher, gesellschaftlicher Art!
-Wenn einer des anderen ehrlichen Namen in den Schmutz gezogen hätte,
-wenn es sich um eine Frau handelte, um irgendein solches handgreifliches
-Lebensverhängnis, bei dem man keine Möglichkeit des Ausgleichs sieht!
-Gut, für solche Fälle ist das Duell als letzter Ausweg da, und wenn dann
-der Ehre Genüge geschehen und die Sache glimpflich abgegangen ist, und
-es heißt: Die Gegner schieden versöhnt, so kann man sogar finden, daß es
-eine gute Einrichtung ist, heilsam und praktikabel in gewissen
-Verwicklungsfällen. Aber was hat er getan? Ich will ihn nicht etwa in
-Schutz nehmen, ich frage nur, was er zu Ihrer Beleidigung getan hat. Er
-hat die Kategorien über den Haufen geworfen. Er hat, wie er sich
-ausdrückt, den Begriffen ihre akademische Würde geraubt. Dadurch haben
-Sie sich beleidigt gefühlt, – mit Recht, wollen wir mal unterstellen –“
-
-„Unterstellen?“ wiederholte Herr Settembrini und sah ihn an ...
-
-„Mit Recht, mit Recht! Er hat Sie beleidigt damit. Aber er hat Sie nicht
-beschimpft! Das ist ein Unterschied, erlauben Sie mal! Es handelt sich
-um abstrakte Dinge, um geistige. Mit geistigen Dingen kann man
-beleidigen, aber man kann nicht damit beschimpfen. Das ist eine Maxime,
-die jedes Ehrengericht annehmen würde, ich kann es Ihnen bei Gott
-versichern. Und darum ist auch das, was Sie ihm von ‚Infamie‘ und
-‚strenger Züchtigung‘ geantwortet haben, keine Beschimpfung, denn auch
-das war geistig gemeint, es hält sich alles im geistigen Bezirke und hat
-mit dem persönlichen überhaupt nichts zu tun, worin es einzig so etwas
-wie Beschimpfung gibt. Das Geistige kann niemals persönlich sein, das
-ist die Vervollständigung und die Erläuterung der Maxime, und deshalb –“
-
-„Sie irren, mein Freund“, versetzte Herr Settembrini mit geschlossenen
-Augen. „Sie irren erstens in der Annahme, daß Geistiges nicht
-persönlichen Charakter gewinnen könne. Sie sollten das nicht meinen“,
-sagte er und lächelte eigentümlich fein und schmerzlich. „Sie gehen
-jedoch vor allem fehl in Ihrer Einschätzung des Geistigen überhaupt, das
-Sie offenbar für zu schwach halten, um Konflikte und Leidenschaften zu
-zeitigen von der Härte derjenigen, die das reale Leben mit sich bringt,
-und die keinen anderen Ausweg lassen, als den des Waffenganges. _All’
-incontro!_ Das Abstrakte, das Gereinigte, das Ideelle ist zugleich auch
-das Absolute, es ist damit das eigentlich Strenge, und es birgt viel
-tiefere und radikalere Möglichkeiten des Hasses, der unbedingten und
-unversöhnlichen Gegnerschaft, als das soziale Leben. Wundern Sie sich,
-daß es sogar direkter und unerbittlicher, als dieses, zur Situation des
-Du oder Ich, zur eigentlich radikalen Situation, zu der des Duells, des
-körperlichen Kampfes führt? Das Duell, mein Freund, ist keine
-‚Einrichtung‘ wie eine andere. Es ist das Letzte, die Rückkehr zum
-Urstande der Natur, nur leicht gemildert durch eine gewisse Regelung
-ritterlicher Art, die sehr oberflächlich ist. Das Wesentliche der Lage
-bleibt das schlechthin Ursprüngliche, der körperliche Kampf, und es ist
-Sache jedes Mannes, sich in aller Entfernung vom Natürlichen dieser Lage
-gewachsen zu halten. Er kann täglich in sie geraten. Wer für das Ideelle
-nicht mit seiner Person, seinem Arm, seinem Blute einzutreten vermag,
-der ist seiner nicht wert, und es kommt darauf an, in aller
-Vergeistigung ein Mann zu bleiben.“
-
-Da hatte Hans Castorp seine Zurechtweisung. Was gab es darauf zu
-erwidern? Er schwieg in bedrücktem Grübeln. Herrn Settembrinis Worte
-taten gefaßt und logisch, und dennoch klangen sie fremd und unnatürlich
-aus ihm hervor. Seine Gedanken waren nicht seine Gedanken, – wie er ja
-auch auf den des Zweikampfes gar nicht von selbst verfallen war, sondern
-ihn nur von dem terroristischen kleinen Naphta übernommen hatte –; sie
-waren Ausdruck der Umfangenheit durch die allgemeinen inneren Umstände,
-deren Knecht und Werkzeug Herrn Settembrinis schöner Verstand geworden
-war. Wie, das Geistige, weil es streng war, sollte unerbittlich zum
-Tierischen, zum Austrag durch den körperlichen Kampf führen? Hans
-Castorp lehnte sich auf dagegen, oder er versuchte doch, es zu tun, – um
-zu seinem Schrecken zu finden, daß er es auch nicht konnte. Sie waren
-stark auch in ihm, die inneren Umstände, er war nicht der Mann, er auch
-nicht, sich ihnen zu entwinden. Furchtbar und letztgültig wehte es ihn
-an aus jener Erinnerungsgegend, wo Wiedemann und Sonnenschein sich in
-ratlos tierischem Kampfe wälzten, und er begriff mit Grauen, daß am Ende
-aller Dinge nur das Körperliche blieb, die Nägel, die Zähne. Ja, ja, man
-mußte sich wohl schlagen, denn so war wenigstens jene Milderung des
-Urstandes durch ritterliche Regelung zu retten ... Hans Castorp bot sich
-Herrn Settembrini als Sekundanten an.
-
-Das wurde abgelehnt. Nein, es passe nicht, es wolle sich nicht schicken,
-wurde ihm geantwortet, – zuerst von Herrn Settembrini mit einem Lächeln,
-das fein und schmerzlich war, dann auch, nach kurzer Überlegung, von
-Ferge und Wehsal, die ebenfalls ohne besondere Begründung fanden, es
-gehe nicht an, daß Hans Castorp sich an der Mensur in dieser Eigenschaft
-beteilige. Als Unparteiischer etwa – denn auch die Anwesenheit eines
-solchen gehörte ja zu den vorgeschriebenen ritterlichen Milderungen des
-Tierischen – möge er auf dem Kampfplatz zugegen sein. Selbst Naphta ließ
-sich durch den Mund seines Ehrengeschäftsträgers Wehsal in diesem Sinne
-vernehmen, und Hans Castorp war es zufrieden. Zeuge oder Unparteiischer,
-auf jeden Fall gewann er die Möglichkeit, Einfluß auf die Festsetzung
-der Modalitäten zu nehmen, was sich als bitter nötig erwies.
-
-Denn Naphta war ja außer Rand und Band mit seinen Vorschlägen. Er
-verlangte fünf Schritt Distanz und dreimaligen Kugelwechsel, falls es
-nötig sein sollte. Diesen Wahnsinn ließ er noch am Abend des
-Zerwürfnisses durch Wehsal überbringen, der sich völlig zum Mundstück
-und Vertreter seiner wilden Interessen gemacht hatte und teils im
-Auftrage, teils gewiß auch nach eigenem Geschmack mit größter Zähigkeit
-auf solchen Bedingungen bestand. Natürlich fand Settembrini nichts daran
-auszusetzen, aber Ferge, als Sekundant, und der unparteiische Hans
-Castorp waren außer sich, und dieser wurde sogar grob mit dem elenden
-Wehsal. Ob er sich nicht schäme, fragte er, solche wüsten
-Unannehmlichkeiten auszukramen, wo es sich um ein rein abstraktes Duell
-handle, dem gar keine Realinjurie zugrunde liege! Pistolen seien schon
-kraß genug, aber nun diese mörderischen Einzelheiten. Da höre die
-Ritterlichkeit auf, und ob man sich nicht gleich übers Schnupftuch
-schießen wolle! Er, Wehsal, solle ja nicht auf sich feuern lassen auf
-solche Entfernung, darum gehe ihm der Blutdurst wohl so leicht von den
-Lippen – und so fort. Wehsal zuckte die Achseln, wortlos andeutend, daß
-eben die radikale Situation vorliege, wodurch er denn die Gegenseite,
-die dies zu vergessen geneigt war, gewissermaßen entwaffnete. Immerhin
-gelang es dieser beim Hin und Her des folgenden Tages, vor allem den
-dreimaligen Kugelwechsel auf einen zurückzuführen, dann aber die
-Distanzfrage so zu regeln, daß die Kombattanten sich auf fünfzehn
-Schritte gegenüberstehen und das Recht haben sollten, fünf Schritte
-vorzugehen, bevor sie schössen. Aber auch dies wurde nur erreicht gegen
-die Zusicherung, daß keine Versöhnungsversuche gemacht werden sollten.
-Übrigens hatte man keine Pistolen.
-
-Herr Albin hatte welche. Außer dem blanken kleinen Revolver, mit dem er
-die Damen zu ängstigen liebte, besaß er noch ein Zwillingspaar in den
-Samt eines gemeinsamen Etuis gebetteter Offizierspistolen, die aus
-Belgien stammten: automatische Brownings mit Griffen aus braunem Holz,
-in denen sich die Magazine befanden, bläulich stählerner
-Geschützmaschinerie und blank gedrehten Rohren, auf deren Mündungen
-knapp und fein die Visiere saßen. Hans Castorp hatte sie irgendwann
-einmal bei dem Windbeutel gesehen und erbot sich gegen seine
-Überzeugung, aus reiner Umfangenheit, sie von ihm auszuleihen. So tat
-er, indem er aus dem Zwecke sachlich kein Hehl machte, ihn aber in
-persönliches Ehrengeheimnis hüllte und mit leichtem Erfolge sich an den
-Kavalierssinn des Windbeutels wandte. Herr Albin unterwies ihn sogar im
-Laden und gab mit ihm im Freien blinde Probeschüsse aus beiden Gewehren
-ab.
-
-Das alles kostete Zeit, und so kam es, daß bis zum Stelldichein zwei
-Tage und drei Nächte vergingen. Der Treffpunkt war von Hans Castorps
-Erfindung: Es war der malerische, im Sommer blau blühende Ort seiner
-Regierungs-Zurückgezogenheit, den er in Vorschlag gebracht hatte. Hier
-sollte am dritten Morgen nach dem Streit, sobald es nur hell genug war,
-der Handel seine Erledigung finden. Erst am Vorabend, ziemlich spät,
-verfiel Hans Castorp, der sehr aufgeregt war, auf den Gedanken, daß es
-ja nötig sei, einen Arzt mit auf den Kampfplatz zu nehmen.
-
-Er beriet sofort mit Ferge den Punkt, der sich als sehr schwierig
-erwies. Radamanth war zwar Korpsstudent gewesen, aber unmöglich konnte
-man den Chef der Anstalt um Unterstützung einer solchen Ungesetzlichkeit
-angehen, zumal es sich um Patienten handelte. Überhaupt bestand kaum
-Hoffnung, daß man hier einen Arzt werde ausfindig machen, der bereit
-sein würde, zu einem Pistolenduell zwischen zwei Schwerkranken die Hand
-zu bieten. Krokowski angehend, so war nicht einmal sicher, ob dieser
-spirituelle Kopf überhaupt sehr fest in der Wundbehandlung sei.
-
-Wehsal, der zugezogen wurde, teilte mit, Naphta habe sich schon
-geäußert, nämlich dahin, er wolle keinen Arzt. Er gehe an jenen Ort
-nicht, um sich salben und wickeln zu lassen, sondern um sich zu schlagen
-und zwar sehr ernsthaft. Was nachher komme, sei ihm gleichgültig und
-werde sich finden. Das schien eine finstere Kundgebung, die aber Hans
-Castorp so zu deuten sich bemühte, als sei Naphta der stillen Meinung,
-ein Arzt werde nicht nötig sein. Hatte nicht auch Settembrini durch den
-zu ihm entsandten Ferge sagen lassen, man solle die Frage absetzen, sie
-interessiere ihn nicht? Es war nicht ganz unvernünftig, zu hoffen, die
-Gegner möchten im Grunde einig sein in dem Vorsatz, es zu keinem
-Blutvergießen kommen zu lassen. Man hatte zweimal geschlafen seit jenem
-Wortwechsel und würde es ein drittes Mal tun. Das kühlt, das klärt, dem
-Zuge der Stunden hält eine bestimmte Gemütsverfassung nicht ungewandelt
-stand. Morgen früh, das Schießzeug in der Hand, würde keiner der
-Streitbaren noch der Mann sein, der er am Abend des Zwistes gewesen.
-Höchstens mechanisch noch und ehrenzwangsweise, nicht nach gegenwärtigem
-freien Willen würden sie handeln, wie sie damals aus Lust und
-Überzeugung gehandelt hätten; und eine solche Verleugnung ihres
-aktuellen Selbst zugunsten dessen, was sie einmal gewesen, mußte sich
-irgendwie ja verhüten lassen!
-
-Hans Castorp hatte nicht unrecht mit seiner Überlegung, – nicht unrecht
-nur leider auf eine Art, von der er sich nichts träumen lassen konnte.
-Er hatte sogar vollkommen recht damit, soweit Herr Settembrini in Frage
-kam. Hätte er aber geahnt, in welchem Sinn Leo Naphta bis zum
-entscheidenden Augenblick seine Vorsätze würde geändert haben oder in
-eben diesem Augenblick ändern würde, so hätten selbst die inneren
-Umstände, aus denen dies alles hervorging, ihn nicht vermocht, das
-Bevorstehende zuzulassen.
-
-Um 7 Uhr war die Sonne weit entfernt, hinter ihrem Berge hervorzukommen,
-aber es tagte mühsam qualmend, als Hans Castorp nach unruhig verbrachter
-Nacht Haus Berghof verließ, um sich zum Rendezvous zu begeben.
-Dienstmägde, die die Halle putzten, sahen verwundert von der Arbeit nach
-ihm auf. Er fand jedoch das Haupttor nicht mehr verschlossen: Ferge und
-Wehsal, einzeln oder zu zweien, hatten es gewiß schon passiert, der
-eine, um Settembrini, der andere, um Naphta zum Kampfplatze abzuholen.
-Er, Hans, ging allein, da seine Eigenschaft als Unparteiischer ihm nicht
-gestattete, sich einer der beiden Parteien anzuschließen.
-
-Er ging mechanisch und ehrenzwangsweise unter dem Druck der Umstände.
-Daß er dem Treffen beiwohnte, war selbstverständliche Notwendigkeit.
-Unmöglich, sich davon auszuschließen und das Ergebnis im Bette zu
-erwarten, erstens, weil – aber das Erstens führte er nicht aus, sondern
-fügte gleich das Zweitens hinzu, daß man die Dinge überhaupt nicht sich
-selbst überlassen dürfe. Noch war nichts Schlimmes geschehen, gottlob,
-und es brauchte nichts Schlimmes zu geschehen, es war sogar
-unwahrscheinlich. Man hatte bei künstlichem Licht aufstehen müssen und
-mußte nun ungefrühstückt, in bitterer Frostfrühe im Freien
-zusammenkommen, so war es einmal verabredet. Aber dann würde, unter der
-Einwirkung von seiner, Hans Castorps, Gegenwart sich zweifellos
-irgendwie alles zum Guten und Heiteren wenden, – auf eine Weise, die
-nicht vorauszusehen war, und die erraten zu wollen, man besser
-unterließ, da die Erfahrung lehrte, daß selbst der bescheidenste Vorgang
-anders verlief, als man vorwegnehmend ihn sich auszumalen versucht
-hatte.
-
-Dennoch war es der unangenehmste Morgen seiner Erinnerung. Flau und
-übernächtig, neigte Hans Castorp zu nervösem Zähneklappern und war
-schon in geringer Tiefe seines Wesens sehr versucht, seinen
-Selbstbeschwichtigungen zu mißtrauen. Es waren so ganz besondere Zeiten
-... Die zankzerstörte Dame aus Minsk, der tobende Schüler, Wiedemann und
-Sonnenschein, der polnische Ohrfeigenhandel gingen ihm wüst durch den
-Sinn. Er konnte sich nicht vorstellen, daß vor seinen Augen, wenn er
-zugegen war, zwei aufeinander schießen, sich blutig zurichten würden.
-Aber wenn er bedachte, was mit Wiedemann und Sonnenschein vor diesen
-seinen Augen zur Tatsache geworden war, so mißtraute er sich und seiner
-Welt und fröstelte in seiner Pelzjacke, – während übrigens immerhin und
-bei alldem ein Gefühl von der Außerordentlichkeit und Pathetik der Lage,
-zusammen mit den stärkenden Elementen der Frühluft ihn erhob und
-belebte.
-
-Unter so gemischten und wechselnden Empfindungen und Gedanken stieg er
-im Halbhellen, langsam sich Erhellenden in „Dorf“ von der Mündung der
-Bobbahn auf schmalstem Pfade die Lehne hinan, erreichte den tief
-verschneiten Wald, überschritt die Holzbrücken, unter denen die Bahn
-hinablief, und stapfte auf einem Wege, der mehr ein Erzeugnis von
-Fußspuren, als der Schaufel war, zwischen den Stämmen weiter. Da er
-hastig ging, überholte er sehr bald Settembrini und Ferge, welcher mit
-einer Hand den Pistolenkasten unter seinem Radmantel festhielt. Hans
-Castorp nahm keinen Anstand, sich zu ihnen zu gesellen, und kaum war er
-an ihrer Seite, so erblickte er auch schon Naphta und Wehsal, die
-geringen Vorsprung hatten.
-
-„Kalter Morgen, mindestens achtzehn Grad,“ sagte er in guter Absicht,
-erschrak aber selbst über die Frivolität seiner Worte und fügte hinzu:
-„Meine Herren, ich bin überzeugt ...“
-
-Die anderen schwiegen. Ferge ließ seinen gutmütigen Schnurrbart auf und
-nieder wandern. Nach einer Weile blieb Settembrini stehen, nahm Hans
-Castorps Hand, legte auch noch seine andere darauf und sprach:
-
-„Mein Freund, ich werde nicht töten. Ich werde es nicht. Ich werde mich
-seiner Kugel darstellen, das ist alles, was mir die Ehre gebieten kann.
-Aber ich werde nicht töten, verlassen Sie sich darauf!“
-
-Er ließ los und ging weiter. Hans Castorp war tief ergriffen, sagte
-jedoch nach einigen Schritten:
-
-„Das ist wunderbar schön von Ihnen, Herr Settembrini, nur, andererseits
-... Wenn er für sein Teil ...“
-
-Herr Settembrini schüttelte nur den Kopf. Und da Hans Castorp überlegte,
-daß, wenn einer nicht schösse, auch der andere sich dessen unmöglich
-würde unterwinden können, so fand er, daß alles sich glücklich anlasse
-und daß seine Annahmen sich zu bestätigen begönnen. Es wurde ihm
-leichter ums Herz.
-
-Sie überschritten den Steg, der über die Schlucht führte, worin im
-Sommer der jetzt in Starre verstummte Wasserfall niederging, und der so
-sehr zu dem malerischen Charakter des Ortes beitrug. Naphta und Wehsal
-gingen im Schnee vor der mit dicken weißen Kissen gepolsterten Bank auf
-und ab, auf der Hans Castorp einst, unter ungewöhnlich lebendigen
-Erinnerungen, das Ende seines Nasenblutens hatte erwarten müssen. Naphta
-rauchte eine Zigarette, und Hans Castorp prüfte sich, ob er ebenfalls
-Lust hätte, das zu tun, fand aber nicht die geringste Neigung dazu in
-sich vor und schloß, daß es also bei jenem erst recht auf Affektation
-beruhen müsse. Mit dem Wohlgefallen, das er hier stets empfand, sah er
-sich in der kühnen Intimität seiner Stätte um, die unter diesen eisigen
-Umständen nicht weniger schön war, als zu Zeiten ihrer blauen Blüte.
-Stamm und Gezweig der schräg ins Bild ragenden Fichte waren mit Schnee
-beschwert.
-
-„Guten Morgen!“ wünschte er mit heiterer Stimme, in dem Wunsch, einen
-natürlichen Ton sofort in die Versammlung einzuführen, der Böses
-zerstreuen helfen sollte, – hatte aber kein Glück damit, denn niemand
-antwortete ihm. Die gewechselten Grüße bestanden in stummen
-Verbeugungen, die bis zur Unsichtbarkeit steif waren. Dennoch blieb er
-entschlossen, seine Ankunftsbewegung, den herzlichen Hochgang seines
-Atems, die Wärme, die der rasche Gang durch den Wintermorgen ihm
-mitgeteilt, ohne Säumen zum guten Zweck zu verwenden und fing an:
-
-„Meine Herren, ich bin überzeugt ...“
-
-„Sie werden Ihre Überzeugungen ein andermal entwickeln,“ schnitt Naphta
-ihm kalt das Wort ab. „Die Waffen, wenn ich bitten darf,“ fügte er mit
-demselben Hochmut hinzu. Und Hans Castorp, auf den Mund geschlagen,
-mußte zusehen, wie Ferge das fatale Etui unter seinem Mantel
-hervorholte, und wie Wehsal, der zu ihm getreten war, eine der Pistolen
-von ihm empfing, um sie an Naphta weiterzugeben. Settembrini nahm aus
-Ferges Hand die andere. Dann mußte man Raum geben, Ferge ersuchte
-murmelnd darum und fing an, die Distanzen auszugehen und sichtbar zu
-machen: die äußere Begrenzung, indem er mit dem Absatz kurze Linien in
-den Schnee grub, die inneren Barrieren mit zwei Spazierstöcken, seinem
-eigenen und dem Settembrinis.
-
-Der gutmütige Dulder, womit befaßte er sich da? Hans Castorp traute
-seinen Augen nicht. Ferge war langbeinig und griff gehörig aus, so daß
-wenigstens die fünfzehn Schritte eine stattliche Entfernung ergaben,
-wenn da auch noch die verdammten Barrieren waren, die wirklich nicht
-weit voneinander lagen. Gewiß, er meinte es redlich. Doch immerhin, im
-Zwange welcher Umnebelung handelte er, indem er Vorkehrungen so
-ungeheuerlichen Sinnes traf?
-
-Naphta, der seinen Pelzmantel in den Schnee geworfen hatte, so daß man
-das Nerzfutter sah, trat, die Pistole in der Hand, auf einen der äußeren
-Absatzstriche, sobald er nur gezogen war und während Ferge an weiteren
-Markierungen noch arbeitete. Als er fertig war, bezog auch Settembrini,
-die schadhafte Pelzjacke offen, seine Stellung. Hans Castorp riß sich
-aus einer Lähmung und trat hastig noch einmal vor.
-
-„Meine Herren,“ sagte er bedrängt, „keine Übereilungen! Es ist trotz
-allem meine Pflicht ...“
-
-„Schweigen Sie!“ rief Naphta schneidend. „Ich wünsche das Zeichen.“
-
-Aber niemand gab ein Zeichen. Das war nicht gut verabredet. Es sollte
-wohl „Los!“ ausgesprochen werden, allein daß es Sache des Unparteiischen
-sein werde, die furchtbare Aufforderung ergehen zu lassen, war nicht
-bedacht und jedenfalls nicht erwähnt worden. Hans Castorp blieb stumm
-und niemand sprang für ihn ein.
-
-„Wir beginnen!“ erklärte Naphta. „Gehen Sie vor, mein Herr, und schießen
-Sie!“ rief er zu seinem Gegner hinüber und begann selbst vorzugehen, die
-Pistole mit gestrecktem Arm auf Settembrini, in Brusthöhe, gerichtet, –
-ein unglaubwürdiger Anblick. Auch Settembrini tat so. Beim dritten
-Schritt – der andere war, ohne zu feuern, schon bis zur Barriere gelangt
-– hob er die Pistole sehr hoch und drückte ab. Der scharfe Schuß weckte
-vielfaches Echo. Die Berge warfen einander Hall und Widerhall zu, das
-Tal lärmte davon, und Hans Castorp dachte, die Leute müßten
-zusammenlaufen.
-
-„Sie haben in die Luft geschossen,“ sagte Naphta mit Selbstbeherrschung,
-indem er die Waffe sinken ließ.
-
-Settembrini antwortete:
-
-„Ich schieße, wohin es mir beliebt.“
-
-„Sie werden noch einmal schießen!“
-
-„Ich denke nicht daran. Die Reihe ist an Ihnen.“ Herr Settembrini,
-erhobenen Hauptes gen Himmel blickend, hatte sich etwas seitlich zum
-anderen gestellt, nicht ganz in Front, was rührend zu sehen war. Man
-merkte deutlich, daß er gehört hatte, man solle dem Gegner nicht gerade
-die volle Breitseite bieten, und daß er nach dieser Weisung handelte.
-
-„Feigling!“ schrie Naphta, indem er mit diesem Aufschrei der
-Menschlichkeit das Zugeständnis machte, daß mehr Mut dazu gehöre, zu
-schießen, als auf sich schießen zu lassen, hob seine Pistole auf eine
-Weise, die nichts mehr mit Kampf zu tun hatte, und schoß sich in den
-Kopf.
-
-Kläglicher, unvergeßlicher Anblick! Er taumelte oder stürzte, während
-die Berge mit dem scharfen Lärm seiner Untat Fangball spielten, ein paar
-Schritte rückwärts, indem er die Beine nach vorn warf, beschrieb mit dem
-ganzen Körper eine schleudernde Rechtsdrehung und fiel mit dem Gesicht
-in den Schnee.
-
-Alle standen einen Augenblick starr. Settembrini, nachdem er sein
-Schießzeug weit von sich geworfen, war der erste bei ihm.
-
-„_Infelice!_“ rief er. „_Che cosa fai per l’amor di Dio!_“
-
-Hans Castorp war ihm behilflich, den Körper umzulegen. Sie sahen das
-schwarzrote Loch neben der Schläfe. Sie sahen in ein Gesicht, das man am
-besten mit dem seidenen Schnupftuch bedeckte, von dem ein Zipfel aus
-Naphtas Brusttasche hing.
-
-
- Der Donnerschlag
-
-Sieben Jahre blieb Hans Castorp bei Denen hier oben, – keine runde Zahl
-für Anhänger des Dezimalsystems, und doch eine gute, handliche Zahl in
-ihrer Art, ein mythisch-malerischer Zeitkörper, kann man wohl sagen,
-befriedigender für das Gemüt als etwa ein trockenes halbes Dutzend. Er
-hatte an allen sieben Tischen des Speisesaales gesessen, an jedem
-ungefähr ein Jahr. Zuletzt saß er am Schlechten Russentisch, zusammen
-mit zwei Armeniern, zwei Finnen, einem Bucharier und einem Kurden. Er
-saß dort mit einem kleinen Bärtchen, das er sich mittlerweile hatte
-stehen lassen, einem strohblonden Kinnbärtchen ziemlich unbestimmbarer
-Gestalt, das wir als Zeugnis einer gewissen philosophischen
-Gleichgültigkeit gegen sein Äußeres aufzufassen gezwungen sind. Ja, wir
-müssen weitergehen und diese Idee einer persönlichen Neigung zur
-Vernachlässigung seiner selbst in Verbindung bringen mit einer
-ebensolchen Neigung der Außenwelt in Beziehung zu ihm. Die Obrigkeit
-hatte aufgehört, Diversionen für ihn zu ersinnen. Außer der
-morgentlichen Frage, ob er „schön“ geschlafen habe, die aber
-rhetorischer Art war und summarisch gestellt wurde, richtete der Hofrat
-nicht mehr besonders oft das Wort an ihn, und auch Adriatica von
-Mylendonk (sie trug ein hochreifes Gerstenkorn um die Zeit, von der wir
-reden) tat es nicht alle paar Tage. Sehen wir die Dinge genauer an, so
-geschah es selten oder nie. Man ließ ihn in Ruhe – ein wenig wie einen
-Schüler, der des eigentümlich lustigen Vorzuges genießt, nicht mehr
-gefragt zu werden, nichts mehr zu tun zu brauchen, weil sein
-Sitzenbleiben beschlossene Sache ist und weil er nicht mehr in Betracht
-kommt, – eine orgiastische Form der Freiheit, wie wir hinzufügen, indem
-wir uns selber fragen, ob Freiheit je von anderer Form und Art sein
-könne, als ebendieser. Jedenfalls war hier einer, auf den die Obrigkeit
-fürder kein sorgendes Auge zu haben brauchte, weil es gewiß war, daß in
-seiner Brust keine wilden und trotzigen Entschlüsse mehr reifen würden,
-– ein Sicherer und Endgültiger, der längst gar nicht mehr gewußt hätte,
-wohin denn sonst, der den Gedanken der Rückkehr ins Flachland überhaupt
-nicht mehr zu fassen imstande war ... Drückte sich nicht eine gewisse
-Sorglosigkeit in betreff seiner Person allein in der Tatsache aus, daß
-er an den Schlechten Russentisch versetzt worden war? Womit übrigens
-gegen den sogenannten Schlechten Russentisch nicht das Allergeringste
-gesagt sein soll! Es gab keine irgendwie greifbaren Vor- oder Nachteile
-unter den sieben Tischen. Es war eine Demokratie von Ehrentischen, kühn
-gesagt. Dieselben übergewaltigen Mahlzeiten wurden an diesem gereicht,
-wie an allen anderen; Rhadamanthys selbst faltete dort zuweilen, im
-Turnus, die riesigen Hände vor seinem Teller; und die daran speisenden
-Völkerschaften waren ehrenwerte Mitglieder der Menschheit, wenn sie auch
-kein Latein verstanden und sich beim Essen nicht übertrieben zierlich
-benahmen.
-
-Die Zeit, die nicht von der Art der Bahnhofsuhren ist, deren großer
-Zeiger ruckweise, von fünf zu fünf Minuten fällt, sondern eher von der
-jener ganz kleinen Uhren, deren Zeigerbewegung überhaupt untersichtig
-bleibt, oder wie das Gras, das kein Auge wachsen sieht, ob es gleich
-heimlich wächst, was denn auch eines Tages nicht mehr zu verkennen ist;
-die Zeit, eine Linie, die sich aus lauter ausdehnungslosen Punkten
-zusammensetzt (wobei der unselig verstorbene Naphta wahrscheinlich
-fragen würde, wie lauter Ausdehnungslosigkeiten es anfangen, eine Linie
-hervorzubringen): die Zeit also hatte in ihrer schleichend
-untersichtlichen, geheimen und dennoch betriebsamen Art fortgefahren,
-Veränderungen zu zeitigen. Der Knabe Teddy, um nur ein Beispiele zu
-nennen, war eines Tages – aber natürlich nicht „eines Tages“, sondern
-ganz unbestimmt von welchem Tage an – kein Knabe mehr. Die Damen konnten
-ihn nicht mehr auf den Schoß nehmen, wenn er zuweilen aufstand, den
-Pyjama mit dem Sportanzug vertauschte und herunterkam. Unmerklich hatte
-das Blättchen sich gewendet, er nahm sie selbst auf den Schoß bei
-solchen Gelegenheiten, und das machte beiden Teilen ebensoviel
-Vergnügen, sogar noch mehr. Er war zum Jüngling – wir wollen nicht
-sagen: erblüht, aber doch aufgeschossen: Hans Castorp hatte es nicht
-gesehen, aber er sah es. Übrigens bekamen die Zeit und das Aufschießen
-dem Jüngling Teddy nicht, er war nicht dafür geschaffen. Das Zeitliche
-segnete ihn nicht, – in seinem einundzwanzigsten Jahre starb er an der
-Krankheit, für die er aufnahmelustig gewesen, und in seinem Zimmer wurde
-gestöbert. Mit ruhiger Stimme erzählen wir es, da kein großer
-Unterschied war zwischen seinem neuen Zustande und dem bisherigen.
-
-Aber gewichtigere Todesfälle ereigneten sich, flachländische Todesfälle,
-die unseren Helden näher angingen oder doch ehemals ihn näher angegangen
-hätten. Wir denken an das kürzlich erfolgte Ableben des alten Konsul
-Tienappel, Hansens Großonkel und Pflegevater verblaßten Angedenkens. Er
-hatte unzuträgliche Luftdruckverhältnisse sorgfältigst gemieden und es
-Onkel James überlassen, sich darin zu blamieren; aber der Apoplexie
-hatte er auf die Dauer doch nicht entgehen können, und die drahtlich
-knapp, aber zart und schonend abgefaßte Nachricht von seinem Hintritt –
-zart und schonend mehr mit Rücksicht auf den Verblichenen, als auf den
-Empfänger der Botschaft – war eines Tages herauf an Hans Castorps
-vorzüglichen Liegestuhl gelangt, worauf er sich schwarz gerändertes
-Papier gekauft und den Onkel-Cousins geschrieben hatte, er, die
-Doppelwaise, die sich nun als noch einmal, als dreifach verwaist zu
-betrachten habe, sei um so betrübter, als es ihm verwehrt und verboten
-sei, seinen hiesigen Aufenthalt zu unterbrechen, um dem Großonkel das
-letzte Geleite zu geben.
-
-Von Trauer zu reden, wäre Schönfärberei, doch zeigten Hans Castorps
-Augen in jenen Tagen immerhin einen Ausdruck, der sinnender war als
-gewöhnlich. Dieser Sterbefall, dessen Gefühlsbedeutung niemals mächtig
-gewesen wäre und durch abenteuerliche Jährchen der Entfremdung auf fast
-nichts herabgemindert worden war, er kam doch dem Zerreißen noch einer
-Bindung, noch einer Beziehung zur unteren Sphäre gleich, gab dem, was
-Hans Castorp mit Recht die Freiheit nannte, letzte Vollständigkeit.
-Wirklich war in der späten Zeit, von der wir sprechen, jede Fühlung
-zwischen ihm und dem Flachlande restlos aufgehoben. Er schrieb keine
-Briefe dorthin und empfing keine. Er bezog Maria Mancini nicht mehr von
-dort. Er hatte hier oben eine Marke gefunden, die ihm zusagte, und der
-er nun ebenso Treue trug wie einst jener Freundin: ein Fabrikat, das
-selbst dem Polarforscher im Eise über die ärgsten Strapazen
-hinweggeholfen hätte, und mit dem versehen, man einfach wie am Meere lag
-und es aushalten konnte, – eine besonders gut gepflegte
-Sandblattzigarre, namens „Rütlischwur“, etwas gedrungener, als Maria,
-mausgrau von Farbe, mit einem bläulichen Leibring, sehr fügsam und mild
-im Charakter und zu schneeweißer, haltbarer Asche, in welcher die Adern
-des Deckblattes stehen blieben, so gleichmäßig sich verzehrend, daß sie
-dem Genießenden statt einer fließenden Sanduhr hätte dienen können und
-ihm nach seinen Bedürfnissen auch so diente, denn seine Taschenuhr trug
-er nicht mehr. Sie stand, sie war ihm eines Tages vom Nachttisch
-gefallen, und er hatte davon abgesehen, sie wieder in messenden Rundlauf
-setzen zu lassen, – aus denselben Gründen, weshalb er auch auf den
-Besitz von Kalendern, sei es zum täglichen Abreißen, sei es zur
-Vorbelehrung über den Fall der Tage und Feste, schon längst verzichtet
-hatte: aus Gründen der „Freiheit“ also, dem Strandspaziergange, dem
-stehenden Immer-und-Ewig zu Ehren, diesem hermetischen Zauber, für den
-der Entrückte sich aufnahmelustig erwiesen, und der das Grundabenteuer
-seiner Seele gewesen, dasjenige, worin alle alchymistischen Abenteuer
-dieses schlichten Stoffes sich abgespielt hatten.
-
-So lag er, und so lief wieder einmal, im Hochsommer, der Zeit seiner
-Ankunft, zum siebentenmal – er wußte es nicht – das Jahr in sich selber.
-
-Da erdröhnte –
-
-Aber Scham und Scheu halten uns ab, erzählerisch den Mund vollzunehmen
-von dem, was da erscholl und geschah. Nur hier keine Prahlerei, kein
-Jägerlatein! Die Stimme gemäßigt zu der Aussage, daß also der
-Donnerschlag erdröhnte, von dem wir alle wissen, diese betäubende
-Detonation lang angesammelter Unheilsgemenge von Stumpfsinn und
-Gereiztheit, – ein historischer Donnerschlag, mit gedämpftem Respekt zu
-sagen, der die Grundfesten der Erde erschütterte, für uns aber der
-Donnerschlag, der den Zauberberg sprengt und den Siebenschläfer unsanft
-vor seine Tore setzt. Verdutzt sitzt er im Grase und reibt sich die
-Augen, wie ein Mann, der es trotz mancher Ermahnung versäumt hat, die
-Presse zu lesen.
-
-Sein mittelländischer Freund und Mentor hatte dem immer ein wenig
-abzuhelfen gesucht und es sich angelegen sein lassen, das Sorgenkind
-seiner Erziehung über die unteren Vorgänge in großen Zügen zu
-unterrichten, hatte aber wenig Ohr bei einem Schüler gefunden, der sich
-zwar von den geistigen Schatten der Dinge regierungsweise das eine und
-andere träumen ließ, der Dinge selbst aber nicht geachtet hatte und zwar
-aus der Hochmutsneigung, die Schatten für die Dinge zu nehmen, in diesen
-aber nur Schatten zu sehen, – weswegen man ihn nicht einmal allzu hart
-schelten darf, da dies Verhältnis nicht letztgültig geklärt ist.
-
-Es war nicht mehr so, wie einst, daß Herr Settembrini, nachdem er
-plötzliche Klarheit hergestellt hatte, an dem Bette des horizontalen
-Hans Castorp saß und in Dingen des Todes und des Lebens berichtigend auf
-ihn einzuwirken suchte. Umgekehrt saß nun dieser, die Hände zwischen den
-Knien, an dem Bette des Humanisten im kleinen Kabinett oder an seinem
-Tagesruhelager im separierten und traulichen Mansardenstudio mit den
-Carbanarostühlen und der Wasserflasche, leistete ihm Gesellschaft und
-lauschte höflich seinen Erörterungen der Weltlage, denn nicht oft mehr
-war Herr Lodovico auf den Beinen. Naphtas krasses Ende, die
-terroristische Tat des scharf verzweifelten Disputanten, hatte seiner
-empfindsamen Natur einen harten Stoß versetzt, er konnte sich nicht
-davon erholen, unterlag seither großer Schwäche und Hinfälligkeit. Seine
-Mitarbeit an der „Soziologischen Pathologie“ stockte, das Lexikon aller
-Werke des schönen Geistes, die das menschliche Leiden zum Gegenstande
-hatten, kam nicht mehr vom Fleck, jene Liga wartete vergebens auf den
-betreffenden Band ihrer Enzyklopädie, Herr Settembrini war gezwungen,
-seine Mitwirkung an der Organisation des Fortschritts aufs Mündliche zu
-beschränken, und dazu eben boten Hans Castorps freundschaftliche Besuche
-ihm eine Gelegenheit, die er ohne sie ebenfalls hätte entbehren müssen.
-
-Er sprach mit schwacher Stimme, aber viel, schön und von Herzen über die
-Selbstvervollkommnung der Menschheit auf gesellschaftlichem Wege. Seine
-Rede ging wie auf Taubenfüßen, aber bald, wenn er etwa von der
-Vereinigung der befreiten Völker zum allgemeinen Glücke sprach, so
-mischte sich – er wollte und wußte es wohl selber nicht – etwas wie
-Rauschen von Adlersschwingen hinein, und das machte zweifellos die
-Politik, das großväterliche Erbe, das sich mit dem humanistischen Erbe
-des Vaters in ihm, Lodovico, zur schönen Literatur vereinigt hatte, –
-genau wie Humanität und Politik sich vereinigten in dem Hoch- und
-Toastgedanken der Zivilisation, diesem Gedanken voll Taubenmilde und
-Adlerskühnheit, der seinen Tag erwartete, den Völkermorgen, da das
-Prinzip der Beharrung würde aufs Haupt geschlagen und die heilige
-Allianz der bürgerlichen Demokratie in die Wege geleitet werden ...
-Kurzum, hier gab es Unstimmigkeiten. Herr Settembrini war humanitär,
-aber zugleich und eben damit, halb ausgesprochen, war er auch
-kriegerisch. Er hatte sich beim Duell mit dem krassen Naphta wie ein
-Mensch benommen, im großen aber, wo die Menschlichkeit sich
-begeisterungsvoll mit der Politik zur Sieges- und Herrschaftsidee der
-Zivilisation verband und man die Pike des Bürgers am Altar der
-Menschheit weihte, wurde es zweifelhaft, ob er, unpersönlich, gemeint
-blieb, seine Hand zurückzuhalten vom Blute; – ja die inneren Umstände
-bewirkten, daß in Herrn Settembrinis schöner Gesinnung das Element der
-Adlerskühnheit mehr und mehr gegen das der Taubenmilde durchschlug.
-
-Nicht selten war sein Verhältnis zu den großen Konstellationen der Welt
-zwiespältig, von Skrupeln gestört und verlegen. Neulich, zwei oder
-anderthalb Jährchen zurück, hatte das diplomatische Zusammenwirken
-seines Landes mit Österreich in Albanien sein Gespräch beunruhigt, dies
-Zusammenwirken, das ihn erhob, da es gegen das lateinlose Halbasien,
-gegen Knute und Schlüsselburg gerichtet war, und das ihn quälte eben als
-Mißbündnis mit dem Erbfeinde, dem Prinzip der Beharrung und der
-Völkerknechtschaft. Vorigen Herbst hatte die große Leihgabe Frankreichs
-an Rußland zum Zwecke des Baues eines Bahnnetzes in Polen ihm ähnlich
-widerstreitende Gefühle geweckt. Denn Herr Settembrini gehörte der
-frankophilen Partei seines Landes an, was nicht wundernehmen kann, wenn
-man bedenkt, daß sein Großvater die Tage der Julirevolution denjenigen
-der Weltschöpfung gleichgesetzt hatte; aber das Einverständnis der
-erleuchteten Republik mit dem byzantinischen Skythentum schuf ihm
-moralische Verlegenheit, – eine Beklemmung seiner Brust, die doch auch
-wieder, beim Gedanken an den strategischen Sinn jenes Bahnnetzes, in
-rasch atmende Hoffnung und Freude sich umdeuten wollte. Dann fiel der
-Fürstenmord ein, der für jedermann, außer für deutsche Siebenschläfer,
-ein Sturmzeichen war, Bescheid für die Wissenden, zu denen wir Herrn
-Settembrini mit Fug zu rechnen haben. Hans Castorp sah ihn wohl
-privatmenschlich schaudern vor solcher Schreckenstat, sah aber auch
-seine Brust sich heben beim Gedanken daran, daß es eine Volks- und
-Befreiungstat war, die da geschehen, gerichtet gegen die Burg seines
-Hasses, wenn auch hinwiederum zu werten als Frucht moskowitischen
-Betreibens, was ihm Beklemmung schuf, ihn aber nicht hinderte, die
-äußerste Aufforderung der Monarchie an Serbien, drei Wochen später, als
-Beleidigung der Menschheit und grauenhaftes Verbrechen zu kennzeichnen,
-in Anbetracht ihrer Folgen, die zu sehen er eingeweiht war, und die er
-rasch atmend begrüßte ...
-
-Kurzum, Herrn Settembrinis Empfindungen waren vielfach zusammengesetzt,
-wie das Verhängnis, das er mit großer Schnelle sich ballen sah, und für
-das er seinem Zögling mit halben Worten Augen zu machen suchte, während
-doch eine Art von nationaler Höflichkeit und Erbarmnis ihn abhielt,
-vollends darüber aus sich herauszugehen. In den Tagen der ersten
-Mobilisationen, der ersten Kriegserklärung, hatte er eine Gewohnheit
-angenommen, dem Besucher beide Hände entgegenzustrecken und ihm die
-seinen zu drücken, daß es dem Tölpel zu Herzen ging, wenn auch nicht
-recht zu Kopfe. „Mein Freund!“ sagte der Italiener. „Das Schießpulver,
-die Druckerpresse – unleugbar, Sie haben das einst erfunden! Allein wenn
-Sie glauben, daß wir gegen die Revolution marschieren werden ... _Caro_
-...“
-
-Während der Tage schwülster Erwartung, als eine wahre Streckfolter die
-Nerven Europas spannte, sah Hans Castorp Herrn Settembrini nicht. Die
-wüsten Zeitungen drangen nun unmittelbar aus der Tiefe zu seiner
-Balkonloge empor, durchzuckten das Haus, erfüllten mit ihrem die Brust
-beklemmenden Schwefelgeruch den Speisesaal und selbst die Zimmer der
-Schweren und Moribunden. Es waren jene Sekunden, wo der Siebenschläfer
-im Grase, nicht wissend, wie ihm geschah, sich langsam aufrichtete,
-bevor er saß und sich die Augen rieb ... Wir wollen aber das Bild zu
-Ende führen, um seiner Gemütsbewegung gerecht zu werden. Er zog die
-Beine unter sich, stand auf, blickte um sich. Er sah sich entzaubert,
-erlöst, befreit, – nicht aus eigener Kraft, wie er sich mit Beschämung
-gestehen mußte, sondern an die Luft gesetzt von elementaren
-Außenmächten, denen seine Befreiung sehr nebensächlich mit unterlief.
-Aber wenn auch sein kleines Schicksal vor dem allgemeinen verschwand, –
-drückte nicht dennoch etwas von persönlich gemeinter und also von
-göttlicher Güte und Gerechtigkeit sich darin aus? Nahm das Leben sein
-sündiges Sorgenkind noch einmal an, – nicht auf wohlfeile Art, sondern
-eben nur so, auf diese ernste und strenge Art, im Sinn einer
-Heimsuchung, die vielleicht nicht Leben, aber gerade in diesem Falle
-drei Ehrensalven für ihn, den Sünder, bedeutete, konnte es geschehen.
-Und so sank er denn auf seine Knie hin, Gesicht und Hände zu einem
-Himmel erhoben, der schweflig dunkel, aber nicht länger die Grottendecke
-des Sündenberges war.
-
-In dieser Haltung traf ihn Herr Settembrini, – stark bildlich
-gesprochen, wie sich versteht; denn in Wirklichkeit, das wissen wir,
-schloß unseres Helden Sittensprödigkeit solches Theater aus. In spröder
-Wirklichkeit traf ihn der Mentor beim Kofferpacken, – denn seit dem
-Augenblick seines Erwachens sah Hans Castorp sich in den Trubel und
-Strudel von wilder Abreise gerissen, den der sprengende Donnerschlag im
-Tale angerichtet. Die „Heimat“ glich einem Ameisenhaufen in Panik.
-Fünftausend Fuß tief stürzte das Völkchen Derer hier oben sich kopfüber
-ins Flachland der Heimsuchung, die Trittbretter des gestürmten Zügleins
-belastend, ohne Gepäck, wenn es sein mußte, das in Stapelreihen die
-Steige des Bahnhofs bedeckte, – des wimmelnden Bahnhofs, in dessen Höhe
-brenzlige Schwüle von unten heraufzuschlagen schien, – und Hans stürzte
-mit. Im Tumult umarmte ihn Lodovico, – buchstäblich, er schloß ihn in
-seine Arme und küßte ihn wie ein Südländer (oder auch wie ein Russe) auf
-beide Wangen, was unseren wilden Reisenden in aller Bewegung nicht wenig
-genierte. Aber fast hätte er die Fassung verloren, als Herr Settembrini
-ihn im letzten Augenblick mit Vornamen, nämlich „Giovanni“ nannte und
-dabei die im gesitteten Abendland übliche Form der Anrede dahin fahren
-und das Du walten ließ!
-
-„_E così in giù_,“ sagte er, – „_in giù finalmente! Addio, Giovanni
-mio!_ Anders hatte ich dich reisen zu sehen gewünscht, aber sei es
-darum, die Götter haben es so bestimmt und nicht anders. Zur Arbeit
-hoffte ich dich zu entlassen, nun wirst du kämpfen inmitten der Deinen.
-Mein Gott, dir war es zugedacht und nicht unserm Leutnant. Wie spielt
-das Leben ... Kämpfe tapfer, dort, wo das Blut dich bindet! Mehr kann
-jetzt niemand tun. Mir aber verzeih’, wenn ich den Rest meiner Kräfte
-daransetze, um auch mein Land zum Kampfe hinzureißen, auf jener Seite,
-wohin der Geist und heiliger Eigennutz es weisen. _Addio!_“
-
-Hans Castorp zwängte seinen Kopf zwischen zehn andere, die den Rahmen
-des Fensterchens füllten. Er winkte über sie hin. Auch Herr Settembrini
-winkte mit der Rechten, während er mit der Ringfingerspitze der Linken
-zart einen Augenwinkel berührte.
-
- * * * * *
-
-Wo sind wir? Was ist das? Wohin verschlug uns der Traum? Dämmerung,
-Regen und Schmutz, Brandröte des trüben Himmels, der unaufhörlich von
-schwerem Donner brüllt, die nassen Lüfte erfüllt, zerrissen von scharfem
-Singen, wütend höllenhundhaft daherfahrendem Heulen, das seine Bahn mit
-Splittern, Spritzen, Krachen und Lohen beendet, von Stöhnen und
-Schreien, von Zinkgeschmetter, das bersten will, und Trommeltakt, der
-schleuniger, schleuniger treibt ... Dort ist ein Wald, aus dem sich
-farblose Schwärme ergießen, die laufen, fallen und springen. Dort zieht
-eine Hügelzeile sich vor dem fernen Brande hin, dessen Glut sich
-manchmal zu wehenden Flammen sammelt. Um uns ist welliges Ackerland,
-zerwühlt, zerweicht. Eine Landstraße läuft kotig, mit gebrochenen
-Zweigen bedeckt, dem Walde gleich; ein Feldweg, zerfurcht und grundlos,
-schwingt sich von ihr im Bogen gegen die Hügel hin, Baumstöcke ragen im
-kalten Regen, nackt und entzweigt ... Hier ist ein Wegweiser, – unnütz
-ihn zu befragen; Halbdunkel würde uns seine Schrift verhüllen, auch wenn
-das Schild nicht von einem Durchschlage zackig zerrissen wäre. Ost oder
-West? Es ist das Flachland, es ist der Krieg. Und wir sind scheue
-Schatten am Wege, schamhaft in Schattensicherheit, und keineswegs
-gesonnen, uns in Prahlerei und Jägerlatein zu ergehen, aber dahergeführt
-vom Geist der Erzählung, um von den grauen, laufenden, stürzenden,
-vorwärts getrommelten Kameraden, die aus dem Walde schwärmen, einem, den
-wir kennen, dem Weggenossen so vieler Jährchen, dem gutmütigen Sünder,
-dessen Stimme wir so oft vernahmen, noch einmal ins einfache Angesicht
-zu blicken, bevor wir ihn aus den Augen verlieren.
-
-Man hat sie herangeholt, die Kameraden, um dem Gefechte letzten
-Nachdruck zu geben, das schon den ganzen Tag gedauert hat, und das dem
-Wiedergewinn jener Hügelstellung und der dahinterliegenden brennenden
-Dörfer gilt, die vor zwei Tagen an den Feind verloren gingen. Es ist ein
-Regiment Freiwilliger, junges Blut, Studenten zumeist, nicht lange im
-Felde. Sie wurden alarmiert in der Nacht, sie fuhren mit der Bahn bis
-zum Morgen und marschierten im Regen bis zum Nachmittag auf schlimmen
-Wegen, – auf gar keinen Wegen, die Straßen waren verstopft, es ging
-durch Äcker und Moor, sieben Stunden lang, im schwergesogenen Mantel,
-mit Sturmgepäck, und das war kein Lustwandel; denn wollte man nicht die
-Stiefel verlieren, so mußte man fast bei jedem Schritte gebückt mit dem
-Finger in die Lasche greifen um den Fuß daran aus dem quatschenden
-Grunde ziehen. So haben sie eine Stunde gebraucht, um über eine kleine
-Wiese zu kommen. Nun sind sie da, ihr junges Blut hat alles geschafft,
-ihre erregten und schon erschöpften, aber aus tiefsten Lebensreserven in
-Spannung gehaltenen Körper fragen dem vorenthaltenen Schlaf, der Nahrung
-nicht nach. Ihre nassen, mit Schmutz bespritzten, vom Sturmband
-umrahmten Gesichter unter den grau bespannten, verschobenen Helmen
-glühen. Sie glühen von Anstrengung und von dem Anblick der Verluste, die
-sie beim Zuge durch den morastigen Wald erlitten haben. Denn der Feind,
-ihres Anrückens kundig, hat Sperrfeuer von Schrapnells und
-großkalibrigen Granaten auf ihren Weg gelegt, das schon durch den Wald
-splitternd in ihre Gruppen schlug und heulend, spritzend und flammend
-das weite Sturzackerland peitscht.
-
-Sie müssen hindurch, die dreitausend fiebernden Knaben, sie müssen als
-Nachschub mit ihren Bajonetten den Sturm auf die Gräben vor und hinter
-der Hügelzeile, auf die brennenden Dörfer entscheiden und helfen, ihn
-vorzutragen bis zu einem bestimmten Punkt, der bezeichnet ist in dem
-Befehl, den ihr Führer in seiner Tasche trägt. Sie sind dreitausend,
-damit sie noch ihrer zweitausend sind, wenn sie bei den Hügeln, den
-Dörfern anlangen; das ist der Sinn ihrer Menge. Sie sind ein Körper,
-darauf berechnet, nach großen Ausfällen noch handeln und siegen, den
-Sieg noch immer mit tausendstimmigem Hurra begrüßen zu können, –
-ungeachtet derer, die sich vereinzelten, indem sie ausfielen. Manch
-einer schon hat sich vereinzelt, fiel aus beim Gewaltmarsch, für den er
-sich als zu jung und zart erwies. Er wurde blasser und wankte, forderte
-verbissen Mannheit von sich und blieb endlich doch zurück. Er schleppte
-sich noch eine Weile neben der Marschkolonne hin, Rotte um Rotte
-überholte ihn, und er verschwand, blieb liegen, wo es nicht gut war. Und
-dann war der splitternde Wald gekommen. Aber der Hervorschwärmenden sind
-immer noch viele; dreitausend können einen Aderlaß aushalten und sind
-auch dann noch ein wimmelnder Verband. Schon überfluten sie unser
-gepeitschtes Regenland, die Chaussee, den Feldweg, die verschlammten
-Äcker; wir schauenden Schatten am Wege sind mitten unter ihnen. Am
-Waldesrand wird immer das Seitengewehr aufgepflanzt, mit gedrillten
-Griffen, das Zink ruft dringend, die Trommel klopft und rollt im
-tieferen Donner, und vorwärts stürzen sie, wie es gehen will, mit
-sprödem Schreien und qualtraumschwer die Füße, da die Ackerklüten sich
-bleiern an ihre plumpen Stiefel hängen.
-
-Sie werfen sich nieder vor anheulenden Projektilen, um wieder
-aufzuspringen und weiter zu hasten, mit jungsprödem Mutgeschrei, weil es
-sie nicht getroffen hat. Sie werden getroffen, sie fallen, mit den Armen
-fechtend, in die Stirn, in das Herz, ins Gedärm geschossen. Sie liegen,
-die Gesichter im Kot, und rühren sich nicht mehr. Sie liegen, den Rücken
-vom Tornister gehoben, den Hinterkopf in den Grund gebohrt und greifen
-krallend mit ihren Händen in die Luft. Aber der Wald sendet neue, die
-sich hinwerfen und springen und schreiend oder stumm zwischen den
-Ausgefallenen vorwärts stolpern.
-
-Das junge Blut mit seinen Ranzen und Spießgewehren, seinen verschmutzten
-Mänteln und Stiefeln! Man könnte sich humanistisch-schönseliger Weise
-auch andere Bilder erträumen in seiner Betrachtung. Man könnte es sich
-denken: Rosse regend und schwemmend in einer Meeresbucht, mit der
-Geliebten am Strande wandelnd, die Lippen am Ohre der weichen Braut,
-auch wie es glücklich freundschaftlich einander im Bogenschuß
-unterweist. Statt dessen liegt es, die Nase im Feuerdreck. Daß es das
-freudig tut, wenn auch in grenzenlosen Ängsten und unaussprechlichem
-Mutterheimweh, ist eine erhabene und beschämende Sache für sich, sollte
-jedoch kein Grund sein, es in die Lage zu bringen.
-
-Da ist unser Bekannter, da ist Hans Castorp! Schon ganz von weitem haben
-wir ihn erkannt an seinem Bärtchen, das er sich am Schlechten
-Russentisch hat stehen lassen. Er glüht durchnäßt, wie alle. Er läuft
-mit ackerschweren Füßen, das Spießgewehr in hängender Faust. Seht, er
-tritt einem ausgefallenen Kameraden auf die Hand, – tritt diese Hand mit
-seinem Nagelstiefel tief in den schlammigen, mit Splitterzweigen
-bedeckten Grund hinein. Er ist es trotzdem. Was denn, er singt! Wie man
-in stierer, gedankenloser Erregung vor sich hinsingt, ohne es zu wissen,
-so nutzt er seinen abgerissenen Atem, um halblaut für sich zu singen:
-
- „Ich schnitt in seine Rinde
- So manches liebe Wort –“.
-
-Er stürzt. Nein, er hat sich platt hingeworfen, da ein Höllenhund
-anheult, ein großes Brisanzgeschoß, ein ekelhafter Zuckerhut des
-Abgrunds. Er liegt, das Gesicht im kühlen Kot, die Beine gespreizt, die
-Füße gedreht, die Absätze erdwärts. Das Produkt einer verwilderten
-Wissenschaft, geladen mit dem Schlimmsten, fährt dreißig Schritte schräg
-vor ihm wie der Teufel selbst tief in den Grund, zerplatzt dort unten
-mit gräßlicher Übergewalt und reißt einen haushohen Springbrunnen von
-Erdreich, Feuer, Eisen, Blei und zerstückeltem Menschentum in die Lüfte
-empor. Denn dort lagen zwei, – es waren Freunde, sie hatten sich
-zusammengelegt in der Not: nun sind sie vermengt und verschwunden.
-
-O Scham unserer Schattensicherheit! Hinweg! Wir erzählen das nicht! Ist
-unser Bekannter getroffen? Er meinte einen Augenblick, es zu sein. Ein
-großer Erdklumpen fuhr ihm gegen das Schienbein, das tat wohl weh, ist
-aber lächerlich. Er macht sich auf, er taumelt hinkend weiter mit
-erdschweren Füßen, bewußtlos singend:
-
- „Und sei–ne Zweige rau–uschten,
- Als rie–fen sie mir zu –“.
-
-Und so, im Getümmel, in dem Regen, der Dämmerung, kommt er uns aus den
-Augen.
-
-Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind! Deine
-Geschichte ist aus. Zu Ende haben wir sie erzählt; sie war weder
-kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische Geschichte. Wir
-haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst
-simpel. Aber zuletzt war es deine Geschichte; da sie dir zustieß,
-mußtest du’s irgend wohl hinter den Ohren haben, und wir verleugnen
-nicht die pädagogische Neigung, die wir in ihrem Verlaufe für dich
-gefaßt, und die uns bestimmen könnte, zart mit der Fingerspitze den
-Augenwinkel zu tupfen bei dem Gedanken, daß wir dich weder sehen noch
-hören werden in Zukunft.
-
-Fahr wohl – du lebest nun oder bleibest! Deine Aussichten sind schlecht;
-das arge Tanzvergnügen, worein du gerissen bist, dauert noch manches
-Sündenjährchen, und wir möchten nicht hoch wetten, daß du davonkommst.
-Ehrlich gestanden, lassen wir ziemlich unbekümmert die Frage offen.
-Abenteuer im Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten,
-ließen dich im Geist überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben
-sollst. Augenblicke kamen, wo dir aus Tod und Körperunzucht ahnungsvoll
-und regierungsweise ein Traum von Liebe erwuchs. Wird auch aus diesem
-Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den
-regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?
-
- _FINIS OPERIS_
-
-
- Von den Gesammelten Werken wurden 150 Exemplare auf
- Hadern-Velin-Papier abgezogen, numeriert und vom Verfasser
- signiert. Diese Exemplare werden nur in Subskription auf
- das Gesamtwerk abgegeben.
-
-
- Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
-Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht. Weitere
-Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme späterer Auflagen, sind hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 22]:
- ... Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt einem ja ...
- ... Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt einen ja ...
-
- [S. 32]:
- ... worden sei – und so fort. Aber der Hofrat hatte gut und ...
- ... worden sei – und so fort. Aber der Hofrat hatte gut ...
-
- [S. 46]:
- ... Reizwucherung derselben aufzufassen, während der andere, als ...
- ... Reizwucherung desselben aufzufassen, während der andere, als ...
-
- [S. 56]:
- ... metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der fliegenden ...
- ... metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der fliehenden ...
-
- [S. 59]:
- ... Naphta bei Ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen,
- ohne ...
- ... Naphta bei ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen,
- ohne ...
-
- [S. 61]:
- ... unvergleichlich höherem Ehrenstand. Bernhard von Clairvaux ...
- ... unvergleichlich höheren Ehren stand. Bernhard von Clairvaux ...
-
- [S. 64]:
- ... dem Tode zu tun bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch ...
- ... dem Tode zu tun zu bekommen, – mit dem ja letzten Endes
- auch ...
-
- [S. 102]:
- ... Daß seine Seele das Geld ist, ficht sie offenbar nicht an.
- Oder ...
- ... Daß seine Seele das Geld ist, ficht Sie offenbar nicht an.
- Oder ...
-
- [S. 115]:
- ... wie er da in dem Loch mir all seiner Seide ...“ ...
- ... wie er da in dem Loch mit all seiner Seide ...“ ...
-
- [S. 139]:
- ... sprachen Sie wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und ...
- ... sprachen sie wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und ...
-
- [S. 166]:
- ... es töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war,
- damit ...
- ... sie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war,
- damit ...
-
- [S. 184]:
- ... übertrieben, es komme den Kranken gar nicht zu und sei
- insofern ...
- ... übertrieben, es komme dem Kranken gar nicht zu und sei
- insofern ...
-
- [S. 186]:
- ... sei; und zu glauben, für diesen bedeute die Halluzination
- ein ...
- ... sei; und zu glauben, für diese bedeute die Halluzination ein ...
-
- [S. 188]:
- ... und fast löbliche Selbstentäußerung sich kundtut, ...
- ... und fast löbliche Selbstentäußerung sich kundtat, ...
-
- [S. 218]:
- ... als das Nichtatmen der Toten. Beim Erwachen war das Gebirge ...
- ... als das Nichtatmen den Toten. Beim Erwachen war das Gebirge ...
-
- [S. 240]:
- ... dessen Akklimatisation in der Gewöhnung darin bestand, ...
- ... dessen Akklimatisation in der Gewöhnung daran bestand, ...
-
- [S. 274]:
- ... binnen Halbjahrsfrist zu erwartender Wiederkehr. ...
- ... binnen Halbjahrsfrist zu erwartende Wiederkehr. ...
-
- [S. 295]:
- ... nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor ihr Schweigen ...
- ... nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor Ihr Schweigen ...
-
- [S. 296]:
- ... Großmeisters, Bruders Quartier la Tente vom
- dreiunddreißigsten ...
- ... Großmeisters, Bruder Quartier la Tente vom
- dreiunddreißigsten ...
-
- [S. 329]:
- ... es Hans Castorp, der den Regungs- und Hauchlosen mit der ...
- ... es Hans Castorp, der dem Regungs- und Hauchlosen mit der ...
-
- [S. 340]:
- ... neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel ihm
- an: ...
- ... neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel ihn
- an: ...
-
- [S. 357]:
- ... seiner Erscheinung nicht, ohne die Aufforderung an sein Herz,
- sich ...
- ... seiner Erscheinung, nicht ohne die Aufforderung an sein Herz,
- sich ...
-
- [S. 400]:
- ... mit einigen Worten daran beteiligend, hin und wieder ging;
- und ...
- ... mit einigen Worten daran beteiligend, hin und wider ging; und ...
-
- [S. 405]:
- ... alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er sie fördern? ...
- ... alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er Sie fördern? ...
-
- [S. 416]:
- ... denn wenn jener böse sei, müsse auch dieser, als reine
- Verneinung, ...
- ... denn wenn jenes böse sei, müsse auch dieser, als reine
- Verneinung, ...
-
- [S. 420]:
- ... ganz groß und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und
- Ehrenraptus, ...
- ... ganz grob und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und
- Ehrenraptus, ...
-
- [S. 441]:
- ... „Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit
- zurückdämmernder ...
- ... „Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit
- zurückdämmender ...
-
- [S. 483]:
- ... Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von der die erste
- einen ...
- ... Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von denen die erste
- einen ...
-
- [S. 486]:
- ... Denker, denn wem immer ihn an der Brust zu ergreifen ...
- ... Denker, denn wen immer ihm an der Brust zu ergreifen ...
-
- [S. 500]:
- ... herrliche Organ erscholl nach seinem vollen natürlichem
- Umfang ...
- ... herrliche Organ erscholl nach seinem vollen natürlichen
- Umfang ...
-
- [S. 507]:
- ... dieses gestutzten kleines Sarges aus Geigenholz, ...
- ... dieses gestutzten kleinen Sarges aus Geigenholz, ...
-
- [S. 510]:
- ... Die Entrüstung des Amneris über diese pfäffische Härte ...
- ... Die Entrüstung der Amneris über diese pfäffische Härte ...
-
- [S. 524]:
- ... galt, mochte seinem pädagogischem Sinn wohl als ...
- ... galt, mochte seinem pädagogischen Sinn wohl als ...
-
- [S. 542]:
- ... Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichen ...
- ... Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichem ...
-
- [S. 543]:
- ... in sonderbarer Gedankenflucht vom heimatliche Meere auf ...
- ... in sonderbarer Gedankenflucht vom heimatlichen Meere auf ...
-
- [S. 550]:
- ... sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einem ...
- ... sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einen ...
-
- [S. 557]:
- ... fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischen Zungen-r ...
- ... fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischem Zungen-r ...
-
- [S. 560]:
- ... Herrn Wehsal, der auf ihm folgte. Neben dem Doktor saßen ...
- ... Herrn Wehsal, der auf ihn folgte. Neben dem Doktor saßen ...
-
- [S. 575]:
- ... ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit her
- gesessen, ...
- ... ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit hier
- gesessen, ...
-
- [S. 580]:
- ... 18. Juni 19.., das zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit ...
- ... 18. Juni 19.., die zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit ...
-
- [S. 586]:
- ... häufig genug die Grenze der geistig Gesunden überschritten. ...
- ... häufig genug die Grenze des geistig Gesunden überschritten. ...
-
- [S. 593]:
- ... Wir hatten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf ...
- ... Wir hätten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf ...
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG ***
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
-United States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for an eBook, except by following
-the terms of the trademark license, including paying royalties for use
-of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
-copies of this eBook, complying with the trademark license is very
-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
-of derivative works, reports, performances and research. Project
-Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
-do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
-by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
-license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country other than the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you will have to check the laws of the country where
- you are located before using this eBook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm website
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that:
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
-the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set
-forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
-widespread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This website includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.